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Der verstorbene Minister\nvon Budde soll auch dagegen gewesen sein.\nWenigstens hat er einer Deputation der Vereini-\ngung Berliner Architekten erzählt, daß er sich in\neiner polizeiwidrigen Wohnung wohl befunden\nhabe. „Die Architekten verabschiedeten sich da-\n.mals hoffnungsfreudig von dem Minister, der aber\nbald nach der Audienz starb. Mit ihm wurden\nmanche Hoffnungen der Architekten begraben.\"\nDie Architekten hingegen blieben leben und bauen\nzwar meistens nicht polizeiwidrig, aber wieder-\nlicher, als es die Polizei erlauben sollte. Keine\nStadt der Welt ist mit so kitschigen Bauten ver-\nsaut worden, wie Berlin. Die Herren sind offen-\nbar alle auf ihre malerische Phantasie stolz, was\nsie so darunter verstehen. Im übrigen leben sie\nvon der Renaissance und von Bayern. Die beam-\nteten Architekten leisten das Uebelste. Ein Bau.,\nwie die neue Königliche Bibliothek des Herrn Ihne\nist eine Schmach für die Kunst und für Deutsch-\nland. Die zweite Schmach, oder vielmehr die\ntausendste, wird das neue Königliche Opernhaus\nwerden. Man hört zunächst, daß ein Baubureau\nerrichtet ist. Auch die bösesten Kitscher stehen\nbereits zur Wahl. Man muß sie runterreißen, ehe\nsie zu bauen beginnen. Für alles hat die Erde doch\nnicht Raum. Ist die Architektur eine Kunst, so\nwird sie wohl mit ein paar baupolizeiliche Vor-\nschriften fertig werden. Beschränkung hat noch\nkeinen Meister gehindert, aber in der Beschränkt-\nheit wünschen wir keinen Meister mehr zu sehen.\nDas Volk bei der Arbeit\nDas Volk der Gelehrten und Schriftsteller ist\nvon der Redaktion des Berliner Tageblatts bei der\nArbeit aufgesucht worden. Man ist allerseits ko-\nlossal beschäftigt. Die größten Werke stehen be-\nvor. Der Sturm wird täglich erscheinen müssen,\num alle die Bauten niederzureißen. Die Aeuße-\nrungen einiger Handwerker seinen hier wiederge-\ngeben:\nHerr Raoul Auernheimer: „Es gibt zweierlei\nDichter: Solche, die über ihre Arbeiten reden, und\nsolche, die blos arbeiten. Ich selbst, wenn ich\nmich überhaupt zu den Dichtern rechnen darf, was\nich nicht so bestimmt weiß wie die meisten meiner\nKollegen, möchte lieber zu der zweiten Kate-\ngorie gehören.\" Kollege Auernhe'imer kann die\nRechnung ohne den Dichter machen.\nHerr Hans Brennert: „Mit der einen Hand\nschreibe ich an einem heiteren Stück . . . aus der\nandern Hand rup i t mir der Komponist ... die\neinzelnen Blätter eines unter der Feile be-\nfindlichen Librettos.\" Also docli keine reine\nHandarbeit, da dem Künstler die Blätter unter der\nFeile weggerupft werden.\nHerr Beyerlein, nach dem Zapfenstreich: „Ich\nmeine einen Konflikt gefunden zu haben, der einen\ngewissen weiteren Ausblick gewährt, und zugleich\nstark genug ist, als Gerüst eines Dramas zu die-\nnen\". Der gewisse weitere Ausblick als Gerüst\nläßt tief blicken. Das sieht der Herr Beyerlein auch\nsieben Zeilen später schon ein: „Vielleicht stellt\nsich bald genug heraus, daß ich mich in ein schäbi-\nges Trug b i 1 d verrannt habe\". Welch\nGlück für ihn, daß das Trugbild keine Mauer war.\nHerr Georg Engel: „Ein neuer Roman liegt\neben abgeschlossen vor mir, an dessen letzte Um-\narbeitung und Ausgestaltung ich eben herantrete\".\nIStill, o stille.\nHerr Otto Erler: „Handelt es sich um einen\nStoff, der zur Inkarnierung persönlichen\nErlebens dient, oder den ich schon im Arbeiten für\nmich persönlich umgeschaffen habe, so kann ich,\nbevor ich mit der Arbeit fertig bin, zu Niemandem\ndarüber reden. Das erst e r eist momentan der\nFall Anders ist es mit einem Stoff, den ich erst\nmöglichst mit allen Wurzeln aus dieser Zeit her-\nausreißen will.\" Das „letztere\" ist momentan der\nFall: Herr Erler reißt einen Stoff nebst allen\nWurzeln aus seiner Thüringer Heimat heraus. Das\nersteste aber auqh. Darüber kann der Dichter\nnicht reden. Wahrscheinlich ist das Gebrauchs-\nmuster zur Inkarnierung von Stoffen noch nicht\nangemeldet. Bei der Konfektion kann man nicht\nvorsichtig genug sein.\nHerr Herbert Eulenberg, die Hoffnung:\n„In wenigen Wochen aber will ich nach Rom\ni eisen, um dort als Philosoph zu leben und mit\nEngeln Tetifeln um ein neues Stück zu\nrin g e n.\" Si tacuisses .. .\nHerr Karl Hauptmann: „So kann ich zum\nSchluß nur hoffen, daß über meine drei neuen\nDichtungen die Frühlingssonne die letz-\nten Lichter bringe.\"\nHerr Felix Hollaender: „Der Dichter soll wie\nder Landmann das Korn still wachsen lassen und\nfleißig beten, daß Gott es reifen lasse und vor Un-\nwetter schütze.\" Nur, daß vor mancher körnigen\nDichtung selbst ein Unwetter nicht schützt. Man\nsoll aber doch fleißig darum beten.\nHerr Eberhard König (?): „Zunächst — daß im\nkommenden Februar die Uraufführung meines mit\ndem Verbandspreise Deutscher Bühnenschriftsteller\nausgezeichneten mythologischen Schelmenspiels\nbevorsteht, ist doch wohl bekannt.\" Diesem Ver-\nbandsdichter werden trotz des Verbandspreises\nnoch Wunden geschlagen werden. Das ist doch\nwohl bekannt. Aber es gibt ein Mittel zum Selbst-\nschutz für ihn: „Im übrigen stecke ich in den Vor-\nstudien einer historischen Erzählung.\" Er möge sich\nnicht heraustrauen.\nHerr Jon Lehmann, Verlegerdichter: „ . . . er-\nwidere ich Ihnen ergebenst, daß ich seit länge-\nrer Zeit mich nicht mit einer literarischen Arbeit\nbeschäftigt habe.\" Der Herr muß sich irren, er\nhat sich noch nie damit beschäftigt.\nHerr Heinrich Lilienfein: „ . . . und liebäugle\nmit allerhand dramatischen Musenkindern: Ein\nHerrscher aus griechischer Frühzeit, ein Bauer aus\nmeiner scnwäbischen Heimat, die Gemahlin des\nletzten Stuart.\" Sie sind ziemlich ausgewachsen,\ndie Musenkinder. Aber wie das so ist, bei man-\nchem Dichter ist alles ausgewachsen.\nHerr Friedrich Werner von Gesteren: „Soweit\nnicht schon der Titel das Problem verrät (Die\nPficht zu schweigen), will ich doch angeben, daß\nsich der Gegenstand teilweise an die Hamlet-\ntragödie anlehnt, sie jedoch in zeitgemäßer\nFassung spiegelt und sich im modernen Gesell-\nschaftskreis abspielt.\" Da hätten wir nun endlich\nauch den zeitgemäßen Shakespeare.\nHerr Richard Voß: „Was ich an meinem\nSchreibtisch gerade tue und treibe soll ich sagen,\nNicht anderes, als was seit vierzig Jahren und län-\nger mein Handwerk ist.\"\nHerr Professor Dr. Wilhelm Ostwald: „Von\nallen diesen Unternehmungen darf ich sagen, daß\nsie die an sie gewendete Energie mit gutem, teil-\nweise sogar ausgezeichneten Güteverhältnis trans-\nformieren. Da das nach einer von mir vor Jahren\naufgestellten Theorie glückbringend sein soll, so\nhabe ich Gelegenheit, die Probe darauf zu machen.\nDie experimentellen Resultate, die ich an mir selbst\nbeobachte, bestätigen die Theorie glänzend.\"\nNachdem'der führende Professor seine Theorie an\nsich so glänzend bestätigt findet, sollte niemand\nmehr zögern, Ostwalds energetische Formel des\nGlücks anzuwenden. F2—W2 = (E+W) E—W.\nMan handle danach, und das Glück ist jemacht\nProfessor Erich Schmidt: „Dann werde ich so-\ngleich ein lang hinausgeschobenes Buch über\nUhland endlich abzustoßen suchen.\" Ein ver-\nstorbener Dichter, auch wenn er garnicht einmal so\ngut war, muß manchen Schubs und manchen Stoß\nvertragen können.\nSylvesterrausch\nDie Vossische Zeitung von Staats- un4 gelehr-\nte« Sachen modernisiert sich andauernd. Haupt-«\nsächlich durch Rundfragen. Nachdem sie sich erst\nWeihnachten von den Berühmtheiten Rat über die\nAbschaffung der Weihnachtszensur geholt hat,\nwandte sie sich zum Jahresschluß voller Sorge\nwieder an die Berühmtheiten, um das gesellschaft-\nliche Leben von Berlin zu heben. Die Berühmt-\nheiten, die gesellschaftlich hervorragenden Persön-\nlichkeiten sollten ihre Meinung äußern, „ob diese\nKlagen berechtigt sind, und „evtl.\" Vorschläge\nmachen, durch welche Neueinrichtungen das Ni-\nveau des gesellschaftlichen Lebens zu heben wäre.'4\nDie gesellschaftlich hervorragende Persönlichkeit,\nHerr Ludwig Fulda, äußert:\n„Wie dem abzuhelfen wäre? Keinesfalls durck\nkünstliche Mittel. Arn ehesten noch durch de«\nEntschluß, das Zusammensein, wie in andere«\nLändern, von der Hauptmahlzeit abzulösen und\nerst nach dieser beginnen zu lassen. Wenig-\nstens der wirtschaftliche Damm, den die Ab-\nfütterungspflicht jeder großzügigen Erweite-\nrung des notgedrungenen Rahmens entgegen-\nstemmt, würde dadurch in Wegfall kommen.\nDenn der schlimmste Feind einer höheren Ge-\nselligkeit ist die Gasterei.\"\nNichtessen ist jedenfalls ein künstliches Mit-\ntel Das aber die Abfütterwngspfiicht\nder großzügigen Erweiterung des notgedrungenea\nRahmens einen wirtschaftlichen Dam»\nentgegenstemmt, ist durchaus künstlerisches Mittel\ndes Herrn Fulda. Zu diesem Bild paßt der not-\ngedrungene Rahmen wie bestellt\nDer Literaturprofessor Herr Richard M* Meyer\nbehandelt das Problem mit Tiefe: „Sie frage®\nnach meiner Meinung über die Berliner Ge-\nselligkeit und ihre Reformbedürftigkeit. Was zu-\nnächst den letzten Punkt angeht, so bin ick\nder Meinung, alles, was ist, könne noch vernünf-\ntiger werden.\" Nur der Professor Meyer nicht.\nDenn seine Vernünftigkeit geht bereits bis an den\nletzten Punkt. Herr Meyer verkehrt seit fünfzig\nJahren viel und in verschiedenen Kreisen. „Ueber\nunser geselliges Leben glaube ich mir daher schoa\nein Urteil zutrauen zu können.\" Wenn er im Ver-\nkehr mit der Literatur sich nur auch soviel Zeit ge«\nlassen hätte. Im Uebrigen scheint Herrn Meyer\nder Qrund für den vielbeklagten Mangel das Fehlem\neiner einheitlichen Tischzeit zu sein. Während\nHerr Fulda überhaupt gegen das Essen ist. Auck\nfür schönen Tafelschmuck und geschickte Tisch-\nordnung ist Herr Meyer. Nur Mut. Die Sache\nwird sich schon machen lassen. „Ganz exclusiv\nist nur die Hofgesellschaft; die aber hat in der Ge-\nschichte der innerlich vornehmen Ge-\nselligkeit überall nur eine vorübergehende\nRolle gespielt.\" Jetzt spielen die Literaturmeyers\ndie Rolle der innerlich vornehmen Geselligkeit, und\nder Professor Meyer wird uns hoffentlich deren\nGeschichte schreiben, Herr Meyer ist durchaus in\nguter Hoffnung: „Als junger Privatdozent mußte\nich noch ohne Tischdame bleiben, während der\nHausherr zwei Damen führte, um sie vor einem\nranglosen Herrn zu schützen.\" Jetzt hat Herr\nMeyer einen Rang und leider auch eine Meinung\nund kann unter Umständen sogar zwei Damen zu\nTische führen. Im eigenen Heim mit Tafel-\nschmuck. „In den letzten Jahrzehnten hat der\nDeutsche große Fortschritte in der Kunst des\nSchreibens gemacht; er ist eben dabei, Lesen zu\nlernen, weshalb sollte er nicht auch noch lernen zu\nsprechen?\" Großzügige Pathetik. Aber es wäre\nbesser, wenn der deutsche Meyer erst einmal\nsprechen lernt, ehe er sich mit dem Lesen oder gar\nmit dem Schreiben abgibt. Hochachtungsvoll.\nHerr Anton von Werner hingegen resigniert:\n„Antwortlich Ihres Geehrten vom 18. d. M\nbedauere ich unendlich, auf diesem Gebiet der\nRouts, Diners und five o'clocks, sowie der\ngrößeren Geselligkeit überhaupt zu wenig be-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "749", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1852, "texte": "wandert zu sein, um mir irgend ein Urteil oder\neinen Vorschlag erlauben zu dürfen. Hoch-\nachtungsvoll A. v. Werner.\"\nAuch in der Malerei ist er nicht bewandert.\nAber da gibt sich ein Urteil oder ein Vorschlag viel\nschneller ab. Hingegen ist eine mir unbekannte\nDame, die aber dafür einen erlauchten Namen\nträgt, Frau Marta von Zobeltitz, der Meinung, daß\ndie Hypertrophie des Geistes die Geselligkeit störe,\nSie findet, daß „die meisten Menschen fortwährend\ngeistig Rad wie ein Pfau schlagen\". Man erfährt\nsogar, was Hypertrophie des Geistes bedeutet:\n„Heute protzt man mit literarischen, künstle-\nrischen, politischen Kenntnissen und Erlebnis-\nsen. Und ganz im Aufblühen ist der Sport-\nund Reiseprotz. Der Mann, der jeden Satz\nanfängt: „vorgestern sagte mir mein Freund\nWildenbruch\" hat sein Pendant in der Dame,\ndie früher in Paris gelebt und in dem Jüngling,\nder übermorgen ein Dauerrodeln von 12 Stun-\nden vorhat. Was verschlägt es, daß ersterer\nWildenbruch bloß einmal in einer Ausstellung\nzu sehen bekam.\"\nEs sollte mich sehr wundern, wenn „letztere\"\nnicht den Fedor von Zobeltitz besser kennt.\nDie Rundfrage brachte kein endgültiges Ergeb-\nnis. Die Persönlichkeiten und Berühmtheiten sind\nsich noch nicht einig, wie der vielbeklagte Mangel\nabzuschaffen sei. Das wäre auch schrecklich.\nDenn worüber sollen sich dann die Persönlichkeiten\näußern?\nPlatzhalter\nEs fährt sich so beschwerlich auf der Elektri-\nschen, sagt der Lokal-Anzeiger. „Auf so einem\nkümmerlichen Rudiment von Sitz kauert man, neben\nsich einen korpulenten Nachbar, gegenüber ein paar\nlangbeinige paketbeladene Jünglinge, und im Ge-\nirick einen unausgesetzt wackelnden mächtigen\nDamenhut, dessen Besitzerin offenbar ein Attentat\nauf ihren Hintermann beabsichtigt. So eingekeilt,\nkönnte selbst ein Marquis Posadas Leben\nnicht mehr schön finden.