{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_sha256": "23a7b7a5b4b4a9cd27915b56939a5215ecab232d2c316bdfbf0401f33dc2bca4", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/07/08_01/bmtnabg_1911-07-08_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/07/08_01/bmtnabg_1911-07-08_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "531", "page_fin": "531", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "531", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.1", "debut_caractere": 530, "fin_caractere_exclue": 898, "texte": "Inhalt:\nALFRED DÖBLIN und H. W.: Pantomime / Noch einige Töne / Die Aufführung / SAR PELADAN: Die höchste Tugend / ELSE LASKER-\nSCHÜLER: Dem Barbaren / WALTER HEYMANN: Berliner Sezession 1911 111 / ERNST BLASS: Armin Wassermann / PAUL SCHEERBART: Wir\nleben nicht im Zeitalter der Qualität / J. 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Fiametta greift sehnsüchtig nach den drei\nPierrots, sie nach ihr; der buklige Schuister aber\nklammert sich an die Buhlerin, seine Frau; ver-\nschmäht und verraten erschlägt er dann die Pier-\nrots, — Fiametta erwürgt mit den Händen des\nbetrunkenen Lastträgers ihn selber, steht zum\nSchluss triumphierend cla, als Symbol des ewig\nWiederkehrenden, sinnlos ewig sich Erhaltenden.\n— Die Ehe ist vielleicht die unheimlichste\nProduktion des Menschengeistes, unheimlich nicht\ndurch das, was sie ist, als was sie sein kann.\nMan kann ihre Höhen und Tiefen ermessen, wenn\nman man von den Burlesken des Residenzthea-\nters über das Familiäre von Moser zu Ibsen\ndringt, zu seinen mörderisch scharfzähnigen Dia-\nlogen. Die Ehe gittert zwei Menschentiere ein,\nnötigt sie zu einem rastlosen Spannungsausgleich.\nBleibt das Gefühl der Nötigung aus, so tritt\ndas Gefühl des Gitters hervor; einer hat bald\ndas Gitter zerbrochen. Die Pantomime hier bringt\nden entsetzlich-lächerlichen Ausbruch Fiamettas\naus ihrem Käfig, ihren Sprung ins Freie. Der\nKäfig geht in Stücke, die Helfershelfer kommen\num, der Schneider, das ohnmächtige Ehemänn-\nchen, kommt um; — bleibt Fiametta, triumphie-\nrend, das Symbol des Unbezwingbaren, Ehehöh-\nnenden, Einsamen, — wenn auch nie Verlasse-\nnen.\n— In zwei Punkten gibt das Stück mit dem\nältesten alle Themata Neues: darin, dass das „be-\ntrogene\" Männchen sein Weibchen zwingt, die\nLiebhaber mit ihm umzubringen; und darin, dass\ndas Männchen fast zufällig, gelegentlich nachher\nverunglückt. Der Schneider glaubt mit einem be-\nsonderen Raffinement vorzugehen, indem er die\nFrau zum Morde zwingt an denen, die ihr zu\nLiebe gewesen waren; aber die sublime Rache,\ndieser Plan, sie in ihrer Tiefe zu verwunden,\nmisslingt. Er hat sie garnicht getroffen, hat nur\neinzelne Objekte getroffen, die doch früher oder\nspäter von ihr gewichen wären; das Centrum,\nder produktive Kern blieb von seinem Schuss\nunberührt, ja, Fiameua bich an dem\nTode der Liebhaber, jauchzt begehrlicher, ge-\nstachelter wieder auf; ist alles an ihr abgeglitten.\nIst aalglatt entschlüpft in einer finsteren Tanz-\nbewegung von anbetenswerter Wahrheit. Der\nPfeil, den der Mann auf sie abgab, kann nur\nauf ihn zurückprallen. Es ist nicht gelegentlich,\nnicht zufällig, dass er stirbt .\nIhr verbündet sich alles; der blinde Zufall\ndient der organischen triebhaften Wildheit wie\nein liebendes Mädchen. Der Lastträger soll die\nLeichen der drei Liebhaber entfernen; er gerät\nin seiner Trunkenheit in Wut, weil er glaubt,\nes sei nur ein Liebhaber da und der kehre im-\nmer wieder ins Zimmer, in die Truhe, zurück;\ner erwürgt in dieser blöden Unüberlegtheit den\nEhemann, den er für die vierte Rückkehr des\nfrnen toten Liebhabers hält. Starr steht sie da;\nkaum dass sie die Wahrheit fühlt, dass sie die\nHerrin jeglichen Geschehens ist, sie, die Fiametta,\ndie Frau des bukligen Schneiders.\nEs ist ja nicht nötig, dass in diesem Stück\neiner spricht. Das ganze Ausdrucksbedürfnis der\nHandelnden kann sich in der Bewegung erschöp-\nfen; zu sagen haben sie sich im Grunde nichts.\nDieser lineare Ausdruck ist der künstlerisch be-\nste, weil er der knappste und zugleich konzen-\ntrierteste ist; weil er dem Grundwillen der Kunst\nentspricht: Reduktion auf die sachlichste Formel.\nUeberfluss ist der Tod der Kunst; Machs Leh-\nre von der Oekonomie der Kräfte, ein Prinzip\nvon dem Minimum der anzuwendenden Kraft\nund dem Maximum des Leistungsaffekts gehört\nzu den Selbstverständlichkeiten für den Künst-\nler. Was über die Pantomime hinausgeht, wäre\nhier im besten Fall — Leben.\nEs war ein Irrtum, an dessen Verbreitung\ndie Künstler selbst mitgewirkt haben, dass Kunst\nund Mathematik sich ausschliessen. Niemand,\nder ernsthaft Aesthetik liebt, kann dem zustimmen.\nDie gutbeobachtenden Künstler haben sich oft\nertappt bei einem Wunsche zur Geometrie; sie\nmerkten, dass ein innerer Schematismus in ihnen\nals Wille zur Kunst sprach, dass nicht bloss das\näusserliche der Mathematik: die Strenge und sans\nphrase sie fesselte. Hier in der „Fiametta\" de-\nmonstriert sich die künstlerische Härte, wo über\nden Fluss und Ueberfluss des lebendigen Ab-\nlaufs das bleierne starre Schema geworfen ist und\ndie nackte Dynamik und Energetik sich einprägt,\ndie Bewegung, die stumme Pantomime erscheint.\nDer volle Schluss, der letzte Schritt in die-\nser Richtung wurde getan in dem Augenblick,\nals die Musik hinzutrat. Die Musik, die wie\nkeine Kunst sonst die wirkliche, nicht bloss op-\ntische Bewegung zum Objekt hat, die in knap-\npen wandlungsfähigen Formeln den Kern jedes\nBewegungsablaufs fasst: hier ist die geometrische\nReduktion auf die Höhe gediehen; keine Ver-\nflüchtigung, Abblassung dabei; nur Abstossung\ndes bloss Schmuckhaften, faktisch-äusserlichen, und\nintensivstes Heraustreiben des Belangvollen,\nDiese Musik, — sie ist \\on meinem Freunde\nFlerwarth Waiden — nimmt nun kraft ihrer\nkomplexen Natur als Musik alles auf ihre Schul-\ntern, was ihr als Musik zusteht: sie belädt sich\nmit dem ganzen Pomp ethischer Worte, so dem\nethischen Kern zudringend, mit starkem Pathos\ndemonstierencl — die Tragödie. Ich habe Musik\nimmer als etwas Furchtbares empfunden, sie ist\njedem ethischen Fortschritt, ja jeder ethischen\nKlarheit Feind und Gefahr; sie gerade saugt ihre\nKraft aus denjenigen Gefühlen, deren ethischer\nWert rund und nett bereits feststeht; sie schwelgt\nin allen Rückständigkeiten unserer Seele, sie na-\ngelt uns fest und fester. Sie will nichts Neues;\ndas neue Europa ist ihr Tod. Die Musik hat\nan vielen Tragädien des Lebens mitgewirkt und\nsie zu Tragödien gemacht; so oft hat die Musik\ndies verschuldet, und vieles andere. — Aber was\nan geometrischer Knappheit und ethischem Pomp\nMusik aufzubieten vermag, leistet Waldens Mu-\nsik. Sie zeichnet das letzte Fundament, den ei-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "532", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9807, "texte": "gentlichen Grundriss des Stückes deutlichst klar\nhin. Sie zeichnet ihn so klar hin, dass nur\nTaube und Musikkritiker daran vorüber tappen\nkönnen. Was bei Waldens Musik auch dem un-\nwilligsten Zuhörer auffallen muss, ist die Trans-\nparenz des musikalischen Gewebes; man verglei-\nche einmal seine Sicherheit den musikalischen\nKern zu fassen mit der des Dr. Strauss, als wel-\ncher tausendmal schlankweg oben auf hängen\nbleibt und lustig drauf los „komponiert\", drun-\nter durch „komponiert\". — Hier tritt das Le-\nbenslust- und Karnevalsmotiv von vornherein\nallesbeherrschend in den Vordergrund; gegen\ndas Zorn- und Eifersuchtsmotiv bettelt das Mo-\ntiv einer verlogenen Unschuld an; resolut wirft\nsich aber Fiametta den drei Harlekinen an den\nHals, — hinter der Siziliana, von dem Eifer-\nsuchtsmotiv gestossen erhebt sich ein Todesmo-\ntiv mit seinem Schrecknis; dann ringen die drei\nKarnevalsmotiv, Eifersuchtsmotiv, Todesmotiv;\ndas Karnevalsmotiv will durch; da tritt der ret-\ntende Lastträger, der betrunkene, ein: wie das\nSchicksal, das in Zufällen sich ergeht, schreitet\nsein Thema. Ein kurzer Kampf; der Lastträger\nhat seine Aufgabe ausgeführt; über das Todes-\nmotiv weg tobt der Karneval, singt Fiametta. r—\nAusserordentlich ist die Schärfe der Themata;\nwie im Sprunge ist der jeweiligen Bewegung\nihr musikalisches Signum abgerissen. Es erfüllt\nsich musikalisch: das Trivial-lascive des Karne-\nvals, die Verlogenheit der Unschuld, die Angst\nder Eifersucht, der transcendentale Schrecken des\nTodes. Die Themata sind ganz plastisch; bei\neinigen habe ich den Eindruck einer psychischen\nDemaskierung. Sie sind ganz und garnicht ge-\nsucht; wollen weder in Harmonik noch in me-\nlodischer Führung aus dem Rahmen bisheriger\nMusik fallen. Nur die tiefe Ehrlichkeit der In-\nvention, das absolut Prunklose rückt sie ab von\nden meisten gegenwärtigen Musikprodukten. —\nDie dramatische Musik liegt Waiden besonders.\nSeine Musik hat Zug, Fluss, Temperament; ich\nhabe nicht eine tote Stelle gefunden. Sie hält\nsich völlig fern von den Lückenbüssern der\nTonmalerei, des Programmatischen; jede Orna-\nmentik lehnt sie ab. Sie bleibt streng musika-\nlisch auf der Linie der wirklich wesentlichen\nHandlung; in diesem Sinne eigentlich dramati-\nsche Musik.\nEin Hauptzug der Pantomimen-Musik ist\ndie Rhythmik. Es musste ein Hauptzug sein\ndiese Gliederung der Bewegung, die identisch\nist in dem materiellen Ablauf und der Musik;\ndie Rhythmik musste für die Einzelausführung\nals die gemeinsame Wurzel in Musik und Hand-\nlung erkannt werden. William Wauer, der Re-\ngisseur, erfasste mit nicht zu übertreffender Si-\ncherheit diesen Punkt. Er liess die Pantomime\naus der Musik herauswachsen; ich wüsste keinen\nRegisseur, der mit so feinem Instinkt den Stil\ndes Stücks herausgehoben, besser geschaffen hätte.\nIm Einzelnen stellt sich der genetische Zusam-\nmenhang zwischen Musik, ursprünglichem Sze-\nnarium, Pantomime wie folgt: Waiden schrieb\nseine Musik nach dem ihm übergebenen Hand-\nlungsszenarium, einem blossen Gerüst, einem\nStoff, einem guten Stoff; seine Musik sah jede\nBewegung voraus; es war Sache des Regisseurs\noder Pantomimendichters, der Musik dies abzu-\nhören und das Gehörte plastisch, optisch zu ge-\nstalten. Es ist Wauer bis auf Reste glänzend ge-\nlungen. Seine eigene Charakteristik des Schnei-\nders, die des Lastträgers (Guido Herzfeld) hebe\nich besonders hervor. — Als einen Nachteil der\nAufführung empfand ich die Benutzung des Kla-\nviers; es ist einer differenzierenden Musik nicht\ngewachsen; das Theater verträgt eine derartig\ngleichbleibende Tonqualität nicht. Mögen spä-\ntere Aufführungen der Pantomime eine Orche-\nstrierung geben, die das Pathos dieses starken\nWerkes zu ganzer Erscheinung bringen.\nUraufführung am Kleinen Theater zu Berlin\nNoch einige Töne\nSeit Erscheinen der Nummer 66 dieser Wo-\nchenschrift haben sich noch einige „Musikkriti-\nker\" über meine Pantomime geäussert. Auch sie\nsollen der Vollständigkeit halber hier veröffent-\nlicht werden.\nFreisinnige Zeitung: Es scheint,\nals wenn das Mimodrama, um dessen Wieder-\nbelebung man sich seit einiger Zeit ebenso ei-\nfrig wie erfolglos bemüht, ohne umfangreichen\nMord und Totschlag nicht auskommen könnte.\n. . . Leider, oder soll man sagen glücklicher-\nweise, hat der Autor es nicht verstanden, diese\nKonjunktur auszunutzen. Er operierte mit den\nvier Toten derartig, dass das Publikum nicht\nerschauerte, sondern in Lachen ausbrach, und\ndass sich der Vorhang über einem ungewollten\nHeiterkeitssturm senkte. Das hinderte selbstver-\nständlich einen Teil der Zuschauer nicht, heftig\nzu klatschen und alles was an der Pantomime\nmitschuldig war, an die Rampe zu zitieren, dar-\nunter auch Herrn Herwarth Waiden, dessen\nebenso kindliche wie prätenziöse Musik nicht we-\nnig zu dem Lacherfolge beigetragen hatte, rit.\nDie Behauptung, von dem Heiterkeitssturm\nund dem Lacherfolg ist glatt erlogen. Wenn ein\nMusikreferent schon von Musik nichts versteht,\nsollte er es doch wenigstens unterlassen, tatsäch-\nliche Vorgänge gefälscht zu berichten. Im Ue-\nbrigen empfehle ich Herrn rit sich im Konver-\nsationslexikon Aufklärung über die Begriffe\nTragikomödie und Groteske zu verschaffen.\nDeutscher Reichsanzeiger: Zu\ndieser Pantomime hat Herwarth Waiden eine\nMusik geschrieben, die in ihrer Geschraubtheit\nund mit ihrer Sucht nach modernen Klangschat-\ntierungen recht wenig mit diesem kräftig zu-\npackenden alten Märchenstoff im Einklang steht.\nDafür ereiferten sich die Gemüter um so stürmi-\nscher, ob Herrn Wauer, der den rachsüchtigen\nSchneider spielte, oder Herrn Waiden für seine\nMusik mehr Anerkennung gebühre. Guido Herz-\nfeld spielte den Bettler mit drastischer Komik,\nRosa Valetti mimte die liebelüsterne Schneiders-\nfrau keck und gewandt.\nDeutsche Nachrichten: . . . Mit\n„Musik\" von . . . einem ders lieber hätte las-\nsen sollen. Alf.\nTägliche Rundschau: . . . Wobei\ndie Missvergnügten ihren Ingrimm besonders ge-\ngen die Musik des Herrn Herwarth Waiden rich-\nteten, der aber trotzdem von eifrigen Freunden\ngerufen wurde.\nDas nennt die Tägliche Rundschau Musik-\nkritik.\nNeue Preussische Kreuzzeitung:\nNoch unglaublicher aber ist es, dass die Zu-\nschauer einem so frivolen Scherz wie der Panto-\nmime Die Vier Toten der Fiametta, um dessen\nAutorschaft, wie man hört, ein Streit entbrannt\nist, und zu dem auf besagtem Klavier Geräu-\nsche vollführt wurden, die man beim besten Wil-\nlen nicht als Musik bezeichnen kann, noch Bei-\nfall spendet. A4. B. P.\nGermania : Ach, richtig, eine auf dem\nPrimabühnenflügel (Bechstein) heruntergeholzte\nMusik, die in ihrer inneren Schönheit wohl auch\nnur der Komponist Herwarth Waiden würdigen\nkann. Möge ihm Kraft und Gesundheit im rei-\nchen Masse verliehen sein, auf dass er uns noch\nweiter mit solchen Universal-Schweisstreibemitteln\nerfreue. E. K.\nSoll geschehen.\nHamburger Fremdenblatt: Auf-\ndringliche, durchaus talentlose Musik, die „mo-\ndern\" klingen soll, aber nichts anderes ist, als\neine gesuchte Folge von Misstönigkeiten. Für\nein gesundes Ohr eine Qual von unerträglicher\nPein. Es ist eigentlich unbegreiflich, dass ein\nMann von Geschmack und auch Geschick, wie\nes William Wauer zweifellos ist, etwas derarti-\nges überhaupt einem Publikum vorzuführen zu\nkönnen glaubt. J. C. Lusztig.\nDas ist die dritte Besprechung des tapferen\nHauptmanns mit dem gesunden normal gebilde-\nten Ohr.\nFrankfurter Zeitung: . . . Und\nder alte Stoff tat prächtige Wirkung, zumal Fräu-\nleine Valetti die Fiametta mit Temperament und\nAusdrucksfähigkeit darzustellen wusste. E. H.