{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_sha256": "bbeb8dac6ef36df77645e7621850b70e56fda1e8460bc558ea191de366f42ae7", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/09/16_01/bmtnabg_1911-09-16_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/09/16_01/bmtnabg_1911-09-16_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-09-16_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "611", "page_fin": "611", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "611", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.1", "debut_caractere": 519, "fin_caractere_exclue": 832, "texte": "Inhalt:\nMAX ZERBST: Bewegung! 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Der „Atomismus\"\nist von allen philosophischen Systemen, von\nallen Welt- und Wirklichkeitshypothesen diejeni-\nge, mit deren Hilfe man in der Erklärung und\nErgründung der Naturdinge und Naturgescheh-\nnisse bisher am weitesten zu kommen vermochte,\ndiejenige, die den Anforderungen strenger Wis-\nsenschaft gemäss, nach dem übereinstimmenden\nUrteile fast sämtlicher wissenschaftlicher Auto-\nritäten, als die brauchbarste angesehen werden\nmuss. Trotzdem weist die Atom-Theorie man-\nche Lücken und Unvollkommenheiten auf, trotz-\ndem bleibt auch nach ihrer Voraussetzung noch\nmanches Elementarwichtige und Erkennenswerte\nin Unklarheit und tiefem Dunkel, da die Grund-\nlagen der Atomlehre selbst noch eine Fülle von\nRätseln und Geheimnissen enthalten.\nWenn es nun als eines der vornehmsten und\nhöchsten Probleme der Naturerforschung gilt,\ndie Atomhypothese durch eine andere Wirklich-\nkeitshypothese zu ersetzen, welche, ohne den\nBoden der Empirie und sinnlicher Tatsächlich-\nkeit zu verlassen, alles Das aufklärt und ver-\nständlich macht, was der „Atomismus\" in ewi-\ngem Dunkel lässt, lassen muss, — dann glaube\nich mit diesem Werke, dem Resultate mehr als\nzehnjähriger Gedankenarbeit, dieses Problem ge-\nlöst zu haben.\nHierdurch sei die Bedeutung und Wichtig-\nkeit meiner Ausführungen gekennzeichnet.\nI\nWenn ein Feuerpünktchen schnell im Krei-\nse bewegt wird, so erblickt man bekanntlich\neine zusammenhängende lückenlose Feuerkreis-\nlinie. Wird nun dieser Feuerkreis gleichzeitig\nmit entsprechender Geschwindigkeit um seinen\nDurchmesser als Achse gedreht, so erhält man\nvollkommen das Bild einer feurigen Kugel.\nWas ist da vorgegangen?\nAntwort: Ein Punkt, das heisst in diesem\nFalle ein punktueller Lichteindruck, von intensi-\nver nicht extensiver Grösse, hat sich durch Be-\nwegung für unsefe Seh Wahrnehmung in die Kör-\npergestalt einer feurigen Kugel verwandelt, die\nsich, wenigstens für unseren Gesichtssinn, von\neiner wirklich stofflichen leuchtenden Kugel —\netwa einer glühenden Metallkugel — in nichts\nunterscheidet.\nSo könnte man sich vorstellen, dass bei\nenorm gesteigerter Geschwindigkeit aus einem\neinzigen punktuellen Elemente von zunächst rein\nintensiver Grösse eine ungeheure Anzahl ver-\nschiedenartigster Körpergebilde für unser Auge,\nfür unsere Gesichts Wahrnehmung (und zwar als\nscheinbar gleichzeitig vorhanden) entstehen könn-\nte. Wollte man diese Vorstellungsmöglichkeit auf\ndie ganze uns umgebende Welt anwenden, so-\nweit sie überhaupt für das Auge existiert, so\nkäme man zu dem Resultate, dass die ganze\ngl ossai tige Welt, in der wir leben, insofern wir\nihr nur als sehende Wesen gegenüberstehen, tat-\nsächlich nichts anderes zu sein brauchte, als ein\neinziges winzigstes Lichtpünktchen, das sich mit\nunermesslicher Geschwindigkeit bewegt und die\nzahllos verzweigten und verschlungenen Linien-\nund Flächenwege aller sichtbaren Formengebilde\nununterbrochen durchläuft. Alle linien- und flä-\nchenhaften Formenunterschiede könnten dabei\nzwanglos etwa auf Richtungsdifferenzen, alle Far-\nben- und Helligkeitsunterschiede etwa auf Ge-\nschwindigkeitsdifSerenzen zurückgeführt werden.\nII\nDurch dieses Experiment des sich bewe-\ngungsweise in eine Feuerkugel verwandelnden\nLichtpünktchens ist jedenfalls soviel bewiesen,\ndass in der Sphäre unseres Gesichtsinnes das\nWahrnehmungsbild eines festen und ruhenden Kör-\npers aus reinen Bewegungsvorgängen resultieren,\ndas heisst Substanzvorstellung direkt aus Bewe-\ngungswahrnehmung erzeugt werden kann.\nIII\nDagegen ist die erkenntnis-theoretisch funda-\nmental-wichtige Tatsache zu konstatieren, dass es\numgekehrt zu den Dingen der Unmöglichkeit ge-\nhört, Bewegungsvorstellung aus reiner Substanz-\nvorstellung zu erzeugen.\nBeweis: Der fliegende Pfeil des Zeno.\nIV\nDie sinnliche Wirklichkeit, das heisst die\nWelt der Materie und der materiellen Gescheh-\nnisse, ist ein Produkt unserer gesamten Sinnes-\nwahrnehmung, ist das Resultat, das letzte Fazit\nder Tätigkeit unserer sämtlichen Sinne.\nEs wurde festgestellt, dass die Wirklichkeit,\nwie sie für unser Auge wahrnehmbar ist, dass\ndas Weltbild unseres Gesichtsinnes sehr gut als\nentstanden aus Bewegung eines punktuellen Ele-\nmentes gedacht werden kann, und zwar aus Be-\nwegung von unvermesslicher Komplikation und\nGeschwindigkeit.\nEbenso wissen wir, dass die Tatsachen un-\nseres Gehörs-, Geruchs- und Geschmacksinnes\naus kleinsten und feinsten Bewegungsvorgängen\nresultieren. Ja, man hat sogar tiefbedeutsame\nBewegungsbeziehungen zwischen einzelnen Haupt-\nsinnesgebieten nachgewiesen indem man konsta-\ntiert hat, dass zum Beispiel die Bewegungsfor-\nmen, die der Licht- und Schallwahrnehmung zu\nGrunde liegen, sich nur durch die Grösse ihrer\nGeschwindigkeit von einander unterscheiden.\nIst es demnach nicht vorstellbar, dass die\nWahrnehmung und Erkenntnis der stofflichen\nharten Körperlichkeit, wie sie uns durch den\nGefühls- und Tastsinn vermittelt wird, ebenfalls\netwa auf verborgene, ungeheure Bewegungsfor-\nmen eines einzigen punktuellen Elementes oder\nauf andere grandiose, uns unbekannte Bewe-\ngungsmöglichkeiten sich gründet?\nUnd könnte man dann nicht auch hier sich\ndenken, dass alle Unterschiede der Form, der\nDichtigkeit, der Schwere, der stofflichen Quali-\ntät etcetera in kompliziertesten, noch unerforsch-\nten Richtungs- und Geschwindigkeitsdifferenzen\noder vielleicht sogar in noch anderen geheim-\nnisvollen Bewegungsdingen ihre Ursache haben?\nV\nDie Substanzsynthese oder vielmehr Sub-\nstanzbildsynthese aus Bewegungsvorgängen, wie\nsie an dem Beispiel des rotierenden Feuerpünkt-\nchens gezeigt worden ist, muss ergänzt werden\ndurch eine Substanzanalyse des rotierenden Feu-\nerpünktchens oder Lichtpünktchens selbst, das\nzunächst doch noch, zwar als nur punktuelles,\naber immerhin substantielles Element des ganzen\nBewegungsvorganges erscheint. Da finden wir\nmit Hilfe der Lehre vom Licht, dass sich das\nscheinbar einheitliche und substanzielle Bild des\nFeuerpünktchens bei genauerer Betrachtung und\nForschung auflöst in eine Fülle feinster und\nkleinster Bewegungisfotrmen (Schwingungen). Woll-\nte man dann weiter den diesen feinsten Bewe-\ngungsformen wieder zu Grunde liegenden schein-\nbar substantiellen Elementen nachforschen, so\nwürde man wiederum auf Bewegung stossen.\nHierbei ist es von symptomatischer Bedeu-\ntung ersten Ranges, dass, je weiter man in die-\nsem Prozesse der Substanzanalyse fortschreitet,\nman zu immer unsubstanzielleren Formen schein-\nbarer Substanzelemente gelangt, das heisst zu\nSubstanzelementen, die immer mehr von dem\neigentlichen Kern und Grundcharakter der Sub-\nstanz einbüssen, sich immer weiter von dem Re-\nalitätsbilde der Substanz entfernen, immer mehr\nan Dichtigkeit, Schwere, Qualitäts- und Formen-\nreichtum etcetera verlieren (Atom), dass man\nandererseits dagegen immer zahlreichere und kom-\npliziertere Bewegungsformen und Bewegungs-\nmöglichkeiten entdeckt. Das heisst kurz und grob\nausgedrückt: dass die Substanz in dem Masse\nabnimmt, in welchem die Bewegung wächst.\nVI\nEs ist charakteristisch, dass die exakteste Er-\nforschung der Körperlichkeit, der materiellen\nWirklichkeitswelt, wie sie von Physik und Na-\nturwissenschaft betrieben wird, ihre Zuflucht\nschliesslich zu der Hypothese des „Atomismus\"\nnehmen musste, um die natürlichen Erscheinun-\ngen und Geschehnisse um das ganze „Sein\" und\n„Werden\" der sinnlichen Welt etwas befrie-\ndigend erklären und interpretieren zu können.\nDer Atomismus erblickt bekanntlich die unterste\nund letzte Wirklichkeitstatsache in dem „Atom\"\noder, besser gesagt, in der Bewegung und den\nBewegungsursachen (Kräften) des Atoms, das\nheisst des letzten, dünnsten Destillates des Sub-\nstanzbegriffes. Das Atom musste aber, wollte\nman zu einer dem strengen wissenschaftlichen\nGewissen-genügenden und glaubhaften Naturer-\nklärung kommen, alle wesentlichen Eigenschaf-\nten der Materie, der sinnlichen Substanz ent-\nkleidet werden — es wird „punktuell-unteilbar\",\nalso auch „ausdehnungslos\" gedacht — bis auf\ndie Eigenschaft der Bewegung. Diese konnte\nma i ihm nicht nur nicht nehmen, sondern sie\nmusste sogar und muss als wichtigste Geltung\nhaben wegen der Funktion, die dem Atom\ngleichsam als dem „Weltelement\" zufällt. Ja\nman war sogar genötigt, das Atom nicht nur\nim höchsten Grade „bewegt\" oder „beweglich\"\nsich vorzustellen, sondern in das „Atom\" selbst\nhinein noch Bewegungswerte (Kräfte, Attraktions-\nund Repulsionskraft) Bewegungsursachen zu le-\ngen, die demnach als primae causae, als letzte\nverstellbare Ursachen aller körperlichen Dinge\nund alles sinnlichen Weltgeschehens zu betrach-\nten wären.\nVII\nBei alledem ist nicht zu vergessen, dass der\nAtomismus im „Atom\" immer noch die „Sub-\nstanz\" anerkannt und geschätzt wissen will und\nzwar als Realitätswert ersten Grades, von dem\ndie „Bewegung\" als solche gleichsam nur einen\ngewissen „Zustand\" bezeichnet, im Vergleich mit\ndem die Bewegung nur einen Realitätswert zwei-\nten Grades besitzt. Das „Atom\" gilt als ele-\nmentarste Substanzrealitätsform, gleichsam als\nTräger und Ausgangspunkt aller Bewegung, von\nihm als unveränderlichen Realitätspol aus wird\nin unserer Schätzung die Bewegung als etwas\n„Hinzukommendes\", mehr „Zufälliges\" visiert,\nund so das „Atom\", das heisst die Substanz-\nvorstellung, an die wichtigste Stelle in unserer\nErkenntniswertung gerückt.\nDie Autorität der Substanz ist noch einmal\ngerettet! — Die grosse Bewegungserkenntnis der\nfortgeschrittensten Wissenschaft macht halt —"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "613", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2869, "texte": "vor dem „Atom\", wie Heraklit vor dem „Feuer\"\nHalt gemacht hat.\nVIII\nWäre nicht in der einmal gefundenen Er-\nkenntnisrichtung der nächste und konsequenteste\nSchritt der, dass man auch den „Atombegriff\"\nnoch zu überwinden suchte, dass man auch noch\ndiesen letzten Rest der Substanzvorstellung ein\nfür alle mal beseitigte und auch noch für die-\nsen letzten Beharrlichkeitswert reine Bewegangs-\nwerte ein- und ansetzte?\nIX\nWohlan! — ich tue diesen Schritt! — ich\nsprenge auch noch das „Atom\" in die Luft! ich\nlöse die „Substanz\" vollständig und restlos auf\nin „Bewegung\", in Bewegungsformen, Bewe-\ngungsbeziehungen, Bewegungskomplexe, Bewe-\ngungsmöglichkeiten ! —\nIch formuliere meine neue Erkenntnis:\n1. Es gibt nur eine Grundwirklichkeitstatsache.\nDiese heisst Bewegung.\n2. Die ganze übrige uns bekannte Natur oder\nWelt, alle übrigen Dinge, Erscheinungen\nund Vorgänge, — Substanz (körperliche so-\nwohl wie geistige), Kraft, Stoff, Raum, Zeit\netcetera — sind, soweit wir sie als „Nicht-\nbewegung\" oder „Nicht- Nur-Bewegung\",\nwahrnehmen, Schein Wirklichkeit. Tatsäch-\nlich sind sie alle selbst nichts wie Bewe-\ngungsformen, die von uns nur als solche\nnicht oder noch nicht erkannt werden.\n3. Alles „Sein\" ist „Schein\", alles „Werden\"\nist „Wirklichkeit\" und ist nur Wirklichkeit,\nsoweit es „Bewegung\" ist.\nX\nSo selbstverständlich, so klein und unbedeu-\ntend dieser letzte Schritt der Erkenntnis vom\n„Atom\" zur „reinen Bewegung\" zur „Bewegung\nan sich\" auf den ersten Blick zu sein scheint, so\nungeheuer und riesengross, von so unabsehba-\nren Folgen ist er doch in Wirklichkeit, von so\nbeispielloser Wichtigkeit wird er für den, der\nseine immense Wirkung, seine Weltbedeutung nur\nzu ahnen beginnt.\nDiese neue grosse Bewegungseinsicht und\nBewegungserkenntnis bedeutet die tiefste und\ngrundsätzlichste Umwertung, die bis jetzt in der\nganzen Entwicklungsgeschichte der Menschheit\nzu verzeichnen ist.