\" Angewandte\nKunst, vaschtehste!\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c004", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "749", "page_fin": "749", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.4", "titre_corps": "Vorwort : zu einem Roman", "titre_sommaire": "Vorwort : zu einem Roman", "signature_source": "Erich Unger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "749", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.3", "debut_caractere": 1854, "fin_caractere_exclue": 10056, "texte": "Vorwort\nzu einem Roman\nVon Erich Unger\nMerkwürdig zum Beispiel, daß manche Leute\nnur nach Vokalen handeln, daß es ihnen etwa un-\nmöglich ist, einem langgezogenen a irgend eines\nWortes Widerstand zu leisten. — Wenn man sol-\nchermaßen hinter aas Geschehen blickte, wie schon\neinige Juden angefangen haben (weil sie nämlich\nnur aus der Gier bestehen, über alle Standpunkte\noder Ruhepunkte des Geistes der Reihe nach hin-\nweg zu setzen) — wenn man so von allen, auch\nden entlegenen Seiten auf das Existierende spähen\nwürde, so würde Alles alsbald merkwürdig wer-\nden, — die ganze Außenwelt würde anders wer-\nden. Verwandlung. Der Alltag würde verschwin-\nden. Wenn man nach den wahren Ursachen grei-\nfen könnte, sagen wir mal, und feststellen, daß bei\nden entscheidenden Lebensentschlüssen, vor die\neiner gestellt wird, nicht seine (bestehende) Liebe\nzu Frau und Kind, sondern seine Liebe für grüne\nFarbe ausschlaggebend ist, — wenn man diese un-\nglaublichen Andersheiten des Geschehens trotz ihrem\nscheinbaren Wahnsinn erst anzusehen wagen\nwird, so würde die Welt ihr Gesicht vollends ver-\nändern. Es wäre immer und immer Außerordent-\nliches im Schwünge. Alles würde zu Inkarnatio-\nnen. Und man würde den Alltag erschlagen, die-\nsen blödsinnigen, so falsch selbstverständlichen\nAlltag, was die heiligste Pflicht der jetzt Le-\nbenden ist.\nDies denkend ging Franz Maura abends um\nzehn Uhr die Straße „In den Zelten\". Die Ge-\ndanken arteten in ein heftiges Bewußtsein dieser\nSachen aus.\nEr wollte einige von den Ladenmädchen\nsehen, die zur Abendzeit hier in der dunklen Park-\nstraße einhergingen und wollte eins anreden und\nanfassen.\nNach einer Weile sah er zwei, die sich sogleich\ntrennten — und der einen ging er nach. Sie schritt\nlangsam und dachte darüber, ob sie einen sehr\nschönen Hals und Nacken habe. Er verfolgte sie\neine Viertelstunde, ging dann quer durch den Park\nzu der großen Hauptatlee und wartete auf eine\nelektrische Bahn.\nWährend er sah, wie die beiden Lichter der\nBahn aus weiter Ferne durch den dunklen Wald-\nkorridor flogen, dachte er an die Zeit der Maschi-\nnen, die gegenwärtig dahinging, und davon kam\nihm in den Sinn, daß die Menschen zu wenig syn-\nthetisch dächten. Denn sie haben für alle Ereig-\nnisse, die in den Geist eindringen, bereits bestimmte\nEmpfindungsgebiete reserviert, wohin sie schon\nfast ohne Willkür die Geschehnisse hinlegen. So\nkommt während eines Jahrhunderts nichts Neues\nin das Leben. Wenn man dagegen ein Erlebnis,\neine Gegebenheit, die man sogleich in einer eigens\nfür sie reservierten Empfindungsgegend untergehen\nlassen möchte (denn dort geht sie unter, dort\ns t i m m t alles miteinander, an Gelöstem hat\nder Geist kein Interesse) voll Willkür auf ein an-\nderes Empfindungsgebiet setzt, synthetisch handelt,\nso wird die Gegebenheit, das Erlebnis nicht ver-\nsinken, sondern im Widerstreit mit der Umgebung\nunmöglich gleichgültig bleiben können, es wird von\nzahllosen neuen und ungeahnten Reflexen getrof-\nfen, die Belanglosigkeit des alltäglichen Umher-\ngehens zerreißen und sich in eine unheimliche Ge-\ngenwart recken. — Mithin sollen die Leute synthe-\ntisch denken. Sie sollen?\n— Kein Mensch überlegt sich was. Er ging in\nden Wagen hinein. Drinnen setzte er sich und sah\num sich. Er begann sich furchtbar zu ärgern. So\nheftig, daß ihm in ohnmächtiger Wut das Blut im\nKopf auf und niederstieg. Doch stellte er nicht\nganz sicher fest, worauf sich die Erregung bezog.\nAllein sie wurde bald zu nichts. An einer Halte-\nstelle mitten in der Stadt stieg er aus, blieb an einer\nSäule stehen und sah auf die Theaterzettel, von\ndenen einer trotz dem Abendlicht mattrosa leuch-\ntete. Er schritt sodann die breite, alte Steintreppe\nzu einem gegenüberliegenden Bahnhof hinauf und\nfuhr nach Kairo. Dort ging er in einem hohen, aber\nfälligen und lichtlosen Hause, zu dem er ge-\nkommen war, einen dunklen Gang hinauf,\nUnten rollte ein Wagen und zwei bis drei\nHunde brachen in ein Gebell aus. Er war von Ver-\ndrossenheit erfüllt, die leer war, da er sich nicht auf\nsie besinnen konnte. Oben blieb er fünf Sekunden\nstehen, dann ging er die Holzstufen wieder hin-\nunter und lief langsam bis zum tiefen Dunkelwer-\nden in einem fernen Stadtviertel und hörte mitunter\nunvermittelt nah Laute von Menschen, die er\ngänzlich, auch die Gesichtshaut, sah.\nAn diese Gedanken und dies Geschehen in\ndieser Folge erinnerte er sich, als er vor dem Ge-\nschäfte Huissier in Berlin an einem enorm warmen\nAbend sah, wie die Asphaltarbeiter das braune\nPulver feststampften und festglühten. Zwei\nKerls mit aufgekrempelten, braunen Armen\nzogen an einer Walze über den Fahrdamm,\num die die Luft vor Glut floß. Der\neine von ihnen hatte einen ekelhaft rotblonden\nSchnurrbart und ein rauchschwarzes ordinäres\nGesicht und vermochte fünf Sprachen des Konti-\nnents zu sprechen, dem andern traten die Augen\nhervor in grinsender Geilheit zu einem dicken\nDienstmädchen, das den Asphaltarbeitern zu-\nschaute und unbewußt gierig deren nackte Arme\nansah. Die Arbeiter wurden alsbald aufmerksam\nund jeder für sich wurde el>enfälls geil. Maura\nmerkte es und erinnerte sich an Folgendes:\nAn einem Abend reitet er auf einem klei-\nnen Esel in die Wüste. Als die Stadt schon so\nfern war, daß über ihr schon fast die Nacht lag\nund er sie nicht sehen brauchte, wenn er nicht\nwollte, fühlte er sich so, als müsse er in den laut-\nlosen Himmel hineinfallen. Die Wüste sauste\naschfahl und eben hinaus. Er denkt, es ist wie\neine optische Täuschung, den Raum stets zu\neinem bestimmten Punkte, dem Wohnpunkt, in\nBeziehung zu setzen, da doch alle Punkte gleich-\nberechtigt dazu sind, und es faßt ihn eine jähe\nUnsicherheit und ein geringer Schwindel der Un-\nteilbarkeit und Beziehungslosigkeit des Raumes\nnnd alsbald betrachtete er gespannt und erschlafft\nzugleich die einzelnen Haare seines Esels.\nRingsumher tobte der Himmel in allen Far-\nben und wie eine Unterbrechung der Welt stand\nein ungeheures schwarzes Dreieck einer Pyramide\nvor ihm. Es war klar, daß die Pyramide da war.\nEr versuchte den Esel umzulenken und ritt\newiglange nach Kairo zurück. Es war völlige\nNacht, und er ging langsam in einer lichtlosen\nStraße neben einem sehr schnell schießenden,\ngänzlich stillen, pechschwarzen Kanal, auf dem\ngelegentlich ein Schein blinkte.\nVor einigen völlig finsteren Häusern kam ihm\nin den Sinn, daß vor sechs oder fünf oder sieben\nJahren an einem Tage die Mutter von Beely vor\nAufregung zitternd im Klassenzimmer gestanden\nhatte und nach Beely fragte, der von cka ab weg\nwar. Während ihm dies einfiel, sah er auf ein\ndunkelgslbes Fenster, daß er, wie er jetzt glaubte,\nschon einige Zeit verworren bemerkt hatte. Er\nging an das Haus und in den Raum hinein,, wo\neine Menge Menschen miteinander redeten. Einem\nalten Weibe wiederholte er immer den Namen des\nMitschülers. Sie wies mit der Faust nach hinten,\nnach einer Tür. Er machte sie auf und ging durch\neinen schwarzen Gang zu einem kleinen Zimmer,\nDort stand sein Schulgenosse auf einem Teppich.\nMaura erstaunte etwas, doch nur wenig. Dann\nsah er, daß Beely Gefäße, Stäbe und schwere\nDinge ohne körperliches Zutun vom Erdboden auf-\nheben konnte. Es war noch jemand im Zimmer.\nMaura glaubte, daß sein Schulgenosse ihn nicht\nerkenne, aber er befand sich in einem Irrtum.\nEs sprach niemand etwas und es war für Maura\nsehr betäubend und unangenehm zu sehen, wie\nein Gefäß in dem freien Zimmerraum, in der Luft,\nvor Beely stand. Er verfiel in den entgegenge-\nsetzten Zustand, der ihn sonst erfüllte, und ver-\nsuchte mitunter an ein gelbes Plakat zu denken,\ndas er mal gesehen hatte, und an eine lächerliche\nZeichnung darauf. Aber es machte keinen Ein-\ndruck auf ihn, da er Beely doch kannte. Dadurch\nwurde seine Benommenheit noch beängstigender;\ner sah sich stier und mit traumartiger Furcht zu,\nwie sein Geist anfing, sich seinem Willen zuwider\nzu bewegen; darum betrachtete er mit Anstren-\ngung das Gesicht und klammerte sich an die\nEmpfindung, daß er es doch kannte. Aber der\nandere sah ihn nicht an, und Maura glaubte mit\neinem Male, daß dieser, bewegungslos, ihn doch\nkenne, und dann erschrak er plötzlich grauenhaft\nin dem kleinen Raum.\nEr ging die Klein-Straße weiter und blickte\nauf drei vornehme Frauen, die schweigend in\nmenschenleerer Straße nebeneinander schritten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c005", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "750", "page_fin": "750", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.5", "titre_corps": "Arbeiterkolonie", "titre_sommaire": "Arbeiterkolonie", "signature_source": "Paul Zech", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "750", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 440, "texte": "Arbeiterkolonie\nPaul Zech\nFrüh Sonntags kreischt in den Lauben\ndie Säge durch morsches Holz.\nKleine Mädchen gehn weiß und stolz\nund die Söhne füttern die Tauben.\nIn den gesäuberten Stuben beten\ndie Mütter den Rosenkranz,\nund die Väter, ledig des schwarzen Gewands,\nlungern vor den Staketen;\nihr Pfeifchen dampft\nund der Atemzüge Gebrau.\nUnd irgend ein Steiger stampft\nmit Kindern und Frau\nweit durch die hagren Alleen\nden Frühling zu sehen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c006", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "750", "page_fin": "750", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.6", "titre_corps": "Puppenspiel", "titre_sommaire": "Puppenspiel", "signature_source": "Franz Jung", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "750", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.4", "debut_caractere": 442, "fin_caractere_exclue": 6886, "texte": "Puppenspiel\nVon Franz Jung\nHerr B: sitzt am Tisch und weint.\nFrau B (atemholend): So, daß dus weißt!\nHerr B: wischt sich mit dem Taschentuch die\nAugen und schneuzt sich.\nFrau 0 (schnell): V/as willst du noch? Wa-\n✓\nRum kommst du immer wieder zurück!\n(Räkelt sich) Gott sei Dank!\nHe rr B (scharf): Gut! (Steht auf) Ich werfe mäch\nnicht mehr auf die Kniee. (Schüttelt die\nFaust) Warte du Aas!\nFrau B (zurückweichend: Vergreife dichl (Auf-\nheulend) Alles hab ich ihm gegeben und so\nso\nHerr B (knirschend): Du Dreckweib du — die\nGurgel möcht ich dir —\nFrau B (sinkt auf den Stuhl und weint): O wie\nbrutal du bist! (Sie springt auf) Das also\nist mein Leben, das ich mir gewünscht und\nersehnt habe, für das ich alles —■\nHerr B (schreit): Rrrraus!\nFrau B (kühl): O mein Lieber so leicht —\nHerr B.: lacht gezwungen.\nFrau B: Ich werde erst warten, bis ich jemanden\nhab.\nHerr B (ruhig): Ja so. Bleib nur, ja so.\nFrau B (heulend): Wie gemein du bist!\nEs klopft. Der erste Freund erscheint.\nErster Freund: Na kommt, Kinder. Das\ndauert etwas lange.\nFrau B (giftig auflachend): Sieh dir den an, der\nwill mein Mann sein!\nErster Freund: Aber ich bitte —\nFrau B: Wenn du wüßtest, wie er mich behan-\ndelt (sie streichelt ihn) du, hilf mir doch.\nHerr B (bitter): Sie wartet ja nur darauf, sie zieht\nmir alles raus.\nFrau B: (geht ins Nebenzimmer).\nErster Freund: la was soll man dazu sagen.\nHerr B: Bie entsetzlichen Stunden und dann\nwieder — du weißt es selbst.\nErster Freund: Sie ist krank. O wie ist sie\nkrank.\nHerr B: Was soll ich tun? Ich kann sie doch\nnicht in ein Sanatorium bringen.\nErster Freund: Du mußt dich beherrschen,\nzusammenkrampfen, auch wenn es dir\nscheint, du zerbrichst.\nHerr B: Wie oft hab ich das selbst schon zu\nihr gesagt! (Er seufzt)\nErster Freund: Aber deine Tragödieist klein\ngegenüber dem Leben, das ich täglich bei\nD's sehe, wie unscheinbar. Das solltest du\neneben! (Er klopft an der Tür zum Neben-\nzimmer: Aber so kommen Sie doch) —\n(geht hinein).\nEs klopft. Der zweite Freund erscheint.\nZweiter Freund: Auf euch kann man aber\nwarten.\nHerr B: Sofort. Meine Frau macht sich noch zu-\nrecht.\nSchweigen. Man hört drinnen weinen.\nHerr B: Es ist schrecklich über den Arzt nicht\nhinauszukommen.\nZweiter Freund: Was heißt das.\nHerr B: Ich dächte, ich hätte mit dir auch schon\ndavon gesprochen, wie ich sie behandeln\nmuß.\nZweiter Freund: Aber ich habe dir auch schon\nvor Monaten gesagt, du wirst sie nicht halten\nkönnen.\nHerr B (aufbrausend): Was heißt das!