\nDer Verfasser der Kritik, Herr Ernst Heil-\nborn, Herausgeber des Literarischen Echos, kann\nmich offenbar ebensowenig leiden, wie sein ta-\nlentloserer Vorgänger Herr Josef Ettlinger. Herr\nEttlinger machte sich das Vergnügen, die Zeit-\nschriften, mit denen ich zu tun hatte, erst dann\nin seinem „objektiv aufzählenden\" Blatt zu zi-\ntieren, wenn ich mit diesen Zeitschriften nichts\nmehr zu tun hatte, und sie infolgedessen schlech-\nter geworden waren. Herr Heilborn bringt es\nfertig, über die Pantomime zu berichten, ohne\nauch nur die Tatsache zu erwähnen, dass eine\nMusik dazu gehört. Immerhin hat er sich auf\ndiese Weise eine Blamage erspart. Begriffen hätte\ner sie sicher nicht. Beim Tode Samuel Lublins-\nkis leistete er sich folgende Sätze: „Ein Mann\nist gestorben, der Zeit seines Lebens ein Fremd-\nling geblieben (ist aus poetischen Gründen aus-\ngelassen): Samuel Lublinski. Ein vierschrötiger\nGesell, in dem eine sehr zarte, höchst verletz-\nbare Seele wohnte, eine äusserlich unkultivierte\nErscheinung, ganz erfüllt von dem brennenden\nVerlangen . nach grosser Kultur. Wenigstens ist\ner mir so erschienen, wenn er mir, was wohl\ndes öfteren zutraf, in meinem Zimmer gegenüber-\nsass, ein beinahe unheimlicher Gast, von der\nZofe argwöhnisch eingelassen.\" Herr Heilborn\nhat eine Zofe. Das ist so ungeheuer poetisch,\ndass es nur von den fehlenden ist überboten\nwerden kann. Und dieser Autor, von dessen\nSensibilität die Zofe zeugt, besitzt nicht einmal\ndie Fähigkeit, eine äussere Erscheinung zu se-\nhen. Das Kennzeichen des Journalisten: Aeus-\nsere Eindrücke falsch wiederzugeben, und inne-\nre nicht zu besitzen. Wer in der äusserlich ab-\nsolut korrekt bürgerlichen Erscheinung meines\nFreundes Lublinski einen vierschrötigen Gesellen\nerblicken konnte, vor der gar eine Zofe argwöh-\nnisch zurückschrickt, der muss soviel Poesie im\nLeibe haben, wie seiner Psyche an Geschmack\nfehlt. Von Takt garnicht zu reden. Man wird\nmir nachfühlen können, wie glücklich ich bin,\ndass mir die Taktlosigkeit der Musikbesprechung\ndieses Herrn Heilborn auch nur im Echo ver-\nsagt blieb.\n❖\nSollte ich irgend eine bisher erschiene Kri-\ntik nicht zitiert haben, so kann ich dem Leser\ndie Versicherung geben, dass sie mindestens eben-\nso ungünstig und albern ausgefallen ist. Man\nhat mich absolut so „vernichtet\", dass ich auflebe.\nDie Einmütigkeit imponiert mir. Sie halten fest"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "533", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4948, "texte": "und treu zusammen, eine Kette. Leider aus Tal-\nmi. Ich brauche mich nicht einmal zu recken,\nschon liegt der Schwindel zu meinen Füssen.\nAber ich bin gutmütig. Ich werde nicht darauf\ntreten meine Herren.\nH. W.\nDie Aufführung\nAuch die Kritik der Aufführung selbst in\nder Tagespresse ist vollständig falsch und unzu-\nlänglich. Die Spielzeit des Werkes dauert fünf-\nunddreissig Minuten und fast dreihundert Stun-\nden sind an ihrer Darstellung auf der Bühne\nverwandt worden. Ich identifiziere mich mit ihr\nvollständig und man wird mir glauben, dass\nich meinem eigenen Werk gegenüber die grössten\nAnsprüche an Sensibilität und Gestaltung stelle.\nWilliam Wauer ist ohne Zweifel die stärk-\nste Regiebegabung der Gegenwart. Seine Lei-\nstung in dieser Pantomime bedeutet künstlerisch\ndasselbe wie ein Gedicht der Lasker-Schü-\n1e r oder eine Seite Prosa des Karl Kraus.\nMit anderen Worten: Jede Bewegung, jede\nGebärde, jeder Ausdruck, beruht auf Notwendig-\nkeit und ist gestaltetes Leben. Wauer benutzt\njede Bewegung, jede Gebärde, jeden Ausdruck,\nin seiner ursprünglichen Form, er übernimmt\nnicht Ausdruckskomplexe, verwendet keine The-\natercliches. Vielmehr erkennt er jede Bewegung,\njede Gebärde, jeden Ausdruck in seinem Ur-\nwert. Er entschablonisiert. Wenn bei ihm je-\nmand die Hand auf das Herz legt, so geschieht\nes so, wie diese Bewegung zum ersten Mal\nausgeführt wurde. Sie hat die Intensität des er-\nsten Erlebnisses. Kein Darsteller geht bei ihm\nauf der Bühne spazieren. Jeder Schritt bedeu-\ntet eine künstlerische Lebensäusserung. Jede\nGebärde, jeder Ausdruck eine Umsetzung des\nPsychischen in das Körperliche. Das Resultat\ndieser Arbeit Wauers wirkt so selbstverständ-\nlich, dass nicht die geringste Spur einer Arbeit\nübrig bleibt. Jedes vollkommene Kunstwerk bil-\ndet, wie ich zum tausendsten Male wiederhole,\neinen in sich abgeschlossenen, lebendigen Orga-\nnismus. Das Erzeugte steht herrlich, selbstherr-\nlich neben seinem Zeuger. Man weise mir eine\nTheatervorstellung nach, an der nicht noch die\nplumpen oder zarten Handgriffe des Regisseurs\neingedrückt scheinen. Bei Wauer ist alles aus-\ngedrückt. Plastisch. Von der Monumentalität\nder Persönlichkeit. Otto Brahm hatte das\ngrosse Glück, grosse Schauspieler vorzufinden.\nSie lebten sich ineinander ein. Brahm gab mit\nihnen bald gute und noch häufiger schlechte\nStücke. Die Kunst Theater trat bei ihm nie in\nErscheinung. Die Plastik des Herrn Max Rein-\nhardt ist die des Herrn Begas: Nippes in hun-\ndertfacher Vergrösserung. Salonkunst. Die Ma-\nlerei des Herrn Reinhardt ist überflüssig. Denn\ndas Theater bleibt eine Kunst der Körperlich-\nkeit. Seine optische Wirkung beruht au£ plasti-\nscher und architektonischer Phantasie. Die Ma-\nlerei verhält sich zum Theater wie die Plastik\nzur Malerei. Herr Reinhardt verniedlichte mit\nseiner Aufführung von Sumurun die Verniedli-\nchung eines orientalischen Themas. Wauer ent-\nniedlichte die traditionelle italienische Stilkomö-\ndie. Er gab ihren Gestalten, dem Pierrot, der\nColombine, dem Harlekin, den Urwert wieder,\nund liess so die Wirkung dieser Typen begrei-\nfen. Die Kunst der Pantomime wurde wieder le-\nbendig, nach dem der Schutt der Tradition von\nihr weggeräumt war, und der starke Odem\neiner Persönlichkeit sie erweckte.\nDie Regie gibt dem Theater erst die Mög-\nlichkeit, ein organisches Kunstwerk entstehen zu\nlassen. Sie schaltet deshalb durchaus nicht die\neinzelne schauspielerische Leistung aus. Sie ord-\nnet sie nur zu Gunsten der Gesamtheit in Me-\nlodik, Rhythmik und Dynamik unter. Es kommt\nimmer noch darauf an, wer die erste Geige spielt.\nAber auch jedes Instrument ist im Orchester\nwichtig. Rosa Valetti gehört zu den we-\nnigen Schauspielern, die eine Persönlichkeit be-\nsitzen. Sie spielt in der Pantomime die Fiametta.\nMehr: Sie ist durchaus das Weib. Das\nwas ihr die Regie gibt, erwirbt sie und besitzt\nes. Jedes innere Erlebnis tritt körperlich in Er-\nscheinung. Nie werde ich den Bli k dieser Au-\ngen vergessen, wenn das Karnevalsmotiv er-\nklingt. Es erklingt nicht ausser ihr nur in der\nMusik, nicht nur in ihr (das wäre eine Privat-\nangelegenheit), ihr ganzer Körper ist das Mo-\ntiv und ihre Augen leuchten in dem Unbewuss-\nten, was die Töne entstehen liess und hinter\nihnen liegt. William Wauer spielt den Schnei-\nder, ihren Mann, den Mann. Er ist ganz\nVerkörperung des Bösen, des Feindlichen, das\ntrotz der beliebten Liebe zwischen den Geschlech-\ntern herrscht. Guido H e r z f e 1 d , der Bett-\nler, der Harlekin, gibt den andern Typus Mann.\nJenseits von Erotik, ein Ausführender, alles Ge-\nfühlsmässige zurückgedrängt, nur Erhaltungs-\ntrieb, sorglos besorgt um das, was man Leben\nnennt. Den drei Pierrots, den Liebhabern, Ge-\norg Runsky, Karl Müller-Malberg, Max Mack\nsei nachgerühmt, dass sie sich bescheiden konn-\nten. Dass sie das Episodische, was der Lieb-\nhaber für die Frau nur sein kann, nur als Epi-\nsode wirken Hessen. Dass sie zurücktraten, vor\ndem ewigen Lebens- und Todes-Kampf zwischen\nMann und Frau.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c003", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "533", "page_fin": "534", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.3", "titre_corps": "Die höchste Tugend", "titre_sommaire": "Die höchste Tugend", "signature_source": "Sar Peladan", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "533", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.3", "debut_caractere": 4950, "fin_caractere_exclue": 9563, "texte": "Die höchste Tugend\nVon Sar Peladan\nNebo erhob sich zum Mönch gewandt.\n„Pater, denn ich glaube, dass der Ritter des\nGraals oder des Rosenkreuzes die Stimme im\nTempel erheben darf, es hat statt, dass du öffent-\nlich und für fast Alle die gleiche Frage auflö-\nsest. Du hast zwölf Sünder vor dir, Hurer oder\nEhebrecher, zwölf Männer, die, ohne verheiratet\nzu sein, lieben, zwölf Männer, nicht zu zeugen\nentschlossen.\n„Da dieses entsprechend der religiösen Rechts-\npflege zwei Todsünden sind, die den Zutritt zu\nden Sakramenten verriegeln, gehen wir alle hin,\num deine Antwort auf Knieen anzuhören. Es soll\nkeine schweigende Beichte sein, sondern eine Lö-\nsung kirchlicher Rechtsprechung.\"\nDer Mönch war nicht verwirrt als hätte er\ndiese Casuistik vorhergesehen.\n—„Mein Bruder, Hurerei und Ehebruch sind\nSünden, aber es handelt sich darum, die Ord-\nnung der Verbrechen zu wissen. Der dem Trie-\nbe oder der Perversität nachgiebt, der seelenlos\neine Sünde begeht, sündigt schwer, und der sich\nseinen Frevel überdenkt, sündigt boshaft. Bruta-\nlität, Perversität sind die beiden Pole des Bö-\nsen. Die eine wirft den Menschen auf die tiefste\nEntwicklungsstufe zurück, die andere verdirbt die\nZukunft unheilbar. Nun wohlan, es gibt hier\nweder Brutalität, da wir Eingeweihte sind, noch\nPerversität, da wir des guten Willens sind.\"\n„Brüder, der Geist des Bekenntnisses hat vier\nBedeutungen, er zwingt den Gläubigen, in die ei-\ngene Seele zu schauen und der eigene Richter zu\nwerden, er lässt ihn durch die Verdammnis die\neignen Fehltritte bedauern, die sie nach sich zie-\nhen, allein durch die Undankbarkeit, wenn mög-\nlich, durch die sie Zeugnis wider Gott leisten,\nder uns den Weg zur Vollkommenheit öffnet,\ndass Wir ihn begehen; er erlegt Genugtuung auf,\ndas heisst Handlungen des Guten entsprechend\nder Sünde, schliesslich den festen Vorsatz, das\nheisst den Entschluss besser zu werden.\"\n„Es bedeutet das nicht, dass ich Ihnen keine\nFragen vorlegen werde, weil ich Ihre Seelen\nkenne: das Sakrament will es nicht. Umstand\nEinzelheit der Sünde sind nur wichtig, wenn der\nBüssende nicht das Schwerwiegende seines Fal-\nles kennt. Denn da die Busse nichts weiter als\nSymbol ist, uncl keine Wirksamkeit ausübt, so\nist eine Untersuchung der Anschuldigung unstatt-\nhaft. Glaubt nicht ferner, dass ich mich als Eso-\nteriker aufführen oder mit Agnostikern mich strei-\nten will. Prüft eure Gewissen über diesen Punkt.\n„Ist es euer Wille oder das Schicksal, das\nsich dem Sakrament widersetzt?\n„Wenn es euer Wille ist, so seid ihr ver-\nflucht.\n„Wenn sich nur das Leben der Weihe eurer\nLiebe widersetzt, so werdet ihr die Absolution\nunter drei Bedingungen, von denen jede ent-\nscheidet, erhalten:\n„Mehrt eure Liebe das Leben des Ideals in\neuch und daher auch in ihr, das heisst seid ihr\nbesser, arbeitsamer, ergebener, harmonischer, ru-\nhiger, und heget ihr Fleiss, Frömmigkeit und die\nheiteren Tugenden?\n„Wenn Ja, so werdet ihr die Absolution er-\nhalten.\n„Wenn Nein, so seid ihr verflucht. Die Lei-\ndenschaft, die in uns das Leben des Ideals ver-\nringert, unterhält Trägheit und Unfrömmigkeit,\nverursacht Verwirrung und Missklang, ist böse.\n„Zum Zweiten, zahlt ihr auf eure Wollust\neinen Zehnten der Vervollkommnung an die Vor-\nsehung? Denn die Liebe der Geschöpfe ist nur\ndurch höhere Frömmigkeit gerechtfertigt. Es ist\nnotwendig, dass dies( beiden Wesen, die Einer\nfür den Anderen das ganze Weltall sind, sich\nihrem Schöpfer weihen.\n„Bringt ihr endlich in eurer Liebe den Wil-\nlen zur Vollkommenheit mit, wollt ihr, dass er\nschön wie eine Tugend sei, dass er selbst eure\nTugend werde?\n„Wenn Ja, so seid ihr absolviert, und mein\nWort kehrt nicht die Regel, diesen Degen, um,\nsondern die Routine, dieser Rost.\n„Liebt im Frieden, wenn ihr in Gott ein\neinziges Wesen liebt, ein anderes Ihr-Selbst an\nGeist, Seele und Fleisch, liebt unter den drei Ge-\nstalten, liebt im Frieden.\n„Gottes Gesetz ist keine Gemeinde-Polizei.\nIch gebe euch Sicherheit, dass solches Gottes\nGesetz vorschreibt.\"\nDer Mönch schritt zum Altar als Sin sich\nerhob.\n— „Pater, du hebst unsre Gewissenszweifel\nin dieser Stunde auf. Eine Frage knüpft sich\nan die meines Bruders Nebo. Man weigerte ihm\ndie Absolution, da er ausser der Ehe liebte, mir\nweigerte man sie, weil ich nicht zeugen will.\nIst Fortpflanzung Pflicht?\"\n— „Nein\" sagte der Mönch, denn der heilige\nPaulus ermächtigt die Ehegatten, Enthaltsamkeit\nzu bewahren, wenn das Einverständnis wechsel-\nseitig ist, wo inbegriffen ist, dass das Ziel der\nEhe nicht Fortpflanzung ist.\n„Die aus dem Geiste zeugen, sollen nicht\nentsprechend dem Körper zeugen, und ich be-\ndarf wohl keiner Erläuterung über die im Sym-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "534", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1448, "texte": "posion enthaltene platonische Offenbarung der\nwahren Ehe der Eingeweihten.\n— „Was dem Beichtiger antworten?\" fragte\nSin.\n— „Dass er nicht dazu befugt ist,\" erklärte\nder Mönch. Der Beichtiger kennt nur das Aeus-\nsere, das heisst die Wahrheit. Das Uebrige kommt\nihm nicht zu, wofern man nicht seinen Rat ein-\nholt. Von welchem Wert kann diese psychiatri-\nsche Konsultation weniger Minuten sein? Von\ngar keinem. Die Einzelheit und der Umstand\nsind die Geissei des Beichtstuhls, alle Inquisiti-\nons-Gewohnheiten. Der Priester erhält die Ge-\nständnisse, er darf sie weder erzwingen noch\nergraben.\n„Was jene Theorie vom Rekruten-Bureau über\ndie Nötigung zu erzeugen, betrifft, so hat sie\nin einer Eselli der Uebersetzung ihre Wurzel.\nEinen bildlichen Ausdruck, der „entwickelt euch\"\nsagt, hat man mit „vervielfältigen\" übersetzt,\nund in der Tat angewendet scheint er bei den\nVerbrechen jener Völker, die zahlreich sein wol-\nlen, um die anderen besser zu vertilgen. Für\nKatholiken wie wir sind, hat die jüdische Thora\nweniger Wert als Manus Gesetze oder die gol-\ndenen Verse. Vergesst nicht, dass ein Kind für\nein Hirtenvolk, einen Landmann, ein Element\ndes Reichtums ist, Arme, daher ein Mehr; aber\nes ist ein unsinniger Irrtum, im städtischen Le-\nben das gleiche anzupreisen wie für Nomaden\nund Hirten.\"\nJetzt kamen sie einer nach dem Anderen,\nOurnah zuerst, Hon zuletzt, um vor dem Mönch\nzu knieen, der wie bei einer päpstlichen Beichte\naufrecht blieb."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "534", "page_fin": "534", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.4", "titre_corps": "Dem Barbaren", "titre_sommaire": "Dem Barbaren", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "534", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.4", "debut_caractere": 1465, "fin_caractere_exclue": 2100, "texte": "Dem Barbaren\nElse Lasker-Schüler\nIch liege in den Nächten\nAuf detinem Angesicht.