{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_sha256": "716b8d198e91e119bde55b2f8f2c51bcbf0af85d32fbac103768f465606d5a53", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/08/12_01/bmtnabg_1911-08-12_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/08/12_01/bmtnabg_1911-08-12_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.1", "debut_caractere": 516, "fin_caractere_exclue": 857, "texte": "Inhalt:\nTRUST: Einsichten: Die Antwort / Die Folge /• Das neue Profil / Die Aufgabe / Die Lyrik unterm Strich / Begas / PAUL SCHEER-\nBART: Der brennende Harem / ELSE LASKER-SCHÜLER: Abel / WILLIAM WAUER: Der Schauspieler / KURT HILLER: Privatdozentisches / ELSE\nLASKER-SCHÜLER: Wauer via München / NOTIZ / L. 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Ranges eine gute Flasche Wein\ngetrunken habe, meinen 1. Rang aufgeben und\nein Gast „ä la Kempinski\" werden, wenn ich\nein Glas Bier haben will? Da bei den Men-\nschen auf solche Fragen keine Antwort zu\nerhalten war, ging ich zu den Tieren, die es\nim Zoo ja auch noch gibt. Die meisten grin-\nsten spöttisch, die alte, weisse Schimpansin\naber, die schon so manches Jahr Berliner Le-\nben hinter sich hat, hielt sich den Leib vor\nLachen. So etwas Närrisches war ihr denn\ndoch noch nicht vorgekommen.\nDie Folge\nDie „deutsch Sprak\" ist nicht sowohl eine\narme und plumpe Sprache, wie es der famose\nde la Marliniere Wort haben will, sondern ein\nverteufelt schwieriges Idiom, das, wenn man\nes schon mündlich' beherrscht, noch in der\nSchrift auch den Eingeborenen so manche Nuss\nzu knacken gibt.\nDas kommt davon, wenn die Eingeborenen\ndes Lokal Anzeigers sich ohne Nussknacker be-\nJielfen wollen.\nDas neue Profil\nIch sagte es ja: Was werden die Herren\nvom Berliner Tageblatt ohne Clichee anfangen?\nDie deutschen Glichees wurden am 14. Juli für\ngeschmacklos und die lateinischen am 16. Juli\nfür ekelhaft erklärt. Ich befand mich Ende Juli\nin schweren Sorgen, sah schon das Ende der\nSchriftstellern voraus. Aber Herr Victor Aubur-\ntin weiss sich zu helfen. Er bleibt sich im\nKampf treu, schriftstellert weiter und wendet-\nen glis c h e Glichees an. „In old good col-\nonial times\" Man sieht sofort das alte Profil\nHelgolands und Herr Auburtin hat sich ohne\nSchwierigkeiten ein neues zugelegt. So wird der\nunglückliche Mann von Land zu Land getrie-\nben. Das beschleunigte Tempo des Fortschritts\nlässt allerdings viel Gutes erhoffen. Nun wird\ner uns uns wohl spanisch kommen.\nDie Aufgabe\nDie Aufgabe, die ich mir gestellt sehe,\nist eine ganz neue, und erfordert eine ganz\nneue und originelle Behandlung. Das Pro-\nblem ist, eine pantomimische Darstellung mu-\nsikalisch zu illustrieren, die in ihrer Wesen-\nart ganz verschieden ist von früheren Vor-\nführungen, aus denen der Gebrauch der\nmenschlichen Stimme verbannt war. Bisher\nwaren solche Vorführungen meist Balletts, in\ndenen eine Tanzmusik die wichtigste Rolle\nspielte, oder pantomimische Revuen, in denen\nebenfalls der Tanz eins der wichtigsten Dar-\nstellungsmittel ist..\nZwischen einigen Londoner Herren „einer-\nseits\" und Herrn Professor Humperdinck und\nHerrn Professor Reinhardt „andererseits\" ist\nnämlich ein Vertrag „perfekt\" geworden, nach\ndem Herr Humperdinck eine Pantomime für\nLondon schreiben soll. Herr Humperdinck teilt\neinem englischen Korrespondenten mit, dass er\nbereits mit den Vorbereitungen beschäftigt sei\nund die Marienhymnen des zwölften Jahrhun-\nderts eifrig studiere. Komponieren muss doch\neine sehr schwere Sache sein. Da wird man\nplötzlich vor Aufgaben gestellt, Pantomimen zu\nschreiben, aus „denen der Gebrauch der mensch-\nlichen Stimmen verbannt ist.\" Früher behalf\nman sich, wie Herr Humperdinck mitteilt, mit\nTanzmusik. Jetzt also mit Marienhymnen. Sehr\ngespannt kann „man\" sein, wie Herr Humper-\ndinck das iProblem lösen wird, eine „pantomi-\nmische Darstellung musikalisch zu illustrieren\".\nDer ganz unmusikalische Herr Reinhardt hat\nbereits mit Sumurun bewiesen, dass ihm nicht\neinmal zu der Musik von Viktor Holländer et-\nwas einfällt, trotzdem er sie sich bestellt hat.\nSie also offenbar als seiner Begabung kongenial\nempfand. Herr Humperdinck muss also Gebär-\nden „illustrieren\", die Herr Reinhardt nicht zu\nerfinden vermag. Und noch dazu in Marienhym-\nnen. Ich will Herrn Humperdinck bei der schwie-\nrigen Aufgabe etwas helfen: vielleicht illustriert\ner gleich die Kostüme und Dekorationen des\nHerrn Ernst Stern, während Herr Stern dies-\nmal in Musik malt. Oder aber, Herr Professor\nHumperdinck denkt über die Pantomime „Die\nVier Toten der Fiametta\" nach, die er erst vor\nvier Wochen gehört hat. Dann fällt ihm viel-\nleicht auch ein, dass seine Aufgabe nicht ganz\nso neu ist, und dass man auch ohne Volkslie-\nder und Marienhymnen Musik zwar nicht ori-\nginell illustrieren, aber im Uebrigen doch kom-\nponieren kann. So ist die Aufgabe einerseits\noder andererseits zu lösen.\nDie Lyrik überm Strich\nDas Berliner Tageblatt wird immer poeti-\nscher. Die Lyrik schäumt nur so über den\nDoppelstrich in den Leitartikel hinein. Ein Wirk-\nlicher Geheimrat vom Kultus Ministerium seift\ndie Leser des Tageblatts tüchtig mit ihr ein.\nIhm macht es „nämlich jedesmal wieder Freude,\nwenn das Zeitgenossenlexikon Wer ist's? in neuer\nAuflage erscheint.\" Der Geheimrat ist beglückt, dass\ndie Zeitgenossen sich mit jeder Auflage mehren.\nEs soll jetzt schon fünfundzwanzigtausend ge-\nben. Nur ärgert sich der Herr Geheimrat, dass\ndie Zeitgenossen nicht alle von Bürgern oder\nHandwerkern abstammen, oder es wenigstens\neingestehen. Er rät dem Herausgeber, wenn er\nseine Fragebogen aussendet, „in dieser Richtung\neinmal zu wirken, vielleicht setzt er in die be-\ntreffende Rubrik die schönen Verse von Karl\nBusse an sein Kind!'\nDoch heb' einst nicht das Haupt zu sehr\nWir kamen auch von unten her;\nIn Tiefen haben wir geschafft,\nDie Tiefe gab uns Kern und Kraft.\nEs trug der Ahn kein Ritterschwert,\nIhm waren Pfriem und Ahle wert.\nIn blanker Kugel glomm das Licht —\nVergiss das nicht, vergiss das nicht!\nEs ist ja durchaus nichts dagegen einzu-\nwenden, dass jemand von einem Schuster ab-\nstammt. Karl Busse hätte dann aber wenigstens\nbei seinen Leisten bleiben sollen. Dann hätte\nder Wirkliche Geheimrat sich die Versohlung\nsparen können, dass ihm das Licht der Schu-\nsterkugel als schöne Poesie leuchtete. Hoffent-\nlich lassen sich die fünfundzwanzigtausend Zeit-\ngenossen nicht durch die geforderte Abstam-\nmung und die schönen Verse zum Dichten ver-\nleiten. Man kann nämlich ein Schuhmacher und\ndoch kein Poet sein. Vergiss das nicht, vergiss\ndas nicht, vergiss das nicht, vergiss das nicht.\nBegas\nDie Abonnenten des Berliner Tageblatts ha-\nben es nicht leicht. Sie müssen alle vier Wo-\nchen ihre Kunstanschauung ändern. Beim acht-\nzigsten Geburtstag des Altmeisters Begas schrieb\nman:\n„Die Verantwortung für den schlimmen,\nneupreussischen Denkmalsstil belastet Begas schwer.\nMan darf es auch heute nicht verschweigen, er\ntrug die volle Schuld daran, er war sich selbst\nuntreu geworden. . . Kamen die Forderungen\ndes neuen Kurses nach immer lauteren Formen,\nnach immer barockeren Häufungen, nach immer\nschnellerer Arbeit seinen Wünschen entgegen, oder\nhatte er nur nicht den Charakter, so bequeme\nGelegenheiten abzuweisen. Er hat an die wich-\ntigsten Stellen statt ernster Monumente üble und\nflüchtige Dekorationen gestellt.\"\nVier Wochen später „An Begas Totenbahre\":\nHierbei kommt es garnicht einmal so sehr\nauf die Zahl der Werke an, die aus Be-\ngas' Werkstatt hervorgingen, um unsere Strassen\nund Plätze zu zieren. Gewiss, es sind gerade\ndie räumlich beträchtlichsten Berliner Monumen-\nte, die von Begas herrühren: Bismarckdenkmal,\nKaiser - Wilhelm - Denkmal, Schiller - Monument,\nSchlossbrunnen .... Aber wichtiger und be-\ndeutender ist, dass der Stil, der sich in diesen\nWerken bekundet, auch den späteren Werken an-\nderer Meister massgebend wurde, dass ein Be-\ngasstil hier sich in allen öffentlichen Werken der\nPlastik und der Architektur durchsetzen konnte.\nDas prunkende, rauschende Barock, das in\nder nüchternen nachklassizistischen Zeit Wil-\nhelms I. in Berlin noch vollkommen unmöglich\ngewesen wäre, wurde durch Begas die Kunst-\nsprache der unruhigen neowilhelminischen Zeit,\ndie jetzt allgemach hinter uns zu liegen kommt\nund Geschichte zu werden beginnt. Ganz wun-\nderbar passte die laute, sich grandios gebende\nKunst des Meisters dieser aufgeregten Zeit mit\nden vielen grossartigen Absichten an . . . und\nein ganz wunderbar gütiges Geschick hat über\nuns gewaltet, dass es gerade doch immer Be-\ngas, doch ein Meister ersten Grades war, an\nden Wilhelm 11. mit seinen ersten zahlreichen\nAufträgen geriet. Was wäre aus Berlin gewor-\nden, wenn schon in jener frühen Zeit des neu-\nen Regimentes jene kleineren Geister zum Wort\ngekommen wären, die sich nach Begas' Aus-\nscheiden marmorn und bronzen breitmachen\ndurften.\"\nWenn die jetzt kleinere Meister genannten\nBildhauer gestorben sein werden, wird sie das\nBerliner Tageblatt sicher als Altmeister feiern.\nJedenfalls ist der preussische Kultusminister\nHerrn von Trott zu Solz schon heut überzeugt,\ndass das ganz wunderbar gütige Geschick noch\nimmer über Preussen waltet. Der neue Ehren-\ndoktor der Stadt Breslau depeschiert:\n„An 1 ä s s 1 i c h des Hinscheidens Ihres\nHerrn Vaters, Exzellenz Wirklichen Geheimen\nRats Professor Reinhold Begas spreche ich Ihnen\nund den übrigen Hinterbliebenen meine herz-\nlich Teilnahme aus. Noch unter dem Ein-\ndruck der reichen Ehrungen, die\ndem Verewigten bei der Feier der Vollendung\nseines achtzigsten Lebensjahres zuteil wurden,\nbetrauert auch die preussische\nKunstverwaltung den Heimgang des\nführenden Meisters der Berliner Bildkauerkunst,\ndes anregenden Lehrers zahlreicher, namentlich\nin Berlin wirkender Bildhauer und des Schöp-\nfers so vieler glänzender Meisterwerke. Seinem\nNamen ist für alle Zeiten ein rühmliches An-\ndenken gesichert.\"\nNoch unter dem Eindruck seiner Ernennung\nzum Ehrendoktor kann man der Breslauer Uni-\nversität a n 1 ä s s 1 i c h dieser Depesche nur zur\nLogik, Sprache und Kunstanschauung des preu-\nssischen Kultusministers gratulieren. Auch der\ndeutsche Kaiser hat ein Beileidstelegramm ge-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "573", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1900, "texte": "sandt. Nach dem Berliner Tageblatt lautet der\nSchlusssatz:\n„In seinen Schülern, deren Wirken mir zum\ngrössten Teil bekannt geworden ist, wird seine\nKunst fortleben. Ich nehme an der Trauer der\nFamilie herzlichen Anteil.\"\nHingegen im Berliner Lokal Anzeiger:\n. wird seine Kunst fortleben und neh-\nme ich an der Trauer der Familie herzlichen\nAnteil.\"\nAn einem Kaiserwort soll man nicht drehn,\nmeine Herren. Namentlich, wenn dadurch eine\nInversion entsteht.\nDie B. Z. am Mittag hat natürlich sofort\ndie Erinnerungen des Altmeisters zur Verfü-\ngung. Wer übermittelt ihr so unmittelbar nach\ndem Tode die unglaublichen Geschmackslosig-\nkeiten. die sie zu veröffentlichen „in der Lage\"\nist. Man lese folgendes:\n„Bei Fürstenbesuchen im Begasschen Atelier\nwar die Gattin des Künstlers, die ihm um fast\nzehn Jahre im Tode vorausgegangen ist, stets\ndabei. Noch auf ihrem T otenbett bedauerte\nsie es, nicht hinab zu können in die Werkstatt,\nwo der Kaiser den Sarkophag seiner Mutter\nbesichtigte. Eben hatte der Herrscher das Ate-\nlier verlassen, da klangen aus dem geöffneten\nKrankenfenster glockenhell, voll Liebe und Sorg-\nlichkeit, die fragenden Worte in den Garten her-\nab: „Kinder, war alles gut?\"\nDie Herren Schriftsteller dieser Zeitung bla-\nmieren sich wenigstens nur innerhalb ihrer Bran-\nche. Aus Rache veranlassen sie Maler, Musiker,\nSchauspieler und Bildhauer fortgesetzt zu glei-\ncher Tätigkeit in „fremder Kunst\".\nUeber Begas steht im Nachruf:\n„Für abstrakte Probleme nicht geschaffen,\nmochte er nicht vorzeitig den Schleier der Zu-\nkunft lüften. Aber als geistvoller, zuwei-\nlen auch boshafter Epigrammatiker hat\ner sein „Glaubensbekenntnis\" in den Versen aus-\ngesprochen:\n„Wer weiss es denn, ob einst in lichten Höhen\nWir alle unsre Lieben wiedersehen?\nWer weiss, was einst geschieht mit unsren\nAschen?\nIch weiss es nicht — ich lass mich überraschen!\"\nMan bekommt wirklich das Sterben über.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "573", "page_fin": "574", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.4", "titre_corps": "Derbrennende Harem : Ninivitische Bibliotheks-Novellette", "titre_sommaire": "Derbrennende Harem : Ninivitische Bibliotheks-Novellette", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "573", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.3", "debut_caractere": 1902, "fin_caractere_exclue": 9463, "texte": "Derbrennende Harem\nNinivitische Bibliotheks-Novellette\nVon Paul Scheerbart\nIn Ninive war's — in der grossen Biblio-\nthek des Könige Assurbanipal — auf einer hoch-\ngelegenen Terrasse dicht am Tigris.