{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-08-05-01", "volume": "bmtnabg_1911-08-05_01", "ocr_sha256": "616e6e9558954ec1c081a69a298517b8e298e61940834b893eac453e349d7661", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/08/05_01/bmtnabg_1911-08-05_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/08/05_01/bmtnabg_1911-08-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-05_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.1", "debut_caractere": 514, "fin_caractere_exclue": 790, "texte": "Inhalt:\nTRUaT: Die Kunst in Kneipe und Heim; / Die hehre Kneipe / Der Attrappenmeyer / OTTO STOESSL- Der Skeütiker / HIOT MAR\njda'»vom,taoex Der wn8er,ssene <Da «* m™ 'v»\nAussergewonmicne und das Typische / Doch es ist ein Trost / E. 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Und zwar der Würde entspre-\nchend mit Drommeten, Posaunen und Weihe.\nWochenlang Berichte über markige Wotane und\nüppige Brünhilden, verwunderte Ausrufe über\nsehnige Walküren, die durch die stillen Strassen\nBayreuths so ohne weiteres im schlichten Tailor-\nmade Kleid gehen, der grosse Siegfried, der al-\nles bezaubert, was sein Vater im Leben bekannt-\nlich unterliess, splendide Diners im Hause Wahn-\nfried unter Assistenz zahlreicher Koryphäen,\nSchmerzen der Musikkritiker, die hierzu nicht\ngeladen wurden, weil Cosima Wagner sie für\nReporter hielt, und der Sohn vorläufig leider\nschon auf der Bühne und nicht im Familienheim\nregiert — dann, o dann, wird kein Reporter mehr\nzu klagen haben, wenn des Sohnes Dinerstun-\nden kommen. Und die Berliner Musikkritiker\nwerden sich selbst kaum noch von den Repor-\ntern unterscheiden können. Eine einsame Träne\nan des Meisters Grab. Was will die einsame\nTräne? Sie wird eigens für den Stimmungsbe-\nricht geweint. Bayreuther Generalproben. Welch\nintime Reize . . . Nur die Alteingesessenen . . .\nNur die Freunde des Hauses . . . Siegfried Wag-\nner stellt noch schnell die letzten Nuancen fest. .\nund dann die herrliche Pause von einer Stunde,\ndie Wonnemaid verzehrt ohne weiteres eine Stulle,\nsie sitzt ohne weiteres auf dem Wolkensitz, sie\ntrinkt ohne weiteres Sekt glasweise und stämmige\nTransportarbeiter tragen ohne weiteres Pianinos\nrauf und runter. O Städte hehrster Pflege. Wer\nsich aber an ihr erquickt, „versäumt wohl auch\nnie auf dem Wege zum Alltag des Lebens, der\nnun doch einmal wieder beschritten werden muss,\njene Räume zu beachten, in denen noch eine Weile\ndie hohe Stimmung fortfibriert\". Die Stimmung\nvibriert fort in einer hehren Kneipe. Sie heisst\ndie „Eule\". In ihr „kommen die Künstler und\nFreunde der Bayreuther Kunst und last not le-\nast — (man sollte es nicht für möglich halten)\n— und last not least Siegfried Wagner selbst\nzusammen, um in gehobener Freude und auch\nLustigkeit den Uebergang zu finden, von der\nWucht empfangener Eindrücke zur notwendigen\nForderung des realen Lebens\". Was in unserer ge-\nliebtes Deutsch übertragen heisst: die Herren ha-\nben Durscht und wollen mindestens trinken.\n„Und wie dieser Uebergang geschaffen wird, man\nmuss es sagen, nirgends wohl in der Welt dürfte\nmit solchem Takt die Brücke vom Weihevollen\nzum Gegensätzlichen so geschlagen werden.\" Mit\nsolchem Takt schlägt Siegfried Wagner die Brücke\nvon Walhalla zum Herrenabend. Denn „und da\ngebührt in allererster Linie Siegfried Wagner\nselbst der Dank; denn die Art, wie er sich gibt,\nwie er mit anmutiger Heiterkeit den Ton an-\nstimmt zu all der harmonischen Freude, macht\nsie jedem, der diese Stunden ganoss, zu unver-\ngesslichen\". Lebensfreude. Diese sinnigen Betrach-\ntungen führt ein Herr, ein Musikkritiker, mit\nWeihe, man muss es sagen, in der Unterhal-\ntungsbeilage des Lokalanzeigers aus. Aber da-\nmit nicht genug, er kann es sich nicht nehmen\nlassen, aus dem Stammbuch der hehren Kneipe\nflüchtig „hingeworfenen Gedanken wiederzugeben,\ndie der dithyrambischen Stimmung der weihevol-\nlen Stunden entflossen sind.\" Einen Bierverleger\nher, der sie druckt. Erst wieder die einsame\nTräne: „Wehmutsvoll lesen wir Namen ...\"\nEs sind seit 1876 nämlich verschiedene Mitwir-\nkende schon verstorben. Sie haben alle ge-\ndichtet. Aber viele leben noch heute und dichten.\nDa ist zum Beispiel ein Herrn Gustav Gampel\naus Appenzell. Er, der Musikkritiker, schreibt es.\nWeihe — also Mut, Herr Gampel aus Appenzell\n„bekennt\":\n„Aus deiner Kunst erblüht mir Allvergessen,\nund in den reinsten Stunden eingedenken\nkann ich nur deiner, Grösster aller Meister:\nRichard Wagner.\"\nGarnicht übel, der Herr Gustav Gampel aus\nAppenzell. Namentlich wenn man bedenkt, dass\ner seine reinsten Stunden bei ff. Lagerbier er-\nlebt, und offenbar Richard Wagner für dessen\nVerfasser hält. Das Allvergessen kann er sicher\nnur „beim Biere\" erlebt haben. Aber es kommt\nnoch schöner: da ist der vortreffliche Wiener\nMusikkritiker Herr Ludwig Karpath, Redakteur des\nNeuen Wiener Tageblatts, Verfasser des Buchs Sieg-\nfried Wagner als Mensch und Künstler (Sieg-\nfried), Einführer in Siegfried Wagners Opern,\nVerfasser der Schrift zu den Briefen Richard\nWagners an die Putzmacherin Bertha und aus-\nserdem 1866 zu Budapest geboren. Also ein\nMann, der über Siegfried Bescheid wissen muss.\nUnd der uns, uns, in einem Srammbuchvers end-\ngültiges über seinen Meister bekennt:\n„. . . Heil allen, die vom Bau sind und nicht\naus Snobiamus hierherkommen. Heil, Siegfried\nWagner, unserm Stolz, unsere Hoffnung, dem\ntrinkkräftig edlen Förderer dieser Künstlerkneipe.\"\nAlso endlich. Herr Karpath bekennt. Fluch\ndenen, die aus Snobismus in die hehre Kneipe\nkommen, Heil Siefried, ihrem edlen Förderer. Er\nhat also doch einen Beruf, den er nicht verfehlt\nhat. Die Presse, vertreten durch Herrn Karpath,\nbestätigt es. Und was glaubt man, setzt „der ge-\nnialste Mime Bayreuths darunter?\" Nämlich un-\nter Karpaths Bekenntnis. Herr Hans Breuer\nschreibt ganz unbayreuthisch darunter: „Bravo!\"\nDas ist genial, dieser Ausspruch durfte den Le-\nsern der Unterhaltungsbeilage auf keinen Fall un-\nterschlagen werden. Wieviel Anerkennung liegt\nin diesem einzigen Wort. Er, dem es aus unge-\nzählten Mäulern zugerufen wurde, gibt es ein-\nfach wieder und lässt es unentschieden, ob sein\nBeifall dem Förderer oder dem Bekenner gilt.\nViele Bayreuther Künstlers sind überhaupt im\nZweifel, ob sie der Kunst oder dem Bier dem\nVorzug geben sollen. Ein „Doktor\" meint:\n„Heia! Wie schmeckt mir nach Nibelheims Nebel\nder Trank,\nBayreuth, herrliches Bayreuth, dir gilt mein be-\ngeisterter Sang!\"\nEine junge Dame, sagen wir, singt:\n„Zwangvolle Plage,\nMüh' ohne Zweck,\nWas nutzt mir die Klage,\nMein Bräut'gam ist weg.\"\nWelch intime Reize . . . nur die Freunde\nwagnerischer Kunst ... die Städte hehrster\nPflege ... die einsame Träne . . .\nDer „Schreiber dieser Zeilen\", der uns, uns,\nalles dieses wonnig übermittelt hat, durfte das\nStammbuch natürlich auch nicht an sich vorbei-\ngehen lassen und schrieb hinein:\nZum siebenten Male letzt es mich heut',\nDoch nicht zum letzten Male — Bayreuth.\nEs wird fortgesoffen. Mit Weihe.\n* * *\nDas sind die Eindrücke deutscher Musikkri-\ntiker und Künstler von Richard Wagner und von\nder Kunst. Wes der Magen voll ist, des läuft\nder Mund über. Aber, meine Herren, lassen sie\nbei der Schweinerei die Kunst beiseite. Sie ist\nzwar nicht hehr. Aber heilig!\nDer Attrappenmeyer\nRichard M. Meyer, Professor an der Uni-\nversität der Stadt Berlin, tut jetzt des öfteren im\nBerliner Tageblatt bedeutend den Mund auf.\nNachdem ihm verschiedene Versuche auf dem\nGebiet der Literaturgeschichte völlig missglückt\nsind, tritt er als Schwerenöter für die angewandte\nKunst ein. Er fordert das Recht der Attrappe.\nIhm ist das Leben nicht schön genug, und er\nfordert, dass die Phantasie, die ihm fehlt, wieder\nauf Buchschmuck und Möbelgestaltung ange-\nwandt werde. Das Gewerbe wird ihm zu puri-\ntanisch Nachdem durch die Initative von Adolf\nLoos die besseren Menschen im Laufe des letz-\nten Jahrzehnts es allmählich als peinlich empfin-\nden gelernt haben, sich auf Kunst zu setzen, aus\nKunst zu essen und zu trinken, in Kunst zu\nschlafen, entdeckt Herr Professor Meyer, wie leicht\ner sich eine in ihm nicht vorhandene Phantasie\nbeschaffen könne. Er kauft sich einfach ange-\nwandte Kunst, phantasievolle Gebrauchsgegen-\nstände. Ein Leben in Schönheit. Warum, fragt\nHerr Meyer, darf man dem, der auf den Römer\nfür den Rheinwein Gewicht legt, es verbieten,\ndass das ganze Trinkzimmer in die Blütezeit des\ntrinkfesten Deutschtums herübermothamorphosiert\nwerde? Warum, frage ich, vergessen dann die\nHerren Meyer, die auf den Römer ihr ganzes\nGewicht legen, nicht nur das ganze Trinkzim-\nmer, nein auch ihre Kleidung und sich selbst in\ndie Blütezeit des trinkfesten Deutschtums herü-\nberzutransportieren? Umsomehr, als der Attrap-\npenmeyer der Phantasie nicht verwehren will\n„eine ganze Existenz freundlich umzustilisieren\".\nNur keine Viertelheiten. Man soll, sagt Herr\nMeyer, dem Diener nicht das Recht versagen,\nseine Livree zu schmücken. Man soll, sageich,\nden Herrn Professor nicht die geschmückte Liv-\nree versagen, auf die er seine ganze Existenz\nfreundlich umstilisieren kann. Und mit den At-\ntrappen seines Geistes versorge er in Zukunft die\nBlütezeit des trinkfesten Deutschtums. Igitur.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-05_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "564", "page_fin": "566", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.2.4", "titre_corps": "Der Skeptiker", "titre_sommaire": "Der Skeptiker", "signature_source": "Otto Stoessl", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "564", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.2", "debut_caractere": 8386, "fin_caractere_exclue": 9612, "texte": "Der Skeptiker\nVon Otto Stoessl\nNach einem Spruche Goethes antwortet je-\ndem Alter des Menschen eine gewisse Philoso-\nphie . . . „Ein Skeptiker zu werden hat der\nMensch alle Ursache ...\" Der Name des Skep-\ntikers greift einen, allerdings bestimmenden Zug,\ndas Zweifeln, aus der Summe von seelischen und\nphysischen Anzeichen heraus, die das Wesen die-\nser Denk- und Lebensrichtung, den Inhalt und\ndie Stimmung ihres Ausdruckes ausmachen, aber\nder Name erschöpft nicht die Fülle ihrer Aeus-\nserung. Aus der männlichen Natur des Skepti-\nkers ist allein seine Gestalt, sein Schicksal, Pa-\nthos und Wirkung seiner Persönlichkeit etwa\nzu entwickeln und zu verstehen.\nMan betrachte einen geistigen, vom Leben\nschonungslos durchgebildeten, gehärteten, ausge-\nschärften, aber in seinem Wesen gleichgewichtig\nverharrenden Charakter. Aus einer reichlich auf-\nnehmenden, von der Realität durchdrungenen\nKindheit geht der Jüngling hervor mit einem\nmeist überschwenglichen Kraftbewusstsein, das alle\nAufgaben der Gesamtheit als persönlichsten Zweck\nan sich ziehen will in einem ungemessenen, weit-\nsichtigen Selbstgefühl. Er bedarf der Erlebnisse\nals seiner eigentlichen Nahrung, denen er sich\nnicht anpassen kann, sondern die er willkürlich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "565", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10674, "texte": "deutet, nicht ohne dass ihre Grausamkeit ihn\nimmer wieder enttäuscht und abstösst. Er assi-\nmiliert sie in einem Prozess fortgesetzter Enttäu-\nschungen. Die Masslosigkeit seiner Absichten,\ndie Idealität, die Leidenschaft, ja der Selbstbe-\ntrug, die Welt nach seinem Bilde formen zu\nkönnen, sie nur durch sich zu rechtfertigen, sind\nihm gemäss. Die tragischen Gestalten der ikari-\nschen Jünglinge treten in jeder Generation von\nneuem hervor, von den ergreifendsten Dichtun-\ngen erfasst: ein Werther und Niels Lyhne. Das\nLeben erzeugte die Tragödie Heinrich von Kleists.