\nAuf deines Leibes Steppe\nPflanze ich Cedern und Mandelbäume.\nIch wühle in deiner Brust unermüdlich\nNach den goldenen Freuden Pharaos.\nAber deine Lippen sind schwer,\nMeine Wunder erlösen sie nicht.\nHebe doch deine Schneehimmel\nVon meiner Seele —\nDeine diamantnen Träume\nSchneiden meine Adern auf.\nIch bin Joseph und trage einen süssen Gürtel\nUm meine bunte Haut.\nDich beglückt das erschrockene Rauschen\nMeiner Muscheln.\nAber mein Herz lässt keine Meere mehr ein.\nö dui !\nMein Herz heult schon über deine rauhen Ebenen\nUnd verscheucht meine seligen Sterne."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "534", "page_fin": "535", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.5", "titre_corps": "Berliner Sezession 1911 : III", "titre_sommaire": "Berliner Sezession 1911 : III", "signature_source": "Walter Heymann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "534", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.4", "debut_caractere": 2102, "fin_caractere_exclue": 8927, "texte": "Berliner Sezession 1911\nIII\nVon Walter Heymann\n„Ich glaube an die absolute Not-\nwendigkeit einer neuen Kunst der Farbe\nnnd der Zeichnung, sowie des ganzen\nkünstlerischen Lebens.\"\nVincent van Gogh\nFerdinand Ho d ler schlägt mit einer\nWand voller Bilder alle Gemälde der Sezession.\nWir erleben das nicht zum ersten Male. Umso-\nmehr ist es Zeit, nach dem Warum zu fragen,\nda die Ausstellung in Frankfurt a. M. bevor-\nsteht, in der die Summe seines Schaffens gezeigt\nwerden soll. Das Resultat ist dazu angetan,\nnachdenklich zu stimmen. Hodler ähnelt den Be-\nsten seiner Zeit in dem Bemühen, in dem oft\nmit Pedanterie und manchmal auf Kosten künst-\nlerisch-sinnlichen Genusses augenfälligen Bemü-\nhen, kein Mittel ohne Zweck, kein Mittel als Be-\nstandteil ungeprüft zu verwenden. Im übrigen\nsteht er für sich als Aussenseiter. Bei jedem an-\ndern, der auf den Ehrentitel eines Malers An-\nspruch hat, ist schliesslich wie anfänglich ein\nErlebnis in malerischen Werten das, was den\nWillen bestimmt, sein im Was und Wie farbig-\nsinnliches Ziel. Hodler malt wie Tolstoi\nRomane schrieb — ohne im übrigen vergleichen\nzu wollen — mit einer Tendenz, die dem Sin-\nnenwesen, der Kunst zunächst feindselig gegen-\nübersteht, ihm nur eine dienende Rolle zu-\nerkennen will. Seine sinnlichen Ausdrucksmittel\nsind überwiegend linearer Natur, seine Linie ist\nwieder beherrscht von der Abstraktion. Er ist\nsozusagen zwiefach Künstler: einmal, weil in\nseiner Gedanklichkeit das triebhaft starke Wollen\nals ordnender Wille siegt — zum Zweck der\nOffenbarung seiner Weltanschauung. Zweitens,\nweil sein gedankliches Mittel, die Linie, völlig\nzum Ausdruck dient. Wir müssen hier über das\nWesen der Linie nachdenken. Von Anbeginn ist\nsie eine Fiktion, wie die Punkte, die sie durch-\nläuft Ihrer einfachen Natur entsprechend muss\nsie sich gefallen lassen, als Mittel ohne charak-\nteristische Eigentümlichkeit zu dienen, der Ma-\nler lässt sie im Bild untergehen, soweit sie nicht\nsein gedankliches Element ist. In der Kompo-\nsition etwa — die in Flächen lebt — denkt\ner sie nur indirekt mit. Wichtiger ist sie bei\nGemälden von grosser und sich stark verteilen-\nder Richtungseinheit, wo wir von Struktur re-\nden. Gedankliches Element kann aber die Linie\nvor allem als umrissgebende sein, als Kontur.\nWir glauben ja im Leben an Menschen und\nDingen Konturen zu sehen, so prägen jene sich\nuns erst recht ein, vor allem in der Kontur des\nSchattenrisses — etwa wenn ein Haus sich ge-\ngen den „Himmel\" oder das Nachbarhaus ab-\nhebt. Man muss erst sehen gelernt haben, um\nzu wissen, dass es keine Konturen gibt, und\ndass der Maler ihrer entraten kann in seiner\nWelt einander treffender farbiger Wirkungsele-\nmente. Die Linie führt aber — sehr anständig\nfür eine Fiktion — noch eine Art Eigenexistenz.\nSie betrachtet sich — sie soll auch betrachtet\nwerden —, nachdem sie ihre Scheinehe mit der\nWirklichkeit, die sie zu unsern Gunsten einging,\ngelöst hat, als frei, sie hat noch Erinnerungen\nan die Verbindung behalten, entfernt sich aber\nsystematisch von der Wirklichkeit. Selbst ihre\nBeziehungen zum Raum — Perspektive — und\nzur Fläche — gewisse mathematische Raum-\nschneidungen, die Pechstein sehr und Corinth\ngarnicht liebt — sind ihr nur mehr wie Lieb-\nschaften wert, obwohl verwandte Seiten ihrer An-\nläge dadurch bestärkt wurden. Nun, jetzt\nlebt sie ganz sich, spielt bestenfalls mit ihren\nErinnerungen, parodiert sie, um schliesslich ihrem\nrein geschlechtlichen Selbst, einer spielerischen\nArt fiktiver Natürlichkeit zu verfallen, was man\nmit ornamental bezeichnet. Das einzelne Orna-\nment geht noch sehr ernsthaft auf das Wichtig-\nste einer Erscheinung; es verliert aber gewöhn-\nlich unter gleichartigen, in regelmässigen Inter-\nvallen auftretenden seine Wucht. Die ornamenta-\nle Linie als Linie ist demnach bloss spielerisch.\nOrnamental also ist dies einsame Weibchen:\nZickzack und Parallele, Spirale und Kreislinie —\nsie begibt sich in Vereine, schMesst sich Bewe-\ngungen an, wird das Gefühl, Bewegung zu sein,\nselbst in starrem Ruhezustand hingestreckter lang-\nweiliger Bewegung nicht mehr los. Sie hat wirk-\nlich eine enorme Teilnahmefähigkeit, es zeigt sich,\nwieviel in ihr geschlummert hat. Und auf ein-\nmal kam ein Mensch, der sie verstand, der ihr\nUngeahntes in einem menschlich malerischen\nSystem — denn ohne Pedanterie konnte eine so la-\nbiale Erscheinung weder menschlich noch male-\nrisch wertvoll werden — sah, rettete, erhöhte,\nder aus der Linie, einer kleinen Fiktion, das\ngrosse, durch Liebe des Schöpfers verklärte Ele-\nment einer neuen annoch namenlosen Kunst-\ngattung machte. Das war FerdinandHod-\nler. Er wollte die Linie unter möglichster\nWahrung ihres eigentümlichen Wesens wieder\nfür die Wirklichkeit gewinnen, freilich für die\nWirklichkeit, die ihm einleuchtete. Er liess also\nwohl der Linie die Beweglichkeit und auch ihren\nschematischen, sich in gewissen Intervallen äus-\nsernden ornamentalen Flang. Ja, er hatte sogar\neine höchst eigentümliche Auffassung, er empfand\nim Schema schon die Andeutung eines Systems\n— weil ihm die Linie eben so sehr viel bedeute-\nte. Sie schien ihm als Kontur neben der Beweg-\nlichkeit vor allem die Ausdrucksfähigkeit zu be-\nsitzen. Was sich im Naturvorbild als typische\ncharakteristische Anlage und Erscheinung, Sin-\nnesmerkmal, mimische Bewegung äussert, zeich-\nnet sich dort gleichsam konturiert gegen die Um-\ngebung ab. Er verklärt es, gab es konzentrier-\nter, gedanklich abgezogen in seinen farbigen Li-\nnien, die sich gegen die Luft — und sei es nur\neine unbefreiende, künstlich getönte — abzeich-\nneten, wie die Umrisse von Statuen gegen Hin-\ntergründe. In dieser Art der Raumwirkung hatte\ner noch Vorbilder, nicht aber in weiteren. Hod-\nler empfand überhaupt das Gleichartige in der\nErscheinungswelt als das wahrhaft Grossartige.\nNicht die Verschiedenheit der Blätter eines Bau-\nmes, sondern höchstens die neben der Gleichar-\ntigkeit und durch diese erst zur Hervorhebung\ngebrachte Verschiedenheit zog ihn an — in je-\ndem Fall, mochte es sich um Blätter, Bäume,\nBerge oder Menschen handeln. Bei der Betrach-\ntung des Menschen zerlegte er ihn geradezu nach\nder Symmetrie. Und er baute Gruppen oder\nhäufiger Ketten, Reihen von Formen und Ge-\nstalten auf, die er nicht nur im äussern einander\nähnlich, nicht nur auch in der ähnlichen Aeusse-\nrung einer verwandten Empfindung zeigte —\n(den Ausdruck solcher linearen Gleichartigkeit\nnannte er Parallelismus) —, sondern er brachte\ndie Liniengestaltungen, die in sich wohlpropor-\ntioniert und von einheitlicher Richtung waren,\nnoch in Eurythmie, das ist in Geschlossenheit der\nOrdnung nach der Mitte hin, Abgeschlossenheit\nnach aussen. (Vergleiche Ferdinand Hodler von\nArthur Wreese, Verlag A. Francke Bern.) Im-\nmer wird das Abweichende einer Bewegungskur-\nve von der Geraden verdeutlicht, manchmal sind\nin den Gemälden Spuren eines Netzes, eines „Fi-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "535", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4141, "texte": "lets\" deutlich, so dass man sich an die Glas-\nmalerei erinnert fühlt. Auch darin sind sie ihr\nverwandt, dass die verwendeten Farben nicht\nwirklichkeitsgetreu werden dürfen. In der selb-\nständigen Bedeutung der Linie als Ausdrucks-\nkraft entzieht sich Hodlers Kunst der glasmale-\nrisehen Darstellung. So expressive und solcher\nZartheit fähigen Konturen — wie wären sie im\nBleiguss möglich!—hat es vielleicht seit Dürer\nnicht gegeben. Die Farbe ist ihm durchaus se-\nkundär, Unterstützung, mehr gefühlsmässige und\nrhythmische Ergänzung — das Gedankliche bleibt\nin der Linie, in der Form. Hodlers Methode —\nes ist töricht, hier von Manier zu reden — hat\ngrosse Schwächen. Sie ist nicht bloss um all\ndas freiwillig zu arm, was die andern haben;\nsie wirkt bald zu theoretisieren'd unfroh, bald\nzu pedantisch exemplehaft. Sie triumphiert am\ntoten gewordenen Ding — die diesjährigen Land-\nschaften zeigen das; das Bild einer im Sterben,\nvor dem Berg dieser Bettdecke Bedrückten und\ndas Bild dieser ilachen Toten sind so auf das\nLeben der Sache, der toten armen Form stili-\nsiert Reicheres Leben — auch malerisch — blüht\nin der „Gebirgslandschaft\". Bei der Darstellung\ndes lebendigen Menschen, des Einzeltypus ist\nHodler am fesselndsten. Keiner kann Bewegungen\nvon Massen in solcher Ordnung und Ausdrucks-\nkraft geben —, wofür ja der „Auszug\" der\nPreussischen Freischaren 1813\" als Werk wuch-\ntiger Sachlichkeit heute weltberühmt ist. Keiner\nhat uns die grundverschiedene männliche und\nweibliche Natur besser gezeigt als der Meister\nfeststehender und sich an der Arbeit freikämp-\nfender und abopfernder Männer, der Schöpfer her-\nber Frauen, die in Bewegung lebend, von Emp-\nfindung niedergezogen, sie in Bewegung aus-\nwirken müssen. Doch auch hier fasst er schliess-\nlich nicht viel mehr als das sinnlich Zuständ-\nliche, worüber keine schillernden Farben hin-\nwegtäuschen. Geht es nun gar um den Aus-\ndruck einer Empfindung, so sehen wir wohl den\nSeelenapparat, aber nicht deutlich genug die Aus-\nwirkung. Schon die pantomimischen Ausdrucks-\nmerkmale bestimmter Arten von Sinneserregung\n— zum Beispiel weiblicher Verzückung — sind\ngerade von seiner so weitgehend auf Individuali-\nsierung verzichtenden Technik nicht zu fassen.\nWir werden sie gar in den Bildern zum Thema\n„Empfindung\", wo eine Gestalt ein paar Mal\nals verschieden in verwandter Haltung, Geste,\nFarbe des Haares, Stellung und so weiter abge-\nwandelt wird, undeutbarer. Stets ein Ton, etwas\nvon Begleitung umwechselt, — gibt am deutlichsten\nnur das Gefühl: Endlosigkeit. Für mein\nfinden wird das Bezeichnende in den Zügen nicht\ndeutlicher, wenn einer sich tausendmal in paral-\nlelen Spiegeln sieht. Hier muss Hodler die\nze merken. Auch wie belebend es schon wirkt,\nwenn er in dem wundervollen dialogue intime\ndie Ahnung eines lebendigen Vorganges erweckt\n— die Aufhebung der Statik ist ein feiner Reiz.\nHodler ist heute ein reifer Mann. Er hätte das\nRecht, die selbstgezogenen Grenzen zu über-\nschreiten. Genie — sagt Kant, vor dessen Phi-\nlosophie ein Künstler wie dieser pessimistische\nDogmatiker nicht denkbar war und durch den\ner manchen Irrtum erkennen könnte — Genie\nist, was in der Geschichte der Zeit Epoche macht.\nAlso nicht bloss, was aus der Vergangenheit\neinen Sprung machte und in einem Felde blieb.\nNiemand ausser Rodin hat vielleicht heute eine\ngrössere Anwartschaft darauf, als Genie fortzu-\ngeben. Manchmal habe ich den heftigen Wunsch,\ndass Hodler eine Landschaft kennen lernt, die\nnoch weit mehr als sein heimisches Alpenland\nseinem Ich entspräche. Was würde ihm wohl\ndie Kurische Nehrung geben, das Dünenland,\ndessen Farben, das Sandgebirge, dessen Rhyth-\nmen nicht mindergewaltig und von grösserer Dä-\nmonie sind, als die im Alpengestein eingeker-\nkerten. Es gäbe ein Zusammentreffen von künst-\nlerischen Möglichkeiten in Schöpfer und Objekt,\ndas bedeutsam im höchsten Grade werden dürf-\nte. Liesse sich das je verwirklichen, so wäre\nvielleicht in der Entwicklung dieses Grossen und\ngerade von seiner Selbständigkeit die höchste\nWendung zu erwarten, die eintritt, wenn sich\nein solcher Mann in einer kongenialen Land-\nschaft bestätigt und mehr als bestätigt findet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "535", "page_fin": "535", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.6", "titre_corps": "Armin Wassermann", "titre_sommaire": "Armin Wassermann", "signature_source": "Ernst Blass", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "535", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.5", "debut_caractere": 4158, "fin_caractere_exclue": 7347, "texte": "Armin Wassermann\nErnst Blass\nBis heute waren Rezitationsabende: ernst\nund heiter und so weiter. Der ernste Teil: eine\nVeranstaltung der Gruppe „Wandervogel\"; der\nheitre Teil: ein Pausenfüllsel für den the dansant\neines Tennisklubs. Der ernste Teil verhandelte\ndes Müllers Lust; der heitere die Mayers. Im\nernsten Teil sorgte der Douglas für ein gesun-\ndes Vergnügen; im heiteren Herr Edel für Ver-\ngnügen, zu gesund. Im ernsten Teil rief der\nVortragende „Husaren heraus!\"; nach dem heite-\nren riefen den Vortragenden die Buchmacher und\nHeiratsvermittler heraus. So war es. Dass sich\ndas berührte, lag eben im Zeitgeist, der auch\nsonst heiter auffiel. Und wenn die Seelenheimat\ndes Schneiders Wittstock der Acker war, so war\ndie korrespondierende seines Entdeckers Fritz\nEngel bestimmt die Ackerstrasse . . .\nIch konstatiere, dass Herr Armin Wasser-\nmann den ersten Rezitationsabend meines Le-\nbens veranstaltet hat, der in Betracht kommt.\nFrüher gab es Schauspieler, die Lyrik „darstell-\nten\" (noch die Durieux) — oder sie hatten al-\nberne Programms. Wassermann aber sprach\nStücke der wertvollsten Lyrik dieser Tage: Rilke,\nGeorge, die Lasker-Schüler. Ausserdem Prosa:\neine noch ungedruckte Novelle von Jacob Was-\nsermann, in der ein Eisenbahnbeamter ein Atten-\ntat auf einen Zug unternimmt, ein „bleicher Ver-\nbrecher\" im Sinne Zarathustras, den das Bild\neiner Tat eine Tat tun lässt und den das Bild\nder getanen Tat in den „Wahnsinn\" der Reue\njagt; in der für diesen Fall im einzelnen ein be-\nsonderer Ausdruck nicht gefunden ist. Nur dies:\nDer Verbrecher vor einem unter den Trümmern\ndes Zuges liegenden, sterbenden Mädchen, das\nsich nach einer Zärtlichkeit des (daneben stehen-\nden) Mannes totbebt —, ein Bild, das pikant . .\nund grossartig ist. Es gab ferner eine Novelle\ndes Herrn Heinrich Eduard Jacob, „Die Feuers-\nbrunst und die Liebenden\"; Durchdringung der\nSensation eines Brandes mit der Ermattung nach\n•stattgehabtem „Beilager\". Ich liebe solche Dar-\nstellungen . . (sonst gibt es hier in der Einzel-\nformung weniger Darstellung als Frisur; weni-\nger Druck als Annonce.)