{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_sha256": "d44e6ea835a4c540d4613924e6d0d9b22babfe69f3c6fd560614c2374876bf35", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/10/21_01/bmtnabg_1911-10-21_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/10/21_01/bmtnabg_1911-10-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "651", "page_fin": "651", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "651", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.1", "debut_caractere": 508, "fin_caractere_exclue": 837, "texte": "Inhalt:\nTRUST: Der Sumpf von Berlin / aco: Cafe Größenwahn / MAX STEINER: Schopenhauer und die Politik / JAKOB VON HODDIS:\nItalien / ELSE LASKER-SCHÜLER: Briefe nach Norwegen / TRUST: Aus Berlin: Juryfrei / Die Orestie im Zirkus / RUDOLF KURTZ:\nApotheose der Gebrüder Herrnfeld / ERNST BLASS: Wirkungen / ARTUR SEGAL: Holzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c002", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "651", "page_fin": "652", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.2", "titre_corps": "Der Sumpf von Berlin", "titre_sommaire": "Der Sumpf von Berlin", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "651", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.1", "debut_caractere": 839, "fin_caractere_exclue": 8132, "texte": "Der Sumpf von Berlin\n„Spezlalbericht”:\nCafé Gröbenwahn\nDie Berliner Presse war in ungeheurer Auf-\nregung. Der Prozeß, der dem Grafen Metternich\ngemacht wurde, hat den Sumpf von Berlin bloß-\ngelegt. Man entsetzte sich allgemein. Die Zei-\ntungen, dadurch angeregt, brachten seitenlange\nBerichte über alle „Gemeinheiten, Scheußlichkeiten\nund Widerwärtigkeiten\", die vor Gericht enthüllt\nwurden. Eine Orgie des Enthüllens wurde gefeiert.\nDas Gericht enthüllte, der Staatsanwalt enthüllte,\nvder Angeklagte enthüllte, seine Frau, die Vertei-\ndiger enthüllten, die Zeugen, die Zeitungen. So daß\nman sich schließlich einbildete, die Nacktheit in\neigener Person vor sich zu haben. Nachdem man\nnun allerseits überzeugt war, die wirkliche Nackt-\nheit wirklich zu sehen, brach der allen Orgien fol-\ngende Jammer aus. Der größte Teil der Festie-\nrenden war ja nun leider nicht mehr „in der Lage\",\nder Menschheit ganzen Jammer zu offenbaren. Man\nhatte sich übrigens genug offenbart, um sich\nwieder in ein wohlverhülltes Privatleben zurück-\nzuziehen. Nur die Leitartikler der Presse konnten\nnicht umhin, Jammernswürdiges auszusprechen.\nDer Sumpf schien tatsächlich bewiesen. Jetzt heißt\nes, ihn zuzudecken. Die Leute in der Provinz\nsollen nicht etwa glauben, daß ganz Berlin auf\nsolchem Boden aufgebaut sei. Der Sumpf wurde\nvielmehr tout Berlin und insbesondere Berlin W\nin die Schuhe geschoben. In die teuflischen Lack-\nschuhe, die man dort trägt, in die durchbrochenen\nStrümpfe, in die Herrlichkeiten des Herrn Poiret,\nin die „mondainen\" Frisuren. So wurde Berlin W\nersäuft. Das arbeitsame Berlin war gerettet, die\nKonfektionäre und die Dichter der Presse nebst\nallen übrigen ehrlichen Spießbürgern schoben mit\njener berühmten Bewegung und gemeinsamen Kräf-\nten Berlin W von sich. Sie sind nicht wie diese.\nDoch noch rechtzeitig besannen sich diese Herr-\nschaften, daß sich ihre Privatwohnungen, ihre\nFrauen und ihre Töchter auf jenem sumpfigen Bo-\nden befanden, den sie erst so gern enthüllt und nun\nso gern wieder verdeckt hätten. Es wurde be-\nschlossen, auch Berlin Wi wieder zu retten.\nDen Leuten in der Provinz soll gezeigt werden,\ndaß Berlin W. gar nicht so schlimm sei, wie es\nnach dem Metternichprozeß schiene. Zunächst\nmußte die Geographie helfen. In einer feinsinnigen\nAnalyse bemerkte der eine, daß Berlin W eigent-\nlich aus Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöne-\nberg bescehe, und daß entsprechende Beschuldi-\ngungen gt gen diese Städte zu richten seien. A n -\ndererseits könne man nicht „behaupten, daß die\nTausende, die zwischen dem Tiergarten und dem\nGrunewald leben, Tagediebe, Hochstapler, Ehe-\nbrecher und Schieber seien.\" Im Gegenteil. Dort\n„wohnen die Chefs, die Kaufleute, Industrielle, Ge-\nlehrte, Künstler, Techniker, Schulmeister, Richter\nund Advokaten\". Ich gehe sogar noch weiter und\nbehaupte, daß in dieser Gegend nicht ein einziger\nMensch wohnt, der sich öffentlich zu dem Beruf\neines Tagediebes, Hochsiaplcis. Ehebrechers oder\nSchiebers bekennt. Das tut man nicht. Nach mei-\nnen schwachen geographischen Kenntnissen muß\nich aber sagen, daß die Personen, die im Neben-\nberuf sich den angedeuteten Tätigkeiten hingeben,\nsich kaum auf eine Himmelsrichtung beschränken\nlassen, und daß nicht einzusehen ist, warum man\nnicht auch in Berlin W einen Nebenberuf haben soll.\nSchließlich gibt es dort auch eine Menge Menschen,\ndie durch ihren Hauptberuf nicht allzusehr belastet\nsind. Aber ein Leitartikler behauptet, daß Berlin\nW der Brennpunkt aller geschäftlichen und\ngeistigen Interessen Deutschlands sei. Der Punkt\nwird noch dadurch glaubhaft gemacht, daß es im\nWesten Berlins viele Behausungen gibt, die nur\nzwei bis vier Zimmer umfassen. Die geschäftlichen\nund geistigen Interessen Deutschlands leben also in\nden Gartenhäusern, während vorne — da hätten\nwir beinah den wunden Punkt von Deutsch-\nland. Nun wirft man allerseits mit sittlichem Ernst\ndie „brennende Frage\" auf, wie die „Außenwelt\"\nzur Vorstellung von Berlin W als Sumpf käme.\nUnd die brennende Frage wird gelöscht. „Romane,\ndie zu einem erheblichen Teile von Snobs für Snobs\ngeschrieben werden, und Gerichtsverhandlungen\nhaben Berlin W. in Verruf gebracht.\" Was kann\nBerlin W. nun tun? Es muß den Dichtern und den\nRichtern auf die Finger sehen. Wo stecken die\nSnobdichter, die für Snobs schreiben? Da ist zum\nBeispiel der Dichter Edmund Edel, Mitarbeiter des\nBerliner Tageblattes und der B. Z. am Mittag. Da\nist der Dichter Doktor juris Artur Landsberger, Mit-\narbeiter und Verwandter der B. Z. am Mittag, da\nist der Dichter Walther Turszinsky, Mitarbeiter\nsämtlicher Generalanzeiger Deutschlands, da ist der\nDichter Rudolf Lothar, Mitarbeiter des Berliner\nLokalanzeigers. Das sind die Dicliter, um einige\nvon der Sorte zu nennen, die Berlin W. in Verruf\nbringen, die nicht in den Gartenhäusern wohnen,und\ndie in allen den Zeitungen mitarbeiten, die im Leit-\nartikel solche Dichter perhorreszieren. Aber, sagen\ndiese Zeitungen, „die Berliner Literatur erschöpft\nsich für viele ehrsame Leute der Provinz mit den\nLeuten, die im Cafe Größenwahn die soziale Frage\nlösen.\" Dem Cafe Größenwahn wird überhaupt\nein entscheidender Einfluß eingeräumt, ein Einfluß,\nder bekämpft werden soll oder muß. Die Herren\nder Presse schreiben nicht nur in Wortverbindun-\ngen, die sie nicht auflösen können. Es ist vielmehr\neine spezifische Eigentümlichkeit der Berliner Jour-\nnalistik, daß siw es uicJit einmal versteht, Tatsachen\ntatsächlich zu berichten. Ihr Sinn ist so abge-\nstumpft, daß sie Begriffe sehen, wo Menschen sind,\nund Menschen sehen, wo Begriffe sterben. Das\nvielgenannte und viel besprochene Cafe Größen-\nwahn ist das Cafe des Westens, Kurfürstendamm\n17. Jedesmal, wenn ich dieses harmlose Lokal\nnach einem solchen „Angriff\" wieder betrete, sehe\nich mich erstaunt um. Ich suche die „markanten\nErscheinungen der Boheme\", die in ihm verkehren\nsollen. Ich suche die Literaten, die die soziale\nFrage loesen, ich lausche nach den literarischen\nGesprächen, die dort geführt werden sollen. Zwar\nsehe ich gelegentlich dort den Dichter Edel und\nden Dichter Lothar, den dünnen Aram und den\ndicken Schienther, den Dichter Turszinsky und den\nDichter Hollaender, aber ich bin noch nie auf die\nIdee gekommen, daß die Herren literarische\nGespräche führen, soziale Fragen lösen oder grö-\nßenwahnsinnig sind. Die Zeitungen, die sich im\nLeitartikel gegen sie wenden, werden nicht be-\nhaupten wollen, daß diese Herren eines Wahnes\nfähig sind. Ihnen fehlen alle Sinne und vor allem\nder Sinn für Kunst. Diese Herren und die andern\nKaufleute, die im Cafe des Westens verkehren,\nsind sicher keine geeigneten Objekte für Größen-\nwahn. Denn Groeßenwahn, sagt Karl Kraus, ist\nnicht, daß man sich für mehr hält, als man ist, son-\ndern für das, was man ist. Die Leitartikler sollten\nsich einmal in dieses Cafe wagen, und sie werden\nerstaunt ihre Freunde und Kollegen vom Feuille-\nton dort wiedertreffen. Wenn die Herren so um\nden Verruf von Berlin W besorgt sind, müßten sie\nvor allem ihre eigenen Blätter lesen.\nAber nicht nur die Dichter, auch die Richter\nwerden verdammt. Mit Heftigkeit, ja mit Em-\npörung wendet sich die Presse gegen die nirgends\naufgestellte Behauptung, daß das arbeitende, schaf-\nfende und strebende Berlin sich auf dem Kriminal-\ngericht ein Stelldichein gibt. Wer kann Herein\nauf diese Vermutung bringen, als ihre eigenen Be-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "652", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7671, "texte": "richterstatter? Was können die Richter dafür, daß\ndie Journalisten jedes Schimpfwort im Fettdruck\nwiedergeben? Also auch in diesem Fall sollten sich\ndie Kollegen auf ihre Mitarbeiter besinnen.\nWas ist nun eigentlich Fürchterliches im Pro-\nzeß Metternicht enthüllt worden. Da gab es einen\nGrafen, der Schulden rtlachte und sie nicht bezah-\nlen konnte. Das hätte man nicht vermutet. Da\ngab es eine Kokotte. In Berlin. Das hätte man\nnicht vermutet. Da gab es eine Lebedame, die\nKavalieren Geld pumpte. Das hätte man nicht ver-\nmutet. Da gab es eine reiche Frau, die ihre Toch-\nter gern mit einem Aristokraten verheiraten wallte.\nDas hätte man nicht vermutet. Da gab es einen\nSchuhwarenhändler, der Schuhe im Preise von\nfünfzig Mark anfertigt. Das hätte man nicht ver-\nmutet. Da gab es einen Automobilfabrikanten, der\neinen Wagen auf Wechsel verkaufte. Das hätte\nman nicht vermutet. Da gab es den Zeugen Edel,\nder als Humorist auftreten wollte. Das war die\neinzige Enthüllung, die der Prozeß bot. Und di e\nmißglückte. Wo aber ist der Sumpf? Der Sumpf\nvon Berlin W? Warum so pathetisch? Muß man\ndenn jede Pfütze gleich Sumpf nennen? Jeden\nSchuldenmacher Betrüger? Jede reiche Frau He-\nrodias? Jedes erotische Mädchen Salome? Jeden\nZeilenschinder Dichter? Nur nicht pathetisch wer-\nder:. Die Schieber auf allen Gebieten sind doch nur\nGeschobene. Die Kunst braucht sie alle auf. Wer\nweder Größe noch Wahn besitzt, soll sich nicht\nüber Größenwahn aufregen. Es gibt auch Lumpe,\ndie nicht bescheiden sind.\nTrust\n„Wir lassen nunmehr den Bericht\nunseres eigens entsandten xw-Spe-\nzialberichter statters über das Cafe\nGrößenwahn folgen. Derselbe\nschreibt uns über dasselbe\nCafé Grössenwahn\nDort, wo die Joachimsthalerstraße den Kur-\nfürstendamm schneidet, haben sie den Sitz der\nHölle aufgeschlagen. Noch rasch vor seinem Tode\nhat Messel das Cafe erbaut, und Cassirer hat die\nWände mit Klimtschen Satanswerken ringsum be-\nhängt. Die Fußböden sind mit Mosaiken ausge-\nlegt, auf denen Hodlers anatomische Selbstherr-\nlichkeit lagert. Getische und Gestühle und alles\nGeschirr und Geräte, der letzte Schrei der Wiener\nWerkstätten.\nScheu und geängstigt hastet der schlichte Bür-\nger am Höllenpfuhl vorbei. Der ehrbare Kauf-\nmann, der sparsame Rentier, der mutige Offizier,\nder tiefe Gelehrte, der berufene Theaterdirektor,\nder standesbewußte Schauspieler, der sich Zeit las-\nsende Handwerker, der herkömmliche Maler, der\nklassische Dichter, der rasende Fuhrmann, der\ntreue Dramaturg, der tennisverdammte Demi-Jüng-\nling, die handkoffertragende Jungfrau, und last not\nleast der bescheidene Lumpensammler werfen einen\nscheuen Blick durch die revolutionären Scheiben\nund empfehlen ihre Seele Wildenbruch und allen\nguten Geistern der großen Kunstausstellung. Blei-\ncher Schauer rieselt durch ihr normales Gebein,\ndurch ihr gesundes Blut. Tief im Innern haben sie\ndämonische Gestalten sitzen sehen. Männer mit\nlangen Haaren, schlangenhaft geringelten Locken,\nwildflatternden Kra.vatten, sezessionistischen Sok-\nken und alkoholfreien Unterhosen leben sich aus.\nDrücken sich bedeutsam in die Sofaecken, bespie-\ngeln sich selbst und gegenseitig, schleudern sich\nbiertonnengroße Weihgefäße um die stefangeorge-\nschen Ohrmuscheln, und bringen durch ruchloses,\ndekadentes Kaffeetrinken die deutsche Kunst an\nden Rand des Abgrunds. Gurgelnde, röchelnde Pe-\nreati ufe auf Schiller und Konsorten unterbrechen\ndie Stille des modernen Denkens, und Holz und\nbehlais Familie Selicke ist der Gral der Tafelrunde.\nErmunternd, erweckend, antretend und\newigen Maß gegen Weimar mahnend, schreitet Arno\nHolz selbst von Tisch zu Tisch, und die Modernen\nküssen des Meisters Hände. Krachend fliegen die\nTagesblätter in die Ecken, die Brockhausbände mit\nGoethe undj Schiller sind verbrannjt, aber von\nHand zu Hand gehen die gesammelten Werke Al-\nfred Momberts. Altenberg kann leider das Reisen\nnicht vertragen, aber Hermann Bahr kommt zwei-\nmal in der Woche herüber, und Alfred Kerr steht\nin ununterbrochener telephonischer Verbindung mit\nder modernen Clique, während Karl Kraus von\nder Wiener Fackel Depeschen sendet. Dann\nschwirrt es in Telephon- und Telegraphendrähten\nvon Ibsen und Hauptmann, von Strindberg und\nWedekind, von Hoffmannsthal und Maeterlinck, von\nShaw und d'Annunzio.\nSo vergeht der Tag, bis abends die große\nOrgie der täglichen modernen Nacht beginnt: die\nmarkzerfressende Zersetzungsarbeit der Cafehaus-\nliteraten. Dann kommt es herangekrochen aus Wil-\nmersdorf und Halensee, sezessionistisches Gewürm,\nkrankhaft Empfindende, bizarre Gesellen, „vom\nGrößenwahn\" geschlagene. Und es beginnt ein\nirrsinniges Lallen. Klein Eyolfschen Banalitäten\nwerden Shakespeares unsterblichste Wortspiele\ngeopfert. Hauptmanns naturalistische Platitüden\nSchillers Betrachtungen über die Lebenskraft der\nSonne vorgezogen. Lerchenjubel, wogendes Aeh-\nrenfeld, braune Scholle, schmucke Bauerndirnen,\nder Schrei der Möwe und all die tausend Vögel,\ndie in der Brust der heimatkünstlichen Menschen\nsingen, alle die alten geheiligten Güter der Kunst\nwerden verlacht und verhöhnt. Scheerbarts Muse\nwird mit metaphysischer Inbrunst abgeknutscht,\nHeinrich Manns Romane in den unmöglichen Me-\nlodien Herwarth Waldens gesungen.\nUnd um Mitternacht hebt an das große Opfer\nder gegenseitigen Beweihräucherung: ein gigan-\ntisches Ueberschreien, Einandervorlesen; tolle\nWortgebilde durchdringen die Lüfte, Sätze, die\nman weder bei Schiller noch bei Goethe findet, un-\nverständliches Gestammle, französische, italienische\nWortkonstruktionen ohne germanische Deutlich-\nkeit, unreife Ansichten über Grillparzer und Hebbel.\nJunge Fante, die nie den Ernst des Lebens kennen\ngelernt haben, entziehen, sich weimarscher Zucht\nund weigern sich, in fünffüßigen Jamben zu dich-\nten Auf kristallenen Schalen werden die wertvoll-\nsten unaufgeklärten Dramen in Lilasamt und Silber-\nschnitt gebunden herumgereicht. Kaffee rinnt auf\nKaffee, nur Seiten vom schlichten Selters unter-\nbrochen. Der Taumel wächst. Baudelaire, Ver-\nlaine und Flaubert werden in eine einzige Silbe\ngeschweißt, Monet wird zu Manet und Manet zu\nMonet. Peter Hille wird durch Tischrücken her-\nangeholt, Begrüßungstelegramme werden gesandt\nan Paul Claudel und Thaddäus Rittner. Und nach-\ndem Else Lasker-Schüler sechs Gedichte vorgelesen\nhat, in denen sich nichts reimt und keine Verbin-\ndung mit Heine oder Busse-Palma zu finden ist,\nläuten fingerfertige Jünglinge zum Beardsley-Dienst.\nUnd während Speisen- und Getränkekarten, Tage-,\nWochen- und Monatsblätter, Wände und Marmor-\nplatten mit schamlosen amoureusen Verrenkun-\ngen gedeckt werden, kauern sezessionistische Ma-\nler auf der Treppe und verzeichnen anatomisch fest-\nstehende Tatsachen. Lovis Corinth stöhnt nach\ndegoutanten Vorwürfen, Oskar Kokoschka hat sich\netwas Straßenstaub mitgebracht, den er für ein\nKolossalgemälde braucht, Max Pechstein hält Men-\nschenleiber für Paletten. Wild dröhnt die Tschu-\ndikantate. Hungrige verlangen Speisekarten mit\nPeter Behrens-Typen. Aber anstatt zu essen\nschieien sie unaufhörlich Greco, Greco — a bas\nVelasquez! und Minderjährige bringen Hochs auf\nMünch und Julius Meier-Graefe aus. Und dann\nspreizt der Wahnsinn der Moderne seine Fang-\narme aus: lange Arme, viel länger als anatomisch\ndenkbar und erweislich wahr ist, mit Fiederhänden,\ndie es so wenig gibt als das Wort selbst, und\nNeo-Krallen: weißlich grüner Gischt tritt den Be-\nsessenen vor den Mund, ilire Augen werden van-\nGoghisch grün, was sich durch Lichtreflexe aller-\ndings erklären läßt\nUnd die beliebtesten Genien in ihren respek-\ntiven Heimen aufgescheucht, und an ihren tradi-\ntionellsten Gefühlen\" verhindert brechen auf und\nsuchen das Land, wo der koffeinfreie Kaffee ge-\ndeiht und der koholhaltige Kohol."