{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_sha256": "f38ce06317943d2e6101e596f1f46ebd2d80b236c33018b4546add9de9a44477", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/12/02_01/bmtnabg_1911-12-02_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/12/02_01/bmtnabg_1911-12-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "699", "page_fin": "699", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "699", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.1", "debut_caractere": 542, "fin_caractere_exclue": 1029, "texte": "Inhalt:\nLOTHAR und GERTRUD VON KUNOWSKI: Hugo von Tschudi / ALBERT EHRENSTEIN: Ritter Johann des Todes / ALFRED\nDÖBLIN: Maria Empfängnis / OTTO RUNG: Der Vagabund / SIEGMUND KALISCHER 112: Der r eiche Bankier Jakob Oppenheimer / ELSE\nLASKER-SCHÜLER: Briefe nach Norwegen / MICHEL PUY: Die Nachfolger der Impressionisten / TRUST: Sitten: Der Kaiser und Pietsch / Nord-\nland / Der verheiratete Ehebrecher / PETER SCHER: Triumph! / Beachtenswerte Bücher / E. 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KIRCHNER: Akte / Holzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c002", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "699", "page_fin": "699", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.2", "titre_corps": "Hugo von Tschudi", "titre_sommaire": "Hugo von Tschudi", "signature_source": "Lothar ; Gertrud von Kunowski", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "699", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.1", "debut_caractere": 1031, "fin_caractere_exclue": 4458, "texte": "Hugo von Tschudi\nVon Lothar und Gertrud von Kunowski\nEin seltener Mann hat die Reihen der Lebenden\nverlassen, die der deutschen Kunst zum Bewußtsein\nferer Kraft und Selbständigkeit helfen wollen. Er\nsah sich bei seinem Streben genötigt, fast stets\nkinter der Todesgrenze zu bleiben. Er liebte die\nsoeben Gestorbenen und brachte ihre Werke ans\nLicht. Das war eine seiner Eigenschaften.\nIn diesem Punkte fand er auch Nachfolge. Wer\nkürzlich, gestern, vorgestern ohne Anerkennung\ngestorben ist, der kann jetzt sicher hoffen, in die\nReihen moderner Kunst und Kunstbestrebung auf-\ngenommen zu werden. Ganze Heerscharen von\nTotengräbern öffnen frische Särge und geben sich\nden Anschein hochmodern, kühne Neuerer und\nMäcene zu sein, indem sie Lieder vom Leiden,\nStreben und Sterben starker Persönlichkeiten sin-\ngen, die noch gestern unter ihnen waren. Das ist\ndie Taktik der „leitenden\"' Zeitschrift „Kunst und\nKünstler\". Sie lebt von diesem Erbe Hugo von\nTschudis, dem es nicht vergönnt war, den Leben-\nden seine Kraft und Förderung angedeihen zu las-\nsen, so wie er es selbst stets gewünscht hat.\nIch weiß es von ihm selbst, daß er schwer dar-\nunter litt, nicht überall tätig eingreifen zu können.\nIch weiß es aus Stunden leidenschaftlicher Aus-\nsprache zwischen zwei Männern, die jede Minute\nGefahr liefen, mit manchen entgegengesetzten\nKunstmeinungen aufeinander zu prallen. Er war er-\nstaunlich, die Härte anderer Meinung zu vertragen.\nDas ist nur möglich zwischen Männern, die nicht an\nden Grundfesten der Wertschätzung ihrer funda-\nmentalen Leistungen rütteln.\nSeine Hände waren gebunden. Man hat in mo-\ndernen Kreisen viel mehr von ihm erwartet, als ihm\nzu tun möglich war. Aber er förderte im stillen\nmit ganz großartigem Sinn, das heißt ohne Rück-\nsicht auf die Kunstpartei, der er persönlich nahe-\nstand. Er war ein Förderer der Selbständigkeit\ndeutscher Kunst, weil er im Stillen sich\nals eine selbständige Persönlichkeit gegenüber Neu-\nerscheinungen der Kunst erwies. Im Widerspruch\nund gegen die Hauptmasse der Sezessionsmaler\nförderte er unsere Werke und Bestrebungen. Er\ntrat vor neuartige Werke hin, ließ sie auf sich wir-\nken, ohne jemanden zu fragen und handelte danach.\nEr widerstand allen Einflüsterungen und blieb fest\nbei seiner Meinung bis zum Tode.\nAls er sein Amt in Berlin verlassen mußte, war\nfast kein „moderner\" Künstler zur Stelle, an dem\nProtest teilzunehmen, der in einem Heft der „Per-\nsönlichkeiten\" die Stimmen der Besten zu sammeln\nsuchte. Es blieb bei einem Protest der führenden\nKunstschriftsteller. Er war also unter den „moder-\nnen\" Künstlern sehr unbeliebt. Sie ließen der Sache\nihren Lauf, um jetzt nach seinem Tode „kühn\" mit\nihrer Meinung hervorzutreten.\nHugo von Tschudi liebte das eben Keimende,\ndie neue Saat. Die kommende Jugend verehrt und\nrühmt ihn mit Recht. Ihr gehört er an, nicht denen,\ndie keinen Finger rührten, als er sein großes Amt\nan der Nationalgaleric-, anfgehe:: Möge die\nmoderne Kunstwelt an seinem Grabe lernen, daß\nnicht der Mut, an Gräbern zu klagen, den Charakter\nder Persönlichkeit verleiht, sondern daß diesen Lor-\nbeerkranz nur der Mut verdient, der kühn heraus-\nfährt, wenn es gilt, in Augenblicken schwerer\nHemmnis, lebende Kunstkräfte zu befreien, Mär-\ntyrertum nicht erst aufkommen zu lassen, winter-\nliche Eisschollen für die Frühlingssaat zu sprengen.\nNicht das „Schicksal\", sondern diese Art von Mut\nentscheide künftig das ~Drama\" der Kunstent-\nwicklung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c003", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "699", "page_fin": "700", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.3", "titre_corps": "Ritter Johann des Todes", "titre_sommaire": "Ritter Johann des Todes", "signature_source": "Albert Ehrenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "699", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.1", "debut_caractere": 4460, "fin_caractere_exclue": 7700, "texte": "Ritter Johann des Todes\nVon Albert Ehrenstein\nRitter Johann des Todes ritt aus, dem Meere\nzu und fernen Ländern. Sprach zu ihm sein schwan-\ngeres Weib, diese Loudmilla Gamperl (die liebste\nihm, bis sie kein neues Essen und Küssen mehr\nwußte) diese Worte: „Vergebens fährst du aus!\nBleib! Morgen gibts Eichelsuppe und Geselchtes\nmit Spinat ... Du wirst schon sehen!\" In den\nOhren klangs dem Ritter und dann zu noch donner-\ndicken Nebelfernen ritt er, denn Weib-Köchin schien\nihm am Ende.\nRitter Johann des Todes ritt aus. Traf unter-\nwegs einen lieblichen Drachen, der ihm quer in den\nSpeer lief — aus Furcht, auch dieser Ritter könnte\nihn unerschlagen sich zu Tode kriechen lassen.\nLachte Ritter Johann des Todes und gab ihm sein\nheiliges Kraut Sarudsch an die Wunde. Qellt der\nDrache: „Läßt mich Drachen unerschlagen! . . .\nDu wirst schon sehen!\" In den Ohren klangs dem\nRitter und er nahm sichs zum Gedenkmai.\nRitter Johann des Todes, auf seinen Fahrten,\ntraf er die Jungfrau, die alle hundert Jahre aus\ndem Felsen Not hervorschießt. Die Jungfrau warf\nsich dem Ritter ihrer Maidenschaft an den Hals . . .\nLachte Ritter Johann des Todes und gab ihr seinen\nheiligen Knappen Nolpate ans Herz. Redte sich\naus: „Du bist die Jungfrau jeder hundert Jahr!\"\n„Schmähst die Gabe,\" keift sie, „aller hundert\nJahre? Du wirst schon sehen!\" In den Ohren\nklangs dem Ritter und dann zu noch donnerdicken\nNebelfernen ritt er.\n„Das verfluchte Kombinieren alter Speisen in\nneue! — Ich hab es satt! In der Jugend\nschlug ich fünfzehn liebliche Drachen! Ich hab es\nsatt. Und die liebe Jungfrau jeder hundert Jahre:\nist sie schmacker als all die andern Jungfern von\nGewohnheit? — Ich hab es satt! Und alle gellen\n,und keifen sie: Du wirst schon sehen . . . Und ich\nsehe doch meine Zukunft, daß ich keine Zukunft\nhabe, klar und dicht vor mir!\"\n, Ritter Johann des Todes, auf seinen Fahrten,\ntraf er sechs alte Weiber, die das Ziel erreicht zu\nhaben glaubten, indem sie, über den Weg erhoben,\nauf Steinen auf den Köpfen stehend, aus neuen\nFlaschen in neuen Gläsern neuen Branntwein\nsoffen, den echten, reinen, patentierten sogenannten\n„Dolgoruki\". Und sie reichten ihm den Brannt-\nwein. Er erschlug sie, weil sie's Ziel erreicht zu\nhaben glaubten, indem sie, über den Weg erhoben,\n,auf Steinen auf den Köpfen stehend, auä neuen\nFlaschen in neuen Gläsern neuen Branntwein\nsoffen, den echten, reinen, patentierten sogenannten\n„Dolgoruki\". Und die Weiber, sterbend auf den\nKöpfen stehend — alle Sechse keiften: „Du wirst\nschon sehen!\" In den Ohren klang's dem Ritter\nund er nahm sich's zum Gedenkmai.\n«3\nRitter Johann des Todes, auf seinen Fahrten,\nschlug noch viele andere, die — und nicht einmal\nauf die rechte Weis — die Erde nach blauen\nBlumen abgrasten . . . Und im Tode schrien sie\n,alle — er aber lachte bloß —: „Du wirst schon\nsehen!\" In den Ohren klangs dem Ritter und §tets\nzu noch donnerdicken Nebelfernen ritt er.\nRitter Johann des Todes, auf seinen Fahrten,\nerbarmte sich der Herrgott und kroch vom Himmel\n,zu ihm herunter, um ihm das Neue zu sein. Da\nerschlug ihn der Ritter Johann des Todes und\nlach e herzhaft, wie er noch nie gelacht hatte, daß\nder vom Himmel heruntergekrochen war, um ihm\ndas Neue zu sein und dann zu gellen: „Du wirst\nschon sehen!\""}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "700", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 796, "texte": "Ritter Johann des Todes aß Schlangen und\ngute Steine.\nRitter Johann des Todes, auf seinen Fahrten,\nmußte heim, da die Erde zu rund war. Sprach zu\nihm sein schwangeres Weib, diese Loudmilla Gam-\nperl, einen jungen Ritter Johann des Todes an der\nHand haltend diese Worte: „Heute gibts Eichel-\nsuppe und Geselchtes mit Spinat! Was hab ich\ngesagt!\"\nRitter Johann des Todes, ich muß es schon\nsagen, zu ihm kam nicht der Tod und er war ihn\nehrlicher suchen gegangen, als sein Urgroßvater,\nder ewige Jude.\nDer Ritter Johann des Todes, auf seinen Fahr-\nten. freute sich an seinem Tode, dem Neuen: Ritter\nJohann des Todes, auf seinen Fahrten, hängte sich\nauf.\nAus dem Skizzenbande „Tubutsch der — mit zwöif Illu-\nstrationen von Oskar Kokoschka soeben bei Jahoda\nund Siegel, Wi n und Leipzig erschienen ist"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "700", "page_fin": "700", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.4", "titre_corps": "Mariä Empfängnis", "titre_sommaire": "Mariä Empfängnis", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "700", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.2", "debut_caractere": 798, "fin_caractere_exclue": 6036, "texte": "Mariä Empfängnis\nVon Alfred Döblin\nMaria ging bleich und stilläugig durch die\nleuchten niedrigen Gräser.\nHing das Laub hoch und dicht, so schaute Ma-\nria nach einem breitästigen Baume aus, der allein\nhinter einem maschigverwachsenen Qebüsch stand,\nin einem Wäldchen stand, den die Männer mieden.\nDas Grün der Blätter verschmolz mit den seidenen\nDämmerfarben der Luft; dann blühten bronze-\ndunkle, rosenzarte, gelbgetönte oder auch schneeige\nMädchenleiber unter ihm, die sich liebten. Das\nLaub hing dicht und fiel tief hernieder.\nWenn wilder Regen strömte, saß Maria unter\nden Gespielinnen am Fenster ihrer Halle, mit ihrem\nweißen, ins Bläuliche schattenden Gewände, einen\nMandelzweig im Haar; sangen aller Lippen zum\nRegengotte ein Beschwörungslied. Aber sie schrie\nauf vor Glück, wenn sie ein Kindchen sah. Mit lang-\nsamen Schritten ging sie auf das Kindchen zu, hob\nes auf und hielt es, sich setzend, leicht mit den\nKnieen wiegend, im Schoß. Manchmal hielt fie im\nWiegen inne, blickte lange auf die weißen Sonnen-\nstäubchen und den schwerblauen Himmel, schau-\nerte plötzlich zusammen mit den fröstelnden Schul-\ntern und wiegete weiter.\nEin treuer Freund warb um sie; aber die\nJungfräuliche konnte den leise Flehenden nicht er-\nhören.\nAls die Mädchen einmal in sanftem Glück unter\nfenem breitästigen Baum ihre Jugend mit Küssen\nund Umarmen genossen, sahen sie durch eine Blät-\nterlücke am Himmel eine schwarze, unermeßlich\nbreit und riesig greifende Wolkenhand, unentrinn-\nbar Willens gleichsam wie eine Gotteshand. Sie\nsangen unruhig auf, sänftigten sich, flohen schließ-\nlich durch das Laub geduckt auseinander, die wei-\nßen und buntgewandigen, als ein graublaues Licht\nganz hinten am Hügel äugte und immer heller und\nheller und häufiger von der Himmelsschwärze her-\nblickte. Zwischen schwarzen und steifen Baum-\nreihen, die sich zu krümmen und winden begannen,\nflatterten die Gewände vor dem Wind. Dem\nFreunde, der Maria entgegengelaufen war, nach-\ndem er lange wartend um ihr einsames Haus ge-\nstreift hatte, klammerte sich die Aengstliche, Zer-\nzauste an und ließ seinen Arm nicht. Immer klagten\nund zitterten ihre blassen, verwirrten Blicke zu den\nweitgespannten Wolkenfingern und dem grellen\nLicht hin. Sie fiel ihm, als die Erde zu beben be-\ngann und eine Donnerstimme mit lohendem Purpur\nund Schwefelgelb autbrüllte, tofcbleichen Gesichts in\ndie Arme. In dem dichten Dunkel fuhren Hände\nihr über Gesicht und Haare, sie hörte nach dem\nherrisch befehlenden Donnerschlage heiße Flüster-\nWorte, Er nahm sie hin, die wie ein leichter Äst an\nseiner Schulter hing, mit ganz entspannten Gliedern\nund Zittern.\nDie Gespietinnen tanden sie am Morgen nach\ndem Gewitter starr mit offenen Lippen auf dem\nLager. Ihre schimmernden Augen suchten, als die\nFüße der Mädchen auf der Diele klangen, irr etwas\nin ihrem Zimmer und auf den Gesichtern der Freun-\ndinnen ; sie wollte sprechen, aber mit einem rauhen\nLaut stopfte sie sich ihr Tuch in den Mund und biß\nhart darauf. Oder sie schrie auf und stöhnte lang-\ngezogen, regelmäßig und warf sich hin und her. Nie-\nmand wußte, was in der Nacht geschehen war, aber\nman riet bald, daß der Schrecken des Gewitters\nihre Seele verstört hatte.\nUnd sie pflegten sie, bis sie still wurde, und\nauch den Freund, der immer wieder eindringen\nwollte, ließen sie nicht zu der Kranken. Als sich\ndie Zerwühlte langsam gesammelt hatte und ruhig\nlag, sagte sie endlich heimlich, indem sie den Kopf\nnoch tiefer in das Kissen drückte, wie um sich zu\nbesinnen, mit einem unsicher fragenden Ton in der\nStimme: es sei etwas über ihrem Haus bei Nacht\ngewesen. Und sann dann wieder angestiengt in\nden Kissen nach, sah auffahrend auf die Gefähr-\ntinnen und die stummen Gegenstände itn Zimmer.\nNach einiger Zeit ging sie nun wie eh mit den\nFreundinnen durch die feuchten niedrigen Gräser.\nAber wenn schon sonst ein weicher Ernst über ihr\nlag, so verlangsamten sich jetzt ihre Bewegungen\nimmer mehr, fast feierlich . Ihr Gesicht klärte sich\nmorgenlich, täuschungslos auf. Als sie dem Freier\nzuerst begegnete und die Freundinnen auf ihren er-\nstaunten Blick ihr sagten, wer er sei, sah sie ihm\nnoch lange in das flehende Gesicht und wandte sich\ndann ruhig von ihm ab, anscheinend im Grün der\nhängenden Blätter und am glatten Himmel etwas\nsuchend.\nOefter blieb Maria jetzt vor ihrer Halle sitzen\nin der blauen Luft. Ihre Augen wurden gütiger,\nversonnener, und wenn der treue Freund neben ihr\nstand, so streichelte sie seine Hand, die neben\nihrem Kopf herabhing, und ihre Lippen nannten ihn\nwie früher leise: Freund.\nSie gedieh und wandelte sich allmählich in eine\nreife Blüte. Als sie mit dem schwachen Kindchen\nauf den wiegenden Knieen wieder vor der Halle\nsaß, sah Josef sprachlos auf sie, deren Augen von\ninnen erleuchtet schienen.\nMaria hob ihr zartes Gesicht lächelnd zum tief-\nblauen Himmel auf, von dem die düstere Gottes-\nhand nach der jungfräulichen herabgegriffen hatte,\nöffnete leicht die Lippen gegen das Licht zum Kuß,\nblieb lange so.