{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-11-04-01", "volume": "bmtnabg_1911-11-04_01", "ocr_sha256": "695d228f1f8a5d45095477e28e1abad30813e9f9ca0d2a7911b948b48b227bfc", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/11/04_01/bmtnabg_1911-11-04_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/11/04_01/bmtnabg_1911-11-04_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-04-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-04_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-11-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "667", "page_fin": "667", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "667", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.1", "debut_caractere": 518, "fin_caractere_exclue": 815, "texte": "Inhalt:\nTRUST: Kunst und Lebensfreude: Michels Reinfall / Berliner Sezession / Die liebelose Ausstellung / Notizen / ALBERT EHRENSTEIN:\nKongo / MAX STEINER: Aphorismen / HUGO WOLF: Gedichte / PAUL SCHEERBART: Novelle / EISE LASKER-SCHÜLER: Briefe\nnach Norwegen / M. 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Der Prospekt teilte mir weiter\nmit, daß „Feuer, Geist und Leidenschaft das Schaf-\nfen dieses Herrn charakterisiert\". Seine Malerei\nist „eine Frucht glänzender Evolution\". Der\nIntellekt dieses Herrn ist nicht nur grüble-\nrisch, er ist „hochgezüchtet\". Ich persönlich\nglaube nicht einmal an die Fähigkeit, einen\nIntellekt hochzuzüchtigen. Die Bilder dieses Herrn\nsind sogar „von erlauchter Nachdenklichkeit\".\nSeine Malerei ist „faustisch, widerspräche dem\nnicht die hohe sinnliche Kultur, die ihr zu Grunde\nliegt\". v Aber nicht damit genug: dieser Herr hat\n„ein Temperament, das den Zweifeln und den Rät-\nseln fremd ist\" (trotz der erlauchten Nachdenklich-\nkeit), „einen Geschmack, der die Erschütterung\nliebt\", (mit Feuer. Geist und Leidenschaft), „eine\nentschiedene asketische Geistigkeit\" (trotz der zu\nGrunde liegenden hohen sinnlichen Kultur). Alle\ndiese netten Sachen begegnen sich natürlich „auf\neinem hohen Punkt\". Also vorbereitet beschließe\nich, das „Buch, das von diesem Künstler erzählt\",\nzu lesen. Es ist von einem Herrn Wilhelm Michel.\nBerliner Sezession\nEme Ausstellung der „Zeichnenden Künste\".\nDie Ausstellung ist besser als der Name. Den\nKünsten wird viel zugemutet, aber das Zeichnen\nhaben sie trotzdem noch nicht erlernt. Alles\nLiterarische der Sezession stimmt bedenklich. So\ndas Vorwort. Die Sezession rühmt sich in ihm mit\nRecht, daß sie das Interesse für Schwarz-Weiß-\nAusstellungen wieder belebt hat. Sie rühmt sich\nmit Recht, daß sie unabhängig vom Staat ist, „der\naus natürlichen Gründen nur das Fertige und deut-\nlich zu Ende geführte Kunstwerk anerkennt\".\nWenn der Staat nur fertige Kunstwerke\nanerkennen und kaufen würde, läge kein Grund\nvor, ihn zu bekämpfen. Die Sezession wird doch\nnicht behaupten wollen, daß sie die staatlichen Ge-\nmäkle für fertige Kunstwerke hält. Der Staat legt\nbekanntlich viel mehr Wert darauf, daß die Maler\nseiner Bilder möglichst lange verstorben sind.\nJe mehr Jahrhunderte, desto besser. Bedauerlich\nbleibt nur, daß auch das höchste Alter ein schlech-\ntes Bild nicht gut macht. Noch bedenklicher ist\nes aber, wenn im Vorwort „von nicht deutlich zu\nEnde geführten Kunstwerken\" gesprochen wird.\nDiese Publikumsvorstellung verhindert wesentlich\ndie Anerkennung der großen Franzosen, wie van\nGogh, Cezanne, Renoir, und der Deutschen, die\nvon ihnen gelernt haben. Solch einen Satz drucken\nzu lassen, ist sehr gefährlich. Man muß durchaus\ndagegen auftreten, daß Künstler über Dinge reden,\ndie sie zwar verstehen, aber nicht durch Wort-\nkunst ausdrücken können. Ebenso gefährlich ist\ndieser Satz des Vorworts; „Wir wollen im Gegen-\nteil auch all das Künstlerische und Interessante,\nwas in den ersten Entwürfen und Studien, in Ra-\ndierungen, Lithographieen und Holzschnitten liegt,\nan die Oeffentlichkeit bringen. So haben wir das\nPublikum gelehrt, der Kunst in ihren ersten Sta-\ndien der Entwicklung — gleichsam in der Werk-\nstatt — nachzugehen und sie zu beobachten.\"\nDas Publikum kann den Satz nur so auffassen,\ndaß die Schwarz-Weiß-Kunst in all ihren tech-\nnischen Abarten das erste Stadium der Entwick-\nlung zur Malerei bildet. Hat der Schreiber das\nwirklich gemeint, so irrt er sich gründlich.\nSchlechte Bilder entstehen gerade dadurch, daß\nman sie von der Zeichnung her „entwickelt\".\nMalen ist eine Angelegenheit der Farbe. Und\nje mehr man das Zeichnerische in farbigen Flächen\nauflösen kann, je mehr man Konturen vermeidet,\numso größer ist die Kunst des Bildes. Die Zeich-\nnung steht zur Malerei etwa in dem Verhältnis wie\nein Klavierwerk zum Orchesterwerk. Sie sind\ntrotz naher Verwandtschaft verschiedene Künste,\nweil sie mit einem völlig andern Material ar-\nbeiten. Der beste Zeichner braucht nicht Malen\nzu können, und der größte Symphoniker kann auf\ndem Klavier langweilen. Das Beste an der\nAusstellung der Zeichnenden Künste sind die bild-\nhauerischen Arbeiten. Die Sezession macht end-\nlich den vernünftigen Vorschlag selbständige bild-\nhauerische Ausstellungen zu veranstalten. Die\nBildhauerei hat ebensowenig mit\nWeiß-Kunst zu tun, wie mit den Gemälden. Drei\nbekannte große Meister zeigen von ihren schönsten\nSchöpfungen. Rodin eine Bildnisbüste von Gustav\nMahler und ein kauerndes Weib, beide in Bronze,\nund eine Marmorarbeit Francesca und Paolo. Die\nBildnisbüste von Gustav Mahler halte ich über-\nhaupt für die beste, die bisher geschaffen worden\nist. Max Klin g e r hat es endlich aufgegeben,\n„gedankenvoll\" zu sein. Infolgedessen sind seine\nbeiden Bildiiisbüsten wieder von der alten Kraft.\nAls Gesamterscheinung aber, größer als diese bei-\nden, wirkt Georg Minne. Er wandelt den\nStein völlig in Kunst um. Von den jüngeren\nkommt diesen Meistern am nächsten Georg\nKolbe. Er gehört zu den wenigen Bildhauern,\ndie Künstler sind, die ein persönliches Erlebnis in\neigener Form wiedergeben können. Den Typus\nseines jungen Mädchen hat er schon öfter geschaf-\nfen. Jetzt ist der Typus ein junges Mädchen\ngewor d e n. Von ganz neuen Namen seien\nBenno E 1k a n , (Der alte Mann und Maske von\nWilhelm Trübner) und Hans Krücke b e r g\n(Kopf eines Krüppels) nachdrücklich genannt. Die\nwertvollsten Schwarz-Weiß-Arbeiten stammen von\ndem göttlichen Paul Cezanne (Lithographien),\nvon Auguste Renoir (gleichfalls Lithographien),\nPaul Gauguin, Meister, denen man nur mit Be-\nwunderung nahen darf. Ich verbinde übrigens diese\nNamen absichtlich nicht durch eine Konjunktion.\nDie bekannten Berliner Sezessionisten sind\nauf dieser Ausstellung nicht sehr interessant, bei\nmanchem wundert man sich, daß sie jemals\nals Ausnahmeerscheinungen gelten konnten. Bla-\nmabel wird aber nachgerade die Mitgliedschaft\ndes Herrn Baluschek. Die Photographie kann\nheute an „Illusionswirkung\" alles möglich ma-\nchen, wozu braucht da Herr Baluschek sich\nnoch um Kunst zu bemühen. Die jüngere Ge-\nneration vermeidet jetzt den Umweg über Lie-\nbermann und Genossen. Es sind verschiedene\nHedwig Weiß und Hanns Bolz (den ich\nschon bei der Besprechung der juryfreien Kunst-\nschau erwähnte). Auf den amüsanten gemalten\nGartensaal von Emil Rudolf Weiß sei noch hin-\ngewiesen.\nDie liebelose Ausstellung\nDer Lokalanzeiger weiß jetzt bereits, daß es\nsich bei Bildern „nicht um das Gegenständliche\nhandelt\". Er kann es sich aber nicht versagen,\ngerade auf Grund dieses Wissens einmal eine Aus-\nstellung nach dem Gegenständlichen zu betrach-\nten. Ein Doktor wurde daher eigens in die jury-\nireie Kunstschau gesandt, um durch die Bilder das\nWesen der Frau, „die stets etwas rätselhaftes für\nuns hat\", zu erkennen. Dem Doktor fallen fol-\ngende Eigenschaften der Frau, nein, sie springen\nihm sogar in die Augen: Kampfeslust, stille Me-\nlancholie, unerfüllte Sehnsucht, süßes Nichtstun.\nMan sieht, Rätsel raten ist garnicht so schwer.\nFreilich wird die Aufgabe wesentlich dadurch er-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "668", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3897, "texte": "leichtert, wenn man „ein Biedermeiermädchen in\neinem Park voll träumerischer Romantik, eine he-\nroische Figur, die auf weiter Berghalde der unter-\ngehenden Sonne entgegenschreitet\", bildhaft vor\nsich hat. Aber die Frau betätigt sich nicht nur\nseelisch (unerfüllte Sehnsucht, süßes Nichtstun),\n„es kommen auch Bilder, die schon mehr nach\nBetätigung aussehen, wie es etwa das Kaffee-\ntrinken ist.\" Also auch in dieser Hinsicht kann\nman beruhigt sein. Bleibt das Erotische. „Vom\nKaffee zum Tanz ist nur ein Schritt. So nähern\nwir uns immer mehr den Lebensfreudigen. Sie\nsind es nicht nur mit dem Munde, sondern mit\nLeib und Seele, von der lachenden Lautenspielerin\nbis zur bacchantisch taumelnden Mänade.\" Man\nfühlt, der Doktor fürchtet sich nicht vor dem letz-\nten Geheimnis. Aber er kann sich mit all diesen\nEigenschaften der Frau nicht begnügen. Ihm, dem\nMann, „fehlt die Verkörperung der liebevollen\nHingebung, was der Mann vor allem bei der Frau\nwünscht. Da sie uns indeß das Leben zumeist\nvorenthält, so können wir sie bei einer Kunst-\nschau bi'lligerweise nicht verlangen.\" Ja, ja, so\ni s t das Leben.\nNotizen\nBerliner Künstler-b und\nDie Ausstellung befindet sich im Hause neben\nder Juryfreien Kunstschau in der Potsdamerstraße.\nAuch bei ihr fällt die zahlreiche Beteiligung von\nFrauen auf, die hier sogar besseres leisten, als\ndie Männer. Sie enthält bedeutend weniger di-\nlettantische Arbeiten als die luryfreie, aber dafür\ngar keine besonderen Kunstwerke. Die Herr-\nschaften sind alle gut an den Franzosen „orien-\ntiert\". Clara Arnheim und Helene Wolff seien ge-\nnannt. Ich verweise auf meine Ausführungen über\nKunstkritik in der vorigen Nummer.\nWintergarten\nDas Variete hat vor dem Theater einen Vor-\nzug, außer vielen anderen: es gibt Einzelleistun-\ngen, die künstlerisch vollendet sind und eine Ein-\nheit bilden. Man kann sie ohne Relation genießen,\nwährend man sich im Theater für einen guten\nSchauspieler zehn schlechte gefallen lassen muß.\nKein Berliner Theater gewährt soviel künstlerische\nBefriedigung, wie der Wintergarten. Das Variete\nist heute literarisch „überwanden\". Zu seinem\nGlück. Denn was von der Literatur (und vom\nTheater wie Harry Waiden) herkam, war Kitsch.\nKunst aber sind die Leistungen der musikalischen\nClowns Antonet und Grock, Kunst sind die körper-\nlichen Verzückungen der Drahtseiltänzerinnen Her-\nvey, Kunst sind die Erscheinungen der Sunshine-\nGirls und eine Genie ist die kleine Drahtseilkünst-\nlerin Bird Millman. Dieses Mädchen hat für sein\nkörperliches Erlebnis den persönlichen Ausdruck\ngefunden. Ueber die Pantomimen des Wintergar-\ntens im vorigen Monat ist zu sagen, daß es keine\nsind. Man kann nicht auf der Bühne Bewegungen\nmachen lassen und im Orchester Musik. Die Ge-\nschlossenheit zwischen Gebärde und Ton bildet die\nVoraussetzung einer künstlerischen Wirkung der\nPantomime. An dieser Bedingung kann selbst eine\nhervorragende Tanzbegabung wie die Napier-\nkowska nichts ändern.\nMetropolpaiast\nEine neue Stätte der Lebensfreude und daher\nnatürlich von den Herren Hugo Baruch mit be-\nwährtem Mißlingen eingerichtet. Wenn der\nMensch geschmacklos ist, und sei er auch ein Di-\nrektor, so hilft ihm nicht einmal das Teuerste, wo\nman hat. Rot und Jold sind ja sehr harmonische\nFarben, aber meine Lebensfreude haben sie noch\nnie gesteigert. Auch Rokoko ist recht amüsant,\nwenn man es nicht zu sehen braucht. Trotzdem\nvergnügt sich ganz Berlin für fünfzig Pfennig\naußerordentlich. Auch dieser Palast strahlt in\nFeierlichkeit. Wenn ein Besucher lachen will,\nwozu ihm übrigens die Cabaretkiinstler nie Ge-\nlegenheit geben, wenn ein Besucher also aus an-\ngeborener Freudigkeit lachen will, wird er ener-\ngisch zur Ruhe verwiesen. Wie sollen sonst die\nPoängten verstanden werden?\nZu erwähnen wäre eine Dame, namens Gussy\nHoll, die C l a i r e W a 1 d o 112 112 kopiert und es sogar\nausdrücklich sagt. Aber gut kopieren, mein Fräu-\nlein, ist keine Kunst.\nT rust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-04-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-04_01#c003", "volume": "bmtnabg_1911-11-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "668", "page_fin": "668", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.2.3", "titre_corps": "Kongo", "titre_sommaire": "Kongo", "signature_source": "Albert Ehrenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "668", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.2", "debut_caractere": 3899, "fin_caractere_exclue": 9668, "texte": "Kongo\nVon Albert Ehrenstein\nUeber die Bewohner von Kongo-W aechter,\neines kleinen und leider psychisch minderwertigen\nSternes, erzählen die großen Wettfahrer der Vei-\ngangenheit seltsame Dinge.\nFrüher erblickten die Sklaven des Palalu von\nOhoodiro niemals die Sonne. Dann aber kam\nJesus der Zweite, Schmernerenx, den ihre Jamben-\nkönige in vielen heiligen Liedern als Erlöser nam-\nhaft machen. Infolge seines ergreifenden Gesan-\nges wurden die den Bergwerken Verfallenen immer\nbeim Erscheinen eines Schweifsterns, mit den\ntrefflichsten Ketten gefesselt, an die Oberwelt ge-\nführt und mit einer Ration Tageslicht gelabt. Die\nHerren gewährten dies, auf daß die Arbeiter nicht\ndas Gesicht verlören wie gewisse Fische in den\nTiefen, erfrischende Strahlen in sich schlürften für\ndie Jahre der Nacht. Damit sie jedoch ihre\nSprechwerkzeuge dabei nicht zu herzzerreißenden\nKlagen mißbrauchten, wurde ihnen vorher die Zunge\nschmerzlos entfernt. Kam nun der Komet seines\nWeges, so riefen alle Freien „Heil\", entblößten das\nHaupt zum Zeichen ihrer Verehrung für den sel-\ntenen Gast, und sprachen fromm die anläßlich des\nAufblitzens eines Haarsterns vorgeschriebenen Ge-\nbete. Einen Augenblick auch wurden die fahlen\nGesichter der stummen Sklaven der schmerzenden\nHelle überlassen, sodann jeder wieder seinem\nSchachte zugetrieben und in Arbeit umgesetzt.\nEin einziger Heiland kann ja auch gar nicht\ndie Kraft haben, die moralische Zusammensetzung\nder Geschöpfe dauernd umzuwandeln, er vermag\nauf diese chemischen Elemente höchstens färbend,\nkalmierend einzuwirken. Anhaltenden Erfolg\ndürfte aber erst die lange Reihe, das Ineinander-\ngreifen von zwanzigtausend erstklassigen Erlösern\nerzielen.\nDen letzten Berichten nach scheinen\nmittlerweile wieder einige in Messiasse ver-\nwunschene Söhne des Sonnenfürsten zu län-\ngerem Aufenthalte auf der Kongo-Waech-\nter eingetroffen zu sein. Ein gewisser Fort-\nschritt, vielleicht dem Entwickelungsdogma ent-\nsprechend, läßt sich jedenfalls nicht ableugnen:\nden Knechten der Bergwerke wurde zu Zucht-\nzwecken Oberweltsurlaub bewilligt. Diese Neue-\nrung verdankten sie einer Reform der theologisch-\nwissenschaftlichen Anschauungen. Man sah in der\nherrlichen Annäherung eines Kometen an einein\nWandelstern Werbung. Wer auf eine Staatsan-\nstellung Anspruch erhob, mußte in dem stets ent-\nfalteten Pfauenrad und Feuerschweif des Irrlich-\ntes — dieses wie bei zahlreichen anderen Kreatu-\nren bedeutend kleineren Männchens — einen Balz-\nakt, eine Exhfibition erblicken. Jeden Gedanken\nan prahlerische Mimikry außer Acht lassend,\nglaubte man, alle diese Scheingestirne seien Zucht-\nsterne, Befruchtungssterne, von irgend einer\nMacht an einem der himmlischen Harems, an den\nPlanetenweibchen eines Sonnendistriktes entlang-\ngeschleudert.\nNun untersagte aber ein Religionsparagraph\nden Leuten auf der Kongo-Waechter, die Be-\ngattungskrämpfe ihrer Eltern zu betrachten. Also\nverboten die Großpriester ihren Anhängern einen\nunzüchtigen Anbltck, die Beobachtung des Liebes-\nspieles ihres Muttersternes mit dem Kometen.