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c003", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "652", "page_fin": "653", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.3", "titre_corps": "Schopenhauer und die Politik", "titre_sommaire": "Schopenhauer und die Politik", "signature_source": "Max Steiner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "652", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.2", "debut_caractere": 7673, "fin_caractere_exclue": 10779, "texte": "Schopenhauer und die\nPolitik\nVon Max Steiner\nWir sind glückliche Leute. Jahrtausende haben\ndaran gezweifelt, daß es für die Menschen auf Er-\nden einen Fortschritt gibt Heute sind wir längst\nam Ziel.\nJeder Volksredner weiß es: Gebt dem Volke\nFreiheit, über sich selbst zu bestimmen, räumt ihm\nalle Schranken hinweg, auf daß es sich entwickeln\nkann. Denn der Fortschritt des Volkes bedeutet\nden Fortschritt der Menschheit.\nJeder Volksredner sagt es. Und die Größten\nder Nation? Sind auch sie dem demokratischen\nGedanken mit Sympathie entgegen gekommen?\nWie haben jene über den Fortschritt der Mensch-\nheit gedacht, die doch allein der Menschheit geistig\nGut gemehrt und verwaltet haben?\nSie sprachen nicht wie die Volksredner von\nheute. Daß Goethe so streng konservativ gesinnt\nwar. haben ihm die Demokraten des neunzehnten\nJahrhunderts von Ludwig Börne bis Anton Menger\nverübelt. Goethes großer Zeitgenosse in Königs-\nberg, den ein Führer der äußersten Linken einmal\nzu den Republikanern zählte (bloß weil er nicht\nwußte, was man in Königsberg unter dem Wört-\nchen „republikanisch\" verstanden hat), widmet sei-\nnen angeblichen Gesinnungsgenossen die lehrreichen\nWorte: „Der Pöbel der Vernünftler . . . schmähet\nauf die Regierung, in deren innersten Plan er nicht\nzu dringen vermag, deren wohltätigen Einflüssen\ner auch selbst seine Erhaltung und die Kultur ver-\ndanken sollte, die ihn in den Stand setzt, sie zu\ntadeln und zu verurteilen\" (Kritik der reinen Ver-\nnunft, Seite 668; erste Ausgabe.).\nDaß Friedrich Nietzsche demokratischen Ein-\nrichtungen nicht zugetan war, ist bekannt. Was er\naber vom Liberalismus sagte, wird selten erwähnt;\nund ist doch nicht ohne Interesse. Ist allerdings\nauch eine unangenehme Wahrheit. „Die liberalen\nInstitutionen hören alsbald auf, liberal zu sein, so-\nbald sie erreicht sind: es gibt später keine ärgeren\nund gründlicheren Schädiger der Freiheit als libe-\nrale Institutionen. Liberalismus: auf deutsch Her-\ndenvertierung\" (Götzendämmerung § 38).\nIn die freisinnigen Zirkel, deren unverstan-\ndener Liebling Nietzsche ist, hat sich jenes bittere\nWort nie gewagt. Die Kreise der „Aufklärung\" be-\nsitzen ein merkwürdiges Geschick darin, das We-\nsentliche in den Anschauungen eines Meisters zu\nverkennen oder zu verhüllen. Und so gelingt es\nnur allzu gut, das Ansehen berühmter Männer dem\nverderblichen Doktrinarismus dienstbar zu machen\nund die mißdeuteten Ideale der Vergangenheit mit\nden politischen Zielen einer kleinen Gegenwart zu\nverbrüdern. Es gibt Frauenrechtlerinnen, deren\nWortaberglaube verführerisch genug ist, sie den\nErzfeind Nietzsche vergöttern zu lassen. Und man\nkennt „Friedensfreunde\", die Kant als „Pazifisten\"\nrühmen. Denselben Kant, dem wir einen der herr-\nlichsten Lobsprüche des Krieges verdanken. Wel-\ncher moderne „Pazifist\" dürfte das Bekenntnis wa-\ngen, daß der „Krieg etwas Erhabenes an sich habe\"?\n„Dahingegen ein langer Friede den bloßen Han-\ndelsgeist, mit ihm aber den niedrigen Eigennutz,\nFeigheit und Weichlichkeit herrschend zu machen\nund die Denkungsart des Volkes zu erniedrigen\npflegt\" (Kritik der ästhetischen Urteilski aft § 28)."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "653", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6656, "texte": "Wertvoller noch als Kants Anschautingen sind\ndie politischen Grundsätze Schopenhauers. Denn\nan Welterfahrung war Schopenhauer seinem gro-\nßen Lehrer weit überlegen, so wenig auch der\nFrankfurter Philosoph als Metaphysiker Kants Be-\ndeutung zu erreichen vermochte.\nSchopenhauer beobachtete die Welt nicht vom\nStudierzimmer aus. Er legte allen seinen Lehren\ndie Erfahrung zugrunde, und das Leben selbst war\nder Garten seines Schaffens. Und nie hat Jemand\ndie Demokratie schärfer kritisiert als dieser Men-\nschenkenner, von niemandem wurden die Behaup-\ntungen der modernen Menschheitsbeglücker stärker\nangegriffen als vom Philosophen der Liebe und des\nMitleids.\nSchopenhauer hat die Demokratie an der Ar-\nbeit gesehen. Die Stürme des Jahres 1848 ver-\nschonten auch Frankfurt nicht, und unter den Fen-\nstern Schopenhauers kämpfte das Volk für eine\nvermeintliche Kultur. In einem Brief an Frauen-\nstädt äußert sich der große Pessimist über jene\nEreignisse. „Was haben wir erlebt!\" schreibt er,\n„denken Sie sich, am 18. September eine Barrikade\nauf der Brücke und die Schurken bis dicht vor mei-\nnem Hause stehend, zielend und schießend auf das\nMilitär in der Fahrgasse . . . Plötzlich Stimmen\nund Gepolter an meiner verschlossenen Stuben-\ntüre: ich, denkend, es sei die souveräne Kanaille,\nverrammle die Tür mit der Stange . . . Endlich die\nfeine Stimme meiner Magd: ,Es sind nur einige\nOesterreicher!' Sogleich öffne ich diesen werten\nFreunden: zwanzig blauhosige Stockböhmen stür-\nze« herein, um aus meinen Fenstern auf die Sou-\nveränen zu schießen . . , Aus dem ersten Stock\nrekognosziert der Offizier das Pack hinter der Bar-\nrikade: sogleich schicke ich ihm den großen dop-\npelten Operngucker . . .\"\nRadikaler kann der „reaktionärste Scharf-\nmacher\" nicht schreiben. Hier wird alles in den\nKot gezerrt, was der Demokratie heilig ist. Der\nGlorienschein, mit dem alte Revolutionäre das\nSturmjahr umgeben, ist hier vollkommen verblaßt.\nUnd von den „Helden von 1848\" bleibt nur das\n„Pack hinter der Barrikade\" übrig . . .\nMit der „neuen Richtung\" hat sich Schopen-\nhauer niemals versöhnt. Das demokratische Dogma,\nrfaß nur in parlamentarisch regierten Staaten die\nFreiheit der Wissenschaft verbürgt sei, bekämpfte\nder große Philosoph aufs heftigste. Das republika-\nnische System hielt er für widernatürlich und für\nungünstig dem höheren Geistesleben, den Künsten\nund Wissenschaften. Die „Souveränität des Vol-\nkes\" anerkannte er wohl in gewissem Sinne. Aber\ner sah ein, daß das Volk ein „ewig unmündiger\nSouverän\" sei. Und daß es aus diesem Grunde zum\nSpielball „hinterlistiger Gauner\" (Demagogen) wer-\nden müsse.\nDie geringe Achtung, die Schopenhauer dem\npolitischen Verständnisse des Volkes erwies, machte\nihn auch zum Gegner der Preßfreiheit. Er be-\ntrachtete diese als eine Erlaubnis, Gift zu verkau-\nfen: Gift für Geist und Gemüt. „Denn was läßt\nsich nicht dem kenntnis- und urteilslosen großen\nHaufen in den Kopf setzen . . . Ich fürchte daher,\ndaß die Gefahren der Preßfreiheit ihren Nutzen\nüberwiegen.\"\nDas konstitutionelle Königtum Englands\nwünschte Schopenhauer nicht für die Deutschen.\nUnserem Parlamentarismus begegnete er mit Miß-\ntrauen, weil die britische Verfassung das Ergebnis\neiner nationalne Entwicklung sei; wo aber eine\nsolche Entwicklung fehle, müsse der Parlamentaris-\nmus etwas Fremdes bleiben. „In jedem deutschen\nDuodezfürstentum,\" sagte er, „wird eine Parodie\nder englischen Verfassung aufgeführt .. . Der\ndeutsche Michel hat sich von seinem Schulmeister\neinreden lassen, er müsse in einem englischen Frack\neinhergehen . . . Aber der Frack wird ihn noch\nsehr drücken und inkommpdieren . . \"\nAm wenigsten war Schopenhauer der Institu-\ntion der Schwurgerichte zugetan. Er nannte die\nJury ein „malignum vuigus4\", dem es an Vernunft\nund Gerechtigkeitssinn fehle. Wenn gar Verbrechen\ngegen den Staat und sein Oberhaupt von den Ge-\nschworenen gerichtet werden sollten, so hieße das\nden Bock zum Gärtner machen.\nSchopenhauer geht in seinem Haß gegen libe-\nrale Prinzipien manchmal zu weit. Daß er aber\neinen guten Blick für die Bestrebungen seines Zeit-\nalters hatte, wird man nicht leugnen können. Am\ndeutlichsten zeigt sich die Schärfe seines Urteils\nin dem Zeugnis, das er dem öffentlichen Wirken\nder Demokratie ausstellt. Was er damals über\ndas Wesen der Volkspolitik sagte, gilt heute noch\nebenso wie vor fünfzig Jahren. „Ueberall und zu\nallen Zeiten,\" erklärt er, „hat es viel Unzufrieden-\nheit mit den Regierungen, Gesetzen und öffentlichen\nEinrichtungen gegeben; großenteils aber nur, weil\nman stets bereit ist, diesen das Elend zur Last\nzu legen, welches dem menschlichen Dasein selbst\nunzertrennlich anhängt .. . Jedoch nie ist jene\nVorspiegelung auf lügenhaftere und frechere Weise\ngemacht worden, als von den Demagogen der Jetzt-\nzeit'. Diese nämlich sind, als Feinde des Christen-\ntums, Optimisten; die Welt ist ihnen ,Selbstzweck*\nund daher an sich selbst . . . ganz vortrefflich ein-\ngerichtet . . , Die nun hiergegen schreienden, ko-\nlossalen Uebel der Welt schreiben sie gänzlich den\nRegierungen zu: täten nämlich nur diese ihre\nSchuldigkeit, so würde der Himmel auf Erden\nexistieren, d. h. alle würden vollauf fressen, saufen,\nsich propagieren und krepieren können: denn dies\nist die Paraphrase ihres Selbstzwecks' und das\nZiel des unendlichen Fortschritts der Menschheit',\nden sie in pomphaften Phrasen unermüdlich ver-\nkündigen.\"\nDoch des Negierens genug. Ein so überzeu-\ngungstreuer Monarchist wie Schopenhauer läßt\npositive Ideen nicht vermissen. Schopenhauers\nhöchster Wunsch sehnte die deutsche Einheit her-\nbei. „Ein Kaiser, der den Frieden im Innern wahrt\nund des Reiches Einheit nach außen vertritt,, —\ndas war sein politisches Programm. Und er hatte\nerkannt, daß der Parlamentarismus Deutschland\nnicht geben werde, was die Monarchie dem Deut-\nschen verbürgte. Daß ein deutsches Kaisertum die\nStütze der nationalen Wohlfahrt sei, daß aber die\ndeutsche Republik nur eine traurige Zukunft zu\nbringen vermöge.\nSchopenhauer hat die Verwirklichung seiner\nIdeale nicht mehr erlebt. Auch die Genugtuung\nblieb ihm versagt, die Mittel, die er empfohlen,\nerprobt zu sehen. Erst zehn Jahre nach seinem\nTode geschah das Wunderbare: Deutschland er-\nschaffen — von der Monarchie gegen das Parla-\nment . . .\nDiese Tatsachen sind der Demokratie nicht\nhold. Und zu der Phrase, daß Bildung und Wis-\nsenschaft mit dem Liberalismus verbündet seien,\nliefert die Geschichte der Philosophie den ironischen\nKommentar . . .\nDie nachgelassenen Schriften von MAX STEINER,\nherausgegeben und eingeleitet von Kurt Hiller, werden sehr\nbald im Verlag Ernst Hofmann und Co, Berlin erscheinen.\nEine Besprechung seiner Werke soll im STURM erfolgen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "653", "page_fin": "654", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.4", "titre_corps": "Italien", "titre_sommaire": "Italien", "signature_source": "Jacob von Hoddis", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "653", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.3", "debut_caractere": 6658, "fin_caractere_exclue": 9491, "texte": "Italien\nVon Jacob von Hoddis\nI\nLaß ab mit Gesten trauriger Poeten\nIn Reim und Wohllaut sinnig zu verklingen,\nDu brauchst auch nicht als schlauster der Propheten\nProbleme lösend, nach Erlösung ringen.\nHier spreizen sich die keck zum Dom verpraßten\nRundbogen, Mosaiken, Marmorquasten.\nVenedigs Lüfte kitzeln deine Haut.\nAuf Säulchen tronen hier Geflügelgreife.\nSteinerne Löwen heben ihre Schweife.\nEin Dampfer kommt und raucht und tutet laut.\nUnd leise staunend gondle durch die Buntheit,\nNur noch zu sanften Räuschen der Gesundheit\nSahst du am Ligo tausend Weiber nackt?\nO, lobe die Lagunen, die so stinken,\nIn süße Tage wirst du bald versinken\nVergnügt, Genießer, oft befrackt.\nII\nSo ward er klug und hat sich tief entzückt\nAn jedem Dinge, das ihn angeblickt.\nAn jedem Hauch, der ihn aus Gärten anweht,\nAn jedem Heldengauch, der ihn nichts angeht.\nAm weißen Tag und purpurnen Geweben,\nUnd Bildern keusch und bunt, an Dunst und Tai,\nAn wilden Kirchen, wo die Engel schweben,\nAm festgefügten schweigenden Portal!\nNun steht er da auf einem breiten Platze,\nUnd weiß nicht mehr; zu welchem Wunder wandern.\nDie Häuser prunken eines wie die andern.\nDie Sonne glüht als fette Feuerglatze.\nJa, hätt' ich Feinde zu endlosen Kämpfen,\nLieße mein Haß mich viele Straßen gehen.\nHat nicht den I eufel mit den Schwefeldämpfen\nSich Gott zum Zeitvertreib einst angestellt?\nEr steht und grübelt, seine Sinne flehen:\nEntdecke dir die Häßlichkeit der Welt.\nIII\nDoch ein Palast stand huldvoll in Florenz,\nEr hob Sich starr in steile Sonnengluten\nMit reichem runden, steinernen Gekränz,\nSein Tor verzierten wuchtige Voluten.\nEr sprach: „O Mensch! du weißt doch, was wir\nlehren!\nGebildeter! schon Goethe hat erkannt es:\nWer wird das Leben unnütz sich erschweren!\nMan stell sich auf und sei was imposantes.\nDu aber liebst dir das Geabenteure,\nDu blickst bedenklich selbst zur schönsten Zinnung.\nLockt dich der Hohn der Zweifel und das Neure?\nAn meinen Quadern scheitre deine Sinnung.\nEntschließe dich, auf Goethens Pfad zu schreiten\nMit Männertritt und würdig froh gelaunt!\nSein weißer Schlafroch glänzt durch die Gezeiten.\"\nSprach der Palast. Ich war nicht schlecht er-\nstaunt.\nIV\nDer Mittag kam mit Staub und sehr viel Hitze,\nIch tat mich langsam auf das Kanapee.\nNun liegst du da, du stilisierter Fritze,\nDas ist bequemer als am Gardasee\nLandschaft zu schlürfen, oder zu Firenze\nDie Hallen Michelozzos, Frühlingstänze\nDes Sandro Boticelli oder sowas.\nAch bleib, ach bleib, Genießer, ohne Ende,\nZu schnarchen hier, im Lustrevier des Sofas!\nIch gähnte stolz. So stürze dich verwegen,\nToll, ja toll, mit jauchzendem Munde,\nDen Kopf durch die Wände\nDeinen gefährlichsten Wünschen entgegen.\nSo sprach zu mir die allerstillste Stunde.\nUnd kein Klavier, kein Baby hat\nGeschrien im ganzen Haus.\nUnd die Sonne, die Sonne lag über der Stadt,\nUnd brütete Wanzen aus."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "654", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 310, "texte": "V\nSo waren wir auch in Italien Gäste,\nUnd haben dort so manchen Tag verschlafen.\nWir tranken Wein in Kinematographen,\nUnd krochen durch die Gärten und Paläste.\nUnd gaben manchmal uns den ungestümen\nFapaden hin, Gewölben und Kapellen,\nSchlanken Pilastern und den Ungetümen\nUnd dicken süßen Leibern in Bordellen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "654", "page_fin": "654", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.5", "titre_corps": "Briefe nach Norwegen", "titre_sommaire": "Briefe nach Norwegen", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "654", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.4", "debut_caractere": 312, "fin_caractere_exclue": 6677, "texte": "Briefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nLiebe Skiläufer. Oder läuft Ihr nicht Ski?\nWie ich noch so oberflächlich fragen kann, und\nbin in der größten Besorgnis, wo ich mein Manu-\nskript unterbringe. Ich muß doch eine Familie er-\nnähren, ich meine meinen Paul in allen Schmeichel-\nnamen. Er will nun endlich eine Lokomotive mit\nvier oder vierzig Volt elektrischer Kraft haben oder\neinen Dampfkessel, der täglich hundert Kubikmeter\nverträgt, fünfzig Pferdekraft stark ist. Ich bitte ihn\ngar nicht mehr um Einschränkung seiner Wünsche,\ner wird wütend über meine Unwissenheit in tech-\nnischen Dingen. Ich glaube, er ist Edison und er\nwartet nur noch einen Monat höchstens, dann\nsoll ich mir einen Laden aufmachen und alles einen\nPfennig billiger verkaufen. Vielleicht hat er recht!\nAuch verwirft er meine Bücher und mein Schau-\nspiel habe ich von Schiller abgeschrieben. Ihr\nmüßt nur seine Modelle für ein neues Luftschiff\nsehen, er erklärt mir unermüdlich von Propellern.\nMorgen muß ich alles auswendig wissen. Ich hab'\nmir was geboren!! Wo bring ich nun schnell\nmein Manuskript unter? Erkundigt Euch doch mal\nin Norwegen nach einem blutmutjungen Verleger.\nHeut Nachmittag geht Paul mit Hüne Caro aus, sie\nhaben beide zusammen eine Braut.\nLiebe Jungens. Ich habe Frau Franziska\nSchultz besucht. Ihr Schutzhaus für die Neuge-\nborenen ist so österlich. Lauter kleine rosarote\nZuckerostereier gucken nebeneinander versteckt\naus weißen Kissen. So reizend ist das anzusehen,\nund ein Negerküken liegt auch dazwischen —\ngeradezu Schwarzweißkunst. Ich wollt, ich wär\nauch noch einmal klein. Manchmal wünscht ich\nmir wirklich, jemand führte mich spazieren und ich\nwär erst vier Jahre alt. Die Zeit drückt; die\nmeisten sterben an der Zeit. Darum sollte man\nsdch viel in seine Kindheit zurückversetzen.