{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_sha256": "4deea3946d4deda8690fb5a83332ac5ab4e0f45efc4cd2a9ea8b4e4f2bc63a6e", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/11/25_01/bmtnabg_1911-11-25_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/11/25_01/bmtnabg_1911-11-25_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "691", "page_fin": "691", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "691", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.1", "debut_caractere": 517, "fin_caractere_exclue": 867, "texte": "Inhalt:\nADOLF LOOS: Vom Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen, Schlafen, Essen, Trinken / LOTHAR VON KUNOWSKI: Gegen Karl Scheffler / HANS\nEHRENBAUM DEGELE: Gedichte / ELSE LASKER-SCHULER: Briefe nach Norwegen / OTTO RUNG: Der Vagabund / GRETE\nTICHAUER: Mit Mutter / TRUST: Lebensfreude / LA: Dresden und Budapest / OTTO MOELLER: Am Nachmittag / Holzschnitt,"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c002", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "691", "page_fin": "692", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.2", "titre_corps": "Vom Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen, Schlafen, Essen, Trinken", "titre_sommaire": "Vom Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen, Schlafen, Essen, Trinken", "signature_source": "Adolf Loos", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "691", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.1", "debut_caractere": 869, "fin_caractere_exclue": 7794, "texte": "Vom Gehen, Stehen, Sitzen,\nLiegen, Schlafen, Essen, Trinken\nVon Adolf Loos\nDem Menschen, der die heutige Kultur besitzt,\ngefallen Gebrauchsgegenstände aus Glas, Porzel-\nlan, Majolika und Steingut am Besten, wenn sie\nundekoriert sind. Aus dem Trinkglas will ich\ntrinken. Ob Wasser oder Wein, Bier oder\nSchnaps: das Glas sei so beschaffen, daß mir das\n€etränk am Besten schmeckt. Das ist die Haupt-\nsache. Und aus diesem Grunde opfere ich gern\nalle altdeutschen Sprüche oder sezessionis tischen\nOrnamente. Wohl gibt es Mittel, das Glas so zu\nbehandeln, daß die Farbe des Getränks erhöht,\nverschönert wird. Das selbe Wasser kann in\neinem Glase schal und matt, in einem andern frisch\nwie aus der Bergquelle aussehen. Das kann man\ndurch gutes Material und durch den Schliff er-\nreichen. Beim Gläserkaufen läßt man sich daher\ndie vorgelegten Gläser mit Wasser füllen und\nwählt nun das beste aus. Dann bleiben die\nGläser, die so dekoriert sind, als schwämmen\ngrüne Blutegel drin herum, unverkauft.\nAber das Getränk soll nicht nur gut aussehen:\nes soll auch gut getrunken werden. Die Gläser,\ndie in den letzten drei Jahrhunderten angefertigt\nwurden, erfüllen diese Forderungen fast immer.\nUnserer Zeit — nein, ich will unsere Zeit nicht\nschmähen —: unseren Künstlern war es vorbe-\nhalten, außer unappetitlichem Dekor auch noch\nGlasformen zu erfinden, aus denen man nicht trin-\nken kann. Es gibt Wassergläser, aus denen einem\ndas Wasser rechts und links bei den Mundwin-\nkeln herausrinnt. Es gibt Liqueurgläser, die nur\nzur Hälfte geleert werden können. (Für Liqueur-\ngläser haben die schnapskundigen Holländer eine\nklassische Form gefunden: eine Windenblütenform.\nDa kann der schwerflüssige Liqueur leichter her-\nausfließen. Es war daher selbstverständlich, daß\ndie Wiener Sezession das umgekehrte Prinzip für\nLiqueurgläser beschloß: die Mandarinenform. Nur\nSchlangenmenschen, die sich so weit zurückbeugen\nkönnen, daß sie mit dem Kopf die Erde berühren,\nkönnen ein solches Glas leeren.) Bei neuen For-\nmen sei man daher vorsichtig und wähle lieber\ndie alten.\nGenau so ist es beim Teller. Wir fühlen\nfeiner als die Menschen der Renaissance, die noch\n«tor Fleisch auf mythologischen Darstellungen\nschneiden konnten. Wir fühlen auch feiner als die\nMenschen des Rokoko, die sich nichts daraus\nmachten, wenn die Suppe durch das blaue Zwie-\nbelmuster eine unappetitliche, grüngraue Farbe be-\nkam. Wir essen am liebsten von weißem Grunde.\nDie Künstler denken darüber anders.\n*\nDie Objekte der Keramik dienen nicht nur zum\nKochen, Essen und Trinken. Das Glas dient uns\nals Fensterscheibe, Tonwaren als Fliesen, Wand\nund Tischplatten Verkleidung, als Ofen oder Kamin,\nals Blumenvase oder Schirmständer. Und endlich\nkann sich der Künstler des Tones bedienen, um ihn\nzu formen, zu glasieren und zu brennen, weil er\nden Drang in sich fühlt, Menschen und Tiere,\nPflanzen und Steine so darzustellen, wie er sie\nsieht.\nEinst saß ich mit einigen „angewandten Künst-\nlern\" im Kaffeehause. Man sprach davon, eine\nkeramische Versuchsanstalt in der Kunstgewerbe-\nschule zu gründen. Ich war gegen alles, was die\nHerren vorbrachten, und alle waren gegen mich.\nIch vertrat den Standpunkt des Meisters, des ein-\nfachen Arbeiters. Und sie vertraten den Stand-\npunkt des Künstlers.\nJemand hatte eine wunderbare rote Blüte mit\nsamtenen Blättern mitgebracht. Die stand in\neinem Wasserglas auf dem Tisch. Und einer\nsagte: Sehen Sie, Herr Loos, Sie verlangen nur,\ndaß man Töpfe macht. Wir aber wollen ver-\nsuchen, eine Glasur zu erzeugen, die dieselbe\nFarbe hat wie diese Blume hier. Man war Feuer\nund Flamme für diese Idee. Ja, alle Blüten der\nWelt sollten ihre Farbe für neue Glasuren her-\ngeben. Mau sprach und sprach . . .\nNun hat mich aber die Natur mit einer kost-\nbaren Gabe beschenkt. Sie hat mich schwerhörig\ngemacht. Und so kann ich denn unter laut strei-\ntenden und debattierenden Menschen sitzen, ohne\nverurteilt zu sein, das Blech zu hören. Dann\nhänge ich meinen Gedanken nach. Damals fiel\nmir mein Meister ein. Kein Künstler. Ein Ar-\nbeiter. Blumen sieht er nicht. Er liebt sie auch\nnicht. Er kennt ihre Farben nicht. Aber seine\nSeele ist von Farben erfüllt, die sich nur in Gla-\nsur auf Ton darstellen ließen. Ich sehe den\nMeister vor mir. Er sitzt vor dem Brennofen und\nwartet. Farben hat er geträumt, die der Schöp-\nfer zu träumen vergessen hat. Keine Blume,\nkeine Perle, kein Erz hat eine ähnliche Farbe.\nUnd die sollen nun Wirklichkeit werden, sollen\nfunkeln und strahlen, die Menschen mit Lust oder\nMelancholie erfüllen.\nDas Feuer brennt. Brennt es für mich, oder\nbrennt es gegen mich? Gibt es meinen Träumen\nfeste Formen oder frißt es meine Träume auf?\nIch kenne Jahrtausende von Werkstatt-Traditi-\nonen. Was irgend dem Töpfer frommt: ich weiß\nes, ich habe es angewandt. Aber wir sind noch\nnicht am Ende. Der Geist der Materie ist noch\nnicht überwunden.\nMöge er es nie werden. Mögen die Geheim-\nnisse immer für uns Mysterien bleiben. Sonst\nsäße nicht der Meister in qualvollem Glück vor\ndem Brennofen, harrend, hoffend, träumend von\nneuen Farben und Tönen, die Gott in seiner Weis-\nheit zu erschaffen vergaß, um den Menschen an\nder herrlichen Lust des Schöpfers teilnehmen zu\nlassen.\n„Also, was meinen Sie dazu, Herr Loos?\"\nfragte der eine.\nIch meinte nichts.\nUnsere Künstler sitzen am Reißbrett und\nmachen Entwürfe für die Keramik. Sie teilen sich\nin zwei Lager. Die einen entwerfen in allen Stil-\narten, die anderen nur „modern\". Beide Lager\nverachten einander gründlich. Aber auch die mo-\ndernen Künstler haben sich gespalten. Die einen\nverlangen, daß das Ornament der Natur entnom-\nmen werde, die arideren, daß das Ornament nur der\nPhantasie entspringe. Aber alle drei verachten\nden Meister. Warum? Weil er nicht zeichnen kann.\nDas schadet dem Meister aber nicht. Kacheln, die\nBigot in Paris vor zehn Jahren geschaffen hat,\nhaben noch nichts von ihrem Zauber eingebüßt.\nAber die Muster, die die Künstler vor fünf Jahren\nauf den Markt brachten, bereiten selbst ihnen\nheute schon Nervenschmerzen. Das gilt natürlich\nvon allen Entwürfen dieser Richtung.\nWer keramische Produkte kauft, möge sich\ndas stets vor Augen halten. Man gibt doch nicht\nsein Geld aus, um sich in drei Jahren darüber zu\närgern. Gegenstände, die das meisterliche, schöp-\nferische Gepränge tragen, werden ihren Wert stets\nbehalten. Gegenstände, die mit sezessionistischem\nOrnament versehen sind, sollen, wenn sie auch\ngefallen, zurückgewiesen werden. Sie gefallen,\nnicht, weil sie schön sind oder unserem Empfinden\nentsprechen, sondern, weil man versucht hat, uns\ndiese Richtung aufzudrängen. Man verlasse sich\nauf sein Empfinden, das man besaß, bevor Her-\nmann Bahr über diese Dinge schrieb.\nReißbrett und Brennofen! Eine Welt scheidet\nsie. Hier die Exaktheit des Zirkelschlages, dort\ndie Unbestimmtheit des Zufalles, des Feuers, der\nMenschträume und das Mysterium des Werdens.\n*\nIch schreibe nur für Menschen, die modernes\nEmpfinden besitzen, die der Weltordnung dank-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "692", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5775, "texte": "bar sind, daß sie heute und nicht in früheren Jahr-\nhunderten zu leben haben. Für Menschen, die\nsich in Sehnsucht nach der Renaissance oder nach\ndem Rokoko verzehren, schreibe ich nicht. Es\ngibt solche Menschen. Sie weisen immer auf die\nvergangenen Jahrhunderte, in denen Maler und\nBildhauer Entwürfe für den Handwerker geliefert\nhaben. Sie weisen auf die Renaissance, in der die\nMenschen aus Krügen tranken, in die eine ganze\nAmazonenschlacht modelliert oder geschnitten\nwar. Sie weisen auf Salzfässer, die wie ein Schiff\naussahen, das von Tritonen gehalten und wo das\nRuder als Salzlöffel verwendet wurde. Unmo-\nderne Menschen. Und sie liefern Entwürfe für das\nHandwerk. Oder sie modellieren, wenn sie zu-\nfällig von ihren Eltern auf die Bildhauerschule ge-\nschickt wurden, gleich alles selber.\nWollt Ihr einen Spiegel? Hier ist er: ein\nnacktes Frauenzimmer hält ihn. Wollt Ihr ein\nTintenfaß? Hier ist es: Najaden baden um zwei\nFelsenriffe. In einem ist Tinte, in dem andern\nStreusand. Wollt Ihr eine Aschenschale? Hier\nist sie: eine Serpentintänzerin liegt vor euch aus-\ngebreitet und an ihrer Nasenspitze könnt Ihr euch\ndie Zigarrenasche abstreifen.\nIch fand das nicht gut. Und da sagten die\nKünstler: Seht, er ist ein Feind der Kunst. Aber\nnicht, weil ich ein Feind der Kunst bin, fand ich\nes nicht gut, sondern, weil ich die Kunst gegen\nihre Bedränger in Schutz nehmen wollte. Man\nhat mich aufgefordert, in der Wiener Sezession\nauszustellen. Ich werde es tun, wenn die Händler\naus dem Tempel vertrieben sind. Händler0 Nein,\nDie Prostituierer der Kunst.\nWendet euch von den Propheten der Renais-\nsance. Liebt Eure modernen Gegenstände. Seht\nden herrlichen Spiegel! Konnte die Renaissance\nein Glas hervorbringen, das ein weißes Taschen-\ntuch mit derselben Reinheit und Frische reflek-\ntiert? Seht das herrliche Tintenfaß! Wie der\ngroße geschliffene Kristallglaswürfel funkelt und\ngleißt. Es kann nicht umfallen; es kann nicht.\nSo schwer, so fest steht es auf dem lisch. Wie\nsicher man sich fühlt! Es kann nicht umfallen.\nSeht die herrliche Aschenschale! Eine große\nGlasschale, mit Silber montiert. Wasser ist darin,\num die glühenden Zigarrenreste sofort auszu-\nlöschen. Die silberne Montierung hat Einbuchtun-\ngen, in die man die brennende Zigarre legen kann.\nHat die Renaissance so herrliche Dinge aufzu-\nweisen? Freut Euch, freut Euch, Ihr Menschen\ndes zwanzigsten Jahrhunderts!\n*\nIn den Auslagen sieht man Tiere aus weißem\nPorzellan. Gelbe oder blaue Flecke unter der\nGlasur geben ihnen einen charakteristischen\n„Chic\". Sie sind hübsch, diese Kopenhagener\nArbeiten. Die eingerollte Katze. Oder die beiden\nHündchen, die sich an einander drücken. Mir ge-\nfallen sie ungemein —in den Auslagen. Denn —\nwie merkwürdig! — ich wäre in Verlegenheit,\nwenn mir eins davon geschenkt würde. Ich würde\nes in meiner Wohnung nicht zur Schau stellen.\nGewiß: die Besucher kommen und sagen: Ah!\nKopenhagen! Das macht einem Freude. Wie es\neinem Freude macht, wenn man eine Zigarre an-\nbietet und den Ruf vernimmt: Bock Imperiales!\nZwei Kronen das Stück! Denn diese Freude ist\nteuer erkauft. Den ganzen Tag muß ich mich von\ndem Vieh anglotzen lassen. In seiner perfiden,\nhumoristischen Weise. Dazu bin ich nicht immer\nzu haben. Dafür bin ich nicht immer gestimmt.\nIndifferente oder große Dinge will ich in meinem\nZimmer sehen. Korbfauteuils oder Reproduktio-\nnen Klingers. Oder die witzigen Erzeugnisse\nfrüherer Jahrhunderte. Vieux Saxe. Die greifen\nnicht mehr in mein Leben. Die sind durch ein\nJahrhundert von mir geschieden.\nDie altdeutschen Sprüche an den Wänden sind\nwir jetzt glücklich los. Aber wenn nun die „an-\ngewandten Künstler\" kämen und sagten: Schafft\n.moderne Sprüche! ich sage: Nein, gar keine\nSpruche! Mit Witzblättern werde ich mir nicht\nmein Zimmer austapezieren. Dafür weiß ich mir\neinen anderen Ort.\nKopenhagen macht auch Blumenvasen. Blu-\nmenvasen ist nicht das treffende Wort. Vasen\nist vielleiclt richtiger gesagt. Denn diese Vasen\nwirken besser, wenn keine Blumen darin sind.\nBlumen will ich im Zimmer haben, aber mit den\nraffinierten Kunsterzeugnissen dieser Richtung\nkönnen sie nicht konkurrieren. In Bunzlauer Ge-\nschirr kommen sie besser zur Geltung. Das fühlt\nJeder. Und daher sieht man die Kopenhagener\nVasen immer leer.\nIch glaube, die Zeit wäre nun glücklich vorbei,\nwo sich das Stürmen und Drängen der Menschen\njn Gebrauchsgegenstände verkroch, die unbenutz-\nbar waren, in Bierkrügel, aus denen man nicht\ntrinken, in Schusterhämmer, mit denen man nicht\nStifte einschlagen konnte. Der moderne Mensch\nhat andere Mittel, seine Ueberschüssigkeiten los\nzu werden Einmal wachte ich fröhlich auf. Mir\nhatte geträumt, das ganze Kopenhagener Getier\nsei toll geworden und müsse dem Kopenhagener\nWasenmeister übergeben werden.\nManche Leute sagen mir nach, daß ich Ge-\nschmack besitze. Wenn man einmal in diesen Ruf\nkommt, wird man von den Leuten gern bei ihren\nEinkäufen mitgenommen, So bat mich eine Dame,\nmit ihr in die Sezession zu gehen, um ihr beim\nEinkauf zu helfen. Zimmerschmuck. Geld spielte\nkeine Rolle. Aber groß durfte es nicht sein. Ich\njiet ihr zu einem kleinen Marmorblock von Rodin.\nEin herrliches Antlitz entrang sich mühsam dem\nStein. Die Dame besah das Stück von allen Sei-\nten. Sie wurde verlegen. Dann sagte sie: Wozu\ndient das? Nun war es an mir, verlegen zu wer-\nden. Das merkte sie. Und sie sagte: Sehen Sie,\nHerr Loos! Sie sind immer so gegen Gurschner\nund die anderen. Aber bei denen weiß ich doch,\nwas sie wollen. Kann ich an diesem Stein Streich-\nhölzer anzünden? Und wennschon! Wo soll ich\nsie hinlegen? Kann ich eine Kerze dranstecken?\nWo ist die Vorrichtung dafür? Kann ich Asche\nabstreifen?\nWie sagte ich doch vorhin: Prostituierer\nder Kunst!\nDas Kapitel vom Triiken, der Schluß des Vortrags,\nden Adolf Loos im Verein für Kunst hielt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c003", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "692", "page_fin": "692", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.3", "titre_corps": "Gegen Karl Scheffler", "titre_sommaire": "Gegen Karl Scheffler", "signature_source": "Lothar von Kunowski", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "692", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.2", "debut_caractere": 5777, "fin_caractere_exclue": 9299, "texte": "Gegen Karl Scheffler\nVon Lothar von Kunowski\nKarl Scheffler hat im Novemberheft von\n„Kunst und Künstler\" einen Aufsatz veröffentlicht\nüber meine kunstpädagogischen Bestrebungen, über\ndie Gesamtleistung Gertruds von Kunowski und\nüber die Ausstellung meiner Kunstschule und des\nstaatlichen Zeichenseminars in Düsseldorf.