{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_sha256": "f71aa6a0de05fc69e155629c403ec2729367c8d4e987987e0aeeacbd6f01e8ca", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/11/18_01/bmtnabg_1911-11-18_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/11/18_01/bmtnabg_1911-11-18_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "683", "page_fin": "683", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "683", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.1", "debut_caractere": 524, "fin_caractere_exclue": 887, "texte": "Inhalt:\nKURF HILLER: Gegen die Kleist-Stiftung / ALFRED DÖBLIN: Ritter Blaubart / ELSE LASKER-SCHÜLER: Briefe nach Norwegen/\nHANS GAUSE: Gedichte / OTTO RUNG: Der Vagabund / LOTHAR VON KUNOWSKI: Doktrinäre und Lehrmeister der Kunst /\nTRUST: Malerei: Neue Sezession / El Greco / FERDINAND KISS: Der Pariser Korrespondent / FERDINAND HODLER: Männerfigur / Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c002", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "683", "page_fin": "683", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.2", "titre_corps": "Gegen die Kleist-Stiftung", "titre_sommaire": "Gegen die Kleist-Stiftung", "signature_source": "Kurt Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "683", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.1", "debut_caractere": 889, "fin_caractere_exclue": 5723, "texte": "Gegen die Kleist-Stiftung\nKurt Hiller\nSchaffende haben es selten in sich, Geschäfte\nzu machen; dazu fehlt ihnen die Muße; und das\nVolk hinkt nach, läßt der Kunst erst Konsumenten\nentstehn nach dem Ableben des Schöpfers, oder\ndoch nach seiner Kraftzeit. Darum wird in der\nsozialen Aristokratie, die wir fordern, (der Schaf-\nfende gilt ihr als höchster, als hegenswertester\nTypus) „Kulturpolitik\" in der Art getrieben, daß\nKünstlern, denen es schlecht geht, der Staat Unter-\nstützungen gewährt. (In der christlich-demokra-\ntischen Sozietät von heute gewährt der Staat —■\nKitschern Unterstützungen.) Auf der Insel Utopia\nmuß ein geniales Statut Vorkehrungen enthalten,\ndie verhüten, daß Unwürdigen solche Hilfe er-\nwachse. Das Komitee, bei dem die Entscheidung\nruht, muß möglichst aus den Besten des Landes\nzusammengesetzt sein und auf eine komplizierte,\nVerknöcherung und Verkitschung annähernd aus-\nschließende Weise sich erneuern.\nBis die soziale Aristokratie eingerichtet ist,\nfällt die Aufgabe, das wenig glückliche Verhältnis\nzwischen Kunst und Brot zu bessern, privaten\nMäzenen zu. Gerad um die Wortkunst hat sich\ndas Gönnertum bisher kaum gekümmert. Falls\ndaher die hundertste Wiederkehr des Todestages\nHeinrichs von Kleist einige Edelmenschen zu einer\n„Stiftung\" veranlassen würde, die „ringende poe-\ntische Talente durch rechtzeitige Hilfe davor be-\nwahren soll, im Lebenskampf unterzugehen,\" so\nmüßte man sicherlich dankbar frohlocken, ver-\ngessend, daß ein T a 1 e n t nicht zu ringen pflegt\nund daß die Möglichkeit, jemanden davor zu be-\nwahren, im Todeskampf unterzugehen, freilich\nminimal ist. Was schadet am Ende ein schlech-\nter Aufruf, wenn er gut gemeint ist und wenn er\nverheißt, durch Finanzierung der famosesten Ju-\ngend die unheilvolle Macht der Mittelmäßigen zu\nbrechen! Gilt es einen Krieg zugunsten junger\nKönner, mithin zum Tort der alten Schmieranten,\ndann sieht ein Uns not) über die Formalitäten gern\nhinweg. Aber was soll man äußern, wenn die\nalten Schmieranten selber es sind, die zum Kampf\nfür Jugend und Genius blasen? Welche Attitüde\nist die richtige, wenn vor unsern Augen sich das\nSchauspiel abspielt, daß — außer fünf, sechs litte-\nrarisch honetten Leuten, deren Namen vielleicht\nauf eine recht mühselige Methode herbeigeschafft\nworden sind — das Kitschigste, Kindischste, Blö-\ndeste, Fadeste, Gefährlichste, Miserabelste, Gehäs-\nsigste und Kommunste, was Deutschlands Schrifttum\ngegenwärtig aufzuweisen hat, durchaus die Pa-\nrasitei der Literatur, sich zusammenfindet, um,\nals „Persönlichkeiten von literarischem Urteil, Le-\nbenserfahrung und vorurteilsloser Empfänglich-\nkeit,\" darüber zu wachen, daß „nie wieder\" ein\n„Genie unseres Volke;;»\" durch „Mitschuld einer\nstumpfen Umgebung\" „ein gleiches Schicksal\" er-\nleide. wie es Kleist, „den Unvergleichlichen\", „mit\nungehemmter Rauheit erfaßt hat\"? Fritz Engel,\nOtto Ernst, Ludwig Fulda, Rudolf Herzog, Alfred\nKlaar, Hans Landsberg, John Lehmann, Paul Lin-\ndau, Felix Lorenz, Rudolf Presber, Gabriele Reuter,\nPaul Schienther, Fritz Stahl, Hermann Sudermann,\nFedor von Zobeltitz —: ja, sind sie es denn nicht\ngewesen, die vor hundert Jahren Kleist in den\nTod getrieben haben? Sind sie es denn nicht,\ndie, durch ihre Fabrikate, die sie als Kunst aus-\nschrein, durch ihre kritische Ahnungslosigkeit,\ndurch perfide Totschweigetaktik, durch ihr ein-\nfaches Vorhandensein, die Siegeszüge heraufstei-\ngender Heroen wieder und wieder gräßlich hem-\nmen? Welch eine Heuchelei, wenn die Uebelsten\nder Ueblen, wenn die Schädlinge, die jedem Guten,\nEhrlichen; Starken Platz, Licht, Nahrung rauben,\njetzt sich geniebeschirmerisch in die Brust werfen!\nWelch eine ohrfeigenwürdige Jahrhundertsheuche-\nleiü Die Blattlaus will das Grünen schützen, und\ndas gefräßige Krokodil markiert die besorgte\nGroßmama.\nVon den Repräsentanten der litterarischen Kul-\ntur, jenen einzigen, denen man die Entscheidung\ndarüber, ob ein Junger „die Bürgschaft eines be-\ndeutenden Könnens in sich trägt,\" allenfalls anver-\ntrauen könnte, hat fast niemand den Aufruf unter-\nschrieben. Also kennzeichnet sich die Sache als\nein Institut zur Förderung der Seichtheit, Behäbig-\nkeit, Süßlichkeit; der Spießerei und Plauderei und\ntalentierten Unursprünglichkeit; des Verlognen,\nMediokren, Inferioren; der Epigonie jener Unter-\nzeichner; kurzum: des Kitschs. Herr Fritz Engel,\nPrälude der Stiftung, ist folglich keineswegs auf\ndem Holzweg, wenn er „unser werktätiges Bür-\ngertum\", das an der „Dichtkunst in allen ihren\nArten\" sich „in erwünschten Feierstunden\" „er-\nholt\" (— „erholt\"!), zur Beteiligung an der Stif-\ntung auffordert. Aber, daß dieses, der wirklichen\nKunst feindliche, Unternehmen seine Niedrigkeit\nund Widrigkeit mit dem Namen Kleist zu verdecken\nsucht, ist eine Schweinerei, der unter allen Schwin-\ndeln die Krone gebührt, und auf die in einem Kul-\nturstaat Zuchthaus stünde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c003", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "683", "page_fin": "685", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.3", "titre_corps": "Der Ritter Blaubart", "titre_sommaire": "Der Ritter Blaubart", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "683", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.1", "debut_caractere": 5725, "fin_caractere_exclue": 7335, "texte": "Der Ritter Blaubart\nVon Alfred Döblin\nSchluss\nFrühmorgens rüstete man das Gespann; der\n.. , , D ,\nGroom stieg auf den Bock; auf dein Polster schau-\nkelte Miß Ilsebill\n'rv , , ... , '\nUie schnurgraden Alleen herunter sausten die\nw A , , , , , ~\nWagen, die Automobile; sie lenkten in weitem\nRAD+,A 0 u i w t\nBogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel\n~ u, , , . u T 112,\nwar stahlblau, es wehte eine sommerliche Luft,\nn- a/i u a■■ + + r d u u ■ *-ii\nDie Menschen drängten aut die Rennbahn, sie full-\n, ,• -P .. , 4.-0\nten die 1 nbune vor dem weiten, grünen Rasen;\nder Urm der Stimmen und oefährte braißte;\nejn Riesenvogeli über die ]eere Fläche\nDie Miß fuhr znletzt> kurz vor dem start> am\nSattelplatz VOI, Zwej sanfte Schimmel zogen den\n„ ~ , ,\noffenen, blauausgeschlagenen Wagen durch den\nknirschenden Saud. Sie stieg aus, im blauen wal-\n|enden Samtkleide, eine weiße Feder wehte in den\nb|oßen Nacken; sie g,jtt durch dje hölzerne Sperre\na(|f jhren p|atz Sie haWe eine gelb-weiße Haut,\nebenmäßige Züge. Ihre tiefschwarzen Augen\nschlüpften zögernd über Menschen und Gegen-\nstände> wie ein schieimiger Schneckenleib, ließ eine\nSpur gje sa|J |ache|nd da ,md kau(e Schokolade,\nBaron Pao|() ,ehnte an der Stange; er sah mjt\nVergnügen die weißen Pferde antraben, hielt seinen\nweichen Fiizhut zum Schutz über die Augen. Als\ndie weiße Straußenfeder steil in dem Winde sich\naufsteflte, ging er die vier Stufen der Treppe hin-\nunter, schob sich seitlich durch die Menge und\n(rat vor Miß |]sebil| Er hob d(e hohlen Hände wje\nejn Araber auf. beugte sejnen Nacken yor jhr_\nSie erschrak „nd |acllte dann Kalveiio hieß der"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "684", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 11311, "texte": "Favorit. Das braune schlankbeinige Tier jagte\nlässig hinter dem Rudel her; schon waren zwei\nRunden um, die Entscheidungsstrecke kam. Miß\nIlsebill ließ das Silberpapier fallen, stützte das\nfeste Kinn auf die Hand, jauchzte über die ge-\nbundene Ruhe des Pferdes. Sie waren dicht am\nZiel: da legte sich der blauweiße Jockey\nvor an das Ohr des Pferdes, flüsterte „Kal-\nvello, ho, Kalvello.\" Das Tier senkte den Kopf,\nflog in vier Sprüngen hin, siegte. Sie strahlte.\nDer Lärm der Menge rauschte über sie. Kaum\ndas Hürdenspringen vorüber war, stand sie auf\nund lud den schweigenden Mann zu einer Spa-\nzierfahrt mit ihr ein. Während sie durch die Wäl-\nder im Süden der Stadt fuhren, sagte er, daß er\nder Baron Paolo di Selvi sei, daß er durch sein\nGeschick hierher verschlagen sei und drüben in\nder Haide wohne. Sie erzählte, Sie wäre Miß\nIlsebill; er hätte auf seinem Haideschloß drei\nFrauen verloren, und sie trauere über sein Ge-\nschick. Worauf er einen trüben Blick auf sie\nwarf, den grauen Kopf senkte; der Groom aber\nriß die Schimmel herum; sie fuhren die Chaussee\nzurück, auf den geraden Weg zur Haide. An der\nWendung zur Schloßallee verengerte sich der Weg.\nPaolo nahm dem Kutscher die Leine ab. Die\nPferde sträubten sich. Er stieg aus und riß sie\nvor. Unter Peitschenhieben zogen sie an, sie\nschnaubten und wollten durchgehen, aber er hielt\ndie Leine straff.\nPrunkend stand in der Wüstenei das graue\nSchloß; über dem Dach des Damenflügels ragte die\nSpitze einer weißen Klippe. Paolo saß aufrecht\nim weichen Hut, eingefallen waren seine brau-\nnen Wangen und seine Schläfen, seine schräg\ngestellten grauen Augen blickten leer, nur sein\nMund war rund und weich und sehnsüchtig wie\nimmer. In der Dämmerung kamen sie vor sein\nHaus. Am Portal gab er ihr zum Abschied die\nHand. Miß Ilsebill stieg aber aus und bat sich\nbei ihm zu Gaste auf ein paar Tage; sie wollte ihn\npflegen und mit schöner Musik erheitern. Sie be-\nzog die Zimmer des Damenflügels.\nSie ritten morgens und mittags aus; Ilsebill\nsang und spielte vor ihm in den Gemächern. Sie\ntrug bunte und nixengrüne Gewänder; in ihren\nAugen war ein weiches Schimmern, wenn sie auf\nden Teppichen tanzte; ihr schwarzes Haar hatte\nsie in Zöpfen gebunden, die sie mit den blitzen-\nden Zähnen festhielt. Paolo lag stumpf auf den\nPolstern, rauchte und hüllte sich in Dampf, später\nwarf er sich auf den Teppich, sah ihr neugierig\naus seinen hellen Augen zu, hörte sie summen zu\nder Guitarre, in die ihre Dienerin griff. Seine\nStimme wurde heller, sein Gang rascher. Und als\nsie einmal auf dem Balkon standen, brach sie in\nein ungefüges Weinen aus; sie wollte wissen, was\nes mit ihm sei, sie wollte ihm helfen. Er aber\nnahm ihre beiden gelbweißen, heißen Hände, legte\nsie auf seine Stirn, indem er die Worte eines frem-\nden Gebets flüsterte; sie hing an seinem Hals,\nwährend er entsetzt bebte und lauter sprach und\nschrie, was sie nicht verstand. Schon war er\nwieder still und sanft, geleitete Miß Ilsebill in ihr\nZimmer. Und am Abend schlich sie sich, indessen\nder Baron im Herrenflügel schlief, allein trotzig\nund finster an die Tür des verschlossenen Zim-\nmers, in das die Klippe hineinragte. Sie rüttelte an\ndem Holz, sie stemmte sich seufzend mit der\nSchulter an; das Schloß hielt fest. Da nahm sie\ndas goldene Kreuz vom Halse ab, flehte die Mut-\nter Gottes um Hilfe an, fand am Fuß der Tür einen\nRiegel bloßliegen, schob ihn, den Finger einschla-\ngend, in die Höhe, mit schwerer Mühe, so daß ihr\nArm schmerzte.\nLautlos sprang die Türe auf; Miß Ilse-\nbill, die Zarte, in ein schwarzes Tuch ge-\nschlagen, hob die Kerze: es war ein schmales,\nfreundliches Gemach, mit zärtlichem Frauentand\ndie Tischchen und Wände bedeckt; der rohe\nzackige Felsen bildete die breite Hinterwand; er\nschattete sonderbar in dem unsicheren Lichte; in\nseiner Nische, über dem Boden, stand das grün-\nbezogene Nachtlager, zu dem zwei Stufen führten.\nMiß Ilsebill tänzelte freudig über den dicken Tep-\npich, warf ihr Tuch ab, sog den schwachen Blu-\nmengeruch ein, zündete zwei Ampeln an und war\nin dem heimlichsten Zimmer. Die grüne, japa-\nnische Seide hing von der Decke herab, Bilder\nund Tapeten lächelten ruhevoll und sanft, auch die\nsonderbare Klippe schimmerte wie ein spiele-\nrischer, phantastischer Einfall. Sie legte leise die\nTür an, sprang auf das Lager, lag träumend stun-\ndenlang, schlüpfte frühmorgens wieder durch die\nKorridore auf ihr Zimmer, nachdem sie das Licht\ngelöscht, sorgfältig die schweren Riegel herabge-\nschoben hatte. „War nichts geschehen, ist mir\nnichts geschehen\" sagte sie glücklich vor sich hin;\nglitt nun Nacht für Nacht hinüber in das Felsen-\nzimmer, dort zu schlafen. Des Tags aber fand Miß\nIlsebill kein Ende des Plauderns, Singens und\nLockens vor dem versunkenen Manne. Aus ihren\ntiefschwarzen, schlüpfenden Augen schlug öfter ein\ngreller Blick zu ihm, und als sie einmal unter den\nfünf raschelnden Schleiern vor ihm getanzt hatte\nund er lachend über ihre tollen Sprünge ihre Hand-\ngelenke hielt, warf sie ihre Schönheit vor ihm hin\nund bettelte an seinem Hals: „Ich bin Ihr Eigen,\nPaolo.\" „Sind Sie das, Miß Ilsebill? Sind Sie\ndas?\" Und sein Blick war nicht grell und heiß,\nsondern derart schwermutsvoll, fragend und ohne\nTrost, daß sie von ihm abwich, die Schleier um\nsich warf und aus dem Zimmer schlich. Er um-\ngab sie aber mit so viel stiller Ehrfurcht, daß er\ndie blaßwangige Ilsebill ganz in staunendes Glück\nversenkte.\nA.uf ihren Streifzügen durch die Wälder\ntrug der schwarze Ritter sie oft auf den Ar-\nmen und betete, manchmal in die starken Kniee\nsinkend, in fremder zarter Sprache. Sie hob nie\ndie Lippen zu seinem Munde, nur selten nahm er\nihre gelbweißen Hände und preßte sie an seine\nStirn. Welche Kleider trug Ilsebill mit den feinen\nKnöcheln? wieviel Zöpfe hingen aus ihrem blei-\nschwarzen Haar? Grüne Kleider, wie die Seide\nin dem Felsenzimmer trug Miß Ilsebill ; grüne Blät-\nter lagen auf ihrem Haare und waren eingeflochten\nin drei dichten Zöpfen. Miß Ilsebill und Paolo\nspielten und jagten zusammen, sie saßen oft am\nMeere, sie träumten zu zweit. Paolos Augen\nsprühten.\nEines Mittags sagte sie ihm, daß sie ihn um\netwas bitten möchte. Und als Paolo freundlich\nfragte, biß sie sich auf die Unterlippe und meinte,\ndaß fie ihm etwas sagen müsse. Ob es nicht zweck-\nmäßig wäre, wenn sie einen Arzt kommen ließen\naus der Stadt; sie glaube, sie sei etwas krank.