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Er\nwandte sich in dieser Verzweiflung an die be-\ndeutendsten Vertreter der deutschen Nation, näm-\nlich an die Herren Fürst Bülow, Paul Lindau, Fritz\nMauthner, Otto Brahm, Ludwig Fulda, Hermann\nSuderrnann, Herbert Eulenburg, Max Dreyer,\nFriedrich Dernburg, Wilhelm v. Scholz, Wilhelm\nSchmidtbonn, Otto Erler, J. Minor, Richard M.\nMeyer, Hans Kyser. Alle diese Herren bestätigen\n„teils per Vers teils per Prosa\" dem Herrn Engel,\ndaß Kleist etwas gekonnt hat. Ich finde die Auswahl\näußerst glücklich. Man gewinnt durch sie zwar\nkeine Vorstellung von Kleist, aber Herr Engel ver-\nliert durch sie das Recht auf den Ulk. Er wirkt\nnämlich plötzlich komisch. Hingegen hätten die\nAntworten kaum witzloser ausfallen können. • Fürst\nBülow, der von Literatur nichts zu verstehen\nbraucht, findet das Schicksal Heinrich von Kleists\n„tragisch\". Aber „glücklich zu preisen sei Theodor\nKörner, der, das Schwertlied auf den Lippen und\nden Befreiungskrieg vor Augen den schönsten\nTod fand.\" Kleist sah den Befreiungskrieg nicht\nmehr vor Augen, doch, sagt Fürst Bülow, „er\nschrieb den herrlichen Sang Germania an ihre\nKinder, für mein Gefühl den schönsten und mäch-\ntigsten Schlachtgesang, der je von einer deut-\nschen Lippe floß.\" Koerner konnte sein\nSchwertlied wenigstens auf den Lippen halten. Es\nist nicht gut, wenn ein entflossener Reichskanzler\nmal eine deutsche Lippe für die Literatur riskiert.\n„Wenn ich ganz aufrichtig sein soll, darf ich\nwohl sagen, daß ich für keinen unserer Dichter ein\nstärkeres persönliches Gefühl hege, als für Heinrich\nvon Kleist.\" Mehr kann Kleist wirklich nicht ver-\nlangen, als daß Herr Paul Lindau seinetwegen im\nZeitgeist ganz aufrichtig ist. Man weiß, wie sich\nsolche Aufrichtigkeiten fortsetzen: Kein anderer\nhat so wie er — gewisse eigentümliche Wendungen\n— dieselben Empfindungen wie vor 50 Jahren —\nungesuchte Schönheiten, denen sich noch viele\nDutzende gleichwertige anreihen ließen — ich fühle\nnur: es ist so.\" Es muß wohl so sein, da Paul\nLindau sich bei dieser Gelegenheit, wie er nun\neinmal ist, die Aufrichtigkeit nicht nehmen läßt.\nNach dem Dichter der Philosoph. Herr Fritz\nMauthner liebt Kleist. Gleich der Beginn seiner\nErklärung führt in die Tiefe: „In einem reichen\nHause des Berliner Tiergartenviertels plauderten\nunserer drei, nachdem wir ausgewählte Speisen und\nGetränke zur Genüge genossen hatten.\" Die Liebe\ngeht durch den Magen. Und man ist beruhigt, daß\nder ausgewählte Philosoph sich den Magen ge-\nnügend vollgepumpt hat. „Der Hausherr hatte zur\nUnterhaltung seiner Gäste unbezahlbare seltene\nHandschriften vorgelegt, zuletzt die beiden Blätter,\nauf welche Kleist vor seinem Freitode einige An-\nordnungen niedergeschrieben hatte.\" Ein Philosoph\nzu Tische verpflichtet. Und der Hausherr aus dem\nTiergartenviertel nimmt alles vom Besten. Rüh-\nmend bemerkt Herr Mauthner: „Der Sammler\nnannte den Preis, den diese Blätter heute unter\nBrüdern wert wären: ,Soviel hat der gute Kleist\nniemals für eines seiner unsterblichen Werke er-\nhalten'.\" Nicht einmal zu Tisch wurde der gute\nKleist eingeladen. Hätte man mir nach Tisch von\nPreisen unter Brüdern und vom guten Kleist ge-\nsprochen, so würde ich ohne weiteres dem aus-\ngewählten Tischherrn eine Ohrfeige versetzt haben.\nEin Philosoph kann offenbar mehr vertragen, er ist\nmit dem reichen Hausherrn und dem guten Kleist\ngleich intim. Der dritte Mann zum Skat war „ein\nMann von internationaler Tagesweltberühmtheit.\"\nTageswelt soll wohl eine bescheidene Umschrei-\nbung für Zeitgeist sein. Denn der Tagesweltbe-\nrühmte „sprach davon, wie der gute Kleist den\nRuhm gesucht, aber nur Nachruhm gefunden habe.\nUnd daß es un s zum Ruhm gereiche, ihm ein\nDenkmal errichtet zu haben,\" Auch der Tages-\nweltberühmte hätte die Ohrfeige verdient. x\\ber\nFritz Mauthner kann selbst diesen Reichtum an\nGeist „würdigen\", und er bemerkt lyrisch: „Es\nklang wie das Knallen eines Champagnerpiropfens\".\nDer gute Mauthner liebt Kleist.- Da ist Kleist nicht\nmehr zu helfen.\nOtto Brahm fordert ein Monument Kleists für\ndie Reichshauptstadt. Der hundertjährige Todes-\ntag „mahnt an eine alte Schuld\". Warum eigentlich\nalle Leute bei solchen Anlässen an unbezahlte\ni\nRechnungen denken müssen.\nUnd nun der gute Fulda: natürlich per Vers:\nEwig werden wir weinen\nWir Kleinen\nUm diesen Einen.\nDas blinde Geschick, das ihn erschlug\nDen Ungeduldigen\nMit rauhen Schlössen\nNie — nie hat ein zerbrochner Krug\nEdleren Trank vergossen.\nEin echter deutscher Dichter, der gute, gerührte\nFulda. Wenn er vom zerbrochenen Krug hört,\nmuß er an den Suff denken und ist begeistert.\nAnders der gute Sudermann. „Kleists unseli-\nges Sterben hätte den deutschen Dichtern ein\nOpfer- und Erlösungstod werden können und müs-\nsen.\" Suderrnann ist ein moderner Mensch, der\ndurch sein zahlreiches Dabeigewesensein bei Wohl-\ntätigkeitsfesten aller Art etwas für die soziale\nFrage übrig hat. Kleists Tod, meint er, „wäre dazu\nangetan gewesen, die Ausgereiften daran zu ge-\nmahnen, wie man dichterische Sämlinge mit leiser\nHand hegt und hochzieht.\" Es wird nicht ganz\nklar, ob sich der Suderrnann zu den Ausgereiften\noder zu den Sämlingen rechnet. Immerhin wünscht\ner, daß wir alle Einkehr halten mögen.\nHerr Herbert Eulenberg glaubt sich berechtigt,\nim Namen Kleists Klage gegen das deutsche Volk\nwegen nicht genügender Anerkennung zu erheben.\nEr behauptet zu wissen, daß Kleist „am kalten\nRuhm im Sarkophage friert\":\nIhr seid erst halb das Volk, das ich ersehnt,\n(habe fehlt)\nIhr lerntet mich zu achten, mich zu lieben,\nDie Glut, die Euch in meinem Werk verblieben,\n(ist fehlt)\nHat wenigen nur beglückt die Brust gedehnt.\nSchade, daß Eulenberg vor Abfassung der Ge-\ndichtes mit den fehlenden Hilfsverben die Fahnen\ndes Zeitgeistes nicht schwingen konnte. Er hätte\nsonst gewußt, daß Heinrich von Kleist wenigstens\nvon Fürst Bülow, Lindau. Mauthner, Fulda und\nSudermann geliebt wird. Er hat sogar den Besten\nunseres Zeitgeists genug getan.\nAlso auch dem guten Max Dreyer. Der ist\nganz gerührt, wie der gute Fulda. Das bringt die\nSeelenverwandtschaft mit sich. Schon mit neun\nJahren versprach Herr Dreyer feierlich, sich nicht\ndurch Tränen auf dieser Erde zu beflecken. Als\ner aber das Kätchen von Heilbronn las, konnte er\nnicht umhin, zu zerfließen. Es geht nichts über\nein deutsches Dichtergemüt.\nFriedrich Dernburg über Heinrich von Kleist:\n„Ein Dramatiker aus der Heroenzeit. Spez i a 1 -\nmarke: Der preußische Leutnant in der Welt-\nliteratur.\"\nAuch die Literaturhistoriker äußern sich, um\nHerrn Fritz Engel zu beruhigen. Herr J. Minor aus\nWien: „Kleist ist das schwierigste Problem der\nLiteraturgeschichte, je weiter die Forschung fort-\nschreitet, um so schwieriger wird das Problem.\"\nWas Herrn J. Minor beweisen sollte, daß er\nbesser daran täte, nicht weiter zu „forschen\", son-\ndern lieber völlig aus der Literaturgeschichte fort-\nzuschreiten.\nAbgründig bemerkt Herr Professor Richard\nM. Meyer zu Berlin: „Die Entwicklung des In-\nhalts und die Ausbildung der Form gehen gerade\nbei einer so ungemein selbständigen Persönlichkeit\nnotwendig auf gemeinsame tiefere Ursachen zu-\nrück.\" Damit Professor Richard M. Meyer die un-\ngemein tiefe Meinung bekommen konnte, mußte\nKleist erst hundert Jahre tot sein.\nHerr Fritz Engel, der dieses „Gedenkblatt\"\nzum hundertsten Todestage Heinrichs von Kleists\nam 21. November 1911 herausgab, hat einem großen\nDichter alles angetan, was er kleinen Dichtern der\nGegenwart antun kann: ihn durch Tagesweltbe-\nrühmtheiten lieben und loben zu lassen. Die gro-\nßen Dichter der Gegenwart werden erst nach\nhundert Jahren von ihm auf dieselbe Weise be-\nleidigt werden.\nDer Tiger — kein ehrlich ringender Mensch\n„Jeder ehrlich ringende Mensch hat Stunden\nder Bitterkeit. Künstler sind, sofern sie ihren Na-\nmen verdienen, ehrlich ringende Menschen.\" Diese\nPsychologie und Verherrlichung des Künst-\nlers verdankt man keinem Geringeren als Herrn\nGeorg Hirschfeld. Herr Hirschfeld muß es wissen.\nIhm sind schon viele Stunden der Bitterkeit be-\nreitet worden, er lebt in Dachau, wo die Künstler\nnur so herdenweise zu finden sind, und er ringt so\nehrlich, daß ihm eine Prämie aus der Kleiststiitung\nziemlich sicher ist. Die Künstler haben es schwer\nim Leben. „Sie sehen Nichtkünstler vor sich, die\nsie mit Zähnen und Tatzen angreifen, was der\nLöwe, wie die Naturgeschichte lehrt, nie tut. Der\nTiger tut es, der ist aber auch kein\nehrlich ringender Mensch.\" Der Löwe\nund der Hirschfeld sind es. Sie wollen zwar die\nKunst, aber die Kunst will nicht auf sie anbeißen.\nWie es ja auch in der Naturgescihchte schon ganz\nrichtig steht. Herr Hirschfeld ist gegen die Thea-\nterkritiker. Ich auch. Ich bin aber auch gegen\nHerrn Hirschfeld. Alle Theaterkritiker, sagt Herr\nHirschfeld, haben Dramen in der Schublade und\nsind auf die Dichter wütend, die aufgeführt werden.\nHerr Hirschfeld unterscheidet Schauspielerstücke,\nKritikerstücke und Dichterstücke. Und er be-\nhauptet, daß von diesen dreien ein Dichterstück-\nwerk stets das Beste sei. Man wird eitel, wenn\nman Stückwerk dichtet. Aber Herr Hirschfeld\nbleibt den Beweis für seine Behauptungen nicht\nschuldig. Er präsentiert zwei Kritiker, die schlechte\nStücke geschrieben haben. Diese Kritiker heißen\nKarl Ettlinger aus München und Ludwig Bauer\naus Wien. Nun wird niemand, außer dem Herrn\nHirschfeld und den Preisrichtern der Kleiststiftung,\ndiese beiden Herren für Kritiker halten. Sie sind\nvielmehr durchaus Schaffende, wie Herr Hirsch-\nfeld. Karlchen in der Jugend und Bauer in Wien.\nTrotz seinem Kritikeramt ist Karlchen bei Herrn\nHirschfeld beliebter als der rohe Bauer. „Karl\nEttlinger hat den düstern, blutbespritzten Mantel\ndes Kunstrichters nie getragen.\" Also, was will\ndenn Hirschfeld von ihm. Wo doch Karlchen „ein\nbischen menschliche Güte und ein Schätzungs-\nvermögen ohne Haß (für Herrn Hirschfeld) hat.\"\nWarum muß er dann Karlchen noch so bitteres\nnachsagen, daß der „ein tieferes Verhältnis zur\nKunst hat.\" Wenn schon dem Kritiker die Ein-\nmischung in Privatangelegenheiten übelgenommen\nwird, warum muß der Dichter solche erweislich\nunwahre Tatsachen verbreiten. Aber Herr Hirsch-\nfeld ist doch ein guter Mensch. Er denkt „an eine\nRührung zurück, die ich empfand, als ich in Ett-\nlingers Schwankgeplauder plötzlich das Wort hörte:\n„Einen Menschen genau kennen, heißt ihn ver-\nloren haben.\" Man ist gleichfalls gerührt, man\natmet auf, daß Hirschfeld seinen Ettlinger wenig-\nstens nicht verlor, und daß es wenigstens drei ehr-\nlich ringende Menschen auf der Welt gibt: den\nLöwen, die Hirschfeld und — das Karlchen.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-09-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-09_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "709", "page_fin": "709", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.2.4", "titre_corps": "Arëosophie.", "titre_sommaire": "Arëosophie.", "signature_source": "Mynona", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "709", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5775, "texte": "Arëosophie.\nVon Mynona\nDes Morgens hat man schöne kalte Luft, ich\nging aus. Am Dönhoffsplatz traf ich den Marsbe-\nwohner Myno Deusp, er hielt den folgenden Vor-\ntrag vor ein paar Leuten, die Droschkenkutscher\nzu sein schienen; auch einige leichte Mädchen\nstanden dabei und stenographierten eifrig. Aber\nkaum war das letzte Wort verklungen, da stellte\n. ich mich ihm vor und bat ihn um einige Erläuterung.\n„Sind Sie auch Droschkenkutscher?\" fragte er an-\ngestrengt. Ich sagte: „Logischer\". Diese Ant-\nwort schien ihn mächtig zu rühren. „Sie haben\nunmenschlicher Weise nicht nein gesagt, und des-\nwegen sollen Sie mich zu „fassen\" kriegen. Ich\nwill Ihnen den ganzen Zauber beibringen — aber\nnicht hier. Folgen Sie mir!\" Damit ergriff er mich\ntei der Hand, ich fühlte mein Eigengewicht, als\nob mein Schwerpunkt sich verschoben hätte, wohl-\ntuend alteriert; wir erhoben uns in den Luftraum,\nstanden einige hundert Meter über dem Kreuzberg\nstill und leicht in der Luft, und Myno sprach:\n„Also, damit Sie den Vortrag von vorhin nachträg-\nlich besser verstehen, — das Zeichen oo bedeutet\ndoch: „unendlich\"? Na! Ich meine man bloß: man\nsoll im oo so leben wie man mit oo z ä h 11! Näm-\nlich nicht vom Anfang, den es nicht gibt, bis zum\nEnde, das es auch nicht gibt; sondern vom Nichts,\nvon der Null als wie von der reinen Mitte aus,\nnach minus und plus des oo hin. Achten Sie nun\nwohl auf die Torheit der menschlichen Vernunft,\ndaß sie das Nichts des Unterschiedes im oo als\nTod verstehe! Also wenn die Weltkraft uner-\nschöpflich wäre, so würde der Mensch sie doch „fer-\ntig\" kriegen, „konstant\" kriegen — ohne die leiseste\nAhnung vom Leben dieses Scheintodes, dieser Le-\nkensstarre, dieser Leben-Null!!!! (Myno spie auf\nden Berg). Verstehen Sie! Der Mensch begreift\nias oo niemals, weil er glaubt, es sei ohne\nGrenze; und die Grenze nicht, weil er wähnt, sie\nsei das „Endliche\" imoo !!! Daraus muß ein hüb-\nscher Blödsinn werden. Kraft, sagt er, nimmt nicht\n»b noch zu, daher ist sie nie gleich 00. Himmel!\nDeswegen nur, wegen dieser elendigen logischen\nund sinnlichen Versündigung an seinem oo bleibt\nder Mensch der Mensch. Wir Martianer kennen\neine sehr gefährliche Krankheit, nämlich das Ster-\nben vor Lachen über den Menschen; über seine\npossierlichen Allüren im Umgange mit seinem per-\nsönlichen, leibeigenen 00. Besonders der Tragik\ndieses Tieres widersteht so leicht kein Zwerchfell.\nHamlet ist bei uns eine Lachsalven erregende\nParodie, ohne daß wir eine Silbe zu ändern brauch-\nten. Ein Wort von Schiller bringt uns um. Unser\nwitzigster Autor ist Schopenhauer aus Danzig.\nDas menschliche Lachen ist uns eher antipathisch;\namüsanter ist der qualvolle Mensch, ich verrate\nihnen, daß die vereinigten Bewohner sämtlicher\nPlaneten des Sonnensystems sich die Erde als un-\nfreiwillige Lustspielbühne eingerichtet haben.\" Er\ngab mir einen Stoß in die Seite, daß ich in der Luft\nauf dem Kopf stand; er drehte mich liebreich wie-\nder um und wollte Abschied nehmen. „Erlauben\nSie, Herr Deusp\", sagte ich, „bevor Sie verreisen,\nmöchte ich meine Erdschwere wiederhaben; und\nübrigens, nehmen Sie Rücksicht auf meine\nFassungskraft! Erklären Sie, statt zu lachen!