\nUnd so senkte sie dann den friedensstillen Kopf\nund die Brust halb über das unschuldige Kindchen,\ndas von ihren duftenden Händen gehalten, auf\nihrem Schöße lag, auf ihrem weiten, weißen Ge-\nwände, dessen Falten mattblau schatteten:\n„Ich liebe dich, ich liebe dich, du Gottespfand.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "700", "page_fin": "701", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.5", "titre_corps": "Der Vagabund", "titre_sommaire": "Der Vagabund", "signature_source": "Otto Rurig", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "700", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.2", "debut_caractere": 6038, "fin_caractere_exclue": 10185, "texte": "Der Vagabund\nVon Otto Rurig\nEs dauerte vier Tage, bis der Polizeileutnant\nZeit fand, zu Herrn Klerker zu gehen und mit ihm\nzu sprechen. Während dieser vier Tage hatte Jan\nEriksen sich überhaupt nicht außerhalb der Villa\nsehen lassen. Seine Anwesenheit störte Klerker\nnur wenig, denn Jan hielt sich meistens in der klei-\nnen Kammer auf. Klerker hörte, wie er draußen\nin Küche und Speisekammer für sich sorgte,\nund zwar stets zu Zeiten, wenn Therese nicht da\nwar. Bei Klerkers Besuchen im Haus des Schwa-\ngers wurde die Angelegenheit mit keinem Wort er-\nwähnt; so oft Klerker jedoch aufhörte, zu reden,\nschwiegen alle ein paar Minuten lang und betrach-\nTeten ihn mit ängstlichen, unsicheren Augen. The-\nrese und die drei kleineren Kinder gingen nicht vors\nHaus, um zu spielen, sondern blieben unbeweglich\nauf ihren Stühlen sitzen. Sie genossen das un-\nheimliche Kribbeln, das sich in den Anwesenden\nregte, sobald Klerker einen der lehrreichen Vor-\nträge beschloß über die vielen Dinge die er in sei-\nnen Büchern gelesen hatte.\nDer Poüzeileutnant traf Klerker zwischen sei-\nnen Rosen. „Guten Tag, Herr Klerker. Was hören\nwir denn von Ihnen? Jan Eriksen hat bei Ihnen\nUnterkunft gesucht?\"\n„Gewiß,\" erwiderte Klerker.\n„In Ihren eigenen Interesse, Herr Klerker, soll-\nten Sie ihn möglichst schnell herauslassen! Schutz-\nmann Jessen wartet dort drüben an der Ecke und\nist hier, sobald ich winke.\"\n„Ihn herauslassen?\" Klerker rieb sich die Nase.\n„Warum sollte ich ihn aus dem Hause weisen? Daß\nalle andern es getan haben, ist kein Grund, daß auch\nich es tun müßte. Von den Motiven anderer läßt\nsich nicht auf die meinen schließen. Das ist keine\ngute Logik. Dieser Mann hat in seinem Leben\nnichts anderes kennen gelernt, als daß man ihn aus-\nschloß, oder vielmehr einschloß. Sie, Herr Leut-\nnant werden das vielleicht für richtig und gerecht\nhalten, aber Sie schulden mir dann eine Begrün-\ndung dafür, warum gerade er aus- oder vielmehr\neingesperrt werden soll und nicht ich oder meine\nNachbarn oder Sie selber, der Sie ihn jetzt ein-\nsperren wollen?\"\nDer Polizeileutnant ging ein paar Schritte auf\ndem Gartenweg vorwärts, blieb dann stehen und\ngab sich den Anschein, als ob er zornig würde: „Ich\nhätte nicht geglaubt, Herr Klerker, daß Sie, ein sei-\nhafter Bürger, der zu der besitzenden und in ge-\nordneten Verhältnissen lebenden Gesellschafts-\nklasse gehört, gegen die Autoritäten auftreten und\ngemeinsame Sache mit einem Herumstreicher,\neinem mehrfach bestraften Vagabunden machen\nwürden!\"\n„Allerdings gehöre ich zu den Seßhaften und\nBesitzenden,\" meinte Klerker und bot dem Leut-\nnant eine Zigarre aus seinem Etui an, „aber das\nist der reine Zufall und hat nicht die geringste\nBedeutung als Motiv für meine Handlungen. Dal\nich der geordnetlebenden Klasse angehöre, ist rich-\ntig, insofern ich in meine Begriffe Ordnung z«\nbringen suche und sorgfältig meine Motive prüfe,\nbevor ich sie anwende Jan Eriksen ist weder be-\nsitzend noch seßhaft, aber ich sehe keinen zwin-\ngenden Grund dafür, daß er es nicht ist.\"\nDer Polizeileutnant lächelte sehr sarkastisch.\n„Wollen Sie ihm etwa keine Hindernisse in\nden Weg legen, wenn er Lust bekommen sollte,\nsich in Ihrer Villa seßhaft zu machen und sich in\nden Besitz Ihres beweglichen Eigentums zu setzen?\nWie, Herr Klerker?\"\nKlerker schüttelte den Kopf. „Ich hoffe nicht,\ndaß es so weit kommen wird. Das ist eine der\nschwierigsten Entscheidungen, vor die man einen\nMann stellen kann: ob er oder ein anderer ein\nRecht auf die Dinge hat, die zufällig in seinem\nBesitz sind.\"\n„Der Staat hat das doch sehr gut geordnet,\nbester Herr Klerker, indem er die Wege anweist,\nwie Besitz und die anderen Rechte begründet\nwerden.\"\nKlerker lächelte verständnisvoll. „Im Gegen-\nteil. Viele der größten Geister sind der Ansicht,\ndaß der Staat diese Dinge niederträchtig schlecht\ngeordnet hat.\"\n„Sie sind also geradezu Kommunist?\" fragte\nder Leutnant mit munterem Augenblinzeln.\n„Durchaus nicht, Herr Polizeileutnant, —\njedenfalls nicht im Hinblick auf Ihr Eigentum und\ndas anderer Leute. Und Sie müssen mir jedenfalls\nzugestehen, daß ich in eine Situation geraten bin,\ndie tiefes Nachdenken und gründliche Ueberlegung\nerfordert.\""}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "701", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3372, "texte": "„Ja, Herr Klerker! Behalten Sie in Gottes-\nnanien Ihren jungen Verbrecher. Sie haben sich\nnun mal in ihn vergafft: der Himmel mag wissen,\nwarum, da er doch häßlich und gemein ist . .\n„Auf sein Aeußeres habe ich ganz und gar\nkeine Rücksicht genommen,\" erklärte Klerker.\n„Gut!\" Der Leutnant fuhr ärgerlich von der\nBank auf. „Gut! Dann müssen Sie eben selber\ndie Folgen auf sich nehmen. Die werden sich viel-\nleicht eher einstellen, als Sie glauben . .\nAls Klerker eine Stunde später sein Eß-\nzimmer betrat, saß Jan Eriksen an dem Tisch, der\nreichlich mit Speisen und Getränken besetzt war.\nBei Klerkers Eintritt stand er nicht einmal auf,\naber sein Gesicht nahm plötzlich einen festen, re-\nsoluten Ausdruck an, und er warf seinem Wirt\naus seinen kleinen, wässerigen und verrückten\nAugen einen haßerfüllten, gierigen Blick zu. Vor\nihm stand Klerkers Tafelaquavit.\nZwei Tage darauf betrat Klerker das Eß-\nzimmer des Schwagers, wo die Familie am Mit-\ntegstisch saß. Er nahm Platz auf dem Stuhl, den\nTherese für ihn zurechtschob, und strich sich über\ndie Stirn.\nMühsam lächelnd sagte er: „Nun hat er mich\nhinausgeworfen.\"\nDie ganze Familie erhob sich von den Stühlen\nund stand da mit weitaufgerissenen Augen und\nbleich wie das Tischtuch. Man hörte keinen Laut.\nDie ganze Familie, die sozusagen im Schutze des\nwohlhabenden und freundlichen Onkels lebte, war\nwie gelähmt; sie fühlte sich in ihrer Wohlfahrt\nbedroht; dieser Donnerschlag, der schon lange\ngenug gedroht hatte und nun plötzlich erfolgt war,\nkatte sie erschreckt und betäubt.\n,Ja,\" fuhr Klerker fort. „Er hat in zwei\nTagen vier Flaschen von meinem Tafelaquavit aus-\ngetrunken. Als ich heute zu Tisch gehen wollte,\nsa£ er bereits da. Therese ist ja in den letzten\nTagen nicht bei mir gewesen; er hatte sich alles\nseJber besorgt. Also: kaum war ich eingetreten,\nÄa stand er auf und rief mit lauter, erbitterter\nStimme: Hinaus! Aus meinem Hause!\"\nKlerker duckte sich und dachte mit Bewunde-\nrung an jenen Augenblick, da der blonde Hüne, in\neinem von seinem Wirt entlehnten Anzug, der ihm\nan den Handgliedern und Fußknöcheln zu kurz war,\naufgedunsen von Trunk und von Wut, von Kler-\nkers Platz am Tische aufgesprungen war, in der\nfürchterlichen rechten Faust eine Flasche schwang,\nund ihm zugebrüllt hatte, daß Klerker zur Hölle\nfahren möge. Klerker war sofort aus dem Zimmer\ngegangen. Er war noch immer bleich und ver-\nängstigt, aber nicht zornig.\n„Nein, warum soll ich zornig werden? Ich\nweiß recht gut, daß die meisten Zeitgenossen zor-\nnig werden, wenn man dem, was sie für ihre\nRechte halten, zu nahe tritt; dann werden sie wild\nund schreien: darüber verfüge ich und nicht du.\nAber ich finde ein solches Auftreten unwürdig, ja\nunpassend — wenigstens für mich.\" Klerker trock-\nnete seine Stirn mit der Serviette.\nKlerkers Schwager war kein besonders muti-\nger Mann, aber er nahm sich doch so weit zu-\nsammen, daß er sich der Villa näherte und konsta-\ntierte, daß sämtliche Eingänge verschlossen und\nverbarrikadiert seien. Und er hörte, wie Jan Erik-\nsen im Hause tobte und Gegenstände in Stücke\nschlug.\nDer Schwager sandte sofort einen Boten zum\nPolizeileutnant, und dieser kam in das Zimmer, wo\nKlerker saß. „Was habe ich gesagt!\" rief er. „Da\nsehen Sie's! Er hat Sie aus Ihrem eigenen Hause\nhinausgeworfen.\"\nKlerker warf ihm einen verschleierten, aber\nunerschütterlichen Blick zu: „Ich habe keine An-\nzeige gemacht.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "701", "page_fin": "701", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.6", "titre_corps": "Der reiche Bankier Oppenheimer", "titre_sommaire": "Der reiche Bankier Oppenheimer", "signature_source": "Siegmund Kalischer †", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "701", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.3", "debut_caractere": 3393, "fin_caractere_exclue": 9989, "texte": "Der reiche Bankier\nOppenheimer\nVon Siegmund Kalischer †\nAm sechzehnten März achtzehnhundertzwei-\nundneunzig fehlte dem Bankier lakob Oppenheimer\nnoch eine Mark zur Million, in der Frühe des\nsiebenzehnten war er Millionär.\nWie er es seinen Freunden vorausgesagt\nhatte, bezog er an diesem für ihn denkwürdigen\nTage zwar sein neues Heim mit den großen saal-\nartigen Zimmern, schickte aber seinen einzigen\nSohn Christian auf die Reise\nDie Mutter dieses Sohnes hatte der Kommer-\nzienrat Oppenheimer ihres Geldes wegen geheira-\ntet. Sie war vielleicht eine blonde Frau mit zarter\nHaut und blassen Lippen und Augen, vielleicht sah\nsie auch anders aus, jedenfalls tötete sie die Ge-\nburt dieses Sohnes, den der Kommerzienrat am\nsiebzehnten März 1892 auf Reisen schickte.\nAm Nachmittag saß der Kommerzienrat allein\nim Eßzimmer. Das war im altdeutschen Stil ge-\nhalten und sehr groß. Der Kommerzienrat aber\nwar klein und dick und saß auf einem großen Lehn-\nstuhl in der Ecke des Zimmers vor dem Fenster.\nEr konnte die Zeitung nicht lesen, die er in seiner\nHand hate, denn es war ein zu merkwürdiges Ge-\nfühl, in dem großen, weiten Saal ganz allein zu\nsein und nur so einen verschwindend kleinen Teil\ndes Raumes auszumachen. Er rief einen Diener\nund fragte nach der Zeit: seine Uhr wäre stehen\ngeblieben. Fünf Uhr. Aber danach ging der\nDiener wieder fort, und der Kommerzienrat blieb\nwieder allein. Um halb sechs sagte er ganz laut:\nIch werde einen Gang durch meine sämtlichen\nZimmer machen. Dann erschrak er, weil seine\nStimme so schallte. — Aber er stand 'nicht auf,\ndenn er dachte, vielleicht ist der Boden im näch-\nsten Zimmer glatt, dann rutscht man aus und\nbricht ein Bein, das wäre aber nicht passiert, wenn\nman das Eßzimmer nicht verlassen hätte. Am\nsichersten, seine Stellung garnicht ändern. Da\nkann einem kein Unglück zustoßen, das heißt, so\nsicher ist das ja auch nicht, aber . . . hier verloren\nsich die Gedanken des Kommerzienrats ins ver-\nworrene.\nEs dunkelte schon. Das sah der Kommerzien-\nrat plötzlich mit einer gewissen Beklemmung, als\ner vom Fenster hinweg ins Zimmer blickte. Dann\nmußte er über seine Angst lächeln: Es wurde doch\njeden Tag dunkel, wenn man sich da immer äng-\nstigen sollte.\nAber da war ja ein Mensch im Zimmer. Herr\nGott im Himmel, ihm gegenüber, mit blaßgelber\nGesichtsfarbe, die Tür lag doch am andern Ende\ndes Zimmers, da hätte er ihn doch hindurch gehen\nsehen müssen. Der saß nun auf dem Lehnstuhl\nund sah den Kommerzienrat an, er hatte auch eine\ngoldene Brille auf, wie der Kommerzienrat, und\ndie Arme waren ihm heruntergesunken, ganz wie\ndem Kommerzienrat, und er hatte auch in der Hand\neine Zeitung — natürlich, das war der Spiegel da\ndrüben. Aber nein, das Siegelbild hatte die Zei-\ntung in der Linken und er — Gott, das war ja\nrichtig, war er denn kindisch geworden?\nDer Diener könnte jetzt eigentlich das Licht\nanzünden, es war doch schon dunkel. Der Kom-\nmerzienrat hätte nach ihm geläutet, aber dann\nhätte er erst durch den großen Saal gehen müssen.\nDazu saß er zu bequem, ja dazu saß er viel zu be-\nquem. Aber angenehmer wäre es gewesen, wenn\nder Saal hell gewesen wäre. Der wurde statt\ndessen immer dunkler und größer, und der Kom-\nmerzienrat wurde immer kleiner. Der Saal war\njetzt schon so groß wie die ganze Welt, und der\nKommerzienrat war auf der ganzen dunklen Welt\nallein.\n„Guten Tag, Herr Oppenheimer,\" sagte mit\nganz hohler Stimme der Tod, der saß auf einem\nEichenstuhl mit der hohen Lehne am Tisch und aß\neine von den Messinaapfelsinen. Das klapperte\nimmer so gräßlch, wenn der Tod kaute. Der Kom-\nmerzienrat vergrub krampfhaft seine Nägel in das\nFleisch seiner kleinen dicken Hand, aber das blu-\ntete und tat sehr weh. Nun häte er gern den Tod\ngebeten, ihn allein zu lassen, aber jedesmal, wenn\ner den Mund öffnete, gab es schon von seinem\nAtem einen so lauten Ton, daß er sich vor seiner\nStimme fürchtete.\nDer Kommerzienrat gab sich einen Ruck, umi\nwie er sich den Ruck gegeben hatte, trat seine\nverstorbene Frau aus <ler Gardine und setzte sich\nauf den Lehnstuhl ihm gegenüber. Und neben ihr\nstand der Architekt Gottlieb Krause, der dem\nKommerzienrat das neue Haus erbaut hatte, der\nbeugte sich plötzlich über seine Frau und küßte\nsie. Und da der Spiegel hinter ihnen hing, sah\nder Kommerzienrat das Bild doppelt, seine Frau\nvon hinten und den Architekten von der Seite im\nProfil, und das wiederholte sich unzählige Male,\nweil auch hinter dem Stuhle, auf dem der Kom-\nmerzienrat saß, ein Spiegel war. Darüber mußte\nder Kommerzienrat lachen, hielt aber gleich inne,\nschon das bloße Verziehen des Gesichtes hallte im\nSaale wieder, so daß er sich entsetzt umsah.\nDer Tod saß noch immer am Tisch und schälte\nsich eben die dritte Apfelsine. Das war merk-\nwürdig, weil doch nur zwei in der Schale gelegen\nhatten.\nDer Kommerzienrat wandte schnell den Kopf\nzu der dem Fenster entgegengesetzten Seite des\nZimmers, um den Tod nicht zu sehen und auch\nnicht seine verstorbene Frau und den Architek-\nten : da standen in der Ecke des Zimmers sechs\nMaurer, die auf seinen Bau mitgearbeitet hatten,\nauf dem Verdeck des Neptun, alle in Matrosen-\nanzügen, und der Kapitän sagte zu ihnen: Chris-\ntian Oppenheimer ist auch seekrank, daß diese\nLandratten doch nichts vertragen.\nDer Kommerzienrat hielt den Kopf ange-\nstrengt nach der Seite, wo der Kapitän und die\nMaurer standen, obwohl es ihn schmerzte. Auch\nnoch, als der Tod aufsprang und die Arme auf das\nBecken gestemmt sagte: Nu, Herr Kommerzien-\nrat Jakob Oppenheimer, nehme ich mich nicht\ngut aus in dem großen, leeren, ganz dunklen Zim-\nmer? — So wollte der Kommerzienrat sitzen\nbleiben, bis der Diener Licht gemacht hätte.\nGott sei Dank, der kam jetzt. Aber wie? Er\nnahm nur die Apfelsinenschalen, ging damit zum\nKommerzienrat und kitzelte ihn immerfort an der\nBecke, der Kommerzienrat mußte an die Backe\nfassen, plötzlich, die war ganz kalt. Und seine\nHände? Die waren auch ganz kalt. Und er war\nsteif und konnte nur noch die rechte Hand be-\nwegen. Mit der faßte er unwillkürlich nach dem\nHerzen. Das hatte aufgehört zu schlagen, er\nwar also tot. Und der Kommerzienrat erschrak\nheftig und konnte vor Schreck auch die rechte\nHand nicht mehr bewegen.