{"numero_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_sha256": "71bc3236f8419e7280381c890635e9b2caf4382fc1c2fe3036589a421eb328ae", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1911/12/16_01/bmtnabg_1911-12-16_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1911/12/16_01/bmtnabg_1911-12-16_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c001", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "715", "page_fin": "715", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "715", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.1", "debut_caractere": 536, "fin_caractere_exclue": 943, "texte": "Inhalt:\nTRUST: Kunstkritiker mit und ohne: Der Mann mit den Stimmungsbildern / Der Mann ohne Geistesvermögen / OSKAR BAUM: Die\nRettung / PAUL ZECH: Gedichte / ELSE LASKER-SCHÜLER: Briefe nach Norwegen / KURT HILLER: Der träumerische Schaffner /\nTRUST: Theater und Variete: Die neue Oper / Wintergarten / Passagetheater / J. 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Sie sind\nzwar nicht gemalt, aber dafür auch nicht ge-\nschrieben. Alles, was ein Greis auf dem Herze«\nhat und selbst in der Berliner Presse nicht mehr\nunterbringen kann, gibt er der Provinz ab. Den\nLesern der Provinzzeitungen muß klar gemacht\nwerden, daß die Ansichten, die ihnen als Berliner\nStimmungsbilder vorgemalt werden, von „Kolle-\ngen\" fabriziert sind. Die Kollegen besitzen den\nEhrgeiz, die Waren ihres Bazargeschmacks mit\nder „Marke\" Kunst zu versehen. So ein Stim-\nmungsbild beginnt gewöhnlich mit Weltanschau-\nung. Etwa: „Ernst ist das Leben, heiter ist die\nKunst\". Der ganze Ernst des Lebens wird be-\nsprochen. ,jln den Vertraulichen Sitzungen der\nButgetkommission — folgenschweren Zusammen-\nprall mit Frankreich — daß man dort auf das letzte,\ndas entscheidende Wort gewartet! (auf das Wort\nhat wartet man vergebens) — Ein -Kampf hat be-\ngonnen, der kaum je zuvor stattgefunden! (diesmal\nfehlt hat aus malerischen Gründen). Noch sind ja\nnicht alle Schatten verschwunden und dürfte es\ndemnächst — das Geläut der Weihnachtsglocken.\"\nNach soviel Ernst des Lebens sorgt nun die Kunst\nfür die Heiterkeit des Stimmungsbildners. „Wer des-\nsen teilhaft werden will, für die kleine Gegengabe\nvon einer Mark, der richte seine Schritte nach\neinem nahe der Potsdamer Brücke gelegenen Eck-\nhause, aus dessen einem Fenster eine große blaue\nFahne hängt mit der Aufschrift „Neue Sezession\".\nDer Aufzug führt uns im Nu nach dem zweiten\nStockwerk, und nun möchte ich den verknörgel-\nsten Pesimisten sehen, der nicht, wenn er auch nur\nemige Schritte durch dieses Zimmer gemacht, ver-\ngnügt schmunzelt und alsbald in die ungezwun-\ngenste Heiterkeit ausbricht. Was diese Wände\nan schreiender Farbenwildheit, an Klexen und\nPunkten, ;ie Menschen, an Strichen und Kreisen,\ndie Lantr .haften darstellen sollen, aufweisen, ist\nunbeschreiblich. Einige große Leinewandflächen\nsind nur mit Grün, Blau, Gelb, Rot bedeckt, wirr\ndurcheinander, was es bedeuten soll, bleibt jedem\nselbst überlassen.\"\nAlso der Stimmungsbildner ist kein Pessimist,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "716", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8034, "texte": "9\nund die „Neue Sezession\" kann sich glücklich\nschätzen, ihn auf so leichte Weise über den schwe-\nren Zusammenprall mit Frankreich hinweggeholfen\nzu haben. Nur ist er „andererseits doch recht\ntraurig, daß ein derart wahnsinniges Zeug von ge-\nwisser Seite ernsthafter Betrachtung unterzogen\nwird\". Der Stimmungsmacher betreibt seine Tä-\ntigkeit zu seinem Vergnügen und wendet sich des-\nhalb „gegen diejenigen, die an ihre eigene Kunst\nglauben und sie als Milchkuh betrachten . . möch-\nten. Sie verweisen gern auf das Beispiel Ferdi-\nnand Hodlers, der sich auch durchgerungen'\" (bis\nauf das hat). Ja, der Hodler, früher ging es noch,\n„Unter den alten manch' recht Gutes von scharfer\nBeobachtung und feiner Stimmung, unter den neu-\nen das formloseste und gequälteste Zeug, das man\nsich nur denken kann. Diese abschreckenden, un-\nglaublich häßlichen Gestalten mit schlotternden,\ngänzlich verzeichneten Gliedmaßen ähneln ebenso\nwenig menschlichen Gestalten, wie jene hin- und\nhergeschobenen, tonigen Farbmassen der Schwei-\nzer Alpen\".\nNatürlich beruft sich der Verehrer der schönen\nKünste auf die blödsinnige Schrift eines Berner\nBuncfesrichters, „der in klarer und sachverstäm\ndiger Weise die schädlchen Einflüsse beleuchtet\".\nDer Berner Bundesrichter hat nämlich herausge-\nfunden, daß Hodler und seine Anhänger nur des\nGelderwerbs wegen so malen. Offenbar kaufen\nheute die Leute die Bilder, die ihnen mißfallen,\nlieber, als die Stimmungsbilder, die den Beifall des\nRichters finden. Der ist natürlich durchaus Ide-\nalist, völkischer Idealist und Kenner.\n„Unselbständige Nachahmer hoffen als getreue\nGefolgsmannen einer Führerschaft, die trotz oft ge-\nrade fabrikmäßigem Betrieb mächtig und reich ge-\nworden ist, zu Ausstellungen und Verkäufen zu-\ngelassen zu werden. Aber diese Kunst hat im\nVolk keine Wurzel. In ihren Werken ist meistens\nkein Strich mehr richtig, weder in Form noch in\nFarbe, es sind Gestalten, ungeheilt aus einer ortho-\npädischen Klinik entlassen\".\nHodler soll einen Holzfäller sogar in vierfacher\nAuflage gemalt und für „einen derselben\" fünfzehn-\ntausend Francs erhalten haben.\nWieviel Auflagen leisteten sich wohl die Her-\nren Rafael, Tizian, Rembrandt und Rubens? Sie\nwaren allerdings nicht völkisch gesinnt.\nDiese Idiotien über Malerei, diese Frechheiten\neinem Genie gegenüber werden nun durch den\nBerliner Stimmungsbildner in unzähligen Provinz-\nzeitungen verbreitet. Die Leser kommen „orien-\ntiert\" in die Ausstellungen, die kunstverständige\njüngere Museumsdirektoren veranstalten. Was\nhilft alle Reinheit wertvoller Menschen, wenn dem\nPublikum vorher solch ein schmieriges Gewäsch\nvorgesetzt wird. Dafür tritt der Verehrer der\nschönen Künste um so lebhafter auf Kleist ein.\n„Unser Theaterleben stand während der\nWoche im Banne Heinrich von Kleists, des Großen,\nden uns ein tragisches Geschick vor hundert Jah-\nren entrissen.\" (Wieder bis auf das hat.) Ergrei-\nfende Trauerfeierlichkeiten. Geladenes Publikum.\n„Auch an der stillen Grabstätte selbst fehlte es nicht\nan mannigfachen Huldigungen für den Toten, der\nunsterblich in seinen Werken weiterlebt, solange es\neine deutsche Sprache gibt.\" Nach hundert Jahren\nwird es noch immer die deutsche Sprache geben,\nder Stimmungsmaler wird sie noch immer als Milch-\nkuh mißhandeln, aber den historischen Satz von\nder stillen Grabstätte, den mannigfachen Huldigun-\ngen und dem Toten, der unsterblich in seinen Wer-\nken weiterlebt: diesen Satz wird er dann über Fer-\ndinand Hodler schreiben.\nDer Mann ohne Geistesvermögen\nMan merkt doch gleich, was eine Hauptstadt\nist. In den Provinzstädten verarbeiten die Berliner\nStimmungsbildner die Kunst, in den Hauptstädten\nliefert die Redaktion sich selbst den Kitsch. Das\nFeuilleton der Münchener Neueste-n Nach-\nrichten erklärt endlich in seinem „Vorabend-\nblatt\" den Bankerott seines Geistesvermögens, was\nman schon seit Jahrzehnten wußte. Aber es ist\ndoch gut, wenn der Mensch sich ehrlich gegen die\nFarbe bekennt. Den letzten Anlaß zur Anmeldung\ndes Konkurses gab Albert Ehrenstein mit\nseinem Buch Tubut s c h. Oskar Kokosch-\nk a gab ihm zwölf Zeichnungen bei. Der Feuille-\ntonredakteur erläutert, daß er ein Mensch sei, der\nvermeint, „redlich seines Amtes mit Verstand und\nFeder zu walten\". Durch Tubutsch wird er an sich\nirre und „muß den Bankerott seines Geistesver-\nmögens erklären\". Zwar muß er als redlicher\nMensch eingestehen, daß er nur die Erzählung\n„Ritter Johann des Todes\" und das Gedicht „Wan-\nderers Lied\" (es ist übrigens sogar „reif\" für den\nZeitgeist gewesen) aufzunehmen versucht hat.\n„Aber das war schon eine so schwierige Arbeit\nfür mein Gehirn, daß ich mich garnicht erst an die\nGeschichte des Herin Karl Tubutsch heranwagte.\"\nDeshalb will er auch seine Feder erst garnicht wal-\nten lassen. „Soll ich erst versuchen, die Kunst\ndieses jungdeutschen Literaturartisten zu charakte-\nrisieren? Was wären meine Worte! Ein Stammeln,\neine Wortlimonade. Das fühle ich nur zu deutlich.\nDeshalb will ich allen Eigendünkel unterdrücken\nund Hern Albert Ehrenstein selbst zu Worte kom-\nmen lassen.\" Das ist an Aermlichkeit und Ehrlich-\nkeit nicht zu überbieten. Aber warum läßt man\nbankrotte Redakteure redlich ihres Amtes walten?\nWo sie an ihrem Verstand und an ihren Federn ver-\nzweifeln? Der Redakteur druckt also die Ge-\nschichte vom Ritter Johann des Todes ab. Er ver-\nspricht sogar, sich aufzuhängen. Was ja bei Ban-\nkerotteren gelegentlich vorkommt. Doch bevor er\nsein Versprechen hält, druckt er schnell das Ge-\ndicht Wanderers Lied ab. Und das gibt ihm neuen\nLebensmut. Er hofft, „daß sich ihm vielleicht doch\nnoch einmal das tiefe Mysterium dieser Ueberkunst,\ndie so hoch ist, daß sie sogar auf das Können ver-\nzichten kann, erschließt.\" Das soll sich der Mann\nnicht einreden. Er soll nicht am Grabe noch die\nHoffnung aufpflanzen. Aber so ist der Mensch.\nDurch die Zeichnungen von Oskar Kokoschka wird\ner zusehends mutiger. „Aber schließlich, was be-\ndeutet Albert Ehrenstein, wie tief steht er unter\nseinem Buchausschmütker O. Kokoschka. Oder ist\ndieser Künstler eine Dame? Ich bin höflich, ich ver-\nneine die Frage.\" Und dieser Deutsche lügt nicht\neinmal, wenn er höflich ist. Warum muß der Buch-\nausschmücker seinen Vornamen hinter dem O ver-\nbergen, das nun der Redakteur der Münchener\nNeuesten Nachrichten ausstoßen muß: „Leider kann\nich seine Zeichnungen hier nicht reproduzieren. Ich\nmuß mich damit begnügen, zu sagen, daß seine\nZeichnungen aussehen, wie Kratzereien eines von\nder Furie des Genies gepeinigten ABCschützen.\nVorstellen wird sich hiernach diese Zeichnungen\nfreilich niemand können. Aber das ist ein Segen\nmeiner Unvollkommenheit. Ich bewahre dadurch\nmeine vielgeliebten Leser vor schrecklichen Ge-\nsichtern.\" Der Mann, A S heißt er, ist wirklich,\nehrlich. Er hat in allem Recht. Mit dem Verstand,\nmit der Feder, mit der Wortlimonade, mit dem\nABCschützen.\nUnd gewissenhaft schließt er seinen Kunstbe-\nricht mit der Moral von der Geschichte. Er be-\nspricht das Buch nicht etwa, wie er sagt, um sein\nUnverständnis an den Pranger zu stellen. „Sondern\num einmal in eine'der tiefen Ritzen hineinzuleuch-\nten, die im Boden unserers Kunstlebens klaffen,\"\nSeines Kunstlebens wäre redlicher gesagt.\n„Aber die Sucht nach Originalität, das Verhäng-\nnis volle Mißverständnis, als sei Kunst ein Gegenpol\nvon Natürlichkeit, Klarheit und gefälliger Schönheit,\nläßt die armen Gemüter (ob kranken Sinnes oder\nmit der spekulativen Absicht auf Bluff ist ohne\nweiteres nicht zu entscheiden) sich zu dem Irrsinn\nverleiten, das Unkorrekte und Impressionistische\ngenialer Skizzierung, was sie bei großen Künst-\nlern fanden, gewaltsam und systematisch zu einer\nneuartigen Kunst auszubauen.\" Wie können Albert\nEhrenstein und Oskar- Kokoschka nur auf so ver-\nhängnisvolle Mißverständnisse kommen. Vielleicht\nversuchen sie es doch einmal mit dem Rezept des\nLebensmüden A S: Mit Natürlichkeit, Klarheit und\ngefälliger Schönheit. Nun weiß man doch wenig-\nstens, wie man es den Münchener Neuesten Nach-?\nrichten Recht machen kann. Heiter ist die Kunst,\nSonst tritt der Ernst des Lebens an den Redakteur\nheran.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c004", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "716", "page_fin": "718", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.4", "titre_corps": "Die Rettung", "titre_sommaire": "Die Rettung", "signature_source": "Oskar Baum", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "716", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.2", "debut_caractere": 8036, "fin_caractere_exclue": 10802, "texte": "Die Rettung\nVon Oskar Baum\n• So ging ich und ging voll unfreundlicher Ge-\ndanken und ohne Ziel, kam wieder in die beleb-\nteren Gassen, sah mit Neid einen Haufen erhitzter,\nlachender und sehr gesprächiger Leute aus dem\nTheater strömen und auf einen großen Platz in\nGrüppchen sich teilen. Ich glaube, es war ein Haß,\nden ich gegen diese heimkehrenden Paare und\nkleinen Gesellschaften zusammengehöriger Men-\nschen empfand.\nAn einer Straßenecke hielt ein Wachmann ein\nMädchen an. Ich stand nicht zu weit davon und sah,\nwie das Mädchen sich aufgeregt wehrte, und wie\ner sie doch mit sich führte. Ihre schäbige Eleganz\ntat mir leid. Aber mich faßte ein Schrecken, als\nder Mann mit dem Mädchen die Straße herab auf\nmich zukam. Rasch wich ich in eine Seitengasse\nund zitterte wie eine Verbrecherin. Von wem\nwürde ich nun recht bald erfahren, wie man zum\nFluß kommt?\nWas für ein schwaches Nachtleben in dieser\nStadt war! Die Schritte der vereinzelten Bumm-\nler hallten weithin durch die ausgestorbenen Gas-\nsen. Die Straßenbahn stellte den Verkehr ein, und\nes war noch gar nicht Mitternacht. „Können Sie\nmir sagen, wo da die nächste Brücke ist?\" fragte\nich mit kameradschaftlicher Unbescheidenheit im\nTon zwei ältliche Kokotten, die sehr nobel an mir\nvorbeirauschten .\n„Wie?\" Sie sahen mich «n. Die eine war be-\nsonders häßlich, aber nur im Gesicht. Die Ueppigkeit\nder Gestalt hatte bei beiden Kraft und Form. „Ich\nhabe drüben zu tun,\" warf ich ohne Zögern hin,\n„und ich finde hier in der Stadt noch nicht gut.\"\n„Sie sind bestellt?\" fragte die eine etwas\nkleinere und musterte mich mit schlecht verhohle-\nnem Spott, indem sie ihre Freundin in die Seite\nstieß.\n„Ja,\" sagte ich unschuldig.\n„Wir werden sie ein Stückchen führen,\" ver-\nsicherte die andere, „aber Sie müssen uns sagen,\nwohin Sie wollen, die Brücken sind weit ausein-\nander; da ist es nicht egal, wie man geht.\" Ich\ngab mit vieler Sicherheit eine umständliche Orts-\nbeschreibung, die so ziemlich auf alle Gegenden\nder Welt gepaßt hätte.\n„Ah, ich weiß schon,\" nickte die eine und nannte\nder andern einen Gassennamen. Wir gingen. Ich\nmerkte bald, daß sie mich einen Umweg führten\nund dabei vorsichtig aus mir herauszuziehen such-\nten, durch welche Vermittlung ich hierher gekom-\nmen und hier so rasch bekannt geworden sei, und\nwas das für ein Trick wäre, sich so teuer und doch\nbeinahe wie verheiratet zu kleiden. Ich tat sehr\noffenherzig, nannte Namen, Beträge, verriet Ab-\nmachungen und hörte von ihren Schulden und mage-\nren Einkünften und ihrer geizigen Quartiersfrau.\nAm Eck einer langen, eleganten Straße, die, wie sie\nsagten, zum Quai führte, behauptete ich, schon Be-\nscheid zu wissen und bedankte mich. Sie ließen\nmich aber nicht los; sie wollten noch durchaus\nwissen, was für Schminke ich gebrauche und was"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "717", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 11286, "texte": "für Teintpflege überhaupt! Es sehe so natürlich\naus. Ich lachte, suchte Ausflüchte, es half nichts.\nIch mußte den Namen eines Mittels erfinden, dann\ndurfte ich gehen.\nIch kam mir unendlich dumm und kindisch vor,\nals ich nun ruhig und gelassen die Brücke suchte,\nohne meine doch nicht so ganz selbstverständliche\nAbsicht weiter zu überlegen. Man hat zweifellos\nübertriebene Vorstellungen von der Schwere sol-\ncher Entschlüsse. Ist es nicht eine bedeutungs-\nvollere und aufregendere Entscheidung, wenn man\nheiratet, auswandert oder einen Beruf wählen soll?\n0, natürlich! Denn das einzige von allem, das\nkeine Folgen haben kann, ist der Tod. — Und doch\nkam ich mir doch ganz lächerlich kindisch und ver-\nrückt vor, als ich so gemütlich die Straße zum Quai\nhinabschritt und mich noch überall neugierig um-\nsah. Hatte ich Grund sterben zu wollen? Nein!\nnicht den mindesten! Ich hatte ja Lust zu leben.