\"\nMyno winkte, plötzlich hatten wir mitten in\nLüften zwei Klubsessel unter uns; es war herrlich!\n„Das oo \", dozierte Myno, „scheint ne kol-\nlossale Sache, ist aber für Personen, die mit umzu-\ngehen wissen, man bloß ein Kinderspiel;\nein Wider spiel. Es ist nämlich, wo und\nwie Sie es nur finden, ein Unterschied, ein Selbst-\nunterschied, und sein Selbst ist Person,— denn „Ich\"\nist nur Pseudonym der ewig anonymen Person.\nEinen Selbstunterschied nennt man Polarität: Das\noo ist eben nicht einfältig schlicht, sondern polar-\ngeschlechtlich. Sie werden begreifen, welchen\nFehler man macht, wenn man, es zu erwägen, we-\nder eine Wage benutzt noch den Wägenden in\nBetracht zieht! Und nur eine grobe Krämerwage\nwürde, auf jeder ihrer beiden Schalen mit oo be-\nlastet, mit ihrer Zunge tötlich einstehen, und uns\nvom Gleichgewicht eines oo eine leblose Vor-\nstellung geben. Bei „Konstanz\", bei „Erhaltung\" hat\nder Mensch kein Arg daraus, daß doch hier ein oo\ngegen ein oo sich aufhebe. Diese Aufhebung ist\ndoch ein kraftstrotzendes Drittes! Diese haarfeine\nMesserschneide, über die der Unterschied einer\nganzen Welt balanziert, erachtet der Mensch als\nnichts! Er sieht den Unterschied dieses Nichts\nnicht! Sein Aberglaube an die Einartigkeit\ndes oo verdirbt ihm das Auge für dessen wahre\nUebereinstimmung mit sich selbst, die aus dessen\nechtem Selbstwiderstreit hervorgeht, —\nund die sogenannte Erhaltung aller Kraft ist ja ein\ntotgeborenes Kind, so lange man diesen Ehestand\nder Kraft (des oo) verkennt! Mit einem Schluß-\nwort: die Kraft wehrt sich nicht etwa\ngegen dasoo, also keineswegs gegen unermeß-\nliche Verluste und Gewinne: sondern allein gegen\ndas Fehlen einer sie „erhaltenden\", das bedeutet\naber: kompensirenden, balanzierenden, also kei-\nneswegs toten, sonder blühenden Mitte!\n„Mitte! Mitte? 's klingt so wunderlich\", meinte,\nich. Myno ließ die Klubsessel verschwinden; wir\nstanden kerzengrade in der Luft, es briselte ange-\nnehm, der Himmel überzog sich mit leichten Wol-\nken. Myno knüpfte sich den flatternden schwarzen\nRock zu und sagte so laut, daß ich fürchtete, man\nhöre es bis unten: „Die echt lebendige Mitte des\noo ist eben Person, ist eben persönlich. Da hat\nzum Beispiel auch die Zahlunendlichkeit in ihrer\nMitte eine Lücke, ein Loch, das der Arithmetiker\npersönlich ausfüllen sollte; statt dessen zählt er\nnichts und wieder nichts = 0! — Oha! Der\nMensch ist ein wahres Labsal für einen alten Mar-\ntianer! Er winkte eine Wolke heran und ver-\nschwand in ihr, es guckte nur noch ein schwarzes\nZipfelchen seines Rockes hervor. Ich sank wie im\nlift glimpflich auf den Kreuzberg; die Kutscher\nsahen so vergnügt aus."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-09_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "709", "page_fin": "710", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.2.5", "titre_corps": "Der Vagabund", "titre_sommaire": "Der Vagabund", "signature_source": "Otto Rung", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "709", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.3", "debut_caractere": 5777, "fin_caractere_exclue": 10889, "texte": "Der Vagabund\nVon Otto Rung\nDa ließ sich der Polizeileutnant auf einen Stuhl\nfallen und blickte ratlos um sich, auf die still-\nschweigenden und verschlossenen Gesichter der\nübrigen Familie.\nJan Eriksens Belagerungszustand dauerte vier,\nfünf, sechs und noch mehr Tage. Er hatte alle\nTüren verschlossen und verbarrikadiert und saß\nmitten im Eßzimmer, mit Lebensmitteln wohl ver-\nsehen, jedoch in tötlicher, dumpfer Angst vor der\nZukunft.\nEr war vollkommen verwirrt von allen den\nDingen, die ihm seit seiner Ankunft in diesem\nmerkwürdigen Hause widerfahren waren. Lautlos\nhatte es sich ihm geöffnet, ohne das gewöhnliche,\nzornige und unwillige Knarren, und ihn aufgenom-\nmen. Mißtrauisch und mit scheelem Blick hatte\ner sich während der ersten Tage in die neue Si-\ntuation gefunden, und war schon ein wenig auf\nder Lauer gewesen, nach einer Chance* für einen\nguten Coup, um sich für einige Zeit zu versehen\nund dann durchzubrennen. Versuchsweise hatte er\nsich dann auch etwas vorgewagt, mit dem Finger\nan einige von allen den Herrlichkeiten gerührt,\nnach denen er Lust verspürte — und sie wurden\nin seine Hand gelegt. Er hatte nach mehr ge-\ngriffen, und sofort war auch das in seinen Hut ge-\nfallen.\nZugleich aber sah er in dem ruhigen, lächeln-\nden Antlitz seines Wirtes nichts als hinterlistige,\nundurchschaubare Verräterei. Er hatte die unklare\nEmpfindung, daß es mit dem Geschehenen nicht\nseine Richtigkeit habe, daß es nicht nur ungewöhn-\nlich, sondern auch unordentlich und unzulässig sei;\nund seine plumpen Begriffe setzten dies in die Über-\nzeugung um, daß man ihn zum Narren hielt. Und\ndamit erwachte in ihm eine heftige, begehrliche\nRaserei: nun wollte er sich nichts versagen! Nun\nwollte er mit beiden Händen zugreifen, wollte sich\nmit Speise und Trank füllen, wollte schlafen und\nfaulenzen — in erster Linie aber dafür sorgen, daß\ner diese verfluchte, boshafte, mißgünstige Fratze\nlos würde, die offenbar bloß auf eine Chance lau-\nerte, um sich über ihn lustig zu machen. Hinaus\nmit dem Gesicht, aus dem Weg mit der Fratze!\nAus dem Hause, du Spion der Hölle! Und plötz-\nlich erkannte er, daß das Haus sein eigen war,\nund daß er zu allem möglichen Glück geboren war,\nzu einem Gaudium und einem Entzücken, wie es\nkeinem anderen auf der Welt beschieden war.\nZunächst konstatierte er sein Glück und seine\nMacht, indem er eine Menge Porzellan in Stücke\nschlug und eine Stuhllehne zerbrach. Das durfte\ner. Und er durfte noch vielmehr. Er pausierte\nund lauschte. Niemand kam und packte ihn beim\nKragen. Die Welt stand ihm offen. Er war des\nGlückes ältester Sproß.\nAm folgenden Tage aber saß er im Eßzimmer\nhinter verbarrikadierten Türen und umklammerte\nseinen Knüppel mit den Händen: seine Zähne klap-\nperten, und fürchterlich harte Gedanken klopften\nhinter seinen Schläfen. Jetzt mußten sie ja kom-\nmen! Der Feind! Die Polizei! Alle die, die\nhinter ihm hergewesen waren, die ihn schnöde be-\nhandelt und gehetzt hatten. Offenbar hatten sie\nihm den Strick nur ein wenig nachgelassen, daß\ner ein Ende weit laufen könnte, und nun kamen sie,\num ihn heranzuziehen, wohlzufrieden mit der Zer-\nstörung, zu der sie ihn veranlaßt hatten; und dies-\nmal war ihm mindestens ein Jahr Arbeitshaus\nsicher! Aber er würde sich nicht ergeben! Er\nbestand auf seinem Recht. Alles um ihn her war\nja mit Fug und Recht sein Eigentum. Das Sofa\nund der Tisch dort, die Speisekammer und das\nGanze! Das alles war ihm in den Schoß gefallen!\nDem ersten, der ihm in den Weg träte, würde er\nden Schädel zerschmettern! Achtung! Ich bin\nwach, und ich schlage!\nAber es ließ sich niemand im Garten sehen.\nVor der Pforte standen allerdings vier Kinder, die\neinander bei der Hand gefaßt hatten und zum\nHause hin aufgafften. Doch als Jan Eriksen sich\nim Fenster zeigte, schäumend vor Grimm und Er-\nregung, rannten sie schreiend und lachend fort,\nohne einander loszulassen. Niemand erschien im\nGarten auch die Polizei ließ sich nicht blicken.\nNicht ein blanker Knopf zeigte sich! Kalter Angst-\nschweiß bedeckte Jan Eriksens Stirn.\nSpät am Nachmittag sammelte sich Publikum\nauf der andern Seite des Weges an, junge Leute\naus dem Villenviertel, die auf der Heimfahrt vom\nGeschäft von ihren Rädern sprangen und fragten,\nwie zum Kuckuck es heute denn mit Klerkers Va-\ngabund stehe, ferner eine Anzahl geduldiger Zu-\nschauer, namentlich Kinder, die trotz dem Verbote\nihrer Mütter hinterm Zaune standen, einander an-\nstießen und auf den Fingern pfiffen.\nEndlich um sechs Uhr erschien Schutzmann\nJessen. Die Hände auf dem Rücken, kam er lang-\nsam heran. Jan Eriksen erhob sich, plötzlich er-\nmuntert, erleichtert, kampfbereit. Nun sollte es\nalso losgehen, Gott sei Dank!\nAber Jessen ging ruhig weiter, teilte hier und\nda an die Rangen, die am meisten Lärm machten,\nein paar flüchtige Backpfeifen aus und trieb die\nübrigen wie eine Schar schreiender Spatzen aus-\neinander. Der Festung Jan Eriksens warf er keinen\nBlick zu.\nNach einer Weile sah Jan Eriksen seinen Wirt\nim dunkelbraunen Paletot und weichen Hut den\nVillenweg passieren. Aber auch er blieb nicht\nstehen. Er ging zusammen mit einem älteren, be-\nleibten Manne, der eifrig gestikulierte und redete."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "710", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2184, "texte": "Herr Klerker wendete seine große, weiße, ruhige\nFratze nach der Villa hin; und Jan Eriksen glaubte\nzu sehen, wie er ihm die Zunge herausstreckte.\nUnd dann kam die Nacht, eine stockfinstere,\nbrütende Nacht, di-e Jan Eriksens Welt völlig ver-\ndunkelte. Schlaflos wälzte er sich auf seinem\nSofa umher, entsetzt und im Innersten erschüttert.\nDas Leben war plötzlich ein empörter Ozean ge-\nworden, ein Erdbeben tobte in den Dingen. Nir-\ngends ein fester Halt . . . alles schwankte und\nsank.\nEriksen knirschte mit den Zähnen und weinte.\nWas wollten sie von ihm? Was wollten sie mit\nihm machen? Was würde morgen geschehen?\nNichts . . . Und übermorgen? Nichts . . . Wie\nglücklich war er in seinen alten, dreckigen Lum-\npen gewesen, die ihm so gut gepaßt hatten! Nun\naber war er hinausgeschleudert worden in den\nöden Raum, in furchtbarstes Dunkel und Schrecknis.\nBlitzartig empfand er das Rätsel des Lebens, die\nMystik des Daseins.\nUnd als dann inmitten der nächtlichen Finster-\nnis die zwölf metallenen Schläge der Stubenuhr\ndurch die staubschwere Ruhe des Zimmers dröhn-\nten, da fuhr er auf in Platzangst und Panik und\ntastete wie seekrank umher in der Oede des Rau-\nmes ... bis er das Bündel seiner alten Kleider\nfand, die den vertrauten Geruch seines eigenen\nlieben Körpers in sich trugen. Ja, sie paßten ihm\nund beruhigten seine Haut. Und die Faust packte\nden alten, treuen Stock. Der machte seinen\nschwankenden Gang fester und sicherer! Und\nganz leise öffnete Jan Eriksen die Küchentür ein\nwenig und sprang lautlos ins Freie, wie damals,\nals er das letzte Mal auf Diebespfaden ging. Er\nnahm nichts mit aus diesem verrückten Hause —\nnicht einmal einen Stiefel. Da draußen lag die\nAllee und die Landstraße auf der zu wandern ihm\nvom Schicksal bestimmt war — der lange- gerade\nWeg, auf dem er gemächlich hingleiten konnte,\nüber rollenden Steinschutt und zwischen den zwei\nGräben . . .\nErst zwei Tage später, als man Jan Eriksen\nnicht mehr zuerückerwarten konnte, bezog Kterker\nwieder verwundert sein Haus. „Die Welt ist noch\nnicht reif,\" sagte er kopfschüttelnd. Dann nahm\ner eine Zigarre, die sein Vagabund übersehen hatte,\nzwischen zwei Büchern hervor, wo sie als Zei-\nchen gedient hatte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-09-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-09_01#c006", "volume": "bmtnabg_1911-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "710", "page_fin": "711", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.2.6", "titre_corps": "Briefe nach Norwegen", "titre_sommaire": "Briefe nach Norwegen", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "710", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.4", "debut_caractere": 2186, "fin_caractere_exclue": 8306, "texte": "Briefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nLieber Herwarth und lieber Kurt. Manchmal sieht\nCajus-Majus aus durch das Telephon wie ein Po-\nsaunenengel, namentlich zur Ausposaunenstunde in\nder Dämmerung. Er sitzt mit zwei Flügeln an seinem\nSchreibtisch, dabei fliegt ihm so alles ins Fenster\nlierein, wie aus dem literarischen Schlaraffenland.\nImmer gerad, wenn er eine ausgezeichnete Httmo-\nriade schreibt, komm ich dazwischen mit meinem\nverdammten Klingeln. Ich trage noch dazu ein\nGlöckchen um den Hals. Ich kann direkt manchmal\nein Schaf sein. Was brauch ich ihn zu tragen, .)b\nden Leuten meine Norwegischen Briefe gefallen?\nEr wird immer jemand wissen, der streikt. Gestern\nhat sich Dein Doktor stirnrunzelnd bei ihm beklagt\nüber sein Vorkommen in meinen Briefen an Euch.\nDa war ich ja nun platt. Ferner will sich ein Ur-\nenkel Bachs das Leben nehmen, (er hat es Cajus-\nMajus versprochen), falls ich ihn erwähnte in mei-\nner Korrespondenz. Schade um ihn, er hat ein ro-\nsiges glorreiches Lächeln um den Mtand. Er wird\nsich nun in die Wellen des heiligen Antonius stür-\nzen, weil eine Dichterin ihm ein Stän-dchen brachte\nverwegen mitten im Sturm.\nLieber Kurt. Er drohte mir gestern selbst.\nIst meine Antwort juristisch einwandsfrei? Mein\nHerr. Sie wollen sich das Leben nehmen, falls\nich Sie im Sturm erwähne, oder haben Sie vor,\nmich indirekt auf die Idee zu bringen? Zumal\nSie annehmen konnten, daß ich nicht sentimental\nbin, ich jedem seine Neigungen lasse, vor allen Din-\ngen mirs nicht auf so ein Menschenleben\nankomme. Aber bis jetzt kämen Sie für mich noch\nnicht als Modell in Frage weder als Portrait noch\nals Karikatur. Zwar ist es mir schon gelungen aus\neiner prüden Null ein Wort zu formen. Aber ge-\ndulden Sie sich, seien Sie guten Mutes. Hoch-\nachtungsvoll.\nHerwarth, Loos ist kein einfacher Gorilla er\nist ern Königsgorilla. Er fragte mich, ob er sich\nauch mal wieder selbst begegnen würde im Sturm?\nWeißt du schon, er trägt vorübergehend einen\nBackenbart, der wirkt milde bei ihm, zur\nSchonung seiner reinen Gesichtszüge. Die meisten,\ndie Bartbast tragen, wollen damit Männlichkeit mar-\nkieren, oder breite Mäuler oder lange Kinne über-\nwältigen. Adolf Loos erzählte mir Geschichten\naus den afrikanischen Wäldern, seine Augen blick-\nten voll ernster Anmut. 0, er ist gütig und das\nist Gotteigenschaft, das höchste was man von einem\nMenschen sagen kann.\nLiebe Kinder, ich habe Karin Michaelis geant-\nwortet: Karin. Ich werfe zuerst ein Sternchen in\ndas K deines Vornamens und grüße dich! Deine\nBücher sind verschiedenfarbene Tauben, weiße\nblaue, aber auch rote, dämonische Tauben uad\ngoldene und silberne Wirbelwindtauben sind dar-\nunter. Deine Bücher setze ich darum nicht in den\nBücherschrankkäfig. Tino von Bagdad.\nHerwarth, du kannst folgendes im Sturm ver-\nöffentlichen :\nUnter blinder Bedeckung Heinrich Manns,\nreichte der Abb6 Max Oppenheimer den Kritikern\nxMünchens das Blut Kokoschkas.