\nZweiter Freund: Sie weiß mit ihrer wahn-\nsinnigen Liebe zu dir nichts anzufangen.\nHerr B (beruhigt): Sie liebt mich wahnsinnig.\n(Gequält) Und jedes Opfer, das sie bringt,\nzertritt sie wieder.\nZweiter Freund: Mir scheint, du kannst über-\nhaupt ein Weib nicht richtig behandeln.\nHerr B: Ab und zu sagt sie das auch. Aber\nwie ich sie systematisch hebe, wie ich die\nFlügel beschneide und die Fäden des Netzes\nenger ziehe, davon wisst ihr nichts, alle\nnichts.\nZweiter Freund: Ich habe gesehen, wie du\nsie getreten hast. Du wirst dich vielleicht\ndoch trennen.\nHerr B: Die Fußtritte ersetzen das.\nZweiter Freund: Du weißt, wie gern ich\neuch beide habe. Ich möchte dich nicht un-\ntergehen sehen.\nHerr B: Ja, ein wunderbarer Trottel, scheints.\nZweiter Freund: Es wird dichtreffen, aber ich\nmuß dir sagen, ich hätte sie diir genommen,\nwenn dir darriit geholfen wäre.\nHerr B: So — (Schreiend) Scher dich rrrrausl\nEr dringt auf ihn ein.\nZweiter Freund (abwehrend): Was soll das!\nDer erste Freund kommt mit Frau B aus dem\nNebenzimmer.\nFrau B (spitz): Ah — eine Komödie.\nHerr B (sich schüttelnd): Wie wohl das tut.\nZweiter Freund: rückt seinen Kragen zurecht.\nErster Freund: Nun wollen wir aber endlich\ngehen.\nHe r r B (in sich zusammengesunken): Ich gehe\nnicht mit.\nFrau B (schnell): Was heißt das?\nHerr B (schreiend): Schluß! (Ruhiger) Schluß.\nAus. (Lauter) Auf der Stelle erklärst du.\ndaß allesi nicht wahr ist!\nFrau B: lächelt und schweigt.\nErster Freund: Ich hab nichts gesagt. (Scharf\nund schnell zu Herrn B) Oder hab ich dir was\ngesagt?\nHerr B '(vor Aufregung zitternd zu Frau B): Du\nalso hast erklärt, du hättest mich betrogen,\nmit l.chelndem Munde, in diesem Jahre, wo\nich alles für dich getan habe Oh!\nFrau B (mit Pathos): Um Gotteswillen! Wohin\nbin ich geraten? War ich denn blind?\nErster Freund (murmelnd): Ich hab nichts\ngesagt.\nHerr B (erschüttert): Gesteh — gesteh!\nFrau B: Ja was soll das, ändert das was? (Thea-\ntralisch) Um Gotteswillen-\nErster Freund: Denkst du denn, wir sind hier\ndeine Narren?\nZweiter Freund (zu Herrn B): So komm\ndoch!\nHerr B: grunzt vor Wut in sich hinein.\nFrau B (leise): Um Ootteswfflen.\nErster Freund: Die Sache wird mir doch zu\nbunt.\nEr nimmt den zweiten Freund am Arm. Beide\ngehen hinaus.\nFrau B: sieht sich spöttisch um. (Schweigen).\nHerr B: Schließlich wäre es mir auch gleich-\ngültig.\nFr au B: Nu also.\nHerr B: Aber ich weiß, daß es nicht wahr ist.\nDas tut weh.\nFra u B (will ihn am Arm fassen): So komm doch.\nHerr B (schreit): Laß mich!\nFrau B: Also du willst nicht.\nHerr B (fletscht die Zähne): O du —\nFrau B (geht zur Tür): Gut!\nIns Zimmer treten die beiden Freunde mit\neinem Fremden.\nDer Fremde (lächelnd: Verzeihen Sie\nErster Freund (schnell): Der Herr will sich\ndurchaus nicht zurück halten lassen —\nübrigens ein Bekannter.\nFrau B (ruhig): Ja — aber heute kann ich sie\nIhnen nicht zeigen.\nDer Fremde: Sie haben Besuch?\nFrau B (stotternd): Wie man so nimmt —\nDer Fremde (mit einem Seitenblick auf Herrn\nB): ich will durchaus nicht stören (verbeugt\nsich) vielleicht ein andermal —-\nDie drei Herren gehen hinaus.\nZweiter Freund (ruft im Gehen): Also wir\nwarten unten.\nFrau B (interessiert): Weißt du, ich kenne ihn\nvon früher, er wollte die Skizzen sehen.\nHerr B (wie aus einem Schlaf erwachend): Wei-\nche Skizzen?\nFrau B (schnell): Du weißt doch, die Akte,\nzu denen ich neulich dem Meiwald gestan-\nden hab.\nHer r B (resigniert): So dem Meiwald —\nFrau B (schnell): Vielleicht hast du sie gar noch\nnicht gesehen (schmeichelnd) du Dummer —\nHerr B (sanft): Warum tust du das alles. Ich\nbin so müde.\nFra u B (streichelt ihn): Laß gut sein.\nHerr B (streichelt sie seufzend): Ja.\nFrau B (besorgt): Mit welchen Leuten du dich\nauch umgibst, du siehst doch, wie häßlich sie\nsind.\nHe rr B (murmelt): Mein Kopf —\nFrau B: Gelt, nun gehen wir auch nicht fort.\nHerr B (streichelt sie): Wie du willst.\nFrau B (drückt seinen Kopf an die Brust): Ach\ndu Einziger, Guter — komm, Süßer!\nSie zieht ihn ins Nebenzimmer. 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Wimmernd\nbricht sich der Schall an den hohen Kapitälen der\ndünnschäftigen Säulenbündel. Es knirscht das\nschwere doppelte Tor. Leben, brennendes, uner-\nbittliches, hastendes Leben, die tastenden Finger\ngreifen nach Halt. Ah!\nMit welcher Inbrunst nehmen doch die Künst-\nler des Impressionismus Hugo v. Tschudi für sich\nin Anspruch, vergessen gänzlich, daß es ihm stets\nnur um Kunst und nicht um einzelne Etappen der\nKunst zu tun war. Bis in die letzten Tage, die über-\nraschend schnell dieses gute Leben abschnitten,\nbewahrte er sein Interesse außer für „anerkannte\"\nKunst auch uns verfehmten Jungen (hmja! Junge\nvon dreißig Jahren und noch älter).\nAnbetungswürdiger, unparteiischer Mann, die\nletzten Tage deines Lebens brachten mir noch eina\nder größten Freuden, es ist mir eine Reliquie, dieses"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "751", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.5", "debut_caractere": 26, "fin_caractere_exclue": 848, "texte": "Schreiben der Anerkennung aus Cannstatt. Trübe\ndurch das kleinliche Leben verkümmerte Tage sind\nmir verschwunden, es gibt mir Kraft, weiter meinen\nWeg zu verfolgen, durch alles, was mich in den\nSchmutz ziehen will.\nWas Tschudi getan hat, ist schon an vielen\nStellen gerühmt worden, nur das nicht, daß er auch\nuns Jungen eine kräftige Stütze war. War? nein!\ner wird es bleiben, denn gerade die Kürze der Zeit\nverpflichtet uns, ihm über das Grab hinaus\nDankbarkeit zu beweisen, durch harte Arbeit um\ndie Kunst.\nIn sechzig Jahren werden wir es bewiesen\nhaben. Kampf macht kräftig, kräftige genug, auf-\ngetürmte Nichtigkeiten, zu verlachen. Mir war\nanfangs Hugo v. Tschudi Hoffnung auf Erleichte-\nrung des materiellen Lebens: geworden ist er mir\nein Talismann gegen alles Hindernde in mir selbst\nund gegen mich.\n\nMax Pechstein"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "751", "page_fin": "751", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.8", "titre_corps": "Tubutsch", "titre_sommaire": "Tubutsch", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "751", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.5", "debut_caractere": 850, "fin_caractere_exclue": 2583, "texte": "Tubutsch\nAlfred Döblin\nIch berichte über das Buch Albert Ehrensteins\nnicht eigentlich kritisch, sondern ich lese\nsein Buch entre nous. Seine Erzählungen sind\nlese sein Buch entre nous. Seine Erzählungen sind\nvoll einer drückenden Trauer; eine gelähmte Passi-\nvität spricht aus ihnen. Es sind die Erlebnisse eines\nMenschen, der nichts erlebt; der horror vacui bricht\naus jeder Zeile; ich erwartete öfter einen Angst-\nzustand, ein faseliges Irrewerden. Otium divos\nsieht, das erkenn ich, in Wien so aus wie Herr Karl\nTubutsch. Herr Tubutsch ist der Lumpensammler\nkleiner Zufälligkeiten, der kleinsten Zufälligkeiten\nund! Abfälligkeiten; Langeweile, Sehnsucht ohne\nKraft zu einem Ziel, Aufschrecken und Wiederzu-\nsammensanken bezeichnen den psychischen Tenor.\nAber Ehrenstein hat sein Thema gut und reich be-\nhandelt. Reich: denn bei diesem Spiel auf einer\nSaite hört er nicht auf zu interessieren; immer wie-\nder wandelt sein trauervolies Thema neu ab, das\nThema des Gefangenen in der Bleikammer, resig-\nniert, lächelnd, verzweifelt, gleichgiltig, entschlos-\nsen, angeekelt, scheu. Er behandelt es in einem\nimmer runden ruhigen Ton; seine Sprache ist ge-\nbunden und einfach; öfter frappierte mich die\nSicherheit der Bilder, Adjektiva. Er ist völlig\neiner Qefahr entronnen: ans uferlos Lyrische zu\ngeraten. Bei allem Abdrängen des Lyrischen\ngeht die Erzählung auf der Erde, dem\nweichen Wiener Boden. Und die vorangestellte\nErzählung „Ritter Johann des Todes44 zeigt, daß\nEhrenstein sich gut über sein Weiteres auskennt.\nDiese Erzählung hat das Gefühlsmäßig noch mehr\nins Dunkel zurückgestellt; drängt auf umreißende\nPlastik. Vielleicht berichte ich später einiges Ein-\ndrucksmäßiges über die beigefügten Zeichnungen\nvon Oskar Kokoschka."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c009", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "751", "page_fin": "751", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.9", "titre_corps": "Julius Pascin: Zeichnung", "titre_sommaire": "Julius Pascin: Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "751", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 24, "texte": "Julius Pascin: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c010", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "751", "page_fin": "751", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.10", "titre_corps": "Gertrud Eysoldt", "titre_sommaire": "Gertrud Eysoldt", "signature_source": "Kurt Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "751", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.5", "debut_caractere": 2585, "fin_caractere_exclue": 4747, "texte": "Gertrud Eysoldt\nKurt Hiller\nwelche die Ehre hatte, als erste die Lulu ver-\nsinnlichen zu dürfen, legt vielleicht auf das Urteil\nder Urteilsfähigen noch ebensoviel Wert wie auf\ndas Urteil jenes Pöbels, dem Whitman, Rilke.\nKahane koordinable Größen sind. Dann aber lasse\nsie künftig in Inseraten von Vortragsabenden da 3\nProgramm nicht wieder mit diesen drei Namen\nbeginnen. Sie könnte sich sonst leicht die Sym-\npathien derer verscherzen, die das Recht haben,\nihre Schauspielkunst zu bewundern .. . Das\nEnde der Liste bildet „Goethe\", doch sie trennt\nihn von den andern gedankenvoll durch einen\nStrich. Dieser Strich ist kein Umstand, der mil-\ndert; im Gegenteil! Denn er läßt erkennen, daß\nsie die Distanz zwischen Whitman und Kahane\noder zwischen Rilke und Kahane für kleiner hält\nals die zwischen Kahane und Goethe. Traurig,\neiner ernsten Schauspielerin mitteilen zu müssen:\nWhitman, Rilke und Goethe sind Künstler, und als\nKünstler von der absoluten Antikunst, vom\nSchund, vom süßen Gewäsch, vom Journalismus\n(selbst von einem, der Hexameter flötet), kurzum\nvon Kahane — alle unendlich weit, also jeder\neinzelne gleich weit, entfernt. Mit dem Ein-\nwand, die Sprechkunst sei ein Midas und sogar\nder Dreck werde unter ihrer Berührung zu Golde,\nverschone uns Frau Eysoldt; denn zugegeben\nselbst, Sirnmel hätte recht und der Schau-\nspieler wäre tatsächlich kein reproduktiver,\nsondern ein souveräner Künstler, so bleibt lür den\nRezitator doch die indiskutable Pflicht be-\nstehen, Diener am Wort zu sein. Der Rezitator\nmacht sich mit dem Rezitierten identisch, und er\nwird sich, vor dem imaginären Gerichtshof der\nKultur, wegen der Sünden derer, denen er dient,\nverantworten müssen. Der Rezitator ist Propa-\ngator; oder „Pionier\", wie Blondere sagen. Tritt\ner für nichts als das Elende ein, so schadet er\ndem Edlen weniger, als wenn er beides zugleich\nvertritt; denn immerhin verhindert er dann, daß,\ninfolge der Zusammenstellung, von dem Elenden\naufs Edle ein Schatten fällt oder — was viel ver-\nderblicher ist — vom Edlen auf das Elende ein\nLicht. 810 ß aus Kahanes Oeuvre lesen —\nSchwamm drüber! Aber „Whitman, Rilke, Ka-\nhane\" — das laß ich mir nicht gefallen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c011", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "751", "page_fin": "752", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.11", "titre_corps": "Briefe nach Norwegen", "titre_sommaire": "Briefe nach Norwegen", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "751", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.5", "debut_caractere": 4749, "fin_caractere_exclue": 4933, "texte": "Briefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nLieber Herwarth, Paulchen will endgültig\nnicht mehr in den Kino gehen, er hätt die Nacht\nnicht schlafen können, ein Mensch sei irrsinnig im"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "752", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8788, "texte": "Stück gewesen und kein Junge will mehr hingehen.\nDie Unglücke sehe er ja sonst gern. Er war\nnoch ganz erregt am Morgen und erzählte mir fol-\ngendes: Es war ein Mann der hieß Marius der\nhatte eine Braut bekommen beim Tanzen und da\nschrieb die Braut dem Marius ein helles Fenster\nsollt ihm in der Nacht zeigen wo sie wär. Im selben\nHaus war ein Hotel, das Haus war ein Hotel über-\nhaupt davor ein Irrenhaus für die Geisteskranken\nvon Doktor Rüssel wo die Leute mit Strahlen ge-\nheilt werden von Doktor Rüssel. Herr Marius\nhatte sich in der Dunkelheit verirrt und ging iri das\nIrrenhaus in eine Zelle. Da kommt plötzlich mit\ndem Auto ein Geisteskranker her und er wird von\neinem Diener durch Strahlen zum Schlafen ge-\nbracht und schläft. Da wird er wieder wach und\nwollte aus dem Fenster flattern aber sinkt vors\nBett und auf einmal kommt Marius rein sieht den\nirren Mann und sofort vor lauter Angst hinter die\nWand aber der Geisteskranke packt ihn an die\nKehle und würgt ihn fast ganz tot aber nicht ganz\ntot auf einmal hört das ein Wärter der nachts rum-\ngeht macht die Tür auf und man kann da plötz-\nlich reinsehn in Doktor Rüssel sein Zimmer der\nsitzt mit Marius seiner Braut auf dem Bett und\npoussiert.