\nDiese Jugend ist totgeweiht. Den Idealisten über-\nlebt der Skeptiker.\nDer Mann hat Qualen und Enttäuschungen\nbestanden, deren jede eine Wunde geschlagen hat,\ndie langsam vernarbt ist, nicht ohne einen leisen\nSchmerz, eine Frage statt einer Antwort, Zwei-\nfel statt Verzweiflung zu hinterlassen. Er hat\ndie Schauer des Sterbens physisch und geistig\nvorempfunden, den Untergang von Ueberzeugun-\ngen, das Scheitern von Gefühlen, den Wechsel\nvon Neigungen, die Veränderungen des Urteils,\ndie Vieldeutigkeit sittlicher Begriffe erfahren.\nKörper und Geist mussten sich an die verschie-\ndenen Klimate der menschlichen Zustände ge-\nwöhnen und im fortwährenden Wechsel von Ge-\nlingen, Ertragen, Sichverbergen und -offenbaren\nbestehen. Die Beweglichkeit der Jugend verliert\nsich, wie die geflügelten Pflanzensamen endlich\nirgendwo ruhen. Es gilt, zu wurzeln. Durch\ngesammelte Spannkraft wird der fühlbare Mangel*\nan äusserer Veränderung ersetzt. Standfestigkeit\nist das Kennzeichen dieses Charakters, der das\nErleben, die Ereignisse nicht mehr aufsucht, son-\ndern erwartet, nicht mit ihnen davonjagt, son-\ndern in ihrer Mitte verharrt. „En vivant, en\nvoyant les hommes, il faut, que le coeur se bri-\nse, ou se bronze.\" (Champfort) Diese Verhärtung\nbringt eine Art von Passivität mit sich. Wer\nmöchte die Bedeutung der Neigungen, die Macht\nder Instinkte, die Herrschaft des Willens, alle\nVeranlassungen der Aktivität noch herbeiwün-\nschen, der immer wieder an ihre Grenzen ge-\nmahnt wurde! Die Aktivität ist jetzt ganz auf\ndie Fähigkeit des inneren Erlebens, des Erken-\nnens, nicht auf das Sagen, sondern auf das Er-\nwidern verwiesen, der Geist ist zu einer fein-\nsten Wage der Erscheinungen geworden und be-\nstimmt sie mit einer annähernden Objektivität.\nDie Antwort auf jeden äusseren Anreiz erfolgt\nlebhaft, doch ohne den Mann ausser sich selbst\nzu bringen. Das Erlebnis gilt nur mehr als\nein Anschein. Der Mann erntet die Früchte\nseiner einstigen Niederlagen. Ehemals bestand\nseine Freiheit in Hingabe, jetzt in der Wahrung\nseines Selbst. Das Pathos der Jugend lag dar-\nin, dass sie die eigene Kraft und die der Ge-\nsamtheit verkehrt einschätzte. Das Pathos des\nMannes, des Skeptikers liegt in dem Wissen um\ndie letzte Ohnmacht aller selbstischen Energie,\ndie gleichwohl als die einzige Lebenswürdigkeit\nempfunden wird. Die unbedingte Bewegung,\ndas vorwaltende Handeln der Jugend setzt eine\nso sichere, wie falsche und einfältige Wertung\nvon Richtung und Ziel voraus, die verharrende,\nbeobachtende Ruhe der Skepsis ist durch einen\nlangsam erwachten, zähen Instinkt für das je-\nweilige Gegenargument bedingt. An Stelle einer\nWahrheit treten vielfältige Gegenwahrheiten, die\nGesinnung in Dialektik verfeinern. Die Leiden-\nschaft, das Temperament sind von der Gefolg-\nschaft einer einzelnen Idee oder Handlung losge-\nzählt und gehören in eine Freiheit, die be-\nrauscht der eigenen Bestimmung inne wird, völ-\nlig der Argumentation. Früher mochte man in\nder Welt mitspielen und unterlag dem ganzen\nSchicksal des dargestellten Charakters. Jetzt er-\nblickt man das Geschehen als Zuschauer und\nlenkt es an den Drähten der zugleich imaginie-\nrenden und überraschten Dialektik. Dies gibt\neinen Vorsprung des Skeptikers vor jeder Tat\ndurch die Vorwegnahme aller ihrer Unzuläng-\nlichkeiten, vor jedem Abschluss durch die Vor-\nwegnahme des Gegeneinfalls, vor der Leiden-\nschaft durch die Antizipation ihrer Enttäuschung.\nDer Skeptiker führt mit lauter Enttäuschungen\nseinen Haushalt. Nur glaube man ihn nicht vor\nVerbitterung, Empörung, Zorn, Abscheu bewahrt.\nAber er macht aus diesen Notwendigkeiten seine\nFreiheiten. Von der Bedingtheit alles Geschehens\ntausendfach gefesselt, lernt er eben sie gebrau-\nchen, in der Ohnmacht des Lebens die Kraft\nseiner Anschauungen geniessen. Die Macht, die\ndem Tätigen in diesem kurzen Leben das einzige\nsichtbare Mass seiner Persönlichkeit bietet, wird\nverinnerlicht, durchgeistigt durch eine zugleich\nentsagende und wieder grossartig ausschreitende\nBewusstheit, die ihr Erkennen mit keinem Tun\nvertauschen möchte. Das heroische Pathos des\nSkeptikers liegt darin, dass er seinem Erkennen\ndie Würde, Lust und Bedeutung der Handlung,\nund zwar aus eigener Machtvollkommenheit ver-\nleiht. Eine Illusion, die vor der Enttäuschung\ngeschützt ist, weil sie sich ihrer bedient und an\nihr immer wieder erneut wird. Dabei geht schliess-\nlich selbst der Wille zu positiver Lebensgestal-\ntung lächelnd unter. Eine Erkenntnis, die ihren\nköstlichsten Anteil der Beute gerade aus der Tor-\nheit, den Irrtümern, der immer wiederkehrenden\nSchuld erhält, möchte die schwersten Mängel\nnicht missen, deren sie bedarf, um sich in Lei-\nden und Lust zu erneuern. Sie würde die Tor-\nheit erschaffen, wenn sie nicht bestünde, das\nSchlechte erzeugen, um sich darüber zu erzür-\nnen, das Unzulängliche aufziehen, um den Traum\nder Vollkommenheit zu erleben. Sein Leiden un-\nter all der Widerwärtigkeit, Schwäche und Narr-\nheit gibt dem Skeptiker das gute Recht, sie zu\nbejahen, da er aus seinen Empörungen sein ein-\nziges Glück schöpft. Man hört oft die theore-\ntisch gerichteten Aerzte anschuldigen, dass sie\nüber dem Erkennen des Uebels dessen Heilung\nvergessen. Das ist ihre Skepsis. Die Krankheit\nist ewig, die Arzenei macht einen einzelnen Fall\ngut Der Skeptiker hat an dem erledigten Ein-\nzelfall weiter kein Interesse. So werden Tat,\nWirkung, Ruhm und Macht gegen den Genuss\ndes Erkennens, gegen den Reiz der sich stei-\ngernden und am Widerspruch sich belebenden\nDialektik, gegen die weiten Ausblicke der Er-\nfahrung, Freude wird gegen Trost, Glück gegen\nGenügen, Sieg gegen Ruhe drangegeben. Eine\nleidenschaftliche, unbegrenzte Betrachtung kennt\nkeinen Wunsch mehr, als sich selbst. Diese bei\ngesammelter Kraft scheinbar um so widerspruchs-\nvollere Ruhe, dieser eifrige Müssiggang (nach\nNietzsche aller Psychologie Anfang), dies stän-\ndige Sichfreireden und Sichlosdenken, diese Stei-\ngerung des geistigen Gehörs, des psychologischen\nGesichts, dieses gelassene Schauen in alle Ab-\ngründe der Existenz bringt eine eigentümliche\nHeiterkeit hervor. „Beim Anblick alles dessen,\nwas auf der Welt vorkommt, müsste schliesslich\nauch der grösste Menschenfeind heiter werden\nund Heraklit vor Lachen sterben.\" (Champfort).\nDer Humor, die gute Laune des Scharfsinns,\ndas durch die treffende Dialektik befriedigte und\nbefreite Gemüt ist die Entschädigung des Skep-\ntikers, wie denn der Humor im Grunde häufi-\nger ein Ergebnis, als eine Gabe ist.\nSo verharrt der Skeptiker kräftig auf dem\ntragenden Erdboden, durchaus geistig, aber nicht\neigentlich spekulativ — müssige Spekulation\nHasst er als Tatsachengeist wie einen Urfeind <—\nund hält sich von seinen nächsten Gefahren: dem\nZynismus und der Mystik in gutem Abstand.\nEr wird unversehens ein Beispiel für getroste\nLebensführung, was allerdings ein Lächeln ab-\nnötigt, denn das Genie des Erkennens ist nicht\nlernbar und der unvertretbare Wert der Erfah-\nrung liegt nur eben im Erleiden.\nBei der kleinen Auslese der Geister, die aus\ndem unendlichen Erleiden diese geniale Erfah-\nrung ziehen und das Erleiden der Wirklichkeit\nzu ihrem Glück machen, ist das Werk der Skep-\ntiker leicht zu überblicken. Intensität, nicht Aus'\ndehnung, Verdichtung zu einer komplexen Es-\nsenz kommt ihm in allen seinen Aeusserungen\nzu. Auf das reale Leben, Umgang mit Men-\nschen, Beobachtung der Leidenschaften, Ergrün-\ndung von Sitten und Gemütszuständen angewie-\nsen, ist diese Art der Betrachtung eine glück-\nliche und einzige Mischung von künstlerischer\nSynthese und kritischer Analyse. Das „Als\nGanzes Sehen\", das den Künstler ausmacht, liegt\nauch dem Schaffen des Skeptikers zugrunde, die\nAnalyse gibt nur die Methode der Verarbeitung.\nDer darstellerische Impuls des Erkennenden, sei-\nne Fähigkeit, Analogien zu wittern, unerwartete\nVerwandtschaft aufzuspüren, geheime Motive zu\nentlocken, ein vieldeutiges Erlebnis zu vereinfa-\nchen, ein scheinbar einfältiges, geistig zu durch-\nleuchten, und von allen Seiten strahlend zu zei-\ngen, macht jede Beobachtung des Skeptikers zu-\ngleichgültig und überraschend; in der ungelösten\nVerbindung mit dem täglichen Leben, in dem\nunwillkürlichen Aufsuchen der Probleme, in al-\nlen realen Zuständen wird der unleugbare künst-\nlerische Ursprung der seelischen Disposition\ndeutlich, die den Skeptiker bestimmt. Aber die\nAuswertung dieses Materials geschieht beschrei-\nbend, nicht gestaltend, indem das Unmittelbare\ndes Eindrucks gleichsam abgedämpft wird bis\nauf seine Elemente. Diesem eigentümlichen Schwe-\nbezustand zwischen aesthetischer Anschauung\nund ethischer Formulierung, zwischen künstle-\nrischer Intuition und gedanklicher Auflösung\nverdankt die skeptische Aeusserung ihren\nnachahmlichen Charakter einer treffenden Ant-\nwort, die nach einem Goethischen Wort einem\nlieblichen Kusse gleicht. So spotten selbst jene\nSchöpfungen des skeptischen Geistes, die einen\nrein künstlerischen Ausdruck gewählt, mit der\nreizvollsten Willkür jeder geschlossenen Dar-\nstellung, wie etwa Sternes „Empfindsame Reise\".\nAuch die Werke der „Humoristen\" unterliegen\nzumeist der formauflösenden skeptischen Laune,\nwobei der Humor etwa als überwiegende Ge-\nfühlsenergie zur Gestaltung und rein künstleri-\nschen Zusammenfassung der Anschauung drängt,\nbei einem endlichen Sieg des Erkennens und\nDurchschauens aber sich zum Witz, zur launigen\nund abstrakten Wendung des Wortes als höch-\nsten Restes verflüchtigt (bei Jean Paul). So er-\nscheinen die Uebergänge vom Skeptiker zum Hu-\nmoristen, wie die vom betrachtenden zum ge-\nstaltenden Künstler, vom männlich irdischen zum\nmystischen Geiste überaus zart abgestuft.\nDie Form der treffenden Antwort, nicht in\nder allzuknappen Fassung des Spruches, sondern\nin der glücklichen momentanen Eingebung, in\nwelcher alle zuströmenden Erwägungen die Viel-\nseitigkeit des erhellten Problems verraten, ein di-\nalogischer, nahezu dramatischer Charakter einer\nin ihrer Wesenheit verlautenden geistigen Situa-\ntion macht die Aphorismen zu den hauptsächli-\nchen Mittlern der skeptischen Darstellung und\ngibt ihnen die zugleich klare und unheimlich weit-\ntragenden Lebensstimmung, die über jedem Wort\neinen ungeahnten Horizont eröffnet."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "566", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2444, "texte": "Lichtenberg und Montaigne sind in einigem\nBelang Ausnahmen. Der erste durch das Mit-\nspielen einer witzigen Phantasie, die den Ein-\nfällen ein barockes Kostüm überwirft und in\nVariationen über ein Thema sich ergeht, Gleich-\nnisse leibhaftig jedem Einfall als Spiegelungen\ngegenüberstellt und oft nicht bloss mit dem tref-\nfenden Wort, sondern erst mit dem sinnfälligen\nBilde sich beruhigt. Montaigne hinwiederum ist\neinzig durch die idyllische, ja epische Natur sei-\nnes im Zuständlichen behaglich verweilenden,\ndie Fülle ordnenden und schätzenden Geistes,\nder die Lust des Erkennens nicht in der augen-\nblicklichen Entladung durch den Blitz des Ein-\nfalls büsst, sondern sie systematisch, durch eine\nscheinbar spielende Untersuchung erstreckt und\nvertieft, mit allen Organen auskostet. Keiner be-\ndarf wie er, so zahlreicher Hilfen des Gedächt-\nnisses, der Bildung, eine überreiche Anekdotik\nsteht ihm zu Dienst, das alte Erbe der romani-\nschen Erzählerfreude und die Gewohnheit der\nlateinischen Kultursprache, seiner Wahlmutter-\nsprache, bleibt ihm unverkümmert.