\nAbbe Maler Oppenheitner muß heute meine\nZeilen empfangen haben: Lieber Max Oppenheimer.\nIhre ostentative Kleidung hat mir Freude gemacht\ndem eingefleischten Publikum gegenüber. Es tag\nnicht nur Mut, auch Geschmack darin. Ich ging dop-\npelt gerne mit Ihnen nach München in Ihre Bilder-\nausstelhing, aber es hingen nicht Ihre Bilder an den\nWänden, sondern lauter Oskar Kokoschkas. Und\nda mußten Sie gerade mich mitnehmen, die Ihr Ori-\nginal kennt. Hielten Sie mich für so kritiklos —\noder gehören Sie zu den Menschen, die Worte,\nGebärden des Zweiten anzunehmen pflegen, darin\nsie verliebt sind? Sie sind, nehme ich an, in Ko-\nkoschka verliebt und Ihre Bilder sind abgepflückte\nWerke, darum fehlt ihnen die Wurzel. Das Bild\nHeinrich Manns hat mir ausnehmend gefallen wie\neine glänzende Kopie und ich sah in seinen Farben\nund Rhythmen außer dem Schriftsteller auch den\nMaler Oskar Kokoschka, nicht Sie. Steckt etwa\nMax Oppenheimer in Kokoschkas Bildern?\nMan kopiert doch ehrlich in den Museen die alten\nMeister und setzt nicht seinen Namen darunter.\nKokoschka ist ein alter Meister, später geboren,\nein furchtbares W'under. Und ich kenne keine\nRücksicht in Ewigkeitsdingen, Sie sollten auch pie-\ntätvoller der Zeit gegenüber sein. Bin Ihnen sonst\nehrenwörtlich wie immer gut gesinnt, Max Oppen-\nmer, lieber Abbe\n7. Dezember 1911\nElse Lasker-Schüler\nWer zweifelt an seinen Urwüchsigkeit? Er\nnimmt gern seine erste Gestalt an als bäurischer\nEngel.\nIch ging heute in Begleitung meines Dienst-\nmädchens durch die Friedrichsruherpeterbaum-\nstraße in Halensee an den Bahnschienen entlang.\nMein Dienstmädchen ist mein Galleriesonntags-\niniblikum zu halben Preisen. Ich kann mich nie s®\ni'echt, nebenj ihr gehend, meiner Gedanken freue«\noder daran zu Grunde gehn, sie bringt mich immer\naus meinen Inspirationen. Sie tut nämlich nur so,\nin Wirklichkeit ist ihr alles langweilig, aber sie hat\nsich schon an den Rhythmus der Bahnlinien meiner\nSprache gewöhnt, wenn auch mit Hindernissen;\nmanchmal entgleist sie, doch immer kommt sie über\nmich hinweg zu ihrem Schatz; an ihn denkt sie\nirdisch, unterirdisch, sie wühlt, wenn ich ihr vom\nHimmlichsten erzahle. Warum habe ich ihr von\nSt. Peter Hille erzählt, vom Angesicht Stefan Ge-\norges? Welches Ausnahmeglück es für mich be-\ndeuten würde, in sein Angesicht eine lange Stunde\nblicken zu dürfen, und noch einige Menschen\nmöchte ich wohl betrachten, wie die Gottwerke\nalter Dome und Tempel. „Nur St. Peter Hille konnte\nman nicht anblicken, er war unsichtbar, er war eine\nSonne, die anblickte.\" Ich erzählte sicher ohne\nPathetik, ich sprach wie zu einem Kind und denn-\nnoch schäme ich mich seitdem vor dem Geschöpf;\nso habe ich mich in der Schule schon geschämt\nmeiner schönsten Geschenke wegen; die Welt\nist angefüllt von Dienstmädchen und Knechten (von\narmen und reichen, von gebildeten und rohen); der\nDeutsche verwechselt immer Roheit mit Urwuchs;\nund doch würde mich eine Kartoffelknolle eher\nverstehn wie so ein urwüchsiger Mensch. Ich hasse\ndie Liebe unter den Alltäglichen, wenn der Prophet\nnoch lebte, ich würde an ihn einen Hirten-\nbrief schreiben, daß er die Liebe verbiete.\nSt. Peter Hille war Aesthet. Lieben dürfen\nsich Tristan und Isolde, Carmen und Escamillo,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "711", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3030, "texte": "Ratcllff und Marie, Sappho und Aphrodite, der\nMohr von Venedig und Desdemona, Wilhelm von\nKevtaar, Du, Herwarth, und Gretchen, Romeo und\n.hiJia, Faust und Margarete, Mephisto und die\nVenus von Slam, der weiße Panther und Joseph der\nEgypter, Sascha der gefangene Prinz und Schehe-\nresade — „er\" nannte mich Scheheresade. Gute\nNacht.\nLiebe Kinder, heute besuchte mich der\nBildhauer Georg Koch und brachte mir Chokoladen-\nbonbons mit. Ich aß alle die süßen Dinger mit Marzi-\npan und Zuckerfüllung hintereinander auf. Die waren\nin silbergrünes Papier eingewickelt mit Goldsternen,\nfieb spielte die ganze Nacht damit; erst trug, ich\neinen Mantel aus dem seligen Märchenschein, dann\nstanden meine Füße in silbergrünen Schuhen mit\nSiemen, eine Krone glänzte in meinen Haaren, ich\nsaß plötzlich im Zirkus mit Lorchen Hundertmark,\ndie! durfte mich begleiten, — das kleine Kutscher-\nkind, — ihr Vater fährt die Wagen spazieren von\nmeiner allerliebsten Tante Johanna. Lorchen und\nich sind beide zehn Jahre alt und schwärmen heim-\nlich für Joy Hodgini; wir stoßen uns großblickend\nan und nennen ihn Traumbild. Es hat kein Mensch\ngehört, alles guckt in die große runde Manage und\nviele, viele Hände klaschen. Lieschen Hundert-\nmark hat eine Kommode, darauf stehen: ein Mu-\nschelkästchen, in seinen Spiegel starrt der goldene\nPorzellanengel vom Sockel. Ein kleiner, blauer\nGlasleuchter mit einer gelben, gerippten Weih-\nnachtskerze und ein Wachsherz auf einer Karte\nHegt neben einem glitzernden Osterei, mani sieht\ndarin das Feenreich. Und daneben liegt ein Gebet-\nbuch aus grünem Samt, aus ümt hing ein Buch-\nzeichen aus silbergrünen Glanzstaniol mit goldenen\nSternen,\nWeißt du schon, Herwarth, daß Paul Zech aus\nElberfeld nach Berlin zieht? Ich riet ihm zu dem\nStadtwechsel, er braucht Dir nicht erst immer\nseine Verse schicken. Aus seinem letzten Oedicht\nqualmen Schornsteine, Ruß liegt auf jedem Wort.\nEr ist der einzige Heimatdichter im großen Stil.\nLieber Herwarth, ich habe diese Nacht wieder\nverbummelt geträumt. Ich schlenderte über den\nKurfürstendamm wie ein Strolch angezogen, in zer-\nlumpten Hosen und grünlich, abgetragenem Rock,\nich dachte nur stumpfe Dinge, auch war ich ange-\ntrunken — aus — Traurigkeit. — Der Wind heulte\nmeine rote Nase an. Du kennst doch so einen\nZnstand — gemildert — bei mir, wenn Du ver-\nreist warst und wiederkamst, und mich) hier oben\nam Henriettenplatz trafst, als ob ich obdachlos\nsei. Diesmal kam mir im Traum Kete Parsenow\nentgegen, die Venus von Siam. Sie sann nach irgend\neinem Wort, dann ergriff sie mich mit ihren Hän-\nden aus Elfenbein, aber mit der Energie eines Gens-\ndarms — „Tino!\"\nHerwarth, Kurtchen, ich vergesse immer seinen\nNamen — er ist aus dem sächsischen Tirol, schrieb\nein Buch über gemalte Irdenkochtöpfe, angehender\nDirektor der Museen hier. Mehr weiß ich nicht\nvon ihm. Uebrigens besitzt er eine eigene Möb-\nlierung von der Urgroßtante geerbt; und eine länd-\nliche Base der Mona Lisa hat er an der geblümten\nTapete hängen, das Gemälde erbte er auch von\nseiner Erztante Isabella."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-09-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-09_01#c011", "volume": "bmtnabg_1911-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "711", "page_fin": "712", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.2.7", "titre_corps": "Münchner Sezession", "titre_sommaire": "Münchner Sezession", "signature_source": "Lothar von Kunowski", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "711", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.5", "debut_caractere": 3032, "fin_caractere_exclue": 9346, "texte": "Münchner Sezession\nVon Lothar von Kunowski\nDiese Kritik Lothars von Kunowski erschien im\nJahre 1900 und wurde in sein Buch „Lichtund Helligkeit\"\naufgenommen\nDurch strenge Auswahl der Werke hat die\nMünchner Sezession den ersten Schritt zur K u n s t\ngetan. Aber der Verlust in der Anzahl der Werke\nmuß ersetzt werden durch den Reichtum dessen,\nwas von jedem Einzelnen gegeben wird. Es ge-\nnügt nicht, wenige sehr einfache Arbeiten zu ver-\nöffentlichen : alles Vornehme ist einfach, aber es ist\nzugleich reich, Vornehmheit und Armut sind un-\nvereinbare Widersprüche. Stuck ist ein einfacher\nMann, er hat in einer Zeit der Verschwommenheit\neine kernige Bauernsprache eingeführt. Er sagt\nunverhohlen das Wenige, was er zu sagen\nhat, in seinen „Furien\" durch Verbindung von\nvier Gestalten, eines fliehenden Mannes und\ndreier schwebenden Weiber, von denen zwei\n/erfolgen, eine sich in den Weg stellt, indem alle\nvier den Raum derart erfüllen, daß sie das Neben-\nsächliche rücksichtslos beiseite drängen. Es bleibt\nder Gegensatz zwischen Mann und Weib, A.igsi\nund Rache, hellen und dunklen Leibern, roten, gel-\nben, grünen Gewändern weithin dekorativ wirk-\nsam. Prüft man jedoch das Einzelne, das Mienen-\nspiel der Köpfe, die Hände, Füße, die Falten der\nGewänder, Steine und Bäume, so ergibt sich, daß\nStuck zu wenig fein und zu wenig reich ist, um\nals vornehm gelten zu können. Man vergleiche\nhiermit eines der Werke von Mantegna, dem an\nWucht und Geschlossenheit der Komposition we-\nnige und man wireji jeden Kopf,\njeden Körper, Panzer, Helm und Früchtekranz eines\nbesonderen Rahmens für wert erachten. Zahlreiche\nAbbildungen einzelner Teile von Gemälden der\nRenaissance würden aufklärend wirken über die\nGründe der Vornehmheit norditalienischer Kunst.\nZur Einfachheit und zum Reichtum muß sich die\nEhrlichkeit gesellen. Der Künstler soll von den\nälteren Meistern den Pflug ihrer Methode, aber\nnicht zugleich deren Früchte übernehmen. Karl\nHaiders Landschaften erinnern an Arbeiten aus der\nMitte des Jahrhunderts in Anordnung, Farbe und\nDurchführung, als hätte man sie einem Museum\nentnommen. Betrachtet man sie genauer, so schwin-\ndet der trügerische Schein. Die Vorgänger dieses\nKünstlers malten die Bäume so, wie sie sahen, ihr\n„Baumschlag\" war das Ergebnis sorgfältiger Na-\nturstudien. Haider malt keinen Baum, wie er Ihn\nsieht, er sucht vielmehr die Sorgfalt der Aelteren\nvorzutäuschen, indem er jeden Baum aus tausend\nvollkommen gleichförmigen Kringeln zusammen-\nsetzt. Hundert solcher Fichtenbäume rückt er zu-\nsammen und wähnt einen Wald gemalt zu haben.\nDer Baum als eine lebendige Persönlichkeit von .\nbestimmter Eigenart ist ihm durchaus gleichgültig;\ner strebt nach dem Ruhm alter Meister, die doch in\nWahrheit das Schema einer Fichte, Linde, Buche\naus dem Vergleich der wirklichen Bäume möglichst\nehrlich zum dauernden Gebrauch für spätere Zeiten\nfeststellten, damit die Nachfolger fortbilden, nicht\ndas Gefundene zur banalen Redensart verflachen\nkönnten. Noch in seinem siebzigsten Jahr wan-\ndelte der alte Preller täglich mit dem Skizzenbuch\nin die Campagna, damit das Schema seiner Bäume\nnicht verknöchere. Darum ist die homerische Ab-\ngeklärtheit seiner Odyseelandschaften in Weimar\ndurchdrungen von jugendlicher Frische.\nEhrlichkeit ist eine Dienstmädchentugend*\nwenn sie nicht mit Selbständigkeit vereinigt ist.\nKünstler sein, heißt Gegensätze in sich zur Einheit\neiner Schöpfung auflösen: der Künstler soll abhän-\ngig von der Natur sein, um unabhängig natürlich zu\nbleiben. Schramms Hühner und Truthähne sind\nnur ehrlich beobachtet, ihre sonnigen Farben ver-\nraten eine überraschende Aufnahmefähigkeit für\nNatureindrücke, aber es scheint, als habe der Künst-\nler die Hühner der Farben wegen und nicht die\nFarben als Ausdruck des Lebens der Hühner ge-\nmalt. Der Augenblick des Sich-selbständigmachens\nist entscheidend für die Entwicklung des Künstlers;\nin gewissen schöpferischen Zuständen muß Ver-\ngangenheit und Gegenwart, also Tradition und Na-\ntur in Nacht versinken vor dem Ausbruch eines\nneuen Lichtes. Das Licht der Idee ist das Leben\nder beobachteten Naturwesen, welches im Künst-\nler zu neuer, vollendeter, reinerer Erscheinung\ndrängt, als es in der Natur selbst geschieht. So\nwunderlich „Der schwarze Ritter\" von Branden-\nburg uns erscheint, dieses Bild ist vielleicht zu we*\nnig ehrlich gesehene Farbe, aber in der Erschei-\nnung des schwarzgepanzerten Ritters und in den\nleuchtenden Leibern der Waldfeen birgt sich ein\nseelischer Vorgang, dem der Künstler in allem, was\niung ist, und in sich selbst auf die Spur kam. Wir\nwandeln alle düster durch einsame Wälder, über\nuns das schwirrende Insekt der Grübelei, zur Seite\nkauernd und hinterrücks schwebend das Jauchzen,\nLächeln, Höhnen von Geistern der Schönheit und\nSinnenlust, die kein schwarzer Panzer vollständig\nbannen kann. Wir wollen nicht lachen über den\ntollen Einfall mancher jungen Künstler. Die Zeit\nder Einfälle, der Improvisationen, des kühnen Lau-\nschens auf die Stimme des Inneren, und das Nie-\nderschreiben des also Vernommenen ohne Rück-\nsicht auf die Meinung der Welt gehen jeder hoff-\nnungsreichen Kunstperiode voraus.\nDer vornehme Mann mißbraucht seine Selb-\nständigkeit nicht; auch in den Stunden der Einsam-\nkeit weiß er den Feinden echter Kunst zu wider-\nstehen, dem Hochmut und Größenwahn, er vermei-\ndet den Schwulst und die Undeutlichkeit dessen,\nder nur für sich und nicht für andere schafft, er\nbleibt wahrhaftig gegen sich selbst. Janks „Bau-\nern\", Weib und Mann, bis zur Hüfte gesehen, da-\nhinter die Köpfe zweier Schimmel, alles vor rot-\nglühender Landschaft, geben ein Bild von schwung-\nvoller Erfindung in Linien und Farben. Aber die\nWahrhaftigkeit fordert, daß man mehr gebe, als\nman in dem Augenblick des Entwerfens persönlich\nist, sie fordert, daß der Künstler im Werk sein gro-\nßes Können, seine vergangene, gegenwärtige und\nzukünftige Persönlichkeit zusammenschließe Die\ngniale Idee soll das Gefäß sein, in welches hinein\nsich das gesamte Wissen, Fühlen, Wollen des\nSchöpfers ergießt. Er soll sich im Werk auswach-\nsen, sich seines Besitzstandes in vollem Umfange\nbewußt werden, damit er ihn nie wieder verlieren\nkann. Janks Bilder sind vorzüglich Untermalun-\ngen, jeder Schritt weiter in der Durchführung\nwürde dem Künstler Selbsterkenntnis bringen über\ndas, was er weiß und was er nicht weiß. Fährt er"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "712", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7116, "texte": "jedoch fort wie in der Hetzjagd „Heidi\" sich das\nGeständnis über die Unzulänglichkeit seiner Kennt-\nnisse zu ersparen, so wird er vielleicht auch die\nverlieren, deren er gewiß ist, und in einem Schwulst\nhastiger Pinselstriche enden.\nMan sieht, daß die Wahrhaftigkeit sämtliche\nanderen Tugenden des Künstlers fordert: in die\nEinfachheit eines selbständigen Entwurfs führe er\nden Reichtum seines Wissens und Empfindens ein,\ndamit er seine Einfälle durchbilde, bis sie einen\nehrlichen Vergleich mit der Natur ermöglichen.