\nUnten auf dem Tigris fuhren gerade fünf\nBarken des Königs Assurbanipal vorüber; die\nGriechen nannten diesen König Sardanapal. Er\nwar schon recht alt und lag in der einen Barke\nganz still da und sah in den grossen Strom, in\ndem grosse schwarze Schwäne herumschwam-\nmen\nIm Westen ging die Sonne unter und machte\ndie Wellen des Tigris ganz bunt.\nDas sah auch oben auf der Bibliothekster-\nrasse ein alter Priester, der Piru hiess und aus\nBabylon stammte. Piru sass in einem beque-\nmen Fellstuhl, und neben ihm sass sein Neffe\nGimilla, der feuchten Ton vor sich hatte und da-\nrauf in Keilschrift mit Elfenbeinstift einritzte,\nwas ihm der Onkel diktierte.\nLangsam sprach der alte Priester Piru,\nwährend sein Neffe Gimilla die Keile in den\nnassen Ton ritzte:\n„Es sind schon zwanzig Jahre her. Es war\ndamals gerade das zwanzigste Jahr in der Re-\ngierung unseres grossen Königs Assurbanipal,\nden die Götter beschützen mögen. Des Königs\nVater Asarhaddon hatte sein Reich kurz vor\nseinem Tode geteilt und den Norden mit Assy-\nrien und Ninive dem König Assurbanipal gege-\nben — den Süden aber mit Babylon und Baby-\nlonien dem Halbbruder des Assurbanipal, dem\nKönig Saosduchin. Zwanzig Jahre hatten die\nbeiden Brüder friedlich nebeneinander regiert\n— Saosduchin in Babylon und Assurbanipal in\nNinive. Da zettelte Saosduchin, der König von\nBabylon, eine Empörung an — und zwischen\nNinive und Babylon gab's einen jahrelangen\nfurchtbaren Krieg. Und ich war in Babylon und\nsah, dass die Babylonier immer schwächer wur-\nden. Ich war Bibliothekar im Palast des Kö-\nnigs Saosduchin — auch Bibliothekar in vielen\nTempeln. Und grosse Unruhe ergriff mich.\nAufgehäuft in den Bibliotheken lagen unzählige\nTontafeln mit Keilschrifttext; die ganze babylo-\nnische Literatur lag da. Aber ich war in Un-\nruhe. Wenn die assyrischen Krieger die Stadt\nBabylon eroberten, so würde, das sah ich vor-\naus, die Brandfackel überall alles zerstören —\nund die Tontafeln würden mit zerstört werden.\nDas machte mich so unruhig, dass ich beschloss,\nsoviel wie möglich von den Tontafeln bei Seite\nzu schaffen und in Sicherheit zu bringen. Das\nwar eine schwere Arbeit. Und sie konnte nur\nteilweise gelingen. Nur das beste konnte ich\nheimlich fortschaffen. Und ich lief Gefahr, da-\nbei ertappt zu werden und den Kopf zu verlie-\nren. In den Tempeln ging's noch an, da konnte\nman andere Priester überreden, die Tontafeln\nrechtzeitig an einen sichern Ort zu bringen. Und\nwo man in den Tempeln nachlässig war, da\nkonnte man leicht eigenhändig das Beste fort-\nschaffen, da ja in vernachlässigten Tempeln auf-\nmerksame Aufsicht zu mangeln pflegt.\"\nPiru hielt inne, und der kleine Gimilla, der\nnoch keinen Bart hatte, ritzte eifrig die letzten\nKeile in den feuchten Ton und blickte dann em-\npor.\nEs war die Sonne schon untergegangen.\nUnd es wurde dunkel. Alle Sterne funkelten\nbald am hohen tiefschwarzen Himmelsgewölbe.\n„Hole,\" sagte Piru, „die Lampen. Wir\nwerden noch lange zu schreiben haben. Die\nNacht ist milde. Unten plätschert der Tigris.\nUnd kein Wind weht. Es ist noch schwül. Aber\nes wird sich schon abkühlen.\"\nGimilla ging ab und holte zwei kleine Oel-\nlampen und stellte sie neben seine Tontafeln auf\nden sehr niedrigen Tisch, der vor ihm stand.\nUnd Niru diktierte wieder:\n„Anders lag die Sache in der Bibliothek\ndes königlichen Palastes. Saosduchin, der König,\nwar sehr heftig. Und wer ihm vom Fortschaf-\nfen der Tontafeln etwas gesagt hätte, der hätte\ngleich das Henkerschwert im Genick gefühlt —\nund dann garnichts mehr gefühlt. Ich hatte ein\nkleines Zimmer in der Bibliothek für mich allein.\nDas lag auch dicht am Wasser — am Euphrat.\nDas Wasser war aber dort ganz dicht vor dem\nFenster. Die Bibliothek lag ein wenig tiefer als\nder Spiegel des Euphrat. Ich wollte nun so\ngern einen unterirdischen Gang bauen, um die\nbesten Tontafeln heimlich fortschaffen zu kön-\nnen. Die Nähe des Wassers jedoch liess mir\nden Plan unsinnig vorkommen. Hier waren alle\nunterirdischen Gänge scheinbar unmöglich. Aber\ngerade, sagte ich mir lächelnd, weil sie h er im-\nmöglich erscheinen, deshalb könnte man wohl\nschon früher darauf gekommen sein, von hier\naus — gerade von hier aus dicht am Euphrat\n— unterirdische Gänge anzulegen. Und ich un-\ntersuchte das Terrain.\"\nEr hielt abermals inne.\nDem kleinen Gimilla hingen die Haare ins\nGesicht, die Oellampen erhellten die Haare, dass\nsie glänzten — und auch der feuchte Ton glänz-\nte. Die Sterne am Himmel glänzten natürlich\nauch. Der kleine Gimilla ritzte die Keile in den\nTon und sah dann seinen Onkel lange an und\nsagte:\n„Onkel, du machst ja so lange Pausen. Ich\nkann sehr schnell schreiben. Und ich verschreibe\nmich nicht. Wenn ich erst mitten drin bin, so\nkann's viel schneller gehen. Sprich nur,\ndu willst, ich komme schon mit.\"\nPiru lächelte und meinte:\n„Du weisst, dass ich alt bin. Und deswe-\ngen hast du nicht Angst, ich könnte zu schnell\nsprechen. Aber schreibe nur weiter.\"\nDer alte Priester sass einige Zeit ganz un-\nbeweglich. Seine Züge wurden starr, dann dik-\ntierte er wieder:\n„Eigentlich lag mein Zimmer vor einer Bucht\ndes Euphrat. Rechts und links waren ganz ho-\nhe Festungswälle und starke Mauern mit hohen\nTürmen. Mein Zimmer und der dazu gehörige\nTeil des Palastes lag also sehr geschützt. Und\nso nahm ich an, dass hier trotz der tiefen Lage\nder Bibliothek unterirdische Räume sein könn-\nten. Und ich suchte nach ihnen auch im oberen\nTeile der Wände — mit einer kleinen Leiter aus\nPistazienholz. Wir brauchten die Leiter, die mit\nAchat und Lapis lazuli verziert war, um die\noberen Stockwerke der Gestelle zu erreichen, auf\ndenen die Tontafeln lagen. Da oben neben ei-\nnem sehr grossen Gestell gab die Wand nach,\nund ich kam in einen langen, sehr langen dun-\nkeln Gang. Wohl drei Stunden ging ich mit\nOellampe, Hacke und Spaten in dem Gange, und\nda fand ich keinen Ausgang. Der Ausgang war\nzugemauert. Ich arbeitete zwei Monate, um die\nZumauerung zu durchbrechen. Es war eine sehr\nschwere Arbeit. Und dann kam ich in ein zer-\nfallenes Haus, das in abgelegener Gegend lag.\nAlle Tontafeln des Palastes brachte ich dorthin,\nlegte an ihre Stelle wertlose Tafeln, auf denen\nUebungsstücke standen. Und dann kam die Be-\nlagerung des Palastes. Und ich holte die letzten\nStücke. Und da brach Feuer im Palaste aus —\nim Harem des Königs brannte es lichterloh. Und\ndie Haremsfrauen und Eunuchen schrien wie die\nWahnsinnigen. Niemals werde ich dieses furcht-\nbare Gekreisch vergessen — niemals — bis an\nmein Lebensende nicht. Und aus dem Palaste\nheraus konnte niemand, denn draussen stand der\nAssyrer, der alles niederschlug. Nun wollte ich\nden Bedrängten zu Hilfe kommen — ihnen von\ndem geheimen Gang erzählen. Und — ich wagte\nes nicht. Ich fürchtete das Geschrei der wahn-\nsinnigen Frauen. Die wahnsinnigen Frauen konn-\nten so leicht meinen Gang verraten — und da-\ndurch all die Tontafeln in Gefahr bringen. Auch\nfürchtete ich, dass man den Fliehenden nachset-\nzen könnte. Denn es müsste den Belagerern\nauffalten, wenn plötzlich das Geschrei aufhören\nsollte. Man würde, dachte ich, schon vermuten,\ndass sie sich durch geheime Gänge ins Freie ret-\nteten. Und ich bekam's nicht fertig, die Ster-\nbenden zu rufen. Sie kreischten wie die Wahn-\nsinnigen. Und ich stand in meinem finstern\nGange und roch den Brandgeruch. Und ich ver-\nmochte nicht, mich zu bewegen. Ich gab den\nganzen brennenden Harem dem Feuertode hin.\nUnd ich rettete meine Tontafeln. Aber Hunderte"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "574", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2042, "texte": "von Menschenleben waren vernichtet — durch\nmich. Und ich kann das wahnsinnige Todesge-\nkreisch nicht vergessen. Meine Tontafeln standen\nmir höher als die lebendigen Menschen. Ich\nkonnte damals nicht mich von der Stelle bewe-\ngeil. Aber ich hätte mich ermannen müssen.\nWas kam's denn auf all das Geschreibsel an.\nIch hör's immer wieder um meine Ohren krei-\nschen — den Todesschrei von Hunderten. Ich\nwerde daran zu Grunde gehen. Ich halt's nicht\nmehr aus. Aber die Tontafeln wurden alle ge-\nrettet. Der siegreiche König Assurbanipal hat\nalle Tontafeln des königlichen Palastes zu Ba-\nbylon nach Ninive bringen lassen und nie er-\nfahren, um welchen Preis sie gerettet wurden.\nDer König Assurbanipal hat den Tod seines\nHalbbruders Saosduchin, der mit seinem ganzen\nHarem in den Flammen seines Palastes zu Grunde\nging, immer lebhaft beklagt. Saosduchin war\neigensinnig und woltte sich nicht ergeben. Aber\nseinem Harem fiel's nicht ein, eigensinnig zu\nsein — die Weiber und Eunuchen hätten alles\nhingegeben, wenn sie ihr Leben hätten retten\nkönnen. Ich hätt's retten können. Und ich hab's\nnicht getan.\"\nGanz starr sass der alte Priester Piru da\nund blickte in die Weite. Der kleine Gimilla\nhörte mit Schreiben auf; er war fertig. Die eine\nder kleinen Lampen verlöschte. Gimilla sank\nzur Seite und schlief ein. Piru erhob sich und\ntrug die Tontafeln vorsichtig, aber mit zittern-\nden Fingern zum Brennofen, wo noch gearbeitet\nwurde. Sieben Mal ging der alte Piru, denn es\nwaren sehr viele Tontafeln, dieGrimilla in die-\nser Nacht beschrieben hatte.\nDann verlöschte auch die andere Lampe,\nund der alte Piru liess den kleinen Gimilla ru-\nhig weiter schlafen, ging leise in sein Zimmer\nund legte sich auf seinen Diwan und zündete\neine kleine Hängelampe an und bedeckte das Ge-\nsicht mit beiden Händen und weinte.\nEine kleine Maus kam aus der Ecke des\nkleinen Gemachs, setzte sich auf die Hinterbeine\nund blickte verwundert den weinenden Mann an.\nDie Mäuse, deren es viele in der Bibliothek gab,\nschadeten dieser nicht, da sie Tontafeln nicht\nannagten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "574", "page_fin": "574", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.5", "titre_corps": "Abel", "titre_sommaire": "Abel", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "574", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.4", "debut_caractere": 2044, "fin_caractere_exclue": 2569, "texte": "Abel\nElse Lasker-Schüler\nKains Augen sind nicht gottwohlgefällig,\nAbels Angesicht ist ein goldener Garten,\nAbels Augen sind Nachtigallen.\nImmer singt Abel so hell\nZu den Saiten seiner Seele,\nAber durch Kains Leib führen die Gräben der\nStadt.\nUnd er wird seinen Bruder erschlagen —\nAbel, Abel, dein Blut färbt den Himmel tief.\nWo ist Kain, da ich ihn stürmen will:\nHast du die Süssvögel erschlagen\nIn deines Bruders Angesicht?\nDurch dein dumpfes Herz\nKlagt Abels flatternde Seele.\nWarum hast du deinen Bruder erschlagen, Kain?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "574", "page_fin": "575", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.6", "titre_corps": "Der Schauspieler", "titre_sommaire": "Der Schauspieler", "signature_source": "William Wauer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "574", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.4", "debut_caractere": 2571, "fin_caractere_exclue": 8771, "texte": "Der Schauspieler\nVon William Wauer\nWeil wir im Alltagsleben unsere Ausdrucks-\nfähigkeit durch Vernachlässigung und Unter-\ndrückung ausserordentlich schwächen und ver-\nkümmern lassen, weil ausserdem im Altagsleben\nder in Erscheinung tretende Ausdruck zumeist\nein „ungewollter\" ist (ausser, wenn er „erheu-\nchelt\" wird, und dann ist er ja „Kunst\"),\nbleibt er undeutlich und tritt, auch wenn er\nwahr ist, als von Zufälligkeiten beeinflusst und\nabhängig, nur schwach und unrein auf. Ein\nkünstlerischer Ausdruck, wie es der schauspiele-\nrische sein soll, verlangt aber selbstverständlich\neine völlig reine Form in der Darstellung: das\nstrikte und saubere Zumausdruckbringen gerade\ndieser oder jener Gemütsstimmung oder Gemüts-\nbewegung, dieser oder jener Geste oder Körper-\nstellung ist eben das künstlerische Ziel der\nSchauspielkunst.\nDer heute an den Bühnen herrschende ver-\nwischte und unklare Alltagsausdruck ist nichts\nals Dilettantismus und Unvermögen.\nDie Meisterschaft des Schauspielkünstlers\nliegt in seinen AusdrucksfäMgkeiten nach der\nSteigerung wie nach der Nüancierung hin.\nDer Schauspieler muss und darf nur Aus-\ndrucksmittel sein, wenn das Gesamtkunstwerk ei-\nner dramatischen Aufführung entstehen soll. Sein\nStolz muss es sein, Unkörperliches zu verkör-\npern. Das nur ist das Schöpferische an seiner\nKunst.\nDer Dichter kann nur Lebensverhältnisse in\nder Zeit, der Regisseur im Raum schaffen: erst\nder Schauspieler schafft das Leben selbst in die-\nse Verhältnisse.\nDer Schauspieler muss das Allgemein-Mensch-\nliche, Allzumenschliche gestalten, aus sich her-\naustreiben. Gibt er nur sein Alltäglich-Indivi-\nduell-Menschliches, so erleichtert er sich seine\nAufgabe ins Unkünstlerische, Unschöpferische —\nins Natürliche.\nDennoch muss sich jeder Schauspieler sa-\ngen, dass er nur auf einem Instrument spielen,\nvielleicht Meister sein kann: auf sich.