\nAls der Diener Licht machen wollte, fand er\nden Kommerzienrat, den Kopf angestrengt nach\nder dem Fenster entgegengesetzten Seite des\nZimmers verdreht, die Rechte auf dem Herzen,\ndie Linke hing starr herunter. Auf dem Boden\nlagen die Schalen der drei Apfelsinen, die der Tod\ngegessen hatte.\nZur Erinnerung an den jungen Autor, den eine schwere\nKrankheit tötete. Widrige äussere Lebensverhältnisse hin-\nderten ihn an der Entfaltung seiner starken Begabung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c007", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "702", "page_fin": "702", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.7", "titre_corps": "Briefe nach Norwegen", "titre_sommaire": "Briefe nach Norwegen", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "702", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2939, "texte": "Briefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nHeute war der Bischof bei mir; wir flüstern bei\n.jedem Zusammensein leiser. Ich bin so empfindlich\nam Herzen, ich höre mit meinem. Herzen und das\nsanfte Sprechen tut ihm wohl Kr saß an meinem\nLager, (Dm. Herwarth, ich habe mir direkt ein Zelt\neingerichtet mitten im Zimmer,) und spielte mit sei-\nnem Muschelbleistift; ich zeichnete mit dem Kohi-\n■»oor den Mond auf. bis er schwebte — so: Zwi-\nseilen der weißen Pracht des Papiers ganz alleine\nölme Sterne und ohne Erde. Wie grausam man\nzeichnen kann, aber ich bat den Bischof, mit sei-\nnem rauschenden Bleistift ein Meer unter den\n$iond zu setzen. So geht es mir aber auch mit\nNasen, die ich hinsetze oder Mündern oder halben\nGesichtern, ich muß sie vervollständigen, damit\nÜinen nicht ein Sinn fehlt «und dabei versäumt man\nmch selbst so oft, und das Herz liebt so selten bis\nzu Ende. Herwarth, Du mußt auch flüstern lernen,\nman hört das Echo der Welt ganz deutlich. Wenn\nder Bischof und ich flüstern, werden die Wände\nleise und die Möbel erträglich, ihre Farben mild.\nUnd die Spiegel der Schränke sind Bäche, und un-\nsere Liebe ist ein Heimchen oder eine Grille, eine\nPusteblume, daraus sich die Kinder Ketten machen.\nLiebe Jungens, heut bekam ich eine Massen-\npostkarte aus dem Rheingold in Berlin: Liebe, beste\nFrau L.-Sch., Sie werden von uns allen vermißt!!!\nLoos.\nLiebe, unbekannte Frau! Herr Loos hat über\nMinen solche Lobdudeleien gemacht, daß ich beinahe\nfürchte, Sie kennen zu lernen. Keine Dichterin in\nganz Deutschland schrieb Verse wie die Frau L.-\nSch., das ist das wenigste, was er sagt, und dann\nzitiert er den Tibet-Teppich von Morgen bis\nAbend. Aber hoffentlich sind Sie doch, wie er sagt.\nUnd einmal werden wir uns doch begegnen. Viele\nGrüße Karin Michaelis.\nArnold Schönberg. Webern, Beste Grüße Lud-\nwig Kainer. Ada un-d Emil Nolde. Kurtchen. Be-\nstens grüßt Albert Ehrenstein. Herwarth Waiden.\nDöblin — immer mal wieder. Erna Reiß. Gustav\nWallascheck. Hede von Trapp. Willam Wauer.\nLene Kainer.\nAlso seid Ihr beide doch wieder in Berlin; ich\n-habe das ganz vergessen, laßt Euch ja meine Briefe\naus Norwegen zurückschicken. Else\nDer Dalai Lama meint, einige meiner Modelle\nhaben nicht den Anspruch auf meine Kunst. Anders\nkann ich mir nicht des Ministers Worte deuten.\nAber es kommt ja nur darauf an, wie ich die Mo-\ndelle zum Ausdruck bringe. Ich habe weiter\nnichts mit ihnen zu tun. Und nieine Dichtung werde\nich später verkaufen, meine Seele an einen Ver-\nleger verschachern, und dennoch hat der Dalai\nLama mir die Augen geöffnet; ich empfinde seit-\ndem mein Dichterinnensein für ein Pfandleihtum,\nimmer bewerte ich die Menschen, fast ohne Aus-\nnahme, zu hoch. O, diese Verluste!\nLieber Herwarth, willst Du im Sturm veröf-\nfentlichen lassen, daß sich alle Vertreter unseres\ngemeinschaftlichen Cafes melden mögen, die den\nWunsch hegen, nicht mehr in den Briefen an Euch\nerwähnt zu werden. Ich gewähre ihnen freien\nAbzug."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c009", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "702", "page_fin": "704", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.8", "titre_corps": "Die Nachfolger der Impressionisten", "titre_sommaire": "Die Nachfolger der Impressionisten", "signature_source": "Michel Puy ; H. 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Sie sind\ndahin gekommen, sich mehr mit der Linie an sich\nzu beschäftigen als damit, daß sie für ihre Zeich-\nnung Kraft bedeutete. Sie wollten ihr eine herr-\nschende Stellung in ihren Werken vorbehalten. Von\nder peinlichen Beobachtung der Realität ausgegan-\ngen, haben sie es schließlich nur auf den Einfall ab-\ngesehen. Die dekorative Spekulation hat ihre rea-\nlistischen Anwandlungen ersetzt; die Weitsehend-\nsten wollten eine rein mathematische Welt schaffen,\nin der die Formen, an die unsere Augen gewöhnt\nsind, durch Vielflächner oder Kegel ersetzt werden.\nAndere wollen die Einbildungskraft des Beobach-\nters verblüffen, und, um besser zu ihrem Ziele zu\ngelangen, scheuen sie nicht vor einer gewissen\näußerlichen Bizarrerie.\nAlle diese Maler haben die Beachtung des Pu-\nblikums erzwungen, viele empört, und zahlreiche\nAnhänger gefunden. Es ist sehr schwer, in einer\nderartigen Bewegung klar zu unterscheiden zwi-\nschen dem, was einer nötigen Handlung der ver-\nschiedenen Temperamente mit den Mitteln der Zeit\nentspricht, und dem, was einfach Zufall, Uebertrei-\nbung, Hingerissensein, Rausch, Großsprecherei ge-\nnannt werden müßte. Erwägt man aber die Ent-\nwicklung ihrer Gruppe, so muß man anerkennen,\ndaß sie mit logischer Heftigkeit das Malen und\ndie Hauptprinzipien ihrer Vorgänger ausgenützt\nhaben.\nEs ist unmöglich von diesen Malern zu spre-\nchen, ohne zuerst den Namen Matisse zu nen-\nnen. Er besitzt ein Können, das ihm keiner bestrei-\nten dürfte. Allen Verwandlungen der Formen ge-\ngenüber ist er empfindlich, allen Farbenmöglich-\nkeiten. Er gleicht den Dichtern, für die jedes Wort\neinen Sinn und jede Wendung eine Bedeutung hat.\nMit dem einfachsten: mit einer Fruchtschale, einer\nPerson, einer Draperie, ist er fähig, eine große Lein-\nwand lebendig zu machen. Mag er noch so hastig\nnach dem Modell zeichnen, seine Skizze wird immer\ndekorativen Wert besitzen. Er wächst immer über\ndie Empfindung der Anmut und der Hingabe, die\nein Frauenkörper ausströmt, hinaus, über die glück-\nliche Sinnlichkeit, die von den Erscheinungen aus-\ngeht. Mit Hilfe eines einzigen Farbentones füllt er\neinen weiten Raum. Und dieser Ton wird so ge-\nwählt sein, daß er das Ganze leuchten läßt. In\neinem Saale hängen seine Bilder nebeneinander\nprunkvoll an den Wänden und passen sich den Ab-\nstufungen der schönsten Teppiche an. Wenn Ma-\ntisse in seinen Statuen oder in seinen Bildern die\nForm übertreibt, so wird er durch sein Tempera-\nment geleitet, das ihn zwingt, eine Wahrheit zu be-\njahen. die er nur ahnt, und sie schonungslos bis an\ndie äußerste Grenze des Parodoxen zu treiben. Er\nliebt seinen Malerberuf zu leidenschaftlich, um ihn\nnicht überall zu betonen. Ohne Rücksicht auf das\nWesen der Plastik, ohne jede psychologische Spitz-\nfindigkeit und außerhalb aller charakteristischen\nMerkmale eines Werkes von Gefühl und Vorstel-\nlung kommt er dahin, in einer Frauenstatuette, in\neiner Landschaft oder in einer dekorativen Kom-\nposition eine Rührung einzuschließen, die in unserm\nDenken und in unserm Fühlen ein tiefes Echo aus-\nlöst.\nMarquet und Puy sind zweifellos von Ma-\ntisse inspiriert, sind ihm aber nur ungefähr gefolgt.\nMarquet beschränkt sich auf die Landschaft; er be-\nmüht sich, das Interesse an ihr in zwei oder drei\nArten zu konzentrieren, die in ihrer Verschieden-\nheit sich mit eigensinniger Präzision einprägen. Er\nerweitert sie nicht durch Lyrismen oder durch Ek-\nstase, er setzt sie hin und charakterisiert sie mit der\nbeißenden Genauigkeit seiner Beschreibung. Für\ndie Seinequais, für verstaubte Voistadtecken hat er\nFormeln gefunden, die sie richtig zusammenfassen\nund ihr Aussehen in unserm Gedächtnis festlegen.\nIn einer Gruppe von Malern, die in der Oertlichkeit\nnur ein Motiv sahen, hat Marquet das Persönliche\nherausgearbeitet und die Physiognomie geschaffen.\nUnd das, ohne Einzelheiten aufzuhäufen, deren Ne-\nbeneinanderstellung schließlich dem Beobachter den\nGedanken der Aehnlichkeit suggerieren kann. Er\ntibt die nachhaltigsten Empfindungen, die ihm die\nVision des Ganzen bietet. Ohne Geschwätz, ohne\nUeberfüllung. Seine Bilder könnten dem flüchtigen\nBeschauer eintönig und glanzlos erscheinen; in ihrer\nGesamtheit wirken sie kraftvoll.\nJean Puy schwankt zwischen seinen Wün-\nschen als Maler und seinem Hang zum Dichter.\nEr will keine materielle Realität kennen, die nicht\neine gewisse Phantasiefreudigkeit auslöst. Aber\nkein Gedanke kann ihn befriedigen, wenn er nicht\nein fester Bestandteil in der Arbeit der gemalten\nMaterie ist. Er hält sich an eine doppelte Aufgabe:\nlange und unermüdlich zu beobachten, um die Natur\nwiederzugeben, ohne sie zu verraten, und den For-\nmen und Farben einen Schwung nach jenen traum-\nhaften, versucherischen Höhen zu geben. Er strebt\nnach allem, was erregt, nach der Begeisterung, die\nin der Luft, in der Begeisterung selbst liegt, nach\nder fruchtbaren Traurigkeit der Betrachtung und\nder verzweifelnden Freude der Wollust, In einer\n„Badeszene'' wirft er auf flache Felsen, die das\nMeer beherrschen, ein paar nackte, hüpfende, ra-\nsende Menschen hin, die von einer wahnsinnigen\nLüsternheit nach der Frische des Wassers und nach\nder Torheit des Horizontes getragen werden. In\nder „Etreinte\" stellt er der Weichheit des Sujets\nfantastische Figuren gegenüber, die sich in den Fal-\ntenwürfen fortsetzen, und die sich tollen Närrisch-\nkeiten, unbeschreiblichen Planschereien überlassen.\nDennoch ist er häufig zurückhaltender und begnügt\nsich, durch den Adel der Stellungen, durch den Ernst,\nden er ihnen gibt, seine dichterischen Anwandlungen\nauszudrücken.\nManguin hat eine leichte, oft glückliche\nHand. Blaue Töne, grüne, rote, gelbe, die er ganz\nrein in seinen Bildern nebeneinanderstellt und in\ndenen er Frauenkörper, Landschaften, Interieurs er-\ntrinken läßt Nackte Gestalten faulenzen lichtge-\nbläht vor singenden Hintergründen, Bäume stehen\nanmutig und strecken verloren ihr Blattwerk in den\nHimmel. Dieser Maler mit den lachenden Eindrük-\nken, kümmert sich zu sehr um das, was um ihn her-\num vorgeht, und oft vergißt er sich selbst Die Ur-\nsprünglichkeit seiner Komposition beruht gänzlich\nauf der sehr bunten Zusammenstellung seiner\nPinselstriche. Er hält sich an das Dekorative, und\ner wirft sich auf Formen, die, keineswegs durch die\nFolgerungen einer persönlichen Logik motiviert,\nschließlich seine Bilder kompromittieren müssen.\nDer a i n hat eine Art dekorative Wut. Seine\nersten Landschaften erinnern an japanische Kup-\nferstiche, in denen er ohne Rücksicht auf Realität\nwilde Sachen macht. Er suchte nach seinem Aus-\ndruck ungefähr um dieselbe Zeit wie Matisse, dessen\nKenntnisse und sorgfältige Vorbereitung ihm gänz-\nlich abgehen. Er ist durchaus nicht mit einer Um-\nformung von Beobachtungen vorgegangen,\nsondern mit einer brutalen Benutzung von Formen\nund Farben. Er überläßt sich schnellen Feststel-\nlungen, berechnet den Wert der Linien und emp-\nfindet es als Notwendigkeit, sich in der Theorie zu"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "703", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.5", "debut_caractere": 36, "fin_caractere_exclue": 3728, "texte": "verlieren, indem er die Ratschläge seiner Sinnes-\nempfindsamkeit vernachlässigt. Manchmal ver-\nsucht er in seinen kleinen Landschaften, sich der\nNatur zu nähern. Hierbei fehlt es ihm oft an Un-\nterscheidungsvermögen und Anmut. Manchmal be-\nmüht er sich, in seinen Bilder» das zusammenzu-\ntragen, was die Qüte der übelsten Maler ausmacht.\nIn der Ausstellung der „Independants\" stellte er\n1909 eine sehr einfache Landschaft aus, einen Baum,\nein Haus und brachte den Beweis, daß er Maß\nhalten könne. Er gelangte zu einer harmonischen,\naber unnrsprünglichen Heiterkeit.\nDe Vlaminck kannte keine andere Beschäf-\ntigung, als Farbentöpfe zu verwenden. Auf irgend\neinem wahllosen Gemälde verbreitet er barbarische,\nzugleich drückende und pappige, brutale Töne\nDann ist es ihm, ohne dies Verfahren zu ändern, ge-\nJungen, eine gewisse Sicherheit zu erlangen, und\ndie Bilder, die er im „Salon d'Automne\" und in de»\n„independants\" ausgestellt hat, behaupten voll\nAplomb ihren Platz an den Mauern eines Saales.\nOthon F r i e s z hatte das Pech, erst zu er-\nscheinen, als schon fast alle Maler dieser Gruppe\nin der Hauptsache ihre Methode festgelegt hatten.\nWäre er früher gekommen, hätte er sich auch lang-\nsamer entwickelt, nach seiner Form gesucht und\nauch mehrere Jahre in der Gleichgültigkeit des Pu-\nblikums herumgetastet. So brauchte er sich nur\ndas schnell anzueignen, was sie erworben hatten,\nmn mit Ehren an ihrer Seite zu bestehen. Ohne\ndie Analyse mit eigenen Mitteln zu betreiben, hat\ner sich bemüht, dahin zu gelangen, was einige aus\nDebe zu den Worten ;>art de synthese\" nennen mö-\ngen. Mit mehr Intelligenz und Geschmack als In-\nstinkt und Neugier der Empfindung, mit einem\nleichten Pinsel, der nur allzu leicht fade und weich-\nlieh wird, ging er von ruhigen Landschaften zu\nfiebrigen Kompositionen über.\nG i r i e u d begnügte sich nicht mit einer gänz-\nliehen Zerstörung seines Gleichgewichts, mit einem\nabsoluten Mangel an Ausdrucksfähigkeit. Als die\nMaler um ihn an ihren Zeichnungen manchmal bis\nzum Mißbrauch herumzerrten oder die Farbe verge-\nwaltigten, um eine höhere Harmonie zu entdecken,\nüberließ er sich nur deshalb derselben Methode, um\nGequältes zu erfinden. Unter Malern, die wegen\nder Wildheit ihrer Technik in der Oeffenthchkeit be-\nrühmt wurden, hat er die Radikalsten verscheucht.\nEr war ein nützliches Vorbild für die Heuerlings-\nsüchtigen; denn die Klippen, die die anderen zu er-\nraten suchten, um ihnen auszuweichen, hat er mu-\ntfg gezeigt, indem er sich mit aller Gewalt auf sie\nstürzte. Es liegt wohl gewiß nur an etaer äugen-\nblicklichen Müdigkeit, an einem Stillstand seinei\nFähigkeiten, daß er zufällig Landschaften geben\nkann, die an Gauguin, und tote Dinge, die (sehr\nschwach!) an '/an Gogh »iinner».\nv a» Do»ge n hat sich einer wüsten mie-\nrerei überlassen. Mit betremdender Ungezwungen-\nheit läßt er seinen Pinsel über die Lemewand fahren\nund bringt eine fantastischlusbge Welt zustande in\nPrunk, Konvulsionen und Zuckungen, in Schmnnc,\nLiebäugeleien und Luttsprungen. hrauen, die la-\nchend tanzen. ! lerbandiger, Zigeunerinnen nnt ~a-\nbelbetaen und ziemlich elastische ze« die\nsich in den „Hinten wiegen d e Brust htrausst^.-\nken und zu rote ippen un .\nund Beißen geschaffene /.ahne zeigen. _\nBraque ist bis zui ,ex lc™^n ® ,\nsten Theorien gegangen. Li ha a • 1 '\ndie ein aciste L-inie uer eom 1 i ,\nruckge u rt. .1 ,a ic sc 1. \"\ntorten betrachtet und, wenn, wie er sle ge«»\nhat, etwa:s Glsie um 1 so un<J .^e\neinem Mecie von er t*. . ■ ■.