\nIch vermischte mit meiner Lehre eine ganze\nWelt, eine ganze Scheinwelt, nämlich die Welt,\ndie Euch bis jetzt bis in die feinsten Fasern\nEures Bewusstseins hinein als die festeste und\nunerschütterlichste aller denkbaren Welten galt,\nund lasse vor Euren erstaunten Blicken eine\nneue tausendmal grossartigere Welt auftauchen,\neine ungeahnte und unerforschte Welt unermess-\nlicher und unerschöpflicher Bildungs- und Ge-\nstaltungsmöglichkeiten: Diese neue Welt heisst\n— Bewegung! — Damit befreie ich den Men-\nschen von dem mächtigsten, verhängnisvollsten\nund furchtbarsten Vorurteil, das ihn bis in die\nuntersten Wurzeln seines Wesens und Lebens\nbeherrscht und in eisernem, unbrechbaren Bann\nhält, von dem Vorurteilungeheuer, dessen star-\nres Medusenantlitz uns aus allem menschlichen\nTun und Denken, Empfinden und Wollen, Schaf-\nfen und Vernichten unfassbar-entsetzlich ent-\ngegengrinst, — von der Substanz, von der Au-\ntorität der Substanzvorstellung, von der Tyran-\nnei deS SeinS ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-09-16_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "613", "page_fin": "614", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.2.4", "titre_corps": "Der Dritte", "titre_sommaire": "Der Dritte", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "613", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.3", "debut_caractere": 2890, "fin_caractere_exclue": 9611, "texte": "Der Dritte\nVon Alfred Döblin\nDer berühmte Frauenarzt Dr. William Con-\nverdon in Boston erliess am vierzehnten IV eine\nAnnonce in den Täglichen Nachrichten, in der\ner eine Sekretärin suchte. Er war durch seine\nWahl zum Vorsitzenden der Gesellschaft für\nGynäkologie mit Schreibarbeit übermässig be-\nlastet worden; seine bucklige Haushälterin, der\ner sein Bedrängnis mitteilte, entschied sich da-\nfür, eine Dame zu suchen; diese sei billig, vor\nallem leichter zu entlassen.\nAm achtzehnten IV stellte sie ihm zum\nSchluss seiner Sprechstunde zwei Damen vor.\nConverdon drehte sich teilnamslos auf seinem\nStuhl um, nahm mit Kopfnicken die leichte Ver-\nbeugung eines scharfzügigen, schwarzen, intel-\nligenten Fräuleins entgegen, richtete länger seine\ngrauen kalten Augen auf das blonde Mädchen\nneben ihr, die ihm mit Erröten ihre Zeugnisse\nreichte. Wie er dann mit der Hand über sein\nbreites Kinn fuhr, entschied er sich, ohne die\nPapiere zu öffnen, für die blonde, schüchterne,\nvollwangige, weil sie schöne Flechten trug und\nes ihn beunruhigen würde, ihre Reize auf die\nStrasse zu schicken, und weil er hoffen konnte,\nihrer rasch überdrüssig zu werden.\nBei Beginn der Diktate am nächsten Mor-\ngen empfand der hagere Mann eine Störung\nseines Gedankenganges durch die Anwesenheit\ndes Mädchens. Er zögerte daher, über den Läu-\nfer des Sprechzimmers hin und her gehend, nicht\nlange, hinter dem Sessel halt zu machen, auf\ndem sie sass, in blauem Kleid, den Kopf mit\nsauber gewundenen Flechten über den Pult ge-\nbeugt. Bei Betrachtung ihres Nackens blieb er\nan ihrem blossen Nacken hängen; so hob er\ndenn langsam ihren weissen Stehkragen auf, und\nküsste sie in den Spalt hinein zwischen Kleid\nund Kragen. Sie fuhr zurück, ihre Augen leuch-\nteten auf; als er ihre hellen Nackenhaare durch\nseine Zähne zog, legte sie kichernd ihre heisse\nWange nach rückwärts an seinen Kopf und\ndehnte sich auf dem Stuhl. Dann, als er mit\nseinen schmalen Lippen ihre Wangen abtastete,\nwarf sie sich plötzlich vorn über die Schreib-\nplatte, vergrub den Kopf in den Armen,\nschluchzte sehr leise eine kleine Weile, während\ner nachdenklich hinter ihr stand, das scharfe Ge-\nsicht gesenkt, die linke Hand am Kinn. Sie\nschüttelte sich noch einmal, wischte sich die Au-\ngen mit einem sehr dünnen Taschentuch, stand\nauf, wandte sich um und sah ihn aus geröte-\nten Augen von unten an. Das blondhaarige\nFräulein, sie hiess Mery Walter, legte dann ihren\nKopf an seine weisse Weste und bot ihm zu\nseiner grossen Ueberraschung den Mund: Er\nwollte erst mit der freien linken Hand in die\nRocktasche fahren nach seinem Kneifer, um die\nErscheinung aus der Nähe zu betrachten; küss-\nte sie aber entschlossen und nannte sie* vorsich-\ntig „liebes Fräulein Walter\". Fräulein Walter\nsetzte sich wieder auf ihren Sessel, er spazierte\nbefriedigt über den Läufer, diktierte weiter. Er\nmachte ihr am Ende der Arbeit, weil es ihm\nso einfiel, einige Liebeserklärungen, die sie erst\ngedankenlos mit stenographierte, dann aber beim\nNennen ihres Namens verstand; sie spazierte\nArm in Arm mit dem erschrockenen Mann über\nden Läufer; der beschäftigte Arzt freute sich\naber herzlich über den raschen Ablauf des Vor-\ngangs.\nEr ging mit ihr ins Theater, speiste abends\nmit ihr zusammen, trieb dies ein paar Tage.\nBis ihm nach genau einer Woche, als er bei\nBeendigung des Diktats auf seiner Chaiselongue\nsass und Fräulein Walter betrachtete, ein weite-\nrer Gedanke kam. Sie band sich eben über\nihren blauen Rock eine spitzenbesetzte weisse\nSchürze und sah dabei auf ihre weissen Tennis-\nschuhe, als er um die Erlaubnis bat, die Schürze\nhinten zuzuknöpfen, und ihr bei dieser Tätig-\nkeit dann mit stockender Stimme von hinten\nins Ohr flüsterte, sie möchte heute das Nacht-\nlager in seiner unmittelbaren Nähe aufschlagen.\nSie betrachtete eine Weile ihre Fingerspitzen,\nlöste sich mit einem Ruck von seinen Händen,\nstampfte dann mit dem Fuss auf, sagte zunächst\nleise: „Es geht nicht\". Er ebenso leise: „Wa-\nrum\" und duzte sie sofort in Vorbedacht der\nkommenden Situationen. Nun einfach darum\nnicht, weil sie doch zu Hause wohne. Es wur-\nde nun noch die Depesche an die Mutter abge-\nsandt, in der berichtet wurde, dass Fräulein\nMery den Herrn Chef für einen Tag auf einer\nReise begleiten müsse, die bucklige Haushälterin\norientiert, welche ein hierfür seit langen Jah-\nren benutztes Zimmer freundlich abstaubte, so\ndass Dr. Converdon seinem Plan entsprechend\ndie fröhliche Nacht mit seiner Sekretärin ver-\nlebte.\nNur störte ihn im Verfolg seiner not-\nwendigen Bemühungen an dem Fräulein mehre-\nres, nämlich die grosse Energie ihres anfäng-\nlichen Widerstands, ihre auffallende Erregtheit\nwährend der ganzen Nacht, besonders aber der\nBefund einer unzweifelhaften Jungfräulichkeit.\nUeber diesen Befund war Herr Dr. Converdon\nheimlich ausserordentlich entrüstet. Er erhob\nsich sehr früh, machte dem Fräulein am Mor-\ngen vor der Waschschüssel laute Vorwürfe we-\ngen ihres Lebenswandels; man solle es nicht für\nmöglich halten, wenn man sie betrachte mit ihren\nblonden Flechten: was wollte sie eigentlich von\nihm; es zeuge von einer unglaublichen Unreife,\nvon einem völligen Missverstehen seiner Person;\ner wisse garnicht, wie er über diesen Punkt\nihrer Vergangenheit wegkommen solle. Sie wein-\nte, im blossen Hemd am Fenster sitzend, furcht-\nbar; bettelte um Verzeihung, sie wisse ja selbst\nnicht, wie es gekommen sei. Er diktierte ihr\nwütend stundenlang am Vormittag; diktierte, bis\nsie halb schlafend über den Tisch sank; war\nausser sich über die Rohheit dieser anscheinend\nharmlosen Person.\nSofort wollte er sie vor die Tür setzen.\nAber er überlegte sich, dass sie dann zu leich-\nten Kaufs davon käme. Es wäre ihr ein Ver-\ngnügen jetzt zu entwischen nach diesem Ver-\nbrechen an seiner Seele. Er erklärte ihr abends,\nals sie zum Nachtessen erschien, dass er sie\nnunmehr fest engagiere zunächst auf drei Mo-\nnate; sie klatschte in die Hände; er verlangte\ndringend, dass sie einen förmlichen Ver rag, den\ner entworfen habe, unterschriebe. Sie unter-\nschrieb ungelesen, hängte sich an seinen Hals.\nEr lächelte finster. Niemand erkannte den ern-\nsten Mann tagelang in seiner explosiven Wut.\nEr mietete ihr schon nach einigen Tagen eine\nWohnung in dem Nebenhause, entsetzte sie ihrer\nStellung als Sekretärin, engagierte einen alten\nBureaubeamten. Sie sollte als Gesellschaftsdame\nfungieren in seinem Hause. Sie hätte nichts wei-\nter zu tun, als zugegen zu sein, wenn er es\nverlangte.\nSie stellte nun seine Möbel um, hing klei-\nne Liebesbilder und Fähnchen auf, setzte sich\nallabendlich zu ihm an den Tisch. Er sprach\ntagelang mit ihr kein Wort, er duldete sie, gab\nihr mit jeder Miene seine Verachtung zu er-\nkennen. Eines Tages schwoll sein Gesicht, wäh-\nrend sie ruhig ass, blaurot an, die Stirnader"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "614", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8264, "texte": "schwoll wie ein Bleistift an, seine Augen traten\nhervor; er schlug mit der Faust neben sie auf\ndie Platte: „Du hast hier nicht Abend für\nAbend an meinem Tisch zu sitzen. Dieser Stuhl\nhat frei zu sein an meinem Tische. Ich verbitte\nmir, dass irgend jemand auf diesem Stuhle sitzt.\"\n„Aber Lorry, wo soll ich denn sitzen?\" „Wo\ndu willst, sollst du sitzen. Vor der Türe. Ich\nwünsche, dass dieser Platz frei bleibt\". Sie stand\nweinend auf: „So wünschst du, dass ich gehe?\"\n„Dass du gehst? das charakterisiert dich recht.\nWas willst du gehen? Warum? Wohin willst\ndu gehen? Oh ich kenne dich schon, du. Du\nwillst gehen; das wolltest du schon lange. Aber\ndu hast ohne meine Erlaubnis nicht das Zim-\nmer zu verlassen. Du hast hier zu bleiben; ich\nsperre dich ein, bis du zahm und kirre bist, —\ndu schamlose.\" Der alten buckligen Haushäl-\nterin aber trug er auf, Fräulein Mery zu be-\nhandeln als wäre sie die Tochter des Hauses,\noder als wäre sie seine Frau, mit der allerer-\ndenklichsten Rücksicht und Zartheit; so verlange\ner es.\nAls der hagere Mann sich besänftigt hatte,\nging er wieder mit dem blonden Fräulein spa-\nzieren auf den breiten Geschäftsstrassen Bostons;\nmit einer ernsten bittenden Galanterie bewegte er\nsich um sie; öfter klagte eine verzweifelte ge-\nquälte Demut aus seiner Stimme. Sie sassen\neinmal nebeneinander bei Sonnenuntergang am\nFenster seines Sprechzimmers; da legte er über-\nwältigt die kahle Stirn auf die runde Mädchen-\nschulter. „Sieh, Mery, wie viele Strassen es gibt;\ndrüben jenseits des Platzes fünf, über den Fluss\nweg hunderte im Arbeiterviertel. Hundert Häu-\nser stehen in jeder Strasse, und in jedem Haus\nwohnen so viele Männer, jüngere als ich, bessere\nals ich, schönere als ich. In jedem Stock, hin-\nter jedem dieser Fenster. Sie haben an nichts\nzu denken, sie haben den ganzen lieben Tag\nihre Gedanken frei, stell dir dies einmal vor.\nUnd wie gerne würden sie dich lieben, mit\ndeinen treuen Augen, deinen runden Armen. Dein\nFleisch ist so fest, deine Brüste sind so straff,\nmit rosigen Spitzen; ach Gott, was hast du für\nein weiches glattes Fell, Mery, — und dies al-\nles mir, den es nicht beglückt, den es belastet\nund die AtemÜuft benimmt. Bitte frage mich\njetzt nicht wieder, ob du gehen sollst. Was\nhilft das mir? lieh würde dir nachlaufen müs-\nsen und weinen. Ich wäre unsäglich froh, wenn\ndu nicht wärest. Ich würde mich gerne bücken\nhier am Fenster, dich auf die Arme nehmen\nund wie einen Blumenregen auf das Pflaster\nstreuen, darüber in die Fenster hinein und über\nmich in das Zimmer. Der Gedanke mag mich\nschmelzen. Aber jetzt fass mich nicht an, tröste\nmich garnicht, lass meinen Kopf auf deiner\nSchulter liegen, Mery, Mery.\"\nDas Mädchen umging ihn mit grosser Vor-\nsicht, sie bereitete ihm die Mahlzeiten, half ihm\nbei den Arbeiten mit Geduld und unendlichem\nSanftsinn. Wenn er sie anbrüllte, sich mit den\nHänden gegen die Brust schlug, weil solch Ver-\nhängnis an ihn gekettet wäre, so schlich sie da-\nvon die Treppen hinunter, weinte zu Hause,\nkam nach ein paar Stunden wieder zurück und\nfragte ängstlich die Haushälterin ob der Herr\nschon besser wäre. Und er zog sie schon auf\ndem Korridor an den Händen zu sich hinein,\npolterte mit mürrischem Gesicht über eine kind-\nliche Neigung zu dramatischen Spannungen, über\neine unreale idealistische Auffassung des Men-\nschen.\nNun sass sie auf seinen Visiten im Wagen\nneben ihm, in einem mächtigen Florentiner-Hut\nmit breiter blutigroter Schleife, deren Enden sie\nnach vorn um den Hals band. Wie seine Toch-\nter sass sie auf dem Polster in feinem weissen\nBatistkleide neben dem hageren glattrasierten Arzt,\ndessen hohe schmale Stirn, grade Nase, tiefe\nMundlinien in Marmor gehauen waren. Sein\nSchädel war kahl bis an den Wirbel; seine grau-\nen durchdringenden Augen sahen grade aus.\nIhre Lippen waren fein und keusch. Das\nreizte ihn tief, und er legte ihr die harte Hand\nauf den Mund in dem eiskalten Wunsch, mit\neinem schlanken Messer ihre Lippen zu um-\nschneiden, — dann wäre die ganze Keuschheit\nweg, — mit Porzellanglocken die demütige Sanft-\nmut ihrer Augen zu verdecken; ihre welligen\nHaarflechten zu fassen, mit einem Ruck, mit ei-\nnem langen skalpierenden Ruck vom Leibe ab-\nzuziehen, das weiche schmeichelnde Fell, jdie\nweisse glatte Haut ganz und gar, dass sie da-\nstände. Mery, vor ihm, zuckend rot, mit spie-\nlenden blossen, Muskeln, ein Präparat, ein kramp-\nfendes schnappendes Tier, Mery.\nEr Hess sie ganz in seine Wohnung ziehen.\nTrotzdem sie im Gedränge der Strassen kaum\neiner beachtete, musste sie dichte weisse Schleier\ntragen, und die kleine bucklige Frau begleitete\nsie. Der hagere Mann ging indessen heimlich\ndes Nachts in die niedrigsten Quartiere der Vor-\nstadt, lernte den verlorenen Geschöpfen ihre Ob-\nscönitäten, und Verderbtheiten ab. Das streng\nbewachte stille blauverhängte Zimmer Merys zit-\nterte unter den Rasereien der beiden Menschen.\nSie sass neben ihm, umschlang ihn, bedauerte\nihn wegen seiner Wildheit, aber er sann\nverzweifelt, wie er sie ganz verwüsten könnte,\ndass nichts von ihr übrig blieb, rang die Hän-\nde, dass sie noch immer neben ihm sass als\nwäre nichts geschehen mit treuen blauen Augen,\nmit den schlicht gewundenen Flechten, mit der\nkindlichen Stimme — wie er nur eine Spur in\nihr hinterlassen könne, eine einzige kleine Spur.\nBis sie einmal leise weinte an seiner Brust, und\nihn fragte, ob er schlecht von ihr denke, weil\nsie jetzt so bestialisch zu einander seien; da trö-\nstete er sie ingrimmig, sie solle nicht so outriert\nfragen.