\nZu jeder Kleinigkeit von Vergnügen, die ich mir\nvorzustellen versuchte, fühlte ich mich aufgelegt.\nUnd Sorgen würde ich auch mitnehmen; warum\nnicht? ich wurde nie so leicht kleinmütig! Also\nwirklich und wahrhaftig nur, weil mein Portemon-\nnaie leer war? einzig nur aus diesem einen schä-\nbigen Grund?\nIch begegnete hier noch weniger Leuten als\ndroben in den Hauptstraßen Ich begann die Ver-\nschiedenheit der Blicke zu studieren, die mich\ntrafen: spöttische, begehrliche, müde, freche. Einer\nmachte sich den Scherz, direkt auf mich zuzu-\nsteuern, aber dann knapp an mir vorbeizugehen. Er\nglaubte, ich würde seine lässige Haltung zu einem\nAnsprechen benützen. Als ich jedoch erschrocken\nzur Seite wich und rasch davonging, schüttelte er\nsehr verblüfft den Kopf und sah mir nach. Ein\nlanger, knochiger Mensch mit bartlosem sehr be-\nweglichem Schauspielergesicht mußte zugesehen\nhaben oder sonst irgendwie auf mich aufmerksam\ngeworden sein. Er sah mich durchdringend an,\nals ich vorbeikam, und folgte mir. Ich unterhielt\nmich damit, alle Leute auf der Gasse abzuschätzen\nund gesellschaftlich einzuordnen. Gewohnheits-\nbummler, Strohwitwer, Studenten, die es ernst\nnahmen mit dem Flanieren, und ein Arzt in großer\nEile. Dieser hier war ein Journalist, der von seiner\nNachtarbeit in der Redaktion nach Hause ging. Ich\nbog eilig um eine Ecke und wieder um eine. Nein,\nwie dumm ich war! Mir wurde furchtbar heiß vor\nAufregung; im ganzen Körper fühlte ich mein Blut\nklopfen. Gott sei dank, ich sah ihn nicht mehr.\nWenn er mich erreicht hätte — das fühlte ich —\nwäre ich mit ihm gegangen. Ich hatte es deutlich\nkommen sehen. Seine Mienen hatten so etwas ver-\nführerisch Läppisches.\nZaghaft suchte ich den Weg zum Quai zurück,\nich war so blindlings gelaufen, daß ich dieselben\nGassen nicht wieder fand. Aber an die Richtung\nzum Fluß hinab erinnerte ich mich, und nach einigem\nHer und Hin kam ich zu einem engen schmutzigen\nDurchgang zwischen wenigen alten Häusern, wo es\nsehr nach Fischen roch. Ein lückenhaftes, ausge-\nwaschenes Fahrstraßenpflaster ohne Bürgersteig\nstieg zum Quai hinan, wo der vornehme breite As-\nphalt im Licht der zahlreichen Laternen beschä-\nmend überraschte.\nWar es dieselbe Brücke, deren Lichterreihe\nein Stückchen weiter oben über dem Flußdunkel\nschwebte? Ach, gleichgültig!\nSchwer wurde es mir, im Schatten einer An-\nschlagssäule unbemerkt um einen Wachmann her-\numzukommen, der an der Ecke langsam und mür-\nrisch hin- und herging.\nDie ersten Schritte auf der schönen breiten\nBrücke tat ich mit einer gewissen Feierlichkeit, bei-\nnahe in gespannter Erwartung. Scharfer Wasser-\ngeruch wehte über das Qeländer herauf. Ich kam\nmir so geheimnisvoll und romanhaft vor, wenn ich\nan meiner eleganten Toilette hinabsah, und die\nweite Wasserfläche drunten im Wind unruhig\nplätscherte.\nIn der Mitte der Brücke etwa — nachher bildete\nich mir ein, es sei die Stelle gewesen, wo ich hatte\nHalt machen wollen — sah ich schon von ferne den\nSchatten einer schlanken Gestalt. Immer deutlicher\nunterschied ich die Haltung und Kleidung. Ein\nMädchen war es; in sich verloren hielt sie die\nBlicke auf dem blassen Laternenschein, der vor ihr\nin die Tiefe fiel. Starr, wie ohne Sinne, lehnte sie\nam Geländer, merkte nicht, daß jemand sich näherte\nund nun hinter ihr stand. Auf einmal ging ein Ruck\ndurch ihren Körper; die Arme auf die Brüstung ge-\nstemmt, schwang sie sich wie zum Sitzen auf das\nGeländer, hob dann die Arme und . . . „Halt,\nhalt!\" Ich griff in die gebauschten Röcke, umfaßte\ndie Hüften. Sie schrie auf und wandte den Kopf.\n„Aber wer wird denn schreien?\" lachte ich,\n„wovor fürchten Sie sich, wenn Sie ohnehin ster-\nben wollen?\" Ich fühlte mich so wohl, als wäre\nich einer Gefahr entronnen. Das Mädchen starrte\nmich an. Sie verstand nichts. Sie war noch zu tief\nin den Gedanken der letzten Augnblicke; sie konnte\nnicht so rasch zu sich zurück.\nSie hatte ein feines, blasses Gesicht und dunkle\nRinge unter den großen rehbraunen Augen. Sie trug\neinen sehr geputzten Hut, auch das Kleid war nach\nder Mode. In der Hand hielt sie ein Paar Glace-\nhandschuhe. Am Goldfinger glänzte ein Ring mit\neinem Stein von auffallendem Feuer. Sie seufzte\ntief auf und senkte den Kopf.\n„Nun?\" fragte ich leise und fühlte eine unend-\nliche Zärtlichkeit für das zitternde junge Geschöpf,\ndas jetzt die Hände vors Gesicht schlug und von\neinem heftigen Schluchzen geschüttelt wurde. Sie\nkonnte noch nicht sechzehn sein; ihre hochaufge-\nschossene Figur war zart gebaut, ihre kurzen runden\nHände waren Kinderhände. „Aber hören Sie doch\nauf!\" sagte ich sanft, „ wenn ich nicht gekommen\nwäre, hätten Sie Ursache zum Weinen gehabt,\" und\nversuchte ihr die Hände vom Gesicht zu ziehen.\n„Ach Gott, nein!\" schluchzte das Mädchen,\n„wohin soll ich denn jetzt? was Viru mit mir ge-\nschehen? Ach Gott, ach Gott!\" Mir wurde ein\nwenig ängstlich: sollte ich einen Unsinn begangen\nhaben? „Seien Sie doch ruhig,\" redete ich ihr zu,\n„wenn Sie absolut sterben wollen, wird sich ja dazu\nwieder Gelegenheit finden. Das braucht Sie nicht\naufzuregen.\" Sie sah mich hinter den Tränen ver-\nwundert an und lächelte sogar ein wenig. „Sehen\nSie, Sie müssen selber lachen,\" hielt ich ihr vor, als\nwenn sie es so gemeint hätte, „es ist auch eine\nwahnsinnige Dummheit, in Ihrem Alter über das\nLeben zu verfügen, als ob Sie überhaupt schon\nwüßten, was es ist.\"\n„0, bitte!\" richtete sich das Mädchen beleidigt\nauf, „ich weiß schon; schon sehr viel!\"\n„So?\" wunderte ich mich anerkennend, „aber\nwir müssen hier nicht stehen bleiben. Es zieht kühl\nund windig hier über dem Wasser.\"\n„la, aber wohin?\" schlug das Mädchen ver-\nzweifelt die Hände ineinander und ihr Gesicht\nzuckte in ratloser Angst.\n„Sie scheinen ähnlich dran zu sein wie ich,\"\nsagte ich tröstend, „das ist aber gar nicht so\nschlimm! Schauen Sie, Sie gehen jetzt ein\nStückchen mit mir und erzählen mir, was Ihnen\nalles zugestoßen ist, und wenn es Ihnen recht ist,\nsuchen wir uns zusammen ein Plätzchen, das uns\ngefällt und etwas, wovon wir leben können. Wenn\nSie wirklich ähnlich dran sein sollten wie ich, woran\nich denn doch ein wenig zweifle . Das Mäd-\nchen sah mich scheu an: „So ähnlich wie Sie?\"\n„Ich sehe nicht danach aus, glauben Sie? oder\n<\nscheint Ihnen der Zufall zu merkwürdig? Mir geht\nes genau so.\" Sie lächelte befangen und ihre Blicke\nwurden immer ängstlicher. Ich mußte hell auf-\nlachen. „Sie fürchten in Kupplerhände oder Gott\nweiß was noch Schlimmeres zu geraten? das ist\nköstlich. Schau ich denn schon so alt aus?\"\n„Aber nein, nein!\" Das Mädchen iwar ganz rot\ngeworden, „ich . . .\"\n„Sie sind entzückend,\" entfuhr es mir be-\ngeistert, und ich legte die Hände um ihren Hals,\n„kommen Sie mit mir! Sie haben Ihr Leben auf-\ngeben wollen. Denken Sie sich, Sie haben es aufge-\ngeben. Ich fühle mich rettungslos allein auf der\nWelt. Bleiben Sie bei mir, so lange es Ihnen ge-\nfällt. Jede angenehme Minute, die Sie genießen,\nist gefunden, ein Gewinn, nicht wahr?\" Ich bückte\nmich und sah ihr in die Augen, „Sie können in mir\neine Betrügerin fürchten. So etwas kann man nicht\nausreden. Aber Sie sollten es doch riskieren, wenn\nes Sie sonst nirgends hinlockt.\" Mit ihren feuchten\nAugen sah sie mich innig an. „Wie lieb Sie reden\nund wie gebildet,\" sagte sie leise, „aber ich bin nicht\nwert, daß man so viel Wesens mit mir macht. Sie\nkennen mich nicht. Sie werden mich sicher nicht\nmögen, wenn Sie mich kennen.\"\n„Möglich,\" sagte ich freundlich, „aber dann\nkönnen wir wieder weiter reden, und, wenn es sein\nmuß, immer noch auseinander gehen wie jetzt.\" Das\nMädchen faßte sich an die Schläfe: „Es geht mir\nalles durch den Kopf. Ich weiß gar nicht, was man\nmit mir redet!\"\n„Ich lasse Sie schon in Ruhe,\" sagte ich reuig,\n„denken Sie jetzt über gar nichts mehr nach. Wir\nwollen ruhig ein bischen spazieren gehen. Die Nacht\nist sehr schön. Oder wir können auch irgendwo\nin einem billigen Hotel schlafen, wenn Sie nicht zu\naufgeregt sind. Haben Sie Geld bei sich?\"\nDas Mädchen fuhr zusammen. Ich begriff so-\ngleich, wie unvorsichtig das von mir war. „Ich\nfrage nur, weil ich nämlich keins bei mir habe,\" er-\nklärte ich ganz nebenher, „aber es schadet nichts,\nwir können . . .\" Da mußte ich stehen bleiben und\nlaut herauslachen vor Verwunderung darüber, daß\nmir das heute den ganzen Abend noch nicht ein-\ngefallen war. „Wir können ja unsern Schmuck ver-\nsetzen und davon habe ich noch viel mehr wie Sie.\nNein, wie dumm ich bin! Und da hätte ich bald\nebenso energisch ersaufen können wie Sie, und eine\neinfache kleine Dummheit wäre daran schuld ge-\nwesen.\" Wir waren schon jenseits der Brücke. Ein\nansteigender Sandweg führte seitwärts in an-\nscheinend sehr ausgedehnte Parkanlagen. Das Mäd-\nchen war bei meinem plötzlichen Gelächter wieder\nerschrocken. Aber sie mußte doch das Zusammen-\nhängende in den Sonderbarkeiten gefühlt haben. Sie\nhing sich bald zutraulicher ein, fragte mich aus,\nwurde immer neugieriger und gesprächiger. Ihre\nkleine trübe Geschichte hatte wenig besonderes und\nerklärte nicht die Verlegenheit, mit der sie immer\nwieder und wieder stockte und von der Sache ab-\nwich. Das Schlimmste war nicht, erzählte sie, daß\nihr Vormund, bei dem sie nach dem Tode ihrer\nEltern ein paar Monate wohnte, sich nicht um sie\nkümmerte und seine Wirtschafterin, mit der er\nlebte, sie sehr knapp hielt. Sie wurde dieser Wirt-\nschafterin bald überhaupt zu viel, und der Vormund\nfuhr mit ihr in die Stadt und brachte sie hier i«\neinem Mädchenpensionat unter. Es war ein gutes,\nwohl ziemlich teures Pensionat. Sie machte eine\nPause, dachte nach und sprach dann von etwas an-\nderem, als sei ihre Erzählung zuende. Ich drang\nnicht in sie.\nDurch die kühle Stille plätscherte ganz nahe\nein Springbrunnen und verstärkte die Vorstellung\nvon gepflegten Beeten, die hier der starke Duft er-\nweckte. Ein wenig unheimlich hoben sich die\nhohen Bäume am Wege vom Dunkel ab.\nEs fiel mir auf, daß das Mädchen von Zeit zu\nZeit wie von einem Schauer durchrieselt mit dem\nKopf beutelte und das Gesicht verzog, aber sie\nsuchte sich immer gleich wieder zu beherrschen.\n„Hier könnte man ganz leicht ermordet werden,\"\nsagte ich, als wir immer weiter gingen und der Park\nkein Ende zu nehmen schien, „wir beiden haben\nzwar kein Recht uns davor zu fürchten, aber mir\nkommt vor, es wird immer kühler. Bis früh da her-\numzugehen wird wahrhaftig keine Annehmlichkeit\nsein und wer weiß, wann die Versatzämter am Mor-\ngen geöffnet werden.\" Das Mädchen nahm ihr\nPortemonnaie aus der Tasche: „Ich weiß nicht, ob"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "718", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6884, "texte": "ich genug für ein Nachtlager bei mir haoe. Ich\närgerte mich, so deutlich angespielt zu haben. „W vi\nkeinen Beruf hat, ist ein Bettler oder ein Lump,\"\nmurrte ich ingrimmig, während sie in dem Licht\neines schmalen Mondstreifens am Wegrand ihr Geld\nzählte, „darf denn der Mensch wirklich nichts an-\nderes als Luxusartikel oder Nutzgegenstand sein?\"\n„Acht, acht fünfzig — neun fünfzig —\" zählte\ndas Mädchen.\n„Aber das ist ein großes Vermögen,\" scherzte\nich, um nicht länger so dazustehen, als wartete ich\nauf ihr Geld, „so viel brauchen wir nicht.\"\nUnd wir suchten uns zur Brücke zurück. Ich\nhatte die Idee, daß in dem engen schmutzigen\nGäßchen, in dem es so nach Fischen roch, Schlaf-\nstellen für einen Pappenstiel zu haben sein müßten.\nIch erinnerte mich dunkel, so eine Art Gasthof mit\nBierausschank und Branntweindunst gesehen zu\nhaben. In ein ordentliches Hotel konnten wir um\ndiese Stunde in unserem Aufzug ohne Reisegepäck\nnicht gehen. Ich fand das Haus. Es war noch offen.\nIn der Wirtsstube drehte man gerade die Lichter\naus. Das Mädchen wurde immer ängstlicher, als\nwir da waren und wollte nicht mit hinein, um keinen\nPreis! Dabei war es nicht die Furcht vor der Sorte\nvon Leuten, die hier zu verkehren schienen, und\nauch kein Ekel; sie gab es zu. Ich wurde ungeduldig:\n„Also was sonst?\" Sie begann zu weinen. Ich\nnahm sie um den Hals, aber sie entwand sich und\nweinte nur stärker. „Ich muß es Ihnen sagen,\nschluchzte sie, „einmal muß es doch sein. 1ch...\"\nEs blieb mir nichts übrig, als sie nicht durch Unter-\nbrechungen zu stören. „Ich bin nämlich von zu-\nhause — aus dem Pensionat meine ich —, davon-\ngelaufen, weil .... ich weiß nicht wie ich dazu\nkam, — ob von einem Dienstmädchen oder einer\nMitschülerin angesteckt, . . \" Sie schüttelte sich\nwie vor Kälte, „ich habe Läuse!\"\n„Was?\" lachte ich, „machen Sie keine Witze!\"\n„Nicht, weil die Mädchen mich auslachten, im\nBogen um mich herumgingen und hinter meinem\nRücken tuschelten, nur weil ich mich so vor mir\nekelte und nicht schlafen konnte bei Tag und Nacht,\nwar ich so verzweifelt und wollte allem ein Ende\nmachen. Dabei wusch und kämmte ich mich im-\nmerfort, überwand die Angst und den Abscheu, so\nschwer es mir fiel, und alles, alles umsonst! Lassen\nSie mich wieder gehen, sonst stecken Sie sich am\nEnde für alle Ihre Freundlichkeit noch an!\"\nZitternd und in sich gebückt, daß sie viel kleiner\naussah, drückte sie sich die Mauer entlang an mir\nvorbei und wollte fort. Ich faßte sie grob am Arm:\n„Seien Sie nicht gleich so dumm! iMorgen früh ist\nvon dem ganzen Unglück nichts übrig. Ich weiß\neine schwarze Salbe, die bei uns zuhause eine reiche\nDame immer den Kindern russischer Flüchtlinge\nkaufte, für die sie ein kleines Heim errichtet hatte.\nSie werden diese Nacht kaum schlafen, weil das\nZeug schauderhaft brennt, aber dafür sind Sie es\nein für allemal los.\" Während ich auf sie einsprach,\nzog ich sie energisch mit mir ins Haus. Eine be-\nhäbige Frau, sehr dick und sehr rot, kam mit einer\nkleinen Laterne die Stufen herab auf uns zu, als\nwir zwischen den Türen umhergingen, die in beun-\nruhigender Zahl nahe beieinander zu beiden Seiten\ndie Wände des langen gassenartigen Hanseingangs\nunterbrachen. Es war früher einmal ein Durchhaus\ngewesen, wie ich nachträglich erfuhr.\nNach einigen Unterhandlungen mußten wir der\nFrau, die uns sehr mißtrauisch fixierte, das Zimmer\nim Voraus für die Nacht bezahlen, ehe sie sich an-\nschickte, uns heraufzufiihren. Wir staunten sehr,\nim ganzen Haus. — wir mußten sehr hoch steigen, —\nso weit es sich beim Licht der Handlaterne unter-\nscheiden ließ, die peinlichste Ordnung und Sauber-\nkeit zu finden, wie in einem ersten Hotel. Auf den\nTreppen des ersten Stockwerkes lag ein Lauf-\nteppich. die Malerei des Stiegenhauses schien neu,\ndie Messingstangen des Geländers und die Tür-\nklinken glänzten durch das Dunkel.\nIm Zimmer oben sah ich mich erst gar nicht um.\nIch zündete die Kerze auf dem Tisch an; das Mäd-\nchen versprach sich schlafen zu legen und ich ging\nder Wirtin nach, die mit einem sehr undeutlichen\n„Oute Nacht\" vor der Türe umgekehrt war. Ich\nfragte sie, wo die nächste Apotheke wäre. Vor\nAerger und Verwunderung über meine sonderbare\nEile, die ihr wahrscheinlich zu unserem gesunden\nAussehen nicht passen wollte, brummte sie, indem\nsie mich nochmals beunruhigt musterte, sie wisse\nes nicht. Und ich sah ihr an, daß sie es wußte. Ich\nzeigte ihr ein wenig meine Verachtung und ging.\nEs war schwerer eine Apotheke, als eine\nBrücke zu suchen, aber ich konnte diesmal einen\nWachmann fragen. Ich war denn auch bald da.\nDer verschlafene Magister sah mich hinter seinen\nzusammengekniffenen Augenlidern sehr komisch an,\nweil ich wegen einer solchen Salbe die Nachtklingel\nzog. „iVLan sollte die Nachttaxe erhöhen!\" knurrte\ner, und ich beeilte mich, aus dem Laden zu kommen.\nDraußen erwartete mich ein Schrecken. Der lange\nknochige Mensch von vorhin stand da und zupfte\nmich an der Bluse, als ich ihn nicht bemerken wollte\nund große Schritte machte. Er mußte mich hinein-\ngehen gesehen haben\n„Nun ich dächte, ich hätte Dich lang genug ge-\nsucht!