{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_sha256": "2cf3da93ebabf70c7bc4a5b9b945d4c65e3466118adb32b22bcac7afc173fe5c", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/03/02_01/bmtnabg_1912-03-02_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/03/02_01/bmtnabg_1912-03-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c001", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "795", "page_fin": "795", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "795", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.1", "debut_caractere": 509, "fin_caractere_exclue": 1087, "texte": "Inhalt:\nTRUST: Kunst und Künstler: Die kranke deutsche Kunst / Der Zeitgeist / Der Dank / RICHARD DEHMEL: Aus den Verwandlungen\nder Venus / Das Flugschiff / PAUL SCHBERBART: Novelle / ALFRED MOMBERT: Das ist der Tag / Das ist die Nacht / ELSE LASKER-\nSCHULER: Gedichte / ALFRED DÖBLIN: Der schwarze Vorhang / LOTHAR VON KUNOWSKI: Der Schatten / GÜNTHER MURR: Hamburg-/\nJULIUS PASCIN: Das Kind / GEORG TAPPFRT: Der Clown / Originalholzschnitt / HERWARTH WALDEN: Die Judentochter / Für Gesang- und\nKlavier / Dichtung aus des Knaben Wunderhorn / AUSSTELLUNG DER ZEITSCHRIFT STURM B"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c002", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "795", "page_fin": "796", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.2", "titre_corps": "Kunst und Künstler", "titre_sommaire": "Kunst und Künstler", "signature_source": "Trust", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "795", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.1", "debut_caractere": 1089, "fin_caractere_exclue": 6013, "texte": "Kunst und Künstler\n\nDie kranke deutsehe Kunst\n„Im Geäste des Hochwaldes singt ein wunder-\nbarer Vogel ... er singt von neuen deutschen\nReiche. Wie die leuchtende Kaiserkrone neu auf-\ngeht, wie eine Sonne über grünende Eichen-\nwipfel. Von seinen Helden und seinen Großen.\n— Von seiner Kunst aber singt er — nicht. —\"\nEin wunderbarer Vogel, der von der auf-\ngehenden Kaiserkrone singt und von der Kunst\nnicht singt. So entschloß sich der Auchdeutsche,\nden Vogel zu haben und von der kranken deut-\nschen Kunst zu singen. Das Buch des Auch-\ndeutschen ist so dumm und kindisch, daß ihm\nselbst Rembrandt als Erzieher nichts beibringen\nkönnte. Seine Ausführungen sollen ein Nachtrag\nzu dem bekannten Schmarren vorstellen. So leid\nes mir tut: es lohnt sich nicht, diesen Auch deut-\nschen vorzunehmen. Die achtundsechzig Seiten\nwerden keinen Schaden anrichten, weil sie so töt-\nlich langweilig geschrieben sind, daß kein Leser\nüber die erste Seite kommt. Alle Banalitäten, alle\nfalschen Wertungen der letzten zehn Jahre sind in\ndas Buch aufgenommen worden. Man hört wieder\nvon den fabelhaften Preisen, die „das deutsche\nVolk für Manet, Daumier und Cezanne bezahlt.''\nDer Autor nennt sie gütig wenigstens „ringende\nMeister\". Nicht unoriginell ist vielleicht die Be-\nhauptung, daß „die Münchener Kunst auf weit\nernsterer Grundlage ruht\". Das soll zum Beispiel\nLeo Putz zeigen. Der Autor beschwert sich fer-\nner über die „Kunstschreiberjugend, denen die\nwissenschaftliche Vorbildung fehlt, und die die\nVertreter künstlerischer Gelehrsamkeit kurzerhand\nverdrängt\". Der Autor empört sich ferner über\nden Kampf gegen die Akademien und behauptet,\ndaß die Jugend dadurch zum Ausdruck bringen\nwolle, sie brauche nichts zu lernen. Der Autor wun-\ndert sich wieder über den grünen Himmel, die rote\nWiese und die blauen Bäume. Man erfährt durch\nihn, daß „jeder Schmierer seinen begeisterten\nPropheten und baldigst sein Kaufpublikum findet.\"\nIm übrigen findet er, daß „der im besten Sinne\nmodernste Künstler\" Herr Heinrich Ziegel ist.\nEr quatscht ferner von „nebeneinander ausge-\nquetschten Farbentuben und wüster Probiererei.\"\n„Leider hat nun auch die Farbe an sich heute gar\neine Betonung gewonnen, die bedenkliche Früchte\nzeitigt.\" Die Farbe an sich, die durch Betonung\nbedenkliche Früchte zeitigt, wird immerhin recht\nbunt. Talent, sagt der Autor, darf ein Künstler\nheutzutage nicht mehr haben, wenn er mit Recht\nhochgeschätzt sein soll. „Daß zum Beispiel Zügel\nes doch hat, ist ihm nur erlaubt, weil es eigent-\nI ch kein Talent mehr, sondern eher Genie ist, was\nan ihm unwiderstehlich fortreißt. Die Kraft und\ndie glückliche Unfehlbarkeit, mit der dieser seine\nFarbe hinhaut, sind eben über das bloße Talent\nhinaus! Erlaubt ist, was dem Auchdeutschen ge-\nfällt. Wenn einer die Farben mit Kraft und\nglücklicher Unfehlbarkeit hinhaut, kann man sich\neben nicht zügeln, und stößt gegen die Leute aus,\ndie Farbentuben auf die Leinwand Quetschen.\nAber auch das Hauen rächt sich. „Große Talente,\ndie mit ihrem Pfunde wild gewirtschaftet haben\n(man denke an E b e rief n) sind der allgemeinen\nMißachtung mit einer Wut preisgegeben worden,\ndie doch erschreckt.\" Ja, o Auchdeutscher, -das\nkommt von der wilden Wirtschaft. Wenn Herr\nEberlein mit vielen tausend Pfund Gips und Mar-\nmor um sich schmeißt, reagieren die Beschmisse -\nnen stärker. Um die Leute von Talent kümmert\nsich heute kein Mensch mehr. Stuck wird ver-\nachtet. Hingegen van Gogh anerkannt. „Ein\nvan Gogh, ein zum Teil unerträglicher Künstler,\nfindet ungeheuren Beifall. Und gar ein Gauguin!\nGei ade solche rohe Knnst, die nur aus Streben und\nWollen, nur aus Nichtszustandebringenkönnen be-\nsteht, am liebsten von Selbstmördern,\nist heute das Wahre, Begeisternde, Erhebende!\"\nMan lese diesen Satz und man vergesse nie, daß\ndie Königlich akademische Hochschule der bilden-\nden Künste zu Berlin dieses Buch dringend emp-\nfiehlt und dem Autor ihren besonderen Dank aus-\nspricht. Es wird wohl auch nicht leicht gewesen\nsein, einen Autor zu entdecken, der heute noch\nfür Anton von Werner eintritt und auf die Zeit hin-\nweist, die einst dem Direktor der Akademie Ge-\nnugtuung für den Hohn und Spott seiner Zeitge-\nnossen geben wird. Und wer hat Schuld an der\nganzen Geschichte? Der Simplizissimus, der alles,\naber auch alles, Religion, Sitte, Gesetz, Staat, Ge-\nsellschaft, Familie, Ehe, Erziehung, Lehre, Armee,\nIndustrie, verhöhnt.\n„So wenig zu leugnen ist, daß die Künstler-\nschar, die da wirkt, garnicht selten Perlen von\nSchönheit und Empfindung zu Tage fördert, so\nwenig liegt das in der Richtung und Absicht des\nGanzen.\" Natürlich entdeckt der Autor die Gold-\nkörner bei Herrn Wilhelm Schulz. „ ... so\nhaben solche Goldkörner mit dem eigentlichen\nSinn der Simplizissimusrichtung nichts zu tun.\"\nDie blinde Henne also. Der Schlimmste von die\nRichtung aber ist „O. Zille\". Heinrich, ihm graut\nvor dir! Der Auchdeutsche findet Zille „absto-\nßend, ja widerlich\". Er zeichnet ohne Schönheit,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "796", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5, "texte": "Trust"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "796", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.2", "debut_caractere": 1240, "fin_caractere_exclue": 4618, "texte": "e£ne sittlichen Ernst, und deshalb wird der Autor\npoetis£TK „O, deutsches Volk, — wohin ist\ndie Zeit versunken, da du noch mühsam und ar-\nbeitsschwer dein bescheidenes Brot aßes t, das\ndu im bitteren Kampf üms Leben erwarbest,\nda du dich selber langsam aufbautest in harten\nTagen, da du dir eine neue Existenz schaffen\nmußtest, nach furchtbaren Kämpfen und Leiden.\"\nDas deutsche Volk hat eben den Existenzkampf\nhinter sich und verjuxt sein Geld für Schmierereien\nvon van Gogh und Cezanne. „Schiller, dessen\nganzes Leben ein von idealem Glanz durchleuch-\nteter harter Kampf und ein hehres Leiden war,\nwäre er heut noch möglich? .. . Aber schon\nseine Epigonen sind verschollen; heute wird, was\nin seinem Geiste noch erstehen will, kurzerhand\nverlacht.\" Das deutsche Volk hat sich sehr ver-\nändert. Nachdem es nun im bittern Kampf ums\nLeben sich eine Existenz geschaffen hat, will es\ndurchaus sein Geld ausgeben. „Der Besudh der\nVenus von Mdlo in Paris, des alten Museums in\nBerlin ist kostenlos, der eines feinen Restaurants\nmit Austern, Sekt und Weibern recht teuer. Trotz-\ndem gehört nur letzteres heute bei uns schon\nzu den Lebensbedürfnissen, und nicht bloß der\nobersten Schicht.1' In der guten alten Zeit gab es\nAustern, Sekt und Weiber gratis, während man für\nden Besuch von Museen idealerweise zahlte. Ja,\nwir sind materiell geworden. Die Richtung in der\nMalerei „ernährt ihre Vertreter sehr wohl\". Aber\nder „Richtung kann ein bitterer Vorwurf nicht er-\nspart werden: sie ist alles eher als deutsch. Sie\nhat die Manet, van Gogh, Cezanne zu Göttern\ngemacht, und die Nachfolge dieser zerzausten Ge-\nnies, dieser Boheme in der Kunst, hat unsere junge\ndeutsche Künstlerschaft immer wieder verführt.\"\n. . . „Darum bleibt uns als letzte Zuflucht die\nForderung, aus der Mlode heraus, in das Dauernde\nhinein! Nicht für den Effekt, den plötzlichen Wös-\nten Beifall der Masse, sondern für die Zukunft,\nfür alle Zeiten und für alle Menschen außer und\nnach uns.\" Aber dem Autor steht noch eine aller-\nletzte Zuflucht offen: der wunderbare Vogel.\n„Im Geäst des Hochwaldes singt ein wunderbarer\nVogel. Von des alten deutschen Reiches Herrlich-\nkeit, von seinen Helden, seinen Liedern, seiner\nKunst; von des neuen Reiches herrlicher Krone,\ndie wie eine Sonne leuchend aufging über grünen-\nden Eichenwipfeln. Ob er einst auch singen wird\nvon seiner Kunst?\" Schwer zu sagen. Schließ-\nlich übernimmt es der Auchdeutsche, der in den\nZweigen wohnet. Sein Geist leuchtet herrlich auf,\nwie eine Krone über grünenden Eichenwipfeln.\nHat 'nen Buchchen im Schnabel, von der Liebsten\neinen Gruß.\nDer Zeitgeist\nHerr Fritz Engel, der für den Zeitgeist ver-\nantwortlich ist, Herr Fritz Engel, der Gründer\nder Kleiststiftung, der wie verrückt für ringende\nTalente eintritt, Herr Fritz Engel veröffentlicht ein\nGedicht von Herrn Fritz Keller, dessen erste und\nletzte Strophe lautet:\nSchmücke dich und putz dich fein,\nHerzmädel du.\nVoller Qold und Edelstein\nIst meine Truh!\nGrüne, blaue, blinken drin\nUnd ein Herzlein aus Rubin.\nSapperlot, schon wird das Blut\nMir selber heiß.\nNarr, der nicht ein Sündlein tut\nUm solchen Preis.\nJung sein ist kein Kinderspiel —\nMädel, komm und küss' mich viel.\n/\nDer Dank\n„Ludwig Ganghofer, nach' dem die Stadt Neu-\nkölln eine neue Straße hat dein Magistrat\nfür dessen Bibliothek fünf Exemplare seiner gesam-\nmelten Werke überwiesen.\"\nDenn alle Schuld rächt sich mit Erden-"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c003", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "795", "page_fin": "795", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Und mit leichtem Sinn\ngäb ich all mein ernstes Selbstbeschauen\nspielbereit für Dein Empfinden hin,\ndu liebseligste der Frauen!\nJa, solch Spiel das ganze Leben,\nLieberes könnt ich nicht erwerben;\nFrohsinn hast du mir gegeben.\nDoch auch Du, auch Du wirst sterben!