\nFarben scheinen mehrere hundert Metel unter tu\nErde beim Scheine einer Bergmanns anipe\nachtet worden zu sel\"- anl„utiire Vei-e\nMet z , „ge r e Dtchte .to anmu .Uu\ngeschrieben hat ist als Maler noch\nsie auszu r ic t .."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "704", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1623, "texte": "dekorative Erfindungsgabe. Mainssieux inter-\npretiert die Landschaft mit schönem Ernst. Hoffen\nwir, daß diese so verschieden begabten Maler je-\nnem Ueberbietungswahnsinn entgehen, der in den\nkühnsten Kunstgruppen wütet, hauptsächlich bei\nden letzten, und der sie daran hindert, einen Exzeß\nals ausreichend anzuerkennen, wenn er nicht an\nAbsurdität grenzt.\nMadame Marie Laurencin hängt mit\nden eben besprochenen Malern nur durch den Zu-\nfall gemeinsamer Ausstellungen zusammen. Sie ge-\nhört nur durch die Bravour ihres Kolorits zu ihnen.\nDie Maler sind gehalten, freiwillig, erfüllt von einer\nstarken und lang überlegten Zeichnung; sie ist itn\nGegenteil voller Hingabe; statt ihnen in ihren ge-\nwissenhaften Untersuchungen zu folgen, hat sie sich\neinfach von ihrer Neigung zum anmutigen und ver-\nführerischen Manierismus leiten lassen. Oft sind\nihre Figuren unerklärlich und geheimnisvoll wie die\ngetrocknete Blume zwischen den Blättern eines\nBuches; oft scheinen sie erdgeboren sich dem Le-\nben zu öffnen wie Lilien in einem Busch. Oder in\neiner Landschaft haben sie in ihren Augen die\nFrische junger Ochsen oder die Unschuld der\nZicklein.\nAus dem Französischen von Jean Jacques\nEin Kapitel aus dem Buch: Le dernier etat de\nla peinture von Michel Puy. Es soll zeigen, wie\nman in Frankreich neuere Maler bewertet, die auch\nin Deutschland zum größten Teil bereits ausstell-\nten. Ich stimme dem Autor in seinem Urteil über\ndie Begabungen der Jüngsten, nicht aber in den\nGründen seiner Ablehnung bei. Sie sind kritisch\ndurchaus zu vulgär gehalten. Was gegenüber\nden sonstigen prinzipiellen Erwägungen besonders\nauffällt.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c010", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "703", "page_fin": "703", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.9", "titre_corps": "E. L. Kirchner: Akte / Holzschnitt", "titre_sommaire": "E. L. Kirchner: Akte / Holzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "703", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 34, "texte": "E. L. 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Anekdoten, die auf seinem\nMunde blühten . . . und wird die Nachwelt . . .)\nder deutsche Kaiser hat folgendes Telegramm\ngesandt:\nDie Nachricht von dem Ableben Ihres von\nmir sehr verehrten guten Vaters hat mich tief\nbetrübt und spreche ich Ihnen und Ihren\nAngehörigen mein aufrichtigstes Bei-\nleid aus. Wilhelm\nNordland\nSkandinavien ist etwa ein ebenso falscher\nBegriff wie Gesamtkunstwerk. Niemand, der\nDänemark, Schweden, Norwegen kennt, wird den\nBegriff Skandinavien anwenden. Man könnte\nebensogut Frankreich, Italien, Spanien Romanien\nnennen. Seit einigen Monaten zeigt man den Be-\nwohnern vom Kurfürstendamm Nordland, wie es\nist. Zu diesem Zweck hat man sehr viele Thea-\nterkulissen mit Schneelandschaften aufgehängt, in\nelektrisch beleuchteten Hütten zeigen die Eskimos,\ndaß sie essen und trinken können, und in der Vor-\nführungshalle sieht man ihre „Gebräuche\". Der\nDeutsche empfindet alle Ausländer als Wilde und\nmuß ihre Gebräuche sehen. Er setzt sich etwa\nzu Paris in das Cafe de la Paix, unterhält sich mit\nder Verwandtschaft, und hat Paris erlebt. Er setzt\nsich etwa zu Kopenhagen in das Lokal von Wavel,\nunterhält sich mit seiner Verwandtschaft, und hat\nKopenhagen erlebt. Auch zu Stockholm im Rat-\nhauskeller ist diese Art von Lokalstudien noch\n! möglich. Dann wird es aber immer schwieriger.\n; in Kristiania gibt es zwar noch eine Art von Caf6,\nin dem Ibsen aus Verzweiflung, weil kein anderes\nda war, jeden Nachmittag saß und den Deutschen\nAutogramme liefern mußte. Dann hört alles auf,\nsogar die Natur. Deshalb fängt die Natur erst\nzwei Stunden hinter Kristiania an. Bis dahin\nleicht Thüringen . Rasen, Weiden, Triften, Kühe,\nMühlen. Die Vegetation „hört\" auf.\nDie Norweger erinnern stark an die Nord-\ndeutschen, trotzdem sie keine Schmerbäuche und\nUmhängebärte mit sich tragen. Sie sind Demo-\nkraten und schimpfen die Fremden auf den Stra-\nßen aus. Abends gehen sie in die lustige Witwe.\nSie besitzen einen von den drei größten Malern der\nGegenwart, Edvard Münch, (die andern beiüen\nsind Ferdinand Hodler und Oskar Kokoschka), und\nsie lehnen seine Gemälde ab, wenn es sich um eine\nöffentliche Anstalt wie die Universität handelt.\nDie Norweger sind imstande, Ibsen und Bjoernson\nein Denkmal zu setzen, wie es die Deutschen mit\nGoethe und Schiller tun. Kristiania schikanierte\nIbsen, solange er lebte, und bewilligte ihm ein\nEhrengrab auf dem Zentralfriedhof. Wrie es Wien\nmit Beethoven tat. In Deutschland entschließt man\nsich zu solcher recht peinlichen Ehrung frühestens\ndreißig Jahre nach dem Tode des Künstlers durch\nUmgrabung.\nFährt man dann aber noch acht 'I age weiter,\nso hören auch die Norweger auf, und man be-\nfindet sich endlich auf einem Teil der Erde, auf\ndem es sich leben läßt. Warum muß nun ein un-\nglücklicher Manager auf die Idee kommen, einige\nvon den wenigen Leuten, die dort leben, nach\nBerlin zu transportieren. Es ist allerdings erfreu-\nlicher, als wenn tout Berlin dorthin reiste und die\nGegend vorübergehend durch seinen Aufenthalt\nkultivierte. Aber den vierunddreißig Menschen,\ndie Polarlandschaft sich vorstellen können, ohne\ndort gewesen zu sein, wird die Phantasie vergiftet.\nEs wird ihnen die letzte Hoffnung genommen, daß\nman doch noch irgendwo auf der Erde existieren\nkann.\nDoch der Manager konnte sich nicht genug tun.\nAuch Schweden liegt ziemlich weit vom Kur-\nfürstendamm, woraus sich die Notwendigkeit ergab,\nauch Schweden, allerdings ohne Gebräuche, vor-\nzuführen. Ich gebe nun für eine Schwedin mit\nWonne sämtliche Berlinerinnen auf. Aber nicht\nfür drei Schwedinnen, die in eine Art von Tiroler-\nkostüin gesteckt werden, schon recht auffallend\nflott berlinisch sprechen, und diese herrlichste\nRasse der Welt „veranschaulichen\" sollen. Die\nselbstsichere Vornehmheit der Schwedin in Körper,\nKleidung und Sitten, die Kühle ihres Geistes, die\naus einem Vermögen stammt, die Tiefe ihres Ge-\nfühls, das beherrscht und beherrscht ist, macht sie\nzur künstlerischen Persönlichkeit, auch wenn nie-\nmals Kunst in ihr lebendig wurde. Im Gegensatz\nzu den Kunstweibern dieser Erde, die Kunst aus-\nüben, ansehen, anhören, beriechen, und doch stets\ndie kleinen Spießbürgerinnen bleiben, die sie sind.\nWelch ein Glück, daß Schweden nie entdeckt wer-\nden wird.\nDie Eskimos reisen wieder ab. Sie sollen\nHeimweh haben. Man kann es ihnen nachfühlen.\nStets in elektrisch beleuchteten Hütten mit Schnee-\nhintergründen von Hugo Baruch & Co. leben zu\nmüssen, und noch dazu von den Berlinern ange-\ngafft zu werden, wird stets nur bei den Berlinern\nals Vergnügen gelten.\nDer verheiratete Ehebrecher\nHerr Martin Zickel ist vom Oberverwaltungs-\ngericht für all e Zeiten als unwürdig befunden\nworden, ein Theater in Preußen zu leiten. Er hat\nnämlich, wie es in dem Urteil heißt, „trotzdem er\nverheiratet war, ehebrecherischen Umgang gepflo-\ngen.\" Wenn der Mensch schon die Ehe brechen\nwill, so sei er wenigstens nicht verheiratet. Oder\nsoll sich der tiefmoralische Spruch des Oberver-\nwaltungsgerichts auf die Ehe zur linken Hand be-\nziehen. Wo Herr Zickel doch rechts verheirate*\nwar. Die Herren Blumenkohl und Kadelburg wer-\nden ihre Uniustspiele in Zukunft vorsichtigerweise\nnur noch Eunuchen zur Aufführung übergeben. Die\nKunst darf nicht geschädigt werden. Wozu haben\nwir in Preußen ein Oberverwaltungsgericht?\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c012", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "704", "page_fin": "704", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.11", "titre_corps": "Triumph! : Emst Hardt: Gudrun / Lessing-Theater", "titre_sommaire": "Triumph! : Emst Hardt: Gudrun / Lessing-Theater", "signature_source": "Peter Scher", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "704", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.6", "debut_caractere": 7112, "fin_caractere_exclue": 8352, "texte": "Triumph!\nEmst Hardt: Gudrun / Lessing-Theater\nPeter Scher\nDas ist's, was diesem Mann gelingt:\nDaß er den Bart zu Ehren bringt.\nDen Bart, der voll herniederwallt\nAuf eine männliche Gestalt.\nDen Bart, von Jamben eingedämmt,\nUnd psychologisch ausgekämmt\nHinwiederum — wie Dichter sind —\nBemerkt man auch ein blondes Kind.\nDer Manne naht. Er kämpft. Er freit.\nSein Sinn ist treu, sein Schwert ist breit.\nEr zieht mit Vätern ins Gewühl.\nDie Jungfrau sitzt und sinnet schwül.\nDie Amme sprengt sich lyrisch ein.\nDer Nebenmanne braust herein.\nNormannenmännlich, etwas laut.\nDie Jungfrau: Weiche — ich bin Braut!\nIndes, der Psychologe fühlt:\nDas arme Herz ist aufgewühlt.\nEin Seelenzwiespalt? Nichts genau's!\n(Die Amme schüttet Lyrik aus.)\nBald steht das Mädchen zwischen zwein.\nUnd schwankt (und liebt doch nur den ein'.\nDer wo sie stürmisch überfiel).\nDer Tod beendet dieses Spiel. —\nDer teutsche Vollbart rauscht im Wind:\nBehiit dich Gott, du blondes Kind!\nWir gehn erhoben und versöhnt —\nDer Bart, der Bart ist preisgekrönt!\nWir sehn den Horizont erhellt.\nDies ist der Lauf, der Lau ff der Welt!\nNun sucht nur nach dem iungen Kleist —\nIhr krönt ja doch den Vollbartgeist.\nDen teutschen Geist, dem es gelingt.\nDaß ihr euch selbst zu Ehren bringt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "704", "page_fin": "704", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.12", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "704", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.6", "debut_caractere": 8354, "fin_caractere_exclue": 8499, "texte": "Beachtenswerte\nBücher\nKARL HAUER\nVoo den fröhlichen und unfröhlichen Men-\nschen / Gesaramelte Essays\nVerlag Jahoda und Siegel / Wien und Leipzig;"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c014", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "705", "page_fin": "705", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "705", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.7", "debut_caractere": 75, "fin_caractere_exclue": 677, "texte": "VereinrarKonst\nAchtes Jahr\nAutoren-Abende\nMitgliederbeitrag 15 Mark\nDeo Mitgliedern steht\nder Besuch von sechs\nAbenden auf Platzen\nzum Kassenpreis von\nM. 3.— zu, sowie der\nkostenlosejahresbezug\nder Wochenschrift Der\nSturm. Fur alle wei-\nteren Abende zahlen\ndie Mitglieder halbe\nKassenpreise\nGeschaftsstelie dee V. 112. K.\nHALENSEE Katharinen-Strasse 5\nVierter Abend\nSonnobend 9. Dezember\nabends 8 Uhr\nArchitektenhaus ::\nWilhelmstrasse 92/93\nMDOMIn\nVORLESUNG\naus eigenen Dich-\ntungen\nKartell M. 5, 3, 2, 1 bel\nA. Werthelm, Konzertkaese\nund bei Reuss und Pollack\nDer Abend ist auf Jen\n9. 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Kunsthandiung, Antiquariat, Verlag\n:: BERLIN W IS, Kurfurstendamm 33 ::\njS Standige Ausstellung Im Eckhanse- gegeniiber der Se-\nzession, Eingang GrolmannstraBe\ng moderner Oraphlk mustriert.Katalogu.Prospektegratis\nEINTRITT FREI Ankauf guter Graphik\nu. illustrierter Bficher"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c024", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "705", "page_fin": "705", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "705", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.7", "debut_caractere": 2341, "fin_caractere_exclue": 2743, "texte": "PDIT7 fTMBf BERLIN W 35\n1 ft 11 & *1ULr I Oenfhiner Sfralje 42\nGegrundet lm Jahre 1878 Fernsprecher Amt VI 752\nFabrik fur Gemalderahmen\nin alien histortschen und neueren Stilarten\nKopien von Rahmen nach alten Meistern in Original-Goldtonungen\nSamtliehe Yergolderwaren\nKunst-Einrahmungen\nReparaturen und Neuvergoldungen aller Gegenstande, Auf-\narbeiien all. 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IflCMCi Leipzig\nnnter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatiich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder aoch Kaufteute In ffihrender Steiiung). Grundliche\nEinfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmlnnischen Bertues, rationeiles\nStudium der Handels- and verw&ndten WUsenschaften als Ersatz fflr ein mehr-\njthriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anf&nger (Daraen und H err en) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachiiche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrung*- ana Bilanz-\nTechnik, Buro-Praxis sich vorbereiten wollea —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- od«r thnllcfae Schnle ab-\nsolviert haben, wie fur\nHerren suit besseren praktischen oder theorettechen Vorkenntnissen, Einjlhrig-\nFreiwiliige, Abiturienten,\nfur Kaufleute r e i f e r e a Alters, die bereits prakUsch tltig waren and den\nForderungen der Gegenwart entsprechend Dire Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Cbemiker, Brauer, Juristen, Nationaiokonomen,\nOffiziere, die fur Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmnngen oder Verblnde,\nAktien- oder ahnlicher Geselischaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbiidung und ZieU\nProspekte gratis durch die Direktion, Jobanntsplatz 5"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c028", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "705", "page_fin": "705", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.27", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "705", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.7", "debut_caractere": 4533, "fin_caractere_exclue": 4543, "texte": "ftMSBsttew"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c029", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "705", "page_fin": "705", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.28", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "705", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.7", "debut_caractere": 4545, "fin_caractere_exclue": 4881, "texte": "Autoren\nwelche ein belletristisches oder\nwissenschaftliches Buch ge-\nschrieben haben und einen\nVerleger dafur suchen, der es\nnach modernen drucktechnl-\nschen Prinzipien ausstattet und\nruhrfg vertreibt, helieben ihre\nAdressen (evt. 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FA B RIK\nBERLIN W., POTSDAMERSTR. 27b\nFLUGEL\nPIANINOS\nHARMONIUMS\nBALTHASAR SCHIEDMAYER, Ururgroßvater des jetzigen Chefs der Firma\nbaute im Jahre 1785 sein erstes Instrument.\nGrand Prix: Turin 1911 — Paris 1990 — St.\nLouis 1904 — Roubaix 1911\n16 Hoflieferantentitel. 54 Ehrendiplorae und Medaillen. Preis-\nrichter auf 14 Ausstellungen. Grofie goldene Medaille fur\nKunst und Wissenschaft. Grofie goldene Medaille fur Handel\nund Gewerbe. Ueber 45000 Instruraente geliefert.