\nDas ist keine Kritik. Das ist die Ekstase eines\nRomanschreibers. Wer dieses Hirngespinst liest,\nwird niemals glauben, daß Scheffler unsere Aus-\nstellung überhaupt besucht hat. Was deren sechs-\nhundert Arbeiten darstellen, erfährt man nicht.\nFernstehende müssen mich für einen Verrückten\nhalten, wenn sie diesen Unfug lesen.\nWer ist Karl Scheffler? Der Redakteur von\n„Kunst und Künstler\". Er besitzt also eine Platt-\nform, auf der er jedem, den er nicht mag, mit der\nFaust ins Gesicht hauen kann. Diesmal wählte er\nsich für seinen Angriff im besonderen eine Frau.\nGertrud von Kunowskis Jugendwerk von zwei-\nhundertfünfzig Arbeiten war mit einem Federstrich\nzu tilgen. Vorsichtigerweise hatte Karl Scheffler\nschon vorher Doktrinen und Maximen verbreitet,\nweiche aller Welt die Unfähigkeit der Trau zur\nKunst plausibel machen sollten. Mit diesem Hirn-\ngespinst glaubt dieses Männchen die geduldige\nArbeit einer Künstlerin in mehr als zehnjährigem\nWerk diskreditieren zu können. Er nennt dieses Oe-\nsamtwerk „frauenhaft eng\".\nWer ist Karl Scheffler? Ein fleißiger Bureau-\narbeiter, der mit Schriften über moderne Kunst auf-\ntrat, als der Hauptsturm längst vorüber war. Ge-\nduckt hinte seinem Büchergestell, auf dem gewiß\nauch meine fünf Bände „Durch Kunst zum Leben1'\nund „Unsere Kunstschule\" stehen, überfällt er einen\npraktischen Lehrmeister, der rund tausend Arbeiten\nseiner Schule überall in Deutschland ausgestellt\nhat und seit 1901 an die Spitze der Bewegung\nfür feine Talentpflege trat. Am Ende will dieser\nkleine Bureaumensch meine Rolle gegenüber der\nJugend übernehmen. E r will sie unterrichten,\nnachdem er meine Oeistesrichtung als gefährliche\nHerrschsucht des Diktators „Gedanke\" abgetan\nhat.\nWie greift Karl Scheffler mich an? Mit den\nWaffen des Maximendrechslers. Er entwickelt eine\nTheorie, nach der Männer meiner Art unmöglich\nLehrmeister sein können. Dann folgert er aus die-\nsem Prinzip, daß meine Lehren und Unterrichts-\nleistungen nichts taugen — er, der kleine Bureau-\nmensch, der den Sturm gar nicht kennt, der einem\nLehrmeister im Atelier selbst zehn Jahre um die\nOhren pfiff, als es galt, junge Leute zu bilden,\ndie Doktrinen hassen und keinem Lehrmeister\ngestatten zu verknöchern. Er, der Vertreter der\nSezessionsakademiker und ihres Schulfiaskos, will\nmich zum Akademiker stempeln, der ich das ganze\nUnterrichtsgebiet befruchtet habe.\nAhnungslos, ein Brillenträger, ein Schnupfta-\nbaksokrates der Kunst erklärt dieser Feind des\nKunstgewerbes, ohne eine Spur von Sachkenntnis*\nalle Maßnahmen eines praktischen Lehrmeisters itt\nfünfzig Bildergruppen, die Problemstellungen und\nLösungen enthalten, an denen kein junger Künstler\nvorüberkommt, für -— Kunstgewerbe! Mit War-\nnungsschreien will er die in unserer Ausstellung\nstudierende Jugend rasch an diesen Problemen vor-\nüberführen.\nEin Aesthet, der sich an den furchtbarsten\nExempeln verfehlter Sezessionsschule und an deren\nGeschmack berauscht, nicht etwa an der frischen\nJugend, deren Arbeiten für die Sezessionsschule\ngar nicht existieren, stellt sich gespreizt vor mich\nhin, um mir Vorlesungen über „höheren Ge-\nschmack\" zu halten.\nAuf meine Schulbank! Karl Scheffler! Be-\nginne in meiner Vorbereitungsschule zeichnen zu.\nlernen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "692", "page_fin": "693", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.4", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Hans Ehrenbaum Degele", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "692", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.2", "debut_caractere": 9301, "fin_caractere_exclue": 9975, "texte": "Gedichte\nVon Hans Ehrenbaum Degele\n\nAber vom Baum der Erkenntnis . . .\nVoll müder Lässigkeit wie eine Dirne\nEnthüllst du langsam deine schlanken Weichen;\nIch aber stütze sehnsuchtsschwer die Stirne,\ndem Traum des Ideals mich anzugleichen.\nDas also war das schwache Ziel der reichen\nNächte voll Singens zitternder Gestirne!\nEin toter Schimmer alltagsfremder Firne\nLebt mir im Geist noch als Erinnrungszeichen.\nNun wird sich endlos oft das Morgen reihn,\nUnd immer wieder werd ich dich genießen,\nLächelnd und zitternd immer, ohne Denken.\nUnd meine Sehnsucht wird nach Sehnsucht schrein,\nDu aber wirst mir nie mehr Sehnen schenken,\nUnd all mein Blühen wird in nichts zerfließen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "693", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 338, "texte": "Schlaflos\nDie Rosen schwammen in dem Blau der Nacht\nWie weißer Vögel wechselnde Gestalt\nUnd lauschten auf des Brunnens Rauschen, das sich\nIns Dunkle ganz zurückgezogen hatte.\nMit seltner Schärfe aber sah der Mond\nAuf das Geflüster des verträumten Laubs\nUnd gab sein Grausen dem Lied der Blumen bei,\nDas heiß und voller Leidenschaften war."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "692", "page_fin": "692", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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[n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.5", "titre_corps": "Briefe nach Norwegen", "titre_sommaire": "Briefe nach Norwegen", "signature_source": "Else Lasker-Schüler ; Brigitte", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "693", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.3", "debut_caractere": 340, "fin_caractere_exclue": 6130, "texte": "Briefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nBrigitte\nIch war heute als Petz verkleidet im Cafe.\nEin Autolenker hatte mir sein Fell geliehen. In\ndem hinteren Raum saßen die Theaterheimkehren-\nden, der Doktor Loeb mit seiner jungen Frau Des-\ndemona. Auf ihrem holden Mädchenangesicht\nspielt schelmische Dämonie. Am Nebentische de-\nbattierten die Oberlehrer; bei Professor Cohn würde\nich noch heute Latein lernen. In der kleinen Sofa-\necke aber schlummerte Höxter, er läßt lässig die\nFransen über die Augen hängen. Sein antiker Rock\nzerbröckelt schon, aber grünseidene Strümpfe trägt\ner in Lackschuhen. Neben ihm saß Frau Spela leise,\neine heimliche Schnecke, fein zusammengeballt.\nMondscheinfarbene Parkstimmung. Aus dem Zen-\ntrum des Cafes lacht Fritz Lederer-Riibezahl mit\nseiner Frau, die hat einen kühlen, vornehmen Spür-\nsinn und Augentulpen, die blau sind. Und denke,\nOtto Freundlich aus Paris ist hier wegen der Neuen\nSezession, er betrat mit Gangolf zusammen das\nCafe, der kommt immer aus Italien, ob er von Frie-\ndenau oder Florenz anlangt. Caius Majus brummte\nIch einige Male aus meiner Bärenhaut an. Auch\nPechstein mit seinem Indianermädchen sah ich und\nM. Richter mit seiner Römerin. Und die vielen, die\nein- und ausgingen, zuletzt kam unser lieber Direk-\ntor Wauer, der erkannte mich in meinem Gezott,\nich schwitzte aber auch eine ganze Wupper.\nInternationale Postkarte\nSchweigt mir von Rom!\nLieber Herwarth und Kurtchen.\nDaniel Jesus, der König von Böhmen, ist hier;\nich meine Paul Leppin. Er hat einen neuen Roman\ngedichtet, er widmet ihn mir; er schrieb es schon\nvon Prag aus: Liebe, liebe, liebe, liebe Tino. 0,\nwelch eine hebe Ueberschrift, ein Lied. Ich möchte\nviele Leute nun so singen lehren.\nSehr edle Gesandte\nIch, die Dichterin von Arabien, Prinzessin von\nBagdad, Enkelin des Scheiks, ehemaliger Jussuf\nvon Aegypten, Deuter der Aehren, Kornverweser\nund Liebling Pharaos, verleihe dem großen Essay-\nisten Rudolf Kurtz den Elephantenorden mit dem\nSmaragd und die schwarze Krokodilzähnenkette\nerster Klasse.\nCohn reitet, Oesterheld hat sich eine Frau ge-\nheiratet, alles für meine Wupper. Dabei wies\nCohn, (Oesterheld hätte gern meine Essays\ngenommen) mein neues Manuskript ab. Er könne\nsich dafür keinen Apfelschimmel zu dem Rap-\npen kaufen. Ich stand vor seinem Gärtchen wie\nein herausgeworfener Handlungsreisender mit der\nRolle Muster unterm Arm. „Man soll so einen Kerl\nlebendig braten, oder das Genick soll er!\" —\nTrotzdem er hübsch ist; jedenfalls sandte ich ihm\nabends einen Abschiedsvers, daran er sich hof-\nfentlich die Zunge zerriß:\nKelter und Keichsritter,\nBitter riß ich im Gewitter\nIm Ginster vor Ihrem Gitter\nMein Manuskript in Splitter.\nHeute bekam ich mit der ersten Post einen\nBrief aus dem Mäuseturm bei Bingen. Dort\nscheint ein Bewunderer Peter Baums zu wohnen.\nAber, daß der Mensch keinen Spaß versteht!!\nFragt mich dieser Mänsetürmer an, ob Herr Peter\nBaum wirklich ein Herumtreiber ist, er könne sich\ndas gar nicht zusammenreimen bei der Groß-\nzügigkeit und Großfürstlichkeit seiner Romane und\nSchloßnoveilen. Ich hab ihm seiner verständnis-\nvollen Kritik wegen geantwortet: Mein Herr, es\nist mir kein Zweifel, Sie befinden sich in der\nMause. Haben Sie denn noch nicht bemerkt, daß\nmeine norwegische Briefschaft ein Massenlustspiel\nist — allerdings mit ernsten Ergüssen, die bringt\nso der Sturm mit sich. Peter Baum hat mich be-\nsonders gebeten, die Rolle des Herumtreibers in\nmeinem Werk zu spielen, um ganz unerkannt zu\nbleiben: Ich selbst, mein Herr, knüpfte ihm ein\nrotgemustertes Taschentuch um den Hals und\nsteckte ihm eine Schnapspulle in die zerschlissene\nManteltasche. Im wirklichen Leben ist er viel\nlangweiliger, es schmerzt mich, Sie etwa zu ent-\ntäuschen, er sitzt nämlich den ganzen Tag oben\nin seinem Zimmer und arbeitet. Ich verachte\ndas an ihm, auch seine Genügsamkeit, aber er ist\nein lieber, lieber, lieber, lieber Mensch, auch seine\nMama; nur der Johannes, sein Kuseng, spielt den\nBaron auf meiner Drehbühne und ist von Beruf:\nHundefänger.\nHurrah, lieber Herwarth, liebes Kurtchen!!!\nHurrah!\nMeine Zwillingskusinen -Theresen, Therese\nTiergarten, Therese Mattäikirchplatz schenken mir\nzu Weihnachten einen Pelzmantel. Mein heißester\nWunsch. Im Sommer werde ich ihn versetzen,\nschon der Hugemotten wegen.\nJakob van Hoddis der Rabe, ist mit einer\nPuppe durchgebrannt. Immer saß er schon im\nSommer auf dem Sims vor dem Schaufenster bei\nFriedländer in der Potsdamerstraße 21, und\nschmachtete zwischen turmhohen Hüten und Ro-\nsenkapotten das süße Marquisechen an in den\nPfauenpantöffelchen. Eine Seele, die für sechzig\nMark zu kaufen war.\nHerwarth, ich glaube, daß ich dir keinen Brief\nmehr schreiben kann. Als ich heute draußen vor\ndem Cafe saß, überfiel mich ein wildfremdes In-\ndividuum im drohenden Mantel, ganz dicht kam es\nan mich heran, beinah rannte es die Stühle um an\nmeinem Tisch vor Schwung. Ich hörte den Mann\natmen wie Karl von Moor: ich sei eine bodenlose\nSchwindlerin, ich berichte über mich historisch\nfalsch, ich treibe Blasphemie mit meinem Herzen\n— denn unter den vielen, vielen Liebes-\nbriefen im Sturm verbärge ich nur den Unge-\nschriebenen. Ich war zu gerecht, den Mann von\nmeinem Tisch zu weisen, ich ließ ihm sogar eine\nZitronenlimonade kommen und legte ihm sogar\nvon der Platte eine Schillerlocke auf den Teller.\nEr beruhigte sich, aber ich nicht, das kannst Du\nmir glauben, Du und Kurtchen, Ihr beiden kühlen\nSkageraktencharaktere. Ich hasse Dich plötzlich,\nlieber, guter Herwarth, und Dich, Kurtchen auch\nund die vielen Leute im Caf6 und die vielen lieb-\nund hassenswerten Menschen in der Welt! Steht\nIhr nicht alle wie eine lebende Mauer zwischen ihm\nund mir. Und den wildfremden Räuber haßte ich\nauch, dem ich meinen „ungeschriebenen\" Liebes-\nbrief diktierte, bis er unter seiner bebenden Hand\nversengte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c008", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "693", "page_fin": "694", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.6", "titre_corps": "Der Vagabund", "titre_sommaire": "Der Vagabund", "signature_source": "Otto Rung", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "693", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.3", "debut_caractere": 6132, "fin_caractere_exclue": 9619, "texte": "Der Vagabund\nVon Otto Rung\nAls Klerker ins Zimmer zurückkehrte, war der\n'l eetisch gedeckt und der Vagabund stand in der\noffenen Tür. Die Mütze, vom Regen ganz steif, saß\nauf dem einen Ohr. Seine muffigen Kleider verbrei-\nteten einen üblen Dunst; doch Klerker entsann sich,\ndaß die Unlust der Sinne nur eine Illusion ist. Es\nfiel ihm ein, daß er seinen Qast nach seinem Namen\nfragen könne. Und er erfuhr, daß der Mann Jan\nhieß. Einen anderen Bescheid verlangte und er-\nhielt er nicht. Die Geschichte dieses Menschen\nwar unwesentlich wie alles, was über den Augen-\nblick hinausgeht, von Mann zu Mann unwesent-\nlich ist.\n„Setzen Sie sich und essen Sie.\" Er hielt es\nfür richtig, das dieser fremde Wanderer aß, wäh-\nrend noch eine sichere Möglichkeit zu essen für\nihn bestand.\nJan setzte sich nicht, er nahm sein Butterbrot\nund seine Tasse in die Hand und blieb stehen. Mit\nschrägem Blick betrachtete er seinen Wirt: prü-\nfend, mißtrauisch und begehrlich.\nArn nächsten Nachmittag besuchte Klerker den\nSchwager, der soeben vom Kontor nach Hause ge-\nkommen war und dem seine Frau schon Bericht er-\nstattet hatte. Der Schwager war mehr beunruhigt\nals erstaunt, da das, was sein Fassungsvermögen\nüberstieg, ihn nicht in Erstaunen versetzte: „Lieber\nKlerker, was höre ich? Die kleine Therese hat\nihrer Mutter erzählt, daß sich ein fremder Mann\nbei dir einlogiert hat und nicht wieder weggehen\nwill.\"\n„Das stimmt,\" sagte Klerker und setzte sich\nauf das Sofa. „Aber ich weiß nicht, ob er wieder\nweggehen will oder nicht; denn ich habe ihn nicht\ngefragt. Ich gewährte ihm gestern nachts Unter-\nkunft. Im Laufe des gestrigen Vormittags hat er\neinen längeren Spaziergang gemacht, ohne mir zu\nsagen, wohin er ging. Ich hatte ihn beinahe ver-\ngessen. Aber als ich heute morgens wach vurde\nund in den Garten ging, um meine Kletterrosen\nzu beschneiden, sah ich durch das Fenster an dem\nnördlichen Giebel, daß der fremde Mann wieder auf\ndem Rücken auf dem Sofa lag, mit allen Kleidern\nangetan, sogar mit Stiefeln. Ich hatte ihm gestern\nein Paar neue Schuhe gegeben, aber er trug noch\nseine alten durchlöcherten Schnürstiefel an den\nFüßen und muß die meinen wohl versilbert haben.\nDas ist der ganze Zusammenhang, lieber Schwa-\nger.\"\n„Aber das ist ja eine schreckliche Geschichte!\nUnd wo ist er jetzt?\"\n„Jetzt sitzt er im Garten auf einer Bank,\" er-\nzählte Klerker und kraute sich hinterm Ohr. „Er\nsitzt ganz brav da und tut nichts. Seit heute mor-\ngens habe ich nicht mit ihm gesprochen. Da sagte\nich zu ihm: ,Hören Sie mal, ich möchte Ihnen gern\nhelfen. Und ich kann Ihnen ganz sicher im Laufe\nvon einem oder zwei oder vielleicht auch drei Ta-\ngen etwas Arbeit verschaffen.' Das sagte ich ihm\nohne die geringste bewußte Nebenabsicht. Aber er\ndrehte den Kopf herum und sah mich durchbohrend\nan. Und dann sagte er: .Arbeit? Warum sollte\nich denn arbeiten! Sie — Sie selbst arbeiten ja\nauch nicht . . Ja, das sagte er.\"\nDer Schwager zog die Augenbrauen unwillig\nin die Höhe: „Das ist ein starkes Stück! Und was\nhast du ihm darauf geantwortet?\"\nKlerker seufzte: „Ich habe nichts geantwortet.\nWas sollte ich denn sagen? Es war ja wahr! Ich\nhabe mich während der letzten zwei Jahre nur mit\nrecht angenehmen Dingen beschäftigt!