\nViele Künstler fürchten diesen ehrlichen Vergleich,\nund so bleiben sie dem Laien unverständlich. Sle-\nvogts „Verlorener Sohn\" ist ein Bild, dessen Ge-\nstalten vergeblich nach einer definierbaren Ober-\nfläche ringen, mit Ausnahme eines Kopfes, der neu-\ngierig aus dem Chaos der Farben hervorlugt. Den-\nnoch ahnt der Kenner eine Fülle von Talent, das\nfür alle sichtbar würde, sobald der Künstler sich\nernsthaft fragte, ob er von jenem Gewand, Tep-\npich, Frauenkörper nicht weniger gegeben habe, als\ner vermöge. Die Ursache der Unaufrichtigkeit ist\nvielen Künstlern gemein: sie wollen bedeutender\nerscheinen, als sie sind. Entschlössen sie sich, ihren\nEinfall bis zur Verständlichkeit auszugestalten,,\nwürden sie die Körper aus dem Hintergrunde her-\nausarbeiten, die Finger mit Nägeln versehen, die\nBäume mit Blättern, so würde plötzlich niemand;\nmehr von einem neuen Velasquez, Rubens. Tizian\nsprechen, sondern nur von einem guten Hand-\nwerksmeister. Liebermann, der noch heute von\nvielen als der Homer des heroischen Bauernlebens\ngefeiert wird, entpuppt sich, nachdem er die Ne-\nbelkappe der Verschwommenheit in seinem bis auf\ndie Physiognomien und Sonnenflecke durchgeführ-\nten „Altmännerhaus\" abgelegt hat, keineswegs als\nein Geist, der diesem Ruhme entspricht. (Ich habe\nihn seitdem höher zu schätzen gelernt und er\nmich.)\nEin Bild entdeckte ich, aus dem der Geist der\nWahrhaftigkeit spricht, man hat es in einen dunklen\nGang an die dunkelste Stelle gehängt, damit der\nWahrheit der Schleier nicht fehle. Bartnings\n„Campagna\" ist das Werk eines jungen Mannes,,\n«er noch nicht gereift ist, den großen Ent-\nwurf zu wahren, aber es gibt ein Alter,,\nin dem Gewissenhaftigkeit und peinliche Sorgfalt\ndas Natürliche und darum Wahrhaftige sind. Alle\ngroßen Künstler, auch Rubens, Rembrandt, Lio-\nnardo begannen ihre Laufbahn mit Arbeiten von\nunheimlicher Peinlichkeit. Bartning hat die Steine\nder grauen Mauer des Vordergrundes gemalt, als;\nwolle er sich an jedem seines Könnens bewußt\nwerden, er hat jede Blume am Fuß der Mauer in:\nder Besonderheit ihres Wuchses entfaltet, jeden\nAst der beiden Bäume mit Blättern versehen. Er\nsagte sich: „Ein Baum muß unbedingt Blätter ha-\nben, seine Aeste dürfen nicht Klumpen roter, wei-\nter oder gelber Watte tragen, wie diejenigen der\nLandschaften von Richard Pietzsch. Ich gestehe\nzu. daß ich das Geheimnis, wenige Blätter an ge-\nwissen Stellen für alle Blätter sprechen zu lassen,,\nnoch nicht gefunden habe, mein Bild wird ein Ge-\nständnis dieser Unreife, aber auch ein Zeugnis\nmeines Eifers sein.\" Diese Wahrhaftigkeit ist die\nUrsache der Poesie, welche von dem Jüngling auf\nder Mauer herab in die Ebene zu den blauen Ber-\ngen und getürmten Wolken die Landschaft durch-\nzieht, als löse sich die Mühsamkeit und Strenge\ndes Vordergrunds für den Betrachter wie für den\nKünstler in das leichte Aufatmen der Ferne. Der-\ngleichen ist angenehmer zu schauen, als die Por-\ntärts von Samberger, der kaum Mund, Nase und\nAugen zur Aehnlichkeit gebracht hat, als schon\nsein Pinsel in wütendem Freudentaumel Hinter-\ngrund, Kragen und Rock durch Geschwindigkeit be-\nwältigt. Einem älteren Manne wie Uhde verzeiht\nman, daß er in seiner „Ruhepause im Atelier\" sich\nvielfach andeutend bewegt. So löste sich die voll-\nendete Oberfläche der Werke Tizians im Alter auf\nin ein lockeres Gewebe von Pinselstrichen, aber\nmit jedem dieser Striche wies die zitternde Hand\ndes Greises zurück auf die unermeßliche Zahl der\nWerke, in denen er sich einfach und reich, ehrlich,\nselbständig und wahrhaftig ausdrückte als ein vor-\nnehmer Künstler. Welche von den Mitgliedern\nder Sezession werden es erreichen, noch im Alter\nso zu erscheinen?\n*\nNachtrag aus dem Jahre 1911: Seit dem\nJahre 1906 macht sich in der Berliner Sezession ein\nfrischerer Zug geltend. Man zeigt sogar graphische\nAusstellungen, in denen die unterdrückte Jugend\nzur Geltung kommt. Im Jahre 1900 war jenes oben\nerwähnte Bild Ludwig Bartnings das einzige\nfrische, jugendliche Werk, das ich in Sezessions-\nausstellungen entdecken konnte. Alle anderen Ta-\nlente waren durch abstrakten Maldrill in Oel uni-\nformiert. Ich entschloß mich daher, eine Schule\nfür Rhythmus in Zeichnung und Malerei zu eröff-\nnen. Ihre Resultate wurden in vierhundert Ar-\nbeiten begabter junger Maler 1903 in München,\nBreslau, Leipzig ausgestellt. Ich führte eine Fülle\nvon Talentproben in Aquarell, Bleistift, Kohle, Fe-\nder, Tempera ins Feld gegen den vollendeten\nStumpfsinn einer niedergeknebelten, sezessionisti-\nschen Jugend. Als Beweis sind in meinem neue-\nsten Werk „Unsere Kunstschule\" die Kritiken ein-\nsichtiger Männer über jene Ausstellungen meiner\nSchule abgedruckt.\nSeit dem Jahre 1905 regte ich die gesamte Ber-\nliner Kunstwelt an durch etwa dreißig kleine Ate-\nlierausstellungen, in denen zur Sprache kam, was\ndie neuesten Berliner Sezessionskataloge zum be-\nsten geben. Das von mir erschlossene und durch\ndie Spezialarbeiten „Rhythmus und Bilderbogen\"\nnebst „Unsere Kunstschule\" seit 1903 bekannte Ge-\nbiet der Konstruktion in Naturstudien würde ra-\nscheren Eingang in die künstlerische Jugend fin-\nden, wenn mein Schüler Karl Scheffler die Platt-\nform von „Kunst und Künstler\" weniger benützte,\num seinen Meister zu belehren, sondern seinen\nLesern wörtliche Auszüge aus meinen Büchern\nüber Konstruktion zum Besten gäbe.\nKarl Schefflerist auch heute noch der Meinung,\ndaß man die soeben in sechshundert Arbeiten mei-\nner Schule im Berliner Kunstgewerbe-Museum der\nOeffentlichkeit vorgestellte wesentlich gereiftere\nJugend niederknebeln müsse. Diese Jugend hat\naber in diesen sechshundert Arbeiten geleistet, was\ndie Sezession nicht geleistet hat: eine anschauliche\nRaumlehre für Naturstudien und Wandbild solcher\nMaler, die den Schefflerschen Grundsatz „der Maler\nmuß dumm sein\" nicht anerkennen wollen.\n*\nDaß ich als lehrender Mann im allgemeinen\nauf Strenge dringe, gehört zu meinem Beruf, das\nheißt zum Beruf eines Menschen, der hundert Mit-\ntel gefunden hat, jungen Künstlern zu helfen, Es\ngehört nicht zum Beruf von Männern, die immer\nbloß auf der Jugend herumhacken, ohne ihr auch\nnur einen Pfifferling praktisch brauchbarer Hilfe zu\nbieten.\nMeine Berliner Ausstellung verband Frische\nmit Strenge. Aber wesentlich in ihr waren die\nGebietserschließungen für junge Kräfte. Man erin-\nnere sich nur an das Blumengebiet. Welche Fülle\npraktischer Anwendungen sind hier schon in frühe-\nster Jugend möglich.\nIch lebe zwanzig Jahre fast ausschließlich un-\nter jungen Künstlern. 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Von seinem Kollegen, dem „Pariser\nKorrespondenten\" Viktor Auburtin, weiß er doch,\ndaß sie stirbt. Es wäre pietätlos, ihr dessortiertes\nSterbelager in den wilden Wahlkampf zu schleppen..\nDie Blutbäder, die er seinen Mitbürgern und Freun-\nden verschreibt, sind nur trockener Symbolismus;\naber sein Kummer um das bedrängte Recht der\nKünste trieft so sehr von schmutziger Wässrigkeit,\ndaß der schwarzblaue Block dagegen als reiner\nKristall erscheint."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-09-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-09_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "712", "page_fin": "712", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.2.9", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "712", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.6", "debut_caractere": 8649, "fin_caractere_exclue": 9686, "texte": "Beachtenswerte\nBücher\nLOTHAR VON KUNOWSKI / Gertrud von\nKunowski\nUnsere Kunstschule / Ein Handbuch des\nLehrens und Lernens / Vierundneunzig große\nLichtducke: Akte, Porträts, Blumen, Tiere,\nStilleben, Wandbilder in allen Entwicklungs-\nstufen\nLiegnitz / Dr. von Kunowskis Verlag für National-\nStenographie\nRABELAIS\nGargantua\nPantagruel / Vier Bücher\nDeutsch von Engelbert Hegaur und Dr. Owlglaß\nMönchen / Verlag Albert Langen\n1\nALFRED DÖBLIN\nLydia und Mäxchen\nVerlag Josef Singer | Straßburg im Elsaß\nLOTHAR VON KUNOWSKI\nDurch Kunst zum Leben\nErster Band: Ein Volk von Genies\nZweiter Band: Schöpferische Kunst\nFünfter Band: Licht und Helligkeit / Mit acht rhyth»\nmischen Studien von Gertrud von Kunowski, des Ver-\nfassers Schülerin\nSechster Band: Gesetz, Freiheit und Sittlichkeit de»\nkünstlerischen Schaffens\nSiebenter Band: Rhythmus und Bilderbogen / Grunde\nsätze meiner Zeichenschule\nJena Verlag' Eugen Diederichs\nJEAN SCHLUMBERGER\nL'inquiete paternite\nEdition de la Nouvelle Revue Fran9aise Marcel\nRiviere und Cie / Paris, 31 rue Jacob"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-09-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-09_01#c014", "volume": "bmtnabg_1911-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "713", "page_fin": "713", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "713", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.7", "debut_caractere": 75, "fin_caractere_exclue": 673, "texte": "VereinrarKiinst\nFunfter Abend\nMitte Januar\nabends 8 Uhr\n:; Architektenhaus ::\nWilhelmstrasse 92/93\n1\nAchtes Jahr\nAutoren-Abende\nMitgliederbeitrag 15 Mark\nDen Mitgliedern steht\nder Besuch von sechs\nAbenden auf Platzen\nzum Kassenpreis von\nM. 3.— zu, sowie der\nkostenlose Jahresbezug\nder Wochenschrift Der\nSturm. 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Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\n:: BERLIN Wl5, Kurfurstendamm 33 ::\n| Standige Ausstellung j\n| moderner Grsphik Illustriert.Katalogu.Prospekte gratis J\nF i'vt R [TT ' FRF I Ankauf guter Graphik fe\nEINTRITI P u. illustrierter Bucher &<"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-09-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-09_01#c022", "volume": "bmtnabg_1911-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "713", "page_fin": "713", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "713", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.7", "debut_caractere": 2923, "fin_caractere_exclue": 3364, "texte": "PftlTf fTftl DP BERLIN W35\nrKlllr wIUL r %» aenthiner Strafe 42\nGegrundet im Jahte 1873 \\ Fernsprecher Amt VI 752\nFabrik fur Gemalderahmen\nin alien historischen und neueren Stilarten\nKopien von Rahraen nach alten Meistern in Original-Goldtonungen\nSamtliehe Vergoldervaren Mobeln, Innen - Archifekturen asw.\nKunst-Einrahmungen\nReparaturen und Neuvergoldungen aller Gegenstands, Auf-\narbeiten all. 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Mester Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorlc und Praxis (staauich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute In fuhrender Steilung). Grundliche\nEinfuhrung in die verschiedenen Branchen des kaufm&nnischen Berufes, rationales\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz far eta mefir-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist ffir Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographs,\ndeutsche und fremdsprachlJche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- und Buanz-\nTechnik, Buro-Praxis sich vorbereiten wollen — _ w-1. -k.\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ihnuehe Scaate w>-\n•olviert haben, wie fur iri -n. .\nHerren mit besseren praktischen oder tfaeoretiscben Vorkenntnlsien, Emjurtg-\nFreiwillige, Abiturienten, , , , .\nfur Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktischitttlg wareni und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend Ihre Fachkenntnisse erweltern oaer\nvertiefen wollen oder , , u ...\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Cbemiker, Braner, Juristen, Natio«al6konomen,\nOffiziere, die fur Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder VerWnde,\nAktien- oder ihnlicher Gesefischaften sich vorbereiten wollen. 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HAHN\nAlexanderplatz Landsbergerstr. 60-63\ngegFundet 1825\nModeme Herrertbekleidung\nffertig und nach Maß\nReklameangebot:\nDer elegante Ulster\naus Tenglischen gemusterten Cheviots mit] KrmelaufschlSgen 3250 M\naus den modernsten Flauschstoffen mit aufgesteppten Taschen 4550 m\nVornehmer zweireihiger Sacco-Anzug, englisch gemusterter Cheviot I\n32?° 45 m\nSchicke Passformen Beste Verarbeitung\nHerrea Stadenten und Mifgliedera von KunstvereinigungeH gegea Vorzeigtmg von Legitimatienskarteii 5% Rabatt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-09-01-c033", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-09_01#c033", "volume": "bmtnabg_1911-12-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "714", "page_fin": "714", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.2.29", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "714", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.8", "debut_caractere": 555, "fin_caractere_exclue": 872, "texte": "L\nCafe-Restaurant\nOdeoiv\nBar\nCKa.ilottenbur_\nBtsmardcslt-EcKeNeue <j rolmarvstr fr.\nTaglich Nachmittag- und Abendkonzert\nvon 4—7 Uhr von 8Va— 2 Uhr\nBillardsale Spielsale Kegelbahnen\nBeste wiener und ungarische Kuche\nOutgepflegte Biere und Weine\n:: ANGENEHMER AUFENTHALT :: ■\nBesitzer J. 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A.: Kunst, Demokratie und Presse /Beachtens-\nwerte Bücher / ARTUR SEGALj: Holzschnitt\n\nArtur Segal: Holzschnity"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "708", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.2", "texte": "Literatur\nDer Zeit—Geist-Kleist\nDer Ulkredakteur Herr Fritz Engel, der auch\nden Zeitgeist beherrscht, ist über die Bedeutung\ndes Dichters Heinrich von Kleist nicht klar. Er\nwandte sich in dieser Verzweiflung an die be-\ndeutendsten Vertreter der deutschen Nation, näm-\nlich an die Herren Fürst Bülow, Paul Lindau, Fritz\nMauthner, Otto Brahm, Ludwig Fulda, Hermann\nSuderrnann, Herbert Eulenburg, Max Dreyer,\nFriedrich Dernburg, Wilhelm v. Scholz, Wilhelm\nSchmidtbonn, Otto Erler, J. Minor, Richard M.\nMeyer, Hans Kyser. Alle diese Herren bestätigen\n„teils per Vers teils per Prosa\" dem Herrn Engel,\ndaß Kleist etwas gekonnt hat. Ich finde die Auswahl\näußerst glücklich. Man gewinnt durch sie zwar\nkeine Vorstellung von Kleist, aber Herr Engel ver-\nliert durch sie das Recht auf den Ulk. Er wirkt\nnämlich plötzlich komisch. Hingegen hätten die\nAntworten kaum witzloser ausfallen können. • Fürst\nBülow, der von Literatur nichts zu verstehen\nbraucht, findet das Schicksal Heinrich von Kleists\n„tragisch\". Aber „glücklich zu preisen sei Theodor\nKörner, der, das Schwertlied auf den Lippen und\nden Befreiungskrieg vor Augen den schönsten\nTod fand.