\nWild und wehe und zum letzten Mai\nwird mein Herz an deinen Leichnam schlagen;\nstill in unserm Freudensaal\nwird dein steinern Bildnis ragen,\nEinsam werd ich wieder dann erschauern\nvor den wirren Weltgewalten;\no Vernunft, sie überdauern\nunser menschliches Gestalten.\nBlaß im Leeren steht der Morgenstern,\nnur noch wie ein überflüssiges Pünktchen;\nund doch hängt sich immer wieder gern\njede Seele an dies Fünkchen.\nBis aufs Meer hin sieht mein Geist es stehn\nüber tausend angstbefahrenen Gleisen,\nsieht's in teilnahmloser Bahn sich dröhn\nbis ans Ende aller Erdenreisen —\nsieht die Scharen der vom Sturm Umbrandeten,\ndie Myriaden der nach Rettung Winkenden,\nder Gescheiterten, Gestrandeten,\nder Verschmachtenden, Ertrinkenden —\ng\" T*\"\nt.-\nJr \"\nsieht sich mitgequält von all der Qual:\nSeele, Seele, stirbst du nicht vor Grausen?!\nAber da vertreibt den trüben Schwall\neine Stimme, sternhin ein Erbrausen:\n:;v. 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Bäume\nund Gebüsch gab's da nicht, nur dunkelrote Rosen,\ndie der König sehr gern hatte, blühten in großen,\nviereckigen Holzkübeln, die mit blauen und gelben\nQuerstreifen verziert waren.\nDreißig große Herren aus dem besiegten\nChattilande hatten den König um eine Audienz ge-\nbeten; und er erwartete sie bei Sonnenaufgang.\nNun ließen sich die Herren schon mitten in der\nNacht die Haare kräuseln und die Gewänder mit\nwohlriechenden Stoffen durchräuchern. Und sie\nwuschen sich die Hände und die Augen mit wohl-\nriechenden Wassern und putzten ihre Schmuck-\nsachen und ihre Ringe, damit alles an ihnen dem\nKönig wohlgefiele.\nUnd dann gingen sie im langen Zuge mit ihrem\ngroßen Gefolge zum Palaste des Königs Assurna-\nsirabal; sie hatten den Palast noch niemals ge-\nsehen und staunten nun an seine Pracht, betasteten\ndie Mauern und den Fußboden und die großen Re-\nliefs an den Wänden, während die Fackelträger\nihnen den Weg wiesen, denn von der Sonne war\nnoch nichts zu sehen.\nViele Eunuchen gingen mit langen Schritten\nüber die Höfe, daß ihnen die langen Gewänder\nknatternd am Körper herumschlugen. Und Krieger\nkamen in stattlichen Reigen mit blinkendem Har-\nnisch und Helm — mit Schwertern und Lanzen,\nPfeil und Bogen, Armschilden und Beinschienen.\nUnd das alles beim qualmenden Rauch der\nFackeln — unter dem strahlenden Sternenhimmel.\nJetzt aber wurden die Sterne blasser. Die\nSonne kam näher. Die Fackeln wurden ausge-\nlöscht, und die Herren aus dem Chattilande führte\nman in den großen Empfangssaal des Königs.\nGleich am Eingange neben den Saaltiiren wur-\nden die großen buntbemalten Sphinxe bewundert.\nUnd dann im Saale selbst die Wände!\nSchalen mit Räucherwerk brannten in den\nEcken des Saales. Die Fenster waren hoch —\nweit über Manneshöhe — und engmaschiger Sil-\nberdraht davor.\nZwanzig Sklaven standen vor jeder Saalwand\nmit kleinen Oellampen auf drei Meter hohen\nStöcken.\nGeheimnisvoll nahmen sich hinter den Sklaven\ndie großen Flachreliefs aus, auf denen dargestellt\nwar, wie der König seine Feinde besiegte. Mit\nvielen bunten Sternen waren die zumeist schwar-\nzen Reliefs verziert.\nDie Herren aus dem Chattilande bewunderten\nschweigend die Wände und auch die Reliefs auf\ndem Fußboden, auf dem rote frische Rosen ver-\nstreut umherlagen.\nViele Eunuchen gingen und kamen — aber\nalles ging lautlos zu,-, selbst die Krieger, die herein,\ntraten durch die hinteren Türen aus Zedern-, Ta-\npran- und Miskanholz, klirrten nicht mit den\nWaffen.\nUnd dann ging die Sonne auf.\nUnd gleich trat herein der König Assurna-\nsirabal mit raschem Schritt, und er bestieg seinen\nThron — dicht unter dem Hauptfenster. Und seine\nAugen leuchteten wie heller Bernstein.\nDer König setzte sich. Und dann eilten die\ndreißig Herren aus dem Chattilande in die Mitte\ndes Saales, warfen sich auf den Fußboden und be-\nrührten dreimal mit der Stirn die bunten Mittel-\nfliesen.\nDer König gab ein Zeichen, daß sie sich er-\nheben könnten.\nUnd der Aelteste von ihnen sprach mit zit-\nvernder, zaghafter Greisenstimme: - H\n„Großmächtigster Herr und König! Augapfel\nder Götter Bei und Ninip, Verehrer der Götter\nAnn und Dagan, mächtiger Herr der Heerscharen,\nStatthalter des Gottes Assur! Mein großer König\nAssurnasirabal, wir sind gekommen, um dich anzu-\nflehen, uns eine Gnade zu gewähren.\"\nJetzt wurde es heller. Aber die vierzig Oel-\nlampen in den Händen der Sklaven brannten\nimmer noch, sahen aber wie kleine, winzige\nFlämmchen aus. Der König mit seinem schwar-\nzen, gekräuselten Bart und seinen hellen, leuchten-\nden Augen, in denen das Weiße fast gespenster-\nhaft wirkte, saß immer noch ganz ruhig da. Seine\nbraune Hautfarbe glänzte im Lichte der kleinen\nOellämpchen.\nPlötzlich war in einem Nebensaal ein großes\nGeschrei zu hören. Unwillig wandte sich der\nKönig um und flüsterte einem Eunuchen zischend\nzu:\n„Bringe die Schreier vor meinen Thron —\nsofort.\"\nUnd es geschah.\nMan schleppte einen sehr starken Krieger her-\nein, dem man immerzu die Arme verdrehen wollte,\nwogegen er sich wehrte, daß ihm die gekräuselten\nKopfhaare nur so ums Gesicht flogen.\n„Was hat der Mann getan?\" fragte der König.\n„Er hat,\" rief nun erhitzter Eunuch, „den Feld-\nherrn Nisirpal mit dem Dolch verwundet.\"\n„Wie!\" schrie der König, heftig aufspringend,\n„hier in meinem Palaste? Wo ist der Feldherr?\"\nEr kam, während er sich den Arm verband\nmit einem weißen Tuche.\n„Es hat,\" sagte er mit gerunzelter Stirn,\n„nichts zu bedeuten. Ich fing den Streich mit dem\nArm auf. Aber es hätte mir in die Brust gehen\nkönnen. Laß den Kerl laufen, denn ich fürchte\nmeine Feinde nicht — und verstehe es, mich zu\nwehren.\"\nDa brüllte der König:\n„Behalte deine Meinung für dich. Ich dulde\nes nicht, daß man in meinem Palaste den Dolch\nzieht. Henker! Tue deine Pflicht. Der freche\nHund hat's verdient, daß du ihm den Kopf vom\nRumpfe schlägst.\"\n„Dieser Nisirbal,\" schrie nun der Attentäter,\n„hat mir meine Sklavin mit List geraubt. Ich will\nihm zeigen, wer der Mächtigere ist.\"\n„Du Schuft!\" schrie. da der König, „weißt du\nnicht, wo du dich befindest? Du bist im Palaste\ndes Königs Assurnasirabal. Und ich werde dir den\nKopf abschlagen lassen, weil du das vergessen\nhast.\"\n„Du Prahlhans!\" schrie nun der Attentäter,\n„du bist nicht mächtiger als ich. Wären meine\nHände frei, so würde ich dir den Beweis bringen,\nwas ein assyrischer Krieger vermag. Ich würde\ndir ins Gesicht schlagen, du Hund!\"\nDer König erbleichte.\nAber da hatten die, die den Attentäter bän-\ndigten, ihm einen Arm verdreht. Der Mann sank\nbrüllend vor Schmerz auf beide Knie. Mit einem\nSatz sprang der Henker hinzu und schlug ihm mit\neinem Beil den Kopf ab.\nDas Blut spritzte wie eine Fontäne aus dem\nRumpf.\nAber mit Blitzeseile kamen zwanzig Sklaven\nmit einem großen Sack, steckten Rumpf und Kopf\nhinein — und verschwanden damit durch eine\nkleine Tür aus Pistazien- und Tamarkskenholz.\nAndere Sklaven säuberten in ein paar Sekunden\nden Fußboden.\nDer Nisirpal zog sich mit den Seinen wieder\nzurück in die Seitengemächer.\nEs wurde wieder ganz still im Saale. Jetzt\nschien hell die Sonne durch das Drahtgitter der\nFenster. Die Sklaven an den Wänden löschten\ndie Oellämpchen. Der König setzte sich wieder.\nDann sagte er mit harter Stimme:\n„Ich habe gehört, daß ihr in eurer Heimat\nbleiben wollt. Daraus wird nichts. Ihr bleibt\nhier. Spart die Worte.\"\nDie dreißig Herren aus dem Chattilande war-\nfen sich wieder auf den Fußboden hin und berühr-\nten dreimal wieder die bunten Fliesen der Saal-\nmitte.\nDann gingen sie langsam rückwärtstretend,\nbei den Tiirsphinxen vorbei, aus dem Saale hinaus.\nDer König flüsterte einem Eunuchen zu:\n„Die Sänfte.\"\nUnd gleich darauf wurde er in der Sänfte da-\nvongetragen— von zehn Sklaven — zur Früh-\nstücksterrasse, von wo man auf den breiten Zab\nund auf den noch breiteren Tigris blicken konnte.\nDie Eunuchen, Krieger und Sklaven verließen\nauch den Empfangssaal — langsam — schweigend.\nEin Blutstropfen leuchtete auf einer dunkel-\nroten Rose, die halb zertreten auf den buntgla-\nsierten Fliesen lag."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "797", "page_fin": "798", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.6", "titre_corps": "Das ist die Nacht Das ist der Tag", "titre_sommaire": "Das ist die Nacht Das ist der Tag", "signature_source": "Alfred Momart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "797", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.3", "debut_caractere": 7613, "fin_caractere_exclue": 8936, "texte": "Das ist die Nacht\nDas ist der Tag\n\nDas ist nicht Zeit, die in mein Ohr dringt.\nDa ist ein Glänzender, der machtvoll singt,\nlieber meine Augen Wolken ziehn,\no Luft und weite Wolken!\nDas nimmt mich ganz in die Heimat hin.\nEinen Adler hör ich rauschend folgen;\nund Höhn und Tiefen sind voll Melodien.\nIch schau ein Haupt, schau in ein Auge.\nIn diesem Auge flammt eine neue Fackel.\nIch greife nach der Fackel —\n— „Vielleicht glückt es: du verirrst dich\nim Feuer,\n— „und gelangst in die Urschlucht des\nDaseins\" . . .\n*\nMein Herz zerstiirzt in schwarze Asche;\nerfüllt die Höhn, füllt aus das Tiefe.\n*\nAuf einem Lager lieg ich starr, auf weißen\nDecken.\nAus der Höhe sinkt die schwarze Asche nieder.\nDas ist die Nacht. Die ewige Nacht.\n*\nIch lieg in einem weit - und dunklen Dome.\nNeben mir steigt Einer,\nein Glühender,\neine Wendeltreppe auf.\nUnd immer liegt sein Blick auf mir\nin tiefen Gedanken,\nund sieht mein weißes Haar,\nmein verzehrt Gebein,\nund alles, was mit mir geschehen ist.\nUnd über mir hält ein Schritt;\noftmals\nals wär's mein eigner Geist . . .\n*\nIch kaure vor einem Vorhang.\nVerzehrte Höhenluft ist unter mir.\nDa bin ich. —\nIch sehe. Hinter dem Vorhang,\njenseits in den Gründen,\nbeginnt ein blaues Licht zu spiegeln.\nUnd meine toten Augen öffnen sich.\nUnd alle meine Arme öffnen sich.\nUnd die Eingeweide öffnen sich."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "798", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 422, "texte": "Und es erglänzt mein wehes weißes Haupt\nAls Eisfirne —\nUnd letzt — jetzt ist Einer da,\nder will den Vorhang zur Seite zieh«.\nUnd jetzt — jetzt weine ich\naus ungeheuren Augen,\nwie kein Mensch weint.\n*\nDas ist der Tag. Der ewige Tag.\nEine Sonne seh ich ruhn auf schwimmender\nInsel.\nUnd bei ihr ruht\nmein Saitenspiel. Und mein Lorbeerkranz.\nAns dero Band „Der Denker'' mit Erlaubnis des Dichters\nveröffentlicht\n\nAlfred Momart"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c009", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "798", "page_fin": "798", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.7", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "798", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.4", "debut_caractere": 424, "fin_caractere_exclue": 1498, "texte": "Gedichte\nVon Else Lasker-Schüler\n\nNun schlummert meine Seele\nDer Sturm hat ihre Stämme gefällt\nO, meine Seele war ein Wald.\nHast du mich weinen gehört?\nWeil deine Augen bang geöffnet stetm.\nSterne streuen Nacht\nIn mein vergossenes Blut\nV v.\nNun schlummert meine Seele\nZagend auf Zehen.\nO, meine Seele war ein Wald,\nPahnen schatteten,\nAn den Aesten hing die Liebe.