\nDer Schauspieler muss sich als Bestandteil\neines organischen Ganzen zu fühlen lernen und\nsich den Gesetzen der Gliederung und des Gleich-\ngewichts des Organismus unterwerfen. Seine dar-\nstellerische Betätigung ist nicht Einzelnes, Ver-\neinzeltes, für sich Bestehendes — durch sie\nmuss das Leben des Gesamtorganismus der Auf-\nführung strömen, ausströmen auch in das un-\nbelebte Bühnenbild.\nDer Darsteller darf nicht nur im scenischen\nBild wirken, das scenische Bild muss in ihm\nwirken.\nDer Schauspieler besitzt dieselbe Selbststän-\ndigkeit und Verantwortlichkeit, wie ein Musiker\nim Orchester.\nNur eine immense technische Virtuosität\nkann den Schauspieler fähig machen, jede mo-\nmentane Lebensregung seines Innern nach aussen\nzu werfen, zu gestalten.\nDer Schauspieler braucht vor allem eine\nrein technische Ausbildung. Die befähigt ihn,\nvorurteilslos sein Instinktives zum Ausdruck zu\nbringen.\nDer Schauspieler hat auf der Bühne „dar-\nzustellen\", nicht sich „gehen zu lassen\", sich zu\n„geben\".\nAuch der Schauspieler will und muss offen-\nbaren, nicht vermummen, nicht täuschen.\nDie Verstellung bringt nur Kunststücke\nhervor — sie ist unfähig, Kunstwerke zu er-\nzeugen. Dem Schauspieler ist nicht die unmög-\nlieh Aufgabe gestellt, sich dahin zu verstellen,\ndass man meinen könnte, er sei „Hamlet\" oder\n„Wallenstein\".\nJedes Spiel ist ein individuelles Erleben,\noder es ist nichts. Das gesprochene Wort ist\naber nicht das Erlebnis, sondern nur dessen Re-\nflex (es gibt Begriffe davon); das Erleben liegt\nin den psychischen Vorgängen. Diese müssen\nalso der Reihe nach einzeln gestaltet werden\nin Klang und Gebärde. Hier liegt die Aufgabe\nder Schauspiel k u n s t.\nSich einleben in eine Rolle, sich in sie hin-\neinversetzen, als Darstellungsprinzip ist dilettan-\ntisch — ist falsch.\nMan darf als darstellender Künstler nur\ndie einzelnen Darstellungsmomente seiner Rolle\nwollen, nicht die Rolle selbst. Jede Neben- oder\nVorbeziehung ist falsch. Das Gretchen im Gar-\nten darf vom Gretchen im Kerker nichts wissen.\nWelches heutige „Gretchen\" hat aber Goethes\n„Faust\" nicht gelesen?\nDie Rolle muss dem Schauspieler in einzel-\nne augenblickliche Gestaltungsaufgaben zerlegt\nwerden: denn von den Zusammenhängen der\nRolle, die er spielt, darf er anscheinend nichts\nwissen, er darf das nächste Wort nicht kennen,\ndas er spricht, geschweige denn seine nächste\nSzene, oder seinen letzten Akt.\nWelcher Mensch kennt sich selbst und sei-\nne letzten Motive? Man kennt nur die geistigen\nund seelischen Reflexe seiner Leiblichkeit (im\nbesten Fall). So blind muss also der Schau-\nspieler seiner Rolle gegenüber bleiben. Diese\nBlindheit kann ihm aber nur der Regisseur ge-\nben. Jede Rollenauffassung vom Spieler her zer-\nstört diese Blindheit.\nDer Schauspieler ist nicht dazu da, eine\nliterarische Auffassung durchzuführen und zu\nbeweisen, sondern zu „erleben\", Empfundenes\nauszudrücken.\nDer Schauspieler soll seine Rollen nicht mit\nseinem Bewussten, sondern mit seinem Unbe-\nwussten erfüllen.\nDie „Auffassung\" einer Rolle seitens des\nSchauspielers ist ein Vorurteil gegen den Re-\ngisseur.\nDer Schauspieler muss auf jede Tätigkeit\nim Dienste seiner Auffassung verzichten, weil\ner damit seine Anpassungsfähigkeit und Bieg-\nsamkeit aufhebt, die der Regisseur (unbedingt\ngebraucht.\nDer Schauspieler soll also den scheinbar\nunabsichtlichen und unbewusst einen Zusammen-\nhang bildenden Einzelheiten der Rolle seine Kraft\nwidmen, oder er versperrt sich den Weg zur\nLebensdarstellung, zum Leben selbst durch Zu-\nbewusstsein.\nWarum kommt der deutsche Schauspieler\ndem Regisseur mit so schlechtem Willen entge-\ngen? Weil sich die deutschen Schauspieler zu\nwenig als Künstler und zu sehr als Literatur-\nbeflissene fühlen. Sie berufen sich auf die Dich-\ntung, auf ihre Auffassung, auf den Dichter. Sie\nbestreben sich also, zu belehren, zu dozieren,\nzu debattieren, während alle ihre Instinkte künst-\nlerisch auf die Darstellung und das Darstellen\ngerichtet sein müssten. So wird das Was ihnen\nzur Hauptsache, jeder deutsche Schauspieler\nmöchte nur erste Rollen spielen) das Wie als\neinziges, was künstlerisch in Frage stehen kann,\nbleibt Nebensache. Der Deutsche ist ein schlech-\nter Schauspieler, weil er zu doktrinär ist. Ist\ndas künstlerisch?\nDer Schauspieler hat nur mit dem Regisseur,\ndem Gestalter in Bühnenkunstmitteln, zu denen\ner selbst gehört, unmittelbaren Zusammenhang"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "575", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4776, "texte": "— mit dem Wortgestalter, dem Dichter, nur ei-\nnen mittelbaren; durch den Regisseur.\nDie Individualität des Schauspielers bleibt\nauch dann gewahrt, wenn er die vom Regisseur\nendgiltig gestaltete Rolle verlebendigt, denn er\nschenkt ihr sein Leben.\nWirkliches letztes Inneres auszuströmen, im\nkünstlerischen Spiel zu gestalten, das ist des\nSchauspielers Kunst; die Maske festzuhalten (um\nsich unkenntlich und die Rolle kenntlich zu ma-\nchen) des Schauspielers Sorge.\nDie dichterische und vom Regisseur festge-\nstellte Figur ist ein Gefäss, in das der Schau-\nspieler seinen starken Lebensstrom ergiessen soll.\nDie Worte sind die Kanäle, in denen wir es\nströmen hören. Nicht die Art dieser Kanäle ver-\nrät uns die Stärke und das Tempo des Flusses\n(des inneren Lebens) sondern das Rauschen,\nder Ton des Strömens. Er ist also der Aus-\ndruck, die akustische Form des innen vorhande-\nnen Lebens.\nPsychische Zustände oder Bewegungen in\nVorstellungen, in Tonfall und Bewegungsvor-\nstellungen umwandeln können, das ist die Vor-\naussetzung der Spielkunst.\nDie Gebärde wie das Mienenspiel des Schau-\nspielers müssen ebenso sprechend wie die Spra-\nche „klingend\" werden.\nDas Können des Schauspielers besteht in\neiner besonders entwickelten seelischen und kör-\nperlichen Beweglichkeit und Ausdrucksfähigkeit.\nEr muss auf eine Autosuggestion hin alle Affek-\nte und Stimmungen in sich erzeugen können,\num ihre spezielle Klangfarbe in den Worten her-\nvorzuzaubern und ihre Bewegungen wie Reflexe\nüber seinen Körper hinlaufen zu lassen.\nEs gibt willkürliche und unwillkürliche Be-\nwegungen. Tausend Worte können nicht das\nsagen, was eine Bewegung sagt — tausend un-\nwillkürliche Bewegungen können nicht soviel sa-\ngen, wie eine willkürliche offenbart.\nDer Schauspielkunstler hat die Möglichkeit,\neine optische oder akustische Form zu wählen,\noder beide Formen gleichzeitig zu benützen. Die\ngeistige „logische\" Form gehört dem Dichter:\nDer Schauspieler kann sie nur reproduzieren. Er\nrichtet sich mit seiner Produktion nicht an das\ngeistige Fassungsvermögen, er richtet sich an\ndie sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit. Er gestal-\ntet in optischer oder akustischer Form.\nCharakteristische Klänge zu formen, diese\nAufgabe ist als Darstellungsprinzip heute beina-\nhe noch nicht gesehen worden. Und doch um-\nfasst es den Hauptbestandteil der Schauspielkunst\nund wird am ehesten geeignet sein, einen neuen\nSchauspielsprechstil zu bilden, der inneres Le-\nben hat.\nPsychisch regulierte (abgestimmte) Klangfar-\nben, anscheinend rücksichtslos aneinandergereiht,\nin dem man die Worte des Dichters zu Gehör\nbringt, müssen einen impressionistischen Sprech-\nstü ergeben, von dessen ungeahnter Farbigkeit\nund Stärke man heute noch keine Vorstellung\nhat — einen Stil, der ebenso grosser als inti-\nmer Wirkungen fähig ist.\nAlle Künstler schaffen aus einem Einfall\n(nicht aus einer Auffassung, einer Doktrin), ei-\nnem Rausch heraus: man nennt das, aus dem\n„Nichts\" schaffen.\nAuch der Schauspielkünstler schafft aus dem\n„Nichts\": eine Hoffnung, eine Verzweiflung,\neine Freude, einen Hass, eine Liebe, ein Ge-\nlächter, wo nichts vorher von diesen Dingen\nwar. Er schafft sie willkürlich, aus einem Klang,\naus einer Bewegung. Also aus seinen Kunst-\nmitteln.\nDie richtige Bewegung zur rechten Zeit im\nrichtigen Tempo, zu nehmen, die richtige Klang-\nfarbe im bestimmten Wechsel seinen Worten zu\ngeben, ist eine ebenso grosse Kunst, wie die\ndes Malers, die richtige Linie und den richti-\ngen Farbenfleck an den rechten Ort zu setzen\n— oder die des Dichters, das richtige Wort zur\nrechten Zeit in der richtigen logischen Verbin-\ndung zu bringen. Nur die Mittel sind verschie-\nden, die angewendet und beherrscht werden\nmüssen.\nHeute lassen wir uns von den Schauspielern\nfür unser Geld etwas vormachen, und sie ma-\nchen uns etwas vor.\nSchreien und Brüllen ist kein Ausdruck\nfür Stärke, sondern für Angst und Schmerz.\nWie oft wird das verwechselt und nicht gewusst.\nDer Schauspielkünstler produziert, um sich\nvon innerem Ueberfluss zu befreien. Er muss\nsein Inneres blosslegen, deshalb spielt er unter\neiner anderen Hülle: der Rolle. Er muss sich\nseelisch aller Scham begeben, sich entblössen,\ndeshalb spielt er in einer Maske: der Rolle. Sie\nist sein Vorwand, seine Entschuldigung und\nseine heilige Scham.\nDer Dichter regt den Regisseur zum Schaf-\nfen an, er gibt ihm Vor wand und Gelegenheit\n(wie die Natur dem Maler) — er schafft aber\nnicht an seiner Statt. Die Rolle, die der Schau-\nspieler spielen soll, ist ebenso schon geschaffen,\nwie das ganze Werk, deshalb kann es nicht\nkünstlerische Aufgabe des Regisseurs oder des\nSpielers sein, sie zu schaffen. Die Ausgestal-\ntung des Dichtwerkes in Bühnenmitteln schafft\nder Regisseur und die Verlebendigung dieser\nAusgestaltung der Schauspieler. Er schafft künst-\nlerisches Leben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "575", "page_fin": "575", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.7", "titre_corps": "Privatdozentisches", "titre_sommaire": "Privatdozentisches", "signature_source": "Kurt Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "575", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.5", "debut_caractere": 4778, "fin_caractere_exclue": 9233, "texte": "Privatdozentisches\nVon Kurt Hiller\nDer Feuilletonist ist gefährlicher als der Re-\nporter; Büldung schlimmer als Ignoranz; einer\nRevolution mit Klauseln das träge Beharren vor-\nzuziehn. Auch in der Wissenschaft ist die Mittel-\nstrasse keine sympathische Gegend.\nDiese Sätze sage ich Herrn Hermann U.\nKantorowicz; welcher vor Kant den Witz und\nvor den meisten Kollegen Kultur voraushat;\naber gerade deshalb seine widerwärtige Unradi-\nkalität endlich aufgeben sollte. In seiner neusten\nSchrift „Rechtswissenschaft und Soziologie\" (Tü-\nbingen 1911) findet sich, zwischen allerhand\nScharfsinnigkeiten über Einteilungsfragen und\nmancher Platitüde, die auf Aussen weit-Kenntnisse\nseitens der Justizpersonen zielt, folgende Inkon-\nsequenz:\nAuf Seite 10 weint er, mit Fug, über das\nschlechte Ergebnis, das eine Umfrage über „tat-\nsächliche Rechtsverhältnisse\" gehabt hat, und er-\nklärt es mit diesen wahrhaft famosen Sätzen:\n„Ihr (der Umfrage) Unglück war, dass sie\ndurchaus die tatsächlichen Rechtsverhältnisse des\ngegenwärtigen Lebens feststellen wollte;\nhätte sie das hellenische Bürgschaftsrecht oder\ndas altägyptische Grundbuchwesen erkunden wol-\nlen, so wäre ihr auf Grund der neuesten papy-\nrologischen Forschungen, in denen unsere Zivi-\nlistik ihre soziologischen Bedürfnisse befriedigt,\nhaarklein genaue Auskunft erteilt worden. Ich\nlebe daher der frohen Zuversicht, dass, falls die\nherrschende Schule (die historische) sich bis da-\nhin lebend erhalten sollte, wir bereits in zwei-\ntausend Jahren über die tatsächlichen Rechtsver-\nhältnisse des gegenwärtigen Lebens Bescheid wis-\nsen werden, und dass, wer sich im Jahre vier-\ntausend für einen Lehrstuhl des dann geltenden\nbürgerlichen Rechts qualifizieren will, dies auf\nkeine andere Weise wird tun können, als dass\ner etwa die Frankfurter Mietsverträge vom Jahre\n1910 auf Grund der noch erhaltenen und nach\nden Regeln der philologischen Kunst zu edie-\nrenden Papiere bearbeitet.\"\nWacker und liebenswert Aber auf Seite 24 be-\ndauert dieser Antihistoriker, dass „in ganz Deutsch-\nland heute der Student der Rechtswissenschaft\nkeine Gelegenheit hat, über die Geschichte\nseiner Wissenschaft eine Vorlesung zu\nhören\"! Das könnte den neumodischen Bücher-\nwürmern so passen: das Studium der Geschichte\ndes Gegenstands einer Wissenschaft durch\ndas Studium der Geschichte dieser Wissen-\nschaft selbst zu ersetzen. Fehlt dann bloss\nnoch: die Geschichte der Geschichte der Wissen\nschaft; und so beliebig weiter; auf dass die Fa-\nmuli Wagner in aeternum beschäftigt sind . . .