\"\nDer Schwager schüttelte den Kopf. Er ver-\nstand diesen Gedankengang nicht, hielt aber Kler-\nker nach wie vor für einen belesenen, klugen Mann\nund ausgezeichneten Denker, der mit seiner Hal-\ntung also im Rechte sein mußte. Auf die Instinkte\ndes Schwagers übten diese Erwägungen jedoch"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "694", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2710, "texte": "keinen Einfluß aus, und sein ausbrechender Zorn\nwuchs immer mehr. Er ging im Zimmer auf und ab\nund stieß die kräftigsten Worte aus, deren er über-\nhaupt fähig war: „Das ist ja zu toll! Das ist ja\nzu tolir\nKlerkers Schwester, die den Tisch deckte,\nsagte nichts, sondern betrachtete den Bruder nur\nmti ihren kalten, ruhigen Augen. Therese, die drau-\nßen auf dem Wege Seil sprang, kam von Zeit zu\nZeit herbei und schaute neugierig durch das offene\nFenster.\nAls Klerker seine Gartenpforte erreichte, stand\ndort der patrouillierende Schutzmann und spähte zu\nden Fenstern des Hauses hinauf. Der Schutzmann\ngriff an den Helm: „Entschuldigen Sie, Herr Kler-\nker, wir haben auf der Wache erfahren, daß Sie\nsich Jan Eriksens ein bißchen angenommen haben.\nAber nun ist die Sache die, daß wir sehr gern ein\nWörtchen mit Herrn Eriksen reden möchten.\"\n„Ja, können Sie denn das nicht?\"\nDer Schutzmann grinste freundschaftlich: „Se-\nhen Sie, wir haben nicht das Recht, in ein Privat-\nhaus einzudringen. Jan Eriksen wollte mir übri-\ngens auch nicht öffnen, als ich ihn vorhin durch das\nFenster anrief. Dort hinter der Verandatür können\nSie gerade auf seinen Scheitel sehen. Aber seien\nSie doch so freundlich, ihn zu uns herauszulassen.\"\n„Was hat Jan Eriksen getan, Herr Jessen?\"\n„Getan? Er hat gar nichts getan. Aber er hat\nkeine Arbeit. Er hat soeben erst zwei Monate ver-\nbüßt, und jetzt hat er sich gewiß wieder aufs Fech-\nten verlegt.\"\n„Ich kann Herrn Eriksen unter keinen Umstän-\nden zu Ihnen hinauslassen, Herr Jessen, erklärte\nKlerker. „Unter keinen Umständen! Ich habe gar\nkeine Möglichkeit und auch kein Recht, ihn irgend-\nwie zu beeinflussen. Aber ich werde ihm gern sa-\ngen, daß Sie hier draußen stehen und auf ihn\nwarten.\"\nSie selbst werden am meisten Unannehmlich-\nkeiten davon haben,\" meinte der Schutzmann. „So-\nlange er sich in Ihrer Villa aufhält, können wir ihn\nnicht anrühren. Aber Sie sollten ein biß-\nchen aufpassen, daß er Ihnen und Ihrem Eigentum\npicht zu nahe kommt. Ich werde dem Leutnant\nMeldung machen.\" Damit grüßte der Schutzmann\njind entfernte sich.\nAls Klerker die Haustür aufschloß, sah er Jan\nim Entree stehen; er hielt einen großen Knüppel in\nder Hand, doch das lange, schwächliche Knaben-\ngesicht war ganz blaß.\n„Schutzmann Jessen,\" sagte Klerker, „hat mich\ngebeten, Ihnen*' mitzuteilen, daß er draußen auf dem\nWeg auf Sie warte. Er kann nämlich ohne meine\nErlaubnis nicht ins Haus kommen. Und ich konnte\nmich natürlich nicht darauf einlassen, ihn mit ins\nHaus zu nehmen. Aber wenn Sie zu ihm gehen,\ndann kommen Sie auf die Wache.\"\nKlerker trat ins Zimmer, während Eriksen im\nEntree stehen blieb; nach einer Weile hörte Klerker\nihn jedoch durch den Korridor in die kleine Neben-\nkammer gehen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c009", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "694", "page_fin": "696", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.7", "titre_corps": "Mit Mutter", "titre_sommaire": "Mit Mutter", "signature_source": "Grete Tichauer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "694", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.4", "debut_caractere": 2731, "fin_caractere_exclue": 9792, "texte": "Mit Mutter\nVon Grete Tichauer\nSo saß sie da: die Schultern ganz eingezogen,\nmit der einen Hand auf dem nackten Schenkel\nund der andern am Knie. Die Füße dicht anein-\nandergeschmiegt so daß der eine den andern trat.\nUnd die unreifen Brüste wurden von den dünnen\nOberarmen fast bedeckt. Auf dem Bettrand saß\nsie da des Nachts und dachte und sehnte sich.\nSchließlich hatte sie ganz vergessen, daß die ja\nnebenan schlief, deretwegen sie hier so saß ohne\nNachthemd auf dem Bettrand und dachte. Die\nMütter. Nein, sie dachte gar nicht mehr an sie.\nNun war doch alles andere so gleichgültig; es\nhatte eigentlich gar nichts mehr mit ihr zu tun;\nnun fühlte sie nur noch diese Sehnsucht, als hätte\nnur dieses endlose Sehnen sie beherrscht, wie sie\naufwachte, dieses heiße Gefühl, das immer stärker\nwurde. Erst hatte sie gedacht, daß es von dem\nZank heute abend mit Mutter kam, und hatte ver-\nsucht, um davon abzukommen, sich alles mögliche\nAndere vorzustellen. Aber wie sie an die Straßen\nund Schaufenster oder an die Bilder aus den\ngroßen Mappen im Salon dachte, wurde sie immer\nheißer, und so hatte sie es schließlich nicht mehr\nausgehalten und vorsichtig, ganz leise, daß Vater\njind Mutter nebenan nichts hörten, erst einen\nAermel und dann das ganze Nachthemd abgestreift\nund nackt im Bett gelegen. Und nun saß sie\nschon eine Ewigkeit so auf dem Bettrand. Sie\nhatte keinen Augenblick geweint wie sonst, wenn\nmit Mutter etwas vorkam. Sie brauchte\nauch nicht wie sonst, wenn sie so von Zorn und\nScham gepackt war, leise vor sich hinzusprechen\nmit Schimpfworten, die sie im Grunde gar nicht\nverstand, ihr Körper zitterte nicht vor Ekel, und\nsie spuckte nicht auf die Erde wie sonst. Was\nsie fühlte, war, daß alles in ihr sich sehnte, sich\nsehnte und sagte: Mutter. Du. Mutter.\nSo mußte es sein. Sicher. Nun wußte sie es.\nUnd nun sollte eine ganz, ganz neue Zeit kommen.\nDas war ihre Mutter, die da lag auf dem\nKirchhof. Diese Frau nebenan, diese robuste\nFrau, bei der alles breit und hart war, mit dem\nsträhnigen Haar, hatte gar nichts mit ihr zu tun.\nUnd Vater hatte sie verraten. Richtig verraten.\nWarum mußte sie „Mutter\" sagen zu der Frau mit\nden kurznägligen Händen — all dies hatte sie\nvorher nie zu denken gewagt, denn sie hatte nie\netwas anderes sagen hören, als das die Frau ihre\nMutter sei. Ihr ganzes Leben lang wurde ihr das\nvorgeredet. Alle hatten es gesagt. „Denk doch,\nes ist ja deine Mutter.\" Und sie konnte sich auch\nnicht erinnern, je eine andere um sich gesehen\nZU haben. Aber eins wußte sie genau: daß die\nFrau ihr stets wie eine Fremde vorgekommen war.\nAls ob sie beide nichts gemeinsam hätten. Dann\nfingen die Jahre an, wo die Frau ihr so merklich\nweh tat, mit allem, allem, wenn sie aß, mit jeder\nBewegung, wenn sie ins Zimmer kam des Mor-\ngens, sie zu streicheln und zu wecken, wenn sie\nsich des Abends auszog. Denn oft hatte sie sich\nan die Tür gestellt und durchs Schlüsselloch ge-\nsehen, immer wieder die Qual dieser Bewegungen\nerduldet; wie sie im Unterrock aussah, und daß\nsie die Strümpfe bis zuletzt anbehielt. Oft hatte\nsie so an der Tür gestanden, war nicht einge-\nschlafen, wenn sie ins Bett ging, um zu warten,\nbis die nebenan so weit war. Und jedesmal die-\nselbe Qual. Dann war sie stets unglücklich ins\nBett gekrochen und hatte sich geschämt und ge-\nweint, und in ihren Ohren klangen deutlich die\nWorte der andern: „Denk doch, es ist ja deine\nMutter.\" „Mutter.\" Schließlich hatte die Mutter\nja so viel für sie durchgemacht, und alles von\nihrem Körper hatte einst ihr gehört. Daß sie\neinmal so in ihrer Gewalt war, richtig gefangen\nvon ihr.\nNun wußte sie es.\nManchmal hatte sie schon der Gedanke ge-\nstreift, daß sie vielleicht gar nicht das Kind dieser\nFrau war. Dunkle Erinnerungen, sonderbare\nBlicke und Zärtlichkeiten von Vater, und dann\ndieses Fremdsein, dieses gänzliche Nicht-Zusam-\nrnengehören, dieser Ekel.\nNun wußte sie es. Alles stimmte und löste\nsich auf. Heute nachmittag hatte sie es entdeckt.\n, Ihre Mutter, die lag auf dem Kirchhof. Als\nsie ganz klein war, mußte die Mutter gestorben\nsein. Nun kamen plötzlich längst verschwundene\nBilder hervor und alles wurde klar für sie, sicher\nund gewiß . . .\nDaß sie eben denselben Namen hatte wie sie?\nSie mußte es sein, es stimmte alles!\nDie andere Frau und die Qual, mit der sie\n;ständig gelebt hatte, der Schmerz., weil alles, was\ndie Frau anfaßte und begann, weh tat, war zum\nersten Mal ganz vergessen.\nDu. Du. Mutter. Du liegst da unten ....\nDaß ich eine wirkliche Mutter habe. Daß sie midi\neinmal getragen hat. — Ihre Hände strichen an\ndem Leib entlang, den sie nun plötzlich lieb hatte.\nAuf den sie nun stolz war, und unter dem sie nun\nnie mehr leiden 'wallte, wie früher . . . Ach,\nfrüher. Du Mutter, das ist alles von dir . . . Und\nin die Höhlen unter den magern Schufterbeinen\nlegte sie die dünnen Finger und sehnte sich.\n*\nMutter Du. Liebe Mutter.\n*\nIm Nebenzimmer wurde Licht gemacht. Man\ndachte, daß das Kind wieder phantasierte.\n„Was ist?\nWas? Du sitzst nackt da? Was soll das\nwieder sein —?\n*\n„So, nun schlaf schön und sei vernünftig. Gute\nNacht!\"\nNur schnell zum Waschtisch, um den Kuß ab-\nzuwaschen, abzureiben, den sie auf die Stirn be-\nkommen hatte.\n*\nSüße Mutter, nun trage ich dich in mir; ick\nbin so ganz, ganz von Dir. Und wenn ich jetzt\nnicht mit dir sprechen kann, dann denke ich mit\nDir, Mutter.\nUnd ihr schlanker, magerer Mädchenleib zit-\nterte vor Sehnsucht, und in dem gereizten Hin*\nkrochen Vorstellungen über halbwache Gedanken,\nund ihre Sehnsucht färbte die unerkennbaren\nTraumbilder und gab ihnen Töne, und deutlich\nklang unter all dem Gewirr nur das Wort „da\nunten\" hervor.\nAls sie am nächsten Morgen geweckt wurde,\nlag sie mit dem Oberkörper weit über dem Bett\nhinaus, und es war, als ob ihre Finger sich in den\nFußboden graben wollten.\n* *\n*\nDer Sanitätsrat meinte, daß diese Sache bei\nso großen, magern Kindern in dem Alter häufig\nvorkomme, das von gestern sei allerdings äußerst\nbedenklich. Aber mit einer strengeren Maßregel\nsolle man vielleicht lieber noch warten; vorläufig\ngenüge das, was er auf dem Rezept aufschreibe.\n* *\n*\nSie wußte es jetzt sicher. Gefragt hatte sie\nkeinen. Sie wollte ein paar Mal versuchen, durch\nAndeutungen Vater verlegen zu machen. Sie\nschämte sich immer zu sehr, und es war ihr auch\njganz unmöglich, ein Wort von all dem laut aus-\nzusprechen. Wenn sie es sich ganz fest vorge-\nnommen hatte, es doch zu tun, mußte sie es im\nnächsten Augenblick aufgeben und tat, als ob sie\ngar nichts besonderes vorgehabt hätte. Genau so\nwie früher. Auch zu der Frau. Sie hatte jetzt ihr\neigene« Reich. Das war ihr Leben dort, und hier\nzu Hause spielte sie nur.\nSo oft sie konnte, ging sie zum Kirchhof.\nZuerst hatte sie es nicht gewagt. Zuerst stand\nsie nur am Grab und redete mit ihr.\nDoch einmal, als kein Mensch zu sehen war\nauf dem ganzen Kirchhof, hatte sie den Erdboden\ngestreichelt.\nSie hatte solche Sehnsucht nach eine Kuß, nur\neinen einzigen — aber ihr Mund war so unrein:\ndie Frau zu Haus küßte ihn jeden Tag, sie träumte\nvon einer Heiligung des Mundes wie die des Pro-\npheten Jesaias. Das einzige, was in letzter Zeit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "695", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.5", "debut_caractere": 44, "fin_caractere_exclue": 4809, "texte": "von all dem, was sie im wirklichen Leben gehört\nfeatte, Eindruck auf sie machte.\nDoch ein nächstes Mal konnte sie es nicht\nmehr aushalten; einen Augenblick lang blieb die\nBesinnung, das Gefühl der Unreinheit, die Erinne-\nrung an die Frau zu Hause, alles, alles fort, nur\ndie Sehnsucht nach der Mutter beherrschte sie\nunaufhaltbar und füllte sie ganz aus, bewegte\njeden Nerv Sie mußte etwas von ihr haben, und\nso legte sie ihren Kopf tief in die Levkojen.\n☆\nDann pflückte sie eine Handvoll Blumen ab,\nversteckte sie unter dem Kleid und rannte nach\nHaus.\n*\nBeim Abendbrot war sie genau wie sonst.\nEbenso blaß und sommersprossig wie gewöhnlich\nsaß sie bei Tisch, sah auf ihren Teller wie immer\nund aß schnell und ohne hochzublicken. „Warum\nsie bloß stets so verbissen ist,\" dachte der Vater.\n„Als ob sie ständig ein schlechtes Gewissen hat.\"\nUnd als sie ins Bett geschickt war, unterhielt man\nsich darüber, ob es nicht vielleicht das beste wäre,\nsie in eine Anstalt oder ein Sanatorium für wil-\nlensschwache Kinder zu schicken. Der Arzt hätte\nauch einmal davon gesprochen.\nDerweile lag sie in ihrem Bett und legte die\nkühlen Blumen auf ihren Körper, der eiskalt war\nvor Wonne und Sehnsucht. Was sie jetzt spürte,\ndie Wärme, die von den Blumen auf ihren Körper\nlangsam überging, war nichts anderes als sie, die\njetzt bei ihr lag, ganz körperlich bei ihr und sie\nberührte und streichelte. Und sie legte die weißen,\nweichen, zarten Blumen auf den Hals und den\nRücken und auf beide Brüste. Alles sollte Anteil\nhaben an ihr.\nJede Nacht war Mutter jetzt bei ihr.\nAm Morgen legte sie die welken Blumen in\nein Kommodenfach, das sie ausgeräumt hatte, und\nin dem sie nun tote Blumen aufhäufte. Jede war\nihr eine ganze Nacht von Liebe und Seligkeit und\nein Stück Mensch, der lebte und ihr, ihr gehörte.\nAls die Levkojen verblüht waren, fand sie\neines Nachmittags Astern auf das Grab gepflanzt,\ndunkellila und weiße Astern, Dicht und voll,\nebenso wie vorher die Levkojen. Da konnte\nkeiner merken, daß sie jeden Tag ein paar nahm.\nAls sie ein Kirchhofsgärtner einmal fragte, warum\nsie jeden Tag hinkäme, sagte sie, ohne darüber\nnachdenken zu müssen, ohne je darüber\ni achgedacht zu haben, daß eine Freundin von ihr\ngestorben sei, und zu Haus merkte kein Mensch,\ndaß sie jeden Tag zum Kirchhof ging, denn sie\nschlich sich immer fort, wenn die Frau nach Tisch\nschlief. Sonst kümmerte sich keiner um sie.\nSie war das glücklichste Menschenkind.\n* *\n*\nEines Abends lag sie im Bett, und Mutter war\nbei ihr und streichelte sie und faßte sie bei der\nHand und erzählte sich mit ihr, und sie küßte\nMutter und sagte: „Du sollst nicht von mir fort-\ngehen.\" Und sie merkte gar nicht, daß die Tür auf-\nging, und die Frau hereinkam.\n„Schläfst du schon? Ich wollte nur nach dir\nsehen. Nein, du mußt aber die Arme auf die Bett-\ndecke tun. — Was, du liegst ohne Nachthemd im\nBett? Und- Blumen? Was willst du denn damit,\ndu bist wohl ganz verdreht?\"\nLicht wurde im Zimmer gemacht — es war so\nschrecklich alles, und es tat ihr so weh. Jedes\nWort. Jede Sekunde.\n*\nUnd nachher lag sie auf dem harten Bett —\nwie sehnte sie sich nach weichen warmen Federn,\naber die gab ihr die Frau nicht, trotzdem sie so\noft schüchtern gebeten hatte, und trotzdem alle\nandern warm und weich schliefen. — „Schämst\ndu dich nicht?'' hatte die Frau gesagt. Warum\nsollte sie sich schämen? Weil jemand versucht\nhatte, in ihr Reich zu sehen. Nur versucht. Und\ndann war sie so grenzenlos traurig, denn die Frau\nhatte, als sie hinausging, drei Astern in der Hand\nmitgenommen, drei süße zerdrückte Astern\nund nun fühlte sie es so, als hätte man Mutter\nweh getan, und als wäre sie weit von ihr fort.\nDie ganze Nacht fror sie und weinte, weinte\nund fror, und wieder verschlangen sich halbwache\nTraumbilder zu wüsten unerkennbaren Phanta-\nsieen, zu rätselhaften Gebilden wie damals in\njener Nacht, als sie Mutter gefunden hatte, hi\nder glücklichen Nacht. Und ebenso wie damals\nsehnte sie sich unendlich, nur trostlos jetzt: denn\nsie war es nicht mehr gewöhnt allein in dem kal-\nten, harten Bett zu schlafen, und zum ersten Mal\nfühlte sie sich unheimlich und fürchtete sich in\ndem dunklen Zimmer\n* *\n*\nNun sagte der Sanitätsrat auch, daß es höchste\nZeit wäre, sie in eine Anstalt zu schicken, wo sie\nden ganzen Tag unter Aufsicht sei. Energische\nGüte brauche sie. Mit dem Wecken des Scham-\ngefühls allein wäre es nicht getan. Aber er wollte\ngleich an den Leiter eines solchen Kindersanato-\nriums telegraphieren, und dann könnte man sie\nheute nachmittag vielleicht schon wegbringen.