\nTröste meine Seele rm Schlummer.\n♦\n\nEin Liebslied\nAus goldenem Odem\nErschufen uns Himmel.\nO, wie wir uns liefoea . . .\nVögel werden Knospen an den Aesten,\nUnd Rosen flattern auf.\nImmer suche ich nach deinen Lippen\nHinter tausend Küssen.\nEine Nacht aus Gold,\nSterne aus Nacht . . .\nNiemand sieht uns.\nKommt das Licht mit dem Grün,\nSchlummern wir;\nNur unsere Schulter spielen noch wie Falter.\n\nSiehst du mich\nZwischen Erde und Himmel?\nNie ging einer über meinen Pfad.\nAber dein Antlitz wärmt meine Welt,\nVon dir geht alles Blühen aus,\nWenn du mich ansiehst,\nWird mein Herz süß.\nIch liege unter deinem Lächeln\nUnd lerne Tag und Nacht bereiten,\nDich hinzaubern und vergehen lassen,\nImmer spiele ich das eine Spiel."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c010", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "798", "page_fin": "798", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Aber\nes gab eine Grenze für diese Überlegenheit: wo\ndie Hose aufhörte, begann die Befremdung. Jo-\nhannes staunte, als er jählings bei seinen lächeln\nden Beobachtungen auf diese zweite Seltsamkeit\nstieß: Warum trägt ein Teil der Menschen Röcke?\nEs ließ sich schwer denken, was es mit den lang-\nröckigen, ungeschorenen eigentlich für eine Be-\nwandtnis hatte. Sie waren auch Menschen, aber\nveränderte. Wenn Johannes seine Tante mit prü-\nfender Aufmerksamkeit betrachtete, so war sie, ab-\ngesehen von ihrem behaglichen Fett, überhaupt\nrunder überall als er, und schaute auch mit so\nlammäßigen Augen in die Welt. Aber dann die\nRöcke: das war das Wesentliche. Er zweifelte\nnicht daran, daß die Frauen Beine haben, so daß\nsie etwa diesen Mangel vor den Männern ver-\nstecken wollten; denn das sieht man ja an den\nMädchen, aus denen doch die Frauen wachsen;\nauch kann man ihre Füße noch jetzt deutlich beim\nGehen sehen, und die beiden Füße müßten doch\nirgend woran befestigt sein. Es ließ sich aber dann\nvernünftigerweise nicht einsehen, warum sie keine\nHosen tragen. Er mühte sich lange vergebens.\nSchließlich war er beim Betrachten des weib-\nlichen Tuns auf den Gedanken gekommen, daß die\nRöcke vielleicht zweckmäßig für Beschäftigungen\nder Frauen seien, damit die Markttaschen nicht so\nsehr ihre Knie scheuerten, oder damit die Kinder be-\nquem auf ihrem Schöße sitzen könnten. Er rieb\nsich die Hände, als er nach Erlangen der Einsicht,\ndaß die Vermeidung der Reibung durch die Röcke\nwohl unwesentlich und auch die Erhöhung der\nkindlichen Bequemlichkeit nicht viel betrüge, hin-\nterlistig und mit einem Gewaltstreich annahm, daß\ndie Sache wohl überhaupt unerklärlich sei oder\nhöchstens als ein alter überlieferter Irrsinn,\nWochenlang freute er sich über diese Erkenntnis\nund hütete sie gut.\n*\nDazwischen wuchs seine Neigung zu dem jün-\ngeren Kameraden. Er schmückte und ordnete das\nZimmer, wenn der Freund ihn besuchte, erwartete\nihn mit Herzklopfen und ließ kaum die feinen blut-\nwarmen Hände des Freundes, wenn er neben ihm\nsaß, los. Seine Innigkeit war grenzenlos geworden,\naber nie wagte er es mehr, ihn zu küssen. Er trug\nihn auf seinen starken Armen durch das Zimmer\nund in den Garten hinaus, drückte ihn scheu an\nsich, und wiegte den lachenden in der blauen Luft.\nAber er trug ihn nicht lange so, weil eine rät-\nselhafte Schwäche durch seinen Arm ging, wäh-\nrend er den liegenden Freund betrachtete, und er\nfürchtete, ihn fallen zu lassen.\nDie Dumpfheit des Kindesalters, brütende,\nlallende Traumhaftigkeit mit ihren trüben, verhäng-\nten Horizonten, ihrer greisenhaft stummen Ohn-\nmacht und Schrecknis, mit ihren Schauern und Ge-\nspenstern, denen der verlassene willenlos hingege-\nben war, sank langsam. — Rätselhafte, unfaßbare\nMenschen waren die Frauen, und fast kaum Men-\nschen, sondern zarter, erlesener, unmerklich ähn-\nlich seinem Freunde, — und noch mehr: gleichsam\ndie Blume vom Weine Mensch. Vielleicht litten\nsie noch inniger unter der stillen Erbschuld und\nmußten sich ganz verhüllen, weil sie sterben wür-\nden wenn jemand ihr Geheimnis erriete und in\nBlick oder Wort es ausspräche. Vielleicht sagt\nnichts anderes die Lehre von der Erschaffung des\nWeibes, als daß der Mannesmensch nur ein vor-\nläufiger Versuch Gottes war, als er den Menschen\nbilden wollte, nur sein Rohstoff, das Weib zu\nschaffen.\nZum Zerbrechen fein sind sie nun unter\nTiefe ihres Sündgefühls geworden und schwinden\nwohl auch [eicht und freudig darunter hin. Wie\ngoldene lockende Wolken schwimmen sie am Him-\nmel der Mannesmenschen; ja sie sind ein sicht-\nbarer Beweis für das Dasein Gottes. So überschlug\nsich in dem unruhigen, verschlossen umher gehen-\nden die Verehrung, die ihm das Zartfremde ein-\nflößte, mit-dem seine träumenden Wünsche schal-\nteten.\nEr betrachtete sich selbst fast mit Schauern,\ndaß er eines jener Wesen zur Mutter gehabt hatte,\nund wie innig erhob es sein Dasein, daß er still\nunter ihnen gehenund sie betrachten durfte, die\nahnungslosen, die ihres Wertes nicht bewußt das\nLeben durchsetzten.\nEr legte manchmal unter dem Baume solcher\nVorstellungen einen bebenden Ton in seine Stim-\nme, wenn er mit seiner schwarz gewandten, pral-\nlen Schaffnerin sprach, daß diese über solchen\nErnst erschrak oder den Kopf schüttelte. Eine un-\nwillige Schamröte stieg ihm ins Gesicht, wenn sie\nihn bediente; ihn empörte diese Rohheit des ge-\nmeinen Denkens, diese pöbelhafte Herabwürdigung\ndes Höheren, — ja er dachte schon daran, die\nSchaffnerin zu bitten, ins Kloster zu gehen, er woll-\nte sich einen Hausdiener nehmen.\nAber niedergeschlagen sah er ein, daß damit\ndoch nur eine kleine Hilfe geschehe, daß er vor der\nTrauer flüchte, vor der großen Not, unter der die\nFrauen ahnungslos litten. Später wollte er alle\nFrauen über ihre ewigen Rechte und Vorzüge auf-\nklären, nun endlich Wandel in himmelschreienden\nMißständen zu schaffen.\nUnd er duldete es weiter, wenn auch mit blu-\nternder, zaghafter Greisenstimme:\nTante ihm Kaffee vorsetzte. Aber indem er ihn\nlangsam schluckte, sah er mit finsterer Ahnung und\nstiller Zustimmung schon in der Ferne, wie auch\nihn das Grobe, Gemeine in Elend zwingen würde,\ngleich der runden Frau, die ihres Elends unbewußt,\nlächelnd und freundlich vor ihm stand. Denn alle\nSchuld rächt sich auf Erden. Vielleicht auch, und\ndas schien ihm am wahrscheinlichsten und gerech-\ntesten, nahmen die Frauen selbst Rache an ihm.\nEr pflegte und zog sich immer wieder die grü-\nnen Wicken mit den weichen, dünnen Härchen, die\ner gern liebkoste und mit seinem warmen Atem\nanhauchte. Es beglückte ifan, etwas Fremdes und\naus sich heraus wachsendes auf Tod und Leben zu\nbesitzen. Mehr verlangte er aber nach dem war-\nmen lebendigen Fell seines toten Hundes, an den\ner sich oft mit Lust erinnerte. Ein jäher Einfall\ntrieb ihn einmal beim Gedanken an das lose, zer-\nfressende Fell dazu, das modernde Tier auszu-\ngraben.\nEr wachte auf unter dem aufzuckenden Einfall\ndas Fell zu sehen, und sein Tier war ihm gegen-\nwärtig.\nWährend des Grabens wuchs unter dem üblen\nGeruch, der aufzusteigen begann, erst die Span-\nnung in wilder Weise; dann lief er voll Ekel und\nhalb ohnmächtig fort und schüttelte sich.\nAm liebsten saß er still 'im Garten, schaute ei-\nnem Fink zu, der auf einem niedrigen Baum nistete.\nDann legte er auch sanft itfW fühlend die Wange an\neine Birke, schloß die Augen und seine Hand strei-\nchelte nach eiiniger Zeit langsam seine eigene heiße\nWangenhaut. Wenn er sich von seiner Bank er-\nhob, mit blöden Augen gegen den grauweißen\nHimmel blinzelte und sich reckte, so lag in den\nArmbewegungen des verschlafenen etwas von\ndem gewaltigen Anziehen und vernichtenden Um-\nschließen einer Umarmung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c014", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 5, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.9", "titre_corps": "Die Yudentochter", "titre_sommaire": "Die Yudentochter", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 31, "texte": "Die Yudentochter\nHerwrth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c019", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "799", "page_fin": "799", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.10", "titre_corps": "Georg Tappert: Der Clown / Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Georg Tappert: Der Clown / Originalholzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "799", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 46, "texte": "Georg Tappert: Der Clown / Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c020", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "799", "page_fin": "801", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.11", "titre_corps": "Sie lesen von der Größe der Römer. 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Immer wieder klingt es in mei-\nnem Ohr; ich hasche danach. Nichts ist da —\nSumm, summ. — Langsam will es auftauchen.\nIm Traum; wir gingen über den Damm. Wir\nsprechen von Büchern. An der Bordschwelle\ntrennten wir uns. Er reichte mir zum Abschied die\nHand. Und da sagte er zu mir mit seiner ruhigen\nStimme: „Lesen Sie auch L'Arlhesienne\". Dann\nging er. Mir wurde süß und heimlich zu Mute, und\nich wachte auf. —\nIm Traum, im Traum. Ich sitze auf meiner\nBank ganz angelehnt. Mit halbgeschlossenen Au-\ngen. Wieder suchend und verloren.\nEs läutet. Ich nehme meine Bücher und gehe,\nDraußen regnet es. Schmutz liegt auf der Straße\nund die braunen Pferde dampfen. — Einige gehen\nmit mir im Regen. Wir sprechen von dem Wetter\nund anderem. Wir gehen über die Brücke. Plötz-\nlich fällt mir jenes ein, und ich muß lächeln. —\nAber wieder fühl ich es summen; es erfüllt mich. —\nMein Zimmer. Still. — Ich habe mich auf mein\nBett geworfen. Eine seltsame Unruhe ist in mir,\neine eigene tieftiefe Spannung; meiner Seele ja,\nheimlich, nach innen gezogen. Ich versinke in mich,\nes löst sich alles in mir. Wispert wie ein liebes At-\nmen, Schmauchen, Näher schlürfen. Ich finde es\nwieder; ach wenn ich es wieder fände."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "801", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 254, "texte": "L'Arihesienne, — die zarte.\nEs klingt mar ins Ohr. Wie ein verschwimmen-\ndes Lachen, drin geh ich auf. Bin süchtig danach,\ndoch darf ichs nicht rufen, nur nicht rufen.\nEs streichelt, durchrieselt mich, summend, du.\nach du — du kommst —?\nL'Arlhessienne —!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c021", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "801", "page_fin": "801", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.12", "titre_corps": "Der Schatten", "titre_sommaire": "Der Schatten", "signature_source": "Lothar von Kunowski", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "801", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.10", "debut_caractere": 256, "fin_caractere_exclue": 5234, "texte": "Der Schatten\nVon Lothar von Kunowski\nDie meisten Zeichner und Maler übersprin-\ngen alle Stadien des Eindringens in die Natur,\nsie wissen weder, was ein Schatten, was Beleuch-\ntung, noch was Bewegung, Form oder Farbe ist\nan dem, was sie malen und zeichnen. Sie kennen\ndie Natur garnicht, sind also das Gegenteil von\nNaturalisten. Sie sehen in der Natur eine Ansamm-\nlung von dunklen oder hellen verschieden gefärb-\nten Flecken und Flächen und bemühen sich, sie un-\nmittelbar mit Pinsel oder Griffel auszudrücken.