\nDer Skeptiker macht durch die eigentümliche\nWeise seines Denkens die Erscheinungen leicht\nund durchgängig; er nimmt dem Schicksal seine\nSchwere und gibt ihm die Anmut des Spiels,\ndes gewichtlosen Schwebens. Der Glanz seiner\nHeiterkeit hat einen wunderbar vertieften Gehalt:\nsie ist Wille, Schicksal, Selbsteroberung. Man\nblickt durch alles Menschliche wie durch Kristall.\nEs ist durchsichtig geworden. Die künstlerische\nGestaltung gibt eine mittelbare Erkenntnis, indem\nsie die Realität in ihren Widersprüchen hinstellt\nund die Wirklichkeit noch einmal gebiert, um\nsie zu erlösen. Die Aussage des Skeptikers gibt\neine unmittelbare Erkenntnis, indem sie die Wirk\nlichkeit sowohl voraussetzt, als überwindet, die\nErscheinungen in ihrer Gesamtheit durchdringt\nund sich zugleich von ihnen befreit. Sie verei-\nnigt alle Menschlichkeiten in einem Brennspie-\ngel, der den Schein in Feuer, die Farbe in Licht,\ndas Erlebnis in Schicksal verdichtet. Die skepti-\nsche Art der Umwandlung alles Daseins in Er-\nfahrung ist so eigentümlich, dass zuweilen ein\neinziges Wort den Skeptiker besser kundgibt, als\njeder Versuch einer Zusammenfassung dieses un-\nvererblichen und uniehrbaren Besitzes, der im\nGrunde wieder geheimnisvoll und undurchdring-\nlich bleibt, wie alles Naturgewachsene. „Sich\nkeine Illusionen mehr machen: da begannen sie\nerst.\" (Karl Kraus) Das sagt der Skeptiker.\nDas ist er."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-05-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-05_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "566", "page_fin": "567", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.2.5", "titre_corps": "Aus der Vergessenheit", "titre_sommaire": "Aus der Vergessenheit", "signature_source": "Hjalmar Söderberg ; H. 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Ich habe einen Artikel aus der National-\nzeitung über Aluminium zu morgen für die letzte\nSeite zu bearbeiten.\nDein\nSpäter im selben Monat:\n— — Es ist ein Theater in die Stadt ge-\nkommen, und ich fraternisiere mit der Bande\nhinter den Kulissen. Der jeune premier, eine\nder Berühmtheiten der Provinz, hat ein Fach,\ndas er mit grosser Fertigkeit beherrscht: einen\nälteren jungen Herrn mit bitterem Geschmack\nim Munde.\nSonntag Vormittag. Ich stehe an meinem\nFenster mit der Aussicht auf die Kirche. Meine\nWirtin, die religiös ist, berechnet monatlich eine\nKrone extra für diese Aussicht. Ich komme ge-\nrade von dort. Ich finde, dass der Gottesdienst\nzu kurz ist. Ich könnte so gut noch eine Stun-\nde oder ein paar in dieser ruhigen, träumenden\nBetäubung sitzen, die mein etwas indisches Tem-\nperament ganz besonders anspricht.\nsen, Orgelseufzen, Kinderstimmen; zarte, falsche,\nunschuldige. Weisse Wände, hohe Wölbungen.\nEine Stimme, irgendwo, weit weg. Und vorn\nim Chor eine Flut von Sonnenlicht durch eine\nweisse Gardine. Ich sitze und wende die Blät-\nter in meinem Psalmen buch: „Die kurze Zeit\nder irdischen Rast — was frommt mir Fürch-\nten und Klagen —\" Hinter mir die Stimme ei-\nner alten Frau. Vor mir der Nacken eines jun-\ngen Mädchens — ein weisser Hals — lichtbrau-\nnes Haar, seidenweich . . .\n(Später, im Theater:) „In der letzten Par-\nkettreihe sitzen drei junge Leute der „Handels-\nwelt\" — nach ihren schönen Krawatten zu schlie-\nssen — und machen sich über die traurigsten\nund erschütterndsten Stellen im Stücke lustig,\ndazwischen werfen sie mitleidige Blicke um sich\nauf das übrige Publikum, das sich mitreissen\nlässt. Ein kleines, liebenswürdiges Genrebild:\nKleinstädter, die kritisieren. Ich werde bei den\nGebeinen des Heiligen morgen das Melodrama\nloben.\nIm April und Mai fasst er sich ziemlich\nkurz. Er spricht vom Frühling, schildert ein\npaar Ausflüge aufs Land, erzählt von einem\nSubskriptionsball im Hotel — „eine Dame war\nmodern frisiert\" — verfällt oft in die gewöhn-\nlichsten Briefphrasen und spricht nur wenig von\nsich selbst (an einer Stelle kommt doch die Be-\nmerkung vor, dass er sich nun definitiv ent-\nschlossen hat, wenigstens zehn Jahre zu leben,\nso dass es mit seinem Buche keine Eile hat.)\nWenn ich nachher die Briefe in diesen Monaten,\nsie enthalten häufig einen jähen Umschlag vom\nSpleen zur Ausgelassenheit und umgekehrt, mit\ndem mystisch erotischen Brief vergleiche, bekom-\nme ich im ganzen den Eindruck, dass er damals\nvon etwas ausgefüllt war, was er nicht einmal\nLust hatte, einem guten Freunde zu erzählen.\nWährend des Sommers eine lange Pause in der\nKorrespondenz. Im August endlich ein Brief\nmit vielen Entschuldigungen wegen der Verzö-\ngerung und mit Klagen über die Hitze und die\ndarausfolgende Mattigkeit, über schlechte Ge-\nschäfte und die Fliegen in der Redaktion.\n• Ende September:\n— Ich promenierte mittags auf dem Eisen-\nbahndamm. Rechts schlummert ein Binnensee,\nweit, öde, und blank, mit niedrigen Ufern, die\nmit dem Horizont zusammenfliessen. Ein to-\ntes Wasser ohne ein Segel. Tot und still. Ich\nblieb lange am Strande sitzen. Ruhe, Verges-\nsenheit. Stille, ewiger Schlummer. Wte dem\nauch sein mag, man gewöhnt sich an alles. Ich\nlege nun jeden Morgen mit derselben Ruhe mei-\nnen Beruf an, wie ich mein Hemd anziehe.\nWeisst Du noch, mit welchem Entzücken wir\nuns vor ein paar Jahren in Balzacs Philippiken\ngegen den Journalismus vertieften? - Erinnerst\nDu Dich, wie er mit demselben Feuer der Ue-\nberzeugung die Unmöglichkeit darlegte, zugleich\nDichter und Journalist zu sein, wie Kierkegaard\ndas Absurde darin entwickelt, zugleich Christ\nund Priester sein zu wollen? Ces lupanars de\nla pensee war sein Lieblingsausdruck von den\nZeitungen.\nAber man gewöhnt sich an alles. Man ar-\nbeitet ein bischen, und der Tag vergeht. Ge-\ngen sechs Uhr sind die Korrekturen gelesen,\nund die Zeitung kommt in die Presse. Dann\ngeht man hinüber in die Druckerei und sieht\nder Arbeit zu; da steht man ein Weilchen in\nder offenen Tür mit einer Zigarette im Mund-\nwinkel und lässt sich von dem Lärm der Ma-\nschinen betäuben. Kommt einer der Druckerei-\njungen in die Nähe, „Zebädeus\" zum Beispiel,\nso zieht man ihn an der Nase, oder kitzelt ihn\nmit dem Stockgriff in der Magengrube; das\nschmeichelt ihm. Und wenn eines der halber-\nwachsenen Mädchen vom Buchdrucker Svens-\nson drinnen ist, so zupft man sie am Zopf, dann\nkichert sie. Dann fallen die ersten Exemplare\naus der Presse; man nimmt seine Zeitung und\ngeht ins Cafe.\n— Du fragst immer, wie es mir geht. Gut\ngeht es mir natürlich.\nDein\nH. C.\nNach diesem Brief wird seine Laune immer\nherabgestimmter; seine Traurigkeit verhärtet sich\nund bekommt scharfe, schneidende Kanten. Vom\ndritten Oktober ist eine lakonische Mitteilung\ndatiert: Gestern war es ein Jahr, dass ich hier\nbin. Ich jubilierte allein im Cafe, bei grüner\nChartreuse oder irgend einem ähnlichen Gesöff,\ndas ich sonst verabscheue. Besonders am näch-\nsten Tage.\nAnfangs Dezember vergnügt er sich noch\nmit ein wenig Belletristik.\nIch erwachte heute morgens zeitig. Das\nMondlicht zitterte auf der Gardine; bleich und\ngründlich zitterte es im Kampfe mit dem Tage,\nder zu grauen begann — bleicher und bleicher\nschimmerte es und der Tag stieg herab. Ich\nlag da und starrte auf die Kirche vor dem Fen-\nster. Die Mauern brannten schon in Blut und\nOrange und der Schnee auf dem Dache schim-\nmerte rosafarben.\nIm Freien. Der Schnee knirscht unter den\nFüssen und ein schneidender Nordost weht. Der\nStadtgraben liegt gefroren da: eine dünne und\nspröde Eisdecke, die in der Sonne glänzt. Die\nWäscherinnen liegen in langer Reihe an den\nKlappbrücken und zerschlagen das Eis mit ihren\nKlöppeln; es bricht mit einem Ton wie sprödes\nGlas. Die Scherben fliegen umher und glänzen\nin der Sonne wie Libellen.\nUnd gie ganze Ebene leuchtet — leuchtet\nblendend weiss.\n.. . Spiel mit Worten. Kinderei; schlechter\nZeitvertreib. Ich weiss eine bessere Art, einen\nlangen Sonntagsvormittag den Garaus zu ma-\nchen. Ich lege Patiencen.\n(Am nächsten Vormittag): Gestern Abend\nim Cafe wie gewöhnlich. Musik. Hörte die Sa-\nrabande aus der Holberg-Suite — es ist lange\nher, seit ich sie zuletzt gehört habe. Meine\nSchwester spielte sie oft; ich dachte an zuhause,\nan alte Tage; und ich schloss die Augen. Es\nwar wie ein weicher Arm um meinen Leib. Ich\nwürde jetzt eigentlich täglich Musik brauchen,\nda ich nämlich nicht mehr mit meiner alten An-\ndacht Bücher lesen kann. Ich geniesse sie nicht\nwie früher . . . nichts ist mehr wie früher. Du\nverstehst, die Rezeptivität nimmt ab, man wird\nchinesisch. Man wird gleichgültig gegen alles,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "567", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.5", "debut_caractere": 37, "fin_caractere_exclue": 2502, "texte": "was ausserhalb des eigenen Ideenkreises liegt.\nGott, der die Kindlein lieb hat, wann werde ich\nvon hier fortkommen ... zu Weihnachten, wie\nDu vorschlägst, wird es kaum gehen, woher das\nueld nehmen? Uebrigens stehe ich mit meinem\nRedakteur nicht auf dem Fusse, dass ich einen\nUrlaub verlangen will ... Ich hatte heute Nacht\neinen Traum. Ich träumte, dass der Tag ge-\nkommen war, an dem ich sterben sollte; es\nkonnte unmöglich länger aufgeschoben werden,\nund an und für sich war es ja auch ganz gleich.\nAber ich war so arm, so arm; ich hatte nicht\neinmal die Mittel, mir einen Sarg zu kaufen.\nDa traf ich einen kleinen alten Mann, der or-\ndentlich und gefällig aussah; er behauptete, dass\noben auf dem Dachboden des Hauses, in dem\nich wohne, ein paar alte abgelegte Särge wären,\ndie arme Leute gratis benutzen konnten. Ich\ntappte die Bodentreppe hinauf und kam in eine\nRumpelkammer; da lagen wirklich ein paar alte\nKisten auf einem Haufen, und darunter eine, die\nan einen Sarg erinnerte. Sie war schwarz an-\ngestrichen und im übrigen ganz sauber. Ich\nnahm sie unter den Arm und ging — sie war\nklein wie für ein Kind, aber über so etwas\nwundert man sich im Traume nie. Als ich über\ndie Treppe ging, stolperte ich und fiel, und der\nSarg zerbrach. Da setzte ich mich auf die Stu-\nfen und weinte. Ich brauche jetzt länger als\nfrüher, um vom Traum zur Wirklichkeit zurück-\nzukommen. Ich glaube, dass ich mehrere Mi-\nnuten wach lag, starr vor Schrecken darüber,\ndass ich meinen Sarg zerschlagen hatte.\n. . . Warum schreibest Du so selten?\nDein\nH. C.\nIII\nDas war sein letzter Brief. Ich habe mehr\nals einmal Papier und Feder hervorgenommen,\num ihn zu beantworten: dann sind Freunde ge-\nkommen und haben mich in Anspruch genom-\nmen . . . oder ich bin müde gewesen, oder ich\nhatte keinen Stoff, der ihn interessieren konnte.\nDer Brief blieb unbeantwortet.\nIch sass lange am Fenster mit diesen Blät-\ntern in der Hand. Es war dunkel geworden;\nden letzten Brief las ich bei dem Laternenschein\nvon der Strasse. Draussen leuchtete der März-\nschnee weiss — die Strassenbahnen klingelten\n— vor meinem Fenster bewegte sich ein Schat-\ntenspiel eiliger Menschen, auf dem Wege Gott\nweiss wohin.\nEndlich kam ich zu mir selbst zurück, schnitt\ndie Todesanzeige aus und befestigte sie mit einer\nStecknadel an den letzten Brief; dann legte ich\nalles in ein grosses Kouvert und verschloss es\nin meine unterste Schreibtisch lade.