\" rief er vorwurfsvoll, „wohin hast Du es\nso eilig?\"\n„Aber schauen Sie, daß Sie v/eiter kommen!\nschnaufte ich, atemlos vor Eile. Aber er lachte\nnur und hielt mühelos Schritt mit mir.\n„Ich muß doch herausbekommen, was für ein\nIndividuum Sie sind; da hilft Ihnen nichts. Sie in-\nteressieren mich.\" Als ich sah, aaß das Lauten\nkeinen Sinn hatte, antwortete ich ihm nicht und ließ\nihn auf mich einreden. Der Gasthof war ja nicht\nweit; aber er schien sehr befriedigt, als ich vor dem\nHause hielt. Ich mußte schellen; das Tor war\nschon geschlossen: „Ich dachte mir gleich, daß Du\nhierher gehörst; drum blieb ich in der Gegend,\nsagte er, „aber lange kannst Du noch nicht hier woh-\nnen. Ich bin sehr oft da und hab Dich noch nie ge-\nsehen.\" Mir kam eine Idee: „Ich habe das Zimmei\nNr. 43. Besuchen Sie mich morgen Vormittag.\" Ich\nlächelte höflich, wie sichs gehört, „ich habe eine\nreizende Nichte bei mir; Sie werden sich glänzend\nunterhalten.\" Er sah mich mit einem furchtbar\ndummen Gesicht an. „Aber das „Du müssen Sic\nsich natürlich abgewöhnen! Ich werde Ihnen über-\nhaupt morgen alles erklären.\"\nMit einem energischen Geräusch drehte sich der\nSchlüssel im Torschloß. Die dicke Wirtin mit dei\nHandlaterne erschien, grüßte den jungen Mann mit\nbreitem Lächeln und war auch gegen mich nun\nfreundlicher. „Also, also!\" rief sie ungeduldig, als\nich mit sehr förmlichen Kopfnicken ins Haus eilte\nund der lange Mensch auf der Straße blieb.\n„Nächstens wieder, Frau Strimpll!\" hörte ich\nihn tröstend zu ihr sagen, als ich schon vorsichtig\nlängs des Geländers die Treppe emporklomm, die\ndurch die lichte Malerei der Wände ein wenig erhellt\nwar. Langsam kam die Wirtin hinter mir drein, ent-\ntäuscht, weil ihr die einfache Erklärung für meine\nExistenz und mein Benehmen plötzlich wieder aus\nden Händen gerutscht war.\nAus einem unveröffentlichten Roman"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c005", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "718", "page_fin": "719", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.5", "titre_corps": "Briefe nach Norwegen", "titre_sommaire": "Briefe nach Norwegen", "signature_source": "Else Lasker-Sehüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "718", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.4", "debut_caractere": 6886, "fin_caractere_exclue": 10176, "texte": "Briefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Sehüler\nLiebe Jungens, warum fragt Ihr mich nie an,\nwas ich mit dem geheimnisvollen: Schweigt mir\nvon Rom gemeint hab? Ich wollte mir nämlich\neinen Wahrsagesalon eröffnen, „Schweigt mir von\nRom\" — aber da Ihr beide stillschweigend darüber\nhinweggegangen seid, Wie sollen da die Fremden\nhereinfallen. Ich gehe nun lieber hausieren.\nDenk mal an, Herwarth, eben kommt unsere\nGrete und kündigt mir; muß ich nun aus dem Haus\noder sie? Sie hat heimlich über Leipzig den Sturm\nabonniert und bezieht den Spaziergang mit mir\ndurch die Friedrichsruherpeterbaumstraße auf sich.\nIhr Ehrgefühl ist angegriffen; sie fühlt sich verletzt,\nund ich muß mir nun meine Wohnung wieder selbst\nreinigen oder nicht reinigen, ich bin zu Staub ge-\nworden zwischen Staub. Ihr Willy würde sie nun\nnicht heiraten, was meinst Du, wenn ich ihr ver-\nspreche, ihre Hochzeit bei uns zu feiern?\nPeter Baum sieht schlecht aus, er sehnt sich\nnach Elberfeld, selbst an seine Amme denkt er noch\nmit großer Anhänglichkeit. Er trägt sie an seiner\nUhrkette in einem Herzenveloppe. Sie hat seine\nVorfahren schon gesäuget und stammet aus Rem-\nscheid. Sie war es ja, die ihn eigentlich auf die\nVerse gebracht hat. Nicht?\nLiebe Reisende, ich habe mir in Hieroglyphen-\nSchrift ein für allemal eine Antwort drucken lassen\nauf die vielen Briefe, die ich empfange, auf jeden\nBrief ohne Ausnahme von wem er kommen mag.\n„Krabbeln Sie mir den Buckel herauf!\" Was werden\nRichard Weiß in Wien und Paul Leppin in Prag,\nbeide, die ich so gerne habe, zu der Unhöüichkeit\nsagen! So eine Unhöflichkeit kann direkt eine\nZwangsidee werden, sie wird dann plastisch ein\nFeind, der Feinde bereitet. Wenn mir nun in die-\nsen Tagen die Venus von Siam einen Brief schreibt\nund ich ihr die Antwort in Hieroglyphen übersende.\nOder Ramsenith? Wißt Ihr wer Ramsenith ist —\nin München wohnt er seit dem Testament und trägt\neine Pyramide auf dem Kopf und ist schön, seine\nAugen reichen bis in den Himmel. Er ist der einzige\nMensch, der historisch nachweisen kann: Ich bin\nJussuf der Egypter, denn ich lebte an seinem Hof.\nLieber Herwarth. Mein Herz ist sehr krank\noder fühlt es übergroß? Wenn es übergeht, glaubt\nman ja immer so kleinlich, man ist krank. Das hat\nman noch so von den Aerzten überliefert.\nHerwarth, gestern abend war mein Herz\ngranatrot, ich konnte die Farbe im Munde\nvernehmen, kosten. Mein Herz war das\nAbendrot und ging unter. Draußen kann es in der\ntrüben Winterstimmung nicht mehr geschehn; ich\nstarb am Abendrot. Kannst du das fassen, konnte je\nein Mensch fassen,wenn ich von den Sternen sprach,\nwie von meinen Brüdern, den Mond geleitete durch\ndie Wolken, er ein lustiger, alter Herr ist und heim-\nlich goldenen Wein trinkt, Berncastle Doktor, edele\nAuslese? 0, ich scherze nicht, ich will Dich und\nEuch nicht amüsieren, aber mich immer retten mit\nTyll Eulenspiegel Spielen. Ich wäre Clown gewor-\nden, Herwarth, wenn ich Dich nicht dadurch be-\nleidigt hätte.\nInternationale Postkarte\nLieber Herwarth, ich bin sehr traurig, ich höre\nden ganzen Tag weinen in der Stadt. — Wie ich\nmich umdrehte, war ich es. Ich weine, Herwarth,\nweil mir jemand böse ist.\n9\nGute Kinder, ich bin tief ergriffen, meine Seele\nhat sich aufgelöst, es fließt an ihr herunter, Smaragd,\nund Rubin und Saphir, auch Mondstein wie bunte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "719", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 543, "texte": "Quellen. Und ich sage immer zwei Worte, die\nmeines versengten, „ungeschriebenen\"\nLiebesbriefs, der an Sascha adressiert war nach\nSankt Petersburg Zitadelle: Himmlischer Königs-\nsohn\nIch habe nun kein Geheimnis mehr, mein Herz\nkann keines bewahren, es steht im Amt der Welt.\nMeere kommen und spülen seine Heimlichkeiten\nans Land, es erwacht mit dem Morgengrauen und\nstirbt am Sonnenuntergang. Aber immer ist meirt\nHerz von Seide, ich kann es zuschließen, wie ein\nEtui. 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[n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.7", "titre_corps": "Der träumerische Schaffner", "titre_sommaire": "Der träumerische Schaffner", "signature_source": "Kurt Hilter", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "719", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.5", "debut_caractere": 4755, "fin_caractere_exclue": 9471, "texte": "Der träumerische Schaffner\nKurt Hilter\nUnd immer mal wieder das alte Lied. Der\nVölkischen Lied contre les Europ6ens. Man hielt\ndie These schon für abgeleiert: daß komplexe Zu-\nstände voraneilender Seelen sich nicht mittelst\nSchilderung primitiver Seelenzustände darstellen\nlassen; oder daß die Frage nach dem Sinn des\nSeins im Hirn eines gerechten Kammmachers an-\nders aussehe als im Hirn eines Hirnlichen; oder\ndaß, außer auf Scholle Misthaufen Gbirg, auch in\nMetropolen (in Metropolen voll wilderer Kreu-\nzungen der Kulturströme und mit nervöserer At-\nmosphäre) „Heimaten\" liegen —- von Menschen,\ndie ihre Qual und Lust, erhöht (geformt), in Dich-\ntungen wiederzufinden, den . Wunsch und das be-\nrechtigte Interesse haben . . . Abgeleiert, glaubte\nman ... Da naht Herr Jakob Schaffner, von\nBasel her, und richtet (nicht ohne zuvor an einem\nelsässischen Roman die „innige Strenge des Ge-\nfühls\" sowie die „Treue des Ausdrucks und des\nLokaltones\" gerühmt zu haben; wobei kraft der\nBemerkung, daß hier „seit den Tagen des Se-\nbastian Brant das erstemal ein Elsässer Dichter\nwieder in der deutschen Literatur auftritt\", Rene\nSchickele totgeschwiegen wird; dafür aber der\nversöhnende Satz fällt: „Das Kathrinel, das Wi-\nbele, eine Gestalt von ernsthafter Schwermut, ist\nzugleich von einer mannhaft lächelnden Erkenntnis\numwoben\") .... richtet, sage ich, der Schwyzer\nSchaffner an Robert Musil, ja gar an Heinrich\nMann, mild-giftig verwarnende Worte eines Groß-\nonkels. An ihrer Zerebralität nimmt er Aergernis.\n„Es geht nicht anders\", bedauert er, „entweder\nmuß man sich zu wissenschaftlichen oder man\nmuß sich zur künstlerischen Darstellung entschlie-\nßen\"; als ob jemand, der das Besondre neuer,\ngeistiger, städtischer, junger Menschenart: die\nSeelenseite des Problembeschnüffeins, den Gefühls-\nton der Reflexion, das Denken als Erlebnis, ge-\nstaltet (etwa wie Musil im „Törless\" das Kant-\nErlebnis), darum die Probleme lösen, die Denkin-\nhalte sachlich erledigen wollte; als ob ein Künstler\n„wissenschaftlich\" verführe, wenn er verzwicktere\nVorgänge (also die neueren, reizenderen, wichti-\ngeren) statt durch sentimentalen Schmuß durch\npräzise Analytik bewältigt. Aber allerdings: Herr\nSchaffner ist gegen das Verzwickte; für ihn gibt's\nverbotne Stoffe; er haßt das „Gedanken-Ge-\nspensterwesen\" und weigert sich, als „außenstehen-\nder Leser\" „Bescheid\" zu „wissen\". Er ist er-\nhaben über „zuviel Intellekt\", und seine „Mann-\nheit\" weist es von sich, „in die unmaßgebliche\nFrage der Sechzehnjährigen\" hinabzusteigen; das\nwäre (o dreckiger Hochmut!!!) „zu viel Ehre für\neine Episode\". Dennoch ruft er denen, deren\n„Bewußtheit immer das erste Symptom von Neu-\nrasthenie\" ist (man beachte die Rancune aller\nBehäbig-Mediokren: das Enorme als das Kranke\nauszuschrein, das Plus zum Minus zu fälschen!),\n„Werdet wie die Kindlein!\" zu. Er möchte, daß die\nFeineren sich auf sein Niveau zurückschrauben.\nWas ein durchtriebener Naivbock! Ihm „weiß\"\ndieser Heinrich Mann „zu viel\"; „weiß zu genau ;\ndaher sind ihm dessen Novellen zwar „achtbar ,\n„aber nicht erquicklich\" (— o altes Lied!). Weil\ner sich persönlich sehr anstrengen muß, um die\nHöhe der Mannischen Seelenlandschaft zu erklim-\nmen, wirft der Mann vor: „er forciert sich4\nihm so den eignen Talentdefekt unbedenklich in\nden Charakter schiebend. „Man sieht fortwäh-\nrend, wies gedreht ist\" — diesen schon stinken-\nden Gemeinplatz gegen verlogne Stiliseurs unter-\nsteht sich der Halbälpler gegen Heinrich Mann zu\nbenutzen. Dann aber rät er ihm, in freundlichei\nMahnung: er solle „jetzt einmal versuchen, unter\nseinen Palmen zu träumen\"; denn „das Glück ist\ngern bei den Träumern\"; „Boccaccios und (aha!)\nKellers Novellen sind erträumt, nicht errafft\".\nHört's! So träumerisch krähn die Enkelsöhne des\nberühmten Stadtschreibers von Zürich . . . Herr\nJakob Schaffner ist ein schwyzer Dichter; bei\nschöngeistigen Pastorenwitwen und jüngeren Jü-\ndischen Selbsthassern mächtig beliebt; der die Ge-\nschicke rnittelbegabter Handwerksherzen breiten\nGemütes und nicht ohne deutsch-ulkige Realien\nbesingt, sich als Nachfolger Homers und Goethes\nfühlend. Hier begeht er das, wofür der Verfasser\ndes „Willens zur Macht\" die unverwüstliche For-\nmel gegossen hat: er „nimmt die Partei der Idi-\noten und spricht einen Fluch gegen den Geist aus\"\n. . . Diese Keller-Assel ist eine von vielen; man\ndarf nicht einfach sie ruhig sich austräumen lassen.\nSooft der Intellekt die Simplizität verlacht, zeiht\nder Masochismus ihn eines Mangels an „Tiefe\";\naber die Simplizität darf alleweil die geniale\nGeistigkeit ungestraft abkanzeln. Daß eines Schaff-\nners Entgleisung noch kein Eisenbahnunglück be-\ndeutet, befreit die verantwortliche Verwaltung\nnicht von der Pflicht, den Träumer abzusetzen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c012", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "719", "page_fin": "720", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.8", "titre_corps": "Theater und Varieté", "titre_sommaire": "Theater und Varieté", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "719", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.5", "debut_caractere": 2128, "fin_caractere_exclue": 4753, "texte": "Theater und Varieté\nDie neue Oper\nAm Zoologischen Garten hat man ein neues\nTheater eröffnet. Trotzdem es den Architekten\nAdolf Lo o s gibt, der etwas ganz Neues ge-\nschaffen hätte, wurde wieder eine der üblichen\nFirmen mit dem Bau „betraut\". Wie die Zeitungen\nberichten, genügt das Haus den strengsten Vor-\nschriften der Bau- und Feuerpolizei. Ihnen dürfte\nes aber auch allein genügen. So etwas von Ver-\nstiegenheit der Treppen und Verschrobenheit des\nGrundrisses ist in Berlin noch nicht dagewesen.\nRiesige Portale und große Kuppelfenster führen auf\nKorridore von berliner Hinterwohnungen. Die Bau-\nmeister haben offenbar vergessen, zwischen der\nFassade und dem notwendigen „Zubehör\" das Haus\neinzufügen. Irrt man über die Treppen, so gelangt\nman vielleicht auch in den Theaterraum. Er ist auf\nFreundlichkeit gestimmt, was man bekanntlich am\nbesten durch goldornamentierte Lyren erreicht.\nDurch sehr dünne Armlehnen an den Stühlen ist\nBequemlichkeit angedeutet. Der Vorhang zeigt ein\nunersehen schönes Bild. Denn nicht Apoll macht\nvor den Musen Musik, sondern ein verhältnismäßig\ngut angezogener junger Mann der besseren Ge-\nsellschaft spielt vor seinen Damen die Violine. Ich\nvermute, daß die Idee hierzu von der Firma Hugo\nBaruch u. Co. stammt, die auch die „kostümelle\"\nAusstattung lieferte. Auch das Wort „kostümel!\"\ndürfte eine Baruchiade sein. Ich sah die Oper Phile-\nmon und Baucis von Charles Gounod. Sie ist von\neiner unerfreulichen langen Weile. Im ersten Akt\nländlich (man bläst die Oboe) mit schenkfreudigen\nGöttern. Im zweiten Akt bacchanalisch, die Musik\nmit einem Temperament in der Richtung zum Admi-\nralspalast. Im dritten Akt Liebe und Weltanschau-\nung, durch Phrasen und Koloraturen ausgedrückt.\nHerr Gounod ist wirklich ein sehr trauriger Epi-\ngone, dem man die ewige Ruhe gönnen soll. Nicht,\nweil er den Faust veropert hat, sondern weil er\nkeine Gestaltungskraft und keine musikalische Be-\ngabung besitzt. Die Kunst der Musik besteht doch\nwohl nicht darin, abgeleierte Formeln älterei\nMeister anders und gelegentlich auch nett zu in-\nstrumentieren. Der Text kann an Dürftigkeit des\nInhalts, die Uebersetzung an Clichereichtum nicht\neinmal durch Herrn Lothar unterboten werden.\nMan würde über die Angelegenheit an dieser\nStelle nicht zu schreiben brauchen, wenn nicht der\nDirektor des Theaters Maximilian Mor i s\nhieße. Moris war früher Regisseur der Komischen\nOper unter der Direktion von Hans Gregor. Nach\ndieser Aufführung in der Kurfürsten-Oper, so heißt\ndas neue Theater, gewinnt man die Ueberzeugung,\ndaß Berlin durch den Abgang Gregors nichts ver-\nloren hat. Moris ist der schöpferische Regisseur,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "720", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3429, "texte": "dem die Komische Oper ihre künstlerischen Erfolge\nzu verdanken hatte. Ich halte Moris neben William\nWauer für die stärkste Regiebegabung an deutschen\nTheatern. Trotz der belanglosen Musik und den\nmäßigen Sängern ging von der Bühne etwas Künst-\nlerisches aus. Die Bewegung der Chöre, die Ge-\nbärden der Spieler bewiesen das Vorhandensein\neines großen künstlerischen Willens, der aus einem\nmusikalischen Gefühl heraus gestaltet. Die Mit-\nglieder der Oper werden von diesem Regisseur ge-\nformt werden. Und sollte Maximilian Moiis uicli-.\nwissen oder vergessen haben, was sich zu spielen\nlohnt, so soll er sich an mich wenden. Oder er soll\nlieber Kitsch zur Theaterkiunst durch seine große\nKraft wandeln, statt Langweile als Kunst vorzu-\ntäuschen, wenn auch der Komponist zu den echten\nBerühmtheiten gezählt wird.