\nDa es für ein böses Omen galt, der Geburt\neines Mondes beizuwohnen, ferner den unschuldi-\ngen Spermatozoen des teuerverzehrten Amanten\nschädliche Eigenschaften angesonnen wurden,\nund zwar : den Gasen und Dämpfen eine den Atem-\norganen unbekömmliche, dem befruchtenden Mag-\nma, wenn es an der Oberfläche des Sternes zu\nMeteoriten gefroren war, sogar eine zermalmende\nWirkung — erklärten sich die Machthaber bereit,\ndie Arbeitstiere als Bazillenfänger zu verwenden,\nsie zwischen sich und die giftigen Ejakulationen\nzu schieben. Die Kometen ihrerseits hielten sich\nja stets vorsichtshalber, um nicht von der Gelieb-\nten verspeist zu werden, in respektvoller Distanz.\nWar aber einer am Himmel zu erspähen, mußte er\nnotgedrungen, gesetzlich-galant der Kongo-\nWaechter den Hof machen — nach den ebenso\nehernen als lächerlichen Geschlechtsregeln des\nSonnendistriktes R. Nahte endlich der schöne\n„Telecoitus\", so bedeckten die Gewaltigen ihre\nAugen, stiegen, diesmal frommverhüllten Hauptes,\ntief in die nun schützenden Berge hinab. Aufwärts\ndie Helotenmaschinen.\nIn jenen Tagen der Angst verrichteten die\nOligarchien unten in halb erheuchelter Demut das\nniedrige Handwerk der Leibeigenen. Der jähe\nUmsturz, der plötzliche Uebergang von der Ver-\nehrung des Kometen bis zur Flucht vor dem Un-\ntier, dürfte schwerlich ohne blutige Religionskriege\nvor sich gegangen sein. War jedoch dieser Evo-\nlution wider alle Berechnung ein friedlicher Verlauf\nbeschieden, so leitete die Regierenden dann wohl\ndie Erwägung, eventuell, statt selbst sterben zu\nmüssen, bloß die Hörigen fallen zu sehen. Außer-\ndem die chimärische Hoffnung eines Gegenteils,\ndem Gutachten eines weisen Schäfers entnommen.\nEr sprach: „Melancholie und Verstimmung — un-\nverbrauchte Ueberkraft. Jedes unbefruchtete Ei\nweint in dem Weib, jeder verhaltene Samen weint\nin dem Mann. Liebe (ist entweder eine Autoin-\ntoxikation durch überschüssiges Sperma oder eine\nVergiftung durch die Sekrete und Gase, durch die\nStrahlen und Düfte anderer. Gleichwie nun die\nder Zeugung Beflissenen Eier und Samen getöteter\nTiere: unterworfener Stämme als dienlichstes Fut-\nter verspeisen, könnten die Ausscheidungen des\nwackeren Kometen eine vermehrte Geschlechts-\ntätigkeit, eine gesteigerte Fortpflanzungsgeschwin-\ndigkeit der Sklavenkaninchen hervorrufen!\"\nSo ereilten die Proletarier von Morbihan ge-\nfährliche Saturnalien. Während der ganzen Brunft-\nzeit des Kometenviehs durften die Zuchttrotteln\nim Lichte weiden, sich an dem seltenen Spektakel\nergötzen. Ob zu ihrem eigenen oder dem Ver-\nderben in so siderischer Luft geschaffener Kin-\nder und Enkel — darüber fehlt nicht bloß in den\nErzählungen der großen Weltfahrer der Vergan-\ngenheit, sondern sogar im Spektrum des Sternes\njede Andeutung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-04-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-04_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-11-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "668", "page_fin": "669", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.2.4", "titre_corps": "Aphorismen", "titre_sommaire": "Aphorismen", "signature_source": "Max Steiner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "668", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.2", "debut_caractere": 9670, "fin_caractere_exclue": 10188, "texte": "Aphorismen\nVon Max Steiner\nWenn man „soziale Instinkte\" für erblich er-\nklärt, dann sehe ich nicht ein, warum man nicht\npapistische, republikanische Instinkte annehmen\nkönnte, denen man ebenso die Erblichkeit andich-\ntete.\nDas Mitleid ist eine intellektuelle Erscheinung\nund kein angeborener Instinkt. Mitleid wird her-\nvorgerufen, wenn ich mir die schlechte Lage eines\nandern als die meinige Lage vorstelle. Der bloße\nAnblick des menschlichen Schmerzes genügt nicht,\nMitleid zu erregen. Blödsinnige kennen diesen „In-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "669", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9642, "texte": "stinkt\" nicht. Bei verschiedenen Völkern und zu\nverschiedenen Zeiten hat sich der sogenannte „so-\nziale Instinkt\" so unendlich mannigfaltig geäußert,\ndaß wir ihn unmöglich einheitlich auffassen dürfen.\nBeim Abwägen des Nachteils und des Nutzens ge-\nstaltet sich der „soziale Instinkt\" ganz verschieden.\nHat man den Ursprung der angeborenen mo-\nralischen Neigungen noch nicht entdeckt? Ich\nnenne euch den glorreichen Urahn: es ist der —\nangestammte Glaube. Kein Anatom könnte die\nVerwandtschaft des Menschen mit den höheren\nWirbeltieren an den Skeletten so scharf nach-\nweisen, wie die Sprache die innere Identität der\n„angeborenen moralischen Neigungen\" mit dem\n„angestammten Glauben\" demonstriert. Und ver-\nfolgen Ahne und Sproß nicht das gleiche Ziel? Sol-\nlen nicht beide die skeptische Vernunft zügeln und\ndie ätzende Logik niederhalten?\nDer Kampf ums Dasein ist das höchste Gesetz\nder Entwicklung — nach Darwin. Die unerbitt-\nliche Ausrottung des Minderwertigen ist die Vor-\naussetzung des Fortschritts — nach Darwin. Und\nden Schwachen helfen, die Krüppel am Leben er-\nhalten, die Kranken ernähren ist eine moralische\nNeigung — nach Darwin. Hier muß etwas ge-\nschehen. Diese Widersprüche können nicht ge-\nlöst werden mit gesundem Menschenverstand. Daß\nder Kampf ums Dasein, daß der Sieg der Starken\ndie Entwicklung der gesamten organischen Welt\nbedeuten, und das Gegenteil des Kampfes, das Ge-\ngenteil der Auslese moralisch sein soll (ohne Pessi-\nmismus), — dagegen sträubt sich alle menschliche\nLogik, darüber muß alle Vernunft in Aufruhr ge-\nraten. So schaffen wir denn die Vernunft ab.\nGegen die angeborenen moralischen Neigungen\nsträubt sich die christliche Ethik nicht mehr, und\nnoch nie hat ein Dogma seinen Urheber bekämpft.\nWenn die erwachende Jugend an den Lehren der\nReligion kühn zu zweifeln beginnt, dann wird mau\nihnen wohl sagen: Eure Vernunft mag denken wie\nsie will — von dem angestammten Glauben dürft\nihr nicht abfallen. Und so ist es bei Darwin. Die\nLogik lehrt unerbittlich, die herrschende Moral,\ndie Moral der höchstbegünstigten Minderwertigkeit,\nzu verdammen. Das lehrt die Logik. Die ange-\nborenen moralischen Neigungen wissen es besser.\nWas geht denn diese die Logik an? Seit wann gehört\ndie Logik zu den angeborenen Neigungen ? Gott\nverzeihe mir — wer Darwin liest, wird kaum wa-\ngen, jemals auch nur diese Frage zu wiederholen.\nWenn die sozialen Instinkte die Ausschaltung\nder Vernunft in der Moral rechtfertigen: wo\ngibt es dann ein Gebiet, auf dem man seine Dumm-\nheit nicht damit entschuldigen könnte, daß man\ndurch einen angeborenen Instinkt dazu gezwungen\nist, sie zu begehen?\nDieselben Aerzte, welche das „angeborene Mit-\nleid\" angeblich davon abhält, unheilbar-Kranke zu\nbeseitigen, quälen und peinigen, ohne mit der Wim-\nper zu zucken, Tiere bei lebendigem Leibe.\nDie sozialen Instinkte sollen sich bewährt\nhaben? Das ist die — „soziale Frage\". Eine Ge-\nsellschaft, die sich selbst zum Problem geworden\nist, zeugt nicht von der Bewährtheit der Grund-\nsätze, auf denen sie beruht.\nWenn der Darwinismus zugesteht, daß Logik\nund Vernunft aus seinen Lehren keine altruistische\nMoral ableiten können, und wenn er Logik und\nVernunft ablehnen muß, um den sozialen Instinkten\ndie Herrschaft zu sichern, wenn er allen Einwän-\nden bloß das „credo quia absurdum est\" entgegen-\nzusetzen hat, dann ist es, so glauben wir, für den\nDarwinismus an der Zeit, den Kampf mit geistigen\nMitteln aufzugeben.\nDer Berner Professor Ludwig Stein, ein „so-\nzialer Optimist\", meint, man könne über Leute wie\nNietzsche „und\" Stirner nur lachen, widerlegen\nkann man sie nicht.\nNiemand bezweifelt, daß Professor Stein lachen\nkann. Aber niemand bezweifelt auch, daß ver-\nnünftige Menschen und redliche Denker das Schau-\nspiel eher traurig als ergötzlich finden werden, daß\ndie moderne Welt Metaphysiker zeugt, welche\nfremde sittliche Anschauungen wohl zu belachen,\ndie eigenen moralischen Ansichten aber nicht zu\nbegründen imstande sind.\n„Wenn,\" schreibt Carneri, „Max Stirner sagt:\n,Ich bin zu allem berechtigt, dessen ich mächtig\nbin; bin ich nur mächtig, so bin ich schön von\nselbst ermächtigt' — so gibt er eben diesem In-\ndividualismus Ausdruck. Seine Uebertreibungen\ngrenzen allerdings an Wahnsinn; aber vielleicht\nsagt man eines Tages von ihm, wie es von Mac-\nchiavelli gesagt worden ist: nicht um eine Anlei-\ntung zu geben, um abzuschrecken, habe er das\nBuch geschrieben.\" Nun, jener Satz Stirners ist\nnicht so wahnsinnig, als er — konsequent ist. Al-\nlerdings — den gut christlich gesinnten Materia-\nlisten Carneri muß das bleiche Entsetzen lähmen,\nwenn jemand vom theoretischen Unglauben zum\npraktischen übergeht. Wie will man aber auf dem\nBoden einer naturalistischen Ethik das Prinzip Stir-\nners bestreiten? „Wozu ich mächtig bin, dazu\nbin ich bereits ermächtigt\" — das gilt dann ohne\njeden Zweifel unwiderlegbar, so unwiderlegbar,\ndaß fromme Atheisten wie Carneri darüber wahn-\nsinnig werden könnten. Die „Ermächtigung\" wird\nvon der jetzt herrschenden (christlichen) Moral\naus dem Begriff der sittlichen Verant-\nwortung abgeleitet. Dieser Begriff aber ist me-\ntaphysisch. Und ohne Metaphysik keine meta-\nphysischen Begriffe, ohne christliche Religion keine\nchristliche Moral!\nEs ist zu spät, Carneri und seinen Leuten einen\nRat zu erteilen. Wenn es aber dazu noch Zeit\nwäre, dann würden wir empfehlen, bei Stirner Lo-\ngik zu lernen, ehe man sich zu Darwin begibt. Ob\nCarneri Recht hat, wenn er die Aufrichtigkeit des\nEinzigen geradeso verdächtigt wie die Wahrhaftig-\nkeit von Macchiavellis Principe, lassen wir dahin-\ngestellt. Wir bezweifeln sehr, daß der große Ita-\nliener abschrecken wollte. Macchiavelli isc durch-\naus ernst zu nehmen. Man muß das moralische\nEmpfinden eines deutschen Schulmeisters nicht mit\nder Auffassung der Renaissance verwechseln.\nStirner und Macchiavelli sind logische Wahrheiten.\nDer Darwinismus gibt sich alle Mühe, die furcht-\nbaren Bücher auch moralische Wahrheiten werden\nzu lassen.\n*\nWas der einsame Philosoph von Berlin, Stir-\nner, in seinem Stübchen niederschrieb, das haben\nMillionen unbewußt getan. Der Egoismus hat zu\nallen Zeiten geherrscht — trotz Christentum und\nReligion. Kreuzzüge, Heidenverfolgungen sind Erup-\ntionen der natürlichen Raubtier-Veranlagung des\nMenschen. Man predigt die Frömmigkeit woiil, aber\nman wird durchaus nicht frommer. Da kommen\nRousseau und die Enzyklopädisten — die größten\nKlerikalen der Geschichte, echte Mönchsgestalten\n— und führen die christliche Metaphysik auf die\nStraße. Das neunzehnte Jahrhundert wird man der-\neinst das christliche nennen. In dieser Zeit siegt\nder Gedanke der Humanität, der Duldsamkeit und\nder Brüderlichkeit. Und merkwürdig: gerade in\ndieser Zeit läuft man Sturm gegen die Grundmauern\ndieser Glaubenssätze — gegen die christlichen\nDogmen. Die Revolution hat die äußersten Fol-\ngerungen aus der christlichen Moralanschauung ge-\nzogen. Die Aufklärung aber vernichtet den meta-\nphysischen Dogmatismus. Und der Tag wird kom-\nmen, da auch dem moralischen Dogmatismus das\nSterbeglöcklein geläutet wird. Dann wird eine\nUmwälzung eintreten, gegen welche die franzö-\nsische Revolution ein Kinderspiel war. Denn der\ndemokratische Sozialismus hat mit der bürgerlichen\nGesellschaft eine Moral gemeinsam, die auch vom\nKapitalismus — theoretisch anerkannt wird. Der\naristokratische Sozialismus aber hat nicht bloß den\nchristlichen Gott, sondern auch das christliche Ge-\nbot überwunden. Er kennt keine Gnade und keine\nBarmherzigkeit, keine Nächstenliebe und keine Dul-\ndung. Er wägt den Nutzen ab und den Schaden —\ndas ist seine Moral. Er weicht der größeren Ener-\ngie und unterdrückt die kleinere — das ist sein\nRecht. Er lebt ohne Gott und ohne Dogma, ein\nEgoist, ein Heide .. . Ihm predigt ihr umsonst\nvon heiligen Dingen — er ist sich selbst das Aller-\nheiligste. In seinem Staat hat Gleichheit und Brü-\nderlichkeit keinen Hort, nur die Macht prägt dort\nihre W'erte. Kalt und nüchtern regiert sie nach\nder Stärke ihrer Arme. Und auch kein Recht des\nWeibes und der Schwachen gibt es für sie. Denn\nim Staate des aristokratischen Sozialismus baut\nman weder Kirchen noch schmückt man Marien-\nbilder zum Gebet. Dort ist man frei — von aller\nReligion, von jedem Gotte, von jedem Götzen, frei\nvon Moral und Verehrung.\nWas sich dem Gläubigen als die zwingende\nNotwendigkeit seiner religiösen Ueberzeugung dar-\nstellt, das ist beim Atheisten Carneri bloß eine fixe\nIdee. Es ist gar nicht einzusehen, wie man ohne\nmetaphysische Grundlagen auch nur das Gebot, den\nNächsten zu lieben, rechtfertigen will. Oder gar\nden moralischen Brauch, Greise zu schonen und\nBedürftigen zu helfen.\nDer Einwand, daß die Kultur durch Einführung\nder Sklaverei Schaden litte, ist leicht abgetan. Die\nbedeutendsten Historiker sind sich darüber einig»\ndaß die Kulturen von Aegypten und Babylon, von\nAthen und Rom ohne die Institution der Sklaverei\nnie zu der Höhe emporgestiegen wären, die sie mit\nHilfe jener „Brutalität\" erreicht haben.\nEiner Moral, die sich auf subjektive Gefühle\nanstatt auf die objektiv giltige Logik stützt, kann\nman alles mögliche entnehmen. Schopenhauers\nEthik des Mitleids führt einen konsequenten Pessi-\nmisten dazu, den Mord aus Mitleid zu billigen.\nWenn ein Vater seine Kinder tötet, weil er sie vor\nden Schmerzen dieser Welt bewahren will, so han-\ndelt er, der Schopenhauerschen Ethik zufolge, sitt-\nlich gut. Schopenhauer selbst hat eine solche\nSchlußfolgerung freilich nicht geahnt; aber hätte\nsie — wenn er konsequent bleiben wollte — nicht\nwiderlegen können.\nDie Welt der Aufklärung, nachgelassene Schriften von\nMAX STEINER, herausgegeben und eingeleitet von Kurt\nHiller, sind dieser Tage bei Ernst Hofmann u. 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Ich halte nichts von einem Unter-\nnehmen, das Wissenschaft und Theater ver-\nquicken möchte. Du hast als Amerikanerin nichts\nzu verlieren und zweifellos das Recht, hier in\nEuropa nur Spekulationsgeschäfte vorzubereiten,\neinzuleiten und zum lukrativen Ergebnis zu führen.\nIch aber habe einen wissenschaftlichen Namen,\nund wir sind hier in Europa noch nicht so weit\nwie ihr da drüben; wer zur Wissenschaft gehört,\nhat bei uns einfach nicht das Recht, sich an\nzweifelhaften Unternehmungen zu beteiligen.\"\nDanach saß sie wieder und hörte, vas Amelie\nsagte; diese schien auch sehr heftig zu sprechen,\ndenn Madame C trommelte mit den Fingern der\nlinken Hand immerzu auf ihrem Spitzentaschen-\ntuch.\n„Alles sehr schön,\" sagte dann Madame C.,\n„aber ich verstehe nichts von Ultraviolett Was\ngeht mich denn das Prisma an? Ich habe mich\nmit Optik niemals beschäftigt. Glaube ja gern,\ndaß das Glas in Amerika eine größere Rolle spielt\nals bei uns. Ich bin aber für nichts zu haben. Es\ntut mir wirklich sehr leid. Suche dir doch einen\nMann. Es gibt ja so viele Wissenschaftler, die\neigentlich gar nichts zu tun haben — und fast für\njedes Unternehmen zu haben sind. Ich gehöre zu\ndiesen Wissenschaftlern leider nicht. Ich verstehe\nauch gar nicht, wie dein Theater ausehen soll. Ich\nfürchte, daß du etwas übereilt handelst\"\nWieder horchte sie mit dem Apparat am Ohr.\nAber sie schüttelte öfters den Kopf, und ihre\nAugen sahen müde aus.