\nWarum sie fortgeschickt wurde, darüber\ndachte sie nicht nach. Sie hatte nur den einen\ndumpfen Schmerz, daß sie fort sollte«\nUnd die Frau packte ihre Sachen zusammen\nund räumte ihr Spind aus. In der Kommode blieben\nnur alte Spielsachen und Kinderbücher."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "696", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1732, "texte": "Die ganze Zeit wurde sie beobachtet, keinen\nAugenblick war sie allein. Sie konnte nicht ein-\nmal mehr die Lade Öffnen und Mutter ansehen.\nWenn sie nur noch Abschied nehmen könnte, nur\nnoch einmal den Kopf in die toten Blumen vergra-\nben und den wunderlichen Duft einatmen. Nur\neinen kurzen Augenblick. Nur noch einmal ein\nWort zu Muttchen sagen. Nur „Du\" sagen.\nNun setzte ihr die Frau die Mütze auf und\nzog ihr die Jacke an. Und dann saß sie im Wagen,\nder zur Bahn fuhr, ganz stumpf, blaß und abge-\nstorben; sie dachte nichts mehr; vor ihren Augen\nleuchtete alles rot und dahinter sah sie nur Flecke,\nvon denen sie nicht unterscheiden konnte, ob sie\nunendlich groß oder winzig, winzig klein waren,\nund die sich fortwährend drehten und ineinander\nverschlangen.\nit *\n■*\nAcht Tage später reisten die Eltern denselben\nWeg. Am Morgen hatten sie von dem leitenden\nArzt des Kindersanatoriums ein Telegramm bekom-\nmen, in dem er ihnen mitteilte, daß das vor acht\nTagen eingelieferte Kind schwer und hoffnungslos\nan Gehirnhautentzündung erkrankt sei.\n4c\n*\nAuf dem Gang schon hörte man die hohle stöh-\nnende Kinderstimme.\n„Süße — süße Mutter — warum bist du ge-\nstorben — ich kann — doch nicht — ohne dich\nleben —\"\nVielleicht wäre es besser, wenn die Eltern\ngar nicht mehr hineingingen. Der Arzt wollte\nihnen gern den furchtbaren Anblick ersparen. Es\nwürde sowieso nicht mehr lange dauern. Für eine\nFrau wäre es fast unmöglich, das Entsetzliche mit\nanzusehen.\n„Mutter — ich sehne mich so — kommst nicht\n— Mutter —\"\n*\n„Aber hören Sie denn nicht, Herr Doktor, daß\nich hineinmuß! Hören Sie nicht, wie das Kind\nnach mir ruft! Nein, ich muß hinein, es wäre grau-\nsam, dem Kind nicht das Letzte zu erleichtern.\nHoffentlich erkennt sie mich noch —\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c010", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "695", "page_fin": "695", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.8", "titre_corps": "Otto Moeller / Am Nachmittag / Holzschnitt", "titre_sommaire": "Otto Moeller / Am Nachmittag / Holzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "695", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 42, "texte": "Otto Moeller / Am Nachmittag / Holzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c011", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "696", "page_fin": "696", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.9", "titre_corps": "Lebensfreude", "titre_sommaire": "Lebensfreude", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "696", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.6", "debut_caractere": 1734, "fin_caractere_exclue": 6000, "texte": "Lebensfreude\nMan wundert sich immer wieder über die Le-\nbensfreude der Einwohner hiesiger Haupt- und\nResidenzstadt. Sie werden zwar immer „mon-\ndainer\" in ihrer Kleidung, immer kunstgewerb-\nlicher in ihrem Heim, immer tiefer in ihrer Lektüre.\nSie verehren Schönherr, Ernst Hardt und Schnitz-\nler, als ob das gar nichts wäre, sie lassen sich von\nBruno Paul einrichten und vergessen nicht, einige\nSchneeballen aus Seidenpapier zur Abwehr der\nFliegen unter ihre elektrischen Kronen zu hängen,\nund sie lassen sich nach Poiret Kleider machen\nund vergessen, ihren Körper entsprechend umzu-\nformen. Wenn die Kleider wenigstens Leute ma-\nchen würden, könnte man heute verhältnismäßig\nglücklich sein. Aber schöne Kleider, die ihnen\nnicht sitzen, und schöne Wohnungen, in die sie\nnicht passen, und schöne Dichter, die sie verstehen,\ndiesen Leuten muß die Metropolrevue durchaus\norganisch stehen. Das sind Träume, die sie leben.\nGeist vom Geist der Herren Freund und Holländer,\nSchultz und Baruch nicht zu vergessen, und Fleisch\nvom Fleisch der Mädchen, die sie lieben. Herr\nSchultz liebt das Dicke mit Gardemaß, er steckt es\nauch durchaus anschaulich in Uniformen aller Waf-\nfengattungen, was sich nebenbei noch patriotisch\nmacht. Und das Publikum ist glücklich. Denn,\nwenn diese Körper Poiretkleider tragen können,\nbleibt Berlins Frauheit diesem Schneider nicht ver-\nloren. Die Schunkelmädchen der Metropolrevue\nmüssen in allen abgetakelten Symbolen schwim-\nmen. Sie rudern mit den Beinen (wegen der Sym-\nbolik), die Baruch und Co. nur in den sieben Far-\nben liebt, die es gibt, sie steuern mit den Händen,\n(wegen der Symbolik), hier liebt Baruch und Co.\nNaturfarbe, sie quietschen mit dem Kehlkopf, den\nihnen ein Qott gab, um uns zu sagen, was wir lei-\nden, und sie klammern sich an die Verse ihres\nDichters fest, den ihnen ein Qott gab, um ihnen\nzu sagen, was ihn erfreut. Spaß muß sein. Auch\nBildung. Deshalb sprechen die Damen in jenem an-\ngenehmen Schillerpathos, das man nur durch einen\nregen Besuch des königlichen Schauspielhauses in\nBerlin erwerben kann. Auch die Solisten besitzen\nes. Die Herren Baruch & Co. werden außerdem\nimmer poetischer. Früher genügte ihnen eine jrar-\nbenorgie, mit allen sieben Farben, die es gibt, jetzt\ndenken sie nicht mehr daran, es unter zwei Far-\nbendichtungen zu machen, mit allen sieben Farben,\ndie es gibt. Man muß das „Palais der Träume\"\nund den „Farbentraum\" gesehen haben, um zu wis-\nsen, was den Herren Baruch & Co. im Schlaf alles\neinfallen kann. Das muß man wissen. Denn man\nmuß die Metropolrevue gesehen haben. Wenn\nihnen schon diese Träume ein Leben sind, so bleibt\nnicht auszudenken, was das Leben ihnen für Träume\ngeben mag. Aber den Seinen gibt es der Herr\nSchultz im Schlaf. Fritzy Massary hat diese\nBühne verlassen und es bleiben ihr nur noch zwei\ngute Geister übrig. Josef Qiampietro und\nM a d g e L e s s i n g. Zwei wirkliche Künstler.\nNur der Charme, die Grazie, und das große Kön-\nnen ihrer Tänze machen den Abend im Metropol-\ntheater möglich. Wenn die Madge Lessing nicht\nvorhanden wäre, würde man sich in jedem Akt\nzur Notwehr berechtigt fühlen. Qiampietro ist\nwieder ein Beispiel dafür, daß die Schauspielkunst\nnichts mit irgendeiner anderen Kunst gemeinsam\nhat. Wäre dies nicht der Fall, so müßte selbst eine\nPersönlichkeit wie Qiampietro in diesem wüsten\nSchutt von Dummheit, Albernheit, Geschmacklo-\nsigkeit und kitschigster Sentimentalität versinken.\nElse Kupfer hat viel Temperament, kann gut\nberlinern und gut Walzer tanzen. Das Publikum\nist äußerst verständig. Spricht einer auf der Bühne\nvon Marokko, so ist ihm sofort klar, daß die Ma-\nrokkoangelegenheit behandelt wird, ßpricht je-\nmand von Manuel, so weiß es sofort, daß es sich\num den ehemaligen König von Portugal handelt.\nKurz, man versteht hier erst, wie einfach es ist, eine\nSatire zu schreiben: indem man sie einfach nicht\nschreibt, sondern durch Erwähnung von Tatsachen\nes dem Publkum überläßt, sich selbst satirisch an-\nzuregen. So wird niemand verletzt. Monarchist\nund Demokrat, Christ und Jude, arm und reich,\njeder wird auf die Faeon selig, die den Verfassern\nversagt blieb. Was der Verstand der Verständigen\nsieht, braucht nicht erst gestaltet zu werden. Bil-\ndung ersetzt jede Kunst. Wozu gestalten, wenn\nman vor Gebildeten träumt.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c012", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "696", "page_fin": "696", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.10", "titre_corps": "Dresden und Budapest", "titre_sommaire": "Dresden und Budapest", "signature_source": "J. 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Ist es auch nur\neine magere Kost, die diese Gesellschaft „studier-\nter Herren\" dem bildungshungrigen Volke verab-\nfolgt, so beging sie doch eine Jubelfeier und gab\nsich selbst ein Festmahl.\nBei ihm wurde ein Hymnus auf Dresden\nvorgetragen, der den „Altmeister\" der deutschen\nFamilienblattpoeten, Albert Traeger, zum Verfasser\nhat:\nIm alten Lande Sachsen,\nDer echten deutschen Mark,\nDie schönen Mädchen wachsen,\nUnd Männer, treu und stark.\nMit reichem Schmuck behangen,\nIn Schönheit mitten drin,\nThront dort mit sanftem Prangen\nDie holde Königin.\nSachsen sollte nicht etwas als Königin feiern,\ndas bedeutend und stolz und von Bestand ist.\nAber Traeger hat eben während der Abfassung\ndes Liedes der Toselli nicht gedacht.\nDresden ist: die holde Königin.\nDresden, du Städteblüte\nIm deutschen Vaterland,\nWie auch das Wetter wüte,\nHalt wacker immer stand,\nDaß nimmerdar erbleiche\nDein frühlingsfrischer Glanz,\nFest um die deutsche Eiche\nSchlingt sich dein Rautenkranz !\nDresden ist: die Blüte im Rauterikranz!\n* * *\nDer „größte Regisseur aller Zeiten\" durcheilt\neinem fliegenden Holländer gleich die\nhalbe Welt. Die Berliner Theaterkritiker werden\nganz sentimental darüber. Statt in Berlin zu blei-\nben, um den verblassenden Glanz des Deutschen\nTheaters aufzufrischen, treibt er im Herumziehen\nHandel mit King Edipus Inscnierungen. So war\ner auch nach Budapest gekommen. Er hat dort\nmit Eingeborenen seinen Sophokles einstudiert.\nAus jenen Tagen erzählt das „Neue Pester Jour-\nnal\" eine „hübsche Episode\", die sich während\nund nach der ersten Edipus-Vorstellung zugetra-\ngen hat. Mitten im spannendsten Augenblick er-\nhob sich Hundegebell hinter der Szene. Die Leiter\nder Vorstellung erblaßten vor Schreck und Wut\nüber die Störung der Stimmung, in die das atem-\nlos dasitzende Publikum versetzt wurde. Rein-\nhardt selbst geriet in die höchste Aufregung, und\nverzweifelt die Hände ringend, stürzte er auf Di-\nrektor Beöthy und seinen Regiestab zu mit dem\nherzzerreißenden Ruf: Um Gotteswillen,\nder Hund soll nicht bellen! Der Hund soll nicht\nbellen! Ratloses Hin- und Herlaufen, aber es\nnützt nichts. Der Hund, ein riesiger Bullenbeißer\ndes Tierdresseurs Henricksen, bellte in seinem\nBretterverschlag unverdrossen drauf los. Endlich\nhatte Beöthy einen rettenden Gedanken. Er ließ\nvom Zirkushofe einen jener Stadtwäldchenlungerer\nholen, die man gemeinhin mit dem Namen „Jaß\"\nbezeichnet. Dieser erbot sich, den Hund gegen ein\nHonorar von zwei Kronen zum Schweigen zu\nbringen.\"\nEr bekam das Geld und holte aus einem nahen\nRestaurant für einige Heller Speiseabfälle. Ser-\nvierte sie dem Stimmungszerreißer und trium-\nphierte. Der Köter hatte das störende Bellen\neingestellt. Doch „als das Publikum den Zirkus\nverließ, befand sich Beöthy im Gewühl der ab-\nziehenden Menge, die an dem Gesehenen ihre Kri-\ntik übte. Und da hörte er folgende kritische Be-\nmerkung: „Das schönste Regiemoment Reinhardts\nwar doch das kleine Detail, als in der verlassenen,\nvon der Pestfurcht entvölkerten Stadt die herren-\nlosen Hunde so schauerlich bellten.\"\n„Doch beim Souper, das nach der denkwür-\ndigen Vorstellung stattfand, erzählte Beöthy das\nerhorchte Gespräch dem glückselig dasitzenden\nReinhardt. Der zog die Stirn in gedanken-\nvolle Furchen und sann einige Augenblicke\nnach. Dann sprach er mit blutigem Ernst\nzu Beöthy: „Geben Sie dem „Jaß\" morgen wieder\nzwei Kronen. Aber der Hund soll bellen.\"\nIch hätte an Stelle des Jaß den Hund losge-\nlassen, damit er den blutigen Ernst, diese wirklich\nrotgeschminkte Pose, auch zerreiße."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "697", "page_fin": "697", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "697", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.7", "debut_caractere": 75, "fin_caractere_exclue": 643, "texte": "! tail! farKonst\nAchtes Jahr\nAutoren-Abende\nMitgliederbeitrag 15 Mark\nDen Mitgliedern steht\nder Besuch von sechs\nAbenden auf Platzen\nzum Kassenpreis von\nM. 3.— zu, sowie der\nkostenlose Jahresbezug\nder Wochenschrift Der\nSturm. Fur alle wei-\nteren Abende zahlen\ndie Mitglieder halbe\nKassenpreise\nGeschaftssieiie des V. 112. K.\nHALENSEE / Katharinen - Strasse 5\nVierter Abend\nam I Dezember\nabends 8 Uhr\n:: Architektenhaus ::\nWilhelmstrasse 92/93\nAlfred DBblin\nVORLESUNG\naus eigenen Dich-\ntungen\nKarten M. 5, 3, 2, 1 bei\nA. 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Kunsthandlung, Antiquarian Verlag\n:: BERLIN W 15, Kurfurstendamm 33\nStandige Ausstellung\nmoderner Oraphik\nEINTRITT FREI\nIm Eckhanse, gegenfiber der Se-\nzession, Eingang Grolmannstraße\nIlluslrlert. 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Mbslbf Leipzig\nHandelswissen-\nschaftl. Kurse von _ _\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staaUidi\ngepriifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fiihrender Stellung). Grundliche\nEinfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationales\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fiir ein mehr-\niShriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor. T.i\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsnrachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- und Bllanz-\nTechr.ik, Buro-Praxis sich vorbereiien wollen —\nsowohi fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder fthnliche Schule ab-\nsoiviert liaben, wie fiir ,\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntntssen, r.injatirtg-\nFreiwiliige, Abiturienten, , , , _ . , _\nfur Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig w&ren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitera Oder\nvertiefen wollen oder ... .. ~\niur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nation alokonomen,\nOffiziere die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellschaften sich vorbereiten wollen. 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HAHN\nAlexanderplatz Landsbergerstr. 60-63\ngegrtindet 1825\nModeme Herrenbekleidung\nfertig unci nachlMall\n\"RekTemeapgebot:\nDer elegante Ulster\nmis i englischenl gemusterten Cheviots niit] Armeiaufsthlagen 32s® h\naus den modernstenjflauschstoffen mitfaufgesteppten Taschen 4550 h\n'.Vornehmer zweireihiger Sacco-Hnzug, engliseh gemusterter Cheviot];\n~ 32s<? iSiMj\nSchicke Passformen BesteJVerarbeitung\nSea Herren Studenten und Mitgliedera von Ktmstvereinigungen gegen Vorzeigung von Legstimationskarten 5% Kabatt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c034", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c034", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "698", "page_fin": "698", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.32", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "698", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.8", "debut_caractere": 569, "fin_caractere_exclue": 1133, "texte": "SCHIEDMAYER\nPIANOFORTE FABRIK\nBERLIN W., POTSDAMERSTR. 27b\nFLUQEL\nPIANINOS\nHARMONIUMS\nBALTHASAR SCHIEDMAYER, Ururgrofivater des jetzigen Chefs der Firma\nbaute im Jahre 1735 sein erstes Instrument.\nGrand Prix! 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Ueber 45000 Instrumente geliefert.