\nUeberflüssige Kenntnisse gibt es für\nHerrn Kantorowicz nicht; anstatt unsern Gauri-\nsankar von Positivitäten und Bildungsschutt all-\nmählich abtragen zu helfen, protestiert er Seite\nfünfunddreissig gegen die wundervolle Gepflo-\ngenheit der deutschen Staaten, von Zeit zu Zeit\ndie abgelegten Prozessakten einzustampfen; die-\nses Verfahren sei „eine Zerstörung kostbaren\nQuellenmaterials\", und die „Diplomatik des Pro-\nzesses\" ein „Zweig\" der „Forschung\", der „noch\nschöne Früchte\" „zeitigen\" werde. Die Frage\nnach dem Zweck sotanen Forschens gibt dem\nGelehrten nur den erwünschten Anlass zu Ueber-\nlegenheitsgefühlen; es ist ja „selbstverständlich\"\nfür ihn, dass „jede Wissenschaft an sich\nWert besitzt\" . . Zu eigenartig, dass dieselben\nBürger, welche die ennuyantesten Bagatellen zu\nProblemen machen, die wichtigsten Fragwürdig-\nkeiten hochnäsig für gesichert erklären. Ein in-\ntellektuell anständiger Mensch untersucht, bevor\ner sich einer Wissenschaft widmet, den Wert dieser\nWissenschaft; ein Privatdozent, um Professor zu\nwerden, setzt ihn als selbstverständlich voraus.\nDarum ist der Privatdozent, in seiner blossen\nExistenz, ein Affront gegen den anständigen\nMenschen; und dieser ist genötigt, ihm (als dem\nSnob des Erkennens) immer wieder seine Verlo-\ngenheit vorzuhalten. Im Falle Kantorowicz liegt\ndie ja recht harmlos zu Tage; zumal auch, wenn\nman bedenkt, dass der Verulker der Papyrologen\nvor kurzem, offenbar zu Habilitationszwecken,\neinen öden Schinken publizierte, welcher die Stirn\nhatte, „Albertus Gandinus und das Strafrecht der\nScholastik\" zu heissen, und nicht umhin konnte,\nProzessakten des dreizehnten Jahrhunderts\nnebst „diplomatischer\" Einleitung zu enthalten.\nEinen Rücksprung über zweitausend Jährchen\nglaubt Herr Kantorowicz frivolisieren zu sollen;\neinen über siebenhundert managt er selber. Er\ndenkt, die Menge tut es. Ja, ja: die geistigen\nKämpfe der Kompromissnicks arten leicht in\nQuantitätlichkeiten aus."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "575", "page_fin": "576", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.8", "titre_corps": "Wauer via München, weiter und so weiter", "titre_sommaire": "Wauer via München, weiter und so weiter", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "575", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.5", "debut_caractere": 9235, "fin_caractere_exclue": 9446, "texte": "Wauer via München,\nweiter und so weiter\n\nO, wie wohl ist mir im Herzen zwischen\nden vielen scherzenden Herzen; alle sind bunt\nund brennen, aber mein Herz ist blau und\nglüht. Am Morgen hänge ich es an einen sorg-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "576", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5919, "texte": "losen Blumenbaum und lasse es zwitschern.\nWie ich so dahinlebe, ich bin einer der fahrenden\nSchüler aus St. Peter Hilles Platonikers Sohn.\nIm Tanzschritt ziehen wir durch das Grün der\nStadt hintereinander mitten im Mondpolka. Die\nStrassen und Plätze duften noch nach Marien-\nbalsam der Dome. Wir schweben, wir kennen\ndie Sünde nicht, an der Welt vorbei, mit Mün-\nchen der Südstadt Deutschlands im Arme. Ich\nmuss München immer küssen, schon, weil ich\nBerlin hinter mir habe; wie von einer langwei-\nligen Kokotte geschieden fühle ich mich. Meine\nFreunde spielen Harmonika, wir ziehen an\nSchaufenstern pietätvoller Läden vorbei; Meister«\nbilder, frommer Schmuck, wilde Waffen aus den\nGräbern der Bibelfürsten und überall die blau-\nen Königludwigaugen! Eine alte Riesenkommode\nist München aus einem bayerischen Alpenknochen\ngehauen. Man kann so andächtig kramen in\nMünchen und ausruhen auf gepolsterten Erin-\nnerungen. Hier freut man sich seiner selbst, man\nfindet sich in seinem glücklichsten Augenblick\noben auf dem Berge der Stadt. Im Vorbeischrei-\nten an den Gärten Obersendlings, flüchtet vor mir\ndas prahlerische Häuserregiment Berlins. Es\nsteigt die Erde, ich sitze auf ihrem Rücken in\neinem der Schlösser. Ich bleibe hier für ewig!\nMan sagt das so leicht. Ein Paradies ist Mün-\nchen, aus dem man nicht vertrieben wird, aber\nBerlin ist ein Kassenschrank aus Asphalt; der\nihm zum Labsal benutzt, hängt sein Herz eng-\nherzig als Schloss davor. Ich soll mich so ganz\nerholen in der bayerischen Hauptstadt. Giebt's\nauch Cafes hier? Da winkt schon eins von\nFerne. Sei mir gegrüsst, oder wie der Bayer\nsagt „Gott grüss dich Cafe Bauer!\" Von einem\nAltan herab ladet es den vorbeiwandelnden ein-\nzutreten, manchmal sogar holt der luftschöp-\nfende Ober den Gast in sein Cafehaus nach süd-\nlicher Sitte. Ich stelle eine gewisse Aehnlichkeit\nzwischen dem Cafe Bauer mit unserem Cafe des\nWestens fest, unserer nächtlichen Heimat, (grinst\nnur verfluchte Somaliphilister und Sudanpro-\nleten) unserer Oase, unserem Zigeunerwagen, un-\nserem Zelt, darin wir ausruhen nach dem all-\ntäglichen schmerzvollen Kampf. Die Frau Wir-\ntin ist sanft, sie pflegt unsere Launen, die uns\nder Bürger schlug. Vom Oberober bis zum\nUnterunter passen die sich dem Rhytmus der\nGäste an. Herr Rattke hat wieder ein neues\nBuch geschrieben in Kochäen über Servieren,\nverrät mir Richard, der Zeitungsverweser, der\nJournaltruchsess. Er liest mir mit Pathos mein\nGedicht im Sturm vor über München; ich be-\nginne zu seufzen. Was fangen nun die spielen-\nden Strassen dort ohne mich an und die vielen\ngaukelnden Herzen? Dass die gesund bleiben,\ndafür sorgen die Aerzte, namentlich der unver-\ngleichliche Doktor Arthur Ludwig. Alle seine\nPatienten kommen, weil er der unvergleichlich-\nste Mensch noch dazu ist, nie zur angeschla-\ngenen Zeit In die Sprechstunde, wegen der sü-\nssen Speisen und der Marmeladen, die zum\nMittag aufgetragen werden von seiner emsigen,\nlieben Haushälterin. Und die bettlosen Patienten\nund Freunde nahen gewöhnlich mit dem Die-\ntrich und der Zahnbürste im Gewände, sie\nkommen vom Rande ihres Lebens und der Dok-\ntor, ein heiliger Wirt, wie auf dem Bilde in\nseinem Sprechzimmer, zu sehen ist: „Fräulein\nHaushälterin, besorge für den Fremdling nun\neine Lagerstatt\". Er ist direkt ein Engel. „Ein\nstarkfühlender, intelligenter Engel\", betont ein\nKollege von ihm, Doktor Max Nassauer, der\ndichtende Arzt in München.\nWir gehen alle in den Simplizissimus, in\nKati Kobus ihrer berühmten Künstlerkneipe. Heu-\nte kommen die Kegler! Ich meine die Leute\nvom Kegelabend. Ludwig Scharf trägt mit\nstarkem Ton seine Verse vor, jedes Wort ist an\ndas andere geschmiedet. Sein Gesicht ist eine\ndiabolische Arabeske. Dazwischen tönt die fah-\nrende Stimme des Guitarrenspielers und die lie-\nbenswürdigen, drolligen Bemerkungen Max Hal-\nbes; er gefällt mir sehr. Und all die kleinen\nsummenden Mädchen mit den braunen und blon-\nden Liedern. Und die Hauptsache bleibt die\nKati Kobus, die Simplizissimusherrscherin mit\ndem Kronmal auf der Stirn. Sie ist die Her-\nzogin des Rausches, sie ist eine Regierende. Wer\nso zu unterscheiden vermag wie sie! Eine Ju-\nwelierin, wer so das Angesicht auf sein Geist-\nkarat zu werten vermag. Das Scheiden aus ihrem\nNachtgarten, wo das Lachen blüht zwischen\nBilderhecken, tut mir besonders weh. „Frau\nHelene, sage ich mich ermannend eines Morgens\nzu meiner Wirtin, es muss geschieden sein! ! !\nBerlin! Vom Waggon aus steige ich sofort die\nStufen des Kleinen Theaters hinan zur General-\nprobe der Vier Toten der Fiametta. Morgen\nzur selbigen Stunde werde ich Jacobsohn wie-\ndersehen — ich werde Jacobsohn wiedersehen!\nDirekter Wauer fundiert noch seinen letzten\nFusstapfen, er ist ein Baumeister und umreisst\ndie Gebärden der Spielenden. Fest und sicher\nbewegt sich nun das ungeheure Pantomimen-\ndrama und ballt sich wieder zur Einheit. So\nwohlgeformt und nicht ein Abweichen, nicht ein\nüberflüssiges Zureichen. Allerlei Grauen führen\ndes Schneiders (William Wauer) Klauen die\nSchneidernadel unentwegt. Grandios ist die Be-\nwegung seines Mundes, die nicht ein stummes\nReden, aber ein drohendes Auf tun seines Ge-\nsichtes bedeutet. In grossen teuflischen Zeichen\nnicht minder, wie ihr Direktor, spielt Rosa Va-\nletti, die Schneidersfrau, und rotangefüllt, ein\nBlutbezechter, ein wankender Bär, tappt der Last-\nträger (Guido Herzfeld) auf den Ruf der ver-\nzweifelten Fiametta über die Stufen der Treppe,\nin das Trauerspiel. Das Harlekintrio. Ein Ge-\nmälde, das im Anschaun mit dem Körper des\nBewunderes verwächst. Und die ungeheure Last\nTrauerspiel, rollt sich auf einer Musik auf-\nwärts hochmütig über die Leiche verdutzer\nhöhnender Kritik. Herwarth Waiden, ein Hod-\nler der Musik, der alles süssliche zerreisst im\nSiegeskrampf und Kampf. Morgen ist die Pre-\nmiere der Vier Toten der Fiametta, ich werde\nJacobsohn wiedersehen —, ich werde den klei-\nnen Jacobsohn wiedersehen! „Wer kommt noch\nmit ins Cafe?\"\n\nElse Lasker-Schüler"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c009", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "576", "page_fin": "576", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.9", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "Die Redaktion", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "576", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.6", "debut_caractere": 5921, "fin_caractere_exclue": 6574, "texte": "Notiz\nDie Redaktion\nDie Nummer 71 dieser Wochenschrift wur-\nde wieder vom Verkauf auf den Bahnhöfen aus-\ngeschlossen. Trotzdem der Holzschnitt Variete\nvon E. L. Kirchner doch schon das menschen-\nmöglichste an Bekleidung leistet. Für die preu-\nssische Eisenbahnverwaltung kann man offenbar\naber garnicht zugeknöpft genug sein. Sollte wie-\nder einmal eine Nummer auf den Bahnhöfen\nfehlen, so mögen unsere Leser nicht allzukühne\nHoffnungen auf erotische Sensationen setzen.\nDie Grösse des Halsausschnittes ist von der zu-\nständigen Behörde für Beamtinnen und Zeich-\nnungen festgesetzt. 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Kurse von \"116111. iVlcSlcr Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorle und Praxis (staatlich\ngepriifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhrender Stellung). Grundliche\nEinfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationelles\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfiihrungs- und Bilanz-\nTechnik, Buro-Praxis sich vorbereiten wollen —\nsowohl fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\nsolviert haben, wie fiir\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen, Einjahrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfiir Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellscliaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, Johannisplatz 5\n111 Ml —lll—■ I— ■ mil ■mill ■■■■■■■■■I —I—MM—IMWIMUJ—I—"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c025", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "578", "page_fin": "578", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "578", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.8", "debut_caractere": 4066, "fin_caractere_exclue": 4246, "texte": "FREYA\nCharlottenburg ;\nBismarckstrasse 9 jj\nAm Knie\n□ B\n□\nAngenehmer Aufenthalt\n112 ur Kiinstler und Studenten\nZahlreiche Zeitungen und\nZeitschriften / Bis zehn\nUhr abends geoffnet"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c026", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "578", "page_fin": "578", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "578", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.8", "debut_caractere": 4248, "fin_caractere_exclue": 4812, "texte": "EDMUND MEYER\nBuchhandler und Antiquar\nBERLIN W 35 §E&g§g\nAnkauf einzelner Werke\nund ganzer Bibliotheken\nSoeben erschlen: Katalog XVIII: Literatur\nGeschichte, Kunstgeschichte, illustrierte\nWerke in deutscher, englischer, fran-\nzos. Sprache zu besonders billigen Preisen\nDemnSchst erscheint: Katalog XXI / Kunst-\nblatter: Portrats, Stadteansichten, Berliner\nBlatter, Karrikaturen, Flugblatter, neuere\nund altere Genrebilder, Blatter von\nMenzel, Beardsley, Rods, Stammbucher\nSilhouetten, Japanbfstter etc. etc.\nKataloge / gratis und franko /\nbitte direkt zu verlangen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c027", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "578", "page_fin": "578", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.27", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "578", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.8", "debut_caractere": 4814, "fin_caractere_exclue": 4881, "texte": "Heine und die Folgen\nEssay\n80 Pfennig\nVerlag Albert Langen\nMiinchen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c028", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "578", "page_fin": "578", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.28", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "578", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.8", "debut_caractere": 4883, "fin_caractere_exclue": 5537, "texte": "iiiI3IIiISI!S!HEi3!SQiSKI3fI\nDie Waiser\nZentralblatt fiir Industrie,\nIngenieur= und Bauwesen,\nMotorbetrieb, Elektro=\ntechnik etc.\nOrgan des Verbandes mittel- &\nund westdeutscher Wasser- gj\nkraftbesitzer, des Verbandes g\ndeutscher Holzmehlfabriken g\nund elektrischer Wasserkraft-\nzentralen.\nInserate finden in der Wasser- g\nkraft weiteste Verbreitung. — gj\nGeschaftsstelle und' Verlag -\nDuderstadt a. Harz. Vier- _\nteljahrspreis M. 1,25 bei freier ■\nZustellung. — Die Herren ®\nVerleger werden um Ein- IB\nsendung ihrer Neuerschei- ■\nnungen zur Besprechung §3\ngebeten. g\nProbenummern umsonst und H\nPostfrei durch die Geschafts- g\nstelle.