\nArmin Wassermann steht am höchsten als\nRilke-Rezitator. Strecken aus „Sturmnacht\" und\netwa die Worte „Wo warst du denn, Marie?\"\n— sind nahe der Vollendung. Sein Organ hat\ndies leise Hinhallende, sich dämpfend; ein schwe-\nbender Rufer ist es, wie in Abwesenheit. Darum\nmeistert es Rilke, — nicht Else Lasker-Schüler,\nweil bei dieser das Abwesende, noch der Tod,\neine Anwesenheit hat; beim (katholischen) Rilke\nklingt das Anwesende immer wie ausgeschlos-\nsen Ich muss es genauer sagen: Else Lasker-\nSchüler ist . . . eine Zungentänzerin; Rilke ein\nBauchredner. (Das könnte ich beweisen.)\nIch konstatiere, dass Wassermann den er-\nsten Rezitationsabend meines Lebens mit wert-\nvollem Programm gab und dass sein Rilke-Spre-\nchen etwas Wundervolles ist . . ~ aber ich wün-\nsche, auf den Geschmack gekommen, noch andre\nherbei; Leute, die Else Lasker-Schülers Art mei-\nsterten . Ich wünsche die, nie verlöschbaren,\nVerse erklingen zu hören:\n„Zwei kalte Totenaugen\nHätten mich nicht so gequält,\nWie deine Saphiraugen,\nDie beiden brennenden Märchen.\"\n— Es gab bis heute Hussiten-Mittage, möge\nes Lyrik-Abende geben!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "535", "page_fin": "535", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.7", "titre_corps": "Wir leben nicht im Zeitalter der Qualität", "titre_sommaire": "Wir leben nicht im Zeitalter der Qualität", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "535", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.5", "debut_caractere": 7349, "fin_caractere_exclue": 8533, "texte": "Wir leben nicht im\nZeitalter der Qualität\nPaul Scheerbart\nDieser berühmte Satz stammt nicht von mir;\ner ist aber sehr bezeichnend für unsre Zeit. Um\nihn zu illustrieren, gebe ich Nachfolgendes „ge-\ndrucktes\" Schreiben zum Besten; es kam am\nzehnten Juni in meine Hände. Andre werdens\nauch erhalten haben. Es lautet:\nEuer Hochwohlgeboren\nbitte ich hiermit höflich Ihren Verleger freund-\nlichst veranlassen zu wollen, dass er mir Ihre\nHaupt-Werke in je einem gebundenen Exem-\nplar zur Würdigung in meiner noch in diesem\nJahre bei Rudolf Haupt in Leipzig im unge-\nfähren Umfange von 28 Druckbogen Lexikon-\nformat erscheinenden „Literaturgeschichte der\nletzten drei Jahrzehnte\" möglichst umgehend\neinsendet.\nHochachtungsvoll\nGymnasial-Oberlehrer Hermann Schilling\nBerlin S. 59, Hasenheide 77 pt.\nNun fragt man: von wem werden sich die\nVerleger in der „Zukunft\" die Literaturgeschich-\nten schreiben lassen? Ich empfehle als Autoren\ndie Milch jungen des Herrn Bolle. Herr Professor\nEduard Engel steht im übrigen ganz auf der\nHöhe des Herrn Schilling. Der Professor aber\nwollte meine Bücher nur „leihweise\" haben. 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Aber auf\ndiesem Weg „den er mit Anstand wan-\ndelt, »schreibt er einen flüssigen Satz, und\nwissend, wie man einen Schlager macht, über-\nschreitet er niemals die Grenzen des gu-\nten Geschmack s\".\nUnd das Libretto, „das B u c h\", fand ein\nKollege Lusz t i g : „ganz amüsant. Nichts\nHimmelstürmendes, aber doch mit Logik und\nVerstand aufgebaut.\"\nDoch selbst das Neue Operetten-Theater war\ndavon nicht zu überzeugen, und schon acht Ta-\nge nach der Erstaufführung der Mache zu ed- '\nlerem Zwecke berichtete das B. T., dass die Ver-\nlagsgesellschaft „Harmonie\" im Einverständnis\nmit den Autoren Antrag gestellt hat: auf eine\njschleunige gerichtliche Verfügung, nach der\nDirektor Palfi die weitere Aufführung der Ope-\nrette untersagt werden soll. Und eine weitere\nKlage gegen ihn wurde eingeleitet: auf Auffüh-\nrung des Werkes in der richtigen Fassung. Aber\ner fasste die ganze Angelegenheit ernstlich „von\nder heiteren Seite\" auf und erklärte:\n„Dieselben Verleger, die heute behaupten,\nsie hätten mir wegen Aenderungen die Auf-\nführungen des „Ledigen Gatten\" untersagt,\nhaben mir, als sie von den durch mich vor-\ngenommenen Aenderungen erfuhren, einen Tan-\ntiemenanteil am Werk zugesprochen. Wenn\nein so guter Witz, wie dieses angebliche Ver-\nbot im Stück gewesen wäre, brauchte ich es\nnicht abzusetzen.\"\nPalfi hatte in der Operette keinen Witz ge-\nfunden, sie schien ihm geistlos und schlecht, sie\nmissfiel ihm sogar, aber er nahm schliesslich\nAenderungen an ihr vor und brachte sie zur\nAufführung. Unwillig. Doch ein lobbereiter\nRezensent, ein Wandale, zerriss die Zweifel des\nDirektors und grinste, allerdings verbindlich:\nsie sei ganz amüsant.\nNur Herrn Reinhardt der Zirkus\nLoeb Moritz meint in der B. Z. am Mit-\ntag:\n„Hagenbeck hofft mit seiner Tierschau in Ber-\nlin ein grosses Geschäft zu machen, was\nihm auch gewiss niemand verdenken wird. Je-\nder verdient gern viel Geld; ob man das Geld\nmit Zirkusaufführungen von Shakespearedramen\noder mit der Vorführung wilder Tiere verdient,\ndas hängt lediglich von dem Geschäftszweig ab,\ndem man sich zugewandt hat.\"\nZirkusaufführungen griechischer Dichter sind\nauch kein schlechtes Geschäft. Doch eben da-\nrum muss eine Reinhardtsche Konkurrenz „aus\nder Manege\" geschlagen werden. Die demokra-\ntische Presse erklärt jeden vorweg für moralisch\ninsolvent, der wie Reinhardt mit Theaterauffüh-\nrungen im Zirkus spekulieren will. Nur Rein-\nhardt soll das Recht und die Ehre zustehn, der\nWürde und den Gesetzen der Kunst zu schmä-\nhen. Nach Ferdinand Bonns Shakespeareaus-\nschlachtung hat die Literarische Gesellschaft die\nOrestie des Aeschylos in der Manege auf Neu\ngearbeitet. Aber der Blätterwald rauscht empört\ngegen den Theaterbusch. Diesmal lässt sich die\nPresse keinen geharkten Sand in die Augen streu-\nen. Sie nahm sogar die Peitsche des abgegrif-\nfenen Spottes in die Hand und liess sie um die\nOhren eines Gelehrten knallen, den der „pro-\npagandistische Sfinn\" der Literarischen Gesell-\nschaft in die Manege herabgelockt hat.\nIm Tageblatt schwang sich V. A., ein neuer\nStern am Berliner Feuilletonhimmel, auf das Tra-\npez der Ueberlegenheit und spuckte so herunter:\n„. . . wurde man in den Zirkus Busch einge-\nladen, wo Professor Wilamowitz - Möl-\nlendorff vor den versammelten Schauspielern\neinen Vortrag über die Orestie des Aeschylos\nhalten sollte. Die Nachricht von diesem Vortrag\nwird ja wohl sonst noch verbreitet gewesen sein,\näber besonders elektrisierend scheint sie auf die\nMassen nicht gewirkt zu haben. Als ich einige\nMinuten nach vier Uhr in der Arena des Zirkus\nankam, fand ich dort als Zuschauer und Zu-\nhörer vor: einen Photographen, der an seinem\nApparat herumbastelte, einen Mann, der Säge-\nspäne streute, und einen kleinen Hund. Dieses\nAuditorium schien mir noch nicht zahlreich und\nvollständig genug, deshalb ging ich wieder fort\nund trank in einem der nahegelegenen Börsen-\ncafes, wo sonst wohl die Haute-Finance verkehrt,\neinen Schwarzen. Nach einer halben Stunde ging\nich in den Vortrag zurück und fand nun, dass\nsich die Zuhörerschaft doch immerhin etwas ver-\nmehrt hatte. Der Mann mit den Sägespänen war\nfortgegangen, dafür sass jetzt auf den Bänken\nein Vierteldutzend Personen, die, weil sie sich\num Fräulein Maria Mayer scharten, doch wohl\nwirklich Schauspieler sein mochten. Der kleine\nHund war noch da. Es war ein brauner Hund\nund schien mir jener Zirkushund zu sein, der\nbei besonders lustigen Nummern die Pferde in\nden Schwanz zu beissen hat. Er muss also ein\nsehr intelligenter Hund sein; aber ob diese seine\nIntelligenz ausreicht, einem Vortrag über Aeschy-\nlos ganz zu folgen, das ist doch wohl noch\nsehr die Frage.\n„Auf dem Teppich der Zirkusarena prome-\nhierte ein grosser, stattlicher, grauhaariger Herr,\nSe. Exzellenz der Wirkliche Geheime Oberregie-\nrungsrat Professor Dr. Ulrich v. Wilamowitz-\nMöllendorff. Einer der Grossen im Bezirke der\ndeutschen Wissenschaft, einer, bei dessen Wort\nalles auflauscht und alle Gelehrtenherzen höher\nschlagen. Wenn er der Universität einen Vortrag\nankündigt, vermag der grosse Hörsaal die Schar\nder Wissbegierigen nicht zu fassen; aber wenn\ner sich in die Welt des Theaters begibt, ist er\nein Unbekannter und sieht sich einem Dutzend\nZuhörer gegenüber.\"\nUnd zum Schluss noch eine aphoristische\nBauchwelle:\n„Einst war Reinhardt Möllendorffs Schüler.\nJetzt folgt Möllendorff errötend Reinhardts Spu-\nren. Die Welt dreht sich wieder um, immer\nwieder von neuem um. Und das Merkwürdige\nist nur das sie dabei eigentlich immer dieselbe\nbleibt.\"\nEs ist ein Weg der Ehre und des Ruhmes,\nden Reinhardt eingeschlagen hat, aber seinen\nSpuren zu folgen, soll selbst für einen Gelehrten\neine Schande sein.\n\nJ. 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Harz. Vier- .\nteljahrspreis M. 1,25 bei freier J\nZustellung. — Die Herren '\nVerleger werden um Ein- B\nsendung ihrer Neuerschei- B\nnungen zur Besprechung ■\ngebeten. g\nProbenummern umsonst und B\nPostfrei durch die Geschafts- g\nstelle. g\nVertreter gesucht"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c014", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "537", "page_fin": "537", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "537", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 129, "texte": "Neue Sezession\nGalerie Maximilian Ittacbt\nDritte Ausstellung\nBerlin SI. 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Verlelhung m. Korporationsrecht. ausgestattet.\nDEUTHIEI PBIfAT-BEAMTEX-VEIEiN 20 HiODEBDBG\nZirka 28 000 Mitglieder in zirka 500 Zweig-\nvereinen, Verwaltungsgruppen u. Zahlstellen.\nNeben Pensionskaase, Witwenkasse, Waisen-\nkasse, Begrabniskasse und Krankenkasse sehr\nwertvolle Wohifahrtseinrichtungen\nGesamtvermogen: Ueber 16 Millionen Mark\nHalbjahrL Beitr. 3 M.:: Man verl. 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Rechnen Sle\nsieh ans, was Sie im Jahre fur den Bedarf an Gliihkorpern ausgeben. —\nWle oft kommt es vor, daB der Korper schon beim Abbrennen entzwei-\ngeht. — — Nehmen Sie einen guten Rat an uad verwenden Sie mir\nHarftalin-G 10hkorper D. R. P. 203467\nDiese Ksrper besitzen den Vorteil, daß Sie dieselhen wie ein Tuch zusammen-\ndrucken konnen, ohne daU der Korper darunter leidet. Hartalin-Glflhkorper\nhaben eine Leuchtkraft von 100 K. und Sie erzielen damit eine Oasersparnis von\n50 °/0. Brenndauer gar. 1 Jahr. REFERENZ! Fiir die Straßenbeleuclitung Berlins\nbereits fiber 200000 Stck. geliefert. Versuchen Sie esmit einer Probesendung von\n3 Stck., Preis p. Stck. 50 Rfg. od. verlangen Sie den Besuch nnseres Vertreters\n¥orsandite@us Chem. und Techn. Nesiheiten\nBERLIN SW. 68 Kochstraße 72"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c017", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "538", "page_fin": "538", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "538", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.8", "debut_caractere": 1603, "fin_caractere_exclue": 2158, "texte": "9\nKeine Zahnschmerzen\nKein ZahnzSehen raehr\na\nAuf Anfrage gebe\nich jedermann Aus-\nkunft iiber ein Mittel\ng-eg-en schwarze,hohle\nI und lockere Zahne\n& ■\nErf©lg garantieirt\ni O.Berger, BerlinW3s\nI Potsdamer Strasse 111\nAbsclirift: Schr geehrter Herr!\nVon vielen Zahnschmerzen bin\nich nunganzlich befreit durch die\nAnwendung Ihres preiswerten\nMitteis. Daher empfehle ich es\njedem, der von Zahnschmerzen\nist. Mit herzlichem\n% Dank bescheinigt dies Helene\ng Kleemana, Rosengarten,\n2 :: Frankfurt an der Oder ::\n■ t\na ss\nares!s8a»»«ffl38SBBaBa«BBBaBBSBaaB08ai£«"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c018", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "538", "page_fin": "538", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "538", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.8", "debut_caractere": 2160, "fin_caractere_exclue": 2596, "texte": "«Spielend» lernt man Sprachen durch\nDr. Rebajoli's AUTOD1DAKT\nSelbstunterrichtsmethode\nmit Hulfe des Grammophons\nOMNE TUL1T\nPUN KTUM\nBisher erschienen:\nA. Itaiienisch\nB. Franzosisch\n!\n. -\nJeder Lehrer, jede Lehrerin,\nJedermann muss Dr. Rebajoli's\nAuiodidakt gebrauchen, um\nleicht und griindlieh Fremd-\nsprachen zu lernen.\nJede Sprache in 33 Lektionen.\nQUI MISCU1T\nUTILE DULC1\nEpochemachende Neuheit\nVerlag F. 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Geschaft: 106aPotsdamerstr.,Eingf.63Steglitzerstr.,Tel.VI,6735 |\n11. Geschaft: Charlottenburg, 100 Kaiserdamm, Tel. 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Eine hervorragende Neuerscheinung auf dem Gebiete der Maddien-\nbildang: ist das Bach\n„Braueheu wir noch Toshterpensionate?\"\nvon Prof. D. Dr. Friedrieh Zimmer. Preis Mk. 8—\nWachtigr fiir Eltern lieranwaelisender Toehter, P&dagogen, Pensionats-\nVorstekerinnen.\n2. „I>le Knabenpensionate, deren Einrlchtanr, llir inneres\nand Susseres Lieben.4' Yon L. Daniel. Ein Ratgeber Itir Eltern\nand Pensionatsinhaber. Mk. I,B©.\n3. ~I>as TiSditerpensionat\" ist die eirazige Zeitschrift, die die In-\nterressen der Yorsteherinnen vertritt. 7. Jahrgang. Reichhaltiger Inhalt.\nAus der Praxis £iir die Praxis. Pro Halbjahr Mk. 2,50.\nDurch samtliche Buchhdlg. Oder direkt vom Yerlag Dr. Paul Abel, Leipzig 10"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c023", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "538", "page_fin": "538", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "538", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.8", "debut_caractere": 4190, "fin_caractere_exclue": 5549, "texte": "Handelswissen- |7j»|af||» Mpctpp x • •\nschafil. Kurse von liivtll. Ivlvdlvi .Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder audi Kaufleute in fuhrender Stellung). Griindliche\nEini'iihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationelles\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herreii) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfiihrungs- und Bilanz-\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorbereiten wollen —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\nsolviert haben, wie fur\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen, Einjjlhrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfiir Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Oegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfiir Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fur Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Oesellschaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, Johaunlsplatz 5"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-07-08-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-07-08_01#c024", "volume": "bmtnabg_1911-07-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "538", "page_fin": "538", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "538", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.8", "debut_caractere": 5551, "fin_caractere_exclue": 5690, "texte": "i DIE TAT\nWEGE ZU FREIEM\nMENSCHENTUM\nVIERTELjAHRL.M.2 MEFTM.O,BO\nEINE MONATSSCHRIFT\nHERAUSGEOEBEN VON\nERNST HORNEFFER\nVERL. 