\" Kleist sah den Befreiungskrieg nicht\nmehr vor Augen, doch, sagt Fürst Bülow, „er\nschrieb den herrlichen Sang Germania an ihre\nKinder, für mein Gefühl den schönsten und mäch-\ntigsten Schlachtgesang, der je von einer deut-\nschen Lippe floß.\" Koerner konnte sein\nSchwertlied wenigstens auf den Lippen halten. Es\nist nicht gut, wenn ein entflossener Reichskanzler\nmal eine deutsche Lippe für die Literatur riskiert.\n„Wenn ich ganz aufrichtig sein soll, darf ich\nwohl sagen, daß ich für keinen unserer Dichter ein\nstärkeres persönliches Gefühl hege, als für Heinrich\nvon Kleist.\" Mehr kann Kleist wirklich nicht ver-\nlangen, als daß Herr Paul Lindau seinetwegen im\nZeitgeist ganz aufrichtig ist. Man weiß, wie sich\nsolche Aufrichtigkeiten fortsetzen: Kein anderer\nhat so wie er — gewisse eigentümliche Wendungen\n— dieselben Empfindungen wie vor 50 Jahren —\nungesuchte Schönheiten, denen sich noch viele\nDutzende gleichwertige anreihen ließen — ich fühle\nnur: es ist so.\" Es muß wohl so sein, da Paul\nLindau sich bei dieser Gelegenheit, wie er nun\neinmal ist, die Aufrichtigkeit nicht nehmen läßt.\nNach dem Dichter der Philosoph. Herr Fritz\nMauthner liebt Kleist. Gleich der Beginn seiner\nErklärung führt in die Tiefe: „In einem reichen\nHause des Berliner Tiergartenviertels plauderten\nunserer drei, nachdem wir ausgewählte Speisen und\nGetränke zur Genüge genossen hatten.\" Die Liebe\ngeht durch den Magen. Und man ist beruhigt, daß\nder ausgewählte Philosoph sich den Magen ge-\nnügend vollgepumpt hat. „Der Hausherr hatte zur\nUnterhaltung seiner Gäste unbezahlbare seltene\nHandschriften vorgelegt, zuletzt die beiden Blätter,\nauf welche Kleist vor seinem Freitode einige An-\nordnungen niedergeschrieben hatte.\" Ein Philosoph\nzu Tische verpflichtet. Und der Hausherr aus dem\nTiergartenviertel nimmt alles vom Besten. Rüh-\nmend bemerkt Herr Mauthner: „Der Sammler\nnannte den Preis, den diese Blätter heute unter\nBrüdern wert wären: ,Soviel hat der gute Kleist\nniemals für eines seiner unsterblichen Werke er-\nhalten'.\" Nicht einmal zu Tisch wurde der gute\nKleist eingeladen. Hätte man mir nach Tisch von\nPreisen unter Brüdern und vom guten Kleist ge-\nsprochen, so würde ich ohne weiteres dem aus-\ngewählten Tischherrn eine Ohrfeige versetzt haben.\nEin Philosoph kann offenbar mehr vertragen, er ist\nmit dem reichen Hausherrn und dem guten Kleist\ngleich intim. Der dritte Mann zum Skat war „ein\nMann von internationaler Tagesweltberühmtheit.\"\nTageswelt soll wohl eine bescheidene Umschrei-\nbung für Zeitgeist sein. Denn der Tagesweltbe-\nrühmte „sprach davon, wie der gute Kleist den\nRuhm gesucht, aber nur Nachruhm gefunden habe.\nUnd daß es un s zum Ruhm gereiche, ihm ein\nDenkmal errichtet zu haben,\" Auch der Tages-\nweltberühmte hätte die Ohrfeige verdient. x\\ber\nFritz Mauthner kann selbst diesen Reichtum an\nGeist „würdigen\", und er bemerkt lyrisch: „Es\nklang wie das Knallen eines Champagnerpiropfens\".\nDer gute Mauthner liebt Kleist.- Da ist Kleist nicht\nmehr zu helfen.\nOtto Brahm fordert ein Monument Kleists für\ndie Reichshauptstadt. Der hundertjährige Todes-\ntag „mahnt an eine alte Schuld\". Warum eigentlich\nalle Leute bei solchen Anlässen an unbezahlte\ni\nRechnungen denken müssen.\nUnd nun der gute Fulda: natürlich per Vers:\nEwig werden wir weinen\nWir Kleinen\nUm diesen Einen.\nDas blinde Geschick, das ihn erschlug\nDen Ungeduldigen\nMit rauhen Schlössen\nNie — nie hat ein zerbrochner Krug\nEdleren Trank vergossen.\nEin echter deutscher Dichter, der gute, gerührte\nFulda. Wenn er vom zerbrochenen Krug hört,\nmuß er an den Suff denken und ist begeistert.\nAnders der gute Sudermann. „Kleists unseli-\nges Sterben hätte den deutschen Dichtern ein\nOpfer- und Erlösungstod werden können und müs-\nsen.\" Suderrnann ist ein moderner Mensch, der\ndurch sein zahlreiches Dabeigewesensein bei Wohl-\ntätigkeitsfesten aller Art etwas für die soziale\nFrage übrig hat. Kleists Tod, meint er, „wäre dazu\nangetan gewesen, die Ausgereiften daran zu ge-\nmahnen, wie man dichterische Sämlinge mit leiser\nHand hegt und hochzieht.\" Es wird nicht ganz\nklar, ob sich der Suderrnann zu den Ausgereiften\noder zu den Sämlingen rechnet. Immerhin wünscht\ner, daß wir alle Einkehr halten mögen.\nHerr Herbert Eulenberg glaubt sich berechtigt,\nim Namen Kleists Klage gegen das deutsche Volk\nwegen nicht genügender Anerkennung zu erheben.\nEr behauptet zu wissen, daß Kleist „am kalten\nRuhm im Sarkophage friert\":\nIhr seid erst halb das Volk, das ich ersehnt,\n(habe fehlt)\nIhr lerntet mich zu achten, mich zu lieben,\nDie Glut, die Euch in meinem Werk verblieben,\n(ist fehlt)\nHat wenigen nur beglückt die Brust gedehnt.\nSchade, daß Eulenberg vor Abfassung der Ge-\ndichtes mit den fehlenden Hilfsverben die Fahnen\ndes Zeitgeistes nicht schwingen konnte. Er hätte\nsonst gewußt, daß Heinrich von Kleist wenigstens\nvon Fürst Bülow, Lindau. Mauthner, Fulda und\nSudermann geliebt wird. Er hat sogar den Besten\nunseres Zeitgeists genug getan.\nAlso auch dem guten Max Dreyer. Der ist\nganz gerührt, wie der gute Fulda. Das bringt die\nSeelenverwandtschaft mit sich. Schon mit neun\nJahren versprach Herr Dreyer feierlich, sich nicht\ndurch Tränen auf dieser Erde zu beflecken. Als\ner aber das Kätchen von Heilbronn las, konnte er\nnicht umhin, zu zerfließen. Es geht nichts über\nein deutsches Dichtergemüt.\nFriedrich Dernburg über Heinrich von Kleist:\n„Ein Dramatiker aus der Heroenzeit. Spez i a 1 -\nmarke: Der preußische Leutnant in der Welt-\nliteratur.\"\nAuch die Literaturhistoriker äußern sich, um\nHerrn Fritz Engel zu beruhigen. Herr J. Minor aus\nWien: „Kleist ist das schwierigste Problem der\nLiteraturgeschichte, je weiter die Forschung fort-\nschreitet, um so schwieriger wird das Problem.\"\nWas Herrn J. Minor beweisen sollte, daß er\nbesser daran täte, nicht weiter zu „forschen\", son-\ndern lieber völlig aus der Literaturgeschichte fort-\nzuschreiten.\nAbgründig bemerkt Herr Professor Richard\nM. Meyer zu Berlin: „Die Entwicklung des In-\nhalts und die Ausbildung der Form gehen gerade\nbei einer so ungemein selbständigen Persönlichkeit\nnotwendig auf gemeinsame tiefere Ursachen zu-\nrück.\" Damit Professor Richard M. Meyer die un-\ngemein tiefe Meinung bekommen konnte, mußte\nKleist erst hundert Jahre tot sein.\nHerr Fritz Engel, der dieses „Gedenkblatt\"\nzum hundertsten Todestage Heinrichs von Kleists\nam 21. November 1911 herausgab, hat einem großen\nDichter alles angetan, was er kleinen Dichtern der\nGegenwart antun kann: ihn durch Tagesweltbe-\nrühmtheiten lieben und loben zu lassen. Die gro-\nßen Dichter der Gegenwart werden erst nach\nhundert Jahren von ihm auf dieselbe Weise be-\nleidigt werden.\nDer Tiger — kein ehrlich ringender Mensch\n„Jeder ehrlich ringende Mensch hat Stunden\nder Bitterkeit. Künstler sind, sofern sie ihren Na-\nmen verdienen, ehrlich ringende Menschen.\" Diese\nPsychologie und Verherrlichung des Künst-\nlers verdankt man keinem Geringeren als Herrn\nGeorg Hirschfeld. Herr Hirschfeld muß es wissen.\nIhm sind schon viele Stunden der Bitterkeit be-\nreitet worden, er lebt in Dachau, wo die Künstler\nnur so herdenweise zu finden sind, und er ringt so\nehrlich, daß ihm eine Prämie aus der Kleiststiitung\nziemlich sicher ist. Die Künstler haben es schwer\nim Leben. „Sie sehen Nichtkünstler vor sich, die\nsie mit Zähnen und Tatzen angreifen, was der\nLöwe, wie die Naturgeschichte lehrt, nie tut. Der\nTiger tut es, der ist aber auch kein\nehrlich ringender Mensch.\" Der Löwe\nund der Hirschfeld sind es. Sie wollen zwar die\nKunst, aber die Kunst will nicht auf sie anbeißen.\nWie es ja auch in der Naturgescihchte schon ganz\nrichtig steht. Herr Hirschfeld ist gegen die Thea-\nterkritiker. Ich auch. Ich bin aber auch gegen\nHerrn Hirschfeld. Alle Theaterkritiker, sagt Herr\nHirschfeld, haben Dramen in der Schublade und\nsind auf die Dichter wütend, die aufgeführt werden.\nHerr Hirschfeld unterscheidet Schauspielerstücke,\nKritikerstücke und Dichterstücke. Und er be-\nhauptet, daß von diesen dreien ein Dichterstück-\nwerk stets das Beste sei. Man wird eitel, wenn\nman Stückwerk dichtet. Aber Herr Hirschfeld\nbleibt den Beweis für seine Behauptungen nicht\nschuldig. Er präsentiert zwei Kritiker, die schlechte\nStücke geschrieben haben. Diese Kritiker heißen\nKarl Ettlinger aus München und Ludwig Bauer\naus Wien. Nun wird niemand, außer dem Herrn\nHirschfeld und den Preisrichtern der Kleiststiftung,\ndiese beiden Herren für Kritiker halten. Sie sind\nvielmehr durchaus Schaffende, wie Herr Hirsch-\nfeld. Karlchen in der Jugend und Bauer in Wien.\nTrotz seinem Kritikeramt ist Karlchen bei Herrn\nHirschfeld beliebter als der rohe Bauer. „Karl\nEttlinger hat den düstern, blutbespritzten Mantel\ndes Kunstrichters nie getragen.\" Also, was will\ndenn Hirschfeld von ihm. Wo doch Karlchen „ein\nbischen menschliche Güte und ein Schätzungs-\nvermögen ohne Haß (für Herrn Hirschfeld) hat.\"\nWarum muß er dann Karlchen noch so bitteres\nnachsagen, daß der „ein tieferes Verhältnis zur\nKunst hat.\" Wenn schon dem Kritiker die Ein-\nmischung in Privatangelegenheiten übelgenommen\nwird, warum muß der Dichter solche erweislich\nunwahre Tatsachen verbreiten. Aber Herr Hirsch-\nfeld ist doch ein guter Mensch. Er denkt „an eine\nRührung zurück, die ich empfand, als ich in Ett-\nlingers Schwankgeplauder plötzlich das Wort hörte:\n„Einen Menschen genau kennen, heißt ihn ver-\nloren haben.\" Man ist gleichfalls gerührt, man\natmet auf, daß Hirschfeld seinen Ettlinger wenig-\nstens nicht verlor, und daß es wenigstens drei ehr-\nlich ringende Menschen auf der Welt gibt: den\nLöwen, die Hirschfeld und — das Karlchen.\nTrust"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "709", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.3", "texte": "Arëosophie.\nVon Mynona\nDes Morgens hat man schöne kalte Luft, ich\nging aus. Am Dönhoffsplatz traf ich den Marsbe-\nwohner Myno Deusp, er hielt den folgenden Vor-\ntrag vor ein paar Leuten, die Droschkenkutscher\nzu sein schienen; auch einige leichte Mädchen\nstanden dabei und stenographierten eifrig. Aber\nkaum war das letzte Wort verklungen, da stellte\n. ich mich ihm vor und bat ihn um einige Erläuterung.\n„Sind Sie auch Droschkenkutscher?\" fragte er an-\ngestrengt. Ich sagte: „Logischer\". Diese Ant-\nwort schien ihn mächtig zu rühren. „Sie haben\nunmenschlicher Weise nicht nein gesagt, und des-\nwegen sollen Sie mich zu „fassen\" kriegen. Ich\nwill Ihnen den ganzen Zauber beibringen — aber\nnicht hier. Folgen Sie mir!\" Damit ergriff er mich\ntei der Hand, ich fühlte mein Eigengewicht, als\nob mein Schwerpunkt sich verschoben hätte, wohl-\ntuend alteriert; wir erhoben uns in den Luftraum,\nstanden einige hundert Meter über dem Kreuzberg\nstill und leicht in der Luft, und Myno sprach:\n„Also, damit Sie den Vortrag von vorhin nachträg-\nlich besser verstehen, — das Zeichen oo bedeutet\ndoch: „unendlich\"? Na! Ich meine man bloß: man\nsoll im oo so leben wie man mit oo z ä h 11! Näm-\nlich nicht vom Anfang, den es nicht gibt, bis zum\nEnde, das es auch nicht gibt; sondern vom Nichts,\nvon der Null als wie von der reinen Mitte aus,\nnach minus und plus des oo hin. Achten Sie nun\nwohl auf die Torheit der menschlichen Vernunft,\ndaß sie das Nichts des Unterschiedes im oo als\nTod verstehe! Also wenn die Weltkraft uner-\nschöpflich wäre, so würde der Mensch sie doch „fer-\ntig\" kriegen, „konstant\" kriegen — ohne die leiseste\nAhnung vom Leben dieses Scheintodes, dieser Le-\nkensstarre, dieser Leben-Null!!!! (Myno spie auf\nden Berg). Verstehen Sie! Der Mensch begreift\nias oo niemals, weil er glaubt, es sei ohne\nGrenze; und die Grenze nicht, weil er wähnt, sie\nsei das „Endliche\" imoo !!! Daraus muß ein hüb-\nscher Blödsinn werden. Kraft, sagt er, nimmt nicht\n»b noch zu, daher ist sie nie gleich 00. Himmel!\nDeswegen nur, wegen dieser elendigen logischen\nund sinnlichen Versündigung an seinem oo bleibt\nder Mensch der Mensch. Wir Martianer kennen\neine sehr gefährliche Krankheit, nämlich das Ster-\nben vor Lachen über den Menschen; über seine\npossierlichen Allüren im Umgange mit seinem per-\nsönlichen, leibeigenen 00. Besonders der Tragik\ndieses Tieres widersteht so leicht kein Zwerchfell.\nHamlet ist bei uns eine Lachsalven erregende\nParodie, ohne daß wir eine Silbe zu ändern brauch-\nten. Ein Wort von Schiller bringt uns um. Unser\nwitzigster Autor ist Schopenhauer aus Danzig.\nDas menschliche Lachen ist uns eher antipathisch;\namüsanter ist der qualvolle Mensch, ich verrate\nihnen, daß die vereinigten Bewohner sämtlicher\nPlaneten des Sonnensystems sich die Erde als un-\nfreiwillige Lustspielbühne eingerichtet haben.\" Er\ngab mir einen Stoß in die Seite, daß ich in der Luft\nauf dem Kopf stand; er drehte mich liebreich wie-\nder um und wollte Abschied nehmen. „Erlauben\nSie, Herr Deusp\", sagte ich, „bevor Sie verreisen,\nmöchte ich meine Erdschwere wiederhaben; und\nübrigens, nehmen Sie Rücksicht auf meine\nFassungskraft! Erklären Sie, statt zu lachen!\"\nMyno winkte, plötzlich hatten wir mitten in\nLüften zwei Klubsessel unter uns; es war herrlich!\n„Das oo \", dozierte Myno, „scheint ne kol-\nlossale Sache, ist aber für Personen, die mit umzu-\ngehen wissen, man bloß ein Kinderspiel;\nein Wider spiel. Es ist nämlich, wo und\nwie Sie es nur finden, ein Unterschied, ein Selbst-\nunterschied, und sein Selbst ist Person,— denn „Ich\"\nist nur Pseudonym der ewig anonymen Person.\nEinen Selbstunterschied nennt man Polarität: Das\noo ist eben nicht einfältig schlicht, sondern polar-\ngeschlechtlich. Sie werden begreifen, welchen\nFehler man macht, wenn man, es zu erwägen, we-\nder eine Wage benutzt noch den Wägenden in\nBetracht zieht! Und nur eine grobe Krämerwage\nwürde, auf jeder ihrer beiden Schalen mit oo be-\nlastet, mit ihrer Zunge tötlich einstehen, und uns\nvom Gleichgewicht eines oo eine leblose Vor-\nstellung geben. Bei „Konstanz\", bei „Erhaltung\" hat\nder Mensch kein Arg daraus, daß doch hier ein oo\ngegen ein oo sich aufhebe. Diese Aufhebung ist\ndoch ein kraftstrotzendes Drittes! Diese haarfeine\nMesserschneide, über die der Unterschied einer\nganzen Welt balanziert, erachtet der Mensch als\nnichts! Er sieht den Unterschied dieses Nichts\nnicht! Sein Aberglaube an die Einartigkeit\ndes oo verdirbt ihm das Auge für dessen wahre\nUebereinstimmung mit sich selbst, die aus dessen\nechtem Selbstwiderstreit hervorgeht, —\nund die sogenannte Erhaltung aller Kraft ist ja ein\ntotgeborenes Kind, so lange man diesen Ehestand\nder Kraft (des oo) verkennt! Mit einem Schluß-\nwort: die Kraft wehrt sich nicht etwa\ngegen dasoo, also keineswegs gegen unermeß-\nliche Verluste und Gewinne: sondern allein gegen\ndas Fehlen einer sie „erhaltenden\", das bedeutet\naber: kompensirenden, balanzierenden, also kei-\nneswegs toten, sonder blühenden Mitte!