\nVertreter gesucht ■"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-08-12-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-08-12_01#c029", "volume": "bmtnabg_1911-08-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "578", "page_fin": "578", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.2.29", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "578", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.8", "debut_caractere": 5539, "fin_caractere_exclue": 5885, "texte": "Die Abonnenten\nmerer\nWochenschrift\nwerden hftflichst um\nEinsendung des falli-\ngen Betrages gebeten.\nEs wird andernfalls un-\nter Nachnahme mit Zu-\nschlagder Einziehungs-\nkosten behobenwerden.\nSamtliche Postamter\nnehmen Bestellungen\nauf unsere Wochen-\nschrift entgegen. 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KAINER: Lebensfreude / Zeichnung\n\nLebensfreude Zeichnung von L. Kainer"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "572", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.2", "texte": "Einsichten\nKurt Aram\nDie Antwort\nDer Berliner Lokalanzeiger über den „spei-\nsenden Zoo\":\nUnd weshalb muss ich, wenn ich im Re-\nstaurant 1. Ranges eine gute Flasche Wein\ngetrunken habe, meinen 1. Rang aufgeben und\nein Gast „ä la Kempinski\" werden, wenn ich\nein Glas Bier haben will? Da bei den Men-\nschen auf solche Fragen keine Antwort zu\nerhalten war, ging ich zu den Tieren, die es\nim Zoo ja auch noch gibt. Die meisten grin-\nsten spöttisch, die alte, weisse Schimpansin\naber, die schon so manches Jahr Berliner Le-\nben hinter sich hat, hielt sich den Leib vor\nLachen. So etwas Närrisches war ihr denn\ndoch noch nicht vorgekommen.\nDie Folge\nDie „deutsch Sprak\" ist nicht sowohl eine\narme und plumpe Sprache, wie es der famose\nde la Marliniere Wort haben will, sondern ein\nverteufelt schwieriges Idiom, das, wenn man\nes schon mündlich' beherrscht, noch in der\nSchrift auch den Eingeborenen so manche Nuss\nzu knacken gibt.\nDas kommt davon, wenn die Eingeborenen\ndes Lokal Anzeigers sich ohne Nussknacker be-\nJielfen wollen.\nDas neue Profil\nIch sagte es ja: Was werden die Herren\nvom Berliner Tageblatt ohne Clichee anfangen?\nDie deutschen Glichees wurden am 14. Juli für\ngeschmacklos und die lateinischen am 16. Juli\nfür ekelhaft erklärt. Ich befand mich Ende Juli\nin schweren Sorgen, sah schon das Ende der\nSchriftstellern voraus. Aber Herr Victor Aubur-\ntin weiss sich zu helfen. Er bleibt sich im\nKampf treu, schriftstellert weiter und wendet-\nen glis c h e Glichees an. „In old good col-\nonial times\" Man sieht sofort das alte Profil\nHelgolands und Herr Auburtin hat sich ohne\nSchwierigkeiten ein neues zugelegt. So wird der\nunglückliche Mann von Land zu Land getrie-\nben. Das beschleunigte Tempo des Fortschritts\nlässt allerdings viel Gutes erhoffen. Nun wird\ner uns uns wohl spanisch kommen.\nDie Aufgabe\nDie Aufgabe, die ich mir gestellt sehe,\nist eine ganz neue, und erfordert eine ganz\nneue und originelle Behandlung. Das Pro-\nblem ist, eine pantomimische Darstellung mu-\nsikalisch zu illustrieren, die in ihrer Wesen-\nart ganz verschieden ist von früheren Vor-\nführungen, aus denen der Gebrauch der\nmenschlichen Stimme verbannt war. Bisher\nwaren solche Vorführungen meist Balletts, in\ndenen eine Tanzmusik die wichtigste Rolle\nspielte, oder pantomimische Revuen, in denen\nebenfalls der Tanz eins der wichtigsten Dar-\nstellungsmittel ist..\nZwischen einigen Londoner Herren „einer-\nseits\" und Herrn Professor Humperdinck und\nHerrn Professor Reinhardt „andererseits\" ist\nnämlich ein Vertrag „perfekt\" geworden, nach\ndem Herr Humperdinck eine Pantomime für\nLondon schreiben soll. Herr Humperdinck teilt\neinem englischen Korrespondenten mit, dass er\nbereits mit den Vorbereitungen beschäftigt sei\nund die Marienhymnen des zwölften Jahrhun-\nderts eifrig studiere. Komponieren muss doch\neine sehr schwere Sache sein. Da wird man\nplötzlich vor Aufgaben gestellt, Pantomimen zu\nschreiben, aus „denen der Gebrauch der mensch-\nlichen Stimmen verbannt ist.\" Früher behalf\nman sich, wie Herr Humperdinck mitteilt, mit\nTanzmusik. Jetzt also mit Marienhymnen. Sehr\ngespannt kann „man\" sein, wie Herr Humper-\ndinck das iProblem lösen wird, eine „pantomi-\nmische Darstellung musikalisch zu illustrieren\".\nDer ganz unmusikalische Herr Reinhardt hat\nbereits mit Sumurun bewiesen, dass ihm nicht\neinmal zu der Musik von Viktor Holländer et-\nwas einfällt, trotzdem er sie sich bestellt hat.\nSie also offenbar als seiner Begabung kongenial\nempfand. Herr Humperdinck muss also Gebär-\nden „illustrieren\", die Herr Reinhardt nicht zu\nerfinden vermag. Und noch dazu in Marienhym-\nnen. Ich will Herrn Humperdinck bei der schwie-\nrigen Aufgabe etwas helfen: vielleicht illustriert\ner gleich die Kostüme und Dekorationen des\nHerrn Ernst Stern, während Herr Stern dies-\nmal in Musik malt. Oder aber, Herr Professor\nHumperdinck denkt über die Pantomime „Die\nVier Toten der Fiametta\" nach, die er erst vor\nvier Wochen gehört hat. Dann fällt ihm viel-\nleicht auch ein, dass seine Aufgabe nicht ganz\nso neu ist, und dass man auch ohne Volkslie-\nder und Marienhymnen Musik zwar nicht ori-\nginell illustrieren, aber im Uebrigen doch kom-\nponieren kann. So ist die Aufgabe einerseits\noder andererseits zu lösen.\nDie Lyrik überm Strich\nDas Berliner Tageblatt wird immer poeti-\nscher. Die Lyrik schäumt nur so über den\nDoppelstrich in den Leitartikel hinein. Ein Wirk-\nlicher Geheimrat vom Kultus Ministerium seift\ndie Leser des Tageblatts tüchtig mit ihr ein.\nIhm macht es „nämlich jedesmal wieder Freude,\nwenn das Zeitgenossenlexikon Wer ist's? in neuer\nAuflage erscheint.\" Der Geheimrat ist beglückt, dass\ndie Zeitgenossen sich mit jeder Auflage mehren.\nEs soll jetzt schon fünfundzwanzigtausend ge-\nben. Nur ärgert sich der Herr Geheimrat, dass\ndie Zeitgenossen nicht alle von Bürgern oder\nHandwerkern abstammen, oder es wenigstens\neingestehen. Er rät dem Herausgeber, wenn er\nseine Fragebogen aussendet, „in dieser Richtung\neinmal zu wirken, vielleicht setzt er in die be-\ntreffende Rubrik die schönen Verse von Karl\nBusse an sein Kind!'\nDoch heb' einst nicht das Haupt zu sehr\nWir kamen auch von unten her;\nIn Tiefen haben wir geschafft,\nDie Tiefe gab uns Kern und Kraft.\nEs trug der Ahn kein Ritterschwert,\nIhm waren Pfriem und Ahle wert.\nIn blanker Kugel glomm das Licht —\nVergiss das nicht, vergiss das nicht!\nEs ist ja durchaus nichts dagegen einzu-\nwenden, dass jemand von einem Schuster ab-\nstammt. Karl Busse hätte dann aber wenigstens\nbei seinen Leisten bleiben sollen. Dann hätte\nder Wirkliche Geheimrat sich die Versohlung\nsparen können, dass ihm das Licht der Schu-\nsterkugel als schöne Poesie leuchtete. Hoffent-\nlich lassen sich die fünfundzwanzigtausend Zeit-\ngenossen nicht durch die geforderte Abstam-\nmung und die schönen Verse zum Dichten ver-\nleiten. Man kann nämlich ein Schuhmacher und\ndoch kein Poet sein. Vergiss das nicht, vergiss\ndas nicht, vergiss das nicht, vergiss das nicht.\nBegas\nDie Abonnenten des Berliner Tageblatts ha-\nben es nicht leicht. Sie müssen alle vier Wo-\nchen ihre Kunstanschauung ändern. Beim acht-\nzigsten Geburtstag des Altmeisters Begas schrieb\nman:\n„Die Verantwortung für den schlimmen,\nneupreussischen Denkmalsstil belastet Begas schwer.\nMan darf es auch heute nicht verschweigen, er\ntrug die volle Schuld daran, er war sich selbst\nuntreu geworden. . . Kamen die Forderungen\ndes neuen Kurses nach immer lauteren Formen,\nnach immer barockeren Häufungen, nach immer\nschnellerer Arbeit seinen Wünschen entgegen, oder\nhatte er nur nicht den Charakter, so bequeme\nGelegenheiten abzuweisen. Er hat an die wich-\ntigsten Stellen statt ernster Monumente üble und\nflüchtige Dekorationen gestellt.\"\nVier Wochen später „An Begas Totenbahre\":\nHierbei kommt es garnicht einmal so sehr\nauf die Zahl der Werke an, die aus Be-\ngas' Werkstatt hervorgingen, um unsere Strassen\nund Plätze zu zieren. Gewiss, es sind gerade\ndie räumlich beträchtlichsten Berliner Monumen-\nte, die von Begas herrühren: Bismarckdenkmal,\nKaiser - Wilhelm - Denkmal, Schiller - Monument,\nSchlossbrunnen .... Aber wichtiger und be-\ndeutender ist, dass der Stil, der sich in diesen\nWerken bekundet, auch den späteren Werken an-\nderer Meister massgebend wurde, dass ein Be-\ngasstil hier sich in allen öffentlichen Werken der\nPlastik und der Architektur durchsetzen konnte.\nDas prunkende, rauschende Barock, das in\nder nüchternen nachklassizistischen Zeit Wil-\nhelms I. in Berlin noch vollkommen unmöglich\ngewesen wäre, wurde durch Begas die Kunst-\nsprache der unruhigen neowilhelminischen Zeit,\ndie jetzt allgemach hinter uns zu liegen kommt\nund Geschichte zu werden beginnt. Ganz wun-\nderbar passte die laute, sich grandios gebende\nKunst des Meisters dieser aufgeregten Zeit mit\nden vielen grossartigen Absichten an . . . und\nein ganz wunderbar gütiges Geschick hat über\nuns gewaltet, dass es gerade doch immer Be-\ngas, doch ein Meister ersten Grades war, an\nden Wilhelm 11. mit seinen ersten zahlreichen\nAufträgen geriet. Was wäre aus Berlin gewor-\nden, wenn schon in jener frühen Zeit des neu-\nen Regimentes jene kleineren Geister zum Wort\ngekommen wären, die sich nach Begas' Aus-\nscheiden marmorn und bronzen breitmachen\ndurften.\"\nWenn die jetzt kleinere Meister genannten\nBildhauer gestorben sein werden, wird sie das\nBerliner Tageblatt sicher als Altmeister feiern.\nJedenfalls ist der preussische Kultusminister\nHerrn von Trott zu Solz schon heut überzeugt,\ndass das ganz wunderbar gütige Geschick noch\nimmer über Preussen waltet. Der neue Ehren-\ndoktor der Stadt Breslau depeschiert:\n„An 1 ä s s 1 i c h des Hinscheidens Ihres\nHerrn Vaters, Exzellenz Wirklichen Geheimen\nRats Professor Reinhold Begas spreche ich Ihnen\nund den übrigen Hinterbliebenen meine herz-\nlich Teilnahme aus. Noch unter dem Ein-\ndruck der reichen Ehrungen, die\ndem Verewigten bei der Feier der Vollendung\nseines achtzigsten Lebensjahres zuteil wurden,\nbetrauert auch die preussische\nKunstverwaltung den Heimgang des\nführenden Meisters der Berliner Bildkauerkunst,\ndes anregenden Lehrers zahlreicher, namentlich\nin Berlin wirkender Bildhauer und des Schöp-\nfers so vieler glänzender Meisterwerke. Seinem\nNamen ist für alle Zeiten ein rühmliches An-\ndenken gesichert.\"\nNoch unter dem Eindruck seiner Ernennung\nzum Ehrendoktor kann man der Breslauer Uni-\nversität a n 1 ä s s 1 i c h dieser Depesche nur zur\nLogik, Sprache und Kunstanschauung des preu-\nssischen Kultusministers gratulieren. Auch der\ndeutsche Kaiser hat ein Beileidstelegramm ge-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "573", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.3", "texte": "sandt. Nach dem Berliner Tageblatt lautet der\nSchlusssatz:\n„In seinen Schülern, deren Wirken mir zum\ngrössten Teil bekannt geworden ist, wird seine\nKunst fortleben. Ich nehme an der Trauer der\nFamilie herzlichen Anteil.\"\nHingegen im Berliner Lokal Anzeiger:\n. wird seine Kunst fortleben und neh-\nme ich an der Trauer der Familie herzlichen\nAnteil.\"\nAn einem Kaiserwort soll man nicht drehn,\nmeine Herren. Namentlich, wenn dadurch eine\nInversion entsteht.\nDie B. Z. am Mittag hat natürlich sofort\ndie Erinnerungen des Altmeisters zur Verfü-\ngung. Wer übermittelt ihr so unmittelbar nach\ndem Tode die unglaublichen Geschmackslosig-\nkeiten. die sie zu veröffentlichen „in der Lage\"\nist. Man lese folgendes:\n„Bei Fürstenbesuchen im Begasschen Atelier\nwar die Gattin des Künstlers, die ihm um fast\nzehn Jahre im Tode vorausgegangen ist, stets\ndabei. Noch auf ihrem T otenbett bedauerte\nsie es, nicht hinab zu können in die Werkstatt,\nwo der Kaiser den Sarkophag seiner Mutter\nbesichtigte. Eben hatte der Herrscher das Ate-\nlier verlassen, da klangen aus dem geöffneten\nKrankenfenster glockenhell, voll Liebe und Sorg-\nlichkeit, die fragenden Worte in den Garten her-\nab: „Kinder, war alles gut?\"\nDie Herren Schriftsteller dieser Zeitung bla-\nmieren sich wenigstens nur innerhalb ihrer Bran-\nche. Aus Rache veranlassen sie Maler, Musiker,\nSchauspieler und Bildhauer fortgesetzt zu glei-\ncher Tätigkeit in „fremder Kunst\".\nUeber Begas steht im Nachruf:\n„Für abstrakte Probleme nicht geschaffen,\nmochte er nicht vorzeitig den Schleier der Zu-\nkunft lüften. Aber als geistvoller, zuwei-\nlen auch boshafter Epigrammatiker hat\ner sein „Glaubensbekenntnis\" in den Versen aus-\ngesprochen:\n„Wer weiss es denn, ob einst in lichten Höhen\nWir alle unsre Lieben wiedersehen?\nWer weiss, was einst geschieht mit unsren\nAschen?\nIch weiss es nicht — ich lass mich überraschen!\"\nMan bekommt wirklich das Sterben über.\nTrust\n\nDerbrennende Harem\nNinivitische Bibliotheks-Novellette\nVon Paul Scheerbart\nIn Ninive war's — in der grossen Biblio-\nthek des Könige Assurbanipal — auf einer hoch-\ngelegenen Terrasse dicht am Tigris.