\nEr erklärte ihr am Tage darauf, dass er sie\nzur Schauspielerin ausbilden lassen wolle. Sie\ngehörte allen Menschen; jeder konnte sie nehmen,\nsollte sie nehmen. Sie sei so schön; sie singe\nso rein; es sei eine Versäumnis, dies zwischen\nseinen vier Wänden verdorren zu lasoen. Sie\ntrat als Tänzerin in einem Variete auf. Der\nVorhang rauschte hoch, der hell beleuchtete Schä-\ndel des Arztes senkte sich, — nun war er glück-\nlich. Nun lag die Schönheit Merys auf allen\nGesichtern im Saale; der breite Fleischermund\nneben ihm sog lüstern an ihrem süssen Lächeln,\nin die braunen Kalbsaugen der Dame neben ihm\nkam eine Starrheit, als die blonde Mery im Tan-\nze die runden Linien ihrer Schenkel bog und\nstreckte; ein junger kräftiger Fant in der ersten\nReihe biss sich mit dem Opernglas in ihre Brü-\nste ein. Nun fiel sie wie ein Blumenregen über\nden Raum. Er raste in seiner Equipage hoch-\natmend und lachend weg, liess sie allein den\nZuschauern. Er versteckte sich in seinem Zim-\nmer, schloss die Türen hinter sich ab; seine\nHaushälterin bediente ihn wie sonst in der gu-\nten Zeit allein, während die Stühle leer herum\nstanden, kein Gedeck neben seinem lag, und er\nam Ende der Mahlzeit Tisch und Stühle um-\nwarf und seine Beine vergnügt auf dem Sofa\nausstreckte.\nKaum aber war nach der unruhigen Nacht\nder Morgen gekommen, so stand der Herr vor\ndem Fenster seines Sprechzimmers, sah die leere\nStrasse herunter und streck e die Arme aus nach\nMery, der Dirne, dem niedrigen seellosen Ge-\nschöpf, nach der Mörderin, dem Vampir. Keine\nSpinne konnte böser umgehen mit einer Fliege,\nals dieses Wesen mit ihm. Alle Dinge hier im\nZimmer sprechen von der Pein, die sie ihm tau-\nsend Mal bereitet hatte, —von der Mühe, die er\nmit ihr hatte, aber sie wälzte sich im warmen\nDreck. Keine Peitsche, sie zu schlagen! Wo\nsteckte sie, wo steckte sie, sein Besitz!: Seine\nHündin!\nGegen fünf Uhr nachmittags klingelte sie,\nlächelnd, freudig erregt, im weissen Mädchen-\nkleid, unter einem mächtigen Florentiner-Hut, fiel\nihm um den Hals und plapperte, wie glücklich\nsie sei, wie gut sie gefallen habe, wie sie sich\nfreue auf heute abend. Er fragte nicht, wo sie\nheute nacht gewesen sei. Er nahm sie wie eine\nPuppe in den Arm und fiel aufweinend über sie\nauf den Teppich nieder. Er küsste sie auf den\nMund und redete verwirrt. Er bettelte mit heiserer\nStimme, sie solle nicht mehr spielen, sie solle\nbei ihm zu Hause bleiben. Sie könne ja gehen,\nwann sie wolle, aber sie möchte bei ihm blei-\nben. Das Mädchen brach in ein furchtbares\nSchluchzen aus, fragte, was ihm geschehen 6ei.\nSie zitterte, hob ihn auf, blickte den Mann an\nmit dem glühenden Gesicht, den triefenden Au-\ngen, den bebenden Lippen.\nAm nächsten Vormittag fuhr er mit ihr auf\ndas Standesamt, nach ein paar Tagen zum zwei-\nten Male: da waren sie getraut."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-09-16_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "614", "page_fin": "614", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.2.5", "titre_corps": "Novemberabend", "titre_sommaire": "Novemberabend", "signature_source": "Paul Zech", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "614", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.4", "debut_caractere": 8281, "fin_caractere_exclue": 8693, "texte": "Novemberabend\nPaul Zech\nZwielicht macht alle Ebenen blank wie Silber-\nseeti\nUnd überbrückt den schmalen Fluss\nDer ganz ins Uferlose rückt.\nVertiefter Wolkenzug erdrückt\nDen seufzenden Verdruss\nIn den erloschenen Alleen.\nTurmuhren gehen ihren Kreisgang ohne Zeiger.\nAm Kreuzweg, wo der Weiser wie ein Galgen\ndrohte\nLärmt einer Krähe frostverschärfte Not:\nGebt Brot . . .\nDer Wind ist aller Kümmernis Verschweiger."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-09-16_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "614", "page_fin": "615", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.2.6", "titre_corps": "Zeitgeschichten", "titre_sommaire": "Zeitgeschichten", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "614", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.4", "debut_caractere": 8695, "fin_caractere_exclue": 9330, "texte": "Zeitgeschichten\nDie wunden Punkte\nDie wunden Punkte wachsen sich zu einer\nEpidemie aus. Die Tagespresse weiss sich vor\nwunden Punkten nicht mehr zu retten. Wenn\nsie die freisinnige Presse „berührt\", geberdet\nsich die nationalistische Presse „immer am toll-\nsten\". Das Berliner Tageblatt bestätigt es:\nDas steht jedenfalls fest: die Minorität in\nDeutschland, die wegen Marokkos zu einem\nKriege entschlossen ist, würde zu einem win-\nzigen Häuflein zusammenschmelzen, wenn das\nmaterielle und das Parteiinteres-\nse für viele in Wegfall käme. Darauf hat man\nauch gestern bei der Friedensdemonstration\nhingewiesen. Wenn man diese Punkte aber"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "615", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4765, "texte": "berührt, dann gebärdet sich die „nationalisti-\nsche\" Presse immer am tollsten. Ein sicherer\nBeweis dafür, dass es sich hier um wunde\nPunkte handelt.\nBei dieser Vergeudung von Punkten, wie\nes in der Tagespresse geschieht, müssen die g e-\nsundesten Punkte zu Grunde gehen. Ich\nempfehle den Herren einmal eine gründliche\nDesinfektion vorzunehmen und sämtliche über-\nflüssigen Punkte aus ihren edlen Organen zu\nentfernen. Dann wird der Gesundungßprozess\nnicht auf sich warten lassen. „Ein alter Zopf\nist es auch, Punkte dahin zu setzen, wo sie\nganz überflüssig sind. Hinter jeder Zeile eines\nBuchtitels, hinter jeder Ueberschrift muSs bei\nihnen ein Punkt stehen, obgleich alle diese Zei-\nlen schon durch ihre verschiedene Länge, durch\nihre verschiedene Schriftart und Schriftgrösse so-\nwieso abgegrenzt sind — überall wird noch ein\naufdringlicher Grenzpfahl eingerammt, oder ei-\nnem die Tür vor der Nase zugeschlagen.\" Gru-\nnows Grammatisches Nachschlagebuch, das nicht\ngenug zu empfehlen ist. Berliner Tageblatt® No®\n450$ 1$ Lokales und Vermischteso Abend-\n40® Jahrgang© Man tue noch etwas\nStreusand drauf. Wer weiss, ob er nicht wun-\nde Punkte heilt.\nMerkmale für Paranoia\nIm Prozess Hagen erfährt man endlich ein-\nmal, woran sich Paranoia erkennen lässt. Ein\nStudent hat an der Unviversität nichts getan.\nErstes Merkmal. Er hat Philosophie studiert,\ndann Jura, das „letztere\" aber aufgegeben mit der\nMotivierung: „Das juristische Studium sei der\nstumpfeste Unsinn.\" Zweites Merkmal. Die\nUniversität habe an den Vater geschrieben, dass\nder Student einen unsittlichen, nicht zu dul-\ndenden Lebenswandel in der Form des uneh-\nlichen Zusammenlebens mit einer Kellnerin füh-\nre. Das sind mindestens drei Merkmale. „Der\nVater, der bis dahin ein Auge zugedrückt hatte.\n. Was glaubt man, was der Vater mit dem\nzugedrückten Auge getan hat? Der Vater hat\nden Sohn zu sich „zitiert\". Der Sohn musste\nihm in das andere nicht zugedrückte Auge blik-\nken und das Ehrenwort geben, sein Leben zu\nändern. Der Sohn hat das Ehrenwort nicht ge-\nhalten, sechstes Merkmal, sondern ist mit seiner\nGeliebten nach München ausgerückt, siebentes\nMerkmal. An diesen sieben Malen offenbartsich\nder Beginn des Verfolgungswahns. Ich möchte\nwissen, bei wievielen Studenten der Jurispru-\ndenz diese sieben Male zutreffen. „Später\nhaben sich Wahnideen des Studenten bemächtigt.\"\nWahrscheinlich, weil man bei ihm infolge dieser\nsieben Male Verfolgungswahn konstatierte. Da\nkann der gesundeste Mensch drüber verrückt\nwerden. Umsomehr, wenn er einen Vater zur\nVerfügung hat, der ihm mit einem zugedrückten\nAuge monatlich zweitausend Mark zur Verfü-\ngung stellt. Irgendwie mu s s der Mensch doch\nsein Geld verjuxen. Der Unglückliche kann sich\ndoch dafür nicht nur Kommentare kaufen, er\nmuss doch einmal Einblick in das Original neh-\nmen. Im Uebrigen ist es ein lieblicher Zustand,\ndass man auf Grund von Polizeiverordnungen\neingesperrt werden kann und der Arzt in der\nLage ist, jeder Person, auch einem Anwalt, den\nZutritt zu dem mit sieben Malen Behafteten zu\nverweigern. Man braucht nur das Entmündi-\ngungsverfahren nicht einzuleiten, und der Ge-\nmeingefährliche hat bis an sein Lebensende Zeit,\nsich über den Verfolgungswahn seine Gedan-\nken zu machen.\nNoch\nEin Salzsäureattentat. Heute betrat die\nProstituierte Agnes Weiss köpf den Laden\ndes Schlächtermeisters Kemnitzer im Hause\nBarnimstrasse 29 und verlangte den Schläch-\ntergesellen Franz Spagnes zu sprechen. Als\nSpagnes in dem Laden erschien, zog die Weiss-\nkopf blitzschnell eine Flasche aus der Tasche\nund goss ihm Salzsäure ins Gesicht. Man\nbrachte den Schwerverletzten nach der könig-\nlichen Klinik in der Ziegelstrasse. Die Täte-\nrin wurde festgenommen. Ueber das Mo-\ntiv herrscht noch Unklarheit.\nWir\n. . Auszug aus der Zuschrift des bekann-\nVerteidigers Doktor Theodor Suse, Hamburg,\nder sich nicht nur als Jurist eines grossen An-\nsehens erfreut, dem wi r vielmehr auch zahl-\nreiche, gedankentiefe und formvollendete poetische\nSchöpfungen verdanken.\"\nWer ist wir? Natürlich der Zeitgeist.\nDie neue Zeitschrift\nIm nächsten Monat soll wieder eine neue\nKunstzeitschrift erscheinen, die sich die Aufgabe\ngestellt hat, dahin zu wirken, dass die alten\nMeister nicht die jungen, und die jungen Mei-\nster nicht die alten totschlagen. Also ein Or-\ngan gegen Massenmord. Vier ziemlich ältere Mei-\nster bilden den „künstlerischen Beirat. Ausser-\ndem wird die Zeitschrift bestrebt sein, der im-\nmermehr zunehmenden Verwirrung des Publikums\nin Kunstdingen ein Ende zu machen.\" Das geht\nzu weit. Die Humanität sollte es sich an der\nVerhinderung von Abschlachtung genug sein lassen.\nDas Publikum muss über Kunstdinge so ver-\nwirrt werden, dass es endlich einmal aufgibt,\nsich über Kunstdinge „ein Urteil zu bilden.\"\nEs lässt sich auch so ganz gut leben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-09-16_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "615", "page_fin": "616", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.2.7", "titre_corps": "Briefe nach Norwegen : Liebe Jungens", "titre_sommaire": "Briefe nach Norwegen : Liebe Jungens", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "615", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.5", "debut_caractere": 4767, "fin_caractere_exclue": 9389, "texte": "Briefe nach Norwegen\nLiebe Jungens\nVon Else Lasker-Schüler\nDass Kurtchen Dich mitgenommen hat nach\nSchweden, Herwarth, ist direkt eine Freundes-\ntat Kurtchen wird erster Staatsanwalt werden\nund Euch kann nichts passieren. Aber mir kann\nwas passieren, ich hab Niemand, dem ich meine\nAbenteuer erzählen kann ausser Peter Baum, der\naber aus der alten Wohnung in die neue Woh-\nnung zieht. Im Wirrwarr hat er statt sei-\nnes Schreibtischsessels seine Matja in den Mö-\nbelwagen getragen und sie den Umzugleuten\nbesonders ans Herz gelegt, dass die Quasten\nnicht abreissen. Am Abend erzählte ich ihm\nerst meine neue Liebesgeschichte. Ich habe näm-\nlich noch nie so geliebt wie diesmal. Wenn es\nEuch interessiert: Vorgestern war ich mit Ger-\ntrude Barrison in den Lunapark gegangen, leise\nin die egyptische Ausstellung, als ob wir so\netwas süsses vorausahneten. Gertrude erweckte\ndort in einem Cafehaus die Aufmerksamkeit ei-\nnes Vollbartarabers; mit ihm zu kokettieren, auf\nmeinen Wunsch, schlug sie mir entsetzt ab, ein\nfür alle mal. Ich hätte nämlich gerne den Lauf\nseiner sich kräuselnden Lippen beobachtet, die\nnun durch die Reserviertheit meiner Begleiterin\ngedämmt wurden. Ich nahm es ihr sehr übel.\nAber bei den Bauchtänzerinnen ereignete sich\neines der Wunder meines arabischen Buches;\nich tanzte mit Min n, dem Sohn des Sultans\nvon Marokko. Wir tanzten, tanzten wie zwei\nTanzschlangen, oben auf der Islambühne, wir\nkrochen ganz aus uns heraus, nach den Lock-\ntönen der Bambusflöte des Bändigers nach der\nTrommel, pharaonenalt, mit den ewigen Schellen.\nUnd Gertrude tanzte auch, aber wie eine Muse,\nnicht muselhaft, wie wir, sie tanzte mit grazi-\nösen, schalkhaften Armen die Craquette, ihre\nFinger wehten wie Fransen. Aber Minn und\nich verirrten uns nach Tanger, stiessen kriege-\nrische Schreie aus, bis mich sein Mund küsste\nso sanft so inbrünstig, und ich hätte mich ge-\nniert, mich zu sträuben. Seitdem liebe ich alle\nMenschen, die eine Nuance seiner Hautfarbe an\nsich tragen, an sein Goldbrokat erinnern. Ich\nliebe den Slawen, weil er ähnliche braune Haare\nhat, wie Minn; ich liebe den Bischof, weil der\nBlutstein in seiner Krawatte von der Röte des\nFarbstoffs ist, mit der sich mein königlicher\nMuselmann die Nägel färbt. Ich kann gar nicht\nohne zu brennen an seine Augen denken, schma-\nle lässige Flüsse, schimmernde Iris, die sich in\nden Nil betten. Was soll ich anfangen? Die Ver-\nwaltung des Lunaparks hat mir verboten, wahr-\nscheinlich hat sie Verdacht bekommen, den Park\nzu betreten. Ich brachte nämlich gestern mor-\ngen meinem herrlichen Freund einen grossen\nDiamant — Deinen, Herwarth; bist Du böse?