\n„Mitte! Mitte? 's klingt so wunderlich\", meinte,\nich. Myno ließ die Klubsessel verschwinden; wir\nstanden kerzengrade in der Luft, es briselte ange-\nnehm, der Himmel überzog sich mit leichten Wol-\nken. Myno knüpfte sich den flatternden schwarzen\nRock zu und sagte so laut, daß ich fürchtete, man\nhöre es bis unten: „Die echt lebendige Mitte des\noo ist eben Person, ist eben persönlich. Da hat\nzum Beispiel auch die Zahlunendlichkeit in ihrer\nMitte eine Lücke, ein Loch, das der Arithmetiker\npersönlich ausfüllen sollte; statt dessen zählt er\nnichts und wieder nichts = 0! — Oha! Der\nMensch ist ein wahres Labsal für einen alten Mar-\ntianer! Er winkte eine Wolke heran und ver-\nschwand in ihr, es guckte nur noch ein schwarzes\nZipfelchen seines Rockes hervor. Ich sank wie im\nlift glimpflich auf den Kreuzberg; die Kutscher\nsahen so vergnügt aus.\n\nDer Vagabund\nVon Otto Rung\nDa ließ sich der Polizeileutnant auf einen Stuhl\nfallen und blickte ratlos um sich, auf die still-\nschweigenden und verschlossenen Gesichter der\nübrigen Familie.\nJan Eriksens Belagerungszustand dauerte vier,\nfünf, sechs und noch mehr Tage. Er hatte alle\nTüren verschlossen und verbarrikadiert und saß\nmitten im Eßzimmer, mit Lebensmitteln wohl ver-\nsehen, jedoch in tötlicher, dumpfer Angst vor der\nZukunft.\nEr war vollkommen verwirrt von allen den\nDingen, die ihm seit seiner Ankunft in diesem\nmerkwürdigen Hause widerfahren waren. Lautlos\nhatte es sich ihm geöffnet, ohne das gewöhnliche,\nzornige und unwillige Knarren, und ihn aufgenom-\nmen. Mißtrauisch und mit scheelem Blick hatte\ner sich während der ersten Tage in die neue Si-\ntuation gefunden, und war schon ein wenig auf\nder Lauer gewesen, nach einer Chance* für einen\nguten Coup, um sich für einige Zeit zu versehen\nund dann durchzubrennen. Versuchsweise hatte er\nsich dann auch etwas vorgewagt, mit dem Finger\nan einige von allen den Herrlichkeiten gerührt,\nnach denen er Lust verspürte — und sie wurden\nin seine Hand gelegt. Er hatte nach mehr ge-\ngriffen, und sofort war auch das in seinen Hut ge-\nfallen.\nZugleich aber sah er in dem ruhigen, lächeln-\nden Antlitz seines Wirtes nichts als hinterlistige,\nundurchschaubare Verräterei. Er hatte die unklare\nEmpfindung, daß es mit dem Geschehenen nicht\nseine Richtigkeit habe, daß es nicht nur ungewöhn-\nlich, sondern auch unordentlich und unzulässig sei;\nund seine plumpen Begriffe setzten dies in die Über-\nzeugung um, daß man ihn zum Narren hielt. Und\ndamit erwachte in ihm eine heftige, begehrliche\nRaserei: nun wollte er sich nichts versagen! Nun\nwollte er mit beiden Händen zugreifen, wollte sich\nmit Speise und Trank füllen, wollte schlafen und\nfaulenzen — in erster Linie aber dafür sorgen, daß\ner diese verfluchte, boshafte, mißgünstige Fratze\nlos würde, die offenbar bloß auf eine Chance lau-\nerte, um sich über ihn lustig zu machen. Hinaus\nmit dem Gesicht, aus dem Weg mit der Fratze!\nAus dem Hause, du Spion der Hölle! Und plötz-\nlich erkannte er, daß das Haus sein eigen war,\nund daß er zu allem möglichen Glück geboren war,\nzu einem Gaudium und einem Entzücken, wie es\nkeinem anderen auf der Welt beschieden war.\nZunächst konstatierte er sein Glück und seine\nMacht, indem er eine Menge Porzellan in Stücke\nschlug und eine Stuhllehne zerbrach. Das durfte\ner. Und er durfte noch vielmehr. Er pausierte\nund lauschte. Niemand kam und packte ihn beim\nKragen. Die Welt stand ihm offen. Er war des\nGlückes ältester Sproß.\nAm folgenden Tage aber saß er im Eßzimmer\nhinter verbarrikadierten Türen und umklammerte\nseinen Knüppel mit den Händen: seine Zähne klap-\nperten, und fürchterlich harte Gedanken klopften\nhinter seinen Schläfen. Jetzt mußten sie ja kom-\nmen! Der Feind! Die Polizei! Alle die, die\nhinter ihm hergewesen waren, die ihn schnöde be-\nhandelt und gehetzt hatten. Offenbar hatten sie\nihm den Strick nur ein wenig nachgelassen, daß\ner ein Ende weit laufen könnte, und nun kamen sie,\num ihn heranzuziehen, wohlzufrieden mit der Zer-\nstörung, zu der sie ihn veranlaßt hatten; und dies-\nmal war ihm mindestens ein Jahr Arbeitshaus\nsicher! Aber er würde sich nicht ergeben! Er\nbestand auf seinem Recht. Alles um ihn her war\nja mit Fug und Recht sein Eigentum. Das Sofa\nund der Tisch dort, die Speisekammer und das\nGanze! Das alles war ihm in den Schoß gefallen!\nDem ersten, der ihm in den Weg träte, würde er\nden Schädel zerschmettern! Achtung! Ich bin\nwach, und ich schlage!\nAber es ließ sich niemand im Garten sehen.\nVor der Pforte standen allerdings vier Kinder, die\neinander bei der Hand gefaßt hatten und zum\nHause hin aufgafften. Doch als Jan Eriksen sich\nim Fenster zeigte, schäumend vor Grimm und Er-\nregung, rannten sie schreiend und lachend fort,\nohne einander loszulassen. Niemand erschien im\nGarten auch die Polizei ließ sich nicht blicken.\nNicht ein blanker Knopf zeigte sich! Kalter Angst-\nschweiß bedeckte Jan Eriksens Stirn.\nSpät am Nachmittag sammelte sich Publikum\nauf der andern Seite des Weges an, junge Leute\naus dem Villenviertel, die auf der Heimfahrt vom\nGeschäft von ihren Rädern sprangen und fragten,\nwie zum Kuckuck es heute denn mit Klerkers Va-\ngabund stehe, ferner eine Anzahl geduldiger Zu-\nschauer, namentlich Kinder, die trotz dem Verbote\nihrer Mütter hinterm Zaune standen, einander an-\nstießen und auf den Fingern pfiffen.\nEndlich um sechs Uhr erschien Schutzmann\nJessen. Die Hände auf dem Rücken, kam er lang-\nsam heran. Jan Eriksen erhob sich, plötzlich er-\nmuntert, erleichtert, kampfbereit. Nun sollte es\nalso losgehen, Gott sei Dank!\nAber Jessen ging ruhig weiter, teilte hier und\nda an die Rangen, die am meisten Lärm machten,\nein paar flüchtige Backpfeifen aus und trieb die\nübrigen wie eine Schar schreiender Spatzen aus-\neinander. Der Festung Jan Eriksens warf er keinen\nBlick zu.\nNach einer Weile sah Jan Eriksen seinen Wirt\nim dunkelbraunen Paletot und weichen Hut den\nVillenweg passieren. Aber auch er blieb nicht\nstehen. Er ging zusammen mit einem älteren, be-\nleibten Manne, der eifrig gestikulierte und redete.\n\nSchluß"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "710", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.4", "texte": "Herr Klerker wendete seine große, weiße, ruhige\nFratze nach der Villa hin; und Jan Eriksen glaubte\nzu sehen, wie er ihm die Zunge herausstreckte.\nUnd dann kam die Nacht, eine stockfinstere,\nbrütende Nacht, di-e Jan Eriksens Welt völlig ver-\ndunkelte. Schlaflos wälzte er sich auf seinem\nSofa umher, entsetzt und im Innersten erschüttert.\nDas Leben war plötzlich ein empörter Ozean ge-\nworden, ein Erdbeben tobte in den Dingen. Nir-\ngends ein fester Halt . . . alles schwankte und\nsank.\nEriksen knirschte mit den Zähnen und weinte.\nWas wollten sie von ihm? Was wollten sie mit\nihm machen? Was würde morgen geschehen?\nNichts . . . Und übermorgen? Nichts . . . Wie\nglücklich war er in seinen alten, dreckigen Lum-\npen gewesen, die ihm so gut gepaßt hatten! Nun\naber war er hinausgeschleudert worden in den\nöden Raum, in furchtbarstes Dunkel und Schrecknis.\nBlitzartig empfand er das Rätsel des Lebens, die\nMystik des Daseins.\nUnd als dann inmitten der nächtlichen Finster-\nnis die zwölf metallenen Schläge der Stubenuhr\ndurch die staubschwere Ruhe des Zimmers dröhn-\nten, da fuhr er auf in Platzangst und Panik und\ntastete wie seekrank umher in der Oede des Rau-\nmes ... bis er das Bündel seiner alten Kleider\nfand, die den vertrauten Geruch seines eigenen\nlieben Körpers in sich trugen. Ja, sie paßten ihm\nund beruhigten seine Haut. Und die Faust packte\nden alten, treuen Stock. Der machte seinen\nschwankenden Gang fester und sicherer! Und\nganz leise öffnete Jan Eriksen die Küchentür ein\nwenig und sprang lautlos ins Freie, wie damals,\nals er das letzte Mal auf Diebespfaden ging. Er\nnahm nichts mit aus diesem verrückten Hause —\nnicht einmal einen Stiefel. Da draußen lag die\nAllee und die Landstraße auf der zu wandern ihm\nvom Schicksal bestimmt war — der lange- gerade\nWeg, auf dem er gemächlich hingleiten konnte,\nüber rollenden Steinschutt und zwischen den zwei\nGräben . . .\nErst zwei Tage später, als man Jan Eriksen\nnicht mehr zuerückerwarten konnte, bezog Kterker\nwieder verwundert sein Haus. „Die Welt ist noch\nnicht reif,\" sagte er kopfschüttelnd. Dann nahm\ner eine Zigarre, die sein Vagabund übersehen hatte,\nzwischen zwei Büchern hervor, wo sie als Zei-\nchen gedient hatte.\n\nBriefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nLieber Herwarth und lieber Kurt. Manchmal sieht\nCajus-Majus aus durch das Telephon wie ein Po-\nsaunenengel, namentlich zur Ausposaunenstunde in\nder Dämmerung. Er sitzt mit zwei Flügeln an seinem\nSchreibtisch, dabei fliegt ihm so alles ins Fenster\nlierein, wie aus dem literarischen Schlaraffenland.\nImmer gerad, wenn er eine ausgezeichnete Httmo-\nriade schreibt, komm ich dazwischen mit meinem\nverdammten Klingeln. Ich trage noch dazu ein\nGlöckchen um den Hals. Ich kann direkt manchmal\nein Schaf sein. Was brauch ich ihn zu tragen, .)b\nden Leuten meine Norwegischen Briefe gefallen?\nEr wird immer jemand wissen, der streikt. Gestern\nhat sich Dein Doktor stirnrunzelnd bei ihm beklagt\nüber sein Vorkommen in meinen Briefen an Euch.\nDa war ich ja nun platt. Ferner will sich ein Ur-\nenkel Bachs das Leben nehmen, (er hat es Cajus-\nMajus versprochen), falls ich ihn erwähnte in mei-\nner Korrespondenz. Schade um ihn, er hat ein ro-\nsiges glorreiches Lächeln um den Mtand. Er wird\nsich nun in die Wellen des heiligen Antonius stür-\nzen, weil eine Dichterin ihm ein Stän-dchen brachte\nverwegen mitten im Sturm.\nLieber Kurt. Er drohte mir gestern selbst.\nIst meine Antwort juristisch einwandsfrei? Mein\nHerr. Sie wollen sich das Leben nehmen, falls\nich Sie im Sturm erwähne, oder haben Sie vor,\nmich indirekt auf die Idee zu bringen? Zumal\nSie annehmen konnten, daß ich nicht sentimental\nbin, ich jedem seine Neigungen lasse, vor allen Din-\ngen mirs nicht auf so ein Menschenleben\nankomme. Aber bis jetzt kämen Sie für mich noch\nnicht als Modell in Frage weder als Portrait noch\nals Karikatur. Zwar ist es mir schon gelungen aus\neiner prüden Null ein Wort zu formen. Aber ge-\ndulden Sie sich, seien Sie guten Mutes. Hoch-\nachtungsvoll.\nHerwarth, Loos ist kein einfacher Gorilla er\nist ern Königsgorilla. Er fragte mich, ob er sich\nauch mal wieder selbst begegnen würde im Sturm?\nWeißt du schon, er trägt vorübergehend einen\nBackenbart, der wirkt milde bei ihm, zur\nSchonung seiner reinen Gesichtszüge. Die meisten,\ndie Bartbast tragen, wollen damit Männlichkeit mar-\nkieren, oder breite Mäuler oder lange Kinne über-\nwältigen. Adolf Loos erzählte mir Geschichten\naus den afrikanischen Wäldern, seine Augen blick-\nten voll ernster Anmut. 0, er ist gütig und das\nist Gotteigenschaft, das höchste was man von einem\nMenschen sagen kann.\nLiebe Kinder, ich habe Karin Michaelis geant-\nwortet: Karin. Ich werfe zuerst ein Sternchen in\ndas K deines Vornamens und grüße dich! Deine\nBücher sind verschiedenfarbene Tauben, weiße\nblaue, aber auch rote, dämonische Tauben uad\ngoldene und silberne Wirbelwindtauben sind dar-\nunter. Deine Bücher setze ich darum nicht in den\nBücherschrankkäfig. Tino von Bagdad.\nHerwarth, du kannst folgendes im Sturm ver-\nöffentlichen :\nUnter blinder Bedeckung Heinrich Manns,\nreichte der Abb6 Max Oppenheimer den Kritikern\nxMünchens das Blut Kokoschkas.\nAbbe Maler Oppenheitner muß heute meine\nZeilen empfangen haben: Lieber Max Oppenheimer.\nIhre ostentative Kleidung hat mir Freude gemacht\ndem eingefleischten Publikum gegenüber. Es tag\nnicht nur Mut, auch Geschmack darin. Ich ging dop-\npelt gerne mit Ihnen nach München in Ihre Bilder-\nausstelhing, aber es hingen nicht Ihre Bilder an den\nWänden, sondern lauter Oskar Kokoschkas. Und\nda mußten Sie gerade mich mitnehmen, die Ihr Ori-\nginal kennt. Hielten Sie mich für so kritiklos —\noder gehören Sie zu den Menschen, die Worte,\nGebärden des Zweiten anzunehmen pflegen, darin\nsie verliebt sind? Sie sind, nehme ich an, in Ko-\nkoschka verliebt und Ihre Bilder sind abgepflückte\nWerke, darum fehlt ihnen die Wurzel. Das Bild\nHeinrich Manns hat mir ausnehmend gefallen wie\neine glänzende Kopie und ich sah in seinen Farben\nund Rhythmen außer dem Schriftsteller auch den\nMaler Oskar Kokoschka, nicht Sie. Steckt etwa\nMax Oppenheimer in Kokoschkas Bildern?\nMan kopiert doch ehrlich in den Museen die alten\nMeister und setzt nicht seinen Namen darunter.\nKokoschka ist ein alter Meister, später geboren,\nein furchtbares W'under. Und ich kenne keine\nRücksicht in Ewigkeitsdingen, Sie sollten auch pie-\ntätvoller der Zeit gegenüber sein. Bin Ihnen sonst\nehrenwörtlich wie immer gut gesinnt, Max Oppen-\nmer, lieber Abbe\n7. Dezember 1911\nElse Lasker-Schüler\nWer zweifelt an seinen Urwüchsigkeit? Er\nnimmt gern seine erste Gestalt an als bäurischer\nEngel.\nIch ging heute in Begleitung meines Dienst-\nmädchens durch die Friedrichsruherpeterbaum-\nstraße in Halensee an den Bahnschienen entlang.\nMein Dienstmädchen ist mein Galleriesonntags-\niniblikum zu halben Preisen. Ich kann mich nie s®\ni'echt, nebenj ihr gehend, meiner Gedanken freue«\noder daran zu Grunde gehn, sie bringt mich immer\naus meinen Inspirationen. Sie tut nämlich nur so,\nin Wirklichkeit ist ihr alles langweilig, aber sie hat\nsich schon an den Rhythmus der Bahnlinien meiner\nSprache gewöhnt, wenn auch mit Hindernissen;\nmanchmal entgleist sie, doch immer kommt sie über\nmich hinweg zu ihrem Schatz; an ihn denkt sie\nirdisch, unterirdisch, sie wühlt, wenn ich ihr vom\nHimmlichsten erzahle. Warum habe ich ihr von\nSt. Peter Hille erzählt, vom Angesicht Stefan Ge-\norges? Welches Ausnahmeglück es für mich be-\ndeuten würde, in sein Angesicht eine lange Stunde\nblicken zu dürfen, und noch einige Menschen\nmöchte ich wohl betrachten, wie die Gottwerke\nalter Dome und Tempel. „Nur St. Peter Hille konnte\nman nicht anblicken, er war unsichtbar, er war eine\nSonne, die anblickte.