{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_sha256": "e3d4e8054c0b9ad108739aa71fcd90a5844bce192434f9a6514d5e948ca60b39", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/01/27_01/bmtnabg_1912-01-27_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/01/27_01/bmtnabg_1912-01-27_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c001", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "755", "page_fin": "755", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "755", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.1", "debut_caractere": 511, "fin_caractere_exclue": 938, "texte": "Inhalt:\nTRUST: Dichten und Tracheen; Gedanken deutscher Männer / Hier Mosse, hie Langen / Wie dichtet man klar? / Seeräubergeschichten /\nDie Pressemuse /Preisrätsel / LOTHAR VON KUNOWSKI: Schwebende Tonflächen / GÜNTHER MURR: Hamburg / ALFRED DÖBLIN:\nGemütliches / ELSE LASKER-SCHÜLER: Briefe nach Norwegen / J. A.: Humoristen / ARTUR SEGAL: Sommersitz / Originalhoizsehnitt /\nSCHMIDT-ROTTLUFF; Der Prinz von Theben / Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c002", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "755", "page_fin": "755", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.2", "titre_corps": "Artur Segal: Sommersitz / Orignalholzschnitt.", "titre_sommaire": "Artur Segal: Sommersitz / Orignalholzschnitt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "755", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.1", "debut_caractere": 940, "fin_caractere_exclue": 985, "texte": "Artur Segal: Sommersitz / Orignalholzschnitt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c003", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "756", "page_fin": "757", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.3", "titre_corps": "Dichten und Trachten", "titre_sommaire": "Dichten und Trachten", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "756", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10215, "texte": "Dichten und Trachten\nGedanken deutscher Männer\nDer Lokal-Anzeiger hat die deutschen Männer\nbefragt, „nur Männer auf geistiger Höhe, von ge-\nklärtem Urteil, weitem Blick und starken Patriot\ntismus\", wen das deutsche Volk zum Reichstag\nwählen soll. Zu diesen Männern gehört vor allem\nHerr Doktor Ludwig Fulda. Herr Doktor Ludwig\nFulda antwortet dem deutschen Volk: „. . . kann\nseine Wahlstimme nur denen geben, die für den\nGeist der Freiheit und gegen den Geist der Hem-\nmung jederzeit und unter allen Umständen einzu-\ntreten entschlossen sind.4' Also der Mann auf geis-\ntiger Höhe. Der Mann von geklärtem Urteil\nExzellenz Wirklicher Geheimer Rat Professor\nAnton von Werner antwortet dem deutschen\nVolk: „Da weder die Philosophie noch die Poesie\ndes Volkes der Dichter und Denker wirksame\nSchutz- und Machtmittel in der Politik sind, son-\ndern eine starke Wehrkraft zu Wasser und zu\nLande, so muss diese des Landes erste Sorge sein.\"\nDes Reiches zweite Sorge aber müsste eine starke\nWehrkraft gegen das Volk der Dichter und Denker\nund der Maler sein. Zu Wasser und zu Lande.\nAlso der Mann von geklärtem Urteil. Der Mann\nmit dem weiten Blick, Herr Schriftsteller Rudolf\nStratz, Gut Lambelhof, Oberbayern, antwortet dem\ndeutschen Volk: „Aber das Ausland muss schliess-\nlich glauben, dass unsere Diplomatie das ungeheure\nMachtmittel der Armee nicht mehr als Einsatz ge-\nbraucht, weil es nicht mehr brauchbar ist. Von\ndieser Erkenntnis bis zum Krieg ist, wenigstens bei\nden Franzosen, nur ein Schritt. Gerade die ewigen\nkrankhaften Friedensbeteuerungen unserer Staats-\nmänner rufen ihn herbei. Wahrscheinlich bald.\nEben war er schon vor der Tür. Dann muss die\nArmee bereit sein, damit das Schwert gut macht,\nwas die Feder seit Jahren gesündigt.44 Das macht\nkein Schwert wieder gut. Ich bin durchaus für\nSchiessen. Also der Mann von weiten Blick. Der\nMann von starken Patriotismus, Herr Ober-\nbürgermeister, Geheimer Rat Doktor Beutler, Dres-\nden, antwortet dem deutschen Volk: „Auf die An-\nfrage, von welchen Grundsätzen ich mich bei Aus-\nübung des Wahlrechts bei den kommenden Reichs-\ntagswahlen leiten lassen werden, beehre ich mich\nergebenst mitzuteilen, dass ich, wie der geehrten\nChefredaktion bekannt sein dürfte, der deutsch-kon-\nservativen Partei angehöre, und daß sich daraus\nmeine Stellungnahme zu den kommenden Wahlen\nergibt\" Das deutsche Volk hat aber in Sachsen\nvon zweiundzwanzig Mandaten achtzehn den So-\nzialdemokraten gegeben. Das deutsche Volk\nscheint auf die führenden Männer des Lokal-Anzei-\ngers nicht zu hören. Aber es abonniert ihn. Und\ndas ist schliesslich die Hauptsache. Gedanken\nbleiben auf jeden Fall zollfrei. Da der Lokal-\nAnzeiger zu seiner Ware billig kommt, kann er ge-\ntrost für den Block eintreten. Das Volk der Dichter\nund Denker und Maler will zwar Armeen aus der\nErde stampfen. Vielleicht glückt es ihm auch noch,\nein Kornfeld auf der flachen Hand wachsen zu\nlassen. Oder auf den flachen Geist. Dünger ist\nbereits reichlich vorhanden.\nHier Mosse hie Langen\n„Rat an den Schriftsteller, Du soll-\ntest nur seltene und heimliche Worte schreiben. Du\nsolltest in den Schatzkammern der Sprache Worte\nsuchen, die noch nie in einer Zeitung und in keinem\nUlSsteinbuche je gestanden haben. Worte, die den\nverlorenen Duft der Einsamkeit haben. Worte\ndie fremd sind und wie Orchideen an den Wurzel-\nstöcken der ewigen Wälder.\nAlte verschollenen Worte aus den staubigen\nKanzleien, wo umständliche Städtechroniken\nschweinsledern stehen und von den Wändern die\nBilder toter Oberkirchenräte zusehen.\nSchmieden solltest du dir selbst deine Worte,\nbiegsame schwirrende Worte wie Stahlkllngen,\ndie züngelnd fest ins Herz der Dinge stossen.\"\nSo redet Herr Viktor Auburtin bei Albert Lan-\ngen. Sein Buch heisst natürlich Onyxschale. Hin-\ngegen schreibt Herr Viktor Auburtin so bei Herrn\nRudolf Mosse:\n„Ich wage nicht zu entscheiden, wer von\nbeiden Recht hat, die Lateiner, denen die Kunst\nein Spiel ist, oder wir bitteren Berliner, die da-\nrum Schlachten schlagen. Schiller (der die Götter\nGriechenlands geschrieben hatte) sagte: „Ernst\nist das Leben, heiter ist die Kunst\". Nikolaus\nLenau drehte den Satz um und sagte: „Lächer-\nlich ist das Leben, ernst ist die Kunst\". Möglich,\ndass er Recht hat, der Lenau. Aber wir wol-\nlen nicht vergessen, dass er am Ende\nseines Lebens wahnsinnig gewor-\nden ist.\nVielleicht liegt der ganze Unterschied zwi-\nschen den beiden dramatischen Literaturen nur\nbei dem verschiedenen Theaterbeginn. Das\nBerliner Theater fängt um %8 oder um 8 Uhr an,\ndas Pariser Theater um 9 Uhr odern och viel\nspäter. Wir Pariser haben, wenn wir ins Thea-\nter gehen, bei Larue diniert, das Couvert so un-\ngefähr zu 40 Francs, und haben einen Bordeaux-\nwein getrunken, der das Herz freundlich macht\nDie Berliner kommen nüchtern ins Theater; sie\nhaben bei der Toilette allenfalls ein par hastige\nButterbrote heruntergesclungen und sind nun bös-\nartig und voll nervöser Streitlust. So erklären\nsich aus den Nuancen der Venus auf das Schönste\ndie Verschiedenheiten des Dramas. Bei den\neinen die streitsüchtigen Problemstücke, Natura-\nlismus, verhungerte Rattendramen und Zyan-\nkalikritik . . ~ bei den anderen das lächelnnde\nDulden liebenswürdiger Insipiditäten.\"\nBiegsame schwirrende Worte wie Stahlklin-\ngn, die züngelnd fest ins Herz der Dinge stossen\nHerr Auburtin kann nichts dafür, er muss nun ein-\nmal so. Für Ullstein findet er keine Worte, das\nhat er nicht nötig. Denn Herr Auburtin ist auch\ngegen die BerlinerHausfrau, für die der Musikkri-\ntiker Ullsteins, Herr Erich Urban, hinwieder\nglühende Worte in seinem Kochbuch fand. Aber\nHerr Viktor Auburtin giesst die Onyxschale seines\nZorns bei Langen über sie aus:\n„Und ich habe wahrgenommen, dass das Ge-\nsicht keines Tieres so gemein werden kann, wie das\ndes Menschen. Nicht einmal der Schabrakentapir\nund auch das Warzenschwein nicht, sinken auf die\nStufe der Entgottung, auf der eine praktische Ber-\nliner Hausfrau steht.\"\nNun habe ich nur noch einen Wunsch: das Ge-\nsicht des Herrn Auburtin zu sehen. Vielleicht tut\nmir der Weltspiegel den Gefallen.\nWie dichtet man klar?\nEin soziologischer Privatdozent an der techni-\nschen Universität zu Prag, namens Foustka, hat ein\nBuchchen über dde Abstinenz als Kulturproblem\n„mit besonderer Berücksichtigung der Österreichi-\nschen Völkerstämme44 geschrieben. Bei dieser Ge-\nlegenheit löste er nebenbei das Problem der Dich-\ntung, insbesondere der Mystik. Künstler dürfen\nnicht saufen. Klar wie Wasser wird die Dichtung\nfließen, wenn man keinen Tropfen Alkohol hinein-\nschüttet. Selbst Qoethe, wenn er . . . WrkMch:\nIch will nicht behaupten, daß an dem Uto-\npischen, Unklaren und Verschwommenen, das\nuns in vielen Werken der Romantik, des Symi\nbolismus u. a. befremdet, der AlkohoÜsmu»\nSchuld trägt. Aber ließe sich nicht vielleicht so\nmanche Stelle eben durch das spezielle\nVerhältnis des Autors zum Wein, Sekt\noder Bier besser erklären als durch gekünstelte\n(Exegese? Hat doch Gutsmann schon auf dem\nFünften internationalen Kongreß die Bemerkung\nfallen lassen, daß sogar Qoethe den zweiten Teil\ndes „Faust\" klarer geschrieben hätte, wen» er\nabstinente Lebensführung hätte zustandebringe«\nkönnen.\nWas wäre Goethe geworden, wenn er dieses\nBuchchen noch erlebt hätte? Möge er allen leben-\nden Dichtern, er und seine nichtzustandegebrachte\nabstinente Lebensführung, eine Warnung bedeuten!\nSeeräubergeschichten\nHerr Ludwig Fulda denkt und dichtet feste\nwelter. Die Uraufführungen seiner Werke finden\nneuerdings im Wiener Burgtheater statt Ein s©\nberühmtes Theater muß seinen Ehrgeiz befriedigen.\nDas Lustspiel Der Seeräuber ist daher auch in Ver-\nsen gedichtet und zwar in solchen:\nDie Gefoppte, ja, die bin ich.\nBeide habt ihr mich getäuscht,\nMich belogen und betrogen:\nDarin hat vor'm andern keiner\nWas voraus. Und doch, mich dünkt —\nSeine Lüge war die schön're.\nBiederkeit ward mir von D i r\nKunstreich vorgespielt, von ihm\nHeldentum; du hast geheuchelt.\nEr gedichtet. Ausgegähnt\nHast du dich an meiner Seite\nSo gähnt es stundenlang weiter. Aber es gibt\nLeute, die das für Dichtung halten. Denn die Vös-\nsische Zeitung, ein Herr -m. bemerkt: „Kurzum:\nFulda und das Burgtheater dürfen wieder einmal\nmiteinander zufrieden sein. Und die Kritik mag\nsich damit bescheiden, daß Fulda sein Bestes\ngab.44 Das Herzblut spritzt nur so, aber der Herr\na-r von Ullstein fühlt sich nicht betroffen. Und be-\nmerkt seinerseits: der Schluß sei vollständig ab-\ngefallen, das Publikum ziemlich ungnädig gewesei,\nund die Idee des Stückes hätte auch psycholo-\ngisch vertieft werden können. Die B. Z. ist\nimmer mehr für die Tiefe, während die Voss sich\nlieber in die klassische Breite reckt. Deswegen\nbehauptet die B. Z.: „Leider versagt Thimig als\nmoralisch gewordener Seeräuber vollständig; die\nRolle hätte einen Darsteller erfordert, dem man\nvollbrachte Taten hätte glauben können.*4 Mora-\nlisch gewordener Seeräuber klingt übrigens doch\nstark nach Tiefe. Hingegen behauptet die Vo«s:\nThimig überraschte durch nicht gewöhnliche\nKraft und Sorgfalt: er schuf im Wetteifer mit\nFulda eine Charakterfigur, die nicht leicht zu ver-\ngessen sein wird.44 Man weiß nun nicht, ob Herr\nThimig im Schaffen oder im Versagen größer ist.