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Sprache zu besonders billigen Preisen\nDemnSchsterscheint: Katalog XXI/Kunst-\nbliltter: PortrSts, Stadteansicliten, Berliner\nBlatter, Karrikaturen, Flugbiiitter, neuere\nund altere Genrebilder, Blatter von\nMenzel, Beardsley, Rops, Stammbucher\nSilhouetteu, Japanblatter ctc. etc.\nKatalo <re / gratis und franko /\nbitte direkt zu verlangen"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "531", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 15 Pfennig\nDER STURM\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Pfalzburg 3524 / Anzeigen-Annahme\ndurch den Verlag und sämtliche Annoncenbureaus\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2,50 Mark /\nJahresbezug 5,— Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1911\nBERLIN SONNABEND DEN 8. JULI 1911\nNUMMER 67\n\nInhalt:\nALFRED DÖBLIN und H. W.: Pantomime / Noch einige Töne / Die Aufführung / SAR PELADAN: Die höchste Tugend / ELSE LASKER-\nSCHÜLER: Dem Barbaren / WALTER HEYMANN: Berliner Sezession 1911 111 / ERNST BLASS: Armin Wassermann / PAUL SCHEERBART: Wir\nleben nicht im Zeitalter der Qualität / J. A.: Modernes Theater: / Musik wider Musik / Nur Herrn Reinhardt der Zirkus\n\nPantomime\nDie vier Toten der Fiametta\nVon William Wauer und Herwarth Walden\n\nBesprochen von Alfred Döblin\nDie Toten sind alle gleich. Die Geschichte\nder Fiametta hat ein Verzweifelter geschrieben\nund was ihm die Seele bewegte war: auch die\nLebendigen sind alle gleich. Wenn ein ■Moder-\nBier fast daran erstickt ist, dass Alles, so wie es\nabläuft, ewig wiederkehrt, und kein Punkt sich\ndaran ändert, so hat hier ein Aelterer gesehen\nund hat nur starren Herzens gelächelt darüber:\nim Ablauf selbst, in der Gegenwart ist alles\ngleich. Fiametta greift sehnsüchtig nach den drei\nPierrots, sie nach ihr; der buklige Schuister aber\nklammert sich an die Buhlerin, seine Frau; ver-\nschmäht und verraten erschlägt er dann die Pier-\nrots, — Fiametta erwürgt mit den Händen des\nbetrunkenen Lastträgers ihn selber, steht zum\nSchluss triumphierend cla, als Symbol des ewig\nWiederkehrenden, sinnlos ewig sich Erhaltenden.\n— Die Ehe ist vielleicht die unheimlichste\nProduktion des Menschengeistes, unheimlich nicht\ndurch das, was sie ist, als was sie sein kann.\nMan kann ihre Höhen und Tiefen ermessen, wenn\nman man von den Burlesken des Residenzthea-\nters über das Familiäre von Moser zu Ibsen\ndringt, zu seinen mörderisch scharfzähnigen Dia-\nlogen. Die Ehe gittert zwei Menschentiere ein,\nnötigt sie zu einem rastlosen Spannungsausgleich.\nBleibt das Gefühl der Nötigung aus, so tritt\ndas Gefühl des Gitters hervor; einer hat bald\ndas Gitter zerbrochen. Die Pantomime hier bringt\nden entsetzlich-lächerlichen Ausbruch Fiamettas\naus ihrem Käfig, ihren Sprung ins Freie. Der\nKäfig geht in Stücke, die Helfershelfer kommen\num, der Schneider, das ohnmächtige Ehemänn-\nchen, kommt um; — bleibt Fiametta, triumphie-\nrend, das Symbol des Unbezwingbaren, Ehehöh-\nnenden, Einsamen, — wenn auch nie Verlasse-\nnen.\n— In zwei Punkten gibt das Stück mit dem\nältesten alle Themata Neues: darin, dass das „be-\ntrogene\" Männchen sein Weibchen zwingt, die\nLiebhaber mit ihm umzubringen; und darin, dass\ndas Männchen fast zufällig, gelegentlich nachher\nverunglückt. Der Schneider glaubt mit einem be-\nsonderen Raffinement vorzugehen, indem er die\nFrau zum Morde zwingt an denen, die ihr zu\nLiebe gewesen waren; aber die sublime Rache,\ndieser Plan, sie in ihrer Tiefe zu verwunden,\nmisslingt. Er hat sie garnicht getroffen, hat nur\neinzelne Objekte getroffen, die doch früher oder\nspäter von ihr gewichen wären; das Centrum,\nder produktive Kern blieb von seinem Schuss\nunberührt, ja, Fiameua bich an dem\nTode der Liebhaber, jauchzt begehrlicher, ge-\nstachelter wieder auf; ist alles an ihr abgeglitten.\nIst aalglatt entschlüpft in einer finsteren Tanz-\nbewegung von anbetenswerter Wahrheit. Der\nPfeil, den der Mann auf sie abgab, kann nur\nauf ihn zurückprallen. Es ist nicht gelegentlich,\nnicht zufällig, dass er stirbt .\nIhr verbündet sich alles; der blinde Zufall\ndient der organischen triebhaften Wildheit wie\nein liebendes Mädchen. Der Lastträger soll die\nLeichen der drei Liebhaber entfernen; er gerät\nin seiner Trunkenheit in Wut, weil er glaubt,\nes sei nur ein Liebhaber da und der kehre im-\nmer wieder ins Zimmer, in die Truhe, zurück;\ner erwürgt in dieser blöden Unüberlegtheit den\nEhemann, den er für die vierte Rückkehr des\nfrnen toten Liebhabers hält. Starr steht sie da;\nkaum dass sie die Wahrheit fühlt, dass sie die\nHerrin jeglichen Geschehens ist, sie, die Fiametta,\ndie Frau des bukligen Schneiders.\nEs ist ja nicht nötig, dass in diesem Stück\neiner spricht. Das ganze Ausdrucksbedürfnis der\nHandelnden kann sich in der Bewegung erschöp-\nfen; zu sagen haben sie sich im Grunde nichts.\nDieser lineare Ausdruck ist der künstlerisch be-\nste, weil er der knappste und zugleich konzen-\ntrierteste ist; weil er dem Grundwillen der Kunst\nentspricht: Reduktion auf die sachlichste Formel.\nUeberfluss ist der Tod der Kunst; Machs Leh-\nre von der Oekonomie der Kräfte, ein Prinzip\nvon dem Minimum der anzuwendenden Kraft\nund dem Maximum des Leistungsaffekts gehört\nzu den Selbstverständlichkeiten für den Künst-\nler. Was über die Pantomime hinausgeht, wäre\nhier im besten Fall — Leben.\nEs war ein Irrtum, an dessen Verbreitung\ndie Künstler selbst mitgewirkt haben, dass Kunst\nund Mathematik sich ausschliessen. Niemand,\nder ernsthaft Aesthetik liebt, kann dem zustimmen.\nDie gutbeobachtenden Künstler haben sich oft\nertappt bei einem Wunsche zur Geometrie; sie\nmerkten, dass ein innerer Schematismus in ihnen\nals Wille zur Kunst sprach, dass nicht bloss das\näusserliche der Mathematik: die Strenge und sans\nphrase sie fesselte. Hier in der „Fiametta\" de-\nmonstriert sich die künstlerische Härte, wo über\nden Fluss und Ueberfluss des lebendigen Ab-\nlaufs das bleierne starre Schema geworfen ist und\ndie nackte Dynamik und Energetik sich einprägt,\ndie Bewegung, die stumme Pantomime erscheint.\nDer volle Schluss, der letzte Schritt in die-\nser Richtung wurde getan in dem Augenblick,\nals die Musik hinzutrat. Die Musik, die wie\nkeine Kunst sonst die wirkliche, nicht bloss op-\ntische Bewegung zum Objekt hat, die in knap-\npen wandlungsfähigen Formeln den Kern jedes\nBewegungsablaufs fasst: hier ist die geometrische\nReduktion auf die Höhe gediehen; keine Ver-\nflüchtigung, Abblassung dabei; nur Abstossung\ndes bloss Schmuckhaften, faktisch-äusserlichen, und\nintensivstes Heraustreiben des Belangvollen,\nDiese Musik, — sie ist \\on meinem Freunde\nFlerwarth Waiden — nimmt nun kraft ihrer\nkomplexen Natur als Musik alles auf ihre Schul-\ntern, was ihr als Musik zusteht: sie belädt sich\nmit dem ganzen Pomp ethischer Worte, so dem\nethischen Kern zudringend, mit starkem Pathos\ndemonstierencl — die Tragödie. Ich habe Musik\nimmer als etwas Furchtbares empfunden, sie ist\njedem ethischen Fortschritt, ja jeder ethischen\nKlarheit Feind und Gefahr; sie gerade saugt ihre\nKraft aus denjenigen Gefühlen, deren ethischer\nWert rund und nett bereits feststeht; sie schwelgt\nin allen Rückständigkeiten unserer Seele, sie na-\ngelt uns fest und fester. Sie will nichts Neues;\ndas neue Europa ist ihr Tod. Die Musik hat\nan vielen Tragädien des Lebens mitgewirkt und\nsie zu Tragödien gemacht; so oft hat die Musik\ndies verschuldet, und vieles andere. — Aber was\nan geometrischer Knappheit und ethischem Pomp\nMusik aufzubieten vermag, leistet Waldens Mu-\nsik. Sie zeichnet das letzte Fundament, den ei-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "532", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.2", "texte": "gentlichen Grundriss des Stückes deutlichst klar\nhin. Sie zeichnet ihn so klar hin, dass nur\nTaube und Musikkritiker daran vorüber tappen\nkönnen. Was bei Waldens Musik auch dem un-\nwilligsten Zuhörer auffallen muss, ist die Trans-\nparenz des musikalischen Gewebes; man verglei-\nche einmal seine Sicherheit den musikalischen\nKern zu fassen mit der des Dr. Strauss, als wel-\ncher tausendmal schlankweg oben auf hängen\nbleibt und lustig drauf los „komponiert\", drun-\nter durch „komponiert\". — Hier tritt das Le-\nbenslust- und Karnevalsmotiv von vornherein\nallesbeherrschend in den Vordergrund; gegen\ndas Zorn- und Eifersuchtsmotiv bettelt das Mo-\ntiv einer verlogenen Unschuld an; resolut wirft\nsich aber Fiametta den drei Harlekinen an den\nHals, — hinter der Siziliana, von dem Eifer-\nsuchtsmotiv gestossen erhebt sich ein Todesmo-\ntiv mit seinem Schrecknis; dann ringen die drei\nKarnevalsmotiv, Eifersuchtsmotiv, Todesmotiv;\ndas Karnevalsmotiv will durch; da tritt der ret-\ntende Lastträger, der betrunkene, ein: wie das\nSchicksal, das in Zufällen sich ergeht, schreitet\nsein Thema. Ein kurzer Kampf; der Lastträger\nhat seine Aufgabe ausgeführt; über das Todes-\nmotiv weg tobt der Karneval, singt Fiametta. r—\nAusserordentlich ist die Schärfe der Themata;\nwie im Sprunge ist der jeweiligen Bewegung\nihr musikalisches Signum abgerissen. Es erfüllt\nsich musikalisch: das Trivial-lascive des Karne-\nvals, die Verlogenheit der Unschuld, die Angst\nder Eifersucht, der transcendentale Schrecken des\nTodes. Die Themata sind ganz plastisch; bei\neinigen habe ich den Eindruck einer psychischen\nDemaskierung. Sie sind ganz und garnicht ge-\nsucht; wollen weder in Harmonik noch in me-\nlodischer Führung aus dem Rahmen bisheriger\nMusik fallen. Nur die tiefe Ehrlichkeit der In-\nvention, das absolut Prunklose rückt sie ab von\nden meisten gegenwärtigen Musikprodukten. —\nDie dramatische Musik liegt Waiden besonders.\nSeine Musik hat Zug, Fluss, Temperament; ich\nhabe nicht eine tote Stelle gefunden. Sie hält\nsich völlig fern von den Lückenbüssern der\nTonmalerei, des Programmatischen; jede Orna-\nmentik lehnt sie ab. Sie bleibt streng musika-\nlisch auf der Linie der wirklich wesentlichen\nHandlung; in diesem Sinne eigentlich dramati-\nsche Musik.\nEin Hauptzug der Pantomimen-Musik ist\ndie Rhythmik. Es musste ein Hauptzug sein\ndiese Gliederung der Bewegung, die identisch\nist in dem materiellen Ablauf und der Musik;\ndie Rhythmik musste für die Einzelausführung\nals die gemeinsame Wurzel in Musik und Hand-\nlung erkannt werden. William Wauer, der Re-\ngisseur, erfasste mit nicht zu übertreffender Si-\ncherheit diesen Punkt. Er liess die Pantomime\naus der Musik herauswachsen; ich wüsste keinen\nRegisseur, der mit so feinem Instinkt den Stil\ndes Stücks herausgehoben, besser geschaffen hätte.\nIm Einzelnen stellt sich der genetische Zusam-\nmenhang zwischen Musik, ursprünglichem Sze-\nnarium, Pantomime wie folgt: Waiden schrieb\nseine Musik nach dem ihm übergebenen Hand-\nlungsszenarium, einem blossen Gerüst, einem\nStoff, einem guten Stoff; seine Musik sah jede\nBewegung voraus; es war Sache des Regisseurs\noder Pantomimendichters, der Musik dies abzu-\nhören und das Gehörte plastisch, optisch zu ge-\nstalten. Es ist Wauer bis auf Reste glänzend ge-\nlungen. Seine eigene Charakteristik des Schnei-\nders, die des Lastträgers (Guido Herzfeld) hebe\nich besonders hervor. — Als einen Nachteil der\nAufführung empfand ich die Benutzung des Kla-\nviers; es ist einer differenzierenden Musik nicht\ngewachsen; das Theater verträgt eine derartig\ngleichbleibende Tonqualität nicht. Mögen spä-\ntere Aufführungen der Pantomime eine Orche-\nstrierung geben, die das Pathos dieses starken\nWerkes zu ganzer Erscheinung bringen.\nUraufführung am Kleinen Theater zu Berlin\nNoch einige Töne\nSeit Erscheinen der Nummer 66 dieser Wo-\nchenschrift haben sich noch einige „Musikkriti-\nker\" über meine Pantomime geäussert. Auch sie\nsollen der Vollständigkeit halber hier veröffent-\nlicht werden.\nFreisinnige Zeitung: Es scheint,\nals wenn das Mimodrama, um dessen Wieder-\nbelebung man sich seit einiger Zeit ebenso ei-\nfrig wie erfolglos bemüht, ohne umfangreichen\nMord und Totschlag nicht auskommen könnte.\n. . . Leider, oder soll man sagen glücklicher-\nweise, hat der Autor es nicht verstanden, diese\nKonjunktur auszunutzen. Er operierte mit den\nvier Toten derartig, dass das Publikum nicht\nerschauerte, sondern in Lachen ausbrach, und\ndass sich der Vorhang über einem ungewollten\nHeiterkeitssturm senkte. Das hinderte selbstver-\nständlich einen Teil der Zuschauer nicht, heftig\nzu klatschen und alles was an der Pantomime\nmitschuldig war, an die Rampe zu zitieren, dar-\nunter auch Herrn Herwarth Waiden, dessen\nebenso kindliche wie prätenziöse Musik nicht we-\nnig zu dem Lacherfolge beigetragen hatte, rit.\nDie Behauptung, von dem Heiterkeitssturm\nund dem Lacherfolg ist glatt erlogen. Wenn ein\nMusikreferent schon von Musik nichts versteht,\nsollte er es doch wenigstens unterlassen, tatsäch-\nliche Vorgänge gefälscht zu berichten. Im Ue-\nbrigen empfehle ich Herrn rit sich im Konver-\nsationslexikon Aufklärung über die Begriffe\nTragikomödie und Groteske zu verschaffen.\nDeutscher Reichsanzeiger: Zu\ndieser Pantomime hat Herwarth Waiden eine\nMusik geschrieben, die in ihrer Geschraubtheit\nund mit ihrer Sucht nach modernen Klangschat-\ntierungen recht wenig mit diesem kräftig zu-\npackenden alten Märchenstoff im Einklang steht.\nDafür ereiferten sich die Gemüter um so stürmi-\nscher, ob Herrn Wauer, der den rachsüchtigen\nSchneider spielte, oder Herrn Waiden für seine\nMusik mehr Anerkennung gebühre. Guido Herz-\nfeld spielte den Bettler mit drastischer Komik,\nRosa Valetti mimte die liebelüsterne Schneiders-\nfrau keck und gewandt.\nDeutsche Nachrichten: . . . Mit\n„Musik\" von . . . einem ders lieber hätte las-\nsen sollen. Alf.\nTägliche Rundschau: . . . Wobei\ndie Missvergnügten ihren Ingrimm besonders ge-\ngen die Musik des Herrn Herwarth Waiden rich-\nteten, der aber trotzdem von eifrigen Freunden\ngerufen wurde.\nDas nennt die Tägliche Rundschau Musik-\nkritik.\nNeue Preussische Kreuzzeitung:\nNoch unglaublicher aber ist es, dass die Zu-\nschauer einem so frivolen Scherz wie der Panto-\nmime Die Vier Toten der Fiametta, um dessen\nAutorschaft, wie man hört, ein Streit entbrannt\nist, und zu dem auf besagtem Klavier Geräu-\nsche vollführt wurden, die man beim besten Wil-\nlen nicht als Musik bezeichnen kann, noch Bei-\nfall spendet. A4. B. P.