\nPaolos Lippen wurden schneeweiß, er atmete\nschwer mit geschlossenen Augen: was ihr denn\nfehle. Sie höre immer, fast immer ein leises\nScharren. Es sei ein Geräusch, ganz weit ent-\nfernt, ein gleichmäßiges Streifen, Rieseln und\nScharren, gleich als liefe ein Tier über Sand und\nbliebe immer wieder schnaufend stehen. Es sei\nso fein, daß es ihr oft wie ein Pfeifen klinge. Er\nstand am Fenster und blies gegen die Scheibe, fuhr\nmit rauher Stimme heraus, es sei kein Arzt Not,\nbei solcher Krankheit; sie müsse sich zerstreuen;\nsie müsse jagen, reisen; am besten, sie ginge fort\nvon hier. Da lachte Miß Ilsebill aus vollem Halse\nund sagte, ihre beiden Pferde seien nur schwer\nden Weg hierher gelaufen und jetzt, wo fände sie\nPferde, die sie zurücktragen würden ohne ihn.\nDer untersetzte Mann hatte sich umgedreht, seine\nStirn lag in Falten, sein mageres Gesicht glühte,\ner klagte heiser: sie solle gehen, sie solle gehen,\nsie solle gehen, er wolle sie doch nicht; er wolle\nkein Weib und keinen Menschen und nichts; er\nhasse sie alle, die höhnischen, sinnlosen Wesen;\nsie solle gehen, o, sie solle gehen. Ein Messer\nwolle er ihr gleich geben, damit solle sie sich ihre\nKrankheit aus dem Herzen schälen. Wie Miß\nIlsebill mit schaukelnden Höften auf ihn zuging,\nkam er auf sie gewankt, taumelnd wie ein Kind,\nsah sie an derart schwermutsvoll und ohne Trost,\ndaß sie sein Haar streichelte und in fesselloses\nSchluchzen ausbrach, als er an ihrer Brust zit-\nterte. Sie stellte keine Frage an ihn; sie nahm\nheimlich einen Dolch von der Wand, versteckte ihn\nunter ihrem Kleid.\nMiß Ilsebill ging nun in ihrem dünnen\nKJeid oft allein aus, sie streifte bis an die\nStadtmauer, brachte Paolo seltene Muscheln,\nblaue Steine mit, auch streng duftende Narzissen,\ndie er liebte. Und auf einem Wege sprach sie in\nder Vorstadt einen alten Bauern an, der erzählte,\nder Baron habe sich mit Leib und Seele einem\nbösen Untier verkauft. Das läge aus Urzeiten auf\ndem alten Meeresgrunde, dort auf der Haide; in der\nKlippe hause es und brauche alle paar Jahre einen\nMenschen. Es klänge wie ein Märchen und sei\ndoch war. Wäre nicht bei den Frauen jetzt die\nUnzucht und Gottlosigkeit so groß, so wäre der\narme Ritter längst befreit von dem Tier. — Sie\nhörte es mit Glück, denn sie wußte es schon lange.\nSie spielte auf ihrem Zimmer mit Eidechsen,\ndie sie fing. Als Paolo sie einmal unter Lächeln\nklagen hörte, sie suche im Grunde nur nach dem\nTier, das so laut scharre und murre und raschelte,\nmeinte er, er wolle einen Dichter einladen, den er\nkenne in der Stadt, der solle sie mit Märchen und\nseltsamen Geschichten unterhalten. Es sei ein\nseelenkundiger Mann.\nAm nächsten Mittag spazierte über den brei-\nten Hauptweg der Dichter auf das Schloß; sie\nsaßen zudritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein,\nden Arzt zu spielen bei Miß Ilsebill und ihre\nSchwermut zu beheben; denn es scheine ihm eine\nArt Schwermut zu sein, was in ihr scharre und\nraschele und sie zu verschlingen drohe. Der Dich-\nter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer; es\nwar ein schlanker, junger Mann mit langen Armen\nund mit freien Bewegungen. Er fuhr über sie mit\nherrscherischen Blicken, sie lachten zusammen,\nüber ihre Bilder gebückt Er bat sie, sie möchte\ntanzen, als schon die Lust dazu in der Wildea\nerwacht war; sie tanzten zusammen unter\neinem Schleier, und Miß Ilsebill sprang mit ihm\nauf den Balkon und lachte mit einmal über das\nSchloß und den Sumpf und die scharrenden Tiere.\nSie krümmte sich über das Eisengitter, schrie ihr\nGelächter über die dämmerige Haide hin. Wahn-\nsinnig, ja wahnsinnig wäre sie, eine Leiche bei\nlebendigem Leibe. Mögen alle vorsintflutlichen\nDrachen ausbrechen und Paolos Glück morden:\nsie kenne nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und\ndas sei sie selber. Sie streckte ihre runden Arme\nüber sich, rief das Meer an, sie wolle wieder fort,\nsie wolle reisen und wandern und wolle immer\nlieben und immer küssen. Und eh die Dunkelheit\neinbrach, ging der Dichter fort; trällernd riß sie\nein grünes Blatt aus ihrem Haar und steckte es\nzwischen seine Lippen.\nKaum war es finster im Schloß geworden, da\nwarf sich Miß Ilsebill ihr schwarzes Tuch um,\nnahm noch mit glühenden Wangen eine Kerze in\ndie Hand und belud ihren linken Arm mit zwei\nScheiten Holz: sie wollte zum Schluß die Felsen-\nkammer in Brand stecken und dann in Nacht und\nNebel verschwinden. Auf dem Meer wartete\nschon die Yacht, die der Dichter zur Flucht be-\nsorgt hatte. Den dunklen Gang keuchte sie hin;\naus dem Dunklen, ihr entgegen, kamen Schritte.\nDie Scheite ließ sie über die Kniee leise zu Boden\ngleiten, es war Paolo, der sie nicht fragte, ihre\nKerze sachte an den Boden stellte und sie zärtlich,\nohne zu sprechen, streichelte über Haar und Hände.\nDie schwarzen Augen Miß Ilsebills schlüpften nicht\nfort von seinen, die voll Teilnahme blickten und\neinen erschreckenden Trost spendeten, schlüpften\nnicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines\nheiteren Gesichts. Seine schräggestellten Augen\nstrahlten über sie gar eine Dankbarkeit, sein Mund"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "685", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4220, "texte": "näherte sich zum ersten Male ihren Lippen und\nküßte sie. Er sagte, er ginge noch heute in die\nStadt. Sie kauerte auf dem Qang, die Kerze war\nerloschen, eine unbezwingliche Angst schüttelte\nihre Schultern. Sie hielt das Kreuz in beiden Hän-\nden hoch, sie richtete sich auf, die Scheite ließ sie\nliegen, sie mußte über den Qang, sie mußte nach\nder Tür, sie mußte in die Kammer. Hart war ihr\nGesicht, dann verzerrte es sich hilflos. Hinter dem\nKreuz schleppte sich Miß Ilsebill, weinend und sich\nkasteiend. Den Riegel schob sie hoch. In der\nKammer ging sie händeringend auf und ab, schlug\nsich die Brust, schlummerte auf dem weichen\nTeppich ein.\nIm Traum hörte sie ein Scharren und Krachen,\nein lautes Rufen von Männerstimmen: „Ilsebill,\nrette dich; rette dich, Ilsebill, Ilsebill!\" Richtete\nsich auf. Kam aus dem Felsen eine blasende\nFlamme, ein brennender Mund her. Der Felsen\nsprang mitten auseinander, aus der Höhle strömte\ndas Wasser, wälzte sich ein grauenhaftes Meeres-\nungeheuer, eine Meduse mit zahllosen ringelnden\nFängen; aus dem Leib schlug die zitternde, blau-\nrote Flamme wie der Atem. Miß Ilsebill stürzte\nnach der Tür; die fand sie nicht; da schrie sie gell\nund wahnsinnig: „Paolo, Paolo.\" Das Untier\nzischte nach ihr; eine lähmende Süße durchfloß\nsie; sie schlug in Todesangst gegen die Wand.\nEin blanker Spieß hing da, sie riß ihn herunter,\nschleuderte ihn blind in die Flamme hinein. Halb-\numfallend fand sie die Tür, lief, schreiend, mit den\nversengten Händen um sich schlagend, über die\nstummen Gänge; blieb vor ihrer Zimmertür liegen.\nBis an den grauen Morgen lag die stolze Miß\nlisebill. Als sie sich ausrichtete, löste sie mit star-\nrer Ruhe ihre Schuhe und Strümpfe ab, band ihre\nZöpfe auf, ging barhäuptig, in bloßem, dünnen\nRöckchen aus dem Hause, durch den Torweg nach\nder Stadt zu über die Haide, bis da, wo die Bir-\nken stehen. Sie wandte sich nicht einmal um.\nHinter ihr tobte es; vom Meere her kam ein Don-\nnern und Bersten, Eine Springflut, eine meilen-\nweite, graue Wand durchbrach die Dämme und\nDeiche, setzte rollend und schäumend über die ver-\nwunschene Ebene, bedeckte wieder, was ihr schon\neinmal gehört hatte, dazu ein graues Schloß und\nviele schlafende, armselige Menschen. Das furcht-\nbare Wasser warf seine Wellen bis dicht an den\nBerg heran vor der Stadt, auf dem die Birken\nstehen. Ilsebill wanderte auf den Berg. Und wie\nsie zwischen den Bäumen ging, trat der Nebel in\nden Wald. Aus einem Baume, an dem sie betete\nund ihr Kreuz aufhing, trat ein feiner, feiner Rauch,\nder süßer als Flieder duftete. Er legte sich um die\nwandernde Ilsebill, so daß sie eingehüllt war in die\nFalten eines weiten, duftenden Mantels. Sie sah\nkeinen Schritt vor sich und keinen Schritt hinter\nsich; und als sie merkte, daß der Mantel der Mut-\nter Gottes sie einhüllte, fing sie an zu weinen wie\nein zages Mädchen. Rascher und rascher lief sie,\naber sie stürzte bei jedem Schritt: „Ich möchte\ndoch leben. Ach, liebe Mutter Gottes, laß mich\ndoch die Blumen noch sehen, laß mich doch die\nVögelein sehen. Ach, liebe Mutter Gottes, sei gut\nzu mir. Ich sehe, — du bist gut zu mir, wie ich\nzu dir bin.\" Ihre Lippen blaßten. Sie winde\ndünner und dünner . Seufzend löste sie sich auf\nund verschwand in dem feinen Nebel, der iibei die\nBirken zog.\nSchon hob sich die Sonne über dem Wassel, da\ntrabte langsam ein schwarzer Hengst mit einem\nReiter durch den Mauerdurchbruch von der Stadt\nher. Der Reiter ritt über den Berg, und wie er\nauf der Höhe stand, schäumte meilenweit vor ihm\ndas graue, tobende Wasser und kein Weg und kein\nSchloß. Er stieg ab, band das Pferd an\n.einen Stamm, ging zwischen den Birken. Ein\nwinziges goldenes Kreuz hing an einem Baum,\num den ging ein süßer Geruch herum. Er\nzog den weichen Hut, kniete nieder und legte die\nStirn an die Rinde: „Große Angst hast du uns be-\nschert, holde Mutter Qottes; große Liebe hast du\nuns beschert, du holde Mutter Gottes.\"\nDie Städter sahen noch einmal den schwarzen\nReiter an diesem Tage des Dammbruches durch\ndie Straßen Jagen. Dann hörte man nach vielen\nJahren wieder von ihm, als die Kämpfe in Mittel-\namerika tobten. Als Führer einer Freischar gegen\ndie heidnischen Indianer fiel er damals mit seiner\nganzen Schar bei einem heimtückischen Angriff."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "685", "page_fin": "685", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.4", "titre_corps": "Briefe nach Norwegen", "titre_sommaire": "Briefe nach Norwegen", "signature_source": "Eise Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "685", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.3", "debut_caractere": 4222, "fin_caractere_exclue": 6985, "texte": "Briefe nach Norwegen\nVon Eise Lasker-Schüler\nHerwarth, Kurtchen, Kameraden, Brüder, habt\nIhr an alle Direktoren der Theater im Pan den\nKriegsaufruf von Rudolf Kurtz gelesen? Er hat\nüber meine eingetrocknete Wupper eine Flut ge-\nbracht — ich hatte mich auch schon zu Bett gelegt.\nAber nun trage ich meinen krummen Samtsäbel\nan der Seite, den ich meinem Neger Tecofi zur\nTheaterstatisterei lieh. Wa kadäba kabinähu\nhinäma raga utu dalik, lia nahu jakrah anisä a\nwahalakuhunna!!!\nDer Pitter Boom hat mir sechs Honiggläser\n(Gühler und Biene) für sein Bild gesandt. Ich\nsumme nun den ganzen Tag für mich hin. Aber\nKokoschka läßt kein Wort von sich hören. Ueber-\nhaupt, ich bin des Lebens müde. Ruth machte mir\nden Vorschlag, für mich an Kokoschka zu schrei-\nben, er habe so reiche Gönner (?). Aber ich\nkenne ja ihren Stil und nahm ihr die Mühe ab.\nSehr geehrter Herr Kokoschka. Eigentlich sollt\nich Ihnen böse sein, denn Sie haben es nicht einmal\nder Mühe wert gehalten, nachdem Sie stets die\ngrößte Gastfreundschaft in unserem Hause genossen\nhatten, sich zu verabschieden. Aber man kann Ihnen\nnicht böse sein. Das sagte ich gestern noch zu\nFrau Lasker-Schüler, die sehr krank im Bett liegt.\nSchreiben Sie ihr doch eine Zeile, daß Ihnen Ihr\nBild Freude gemacht hat — sie ist doch ein so\ngeliebtes, armes Geschöpf und hat so für Sie ge-\nschwärmt. Es geht ihr sonst auch gar nicht\ngut. Von mir weist sie jeden Happen zurück, sie\nist ja so eigensinnig. Aber könnten Sie nicht in\nzarter Weise etwas für sie bei Ihren Freunden\nerzielen? Ich bitte herzlich um Diskretion, ge-\nehrter Herr Kokoschka, Sie wissen doch, wie\nempfindlich sie ist. Und verbleibe mit freund-\nlichen Grüßen Ihre Ruth Elfriede Caro\nInternationale Postkarte\n„Schweigt mir von Rom —\"\nLiebe Eiskühler. Der Bischof und ich sind\nentzweit, er behauptet, ich habe ihn mißbraucht.\nWie mißbraucht man Jemand? Ich möche so gern\nwieder mit ihm gut werden und ihn am besten\nselbst fragen. Herwarth, schreib Du ihm ein\nWort! (?) Herrn Architekt Gregor Münster, Hil-\ndebrandstraße 11. — Er wollte mich ja auch\nhauen, ich meine in Stein als Freske. Vielleicht\nkomm ich wo an ein Haus. — Gestern setzte ich\nmich an seinen Tisch, er trank Kümmel und Sy-\nphon. Ich rief Otto, der brachte mir auch ein\nGlas, als ich es mit dem fremden Syphon füllte,\nmußte der Bischof sich das Lachen verbeißen.\nAber er sprach nicht mit mir. Er erzieht mich\nreizend. Oder er hat Charakter; wie man so\nsagt, wenn man seine Eigenschaften eingeschach-\ntelt mit sich trägt. Also er ist berechenbar; ich\nbin unbequemer und schwieriger. Ist das eigent-\nlich nicht vornehmer? Oder er tut nur so mir\ngegenüber, und verfolgt Deine Taktik, Herwarth,\nwenn du den Beleidigten spielst. Du weißt,\nBrüche werden mir schwer. 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Gold und Rubinen halten\nDie Kuppelwölbung bergkrystallnen Blaus,\nZweitausend Jahre alt, mit goldner Krone\nGeschmückt den Totenschädel, liegt der Geister\nUnd Chinas Kaiser auf dem gelben Throne.\nDes Steins der Weisen und des Todes Meister\nSechs letzte Haare seines Barts beweisen\nUnd seine Nägel, die den Boden kehren.\nIch weine. Warum eilt ihr denn zu reisen.\nIch wollte euch Unsterblichkeit bescheren\nUnd gerne sterben nach vier Jahreskreisen.\nAusgeliefert seid ihr jetzt und von Geistern\neingenetzt.\n1 olgt dem Zwang, der reizend scheint, gut hab\nich's mit euch gemeint.\nFr schließt die Augen, die Glocke brummt,\nEin Geist, von Kopf zu Fuß vermummt,\nSchwarz und stumm tritt aus der Wand,\nDer Kaiser reicht ihm stumm die Hand,\nDumpfes Dröhnen heult und faucht,\nRubin, Smaragd und Gold verraucht.\nZu und auf geht schnell der Tag.\n\nUntergang\nWenn die abendbeleuchtete Schneide erreicht ist,\nKollert ein großer Kopf von meinen Schultern\nnach unten.\nEs wird klar, daß die Welt leicht ist,\nBis auf das Entfremdete ist alles verschwunden.\nDie Erleichterung des Schreitens\nNoch im Wald, im Abendrot\nSpottet des Glückes Not\nUnd aller Gedanken Begleitens.\nDes Wunders mir erst halb bewußt,\nHör ich weither den Todesstrom rauschen.\nWenn der Glanz auf den Jochen ins Steigen gerät,\nGibt es keinen Verlust.\nIn den Gründen saust die Nacht. Es ist spät,\nZeit, das Leben einzutauschen.\ni\n\nIn öden Meeres Wellenschlag\nKommt der Wind aus roher Welt,\nAlles hat sich schnell verstellt.\nDurch den stillen Regenschmelz\nQeht die Angst im Nebelpelz.\nSeit der Regen streifig mustert,\nStehn die Disteln aufgeplustert,\nIst der Samen reif zum Flug,\nSchleift die Luft den Weltbetrug.\nWeh, an dem verfluchten Ort\nStarb ein Heiliger durch Mord."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "686", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 777, "texte": "Glanz\nIch liege krank am Fenster;\nFrühlingsaroma.\nHundert Schritte über den zartgrünen\nWiesenrasen bis zur Donau:\nDrüben, gerade gegenüber, ist eine Lichtung\nin der Au,\nEin großer Obstgarten,\nBirnbäume in schneeweißem Blütenschauer\nund rosaknospende Apfelbäume.\nDahinter verriegelt die schwarze Waldkuppe\nmit dem betürmten Klosterschloß\nUnd rechts, links, schimmern bläulichere\nWaldköpfe entgegen.