\nUeber die übrigen Darsteller sind sich die Herren\naber einig. Ein Herr „Heß alle Humore spietett\"\nEine Dame „gab sich als Evastochter erster Güte\".\nUnd eine andere Dame „war die richtige heiß-\nblütige, rachsüchtige Südspanierin44. „Hauptsäch-\nlich44 scheinen also doch Charakterfiguren aufge-\ntreten zu sein.\nDie Pressemuse\n„Der Musenalmanach, der auf dem Presse bat!\nden Damen in der angenehmen Begleitung einer\ngeschmackvollen Sarottibonbonni£re überreicht\nwird, ist diesmal besonders stattlich und inhalts-\nreich ausgefallen.\" Dieser Satz bezieht sich zwei-*\nfellos auf den Musenalmanach. „Was der Alt-\nmeister der Reimkunst Albert Traeger in seinem\nIm Zoo überschriebenen reizenden Gedieht von den\nFreuden des Presseballes singt, das wollen wir\nschon heute durch Wiedergabe der Schlußstrophe\nverraten.14 Wir auch:\n„Und ob auch draußen rauhe Stürme wüten\nIn winterlicher blumenloser Zeit,\nHier sind erwacht die wunderholden Blüten\nDie Damen steh'n vergnügt zum Tanz bereit»\nSie lassen nie vergebens sich erwarten,\nDie frohe Botschaft zündet überall\nSie kamen auch zum Zoologischen Garten"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "757", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 669, "texte": "Zu ihrem Fest, dem lieben Presseball.\"\nZuin Küssen! Nochmal:\nHier sind erwacht die wunderholden Blüten\nDie Damens steh'n vergnügt zum Tanz bereit.\nPreisrätsel\nWelcher Altmeister der Reimkunst hat folgende\nVerse gedichtet?\nIn unserm Kreise fühlt sich wohl,\nWer Feind von jedem Zwange,\nWer tüchtig trinkt, dabei fidel\nMit uns kann halten Stange.\nWer sich am derben Witz erfreut\nUnd nie ein Freund von Traurigkeit,\nWer echten deutschen Frohsinn liebt,\nDer ist uns stets willkommen!\nEs dürfte den Lesern dieser Zeitschrift nicht\nschwer fallen, den Autor zu erraten. Ich bitte um\nrege Beteiligung. Wer annähernd richtig rät, wird\nbelohnt. 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Daß wir eine\nRose rot sehen, einen Apfel rund, ein Glas durch-\nsichtig, liegt nicht an den Dingen allein, sondern\nauch an uns. Wie Rose und Apfel eigentlich aus-\nsehen, unabhängig von unseren Sinnesorganen,\nwissen wir nicht. Hätten wir andere Organe,\nwerden wir sie anders sehen. Was wir wahr-\nnehmen, ist die Erscheinung, nicht das Ding selbst\nEhe wir ein Ding als Wesen auffassen, bedarf es\nmehrerer Wahrnehmungen. Wir sehen das Glanz-\nlicht auf dem Apfel, seine rote Farbe, daß er rund\nist, rollen kann, vom Baume fällt, Samen enthält,\naus dem eine neuer Baum entsteht. Die einzel-\nnen Wahrnehmungen werden zum Ganzen verar-\nbeitet zur Vorstellung: „Apfel'1. Diese Vorstellung\nist also allmählich erworbenes Gut, mit dem wir\nunabhängig vom Gegenstande schalten und walten.\nAuf dieser Tatsache beruht die Möglichkeit der\nKunst. Um in jemand die Vorstellung „Apfel\" her-\nvorzurufen, bedarf ich nicht einmal eines wirklichen\nApfels, von dem ich, wie gesagt, nicht weiß, wie er\nunabhängig von meinem Auge aussieht. Meine\nSinnesorgane vermögen diese Vorstellung auch zu\nerzeugen, wenn ich einen Apparat herstellte, der an\nStelle des Apfels auf sie einwirkt. Diesen Appa-\nrat gibt die Kunst in ihren Werken. Ein Stück\nschwarze Kohle, vom Künstler im Kreise geführt,\ngenügt, uns einen Apfel sehen zu lassen. Wir\nkönnen weder den Apfel noch seine Erscheinung\nnachmachen, dagegen auf Papier Striche, Linien\nund Flächen geben, deren Verhältnis hilft, einen\nApfel sich vorzustellen. Das Nichtwissen dieser\nTatsachen veranlaßt den Anfänger, eine dunkle\nStelle der Natur a,uch auf dem Papier genau so\nschwarz zu machen und überhaupt jeden Schatten-\nton einzeln von der Natur abzulesen und auf das\nPapier zu übertragen. Er weiß nicht, daß es gleich-\ngültig ist, ob die Schwärze-Skala seines Materials,\nbeschränkt oder unbeschränkt, der Natur gleich\noder ungleich ist, sondern daß ausschlaggebend\nallein das Verhältnis der Schattentöne seines Bil-\ndes zueinander ist, well nicht der materielle Schat-\nten, sondern nur die Verhältnisse seiner Abstufun-\ngen in unserem Auge die Vorstellung des Apfels\nerwecken.\nDaraus folgt also, daß es gleichgültig ist, ob ich\nden Gegenstand mit Linien oder Flächen, oder mit\nbeiden zugleich darstelle, ob alle Schatten voll-\nständig sind oder nicht. Der Schüler glaubt, die\nZeichnung sei erst vollständig, wenn alle Schatten,\ndie er am Modell unterscheidet, auch in seiner\nZeichnung wirklich existieren, er weiß nicht, daß\ndies überhaupt unmöglich ist, daß es im Belieben\ndes Künstlers steht, die Zahl der Stufen zu bestim-\nmen, daß Wesen und Möglichkeit der Skizze darauf\nberuhen. Was in der Skizze angedeutet ist, voll-\nendet das Auge.\nDas eigentliche Geheimnis der Zeichenkunst ist\nfolgendes: Das Auge gewahrt Schatten, wo gar\nkeine gezeichnet sind, wo weißes Papier ist, und\nzwar sieht es das nicht hier und da, sondern in\njeder guten Zeichnung. Und ich behaupte: je mehr\neine Zeichnung uns veranlaßt, Schattentöne zu\nsehen, die in Wirklichkeit nicht da sind, desto bes-\nser ist sie. Will der Künstler alle Schatten selber\nmachen, so ist er Stümper und seine Arbeit wirkt\ntot; will er mit so wenig als möglich Strichen nicht\nSchatten machen, sondern komplizierte Schatten\nsehen lassen, so ist er ein Genie. Man kann weder\nLicht noch Finsternis noch Helligkeit und Dunkel\nzeichnen, sondern nur durch schwarze Linien auf\nweißem Papier die Vorstellung davon erwecken.\nJa, man kann auch nicht einmal das, was w nß,\nschwarz und grau an den Gegenständen ist, nach-\nmachen, da das Schwarz der Kohle, Kreide und des\nBleistifts auf dem Papier nichts zu tun hat mit dem\nin der Natur; denn wenn es für den Beschauer nur\nirgend eine Verwandschaft mit ihm hätte, würde\nalles Schwarze in der Zeichnung als Farbe an den\nGegenständen aufgefaßt werden, nichts davon als\nSchatten. Die Schwierigkeit des Zeichnens besteht\ndarin, daß der Künstler die Verwobenheit sämtlicher\nEindrücke von Licht und Finsternis, Weiß und\nSchwarz, Violett und Grün, Helligkeit lind Dunkel-\nheit nur mit dem materiellen Schwarz seines Grif-\nfels ausdrücken soll, ändern er es dahinbringt, das\nSchwarz des Griffels zu vergeistigen und zu über-\nsetzen in die verschiedenen Elemente der Natur-\nerscheinung.\nAuch würde eine Zeichnung in der Phantasie\ndes Betrachters niemals räumlich wirken, sich vom\nPapier lösen und frei darüber stehen ohne Ent-\nwicklung der scheinbaren Tonflächen. Man zeichne\nauf weißes Papier groß hinschauend ein Quadrat,\nin dessen Ecke ein kleineres, in dieselbe Ecke ein\nnoch kleineres und so weiter, also etwa fünf Qua-\ndrate. Dann wird man bemerken, daß die Fläche\ndes größten Quadrates dunkler erscheint als die\ndes Papieres ringsum und das zweite Quadrat\ndunkler als das erste, das dritte dunkler als das\nzweite, und so weiter. In demselben Augenblick\naber, da man die scheinbaren Tonflächen bemerkt,\nwerden die Quadrate und ihre Flächen lebendig,\nsie werden plastisch, bilden einen Raum. Die\nFlächen schweben über oder unter dem Papier.\nWir sehen die Quadrate als eine Treppe, die in\neine Vertiefung führt, oder als einen langen Gang,\nder in Abschnitte eingeteilt ist durch Pfeiler und\nBalken, oder als pyramidenförmig aufsteigende\nTreppe. Das kleine wird oft im Gegensatz zu den\nübrigen blendend hell erscheinen wie ein Glanzlicht\nin einem tiefen Schatten. Und tatsächlich ent-\nstehen in der Zeichnung eines Künstlers die Glanz-\nlichter in tiefen Schatten durch den lebhaften Kon-\ntrast, der eine kleine Fläche im Gegensatz zu den\numrahmenden Strichen plötzlich viel heller als den\nPapierrand erscheinen läßt. Die übrigen Stufen\nhaben dann den Charakter der Durchsichtigkeit,\nwie ihn alle Schatten haben. Nur an der Stelle des\nGlanzlichtes scheint eine undurchsichtige Stelle zu\nliegen, welche selbst Licht ausstrahlt. Erhöht wird\nder Eindruck des Plastischen, wenn man die Qua-\ndrate, je kleiner sie werden, mit desto breiteren\nStrichen umgibt. So erhöht man das Schema jedes\nSchattens. Denn auch in der Natur gehen die\nSchatten nicht schleichend aus dem Dunkel in die\nLichtseite über, sondern in Stufen, die durch feine,\ndunkle Linien abgegrenzt sind, die nach der Licht-\nseite zu immer feiner, die Flächen dazwischen brei-\nter und heller werden. Nun ist aber die Skala der\nNatur von Schattenlinie zu Schattenlinie und von\nFläche zu Fläche eine andere als die des Griffels.\nFolglich wird der Künstler sein Material anders\nzerlegen, andere Striche, andere Zwischenräume\noder Flächen bilden, um den Effekt der Natur zu\nerreichen. Deren Schatten erscheinen durchsich-\ntig, und nicht als wären sie schwarz gezeichnet,\nsondern wie ein Schleier über dem Qrund der Lo-\nkalfarbe. Das eben erreicht der Künstler nie durch\nbloße Nachahmung, sondern durch Striche, die frei-\nschwebende, scheinbare Tonflächen erzeugen. Sie\nentsprechen den Schattenflächen und Farben der\nNatur.\nReine Umrißzeichnungen können Plastik, Far-\nbenwerte, Schatten, Räume in der Vorstellung\nwachrufen. Im Umriß eines Mannes kann man\neinen weißen Kragen, helle Hosen und einen dunk-\nlen Rock gewahren, wo doch überall gleich weißes\nPapier ist. Das Kleid einer Dame, ihre Hände,\nHut, Haare, die Erde, Himmel, Wolken können be-\nleuchtet, beschattet und in unzähligen Abtönungen\nerscheinen, das Kleid heller als die Hand, die Hand\nheller als den Erdboden, die Wolken heller als der\nHimmel und dieser leuchtender als die Gestalt, ohne\ndaß im Umriß Schatten oder die Tonwerte der\nKörperfarbe eigens gezeichnet wurden. Man prüfe\nan Zeichnungen bedeutender Meister, was ich sage.\nUmrisse beeinflussen sich gegenseitig, ihre Ueber-\nschneidung kann das Auge zwingen, den UmriS\ndes vorderen Gegenstandes abzuheben von dem\ndes hinteren. Also Licht und Schatten, Schwarz,\nWeiß, Farbe, Raum, Bewegung werden nicht von\nder Natur abgeschrieben, sondern man zerlegt die\nErscheinung der Natur in Elemente, die zusammen-\ngestellt eine Zeichnung, das heißt einen Apparat\nergeben, der das Auge nötigt, Licht, Schatten,\nSchwarz, Weiß, Raum, Bewegung, einen Gegen-\nstand selbst zu erzeugen, ohne daß die Zeichnung\nselber auch nur eine Spur von Verwandtschaft mit\nder Natur zu haben braucht.\nDie Entdeckung der schwebenden Tonflächen\nist von fundamentaler Bedeutung.\nUnter schwebenden Tonflächen verstehe ich\nhier und da sichtbare Kontraste zwischen dunklen\nund hellen Flächen des Zeichners, helle Ränder, die\njeder ringsum als schwarzes Viereck auf weißer\nFläche beobachten kann oder ähnliche Erscheinun-\ngen. Ich verstehe darunter die Tatsche, daß die\nGesamtfläche eines Papiers, eines Steins, einer ge-\ntönten Leinwand einen Tonwert in der Vorstellung\ndes Betrachters repräsentiert, der durch jede Be-\nrührung mit dem Griffel, Meißel, Pinsel, also durch\nSchwärzen, Vertiefungen, Farben erschüttert, auf-\ngerührt, verändert, modelliert wird, indem Striche,\nVertiefungen, Farbenflecke sich aus Rohstoff in\nAndeutungen von Gestalten, Ornamenten, eben ver-\nwandeln wollen, also eine Umwandlung in unserem\nBewußtsein erfahren. Diese Umwandlung des\nRohstoffes erstreckt sich nämlich sofort auch auf\ndie ganze Fläche von Papier, Stein, Leinwand, die\ngleichsam von einem feinen Nebel überzogen zu\nsein scheint, von einem Vorstellungsnebel, dem\nChaos, aus welchem der Künstler durch Linie.