\n. ' \\\nInstrumente nach stilgerediten Ent-\nwiirfen in kiinsterischer Ausfiihrung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-02-01-c039", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-02_01#c039", "volume": "bmtnabg_1911-12-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "706", "page_fin": "706", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.2.38", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "706", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.8", "debut_caractere": 1140, "fin_caractere_exclue": 1323, "texte": "Herwarth Waldesi\nDAFNISLIEDER\nFur Gesangu.Klavier / 62Seiten\nDRE! 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W. FISCHER\nETUDES SUR\nFLAUBERT INEDiT\nBrosch. 2M 50 geb. 4— M\nLuxusausgabe M 10 —\nFLAUBERT\nERINNERUNGEN EINES\nNARREN\nGeb. M4 — Luxusausg. 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IDM\nULK o 1 UKiW\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Pfalzburg 3524 / Anzeigen - Annahme\n:-: durch den Verlag und sämtliche Annoncenbureaus :-:\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\n\\\nVierteljahrsbezug 1,50 Mark / Halbjahresbezug 3,— Mark /\nJahresbezug 6,— Mark I bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1911\nBERLIN DEZEMBER 1911\nNUMMER 88\n\nInhalt:\nLOTHAR und GERTRUD VON KUNOWSKI: Hugo von Tschudi / ALBERT EHRENSTEIN: Ritter Johann des Todes / ALFRED\nDÖBLIN: Maria Empfängnis / OTTO RUNG: Der Vagabund / SIEGMUND KALISCHER 112: Der r eiche Bankier Jakob Oppenheimer / ELSE\nLASKER-SCHÜLER: Briefe nach Norwegen / MICHEL PUY: Die Nachfolger der Impressionisten / TRUST: Sitten: Der Kaiser und Pietsch / Nord-\nland / Der verheiratete Ehebrecher / PETER SCHER: Triumph! / Beachtenswerte Bücher / E. L. KIRCHNER: Akte / Holzschnitt\n\nHugo von Tschudi\nVon Lothar und Gertrud von Kunowski\nEin seltener Mann hat die Reihen der Lebenden\nverlassen, die der deutschen Kunst zum Bewußtsein\nferer Kraft und Selbständigkeit helfen wollen. Er\nsah sich bei seinem Streben genötigt, fast stets\nkinter der Todesgrenze zu bleiben. Er liebte die\nsoeben Gestorbenen und brachte ihre Werke ans\nLicht. Das war eine seiner Eigenschaften.\nIn diesem Punkte fand er auch Nachfolge. Wer\nkürzlich, gestern, vorgestern ohne Anerkennung\ngestorben ist, der kann jetzt sicher hoffen, in die\nReihen moderner Kunst und Kunstbestrebung auf-\ngenommen zu werden. Ganze Heerscharen von\nTotengräbern öffnen frische Särge und geben sich\nden Anschein hochmodern, kühne Neuerer und\nMäcene zu sein, indem sie Lieder vom Leiden,\nStreben und Sterben starker Persönlichkeiten sin-\ngen, die noch gestern unter ihnen waren. Das ist\ndie Taktik der „leitenden\"' Zeitschrift „Kunst und\nKünstler\". Sie lebt von diesem Erbe Hugo von\nTschudis, dem es nicht vergönnt war, den Leben-\nden seine Kraft und Förderung angedeihen zu las-\nsen, so wie er es selbst stets gewünscht hat.\nIch weiß es von ihm selbst, daß er schwer dar-\nunter litt, nicht überall tätig eingreifen zu können.\nIch weiß es aus Stunden leidenschaftlicher Aus-\nsprache zwischen zwei Männern, die jede Minute\nGefahr liefen, mit manchen entgegengesetzten\nKunstmeinungen aufeinander zu prallen. Er war er-\nstaunlich, die Härte anderer Meinung zu vertragen.\nDas ist nur möglich zwischen Männern, die nicht an\nden Grundfesten der Wertschätzung ihrer funda-\nmentalen Leistungen rütteln.\nSeine Hände waren gebunden. Man hat in mo-\ndernen Kreisen viel mehr von ihm erwartet, als ihm\nzu tun möglich war. Aber er förderte im stillen\nmit ganz großartigem Sinn, das heißt ohne Rück-\nsicht auf die Kunstpartei, der er persönlich nahe-\nstand. Er war ein Förderer der Selbständigkeit\ndeutscher Kunst, weil er im Stillen sich\nals eine selbständige Persönlichkeit gegenüber Neu-\nerscheinungen der Kunst erwies. Im Widerspruch\nund gegen die Hauptmasse der Sezessionsmaler\nförderte er unsere Werke und Bestrebungen. Er\ntrat vor neuartige Werke hin, ließ sie auf sich wir-\nken, ohne jemanden zu fragen und handelte danach.\nEr widerstand allen Einflüsterungen und blieb fest\nbei seiner Meinung bis zum Tode.\nAls er sein Amt in Berlin verlassen mußte, war\nfast kein „moderner\" Künstler zur Stelle, an dem\nProtest teilzunehmen, der in einem Heft der „Per-\nsönlichkeiten\" die Stimmen der Besten zu sammeln\nsuchte. Es blieb bei einem Protest der führenden\nKunstschriftsteller. Er war also unter den „moder-\nnen\" Künstlern sehr unbeliebt. Sie ließen der Sache\nihren Lauf, um jetzt nach seinem Tode „kühn\" mit\nihrer Meinung hervorzutreten.\nHugo von Tschudi liebte das eben Keimende,\ndie neue Saat. Die kommende Jugend verehrt und\nrühmt ihn mit Recht. Ihr gehört er an, nicht denen,\ndie keinen Finger rührten, als er sein großes Amt\nan der Nationalgaleric-, anfgehe:: Möge die\nmoderne Kunstwelt an seinem Grabe lernen, daß\nnicht der Mut, an Gräbern zu klagen, den Charakter\nder Persönlichkeit verleiht, sondern daß diesen Lor-\nbeerkranz nur der Mut verdient, der kühn heraus-\nfährt, wenn es gilt, in Augenblicken schwerer\nHemmnis, lebende Kunstkräfte zu befreien, Mär-\ntyrertum nicht erst aufkommen zu lassen, winter-\nliche Eisschollen für die Frühlingssaat zu sprengen.\nNicht das „Schicksal\", sondern diese Art von Mut\nentscheide künftig das ~Drama\" der Kunstent-\nwicklung.\n\nRitter Johann des Todes\nVon Albert Ehrenstein\nRitter Johann des Todes ritt aus, dem Meere\nzu und fernen Ländern. Sprach zu ihm sein schwan-\ngeres Weib, diese Loudmilla Gamperl (die liebste\nihm, bis sie kein neues Essen und Küssen mehr\nwußte) diese Worte: „Vergebens fährst du aus!\nBleib! Morgen gibts Eichelsuppe und Geselchtes\nmit Spinat ... Du wirst schon sehen!\" In den\nOhren klangs dem Ritter und dann zu noch donner-\ndicken Nebelfernen ritt er, denn Weib-Köchin schien\nihm am Ende.\nRitter Johann des Todes ritt aus. Traf unter-\nwegs einen lieblichen Drachen, der ihm quer in den\nSpeer lief — aus Furcht, auch dieser Ritter könnte\nihn unerschlagen sich zu Tode kriechen lassen.\nLachte Ritter Johann des Todes und gab ihm sein\nheiliges Kraut Sarudsch an die Wunde. Qellt der\nDrache: „Läßt mich Drachen unerschlagen! . . .\nDu wirst schon sehen!\" In den Ohren klangs dem\nRitter und er nahm sichs zum Gedenkmai.\nRitter Johann des Todes, auf seinen Fahrten,\ntraf er die Jungfrau, die alle hundert Jahre aus\ndem Felsen Not hervorschießt. Die Jungfrau warf\nsich dem Ritter ihrer Maidenschaft an den Hals . . .\nLachte Ritter Johann des Todes und gab ihr seinen\nheiligen Knappen Nolpate ans Herz. Redte sich\naus: „Du bist die Jungfrau jeder hundert Jahr!\"\n„Schmähst die Gabe,\" keift sie, „aller hundert\nJahre? Du wirst schon sehen!\" In den Ohren\nklangs dem Ritter und dann zu noch donnerdicken\nNebelfernen ritt er.\n„Das verfluchte Kombinieren alter Speisen in\nneue! — Ich hab es satt! In der Jugend\nschlug ich fünfzehn liebliche Drachen! Ich hab es\nsatt. Und die liebe Jungfrau jeder hundert Jahre:\nist sie schmacker als all die andern Jungfern von\nGewohnheit? — Ich hab es satt! Und alle gellen\n,und keifen sie: Du wirst schon sehen . . . Und ich\nsehe doch meine Zukunft, daß ich keine Zukunft\nhabe, klar und dicht vor mir!\"\n, Ritter Johann des Todes, auf seinen Fahrten,\ntraf er sechs alte Weiber, die das Ziel erreicht zu\nhaben glaubten, indem sie, über den Weg erhoben,\nauf Steinen auf den Köpfen stehend, aus neuen\nFlaschen in neuen Gläsern neuen Branntwein\nsoffen, den echten, reinen, patentierten sogenannten\n„Dolgoruki\". Und sie reichten ihm den Brannt-\nwein. Er erschlug sie, weil sie's Ziel erreicht zu\nhaben glaubten, indem sie, über den Weg erhoben,\n,auf Steinen auf den Köpfen stehend, auä neuen\nFlaschen in neuen Gläsern neuen Branntwein\nsoffen, den echten, reinen, patentierten sogenannten\n„Dolgoruki\". Und die Weiber, sterbend auf den\nKöpfen stehend — alle Sechse keiften: „Du wirst\nschon sehen!\" In den Ohren klang's dem Ritter\nund er nahm sich's zum Gedenkmai.\n«3\nRitter Johann des Todes, auf seinen Fahrten,\nschlug noch viele andere, die — und nicht einmal\nauf die rechte Weis — die Erde nach blauen\nBlumen abgrasten . . . Und im Tode schrien sie\n,alle — er aber lachte bloß —: „Du wirst schon\nsehen!\" In den Ohren klangs dem Ritter und §tets\nzu noch donnerdicken Nebelfernen ritt er.\nRitter Johann des Todes, auf seinen Fahrten,\nerbarmte sich der Herrgott und kroch vom Himmel\n,zu ihm herunter, um ihm das Neue zu sein. Da\nerschlug ihn der Ritter Johann des Todes und\nlach e herzhaft, wie er noch nie gelacht hatte, daß\nder vom Himmel heruntergekrochen war, um ihm\ndas Neue zu sein und dann zu gellen: „Du wirst\nschon sehen!\""}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "700", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.2", "texte": "Ritter Johann des Todes aß Schlangen und\ngute Steine.\nRitter Johann des Todes, auf seinen Fahrten,\nmußte heim, da die Erde zu rund war. Sprach zu\nihm sein schwangeres Weib, diese Loudmilla Gam-\nperl, einen jungen Ritter Johann des Todes an der\nHand haltend diese Worte: „Heute gibts Eichel-\nsuppe und Geselchtes mit Spinat! Was hab ich\ngesagt!\"\nRitter Johann des Todes, ich muß es schon\nsagen, zu ihm kam nicht der Tod und er war ihn\nehrlicher suchen gegangen, als sein Urgroßvater,\nder ewige Jude.\nDer Ritter Johann des Todes, auf seinen Fahr-\nten. freute sich an seinem Tode, dem Neuen: Ritter\nJohann des Todes, auf seinen Fahrten, hängte sich\nauf.\nAus dem Skizzenbande „Tubutsch der — mit zwöif Illu-\nstrationen von Oskar Kokoschka soeben bei Jahoda\nund Siegel, Wi n und Leipzig erschienen ist\n\nMariä Empfängnis\nVon Alfred Döblin\nMaria ging bleich und stilläugig durch die\nleuchten niedrigen Gräser.\nHing das Laub hoch und dicht, so schaute Ma-\nria nach einem breitästigen Baume aus, der allein\nhinter einem maschigverwachsenen Qebüsch stand,\nin einem Wäldchen stand, den die Männer mieden.\nDas Grün der Blätter verschmolz mit den seidenen\nDämmerfarben der Luft; dann blühten bronze-\ndunkle, rosenzarte, gelbgetönte oder auch schneeige\nMädchenleiber unter ihm, die sich liebten. Das\nLaub hing dicht und fiel tief hernieder.\nWenn wilder Regen strömte, saß Maria unter\nden Gespielinnen am Fenster ihrer Halle, mit ihrem\nweißen, ins Bläuliche schattenden Gewände, einen\nMandelzweig im Haar; sangen aller Lippen zum\nRegengotte ein Beschwörungslied. Aber sie schrie\nauf vor Glück, wenn sie ein Kindchen sah. Mit lang-\nsamen Schritten ging sie auf das Kindchen zu, hob\nes auf und hielt es, sich setzend, leicht mit den\nKnieen wiegend, im Schoß. Manchmal hielt fie im\nWiegen inne, blickte lange auf die weißen Sonnen-\nstäubchen und den schwerblauen Himmel, schau-\nerte plötzlich zusammen mit den fröstelnden Schul-\ntern und wiegete weiter.\nEin treuer Freund warb um sie; aber die\nJungfräuliche konnte den leise Flehenden nicht er-\nhören.\nAls die Mädchen einmal in sanftem Glück unter\nfenem breitästigen Baum ihre Jugend mit Küssen\nund Umarmen genossen, sahen sie durch eine Blät-\nterlücke am Himmel eine schwarze, unermeßlich\nbreit und riesig greifende Wolkenhand, unentrinn-\nbar Willens gleichsam wie eine Gotteshand. Sie\nsangen unruhig auf, sänftigten sich, flohen schließ-\nlich durch das Laub geduckt auseinander, die wei-\nßen und buntgewandigen, als ein graublaues Licht\nganz hinten am Hügel äugte und immer heller und\nheller und häufiger von der Himmelsschwärze her-\nblickte. Zwischen schwarzen und steifen Baum-\nreihen, die sich zu krümmen und winden begannen,\nflatterten die Gewände vor dem Wind. Dem\nFreunde, der Maria entgegengelaufen war, nach-\ndem er lange wartend um ihr einsames Haus ge-\nstreift hatte, klammerte sich die Aengstliche, Zer-\nzauste an und ließ seinen Arm nicht. Immer klagten\nund zitterten ihre blassen, verwirrten Blicke zu den\nweitgespannten Wolkenfingern und dem grellen\nLicht hin. Sie fiel ihm, als die Erde zu beben be-\ngann und eine Donnerstimme mit lohendem Purpur\nund Schwefelgelb autbrüllte, tofcbleichen Gesichts in\ndie Arme. In dem dichten Dunkel fuhren Hände\nihr über Gesicht und Haare, sie hörte nach dem\nherrisch befehlenden Donnerschlage heiße Flüster-\nWorte, Er nahm sie hin, die wie ein leichter Äst an\nseiner Schulter hing, mit ganz entspannten Gliedern\nund Zittern.\nDie Gespietinnen tanden sie am Morgen nach\ndem Gewitter starr mit offenen Lippen auf dem\nLager. Ihre schimmernden Augen suchten, als die\nFüße der Mädchen auf der Diele klangen, irr etwas\nin ihrem Zimmer und auf den Gesichtern der Freun-\ndinnen ; sie wollte sprechen, aber mit einem rauhen\nLaut stopfte sie sich ihr Tuch in den Mund und biß\nhart darauf. Oder sie schrie auf und stöhnte lang-\ngezogen, regelmäßig und warf sich hin und her. Nie-\nmand wußte, was in der Nacht geschehen war, aber\nman riet bald, daß der Schrecken des Gewitters\nihre Seele verstört hatte.\nUnd sie pflegten sie, bis sie still wurde, und\nauch den Freund, der immer wieder eindringen\nwollte, ließen sie nicht zu der Kranken. Als sich\ndie Zerwühlte langsam gesammelt hatte und ruhig\nlag, sagte sie endlich heimlich, indem sie den Kopf\nnoch tiefer in das Kissen drückte, wie um sich zu\nbesinnen, mit einem unsicher fragenden Ton in der\nStimme: es sei etwas über ihrem Haus bei Nacht\ngewesen. Und sann dann wieder angestiengt in\nden Kissen nach, sah auffahrend auf die Gefähr-\ntinnen und die stummen Gegenstände itn Zimmer.\nNach einiger Zeit ging sie nun wie eh mit den\nFreundinnen durch die feuchten niedrigen Gräser.\nAber wenn schon sonst ein weicher Ernst über ihr\nlag, so verlangsamten sich jetzt ihre Bewegungen\nimmer mehr, fast feierlich . Ihr Gesicht klärte sich\nmorgenlich, täuschungslos auf. Als sie dem Freier\nzuerst begegnete und die Freundinnen auf ihren er-\nstaunten Blick ihr sagten, wer er sei, sah sie ihm\nnoch lange in das flehende Gesicht und wandte sich\ndann ruhig von ihm ab, anscheinend im Grün der\nhängenden Blätter und am glatten Himmel etwas\nsuchend.\nOefter blieb Maria jetzt vor ihrer Halle sitzen\nin der blauen Luft. Ihre Augen wurden gütiger,\nversonnener, und wenn der treue Freund neben ihr\nstand, so streichelte sie seine Hand, die neben\nihrem Kopf herabhing, und ihre Lippen nannten ihn\nwie früher leise: Freund.\nSie gedieh und wandelte sich allmählich in eine\nreife Blüte. Als sie mit dem schwachen Kindchen\nauf den wiegenden Knieen wieder vor der Halle\nsaß, sah Josef sprachlos auf sie, deren Augen von\ninnen erleuchtet schienen.\nMaria hob ihr zartes Gesicht lächelnd zum tief-\nblauen Himmel auf, von dem die düstere Gottes-\nhand nach der jungfräulichen herabgegriffen hatte,\nöffnete leicht die Lippen gegen das Licht zum Kuß,\nblieb lange so.\nUnd so senkte sie dann den friedensstillen Kopf\nund die Brust halb über das unschuldige Kindchen,\ndas von ihren duftenden Händen gehalten, auf\nihrem Schöße lag, auf ihrem weiten, weißen Ge-\nwände, dessen Falten mattblau schatteten:\n„Ich liebe dich, ich liebe dich, du Gottespfand.\"\n\nDer Vagabund\nVon Otto Rurig\nEs dauerte vier Tage, bis der Polizeileutnant\nZeit fand, zu Herrn Klerker zu gehen und mit ihm\nzu sprechen. Während dieser vier Tage hatte Jan\nEriksen sich überhaupt nicht außerhalb der Villa\nsehen lassen. Seine Anwesenheit störte Klerker\nnur wenig, denn Jan hielt sich meistens in der klei-\nnen Kammer auf. Klerker hörte, wie er draußen\nin Küche und Speisekammer für sich sorgte,\nund zwar stets zu Zeiten, wenn Therese nicht da\nwar. Bei Klerkers Besuchen im Haus des Schwa-\ngers wurde die Angelegenheit mit keinem Wort er-\nwähnt; so oft Klerker jedoch aufhörte, zu reden,\nschwiegen alle ein paar Minuten lang und betrach-\nTeten ihn mit ängstlichen, unsicheren Augen. The-\nrese und die drei kleineren Kinder gingen nicht vors\nHaus, um zu spielen, sondern blieben unbeweglich\nauf ihren Stühlen sitzen. Sie genossen das un-\nheimliche Kribbeln, das sich in den Anwesenden\nregte, sobald Klerker einen der lehrreichen Vor-\nträge beschloß über die vielen Dinge die er in sei-\nnen Büchern gelesen hatte.