\nO Blütenbaum! 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Er\nging durch die vier Zimmer der untersten Etage\nder Villa, zündete Licht an und öffnete. Draußen\nauf der Steintreppe stand, wie er erwartet hatte,\nein großer, breiter Mann in geduckter, bittender\nStellung, ohne unter dem Halbdach Schutz vor dem\nRegen zu suchen, der in unergründlichen Nebel ge-\nhüllt, über die Wege hinfegte.\nKlerker wußte nichts zu sagen; und die paar\nstumpfen Silben, die der Mann hervorstieß, ver-\nstand er nicht. Doch er begriff, daß der Mann ob-\ndachlos war. Vor einer Weile hatte er den Hund\ndes Nachbars hinter einer Tür, die sehr schnell\nzugeworfen worden war, wütend bellen hören.\nEr überlegte: dieser Mann hat also wahr-\nscheinlich heute abend durch sein gewalttätiges\nAussehen schon manchem einen gehörigen Schreck\neingejagt. Darum hat man ihm die Tür vor der\nNase zugeschlagen. Die Aengstlichen haben, ab-\ngesehen von den wenigen Minuten Unbehagens,\nkeinen weiteren Schaden erlitten. Er selbst ist der\neinzige wirklich Geschädigte, weil die Leute ihm\nkeinen Einlaß gewähren wollten. Um den Schaden\nnicht noch zu vermehren, ist es am richtigsten, ich\nlasse ihn herein.\nUnd so forderte er den Obdachlosen auf, ein-\nzutreten.\nDa stand nun im Lichte der Lampe,'die Klerker\nhielt, ein rothaariger junger Bursche von starkem\nKörperbau mit großem, leerem weißen Gesicht, das\nder Regen gründlich benetzt hatte; unter den ge-\nschwollenen Lidern schielten die blassen Augen\nkränklich hervor. Eine rostrote Jacke klebte an\ndem gewaltigen Torso.\nJetzt verstand Klerker ein paar Worte: „Krank\n— hungrig — Seemann ohne Heuer — keine Unter-\nkunft!\" Und so etwas durfte nicht sein. Er öffnete\ndie Tür zum Wohnzimmer, ging voran: „Kommen\nSie herein!\"\nDie Füße des Bettlers bewegten sich schar-\nrend über die Schwelle. „Setzen Sie sich nur,\"\nsagte Klerker, und der Mann setzte sich. Dann\nstellte ihm Klerker, der selber gerade beim Abend-\nbrot war, einen Teller zurecht.\nTherese, des Schwagers junge, unmündige\nTochter, die dem Onkel bei den Mahlzeiten zur\nHand ging, sah mit ihren blanken, aufrichtigen\nAugen zu. Eine große Blase formte sich über ihrem\nweitgeöffneten, erstaunten Munde. „Du kannst\nnach Hause gehen, Therese,'1 sagte Klerker und\nnickte ihr zu. Das Mädchen stand sofort auf,\nwünschte gesegnete Mahlzeit und verließ das Zim-\nmer, ohne sich umzusehen. Sie lief in wilder Eile\nüber die aufgeweichten Wege nach dem Hause der\nEltern, das am andern Ende der Villenstadt lag;\nsie hatte Angst, doch interessierte das Gesehene\nsie ungeheuer.\nKlerker strich seinen langen, viereckigen,\ngrauen Bart, während der Gast aß. Sein tabak-\nbrauner Daumen glitt langsam auf der starken Nase\nhin und her. „Essen Sie nur!\" sagte er ermunternd.\nDa der Bettler vorsichtig und maßvoll aß, fiel ihm\nein, daß Menschen, die sehr lange gehungert haben,\nWiderwillen vor aller Nahrung empfinden, und dar-\num wiederholte er die Aufforderung nicht.\nDer Mann erhob sich; in der Hand hielt er\neinen nassen Fetzen, der seine Mütze zu sein\nschien. Er schwankte auf den ausgehungerten\nBeinen hin und her, und machte eine Drehung nach\nder Tür hin. Klerker hatte ganz gewohnheits-\nmäßig eine Zigarrenkiste aus dem Schrank genom-\nmen, ein plötzlicher stummer und erbitterter Blick\nseines Gastes erinnerte ihn, daß der augenblick-\nlich an alles andere als an Zigarren dachte. Kler-\nker öffnete eine kleine Nebenkammer, in der sich\nein recht unbequemes, aber hinreichend langes\nSchlafsofa befand. „Da Sie obdachlos sind, weiß\nich keinen andern Rat, als daß Sie sich da drinnen\neinrichten.\"\nDer Bettler vollführte eine Drehung — es\nwar fast, als fiele er gegen die Wand — und ge-\nlangte so in die Nähe der Tür der kleinen Schlaf-\nkammer. Seine Lippen traten trichterförmig her-\nvor. Ein saugendes Zucken seiner Halsmuskeln;\naber er gab keinen andern Laut von sich als ein\ndickes, breiiges Hä!, das man auf alle möglichen\nArten deuten konnte. Klerker, zerstreut, schloß,\nohne es zu merken, die Tür so rasch, daß die Jacke\ndes Vagabunden eingeklemmt wurde. Aus der\nKammer ertönten fürchterliche Schimpforte, bis die\nSache in Ordnung gebracht war.\nKlerker starrte auf den braunen Lappen, der\nlangsam aus der Ritze verschwand. Dann ergriff\ner die Lampe, um das Zimmer zu verlassen. In dem\nAugenblick, als das Licht verschwand, begann der\nVagabund drinnen zu schreien: „Hilfe!\" und:\n„Mach auf, du Höllenhund!\" Dann deutete er noch\nan, daß er in eine Falle geraten sei, und daß nun\ndie Polizei kommen werde. Gleichzeitig bearbei-\ntete er die Tür mit den Fäusten, daß die Füllung\nkrachte.\nKlerker stand mit der Lampe in der Hand da\nund bewegte sie vorwärts, als wollte er mit ihr\ngegen den Lärm angehen. „Na! Na!\" sagte er\nbesänftigend. „Na!\" Dann verließ er das Zimmer.\nEs war erst zehn Uhr, und vor zwei Uhr legte er\nsich nie schlafen. Er ging in das Eckzimmer. Auf\ndem Sofatisch lag Schopenhauers „Parerga\". Ein\nfarbiges, geflochtenes Buchzeichen steckte zwi-\nschen den Seiten 416 und 417, soweit war Klerker\nin der letzten Nacht gekommen. Seitdem er sich\nvor zwei Jahren von seinem Geschäft zurückge-\nzogen hatte, las er solche Werke, weniger um sei-\nnen Geist auszubilden, sondern weil es ihm Ver-\ngnügen bereitete. Namentlich Henry Georges und\nRenans philosophische Werke lieferten seiner ord-\nnenden Gedankenwirksamkeit guten Stoff. Sy-\nsteme interessierten ihn, ohne seine persönlichen\nUeberzeugungen zu verändern. „Die Philosophie,\nsagte er, „gleicht einer Registrierkasse. Man legt\neinen Betrag in den Behälter, dreht eine Kurbel,\nund sofort springt ein Plättchen mit der numeri-\nschen Bezeichnung aus der Weltordnung hervor.\nSchopenhauer erschien ihm übrigens recht verwor-\nren, aber er las ihn, weil er ihm kein Unrecht zu-\nfügen wollte, indem er ihn überging. Der leiden-\nschaftliche Pessimismus des großen Philosophen\nkam ihm absurd und verwunderlich vor. Er schlief\nan diesem Abend über seiner Lektüre ein.\nAls Klerker am nächsten Morgen ins Eßzimmer\nkam, war die vierzehnjährige Therese in größter\nEile damit beschäftigt, den Fußboden aufzuwi-\nschen. Sie erhob sich ganz außer Atem, schlug\ndie Haarsträhnen aus dem Gesicht zurück und flü-\nsterte: ~Der Mann schläft noch\". Klerker ging\ndeshalb außen um das Haus herum und guckte\ndurch das kleine Fenster der Nebenkammer hin-\nein. lieber der hohen Seitenlehne des Sofas be-\nmerkte er den einen Fuß des Heimatlosen; eine ge-\nwaltige, flache Wandersohle ragte in die Luft, glatt\ngeschliffen vom Traben auf allen Wegen der Welt,\nam Rand rauh und aufgerissen von Scherben und\nNägeln. Da, wo das Leder geplatzt war, starrte\neine große hellrote Zehe hervor — als wollte der\nungeschlachte, riesige Körper mit Gewalt durch\ndie geborstene Kulturhülle ins Freie. Auch an den\nKnien und Ellbogen wuchs die Haut heraus und be-\ngegnete der offenen, weiten, nackten Natur, in der\nein Vagabund zu Hause ist. Jetzt aber fuhr der\nMann mit einem Ruck empor, genau so, wie er sich\naus einem Graben oder Heuschober aufrichten\nmochte, wenn auf dem Weg Schritte ertönten. Und\nnun stand er da, die Nase gegen die Scheibe ge-\npreßt, die Fäuste geballt: bereit, sich zu verteidi-\ngen und blickte Klerker zornig, erstaunt und lau-\nernd in die Augen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c011", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "686", "page_fin": "687", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.7", "titre_corps": "Doktrinäre und Lehrmeister der Kunst", "titre_sommaire": "Doktrinäre und Lehrmeister der Kunst", "signature_source": "Lothar von Kunowski", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "686", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.4", "debut_caractere": 8125, "fin_caractere_exclue": 9757, "texte": "Doktrinäre und Lehr-\nmeister der Kunst\nVon Lothar von Kunowski\nVor zwanzig Jahren disputierte ich als junger\nMann mit Künstlern und Literaten in einem Mün-\nchener Cafe. Alle waren der Meinung, daß ein\nrechter Künstler ausschließlich mit Kohle und Oel\narbeiten dürfe. Ich erwähnte die Feder, den Rötel,\nden Pinsel für Zeichnung. Man lachte mich aus.\nDie ganze Gesellschaft machte mich mundtot. Da-\nmals saß ein künftiger Lehrmeister der Kunst Dok-\ntrinären gegenüber, die jetzt wesentliche Stützen\nder „Moderne\" in Berlin sind. Was man in den\nAnfängen ist, bleibt man sein Leben lang.\nEs war die schlimmste Zeit deutscher Kunst.\nDie heutige Jugend ahnt gar nicht mehr, was wir\ndurchgemacht haben. Jetzt sind zwanzig Lebens-\nmöglichkeiten für eine geboten, die damals\nfür die rechte, schlechte, gute Kunst erklärt\nwurde. Es gab nur Oelfarbe, Kohle, Staffelei-\nbilder. Moderne-Illustrationen, Plakate, Kunstge-\nwerbe, Raumkunst, Bilder, die mehr als Augenpho-\ntographie sein wollen, waren noch unbekannt.\nAber die Doktrinäre von damals sind nicht\nausgestorben. Bilder, die ihnen nicht passen, nen-\nnen sie kunstgewerblich oder Plakate oder Pro-\ndukte des Verstandes, des Gedankens, des Nach-\ndenkens. Denn mit «.dem Evangelium „Kohle und\nOel\" wurde die Doktrin verbunden: der Maler\nmuß dumm sein. Stumpfsinnig sitze er im Atelier\nund male vor sich hin. Darüber verhungerten tau-\nsend deutsche Maler. Das Ausland vernichtete die\ndeutsche Ausfuhr.\nEinstmais verband der Griffel in winzigen An-\ndeutungen alle Künste. Maler, Bildhauer, Archi-\ntekten telegraphierten sich ihre Anschauungen in\nrhythmischen Zeichnungen. Gebildete Laien ver-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "687", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.5", "debut_caractere": 2933, "fin_caractere_exclue": 5355, "texte": "standen diese Griffelsprache und erteilten Aufträge\nohne riesige Ausstellungsschinken vorher gesehen\nzu haben.\nInzwischen aber kam es, daß man lange Zeit\nnichts als Flecke in unserer Malerei sah, abstrakte\nFlecke ohne sinnlichen Reiz. Fast nie brachten\nBildhauer gute Zeichnungen. Dagegen wuchs die\nZahl von Künstlern, die nie vor ein Bild von Ru-\nbens traten, weil man bei diesem Kerl gar keine\nFlecke sehen konnte. Alles war so räumlich, so\nplastisch, so farbig, so zeichnerisch zugleich in sei-\nnen Bildern. Mit Doktrinen war hier gar nichts\nanzufangen. Da hieß es — die Augen zukneifen!\nUnd nun kam der Lehrmeister dieser Maler-\ngruppe — Lovis Corinth, schrieb ein Buch, wie\nman malen lernen müsse und begann mit dem „Kar-\ndinalpunkt\": Der Maler muß vor der Natur die\nAugen zukneifen, er darf nicht malen, ohne zu\n„blinzeln\".\nBlinzle doch einmal, indem du deinen Nachbarn\nanschaust, einen Rosenbusch, eine Frau in farbi-\ngem Gewand. Es wird alles grau verwaschen und\nschmutzig werden. Bunte Vögel, Blumen, Schmet-\nterlinge, alles, was jeder junge Mensch liebt, der\nblaue Sommerhimmel wird grau, die Farbe schwin-\ndet. Kleinere Gegenstände und ihren sinnlichen\nReiz sieht man überhaupt nicht mehr. Es bleibt\nMasse. Und sie nennt man dann „großzügig\".\nSo endete jene Debatte Norddeutscher in Mün-\nchen, die vor zwanzig Jahren die Doktrin Kohle\nund Oel aufstellten, schließlich in einer Malerei, die\nFarbe überhaupt nicht kennt, weil sie durch Vorbe-\nreitung mit Kohile verschmutzt wurde. Sinnes-\nübungen mit reinen, unvermischten Farben, die\ndem Hinhauen gemischter Flecke vorhergehen kön-\nnen, genau so gut wie das Kohlezeichnen, waren\nfrüher unbekannt. Und jetzt, da die ganze Jugend\nreine, ungebrochene, leichthingeschriebene Farben\nfür ihre Anfänge wünscht, Striche, Flächen and\nFlecke nach Bedarf anwendet, erhebt sich der dok-\ntrinäre Schriftwart jener Maiergruppe, Karl Scheff-\nler in „Kunst und Künstler\" mit den Worten: Ge-\nfahr im Anzug! Der Maler muß dumm sein! Ich\nwarne vor dem gefährlichen Diktator „Gedanke\",\nder sich in seiner ganzen Herrschsucht erhebt!\nFarbe statt Schmutz, das mag ein Gedanke\nsein. Aber ist er gefährlich für den jungen Maler?\nIch denke, die Malerei fängt mit der Farbe an.\nWenig reine Farbe ist bessere Malerei als sehr viel\ndicker grauer Schmutz, der jedes junge Talent tot-\nschlägt, begräbt, in Oel einbalsamiert und statt ju-\ngendlicher Flammen ausgebrannte Kohlehaufen\nhinterläßt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c012", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "687", "page_fin": "687", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.8", "titre_corps": "Ferdinand Hodler: Männerfigur Bleistiftzeichnung", "titre_sommaire": "Ferdinand Hodler: Männerfigur Bleistiftzeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "687", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 48, "texte": "Ferdinand Hodler: Männerfigur\nBleistiftzeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "687", "page_fin": "688", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.9", "titre_corps": "Malerei", "titre_sommaire": "Malerei", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "687", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.5", "debut_caractere": 50, "fin_caractere_exclue": 2931, "texte": "Malerei\nNeue Sezession\nDie vierte Ausstellung der Neuen Sezes-\nsion (Potsdamerstraße 122) wird beim Publikum\nund in der Presse allgemeine Freude erregen. Man\nwird sich den Malern wieder ungemein überlegen\nvorkommen, man wird sich seiner Kenntnis mit\nStolz bewußt werden, daß Menschen keine grüne\nHaut haben und daß Bäume nicht violett sind. Diese\nAusstellung ist ganz außerordentlich gut, fast zu\ngut. Das allgemeine Niveau liegt so hoch über den\nübrigen Ausstellungen der letzten Jahre, daß der\nKritiker zur Unterscheidung der einzelnen Leistun-\ngen ein besonderes Studium treiben muß. Die Mit-\nglieder der Neuen Sezession sind alle so von dem\nwirklichen Wesen der Malerei durchdrungen, und\ndiese Erkenntnis der Malerei selbst ist so neu, daß\ndie Arbeiten der Künstler ungeheuer ähnlich er-\nscheinen. Scheinen. Erst wenn man das restlos auf-\ngefaßte neue Prinzip übersieht, wird sich die qualita-\ntive Begabung des Einzelnen begrenzen lassen. Daß\ndie Malerei nicht die Aufgabe hat, die Natur zu\nimitieren oder Menschen zu photographieren, wird\nallmählich von Künstlern und Kunstfreunden ein-\ngesehen. Für Kenner ist der Naturalismus als\nKunstanschauung längst erledigt. Die Formel für\ndie Kunstanschauung der Neuen Sezession wäre\netwa: die Erledigung des Plastischen in der Ma-\nlerei. Nachdem die Franzosen durch ihre Werke\nüberzeugend nachgewiesen haben, daß die Malerei\neine Kunst der Farbe und nicht eine Kunst der\nZeichnung ist, ergab sich die logische Folgerung,\ndaß mit der Farbe nicht eine andere Kunst, näm-\nlich die Plastik, vorgetäuscht werden dürfe, daß\nalso mit anderen Worten das malerische Kunstwerk\nflächig, zwei dimensional dargestellt werden muß.\nIn Wahrheit ist d i es e Anschauung „naturalistisch\".