\nMeißelhieb und Pinselstrich eine klare Vorstellung\nplanmäßig entwickelt, indem er sein Material hand-\nhabend, zeichnend, meißelnd, malend der ihm geis-\ntig vorschwebenden Vorstellung eine Art Klaviatur\nfür das Auge unterschiebt, auf der es jederzeit die\nVorstellung des Künstlers nachspielen kann. Daß\ndiese Klaviatur der Form-, Licht-, Farben-, Raum-\nerreger, also der Elemente des Kunstwerks, ein\nGesetz haben muß wie das Instrument des Musikers\noder die Sprache des Dichters, ist einleuchtend.\nDie schwebenden Töne machen sich nicht nur\nauf weißem Papier geltend oder nur zwischen\nschwarzen Strichen. Sie können auch schwarze\nFlächen grau erscheinen lassen: man zeichne mit\nweißer Kreide auf schwarzem Karton den Umriß\neiner Gestalt und die Horizontlinie, und man wird\ndeutlich sehen, daß die Fläche, die den Himmel be-\ndeutet, viel heiler als die Gestalt erscheint, wiewohl"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "758", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1915, "texte": "deren riacne ebenso schwarz wie die Himmel-\nfläche ist. Diese Verwandlung gleich weißer und\ngleich schwarz gedruckter Flächen kann man an\nden Zeichnungen des Aubrey Beardsly und dfes\nMarkus Behmer außerordentlich deutlich sehen,\nda sie nur mit weißen Umriß oder weißer Silhou-\nette auf schwarzem Grunde oder mit schwarzem\nKontur oder Fleck auf weißer Fläche geschaffeö\nwurden.\nEin machtvoller Vorstellungserreger mit ein-\nfachsten Mitteln ist Albrecht Dürer in seinen Holz-\nschnitten, Man vergleiche den Ton zwischen\nstarken Schattenstrichen, zwischen lockeren in den\nHalbschatten, zwischen verstreuten m den Licht-\npartien mit dem leeren Papierrand. Dann wird\nman wahrnehmen, daß eine große Zahl verschie-\ndener Töne vom Betrachter erzeugt werden, die\nzum Teil viel dunkler als der Papierrand, zum Teil\nviel heller erscheinen, geradezu leuchten, wo er\neine sonnenbeschienene Ferne, oder die strahlende\nSonne selbst gibt Wo er aber an einem mit Kohle\ngezeichneten Kopf auch nur ein Halstuch bunt\nfärbt oder die Färbung eines Gewandes andeutet,\nsieht man Gesicht und Hintergrund sich von selbst\nmit Farbe überziehen. Indem er also hier und dort\nein paar Tasten anschlägt, vereinigen sich die Ton-\nwerte zu Schwingungen, die als Harmonie bei\nguten Kunstwerken empfunden oder als Disharmo-\nnie wohl berechnet werden. Ein guter Künstler\nbeherrscht die ganze Fläche und vergißt nie die\nGrundakkorde, die er anschlug, sondern verwebt\nin ihrem Nachklang alles Einzelne zu einer Gesamt-\nstimmung, die er uns planmäßig erzeugen läßt, so\nwie ein Dichter oder Musiker durch Buch und\nNotenheft uns nötigt, an Wort und Note unser Be-\nwußtsein zu kristallisieren und zu organisieren.\nVon Formmerkmal zu Formmerkmal, von Schat-\ntetest ufe zu Schattenstufe, von Farbenwert zu\nFarbenwert in rhythmischer Entwicklung läßt er\nuns Vorstellungen selbst schaffen, aus unsere*\nFähigkeiten Form, Licht und Bewegung schöpfe-\nrisch erzeugen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c005", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "758", "page_fin": "758", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.5", "titre_corps": "Hamburg : Vorspiel", "titre_sommaire": "Hamburg : Vorspiel", "signature_source": "Günther [Illegible]", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "758", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.4", "debut_caractere": 1917, "fin_caractere_exclue": 2919, "texte": "Hamburg\nVorspiel\nVon Günther [Illegible]\nIn fernen Ländern hab ich die Schönheit gesucht,\nin Einsamkeiten und Wüsten.\nIch hab über Wolken mein Traumreich, gesehn,\nhabe die Erde vergessen.\nIch habe das Heute verflucht\nmit seinen grellen Tönen und Lüsten.\nTrüb waren die Augen von der Sucht\nnach andern Zeiten, als wüßten\nunsre Tage nichts von der Schönheit,\nDa hat dein Leben, du herrliche Stadt,\ndeines weichen Nebels Wehn,\ndein starkes Lärmen, deine glatte Stille\nmein Schauen an sich gerissen.\nDa tauschte ich Leben\nfür furchtsames Träumen,\nHolla, das häßlichste Sing ist schön,\nwenn es nur rollendes Leben hat.\nSind die Dinge, die heute wir wissen,\nDarum nicht schön?\nLiebt ihr nur Träume von fremden Küsten? —\nTag, den ich lebe, dir klingt mein Grüßen,\ndir und der Schönheit, die du mir zeigst\nMagst du mit all deiner Technik dich rüsten\nund hinjagen in toller Flucht,\noder wenn du voll Schönheit schweigst,\nstets lieg ich staunend, anbetend dir zu Füßen.\nGib dich mir, du, den ich so lange suchte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c006", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "758", "page_fin": "758", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.6", "titre_corps": "Gemütliches", "titre_sommaire": "Gemütliches", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "758", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.4", "debut_caractere": 2938, "fin_caractere_exclue": 7747, "texte": "Gemütliches\nFamilie\nEin fünfzigjähriger Rentier ist frühmorgens vom\nSchlaganfall getroffen. Der Arzt am Bett des Be-\nwußtlosen ersucht die Ehefrau, eine hagere, strenge\nPerson, die mit der Zeitung auf dem Sofa sitzt,\num eine Tasse heißen Kaffee und einen Löffei für\nden Kranken . . . Nach reichlich zehn Minuten\nkommt sie mit einem zerbrochenen Tassenkopf und\neinem alten schwarzen LöffeL Der Arzt erstaunt.\nDie Frau zuvorkommend: „Sie können ihm ruhig\ndaraus zu trinken geben, Herr Doktor. Ich werf\ndie Sachen nachher doch weg.\" —\nDieselbe Frau fragt den Arzt, eben von einem\nSpaziergang heimkehrend, was sie wohl nehmen\nkönne, wenn der Tod des Mannes einträte, Sie\nkönne Aufregungen nicht vertragen; der Hausarzt\nhabe ihr dringend ans Herz gelegt, ihre Nerven\nzu schonen. —\nFünf Uhr nachmittags. Die Frau prallt an der\nTür zurück, als sie den Arzt wieder am Bett des\nKranken sieht. Sie war eben in Webers Trauer-\nmagazin. —\nEtwas später holt sie sich ihre Zeitung aus\ndem Krankenzimmer. Sie drückt dem Arzt, mit\nTränen in den Augen, die Hände. Er wäre wirk-\nlich unsäglich bemüht Wie sollte sie ihm dafü»\ndanken. Und er möchte doch nicht vergessen,\nden Mann bitte gleich den Ring abzuziehen. —\nDer Apoplektiker ist tot. Die Familie, eine uralte\nMutter, die Ehefrau, zwei junge Söhne, sitzt still\nin einer Reihe auf Stühlen vor dem Bett; ein\nBild von Hodler zu malen. Die Frau steht auf.\nGott hat es gewollt: was soll man machen Es\nwird alles gut gehen; die Papiere sind gut an-\ngelegt. Mama weine nicht. —\nUnter Verlegern\nEin paar Tage nach meinem Abend im herein\nfür Kunst bittet mich ein Verlag Neues Leben,\nWilhelm Borngräber, Goltzstraße 7, Tel. Via,\n19 367, um Einsendung meiner Sachen; man will\nmit mir „in geschäftliche Verbindung\" treten. Ich,\nverblüfft über die Ehre, geschäftlich ernst genom-\nmen zu werden, trete ein. Mündlich orientiert\nmich in dem Verlag ein Herr, daß er sofort Suder-\nmanns Bedeutung erkannt habe, aber daß seine\nNovellen nicht gehen. Ich bin erschlagen über\nmein Pech als Novellenschreiber. Unter dem\nsechsten Januar 1912 erhalte ich, geschäftlich ernst\ngenommener Skribifax, einen Brief von Wilhelm\nBorngräber, Verlag Neues Leben, Berlin W. 30,\nQoltzstraße 7, Tel. Via 19 367, (altes Amt!) Karls-\nbad 23, Bankkonto Deutsche Bank Kasse P. Post-\nscheckkonto 7491, Maschine Z, Diktat LE, Zweig-\nhäuser des Verlags Rom 307 Cor so umberto 1,\nLeipzig, Königstraße 35—37; bekomme ich — sage\nrch — von einer derartig ungeheuren Apparatur\neinen richtiggehenden Brief.\nHerrn Dr. Döblin,\nBerlin.\nSehr geehrter Herr Doktor! Ich habe Ihre\nArbeiten mit großem Interesse gelesen und will\nich nicht leugnen, daß die Eigenart Ihrer Dar-\nstellung sehr viel Reizvolles enthält. Wenn ich\ntrotzdem zunächst von der Uebernahme des Ver-\nlages Ihrer eingesandten Manuskripte noch ab-\nsehen möchte, so hat das hauptsächlich darin\nseinen Grund, daß die behandelten Themata nur\nfür einen ganz kleinen Kreis von Lesern bestimmt\nsind. Sollten Sie inzwischen mal wieder zur Feder\ngreifen um einen allgemein populären Stoff zu be-\nhandeln, so sind wir gern mit Vergnügen bereit\nmit Ihnen in Verbindung zu trten.\nMit vorzüglicher Hochachtung\nIhr ergebener\nWilhelm Borngräber\nVerlag Neues Leben.\nDie Eigenart dieser Darstellung enthält sehr\nviel Reizvolles. * Ich habe den Brief mit großem\nInteresse gelesen. Wenn ich ihn fetzt veröffent-\nliche, so hat das hauptsächlich darin seinen Grund,\ndaß die behandelten Themata für einen großen\nKreis von Lesern bestimmt sind. Ich freue mich\nund will ich nicht leugnen, daß ich mit Vergnügen\nmal wieder zur Feder greife um das Neue Leben,\ndiesen allgemein populären Stoff, zu behandeln.\nIch sehe aus dem Brief, daß Neues Leben eher\naus den Ruinen als aus der deutschen Sprache\nblüht. Es ist wirklich um Suder mann zu ent-\ndecken. Warum spricht das Neue Leben dauernd\nin Interversionen zu mir? Warum, wenn es an\nmich schreibt, schreibt es „mal wieder\" und nicht\n„einmal wieder\", warum behandelt man mich s<*\nkurzerhand mit der Schreibmaschine, Maschine 2,\nWer ist überhaupt der Diktator LE? Ich frage\nthn — es handelt sich um ernste Dinge der\nKunst —: wer hat das ein „trten\" ausgelassen,\ner oder die Stenotypistin? Ich lasse es auf einen\nProzeß ankommen, ich lasse mich nicht in einem\nBrief so schofel mit Inversion und Auslassungen\nbehandeln. Meine Novellen habe ich bis jetzt noch\nnicht zurück; aber ich will nur dies eine: in\nrichtigem Deutsch von den Verlegern mißhandelt\nzu werden. —\nAlfred Dobfm\nEpigrammatisches oder Verdrehte Volkesstimmen\nWie man's macht, ist's richtig. —\nMan hat's nicht schwer. —\nUebermnt tut immer gut —\nMan kann sich über die Gesundheit der\nMenschen krank ärgern. —\nO lieb so dick du lieben kannst —\nO lieg so lang du liegen kannst —\nWenn Menschen auseinandergähnen,\nDann sagen sie: „Auf Wiedersehen\".\nGelegenheit macht Liebe. —\nMinima*"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "758", "page_fin": "760", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.7", "titre_corps": "Briefe nach Norwegen", "titre_sommaire": "Briefe nach Norwegen", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "758", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.4", "debut_caractere": 7749, "fin_caractere_exclue": 9078, "texte": "Briefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\n\nIch schrieb:\nHeute Mittag aß ich die Erstgeburt, zwar\nnicht Linsen, aber dicke Erbsen. Es schwane\nmen Bröckchen darin und die Ueberreste eines\nSchweinsohrs. Ich bin aufgebläht, aber Ihr\nAntlitz, Cajus, hat Monderweiterung bekommen.\nWie dürfen Sie Sich erlauben, uns, vor allen Din-\ngen mich, in Ihrem Vortrag mit Idioten anzureden;\nzumal Sie genau wissen, ich bin Idiot Aber\nerinnern brauchen Sie mich nicht daran, das ist\nunzart, das ist direkt ordinär von Ihnen. Ich\nkomme nicht mehr ins Qnu, ich hab gnug.