\n— und eine Düte Kokusnussbonbons mit. Wenn\nich überhaupt jetzt Geld hätte! Und ich habe\nan den Lunapark einen energischen Brief ge-\nschrieben, dass ich diese mir angetanene Belei-\ndigung der Voss mitteilen würde, dass ich Else\nLasker-Schüler heisse und Gelegenheitsgedichte\ndem Khediven lieferte beim Empfang europä-\nischer Kronprinzen. Was nützt mirs, dass sie\nmich wieder einlassen — immer geht ein Detek-\ntiv hinter mir, aber Minn und ich treffen uns\nbei den Zulus, die leben schwarz und wild am\nKehrricht der egyptischen Ausstellung wo kein\nWeisser hinkommt. Die ganze Geschichte hat\nmir der Impresario eingebrockt, der behandelt\ndie Muselleute wie Sklaven und ich werde ihn\nermorden mit meinem griechischen Dolch, den\nich mir erschwang im Lande Minns. Er ist der\nJüngste, den der Händler nach Europa brachte,\ner ist der ben ben ben ben, ben des jugend-\nlichster Vaters im egyptischen Lunagarten. Er\nist kein Sklave, Minnist ein Königssohn, Minn\nist ein Krieger, Minnist mein biblischer Spiel-\ngefährte. Er trägt ein hochmütiges Atlaskleid\nund er träumt nur von mir, weil er mich ge-\nküsst hat. Kurtchen, Freund Herwarths, wärst\nDa doch hier, kein Mensch will mit mir nach\nEgypten gehn, gestern war eine Hochzeit dort\nangezeigt an allen Litfasssäulen. Sollt er sich\nverheiratet haben!\nDenkt mal, ich habe in den Mond gesehn\nauf der Weidendammerbrücke für zwanzig Pfen-\nnige. Ich habe aber nur sehr schattenhaft die\nMenschen durch das Fernrohr erkannt. Ein\nMann hatte die Haare so wie Du geschnitten,\nHerwarth, oder vielmehr nicht abgeschnitten. Ob\ndie Mondproleten auch immer rufen: lass dir\ndas Haar schneiden? Und einen Herrn mit ei-\nner Aktenmappe habe ich ein Brot mit Roast-\nbeef essen sehn, der glich Dir Kurtchen. Und wahr-\nhaftig ein Cafe giebts auch auf dem Mond, es\nwar Nacht, ich hörte aus seinem Innern eine\nStimme wie Dr. Caros Stimme singen: „so lasst\nuns wieder von der Liebe reden, wie einst im\nMai\".\nIch habe mich endgültig in den Slawen ver-\nliebt — warum — ich frage nur immer die Ster-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "616", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6823, "texte": "ne. Ich liebe ihn ganz anders wie den Musel-\nmann, sein Kuss sitzt noch, ein Goldqpasschmet-\nterling, auf meiner Wange. Den Slawen aber\nmöchte ich nur immer anschaun, wie ein Ge-\nmälde auf Altmeistergrund. Eine Feuerfarbe hat\nsein Gesicht, ich verbrenne im Anschaun und\ntnuss immer wieder hin. Du brauchst gar kei-\nne Angst zu haben, Herwarth, er hat mir auf\nmeinen Liebesbrief gar nicht geantwortet. Ich\nschrieb ihm: Süsser Slawe, würdest Du in Pa-\nris im Louvre gehangen haben, hätte ich Dich\nstatt der Mona Lisa gestohlen. Ich möchte Dich\nimmer anschauen, ich würde gar nicht müde\nwerden; ich würde mir einen Turm bauen las-\nsen, ohne Türe. Ich möchte am liebsten zu Dir\nkommen, wenn Du schläfst, damit Deine Wim-\nper nicht zuckt im Rahmen. Ich denke gar nicht\nmehr, als Dich und nur Dich und nie anders,\nals ob Du in einem Rahmen ständest. So schön\nwie Du gestern Abend warst, Du warst so\nschön, man müsste Dich zweimal stehlen, einmal\nder Welt und einmal Dir selbst; Du weisst am\nschlechtesten mit dir umzugehen, du hängst Dich\nimmer ins falsche Licht. Ich versichere Dir noch-\nmals, lieber Herwarth, Du brauchst Dir darum\nkeine Sorgen machen, er reichte mir gestern\nAbend nicht einmal die Hand. Es verriet mir\nJemand im Vertrauen, er will sich mit Dir\nnicht entzwein, er ist Literat. Was sagst Du so\nsolch einer Feigheit? Du hättest mir in seiner\nLage wiedergeschrieben, nicht? Ihr braucht al-\nso noch lange nicht kommen; vorgestern Nacht\nträumte ich sogar, ein Eisbär sei Euch beiden\nNordpolfahrern begegnet, und hätte Euch gefragt,\nob Ihr Euch bei ihm photographieren lassen\nwolltet.\nWas ich ein ausgesuchtes Unglück in der\nLiebe habe, Ihr auch? Habt Ihr schon Ibsen\ngesehn und die Hedda Gabler? Und habt Ihr\nEuch schon eine andere Landschaft betrachtet,\nwie ein Cafe? Es giebt wohl da oben nur\nSchneefelder und weisse Berge und was weiss\nwas noch. Die Lappen halten wohl nicht, schick\nmir aber ein paar Krönländer.\nIhr könnt lachen, ich hab aber die ganze\nNacht nicht geschlafen, einmal war es kalt, ein-\nmal heiss, dann stürmte es Herbst, und dazwi-\nschen glühte Eure Mitternachtssonne. Als ob\nder September mir alles nachäffe. Ich weiss\nnämlich gar nicht genau, wen ich liebe: den\nSlawen oder den Bischof? Oder sollte ich mich\nnoch immer nicht von Minn trennen können? Der\nBischof ist seit gestern von mir zum Erzbischof\nernannt worden. Aber der Slawe wird wohl-\nweislich bald seinen Abschied einreichen, seine\ndiplomatischen Experimente mit mir sind demo-\nkratisch. Ich bat ihn meinen Liebesbrief mir\nwiederzugeben, zum Donnerwetter. Ich hab doch\nzum Donnerwetter Ehre im Leib. Er hat ihn\nmir noch nicht zurückgesandt — ob er mir ein\npaar Worte dazu schreiben wird! Aber was\nhilft das nur, der Erzbischof spricht wie ich\nträume, ganz genau so, auch versteht er un-\nausgesprochen meine Wünsche zu erfüllen. Er\nwandelt mit mir durch schwermütige Wälder\nüber Rosenpfade, oder wir suchen mitten in der\nGespensterstunde rissige Strassen auf, die auf die\nSpree blicken, finster wie das Auge des Arbei-\nters. Und jeden Tag bekomme ich vom Bischof\neinen Brief, es sind die schönsten Briefe, die\nich je gelesen habe, ich lese sie laut mit der\nStimme des Slawen. Und wie geht es Euch?\nIhr seid wohl schon am Wendekreis des Schnee-\nhuhns angelangt? Erkälte Dich nur ja nicht,\nHerwarth. Vor allen Dingen bekomme keinen\nSchnupfen, ich werde wahnsinnig vom Rau-\nschen der Nase. Kommt Ihr bald nach Hause?\nDer Erzbischof und der Bischof sind heute vor\nelf Uhr schon aufgestanden und verliessen das\nCafe. Ich wäre gern so sans facon mit ihnen\nfortgegangen, aber Ihr kennt die Leute noch\nnicht im Cafe. Wenn sich nun der Erz-\nbischof und der Slawe alles sagen! Der\ndicke Cajus-Majus blieb bei mir am Tisch sit-\nzen, Cajus-Majus, Cäsar von Rom; wenn er\nnur nicht immer von Literatur redete. So lan-\nge es von meinen Versen handelt, geht es ja\nnoch, aber fängt er von Dante und Aristopha-\nnes an zu quatschen, soll ihn Dantes Hölle ho-\nlen. Er vertraute mir an, er liebe Lucrezia Bor-\ngia. Als ich ihn fragte wer das Frauenzimmer\nsei, bekam er einen Lachkrampf. Ohne Dich,\nHerwarth, geht es hier doch nicht. Du hilfst\nmir immer in der Geschichte, auch genier ich\nmich Jemand zu bitten, mir die Kommas zu\nmachen, Auf einmal kam gestern Dein Freund,\nder Doktor, wieder ins Cafe mit der Marie Bor-\nchardt und ihrer Freundin der Margret König.\nDie ist auch Schauspielerin, wusstest Du das?\nDu, sie ist reizend. Ich schickte ihr im ausge-\nrauchten Zigarrenschächtelchen des Slawen einen\nChokoladencaces und eine Zigarette. Sie ist ei-\nne süsse Silhouette. Immer steht sie, ein gol-\ndenes Nymphchen, zwischen meinen bunten, plät-\nschernden Gedanken. Darum ging ich auch\nheute Abend in den Vortrag der Marie Bor-\nchardt, nicht um meine Gedichte zu hören, der\nMargret wegen. Aber ich war sehr überrascht\nvon der Vorlesung der Marie, die ist eine ita-\nlienische Sprecherin, in ihrer Stimme tönen ve-\nnezianische Glasblumen, und echte Spitzen aus\nden Palästen knistern unter ihren Worten. Aus\ngesehn hat sie in ihrem Terrakottaklei d und in\nihrem Turban mit der Goldfranse wie eine klei-\nne Dogenprinzessin. Wenn ich einen Dogen\nwüsste, ich liess sie entführen in einer Gondel.\nEs kann doch nicht alle Tage dasselbe ausser\nmir passieren. Du sagst zwar immer, ich soll\nmich nicht um andere Menschen bekümmern,\naber mich ärgern ebenso sehr die unkünstleri-\nschen, wie die künstlerischen Vorgänge mich im\nLeben erfreuen. Ich glaube, es ist schon zwölf\nUhr, ich bin tatsächlich zu bange heute den\nFlur meiner Wohnung alleine zu betreten. Ich\nbin nervös. Ich werde Dir mein Wort nicht\nhalten können und vor Morgen schon in mei-\nnem Bett liegen. Ich werde bei dem Billetfräu-\nlein am Halenseeer Bahnhof schlafen auf ihrem\nblutlosen, alten Kanape. Sie erzählt mir den\nRest der Dunkelheit von ihren Liebhabern. Gu-\nte Nacht Herwarth, liebes Kurtchen.\nIch bin nun zwei Abende nicht im Ca'e\ngewesen, ich fühlte mich etwas unwohl am Her-\nzen. Dr. Döblin vom Urban kam mit sei-\nner lieblichen Braut, um eine Diagnose zu stel-\nlen. Er meint, ich leide an der Schilddrüse,\naber in Wirklichkeit hatte ich Sehnsucht nach\ndem Cafe. Er bestand aber darauf, mir die\nSchilddrüse zu entfernen, die aufs Herz indirekt\ndrücke; ein klein wenig Cretin könnte ich da-\nvon werden, aber wo ich so aufgeweckt wäre,\nkäm ich nur wieder ins Gleichgewicht. Ich hab\nihm nämlich gebeichtet, dass ich mir ausserdem\ndas Leben meiner beiden Freunde wegen hätte\nnehmen wollen am Gashahn, der aber abgestellt\nworden sei; der ganze Gasometer ist geholt\nworden. Ich konnte die Gasrechnung nicht be-\nzahlen, auch in der Milch kann ich mich nicht\nersäufen, Bolle bringt keine mehr. Wie soll ich\nnun, ohne zu erröten, wieder ins Cafe kommen?\nEin Mensch wie ich müsste sein Wort halten.\nIch werde den beiden, dem Bischof und dem\nSlawen, vorschwindeln, du wirst Dich zu sehr\nerschrecken."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-09-16_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "616", "page_fin": "616", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.2.8", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "616", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.6", "debut_caractere": 7002, "fin_caractere_exclue": 7200, "texte": "Verlag „Der Sturm\"\nCr \\\nHerwarth Walden\nDAFNISUEDER\nFiirGesangu.Klavier/52Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen Oder direkt\ndurch denVerIagDERSTURM\nHalensee/Katharinenstrasses"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-09-16_01#c009", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "616", "page_fin": "616", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Kurse von rilviil. IwlwhMCSI Leipzig\"\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlteli\ngepriifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fiihrender Stellung). Grundliche\nEinfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationelles |\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr- 112\njahriges Hochschuistudium. Muster-Uebungs-Kontor. i\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic. >,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- una Bilanz 112\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorbereiten wollen — S\nsowohl fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab- I\nsolviert haben, wie fur I\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen, EinjSbrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfur Kaufleute reif e r en Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fur Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellschaften sich vorbereiten wollen. 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ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN «>•>»\nZu baben in alien Apotheken und Drogeriea / AUeinlge Fabrikantin\n/ Fabrik fur pharmaccutiscben Bedarf / Berlin-Halensce\nWohlechmeckend Sicker wirkend\n81l"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-09-16_01#c022", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "618", "page_fin": "618", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.2.22", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "618", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.8", "debut_caractere": 3974, "fin_caractere_exclue": 4290, "texte": "Verlag Oer Sturm\nVom ersten Oktober ab erhoht sich\nder Bezugspreis unserer Wochenschrift:\nVierteljahr M 1,50\nHalbjahr „ 3,—\njahr „ 6, -\nDer Preis der Einzelnummer betragt\nauch ferner wie seit dem ersten Juli\ndes Jahres 15 Pfennig\nVollstandiger erster Jahrgang\nNutntner 1 bis 58 mit Inhaltsverzeichnis\nM 5,20 posifrei"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-09-16_01#c023", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "618", "page_fin": "618", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Harz. Vier- _\nteljahrspreis M. 1,25 bei freier ™\nZustellung. — Die Herren a\nVerleger werden um Ein- S\nsendung ihrer Neuerschei- T2\nnungen zur Besprechung g\ngebeten. g\nProbenummern umsonst und g\npostfrei durch die Geschafts- g\nstelle. g\nVertreter gesucht"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-09-16-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-09-16_01#c027", "volume": "bmtnabg_1911-09-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "618", "page_fin": "618", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.2.27", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "618", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.8", "debut_caractere": 5554, "fin_caractere_exclue": 5702, "texte": "Spriiche und\nWiderspriiche\nAphorismen\nDie chinesische\n:: Mauer ::\n■ ■ a\nEssays\nDurch alle Buch-\nhandlungen zu beziehen\nVerlag Albert Langen\nMiinchen"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "611", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 151 Pfennig\nDER STURM\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Pfalzburg 3524 / Anzeigen-Annahme\ndurch den Verlag und sämtliche Annoncenbureaus\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahresbezug 1,25 Mark / Halbjahresbezug 2,50 Mark /\nJahresbezug 5,— Mark / bei freier Zustellung [ Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1911\nBERLIN SEPTEMBER 1911\nNUMMER 77\n\nInhalt:\nMAX ZERBST: Bewegung! Grundlage einer neuen Weltanschauung / ALFRED DÖBLIN: Der Dritte / PAUL ZECH: Novemberabend /\nTRUST: Zeitgeschichten: Die wunden Punkte / Merkmale für Paranoia / Noch / Wir / Die neue Zeitschrift / ELSE LASKER-SCHULnR: Briefe nach\nNorwegen / E. L. KIRCHNER: Tänzerinnen / Holzschnitt\n\nTänzerinnen Holzschn'tt von E. L. Kirchner"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "612", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.2", "texte": "Bewegung\nGrundlage einer neuen Weltanschauung\nVon Max Zerbst\nVorwort\nDie herrschende Weltanschauung ist die des\n„Atomismus\", das heisst die Lehre von kleinsten\nkörperlichen Elementen, von winzigsten unteil-\nbaren Stoffpunkten, den „Atomen\", die mit ge-\nwissen Urkräften (Attraktions- und Repulsions-\nkraft) begabt sind, und aus deren verschiedenen\nGruppierungen und Zusammensetzungen alle For-\nmen und Erscheinungen der von uns wahrge-\nnommenen Welt hervorgehen. Der „Atomismus\"\nist von allen philosophischen Systemen, von\nallen Welt- und Wirklichkeitshypothesen diejeni-\nge, mit deren Hilfe man in der Erklärung und\nErgründung der Naturdinge und Naturgescheh-\nnisse bisher am weitesten zu kommen vermochte,\ndiejenige, die den Anforderungen strenger Wis-\nsenschaft gemäss, nach dem übereinstimmenden\nUrteile fast sämtlicher wissenschaftlicher Auto-\nritäten, als die brauchbarste angesehen werden\nmuss. Trotzdem weist die Atom-Theorie man-\nche Lücken und Unvollkommenheiten auf, trotz-\ndem bleibt auch nach ihrer Voraussetzung noch\nmanches Elementarwichtige und Erkennenswerte\nin Unklarheit und tiefem Dunkel, da die Grund-\nlagen der Atomlehre selbst noch eine Fülle von\nRätseln und Geheimnissen enthalten.