\nWintergarten\nDa die Reporter mit Waschzettelbosheit alle\nMitglieder aller Varietes loben, sollte man monat-\nlich die wirklich bedeutenden Künstler von den\nSternen scheiden, die nicht leuchten. Da sind zum\nBeispiel diese drei Exzentrics Alvaretta. Echte Va-\n-rieteleute. Kunst der Körperlichkeit. Einer von\nihnen kann den Mund nicht schließen. Das ist viel\nkomischer, als wenn ein Feuilletonist den Mund\nnicht halten kann vor lauter Kunstbegeisterung.\nDenn die Komik dieses Herrn Alvaretta ist Humor.\nMan gibt sich mit seinem Munde alle Mühe. Der\neine~ Genosse setzt sich ihm auf den Kopf, der an-\ndere schlägt ihm mit der Faust gegen den Unter-\nkiefer, der Mund geht nicht zu• Es ist nicht aus-\nzudenken, was sich die Genossen alles ausdenken,\num ihren Ordnungssinn zu befriedigen. Warum soll\nder Mann schließlich nicht den Mund offen halten?\nDie größten und tiefsten Assoziationen sind durch\ndieses Kinderspiel, das mit geradezu idiotischer\nKraft durchgespielt wird, versinnlicht. Es beweist\nweiter, was immer wieder gesagt werden muß, daß\nTragik und Humor auf demselben Boden wachsen.\nSehr komisch ist auch Herbert Lloyd. Seine Wir-\nkung erzielt er. durch das Verhundertfachen einer\nHandlung. Er bindet hundert Chemisettes ab, er\nwiederholt hundertfach dasselbe Wort, er macht\nhundert Mal dieselbe Bewegung. Es kann natürlich\nauch hundert und ein Mal gewesen sein. Der Sinn\nder Tatsachen wird sinnlos und dadurch das Sinn-\nlose der Tatsachen bewiesen. Freudig verzichtete\nich auf Spaniens Stolz. Ich bin gegen das Historische.\nPassagetheater\nE i n Erlebnis bietet das Passagetheater immer:\nCla i r e Wald o 112 f. Dieses kleine Mädchen\nsteht da auf der Bühne mit der Korrektheit einer\ndeutschen Jungfrau, ohne Bewegung, die Arme ge-\nsenkt, die Hände schlicht übereinander, mit einem\nunglaublich harmlosen Gesicht, nur die Augen rollen\nzuweilen entsetzt in die Ecke, und plärrt dazu auf\nberlinisch Zoten von sexueller Beschaulichkeit. Der\nganze Ausdruck, die Gestaltung des erotischen Ber-\nlinertums, liegt absolut im Tonfall. Das ist tatsäch-\nlich die Kunst des Rezitierens oder des Singens. So\nwie sie etwa das Wort Liebe oder das Wort Mai\nausspricht, wird die sinnfällige Vorstellung des\nWortes körperlich lebendig. Sie stellt Erlebnis-\nhaftes persönlich dar. Ihre Couplets sind selbstver-\nständlich literarisch und musikalisch ohne jeden\nWert. Aber die künstlerische Wirkung, die sie da-\nmit erzielt, ist wieder ein Beweis dafür, daß nicht\nnur das Theater, sondern auch die Vortragskunst\nnichts mit Literatur und Musik zu tun haben, daß\nvielmehr ihre Gesetze aus ihrer Sonderheit herge-\nleitet werden müssen.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c013", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "720", "page_fin": "720", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.9", "titre_corps": "Kunst, Demokratie und Presse", "titre_sommaire": "Kunst, Demokratie und Presse", "signature_source": "J. A", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "720", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.6", "debut_caractere": 3431, "fin_caractere_exclue": 9188, "texte": "Kunst, Demokratie und\nPresse\nJ. A,\nWie es werden soll und wie es ist\nVom zwölften Januar an soll wieder mal ailes\nanders werden, sagen die Demokraten. Front ge-\ngen Rechts, den Zentrumsturm sprengen, Junker\nund Agrarier blutig aufs Haupt schlagen, der Reak-\ntion eine denkwürdige Niederlage bereiten, den\nschwarzblauen Block zertrümmern, die Fahnen der\nAufklärung flattern lassen und überhaupt der guten\nSache zum Siege zu verhelfen, ist jetzt die Pflicht\naller Mitbürger und Freunde Fritz Engels.\nDie freisinnige Partei hat ein Wahi-\nprogramm aufgestellt, das gut zwei Dutzend Punkte\nschwer ist. Einen hat man auch, in jovialer Weise,\nfür die Kunst gemacht. Es ist für sie eine durch\nk einerlei E n gherzigkeit gehe m m t e\nEntfaltung vorgesehn. Der Mitbürger will die\nKunst, die er sich so niedlich als Aschenbrödel vor-\nstellt, gegen die Bevormundung des Staates und\nder Dunkelmänner in Schutz nehmen. Die Notwen-\ndigkeit dieser Absicht bestätigt die gleichfalls anti-\nreaktionäre Morgenpost mit einer Notiz über die\nvierte Ausstellung der Neuen Sezession:\n„Es geht mit dem bestem Willen nicht, diese\nneueste Ausstellung ernst zu nehmen. Es ist der\nvierte Salon der Berliner Neuen Sezessionsvereini-\ngung, der an unglaublichen Zumutungen reichste,\nden man je hier gesehen hat. Es kann schlechter-\ndings nicht festgestellt werden, ob sich hinter der\nMalerei der Herren Pechstein, Klein, Richter u. a.\nein bisher sorgfältig verborgenes Talent aufhält.\nWenn man das Unglück hat, vom Eingang zur\nRechten gleich auf die Klecksereien von Schmidt-\nRotluff zu stoßen, oder zur Linken dem Münchener\nKandinsky in die Palette zu geraten, erübrigt sich\nalles weitere. Wenn sich der Most so absurd ge-\nbärdet, gibt's niemals Wein, sondern nur Magen-\nkrämpfe.\"\nEs geht mit dem besten Willen nicht, diese\nAusstellung ernst zu nehmen, behauptet ein Kunst-\nreferent, der keinen Spaß versteht. Er heißt viel-\nleicht Honig, Erwin Honig, schwärmt aber\nganz bestimmt für Baluscheks gewaltige Fort-\nschritte. Schmiert sich dem Bär der alten Sezes-\nsion selbst ins Maul. Es wird diesem Kunsthonig\nniemals eine Gehirnzelle über den Sauerteig der\nKunst aufgehn.\nWie es nicht anders sein kann.\nAber Rudolf Herzog, Otto Ernst, Gustav Falke,\nErnst v. Wolzogen und Fedor v. Zobeltitz sind\n„echte\" Künstler. Müssen solche sein, arbeiten\nsie doch für die Firma Ullstein u. Co., die jetzt ganz\nalte Literaturwerke für „unser e\" Jugend auf Neu\nherrichten läßt. Und:\n„Wieder ergreifen die ersten Dichter und\nSchriftsteller Deutschlands das Wort, diesmal aber\nsprechen sie zu unserer Jugend, erzählen ihr die wun-\ndervollen Geschichten, die seit Jahrhunderten der\nKinder Herzen höher schlagen lassen in Jubel und\nEntzücken und in schmerzlichen, mitleidsvollem\nTeilnehmen. Die herrlichen Schätze der Weltlite-\nratur, das unvergängliche Erbe großer, gewaltiger\nKulturepochen, werden hier unseren Söhnen und\nTöchtern von Künstlern geboten, die sich einzu-\nfühlen vermögen in das Herz unserer Jugend, denen\ndie Kraft eignet, zu entflammen und zu rühren, zu\nerheben und zu begeistern.\"\nHier vermögen sich fünf arme Seichtlinge ein-\nzuführen in das Herz unserer Jugend, es eignet\nihnen die Kraft, zu entflammen und zu rüh-\nren, zu erheben und zu begeistern, doch dort ver-\nmochten Künstler einem erwachsenen Kunstkriti-\nker nicht jenen Ernst einzuflößen, mit dem er sie\ngnädig hinnehmen wollte.\nJa, ernst ist Herr von Wolzogen, Fedor von\nZobeltitz, Rudolf Herzog, und nur heiter ist die\nNeue Sezession.\nUnd wie etwas in Wirklichkeit war\nDer Theaterarenalöwe Reinhardt hatte sein\nfettes Opfer, den König Oedipus, auch nach der\nHasenheide verschleppt. Man brüllte: „Auf viel-\nseitigen Wunsch\". In der „Neuen Welt\" sollte der\nolle Sophokles nochmals die fünftausend hinreißen,\nfür die man ein Theater errichten will. Und ein\nVertreter der Firma Ullstein u. Co. bedauerte, „daß\nder selige Sophokles das nicht mehr erlebt hat!\nSolange hatte sein „König Oedipus\" warten müs-\nsen, bis er sich mit Reinhardts und Hofmannthals\nHilfe ganz Europa erobern konnte. Was Wunder,\ndaß er, mit diesem Erfolge nicht zufrieden, seinen\nSiegeszug jetzt auch bis in die „Neue Welt\" aus-\ndehnte! Die hat er gestern in Rixdorf im Sturm\ngenommen, unter Leitung seines neuen Heroids\nJoseph Klein, und hat damit wieder Max Reinhardt\nrecht gegeben, der ja auch der alten Welt den\nRücken kehren will.\"\nAlso doch nicht auf vielseitigen Wunsch. Oedi-\npus war es selbst, der in der „Neuen Welt\" zur\nAufführung gelangen wollte. Wenn das nur keine\nVerleumdung ist. Doch es war „ganz wie im Zirkus\nBusch, wo sich die Haute Volee um die teuersten\nPlätze schlug. Nur etwas temperamentvoller ging\nes gestern zu.\"\nAlso es war nicht ganz so.\n„Mit wirklicher ehrlicher Begeisterung war\nman gekommen, man wollte sehen, man wollte\nsich freuen, und man wollte einen Eindruck haben}\nder über die Abschiedsstunde des nächsten Ge-\nsellschaftsabends hinausreichen soll.\"\nEs war doch etwas anders als im Zirkus.\n„Da gab es kein Frou-frou seidener Unterröcke,\nkeine modischen Parfüms, mit deren penetrantem\nGeruch man den Stallduft der Manege gesellschafts-\nfähiger machen wollte, keine Lorgnons, durch die\nman seine Bekannten zählte: da war ailes eitel Auf-\nmerksamkeit, ehrliche Freude art der Kunst und\neine Beifallsfreudigkeit, die gelegentlich sogar zu\nspontan zum Durchbruch kam.\"\nUnd es war überhaupt ganz und gar anders,\nNämlich so:\n„Der verkrachte Oedipus in der Hasenheide.\nSophokles hat in der „Neuen Welt\" keine Kasse ge-\nmacht. Der Besuch war so schwach, daß die zum\nFreitag angesetzte Wiederholung der „Oedipus\"-\nAufführung nicht stattfinden konnte.\"\nSchade, daß Sophokles auch das nicht eriebt\nhat. Aber am Kottbuser Damm, einem Weg, der\nnach der Hasenheide führt, verkauft dafür ein „fin-\ndiger\" Schuhwarenhändler Oedipus-Stiefel."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c014", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "720", "page_fin": "720", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.10", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "720", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.6", "debut_caractere": 9190, "fin_caractere_exclue": 9832, "texte": "Beachtenswerte\nBücher\nHENRI GHEON\nNos Directions / et Poesie { Notes sof -\nle drarae po6tique du classicisme / Sur le vexa\nHbre\nEdition de la Nouvelle Revue Fran9aise Marcel\nRiviere und Cie / Paris 8t rue Jacob\nELSE LASKER-SCHÜLER\nStyx / Gedichte\nDas Peter Hille-Buch\nDie Nächte Tinos von Bagdad\nVerlag Axel Juncker / Berlin-Wilmersdorf\nDie Wupper / Drama\nVerlag Oesterheld und Co / Berlin\nMeine Wunder / Gedichte\nDreililien-Verlag / Karlsrabe\nKARL KRAUS\nSprüche und Widersprüche / Aphorismen;\nDie chinesische Mauer / Essays\nHeine und die Folgen / Essay\nVerlag Albert Langen / Mönchen\nSittlichkeit und Kriminalität\n* Verlag Karl Rosner / Wien"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c015", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "721", "page_fin": "721", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "721", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.7", "debut_caractere": 75, "fin_caractere_exclue": 430, "texte": "Verlag Der Sturm\nDer Preis fiir den ersten Jahrgang der Wochenschrift\nDER STURM (Nummer 1-56) wird votn 15. De-\nzeraber ab auf\n' Zwanzig Hark =====\nerhoht und nur noch an bisherige oder neue Bezieher\ndes laufenden Jahrgangs direkt vom Verlag abgegeben.\nEs sind nur eine geringe Anzahl Exemplare vorhanden\nDie Holzschnitte wurden vom Originalstock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c016", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "721", "page_fin": "721", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "721", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.7", "debut_caractere": 432, "fin_caractere_exclue": 487, "texte": "ffPUT Ausstellungen, Salons\n« Kunsthandlungen etc. Jjsj"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c017", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "721", "page_fin": "721", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "721", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.7", "debut_caractere": 489, "fin_caractere_exclue": 862, "texte": "CASPER'S Kunst-Salon\nEintritt 50 Pf. 19 Potsdamerstr. vis-a-vis Eichhornstr.\nWinter-Gemalde-Ausstellung Serie I\nKollektionen von\nP. Grulich\nLeo Rauth\nH. Herrmann\nP, Hey\nL. Kolitz\nE. Kux\nM. Liebermann\nJ. Bergmano\nM. Bieler\nJ. Block\nF. Charlet\nJ Ce'os\nV. Freuderaann\nW. Gallhof\nRene Reinicke\nWerke von:\nA. Muller, Cassel\nA. v. Spreckelsen\nM. Theciv\nC. L. Voss\nC. 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Kurse von rrieUr. mBiIUI Leipzig\nnnter Mitwirkung \\2 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprufte Lchrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhrender Stellung). Orustdiiche\nEinfubrung In die verschiedenen Branchen des kaufmiinnischen Berufes, ratlonelles\nStudium der Handels- and verwandtcn Wissenschaften als Ersatz fur din mehr-\niahriges Hochschulstudium, Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studhim ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- und Bflanz-\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorberciten wollen —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\neolviert hal?en, wie fur\nHerren rnit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen, Einjahng-\nFreiwillige, Abilurienten,\nfur Kaufleute reiferen Alters, die beretts praktisch titig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitem oder\nvertiefen wollen oder\nriir Bankbearnte, Ingenieure, Chemiker, Braner, Juristen, Nationaldkonoraea,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellschaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, johaanlsplatz 5"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c027", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "721", "page_fin": "721", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "721", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.7", "debut_caractere": 4063, "fin_caractere_exclue": 4086, "texte": "—aF _Kleine\nmK\nAnzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1911-12-16-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1911-12-16_01#c028", "volume": "bmtnabg_1911-12-16_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "721", "page_fin": "721", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "721", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.7", "debut_caractere": 4088, "fin_caractere_exclue": 4309, "texte": "— <2*—— . ■■■ ■ I-.——y\n1 11 1 ** O\nHerwarth Walden\nDAFNISLIFDER\nFfir Gesang u. 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W. FISCHER\nETUDES SUR\nFLAUBERT INEDIT\nBrosch. 2M 50 geb. 4— M\nLuxusausgabe M 10 -\nFLAUBERT\nERINNERUNGEN EINES\nNARREN\nGeb. M4 — Luxusausg. 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KAUNITZ Cafetier\nNEU EROFFNET!"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "715", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nBinzelbezug 75 Pfennig\nDm QXI DM\ncK o lUK/W\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nFernsprecher Amt Pfalzburg 3524 / Anzeigen - Annahme\n:-: durch den Verlag und sämtliche Annoncenbureaus :-:\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahrsbezug 1,50 Mark / Halbjahresbezug 3,— Mark /\nJahresbezug 6,— Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1911\nBERLIN DEZEMBER 1911\nNUMMER 90\n\nInhalt:\nTRUST: Kunstkritiker mit und ohne: Der Mann mit den Stimmungsbildern / Der Mann ohne Geistesvermögen / OSKAR BAUM: Die\nRettung / PAUL ZECH: Gedichte / ELSE LASKER-SCHÜLER: Briefe nach Norwegen / KURT HILLER: Der träumerische Schaffner /\nTRUST: Theater und Variete: Die neue Oper / Wintergarten / Passagetheater / J. A.: Kunst, Demokratie und Presse / Beachtenswerte Bücher /\nOSKAR KOKOSCHKA: Porträt\n\nOskar Kokoschka: Porträt\nProfessor Levin Ludwig Schücking / Jona\n\nKunstkritiker mit und\nohne\nDer Mann mit den Stimmungsbildern\nEs gibt in Berlin einen Herrn, der einen\nschwunghaften Handel mit Stimmungsbildern in\nden Provinzen Deutschlands betreibt. Sie sind\nzwar nicht gemalt, aber dafür auch nicht ge-\nschrieben. Alles, was ein Greis auf dem Herze«\nhat und selbst in der Berliner Presse nicht mehr\nunterbringen kann, gibt er der Provinz ab. Den\nLesern der Provinzzeitungen muß klar gemacht\nwerden, daß die Ansichten, die ihnen als Berliner\nStimmungsbilder vorgemalt werden, von „Kolle-\ngen\" fabriziert sind. Die Kollegen besitzen den\nEhrgeiz, die Waren ihres Bazargeschmacks mit\nder „Marke\" Kunst zu versehen. So ein Stim-\nmungsbild beginnt gewöhnlich mit Weltanschau-\nung. Etwa: „Ernst ist das Leben, heiter ist die\nKunst\". Der ganze Ernst des Lebens wird be-\nsprochen. ,jln den Vertraulichen Sitzungen der\nButgetkommission — folgenschweren Zusammen-\nprall mit Frankreich — daß man dort auf das letzte,\ndas entscheidende Wort gewartet! (auf das Wort\nhat wartet man vergebens) — Ein -Kampf hat be-\ngonnen, der kaum je zuvor stattgefunden! (diesmal\nfehlt hat aus malerischen Gründen). Noch sind ja\nnicht alle Schatten verschwunden und dürfte es\ndemnächst — das Geläut der Weihnachtsglocken.