\nSie geben Valeurs, ohne zu wissen, wie denn diese\nValeurs in der Natur zustande kommen, woraus\nsich ein farbiger Fleck zusammensetzt, ohne also\nzu wissen, was dieser Fleck auf der Leinwand\noder Papier übertragen eigentlich darstellt, was er\nvon der Naturerscheinung in uns erregen soll als\nFarbe, Form, Schatten oder Bewegung.'\nEs gibt heuzutage kaum einen Maler in Er-\nropa, der wüßte, was ein Schatten ist, wiewohl\ndoch der Schatten auch ein Teil der Naturerschei-\nnung ist und zwar ein sehr wichtiger und wirk-\nsamer. Es gibt keinen Ausstellungspalast, unter\ndessen tausend Zeichnungen und Bildern sich etwas\nderartiges fände wie der Schatten meines Fingers,\nden ich mit der Spitze auf dieses Blatt Papier\nstelle. Meist kleben die Schatten an den Formen\nder Gegenstände, sie sind nicht beweglich wie die\nNatur, in, der wir nie einen Schatten sehen, den\nman nicht als wandelnd, sich bewegend, kommend\nund gehend, als selbständige Erscheinung auf-\nfassen könnte. Unsere Künstler dagegen malen\noder zeichnen irgend einen Körper, zum Beispiel\neine Backe, dunkel und geben mit einem breiten\nFleck zugleich den Schatten, die Form, die Körper-\nfarbe als eine etwas blaugrüne Fläche. Das nackte\nMädchen von Anders Zorn, das am Meere steht\nund den Rücken wendet, und auf der einen Seite\ndunkel, auf der andern hell gefärbt ist, überzeugt\nkeineswegs, daß die dunkle Körperpartie, sollte die\nSonne fortschreiten, als fleischfarben aus dem\nSchatten auftauchen, daß also der Schatten selbst-\nständig fortwandeln und den Körper unverändert\nzurücklassen würde.\nVielmehr können wir gewiß sein, daß die Un-\nglückliche, wie sie sich auch wendet, ihre Valeurs,\nhelle und dunkle Farbenflecke, ihre Schatten stets\nmit sich schleppen würde. Sollte die Sonne es\nneugierig umkreisen, so würde sie fortschreitend\nbemerken, daß das Mädchen einen halb dunklen,\nhalb hellen Körper besitzt und im übrigen für\nimmer tätowiert ist. '\nBetrachte den Schatten des durchbrochenen\nBrotkorbes auf dem weißen Tischtuch und präge\ndir seine zierlichen Formen ein. Danach schau den\nSchatten einer Stuhllehne auf hellem, weißem Bett-\ntuch, wenn du die Lampe anzündest und das Tages-\nlicht noch kräftig genug ins Zimmer fällt. Er wird\nberückend blau sein.\nSchau dir überall die Schatten der Gegen-\ns-tände an, ihre Figur an der Wand, die du mit allen\nFingern berührst, die Schatten eines Weinglases,\nder Stuhlbeine, der Laternenpfähle. Denke, was\ndu empfindest, wenn man an heißem Sommertag\nüber die blendende Straße in die Kühle der Häuser\ntritt oder die dämmerigen Hallen des Waldes auf-\nsucht, wo nicht nur der Erdboden gefleckt er-\nscheint mit hellen und dunklen Figuren von wun-\nderlicher Feinheit, wo die ganze Luft als schattige\nKühle dich umgibt Sie wird von breiten, räum-\nlichen Lichtstrahlen durchbrochen, die durch die\nKronen der Bäume schräg herabkommen und\ndurchschwebt werden von Stäubchen und tan-\nzenden Mücken.\nHast du je etwas vom Schatten als Faktor\nder Raurnanschauung in den Bildern unserer Maler\ngesehen, so wie du beim Anblick des Schattens,\nden Bäume zur Mittagsstunde unter der hohen\nSonne auf das Plaster werfen, die Kronen auf die\nErde projiziert wähnst, ols wollten sie sich mit ihr\nin Beziehung setzen und das Auge zwingen, die\nganze Krone erst als einfache Silhouette am Boden\nwahrzunehmen, um dann sich zum Gipfel zu er-\nbeben und zur Sonne und so die ganze Raum-\nsphäre des Gewächses als Einheit zu erfassen?\nIch glaube nicht, daß du den Schatten je in\nseiner Würde dargestellt fandest, ich meine den\nSchatten als Macht, als wandelnde Persönlichkeit,\nals Gegner des Lichts, als Herberge der Finsternis.\nIch meine den Schatten, den jeder, auch der klein-\nste Gegenstand wirft, oder sich einseitig anlegt,\nder beim Aufgang der Sonne langgestreckt mit\nihrem Aufstieg sich unter die Menschen, die Tiere,\nSträucher und Bäume, unter jede Blume verkriecht\nund an die Häuser schmiegt. Den Schatten, der\ndes Abends, wenn wir auf dem Berge stehen, vom\nFuß aller Wesen, der Häuser und Bäume, der\nWälder und Berge sich in Streifen von Westen\nnach Osten zieht, und nachdem er den ganzen Tag\nim Kreise und zersplittert in Teile gewandert ist,\nsich gierig ausdehnt über das Tal und die Täler,\ndie Helligkeit frißt, einengt, zerdrückt, sich gänz-\nlich zusammenschließt, in den Raum aufsteigt als\nDunkelheit, ihn verdüstert, den Schatten, der keine\nDecke ist, sondern durchsichtig, in dem wir alles\nahnen, wiewohl es mit dem Schwinden des Lichts\ngestaltloser wird, den Schatten als Nacht. ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c022", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "801", "page_fin": "801", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.13", "titre_corps": "Hamburg : Blick auf den Hauptbahnhof", "titre_sommaire": "Hamburg : Blick auf den Hauptbahnhof", "signature_source": "Günther Mürr", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "801", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.10", "debut_caractere": 5236, "fin_caractere_exclue": 7995, "texte": "Hamburg\nBlick auf den Hauptbahnhof\nVon Günther Mürr\nSattgrauer Nebel hat die Abendluft durchtränkt,\nSie liegt so schwer wie ein nasses Tuch,\nnur daß die Blicke sich durchdrängen können.\nVor dem einfarbigen Grau schweben, wie\naus Nebel gepreßt\nweit auseinander zwei beuhrte Türme. Zwi-\nschen ihnen hängt\nein riesiger Bogen aus Eisen und stumpfem Qlas.\nDie Turmuhren und Glasbogen scheinen ein\nNest dem gelben Licht.\nSchüchtern wagte es den Versuch,\nsich weit im hellen Bogen um den Bahnhof\nzu gießen.\nDie Nebelwasser wollen es nicht gönnen.\nAm rostigen Boden der Bahnhofshalle\nquält sich müder, roter Schein, der kaum\ndie Lampen verläßt.\nTräge aus der Halle schwelt\nrings ein drückender Geruch.\nLautlos ziehen sich unter den Bogenf Uesen\nzahllose braune Schienenstränge vor.\nDas matte Licht fängt sich in ihrem Rost\nund kann nicht strahlen\nund drückt sie mit stumpfem Haß.\nAuf der weiten, braunen Schienenfläche\nsind Lichter versprengt,\nviele weiße Punkte mit fahlen Tönen,\ndie in dem weichen, streichelnden Nebelnaß\nfast ertrinken, ganz in sich selbst gezwängt.\nVor dem Bahnhof über dem breiten Schienen-\nbruch\neine Straßenbrücke mit bunter Schar\nvon gelben und roten Lampen.\nIhr Licht übermalt die feuchten Hände der\nNebel weilen.\nmit eintönigem Grau. Die hellen\nwerden ganz matt in dem nassen Gelaß.\nSie lassen die Luft nicht schwellen,\nwie an lichten Abenden, mit ihrer Schwin-\ngungen Flug.\nVon den hohen und niedern,\nden weißen und blutigroten\nhängt nur ein dicker Faden, trüb und doch\nnicht blaß,\nUeber die ganze Brücke wallen Schatten\nvon Wagen^\nelektrischen Bahnen und Menschen,\ngleiten hin wie Nebel.\nDie Töne schwanken,\nbang und unstät.\nPlötzlich ein Donnern und Schienenbeben.\nEin elektrischer, hellerleuchteter Zug\naus dem Bahnhofsrachen\npeitscht die Luft.\nUeber ihm klirren durch den Nebel\nelektrische Funken, blau und bleich.\nDer Donner verhallt, die Funken verschweben.\nDie Luft ist voll von gierigem Streben\nund träger Mattheit. Ihr weiches Fächeln\nschläfert ein und erhitzt doch das Blut.\nIhre Küsse mißhandeln sehr,\npeinigen das Leben,\nquälen, bis sie das Herz versengen\nbis der Geist kaum taumelnd denkt.\nIhre seligen Küsse schließen\nganz in den Nebelzauber fest,\nengen ein.\nAlle Nerven zittern,\nheben empor verhehlte Glut.\nRingsum des bunt gemalten Nebels Fließen,\nfeuchte Farben, die reglos schweben.\nStampfend schleppt eine schwarze Maschine\nviele Wagen aus der Halle.\nOb ihrem Rachen eine schräge Säule\nvon Wasserdampf, die sich dem Nebel mengt.\nSchnauben und Keuchen, Räderrollen, Pfeifen-\ngeheule.\nGedämpft der Lärm, als ging über Teppiche\ndie Fahrt\nVerschwunden.\nSattgrauer Nebel hängt überall wieder,\nfärbt und empfängt Licht und Klang,\nhält den Blick beengt.\nRostbraun und Nebelschwarz;\ndrein gesenkt\nLichter und Schienen und Boden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c023", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "801", "page_fin": "801", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.14", "titre_corps": "Ausstellung der Zeitschrift Der Sturm", "titre_sommaire": "Ausstellung der Zeitschrift Der Sturm", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "801", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.10", "debut_caractere": 8082, "fin_caractere_exclue": 8474, "texte": "Ausstellung\nder Zeitschrift Der Sturm\nWir veranstalten aus Anlaß des Erscheinens\nder Nummer 100 dieser Zeitschrift eine Ausstellung\nin der Villa Tiergartenstraße 34 a. Eröffnung\nfindet am 12. März zwei Uhr mittags statt. 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HAHN\nAlexanderplatz Landsbergerstr. 60-63\ngegrtindettjl825\nModerne Herrenbekleiduitg\nfertig und nach Mafi\nReklameangebot:\nDer elegante Ulster\naus engllschen gemusterten Cheviots mit ffrmelaufschlSgen 32S0 m\naus den modernsten Flauschstoffen mit aufgesteppten 4550 M\nVornehmer zweireihiger gemusterter Cheviot\n3250 45 h\nSchicke Passformen Beste Verarbeitung\nDen fierren Studenten und MitgHedern von Kunstvereinigungea gegea Vorzeigung von Legitimatloaskarteii 5% RabaM"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c025", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "793", "page_fin": "793", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "793", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.11", "debut_caractere": 550, "fin_caractere_exclue": 729, "texte": "Les\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzo-\nsische Original der Tage-\nbucher Plauberts, deren\nTJebertragtmg in Deutschland\nverboten wurdc."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-02-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-02_01#c026", "volume": "bmtnabg_1912-03-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "793", "page_fin": "793", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "793", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.11", "debut_caractere": 731, "fin_caractere_exclue": 1163, "texte": "\\ \\ Luna Park <*<*\n_____ ri irtrr: i jnsxtM\n\"** i\n<«r 'sr.\nAb 25. 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Wie die leuchtende Kaiserkrone neu auf-\ngeht, wie eine Sonne über grünende Eichen-\nwipfel. Von seinen Helden und seinen Großen.