\nWenn es nun als eines der vornehmsten und\nhöchsten Probleme der Naturerforschung gilt,\ndie Atomhypothese durch eine andere Wirklich-\nkeitshypothese zu ersetzen, welche, ohne den\nBoden der Empirie und sinnlicher Tatsächlich-\nkeit zu verlassen, alles Das aufklärt und ver-\nständlich macht, was der „Atomismus\" in ewi-\ngem Dunkel lässt, lassen muss, — dann glaube\nich mit diesem Werke, dem Resultate mehr als\nzehnjähriger Gedankenarbeit, dieses Problem ge-\nlöst zu haben.\nHierdurch sei die Bedeutung und Wichtig-\nkeit meiner Ausführungen gekennzeichnet.\nI\nWenn ein Feuerpünktchen schnell im Krei-\nse bewegt wird, so erblickt man bekanntlich\neine zusammenhängende lückenlose Feuerkreis-\nlinie. Wird nun dieser Feuerkreis gleichzeitig\nmit entsprechender Geschwindigkeit um seinen\nDurchmesser als Achse gedreht, so erhält man\nvollkommen das Bild einer feurigen Kugel.\nWas ist da vorgegangen?\nAntwort: Ein Punkt, das heisst in diesem\nFalle ein punktueller Lichteindruck, von intensi-\nver nicht extensiver Grösse, hat sich durch Be-\nwegung für unsefe Seh Wahrnehmung in die Kör-\npergestalt einer feurigen Kugel verwandelt, die\nsich, wenigstens für unseren Gesichtssinn, von\neiner wirklich stofflichen leuchtenden Kugel —\netwa einer glühenden Metallkugel — in nichts\nunterscheidet.\nSo könnte man sich vorstellen, dass bei\nenorm gesteigerter Geschwindigkeit aus einem\neinzigen punktuellen Elemente von zunächst rein\nintensiver Grösse eine ungeheure Anzahl ver-\nschiedenartigster Körpergebilde für unser Auge,\nfür unsere Gesichts Wahrnehmung (und zwar als\nscheinbar gleichzeitig vorhanden) entstehen könn-\nte. Wollte man diese Vorstellungsmöglichkeit auf\ndie ganze uns umgebende Welt anwenden, so-\nweit sie überhaupt für das Auge existiert, so\nkäme man zu dem Resultate, dass die ganze\ngl ossai tige Welt, in der wir leben, insofern wir\nihr nur als sehende Wesen gegenüberstehen, tat-\nsächlich nichts anderes zu sein brauchte, als ein\neinziges winzigstes Lichtpünktchen, das sich mit\nunermesslicher Geschwindigkeit bewegt und die\nzahllos verzweigten und verschlungenen Linien-\nund Flächenwege aller sichtbaren Formengebilde\nununterbrochen durchläuft. Alle linien- und flä-\nchenhaften Formenunterschiede könnten dabei\nzwanglos etwa auf Richtungsdifferenzen, alle Far-\nben- und Helligkeitsunterschiede etwa auf Ge-\nschwindigkeitsdifSerenzen zurückgeführt werden.\nII\nDurch dieses Experiment des sich bewe-\ngungsweise in eine Feuerkugel verwandelnden\nLichtpünktchens ist jedenfalls soviel bewiesen,\ndass in der Sphäre unseres Gesichtsinnes das\nWahrnehmungsbild eines festen und ruhenden Kör-\npers aus reinen Bewegungsvorgängen resultieren,\ndas heisst Substanzvorstellung direkt aus Bewe-\ngungswahrnehmung erzeugt werden kann.\nIII\nDagegen ist die erkenntnis-theoretisch funda-\nmental-wichtige Tatsache zu konstatieren, dass es\numgekehrt zu den Dingen der Unmöglichkeit ge-\nhört, Bewegungsvorstellung aus reiner Substanz-\nvorstellung zu erzeugen.\nBeweis: Der fliegende Pfeil des Zeno.\nIV\nDie sinnliche Wirklichkeit, das heisst die\nWelt der Materie und der materiellen Gescheh-\nnisse, ist ein Produkt unserer gesamten Sinnes-\nwahrnehmung, ist das Resultat, das letzte Fazit\nder Tätigkeit unserer sämtlichen Sinne.\nEs wurde festgestellt, dass die Wirklichkeit,\nwie sie für unser Auge wahrnehmbar ist, dass\ndas Weltbild unseres Gesichtsinnes sehr gut als\nentstanden aus Bewegung eines punktuellen Ele-\nmentes gedacht werden kann, und zwar aus Be-\nwegung von unvermesslicher Komplikation und\nGeschwindigkeit.\nEbenso wissen wir, dass die Tatsachen un-\nseres Gehörs-, Geruchs- und Geschmacksinnes\naus kleinsten und feinsten Bewegungsvorgängen\nresultieren. Ja, man hat sogar tiefbedeutsame\nBewegungsbeziehungen zwischen einzelnen Haupt-\nsinnesgebieten nachgewiesen indem man konsta-\ntiert hat, dass zum Beispiel die Bewegungsfor-\nmen, die der Licht- und Schallwahrnehmung zu\nGrunde liegen, sich nur durch die Grösse ihrer\nGeschwindigkeit von einander unterscheiden.\nIst es demnach nicht vorstellbar, dass die\nWahrnehmung und Erkenntnis der stofflichen\nharten Körperlichkeit, wie sie uns durch den\nGefühls- und Tastsinn vermittelt wird, ebenfalls\netwa auf verborgene, ungeheure Bewegungsfor-\nmen eines einzigen punktuellen Elementes oder\nauf andere grandiose, uns unbekannte Bewe-\ngungsmöglichkeiten sich gründet?\nUnd könnte man dann nicht auch hier sich\ndenken, dass alle Unterschiede der Form, der\nDichtigkeit, der Schwere, der stofflichen Quali-\ntät etcetera in kompliziertesten, noch unerforsch-\nten Richtungs- und Geschwindigkeitsdifferenzen\noder vielleicht sogar in noch anderen geheim-\nnisvollen Bewegungsdingen ihre Ursache haben?\nV\nDie Substanzsynthese oder vielmehr Sub-\nstanzbildsynthese aus Bewegungsvorgängen, wie\nsie an dem Beispiel des rotierenden Feuerpünkt-\nchens gezeigt worden ist, muss ergänzt werden\ndurch eine Substanzanalyse des rotierenden Feu-\nerpünktchens oder Lichtpünktchens selbst, das\nzunächst doch noch, zwar als nur punktuelles,\naber immerhin substantielles Element des ganzen\nBewegungsvorganges erscheint. Da finden wir\nmit Hilfe der Lehre vom Licht, dass sich das\nscheinbar einheitliche und substanzielle Bild des\nFeuerpünktchens bei genauerer Betrachtung und\nForschung auflöst in eine Fülle feinster und\nkleinster Bewegungisfotrmen (Schwingungen). Woll-\nte man dann weiter den diesen feinsten Bewe-\ngungsformen wieder zu Grunde liegenden schein-\nbar substantiellen Elementen nachforschen, so\nwürde man wiederum auf Bewegung stossen.\nHierbei ist es von symptomatischer Bedeu-\ntung ersten Ranges, dass, je weiter man in die-\nsem Prozesse der Substanzanalyse fortschreitet,\nman zu immer unsubstanzielleren Formen schein-\nbarer Substanzelemente gelangt, das heisst zu\nSubstanzelementen, die immer mehr von dem\neigentlichen Kern und Grundcharakter der Sub-\nstanz einbüssen, sich immer weiter von dem Re-\nalitätsbilde der Substanz entfernen, immer mehr\nan Dichtigkeit, Schwere, Qualitäts- und Formen-\nreichtum etcetera verlieren (Atom), dass man\nandererseits dagegen immer zahlreichere und kom-\npliziertere Bewegungsformen und Bewegungs-\nmöglichkeiten entdeckt. Das heisst kurz und grob\nausgedrückt: dass die Substanz in dem Masse\nabnimmt, in welchem die Bewegung wächst.\nVI\nEs ist charakteristisch, dass die exakteste Er-\nforschung der Körperlichkeit, der materiellen\nWirklichkeitswelt, wie sie von Physik und Na-\nturwissenschaft betrieben wird, ihre Zuflucht\nschliesslich zu der Hypothese des „Atomismus\"\nnehmen musste, um die natürlichen Erscheinun-\ngen und Geschehnisse um das ganze „Sein\" und\n„Werden\" der sinnlichen Welt etwas befrie-\ndigend erklären und interpretieren zu können.\nDer Atomismus erblickt bekanntlich die unterste\nund letzte Wirklichkeitstatsache in dem „Atom\"\noder, besser gesagt, in der Bewegung und den\nBewegungsursachen (Kräften) des Atoms, das\nheisst des letzten, dünnsten Destillates des Sub-\nstanzbegriffes. Das Atom musste aber, wollte\nman zu einer dem strengen wissenschaftlichen\nGewissen-genügenden und glaubhaften Naturer-\nklärung kommen, alle wesentlichen Eigenschaf-\nten der Materie, der sinnlichen Substanz ent-\nkleidet werden — es wird „punktuell-unteilbar\",\nalso auch „ausdehnungslos\" gedacht — bis auf\ndie Eigenschaft der Bewegung. Diese konnte\nma i ihm nicht nur nicht nehmen, sondern sie\nmusste sogar und muss als wichtigste Geltung\nhaben wegen der Funktion, die dem Atom\ngleichsam als dem „Weltelement\" zufällt. Ja\nman war sogar genötigt, das Atom nicht nur\nim höchsten Grade „bewegt\" oder „beweglich\"\nsich vorzustellen, sondern in das „Atom\" selbst\nhinein noch Bewegungswerte (Kräfte, Attraktions-\nund Repulsionskraft) Bewegungsursachen zu le-\ngen, die demnach als primae causae, als letzte\nverstellbare Ursachen aller körperlichen Dinge\nund alles sinnlichen Weltgeschehens zu betrach-\nten wären.\nVII\nBei alledem ist nicht zu vergessen, dass der\nAtomismus im „Atom\" immer noch die „Sub-\nstanz\" anerkannt und geschätzt wissen will und\nzwar als Realitätswert ersten Grades, von dem\ndie „Bewegung\" als solche gleichsam nur einen\ngewissen „Zustand\" bezeichnet, im Vergleich mit\ndem die Bewegung nur einen Realitätswert zwei-\nten Grades besitzt. Das „Atom\" gilt als ele-\nmentarste Substanzrealitätsform, gleichsam als\nTräger und Ausgangspunkt aller Bewegung, von\nihm als unveränderlichen Realitätspol aus wird\nin unserer Schätzung die Bewegung als etwas\n„Hinzukommendes\", mehr „Zufälliges\" visiert,\nund so das „Atom\", das heisst die Substanz-\nvorstellung, an die wichtigste Stelle in unserer\nErkenntniswertung gerückt.\nDie Autorität der Substanz ist noch einmal\ngerettet! — Die grosse Bewegungserkenntnis der\nfortgeschrittensten Wissenschaft macht halt —"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "613", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.3", "texte": "vor dem „Atom\", wie Heraklit vor dem „Feuer\"\nHalt gemacht hat.\nVIII\nWäre nicht in der einmal gefundenen Er-\nkenntnisrichtung der nächste und konsequenteste\nSchritt der, dass man auch den „Atombegriff\"\nnoch zu überwinden suchte, dass man auch noch\ndiesen letzten Rest der Substanzvorstellung ein\nfür alle mal beseitigte und auch noch für die-\nsen letzten Beharrlichkeitswert reine Bewegangs-\nwerte ein- und ansetzte?\nIX\nWohlan! — ich tue diesen Schritt! — ich\nsprenge auch noch das „Atom\" in die Luft! ich\nlöse die „Substanz\" vollständig und restlos auf\nin „Bewegung\", in Bewegungsformen, Bewe-\ngungsbeziehungen, Bewegungskomplexe, Bewe-\ngungsmöglichkeiten ! —\nIch formuliere meine neue Erkenntnis:\n1. Es gibt nur eine Grundwirklichkeitstatsache.\nDiese heisst Bewegung.\n2. Die ganze übrige uns bekannte Natur oder\nWelt, alle übrigen Dinge, Erscheinungen\nund Vorgänge, — Substanz (körperliche so-\nwohl wie geistige), Kraft, Stoff, Raum, Zeit\netcetera — sind, soweit wir sie als „Nicht-\nbewegung\" oder „Nicht- Nur-Bewegung\",\nwahrnehmen, Schein Wirklichkeit. Tatsäch-\nlich sind sie alle selbst nichts wie Bewe-\ngungsformen, die von uns nur als solche\nnicht oder noch nicht erkannt werden.\n3. Alles „Sein\" ist „Schein\", alles „Werden\"\nist „Wirklichkeit\" und ist nur Wirklichkeit,\nsoweit es „Bewegung\" ist.\nX\nSo selbstverständlich, so klein und unbedeu-\ntend dieser letzte Schritt der Erkenntnis vom\n„Atom\" zur „reinen Bewegung\" zur „Bewegung\nan sich\" auf den ersten Blick zu sein scheint, so\nungeheuer und riesengross, von so unabsehba-\nren Folgen ist er doch in Wirklichkeit, von so\nbeispielloser Wichtigkeit wird er für den, der\nseine immense Wirkung, seine Weltbedeutung nur\nzu ahnen beginnt.\nDiese neue grosse Bewegungseinsicht und\nBewegungserkenntnis bedeutet die tiefste und\ngrundsätzlichste Umwertung, die bis jetzt in der\nganzen Entwicklungsgeschichte der Menschheit\nzu verzeichnen ist.\nIch vermischte mit meiner Lehre eine ganze\nWelt, eine ganze Scheinwelt, nämlich die Welt,\ndie Euch bis jetzt bis in die feinsten Fasern\nEures Bewusstseins hinein als die festeste und\nunerschütterlichste aller denkbaren Welten galt,\nund lasse vor Euren erstaunten Blicken eine\nneue tausendmal grossartigere Welt auftauchen,\neine ungeahnte und unerforschte Welt unermess-\nlicher und unerschöpflicher Bildungs- und Ge-\nstaltungsmöglichkeiten: Diese neue Welt heisst\n— Bewegung! — Damit befreie ich den Men-\nschen von dem mächtigsten, verhängnisvollsten\nund furchtbarsten Vorurteil, das ihn bis in die\nuntersten Wurzeln seines Wesens und Lebens\nbeherrscht und in eisernem, unbrechbaren Bann\nhält, von dem Vorurteilungeheuer, dessen star-\nres Medusenantlitz uns aus allem menschlichen\nTun und Denken, Empfinden und Wollen, Schaf-\nfen und Vernichten unfassbar-entsetzlich ent-\ngegengrinst, — von der Substanz, von der Au-\ntorität der Substanzvorstellung, von der Tyran-\nnei deS SeinS .