\nUnten auf dem Tigris fuhren gerade fünf\nBarken des Königs Assurbanipal vorüber; die\nGriechen nannten diesen König Sardanapal. Er\nwar schon recht alt und lag in der einen Barke\nganz still da und sah in den grossen Strom, in\ndem grosse schwarze Schwäne herumschwam-\nmen\nIm Westen ging die Sonne unter und machte\ndie Wellen des Tigris ganz bunt.\nDas sah auch oben auf der Bibliothekster-\nrasse ein alter Priester, der Piru hiess und aus\nBabylon stammte. Piru sass in einem beque-\nmen Fellstuhl, und neben ihm sass sein Neffe\nGimilla, der feuchten Ton vor sich hatte und da-\nrauf in Keilschrift mit Elfenbeinstift einritzte,\nwas ihm der Onkel diktierte.\nLangsam sprach der alte Priester Piru,\nwährend sein Neffe Gimilla die Keile in den\nnassen Ton ritzte:\n„Es sind schon zwanzig Jahre her. Es war\ndamals gerade das zwanzigste Jahr in der Re-\ngierung unseres grossen Königs Assurbanipal,\nden die Götter beschützen mögen. Des Königs\nVater Asarhaddon hatte sein Reich kurz vor\nseinem Tode geteilt und den Norden mit Assy-\nrien und Ninive dem König Assurbanipal gege-\nben — den Süden aber mit Babylon und Baby-\nlonien dem Halbbruder des Assurbanipal, dem\nKönig Saosduchin. Zwanzig Jahre hatten die\nbeiden Brüder friedlich nebeneinander regiert\n— Saosduchin in Babylon und Assurbanipal in\nNinive. Da zettelte Saosduchin, der König von\nBabylon, eine Empörung an — und zwischen\nNinive und Babylon gab's einen jahrelangen\nfurchtbaren Krieg. Und ich war in Babylon und\nsah, dass die Babylonier immer schwächer wur-\nden. Ich war Bibliothekar im Palast des Kö-\nnigs Saosduchin — auch Bibliothekar in vielen\nTempeln. Und grosse Unruhe ergriff mich.\nAufgehäuft in den Bibliotheken lagen unzählige\nTontafeln mit Keilschrifttext; die ganze babylo-\nnische Literatur lag da. Aber ich war in Un-\nruhe. Wenn die assyrischen Krieger die Stadt\nBabylon eroberten, so würde, das sah ich vor-\naus, die Brandfackel überall alles zerstören —\nund die Tontafeln würden mit zerstört werden.\nDas machte mich so unruhig, dass ich beschloss,\nsoviel wie möglich von den Tontafeln bei Seite\nzu schaffen und in Sicherheit zu bringen. Das\nwar eine schwere Arbeit. Und sie konnte nur\nteilweise gelingen. Nur das beste konnte ich\nheimlich fortschaffen. Und ich lief Gefahr, da-\nbei ertappt zu werden und den Kopf zu verlie-\nren. In den Tempeln ging's noch an, da konnte\nman andere Priester überreden, die Tontafeln\nrechtzeitig an einen sichern Ort zu bringen. Und\nwo man in den Tempeln nachlässig war, da\nkonnte man leicht eigenhändig das Beste fort-\nschaffen, da ja in vernachlässigten Tempeln auf-\nmerksame Aufsicht zu mangeln pflegt.\"\nPiru hielt inne, und der kleine Gimilla, der\nnoch keinen Bart hatte, ritzte eifrig die letzten\nKeile in den feuchten Ton und blickte dann em-\npor.\nEs war die Sonne schon untergegangen.\nUnd es wurde dunkel. Alle Sterne funkelten\nbald am hohen tiefschwarzen Himmelsgewölbe.\n„Hole,\" sagte Piru, „die Lampen. Wir\nwerden noch lange zu schreiben haben. Die\nNacht ist milde. Unten plätschert der Tigris.\nUnd kein Wind weht. Es ist noch schwül. Aber\nes wird sich schon abkühlen.\"\nGimilla ging ab und holte zwei kleine Oel-\nlampen und stellte sie neben seine Tontafeln auf\nden sehr niedrigen Tisch, der vor ihm stand.\nUnd Niru diktierte wieder:\n„Anders lag die Sache in der Bibliothek\ndes königlichen Palastes. Saosduchin, der König,\nwar sehr heftig. Und wer ihm vom Fortschaf-\nfen der Tontafeln etwas gesagt hätte, der hätte\ngleich das Henkerschwert im Genick gefühlt —\nund dann garnichts mehr gefühlt. Ich hatte ein\nkleines Zimmer in der Bibliothek für mich allein.\nDas lag auch dicht am Wasser — am Euphrat.\nDas Wasser war aber dort ganz dicht vor dem\nFenster. Die Bibliothek lag ein wenig tiefer als\nder Spiegel des Euphrat. Ich wollte nun so\ngern einen unterirdischen Gang bauen, um die\nbesten Tontafeln heimlich fortschaffen zu kön-\nnen. Die Nähe des Wassers jedoch liess mir\nden Plan unsinnig vorkommen. Hier waren alle\nunterirdischen Gänge scheinbar unmöglich. Aber\ngerade, sagte ich mir lächelnd, weil sie h er im-\nmöglich erscheinen, deshalb könnte man wohl\nschon früher darauf gekommen sein, von hier\naus — gerade von hier aus dicht am Euphrat\n— unterirdische Gänge anzulegen. Und ich un-\ntersuchte das Terrain.\"\nEr hielt abermals inne.\nDem kleinen Gimilla hingen die Haare ins\nGesicht, die Oellampen erhellten die Haare, dass\nsie glänzten — und auch der feuchte Ton glänz-\nte. Die Sterne am Himmel glänzten natürlich\nauch. Der kleine Gimilla ritzte die Keile in den\nTon und sah dann seinen Onkel lange an und\nsagte:\n„Onkel, du machst ja so lange Pausen. Ich\nkann sehr schnell schreiben. Und ich verschreibe\nmich nicht. Wenn ich erst mitten drin bin, so\nkann's viel schneller gehen. Sprich nur,\ndu willst, ich komme schon mit.\"\nPiru lächelte und meinte:\n„Du weisst, dass ich alt bin. Und deswe-\ngen hast du nicht Angst, ich könnte zu schnell\nsprechen. Aber schreibe nur weiter.\"\nDer alte Priester sass einige Zeit ganz un-\nbeweglich. Seine Züge wurden starr, dann dik-\ntierte er wieder:\n„Eigentlich lag mein Zimmer vor einer Bucht\ndes Euphrat. Rechts und links waren ganz ho-\nhe Festungswälle und starke Mauern mit hohen\nTürmen. Mein Zimmer und der dazu gehörige\nTeil des Palastes lag also sehr geschützt. Und\nso nahm ich an, dass hier trotz der tiefen Lage\nder Bibliothek unterirdische Räume sein könn-\nten. Und ich suchte nach ihnen auch im oberen\nTeile der Wände — mit einer kleinen Leiter aus\nPistazienholz. Wir brauchten die Leiter, die mit\nAchat und Lapis lazuli verziert war, um die\noberen Stockwerke der Gestelle zu erreichen, auf\ndenen die Tontafeln lagen. Da oben neben ei-\nnem sehr grossen Gestell gab die Wand nach,\nund ich kam in einen langen, sehr langen dun-\nkeln Gang. Wohl drei Stunden ging ich mit\nOellampe, Hacke und Spaten in dem Gange, und\nda fand ich keinen Ausgang. Der Ausgang war\nzugemauert. Ich arbeitete zwei Monate, um die\nZumauerung zu durchbrechen. Es war eine sehr\nschwere Arbeit. Und dann kam ich in ein zer-\nfallenes Haus, das in abgelegener Gegend lag.\nAlle Tontafeln des Palastes brachte ich dorthin,\nlegte an ihre Stelle wertlose Tafeln, auf denen\nUebungsstücke standen. Und dann kam die Be-\nlagerung des Palastes. Und ich holte die letzten\nStücke. Und da brach Feuer im Palaste aus —\nim Harem des Königs brannte es lichterloh. Und\ndie Haremsfrauen und Eunuchen schrien wie die\nWahnsinnigen. Niemals werde ich dieses furcht-\nbare Gekreisch vergessen — niemals — bis an\nmein Lebensende nicht. Und aus dem Palaste\nheraus konnte niemand, denn draussen stand der\nAssyrer, der alles niederschlug. Nun wollte ich\nden Bedrängten zu Hilfe kommen — ihnen von\ndem geheimen Gang erzählen. Und — ich wagte\nes nicht. Ich fürchtete das Geschrei der wahn-\nsinnigen Frauen. Die wahnsinnigen Frauen konn-\nten so leicht meinen Gang verraten — und da-\ndurch all die Tontafeln in Gefahr bringen. Auch\nfürchtete ich, dass man den Fliehenden nachset-\nzen könnte. Denn es müsste den Belagerern\nauffalten, wenn plötzlich das Geschrei aufhören\nsollte. Man würde, dachte ich, schon vermuten,\ndass sie sich durch geheime Gänge ins Freie ret-\nteten. Und ich bekam's nicht fertig, die Ster-\nbenden zu rufen. Sie kreischten wie die Wahn-\nsinnigen. Und ich stand in meinem finstern\nGange und roch den Brandgeruch. Und ich ver-\nmochte nicht, mich zu bewegen. Ich gab den\nganzen brennenden Harem dem Feuertode hin.\nUnd ich rettete meine Tontafeln. Aber Hunderte"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "574", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.4", "texte": "von Menschenleben waren vernichtet — durch\nmich. Und ich kann das wahnsinnige Todesge-\nkreisch nicht vergessen. Meine Tontafeln standen\nmir höher als die lebendigen Menschen. Ich\nkonnte damals nicht mich von der Stelle bewe-\ngeil. Aber ich hätte mich ermannen müssen.\nWas kam's denn auf all das Geschreibsel an.\nIch hör's immer wieder um meine Ohren krei-\nschen — den Todesschrei von Hunderten. Ich\nwerde daran zu Grunde gehen. Ich halt's nicht\nmehr aus. Aber die Tontafeln wurden alle ge-\nrettet. Der siegreiche König Assurbanipal hat\nalle Tontafeln des königlichen Palastes zu Ba-\nbylon nach Ninive bringen lassen und nie er-\nfahren, um welchen Preis sie gerettet wurden.\nDer König Assurbanipal hat den Tod seines\nHalbbruders Saosduchin, der mit seinem ganzen\nHarem in den Flammen seines Palastes zu Grunde\nging, immer lebhaft beklagt. Saosduchin war\neigensinnig und woltte sich nicht ergeben. Aber\nseinem Harem fiel's nicht ein, eigensinnig zu\nsein — die Weiber und Eunuchen hätten alles\nhingegeben, wenn sie ihr Leben hätten retten\nkönnen. Ich hätt's retten können. Und ich hab's\nnicht getan.\"\nGanz starr sass der alte Priester Piru da\nund blickte in die Weite. Der kleine Gimilla\nhörte mit Schreiben auf; er war fertig. Die eine\nder kleinen Lampen verlöschte. Gimilla sank\nzur Seite und schlief ein. Piru erhob sich und\ntrug die Tontafeln vorsichtig, aber mit zittern-\nden Fingern zum Brennofen, wo noch gearbeitet\nwurde. Sieben Mal ging der alte Piru, denn es\nwaren sehr viele Tontafeln, dieGrimilla in die-\nser Nacht beschrieben hatte.\nDann verlöschte auch die andere Lampe,\nund der alte Piru liess den kleinen Gimilla ru-\nhig weiter schlafen, ging leise in sein Zimmer\nund legte sich auf seinen Diwan und zündete\neine kleine Hängelampe an und bedeckte das Ge-\nsicht mit beiden Händen und weinte.\nEine kleine Maus kam aus der Ecke des\nkleinen Gemachs, setzte sich auf die Hinterbeine\nund blickte verwundert den weinenden Mann an.\nDie Mäuse, deren es viele in der Bibliothek gab,\nschadeten dieser nicht, da sie Tontafeln nicht\nannagten.\n\nAbel\nElse Lasker-Schüler\nKains Augen sind nicht gottwohlgefällig,\nAbels Angesicht ist ein goldener Garten,\nAbels Augen sind Nachtigallen.\nImmer singt Abel so hell\nZu den Saiten seiner Seele,\nAber durch Kains Leib führen die Gräben der\nStadt.\nUnd er wird seinen Bruder erschlagen —\nAbel, Abel, dein Blut färbt den Himmel tief.\nWo ist Kain, da ich ihn stürmen will:\nHast du die Süssvögel erschlagen\nIn deines Bruders Angesicht?\nDurch dein dumpfes Herz\nKlagt Abels flatternde Seele.\nWarum hast du deinen Bruder erschlagen, Kain?\n\nDer Schauspieler\nVon William Wauer\nWeil wir im Alltagsleben unsere Ausdrucks-\nfähigkeit durch Vernachlässigung und Unter-\ndrückung ausserordentlich schwächen und ver-\nkümmern lassen, weil ausserdem im Altagsleben\nder in Erscheinung tretende Ausdruck zumeist\nein „ungewollter\" ist (ausser, wenn er „erheu-\nchelt\" wird, und dann ist er ja „Kunst\"),\nbleibt er undeutlich und tritt, auch wenn er\nwahr ist, als von Zufälligkeiten beeinflusst und\nabhängig, nur schwach und unrein auf. Ein\nkünstlerischer Ausdruck, wie es der schauspiele-\nrische sein soll, verlangt aber selbstverständlich\neine völlig reine Form in der Darstellung: das\nstrikte und saubere Zumausdruckbringen gerade\ndieser oder jener Gemütsstimmung oder Gemüts-\nbewegung, dieser oder jener Geste oder Körper-\nstellung ist eben das künstlerische Ziel der\nSchauspielkunst.\nDer heute an den Bühnen herrschende ver-\nwischte und unklare Alltagsausdruck ist nichts\nals Dilettantismus und Unvermögen.\nDie Meisterschaft des Schauspielkünstlers\nliegt in seinen AusdrucksfäMgkeiten nach der\nSteigerung wie nach der Nüancierung hin.\nDer Schauspieler muss und darf nur Aus-\ndrucksmittel sein, wenn das Gesamtkunstwerk ei-\nner dramatischen Aufführung entstehen soll. Sein\nStolz muss es sein, Unkörperliches zu verkör-\npern. Das nur ist das Schöpferische an seiner\nKunst.\nDer Dichter kann nur Lebensverhältnisse in\nder Zeit, der Regisseur im Raum schaffen: erst\nder Schauspieler schafft das Leben selbst in die-\nse Verhältnisse.\nDer Schauspieler muss das Allgemein-Mensch-\nliche, Allzumenschliche gestalten, aus sich her-\naustreiben. Gibt er nur sein Alltäglich-Indivi-\nduell-Menschliches, so erleichtert er sich seine\nAufgabe ins Unkünstlerische, Unschöpferische —\nins Natürliche.\nDennoch muss sich jeder Schauspieler sa-\ngen, dass er nur auf einem Instrument spielen,\nvielleicht Meister sein kann: auf sich.\nDer Schauspieler muss sich als Bestandteil\neines organischen Ganzen zu fühlen lernen und\nsich den Gesetzen der Gliederung und des Gleich-\ngewichts des Organismus unterwerfen. Seine dar-\nstellerische Betätigung ist nicht Einzelnes, Ver-\neinzeltes, für sich Bestehendes — durch sie\nmuss das Leben des Gesamtorganismus der Auf-\nführung strömen, ausströmen auch in das un-\nbelebte Bühnenbild.\nDer Darsteller darf nicht nur im scenischen\nBild wirken, das scenische Bild muss in ihm\nwirken.\nDer Schauspieler besitzt dieselbe Selbststän-\ndigkeit und Verantwortlichkeit, wie ein Musiker\nim Orchester.\nNur eine immense technische Virtuosität\nkann den Schauspieler fähig machen, jede mo-\nmentane Lebensregung seines Innern nach aussen\nzu werfen, zu gestalten.