\nAutorisierte Uebersetzung aus dem\nSchwedischen von Marie Franzos"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-05-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-05_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "567", "page_fin": "567", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.2.6", "titre_corps": "Sommer Zeichnung von E. 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Franzi-\nus der New-Yorker Staatszeitung noch einige\nMitteilungen gemacht."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "568", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6420, "texte": "„Ein echter Dichter,\" so setzt der Zahnarzt\nein,\n„muss inspiriert sein, wenn er etwas Brauch-\nbares schaffen will. Nur die Karnevalspoeten\nund die Gelegenheitsdichter können der höhe-\nren Eingebung, des „holden Wahnsinns\" ent-\nraten, wenn sie Verse schmieden und reimen.\nUnd dass Heines liebliches Gedicht „Du bist\nwie eine Blume\" nicht durch blosse Verstan-\ndesarbeit zustande kam, dass es vielmehr das\nErgebnis eines Augenblickes der Weihe, des\nunirdischen Empfindens war, dass es unge-\nwollt und ungesucht als göttlicher Funke unter\ndem Hufe des Pegasus dem Stein entsprang\ndas fühlt jeder, der die einfachen und doch\nso ergreifenden Worte liest.\"\nSelbst unter glühenden Eisen, mit denen man\nmir die so einfachen Worte ins Fleisch brennt,\nkönnte ich nicht fühlen, dass sie „als Ergebnis\neines Augenblicks der Weihe als göttlicher Funke\nunter dem Hufe des Pegasus dem Stein (?) ent-\nsprungen sind\". Und wie geschah das doch?\n1827 weilte Anna Reinecke in Norderney,\nwo Heine seine Ferien verbrachte. Zufällig kam\nsie eines Tages an der Mittagstafel im Hotel ein-\nander gegenüber zu sitzen. Von der grossen\nSchönheit, der mädchehaften Anmut und Hold-\nseligkeit seines Gegenübers war der Dichter\nso entzückt und frappiert, dass er Essen und\nTrinken vergass und unverwandt die Kleine\nanstarrte.\nAber dieser wurde die Sache schliesslich zu\ndumm und sie entrüstete sich über die „vermeint-\nliche Frechheit\" des Fremden.' „Doch da Heine\nzum Glück in seiner Begeisterung nur sah,\naber nicht hörte, verdichteten sich seine Ge-\nfühle in das berühmte Gedicht.\nDurch Verdichtung von Gefühlen entsteht\nein Gedicht. Und es ist auch danach.\nDer Segen des Dürren\nDie Stadtverwaltung von Gotha hat vor ei-\nniger Zeit den Beschluss gefasst, zwei neue Stra-\nssen nach Männern zu benennen, die sich um\ndas deutsche Schrifttum Verdienste erworben ha-\nben, und man wählte als Taufpaten dieser bei-\nden Strassen Fritz Reuter und Peter Rosegge.\nWährend der grosse Plattdeutsche nicht mehr\nimstande ist, sich der Ehrung zu erfreuen, ist\ndie Kunde von der Namensnennung zum stey-\nerischen Peter gedrungen, und dieser Tage lief\nvon ihm beim Stadtrat folgendes Schreibenein:\n„Hochgeehrte Herren des Stadtrats in Gotha!\nFür die grosse Ehrung, die Sie mir durch Be-\nNennung einer „Roseggerstrasse\" in Gotha er-\nweisen, meinen innigen Dank. Auf diese blei-\nbende Auszeichnung in der schönen Stadt Thü-\nringens bin ich besonders stolz. Treuen Poe-\ntensegen allen, die in der Roseggerstrasse wan-\ndeln und wohnen! In dankbarer Ergebenheit\nPeter Rosegger.\"\nIch werde, sollte ich einmal nach Gotha\nkommen, die Roseggerstrasse nicht betreten. Zwi-\nschen den Häusern dieser „bleibenden Auszeich-\nnung\" beständig schwebend, droht er auch mir,\nder tolerante Poetensegen. Aber er würde meine\nSeele wie ein herabfallender Ziegelstein treffen,\nund ich müsste unter ihm zusammenbrechen:\nmit dem Dialektfluch: Sakra.\nVon einer anderen Auszeichnung\nEine deutsche Stadt ehrt den steyerischen Pe-\nter, doch die französische Regierund verleiht ei-\nnem deutschen Schwankautor zu den Lorbeern,\ndie ihm ein „Kilometerfresser\", ein „Hochtourist\"\nund die „Polnische Wirtschaft\" brachten, di e\nPalmen der Akademie.\nDas ist doch wenigstens burlesk. Oder\nsind die Palmen der Akademie ein Gewächs,\nvon denen im Norden jeder Theaterschmarotzer\nerfolgreich träumen kann? Der Komponist der\n„Polnischen Wirtschaft\" hat seinen Namen franL\ncisiert, und das Libretto zu einem andern Werk\nseiner „leichten und heiteren Muse\" ist nach ei-\nnem französischen Schwank „gedichtet\".\nAber das soll kein Wettlauf um die Palmen\nder französischen Akademie sein, wenn mir nicht\nim Winter, bei den Bällen und Festen der Kol-\nlegen ein Holzbock mit einem Maitre Jean\ngegen die Galle stösst.\nDas Aussergewöhnliche und das Typische\nIn der B. Z. a. M. war vor einigen Tagen\n„etwas\" über „das Vergnügen der Ar-\nmen\" zu lesen.\nAuf der Galerie einer Londoner Music\nHall wurde vor kurzem ein junger verwahr-\nloster Bursche in sterbendem Zustande vor-\ngefunden. Er wurde ohnmächtig ins Spital ge-\nbracht, wo er starb. Es stellte sich heraus,\ndass er verhungert war. Die Sitzanweiser der\nGalerie teilten auf Befragen dem Coroner, dem\ngerichtlichen Leichenbeschauer mit, dass es\nnichts Aussergewöhnliches sei, dass Besucher\nder Varietes der äussersten Vorstädte vor Ent-\nkräftung und Hunger in Ohnmacht fielen. Die-\nse Erfahrung lehrt, wie tief in der menschli-\nchen Natur das Bedürfnis nach Vergnügen sitzt;\nUnd in einer Reporternatur sitzt das Be-\ndürfnis zu Philosphieren. Es kann aber auch\nnur sitzen. Sobald es den Versuch macht zu\ngehen, fällt es hin.\nEin Mensch ist des Hungertodes gestorben.\nDoch diese Tatsache an sich ist unwichtig. In-\nteressant ist nur, dass der Unglückliche einen\nOhnmachtsanfall auf der Galerie einer Music\nHall bekam. Aber er starb erst im Spital. Nicht\nschon im Variete, dass er so leidenschaftlich ger-\nne besuchte. Darüber erhob sich dies in der Re-\nporternatur sitzende Bedürfnis zu Philosophieren,\ndenn es war festzustellen:\ndass in der Tat das Gefühl des gelegentlichen\nAussersichtseins, der Genuss des Ausserge-\nwöhnlichen wichtiger sein kann als Brot.\nNun liegt es da, das Bedürfnis. Das Ge-\nfühl des gelegentlichen Aussersichseins kann\nwichtiger sein als — eines Hungernden — stünd-\nliches Verlangen nach Brot? Und ist dem ge-\nmeinen Hunger das Gefühl des Aussersichseins\nnicht reichlich genug verbunden.\nEin Hungernder wurde während des Ge-\nnusses des Aussergewöhnlichen ohnmächtig und\nstarb bald darauf. Und das in einer Reporter-\nnatur kauernde Bedürfnis zu Philosphieren fand\nsein „Fressen\" daran\nDoch es ist ein Trost\ndass der „Verwahrloste\" in gewissem Sinne mit\nden erhabensten Geistern der Menschheit see-\nlenverwandt war. Hat doch Mohammed ge-\nsagt: Hätte ich nur zwei Laib Brot, ich wür-\nde den einen verkaufen und mit dem Erlös\nweisse Hyazinthen kaufen. Balzac hungerte in\neiner Mansarde. Als er plötzlich in den Be-\nsitz von tausend Francs kam, kaufte er für\nden ganzen Betrag einen grossen Vorhang aus\nrotem Samt, hing ihn in seinem leeren Zim-\nmer auf und vergass in der Ekstase über den\nSchmuck seine leiblichen Bedürfnisse.\nUnd dem Strassen jungen war die Bühne des\nVorstadtvarietes die weisse Hyazinthe Moham-\nmeds und der Scharlachvorhang Balzacs ....\nDoch die Presse ist ein Fetisch der Menge.\nSie erhungert sich ihn geistig. Aber mancheinem,\ndessen „Esprit\" und Schamgefühl unter dem Ni-\nveau eines Vorstadtvarietes stehen, ist sie: Brot.\n\nJ. 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Schriftleiter\nHENRY BURIOT\nIn den Cahiers du Centre\nerschienen Werke von Jules\nRenard, Charles-Louis Phi-\nlippe , Marguerite Audoux,\nEmile Guillaumin, Romain\nRolland, Andre Spire, Henri\nBachelin, Valery Larbaud,\nRaymon Darsiles u. a. m.\nJahresbezug fiirs Ausland:\n4,80 M. (Luxusausg. 9,60 M.)\nProbeheft gegen Ein-\nsendung von 50 Pfg.\nVERLAG u. REDAKTION:\n16, Boulevard Chambonnet,\nMOULINS (Allier) Frankreich\n■ 1 BS i"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-05-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-05_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "569", "page_fin": "569", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "569", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 123, "texte": "eze\nion\nGakrie Maximilian Iflacbt\nDritte Ausstellung\nBerlin SI. 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Verleihung m. Korporationarecht. ausgestattet.\nMimißN FfuviMemm-Tißiiii zi hisdebdee\nZirka 28 000 Mitglieder in zirka 500 Zweig-\nvereinen, Verwaltungsgruppen u. Zahlstellen.\nNeben Pensionskasse, Wltwenkasae, Walsen-\nka ?se, Begrabniskasse und Krankenkasse sehr\nwertvolle Wohlfahrtseinrichtungen\nGesamtvermogen: Ueber 16 Millioneo Mark\nHalbjahrl. Beitr. 3 M.:: Man verl. 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Rechnen % Sie\nsich aus, was Sie im Jahre fur den Bedarf an Gliihkorpern ausgeben. —\nWie oft kommt es vor, daß der Korper schon beim Abbrennen entzwei-\n£eht. — — Nehmen Sie elnen guten Rat an und verwenden Sie nur\nHartaiin-Gliihkorper D. R. P. 203467\nDiese Korper besitzen den Vorteil, daß Sie dieseihen wie ein Tuch zus*mmen-\ndruclcen konnen, ohne daß der Korper darunter leidet. Hartalin-Glfihkftrper\nhaben eine Leuchtkraft von 100 K. und Sie erzielen damit cine Gasersparnis von\n50°/,,. Brenndatier gar. I Jahr. RtFERENZ! Fur die Straßenbeleuchtung Berlins\nbereits fiber 2(.,0000 Stck. geiiefert. Versuchen Sie es mit einer Probesendung von\n3 Stck., PreU p. Stck. 58 Pfg. od. verlangen Sie den Besuch unseres Vertreters\nVersandhaus Ohem. und Techn. Nenhelten\nBERLIN SW. 68 Kochstraße 72"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-05-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-05_01#c019", "volume": "bmtnabg_1911-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "570", "page_fin": "570", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "570", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.8", "debut_caractere": 2611, "fin_caractere_exclue": 2689, "texte": "Karl Krnuj\nHeine und die Folgen\nEssay\n8o Pfennig\nVerlag Albert Langen\nMiinchen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-05-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-05_01#c020", "volume": "bmtnabg_1911-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "570", "page_fin": "570", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "570", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.8", "debut_caractere": 2691, "fin_caractere_exclue": 3281, "texte": "Die Wasserkraft\nZentralblatt fur Industrie,\nIngenieur= und Bauwesen,\nMotorbetrieb, Elektro=\ntechnik etc.\nOrgan des Verbandes mittel-\nund westdeutscher Wasser-\nkraftbesitzer, des Verbandes\ndeutscher Holzmehlfabriken\nund elektrischer Wasserkraft-\nzentralen.\nInserate finden in derWasser-\nkraft weiteste Verbreitung. —\nGeschaftsstelle und Verlag\nDuderstadt a. Harz. Vier-\nteljahrspreis M. 1,25 bei freier\nZustellung. — Die Herren\nVerleger werden um Ein-\nsendung i'nrer Neuerschei-\nnungen zur Besprechung\ngebeten.\nProbenummern umsonst und\nPostfrei durch die Geschafts-\nstelle.\nVertreter gesucht"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-05-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-05_01#c021", "volume": "bmtnabg_1911-08-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "570", "page_fin": "570", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "570", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.8", "debut_caractere": 3283, "fin_caractere_exclue": 3630, "texte": "Die Abonnenten\nunserer\nWochenschrift\nwerden hoflichst um\nEinsendung des falli-\ngen Betrages gebeten.\nEs wird andernfails un-\nter Nachnahme mit Zu-\nschlagder Einziehungs-\nkosten'behobenwerden.