\n\nFortsetzung folgt\n\nDer Dritte\nVon Alfred Döblin\nDer berühmte Frauenarzt Dr. William Con-\nverdon in Boston erliess am vierzehnten IV eine\nAnnonce in den Täglichen Nachrichten, in der\ner eine Sekretärin suchte. Er war durch seine\nWahl zum Vorsitzenden der Gesellschaft für\nGynäkologie mit Schreibarbeit übermässig be-\nlastet worden; seine bucklige Haushälterin, der\ner sein Bedrängnis mitteilte, entschied sich da-\nfür, eine Dame zu suchen; diese sei billig, vor\nallem leichter zu entlassen.\nAm achtzehnten IV stellte sie ihm zum\nSchluss seiner Sprechstunde zwei Damen vor.\nConverdon drehte sich teilnamslos auf seinem\nStuhl um, nahm mit Kopfnicken die leichte Ver-\nbeugung eines scharfzügigen, schwarzen, intel-\nligenten Fräuleins entgegen, richtete länger seine\ngrauen kalten Augen auf das blonde Mädchen\nneben ihr, die ihm mit Erröten ihre Zeugnisse\nreichte. Wie er dann mit der Hand über sein\nbreites Kinn fuhr, entschied er sich, ohne die\nPapiere zu öffnen, für die blonde, schüchterne,\nvollwangige, weil sie schöne Flechten trug und\nes ihn beunruhigen würde, ihre Reize auf die\nStrasse zu schicken, und weil er hoffen konnte,\nihrer rasch überdrüssig zu werden.\nBei Beginn der Diktate am nächsten Mor-\ngen empfand der hagere Mann eine Störung\nseines Gedankenganges durch die Anwesenheit\ndes Mädchens. Er zögerte daher, über den Läu-\nfer des Sprechzimmers hin und her gehend, nicht\nlange, hinter dem Sessel halt zu machen, auf\ndem sie sass, in blauem Kleid, den Kopf mit\nsauber gewundenen Flechten über den Pult ge-\nbeugt. Bei Betrachtung ihres Nackens blieb er\nan ihrem blossen Nacken hängen; so hob er\ndenn langsam ihren weissen Stehkragen auf, und\nküsste sie in den Spalt hinein zwischen Kleid\nund Kragen. Sie fuhr zurück, ihre Augen leuch-\nteten auf; als er ihre hellen Nackenhaare durch\nseine Zähne zog, legte sie kichernd ihre heisse\nWange nach rückwärts an seinen Kopf und\ndehnte sich auf dem Stuhl. Dann, als er mit\nseinen schmalen Lippen ihre Wangen abtastete,\nwarf sie sich plötzlich vorn über die Schreib-\nplatte, vergrub den Kopf in den Armen,\nschluchzte sehr leise eine kleine Weile, während\ner nachdenklich hinter ihr stand, das scharfe Ge-\nsicht gesenkt, die linke Hand am Kinn. Sie\nschüttelte sich noch einmal, wischte sich die Au-\ngen mit einem sehr dünnen Taschentuch, stand\nauf, wandte sich um und sah ihn aus geröte-\nten Augen von unten an. Das blondhaarige\nFräulein, sie hiess Mery Walter, legte dann ihren\nKopf an seine weisse Weste und bot ihm zu\nseiner grossen Ueberraschung den Mund: Er\nwollte erst mit der freien linken Hand in die\nRocktasche fahren nach seinem Kneifer, um die\nErscheinung aus der Nähe zu betrachten; küss-\nte sie aber entschlossen und nannte sie* vorsich-\ntig „liebes Fräulein Walter\". Fräulein Walter\nsetzte sich wieder auf ihren Sessel, er spazierte\nbefriedigt über den Läufer, diktierte weiter. Er\nmachte ihr am Ende der Arbeit, weil es ihm\nso einfiel, einige Liebeserklärungen, die sie erst\ngedankenlos mit stenographierte, dann aber beim\nNennen ihres Namens verstand; sie spazierte\nArm in Arm mit dem erschrockenen Mann über\nden Läufer; der beschäftigte Arzt freute sich\naber herzlich über den raschen Ablauf des Vor-\ngangs.\nEr ging mit ihr ins Theater, speiste abends\nmit ihr zusammen, trieb dies ein paar Tage.\nBis ihm nach genau einer Woche, als er bei\nBeendigung des Diktats auf seiner Chaiselongue\nsass und Fräulein Walter betrachtete, ein weite-\nrer Gedanke kam. Sie band sich eben über\nihren blauen Rock eine spitzenbesetzte weisse\nSchürze und sah dabei auf ihre weissen Tennis-\nschuhe, als er um die Erlaubnis bat, die Schürze\nhinten zuzuknöpfen, und ihr bei dieser Tätig-\nkeit dann mit stockender Stimme von hinten\nins Ohr flüsterte, sie möchte heute das Nacht-\nlager in seiner unmittelbaren Nähe aufschlagen.\nSie betrachtete eine Weile ihre Fingerspitzen,\nlöste sich mit einem Ruck von seinen Händen,\nstampfte dann mit dem Fuss auf, sagte zunächst\nleise: „Es geht nicht\". Er ebenso leise: „Wa-\nrum\" und duzte sie sofort in Vorbedacht der\nkommenden Situationen. Nun einfach darum\nnicht, weil sie doch zu Hause wohne. Es wur-\nde nun noch die Depesche an die Mutter abge-\nsandt, in der berichtet wurde, dass Fräulein\nMery den Herrn Chef für einen Tag auf einer\nReise begleiten müsse, die bucklige Haushälterin\norientiert, welche ein hierfür seit langen Jah-\nren benutztes Zimmer freundlich abstaubte, so\ndass Dr. Converdon seinem Plan entsprechend\ndie fröhliche Nacht mit seiner Sekretärin ver-\nlebte.\nNur störte ihn im Verfolg seiner not-\nwendigen Bemühungen an dem Fräulein mehre-\nres, nämlich die grosse Energie ihres anfäng-\nlichen Widerstands, ihre auffallende Erregtheit\nwährend der ganzen Nacht, besonders aber der\nBefund einer unzweifelhaften Jungfräulichkeit.\nUeber diesen Befund war Herr Dr. Converdon\nheimlich ausserordentlich entrüstet. Er erhob\nsich sehr früh, machte dem Fräulein am Mor-\ngen vor der Waschschüssel laute Vorwürfe we-\ngen ihres Lebenswandels; man solle es nicht für\nmöglich halten, wenn man sie betrachte mit ihren\nblonden Flechten: was wollte sie eigentlich von\nihm; es zeuge von einer unglaublichen Unreife,\nvon einem völligen Missverstehen seiner Person;\ner wisse garnicht, wie er über diesen Punkt\nihrer Vergangenheit wegkommen solle. Sie wein-\nte, im blossen Hemd am Fenster sitzend, furcht-\nbar; bettelte um Verzeihung, sie wisse ja selbst\nnicht, wie es gekommen sei. Er diktierte ihr\nwütend stundenlang am Vormittag; diktierte, bis\nsie halb schlafend über den Tisch sank; war\nausser sich über die Rohheit dieser anscheinend\nharmlosen Person.\nSofort wollte er sie vor die Tür setzen.\nAber er überlegte sich, dass sie dann zu leich-\nten Kaufs davon käme. Es wäre ihr ein Ver-\ngnügen jetzt zu entwischen nach diesem Ver-\nbrechen an seiner Seele. Er erklärte ihr abends,\nals sie zum Nachtessen erschien, dass er sie\nnunmehr fest engagiere zunächst auf drei Mo-\nnate; sie klatschte in die Hände; er verlangte\ndringend, dass sie einen förmlichen Ver rag, den\ner entworfen habe, unterschriebe. Sie unter-\nschrieb ungelesen, hängte sich an seinen Hals.\nEr lächelte finster. Niemand erkannte den ern-\nsten Mann tagelang in seiner explosiven Wut.\nEr mietete ihr schon nach einigen Tagen eine\nWohnung in dem Nebenhause, entsetzte sie ihrer\nStellung als Sekretärin, engagierte einen alten\nBureaubeamten. Sie sollte als Gesellschaftsdame\nfungieren in seinem Hause. Sie hätte nichts wei-\nter zu tun, als zugegen zu sein, wenn er es\nverlangte.\nSie stellte nun seine Möbel um, hing klei-\nne Liebesbilder und Fähnchen auf, setzte sich\nallabendlich zu ihm an den Tisch. Er sprach\ntagelang mit ihr kein Wort, er duldete sie, gab\nihr mit jeder Miene seine Verachtung zu er-\nkennen. Eines Tages schwoll sein Gesicht, wäh-\nrend sie ruhig ass, blaurot an, die Stirnader"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "614", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.4", "texte": "schwoll wie ein Bleistift an, seine Augen traten\nhervor; er schlug mit der Faust neben sie auf\ndie Platte: „Du hast hier nicht Abend für\nAbend an meinem Tisch zu sitzen. Dieser Stuhl\nhat frei zu sein an meinem Tische. Ich verbitte\nmir, dass irgend jemand auf diesem Stuhle sitzt.\"\n„Aber Lorry, wo soll ich denn sitzen?\" „Wo\ndu willst, sollst du sitzen. Vor der Türe. Ich\nwünsche, dass dieser Platz frei bleibt\". Sie stand\nweinend auf: „So wünschst du, dass ich gehe?\"\n„Dass du gehst? das charakterisiert dich recht.\nWas willst du gehen? Warum? Wohin willst\ndu gehen? Oh ich kenne dich schon, du. Du\nwillst gehen; das wolltest du schon lange. Aber\ndu hast ohne meine Erlaubnis nicht das Zim-\nmer zu verlassen. Du hast hier zu bleiben; ich\nsperre dich ein, bis du zahm und kirre bist, —\ndu schamlose.\" Der alten buckligen Haushäl-\nterin aber trug er auf, Fräulein Mery zu be-\nhandeln als wäre sie die Tochter des Hauses,\noder als wäre sie seine Frau, mit der allerer-\ndenklichsten Rücksicht und Zartheit; so verlange\ner es.\nAls der hagere Mann sich besänftigt hatte,\nging er wieder mit dem blonden Fräulein spa-\nzieren auf den breiten Geschäftsstrassen Bostons;\nmit einer ernsten bittenden Galanterie bewegte er\nsich um sie; öfter klagte eine verzweifelte ge-\nquälte Demut aus seiner Stimme. Sie sassen\neinmal nebeneinander bei Sonnenuntergang am\nFenster seines Sprechzimmers; da legte er über-\nwältigt die kahle Stirn auf die runde Mädchen-\nschulter. „Sieh, Mery, wie viele Strassen es gibt;\ndrüben jenseits des Platzes fünf, über den Fluss\nweg hunderte im Arbeiterviertel. Hundert Häu-\nser stehen in jeder Strasse, und in jedem Haus\nwohnen so viele Männer, jüngere als ich, bessere\nals ich, schönere als ich. In jedem Stock, hin-\nter jedem dieser Fenster. Sie haben an nichts\nzu denken, sie haben den ganzen lieben Tag\nihre Gedanken frei, stell dir dies einmal vor.\nUnd wie gerne würden sie dich lieben, mit\ndeinen treuen Augen, deinen runden Armen. Dein\nFleisch ist so fest, deine Brüste sind so straff,\nmit rosigen Spitzen; ach Gott, was hast du für\nein weiches glattes Fell, Mery, — und dies al-\nles mir, den es nicht beglückt, den es belastet\nund die AtemÜuft benimmt. Bitte frage mich\njetzt nicht wieder, ob du gehen sollst. Was\nhilft das mir? lieh würde dir nachlaufen müs-\nsen und weinen. Ich wäre unsäglich froh, wenn\ndu nicht wärest. Ich würde mich gerne bücken\nhier am Fenster, dich auf die Arme nehmen\nund wie einen Blumenregen auf das Pflaster\nstreuen, darüber in die Fenster hinein und über\nmich in das Zimmer. Der Gedanke mag mich\nschmelzen. Aber jetzt fass mich nicht an, tröste\nmich garnicht, lass meinen Kopf auf deiner\nSchulter liegen, Mery, Mery.\"\nDas Mädchen umging ihn mit grosser Vor-\nsicht, sie bereitete ihm die Mahlzeiten, half ihm\nbei den Arbeiten mit Geduld und unendlichem\nSanftsinn. Wenn er sie anbrüllte, sich mit den\nHänden gegen die Brust schlug, weil solch Ver-\nhängnis an ihn gekettet wäre, so schlich sie da-\nvon die Treppen hinunter, weinte zu Hause,\nkam nach ein paar Stunden wieder zurück und\nfragte ängstlich die Haushälterin ob der Herr\nschon besser wäre. Und er zog sie schon auf\ndem Korridor an den Händen zu sich hinein,\npolterte mit mürrischem Gesicht über eine kind-\nliche Neigung zu dramatischen Spannungen, über\neine unreale idealistische Auffassung des Men-\nschen.\nNun sass sie auf seinen Visiten im Wagen\nneben ihm, in einem mächtigen Florentiner-Hut\nmit breiter blutigroter Schleife, deren Enden sie\nnach vorn um den Hals band. Wie seine Toch-\nter sass sie auf dem Polster in feinem weissen\nBatistkleide neben dem hageren glattrasierten Arzt,\ndessen hohe schmale Stirn, grade Nase, tiefe\nMundlinien in Marmor gehauen waren. Sein\nSchädel war kahl bis an den Wirbel; seine grau-\nen durchdringenden Augen sahen grade aus.\nIhre Lippen waren fein und keusch. Das\nreizte ihn tief, und er legte ihr die harte Hand\nauf den Mund in dem eiskalten Wunsch, mit\neinem schlanken Messer ihre Lippen zu um-\nschneiden, — dann wäre die ganze Keuschheit\nweg, — mit Porzellanglocken die demütige Sanft-\nmut ihrer Augen zu verdecken; ihre welligen\nHaarflechten zu fassen, mit einem Ruck, mit ei-\nnem langen skalpierenden Ruck vom Leibe ab-\nzuziehen, das weiche schmeichelnde Fell, jdie\nweisse glatte Haut ganz und gar, dass sie da-\nstände. Mery, vor ihm, zuckend rot, mit spie-\nlenden blossen, Muskeln, ein Präparat, ein kramp-\nfendes schnappendes Tier, Mery.\nEr Hess sie ganz in seine Wohnung ziehen.\nTrotzdem sie im Gedränge der Strassen kaum\neiner beachtete, musste sie dichte weisse Schleier\ntragen, und die kleine bucklige Frau begleitete\nsie. Der hagere Mann ging indessen heimlich\ndes Nachts in die niedrigsten Quartiere der Vor-\nstadt, lernte den verlorenen Geschöpfen ihre Ob-\nscönitäten, und Verderbtheiten ab. Das streng\nbewachte stille blauverhängte Zimmer Merys zit-\nterte unter den Rasereien der beiden Menschen.\nSie sass neben ihm, umschlang ihn, bedauerte\nihn wegen seiner Wildheit, aber er sann\nverzweifelt, wie er sie ganz verwüsten könnte,\ndass nichts von ihr übrig blieb, rang die Hän-\nde, dass sie noch immer neben ihm sass als\nwäre nichts geschehen mit treuen blauen Augen,\nmit den schlicht gewundenen Flechten, mit der\nkindlichen Stimme — wie er nur eine Spur in\nihr hinterlassen könne, eine einzige kleine Spur.\nBis sie einmal leise weinte an seiner Brust, und\nihn fragte, ob er schlecht von ihr denke, weil\nsie jetzt so bestialisch zu einander seien; da trö-\nstete er sie ingrimmig, sie solle nicht so outriert\nfragen.