\nDer Schauspieler braucht vor allem eine\nrein technische Ausbildung. Die befähigt ihn,\nvorurteilslos sein Instinktives zum Ausdruck zu\nbringen.\nDer Schauspieler hat auf der Bühne „dar-\nzustellen\", nicht sich „gehen zu lassen\", sich zu\n„geben\".\nAuch der Schauspieler will und muss offen-\nbaren, nicht vermummen, nicht täuschen.\nDie Verstellung bringt nur Kunststücke\nhervor — sie ist unfähig, Kunstwerke zu er-\nzeugen. Dem Schauspieler ist nicht die unmög-\nlieh Aufgabe gestellt, sich dahin zu verstellen,\ndass man meinen könnte, er sei „Hamlet\" oder\n„Wallenstein\".\nJedes Spiel ist ein individuelles Erleben,\noder es ist nichts. Das gesprochene Wort ist\naber nicht das Erlebnis, sondern nur dessen Re-\nflex (es gibt Begriffe davon); das Erleben liegt\nin den psychischen Vorgängen. Diese müssen\nalso der Reihe nach einzeln gestaltet werden\nin Klang und Gebärde. Hier liegt die Aufgabe\nder Schauspiel k u n s t.\nSich einleben in eine Rolle, sich in sie hin-\neinversetzen, als Darstellungsprinzip ist dilettan-\ntisch — ist falsch.\nMan darf als darstellender Künstler nur\ndie einzelnen Darstellungsmomente seiner Rolle\nwollen, nicht die Rolle selbst. Jede Neben- oder\nVorbeziehung ist falsch. Das Gretchen im Gar-\nten darf vom Gretchen im Kerker nichts wissen.\nWelches heutige „Gretchen\" hat aber Goethes\n„Faust\" nicht gelesen?\nDie Rolle muss dem Schauspieler in einzel-\nne augenblickliche Gestaltungsaufgaben zerlegt\nwerden: denn von den Zusammenhängen der\nRolle, die er spielt, darf er anscheinend nichts\nwissen, er darf das nächste Wort nicht kennen,\ndas er spricht, geschweige denn seine nächste\nSzene, oder seinen letzten Akt.\nWelcher Mensch kennt sich selbst und sei-\nne letzten Motive? Man kennt nur die geistigen\nund seelischen Reflexe seiner Leiblichkeit (im\nbesten Fall). So blind muss also der Schau-\nspieler seiner Rolle gegenüber bleiben. Diese\nBlindheit kann ihm aber nur der Regisseur ge-\nben. Jede Rollenauffassung vom Spieler her zer-\nstört diese Blindheit.\nDer Schauspieler ist nicht dazu da, eine\nliterarische Auffassung durchzuführen und zu\nbeweisen, sondern zu „erleben\", Empfundenes\nauszudrücken.\nDer Schauspieler soll seine Rollen nicht mit\nseinem Bewussten, sondern mit seinem Unbe-\nwussten erfüllen.\nDie „Auffassung\" einer Rolle seitens des\nSchauspielers ist ein Vorurteil gegen den Re-\ngisseur.\nDer Schauspieler muss auf jede Tätigkeit\nim Dienste seiner Auffassung verzichten, weil\ner damit seine Anpassungsfähigkeit und Bieg-\nsamkeit aufhebt, die der Regisseur (unbedingt\ngebraucht.\nDer Schauspieler soll also den scheinbar\nunabsichtlichen und unbewusst einen Zusammen-\nhang bildenden Einzelheiten der Rolle seine Kraft\nwidmen, oder er versperrt sich den Weg zur\nLebensdarstellung, zum Leben selbst durch Zu-\nbewusstsein.\nWarum kommt der deutsche Schauspieler\ndem Regisseur mit so schlechtem Willen entge-\ngen? Weil sich die deutschen Schauspieler zu\nwenig als Künstler und zu sehr als Literatur-\nbeflissene fühlen. Sie berufen sich auf die Dich-\ntung, auf ihre Auffassung, auf den Dichter. Sie\nbestreben sich also, zu belehren, zu dozieren,\nzu debattieren, während alle ihre Instinkte künst-\nlerisch auf die Darstellung und das Darstellen\ngerichtet sein müssten. So wird das Was ihnen\nzur Hauptsache, jeder deutsche Schauspieler\nmöchte nur erste Rollen spielen) das Wie als\neinziges, was künstlerisch in Frage stehen kann,\nbleibt Nebensache. Der Deutsche ist ein schlech-\nter Schauspieler, weil er zu doktrinär ist. Ist\ndas künstlerisch?\nDer Schauspieler hat nur mit dem Regisseur,\ndem Gestalter in Bühnenkunstmitteln, zu denen\ner selbst gehört, unmittelbaren Zusammenhang"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "575", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.5", "texte": "— mit dem Wortgestalter, dem Dichter, nur ei-\nnen mittelbaren; durch den Regisseur.\nDie Individualität des Schauspielers bleibt\nauch dann gewahrt, wenn er die vom Regisseur\nendgiltig gestaltete Rolle verlebendigt, denn er\nschenkt ihr sein Leben.\nWirkliches letztes Inneres auszuströmen, im\nkünstlerischen Spiel zu gestalten, das ist des\nSchauspielers Kunst; die Maske festzuhalten (um\nsich unkenntlich und die Rolle kenntlich zu ma-\nchen) des Schauspielers Sorge.\nDie dichterische und vom Regisseur festge-\nstellte Figur ist ein Gefäss, in das der Schau-\nspieler seinen starken Lebensstrom ergiessen soll.\nDie Worte sind die Kanäle, in denen wir es\nströmen hören. Nicht die Art dieser Kanäle ver-\nrät uns die Stärke und das Tempo des Flusses\n(des inneren Lebens) sondern das Rauschen,\nder Ton des Strömens. Er ist also der Aus-\ndruck, die akustische Form des innen vorhande-\nnen Lebens.\nPsychische Zustände oder Bewegungen in\nVorstellungen, in Tonfall und Bewegungsvor-\nstellungen umwandeln können, das ist die Vor-\naussetzung der Spielkunst.\nDie Gebärde wie das Mienenspiel des Schau-\nspielers müssen ebenso sprechend wie die Spra-\nche „klingend\" werden.\nDas Können des Schauspielers besteht in\neiner besonders entwickelten seelischen und kör-\nperlichen Beweglichkeit und Ausdrucksfähigkeit.\nEr muss auf eine Autosuggestion hin alle Affek-\nte und Stimmungen in sich erzeugen können,\num ihre spezielle Klangfarbe in den Worten her-\nvorzuzaubern und ihre Bewegungen wie Reflexe\nüber seinen Körper hinlaufen zu lassen.\nEs gibt willkürliche und unwillkürliche Be-\nwegungen. Tausend Worte können nicht das\nsagen, was eine Bewegung sagt — tausend un-\nwillkürliche Bewegungen können nicht soviel sa-\ngen, wie eine willkürliche offenbart.\nDer Schauspielkunstler hat die Möglichkeit,\neine optische oder akustische Form zu wählen,\noder beide Formen gleichzeitig zu benützen. Die\ngeistige „logische\" Form gehört dem Dichter:\nDer Schauspieler kann sie nur reproduzieren. Er\nrichtet sich mit seiner Produktion nicht an das\ngeistige Fassungsvermögen, er richtet sich an\ndie sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit. Er gestal-\ntet in optischer oder akustischer Form.\nCharakteristische Klänge zu formen, diese\nAufgabe ist als Darstellungsprinzip heute beina-\nhe noch nicht gesehen worden. Und doch um-\nfasst es den Hauptbestandteil der Schauspielkunst\nund wird am ehesten geeignet sein, einen neuen\nSchauspielsprechstil zu bilden, der inneres Le-\nben hat.\nPsychisch regulierte (abgestimmte) Klangfar-\nben, anscheinend rücksichtslos aneinandergereiht,\nin dem man die Worte des Dichters zu Gehör\nbringt, müssen einen impressionistischen Sprech-\nstü ergeben, von dessen ungeahnter Farbigkeit\nund Stärke man heute noch keine Vorstellung\nhat — einen Stil, der ebenso grosser als inti-\nmer Wirkungen fähig ist.\nAlle Künstler schaffen aus einem Einfall\n(nicht aus einer Auffassung, einer Doktrin), ei-\nnem Rausch heraus: man nennt das, aus dem\n„Nichts\" schaffen.\nAuch der Schauspielkünstler schafft aus dem\n„Nichts\": eine Hoffnung, eine Verzweiflung,\neine Freude, einen Hass, eine Liebe, ein Ge-\nlächter, wo nichts vorher von diesen Dingen\nwar. Er schafft sie willkürlich, aus einem Klang,\naus einer Bewegung. Also aus seinen Kunst-\nmitteln.\nDie richtige Bewegung zur rechten Zeit im\nrichtigen Tempo, zu nehmen, die richtige Klang-\nfarbe im bestimmten Wechsel seinen Worten zu\ngeben, ist eine ebenso grosse Kunst, wie die\ndes Malers, die richtige Linie und den richti-\ngen Farbenfleck an den rechten Ort zu setzen\n— oder die des Dichters, das richtige Wort zur\nrechten Zeit in der richtigen logischen Verbin-\ndung zu bringen. Nur die Mittel sind verschie-\nden, die angewendet und beherrscht werden\nmüssen.\nHeute lassen wir uns von den Schauspielern\nfür unser Geld etwas vormachen, und sie ma-\nchen uns etwas vor.\nSchreien und Brüllen ist kein Ausdruck\nfür Stärke, sondern für Angst und Schmerz.\nWie oft wird das verwechselt und nicht gewusst.\nDer Schauspielkünstler produziert, um sich\nvon innerem Ueberfluss zu befreien. Er muss\nsein Inneres blosslegen, deshalb spielt er unter\neiner anderen Hülle: der Rolle. Er muss sich\nseelisch aller Scham begeben, sich entblössen,\ndeshalb spielt er in einer Maske: der Rolle. Sie\nist sein Vorwand, seine Entschuldigung und\nseine heilige Scham.\nDer Dichter regt den Regisseur zum Schaf-\nfen an, er gibt ihm Vor wand und Gelegenheit\n(wie die Natur dem Maler) — er schafft aber\nnicht an seiner Statt. Die Rolle, die der Schau-\nspieler spielen soll, ist ebenso schon geschaffen,\nwie das ganze Werk, deshalb kann es nicht\nkünstlerische Aufgabe des Regisseurs oder des\nSpielers sein, sie zu schaffen. Die Ausgestal-\ntung des Dichtwerkes in Bühnenmitteln schafft\nder Regisseur und die Verlebendigung dieser\nAusgestaltung der Schauspieler. Er schafft künst-\nlerisches Leben.\n\nPrivatdozentisches\nVon Kurt Hiller\nDer Feuilletonist ist gefährlicher als der Re-\nporter; Büldung schlimmer als Ignoranz; einer\nRevolution mit Klauseln das träge Beharren vor-\nzuziehn. Auch in der Wissenschaft ist die Mittel-\nstrasse keine sympathische Gegend.\nDiese Sätze sage ich Herrn Hermann U.\nKantorowicz; welcher vor Kant den Witz und\nvor den meisten Kollegen Kultur voraushat;\naber gerade deshalb seine widerwärtige Unradi-\nkalität endlich aufgeben sollte. In seiner neusten\nSchrift „Rechtswissenschaft und Soziologie\" (Tü-\nbingen 1911) findet sich, zwischen allerhand\nScharfsinnigkeiten über Einteilungsfragen und\nmancher Platitüde, die auf Aussen weit-Kenntnisse\nseitens der Justizpersonen zielt, folgende Inkon-\nsequenz:\nAuf Seite 10 weint er, mit Fug, über das\nschlechte Ergebnis, das eine Umfrage über „tat-\nsächliche Rechtsverhältnisse\" gehabt hat, und er-\nklärt es mit diesen wahrhaft famosen Sätzen:\n„Ihr (der Umfrage) Unglück war, dass sie\ndurchaus die tatsächlichen Rechtsverhältnisse des\ngegenwärtigen Lebens feststellen wollte;\nhätte sie das hellenische Bürgschaftsrecht oder\ndas altägyptische Grundbuchwesen erkunden wol-\nlen, so wäre ihr auf Grund der neuesten papy-\nrologischen Forschungen, in denen unsere Zivi-\nlistik ihre soziologischen Bedürfnisse befriedigt,\nhaarklein genaue Auskunft erteilt worden. Ich\nlebe daher der frohen Zuversicht, dass, falls die\nherrschende Schule (die historische) sich bis da-\nhin lebend erhalten sollte, wir bereits in zwei-\ntausend Jahren über die tatsächlichen Rechtsver-\nhältnisse des gegenwärtigen Lebens Bescheid wis-\nsen werden, und dass, wer sich im Jahre vier-\ntausend für einen Lehrstuhl des dann geltenden\nbürgerlichen Rechts qualifizieren will, dies auf\nkeine andere Weise wird tun können, als dass\ner etwa die Frankfurter Mietsverträge vom Jahre\n1910 auf Grund der noch erhaltenen und nach\nden Regeln der philologischen Kunst zu edie-\nrenden Papiere bearbeitet.\"\nWacker und liebenswert Aber auf Seite 24 be-\ndauert dieser Antihistoriker, dass „in ganz Deutsch-\nland heute der Student der Rechtswissenschaft\nkeine Gelegenheit hat, über die Geschichte\nseiner Wissenschaft eine Vorlesung zu\nhören\"! Das könnte den neumodischen Bücher-\nwürmern so passen: das Studium der Geschichte\ndes Gegenstands einer Wissenschaft durch\ndas Studium der Geschichte dieser Wissen-\nschaft selbst zu ersetzen. Fehlt dann bloss\nnoch: die Geschichte der Geschichte der Wissen\nschaft; und so beliebig weiter; auf dass die Fa-\nmuli Wagner in aeternum beschäftigt sind . . .\nUeberflüssige Kenntnisse gibt es für\nHerrn Kantorowicz nicht; anstatt unsern Gauri-\nsankar von Positivitäten und Bildungsschutt all-\nmählich abtragen zu helfen, protestiert er Seite\nfünfunddreissig gegen die wundervolle Gepflo-\ngenheit der deutschen Staaten, von Zeit zu Zeit\ndie abgelegten Prozessakten einzustampfen; die-\nses Verfahren sei „eine Zerstörung kostbaren\nQuellenmaterials\", und die „Diplomatik des Pro-\nzesses\" ein „Zweig\" der „Forschung\", der „noch\nschöne Früchte\" „zeitigen\" werde. Die Frage\nnach dem Zweck sotanen Forschens gibt dem\nGelehrten nur den erwünschten Anlass zu Ueber-\nlegenheitsgefühlen; es ist ja „selbstverständlich\"\nfür ihn, dass „jede Wissenschaft an sich\nWert besitzt\" . . Zu eigenartig, dass dieselben\nBürger, welche die ennuyantesten Bagatellen zu\nProblemen machen, die wichtigsten Fragwürdig-\nkeiten hochnäsig für gesichert erklären. Ein in-\ntellektuell anständiger Mensch untersucht, bevor\ner sich einer Wissenschaft widmet, den Wert dieser\nWissenschaft; ein Privatdozent, um Professor zu\nwerden, setzt ihn als selbstverständlich voraus.\nDarum ist der Privatdozent, in seiner blossen\nExistenz, ein Affront gegen den anständigen\nMenschen; und dieser ist genötigt, ihm (als dem\nSnob des Erkennens) immer wieder seine Verlo-\ngenheit vorzuhalten. Im Falle Kantorowicz liegt\ndie ja recht harmlos zu Tage; zumal auch, wenn\nman bedenkt, dass der Verulker der Papyrologen\nvor kurzem, offenbar zu Habilitationszwecken,\neinen öden Schinken publizierte, welcher die Stirn\nhatte, „Albertus Gandinus und das Strafrecht der\nScholastik\" zu heissen, und nicht umhin konnte,\nProzessakten des dreizehnten Jahrhunderts\nnebst „diplomatischer\" Einleitung zu enthalten.