\nGermania : Ach, richtig, eine auf dem\nPrimabühnenflügel (Bechstein) heruntergeholzte\nMusik, die in ihrer inneren Schönheit wohl auch\nnur der Komponist Herwarth Waiden würdigen\nkann. Möge ihm Kraft und Gesundheit im rei-\nchen Masse verliehen sein, auf dass er uns noch\nweiter mit solchen Universal-Schweisstreibemitteln\nerfreue. E. K.\nSoll geschehen.\nHamburger Fremdenblatt: Auf-\ndringliche, durchaus talentlose Musik, die „mo-\ndern\" klingen soll, aber nichts anderes ist, als\neine gesuchte Folge von Misstönigkeiten. Für\nein gesundes Ohr eine Qual von unerträglicher\nPein. Es ist eigentlich unbegreiflich, dass ein\nMann von Geschmack und auch Geschick, wie\nes William Wauer zweifellos ist, etwas derarti-\nges überhaupt einem Publikum vorzuführen zu\nkönnen glaubt. J. C. Lusztig.\nDas ist die dritte Besprechung des tapferen\nHauptmanns mit dem gesunden normal gebilde-\nten Ohr.\nFrankfurter Zeitung: . . . Und\nder alte Stoff tat prächtige Wirkung, zumal Fräu-\nleine Valetti die Fiametta mit Temperament und\nAusdrucksfähigkeit darzustellen wusste. E. H.\nDer Verfasser der Kritik, Herr Ernst Heil-\nborn, Herausgeber des Literarischen Echos, kann\nmich offenbar ebensowenig leiden, wie sein ta-\nlentloserer Vorgänger Herr Josef Ettlinger. Herr\nEttlinger machte sich das Vergnügen, die Zeit-\nschriften, mit denen ich zu tun hatte, erst dann\nin seinem „objektiv aufzählenden\" Blatt zu zi-\ntieren, wenn ich mit diesen Zeitschriften nichts\nmehr zu tun hatte, und sie infolgedessen schlech-\nter geworden waren. Herr Heilborn bringt es\nfertig, über die Pantomime zu berichten, ohne\nauch nur die Tatsache zu erwähnen, dass eine\nMusik dazu gehört. Immerhin hat er sich auf\ndiese Weise eine Blamage erspart. Begriffen hätte\ner sie sicher nicht. Beim Tode Samuel Lublins-\nkis leistete er sich folgende Sätze: „Ein Mann\nist gestorben, der Zeit seines Lebens ein Fremd-\nling geblieben (ist aus poetischen Gründen aus-\ngelassen): Samuel Lublinski. Ein vierschrötiger\nGesell, in dem eine sehr zarte, höchst verletz-\nbare Seele wohnte, eine äusserlich unkultivierte\nErscheinung, ganz erfüllt von dem brennenden\nVerlangen . nach grosser Kultur. Wenigstens ist\ner mir so erschienen, wenn er mir, was wohl\ndes öfteren zutraf, in meinem Zimmer gegenüber-\nsass, ein beinahe unheimlicher Gast, von der\nZofe argwöhnisch eingelassen.\" Herr Heilborn\nhat eine Zofe. Das ist so ungeheuer poetisch,\ndass es nur von den fehlenden ist überboten\nwerden kann. Und dieser Autor, von dessen\nSensibilität die Zofe zeugt, besitzt nicht einmal\ndie Fähigkeit, eine äussere Erscheinung zu se-\nhen. Das Kennzeichen des Journalisten: Aeus-\nsere Eindrücke falsch wiederzugeben, und inne-\nre nicht zu besitzen. Wer in der äusserlich ab-\nsolut korrekt bürgerlichen Erscheinung meines\nFreundes Lublinski einen vierschrötigen Gesellen\nerblicken konnte, vor der gar eine Zofe argwöh-\nnisch zurückschrickt, der muss soviel Poesie im\nLeibe haben, wie seiner Psyche an Geschmack\nfehlt. Von Takt garnicht zu reden. Man wird\nmir nachfühlen können, wie glücklich ich bin,\ndass mir die Taktlosigkeit der Musikbesprechung\ndieses Herrn Heilborn auch nur im Echo ver-\nsagt blieb.\n❖\nSollte ich irgend eine bisher erschiene Kri-\ntik nicht zitiert haben, so kann ich dem Leser\ndie Versicherung geben, dass sie mindestens eben-\nso ungünstig und albern ausgefallen ist. Man\nhat mich absolut so „vernichtet\", dass ich auflebe.\nDie Einmütigkeit imponiert mir. Sie halten fest"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "533", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.3", "texte": "und treu zusammen, eine Kette. Leider aus Tal-\nmi. Ich brauche mich nicht einmal zu recken,\nschon liegt der Schwindel zu meinen Füssen.\nAber ich bin gutmütig. Ich werde nicht darauf\ntreten meine Herren.\nH. W.\nDie Aufführung\nAuch die Kritik der Aufführung selbst in\nder Tagespresse ist vollständig falsch und unzu-\nlänglich. Die Spielzeit des Werkes dauert fünf-\nunddreissig Minuten und fast dreihundert Stun-\nden sind an ihrer Darstellung auf der Bühne\nverwandt worden. Ich identifiziere mich mit ihr\nvollständig und man wird mir glauben, dass\nich meinem eigenen Werk gegenüber die grössten\nAnsprüche an Sensibilität und Gestaltung stelle.\nWilliam Wauer ist ohne Zweifel die stärk-\nste Regiebegabung der Gegenwart. Seine Lei-\nstung in dieser Pantomime bedeutet künstlerisch\ndasselbe wie ein Gedicht der Lasker-Schü-\n1e r oder eine Seite Prosa des Karl Kraus.\nMit anderen Worten: Jede Bewegung, jede\nGebärde, jeder Ausdruck, beruht auf Notwendig-\nkeit und ist gestaltetes Leben. Wauer benutzt\njede Bewegung, jede Gebärde, jeden Ausdruck,\nin seiner ursprünglichen Form, er übernimmt\nnicht Ausdruckskomplexe, verwendet keine The-\natercliches. Vielmehr erkennt er jede Bewegung,\njede Gebärde, jeden Ausdruck in seinem Ur-\nwert. Er entschablonisiert. Wenn bei ihm je-\nmand die Hand auf das Herz legt, so geschieht\nes so, wie diese Bewegung zum ersten Mal\nausgeführt wurde. Sie hat die Intensität des er-\nsten Erlebnisses. Kein Darsteller geht bei ihm\nauf der Bühne spazieren. Jeder Schritt bedeu-\ntet eine künstlerische Lebensäusserung. Jede\nGebärde, jeder Ausdruck eine Umsetzung des\nPsychischen in das Körperliche. Das Resultat\ndieser Arbeit Wauers wirkt so selbstverständ-\nlich, dass nicht die geringste Spur einer Arbeit\nübrig bleibt. Jedes vollkommene Kunstwerk bil-\ndet, wie ich zum tausendsten Male wiederhole,\neinen in sich abgeschlossenen, lebendigen Orga-\nnismus. Das Erzeugte steht herrlich, selbstherr-\nlich neben seinem Zeuger. Man weise mir eine\nTheatervorstellung nach, an der nicht noch die\nplumpen oder zarten Handgriffe des Regisseurs\neingedrückt scheinen. Bei Wauer ist alles aus-\ngedrückt. Plastisch. Von der Monumentalität\nder Persönlichkeit. Otto Brahm hatte das\ngrosse Glück, grosse Schauspieler vorzufinden.\nSie lebten sich ineinander ein. Brahm gab mit\nihnen bald gute und noch häufiger schlechte\nStücke. Die Kunst Theater trat bei ihm nie in\nErscheinung. Die Plastik des Herrn Max Rein-\nhardt ist die des Herrn Begas: Nippes in hun-\ndertfacher Vergrösserung. Salonkunst. Die Ma-\nlerei des Herrn Reinhardt ist überflüssig. Denn\ndas Theater bleibt eine Kunst der Körperlich-\nkeit. Seine optische Wirkung beruht au£ plasti-\nscher und architektonischer Phantasie. Die Ma-\nlerei verhält sich zum Theater wie die Plastik\nzur Malerei. Herr Reinhardt verniedlichte mit\nseiner Aufführung von Sumurun die Verniedli-\nchung eines orientalischen Themas. Wauer ent-\nniedlichte die traditionelle italienische Stilkomö-\ndie. Er gab ihren Gestalten, dem Pierrot, der\nColombine, dem Harlekin, den Urwert wieder,\nund liess so die Wirkung dieser Typen begrei-\nfen. Die Kunst der Pantomime wurde wieder le-\nbendig, nach dem der Schutt der Tradition von\nihr weggeräumt war, und der starke Odem\neiner Persönlichkeit sie erweckte.\nDie Regie gibt dem Theater erst die Mög-\nlichkeit, ein organisches Kunstwerk entstehen zu\nlassen. Sie schaltet deshalb durchaus nicht die\neinzelne schauspielerische Leistung aus. Sie ord-\nnet sie nur zu Gunsten der Gesamtheit in Me-\nlodik, Rhythmik und Dynamik unter. Es kommt\nimmer noch darauf an, wer die erste Geige spielt.\nAber auch jedes Instrument ist im Orchester\nwichtig. Rosa Valetti gehört zu den we-\nnigen Schauspielern, die eine Persönlichkeit be-\nsitzen. Sie spielt in der Pantomime die Fiametta.\nMehr: Sie ist durchaus das Weib. Das\nwas ihr die Regie gibt, erwirbt sie und besitzt\nes. Jedes innere Erlebnis tritt körperlich in Er-\nscheinung. Nie werde ich den Bli k dieser Au-\ngen vergessen, wenn das Karnevalsmotiv er-\nklingt. Es erklingt nicht ausser ihr nur in der\nMusik, nicht nur in ihr (das wäre eine Privat-\nangelegenheit), ihr ganzer Körper ist das Mo-\ntiv und ihre Augen leuchten in dem Unbewuss-\nten, was die Töne entstehen liess und hinter\nihnen liegt. William Wauer spielt den Schnei-\nder, ihren Mann, den Mann. Er ist ganz\nVerkörperung des Bösen, des Feindlichen, das\ntrotz der beliebten Liebe zwischen den Geschlech-\ntern herrscht. Guido H e r z f e 1 d , der Bett-\nler, der Harlekin, gibt den andern Typus Mann.\nJenseits von Erotik, ein Ausführender, alles Ge-\nfühlsmässige zurückgedrängt, nur Erhaltungs-\ntrieb, sorglos besorgt um das, was man Leben\nnennt. Den drei Pierrots, den Liebhabern, Ge-\norg Runsky, Karl Müller-Malberg, Max Mack\nsei nachgerühmt, dass sie sich bescheiden konn-\nten. Dass sie das Episodische, was der Lieb-\nhaber für die Frau nur sein kann, nur als Epi-\nsode wirken Hessen. Dass sie zurücktraten, vor\ndem ewigen Lebens- und Todes-Kampf zwischen\nMann und Frau.\n\nH. W.\n\nDie höchste Tugend\nVon Sar Peladan\nNebo erhob sich zum Mönch gewandt.\n„Pater, denn ich glaube, dass der Ritter des\nGraals oder des Rosenkreuzes die Stimme im\nTempel erheben darf, es hat statt, dass du öffent-\nlich und für fast Alle die gleiche Frage auflö-\nsest. Du hast zwölf Sünder vor dir, Hurer oder\nEhebrecher, zwölf Männer, die, ohne verheiratet\nzu sein, lieben, zwölf Männer, nicht zu zeugen\nentschlossen.\n„Da dieses entsprechend der religiösen Rechts-\npflege zwei Todsünden sind, die den Zutritt zu\nden Sakramenten verriegeln, gehen wir alle hin,\num deine Antwort auf Knieen anzuhören. Es soll\nkeine schweigende Beichte sein, sondern eine Lö-\nsung kirchlicher Rechtsprechung.\"\nDer Mönch war nicht verwirrt als hätte er\ndiese Casuistik vorhergesehen.\n—„Mein Bruder, Hurerei und Ehebruch sind\nSünden, aber es handelt sich darum, die Ord-\nnung der Verbrechen zu wissen. Der dem Trie-\nbe oder der Perversität nachgiebt, der seelenlos\neine Sünde begeht, sündigt schwer, und der sich\nseinen Frevel überdenkt, sündigt boshaft. Bruta-\nlität, Perversität sind die beiden Pole des Bö-\nsen. Die eine wirft den Menschen auf die tiefste\nEntwicklungsstufe zurück, die andere verdirbt die\nZukunft unheilbar. Nun wohlan, es gibt hier\nweder Brutalität, da wir Eingeweihte sind, noch\nPerversität, da wir des guten Willens sind.\"\n„Brüder, der Geist des Bekenntnisses hat vier\nBedeutungen, er zwingt den Gläubigen, in die ei-\ngene Seele zu schauen und der eigene Richter zu\nwerden, er lässt ihn durch die Verdammnis die\neignen Fehltritte bedauern, die sie nach sich zie-\nhen, allein durch die Undankbarkeit, wenn mög-\nlich, durch die sie Zeugnis wider Gott leisten,\nder uns den Weg zur Vollkommenheit öffnet,\ndass Wir ihn begehen; er erlegt Genugtuung auf,\ndas heisst Handlungen des Guten entsprechend\nder Sünde, schliesslich den festen Vorsatz, das\nheisst den Entschluss besser zu werden.\"\n„Es bedeutet das nicht, dass ich Ihnen keine\nFragen vorlegen werde, weil ich Ihre Seelen\nkenne: das Sakrament will es nicht. Umstand\nEinzelheit der Sünde sind nur wichtig, wenn der\nBüssende nicht das Schwerwiegende seines Fal-\nles kennt. Denn da die Busse nichts weiter als\nSymbol ist, uncl keine Wirksamkeit ausübt, so\nist eine Untersuchung der Anschuldigung unstatt-\nhaft. Glaubt nicht ferner, dass ich mich als Eso-\nteriker aufführen oder mit Agnostikern mich strei-\nten will. Prüft eure Gewissen über diesen Punkt.\n„Ist es euer Wille oder das Schicksal, das\nsich dem Sakrament widersetzt?\n„Wenn es euer Wille ist, so seid ihr ver-\nflucht.\n„Wenn sich nur das Leben der Weihe eurer\nLiebe widersetzt, so werdet ihr die Absolution\nunter drei Bedingungen, von denen jede ent-\nscheidet, erhalten:\n„Mehrt eure Liebe das Leben des Ideals in\neuch und daher auch in ihr, das heisst seid ihr\nbesser, arbeitsamer, ergebener, harmonischer, ru-\nhiger, und heget ihr Fleiss, Frömmigkeit und die\nheiteren Tugenden?\n„Wenn Ja, so werdet ihr die Absolution er-\nhalten.\n„Wenn Nein, so seid ihr verflucht. Die Lei-\ndenschaft, die in uns das Leben des Ideals ver-\nringert, unterhält Trägheit und Unfrömmigkeit,\nverursacht Verwirrung und Missklang, ist böse.\n„Zum Zweiten, zahlt ihr auf eure Wollust\neinen Zehnten der Vervollkommnung an die Vor-\nsehung? Denn die Liebe der Geschöpfe ist nur\ndurch höhere Frömmigkeit gerechtfertigt. Es ist\nnotwendig, dass dies( beiden Wesen, die Einer\nfür den Anderen das ganze Weltall sind, sich\nihrem Schöpfer weihen.\n„Bringt ihr endlich in eurer Liebe den Wil-\nlen zur Vollkommenheit mit, wollt ihr, dass er\nschön wie eine Tugend sei, dass er selbst eure\nTugend werde?\n„Wenn Ja, so seid ihr absolviert, und mein\nWort kehrt nicht die Regel, diesen Degen, um,\nsondern die Routine, dieser Rost.\n„Liebt im Frieden, wenn ihr in Gott ein\neinziges Wesen liebt, ein anderes Ihr-Selbst an\nGeist, Seele und Fleisch, liebt unter den drei Ge-\nstalten, liebt im Frieden.\n„Gottes Gesetz ist keine Gemeinde-Polizei.\nIch gebe euch Sicherheit, dass solches Gottes\nGesetz vorschreibt.\"\nDer Mönch schritt zum Altar als Sin sich\nerhob.\n— „Pater, du hebst unsre Gewissenszweifel\nin dieser Stunde auf. Eine Frage knüpft sich\nan die meines Bruders Nebo. Man weigerte ihm\ndie Absolution, da er ausser der Ehe liebte, mir\nweigerte man sie, weil ich nicht zeugen will.\nIst Fortpflanzung Pflicht?\"\n— „Nein\" sagte der Mönch, denn der heilige\nPaulus ermächtigt die Ehegatten, Enthaltsamkeit\nzu bewahren, wenn das Einverständnis wechsel-\nseitig ist, wo inbegriffen ist, dass das Ziel der\nEhe nicht Fortpflanzung ist.\n„Die aus dem Geiste zeugen, sollen nicht\nentsprechend dem Körper zeugen, und ich be-\ndarf wohl keiner Erläuterung über die im Sym-\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "534", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.4", "texte": "posion enthaltene platonische Offenbarung der\nwahren Ehe der Eingeweihten.\n— „Was dem Beichtiger antworten?\" fragte\nSin.\n— „Dass er nicht dazu befugt ist,\" erklärte\nder Mönch. Der Beichtiger kennt nur das Aeus-\nsere, das heisst die Wahrheit. Das Uebrige kommt\nihm nicht zu, wofern man nicht seinen Rat ein-\nholt. Von welchem Wert kann diese psychiatri-\nsche Konsultation weniger Minuten sein? Von\ngar keinem. Die Einzelheit und der Umstand\nsind die Geissei des Beichtstuhls, alle Inquisiti-\nons-Gewohnheiten. Der Priester erhält die Ge-\nständnisse, er darf sie weder erzwingen noch\nergraben.\n„Was jene Theorie vom Rekruten-Bureau über\ndie Nötigung zu erzeugen, betrifft, so hat sie\nin einer Eselli der Uebersetzung ihre Wurzel.\nEinen bildlichen Ausdruck, der „entwickelt euch\"\nsagt, hat man mit „vervielfältigen\" übersetzt,\nund in der Tat angewendet scheint er bei den\nVerbrechen jener Völker, die zahlreich sein wol-\nlen, um die anderen besser zu vertilgen. Für\nKatholiken wie wir sind, hat die jüdische Thora\nweniger Wert als Manus Gesetze oder die gol-\ndenen Verse. Vergesst nicht, dass ein Kind für\nein Hirtenvolk, einen Landmann, ein Element\ndes Reichtums ist, Arme, daher ein Mehr; aber\nes ist ein unsinniger Irrtum, im städtischen Le-\nben das gleiche anzupreisen wie für Nomaden\nund Hirten.