\n— Von seiner Kunst aber singt er — nicht. —\"\nEin wunderbarer Vogel, der von der auf-\ngehenden Kaiserkrone singt und von der Kunst\nnicht singt. So entschloß sich der Auchdeutsche,\nden Vogel zu haben und von der kranken deut-\nschen Kunst zu singen. Das Buch des Auch-\ndeutschen ist so dumm und kindisch, daß ihm\nselbst Rembrandt als Erzieher nichts beibringen\nkönnte. Seine Ausführungen sollen ein Nachtrag\nzu dem bekannten Schmarren vorstellen. So leid\nes mir tut: es lohnt sich nicht, diesen Auch deut-\nschen vorzunehmen. Die achtundsechzig Seiten\nwerden keinen Schaden anrichten, weil sie so töt-\nlich langweilig geschrieben sind, daß kein Leser\nüber die erste Seite kommt. Alle Banalitäten, alle\nfalschen Wertungen der letzten zehn Jahre sind in\ndas Buch aufgenommen worden. Man hört wieder\nvon den fabelhaften Preisen, die „das deutsche\nVolk für Manet, Daumier und Cezanne bezahlt.''\nDer Autor nennt sie gütig wenigstens „ringende\nMeister\". Nicht unoriginell ist vielleicht die Be-\nhauptung, daß „die Münchener Kunst auf weit\nernsterer Grundlage ruht\". Das soll zum Beispiel\nLeo Putz zeigen. Der Autor beschwert sich fer-\nner über die „Kunstschreiberjugend, denen die\nwissenschaftliche Vorbildung fehlt, und die die\nVertreter künstlerischer Gelehrsamkeit kurzerhand\nverdrängt\". Der Autor empört sich ferner über\nden Kampf gegen die Akademien und behauptet,\ndaß die Jugend dadurch zum Ausdruck bringen\nwolle, sie brauche nichts zu lernen. Der Autor wun-\ndert sich wieder über den grünen Himmel, die rote\nWiese und die blauen Bäume. Man erfährt durch\nihn, daß „jeder Schmierer seinen begeisterten\nPropheten und baldigst sein Kaufpublikum findet.\"\nIm übrigen findet er, daß „der im besten Sinne\nmodernste Künstler\" Herr Heinrich Ziegel ist.\nEr quatscht ferner von „nebeneinander ausge-\nquetschten Farbentuben und wüster Probiererei.\"\n„Leider hat nun auch die Farbe an sich heute gar\neine Betonung gewonnen, die bedenkliche Früchte\nzeitigt.\" Die Farbe an sich, die durch Betonung\nbedenkliche Früchte zeitigt, wird immerhin recht\nbunt. Talent, sagt der Autor, darf ein Künstler\nheutzutage nicht mehr haben, wenn er mit Recht\nhochgeschätzt sein soll. „Daß zum Beispiel Zügel\nes doch hat, ist ihm nur erlaubt, weil es eigent-\nI ch kein Talent mehr, sondern eher Genie ist, was\nan ihm unwiderstehlich fortreißt. Die Kraft und\ndie glückliche Unfehlbarkeit, mit der dieser seine\nFarbe hinhaut, sind eben über das bloße Talent\nhinaus! Erlaubt ist, was dem Auchdeutschen ge-\nfällt. Wenn einer die Farben mit Kraft und\nglücklicher Unfehlbarkeit hinhaut, kann man sich\neben nicht zügeln, und stößt gegen die Leute aus,\ndie Farbentuben auf die Leinwand Quetschen.\nAber auch das Hauen rächt sich. „Große Talente,\ndie mit ihrem Pfunde wild gewirtschaftet haben\n(man denke an E b e rief n) sind der allgemeinen\nMißachtung mit einer Wut preisgegeben worden,\ndie doch erschreckt.\" Ja, o Auchdeutscher, -das\nkommt von der wilden Wirtschaft. Wenn Herr\nEberlein mit vielen tausend Pfund Gips und Mar-\nmor um sich schmeißt, reagieren die Beschmisse -\nnen stärker. Um die Leute von Talent kümmert\nsich heute kein Mensch mehr. Stuck wird ver-\nachtet. Hingegen van Gogh anerkannt. „Ein\nvan Gogh, ein zum Teil unerträglicher Künstler,\nfindet ungeheuren Beifall. Und gar ein Gauguin!\nGei ade solche rohe Knnst, die nur aus Streben und\nWollen, nur aus Nichtszustandebringenkönnen be-\nsteht, am liebsten von Selbstmördern,\nist heute das Wahre, Begeisternde, Erhebende!\"\nMan lese diesen Satz und man vergesse nie, daß\ndie Königlich akademische Hochschule der bilden-\nden Künste zu Berlin dieses Buch dringend emp-\nfiehlt und dem Autor ihren besonderen Dank aus-\nspricht. Es wird wohl auch nicht leicht gewesen\nsein, einen Autor zu entdecken, der heute noch\nfür Anton von Werner eintritt und auf die Zeit hin-\nweist, die einst dem Direktor der Akademie Ge-\nnugtuung für den Hohn und Spott seiner Zeitge-\nnossen geben wird. Und wer hat Schuld an der\nganzen Geschichte? Der Simplizissimus, der alles,\naber auch alles, Religion, Sitte, Gesetz, Staat, Ge-\nsellschaft, Familie, Ehe, Erziehung, Lehre, Armee,\nIndustrie, verhöhnt.\n„So wenig zu leugnen ist, daß die Künstler-\nschar, die da wirkt, garnicht selten Perlen von\nSchönheit und Empfindung zu Tage fördert, so\nwenig liegt das in der Richtung und Absicht des\nGanzen.\" Natürlich entdeckt der Autor die Gold-\nkörner bei Herrn Wilhelm Schulz. „ ... so\nhaben solche Goldkörner mit dem eigentlichen\nSinn der Simplizissimusrichtung nichts zu tun.\"\nDie blinde Henne also. Der Schlimmste von die\nRichtung aber ist „O. Zille\". Heinrich, ihm graut\nvor dir! Der Auchdeutsche findet Zille „absto-\nßend, ja widerlich\". Er zeichnet ohne Schönheit,\n\nJulius Pascin Das Kind"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "796", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.2", "texte": "Trust\n\nAus den Verwandlungen\nder Venus\nVon Riehard Dehmel\nBleibe dir heilig, Qeist,\nHerr deiner Seele!\nEin fremder Schein beirrt dich noch:\nwas spähst du nach Schiffet* im Nebel,\nvon Andern gelenkt?!\nAus deinem Leuchtturm blickst du hinab»\nund Strome, auf denen der Erdball durehs\nWeltdunkel rast,\nreißen an dir und reizen zum Sturz\nhinunter ans lauernde Ufer.\nDort standest du schon als Jüngling;\nund während Woge auf Woge kam,\nschriebst du, den Krückstock tief einbohrend,\nNamen auf Namen in den feuchten Triebsands\ngeliebte Namen — und keiner blieb.\nManche taten schon so\nund wurden stolze Verzweitler.\nAber mächtig macht nur der Glaube;\nund Niemand lebt, den sein Tiefstes\nnicht noch über die Sonne hinaufweist,\nüber die Sterne, und weiter.\nSahst du nicht gestern die Zimmerleute,\nwie sie die Leiche auf der Leiter trugen,,\nvom Neubau weg:\nmachte nicht jeden ihrer schweren Schritte\ndie Kraft des Abgestürzten\nsichrer als je ihn selber?!\nWahrlich, Keiner von Diesen\nwird sich zu Tode stürzen;\nund wenn sie einst den Geist aufgeben,\nwird jede dieser sechs Handwerker Seelen\n— wir Alle sind Erben —\nhell triumphierend an den Schauder denken,,\nals sie den Andern auf seinem Werkzeug trugen,.\nBleibe dir heilig, Geist :\nHerr deiner Seele!\n\ne£ne sittlichen Ernst, und deshalb wird der Autor\npoetis£TK „O, deutsches Volk, — wohin ist\ndie Zeit versunken, da du noch mühsam und ar-\nbeitsschwer dein bescheidenes Brot aßes t, das\ndu im bitteren Kampf üms Leben erwarbest,\nda du dich selber langsam aufbautest in harten\nTagen, da du dir eine neue Existenz schaffen\nmußtest, nach furchtbaren Kämpfen und Leiden.\"\nDas deutsche Volk hat eben den Existenzkampf\nhinter sich und verjuxt sein Geld für Schmierereien\nvon van Gogh und Cezanne. „Schiller, dessen\nganzes Leben ein von idealem Glanz durchleuch-\nteter harter Kampf und ein hehres Leiden war,\nwäre er heut noch möglich? .. . Aber schon\nseine Epigonen sind verschollen; heute wird, was\nin seinem Geiste noch erstehen will, kurzerhand\nverlacht.\" Das deutsche Volk hat sich sehr ver-\nändert. Nachdem es nun im bittern Kampf ums\nLeben sich eine Existenz geschaffen hat, will es\ndurchaus sein Geld ausgeben. „Der Besudh der\nVenus von Mdlo in Paris, des alten Museums in\nBerlin ist kostenlos, der eines feinen Restaurants\nmit Austern, Sekt und Weibern recht teuer. Trotz-\ndem gehört nur letzteres heute bei uns schon\nzu den Lebensbedürfnissen, und nicht bloß der\nobersten Schicht.1' In der guten alten Zeit gab es\nAustern, Sekt und Weiber gratis, während man für\nden Besuch von Museen idealerweise zahlte. Ja,\nwir sind materiell geworden. Die Richtung in der\nMalerei „ernährt ihre Vertreter sehr wohl\". Aber\nder „Richtung kann ein bitterer Vorwurf nicht er-\nspart werden: sie ist alles eher als deutsch. Sie\nhat die Manet, van Gogh, Cezanne zu Göttern\ngemacht, und die Nachfolge dieser zerzausten Ge-\nnies, dieser Boheme in der Kunst, hat unsere junge\ndeutsche Künstlerschaft immer wieder verführt.\"\n. . . „Darum bleibt uns als letzte Zuflucht die\nForderung, aus der Mlode heraus, in das Dauernde\nhinein! Nicht für den Effekt, den plötzlichen Wös-\nten Beifall der Masse, sondern für die Zukunft,\nfür alle Zeiten und für alle Menschen außer und\nnach uns.\" Aber dem Autor steht noch eine aller-\nletzte Zuflucht offen: der wunderbare Vogel.\n„Im Geäst des Hochwaldes singt ein wunderbarer\nVogel. Von des alten deutschen Reiches Herrlich-\nkeit, von seinen Helden, seinen Liedern, seiner\nKunst; von des neuen Reiches herrlicher Krone,\ndie wie eine Sonne leuchend aufging über grünen-\nden Eichenwipfeln. Ob er einst auch singen wird\nvon seiner Kunst?\" Schwer zu sagen. Schließ-\nlich übernimmt es der Auchdeutsche, der in den\nZweigen wohnet. Sein Geist leuchtet herrlich auf,\nwie eine Krone über grünenden Eichenwipfeln.\nHat 'nen Buchchen im Schnabel, von der Liebsten\neinen Gruß.\nDer Zeitgeist\nHerr Fritz Engel, der für den Zeitgeist ver-\nantwortlich ist, Herr Fritz Engel, der Gründer\nder Kleiststiftung, der wie verrückt für ringende\nTalente eintritt, Herr Fritz Engel veröffentlicht ein\nGedicht von Herrn Fritz Keller, dessen erste und\nletzte Strophe lautet:\nSchmücke dich und putz dich fein,\nHerzmädel du.\nVoller Qold und Edelstein\nIst meine Truh!\nGrüne, blaue, blinken drin\nUnd ein Herzlein aus Rubin.\nSapperlot, schon wird das Blut\nMir selber heiß.\nNarr, der nicht ein Sündlein tut\nUm solchen Preis.\nJung sein ist kein Kinderspiel —\nMädel, komm und küss' mich viel.\n/\nDer Dank\n„Ludwig Ganghofer, nach' dem die Stadt Neu-\nkölln eine neue Straße hat dein Magistrat\nfür dessen Bibliothek fünf Exemplare seiner gesam-\nmelten Werke überwiesen.\"\nDenn alle Schuld rächt sich mit Erden-\n\nPsalm an den Geist\nDu sahst durch meine Seele in die Welt,,\nes war auch Deine Seele: still versanken\nim Strom des Schauens zwischen uns die\nSchranken,\nes ruhten Weit und Du in Mir gesellt\nDein Auge sah ich grenzenlos erhellt:\nErleuchtung fluteten, Erleuchtung tranken\nzusammenströmend urisre Z wiegedanken,\nin Deiner Seele ruhte Meine Welt.\nUnd ganz im Weltgrund, v/o sonst blindgebaüt\nentzweite Lüste hausen voller Fehle,\nenthüllten sich auf einmal unsre Hehle\nvereint als lauter Liebeslustgewalt.\nDenn Liebe ist die Freiheit der Gestalt\nvom Bann der Welt, vom Wahn der eignen\nSeele . ~ •\nDas ist Liebe. Und mit leichtem Sinn\ngäb ich all mein ernstes Selbstbeschauen\nspielbereit für Dein Empfinden hin,\ndu liebseligste der Frauen!\nJa, solch Spiel das ganze Leben,\nLieberes könnt ich nicht erwerben;\nFrohsinn hast du mir gegeben.\nDoch auch Du, auch Du wirst sterben!\nWild und wehe und zum letzten Mai\nwird mein Herz an deinen Leichnam schlagen;\nstill in unserm Freudensaal\nwird dein steinern Bildnis ragen,\nEinsam werd ich wieder dann erschauern\nvor den wirren Weltgewalten;\no Vernunft, sie überdauern\nunser menschliches Gestalten.\nBlaß im Leeren steht der Morgenstern,\nnur noch wie ein überflüssiges Pünktchen;\nund doch hängt sich immer wieder gern\njede Seele an dies Fünkchen.\nBis aufs Meer hin sieht mein Geist es stehn\nüber tausend angstbefahrenen Gleisen,\nsieht's in teilnahmloser Bahn sich dröhn\nbis ans Ende aller Erdenreisen —\nsieht die Scharen der vom Sturm Umbrandeten,\ndie Myriaden der nach Rettung Winkenden,\nder Gescheiterten, Gestrandeten,\nder Verschmachtenden, Ertrinkenden —\ng\" T*\"\nt.-\nJr \"\nsieht sich mitgequält von all der Qual:\nSeele, Seele, stirbst du nicht vor Grausen?!