\nUnsere Optik ist zweidimensional. Wir sehen die\ndritte Dimension nicht, sondern denken sie nach\nder Erfahrung. Die Sinne der meisten Menschen\nsind durch angelernte Erfahrungstatsachen verküm-\nmert, sie können sie nur noch mit Hilfe des Ver-\nstandes gebrauchen. Die Anschauung geht nicht\nüber das Auge durch die Phantasie, die Phantasie\nwird vielmehr durch die vorgelagerten Tatsachen\nvöllig verschüttet. Ebensowenig wie die Tonver-\nbindungen der Kunstmusik in der Natur vorhanden\nsind, ebenso wenig müssen es die Farbverbindun-\ngen sein. Wer über Malerei urteilen will, muß erst\nihre Logik verstehen. Die Kunst, jede Kunst hat\nihre eigene Logik. Wer die künstlerische Logik\nnicht fassen kann, wird nie die künstlerische Erre-\ngung, mag sie nun durch ein Gedicht, durch die\nSymphonie oder durch ein Bild verursacht werden,\nnachfühlen und dann fühlen können. Das alles gilt\nauch von der Wortkunst. Daher sind dem „Normal -\nempfindenden\" auch die Werke der neueren Lite-\nratur verschlossen. Aber nur solange, bis er den\nHochmut des gebildeten Menschen fallen läßt.\nSie sind alle gute Maler, die in dieser Ausstellung\nBilder zeigen. Die neue Künstlervereinigung Mün-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "688", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6607, "texte": "eben hat sich der Neuen Sezession angeschlossen.\nDas stärkste Temperament ist Max Pechstein.\nDie reinsten Kunstwerke zeigt W as s i 1 y K a n -\nd i n s k y. So etwas Reinmalerisches ist noch nicht\ngesehen worden. Ueber ihn, über Pechstein, sowie\nüber die anderen wird noch ausführlich zu schrei-\nben sein.\nEl Greco\nDie Bewertung des Genies ist weniger eine\nFrage der Zeit, als eine Frage der Zeiten. Nie-\nmals wird es gelingen, der Welt sogenannte posi-\ntive Beweise für das zu geben, was man im\nSprachgebrauch Qenie nennt. Die Erklärung\nhierfür ist sehr einfach. Das Erkennen eines\nKunstwerks setzt künstlerische Fähigkeiten auch\nbeim Aufnehmenden voraus. Das Künstlerische\nbesteht nicht nur im Schaffen, sondern auch im\nAufnehmen. Seine Voraussetzung ist das Vor-\nhandensein von Phantasie, das heißt der Fähigkeit,\nsich Unkörperliches sinnlich vorstellen zu können.\nDie Fähigkeit des Schaffenden ist, unsinnliche Vor-\ngänge sinnlich zu gestalten. Je größer die Per-\nsönlichkeit und die Kraft der Gestaltung ist, desto\ngrößer ist die Kunst und desto schwerer die Wir-\nkung auf den Aufnehmenden. Die Kraft muß erst\ndurch die Zeiten zersetzt, die Persönlichkeit in\nZitate oder Details aufgelöst werden, um die all-\ngemeine Wirkung zu erreichen. Oder der Name\nmuß durch seinen Ruhm so berühmt geworden sein,\ndaß das Kunstwerk selbst außer Betrachtung\nbleibt. Das wird für Werke der Literatur und\nMusik, ohne weiteres erklärlich sein. Bei der\nMalerei geht das Publikum aber noch immer von\nder irrigen Vorstellung aus, daß sie Gegenständ-\nliches wiedergebe, oder mit anderen Worten ge-\nsagt, Nat u r vorzutäuschen versuche. Je „na-\ntürlicher\", desto wertvoller. Nun werden aber in\nWirklichkeit auch durch die bildenden Künste un-\nsinnliche Vorgänge, das heißt innere Erlebnisse des\nKünstlers, durch das Mittel der Farbe oder des\nSteins wiedergegeben. Das Körperliche der Natur\nist etwas ganz anderes, als das Körperliche der\nKunst. Das Kunstwerk fordert zu seiner Wirkung\neinen selbständigen Organismus. Zur Wiedergabe\ndes inneren Erlebnisses ist die reale Darstellung\nder Realität nicht brauchbar. Im Gegenteil. Der\nMaler will etwa die Kraft des Stoßes ausdrücken.\nEr malt die eine Faust größer, als es ihm die Natur\ngestattet. Laien und Kunstkritiker sagen dann,\nder Mann habe nicht zeichnen können. Sie sind\nstolz auf ihr Wissen, daß eine Faust eben so groß\nist wie die andere, und nehmen an, daß dem Maler\ndiese Kenntnis versagt blieb. Das ist nur ei n Bei-\nspiel. Aber diese Art der Betrachtung malerischer\nWerke ist allgemein üblich.\nDiese Selbstverständlichkeiten wieder auszu-\nsprechen gibt die erste Biographie Anlaß, die über\nden Maler El Greco erschienen ist. (Delphin-Ver-\nlag, München.) Man hat sich um diesen Meister\nverschiedene Jahrzehnte nicht sehr gekümmert.\nJulius Meier-Gräfe hat das Verdienst, die „allge-\nmeine Aufmerksamkeit\" auf ihn durch seine Essay-\nsammlung Spanische Reise „gelenkt\" zu haben.\nGreco wurde nicht etwa von ihm „entdeckt\", er\nwar in zahlreichen Museen zu finden, in Deutschland\nallerdings seltener. Die Kollegen von Julius Meier-\nGräfe ärgerten sich nun maßlos, daß sie auf Greco\nnicht „hingewiesen\" hatten. Es ergab sich die üb-\nliche Situation: eine Kunsthändlerclique sollte hin-\nter dem Kritiker stehen, die mit Greco Geschäfte\nmachen wollte. Dabei hätte ein verstehender Kri-\ntiker gar nicht die Macht, einen seltenen Künstler\nhervorzuheben, wenn nicht die Verständnislosen\ndurch ihre Angriffe den berühmten weiteren Krei-\nsen zunächst einmal Mitteilung von dem Vorhanden-\nsein eines verstehenden Kritikers gäben. Dadurch\nwird auch das Interesse für den Künstler „rege\",\nwas in diesem besonderen Falle besonders wertvoll\nerscheint. Es gibt Genies, deren Namen jeder im\nMunde führt, die jeder lobt, aber sich mit dieser\nArt von Anerkennung völlig begnügt. Von andern\nGenies weiß niemand den Namen, aber sie werden\nvon Wenigen schwärmerisch verehrt, geliebt, zu\nihnen gehört El Greco. Erst durch die „Entdek-\nkung\" von Julius Meier-Gräfe wurde er in die Ka-\ntegorie der Namensberühmten gehoben. Dadurch\nerhielt er auch die äußere Ehre der Monographie.\nMonographien über Maler haben heute wenigstens\nden Wert, den Maler selbst in zahlreichen Abbil-\ndungen zu zeigen, wenn auch gleich gesagt werden\nmuß, daß die Vorstellung von Gemälden durch noch\nso gute photographische Reproduktionen stets unzu-\nlänglich bleibt. Eigentlich vertragen sie nur Ge-\nnies. Die Originalität und Intensität der farbigen\nAnschauung ist selbst durch Photographie nicht\ngänzlich zu vernichten. Deshalb soll dieses erste\nGrecobuch willkommen sein. Denn El Greco ist\nein Genie. Seine Gemälde gehören zu den bedeu-\ntendsten Schoepfungen künstlerischen Geistes. Er\nwar vielleicht der erste Maler, der keine Natur\nvortäuschen wollte. Jedes Bild ist absolut Ausdruck\neines persönlichen Erlebnisses in eigener Gestal-\ntung. Greco besaß eine ungesehene Fähigkeit, für\njede Nuance des Gefühlsmäßigen die adäquate\nFarbe zu finden. Er besaß das Bewußtsein, daß\nnur die Farbe das malerische Kunstwerk hervor-\nbringen kann. Sonst hat er mit „Verzeichnungen\"\ngearbeitet. Ich finde es trotz der populären Absicht\ndes Grecobiographen August L. Mayer nicht rich-\ntig, daß er die tatsächliche Möglichkeit der Ver-\nzeichnung überhaupt diskutiert. „Was am meisten\nbei den Schöpfungen Grecos Anstoß erregt, ist be-\nkanntlich die Zeichnung. Es gibt aber Fälle, wo man\nsich mit diesen Verzeichnungen wirklich abfinden\nmuß, ja, wo sie wirklich gefordert erscheinen. Eine\nnatürliche Zeichnung würde da den ganzen Cha-\nrakter des Bildes stören. Bei anderen Werken wir-\nken diese Verzeichnungen doch stark als Manier.\"\nWenn man unter Manier Absicht versteht, so hat\nder Monograph Recht. Es nimmt nur Wunder, daß\nman einen Künstler erkennen will und ihm wesent-\nliche Mittel seiner Kunst als „Manier\" vorwirft.\nJedenfalls hätte sich Herr Mayer den Hinweis auf\ndie „Behauptung von ärztlicher Seite\" schenken\nmüssen, daß die „Verzeichnungen\" Grecos mit\neiner Augenkrankheit im Zusammenhang stünden.\nSolchen Unsinn soll man nicht verbreiten. Man\nkann auch viele Aerzte finden, die behaupten, daß\nkünstlerische Tätigkeit mit Geisteskrankheit „im\nZusammenhang stünde\". Krankheit ist aber häufig\ndas, was dem Arzt fehlt, das, was er bei sich für\n„gesund\" hält.\nMan soll nicht zuviel über Maler lesen, sondern\nBilder sehen. Es ist daher sehr lobenswert, daß\ndie Grecobiographie ein Verzeichnis der Haupt-\nwerke Grecos mit Ortsangabe enthält. 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Noch vor weni-\ngen Wochen weilte er in unserer Mitte, in Berlin.\nEines Tage skletterte er auf die Schultern eines Ver-\nlegers und heulte wie ein Schoßhund: „Die Kunst\nstirbt!\" Er wußte nicht, daß Kunst gerade das ist,\nwas selbst unter den Fingern eines Mossefeuilleto-\nnisten nicht stirbt; wußte nicht, daß die Kunst min-\ndestens so unsterblich ist, wie das Verdienst eines\nPariser Korrespondenten, die Liebesgeheimnisse\nder Madame Curie seiner Firma telegraphisch über-\nmittelt zu haben.\nMadame Curie, — hier ist der Mann auf seinem\nPosten. Hier reißt man die Augen auf. Die Kunst,\nsagt er, stirbt. Aber die Kunst, Unrat zu erschnüf-\nfeln, wo andre nur Radium sehen, gedeiht bis zu der\nVollkommenheit, wo anständige Menschen seekrank\nwerden. Da er die Kunst, die sich mit ihm nicht\neinließ, nicht kompromittieren konnte, geht er nach\nParis und kompromittiert Madame Curie. Denn\ndie Welt ist groß, und was ein tüchtiger Mensch ist,\nschlägt sich überall durch. Herr Auburtin ist es;\ntüchtig und strebsam. Und ehrgeizig. Weil er in\nder Politik die feste Kundschaft seines Vorgängers\nübernahm, fühlt er sich als ehrgeiziger Vertreter\nseiner Firma verpflichtet, auch selbständig zu ar-\nbeiten. So stellt er sich einfach auf die Lauer und\nschnuppert.\nUm die Ecke aber bog Madame Curie. Die\nholt sich der Ritter mit keckem Finger. Dabei geht\ner mit einer Vorsicht zu Werke, die die Kuppel-\nmutter jener Weisheit der Spinne und der mainzer\nSittenpolizisten ist. Er beginnt einfach damit, daß\ner sein Opfer vorerst als die wahrscheinliche Trä-\ngerin des diesjährigen Nobelpreises lanciert. Aber\nschon am nächsten Tage läßt er ab von Nobel und\ngreift blitzschnell nach dem Nabel dieser Frau!\nHätte er es nicht nur bildlich getan, er fände mil-\ndere Richter. Weil es weniger schmachvoll ist.\neinem Weibe die Ehre zu rauben, als ihre Ehre zu\nbesudeln. Er aber greift nur telegraphisch unter\ndie Röcke dieser Frau und untersucht, „ob der Pro-\nfessor Langevin und Madame Curie, wenn sie im\nLaboratorium zusammen arbeiten, wirklich nur\nüber die Kathodenstrahlen sprechen!? . . .\"\nPikant! Nun wissen wir Bescheid. Bis jetzt\nstand dieses Weib nur unter der Kontrolle der Wis-\nsenschaft. Nun wird es eine andere Kontrolle\nsein .. . Eine raffinierte Person, diese Curie!\nZwar hat sie mit der Erfindung des Radiums die\nAufmerksamkeit auf sich gelenkt. Aber das tat\nsie eben nur, um die Aufmerksamkeit von sich ab-\nzulenken ... In Wirklichkeit ist sie nichts, als\neine ganz gewöhnliche, nach Liebe hungernde Krea-\ntur. Die Moral stirbt! — ruft Herr Auburtin, und\nmeint zuversichtlich, daß nach diesem „Skandal\ndie Pforten der Akademie für Frau Curie wohl nie-\nmals sich öffnen dürften! 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AIlard Forain W. Leistikow\nH. Cassiers V. Gilsoul M. Liebermatm\nL. Corinth H. Herrmann A. von Menzel\nF. Charlet J. B. Jongkind Bern, de Monvel\nH. Dauraier Le Goud-G6rard Monticelli\nSkulpturen von Max Kruse, M Buchanan,\nGrosste Auswahl mod. Graphik fur dekor. u\nCoutts Michi\nC. Pissarro\nF. Skarbina\nJ. Smits\nF. Thaulow u. a.\nL. 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Kurse von rilClll. MCdlCl Leipzig\nunter Mitwlrkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie and Praxis (staatlicb\ngepriifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhren<W Stellung). Grundliche\nEinfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationales\nStudium der Handels- und vervvandten Wissenschaften als Ersatz fur ein mehr-\njihriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- und Bil&nz-\nTechnik, Buro-Praxis sich vorbereiten wo lien —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder &hnliche Schule ab-\nsolviert haben, wie fur\nHerren mit besseren praktischen oder theoretlschen Vorkenntnissen, Einjlhrlg-\nFreiwillige, Abiturienten,\nfur Kaufleute reif e r en Alters, die bereits praktisch tatig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre rachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nriir Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nationalokonomen,\nOffiziere, die fur Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verb&nde,\nAktien- oder ahnlicher GeseHschaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, johaimisplatz 5"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c028", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "689", "page_fin": "689", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "689", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.7", "debut_caractere": 4364, "fin_caractere_exclue": 4390, "texte": "Kieine >1\nA AmeigenJ\n■H\na*"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c029", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "689", "page_fin": "689", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "689", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.7", "debut_caractere": 4392, "fin_caractere_exclue": 4724, "texte": "Autoren\nwelche ein belletristisches oder\nwissenschaftliches Buch ge-\nschrieben haben und einen\nVerleger dafur suchen, der es\nnach modernen drucktechni-\nschen Prinzipien ausstattet und\nruhrig vertreibt, helieben ihre\nAdressen (evt. 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HAHN\nAlexanderplatz Landsbergerstr. 60-63\ngegrtindet 1825\nModeme Herrenbekleidurtg\nffertig und nach Mai\nRekiameangebot:\nDer elegante Ulster\naus ienglischenf gemusterten Cheviots mit WrmeiaufschlSgen 3250 m\naus den modernsten Flauschstoffen mit aufgesteppten Taschen 45s® H\nVornehmer zweireihiger SaccoAnzug, engiisch gemusterter Cheviot\n3250 45 h\nSchicke Passformen Beste Verarbeitung\nDea Herren Studenten und Mitgliedern von Kuustvereinigungen gegen Vorzeigung von Legitimationskarten 5% Rabatt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c040", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c040", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "690", "page_fin": "690", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.36", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "690", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.8", "debut_caractere": 556, "fin_caractere_exclue": 1132, "texte": "i\nJ\nSCHIEDMAYER\nPIANO FO RTE FAB RIK\nBERLIN W., POTSDAMERSTR. 27b\nflOoel\nPIANINOS\nHARMONIUMS\nBALTHASAR SCHIJsDMATI ER, Ururgrofivater des jetzigen Chefs der Firma\nbaute im Jahre 1735 sein erstes Instrument.\nGrand Prix: Turin 1911 — Paris 1990 — St.\nLouis 1904 — Roubaix 1911\n16 Hoflieferantentitel, 54 Ehrendiplome und Medaillen. Preis-\nrichter auf 14 Ausstellungen. Grofie goldene Medaille fur\nKunst und Wissenschaft. Grofie goldene Medaille fur Handel\nund Gewerbe. Ueber 45 000 Instrumente geliefert.