\nSamtliche Postamter\nnehmen Bestellungen\nauf unsere Wochen-\nschrift entgegen. 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Mesler Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngepriifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhrender Stellung). Orundliche\nEinfiihrung in die verschiedenen\\Branchen des kaufmannischen Berufes, rationelles\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur cin mehr-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsclie und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfiihrungs- und Bilanz-\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorbereiten wollen —\nsowohl fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\nsolviert haben, wie fur\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen, Einjihrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfiir Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfiir Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellschaften sich vorbereiten wollen. 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L. KIRCHNER: Variete / Sommer Holzschnitte\n\nVariéte Zeichnung von E. L. Kirchner"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "564", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.2", "texte": "Die Kunst in Kneipe\nund Heim\nDie hehre Kneipe\nDer Bayreuther Presserummel setzt immer\nmal wieder ein. Und zwar der Würde entspre-\nchend mit Drommeten, Posaunen und Weihe.\nWochenlang Berichte über markige Wotane und\nüppige Brünhilden, verwunderte Ausrufe über\nsehnige Walküren, die durch die stillen Strassen\nBayreuths so ohne weiteres im schlichten Tailor-\nmade Kleid gehen, der grosse Siegfried, der al-\nles bezaubert, was sein Vater im Leben bekannt-\nlich unterliess, splendide Diners im Hause Wahn-\nfried unter Assistenz zahlreicher Koryphäen,\nSchmerzen der Musikkritiker, die hierzu nicht\ngeladen wurden, weil Cosima Wagner sie für\nReporter hielt, und der Sohn vorläufig leider\nschon auf der Bühne und nicht im Familienheim\nregiert — dann, o dann, wird kein Reporter mehr\nzu klagen haben, wenn des Sohnes Dinerstun-\nden kommen. Und die Berliner Musikkritiker\nwerden sich selbst kaum noch von den Repor-\ntern unterscheiden können. Eine einsame Träne\nan des Meisters Grab. Was will die einsame\nTräne? Sie wird eigens für den Stimmungsbe-\nricht geweint. Bayreuther Generalproben. Welch\nintime Reize . . . Nur die Alteingesessenen . . .\nNur die Freunde des Hauses . . . Siegfried Wag-\nner stellt noch schnell die letzten Nuancen fest. .\nund dann die herrliche Pause von einer Stunde,\ndie Wonnemaid verzehrt ohne weiteres eine Stulle,\nsie sitzt ohne weiteres auf dem Wolkensitz, sie\ntrinkt ohne weiteres Sekt glasweise und stämmige\nTransportarbeiter tragen ohne weiteres Pianinos\nrauf und runter. O Städte hehrster Pflege. Wer\nsich aber an ihr erquickt, „versäumt wohl auch\nnie auf dem Wege zum Alltag des Lebens, der\nnun doch einmal wieder beschritten werden muss,\njene Räume zu beachten, in denen noch eine Weile\ndie hohe Stimmung fortfibriert\". Die Stimmung\nvibriert fort in einer hehren Kneipe. Sie heisst\ndie „Eule\". In ihr „kommen die Künstler und\nFreunde der Bayreuther Kunst und last not le-\nast — (man sollte es nicht für möglich halten)\n— und last not least Siegfried Wagner selbst\nzusammen, um in gehobener Freude und auch\nLustigkeit den Uebergang zu finden, von der\nWucht empfangener Eindrücke zur notwendigen\nForderung des realen Lebens\". Was in unserer ge-\nliebtes Deutsch übertragen heisst: die Herren ha-\nben Durscht und wollen mindestens trinken.\n„Und wie dieser Uebergang geschaffen wird, man\nmuss es sagen, nirgends wohl in der Welt dürfte\nmit solchem Takt die Brücke vom Weihevollen\nzum Gegensätzlichen so geschlagen werden.\" Mit\nsolchem Takt schlägt Siegfried Wagner die Brücke\nvon Walhalla zum Herrenabend. Denn „und da\ngebührt in allererster Linie Siegfried Wagner\nselbst der Dank; denn die Art, wie er sich gibt,\nwie er mit anmutiger Heiterkeit den Ton an-\nstimmt zu all der harmonischen Freude, macht\nsie jedem, der diese Stunden ganoss, zu unver-\ngesslichen\". Lebensfreude. Diese sinnigen Betrach-\ntungen führt ein Herr, ein Musikkritiker, mit\nWeihe, man muss es sagen, in der Unterhal-\ntungsbeilage des Lokalanzeigers aus. Aber da-\nmit nicht genug, er kann es sich nicht nehmen\nlassen, aus dem Stammbuch der hehren Kneipe\nflüchtig „hingeworfenen Gedanken wiederzugeben,\ndie der dithyrambischen Stimmung der weihevol-\nlen Stunden entflossen sind.\" Einen Bierverleger\nher, der sie druckt. Erst wieder die einsame\nTräne: „Wehmutsvoll lesen wir Namen ...\"\nEs sind seit 1876 nämlich verschiedene Mitwir-\nkende schon verstorben. Sie haben alle ge-\ndichtet. Aber viele leben noch heute und dichten.\nDa ist zum Beispiel ein Herrn Gustav Gampel\naus Appenzell. Er, der Musikkritiker, schreibt es.\nWeihe — also Mut, Herr Gampel aus Appenzell\n„bekennt\":\n„Aus deiner Kunst erblüht mir Allvergessen,\nund in den reinsten Stunden eingedenken\nkann ich nur deiner, Grösster aller Meister:\nRichard Wagner.\"\nGarnicht übel, der Herr Gustav Gampel aus\nAppenzell. Namentlich wenn man bedenkt, dass\ner seine reinsten Stunden bei ff. Lagerbier er-\nlebt, und offenbar Richard Wagner für dessen\nVerfasser hält. Das Allvergessen kann er sicher\nnur „beim Biere\" erlebt haben. Aber es kommt\nnoch schöner: da ist der vortreffliche Wiener\nMusikkritiker Herr Ludwig Karpath, Redakteur des\nNeuen Wiener Tageblatts, Verfasser des Buchs Sieg-\nfried Wagner als Mensch und Künstler (Sieg-\nfried), Einführer in Siegfried Wagners Opern,\nVerfasser der Schrift zu den Briefen Richard\nWagners an die Putzmacherin Bertha und aus-\nserdem 1866 zu Budapest geboren. Also ein\nMann, der über Siegfried Bescheid wissen muss.\nUnd der uns, uns, in einem Srammbuchvers end-\ngültiges über seinen Meister bekennt:\n„. . . Heil allen, die vom Bau sind und nicht\naus Snobiamus hierherkommen. Heil, Siegfried\nWagner, unserm Stolz, unsere Hoffnung, dem\ntrinkkräftig edlen Förderer dieser Künstlerkneipe.\"\nAlso endlich. Herr Karpath bekennt. Fluch\ndenen, die aus Snobismus in die hehre Kneipe\nkommen, Heil Siefried, ihrem edlen Förderer. Er\nhat also doch einen Beruf, den er nicht verfehlt\nhat. Die Presse, vertreten durch Herrn Karpath,\nbestätigt es. Und was glaubt man, setzt „der ge-\nnialste Mime Bayreuths darunter?\" Nämlich un-\nter Karpaths Bekenntnis. Herr Hans Breuer\nschreibt ganz unbayreuthisch darunter: „Bravo!\"\nDas ist genial, dieser Ausspruch durfte den Le-\nsern der Unterhaltungsbeilage auf keinen Fall un-\nterschlagen werden. Wieviel Anerkennung liegt\nin diesem einzigen Wort. Er, dem es aus unge-\nzählten Mäulern zugerufen wurde, gibt es ein-\nfach wieder und lässt es unentschieden, ob sein\nBeifall dem Förderer oder dem Bekenner gilt.\nViele Bayreuther Künstlers sind überhaupt im\nZweifel, ob sie der Kunst oder dem Bier dem\nVorzug geben sollen. Ein „Doktor\" meint:\n„Heia! Wie schmeckt mir nach Nibelheims Nebel\nder Trank,\nBayreuth, herrliches Bayreuth, dir gilt mein be-\ngeisterter Sang!\"\nEine junge Dame, sagen wir, singt:\n„Zwangvolle Plage,\nMüh' ohne Zweck,\nWas nutzt mir die Klage,\nMein Bräut'gam ist weg.\"\nWelch intime Reize . . . nur die Freunde\nwagnerischer Kunst ... die Städte hehrster\nPflege ... die einsame Träne . . .\nDer „Schreiber dieser Zeilen\", der uns, uns,\nalles dieses wonnig übermittelt hat, durfte das\nStammbuch natürlich auch nicht an sich vorbei-\ngehen lassen und schrieb hinein:\nZum siebenten Male letzt es mich heut',\nDoch nicht zum letzten Male — Bayreuth.\nEs wird fortgesoffen. Mit Weihe.\n* * *\nDas sind die Eindrücke deutscher Musikkri-\ntiker und Künstler von Richard Wagner und von\nder Kunst. Wes der Magen voll ist, des läuft\nder Mund über. Aber, meine Herren, lassen sie\nbei der Schweinerei die Kunst beiseite. Sie ist\nzwar nicht hehr. Aber heilig!\nDer Attrappenmeyer\nRichard M. Meyer, Professor an der Uni-\nversität der Stadt Berlin, tut jetzt des öfteren im\nBerliner Tageblatt bedeutend den Mund auf.\nNachdem ihm verschiedene Versuche auf dem\nGebiet der Literaturgeschichte völlig missglückt\nsind, tritt er als Schwerenöter für die angewandte\nKunst ein. Er fordert das Recht der Attrappe.\nIhm ist das Leben nicht schön genug, und er\nfordert, dass die Phantasie, die ihm fehlt, wieder\nauf Buchschmuck und Möbelgestaltung ange-\nwandt werde. Das Gewerbe wird ihm zu puri-\ntanisch Nachdem durch die Initative von Adolf\nLoos die besseren Menschen im Laufe des letz-\nten Jahrzehnts es allmählich als peinlich empfin-\nden gelernt haben, sich auf Kunst zu setzen, aus\nKunst zu essen und zu trinken, in Kunst zu\nschlafen, entdeckt Herr Professor Meyer, wie leicht\ner sich eine in ihm nicht vorhandene Phantasie\nbeschaffen könne. Er kauft sich einfach ange-\nwandte Kunst, phantasievolle Gebrauchsgegen-\nstände. Ein Leben in Schönheit. Warum, fragt\nHerr Meyer, darf man dem, der auf den Römer\nfür den Rheinwein Gewicht legt, es verbieten,\ndass das ganze Trinkzimmer in die Blütezeit des\ntrinkfesten Deutschtums herübermothamorphosiert\nwerde? Warum, frage ich, vergessen dann die\nHerren Meyer, die auf den Römer ihr ganzes\nGewicht legen, nicht nur das ganze Trinkzim-\nmer, nein auch ihre Kleidung und sich selbst in\ndie Blütezeit des trinkfesten Deutschtums herü-\nberzutransportieren? Umsomehr, als der Attrap-\npenmeyer der Phantasie nicht verwehren will\n„eine ganze Existenz freundlich umzustilisieren\".\nNur keine Viertelheiten. Man soll, sagt Herr\nMeyer, dem Diener nicht das Recht versagen,\nseine Livree zu schmücken. Man soll, sageich,\nden Herrn Professor nicht die geschmückte Liv-\nree versagen, auf die er seine ganze Existenz\nfreundlich umstilisieren kann. Und mit den At-\ntrappen seines Geistes versorge er in Zukunft die\nBlütezeit des trinkfesten Deutschtums. Igitur.\nTrust\n\nDer Skeptiker\nVon Otto Stoessl\nNach einem Spruche Goethes antwortet je-\ndem Alter des Menschen eine gewisse Philoso-\nphie . . . „Ein Skeptiker zu werden hat der\nMensch alle Ursache ...\" Der Name des Skep-\ntikers greift einen, allerdings bestimmenden Zug,\ndas Zweifeln, aus der Summe von seelischen und\nphysischen Anzeichen heraus, die das Wesen die-\nser Denk- und Lebensrichtung, den Inhalt und\ndie Stimmung ihres Ausdruckes ausmachen, aber\nder Name erschöpft nicht die Fülle ihrer Aeus-\nserung. Aus der männlichen Natur des Skepti-\nkers ist allein seine Gestalt, sein Schicksal, Pa-\nthos und Wirkung seiner Persönlichkeit etwa\nzu entwickeln und zu verstehen.\nMan betrachte einen geistigen, vom Leben\nschonungslos durchgebildeten, gehärteten, ausge-\nschärften, aber in seinem Wesen gleichgewichtig\nverharrenden Charakter. Aus einer reichlich auf-\nnehmenden, von der Realität durchdrungenen\nKindheit geht der Jüngling hervor mit einem\nmeist überschwenglichen Kraftbewusstsein, das alle\nAufgaben der Gesamtheit als persönlichsten Zweck\nan sich ziehen will in einem ungemessenen, weit-\nsichtigen Selbstgefühl. Er bedarf der Erlebnisse\nals seiner eigentlichen Nahrung, denen er sich\nnicht anpassen kann, sondern die er willkürlich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "565", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.3", "texte": "deutet, nicht ohne dass ihre Grausamkeit ihn\nimmer wieder enttäuscht und abstösst. Er assi-\nmiliert sie in einem Prozess fortgesetzter Enttäu-\nschungen. Die Masslosigkeit seiner Absichten,\ndie Idealität, die Leidenschaft, ja der Selbstbe-\ntrug, die Welt nach seinem Bilde formen zu\nkönnen, sie nur durch sich zu rechtfertigen, sind\nihm gemäss. Die tragischen Gestalten der ikari-\nschen Jünglinge treten in jeder Generation von\nneuem hervor, von den ergreifendsten Dichtun-\ngen erfasst: ein Werther und Niels Lyhne. Das\nLeben erzeugte die Tragödie Heinrich von Kleists.