\nIch möchte Euch heute Abend nur sagen,\nBerlin ist eine kleine Stadt, täglich schrumpft sie\nmehr und mehr ein. Groß ist eine Stadt nur, wenn\nman von ihr aus groß blicken kann. Berlin hat\nnur ein Guckloch, einen Flaschenhals, und der ist\nauch meist verkorkt, selbst die Phantasie erstickt.\nGute Nacht.\nLiebe Brüder. Ich bin außer mir, der Pitter\nBoom, den ich berühmt im Sturm gemacht habe,\nschreibt mir folgende wörtliche Ansichtskarte:\nLiebe Tino. Herwarth hat recht. Wenn ich auch\nfinde, daß zu Ihnen alles paßt, so paßt mir doch\nnicht alles. Sehr muß ich bitten, endlich meine Fa-\nmilie aus dem Spiel zu lassen. Ich lese wöchent-\nlich den Sturm. Großen Dank für den plattdeut-\nschen Brief darin. Ich bleibe noch etwas hier, fern\nvon der Cafehausglocke. Die norwegischen Briefe\nsind ja wunderschön. Herzliche Grüße aus Hid-\ndensee. Peter Baum.\nHabt Ihr Worte — vielleicht irgendwelche\nNordpollaute? Ich brauche sie, meinen Zorn abzu-\nkühlen. Aber ich weiß etwas, was Ihr nicht wißt.\nAber ich habe einen Eid geleistet, es nicht wieder-\nzusagen, trotzdem es mich eigens betrifft. Warum\nverteidigt man sich selbst eigentlich, man sollte\ndoch gegen sich nicht argwöhnen. Ich bin ganz\nunglücklich, daß ich es keinem Menschen sagen\ndarf. Wenn mich doch ein Geschöpf dazu zwingen\nwürde! Oder wenigstens Peter Baum käme, und\nich es in die Natur schreien könnte. Seid Ihr nicht\nneugierig?\nLiebe Kameraden. Mein Eid wurde eine\nZwangsidee, oder vielmehr ich könnt ihn nicht be-\nzwingen. Der verdammte Cajus—Majus kam mir\nheute am Spittelmarkt entgegen, wo der Krögel ist,\nund sagte, ich sähe aus, als ob ich an Depressio-\nnen leide. Seine Mutter aber fand, (Dr. Hiller hat\ndoch eine ganz jugendliche, reizende Mutter) ich\nsehe ganz munter aus. „Das bin ich ja gerade,\nselig bin ich, und kann keinem Menschen sagen\nwarum. Meine Kusine Therese aus der Tiergarten-\nstraße hat mir vorige Woche zweihundert Mark\ngeschickt. Ich sollt mir einen Mohrenmantel\nkaufen!\" Mutter und Sohn haben mir versprochen,\nes Niemandem wiederzusagen. Ich setzte mich\ndann erleichtert, noch dazu mit dem Rest der zwei-\nhundert Mark, an die Spree hin. Alle diese prak-\ntischen, unnotwendigen Sachen, die ich für meine\nMillionen bezahlt habe — den Mohrenmantel be-\nsäße ich wenigstens noch! Müßten mir nicht die\nLeute alle Tribut zahlen? Der Krögel ist ein ge-\nrechter Ort, der Krögel ist der schönste Aufent-\nhalt in Berlin; so denk ich mir die Fjorde von\nNorwegen, wie der Blick auf die plötzlich uner-\nwartete, daliegende Spree mit einem Schuß am\nEnde des schmalen, alten, zerschlissenen Gassen-\narms. Nur Fahnen wehen wohl an den Ufern der\nFjorde — hier stehen über Nacht die kleinen blau\nund weiß gestreiften Eiswagen, die gefrorenes\nHimbeer- und Maikrautsaft für die armen Kinder\nenthalten. Wenn Ihr eine Rose seht, sagt, ich !a8\nsie grüßen.\nWarum ich Euch nichts mehr vom Bischof er-\nzähle? Ich spräche nur immer von mir, sagt er.\nIch glaub, er hat es über. Dabei entdeckte er nur\nin mir ein kleines Dorf, nicht einmal eine meiner\nStädte hat er erobert. Hunderttausend Meilen war\ner immer von Bagdad entfernt Aber wer weiß\nvon meinem Herzen? Alle nur immer auf der\nLandkarte. Ich liege zwischen Meer und Wüste,\nein Mamuth. Mein Bau ist furchtbar und vornehm.\nErschreckt bitte nicht. Aber ich muß mir wirklich\nabgewöhnen, immer von mir zu sprechen, wie Ko-\nkoschka in Wien, der spricht darum gar nicht.\nDenk mal, Herwarth, das Plakat der Neuen Sezes-\nsion war im Cafe. Das ist ja Pechsteins Frau.\nEine Indianerin ist sie wirklich, des roten Aasgeiers\nwunderschöne Tochter; sie ist malerisch wildböse,\nsie trug ein lila Gewand mit gelben Fransen. Und\nnoch viele Maler waren heute im Cafe: Berneis,\nAli Hubert, der Himmelmaler, und Fritz Lederer.\nDer ist der Sohn von Rübezahl. Er und seine\nnagelneue Frau zeigten mir ihr junge Wohnung;\nich mußte mit ihnen Thee trinken. Aus seinem\nAtelier kams immer so frostig durch die Ritzen\nder Türe. Er malt nur Schneebilder. Du kannst\nSchneebälle machen von dem Schnee, der auf dem\nRiesengebirge seiner böhmischen Heimat liegt.\nIch trink jetzt abends immer Tee dort.\nDepesche. Walden-Neimaun. Norwegen.\nHotel Seehund. Hiller, Kurtz, Hoddis sind wieder\nausgesöhnt. Else.\nLiebe Kinder. Ich kam ins Cafe, ich traute\nmeinen Augen kaum, saßen alle wieder ausgesöhnt\nbeisammen. Auch Blaß war unter ihnen und Golo\nGanges. Ich schlich schnell an der versammelte\nLiteratur vorüber. Rudi Kurtz sprach gerade vom\nwilden Mythos meiner Wupper. Wie konnte ich\nje auf ihn schimpfen! Da hört sich doch alles bei\nauf! Soll noch einmal ein Mensch ein böses Wort\nauf ihn sagen. Addio!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "654", "page_fin": "656", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.6", "titre_corps": "Aus Berlin", "titre_sommaire": "Aus Berlin", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "654", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.4", "debut_caractere": 6679, "fin_caractere_exclue": 10336, "texte": "Aus Berlin\nJuryfrei\nIm Ausstellungshaus, Potsdamerstraße 39, ist\ndie erste Berliner Juryfreie Ausstellung\neröffnet worden. Das heißt: jedes malende und\nbildhauernde Gottesgeschöpf kann seiner Hände\nArbeit wohlfeil an eine Wand der zwanzig zur\nVerfügung stehenden Säle hängen. In Berlin hat\nsich vor einigen Wochen ein „kleines Museum\" eta-\nbliert, ein Geschäft, das Kopien nach berühmten\nBildern billig verkauft. Die Kopien sind nach An-\nsicht des Professors L. P. so gut, daß „man\" sie\nvon den Originalen nicht unterscheiden kann. Die\niuryfreie Ausstellung erweckt denselben Eindruck,\nnur daß man die Originale kennt. Sie geht sogar\nwesentlich weiter als das kleine Museumsgeschäft,\ndas sich nur auf bewährte alte Meister beschränkt,\nwährend in der iuryfreien Ausstellung überhaupt\nalles zu finden ist. Selbst Meister, die es noch\ngar nicht gibt, haben hier schon ihre Epigonen ge-\nfunden. Von Raffael bis Max Pechstein ist alles\nvertreten. Jeder kommt auf seinen Geschmack,\nden er nicht hat. Die „Korrektheit\" mancher\nMaler entzückt. Da hat einer eine alte Bibel ge-\nmalt und man kann sogar den Text genau lesen.\nEin anderer zeigt ein Stilleben, eine Weihnachts-\nkiste, auf der man sämtliche Postvermerke genau\nnachprüfen kann. Diese und ähnliche Bilder wer-\nden ihre Käufer finden, denn das Publikum glaubt\nnoch immer, daß die besten Bilder die sind, die\n„Natur\" vortäuschen. Dann gibt es Oelgemälde,\nderen Poesie in ihren Titeln besteht. „Der Alte\naus dem Sachsenwalde\", „Ein Fichtenbaum steht\neinsam\", „Erinnerungen\", „Abendstimmung\". Diese\nBilder werden auch ihre Käufer finden, denn das\nPublikum sieht nicht mit den Augen, sondern mit\ndem „Verstand\". Das heißt, die meisten Menschen\ndenken sich alles mögliche in einen farbigen Ge-\ngenstand hinein. Es entstehen Gefühlserinnerungen\n(man war mal in der Mark, oder am Meer, oder itt\nder Kirche), der Beschauer erinnert sich an fröh-\nliche oder traurige Stunden und er unterschiebt\nseine Gefühle nicht so sehr dem Bild, wie dem Titel.\nDie einzigen wirklichen Kunstwerke enthält der\nSaal X. Hier haben auch eine größere Anzahl\nMitglieder der Neuen Sezession ausgestellt, die\nselbst auf ihre Gegner in diesem Haus wie Offen-\nbarungen wirken. Es scheint mir überhaupt für\nwirkliche Künstler (also für Menschen, die per-\nsonlichen Erlebnissen selbständige Gestaltung ge-\nben können und nie vergessen, daß sie sich in be-\nstimmten Material ausdrücken) das richtigste zu\nsein, sich mit möglichst vielem Klitsch zu umgeben.\nSo wird das Publikum wenigstens stutzig. Em ff\nNolte stellt zwei vorzügliche Bilder aus. Mo-\nritz Melzer und ArturSegal sind mit guten\nHolzschnitten vertreten. Von Neuen seien genannt:\nHanns Bolz, München, mit einem Bild Montmartre,\nFriedrich Rosenkranz (Frau mit Tablett, Stilleben),\nLeni Zimmermann-Heitmüller (Landhaus mit Lupi-\nnenfeld), August Heitmüller (Bäuerin), Wilh. Morgner\n(Lehmarbeiter). Alle diese Künstler sind durchaus\nnoch nicht unabhängig, namentlich in der Farbe,\naber es sind gute Maler, die wissen, was Malen\nbedeutet. Die weitaus besten Gemälde (dekorative\nBilder) der Ausstellung stammen von Ludwig\nKain e r, den Mitarbeiter von Sturm und Sim-\nplizissimus. Mit eigenen Farben gemalt und in\neigener Formgebung. — Besonders fällt die über-\naus zahlreiche Beteiligung von Frauen auf. Und\nman muß sagen, daß sie im schlechten und im\nguten den Männern ebenbürtig sind. Man kann\nauf dieser Ausstellung nicht Entdeckungen machen,\ndenn die wenigen beachtenswerten neuen Namen\nwären wahrscheinlich früher oder später von der\nSezession oder der Neuen Sezession gebracht\nworden.\nWohl aber scheint mir diese Ausstellung eine\nLehre für alle Jurys zu geben, nämlich die, Bilder"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "655", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.5", "debut_caractere": 27, "fin_caractere_exclue": 5383, "texte": "Sicht deswegen abzulehnen, weil sie von Frauen\nsind. Es sind viele unter ihnen, die Aufmerksam-\nkeit verdienen, zum Beispiel: Lene Kainer, Emmi\nWollner, und vor allem die schon bekanntere Anna\nCostenoble (Sitzender Mann). Auch gute Plastiken\nvon Frauen sind zu sehen, sie lehnen sich zwar an\nMinne und Maillol an, haben aber trotzdem schon\neigenes Leben. Vorzüglich ist die Porträtstudie\nvon Margarete Hoenerbach, sehr interessant sind\ndie Bildhauerinnen Eva Lau, Margarete Scheel und\nMaria Schneider. — Ich halte es für überflüssig,\nWerke der bildenden Kunst „poetisch\" zu um-\nschreiben. Das bedeutet für den Leser nichts.\nMan muß sehen. Der Kritiker kann nichts weiter\ntun, als dem Publikum zur Nachprüfung die Masse\nzu nennen, nach denen er wertet. Durch Nennung\nvon Namen gibt er Beispiele. Man soll nicht\n„sich einstellen\", sondern die Augen öffnen. Man\nsoll sehen.\nDie Orestie im Zirkus\nMax Reinhardt ließ von den Mitgliedern des\nDeutschen Theaters im Zirkus Schumann die Ore-\nstie des Aeschylos spielen. Die Zirkusvorstellun-\ngen der griechischen Klassiker werden systematisch\nfortgesetzt. Reinhardt plant bekanntlich das Thea-\nter der Fünftausend. Es soll von ihm „Weihe\" aus-\ngehen. Reinhardt glaubt offenbar, daß Weihe schon\ndadurch entsteht, wenn sich mindestens fünftausend\nMenschen an einem Orte versammeln. Bisher nahm\nman stets das Gegenteil an, und die Vorstellung im\nZirkus Schumann gibt der alten Ansicht Recht. Das\nPublikum war durchaus nicht weihevoll. Im Ge-\ngenteil. Wenn jemand aus Versehen im Dunkeln\nvor Beginn sich in der Zirkusarena, die jetzt stolz\nOrchestra heißt, verirrte, der Kreuzgang\nifiit lubeln und Klatschen gefeiert. Als sich der An-\nfang der Vorstellung verzögerte, lief der Witz\ndurch den Zirkus, daß die Konzession von der Po-\nlizei noch nicht eingelaufen sei, sie aber jeden\nAugenblick kommen müsse. Weihevoll war es also\nnicht. Das ist aber auch nicht nötig. Ich halte die\ngriechischen Klassiker überhaupt nicht für geeignet,\nein Publikum zu unterhalten, in welchem Sinn man\n,\ndas Wort nehmen mag. Kunst hat nichts mit\nBildung zu tun. Deshalb muß heute Aeschylos von\nKünstlern und vom Volke abgelehnt werden. Seine\nTragödien in deutscher Uebersetzung interessieren\nnur die sogenannten Gebildeten. Das sind die Men-\nschen, die sich etwa bei Bildern darüber freuen,\nwelche guten historischen Kenntnisse sie besitzen.\nSie wissen etwa, wann die Kaiserkrönung Karl\ndes Fünften stattgefunden hat, wer sich auf dem\nReichstag zu Worms befand, wer beim ersten Sün-\ndenfall ums Leben gekommen ist, welche Passagiere\ndie Arche Noah barg. Dieselben Leute sind mit\ndem Stammbaum des Herrn Atreus sehr verwach-\nsen, mit dem Fatum leben sie auf vertrautem Fuße\nund in Griechenland finden sie sich besser zurecht,\nals in Berlin. Was ist uns Agamemnon? Was\nKlytemnästra und ihre Familie? Der Muttermord\ngeht uns ebenso viel an, wie irgend ein Mord in\nder Mulackstraße. Mit seiner Hekubafrage hat\nShakespeare schon vor einigen Jahrhunderten\neigentlich die griechischen Klassiker erledigt. Es\nist ja sehr traurig, daß dem Orest so viele böse\nDinge vom Schicksal auferlegt sind. Aber eine Tra-\ngoedie im europäischen Sinne wird nie entstehen\nkönnen, wenn der Held erträgt, was die Schickung\nbringt. Die Fabel, die ja schon für den ziemlich\nalten Aeschylos sehr alt war, gibt uns nichts. Eben-\nsowenig ihre Verwertung durch den „Vater der\ngriechischen Tragödie\". Sein Schöpferisches war\nseine Sprache, die wir nicht hören. Seine Tra-\ngödien waren Kunstwerke der Sprache, keine Dra-\nmen, wie wir sie fordern. Es gi b t keine Größe\ndes Stoffes. Mord und Todschlag stimmen\nnicht tragisch, sind Privatangelegenheiten der Be-\ntroffenen. Kunst erfordert persönliche Gestalttrag\ndes persönlichen Erlebnisses. Wenn wir den grie-\nchischen Sorgen in goethischer Form nachfühlen,\ntun wir reichlich unsere Pflicht. Wir sind Euro-\npäer und nicht Griechen. Und Goethe, auf den sich\nalles berufen, hat zu allererst gefordert, daß jeder\nauf seine Art ein Grieche sei. Uns muß Ibsen\nund selbst Hauptmann mehr bedeuten als Aeschy-\nlos. Auch Reinhardt wird historische Toten nicht\nwieder zum Leben erwecken. Er gab sich große\nMühe. Das Erfreuliche seiner Regie bildet cfas\nStreben nach Einfachheit. Er arbeitete bisher mit\n„Einfällen\". Alles, was ihm einfiel, und wenn es\nnoch so ausgefallen war, wurde gebaut. Alle Stile\nklebte er an sein Gebäude. Deshalb nannten ihn\ndie Kritiker „farbig\". Das Theater aber ist eine\nKunst des Plastischen, des Körperlichen, das Far-\nbige darf nur soweit verwertet werden, wie es\nnicht stört. Dieses Prinzip hat Reinhardt bei seiner\nInczenierung der Orestie befolgt. Nur hat er sich\nnicht überlegt, oder es nicht vermocht, eine Einheit\nin das zu bringen, was nach seiner Ansicht der\nStil der griechischen Tragödieist. Sein stilisiertes\nSprechenlassen besteht in Brüllen. Helden brül-\nlen immer, auch wenn sie vom zitternden Laub\nreden, was sie übrigens lieber nicht tun sollten.\nDas Brüllen dürfte auch Reinhardt schon deswegen\nnicht gestatten, weil er nicht Epigone sein will,\naber so den Stil des Berliner Königlichen Schau-\nspielhauses kopiert. Seine Leute können auch\ngar nicht so gut brüllen. Reinhardt gefällt es of-\nfenbar, aber der Kehlkopf seiner Mitglieder läßt\nes sich nicht gefallen. In solchen Momenten besin-\nnen sich die besseren Schauspieler auf ihre frühere\nbessere Art Theater zu spielen, wie es ihnen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "656", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1498, "texte": "sieber besser gefällt, wodurch aber zugleich der\nStil gefallen ist. Die schwierigere Stilfrage stellt\nder Chor. Und man stellt mit Entsetzen fest, daß\nMax Reinhardt total unmusikalisch ist. Aber er\nliebt die Musik, wie ein Laie oder ein schlechter\nDichter sie liebt. Ihm haben offenbar polyphone\nOpernchöre imponiert. Er stimmt also in Sprach-\ntönen ab. Der Chor spricht etwa „Orestes lebt\"\ntief, höher, noch höher, noch viel höher, noch hö-\nher. Das Crescendo der Musik. Nur vergißt Rein-\nhardt eins: der Tonfall jedes Menschen hat einen\nganz persönlichen Ausdruck. Das Psychische ist\nin der Stimme nicht auszuschalten. Wenn hundert\nMenschen dieselben Worte sprechen, so sprechen\nsie eben einhundert Menschen. Nie wird die Vor-\nstellung entstehen, daß eine Masse spricht. Um\ndiesen Effekt zu erreichen, hat man eben das so\nbekannte und sehr beliebte Singen erfunden. Des-\nhalb ist Reinhardts Idee der Belebung der Sprach-\nchöre ganz falsch und unmusikalisch. Das Un-\nmusikalische zeigt sich auch in der begleitenden\nJVlusik. Sie klingt nach preußischen Chorälen auf\niier Harmoniebasis von Gassenhauern. Die Musik\nzum Aeschylos müßte eben griechisch ges t a 1 -\nte t sein. Dasselbe ist von den Kostümen zu sa-\ngen. Sie sind sicher sehr echt und sehr historisch\nund wirken deshalb kitschig. Auch Kostüme müs-\nsen gestaltet werden. Sie dürfen nicht natür-\nlich sein, sondern künstlerisch. — Nur e i n wirk-\nlicher, großer Schauspieler spielte mit: Mary\nDietrich, die Darstellerin der Kassandra.