\"\nJetzt kamen sie einer nach dem Anderen,\nOurnah zuerst, Hon zuletzt, um vor dem Mönch\nzu knieen, der wie bei einer päpstlichen Beichte\naufrecht blieb.\n\nSchluss folgt\n\nDem Barbaren\nElse Lasker-Schüler\nIch liege in den Nächten\nAuf detinem Angesicht.\nAuf deines Leibes Steppe\nPflanze ich Cedern und Mandelbäume.\nIch wühle in deiner Brust unermüdlich\nNach den goldenen Freuden Pharaos.\nAber deine Lippen sind schwer,\nMeine Wunder erlösen sie nicht.\nHebe doch deine Schneehimmel\nVon meiner Seele —\nDeine diamantnen Träume\nSchneiden meine Adern auf.\nIch bin Joseph und trage einen süssen Gürtel\nUm meine bunte Haut.\nDich beglückt das erschrockene Rauschen\nMeiner Muscheln.\nAber mein Herz lässt keine Meere mehr ein.\nö dui !\nMein Herz heult schon über deine rauhen Ebenen\nUnd verscheucht meine seligen Sterne.\n\nBerliner Sezession 1911\nIII\nVon Walter Heymann\n„Ich glaube an die absolute Not-\nwendigkeit einer neuen Kunst der Farbe\nnnd der Zeichnung, sowie des ganzen\nkünstlerischen Lebens.\"\nVincent van Gogh\nFerdinand Ho d ler schlägt mit einer\nWand voller Bilder alle Gemälde der Sezession.\nWir erleben das nicht zum ersten Male. Umso-\nmehr ist es Zeit, nach dem Warum zu fragen,\nda die Ausstellung in Frankfurt a. M. bevor-\nsteht, in der die Summe seines Schaffens gezeigt\nwerden soll. Das Resultat ist dazu angetan,\nnachdenklich zu stimmen. Hodler ähnelt den Be-\nsten seiner Zeit in dem Bemühen, in dem oft\nmit Pedanterie und manchmal auf Kosten künst-\nlerisch-sinnlichen Genusses augenfälligen Bemü-\nhen, kein Mittel ohne Zweck, kein Mittel als Be-\nstandteil ungeprüft zu verwenden. Im übrigen\nsteht er für sich als Aussenseiter. Bei jedem an-\ndern, der auf den Ehrentitel eines Malers An-\nspruch hat, ist schliesslich wie anfänglich ein\nErlebnis in malerischen Werten das, was den\nWillen bestimmt, sein im Was und Wie farbig-\nsinnliches Ziel. Hodler malt wie Tolstoi\nRomane schrieb — ohne im übrigen vergleichen\nzu wollen — mit einer Tendenz, die dem Sin-\nnenwesen, der Kunst zunächst feindselig gegen-\nübersteht, ihm nur eine dienende Rolle zu-\nerkennen will. Seine sinnlichen Ausdrucksmittel\nsind überwiegend linearer Natur, seine Linie ist\nwieder beherrscht von der Abstraktion. Er ist\nsozusagen zwiefach Künstler: einmal, weil in\nseiner Gedanklichkeit das triebhaft starke Wollen\nals ordnender Wille siegt — zum Zweck der\nOffenbarung seiner Weltanschauung. Zweitens,\nweil sein gedankliches Mittel, die Linie, völlig\nzum Ausdruck dient. Wir müssen hier über das\nWesen der Linie nachdenken. Von Anbeginn ist\nsie eine Fiktion, wie die Punkte, die sie durch-\nläuft Ihrer einfachen Natur entsprechend muss\nsie sich gefallen lassen, als Mittel ohne charak-\nteristische Eigentümlichkeit zu dienen, der Ma-\nler lässt sie im Bild untergehen, soweit sie nicht\nsein gedankliches Element ist. In der Kompo-\nsition etwa — die in Flächen lebt — denkt\ner sie nur indirekt mit. Wichtiger ist sie bei\nGemälden von grosser und sich stark verteilen-\nder Richtungseinheit, wo wir von Struktur re-\nden. Gedankliches Element kann aber die Linie\nvor allem als umrissgebende sein, als Kontur.\nWir glauben ja im Leben an Menschen und\nDingen Konturen zu sehen, so prägen jene sich\nuns erst recht ein, vor allem in der Kontur des\nSchattenrisses — etwa wenn ein Haus sich ge-\ngen den „Himmel\" oder das Nachbarhaus ab-\nhebt. Man muss erst sehen gelernt haben, um\nzu wissen, dass es keine Konturen gibt, und\ndass der Maler ihrer entraten kann in seiner\nWelt einander treffender farbiger Wirkungsele-\nmente. Die Linie führt aber — sehr anständig\nfür eine Fiktion — noch eine Art Eigenexistenz.\nSie betrachtet sich — sie soll auch betrachtet\nwerden —, nachdem sie ihre Scheinehe mit der\nWirklichkeit, die sie zu unsern Gunsten einging,\ngelöst hat, als frei, sie hat noch Erinnerungen\nan die Verbindung behalten, entfernt sich aber\nsystematisch von der Wirklichkeit. Selbst ihre\nBeziehungen zum Raum — Perspektive — und\nzur Fläche — gewisse mathematische Raum-\nschneidungen, die Pechstein sehr und Corinth\ngarnicht liebt — sind ihr nur mehr wie Lieb-\nschaften wert, obwohl verwandte Seiten ihrer An-\nläge dadurch bestärkt wurden. Nun, jetzt\nlebt sie ganz sich, spielt bestenfalls mit ihren\nErinnerungen, parodiert sie, um schliesslich ihrem\nrein geschlechtlichen Selbst, einer spielerischen\nArt fiktiver Natürlichkeit zu verfallen, was man\nmit ornamental bezeichnet. Das einzelne Orna-\nment geht noch sehr ernsthaft auf das Wichtig-\nste einer Erscheinung; es verliert aber gewöhn-\nlich unter gleichartigen, in regelmässigen Inter-\nvallen auftretenden seine Wucht. Die ornamenta-\nle Linie als Linie ist demnach bloss spielerisch.\nOrnamental also ist dies einsame Weibchen:\nZickzack und Parallele, Spirale und Kreislinie —\nsie begibt sich in Vereine, schMesst sich Bewe-\ngungen an, wird das Gefühl, Bewegung zu sein,\nselbst in starrem Ruhezustand hingestreckter lang-\nweiliger Bewegung nicht mehr los. Sie hat wirk-\nlich eine enorme Teilnahmefähigkeit, es zeigt sich,\nwieviel in ihr geschlummert hat. Und auf ein-\nmal kam ein Mensch, der sie verstand, der ihr\nUngeahntes in einem menschlich malerischen\nSystem — denn ohne Pedanterie konnte eine so la-\nbiale Erscheinung weder menschlich noch male-\nrisch wertvoll werden — sah, rettete, erhöhte,\nder aus der Linie, einer kleinen Fiktion, das\ngrosse, durch Liebe des Schöpfers verklärte Ele-\nment einer neuen annoch namenlosen Kunst-\ngattung machte. Das war FerdinandHod-\nler. Er wollte die Linie unter möglichster\nWahrung ihres eigentümlichen Wesens wieder\nfür die Wirklichkeit gewinnen, freilich für die\nWirklichkeit, die ihm einleuchtete. Er liess also\nwohl der Linie die Beweglichkeit und auch ihren\nschematischen, sich in gewissen Intervallen äus-\nsernden ornamentalen Flang. Ja, er hatte sogar\neine höchst eigentümliche Auffassung, er empfand\nim Schema schon die Andeutung eines Systems\n— weil ihm die Linie eben so sehr viel bedeute-\nte. Sie schien ihm als Kontur neben der Beweg-\nlichkeit vor allem die Ausdrucksfähigkeit zu be-\nsitzen. Was sich im Naturvorbild als typische\ncharakteristische Anlage und Erscheinung, Sin-\nnesmerkmal, mimische Bewegung äussert, zeich-\nnet sich dort gleichsam konturiert gegen die Um-\ngebung ab. Er verklärt es, gab es konzentrier-\nter, gedanklich abgezogen in seinen farbigen Li-\nnien, die sich gegen die Luft — und sei es nur\neine unbefreiende, künstlich getönte — abzeich-\nneten, wie die Umrisse von Statuen gegen Hin-\ntergründe. In dieser Art der Raumwirkung hatte\ner noch Vorbilder, nicht aber in weiteren. Hod-\nler empfand überhaupt das Gleichartige in der\nErscheinungswelt als das wahrhaft Grossartige.\nNicht die Verschiedenheit der Blätter eines Bau-\nmes, sondern höchstens die neben der Gleichar-\ntigkeit und durch diese erst zur Hervorhebung\ngebrachte Verschiedenheit zog ihn an — in je-\ndem Fall, mochte es sich um Blätter, Bäume,\nBerge oder Menschen handeln. Bei der Betrach-\ntung des Menschen zerlegte er ihn geradezu nach\nder Symmetrie. Und er baute Gruppen oder\nhäufiger Ketten, Reihen von Formen und Ge-\nstalten auf, die er nicht nur im äussern einander\nähnlich, nicht nur auch in der ähnlichen Aeusse-\nrung einer verwandten Empfindung zeigte —\n(den Ausdruck solcher linearen Gleichartigkeit\nnannte er Parallelismus) —, sondern er brachte\ndie Liniengestaltungen, die in sich wohlpropor-\ntioniert und von einheitlicher Richtung waren,\nnoch in Eurythmie, das ist in Geschlossenheit der\nOrdnung nach der Mitte hin, Abgeschlossenheit\nnach aussen. (Vergleiche Ferdinand Hodler von\nArthur Wreese, Verlag A. Francke Bern.) Im-\nmer wird das Abweichende einer Bewegungskur-\nve von der Geraden verdeutlicht, manchmal sind\nin den Gemälden Spuren eines Netzes, eines „Fi-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "535", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.5", "texte": "lets\" deutlich, so dass man sich an die Glas-\nmalerei erinnert fühlt. Auch darin sind sie ihr\nverwandt, dass die verwendeten Farben nicht\nwirklichkeitsgetreu werden dürfen. In der selb-\nständigen Bedeutung der Linie als Ausdrucks-\nkraft entzieht sich Hodlers Kunst der glasmale-\nrisehen Darstellung. So expressive und solcher\nZartheit fähigen Konturen — wie wären sie im\nBleiguss möglich!—hat es vielleicht seit Dürer\nnicht gegeben. Die Farbe ist ihm durchaus se-\nkundär, Unterstützung, mehr gefühlsmässige und\nrhythmische Ergänzung — das Gedankliche bleibt\nin der Linie, in der Form. Hodlers Methode —\nes ist töricht, hier von Manier zu reden — hat\ngrosse Schwächen. Sie ist nicht bloss um all\ndas freiwillig zu arm, was die andern haben;\nsie wirkt bald zu theoretisieren'd unfroh, bald\nzu pedantisch exemplehaft. Sie triumphiert am\ntoten gewordenen Ding — die diesjährigen Land-\nschaften zeigen das; das Bild einer im Sterben,\nvor dem Berg dieser Bettdecke Bedrückten und\ndas Bild dieser ilachen Toten sind so auf das\nLeben der Sache, der toten armen Form stili-\nsiert Reicheres Leben — auch malerisch — blüht\nin der „Gebirgslandschaft\". Bei der Darstellung\ndes lebendigen Menschen, des Einzeltypus ist\nHodler am fesselndsten. Keiner kann Bewegungen\nvon Massen in solcher Ordnung und Ausdrucks-\nkraft geben —, wofür ja der „Auszug\" der\nPreussischen Freischaren 1813\" als Werk wuch-\ntiger Sachlichkeit heute weltberühmt ist. Keiner\nhat uns die grundverschiedene männliche und\nweibliche Natur besser gezeigt als der Meister\nfeststehender und sich an der Arbeit freikämp-\nfender und abopfernder Männer, der Schöpfer her-\nber Frauen, die in Bewegung lebend, von Emp-\nfindung niedergezogen, sie in Bewegung aus-\nwirken müssen. Doch auch hier fasst er schliess-\nlich nicht viel mehr als das sinnlich Zuständ-\nliche, worüber keine schillernden Farben hin-\nwegtäuschen. Geht es nun gar um den Aus-\ndruck einer Empfindung, so sehen wir wohl den\nSeelenapparat, aber nicht deutlich genug die Aus-\nwirkung. Schon die pantomimischen Ausdrucks-\nmerkmale bestimmter Arten von Sinneserregung\n— zum Beispiel weiblicher Verzückung — sind\ngerade von seiner so weitgehend auf Individuali-\nsierung verzichtenden Technik nicht zu fassen.\nWir werden sie gar in den Bildern zum Thema\n„Empfindung\", wo eine Gestalt ein paar Mal\nals verschieden in verwandter Haltung, Geste,\nFarbe des Haares, Stellung und so weiter abge-\nwandelt wird, undeutbarer. Stets ein Ton, etwas\nvon Begleitung umwechselt, — gibt am deutlichsten\nnur das Gefühl: Endlosigkeit. Für mein\nfinden wird das Bezeichnende in den Zügen nicht\ndeutlicher, wenn einer sich tausendmal in paral-\nlelen Spiegeln sieht. Hier muss Hodler die\nze merken. Auch wie belebend es schon wirkt,\nwenn er in dem wundervollen dialogue intime\ndie Ahnung eines lebendigen Vorganges erweckt\n— die Aufhebung der Statik ist ein feiner Reiz.\nHodler ist heute ein reifer Mann. Er hätte das\nRecht, die selbstgezogenen Grenzen zu über-\nschreiten. Genie — sagt Kant, vor dessen Phi-\nlosophie ein Künstler wie dieser pessimistische\nDogmatiker nicht denkbar war und durch den\ner manchen Irrtum erkennen könnte — Genie\nist, was in der Geschichte der Zeit Epoche macht.\nAlso nicht bloss, was aus der Vergangenheit\neinen Sprung machte und in einem Felde blieb.\nNiemand ausser Rodin hat vielleicht heute eine\ngrössere Anwartschaft darauf, als Genie fortzu-\ngeben. Manchmal habe ich den heftigen Wunsch,\ndass Hodler eine Landschaft kennen lernt, die\nnoch weit mehr als sein heimisches Alpenland\nseinem Ich entspräche. Was würde ihm wohl\ndie Kurische Nehrung geben, das Dünenland,\ndessen Farben, das Sandgebirge, dessen Rhyth-\nmen nicht mindergewaltig und von grösserer Dä-\nmonie sind, als die im Alpengestein eingeker-\nkerten. Es gäbe ein Zusammentreffen von künst-\nlerischen Möglichkeiten in Schöpfer und Objekt,\ndas bedeutsam im höchsten Grade werden dürf-\nte. Liesse sich das je verwirklichen, so wäre\nvielleicht in der Entwicklung dieses Grossen und\ngerade von seiner Selbständigkeit die höchste\nWendung zu erwarten, die eintritt, wenn sich\nein solcher Mann in einer kongenialen Land-\nschaft bestätigt und mehr als bestätigt findet.\n\nSchluss folgt\n\nArmin Wassermann\nErnst Blass\nBis heute waren Rezitationsabende: ernst\nund heiter und so weiter. Der ernste Teil: eine\nVeranstaltung der Gruppe „Wandervogel\"; der\nheitre Teil: ein Pausenfüllsel für den the dansant\neines Tennisklubs. Der ernste Teil verhandelte\ndes Müllers Lust; der heitere die Mayers. Im\nernsten Teil sorgte der Douglas für ein gesun-\ndes Vergnügen; im heiteren Herr Edel für Ver-\ngnügen, zu gesund. Im ernsten Teil rief der\nVortragende „Husaren heraus!\"; nach dem heite-\nren riefen den Vortragenden die Buchmacher und\nHeiratsvermittler heraus. So war es. Dass sich\ndas berührte, lag eben im Zeitgeist, der auch\nsonst heiter auffiel. Und wenn die Seelenheimat\ndes Schneiders Wittstock der Acker war, so war\ndie korrespondierende seines Entdeckers Fritz\nEngel bestimmt die Ackerstrasse . . .\nIch konstatiere, dass Herr Armin Wasser-\nmann den ersten Rezitationsabend meines Le-\nbens veranstaltet hat, der in Betracht kommt.\nFrüher gab es Schauspieler, die Lyrik „darstell-\nten\" (noch die Durieux) — oder sie hatten al-\nberne Programms. Wassermann aber sprach\nStücke der wertvollsten Lyrik dieser Tage: Rilke,\nGeorge, die Lasker-Schüler. Ausserdem Prosa:\neine noch ungedruckte Novelle von Jacob Was-\nsermann, in der ein Eisenbahnbeamter ein Atten-\ntat auf einen Zug unternimmt, ein „bleicher Ver-\nbrecher\" im Sinne Zarathustras, den das Bild\neiner Tat eine Tat tun lässt und den das Bild\nder getanen Tat in den „Wahnsinn\" der Reue\njagt; in der für diesen Fall im einzelnen ein be-\nsonderer Ausdruck nicht gefunden ist. Nur dies:\nDer Verbrecher vor einem unter den Trümmern\ndes Zuges liegenden, sterbenden Mädchen, das\nsich nach einer Zärtlichkeit des (daneben stehen-\nden) Mannes totbebt —, ein Bild, das pikant . .\nund grossartig ist. Es gab ferner eine Novelle\ndes Herrn Heinrich Eduard Jacob, „Die Feuers-\nbrunst und die Liebenden\"; Durchdringung der\nSensation eines Brandes mit der Ermattung nach\n•stattgehabtem „Beilager\". Ich liebe solche Dar-\nstellungen . . (sonst gibt es hier in der Einzel-\nformung weniger Darstellung als Frisur; weni-\nger Druck als Annonce.)\nArmin Wassermann steht am höchsten als\nRilke-Rezitator. Strecken aus „Sturmnacht\" und\netwa die Worte „Wo warst du denn, Marie?