\nEinen Rücksprung über zweitausend Jährchen\nglaubt Herr Kantorowicz frivolisieren zu sollen;\neinen über siebenhundert managt er selber. Er\ndenkt, die Menge tut es. Ja, ja: die geistigen\nKämpfe der Kompromissnicks arten leicht in\nQuantitätlichkeiten aus.\n\nWauer via München,\nweiter und so weiter\n\nO, wie wohl ist mir im Herzen zwischen\nden vielen scherzenden Herzen; alle sind bunt\nund brennen, aber mein Herz ist blau und\nglüht. Am Morgen hänge ich es an einen sorg-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "576", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.6", "texte": "losen Blumenbaum und lasse es zwitschern.\nWie ich so dahinlebe, ich bin einer der fahrenden\nSchüler aus St. Peter Hilles Platonikers Sohn.\nIm Tanzschritt ziehen wir durch das Grün der\nStadt hintereinander mitten im Mondpolka. Die\nStrassen und Plätze duften noch nach Marien-\nbalsam der Dome. Wir schweben, wir kennen\ndie Sünde nicht, an der Welt vorbei, mit Mün-\nchen der Südstadt Deutschlands im Arme. Ich\nmuss München immer küssen, schon, weil ich\nBerlin hinter mir habe; wie von einer langwei-\nligen Kokotte geschieden fühle ich mich. Meine\nFreunde spielen Harmonika, wir ziehen an\nSchaufenstern pietätvoller Läden vorbei; Meister«\nbilder, frommer Schmuck, wilde Waffen aus den\nGräbern der Bibelfürsten und überall die blau-\nen Königludwigaugen! Eine alte Riesenkommode\nist München aus einem bayerischen Alpenknochen\ngehauen. Man kann so andächtig kramen in\nMünchen und ausruhen auf gepolsterten Erin-\nnerungen. Hier freut man sich seiner selbst, man\nfindet sich in seinem glücklichsten Augenblick\noben auf dem Berge der Stadt. Im Vorbeischrei-\nten an den Gärten Obersendlings, flüchtet vor mir\ndas prahlerische Häuserregiment Berlins. Es\nsteigt die Erde, ich sitze auf ihrem Rücken in\neinem der Schlösser. Ich bleibe hier für ewig!\nMan sagt das so leicht. Ein Paradies ist Mün-\nchen, aus dem man nicht vertrieben wird, aber\nBerlin ist ein Kassenschrank aus Asphalt; der\nihm zum Labsal benutzt, hängt sein Herz eng-\nherzig als Schloss davor. Ich soll mich so ganz\nerholen in der bayerischen Hauptstadt. Giebt's\nauch Cafes hier? Da winkt schon eins von\nFerne. Sei mir gegrüsst, oder wie der Bayer\nsagt „Gott grüss dich Cafe Bauer!\" Von einem\nAltan herab ladet es den vorbeiwandelnden ein-\nzutreten, manchmal sogar holt der luftschöp-\nfende Ober den Gast in sein Cafehaus nach süd-\nlicher Sitte. Ich stelle eine gewisse Aehnlichkeit\nzwischen dem Cafe Bauer mit unserem Cafe des\nWestens fest, unserer nächtlichen Heimat, (grinst\nnur verfluchte Somaliphilister und Sudanpro-\nleten) unserer Oase, unserem Zigeunerwagen, un-\nserem Zelt, darin wir ausruhen nach dem all-\ntäglichen schmerzvollen Kampf. Die Frau Wir-\ntin ist sanft, sie pflegt unsere Launen, die uns\nder Bürger schlug. Vom Oberober bis zum\nUnterunter passen die sich dem Rhytmus der\nGäste an. Herr Rattke hat wieder ein neues\nBuch geschrieben in Kochäen über Servieren,\nverrät mir Richard, der Zeitungsverweser, der\nJournaltruchsess. Er liest mir mit Pathos mein\nGedicht im Sturm vor über München; ich be-\nginne zu seufzen. Was fangen nun die spielen-\nden Strassen dort ohne mich an und die vielen\ngaukelnden Herzen? Dass die gesund bleiben,\ndafür sorgen die Aerzte, namentlich der unver-\ngleichliche Doktor Arthur Ludwig. Alle seine\nPatienten kommen, weil er der unvergleichlich-\nste Mensch noch dazu ist, nie zur angeschla-\ngenen Zeit In die Sprechstunde, wegen der sü-\nssen Speisen und der Marmeladen, die zum\nMittag aufgetragen werden von seiner emsigen,\nlieben Haushälterin. Und die bettlosen Patienten\nund Freunde nahen gewöhnlich mit dem Die-\ntrich und der Zahnbürste im Gewände, sie\nkommen vom Rande ihres Lebens und der Dok-\ntor, ein heiliger Wirt, wie auf dem Bilde in\nseinem Sprechzimmer, zu sehen ist: „Fräulein\nHaushälterin, besorge für den Fremdling nun\neine Lagerstatt\". Er ist direkt ein Engel. „Ein\nstarkfühlender, intelligenter Engel\", betont ein\nKollege von ihm, Doktor Max Nassauer, der\ndichtende Arzt in München.\nWir gehen alle in den Simplizissimus, in\nKati Kobus ihrer berühmten Künstlerkneipe. Heu-\nte kommen die Kegler! Ich meine die Leute\nvom Kegelabend. Ludwig Scharf trägt mit\nstarkem Ton seine Verse vor, jedes Wort ist an\ndas andere geschmiedet. Sein Gesicht ist eine\ndiabolische Arabeske. Dazwischen tönt die fah-\nrende Stimme des Guitarrenspielers und die lie-\nbenswürdigen, drolligen Bemerkungen Max Hal-\nbes; er gefällt mir sehr. Und all die kleinen\nsummenden Mädchen mit den braunen und blon-\nden Liedern. Und die Hauptsache bleibt die\nKati Kobus, die Simplizissimusherrscherin mit\ndem Kronmal auf der Stirn. Sie ist die Her-\nzogin des Rausches, sie ist eine Regierende. Wer\nso zu unterscheiden vermag wie sie! Eine Ju-\nwelierin, wer so das Angesicht auf sein Geist-\nkarat zu werten vermag. Das Scheiden aus ihrem\nNachtgarten, wo das Lachen blüht zwischen\nBilderhecken, tut mir besonders weh. „Frau\nHelene, sage ich mich ermannend eines Morgens\nzu meiner Wirtin, es muss geschieden sein! ! !\nBerlin! Vom Waggon aus steige ich sofort die\nStufen des Kleinen Theaters hinan zur General-\nprobe der Vier Toten der Fiametta. Morgen\nzur selbigen Stunde werde ich Jacobsohn wie-\ndersehen — ich werde Jacobsohn wiedersehen!\nDirekter Wauer fundiert noch seinen letzten\nFusstapfen, er ist ein Baumeister und umreisst\ndie Gebärden der Spielenden. Fest und sicher\nbewegt sich nun das ungeheure Pantomimen-\ndrama und ballt sich wieder zur Einheit. So\nwohlgeformt und nicht ein Abweichen, nicht ein\nüberflüssiges Zureichen. Allerlei Grauen führen\ndes Schneiders (William Wauer) Klauen die\nSchneidernadel unentwegt. Grandios ist die Be-\nwegung seines Mundes, die nicht ein stummes\nReden, aber ein drohendes Auf tun seines Ge-\nsichtes bedeutet. In grossen teuflischen Zeichen\nnicht minder, wie ihr Direktor, spielt Rosa Va-\nletti, die Schneidersfrau, und rotangefüllt, ein\nBlutbezechter, ein wankender Bär, tappt der Last-\nträger (Guido Herzfeld) auf den Ruf der ver-\nzweifelten Fiametta über die Stufen der Treppe,\nin das Trauerspiel. Das Harlekintrio. Ein Ge-\nmälde, das im Anschaun mit dem Körper des\nBewunderes verwächst. Und die ungeheure Last\nTrauerspiel, rollt sich auf einer Musik auf-\nwärts hochmütig über die Leiche verdutzer\nhöhnender Kritik. Herwarth Waiden, ein Hod-\nler der Musik, der alles süssliche zerreisst im\nSiegeskrampf und Kampf. Morgen ist die Pre-\nmiere der Vier Toten der Fiametta, ich werde\nJacobsohn wiedersehen —, ich werde den klei-\nnen Jacobsohn wiedersehen! „Wer kommt noch\nmit ins Cafe?\"\n\nElse Lasker-Schüler\n\nNotiz\nDie Redaktion\nDie Nummer 71 dieser Wochenschrift wur-\nde wieder vom Verkauf auf den Bahnhöfen aus-\ngeschlossen. Trotzdem der Holzschnitt Variete\nvon E. L. Kirchner doch schon das menschen-\nmöglichste an Bekleidung leistet. Für die preu-\nssische Eisenbahnverwaltung kann man offenbar\naber garnicht zugeknöpft genug sein. Sollte wie-\nder einmal eine Nummer auf den Bahnhöfen\nfehlen, so mögen unsere Leser nicht allzukühne\nHoffnungen auf erotische Sensationen setzen.\nDie Grösse des Halsausschnittes ist von der zu-\nständigen Behörde für Beamtinnen und Zeich-\nnungen festgesetzt. Wenn man wissen will, was\nsich ziemt, so frage man in Zukunft dort an.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich\nUngarn / I. V.: Oskar Kokoschka\n\nDie Fnckel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangloser\nFolge\nSummer 326/327/328\nsoeben erschienen\nPreis 75 Pfennig\n80 Seiten\nMit einer Illustration:\nDer Sieger\nOBERALL ERHALTLICH\nWerbeband der Fackel\n50 Pfennig\n\nLes Marges\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzo-\nsische Original der Tage-\nbiicher Flauberts, deren\nUebertragung in Deutschland\nverboten wurde.\nDie Hefte, die die Tage-\nbiicher Flauberts enthalten,\nsowie die iibrigen seitdem\nerschienenen Nummern sind\nvom Verlag der Zeitschrift\nLes Marges gegen Einsen-\ndung von sechs Francs direkt\nzu beziehen.\n\nL Effort\nHalbmonatsschrift\nfiir moderne Kultur u. fran-\nzosische Sezession in den\nKtinsten und in der Literatur\nHerausgeber und\n:: Schriftleiter ::\nJEAN RICHARD\nJahresbezug fiir das\nAusland: Mark 4.50\nZweiter Jahrgang\nYerlag und Redaktion:\nPOITIERS (Yienne)\nFrankreich\n\nIn PI\nYerlag ~Der Sturm\"\n(r \\\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiirGesangu.Klavier/52Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch denVerlag DER STURM\nHalensee/Katharinenstrasse 5\nvv J)\n\nLesCahiersdu Centre\nMonatsschrift fiir Soziologie\nGeschichte, Kunst\nund Literatur\nGegriindet von Paul Cornu\nHerausgeber u. Schriftleiter\nHENRY BURIOT\nIn den Cahiers du Centre\nerschienen Werke von Jules\nRenard, Charles-Louis Phi-\nlippe, Marguerite Audoux,\nEmile Guillaumin, Romain\nRolland, Andre Spire, Henri\nBachelin, Valery Larbaud,\nRaymon Darsiles u. a. m.\nJahresbezug furs Ausland:\n4,80 M. (Luxusausg. 9,60 M.)\nProbeheft gegen Ein-\nsendung von 50 Pfg.\nVERLAG u. REDAKTION:\n16, Boulevard Chambonnet,\nMOULINS (Allier) Frankreich"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "577", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110812-01.1.7", "texte": "Neue Sezession\nGalerie Maximilian Iflacbt\nDritte Ausstellung\nBerlin SI. 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Mai:\nDie vier Toten der Fiametta\nPantomime von WILLIAM WAUER\nMusik von HERWARTH WALDEN\nFiametta: ROSA VALETTI\nSilvio, Schneider, ihr Mann: WILLIAM WAUER\nDer Lasttrager: GUIDO HERZFELD\nDie drei letzten Vorstellungen!\nVorher (872 Uhr):\nNorachen\nKarten an derTheaterkasse und bei Wertheim\n:=z—Sommerpreise\n\nElse Lasker-Schiiler\nMeine Wunder\nGediehte\nPreis in van Geldern-Butten gebunden\nDrei Mark\nDreililien-Verlag Karlsruhe und Leipzig\n\nLE\nCOURRIER DE LA PRESSE\nBUREAU de COUPURES de JOURNAUX\nFrangais et Etrangers\nFonde en 1889\n21, Boulevard Montmartre PARIS 28\nGALLOIS & DEMOGEOT\nAdresse Telegr.: COUPURES PARIS — 101.50\nLe COURRIER de la PRESSE: Regoit, lit et decoupe tousles\nJournaux et Revues et en fournit les extraits sur tous suiets\net personnalites.\nService special d'lnformations partiques pour Industriels\net Commevpants.\nTARIF: 0 fr. 30 par Coupure\nTarif reduit, paie= j Par 100 Coupures, 25 francs\nment d'avance, sans I „ 250 „ 55 „\nperiode de temps li- ( „ 500 „ 105 „\nmite. J „ 1000 „ 200\nOn traite & forfait pour 3 mois, 6 mois, un an\n\nPressrelationsbureau Hans a\nBerlin NW 23 Holsteiner Ufer 7\nliefert alle Nachrichten liber\nKunst, Literatnr, Wissenschaft\nin jeder Hinsicht nnbedingt zuverlassig.\n:: Akademisch und literarissh gebildete lectoren ::\nvorziigliche Organisation\nFernsprecher Berlin II 6121\n\nTHRICHOPHIL\n1 F1.M.3,00 F1.M.3,00 H\n||| ■■»■■■■■■■■■■■■ = nur beim Fabrlkanten: ===== ■■■■■■■■aaaaaaa gjgj\nI Otto Teotscher/Friseur |\nM I. Geschaft: 106 a Potsdamerstr., Eirig. 63 Steglitzerstr.,Tel.Vl, 6735 I\n| 11. Geschaft: Charlottenburg, 100 Kaiserdamm, Tel. AmtCh.,63B7 ,\niiflaaaoooooooon^ii\n\nI ~ HSHs -™7\"r ' I\nDr. Rudolf Bluemner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrer a.d. Schauspielerschule d.Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik u. Rolienstudium\nCHARLOTTENBURG c , . . _ ,\nSprechstunde: 5—6 Uhr\nWilmersdorferstrasse 75\nS3EB\n\nPreis 1 Mark Preii 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\nSicheres Mittel gegen akuteKatarrheder Atmungs-\norgane / ermoglicht Schauspielern und Sangern\nsofortigen Gebrauch der erkrankten Organe\n>«■>■> ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN ■■■■■■\nZu haben in alien Apotheken and Drogerien / Alleinlge Fabrikantin\n„Pharmacia\" / Fabrib ffir pharmaceutiscbeo Bedarf / Berlin-Halensee\nWohlschmeckend Sidber wirkend\n■ ■\n\nSSSTE Cafe Continental\nJeden Abend von 9—4 Uhr Nachts:\nGrosses Kunstler - Konzert\nAll© bedeutenden Zeitungen und Zeitschriftea\n\nHandelswissen- l?|9i Aril 9 UfglCltoi* T • •\nschaftl. Kurse von \"116111. iVlcSlcr Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorle und Praxis (staatlich\ngepriifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhrender Stellung). Grundliche\nEinfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationelles\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr-\njahriges Hochschulstudium. 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Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, Johannisplatz 5\n111 Ml —lll—■ I— ■ mil ■mill ■■■■■■■■■I —I—MM—IMWIMUJ—I—\n\nFREYA\nCharlottenburg ;\nBismarckstrasse 9 jj\nAm Knie\n□ B\n□\nAngenehmer Aufenthalt\n112 ur Kiinstler und Studenten\nZahlreiche Zeitungen und\nZeitschriften / Bis zehn\nUhr abends geoffnet\n\nEDMUND MEYER\nBuchhandler und Antiquar\nBERLIN W 35 §E&g§g\nAnkauf einzelner Werke\nund ganzer Bibliotheken\nSoeben erschlen: Katalog XVIII: Literatur\nGeschichte, Kunstgeschichte, illustrierte\nWerke in deutscher, englischer, fran-\nzos. 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