\" Ich erzählte sicher ohne\nPathetik, ich sprach wie zu einem Kind und denn-\nnoch schäme ich mich seitdem vor dem Geschöpf;\nso habe ich mich in der Schule schon geschämt\nmeiner schönsten Geschenke wegen; die Welt\nist angefüllt von Dienstmädchen und Knechten (von\narmen und reichen, von gebildeten und rohen); der\nDeutsche verwechselt immer Roheit mit Urwuchs;\nund doch würde mich eine Kartoffelknolle eher\nverstehn wie so ein urwüchsiger Mensch. Ich hasse\ndie Liebe unter den Alltäglichen, wenn der Prophet\nnoch lebte, ich würde an ihn einen Hirten-\nbrief schreiben, daß er die Liebe verbiete.\nSt. Peter Hille war Aesthet. Lieben dürfen\nsich Tristan und Isolde, Carmen und Escamillo,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "711", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.5", "texte": "Ratcllff und Marie, Sappho und Aphrodite, der\nMohr von Venedig und Desdemona, Wilhelm von\nKevtaar, Du, Herwarth, und Gretchen, Romeo und\n.hiJia, Faust und Margarete, Mephisto und die\nVenus von Slam, der weiße Panther und Joseph der\nEgypter, Sascha der gefangene Prinz und Schehe-\nresade — „er\" nannte mich Scheheresade. Gute\nNacht.\nLiebe Kinder, heute besuchte mich der\nBildhauer Georg Koch und brachte mir Chokoladen-\nbonbons mit. Ich aß alle die süßen Dinger mit Marzi-\npan und Zuckerfüllung hintereinander auf. Die waren\nin silbergrünes Papier eingewickelt mit Goldsternen,\nfieb spielte die ganze Nacht damit; erst trug, ich\neinen Mantel aus dem seligen Märchenschein, dann\nstanden meine Füße in silbergrünen Schuhen mit\nSiemen, eine Krone glänzte in meinen Haaren, ich\nsaß plötzlich im Zirkus mit Lorchen Hundertmark,\ndie! durfte mich begleiten, — das kleine Kutscher-\nkind, — ihr Vater fährt die Wagen spazieren von\nmeiner allerliebsten Tante Johanna. Lorchen und\nich sind beide zehn Jahre alt und schwärmen heim-\nlich für Joy Hodgini; wir stoßen uns großblickend\nan und nennen ihn Traumbild. Es hat kein Mensch\ngehört, alles guckt in die große runde Manage und\nviele, viele Hände klaschen. Lieschen Hundert-\nmark hat eine Kommode, darauf stehen: ein Mu-\nschelkästchen, in seinen Spiegel starrt der goldene\nPorzellanengel vom Sockel. Ein kleiner, blauer\nGlasleuchter mit einer gelben, gerippten Weih-\nnachtskerze und ein Wachsherz auf einer Karte\nHegt neben einem glitzernden Osterei, mani sieht\ndarin das Feenreich. Und daneben liegt ein Gebet-\nbuch aus grünem Samt, aus ümt hing ein Buch-\nzeichen aus silbergrünen Glanzstaniol mit goldenen\nSternen,\nWeißt du schon, Herwarth, daß Paul Zech aus\nElberfeld nach Berlin zieht? Ich riet ihm zu dem\nStadtwechsel, er braucht Dir nicht erst immer\nseine Verse schicken. Aus seinem letzten Oedicht\nqualmen Schornsteine, Ruß liegt auf jedem Wort.\nEr ist der einzige Heimatdichter im großen Stil.\nLieber Herwarth, ich habe diese Nacht wieder\nverbummelt geträumt. Ich schlenderte über den\nKurfürstendamm wie ein Strolch angezogen, in zer-\nlumpten Hosen und grünlich, abgetragenem Rock,\nich dachte nur stumpfe Dinge, auch war ich ange-\ntrunken — aus — Traurigkeit. — Der Wind heulte\nmeine rote Nase an. Du kennst doch so einen\nZnstand — gemildert — bei mir, wenn Du ver-\nreist warst und wiederkamst, und mich) hier oben\nam Henriettenplatz trafst, als ob ich obdachlos\nsei. Diesmal kam mir im Traum Kete Parsenow\nentgegen, die Venus von Siam. Sie sann nach irgend\neinem Wort, dann ergriff sie mich mit ihren Hän-\nden aus Elfenbein, aber mit der Energie eines Gens-\ndarms — „Tino!\"\nHerwarth, Kurtchen, ich vergesse immer seinen\nNamen — er ist aus dem sächsischen Tirol, schrieb\nein Buch über gemalte Irdenkochtöpfe, angehender\nDirektor der Museen hier. Mehr weiß ich nicht\nvon ihm. Uebrigens besitzt er eine eigene Möb-\nlierung von der Urgroßtante geerbt; und eine länd-\nliche Base der Mona Lisa hat er an der geblümten\nTapete hängen, das Gemälde erbte er auch von\nseiner Erztante Isabella.\n\nMünchner Sezession\nVon Lothar von Kunowski\nDiese Kritik Lothars von Kunowski erschien im\nJahre 1900 und wurde in sein Buch „Lichtund Helligkeit\"\naufgenommen\nDurch strenge Auswahl der Werke hat die\nMünchner Sezession den ersten Schritt zur K u n s t\ngetan. Aber der Verlust in der Anzahl der Werke\nmuß ersetzt werden durch den Reichtum dessen,\nwas von jedem Einzelnen gegeben wird. Es ge-\nnügt nicht, wenige sehr einfache Arbeiten zu ver-\nöffentlichen : alles Vornehme ist einfach, aber es ist\nzugleich reich, Vornehmheit und Armut sind un-\nvereinbare Widersprüche. Stuck ist ein einfacher\nMann, er hat in einer Zeit der Verschwommenheit\neine kernige Bauernsprache eingeführt. Er sagt\nunverhohlen das Wenige, was er zu sagen\nhat, in seinen „Furien\" durch Verbindung von\nvier Gestalten, eines fliehenden Mannes und\ndreier schwebenden Weiber, von denen zwei\n/erfolgen, eine sich in den Weg stellt, indem alle\nvier den Raum derart erfüllen, daß sie das Neben-\nsächliche rücksichtslos beiseite drängen. Es bleibt\nder Gegensatz zwischen Mann und Weib, A.igsi\nund Rache, hellen und dunklen Leibern, roten, gel-\nben, grünen Gewändern weithin dekorativ wirk-\nsam. Prüft man jedoch das Einzelne, das Mienen-\nspiel der Köpfe, die Hände, Füße, die Falten der\nGewänder, Steine und Bäume, so ergibt sich, daß\nStuck zu wenig fein und zu wenig reich ist, um\nals vornehm gelten zu können. Man vergleiche\nhiermit eines der Werke von Mantegna, dem an\nWucht und Geschlossenheit der Komposition we-\nnige und man wireji jeden Kopf,\njeden Körper, Panzer, Helm und Früchtekranz eines\nbesonderen Rahmens für wert erachten. Zahlreiche\nAbbildungen einzelner Teile von Gemälden der\nRenaissance würden aufklärend wirken über die\nGründe der Vornehmheit norditalienischer Kunst.\nZur Einfachheit und zum Reichtum muß sich die\nEhrlichkeit gesellen. Der Künstler soll von den\nälteren Meistern den Pflug ihrer Methode, aber\nnicht zugleich deren Früchte übernehmen. Karl\nHaiders Landschaften erinnern an Arbeiten aus der\nMitte des Jahrhunderts in Anordnung, Farbe und\nDurchführung, als hätte man sie einem Museum\nentnommen. Betrachtet man sie genauer, so schwin-\ndet der trügerische Schein. Die Vorgänger dieses\nKünstlers malten die Bäume so, wie sie sahen, ihr\n„Baumschlag\" war das Ergebnis sorgfältiger Na-\nturstudien. Haider malt keinen Baum, wie er Ihn\nsieht, er sucht vielmehr die Sorgfalt der Aelteren\nvorzutäuschen, indem er jeden Baum aus tausend\nvollkommen gleichförmigen Kringeln zusammen-\nsetzt. Hundert solcher Fichtenbäume rückt er zu-\nsammen und wähnt einen Wald gemalt zu haben.\nDer Baum als eine lebendige Persönlichkeit von .\nbestimmter Eigenart ist ihm durchaus gleichgültig;\ner strebt nach dem Ruhm alter Meister, die doch in\nWahrheit das Schema einer Fichte, Linde, Buche\naus dem Vergleich der wirklichen Bäume möglichst\nehrlich zum dauernden Gebrauch für spätere Zeiten\nfeststellten, damit die Nachfolger fortbilden, nicht\ndas Gefundene zur banalen Redensart verflachen\nkönnten. Noch in seinem siebzigsten Jahr wan-\ndelte der alte Preller täglich mit dem Skizzenbuch\nin die Campagna, damit das Schema seiner Bäume\nnicht verknöchere. Darum ist die homerische Ab-\ngeklärtheit seiner Odyseelandschaften in Weimar\ndurchdrungen von jugendlicher Frische.\nEhrlichkeit ist eine Dienstmädchentugend*\nwenn sie nicht mit Selbständigkeit vereinigt ist.\nKünstler sein, heißt Gegensätze in sich zur Einheit\neiner Schöpfung auflösen: der Künstler soll abhän-\ngig von der Natur sein, um unabhängig natürlich zu\nbleiben. Schramms Hühner und Truthähne sind\nnur ehrlich beobachtet, ihre sonnigen Farben ver-\nraten eine überraschende Aufnahmefähigkeit für\nNatureindrücke, aber es scheint, als habe der Künst-\nler die Hühner der Farben wegen und nicht die\nFarben als Ausdruck des Lebens der Hühner ge-\nmalt. Der Augenblick des Sich-selbständigmachens\nist entscheidend für die Entwicklung des Künstlers;\nin gewissen schöpferischen Zuständen muß Ver-\ngangenheit und Gegenwart, also Tradition und Na-\ntur in Nacht versinken vor dem Ausbruch eines\nneuen Lichtes. Das Licht der Idee ist das Leben\nder beobachteten Naturwesen, welches im Künst-\nler zu neuer, vollendeter, reinerer Erscheinung\ndrängt, als es in der Natur selbst geschieht. So\nwunderlich „Der schwarze Ritter\" von Branden-\nburg uns erscheint, dieses Bild ist vielleicht zu we*\nnig ehrlich gesehene Farbe, aber in der Erschei-\nnung des schwarzgepanzerten Ritters und in den\nleuchtenden Leibern der Waldfeen birgt sich ein\nseelischer Vorgang, dem der Künstler in allem, was\niung ist, und in sich selbst auf die Spur kam. Wir\nwandeln alle düster durch einsame Wälder, über\nuns das schwirrende Insekt der Grübelei, zur Seite\nkauernd und hinterrücks schwebend das Jauchzen,\nLächeln, Höhnen von Geistern der Schönheit und\nSinnenlust, die kein schwarzer Panzer vollständig\nbannen kann. Wir wollen nicht lachen über den\ntollen Einfall mancher jungen Künstler. Die Zeit\nder Einfälle, der Improvisationen, des kühnen Lau-\nschens auf die Stimme des Inneren, und das Nie-\nderschreiben des also Vernommenen ohne Rück-\nsicht auf die Meinung der Welt gehen jeder hoff-\nnungsreichen Kunstperiode voraus.\nDer vornehme Mann mißbraucht seine Selb-\nständigkeit nicht; auch in den Stunden der Einsam-\nkeit weiß er den Feinden echter Kunst zu wider-\nstehen, dem Hochmut und Größenwahn, er vermei-\ndet den Schwulst und die Undeutlichkeit dessen,\nder nur für sich und nicht für andere schafft, er\nbleibt wahrhaftig gegen sich selbst. Janks „Bau-\nern\", Weib und Mann, bis zur Hüfte gesehen, da-\nhinter die Köpfe zweier Schimmel, alles vor rot-\nglühender Landschaft, geben ein Bild von schwung-\nvoller Erfindung in Linien und Farben. Aber die\nWahrhaftigkeit fordert, daß man mehr gebe, als\nman in dem Augenblick des Entwerfens persönlich\nist, sie fordert, daß der Künstler im Werk sein gro-\nßes Können, seine vergangene, gegenwärtige und\nzukünftige Persönlichkeit zusammenschließe Die\ngniale Idee soll das Gefäß sein, in welches hinein\nsich das gesamte Wissen, Fühlen, Wollen des\nSchöpfers ergießt. Er soll sich im Werk auswach-\nsen, sich seines Besitzstandes in vollem Umfange\nbewußt werden, damit er ihn nie wieder verlieren\nkann. Janks Bilder sind vorzüglich Untermalun-\ngen, jeder Schritt weiter in der Durchführung\nwürde dem Künstler Selbsterkenntnis bringen über\ndas, was er weiß und was er nicht weiß. Fährt er"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "712", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.6", "texte": "jedoch fort wie in der Hetzjagd „Heidi\" sich das\nGeständnis über die Unzulänglichkeit seiner Kennt-\nnisse zu ersparen, so wird er vielleicht auch die\nverlieren, deren er gewiß ist, und in einem Schwulst\nhastiger Pinselstriche enden.\nMan sieht, daß die Wahrhaftigkeit sämtliche\nanderen Tugenden des Künstlers fordert: in die\nEinfachheit eines selbständigen Entwurfs führe er\nden Reichtum seines Wissens und Empfindens ein,\ndamit er seine Einfälle durchbilde, bis sie einen\nehrlichen Vergleich mit der Natur ermöglichen.\nViele Künstler fürchten diesen ehrlichen Vergleich,\nund so bleiben sie dem Laien unverständlich. Sle-\nvogts „Verlorener Sohn\" ist ein Bild, dessen Ge-\nstalten vergeblich nach einer definierbaren Ober-\nfläche ringen, mit Ausnahme eines Kopfes, der neu-\ngierig aus dem Chaos der Farben hervorlugt. Den-\nnoch ahnt der Kenner eine Fülle von Talent, das\nfür alle sichtbar würde, sobald der Künstler sich\nernsthaft fragte, ob er von jenem Gewand, Tep-\npich, Frauenkörper nicht weniger gegeben habe, als\ner vermöge. Die Ursache der Unaufrichtigkeit ist\nvielen Künstlern gemein: sie wollen bedeutender\nerscheinen, als sie sind. Entschlössen sie sich, ihren\nEinfall bis zur Verständlichkeit auszugestalten,,\nwürden sie die Körper aus dem Hintergrunde her-\nausarbeiten, die Finger mit Nägeln versehen, die\nBäume mit Blättern, so würde plötzlich niemand;\nmehr von einem neuen Velasquez, Rubens. Tizian\nsprechen, sondern nur von einem guten Hand-\nwerksmeister. Liebermann, der noch heute von\nvielen als der Homer des heroischen Bauernlebens\ngefeiert wird, entpuppt sich, nachdem er die Ne-\nbelkappe der Verschwommenheit in seinem bis auf\ndie Physiognomien und Sonnenflecke durchgeführ-\nten „Altmännerhaus\" abgelegt hat, keineswegs als\nein Geist, der diesem Ruhme entspricht. (Ich habe\nihn seitdem höher zu schätzen gelernt und er\nmich.)\nEin Bild entdeckte ich, aus dem der Geist der\nWahrhaftigkeit spricht, man hat es in einen dunklen\nGang an die dunkelste Stelle gehängt, damit der\nWahrheit der Schleier nicht fehle. Bartnings\n„Campagna\" ist das Werk eines jungen Mannes,,\n«er noch nicht gereift ist, den großen Ent-\nwurf zu wahren, aber es gibt ein Alter,,\nin dem Gewissenhaftigkeit und peinliche Sorgfalt\ndas Natürliche und darum Wahrhaftige sind. Alle\ngroßen Künstler, auch Rubens, Rembrandt, Lio-\nnardo begannen ihre Laufbahn mit Arbeiten von\nunheimlicher Peinlichkeit. Bartning hat die Steine\nder grauen Mauer des Vordergrundes gemalt, als;\nwolle er sich an jedem seines Könnens bewußt\nwerden, er hat jede Blume am Fuß der Mauer in:\nder Besonderheit ihres Wuchses entfaltet, jeden\nAst der beiden Bäume mit Blättern versehen. Er\nsagte sich: „Ein Baum muß unbedingt Blätter ha-\nben, seine Aeste dürfen nicht Klumpen roter, wei-\nter oder gelber Watte tragen, wie diejenigen der\nLandschaften von Richard Pietzsch. Ich gestehe\nzu. daß ich das Geheimnis, wenige Blätter an ge-\nwissen Stellen für alle Blätter sprechen zu lassen,,\nnoch nicht gefunden habe, mein Bild wird ein Ge-\nständnis dieser Unreife, aber auch ein Zeugnis\nmeines Eifers sein.