\nHerwarth, gestern ist mein Onkel, der stid>~\ndeutsche Minister, sofort mit mir ins russische\nBallet gefahren. Hinter uns saßen strahlende Pe-\ntersburgerinnen, zwischen ihnen Herr Barchan, der\nHexenmeister. Einige Male hat er bei uns in der\nWohnung frische Fische gezaubert und nach-\nher verschlungen, lebendig; er hat Dich auch\neinmal verschwinden lassen wollen, Herwarth,\nweißt Du's noch? Ich meine, Dich verleugnet;\naber sein Aermel war nicht weit genug.\nIch schreibe nun schon drei Monate oder\nnoch länger norwegische Briefe. Verreist Ihr\nbeide nicht wieder bald? Vielleicht regt mich\neine zweite Reise auch so an, wie Eure Nordpol-\nfahrt Ich habe zwar verlernt, mit Sonne zu\nschreiben; meine Vorfahrengeschichten verlangen\nMorgenland. Auch dem historischen Stil habe ich"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "760", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2424, "texte": "Schlittschuh angeschnallt, und ihn so mit fort-\ngerissen, es kam mir nicht darauf an. Ich\nschrieb also den größten Teil meiner Briefe mit\ndem großen Zeh; die Historie aber, kann man nur\nmit dem Herzen schreiben; das Herz ist Kaiser.\nWomit schreibe ich- eigentlich meine Gedichte ?\nWas glaubt Ihr wohl? Die schreibe ich mit meiner\nunsichtsbarsten Gestaltung, mit der Hand der\nSeele, — mit dem Flügel. Ob er vorhanden ist —\nSicher! Aber gestutzt vom böswilligen Leben.\n(Mystik.)\nLieber Herwarth, außerdem habe ich Direktor\nCajus-Majus — Dr. Hiller in seinem Gnutheater\nam Vortragstisch auf der Bühne sitzend gezeichnet.\nEr spricht vom gescheckten Mondgnukalb — in\nseinem Hirne — elektrisch spiegelt sich die Birne.\n0, Herwarth, o, Kurtchen, wie sich die Welt\nverändert hat; früher war die Nacht schwarz,\nnun ist sie goldblond.\nLiebes Kurtchen, weißt Du's schon, eine Deiner\nKlientinnen hat den Sturm aufgekauft und läßt sich\nmit Deinem Bild ihr Schlafzimmer tapezieren:\nSie singt: „Ich hab dein Bild im Sturm gesehn!\"\nJungens, nun hab ich's raus mit den Künsten:\nman muß zeichnen, wie man operiert. Ob man\nein Stück Haut zuviel skalpiert oder einen Strich\nlänger zieht, darauf kommt es ja gar nicht an! —\nUnd die Massenliebe des Publikums zur Musik,\nist mir auch klar geworden. Die Zunge hat am\nmeisten zu tun beim Hören, sie wächst sozusagen\ngehöraufwärts, sie probiert; namentlich schmeckt\nihr die Nationalmusik: Deutschland, Deutschland\nüber alles, Volkslieder, prickelnde Operettenlieder;\nCarmen, glänzendes Hochzeitsmahl; auch Wag-\nners heiliger Oral ist nicht zu verachten. Deine\nMusik, Herwarth, aus Tanz und Schwertern, aus\nFrühlenz und Schäfern, aus Mond und Nacht und\nSternen frißt auch die Menge mal für Schild-\nkrötensuppe und indische Vogelnester — hoffe\nich!\nAbends trinke ich jetzt immer Ihee Cham-\nbard, ein Getränk aus Goldkamillen, blauen\nGlockenblüten und Rosenblättern. Ich habe Peter\nAltenberg das duftende Rezept geschrieben für\neine Fortsetzung seines Buches Prodromus. Ich\nhörte, er spucke auf mein erlesenes Gedicht, auf\nmeinen alten Tibetteppich, er kann nur dadurch\nantiker und wertvoller werden.\nPeter Altenberg, der Dichter der Oestreicher,\nhurrahü!\nLieber Herwarth, wenn ich Professor Herr-\nmann begegne, muß ich an tiefe Wolken denken;\nwenn ich an Julius Hart denke, weiß ich, wo ich\neinst Engeln begegnet bin! Max Herrmann und\nJulius Hart sind (fort mit allem Hirn-Mach6)\ndurch rankt von Seele."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "759", "page_fin": "759", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.7.1", "titre_corps": "Schmidt-Rottluff: Prinz von Theben / Zeichnung", "titre_sommaire": "Schmidt-Rottluff: Prinz von Theben / Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "759", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 46, "texte": "Schmidt-Rottluff: Prinz von Theben / Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c010", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "760", "page_fin": "760", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.8", "titre_corps": "Humoristen", "titre_sommaire": "Humoristen", "signature_source": "J. A", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "760", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.6", "debut_caractere": 2426, "fin_caractere_exclue": 7166, "texte": "Humoristen\nJ. A.\nNachwuchs\n„Mit Ludwig Pietsch ist schon wieder eine\nSäule Alt-Berlins gefallen/' Treffend gesagt. Und\nso oft eine dieser ehrwürdigen Biedermeierzeit-\nsäule n fällt, erhebt ein Schmock ein flüchtiges Kla-\ngelied über die zu schnelle, zu gewaltige Entwick-\nlung der „jüngsten Weltstadt\".\nUnter dem Strich eines Provinzialblattes spricht\ner mit ganz „leisen, kußsanften\" Worten von der\nSchönheit und Kultur des alten Berlin, aber in der\nPresse des neuen, des modernen, des amerikani-\nsierten Berlins blüht der Provinzialismus, werden\nFeuilletons und Kritiken hingelegt, so seicht und\nkulturarm, wie sie zur Zeit waren, als Pietsch und\nAlbert Traeger, Fritz Mauthner und Wippchen-\nStettenheim noch lange keine „gefeierten\" Fünfziger\nwaren. Insbesondere hängt noch der Geist und\ndas Urteilsvermögen der Berliner Musikkritiker an\nder zähen Nabelschnur des Mütterchens Vergangen-\nheit. Ihr Musikverständnis verliert sich hinter\neinem Strauß wie in einer Wüste, in der kein Blüme-\nlein mehr wächst. Einer ist unter ihnen, Johannes\nDoebber genannt, ein Mann, der dem Meister mit\nfetten, gewichtigen Superlativen dient . Als aber\nder „Rosenkavalier\" in Berlin „unter rau-\nschen dem Erfolge seinen Einzug gehalten und für\nalle daran Beteiligten einen „Sieg auf der ganzen\nLinie\" bedeutet hat, wurde der ernste Johannes\nwitzig und pikant. Ein Beweis mehr für die Be-\ndeutung der Straußschen Musik ist dem Johannes\nDoebber der neue Vorhang, der für die Ro-\nsenkavalier-Vorstellungen angefertigt wurde.\n„Er trägt auf blauem Grunde zwei Medail-\nlonbilder mit den beiden wichtigsten Szenen des\nWerkes. Das Bett der Marschallin, das Voraus-\ngegangenes mit großer Deutlichkeit erraten läßt,\nist ebenfalls belassen und der Szene nach Mög-\nlichkeit entsprochen worden, soweit das die Ge-\nsetz der Kunst gestatten. Und der Gesetze gibt's\nviele, namentlich, wenn eine Behörde selbst dar-\nüber entscheiden kann!\"\nAber es gibt leider keine Behörde, die Vergehen\ngegen die Stilgesetze bestraft. Gäbe es eine, so\nmüßte sie Johannes Doebber auspeitschen lassen\nfür dieses:\n„Da schon auf der Generalprobe der Kom-\nponist von einem Entzücken ins andere gefallen\nist, sein Werk gestern sehr gefallen hat, darf man\nwohl annehmen, daß er nach der souveränen\nLeitung des Orchesters durch Dr. Muck sich nicht\nmucksen wird, noch irgendeinen Wunsch zu\näußern. Eine bessere Aufführung ist kaum zu\ndenken.\"\nEin schlechteres Deutsch auch nicht. So darf\nsich ein romantischer Musikschmock am lebendigen\nOeist der Sprache ungestraft versündigen, wenn\nman nur\n„auch auf die toten Gegenstände den Naturalis-\nmus ausgedehnt hat. Wände und Decken ssnd\nnicht aus Pappe, sondern fest aus Holz gefügt\nworden; die Türen öffnen sich nicht wie von un-\nsichtbarer Hand von selbst, sondern müssen von\nden Darstellenden auf- und zugeklinkt werden.\nEine oben an der Decke angebrachte, mehrere\nZentner wiegende Kuppel ist ein kleines Meister-\nstück.\"\nSo eine mehrere Zentner wiegende Kuppel fällt\nfür die Wertung der Straußschen Musik nicht leicht\nins Gewicht\n— „und endlich die silberne Rose, die Octavian\nseiner Braut Sophie im zweiten Akt überreicht,\nist nicht von Pappe, sondern aus schwer ver-\nsilbertem Eisen gestanzt. Kurz: „Das Ganze ist\nnicht von Pappe!\" würde der Berliner sagen.\"\nAber ne Sache!\nSchlieblich vertrete ich diese Meinung\nDem Erwin Honig, der es so bitter ernst\nmit der Kunst nimmt, hat die letzte Ausstellung der\nNeuen Sezession bekanntlich sehr viel Spaß berei-\ntet. Er fand ihre Darbietungen einfach ulkig und\nschlecht, aber dem Doktor Lindau hält er für die\nAufführung Kleistens und Hebbels „zu gute, daß er\ndiesen Toten gegenüber die Gegenwart durch Su-\nder mann und Lubliner vertreten sein 1 ä ß t.\"\nZwar:\n„Ein entschlossener und von seiner Aufgab«\nganz durchdrungener Regisseur hätte freilich\ninbez u g auf das Personal eine gewisse Her-\nkulesarbeit zu leisten. Er hätte zunächst Frau\nWillig dahin zu senden, wo sie hergekommes\nist (es soll ein südwestdeutsches Hoftheater ge-\nwesen sein), und für die Kriemhild eine neue\nSchauspielerin zu engagieren.\"\nFerner:\n„So wie König Gunther, den sich Herr\nGeisendorfer als degenerierten Merowinger-\nenkel vorzustellen scheint, muß auch Volker,\nder Spielmann, im dritten Teil, dem gewichtig-\nsten des deutschen Trauerspiels, durch eimm\nSchauspieler vertreten seä n, und ma*\nfür die Vision vom Nibelungenhort mobil\nmüßte zum Donnerstag noch Herrn Sommers-\ntorff machen.\"\nEin entschlossener und von seiner Aufgabe\nganz durchdrungener Zeitungsverleger hätte frei-\nlich inbezug auf das Personal eine gewisse Her-\nkulesarbeit zu leisten. Er hätte zunächst Herrn\nHonig dahin zu senden, wo er hergekommen ist, es\nsoll ein südostgalizisches Städtchen gewesen sein,\nund keinen neuen Theaterreferenten zu enga-\ngieren."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c011", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "760", "page_fin": "760", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.9", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "760", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.6", "debut_caractere": 7168, "fin_caractere_exclue": 7780, "texte": "Beachtenswerte\nBücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nGOETHE\nWilhelm Meisters theatralische Sendung\nNach der Schustheßschen Abschrift herausgegeben vo»\nHARRY MAYNC •\nJ G Cottasche Buchhandlung Nacfafolgar / Stutt ~\ngart und Berlin\nLA NOUVELLE REVUE FRANCHISE\nMonatsschrift für Literatur und Kritik\nDas Januarheft enthält unter anderem Beiträge von\nJean-Arthur Rimbaud / Paul Claudel / Henri\nGh£on I Jean Schlumberger / Jacques Rivi&re\nVerlag Marcel Rivi&re et Cie / Paris\nMMe HUBERT BOURGIN / NEE DARCY\nTrois petites Betes\nVerlag Cahiers du Centre / Moulins (Ailier)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c012", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "761", "page_fin": "761", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "761", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.7", "debut_caractere": 75, "fin_caractere_exclue": 142, "texte": "Jtuftstellunseit, Salons\nICunsttiandlunsen etc.\n-/ ~\n' VyO\nV * j\nA."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c013", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "761", "page_fin": "761", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "761", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.7", "debut_caractere": 144, "fin_caractere_exclue": 462, "texte": "CASPER'S Kunst-Salon\nEintHtt 50 Pfennig, Potsdamerstrasse 19.\nNeu aosgesteUte GemSlde:\nAd Bock\nP. 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Theater\naad Sfraste sowic\ns&atlicher Maarar-\nbeiteQ ia natitfg;<e-\ntreuer Au&Ctihruog\nifee\nIMeMnen\nHefert und verleiht\nHinuthkH.\nBerlin 26, IV 4«1I\nOranlmntraM •\n■ semnm-1 ?