\"\nNach soviel Ernst des Lebens sorgt nun die Kunst\nfür die Heiterkeit des Stimmungsbildners. „Wer des-\nsen teilhaft werden will, für die kleine Gegengabe\nvon einer Mark, der richte seine Schritte nach\neinem nahe der Potsdamer Brücke gelegenen Eck-\nhause, aus dessen einem Fenster eine große blaue\nFahne hängt mit der Aufschrift „Neue Sezession\".\nDer Aufzug führt uns im Nu nach dem zweiten\nStockwerk, und nun möchte ich den verknörgel-\nsten Pesimisten sehen, der nicht, wenn er auch nur\nemige Schritte durch dieses Zimmer gemacht, ver-\ngnügt schmunzelt und alsbald in die ungezwun-\ngenste Heiterkeit ausbricht. Was diese Wände\nan schreiender Farbenwildheit, an Klexen und\nPunkten, ;ie Menschen, an Strichen und Kreisen,\ndie Lantr .haften darstellen sollen, aufweisen, ist\nunbeschreiblich. Einige große Leinewandflächen\nsind nur mit Grün, Blau, Gelb, Rot bedeckt, wirr\ndurcheinander, was es bedeuten soll, bleibt jedem\nselbst überlassen.\"\nAlso der Stimmungsbildner ist kein Pessimist,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "716", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.2", "texte": "9\nund die „Neue Sezession\" kann sich glücklich\nschätzen, ihn auf so leichte Weise über den schwe-\nren Zusammenprall mit Frankreich hinweggeholfen\nzu haben. Nur ist er „andererseits doch recht\ntraurig, daß ein derart wahnsinniges Zeug von ge-\nwisser Seite ernsthafter Betrachtung unterzogen\nwird\". Der Stimmungsmacher betreibt seine Tä-\ntigkeit zu seinem Vergnügen und wendet sich des-\nhalb „gegen diejenigen, die an ihre eigene Kunst\nglauben und sie als Milchkuh betrachten . . möch-\nten. Sie verweisen gern auf das Beispiel Ferdi-\nnand Hodlers, der sich auch durchgerungen'\" (bis\nauf das hat). Ja, der Hodler, früher ging es noch,\n„Unter den alten manch' recht Gutes von scharfer\nBeobachtung und feiner Stimmung, unter den neu-\nen das formloseste und gequälteste Zeug, das man\nsich nur denken kann. Diese abschreckenden, un-\nglaublich häßlichen Gestalten mit schlotternden,\ngänzlich verzeichneten Gliedmaßen ähneln ebenso\nwenig menschlichen Gestalten, wie jene hin- und\nhergeschobenen, tonigen Farbmassen der Schwei-\nzer Alpen\".\nNatürlich beruft sich der Verehrer der schönen\nKünste auf die blödsinnige Schrift eines Berner\nBuncfesrichters, „der in klarer und sachverstäm\ndiger Weise die schädlchen Einflüsse beleuchtet\".\nDer Berner Bundesrichter hat nämlich herausge-\nfunden, daß Hodler und seine Anhänger nur des\nGelderwerbs wegen so malen. Offenbar kaufen\nheute die Leute die Bilder, die ihnen mißfallen,\nlieber, als die Stimmungsbilder, die den Beifall des\nRichters finden. Der ist natürlich durchaus Ide-\nalist, völkischer Idealist und Kenner.\n„Unselbständige Nachahmer hoffen als getreue\nGefolgsmannen einer Führerschaft, die trotz oft ge-\nrade fabrikmäßigem Betrieb mächtig und reich ge-\nworden ist, zu Ausstellungen und Verkäufen zu-\ngelassen zu werden. Aber diese Kunst hat im\nVolk keine Wurzel. In ihren Werken ist meistens\nkein Strich mehr richtig, weder in Form noch in\nFarbe, es sind Gestalten, ungeheilt aus einer ortho-\npädischen Klinik entlassen\".\nHodler soll einen Holzfäller sogar in vierfacher\nAuflage gemalt und für „einen derselben\" fünfzehn-\ntausend Francs erhalten haben.\nWieviel Auflagen leisteten sich wohl die Her-\nren Rafael, Tizian, Rembrandt und Rubens? Sie\nwaren allerdings nicht völkisch gesinnt.\nDiese Idiotien über Malerei, diese Frechheiten\neinem Genie gegenüber werden nun durch den\nBerliner Stimmungsbildner in unzähligen Provinz-\nzeitungen verbreitet. Die Leser kommen „orien-\ntiert\" in die Ausstellungen, die kunstverständige\njüngere Museumsdirektoren veranstalten. Was\nhilft alle Reinheit wertvoller Menschen, wenn dem\nPublikum vorher solch ein schmieriges Gewäsch\nvorgesetzt wird. Dafür tritt der Verehrer der\nschönen Künste um so lebhafter auf Kleist ein.\n„Unser Theaterleben stand während der\nWoche im Banne Heinrich von Kleists, des Großen,\nden uns ein tragisches Geschick vor hundert Jah-\nren entrissen.\" (Wieder bis auf das hat.) Ergrei-\nfende Trauerfeierlichkeiten. Geladenes Publikum.\n„Auch an der stillen Grabstätte selbst fehlte es nicht\nan mannigfachen Huldigungen für den Toten, der\nunsterblich in seinen Werken weiterlebt, solange es\neine deutsche Sprache gibt.\" Nach hundert Jahren\nwird es noch immer die deutsche Sprache geben,\nder Stimmungsmaler wird sie noch immer als Milch-\nkuh mißhandeln, aber den historischen Satz von\nder stillen Grabstätte, den mannigfachen Huldigun-\ngen und dem Toten, der unsterblich in seinen Wer-\nken weiterlebt: diesen Satz wird er dann über Fer-\ndinand Hodler schreiben.\nDer Mann ohne Geistesvermögen\nMan merkt doch gleich, was eine Hauptstadt\nist. In den Provinzstädten verarbeiten die Berliner\nStimmungsbildner die Kunst, in den Hauptstädten\nliefert die Redaktion sich selbst den Kitsch. Das\nFeuilleton der Münchener Neueste-n Nach-\nrichten erklärt endlich in seinem „Vorabend-\nblatt\" den Bankerott seines Geistesvermögens, was\nman schon seit Jahrzehnten wußte. Aber es ist\ndoch gut, wenn der Mensch sich ehrlich gegen die\nFarbe bekennt. Den letzten Anlaß zur Anmeldung\ndes Konkurses gab Albert Ehrenstein mit\nseinem Buch Tubut s c h. Oskar Kokosch-\nk a gab ihm zwölf Zeichnungen bei. Der Feuille-\ntonredakteur erläutert, daß er ein Mensch sei, der\nvermeint, „redlich seines Amtes mit Verstand und\nFeder zu walten\". Durch Tubutsch wird er an sich\nirre und „muß den Bankerott seines Geistesver-\nmögens erklären\". Zwar muß er als redlicher\nMensch eingestehen, daß er nur die Erzählung\n„Ritter Johann des Todes\" und das Gedicht „Wan-\nderers Lied\" (es ist übrigens sogar „reif\" für den\nZeitgeist gewesen) aufzunehmen versucht hat.\n„Aber das war schon eine so schwierige Arbeit\nfür mein Gehirn, daß ich mich garnicht erst an die\nGeschichte des Herin Karl Tubutsch heranwagte.\"\nDeshalb will er auch seine Feder erst garnicht wal-\nten lassen. „Soll ich erst versuchen, die Kunst\ndieses jungdeutschen Literaturartisten zu charakte-\nrisieren? Was wären meine Worte! Ein Stammeln,\neine Wortlimonade. Das fühle ich nur zu deutlich.\nDeshalb will ich allen Eigendünkel unterdrücken\nund Hern Albert Ehrenstein selbst zu Worte kom-\nmen lassen.\" Das ist an Aermlichkeit und Ehrlich-\nkeit nicht zu überbieten. Aber warum läßt man\nbankrotte Redakteure redlich ihres Amtes walten?\nWo sie an ihrem Verstand und an ihren Federn ver-\nzweifeln? Der Redakteur druckt also die Ge-\nschichte vom Ritter Johann des Todes ab. Er ver-\nspricht sogar, sich aufzuhängen. Was ja bei Ban-\nkerotteren gelegentlich vorkommt. Doch bevor er\nsein Versprechen hält, druckt er schnell das Ge-\ndicht Wanderers Lied ab. Und das gibt ihm neuen\nLebensmut. Er hofft, „daß sich ihm vielleicht doch\nnoch einmal das tiefe Mysterium dieser Ueberkunst,\ndie so hoch ist, daß sie sogar auf das Können ver-\nzichten kann, erschließt.\" Das soll sich der Mann\nnicht einreden. Er soll nicht am Grabe noch die\nHoffnung aufpflanzen. Aber so ist der Mensch.\nDurch die Zeichnungen von Oskar Kokoschka wird\ner zusehends mutiger. „Aber schließlich, was be-\ndeutet Albert Ehrenstein, wie tief steht er unter\nseinem Buchausschmütker O. Kokoschka. Oder ist\ndieser Künstler eine Dame? Ich bin höflich, ich ver-\nneine die Frage.\" Und dieser Deutsche lügt nicht\neinmal, wenn er höflich ist. Warum muß der Buch-\nausschmücker seinen Vornamen hinter dem O ver-\nbergen, das nun der Redakteur der Münchener\nNeuesten Nachrichten ausstoßen muß: „Leider kann\nich seine Zeichnungen hier nicht reproduzieren. Ich\nmuß mich damit begnügen, zu sagen, daß seine\nZeichnungen aussehen, wie Kratzereien eines von\nder Furie des Genies gepeinigten ABCschützen.\nVorstellen wird sich hiernach diese Zeichnungen\nfreilich niemand können. Aber das ist ein Segen\nmeiner Unvollkommenheit. Ich bewahre dadurch\nmeine vielgeliebten Leser vor schrecklichen Ge-\nsichtern.\" Der Mann, A S heißt er, ist wirklich,\nehrlich. Er hat in allem Recht. Mit dem Verstand,\nmit der Feder, mit der Wortlimonade, mit dem\nABCschützen.\nUnd gewissenhaft schließt er seinen Kunstbe-\nricht mit der Moral von der Geschichte. Er be-\nspricht das Buch nicht etwa, wie er sagt, um sein\nUnverständnis an den Pranger zu stellen. „Sondern\num einmal in eine'der tiefen Ritzen hineinzuleuch-\nten, die im Boden unserers Kunstlebens klaffen,\"\nSeines Kunstlebens wäre redlicher gesagt.\n„Aber die Sucht nach Originalität, das Verhäng-\nnis volle Mißverständnis, als sei Kunst ein Gegenpol\nvon Natürlichkeit, Klarheit und gefälliger Schönheit,\nläßt die armen Gemüter (ob kranken Sinnes oder\nmit der spekulativen Absicht auf Bluff ist ohne\nweiteres nicht zu entscheiden) sich zu dem Irrsinn\nverleiten, das Unkorrekte und Impressionistische\ngenialer Skizzierung, was sie bei großen Künst-\nlern fanden, gewaltsam und systematisch zu einer\nneuartigen Kunst auszubauen.\" Wie können Albert\nEhrenstein und Oskar- Kokoschka nur auf so ver-\nhängnisvolle Mißverständnisse kommen. Vielleicht\nversuchen sie es doch einmal mit dem Rezept des\nLebensmüden A S: Mit Natürlichkeit, Klarheit und\ngefälliger Schönheit. Nun weiß man doch wenig-\nstens, wie man es den Münchener Neuesten Nach-?\nrichten Recht machen kann. Heiter ist die Kunst,\nSonst tritt der Ernst des Lebens an den Redakteur\nheran.\nTrust\n\nDie Rettung\nVon Oskar Baum\n• So ging ich und ging voll unfreundlicher Ge-\ndanken und ohne Ziel, kam wieder in die beleb-\nteren Gassen, sah mit Neid einen Haufen erhitzter,\nlachender und sehr gesprächiger Leute aus dem\nTheater strömen und auf einen großen Platz in\nGrüppchen sich teilen. Ich glaube, es war ein Haß,\nden ich gegen diese heimkehrenden Paare und\nkleinen Gesellschaften zusammengehöriger Men-\nschen empfand.\nAn einer Straßenecke hielt ein Wachmann ein\nMädchen an. Ich stand nicht zu weit davon und sah,\nwie das Mädchen sich aufgeregt wehrte, und wie\ner sie doch mit sich führte. Ihre schäbige Eleganz\ntat mir leid. Aber mich faßte ein Schrecken, als\nder Mann mit dem Mädchen die Straße herab auf\nmich zukam. Rasch wich ich in eine Seitengasse\nund zitterte wie eine Verbrecherin. Von wem\nwürde ich nun recht bald erfahren, wie man zum\nFluß kommt?\nWas für ein schwaches Nachtleben in dieser\nStadt war! Die Schritte der vereinzelten Bumm-\nler hallten weithin durch die ausgestorbenen Gas-\nsen. Die Straßenbahn stellte den Verkehr ein, und\nes war noch gar nicht Mitternacht. „Können Sie\nmir sagen, wo da die nächste Brücke ist?\" fragte\nich mit kameradschaftlicher Unbescheidenheit im\nTon zwei ältliche Kokotten, die sehr nobel an mir\nvorbeirauschten .\n„Wie?\" Sie sahen mich «n. Die eine war be-\nsonders häßlich, aber nur im Gesicht. Die Ueppigkeit\nder Gestalt hatte bei beiden Kraft und Form. „Ich\nhabe drüben zu tun,\" warf ich ohne Zögern hin,\n„und ich finde hier in der Stadt noch nicht gut.\"\n„Sie sind bestellt?\" fragte die eine etwas\nkleinere und musterte mich mit schlecht verhohle-\nnem Spott, indem sie ihre Freundin in die Seite\nstieß.\n„Ja,\" sagte ich unschuldig.\n„Wir werden sie ein Stückchen führen,\" ver-\nsicherte die andere, „aber Sie müssen uns sagen,\nwohin Sie wollen, die Brücken sind weit ausein-\nander; da ist es nicht egal, wie man geht.\" Ich\ngab mit vieler Sicherheit eine umständliche Orts-\nbeschreibung, die so ziemlich auf alle Gegenden\nder Welt gepaßt hätte.\n„Ah, ich weiß schon,\" nickte die eine und nannte\nder andern einen Gassennamen. Wir gingen. Ich\nmerkte bald, daß sie mich einen Umweg führten\nund dabei vorsichtig aus mir herauszuziehen such-\nten, durch welche Vermittlung ich hierher gekom-\nmen und hier so rasch bekannt geworden sei, und\nwas das für ein Trick wäre, sich so teuer und doch\nbeinahe wie verheiratet zu kleiden. Ich tat sehr\noffenherzig, nannte Namen, Beträge, verriet Ab-\nmachungen und hörte von ihren Schulden und mage-\nren Einkünften und ihrer geizigen Quartiersfrau.\nAm Eck einer langen, eleganten Straße, die, wie sie\nsagten, zum Quai führte, behauptete ich, schon Be-\nscheid zu wissen und bedankte mich. Sie ließen\nmich aber nicht los; sie wollten noch durchaus\nwissen, was für Schminke ich gebrauche und was"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "717", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.3", "texte": "für Teintpflege überhaupt! Es sehe so natürlich\naus. Ich lachte, suchte Ausflüchte, es half nichts.\nIch mußte den Namen eines Mittels erfinden, dann\ndurfte ich gehen.\nIch kam mir unendlich dumm und kindisch vor,\nals ich nun ruhig und gelassen die Brücke suchte,\nohne meine doch nicht so ganz selbstverständliche\nAbsicht weiter zu überlegen. Man hat zweifellos\nübertriebene Vorstellungen von der Schwere sol-\ncher Entschlüsse. Ist es nicht eine bedeutungs-\nvollere und aufregendere Entscheidung, wenn man\nheiratet, auswandert oder einen Beruf wählen soll?\n0, natürlich! Denn das einzige von allem, das\nkeine Folgen haben kann, ist der Tod. — Und doch\nkam ich mir doch ganz lächerlich kindisch und ver-\nrückt vor, als ich so gemütlich die Straße zum Quai\nhinabschritt und mich noch überall neugierig um-\nsah. Hatte ich Grund sterben zu wollen? Nein!\nnicht den mindesten! Ich hatte ja Lust zu leben.\nZu jeder Kleinigkeit von Vergnügen, die ich mir\nvorzustellen versuchte, fühlte ich mich aufgelegt.\nUnd Sorgen würde ich auch mitnehmen; warum\nnicht? ich wurde nie so leicht kleinmütig! Also\nwirklich und wahrhaftig nur, weil mein Portemon-\nnaie leer war? einzig nur aus diesem einen schä-\nbigen Grund?\nIch begegnete hier noch weniger Leuten als\ndroben in den Hauptstraßen Ich begann die Ver-\nschiedenheit der Blicke zu studieren, die mich\ntrafen: spöttische, begehrliche, müde, freche. Einer\nmachte sich den Scherz, direkt auf mich zuzu-\nsteuern, aber dann knapp an mir vorbeizugehen. Er\nglaubte, ich würde seine lässige Haltung zu einem\nAnsprechen benützen. Als ich jedoch erschrocken\nzur Seite wich und rasch davonging, schüttelte er\nsehr verblüfft den Kopf und sah mir nach. Ein\nlanger, knochiger Mensch mit bartlosem sehr be-\nweglichem Schauspielergesicht mußte zugesehen\nhaben oder sonst irgendwie auf mich aufmerksam\ngeworden sein. Er sah mich durchdringend an,\nals ich vorbeikam, und folgte mir. Ich unterhielt\nmich damit, alle Leute auf der Gasse abzuschätzen\nund gesellschaftlich einzuordnen. Gewohnheits-\nbummler, Strohwitwer, Studenten, die es ernst\nnahmen mit dem Flanieren, und ein Arzt in großer\nEile. Dieser hier war ein Journalist, der von seiner\nNachtarbeit in der Redaktion nach Hause ging. Ich\nbog eilig um eine Ecke und wieder um eine. Nein,\nwie dumm ich war! Mir wurde furchtbar heiß vor\nAufregung; im ganzen Körper fühlte ich mein Blut\nklopfen. Gott sei dank, ich sah ihn nicht mehr.\nWenn er mich erreicht hätte — das fühlte ich —\nwäre ich mit ihm gegangen. Ich hatte es deutlich\nkommen sehen. Seine Mienen hatten so etwas ver-\nführerisch Läppisches.