\n„Selbstverständlich,\" sprach sie dann hart ins\nTelephon, „kenne ich den Nordamerika-Nebel. Ich\nweiß auch, daß er vor zwanzig Jahren, im Jahre\n1891, entdeckt wurde —im Ultravioletten. Gewiß!\nAber daß ich deswegen an Geister glauben muß\n—kommt mir ein wenig hitzig vor. Bei uns ist es\ndoch nicht so heiß. Aber, liebe Amelie, du mußt\nmich für einige Monate entschuldigen. Mein Auto-\nmobil steht vor der Tür. Ich verreise sofort, und\ndu findest mich hier nicht mehr. Verzeihj mir,\naber ich kann nicht anders. Ich bin nervös. Ich\nmuß für meine Gesundheit etwas tun. Wo ich bin.\nverrate ich nicht. Man muß mich allein lassen.\nEs geht nicht anders. Lehe wohl! Ich fahre in\nder nächsten Minute ab. Nochmals lebe wohl!\nViel Glück zu deinem Unternehmen! Wenn ich\nmich besser fühle, hörst du von mir.\"\nSie legte den Aparat weg, und dann kam ihr\nalter Diener Jaques. Nem sagte sie:\n„Ich bin sechs Monate hindurch verreist. Sa-\ngen Sie das allen Besuchern und auch am Telephon.\nLassen Sie auch das Telephon aus diesem Zimmer\nherausnehmen. Sie wissen ja Bescheid.\"\nDer alte Jaques verbeugte sich schweigend\nund ging wieder fort. Madame C. steckte sich\neine Zigarette an und ging langsam hinaus auf die\ngroße Veranda, von der man in den großen schat-\ntigen Park sehen konnte.\nAber die Amelie — Mißtres Corning — war\nfurchtbar wütend.\n„Wenn das kein Mißerfolg ist,\" schrie sie.\n„dann gibt's überhaupt keine Mißerfolge.\"\nUnd dann sprach sie heftig zu dem Herrn, der\ndas Gespräch ebenfalls gehört hatte.\nDer Herr hieß Mister Pitt.\nEr ließ Mißtres Corning ruhig sich austoben.\nSie sagte zum Schlüsse:\n\"Sie hört das Gras wachsen — diese berühmte\nFrau! Mit den berühmten Frauen kann man augen-\nscheinlich noch weniger anfangen als mit den un-\nberühmten. Diese Frauen schieben uns alle gleich\nDinge unter, an die man noch gar nicht gedacht\nhatte. Wir wollen doch nicht den Kinematogra-\nphen Konkurrenz machen. Hier in Europa denkt\nman immer, wir hätten drüben gar keine anderen\nInteressen als die Geldinteressen. Es steht hier\ndoch wahrhaftig mehr auf dem Spiel.\"\n„Wir brauchen aber,\" sagte Mister Pitt ruhig,\n„die Anerkennung von wissenschaftlich gebildeten\nKreisen. Anders können wir nicht auf einen Erfolg\nrechnen. Wir wollen uns auch nicht gleich mit den\nSpiritisten in Verbindung setzen. Das fördert unser\nAnsehen nicht im mindesten.\"\n„Nicht gleich?\" riet Mißtres Amelie, „wollen\nSie damit sagen, daß es später doch geschehen\nkönnte?\"\nMister Pitt wackelte mit seinem großen Kopfe\nhin und her und sagte gar nichts.\nMißtres Amelie jedoch fuhr fort:\n„Ich dächte, daß die Spiritistin gar nicht für\nuns in Frage kommen können. Unsre Methode ist\ndoch eine ganz andre. Wir wissen, daß im Ultra-\nvioletten unzählige Dinge sind, die für unser Auge\neinfach unsichtbar bleiben — und trotzdem auf der\nphotographischen Platte sichtbar sind. Der Ame-\nrika-Nebel ist ebenda entdeckt worden. Im gan-\nzen Kosmos können wir noch viele Sterne und\nNebel entdecken, die für unser menschliches Auge\newig unbemerkt ibleiben und demnach von uns\nentdeckt werden könnten — eben im Ultraviolet-\nten — auf der photographischen Platte.\"\n„Das hab ich schon öfter gesagt!\" erwiderte\nMister Pitt mit hochgezogenen Augenbrauen.\n„Gut,\" fuhr Mißtres Corning fort, „dann gehen\nwir aber doch auf streng wissenschaftlichem Wege,\nwenn wir jetzt folgern, daß auch auf unsrer Erde\nunsäglich viele Dinge sein könnten, die wir nur auf\nder photographischen Platte im Ultraviolett ent-\ndecken — nicht aber mit unsren Augen sehen kön-\nnen. Voilä! Wenn da jetzt nicht das Reich des\nJenseits für uns da ist, so wird es nie für uns da\nsein. Und nimmt mir inline alte Freundin, die\njetzt leider berühmt ist, übel, daß ich diese ganz\nkorrekte Schlußfolgerung ins groük: Publikum tra-\ngen will? Es ist unglaublich! Dem großen Publi-\nkum gegenüber muß man doch Konzessionen ma-\nchen. Man muß ihm doch so gegenübertreten, wie\nihm sonst entgegengetreten wird — etwas roman-\nhaft — etwas marktschreierisch, wenn man will!\nAber — doch immerhin temperamentvoll. Darum\nhalte ich fest an dem Titel: Die Reise ins Jenseits.\"\n„Ich auch!\" versetzte Mister Pitt, „es war ja\nmeine Idee. Jetzt brauchen wir nur die Wissen-\nschaftler. Sonst wird unser Unternehmen nicht als\nvollwertig erkannt. Ich sehe im übrigen nicht ein,\nwarum wir im Aeußern nicht den Kjnematographen\nKonkurrenz machen sollen. Wir locken Neugierige,\nProvinzler und Fremde. Namentlich die letzteren.\nDiese bringen uns den Erfolg. Wrir können fünf-\nmal teurer sein als alle Kinematographen, wir wer-\nden bekannt werden — und alles wird gut werden.\"\nMißtres Corning ging erregt im Zimmer auf\nund ab und sagte schließlich kleinlaut:\n„Sollten wir nicht doch vielleicht erst vorher\nExperimente machen? Es wäre doch möglich,\ndaß wir Erfolge hätten.\"\n„Selbstverständlich,\" sagte Mister Pitt kühl,\n„könnten wir das! Aber wir haben doch kein\nGeld, und erst unser Separat-Kabinett — genannt:\nDie Reise ins Jenseits — kann uns Geld einbringen.\nDann können wir ja später ganz ruhig experimen-\ntieren. Augenblicklich ist es aber durchaus nötig,\nwissenschaftlich interessierte Kreise zu gewinnen.\nEin Wissenschaftler muß den Vortrag ausarbeiten.\nIch bin bereit, den Vortrag zu halten. Und danfi\nwerden im dunkeln Raum optische Dinge vorge-\nführt — das Ultraviolette wird auf der Platte ge-\nzeigt — in geheimnisvoller Dunkelheit. Blitze\nzucken dazwischen. Man verweist auf unsere Ex-\nperimente, die da kommen werden. Man spricht in\nder Dunkelheit mit tiefer Stimme von den Geistern\ndes Jenseits — von den Geistern, die uns um-\ngeben —, und die wir doch nicht sehen können —\nobschon wir sie bemerken könnten — auf der pho-\ntographischen Platte — im Ultraviolett. Dann\nLichtzucken! Knistern in den Ecken. Einer wird\nrausgetragen, — Ohnmachtsanfall einer alten\nDam«. Schauerlich tiefe Stimme wieder im Hinter-\ngrunde. Tiefernst alles. Zuletzt noch ein Toten-\nkopf — bläulich beleuchtet —, na — eine spiri-\ntische Sitzung kann wahrhaftig nicht wirkungs-\nvoller sein. Oder — glauben Sie, daß wir die\nspriritistische Konkurrenz nicht aus dem Felde\nschlagen?\"\nMjßtres Amelie setzte sich und fing an zu\nweinen, und dann sagte sie schluchzend:\n„Das ist allerdings Jahrmarkt. Schlimmste\nForm des Jahrmarktes. Und so soll die glänzendste\nIdee unsrer Zeit — veralbert werden? Es ist ein\nSkandal!\"\n„Ja,\" sagte Mister Pitt, „ohne Geld ist nichts\nzu machen. Wir müssen mit den Wölfen zu heu-\nlen verstehen. Durch dieses etwas theatralisch\nanmutende Arrangement wird doch der wahre\nWert der Idee nicht im mindesten tangiert. Die\nwirkliche Reise ins Jenseits bleibt uns doch immer\nnach; wir müssen doch mal diese Reise antreten. \"\nMißtres Amelie lächelte und sagte, mit dem\nKopfe wackelnd:\n„Allerdings! Sie haben Recht. Der gute Kern\nkann gar nicht angefressen werden. Wir wollen\neinen Wissenschaftler suchen. Wir werden schon\neinen finden.\nNach vier Wochen wurde ein kleiner Salon\nauf dem Boulevard Beaumarchais eröffnet. Den\nBesuchern des Salons standen die Haare zu Berge.\nAber gut besucht war der kleine geschmackvoll\neingerichtete Raum an jedem Abend. Und an\njedem Vormittag experimentierte Mißtres Corning\nmit wissenschaftlichem Eifer. 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Seitdem er sich den gan-\nzen Hidde.nse.esommer nicht um mich bekümmert\nhat, sieht er gar nicht mehr aus wie ein Großfürst,\nsondern wie ich ihn in der Katerstimmung als\nLangohr gemalen hab. Ich zeigte ihm sein Bild,\naber er weigerte sich das Cliche zu bezahlen.\nNun wende ich mich mit diesem Brief an seinen\nVetter. Bitte, Herwarth, mach du die Kommas;\nder ist gebildet, er schrieb ein mathematisches\nBuch über Geburten und Todesfälle.\n„Geschätzter Herr. Sie sind doch der Johan-\nnis, dem Peter Baum sein Kusin? Ich bin seine\nFreundin Amanda und geh in die Knopffabrik auf\nArbeit, und bin nicht wie sie in die höhere Töch-\nterschule gegangen in Elberfeld und das hoch-\ndeutsch macht mich Kopfjucken. Sie sind einer\nvon den Vornehmen und darum spenden Sie\nwacker zwei Thaler für das Küche Ihres Cusins\nPeter; sonst kann seine Visage nicht abgekleckst\nwerden. Der Peter hat mir im Vertrauen in der\nLämmerstunde auf Ihnen aufmerksam gemacht,\nHerr Johannes. Und ich grüße Ihnen freundlich\nund schaffen Sie sich einen Bullenbeißer weniger\nan und füttern Sie Ihre Wachteln mit Teufels-\nbeeren, und trinken Sie sich einen Schoppen auf\nmein Wohlsein. Ihre Amanda Wallbrecker, aus\nElberfeld Grüne Pumpe an der Klotzbahn 86.\"\nLieber Junge, den ganzen Tag erwarte ich\nden Geldbriefträger, daß er nicht mit den zwei\nTalern in Dein Bureau rennt. Ich hab nämlich vor,\nin den Zirkus zu gehn und ein guter Platz kostet\ndrei Mark; und den Slaven will ich dazu ein-\nladen, damit er sieht, daß es nicht nur Rindvieh\ngibt auf der Welt, er ist nämlich verbohrt in sich.\nIch bin mißlaunt, die Menschen, die ich für Men-\nschen hielt, sind auch keine Menschen; die Liebe\nerdrosseln sie mit ihrem Ehrgeiz. Und die Liebe,\nHerwarth, Du weißt doch, was ich von der Liebe\nhalte, wäre sie eine Fahne, ich würde sie erobern\noder für sie fallen. Gute Nacht.\nHerwarth, denk mal, die zwei Taler sind ein-\ngetroffen und noch ein Abonnement auf den Sturm\ndazu. Siehst du, ich bin ein Großkaufmann.\nStell mich an, Du wirst ja nie den Handel ver-\nstehn, und ich möchte nicht warten, bis der Sturm\nalles niedergefällt hat. Ich hab meinem Pitter\nBoom noch ein Wörtchen zu seinem Gemälde dazu\ngeschrieben:\n„Pitter, dat De so een dommer Moolesel böß,\nttä, dat han eck nich gedacht. Wie kannst De\nmeck nu so eene alberne Karte schriewen ut Hid-\ndensee! Doför möss De bestraft wörn. Eck wörd\nnu alt Diane Extravaganzen on Hokospokos on\nDinne ganze Heelege Familie en u-ss-e Vorwärts\nbrengen, on Dinne Neegongen- on Dinne Settlech-\nkeetsverbrechen. Ook Dän artegen Bruder Hugo\nwörd eck entlarven. Dat glöw eck Önk, dän\nSommer on dän Herbst en die Badeörter heröm-\nflanieren, on die Portemaries dän Lüten ut de\nMäntels kiebitzen, on eck sitt hier biern leeren\nKochpott. Van wäm häst De dann dat Geld all?\nVölleecht van Ding Tante ut die Waffelbude oder\nvan die Riesendame? Die Erbschaft Dinnes Ur-\ngroßvatters, däm Derektor on Professor vom\nOlympiaflohtriater häst De doch opgefreten on\nDeck heemlich doför eene nüe Bochse on eenen\nSchabbesdeckel gekauft? Genau wie een Pasior\nstehst De met der longen Piepe im Muhl vor die\nThöre van Dinne Filla op die Groschenskarte on\nde Hugo kickt ut däm Fenster wie Ding Hilfsprä-\ndeger. On eene Eölsharfe steht ook op däm Dach;\nwer speelt die? Dinne tröhe Amanda.\"\nLieb£ Jungens. Cajus-Majus hat mir gesagt,\ner habe Wilhelm Haas aus Prag zum „Gnu\" ein-\ngeladen. Im Cafe Äustria findet der Cabaret-\nAbend statt. Es wäre wirklich nett, wenn Willy\nHaas käme. Er erinnert mich an den Primaner,\nden meine älteste Schwester gnädig, wie ihre\nKleider mit den vielen Bändern, meiner zweiten\nSchwester vererbte, bevor sie ins Pensionat kam.\nDer hatte, wie der Prager Student, große, kluge\nAugen und war kein Spielverderber und hieß\nauch genau wie er.\nIch bin mit dem Auto ins Cabaret gefahren,\nich fühle mich ernstlich krank. Aehnlich wie Kän-\nguruh hört sich „Gnu\" an. Aber interessant war\nes dort, tausend Menschen kamen und immer\nwieder tausend, die Einlaß begehrten, und da war\nkein Platz mehr zu finden. Ich erklomm die\nBühne und setzte mich in einen erhabenen Sessel.\nMit meinem Kolossalsaphir am Finger, (höherer\nblauer Glasscherben), präsentierte ich Leo den\nSiebenundzwanzigsten. Das meinte auch Cajus-\nMajus. Alsbald begann die Lyrik.\nHerwarth, Kurtchen, Zeppelin kommt wieder\nüber unserm Haus vorbei. Ich sitz eingeschlafen\nam Schreibtisch, wird plötzlich die Erde aufge-\nrollt — modernes Gewitter, die Welt geht unter,\nich hab keine Zeit mehr die Koffer zu packen.\nWahnsinnige Stimmung in der Luft; Meer rauscht\nüber unsern Dächern und Häusern — wo ist\nHimmel geblieben, wo wHI der Wallfisch da oben\nhin gemächlich durch die Wolkenfluten. Adieu,\nadieu, ich lauf rasch hinunter auf die Wiese.\nElse\nHeute nur ein paar Neuigkeiten!\nErstens: Dr. Alfred Döblin hat sich als\nGeburtstagshelfer und noch für „alles\" niederge-\nlassen. Auf seinem Schild in der Blücherstraße 18\nam Halleschen Tor steht geschrieben, daß er Ober-\narzt am Urban war. So eine Reklame!\nZweitens: Leonhard Frank hat wieder\neinen himmelblauen Mädchenleib gemalt, nun\nglaube ich wirklich an seine Satanerie.\nDrittens: Scherl will mich für die Ver-\nbreitung der Gartenlaube in Tripolis anstehen.\nIch wohne bei Enver Bey im Krieg.\nViertens: Der unvergleichliche Baron von\nSchennis war gestern Nacht wieder im Caf6.\nFünftens: Alle Jungfrauen Berlins hat\nPoiret eingeladen zu seiner Ausstellung bei Ger-\nson. Die sammelten sich, eine Mauer zur rechten\nund linken des Durchgangs. Zwischen blond und\nschwarzem Frauenhaar, ein Spalt der noch zu\nhaben war, sah ich die Mannequin wundersam.\nSie war nicht in der Stadt geboren, man wußte\nnicht woher sie kam.\nSechstens: Das Cafe und alles was drum\nund dran liegt, Berlin und Umgegend, grüßt Euch\nMöwen!\nfrört- nur, Kokoschka wird steckbrieflich ver-\nfolgt in der neuen, freien Presse; er wirkte doch\nimmer schon rührend, fing er von der Villa an zu\nsimulieren, die er seinen Eitern schenken würde.\nEr aß sich nur immer objektiv satt aus dem Ideal-\nzweck. Tut mir wirklich leid! Wenn er mich\nauch nicht leiden mag. So bin ich ja gar nicht!\nEin Modell, ein Holzhäuschen, soll er in der Nacht\nvom fünfzehnten auf den sechszehnten Oktober ein-\nlach gestohlen haben. Ich schneide Euch hier sein\nBild aus, es ist dilettantisch gezeichnet und gerade\nseine charakteristischen Verbrecherzüge sind gemil-\ndert. Ob er sich auch in einer guten Pension ver-\nsteckt hält, die für ihn sorgt? Rattke, der Ober vom\nCafe, bei dem er hier in Berlin gewohnt hat, meint\nauch, wenn er nur gut wo gepflegt wird."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-04-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-04_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-11-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "671", "page_fin": "672", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.2.8", "titre_corps": "Purrmann und Levi", "titre_sommaire": "Purrmann und Levi", "signature_source": "M. R. 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Zu-\nnächst von Purrmann und Levy.\nHans Purrmann war in Deutschland be-\nreits ein geschätzter und von der wirklich auto-\nritativen Kritik anerkannter Künstler. Es waren\nMaler — also Kenner, die seine Sachen in den\nSezessionsausstellungen kauften. Man liebte an\nseinen Bildern die jugendliche Kraft, die einen ge-\nborenen Maler erkennen ließ, die instinktive Un-\nbekümmertheit, die aus Begabung nie daneben\nhieb, man bewunderte die Fülle, die ein unbestrit-\ntenes Talent ausschüttete. War das Publikum\nauch oft stupefakt, die Kenner spannten ihre Er-\nwartungen aufs Höchste.