«■ vm_ K—"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c020", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "761", "page_fin": "761", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "761", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.7", "debut_caractere": 2219, "fin_caractere_exclue": 2355, "texte": "Lehranstalten * Kurse\nMai- und Zeichenschule\nStilleben — Land chaft — Portr&t\nHektorstrafie 17\nam Kurfiirstendamm\nMan verlange Prospekte"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c021", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "761", "page_fin": "761", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "761", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.7", "debut_caractere": 2357, "fin_caractere_exclue": 2615, "texte": "Holcschnitzen, Modellieren, Zeichnen\nT&glich 9—l Uhr Eintritt jederzeit\nModeilieien Iflr Architekten t&glich von 5—7 oder 7—9 Uhr\nAbendakt tsgHch 7 9 Uhr Mark —,50\nAtelier KurfOrstendamm 248 parterre gegenfiber dem Zo®\nBildhauer Harders Berlin-Charlottenburg"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-01-27-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-01-27_01#c022", "volume": "bmtnabg_1912-01-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "761", "page_fin": "761", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "761", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.7", "debut_caractere": 2617, "fin_caractere_exclue": 2846, "texte": "T?\nInst\ns»\nIvt\nSt\ni\nMP M-iiktitot\nLeiter: M. 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A.: Humoristen / ARTUR SEGAL: Sommersitz / Originalhoizsehnitt /\nSCHMIDT-ROTTLUFF; Der Prinz von Theben / Zeichnung\n\nArtur Segal: Sommersitz / Orignalholzschnitt."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "756", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.2", "texte": "Dichten und Trachten\nGedanken deutscher Männer\nDer Lokal-Anzeiger hat die deutschen Männer\nbefragt, „nur Männer auf geistiger Höhe, von ge-\nklärtem Urteil, weitem Blick und starken Patriot\ntismus\", wen das deutsche Volk zum Reichstag\nwählen soll. Zu diesen Männern gehört vor allem\nHerr Doktor Ludwig Fulda. Herr Doktor Ludwig\nFulda antwortet dem deutschen Volk: „. . . kann\nseine Wahlstimme nur denen geben, die für den\nGeist der Freiheit und gegen den Geist der Hem-\nmung jederzeit und unter allen Umständen einzu-\ntreten entschlossen sind.4' Also der Mann auf geis-\ntiger Höhe. Der Mann von geklärtem Urteil\nExzellenz Wirklicher Geheimer Rat Professor\nAnton von Werner antwortet dem deutschen\nVolk: „Da weder die Philosophie noch die Poesie\ndes Volkes der Dichter und Denker wirksame\nSchutz- und Machtmittel in der Politik sind, son-\ndern eine starke Wehrkraft zu Wasser und zu\nLande, so muss diese des Landes erste Sorge sein.\"\nDes Reiches zweite Sorge aber müsste eine starke\nWehrkraft gegen das Volk der Dichter und Denker\nund der Maler sein. Zu Wasser und zu Lande.\nAlso der Mann von geklärtem Urteil. Der Mann\nmit dem weiten Blick, Herr Schriftsteller Rudolf\nStratz, Gut Lambelhof, Oberbayern, antwortet dem\ndeutschen Volk: „Aber das Ausland muss schliess-\nlich glauben, dass unsere Diplomatie das ungeheure\nMachtmittel der Armee nicht mehr als Einsatz ge-\nbraucht, weil es nicht mehr brauchbar ist. Von\ndieser Erkenntnis bis zum Krieg ist, wenigstens bei\nden Franzosen, nur ein Schritt. Gerade die ewigen\nkrankhaften Friedensbeteuerungen unserer Staats-\nmänner rufen ihn herbei. Wahrscheinlich bald.\nEben war er schon vor der Tür. Dann muss die\nArmee bereit sein, damit das Schwert gut macht,\nwas die Feder seit Jahren gesündigt.44 Das macht\nkein Schwert wieder gut. Ich bin durchaus für\nSchiessen. Also der Mann von weiten Blick. Der\nMann von starken Patriotismus, Herr Ober-\nbürgermeister, Geheimer Rat Doktor Beutler, Dres-\nden, antwortet dem deutschen Volk: „Auf die An-\nfrage, von welchen Grundsätzen ich mich bei Aus-\nübung des Wahlrechts bei den kommenden Reichs-\ntagswahlen leiten lassen werden, beehre ich mich\nergebenst mitzuteilen, dass ich, wie der geehrten\nChefredaktion bekannt sein dürfte, der deutsch-kon-\nservativen Partei angehöre, und daß sich daraus\nmeine Stellungnahme zu den kommenden Wahlen\nergibt\" Das deutsche Volk hat aber in Sachsen\nvon zweiundzwanzig Mandaten achtzehn den So-\nzialdemokraten gegeben. Das deutsche Volk\nscheint auf die führenden Männer des Lokal-Anzei-\ngers nicht zu hören. Aber es abonniert ihn. Und\ndas ist schliesslich die Hauptsache. Gedanken\nbleiben auf jeden Fall zollfrei. Da der Lokal-\nAnzeiger zu seiner Ware billig kommt, kann er ge-\ntrost für den Block eintreten. Das Volk der Dichter\nund Denker und Maler will zwar Armeen aus der\nErde stampfen. Vielleicht glückt es ihm auch noch,\nein Kornfeld auf der flachen Hand wachsen zu\nlassen. Oder auf den flachen Geist. Dünger ist\nbereits reichlich vorhanden.\nHier Mosse hie Langen\n„Rat an den Schriftsteller, Du soll-\ntest nur seltene und heimliche Worte schreiben. Du\nsolltest in den Schatzkammern der Sprache Worte\nsuchen, die noch nie in einer Zeitung und in keinem\nUlSsteinbuche je gestanden haben. Worte, die den\nverlorenen Duft der Einsamkeit haben. Worte\ndie fremd sind und wie Orchideen an den Wurzel-\nstöcken der ewigen Wälder.\nAlte verschollenen Worte aus den staubigen\nKanzleien, wo umständliche Städtechroniken\nschweinsledern stehen und von den Wändern die\nBilder toter Oberkirchenräte zusehen.\nSchmieden solltest du dir selbst deine Worte,\nbiegsame schwirrende Worte wie Stahlkllngen,\ndie züngelnd fest ins Herz der Dinge stossen.\"\nSo redet Herr Viktor Auburtin bei Albert Lan-\ngen. Sein Buch heisst natürlich Onyxschale. Hin-\ngegen schreibt Herr Viktor Auburtin so bei Herrn\nRudolf Mosse:\n„Ich wage nicht zu entscheiden, wer von\nbeiden Recht hat, die Lateiner, denen die Kunst\nein Spiel ist, oder wir bitteren Berliner, die da-\nrum Schlachten schlagen. Schiller (der die Götter\nGriechenlands geschrieben hatte) sagte: „Ernst\nist das Leben, heiter ist die Kunst\". Nikolaus\nLenau drehte den Satz um und sagte: „Lächer-\nlich ist das Leben, ernst ist die Kunst\". Möglich,\ndass er Recht hat, der Lenau. Aber wir wol-\nlen nicht vergessen, dass er am Ende\nseines Lebens wahnsinnig gewor-\nden ist.\nVielleicht liegt der ganze Unterschied zwi-\nschen den beiden dramatischen Literaturen nur\nbei dem verschiedenen Theaterbeginn. Das\nBerliner Theater fängt um %8 oder um 8 Uhr an,\ndas Pariser Theater um 9 Uhr odern och viel\nspäter. Wir Pariser haben, wenn wir ins Thea-\nter gehen, bei Larue diniert, das Couvert so un-\ngefähr zu 40 Francs, und haben einen Bordeaux-\nwein getrunken, der das Herz freundlich macht\nDie Berliner kommen nüchtern ins Theater; sie\nhaben bei der Toilette allenfalls ein par hastige\nButterbrote heruntergesclungen und sind nun bös-\nartig und voll nervöser Streitlust. So erklären\nsich aus den Nuancen der Venus auf das Schönste\ndie Verschiedenheiten des Dramas. Bei den\neinen die streitsüchtigen Problemstücke, Natura-\nlismus, verhungerte Rattendramen und Zyan-\nkalikritik . . ~ bei den anderen das lächelnnde\nDulden liebenswürdiger Insipiditäten.\"\nBiegsame schwirrende Worte wie Stahlklin-\ngn, die züngelnd fest ins Herz der Dinge stossen\nHerr Auburtin kann nichts dafür, er muss nun ein-\nmal so. Für Ullstein findet er keine Worte, das\nhat er nicht nötig. Denn Herr Auburtin ist auch\ngegen die BerlinerHausfrau, für die der Musikkri-\ntiker Ullsteins, Herr Erich Urban, hinwieder\nglühende Worte in seinem Kochbuch fand. Aber\nHerr Viktor Auburtin giesst die Onyxschale seines\nZorns bei Langen über sie aus:\n„Und ich habe wahrgenommen, dass das Ge-\nsicht keines Tieres so gemein werden kann, wie das\ndes Menschen. Nicht einmal der Schabrakentapir\nund auch das Warzenschwein nicht, sinken auf die\nStufe der Entgottung, auf der eine praktische Ber-\nliner Hausfrau steht.\"\nNun habe ich nur noch einen Wunsch: das Ge-\nsicht des Herrn Auburtin zu sehen. Vielleicht tut\nmir der Weltspiegel den Gefallen.\nWie dichtet man klar?\nEin soziologischer Privatdozent an der techni-\nschen Universität zu Prag, namens Foustka, hat ein\nBuchchen über dde Abstinenz als Kulturproblem\n„mit besonderer Berücksichtigung der Österreichi-\nschen Völkerstämme44 geschrieben. Bei dieser Ge-\nlegenheit löste er nebenbei das Problem der Dich-\ntung, insbesondere der Mystik. Künstler dürfen\nnicht saufen. Klar wie Wasser wird die Dichtung\nfließen, wenn man keinen Tropfen Alkohol hinein-\nschüttet. Selbst Qoethe, wenn er . . . WrkMch:\nIch will nicht behaupten, daß an dem Uto-\npischen, Unklaren und Verschwommenen, das\nuns in vielen Werken der Romantik, des Symi\nbolismus u. a. befremdet, der AlkohoÜsmu»\nSchuld trägt. Aber ließe sich nicht vielleicht so\nmanche Stelle eben durch das spezielle\nVerhältnis des Autors zum Wein, Sekt\noder Bier besser erklären als durch gekünstelte\n(Exegese? Hat doch Gutsmann schon auf dem\nFünften internationalen Kongreß die Bemerkung\nfallen lassen, daß sogar Qoethe den zweiten Teil\ndes „Faust\" klarer geschrieben hätte, wen» er\nabstinente Lebensführung hätte zustandebringe«\nkönnen.\nWas wäre Goethe geworden, wenn er dieses\nBuchchen noch erlebt hätte? Möge er allen leben-\nden Dichtern, er und seine nichtzustandegebrachte\nabstinente Lebensführung, eine Warnung bedeuten!\nSeeräubergeschichten\nHerr Ludwig Fulda denkt und dichtet feste\nwelter. Die Uraufführungen seiner Werke finden\nneuerdings im Wiener Burgtheater statt Ein s©\nberühmtes Theater muß seinen Ehrgeiz befriedigen.\nDas Lustspiel Der Seeräuber ist daher auch in Ver-\nsen gedichtet und zwar in solchen:\nDie Gefoppte, ja, die bin ich.\nBeide habt ihr mich getäuscht,\nMich belogen und betrogen:\nDarin hat vor'm andern keiner\nWas voraus. Und doch, mich dünkt —\nSeine Lüge war die schön're.\nBiederkeit ward mir von D i r\nKunstreich vorgespielt, von ihm\nHeldentum; du hast geheuchelt.\nEr gedichtet. Ausgegähnt\nHast du dich an meiner Seite\nSo gähnt es stundenlang weiter. Aber es gibt\nLeute, die das für Dichtung halten. Denn die Vös-\nsische Zeitung, ein Herr -m. bemerkt: „Kurzum:\nFulda und das Burgtheater dürfen wieder einmal\nmiteinander zufrieden sein. Und die Kritik mag\nsich damit bescheiden, daß Fulda sein Bestes\ngab.44 Das Herzblut spritzt nur so, aber der Herr\na-r von Ullstein fühlt sich nicht betroffen. Und be-\nmerkt seinerseits: der Schluß sei vollständig ab-\ngefallen, das Publikum ziemlich ungnädig gewesei,\nund die Idee des Stückes hätte auch psycholo-\ngisch vertieft werden können. Die B. Z. ist\nimmer mehr für die Tiefe, während die Voss sich\nlieber in die klassische Breite reckt. Deswegen\nbehauptet die B. Z.: „Leider versagt Thimig als\nmoralisch gewordener Seeräuber vollständig; die\nRolle hätte einen Darsteller erfordert, dem man\nvollbrachte Taten hätte glauben können.*4 Mora-\nlisch gewordener Seeräuber klingt übrigens doch\nstark nach Tiefe. Hingegen behauptet die Vo«s:\nThimig überraschte durch nicht gewöhnliche\nKraft und Sorgfalt: er schuf im Wetteifer mit\nFulda eine Charakterfigur, die nicht leicht zu ver-\ngessen sein wird.44 Man weiß nun nicht, ob Herr\nThimig im Schaffen oder im Versagen größer ist.\nUeber die übrigen Darsteller sind sich die Herren\naber einig. Ein Herr „Heß alle Humore spietett\"\nEine Dame „gab sich als Evastochter erster Güte\".\nUnd eine andere Dame „war die richtige heiß-\nblütige, rachsüchtige Südspanierin44. „Hauptsäch-\nlich44 scheinen also doch Charakterfiguren aufge-\ntreten zu sein.