\nInstrumente nach stilgerechten Ent-\nwiirfen in kiinsterischer Ausfiihrung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c041", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c041", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "690", "page_fin": "690", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.37", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "690", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.8", "debut_caractere": 1134, "fin_caractere_exclue": 1318, "texte": "Herwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFur Gesangu.Klavier / 52Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch den Verlag- DER STURM\nHalensee / Katharinenstrafie 5"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c042", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c042", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "690", "page_fin": "690", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.38", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "690", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.8", "debut_caractere": 1320, "fin_caractere_exclue": 1542, "texte": "Vegetarisches Gasthaus\nFR EY A\n» Charlottenburg I\ng Bismarckstrasse 9 112\nBEHsaa Am Knie HaBBaS\n□ □\n0\nAngenehmer Aufenthalt\nfiir Kiinster unci Studenten\nZahlreiche Zeitungen und\nZeitschriften / Bis zehn\nUhr abends geoffnet"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c043", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c043", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "690", "page_fin": "690", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.39", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "690", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.8", "debut_caractere": 1544, "fin_caractere_exclue": 1933, "texte": "Preis 1 Mark Preis 1 Mark\nenthol-Malz- Dragees\nSicheres Mittel gegen akute Katarrhe der Atmungs-\norgan© / ermoglicht Schauspielern und Sangeni\nsofortigem Gebrauch der erkrankten Organe\n■■■■■■ ZAHLREICHE ANERKENNUNGEN ■■■■■■\nZu faaben in alien Apothcken and Drogerien / Alteinlge Fabiikantin\n„Pharmacia\" / Fabrik ffir pbarmaceatiscben Bedarf / Bcriin-Halenaec\nWohlsdimediand Sicfaer wirkend"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-18-01-c044", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-18_01#c044", "volume": "bmtnabg_1911-11-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "690", "page_fin": "690", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.2.40", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "690", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.8", "debut_caractere": 1935, "fin_caractere_exclue": 2200, "texte": "THRICHOPHIL\n| F1.M.3,00 F1.M.3,00\nHf ■■■■■■■■■■■■■■■ aaec nur beim Pabrikanten: = aauNHMMaN\n| Otto Teutscher/ Friseur\nI. 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Darum wird in der\nsozialen Aristokratie, die wir fordern, (der Schaf-\nfende gilt ihr als höchster, als hegenswertester\nTypus) „Kulturpolitik\" in der Art getrieben, daß\nKünstlern, denen es schlecht geht, der Staat Unter-\nstützungen gewährt. (In der christlich-demokra-\ntischen Sozietät von heute gewährt der Staat —■\nKitschern Unterstützungen.) Auf der Insel Utopia\nmuß ein geniales Statut Vorkehrungen enthalten,\ndie verhüten, daß Unwürdigen solche Hilfe er-\nwachse. Das Komitee, bei dem die Entscheidung\nruht, muß möglichst aus den Besten des Landes\nzusammengesetzt sein und auf eine komplizierte,\nVerknöcherung und Verkitschung annähernd aus-\nschließende Weise sich erneuern.\nBis die soziale Aristokratie eingerichtet ist,\nfällt die Aufgabe, das wenig glückliche Verhältnis\nzwischen Kunst und Brot zu bessern, privaten\nMäzenen zu. Gerad um die Wortkunst hat sich\ndas Gönnertum bisher kaum gekümmert. Falls\ndaher die hundertste Wiederkehr des Todestages\nHeinrichs von Kleist einige Edelmenschen zu einer\n„Stiftung\" veranlassen würde, die „ringende poe-\ntische Talente durch rechtzeitige Hilfe davor be-\nwahren soll, im Lebenskampf unterzugehen,\" so\nmüßte man sicherlich dankbar frohlocken, ver-\ngessend, daß ein T a 1 e n t nicht zu ringen pflegt\nund daß die Möglichkeit, jemanden davor zu be-\nwahren, im Todeskampf unterzugehen, freilich\nminimal ist. Was schadet am Ende ein schlech-\nter Aufruf, wenn er gut gemeint ist und wenn er\nverheißt, durch Finanzierung der famosesten Ju-\ngend die unheilvolle Macht der Mittelmäßigen zu\nbrechen! Gilt es einen Krieg zugunsten junger\nKönner, mithin zum Tort der alten Schmieranten,\ndann sieht ein Uns not) über die Formalitäten gern\nhinweg. Aber was soll man äußern, wenn die\nalten Schmieranten selber es sind, die zum Kampf\nfür Jugend und Genius blasen? Welche Attitüde\nist die richtige, wenn vor unsern Augen sich das\nSchauspiel abspielt, daß — außer fünf, sechs litte-\nrarisch honetten Leuten, deren Namen vielleicht\nauf eine recht mühselige Methode herbeigeschafft\nworden sind — das Kitschigste, Kindischste, Blö-\ndeste, Fadeste, Gefährlichste, Miserabelste, Gehäs-\nsigste und Kommunste, was Deutschlands Schrifttum\ngegenwärtig aufzuweisen hat, durchaus die Pa-\nrasitei der Literatur, sich zusammenfindet, um,\nals „Persönlichkeiten von literarischem Urteil, Le-\nbenserfahrung und vorurteilsloser Empfänglich-\nkeit,\" darüber zu wachen, daß „nie wieder\" ein\n„Genie unseres Volke;;»\" durch „Mitschuld einer\nstumpfen Umgebung\" „ein gleiches Schicksal\" er-\nleide. wie es Kleist, „den Unvergleichlichen\", „mit\nungehemmter Rauheit erfaßt hat\"? Fritz Engel,\nOtto Ernst, Ludwig Fulda, Rudolf Herzog, Alfred\nKlaar, Hans Landsberg, John Lehmann, Paul Lin-\ndau, Felix Lorenz, Rudolf Presber, Gabriele Reuter,\nPaul Schienther, Fritz Stahl, Hermann Sudermann,\nFedor von Zobeltitz —: ja, sind sie es denn nicht\ngewesen, die vor hundert Jahren Kleist in den\nTod getrieben haben? Sind sie es denn nicht,\ndie, durch ihre Fabrikate, die sie als Kunst aus-\nschrein, durch ihre kritische Ahnungslosigkeit,\ndurch perfide Totschweigetaktik, durch ihr ein-\nfaches Vorhandensein, die Siegeszüge heraufstei-\ngender Heroen wieder und wieder gräßlich hem-\nmen? Welch eine Heuchelei, wenn die Uebelsten\nder Ueblen, wenn die Schädlinge, die jedem Guten,\nEhrlichen; Starken Platz, Licht, Nahrung rauben,\njetzt sich geniebeschirmerisch in die Brust werfen!\nWelch eine ohrfeigenwürdige Jahrhundertsheuche-\nleiü Die Blattlaus will das Grünen schützen, und\ndas gefräßige Krokodil markiert die besorgte\nGroßmama.\nVon den Repräsentanten der litterarischen Kul-\ntur, jenen einzigen, denen man die Entscheidung\ndarüber, ob ein Junger „die Bürgschaft eines be-\ndeutenden Könnens in sich trägt,\" allenfalls anver-\ntrauen könnte, hat fast niemand den Aufruf unter-\nschrieben. Also kennzeichnet sich die Sache als\nein Institut zur Förderung der Seichtheit, Behäbig-\nkeit, Süßlichkeit; der Spießerei und Plauderei und\ntalentierten Unursprünglichkeit; des Verlognen,\nMediokren, Inferioren; der Epigonie jener Unter-\nzeichner; kurzum: des Kitschs. Herr Fritz Engel,\nPrälude der Stiftung, ist folglich keineswegs auf\ndem Holzweg, wenn er „unser werktätiges Bür-\ngertum\", das an der „Dichtkunst in allen ihren\nArten\" sich „in erwünschten Feierstunden\" „er-\nholt\" (— „erholt\"!), zur Beteiligung an der Stif-\ntung auffordert. Aber, daß dieses, der wirklichen\nKunst feindliche, Unternehmen seine Niedrigkeit\nund Widrigkeit mit dem Namen Kleist zu verdecken\nsucht, ist eine Schweinerei, der unter allen Schwin-\ndeln die Krone gebührt, und auf die in einem Kul-\nturstaat Zuchthaus stünde.\n\nDer Ritter Blaubart\nVon Alfred Döblin\nSchluss\nFrühmorgens rüstete man das Gespann; der\n.. , , D ,\nGroom stieg auf den Bock; auf dein Polster schau-\nkelte Miß Ilsebill\n'rv , , ... , '\nUie schnurgraden Alleen herunter sausten die\nw A , , , , , ~\nWagen, die Automobile; sie lenkten in weitem\nRAD+,A 0 u i w t\nBogen vor das Portal der Rennbahn. Der Himmel\n~ u, , , . u T 112,\nwar stahlblau, es wehte eine sommerliche Luft,\nn- a/i u a■■ + + r d u u ■ *-ii\nDie Menschen drängten aut die Rennbahn, sie full-\n, ,• -P .. , 4.-0\nten die 1 nbune vor dem weiten, grünen Rasen;\nder Urm der Stimmen und oefährte braißte;\nejn Riesenvogeli über die ]eere Fläche\nDie Miß fuhr znletzt> kurz vor dem start> am\nSattelplatz VOI, Zwej sanfte Schimmel zogen den\n„ ~ , ,\noffenen, blauausgeschlagenen Wagen durch den\nknirschenden Saud. Sie stieg aus, im blauen wal-\n|enden Samtkleide, eine weiße Feder wehte in den\nb|oßen Nacken; sie g,jtt durch dje hölzerne Sperre\na(|f jhren p|atz Sie haWe eine gelb-weiße Haut,\nebenmäßige Züge. Ihre tiefschwarzen Augen\nschlüpften zögernd über Menschen und Gegen-\nstände> wie ein schieimiger Schneckenleib, ließ eine\nSpur gje sa|J |ache|nd da ,md kau(e Schokolade,\nBaron Pao|() ,ehnte an der Stange; er sah mjt\nVergnügen die weißen Pferde antraben, hielt seinen\nweichen Fiizhut zum Schutz über die Augen. Als\ndie weiße Straußenfeder steil in dem Winde sich\naufsteflte, ging er die vier Stufen der Treppe hin-\nunter, schob sich seitlich durch die Menge und\n(rat vor Miß |]sebil| Er hob d(e hohlen Hände wje\nejn Araber auf. beugte sejnen Nacken yor jhr_\nSie erschrak „nd |acllte dann Kalveiio hieß der"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "684", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.2", "texte": "Favorit. Das braune schlankbeinige Tier jagte\nlässig hinter dem Rudel her; schon waren zwei\nRunden um, die Entscheidungsstrecke kam. Miß\nIlsebill ließ das Silberpapier fallen, stützte das\nfeste Kinn auf die Hand, jauchzte über die ge-\nbundene Ruhe des Pferdes. Sie waren dicht am\nZiel: da legte sich der blauweiße Jockey\nvor an das Ohr des Pferdes, flüsterte „Kal-\nvello, ho, Kalvello.\" Das Tier senkte den Kopf,\nflog in vier Sprüngen hin, siegte. Sie strahlte.\nDer Lärm der Menge rauschte über sie. Kaum\ndas Hürdenspringen vorüber war, stand sie auf\nund lud den schweigenden Mann zu einer Spa-\nzierfahrt mit ihr ein. Während sie durch die Wäl-\nder im Süden der Stadt fuhren, sagte er, daß er\nder Baron Paolo di Selvi sei, daß er durch sein\nGeschick hierher verschlagen sei und drüben in\nder Haide wohne. Sie erzählte, Sie wäre Miß\nIlsebill; er hätte auf seinem Haideschloß drei\nFrauen verloren, und sie trauere über sein Ge-\nschick. Worauf er einen trüben Blick auf sie\nwarf, den grauen Kopf senkte; der Groom aber\nriß die Schimmel herum; sie fuhren die Chaussee\nzurück, auf den geraden Weg zur Haide. An der\nWendung zur Schloßallee verengerte sich der Weg.\nPaolo nahm dem Kutscher die Leine ab. Die\nPferde sträubten sich. Er stieg aus und riß sie\nvor. Unter Peitschenhieben zogen sie an, sie\nschnaubten und wollten durchgehen, aber er hielt\ndie Leine straff.\nPrunkend stand in der Wüstenei das graue\nSchloß; über dem Dach des Damenflügels ragte die\nSpitze einer weißen Klippe. Paolo saß aufrecht\nim weichen Hut, eingefallen waren seine brau-\nnen Wangen und seine Schläfen, seine schräg\ngestellten grauen Augen blickten leer, nur sein\nMund war rund und weich und sehnsüchtig wie\nimmer. In der Dämmerung kamen sie vor sein\nHaus. Am Portal gab er ihr zum Abschied die\nHand. Miß Ilsebill stieg aber aus und bat sich\nbei ihm zu Gaste auf ein paar Tage; sie wollte ihn\npflegen und mit schöner Musik erheitern. Sie be-\nzog die Zimmer des Damenflügels.\nSie ritten morgens und mittags aus; Ilsebill\nsang und spielte vor ihm in den Gemächern. Sie\ntrug bunte und nixengrüne Gewänder; in ihren\nAugen war ein weiches Schimmern, wenn sie auf\nden Teppichen tanzte; ihr schwarzes Haar hatte\nsie in Zöpfen gebunden, die sie mit den blitzen-\nden Zähnen festhielt. Paolo lag stumpf auf den\nPolstern, rauchte und hüllte sich in Dampf, später\nwarf er sich auf den Teppich, sah ihr neugierig\naus seinen hellen Augen zu, hörte sie summen zu\nder Guitarre, in die ihre Dienerin griff. Seine\nStimme wurde heller, sein Gang rascher. Und als\nsie einmal auf dem Balkon standen, brach sie in\nein ungefüges Weinen aus; sie wollte wissen, was\nes mit ihm sei, sie wollte ihm helfen. Er aber\nnahm ihre beiden gelbweißen, heißen Hände, legte\nsie auf seine Stirn, indem er die Worte eines frem-\nden Gebets flüsterte; sie hing an seinem Hals,\nwährend er entsetzt bebte und lauter sprach und\nschrie, was sie nicht verstand. Schon war er\nwieder still und sanft, geleitete Miß Ilsebill in ihr\nZimmer. Und am Abend schlich sie sich, indessen\nder Baron im Herrenflügel schlief, allein trotzig\nund finster an die Tür des verschlossenen Zim-\nmers, in das die Klippe hineinragte. Sie rüttelte an\ndem Holz, sie stemmte sich seufzend mit der\nSchulter an; das Schloß hielt fest. Da nahm sie\ndas goldene Kreuz vom Halse ab, flehte die Mut-\nter Gottes um Hilfe an, fand am Fuß der Tür einen\nRiegel bloßliegen, schob ihn, den Finger einschla-\ngend, in die Höhe, mit schwerer Mühe, so daß ihr\nArm schmerzte.\nLautlos sprang die Türe auf; Miß Ilse-\nbill, die Zarte, in ein schwarzes Tuch ge-\nschlagen, hob die Kerze: es war ein schmales,\nfreundliches Gemach, mit zärtlichem Frauentand\ndie Tischchen und Wände bedeckt; der rohe\nzackige Felsen bildete die breite Hinterwand; er\nschattete sonderbar in dem unsicheren Lichte; in\nseiner Nische, über dem Boden, stand das grün-\nbezogene Nachtlager, zu dem zwei Stufen führten.\nMiß Ilsebill tänzelte freudig über den dicken Tep-\npich, warf ihr Tuch ab, sog den schwachen Blu-\nmengeruch ein, zündete zwei Ampeln an und war\nin dem heimlichsten Zimmer. Die grüne, japa-\nnische Seide hing von der Decke herab, Bilder\nund Tapeten lächelten ruhevoll und sanft, auch die\nsonderbare Klippe schimmerte wie ein spiele-\nrischer, phantastischer Einfall. Sie legte leise die\nTür an, sprang auf das Lager, lag träumend stun-\ndenlang, schlüpfte frühmorgens wieder durch die\nKorridore auf ihr Zimmer, nachdem sie das Licht\ngelöscht, sorgfältig die schweren Riegel herabge-\nschoben hatte. „War nichts geschehen, ist mir\nnichts geschehen\" sagte sie glücklich vor sich hin;\nglitt nun Nacht für Nacht hinüber in das Felsen-\nzimmer, dort zu schlafen. Des Tags aber fand Miß\nIlsebill kein Ende des Plauderns, Singens und\nLockens vor dem versunkenen Manne. Aus ihren\ntiefschwarzen, schlüpfenden Augen schlug öfter ein\ngreller Blick zu ihm, und als sie einmal unter den\nfünf raschelnden Schleiern vor ihm getanzt hatte\nund er lachend über ihre tollen Sprünge ihre Hand-\ngelenke hielt, warf sie ihre Schönheit vor ihm hin\nund bettelte an seinem Hals: „Ich bin Ihr Eigen,\nPaolo.\" „Sind Sie das, Miß Ilsebill? Sind Sie\ndas?\" Und sein Blick war nicht grell und heiß,\nsondern derart schwermutsvoll, fragend und ohne\nTrost, daß sie von ihm abwich, die Schleier um\nsich warf und aus dem Zimmer schlich. Er um-\ngab sie aber mit so viel stiller Ehrfurcht, daß er\ndie blaßwangige Ilsebill ganz in staunendes Glück\nversenkte.\nA.uf ihren Streifzügen durch die Wälder\ntrug der schwarze Ritter sie oft auf den Ar-\nmen und betete, manchmal in die starken Kniee\nsinkend, in fremder zarter Sprache. Sie hob nie\ndie Lippen zu seinem Munde, nur selten nahm er\nihre gelbweißen Hände und preßte sie an seine\nStirn. Welche Kleider trug Ilsebill mit den feinen\nKnöcheln? wieviel Zöpfe hingen aus ihrem blei-\nschwarzen Haar? Grüne Kleider, wie die Seide\nin dem Felsenzimmer trug Miß Ilsebill ; grüne Blät-\nter lagen auf ihrem Haare und waren eingeflochten\nin drei dichten Zöpfen. Miß Ilsebill und Paolo\nspielten und jagten zusammen, sie saßen oft am\nMeere, sie träumten zu zweit. Paolos Augen\nsprühten.\nEines Mittags sagte sie ihm, daß sie ihn um\netwas bitten möchte. Und als Paolo freundlich\nfragte, biß sie sich auf die Unterlippe und meinte,\ndaß fie ihm etwas sagen müsse. Ob es nicht zweck-\nmäßig wäre, wenn sie einen Arzt kommen ließen\naus der Stadt; sie glaube, sie sei etwas krank.