\nZaghaft suchte ich den Weg zum Quai zurück,\nich war so blindlings gelaufen, daß ich dieselben\nGassen nicht wieder fand. Aber an die Richtung\nzum Fluß hinab erinnerte ich mich, und nach einigem\nHer und Hin kam ich zu einem engen schmutzigen\nDurchgang zwischen wenigen alten Häusern, wo es\nsehr nach Fischen roch. Ein lückenhaftes, ausge-\nwaschenes Fahrstraßenpflaster ohne Bürgersteig\nstieg zum Quai hinan, wo der vornehme breite As-\nphalt im Licht der zahlreichen Laternen beschä-\nmend überraschte.\nWar es dieselbe Brücke, deren Lichterreihe\nein Stückchen weiter oben über dem Flußdunkel\nschwebte? Ach, gleichgültig!\nSchwer wurde es mir, im Schatten einer An-\nschlagssäule unbemerkt um einen Wachmann her-\numzukommen, der an der Ecke langsam und mür-\nrisch hin- und herging.\nDie ersten Schritte auf der schönen breiten\nBrücke tat ich mit einer gewissen Feierlichkeit, bei-\nnahe in gespannter Erwartung. Scharfer Wasser-\ngeruch wehte über das Qeländer herauf. Ich kam\nmir so geheimnisvoll und romanhaft vor, wenn ich\nan meiner eleganten Toilette hinabsah, und die\nweite Wasserfläche drunten im Wind unruhig\nplätscherte.\nIn der Mitte der Brücke etwa — nachher bildete\nich mir ein, es sei die Stelle gewesen, wo ich hatte\nHalt machen wollen — sah ich schon von ferne den\nSchatten einer schlanken Gestalt. Immer deutlicher\nunterschied ich die Haltung und Kleidung. Ein\nMädchen war es; in sich verloren hielt sie die\nBlicke auf dem blassen Laternenschein, der vor ihr\nin die Tiefe fiel. Starr, wie ohne Sinne, lehnte sie\nam Geländer, merkte nicht, daß jemand sich näherte\nund nun hinter ihr stand. Auf einmal ging ein Ruck\ndurch ihren Körper; die Arme auf die Brüstung ge-\nstemmt, schwang sie sich wie zum Sitzen auf das\nGeländer, hob dann die Arme und . . . „Halt,\nhalt!\" Ich griff in die gebauschten Röcke, umfaßte\ndie Hüften. Sie schrie auf und wandte den Kopf.\n„Aber wer wird denn schreien?\" lachte ich,\n„wovor fürchten Sie sich, wenn Sie ohnehin ster-\nben wollen?\" Ich fühlte mich so wohl, als wäre\nich einer Gefahr entronnen. Das Mädchen starrte\nmich an. Sie verstand nichts. Sie war noch zu tief\nin den Gedanken der letzten Augnblicke; sie konnte\nnicht so rasch zu sich zurück.\nSie hatte ein feines, blasses Gesicht und dunkle\nRinge unter den großen rehbraunen Augen. Sie trug\neinen sehr geputzten Hut, auch das Kleid war nach\nder Mode. In der Hand hielt sie ein Paar Glace-\nhandschuhe. Am Goldfinger glänzte ein Ring mit\neinem Stein von auffallendem Feuer. Sie seufzte\ntief auf und senkte den Kopf.\n„Nun?\" fragte ich leise und fühlte eine unend-\nliche Zärtlichkeit für das zitternde junge Geschöpf,\ndas jetzt die Hände vors Gesicht schlug und von\neinem heftigen Schluchzen geschüttelt wurde. Sie\nkonnte noch nicht sechzehn sein; ihre hochaufge-\nschossene Figur war zart gebaut, ihre kurzen runden\nHände waren Kinderhände. „Aber hören Sie doch\nauf!\" sagte ich sanft, „ wenn ich nicht gekommen\nwäre, hätten Sie Ursache zum Weinen gehabt,\" und\nversuchte ihr die Hände vom Gesicht zu ziehen.\n„Ach Gott, nein!\" schluchzte das Mädchen,\n„wohin soll ich denn jetzt? was Viru mit mir ge-\nschehen? Ach Gott, ach Gott!\" Mir wurde ein\nwenig ängstlich: sollte ich einen Unsinn begangen\nhaben? „Seien Sie doch ruhig,\" redete ich ihr zu,\n„wenn Sie absolut sterben wollen, wird sich ja dazu\nwieder Gelegenheit finden. Das braucht Sie nicht\naufzuregen.\" Sie sah mich hinter den Tränen ver-\nwundert an und lächelte sogar ein wenig. „Sehen\nSie, Sie müssen selber lachen,\" hielt ich ihr vor, als\nwenn sie es so gemeint hätte, „es ist auch eine\nwahnsinnige Dummheit, in Ihrem Alter über das\nLeben zu verfügen, als ob Sie überhaupt schon\nwüßten, was es ist.\"\n„0, bitte!\" richtete sich das Mädchen beleidigt\nauf, „ich weiß schon; schon sehr viel!\"\n„So?\" wunderte ich mich anerkennend, „aber\nwir müssen hier nicht stehen bleiben. Es zieht kühl\nund windig hier über dem Wasser.\"\n„la, aber wohin?\" schlug das Mädchen ver-\nzweifelt die Hände ineinander und ihr Gesicht\nzuckte in ratloser Angst.\n„Sie scheinen ähnlich dran zu sein wie ich,\"\nsagte ich tröstend, „das ist aber gar nicht so\nschlimm! Schauen Sie, Sie gehen jetzt ein\nStückchen mit mir und erzählen mir, was Ihnen\nalles zugestoßen ist, und wenn es Ihnen recht ist,\nsuchen wir uns zusammen ein Plätzchen, das uns\ngefällt und etwas, wovon wir leben können. Wenn\nSie wirklich ähnlich dran sein sollten wie ich, woran\nich denn doch ein wenig zweifle . Das Mäd-\nchen sah mich scheu an: „So ähnlich wie Sie?\"\n„Ich sehe nicht danach aus, glauben Sie? oder\n<\nscheint Ihnen der Zufall zu merkwürdig? Mir geht\nes genau so.\" Sie lächelte befangen und ihre Blicke\nwurden immer ängstlicher. Ich mußte hell auf-\nlachen. „Sie fürchten in Kupplerhände oder Gott\nweiß was noch Schlimmeres zu geraten? das ist\nköstlich. Schau ich denn schon so alt aus?\"\n„Aber nein, nein!\" Das Mädchen iwar ganz rot\ngeworden, „ich . . .\"\n„Sie sind entzückend,\" entfuhr es mir be-\ngeistert, und ich legte die Hände um ihren Hals,\n„kommen Sie mit mir! Sie haben Ihr Leben auf-\ngeben wollen. Denken Sie sich, Sie haben es aufge-\ngeben. Ich fühle mich rettungslos allein auf der\nWelt. Bleiben Sie bei mir, so lange es Ihnen ge-\nfällt. Jede angenehme Minute, die Sie genießen,\nist gefunden, ein Gewinn, nicht wahr?\" Ich bückte\nmich und sah ihr in die Augen, „Sie können in mir\neine Betrügerin fürchten. So etwas kann man nicht\nausreden. Aber Sie sollten es doch riskieren, wenn\nes Sie sonst nirgends hinlockt.\" Mit ihren feuchten\nAugen sah sie mich innig an. „Wie lieb Sie reden\nund wie gebildet,\" sagte sie leise, „aber ich bin nicht\nwert, daß man so viel Wesens mit mir macht. Sie\nkennen mich nicht. Sie werden mich sicher nicht\nmögen, wenn Sie mich kennen.\"\n„Möglich,\" sagte ich freundlich, „aber dann\nkönnen wir wieder weiter reden, und, wenn es sein\nmuß, immer noch auseinander gehen wie jetzt.\" Das\nMädchen faßte sich an die Schläfe: „Es geht mir\nalles durch den Kopf. Ich weiß gar nicht, was man\nmit mir redet!\"\n„Ich lasse Sie schon in Ruhe,\" sagte ich reuig,\n„denken Sie jetzt über gar nichts mehr nach. Wir\nwollen ruhig ein bischen spazieren gehen. Die Nacht\nist sehr schön. Oder wir können auch irgendwo\nin einem billigen Hotel schlafen, wenn Sie nicht zu\naufgeregt sind. Haben Sie Geld bei sich?\"\nDas Mädchen fuhr zusammen. Ich begriff so-\ngleich, wie unvorsichtig das von mir war. „Ich\nfrage nur, weil ich nämlich keins bei mir habe,\" er-\nklärte ich ganz nebenher, „aber es schadet nichts,\nwir können . . .\" Da mußte ich stehen bleiben und\nlaut herauslachen vor Verwunderung darüber, daß\nmir das heute den ganzen Abend noch nicht ein-\ngefallen war. „Wir können ja unsern Schmuck ver-\nsetzen und davon habe ich noch viel mehr wie Sie.\nNein, wie dumm ich bin! Und da hätte ich bald\nebenso energisch ersaufen können wie Sie, und eine\neinfache kleine Dummheit wäre daran schuld ge-\nwesen.\" Wir waren schon jenseits der Brücke. Ein\nansteigender Sandweg führte seitwärts in an-\nscheinend sehr ausgedehnte Parkanlagen. Das Mäd-\nchen war bei meinem plötzlichen Gelächter wieder\nerschrocken. Aber sie mußte doch das Zusammen-\nhängende in den Sonderbarkeiten gefühlt haben. Sie\nhing sich bald zutraulicher ein, fragte mich aus,\nwurde immer neugieriger und gesprächiger. Ihre\nkleine trübe Geschichte hatte wenig besonderes und\nerklärte nicht die Verlegenheit, mit der sie immer\nwieder und wieder stockte und von der Sache ab-\nwich. Das Schlimmste war nicht, erzählte sie, daß\nihr Vormund, bei dem sie nach dem Tode ihrer\nEltern ein paar Monate wohnte, sich nicht um sie\nkümmerte und seine Wirtschafterin, mit der er\nlebte, sie sehr knapp hielt. Sie wurde dieser Wirt-\nschafterin bald überhaupt zu viel, und der Vormund\nfuhr mit ihr in die Stadt und brachte sie hier i«\neinem Mädchenpensionat unter. Es war ein gutes,\nwohl ziemlich teures Pensionat. Sie machte eine\nPause, dachte nach und sprach dann von etwas an-\nderem, als sei ihre Erzählung zuende. Ich drang\nnicht in sie.\nDurch die kühle Stille plätscherte ganz nahe\nein Springbrunnen und verstärkte die Vorstellung\nvon gepflegten Beeten, die hier der starke Duft er-\nweckte. Ein wenig unheimlich hoben sich die\nhohen Bäume am Wege vom Dunkel ab.\nEs fiel mir auf, daß das Mädchen von Zeit zu\nZeit wie von einem Schauer durchrieselt mit dem\nKopf beutelte und das Gesicht verzog, aber sie\nsuchte sich immer gleich wieder zu beherrschen.\n„Hier könnte man ganz leicht ermordet werden,\"\nsagte ich, als wir immer weiter gingen und der Park\nkein Ende zu nehmen schien, „wir beiden haben\nzwar kein Recht uns davor zu fürchten, aber mir\nkommt vor, es wird immer kühler. Bis früh da her-\numzugehen wird wahrhaftig keine Annehmlichkeit\nsein und wer weiß, wann die Versatzämter am Mor-\ngen geöffnet werden.\" Das Mädchen nahm ihr\nPortemonnaie aus der Tasche: „Ich weiß nicht, ob"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "718", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.4", "texte": "ich genug für ein Nachtlager bei mir haoe. Ich\närgerte mich, so deutlich angespielt zu haben. „W vi\nkeinen Beruf hat, ist ein Bettler oder ein Lump,\"\nmurrte ich ingrimmig, während sie in dem Licht\neines schmalen Mondstreifens am Wegrand ihr Geld\nzählte, „darf denn der Mensch wirklich nichts an-\nderes als Luxusartikel oder Nutzgegenstand sein?\"\n„Acht, acht fünfzig — neun fünfzig —\" zählte\ndas Mädchen.\n„Aber das ist ein großes Vermögen,\" scherzte\nich, um nicht länger so dazustehen, als wartete ich\nauf ihr Geld, „so viel brauchen wir nicht.\"\nUnd wir suchten uns zur Brücke zurück. Ich\nhatte die Idee, daß in dem engen schmutzigen\nGäßchen, in dem es so nach Fischen roch, Schlaf-\nstellen für einen Pappenstiel zu haben sein müßten.\nIch erinnerte mich dunkel, so eine Art Gasthof mit\nBierausschank und Branntweindunst gesehen zu\nhaben. In ein ordentliches Hotel konnten wir um\ndiese Stunde in unserem Aufzug ohne Reisegepäck\nnicht gehen. Ich fand das Haus. Es war noch offen.\nIn der Wirtsstube drehte man gerade die Lichter\naus. Das Mädchen wurde immer ängstlicher, als\nwir da waren und wollte nicht mit hinein, um keinen\nPreis! Dabei war es nicht die Furcht vor der Sorte\nvon Leuten, die hier zu verkehren schienen, und\nauch kein Ekel; sie gab es zu. Ich wurde ungeduldig:\n„Also was sonst?\" Sie begann zu weinen. Ich\nnahm sie um den Hals, aber sie entwand sich und\nweinte nur stärker. „Ich muß es Ihnen sagen,\nschluchzte sie, „einmal muß es doch sein. 1ch...\"\nEs blieb mir nichts übrig, als sie nicht durch Unter-\nbrechungen zu stören. „Ich bin nämlich von zu-\nhause — aus dem Pensionat meine ich —, davon-\ngelaufen, weil .... ich weiß nicht wie ich dazu\nkam, — ob von einem Dienstmädchen oder einer\nMitschülerin angesteckt, . . \" Sie schüttelte sich\nwie vor Kälte, „ich habe Läuse!\"\n„Was?\" lachte ich, „machen Sie keine Witze!\"\n„Nicht, weil die Mädchen mich auslachten, im\nBogen um mich herumgingen und hinter meinem\nRücken tuschelten, nur weil ich mich so vor mir\nekelte und nicht schlafen konnte bei Tag und Nacht,\nwar ich so verzweifelt und wollte allem ein Ende\nmachen. Dabei wusch und kämmte ich mich im-\nmerfort, überwand die Angst und den Abscheu, so\nschwer es mir fiel, und alles, alles umsonst! Lassen\nSie mich wieder gehen, sonst stecken Sie sich am\nEnde für alle Ihre Freundlichkeit noch an!\"\nZitternd und in sich gebückt, daß sie viel kleiner\naussah, drückte sie sich die Mauer entlang an mir\nvorbei und wollte fort. Ich faßte sie grob am Arm:\n„Seien Sie nicht gleich so dumm! iMorgen früh ist\nvon dem ganzen Unglück nichts übrig. Ich weiß\neine schwarze Salbe, die bei uns zuhause eine reiche\nDame immer den Kindern russischer Flüchtlinge\nkaufte, für die sie ein kleines Heim errichtet hatte.\nSie werden diese Nacht kaum schlafen, weil das\nZeug schauderhaft brennt, aber dafür sind Sie es\nein für allemal los.\" Während ich auf sie einsprach,\nzog ich sie energisch mit mir ins Haus. Eine be-\nhäbige Frau, sehr dick und sehr rot, kam mit einer\nkleinen Laterne die Stufen herab auf uns zu, als\nwir zwischen den Türen umhergingen, die in beun-\nruhigender Zahl nahe beieinander zu beiden Seiten\ndie Wände des langen gassenartigen Hanseingangs\nunterbrachen. Es war früher einmal ein Durchhaus\ngewesen, wie ich nachträglich erfuhr.\nNach einigen Unterhandlungen mußten wir der\nFrau, die uns sehr mißtrauisch fixierte, das Zimmer\nim Voraus für die Nacht bezahlen, ehe sie sich an-\nschickte, uns heraufzufiihren. Wir staunten sehr,\nim ganzen Haus. — wir mußten sehr hoch steigen, —\nso weit es sich beim Licht der Handlaterne unter-\nscheiden ließ, die peinlichste Ordnung und Sauber-\nkeit zu finden, wie in einem ersten Hotel. Auf den\nTreppen des ersten Stockwerkes lag ein Lauf-\nteppich. die Malerei des Stiegenhauses schien neu,\ndie Messingstangen des Geländers und die Tür-\nklinken glänzten durch das Dunkel.\nIm Zimmer oben sah ich mich erst gar nicht um.\nIch zündete die Kerze auf dem Tisch an; das Mäd-\nchen versprach sich schlafen zu legen und ich ging\nder Wirtin nach, die mit einem sehr undeutlichen\n„Oute Nacht\" vor der Türe umgekehrt war. Ich\nfragte sie, wo die nächste Apotheke wäre. Vor\nAerger und Verwunderung über meine sonderbare\nEile, die ihr wahrscheinlich zu unserem gesunden\nAussehen nicht passen wollte, brummte sie, indem\nsie mich nochmals beunruhigt musterte, sie wisse\nes nicht. Und ich sah ihr an, daß sie es wußte. Ich\nzeigte ihr ein wenig meine Verachtung und ging.\nEs war schwerer eine Apotheke, als eine\nBrücke zu suchen, aber ich konnte diesmal einen\nWachmann fragen. Ich war denn auch bald da.\nDer verschlafene Magister sah mich hinter seinen\nzusammengekniffenen Augenlidern sehr komisch an,\nweil ich wegen einer solchen Salbe die Nachtklingel\nzog. „iVLan sollte die Nachttaxe erhöhen!\" knurrte\ner, und ich beeilte mich, aus dem Laden zu kommen.\nDraußen erwartete mich ein Schrecken. Der lange\nknochige Mensch von vorhin stand da und zupfte\nmich an der Bluse, als ich ihn nicht bemerken wollte\nund große Schritte machte. Er mußte mich hinein-\ngehen gesehen haben\n„Nun ich dächte, ich hätte Dich lang genug ge-\nsucht!\" rief er vorwurfsvoll, „wohin hast Du es\nso eilig?\"\n„Aber schauen Sie, daß Sie v/eiter kommen!\nschnaufte ich, atemlos vor Eile. Aber er lachte\nnur und hielt mühelos Schritt mit mir.\n„Ich muß doch herausbekommen, was für ein\nIndividuum Sie sind; da hilft Ihnen nichts. Sie in-\nteressieren mich.\" Als ich sah, aaß das Lauten\nkeinen Sinn hatte, antwortete ich ihm nicht und ließ\nihn auf mich einreden. Der Gasthof war ja nicht\nweit; aber er schien sehr befriedigt, als ich vor dem\nHause hielt. Ich mußte schellen; das Tor war\nschon geschlossen: „Ich dachte mir gleich, daß Du\nhierher gehörst; drum blieb ich in der Gegend,\nsagte er, „aber lange kannst Du noch nicht hier woh-\nnen. Ich bin sehr oft da und hab Dich noch nie ge-\nsehen.\" Mir kam eine Idee: „Ich habe das Zimmei\nNr. 43. Besuchen Sie mich morgen Vormittag.\" Ich\nlächelte höflich, wie sichs gehört, „ich habe eine\nreizende Nichte bei mir; Sie werden sich glänzend\nunterhalten.\" Er sah mich mit einem furchtbar\ndummen Gesicht an. „Aber das „Du müssen Sic\nsich natürlich abgewöhnen! Ich werde Ihnen über-\nhaupt morgen alles erklären.\"\nMit einem energischen Geräusch drehte sich der\nSchlüssel im Torschloß. Die dicke Wirtin mit dei\nHandlaterne erschien, grüßte den jungen Mann mit\nbreitem Lächeln und war auch gegen mich nun\nfreundlicher. „Also, also!\" rief sie ungeduldig, als\nich mit sehr förmlichen Kopfnicken ins Haus eilte\nund der lange Mensch auf der Straße blieb.\n„Nächstens wieder, Frau Strimpll!\" hörte ich\nihn tröstend zu ihr sagen, als ich schon vorsichtig\nlängs des Geländers die Treppe emporklomm, die\ndurch die lichte Malerei der Wände ein wenig erhellt\nwar. Langsam kam die Wirtin hinter mir drein, ent-\ntäuscht, weil ihr die einfache Erklärung für meine\nExistenz und mein Benehmen plötzlich wieder aus\nden Händen gerutscht war.