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "655", "page_fin": "655", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.7", "titre_corps": "Artur Segal / Holzschnitt", "titre_sommaire": "Artur Segal / Holzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "655", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 25, "texte": "Artur Segal / Holzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "656", "page_fin": "656", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.8", "titre_corps": "Apotheose : der Gebrüder Herrnfeld", "titre_sommaire": "Apotheose : der Gebrüder Herrnfeld", "signature_source": "Rudolf Kurtz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "656", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.6", "debut_caractere": 1500, "fin_caractere_exclue": 5218, "texte": "Apotheose\nder Gebrüder Herrnfeld\nRudolf Kurtz\nEin beschauliches Gemüt äußerte: ich kann\nstundenlang nachdenken, warum die Gebrüder\nHerrnfeld so komisch sind. Gewiß: ihre Stücke\nsind ja auch furchtbar komisch, aber das garan-\ntiert doch nicht für die Unterhaltung. Ich habe Herrn\nSchmasow zum Beispiel in geschickter arrangierten\nPossen gesehene und ich bin über diese Portiers-\nhumore nicht aus dem Aerger herausgekommen.\nWollen Sie nicht, lieber Freund, meine dunklen Ge-\nfühle mir ins Bewußtsein heben? Wenn auch das\nThema ein wenig außerhalb Ihres geistigen Inter-\nessenbezirkes liegt, lieber Gott, Sie haben doch\nauch vor Lachen getobt.\nDer Kritiker nahm das Kompliment ernst und\nkroch in sich hinein. Warum wirken die Gebrüder\nHerrnfeld so komisch? Das Orientalische macht es\nkeineswegs, sonst hätte dich doch schließlich auch\nSchildkraut unterhalten müssen? Mit einem Wort:\ner störte ziellos in der Dunkelheit seines Gehirns\nherum. Mit einem heimtückischen Blick auf den\nFrager rettete er sich endlich in ein verbindliches\nLächeln und dozierte mit charmanter Ueberlegen-\nheit:\nDie Leistungen der Gebrüder Herrnfeld grei-\nfen sozusagen über das rein Seelenschauspielerische\nhinaus. An ihren Gestaltungen sind ihre Körperteile\nin einem eminenten Stinne beteiligt. Nun ja, mein\nLieber, einige Schauspieler machen ihr Glüück mit\neinem seelenvollen Gesicht, andere mehr mit einem\ngelenkigen Hintern. Das Seelenvolle bei den Herrn-\nfelds liegt doch in den Extremitäten. Anton,\nder Direktor, fährt mit der Hand zur Wange, zieht\nden Kopf ein, rudert mit einem Beine herum —\nHerrgott! an sich ist die Situation doch ertragbar.\nAls wenn er sie exekutiert — ist es aus mit mir.\nEigentlich wußte der Kritiker nun nicht wei-\nter. Die höfliche Frage in den Zügen seines Gegen-\nüber speicherte eine rasende Wut in ihm auf. Aber\ner hielt an sich. Sie haben mehr Spekulatives er-\nwartet, mein Lieber, mehr Beziehungen auf das\nWeltganze. Gott, wenn es weiter nichts ist! Der\nKi itiker ließ ein grinsendes Lächeln unter den Tisch\nfallen und entäußerte sich aller Verachtung in\neinem meisterhaft ausgeführten Räuspern. Dann\nbegann er:\nAlso der Ernst, der künstlerische Ernst hebt\ndie Leistungen der Gebrüder Herrnfeld auf jenes\nhohe Niveau. Ihre Persönlichkeit ruht mit dem\ngleichen Ernst in ihren verrückten Situationen, wie\ndes Tragöden Seele in seiner pathetischen Gebärde.\nSie sind immer das ganz, was sie vorstellen. Sie\nsind nicht nochmütig. Sie empfinden die Vorgänge\nals Attacken auf ihren eigenen Körper. Sie trans-\npirieren unter dem seelischen Druck ihrer Verhält-\nnisse. Man hat die Empfindung, jeden Abend wer-\nden ihre privaten Existenzen von einem ulkigen\nRegisseur aufeinander losgelassen, verwickelt,\ndurcheinander gehetzt und nach kräftigem Umher-\nschwenken wieder befreit. Wie gesagt, sie schwit-\nzen dabei, aber der Zuschauer hat das Vergnügen.\nSehen Sie, dieser künstlerische Ernst, dieser . . . .\nNun war der Kritiker nicht mehr aufzuhalten,\nzur Kunst steht, und dessen Adern leichteres Blut\ndurchfließt, ist jeden Augenblick bereit, einiges Bit-\ntere über den Lebensernst zu äußern. Er ruiniert\nunser Dasein. Kein leichtes, heiteres Einatmen der\nGeschehnisse, sie sollen mit gepanzerter Faust er-\nwartet und auf ihre Solidität geprüft werden. Ein\nFreund erzählte mir gestern zwei Stunden von Pa-\nris. Es soll dort anders sein. Eine dünnere, geistig\nweniger verpestete Atmosphäre. Viel Leichtfertig-\nkeit, wo der Deutsche metaphysich angeregt wird.\nEine Stadt, meinte er, wo jeder Kitsch in Leucht-\nfarben strahlt, annehmbar und erfreulich. Dann\nsinkt er von der Seele, ohne eine Spur zu hinter-\nlassen. Eine freundlichere Gelenkigkeit des Geistes\nherrscht dort. Eine gefälligere, freundlichere Ge-\nlenkigkeit."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c009", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "656", "page_fin": "656", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.9", "titre_corps": "Wirkungen", "titre_sommaire": "Wirkungen", "signature_source": "Ernst Blab", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "656", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.6", "debut_caractere": 5220, "fin_caractere_exclue": 6834, "texte": "Wirkungen\nErnst Blab\nDuell\nin Rudolstadt fand ein Duell statt zwischen\nzwei Gymnasiasten, von denen der eine getötet\nwurde .Ein Schriftleiter hat, ergriffen und unter\nder Ueberschrift „Spiel mit dem Leben\", eine Be-\ntrachtung veröffentlicht, in der er (ergriffen) den\nGymnasiasten Unreife und Spiel mit dem Leben\nvorwirft. Ungefähr. Gegenseitiges Totschießen,\nso blickt es durch seine Betrachtungen durch,\nbleibt Sache ernster, gereifter und ausgewachsener\nMänner. Nur diese haben das Recht, sich in das\nLeben zu verrennen . . . bis zu einem Aufgeben\ndes Lebens.\nWenn Gymnasiasten sich duellieren in früher\nVerwirrung, im Heißsein, im Dumpfsein; in\nSchmerzzerstücktheit; in Inbrunst, Gipfeln, Tränen-\nSeligkeit — dann darf nur der von Unreife sprechen,\nder bei Ausgewachsenen von Dummheit spräche.\nNur der.\nEin Schriftleiter denkt immer an „Unreife\",\nwenn er hört, einer hat Schopenhauer, Nietzsche,\nWilde gelesen.\nEin Engel\nHerr Fritz Engel gibt in einer Würdigung zu\nverstehen, er sei der Ansicht, das Bumßige an\nSudermann sei nicht kühl ertüftelt. Sondern viel-\nmehr gradezu innerste Natur dieses Dichters sei\ndies Bumßige. Ungefähr so Herr Engel.\nNach dieser eine Spalte tiefen Erwägung\nschreibt er, von Sudermann: „Ich sehe ihn . . .\ngegenüber dieser widerwärtig ,iitterarischen\nZeit . . . Dann nennt er Kompliziertheit, Inner-\nlichkeit, Seele Schlagworte — und setzt sie in\nAnführungsstriche. So Herr Engel.\nWenn diese Zeit literarischer wäre, so hätte\nHerr Engel allen Grund, sie fast so widerwärtig\nzu finden, wie sie ihn dann finden würde. 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Der hohe Herr entschied sich auf mein Drän-\ngen dafür, sich stehend, die rechte Hand in der\nBrusttasche aufnehmen zu lassen, damit, wie ich\nmir als Künstler zu bemerken erlaubte, seine\ntrotz eines gewissen Embonpoints noch recht\naristokratische Gestalt voll und ganz zur Geltung\nkäme. Ich konnte mich nicht enthalten auch\nnoch darauf hinzuweisen, daß gerade diese\nPose bei meiner hohen Klientel bevor-\nzugt werde und daß er in dieser\nStellung auch einem der einflußreichsten Mitglie-\ndern unserer Haute Finance frappant ähnlich sähe,\nwas den hohen Herrn angenehm berührte und sicht-\nlich schmeichelte. Da ich aber nicht nur die\ngesellschaftliche Stellung des Allmächti-\ngen, sondern auch seine charakteristische Persön-\nlichkeit, namentlich seine wunderwirkende Kraft,\nauf meinem Portrait betont wissen wollte, ersuchte\nich ihn, — im Gegensatz zu meiner irdischen Klien-\ntel, die dies absolut nicht vermag — nicht nur den\nrechten, sondern gleichzeitig auch den linken Fuß\nvorzustellen, was immer mit großen Schwierig-\nkeiten verbunden ist. Aber auch dieses Wunder,\ndaß ich noch nie sah, vollbrachte der hohe\nHerr mit spielender Leichtigkeit. (Das müssen\nwir schon selbst für ein bedeutendes Wunder hal-\nten. Anm. d. Red.) Er schien sich jedoch daraus\nein Vergnügen zu machen, mir bei dieser Gelegen-\nheit wieder, und zwar diesmal mit beiden Füßen\nein Trittchen zu versetzen, was mir, da es sehr\nschmerzte, sofort auffiel. Natürlich versäumte ich\nes nicht, dieses Zeichen seiner guten Laune und\neiner mich im höchsten Grade ehrenden Intimität,\nmit freudiger Genugtuung entgegenzunehmen. Ich\nkann hier nun eine spaßhafte Bemerkung des hohen\nHerrn anführen. Er fragte mich nämlich, ob ich\ndenn bei guter Gesundheit sei. Als ich geschmei-\nchelt bejahte, meinte der hohe Herr: „Das habe\nich mir gleich gedacht, denn Sie machen ja sehr\nviel Bewegung. Sie gehen mir nämlich fort-\nwährend auf die Nerven!\" Als ich mich von\nmeinem Krnchlampf langsam erholt hatte und die\nfrüher geschilderte Stellung, bei der ein jeder An-\ndere sicherlich umgefallen wäre, zuwege ge-\nbracht hatte, klingelte es heftig am Telephon. Der\nerste Gott begab sich eilig zum Apparat, wobei ich\nwieder Gelegenheit hatte, seinen Amtseifer zu be-\nwundern. Ich will es nicht unerwähnt lassen,\ndaß, während mein hoher Klient seine Agenden\nversah, die, wie er meinte, ihn längere Zeit in\nAnspruch nehmen dürften, — ich die Bekanntschaft\neiniger Engeln machte. Ich kann der Wahrheit\ngemäß konstatieren, daß diese ihrem guten Rufe\nvollauf gerecht werden und sehr brav, ja selten\nanständig sind. Die meisten sind zwar nicht\nsehr musikalisch, singen aber den ganzen Tag im\nChor mit. Nur wenige faulenzen oder lustwandeln\nin auffallender Weise herum. Ich mußte nun be-\nfürchten, daß mein hoher Klient indessen seine\nAgenden erledigt haben und bereits meiner harren\ndürfte. Da kam mir ein hochbetagter alter Engel\nentgegen mit einer Karte, in der mich der hohe\nHerr benachrichtigte, daß er augenblicklich noch\nbeschäftigt sei, und mich erst in einer halben\nStunde erwartete. Der Ueberbringer dieser Bot-\nschaft, offenbar ein höherer Funktionär der Kabi-\nnettskanzlei des Allmächtigen, schien vom ersten\nAugenblicke unserer Begegnung an, eine besondere\nSympathie für meine bescheidene Person an den\nTag zu legen. Indem er mir unaufhörlich in herz-\nlicher Weise die Hand drückte, erzählte er mir\nganz gerührt, wie viel Gutes und Schönes er von\nmir bereits gehört habe, und erklärte mich für einen\ngeborenen Charmeur."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c011", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "657", "page_fin": "657", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "657", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.7", "debut_caractere": 71, "fin_caractere_exclue": 703, "texte": "Privatbeamte und Ange-\nhorige der freien Berufel\nSorget ffir Eure Zukunft and die Eurer Famflle\ndurch Anschluss as den zir Vertretang der wlrtsckaftlichea, st-\nzlatea and rechtlichea Interessen der Privat-Beamtea gegrfladetea,\ndurch landesherrl. Verlelhung m. Kerperatloasrecht aasgestattet.\nDEDTSCIEH PllflT-BEiITEI-fEIEII ZB MAGDEBDB6\nZirka 28 000 Mitglieder in zirka 500 Zwelf-\nvereinen, Verwaltungsgruppen u. Zahlstellen.\nNeben Pensionskasse, Witweakasse, Walsea-\nkasse, Begrabniskasse und Kraakeakasse sehr\nwertvoile Wehlfahrtseinrichtnagea x\nGesamtvermogen: Ueber 16 Mlllleaea Mark\nHalbjahrl. Beitr. 3 M.:: Maa verl. 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Rechnen & Sie\nsick aas, wu Sie im Jahre fur den Bedarf an Gluhkorpern ausgebea. —\nWie oft kommt es vor, dafi der Korper schon beim Abbrermen entzwei-\ngeht — — Nehmen Sie einea guten Rat an und verwenden Sie nur\nHartalin-GEuhkorpev* 0. R. P. 203467\nDiese KBrper besitzen den Vorteil, daß Sie dieselhen wie ein Tuch zustmmen-\ndrucken kSnnen, ohne daß der Korper darunter leidet. HarJaHn-Otfihkorper\nhabcn eine Leuchtkraft von 510 K. und Sie erzieien dnmit ein« Gas»n«.parnis von\n50®)u. Brenndauer jar. I Jaiir. REFERENZ! Fur die Straflenbcleuchtung Beiims\nbereits fiber 200000 Stck. geliefeii. Versuchen Sie es mit einer Probeseudung von\n3 Stck., Praia p. Stck. 5§ Pfg. od. verlangen Sie den Besuch unseres Vertreters\nVarsandhaus Chem. und Taehn. Nenhelten\nBERLIN SW. 68 Kochstraße 72"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "657", "page_fin": "657", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "657", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.7", "debut_caractere": 1531, "fin_caractere_exclue": 2218, "texte": "1. 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Allard Forain W. Leistikow\nH. Cassiers V. Gilsoul M. Liebermann\nL. Corinth H. Herrmann A. von Menzel\nF. Charlet J. B. Jongkind Bern, de Monvel\nH. Daumier Le Goud-Gerard Monticelli\nCoutts Michi\nC. Pissarro\nF. Skarbina\nJ. Smits\nF. Thaulow u. a.\nL. Mascre u. a.\nSkulpturen von Max Kruse, M Buchanan,\nGrossu* Auswahlmod. 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ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN «•>■•\nZn haben in alien Apotbekea aid Dragertea / Alleioife rikrtkutia\n„ Pharmacia\" / Fabrik Mr pharwaceatiacbaa Bcdarf / Barlla-Hafeaaee\nWohlschmeekend Sicker wirkead"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c017", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "657", "page_fin": "657", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "657", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.7", "debut_caractere": 3325, "fin_caractere_exclue": 3540, "texte": "Yegetarisches Gasthans\nFREYA\n5 Charlottenburg S\n5 Bismarckstrasse 9 5\nSauna Am Knie ■■■■■■\n0 E3\nB\nAngenehmer Aufenthalt\nfur Kunster und Studenten\nZahlreiche Zeitungen und\nZeitschriften / Bis zehn\nUhr abends geoffnet"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c018", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "657", "page_fin": "657", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "657", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.7", "debut_caractere": 3542, "fin_caractere_exclue": 3656, "texte": "Reusst Pollock\nBuehhandlungu.Antiqiariat\n:: BERLIN W. 35\nPotsdamer Strasse 118 c\nl Teriipr.: Hwt VI (E«»»w) 5829 J"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c019", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "657", "page_fin": "657", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "657", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.7", "debut_caractere": 3658, "fin_caractere_exclue": 3806, "texte": "DIE TAT\nWEGE IV FREIEM\nMENSCH&STUM\nVIERTELjAHRL.M.2 HEFT M.0,80\nEl NE MONATSSC HRI FT\nherausgegeben von\nnst horneffer\nVERL. 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Daher empfehle ich es\n■ Jedem, der von Zahnschmerzen\nJ geplagt ist. Mit herzlichein\n2 Dank bescheinigt dies Helene\ns Kleemann, Roaengarten,\n■ :• Frankfurt an der Oder ::\nIUMHMIHUHWIMWHMO****1"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c024", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "657", "page_fin": "657", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "657", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.7", "debut_caractere": 5209, "fin_caractere_exclue": 5356, "texte": "Karl Krmij\nSpruche und\nWiderspruehe\nAphorismen\nDie ehinesisehe\n:: Mauer\nEssays\nDurch alle Buch-\nhandlungen zu beziehen\nVerlag Albert Langen\nMunchen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c025", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "657", "page_fin": "657", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "657", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.7", "debut_caractere": 5358, "fin_caractere_exclue": 5368, "texte": "Reserviert"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c026", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "658", "page_fin": "658", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "658", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.8", "debut_caractere": 56, "fin_caractere_exclue": 601, "texte": "Zweiter Abend\nSonnabend den ZB. 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Mester L^g\nunter Mitwirkung 12 taervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufkute In tuhrender Stellung). Orundliche\nEinfuhrung In die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationelles\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr-\niiihriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- und Bilanz-\nTechnik, Buro-Praxis sich vorbereiten woilen —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\nsolviert haben, wie fiir\nHerren mit besseren praktisclien oder theoretlschen Vorkenntnissen, Elnjihrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfur Xaiifleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend Ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen woilen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder Shnlicher Geseiischaften sich vorbereiten woilen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Dire'/tion, Johannisplatz 5"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c030", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "658", "page_fin": "658", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.30", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "658", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.8", "debut_caractere": 2567, "fin_caractere_exclue": 2704, "texte": "Else Lasker-Sehuler\nMeine Wunder\nGedichte\nPreis in van Geldern-Biitten gebunden\nDrei Mark\nc;\nDreililien-Verlag Karlsruhe unci Leipzig.