\nPurrmann seinerseits erkannte, daß er auf\ndiesem Wege mit seinem Temperamente zu wirt-\nschaften dahin kommen würde sich auszugeben\noder im günstigsten Falle sein Leben lang mehr\noder minder gute Malerei zu liefern. Er fühlte das\nBedürfnis, seiner Begabung einen festen und so-\nliden Boden zu sichern, von dem aus sie rationell\narbeiten und zu einer sich immer vervoHkommen-\nden Kunst gelangen könne. Er orientierte sich an\nden neuen Bestrebungen der französischen Ma-\nlerei, die sich um Matisse konzentrierten und die\ndarauf ausging, hinter dem flüchtigen Reiz, den\ndie Impressionisten mit bewunderungswürdiger\nMeisterschaft gegeben hatten, den wahren Cfra-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "672", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4503, "texte": "rakter, die Stabilität zu suchen. Man wollte seine\nSensationen bannen, kondensieren, konzentrieren,\nman hielt sich mehr an Cezanne als an Renoir,\nman arbeitete wieder mit der Linie, man zeichnete\nwieder. Diese Tendenzen schienen für Purrmann\ndie fruchtbarsten Stilelemente zu enthalten, sie\nschienen seiner Begabung und der Art seiner Sen-\nsationen adäquat. Und mit großer Selbstdisziplin\nnahm er seine Kraft in die Zügel, um die neuen\nPrinzipien mit seinem Qeiste zu füllen. Was\nPurrmann in dieser Epoche geschaffen hat, konnte\nden Verehrern seiner Frühwerke vielleicht furcht-\nsam erscheinen. Aber sie unterschätzen die un-\ngeheuren Dienste, die ihm dadurch verschafft\nwurden. . Seine Werke, die früher von Jugend leb-\nten, sind gehalten und gebändigt in ihrer Kraft.\nSie sind vornehm in Farbe und Zeichnung gewor-\nden, sie sammeln und konzentrieren alles, was zu\nsagen ist. Die Arbeiten sind mehr durchdacht, sie\nsind berechneter, überlegter, gewollter. Aber hin-\nter diesem Raisonnement steht die gleiche frische\nKraft wie früher nur auf einer sehr soliden Grund-\nlage.\nIch glaube, Purrmann verdankt es seinem kla-\nren und immer wachen Intellekt, daß er sich auf\ndiesem Wege zur Konzentration seiner Sensatio-\nnen den Einflüssen von Matisse fernhält. Er hat\nsich an ihm orientiert, aber er hat nie mit ihm den\nSchwindel getrieben, der in den Sälen des Inde-\npendants sich bemerkbar macht. Er hat ihm viel\nzu danken, aber er ist immer ganz er selbst ge-\nblieben, er hat nicht mehr und nichts anderes\ngetan, als soviele begabte deutsche Künstler vor\nihm.\nIch könnte vieles von dem, was ich von Purr-\nmann gesagt habe, bei Levi wiederholen. Auch\nbei ihm ist das Streben nach Konzentration und\nStabilierung der Sensationen, das Suchen nach\nden geeignetsten Ausdrucksformen. Daß zwei\nKünstler von solcher Intelligenz sich an den neuen\nStilformen bilden, beweist am besten ihre\nFruchtbarkeit und Notwendigkeit. Der Geist der\njungen Generation findet nicht mehr Platz zwischen\nden Relationen von Natur und Persönlichkeit, von\nFarbe und Farbe, wie der Impressionismus sie für\nsich genügend fand. Die neue Sensation hat vor\nallem eine neue Forderung gestellt: die Forde-\nrung nach dem geschlossenen Bilde. Der Impres-\nsionismus war Naturpsychologie. Man interpre-\ntierte die Natur, mit der die gemalte Leinwand\nnie die Beziehung verlor. Man ordnet innerhalb\ndes Naturausschnittes alles mit Beziehung auf die\nWirklichkeit und kümmerte sich meistens nicht\nweiter um eine Bildeinheit, als daß eine farbige\n(iesamtharnionie zustande kam. Das lag in der\nimpressionistischen Schaffensart begründet, konnte\naber die jungen Künstler nicht hindern, darüber\nhinauszugehen. Man unterwarf seinen Geist nicht\nmehr der Natur, um sich von ihr Gesetze zu holen,\nsondern dem Bilde. Man ging von dem Flächen-\nformat aus, auf dem man arbeitete und wollte zu-\nnächst vor allem ein Equilibre in Linien, Farben\nund Valeurs erreichen. Darum gab jetzt die Bild-\neinheit die Gesetze für die Verteilung der Massen,\nfür die Harmonisierung der Linien, für die Durch-\nrechnung der Valeurs. Man ging damit einen\nguten Schritt auf die Traditionen zurück, entfernte\nsich aber nicht von der Grundlage der modernen\nSensibilität. Kurz, man wurde nicht im geringsten\nakademisch, indem man alte und gesunde Kunst-\nforderungen aufnahm, sondern man versucht neue\nBilder, neues Gleichgewicht und Verteilung der\nFläche zu schaffen, wie der Impressionismus eine\nneue Naturanschauung geschaffen hat. Levi, der\nsich in seinen Stilleben besonders bemüht, inner-\nhalb der Konzentration seiner Sensationen ein\nneues Equilibre zu finden, eine persönliche Aus-\ngleichung der Linien und der Valeurs, befindet\nsich auf einem guten Wege. Man spürt auf jeder\nI afel seine Begabung und seinen selbständigen\nWillen, der noch immer weiter danach strebt, sich\nvon allen Einflüssen zu emanzipieren.\nEs ist eine neue Arbeitskraft und eine neue\nEnergie, die in diesen Künstlern steckt. Nichts\nmehr von einem blöd-genialischen Draufloshauen,\nbei dem der Künstler selbst nie weiß, was heraus-\nkommt, keine Maierei ä la maniere de . . ~ die\nebenso einfach wie schwindelhaft und geistlos ist.\nAls Laie kann man diese Energie kaum einschät-\nzen. Man müßte noch dazu halten, daß ihnen aus\nfreiwilliger Wahl jeder Kontakt mit dem Publikum\nfehlt.\nDer Beitrag entstand im Frühjahr zu Paris,\nwährend gleichzeitig in Berlin (Salon Cassirer)\nBilder der beiden Künstler ausgestellt waren.\nDie Berliner Kritik hat sie fast ausnahmslos ge-\nschnitten oder verurteilt.\n\nM. R. 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Und Sie sind Einer!\"\nSprach s und ließ mich mit meinem Apparat stehen.\nI rotzdem nun die kühn paradoxe Form dieses Aus-\nspruchs zum tieferen Eindringen in seinen Sinn\nreizte, konnte ich seiner Gedankenrichtung doch\nkeinen rechten Geschmack abgewinnen. Ich darf\nIhnen bei dieser Gelegenheit eine kleine Unge-\nschicklichkeit meinerseits nicht verhehlen. Als sich\nnämlich nach dieser paradoxen Aeußerung Herr\nvon Angyal zum Gehen wandte, stieß ich — wohl\ninfolge einer momentanen Unachtsamkeit mit mei-\nnem Unterleib gegen seinen ausgestreckten rechten\nFuß. Der Zusammenprall war ein so heftiger, daß\nich ein gutes Stück wegflog. Es ist wohl über-\nflüssig zu bemerken, daß ich mich wegen meiner\nUnvorsichtigkeit vielmals entschuldigte und Herrn\nv. Angyal frug, ob er sich nicht um Gottes Willen\nweh getan habe. Er schien aber gar nichts ge-\nspürt und gar nicht ungehalten zu sein. Ich hatte\nnun, ich muß es gestehen, große Schmerzen und\nauch Angst, daß sich bei mir, durch mein kleines\nMalheur, am Ende gar die Anzeichen einer leichten\nBauchfellentzündung einstellen könnten, doch\nscheint, wie ich zu Ihrer Beruhigung mitteilen\nkann, jede Gefahr bereits geschwunden zu sein.\nGerade im rechten Augenblick nun, da ich meinen\nCercle beendet hatte, rief mich die Klingel in das\nEmpfangszimmer des Allmächtigen zurück. Als\nich ihm meine Erlebnisse erzählte und meiner Be-\nfürchtung Ausdruck verlieh, ich sei im Begriffe,\neine Bauchfellentzündung zu bekommen, meinte\nder hohe Herr aufmunternd: „Fahren Sie nur so\nfort! Sie sind am rechten Weg! . .\" Der Sinn\ndieser Bemerkung blieb mir rätselhaft. Ueberhaupt\nschien mir der hohe Herr zerstreut und in Gedan-\nken noch immer mit der jüngsten Telefonnachricht\nbeschäftigt. Auf meine untertänigste Frage nun,\nwer ihn denn angerufen habe, meinte er lächelnd:\n„Es war die Effektenbörse Ihrer 1. Haustadt. Sie\nmüssen nämlich wissen, daß die Leute auf der Erde\nbei all ihren Wünschen fortwährend meinen Namen\nim Munde führen. Da ich nun nicht ressortwidrig\nvorgehen will, so muß ich jeden Moment zum Te-\nlefon rennen, um mir alle Wünsche meiner irdi-\nschen Unter und Un —- Tarne n\" — wie er hier\nfeinscherzend bemerkte, — „anzuhören. Schon\nden ganzen Vormittag habe ich keine Ruhe. Denn\nda sind doch die Gerichtsverhandlungen, ich werde\nununterbrochen zum Zeugen angerufen. Jeden\nMoment schwören die Leute bei meinem Namen\nund was tut Gott? Sie schwören alle falsch. Und\num die Mittagszeit bin ich auch sehr beschäftigt!\nDa gehen die Leute in ihrer Heimatsstadt am Korso\nspazieren: was ich da angerufen werde! Ich sotl\nmachen der eine soll zerspringen, weil die Pa-\npiere von ihm steigen, der andere, weil er ein\n60 H.P.-Automobil hat. Und Nachmittag werde\nich viel angerufen vom Gerbeaud, wegen den Toi-\nletten, und auch weil sich manche so ansappen*.\nSogar abends belästigt man mich. Da sind doch\ndiese elenden philharmonischen Konzerte und The-\natervorstellungen. Der bescheidenere Teil geht\nhinein, um das Ende abzuwarten; die meisten aber\nwarten gar nicht, son-dern schlafen gleich ein.\nDa heißts dann: „Gott wie fad!\" Wissen Sie, wenn\nes nach diesen Leuten ginge, müßte ich den Schaag\nfür Budapest reservieren. Und dann gibt\nes doch leider eine Menge Telepho-\nnieren außer den Amtsstunden. Wenn so ein\nSchnupfen in die Stadt kommt, schreit doch ein\njeder wohlerzogene Mensch: „Helf Gott!\" Und\nwas mir doch die Börse auf die Nerven geht!\"\nIch, der ich seinem Ideengange mit dem größ-\nten Interesse gefolgt war, erlaubte mir hier meine\nTeilnahme durch ein verständnisvolles Schmun-\nzeln Ausdruck zu verleihen. Da klingelte es wie-\nder heftig am Telefon. Der erste Gott schaute\nzornig auf seine Patent-Sonnenuhr. „Es fehlen,\nda Sie da sind, natürlich einige Minuten auf 2 h,\"\nsagte der hohe Herr, mich mit strengem Blick mu-\nsternd. Ich fand diese Bemerkung sehr nett, da\nsie von dem regen Interesse sprach, mit dem mein\nhoher Klient den Kern meines Wesens zu erfas-\nsen geruhte, und ich besonders auch den lebens-\nfrohen Humo r, der aus diesem Appergu leuch-\ntete, dankbar bewunderte. „Leider habe ich bis\nMittag Amtsstunde,\" sagte der erste Gott, ver-\ndrossen und eilte pflichtbeflissen zum Telefon.\nDa ich angestrengt lauschte — natürlich nur,\num Ihrem g. Blatt einen recht interessanten Be-\nricht zukommen lassen zu können, — hörte ich den\nhohen Herrn deutlich folgendes sagen: „Sie haben\nganz recht. Es ist wirklich ein ekelhafter Mensch!\"\nDabei nannte er zu meiner größten Verwunderung\nmeinen Namen. Nun muß ich gestehen, daß mich\ndas Gehörte im ersten Augenblick nicht nur nicht\nangenehm, sondern geradezu unangenehm be-\nrührte. Vom Apparat zurückgekehrt, verkündete\nder hohe Herr als Antwort auf meine fragende\nMiene, indem er jedes Wort feierlich betonte, das\nfolgende Machtwort: „PONEM, NOMEN, OMEN!\"\nDies blieb mir unklar. (Wir glauben, diese Worte\nstammen aus einem verschollenen Zitat aus dem\nAlt. Testament.: Deuteronomii. Mosis IV. Lib. 2.\nCap. Vers. No. 117. Ab. d. Anrn. d. Red.)\nIch hielt es nun an der höchsten Zeit, meinen\nAbschied zu beschleunigen und war gerade bei der\nHimmelstüre angelangt, als ich plötzlich ein ziem-\nlich schmerzhaftes und mir wohlbekanntes Gefühl\nhinterrücks verspürte und zugleich ein gutes Stück\naus der Himmelspforte hinausflog.\nIm Ganzen erfreut über den so gelunge-\nn e n Besuch, trat ich mit bestem Schwünge den\nRückflug an. Leider mußte ich diesesmal unver-\nrichteter Dinge abziehen. Doch hoffe ich bestimmt\nin Bälde meinen Besuch zu (erneuern und eine\nschöne Photographie mitzubringen, umsomehr als\ndas geschilderte, geradezu intim zu nennende Ver-\nhältnis zu meinem hohen Klienten, und der schönre\nEmpfang, der mir da oben zuteil wurde, sowie auch\ndie übrigen, Ihnen geschilderten Erlebnisse mir\nzeitlebens eine schöne und liebe Erinnerung bleiben\nwerden. ! ! !\"\nWir aber hoffen zuversichtlich, daß die Ad-\nministration unseres Weltblattes die erste sein solL\ndie sich schon zu Weihnachten dem Wohlwollen\nseines verehrten Leserpublikums mit einem authen-\nthischen und wohlgelungenen Konterfei des ersten\nGottes zu empfehlen in der angenehmen Lage sein\nwird! —"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-04-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-04_01#c016", "volume": "bmtnabg_1911-11-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "673", "page_fin": "673", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Allard Forain W. Leistikow\nH. Cassiers V. Gilsoul M. Liebermann\nL. Corinth H. Herrmann A. von Menzel\nF. Charlet J. B. Jongklnd Bern, de Monvel\nH. Daumier Le Goud-Gerard Monticelli\nSkulpturen von Max Kruse, M Buchanan,\nGrosste Auswahl mod. Graphik fur dekor. u.\nCoutts Michi\nC. Pissarro\nF. Skarbina\nJ. Smits\nF. Thaulow u. a.\nL. 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Kunsthandiung, Antiquariat,; Verlag 1\n:: BERLIN Wl5, Kurfurstendamm 33 ::\n1} Standige Ausstellung\njjj moderner Graphik\nEINTRITT FREI\nIm Eckhatwe, gegeniiber der Se-\nzession, Eingang Grolmannstraße\nIllustriert. Katalog u. 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Mesler L.iPrig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie itnd Praxis (staatlich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhrender Stellung). Orundliche\nEinfuhrung in die verschiedenen Branchen des kaufmSnnischen Berufes, ratlonelles\nStudium der Handels- und verwandten Wisscnschaften ais Ersatz ffir ein mehr-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfiihrungs- und Bilanz-\nTechnik, Buro-Praxis sich vorbereiten woiien —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\nsoiviert haben, wie fur\nHerren rait besseren praktischen oder th«oretischen Vorkenntnissen, Einjahrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfiir Kaufleute reiferen Alters, die bcreits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend fhre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen woiien oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaitung wirtsciiaftlicher Unternehmungen oder VerbSnde,\nAktien- oder Shnlicher Oeseilschaften sich vorbereiten woiien. 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ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN .mm.\nIn haben in alien Apotheke. und Drogerien / Alldnlge Fabrika.fi.\n/ Fabrik ffir phartnaceotiscfaen Bcdarf / Berlia-Halensee\nWohlfidunedtend Sicker wlrkead\nTHRICHOPHIL\n■ F1.M.3,00 F1.M.3,00 ■\ngH m............. as nur balm Fabrikanten: = n............. |j£\nS Otto Teutscher/Friseur i\n■ I. Geschaft: 106aPotidamcrstr.,Einj.63Stejflilxerstr.,TeI.VI,6735 I\nIL Geschaft: Charlottenburg, 100 Kaiserdamm, Tel. 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R. SCHÖNLANK: Purrmann und Levi\n\nKunst und Lebensfreude\nMichels Reinfall\nIch erhielt einen Prospekt, geschmückt mit\nzwei Bildern, die ich für Kopien, für schlechte\nKopien frei nach Oskar Kokoschka hielt.\nDurch den Prospekt wurde ich belehrt, daß es sich\num „Originalgemälde\" eines Herrn Max Oppen-\nheimer handelt. Der Prospekt teilte mir weiter\nmit, daß „Feuer, Geist und Leidenschaft das Schaf-\nfen dieses Herrn charakterisiert\". Seine Malerei\nist „eine Frucht glänzender Evolution\". Der\nIntellekt dieses Herrn ist nicht nur grüble-\nrisch, er ist „hochgezüchtet\". Ich persönlich\nglaube nicht einmal an die Fähigkeit, einen\nIntellekt hochzuzüchtigen. Die Bilder dieses Herrn\nsind sogar „von erlauchter Nachdenklichkeit\".\nSeine Malerei ist „faustisch, widerspräche dem\nnicht die hohe sinnliche Kultur, die ihr zu Grunde\nliegt\". v Aber nicht damit genug: dieser Herr hat\n„ein Temperament, das den Zweifeln und den Rät-\nseln fremd ist\" (trotz der erlauchten Nachdenklich-\nkeit), „einen Geschmack, der die Erschütterung\nliebt\", (mit Feuer. Geist und Leidenschaft), „eine\nentschiedene asketische Geistigkeit\" (trotz der zu\nGrunde liegenden hohen sinnlichen Kultur). Alle\ndiese netten Sachen begegnen sich natürlich „auf\neinem hohen Punkt\". Also vorbereitet beschließe\nich, das „Buch, das von diesem Künstler erzählt\",\nzu lesen. Es ist von einem Herrn Wilhelm Michel.\nBerliner Sezession\nEme Ausstellung der „Zeichnenden Künste\".\nDie Ausstellung ist besser als der Name. Den\nKünsten wird viel zugemutet, aber das Zeichnen\nhaben sie trotzdem noch nicht erlernt. Alles\nLiterarische der Sezession stimmt bedenklich. So\ndas Vorwort. Die Sezession rühmt sich in ihm mit\nRecht, daß sie das Interesse für Schwarz-Weiß-\nAusstellungen wieder belebt hat. Sie rühmt sich\nmit Recht, daß sie unabhängig vom Staat ist, „der\naus natürlichen Gründen nur das Fertige und deut-\nlich zu Ende geführte Kunstwerk anerkennt\".\nWenn der Staat nur fertige Kunstwerke\nanerkennen und kaufen würde, läge kein Grund\nvor, ihn zu bekämpfen. Die Sezession wird doch\nnicht behaupten wollen, daß sie die staatlichen Ge-\nmäkle für fertige Kunstwerke hält. Der Staat legt\nbekanntlich viel mehr Wert darauf, daß die Maler\nseiner Bilder möglichst lange verstorben sind.