\nAber da vertreibt den trüben Schwall\neine Stimme, sternhin ein Erbrausen:\n:;v. C -3'.'- ',\n\nGebet im Flugschiff\nVon Riehard Dehmel\nSchöpfer Geist, unbegreiflicher,\nder du Wesen ersinnst, die Gestalt annehmen»\ngrausig gütiger du,\ndenn jedes lebt vom Tod vieler andern,\nGötter wie Menschen,\nTiere, Pflanzen,\nKristalle, Gase, Aetherdämonen,\nkann jedes Übergehn in jedes,\nins Meer, ins Luftmeer, in fernste Gestirne,\nbauen einander, zerstören einander,\nbegehren auf wider sich und dich,\nlassen sich Krallen wachsen vor Gier,\nFlügel,\nund selbst Maschinen, die Vögeln gleichen,\nächzen aus ihren Nöten zu dir\num das letzte Quentchen Vollendung:\nJetzt: hier schweb ich in deinem Licht,\nwie ein Wasserstäubchen im Regenbogen\nmitdurchhaucht von all deinen Farben,\nohne Bitte,\nnur voller Dank\ndeines beseelenden Odems teilhaftig,\ndeiner Inbrunst,\ndie sich staunend in Menschenmund nennt:\nPhantasie! —\n\nAudienz beim König\nAssyrisches Morgenidyll\nVon Paul Scheerbart\nDie Sterne strahlten noch ganz hell über der\nneuen Stadt Kalchu, die der König Assurnasirabai\naufbauen ließ als ein Zeichen seiner Größe. Nicht"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "797", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.3", "texte": "weitab von Ninive lag die neue Stadt, und üi dieser\nhatte der König die großen Herren der von.ihm be-\nsiegten Länder angesiedelt. Da wurden viele\nSprachen gesprochen, so daß die meisten Bewoh-\nner der neuen Stadt gar nicht oder nur selten mit\neinander sprachen, weil sie sich so schwer ver-\nständigen konnten.\nDort, wo der große Zab in den Tigris fließt,\n— dort hatte der König seinen Palais erbaut —\nmit vielen hohen Terrassen und mächtigen Stein-\nmauern ringsum; die Steine für die Mauern waren\naus den nördlichen Gebirgen auf Flößen herbei-\ngeschafft.\n. Die Höfe im Innern des Palastes waren sehr\ngroß und alle glatt gepflastert; an vielen Stellen\nbedeckten glasierte Ziegel den Fußboden. Bäume\nund Gebüsch gab's da nicht, nur dunkelrote Rosen,\ndie der König sehr gern hatte, blühten in großen,\nviereckigen Holzkübeln, die mit blauen und gelben\nQuerstreifen verziert waren.\nDreißig große Herren aus dem besiegten\nChattilande hatten den König um eine Audienz ge-\nbeten; und er erwartete sie bei Sonnenaufgang.\nNun ließen sich die Herren schon mitten in der\nNacht die Haare kräuseln und die Gewänder mit\nwohlriechenden Stoffen durchräuchern. Und sie\nwuschen sich die Hände und die Augen mit wohl-\nriechenden Wassern und putzten ihre Schmuck-\nsachen und ihre Ringe, damit alles an ihnen dem\nKönig wohlgefiele.\nUnd dann gingen sie im langen Zuge mit ihrem\ngroßen Gefolge zum Palaste des Königs Assurna-\nsirabal; sie hatten den Palast noch niemals ge-\nsehen und staunten nun an seine Pracht, betasteten\ndie Mauern und den Fußboden und die großen Re-\nliefs an den Wänden, während die Fackelträger\nihnen den Weg wiesen, denn von der Sonne war\nnoch nichts zu sehen.\nViele Eunuchen gingen mit langen Schritten\nüber die Höfe, daß ihnen die langen Gewänder\nknatternd am Körper herumschlugen. Und Krieger\nkamen in stattlichen Reigen mit blinkendem Har-\nnisch und Helm — mit Schwertern und Lanzen,\nPfeil und Bogen, Armschilden und Beinschienen.\nUnd das alles beim qualmenden Rauch der\nFackeln — unter dem strahlenden Sternenhimmel.\nJetzt aber wurden die Sterne blasser. Die\nSonne kam näher. Die Fackeln wurden ausge-\nlöscht, und die Herren aus dem Chattilande führte\nman in den großen Empfangssaal des Königs.\nGleich am Eingange neben den Saaltiiren wur-\nden die großen buntbemalten Sphinxe bewundert.\nUnd dann im Saale selbst die Wände!\nSchalen mit Räucherwerk brannten in den\nEcken des Saales. Die Fenster waren hoch —\nweit über Manneshöhe — und engmaschiger Sil-\nberdraht davor.\nZwanzig Sklaven standen vor jeder Saalwand\nmit kleinen Oellampen auf drei Meter hohen\nStöcken.\nGeheimnisvoll nahmen sich hinter den Sklaven\ndie großen Flachreliefs aus, auf denen dargestellt\nwar, wie der König seine Feinde besiegte. Mit\nvielen bunten Sternen waren die zumeist schwar-\nzen Reliefs verziert.\nDie Herren aus dem Chattilande bewunderten\nschweigend die Wände und auch die Reliefs auf\ndem Fußboden, auf dem rote frische Rosen ver-\nstreut umherlagen.\nViele Eunuchen gingen und kamen — aber\nalles ging lautlos zu,-, selbst die Krieger, die herein,\ntraten durch die hinteren Türen aus Zedern-, Ta-\npran- und Miskanholz, klirrten nicht mit den\nWaffen.\nUnd dann ging die Sonne auf.\nUnd gleich trat herein der König Assurna-\nsirabal mit raschem Schritt, und er bestieg seinen\nThron — dicht unter dem Hauptfenster. Und seine\nAugen leuchteten wie heller Bernstein.\nDer König setzte sich. Und dann eilten die\ndreißig Herren aus dem Chattilande in die Mitte\ndes Saales, warfen sich auf den Fußboden und be-\nrührten dreimal mit der Stirn die bunten Mittel-\nfliesen.\nDer König gab ein Zeichen, daß sie sich er-\nheben könnten.\nUnd der Aelteste von ihnen sprach mit zit-\nvernder, zaghafter Greisenstimme: - H\n„Großmächtigster Herr und König! Augapfel\nder Götter Bei und Ninip, Verehrer der Götter\nAnn und Dagan, mächtiger Herr der Heerscharen,\nStatthalter des Gottes Assur! Mein großer König\nAssurnasirabal, wir sind gekommen, um dich anzu-\nflehen, uns eine Gnade zu gewähren.\"\nJetzt wurde es heller. Aber die vierzig Oel-\nlampen in den Händen der Sklaven brannten\nimmer noch, sahen aber wie kleine, winzige\nFlämmchen aus. Der König mit seinem schwar-\nzen, gekräuselten Bart und seinen hellen, leuchten-\nden Augen, in denen das Weiße fast gespenster-\nhaft wirkte, saß immer noch ganz ruhig da. Seine\nbraune Hautfarbe glänzte im Lichte der kleinen\nOellämpchen.\nPlötzlich war in einem Nebensaal ein großes\nGeschrei zu hören. Unwillig wandte sich der\nKönig um und flüsterte einem Eunuchen zischend\nzu:\n„Bringe die Schreier vor meinen Thron —\nsofort.\"\nUnd es geschah.\nMan schleppte einen sehr starken Krieger her-\nein, dem man immerzu die Arme verdrehen wollte,\nwogegen er sich wehrte, daß ihm die gekräuselten\nKopfhaare nur so ums Gesicht flogen.\n„Was hat der Mann getan?\" fragte der König.\n„Er hat,\" rief nun erhitzter Eunuch, „den Feld-\nherrn Nisirpal mit dem Dolch verwundet.\"\n„Wie!\" schrie der König, heftig aufspringend,\n„hier in meinem Palaste? Wo ist der Feldherr?\"\nEr kam, während er sich den Arm verband\nmit einem weißen Tuche.\n„Es hat,\" sagte er mit gerunzelter Stirn,\n„nichts zu bedeuten. Ich fing den Streich mit dem\nArm auf. Aber es hätte mir in die Brust gehen\nkönnen. Laß den Kerl laufen, denn ich fürchte\nmeine Feinde nicht — und verstehe es, mich zu\nwehren.\"\nDa brüllte der König:\n„Behalte deine Meinung für dich. Ich dulde\nes nicht, daß man in meinem Palaste den Dolch\nzieht. Henker! Tue deine Pflicht. Der freche\nHund hat's verdient, daß du ihm den Kopf vom\nRumpfe schlägst.\"\n„Dieser Nisirbal,\" schrie nun der Attentäter,\n„hat mir meine Sklavin mit List geraubt. Ich will\nihm zeigen, wer der Mächtigere ist.\"\n„Du Schuft!\" schrie. da der König, „weißt du\nnicht, wo du dich befindest? Du bist im Palaste\ndes Königs Assurnasirabal. Und ich werde dir den\nKopf abschlagen lassen, weil du das vergessen\nhast.\"\n„Du Prahlhans!\" schrie nun der Attentäter,\n„du bist nicht mächtiger als ich. Wären meine\nHände frei, so würde ich dir den Beweis bringen,\nwas ein assyrischer Krieger vermag. Ich würde\ndir ins Gesicht schlagen, du Hund!\"\nDer König erbleichte.\nAber da hatten die, die den Attentäter bän-\ndigten, ihm einen Arm verdreht. Der Mann sank\nbrüllend vor Schmerz auf beide Knie. Mit einem\nSatz sprang der Henker hinzu und schlug ihm mit\neinem Beil den Kopf ab.\nDas Blut spritzte wie eine Fontäne aus dem\nRumpf.\nAber mit Blitzeseile kamen zwanzig Sklaven\nmit einem großen Sack, steckten Rumpf und Kopf\nhinein — und verschwanden damit durch eine\nkleine Tür aus Pistazien- und Tamarkskenholz.\nAndere Sklaven säuberten in ein paar Sekunden\nden Fußboden.\nDer Nisirpal zog sich mit den Seinen wieder\nzurück in die Seitengemächer.\nEs wurde wieder ganz still im Saale. Jetzt\nschien hell die Sonne durch das Drahtgitter der\nFenster. Die Sklaven an den Wänden löschten\ndie Oellämpchen. Der König setzte sich wieder.\nDann sagte er mit harter Stimme:\n„Ich habe gehört, daß ihr in eurer Heimat\nbleiben wollt. Daraus wird nichts. Ihr bleibt\nhier. Spart die Worte.\"\nDie dreißig Herren aus dem Chattilande war-\nfen sich wieder auf den Fußboden hin und berühr-\nten dreimal wieder die bunten Fliesen der Saal-\nmitte.\nDann gingen sie langsam rückwärtstretend,\nbei den Tiirsphinxen vorbei, aus dem Saale hinaus.\nDer König flüsterte einem Eunuchen zu:\n„Die Sänfte.\"\nUnd gleich darauf wurde er in der Sänfte da-\nvongetragen— von zehn Sklaven — zur Früh-\nstücksterrasse, von wo man auf den breiten Zab\nund auf den noch breiteren Tigris blicken konnte.\nDie Eunuchen, Krieger und Sklaven verließen\nauch den Empfangssaal — langsam — schweigend.\nEin Blutstropfen leuchtete auf einer dunkel-\nroten Rose, die halb zertreten auf den buntgla-\nsierten Fliesen lag.\n\nDas ist die Nacht\nDas ist der Tag\n\nDas ist nicht Zeit, die in mein Ohr dringt.\nDa ist ein Glänzender, der machtvoll singt,\nlieber meine Augen Wolken ziehn,\no Luft und weite Wolken!\nDas nimmt mich ganz in die Heimat hin.\nEinen Adler hör ich rauschend folgen;\nund Höhn und Tiefen sind voll Melodien.\nIch schau ein Haupt, schau in ein Auge.\nIn diesem Auge flammt eine neue Fackel.\nIch greife nach der Fackel —\n— „Vielleicht glückt es: du verirrst dich\nim Feuer,\n— „und gelangst in die Urschlucht des\nDaseins\" . . .\n*\nMein Herz zerstiirzt in schwarze Asche;\nerfüllt die Höhn, füllt aus das Tiefe.\n*\nAuf einem Lager lieg ich starr, auf weißen\nDecken.\nAus der Höhe sinkt die schwarze Asche nieder.\nDas ist die Nacht. Die ewige Nacht.\n*\nIch lieg in einem weit - und dunklen Dome.\nNeben mir steigt Einer,\nein Glühender,\neine Wendeltreppe auf.\nUnd immer liegt sein Blick auf mir\nin tiefen Gedanken,\nund sieht mein weißes Haar,\nmein verzehrt Gebein,\nund alles, was mit mir geschehen ist.\nUnd über mir hält ein Schritt;\noftmals\nals wär's mein eigner Geist . . .\n*\nIch kaure vor einem Vorhang.\nVerzehrte Höhenluft ist unter mir.\nDa bin ich. —\nIch sehe. Hinter dem Vorhang,\njenseits in den Gründen,\nbeginnt ein blaues Licht zu spiegeln.\nUnd meine toten Augen öffnen sich.\nUnd alle meine Arme öffnen sich.\nUnd die Eingeweide öffnen sich."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "798", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.4", "texte": "Und es erglänzt mein wehes weißes Haupt\nAls Eisfirne —\nUnd letzt — jetzt ist Einer da,\nder will den Vorhang zur Seite zieh«.\nUnd jetzt — jetzt weine ich\naus ungeheuren Augen,\nwie kein Mensch weint.\n*\nDas ist der Tag. Der ewige Tag.\nEine Sonne seh ich ruhn auf schwimmender\nInsel.\nUnd bei ihr ruht\nmein Saitenspiel. Und mein Lorbeerkranz.\nAns dero Band „Der Denker'' mit Erlaubnis des Dichters\nveröffentlicht\n\nAlfred Momart\n\nGedichte\nVon Else Lasker-Schüler\n\nNun schlummert meine Seele\nDer Sturm hat ihre Stämme gefällt\nO, meine Seele war ein Wald.