\n:d"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c031", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c031", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "658", "page_fin": "658", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.31", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "658", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.8", "debut_caractere": 2706, "fin_caractere_exclue": 3281, "texte": "EDMUND MEYER\nBuchhandler und Antiquar\n§§§§§§ BERLIN W 35 §§§§§§\n$ ...\nAnkauf einzelner Werke\nund ganzer Bibliotheken\nSoeben erschien: Katalog XVIII: Llter&tur\nGeschichte, Kunstgeschichte, lllustrierte\nWerke in deutscher, engllscher, fran-\nzos. Sprache zu besonders billigen Prehen\nDemnachsterscheint: Katalog XXI/Kunst-\nblatter: Portrats, Stadteansichten, Berliner\nB1 jitter, Karrikaturen, Flugblatter, neuere\nund altere Genrebilder, Blatter von\nMenzel, Beardsley, Rops, Stammbucher\nSilhouetten, Japanbfatter etc. etc.\nKataloge / gratis und franko /\nbitte direkt zu verlangen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-10-21-01-c032", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-10-21_01#c032", "volume": "bmtnabg_1911-10-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "658", "page_fin": "658", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.2.32", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "658", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.8", "debut_caractere": 3283, "fin_caractere_exclue": 3547, "texte": "Edmund Meyer\nBuchhanSfer u. 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Der Prozeß, der dem Grafen Metternich\ngemacht wurde, hat den Sumpf von Berlin bloß-\ngelegt. Man entsetzte sich allgemein. Die Zei-\ntungen, dadurch angeregt, brachten seitenlange\nBerichte über alle „Gemeinheiten, Scheußlichkeiten\nund Widerwärtigkeiten\", die vor Gericht enthüllt\nwurden. Eine Orgie des Enthüllens wurde gefeiert.\nDas Gericht enthüllte, der Staatsanwalt enthüllte,\nvder Angeklagte enthüllte, seine Frau, die Vertei-\ndiger enthüllten, die Zeugen, die Zeitungen. So daß\nman sich schließlich einbildete, die Nacktheit in\neigener Person vor sich zu haben. Nachdem man\nnun allerseits überzeugt war, die wirkliche Nackt-\nheit wirklich zu sehen, brach der allen Orgien fol-\ngende Jammer aus. Der größte Teil der Festie-\nrenden war ja nun leider nicht mehr „in der Lage\",\nder Menschheit ganzen Jammer zu offenbaren. Man\nhatte sich übrigens genug offenbart, um sich\nwieder in ein wohlverhülltes Privatleben zurück-\nzuziehen. Nur die Leitartikler der Presse konnten\nnicht umhin, Jammernswürdiges auszusprechen.\nDer Sumpf schien tatsächlich bewiesen. Jetzt heißt\nes, ihn zuzudecken. Die Leute in der Provinz\nsollen nicht etwa glauben, daß ganz Berlin auf\nsolchem Boden aufgebaut sei. Der Sumpf wurde\nvielmehr tout Berlin und insbesondere Berlin W\nin die Schuhe geschoben. In die teuflischen Lack-\nschuhe, die man dort trägt, in die durchbrochenen\nStrümpfe, in die Herrlichkeiten des Herrn Poiret,\nin die „mondainen\" Frisuren. So wurde Berlin W\nersäuft. Das arbeitsame Berlin war gerettet, die\nKonfektionäre und die Dichter der Presse nebst\nallen übrigen ehrlichen Spießbürgern schoben mit\njener berühmten Bewegung und gemeinsamen Kräf-\nten Berlin W von sich. Sie sind nicht wie diese.\nDoch noch rechtzeitig besannen sich diese Herr-\nschaften, daß sich ihre Privatwohnungen, ihre\nFrauen und ihre Töchter auf jenem sumpfigen Bo-\nden befanden, den sie erst so gern enthüllt und nun\nso gern wieder verdeckt hätten. Es wurde be-\nschlossen, auch Berlin Wi wieder zu retten.\nDen Leuten in der Provinz soll gezeigt werden,\ndaß Berlin W. gar nicht so schlimm sei, wie es\nnach dem Metternichprozeß schiene. Zunächst\nmußte die Geographie helfen. In einer feinsinnigen\nAnalyse bemerkte der eine, daß Berlin W eigent-\nlich aus Charlottenburg, Wilmersdorf und Schöne-\nberg bescehe, und daß entsprechende Beschuldi-\ngungen gt gen diese Städte zu richten seien. A n -\ndererseits könne man nicht „behaupten, daß die\nTausende, die zwischen dem Tiergarten und dem\nGrunewald leben, Tagediebe, Hochstapler, Ehe-\nbrecher und Schieber seien.\" Im Gegenteil. Dort\n„wohnen die Chefs, die Kaufleute, Industrielle, Ge-\nlehrte, Künstler, Techniker, Schulmeister, Richter\nund Advokaten\". Ich gehe sogar noch weiter und\nbehaupte, daß in dieser Gegend nicht ein einziger\nMensch wohnt, der sich öffentlich zu dem Beruf\neines Tagediebes, Hochsiaplcis. Ehebrechers oder\nSchiebers bekennt. Das tut man nicht. Nach mei-\nnen schwachen geographischen Kenntnissen muß\nich aber sagen, daß die Personen, die im Neben-\nberuf sich den angedeuteten Tätigkeiten hingeben,\nsich kaum auf eine Himmelsrichtung beschränken\nlassen, und daß nicht einzusehen ist, warum man\nnicht auch in Berlin W einen Nebenberuf haben soll.\nSchließlich gibt es dort auch eine Menge Menschen,\ndie durch ihren Hauptberuf nicht allzusehr belastet\nsind. Aber ein Leitartikler behauptet, daß Berlin\nW der Brennpunkt aller geschäftlichen und\ngeistigen Interessen Deutschlands sei. Der Punkt\nwird noch dadurch glaubhaft gemacht, daß es im\nWesten Berlins viele Behausungen gibt, die nur\nzwei bis vier Zimmer umfassen. Die geschäftlichen\nund geistigen Interessen Deutschlands leben also in\nden Gartenhäusern, während vorne — da hätten\nwir beinah den wunden Punkt von Deutsch-\nland. Nun wirft man allerseits mit sittlichem Ernst\ndie „brennende Frage\" auf, wie die „Außenwelt\"\nzur Vorstellung von Berlin W als Sumpf käme.\nUnd die brennende Frage wird gelöscht. „Romane,\ndie zu einem erheblichen Teile von Snobs für Snobs\ngeschrieben werden, und Gerichtsverhandlungen\nhaben Berlin W. in Verruf gebracht.\" Was kann\nBerlin W. nun tun? Es muß den Dichtern und den\nRichtern auf die Finger sehen. Wo stecken die\nSnobdichter, die für Snobs schreiben? Da ist zum\nBeispiel der Dichter Edmund Edel, Mitarbeiter des\nBerliner Tageblattes und der B. Z. am Mittag. Da\nist der Dichter Doktor juris Artur Landsberger, Mit-\narbeiter und Verwandter der B. Z. am Mittag, da\nist der Dichter Walther Turszinsky, Mitarbeiter\nsämtlicher Generalanzeiger Deutschlands, da ist der\nDichter Rudolf Lothar, Mitarbeiter des Berliner\nLokalanzeigers. Das sind die Dicliter, um einige\nvon der Sorte zu nennen, die Berlin W. in Verruf\nbringen, die nicht in den Gartenhäusern wohnen,und\ndie in allen den Zeitungen mitarbeiten, die im Leit-\nartikel solche Dichter perhorreszieren. Aber, sagen\ndiese Zeitungen, „die Berliner Literatur erschöpft\nsich für viele ehrsame Leute der Provinz mit den\nLeuten, die im Cafe Größenwahn die soziale Frage\nlösen.\" Dem Cafe Größenwahn wird überhaupt\nein entscheidender Einfluß eingeräumt, ein Einfluß,\nder bekämpft werden soll oder muß. Die Herren\nder Presse schreiben nicht nur in Wortverbindun-\ngen, die sie nicht auflösen können. Es ist vielmehr\neine spezifische Eigentümlichkeit der Berliner Jour-\nnalistik, daß siw es uicJit einmal versteht, Tatsachen\ntatsächlich zu berichten. Ihr Sinn ist so abge-\nstumpft, daß sie Begriffe sehen, wo Menschen sind,\nund Menschen sehen, wo Begriffe sterben. Das\nvielgenannte und viel besprochene Cafe Größen-\nwahn ist das Cafe des Westens, Kurfürstendamm\n17. Jedesmal, wenn ich dieses harmlose Lokal\nnach einem solchen „Angriff\" wieder betrete, sehe\nich mich erstaunt um. Ich suche die „markanten\nErscheinungen der Boheme\", die in ihm verkehren\nsollen. Ich suche die Literaten, die die soziale\nFrage loesen, ich lausche nach den literarischen\nGesprächen, die dort geführt werden sollen. Zwar\nsehe ich gelegentlich dort den Dichter Edel und\nden Dichter Lothar, den dünnen Aram und den\ndicken Schienther, den Dichter Turszinsky und den\nDichter Hollaender, aber ich bin noch nie auf die\nIdee gekommen, daß die Herren literarische\nGespräche führen, soziale Fragen lösen oder grö-\nßenwahnsinnig sind. Die Zeitungen, die sich im\nLeitartikel gegen sie wenden, werden nicht be-\nhaupten wollen, daß diese Herren eines Wahnes\nfähig sind. Ihnen fehlen alle Sinne und vor allem\nder Sinn für Kunst. Diese Herren und die andern\nKaufleute, die im Cafe des Westens verkehren,\nsind sicher keine geeigneten Objekte für Größen-\nwahn. Denn Groeßenwahn, sagt Karl Kraus, ist\nnicht, daß man sich für mehr hält, als man ist, son-\ndern für das, was man ist. Die Leitartikler sollten\nsich einmal in dieses Cafe wagen, und sie werden\nerstaunt ihre Freunde und Kollegen vom Feuille-\nton dort wiedertreffen. Wenn die Herren so um\nden Verruf von Berlin W besorgt sind, müßten sie\nvor allem ihre eigenen Blätter lesen.\nAber nicht nur die Dichter, auch die Richter\nwerden verdammt. Mit Heftigkeit, ja mit Em-\npörung wendet sich die Presse gegen die nirgends\naufgestellte Behauptung, daß das arbeitende, schaf-\nfende und strebende Berlin sich auf dem Kriminal-\ngericht ein Stelldichein gibt. Wer kann Herein\nauf diese Vermutung bringen, als ihre eigenen Be-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "652", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.2", "texte": "richterstatter? Was können die Richter dafür, daß\ndie Journalisten jedes Schimpfwort im Fettdruck\nwiedergeben? Also auch in diesem Fall sollten sich\ndie Kollegen auf ihre Mitarbeiter besinnen.\nWas ist nun eigentlich Fürchterliches im Pro-\nzeß Metternicht enthüllt worden. Da gab es einen\nGrafen, der Schulden rtlachte und sie nicht bezah-\nlen konnte. Das hätte man nicht vermutet. Da\ngab es eine Kokotte. In Berlin. Das hätte man\nnicht vermutet. Da gab es eine Lebedame, die\nKavalieren Geld pumpte. Das hätte man nicht ver-\nmutet. Da gab es eine reiche Frau, die ihre Toch-\nter gern mit einem Aristokraten verheiraten wallte.\nDas hätte man nicht vermutet. Da gab es einen\nSchuhwarenhändler, der Schuhe im Preise von\nfünfzig Mark anfertigt. Das hätte man nicht ver-\nmutet. Da gab es einen Automobilfabrikanten, der\neinen Wagen auf Wechsel verkaufte. Das hätte\nman nicht vermutet. Da gab es den Zeugen Edel,\nder als Humorist auftreten wollte. Das war die\neinzige Enthüllung, die der Prozeß bot. Und di e\nmißglückte. Wo aber ist der Sumpf? Der Sumpf\nvon Berlin W? Warum so pathetisch? Muß man\ndenn jede Pfütze gleich Sumpf nennen? Jeden\nSchuldenmacher Betrüger? Jede reiche Frau He-\nrodias? Jedes erotische Mädchen Salome? Jeden\nZeilenschinder Dichter? Nur nicht pathetisch wer-\nder:. Die Schieber auf allen Gebieten sind doch nur\nGeschobene. Die Kunst braucht sie alle auf. Wer\nweder Größe noch Wahn besitzt, soll sich nicht\nüber Größenwahn aufregen. Es gibt auch Lumpe,\ndie nicht bescheiden sind.\nTrust\n„Wir lassen nunmehr den Bericht\nunseres eigens entsandten xw-Spe-\nzialberichter statters über das Cafe\nGrößenwahn folgen. Derselbe\nschreibt uns über dasselbe\nCafé Grössenwahn\nDort, wo die Joachimsthalerstraße den Kur-\nfürstendamm schneidet, haben sie den Sitz der\nHölle aufgeschlagen. Noch rasch vor seinem Tode\nhat Messel das Cafe erbaut, und Cassirer hat die\nWände mit Klimtschen Satanswerken ringsum be-\nhängt. Die Fußböden sind mit Mosaiken ausge-\nlegt, auf denen Hodlers anatomische Selbstherr-\nlichkeit lagert. Getische und Gestühle und alles\nGeschirr und Geräte, der letzte Schrei der Wiener\nWerkstätten.\nScheu und geängstigt hastet der schlichte Bür-\nger am Höllenpfuhl vorbei. Der ehrbare Kauf-\nmann, der sparsame Rentier, der mutige Offizier,\nder tiefe Gelehrte, der berufene Theaterdirektor,\nder standesbewußte Schauspieler, der sich Zeit las-\nsende Handwerker, der herkömmliche Maler, der\nklassische Dichter, der rasende Fuhrmann, der\ntreue Dramaturg, der tennisverdammte Demi-Jüng-\nling, die handkoffertragende Jungfrau, und last not\nleast der bescheidene Lumpensammler werfen einen\nscheuen Blick durch die revolutionären Scheiben\nund empfehlen ihre Seele Wildenbruch und allen\nguten Geistern der großen Kunstausstellung. Blei-\ncher Schauer rieselt durch ihr normales Gebein,\ndurch ihr gesundes Blut. Tief im Innern haben sie\ndämonische Gestalten sitzen sehen. Männer mit\nlangen Haaren, schlangenhaft geringelten Locken,\nwildflatternden Kra.vatten, sezessionistischen Sok-\nken und alkoholfreien Unterhosen leben sich aus.\nDrücken sich bedeutsam in die Sofaecken, bespie-\ngeln sich selbst und gegenseitig, schleudern sich\nbiertonnengroße Weihgefäße um die stefangeorge-\nschen Ohrmuscheln, und bringen durch ruchloses,\ndekadentes Kaffeetrinken die deutsche Kunst an\nden Rand des Abgrunds. Gurgelnde, röchelnde Pe-\nreati ufe auf Schiller und Konsorten unterbrechen\ndie Stille des modernen Denkens, und Holz und\nbehlais Familie Selicke ist der Gral der Tafelrunde.\nErmunternd, erweckend, antretend und\newigen Maß gegen Weimar mahnend, schreitet Arno\nHolz selbst von Tisch zu Tisch, und die Modernen\nküssen des Meisters Hände. Krachend fliegen die\nTagesblätter in die Ecken, die Brockhausbände mit\nGoethe undj Schiller sind verbrannjt, aber von\nHand zu Hand gehen die gesammelten Werke Al-\nfred Momberts. Altenberg kann leider das Reisen\nnicht vertragen, aber Hermann Bahr kommt zwei-\nmal in der Woche herüber, und Alfred Kerr steht\nin ununterbrochener telephonischer Verbindung mit\nder modernen Clique, während Karl Kraus von\nder Wiener Fackel Depeschen sendet. Dann\nschwirrt es in Telephon- und Telegraphendrähten\nvon Ibsen und Hauptmann, von Strindberg und\nWedekind, von Hoffmannsthal und Maeterlinck, von\nShaw und d'Annunzio.\nSo vergeht der Tag, bis abends die große\nOrgie der täglichen modernen Nacht beginnt: die\nmarkzerfressende Zersetzungsarbeit der Cafehaus-\nliteraten. Dann kommt es herangekrochen aus Wil-\nmersdorf und Halensee, sezessionistisches Gewürm,\nkrankhaft Empfindende, bizarre Gesellen, „vom\nGrößenwahn\" geschlagene. Und es beginnt ein\nirrsinniges Lallen. Klein Eyolfschen Banalitäten\nwerden Shakespeares unsterblichste Wortspiele\ngeopfert. Hauptmanns naturalistische Platitüden\nSchillers Betrachtungen über die Lebenskraft der\nSonne vorgezogen. Lerchenjubel, wogendes Aeh-\nrenfeld, braune Scholle, schmucke Bauerndirnen,\nder Schrei der Möwe und all die tausend Vögel,\ndie in der Brust der heimatkünstlichen Menschen\nsingen, alle die alten geheiligten Güter der Kunst\nwerden verlacht und verhöhnt. Scheerbarts Muse\nwird mit metaphysischer Inbrunst abgeknutscht,\nHeinrich Manns Romane in den unmöglichen Me-\nlodien Herwarth Waldens gesungen.\nUnd um Mitternacht hebt an das große Opfer\nder gegenseitigen Beweihräucherung: ein gigan-\ntisches Ueberschreien, Einandervorlesen; tolle\nWortgebilde durchdringen die Lüfte, Sätze, die\nman weder bei Schiller noch bei Goethe findet, un-\nverständliches Gestammle, französische, italienische\nWortkonstruktionen ohne germanische Deutlich-\nkeit, unreife Ansichten über Grillparzer und Hebbel.\nJunge Fante, die nie den Ernst des Lebens kennen\ngelernt haben, entziehen, sich weimarscher Zucht\nund weigern sich, in fünffüßigen Jamben zu dich-\nten Auf kristallenen Schalen werden die wertvoll-\nsten unaufgeklärten Dramen in Lilasamt und Silber-\nschnitt gebunden herumgereicht. Kaffee rinnt auf\nKaffee, nur Seiten vom schlichten Selters unter-\nbrochen. Der Taumel wächst. Baudelaire, Ver-\nlaine und Flaubert werden in eine einzige Silbe\ngeschweißt, Monet wird zu Manet und Manet zu\nMonet. Peter Hille wird durch Tischrücken her-\nangeholt, Begrüßungstelegramme werden gesandt\nan Paul Claudel und Thaddäus Rittner. Und nach-\ndem Else Lasker-Schüler sechs Gedichte vorgelesen\nhat, in denen sich nichts reimt und keine Verbin-\ndung mit Heine oder Busse-Palma zu finden ist,\nläuten fingerfertige Jünglinge zum Beardsley-Dienst.\nUnd während Speisen- und Getränkekarten, Tage-,\nWochen- und Monatsblätter, Wände und Marmor-\nplatten mit schamlosen amoureusen Verrenkun-\ngen gedeckt werden, kauern sezessionistische Ma-\nler auf der Treppe und verzeichnen anatomisch fest-\nstehende Tatsachen. Lovis Corinth stöhnt nach\ndegoutanten Vorwürfen, Oskar Kokoschka hat sich\netwas Straßenstaub mitgebracht, den er für ein\nKolossalgemälde braucht, Max Pechstein hält Men-\nschenleiber für Paletten. Wild dröhnt die Tschu-\ndikantate. Hungrige verlangen Speisekarten mit\nPeter Behrens-Typen. Aber anstatt zu essen\nschieien sie unaufhörlich Greco, Greco — a bas\nVelasquez! und Minderjährige bringen Hochs auf\nMünch und Julius Meier-Graefe aus. Und dann\nspreizt der Wahnsinn der Moderne seine Fang-\narme aus: lange Arme, viel länger als anatomisch\ndenkbar und erweislich wahr ist, mit Fiederhänden,\ndie es so wenig gibt als das Wort selbst, und\nNeo-Krallen: weißlich grüner Gischt tritt den Be-\nsessenen vor den Mund, ilire Augen werden van-\nGoghisch grün, was sich durch Lichtreflexe aller-\ndings erklären läßt\nUnd die beliebtesten Genien in ihren respek-\ntiven Heimen aufgescheucht, und an ihren tradi-\ntionellsten Gefühlen\" verhindert brechen auf und\nsuchen das Land, wo der koffeinfreie Kaffee ge-\ndeiht und der koholhaltige Kohol.