\nJe mehr Jahrhunderte, desto besser. Bedauerlich\nbleibt nur, daß auch das höchste Alter ein schlech-\ntes Bild nicht gut macht. Noch bedenklicher ist\nes aber, wenn im Vorwort „von nicht deutlich zu\nEnde geführten Kunstwerken\" gesprochen wird.\nDiese Publikumsvorstellung verhindert wesentlich\ndie Anerkennung der großen Franzosen, wie van\nGogh, Cezanne, Renoir, und der Deutschen, die\nvon ihnen gelernt haben. Solch einen Satz drucken\nzu lassen, ist sehr gefährlich. Man muß durchaus\ndagegen auftreten, daß Künstler über Dinge reden,\ndie sie zwar verstehen, aber nicht durch Wort-\nkunst ausdrücken können. Ebenso gefährlich ist\ndieser Satz des Vorworts; „Wir wollen im Gegen-\nteil auch all das Künstlerische und Interessante,\nwas in den ersten Entwürfen und Studien, in Ra-\ndierungen, Lithographieen und Holzschnitten liegt,\nan die Oeffentlichkeit bringen. So haben wir das\nPublikum gelehrt, der Kunst in ihren ersten Sta-\ndien der Entwicklung — gleichsam in der Werk-\nstatt — nachzugehen und sie zu beobachten.\"\nDas Publikum kann den Satz nur so auffassen,\ndaß die Schwarz-Weiß-Kunst in all ihren tech-\nnischen Abarten das erste Stadium der Entwick-\nlung zur Malerei bildet. Hat der Schreiber das\nwirklich gemeint, so irrt er sich gründlich.\nSchlechte Bilder entstehen gerade dadurch, daß\nman sie von der Zeichnung her „entwickelt\".\nMalen ist eine Angelegenheit der Farbe. Und\nje mehr man das Zeichnerische in farbigen Flächen\nauflösen kann, je mehr man Konturen vermeidet,\numso größer ist die Kunst des Bildes. Die Zeich-\nnung steht zur Malerei etwa in dem Verhältnis wie\nein Klavierwerk zum Orchesterwerk. Sie sind\ntrotz naher Verwandtschaft verschiedene Künste,\nweil sie mit einem völlig andern Material ar-\nbeiten. Der beste Zeichner braucht nicht Malen\nzu können, und der größte Symphoniker kann auf\ndem Klavier langweilen. Das Beste an der\nAusstellung der Zeichnenden Künste sind die bild-\nhauerischen Arbeiten. Die Sezession macht end-\nlich den vernünftigen Vorschlag selbständige bild-\nhauerische Ausstellungen zu veranstalten. Die\nBildhauerei hat ebensowenig mit\nWeiß-Kunst zu tun, wie mit den Gemälden. Drei\nbekannte große Meister zeigen von ihren schönsten\nSchöpfungen. Rodin eine Bildnisbüste von Gustav\nMahler und ein kauerndes Weib, beide in Bronze,\nund eine Marmorarbeit Francesca und Paolo. Die\nBildnisbüste von Gustav Mahler halte ich über-\nhaupt für die beste, die bisher geschaffen worden\nist. Max Klin g e r hat es endlich aufgegeben,\n„gedankenvoll\" zu sein. Infolgedessen sind seine\nbeiden Bildiiisbüsten wieder von der alten Kraft.\nAls Gesamterscheinung aber, größer als diese bei-\nden, wirkt Georg Minne. Er wandelt den\nStein völlig in Kunst um. Von den jüngeren\nkommt diesen Meistern am nächsten Georg\nKolbe. Er gehört zu den wenigen Bildhauern,\ndie Künstler sind, die ein persönliches Erlebnis in\neigener Form wiedergeben können. Den Typus\nseines jungen Mädchen hat er schon öfter geschaf-\nfen. Jetzt ist der Typus ein junges Mädchen\ngewor d e n. Von ganz neuen Namen seien\nBenno E 1k a n , (Der alte Mann und Maske von\nWilhelm Trübner) und Hans Krücke b e r g\n(Kopf eines Krüppels) nachdrücklich genannt. Die\nwertvollsten Schwarz-Weiß-Arbeiten stammen von\ndem göttlichen Paul Cezanne (Lithographien),\nvon Auguste Renoir (gleichfalls Lithographien),\nPaul Gauguin, Meister, denen man nur mit Be-\nwunderung nahen darf. Ich verbinde übrigens diese\nNamen absichtlich nicht durch eine Konjunktion.\nDie bekannten Berliner Sezessionisten sind\nauf dieser Ausstellung nicht sehr interessant, bei\nmanchem wundert man sich, daß sie jemals\nals Ausnahmeerscheinungen gelten konnten. Bla-\nmabel wird aber nachgerade die Mitgliedschaft\ndes Herrn Baluschek. Die Photographie kann\nheute an „Illusionswirkung\" alles möglich ma-\nchen, wozu braucht da Herr Baluschek sich\nnoch um Kunst zu bemühen. Die jüngere Ge-\nneration vermeidet jetzt den Umweg über Lie-\nbermann und Genossen. Es sind verschiedene\nHedwig Weiß und Hanns Bolz (den ich\nschon bei der Besprechung der juryfreien Kunst-\nschau erwähnte). Auf den amüsanten gemalten\nGartensaal von Emil Rudolf Weiß sei noch hin-\ngewiesen.\nDie liebelose Ausstellung\nDer Lokalanzeiger weiß jetzt bereits, daß es\nsich bei Bildern „nicht um das Gegenständliche\nhandelt\". Er kann es sich aber nicht versagen,\ngerade auf Grund dieses Wissens einmal eine Aus-\nstellung nach dem Gegenständlichen zu betrach-\nten. Ein Doktor wurde daher eigens in die jury-\nireie Kunstschau gesandt, um durch die Bilder das\nWesen der Frau, „die stets etwas rätselhaftes für\nuns hat\", zu erkennen. Dem Doktor fallen fol-\ngende Eigenschaften der Frau, nein, sie springen\nihm sogar in die Augen: Kampfeslust, stille Me-\nlancholie, unerfüllte Sehnsucht, süßes Nichtstun.\nMan sieht, Rätsel raten ist garnicht so schwer.\nFreilich wird die Aufgabe wesentlich dadurch er-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "668", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.2", "texte": "leichtert, wenn man „ein Biedermeiermädchen in\neinem Park voll träumerischer Romantik, eine he-\nroische Figur, die auf weiter Berghalde der unter-\ngehenden Sonne entgegenschreitet\", bildhaft vor\nsich hat. Aber die Frau betätigt sich nicht nur\nseelisch (unerfüllte Sehnsucht, süßes Nichtstun),\n„es kommen auch Bilder, die schon mehr nach\nBetätigung aussehen, wie es etwa das Kaffee-\ntrinken ist.\" Also auch in dieser Hinsicht kann\nman beruhigt sein. Bleibt das Erotische. „Vom\nKaffee zum Tanz ist nur ein Schritt. So nähern\nwir uns immer mehr den Lebensfreudigen. Sie\nsind es nicht nur mit dem Munde, sondern mit\nLeib und Seele, von der lachenden Lautenspielerin\nbis zur bacchantisch taumelnden Mänade.\" Man\nfühlt, der Doktor fürchtet sich nicht vor dem letz-\nten Geheimnis. Aber er kann sich mit all diesen\nEigenschaften der Frau nicht begnügen. Ihm, dem\nMann, „fehlt die Verkörperung der liebevollen\nHingebung, was der Mann vor allem bei der Frau\nwünscht. Da sie uns indeß das Leben zumeist\nvorenthält, so können wir sie bei einer Kunst-\nschau bi'lligerweise nicht verlangen.\" Ja, ja, so\ni s t das Leben.\nNotizen\nBerliner Künstler-b und\nDie Ausstellung befindet sich im Hause neben\nder Juryfreien Kunstschau in der Potsdamerstraße.\nAuch bei ihr fällt die zahlreiche Beteiligung von\nFrauen auf, die hier sogar besseres leisten, als\ndie Männer. Sie enthält bedeutend weniger di-\nlettantische Arbeiten als die luryfreie, aber dafür\ngar keine besonderen Kunstwerke. Die Herr-\nschaften sind alle gut an den Franzosen „orien-\ntiert\". Clara Arnheim und Helene Wolff seien ge-\nnannt. Ich verweise auf meine Ausführungen über\nKunstkritik in der vorigen Nummer.\nWintergarten\nDas Variete hat vor dem Theater einen Vor-\nzug, außer vielen anderen: es gibt Einzelleistun-\ngen, die künstlerisch vollendet sind und eine Ein-\nheit bilden. Man kann sie ohne Relation genießen,\nwährend man sich im Theater für einen guten\nSchauspieler zehn schlechte gefallen lassen muß.\nKein Berliner Theater gewährt soviel künstlerische\nBefriedigung, wie der Wintergarten. Das Variete\nist heute literarisch „überwanden\". Zu seinem\nGlück. Denn was von der Literatur (und vom\nTheater wie Harry Waiden) herkam, war Kitsch.\nKunst aber sind die Leistungen der musikalischen\nClowns Antonet und Grock, Kunst sind die körper-\nlichen Verzückungen der Drahtseiltänzerinnen Her-\nvey, Kunst sind die Erscheinungen der Sunshine-\nGirls und eine Genie ist die kleine Drahtseilkünst-\nlerin Bird Millman. Dieses Mädchen hat für sein\nkörperliches Erlebnis den persönlichen Ausdruck\ngefunden. Ueber die Pantomimen des Wintergar-\ntens im vorigen Monat ist zu sagen, daß es keine\nsind. Man kann nicht auf der Bühne Bewegungen\nmachen lassen und im Orchester Musik. Die Ge-\nschlossenheit zwischen Gebärde und Ton bildet die\nVoraussetzung einer künstlerischen Wirkung der\nPantomime. An dieser Bedingung kann selbst eine\nhervorragende Tanzbegabung wie die Napier-\nkowska nichts ändern.\nMetropolpaiast\nEine neue Stätte der Lebensfreude und daher\nnatürlich von den Herren Hugo Baruch mit be-\nwährtem Mißlingen eingerichtet. Wenn der\nMensch geschmacklos ist, und sei er auch ein Di-\nrektor, so hilft ihm nicht einmal das Teuerste, wo\nman hat. Rot und Jold sind ja sehr harmonische\nFarben, aber meine Lebensfreude haben sie noch\nnie gesteigert. Auch Rokoko ist recht amüsant,\nwenn man es nicht zu sehen braucht. Trotzdem\nvergnügt sich ganz Berlin für fünfzig Pfennig\naußerordentlich. Auch dieser Palast strahlt in\nFeierlichkeit. Wenn ein Besucher lachen will,\nwozu ihm übrigens die Cabaretkiinstler nie Ge-\nlegenheit geben, wenn ein Besucher also aus an-\ngeborener Freudigkeit lachen will, wird er ener-\ngisch zur Ruhe verwiesen. Wie sollen sonst die\nPoängten verstanden werden?\nZu erwähnen wäre eine Dame, namens Gussy\nHoll, die C l a i r e W a 1 d o 112 112 kopiert und es sogar\nausdrücklich sagt. Aber gut kopieren, mein Fräu-\nlein, ist keine Kunst.\nT rust\n\nKongo\nVon Albert Ehrenstein\nUeber die Bewohner von Kongo-W aechter,\neines kleinen und leider psychisch minderwertigen\nSternes, erzählen die großen Wettfahrer der Vei-\ngangenheit seltsame Dinge.\nFrüher erblickten die Sklaven des Palalu von\nOhoodiro niemals die Sonne. Dann aber kam\nJesus der Zweite, Schmernerenx, den ihre Jamben-\nkönige in vielen heiligen Liedern als Erlöser nam-\nhaft machen. Infolge seines ergreifenden Gesan-\nges wurden die den Bergwerken Verfallenen immer\nbeim Erscheinen eines Schweifsterns, mit den\ntrefflichsten Ketten gefesselt, an die Oberwelt ge-\nführt und mit einer Ration Tageslicht gelabt. Die\nHerren gewährten dies, auf daß die Arbeiter nicht\ndas Gesicht verlören wie gewisse Fische in den\nTiefen, erfrischende Strahlen in sich schlürften für\ndie Jahre der Nacht. Damit sie jedoch ihre\nSprechwerkzeuge dabei nicht zu herzzerreißenden\nKlagen mißbrauchten, wurde ihnen vorher die Zunge\nschmerzlos entfernt. Kam nun der Komet seines\nWeges, so riefen alle Freien „Heil\", entblößten das\nHaupt zum Zeichen ihrer Verehrung für den sel-\ntenen Gast, und sprachen fromm die anläßlich des\nAufblitzens eines Haarsterns vorgeschriebenen Ge-\nbete. Einen Augenblick auch wurden die fahlen\nGesichter der stummen Sklaven der schmerzenden\nHelle überlassen, sodann jeder wieder seinem\nSchachte zugetrieben und in Arbeit umgesetzt.\nEin einziger Heiland kann ja auch gar nicht\ndie Kraft haben, die moralische Zusammensetzung\nder Geschöpfe dauernd umzuwandeln, er vermag\nauf diese chemischen Elemente höchstens färbend,\nkalmierend einzuwirken. Anhaltenden Erfolg\ndürfte aber erst die lange Reihe, das Ineinander-\ngreifen von zwanzigtausend erstklassigen Erlösern\nerzielen.\nDen letzten Berichten nach scheinen\nmittlerweile wieder einige in Messiasse ver-\nwunschene Söhne des Sonnenfürsten zu län-\ngerem Aufenthalte auf der Kongo-Waech-\nter eingetroffen zu sein. Ein gewisser Fort-\nschritt, vielleicht dem Entwickelungsdogma ent-\nsprechend, läßt sich jedenfalls nicht ableugnen:\nden Knechten der Bergwerke wurde zu Zucht-\nzwecken Oberweltsurlaub bewilligt. Diese Neue-\nrung verdankten sie einer Reform der theologisch-\nwissenschaftlichen Anschauungen. Man sah in der\nherrlichen Annäherung eines Kometen an einein\nWandelstern Werbung. Wer auf eine Staatsan-\nstellung Anspruch erhob, mußte in dem stets ent-\nfalteten Pfauenrad und Feuerschweif des Irrlich-\ntes — dieses wie bei zahlreichen anderen Kreatu-\nren bedeutend kleineren Männchens — einen Balz-\nakt, eine Exhfibition erblicken. Jeden Gedanken\nan prahlerische Mimikry außer Acht lassend,\nglaubte man, alle diese Scheingestirne seien Zucht-\nsterne, Befruchtungssterne, von irgend einer\nMacht an einem der himmlischen Harems, an den\nPlanetenweibchen eines Sonnendistriktes entlang-\ngeschleudert.\nNun untersagte aber ein Religionsparagraph\nden Leuten auf der Kongo-Waechter, die Be-\ngattungskrämpfe ihrer Eltern zu betrachten. Also\nverboten die Großpriester ihren Anhängern einen\nunzüchtigen Anbltck, die Beobachtung des Liebes-\nspieles ihres Muttersternes mit dem Kometen.\nDa es für ein böses Omen galt, der Geburt\neines Mondes beizuwohnen, ferner den unschuldi-\ngen Spermatozoen des teuerverzehrten Amanten\nschädliche Eigenschaften angesonnen wurden,\nund zwar : den Gasen und Dämpfen eine den Atem-\norganen unbekömmliche, dem befruchtenden Mag-\nma, wenn es an der Oberfläche des Sternes zu\nMeteoriten gefroren war, sogar eine zermalmende\nWirkung — erklärten sich die Machthaber bereit,\ndie Arbeitstiere als Bazillenfänger zu verwenden,\nsie zwischen sich und die giftigen Ejakulationen\nzu schieben. Die Kometen ihrerseits hielten sich\nja stets vorsichtshalber, um nicht von der Gelieb-\nten verspeist zu werden, in respektvoller Distanz.\nWar aber einer am Himmel zu erspähen, mußte er\nnotgedrungen, gesetzlich-galant der Kongo-\nWaechter den Hof machen — nach den ebenso\nehernen als lächerlichen Geschlechtsregeln des\nSonnendistriktes R. Nahte endlich der schöne\n„Telecoitus\", so bedeckten die Gewaltigen ihre\nAugen, stiegen, diesmal frommverhüllten Hauptes,\ntief in die nun schützenden Berge hinab. Aufwärts\ndie Helotenmaschinen.\nIn jenen Tagen der Angst verrichteten die\nOligarchien unten in halb erheuchelter Demut das\nniedrige Handwerk der Leibeigenen. Der jähe\nUmsturz, der plötzliche Uebergang von der Ver-\nehrung des Kometen bis zur Flucht vor dem Un-\ntier, dürfte schwerlich ohne blutige Religionskriege\nvor sich gegangen sein. War jedoch dieser Evo-\nlution wider alle Berechnung ein friedlicher Verlauf\nbeschieden, so leitete die Regierenden dann wohl\ndie Erwägung, eventuell, statt selbst sterben zu\nmüssen, bloß die Hörigen fallen zu sehen. Außer-\ndem die chimärische Hoffnung eines Gegenteils,\ndem Gutachten eines weisen Schäfers entnommen.\nEr sprach: „Melancholie und Verstimmung — un-\nverbrauchte Ueberkraft. Jedes unbefruchtete Ei\nweint in dem Weib, jeder verhaltene Samen weint\nin dem Mann. Liebe (ist entweder eine Autoin-\ntoxikation durch überschüssiges Sperma oder eine\nVergiftung durch die Sekrete und Gase, durch die\nStrahlen und Düfte anderer. Gleichwie nun die\nder Zeugung Beflissenen Eier und Samen getöteter\nTiere: unterworfener Stämme als dienlichstes Fut-\nter verspeisen, könnten die Ausscheidungen des\nwackeren Kometen eine vermehrte Geschlechts-\ntätigkeit, eine gesteigerte Fortpflanzungsgeschwin-\ndigkeit der Sklavenkaninchen hervorrufen!\"\nSo ereilten die Proletarier von Morbihan ge-\nfährliche Saturnalien. Während der ganzen Brunft-\nzeit des Kometenviehs durften die Zuchttrotteln\nim Lichte weiden, sich an dem seltenen Spektakel\nergötzen. Ob zu ihrem eigenen oder dem Ver-\nderben in so siderischer Luft geschaffener Kin-\nder und Enkel — darüber fehlt nicht bloß in den\nErzählungen der großen Weltfahrer der Vergan-\ngenheit, sondern sogar im Spektrum des Sternes\njede Andeutung.\n\nAphorismen\nVon Max Steiner\nWenn man „soziale Instinkte\" für erblich er-\nklärt, dann sehe ich nicht ein, warum man nicht\npapistische, republikanische Instinkte annehmen\nkönnte, denen man ebenso die Erblichkeit andich-\ntete.