\nEr erklärte ihr am Tage darauf, dass er sie\nzur Schauspielerin ausbilden lassen wolle. Sie\ngehörte allen Menschen; jeder konnte sie nehmen,\nsollte sie nehmen. Sie sei so schön; sie singe\nso rein; es sei eine Versäumnis, dies zwischen\nseinen vier Wänden verdorren zu lasoen. Sie\ntrat als Tänzerin in einem Variete auf. Der\nVorhang rauschte hoch, der hell beleuchtete Schä-\ndel des Arztes senkte sich, — nun war er glück-\nlich. Nun lag die Schönheit Merys auf allen\nGesichtern im Saale; der breite Fleischermund\nneben ihm sog lüstern an ihrem süssen Lächeln,\nin die braunen Kalbsaugen der Dame neben ihm\nkam eine Starrheit, als die blonde Mery im Tan-\nze die runden Linien ihrer Schenkel bog und\nstreckte; ein junger kräftiger Fant in der ersten\nReihe biss sich mit dem Opernglas in ihre Brü-\nste ein. Nun fiel sie wie ein Blumenregen über\nden Raum. Er raste in seiner Equipage hoch-\natmend und lachend weg, liess sie allein den\nZuschauern. Er versteckte sich in seinem Zim-\nmer, schloss die Türen hinter sich ab; seine\nHaushälterin bediente ihn wie sonst in der gu-\nten Zeit allein, während die Stühle leer herum\nstanden, kein Gedeck neben seinem lag, und er\nam Ende der Mahlzeit Tisch und Stühle um-\nwarf und seine Beine vergnügt auf dem Sofa\nausstreckte.\nKaum aber war nach der unruhigen Nacht\nder Morgen gekommen, so stand der Herr vor\ndem Fenster seines Sprechzimmers, sah die leere\nStrasse herunter und streck e die Arme aus nach\nMery, der Dirne, dem niedrigen seellosen Ge-\nschöpf, nach der Mörderin, dem Vampir. Keine\nSpinne konnte böser umgehen mit einer Fliege,\nals dieses Wesen mit ihm. Alle Dinge hier im\nZimmer sprechen von der Pein, die sie ihm tau-\nsend Mal bereitet hatte, —von der Mühe, die er\nmit ihr hatte, aber sie wälzte sich im warmen\nDreck. Keine Peitsche, sie zu schlagen! Wo\nsteckte sie, wo steckte sie, sein Besitz!: Seine\nHündin!\nGegen fünf Uhr nachmittags klingelte sie,\nlächelnd, freudig erregt, im weissen Mädchen-\nkleid, unter einem mächtigen Florentiner-Hut, fiel\nihm um den Hals und plapperte, wie glücklich\nsie sei, wie gut sie gefallen habe, wie sie sich\nfreue auf heute abend. Er fragte nicht, wo sie\nheute nacht gewesen sei. Er nahm sie wie eine\nPuppe in den Arm und fiel aufweinend über sie\nauf den Teppich nieder. Er küsste sie auf den\nMund und redete verwirrt. Er bettelte mit heiserer\nStimme, sie solle nicht mehr spielen, sie solle\nbei ihm zu Hause bleiben. Sie könne ja gehen,\nwann sie wolle, aber sie möchte bei ihm blei-\nben. Das Mädchen brach in ein furchtbares\nSchluchzen aus, fragte, was ihm geschehen 6ei.\nSie zitterte, hob ihn auf, blickte den Mann an\nmit dem glühenden Gesicht, den triefenden Au-\ngen, den bebenden Lippen.\nAm nächsten Vormittag fuhr er mit ihr auf\ndas Standesamt, nach ein paar Tagen zum zwei-\nten Male: da waren sie getraut.\n\nSchl*ss folgt\n\nNovemberabend\nPaul Zech\nZwielicht macht alle Ebenen blank wie Silber-\nseeti\nUnd überbrückt den schmalen Fluss\nDer ganz ins Uferlose rückt.\nVertiefter Wolkenzug erdrückt\nDen seufzenden Verdruss\nIn den erloschenen Alleen.\nTurmuhren gehen ihren Kreisgang ohne Zeiger.\nAm Kreuzweg, wo der Weiser wie ein Galgen\ndrohte\nLärmt einer Krähe frostverschärfte Not:\nGebt Brot . . .\nDer Wind ist aller Kümmernis Verschweiger.\n\nZeitgeschichten\nDie wunden Punkte\nDie wunden Punkte wachsen sich zu einer\nEpidemie aus. Die Tagespresse weiss sich vor\nwunden Punkten nicht mehr zu retten. Wenn\nsie die freisinnige Presse „berührt\", geberdet\nsich die nationalistische Presse „immer am toll-\nsten\". Das Berliner Tageblatt bestätigt es:\nDas steht jedenfalls fest: die Minorität in\nDeutschland, die wegen Marokkos zu einem\nKriege entschlossen ist, würde zu einem win-\nzigen Häuflein zusammenschmelzen, wenn das\nmaterielle und das Parteiinteres-\nse für viele in Wegfall käme. Darauf hat man\nauch gestern bei der Friedensdemonstration\nhingewiesen. Wenn man diese Punkte aber"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "615", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.5", "texte": "berührt, dann gebärdet sich die „nationalisti-\nsche\" Presse immer am tollsten. Ein sicherer\nBeweis dafür, dass es sich hier um wunde\nPunkte handelt.\nBei dieser Vergeudung von Punkten, wie\nes in der Tagespresse geschieht, müssen die g e-\nsundesten Punkte zu Grunde gehen. Ich\nempfehle den Herren einmal eine gründliche\nDesinfektion vorzunehmen und sämtliche über-\nflüssigen Punkte aus ihren edlen Organen zu\nentfernen. Dann wird der Gesundungßprozess\nnicht auf sich warten lassen. „Ein alter Zopf\nist es auch, Punkte dahin zu setzen, wo sie\nganz überflüssig sind. Hinter jeder Zeile eines\nBuchtitels, hinter jeder Ueberschrift muSs bei\nihnen ein Punkt stehen, obgleich alle diese Zei-\nlen schon durch ihre verschiedene Länge, durch\nihre verschiedene Schriftart und Schriftgrösse so-\nwieso abgegrenzt sind — überall wird noch ein\naufdringlicher Grenzpfahl eingerammt, oder ei-\nnem die Tür vor der Nase zugeschlagen.\" Gru-\nnows Grammatisches Nachschlagebuch, das nicht\ngenug zu empfehlen ist. Berliner Tageblatt® No®\n450$ 1$ Lokales und Vermischteso Abend-\n40® Jahrgang© Man tue noch etwas\nStreusand drauf. Wer weiss, ob er nicht wun-\nde Punkte heilt.\nMerkmale für Paranoia\nIm Prozess Hagen erfährt man endlich ein-\nmal, woran sich Paranoia erkennen lässt. Ein\nStudent hat an der Unviversität nichts getan.\nErstes Merkmal. Er hat Philosophie studiert,\ndann Jura, das „letztere\" aber aufgegeben mit der\nMotivierung: „Das juristische Studium sei der\nstumpfeste Unsinn.\" Zweites Merkmal. Die\nUniversität habe an den Vater geschrieben, dass\nder Student einen unsittlichen, nicht zu dul-\ndenden Lebenswandel in der Form des uneh-\nlichen Zusammenlebens mit einer Kellnerin füh-\nre. Das sind mindestens drei Merkmale. „Der\nVater, der bis dahin ein Auge zugedrückt hatte.\n. Was glaubt man, was der Vater mit dem\nzugedrückten Auge getan hat? Der Vater hat\nden Sohn zu sich „zitiert\". Der Sohn musste\nihm in das andere nicht zugedrückte Auge blik-\nken und das Ehrenwort geben, sein Leben zu\nändern. Der Sohn hat das Ehrenwort nicht ge-\nhalten, sechstes Merkmal, sondern ist mit seiner\nGeliebten nach München ausgerückt, siebentes\nMerkmal. An diesen sieben Malen offenbartsich\nder Beginn des Verfolgungswahns. Ich möchte\nwissen, bei wievielen Studenten der Jurispru-\ndenz diese sieben Male zutreffen. „Später\nhaben sich Wahnideen des Studenten bemächtigt.\"\nWahrscheinlich, weil man bei ihm infolge dieser\nsieben Male Verfolgungswahn konstatierte. Da\nkann der gesundeste Mensch drüber verrückt\nwerden. Umsomehr, wenn er einen Vater zur\nVerfügung hat, der ihm mit einem zugedrückten\nAuge monatlich zweitausend Mark zur Verfü-\ngung stellt. Irgendwie mu s s der Mensch doch\nsein Geld verjuxen. Der Unglückliche kann sich\ndoch dafür nicht nur Kommentare kaufen, er\nmuss doch einmal Einblick in das Original neh-\nmen. Im Uebrigen ist es ein lieblicher Zustand,\ndass man auf Grund von Polizeiverordnungen\neingesperrt werden kann und der Arzt in der\nLage ist, jeder Person, auch einem Anwalt, den\nZutritt zu dem mit sieben Malen Behafteten zu\nverweigern. Man braucht nur das Entmündi-\ngungsverfahren nicht einzuleiten, und der Ge-\nmeingefährliche hat bis an sein Lebensende Zeit,\nsich über den Verfolgungswahn seine Gedan-\nken zu machen.\nNoch\nEin Salzsäureattentat. Heute betrat die\nProstituierte Agnes Weiss köpf den Laden\ndes Schlächtermeisters Kemnitzer im Hause\nBarnimstrasse 29 und verlangte den Schläch-\ntergesellen Franz Spagnes zu sprechen. Als\nSpagnes in dem Laden erschien, zog die Weiss-\nkopf blitzschnell eine Flasche aus der Tasche\nund goss ihm Salzsäure ins Gesicht. Man\nbrachte den Schwerverletzten nach der könig-\nlichen Klinik in der Ziegelstrasse. Die Täte-\nrin wurde festgenommen. Ueber das Mo-\ntiv herrscht noch Unklarheit.\nWir\n. . Auszug aus der Zuschrift des bekann-\nVerteidigers Doktor Theodor Suse, Hamburg,\nder sich nicht nur als Jurist eines grossen An-\nsehens erfreut, dem wi r vielmehr auch zahl-\nreiche, gedankentiefe und formvollendete poetische\nSchöpfungen verdanken.\"\nWer ist wir? Natürlich der Zeitgeist.\nDie neue Zeitschrift\nIm nächsten Monat soll wieder eine neue\nKunstzeitschrift erscheinen, die sich die Aufgabe\ngestellt hat, dahin zu wirken, dass die alten\nMeister nicht die jungen, und die jungen Mei-\nster nicht die alten totschlagen. Also ein Or-\ngan gegen Massenmord. Vier ziemlich ältere Mei-\nster bilden den „künstlerischen Beirat. Ausser-\ndem wird die Zeitschrift bestrebt sein, der im-\nmermehr zunehmenden Verwirrung des Publikums\nin Kunstdingen ein Ende zu machen.\" Das geht\nzu weit. Die Humanität sollte es sich an der\nVerhinderung von Abschlachtung genug sein lassen.\nDas Publikum muss über Kunstdinge so ver-\nwirrt werden, dass es endlich einmal aufgibt,\nsich über Kunstdinge „ein Urteil zu bilden.\"\nEs lässt sich auch so ganz gut leben.\n\nBriefe nach Norwegen\nLiebe Jungens\nVon Else Lasker-Schüler\nDass Kurtchen Dich mitgenommen hat nach\nSchweden, Herwarth, ist direkt eine Freundes-\ntat Kurtchen wird erster Staatsanwalt werden\nund Euch kann nichts passieren. Aber mir kann\nwas passieren, ich hab Niemand, dem ich meine\nAbenteuer erzählen kann ausser Peter Baum, der\naber aus der alten Wohnung in die neue Woh-\nnung zieht. Im Wirrwarr hat er statt sei-\nnes Schreibtischsessels seine Matja in den Mö-\nbelwagen getragen und sie den Umzugleuten\nbesonders ans Herz gelegt, dass die Quasten\nnicht abreissen. Am Abend erzählte ich ihm\nerst meine neue Liebesgeschichte. Ich habe näm-\nlich noch nie so geliebt wie diesmal. Wenn es\nEuch interessiert: Vorgestern war ich mit Ger-\ntrude Barrison in den Lunapark gegangen, leise\nin die egyptische Ausstellung, als ob wir so\netwas süsses vorausahneten. Gertrude erweckte\ndort in einem Cafehaus die Aufmerksamkeit ei-\nnes Vollbartarabers; mit ihm zu kokettieren, auf\nmeinen Wunsch, schlug sie mir entsetzt ab, ein\nfür alle mal. Ich hätte nämlich gerne den Lauf\nseiner sich kräuselnden Lippen beobachtet, die\nnun durch die Reserviertheit meiner Begleiterin\ngedämmt wurden. Ich nahm es ihr sehr übel.\nAber bei den Bauchtänzerinnen ereignete sich\neines der Wunder meines arabischen Buches;\nich tanzte mit Min n, dem Sohn des Sultans\nvon Marokko. Wir tanzten, tanzten wie zwei\nTanzschlangen, oben auf der Islambühne, wir\nkrochen ganz aus uns heraus, nach den Lock-\ntönen der Bambusflöte des Bändigers nach der\nTrommel, pharaonenalt, mit den ewigen Schellen.\nUnd Gertrude tanzte auch, aber wie eine Muse,\nnicht muselhaft, wie wir, sie tanzte mit grazi-\nösen, schalkhaften Armen die Craquette, ihre\nFinger wehten wie Fransen. Aber Minn und\nich verirrten uns nach Tanger, stiessen kriege-\nrische Schreie aus, bis mich sein Mund küsste\nso sanft so inbrünstig, und ich hätte mich ge-\nniert, mich zu sträuben. Seitdem liebe ich alle\nMenschen, die eine Nuance seiner Hautfarbe an\nsich tragen, an sein Goldbrokat erinnern. Ich\nliebe den Slawen, weil er ähnliche braune Haare\nhat, wie Minn; ich liebe den Bischof, weil der\nBlutstein in seiner Krawatte von der Röte des\nFarbstoffs ist, mit der sich mein königlicher\nMuselmann die Nägel färbt. Ich kann gar nicht\nohne zu brennen an seine Augen denken, schma-\nle lässige Flüsse, schimmernde Iris, die sich in\nden Nil betten. Was soll ich anfangen? Die Ver-\nwaltung des Lunaparks hat mir verboten, wahr-\nscheinlich hat sie Verdacht bekommen, den Park\nzu betreten. Ich brachte nämlich gestern mor-\ngen meinem herrlichen Freund einen grossen\nDiamant — Deinen, Herwarth; bist Du böse?\n— und eine Düte Kokusnussbonbons mit. Wenn\nich überhaupt jetzt Geld hätte! Und ich habe\nan den Lunapark einen energischen Brief ge-\nschrieben, dass ich diese mir angetanene Belei-\ndigung der Voss mitteilen würde, dass ich Else\nLasker-Schüler heisse und Gelegenheitsgedichte\ndem Khediven lieferte beim Empfang europä-\nischer Kronprinzen. Was nützt mirs, dass sie\nmich wieder einlassen — immer geht ein Detek-\ntiv hinter mir, aber Minn und ich treffen uns\nbei den Zulus, die leben schwarz und wild am\nKehrricht der egyptischen Ausstellung wo kein\nWeisser hinkommt. Die ganze Geschichte hat\nmir der Impresario eingebrockt, der behandelt\ndie Muselleute wie Sklaven und ich werde ihn\nermorden mit meinem griechischen Dolch, den\nich mir erschwang im Lande Minns. Er ist der\nJüngste, den der Händler nach Europa brachte,\ner ist der ben ben ben ben, ben des jugend-\nlichster Vaters im egyptischen Lunagarten. Er\nist kein Sklave, Minnist ein Königssohn, Minn\nist ein Krieger, Minnist mein biblischer Spiel-\ngefährte. Er trägt ein hochmütiges Atlaskleid\nund er träumt nur von mir, weil er mich ge-\nküsst hat. Kurtchen, Freund Herwarths, wärst\nDa doch hier, kein Mensch will mit mir nach\nEgypten gehn, gestern war eine Hochzeit dort\nangezeigt an allen Litfasssäulen. Sollt er sich\nverheiratet haben!\nDenkt mal, ich habe in den Mond gesehn\nauf der Weidendammerbrücke für zwanzig Pfen-\nnige. Ich habe aber nur sehr schattenhaft die\nMenschen durch das Fernrohr erkannt. Ein\nMann hatte die Haare so wie Du geschnitten,\nHerwarth, oder vielmehr nicht abgeschnitten. Ob\ndie Mondproleten auch immer rufen: lass dir\ndas Haar schneiden? Und einen Herrn mit ei-\nner Aktenmappe habe ich ein Brot mit Roast-\nbeef essen sehn, der glich Dir Kurtchen. Und wahr-\nhaftig ein Cafe giebts auch auf dem Mond, es\nwar Nacht, ich hörte aus seinem Innern eine\nStimme wie Dr. Caros Stimme singen: „so lasst\nuns wieder von der Liebe reden, wie einst im\nMai\".