\nIn&trumente nach stilgerechten Ent-\nwnrfen in kiinsterischer Ausfuhmng"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c035", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c035", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "698", "page_fin": "698", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.33", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "698", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.8", "debut_caractere": 1135, "fin_caractere_exclue": 1318, "texte": "Herwarth Walden\nDAFNISLIEDER\nFiir Gesangu.Klavier / 52Seiten\nDRBI MARK\nDuxch alle Buch- uad Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndureh den Verlag DER STURM\nHalensee / KatharinenstraSe 5"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-11-25-01-c036", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-11-25_01#c036", "volume": "bmtnabg_1911-11-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "698", "page_fin": "698", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.2.34", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "698", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.8", "debut_caractere": 1320, "fin_caractere_exclue": 1569, "texte": "Zwei Biicher, die jede\nFLAUBERT-OIBLIOTHEK\nbaben mufi:\nE. 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Amt Ch.,6387\nBiiiieeoeoooooima"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "691", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.1", "texte": "Umfang: acht Seiten\nEinzelbezug 15 Pfennig\nDER STURM\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstraase 5\nFernsprecher Amt Pfalzburg 3524 / Anzeigen-Annahme\n:-: durch den Verlag und sämtliche Annoncenbureaus :-:\nHerausgebor und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahrsbezug 1,50 Mark / Halbjahresbezug 3,— Mark /\nJahresbezug 6,— Mark / bei Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1911\nBERLIN NOVEMBER 1911\nNUMMER 87\n\nInhalt:\nADOLF LOOS: Vom Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen, Schlafen, Essen, Trinken / LOTHAR VON KUNOWSKI: Gegen Karl Scheffler / HANS\nEHRENBAUM DEGELE: Gedichte / ELSE LASKER-SCHULER: Briefe nach Norwegen / OTTO RUNG: Der Vagabund / GRETE\nTICHAUER: Mit Mutter / TRUST: Lebensfreude / LA: Dresden und Budapest / OTTO MOELLER: Am Nachmittag / Holzschnitt,\n\nVom Gehen, Stehen, Sitzen,\nLiegen, Schlafen, Essen, Trinken\nVon Adolf Loos\nDem Menschen, der die heutige Kultur besitzt,\ngefallen Gebrauchsgegenstände aus Glas, Porzel-\nlan, Majolika und Steingut am Besten, wenn sie\nundekoriert sind. Aus dem Trinkglas will ich\ntrinken. Ob Wasser oder Wein, Bier oder\nSchnaps: das Glas sei so beschaffen, daß mir das\n€etränk am Besten schmeckt. Das ist die Haupt-\nsache. Und aus diesem Grunde opfere ich gern\nalle altdeutschen Sprüche oder sezessionis tischen\nOrnamente. Wohl gibt es Mittel, das Glas so zu\nbehandeln, daß die Farbe des Getränks erhöht,\nverschönert wird. Das selbe Wasser kann in\neinem Glase schal und matt, in einem andern frisch\nwie aus der Bergquelle aussehen. Das kann man\ndurch gutes Material und durch den Schliff er-\nreichen. Beim Gläserkaufen läßt man sich daher\ndie vorgelegten Gläser mit Wasser füllen und\nwählt nun das beste aus. Dann bleiben die\nGläser, die so dekoriert sind, als schwämmen\ngrüne Blutegel drin herum, unverkauft.\nAber das Getränk soll nicht nur gut aussehen:\nes soll auch gut getrunken werden. Die Gläser,\ndie in den letzten drei Jahrhunderten angefertigt\nwurden, erfüllen diese Forderungen fast immer.\nUnserer Zeit — nein, ich will unsere Zeit nicht\nschmähen —: unseren Künstlern war es vorbe-\nhalten, außer unappetitlichem Dekor auch noch\nGlasformen zu erfinden, aus denen man nicht trin-\nken kann. Es gibt Wassergläser, aus denen einem\ndas Wasser rechts und links bei den Mundwin-\nkeln herausrinnt. Es gibt Liqueurgläser, die nur\nzur Hälfte geleert werden können. (Für Liqueur-\ngläser haben die schnapskundigen Holländer eine\nklassische Form gefunden: eine Windenblütenform.\nDa kann der schwerflüssige Liqueur leichter her-\nausfließen. Es war daher selbstverständlich, daß\ndie Wiener Sezession das umgekehrte Prinzip für\nLiqueurgläser beschloß: die Mandarinenform. Nur\nSchlangenmenschen, die sich so weit zurückbeugen\nkönnen, daß sie mit dem Kopf die Erde berühren,\nkönnen ein solches Glas leeren.) Bei neuen For-\nmen sei man daher vorsichtig und wähle lieber\ndie alten.\nGenau so ist es beim Teller. Wir fühlen\nfeiner als die Menschen der Renaissance, die noch\n«tor Fleisch auf mythologischen Darstellungen\nschneiden konnten. Wir fühlen auch feiner als die\nMenschen des Rokoko, die sich nichts daraus\nmachten, wenn die Suppe durch das blaue Zwie-\nbelmuster eine unappetitliche, grüngraue Farbe be-\nkam. Wir essen am liebsten von weißem Grunde.\nDie Künstler denken darüber anders.\n*\nDie Objekte der Keramik dienen nicht nur zum\nKochen, Essen und Trinken. Das Glas dient uns\nals Fensterscheibe, Tonwaren als Fliesen, Wand\nund Tischplatten Verkleidung, als Ofen oder Kamin,\nals Blumenvase oder Schirmständer. Und endlich\nkann sich der Künstler des Tones bedienen, um ihn\nzu formen, zu glasieren und zu brennen, weil er\nden Drang in sich fühlt, Menschen und Tiere,\nPflanzen und Steine so darzustellen, wie er sie\nsieht.\nEinst saß ich mit einigen „angewandten Künst-\nlern\" im Kaffeehause. Man sprach davon, eine\nkeramische Versuchsanstalt in der Kunstgewerbe-\nschule zu gründen. Ich war gegen alles, was die\nHerren vorbrachten, und alle waren gegen mich.\nIch vertrat den Standpunkt des Meisters, des ein-\nfachen Arbeiters. Und sie vertraten den Stand-\npunkt des Künstlers.\nJemand hatte eine wunderbare rote Blüte mit\nsamtenen Blättern mitgebracht. Die stand in\neinem Wasserglas auf dem Tisch. Und einer\nsagte: Sehen Sie, Herr Loos, Sie verlangen nur,\ndaß man Töpfe macht. Wir aber wollen ver-\nsuchen, eine Glasur zu erzeugen, die dieselbe\nFarbe hat wie diese Blume hier. Man war Feuer\nund Flamme für diese Idee. Ja, alle Blüten der\nWelt sollten ihre Farbe für neue Glasuren her-\ngeben. Mau sprach und sprach . . .\nNun hat mich aber die Natur mit einer kost-\nbaren Gabe beschenkt. Sie hat mich schwerhörig\ngemacht. Und so kann ich denn unter laut strei-\ntenden und debattierenden Menschen sitzen, ohne\nverurteilt zu sein, das Blech zu hören. Dann\nhänge ich meinen Gedanken nach. Damals fiel\nmir mein Meister ein. Kein Künstler. Ein Ar-\nbeiter. Blumen sieht er nicht. Er liebt sie auch\nnicht. Er kennt ihre Farben nicht. Aber seine\nSeele ist von Farben erfüllt, die sich nur in Gla-\nsur auf Ton darstellen ließen. Ich sehe den\nMeister vor mir. Er sitzt vor dem Brennofen und\nwartet. Farben hat er geträumt, die der Schöp-\nfer zu träumen vergessen hat. Keine Blume,\nkeine Perle, kein Erz hat eine ähnliche Farbe.\nUnd die sollen nun Wirklichkeit werden, sollen\nfunkeln und strahlen, die Menschen mit Lust oder\nMelancholie erfüllen.\nDas Feuer brennt. Brennt es für mich, oder\nbrennt es gegen mich? Gibt es meinen Träumen\nfeste Formen oder frißt es meine Träume auf?\nIch kenne Jahrtausende von Werkstatt-Traditi-\nonen. Was irgend dem Töpfer frommt: ich weiß\nes, ich habe es angewandt. Aber wir sind noch\nnicht am Ende. Der Geist der Materie ist noch\nnicht überwunden.\nMöge er es nie werden. Mögen die Geheim-\nnisse immer für uns Mysterien bleiben. Sonst\nsäße nicht der Meister in qualvollem Glück vor\ndem Brennofen, harrend, hoffend, träumend von\nneuen Farben und Tönen, die Gott in seiner Weis-\nheit zu erschaffen vergaß, um den Menschen an\nder herrlichen Lust des Schöpfers teilnehmen zu\nlassen.\n„Also, was meinen Sie dazu, Herr Loos?\"\nfragte der eine.\nIch meinte nichts.\nUnsere Künstler sitzen am Reißbrett und\nmachen Entwürfe für die Keramik. Sie teilen sich\nin zwei Lager. Die einen entwerfen in allen Stil-\narten, die anderen nur „modern\". Beide Lager\nverachten einander gründlich. Aber auch die mo-\ndernen Künstler haben sich gespalten. Die einen\nverlangen, daß das Ornament der Natur entnom-\nmen werde, die arideren, daß das Ornament nur der\nPhantasie entspringe. Aber alle drei verachten\nden Meister. Warum? Weil er nicht zeichnen kann.\nDas schadet dem Meister aber nicht. Kacheln, die\nBigot in Paris vor zehn Jahren geschaffen hat,\nhaben noch nichts von ihrem Zauber eingebüßt.\nAber die Muster, die die Künstler vor fünf Jahren\nauf den Markt brachten, bereiten selbst ihnen\nheute schon Nervenschmerzen. Das gilt natürlich\nvon allen Entwürfen dieser Richtung.\nWer keramische Produkte kauft, möge sich\ndas stets vor Augen halten. Man gibt doch nicht\nsein Geld aus, um sich in drei Jahren darüber zu\närgern. Gegenstände, die das meisterliche, schöp-\nferische Gepränge tragen, werden ihren Wert stets\nbehalten. Gegenstände, die mit sezessionistischem\nOrnament versehen sind, sollen, wenn sie auch\ngefallen, zurückgewiesen werden. Sie gefallen,\nnicht, weil sie schön sind oder unserem Empfinden\nentsprechen, sondern, weil man versucht hat, uns\ndiese Richtung aufzudrängen. Man verlasse sich\nauf sein Empfinden, das man besaß, bevor Her-\nmann Bahr über diese Dinge schrieb.\nReißbrett und Brennofen! Eine Welt scheidet\nsie. Hier die Exaktheit des Zirkelschlages, dort\ndie Unbestimmtheit des Zufalles, des Feuers, der\nMenschträume und das Mysterium des Werdens.\n*\nIch schreibe nur für Menschen, die modernes\nEmpfinden besitzen, die der Weltordnung dank-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "692", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.2", "texte": "bar sind, daß sie heute und nicht in früheren Jahr-\nhunderten zu leben haben. Für Menschen, die\nsich in Sehnsucht nach der Renaissance oder nach\ndem Rokoko verzehren, schreibe ich nicht. Es\ngibt solche Menschen. Sie weisen immer auf die\nvergangenen Jahrhunderte, in denen Maler und\nBildhauer Entwürfe für den Handwerker geliefert\nhaben. Sie weisen auf die Renaissance, in der die\nMenschen aus Krügen tranken, in die eine ganze\nAmazonenschlacht modelliert oder geschnitten\nwar. Sie weisen auf Salzfässer, die wie ein Schiff\naussahen, das von Tritonen gehalten und wo das\nRuder als Salzlöffel verwendet wurde. Unmo-\nderne Menschen. Und sie liefern Entwürfe für das\nHandwerk. Oder sie modellieren, wenn sie zu-\nfällig von ihren Eltern auf die Bildhauerschule ge-\nschickt wurden, gleich alles selber.\nWollt Ihr einen Spiegel? Hier ist er: ein\nnacktes Frauenzimmer hält ihn. Wollt Ihr ein\nTintenfaß? Hier ist es: Najaden baden um zwei\nFelsenriffe. In einem ist Tinte, in dem andern\nStreusand. Wollt Ihr eine Aschenschale? Hier\nist sie: eine Serpentintänzerin liegt vor euch aus-\ngebreitet und an ihrer Nasenspitze könnt Ihr euch\ndie Zigarrenasche abstreifen.\nIch fand das nicht gut. Und da sagten die\nKünstler: Seht, er ist ein Feind der Kunst. Aber\nnicht, weil ich ein Feind der Kunst bin, fand ich\nes nicht gut, sondern, weil ich die Kunst gegen\nihre Bedränger in Schutz nehmen wollte. Man\nhat mich aufgefordert, in der Wiener Sezession\nauszustellen. Ich werde es tun, wenn die Händler\naus dem Tempel vertrieben sind. Händler0 Nein,\nDie Prostituierer der Kunst.\nWendet euch von den Propheten der Renais-\nsance. Liebt Eure modernen Gegenstände. Seht\nden herrlichen Spiegel! Konnte die Renaissance\nein Glas hervorbringen, das ein weißes Taschen-\ntuch mit derselben Reinheit und Frische reflek-\ntiert? Seht das herrliche Tintenfaß! Wie der\ngroße geschliffene Kristallglaswürfel funkelt und\ngleißt. Es kann nicht umfallen; es kann nicht.\nSo schwer, so fest steht es auf dem lisch. Wie\nsicher man sich fühlt! Es kann nicht umfallen.\nSeht die herrliche Aschenschale! Eine große\nGlasschale, mit Silber montiert. Wasser ist darin,\num die glühenden Zigarrenreste sofort auszu-\nlöschen. Die silberne Montierung hat Einbuchtun-\ngen, in die man die brennende Zigarre legen kann.\nHat die Renaissance so herrliche Dinge aufzu-\nweisen? Freut Euch, freut Euch, Ihr Menschen\ndes zwanzigsten Jahrhunderts!\n*\nIn den Auslagen sieht man Tiere aus weißem\nPorzellan. Gelbe oder blaue Flecke unter der\nGlasur geben ihnen einen charakteristischen\n„Chic\". Sie sind hübsch, diese Kopenhagener\nArbeiten. Die eingerollte Katze. Oder die beiden\nHündchen, die sich an einander drücken. Mir ge-\nfallen sie ungemein —in den Auslagen. Denn —\nwie merkwürdig! — ich wäre in Verlegenheit,\nwenn mir eins davon geschenkt würde. Ich würde\nes in meiner Wohnung nicht zur Schau stellen.\nGewiß: die Besucher kommen und sagen: Ah!\nKopenhagen! Das macht einem Freude. Wie es\neinem Freude macht, wenn man eine Zigarre an-\nbietet und den Ruf vernimmt: Bock Imperiales!\nZwei Kronen das Stück! Denn diese Freude ist\nteuer erkauft. Den ganzen Tag muß ich mich von\ndem Vieh anglotzen lassen. In seiner perfiden,\nhumoristischen Weise. Dazu bin ich nicht immer\nzu haben. Dafür bin ich nicht immer gestimmt.\nIndifferente oder große Dinge will ich in meinem\nZimmer sehen. Korbfauteuils oder Reproduktio-\nnen Klingers. Oder die witzigen Erzeugnisse\nfrüherer Jahrhunderte. Vieux Saxe. Die greifen\nnicht mehr in mein Leben. Die sind durch ein\nJahrhundert von mir geschieden.\nDie altdeutschen Sprüche an den Wänden sind\nwir jetzt glücklich los. Aber wenn nun die „an-\ngewandten Künstler\" kämen und sagten: Schafft\n.moderne Sprüche! ich sage: Nein, gar keine\nSpruche! Mit Witzblättern werde ich mir nicht\nmein Zimmer austapezieren. Dafür weiß ich mir\neinen anderen Ort.\nKopenhagen macht auch Blumenvasen. Blu-\nmenvasen ist nicht das treffende Wort. Vasen\nist vielleiclt richtiger gesagt. Denn diese Vasen\nwirken besser, wenn keine Blumen darin sind.\nBlumen will ich im Zimmer haben, aber mit den\nraffinierten Kunsterzeugnissen dieser Richtung\nkönnen sie nicht konkurrieren. In Bunzlauer Ge-\nschirr kommen sie besser zur Geltung. Das fühlt\nJeder. Und daher sieht man die Kopenhagener\nVasen immer leer.\nIch glaube, die Zeit wäre nun glücklich vorbei,\nwo sich das Stürmen und Drängen der Menschen\njn Gebrauchsgegenstände verkroch, die unbenutz-\nbar waren, in Bierkrügel, aus denen man nicht\ntrinken, in Schusterhämmer, mit denen man nicht\nStifte einschlagen konnte. Der moderne Mensch\nhat andere Mittel, seine Ueberschüssigkeiten los\nzu werden Einmal wachte ich fröhlich auf. Mir\nhatte geträumt, das ganze Kopenhagener Getier\nsei toll geworden und müsse dem Kopenhagener\nWasenmeister übergeben werden.\nManche Leute sagen mir nach, daß ich Ge-\nschmack besitze. Wenn man einmal in diesen Ruf\nkommt, wird man von den Leuten gern bei ihren\nEinkäufen mitgenommen, So bat mich eine Dame,\nmit ihr in die Sezession zu gehen, um ihr beim\nEinkauf zu helfen. Zimmerschmuck. Geld spielte\nkeine Rolle. Aber groß durfte es nicht sein. Ich\njiet ihr zu einem kleinen Marmorblock von Rodin.\nEin herrliches Antlitz entrang sich mühsam dem\nStein. Die Dame besah das Stück von allen Sei-\nten. Sie wurde verlegen. Dann sagte sie: Wozu\ndient das? Nun war es an mir, verlegen zu wer-\nden. Das merkte sie. Und sie sagte: Sehen Sie,\nHerr Loos! Sie sind immer so gegen Gurschner\nund die anderen. Aber bei denen weiß ich doch,\nwas sie wollen. Kann ich an diesem Stein Streich-\nhölzer anzünden? Und wennschon! Wo soll ich\nsie hinlegen? Kann ich eine Kerze dranstecken?\nWo ist die Vorrichtung dafür? Kann ich Asche\nabstreifen?\nWie sagte ich doch vorhin: Prostituierer\nder Kunst!\nDas Kapitel vom Triiken, der Schluß des Vortrags,\nden Adolf Loos im Verein für Kunst hielt.\n\nGegen Karl Scheffler\nVon Lothar von Kunowski\nKarl Scheffler hat im Novemberheft von\n„Kunst und Künstler\" einen Aufsatz veröffentlicht\nüber meine kunstpädagogischen Bestrebungen, über\ndie Gesamtleistung Gertruds von Kunowski und\nüber die Ausstellung meiner Kunstschule und des\nstaatlichen Zeichenseminars in Düsseldorf.\nDas ist keine Kritik. Das ist die Ekstase eines\nRomanschreibers. Wer dieses Hirngespinst liest,\nwird niemals glauben, daß Scheffler unsere Aus-\nstellung überhaupt besucht hat. Was deren sechs-\nhundert Arbeiten darstellen, erfährt man nicht.\nFernstehende müssen mich für einen Verrückten\nhalten, wenn sie diesen Unfug lesen.