\nDie Pressemuse\n„Der Musenalmanach, der auf dem Presse bat!\nden Damen in der angenehmen Begleitung einer\ngeschmackvollen Sarottibonbonni£re überreicht\nwird, ist diesmal besonders stattlich und inhalts-\nreich ausgefallen.\" Dieser Satz bezieht sich zwei-*\nfellos auf den Musenalmanach. „Was der Alt-\nmeister der Reimkunst Albert Traeger in seinem\nIm Zoo überschriebenen reizenden Gedieht von den\nFreuden des Presseballes singt, das wollen wir\nschon heute durch Wiedergabe der Schlußstrophe\nverraten.14 Wir auch:\n„Und ob auch draußen rauhe Stürme wüten\nIn winterlicher blumenloser Zeit,\nHier sind erwacht die wunderholden Blüten\nDie Damen steh'n vergnügt zum Tanz bereit»\nSie lassen nie vergebens sich erwarten,\nDie frohe Botschaft zündet überall\nSie kamen auch zum Zoologischen Garten"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "757", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.3", "texte": "Zu ihrem Fest, dem lieben Presseball.\"\nZuin Küssen! Nochmal:\nHier sind erwacht die wunderholden Blüten\nDie Damens steh'n vergnügt zum Tanz bereit.\nPreisrätsel\nWelcher Altmeister der Reimkunst hat folgende\nVerse gedichtet?\nIn unserm Kreise fühlt sich wohl,\nWer Feind von jedem Zwange,\nWer tüchtig trinkt, dabei fidel\nMit uns kann halten Stange.\nWer sich am derben Witz erfreut\nUnd nie ein Freund von Traurigkeit,\nWer echten deutschen Frohsinn liebt,\nDer ist uns stets willkommen!\nEs dürfte den Lesern dieser Zeitschrift nicht\nschwer fallen, den Autor zu erraten. Ich bitte um\nrege Beteiligung. Wer annähernd richtig rät, wird\nbelohnt. Auflösung in nächster Nummer.\nTrust\n\nSchwebende Tonflächen\nVon Lothar von Kunowski\nKant und Schopenhauer fanden, daß wir die\nNatur nicht wahrnehmen, wie sie „an sich\" ist.\nsondern, daß die Eigenschaften der Gegenstände\nbedingt sind durch unsere Sinne. Daß wir eine\nRose rot sehen, einen Apfel rund, ein Glas durch-\nsichtig, liegt nicht an den Dingen allein, sondern\nauch an uns. Wie Rose und Apfel eigentlich aus-\nsehen, unabhängig von unseren Sinnesorganen,\nwissen wir nicht. Hätten wir andere Organe,\nwerden wir sie anders sehen. Was wir wahr-\nnehmen, ist die Erscheinung, nicht das Ding selbst\nEhe wir ein Ding als Wesen auffassen, bedarf es\nmehrerer Wahrnehmungen. Wir sehen das Glanz-\nlicht auf dem Apfel, seine rote Farbe, daß er rund\nist, rollen kann, vom Baume fällt, Samen enthält,\naus dem eine neuer Baum entsteht. Die einzel-\nnen Wahrnehmungen werden zum Ganzen verar-\nbeitet zur Vorstellung: „Apfel'1. Diese Vorstellung\nist also allmählich erworbenes Gut, mit dem wir\nunabhängig vom Gegenstande schalten und walten.\nAuf dieser Tatsache beruht die Möglichkeit der\nKunst. Um in jemand die Vorstellung „Apfel\" her-\nvorzurufen, bedarf ich nicht einmal eines wirklichen\nApfels, von dem ich, wie gesagt, nicht weiß, wie er\nunabhängig von meinem Auge aussieht. Meine\nSinnesorgane vermögen diese Vorstellung auch zu\nerzeugen, wenn ich einen Apparat herstellte, der an\nStelle des Apfels auf sie einwirkt. Diesen Appa-\nrat gibt die Kunst in ihren Werken. Ein Stück\nschwarze Kohle, vom Künstler im Kreise geführt,\ngenügt, uns einen Apfel sehen zu lassen. Wir\nkönnen weder den Apfel noch seine Erscheinung\nnachmachen, dagegen auf Papier Striche, Linien\nund Flächen geben, deren Verhältnis hilft, einen\nApfel sich vorzustellen. Das Nichtwissen dieser\nTatsachen veranlaßt den Anfänger, eine dunkle\nStelle der Natur a,uch auf dem Papier genau so\nschwarz zu machen und überhaupt jeden Schatten-\nton einzeln von der Natur abzulesen und auf das\nPapier zu übertragen. Er weiß nicht, daß es gleich-\ngültig ist, ob die Schwärze-Skala seines Materials,\nbeschränkt oder unbeschränkt, der Natur gleich\noder ungleich ist, sondern daß ausschlaggebend\nallein das Verhältnis der Schattentöne seines Bil-\ndes zueinander ist, well nicht der materielle Schat-\nten, sondern nur die Verhältnisse seiner Abstufun-\ngen in unserem Auge die Vorstellung des Apfels\nerwecken.\nDaraus folgt also, daß es gleichgültig ist, ob ich\nden Gegenstand mit Linien oder Flächen, oder mit\nbeiden zugleich darstelle, ob alle Schatten voll-\nständig sind oder nicht. Der Schüler glaubt, die\nZeichnung sei erst vollständig, wenn alle Schatten,\ndie er am Modell unterscheidet, auch in seiner\nZeichnung wirklich existieren, er weiß nicht, daß\ndies überhaupt unmöglich ist, daß es im Belieben\ndes Künstlers steht, die Zahl der Stufen zu bestim-\nmen, daß Wesen und Möglichkeit der Skizze darauf\nberuhen. Was in der Skizze angedeutet ist, voll-\nendet das Auge.\nDas eigentliche Geheimnis der Zeichenkunst ist\nfolgendes: Das Auge gewahrt Schatten, wo gar\nkeine gezeichnet sind, wo weißes Papier ist, und\nzwar sieht es das nicht hier und da, sondern in\njeder guten Zeichnung. Und ich behaupte: je mehr\neine Zeichnung uns veranlaßt, Schattentöne zu\nsehen, die in Wirklichkeit nicht da sind, desto bes-\nser ist sie. Will der Künstler alle Schatten selber\nmachen, so ist er Stümper und seine Arbeit wirkt\ntot; will er mit so wenig als möglich Strichen nicht\nSchatten machen, sondern komplizierte Schatten\nsehen lassen, so ist er ein Genie. Man kann weder\nLicht noch Finsternis noch Helligkeit und Dunkel\nzeichnen, sondern nur durch schwarze Linien auf\nweißem Papier die Vorstellung davon erwecken.\nJa, man kann auch nicht einmal das, was w nß,\nschwarz und grau an den Gegenständen ist, nach-\nmachen, da das Schwarz der Kohle, Kreide und des\nBleistifts auf dem Papier nichts zu tun hat mit dem\nin der Natur; denn wenn es für den Beschauer nur\nirgend eine Verwandschaft mit ihm hätte, würde\nalles Schwarze in der Zeichnung als Farbe an den\nGegenständen aufgefaßt werden, nichts davon als\nSchatten. Die Schwierigkeit des Zeichnens besteht\ndarin, daß der Künstler die Verwobenheit sämtlicher\nEindrücke von Licht und Finsternis, Weiß und\nSchwarz, Violett und Grün, Helligkeit lind Dunkel-\nheit nur mit dem materiellen Schwarz seines Grif-\nfels ausdrücken soll, ändern er es dahinbringt, das\nSchwarz des Griffels zu vergeistigen und zu über-\nsetzen in die verschiedenen Elemente der Natur-\nerscheinung.\nAuch würde eine Zeichnung in der Phantasie\ndes Betrachters niemals räumlich wirken, sich vom\nPapier lösen und frei darüber stehen ohne Ent-\nwicklung der scheinbaren Tonflächen. Man zeichne\nauf weißes Papier groß hinschauend ein Quadrat,\nin dessen Ecke ein kleineres, in dieselbe Ecke ein\nnoch kleineres und so weiter, also etwa fünf Qua-\ndrate. Dann wird man bemerken, daß die Fläche\ndes größten Quadrates dunkler erscheint als die\ndes Papieres ringsum und das zweite Quadrat\ndunkler als das erste, das dritte dunkler als das\nzweite, und so weiter. In demselben Augenblick\naber, da man die scheinbaren Tonflächen bemerkt,\nwerden die Quadrate und ihre Flächen lebendig,\nsie werden plastisch, bilden einen Raum. Die\nFlächen schweben über oder unter dem Papier.\nWir sehen die Quadrate als eine Treppe, die in\neine Vertiefung führt, oder als einen langen Gang,\nder in Abschnitte eingeteilt ist durch Pfeiler und\nBalken, oder als pyramidenförmig aufsteigende\nTreppe. Das kleine wird oft im Gegensatz zu den\nübrigen blendend hell erscheinen wie ein Glanzlicht\nin einem tiefen Schatten. Und tatsächlich ent-\nstehen in der Zeichnung eines Künstlers die Glanz-\nlichter in tiefen Schatten durch den lebhaften Kon-\ntrast, der eine kleine Fläche im Gegensatz zu den\numrahmenden Strichen plötzlich viel heller als den\nPapierrand erscheinen läßt. Die übrigen Stufen\nhaben dann den Charakter der Durchsichtigkeit,\nwie ihn alle Schatten haben. Nur an der Stelle des\nGlanzlichtes scheint eine undurchsichtige Stelle zu\nliegen, welche selbst Licht ausstrahlt. Erhöht wird\nder Eindruck des Plastischen, wenn man die Qua-\ndrate, je kleiner sie werden, mit desto breiteren\nStrichen umgibt. So erhöht man das Schema jedes\nSchattens. Denn auch in der Natur gehen die\nSchatten nicht schleichend aus dem Dunkel in die\nLichtseite über, sondern in Stufen, die durch feine,\ndunkle Linien abgegrenzt sind, die nach der Licht-\nseite zu immer feiner, die Flächen dazwischen brei-\nter und heller werden. Nun ist aber die Skala der\nNatur von Schattenlinie zu Schattenlinie und von\nFläche zu Fläche eine andere als die des Griffels.\nFolglich wird der Künstler sein Material anders\nzerlegen, andere Striche, andere Zwischenräume\noder Flächen bilden, um den Effekt der Natur zu\nerreichen. Deren Schatten erscheinen durchsich-\ntig, und nicht als wären sie schwarz gezeichnet,\nsondern wie ein Schleier über dem Qrund der Lo-\nkalfarbe. Das eben erreicht der Künstler nie durch\nbloße Nachahmung, sondern durch Striche, die frei-\nschwebende, scheinbare Tonflächen erzeugen. Sie\nentsprechen den Schattenflächen und Farben der\nNatur.\nReine Umrißzeichnungen können Plastik, Far-\nbenwerte, Schatten, Räume in der Vorstellung\nwachrufen. Im Umriß eines Mannes kann man\neinen weißen Kragen, helle Hosen und einen dunk-\nlen Rock gewahren, wo doch überall gleich weißes\nPapier ist. Das Kleid einer Dame, ihre Hände,\nHut, Haare, die Erde, Himmel, Wolken können be-\nleuchtet, beschattet und in unzähligen Abtönungen\nerscheinen, das Kleid heller als die Hand, die Hand\nheller als den Erdboden, die Wolken heller als der\nHimmel und dieser leuchtender als die Gestalt, ohne\ndaß im Umriß Schatten oder die Tonwerte der\nKörperfarbe eigens gezeichnet wurden. Man prüfe\nan Zeichnungen bedeutender Meister, was ich sage.\nUmrisse beeinflussen sich gegenseitig, ihre Ueber-\nschneidung kann das Auge zwingen, den UmriS\ndes vorderen Gegenstandes abzuheben von dem\ndes hinteren. Also Licht und Schatten, Schwarz,\nWeiß, Farbe, Raum, Bewegung werden nicht von\nder Natur abgeschrieben, sondern man zerlegt die\nErscheinung der Natur in Elemente, die zusammen-\ngestellt eine Zeichnung, das heißt einen Apparat\nergeben, der das Auge nötigt, Licht, Schatten,\nSchwarz, Weiß, Raum, Bewegung, einen Gegen-\nstand selbst zu erzeugen, ohne daß die Zeichnung\nselber auch nur eine Spur von Verwandtschaft mit\nder Natur zu haben braucht.\nDie Entdeckung der schwebenden Tonflächen\nist von fundamentaler Bedeutung.\nUnter schwebenden Tonflächen verstehe ich\nhier und da sichtbare Kontraste zwischen dunklen\nund hellen Flächen des Zeichners, helle Ränder, die\njeder ringsum als schwarzes Viereck auf weißer\nFläche beobachten kann oder ähnliche Erscheinun-\ngen. Ich verstehe darunter die Tatsche, daß die\nGesamtfläche eines Papiers, eines Steins, einer ge-\ntönten Leinwand einen Tonwert in der Vorstellung\ndes Betrachters repräsentiert, der durch jede Be-\nrührung mit dem Griffel, Meißel, Pinsel, also durch\nSchwärzen, Vertiefungen, Farben erschüttert, auf-\ngerührt, verändert, modelliert wird, indem Striche,\nVertiefungen, Farbenflecke sich aus Rohstoff in\nAndeutungen von Gestalten, Ornamenten, eben ver-\nwandeln wollen, also eine Umwandlung in unserem\nBewußtsein erfahren. Diese Umwandlung des\nRohstoffes erstreckt sich nämlich sofort auch auf\ndie ganze Fläche von Papier, Stein, Leinwand, die\ngleichsam von einem feinen Nebel überzogen zu\nsein scheint, von einem Vorstellungsnebel, dem\nChaos, aus welchem der Künstler durch Linie.