\nPaolos Lippen wurden schneeweiß, er atmete\nschwer mit geschlossenen Augen: was ihr denn\nfehle. Sie höre immer, fast immer ein leises\nScharren. Es sei ein Geräusch, ganz weit ent-\nfernt, ein gleichmäßiges Streifen, Rieseln und\nScharren, gleich als liefe ein Tier über Sand und\nbliebe immer wieder schnaufend stehen. Es sei\nso fein, daß es ihr oft wie ein Pfeifen klinge. Er\nstand am Fenster und blies gegen die Scheibe, fuhr\nmit rauher Stimme heraus, es sei kein Arzt Not,\nbei solcher Krankheit; sie müsse sich zerstreuen;\nsie müsse jagen, reisen; am besten, sie ginge fort\nvon hier. Da lachte Miß Ilsebill aus vollem Halse\nund sagte, ihre beiden Pferde seien nur schwer\nden Weg hierher gelaufen und jetzt, wo fände sie\nPferde, die sie zurücktragen würden ohne ihn.\nDer untersetzte Mann hatte sich umgedreht, seine\nStirn lag in Falten, sein mageres Gesicht glühte,\ner klagte heiser: sie solle gehen, sie solle gehen,\nsie solle gehen, er wolle sie doch nicht; er wolle\nkein Weib und keinen Menschen und nichts; er\nhasse sie alle, die höhnischen, sinnlosen Wesen;\nsie solle gehen, o, sie solle gehen. Ein Messer\nwolle er ihr gleich geben, damit solle sie sich ihre\nKrankheit aus dem Herzen schälen. Wie Miß\nIlsebill mit schaukelnden Höften auf ihn zuging,\nkam er auf sie gewankt, taumelnd wie ein Kind,\nsah sie an derart schwermutsvoll und ohne Trost,\ndaß sie sein Haar streichelte und in fesselloses\nSchluchzen ausbrach, als er an ihrer Brust zit-\nterte. Sie stellte keine Frage an ihn; sie nahm\nheimlich einen Dolch von der Wand, versteckte ihn\nunter ihrem Kleid.\nMiß Ilsebill ging nun in ihrem dünnen\nKJeid oft allein aus, sie streifte bis an die\nStadtmauer, brachte Paolo seltene Muscheln,\nblaue Steine mit, auch streng duftende Narzissen,\ndie er liebte. Und auf einem Wege sprach sie in\nder Vorstadt einen alten Bauern an, der erzählte,\nder Baron habe sich mit Leib und Seele einem\nbösen Untier verkauft. Das läge aus Urzeiten auf\ndem alten Meeresgrunde, dort auf der Haide; in der\nKlippe hause es und brauche alle paar Jahre einen\nMenschen. Es klänge wie ein Märchen und sei\ndoch war. Wäre nicht bei den Frauen jetzt die\nUnzucht und Gottlosigkeit so groß, so wäre der\narme Ritter längst befreit von dem Tier. — Sie\nhörte es mit Glück, denn sie wußte es schon lange.\nSie spielte auf ihrem Zimmer mit Eidechsen,\ndie sie fing. Als Paolo sie einmal unter Lächeln\nklagen hörte, sie suche im Grunde nur nach dem\nTier, das so laut scharre und murre und raschelte,\nmeinte er, er wolle einen Dichter einladen, den er\nkenne in der Stadt, der solle sie mit Märchen und\nseltsamen Geschichten unterhalten. Es sei ein\nseelenkundiger Mann.\nAm nächsten Mittag spazierte über den brei-\nten Hauptweg der Dichter auf das Schloß; sie\nsaßen zudritt bei Tisch. Dann lud Paolo ihn ein,\nden Arzt zu spielen bei Miß Ilsebill und ihre\nSchwermut zu beheben; denn es scheine ihm eine\nArt Schwermut zu sein, was in ihr scharre und\nraschele und sie zu verschlingen drohe. Der Dich-\nter sprach mit ihr auf ihrem Balkonzimmer; es\nwar ein schlanker, junger Mann mit langen Armen\nund mit freien Bewegungen. Er fuhr über sie mit\nherrscherischen Blicken, sie lachten zusammen,\nüber ihre Bilder gebückt Er bat sie, sie möchte\ntanzen, als schon die Lust dazu in der Wildea\nerwacht war; sie tanzten zusammen unter\neinem Schleier, und Miß Ilsebill sprang mit ihm\nauf den Balkon und lachte mit einmal über das\nSchloß und den Sumpf und die scharrenden Tiere.\nSie krümmte sich über das Eisengitter, schrie ihr\nGelächter über die dämmerige Haide hin. Wahn-\nsinnig, ja wahnsinnig wäre sie, eine Leiche bei\nlebendigem Leibe. Mögen alle vorsintflutlichen\nDrachen ausbrechen und Paolos Glück morden:\nsie kenne nur ein Tier, das ausbrechen wolle, und\ndas sei sie selber. Sie streckte ihre runden Arme\nüber sich, rief das Meer an, sie wolle wieder fort,\nsie wolle reisen und wandern und wolle immer\nlieben und immer küssen. Und eh die Dunkelheit\neinbrach, ging der Dichter fort; trällernd riß sie\nein grünes Blatt aus ihrem Haar und steckte es\nzwischen seine Lippen.\nKaum war es finster im Schloß geworden, da\nwarf sich Miß Ilsebill ihr schwarzes Tuch um,\nnahm noch mit glühenden Wangen eine Kerze in\ndie Hand und belud ihren linken Arm mit zwei\nScheiten Holz: sie wollte zum Schluß die Felsen-\nkammer in Brand stecken und dann in Nacht und\nNebel verschwinden. Auf dem Meer wartete\nschon die Yacht, die der Dichter zur Flucht be-\nsorgt hatte. Den dunklen Gang keuchte sie hin;\naus dem Dunklen, ihr entgegen, kamen Schritte.\nDie Scheite ließ sie über die Kniee leise zu Boden\ngleiten, es war Paolo, der sie nicht fragte, ihre\nKerze sachte an den Boden stellte und sie zärtlich,\nohne zu sprechen, streichelte über Haar und Hände.\nDie schwarzen Augen Miß Ilsebills schlüpften nicht\nfort von seinen, die voll Teilnahme blickten und\neinen erschreckenden Trost spendeten, schlüpften\nnicht ab von der ruhigen Aufgeschlossenheit seines\nheiteren Gesichts. Seine schräggestellten Augen\nstrahlten über sie gar eine Dankbarkeit, sein Mund"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "685", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.3", "texte": "näherte sich zum ersten Male ihren Lippen und\nküßte sie. Er sagte, er ginge noch heute in die\nStadt. Sie kauerte auf dem Qang, die Kerze war\nerloschen, eine unbezwingliche Angst schüttelte\nihre Schultern. Sie hielt das Kreuz in beiden Hän-\nden hoch, sie richtete sich auf, die Scheite ließ sie\nliegen, sie mußte über den Qang, sie mußte nach\nder Tür, sie mußte in die Kammer. Hart war ihr\nGesicht, dann verzerrte es sich hilflos. Hinter dem\nKreuz schleppte sich Miß Ilsebill, weinend und sich\nkasteiend. Den Riegel schob sie hoch. In der\nKammer ging sie händeringend auf und ab, schlug\nsich die Brust, schlummerte auf dem weichen\nTeppich ein.\nIm Traum hörte sie ein Scharren und Krachen,\nein lautes Rufen von Männerstimmen: „Ilsebill,\nrette dich; rette dich, Ilsebill, Ilsebill!\" Richtete\nsich auf. Kam aus dem Felsen eine blasende\nFlamme, ein brennender Mund her. Der Felsen\nsprang mitten auseinander, aus der Höhle strömte\ndas Wasser, wälzte sich ein grauenhaftes Meeres-\nungeheuer, eine Meduse mit zahllosen ringelnden\nFängen; aus dem Leib schlug die zitternde, blau-\nrote Flamme wie der Atem. Miß Ilsebill stürzte\nnach der Tür; die fand sie nicht; da schrie sie gell\nund wahnsinnig: „Paolo, Paolo.\" Das Untier\nzischte nach ihr; eine lähmende Süße durchfloß\nsie; sie schlug in Todesangst gegen die Wand.\nEin blanker Spieß hing da, sie riß ihn herunter,\nschleuderte ihn blind in die Flamme hinein. Halb-\numfallend fand sie die Tür, lief, schreiend, mit den\nversengten Händen um sich schlagend, über die\nstummen Gänge; blieb vor ihrer Zimmertür liegen.\nBis an den grauen Morgen lag die stolze Miß\nlisebill. Als sie sich ausrichtete, löste sie mit star-\nrer Ruhe ihre Schuhe und Strümpfe ab, band ihre\nZöpfe auf, ging barhäuptig, in bloßem, dünnen\nRöckchen aus dem Hause, durch den Torweg nach\nder Stadt zu über die Haide, bis da, wo die Bir-\nken stehen. Sie wandte sich nicht einmal um.\nHinter ihr tobte es; vom Meere her kam ein Don-\nnern und Bersten, Eine Springflut, eine meilen-\nweite, graue Wand durchbrach die Dämme und\nDeiche, setzte rollend und schäumend über die ver-\nwunschene Ebene, bedeckte wieder, was ihr schon\neinmal gehört hatte, dazu ein graues Schloß und\nviele schlafende, armselige Menschen. Das furcht-\nbare Wasser warf seine Wellen bis dicht an den\nBerg heran vor der Stadt, auf dem die Birken\nstehen. Ilsebill wanderte auf den Berg. Und wie\nsie zwischen den Bäumen ging, trat der Nebel in\nden Wald. Aus einem Baume, an dem sie betete\nund ihr Kreuz aufhing, trat ein feiner, feiner Rauch,\nder süßer als Flieder duftete. Er legte sich um die\nwandernde Ilsebill, so daß sie eingehüllt war in die\nFalten eines weiten, duftenden Mantels. Sie sah\nkeinen Schritt vor sich und keinen Schritt hinter\nsich; und als sie merkte, daß der Mantel der Mut-\nter Gottes sie einhüllte, fing sie an zu weinen wie\nein zages Mädchen. Rascher und rascher lief sie,\naber sie stürzte bei jedem Schritt: „Ich möchte\ndoch leben. Ach, liebe Mutter Gottes, laß mich\ndoch die Blumen noch sehen, laß mich doch die\nVögelein sehen. Ach, liebe Mutter Gottes, sei gut\nzu mir. Ich sehe, — du bist gut zu mir, wie ich\nzu dir bin.\" Ihre Lippen blaßten. Sie winde\ndünner und dünner . Seufzend löste sie sich auf\nund verschwand in dem feinen Nebel, der iibei die\nBirken zog.\nSchon hob sich die Sonne über dem Wassel, da\ntrabte langsam ein schwarzer Hengst mit einem\nReiter durch den Mauerdurchbruch von der Stadt\nher. Der Reiter ritt über den Berg, und wie er\nauf der Höhe stand, schäumte meilenweit vor ihm\ndas graue, tobende Wasser und kein Weg und kein\nSchloß. Er stieg ab, band das Pferd an\n.einen Stamm, ging zwischen den Birken. Ein\nwinziges goldenes Kreuz hing an einem Baum,\num den ging ein süßer Geruch herum. Er\nzog den weichen Hut, kniete nieder und legte die\nStirn an die Rinde: „Große Angst hast du uns be-\nschert, holde Mutter Qottes; große Liebe hast du\nuns beschert, du holde Mutter Gottes.\"\nDie Städter sahen noch einmal den schwarzen\nReiter an diesem Tage des Dammbruches durch\ndie Straßen Jagen. Dann hörte man nach vielen\nJahren wieder von ihm, als die Kämpfe in Mittel-\namerika tobten. Als Führer einer Freischar gegen\ndie heidnischen Indianer fiel er damals mit seiner\nganzen Schar bei einem heimtückischen Angriff.\n\nBriefe nach Norwegen\nVon Eise Lasker-Schüler\nHerwarth, Kurtchen, Kameraden, Brüder, habt\nIhr an alle Direktoren der Theater im Pan den\nKriegsaufruf von Rudolf Kurtz gelesen? Er hat\nüber meine eingetrocknete Wupper eine Flut ge-\nbracht — ich hatte mich auch schon zu Bett gelegt.\nAber nun trage ich meinen krummen Samtsäbel\nan der Seite, den ich meinem Neger Tecofi zur\nTheaterstatisterei lieh. Wa kadäba kabinähu\nhinäma raga utu dalik, lia nahu jakrah anisä a\nwahalakuhunna!!!\nDer Pitter Boom hat mir sechs Honiggläser\n(Gühler und Biene) für sein Bild gesandt. Ich\nsumme nun den ganzen Tag für mich hin. Aber\nKokoschka läßt kein Wort von sich hören. Ueber-\nhaupt, ich bin des Lebens müde. Ruth machte mir\nden Vorschlag, für mich an Kokoschka zu schrei-\nben, er habe so reiche Gönner (?). Aber ich\nkenne ja ihren Stil und nahm ihr die Mühe ab.\nSehr geehrter Herr Kokoschka. Eigentlich sollt\nich Ihnen böse sein, denn Sie haben es nicht einmal\nder Mühe wert gehalten, nachdem Sie stets die\ngrößte Gastfreundschaft in unserem Hause genossen\nhatten, sich zu verabschieden. Aber man kann Ihnen\nnicht böse sein. Das sagte ich gestern noch zu\nFrau Lasker-Schüler, die sehr krank im Bett liegt.\nSchreiben Sie ihr doch eine Zeile, daß Ihnen Ihr\nBild Freude gemacht hat — sie ist doch ein so\ngeliebtes, armes Geschöpf und hat so für Sie ge-\nschwärmt. Es geht ihr sonst auch gar nicht\ngut. Von mir weist sie jeden Happen zurück, sie\nist ja so eigensinnig. Aber könnten Sie nicht in\nzarter Weise etwas für sie bei Ihren Freunden\nerzielen? Ich bitte herzlich um Diskretion, ge-\nehrter Herr Kokoschka, Sie wissen doch, wie\nempfindlich sie ist. Und verbleibe mit freund-\nlichen Grüßen Ihre Ruth Elfriede Caro\nInternationale Postkarte\n„Schweigt mir von Rom —\"\nLiebe Eiskühler. Der Bischof und ich sind\nentzweit, er behauptet, ich habe ihn mißbraucht.\nWie mißbraucht man Jemand? Ich möche so gern\nwieder mit ihm gut werden und ihn am besten\nselbst fragen. Herwarth, schreib Du ihm ein\nWort! (?) Herrn Architekt Gregor Münster, Hil-\ndebrandstraße 11. — Er wollte mich ja auch\nhauen, ich meine in Stein als Freske. Vielleicht\nkomm ich wo an ein Haus. — Gestern setzte ich\nmich an seinen Tisch, er trank Kümmel und Sy-\nphon. Ich rief Otto, der brachte mir auch ein\nGlas, als ich es mit dem fremden Syphon füllte,\nmußte der Bischof sich das Lachen verbeißen.\nAber er sprach nicht mit mir. Er erzieht mich\nreizend. Oder er hat Charakter; wie man so\nsagt, wenn man seine Eigenschaften eingeschach-\ntelt mit sich trägt. Also er ist berechenbar; ich\nbin unbequemer und schwieriger. Ist das eigent-\nlich nicht vornehmer? Oder er tut nur so mir\ngegenüber, und verfolgt Deine Taktik, Herwarth,\nwenn du den Beleidigten spielst. Du weißt,\nBrüche werden mir schwer. Was man so alles\ndurchmacht!\n\nGedichte\nVon Hans Gause\n\nErinnerung\nBei Ansorges „Acherontischen Frösteln\"\nSchließe den himmelblauen Tag,\nDurch die Lider fällt Laternenschein.\nWeite, leise, dichte Wälder rings,\nFarbige Schmetterlinge über dem Schlag,\nDer Boden strotzt in süßer Blüte rechts und links.\nHier muß ein Heiliger begraben sein.\nSechs Jahre lieblich dumpfen Glücks verstrahlten,\nDa schüttet Deliram ihr Heimweh aus:\nZum Kaiser, Prinz! Gold und Rubinen halten\nDie Kuppelwölbung bergkrystallnen Blaus,\nZweitausend Jahre alt, mit goldner Krone\nGeschmückt den Totenschädel, liegt der Geister\nUnd Chinas Kaiser auf dem gelben Throne.\nDes Steins der Weisen und des Todes Meister\nSechs letzte Haare seines Barts beweisen\nUnd seine Nägel, die den Boden kehren.\nIch weine. Warum eilt ihr denn zu reisen.\nIch wollte euch Unsterblichkeit bescheren\nUnd gerne sterben nach vier Jahreskreisen.\nAusgeliefert seid ihr jetzt und von Geistern\neingenetzt.\n1 olgt dem Zwang, der reizend scheint, gut hab\nich's mit euch gemeint.\nFr schließt die Augen, die Glocke brummt,\nEin Geist, von Kopf zu Fuß vermummt,\nSchwarz und stumm tritt aus der Wand,\nDer Kaiser reicht ihm stumm die Hand,\nDumpfes Dröhnen heult und faucht,\nRubin, Smaragd und Gold verraucht.\nZu und auf geht schnell der Tag.\n\nUntergang\nWenn die abendbeleuchtete Schneide erreicht ist,\nKollert ein großer Kopf von meinen Schultern\nnach unten.\nEs wird klar, daß die Welt leicht ist,\nBis auf das Entfremdete ist alles verschwunden.\nDie Erleichterung des Schreitens\nNoch im Wald, im Abendrot\nSpottet des Glückes Not\nUnd aller Gedanken Begleitens.\nDes Wunders mir erst halb bewußt,\nHör ich weither den Todesstrom rauschen.\nWenn der Glanz auf den Jochen ins Steigen gerät,\nGibt es keinen Verlust.\nIn den Gründen saust die Nacht. Es ist spät,\nZeit, das Leben einzutauschen.\ni\n\nIn öden Meeres Wellenschlag\nKommt der Wind aus roher Welt,\nAlles hat sich schnell verstellt.\nDurch den stillen Regenschmelz\nQeht die Angst im Nebelpelz.\nSeit der Regen streifig mustert,\nStehn die Disteln aufgeplustert,\nIst der Samen reif zum Flug,\nSchleift die Luft den Weltbetrug.\nWeh, an dem verfluchten Ort\nStarb ein Heiliger durch Mord."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "686", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.4", "texte": "Glanz\nIch liege krank am Fenster;\nFrühlingsaroma.\nHundert Schritte über den zartgrünen\nWiesenrasen bis zur Donau:\nDrüben, gerade gegenüber, ist eine Lichtung\nin der Au,\nEin großer Obstgarten,\nBirnbäume in schneeweißem Blütenschauer\nund rosaknospende Apfelbäume.\nDahinter verriegelt die schwarze Waldkuppe\nmit dem betürmten Klosterschloß\nUnd rechts, links, schimmern bläulichere\nWaldköpfe entgegen.\nO Blütenbaum! Hinter den blauen Hügeln.