\nWer ist Karl Scheffler? Der Redakteur von\n„Kunst und Künstler\". Er besitzt also eine Platt-\nform, auf der er jedem, den er nicht mag, mit der\nFaust ins Gesicht hauen kann. Diesmal wählte er\nsich für seinen Angriff im besonderen eine Frau.\nGertrud von Kunowskis Jugendwerk von zwei-\nhundertfünfzig Arbeiten war mit einem Federstrich\nzu tilgen. Vorsichtigerweise hatte Karl Scheffler\nschon vorher Doktrinen und Maximen verbreitet,\nweiche aller Welt die Unfähigkeit der Trau zur\nKunst plausibel machen sollten. Mit diesem Hirn-\ngespinst glaubt dieses Männchen die geduldige\nArbeit einer Künstlerin in mehr als zehnjährigem\nWerk diskreditieren zu können. Er nennt dieses Oe-\nsamtwerk „frauenhaft eng\".\nWer ist Karl Scheffler? Ein fleißiger Bureau-\narbeiter, der mit Schriften über moderne Kunst auf-\ntrat, als der Hauptsturm längst vorüber war. Ge-\nduckt hinte seinem Büchergestell, auf dem gewiß\nauch meine fünf Bände „Durch Kunst zum Leben1'\nund „Unsere Kunstschule\" stehen, überfällt er einen\npraktischen Lehrmeister, der rund tausend Arbeiten\nseiner Schule überall in Deutschland ausgestellt\nhat und seit 1901 an die Spitze der Bewegung\nfür feine Talentpflege trat. Am Ende will dieser\nkleine Bureaumensch meine Rolle gegenüber der\nJugend übernehmen. E r will sie unterrichten,\nnachdem er meine Oeistesrichtung als gefährliche\nHerrschsucht des Diktators „Gedanke\" abgetan\nhat.\nWie greift Karl Scheffler mich an? Mit den\nWaffen des Maximendrechslers. Er entwickelt eine\nTheorie, nach der Männer meiner Art unmöglich\nLehrmeister sein können. Dann folgert er aus die-\nsem Prinzip, daß meine Lehren und Unterrichts-\nleistungen nichts taugen — er, der kleine Bureau-\nmensch, der den Sturm gar nicht kennt, der einem\nLehrmeister im Atelier selbst zehn Jahre um die\nOhren pfiff, als es galt, junge Leute zu bilden,\ndie Doktrinen hassen und keinem Lehrmeister\ngestatten zu verknöchern. Er, der Vertreter der\nSezessionsakademiker und ihres Schulfiaskos, will\nmich zum Akademiker stempeln, der ich das ganze\nUnterrichtsgebiet befruchtet habe.\nAhnungslos, ein Brillenträger, ein Schnupfta-\nbaksokrates der Kunst erklärt dieser Feind des\nKunstgewerbes, ohne eine Spur von Sachkenntnis*\nalle Maßnahmen eines praktischen Lehrmeisters itt\nfünfzig Bildergruppen, die Problemstellungen und\nLösungen enthalten, an denen kein junger Künstler\nvorüberkommt, für -— Kunstgewerbe! Mit War-\nnungsschreien will er die in unserer Ausstellung\nstudierende Jugend rasch an diesen Problemen vor-\nüberführen.\nEin Aesthet, der sich an den furchtbarsten\nExempeln verfehlter Sezessionsschule und an deren\nGeschmack berauscht, nicht etwa an der frischen\nJugend, deren Arbeiten für die Sezessionsschule\ngar nicht existieren, stellt sich gespreizt vor mich\nhin, um mir Vorlesungen über „höheren Ge-\nschmack\" zu halten.\nAuf meine Schulbank! Karl Scheffler! Be-\nginne in meiner Vorbereitungsschule zeichnen zu.\nlernen.\n\nGedichte\nVon Hans Ehrenbaum Degele\n\nAber vom Baum der Erkenntnis . . .\nVoll müder Lässigkeit wie eine Dirne\nEnthüllst du langsam deine schlanken Weichen;\nIch aber stütze sehnsuchtsschwer die Stirne,\ndem Traum des Ideals mich anzugleichen.\nDas also war das schwache Ziel der reichen\nNächte voll Singens zitternder Gestirne!\nEin toter Schimmer alltagsfremder Firne\nLebt mir im Geist noch als Erinnrungszeichen.\nNun wird sich endlos oft das Morgen reihn,\nUnd immer wieder werd ich dich genießen,\nLächelnd und zitternd immer, ohne Denken.\nUnd meine Sehnsucht wird nach Sehnsucht schrein,\nDu aber wirst mir nie mehr Sehnen schenken,\nUnd all mein Blühen wird in nichts zerfließen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "693", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.3", "texte": "Schlaflos\nDie Rosen schwammen in dem Blau der Nacht\nWie weißer Vögel wechselnde Gestalt\nUnd lauschten auf des Brunnens Rauschen, das sich\nIns Dunkle ganz zurückgezogen hatte.\nMit seltner Schärfe aber sah der Mond\nAuf das Geflüster des verträumten Laubs\nUnd gab sein Grausen dem Lied der Blumen bei,\nDas heiß und voller Leidenschaften war.\n\nBriefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nBrigitte\nIch war heute als Petz verkleidet im Cafe.\nEin Autolenker hatte mir sein Fell geliehen. In\ndem hinteren Raum saßen die Theaterheimkehren-\nden, der Doktor Loeb mit seiner jungen Frau Des-\ndemona. Auf ihrem holden Mädchenangesicht\nspielt schelmische Dämonie. Am Nebentische de-\nbattierten die Oberlehrer; bei Professor Cohn würde\nich noch heute Latein lernen. In der kleinen Sofa-\necke aber schlummerte Höxter, er läßt lässig die\nFransen über die Augen hängen. Sein antiker Rock\nzerbröckelt schon, aber grünseidene Strümpfe trägt\ner in Lackschuhen. Neben ihm saß Frau Spela leise,\neine heimliche Schnecke, fein zusammengeballt.\nMondscheinfarbene Parkstimmung. Aus dem Zen-\ntrum des Cafes lacht Fritz Lederer-Riibezahl mit\nseiner Frau, die hat einen kühlen, vornehmen Spür-\nsinn und Augentulpen, die blau sind. Und denke,\nOtto Freundlich aus Paris ist hier wegen der Neuen\nSezession, er betrat mit Gangolf zusammen das\nCafe, der kommt immer aus Italien, ob er von Frie-\ndenau oder Florenz anlangt. Caius Majus brummte\nIch einige Male aus meiner Bärenhaut an. Auch\nPechstein mit seinem Indianermädchen sah ich und\nM. Richter mit seiner Römerin. Und die vielen, die\nein- und ausgingen, zuletzt kam unser lieber Direk-\ntor Wauer, der erkannte mich in meinem Gezott,\nich schwitzte aber auch eine ganze Wupper.\nInternationale Postkarte\nSchweigt mir von Rom!\nLieber Herwarth und Kurtchen.\nDaniel Jesus, der König von Böhmen, ist hier;\nich meine Paul Leppin. Er hat einen neuen Roman\ngedichtet, er widmet ihn mir; er schrieb es schon\nvon Prag aus: Liebe, liebe, liebe, liebe Tino. 0,\nwelch eine hebe Ueberschrift, ein Lied. Ich möchte\nviele Leute nun so singen lehren.\nSehr edle Gesandte\nIch, die Dichterin von Arabien, Prinzessin von\nBagdad, Enkelin des Scheiks, ehemaliger Jussuf\nvon Aegypten, Deuter der Aehren, Kornverweser\nund Liebling Pharaos, verleihe dem großen Essay-\nisten Rudolf Kurtz den Elephantenorden mit dem\nSmaragd und die schwarze Krokodilzähnenkette\nerster Klasse.\nCohn reitet, Oesterheld hat sich eine Frau ge-\nheiratet, alles für meine Wupper. Dabei wies\nCohn, (Oesterheld hätte gern meine Essays\ngenommen) mein neues Manuskript ab. Er könne\nsich dafür keinen Apfelschimmel zu dem Rap-\npen kaufen. Ich stand vor seinem Gärtchen wie\nein herausgeworfener Handlungsreisender mit der\nRolle Muster unterm Arm. „Man soll so einen Kerl\nlebendig braten, oder das Genick soll er!\" —\nTrotzdem er hübsch ist; jedenfalls sandte ich ihm\nabends einen Abschiedsvers, daran er sich hof-\nfentlich die Zunge zerriß:\nKelter und Keichsritter,\nBitter riß ich im Gewitter\nIm Ginster vor Ihrem Gitter\nMein Manuskript in Splitter.\nHeute bekam ich mit der ersten Post einen\nBrief aus dem Mäuseturm bei Bingen. Dort\nscheint ein Bewunderer Peter Baums zu wohnen.\nAber, daß der Mensch keinen Spaß versteht!!\nFragt mich dieser Mänsetürmer an, ob Herr Peter\nBaum wirklich ein Herumtreiber ist, er könne sich\ndas gar nicht zusammenreimen bei der Groß-\nzügigkeit und Großfürstlichkeit seiner Romane und\nSchloßnoveilen. Ich hab ihm seiner verständnis-\nvollen Kritik wegen geantwortet: Mein Herr, es\nist mir kein Zweifel, Sie befinden sich in der\nMause. Haben Sie denn noch nicht bemerkt, daß\nmeine norwegische Briefschaft ein Massenlustspiel\nist — allerdings mit ernsten Ergüssen, die bringt\nso der Sturm mit sich. Peter Baum hat mich be-\nsonders gebeten, die Rolle des Herumtreibers in\nmeinem Werk zu spielen, um ganz unerkannt zu\nbleiben: Ich selbst, mein Herr, knüpfte ihm ein\nrotgemustertes Taschentuch um den Hals und\nsteckte ihm eine Schnapspulle in die zerschlissene\nManteltasche. Im wirklichen Leben ist er viel\nlangweiliger, es schmerzt mich, Sie etwa zu ent-\ntäuschen, er sitzt nämlich den ganzen Tag oben\nin seinem Zimmer und arbeitet. Ich verachte\ndas an ihm, auch seine Genügsamkeit, aber er ist\nein lieber, lieber, lieber, lieber Mensch, auch seine\nMama; nur der Johannes, sein Kuseng, spielt den\nBaron auf meiner Drehbühne und ist von Beruf:\nHundefänger.\nHurrah, lieber Herwarth, liebes Kurtchen!!!\nHurrah!\nMeine Zwillingskusinen -Theresen, Therese\nTiergarten, Therese Mattäikirchplatz schenken mir\nzu Weihnachten einen Pelzmantel. Mein heißester\nWunsch. Im Sommer werde ich ihn versetzen,\nschon der Hugemotten wegen.\nJakob van Hoddis der Rabe, ist mit einer\nPuppe durchgebrannt. Immer saß er schon im\nSommer auf dem Sims vor dem Schaufenster bei\nFriedländer in der Potsdamerstraße 21, und\nschmachtete zwischen turmhohen Hüten und Ro-\nsenkapotten das süße Marquisechen an in den\nPfauenpantöffelchen. Eine Seele, die für sechzig\nMark zu kaufen war.\nHerwarth, ich glaube, daß ich dir keinen Brief\nmehr schreiben kann. Als ich heute draußen vor\ndem Cafe saß, überfiel mich ein wildfremdes In-\ndividuum im drohenden Mantel, ganz dicht kam es\nan mich heran, beinah rannte es die Stühle um an\nmeinem Tisch vor Schwung. Ich hörte den Mann\natmen wie Karl von Moor: ich sei eine bodenlose\nSchwindlerin, ich berichte über mich historisch\nfalsch, ich treibe Blasphemie mit meinem Herzen\n— denn unter den vielen, vielen Liebes-\nbriefen im Sturm verbärge ich nur den Unge-\nschriebenen. Ich war zu gerecht, den Mann von\nmeinem Tisch zu weisen, ich ließ ihm sogar eine\nZitronenlimonade kommen und legte ihm sogar\nvon der Platte eine Schillerlocke auf den Teller.\nEr beruhigte sich, aber ich nicht, das kannst Du\nmir glauben, Du und Kurtchen, Ihr beiden kühlen\nSkageraktencharaktere. Ich hasse Dich plötzlich,\nlieber, guter Herwarth, und Dich, Kurtchen auch\nund die vielen Leute im Caf6 und die vielen lieb-\nund hassenswerten Menschen in der Welt! Steht\nIhr nicht alle wie eine lebende Mauer zwischen ihm\nund mir. Und den wildfremden Räuber haßte ich\nauch, dem ich meinen „ungeschriebenen\" Liebes-\nbrief diktierte, bis er unter seiner bebenden Hand\nversengte.\n\nDer Vagabund\nVon Otto Rung\nAls Klerker ins Zimmer zurückkehrte, war der\n'l eetisch gedeckt und der Vagabund stand in der\noffenen Tür. Die Mütze, vom Regen ganz steif, saß\nauf dem einen Ohr. Seine muffigen Kleider verbrei-\nteten einen üblen Dunst; doch Klerker entsann sich,\ndaß die Unlust der Sinne nur eine Illusion ist. Es\nfiel ihm ein, daß er seinen Qast nach seinem Namen\nfragen könne. Und er erfuhr, daß der Mann Jan\nhieß. Einen anderen Bescheid verlangte und er-\nhielt er nicht. Die Geschichte dieses Menschen\nwar unwesentlich wie alles, was über den Augen-\nblick hinausgeht, von Mann zu Mann unwesent-\nlich ist.\n„Setzen Sie sich und essen Sie.\" Er hielt es\nfür richtig, das dieser fremde Wanderer aß, wäh-\nrend noch eine sichere Möglichkeit zu essen für\nihn bestand.\nJan setzte sich nicht, er nahm sein Butterbrot\nund seine Tasse in die Hand und blieb stehen. Mit\nschrägem Blick betrachtete er seinen Wirt: prü-\nfend, mißtrauisch und begehrlich.\nArn nächsten Nachmittag besuchte Klerker den\nSchwager, der soeben vom Kontor nach Hause ge-\nkommen war und dem seine Frau schon Bericht er-\nstattet hatte. Der Schwager war mehr beunruhigt\nals erstaunt, da das, was sein Fassungsvermögen\nüberstieg, ihn nicht in Erstaunen versetzte: „Lieber\nKlerker, was höre ich? Die kleine Therese hat\nihrer Mutter erzählt, daß sich ein fremder Mann\nbei dir einlogiert hat und nicht wieder weggehen\nwill.\"\n„Das stimmt,\" sagte Klerker und setzte sich\nauf das Sofa. „Aber ich weiß nicht, ob er wieder\nweggehen will oder nicht; denn ich habe ihn nicht\ngefragt. Ich gewährte ihm gestern nachts Unter-\nkunft. Im Laufe des gestrigen Vormittags hat er\neinen längeren Spaziergang gemacht, ohne mir zu\nsagen, wohin er ging. Ich hatte ihn beinahe ver-\ngessen. Aber als ich heute morgens wach vurde\nund in den Garten ging, um meine Kletterrosen\nzu beschneiden, sah ich durch das Fenster an dem\nnördlichen Giebel, daß der fremde Mann wieder auf\ndem Rücken auf dem Sofa lag, mit allen Kleidern\nangetan, sogar mit Stiefeln. Ich hatte ihm gestern\nein Paar neue Schuhe gegeben, aber er trug noch\nseine alten durchlöcherten Schnürstiefel an den\nFüßen und muß die meinen wohl versilbert haben.\nDas ist der ganze Zusammenhang, lieber Schwa-\nger.\"\n„Aber das ist ja eine schreckliche Geschichte!\nUnd wo ist er jetzt?\"\n„Jetzt sitzt er im Garten auf einer Bank,\" er-\nzählte Klerker und kraute sich hinterm Ohr. „Er\nsitzt ganz brav da und tut nichts. Seit heute mor-\ngens habe ich nicht mit ihm gesprochen. Da sagte\nich zu ihm: ,Hören Sie mal, ich möchte Ihnen gern\nhelfen. Und ich kann Ihnen ganz sicher im Laufe\nvon einem oder zwei oder vielleicht auch drei Ta-\ngen etwas Arbeit verschaffen.' Das sagte ich ihm\nohne die geringste bewußte Nebenabsicht. Aber er\ndrehte den Kopf herum und sah mich durchbohrend\nan. Und dann sagte er: .Arbeit? Warum sollte\nich denn arbeiten! Sie — Sie selbst arbeiten ja\nauch nicht . . Ja, das sagte er.\"\nDer Schwager zog die Augenbrauen unwillig\nin die Höhe: „Das ist ein starkes Stück! Und was\nhast du ihm darauf geantwortet?\"\nKlerker seufzte: „Ich habe nichts geantwortet.\nWas sollte ich denn sagen? Es war ja wahr! Ich\nhabe mich während der letzten zwei Jahre nur mit\nrecht angenehmen Dingen beschäftigt!\"\nDer Schwager schüttelte den Kopf. Er ver-\nstand diesen Gedankengang nicht, hielt aber Kler-\nker nach wie vor für einen belesenen, klugen Mann\nund ausgezeichneten Denker, der mit seiner Hal-\ntung also im Rechte sein mußte. Auf die Instinkte\ndes Schwagers übten diese Erwägungen jedoch\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "694", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.4", "texte": "keinen Einfluß aus, und sein ausbrechender Zorn\nwuchs immer mehr. Er ging im Zimmer auf und ab\nund stieß die kräftigsten Worte aus, deren er über-\nhaupt fähig war: „Das ist ja zu toll! Das ist ja\nzu tolir\nKlerkers Schwester, die den Tisch deckte,\nsagte nichts, sondern betrachtete den Bruder nur\nmti ihren kalten, ruhigen Augen. Therese, die drau-\nßen auf dem Wege Seil sprang, kam von Zeit zu\nZeit herbei und schaute neugierig durch das offene\nFenster.\nAls Klerker seine Gartenpforte erreichte, stand\ndort der patrouillierende Schutzmann und spähte zu\nden Fenstern des Hauses hinauf. Der Schutzmann\ngriff an den Helm: „Entschuldigen Sie, Herr Kler-\nker, wir haben auf der Wache erfahren, daß Sie\nsich Jan Eriksens ein bißchen angenommen haben.\nAber nun ist die Sache die, daß wir sehr gern ein\nWörtchen mit Herrn Eriksen reden möchten.\"\n„Ja, können Sie denn das nicht?\"\nDer Schutzmann grinste freundschaftlich: „Se-\nhen Sie, wir haben nicht das Recht, in ein Privat-\nhaus einzudringen. Jan Eriksen wollte mir übri-\ngens auch nicht öffnen, als ich ihn vorhin durch das\nFenster anrief. Dort hinter der Verandatür können\nSie gerade auf seinen Scheitel sehen. Aber seien\nSie doch so freundlich, ihn zu uns herauszulassen.\"\n„Was hat Jan Eriksen getan, Herr Jessen?\"\n„Getan? Er hat gar nichts getan. Aber er hat\nkeine Arbeit. Er hat soeben erst zwei Monate ver-\nbüßt, und jetzt hat er sich gewiß wieder aufs Fech-\nten verlegt.\"\n„Ich kann Herrn Eriksen unter keinen Umstän-\nden zu Ihnen hinauslassen, Herr Jessen, erklärte\nKlerker. „Unter keinen Umständen! Ich habe gar\nkeine Möglichkeit und auch kein Recht, ihn irgend-\nwie zu beeinflussen. Aber ich werde ihm gern sa-\ngen, daß Sie hier draußen stehen und auf ihn\nwarten.