\nDas Mitleid ist eine intellektuelle Erscheinung\nund kein angeborener Instinkt. Mitleid wird her-\nvorgerufen, wenn ich mir die schlechte Lage eines\nandern als die meinige Lage vorstelle. Der bloße\nAnblick des menschlichen Schmerzes genügt nicht,\nMitleid zu erregen. Blödsinnige kennen diesen „In-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "669", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.3", "texte": "stinkt\" nicht. Bei verschiedenen Völkern und zu\nverschiedenen Zeiten hat sich der sogenannte „so-\nziale Instinkt\" so unendlich mannigfaltig geäußert,\ndaß wir ihn unmöglich einheitlich auffassen dürfen.\nBeim Abwägen des Nachteils und des Nutzens ge-\nstaltet sich der „soziale Instinkt\" ganz verschieden.\nHat man den Ursprung der angeborenen mo-\nralischen Neigungen noch nicht entdeckt? Ich\nnenne euch den glorreichen Urahn: es ist der —\nangestammte Glaube. Kein Anatom könnte die\nVerwandtschaft des Menschen mit den höheren\nWirbeltieren an den Skeletten so scharf nach-\nweisen, wie die Sprache die innere Identität der\n„angeborenen moralischen Neigungen\" mit dem\n„angestammten Glauben\" demonstriert. Und ver-\nfolgen Ahne und Sproß nicht das gleiche Ziel? Sol-\nlen nicht beide die skeptische Vernunft zügeln und\ndie ätzende Logik niederhalten?\nDer Kampf ums Dasein ist das höchste Gesetz\nder Entwicklung — nach Darwin. Die unerbitt-\nliche Ausrottung des Minderwertigen ist die Vor-\naussetzung des Fortschritts — nach Darwin. Und\nden Schwachen helfen, die Krüppel am Leben er-\nhalten, die Kranken ernähren ist eine moralische\nNeigung — nach Darwin. Hier muß etwas ge-\nschehen. Diese Widersprüche können nicht ge-\nlöst werden mit gesundem Menschenverstand. Daß\nder Kampf ums Dasein, daß der Sieg der Starken\ndie Entwicklung der gesamten organischen Welt\nbedeuten, und das Gegenteil des Kampfes, das Ge-\ngenteil der Auslese moralisch sein soll (ohne Pessi-\nmismus), — dagegen sträubt sich alle menschliche\nLogik, darüber muß alle Vernunft in Aufruhr ge-\nraten. So schaffen wir denn die Vernunft ab.\nGegen die angeborenen moralischen Neigungen\nsträubt sich die christliche Ethik nicht mehr, und\nnoch nie hat ein Dogma seinen Urheber bekämpft.\nWenn die erwachende Jugend an den Lehren der\nReligion kühn zu zweifeln beginnt, dann wird mau\nihnen wohl sagen: Eure Vernunft mag denken wie\nsie will — von dem angestammten Glauben dürft\nihr nicht abfallen. Und so ist es bei Darwin. Die\nLogik lehrt unerbittlich, die herrschende Moral,\ndie Moral der höchstbegünstigten Minderwertigkeit,\nzu verdammen. Das lehrt die Logik. Die ange-\nborenen moralischen Neigungen wissen es besser.\nWas geht denn diese die Logik an? Seit wann gehört\ndie Logik zu den angeborenen Neigungen ? Gott\nverzeihe mir — wer Darwin liest, wird kaum wa-\ngen, jemals auch nur diese Frage zu wiederholen.\nWenn die sozialen Instinkte die Ausschaltung\nder Vernunft in der Moral rechtfertigen: wo\ngibt es dann ein Gebiet, auf dem man seine Dumm-\nheit nicht damit entschuldigen könnte, daß man\ndurch einen angeborenen Instinkt dazu gezwungen\nist, sie zu begehen?\nDieselben Aerzte, welche das „angeborene Mit-\nleid\" angeblich davon abhält, unheilbar-Kranke zu\nbeseitigen, quälen und peinigen, ohne mit der Wim-\nper zu zucken, Tiere bei lebendigem Leibe.\nDie sozialen Instinkte sollen sich bewährt\nhaben? Das ist die — „soziale Frage\". Eine Ge-\nsellschaft, die sich selbst zum Problem geworden\nist, zeugt nicht von der Bewährtheit der Grund-\nsätze, auf denen sie beruht.\nWenn der Darwinismus zugesteht, daß Logik\nund Vernunft aus seinen Lehren keine altruistische\nMoral ableiten können, und wenn er Logik und\nVernunft ablehnen muß, um den sozialen Instinkten\ndie Herrschaft zu sichern, wenn er allen Einwän-\nden bloß das „credo quia absurdum est\" entgegen-\nzusetzen hat, dann ist es, so glauben wir, für den\nDarwinismus an der Zeit, den Kampf mit geistigen\nMitteln aufzugeben.\nDer Berner Professor Ludwig Stein, ein „so-\nzialer Optimist\", meint, man könne über Leute wie\nNietzsche „und\" Stirner nur lachen, widerlegen\nkann man sie nicht.\nNiemand bezweifelt, daß Professor Stein lachen\nkann. Aber niemand bezweifelt auch, daß ver-\nnünftige Menschen und redliche Denker das Schau-\nspiel eher traurig als ergötzlich finden werden, daß\ndie moderne Welt Metaphysiker zeugt, welche\nfremde sittliche Anschauungen wohl zu belachen,\ndie eigenen moralischen Ansichten aber nicht zu\nbegründen imstande sind.\n„Wenn,\" schreibt Carneri, „Max Stirner sagt:\n,Ich bin zu allem berechtigt, dessen ich mächtig\nbin; bin ich nur mächtig, so bin ich schön von\nselbst ermächtigt' — so gibt er eben diesem In-\ndividualismus Ausdruck. Seine Uebertreibungen\ngrenzen allerdings an Wahnsinn; aber vielleicht\nsagt man eines Tages von ihm, wie es von Mac-\nchiavelli gesagt worden ist: nicht um eine Anlei-\ntung zu geben, um abzuschrecken, habe er das\nBuch geschrieben.\" Nun, jener Satz Stirners ist\nnicht so wahnsinnig, als er — konsequent ist. Al-\nlerdings — den gut christlich gesinnten Materia-\nlisten Carneri muß das bleiche Entsetzen lähmen,\nwenn jemand vom theoretischen Unglauben zum\npraktischen übergeht. Wie will man aber auf dem\nBoden einer naturalistischen Ethik das Prinzip Stir-\nners bestreiten? „Wozu ich mächtig bin, dazu\nbin ich bereits ermächtigt\" — das gilt dann ohne\njeden Zweifel unwiderlegbar, so unwiderlegbar,\ndaß fromme Atheisten wie Carneri darüber wahn-\nsinnig werden könnten. Die „Ermächtigung\" wird\nvon der jetzt herrschenden (christlichen) Moral\naus dem Begriff der sittlichen Verant-\nwortung abgeleitet. Dieser Begriff aber ist me-\ntaphysisch. Und ohne Metaphysik keine meta-\nphysischen Begriffe, ohne christliche Religion keine\nchristliche Moral!\nEs ist zu spät, Carneri und seinen Leuten einen\nRat zu erteilen. Wenn es aber dazu noch Zeit\nwäre, dann würden wir empfehlen, bei Stirner Lo-\ngik zu lernen, ehe man sich zu Darwin begibt. Ob\nCarneri Recht hat, wenn er die Aufrichtigkeit des\nEinzigen geradeso verdächtigt wie die Wahrhaftig-\nkeit von Macchiavellis Principe, lassen wir dahin-\ngestellt. Wir bezweifeln sehr, daß der große Ita-\nliener abschrecken wollte. Macchiavelli isc durch-\naus ernst zu nehmen. Man muß das moralische\nEmpfinden eines deutschen Schulmeisters nicht mit\nder Auffassung der Renaissance verwechseln.\nStirner und Macchiavelli sind logische Wahrheiten.\nDer Darwinismus gibt sich alle Mühe, die furcht-\nbaren Bücher auch moralische Wahrheiten werden\nzu lassen.\n*\nWas der einsame Philosoph von Berlin, Stir-\nner, in seinem Stübchen niederschrieb, das haben\nMillionen unbewußt getan. Der Egoismus hat zu\nallen Zeiten geherrscht — trotz Christentum und\nReligion. Kreuzzüge, Heidenverfolgungen sind Erup-\ntionen der natürlichen Raubtier-Veranlagung des\nMenschen. Man predigt die Frömmigkeit woiil, aber\nman wird durchaus nicht frommer. Da kommen\nRousseau und die Enzyklopädisten — die größten\nKlerikalen der Geschichte, echte Mönchsgestalten\n— und führen die christliche Metaphysik auf die\nStraße. Das neunzehnte Jahrhundert wird man der-\neinst das christliche nennen. In dieser Zeit siegt\nder Gedanke der Humanität, der Duldsamkeit und\nder Brüderlichkeit. Und merkwürdig: gerade in\ndieser Zeit läuft man Sturm gegen die Grundmauern\ndieser Glaubenssätze — gegen die christlichen\nDogmen. Die Revolution hat die äußersten Fol-\ngerungen aus der christlichen Moralanschauung ge-\nzogen. Die Aufklärung aber vernichtet den meta-\nphysischen Dogmatismus. Und der Tag wird kom-\nmen, da auch dem moralischen Dogmatismus das\nSterbeglöcklein geläutet wird. Dann wird eine\nUmwälzung eintreten, gegen welche die franzö-\nsische Revolution ein Kinderspiel war. Denn der\ndemokratische Sozialismus hat mit der bürgerlichen\nGesellschaft eine Moral gemeinsam, die auch vom\nKapitalismus — theoretisch anerkannt wird. Der\naristokratische Sozialismus aber hat nicht bloß den\nchristlichen Gott, sondern auch das christliche Ge-\nbot überwunden. Er kennt keine Gnade und keine\nBarmherzigkeit, keine Nächstenliebe und keine Dul-\ndung. Er wägt den Nutzen ab und den Schaden —\ndas ist seine Moral. Er weicht der größeren Ener-\ngie und unterdrückt die kleinere — das ist sein\nRecht. Er lebt ohne Gott und ohne Dogma, ein\nEgoist, ein Heide .. . Ihm predigt ihr umsonst\nvon heiligen Dingen — er ist sich selbst das Aller-\nheiligste. In seinem Staat hat Gleichheit und Brü-\nderlichkeit keinen Hort, nur die Macht prägt dort\nihre W'erte. Kalt und nüchtern regiert sie nach\nder Stärke ihrer Arme. Und auch kein Recht des\nWeibes und der Schwachen gibt es für sie. Denn\nim Staate des aristokratischen Sozialismus baut\nman weder Kirchen noch schmückt man Marien-\nbilder zum Gebet. Dort ist man frei — von aller\nReligion, von jedem Gotte, von jedem Götzen, frei\nvon Moral und Verehrung.\nWas sich dem Gläubigen als die zwingende\nNotwendigkeit seiner religiösen Ueberzeugung dar-\nstellt, das ist beim Atheisten Carneri bloß eine fixe\nIdee. Es ist gar nicht einzusehen, wie man ohne\nmetaphysische Grundlagen auch nur das Gebot, den\nNächsten zu lieben, rechtfertigen will. Oder gar\nden moralischen Brauch, Greise zu schonen und\nBedürftigen zu helfen.\nDer Einwand, daß die Kultur durch Einführung\nder Sklaverei Schaden litte, ist leicht abgetan. Die\nbedeutendsten Historiker sind sich darüber einig»\ndaß die Kulturen von Aegypten und Babylon, von\nAthen und Rom ohne die Institution der Sklaverei\nnie zu der Höhe emporgestiegen wären, die sie mit\nHilfe jener „Brutalität\" erreicht haben.\nEiner Moral, die sich auf subjektive Gefühle\nanstatt auf die objektiv giltige Logik stützt, kann\nman alles mögliche entnehmen. Schopenhauers\nEthik des Mitleids führt einen konsequenten Pessi-\nmisten dazu, den Mord aus Mitleid zu billigen.\nWenn ein Vater seine Kinder tötet, weil er sie vor\nden Schmerzen dieser Welt bewahren will, so han-\ndelt er, der Schopenhauerschen Ethik zufolge, sitt-\nlich gut. Schopenhauer selbst hat eine solche\nSchlußfolgerung freilich nicht geahnt; aber hätte\nsie — wenn er konsequent bleiben wollte — nicht\nwiderlegen können.\nDie Welt der Aufklärung, nachgelassene Schriften von\nMAX STEINER, herausgegeben und eingeleitet von Kurt\nHiller, sind dieser Tage bei Ernst Hofmann u. Co., Berlin\nerschienen.\n\nGedichte\n\nDas Bett\nVerschlungne Schnörkel zieren seinen Rand.\nErhellt von blauem, goldnem Baldachin\nUnd im Geviert mit weißem Tuch bespannt\nWirfts zwischen Spiegeln schmalen Schatten hin\nAls heitrer Dulder — schweigsam und gewandt —\nIn all dem wüsten Kämpfen, irren Fliehn,\nIn all den Zärtlichkeiten heißer Hand\nUnd wunder Lippen, wenn die Sinne knien\nVor Himmelsschönheit und an Pforten klopfen.\nDie breit sich auftun, sternenherrlich flimmern . .\nUnd dann dein Körper voll zufriednem Schimmern\nUnd zwischen Polstern wie ein Perlentropfen —!\nDie Schnörkelrätsel, die den Blick verführen . . .\nIch starre hin, um mich nicht zu verlieren."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "670", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.4", "texte": "Ermatten\nLast mich die Dunkelheit auskosten!\nHalt still des Herzens Hammergang.\nUnd deine Finger, wollustlang,\nEntwinde meinem Haar:\nNun bin-ich leblos\nUnd sehe meine Seele rosten\nDie Nacht steht um mein Grab voll Klag,\nSie weiß: ich liebte dich unsäglich —\nDie Fahn am Turm kreischt wild und kläglich,\nDein Weinen sickert in die Stille —\nSchlaf ein! Es wacht mein Wille.\nNoch ist es lang bis Tag —\n\nOrgie einer Sommernacht\nVerlöscht mir die Lichter\nUnd laßt die Gesichter\nDem Dunkel sich gatten!\nIm blinden Gewühle\nSind Betten und Stühle\nNur Schatten.\nHörst du mich flüstern?\nDie Teppiche knistern\nWie Feuerschüren.\nAus heimlichen Vasen\nDuftfieberndes Rasen —\nO reiches Verführen!\n\nHugo Wolf\n\nDie Reise ins Jenseits\nEine Spekulanten-Novelette von\nPaul Seheerbart\nMadame C. saß in Paris vor ihrem Schreib-\ntisch und hatte das Telephon am Ohr und hörte,\nohne mit einer Wimper zu zucken, was man ihr\nsagte.\nDann aber sprach sie heftig in den Apparat\nhinein:\n„Liebe Amelie, tu mir den Gefallen und laß\nmich aus. Ich halte nichts von einem Unter-\nnehmen, das Wissenschaft und Theater ver-\nquicken möchte. Du hast als Amerikanerin nichts\nzu verlieren und zweifellos das Recht, hier in\nEuropa nur Spekulationsgeschäfte vorzubereiten,\neinzuleiten und zum lukrativen Ergebnis zu führen.\nIch aber habe einen wissenschaftlichen Namen,\nund wir sind hier in Europa noch nicht so weit\nwie ihr da drüben; wer zur Wissenschaft gehört,\nhat bei uns einfach nicht das Recht, sich an\nzweifelhaften Unternehmungen zu beteiligen.\"\nDanach saß sie wieder und hörte, vas Amelie\nsagte; diese schien auch sehr heftig zu sprechen,\ndenn Madame C trommelte mit den Fingern der\nlinken Hand immerzu auf ihrem Spitzentaschen-\ntuch.\n„Alles sehr schön,\" sagte dann Madame C.,\n„aber ich verstehe nichts von Ultraviolett Was\ngeht mich denn das Prisma an? Ich habe mich\nmit Optik niemals beschäftigt. Glaube ja gern,\ndaß das Glas in Amerika eine größere Rolle spielt\nals bei uns. Ich bin aber für nichts zu haben. Es\ntut mir wirklich sehr leid. Suche dir doch einen\nMann. Es gibt ja so viele Wissenschaftler, die\neigentlich gar nichts zu tun haben — und fast für\njedes Unternehmen zu haben sind. Ich gehöre zu\ndiesen Wissenschaftlern leider nicht. Ich verstehe\nauch gar nicht, wie dein Theater ausehen soll. Ich\nfürchte, daß du etwas übereilt handelst\"\nWieder horchte sie mit dem Apparat am Ohr.\nAber sie schüttelte öfters den Kopf, und ihre\nAugen sahen müde aus.\n„Selbstverständlich,\" sprach sie dann hart ins\nTelephon, „kenne ich den Nordamerika-Nebel. Ich\nweiß auch, daß er vor zwanzig Jahren, im Jahre\n1891, entdeckt wurde —im Ultravioletten. Gewiß!\nAber daß ich deswegen an Geister glauben muß\n—kommt mir ein wenig hitzig vor. Bei uns ist es\ndoch nicht so heiß. Aber, liebe Amelie, du mußt\nmich für einige Monate entschuldigen. Mein Auto-\nmobil steht vor der Tür. Ich verreise sofort, und\ndu findest mich hier nicht mehr. Verzeihj mir,\naber ich kann nicht anders. Ich bin nervös. Ich\nmuß für meine Gesundheit etwas tun. Wo ich bin.\nverrate ich nicht. Man muß mich allein lassen.\nEs geht nicht anders. Lehe wohl! Ich fahre in\nder nächsten Minute ab. Nochmals lebe wohl!\nViel Glück zu deinem Unternehmen! Wenn ich\nmich besser fühle, hörst du von mir.\"\nSie legte den Aparat weg, und dann kam ihr\nalter Diener Jaques. Nem sagte sie:\n„Ich bin sechs Monate hindurch verreist. Sa-\ngen Sie das allen Besuchern und auch am Telephon.\nLassen Sie auch das Telephon aus diesem Zimmer\nherausnehmen. Sie wissen ja Bescheid.\"\nDer alte Jaques verbeugte sich schweigend\nund ging wieder fort. Madame C. steckte sich\neine Zigarette an und ging langsam hinaus auf die\ngroße Veranda, von der man in den großen schat-\ntigen Park sehen konnte.\nAber die Amelie — Mißtres Corning — war\nfurchtbar wütend.\n„Wenn das kein Mißerfolg ist,\" schrie sie.\n„dann gibt's überhaupt keine Mißerfolge.\"\nUnd dann sprach sie heftig zu dem Herrn, der\ndas Gespräch ebenfalls gehört hatte.\nDer Herr hieß Mister Pitt.\nEr ließ Mißtres Corning ruhig sich austoben.\nSie sagte zum Schlüsse:\n\"Sie hört das Gras wachsen — diese berühmte\nFrau! Mit den berühmten Frauen kann man augen-\nscheinlich noch weniger anfangen als mit den un-\nberühmten. Diese Frauen schieben uns alle gleich\nDinge unter, an die man noch gar nicht gedacht\nhatte. Wir wollen doch nicht den Kinematogra-\nphen Konkurrenz machen. Hier in Europa denkt\nman immer, wir hätten drüben gar keine anderen\nInteressen als die Geldinteressen. Es steht hier\ndoch wahrhaftig mehr auf dem Spiel.\"\n„Wir brauchen aber,\" sagte Mister Pitt ruhig,\n„die Anerkennung von wissenschaftlich gebildeten\nKreisen. Anders können wir nicht auf einen Erfolg\nrechnen. Wir wollen uns auch nicht gleich mit den\nSpiritisten in Verbindung setzen. Das fördert unser\nAnsehen nicht im mindesten.