\nHast du mich weinen gehört?\nWeil deine Augen bang geöffnet stetm.\nSterne streuen Nacht\nIn mein vergossenes Blut\nV v.\nNun schlummert meine Seele\nZagend auf Zehen.\nO, meine Seele war ein Wald,\nPahnen schatteten,\nAn den Aesten hing die Liebe.\nTröste meine Seele rm Schlummer.\n♦\n\nEin Liebslied\nAus goldenem Odem\nErschufen uns Himmel.\nO, wie wir uns liefoea . . .\nVögel werden Knospen an den Aesten,\nUnd Rosen flattern auf.\nImmer suche ich nach deinen Lippen\nHinter tausend Küssen.\nEine Nacht aus Gold,\nSterne aus Nacht . . .\nNiemand sieht uns.\nKommt das Licht mit dem Grün,\nSchlummern wir;\nNur unsere Schulter spielen noch wie Falter.\n\nSiehst du mich\nZwischen Erde und Himmel?\nNie ging einer über meinen Pfad.\nAber dein Antlitz wärmt meine Welt,\nVon dir geht alles Blühen aus,\nWenn du mich ansiehst,\nWird mein Herz süß.\nIch liege unter deinem Lächeln\nUnd lerne Tag und Nacht bereiten,\nDich hinzaubern und vergehen lassen,\nImmer spiele ich das eine Spiel.\n\nDer schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\nIhn überschwemmten solche Gedanken. Aber\nes gab eine Grenze für diese Überlegenheit: wo\ndie Hose aufhörte, begann die Befremdung. Jo-\nhannes staunte, als er jählings bei seinen lächeln\nden Beobachtungen auf diese zweite Seltsamkeit\nstieß: Warum trägt ein Teil der Menschen Röcke?\nEs ließ sich schwer denken, was es mit den lang-\nröckigen, ungeschorenen eigentlich für eine Be-\nwandtnis hatte. Sie waren auch Menschen, aber\nveränderte. Wenn Johannes seine Tante mit prü-\nfender Aufmerksamkeit betrachtete, so war sie, ab-\ngesehen von ihrem behaglichen Fett, überhaupt\nrunder überall als er, und schaute auch mit so\nlammäßigen Augen in die Welt. Aber dann die\nRöcke: das war das Wesentliche. Er zweifelte\nnicht daran, daß die Frauen Beine haben, so daß\nsie etwa diesen Mangel vor den Männern ver-\nstecken wollten; denn das sieht man ja an den\nMädchen, aus denen doch die Frauen wachsen;\nauch kann man ihre Füße noch jetzt deutlich beim\nGehen sehen, und die beiden Füße müßten doch\nirgend woran befestigt sein. Es ließ sich aber dann\nvernünftigerweise nicht einsehen, warum sie keine\nHosen tragen. Er mühte sich lange vergebens.\nSchließlich war er beim Betrachten des weib-\nlichen Tuns auf den Gedanken gekommen, daß die\nRöcke vielleicht zweckmäßig für Beschäftigungen\nder Frauen seien, damit die Markttaschen nicht so\nsehr ihre Knie scheuerten, oder damit die Kinder be-\nquem auf ihrem Schöße sitzen könnten. Er rieb\nsich die Hände, als er nach Erlangen der Einsicht,\ndaß die Vermeidung der Reibung durch die Röcke\nwohl unwesentlich und auch die Erhöhung der\nkindlichen Bequemlichkeit nicht viel betrüge, hin-\nterlistig und mit einem Gewaltstreich annahm, daß\ndie Sache wohl überhaupt unerklärlich sei oder\nhöchstens als ein alter überlieferter Irrsinn,\nWochenlang freute er sich über diese Erkenntnis\nund hütete sie gut.\n*\nDazwischen wuchs seine Neigung zu dem jün-\ngeren Kameraden. Er schmückte und ordnete das\nZimmer, wenn der Freund ihn besuchte, erwartete\nihn mit Herzklopfen und ließ kaum die feinen blut-\nwarmen Hände des Freundes, wenn er neben ihm\nsaß, los. Seine Innigkeit war grenzenlos geworden,\naber nie wagte er es mehr, ihn zu küssen. Er trug\nihn auf seinen starken Armen durch das Zimmer\nund in den Garten hinaus, drückte ihn scheu an\nsich, und wiegte den lachenden in der blauen Luft.\nAber er trug ihn nicht lange so, weil eine rät-\nselhafte Schwäche durch seinen Arm ging, wäh-\nrend er den liegenden Freund betrachtete, und er\nfürchtete, ihn fallen zu lassen.\nDie Dumpfheit des Kindesalters, brütende,\nlallende Traumhaftigkeit mit ihren trüben, verhäng-\nten Horizonten, ihrer greisenhaft stummen Ohn-\nmacht und Schrecknis, mit ihren Schauern und Ge-\nspenstern, denen der verlassene willenlos hingege-\nben war, sank langsam. — Rätselhafte, unfaßbare\nMenschen waren die Frauen, und fast kaum Men-\nschen, sondern zarter, erlesener, unmerklich ähn-\nlich seinem Freunde, — und noch mehr: gleichsam\ndie Blume vom Weine Mensch. Vielleicht litten\nsie noch inniger unter der stillen Erbschuld und\nmußten sich ganz verhüllen, weil sie sterben wür-\nden wenn jemand ihr Geheimnis erriete und in\nBlick oder Wort es ausspräche. Vielleicht sagt\nnichts anderes die Lehre von der Erschaffung des\nWeibes, als daß der Mannesmensch nur ein vor-\nläufiger Versuch Gottes war, als er den Menschen\nbilden wollte, nur sein Rohstoff, das Weib zu\nschaffen.\nZum Zerbrechen fein sind sie nun unter\nTiefe ihres Sündgefühls geworden und schwinden\nwohl auch [eicht und freudig darunter hin. Wie\ngoldene lockende Wolken schwimmen sie am Him-\nmel der Mannesmenschen; ja sie sind ein sicht-\nbarer Beweis für das Dasein Gottes. So überschlug\nsich in dem unruhigen, verschlossen umher gehen-\nden die Verehrung, die ihm das Zartfremde ein-\nflößte, mit-dem seine träumenden Wünsche schal-\nteten.\nEr betrachtete sich selbst fast mit Schauern,\ndaß er eines jener Wesen zur Mutter gehabt hatte,\nund wie innig erhob es sein Dasein, daß er still\nunter ihnen gehenund sie betrachten durfte, die\nahnungslosen, die ihres Wertes nicht bewußt das\nLeben durchsetzten.\nEr legte manchmal unter dem Baume solcher\nVorstellungen einen bebenden Ton in seine Stim-\nme, wenn er mit seiner schwarz gewandten, pral-\nlen Schaffnerin sprach, daß diese über solchen\nErnst erschrak oder den Kopf schüttelte. Eine un-\nwillige Schamröte stieg ihm ins Gesicht, wenn sie\nihn bediente; ihn empörte diese Rohheit des ge-\nmeinen Denkens, diese pöbelhafte Herabwürdigung\ndes Höheren, — ja er dachte schon daran, die\nSchaffnerin zu bitten, ins Kloster zu gehen, er woll-\nte sich einen Hausdiener nehmen.\nAber niedergeschlagen sah er ein, daß damit\ndoch nur eine kleine Hilfe geschehe, daß er vor der\nTrauer flüchte, vor der großen Not, unter der die\nFrauen ahnungslos litten. Später wollte er alle\nFrauen über ihre ewigen Rechte und Vorzüge auf-\nklären, nun endlich Wandel in himmelschreienden\nMißständen zu schaffen.\nUnd er duldete es weiter, wenn auch mit blu-\nternder, zaghafter Greisenstimme:\nTante ihm Kaffee vorsetzte. Aber indem er ihn\nlangsam schluckte, sah er mit finsterer Ahnung und\nstiller Zustimmung schon in der Ferne, wie auch\nihn das Grobe, Gemeine in Elend zwingen würde,\ngleich der runden Frau, die ihres Elends unbewußt,\nlächelnd und freundlich vor ihm stand. Denn alle\nSchuld rächt sich auf Erden. Vielleicht auch, und\ndas schien ihm am wahrscheinlichsten und gerech-\ntesten, nahmen die Frauen selbst Rache an ihm.\nEr pflegte und zog sich immer wieder die grü-\nnen Wicken mit den weichen, dünnen Härchen, die\ner gern liebkoste und mit seinem warmen Atem\nanhauchte. Es beglückte ifan, etwas Fremdes und\naus sich heraus wachsendes auf Tod und Leben zu\nbesitzen. Mehr verlangte er aber nach dem war-\nmen lebendigen Fell seines toten Hundes, an den\ner sich oft mit Lust erinnerte. Ein jäher Einfall\ntrieb ihn einmal beim Gedanken an das lose, zer-\nfressende Fell dazu, das modernde Tier auszu-\ngraben.\nEr wachte auf unter dem aufzuckenden Einfall\ndas Fell zu sehen, und sein Tier war ihm gegen-\nwärtig.\nWährend des Grabens wuchs unter dem üblen\nGeruch, der aufzusteigen begann, erst die Span-\nnung in wilder Weise; dann lief er voll Ekel und\nhalb ohnmächtig fort und schüttelte sich.\nAm liebsten saß er still 'im Garten, schaute ei-\nnem Fink zu, der auf einem niedrigen Baum nistete.\nDann legte er auch sanft itfW fühlend die Wange an\neine Birke, schloß die Augen und seine Hand strei-\nchelte nach eiiniger Zeit langsam seine eigene heiße\nWangenhaut. Wenn er sich von seiner Bank er-\nhob, mit blöden Augen gegen den grauweißen\nHimmel blinzelte und sich reckte, so lag in den\nArmbewegungen des verschlafenen etwas von\ndem gewaltigen Anziehen und vernichtenden Um-\nschließen einer Umarmung.\n\nFortsetzimg"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.5", "texte": "Die Yudentochter\nHerwrth Walden"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "799", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.9", "texte": "Georg Tappert: Der Clown / Originalholzschnitt\n\nSie lesen von der Größe der Römer. Es ist\nein wasserfarbenes Qerede: Triumpf, Sieg, Nach-\nwelt und Ruhm.\nVor mir sitzen in den Bänken die andern Schü-\nler mit der Nase in den Büchern und einer liest, an\ndie Bank hinten angelehnt, seine Übersetzung vor.\nAch es ist unerträglich. Die Sonne scheint, und ich\nlangweile mich. Ich blättre in meinem Buche; will\nlieber drüben weg schauen. — L'Arlhesienne. —\nSeltsam, — was zieht mich das Wort an. Es klingt\nmir so bekannt, so vertraut. L'Arlhesienne. —\nUnd rührt an etwas in mir; wie ein verschwim-\nmendes Lächeln. Immer wieder klingt es in mei-\nnem Ohr; ich hasche danach. Nichts ist da —\nSumm, summ. — Langsam will es auftauchen.\nIm Traum; wir gingen über den Damm. Wir\nsprechen von Büchern. An der Bordschwelle\ntrennten wir uns. Er reichte mir zum Abschied die\nHand. Und da sagte er zu mir mit seiner ruhigen\nStimme: „Lesen Sie auch L'Arlhesienne\". Dann\nging er. Mir wurde süß und heimlich zu Mute, und\nich wachte auf. —\nIm Traum, im Traum. Ich sitze auf meiner\nBank ganz angelehnt. Mit halbgeschlossenen Au-\ngen. Wieder suchend und verloren.\nEs läutet. Ich nehme meine Bücher und gehe,\nDraußen regnet es. Schmutz liegt auf der Straße\nund die braunen Pferde dampfen. — Einige gehen\nmit mir im Regen. Wir sprechen von dem Wetter\nund anderem. Wir gehen über die Brücke. Plötz-\nlich fällt mir jenes ein, und ich muß lächeln. —\nAber wieder fühl ich es summen; es erfüllt mich. —\nMein Zimmer. Still. — Ich habe mich auf mein\nBett geworfen. Eine seltsame Unruhe ist in mir,\neine eigene tieftiefe Spannung; meiner Seele ja,\nheimlich, nach innen gezogen. Ich versinke in mich,\nes löst sich alles in mir. Wispert wie ein liebes At-\nmen, Schmauchen, Näher schlürfen. Ich finde es\nwieder; ach wenn ich es wieder fände."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "801", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.10", "texte": "L'Arihesienne, — die zarte.\nEs klingt mar ins Ohr. Wie ein verschwimmen-\ndes Lachen, drin geh ich auf. Bin süchtig danach,\ndoch darf ichs nicht rufen, nur nicht rufen.\nEs streichelt, durchrieselt mich, summend, du.\nach du — du kommst —?\nL'Arlhessienne —!\n\nDer Schatten\nVon Lothar von Kunowski\nDie meisten Zeichner und Maler übersprin-\ngen alle Stadien des Eindringens in die Natur,\nsie wissen weder, was ein Schatten, was Beleuch-\ntung, noch was Bewegung, Form oder Farbe ist\nan dem, was sie malen und zeichnen. Sie kennen\ndie Natur garnicht, sind also das Gegenteil von\nNaturalisten. Sie sehen in der Natur eine Ansamm-\nlung von dunklen oder hellen verschieden gefärb-\nten Flecken und Flächen und bemühen sich, sie un-\nmittelbar mit Pinsel oder Griffel auszudrücken.\nSie geben Valeurs, ohne zu wissen, wie denn diese\nValeurs in der Natur zustande kommen, woraus\nsich ein farbiger Fleck zusammensetzt, ohne also\nzu wissen, was dieser Fleck auf der Leinwand\noder Papier übertragen eigentlich darstellt, was er\nvon der Naturerscheinung in uns erregen soll als\nFarbe, Form, Schatten oder Bewegung.'