\"\nSie selbst werden am meisten Unannehmlich-\nkeiten davon haben,\" meinte der Schutzmann. „So-\nlange er sich in Ihrer Villa aufhält, können wir ihn\nnicht anrühren. Aber Sie sollten ein biß-\nchen aufpassen, daß er Ihnen und Ihrem Eigentum\npicht zu nahe kommt. Ich werde dem Leutnant\nMeldung machen.\" Damit grüßte der Schutzmann\njind entfernte sich.\nAls Klerker die Haustür aufschloß, sah er Jan\nim Entree stehen; er hielt einen großen Knüppel in\nder Hand, doch das lange, schwächliche Knaben-\ngesicht war ganz blaß.\n„Schutzmann Jessen,\" sagte Klerker, „hat mich\ngebeten, Ihnen*' mitzuteilen, daß er draußen auf dem\nWeg auf Sie warte. Er kann nämlich ohne meine\nErlaubnis nicht ins Haus kommen. Und ich konnte\nmich natürlich nicht darauf einlassen, ihn mit ins\nHaus zu nehmen. Aber wenn Sie zu ihm gehen,\ndann kommen Sie auf die Wache.\"\nKlerker trat ins Zimmer, während Eriksen im\nEntree stehen blieb; nach einer Weile hörte Klerker\nihn jedoch durch den Korridor in die kleine Neben-\nkammer gehen.\n\nFortsetzung folgt\n\nMit Mutter\nVon Grete Tichauer\nSo saß sie da: die Schultern ganz eingezogen,\nmit der einen Hand auf dem nackten Schenkel\nund der andern am Knie. Die Füße dicht anein-\nandergeschmiegt so daß der eine den andern trat.\nUnd die unreifen Brüste wurden von den dünnen\nOberarmen fast bedeckt. Auf dem Bettrand saß\nsie da des Nachts und dachte und sehnte sich.\nSchließlich hatte sie ganz vergessen, daß die ja\nnebenan schlief, deretwegen sie hier so saß ohne\nNachthemd auf dem Bettrand und dachte. Die\nMütter. Nein, sie dachte gar nicht mehr an sie.\nNun war doch alles andere so gleichgültig; es\nhatte eigentlich gar nichts mehr mit ihr zu tun;\nnun fühlte sie nur noch diese Sehnsucht, als hätte\nnur dieses endlose Sehnen sie beherrscht, wie sie\naufwachte, dieses heiße Gefühl, das immer stärker\nwurde. Erst hatte sie gedacht, daß es von dem\nZank heute abend mit Mutter kam, und hatte ver-\nsucht, um davon abzukommen, sich alles mögliche\nAndere vorzustellen. Aber wie sie an die Straßen\nund Schaufenster oder an die Bilder aus den\ngroßen Mappen im Salon dachte, wurde sie immer\nheißer, und so hatte sie es schließlich nicht mehr\nausgehalten und vorsichtig, ganz leise, daß Vater\njind Mutter nebenan nichts hörten, erst einen\nAermel und dann das ganze Nachthemd abgestreift\nund nackt im Bett gelegen. Und nun saß sie\nschon eine Ewigkeit so auf dem Bettrand. Sie\nhatte keinen Augenblick geweint wie sonst, wenn\nmit Mutter etwas vorkam. Sie brauchte\nauch nicht wie sonst, wenn sie so von Zorn und\nScham gepackt war, leise vor sich hinzusprechen\nmit Schimpfworten, die sie im Grunde gar nicht\nverstand, ihr Körper zitterte nicht vor Ekel, und\nsie spuckte nicht auf die Erde wie sonst. Was\nsie fühlte, war, daß alles in ihr sich sehnte, sich\nsehnte und sagte: Mutter. Du. Mutter.\nSo mußte es sein. Sicher. Nun wußte sie es.\nUnd nun sollte eine ganz, ganz neue Zeit kommen.\nDas war ihre Mutter, die da lag auf dem\nKirchhof. Diese Frau nebenan, diese robuste\nFrau, bei der alles breit und hart war, mit dem\nsträhnigen Haar, hatte gar nichts mit ihr zu tun.\nUnd Vater hatte sie verraten. Richtig verraten.\nWarum mußte sie „Mutter\" sagen zu der Frau mit\nden kurznägligen Händen — all dies hatte sie\nvorher nie zu denken gewagt, denn sie hatte nie\netwas anderes sagen hören, als das die Frau ihre\nMutter sei. Ihr ganzes Leben lang wurde ihr das\nvorgeredet. Alle hatten es gesagt. „Denk doch,\nes ist ja deine Mutter.\" Und sie konnte sich auch\nnicht erinnern, je eine andere um sich gesehen\nZU haben. Aber eins wußte sie genau: daß die\nFrau ihr stets wie eine Fremde vorgekommen war.\nAls ob sie beide nichts gemeinsam hätten. Dann\nfingen die Jahre an, wo die Frau ihr so merklich\nweh tat, mit allem, allem, wenn sie aß, mit jeder\nBewegung, wenn sie ins Zimmer kam des Mor-\ngens, sie zu streicheln und zu wecken, wenn sie\nsich des Abends auszog. Denn oft hatte sie sich\nan die Tür gestellt und durchs Schlüsselloch ge-\nsehen, immer wieder die Qual dieser Bewegungen\nerduldet; wie sie im Unterrock aussah, und daß\nsie die Strümpfe bis zuletzt anbehielt. Oft hatte\nsie so an der Tür gestanden, war nicht einge-\nschlafen, wenn sie ins Bett ging, um zu warten,\nbis die nebenan so weit war. Und jedesmal die-\nselbe Qual. Dann war sie stets unglücklich ins\nBett gekrochen und hatte sich geschämt und ge-\nweint, und in ihren Ohren klangen deutlich die\nWorte der andern: „Denk doch, es ist ja deine\nMutter.\" „Mutter.\" Schließlich hatte die Mutter\nja so viel für sie durchgemacht, und alles von\nihrem Körper hatte einst ihr gehört. Daß sie\neinmal so in ihrer Gewalt war, richtig gefangen\nvon ihr.\nNun wußte sie es.\nManchmal hatte sie schon der Gedanke ge-\nstreift, daß sie vielleicht gar nicht das Kind dieser\nFrau war. Dunkle Erinnerungen, sonderbare\nBlicke und Zärtlichkeiten von Vater, und dann\ndieses Fremdsein, dieses gänzliche Nicht-Zusam-\nrnengehören, dieser Ekel.\nNun wußte sie es. Alles stimmte und löste\nsich auf. Heute nachmittag hatte sie es entdeckt.\n, Ihre Mutter, die lag auf dem Kirchhof. Als\nsie ganz klein war, mußte die Mutter gestorben\nsein. Nun kamen plötzlich längst verschwundene\nBilder hervor und alles wurde klar für sie, sicher\nund gewiß . . .\nDaß sie eben denselben Namen hatte wie sie?\nSie mußte es sein, es stimmte alles!\nDie andere Frau und die Qual, mit der sie\n;ständig gelebt hatte, der Schmerz., weil alles, was\ndie Frau anfaßte und begann, weh tat, war zum\nersten Mal ganz vergessen.\nDu. Du. Mutter. Du liegst da unten ....\nDaß ich eine wirkliche Mutter habe. Daß sie midi\neinmal getragen hat. — Ihre Hände strichen an\ndem Leib entlang, den sie nun plötzlich lieb hatte.\nAuf den sie nun stolz war, und unter dem sie nun\nnie mehr leiden 'wallte, wie früher . . . Ach,\nfrüher. Du Mutter, das ist alles von dir . . . Und\nin die Höhlen unter den magern Schufterbeinen\nlegte sie die dünnen Finger und sehnte sich.\n*\nMutter Du. Liebe Mutter.\n*\nIm Nebenzimmer wurde Licht gemacht. Man\ndachte, daß das Kind wieder phantasierte.\n„Was ist?\nWas? Du sitzst nackt da? Was soll das\nwieder sein —?\n*\n„So, nun schlaf schön und sei vernünftig. Gute\nNacht!\"\nNur schnell zum Waschtisch, um den Kuß ab-\nzuwaschen, abzureiben, den sie auf die Stirn be-\nkommen hatte.\n*\nSüße Mutter, nun trage ich dich in mir; ick\nbin so ganz, ganz von Dir. Und wenn ich jetzt\nnicht mit dir sprechen kann, dann denke ich mit\nDir, Mutter.\nUnd ihr schlanker, magerer Mädchenleib zit-\nterte vor Sehnsucht, und in dem gereizten Hin*\nkrochen Vorstellungen über halbwache Gedanken,\nund ihre Sehnsucht färbte die unerkennbaren\nTraumbilder und gab ihnen Töne, und deutlich\nklang unter all dem Gewirr nur das Wort „da\nunten\" hervor.\nAls sie am nächsten Morgen geweckt wurde,\nlag sie mit dem Oberkörper weit über dem Bett\nhinaus, und es war, als ob ihre Finger sich in den\nFußboden graben wollten.\n* *\n*\nDer Sanitätsrat meinte, daß diese Sache bei\nso großen, magern Kindern in dem Alter häufig\nvorkomme, das von gestern sei allerdings äußerst\nbedenklich. Aber mit einer strengeren Maßregel\nsolle man vielleicht lieber noch warten; vorläufig\ngenüge das, was er auf dem Rezept aufschreibe.\n* *\n*\nSie wußte es jetzt sicher. Gefragt hatte sie\nkeinen. Sie wollte ein paar Mal versuchen, durch\nAndeutungen Vater verlegen zu machen. Sie\nschämte sich immer zu sehr, und es war ihr auch\njganz unmöglich, ein Wort von all dem laut aus-\nzusprechen. Wenn sie es sich ganz fest vorge-\nnommen hatte, es doch zu tun, mußte sie es im\nnächsten Augenblick aufgeben und tat, als ob sie\ngar nichts besonderes vorgehabt hätte. Genau so\nwie früher. Auch zu der Frau. Sie hatte jetzt ihr\neigene« Reich. Das war ihr Leben dort, und hier\nzu Hause spielte sie nur.\nSo oft sie konnte, ging sie zum Kirchhof.\nZuerst hatte sie es nicht gewagt. Zuerst stand\nsie nur am Grab und redete mit ihr.\nDoch einmal, als kein Mensch zu sehen war\nauf dem ganzen Kirchhof, hatte sie den Erdboden\ngestreichelt.\nSie hatte solche Sehnsucht nach eine Kuß, nur\neinen einzigen — aber ihr Mund war so unrein:\ndie Frau zu Haus küßte ihn jeden Tag, sie träumte\nvon einer Heiligung des Mundes wie die des Pro-\npheten Jesaias. Das einzige, was in letzter Zeit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "695", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.5", "texte": "Otto Moeller / Am Nachmittag / Holzschnitt\n\nvon all dem, was sie im wirklichen Leben gehört\nfeatte, Eindruck auf sie machte.\nDoch ein nächstes Mal konnte sie es nicht\nmehr aushalten; einen Augenblick lang blieb die\nBesinnung, das Gefühl der Unreinheit, die Erinne-\nrung an die Frau zu Hause, alles, alles fort, nur\ndie Sehnsucht nach der Mutter beherrschte sie\nunaufhaltbar und füllte sie ganz aus, bewegte\njeden Nerv Sie mußte etwas von ihr haben, und\nso legte sie ihren Kopf tief in die Levkojen.\n☆\nDann pflückte sie eine Handvoll Blumen ab,\nversteckte sie unter dem Kleid und rannte nach\nHaus.\n*\nBeim Abendbrot war sie genau wie sonst.\nEbenso blaß und sommersprossig wie gewöhnlich\nsaß sie bei Tisch, sah auf ihren Teller wie immer\nund aß schnell und ohne hochzublicken. „Warum\nsie bloß stets so verbissen ist,\" dachte der Vater.\n„Als ob sie ständig ein schlechtes Gewissen hat.\"\nUnd als sie ins Bett geschickt war, unterhielt man\nsich darüber, ob es nicht vielleicht das beste wäre,\nsie in eine Anstalt oder ein Sanatorium für wil-\nlensschwache Kinder zu schicken. Der Arzt hätte\nauch einmal davon gesprochen.\nDerweile lag sie in ihrem Bett und legte die\nkühlen Blumen auf ihren Körper, der eiskalt war\nvor Wonne und Sehnsucht. Was sie jetzt spürte,\ndie Wärme, die von den Blumen auf ihren Körper\nlangsam überging, war nichts anderes als sie, die\njetzt bei ihr lag, ganz körperlich bei ihr und sie\nberührte und streichelte. Und sie legte die weißen,\nweichen, zarten Blumen auf den Hals und den\nRücken und auf beide Brüste. Alles sollte Anteil\nhaben an ihr.\nJede Nacht war Mutter jetzt bei ihr.\nAm Morgen legte sie die welken Blumen in\nein Kommodenfach, das sie ausgeräumt hatte, und\nin dem sie nun tote Blumen aufhäufte. Jede war\nihr eine ganze Nacht von Liebe und Seligkeit und\nein Stück Mensch, der lebte und ihr, ihr gehörte.\nAls die Levkojen verblüht waren, fand sie\neines Nachmittags Astern auf das Grab gepflanzt,\ndunkellila und weiße Astern, Dicht und voll,\nebenso wie vorher die Levkojen. Da konnte\nkeiner merken, daß sie jeden Tag ein paar nahm.\nAls sie ein Kirchhofsgärtner einmal fragte, warum\nsie jeden Tag hinkäme, sagte sie, ohne darüber\nnachdenken zu müssen, ohne je darüber\ni achgedacht zu haben, daß eine Freundin von ihr\ngestorben sei, und zu Haus merkte kein Mensch,\ndaß sie jeden Tag zum Kirchhof ging, denn sie\nschlich sich immer fort, wenn die Frau nach Tisch\nschlief. Sonst kümmerte sich keiner um sie.\nSie war das glücklichste Menschenkind.\n* *\n*\nEines Abends lag sie im Bett, und Mutter war\nbei ihr und streichelte sie und faßte sie bei der\nHand und erzählte sich mit ihr, und sie küßte\nMutter und sagte: „Du sollst nicht von mir fort-\ngehen.\" Und sie merkte gar nicht, daß die Tür auf-\nging, und die Frau hereinkam.\n„Schläfst du schon? Ich wollte nur nach dir\nsehen. Nein, du mußt aber die Arme auf die Bett-\ndecke tun. — Was, du liegst ohne Nachthemd im\nBett? Und- Blumen? Was willst du denn damit,\ndu bist wohl ganz verdreht?\"\nLicht wurde im Zimmer gemacht — es war so\nschrecklich alles, und es tat ihr so weh. Jedes\nWort. Jede Sekunde.\n*\nUnd nachher lag sie auf dem harten Bett —\nwie sehnte sie sich nach weichen warmen Federn,\naber die gab ihr die Frau nicht, trotzdem sie so\noft schüchtern gebeten hatte, und trotzdem alle\nandern warm und weich schliefen. — „Schämst\ndu dich nicht?'' hatte die Frau gesagt. Warum\nsollte sie sich schämen? Weil jemand versucht\nhatte, in ihr Reich zu sehen. Nur versucht. Und\ndann war sie so grenzenlos traurig, denn die Frau\nhatte, als sie hinausging, drei Astern in der Hand\nmitgenommen, drei süße zerdrückte Astern\nund nun fühlte sie es so, als hätte man Mutter\nweh getan, und als wäre sie weit von ihr fort.\nDie ganze Nacht fror sie und weinte, weinte\nund fror, und wieder verschlangen sich halbwache\nTraumbilder zu wüsten unerkennbaren Phanta-\nsieen, zu rätselhaften Gebilden wie damals in\njener Nacht, als sie Mutter gefunden hatte, hi\nder glücklichen Nacht. Und ebenso wie damals\nsehnte sie sich unendlich, nur trostlos jetzt: denn\nsie war es nicht mehr gewöhnt allein in dem kal-\nten, harten Bett zu schlafen, und zum ersten Mal\nfühlte sie sich unheimlich und fürchtete sich in\ndem dunklen Zimmer\n* *\n*\nNun sagte der Sanitätsrat auch, daß es höchste\nZeit wäre, sie in eine Anstalt zu schicken, wo sie\nden ganzen Tag unter Aufsicht sei. Energische\nGüte brauche sie. Mit dem Wecken des Scham-\ngefühls allein wäre es nicht getan. Aber er wollte\ngleich an den Leiter eines solchen Kindersanato-\nriums telegraphieren, und dann könnte man sie\nheute nachmittag vielleicht schon wegbringen.\nWarum sie fortgeschickt wurde, darüber\ndachte sie nicht nach. Sie hatte nur den einen\ndumpfen Schmerz, daß sie fort sollte«\nUnd die Frau packte ihre Sachen zusammen\nund räumte ihr Spind aus. In der Kommode blieben\nnur alte Spielsachen und Kinderbücher."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "696", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.6", "texte": "Die ganze Zeit wurde sie beobachtet, keinen\nAugenblick war sie allein. Sie konnte nicht ein-\nmal mehr die Lade Öffnen und Mutter ansehen.\nWenn sie nur noch Abschied nehmen könnte, nur\nnoch einmal den Kopf in die toten Blumen vergra-\nben und den wunderlichen Duft einatmen. Nur\neinen kurzen Augenblick. Nur noch einmal ein\nWort zu Muttchen sagen. Nur „Du\" sagen.\nNun setzte ihr die Frau die Mütze auf und\nzog ihr die Jacke an. Und dann saß sie im Wagen,\nder zur Bahn fuhr, ganz stumpf, blaß und abge-\nstorben; sie dachte nichts mehr; vor ihren Augen\nleuchtete alles rot und dahinter sah sie nur Flecke,\nvon denen sie nicht unterscheiden konnte, ob sie\nunendlich groß oder winzig, winzig klein waren,\nund die sich fortwährend drehten und ineinander\nverschlangen.\nit *\n■*\nAcht Tage später reisten die Eltern denselben\nWeg. Am Morgen hatten sie von dem leitenden\nArzt des Kindersanatoriums ein Telegramm bekom-\nmen, in dem er ihnen mitteilte, daß das vor acht\nTagen eingelieferte Kind schwer und hoffnungslos\nan Gehirnhautentzündung erkrankt sei.\n4c\n*\nAuf dem Gang schon hörte man die hohle stöh-\nnende Kinderstimme.\n„Süße — süße Mutter — warum bist du ge-\nstorben — ich kann — doch nicht — ohne dich\nleben —\"\nVielleicht wäre es besser, wenn die Eltern\ngar nicht mehr hineingingen. Der Arzt wollte\nihnen gern den furchtbaren Anblick ersparen. Es\nwürde sowieso nicht mehr lange dauern. Für eine\nFrau wäre es fast unmöglich, das Entsetzliche mit\nanzusehen.\n„Mutter — ich sehne mich so — kommst nicht\n— Mutter —\"\n*\n„Aber hören Sie denn nicht, Herr Doktor, daß\nich hineinmuß! Hören Sie nicht, wie das Kind\nnach mir ruft! Nein, ich muß hinein, es wäre grau-\nsam, dem Kind nicht das Letzte zu erleichtern.\nHoffentlich erkennt sie mich noch —\"\n\nLebensfreude\nMan wundert sich immer wieder über die Le-\nbensfreude der Einwohner hiesiger Haupt- und\nResidenzstadt. Sie werden zwar immer „mon-\ndainer\" in ihrer Kleidung, immer kunstgewerb-\nlicher in ihrem Heim, immer tiefer in ihrer Lektüre.