\n\nSchopenhauer und die\nPolitik\nVon Max Steiner\nWir sind glückliche Leute. Jahrtausende haben\ndaran gezweifelt, daß es für die Menschen auf Er-\nden einen Fortschritt gibt Heute sind wir längst\nam Ziel.\nJeder Volksredner weiß es: Gebt dem Volke\nFreiheit, über sich selbst zu bestimmen, räumt ihm\nalle Schranken hinweg, auf daß es sich entwickeln\nkann. Denn der Fortschritt des Volkes bedeutet\nden Fortschritt der Menschheit.\nJeder Volksredner sagt es. Und die Größten\nder Nation? Sind auch sie dem demokratischen\nGedanken mit Sympathie entgegen gekommen?\nWie haben jene über den Fortschritt der Mensch-\nheit gedacht, die doch allein der Menschheit geistig\nGut gemehrt und verwaltet haben?\nSie sprachen nicht wie die Volksredner von\nheute. Daß Goethe so streng konservativ gesinnt\nwar. haben ihm die Demokraten des neunzehnten\nJahrhunderts von Ludwig Börne bis Anton Menger\nverübelt. Goethes großer Zeitgenosse in Königs-\nberg, den ein Führer der äußersten Linken einmal\nzu den Republikanern zählte (bloß weil er nicht\nwußte, was man in Königsberg unter dem Wört-\nchen „republikanisch\" verstanden hat), widmet sei-\nnen angeblichen Gesinnungsgenossen die lehrreichen\nWorte: „Der Pöbel der Vernünftler . . . schmähet\nauf die Regierung, in deren innersten Plan er nicht\nzu dringen vermag, deren wohltätigen Einflüssen\ner auch selbst seine Erhaltung und die Kultur ver-\ndanken sollte, die ihn in den Stand setzt, sie zu\ntadeln und zu verurteilen\" (Kritik der reinen Ver-\nnunft, Seite 668; erste Ausgabe.).\nDaß Friedrich Nietzsche demokratischen Ein-\nrichtungen nicht zugetan war, ist bekannt. Was er\naber vom Liberalismus sagte, wird selten erwähnt;\nund ist doch nicht ohne Interesse. Ist allerdings\nauch eine unangenehme Wahrheit. „Die liberalen\nInstitutionen hören alsbald auf, liberal zu sein, so-\nbald sie erreicht sind: es gibt später keine ärgeren\nund gründlicheren Schädiger der Freiheit als libe-\nrale Institutionen. Liberalismus: auf deutsch Her-\ndenvertierung\" (Götzendämmerung § 38).\nIn die freisinnigen Zirkel, deren unverstan-\ndener Liebling Nietzsche ist, hat sich jenes bittere\nWort nie gewagt. Die Kreise der „Aufklärung\" be-\nsitzen ein merkwürdiges Geschick darin, das We-\nsentliche in den Anschauungen eines Meisters zu\nverkennen oder zu verhüllen. Und so gelingt es\nnur allzu gut, das Ansehen berühmter Männer dem\nverderblichen Doktrinarismus dienstbar zu machen\nund die mißdeuteten Ideale der Vergangenheit mit\nden politischen Zielen einer kleinen Gegenwart zu\nverbrüdern. Es gibt Frauenrechtlerinnen, deren\nWortaberglaube verführerisch genug ist, sie den\nErzfeind Nietzsche vergöttern zu lassen. Und man\nkennt „Friedensfreunde\", die Kant als „Pazifisten\"\nrühmen. Denselben Kant, dem wir einen der herr-\nlichsten Lobsprüche des Krieges verdanken. Wel-\ncher moderne „Pazifist\" dürfte das Bekenntnis wa-\ngen, daß der „Krieg etwas Erhabenes an sich habe\"?\n„Dahingegen ein langer Friede den bloßen Han-\ndelsgeist, mit ihm aber den niedrigen Eigennutz,\nFeigheit und Weichlichkeit herrschend zu machen\nund die Denkungsart des Volkes zu erniedrigen\npflegt\" (Kritik der ästhetischen Urteilski aft § 28)."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "653", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.3", "texte": "Wertvoller noch als Kants Anschautingen sind\ndie politischen Grundsätze Schopenhauers. Denn\nan Welterfahrung war Schopenhauer seinem gro-\nßen Lehrer weit überlegen, so wenig auch der\nFrankfurter Philosoph als Metaphysiker Kants Be-\ndeutung zu erreichen vermochte.\nSchopenhauer beobachtete die Welt nicht vom\nStudierzimmer aus. Er legte allen seinen Lehren\ndie Erfahrung zugrunde, und das Leben selbst war\nder Garten seines Schaffens. Und nie hat Jemand\ndie Demokratie schärfer kritisiert als dieser Men-\nschenkenner, von niemandem wurden die Behaup-\ntungen der modernen Menschheitsbeglücker stärker\nangegriffen als vom Philosophen der Liebe und des\nMitleids.\nSchopenhauer hat die Demokratie an der Ar-\nbeit gesehen. Die Stürme des Jahres 1848 ver-\nschonten auch Frankfurt nicht, und unter den Fen-\nstern Schopenhauers kämpfte das Volk für eine\nvermeintliche Kultur. In einem Brief an Frauen-\nstädt äußert sich der große Pessimist über jene\nEreignisse. „Was haben wir erlebt!\" schreibt er,\n„denken Sie sich, am 18. September eine Barrikade\nauf der Brücke und die Schurken bis dicht vor mei-\nnem Hause stehend, zielend und schießend auf das\nMilitär in der Fahrgasse . . . Plötzlich Stimmen\nund Gepolter an meiner verschlossenen Stuben-\ntüre: ich, denkend, es sei die souveräne Kanaille,\nverrammle die Tür mit der Stange . . . Endlich die\nfeine Stimme meiner Magd: ,Es sind nur einige\nOesterreicher!' Sogleich öffne ich diesen werten\nFreunden: zwanzig blauhosige Stockböhmen stür-\nze« herein, um aus meinen Fenstern auf die Sou-\nveränen zu schießen . . , Aus dem ersten Stock\nrekognosziert der Offizier das Pack hinter der Bar-\nrikade: sogleich schicke ich ihm den großen dop-\npelten Operngucker . . .\"\nRadikaler kann der „reaktionärste Scharf-\nmacher\" nicht schreiben. Hier wird alles in den\nKot gezerrt, was der Demokratie heilig ist. Der\nGlorienschein, mit dem alte Revolutionäre das\nSturmjahr umgeben, ist hier vollkommen verblaßt.\nUnd von den „Helden von 1848\" bleibt nur das\n„Pack hinter der Barrikade\" übrig . . .\nMit der „neuen Richtung\" hat sich Schopen-\nhauer niemals versöhnt. Das demokratische Dogma,\nrfaß nur in parlamentarisch regierten Staaten die\nFreiheit der Wissenschaft verbürgt sei, bekämpfte\nder große Philosoph aufs heftigste. Das republika-\nnische System hielt er für widernatürlich und für\nungünstig dem höheren Geistesleben, den Künsten\nund Wissenschaften. Die „Souveränität des Vol-\nkes\" anerkannte er wohl in gewissem Sinne. Aber\ner sah ein, daß das Volk ein „ewig unmündiger\nSouverän\" sei. Und daß es aus diesem Grunde zum\nSpielball „hinterlistiger Gauner\" (Demagogen) wer-\nden müsse.\nDie geringe Achtung, die Schopenhauer dem\npolitischen Verständnisse des Volkes erwies, machte\nihn auch zum Gegner der Preßfreiheit. Er be-\ntrachtete diese als eine Erlaubnis, Gift zu verkau-\nfen: Gift für Geist und Gemüt. „Denn was läßt\nsich nicht dem kenntnis- und urteilslosen großen\nHaufen in den Kopf setzen . . . Ich fürchte daher,\ndaß die Gefahren der Preßfreiheit ihren Nutzen\nüberwiegen.\"\nDas konstitutionelle Königtum Englands\nwünschte Schopenhauer nicht für die Deutschen.\nUnserem Parlamentarismus begegnete er mit Miß-\ntrauen, weil die britische Verfassung das Ergebnis\neiner nationalne Entwicklung sei; wo aber eine\nsolche Entwicklung fehle, müsse der Parlamentaris-\nmus etwas Fremdes bleiben. „In jedem deutschen\nDuodezfürstentum,\" sagte er, „wird eine Parodie\nder englischen Verfassung aufgeführt .. . Der\ndeutsche Michel hat sich von seinem Schulmeister\neinreden lassen, er müsse in einem englischen Frack\neinhergehen . . . Aber der Frack wird ihn noch\nsehr drücken und inkommpdieren . . \"\nAm wenigsten war Schopenhauer der Institu-\ntion der Schwurgerichte zugetan. Er nannte die\nJury ein „malignum vuigus4\", dem es an Vernunft\nund Gerechtigkeitssinn fehle. Wenn gar Verbrechen\ngegen den Staat und sein Oberhaupt von den Ge-\nschworenen gerichtet werden sollten, so hieße das\nden Bock zum Gärtner machen.\nSchopenhauer geht in seinem Haß gegen libe-\nrale Prinzipien manchmal zu weit. Daß er aber\neinen guten Blick für die Bestrebungen seines Zeit-\nalters hatte, wird man nicht leugnen können. Am\ndeutlichsten zeigt sich die Schärfe seines Urteils\nin dem Zeugnis, das er dem öffentlichen Wirken\nder Demokratie ausstellt. Was er damals über\ndas Wesen der Volkspolitik sagte, gilt heute noch\nebenso wie vor fünfzig Jahren. „Ueberall und zu\nallen Zeiten,\" erklärt er, „hat es viel Unzufrieden-\nheit mit den Regierungen, Gesetzen und öffentlichen\nEinrichtungen gegeben; großenteils aber nur, weil\nman stets bereit ist, diesen das Elend zur Last\nzu legen, welches dem menschlichen Dasein selbst\nunzertrennlich anhängt .. . Jedoch nie ist jene\nVorspiegelung auf lügenhaftere und frechere Weise\ngemacht worden, als von den Demagogen der Jetzt-\nzeit'. Diese nämlich sind, als Feinde des Christen-\ntums, Optimisten; die Welt ist ihnen ,Selbstzweck*\nund daher an sich selbst . . . ganz vortrefflich ein-\ngerichtet . . , Die nun hiergegen schreienden, ko-\nlossalen Uebel der Welt schreiben sie gänzlich den\nRegierungen zu: täten nämlich nur diese ihre\nSchuldigkeit, so würde der Himmel auf Erden\nexistieren, d. h. alle würden vollauf fressen, saufen,\nsich propagieren und krepieren können: denn dies\nist die Paraphrase ihres Selbstzwecks' und das\nZiel des unendlichen Fortschritts der Menschheit',\nden sie in pomphaften Phrasen unermüdlich ver-\nkündigen.\"\nDoch des Negierens genug. Ein so überzeu-\ngungstreuer Monarchist wie Schopenhauer läßt\npositive Ideen nicht vermissen. Schopenhauers\nhöchster Wunsch sehnte die deutsche Einheit her-\nbei. „Ein Kaiser, der den Frieden im Innern wahrt\nund des Reiches Einheit nach außen vertritt,, —\ndas war sein politisches Programm. Und er hatte\nerkannt, daß der Parlamentarismus Deutschland\nnicht geben werde, was die Monarchie dem Deut-\nschen verbürgte. Daß ein deutsches Kaisertum die\nStütze der nationalen Wohlfahrt sei, daß aber die\ndeutsche Republik nur eine traurige Zukunft zu\nbringen vermöge.\nSchopenhauer hat die Verwirklichung seiner\nIdeale nicht mehr erlebt. Auch die Genugtuung\nblieb ihm versagt, die Mittel, die er empfohlen,\nerprobt zu sehen. Erst zehn Jahre nach seinem\nTode geschah das Wunderbare: Deutschland er-\nschaffen — von der Monarchie gegen das Parla-\nment . . .\nDiese Tatsachen sind der Demokratie nicht\nhold. Und zu der Phrase, daß Bildung und Wis-\nsenschaft mit dem Liberalismus verbündet seien,\nliefert die Geschichte der Philosophie den ironischen\nKommentar . . .\nDie nachgelassenen Schriften von MAX STEINER,\nherausgegeben und eingeleitet von Kurt Hiller, werden sehr\nbald im Verlag Ernst Hofmann und Co, Berlin erscheinen.\nEine Besprechung seiner Werke soll im STURM erfolgen\n\nItalien\nVon Jacob von Hoddis\nI\nLaß ab mit Gesten trauriger Poeten\nIn Reim und Wohllaut sinnig zu verklingen,\nDu brauchst auch nicht als schlauster der Propheten\nProbleme lösend, nach Erlösung ringen.\nHier spreizen sich die keck zum Dom verpraßten\nRundbogen, Mosaiken, Marmorquasten.\nVenedigs Lüfte kitzeln deine Haut.\nAuf Säulchen tronen hier Geflügelgreife.\nSteinerne Löwen heben ihre Schweife.\nEin Dampfer kommt und raucht und tutet laut.\nUnd leise staunend gondle durch die Buntheit,\nNur noch zu sanften Räuschen der Gesundheit\nSahst du am Ligo tausend Weiber nackt?\nO, lobe die Lagunen, die so stinken,\nIn süße Tage wirst du bald versinken\nVergnügt, Genießer, oft befrackt.\nII\nSo ward er klug und hat sich tief entzückt\nAn jedem Dinge, das ihn angeblickt.\nAn jedem Hauch, der ihn aus Gärten anweht,\nAn jedem Heldengauch, der ihn nichts angeht.\nAm weißen Tag und purpurnen Geweben,\nUnd Bildern keusch und bunt, an Dunst und Tai,\nAn wilden Kirchen, wo die Engel schweben,\nAm festgefügten schweigenden Portal!\nNun steht er da auf einem breiten Platze,\nUnd weiß nicht mehr; zu welchem Wunder wandern.\nDie Häuser prunken eines wie die andern.\nDie Sonne glüht als fette Feuerglatze.\nJa, hätt' ich Feinde zu endlosen Kämpfen,\nLieße mein Haß mich viele Straßen gehen.\nHat nicht den I eufel mit den Schwefeldämpfen\nSich Gott zum Zeitvertreib einst angestellt?\nEr steht und grübelt, seine Sinne flehen:\nEntdecke dir die Häßlichkeit der Welt.\nIII\nDoch ein Palast stand huldvoll in Florenz,\nEr hob Sich starr in steile Sonnengluten\nMit reichem runden, steinernen Gekränz,\nSein Tor verzierten wuchtige Voluten.\nEr sprach: „O Mensch! du weißt doch, was wir\nlehren!\nGebildeter! schon Goethe hat erkannt es:\nWer wird das Leben unnütz sich erschweren!\nMan stell sich auf und sei was imposantes.\nDu aber liebst dir das Geabenteure,\nDu blickst bedenklich selbst zur schönsten Zinnung.\nLockt dich der Hohn der Zweifel und das Neure?\nAn meinen Quadern scheitre deine Sinnung.\nEntschließe dich, auf Goethens Pfad zu schreiten\nMit Männertritt und würdig froh gelaunt!\nSein weißer Schlafroch glänzt durch die Gezeiten.\"\nSprach der Palast. Ich war nicht schlecht er-\nstaunt.\nIV\nDer Mittag kam mit Staub und sehr viel Hitze,\nIch tat mich langsam auf das Kanapee.\nNun liegst du da, du stilisierter Fritze,\nDas ist bequemer als am Gardasee\nLandschaft zu schlürfen, oder zu Firenze\nDie Hallen Michelozzos, Frühlingstänze\nDes Sandro Boticelli oder sowas.\nAch bleib, ach bleib, Genießer, ohne Ende,\nZu schnarchen hier, im Lustrevier des Sofas!\nIch gähnte stolz. So stürze dich verwegen,\nToll, ja toll, mit jauchzendem Munde,\nDen Kopf durch die Wände\nDeinen gefährlichsten Wünschen entgegen.\nSo sprach zu mir die allerstillste Stunde.\nUnd kein Klavier, kein Baby hat\nGeschrien im ganzen Haus.\nUnd die Sonne, die Sonne lag über der Stadt,\nUnd brütete Wanzen aus."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "654", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.4", "texte": "V\nSo waren wir auch in Italien Gäste,\nUnd haben dort so manchen Tag verschlafen.\nWir tranken Wein in Kinematographen,\nUnd krochen durch die Gärten und Paläste.\nUnd gaben manchmal uns den ungestümen\nFapaden hin, Gewölben und Kapellen,\nSchlanken Pilastern und den Ungetümen\nUnd dicken süßen Leibern in Bordellen.\n\nBriefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nLiebe Skiläufer. Oder läuft Ihr nicht Ski?\nWie ich noch so oberflächlich fragen kann, und\nbin in der größten Besorgnis, wo ich mein Manu-\nskript unterbringe. Ich muß doch eine Familie er-\nnähren, ich meine meinen Paul in allen Schmeichel-\nnamen. Er will nun endlich eine Lokomotive mit\nvier oder vierzig Volt elektrischer Kraft haben oder\neinen Dampfkessel, der täglich hundert Kubikmeter\nverträgt, fünfzig Pferdekraft stark ist. Ich bitte ihn\ngar nicht mehr um Einschränkung seiner Wünsche,\ner wird wütend über meine Unwissenheit in tech-\nnischen Dingen. Ich glaube, er ist Edison und er\nwartet nur noch einen Monat höchstens, dann\nsoll ich mir einen Laden aufmachen und alles einen\nPfennig billiger verkaufen. Vielleicht hat er recht!\nAuch verwirft er meine Bücher und mein Schau-\nspiel habe ich von Schiller abgeschrieben. Ihr\nmüßt nur seine Modelle für ein neues Luftschiff\nsehen, er erklärt mir unermüdlich von Propellern.\nMorgen muß ich alles auswendig wissen. Ich hab'\nmir was geboren!! Wo bring ich nun schnell\nmein Manuskript unter? Erkundigt Euch doch mal\nin Norwegen nach einem blutmutjungen Verleger.\nHeut Nachmittag geht Paul mit Hüne Caro aus, sie\nhaben beide zusammen eine Braut.\nLiebe Jungens. Ich habe Frau Franziska\nSchultz besucht. Ihr Schutzhaus für die Neuge-\nborenen ist so österlich. Lauter kleine rosarote\nZuckerostereier gucken nebeneinander versteckt\naus weißen Kissen. So reizend ist das anzusehen,\nund ein Negerküken liegt auch dazwischen —\ngeradezu Schwarzweißkunst. Ich wollt, ich wär\nauch noch einmal klein. Manchmal wünscht ich\nmir wirklich, jemand führte mich spazieren und ich\nwär erst vier Jahre alt. Die Zeit drückt; die\nmeisten sterben an der Zeit. Darum sollte man\nsdch viel in seine Kindheit zurückversetzen.\nIch möchte Euch heute Abend nur sagen,\nBerlin ist eine kleine Stadt, täglich schrumpft sie\nmehr und mehr ein. Groß ist eine Stadt nur, wenn\nman von ihr aus groß blicken kann. Berlin hat\nnur ein Guckloch, einen Flaschenhals, und der ist\nauch meist verkorkt, selbst die Phantasie erstickt.\nGute Nacht.\nLiebe Brüder. Ich bin außer mir, der Pitter\nBoom, den ich berühmt im Sturm gemacht habe,\nschreibt mir folgende wörtliche Ansichtskarte:\nLiebe Tino. Herwarth hat recht. Wenn ich auch\nfinde, daß zu Ihnen alles paßt, so paßt mir doch\nnicht alles. Sehr muß ich bitten, endlich meine Fa-\nmilie aus dem Spiel zu lassen. Ich lese wöchent-\nlich den Sturm. Großen Dank für den plattdeut-\nschen Brief darin. Ich bleibe noch etwas hier, fern\nvon der Cafehausglocke. Die norwegischen Briefe\nsind ja wunderschön. Herzliche Grüße aus Hid-\ndensee. Peter Baum.\nHabt Ihr Worte — vielleicht irgendwelche\nNordpollaute? Ich brauche sie, meinen Zorn abzu-\nkühlen. Aber ich weiß etwas, was Ihr nicht wißt.