\nLiebes Kurtchen, morgen komme ich in Dein\nBureau, Potsdamerstraße 45, mit der Rechnung vom\nCliche Deines Bildes — hoffentlich hast Du Dich\ngetroffen gefühlt.\nNota: Gliche sechs Mark. Zwei Mark zwan-\nzig das Auto in die Clichefabrik; drei Mark fünfzig\nmit Trinkgeld das Diner bei Kempinski und\nfür fünfzig Pfennig Fachinger. Bei Kranzler trank\nich Schokolade für fünfzig Pfennig und aß für fünf-\nundsiebzig Pfennig Törtchen, die alt waren. Nahm\ndann wieder ein Auto in die großen Rosinen. (Mein-\nhard spielte famos.) Dreißig Garberobe, sechzig\nFoyer (Lachsbrödchen). Nahm dann ein Auto,\nraste ins Cafe des Westens, dich und Herwarth\nabholen; traf Euch nicht, fuhr schließlich im selben\nAuto heim, kam aber zu spät, mußte den Portier\nherausklingeln für fünfundzwanzig Pfennig. Bitte\nzähle die Summen zusammen, irre Dich nicht nicht.\nLaß Dein Gemälde einrahmen in Watte, Dich ein-\nsalzen wo der Pfeffer wächst.\nIch grüße Dich! Else L.-Sch.\nLieber Herwarth, liebes Kurtchen, ich bin\nAdolf Lantz begegnet; er trägt, seitdem er Direk-\ntor ist, einen Zylinder, der blaakt.\nIch gehe jetzt- seltener ins Cafe, ich kann es\nnun auswendig. Es ist ja nicht allzu schwer zu\nlernen; internationale Cafes sind schwerer 2u. be+\nhalten. Ich plaudere wieder so vor mich hin wie\nVerblühn. Ich liabe alles abgegeben der'Zeit,-wie\nein voreiliger Asket; nun nimmt der' Wind noch\nmeine letzten herbstgefärbten Worte mit sich.\nBald bin ich ganz leer, ganz weiß, Schnee, der in\nAsien fiel. So hat nie die Erde gefroren, wie ich\nfriere; woran kann ich noch sterben! Ich bin ver-\nweht und vergangen, aus meinem Gebein kann man\nkeinen Tempel mehr bauen. Kaum erinnerte ich\nmich noch an mich, wenn mir nicht alle Winde ins\nGesicht pfiffen. O, du Welt, du Irrgarten, ich mag\nnicht mehr deinen Duft, er nährt falsche\nTräume groß. Du entpuppte grauenvolle Welt-\nsagerin, ich habe dir die Maske vom Gesicht ge-\nrissen. Was soll ich noch hier unten, daran kein\nStern hängt.\nIch bin nun ganz auf meine Seele angewiesen,\nund habe mit Zagen meine Küste betreten. So viel\nWildnis! Ich werde selbst von mir aufgefressen\nwerden. Ich feiere blutige Götzenfeste, trage böse\nTiermasken und tanze mit Menschenknochen, mit\nEuren Schenkeln. Ich Wierde aber mit der Zeit mich\nbesänftigen können, ich muß Geduld haben. Ich\nhabe Geduld mit mir.\nSchmidt-Rotluff hat mich im Zelt sitzend ge-\nmalt. Ein Mandrill, der Schlachtengesänge dichtet\nSchmidt-Rotluff hat mich als Mandrill gemalt, und\nich stamme doch von der Ananas ab. Ihr habt den\nAffen überwunden; man kann sich doch von nichts\nin der Geburt vorbeimachen! Bin entzückt von\nmeiner bunten Persönlichkeit, von meiner Ur-\nschrecklichkeit, von meiner Gefährlichkeit, aber\nmeine goldene Stirn, meine goldenen Lider, die\nmein blaues Dichten überwachen. Mein Mund\nist rot wie die Dickichtbeere, in meiner Wange\nschmückt sich der Himmel zum blauen Tanz,\naber meine Nase weht nach Osten, eine Kriegs-\nfahne, und mein Kinn ist ein Speer, ein vergif-\nteter Speer. So singe ich mein hohes Lied. O,\nHerwarth, Ihr könnt es mir ja alle nicht nach-\nfühlen — was blieb Euch vom Affen übrig? Her-\nwarth, du brauchst es ja nicht wiedersagen, Her-\nwarth, ich schwöre es dir bei dem Propheten\nDarwin, ich bin meine einzige unsterbliche Liebe\nLieber Herwarth, ich höre, Du hältst einen mu-\nsikalischen Vortrag bei Cajus-Majus im Cabaret\nGnu. Ich weiß noch nicht, ob ich kommen kann.\nDas Gnu hat so viel Junge geworfen, die sicher\nnicht blind für deine Musik bleiben. Es hat jemand\nherumgebracht, seitdem Du eines Deiner Lieder\neiner Anderen gewidmet hast, als mir, inter-\nessieren mich Deine Vertonungen nicht mehr.\nJemand hat nicht ganz Unrecht. Subjektiv nicht\nmehr! Ich glaubte immer, Du könntest nur meinen\nGlanz aushalten, daß keine blasse Sehnsucht in Dir\nstecke.\nLieber Herwarth, ich gehe doch in das Cabaret\nvon Dr. Hiller, schon um der kleinen Martha Fel-\nchow Pralinees zu bringen. Sie sitzt vor der Ein-\ngangstür an der Grenze zwischen Prolet und Gnu\nund nimmt die Zölle immerzu.\nIch hörte, Ludwig Hardt habe wieder so groß-\nartig im Choralionsaal vorgetragen — er ist der\neinzige Liliencron-Interpret. Er gab mir mal alleine\neinen Liliencron-Abend, in einem der Erkerviertel\ndes Cafes. Sein Vorträg trägt die weiche Seele\nLiliencrons, das Stahl seines Herzens. Ludwig\nHardts Stimme marschiert mit Sporen durch\ndes Dichters Kriegsgedichte. Ludwig Hardt\nist ein lyrischer Soldat, er ist adelig, wie Liliencron.\nSein Elternhaus lag, eine Löwin, an goldener Kette.\nHeute kommt Ludwig Kainer und zeichnet\nmich für den Sturm als Prinz von Theben. Meine\nzwei Neger, Ossman und Tecofi, der Häuptlings-\nsohn, werden ihn im Vorhof meines Palastes em-\npfangen. Ich trage mein Feierkleid und meinen\nMuschelgürtel und den Islämstern des Sultans über\nmeinem Herzen, und werde nach ,-,ihm\" aussehn.\nLieber Herwarth, iiebes Kurtchen, ich kabe\nvor, eine große Festlichkeit zu veranstalten;\nmeine Gemächer sind nicht geräumig genug,\nund ich begab mich heute morgen ins\nneue Schloßviertel hier zu der Marquise\nAuguste Fürst-Foerster, der ich die Valencienne-\nhand mit Ehrfurcht küßte. Sie war wie immer\nvon ausgesuchter Delikatesse und stellte mir\nauf meine Bitte ihre Salons zur Verfügung. Daß\nsie hoffe, auch als Gast erscheinen zu dürfen, auf\nmeiner hohen Festlichkeit, erfreut sie unendlich.\nDann geleitete sie mich zwischen Rosentapeten\nihrer Korridore; „Allerhöchste Marquise\". — Mar-\nquise (gnädig lächelnd zu mir): ~Hoheit\" . . .\nHerwarth, ich habe noch eine Zeichnung von\nS. Lublinski gefunden, wie ich ihn heimlich zeich-\nnete über lauter Köpfe im Cafe hinweg, da wir uns\nvorher gehauen hatten. Er war ein Charakter. Die\neinzige Eigenschaft, die einen ganzen Charakter\nausmachen kann, ist Mut. Also war er noch\nmehr wie ein Charakter, er war ein rostiges\nGefüge.\nHerwarth, ich schreibe hier einen offenen Brief\nan Paul Cassirer.\nSir, es war für mich keine Ueberraschung, in\nihrem vornehmen Salon die Werke Oscar Kokosch-\nkas zu bewundern. Manche von den Betrachtern\nhielten sich sicher ihr Lachen ein, in Erinnerung\nan Sie, Sir, des unumstößlichen Glaubens wegen\nan Sie, Sir, Ihres kunstverständigsten Namens we-\ngen, Sir, Ihrer Sicherheit in den Farben und Werten\nund Zeitwerten wegen, Sir; Sie haben sich am\nTage, da Sie Oskar Kokoschka in Ihren Salons aus-\nstellten, selbst hundert Jahre voraus in die Zukunft\ngesetzt, indem sie als erster Kunsthändler in Ber-\nlin den Ewigkeitswert seiner Schöpfungen erkann-\nten. Ich hörte mit nicht geringem Erstaunen, dai\nSie eine zweite Ausstellung von Kokoschka in\nIhren Sälen veranstalten wollen, Kopieen seines\nGenies. Warum das schon bei seinen Lebzeiten?\nWarum echten Wein verwässern, wenn schwach-\nbefähigte Besucher Herzklopfen bekommen! Oder\nbesoffen werden und taumeln oder ausfahrend wer-\nden. Ich fordere Sie allerhöflichst auf, Sir, diese\nAusstellung zu unterlassen. Oskar Kokoschka ist\nkein Zwilling, er hat noch nicht einmal einen Vetter,\naber einen Meuchelfreund. Ich rechne darauf, Sir,\nund mit mir zeichnen noch ernste Bewunderer der\nOskar Kokoschkabilder, Sie unterlassen eine Aus-\nstellung der Kopieen, die Max Oppenheimer in\nIhren Sälen zu beabsichtigen gedenkt. Und ge-\nnehmigen Sie meine hochachtungsvollen, verbind-\nlichsten Grüße, Sir. Else Lasker-Schüler\nOppenheimer hat auch Anhänger — jawohl,\nbitte — an seiner Uhrkette hängen. Max Oppen-\nheimer, Abbe. Sie wollten mich rücklings in die\nBeichte stecken . . . Denn Niemand weiß so ge-\nnau wie ich, daß Sie farbige Wechsel ausschrei-\nben mit der Unterschrift Oskar Kokoschkas.\n(Dieses schrieb ich ihm im Cafe, er glaubt, ich\nle prince de Theben, bin das Werkzeug einer\nPartei.)\n*"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c014", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "753", "page_fin": "753", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "753", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.7", "debut_caractere": 75, "fin_caractere_exclue": 493, "texte": "W Ausstellungen, Salons\nKunsthandlungen etc.\nCASPER'S Kunst-Salon\nEintHtt 50 Pf. 19 Polsdamerstr. vis-d-vis Eichhornstr.\nWinter-Gemslde-Aus»te!iung Serie I\nKollektionec von\nJ. 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KIRCHNER\nWILMERSDORF\nDurlacher Strafle 14\n19DEMER CMTEESICHT\n:: IN MALEREI ::\nGRAPHIK, PLASTIK\nTEPPICH-, GLAS- U.\n; : MET ALL-ARBEIT :\nMALEREI IN VERBINDUNR\nMIT ARCHITEKTUR"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c023", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "753", "page_fin": "753", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "753", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.7", "debut_caractere": 3163, "fin_caractere_exclue": 3301, "texte": "JViocklUerett und Zctcbncti —\nDorberciiung fur foe Hkabcmie\nKarl Reynen-Dumont\n(Efyartottenburg £ei&ni3-Str. 32, Hteliet\nBTa&tge fjonorare"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c024", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "753", "page_fin": "753", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.22", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "753", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.7", "debut_caractere": 3303, "fin_caractere_exclue": 3317, "texte": "Buchhandlungen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c025", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "753", "page_fin": "753", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "753", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.7", "debut_caractere": 3319, "fin_caractere_exclue": 3624, "texte": "(T=\nEdmund Meyer\nBuchhanSSer u. Rnfiquar\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdaroer fJrasse 27 b\nFernsprecher Amt VI 5850\nReuss&\nBui-tihaiidlungu.Aiiliqua iat\nIch kaufe alle Publi-\nkationen voi Stefan\nGeorge in ersten Aus-\ngaben, sowie die\nBlatter fur die Kunst\nPaul Graupe\nAntiquariat\nBerlin W 35, Liitzow-\nstrassa 38"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c026", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "753", "page_fin": "753", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "753", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.7", "debut_caractere": 3626, "fin_caractere_exclue": 3636, "texte": "Wi\ne.\n$\n*5"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c027", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "753", "page_fin": "753", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "753", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.7", "debut_caractere": 3638, "fin_caractere_exclue": 3962, "texte": "Autoren\nwelrhc ein bel!etristis<hes oder\nwissenschaitiirhes Buch ge-\nschrieben haben und einen\ndafiir suehcn, der es\nnach mode nen drucktechni-\nschen Prinz pien ausstattet und\nruhrig verirei<t, helieben ihre\nAdressen (evt. 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HAHN\nAlexanderplatz Landsbergerstr. 60-63\ngegriindet 1825\nModeme Herrertbekleidung\nfertig und nach Mall\nReklameangebot:\nDer elegante Ulster\naus [englischen gemusterten Cheviots mil iiffrmelaufschlagen 32®®\naus den modernsten Flauschstoffen mit aufgesteppten Taschen 4550 m\nVornehmer zweireihiger Sacco-Anzug, englisch gemusterter Cheviot\n32 s® 45 m\nSchicke Passformen Beste Verarbeitung\nDen Herren Studenien und Mitgliwicrn vea^Komtvereiniguttfen gegen Vorzeigung von LegHbnationskarten s'/« Rabatt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c035", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c035", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "754", "page_fin": "754", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.33", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "754", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.8", "debut_caractere": 609, "fin_caractere_exclue": 797, "texte": "Les Marges\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nverdffentlichtc das franzo-\nsische Original der T age-\nfa ucher Flauberts, deren\nUebertraguug ia Deutschland\nverboten wurde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-20-01-c036", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-20_01#c036", "volume": "bmtnabg_1912-01-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "754", "page_fin": "754", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.2.34", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "754", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.8", "debut_caractere": 799, "fin_caractere_exclue": 1057, "texte": "Verlag Der Sturm\nVom 1. 