\nDiese Jugend ist totgeweiht. Den Idealisten über-\nlebt der Skeptiker.\nDer Mann hat Qualen und Enttäuschungen\nbestanden, deren jede eine Wunde geschlagen hat,\ndie langsam vernarbt ist, nicht ohne einen leisen\nSchmerz, eine Frage statt einer Antwort, Zwei-\nfel statt Verzweiflung zu hinterlassen. Er hat\ndie Schauer des Sterbens physisch und geistig\nvorempfunden, den Untergang von Ueberzeugun-\ngen, das Scheitern von Gefühlen, den Wechsel\nvon Neigungen, die Veränderungen des Urteils,\ndie Vieldeutigkeit sittlicher Begriffe erfahren.\nKörper und Geist mussten sich an die verschie-\ndenen Klimate der menschlichen Zustände ge-\nwöhnen und im fortwährenden Wechsel von Ge-\nlingen, Ertragen, Sichverbergen und -offenbaren\nbestehen. Die Beweglichkeit der Jugend verliert\nsich, wie die geflügelten Pflanzensamen endlich\nirgendwo ruhen. Es gilt, zu wurzeln. Durch\ngesammelte Spannkraft wird der fühlbare Mangel*\nan äusserer Veränderung ersetzt. Standfestigkeit\nist das Kennzeichen dieses Charakters, der das\nErleben, die Ereignisse nicht mehr aufsucht, son-\ndern erwartet, nicht mit ihnen davonjagt, son-\ndern in ihrer Mitte verharrt. „En vivant, en\nvoyant les hommes, il faut, que le coeur se bri-\nse, ou se bronze.\" (Champfort) Diese Verhärtung\nbringt eine Art von Passivität mit sich. Wer\nmöchte die Bedeutung der Neigungen, die Macht\nder Instinkte, die Herrschaft des Willens, alle\nVeranlassungen der Aktivität noch herbeiwün-\nschen, der immer wieder an ihre Grenzen ge-\nmahnt wurde! Die Aktivität ist jetzt ganz auf\ndie Fähigkeit des inneren Erlebens, des Erken-\nnens, nicht auf das Sagen, sondern auf das Er-\nwidern verwiesen, der Geist ist zu einer fein-\nsten Wage der Erscheinungen geworden und be-\nstimmt sie mit einer annähernden Objektivität.\nDie Antwort auf jeden äusseren Anreiz erfolgt\nlebhaft, doch ohne den Mann ausser sich selbst\nzu bringen. Das Erlebnis gilt nur mehr als\nein Anschein. Der Mann erntet die Früchte\nseiner einstigen Niederlagen. Ehemals bestand\nseine Freiheit in Hingabe, jetzt in der Wahrung\nseines Selbst. Das Pathos der Jugend lag dar-\nin, dass sie die eigene Kraft und die der Ge-\nsamtheit verkehrt einschätzte. Das Pathos des\nMannes, des Skeptikers liegt in dem Wissen um\ndie letzte Ohnmacht aller selbstischen Energie,\ndie gleichwohl als die einzige Lebenswürdigkeit\nempfunden wird. Die unbedingte Bewegung,\ndas vorwaltende Handeln der Jugend setzt eine\nso sichere, wie falsche und einfältige Wertung\nvon Richtung und Ziel voraus, die verharrende,\nbeobachtende Ruhe der Skepsis ist durch einen\nlangsam erwachten, zähen Instinkt für das je-\nweilige Gegenargument bedingt. An Stelle einer\nWahrheit treten vielfältige Gegenwahrheiten, die\nGesinnung in Dialektik verfeinern. Die Leiden-\nschaft, das Temperament sind von der Gefolg-\nschaft einer einzelnen Idee oder Handlung losge-\nzählt und gehören in eine Freiheit, die be-\nrauscht der eigenen Bestimmung inne wird, völ-\nlig der Argumentation. Früher mochte man in\nder Welt mitspielen und unterlag dem ganzen\nSchicksal des dargestellten Charakters. Jetzt er-\nblickt man das Geschehen als Zuschauer und\nlenkt es an den Drähten der zugleich imaginie-\nrenden und überraschten Dialektik. Dies gibt\neinen Vorsprung des Skeptikers vor jeder Tat\ndurch die Vorwegnahme aller ihrer Unzuläng-\nlichkeiten, vor jedem Abschluss durch die Vor-\nwegnahme des Gegeneinfalls, vor der Leiden-\nschaft durch die Antizipation ihrer Enttäuschung.\nDer Skeptiker führt mit lauter Enttäuschungen\nseinen Haushalt. Nur glaube man ihn nicht vor\nVerbitterung, Empörung, Zorn, Abscheu bewahrt.\nAber er macht aus diesen Notwendigkeiten seine\nFreiheiten. Von der Bedingtheit alles Geschehens\ntausendfach gefesselt, lernt er eben sie gebrau-\nchen, in der Ohnmacht des Lebens die Kraft\nseiner Anschauungen geniessen. Die Macht, die\ndem Tätigen in diesem kurzen Leben das einzige\nsichtbare Mass seiner Persönlichkeit bietet, wird\nverinnerlicht, durchgeistigt durch eine zugleich\nentsagende und wieder grossartig ausschreitende\nBewusstheit, die ihr Erkennen mit keinem Tun\nvertauschen möchte. Das heroische Pathos des\nSkeptikers liegt darin, dass er seinem Erkennen\ndie Würde, Lust und Bedeutung der Handlung,\nund zwar aus eigener Machtvollkommenheit ver-\nleiht. Eine Illusion, die vor der Enttäuschung\ngeschützt ist, weil sie sich ihrer bedient und an\nihr immer wieder erneut wird. Dabei geht schliess-\nlich selbst der Wille zu positiver Lebensgestal-\ntung lächelnd unter. Eine Erkenntnis, die ihren\nköstlichsten Anteil der Beute gerade aus der Tor-\nheit, den Irrtümern, der immer wiederkehrenden\nSchuld erhält, möchte die schwersten Mängel\nnicht missen, deren sie bedarf, um sich in Lei-\nden und Lust zu erneuern. Sie würde die Tor-\nheit erschaffen, wenn sie nicht bestünde, das\nSchlechte erzeugen, um sich darüber zu erzür-\nnen, das Unzulängliche aufziehen, um den Traum\nder Vollkommenheit zu erleben. Sein Leiden un-\nter all der Widerwärtigkeit, Schwäche und Narr-\nheit gibt dem Skeptiker das gute Recht, sie zu\nbejahen, da er aus seinen Empörungen sein ein-\nziges Glück schöpft. Man hört oft die theore-\ntisch gerichteten Aerzte anschuldigen, dass sie\nüber dem Erkennen des Uebels dessen Heilung\nvergessen. Das ist ihre Skepsis. Die Krankheit\nist ewig, die Arzenei macht einen einzelnen Fall\ngut Der Skeptiker hat an dem erledigten Ein-\nzelfall weiter kein Interesse. So werden Tat,\nWirkung, Ruhm und Macht gegen den Genuss\ndes Erkennens, gegen den Reiz der sich stei-\ngernden und am Widerspruch sich belebenden\nDialektik, gegen die weiten Ausblicke der Er-\nfahrung, Freude wird gegen Trost, Glück gegen\nGenügen, Sieg gegen Ruhe drangegeben. Eine\nleidenschaftliche, unbegrenzte Betrachtung kennt\nkeinen Wunsch mehr, als sich selbst. Diese bei\ngesammelter Kraft scheinbar um so widerspruchs-\nvollere Ruhe, dieser eifrige Müssiggang (nach\nNietzsche aller Psychologie Anfang), dies stän-\ndige Sichfreireden und Sichlosdenken, diese Stei-\ngerung des geistigen Gehörs, des psychologischen\nGesichts, dieses gelassene Schauen in alle Ab-\ngründe der Existenz bringt eine eigentümliche\nHeiterkeit hervor. „Beim Anblick alles dessen,\nwas auf der Welt vorkommt, müsste schliesslich\nauch der grösste Menschenfeind heiter werden\nund Heraklit vor Lachen sterben.\" (Champfort).\nDer Humor, die gute Laune des Scharfsinns,\ndas durch die treffende Dialektik befriedigte und\nbefreite Gemüt ist die Entschädigung des Skep-\ntikers, wie denn der Humor im Grunde häufi-\nger ein Ergebnis, als eine Gabe ist.\nSo verharrt der Skeptiker kräftig auf dem\ntragenden Erdboden, durchaus geistig, aber nicht\neigentlich spekulativ — müssige Spekulation\nHasst er als Tatsachengeist wie einen Urfeind <—\nund hält sich von seinen nächsten Gefahren: dem\nZynismus und der Mystik in gutem Abstand.\nEr wird unversehens ein Beispiel für getroste\nLebensführung, was allerdings ein Lächeln ab-\nnötigt, denn das Genie des Erkennens ist nicht\nlernbar und der unvertretbare Wert der Erfah-\nrung liegt nur eben im Erleiden.\nBei der kleinen Auslese der Geister, die aus\ndem unendlichen Erleiden diese geniale Erfah-\nrung ziehen und das Erleiden der Wirklichkeit\nzu ihrem Glück machen, ist das Werk der Skep-\ntiker leicht zu überblicken. Intensität, nicht Aus'\ndehnung, Verdichtung zu einer komplexen Es-\nsenz kommt ihm in allen seinen Aeusserungen\nzu. Auf das reale Leben, Umgang mit Men-\nschen, Beobachtung der Leidenschaften, Ergrün-\ndung von Sitten und Gemütszuständen angewie-\nsen, ist diese Art der Betrachtung eine glück-\nliche und einzige Mischung von künstlerischer\nSynthese und kritischer Analyse. Das „Als\nGanzes Sehen\", das den Künstler ausmacht, liegt\nauch dem Schaffen des Skeptikers zugrunde, die\nAnalyse gibt nur die Methode der Verarbeitung.\nDer darstellerische Impuls des Erkennenden, sei-\nne Fähigkeit, Analogien zu wittern, unerwartete\nVerwandtschaft aufzuspüren, geheime Motive zu\nentlocken, ein vieldeutiges Erlebnis zu vereinfa-\nchen, ein scheinbar einfältiges, geistig zu durch-\nleuchten, und von allen Seiten strahlend zu zei-\ngen, macht jede Beobachtung des Skeptikers zu-\ngleichgültig und überraschend; in der ungelösten\nVerbindung mit dem täglichen Leben, in dem\nunwillkürlichen Aufsuchen der Probleme, in al-\nlen realen Zuständen wird der unleugbare künst-\nlerische Ursprung der seelischen Disposition\ndeutlich, die den Skeptiker bestimmt. Aber die\nAuswertung dieses Materials geschieht beschrei-\nbend, nicht gestaltend, indem das Unmittelbare\ndes Eindrucks gleichsam abgedämpft wird bis\nauf seine Elemente. Diesem eigentümlichen Schwe-\nbezustand zwischen aesthetischer Anschauung\nund ethischer Formulierung, zwischen künstle-\nrischer Intuition und gedanklicher Auflösung\nverdankt die skeptische Aeusserung ihren\nnachahmlichen Charakter einer treffenden Ant-\nwort, die nach einem Goethischen Wort einem\nlieblichen Kusse gleicht. So spotten selbst jene\nSchöpfungen des skeptischen Geistes, die einen\nrein künstlerischen Ausdruck gewählt, mit der\nreizvollsten Willkür jeder geschlossenen Dar-\nstellung, wie etwa Sternes „Empfindsame Reise\".\nAuch die Werke der „Humoristen\" unterliegen\nzumeist der formauflösenden skeptischen Laune,\nwobei der Humor etwa als überwiegende Ge-\nfühlsenergie zur Gestaltung und rein künstleri-\nschen Zusammenfassung der Anschauung drängt,\nbei einem endlichen Sieg des Erkennens und\nDurchschauens aber sich zum Witz, zur launigen\nund abstrakten Wendung des Wortes als höch-\nsten Restes verflüchtigt (bei Jean Paul). So er-\nscheinen die Uebergänge vom Skeptiker zum Hu-\nmoristen, wie die vom betrachtenden zum ge-\nstaltenden Künstler, vom männlich irdischen zum\nmystischen Geiste überaus zart abgestuft.\nDie Form der treffenden Antwort, nicht in\nder allzuknappen Fassung des Spruches, sondern\nin der glücklichen momentanen Eingebung, in\nwelcher alle zuströmenden Erwägungen die Viel-\nseitigkeit des erhellten Problems verraten, ein di-\nalogischer, nahezu dramatischer Charakter einer\nin ihrer Wesenheit verlautenden geistigen Situa-\ntion macht die Aphorismen zu den hauptsächli-\nchen Mittlern der skeptischen Darstellung und\ngibt ihnen die zugleich klare und unheimlich weit-\ntragenden Lebensstimmung, die über jedem Wort\neinen ungeahnten Horizont eröffnet."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "566", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.4", "texte": "Lichtenberg und Montaigne sind in einigem\nBelang Ausnahmen. Der erste durch das Mit-\nspielen einer witzigen Phantasie, die den Ein-\nfällen ein barockes Kostüm überwirft und in\nVariationen über ein Thema sich ergeht, Gleich-\nnisse leibhaftig jedem Einfall als Spiegelungen\ngegenüberstellt und oft nicht bloss mit dem tref-\nfenden Wort, sondern erst mit dem sinnfälligen\nBilde sich beruhigt. Montaigne hinwiederum ist\neinzig durch die idyllische, ja epische Natur sei-\nnes im Zuständlichen behaglich verweilenden,\ndie Fülle ordnenden und schätzenden Geistes,\nder die Lust des Erkennens nicht in der augen-\nblicklichen Entladung durch den Blitz des Ein-\nfalls büsst, sondern sie systematisch, durch eine\nscheinbar spielende Untersuchung erstreckt und\nvertieft, mit allen Organen auskostet. Keiner be-\ndarf wie er, so zahlreicher Hilfen des Gedächt-\nnisses, der Bildung, eine überreiche Anekdotik\nsteht ihm zu Dienst, das alte Erbe der romani-\nschen Erzählerfreude und die Gewohnheit der\nlateinischen Kultursprache, seiner Wahlmutter-\nsprache, bleibt ihm unverkümmert.