\nIch habe mich endgültig in den Slawen ver-\nliebt — warum — ich frage nur immer die Ster-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "616", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.6", "texte": "ne. Ich liebe ihn ganz anders wie den Musel-\nmann, sein Kuss sitzt noch, ein Goldqpasschmet-\nterling, auf meiner Wange. Den Slawen aber\nmöchte ich nur immer anschaun, wie ein Ge-\nmälde auf Altmeistergrund. Eine Feuerfarbe hat\nsein Gesicht, ich verbrenne im Anschaun und\ntnuss immer wieder hin. Du brauchst gar kei-\nne Angst zu haben, Herwarth, er hat mir auf\nmeinen Liebesbrief gar nicht geantwortet. Ich\nschrieb ihm: Süsser Slawe, würdest Du in Pa-\nris im Louvre gehangen haben, hätte ich Dich\nstatt der Mona Lisa gestohlen. Ich möchte Dich\nimmer anschauen, ich würde gar nicht müde\nwerden; ich würde mir einen Turm bauen las-\nsen, ohne Türe. Ich möchte am liebsten zu Dir\nkommen, wenn Du schläfst, damit Deine Wim-\nper nicht zuckt im Rahmen. Ich denke gar nicht\nmehr, als Dich und nur Dich und nie anders,\nals ob Du in einem Rahmen ständest. So schön\nwie Du gestern Abend warst, Du warst so\nschön, man müsste Dich zweimal stehlen, einmal\nder Welt und einmal Dir selbst; Du weisst am\nschlechtesten mit dir umzugehen, du hängst Dich\nimmer ins falsche Licht. Ich versichere Dir noch-\nmals, lieber Herwarth, Du brauchst Dir darum\nkeine Sorgen machen, er reichte mir gestern\nAbend nicht einmal die Hand. Es verriet mir\nJemand im Vertrauen, er will sich mit Dir\nnicht entzwein, er ist Literat. Was sagst Du so\nsolch einer Feigheit? Du hättest mir in seiner\nLage wiedergeschrieben, nicht? Ihr braucht al-\nso noch lange nicht kommen; vorgestern Nacht\nträumte ich sogar, ein Eisbär sei Euch beiden\nNordpolfahrern begegnet, und hätte Euch gefragt,\nob Ihr Euch bei ihm photographieren lassen\nwolltet.\nWas ich ein ausgesuchtes Unglück in der\nLiebe habe, Ihr auch? Habt Ihr schon Ibsen\ngesehn und die Hedda Gabler? Und habt Ihr\nEuch schon eine andere Landschaft betrachtet,\nwie ein Cafe? Es giebt wohl da oben nur\nSchneefelder und weisse Berge und was weiss\nwas noch. Die Lappen halten wohl nicht, schick\nmir aber ein paar Krönländer.\nIhr könnt lachen, ich hab aber die ganze\nNacht nicht geschlafen, einmal war es kalt, ein-\nmal heiss, dann stürmte es Herbst, und dazwi-\nschen glühte Eure Mitternachtssonne. Als ob\nder September mir alles nachäffe. Ich weiss\nnämlich gar nicht genau, wen ich liebe: den\nSlawen oder den Bischof? Oder sollte ich mich\nnoch immer nicht von Minn trennen können? Der\nBischof ist seit gestern von mir zum Erzbischof\nernannt worden. Aber der Slawe wird wohl-\nweislich bald seinen Abschied einreichen, seine\ndiplomatischen Experimente mit mir sind demo-\nkratisch. Ich bat ihn meinen Liebesbrief mir\nwiederzugeben, zum Donnerwetter. Ich hab doch\nzum Donnerwetter Ehre im Leib. Er hat ihn\nmir noch nicht zurückgesandt — ob er mir ein\npaar Worte dazu schreiben wird! Aber was\nhilft das nur, der Erzbischof spricht wie ich\nträume, ganz genau so, auch versteht er un-\nausgesprochen meine Wünsche zu erfüllen. Er\nwandelt mit mir durch schwermütige Wälder\nüber Rosenpfade, oder wir suchen mitten in der\nGespensterstunde rissige Strassen auf, die auf die\nSpree blicken, finster wie das Auge des Arbei-\nters. Und jeden Tag bekomme ich vom Bischof\neinen Brief, es sind die schönsten Briefe, die\nich je gelesen habe, ich lese sie laut mit der\nStimme des Slawen. Und wie geht es Euch?\nIhr seid wohl schon am Wendekreis des Schnee-\nhuhns angelangt? Erkälte Dich nur ja nicht,\nHerwarth. Vor allen Dingen bekomme keinen\nSchnupfen, ich werde wahnsinnig vom Rau-\nschen der Nase. Kommt Ihr bald nach Hause?\nDer Erzbischof und der Bischof sind heute vor\nelf Uhr schon aufgestanden und verliessen das\nCafe. Ich wäre gern so sans facon mit ihnen\nfortgegangen, aber Ihr kennt die Leute noch\nnicht im Cafe. Wenn sich nun der Erz-\nbischof und der Slawe alles sagen! Der\ndicke Cajus-Majus blieb bei mir am Tisch sit-\nzen, Cajus-Majus, Cäsar von Rom; wenn er\nnur nicht immer von Literatur redete. So lan-\nge es von meinen Versen handelt, geht es ja\nnoch, aber fängt er von Dante und Aristopha-\nnes an zu quatschen, soll ihn Dantes Hölle ho-\nlen. Er vertraute mir an, er liebe Lucrezia Bor-\ngia. Als ich ihn fragte wer das Frauenzimmer\nsei, bekam er einen Lachkrampf. Ohne Dich,\nHerwarth, geht es hier doch nicht. Du hilfst\nmir immer in der Geschichte, auch genier ich\nmich Jemand zu bitten, mir die Kommas zu\nmachen, Auf einmal kam gestern Dein Freund,\nder Doktor, wieder ins Cafe mit der Marie Bor-\nchardt und ihrer Freundin der Margret König.\nDie ist auch Schauspielerin, wusstest Du das?\nDu, sie ist reizend. Ich schickte ihr im ausge-\nrauchten Zigarrenschächtelchen des Slawen einen\nChokoladencaces und eine Zigarette. Sie ist ei-\nne süsse Silhouette. Immer steht sie, ein gol-\ndenes Nymphchen, zwischen meinen bunten, plät-\nschernden Gedanken. Darum ging ich auch\nheute Abend in den Vortrag der Marie Bor-\nchardt, nicht um meine Gedichte zu hören, der\nMargret wegen. Aber ich war sehr überrascht\nvon der Vorlesung der Marie, die ist eine ita-\nlienische Sprecherin, in ihrer Stimme tönen ve-\nnezianische Glasblumen, und echte Spitzen aus\nden Palästen knistern unter ihren Worten. Aus\ngesehn hat sie in ihrem Terrakottaklei d und in\nihrem Turban mit der Goldfranse wie eine klei-\nne Dogenprinzessin. Wenn ich einen Dogen\nwüsste, ich liess sie entführen in einer Gondel.\nEs kann doch nicht alle Tage dasselbe ausser\nmir passieren. Du sagst zwar immer, ich soll\nmich nicht um andere Menschen bekümmern,\naber mich ärgern ebenso sehr die unkünstleri-\nschen, wie die künstlerischen Vorgänge mich im\nLeben erfreuen. Ich glaube, es ist schon zwölf\nUhr, ich bin tatsächlich zu bange heute den\nFlur meiner Wohnung alleine zu betreten. Ich\nbin nervös. Ich werde Dir mein Wort nicht\nhalten können und vor Morgen schon in mei-\nnem Bett liegen. Ich werde bei dem Billetfräu-\nlein am Halenseeer Bahnhof schlafen auf ihrem\nblutlosen, alten Kanape. Sie erzählt mir den\nRest der Dunkelheit von ihren Liebhabern. Gu-\nte Nacht Herwarth, liebes Kurtchen.\nIch bin nun zwei Abende nicht im Ca'e\ngewesen, ich fühlte mich etwas unwohl am Her-\nzen. Dr. Döblin vom Urban kam mit sei-\nner lieblichen Braut, um eine Diagnose zu stel-\nlen. Er meint, ich leide an der Schilddrüse,\naber in Wirklichkeit hatte ich Sehnsucht nach\ndem Cafe. Er bestand aber darauf, mir die\nSchilddrüse zu entfernen, die aufs Herz indirekt\ndrücke; ein klein wenig Cretin könnte ich da-\nvon werden, aber wo ich so aufgeweckt wäre,\nkäm ich nur wieder ins Gleichgewicht. Ich hab\nihm nämlich gebeichtet, dass ich mir ausserdem\ndas Leben meiner beiden Freunde wegen hätte\nnehmen wollen am Gashahn, der aber abgestellt\nworden sei; der ganze Gasometer ist geholt\nworden. Ich konnte die Gasrechnung nicht be-\nzahlen, auch in der Milch kann ich mich nicht\nersäufen, Bolle bringt keine mehr. Wie soll ich\nnun, ohne zu erröten, wieder ins Cafe kommen?\nEin Mensch wie ich müsste sein Wort halten.\nIch werde den beiden, dem Bischof und dem\nSlawen, vorschwindeln, du wirst Dich zu sehr\nerschrecken.\n\nFortsetzung folgt\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\nVerantwortlich für die Schriftleitung in Oesterreich-\nUngarn / I. V.: Oskar Kokoschka\n\nVerlag „Der Sturm\"\nCr \\\nHerwarth Walden\nDAFNISUEDER\nFiirGesangu.Klavier/52Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen Oder direkt\ndurch denVerIagDERSTURM\nHalensee/Katharinenstrasses\n\nL' Effort\nHalbmonatsschrift\nfur moderne Kultur u. fran-\nzosische Sezession in den\nKiinsten und in der Literatur\nHerausgeber und\n:: Bchriftleiter ::\nJEAN RICHARD\nJahresbezug fiir das\nAusland: Mark 4.50\nZweiter Jahrgang\nYerlag und Redaktion:\nPOITIERS (Vienne)\nFrankreich\n\nLes Mm\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzo-\nsische Original der Tage-\nbiicher Flauberts, deren\nUebertragung in Deutschland\nverboten wurde.\nDie Hefte, die die Tage-\nbiicher Flauberts enthalten,\nsowie die iibrigen seitdem\nerschienenen Nummern sind\nvom Verlag der Zeitschrift\nLes Marges gegen Einsen-\ndung von sechs Francs direkt\nzu beziehen.\n\n- mam■ m\nLes Cahiers du Centre\nMonatsschrift fur Soziologie\nGeschichte, Kunst\nund Literatur\nGegriindet von Paul Cornu\nHerausgeber u. Schriftleiter\nHENRY BURIOT\nIn den Cafaiers du Centre\nerschienen Werke von Jules\nRenard, Charles-Louis Phi-\nlippe, Marguerite Audoux,\nEmile Guillaumin, Romain\nRolland, Andre Spire, Henri\nBachelin, Valery Larbaud,\nRaymon Darsiles u. a. m.\nJahresbezug furs Ausland:\n4,80 M. (Luxusausg. 9,60 M.)\nProbeheft gegen Ein-\nsendung von 50 Pfg.\nVERLAG u. REDAKTION:\n16, Boulevard Chambonnet,\nMOULINS (Allier) Frankreich\n\n■ ■■■■■■■ 3 RBfllin\nDie Fackel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangloser\nFolge\nSummer 329/330\nsoeben\nPreis 50 Pfennig\nDiese Nummer enthalt den\nEssay von Karl Kraus :\nHeine und die Folgen\nÜBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnhofen\nWerbeband der Fackel\n50 Pfennig"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "617", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.7", "texte": "Maximilian Macht\nBuch- und Kunsthandlung\nBerlin W. 50 Ranke-Strasse I\nan der Kaiser Wilhelm Gedachtnis-Kirche\nJournal-Lesezirkel\nAusstellungen der Neuen Sezession\nVerlag Zeitschriften\nKataloge umsonst"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "618", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19110916-01.1.8", "texte": "Druck von Hermann Blanke's Buchdruckerei, Berlin C. 54, Kleine Rosenthalerstrasse 9\n\nVereinrarlnnst\nAchtes Jahr\nAutoren-Abende\nMitgliederbeitrag 15 iVlark\nDen Mitgliedern steht\nder Besuch von sechs\nAbenden auf Platzen\nzum Kassenpreis von\nM3 — zu, sowie der\nkostenlosejahresbezug\nder Wochenschrift Der\nSturm. Fur alle wei-\nteren Abende zahlen\ndie Mitglieder halbe\nKassenpreise\nEs werden\nmitwirken\nGERTRUDE\nBARRISON\nPeter Altenberg-Abend\nzu Gunsten des Dichters\nKarl Kraus\nAdolf Los\nElse Lasker-Schtiler\nHerwarth Walden\nAlfred Doblin\n[2/7\nGeschaftsstelle des V. 112. K.\nHALENSEE, Katharinen - Strasse No. 5 112\nj\n\nTHRICHOPHIL\nb Fi.M.3,00 rhHtzrn\" flm.s,oo |\naaeaaiiwraaosasaa = nur oeim Fabrlkanten: == sassaasieaaaaaaaa |J|\nI' Otto Teutscher/Friseur |\n113 I. Geschaft: 106 a Potsdamerstr., £ing. 63 Steg!itzerstr.,Tel.Vl, 6735 |i|\n11. Geschaft: Charlottenburgf, 100 Kaiserdamm, Tel. AmtCh.,63B7\n■■hbooooooooosbmh\n\nLE\nCOURRIER DE LA PRESSE\nBUREAU de COUPURE3 de JOURNAUX\nFrarigais et Etr angers\nFonde en 1889\n2!, Boulevard Montmartre PARIS 26\nGALLOIS & DEMOGEOT\nAdresse Telegr.: COUPURES |PARIS — T£I£PHONE 101.50\nLe COURRIER de la PRESSE: Re<;oit, lit et decoupe tousles\nJournaux et Revues et en fournit les extraits sur tous sujets\net personnalites.\nService special d'lnformations partiques pour IncLustriels\net Commevpants.\nTARIF: 0 fr. 30 par Coupure\nTarif reduit, paie= \\ Par 100 Coupures, 25 francs\nment d'avance, sans I „ 250 „ 55 „\nperiode de temps li- j „ 500 „ 105 „\nmite. j „ 1000 „ 200 „\nOn traite a forfait pour 8 mois, 6 mois, un an\n\nHandelswUsen- Epic rip Mltcfoi* I • •\nschaftl. Kurse von rilviil. IwlwhMCSI Leipzig\"\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlteli\ngepriifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fiihrender Stellung). Grundliche\nEinfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationelles |\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr- 112\njahriges Hochschuistudium. Muster-Uebungs-Kontor. i\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic. >,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- una Bilanz 112\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorbereiten wollen — S\nsowohl fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab- I\nsolviert haben, wie fur I\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen, EinjSbrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfur Kaufleute reif e r en Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fur Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellschaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, Johannisplatz 5\n\nDr. Rudolf Blumner\nSchauspieler und Regisseur am Deutschen Theater\nLehrer a.d. Schauspielerschule d.Deutschen Theaters\nerteilt Unterricht in\nSprachtechnik u. Rollenstudium\nCHARLOTTENBURO _ . . . . „\nWilmersdorferstrasse 75 Sprechstunde: 5-6 Uhr\n\nStrasae 11! Cafe Continental Str&sse 111\nJeden Abend von 9—4 Uhr Nachts:\nGrosses Kiinstler - Konzert\nAll© bedeutcndeo Zeltungen und Zeitschriftea\n\ni\nPressrelationslmrea« Hansa\nBerlin NW 23 Holsteiner Ufer 7\nliefert alle Nachrichten iiber\nKnnst, Literatnr, ffissenscliaft\nin jeder Hinsicht imbed! fiigt zuverlassig.\n:: Akademisch und literarisch gebildete Lectoren ::\nvorziigliche Organisation\nFernsprecher Berlin II 6121\n\nPreis 1 Mark Preis 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\nSicheresMittel gegen akute Katarrhe der Atmungs-\norgasie / ermoglicht Schauspielern und Sangern\nsofortigen Gebrauch der erkrankten Org*ane\n...... 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