\nEs gibt heuzutage kaum einen Maler in Er-\nropa, der wüßte, was ein Schatten ist, wiewohl\ndoch der Schatten auch ein Teil der Naturerschei-\nnung ist und zwar ein sehr wichtiger und wirk-\nsamer. Es gibt keinen Ausstellungspalast, unter\ndessen tausend Zeichnungen und Bildern sich etwas\nderartiges fände wie der Schatten meines Fingers,\nden ich mit der Spitze auf dieses Blatt Papier\nstelle. Meist kleben die Schatten an den Formen\nder Gegenstände, sie sind nicht beweglich wie die\nNatur, in, der wir nie einen Schatten sehen, den\nman nicht als wandelnd, sich bewegend, kommend\nund gehend, als selbständige Erscheinung auf-\nfassen könnte. Unsere Künstler dagegen malen\noder zeichnen irgend einen Körper, zum Beispiel\neine Backe, dunkel und geben mit einem breiten\nFleck zugleich den Schatten, die Form, die Körper-\nfarbe als eine etwas blaugrüne Fläche. Das nackte\nMädchen von Anders Zorn, das am Meere steht\nund den Rücken wendet, und auf der einen Seite\ndunkel, auf der andern hell gefärbt ist, überzeugt\nkeineswegs, daß die dunkle Körperpartie, sollte die\nSonne fortschreiten, als fleischfarben aus dem\nSchatten auftauchen, daß also der Schatten selbst-\nständig fortwandeln und den Körper unverändert\nzurücklassen würde.\nVielmehr können wir gewiß sein, daß die Un-\nglückliche, wie sie sich auch wendet, ihre Valeurs,\nhelle und dunkle Farbenflecke, ihre Schatten stets\nmit sich schleppen würde. Sollte die Sonne es\nneugierig umkreisen, so würde sie fortschreitend\nbemerken, daß das Mädchen einen halb dunklen,\nhalb hellen Körper besitzt und im übrigen für\nimmer tätowiert ist. '\nBetrachte den Schatten des durchbrochenen\nBrotkorbes auf dem weißen Tischtuch und präge\ndir seine zierlichen Formen ein. Danach schau den\nSchatten einer Stuhllehne auf hellem, weißem Bett-\ntuch, wenn du die Lampe anzündest und das Tages-\nlicht noch kräftig genug ins Zimmer fällt. Er wird\nberückend blau sein.\nSchau dir überall die Schatten der Gegen-\ns-tände an, ihre Figur an der Wand, die du mit allen\nFingern berührst, die Schatten eines Weinglases,\nder Stuhlbeine, der Laternenpfähle. Denke, was\ndu empfindest, wenn man an heißem Sommertag\nüber die blendende Straße in die Kühle der Häuser\ntritt oder die dämmerigen Hallen des Waldes auf-\nsucht, wo nicht nur der Erdboden gefleckt er-\nscheint mit hellen und dunklen Figuren von wun-\nderlicher Feinheit, wo die ganze Luft als schattige\nKühle dich umgibt Sie wird von breiten, räum-\nlichen Lichtstrahlen durchbrochen, die durch die\nKronen der Bäume schräg herabkommen und\ndurchschwebt werden von Stäubchen und tan-\nzenden Mücken.\nHast du je etwas vom Schatten als Faktor\nder Raurnanschauung in den Bildern unserer Maler\ngesehen, so wie du beim Anblick des Schattens,\nden Bäume zur Mittagsstunde unter der hohen\nSonne auf das Plaster werfen, die Kronen auf die\nErde projiziert wähnst, ols wollten sie sich mit ihr\nin Beziehung setzen und das Auge zwingen, die\nganze Krone erst als einfache Silhouette am Boden\nwahrzunehmen, um dann sich zum Gipfel zu er-\nbeben und zur Sonne und so die ganze Raum-\nsphäre des Gewächses als Einheit zu erfassen?\nIch glaube nicht, daß du den Schatten je in\nseiner Würde dargestellt fandest, ich meine den\nSchatten als Macht, als wandelnde Persönlichkeit,\nals Gegner des Lichts, als Herberge der Finsternis.\nIch meine den Schatten, den jeder, auch der klein-\nste Gegenstand wirft, oder sich einseitig anlegt,\nder beim Aufgang der Sonne langgestreckt mit\nihrem Aufstieg sich unter die Menschen, die Tiere,\nSträucher und Bäume, unter jede Blume verkriecht\nund an die Häuser schmiegt. Den Schatten, der\ndes Abends, wenn wir auf dem Berge stehen, vom\nFuß aller Wesen, der Häuser und Bäume, der\nWälder und Berge sich in Streifen von Westen\nnach Osten zieht, und nachdem er den ganzen Tag\nim Kreise und zersplittert in Teile gewandert ist,\nsich gierig ausdehnt über das Tal und die Täler,\ndie Helligkeit frißt, einengt, zerdrückt, sich gänz-\nlich zusammenschließt, in den Raum aufsteigt als\nDunkelheit, ihn verdüstert, den Schatten, der keine\nDecke ist, sondern durchsichtig, in dem wir alles\nahnen, wiewohl es mit dem Schwinden des Lichts\ngestaltloser wird, den Schatten als Nacht. .\n\nHamburg\nBlick auf den Hauptbahnhof\nVon Günther Mürr\nSattgrauer Nebel hat die Abendluft durchtränkt,\nSie liegt so schwer wie ein nasses Tuch,\nnur daß die Blicke sich durchdrängen können.\nVor dem einfarbigen Grau schweben, wie\naus Nebel gepreßt\nweit auseinander zwei beuhrte Türme. Zwi-\nschen ihnen hängt\nein riesiger Bogen aus Eisen und stumpfem Qlas.\nDie Turmuhren und Glasbogen scheinen ein\nNest dem gelben Licht.\nSchüchtern wagte es den Versuch,\nsich weit im hellen Bogen um den Bahnhof\nzu gießen.\nDie Nebelwasser wollen es nicht gönnen.\nAm rostigen Boden der Bahnhofshalle\nquält sich müder, roter Schein, der kaum\ndie Lampen verläßt.\nTräge aus der Halle schwelt\nrings ein drückender Geruch.\nLautlos ziehen sich unter den Bogenf Uesen\nzahllose braune Schienenstränge vor.\nDas matte Licht fängt sich in ihrem Rost\nund kann nicht strahlen\nund drückt sie mit stumpfem Haß.\nAuf der weiten, braunen Schienenfläche\nsind Lichter versprengt,\nviele weiße Punkte mit fahlen Tönen,\ndie in dem weichen, streichelnden Nebelnaß\nfast ertrinken, ganz in sich selbst gezwängt.\nVor dem Bahnhof über dem breiten Schienen-\nbruch\neine Straßenbrücke mit bunter Schar\nvon gelben und roten Lampen.\nIhr Licht übermalt die feuchten Hände der\nNebel weilen.\nmit eintönigem Grau. Die hellen\nwerden ganz matt in dem nassen Gelaß.\nSie lassen die Luft nicht schwellen,\nwie an lichten Abenden, mit ihrer Schwin-\ngungen Flug.\nVon den hohen und niedern,\nden weißen und blutigroten\nhängt nur ein dicker Faden, trüb und doch\nnicht blaß,\nUeber die ganze Brücke wallen Schatten\nvon Wagen^\nelektrischen Bahnen und Menschen,\ngleiten hin wie Nebel.\nDie Töne schwanken,\nbang und unstät.\nPlötzlich ein Donnern und Schienenbeben.\nEin elektrischer, hellerleuchteter Zug\naus dem Bahnhofsrachen\npeitscht die Luft.\nUeber ihm klirren durch den Nebel\nelektrische Funken, blau und bleich.\nDer Donner verhallt, die Funken verschweben.\nDie Luft ist voll von gierigem Streben\nund träger Mattheit. Ihr weiches Fächeln\nschläfert ein und erhitzt doch das Blut.\nIhre Küsse mißhandeln sehr,\npeinigen das Leben,\nquälen, bis sie das Herz versengen\nbis der Geist kaum taumelnd denkt.\nIhre seligen Küsse schließen\nganz in den Nebelzauber fest,\nengen ein.\nAlle Nerven zittern,\nheben empor verhehlte Glut.\nRingsum des bunt gemalten Nebels Fließen,\nfeuchte Farben, die reglos schweben.\nStampfend schleppt eine schwarze Maschine\nviele Wagen aus der Halle.\nOb ihrem Rachen eine schräge Säule\nvon Wasserdampf, die sich dem Nebel mengt.\nSchnauben und Keuchen, Räderrollen, Pfeifen-\ngeheule.\nGedämpft der Lärm, als ging über Teppiche\ndie Fahrt\nVerschwunden.\nSattgrauer Nebel hängt überall wieder,\nfärbt und empfängt Licht und Klang,\nhält den Blick beengt.\nRostbraun und Nebelschwarz;\ndrein gesenkt\nLichter und Schienen und Boden.\n\nFortsetzung\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\nAusstellung\nder Zeitschrift Der Sturm\nWir veranstalten aus Anlaß des Erscheinens\nder Nummer 100 dieser Zeitschrift eine Ausstellung\nin der Villa Tiergartenstraße 34 a. Eröffnung\nfindet am 12. März zwei Uhr mittags statt. Es\nwerden Bilder von Ferdinand Hodler, Oskar Ko-\nkoschka, Edward Münch und äungfranzösischen\nMalern, Zeichnungen von Oskar Kokoschka und\nPlastiken von Franz Flaum gezeigt."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "793", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.11", "texte": "Verlag Der Sturm Berlin W 9 / Verantwortlich für die Anzeigen: Edmund Häner\n\nFR. HAHN\nAlexanderplatz Landsbergerstr. 60-63\ngegrtindettjl825\nModerne Herrenbekleiduitg\nfertig und nach Mafi\nReklameangebot:\nDer elegante Ulster\naus engllschen gemusterten Cheviots mit ffrmelaufschlSgen 32S0 m\naus den modernsten Flauschstoffen mit aufgesteppten 4550 M\nVornehmer zweireihiger gemusterter Cheviot\n3250 45 h\nSchicke Passformen Beste Verarbeitung\nDen fierren Studenten und MitgHedern von Kunstvereinigungea gegea Vorzeigung von Legitimatloaskarteii 5% RabaM\n\nLes\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzo-\nsische Original der Tage-\nbucher Plauberts, deren\nTJebertragtmg in Deutschland\nverboten wurdc.\n\n\\ \\ Luna Park <*<*\n_____ ri irtrr: i jnsxtM\n\"** i\n<«r 'sr.\nAb 25. JanuarfAusschank von\nMunchener\nft ~ \" ------------ — -\n,Trlumphatori^^£jg&'\n„Wintersportfest\"\n»i« tßfcs chlesgaden\nUSA Vo'ksbeJuatJgungen,* sonstige Attrationen\n■ - - 'W-x. \"-.c* • n-* .-flGßau Mewb*- *\n- 1 -■ Kapellen ——*■—\nst?-gas.scrjca\".T.ax.-ik\\feossßUail-«\" *\" '■ sesce'Xsssehb——— ■■\nliefert und verleiht\nNinuth h.\nBerlin 26, IV 4612\nOranienstraß6 6\nTMerbuhnen\n\nn^smßb^Utm'9' i BUI ilf lIMMHW\" I'll'\"\nKUNSTLERIKHE RAUME\nc~\n€\n<S\n©\nfi\n' 112\nALBERT KOBLINSKX\nBERLINBRUCKEN-ALLEE6\n\nCafe -Restauraut\nOdeoiv\nBar |\nCharlottenburg\nB!sm arckstt-jßcKclleueorolmaEv(s'tt&.\nTaglich Nachmittag- und Abendkonzert\nvon 4—7 Uhr von 872- 2 Uhr\nBillardsale Spielsale Kegelbahnen\nBeste wiener und ungarische Kuche\nOutgepflegte Biere und Weine\n:: ANGENEHMER AUFENTHALT ::\nBesitzer J. KAUNITZ Cafetier\nNEU EROFFNET!"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "[794]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120302-01.1.12", "texte": "Druck von Carl Hause, Berlin SO. 26 Mariannenplatz 23\n\nm\nis*\nAussfellungen, Salons\nKtinsttiandlungeii etc.\n\nCASPER'S Kunst-Salon\nEintritt 50 Pfennig. Potsdamerstrasse 19.\nNeu ausgestelite Gem&lde:\nAd. Bock A. Liedtke F. Thaulox\nP. Hoeniger A. M6ller Alice Trfibner\nH. Licht R, Poeschmaan M. Uth\nM. Liebermann J. F, RaffaSUi Morltz Veit\nE. Liebermann E. Seelos u. a.\nCollectionen von H. de Marandat-Paris\nund Hughes Stanton-London\n\nGRAPHISCHES KABINETT\nBuch- u. Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\n:: BERLIN Wl5, Kurfurstendamm 33 ::\nStiindige Ausstellung\nmoderner Graphik Illustriert. Katalog u. 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Uhland 595\nSpediteur des Vereins ffir Kunst\n\nmzr<\n♦\nTheater\nPremiere\nWie man\nManner bessert\nKomodie in zwei Akten\nvon Anton und Donat\nHerrnfeld\nDer Hausteufel\nSchwank in einem Akt\nvon Pohlmann\nAnf. 8 Uhr Vorverk. 11 — 2 Übtr\naa\n\nWintergarten\nAm Bahnhof\nFriedrichstraße\nNeues Programiu\nSaharet\nFasehinpprogramm\n\nLa Voce\nWochenschrift\nffir freie Kultur\nJahresbezug 6 Mark\nProbenummer gratis\nLibreria della Voce\nFiorenz / Piazza Davanzati\n\nNeue Sezession\nSehwarz-Weiss\nAusstellung\nEroffnung Anfang Mfirz\n\nDie FncRel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangloser\nFolge\nNummer 341/342\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfennig\nUBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnh6fen\nWerbeband der Fackel\n50 Pfennig"}]}