\nAber ich habe einen Eid geleistet, es nicht wieder-\nzusagen, trotzdem es mich eigens betrifft. Warum\nverteidigt man sich selbst eigentlich, man sollte\ndoch gegen sich nicht argwöhnen. Ich bin ganz\nunglücklich, daß ich es keinem Menschen sagen\ndarf. Wenn mich doch ein Geschöpf dazu zwingen\nwürde! Oder wenigstens Peter Baum käme, und\nich es in die Natur schreien könnte. Seid Ihr nicht\nneugierig?\nLiebe Kameraden. Mein Eid wurde eine\nZwangsidee, oder vielmehr ich könnt ihn nicht be-\nzwingen. Der verdammte Cajus—Majus kam mir\nheute am Spittelmarkt entgegen, wo der Krögel ist,\nund sagte, ich sähe aus, als ob ich an Depressio-\nnen leide. Seine Mutter aber fand, (Dr. Hiller hat\ndoch eine ganz jugendliche, reizende Mutter) ich\nsehe ganz munter aus. „Das bin ich ja gerade,\nselig bin ich, und kann keinem Menschen sagen\nwarum. Meine Kusine Therese aus der Tiergarten-\nstraße hat mir vorige Woche zweihundert Mark\ngeschickt. Ich sollt mir einen Mohrenmantel\nkaufen!\" Mutter und Sohn haben mir versprochen,\nes Niemandem wiederzusagen. Ich setzte mich\ndann erleichtert, noch dazu mit dem Rest der zwei-\nhundert Mark, an die Spree hin. Alle diese prak-\ntischen, unnotwendigen Sachen, die ich für meine\nMillionen bezahlt habe — den Mohrenmantel be-\nsäße ich wenigstens noch! Müßten mir nicht die\nLeute alle Tribut zahlen? Der Krögel ist ein ge-\nrechter Ort, der Krögel ist der schönste Aufent-\nhalt in Berlin; so denk ich mir die Fjorde von\nNorwegen, wie der Blick auf die plötzlich uner-\nwartete, daliegende Spree mit einem Schuß am\nEnde des schmalen, alten, zerschlissenen Gassen-\narms. Nur Fahnen wehen wohl an den Ufern der\nFjorde — hier stehen über Nacht die kleinen blau\nund weiß gestreiften Eiswagen, die gefrorenes\nHimbeer- und Maikrautsaft für die armen Kinder\nenthalten. Wenn Ihr eine Rose seht, sagt, ich !a8\nsie grüßen.\nWarum ich Euch nichts mehr vom Bischof er-\nzähle? Ich spräche nur immer von mir, sagt er.\nIch glaub, er hat es über. Dabei entdeckte er nur\nin mir ein kleines Dorf, nicht einmal eine meiner\nStädte hat er erobert. Hunderttausend Meilen war\ner immer von Bagdad entfernt Aber wer weiß\nvon meinem Herzen? Alle nur immer auf der\nLandkarte. Ich liege zwischen Meer und Wüste,\nein Mamuth. Mein Bau ist furchtbar und vornehm.\nErschreckt bitte nicht. Aber ich muß mir wirklich\nabgewöhnen, immer von mir zu sprechen, wie Ko-\nkoschka in Wien, der spricht darum gar nicht.\nDenk mal, Herwarth, das Plakat der Neuen Sezes-\nsion war im Cafe. Das ist ja Pechsteins Frau.\nEine Indianerin ist sie wirklich, des roten Aasgeiers\nwunderschöne Tochter; sie ist malerisch wildböse,\nsie trug ein lila Gewand mit gelben Fransen. Und\nnoch viele Maler waren heute im Cafe: Berneis,\nAli Hubert, der Himmelmaler, und Fritz Lederer.\nDer ist der Sohn von Rübezahl. Er und seine\nnagelneue Frau zeigten mir ihr junge Wohnung;\nich mußte mit ihnen Thee trinken. Aus seinem\nAtelier kams immer so frostig durch die Ritzen\nder Türe. Er malt nur Schneebilder. Du kannst\nSchneebälle machen von dem Schnee, der auf dem\nRiesengebirge seiner böhmischen Heimat liegt.\nIch trink jetzt abends immer Tee dort.\nDepesche. Walden-Neimaun. Norwegen.\nHotel Seehund. Hiller, Kurtz, Hoddis sind wieder\nausgesöhnt. Else.\nLiebe Kinder. Ich kam ins Cafe, ich traute\nmeinen Augen kaum, saßen alle wieder ausgesöhnt\nbeisammen. Auch Blaß war unter ihnen und Golo\nGanges. Ich schlich schnell an der versammelte\nLiteratur vorüber. Rudi Kurtz sprach gerade vom\nwilden Mythos meiner Wupper. Wie konnte ich\nje auf ihn schimpfen! Da hört sich doch alles bei\nauf! Soll noch einmal ein Mensch ein böses Wort\nauf ihn sagen. Addio!\n\nAus Berlin\nJuryfrei\nIm Ausstellungshaus, Potsdamerstraße 39, ist\ndie erste Berliner Juryfreie Ausstellung\neröffnet worden. Das heißt: jedes malende und\nbildhauernde Gottesgeschöpf kann seiner Hände\nArbeit wohlfeil an eine Wand der zwanzig zur\nVerfügung stehenden Säle hängen. In Berlin hat\nsich vor einigen Wochen ein „kleines Museum\" eta-\nbliert, ein Geschäft, das Kopien nach berühmten\nBildern billig verkauft. Die Kopien sind nach An-\nsicht des Professors L. P. so gut, daß „man\" sie\nvon den Originalen nicht unterscheiden kann. Die\niuryfreie Ausstellung erweckt denselben Eindruck,\nnur daß man die Originale kennt. Sie geht sogar\nwesentlich weiter als das kleine Museumsgeschäft,\ndas sich nur auf bewährte alte Meister beschränkt,\nwährend in der iuryfreien Ausstellung überhaupt\nalles zu finden ist. Selbst Meister, die es noch\ngar nicht gibt, haben hier schon ihre Epigonen ge-\nfunden. Von Raffael bis Max Pechstein ist alles\nvertreten. Jeder kommt auf seinen Geschmack,\nden er nicht hat. Die „Korrektheit\" mancher\nMaler entzückt. Da hat einer eine alte Bibel ge-\nmalt und man kann sogar den Text genau lesen.\nEin anderer zeigt ein Stilleben, eine Weihnachts-\nkiste, auf der man sämtliche Postvermerke genau\nnachprüfen kann. Diese und ähnliche Bilder wer-\nden ihre Käufer finden, denn das Publikum glaubt\nnoch immer, daß die besten Bilder die sind, die\n„Natur\" vortäuschen. Dann gibt es Oelgemälde,\nderen Poesie in ihren Titeln besteht. „Der Alte\naus dem Sachsenwalde\", „Ein Fichtenbaum steht\neinsam\", „Erinnerungen\", „Abendstimmung\". Diese\nBilder werden auch ihre Käufer finden, denn das\nPublikum sieht nicht mit den Augen, sondern mit\ndem „Verstand\". Das heißt, die meisten Menschen\ndenken sich alles mögliche in einen farbigen Ge-\ngenstand hinein. Es entstehen Gefühlserinnerungen\n(man war mal in der Mark, oder am Meer, oder itt\nder Kirche), der Beschauer erinnert sich an fröh-\nliche oder traurige Stunden und er unterschiebt\nseine Gefühle nicht so sehr dem Bild, wie dem Titel.\nDie einzigen wirklichen Kunstwerke enthält der\nSaal X. Hier haben auch eine größere Anzahl\nMitglieder der Neuen Sezession ausgestellt, die\nselbst auf ihre Gegner in diesem Haus wie Offen-\nbarungen wirken. Es scheint mir überhaupt für\nwirkliche Künstler (also für Menschen, die per-\nsonlichen Erlebnissen selbständige Gestaltung ge-\nben können und nie vergessen, daß sie sich in be-\nstimmten Material ausdrücken) das richtigste zu\nsein, sich mit möglichst vielem Klitsch zu umgeben.\nSo wird das Publikum wenigstens stutzig. Em ff\nNolte stellt zwei vorzügliche Bilder aus. Mo-\nritz Melzer und ArturSegal sind mit guten\nHolzschnitten vertreten. Von Neuen seien genannt:\nHanns Bolz, München, mit einem Bild Montmartre,\nFriedrich Rosenkranz (Frau mit Tablett, Stilleben),\nLeni Zimmermann-Heitmüller (Landhaus mit Lupi-\nnenfeld), August Heitmüller (Bäuerin), Wilh. Morgner\n(Lehmarbeiter). Alle diese Künstler sind durchaus\nnoch nicht unabhängig, namentlich in der Farbe,\naber es sind gute Maler, die wissen, was Malen\nbedeutet. Die weitaus besten Gemälde (dekorative\nBilder) der Ausstellung stammen von Ludwig\nKain e r, den Mitarbeiter von Sturm und Sim-\nplizissimus. Mit eigenen Farben gemalt und in\neigener Formgebung. — Besonders fällt die über-\naus zahlreiche Beteiligung von Frauen auf. Und\nman muß sagen, daß sie im schlechten und im\nguten den Männern ebenbürtig sind. Man kann\nauf dieser Ausstellung nicht Entdeckungen machen,\ndenn die wenigen beachtenswerten neuen Namen\nwären wahrscheinlich früher oder später von der\nSezession oder der Neuen Sezession gebracht\nworden.\nWohl aber scheint mir diese Ausstellung eine\nLehre für alle Jurys zu geben, nämlich die, Bilder"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "655", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.5", "texte": "Artur Segal / Holzschnitt\n\nSicht deswegen abzulehnen, weil sie von Frauen\nsind. Es sind viele unter ihnen, die Aufmerksam-\nkeit verdienen, zum Beispiel: Lene Kainer, Emmi\nWollner, und vor allem die schon bekanntere Anna\nCostenoble (Sitzender Mann). Auch gute Plastiken\nvon Frauen sind zu sehen, sie lehnen sich zwar an\nMinne und Maillol an, haben aber trotzdem schon\neigenes Leben. Vorzüglich ist die Porträtstudie\nvon Margarete Hoenerbach, sehr interessant sind\ndie Bildhauerinnen Eva Lau, Margarete Scheel und\nMaria Schneider. — Ich halte es für überflüssig,\nWerke der bildenden Kunst „poetisch\" zu um-\nschreiben. Das bedeutet für den Leser nichts.\nMan muß sehen. Der Kritiker kann nichts weiter\ntun, als dem Publikum zur Nachprüfung die Masse\nzu nennen, nach denen er wertet. Durch Nennung\nvon Namen gibt er Beispiele. Man soll nicht\n„sich einstellen\", sondern die Augen öffnen. Man\nsoll sehen.\nDie Orestie im Zirkus\nMax Reinhardt ließ von den Mitgliedern des\nDeutschen Theaters im Zirkus Schumann die Ore-\nstie des Aeschylos spielen. Die Zirkusvorstellun-\ngen der griechischen Klassiker werden systematisch\nfortgesetzt. Reinhardt plant bekanntlich das Thea-\nter der Fünftausend. Es soll von ihm „Weihe\" aus-\ngehen. Reinhardt glaubt offenbar, daß Weihe schon\ndadurch entsteht, wenn sich mindestens fünftausend\nMenschen an einem Orte versammeln. Bisher nahm\nman stets das Gegenteil an, und die Vorstellung im\nZirkus Schumann gibt der alten Ansicht Recht. Das\nPublikum war durchaus nicht weihevoll. Im Ge-\ngenteil. Wenn jemand aus Versehen im Dunkeln\nvor Beginn sich in der Zirkusarena, die jetzt stolz\nOrchestra heißt, verirrte, der Kreuzgang\nifiit lubeln und Klatschen gefeiert. Als sich der An-\nfang der Vorstellung verzögerte, lief der Witz\ndurch den Zirkus, daß die Konzession von der Po-\nlizei noch nicht eingelaufen sei, sie aber jeden\nAugenblick kommen müsse. Weihevoll war es also\nnicht. Das ist aber auch nicht nötig. Ich halte die\ngriechischen Klassiker überhaupt nicht für geeignet,\nein Publikum zu unterhalten, in welchem Sinn man\n,\ndas Wort nehmen mag. Kunst hat nichts mit\nBildung zu tun. Deshalb muß heute Aeschylos von\nKünstlern und vom Volke abgelehnt werden. Seine\nTragödien in deutscher Uebersetzung interessieren\nnur die sogenannten Gebildeten. Das sind die Men-\nschen, die sich etwa bei Bildern darüber freuen,\nwelche guten historischen Kenntnisse sie besitzen.\nSie wissen etwa, wann die Kaiserkrönung Karl\ndes Fünften stattgefunden hat, wer sich auf dem\nReichstag zu Worms befand, wer beim ersten Sün-\ndenfall ums Leben gekommen ist, welche Passagiere\ndie Arche Noah barg. Dieselben Leute sind mit\ndem Stammbaum des Herrn Atreus sehr verwach-\nsen, mit dem Fatum leben sie auf vertrautem Fuße\nund in Griechenland finden sie sich besser zurecht,\nals in Berlin. Was ist uns Agamemnon? Was\nKlytemnästra und ihre Familie? Der Muttermord\ngeht uns ebenso viel an, wie irgend ein Mord in\nder Mulackstraße. Mit seiner Hekubafrage hat\nShakespeare schon vor einigen Jahrhunderten\neigentlich die griechischen Klassiker erledigt. Es\nist ja sehr traurig, daß dem Orest so viele böse\nDinge vom Schicksal auferlegt sind. Aber eine Tra-\ngoedie im europäischen Sinne wird nie entstehen\nkönnen, wenn der Held erträgt, was die Schickung\nbringt. Die Fabel, die ja schon für den ziemlich\nalten Aeschylos sehr alt war, gibt uns nichts. Eben-\nsowenig ihre Verwertung durch den „Vater der\ngriechischen Tragödie\". Sein Schöpferisches war\nseine Sprache, die wir nicht hören. Seine Tra-\ngödien waren Kunstwerke der Sprache, keine Dra-\nmen, wie wir sie fordern. Es gi b t keine Größe\ndes Stoffes. Mord und Todschlag stimmen\nnicht tragisch, sind Privatangelegenheiten der Be-\ntroffenen. Kunst erfordert persönliche Gestalttrag\ndes persönlichen Erlebnisses. Wenn wir den grie-\nchischen Sorgen in goethischer Form nachfühlen,\ntun wir reichlich unsere Pflicht. Wir sind Euro-\npäer und nicht Griechen. Und Goethe, auf den sich\nalles berufen, hat zu allererst gefordert, daß jeder\nauf seine Art ein Grieche sei. Uns muß Ibsen\nund selbst Hauptmann mehr bedeuten als Aeschy-\nlos. Auch Reinhardt wird historische Toten nicht\nwieder zum Leben erwecken. Er gab sich große\nMühe. Das Erfreuliche seiner Regie bildet cfas\nStreben nach Einfachheit. Er arbeitete bisher mit\n„Einfällen\". Alles, was ihm einfiel, und wenn es\nnoch so ausgefallen war, wurde gebaut. Alle Stile\nklebte er an sein Gebäude. Deshalb nannten ihn\ndie Kritiker „farbig\". Das Theater aber ist eine\nKunst des Plastischen, des Körperlichen, das Far-\nbige darf nur soweit verwertet werden, wie es\nnicht stört. Dieses Prinzip hat Reinhardt bei seiner\nInczenierung der Orestie befolgt. Nur hat er sich\nnicht überlegt, oder es nicht vermocht, eine Einheit\nin das zu bringen, was nach seiner Ansicht der\nStil der griechischen Tragödieist. Sein stilisiertes\nSprechenlassen besteht in Brüllen. Helden brül-\nlen immer, auch wenn sie vom zitternden Laub\nreden, was sie übrigens lieber nicht tun sollten.\nDas Brüllen dürfte auch Reinhardt schon deswegen\nnicht gestatten, weil er nicht Epigone sein will,\naber so den Stil des Berliner Königlichen Schau-\nspielhauses kopiert. Seine Leute können auch\ngar nicht so gut brüllen. Reinhardt gefällt es of-\nfenbar, aber der Kehlkopf seiner Mitglieder läßt\nes sich nicht gefallen. In solchen Momenten besin-\nnen sich die besseren Schauspieler auf ihre frühere\nbessere Art Theater zu spielen, wie es ihnen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "656", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.6", "texte": "sieber besser gefällt, wodurch aber zugleich der\nStil gefallen ist. Die schwierigere Stilfrage stellt\nder Chor. Und man stellt mit Entsetzen fest, daß\nMax Reinhardt total unmusikalisch ist. Aber er\nliebt die Musik, wie ein Laie oder ein schlechter\nDichter sie liebt. Ihm haben offenbar polyphone\nOpernchöre imponiert. Er stimmt also in Sprach-\ntönen ab. Der Chor spricht etwa „Orestes lebt\"\ntief, höher, noch höher, noch viel höher, noch hö-\nher. Das Crescendo der Musik. Nur vergißt Rein-\nhardt eins: der Tonfall jedes Menschen hat einen\nganz persönlichen Ausdruck. Das Psychische ist\nin der Stimme nicht auszuschalten. Wenn hundert\nMenschen dieselben Worte sprechen, so sprechen\nsie eben einhundert Menschen. Nie wird die Vor-\nstellung entstehen, daß eine Masse spricht. Um\ndiesen Effekt zu erreichen, hat man eben das so\nbekannte und sehr beliebte Singen erfunden. Des-\nhalb ist Reinhardts Idee der Belebung der Sprach-\nchöre ganz falsch und unmusikalisch. Das Un-\nmusikalische zeigt sich auch in der begleitenden\nJVlusik. Sie klingt nach preußischen Chorälen auf\niier Harmoniebasis von Gassenhauern. Die Musik\nzum Aeschylos müßte eben griechisch ges t a 1 -\nte t sein. Dasselbe ist von den Kostümen zu sa-\ngen. Sie sind sicher sehr echt und sehr historisch\nund wirken deshalb kitschig. Auch Kostüme müs-\nsen gestaltet werden. Sie dürfen nicht natür-\nlich sein, sondern künstlerisch. — Nur e i n wirk-\nlicher, großer Schauspieler spielte mit: Mary\nDietrich, die Darstellerin der Kassandra.\nTrust\n\nApotheose\nder Gebrüder Herrnfeld\nRudolf Kurtz\nEin beschauliches Gemüt äußerte: ich kann\nstundenlang nachdenken, warum die Gebrüder\nHerrnfeld so komisch sind. Gewiß: ihre Stücke\nsind ja auch furchtbar komisch, aber das garan-\ntiert doch nicht für die Unterhaltung. Ich habe Herrn\nSchmasow zum Beispiel in geschickter arrangierten\nPossen gesehene und ich bin über diese Portiers-\nhumore nicht aus dem Aerger herausgekommen.\nWollen Sie nicht, lieber Freund, meine dunklen Ge-\nfühle mir ins Bewußtsein heben? Wenn auch das\nThema ein wenig außerhalb Ihres geistigen Inter-\nessenbezirkes liegt, lieber Gott, Sie haben doch\nauch vor Lachen getobt.\nDer Kritiker nahm das Kompliment ernst und\nkroch in sich hinein. Warum wirken die Gebrüder\nHerrnfeld so komisch? Das Orientalische macht es\nkeineswegs, sonst hätte dich doch schließlich auch\nSchildkraut unterhalten müssen? Mit einem Wort:\ner störte ziellos in der Dunkelheit seines Gehirns\nherum. Mit einem heimtückischen Blick auf den\nFrager rettete er sich endlich in ein verbindliches\nLächeln und dozierte mit charmanter Ueberlegen-\nheit:\nDie Leistungen der Gebrüder Herrnfeld grei-\nfen sozusagen über das rein Seelenschauspielerische\nhinaus. An ihren Gestaltungen sind ihre Körperteile\nin einem eminenten Stinne beteiligt. Nun ja, mein\nLieber, einige Schauspieler machen ihr Glüück mit\neinem seelenvollen Gesicht, andere mehr mit einem\ngelenkigen Hintern. Das Seelenvolle bei den Herrn-\nfelds liegt doch in den Extremitäten. Anton,\nder Direktor, fährt mit der Hand zur Wange, zieht\nden Kopf ein, rudert mit einem Beine herum —\nHerrgott! an sich ist die Situation doch ertragbar.\nAls wenn er sie exekutiert — ist es aus mit mir.\nEigentlich wußte der Kritiker nun nicht wei-\nter. Die höfliche Frage in den Zügen seines Gegen-\nüber speicherte eine rasende Wut in ihm auf. Aber\ner hielt an sich. Sie haben mehr Spekulatives er-\nwartet, mein Lieber, mehr Beziehungen auf das\nWeltganze. Gott, wenn es weiter nichts ist! Der\nKi itiker ließ ein grinsendes Lächeln unter den Tisch\nfallen und entäußerte sich aller Verachtung in\neinem meisterhaft ausgeführten Räuspern. Dann\nbegann er:\nAlso der Ernst, der künstlerische Ernst hebt\ndie Leistungen der Gebrüder Herrnfeld auf jenes\nhohe Niveau. Ihre Persönlichkeit ruht mit dem\ngleichen Ernst in ihren verrückten Situationen, wie\ndes Tragöden Seele in seiner pathetischen Gebärde.