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Jf BHR «' mp\n|HB V |BB| lliii M WM ffi |hRM\nHl jJm BSfiSSs nWHH« jsbw vBSKBB^&\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin-Halensee, Katharinenstrasse 5\nPortasprecher Amt Pfalzburg 3524 / Anzeigen - Annahme\n:-: durch den Verlag und sämtliche Annoncenbureaus :-:\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALDEN\nVierteljahrsbezug 1,50 Mark / Halbjahresbezug 3,— Mark /\nJahresbezug 6,— Mark / bei freier Zustellung / Insertions-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nJAHRGANG 1912\nBERLIN JANUAR 1912\nNUMMER 94\n\nInhalt:\nTRUST* Zeittreschichten* Die Berliner Bauordnung / Das Volk bei der Arbeit / Sylvesterrausch / Platzhalter / ERICHUNGER. Vorwort zu\nZEOT: Arbeherkoloni. / FRANZ JUNG: Pupp.nspie! / ELSE = B,We »ch I***\nPECHSTEIN: Hugo von Tschudi / ALFRED DÖBLIN: Tubutsch / KURT HILLER: Gertrud Eysoldt / MAX PECHSTEIN. Badende / O g\nfarbenholzschnitt / JULIUS PASCIN: Zeichnung m____ra========^^\n\nMax Pechstein: Badende / Originalfarbenholzschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "748", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.2", "texte": "Zeitgeschichten\nBerliner Bauordnung\nDie Architkten regen sich fortgesetzt kolossal\nüber die Baupolizei auf. Der verstorbene Minister\nvon Budde soll auch dagegen gewesen sein.\nWenigstens hat er einer Deputation der Vereini-\ngung Berliner Architekten erzählt, daß er sich in\neiner polizeiwidrigen Wohnung wohl befunden\nhabe. „Die Architekten verabschiedeten sich da-\n.mals hoffnungsfreudig von dem Minister, der aber\nbald nach der Audienz starb. Mit ihm wurden\nmanche Hoffnungen der Architekten begraben.\"\nDie Architekten hingegen blieben leben und bauen\nzwar meistens nicht polizeiwidrig, aber wieder-\nlicher, als es die Polizei erlauben sollte. Keine\nStadt der Welt ist mit so kitschigen Bauten ver-\nsaut worden, wie Berlin. Die Herren sind offen-\nbar alle auf ihre malerische Phantasie stolz, was\nsie so darunter verstehen. Im übrigen leben sie\nvon der Renaissance und von Bayern. Die beam-\nteten Architekten leisten das Uebelste. Ein Bau.,\nwie die neue Königliche Bibliothek des Herrn Ihne\nist eine Schmach für die Kunst und für Deutsch-\nland. Die zweite Schmach, oder vielmehr die\ntausendste, wird das neue Königliche Opernhaus\nwerden. Man hört zunächst, daß ein Baubureau\nerrichtet ist. Auch die bösesten Kitscher stehen\nbereits zur Wahl. Man muß sie runterreißen, ehe\nsie zu bauen beginnen. Für alles hat die Erde doch\nnicht Raum. Ist die Architektur eine Kunst, so\nwird sie wohl mit ein paar baupolizeiliche Vor-\nschriften fertig werden. Beschränkung hat noch\nkeinen Meister gehindert, aber in der Beschränkt-\nheit wünschen wir keinen Meister mehr zu sehen.\nDas Volk bei der Arbeit\nDas Volk der Gelehrten und Schriftsteller ist\nvon der Redaktion des Berliner Tageblatts bei der\nArbeit aufgesucht worden. Man ist allerseits ko-\nlossal beschäftigt. Die größten Werke stehen be-\nvor. Der Sturm wird täglich erscheinen müssen,\num alle die Bauten niederzureißen. Die Aeuße-\nrungen einiger Handwerker seinen hier wiederge-\ngeben:\nHerr Raoul Auernheimer: „Es gibt zweierlei\nDichter: Solche, die über ihre Arbeiten reden, und\nsolche, die blos arbeiten. Ich selbst, wenn ich\nmich überhaupt zu den Dichtern rechnen darf, was\nich nicht so bestimmt weiß wie die meisten meiner\nKollegen, möchte lieber zu der zweiten Kate-\ngorie gehören.\" Kollege Auernhe'imer kann die\nRechnung ohne den Dichter machen.\nHerr Hans Brennert: „Mit der einen Hand\nschreibe ich an einem heiteren Stück . . . aus der\nandern Hand rup i t mir der Komponist ... die\neinzelnen Blätter eines unter der Feile be-\nfindlichen Librettos.\" Also docli keine reine\nHandarbeit, da dem Künstler die Blätter unter der\nFeile weggerupft werden.\nHerr Beyerlein, nach dem Zapfenstreich: „Ich\nmeine einen Konflikt gefunden zu haben, der einen\ngewissen weiteren Ausblick gewährt, und zugleich\nstark genug ist, als Gerüst eines Dramas zu die-\nnen\". Der gewisse weitere Ausblick als Gerüst\nläßt tief blicken. Das sieht der Herr Beyerlein auch\nsieben Zeilen später schon ein: „Vielleicht stellt\nsich bald genug heraus, daß ich mich in ein schäbi-\nges Trug b i 1 d verrannt habe\". Welch\nGlück für ihn, daß das Trugbild keine Mauer war.\nHerr Georg Engel: „Ein neuer Roman liegt\neben abgeschlossen vor mir, an dessen letzte Um-\narbeitung und Ausgestaltung ich eben herantrete\".\nIStill, o stille.\nHerr Otto Erler: „Handelt es sich um einen\nStoff, der zur Inkarnierung persönlichen\nErlebens dient, oder den ich schon im Arbeiten für\nmich persönlich umgeschaffen habe, so kann ich,\nbevor ich mit der Arbeit fertig bin, zu Niemandem\ndarüber reden. Das erst e r eist momentan der\nFall Anders ist es mit einem Stoff, den ich erst\nmöglichst mit allen Wurzeln aus dieser Zeit her-\nausreißen will.\" Das „letztere\" ist momentan der\nFall: Herr Erler reißt einen Stoff nebst allen\nWurzeln aus seiner Thüringer Heimat heraus. Das\nersteste aber auqh. Darüber kann der Dichter\nnicht reden. Wahrscheinlich ist das Gebrauchs-\nmuster zur Inkarnierung von Stoffen noch nicht\nangemeldet. Bei der Konfektion kann man nicht\nvorsichtig genug sein.\nHerr Herbert Eulenberg, die Hoffnung:\n„In wenigen Wochen aber will ich nach Rom\ni eisen, um dort als Philosoph zu leben und mit\nEngeln Tetifeln um ein neues Stück zu\nrin g e n.\" Si tacuisses .. .\nHerr Karl Hauptmann: „So kann ich zum\nSchluß nur hoffen, daß über meine drei neuen\nDichtungen die Frühlingssonne die letz-\nten Lichter bringe.\"\nHerr Felix Hollaender: „Der Dichter soll wie\nder Landmann das Korn still wachsen lassen und\nfleißig beten, daß Gott es reifen lasse und vor Un-\nwetter schütze.\" Nur, daß vor mancher körnigen\nDichtung selbst ein Unwetter nicht schützt. Man\nsoll aber doch fleißig darum beten.\nHerr Eberhard König (?): „Zunächst — daß im\nkommenden Februar die Uraufführung meines mit\ndem Verbandspreise Deutscher Bühnenschriftsteller\nausgezeichneten mythologischen Schelmenspiels\nbevorsteht, ist doch wohl bekannt.\" Diesem Ver-\nbandsdichter werden trotz des Verbandspreises\nnoch Wunden geschlagen werden. Das ist doch\nwohl bekannt. Aber es gibt ein Mittel zum Selbst-\nschutz für ihn: „Im übrigen stecke ich in den Vor-\nstudien einer historischen Erzählung.\" Er möge sich\nnicht heraustrauen.\nHerr Jon Lehmann, Verlegerdichter: „ . . . er-\nwidere ich Ihnen ergebenst, daß ich seit länge-\nrer Zeit mich nicht mit einer literarischen Arbeit\nbeschäftigt habe.\" Der Herr muß sich irren, er\nhat sich noch nie damit beschäftigt.\nHerr Heinrich Lilienfein: „ . . . und liebäugle\nmit allerhand dramatischen Musenkindern: Ein\nHerrscher aus griechischer Frühzeit, ein Bauer aus\nmeiner scnwäbischen Heimat, die Gemahlin des\nletzten Stuart.\" Sie sind ziemlich ausgewachsen,\ndie Musenkinder. Aber wie das so ist, bei man-\nchem Dichter ist alles ausgewachsen.\nHerr Friedrich Werner von Gesteren: „Soweit\nnicht schon der Titel das Problem verrät (Die\nPficht zu schweigen), will ich doch angeben, daß\nsich der Gegenstand teilweise an die Hamlet-\ntragödie anlehnt, sie jedoch in zeitgemäßer\nFassung spiegelt und sich im modernen Gesell-\nschaftskreis abspielt.\" Da hätten wir nun endlich\nauch den zeitgemäßen Shakespeare.\nHerr Richard Voß: „Was ich an meinem\nSchreibtisch gerade tue und treibe soll ich sagen,\nNicht anderes, als was seit vierzig Jahren und län-\nger mein Handwerk ist.\"\nHerr Professor Dr. Wilhelm Ostwald: „Von\nallen diesen Unternehmungen darf ich sagen, daß\nsie die an sie gewendete Energie mit gutem, teil-\nweise sogar ausgezeichneten Güteverhältnis trans-\nformieren. Da das nach einer von mir vor Jahren\naufgestellten Theorie glückbringend sein soll, so\nhabe ich Gelegenheit, die Probe darauf zu machen.\nDie experimentellen Resultate, die ich an mir selbst\nbeobachte, bestätigen die Theorie glänzend.\"\nNachdem'der führende Professor seine Theorie an\nsich so glänzend bestätigt findet, sollte niemand\nmehr zögern, Ostwalds energetische Formel des\nGlücks anzuwenden. F2—W2 = (E+W) E—W.\nMan handle danach, und das Glück ist jemacht\nProfessor Erich Schmidt: „Dann werde ich so-\ngleich ein lang hinausgeschobenes Buch über\nUhland endlich abzustoßen suchen.\" Ein ver-\nstorbener Dichter, auch wenn er garnicht einmal so\ngut war, muß manchen Schubs und manchen Stoß\nvertragen können.\nSylvesterrausch\nDie Vossische Zeitung von Staats- un4 gelehr-\nte« Sachen modernisiert sich andauernd. Haupt-«\nsächlich durch Rundfragen. Nachdem sie sich erst\nWeihnachten von den Berühmtheiten Rat über die\nAbschaffung der Weihnachtszensur geholt hat,\nwandte sie sich zum Jahresschluß voller Sorge\nwieder an die Berühmtheiten, um das gesellschaft-\nliche Leben von Berlin zu heben. Die Berühmt-\nheiten, die gesellschaftlich hervorragenden Persön-\nlichkeiten sollten ihre Meinung äußern, „ob diese\nKlagen berechtigt sind, und „evtl.\" Vorschläge\nmachen, durch welche Neueinrichtungen das Ni-\nveau des gesellschaftlichen Lebens zu heben wäre.'4\nDie gesellschaftlich hervorragende Persönlichkeit,\nHerr Ludwig Fulda, äußert:\n„Wie dem abzuhelfen wäre? Keinesfalls durck\nkünstliche Mittel. Arn ehesten noch durch de«\nEntschluß, das Zusammensein, wie in andere«\nLändern, von der Hauptmahlzeit abzulösen und\nerst nach dieser beginnen zu lassen. Wenig-\nstens der wirtschaftliche Damm, den die Ab-\nfütterungspflicht jeder großzügigen Erweite-\nrung des notgedrungenen Rahmens entgegen-\nstemmt, würde dadurch in Wegfall kommen.\nDenn der schlimmste Feind einer höheren Ge-\nselligkeit ist die Gasterei.\"\nNichtessen ist jedenfalls ein künstliches Mit-\ntel Das aber die Abfütterwngspfiicht\nder großzügigen Erweiterung des notgedrungenea\nRahmens einen wirtschaftlichen Dam»\nentgegenstemmt, ist durchaus künstlerisches Mittel\ndes Herrn Fulda. Zu diesem Bild paßt der not-\ngedrungene Rahmen wie bestellt\nDer Literaturprofessor Herr Richard M* Meyer\nbehandelt das Problem mit Tiefe: „Sie frage®\nnach meiner Meinung über die Berliner Ge-\nselligkeit und ihre Reformbedürftigkeit. Was zu-\nnächst den letzten Punkt angeht, so bin ick\nder Meinung, alles, was ist, könne noch vernünf-\ntiger werden.\" Nur der Professor Meyer nicht.\nDenn seine Vernünftigkeit geht bereits bis an den\nletzten Punkt. Herr Meyer verkehrt seit fünfzig\nJahren viel und in verschiedenen Kreisen. „Ueber\nunser geselliges Leben glaube ich mir daher schoa\nein Urteil zutrauen zu können.\" Wenn er im Ver-\nkehr mit der Literatur sich nur auch soviel Zeit ge«\nlassen hätte. Im Uebrigen scheint Herrn Meyer\nder Qrund für den vielbeklagten Mangel das Fehlem\neiner einheitlichen Tischzeit zu sein. Während\nHerr Fulda überhaupt gegen das Essen ist. Auck\nfür schönen Tafelschmuck und geschickte Tisch-\nordnung ist Herr Meyer. Nur Mut. Die Sache\nwird sich schon machen lassen. „Ganz exclusiv\nist nur die Hofgesellschaft; die aber hat in der Ge-\nschichte der innerlich vornehmen Ge-\nselligkeit überall nur eine vorübergehende\nRolle gespielt.\" Jetzt spielen die Literaturmeyers\ndie Rolle der innerlich vornehmen Geselligkeit, und\nder Professor Meyer wird uns hoffentlich deren\nGeschichte schreiben, Herr Meyer ist durchaus in\nguter Hoffnung: „Als junger Privatdozent mußte\nich noch ohne Tischdame bleiben, während der\nHausherr zwei Damen führte, um sie vor einem\nranglosen Herrn zu schützen.\" Jetzt hat Herr\nMeyer einen Rang und leider auch eine Meinung\nund kann unter Umständen sogar zwei Damen zu\nTische führen. Im eigenen Heim mit Tafel-\nschmuck. „In den letzten Jahrzehnten hat der\nDeutsche große Fortschritte in der Kunst des\nSchreibens gemacht; er ist eben dabei, Lesen zu\nlernen, weshalb sollte er nicht auch noch lernen zu\nsprechen?\" Großzügige Pathetik. Aber es wäre\nbesser, wenn der deutsche Meyer erst einmal\nsprechen lernt, ehe er sich mit dem Lesen oder gar\nmit dem Schreiben abgibt. Hochachtungsvoll.\nHerr Anton von Werner hingegen resigniert:\n„Antwortlich Ihres Geehrten vom 18. d. M\nbedauere ich unendlich, auf diesem Gebiet der\nRouts, Diners und five o'clocks, sowie der\ngrößeren Geselligkeit überhaupt zu wenig be-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "749", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.3", "texte": "wandert zu sein, um mir irgend ein Urteil oder\neinen Vorschlag erlauben zu dürfen. Hoch-\nachtungsvoll A. v. Werner.\"\nAuch in der Malerei ist er nicht bewandert.