\nIch lächle im Radfahren,\nNeben mir mein Freund, auch er erhellten Gesichts.\nDie Reichsstraße ist glatt wie Parkett.\nBlauer, frischer Sommertag und\nSonnenglanz und Stille.\nDie Apfelbaumalleen sind reif, wir essen\nununterbrochen,\nNach der Straße fernem Qlitzerschwanz\nFliegen wir lächelnd, ganz in\nVergessenheit aufgewacht,\nBis in den Abend.\n\nDer Vagabund\nVon Otto Rung\nEinzige autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von\nHERMANN KIY\nEs hatte zum drittenmal an Klerkers Tür ge-\nklopft, und diesmal nicht mehr behutsam wie vor-\nher, sondern äußerst energisch.\nKlerker seufzte und erhob sich langsam. Er\nging durch die vier Zimmer der untersten Etage\nder Villa, zündete Licht an und öffnete. Draußen\nauf der Steintreppe stand, wie er erwartet hatte,\nein großer, breiter Mann in geduckter, bittender\nStellung, ohne unter dem Halbdach Schutz vor dem\nRegen zu suchen, der in unergründlichen Nebel ge-\nhüllt, über die Wege hinfegte.\nKlerker wußte nichts zu sagen; und die paar\nstumpfen Silben, die der Mann hervorstieß, ver-\nstand er nicht. Doch er begriff, daß der Mann ob-\ndachlos war. Vor einer Weile hatte er den Hund\ndes Nachbars hinter einer Tür, die sehr schnell\nzugeworfen worden war, wütend bellen hören.\nEr überlegte: dieser Mann hat also wahr-\nscheinlich heute abend durch sein gewalttätiges\nAussehen schon manchem einen gehörigen Schreck\neingejagt. Darum hat man ihm die Tür vor der\nNase zugeschlagen. Die Aengstlichen haben, ab-\ngesehen von den wenigen Minuten Unbehagens,\nkeinen weiteren Schaden erlitten. Er selbst ist der\neinzige wirklich Geschädigte, weil die Leute ihm\nkeinen Einlaß gewähren wollten. Um den Schaden\nnicht noch zu vermehren, ist es am richtigsten, ich\nlasse ihn herein.\nUnd so forderte er den Obdachlosen auf, ein-\nzutreten.\nDa stand nun im Lichte der Lampe,'die Klerker\nhielt, ein rothaariger junger Bursche von starkem\nKörperbau mit großem, leerem weißen Gesicht, das\nder Regen gründlich benetzt hatte; unter den ge-\nschwollenen Lidern schielten die blassen Augen\nkränklich hervor. Eine rostrote Jacke klebte an\ndem gewaltigen Torso.\nJetzt verstand Klerker ein paar Worte: „Krank\n— hungrig — Seemann ohne Heuer — keine Unter-\nkunft!\" Und so etwas durfte nicht sein. Er öffnete\ndie Tür zum Wohnzimmer, ging voran: „Kommen\nSie herein!\"\nDie Füße des Bettlers bewegten sich schar-\nrend über die Schwelle. „Setzen Sie sich nur,\"\nsagte Klerker, und der Mann setzte sich. Dann\nstellte ihm Klerker, der selber gerade beim Abend-\nbrot war, einen Teller zurecht.\nTherese, des Schwagers junge, unmündige\nTochter, die dem Onkel bei den Mahlzeiten zur\nHand ging, sah mit ihren blanken, aufrichtigen\nAugen zu. Eine große Blase formte sich über ihrem\nweitgeöffneten, erstaunten Munde. „Du kannst\nnach Hause gehen, Therese,'1 sagte Klerker und\nnickte ihr zu. Das Mädchen stand sofort auf,\nwünschte gesegnete Mahlzeit und verließ das Zim-\nmer, ohne sich umzusehen. Sie lief in wilder Eile\nüber die aufgeweichten Wege nach dem Hause der\nEltern, das am andern Ende der Villenstadt lag;\nsie hatte Angst, doch interessierte das Gesehene\nsie ungeheuer.\nKlerker strich seinen langen, viereckigen,\ngrauen Bart, während der Gast aß. Sein tabak-\nbrauner Daumen glitt langsam auf der starken Nase\nhin und her. „Essen Sie nur!\" sagte er ermunternd.\nDa der Bettler vorsichtig und maßvoll aß, fiel ihm\nein, daß Menschen, die sehr lange gehungert haben,\nWiderwillen vor aller Nahrung empfinden, und dar-\num wiederholte er die Aufforderung nicht.\nDer Mann erhob sich; in der Hand hielt er\neinen nassen Fetzen, der seine Mütze zu sein\nschien. Er schwankte auf den ausgehungerten\nBeinen hin und her, und machte eine Drehung nach\nder Tür hin. Klerker hatte ganz gewohnheits-\nmäßig eine Zigarrenkiste aus dem Schrank genom-\nmen, ein plötzlicher stummer und erbitterter Blick\nseines Gastes erinnerte ihn, daß der augenblick-\nlich an alles andere als an Zigarren dachte. Kler-\nker öffnete eine kleine Nebenkammer, in der sich\nein recht unbequemes, aber hinreichend langes\nSchlafsofa befand. „Da Sie obdachlos sind, weiß\nich keinen andern Rat, als daß Sie sich da drinnen\neinrichten.\"\nDer Bettler vollführte eine Drehung — es\nwar fast, als fiele er gegen die Wand — und ge-\nlangte so in die Nähe der Tür der kleinen Schlaf-\nkammer. Seine Lippen traten trichterförmig her-\nvor. Ein saugendes Zucken seiner Halsmuskeln;\naber er gab keinen andern Laut von sich als ein\ndickes, breiiges Hä!, das man auf alle möglichen\nArten deuten konnte. Klerker, zerstreut, schloß,\nohne es zu merken, die Tür so rasch, daß die Jacke\ndes Vagabunden eingeklemmt wurde. Aus der\nKammer ertönten fürchterliche Schimpforte, bis die\nSache in Ordnung gebracht war.\nKlerker starrte auf den braunen Lappen, der\nlangsam aus der Ritze verschwand. Dann ergriff\ner die Lampe, um das Zimmer zu verlassen. In dem\nAugenblick, als das Licht verschwand, begann der\nVagabund drinnen zu schreien: „Hilfe!\" und:\n„Mach auf, du Höllenhund!\" Dann deutete er noch\nan, daß er in eine Falle geraten sei, und daß nun\ndie Polizei kommen werde. Gleichzeitig bearbei-\ntete er die Tür mit den Fäusten, daß die Füllung\nkrachte.\nKlerker stand mit der Lampe in der Hand da\nund bewegte sie vorwärts, als wollte er mit ihr\ngegen den Lärm angehen. „Na! Na!\" sagte er\nbesänftigend. „Na!\" Dann verließ er das Zimmer.\nEs war erst zehn Uhr, und vor zwei Uhr legte er\nsich nie schlafen. Er ging in das Eckzimmer. Auf\ndem Sofatisch lag Schopenhauers „Parerga\". Ein\nfarbiges, geflochtenes Buchzeichen steckte zwi-\nschen den Seiten 416 und 417, soweit war Klerker\nin der letzten Nacht gekommen. Seitdem er sich\nvor zwei Jahren von seinem Geschäft zurückge-\nzogen hatte, las er solche Werke, weniger um sei-\nnen Geist auszubilden, sondern weil es ihm Ver-\ngnügen bereitete. Namentlich Henry Georges und\nRenans philosophische Werke lieferten seiner ord-\nnenden Gedankenwirksamkeit guten Stoff. Sy-\nsteme interessierten ihn, ohne seine persönlichen\nUeberzeugungen zu verändern. „Die Philosophie,\nsagte er, „gleicht einer Registrierkasse. Man legt\neinen Betrag in den Behälter, dreht eine Kurbel,\nund sofort springt ein Plättchen mit der numeri-\nschen Bezeichnung aus der Weltordnung hervor.\nSchopenhauer erschien ihm übrigens recht verwor-\nren, aber er las ihn, weil er ihm kein Unrecht zu-\nfügen wollte, indem er ihn überging. Der leiden-\nschaftliche Pessimismus des großen Philosophen\nkam ihm absurd und verwunderlich vor. Er schlief\nan diesem Abend über seiner Lektüre ein.\nAls Klerker am nächsten Morgen ins Eßzimmer\nkam, war die vierzehnjährige Therese in größter\nEile damit beschäftigt, den Fußboden aufzuwi-\nschen. Sie erhob sich ganz außer Atem, schlug\ndie Haarsträhnen aus dem Gesicht zurück und flü-\nsterte: ~Der Mann schläft noch\". Klerker ging\ndeshalb außen um das Haus herum und guckte\ndurch das kleine Fenster der Nebenkammer hin-\nein. lieber der hohen Seitenlehne des Sofas be-\nmerkte er den einen Fuß des Heimatlosen; eine ge-\nwaltige, flache Wandersohle ragte in die Luft, glatt\ngeschliffen vom Traben auf allen Wegen der Welt,\nam Rand rauh und aufgerissen von Scherben und\nNägeln. Da, wo das Leder geplatzt war, starrte\neine große hellrote Zehe hervor — als wollte der\nungeschlachte, riesige Körper mit Gewalt durch\ndie geborstene Kulturhülle ins Freie. Auch an den\nKnien und Ellbogen wuchs die Haut heraus und be-\ngegnete der offenen, weiten, nackten Natur, in der\nein Vagabund zu Hause ist. Jetzt aber fuhr der\nMann mit einem Ruck empor, genau so, wie er sich\naus einem Graben oder Heuschober aufrichten\nmochte, wenn auf dem Weg Schritte ertönten. Und\nnun stand er da, die Nase gegen die Scheibe ge-\npreßt, die Fäuste geballt: bereit, sich zu verteidi-\ngen und blickte Klerker zornig, erstaunt und lau-\nernd in die Augen.\n\nFortsetzung folgt\n\nDoktrinäre und Lehr-\nmeister der Kunst\nVon Lothar von Kunowski\nVor zwanzig Jahren disputierte ich als junger\nMann mit Künstlern und Literaten in einem Mün-\nchener Cafe. Alle waren der Meinung, daß ein\nrechter Künstler ausschließlich mit Kohle und Oel\narbeiten dürfe. Ich erwähnte die Feder, den Rötel,\nden Pinsel für Zeichnung. Man lachte mich aus.\nDie ganze Gesellschaft machte mich mundtot. Da-\nmals saß ein künftiger Lehrmeister der Kunst Dok-\ntrinären gegenüber, die jetzt wesentliche Stützen\nder „Moderne\" in Berlin sind. Was man in den\nAnfängen ist, bleibt man sein Leben lang.\nEs war die schlimmste Zeit deutscher Kunst.\nDie heutige Jugend ahnt gar nicht mehr, was wir\ndurchgemacht haben. Jetzt sind zwanzig Lebens-\nmöglichkeiten für eine geboten, die damals\nfür die rechte, schlechte, gute Kunst erklärt\nwurde. Es gab nur Oelfarbe, Kohle, Staffelei-\nbilder. Moderne-Illustrationen, Plakate, Kunstge-\nwerbe, Raumkunst, Bilder, die mehr als Augenpho-\ntographie sein wollen, waren noch unbekannt.\nAber die Doktrinäre von damals sind nicht\nausgestorben. Bilder, die ihnen nicht passen, nen-\nnen sie kunstgewerblich oder Plakate oder Pro-\ndukte des Verstandes, des Gedankens, des Nach-\ndenkens. Denn mit «.dem Evangelium „Kohle und\nOel\" wurde die Doktrin verbunden: der Maler\nmuß dumm sein. Stumpfsinnig sitze er im Atelier\nund male vor sich hin. Darüber verhungerten tau-\nsend deutsche Maler. Das Ausland vernichtete die\ndeutsche Ausfuhr.\nEinstmais verband der Griffel in winzigen An-\ndeutungen alle Künste. Maler, Bildhauer, Archi-\ntekten telegraphierten sich ihre Anschauungen in\nrhythmischen Zeichnungen. Gebildete Laien ver-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "687", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.5", "texte": "Ferdinand Hodler: Männerfigur\nBleistiftzeichnung\n\nMalerei\nNeue Sezession\nDie vierte Ausstellung der Neuen Sezes-\nsion (Potsdamerstraße 122) wird beim Publikum\nund in der Presse allgemeine Freude erregen. Man\nwird sich den Malern wieder ungemein überlegen\nvorkommen, man wird sich seiner Kenntnis mit\nStolz bewußt werden, daß Menschen keine grüne\nHaut haben und daß Bäume nicht violett sind. Diese\nAusstellung ist ganz außerordentlich gut, fast zu\ngut. Das allgemeine Niveau liegt so hoch über den\nübrigen Ausstellungen der letzten Jahre, daß der\nKritiker zur Unterscheidung der einzelnen Leistun-\ngen ein besonderes Studium treiben muß. Die Mit-\nglieder der Neuen Sezession sind alle so von dem\nwirklichen Wesen der Malerei durchdrungen, und\ndiese Erkenntnis der Malerei selbst ist so neu, daß\ndie Arbeiten der Künstler ungeheuer ähnlich er-\nscheinen. Scheinen. Erst wenn man das restlos auf-\ngefaßte neue Prinzip übersieht, wird sich die qualita-\ntive Begabung des Einzelnen begrenzen lassen. Daß\ndie Malerei nicht die Aufgabe hat, die Natur zu\nimitieren oder Menschen zu photographieren, wird\nallmählich von Künstlern und Kunstfreunden ein-\ngesehen. Für Kenner ist der Naturalismus als\nKunstanschauung längst erledigt. Die Formel für\ndie Kunstanschauung der Neuen Sezession wäre\netwa: die Erledigung des Plastischen in der Ma-\nlerei. Nachdem die Franzosen durch ihre Werke\nüberzeugend nachgewiesen haben, daß die Malerei\neine Kunst der Farbe und nicht eine Kunst der\nZeichnung ist, ergab sich die logische Folgerung,\ndaß mit der Farbe nicht eine andere Kunst, näm-\nlich die Plastik, vorgetäuscht werden dürfe, daß\nalso mit anderen Worten das malerische Kunstwerk\nflächig, zwei dimensional dargestellt werden muß.\nIn Wahrheit ist d i es e Anschauung „naturalistisch\".\nUnsere Optik ist zweidimensional. Wir sehen die\ndritte Dimension nicht, sondern denken sie nach\nder Erfahrung. Die Sinne der meisten Menschen\nsind durch angelernte Erfahrungstatsachen verküm-\nmert, sie können sie nur noch mit Hilfe des Ver-\nstandes gebrauchen. Die Anschauung geht nicht\nüber das Auge durch die Phantasie, die Phantasie\nwird vielmehr durch die vorgelagerten Tatsachen\nvöllig verschüttet. Ebensowenig wie die Tonver-\nbindungen der Kunstmusik in der Natur vorhanden\nsind, ebenso wenig müssen es die Farbverbindun-\ngen sein. Wer über Malerei urteilen will, muß erst\nihre Logik verstehen. Die Kunst, jede Kunst hat\nihre eigene Logik. Wer die künstlerische Logik\nnicht fassen kann, wird nie die künstlerische Erre-\ngung, mag sie nun durch ein Gedicht, durch die\nSymphonie oder durch ein Bild verursacht werden,\nnachfühlen und dann fühlen können. Das alles gilt\nauch von der Wortkunst. Daher sind dem „Normal -\nempfindenden\" auch die Werke der neueren Lite-\nratur verschlossen. Aber nur solange, bis er den\nHochmut des gebildeten Menschen fallen läßt.\nSie sind alle gute Maler, die in dieser Ausstellung\nBilder zeigen. Die neue Künstlervereinigung Mün-\n\nstanden diese Griffelsprache und erteilten Aufträge\nohne riesige Ausstellungsschinken vorher gesehen\nzu haben.\nInzwischen aber kam es, daß man lange Zeit\nnichts als Flecke in unserer Malerei sah, abstrakte\nFlecke ohne sinnlichen Reiz. Fast nie brachten\nBildhauer gute Zeichnungen. Dagegen wuchs die\nZahl von Künstlern, die nie vor ein Bild von Ru-\nbens traten, weil man bei diesem Kerl gar keine\nFlecke sehen konnte. Alles war so räumlich, so\nplastisch, so farbig, so zeichnerisch zugleich in sei-\nnen Bildern. Mit Doktrinen war hier gar nichts\nanzufangen. Da hieß es — die Augen zukneifen!\nUnd nun kam der Lehrmeister dieser Maler-\ngruppe — Lovis Corinth, schrieb ein Buch, wie\nman malen lernen müsse und begann mit dem „Kar-\ndinalpunkt\": Der Maler muß vor der Natur die\nAugen zukneifen, er darf nicht malen, ohne zu\n„blinzeln\".\nBlinzle doch einmal, indem du deinen Nachbarn\nanschaust, einen Rosenbusch, eine Frau in farbi-\ngem Gewand. Es wird alles grau verwaschen und\nschmutzig werden. Bunte Vögel, Blumen, Schmet-\nterlinge, alles, was jeder junge Mensch liebt, der\nblaue Sommerhimmel wird grau, die Farbe schwin-\ndet. Kleinere Gegenstände und ihren sinnlichen\nReiz sieht man überhaupt nicht mehr. Es bleibt\nMasse. Und sie nennt man dann „großzügig\".\nSo endete jene Debatte Norddeutscher in Mün-\nchen, die vor zwanzig Jahren die Doktrin Kohle\nund Oel aufstellten, schließlich in einer Malerei, die\nFarbe überhaupt nicht kennt, weil sie durch Vorbe-\nreitung mit Kohile verschmutzt wurde. Sinnes-\nübungen mit reinen, unvermischten Farben, die\ndem Hinhauen gemischter Flecke vorhergehen kön-\nnen, genau so gut wie das Kohlezeichnen, waren\nfrüher unbekannt. Und jetzt, da die ganze Jugend\nreine, ungebrochene, leichthingeschriebene Farben\nfür ihre Anfänge wünscht, Striche, Flächen and\nFlecke nach Bedarf anwendet, erhebt sich der dok-\ntrinäre Schriftwart jener Maiergruppe, Karl Scheff-\nler in „Kunst und Künstler\" mit den Worten: Ge-\nfahr im Anzug! Der Maler muß dumm sein! Ich\nwarne vor dem gefährlichen Diktator „Gedanke\",\nder sich in seiner ganzen Herrschsucht erhebt!\nFarbe statt Schmutz, das mag ein Gedanke\nsein. Aber ist er gefährlich für den jungen Maler?\nIch denke, die Malerei fängt mit der Farbe an.