\nDer Poüzeileutnant traf Klerker zwischen sei-\nnen Rosen. „Guten Tag, Herr Klerker. Was hören\nwir denn von Ihnen? Jan Eriksen hat bei Ihnen\nUnterkunft gesucht?\"\n„Gewiß,\" erwiderte Klerker.\n„In Ihren eigenen Interesse, Herr Klerker, soll-\nten Sie ihn möglichst schnell herauslassen! Schutz-\nmann Jessen wartet dort drüben an der Ecke und\nist hier, sobald ich winke.\"\n„Ihn herauslassen?\" Klerker rieb sich die Nase.\n„Warum sollte ich ihn aus dem Hause weisen? Daß\nalle andern es getan haben, ist kein Grund, daß auch\nich es tun müßte. Von den Motiven anderer läßt\nsich nicht auf die meinen schließen. Das ist keine\ngute Logik. Dieser Mann hat in seinem Leben\nnichts anderes kennen gelernt, als daß man ihn aus-\nschloß, oder vielmehr einschloß. Sie, Herr Leut-\nnant werden das vielleicht für richtig und gerecht\nhalten, aber Sie schulden mir dann eine Begrün-\ndung dafür, warum gerade er aus- oder vielmehr\neingesperrt werden soll und nicht ich oder meine\nNachbarn oder Sie selber, der Sie ihn jetzt ein-\nsperren wollen?\"\nDer Polizeileutnant ging ein paar Schritte auf\ndem Gartenweg vorwärts, blieb dann stehen und\ngab sich den Anschein, als ob er zornig würde: „Ich\nhätte nicht geglaubt, Herr Klerker, daß Sie, ein sei-\nhafter Bürger, der zu der besitzenden und in ge-\nordneten Verhältnissen lebenden Gesellschafts-\nklasse gehört, gegen die Autoritäten auftreten und\ngemeinsame Sache mit einem Herumstreicher,\neinem mehrfach bestraften Vagabunden machen\nwürden!\"\n„Allerdings gehöre ich zu den Seßhaften und\nBesitzenden,\" meinte Klerker und bot dem Leut-\nnant eine Zigarre aus seinem Etui an, „aber das\nist der reine Zufall und hat nicht die geringste\nBedeutung als Motiv für meine Handlungen. Dal\nich der geordnetlebenden Klasse angehöre, ist rich-\ntig, insofern ich in meine Begriffe Ordnung z«\nbringen suche und sorgfältig meine Motive prüfe,\nbevor ich sie anwende Jan Eriksen ist weder be-\nsitzend noch seßhaft, aber ich sehe keinen zwin-\ngenden Grund dafür, daß er es nicht ist.\"\nDer Polizeileutnant lächelte sehr sarkastisch.\n„Wollen Sie ihm etwa keine Hindernisse in\nden Weg legen, wenn er Lust bekommen sollte,\nsich in Ihrer Villa seßhaft zu machen und sich in\nden Besitz Ihres beweglichen Eigentums zu setzen?\nWie, Herr Klerker?\"\nKlerker schüttelte den Kopf. „Ich hoffe nicht,\ndaß es so weit kommen wird. Das ist eine der\nschwierigsten Entscheidungen, vor die man einen\nMann stellen kann: ob er oder ein anderer ein\nRecht auf die Dinge hat, die zufällig in seinem\nBesitz sind.\"\n„Der Staat hat das doch sehr gut geordnet,\nbester Herr Klerker, indem er die Wege anweist,\nwie Besitz und die anderen Rechte begründet\nwerden.\"\nKlerker lächelte verständnisvoll. „Im Gegen-\nteil. Viele der größten Geister sind der Ansicht,\ndaß der Staat diese Dinge niederträchtig schlecht\ngeordnet hat.\"\n„Sie sind also geradezu Kommunist?\" fragte\nder Leutnant mit munterem Augenblinzeln.\n„Durchaus nicht, Herr Polizeileutnant, —\njedenfalls nicht im Hinblick auf Ihr Eigentum und\ndas anderer Leute. Und Sie müssen mir jedenfalls\nzugestehen, daß ich in eine Situation geraten bin,\ndie tiefes Nachdenken und gründliche Ueberlegung\nerfordert.\"\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "701", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.3", "texte": "„Ja, Herr Klerker! Behalten Sie in Gottes-\nnanien Ihren jungen Verbrecher. Sie haben sich\nnun mal in ihn vergafft: der Himmel mag wissen,\nwarum, da er doch häßlich und gemein ist . .\n„Auf sein Aeußeres habe ich ganz und gar\nkeine Rücksicht genommen,\" erklärte Klerker.\n„Gut!\" Der Leutnant fuhr ärgerlich von der\nBank auf. „Gut! Dann müssen Sie eben selber\ndie Folgen auf sich nehmen. Die werden sich viel-\nleicht eher einstellen, als Sie glauben . .\nAls Klerker eine Stunde später sein Eß-\nzimmer betrat, saß Jan Eriksen an dem Tisch, der\nreichlich mit Speisen und Getränken besetzt war.\nBei Klerkers Eintritt stand er nicht einmal auf,\naber sein Gesicht nahm plötzlich einen festen, re-\nsoluten Ausdruck an, und er warf seinem Wirt\naus seinen kleinen, wässerigen und verrückten\nAugen einen haßerfüllten, gierigen Blick zu. Vor\nihm stand Klerkers Tafelaquavit.\nZwei Tage darauf betrat Klerker das Eß-\nzimmer des Schwagers, wo die Familie am Mit-\ntegstisch saß. Er nahm Platz auf dem Stuhl, den\nTherese für ihn zurechtschob, und strich sich über\ndie Stirn.\nMühsam lächelnd sagte er: „Nun hat er mich\nhinausgeworfen.\"\nDie ganze Familie erhob sich von den Stühlen\nund stand da mit weitaufgerissenen Augen und\nbleich wie das Tischtuch. Man hörte keinen Laut.\nDie ganze Familie, die sozusagen im Schutze des\nwohlhabenden und freundlichen Onkels lebte, war\nwie gelähmt; sie fühlte sich in ihrer Wohlfahrt\nbedroht; dieser Donnerschlag, der schon lange\ngenug gedroht hatte und nun plötzlich erfolgt war,\nkatte sie erschreckt und betäubt.\n,Ja,\" fuhr Klerker fort. „Er hat in zwei\nTagen vier Flaschen von meinem Tafelaquavit aus-\ngetrunken. Als ich heute zu Tisch gehen wollte,\nsa£ er bereits da. Therese ist ja in den letzten\nTagen nicht bei mir gewesen; er hatte sich alles\nseJber besorgt. Also: kaum war ich eingetreten,\nÄa stand er auf und rief mit lauter, erbitterter\nStimme: Hinaus! Aus meinem Hause!\"\nKlerker duckte sich und dachte mit Bewunde-\nrung an jenen Augenblick, da der blonde Hüne, in\neinem von seinem Wirt entlehnten Anzug, der ihm\nan den Handgliedern und Fußknöcheln zu kurz war,\naufgedunsen von Trunk und von Wut, von Kler-\nkers Platz am Tische aufgesprungen war, in der\nfürchterlichen rechten Faust eine Flasche schwang,\nund ihm zugebrüllt hatte, daß Klerker zur Hölle\nfahren möge. Klerker war sofort aus dem Zimmer\ngegangen. Er war noch immer bleich und ver-\nängstigt, aber nicht zornig.\n„Nein, warum soll ich zornig werden? Ich\nweiß recht gut, daß die meisten Zeitgenossen zor-\nnig werden, wenn man dem, was sie für ihre\nRechte halten, zu nahe tritt; dann werden sie wild\nund schreien: darüber verfüge ich und nicht du.\nAber ich finde ein solches Auftreten unwürdig, ja\nunpassend — wenigstens für mich.\" Klerker trock-\nnete seine Stirn mit der Serviette.\nKlerkers Schwager war kein besonders muti-\nger Mann, aber er nahm sich doch so weit zu-\nsammen, daß er sich der Villa näherte und konsta-\ntierte, daß sämtliche Eingänge verschlossen und\nverbarrikadiert seien. Und er hörte, wie Jan Erik-\nsen im Hause tobte und Gegenstände in Stücke\nschlug.\nDer Schwager sandte sofort einen Boten zum\nPolizeileutnant, und dieser kam in das Zimmer, wo\nKlerker saß. „Was habe ich gesagt!\" rief er. „Da\nsehen Sie's! Er hat Sie aus Ihrem eigenen Hause\nhinausgeworfen.\"\nKlerker warf ihm einen verschleierten, aber\nunerschütterlichen Blick zu: „Ich habe keine An-\nzeige gemacht.\"\n\nFortsetzung folgt\n\nDer reiche Bankier\nOppenheimer\nVon Siegmund Kalischer †\nAm sechzehnten März achtzehnhundertzwei-\nundneunzig fehlte dem Bankier lakob Oppenheimer\nnoch eine Mark zur Million, in der Frühe des\nsiebenzehnten war er Millionär.\nWie er es seinen Freunden vorausgesagt\nhatte, bezog er an diesem für ihn denkwürdigen\nTage zwar sein neues Heim mit den großen saal-\nartigen Zimmern, schickte aber seinen einzigen\nSohn Christian auf die Reise\nDie Mutter dieses Sohnes hatte der Kommer-\nzienrat Oppenheimer ihres Geldes wegen geheira-\ntet. Sie war vielleicht eine blonde Frau mit zarter\nHaut und blassen Lippen und Augen, vielleicht sah\nsie auch anders aus, jedenfalls tötete sie die Ge-\nburt dieses Sohnes, den der Kommerzienrat am\nsiebzehnten März 1892 auf Reisen schickte.\nAm Nachmittag saß der Kommerzienrat allein\nim Eßzimmer. Das war im altdeutschen Stil ge-\nhalten und sehr groß. Der Kommerzienrat aber\nwar klein und dick und saß auf einem großen Lehn-\nstuhl in der Ecke des Zimmers vor dem Fenster.\nEr konnte die Zeitung nicht lesen, die er in seiner\nHand hate, denn es war ein zu merkwürdiges Ge-\nfühl, in dem großen, weiten Saal ganz allein zu\nsein und nur so einen verschwindend kleinen Teil\ndes Raumes auszumachen. Er rief einen Diener\nund fragte nach der Zeit: seine Uhr wäre stehen\ngeblieben. Fünf Uhr. Aber danach ging der\nDiener wieder fort, und der Kommerzienrat blieb\nwieder allein. Um halb sechs sagte er ganz laut:\nIch werde einen Gang durch meine sämtlichen\nZimmer machen. Dann erschrak er, weil seine\nStimme so schallte. — Aber er stand 'nicht auf,\ndenn er dachte, vielleicht ist der Boden im näch-\nsten Zimmer glatt, dann rutscht man aus und\nbricht ein Bein, das wäre aber nicht passiert, wenn\nman das Eßzimmer nicht verlassen hätte. Am\nsichersten, seine Stellung garnicht ändern. Da\nkann einem kein Unglück zustoßen, das heißt, so\nsicher ist das ja auch nicht, aber . . . hier verloren\nsich die Gedanken des Kommerzienrats ins ver-\nworrene.\nEs dunkelte schon. Das sah der Kommerzien-\nrat plötzlich mit einer gewissen Beklemmung, als\ner vom Fenster hinweg ins Zimmer blickte. Dann\nmußte er über seine Angst lächeln: Es wurde doch\njeden Tag dunkel, wenn man sich da immer äng-\nstigen sollte.\nAber da war ja ein Mensch im Zimmer. Herr\nGott im Himmel, ihm gegenüber, mit blaßgelber\nGesichtsfarbe, die Tür lag doch am andern Ende\ndes Zimmers, da hätte er ihn doch hindurch gehen\nsehen müssen. Der saß nun auf dem Lehnstuhl\nund sah den Kommerzienrat an, er hatte auch eine\ngoldene Brille auf, wie der Kommerzienrat, und\ndie Arme waren ihm heruntergesunken, ganz wie\ndem Kommerzienrat, und er hatte auch in der Hand\neine Zeitung — natürlich, das war der Spiegel da\ndrüben. Aber nein, das Siegelbild hatte die Zei-\ntung in der Linken und er — Gott, das war ja\nrichtig, war er denn kindisch geworden?\nDer Diener könnte jetzt eigentlich das Licht\nanzünden, es war doch schon dunkel. Der Kom-\nmerzienrat hätte nach ihm geläutet, aber dann\nhätte er erst durch den großen Saal gehen müssen.\nDazu saß er zu bequem, ja dazu saß er viel zu be-\nquem. Aber angenehmer wäre es gewesen, wenn\nder Saal hell gewesen wäre. Der wurde statt\ndessen immer dunkler und größer, und der Kom-\nmerzienrat wurde immer kleiner. Der Saal war\njetzt schon so groß wie die ganze Welt, und der\nKommerzienrat war auf der ganzen dunklen Welt\nallein.\n„Guten Tag, Herr Oppenheimer,\" sagte mit\nganz hohler Stimme der Tod, der saß auf einem\nEichenstuhl mit der hohen Lehne am Tisch und aß\neine von den Messinaapfelsinen. Das klapperte\nimmer so gräßlch, wenn der Tod kaute. Der Kom-\nmerzienrat vergrub krampfhaft seine Nägel in das\nFleisch seiner kleinen dicken Hand, aber das blu-\ntete und tat sehr weh. Nun häte er gern den Tod\ngebeten, ihn allein zu lassen, aber jedesmal, wenn\ner den Mund öffnete, gab es schon von seinem\nAtem einen so lauten Ton, daß er sich vor seiner\nStimme fürchtete.\nDer Kommerzienrat gab sich einen Ruck, umi\nwie er sich den Ruck gegeben hatte, trat seine\nverstorbene Frau aus <ler Gardine und setzte sich\nauf den Lehnstuhl ihm gegenüber. Und neben ihr\nstand der Architekt Gottlieb Krause, der dem\nKommerzienrat das neue Haus erbaut hatte, der\nbeugte sich plötzlich über seine Frau und küßte\nsie. Und da der Spiegel hinter ihnen hing, sah\nder Kommerzienrat das Bild doppelt, seine Frau\nvon hinten und den Architekten von der Seite im\nProfil, und das wiederholte sich unzählige Male,\nweil auch hinter dem Stuhle, auf dem der Kom-\nmerzienrat saß, ein Spiegel war. Darüber mußte\nder Kommerzienrat lachen, hielt aber gleich inne,\nschon das bloße Verziehen des Gesichtes hallte im\nSaale wieder, so daß er sich entsetzt umsah.\nDer Tod saß noch immer am Tisch und schälte\nsich eben die dritte Apfelsine. Das war merk-\nwürdig, weil doch nur zwei in der Schale gelegen\nhatten.\nDer Kommerzienrat wandte schnell den Kopf\nzu der dem Fenster entgegengesetzten Seite des\nZimmers, um den Tod nicht zu sehen und auch\nnicht seine verstorbene Frau und den Architek-\nten : da standen in der Ecke des Zimmers sechs\nMaurer, die auf seinen Bau mitgearbeitet hatten,\nauf dem Verdeck des Neptun, alle in Matrosen-\nanzügen, und der Kapitän sagte zu ihnen: Chris-\ntian Oppenheimer ist auch seekrank, daß diese\nLandratten doch nichts vertragen.\nDer Kommerzienrat hielt den Kopf ange-\nstrengt nach der Seite, wo der Kapitän und die\nMaurer standen, obwohl es ihn schmerzte. Auch\nnoch, als der Tod aufsprang und die Arme auf das\nBecken gestemmt sagte: Nu, Herr Kommerzien-\nrat Jakob Oppenheimer, nehme ich mich nicht\ngut aus in dem großen, leeren, ganz dunklen Zim-\nmer? — So wollte der Kommerzienrat sitzen\nbleiben, bis der Diener Licht gemacht hätte.\nGott sei Dank, der kam jetzt. Aber wie? Er\nnahm nur die Apfelsinenschalen, ging damit zum\nKommerzienrat und kitzelte ihn immerfort an der\nBecke, der Kommerzienrat mußte an die Backe\nfassen, plötzlich, die war ganz kalt. Und seine\nHände? Die waren auch ganz kalt. Und er war\nsteif und konnte nur noch die rechte Hand be-\nwegen. Mit der faßte er unwillkürlich nach dem\nHerzen. Das hatte aufgehört zu schlagen, er\nwar also tot. Und der Kommerzienrat erschrak\nheftig und konnte vor Schreck auch die rechte\nHand nicht mehr bewegen.\nAls der Diener Licht machen wollte, fand er\nden Kommerzienrat, den Kopf angestrengt nach\nder dem Fenster entgegengesetzten Seite des\nZimmers verdreht, die Rechte auf dem Herzen,\ndie Linke hing starr herunter. Auf dem Boden\nlagen die Schalen der drei Apfelsinen, die der Tod\ngegessen hatte.\nZur Erinnerung an den jungen Autor, den eine schwere\nKrankheit tötete. Widrige äussere Lebensverhältnisse hin-\nderten ihn an der Entfaltung seiner starken Begabung."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "702", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.4", "texte": "Briefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nHeute war der Bischof bei mir; wir flüstern bei\n.jedem Zusammensein leiser. Ich bin so empfindlich\nam Herzen, ich höre mit meinem. Herzen und das\nsanfte Sprechen tut ihm wohl Kr saß an meinem\nLager, (Dm. Herwarth, ich habe mir direkt ein Zelt\neingerichtet mitten im Zimmer,) und spielte mit sei-\nnem Muschelbleistift; ich zeichnete mit dem Kohi-\n■»oor den Mond auf. bis er schwebte — so: Zwi-\nseilen der weißen Pracht des Papiers ganz alleine\nölme Sterne und ohne Erde. Wie grausam man\nzeichnen kann, aber ich bat den Bischof, mit sei-\nnem rauschenden Bleistift ein Meer unter den\n$iond zu setzen. So geht es mir aber auch mit\nNasen, die ich hinsetze oder Mündern oder halben\nGesichtern, ich muß sie vervollständigen, damit\nÜinen nicht ein Sinn fehlt «und dabei versäumt man\nmch selbst so oft, und das Herz liebt so selten bis\nzu Ende. Herwarth, Du mußt auch flüstern lernen,\nman hört das Echo der Welt ganz deutlich. Wenn\nder Bischof und ich flüstern, werden die Wände\nleise und die Möbel erträglich, ihre Farben mild.