\"\n„Nicht gleich?\" riet Mißtres Amelie, „wollen\nSie damit sagen, daß es später doch geschehen\nkönnte?\"\nMister Pitt wackelte mit seinem großen Kopfe\nhin und her und sagte gar nichts.\nMißtres Amelie jedoch fuhr fort:\n„Ich dächte, daß die Spiritistin gar nicht für\nuns in Frage kommen können. Unsre Methode ist\ndoch eine ganz andre. Wir wissen, daß im Ultra-\nvioletten unzählige Dinge sind, die für unser Auge\neinfach unsichtbar bleiben — und trotzdem auf der\nphotographischen Platte sichtbar sind. Der Ame-\nrika-Nebel ist ebenda entdeckt worden. Im gan-\nzen Kosmos können wir noch viele Sterne und\nNebel entdecken, die für unser menschliches Auge\newig unbemerkt ibleiben und demnach von uns\nentdeckt werden könnten — eben im Ultraviolet-\nten — auf der photographischen Platte.\"\n„Das hab ich schon öfter gesagt!\" erwiderte\nMister Pitt mit hochgezogenen Augenbrauen.\n„Gut,\" fuhr Mißtres Corning fort, „dann gehen\nwir aber doch auf streng wissenschaftlichem Wege,\nwenn wir jetzt folgern, daß auch auf unsrer Erde\nunsäglich viele Dinge sein könnten, die wir nur auf\nder photographischen Platte im Ultraviolett ent-\ndecken — nicht aber mit unsren Augen sehen kön-\nnen. Voilä! Wenn da jetzt nicht das Reich des\nJenseits für uns da ist, so wird es nie für uns da\nsein. Und nimmt mir inline alte Freundin, die\njetzt leider berühmt ist, übel, daß ich diese ganz\nkorrekte Schlußfolgerung ins groük: Publikum tra-\ngen will? Es ist unglaublich! Dem großen Publi-\nkum gegenüber muß man doch Konzessionen ma-\nchen. Man muß ihm doch so gegenübertreten, wie\nihm sonst entgegengetreten wird — etwas roman-\nhaft — etwas marktschreierisch, wenn man will!\nAber — doch immerhin temperamentvoll. Darum\nhalte ich fest an dem Titel: Die Reise ins Jenseits.\"\n„Ich auch!\" versetzte Mister Pitt, „es war ja\nmeine Idee. Jetzt brauchen wir nur die Wissen-\nschaftler. Sonst wird unser Unternehmen nicht als\nvollwertig erkannt. Ich sehe im übrigen nicht ein,\nwarum wir im Aeußern nicht den Kjnematographen\nKonkurrenz machen sollen. Wir locken Neugierige,\nProvinzler und Fremde. Namentlich die letzteren.\nDiese bringen uns den Erfolg. Wrir können fünf-\nmal teurer sein als alle Kinematographen, wir wer-\nden bekannt werden — und alles wird gut werden.\"\nMißtres Corning ging erregt im Zimmer auf\nund ab und sagte schließlich kleinlaut:\n„Sollten wir nicht doch vielleicht erst vorher\nExperimente machen? Es wäre doch möglich,\ndaß wir Erfolge hätten.\"\n„Selbstverständlich,\" sagte Mister Pitt kühl,\n„könnten wir das! Aber wir haben doch kein\nGeld, und erst unser Separat-Kabinett — genannt:\nDie Reise ins Jenseits — kann uns Geld einbringen.\nDann können wir ja später ganz ruhig experimen-\ntieren. Augenblicklich ist es aber durchaus nötig,\nwissenschaftlich interessierte Kreise zu gewinnen.\nEin Wissenschaftler muß den Vortrag ausarbeiten.\nIch bin bereit, den Vortrag zu halten. Und danfi\nwerden im dunkeln Raum optische Dinge vorge-\nführt — das Ultraviolette wird auf der Platte ge-\nzeigt — in geheimnisvoller Dunkelheit. Blitze\nzucken dazwischen. Man verweist auf unsere Ex-\nperimente, die da kommen werden. Man spricht in\nder Dunkelheit mit tiefer Stimme von den Geistern\ndes Jenseits — von den Geistern, die uns um-\ngeben —, und die wir doch nicht sehen können —\nobschon wir sie bemerken könnten — auf der pho-\ntographischen Platte — im Ultraviolett. Dann\nLichtzucken! Knistern in den Ecken. Einer wird\nrausgetragen, — Ohnmachtsanfall einer alten\nDam«. Schauerlich tiefe Stimme wieder im Hinter-\ngrunde. Tiefernst alles. Zuletzt noch ein Toten-\nkopf — bläulich beleuchtet —, na — eine spiri-\ntische Sitzung kann wahrhaftig nicht wirkungs-\nvoller sein. Oder — glauben Sie, daß wir die\nspriritistische Konkurrenz nicht aus dem Felde\nschlagen?\"\nMjßtres Amelie setzte sich und fing an zu\nweinen, und dann sagte sie schluchzend:\n„Das ist allerdings Jahrmarkt. Schlimmste\nForm des Jahrmarktes. Und so soll die glänzendste\nIdee unsrer Zeit — veralbert werden? Es ist ein\nSkandal!\"\n„Ja,\" sagte Mister Pitt, „ohne Geld ist nichts\nzu machen. Wir müssen mit den Wölfen zu heu-\nlen verstehen. Durch dieses etwas theatralisch\nanmutende Arrangement wird doch der wahre\nWert der Idee nicht im mindesten tangiert. Die\nwirkliche Reise ins Jenseits bleibt uns doch immer\nnach; wir müssen doch mal diese Reise antreten. \"\nMißtres Amelie lächelte und sagte, mit dem\nKopfe wackelnd:\n„Allerdings! Sie haben Recht. Der gute Kern\nkann gar nicht angefressen werden. Wir wollen\neinen Wissenschaftler suchen. Wir werden schon\neinen finden.\nNach vier Wochen wurde ein kleiner Salon\nauf dem Boulevard Beaumarchais eröffnet. Den\nBesuchern des Salons standen die Haare zu Berge.\nAber gut besucht war der kleine geschmackvoll\neingerichtete Raum an jedem Abend. Und an\njedem Vormittag experimentierte Mißtres Corning\nmit wissenschaftlichem Eifer. Die berühmte Ma-\ndame C. ließ nichts von sich hören und sehen."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "671", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.5", "texte": "Briefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nLieber Herwarth, ich habe den Pitter Boom\ngemalen für den Sturm. Seitdem er sich den gan-\nzen Hidde.nse.esommer nicht um mich bekümmert\nhat, sieht er gar nicht mehr aus wie ein Großfürst,\nsondern wie ich ihn in der Katerstimmung als\nLangohr gemalen hab. Ich zeigte ihm sein Bild,\naber er weigerte sich das Cliche zu bezahlen.\nNun wende ich mich mit diesem Brief an seinen\nVetter. Bitte, Herwarth, mach du die Kommas;\nder ist gebildet, er schrieb ein mathematisches\nBuch über Geburten und Todesfälle.\n„Geschätzter Herr. Sie sind doch der Johan-\nnis, dem Peter Baum sein Kusin? Ich bin seine\nFreundin Amanda und geh in die Knopffabrik auf\nArbeit, und bin nicht wie sie in die höhere Töch-\nterschule gegangen in Elberfeld und das hoch-\ndeutsch macht mich Kopfjucken. Sie sind einer\nvon den Vornehmen und darum spenden Sie\nwacker zwei Thaler für das Küche Ihres Cusins\nPeter; sonst kann seine Visage nicht abgekleckst\nwerden. Der Peter hat mir im Vertrauen in der\nLämmerstunde auf Ihnen aufmerksam gemacht,\nHerr Johannes. Und ich grüße Ihnen freundlich\nund schaffen Sie sich einen Bullenbeißer weniger\nan und füttern Sie Ihre Wachteln mit Teufels-\nbeeren, und trinken Sie sich einen Schoppen auf\nmein Wohlsein. Ihre Amanda Wallbrecker, aus\nElberfeld Grüne Pumpe an der Klotzbahn 86.\"\nLieber Junge, den ganzen Tag erwarte ich\nden Geldbriefträger, daß er nicht mit den zwei\nTalern in Dein Bureau rennt. Ich hab nämlich vor,\nin den Zirkus zu gehn und ein guter Platz kostet\ndrei Mark; und den Slaven will ich dazu ein-\nladen, damit er sieht, daß es nicht nur Rindvieh\ngibt auf der Welt, er ist nämlich verbohrt in sich.\nIch bin mißlaunt, die Menschen, die ich für Men-\nschen hielt, sind auch keine Menschen; die Liebe\nerdrosseln sie mit ihrem Ehrgeiz. Und die Liebe,\nHerwarth, Du weißt doch, was ich von der Liebe\nhalte, wäre sie eine Fahne, ich würde sie erobern\noder für sie fallen. Gute Nacht.\nHerwarth, denk mal, die zwei Taler sind ein-\ngetroffen und noch ein Abonnement auf den Sturm\ndazu. Siehst du, ich bin ein Großkaufmann.\nStell mich an, Du wirst ja nie den Handel ver-\nstehn, und ich möchte nicht warten, bis der Sturm\nalles niedergefällt hat. Ich hab meinem Pitter\nBoom noch ein Wörtchen zu seinem Gemälde dazu\ngeschrieben:\n„Pitter, dat De so een dommer Moolesel böß,\nttä, dat han eck nich gedacht. Wie kannst De\nmeck nu so eene alberne Karte schriewen ut Hid-\ndensee! Doför möss De bestraft wörn. Eck wörd\nnu alt Diane Extravaganzen on Hokospokos on\nDinne ganze Heelege Familie en u-ss-e Vorwärts\nbrengen, on Dinne Neegongen- on Dinne Settlech-\nkeetsverbrechen. Ook Dän artegen Bruder Hugo\nwörd eck entlarven. Dat glöw eck Önk, dän\nSommer on dän Herbst en die Badeörter heröm-\nflanieren, on die Portemaries dän Lüten ut de\nMäntels kiebitzen, on eck sitt hier biern leeren\nKochpott. Van wäm häst De dann dat Geld all?\nVölleecht van Ding Tante ut die Waffelbude oder\nvan die Riesendame? Die Erbschaft Dinnes Ur-\ngroßvatters, däm Derektor on Professor vom\nOlympiaflohtriater häst De doch opgefreten on\nDeck heemlich doför eene nüe Bochse on eenen\nSchabbesdeckel gekauft? Genau wie een Pasior\nstehst De met der longen Piepe im Muhl vor die\nThöre van Dinne Filla op die Groschenskarte on\nde Hugo kickt ut däm Fenster wie Ding Hilfsprä-\ndeger. On eene Eölsharfe steht ook op däm Dach;\nwer speelt die? Dinne tröhe Amanda.\"\nLieb£ Jungens. Cajus-Majus hat mir gesagt,\ner habe Wilhelm Haas aus Prag zum „Gnu\" ein-\ngeladen. Im Cafe Äustria findet der Cabaret-\nAbend statt. Es wäre wirklich nett, wenn Willy\nHaas käme. Er erinnert mich an den Primaner,\nden meine älteste Schwester gnädig, wie ihre\nKleider mit den vielen Bändern, meiner zweiten\nSchwester vererbte, bevor sie ins Pensionat kam.\nDer hatte, wie der Prager Student, große, kluge\nAugen und war kein Spielverderber und hieß\nauch genau wie er.\nIch bin mit dem Auto ins Cabaret gefahren,\nich fühle mich ernstlich krank. Aehnlich wie Kän-\nguruh hört sich „Gnu\" an. Aber interessant war\nes dort, tausend Menschen kamen und immer\nwieder tausend, die Einlaß begehrten, und da war\nkein Platz mehr zu finden. Ich erklomm die\nBühne und setzte mich in einen erhabenen Sessel.\nMit meinem Kolossalsaphir am Finger, (höherer\nblauer Glasscherben), präsentierte ich Leo den\nSiebenundzwanzigsten. Das meinte auch Cajus-\nMajus. Alsbald begann die Lyrik.\nHerwarth, Kurtchen, Zeppelin kommt wieder\nüber unserm Haus vorbei. Ich sitz eingeschlafen\nam Schreibtisch, wird plötzlich die Erde aufge-\nrollt — modernes Gewitter, die Welt geht unter,\nich hab keine Zeit mehr die Koffer zu packen.\nWahnsinnige Stimmung in der Luft; Meer rauscht\nüber unsern Dächern und Häusern — wo ist\nHimmel geblieben, wo wHI der Wallfisch da oben\nhin gemächlich durch die Wolkenfluten. Adieu,\nadieu, ich lauf rasch hinunter auf die Wiese.\nElse\nHeute nur ein paar Neuigkeiten!\nErstens: Dr. Alfred Döblin hat sich als\nGeburtstagshelfer und noch für „alles\" niederge-\nlassen. Auf seinem Schild in der Blücherstraße 18\nam Halleschen Tor steht geschrieben, daß er Ober-\narzt am Urban war. So eine Reklame!\nZweitens: Leonhard Frank hat wieder\neinen himmelblauen Mädchenleib gemalt, nun\nglaube ich wirklich an seine Satanerie.\nDrittens: Scherl will mich für die Ver-\nbreitung der Gartenlaube in Tripolis anstehen.\nIch wohne bei Enver Bey im Krieg.\nViertens: Der unvergleichliche Baron von\nSchennis war gestern Nacht wieder im Caf6.\nFünftens: Alle Jungfrauen Berlins hat\nPoiret eingeladen zu seiner Ausstellung bei Ger-\nson. Die sammelten sich, eine Mauer zur rechten\nund linken des Durchgangs. Zwischen blond und\nschwarzem Frauenhaar, ein Spalt der noch zu\nhaben war, sah ich die Mannequin wundersam.\nSie war nicht in der Stadt geboren, man wußte\nnicht woher sie kam.\nSechstens: Das Cafe und alles was drum\nund dran liegt, Berlin und Umgegend, grüßt Euch\nMöwen!\nfrört- nur, Kokoschka wird steckbrieflich ver-\nfolgt in der neuen, freien Presse; er wirkte doch\nimmer schon rührend, fing er von der Villa an zu\nsimulieren, die er seinen Eitern schenken würde.\nEr aß sich nur immer objektiv satt aus dem Ideal-\nzweck. Tut mir wirklich leid! Wenn er mich\nauch nicht leiden mag. So bin ich ja gar nicht!\nEin Modell, ein Holzhäuschen, soll er in der Nacht\nvom fünfzehnten auf den sechszehnten Oktober ein-\nlach gestohlen haben. Ich schneide Euch hier sein\nBild aus, es ist dilettantisch gezeichnet und gerade\nseine charakteristischen Verbrecherzüge sind gemil-\ndert. Ob er sich auch in einer guten Pension ver-\nsteckt hält, die für ihn sorgt? Rattke, der Ober vom\nCafe, bei dem er hier in Berlin gewohnt hat, meint\nauch, wenn er nur gut wo gepflegt wird.\n\nPurrmann und Levi\n\nDie Auslese, die ich in den Salons des Ar-\nbstes halten konnte, war gering und wäre beschä-\nmend im Vergleich zu anderen Ländern, sollte da-\nmit die deutsche Kunst in Paris erschöpft sein.\nAber auch hierin folgen die Deutschen dem Ce-\nsamtrhythmus der Ausstellung. Wie von den\nFranzosen Matisse nur mit einem Bild vertreten\nist, während Picasso, Bracque, Devain ganz fehlen,\nso haben sich auch die begabtesten jungen Deut-\nschen aus persönlichen oder aus sachlichen Grün-\nden ferngehalten. Von ihnen will ich reden. Zu-\nnächst von Purrmann und Levy.\nHans Purrmann war in Deutschland be-\nreits ein geschätzter und von der wirklich auto-\nritativen Kritik anerkannter Künstler. Es waren\nMaler — also Kenner, die seine Sachen in den\nSezessionsausstellungen kauften. Man liebte an\nseinen Bildern die jugendliche Kraft, die einen ge-\nborenen Maler erkennen ließ, die instinktive Un-\nbekümmertheit, die aus Begabung nie daneben\nhieb, man bewunderte die Fülle, die ein unbestrit-\ntenes Talent ausschüttete. War das Publikum\nauch oft stupefakt, die Kenner spannten ihre Er-\nwartungen aufs Höchste.\nPurrmann seinerseits erkannte, daß er auf\ndiesem Wege mit seinem Temperamente zu wirt-\nschaften dahin kommen würde sich auszugeben\noder im günstigsten Falle sein Leben lang mehr\noder minder gute Malerei zu liefern. Er fühlte das\nBedürfnis, seiner Begabung einen festen und so-\nliden Boden zu sichern, von dem aus sie rationell\narbeiten und zu einer sich immer vervoHkommen-\nden Kunst gelangen könne. Er orientierte sich an\nden neuen Bestrebungen der französischen Ma-\nlerei, die sich um Matisse konzentrierten und die\ndarauf ausging, hinter dem flüchtigen Reiz, den\ndie Impressionisten mit bewunderungswürdiger\nMeisterschaft gegeben hatten, den wahren Cfra-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "672", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.6", "texte": "rakter, die Stabilität zu suchen. Man wollte seine\nSensationen bannen, kondensieren, konzentrieren,\nman hielt sich mehr an Cezanne als an Renoir,\nman arbeitete wieder mit der Linie, man zeichnete\nwieder. Diese Tendenzen schienen für Purrmann\ndie fruchtbarsten Stilelemente zu enthalten, sie\nschienen seiner Begabung und der Art seiner Sen-\nsationen adäquat. Und mit großer Selbstdisziplin\nnahm er seine Kraft in die Zügel, um die neuen\nPrinzipien mit seinem Qeiste zu füllen. Was\nPurrmann in dieser Epoche geschaffen hat, konnte\nden Verehrern seiner Frühwerke vielleicht furcht-\nsam erscheinen. Aber sie unterschätzen die un-\ngeheuren Dienste, die ihm dadurch verschafft\nwurden. . Seine Werke, die früher von Jugend leb-\nten, sind gehalten und gebändigt in ihrer Kraft.\nSie sind vornehm in Farbe und Zeichnung gewor-\nden, sie sammeln und konzentrieren alles, was zu\nsagen ist. Die Arbeiten sind mehr durchdacht, sie\nsind berechneter, überlegter, gewollter. Aber hin-\nter diesem Raisonnement steht die gleiche frische\nKraft wie früher nur auf einer sehr soliden Grund-\nlage.\nIch glaube, Purrmann verdankt es seinem kla-\nren und immer wachen Intellekt, daß er sich auf\ndiesem Wege zur Konzentration seiner Sensatio-\nnen den Einflüssen von Matisse fernhält. Er hat\nsich an ihm orientiert, aber er hat nie mit ihm den\nSchwindel getrieben, der in den Sälen des Inde-\npendants sich bemerkbar macht. Er hat ihm viel\nzu danken, aber er ist immer ganz er selbst ge-\nblieben, er hat nicht mehr und nichts anderes\ngetan, als soviele begabte deutsche Künstler vor\nihm.