\nWenig reine Farbe ist bessere Malerei als sehr viel\ndicker grauer Schmutz, der jedes junge Talent tot-\nschlägt, begräbt, in Oel einbalsamiert und statt ju-\ngendlicher Flammen ausgebrannte Kohlehaufen\nhinterläßt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "688", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.6", "texte": "eben hat sich der Neuen Sezession angeschlossen.\nDas stärkste Temperament ist Max Pechstein.\nDie reinsten Kunstwerke zeigt W as s i 1 y K a n -\nd i n s k y. So etwas Reinmalerisches ist noch nicht\ngesehen worden. Ueber ihn, über Pechstein, sowie\nüber die anderen wird noch ausführlich zu schrei-\nben sein.\nEl Greco\nDie Bewertung des Genies ist weniger eine\nFrage der Zeit, als eine Frage der Zeiten. Nie-\nmals wird es gelingen, der Welt sogenannte posi-\ntive Beweise für das zu geben, was man im\nSprachgebrauch Qenie nennt. Die Erklärung\nhierfür ist sehr einfach. Das Erkennen eines\nKunstwerks setzt künstlerische Fähigkeiten auch\nbeim Aufnehmenden voraus. Das Künstlerische\nbesteht nicht nur im Schaffen, sondern auch im\nAufnehmen. Seine Voraussetzung ist das Vor-\nhandensein von Phantasie, das heißt der Fähigkeit,\nsich Unkörperliches sinnlich vorstellen zu können.\nDie Fähigkeit des Schaffenden ist, unsinnliche Vor-\ngänge sinnlich zu gestalten. Je größer die Per-\nsönlichkeit und die Kraft der Gestaltung ist, desto\ngrößer ist die Kunst und desto schwerer die Wir-\nkung auf den Aufnehmenden. Die Kraft muß erst\ndurch die Zeiten zersetzt, die Persönlichkeit in\nZitate oder Details aufgelöst werden, um die all-\ngemeine Wirkung zu erreichen. Oder der Name\nmuß durch seinen Ruhm so berühmt geworden sein,\ndaß das Kunstwerk selbst außer Betrachtung\nbleibt. Das wird für Werke der Literatur und\nMusik, ohne weiteres erklärlich sein. Bei der\nMalerei geht das Publikum aber noch immer von\nder irrigen Vorstellung aus, daß sie Gegenständ-\nliches wiedergebe, oder mit anderen Worten ge-\nsagt, Nat u r vorzutäuschen versuche. Je „na-\ntürlicher\", desto wertvoller. Nun werden aber in\nWirklichkeit auch durch die bildenden Künste un-\nsinnliche Vorgänge, das heißt innere Erlebnisse des\nKünstlers, durch das Mittel der Farbe oder des\nSteins wiedergegeben. Das Körperliche der Natur\nist etwas ganz anderes, als das Körperliche der\nKunst. Das Kunstwerk fordert zu seiner Wirkung\neinen selbständigen Organismus. Zur Wiedergabe\ndes inneren Erlebnisses ist die reale Darstellung\nder Realität nicht brauchbar. Im Gegenteil. Der\nMaler will etwa die Kraft des Stoßes ausdrücken.\nEr malt die eine Faust größer, als es ihm die Natur\ngestattet. Laien und Kunstkritiker sagen dann,\nder Mann habe nicht zeichnen können. Sie sind\nstolz auf ihr Wissen, daß eine Faust eben so groß\nist wie die andere, und nehmen an, daß dem Maler\ndiese Kenntnis versagt blieb. Das ist nur ei n Bei-\nspiel. Aber diese Art der Betrachtung malerischer\nWerke ist allgemein üblich.\nDiese Selbstverständlichkeiten wieder auszu-\nsprechen gibt die erste Biographie Anlaß, die über\nden Maler El Greco erschienen ist. (Delphin-Ver-\nlag, München.) Man hat sich um diesen Meister\nverschiedene Jahrzehnte nicht sehr gekümmert.\nJulius Meier-Gräfe hat das Verdienst, die „allge-\nmeine Aufmerksamkeit\" auf ihn durch seine Essay-\nsammlung Spanische Reise „gelenkt\" zu haben.\nGreco wurde nicht etwa von ihm „entdeckt\", er\nwar in zahlreichen Museen zu finden, in Deutschland\nallerdings seltener. Die Kollegen von Julius Meier-\nGräfe ärgerten sich nun maßlos, daß sie auf Greco\nnicht „hingewiesen\" hatten. Es ergab sich die üb-\nliche Situation: eine Kunsthändlerclique sollte hin-\nter dem Kritiker stehen, die mit Greco Geschäfte\nmachen wollte. Dabei hätte ein verstehender Kri-\ntiker gar nicht die Macht, einen seltenen Künstler\nhervorzuheben, wenn nicht die Verständnislosen\ndurch ihre Angriffe den berühmten weiteren Krei-\nsen zunächst einmal Mitteilung von dem Vorhanden-\nsein eines verstehenden Kritikers gäben. Dadurch\nwird auch das Interesse für den Künstler „rege\",\nwas in diesem besonderen Falle besonders wertvoll\nerscheint. Es gibt Genies, deren Namen jeder im\nMunde führt, die jeder lobt, aber sich mit dieser\nArt von Anerkennung völlig begnügt. Von andern\nGenies weiß niemand den Namen, aber sie werden\nvon Wenigen schwärmerisch verehrt, geliebt, zu\nihnen gehört El Greco. Erst durch die „Entdek-\nkung\" von Julius Meier-Gräfe wurde er in die Ka-\ntegorie der Namensberühmten gehoben. Dadurch\nerhielt er auch die äußere Ehre der Monographie.\nMonographien über Maler haben heute wenigstens\nden Wert, den Maler selbst in zahlreichen Abbil-\ndungen zu zeigen, wenn auch gleich gesagt werden\nmuß, daß die Vorstellung von Gemälden durch noch\nso gute photographische Reproduktionen stets unzu-\nlänglich bleibt. Eigentlich vertragen sie nur Ge-\nnies. Die Originalität und Intensität der farbigen\nAnschauung ist selbst durch Photographie nicht\ngänzlich zu vernichten. Deshalb soll dieses erste\nGrecobuch willkommen sein. Denn El Greco ist\nein Genie. Seine Gemälde gehören zu den bedeu-\ntendsten Schoepfungen künstlerischen Geistes. Er\nwar vielleicht der erste Maler, der keine Natur\nvortäuschen wollte. Jedes Bild ist absolut Ausdruck\neines persönlichen Erlebnisses in eigener Gestal-\ntung. Greco besaß eine ungesehene Fähigkeit, für\njede Nuance des Gefühlsmäßigen die adäquate\nFarbe zu finden. Er besaß das Bewußtsein, daß\nnur die Farbe das malerische Kunstwerk hervor-\nbringen kann. Sonst hat er mit „Verzeichnungen\"\ngearbeitet. Ich finde es trotz der populären Absicht\ndes Grecobiographen August L. Mayer nicht rich-\ntig, daß er die tatsächliche Möglichkeit der Ver-\nzeichnung überhaupt diskutiert. „Was am meisten\nbei den Schöpfungen Grecos Anstoß erregt, ist be-\nkanntlich die Zeichnung. Es gibt aber Fälle, wo man\nsich mit diesen Verzeichnungen wirklich abfinden\nmuß, ja, wo sie wirklich gefordert erscheinen. Eine\nnatürliche Zeichnung würde da den ganzen Cha-\nrakter des Bildes stören. Bei anderen Werken wir-\nken diese Verzeichnungen doch stark als Manier.\"\nWenn man unter Manier Absicht versteht, so hat\nder Monograph Recht. Es nimmt nur Wunder, daß\nman einen Künstler erkennen will und ihm wesent-\nliche Mittel seiner Kunst als „Manier\" vorwirft.\nJedenfalls hätte sich Herr Mayer den Hinweis auf\ndie „Behauptung von ärztlicher Seite\" schenken\nmüssen, daß die „Verzeichnungen\" Grecos mit\neiner Augenkrankheit im Zusammenhang stünden.\nSolchen Unsinn soll man nicht verbreiten. Man\nkann auch viele Aerzte finden, die behaupten, daß\nkünstlerische Tätigkeit mit Geisteskrankheit „im\nZusammenhang stünde\". Krankheit ist aber häufig\ndas, was dem Arzt fehlt, das, was er bei sich für\n„gesund\" hält.\nMan soll nicht zuviel über Maler lesen, sondern\nBilder sehen. Es ist daher sehr lobenswert, daß\ndie Grecobiographie ein Verzeichnis der Haupt-\nwerke Grecos mit Ortsangabe enthält. In Deutsch-\nland findet man Bilder in der Königlichen Gemälde-\ngalerie zu Dresden, in der alten Pinakothek zu Mün-\nchen, und in den Gemäldesammlungen zu Straß-\nburg und Stuttgart.\nTrust\n\nDer Pariser Korrespondent\nFerdinand Kiss\nDieser vielseitige, talentstrotzende Herr Vic-\ntor A u b ur t i n istzurzeit Korrespondent in Pa-\nris für das „Berliner Tageblatt\". Noch vor weni-\ngen Wochen weilte er in unserer Mitte, in Berlin.\nEines Tage skletterte er auf die Schultern eines Ver-\nlegers und heulte wie ein Schoßhund: „Die Kunst\nstirbt!\" Er wußte nicht, daß Kunst gerade das ist,\nwas selbst unter den Fingern eines Mossefeuilleto-\nnisten nicht stirbt; wußte nicht, daß die Kunst min-\ndestens so unsterblich ist, wie das Verdienst eines\nPariser Korrespondenten, die Liebesgeheimnisse\nder Madame Curie seiner Firma telegraphisch über-\nmittelt zu haben.\nMadame Curie, — hier ist der Mann auf seinem\nPosten. Hier reißt man die Augen auf. Die Kunst,\nsagt er, stirbt. Aber die Kunst, Unrat zu erschnüf-\nfeln, wo andre nur Radium sehen, gedeiht bis zu der\nVollkommenheit, wo anständige Menschen seekrank\nwerden. Da er die Kunst, die sich mit ihm nicht\neinließ, nicht kompromittieren konnte, geht er nach\nParis und kompromittiert Madame Curie. Denn\ndie Welt ist groß, und was ein tüchtiger Mensch ist,\nschlägt sich überall durch. Herr Auburtin ist es;\ntüchtig und strebsam. Und ehrgeizig. Weil er in\nder Politik die feste Kundschaft seines Vorgängers\nübernahm, fühlt er sich als ehrgeiziger Vertreter\nseiner Firma verpflichtet, auch selbständig zu ar-\nbeiten. So stellt er sich einfach auf die Lauer und\nschnuppert.\nUm die Ecke aber bog Madame Curie. Die\nholt sich der Ritter mit keckem Finger. Dabei geht\ner mit einer Vorsicht zu Werke, die die Kuppel-\nmutter jener Weisheit der Spinne und der mainzer\nSittenpolizisten ist. Er beginnt einfach damit, daß\ner sein Opfer vorerst als die wahrscheinliche Trä-\ngerin des diesjährigen Nobelpreises lanciert. Aber\nschon am nächsten Tage läßt er ab von Nobel und\ngreift blitzschnell nach dem Nabel dieser Frau!\nHätte er es nicht nur bildlich getan, er fände mil-\ndere Richter. Weil es weniger schmachvoll ist.\neinem Weibe die Ehre zu rauben, als ihre Ehre zu\nbesudeln. Er aber greift nur telegraphisch unter\ndie Röcke dieser Frau und untersucht, „ob der Pro-\nfessor Langevin und Madame Curie, wenn sie im\nLaboratorium zusammen arbeiten, wirklich nur\nüber die Kathodenstrahlen sprechen!? . . .\"\nPikant! Nun wissen wir Bescheid. Bis jetzt\nstand dieses Weib nur unter der Kontrolle der Wis-\nsenschaft. Nun wird es eine andere Kontrolle\nsein .. . Eine raffinierte Person, diese Curie!\nZwar hat sie mit der Erfindung des Radiums die\nAufmerksamkeit auf sich gelenkt. Aber das tat\nsie eben nur, um die Aufmerksamkeit von sich ab-\nzulenken ... In Wirklichkeit ist sie nichts, als\neine ganz gewöhnliche, nach Liebe hungernde Krea-\ntur. Die Moral stirbt! — ruft Herr Auburtin, und\nmeint zuversichtlich, daß nach diesem „Skandal\ndie Pforten der Akademie für Frau Curie wohl nie-\nmals sich öffnen dürften! Sie wird sich mit Herrn\nAuburtin begnügen.\n\nBeachtenswerte\nBücher\nAusführliche, Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nPETER ALTENBERG\nBilderbögen des kleinen Lebens\nVerlag Erich Reiß / Berlin\nLA MELEE / Zeitschrift\nVerlag: Paris, 6 rue Belzunce\nRICHARD DEHMEL\nMichel Michael / Komödie\nVerlag S. Fischer / Berlin\nINSELALMANACH auf das Jahr 1912\nInselverlag / Leipzig\nMICHEL PUY\nLe dernier etat de la peinture\nLes successeurs des Impressionnistes\nLe Feu / Union Francaise d'Edition Paris 07 /\nRue Caulaincourt\nDER ZWIEBELFISCH / Eine kleine Zeitschrift\nfür Geschmack in Büchern und anderen\nDingen\nDritter Jahrgang / Heft 5\nMünchen / Hyperionverlag Hans von Weber\n\nVerantwortlich für die Schriftieitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "689", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.7", "texte": "Verlag Der Sturm Halensee / Verantwortlich für die Anzeigen: Edmund Häner\n\nVereinrarKnnst\nDritter Abend\nSonnobend 25. November\nabends 8 Uhr\n:: Architektenhaus ::\nWilhelmstrasse 92/93\nAehtes Jahr\nAutoren-Abende\nMitgliederbeitrag 15 Mark\nDen Mitgliedern steht\nder Besuch von sechs\nAbenden auf Platzen\nzum Kassenpreis von\nM. 3.— zu, sowie der\nkosteolose Jahresbezug\nder Wochenschrift Der\nSturm. Fur alle wei-\nteren Abende zahlen\ndie Mitglieder halbe\nKassenpreise\nGeschaftssteiJe des M. 112. K.\nHALENSEE, Katharinen-Strasse 5\nVORTRAG:\nVom Gehen, Stehen,\nSitzen,Liegen, Schlafen\nEssen, Trinken\nKarten M. 2,— bei\nWertheim, Konzertkasse und\nbei Reuss und Pollack\nJr==zJr=^7=^n==Jr==^7=3r==^r\n\nUIERHRIKHB\nCRBRREI\nVALT*»\nZweiter Abend\nDonnerstag, 23. November 9 Uhr\nCafe Austria, Potsdamerstr. 28\nErnst BlaSi: Heinrich Mann's\n~Schauspielerin\" / Eine unbe-\nkannte Novelle von Jakob\nWassermann / Max Brod: Ge-\nspr&ch in grofien Sprungen /\nVerse von Franz Werfel,\nArthur Drey, Kurt Killer /\nMeinungen; Parodie\nKarten zu eitier Mark bei\nEdmund Meyer, Potsdamer-\nstraße 27 Bund Abendkasse\n\nReseroierf ftir Cafe 09eon\n\n? Else Lasker-Schuler 0\nMeine Wunder\nGedichte\nPreis in van Geldern-Biitten gebunden\nDrei Mark\nDreililien-Verlag Karlsruhe und Leipzig.\n\nTheater lief era nten MfM\nWSAsMSfv\n\nftnSfi3\n• •\nDie besten derWelt\nQeorsflriton Berlin SW\nFriedrichstr. 49a\nVielfach pr&miiert Gegrundet 1876\nlllustrierter Preis - Katalog franko\nPerucken liir Theater und\nStrasse sowie samtlicher\nffaararbeiten in naturgetreuer Ausfiihrung\n3S&&\nIrv,\nHefert und verlelht\nG. m.\nb. H.\nBerlin 26, IV 4612\nOranienstraB6 6\n\nV Ausstellungen, Salons\nKunsthandlungen etc.\n\nCASPER'S Kunst-Salon\nEintritt 50 Pfennige :: Potsdamer Strasse 19\nNeu ausgestellte Gem&lde:\nA. AIlard Forain W. Leistikow\nH. Cassiers V. Gilsoul M. Liebermatm\nL. Corinth H. Herrmann A. von Menzel\nF. Charlet J. B. Jongkind Bern, de Monvel\nH. Dauraier Le Goud-G6rard Monticelli\nSkulpturen von Max Kruse, M Buchanan,\nGrosste Auswahl mod. Graphik fur dekor. u\nCoutts Michi\nC. Pissarro\nF. Skarbina\nJ. Smits\nF. Thaulow u. a.\nL. Mascre u. a.\nSammelzwecke\n\nIGR APHISCHES KABINETT\nw\nBuch- u. Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\n:: BERLIN W15, Kurfurstendamm 33 ::\n|$ Standige Ausstellung\n8 moderner Oraphik\n$\nU EINTRITT FREI\ni\nIm Eckhanse, gegeniiber der Se- to\nzession, Eingang GrolmannstraBe\nIlluslriert. Katalog u. 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Mannskript) ein-\nzusenden.\nHansa-Verlag\nfur moderne Llteratur\nund Zeitschriften\nW. 35 Flottwellstr. 6\n\nBeziehen Sie sich bei Be-\nstellungen und Anfragen\nbitte auf den »STURM«\n\nli' Effort\nHalbmonatsschrift\nfur moderne Kultur u. fran-\nzosische Sezession in den\nKunsten und in der Literatur\nHerausgeber und Schriftleiter\n1 JEAN RICHARD BLOCR\nJahresbezug fur das\nAusland : Mark 6. —\nPOITIERS (Vienne)\nFrankreich\n.\n\nLes Marges\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzo-\nsische Original der Tag e -\nbucher Flauberts, deren\nUebertragung in Deutschland\nverboten wurde.\n\ntern*\nNoch nie dagewe- I\nsener Lach-Erfolg!\nDos Kind\nderFirmo\nmit Anton und D on at He rrn-\nfeld in den Hauptrollen\nVorher:\nSehmerzlose\nBehandiung\nAnf. 8 Uhr Vorverk. 11—2 Uhr 1\n\nffintergarten\nNovember-Attraktionen:\nMaria Galvany\ndie enthnsiastiseh gefeierte Primadonna\n¥on der loniglichen Oper in Madrid\nBird fiillmann b. Co\nDrahtseilakt\nDr. Angelos\niebendes\nPorzellan\nThe 4 Readings!\nHandvoltigeurc\nLiane d'Ere\nExcentrique\nfran^aise\nund eine Kette\nhervorragender Kunstkrafte\n\n112 BucWiandlnnjen\n\nReuss&Pollack\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamer Strasse 118 c\nTeraspr. t Hint VI (E««ow)282»\n\nEdmund Meyer\nBuchhan9ler u. Hntiquar\n:: BERLIN W. 38 ::\nPotsdamer Strasse 27 b\nFemsprecher Amt VI 5850\n—\n\nt\nDie Fockel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangloser\nFolge\nNummer 334-335\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfennig\ntJBERALL ERHALTLICH $\n#\nauch auf den Bahnhofen\nWerbeband der Packet #\n50 Pfennig #"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "690", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111118-01.1.8", "texte": "Druck von Carl Hause, Berlin SO. 26 Mariannenülatz 23\n\nFR. 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