\nSie verehren Schönherr, Ernst Hardt und Schnitz-\nler, als ob das gar nichts wäre, sie lassen sich von\nBruno Paul einrichten und vergessen nicht, einige\nSchneeballen aus Seidenpapier zur Abwehr der\nFliegen unter ihre elektrischen Kronen zu hängen,\nund sie lassen sich nach Poiret Kleider machen\nund vergessen, ihren Körper entsprechend umzu-\nformen. Wenn die Kleider wenigstens Leute ma-\nchen würden, könnte man heute verhältnismäßig\nglücklich sein. Aber schöne Kleider, die ihnen\nnicht sitzen, und schöne Wohnungen, in die sie\nnicht passen, und schöne Dichter, die sie verstehen,\ndiesen Leuten muß die Metropolrevue durchaus\norganisch stehen. Das sind Träume, die sie leben.\nGeist vom Geist der Herren Freund und Holländer,\nSchultz und Baruch nicht zu vergessen, und Fleisch\nvom Fleisch der Mädchen, die sie lieben. Herr\nSchultz liebt das Dicke mit Gardemaß, er steckt es\nauch durchaus anschaulich in Uniformen aller Waf-\nfengattungen, was sich nebenbei noch patriotisch\nmacht. Und das Publikum ist glücklich. Denn,\nwenn diese Körper Poiretkleider tragen können,\nbleibt Berlins Frauheit diesem Schneider nicht ver-\nloren. Die Schunkelmädchen der Metropolrevue\nmüssen in allen abgetakelten Symbolen schwim-\nmen. Sie rudern mit den Beinen (wegen der Sym-\nbolik), die Baruch und Co. nur in den sieben Far-\nben liebt, die es gibt, sie steuern mit den Händen,\n(wegen der Symbolik), hier liebt Baruch und Co.\nNaturfarbe, sie quietschen mit dem Kehlkopf, den\nihnen ein Qott gab, um uns zu sagen, was wir lei-\nden, und sie klammern sich an die Verse ihres\nDichters fest, den ihnen ein Qott gab, um ihnen\nzu sagen, was ihn erfreut. Spaß muß sein. Auch\nBildung. Deshalb sprechen die Damen in jenem an-\ngenehmen Schillerpathos, das man nur durch einen\nregen Besuch des königlichen Schauspielhauses in\nBerlin erwerben kann. Auch die Solisten besitzen\nes. Die Herren Baruch & Co. werden außerdem\nimmer poetischer. Früher genügte ihnen eine jrar-\nbenorgie, mit allen sieben Farben, die es gibt, jetzt\ndenken sie nicht mehr daran, es unter zwei Far-\nbendichtungen zu machen, mit allen sieben Farben,\ndie es gibt. Man muß das „Palais der Träume\"\nund den „Farbentraum\" gesehen haben, um zu wis-\nsen, was den Herren Baruch & Co. im Schlaf alles\neinfallen kann. Das muß man wissen. Denn man\nmuß die Metropolrevue gesehen haben. Wenn\nihnen schon diese Träume ein Leben sind, so bleibt\nnicht auszudenken, was das Leben ihnen für Träume\ngeben mag. Aber den Seinen gibt es der Herr\nSchultz im Schlaf. Fritzy Massary hat diese\nBühne verlassen und es bleiben ihr nur noch zwei\ngute Geister übrig. Josef Qiampietro und\nM a d g e L e s s i n g. Zwei wirkliche Künstler.\nNur der Charme, die Grazie, und das große Kön-\nnen ihrer Tänze machen den Abend im Metropol-\ntheater möglich. Wenn die Madge Lessing nicht\nvorhanden wäre, würde man sich in jedem Akt\nzur Notwehr berechtigt fühlen. Qiampietro ist\nwieder ein Beispiel dafür, daß die Schauspielkunst\nnichts mit irgendeiner anderen Kunst gemeinsam\nhat. Wäre dies nicht der Fall, so müßte selbst eine\nPersönlichkeit wie Qiampietro in diesem wüsten\nSchutt von Dummheit, Albernheit, Geschmacklo-\nsigkeit und kitschigster Sentimentalität versinken.\nElse Kupfer hat viel Temperament, kann gut\nberlinern und gut Walzer tanzen. Das Publikum\nist äußerst verständig. Spricht einer auf der Bühne\nvon Marokko, so ist ihm sofort klar, daß die Ma-\nrokkoangelegenheit behandelt wird, ßpricht je-\nmand von Manuel, so weiß es sofort, daß es sich\num den ehemaligen König von Portugal handelt.\nKurz, man versteht hier erst, wie einfach es ist, eine\nSatire zu schreiben: indem man sie einfach nicht\nschreibt, sondern durch Erwähnung von Tatsachen\nes dem Publkum überläßt, sich selbst satirisch an-\nzuregen. So wird niemand verletzt. Monarchist\nund Demokrat, Christ und Jude, arm und reich,\njeder wird auf die Faeon selig, die den Verfassern\nversagt blieb. Was der Verstand der Verständigen\nsieht, braucht nicht erst gestaltet zu werden. Bil-\ndung ersetzt jede Kunst. Wozu gestalten, wenn\nman vor Gebildeten träumt.\nTrust\n\nDresden und Budapest\nJ. A.\nDie Gesellschaft für Verbreitung von Volks-\nbildung hat in Dresden eine Jubelfeier begangen.\nSie ist es ja auch, die das Denkvermögen der\nMasse bis zu jenern Bildungsgrad heben will, der\nweder wann noch kalt ist, und die den Mann aus\ndem Volke über Hintertreppen in das Arsenal der\n„Macht des Wissens\" lockt. Ist es auch nur\neine magere Kost, die diese Gesellschaft „studier-\nter Herren\" dem bildungshungrigen Volke verab-\nfolgt, so beging sie doch eine Jubelfeier und gab\nsich selbst ein Festmahl.\nBei ihm wurde ein Hymnus auf Dresden\nvorgetragen, der den „Altmeister\" der deutschen\nFamilienblattpoeten, Albert Traeger, zum Verfasser\nhat:\nIm alten Lande Sachsen,\nDer echten deutschen Mark,\nDie schönen Mädchen wachsen,\nUnd Männer, treu und stark.\nMit reichem Schmuck behangen,\nIn Schönheit mitten drin,\nThront dort mit sanftem Prangen\nDie holde Königin.\nSachsen sollte nicht etwas als Königin feiern,\ndas bedeutend und stolz und von Bestand ist.\nAber Traeger hat eben während der Abfassung\ndes Liedes der Toselli nicht gedacht.\nDresden ist: die holde Königin.\nDresden, du Städteblüte\nIm deutschen Vaterland,\nWie auch das Wetter wüte,\nHalt wacker immer stand,\nDaß nimmerdar erbleiche\nDein frühlingsfrischer Glanz,\nFest um die deutsche Eiche\nSchlingt sich dein Rautenkranz !\nDresden ist: die Blüte im Rauterikranz!\n* * *\nDer „größte Regisseur aller Zeiten\" durcheilt\neinem fliegenden Holländer gleich die\nhalbe Welt. Die Berliner Theaterkritiker werden\nganz sentimental darüber. Statt in Berlin zu blei-\nben, um den verblassenden Glanz des Deutschen\nTheaters aufzufrischen, treibt er im Herumziehen\nHandel mit King Edipus Inscnierungen. So war\ner auch nach Budapest gekommen. Er hat dort\nmit Eingeborenen seinen Sophokles einstudiert.\nAus jenen Tagen erzählt das „Neue Pester Jour-\nnal\" eine „hübsche Episode\", die sich während\nund nach der ersten Edipus-Vorstellung zugetra-\ngen hat. Mitten im spannendsten Augenblick er-\nhob sich Hundegebell hinter der Szene. Die Leiter\nder Vorstellung erblaßten vor Schreck und Wut\nüber die Störung der Stimmung, in die das atem-\nlos dasitzende Publikum versetzt wurde. Rein-\nhardt selbst geriet in die höchste Aufregung, und\nverzweifelt die Hände ringend, stürzte er auf Di-\nrektor Beöthy und seinen Regiestab zu mit dem\nherzzerreißenden Ruf: Um Gotteswillen,\nder Hund soll nicht bellen! Der Hund soll nicht\nbellen! Ratloses Hin- und Herlaufen, aber es\nnützt nichts. Der Hund, ein riesiger Bullenbeißer\ndes Tierdresseurs Henricksen, bellte in seinem\nBretterverschlag unverdrossen drauf los. Endlich\nhatte Beöthy einen rettenden Gedanken. Er ließ\nvom Zirkushofe einen jener Stadtwäldchenlungerer\nholen, die man gemeinhin mit dem Namen „Jaß\"\nbezeichnet. Dieser erbot sich, den Hund gegen ein\nHonorar von zwei Kronen zum Schweigen zu\nbringen.\"\nEr bekam das Geld und holte aus einem nahen\nRestaurant für einige Heller Speiseabfälle. Ser-\nvierte sie dem Stimmungszerreißer und trium-\nphierte. Der Köter hatte das störende Bellen\neingestellt. Doch „als das Publikum den Zirkus\nverließ, befand sich Beöthy im Gewühl der ab-\nziehenden Menge, die an dem Gesehenen ihre Kri-\ntik übte. Und da hörte er folgende kritische Be-\nmerkung: „Das schönste Regiemoment Reinhardts\nwar doch das kleine Detail, als in der verlassenen,\nvon der Pestfurcht entvölkerten Stadt die herren-\nlosen Hunde so schauerlich bellten.\"\n„Doch beim Souper, das nach der denkwür-\ndigen Vorstellung stattfand, erzählte Beöthy das\nerhorchte Gespräch dem glückselig dasitzenden\nReinhardt. Der zog die Stirn in gedanken-\nvolle Furchen und sann einige Augenblicke\nnach. Dann sprach er mit blutigem Ernst\nzu Beöthy: „Geben Sie dem „Jaß\" morgen wieder\nzwei Kronen. Aber der Hund soll bellen.\"\nIch hätte an Stelle des Jaß den Hund losge-\nlassen, damit er den blutigen Ernst, diese wirklich\nrotgeschminkte Pose, auch zerreiße.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "697", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.7", "texte": "Verlag Der Sturm Halensee / Verantwortlich für die Anzeigen: Edmund Haner\n\n! tail! farKonst\nAchtes Jahr\nAutoren-Abende\nMitgliederbeitrag 15 Mark\nDen Mitgliedern steht\nder Besuch von sechs\nAbenden auf Platzen\nzum Kassenpreis von\nM. 3.— zu, sowie der\nkostenlose Jahresbezug\nder Wochenschrift Der\nSturm. Fur alle wei-\nteren Abende zahlen\ndie Mitglieder halbe\nKassenpreise\nGeschaftssieiie des V. 112. K.\nHALENSEE / Katharinen - Strasse 5\nVierter Abend\nam I Dezember\nabends 8 Uhr\n:: Architektenhaus ::\nWilhelmstrasse 92/93\nAlfred DBblin\nVORLESUNG\naus eigenen Dich-\ntungen\nKarten M. 5, 3, 2, 1 bei\nA. Werthelm, Konzertkasse\nund bei Reuss und Pollack\n\nLes Horses\n5 rue Chaplal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzo-\nsische Original der T age-\nfa u cher Flaubert s, deren\nUebertragung in Deutschland\nverboten wurde.\nLi' Effort\nHalbmonatsschrift\nffir moderne Kultur u. fran-\nzosische Sezession in den\nKunsten und in der Literatur\nHerausgeber und Schriftleiter\nJEAN RICHARD BLOCK\nJahresbezug fur das\nAusland: Mark 6.—\nPOITIERS (Vienne)\nFrankreich\n\nLes Sahiers dii Centre\nMonatsschrift fur Soziologie\nGeschichte, Kunst\nund Liieratur\nGegrGndet von Paul (Sornu\nHerausgeber und Schriftleiter\nHENRY BIIRIOT\nIn den Cahiets du Centre\nerschienen Werke von Jules\nRenard, Charles-Louis Philippe,\nMarguerite Audoux, Emile Guil-\nlaumin, Romain Roiland, Andre\nSpire, Henri Bachelin, Valeri\nLarbaud, Rayrnon Datsiles\nu. a. m.\nJahresbezug furs Ausland:\n4,80 (Luxusausg. 9,60 M.)\nProbeheft p, egen Eia-\nsendung von 50 Pfg.\nVERLAG u. REDAKTION;\n16, Boulevard Chambonnet,\nMOULINS (Allier) Fran'-reich\n\nElse Lasker-Schuler\nMeine Wunder\nGedichte\nPreis in van Geldern-Biitten gebunden\nDrei Mark\nDreililien-Verlag Karlsruhe und Leipzig.\n\nHr Theateriieferanten Jg\nnfo\nm\nDie besten der Welt\n•»-\n*Vvi\nOeors Aston Win SB\nFriedrichstr. 49 a\nVielfach pr&miiert Gegrundet 1876\nIllustrierter Preis - Katalog franko\nPerucken fiir Theater und\nStrasse sowie samtlicher\niiaararbeiten in naturgetreuer Ausfiihrung\nWJkZ: W •••'. i -\nThenteMnen\nliefert und verleiht\nG. m.\nb. H.\nMinuth\nBerlin 26, IV 4612\nOranienstraßG 6\n\nAusstellungen, Salons\nKunsthandlungen etc.\nCASPER'S Kunst-Salon\nEintritt 50 Pfennige :: Potsdamer Strasse 19\nNeu ausgestellte GemSlde:\nA. Allard Forain W. Leistikow\nH. Cassiers V. Gilsoul M. Liebermann\nL. Corinth H. Herrmann A. von Menzel\nF. Charlet J. B. Jongkind Bern, de Monvel\nH. Daumier Le Goud-Gerard Monticelli\nSkulpturen von Max Kruse, M Buchanan,\nGrosste Auswahl mod. Graphik fur dekor. u,\nCoutts Michi\nC. Pissarro\nF. Skarbina\nJ. Smits\nF. Thaulow u. a.\nL, Mascre u. a.\nSammelz wecke\n\nmsaa^^sss^^j^ais^ss^^tsissss^^AVßasisssaassasissis^\nGRAPHISCHES KABINETTJ\nBuch- u. Kunsthandlung, Antiquarian Verlag\n:: BERLIN W 15, Kurfurstendamm 33\nStandige Ausstellung\nmoderner Oraphik\nEINTRITT FREI\nIm Eckhanse, gegenfiber der Se-\nzession, Eingang Grolmannstraße\nIlluslrlert. Katalog u.Prospekte gratis\nAnkauf guter Graphik\nu. illustrierter BQcher\n\nPjftlf 112 fTfll M BERLIN W33\ninl I L ilULrv Oenthlner Sfrage 42\nGegrOndet im Jahte 1878 Feinspiecher Amt VI 752\nFabrik fur Gemalderahmen\nin alien histortschen und neueren Stilarten\nKopien von Rahraen nach alten Meistsrn in Original-Goldtdnungen\nSSmtliehe Vergoidervaren e1 n , Innen - Architekturen6 usw.\nKuast-Einrahmungen\nReparaiuren und Neuvergoldungen aller Gegenst§.nd?, Auf-\narbeiten all. Art. Antiken, ReinigenvonGemaldenu.Stichen\n\nHHT l-ehramtalten - Kur»e\nMai- und Zeichenschule\nStilleben — Landschaft — Portrat\nOtto Beyer am Kurfurstendamm 112 j\n: ——1 Man verlange Prospekte »■'\n\nHolzschnitzen, Modellieren, Zeichnen\nT&glich 9—l Uhr Eintritt jederzeit\nModelliereu iur Architekten taglich von 5—7 oder 7—9 Uhr\nAbendaki taglich 7-9 Uhr Mark —,50\nAtelier Kurfurstendamm 243 parterre gegenuber dem Zoo\nBildhauer Harders Berlin-Charlottenburg\n\nFrledr. Mbslbf Leipzig\nHandelswissen-\nschaftl. Kurse von _ _\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staaUidi\ngepriifte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fiihrender Stellung). Grundliche\nEinfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmannischen Berufes, rationales\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz fiir ein mehr-\niShriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor. T.i\nDas Studium ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsnrachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- und Bllanz-\nTechr.ik, Buro-Praxis sich vorbereiien wollen —\nsowohi fiir junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder fthnliche Schule ab-\nsoiviert liaben, wie fiir ,\nHerren mit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntntssen, r.injatirtg-\nFreiwiliige, Abiturienten, , , , _ . , _\nfur Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktisch tatig w&ren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitera Oder\nvertiefen wollen oder ... .. ~\niur Bankbeamte, Ingenieure, Chemiker, Brauer, Juristen, Nation alokonomen,\nOffiziere die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellschaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, Johannisplatz 5\n\n<w\nKleine\n\nHE — *\nAutoren\nwelche ein belletristisches oder\nwissenschaftliches Buch ge-\nschrieben haben und einen\nVerleger dafur suchen, der es\nnach modernen drucktechni-\nschen Prinzipien ausstattet und\nriihrig vertreibt, helieben ihre\nAdressen (evt. Mannskript) ein-\nzusenden.\nHaosa-Verlag\nfvir moderne Literatur\nund Zeitschriften\nW. 35 Flottwellstr. 6\n■\nmm —\n-mm\n\nVerlag\nmit eigener Druckerei übernimmt\nsorgfaltige Drucklegung von belle-\ntristischen Werken und von Bro-\nschQren jeder Art, sowie Verlag\nund Vertrieb der hergestellten\nWerke mtt individueller Propa-\nganda I Anfragen erbeten unter\nP R Expedilion Der Sturm Halen-\nsee-Berlin / Ruckporto ist beizu-\nfiigen.\n\nHRfflMI\nNoch nie dagewe-\nsener Lach-Erfolg!\nDns Kind\nder Firmn\nmit Anton und Donat Herrn-\nfeld in den Hauptrollen\nVorher:\nSehmerzlose\nBehandlong\nAnf. 8 Uhr Vorverk. 11—2 Uhr\n\nWintergarten\nNovember-Attraktionen:\nHaria Galvany\ndie enthHsiastiseh gefeierte Primadom\ntod der Kfinigliehen Oper in Madrid\nBird Hilloaan 1. Go\nDrahtseifakt\nDr. Angelos\nlebendes\nPorzellan\nThe 4 Readings\nHandvoltigeur®\nLiane d'Ere\nExcentrique\nfranpaise\nand eine Kette\nhervorragender Kunstkr&fte\n\nHMW\n\nReuss&Pollock\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamer Strasse 118 c\nfervspr. t Hwt VI (ttww) 2939\nv..\n\nEdmund M*yer\nBuchhSnfller u. flnfiquar\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamer Strasse 27 b\nFernsprecher Amt VI 5850\n\nDie Fochel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangloser\nFolge\nNummer 336-337\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfennig\nCfberall erhaltlich\nauch auf den BahnhSfen\nWerbeband der Fackel\n50 Pfennig"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "698", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111125-01.1.8", "texte": "Druck von Carl Hause, Berlin SO. 26 Mariannenplatz 23\n\nFR. 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