\nUnd die Spiegel der Schränke sind Bäche, und un-\nsere Liebe ist ein Heimchen oder eine Grille, eine\nPusteblume, daraus sich die Kinder Ketten machen.\nLiebe Jungens, heut bekam ich eine Massen-\npostkarte aus dem Rheingold in Berlin: Liebe, beste\nFrau L.-Sch., Sie werden von uns allen vermißt!!!\nLoos.\nLiebe, unbekannte Frau! Herr Loos hat über\nMinen solche Lobdudeleien gemacht, daß ich beinahe\nfürchte, Sie kennen zu lernen. Keine Dichterin in\nganz Deutschland schrieb Verse wie die Frau L.-\nSch., das ist das wenigste, was er sagt, und dann\nzitiert er den Tibet-Teppich von Morgen bis\nAbend. Aber hoffentlich sind Sie doch, wie er sagt.\nUnd einmal werden wir uns doch begegnen. Viele\nGrüße Karin Michaelis.\nArnold Schönberg. Webern, Beste Grüße Lud-\nwig Kainer. Ada un-d Emil Nolde. Kurtchen. Be-\nstens grüßt Albert Ehrenstein. Herwarth Waiden.\nDöblin — immer mal wieder. Erna Reiß. Gustav\nWallascheck. Hede von Trapp. Willam Wauer.\nLene Kainer.\nAlso seid Ihr beide doch wieder in Berlin; ich\n-habe das ganz vergessen, laßt Euch ja meine Briefe\naus Norwegen zurückschicken. Else\nDer Dalai Lama meint, einige meiner Modelle\nhaben nicht den Anspruch auf meine Kunst. Anders\nkann ich mir nicht des Ministers Worte deuten.\nAber es kommt ja nur darauf an, wie ich die Mo-\ndelle zum Ausdruck bringe. Ich habe weiter\nnichts mit ihnen zu tun. Und nieine Dichtung werde\nich später verkaufen, meine Seele an einen Ver-\nleger verschachern, und dennoch hat der Dalai\nLama mir die Augen geöffnet; ich empfinde seit-\ndem mein Dichterinnensein für ein Pfandleihtum,\nimmer bewerte ich die Menschen, fast ohne Aus-\nnahme, zu hoch. O, diese Verluste!\nLieber Herwarth, willst Du im Sturm veröf-\nfentlichen lassen, daß sich alle Vertreter unseres\ngemeinschaftlichen Cafes melden mögen, die den\nWunsch hegen, nicht mehr in den Briefen an Euch\nerwähnt zu werden. Ich gewähre ihnen freien\nAbzug.\n\nDie Nachfolger der Im-\npressionisten\nVon Michel Puy\n\nDie Maier, die man kurze Zeit „les Fauves\"\nnannte, befinden sich in voller Reaktion gegenüber\nder Gruppe Vuillard, Denis, Valloton. Sie lehnen\nsich nur an Valloton an, der sich selbst von ihnen\nloslöst. Sie haben davon geträumt, ihre Unter-\nsuchungen auf einer gründlichen Kenntnis der Zeich-\nnung aufzubauen. Nach und nach hat sich ihre\nZeichnung kondensiert, und um ihr Kraft zu geben,\nsind sie nicht davor zurückgeschreckt, sie durch\nlebhafte Farben zu unterstützen. Sie suchten die\nLinie zu präzisieren und gingen soweit, sie manch-\nmal verkürzt und elliptisch zu gestalten. Sie sind\ndahin gekommen, sich mehr mit der Linie an sich\nzu beschäftigen als damit, daß sie für ihre Zeich-\nnung Kraft bedeutete. Sie wollten ihr eine herr-\nschende Stellung in ihren Werken vorbehalten. Von\nder peinlichen Beobachtung der Realität ausgegan-\ngen, haben sie es schließlich nur auf den Einfall ab-\ngesehen. Die dekorative Spekulation hat ihre rea-\nlistischen Anwandlungen ersetzt; die Weitsehend-\nsten wollten eine rein mathematische Welt schaffen,\nin der die Formen, an die unsere Augen gewöhnt\nsind, durch Vielflächner oder Kegel ersetzt werden.\nAndere wollen die Einbildungskraft des Beobach-\nters verblüffen, und, um besser zu ihrem Ziele zu\ngelangen, scheuen sie nicht vor einer gewissen\näußerlichen Bizarrerie.\nAlle diese Maler haben die Beachtung des Pu-\nblikums erzwungen, viele empört, und zahlreiche\nAnhänger gefunden. Es ist sehr schwer, in einer\nderartigen Bewegung klar zu unterscheiden zwi-\nschen dem, was einer nötigen Handlung der ver-\nschiedenen Temperamente mit den Mitteln der Zeit\nentspricht, und dem, was einfach Zufall, Uebertrei-\nbung, Hingerissensein, Rausch, Großsprecherei ge-\nnannt werden müßte. Erwägt man aber die Ent-\nwicklung ihrer Gruppe, so muß man anerkennen,\ndaß sie mit logischer Heftigkeit das Malen und\ndie Hauptprinzipien ihrer Vorgänger ausgenützt\nhaben.\nEs ist unmöglich von diesen Malern zu spre-\nchen, ohne zuerst den Namen Matisse zu nen-\nnen. Er besitzt ein Können, das ihm keiner bestrei-\nten dürfte. Allen Verwandlungen der Formen ge-\ngenüber ist er empfindlich, allen Farbenmöglich-\nkeiten. Er gleicht den Dichtern, für die jedes Wort\neinen Sinn und jede Wendung eine Bedeutung hat.\nMit dem einfachsten: mit einer Fruchtschale, einer\nPerson, einer Draperie, ist er fähig, eine große Lein-\nwand lebendig zu machen. Mag er noch so hastig\nnach dem Modell zeichnen, seine Skizze wird immer\ndekorativen Wert besitzen. Er wächst immer über\ndie Empfindung der Anmut und der Hingabe, die\nein Frauenkörper ausströmt, hinaus, über die glück-\nliche Sinnlichkeit, die von den Erscheinungen aus-\ngeht. Mit Hilfe eines einzigen Farbentones füllt er\neinen weiten Raum. Und dieser Ton wird so ge-\nwählt sein, daß er das Ganze leuchten läßt. In\neinem Saale hängen seine Bilder nebeneinander\nprunkvoll an den Wänden und passen sich den Ab-\nstufungen der schönsten Teppiche an. Wenn Ma-\ntisse in seinen Statuen oder in seinen Bildern die\nForm übertreibt, so wird er durch sein Tempera-\nment geleitet, das ihn zwingt, eine Wahrheit zu be-\njahen. die er nur ahnt, und sie schonungslos bis an\ndie äußerste Grenze des Parodoxen zu treiben. Er\nliebt seinen Malerberuf zu leidenschaftlich, um ihn\nnicht überall zu betonen. Ohne Rücksicht auf das\nWesen der Plastik, ohne jede psychologische Spitz-\nfindigkeit und außerhalb aller charakteristischen\nMerkmale eines Werkes von Gefühl und Vorstel-\nlung kommt er dahin, in einer Frauenstatuette, in\neiner Landschaft oder in einer dekorativen Kom-\nposition eine Rührung einzuschließen, die in unserm\nDenken und in unserm Fühlen ein tiefes Echo aus-\nlöst.\nMarquet und Puy sind zweifellos von Ma-\ntisse inspiriert, sind ihm aber nur ungefähr gefolgt.\nMarquet beschränkt sich auf die Landschaft; er be-\nmüht sich, das Interesse an ihr in zwei oder drei\nArten zu konzentrieren, die in ihrer Verschieden-\nheit sich mit eigensinniger Präzision einprägen. Er\nerweitert sie nicht durch Lyrismen oder durch Ek-\nstase, er setzt sie hin und charakterisiert sie mit der\nbeißenden Genauigkeit seiner Beschreibung. Für\ndie Seinequais, für verstaubte Voistadtecken hat er\nFormeln gefunden, die sie richtig zusammenfassen\nund ihr Aussehen in unserm Gedächtnis festlegen.\nIn einer Gruppe von Malern, die in der Oertlichkeit\nnur ein Motiv sahen, hat Marquet das Persönliche\nherausgearbeitet und die Physiognomie geschaffen.\nUnd das, ohne Einzelheiten aufzuhäufen, deren Ne-\nbeneinanderstellung schließlich dem Beobachter den\nGedanken der Aehnlichkeit suggerieren kann. Er\ntibt die nachhaltigsten Empfindungen, die ihm die\nVision des Ganzen bietet. Ohne Geschwätz, ohne\nUeberfüllung. Seine Bilder könnten dem flüchtigen\nBeschauer eintönig und glanzlos erscheinen; in ihrer\nGesamtheit wirken sie kraftvoll.\nJean Puy schwankt zwischen seinen Wün-\nschen als Maler und seinem Hang zum Dichter.\nEr will keine materielle Realität kennen, die nicht\neine gewisse Phantasiefreudigkeit auslöst. Aber\nkein Gedanke kann ihn befriedigen, wenn er nicht\nein fester Bestandteil in der Arbeit der gemalten\nMaterie ist. Er hält sich an eine doppelte Aufgabe:\nlange und unermüdlich zu beobachten, um die Natur\nwiederzugeben, ohne sie zu verraten, und den For-\nmen und Farben einen Schwung nach jenen traum-\nhaften, versucherischen Höhen zu geben. Er strebt\nnach allem, was erregt, nach der Begeisterung, die\nin der Luft, in der Begeisterung selbst liegt, nach\nder fruchtbaren Traurigkeit der Betrachtung und\nder verzweifelnden Freude der Wollust, In einer\n„Badeszene'' wirft er auf flache Felsen, die das\nMeer beherrschen, ein paar nackte, hüpfende, ra-\nsende Menschen hin, die von einer wahnsinnigen\nLüsternheit nach der Frische des Wassers und nach\nder Torheit des Horizontes getragen werden. In\nder „Etreinte\" stellt er der Weichheit des Sujets\nfantastische Figuren gegenüber, die sich in den Fal-\ntenwürfen fortsetzen, und die sich tollen Närrisch-\nkeiten, unbeschreiblichen Planschereien überlassen.\nDennoch ist er häufig zurückhaltender und begnügt\nsich, durch den Adel der Stellungen, durch den Ernst,\nden er ihnen gibt, seine dichterischen Anwandlungen\nauszudrücken.\nManguin hat eine leichte, oft glückliche\nHand. Blaue Töne, grüne, rote, gelbe, die er ganz\nrein in seinen Bildern nebeneinanderstellt und in\ndenen er Frauenkörper, Landschaften, Interieurs er-\ntrinken läßt Nackte Gestalten faulenzen lichtge-\nbläht vor singenden Hintergründen, Bäume stehen\nanmutig und strecken verloren ihr Blattwerk in den\nHimmel. Dieser Maler mit den lachenden Eindrük-\nken, kümmert sich zu sehr um das, was um ihn her-\num vorgeht, und oft vergißt er sich selbst Die Ur-\nsprünglichkeit seiner Komposition beruht gänzlich\nauf der sehr bunten Zusammenstellung seiner\nPinselstriche. Er hält sich an das Dekorative, und\ner wirft sich auf Formen, die, keineswegs durch die\nFolgerungen einer persönlichen Logik motiviert,\nschließlich seine Bilder kompromittieren müssen.\nDer a i n hat eine Art dekorative Wut. Seine\nersten Landschaften erinnern an japanische Kup-\nferstiche, in denen er ohne Rücksicht auf Realität\nwilde Sachen macht. Er suchte nach seinem Aus-\ndruck ungefähr um dieselbe Zeit wie Matisse, dessen\nKenntnisse und sorgfältige Vorbereitung ihm gänz-\nlich abgehen. Er ist durchaus nicht mit einer Um-\nformung von Beobachtungen vorgegangen,\nsondern mit einer brutalen Benutzung von Formen\nund Farben. Er überläßt sich schnellen Feststel-\nlungen, berechnet den Wert der Linien und emp-\nfindet es als Notwendigkeit, sich in der Theorie zu"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "703", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.5", "texte": "E. L. Kirchner: Akte / Holzschnitt\n\nverlieren, indem er die Ratschläge seiner Sinnes-\nempfindsamkeit vernachlässigt. Manchmal ver-\nsucht er in seinen kleinen Landschaften, sich der\nNatur zu nähern. Hierbei fehlt es ihm oft an Un-\nterscheidungsvermögen und Anmut. Manchmal be-\nmüht er sich, in seinen Bilder» das zusammenzu-\ntragen, was die Qüte der übelsten Maler ausmacht.\nIn der Ausstellung der „Independants\" stellte er\n1909 eine sehr einfache Landschaft aus, einen Baum,\nein Haus und brachte den Beweis, daß er Maß\nhalten könne. Er gelangte zu einer harmonischen,\naber unnrsprünglichen Heiterkeit.\nDe Vlaminck kannte keine andere Beschäf-\ntigung, als Farbentöpfe zu verwenden. Auf irgend\neinem wahllosen Gemälde verbreitet er barbarische,\nzugleich drückende und pappige, brutale Töne\nDann ist es ihm, ohne dies Verfahren zu ändern, ge-\nJungen, eine gewisse Sicherheit zu erlangen, und\ndie Bilder, die er im „Salon d'Automne\" und in de»\n„independants\" ausgestellt hat, behaupten voll\nAplomb ihren Platz an den Mauern eines Saales.\nOthon F r i e s z hatte das Pech, erst zu er-\nscheinen, als schon fast alle Maler dieser Gruppe\nin der Hauptsache ihre Methode festgelegt hatten.\nWäre er früher gekommen, hätte er sich auch lang-\nsamer entwickelt, nach seiner Form gesucht und\nauch mehrere Jahre in der Gleichgültigkeit des Pu-\nblikums herumgetastet. So brauchte er sich nur\ndas schnell anzueignen, was sie erworben hatten,\nmn mit Ehren an ihrer Seite zu bestehen. Ohne\ndie Analyse mit eigenen Mitteln zu betreiben, hat\ner sich bemüht, dahin zu gelangen, was einige aus\nDebe zu den Worten ;>art de synthese\" nennen mö-\ngen. Mit mehr Intelligenz und Geschmack als In-\nstinkt und Neugier der Empfindung, mit einem\nleichten Pinsel, der nur allzu leicht fade und weich-\nlieh wird, ging er von ruhigen Landschaften zu\nfiebrigen Kompositionen über.\nG i r i e u d begnügte sich nicht mit einer gänz-\nliehen Zerstörung seines Gleichgewichts, mit einem\nabsoluten Mangel an Ausdrucksfähigkeit. Als die\nMaler um ihn an ihren Zeichnungen manchmal bis\nzum Mißbrauch herumzerrten oder die Farbe verge-\nwaltigten, um eine höhere Harmonie zu entdecken,\nüberließ er sich nur deshalb derselben Methode, um\nGequältes zu erfinden. Unter Malern, die wegen\nder Wildheit ihrer Technik in der Oeffenthchkeit be-\nrühmt wurden, hat er die Radikalsten verscheucht.\nEr war ein nützliches Vorbild für die Heuerlings-\nsüchtigen; denn die Klippen, die die anderen zu er-\nraten suchten, um ihnen auszuweichen, hat er mu-\ntfg gezeigt, indem er sich mit aller Gewalt auf sie\nstürzte. Es liegt wohl gewiß nur an etaer äugen-\nblicklichen Müdigkeit, an einem Stillstand seinei\nFähigkeiten, daß er zufällig Landschaften geben\nkann, die an Gauguin, und tote Dinge, die (sehr\nschwach!) an '/an Gogh »iinner».\nv a» Do»ge n hat sich einer wüsten mie-\nrerei überlassen. Mit betremdender Ungezwungen-\nheit läßt er seinen Pinsel über die Lemewand fahren\nund bringt eine fantastischlusbge Welt zustande in\nPrunk, Konvulsionen und Zuckungen, in Schmnnc,\nLiebäugeleien und Luttsprungen. hrauen, die la-\nchend tanzen. ! lerbandiger, Zigeunerinnen nnt ~a-\nbelbetaen und ziemlich elastische ze« die\nsich in den „Hinten wiegen d e Brust htrausst^.-\nken und zu rote ippen un .\nund Beißen geschaffene /.ahne zeigen. _\nBraque ist bis zui ,ex lc™^n ® ,\nsten Theorien gegangen. Li ha a • 1 '\ndie ein aciste L-inie uer eom 1 i ,\nruckge u rt. .1 ,a ic sc 1. \"\ntorten betrachtet und, wenn, wie er sle ge«»\nhat, etwa:s Glsie um 1 so un<J .^e\neinem Mecie von er t*. . ■ ■.\nFarben scheinen mehrere hundert Metel unter tu\nErde beim Scheine einer Bergmanns anipe\nachtet worden zu sel\"- anl„utiire Vei-e\nMet z , „ge r e Dtchte .to anmu .Uu\ngeschrieben hat ist als Maler noch\nsie auszu r ic t .."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "704", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.6", "texte": "dekorative Erfindungsgabe. Mainssieux inter-\npretiert die Landschaft mit schönem Ernst. Hoffen\nwir, daß diese so verschieden begabten Maler je-\nnem Ueberbietungswahnsinn entgehen, der in den\nkühnsten Kunstgruppen wütet, hauptsächlich bei\nden letzten, und der sie daran hindert, einen Exzeß\nals ausreichend anzuerkennen, wenn er nicht an\nAbsurdität grenzt.\nMadame Marie Laurencin hängt mit\nden eben besprochenen Malern nur durch den Zu-\nfall gemeinsamer Ausstellungen zusammen. Sie ge-\nhört nur durch die Bravour ihres Kolorits zu ihnen.\nDie Maler sind gehalten, freiwillig, erfüllt von einer\nstarken und lang überlegten Zeichnung; sie ist itn\nGegenteil voller Hingabe; statt ihnen in ihren ge-\nwissenhaften Untersuchungen zu folgen, hat sie sich\neinfach von ihrer Neigung zum anmutigen und ver-\nführerischen Manierismus leiten lassen. Oft sind\nihre Figuren unerklärlich und geheimnisvoll wie die\ngetrocknete Blume zwischen den Blättern eines\nBuches; oft scheinen sie erdgeboren sich dem Le-\nben zu öffnen wie Lilien in einem Busch. Oder in\neiner Landschaft haben sie in ihren Augen die\nFrische junger Ochsen oder die Unschuld der\nZicklein.\nAus dem Französischen von Jean Jacques\nEin Kapitel aus dem Buch: Le dernier etat de\nla peinture von Michel Puy. Es soll zeigen, wie\nman in Frankreich neuere Maler bewertet, die auch\nin Deutschland zum größten Teil bereits ausstell-\nten. Ich stimme dem Autor in seinem Urteil über\ndie Begabungen der Jüngsten, nicht aber in den\nGründen seiner Ablehnung bei. Sie sind kritisch\ndurchaus zu vulgär gehalten. Was gegenüber\nden sonstigen prinzipiellen Erwägungen besonders\nauffällt.