\nIch könnte vieles von dem, was ich von Purr-\nmann gesagt habe, bei Levi wiederholen. Auch\nbei ihm ist das Streben nach Konzentration und\nStabilierung der Sensationen, das Suchen nach\nden geeignetsten Ausdrucksformen. Daß zwei\nKünstler von solcher Intelligenz sich an den neuen\nStilformen bilden, beweist am besten ihre\nFruchtbarkeit und Notwendigkeit. Der Geist der\njungen Generation findet nicht mehr Platz zwischen\nden Relationen von Natur und Persönlichkeit, von\nFarbe und Farbe, wie der Impressionismus sie für\nsich genügend fand. Die neue Sensation hat vor\nallem eine neue Forderung gestellt: die Forde-\nrung nach dem geschlossenen Bilde. Der Impres-\nsionismus war Naturpsychologie. Man interpre-\ntierte die Natur, mit der die gemalte Leinwand\nnie die Beziehung verlor. Man ordnet innerhalb\ndes Naturausschnittes alles mit Beziehung auf die\nWirklichkeit und kümmerte sich meistens nicht\nweiter um eine Bildeinheit, als daß eine farbige\n(iesamtharnionie zustande kam. Das lag in der\nimpressionistischen Schaffensart begründet, konnte\naber die jungen Künstler nicht hindern, darüber\nhinauszugehen. Man unterwarf seinen Geist nicht\nmehr der Natur, um sich von ihr Gesetze zu holen,\nsondern dem Bilde. Man ging von dem Flächen-\nformat aus, auf dem man arbeitete und wollte zu-\nnächst vor allem ein Equilibre in Linien, Farben\nund Valeurs erreichen. Darum gab jetzt die Bild-\neinheit die Gesetze für die Verteilung der Massen,\nfür die Harmonisierung der Linien, für die Durch-\nrechnung der Valeurs. Man ging damit einen\nguten Schritt auf die Traditionen zurück, entfernte\nsich aber nicht von der Grundlage der modernen\nSensibilität. Kurz, man wurde nicht im geringsten\nakademisch, indem man alte und gesunde Kunst-\nforderungen aufnahm, sondern man versucht neue\nBilder, neues Gleichgewicht und Verteilung der\nFläche zu schaffen, wie der Impressionismus eine\nneue Naturanschauung geschaffen hat. Levi, der\nsich in seinen Stilleben besonders bemüht, inner-\nhalb der Konzentration seiner Sensationen ein\nneues Equilibre zu finden, eine persönliche Aus-\ngleichung der Linien und der Valeurs, befindet\nsich auf einem guten Wege. Man spürt auf jeder\nI afel seine Begabung und seinen selbständigen\nWillen, der noch immer weiter danach strebt, sich\nvon allen Einflüssen zu emanzipieren.\nEs ist eine neue Arbeitskraft und eine neue\nEnergie, die in diesen Künstlern steckt. Nichts\nmehr von einem blöd-genialischen Draufloshauen,\nbei dem der Künstler selbst nie weiß, was heraus-\nkommt, keine Maierei ä la maniere de . . ~ die\nebenso einfach wie schwindelhaft und geistlos ist.\nAls Laie kann man diese Energie kaum einschät-\nzen. Man müßte noch dazu halten, daß ihnen aus\nfreiwilliger Wahl jeder Kontakt mit dem Publikum\nfehlt.\nDer Beitrag entstand im Frühjahr zu Paris,\nwährend gleichzeitig in Berlin (Salon Cassirer)\nBilder der beiden Künstler ausgestellt waren.\nDie Berliner Kritik hat sie fast ausnahmslos ge-\nschnitten oder verurteilt.\n\nM. R. Schönlank\n\nUnser Photo\nViktor von Dirsztay\nHerr von Angyal zuckte nervös mit den Flü-\ngeln, sah mich mit seinem Zwicker, der ihm jetzt\nauf die Nasenspitze zu sitzen kam, streng an, und\ngab folgendes Paradoxon von sich: „Es gibt auch\nekelhafte Menschen. Und Sie sind Einer!\"\nSprach s und ließ mich mit meinem Apparat stehen.\nI rotzdem nun die kühn paradoxe Form dieses Aus-\nspruchs zum tieferen Eindringen in seinen Sinn\nreizte, konnte ich seiner Gedankenrichtung doch\nkeinen rechten Geschmack abgewinnen. Ich darf\nIhnen bei dieser Gelegenheit eine kleine Unge-\nschicklichkeit meinerseits nicht verhehlen. Als sich\nnämlich nach dieser paradoxen Aeußerung Herr\nvon Angyal zum Gehen wandte, stieß ich — wohl\ninfolge einer momentanen Unachtsamkeit mit mei-\nnem Unterleib gegen seinen ausgestreckten rechten\nFuß. Der Zusammenprall war ein so heftiger, daß\nich ein gutes Stück wegflog. Es ist wohl über-\nflüssig zu bemerken, daß ich mich wegen meiner\nUnvorsichtigkeit vielmals entschuldigte und Herrn\nv. Angyal frug, ob er sich nicht um Gottes Willen\nweh getan habe. Er schien aber gar nichts ge-\nspürt und gar nicht ungehalten zu sein. Ich hatte\nnun, ich muß es gestehen, große Schmerzen und\nauch Angst, daß sich bei mir, durch mein kleines\nMalheur, am Ende gar die Anzeichen einer leichten\nBauchfellentzündung einstellen könnten, doch\nscheint, wie ich zu Ihrer Beruhigung mitteilen\nkann, jede Gefahr bereits geschwunden zu sein.\nGerade im rechten Augenblick nun, da ich meinen\nCercle beendet hatte, rief mich die Klingel in das\nEmpfangszimmer des Allmächtigen zurück. Als\nich ihm meine Erlebnisse erzählte und meiner Be-\nfürchtung Ausdruck verlieh, ich sei im Begriffe,\neine Bauchfellentzündung zu bekommen, meinte\nder hohe Herr aufmunternd: „Fahren Sie nur so\nfort! Sie sind am rechten Weg! . .\" Der Sinn\ndieser Bemerkung blieb mir rätselhaft. Ueberhaupt\nschien mir der hohe Herr zerstreut und in Gedan-\nken noch immer mit der jüngsten Telefonnachricht\nbeschäftigt. Auf meine untertänigste Frage nun,\nwer ihn denn angerufen habe, meinte er lächelnd:\n„Es war die Effektenbörse Ihrer 1. Haustadt. Sie\nmüssen nämlich wissen, daß die Leute auf der Erde\nbei all ihren Wünschen fortwährend meinen Namen\nim Munde führen. Da ich nun nicht ressortwidrig\nvorgehen will, so muß ich jeden Moment zum Te-\nlefon rennen, um mir alle Wünsche meiner irdi-\nschen Unter und Un —- Tarne n\" — wie er hier\nfeinscherzend bemerkte, — „anzuhören. Schon\nden ganzen Vormittag habe ich keine Ruhe. Denn\nda sind doch die Gerichtsverhandlungen, ich werde\nununterbrochen zum Zeugen angerufen. Jeden\nMoment schwören die Leute bei meinem Namen\nund was tut Gott? Sie schwören alle falsch. Und\num die Mittagszeit bin ich auch sehr beschäftigt!\nDa gehen die Leute in ihrer Heimatsstadt am Korso\nspazieren: was ich da angerufen werde! Ich sotl\nmachen der eine soll zerspringen, weil die Pa-\npiere von ihm steigen, der andere, weil er ein\n60 H.P.-Automobil hat. Und Nachmittag werde\nich viel angerufen vom Gerbeaud, wegen den Toi-\nletten, und auch weil sich manche so ansappen*.\nSogar abends belästigt man mich. Da sind doch\ndiese elenden philharmonischen Konzerte und The-\natervorstellungen. Der bescheidenere Teil geht\nhinein, um das Ende abzuwarten; die meisten aber\nwarten gar nicht, son-dern schlafen gleich ein.\nDa heißts dann: „Gott wie fad!\" Wissen Sie, wenn\nes nach diesen Leuten ginge, müßte ich den Schaag\nfür Budapest reservieren. Und dann gibt\nes doch leider eine Menge Telepho-\nnieren außer den Amtsstunden. Wenn so ein\nSchnupfen in die Stadt kommt, schreit doch ein\njeder wohlerzogene Mensch: „Helf Gott!\" Und\nwas mir doch die Börse auf die Nerven geht!\"\nIch, der ich seinem Ideengange mit dem größ-\nten Interesse gefolgt war, erlaubte mir hier meine\nTeilnahme durch ein verständnisvolles Schmun-\nzeln Ausdruck zu verleihen. Da klingelte es wie-\nder heftig am Telefon. Der erste Gott schaute\nzornig auf seine Patent-Sonnenuhr. „Es fehlen,\nda Sie da sind, natürlich einige Minuten auf 2 h,\"\nsagte der hohe Herr, mich mit strengem Blick mu-\nsternd. Ich fand diese Bemerkung sehr nett, da\nsie von dem regen Interesse sprach, mit dem mein\nhoher Klient den Kern meines Wesens zu erfas-\nsen geruhte, und ich besonders auch den lebens-\nfrohen Humo r, der aus diesem Appergu leuch-\ntete, dankbar bewunderte. „Leider habe ich bis\nMittag Amtsstunde,\" sagte der erste Gott, ver-\ndrossen und eilte pflichtbeflissen zum Telefon.\nDa ich angestrengt lauschte — natürlich nur,\num Ihrem g. Blatt einen recht interessanten Be-\nricht zukommen lassen zu können, — hörte ich den\nhohen Herrn deutlich folgendes sagen: „Sie haben\nganz recht. Es ist wirklich ein ekelhafter Mensch!\"\nDabei nannte er zu meiner größten Verwunderung\nmeinen Namen. Nun muß ich gestehen, daß mich\ndas Gehörte im ersten Augenblick nicht nur nicht\nangenehm, sondern geradezu unangenehm be-\nrührte. Vom Apparat zurückgekehrt, verkündete\nder hohe Herr als Antwort auf meine fragende\nMiene, indem er jedes Wort feierlich betonte, das\nfolgende Machtwort: „PONEM, NOMEN, OMEN!\"\nDies blieb mir unklar. (Wir glauben, diese Worte\nstammen aus einem verschollenen Zitat aus dem\nAlt. Testament.: Deuteronomii. Mosis IV. Lib. 2.\nCap. Vers. No. 117. Ab. d. Anrn. d. Red.)\nIch hielt es nun an der höchsten Zeit, meinen\nAbschied zu beschleunigen und war gerade bei der\nHimmelstüre angelangt, als ich plötzlich ein ziem-\nlich schmerzhaftes und mir wohlbekanntes Gefühl\nhinterrücks verspürte und zugleich ein gutes Stück\naus der Himmelspforte hinausflog.\nIm Ganzen erfreut über den so gelunge-\nn e n Besuch, trat ich mit bestem Schwünge den\nRückflug an. Leider mußte ich diesesmal unver-\nrichteter Dinge abziehen. Doch hoffe ich bestimmt\nin Bälde meinen Besuch zu (erneuern und eine\nschöne Photographie mitzubringen, umsomehr als\ndas geschilderte, geradezu intim zu nennende Ver-\nhältnis zu meinem hohen Klienten, und der schönre\nEmpfang, der mir da oben zuteil wurde, sowie auch\ndie übrigen, Ihnen geschilderten Erlebnisse mir\nzeitlebens eine schöne und liebe Erinnerung bleiben\nwerden. ! ! !\"\nWir aber hoffen zuversichtlich, daß die Ad-\nministration unseres Weltblattes die erste sein solL\ndie sich schon zu Weihnachten dem Wohlwollen\nseines verehrten Leserpublikums mit einem authen-\nthischen und wohlgelungenen Konterfei des ersten\nGottes zu empfehlen in der angenehmen Lage sein\nwird! —\n\nSchluss\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WAL DEN / BERLIN-HALEN SEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "673", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.7", "texte": "Verlag Der Sturm Haiensee / Verantwortlich für die Anzeigen: Edmund Häner.\n\nUerlng Der Sturm\nVollstandiger erster Jahrgang\nder Wochenschrift „Der Sturm\"\nNummer 1 bis 56 mit Inhaltsverzeichnis\nM 5,20 poslfrei\n\nw\nF Else Lasker-Schuler\nMeine Wunder\nGedichte\nPreis in van Geldern-Biitten gebunden\n& Drei Mark\nDreiliiien-Verlag Karlsruhe und Leipzig.\n\n1H\nP||\nm,\n\\\\\nAnto\n• •\nV\nDie besten derWelt\nQeors Anton, Bsdln S(0\nFriedriehstr. 49 a\nVielfach prSraiicrt Gegrundet 1876\nIlustrierter Preis - Katalog franko\nPerucken iinvjTheater und\nSirasse sowie samtlicher\nffaararbeiten in naturgetrever Ausfiihrung\nllieoteMnen\nliefert und verleiht\nMinuthb.\nBerlin 26, IV 4612\nOranlenstrafiS 6\n\nAusstellungen, Salons\nKunsthandluitgen etc.\n8\nCASPER'S Kunst-Salon\nEintritt 50 Pfennige :: Potsdamer Strasse 19\nNeu ausgestellte Gemalde:\nA. Allard Forain W. Leistikow\nH. Cassiers V. Gilsoul M. Liebermann\nL. Corinth H. Herrmann A. von Menzel\nF. Charlet J. B. Jongklnd Bern, de Monvel\nH. Daumier Le Goud-Gerard Monticelli\nSkulpturen von Max Kruse, M Buchanan,\nGrosste Auswahl mod. Graphik fur dekor. u.\nCoutts Michi\nC. Pissarro\nF. Skarbina\nJ. Smits\nF. Thaulow u. a.\nL. Mascre u. a.\nSatnmelzwecke\n\ne^aaro<si^^sas^iß^iEsßmsaßK^OTKSaßSßSßßßßSESarosß3S\n| GRAPHISCHES KABINETT\nBuch- u. Kunsthandiung, Antiquariat,; Verlag 1\n:: BERLIN Wl5, Kurfurstendamm 33 ::\n1} Standige Ausstellung\njjj moderner Graphik\nEINTRITT FREI\nIm Eckhatwe, gegeniiber der Se-\nzession, Eingang Grolmannstraße\nIllustriert. Katalog u. Prospekte gratis\nAnkauf guter Graphik\nu. illustrierter Bucher\n\nCV)|T7 fTflf DP BERLIN W33\nlltl 1 * ULr v Senfhlner Sfrafje 42\nGegrundet im Jahre 1878 Fernsprecher Amt VI 752\nFabrik fur Gemalderahmen\nin alien historischen und neueren Stilarten\nKopien von Rahmen nach alten M cistern in Original-Goldtdnungen\nSSmtliehe Yergolderwaren Jftftrn\",ud.„SkM&sS\nKunst-Einrahmimgen\nReparaturen und Neuvergoldungen aller Gegenstande, Auf-\narbeiten all. Art. Antiken, Reinigen von Gemalden u. Stichen\n\n§BS£»,- tehranslalten ■ Kurse\n,Sftzr™„ Friedr. Mesler L.iPrig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie itnd Praxis (staatlich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhrender Stellung). Orundliche\nEinfuhrung in die verschiedenen Branchen des kaufmSnnischen Berufes, ratlonelles\nStudium der Handels- und verwandten Wisscnschaften ais Ersatz ffir ein mehr-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfiihrungs- und Bilanz-\nTechnik, Buro-Praxis sich vorbereiten woiien —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\nsoiviert haben, wie fur\nHerren rait besseren praktischen oder th«oretischen Vorkenntnissen, Einjahrig-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfiir Kaufleute reiferen Alters, die bcreits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend fhre Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen woiien oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fiir Verwaitung wirtsciiaftlicher Unternehmungen oder VerbSnde,\nAktien- oder Shnlicher Oeseilschaften sich vorbereiten woiien. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, Johannispiatz 5\n\nBgfclbfvm/a\nKleine\nAutoren\nwelche ein belletristisches oder\nwissenschaftliches Buch ge-\nschrieben haben und einen\nVerleger dafur suchen, der es\nuach modernen drucktechni-\n-11 schen Prinzipien ausstattet und 11\nruhrlg vertreibt, helieben Ihre\nAdressen (evt. Mannskript) ein-\nzusenden.\nHansa-Verlag\nffir moderne Literatur\nund Zeitschriften\nW. 35 Ftottwellstr. 6\n■\n■mm\n\nli'Eff oft\nHalbmonatsschrift\nfur moderne Kultur u. fran-\nzdsisce Secession in den\nKunsten und in der Literatur\nHerausgeber und\nr: Schriftleiter ::\nJEAN RICHARD BLQCH\nJahresbezug f&r das\nAusland: Mark 6.—\nDritter Jahrgang\nVerlag und Redaktion:\nPOITIERS (Vienne)\nFrankreich\n\niKaswf\nNoch nie dagewe-\nsener Lach-Erfolg!\nDos Kind\nder Ftrma\nmit Anton und Don at Herrn-\nfeld in den Hauptrollen\nVorher:\nSehmerzlose\nBehandlnng\nAnf. 8 Uhr Vorverk. 11—2 Uhr\n\nButhhandlnnscn \"J\nRBUSS&POIIKCh\nBuelihand I ong n. Antiqaariat\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamer Strasse 118 c\nTcrnspr.t Hint VI (EU#ow)2B29\nAnkauf einzelner Biicher\nuna ganzer Bibliotheken\nVerzeichnis von Biichern\nfur Bibliophilen\n\nEdmund Meyer\nBucfihdndler u. finfiquar\n:: BERLIN W. 35\nPotBdamer Strasse 27 b\nFernsprecher Amt VI 5850\nAnkauf einzelner Biicher\nsowie ganzer Bibliotheken\nVerzeichnis von Buchern\nfur Bibliophilen / Angabe\nvon Desideraten erbeten\nKataiog XITIII (112 aria) erschienen\n\nDie Fockel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangloser\nFolge\nNuramer 334-335\nsoeben erschienen\nPrels 50 Pfennig\ntJBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnh6fen\nWerbeband der Packet\n50 Pfennig:"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "674", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111104-01.1.8", "texte": "Druck von Carl Hause, Berlin SO. 26, Mariannenplatz 23\n\n1\n■ <J - i «L>\nHerwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiir Gesang u. Klavier / 52Seiten 1\nDREI MARK\nDurcfa alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch den Verlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstrafie 5\n\nTegetarisches Oastliaus\nFR EYA\n| Chariottenburg 5\n£ Bismarckstrasse 9 £\nSeßiic Am Knie ■■aaa*\n■ ■\nE\nAngenehmer Aufenthalt\nfur Ktinster und Studenten\nZahlreiche Zeitungen und\nZeitschriflen / Bis zehn\nUhr abends geoffnet\n\nPreis 1 Mark\nPreis 1 Mark\nMenthol-Malz-Dragees\nSicheresMittel gegen akute Katarrhe der Atmungs-\norgane / ermoglicht Schauspielern unci Sangern\nGebrauch der erkrankten Organe\n...... ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN .mm.\nIn haben in alien Apotheke. und Drogerien / Alldnlge Fabrika.fi.\n/ Fabrik ffir phartnaceotiscfaen Bcdarf / Berlia-Halensee\nWohlfidunedtend Sicker wlrkead\nTHRICHOPHIL\n■ F1.M.3,00 F1.M.3,00 ■\ngH m............. as nur balm Fabrikanten: = n............. |j£\nS Otto Teutscher/Friseur i\n■ I. 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