\nAus einem unveröffentlichten Roman\n\nBriefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Sehüler\nLiebe Jungens, warum fragt Ihr mich nie an,\nwas ich mit dem geheimnisvollen: Schweigt mir\nvon Rom gemeint hab? Ich wollte mir nämlich\neinen Wahrsagesalon eröffnen, „Schweigt mir von\nRom\" — aber da Ihr beide stillschweigend darüber\nhinweggegangen seid, Wie sollen da die Fremden\nhereinfallen. Ich gehe nun lieber hausieren.\nDenk mal an, Herwarth, eben kommt unsere\nGrete und kündigt mir; muß ich nun aus dem Haus\noder sie? Sie hat heimlich über Leipzig den Sturm\nabonniert und bezieht den Spaziergang mit mir\ndurch die Friedrichsruherpeterbaumstraße auf sich.\nIhr Ehrgefühl ist angegriffen; sie fühlt sich verletzt,\nund ich muß mir nun meine Wohnung wieder selbst\nreinigen oder nicht reinigen, ich bin zu Staub ge-\nworden zwischen Staub. Ihr Willy würde sie nun\nnicht heiraten, was meinst Du, wenn ich ihr ver-\nspreche, ihre Hochzeit bei uns zu feiern?\nPeter Baum sieht schlecht aus, er sehnt sich\nnach Elberfeld, selbst an seine Amme denkt er noch\nmit großer Anhänglichkeit. Er trägt sie an seiner\nUhrkette in einem Herzenveloppe. Sie hat seine\nVorfahren schon gesäuget und stammet aus Rem-\nscheid. Sie war es ja, die ihn eigentlich auf die\nVerse gebracht hat. Nicht?\nLiebe Reisende, ich habe mir in Hieroglyphen-\nSchrift ein für allemal eine Antwort drucken lassen\nauf die vielen Briefe, die ich empfange, auf jeden\nBrief ohne Ausnahme von wem er kommen mag.\n„Krabbeln Sie mir den Buckel herauf!\" Was werden\nRichard Weiß in Wien und Paul Leppin in Prag,\nbeide, die ich so gerne habe, zu der Unhöüichkeit\nsagen! So eine Unhöflichkeit kann direkt eine\nZwangsidee werden, sie wird dann plastisch ein\nFeind, der Feinde bereitet. Wenn mir nun in die-\nsen Tagen die Venus von Siam einen Brief schreibt\nund ich ihr die Antwort in Hieroglyphen übersende.\nOder Ramsenith? Wißt Ihr wer Ramsenith ist —\nin München wohnt er seit dem Testament und trägt\neine Pyramide auf dem Kopf und ist schön, seine\nAugen reichen bis in den Himmel. Er ist der einzige\nMensch, der historisch nachweisen kann: Ich bin\nJussuf der Egypter, denn ich lebte an seinem Hof.\nLieber Herwarth. Mein Herz ist sehr krank\noder fühlt es übergroß? Wenn es übergeht, glaubt\nman ja immer so kleinlich, man ist krank. Das hat\nman noch so von den Aerzten überliefert.\nHerwarth, gestern abend war mein Herz\ngranatrot, ich konnte die Farbe im Munde\nvernehmen, kosten. Mein Herz war das\nAbendrot und ging unter. Draußen kann es in der\ntrüben Winterstimmung nicht mehr geschehn; ich\nstarb am Abendrot. Kannst du das fassen, konnte je\nein Mensch fassen,wenn ich von den Sternen sprach,\nwie von meinen Brüdern, den Mond geleitete durch\ndie Wolken, er ein lustiger, alter Herr ist und heim-\nlich goldenen Wein trinkt, Berncastle Doktor, edele\nAuslese? 0, ich scherze nicht, ich will Dich und\nEuch nicht amüsieren, aber mich immer retten mit\nTyll Eulenspiegel Spielen. Ich wäre Clown gewor-\nden, Herwarth, wenn ich Dich nicht dadurch be-\nleidigt hätte.\nInternationale Postkarte\nLieber Herwarth, ich bin sehr traurig, ich höre\nden ganzen Tag weinen in der Stadt. — Wie ich\nmich umdrehte, war ich es. Ich weine, Herwarth,\nweil mir jemand böse ist.\n9\nGute Kinder, ich bin tief ergriffen, meine Seele\nhat sich aufgelöst, es fließt an ihr herunter, Smaragd,\nund Rubin und Saphir, auch Mondstein wie bunte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "719", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.5", "texte": "Quellen. Und ich sage immer zwei Worte, die\nmeines versengten, „ungeschriebenen\"\nLiebesbriefs, der an Sascha adressiert war nach\nSankt Petersburg Zitadelle: Himmlischer Königs-\nsohn\nIch habe nun kein Geheimnis mehr, mein Herz\nkann keines bewahren, es steht im Amt der Welt.\nMeere kommen und spülen seine Heimlichkeiten\nans Land, es erwacht mit dem Morgengrauen und\nstirbt am Sonnenuntergang. Aber immer ist meirt\nHerz von Seide, ich kann es zuschließen, wie ein\nEtui. Weißt du ein Geheimnis oder frag Kurtchen,\ndas meiner Diskretion wert wäre?\n\nGedichte\nVon Paul Zech\n\nGegen Morgen\nDie niederen Häuser längs des Kanals\nschwimmen wie schwarze Särge daher.\nSchlanker Turm äugt über das Brückenwehr\nund reckt den Giraffenhals\nVom Damm kriecht gelblicher Nebel zu 1 al\nund wogt und wühlt wie ein Meer,\nschroff und novemberleer\nwandert der Bäume endlose Zahl.\nDurch die Straßen, fröstelnd und abgedacht,\nschrill schon eines Dampfhorns Gebell\nund der Wind erwacht\nund schwätzt sich von Haus zu Haus . . .\nDie Fenster sind alle hell\nund horchen hinaus.\n\nDie Hingesunkenen\nDa nun ein breiter Silberstrom von Sternen\nberuhigend sich in die Nacht ergießt\nund der vermummte Wächter der Kavernen\ndie schweren Gittertore fest verschließt:\ngehn die Geräusche wie ein Wind im Fernen\nund alle Räder stehn wie aufgespießt;\nkaum daß noch aus den unterirdischen Zisternen\ndas Wasser sprudelnd in die Becken schießt.\nNachtnebel löscht die bunte Lampenlüge;\nverdrossen stehn die dunklen Straßenzüge\nund gähnen wie ein aufgerissner Schlund.\nUnd all die Süßgeschwächten in den Betten\neratmen schon ein Traumgefühl und ketten\ndes Blutes Unruh von geliebtem Mund.\n\nWinterliches Heidedorf\nUeberm reifbesternten Fahrweg schleifen\narme Kinder dürres Fichtenholz.\nWo ein Sonnenblitz das Eis zerschmolz,\ngähnen schwarzgefleckte Oräserstreifen.\nKleine Gärten frieren grauverlassen\nund der Wind umkreist das dunkle Dorf;\nschwerer Rauch von Kien und Bröckeltorf\nschwelt in breiten Wolken durch die Qassen.\nIrre Wandrer mit schneeweißen Haaren\nstrecken sich auf wurmzerstochnem Stroh . .\nAlle Raben krächzen beutefroh:\nGlocke, laß dein dumpfes Läutwerk fahren.\n\nTheater und Varieté\nDie neue Oper\nAm Zoologischen Garten hat man ein neues\nTheater eröffnet. Trotzdem es den Architekten\nAdolf Lo o s gibt, der etwas ganz Neues ge-\nschaffen hätte, wurde wieder eine der üblichen\nFirmen mit dem Bau „betraut\". Wie die Zeitungen\nberichten, genügt das Haus den strengsten Vor-\nschriften der Bau- und Feuerpolizei. Ihnen dürfte\nes aber auch allein genügen. So etwas von Ver-\nstiegenheit der Treppen und Verschrobenheit des\nGrundrisses ist in Berlin noch nicht dagewesen.\nRiesige Portale und große Kuppelfenster führen auf\nKorridore von berliner Hinterwohnungen. Die Bau-\nmeister haben offenbar vergessen, zwischen der\nFassade und dem notwendigen „Zubehör\" das Haus\neinzufügen. Irrt man über die Treppen, so gelangt\nman vielleicht auch in den Theaterraum. Er ist auf\nFreundlichkeit gestimmt, was man bekanntlich am\nbesten durch goldornamentierte Lyren erreicht.\nDurch sehr dünne Armlehnen an den Stühlen ist\nBequemlichkeit angedeutet. Der Vorhang zeigt ein\nunersehen schönes Bild. Denn nicht Apoll macht\nvor den Musen Musik, sondern ein verhältnismäßig\ngut angezogener junger Mann der besseren Ge-\nsellschaft spielt vor seinen Damen die Violine. Ich\nvermute, daß die Idee hierzu von der Firma Hugo\nBaruch u. Co. stammt, die auch die „kostümelle\"\nAusstattung lieferte. Auch das Wort „kostümel!\"\ndürfte eine Baruchiade sein. Ich sah die Oper Phile-\nmon und Baucis von Charles Gounod. Sie ist von\neiner unerfreulichen langen Weile. Im ersten Akt\nländlich (man bläst die Oboe) mit schenkfreudigen\nGöttern. Im zweiten Akt bacchanalisch, die Musik\nmit einem Temperament in der Richtung zum Admi-\nralspalast. Im dritten Akt Liebe und Weltanschau-\nung, durch Phrasen und Koloraturen ausgedrückt.\nHerr Gounod ist wirklich ein sehr trauriger Epi-\ngone, dem man die ewige Ruhe gönnen soll. Nicht,\nweil er den Faust veropert hat, sondern weil er\nkeine Gestaltungskraft und keine musikalische Be-\ngabung besitzt. Die Kunst der Musik besteht doch\nwohl nicht darin, abgeleierte Formeln älterei\nMeister anders und gelegentlich auch nett zu in-\nstrumentieren. Der Text kann an Dürftigkeit des\nInhalts, die Uebersetzung an Clichereichtum nicht\neinmal durch Herrn Lothar unterboten werden.\nMan würde über die Angelegenheit an dieser\nStelle nicht zu schreiben brauchen, wenn nicht der\nDirektor des Theaters Maximilian Mor i s\nhieße. Moris war früher Regisseur der Komischen\nOper unter der Direktion von Hans Gregor. Nach\ndieser Aufführung in der Kurfürsten-Oper, so heißt\ndas neue Theater, gewinnt man die Ueberzeugung,\ndaß Berlin durch den Abgang Gregors nichts ver-\nloren hat. Moris ist der schöpferische Regisseur,\n\nDer träumerische Schaffner\nKurt Hilter\nUnd immer mal wieder das alte Lied. Der\nVölkischen Lied contre les Europ6ens. Man hielt\ndie These schon für abgeleiert: daß komplexe Zu-\nstände voraneilender Seelen sich nicht mittelst\nSchilderung primitiver Seelenzustände darstellen\nlassen; oder daß die Frage nach dem Sinn des\nSeins im Hirn eines gerechten Kammmachers an-\nders aussehe als im Hirn eines Hirnlichen; oder\ndaß, außer auf Scholle Misthaufen Gbirg, auch in\nMetropolen (in Metropolen voll wilderer Kreu-\nzungen der Kulturströme und mit nervöserer At-\nmosphäre) „Heimaten\" liegen —- von Menschen,\ndie ihre Qual und Lust, erhöht (geformt), in Dich-\ntungen wiederzufinden, den . Wunsch und das be-\nrechtigte Interesse haben . . . Abgeleiert, glaubte\nman ... Da naht Herr Jakob Schaffner, von\nBasel her, und richtet (nicht ohne zuvor an einem\nelsässischen Roman die „innige Strenge des Ge-\nfühls\" sowie die „Treue des Ausdrucks und des\nLokaltones\" gerühmt zu haben; wobei kraft der\nBemerkung, daß hier „seit den Tagen des Se-\nbastian Brant das erstemal ein Elsässer Dichter\nwieder in der deutschen Literatur auftritt\", Rene\nSchickele totgeschwiegen wird; dafür aber der\nversöhnende Satz fällt: „Das Kathrinel, das Wi-\nbele, eine Gestalt von ernsthafter Schwermut, ist\nzugleich von einer mannhaft lächelnden Erkenntnis\numwoben\") .... richtet, sage ich, der Schwyzer\nSchaffner an Robert Musil, ja gar an Heinrich\nMann, mild-giftig verwarnende Worte eines Groß-\nonkels. An ihrer Zerebralität nimmt er Aergernis.\n„Es geht nicht anders\", bedauert er, „entweder\nmuß man sich zu wissenschaftlichen oder man\nmuß sich zur künstlerischen Darstellung entschlie-\nßen\"; als ob jemand, der das Besondre neuer,\ngeistiger, städtischer, junger Menschenart: die\nSeelenseite des Problembeschnüffeins, den Gefühls-\nton der Reflexion, das Denken als Erlebnis, ge-\nstaltet (etwa wie Musil im „Törless\" das Kant-\nErlebnis), darum die Probleme lösen, die Denkin-\nhalte sachlich erledigen wollte; als ob ein Künstler\n„wissenschaftlich\" verführe, wenn er verzwicktere\nVorgänge (also die neueren, reizenderen, wichti-\ngeren) statt durch sentimentalen Schmuß durch\npräzise Analytik bewältigt. Aber allerdings: Herr\nSchaffner ist gegen das Verzwickte; für ihn gibt's\nverbotne Stoffe; er haßt das „Gedanken-Ge-\nspensterwesen\" und weigert sich, als „außenstehen-\nder Leser\" „Bescheid\" zu „wissen\". Er ist er-\nhaben über „zuviel Intellekt\", und seine „Mann-\nheit\" weist es von sich, „in die unmaßgebliche\nFrage der Sechzehnjährigen\" hinabzusteigen; das\nwäre (o dreckiger Hochmut!!!) „zu viel Ehre für\neine Episode\". Dennoch ruft er denen, deren\n„Bewußtheit immer das erste Symptom von Neu-\nrasthenie\" ist (man beachte die Rancune aller\nBehäbig-Mediokren: das Enorme als das Kranke\nauszuschrein, das Plus zum Minus zu fälschen!),\n„Werdet wie die Kindlein!\" zu. Er möchte, daß die\nFeineren sich auf sein Niveau zurückschrauben.\nWas ein durchtriebener Naivbock! Ihm „weiß\"\ndieser Heinrich Mann „zu viel\"; „weiß zu genau ;\ndaher sind ihm dessen Novellen zwar „achtbar ,\n„aber nicht erquicklich\" (— o altes Lied!). Weil\ner sich persönlich sehr anstrengen muß, um die\nHöhe der Mannischen Seelenlandschaft zu erklim-\nmen, wirft der Mann vor: „er forciert sich4\nihm so den eignen Talentdefekt unbedenklich in\nden Charakter schiebend. „Man sieht fortwäh-\nrend, wies gedreht ist\" — diesen schon stinken-\nden Gemeinplatz gegen verlogne Stiliseurs unter-\nsteht sich der Halbälpler gegen Heinrich Mann zu\nbenutzen. Dann aber rät er ihm, in freundlichei\nMahnung: er solle „jetzt einmal versuchen, unter\nseinen Palmen zu träumen\"; denn „das Glück ist\ngern bei den Träumern\"; „Boccaccios und (aha!)\nKellers Novellen sind erträumt, nicht errafft\".\nHört's! So träumerisch krähn die Enkelsöhne des\nberühmten Stadtschreibers von Zürich . . . Herr\nJakob Schaffner ist ein schwyzer Dichter; bei\nschöngeistigen Pastorenwitwen und jüngeren Jü-\ndischen Selbsthassern mächtig beliebt; der die Ge-\nschicke rnittelbegabter Handwerksherzen breiten\nGemütes und nicht ohne deutsch-ulkige Realien\nbesingt, sich als Nachfolger Homers und Goethes\nfühlend. Hier begeht er das, wofür der Verfasser\ndes „Willens zur Macht\" die unverwüstliche For-\nmel gegossen hat: er „nimmt die Partei der Idi-\noten und spricht einen Fluch gegen den Geist aus\"\n. . . Diese Keller-Assel ist eine von vielen; man\ndarf nicht einfach sie ruhig sich austräumen lassen.\nSooft der Intellekt die Simplizität verlacht, zeiht\nder Masochismus ihn eines Mangels an „Tiefe\";\naber die Simplizität darf alleweil die geniale\nGeistigkeit ungestraft abkanzeln. Daß eines Schaff-\nners Entgleisung noch kein Eisenbahnunglück be-\ndeutet, befreit die verantwortliche Verwaltung\nnicht von der Pflicht, den Träumer abzusetzen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "720", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.6", "texte": "dem die Komische Oper ihre künstlerischen Erfolge\nzu verdanken hatte. Ich halte Moris neben William\nWauer für die stärkste Regiebegabung an deutschen\nTheatern. Trotz der belanglosen Musik und den\nmäßigen Sängern ging von der Bühne etwas Künst-\nlerisches aus. Die Bewegung der Chöre, die Ge-\nbärden der Spieler bewiesen das Vorhandensein\neines großen künstlerischen Willens, der aus einem\nmusikalischen Gefühl heraus gestaltet. Die Mit-\nglieder der Oper werden von diesem Regisseur ge-\nformt werden. Und sollte Maximilian Moiis uicli-.\nwissen oder vergessen haben, was sich zu spielen\nlohnt, so soll er sich an mich wenden. Oder er soll\nlieber Kitsch zur Theaterkiunst durch seine große\nKraft wandeln, statt Langweile als Kunst vorzu-\ntäuschen, wenn auch der Komponist zu den echten\nBerühmtheiten gezählt wird.\nWintergarten\nDa die Reporter mit Waschzettelbosheit alle\nMitglieder aller Varietes loben, sollte man monat-\nlich die wirklich bedeutenden Künstler von den\nSternen scheiden, die nicht leuchten. Da sind zum\nBeispiel diese drei Exzentrics Alvaretta. Echte Va-\n-rieteleute. Kunst der Körperlichkeit. Einer von\nihnen kann den Mund nicht schließen. Das ist viel\nkomischer, als wenn ein Feuilletonist den Mund\nnicht halten kann vor lauter Kunstbegeisterung.\nDenn die Komik dieses Herrn Alvaretta ist Humor.\nMan gibt sich mit seinem Munde alle Mühe. Der\neine~ Genosse setzt sich ihm auf den Kopf, der an-\ndere schlägt ihm mit der Faust gegen den Unter-\nkiefer, der Mund geht nicht zu• Es ist nicht aus-\nzudenken, was sich die Genossen alles ausdenken,\num ihren Ordnungssinn zu befriedigen. Warum soll\nder Mann schließlich nicht den Mund offen halten?\nDie größten und tiefsten Assoziationen sind durch\ndieses Kinderspiel, das mit geradezu idiotischer\nKraft durchgespielt wird, versinnlicht. Es beweist\nweiter, was immer wieder gesagt werden muß, daß\nTragik und Humor auf demselben Boden wachsen.\nSehr komisch ist auch Herbert Lloyd. Seine Wir-\nkung erzielt er. durch das Verhundertfachen einer\nHandlung. Er bindet hundert Chemisettes ab, er\nwiederholt hundertfach dasselbe Wort, er macht\nhundert Mal dieselbe Bewegung. Es kann natürlich\nauch hundert und ein Mal gewesen sein. Der Sinn\nder Tatsachen wird sinnlos und dadurch das Sinn-\nlose der Tatsachen bewiesen. Freudig verzichtete\nich auf Spaniens Stolz. Ich bin gegen das Historische.