\nAber da gibt sich ein Urteil oder ein Vorschlag viel\nschneller ab. Hingegen ist eine mir unbekannte\nDame, die aber dafür einen erlauchten Namen\nträgt, Frau Marta von Zobeltitz, der Meinung, daß\ndie Hypertrophie des Geistes die Geselligkeit störe,\nSie findet, daß „die meisten Menschen fortwährend\ngeistig Rad wie ein Pfau schlagen\". Man erfährt\nsogar, was Hypertrophie des Geistes bedeutet:\n„Heute protzt man mit literarischen, künstle-\nrischen, politischen Kenntnissen und Erlebnis-\nsen. Und ganz im Aufblühen ist der Sport-\nund Reiseprotz. Der Mann, der jeden Satz\nanfängt: „vorgestern sagte mir mein Freund\nWildenbruch\" hat sein Pendant in der Dame,\ndie früher in Paris gelebt und in dem Jüngling,\nder übermorgen ein Dauerrodeln von 12 Stun-\nden vorhat. Was verschlägt es, daß ersterer\nWildenbruch bloß einmal in einer Ausstellung\nzu sehen bekam.\"\nEs sollte mich sehr wundern, wenn „letztere\"\nnicht den Fedor von Zobeltitz besser kennt.\nDie Rundfrage brachte kein endgültiges Ergeb-\nnis. Die Persönlichkeiten und Berühmtheiten sind\nsich noch nicht einig, wie der vielbeklagte Mangel\nabzuschaffen sei. Das wäre auch schrecklich.\nDenn worüber sollen sich dann die Persönlichkeiten\näußern?\nPlatzhalter\nEs fährt sich so beschwerlich auf der Elektri-\nschen, sagt der Lokal-Anzeiger. „Auf so einem\nkümmerlichen Rudiment von Sitz kauert man, neben\nsich einen korpulenten Nachbar, gegenüber ein paar\nlangbeinige paketbeladene Jünglinge, und im Ge-\nirick einen unausgesetzt wackelnden mächtigen\nDamenhut, dessen Besitzerin offenbar ein Attentat\nauf ihren Hintermann beabsichtigt. So eingekeilt,\nkönnte selbst ein Marquis Posadas Leben\nnicht mehr schön finden.\" Angewandte\nKunst, vaschtehste!\nTrust\n\nVorwort\nzu einem Roman\nVon Erich Unger\nMerkwürdig zum Beispiel, daß manche Leute\nnur nach Vokalen handeln, daß es ihnen etwa un-\nmöglich ist, einem langgezogenen a irgend eines\nWortes Widerstand zu leisten. — Wenn man sol-\nchermaßen hinter aas Geschehen blickte, wie schon\neinige Juden angefangen haben (weil sie nämlich\nnur aus der Gier bestehen, über alle Standpunkte\noder Ruhepunkte des Geistes der Reihe nach hin-\nweg zu setzen) — wenn man so von allen, auch\nden entlegenen Seiten auf das Existierende spähen\nwürde, so würde Alles alsbald merkwürdig wer-\nden, — die ganze Außenwelt würde anders wer-\nden. Verwandlung. Der Alltag würde verschwin-\nden. Wenn man nach den wahren Ursachen grei-\nfen könnte, sagen wir mal, und feststellen, daß bei\nden entscheidenden Lebensentschlüssen, vor die\neiner gestellt wird, nicht seine (bestehende) Liebe\nzu Frau und Kind, sondern seine Liebe für grüne\nFarbe ausschlaggebend ist, — wenn man diese un-\nglaublichen Andersheiten des Geschehens trotz ihrem\nscheinbaren Wahnsinn erst anzusehen wagen\nwird, so würde die Welt ihr Gesicht vollends ver-\nändern. Es wäre immer und immer Außerordent-\nliches im Schwünge. Alles würde zu Inkarnatio-\nnen. Und man würde den Alltag erschlagen, die-\nsen blödsinnigen, so falsch selbstverständlichen\nAlltag, was die heiligste Pflicht der jetzt Le-\nbenden ist.\nDies denkend ging Franz Maura abends um\nzehn Uhr die Straße „In den Zelten\". Die Ge-\ndanken arteten in ein heftiges Bewußtsein dieser\nSachen aus.\nEr wollte einige von den Ladenmädchen\nsehen, die zur Abendzeit hier in der dunklen Park-\nstraße einhergingen und wollte eins anreden und\nanfassen.\nNach einer Weile sah er zwei, die sich sogleich\ntrennten — und der einen ging er nach. Sie schritt\nlangsam und dachte darüber, ob sie einen sehr\nschönen Hals und Nacken habe. Er verfolgte sie\neine Viertelstunde, ging dann quer durch den Park\nzu der großen Hauptatlee und wartete auf eine\nelektrische Bahn.\nWährend er sah, wie die beiden Lichter der\nBahn aus weiter Ferne durch den dunklen Wald-\nkorridor flogen, dachte er an die Zeit der Maschi-\nnen, die gegenwärtig dahinging, und davon kam\nihm in den Sinn, daß die Menschen zu wenig syn-\nthetisch dächten. Denn sie haben für alle Ereig-\nnisse, die in den Geist eindringen, bereits bestimmte\nEmpfindungsgebiete reserviert, wohin sie schon\nfast ohne Willkür die Geschehnisse hinlegen. So\nkommt während eines Jahrhunderts nichts Neues\nin das Leben. Wenn man dagegen ein Erlebnis,\neine Gegebenheit, die man sogleich in einer eigens\nfür sie reservierten Empfindungsgegend untergehen\nlassen möchte (denn dort geht sie unter, dort\ns t i m m t alles miteinander, an Gelöstem hat\nder Geist kein Interesse) voll Willkür auf ein an-\nderes Empfindungsgebiet setzt, synthetisch handelt,\nso wird die Gegebenheit, das Erlebnis nicht ver-\nsinken, sondern im Widerstreit mit der Umgebung\nunmöglich gleichgültig bleiben können, es wird von\nzahllosen neuen und ungeahnten Reflexen getrof-\nfen, die Belanglosigkeit des alltäglichen Umher-\ngehens zerreißen und sich in eine unheimliche Ge-\ngenwart recken. — Mithin sollen die Leute synthe-\ntisch denken. Sie sollen?\n— Kein Mensch überlegt sich was. Er ging in\nden Wagen hinein. Drinnen setzte er sich und sah\num sich. Er begann sich furchtbar zu ärgern. So\nheftig, daß ihm in ohnmächtiger Wut das Blut im\nKopf auf und niederstieg. Doch stellte er nicht\nganz sicher fest, worauf sich die Erregung bezog.\nAllein sie wurde bald zu nichts. An einer Halte-\nstelle mitten in der Stadt stieg er aus, blieb an einer\nSäule stehen und sah auf die Theaterzettel, von\ndenen einer trotz dem Abendlicht mattrosa leuch-\ntete. Er schritt sodann die breite, alte Steintreppe\nzu einem gegenüberliegenden Bahnhof hinauf und\nfuhr nach Kairo. Dort ging er in einem hohen, aber\nfälligen und lichtlosen Hause, zu dem er ge-\nkommen war, einen dunklen Gang hinauf,\nUnten rollte ein Wagen und zwei bis drei\nHunde brachen in ein Gebell aus. Er war von Ver-\ndrossenheit erfüllt, die leer war, da er sich nicht auf\nsie besinnen konnte. Oben blieb er fünf Sekunden\nstehen, dann ging er die Holzstufen wieder hin-\nunter und lief langsam bis zum tiefen Dunkelwer-\nden in einem fernen Stadtviertel und hörte mitunter\nunvermittelt nah Laute von Menschen, die er\ngänzlich, auch die Gesichtshaut, sah.\nAn diese Gedanken und dies Geschehen in\ndieser Folge erinnerte er sich, als er vor dem Ge-\nschäfte Huissier in Berlin an einem enorm warmen\nAbend sah, wie die Asphaltarbeiter das braune\nPulver feststampften und festglühten. Zwei\nKerls mit aufgekrempelten, braunen Armen\nzogen an einer Walze über den Fahrdamm,\num die die Luft vor Glut floß. Der\neine von ihnen hatte einen ekelhaft rotblonden\nSchnurrbart und ein rauchschwarzes ordinäres\nGesicht und vermochte fünf Sprachen des Konti-\nnents zu sprechen, dem andern traten die Augen\nhervor in grinsender Geilheit zu einem dicken\nDienstmädchen, das den Asphaltarbeitern zu-\nschaute und unbewußt gierig deren nackte Arme\nansah. Die Arbeiter wurden alsbald aufmerksam\nund jeder für sich wurde el>enfälls geil. Maura\nmerkte es und erinnerte sich an Folgendes:\nAn einem Abend reitet er auf einem klei-\nnen Esel in die Wüste. Als die Stadt schon so\nfern war, daß über ihr schon fast die Nacht lag\nund er sie nicht sehen brauchte, wenn er nicht\nwollte, fühlte er sich so, als müsse er in den laut-\nlosen Himmel hineinfallen. Die Wüste sauste\naschfahl und eben hinaus. Er denkt, es ist wie\neine optische Täuschung, den Raum stets zu\neinem bestimmten Punkte, dem Wohnpunkt, in\nBeziehung zu setzen, da doch alle Punkte gleich-\nberechtigt dazu sind, und es faßt ihn eine jähe\nUnsicherheit und ein geringer Schwindel der Un-\nteilbarkeit und Beziehungslosigkeit des Raumes\nnnd alsbald betrachtete er gespannt und erschlafft\nzugleich die einzelnen Haare seines Esels.\nRingsumher tobte der Himmel in allen Far-\nben und wie eine Unterbrechung der Welt stand\nein ungeheures schwarzes Dreieck einer Pyramide\nvor ihm. Es war klar, daß die Pyramide da war.\nEr versuchte den Esel umzulenken und ritt\newiglange nach Kairo zurück. Es war völlige\nNacht, und er ging langsam in einer lichtlosen\nStraße neben einem sehr schnell schießenden,\ngänzlich stillen, pechschwarzen Kanal, auf dem\ngelegentlich ein Schein blinkte.\nVor einigen völlig finsteren Häusern kam ihm\nin den Sinn, daß vor sechs oder fünf oder sieben\nJahren an einem Tage die Mutter von Beely vor\nAufregung zitternd im Klassenzimmer gestanden\nhatte und nach Beely fragte, der von cka ab weg\nwar. Während ihm dies einfiel, sah er auf ein\ndunkelgslbes Fenster, daß er, wie er jetzt glaubte,\nschon einige Zeit verworren bemerkt hatte. Er\nging an das Haus und in den Raum hinein,, wo\neine Menge Menschen miteinander redeten. Einem\nalten Weibe wiederholte er immer den Namen des\nMitschülers. Sie wies mit der Faust nach hinten,\nnach einer Tür. Er machte sie auf und ging durch\neinen schwarzen Gang zu einem kleinen Zimmer,\nDort stand sein Schulgenosse auf einem Teppich.\nMaura erstaunte etwas, doch nur wenig. Dann\nsah er, daß Beely Gefäße, Stäbe und schwere\nDinge ohne körperliches Zutun vom Erdboden auf-\nheben konnte. Es war noch jemand im Zimmer.\nMaura glaubte, daß sein Schulgenosse ihn nicht\nerkenne, aber er befand sich in einem Irrtum.\nEs sprach niemand etwas und es war für Maura\nsehr betäubend und unangenehm zu sehen, wie\nein Gefäß in dem freien Zimmerraum, in der Luft,\nvor Beely stand. Er verfiel in den entgegenge-\nsetzten Zustand, der ihn sonst erfüllte, und ver-\nsuchte mitunter an ein gelbes Plakat zu denken,\ndas er mal gesehen hatte, und an eine lächerliche\nZeichnung darauf. Aber es machte keinen Ein-\ndruck auf ihn, da er Beely doch kannte. Dadurch\nwurde seine Benommenheit noch beängstigender;\ner sah sich stier und mit traumartiger Furcht zu,\nwie sein Geist anfing, sich seinem Willen zuwider\nzu bewegen; darum betrachtete er mit Anstren-\ngung das Gesicht und klammerte sich an die\nEmpfindung, daß er es doch kannte. Aber der\nandere sah ihn nicht an, und Maura glaubte mit\neinem Male, daß dieser, bewegungslos, ihn doch\nkenne, und dann erschrak er plötzlich grauenhaft\nin dem kleinen Raum.\nEr ging die Klein-Straße weiter und blickte\nauf drei vornehme Frauen, die schweigend in\nmenschenleerer Straße nebeneinander schritten."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "750", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.4", "texte": "Arbeiterkolonie\nPaul Zech\nFrüh Sonntags kreischt in den Lauben\ndie Säge durch morsches Holz.\nKleine Mädchen gehn weiß und stolz\nund die Söhne füttern die Tauben.\nIn den gesäuberten Stuben beten\ndie Mütter den Rosenkranz,\nund die Väter, ledig des schwarzen Gewands,\nlungern vor den Staketen;\nihr Pfeifchen dampft\nund der Atemzüge Gebrau.\nUnd irgend ein Steiger stampft\nmit Kindern und Frau\nweit durch die hagren Alleen\nden Frühling zu sehen.\n\nPuppenspiel\nVon Franz Jung\nHerr B: sitzt am Tisch und weint.\nFrau B (atemholend): So, daß dus weißt!\nHerr B: wischt sich mit dem Taschentuch die\nAugen und schneuzt sich.\nFrau 0 (schnell): V/as willst du noch? Wa-\n✓\nRum kommst du immer wieder zurück!\n(Räkelt sich) Gott sei Dank!\nHe rr B (scharf): Gut! (Steht auf) Ich werfe mäch\nnicht mehr auf die Kniee. (Schüttelt die\nFaust) Warte du Aas!\nFrau B (zurückweichend: Vergreife dichl (Auf-\nheulend) Alles hab ich ihm gegeben und so\nso\nHerr B (knirschend): Du Dreckweib du — die\nGurgel möcht ich dir —\nFrau B (sinkt auf den Stuhl und weint): O wie\nbrutal du bist! (Sie springt auf) Das also\nist mein Leben, das ich mir gewünscht und\nersehnt habe, für das ich alles —■\nHerr B (schreit): Rrrraus!\nFrau B (kühl): O mein Lieber so leicht —\nHerr B.: lacht gezwungen.\nFrau B: Ich werde erst warten, bis ich jemanden\nhab.\nHerr B (ruhig): Ja so. Bleib nur, ja so.\nFrau B (heulend): Wie gemein du bist!\nEs klopft. Der erste Freund erscheint.\nErster Freund: Na kommt, Kinder. Das\ndauert etwas lange.\nFrau B (giftig auflachend): Sieh dir den an, der\nwill mein Mann sein!\nErster Freund: Aber ich bitte —\nFrau B: Wenn du wüßtest, wie er mich behan-\ndelt (sie streichelt ihn) du, hilf mir doch.\nHerr B (bitter): Sie wartet ja nur darauf, sie zieht\nmir alles raus.\nFrau B: (geht ins Nebenzimmer).\nErster Freund: la was soll man dazu sagen.\nHerr B: Bie entsetzlichen Stunden und dann\nwieder — du weißt es selbst.\nErster Freund: Sie ist krank. O wie ist sie\nkrank.\nHerr B: Was soll ich tun? Ich kann sie doch\nnicht in ein Sanatorium bringen.\nErster Freund: Du mußt dich beherrschen,\nzusammenkrampfen, auch wenn es dir\nscheint, du zerbrichst.\nHerr B: Wie oft hab ich das selbst schon zu\nihr gesagt! (Er seufzt)\nErster Freund: Aber deine Tragödieist klein\ngegenüber dem Leben, das ich täglich bei\nD's sehe, wie unscheinbar. Das solltest du\neneben! (Er klopft an der Tür zum Neben-\nzimmer: Aber so kommen Sie doch) —\n(geht hinein).\nEs klopft. Der zweite Freund erscheint.\nZweiter Freund: Auf euch kann man aber\nwarten.\nHerr B: Sofort. Meine Frau macht sich noch zu-\nrecht.\nSchweigen. Man hört drinnen weinen.\nHerr B: Es ist schrecklich über den Arzt nicht\nhinauszukommen.\nZweiter Freund: Was heißt das.\nHerr B: Ich dächte, ich hätte mit dir auch schon\ndavon gesprochen, wie ich sie behandeln\nmuß.\nZweiter Freund: Aber ich habe dir auch schon\nvor Monaten gesagt, du wirst sie nicht halten\nkönnen.