\" Diese Wahrhaftigkeit ist die\nUrsache der Poesie, welche von dem Jüngling auf\nder Mauer herab in die Ebene zu den blauen Ber-\ngen und getürmten Wolken die Landschaft durch-\nzieht, als löse sich die Mühsamkeit und Strenge\ndes Vordergrunds für den Betrachter wie für den\nKünstler in das leichte Aufatmen der Ferne. Der-\ngleichen ist angenehmer zu schauen, als die Por-\ntärts von Samberger, der kaum Mund, Nase und\nAugen zur Aehnlichkeit gebracht hat, als schon\nsein Pinsel in wütendem Freudentaumel Hinter-\ngrund, Kragen und Rock durch Geschwindigkeit be-\nwältigt. Einem älteren Manne wie Uhde verzeiht\nman, daß er in seiner „Ruhepause im Atelier\" sich\nvielfach andeutend bewegt. So löste sich die voll-\nendete Oberfläche der Werke Tizians im Alter auf\nin ein lockeres Gewebe von Pinselstrichen, aber\nmit jedem dieser Striche wies die zitternde Hand\ndes Greises zurück auf die unermeßliche Zahl der\nWerke, in denen er sich einfach und reich, ehrlich,\nselbständig und wahrhaftig ausdrückte als ein vor-\nnehmer Künstler. Welche von den Mitgliedern\nder Sezession werden es erreichen, noch im Alter\nso zu erscheinen?\n*\nNachtrag aus dem Jahre 1911: Seit dem\nJahre 1906 macht sich in der Berliner Sezession ein\nfrischerer Zug geltend. Man zeigt sogar graphische\nAusstellungen, in denen die unterdrückte Jugend\nzur Geltung kommt. Im Jahre 1900 war jenes oben\nerwähnte Bild Ludwig Bartnings das einzige\nfrische, jugendliche Werk, das ich in Sezessions-\nausstellungen entdecken konnte. Alle anderen Ta-\nlente waren durch abstrakten Maldrill in Oel uni-\nformiert. Ich entschloß mich daher, eine Schule\nfür Rhythmus in Zeichnung und Malerei zu eröff-\nnen. Ihre Resultate wurden in vierhundert Ar-\nbeiten begabter junger Maler 1903 in München,\nBreslau, Leipzig ausgestellt. Ich führte eine Fülle\nvon Talentproben in Aquarell, Bleistift, Kohle, Fe-\nder, Tempera ins Feld gegen den vollendeten\nStumpfsinn einer niedergeknebelten, sezessionisti-\nschen Jugend. Als Beweis sind in meinem neue-\nsten Werk „Unsere Kunstschule\" die Kritiken ein-\nsichtiger Männer über jene Ausstellungen meiner\nSchule abgedruckt.\nSeit dem Jahre 1905 regte ich die gesamte Ber-\nliner Kunstwelt an durch etwa dreißig kleine Ate-\nlierausstellungen, in denen zur Sprache kam, was\ndie neuesten Berliner Sezessionskataloge zum be-\nsten geben. Das von mir erschlossene und durch\ndie Spezialarbeiten „Rhythmus und Bilderbogen\"\nnebst „Unsere Kunstschule\" seit 1903 bekannte Ge-\nbiet der Konstruktion in Naturstudien würde ra-\nscheren Eingang in die künstlerische Jugend fin-\nden, wenn mein Schüler Karl Scheffler die Platt-\nform von „Kunst und Künstler\" weniger benützte,\num seinen Meister zu belehren, sondern seinen\nLesern wörtliche Auszüge aus meinen Büchern\nüber Konstruktion zum Besten gäbe.\nKarl Schefflerist auch heute noch der Meinung,\ndaß man die soeben in sechshundert Arbeiten mei-\nner Schule im Berliner Kunstgewerbe-Museum der\nOeffentlichkeit vorgestellte wesentlich gereiftere\nJugend niederknebeln müsse. Diese Jugend hat\naber in diesen sechshundert Arbeiten geleistet, was\ndie Sezession nicht geleistet hat: eine anschauliche\nRaumlehre für Naturstudien und Wandbild solcher\nMaler, die den Schefflerschen Grundsatz „der Maler\nmuß dumm sein\" nicht anerkennen wollen.\n*\nDaß ich als lehrender Mann im allgemeinen\nauf Strenge dringe, gehört zu meinem Beruf, das\nheißt zum Beruf eines Menschen, der hundert Mit-\ntel gefunden hat, jungen Künstlern zu helfen, Es\ngehört nicht zum Beruf von Männern, die immer\nbloß auf der Jugend herumhacken, ohne ihr auch\nnur einen Pfifferling praktisch brauchbarer Hilfe zu\nbieten.\nMeine Berliner Ausstellung verband Frische\nmit Strenge. Aber wesentlich in ihr waren die\nGebietserschließungen für junge Kräfte. Man erin-\nnere sich nur an das Blumengebiet. Welche Fülle\npraktischer Anwendungen sind hier schon in frühe-\nster Jugend möglich.\nIch lebe zwanzig Jahre fast ausschließlich un-\nter jungen Künstlern. Die wildesten Kerle haben\nsich in meine Behandlung gegeben. Keiner wird\nsagen können, daß ich seine Eigenart nicht geför-\ndert hätte, indem ich sie kultivierte.\n\nKunst, Demokratie und\nPresse\nDer lyrische Pharisäer\nDen unbefreiten Knechten, die der Gott, der\nEisen wachsen ließ, bekanntlich nicht wollte, singt\njetzt ein Engel Kampflieder. Ein Maisenkommis,\nder ein passendes Gedicht für jedes Ereignis auf\nLager hat, fordert die Mitbürger auf, sich recht-\nzeitig zu ermannen, denn\nEs kommt der Tag, der Tag bricht aq,\nEin Tag so hoffnungsjung und klar:\nDer zwölfte Januar.\nEr bringt den Sieg nach der Gefahr.\nEin Tag voll hellem Morgenlicht,\nEin großer Tag, der Ketten bricht.\nEr wird an- und auch Ketten brechen, nur dürft,\nihr, Mitbürger und Freunde,\nihn mißachten nicht,\nNur badet heut' schon euer But\nIn dieses Tages Flammenglut\nO schmiedet stählern euern Mut.\nWas klemmen euch und drücken mag.\nDenkt nur: es kommt, es kommt der Tag,\nDer Widerhieb, der Gegenschlag!\nWenn euch der Junker schätzt und höhnt,.\nWenn ihr beim teuren Brote stöhnt — ?\nWenn ihr des Fleisches euch entwöhnt, <\nWenn man der Künste Recht bedrängt,\nWenn euern Glauben man beengt —\nDenkt an den zwölften Januar.\nUm die Kunst soll sich Fritz Engel keine Sor-\ngen machen. Von seinem Kollegen, dem „Pariser\nKorrespondenten\" Viktor Auburtin, weiß er doch,\ndaß sie stirbt. Es wäre pietätlos, ihr dessortiertes\nSterbelager in den wilden Wahlkampf zu schleppen..\nDie Blutbäder, die er seinen Mitbürgern und Freun-\nden verschreibt, sind nur trockener Symbolismus;\naber sein Kummer um das bedrängte Recht der\nKünste trieft so sehr von schmutziger Wässrigkeit,\ndaß der schwarzblaue Block dagegen als reiner\nKristall erscheint.\n\nBeachtenswerte\nBücher\nLOTHAR VON KUNOWSKI / Gertrud von\nKunowski\nUnsere Kunstschule / Ein Handbuch des\nLehrens und Lernens / Vierundneunzig große\nLichtducke: Akte, Porträts, Blumen, Tiere,\nStilleben, Wandbilder in allen Entwicklungs-\nstufen\nLiegnitz / Dr. von Kunowskis Verlag für National-\nStenographie\nRABELAIS\nGargantua\nPantagruel / Vier Bücher\nDeutsch von Engelbert Hegaur und Dr. Owlglaß\nMönchen / Verlag Albert Langen\n1\nALFRED DÖBLIN\nLydia und Mäxchen\nVerlag Josef Singer | Straßburg im Elsaß\nLOTHAR VON KUNOWSKI\nDurch Kunst zum Leben\nErster Band: Ein Volk von Genies\nZweiter Band: Schöpferische Kunst\nFünfter Band: Licht und Helligkeit / Mit acht rhyth»\nmischen Studien von Gertrud von Kunowski, des Ver-\nfassers Schülerin\nSechster Band: Gesetz, Freiheit und Sittlichkeit de»\nkünstlerischen Schaffens\nSiebenter Band: Rhythmus und Bilderbogen / Grunde\nsätze meiner Zeichenschule\nJena Verlag' Eugen Diederichs\nJEAN SCHLUMBERGER\nL'inquiete paternite\nEdition de la Nouvelle Revue Fran9aise Marcel\nRiviere und Cie / Paris, 31 rue Jacob\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "713", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.7", "texte": "Verlag Der Sturm Haleosee / Verantwortlich für die Anzeigen: Edmund Häner\n\nVereinrarKiinst\nFunfter Abend\nMitte Januar\nabends 8 Uhr\n:; Architektenhaus ::\nWilhelmstrasse 92/93\n1\nAchtes Jahr\nAutoren-Abende\nMitgliederbeitrag 15 Mark\nDen Mitgliedern steht\nder Besuch von sechs\nAbenden auf Platzen\nzum Kassenpreis von\nM. 3.— zu, sowie der\nkostenlose Jahresbezug\nder Wochenschrift Der\nSturm. Fur alle wei-\nteren Abende zahlen\ndie Mitglieder halbe\nKassenpreise\nGeschiftsstdie des V. 112. K.\nHALENSEfc I Katharinen - Strasse 5\nELSE LASKER-\nKHOLER\nVORLESUNG\naus eigenen Dich-\ntungen\nKarten M. 5, 3, 2, 1 bei\nA. Werthelm, Konzeiikasse\nund bei Reuss und Pollack\nTr=Jr=zJr==3f.\nr=Jr=Jri\n\nDffil\nUTERDRIKHfi\nCRBRRET\nDritter Abend\nDonnerstag, 14. December,9 Uhr\nCafe Austria, Potsdamerstr. 28\nDr. S. Friedlaender: Polaritats-\nphilosophischer Exkurs / Ernst\nBlass: „MecklenburgischesUrn-\nwogtsein\" (Novelle); Gedichte /\nKurt Hiller: ~Der Sinn des\nLebens unddießeichstagswahl'1\n(Dialog)' Gedichte j Armitl\nWassermann : „Abdankung\",\nNovelle von Heinrich Mann\nlvarten zu einer Mark: Buchhdlg.\nEdmund Meyer und Abendkasse\n\nBIHB 3E30\nDer Neue Club / Neopathetisehes Cabaret 1\nAchter Abend: Sonnabend, 16. Dezember 1911, 8 Uhr punktlich\nim obern Saale der Sezession (Cafe Kutschera) fa\nWerke von Debussy (Marie Zweig) Einstein/GoloGangi/ £\nW. S. Ghuttman / Andre Gide (F. Abraham) / Heym\npj Jakob ♦'an Hoddis / Jentzsch (Hoxter) / Rod. Knrtz (g\n0 (H. fiardi) / Mynona / Unger / Herwarth Walden / (JJ\nM „Das Loch\" Schattendrama von Achim v. Arnim / Figuxen von Engert □\nBillets a M Cafe des Westens, Kutschera / Abendkasse\nEBHIB- 300\n\nDer Preis iiir den ersten Jahrgang der Wochenschrift\nDER STURM (Nummer 1—56) wird vom 15. De-\nzernber ab auf\nerhoht und nur noch an bisherige oder neue Bezieher\ndes laufenden Jahrgangs direkt vom Verlag abgegeben.\nEs sind nur eine geringe Anzahl Exemplare vorhanden\nDie wurden vom Originaistock gedruclct\n\nw\nMm\nIj®\nN\n/t\n>»\n%»\n■*\nBerlin\nGeorg\nFriedricftsfraße 49a\nVielfachpr&raiieit Gegriindet 1876\nIliustrierter Preis-Katalog'lranko\njp erucken 112. Theater\nand Strasse sowie\nsamtlicher tiaarar-\nbeiten in naturge-\ntreaer Ausfiihrung\n/\nsoßtacsacK\nliefert und verleiht\nMinuth b»:\nBerlin 26, IV 4612\nOranienstraß6 6\n\nrP*\nAusstellungen, Salons\nKunsthandlungen etc.\nJl\n\nCASPER'S Kunst-SaSon 8\nEintritt 50 Pf. 19 Potsdamerstr. vis-a-vis Eichhornstr.\nWinter-Gem&lde-Ausstellunsr Serie I\nJ. Bergmann\nM, Bieler\nJ. Block\nF. C-harlet\nJ Celos\nV. Freudemann\nW. Gallhof\nKollektionen von\nP. Grulich\nLeo Rauth\nH. Herrmann\nP. Hey\nL. Kolitz\nE. Kux\nM. Liebermann\nRene Reinicke\nWerke vont\nA. M&iler, Cassel\nA. v. Spreckelsen\nM. Thedy\nC. L. Voss\nC. Walter u. a.\n\n|graphisches kabinbtt\nBuch- u. Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\n:: BERLIN Wl5, Kurfurstendamm 33 ::\n| Standige Ausstellung j\n| moderner Grsphik Illustriert.Katalogu.Prospekte gratis J\nF i'vt R [TT ' FRF I Ankauf guter Graphik fe\nEINTRITI P u. illustrierter Bucher &<\n\nPftlTf fTftl DP BERLIN W35\nrKlllr wIUL r %» aenthiner Strafe 42\nGegrundet im Jahte 1873 \\ Fernsprecher Amt VI 752\nFabrik fur Gemalderahmen\nin alien historischen und neueren Stilarten\nKopien von Rahraen nach alten Meistern in Original-Goldtonungen\nSamtliehe Vergoldervaren Mobeln, Innen - Archifekturen asw.\nKunst-Einrahmungen\nReparaturen und Neuvergoldungen aller Gegenstands, Auf-\narbeiten all. Art. Anuken, Reinigen von Gemalden u. Stichen\n\nWKT Lehranstalten « Kurse\nMai- und Ze ichenscfoule\nStilleben — Landschaft — Portr&t\nAffn Hek t orstraße 17 t\nLj lA.y Cl am Kurfursteodamm\nMan verlang-e Prospekte i .\n\nHolzschnitzen, Modsilieren, Zoichnen\nTaglich 9—l Uhr Eintritt jederzeit\nModelliereu iur Architekten taglich von 5—7 oder 7—9 Uhr\nAbendakt taglich 7-9 Uhr Mark —,50\nAtelier Kurfurstendamm 248 parterre gegenuber dem Zoo\nBiidhauer Harders Berlin Chariottenburg\n\nfm\nHOIK -ItfSTITOT\nLeiter: M. PECHSTEIN\nE. L.KIRCHNER\nWILMERSDORF\nDurlacher Strafie 14\nMODEEHEE DNTEEEICHT\n:: IN MALEEEI ::\nGRAPHIK, PLASTIK\nTEPPICH-, GLAS- U.\n: MET ALL-ARBEIT :\nMALEREI IN VERBINDUNR\nMIT ARCHITEKTUR\nm- gs\n\nFriedr. Mester Leipzig\nunter Mitwirkung 12 hervorragender Fachleute der Theorlc und Praxis (staauich\ngeprufte Lehrer, Akademiker oder auch Kaufleute In fuhrender Steilung). Grundliche\nEinfuhrung in die verschiedenen Branchen des kaufm&nnischen Berufes, rationales\nStudium der Handels- und verwandten Wissenschaften als Ersatz far eta mefir-\njahriges Hochschulstudium. Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studium ist ffir Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographs,\ndeutsche und fremdsprachlJche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- und Buanz-\nTechnik, Buro-Praxis sich vorbereiten wollen — _ w-1. -k.\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ihnuehe Scaate w>-\n•olviert haben, wie fur iri -n. .\nHerren mit besseren praktischen oder tfaeoretiscben Vorkenntnlsien, Emjurtg-\nFreiwillige, Abiturienten, , , , .\nfur Kaufleute reiferen Alters, die bereits praktischitttlg wareni und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend Ihre Fachkenntnisse erweltern oaer\nvertiefen wollen oder , , u ...\nfur Bankbeamte, Ingenieure, Cbemiker, Braner, Juristen, Natio«al6konomen,\nOffiziere, die fur Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder VerWnde,\nAktien- oder ihnlicher Gesefischaften sich vorbereiten wollen. Daaer der K«r»e\n&—l2 Monate —je nach Vorblldung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, Johannlspiatz 5\n\nMi\nNoch nie dagewe- |\nsener Lach-Erfolg!\nDas Kind\nderFirma\nmit Anton and Donat Herrn- I\nfeld in den Hauptrollen ]\nVorher:\nSehmerzlose\nBehandlung\nAnf. 8 Uhr Vorverk. 11 —2 Uhr\n\nZwdif\nmm Sterne\nGuerrero\nHerbert Lloyd\nund aadere\nhervorragender Kunstkrafte\n\nReuss&Pollach\nBuclihandlung n.Antiquariat\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamer Strasse 118 c\nfertupr.t Unit VI (EKfrOW) 2829\n\nEdmund Meyer\nBuchhftndler u. nnfiquar\n:: BERLIN W. 36 ::\nPotsdamer Strasse 27 b\nFernsprecher Amt VI 5850\nA =_\n\nDie Fockel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in rwangloser\nFolg-e\nHummer 338\nsoeben erschienen\nPreis 30 Pfennig\nttBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnhofen\nWerbeband der Fackel\n50 Pfennig"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "714", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111209-01.1.8", "texte": "Druck von Carl Hause, Berlin SO. 26 MarianneopJatz 23\n\nFR. 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Klavier / 52Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Bucta- und Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch den Verlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstrafie 5\n\nVegetarisches Gastbans\nFR EYA\n■ Charlottenburg ■\nBis»arckstra»»e 9 ■\nSinn A® Knie ■■■»■\nB B\nB\nAngcnehmer Aufcnthalt\nfur Kunstcr und Studenten\nZahlreiche Zeitungen und\nZeitschriften / Bis zehn\nUhr abends geflffnet\n\nZwei Biicher, die jede\nFLAUBERT-BIBLIOTHEK\nfeaben iaufi:\nE. W. FISCHER\nETUDES SUR\nFLAUBERT INEDIT\nBrosch. 2M 50 geb. 4— M\nLuxusausgabe M 10 -\nFLAUBERT\nERINNERUNGEN EINES\nNARREN\nGcb. M4 — Luxusausg. M7 50\nVerlag Julius Zeitler Leipzig\nSeeburgstraße 57\n\n. funlHfr.\nli'Eff opt\nHalbmonatsschrift\nfor moderne Kultur u. fran-\nzdsische Sezession ia den\nKdnstea und ia der Literatur\nHerausgeber nd Schriftleiter\nJEAN RICHARD BLOCK\nJahrcsbexug for das\nAaslaad: Mark 6.—\nPOITIERS (Vieaae)\nFrankreick\n\nFRITZ MERKER ?r'?ttf^rg^erstr-^\nPASSEPARTOUTFABRIK:: BUCH-\nBINDEREI :: :: ZEICHENMAPPEN\nAUFZIEHEN VON 2EICHMUNGKN :: MODERNE BUCHEINBANDE"}]}