\nPassagetheater\nE i n Erlebnis bietet das Passagetheater immer:\nCla i r e Wald o 112 f. Dieses kleine Mädchen\nsteht da auf der Bühne mit der Korrektheit einer\ndeutschen Jungfrau, ohne Bewegung, die Arme ge-\nsenkt, die Hände schlicht übereinander, mit einem\nunglaublich harmlosen Gesicht, nur die Augen rollen\nzuweilen entsetzt in die Ecke, und plärrt dazu auf\nberlinisch Zoten von sexueller Beschaulichkeit. Der\nganze Ausdruck, die Gestaltung des erotischen Ber-\nlinertums, liegt absolut im Tonfall. Das ist tatsäch-\nlich die Kunst des Rezitierens oder des Singens. So\nwie sie etwa das Wort Liebe oder das Wort Mai\nausspricht, wird die sinnfällige Vorstellung des\nWortes körperlich lebendig. Sie stellt Erlebnis-\nhaftes persönlich dar. Ihre Couplets sind selbstver-\nständlich literarisch und musikalisch ohne jeden\nWert. Aber die künstlerische Wirkung, die sie da-\nmit erzielt, ist wieder ein Beweis dafür, daß nicht\nnur das Theater, sondern auch die Vortragskunst\nnichts mit Literatur und Musik zu tun haben, daß\nvielmehr ihre Gesetze aus ihrer Sonderheit herge-\nleitet werden müssen.\nTrust\n\nKunst, Demokratie und\nPresse\nJ. A,\nWie es werden soll und wie es ist\nVom zwölften Januar an soll wieder mal ailes\nanders werden, sagen die Demokraten. Front ge-\ngen Rechts, den Zentrumsturm sprengen, Junker\nund Agrarier blutig aufs Haupt schlagen, der Reak-\ntion eine denkwürdige Niederlage bereiten, den\nschwarzblauen Block zertrümmern, die Fahnen der\nAufklärung flattern lassen und überhaupt der guten\nSache zum Siege zu verhelfen, ist jetzt die Pflicht\naller Mitbürger und Freunde Fritz Engels.\nDie freisinnige Partei hat ein Wahi-\nprogramm aufgestellt, das gut zwei Dutzend Punkte\nschwer ist. Einen hat man auch, in jovialer Weise,\nfür die Kunst gemacht. Es ist für sie eine durch\nk einerlei E n gherzigkeit gehe m m t e\nEntfaltung vorgesehn. Der Mitbürger will die\nKunst, die er sich so niedlich als Aschenbrödel vor-\nstellt, gegen die Bevormundung des Staates und\nder Dunkelmänner in Schutz nehmen. Die Notwen-\ndigkeit dieser Absicht bestätigt die gleichfalls anti-\nreaktionäre Morgenpost mit einer Notiz über die\nvierte Ausstellung der Neuen Sezession:\n„Es geht mit dem bestem Willen nicht, diese\nneueste Ausstellung ernst zu nehmen. Es ist der\nvierte Salon der Berliner Neuen Sezessionsvereini-\ngung, der an unglaublichen Zumutungen reichste,\nden man je hier gesehen hat. Es kann schlechter-\ndings nicht festgestellt werden, ob sich hinter der\nMalerei der Herren Pechstein, Klein, Richter u. a.\nein bisher sorgfältig verborgenes Talent aufhält.\nWenn man das Unglück hat, vom Eingang zur\nRechten gleich auf die Klecksereien von Schmidt-\nRotluff zu stoßen, oder zur Linken dem Münchener\nKandinsky in die Palette zu geraten, erübrigt sich\nalles weitere. Wenn sich der Most so absurd ge-\nbärdet, gibt's niemals Wein, sondern nur Magen-\nkrämpfe.\"\nEs geht mit dem besten Willen nicht, diese\nAusstellung ernst zu nehmen, behauptet ein Kunst-\nreferent, der keinen Spaß versteht. Er heißt viel-\nleicht Honig, Erwin Honig, schwärmt aber\nganz bestimmt für Baluscheks gewaltige Fort-\nschritte. Schmiert sich dem Bär der alten Sezes-\nsion selbst ins Maul. Es wird diesem Kunsthonig\nniemals eine Gehirnzelle über den Sauerteig der\nKunst aufgehn.\nWie es nicht anders sein kann.\nAber Rudolf Herzog, Otto Ernst, Gustav Falke,\nErnst v. Wolzogen und Fedor v. Zobeltitz sind\n„echte\" Künstler. Müssen solche sein, arbeiten\nsie doch für die Firma Ullstein u. Co., die jetzt ganz\nalte Literaturwerke für „unser e\" Jugend auf Neu\nherrichten läßt. Und:\n„Wieder ergreifen die ersten Dichter und\nSchriftsteller Deutschlands das Wort, diesmal aber\nsprechen sie zu unserer Jugend, erzählen ihr die wun-\ndervollen Geschichten, die seit Jahrhunderten der\nKinder Herzen höher schlagen lassen in Jubel und\nEntzücken und in schmerzlichen, mitleidsvollem\nTeilnehmen. Die herrlichen Schätze der Weltlite-\nratur, das unvergängliche Erbe großer, gewaltiger\nKulturepochen, werden hier unseren Söhnen und\nTöchtern von Künstlern geboten, die sich einzu-\nfühlen vermögen in das Herz unserer Jugend, denen\ndie Kraft eignet, zu entflammen und zu rühren, zu\nerheben und zu begeistern.\"\nHier vermögen sich fünf arme Seichtlinge ein-\nzuführen in das Herz unserer Jugend, es eignet\nihnen die Kraft, zu entflammen und zu rüh-\nren, zu erheben und zu begeistern, doch dort ver-\nmochten Künstler einem erwachsenen Kunstkriti-\nker nicht jenen Ernst einzuflößen, mit dem er sie\ngnädig hinnehmen wollte.\nJa, ernst ist Herr von Wolzogen, Fedor von\nZobeltitz, Rudolf Herzog, und nur heiter ist die\nNeue Sezession.\nUnd wie etwas in Wirklichkeit war\nDer Theaterarenalöwe Reinhardt hatte sein\nfettes Opfer, den König Oedipus, auch nach der\nHasenheide verschleppt. Man brüllte: „Auf viel-\nseitigen Wunsch\". In der „Neuen Welt\" sollte der\nolle Sophokles nochmals die fünftausend hinreißen,\nfür die man ein Theater errichten will. Und ein\nVertreter der Firma Ullstein u. Co. bedauerte, „daß\nder selige Sophokles das nicht mehr erlebt hat!\nSolange hatte sein „König Oedipus\" warten müs-\nsen, bis er sich mit Reinhardts und Hofmannthals\nHilfe ganz Europa erobern konnte. Was Wunder,\ndaß er, mit diesem Erfolge nicht zufrieden, seinen\nSiegeszug jetzt auch bis in die „Neue Welt\" aus-\ndehnte! Die hat er gestern in Rixdorf im Sturm\ngenommen, unter Leitung seines neuen Heroids\nJoseph Klein, und hat damit wieder Max Reinhardt\nrecht gegeben, der ja auch der alten Welt den\nRücken kehren will.\"\nAlso doch nicht auf vielseitigen Wunsch. Oedi-\npus war es selbst, der in der „Neuen Welt\" zur\nAufführung gelangen wollte. Wenn das nur keine\nVerleumdung ist. Doch es war „ganz wie im Zirkus\nBusch, wo sich die Haute Volee um die teuersten\nPlätze schlug. Nur etwas temperamentvoller ging\nes gestern zu.\"\nAlso es war nicht ganz so.\n„Mit wirklicher ehrlicher Begeisterung war\nman gekommen, man wollte sehen, man wollte\nsich freuen, und man wollte einen Eindruck haben}\nder über die Abschiedsstunde des nächsten Ge-\nsellschaftsabends hinausreichen soll.\"\nEs war doch etwas anders als im Zirkus.\n„Da gab es kein Frou-frou seidener Unterröcke,\nkeine modischen Parfüms, mit deren penetrantem\nGeruch man den Stallduft der Manege gesellschafts-\nfähiger machen wollte, keine Lorgnons, durch die\nman seine Bekannten zählte: da war ailes eitel Auf-\nmerksamkeit, ehrliche Freude art der Kunst und\neine Beifallsfreudigkeit, die gelegentlich sogar zu\nspontan zum Durchbruch kam.\"\nUnd es war überhaupt ganz und gar anders,\nNämlich so:\n„Der verkrachte Oedipus in der Hasenheide.\nSophokles hat in der „Neuen Welt\" keine Kasse ge-\nmacht. Der Besuch war so schwach, daß die zum\nFreitag angesetzte Wiederholung der „Oedipus\"-\nAufführung nicht stattfinden konnte.\"\nSchade, daß Sophokles auch das nicht eriebt\nhat. Aber am Kottbuser Damm, einem Weg, der\nnach der Hasenheide führt, verkauft dafür ein „fin-\ndiger\" Schuhwarenhändler Oedipus-Stiefel.\n\nBeachtenswerte\nBücher\nHENRI GHEON\nNos Directions / et Poesie { Notes sof -\nle drarae po6tique du classicisme / Sur le vexa\nHbre\nEdition de la Nouvelle Revue Fran9aise Marcel\nRiviere und Cie / Paris 8t rue Jacob\nELSE LASKER-SCHÜLER\nStyx / Gedichte\nDas Peter Hille-Buch\nDie Nächte Tinos von Bagdad\nVerlag Axel Juncker / Berlin-Wilmersdorf\nDie Wupper / Drama\nVerlag Oesterheld und Co / Berlin\nMeine Wunder / Gedichte\nDreililien-Verlag / Karlsrabe\nKARL KRAUS\nSprüche und Widersprüche / Aphorismen;\nDie chinesische Mauer / Essays\nHeine und die Folgen / Essay\nVerlag Albert Langen / Mönchen\nSittlichkeit und Kriminalität\n* Verlag Karl Rosner / Wien\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHTOWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "721", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.7", "texte": "Verlag Der Sturm Halensee / Verantwortlich für die Anzeigen: Edmund Häner\n\nVerlag Der Sturm\nDer Preis fiir den ersten Jahrgang der Wochenschrift\nDER STURM (Nummer 1-56) wird votn 15. De-\nzeraber ab auf\n' Zwanzig Hark =====\nerhoht und nur noch an bisherige oder neue Bezieher\ndes laufenden Jahrgangs direkt vom Verlag abgegeben.\nEs sind nur eine geringe Anzahl Exemplare vorhanden\nDie Holzschnitte wurden vom Originalstock gedruckt\n\nffPUT Ausstellungen, Salons\n« Kunsthandlungen etc. Jjsj\n\nCASPER'S Kunst-Salon\nEintritt 50 Pf. 19 Potsdamerstr. vis-a-vis Eichhornstr.\nWinter-Gemalde-Ausstellung Serie I\nKollektionen von\nP. Grulich\nLeo Rauth\nH. Herrmann\nP, Hey\nL. Kolitz\nE. Kux\nM. Liebermann\nJ. Bergmano\nM. Bieler\nJ. Block\nF. Charlet\nJ Ce'os\nV. Freuderaann\nW. Gallhof\nRene Reinicke\nWerke von:\nA. Muller, Cassel\nA. v. Spreckelsen\nM. Theciv\nC. L. Voss\nC. Walter u. a.\n\nGRAPHISCHES KABINETT|\nBuch- u. Kunsthandiung, Antiquariat, Verlag\n:: BERLIN Wl5, Kurfurstendamm 33 ::\n„ 0\nStandige Ausstellung\nmoderner Oraphik\nIm Eckhanse, gegeniiber der Se- gg\nzession, Eingang Grolmannstraße\nIllustriert. Katalog u. Prospekte gratis\nEINTRITT FREI\nAnkauf guter Graphik\nu. illustiierter Bucher\nP\n3\n\nPDIT7 nm DP BERLIN W35\nIK! I & AIULr W Oenthiner Sfrafje 42\nGegrundet im Jahre 1878 Fernsprecher Amt VI 752\nFabrik fur Gemalderahmen\nin alien historischen und neueren Stilarten\nKopien von Rahraen nach alten Meistern in Original-Goldtonungen\nSamUiehe Vergolderwaren Mobel n, Innen - Architekturen usw.\n/. Kunst-Einrahmungen\nReparaturen und Neuvergoldungen aller Gegenstandf, Auf-\narbeiten all. Art. Aniiken, Reinigen von Gemalden u. Stichen\n\nFRITZ MERKER\nA .. '■ Amt CTi. S39J\n\"PASSEPARTOUTFABRIK:: BUCH-\nBINDEREI :: :: ZEICHENMAPPEN\nAUFZIEHEN VON ZEICHNUNGEN :: MODERNE BUCHEINBANDE\n\nLi'\n%*fi\nck\n5w 2E33QEXX2SC2\nGeorg Anton Berlin SW\nFriedrichsfiraße 49a\nVielfach pr&raiiert Gegrundet 1876\n| Illustrierter Preis-Katalogtfranko 2P 'vil S\n| Peruckeni. Theater\nand Strasse sowie\ns&mtlicher flaarar-\nbeiten in /\ntreuer Ausfuhrung\n\nMeMnen\nliefert und verleiht\nMinuthb.H.\nBerlin 26, IV 4612\nOranienstraßG 6\n\nIff^L.hr,n,t.lten*KurnlH\nMai- und Zeichenschule\nStilleben — Landschaft — Portrat\nOtto Beyer im KurfQrstenHamm fj\nMan verlange Prospekte .ZT*\n\nHolzachnitzen, Modellieren, Zeichnen\nTSglich 9—l Uhr Einlritt jederzeit\nModellierea fur Architekten taglich von 5—7 oder 7—9 Uhr\nAbendakt taglich 7 9 Uhr Mark —,50\nAtelier Kurfurstendamm 243 parterre gegenuber dem Zoo\nBiidhauer Harders Berlin-Chariottenburg\n\nft/im MISIH-ihstitot\nLeiter: M. PECHSTEIN\nE.L.KIRCHNER\nWILMERSDORF\nDurlacher Strafie 14\nMODERNER ONTERRICHT\n:: IN MALEREI ::\nGRAPHIK, PLASTIK\nTEPPICH-, GLAS- U.\n: MET ALL-ARBEIT :\nMALEREI IN VERBINDUNR\nMIT ARCHITEKTUR\n\nHandelswissen- l?l»i fil ffl V* MfifjfiV t •\nschaftl. Kurse von rrieUr. mBiIUI Leipzig\nnnter Mitwirkung \\2 hervorragender Fachleute der Theorie und Praxis (staatlich\ngeprufte Lchrer, Akademiker oder auch Kaufleute in fuhrender Stellung). Orustdiiche\nEinfubrung In die verschiedenen Branchen des kaufmiinnischen Berufes, ratlonelles\nStudium der Handels- and verwandtcn Wissenschaften als Ersatz fur din mehr-\niahriges Hochschulstudium, Muster-Uebungs-Kontor.\nDas Studhim ist fur Anfanger (Damen und Herren) die fur Stenographic,\ndeutsche und fremdsprachliche Korrespondenz, Kasse-, Buchfuhrungs- und Bflanz-\nTechnik, Biiro-Praxis sich vorberciten wollen —\nsowohl fur junge Leute, die nur eine Volks-, Real- oder ahnliche Schule ab-\neolviert hal?en, wie fur\nHerren rnit besseren praktischen oder theoretischen Vorkenntnissen, Einjahng-\nFreiwillige, Abilurienten,\nfur Kaufleute reiferen Alters, die beretts praktisch titig waren und den\nForderungen der Gegenwart entsprechend ihre Fachkenntnisse erweitem oder\nvertiefen wollen oder\nriir Bankbearnte, Ingenieure, Chemiker, Braner, Juristen, Nationaldkonoraea,\nOffiziere, die fiir Verwaltung wirtschaftlicher Unternehmungen oder Verbande,\nAktien- oder ahnlicher Gesellschaften sich vorbereiten wollen. Dauer der Kurse\n6—12 Monate — je nach Vorbildung und Ziel.\nProspekte gratis durch die Direktion, johaanlsplatz 5\n\n—aF _Kleine\nmK\nAnzeigen\n\n— <2*—— . ■■■ ■ I-.——y\n1 11 1 ** O\nHerwarth Walden\nDAFNISLIFDER\nFfir Gesang u. Klavier / 52Seiten\nDREI MARK\nDurch alle Buch- u*d Musi-\nkalienhandlungen oder direkt\ndurch den Verlag DER STURM\nHalensee / Katharinenstrafie 5\n\n■B ■■\nAutoren\nwelchc ein belletristisches oder\nwissenscbaftliches Buch ge-\nschrieben haben und einen\nVerleger dafur suchen, der es\naach modernen drucktechni-\nschen Prinzipien ausstattet und\nruhrig vertreibt, helieben ihre\nAdressen (evt. Mannskript) ein-\nzusenden.\nHatisa-Verlag\nfar mode me Literatur\nund Zeitschriften\nW. 35 Plottwellstr. 6\n\nZwei Bucker, die jede\nFLAUBERT-BIBLtOTHEK\nbaben mufi:\nE. W. FISCHER\nETUDES SUR\nFLAUBERT INEDIT\nBrosch. 2M 50 geb. 4— M\nLuxusausgabe M 10 -\nFLAUBERT\nERINNERUNGEN EINES\nNARREN\nGeb. M4 — Luxusausg. M7 50\nVerlag Julius Zeitler Leipaig\nSeeburgstrafle 57\n\nVerlag\nmit eigener Druckerei übernimmt\nsorgfSltige Drucklegung von belle-\ntristischen Werkea und von Bro-\nschuren jeder Art, sowie Verlag\nund Vertrieb der hergestellten\nWerke mit individueller Propa-\nganda I Anfragen erbeten unter\nP R Expedition Der Sturm Halen-\nsee-Berlin / Ruckporto ist beizu-\nfugen.\n\njHSSMtIi\nNoch nie dagewe-\nsener Lach-Erfolg!\nDas Kind\ntier Firma\nmit Anton and D on at Herrn-\nfeld in den Hauptrollen\nVorher!\nSchmerziose\nBehandlung\nAnf. 8 Uhr Vorverk. 11—2 Uhr\n\nWintergarten\nZwolf\nneue Sterne\nGuerrero\nHerbert Lloyd\nand aodere\nhervorragender Kunstkr&fte\n\n9 VereiurarKunst\nAehtes Jahr\nFiinfter Abend\nMitte Januar\nabends 8 Uhr\nArchitektenhaus ::\nWilhelmstrasse 92/93\nELSE LfIJKER-\nJCHOLER\nVORLESUNG\naus eigenen Dich-\ntungen\nKarten M. 5, 3, 2, 1 bel\nA. Wertheim, Konzertkasse\nund bei Reuse und Pollack\n\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangloser\nFolge\nNummer 338\nsoeben erschienen\nPreis 30 Pfennig\nÜBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnhofen\nWerbeband der Fackel\n50 Pfennig"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "[722]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19111216-01.1.8", "texte": "Druck von Carl Haus* Berlin SO. 26 Mariannenpliite 23\n\\\n\nHAHN\nAlexanderplatz Landsbergerstr. 60-63\ngegrtindet 1825\nModeme Herrenbekleidung\nfertig unci nach Mai\nReklameangebot:\nDer elegante Ulster\naus englischen gemusterten Cheviots mit iffrmeiaufschlagen 32s0 m\naus den modernsten Flauschstoffen mit aufgesteppten Taschen 45®® M\n¥ornehmer zweireihiger Saceo-Hnzug, engiisch gemusterter Cheviot\n3250 45 M\nSchicke Passformen Beste Verarbeitung\nBea Berrea Stadenten nod Mitglrcd«ni von Kuiisfvereinigungea gegea Vorzeigtmg von LegHirnationskarten 5% Rabat!\n\nLes Hnr\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nverSffentlichte das franzo-\nsische Original der T age-\nfa uch e r Flauberts, deren\nUebertragung in Deutschland\nverboten wurde.\n\nM»l. mwiwl\n\nEdmund Meyer\nBucMncMer u. Rnfiquar\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamer Strasse 27 b\nFernsprecher Amt VI 5550\n\nBuelihandlDngaJntiqnariat\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamcr Strasse 118 c\njßfmtVl (ElMrcw)2B29\n\nAlbert Hoblinsfcy\nnr» Brucften-nilee 6\nx KOnsfleristtie\nx Innen-einrichtung\n\n<3\nA\nI !\n'.in i\nwrt\nCafe-\nY \"EPI\nant\nCharlottenbur^\nBlsm arctete-EcKeNe ue (jrolmarvstri\nTaglich Nachmittag- und Abendkonzert\nvon 4—7 Uhr von 8V2— 2 Uhr\nc '*§> Billardsale Spielsale Kegelbahnen\nBeste wiener und ungarische Kuche\nGutgepflegte Biere und Weine\n~ ANQENEHMER AUFENTHALT ::\nBesitzer J. KAUNITZ Cafetier\nNEU EROFFNET!"}]}