\nHerr B (aufbrausend): Was heißt das!\nZweiter Freund: Sie weiß mit ihrer wahn-\nsinnigen Liebe zu dir nichts anzufangen.\nHerr B (beruhigt): Sie liebt mich wahnsinnig.\n(Gequält) Und jedes Opfer, das sie bringt,\nzertritt sie wieder.\nZweiter Freund: Mir scheint, du kannst über-\nhaupt ein Weib nicht richtig behandeln.\nHerr B: Ab und zu sagt sie das auch. Aber\nwie ich sie systematisch hebe, wie ich die\nFlügel beschneide und die Fäden des Netzes\nenger ziehe, davon wisst ihr nichts, alle\nnichts.\nZweiter Freund: Ich habe gesehen, wie du\nsie getreten hast. Du wirst dich vielleicht\ndoch trennen.\nHerr B: Die Fußtritte ersetzen das.\nZweiter Freund: Du weißt, wie gern ich\neuch beide habe. Ich möchte dich nicht un-\ntergehen sehen.\nHerr B: Ja, ein wunderbarer Trottel, scheints.\nZweiter Freund: Es wird dichtreffen, aber ich\nmuß dir sagen, ich hätte sie diir genommen,\nwenn dir darriit geholfen wäre.\nHerr B: So — (Schreiend) Scher dich rrrrausl\nEr dringt auf ihn ein.\nZweiter Freund (abwehrend): Was soll das!\nDer erste Freund kommt mit Frau B aus dem\nNebenzimmer.\nFrau B (spitz): Ah — eine Komödie.\nHerr B (sich schüttelnd): Wie wohl das tut.\nZweiter Freund: rückt seinen Kragen zurecht.\nErster Freund: Nun wollen wir aber endlich\ngehen.\nHe r r B (in sich zusammengesunken): Ich gehe\nnicht mit.\nFrau B (schnell): Was heißt das?\nHerr B (schreiend): Schluß! (Ruhiger) Schluß.\nAus. (Lauter) Auf der Stelle erklärst du.\ndaß allesi nicht wahr ist!\nFrau B: lächelt und schweigt.\nErster Freund: Ich hab nichts gesagt. (Scharf\nund schnell zu Herrn B) Oder hab ich dir was\ngesagt?\nHerr B '(vor Aufregung zitternd zu Frau B): Du\nalso hast erklärt, du hättest mich betrogen,\nmit l.chelndem Munde, in diesem Jahre, wo\nich alles für dich getan habe Oh!\nFrau B (mit Pathos): Um Gotteswillen! Wohin\nbin ich geraten? War ich denn blind?\nErster Freund (murmelnd): Ich hab nichts\ngesagt.\nHerr B (erschüttert): Gesteh — gesteh!\nFrau B: Ja was soll das, ändert das was? (Thea-\ntralisch) Um Gotteswillen-\nErster Freund: Denkst du denn, wir sind hier\ndeine Narren?\nZweiter Freund (zu Herrn B): So komm\ndoch!\nHerr B: grunzt vor Wut in sich hinein.\nFrau B (leise): Um Ootteswfflen.\nErster Freund: Die Sache wird mir doch zu\nbunt.\nEr nimmt den zweiten Freund am Arm. Beide\ngehen hinaus.\nFrau B: sieht sich spöttisch um. (Schweigen).\nHerr B: Schließlich wäre es mir auch gleich-\ngültig.\nFr au B: Nu also.\nHerr B: Aber ich weiß, daß es nicht wahr ist.\nDas tut weh.\nFra u B (will ihn am Arm fassen): So komm doch.\nHerr B (schreit): Laß mich!\nFrau B: Also du willst nicht.\nHerr B (fletscht die Zähne): O du —\nFrau B (geht zur Tür): Gut!\nIns Zimmer treten die beiden Freunde mit\neinem Fremden.\nDer Fremde (lächelnd: Verzeihen Sie\nErster Freund (schnell): Der Herr will sich\ndurchaus nicht zurück halten lassen —\nübrigens ein Bekannter.\nFrau B (ruhig): Ja — aber heute kann ich sie\nIhnen nicht zeigen.\nDer Fremde: Sie haben Besuch?\nFrau B (stotternd): Wie man so nimmt —\nDer Fremde (mit einem Seitenblick auf Herrn\nB): ich will durchaus nicht stören (verbeugt\nsich) vielleicht ein andermal —-\nDie drei Herren gehen hinaus.\nZweiter Freund (ruft im Gehen): Also wir\nwarten unten.\nFrau B (interessiert): Weißt du, ich kenne ihn\nvon früher, er wollte die Skizzen sehen.\nHerr B (wie aus einem Schlaf erwachend): Wei-\nche Skizzen?\nFrau B (schnell): Du weißt doch, die Akte,\nzu denen ich neulich dem Meiwald gestan-\nden hab.\nHer r B (resigniert): So dem Meiwald —\nFrau B (schnell): Vielleicht hast du sie gar noch\nnicht gesehen (schmeichelnd) du Dummer —\nHerr B (sanft): Warum tust du das alles. Ich\nbin so müde.\nFra u B (streichelt ihn): Laß gut sein.\nHerr B (streichelt sie seufzend): Ja.\nFrau B (besorgt): Mit welchen Leuten du dich\nauch umgibst, du siehst doch, wie häßlich sie\nsind.\nHe rr B (murmelt): Mein Kopf —\nFrau B: Gelt, nun gehen wir auch nicht fort.\nHerr B (streichelt sie): Wie du willst.\nFrau B (drückt seinen Kopf an die Brust): Ach\ndu Einziger, Guter — komm, Süßer!\nSie zieht ihn ins Nebenzimmer. Man hört von\nder Straße die Herren sich entfernen.\n\nHugo von Tschudi\n\nWehmut, leise klingende Silberschale im\nschwarzdunklen kathedralen Raum. Wimmernd\nbricht sich der Schall an den hohen Kapitälen der\ndünnschäftigen Säulenbündel. Es knirscht das\nschwere doppelte Tor. Leben, brennendes, uner-\nbittliches, hastendes Leben, die tastenden Finger\ngreifen nach Halt. Ah!\nMit welcher Inbrunst nehmen doch die Künst-\nler des Impressionismus Hugo v. Tschudi für sich\nin Anspruch, vergessen gänzlich, daß es ihm stets\nnur um Kunst und nicht um einzelne Etappen der\nKunst zu tun war. Bis in die letzten Tage, die über-\nraschend schnell dieses gute Leben abschnitten,\nbewahrte er sein Interesse außer für „anerkannte\"\nKunst auch uns verfehmten Jungen (hmja! Junge\nvon dreißig Jahren und noch älter).\nAnbetungswürdiger, unparteiischer Mann, die\nletzten Tage deines Lebens brachten mir noch eina\nder größten Freuden, es ist mir eine Reliquie, dieses"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "751", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.5", "texte": "Julius Pascin: Zeichnung\n\nSchreiben der Anerkennung aus Cannstatt. Trübe\ndurch das kleinliche Leben verkümmerte Tage sind\nmir verschwunden, es gibt mir Kraft, weiter meinen\nWeg zu verfolgen, durch alles, was mich in den\nSchmutz ziehen will.\nWas Tschudi getan hat, ist schon an vielen\nStellen gerühmt worden, nur das nicht, daß er auch\nuns Jungen eine kräftige Stütze war. War? nein!\ner wird es bleiben, denn gerade die Kürze der Zeit\nverpflichtet uns, ihm über das Grab hinaus\nDankbarkeit zu beweisen, durch harte Arbeit um\ndie Kunst.\nIn sechzig Jahren werden wir es bewiesen\nhaben. Kampf macht kräftig, kräftige genug, auf-\ngetürmte Nichtigkeiten, zu verlachen. Mir war\nanfangs Hugo v. Tschudi Hoffnung auf Erleichte-\nrung des materiellen Lebens: geworden ist er mir\nein Talismann gegen alles Hindernde in mir selbst\nund gegen mich.\n\nMax Pechstein\n\nTubutsch\nAlfred Döblin\nIch berichte über das Buch Albert Ehrensteins\nnicht eigentlich kritisch, sondern ich lese\nsein Buch entre nous. Seine Erzählungen sind\nlese sein Buch entre nous. Seine Erzählungen sind\nvoll einer drückenden Trauer; eine gelähmte Passi-\nvität spricht aus ihnen. Es sind die Erlebnisse eines\nMenschen, der nichts erlebt; der horror vacui bricht\naus jeder Zeile; ich erwartete öfter einen Angst-\nzustand, ein faseliges Irrewerden. Otium divos\nsieht, das erkenn ich, in Wien so aus wie Herr Karl\nTubutsch. Herr Tubutsch ist der Lumpensammler\nkleiner Zufälligkeiten, der kleinsten Zufälligkeiten\nund! Abfälligkeiten; Langeweile, Sehnsucht ohne\nKraft zu einem Ziel, Aufschrecken und Wiederzu-\nsammensanken bezeichnen den psychischen Tenor.\nAber Ehrenstein hat sein Thema gut und reich be-\nhandelt. Reich: denn bei diesem Spiel auf einer\nSaite hört er nicht auf zu interessieren; immer wie-\nder wandelt sein trauervolies Thema neu ab, das\nThema des Gefangenen in der Bleikammer, resig-\nniert, lächelnd, verzweifelt, gleichgiltig, entschlos-\nsen, angeekelt, scheu. Er behandelt es in einem\nimmer runden ruhigen Ton; seine Sprache ist ge-\nbunden und einfach; öfter frappierte mich die\nSicherheit der Bilder, Adjektiva. Er ist völlig\neiner Qefahr entronnen: ans uferlos Lyrische zu\ngeraten. Bei allem Abdrängen des Lyrischen\ngeht die Erzählung auf der Erde, dem\nweichen Wiener Boden. Und die vorangestellte\nErzählung „Ritter Johann des Todes44 zeigt, daß\nEhrenstein sich gut über sein Weiteres auskennt.\nDiese Erzählung hat das Gefühlsmäßig noch mehr\nins Dunkel zurückgestellt; drängt auf umreißende\nPlastik. Vielleicht berichte ich später einiges Ein-\ndrucksmäßiges über die beigefügten Zeichnungen\nvon Oskar Kokoschka.\n\nGertrud Eysoldt\nKurt Hiller\nwelche die Ehre hatte, als erste die Lulu ver-\nsinnlichen zu dürfen, legt vielleicht auf das Urteil\nder Urteilsfähigen noch ebensoviel Wert wie auf\ndas Urteil jenes Pöbels, dem Whitman, Rilke.\nKahane koordinable Größen sind. Dann aber lasse\nsie künftig in Inseraten von Vortragsabenden da 3\nProgramm nicht wieder mit diesen drei Namen\nbeginnen. Sie könnte sich sonst leicht die Sym-\npathien derer verscherzen, die das Recht haben,\nihre Schauspielkunst zu bewundern .. . Das\nEnde der Liste bildet „Goethe\", doch sie trennt\nihn von den andern gedankenvoll durch einen\nStrich. Dieser Strich ist kein Umstand, der mil-\ndert; im Gegenteil! Denn er läßt erkennen, daß\nsie die Distanz zwischen Whitman und Kahane\noder zwischen Rilke und Kahane für kleiner hält\nals die zwischen Kahane und Goethe. Traurig,\neiner ernsten Schauspielerin mitteilen zu müssen:\nWhitman, Rilke und Goethe sind Künstler, und als\nKünstler von der absoluten Antikunst, vom\nSchund, vom süßen Gewäsch, vom Journalismus\n(selbst von einem, der Hexameter flötet), kurzum\nvon Kahane — alle unendlich weit, also jeder\neinzelne gleich weit, entfernt. Mit dem Ein-\nwand, die Sprechkunst sei ein Midas und sogar\nder Dreck werde unter ihrer Berührung zu Golde,\nverschone uns Frau Eysoldt; denn zugegeben\nselbst, Sirnmel hätte recht und der Schau-\nspieler wäre tatsächlich kein reproduktiver,\nsondern ein souveräner Künstler, so bleibt lür den\nRezitator doch die indiskutable Pflicht be-\nstehen, Diener am Wort zu sein. Der Rezitator\nmacht sich mit dem Rezitierten identisch, und er\nwird sich, vor dem imaginären Gerichtshof der\nKultur, wegen der Sünden derer, denen er dient,\nverantworten müssen. Der Rezitator ist Propa-\ngator; oder „Pionier\", wie Blondere sagen. Tritt\ner für nichts als das Elende ein, so schadet er\ndem Edlen weniger, als wenn er beides zugleich\nvertritt; denn immerhin verhindert er dann, daß,\ninfolge der Zusammenstellung, von dem Elenden\naufs Edle ein Schatten fällt oder — was viel ver-\nderblicher ist — vom Edlen auf das Elende ein\nLicht. 810 ß aus Kahanes Oeuvre lesen —\nSchwamm drüber! Aber „Whitman, Rilke, Ka-\nhane\" — das laß ich mir nicht gefallen.\n\nBriefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\nLieber Herwarth, Paulchen will endgültig\nnicht mehr in den Kino gehen, er hätt die Nacht\nnicht schlafen können, ein Mensch sei irrsinnig im"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "752", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.6", "texte": "Stück gewesen und kein Junge will mehr hingehen.\nDie Unglücke sehe er ja sonst gern. Er war\nnoch ganz erregt am Morgen und erzählte mir fol-\ngendes: Es war ein Mann der hieß Marius der\nhatte eine Braut bekommen beim Tanzen und da\nschrieb die Braut dem Marius ein helles Fenster\nsollt ihm in der Nacht zeigen wo sie wär. Im selben\nHaus war ein Hotel, das Haus war ein Hotel über-\nhaupt davor ein Irrenhaus für die Geisteskranken\nvon Doktor Rüssel wo die Leute mit Strahlen ge-\nheilt werden von Doktor Rüssel. Herr Marius\nhatte sich in der Dunkelheit verirrt und ging iri das\nIrrenhaus in eine Zelle. Da kommt plötzlich mit\ndem Auto ein Geisteskranker her und er wird von\neinem Diener durch Strahlen zum Schlafen ge-\nbracht und schläft. Da wird er wieder wach und\nwollte aus dem Fenster flattern aber sinkt vors\nBett und auf einmal kommt Marius rein sieht den\nirren Mann und sofort vor lauter Angst hinter die\nWand aber der Geisteskranke packt ihn an die\nKehle und würgt ihn fast ganz tot aber nicht ganz\ntot auf einmal hört das ein Wärter der nachts rum-\ngeht macht die Tür auf und man kann da plötz-\nlich reinsehn in Doktor Rüssel sein Zimmer der\nsitzt mit Marius seiner Braut auf dem Bett und\npoussiert.\nLiebes Kurtchen, morgen komme ich in Dein\nBureau, Potsdamerstraße 45, mit der Rechnung vom\nCliche Deines Bildes — hoffentlich hast Du Dich\ngetroffen gefühlt.\nNota: Gliche sechs Mark. Zwei Mark zwan-\nzig das Auto in die Clichefabrik; drei Mark fünfzig\nmit Trinkgeld das Diner bei Kempinski und\nfür fünfzig Pfennig Fachinger. Bei Kranzler trank\nich Schokolade für fünfzig Pfennig und aß für fünf-\nundsiebzig Pfennig Törtchen, die alt waren. Nahm\ndann wieder ein Auto in die großen Rosinen. (Mein-\nhard spielte famos.) Dreißig Garberobe, sechzig\nFoyer (Lachsbrödchen). Nahm dann ein Auto,\nraste ins Cafe des Westens, dich und Herwarth\nabholen; traf Euch nicht, fuhr schließlich im selben\nAuto heim, kam aber zu spät, mußte den Portier\nherausklingeln für fünfundzwanzig Pfennig. Bitte\nzähle die Summen zusammen, irre Dich nicht nicht.\nLaß Dein Gemälde einrahmen in Watte, Dich ein-\nsalzen wo der Pfeffer wächst.\nIch grüße Dich! Else L.-Sch.\nLieber Herwarth, liebes Kurtchen, ich bin\nAdolf Lantz begegnet; er trägt, seitdem er Direk-\ntor ist, einen Zylinder, der blaakt.