\"\n— sind nahe der Vollendung. Sein Organ hat\ndies leise Hinhallende, sich dämpfend; ein schwe-\nbender Rufer ist es, wie in Abwesenheit. Darum\nmeistert es Rilke, — nicht Else Lasker-Schüler,\nweil bei dieser das Abwesende, noch der Tod,\neine Anwesenheit hat; beim (katholischen) Rilke\nklingt das Anwesende immer wie ausgeschlos-\nsen Ich muss es genauer sagen: Else Lasker-\nSchüler ist . . . eine Zungentänzerin; Rilke ein\nBauchredner. (Das könnte ich beweisen.)\nIch konstatiere, dass Wassermann den er-\nsten Rezitationsabend meines Lebens mit wert-\nvollem Programm gab und dass sein Rilke-Spre-\nchen etwas Wundervolles ist . . ~ aber ich wün-\nsche, auf den Geschmack gekommen, noch andre\nherbei; Leute, die Else Lasker-Schülers Art mei-\nsterten . Ich wünsche die, nie verlöschbaren,\nVerse erklingen zu hören:\n„Zwei kalte Totenaugen\nHätten mich nicht so gequält,\nWie deine Saphiraugen,\nDie beiden brennenden Märchen.\"\n— Es gab bis heute Hussiten-Mittage, möge\nes Lyrik-Abende geben!\n\nWir leben nicht im\nZeitalter der Qualität\nPaul Scheerbart\nDieser berühmte Satz stammt nicht von mir;\ner ist aber sehr bezeichnend für unsre Zeit. Um\nihn zu illustrieren, gebe ich Nachfolgendes „ge-\ndrucktes\" Schreiben zum Besten; es kam am\nzehnten Juni in meine Hände. Andre werdens\nauch erhalten haben. Es lautet:\nEuer Hochwohlgeboren\nbitte ich hiermit höflich Ihren Verleger freund-\nlichst veranlassen zu wollen, dass er mir Ihre\nHaupt-Werke in je einem gebundenen Exem-\nplar zur Würdigung in meiner noch in diesem\nJahre bei Rudolf Haupt in Leipzig im unge-\nfähren Umfange von 28 Druckbogen Lexikon-\nformat erscheinenden „Literaturgeschichte der\nletzten drei Jahrzehnte\" möglichst umgehend\neinsendet.\nHochachtungsvoll\nGymnasial-Oberlehrer Hermann Schilling\nBerlin S. 59, Hasenheide 77 pt.\nNun fragt man: von wem werden sich die\nVerleger in der „Zukunft\" die Literaturgeschich-\nten schreiben lassen? Ich empfehle als Autoren\ndie Milch jungen des Herrn Bolle. Herr Professor\nEduard Engel steht im übrigen ganz auf der\nHöhe des Herrn Schilling. Der Professor aber\nwollte meine Bücher nur „leihweise\" haben. Es\nwäre doch nötig, eine „Geschichte der Litera-\nturgeschichten\" zu schreiben.\n\nModernes Theater\n\nMusik wider Musik\nEiner der grossen englischen Meister malte\nBilder aus Liebe zur Musik. Mit dem Gelde,\ndas ihm seine Werke brachten, bezahlte er ein\nkleines Orchester. Um in Mussestunden Musi-\nker sein zu können, malte er Bilder von unver-\ngänglichem Werte. Und ein Berliner Kapellmei-\nster hat aus Liebe zur Musik eine Operette kom-\nponiert. Aus Liebe zur Kammermusik. Denn:\ndieser Mann — Schüler von Bruckner, stiehlt\nSich jede freie Minute ab, um Kammermusik\nzu spielen — sitzt Abend für Abend im Win-\ntergarten vor dressierten Seelöwen, spanischen\nTänzerinnen und falsch singenden Chansonet-\nten, und dirigiert Gassenhauer. Ist es ihm —\nwie jedem, der mit einem Fünkchen Kunst im"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "536", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.6", "texte": "Herzen in harter Fron schmachtet — nicht zu\ngönnen, dass ein Operettenerfolg ihm die Mit-\ntel verschafft, ganz seinen Neigungen zu le-\nben?\nNoch entheiligen die Mittel den Zweck. Um\nder guten, der edlen Musik leben zu können,\nkomponierte der inl harter Fron schmach-\ntende Brucknerschüler eine schlechte\nOperette, er steckte das morsche Holz, daraus\nman diese macht, mit dem Fünkchen Kunst, das\nin ihm glüht, in Brand.\nUnd weil „er den Schmiss eines Lehar und\ndie grosse Routine Leo Falls nicht hat, liess\ner sich den Weg von der Schablo-\nne weisen, die der Operette nach dem heu-\ntigen Geschmack ihr Gepräge gibt\". Aber auf\ndiesem Weg „den er mit Anstand wan-\ndelt, »schreibt er einen flüssigen Satz, und\nwissend, wie man einen Schlager macht, über-\nschreitet er niemals die Grenzen des gu-\nten Geschmack s\".\nUnd das Libretto, „das B u c h\", fand ein\nKollege Lusz t i g : „ganz amüsant. Nichts\nHimmelstürmendes, aber doch mit Logik und\nVerstand aufgebaut.\"\nDoch selbst das Neue Operetten-Theater war\ndavon nicht zu überzeugen, und schon acht Ta-\nge nach der Erstaufführung der Mache zu ed- '\nlerem Zwecke berichtete das B. T., dass die Ver-\nlagsgesellschaft „Harmonie\" im Einverständnis\nmit den Autoren Antrag gestellt hat: auf eine\njschleunige gerichtliche Verfügung, nach der\nDirektor Palfi die weitere Aufführung der Ope-\nrette untersagt werden soll. Und eine weitere\nKlage gegen ihn wurde eingeleitet: auf Auffüh-\nrung des Werkes in der richtigen Fassung. Aber\ner fasste die ganze Angelegenheit ernstlich „von\nder heiteren Seite\" auf und erklärte:\n„Dieselben Verleger, die heute behaupten,\nsie hätten mir wegen Aenderungen die Auf-\nführungen des „Ledigen Gatten\" untersagt,\nhaben mir, als sie von den durch mich vor-\ngenommenen Aenderungen erfuhren, einen Tan-\ntiemenanteil am Werk zugesprochen. Wenn\nein so guter Witz, wie dieses angebliche Ver-\nbot im Stück gewesen wäre, brauchte ich es\nnicht abzusetzen.\"\nPalfi hatte in der Operette keinen Witz ge-\nfunden, sie schien ihm geistlos und schlecht, sie\nmissfiel ihm sogar, aber er nahm schliesslich\nAenderungen an ihr vor und brachte sie zur\nAufführung. Unwillig. Doch ein lobbereiter\nRezensent, ein Wandale, zerriss die Zweifel des\nDirektors und grinste, allerdings verbindlich:\nsie sei ganz amüsant.\nNur Herrn Reinhardt der Zirkus\nLoeb Moritz meint in der B. Z. am Mit-\ntag:\n„Hagenbeck hofft mit seiner Tierschau in Ber-\nlin ein grosses Geschäft zu machen, was\nihm auch gewiss niemand verdenken wird. Je-\nder verdient gern viel Geld; ob man das Geld\nmit Zirkusaufführungen von Shakespearedramen\noder mit der Vorführung wilder Tiere verdient,\ndas hängt lediglich von dem Geschäftszweig ab,\ndem man sich zugewandt hat.\"\nZirkusaufführungen griechischer Dichter sind\nauch kein schlechtes Geschäft. Doch eben da-\nrum muss eine Reinhardtsche Konkurrenz „aus\nder Manege\" geschlagen werden. Die demokra-\ntische Presse erklärt jeden vorweg für moralisch\ninsolvent, der wie Reinhardt mit Theaterauffüh-\nrungen im Zirkus spekulieren will. Nur Rein-\nhardt soll das Recht und die Ehre zustehn, der\nWürde und den Gesetzen der Kunst zu schmä-\nhen. Nach Ferdinand Bonns Shakespeareaus-\nschlachtung hat die Literarische Gesellschaft die\nOrestie des Aeschylos in der Manege auf Neu\ngearbeitet. Aber der Blätterwald rauscht empört\ngegen den Theaterbusch. Diesmal lässt sich die\nPresse keinen geharkten Sand in die Augen streu-\nen. Sie nahm sogar die Peitsche des abgegrif-\nfenen Spottes in die Hand und liess sie um die\nOhren eines Gelehrten knallen, den der „pro-\npagandistische Sfinn\" der Literarischen Gesell-\nschaft in die Manege herabgelockt hat.\nIm Tageblatt schwang sich V. A., ein neuer\nStern am Berliner Feuilletonhimmel, auf das Tra-\npez der Ueberlegenheit und spuckte so herunter:\n„. . . wurde man in den Zirkus Busch einge-\nladen, wo Professor Wilamowitz - Möl-\nlendorff vor den versammelten Schauspielern\neinen Vortrag über die Orestie des Aeschylos\nhalten sollte. Die Nachricht von diesem Vortrag\nwird ja wohl sonst noch verbreitet gewesen sein,\näber besonders elektrisierend scheint sie auf die\nMassen nicht gewirkt zu haben. Als ich einige\nMinuten nach vier Uhr in der Arena des Zirkus\nankam, fand ich dort als Zuschauer und Zu-\nhörer vor: einen Photographen, der an seinem\nApparat herumbastelte, einen Mann, der Säge-\nspäne streute, und einen kleinen Hund. Dieses\nAuditorium schien mir noch nicht zahlreich und\nvollständig genug, deshalb ging ich wieder fort\nund trank in einem der nahegelegenen Börsen-\ncafes, wo sonst wohl die Haute-Finance verkehrt,\neinen Schwarzen. Nach einer halben Stunde ging\nich in den Vortrag zurück und fand nun, dass\nsich die Zuhörerschaft doch immerhin etwas ver-\nmehrt hatte. Der Mann mit den Sägespänen war\nfortgegangen, dafür sass jetzt auf den Bänken\nein Vierteldutzend Personen, die, weil sie sich\num Fräulein Maria Mayer scharten, doch wohl\nwirklich Schauspieler sein mochten. Der kleine\nHund war noch da. Es war ein brauner Hund\nund schien mir jener Zirkushund zu sein, der\nbei besonders lustigen Nummern die Pferde in\nden Schwanz zu beissen hat. Er muss also ein\nsehr intelligenter Hund sein; aber ob diese seine\nIntelligenz ausreicht, einem Vortrag über Aeschy-\nlos ganz zu folgen, das ist doch wohl noch\nsehr die Frage.\n„Auf dem Teppich der Zirkusarena prome-\nhierte ein grosser, stattlicher, grauhaariger Herr,\nSe. Exzellenz der Wirkliche Geheime Oberregie-\nrungsrat Professor Dr. Ulrich v. Wilamowitz-\nMöllendorff. Einer der Grossen im Bezirke der\ndeutschen Wissenschaft, einer, bei dessen Wort\nalles auflauscht und alle Gelehrtenherzen höher\nschlagen. Wenn er der Universität einen Vortrag\nankündigt, vermag der grosse Hörsaal die Schar\nder Wissbegierigen nicht zu fassen; aber wenn\ner sich in die Welt des Theaters begibt, ist er\nein Unbekannter und sieht sich einem Dutzend\nZuhörer gegenüber.\"\nUnd zum Schluss noch eine aphoristische\nBauchwelle:\n„Einst war Reinhardt Möllendorffs Schüler.\nJetzt folgt Möllendorff errötend Reinhardts Spu-\nren. Die Welt dreht sich wieder um, immer\nwieder von neuem um. Und das Merkwürdige\nist nur das sie dabei eigentlich immer dieselbe\nbleibt.\"\nEs ist ein Weg der Ehre und des Ruhmes,\nden Reinhardt eingeschlagen hat, aber seinen\nSpuren zu folgen, soll selbst für einen Gelehrten\neine Schande sein.\n\nJ. A.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHER WARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterrei ch\nUngarn / I. V.: Oskar Kokoschka\n\nFockelj\n. ■\nHERAUSGEBER ■\n■\nKarl Kraus \"\n■\n■\nErscheint in zwangloser ■\nFolge ■\n■\n■\nNummer 324/325 ■\n■\nsoeben erschienen ■\na\nPreis 50 Pfennig ■\nOberall erhaltlich ■\n■\nWerbeband der Packet\n50 Pfennig u\nm\naaaaaaaasaaaaaaa\n\nL Effort\nHalbmonatsschrift\nfur moderne Kultur u. fran-\nzosische Sezession in den\nKiinsten undin derLiteratur\nHerausgeber und\n:: Schriftleiter ::\nJEAN RICHARD\nJahresbezug fur daa\nAusland: Mark 4.50\nZweiter Jahrgang\nYerlag und Redaktion:\nPOITIERS (Vienne)\nFrankreich\n\nLes Cahiersdu Centre\nMonatsschrift fiir Soziologie\nGeschichte, Kunst\nund Literatur\nGegriindet von Paul Cornu\nHerausgeber u. Schriftleiter\nHENRY BURIOT\nIn den Cahiers du Centre\nerschienen Werke von Jules\nRenard, Charles-Louis Phi-\nlippe, Marguerite Audoux,\nEmile Guillaumin, Romain\nRolland, Andre Spire, Henri\nBachelin, Valery Larbaud,\nRaymon Darsiles u. a. m.\nJahresbezug furs Ausland:\n4,80 M. (Luxusausg. 9,60 M.)\nProbeheft gegen Ein-\nsendung von 50 Pfg.\nVERLAG u. REDAKTION:\n16, Boulevard Chambonnet,\nMOULINS (Allier) Frankreich\n\nLes Horses\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzo-\nsische Original der Tage-\nbiicher Flauberts, deren\nUebertragung in Deutschland\nverboten vvurde.\nDie Hefte, die die Tage-\nbiicher Flauberts enthalten,\nsowie die iibrigen seitdem\nerschienenen Nummern sind\nvom Verlag der Zeitschrift\nLes Marges gegen Einsen-\ndung von sechs Francs direkt\nzu beziehen.\n\nDie Wasserkraft ;\nZentralblatt fiir Industrie, ®\nIngenieur- und Bauwesen, ®\nMotorbetrieb, Elektro-\ntechnik etc.\nOrgan des Verbandes mittel- fl\nund westdeutscher Wasser- g\nkraftbesitzer, des Verbandes g\ndeutscher Holzmehlfabriken g\nund elektrischer Wasserkraft- .\nzentralen.\nInserate finden in der Wasser- |\nkraft weiteste Verbreitung. — g\nGeschaftsstelle und Verlag .\nDuderstadt a. Harz. Vier- .\nteljahrspreis M. 1,25 bei freier J\nZustellung. — Die Herren '\nVerleger werden um Ein- B\nsendung ihrer Neuerschei- B\nnungen zur Besprechung ■\ngebeten. g\nProbenummern umsonst und B\nPostfrei durch die Geschafts- g\nstelle. g\nVertreter gesucht"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "537", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.7", "texte": "Neue Sezession\nGalerie Maximilian Ittacbt\nDritte Ausstellung\nBerlin SI. Rankc-Strasse 1\nan der Kaiser iHSjelm Gedacl>tnis-Klrcl)e"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "538", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110708-01.1.8", "texte": "Druck von Hermann Blanke's Buchdruckerei, Berlin C. 54, Kleine Rosenthalerstrasse 9.\n\na-s-iif ui»t.«g<nrm'-w»fw«uiigTari !aßi»a>'\"»ii\"mroW>ShmiM\nPrivatbeamte und Ange\nhorige der freien Berufe!\nSorget fur Eure Zukunft und die Eurer Familie\ndurch Anschluss an den zor Vertretung der wirtschaftlichen, so-\nzialen nod rechtlicheu Interessen der Privat-Beamten gegrundeten,\ndurch landesherrl. Verlelhung m. Korporationsrecht. ausgestattet.\nDEUTHIEI PBIfAT-BEAMTEX-VEIEiN 20 HiODEBDBG\nZirka 28 000 Mitglieder in zirka 500 Zweig-\nvereinen, Verwaltungsgruppen u. Zahlstellen.\nNeben Pensionskaase, Witwenkasse, Waisen-\nkasse, Begrabniskasse und Krankenkasse sehr\nwertvolle Wohifahrtseinrichtungen\nGesamtvermogen: Ueber 16 Millionen Mark\nHalbjahrL Beitr. 3 M.:: Man verl. 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Reichhaltiger Inhalt.\nAus der Praxis £iir die Praxis. Pro Halbjahr Mk. 2,50.\nDurch samtliche Buchhdlg. Oder direkt vom Yerlag Dr. Paul Abel, Leipzig 10\n\nHandelswissen- |7j»|af||» Mpctpp x • •\nschafil. Kurse von liivtll. Ivlvdlvi .Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder audi Kaufleute in fuhrender Stellung). Griindliche\nEini'iihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationelles\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herreii) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfiihrungs- und Bilanz-\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorbereiten wollen —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\nsolviert haben, wie fur\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen, Einjjlhrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfiir Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Oegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfiir Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fur Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Oesellschaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, Johaunlsplatz 5\n\ni DIE TAT\nWEGE ZU FREIEM\nMENSCHENTUM\nVIERTELjAHRL.M.2 MEFTM.O,BO\nEINE MONATSSCHRIFT\nHERAUSGEOEBEN VON\nERNST HORNEFFER\nVERL. DIE TAT LEIPZIG\n\n[EDMUND MEYER\nBuchhandJer und Antiquar\nSSSSSS BERLIN W 35 §§§§§§\nAnkauf einzelner Werke\nimd gfanzer Bibliotheken\nSoeben erschien: Katalog XVIII: Literatur\nGeschicUte, Kunstgeschichte, illustrierts\nWerke in deutscher, englischer, fran-\nzos. Sprache zu besonders billigen Preisen\nDemnSchsterscheint: Katalog XXI/Kunst-\nbliltter: PortrSts, Stadteansicliten, Berliner\nBlatter, Karrikaturen, Flugbiiitter, neuere\nund altere Genrebilder, Blatter von\nMenzel, Beardsley, Rops, Stammbucher\nSilhouetteu, Japanblatter ctc. etc.\nKatalo <re / gratis und franko /\nbitte direkt zu verlangen"}]}