\nMeißelhieb und Pinselstrich eine klare Vorstellung\nplanmäßig entwickelt, indem er sein Material hand-\nhabend, zeichnend, meißelnd, malend der ihm geis-\ntig vorschwebenden Vorstellung eine Art Klaviatur\nfür das Auge unterschiebt, auf der es jederzeit die\nVorstellung des Künstlers nachspielen kann. Daß\ndiese Klaviatur der Form-, Licht-, Farben-, Raum-\nerreger, also der Elemente des Kunstwerks, ein\nGesetz haben muß wie das Instrument des Musikers\noder die Sprache des Dichters, ist einleuchtend.\nDie schwebenden Töne machen sich nicht nur\nauf weißem Papier geltend oder nur zwischen\nschwarzen Strichen. Sie können auch schwarze\nFlächen grau erscheinen lassen: man zeichne mit\nweißer Kreide auf schwarzem Karton den Umriß\neiner Gestalt und die Horizontlinie, und man wird\ndeutlich sehen, daß die Fläche, die den Himmel be-\ndeutet, viel heiler als die Gestalt erscheint, wiewohl"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "758", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.4", "texte": "deren riacne ebenso schwarz wie die Himmel-\nfläche ist. Diese Verwandlung gleich weißer und\ngleich schwarz gedruckter Flächen kann man an\nden Zeichnungen des Aubrey Beardsly und dfes\nMarkus Behmer außerordentlich deutlich sehen,\nda sie nur mit weißen Umriß oder weißer Silhou-\nette auf schwarzem Grunde oder mit schwarzem\nKontur oder Fleck auf weißer Fläche geschaffeö\nwurden.\nEin machtvoller Vorstellungserreger mit ein-\nfachsten Mitteln ist Albrecht Dürer in seinen Holz-\nschnitten, Man vergleiche den Ton zwischen\nstarken Schattenstrichen, zwischen lockeren in den\nHalbschatten, zwischen verstreuten m den Licht-\npartien mit dem leeren Papierrand. Dann wird\nman wahrnehmen, daß eine große Zahl verschie-\ndener Töne vom Betrachter erzeugt werden, die\nzum Teil viel dunkler als der Papierrand, zum Teil\nviel heller erscheinen, geradezu leuchten, wo er\neine sonnenbeschienene Ferne, oder die strahlende\nSonne selbst gibt Wo er aber an einem mit Kohle\ngezeichneten Kopf auch nur ein Halstuch bunt\nfärbt oder die Färbung eines Gewandes andeutet,\nsieht man Gesicht und Hintergrund sich von selbst\nmit Farbe überziehen. Indem er also hier und dort\nein paar Tasten anschlägt, vereinigen sich die Ton-\nwerte zu Schwingungen, die als Harmonie bei\nguten Kunstwerken empfunden oder als Disharmo-\nnie wohl berechnet werden. Ein guter Künstler\nbeherrscht die ganze Fläche und vergißt nie die\nGrundakkorde, die er anschlug, sondern verwebt\nin ihrem Nachklang alles Einzelne zu einer Gesamt-\nstimmung, die er uns planmäßig erzeugen läßt, so\nwie ein Dichter oder Musiker durch Buch und\nNotenheft uns nötigt, an Wort und Note unser Be-\nwußtsein zu kristallisieren und zu organisieren.\nVon Formmerkmal zu Formmerkmal, von Schat-\ntetest ufe zu Schattenstufe, von Farbenwert zu\nFarbenwert in rhythmischer Entwicklung läßt er\nuns Vorstellungen selbst schaffen, aus unsere*\nFähigkeiten Form, Licht und Bewegung schöpfe-\nrisch erzeugen.\n\nHamburg\nVorspiel\nVon Günther [Illegible]\nIn fernen Ländern hab ich die Schönheit gesucht,\nin Einsamkeiten und Wüsten.\nIch hab über Wolken mein Traumreich, gesehn,\nhabe die Erde vergessen.\nIch habe das Heute verflucht\nmit seinen grellen Tönen und Lüsten.\nTrüb waren die Augen von der Sucht\nnach andern Zeiten, als wüßten\nunsre Tage nichts von der Schönheit,\nDa hat dein Leben, du herrliche Stadt,\ndeines weichen Nebels Wehn,\ndein starkes Lärmen, deine glatte Stille\nmein Schauen an sich gerissen.\nDa tauschte ich Leben\nfür furchtsames Träumen,\nHolla, das häßlichste Sing ist schön,\nwenn es nur rollendes Leben hat.\nSind die Dinge, die heute wir wissen,\nDarum nicht schön?\nLiebt ihr nur Träume von fremden Küsten? —\nTag, den ich lebe, dir klingt mein Grüßen,\ndir und der Schönheit, die du mir zeigst\nMagst du mit all deiner Technik dich rüsten\nund hinjagen in toller Flucht,\noder wenn du voll Schönheit schweigst,\nstets lieg ich staunend, anbetend dir zu Füßen.\nGib dich mir, du, den ich so lange suchte.\n\nicrfj'rtn folgt\n\nGemütliches\nFamilie\nEin fünfzigjähriger Rentier ist frühmorgens vom\nSchlaganfall getroffen. Der Arzt am Bett des Be-\nwußtlosen ersucht die Ehefrau, eine hagere, strenge\nPerson, die mit der Zeitung auf dem Sofa sitzt,\num eine Tasse heißen Kaffee und einen Löffei für\nden Kranken . . . Nach reichlich zehn Minuten\nkommt sie mit einem zerbrochenen Tassenkopf und\neinem alten schwarzen LöffeL Der Arzt erstaunt.\nDie Frau zuvorkommend: „Sie können ihm ruhig\ndaraus zu trinken geben, Herr Doktor. Ich werf\ndie Sachen nachher doch weg.\" —\nDieselbe Frau fragt den Arzt, eben von einem\nSpaziergang heimkehrend, was sie wohl nehmen\nkönne, wenn der Tod des Mannes einträte, Sie\nkönne Aufregungen nicht vertragen; der Hausarzt\nhabe ihr dringend ans Herz gelegt, ihre Nerven\nzu schonen. —\nFünf Uhr nachmittags. Die Frau prallt an der\nTür zurück, als sie den Arzt wieder am Bett des\nKranken sieht. Sie war eben in Webers Trauer-\nmagazin. —\nEtwas später holt sie sich ihre Zeitung aus\ndem Krankenzimmer. Sie drückt dem Arzt, mit\nTränen in den Augen, die Hände. Er wäre wirk-\nlich unsäglich bemüht Wie sollte sie ihm dafü»\ndanken. Und er möchte doch nicht vergessen,\nden Mann bitte gleich den Ring abzuziehen. —\nDer Apoplektiker ist tot. Die Familie, eine uralte\nMutter, die Ehefrau, zwei junge Söhne, sitzt still\nin einer Reihe auf Stühlen vor dem Bett; ein\nBild von Hodler zu malen. Die Frau steht auf.\nGott hat es gewollt: was soll man machen Es\nwird alles gut gehen; die Papiere sind gut an-\ngelegt. Mama weine nicht. —\nUnter Verlegern\nEin paar Tage nach meinem Abend im herein\nfür Kunst bittet mich ein Verlag Neues Leben,\nWilhelm Borngräber, Goltzstraße 7, Tel. Via,\n19 367, um Einsendung meiner Sachen; man will\nmit mir „in geschäftliche Verbindung\" treten. Ich,\nverblüfft über die Ehre, geschäftlich ernst genom-\nmen zu werden, trete ein. Mündlich orientiert\nmich in dem Verlag ein Herr, daß er sofort Suder-\nmanns Bedeutung erkannt habe, aber daß seine\nNovellen nicht gehen. Ich bin erschlagen über\nmein Pech als Novellenschreiber. Unter dem\nsechsten Januar 1912 erhalte ich, geschäftlich ernst\ngenommener Skribifax, einen Brief von Wilhelm\nBorngräber, Verlag Neues Leben, Berlin W. 30,\nQoltzstraße 7, Tel. Via 19 367, (altes Amt!) Karls-\nbad 23, Bankkonto Deutsche Bank Kasse P. Post-\nscheckkonto 7491, Maschine Z, Diktat LE, Zweig-\nhäuser des Verlags Rom 307 Cor so umberto 1,\nLeipzig, Königstraße 35—37; bekomme ich — sage\nrch — von einer derartig ungeheuren Apparatur\neinen richtiggehenden Brief.\nHerrn Dr. Döblin,\nBerlin.\nSehr geehrter Herr Doktor! Ich habe Ihre\nArbeiten mit großem Interesse gelesen und will\nich nicht leugnen, daß die Eigenart Ihrer Dar-\nstellung sehr viel Reizvolles enthält. Wenn ich\ntrotzdem zunächst von der Uebernahme des Ver-\nlages Ihrer eingesandten Manuskripte noch ab-\nsehen möchte, so hat das hauptsächlich darin\nseinen Grund, daß die behandelten Themata nur\nfür einen ganz kleinen Kreis von Lesern bestimmt\nsind. Sollten Sie inzwischen mal wieder zur Feder\ngreifen um einen allgemein populären Stoff zu be-\nhandeln, so sind wir gern mit Vergnügen bereit\nmit Ihnen in Verbindung zu trten.\nMit vorzüglicher Hochachtung\nIhr ergebener\nWilhelm Borngräber\nVerlag Neues Leben.\nDie Eigenart dieser Darstellung enthält sehr\nviel Reizvolles. * Ich habe den Brief mit großem\nInteresse gelesen. Wenn ich ihn fetzt veröffent-\nliche, so hat das hauptsächlich darin seinen Grund,\ndaß die behandelten Themata für einen großen\nKreis von Lesern bestimmt sind. Ich freue mich\nund will ich nicht leugnen, daß ich mit Vergnügen\nmal wieder zur Feder greife um das Neue Leben,\ndiesen allgemein populären Stoff, zu behandeln.\nIch sehe aus dem Brief, daß Neues Leben eher\naus den Ruinen als aus der deutschen Sprache\nblüht. Es ist wirklich um Suder mann zu ent-\ndecken. Warum spricht das Neue Leben dauernd\nin Interversionen zu mir? Warum, wenn es an\nmich schreibt, schreibt es „mal wieder\" und nicht\n„einmal wieder\", warum behandelt man mich s<*\nkurzerhand mit der Schreibmaschine, Maschine 2,\nWer ist überhaupt der Diktator LE? Ich frage\nthn — es handelt sich um ernste Dinge der\nKunst —: wer hat das ein „trten\" ausgelassen,\ner oder die Stenotypistin? Ich lasse es auf einen\nProzeß ankommen, ich lasse mich nicht in einem\nBrief so schofel mit Inversion und Auslassungen\nbehandeln. Meine Novellen habe ich bis jetzt noch\nnicht zurück; aber ich will nur dies eine: in\nrichtigem Deutsch von den Verlegern mißhandelt\nzu werden. —\nAlfred Dobfm\nEpigrammatisches oder Verdrehte Volkesstimmen\nWie man's macht, ist's richtig. —\nMan hat's nicht schwer. —\nUebermnt tut immer gut —\nMan kann sich über die Gesundheit der\nMenschen krank ärgern. —\nO lieb so dick du lieben kannst —\nO lieg so lang du liegen kannst —\nWenn Menschen auseinandergähnen,\nDann sagen sie: „Auf Wiedersehen\".\nGelegenheit macht Liebe. —\nMinima*\n\nBriefe nach Norwegen\nVon Else Lasker-Schüler\n\nIch schrieb:\nHeute Mittag aß ich die Erstgeburt, zwar\nnicht Linsen, aber dicke Erbsen. Es schwane\nmen Bröckchen darin und die Ueberreste eines\nSchweinsohrs. Ich bin aufgebläht, aber Ihr\nAntlitz, Cajus, hat Monderweiterung bekommen.\nWie dürfen Sie Sich erlauben, uns, vor allen Din-\ngen mich, in Ihrem Vortrag mit Idioten anzureden;\nzumal Sie genau wissen, ich bin Idiot Aber\nerinnern brauchen Sie mich nicht daran, das ist\nunzart, das ist direkt ordinär von Ihnen. Ich\nkomme nicht mehr ins Qnu, ich hab gnug.\nHerwarth, gestern ist mein Onkel, der stid>~\ndeutsche Minister, sofort mit mir ins russische\nBallet gefahren. Hinter uns saßen strahlende Pe-\ntersburgerinnen, zwischen ihnen Herr Barchan, der\nHexenmeister. Einige Male hat er bei uns in der\nWohnung frische Fische gezaubert und nach-\nher verschlungen, lebendig; er hat Dich auch\neinmal verschwinden lassen wollen, Herwarth,\nweißt Du's noch? Ich meine, Dich verleugnet;\naber sein Aermel war nicht weit genug.\nIch schreibe nun schon drei Monate oder\nnoch länger norwegische Briefe. Verreist Ihr\nbeide nicht wieder bald? Vielleicht regt mich\neine zweite Reise auch so an, wie Eure Nordpol-\nfahrt Ich habe zwar verlernt, mit Sonne zu\nschreiben; meine Vorfahrengeschichten verlangen\nMorgenland. Auch dem historischen Stil habe ich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "759", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.5", "texte": "Schmidt-Rottluff: Prinz von Theben / Zeichnung"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "760", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.6", "texte": "Schlittschuh angeschnallt, und ihn so mit fort-\ngerissen, es kam mir nicht darauf an. Ich\nschrieb also den größten Teil meiner Briefe mit\ndem großen Zeh; die Historie aber, kann man nur\nmit dem Herzen schreiben; das Herz ist Kaiser.\nWomit schreibe ich- eigentlich meine Gedichte ?\nWas glaubt Ihr wohl? Die schreibe ich mit meiner\nunsichtsbarsten Gestaltung, mit der Hand der\nSeele, — mit dem Flügel. Ob er vorhanden ist —\nSicher! Aber gestutzt vom böswilligen Leben.\n(Mystik.)\nLieber Herwarth, außerdem habe ich Direktor\nCajus-Majus — Dr. Hiller in seinem Gnutheater\nam Vortragstisch auf der Bühne sitzend gezeichnet.