\nIch gehe jetzt- seltener ins Cafe, ich kann es\nnun auswendig. Es ist ja nicht allzu schwer zu\nlernen; internationale Cafes sind schwerer 2u. be+\nhalten. Ich plaudere wieder so vor mich hin wie\nVerblühn. Ich liabe alles abgegeben der'Zeit,-wie\nein voreiliger Asket; nun nimmt der' Wind noch\nmeine letzten herbstgefärbten Worte mit sich.\nBald bin ich ganz leer, ganz weiß, Schnee, der in\nAsien fiel. So hat nie die Erde gefroren, wie ich\nfriere; woran kann ich noch sterben! Ich bin ver-\nweht und vergangen, aus meinem Gebein kann man\nkeinen Tempel mehr bauen. Kaum erinnerte ich\nmich noch an mich, wenn mir nicht alle Winde ins\nGesicht pfiffen. O, du Welt, du Irrgarten, ich mag\nnicht mehr deinen Duft, er nährt falsche\nTräume groß. Du entpuppte grauenvolle Welt-\nsagerin, ich habe dir die Maske vom Gesicht ge-\nrissen. Was soll ich noch hier unten, daran kein\nStern hängt.\nIch bin nun ganz auf meine Seele angewiesen,\nund habe mit Zagen meine Küste betreten. So viel\nWildnis! Ich werde selbst von mir aufgefressen\nwerden. Ich feiere blutige Götzenfeste, trage böse\nTiermasken und tanze mit Menschenknochen, mit\nEuren Schenkeln. Ich Wierde aber mit der Zeit mich\nbesänftigen können, ich muß Geduld haben. Ich\nhabe Geduld mit mir.\nSchmidt-Rotluff hat mich im Zelt sitzend ge-\nmalt. Ein Mandrill, der Schlachtengesänge dichtet\nSchmidt-Rotluff hat mich als Mandrill gemalt, und\nich stamme doch von der Ananas ab. Ihr habt den\nAffen überwunden; man kann sich doch von nichts\nin der Geburt vorbeimachen! Bin entzückt von\nmeiner bunten Persönlichkeit, von meiner Ur-\nschrecklichkeit, von meiner Gefährlichkeit, aber\nmeine goldene Stirn, meine goldenen Lider, die\nmein blaues Dichten überwachen. Mein Mund\nist rot wie die Dickichtbeere, in meiner Wange\nschmückt sich der Himmel zum blauen Tanz,\naber meine Nase weht nach Osten, eine Kriegs-\nfahne, und mein Kinn ist ein Speer, ein vergif-\nteter Speer. So singe ich mein hohes Lied. O,\nHerwarth, Ihr könnt es mir ja alle nicht nach-\nfühlen — was blieb Euch vom Affen übrig? Her-\nwarth, du brauchst es ja nicht wiedersagen, Her-\nwarth, ich schwöre es dir bei dem Propheten\nDarwin, ich bin meine einzige unsterbliche Liebe\nLieber Herwarth, ich höre, Du hältst einen mu-\nsikalischen Vortrag bei Cajus-Majus im Cabaret\nGnu. Ich weiß noch nicht, ob ich kommen kann.\nDas Gnu hat so viel Junge geworfen, die sicher\nnicht blind für deine Musik bleiben. Es hat jemand\nherumgebracht, seitdem Du eines Deiner Lieder\neiner Anderen gewidmet hast, als mir, inter-\nessieren mich Deine Vertonungen nicht mehr.\nJemand hat nicht ganz Unrecht. Subjektiv nicht\nmehr! Ich glaubte immer, Du könntest nur meinen\nGlanz aushalten, daß keine blasse Sehnsucht in Dir\nstecke.\nLieber Herwarth, ich gehe doch in das Cabaret\nvon Dr. Hiller, schon um der kleinen Martha Fel-\nchow Pralinees zu bringen. Sie sitzt vor der Ein-\ngangstür an der Grenze zwischen Prolet und Gnu\nund nimmt die Zölle immerzu.\nIch hörte, Ludwig Hardt habe wieder so groß-\nartig im Choralionsaal vorgetragen — er ist der\neinzige Liliencron-Interpret. Er gab mir mal alleine\neinen Liliencron-Abend, in einem der Erkerviertel\ndes Cafes. Sein Vorträg trägt die weiche Seele\nLiliencrons, das Stahl seines Herzens. Ludwig\nHardts Stimme marschiert mit Sporen durch\ndes Dichters Kriegsgedichte. Ludwig Hardt\nist ein lyrischer Soldat, er ist adelig, wie Liliencron.\nSein Elternhaus lag, eine Löwin, an goldener Kette.\nHeute kommt Ludwig Kainer und zeichnet\nmich für den Sturm als Prinz von Theben. Meine\nzwei Neger, Ossman und Tecofi, der Häuptlings-\nsohn, werden ihn im Vorhof meines Palastes em-\npfangen. Ich trage mein Feierkleid und meinen\nMuschelgürtel und den Islämstern des Sultans über\nmeinem Herzen, und werde nach ,-,ihm\" aussehn.\nLieber Herwarth, iiebes Kurtchen, ich kabe\nvor, eine große Festlichkeit zu veranstalten;\nmeine Gemächer sind nicht geräumig genug,\nund ich begab mich heute morgen ins\nneue Schloßviertel hier zu der Marquise\nAuguste Fürst-Foerster, der ich die Valencienne-\nhand mit Ehrfurcht küßte. Sie war wie immer\nvon ausgesuchter Delikatesse und stellte mir\nauf meine Bitte ihre Salons zur Verfügung. Daß\nsie hoffe, auch als Gast erscheinen zu dürfen, auf\nmeiner hohen Festlichkeit, erfreut sie unendlich.\nDann geleitete sie mich zwischen Rosentapeten\nihrer Korridore; „Allerhöchste Marquise\". — Mar-\nquise (gnädig lächelnd zu mir): ~Hoheit\" . . .\nHerwarth, ich habe noch eine Zeichnung von\nS. Lublinski gefunden, wie ich ihn heimlich zeich-\nnete über lauter Köpfe im Cafe hinweg, da wir uns\nvorher gehauen hatten. Er war ein Charakter. Die\neinzige Eigenschaft, die einen ganzen Charakter\nausmachen kann, ist Mut. Also war er noch\nmehr wie ein Charakter, er war ein rostiges\nGefüge.\nHerwarth, ich schreibe hier einen offenen Brief\nan Paul Cassirer.\nSir, es war für mich keine Ueberraschung, in\nihrem vornehmen Salon die Werke Oscar Kokosch-\nkas zu bewundern. Manche von den Betrachtern\nhielten sich sicher ihr Lachen ein, in Erinnerung\nan Sie, Sir, des unumstößlichen Glaubens wegen\nan Sie, Sir, Ihres kunstverständigsten Namens we-\ngen, Sir, Ihrer Sicherheit in den Farben und Werten\nund Zeitwerten wegen, Sir; Sie haben sich am\nTage, da Sie Oskar Kokoschka in Ihren Salons aus-\nstellten, selbst hundert Jahre voraus in die Zukunft\ngesetzt, indem sie als erster Kunsthändler in Ber-\nlin den Ewigkeitswert seiner Schöpfungen erkann-\nten. Ich hörte mit nicht geringem Erstaunen, dai\nSie eine zweite Ausstellung von Kokoschka in\nIhren Sälen veranstalten wollen, Kopieen seines\nGenies. Warum das schon bei seinen Lebzeiten?\nWarum echten Wein verwässern, wenn schwach-\nbefähigte Besucher Herzklopfen bekommen! Oder\nbesoffen werden und taumeln oder ausfahrend wer-\nden. Ich fordere Sie allerhöflichst auf, Sir, diese\nAusstellung zu unterlassen. Oskar Kokoschka ist\nkein Zwilling, er hat noch nicht einmal einen Vetter,\naber einen Meuchelfreund. Ich rechne darauf, Sir,\nund mit mir zeichnen noch ernste Bewunderer der\nOskar Kokoschkabilder, Sie unterlassen eine Aus-\nstellung der Kopieen, die Max Oppenheimer in\nIhren Sälen zu beabsichtigen gedenkt. Und ge-\nnehmigen Sie meine hochachtungsvollen, verbind-\nlichsten Grüße, Sir. Else Lasker-Schüler\nOppenheimer hat auch Anhänger — jawohl,\nbitte — an seiner Uhrkette hängen. Max Oppen-\nheimer, Abbe. Sie wollten mich rücklings in die\nBeichte stecken . . . Denn Niemand weiß so ge-\nnau wie ich, daß Sie farbige Wechsel ausschrei-\nben mit der Unterschrift Oskar Kokoschkas.\n(Dieses schrieb ich ihm im Cafe, er glaubt, ich\nle prince de Theben, bin das Werkzeug einer\nPartei.)\n*\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "753", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.7", "texte": "Vertag Der Sturm Halensee / Verantwortlich für die Anzeigen: Edmund Häner\n\nW Ausstellungen, Salons\nKunsthandlungen etc.\nCASPER'S Kunst-Salon\nEintHtt 50 Pf. 19 Polsdamerstr. vis-d-vis Eichhornstr.\nWinter-Gemslde-Aus»te!iung Serie I\nKollektionec von\nJ. Bergitalin\nM, Bieler\nJ. Block\nF. Chariet\nJ C&os\nV. Freademann\nW„ Galltof\nP. Grulicbi\nLeo Rauth\nH. Herrmann\nP. Hey\nL. Koiitz\nE. Kux\nM. Liebermann\nRene Reinicke\nWerke von:\nA. Mfiller, Cassel\nA. v. Spreckelsen\nM, Thedy\nC. L. Voss\nC. Walter u. a.\n\n[Ba^«g«a^^BeaaaßBggesMß^gj\nGRAPHISCHES KABINETT|\nBuch- u. Kunsthandiung, Antiquariat, Verlag g\n:: BERLIN W 15, Kurfiirstendamm 33 :: g\nK\nIra Eckhause, gegenuber der Se- lug\nzession, Eingang Groimannstraße\nCW\nStandige Ausstellung\nmoderner Graphik\nIllaslriert Katalog u. Prospekte gratis\nETNTRITT FREI\nAnkauf guter Graphik\nu. illustrierter Bucher\n\nAtelier Hanni Sctawarz\nInhaberianen: Marie Luise Schmidt nnd Hanni Schwarz\n== Berlin W 30 fiohenstautenstrasse 44 111 :\nFernsprech-Anschlufi: Amt LGtzow, 9110 :: Fahrstuhl\nGeoffaet: Wocbentags von £-6, Sonntags von 10-1 Uhjr\nPhoiographische Arbeiten jeder Art in\n===== kiinsilerischer Ausfuhrung =====\n:: Aufnahmen in naiiirlichen Farben ::\nSpezialitat: Kinderaufiaahmen und Aufnahmen\nim eigenen Heim ,\\ Kurse far Amateure\n\nFRITZ STGLPC\nBERLIN W 35\n6enthiner Sfrafie 42\nGegrfindet im Jahre 1873 Fernsprecher Amt VI 752\nFabrik fur Gemalderahmen\nin alien historischen und neueren Siilarten\nKoplers von Rah men nach alten Meist rn In Original-Goldtdnungen\nSSmtliche Vergolderwaren Mobe 1 n , Innen - Architekturm usw.\n.*• Kunst-Einrahmunqeri\nReparaturen und Neuvergoldungen aller Gegenst&nd~, Auf-\narbeiten all. Art. Antiken, keinigen von Gemalden u. Stichen\n\nFRITZ MERKER Charlo,tet^Sillt;rstr:94\nPASSEPARTOU+FABRIK:: RUCH-\nBINDEREI :: :: ZEICHENMAPPEN\nAUFZIEHEN VON ZEICHNUNGEN :: M DEKNE BUCHEINBANDE\n\nKONSTLiER -fIIAGAZIN\nFRITZ BERCfnAHN\nH Schutzenstr. 54\nFemsprecher: Amt Steg 1 i t k 482\n.. Architektur-Bnchbinderei .\\\nElektrisefee Licbtpausanstale mit Motorbetrieb\nPass epartout-Fabri Nation Blldereinrahmung'\n\nMS\n•s\nrt\n-i\n%\nGeorg Aniou Berlin Sf\nIFrlecSFictßStraSSe 49a r\nVielfachpr&miiert Gegrundet 1876 ■■■Ssk\nlllustrierter Preis-Katalog franko Jf \"'\nPer ticken 112. T heater : %\nirnd Sirasse sowie\n3§,mtlicher ilaarar-\nbeiten in naturge-\ntreuer Ausiuhrung\n\\v£to-\n'V 'r\nieu\n\"-f\n«2SS^££n?£\nV 112\ns h I\nvl •#\n*43> 43\n.c m\nO! i &sk.\n• j d\nWis\nSr'r«s\n' )}' J-\n\nME Lehranslalten . Kurse\ni\nMai- und Zeichenschule\n£»£<»\nass\niHA\nS2sS\nStilleben — Landschaft — Portr&t\nOtto Beyer\nHektorstraße 17\nam Kurfu>\"Stendaram\ni\nMan verlange Prospekte\nHolzschnitzen, Modellieren, Zeiohnen\nTaglich 9—l Uhr Eintritt jederzeit\nModeliiaren fur Architekten t&glich von 5—7 oder 7—9 Uhr\nAbendakt taglich 7 9 Uhr Mark —,50\nAtelier Kurfurstendamm 243 parterre gegenuber dem Zoo\nBildhauer Harders Berlin-Charlottenburg\n\nI -rwwaflva .jt n-ffijjuw.ijiMf. w. «-.rsv, *'.\\rr\\'*n~irr»r_?^r.v ,► ■m ■ gvzm\nTf\nt«l\niHSf\nA\nrwl\nt\n*\nmm\nm\nm\nt\nMDIH-msTiYOT\nLeiter: M. PECHSTEIN\nE. L. KIRCHNER\nWILMERSDORF\nDurlacher Strafle 14\n19DEMER CMTEESICHT\n:: IN MALEREI ::\nGRAPHIK, PLASTIK\nTEPPICH-, GLAS- U.\n; : MET ALL-ARBEIT :\nMALEREI IN VERBINDUNR\nMIT ARCHITEKTUR\n\nJViocklUerett und Zctcbncti —\nDorberciiung fur foe Hkabcmie\nKarl Reynen-Dumont\n(Efyartottenburg £ei&ni3-Str. 32, Hteliet\nBTa&tge fjonorare\n\nBuchhandlungen\n\n(T=\nEdmund Meyer\nBuchhanSSer u. Rnfiquar\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdaroer fJrasse 27 b\nFernsprecher Amt VI 5850\nReuss&\nBui-tihaiidlungu.Aiiliqua iat\nIch kaufe alle Publi-\nkationen voi Stefan\nGeorge in ersten Aus-\ngaben, sowie die\nBlatter fur die Kunst\nPaul Graupe\nAntiquariat\nBerlin W 35, Liitzow-\nstrassa 38\n\nWi\ne.\n$\n*5\n\nAutoren\nwelrhc ein bel!etristis<hes oder\nwissenschaitiirhes Buch ge-\nschrieben haben und einen\ndafiir suehcn, der es\nnach mode nen drucktechni-\nschen Prinz pien ausstattet und\nruhrig verirei<t, helieben ihre\nAdressen (evt. Mannskript) ein-\nzusenden.\nHansa=Ver!ag\nfur moderne Literatur\nund Zeitschriften\nW. 35 Flottwellstr. 6\n\nVerlag\nmit eigener Druckerei übernimmt\nsorgfaltige von belle-\ntristischen Werken und von Bro-\nschuren jeder Art, sowie Verlag\nund Vertrieb der hergestellten\nWerke mit individueller Propa-\nganda I Anfragen erbeten unter\nP R Expedilion Der c turm Halen-\nsee-Berlin / Riickporto ist beizu-\nfiigen.\n\nfeu\"i\nTheoterbQhnen\nliefert und verleiht\nMinuth t »:\nBerlin 26, IV 4612\nOranienstraßG 6\n\n$\nffT3f!\nNoch nie dagewe-\nsener Lach-Erfolg!\nDos Kind\ntier Firmn\nmit Anton und Donat Herra-\nfeld in den Hauptrollen\nVorher:\nSchmerzlose\nBehandlung\nAnf. 8 Uhr Vor verk. 11 - 2 Uhr\n\nWintergar\nAm Bahnhof\nFriedrichstraße\nNeues Proaramm\no>ga Desmond\nZwolf Debuts\n\n=J7=J7^JJ=Jr^Jr=dr=Jr=Jr=^r=m\nVereinnirKunst\nAchtes Jahr\nSechsfer Abend |jj\nMlttwocli, den 31. Jtmunr\nabends 8 Uhr\n:: Architektenhaus\nWilhelmstrasse 92/93\nKarln\nMichaelis\nVORLESUNO\naus eigenen Dich-\ntungen\nKarten M. 5, 3, 2, 1 bef\nA. Werthetm, Konzertkasse\nund bei Reuss und Pollack\n\nDie FocKel\n* HEKAUSGEBER\nw\n#•\n# Karl Kratis\nt\nErscheint in zwangloser\nri*\n112 „ ,\n#■ bolge\nNurnmer 339/340\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfennig\nCtberall erhaltlich\nauch auf den Bahnhofen\nWerbeband der Fackel\n50 Pfennig"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "754", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120120-01.1.8", "texte": "Druck von Carl tlause. Berlin SO. 26 Mariannenplatz 23\n\n- - r : ......... mm. •• , ■nil II •* \" — .\nt\nKm\nFR. 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Berug dieser Ausgabe fur das Vierteljahr:\nDrei Mark\n\nKUNSTLERISCHE RAUME\nC\n*»\nf=\n\\\nHUQO\n1912\nALBERT KOBLINSKX\nBERUN-BRUCKENALLEE6\n\nC&fe-Restaurant\nOdeoiv\nBar\nCharlottenbur£>\nBisrmardcstt-EcKeKeue (jrolmans'tr\nTaglich Nachmittag- und Abendkonzert\nvon 4—7 Uhr von 8V2— 2 Uhr\nBillardsale Spielsale Kegelbahnen\nBeste wiener und ungarische Kuche\nG-utgepflegte Biere und Weine\n:: ANGENEHMER AUFENTHALT ::\nBesitzer J. KAUNITZ Cafetier\nNEU EROFFNET!"}]}