\nDer Skeptiker macht durch die eigentümliche\nWeise seines Denkens die Erscheinungen leicht\nund durchgängig; er nimmt dem Schicksal seine\nSchwere und gibt ihm die Anmut des Spiels,\ndes gewichtlosen Schwebens. Der Glanz seiner\nHeiterkeit hat einen wunderbar vertieften Gehalt:\nsie ist Wille, Schicksal, Selbsteroberung. Man\nblickt durch alles Menschliche wie durch Kristall.\nEs ist durchsichtig geworden. Die künstlerische\nGestaltung gibt eine mittelbare Erkenntnis, indem\nsie die Realität in ihren Widersprüchen hinstellt\nund die Wirklichkeit noch einmal gebiert, um\nsie zu erlösen. Die Aussage des Skeptikers gibt\neine unmittelbare Erkenntnis, indem sie die Wirk\nlichkeit sowohl voraussetzt, als überwindet, die\nErscheinungen in ihrer Gesamtheit durchdringt\nund sich zugleich von ihnen befreit. Sie verei-\nnigt alle Menschlichkeiten in einem Brennspie-\ngel, der den Schein in Feuer, die Farbe in Licht,\ndas Erlebnis in Schicksal verdichtet. Die skepti-\nsche Art der Umwandlung alles Daseins in Er-\nfahrung ist so eigentümlich, dass zuweilen ein\neinziges Wort den Skeptiker besser kundgibt, als\njeder Versuch einer Zusammenfassung dieses un-\nvererblichen und uniehrbaren Besitzes, der im\nGrunde wieder geheimnisvoll und undurchdring-\nlich bleibt, wie alles Naturgewachsene. „Sich\nkeine Illusionen mehr machen: da begannen sie\nerst.\" (Karl Kraus) Das sagt der Skeptiker.\nDas ist er.\n\nAus der Vergessenheit\nVon Hjalmar Söderberg\nH. C.\n(Später): Ich habe heute Banditen im Zel-\nlengefängnis interviewt; nach Haus ging ich\nüber den Friedhof, den neuen. Oede, platt,\ngrau. Schneewolken im Osten, ein schneidender\nWind. Das ist der Nachwinter, der kommt; ich\nsehe ihn weit draussen auf der Ebene, in einer\nhalben Stunde ist er da. Kragen hinauf, Hände\nin die Taschen. (Hier hat er ein karrikiertes Selbst-\nportrait an den Rand gezeichnet.) Wenn ich\nvielleicht nur noch mit einem Jahr zu rechnen\nhätte. Was Du tust, tu bald. Ich muss schlies-\nsen. Ich habe einen Artikel aus der National-\nzeitung über Aluminium zu morgen für die letzte\nSeite zu bearbeiten.\nDein\nSpäter im selben Monat:\n— — Es ist ein Theater in die Stadt ge-\nkommen, und ich fraternisiere mit der Bande\nhinter den Kulissen. Der jeune premier, eine\nder Berühmtheiten der Provinz, hat ein Fach,\ndas er mit grosser Fertigkeit beherrscht: einen\nälteren jungen Herrn mit bitterem Geschmack\nim Munde.\nSonntag Vormittag. Ich stehe an meinem\nFenster mit der Aussicht auf die Kirche. Meine\nWirtin, die religiös ist, berechnet monatlich eine\nKrone extra für diese Aussicht. Ich komme ge-\nrade von dort. Ich finde, dass der Gottesdienst\nzu kurz ist. Ich könnte so gut noch eine Stun-\nde oder ein paar in dieser ruhigen, träumenden\nBetäubung sitzen, die mein etwas indisches Tem-\nperament ganz besonders anspricht.\nsen, Orgelseufzen, Kinderstimmen; zarte, falsche,\nunschuldige. Weisse Wände, hohe Wölbungen.\nEine Stimme, irgendwo, weit weg. Und vorn\nim Chor eine Flut von Sonnenlicht durch eine\nweisse Gardine. Ich sitze und wende die Blät-\nter in meinem Psalmen buch: „Die kurze Zeit\nder irdischen Rast — was frommt mir Fürch-\nten und Klagen —\" Hinter mir die Stimme ei-\nner alten Frau. Vor mir der Nacken eines jun-\ngen Mädchens — ein weisser Hals — lichtbrau-\nnes Haar, seidenweich . . .\n(Später, im Theater:) „In der letzten Par-\nkettreihe sitzen drei junge Leute der „Handels-\nwelt\" — nach ihren schönen Krawatten zu schlie-\nssen — und machen sich über die traurigsten\nund erschütterndsten Stellen im Stücke lustig,\ndazwischen werfen sie mitleidige Blicke um sich\nauf das übrige Publikum, das sich mitreissen\nlässt. Ein kleines, liebenswürdiges Genrebild:\nKleinstädter, die kritisieren. Ich werde bei den\nGebeinen des Heiligen morgen das Melodrama\nloben.\nIm April und Mai fasst er sich ziemlich\nkurz. Er spricht vom Frühling, schildert ein\npaar Ausflüge aufs Land, erzählt von einem\nSubskriptionsball im Hotel — „eine Dame war\nmodern frisiert\" — verfällt oft in die gewöhn-\nlichsten Briefphrasen und spricht nur wenig von\nsich selbst (an einer Stelle kommt doch die Be-\nmerkung vor, dass er sich nun definitiv ent-\nschlossen hat, wenigstens zehn Jahre zu leben,\nso dass es mit seinem Buche keine Eile hat.)\nWenn ich nachher die Briefe in diesen Monaten,\nsie enthalten häufig einen jähen Umschlag vom\nSpleen zur Ausgelassenheit und umgekehrt, mit\ndem mystisch erotischen Brief vergleiche, bekom-\nme ich im ganzen den Eindruck, dass er damals\nvon etwas ausgefüllt war, was er nicht einmal\nLust hatte, einem guten Freunde zu erzählen.\nWährend des Sommers eine lange Pause in der\nKorrespondenz. Im August endlich ein Brief\nmit vielen Entschuldigungen wegen der Verzö-\ngerung und mit Klagen über die Hitze und die\ndarausfolgende Mattigkeit, über schlechte Ge-\nschäfte und die Fliegen in der Redaktion.\n• Ende September:\n— Ich promenierte mittags auf dem Eisen-\nbahndamm. Rechts schlummert ein Binnensee,\nweit, öde, und blank, mit niedrigen Ufern, die\nmit dem Horizont zusammenfliessen. Ein to-\ntes Wasser ohne ein Segel. Tot und still. Ich\nblieb lange am Strande sitzen. Ruhe, Verges-\nsenheit. Stille, ewiger Schlummer. Wte dem\nauch sein mag, man gewöhnt sich an alles. Ich\nlege nun jeden Morgen mit derselben Ruhe mei-\nnen Beruf an, wie ich mein Hemd anziehe.\nWeisst Du noch, mit welchem Entzücken wir\nuns vor ein paar Jahren in Balzacs Philippiken\ngegen den Journalismus vertieften? - Erinnerst\nDu Dich, wie er mit demselben Feuer der Ue-\nberzeugung die Unmöglichkeit darlegte, zugleich\nDichter und Journalist zu sein, wie Kierkegaard\ndas Absurde darin entwickelt, zugleich Christ\nund Priester sein zu wollen? Ces lupanars de\nla pensee war sein Lieblingsausdruck von den\nZeitungen.\nAber man gewöhnt sich an alles. Man ar-\nbeitet ein bischen, und der Tag vergeht. Ge-\ngen sechs Uhr sind die Korrekturen gelesen,\nund die Zeitung kommt in die Presse. Dann\ngeht man hinüber in die Druckerei und sieht\nder Arbeit zu; da steht man ein Weilchen in\nder offenen Tür mit einer Zigarette im Mund-\nwinkel und lässt sich von dem Lärm der Ma-\nschinen betäuben. Kommt einer der Druckerei-\njungen in die Nähe, „Zebädeus\" zum Beispiel,\nso zieht man ihn an der Nase, oder kitzelt ihn\nmit dem Stockgriff in der Magengrube; das\nschmeichelt ihm. Und wenn eines der halber-\nwachsenen Mädchen vom Buchdrucker Svens-\nson drinnen ist, so zupft man sie am Zopf, dann\nkichert sie. Dann fallen die ersten Exemplare\naus der Presse; man nimmt seine Zeitung und\ngeht ins Cafe.\n— Du fragst immer, wie es mir geht. Gut\ngeht es mir natürlich.\nDein\nH. C.\nNach diesem Brief wird seine Laune immer\nherabgestimmter; seine Traurigkeit verhärtet sich\nund bekommt scharfe, schneidende Kanten. Vom\ndritten Oktober ist eine lakonische Mitteilung\ndatiert: Gestern war es ein Jahr, dass ich hier\nbin. Ich jubilierte allein im Cafe, bei grüner\nChartreuse oder irgend einem ähnlichen Gesöff,\ndas ich sonst verabscheue. Besonders am näch-\nsten Tage.\nAnfangs Dezember vergnügt er sich noch\nmit ein wenig Belletristik.\nIch erwachte heute morgens zeitig. Das\nMondlicht zitterte auf der Gardine; bleich und\ngründlich zitterte es im Kampfe mit dem Tage,\nder zu grauen begann — bleicher und bleicher\nschimmerte es und der Tag stieg herab. Ich\nlag da und starrte auf die Kirche vor dem Fen-\nster. Die Mauern brannten schon in Blut und\nOrange und der Schnee auf dem Dache schim-\nmerte rosafarben.\nIm Freien. Der Schnee knirscht unter den\nFüssen und ein schneidender Nordost weht. Der\nStadtgraben liegt gefroren da: eine dünne und\nspröde Eisdecke, die in der Sonne glänzt. Die\nWäscherinnen liegen in langer Reihe an den\nKlappbrücken und zerschlagen das Eis mit ihren\nKlöppeln; es bricht mit einem Ton wie sprödes\nGlas. Die Scherben fliegen umher und glänzen\nin der Sonne wie Libellen.\nUnd gie ganze Ebene leuchtet — leuchtet\nblendend weiss.\n.. . Spiel mit Worten. Kinderei; schlechter\nZeitvertreib. Ich weiss eine bessere Art, einen\nlangen Sonntagsvormittag den Garaus zu ma-\nchen. Ich lege Patiencen.\n(Am nächsten Vormittag): Gestern Abend\nim Cafe wie gewöhnlich. Musik. Hörte die Sa-\nrabande aus der Holberg-Suite — es ist lange\nher, seit ich sie zuletzt gehört habe. Meine\nSchwester spielte sie oft; ich dachte an zuhause,\nan alte Tage; und ich schloss die Augen. Es\nwar wie ein weicher Arm um meinen Leib. Ich\nwürde jetzt eigentlich täglich Musik brauchen,\nda ich nämlich nicht mehr mit meiner alten An-\ndacht Bücher lesen kann. Ich geniesse sie nicht\nwie früher . . . nichts ist mehr wie früher. Du\nverstehst, die Rezeptivität nimmt ab, man wird\nchinesisch. Man wird gleichgültig gegen alles,\n\nSchluss"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "567", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.5", "texte": "Sommer Zeichnung von E. L. Kirchner\n\nwas ausserhalb des eigenen Ideenkreises liegt.\nGott, der die Kindlein lieb hat, wann werde ich\nvon hier fortkommen ... zu Weihnachten, wie\nDu vorschlägst, wird es kaum gehen, woher das\nueld nehmen? Uebrigens stehe ich mit meinem\nRedakteur nicht auf dem Fusse, dass ich einen\nUrlaub verlangen will ... Ich hatte heute Nacht\neinen Traum. Ich träumte, dass der Tag ge-\nkommen war, an dem ich sterben sollte; es\nkonnte unmöglich länger aufgeschoben werden,\nund an und für sich war es ja auch ganz gleich.\nAber ich war so arm, so arm; ich hatte nicht\neinmal die Mittel, mir einen Sarg zu kaufen.\nDa traf ich einen kleinen alten Mann, der or-\ndentlich und gefällig aussah; er behauptete, dass\noben auf dem Dachboden des Hauses, in dem\nich wohne, ein paar alte abgelegte Särge wären,\ndie arme Leute gratis benutzen konnten. Ich\ntappte die Bodentreppe hinauf und kam in eine\nRumpelkammer; da lagen wirklich ein paar alte\nKisten auf einem Haufen, und darunter eine, die\nan einen Sarg erinnerte. Sie war schwarz an-\ngestrichen und im übrigen ganz sauber. Ich\nnahm sie unter den Arm und ging — sie war\nklein wie für ein Kind, aber über so etwas\nwundert man sich im Traume nie. Als ich über\ndie Treppe ging, stolperte ich und fiel, und der\nSarg zerbrach. Da setzte ich mich auf die Stu-\nfen und weinte. Ich brauche jetzt länger als\nfrüher, um vom Traum zur Wirklichkeit zurück-\nzukommen. Ich glaube, dass ich mehrere Mi-\nnuten wach lag, starr vor Schrecken darüber,\ndass ich meinen Sarg zerschlagen hatte.\n. . . Warum schreibest Du so selten?\nDein\nH. C.\nIII\nDas war sein letzter Brief. Ich habe mehr\nals einmal Papier und Feder hervorgenommen,\num ihn zu beantworten: dann sind Freunde ge-\nkommen und haben mich in Anspruch genom-\nmen . . . oder ich bin müde gewesen, oder ich\nhatte keinen Stoff, der ihn interessieren konnte.\nDer Brief blieb unbeantwortet.\nIch sass lange am Fenster mit diesen Blät-\ntern in der Hand. Es war dunkel geworden;\nden letzten Brief las ich bei dem Laternenschein\nvon der Strasse. Draussen leuchtete der März-\nschnee weiss — die Strassenbahnen klingelten\n— vor meinem Fenster bewegte sich ein Schat-\ntenspiel eiliger Menschen, auf dem Wege Gott\nweiss wohin.