\n\nH. W.\n\nSitten\nDer Kaiser und Pietsch\nDer deutsche Kaiser hat den Hinterbliebenen\ndes Herrn Professors Ludwig Pietsch (in dem\nNachruf seines Organs heißt es unter anderem:\nWer wie Schreiber dieses . . . letzteren in seiner\nArbeitsfreudigkeit . . . Anekdoten, die auf seinem\nMunde blühten . . . und wird die Nachwelt . . .)\nder deutsche Kaiser hat folgendes Telegramm\ngesandt:\nDie Nachricht von dem Ableben Ihres von\nmir sehr verehrten guten Vaters hat mich tief\nbetrübt und spreche ich Ihnen und Ihren\nAngehörigen mein aufrichtigstes Bei-\nleid aus. Wilhelm\nNordland\nSkandinavien ist etwa ein ebenso falscher\nBegriff wie Gesamtkunstwerk. Niemand, der\nDänemark, Schweden, Norwegen kennt, wird den\nBegriff Skandinavien anwenden. Man könnte\nebensogut Frankreich, Italien, Spanien Romanien\nnennen. Seit einigen Monaten zeigt man den Be-\nwohnern vom Kurfürstendamm Nordland, wie es\nist. Zu diesem Zweck hat man sehr viele Thea-\nterkulissen mit Schneelandschaften aufgehängt, in\nelektrisch beleuchteten Hütten zeigen die Eskimos,\ndaß sie essen und trinken können, und in der Vor-\nführungshalle sieht man ihre „Gebräuche\". Der\nDeutsche empfindet alle Ausländer als Wilde und\nmuß ihre Gebräuche sehen. Er setzt sich etwa\nzu Paris in das Cafe de la Paix, unterhält sich mit\nder Verwandtschaft, und hat Paris erlebt. Er setzt\nsich etwa zu Kopenhagen in das Lokal von Wavel,\nunterhält sich mit seiner Verwandtschaft, und hat\nKopenhagen erlebt. Auch zu Stockholm im Rat-\nhauskeller ist diese Art von Lokalstudien noch\n! möglich. Dann wird es aber immer schwieriger.\n; in Kristiania gibt es zwar noch eine Art von Caf6,\nin dem Ibsen aus Verzweiflung, weil kein anderes\nda war, jeden Nachmittag saß und den Deutschen\nAutogramme liefern mußte. Dann hört alles auf,\nsogar die Natur. Deshalb fängt die Natur erst\nzwei Stunden hinter Kristiania an. Bis dahin\nleicht Thüringen . Rasen, Weiden, Triften, Kühe,\nMühlen. Die Vegetation „hört\" auf.\nDie Norweger erinnern stark an die Nord-\ndeutschen, trotzdem sie keine Schmerbäuche und\nUmhängebärte mit sich tragen. Sie sind Demo-\nkraten und schimpfen die Fremden auf den Stra-\nßen aus. Abends gehen sie in die lustige Witwe.\nSie besitzen einen von den drei größten Malern der\nGegenwart, Edvard Münch, (die andern beiüen\nsind Ferdinand Hodler und Oskar Kokoschka), und\nsie lehnen seine Gemälde ab, wenn es sich um eine\nöffentliche Anstalt wie die Universität handelt.\nDie Norweger sind imstande, Ibsen und Bjoernson\nein Denkmal zu setzen, wie es die Deutschen mit\nGoethe und Schiller tun. Kristiania schikanierte\nIbsen, solange er lebte, und bewilligte ihm ein\nEhrengrab auf dem Zentralfriedhof. Wrie es Wien\nmit Beethoven tat. In Deutschland entschließt man\nsich zu solcher recht peinlichen Ehrung frühestens\ndreißig Jahre nach dem Tode des Künstlers durch\nUmgrabung.\nFährt man dann aber noch acht 'I age weiter,\nso hören auch die Norweger auf, und man be-\nfindet sich endlich auf einem Teil der Erde, auf\ndem es sich leben läßt. Warum muß nun ein un-\nglücklicher Manager auf die Idee kommen, einige\nvon den wenigen Leuten, die dort leben, nach\nBerlin zu transportieren. Es ist allerdings erfreu-\nlicher, als wenn tout Berlin dorthin reiste und die\nGegend vorübergehend durch seinen Aufenthalt\nkultivierte. Aber den vierunddreißig Menschen,\ndie Polarlandschaft sich vorstellen können, ohne\ndort gewesen zu sein, wird die Phantasie vergiftet.\nEs wird ihnen die letzte Hoffnung genommen, daß\nman doch noch irgendwo auf der Erde existieren\nkann.\nDoch der Manager konnte sich nicht genug tun.\nAuch Schweden liegt ziemlich weit vom Kur-\nfürstendamm, woraus sich die Notwendigkeit ergab,\nauch Schweden, allerdings ohne Gebräuche, vor-\nzuführen. Ich gebe nun für eine Schwedin mit\nWonne sämtliche Berlinerinnen auf. Aber nicht\nfür drei Schwedinnen, die in eine Art von Tiroler-\nkostüin gesteckt werden, schon recht auffallend\nflott berlinisch sprechen, und diese herrlichste\nRasse der Welt „veranschaulichen\" sollen. Die\nselbstsichere Vornehmheit der Schwedin in Körper,\nKleidung und Sitten, die Kühle ihres Geistes, die\naus einem Vermögen stammt, die Tiefe ihres Ge-\nfühls, das beherrscht und beherrscht ist, macht sie\nzur künstlerischen Persönlichkeit, auch wenn nie-\nmals Kunst in ihr lebendig wurde. Im Gegensatz\nzu den Kunstweibern dieser Erde, die Kunst aus-\nüben, ansehen, anhören, beriechen, und doch stets\ndie kleinen Spießbürgerinnen bleiben, die sie sind.\nWelch ein Glück, daß Schweden nie entdeckt wer-\nden wird.\nDie Eskimos reisen wieder ab. Sie sollen\nHeimweh haben. Man kann es ihnen nachfühlen.\nStets in elektrisch beleuchteten Hütten mit Schnee-\nhintergründen von Hugo Baruch & Co. leben zu\nmüssen, und noch dazu von den Berlinern ange-\ngafft zu werden, wird stets nur bei den Berlinern\nals Vergnügen gelten.\nDer verheiratete Ehebrecher\nHerr Martin Zickel ist vom Oberverwaltungs-\ngericht für all e Zeiten als unwürdig befunden\nworden, ein Theater in Preußen zu leiten. Er hat\nnämlich, wie es in dem Urteil heißt, „trotzdem er\nverheiratet war, ehebrecherischen Umgang gepflo-\ngen.\" Wenn der Mensch schon die Ehe brechen\nwill, so sei er wenigstens nicht verheiratet. Oder\nsoll sich der tiefmoralische Spruch des Oberver-\nwaltungsgerichts auf die Ehe zur linken Hand be-\nziehen. Wo Herr Zickel doch rechts verheirate*\nwar. Die Herren Blumenkohl und Kadelburg wer-\nden ihre Uniustspiele in Zukunft vorsichtigerweise\nnur noch Eunuchen zur Aufführung übergeben. Die\nKunst darf nicht geschädigt werden. Wozu haben\nwir in Preußen ein Oberverwaltungsgericht?\nTrust\n\nTriumph!\nEmst Hardt: Gudrun / Lessing-Theater\nPeter Scher\nDas ist's, was diesem Mann gelingt:\nDaß er den Bart zu Ehren bringt.\nDen Bart, der voll herniederwallt\nAuf eine männliche Gestalt.\nDen Bart, von Jamben eingedämmt,\nUnd psychologisch ausgekämmt\nHinwiederum — wie Dichter sind —\nBemerkt man auch ein blondes Kind.\nDer Manne naht. Er kämpft. Er freit.\nSein Sinn ist treu, sein Schwert ist breit.\nEr zieht mit Vätern ins Gewühl.\nDie Jungfrau sitzt und sinnet schwül.\nDie Amme sprengt sich lyrisch ein.\nDer Nebenmanne braust herein.\nNormannenmännlich, etwas laut.\nDie Jungfrau: Weiche — ich bin Braut!\nIndes, der Psychologe fühlt:\nDas arme Herz ist aufgewühlt.\nEin Seelenzwiespalt? Nichts genau's!\n(Die Amme schüttet Lyrik aus.)\nBald steht das Mädchen zwischen zwein.\nUnd schwankt (und liebt doch nur den ein'.\nDer wo sie stürmisch überfiel).\nDer Tod beendet dieses Spiel. —\nDer teutsche Vollbart rauscht im Wind:\nBehiit dich Gott, du blondes Kind!\nWir gehn erhoben und versöhnt —\nDer Bart, der Bart ist preisgekrönt!\nWir sehn den Horizont erhellt.\nDies ist der Lauf, der Lau ff der Welt!\nNun sucht nur nach dem iungen Kleist —\nIhr krönt ja doch den Vollbartgeist.\nDen teutschen Geist, dem es gelingt.\nDaß ihr euch selbst zu Ehren bringt.\n\nBeachtenswerte\nBücher\nKARL HAUER\nVoo den fröhlichen und unfröhlichen Men-\nschen / Gesaramelte Essays\nVerlag Jahoda und Siegel / Wien und Leipzig;\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "705", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.7", "texte": "Verlag Der Sturm Halensee / Verantwortlich für die Anzeigen: Edmund Häner\n\nVereinrarKonst\nAchtes Jahr\nAutoren-Abende\nMitgliederbeitrag 15 Mark\nDeo Mitgliedern steht\nder Besuch von sechs\nAbenden auf Platzen\nzum Kassenpreis von\nM. 3.— zu, sowie der\nkostenlosejahresbezug\nder Wochenschrift Der\nSturm. Fur alle wei-\nteren Abende zahlen\ndie Mitglieder halbe\nKassenpreise\nGeschaftsstelie dee V. 112. K.\nHALENSEE Katharinen-Strasse 5\nVierter Abend\nSonnobend 9. Dezember\nabends 8 Uhr\nArchitektenhaus ::\nWilhelmstrasse 92/93\nMDOMIn\nVORLESUNG\naus eigenen Dich-\ntungen\nKartell M. 5, 3, 2, 1 bel\nA. Werthelm, Konzertkaese\nund bei Reuss und Pollack\nDer Abend ist auf Jen\n9. Dezember verlegt\n\nUfERMtIKHff\nCABARET\nDritter Abend\nDonnerstag,l4.Dezember,9 Uhr\nCafe Austria, Potsdamerstr. 28\nDr. S. Friedlaender: PolaritSts-\nphilosophischer Exkurs / Ernst\nBlass: „MecklenburgischesUm-\nwogtsein\" (Novelle); Gedichte /\nKurt Hiller: ~Der Sinn des\nLebens unddießeichstagswahl\"\n(Dialog); Gedichte / Armin\nWassermann : „Abdankung'\\\nNovelle von Heinrich Mann\nKarten zu einer Mark: Buchhdlg.\nEdmund Meyer und Abendkasse\n\nLi'Effort\nH albm o n atssch rift\nfOr moderne Kultur u. fran-\nzoslsche Secession ia den\nKunsten und in der Literatur\nHerausgeber und Schriftleiter\nJEAN RICHARD BLQCH\njahresbezug lur das\nAasland: Mark 6.—\nPOITIERS (Vieoae)\nFraokreick\n\nLes Marges\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzo-\nsische Original der Tage-\nbiicher Flauberts, deren\nUebertragung in Deutschland\nverboten wurde.\n\nElse Lasker-Schiller\nMeine Wunder\nGedichte\nPreis in van Geldern-Biitten gebtmden\nDrei Mark\nDreililien-Verlag Karlsruhe und Leipzig.\n3C\n\nWt Theaterlieferanten Ml\ndie besten derWelt\nGeorg Anton Berlin SW\nFriedrichstr. 49 a\nVielfachpr&raiiert Gegrundet 1876\nIllustrierter Preis-Katalogfranko\nPerucken f. Theater\nund Strasse sowie\nsamtlicher Haar\narbeiten in na.turge- ./\ntreuerAusffihruug ij>\n-I\n/\nA\nvvj*\n\n®<©\nliefert und verleiht\nMinuth £;£:\nBerlin 26, IV 4612\nOranienstraBB 6\n\nAusstelluitgen, Salons\nKunsthandlungen etc.\n\nGRAPHISCHES KABINETT\nBuch- u. Kunsthandiung, Antiquariat, Verlag\n:: BERLIN W IS, Kurfurstendamm 33 ::\njS Standige Ausstellung Im Eckhanse- gegeniiber der Se-\nzession, Eingang GrolmannstraBe\ng moderner Oraphlk mustriert.Katalogu.Prospektegratis\nEINTRITT FREI Ankauf guter Graphik\nu. illustrierter Bficher\n\nPDIT7 fTMBf BERLIN W 35\n1 ft 11 & *1ULr I Oenfhiner Sfralje 42\nGegrundet lm Jahre 1878 Fernsprecher Amt VI 752\nFabrik fur Gemalderahmen\nin alien histortschen und neueren Stilarten\nKopien von Rahmen nach alten Meistern in Original-Goldtonungen\nSamtliehe Yergolderwaren\nKunst-Einrahmungen\nReparaturen und Neuvergoldungen aller Gegenstande, Auf-\narbeiien all. Art. Antiken, Reinigen vonGemalden u. Stichen\n\nLehranstatten « Kurse\nMai- und Zeichenschule\nStilleben — Landschaft — Portrat\n13 attah Hek t orstrafie 17\nV-/ L)lJU t51 am KurfQrstendamm\n-ZZZZ Man verlangfe Prospekte \"'\n\nHolzschnitzen, Modellieren, Zeichnen\nT&glich 9—1 Uhr Eintritt jederzeit\nModellieren fur Architekten t&glich von 5—7 oder 7—9 Uhr\nAbendakt taglich 7-9 Uhr Mark —,50\nAtelier Kurfurstendamm 243 parterre gegenGber dem Zoo\nBildhauer Harders Berlin-Charlottenburg\n\nHandelswiisen- EVioill' Moctoi1 t •\nschaftl Kurse von rilCUi. IflCMCi Leipzig\nnnter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatiich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder aoch Kaufteute In ffihrender Steiiung). Grundliche\nEinfiihrung in die verschiedenen Branchen des kaufmlnnischen Bertues, rationeiles\nStudium der Handels- and verw&ndten WUsenschaften als Ersatz fflr ein mehr-\njthriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist fur Anf&nger (Daraen und H err en) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachiiche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrung*- ana Bilanz-\nTechnik, Buro-Praxis sich vorbereiten wollea —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- od«r thnllcfae Schnle ab-\nsolviert haben, wie fur\nHerren suit besseren praktischen oder theorettechen Vorkenntnissen, Einjlhrig-\nFreiwiliige, Abiturienten,\nfur Kaufleute r e i f e r e a Alters, die bereits prakUsch tltig waren and den\nForderungen der Gegenwart entsprechend Dire Fachkenntnisse erweitern oder\nvertiefen wollen oder\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Cbemiker, Brauer, Juristen, Nationaiokonomen,\nOffiziere, die fur Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmnngen oder Verblnde,\nAktien- oder ahnlicher Geselischaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbiidung und ZieU\nProspekte gratis durch die Direktion, Jobanntsplatz 5\n\nftMSBsttew\n\nAutoren\nwelche ein belletristisches oder\nwissenschaftliches Buch ge-\nschrieben haben und einen\nVerleger dafur suchen, der es\nnach modernen drucktechnl-\nschen Prinzipien ausstattet und\nruhrfg vertreibt, helieben ihre\nAdressen (evt. Mannskript) eln-\nzusendeo.\nHansa-Verlag\nfur moderne Literatur\nund Zeitschriften\nW. 35 Flottwellstr. 6\nmm-\n\nVerlag\nmit eigener Druckerei übernimmt\nsorgfiltige Drucklegung von belle-\ntristischen Werken und von Bro-\nschiiren jeder Art, sowie Verlag\nund Vertrieb der hergestellten\nWerke mit individueller Propa-\nganda I Anfragen erbeten unter\nP R Expedilion Der Sturm Halen-\nsee-Berlin / RQckporto ist beizu-\nfugen.\n\nHffiJW\nNoch nie dagewe-\nsener Lach-Erfolg!\nDos Kind\nder Flrnio\nmit Anton und Donat Herrn-\nfeld in den HauptrolVen\nVorher:\nSchmerriose\nBehaodlnng\nAnf. BUhr Vorverk. 11—2 Uhr\n\nWiotergarten\nZwdlf\nneue Sterne\nGuerrero\nHerbert Lloyd\nand eine Kette\nhervorragender KunstkrSfte\n\nI Buchhondlunsen\n\nr\nReuss&Pollock\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamer Strasse 118 c\nTtmpr.t UntYl (Ei*ow)2m\n\nEdmund Meyer\nBudihflnfller u. Hnfiquar\nBERLIN W. 36 ::\nPotsdamer Strasse 27 b\nFernsprecher A art VI 5550\n\nDie F\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheiat in zwangloser\nFolge\nNummer 336-337\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfennig\n0BERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnhofea\nWerbebasd der Packet\n50 Pfennig"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "706", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111202-01.1.8", "texte": "Druck von Carl Hause, Berlin SO. 26 Mariannenplatz 23\n\nFR HAHN\nAlexanderplatz Landsbergerstr. 60-63\ngegrundet 1825\nModeme Herrervbekleidurvg\nferftig unti nach Mali\nReklameaDgebot:\nDer elegante Ulster\naus englischen gemusterten Cheviots imit WrmelaufschlSgen 3250 M\naus den modernsten Flauschstoffen mit aufgesteppten Taschen 45s* m\n[Vornehmer iweireihiger Sacco-Anzug, englisch gemusterter Cheviot\n32®° 45 m\nSchicke Passformen Beste Verarbeitung\nDen Herren Studenfen und Mitgliedern von Kunstvereinigungen gegen Vorzeigung von Legitimationskarten 5% Rabat!\n\nSCHIEDMAYER\nPI AN OT () RTF. FA B RIK\nBERLIN W., POTSDAMERSTR. 27b\nFLUGEL\nPIANINOS\nHARMONIUMS\nBALTHASAR SCHIEDMAYER, Ururgroßvater des jetzigen Chefs der Firma\nbaute im Jahre 1785 sein erstes Instrument.\nGrand Prix: Turin 1911 — Paris 1990 — St.\nLouis 1904 — Roubaix 1911\n16 Hoflieferantentitel. 54 Ehrendiplorae und Medaillen. Preis-\nrichter auf 14 Ausstellungen. Grofie goldene Medaille fur\nKunst und Wissenschaft. Grofie goldene Medaille fur Handel\nund Gewerbe. Ueber 45000 Instruraente geliefert.\n. ' \\\nInstrumente nach stilgerediten Ent-\nwiirfen in kiinsterischer Ausfiihrung\n\nHerwarth Waldesi\nDAFNISLIEDER\nFur Gesangu.Klavier / 62Seiten\nDRE! MARK\nDurch alle Buch- und Musi-\nkalienhandlungen cder direkt\ndurch den Verlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstraße 5\n\nZwei Bucher, die jede\nFLAUBERT-BIBLIOTHEK\nbaben mufl:\nE. W. FISCHER\nETUDES SUR\nFLAUBERT INEDiT\nBrosch. 2M 50 geb. 4— M\nLuxusausgabe M 10 —\nFLAUBERT\nERINNERUNGEN EINES\nNARREN\nGeb. M4 — Luxusausg. 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