\nEr spricht vom gescheckten Mondgnukalb — in\nseinem Hirne — elektrisch spiegelt sich die Birne.\n0, Herwarth, o, Kurtchen, wie sich die Welt\nverändert hat; früher war die Nacht schwarz,\nnun ist sie goldblond.\nLiebes Kurtchen, weißt Du's schon, eine Deiner\nKlientinnen hat den Sturm aufgekauft und läßt sich\nmit Deinem Bild ihr Schlafzimmer tapezieren:\nSie singt: „Ich hab dein Bild im Sturm gesehn!\"\nJungens, nun hab ich's raus mit den Künsten:\nman muß zeichnen, wie man operiert. Ob man\nein Stück Haut zuviel skalpiert oder einen Strich\nlänger zieht, darauf kommt es ja gar nicht an! —\nUnd die Massenliebe des Publikums zur Musik,\nist mir auch klar geworden. Die Zunge hat am\nmeisten zu tun beim Hören, sie wächst sozusagen\ngehöraufwärts, sie probiert; namentlich schmeckt\nihr die Nationalmusik: Deutschland, Deutschland\nüber alles, Volkslieder, prickelnde Operettenlieder;\nCarmen, glänzendes Hochzeitsmahl; auch Wag-\nners heiliger Oral ist nicht zu verachten. Deine\nMusik, Herwarth, aus Tanz und Schwertern, aus\nFrühlenz und Schäfern, aus Mond und Nacht und\nSternen frißt auch die Menge mal für Schild-\nkrötensuppe und indische Vogelnester — hoffe\nich!\nAbends trinke ich jetzt immer Ihee Cham-\nbard, ein Getränk aus Goldkamillen, blauen\nGlockenblüten und Rosenblättern. Ich habe Peter\nAltenberg das duftende Rezept geschrieben für\neine Fortsetzung seines Buches Prodromus. Ich\nhörte, er spucke auf mein erlesenes Gedicht, auf\nmeinen alten Tibetteppich, er kann nur dadurch\nantiker und wertvoller werden.\nPeter Altenberg, der Dichter der Oestreicher,\nhurrahü!\nLieber Herwarth, wenn ich Professor Herr-\nmann begegne, muß ich an tiefe Wolken denken;\nwenn ich an Julius Hart denke, weiß ich, wo ich\neinst Engeln begegnet bin! Max Herrmann und\nJulius Hart sind (fort mit allem Hirn-Mach6)\ndurch rankt von Seele.\n\nHumoristen\nJ. A.\nNachwuchs\n„Mit Ludwig Pietsch ist schon wieder eine\nSäule Alt-Berlins gefallen/' Treffend gesagt. Und\nso oft eine dieser ehrwürdigen Biedermeierzeit-\nsäule n fällt, erhebt ein Schmock ein flüchtiges Kla-\ngelied über die zu schnelle, zu gewaltige Entwick-\nlung der „jüngsten Weltstadt\".\nUnter dem Strich eines Provinzialblattes spricht\ner mit ganz „leisen, kußsanften\" Worten von der\nSchönheit und Kultur des alten Berlin, aber in der\nPresse des neuen, des modernen, des amerikani-\nsierten Berlins blüht der Provinzialismus, werden\nFeuilletons und Kritiken hingelegt, so seicht und\nkulturarm, wie sie zur Zeit waren, als Pietsch und\nAlbert Traeger, Fritz Mauthner und Wippchen-\nStettenheim noch lange keine „gefeierten\" Fünfziger\nwaren. Insbesondere hängt noch der Geist und\ndas Urteilsvermögen der Berliner Musikkritiker an\nder zähen Nabelschnur des Mütterchens Vergangen-\nheit. Ihr Musikverständnis verliert sich hinter\neinem Strauß wie in einer Wüste, in der kein Blüme-\nlein mehr wächst. Einer ist unter ihnen, Johannes\nDoebber genannt, ein Mann, der dem Meister mit\nfetten, gewichtigen Superlativen dient . Als aber\nder „Rosenkavalier\" in Berlin „unter rau-\nschen dem Erfolge seinen Einzug gehalten und für\nalle daran Beteiligten einen „Sieg auf der ganzen\nLinie\" bedeutet hat, wurde der ernste Johannes\nwitzig und pikant. Ein Beweis mehr für die Be-\ndeutung der Straußschen Musik ist dem Johannes\nDoebber der neue Vorhang, der für die Ro-\nsenkavalier-Vorstellungen angefertigt wurde.\n„Er trägt auf blauem Grunde zwei Medail-\nlonbilder mit den beiden wichtigsten Szenen des\nWerkes. Das Bett der Marschallin, das Voraus-\ngegangenes mit großer Deutlichkeit erraten läßt,\nist ebenfalls belassen und der Szene nach Mög-\nlichkeit entsprochen worden, soweit das die Ge-\nsetz der Kunst gestatten. Und der Gesetze gibt's\nviele, namentlich, wenn eine Behörde selbst dar-\nüber entscheiden kann!\"\nAber es gibt leider keine Behörde, die Vergehen\ngegen die Stilgesetze bestraft. Gäbe es eine, so\nmüßte sie Johannes Doebber auspeitschen lassen\nfür dieses:\n„Da schon auf der Generalprobe der Kom-\nponist von einem Entzücken ins andere gefallen\nist, sein Werk gestern sehr gefallen hat, darf man\nwohl annehmen, daß er nach der souveränen\nLeitung des Orchesters durch Dr. Muck sich nicht\nmucksen wird, noch irgendeinen Wunsch zu\näußern. Eine bessere Aufführung ist kaum zu\ndenken.\"\nEin schlechteres Deutsch auch nicht. So darf\nsich ein romantischer Musikschmock am lebendigen\nOeist der Sprache ungestraft versündigen, wenn\nman nur\n„auch auf die toten Gegenstände den Naturalis-\nmus ausgedehnt hat. Wände und Decken ssnd\nnicht aus Pappe, sondern fest aus Holz gefügt\nworden; die Türen öffnen sich nicht wie von un-\nsichtbarer Hand von selbst, sondern müssen von\nden Darstellenden auf- und zugeklinkt werden.\nEine oben an der Decke angebrachte, mehrere\nZentner wiegende Kuppel ist ein kleines Meister-\nstück.\"\nSo eine mehrere Zentner wiegende Kuppel fällt\nfür die Wertung der Straußschen Musik nicht leicht\nins Gewicht\n— „und endlich die silberne Rose, die Octavian\nseiner Braut Sophie im zweiten Akt überreicht,\nist nicht von Pappe, sondern aus schwer ver-\nsilbertem Eisen gestanzt. Kurz: „Das Ganze ist\nnicht von Pappe!\" würde der Berliner sagen.\"\nAber ne Sache!\nSchlieblich vertrete ich diese Meinung\nDem Erwin Honig, der es so bitter ernst\nmit der Kunst nimmt, hat die letzte Ausstellung der\nNeuen Sezession bekanntlich sehr viel Spaß berei-\ntet. Er fand ihre Darbietungen einfach ulkig und\nschlecht, aber dem Doktor Lindau hält er für die\nAufführung Kleistens und Hebbels „zu gute, daß er\ndiesen Toten gegenüber die Gegenwart durch Su-\nder mann und Lubliner vertreten sein 1 ä ß t.\"\nZwar:\n„Ein entschlossener und von seiner Aufgab«\nganz durchdrungener Regisseur hätte freilich\ninbez u g auf das Personal eine gewisse Her-\nkulesarbeit zu leisten. Er hätte zunächst Frau\nWillig dahin zu senden, wo sie hergekommes\nist (es soll ein südwestdeutsches Hoftheater ge-\nwesen sein), und für die Kriemhild eine neue\nSchauspielerin zu engagieren.\"\nFerner:\n„So wie König Gunther, den sich Herr\nGeisendorfer als degenerierten Merowinger-\nenkel vorzustellen scheint, muß auch Volker,\nder Spielmann, im dritten Teil, dem gewichtig-\nsten des deutschen Trauerspiels, durch eimm\nSchauspieler vertreten seä n, und ma*\nfür die Vision vom Nibelungenhort mobil\nmüßte zum Donnerstag noch Herrn Sommers-\ntorff machen.\"\nEin entschlossener und von seiner Aufgabe\nganz durchdrungener Zeitungsverleger hätte frei-\nlich inbezug auf das Personal eine gewisse Her-\nkulesarbeit zu leisten. Er hätte zunächst Herrn\nHonig dahin zu senden, wo er hergekommen ist, es\nsoll ein südostgalizisches Städtchen gewesen sein,\nund keinen neuen Theaterreferenten zu enga-\ngieren.\n\nBeachtenswerte\nBücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nGOETHE\nWilhelm Meisters theatralische Sendung\nNach der Schustheßschen Abschrift herausgegeben vo»\nHARRY MAYNC •\nJ G Cottasche Buchhandlung Nacfafolgar / Stutt ~\ngart und Berlin\nLA NOUVELLE REVUE FRANCHISE\nMonatsschrift für Literatur und Kritik\nDas Januarheft enthält unter anderem Beiträge von\nJean-Arthur Rimbaud / Paul Claudel / Henri\nGh£on I Jean Schlumberger / Jacques Rivi&re\nVerlag Marcel Rivi&re et Cie / Paris\nMMe HUBERT BOURGIN / NEE DARCY\nTrois petites Betes\nVerlag Cahiers du Centre / Moulins (Ailier)\n\nVerantwortlich für die Schriltleitang\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "761", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.7", "texte": "Verlag Der Sturm Haleasee / Verantwortlich für die Anzeigen: Edmund Häuer\n\nJtuftstellunseit, Salons\nICunsttiandlunsen etc.\n-/ ~\n' VyO\nV * j\nA.\n\nCASPER'S Kunst-Salon\nEintHtt 50 Pfennig, Potsdamerstrasse 19.\nNeu aosgesteUte GemSlde:\nAd Bock\nP. Hoeoiger\nH Lfcht\nM Liebermactt\nE. Lfebernaana\nA. Liedtke\nA Mailer\nR. Poescfemann\nJ. P. Raffaelli\n£, Seelos\nF. Thau! ox\nAlice Trfibner\nM Uth\nMoritz Veit\nu. a.\nCollectkmea von H. de Marandat-Paris\nund Hughes Stanton-London\n\nAtelier Hanni Schwarz\nInfcalverimien: Marie LuiUe Sdmridt nad Hanni Schwarr\nrr •> ■ Berlin W3O HohensUufenstrasse 44 111 ■\nFerttsptech-Aaschlufc: Amt Luteow. 9110 :: Fahrstuhl\nGeflffnet: Wochentags von £-6, Sonntags von 1(M Uhr\nPhotographische Arbeiten jeder Art in\nkiinstlerisdier Ausfiihrung -\n:: Aufnahmen in natiirlidien Farben ::\nSpeeiatitiit: Kinderaufnahraen und Aufnahmen\nim elgenen Helm Kurse fGr Amateure\n\nFBIT7 mi BP BERLIN W33\nI Kll ir 41 Ul*r V genfhiner Sfrafje 42\nGegrSadet in jahfe 1878 \\ Fernsprecher Amt VI 752\nFabrik flip Gemalderahmen\nia alien historischea und neuere* Stilarten\n£#frien von Rahmen nach alten in Original-Goldtdnuagea\nSimtliebe fergolderwaren\nKunst-Einrahmungen\nand Neuvergoldungen aller GegenstSLnde, Auf-\narbeiten all. Art. Antiken, Reinigenron GemiUden u. 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KIRCHNER\nWILMERSDORF\nDurlacher Strafte 14\nHODERNER QHTERRICHT\nIN MALEREI ::\nGRAPHIK, PLASTIK\nTEPPICH-, GLAS- U.\n: MET ALL-ARBEIT :\nMALEREI IN VERBINDUNR\nMIT ARCHLTEKTUR\n\nModclUercn und Zetchncn\nDoxbereitung fiir Hkabcmie\nKarl Reynen-Dumont\nCfyaxlottenbuxg \\ £eibntj-Str. 32, Etelter\nBTafeige f)onoxaxe\n\nBuchhandlungen\n\nr\nEdmund Mtycr\nBuctihdndler u. Hnfiquar\n: BERLIN W. 36\nPoUdamer Strasse 27 b\nFtrntprecher A*wt VI 5850\n\nReuss* Pollock\nBiebhaitdl ang u. 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Saidt, I Viiohber^tr\nVerlag:\nKaffeehag, Bremen\nBezag darch s&mtliche Bnch-\nhandlungea, Postanstalten oder\ndirekt vom Verlag\nMonatlich M. 0.80\nj&hrlich . M. 8.—\nProbenummern\nkostenlo* yom Verlag\n3:\n\nNoch nie dagewe-\nsener Lach-Erfofg!\nDos Kind\nder Firma\nmit Anton und Do a at Horra-\nfeld in den Haaptrolloa\nVorher:\nSehmerzlose\nBehandlnog\nAnf. 8 Uhr Vorrerk. 11 —8 Ukr\n\nWintergarten\nAm Bahnhof\nFriedrichstrafie\nNenes Program\nOiga Desmond\nZwolf Debuts\n\ns\n■=Jr=Jr=Ji\nJn==v=>r=ri.\nVereinrarKnnst\nAehtes Jahr\nSechster Abend\nHlttwoch, den 31. Jonaor\nabends 8 Uhr\n:: Architektenhaus ::\nWilhelmstrasse 92/93\nKorin\nNlchoells\nVORLESUNO\naus eigenen Dich-\ntungen\nKarten M. 8, 3, 2, 1 bel\nA. Wert helm, Kofizertkaste\nund bel Reuss und Pollack\n&r=r=Jf==i\n\nDie Fockel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nBrfich«int in zwangleser\nFoVge\nNummer 339/340\nsoebcn @r#chienen\nPrels 50 Pfennig\nOberall brhAltlich\nauch auf den B a hah S few\nWerbeband der Fackd\n50 Pfennig"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "762", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120127-01.1.8", "texte": "Druck von Carl Hause* Berite SO. 26 Marianisenpiätz 23\n\nFR HAHN\nAlexanderplatz Landsbergerstr. 60-63\ngegrtindet 1825\n.\"S-iiUJU .W <jx\" i»v*t\nModeme. 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Bizwg dteser Ausgxba far dis Vierteljahr:\nDrel Mark\n\nALBERT KOBLINSKX\nBERUNBRUCKENALLEC6\n\nCafe-Restaur aixt\nOdeoiv\nBar\nCkarlottenbur^\nBtsm&rdcstt-EcKsNeue (Jrolmaiwtrh.\nTaglich Nachmittag- und Abend koFMerl\nvon 4—7 Uhr von 8V2— 2 Übr\nBillardsale Spielsale Kegelbahnen\nBeste wiener und ungarische Kuche\nGutgepflegte Biere und Weine\n:: ANGENEHMER AUFENTHALT ::\nBesitzer J. KAUNITZ Cafetier\nNEU EROFFNET!"}]}