\nEndlich kam ich zu mir selbst zurück, schnitt\ndie Todesanzeige aus und befestigte sie mit einer\nStecknadel an den letzten Brief; dann legte ich\nalles in ein grosses Kouvert und verschloss es\nin meine unterste Schreibtisch lade.\nAutorisierte Uebersetzung aus dem\nSchwedischen von Marie Franzos\n\nVom Tage\n\nDer hingerissene Zahnarzt\nPlomben springen ab und Wurzeln krüm-\nmen sich. Kronen wackeln und Brücken stürzen\nein, sobald ein Zahnarzt — statt zur Zange —\nzur Feder greift. Doch auch ein Zahnarzt be-\nsitzt Phantasie. Und sie ist „blühend\", wenn er\nüberdies der Neffe einer Dame ist, die als Mäd-\nchen so hold und so schön und so rein wie\neine Blume war. Ueber das „interessante Fak-\ntum\" hat neuerdings der Dr. Georg H. Franzi-\nus der New-Yorker Staatszeitung noch einige\nMitteilungen gemacht."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "568", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.6", "texte": "„Ein echter Dichter,\" so setzt der Zahnarzt\nein,\n„muss inspiriert sein, wenn er etwas Brauch-\nbares schaffen will. Nur die Karnevalspoeten\nund die Gelegenheitsdichter können der höhe-\nren Eingebung, des „holden Wahnsinns\" ent-\nraten, wenn sie Verse schmieden und reimen.\nUnd dass Heines liebliches Gedicht „Du bist\nwie eine Blume\" nicht durch blosse Verstan-\ndesarbeit zustande kam, dass es vielmehr das\nErgebnis eines Augenblickes der Weihe, des\nunirdischen Empfindens war, dass es unge-\nwollt und ungesucht als göttlicher Funke unter\ndem Hufe des Pegasus dem Stein entsprang\ndas fühlt jeder, der die einfachen und doch\nso ergreifenden Worte liest.\"\nSelbst unter glühenden Eisen, mit denen man\nmir die so einfachen Worte ins Fleisch brennt,\nkönnte ich nicht fühlen, dass sie „als Ergebnis\neines Augenblicks der Weihe als göttlicher Funke\nunter dem Hufe des Pegasus dem Stein (?) ent-\nsprungen sind\". Und wie geschah das doch?\n1827 weilte Anna Reinecke in Norderney,\nwo Heine seine Ferien verbrachte. Zufällig kam\nsie eines Tages an der Mittagstafel im Hotel ein-\nander gegenüber zu sitzen. Von der grossen\nSchönheit, der mädchehaften Anmut und Hold-\nseligkeit seines Gegenübers war der Dichter\nso entzückt und frappiert, dass er Essen und\nTrinken vergass und unverwandt die Kleine\nanstarrte.\nAber dieser wurde die Sache schliesslich zu\ndumm und sie entrüstete sich über die „vermeint-\nliche Frechheit\" des Fremden.' „Doch da Heine\nzum Glück in seiner Begeisterung nur sah,\naber nicht hörte, verdichteten sich seine Ge-\nfühle in das berühmte Gedicht.\nDurch Verdichtung von Gefühlen entsteht\nein Gedicht. Und es ist auch danach.\nDer Segen des Dürren\nDie Stadtverwaltung von Gotha hat vor ei-\nniger Zeit den Beschluss gefasst, zwei neue Stra-\nssen nach Männern zu benennen, die sich um\ndas deutsche Schrifttum Verdienste erworben ha-\nben, und man wählte als Taufpaten dieser bei-\nden Strassen Fritz Reuter und Peter Rosegge.\nWährend der grosse Plattdeutsche nicht mehr\nimstande ist, sich der Ehrung zu erfreuen, ist\ndie Kunde von der Namensnennung zum stey-\nerischen Peter gedrungen, und dieser Tage lief\nvon ihm beim Stadtrat folgendes Schreibenein:\n„Hochgeehrte Herren des Stadtrats in Gotha!\nFür die grosse Ehrung, die Sie mir durch Be-\nNennung einer „Roseggerstrasse\" in Gotha er-\nweisen, meinen innigen Dank. Auf diese blei-\nbende Auszeichnung in der schönen Stadt Thü-\nringens bin ich besonders stolz. Treuen Poe-\ntensegen allen, die in der Roseggerstrasse wan-\ndeln und wohnen! In dankbarer Ergebenheit\nPeter Rosegger.\"\nIch werde, sollte ich einmal nach Gotha\nkommen, die Roseggerstrasse nicht betreten. Zwi-\nschen den Häusern dieser „bleibenden Auszeich-\nnung\" beständig schwebend, droht er auch mir,\nder tolerante Poetensegen. Aber er würde meine\nSeele wie ein herabfallender Ziegelstein treffen,\nund ich müsste unter ihm zusammenbrechen:\nmit dem Dialektfluch: Sakra.\nVon einer anderen Auszeichnung\nEine deutsche Stadt ehrt den steyerischen Pe-\nter, doch die französische Regierund verleiht ei-\nnem deutschen Schwankautor zu den Lorbeern,\ndie ihm ein „Kilometerfresser\", ein „Hochtourist\"\nund die „Polnische Wirtschaft\" brachten, di e\nPalmen der Akademie.\nDas ist doch wenigstens burlesk. Oder\nsind die Palmen der Akademie ein Gewächs,\nvon denen im Norden jeder Theaterschmarotzer\nerfolgreich träumen kann? Der Komponist der\n„Polnischen Wirtschaft\" hat seinen Namen franL\ncisiert, und das Libretto zu einem andern Werk\nseiner „leichten und heiteren Muse\" ist nach ei-\nnem französischen Schwank „gedichtet\".\nAber das soll kein Wettlauf um die Palmen\nder französischen Akademie sein, wenn mir nicht\nim Winter, bei den Bällen und Festen der Kol-\nlegen ein Holzbock mit einem Maitre Jean\ngegen die Galle stösst.\nDas Aussergewöhnliche und das Typische\nIn der B. Z. a. M. war vor einigen Tagen\n„etwas\" über „das Vergnügen der Ar-\nmen\" zu lesen.\nAuf der Galerie einer Londoner Music\nHall wurde vor kurzem ein junger verwahr-\nloster Bursche in sterbendem Zustande vor-\ngefunden. Er wurde ohnmächtig ins Spital ge-\nbracht, wo er starb. Es stellte sich heraus,\ndass er verhungert war. Die Sitzanweiser der\nGalerie teilten auf Befragen dem Coroner, dem\ngerichtlichen Leichenbeschauer mit, dass es\nnichts Aussergewöhnliches sei, dass Besucher\nder Varietes der äussersten Vorstädte vor Ent-\nkräftung und Hunger in Ohnmacht fielen. Die-\nse Erfahrung lehrt, wie tief in der menschli-\nchen Natur das Bedürfnis nach Vergnügen sitzt;\nUnd in einer Reporternatur sitzt das Be-\ndürfnis zu Philosphieren. Es kann aber auch\nnur sitzen. Sobald es den Versuch macht zu\ngehen, fällt es hin.\nEin Mensch ist des Hungertodes gestorben.\nDoch diese Tatsache an sich ist unwichtig. In-\nteressant ist nur, dass der Unglückliche einen\nOhnmachtsanfall auf der Galerie einer Music\nHall bekam. Aber er starb erst im Spital. Nicht\nschon im Variete, dass er so leidenschaftlich ger-\nne besuchte. Darüber erhob sich dies in der Re-\nporternatur sitzende Bedürfnis zu Philosophieren,\ndenn es war festzustellen:\ndass in der Tat das Gefühl des gelegentlichen\nAussersichtseins, der Genuss des Ausserge-\nwöhnlichen wichtiger sein kann als Brot.\nNun liegt es da, das Bedürfnis. Das Ge-\nfühl des gelegentlichen Aussersichseins kann\nwichtiger sein als — eines Hungernden — stünd-\nliches Verlangen nach Brot? Und ist dem ge-\nmeinen Hunger das Gefühl des Aussersichseins\nnicht reichlich genug verbunden.\nEin Hungernder wurde während des Ge-\nnusses des Aussergewöhnlichen ohnmächtig und\nstarb bald darauf. Und das in einer Reporter-\nnatur kauernde Bedürfnis zu Philosphieren fand\nsein „Fressen\" daran\nDoch es ist ein Trost\ndass der „Verwahrloste\" in gewissem Sinne mit\nden erhabensten Geistern der Menschheit see-\nlenverwandt war. Hat doch Mohammed ge-\nsagt: Hätte ich nur zwei Laib Brot, ich wür-\nde den einen verkaufen und mit dem Erlös\nweisse Hyazinthen kaufen. Balzac hungerte in\neiner Mansarde. Als er plötzlich in den Be-\nsitz von tausend Francs kam, kaufte er für\nden ganzen Betrag einen grossen Vorhang aus\nrotem Samt, hing ihn in seinem leeren Zim-\nmer auf und vergass in der Ekstase über den\nSchmuck seine leiblichen Bedürfnisse.\nUnd dem Strassen jungen war die Bühne des\nVorstadtvarietes die weisse Hyazinthe Moham-\nmeds und der Scharlachvorhang Balzacs ....\nDoch die Presse ist ein Fetisch der Menge.\nSie erhungert sich ihn geistig. Aber mancheinem,\ndessen „Esprit\" und Schamgefühl unter dem Ni-\nveau eines Vorstadtvarietes stehen, ist sie: Brot.\n\nJ. A.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich\nUngarn / V.: Oskar Kokoschka\n\nDie FocKel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\na\na\na Erscheint in zwangloser\nFolge\na Summer 326/327/328\nsoeben erschienen\nPreis 75 Pfennig\n80 Seiten\nMit einer Illustration:\nDer Sieger\nOberall erhaltlich\nWcrbeband der Fackel\n50 Pfennig\n\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzo-\nsische Original der Tage-\nbiicher Flauberts, deren\nUebertragung in Deutschland\nverboten wurde.\nDie Hefte, die die Tage-\nbiicher Flauberts enthalten,\nsowie die iibrigen seitdem\nerschienenen Nummern sind\nvom Verlag der Zeitschrift\nLes Marges gegen Einsen-\ndung von sechs Francs direkt\nzu beziehen.\n\nL7 Effort\nHalbmonatsschrift\nfiir moderne Kultur u. fran-\nzosische Sezession in den\nKiinsten und in der Literatur\nHerausgeber nnd\n:: Schriftleiter ::\nJEAN RICHARD\nJahresbezug fur das\nAusland: Mark 4,50\nZweiter Jahrgang\nYerlag und Redaktion:\nPOITIERS (Vienne)\nFrankreich\n\n\\B pi\nYerlag ~Der Sturm\"\nf=\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiirGesangu.Klavier/52Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen Oder direkt\ndurch denVerlag DERSTURM\nHalensee/Katharinenstrasse 5\n\nLesCahiers do Centre\nMonatsschrift fur Soziologie\nGeschichte, Kunst\nund Literatur\nGegriindet von Paul Cornu\nHerausgeber u. Schriftleiter\nHENRY BURIOT\nIn den Cahiers du Centre\nerschienen Werke von Jules\nRenard, Charles-Louis Phi-\nlippe , Marguerite Audoux,\nEmile Guillaumin, Romain\nRolland, Andre Spire, Henri\nBachelin, Valery Larbaud,\nRaymon Darsiles u. a. m.\nJahresbezug fiirs Ausland:\n4,80 M. (Luxusausg. 9,60 M.)\nProbeheft gegen Ein-\nsendung von 50 Pfg.\nVERLAG u. REDAKTION:\n16, Boulevard Chambonnet,\nMOULINS (Allier) Frankreich\n■ 1 BS i"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "569", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110805-01.1.7", "texte": "eze\nion\nGakrie Maximilian Iflacbt\nDritte Ausstellung\nBerlin SI. 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Verleihung m. Korporationarecht. ausgestattet.\nMimißN FfuviMemm-Tißiiii zi hisdebdee\nZirka 28 000 Mitglieder in zirka 500 Zweig-\nvereinen, Verwaltungsgruppen u. Zahlstellen.\nNeben Pensionskasse, Wltwenkasae, Walsen-\nka ?se, Begrabniskasse und Krankenkasse sehr\nwertvolle Wohlfahrtseinrichtungen\nGesamtvermogen: Ueber 16 Millioneo Mark\nHalbjahrl. Beitr. 3 M.:: Man verl. Progpekt.\n\nDie sparsame Hausfrau nungsbeleuchtung ! Rechnen % Sie\nsich aus, was Sie im Jahre fur den Bedarf an Gliihkorpern ausgeben. —\nWie oft kommt es vor, daß der Korper schon beim Abbrennen entzwei-\n£eht. — — Nehmen Sie elnen guten Rat an und verwenden Sie nur\nHartaiin-Gliihkorper D. R. P. 203467\nDiese Korper besitzen den Vorteil, daß Sie dieseihen wie ein Tuch zus*mmen-\ndruclcen konnen, ohne daß der Korper darunter leidet. Hartalin-Glfihkftrper\nhaben eine Leuchtkraft von 100 K. und Sie erzielen damit cine Gasersparnis von\n50°/,,. Brenndatier gar. I Jahr. RtFERENZ! 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Vier-\nteljahrspreis M. 1,25 bei freier\nZustellung. — Die Herren\nVerleger werden um Ein-\nsendung i'nrer Neuerschei-\nnungen zur Besprechung\ngebeten.\nProbenummern umsonst und\nPostfrei durch die Geschafts-\nstelle.\nVertreter gesucht\n\nDie Abonnenten\nunserer\nWochenschrift\nwerden hoflichst um\nEinsendung des falli-\ngen Betrages gebeten.\nEs wird andernfails un-\nter Nachnahme mit Zu-\nschlagder Einziehungs-\nkosten'behobenwerden.\nSamtliche Postamter\nnehmen Bestellungen\nauf unsere Wochen-\nschrift entgegen. Probe-\nnummern werden an\njedeangegebene Adres-\nse versandt.\nYerlag „Der Sturm\"\n\nDIE TAT\nWEGE ZU FREIEM\nMENSCHENTUM\nVIERTELjA.HRL.M.2 HEFT M.0,80\nEINE MONATSSCHRIFT\nHERAUSOEGEBEN VON\nERNST HORNEFFER\nVERL. 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