\nSie sind immer das ganz, was sie vorstellen. Sie\nsind nicht nochmütig. Sie empfinden die Vorgänge\nals Attacken auf ihren eigenen Körper. Sie trans-\npirieren unter dem seelischen Druck ihrer Verhält-\nnisse. Man hat die Empfindung, jeden Abend wer-\nden ihre privaten Existenzen von einem ulkigen\nRegisseur aufeinander losgelassen, verwickelt,\ndurcheinander gehetzt und nach kräftigem Umher-\nschwenken wieder befreit. Wie gesagt, sie schwit-\nzen dabei, aber der Zuschauer hat das Vergnügen.\nSehen Sie, dieser künstlerische Ernst, dieser . . . .\nNun war der Kritiker nicht mehr aufzuhalten,\nzur Kunst steht, und dessen Adern leichteres Blut\ndurchfließt, ist jeden Augenblick bereit, einiges Bit-\ntere über den Lebensernst zu äußern. Er ruiniert\nunser Dasein. Kein leichtes, heiteres Einatmen der\nGeschehnisse, sie sollen mit gepanzerter Faust er-\nwartet und auf ihre Solidität geprüft werden. Ein\nFreund erzählte mir gestern zwei Stunden von Pa-\nris. Es soll dort anders sein. Eine dünnere, geistig\nweniger verpestete Atmosphäre. Viel Leichtfertig-\nkeit, wo der Deutsche metaphysich angeregt wird.\nEine Stadt, meinte er, wo jeder Kitsch in Leucht-\nfarben strahlt, annehmbar und erfreulich. Dann\nsinkt er von der Seele, ohne eine Spur zu hinter-\nlassen. Eine freundlichere Gelenkigkeit des Geistes\nherrscht dort. Eine gefälligere, freundlichere Ge-\nlenkigkeit.\n\nWirkungen\nErnst Blab\nDuell\nin Rudolstadt fand ein Duell statt zwischen\nzwei Gymnasiasten, von denen der eine getötet\nwurde .Ein Schriftleiter hat, ergriffen und unter\nder Ueberschrift „Spiel mit dem Leben\", eine Be-\ntrachtung veröffentlicht, in der er (ergriffen) den\nGymnasiasten Unreife und Spiel mit dem Leben\nvorwirft. Ungefähr. Gegenseitiges Totschießen,\nso blickt es durch seine Betrachtungen durch,\nbleibt Sache ernster, gereifter und ausgewachsener\nMänner. Nur diese haben das Recht, sich in das\nLeben zu verrennen . . . bis zu einem Aufgeben\ndes Lebens.\nWenn Gymnasiasten sich duellieren in früher\nVerwirrung, im Heißsein, im Dumpfsein; in\nSchmerzzerstücktheit; in Inbrunst, Gipfeln, Tränen-\nSeligkeit — dann darf nur der von Unreife sprechen,\nder bei Ausgewachsenen von Dummheit spräche.\nNur der.\nEin Schriftleiter denkt immer an „Unreife\",\nwenn er hört, einer hat Schopenhauer, Nietzsche,\nWilde gelesen.\nEin Engel\nHerr Fritz Engel gibt in einer Würdigung zu\nverstehen, er sei der Ansicht, das Bumßige an\nSudermann sei nicht kühl ertüftelt. Sondern viel-\nmehr gradezu innerste Natur dieses Dichters sei\ndies Bumßige. Ungefähr so Herr Engel.\nNach dieser eine Spalte tiefen Erwägung\nschreibt er, von Sudermann: „Ich sehe ihn . . .\ngegenüber dieser widerwärtig ,iitterarischen\nZeit . . . Dann nennt er Kompliziertheit, Inner-\nlichkeit, Seele Schlagworte — und setzt sie in\nAnführungsstriche. So Herr Engel.\nWenn diese Zeit literarischer wäre, so hätte\nHerr Engel allen Grund, sie fast so widerwärtig\nzu finden, wie sie ihn dann finden würde. Abei\"\nsie ist nur aus der Engelperspektive gesehn litte-\nrarisch.\n\nUnser Photo\nViktor von Dirsztay\nIch machte mich nun daran die Pose zu stel-\nlen. Der hohe Herr entschied sich auf mein Drän-\ngen dafür, sich stehend, die rechte Hand in der\nBrusttasche aufnehmen zu lassen, damit, wie ich\nmir als Künstler zu bemerken erlaubte, seine\ntrotz eines gewissen Embonpoints noch recht\naristokratische Gestalt voll und ganz zur Geltung\nkäme. Ich konnte mich nicht enthalten auch\nnoch darauf hinzuweisen, daß gerade diese\nPose bei meiner hohen Klientel bevor-\nzugt werde und daß er in dieser\nStellung auch einem der einflußreichsten Mitglie-\ndern unserer Haute Finance frappant ähnlich sähe,\nwas den hohen Herrn angenehm berührte und sicht-\nlich schmeichelte. Da ich aber nicht nur die\ngesellschaftliche Stellung des Allmächti-\ngen, sondern auch seine charakteristische Persön-\nlichkeit, namentlich seine wunderwirkende Kraft,\nauf meinem Portrait betont wissen wollte, ersuchte\nich ihn, — im Gegensatz zu meiner irdischen Klien-\ntel, die dies absolut nicht vermag — nicht nur den\nrechten, sondern gleichzeitig auch den linken Fuß\nvorzustellen, was immer mit großen Schwierig-\nkeiten verbunden ist. Aber auch dieses Wunder,\ndaß ich noch nie sah, vollbrachte der hohe\nHerr mit spielender Leichtigkeit. (Das müssen\nwir schon selbst für ein bedeutendes Wunder hal-\nten. Anm. d. Red.) Er schien sich jedoch daraus\nein Vergnügen zu machen, mir bei dieser Gelegen-\nheit wieder, und zwar diesmal mit beiden Füßen\nein Trittchen zu versetzen, was mir, da es sehr\nschmerzte, sofort auffiel. Natürlich versäumte ich\nes nicht, dieses Zeichen seiner guten Laune und\neiner mich im höchsten Grade ehrenden Intimität,\nmit freudiger Genugtuung entgegenzunehmen. Ich\nkann hier nun eine spaßhafte Bemerkung des hohen\nHerrn anführen. Er fragte mich nämlich, ob ich\ndenn bei guter Gesundheit sei. Als ich geschmei-\nchelt bejahte, meinte der hohe Herr: „Das habe\nich mir gleich gedacht, denn Sie machen ja sehr\nviel Bewegung. Sie gehen mir nämlich fort-\nwährend auf die Nerven!\" Als ich mich von\nmeinem Krnchlampf langsam erholt hatte und die\nfrüher geschilderte Stellung, bei der ein jeder An-\ndere sicherlich umgefallen wäre, zuwege ge-\nbracht hatte, klingelte es heftig am Telephon. Der\nerste Gott begab sich eilig zum Apparat, wobei ich\nwieder Gelegenheit hatte, seinen Amtseifer zu be-\nwundern. Ich will es nicht unerwähnt lassen,\ndaß, während mein hoher Klient seine Agenden\nversah, die, wie er meinte, ihn längere Zeit in\nAnspruch nehmen dürften, — ich die Bekanntschaft\neiniger Engeln machte. Ich kann der Wahrheit\ngemäß konstatieren, daß diese ihrem guten Rufe\nvollauf gerecht werden und sehr brav, ja selten\nanständig sind. Die meisten sind zwar nicht\nsehr musikalisch, singen aber den ganzen Tag im\nChor mit. Nur wenige faulenzen oder lustwandeln\nin auffallender Weise herum. Ich mußte nun be-\nfürchten, daß mein hoher Klient indessen seine\nAgenden erledigt haben und bereits meiner harren\ndürfte. Da kam mir ein hochbetagter alter Engel\nentgegen mit einer Karte, in der mich der hohe\nHerr benachrichtigte, daß er augenblicklich noch\nbeschäftigt sei, und mich erst in einer halben\nStunde erwartete. Der Ueberbringer dieser Bot-\nschaft, offenbar ein höherer Funktionär der Kabi-\nnettskanzlei des Allmächtigen, schien vom ersten\nAugenblicke unserer Begegnung an, eine besondere\nSympathie für meine bescheidene Person an den\nTag zu legen. Indem er mir unaufhörlich in herz-\nlicher Weise die Hand drückte, erzählte er mir\nganz gerührt, wie viel Gutes und Schönes er von\nmir bereits gehört habe, und erklärte mich für einen\ngeborenen Charmeur.\n\nFortsetzung\nSchluß folgt\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "657", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.7", "texte": "Verlag Der Sturm Halensee I Verantwortlich für die Anzeigen: J. Häner\n\nPrivatbeamte und Ange-\nhorige der freien Berufel\nSorget ffir Eure Zukunft and die Eurer Famflle\ndurch Anschluss as den zir Vertretang der wlrtsckaftlichea, st-\nzlatea and rechtlichea Interessen der Privat-Beamtea gegrfladetea,\ndurch landesherrl. Verlelhung m. Kerperatloasrecht aasgestattet.\nDEDTSCIEH PllflT-BEiITEI-fEIEII ZB MAGDEBDB6\nZirka 28 000 Mitglieder in zirka 500 Zwelf-\nvereinen, Verwaltungsgruppen u. Zahlstellen.\nNeben Pensionskasse, Witweakasse, Walsea-\nkasse, Begrabniskasse und Kraakeakasse sehr\nwertvoile Wehlfahrtseinrichtnagea x\nGesamtvermogen: Ueber 16 Mlllleaea Mark\nHalbjahrl. Beitr. 3 M.:: Maa verl. Prospekt.\n\nDie sparsame Hausfrau nungsljeleuchtung ! Rechnen & Sie\nsick aas, wu Sie im Jahre fur den Bedarf an Gluhkorpern ausgebea. —\nWie oft kommt es vor, dafi der Korper schon beim Abbrermen entzwei-\ngeht — — Nehmen Sie einea guten Rat an und verwenden Sie nur\nHartalin-GEuhkorpev* 0. R. P. 203467\nDiese KBrper besitzen den Vorteil, daß Sie dieselhen wie ein Tuch zustmmen-\ndrucken kSnnen, ohne daß der Korper darunter leidet. HarJaHn-Otfihkorper\nhabcn eine Leuchtkraft von 510 K. und Sie erzieien dnmit ein« Gas»n«.parnis von\n50®)u. Brenndauer jar. I Jaiir. REFERENZ! Fur die Straflenbcleuchtung Beiims\nbereits fiber 200000 Stck. geliefeii. Versuchen Sie es mit einer Probeseudung von\n3 Stck., Praia p. Stck. 5§ Pfg. od. verlangen Sie den Besuch unseres Vertreters\nVarsandhaus Chem. und Taehn. Nenhelten\nBERLIN SW. 68 Kochstraße 72\n\n1. Eiae herverragendu Neuerscheinung an! dem Qebiete der Hftdehen-\nbildnnsr ist das Bach\n„Brauchen wir noch Tochterpensionate?\"\nvon Prof. D. Dr. Friedrich Zimmer. Preia Hk. »—\nWicbtigr far Eltem heranwachsender Tochter, Pidagogea, Pensionatt-\nVorsteherinnen.\n2. „Dle KnAb«Bpenßi«iiate, derea Klniichtnnr, I tar tuierei\nand finsseres Lebeii.44 Von L. Daniel. Ein Ratgeber fttr Eltern\nand Pension atsinhaber. Mk. 1,80.\n3. ~Oas TBrlitfrpensionat\" ist die einzlgre Zeitschrilt, die die In-\nterressen der Vorstehsrinnen vertritt. 7. Jahrgang. Reichhaltiger Inhalt.\nAns der Praxis IQr die Praxis. Pro Halbjahr HL 2,50.\nDnreh samtliehe Bachhdlg. Oder direkt yom Verlag Or. Paul Abel, Leipzig 10\n\nTHRICHOPHIL\n■ F1.M.3,00 rkung des Hurboduu F1.M.3,00 ■\n| anNNMNUN anr bdm Fabrikaatea: — |\nJ Otto Teutscher/Friseur jj\nI. Geschiift: Io6aPotsdamerstr.,Eing.63 Stejrlitxeratr.,Tel.Vl,673s I\n11. Geschift: Charlottenburg, 100 Kaiser damm, Tel. Amt Ch.,6387 j\niiiii^oeeoeeeoiini\n\nCASPER'S Kunst-Salon\nEintritt 50 Pfennige :: Potsdamer Strasse 19\nNeu ausgestellte Gemalde:\nA. Allard Forain W. Leistikow\nH. Cassiers V. Gilsoul M. Liebermann\nL. Corinth H. Herrmann A. von Menzel\nF. Charlet J. B. Jongkind Bern, de Monvel\nH. Daumier Le Goud-Gerard Monticelli\nCoutts Michi\nC. Pissarro\nF. Skarbina\nJ. Smits\nF. Thaulow u. a.\nL. Mascre u. a.\nSkulpturen von Max Kruse, M Buchanan,\nGrossu* Auswahlmod. Graphik fur u.Satnmelzwecke\n\nPre Is 1 Mark Prei* 1 Mark\nenthol-Malz-Dragees\nSicheresMittel gcgcn akute Katarrhe der Atmung-s-\n-organe / ermog-licht Schauspielern und Sangern\nsofortigen Gebrauch der erkrankten Organe\n••••.. ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN «•>■•\nZn haben in alien Apotbekea aid Dragertea / Alleioife rikrtkutia\n„ Pharmacia\" / Fabrik Mr pharwaceatiacbaa Bcdarf / Barlla-Hafeaaee\nWohlschmeekend Sicker wirkead\n\nYegetarisches Gasthans\nFREYA\n5 Charlottenburg S\n5 Bismarckstrasse 9 5\nSauna Am Knie ■■■■■■\n0 E3\nB\nAngenehmer Aufenthalt\nfur Kunster und Studenten\nZahlreiche Zeitungen und\nZeitschriften / Bis zehn\nUhr abends geoffnet\n\nReusst Pollock\nBuehhandlungu.Antiqiariat\n:: BERLIN W. 35\nPotsdamer Strasse 118 c\nl Teriipr.: Hwt VI (E«»»w) 5829 J\n\nDIE TAT\nWEGE IV FREIEM\nMENSCH&STUM\nVIERTELjAHRL.M.2 HEFT M.0,80\nEl NE MONATSSC HRI FT\nherausgegeben von\nnst horneffer\nVERL. DIE TAT G.m.b.HM LEIPZIO\n\nLes Norses\n5 rue Chapta! / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentiichle das franzo-\nsische Original der Tage-\nbiicher Flauberts, deren\nUebertragung in Deutschland\nverboten wurde.\nDie Hefte, die die Tage-\nbiicher Flauberts enthalten,\nsowie die übrigen seitdem\nerschienenen Nummern sind\nvom Verlag der Zeitschrift\nLes Marges gegen Einsen-\ndung von sechs Franks direkt\nzu beziehen.\n\nDie FocKel\nHERAUSGEBER\nKarl Kratis\nErscheint in zwangloser\nFolge\nNummer 333\nsoeben erschienen\nPreis 30 Pfennig\nLTBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnhdfen\nWerbeband der Packet\n50 Pfennig\n\n7 —\nli' Effort\nHalbmonatsschrift\nfur moderne Kultur u. fran-\nzosisce Sezession in den\nKunsten und in der Literatur\nHerausgeber und\n:: Schriftleiter ::\nJEAN RICHARD\nJahresbezug fur das\nAuslandl Mark 4.50\nZweiter Jakrgang\nVerlag und Redaktion:\nPOITIERS (Vienne)\nFrankreich\n>vi ■i\n\nKeine Zahnschmerzen\nKein Zahnziehen mehr\nn\n; Auf Anfrage gebe\nich Jedermann Aus-\nkunft fiber ein Mittel\ngegen schwarze,hohle\n■ und lockere Zahne\nErfolg garantiert\n1 O.Berger, Berlin W35\n• Potsdamer Strasse 111\n\" Abschrift: Sehr geehrter Herr!\nJ Von vielen Zahnschmerzen bin\n2 ich nun g-anzlich befreit durch die\n■ Anwendung- Ihres preiswerten\nJ Mittels. Daher empfehle ich es\n■ Jedem, der von Zahnschmerzen\nJ geplagt ist. Mit herzlichein\n2 Dank bescheinigt dies Helene\ns Kleemann, Roaengarten,\n■ :• Frankfurt an der Oder ::\nIUMHMIHUHWIMWHMO****1\n\nKarl Krmij\nSpruche und\nWiderspruehe\nAphorismen\nDie ehinesisehe\n:: Mauer\nEssays\nDurch alle Buch-\nhandlungen zu beziehen\nVerlag Albert Langen\nMunchen\n\nReserviert"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "658", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111021-01.1.8", "texte": "Druck von Carl Hause, Berlin SO. 26, Mariannenplatz 23\n\nZweiter Abend\nSonnabend den ZB. Ohtober\nabends 8 Uh§\n:: Architektenhaus ::\nWilhelmstrasse 92/93\nGERTRUDE\nBARRISON\nVereiiifiirKunst\nAehtes Jahr\nAlitor en-Ab en de\nMitglieherbeitraglsMark\nDen Mitgliedern steht\nder Besuch von sechs\nAbenden auf Platzen\nzum Kassenpreis von\nM. 3.— zu, sowie der\nkostenlose Jahresbezug\nder Wochenschrift Der\nSturm. Fur alle wei-\nteren Abende zahlen\ndie Mitglieder halbe\nKassenpreise\nGeschaftssteUe des V. 112. K.\nHALENSEE, Katharinen-Strasse 5.\nKarten M. 5, 3, 2, 1 be!\nWerthelm, Konzertkasse und\nbe! Reuss und Pollack\n\nUerlog Der Sturm\nVom ersten Oktober ab erhoht sich\nder Bezugspreis unserer Wochenschrift:\nVierteljahr M 1,50\nHalbjahr „ 3\nJahr „ 6,—\nDer Preis der Einzelnummer betragt\nauch ferner wie seit dem ersten Juli\ndes Jahres 15 Pfennig\nVollttandfger erstef Jahrgang\nNummer 1 bis 56 mit Inhaltsverzeichnis\nM 5,20 posifref\n\ntITERHRIUHK\ntmmm\nWA*i,TX.T± rC'xjr\nErster Abend\nDonnerstng, 2. Houemfoer, 91* pQnKtllch\nCafe Austria, Potsdamer Straße 28\nEs lesen Glossen und Verse:\nErnst Blass, Kurt Hitler, Armin Wassermann\nRUdOlf BlOmner liest aus seinem Grotesk-\nDrama »Homunculus«\nKarten zu Einer Mark bei Edmund Meyer,\nBuchhandlung, Potsdamer Straße 27 B, und\nan der Abendkasse\n\nJSfEU™ Friedr. Mester L^g\nunter Mitwirkung 12 taervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufkute In tuhrender Stellung). Orundliche\nEinfuhrung In die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationelles\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr-\niiihriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- und Bilanz-\nTechnik, Buro-Praxis sich vorbereiten woilen —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\nsolviert haben, wie fiir\nHerren mit besseren praktisclien oder theoretlschen Vorkenntnissen, Elnjihrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfur Xaiifleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend Ihre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen woilen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder Shnlicher Geseiischaften sich vorbereiten woilen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Dire'/tion, Johannisplatz 5\n\nElse Lasker-Sehuler\nMeine Wunder\nGedichte\nPreis in van Geldern-Biitten gebunden\nDrei Mark\nc;\nDreililien-Verlag Karlsruhe unci Leipzig.\n:d\n\nEDMUND MEYER\nBuchhandler und Antiquar\n§§§§§§ BERLIN W 35 §§§§§§\n$ ...\nAnkauf einzelner Werke\nund ganzer Bibliotheken\nSoeben erschien: Katalog XVIII: Llter&tur\nGeschichte, Kunstgeschichte, lllustrierte\nWerke in deutscher, engllscher, fran-\nzos. Sprache zu besonders billigen Prehen\nDemnachsterscheint: Katalog XXI/Kunst-\nblatter: Portrats, Stadteansichten, Berliner\nB1 jitter, Karrikaturen, Flugblatter, neuere\nund altere Genrebilder, Blatter von\nMenzel, Beardsley, Rops, Stammbucher\nSilhouetten, Japanbfatter etc. etc.\nKataloge / gratis und franko /\nbitte direkt zu verlangen\n\nEdmund Meyer\nBuchhanSfer u. Hnfiauar\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamer Strasse 27 b\nFernsprecher Amt VI 5850\nAnkauf einzelner Biicher\nsowie ganzer Bibliotheken\nVerzeichnis von Biichern\nfur Bibliophilen / Angabe\nvon Desideraten erbeten\nKataloy XX VIII (Varia) erschienen\n\n<;Spielend» lernt man Sprachen ilinvh\nDr. Rebajoli's AUTODIDAKT\nSelbstunterrichtsmethode\nmit Hulfe des Grammophons\nOMNE TULIT\nPUNKTUM\nBisher erschienen:\nA. ltalienisch\nB. Franzosisch\nJeder Lehrer, jede Lehrerin,\nJedermann muss Dr. Rebajoli's\nAutodidakt gebrauchen, um\nleicht und griindlich Fremd-\nsprachen zu lernen.\nJede Sprache in 33 Lektionen.\nQUI MISCUIT\nUTILE DULCI\nEpochemachende Neuheit\nVerlag F. HARNISCH & Co., Berlin W57.\n\"*l — —— ——"}]}