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Jubelnd be-\nginnt Herr Fritz Engel: „Ewers, ein Mann von\nungewöhnlicher Vitalität des Geistes und des\nKörpers, Durchwanderer von fünf Erdteilen, Ro-\nmancier von strotzender Phantasie, eines unserer\nreichsten Talente will noch reicher scheinen, und\nhat unternommen, zur Bühne zu gehen.\" Warum\ner es tat, teilt der Mann mit der strotzenden\nPhantasie selbst der B. Z. am Mittag mit. Herr\nE. Reinhardt, der Bruder des bekannten Professors\nMax, war wieder einmal in großer Verlegenheit,\nwer Moissis Rollen spielen sollte. Nichts lag\nnäher, als den Durchwanderer von fünf Erdteilen,\nder ihn gerade in einer europäischen Angelegen-\nheit intervenierte, zu fragen, ob er nicht Moissis\nRolle spielen könne. Der Dichter gab ihm sein\nWort: „Ich dachte, es wird schon gehen. Am\nEnde habe ich schon ganz andere und schwierigere\nSachen gemacht.\" Aber wie der Herr Ewers nun\neinmal ist, kam sofort der künstlerische Ernst über\nihn und er ging in die Kammerspiele, um sich das\nStück anzuhören. Es berührte ihn nicht sympa-\nthisch, daß das Stück modern war. „Wenn ich\nein Kostüm anziehe, bin ich mit dem Kostüm ein\nanderer Mensch; die Maske macht es. Und Mas-\nken tragen — — du lieber Gott, das konnte ich ja\nschließlich.\" Sogar wenn er ein Kostüm auszieht,\nbleibt Herr Ewers interessant. Und Masken tragen,\ndu lieber Gott, das kann er schließlich. Natürlich\nwar Felix Hollaender an diesem denkwürdigen\nAbend anwesend und gab ihm gute schauspieleri-\nsche Ratschläge: „Bleiben Sie genau so, wie Sie\nim Leben sind, dann gehts.\" So denkt sich Herr\nHollaender das Schauspielern. Hierauf dachte\nHerr Ewers: „Das glaube ich, aber wie soll ich so\nbleiben, wie ich bin, wenn ich nicht meine eigene\nSprache spreche.\" Der Mann mit der strotzenden\nPhantasie bildet sich also tatsächlich ein, daß er\neine eigene Sprache spricht. Hierauf dachte er\nweiter, „daß es wohl ein schönes Erlebnis sein\nWürde, in einem eigenen Stück aufzutreten. Da\nkann der Dichter — er selber sein— kann es noch\nviel mehr, wie im Leben . . .\". Die Herren E. Rein-\nhardt und Felix Hollaender scheinen dem Dichter\ndas Erlebnis nicht gönnen zu wollen. Sie könnten\nja schließlich das Stück annehmen, ohne es spielen\nzu lassen, womit man sich Pressedichter ver-\npflichtet. Der Dichter verkündet hierauf, daß er\npünktlich zur Probe gekommen sei, „weil er solche\nAngst vor Felix Hollaender hatte.\" Und schon am\nAbend sollte er spielen. „Das wird ein Genuß\nwerden, dachte ich, aber ich dachte auch, morgens\nProbe, abends Probe, das ist ganz gleichgültig.\nDie Presse ist ja doch nicht da\".\nNach der Probe gab der Dichter das Denken auf\nund fing an, seine Rolle zu lernen. Sogar auf dem\nKlosett. Ein Romancier schreibt natürlich: „Ich\nnahm sogar meine Rolle mit, als ich noch\nirgendwohin mußte.\" Wie poetisch! Welche strot-\nzende Phantasie! Welche Vitalität! Sogar. Das\nSpiel beginnt und o Wunder, man teilt dem Dichter\nmit, die Presse sei da. Die Presse konnte sich\nnicht mehr halten. Wer mag die Presse gerufen\nhaben? trotzdem der Romancier sich so sicher\nohne Presse fühlte. Seine Mitspieler, versichert\nder Dichter, fanden ihn scheußlich. „Aber über die\nPresse habe ich mich gefreut. Ich fand, daß sie\nfabelhaft gütig und anständig war. Wenn ich da\nunten gesessen hätte, hätte ich ganz anders ge-\nschimpft! Immerhin, sie hat mich überrumpelt, die\nPresse. Sie hätte ganz gut auch ein paar Abende\nspäter kommen können, denke ich, aber trotzdem\n—das schadet garnidits, und ganz ehrlich — ich\nglaube, sie wird Gelegenheit haben, noch einmal\nanders zu schreiben. Denn wirklich, ich habe\nnoch etwas zu sagen von der Bühne\nh e r a b.\" Von der Bühne will uns der Romancier,\nuns, überreden. Was mag er uns von der Bühne\nherab sagen wollen? Eine lebende Reklame?\nWill er den König in Unterhosen spielen? zu dem\nihm nur der König fehlt. Nun, wir versprechen ihm,\nihn nicht zu überrumpeln. Er soll mitteilen, wenn\nseine Zeit gekommen ist. Die Presse war unge-\nheuer gütig. Herr Engel lehnte ihn „unseren\nFreund\" ab. Mit ungeheurem Wohlwollen: „Gewiß\ner sah elegant aus (Herr Engel wird ihm doch\nnicht unter die Kleider gekuckt haben), aber er\nbewegte sich wie einer , der dauernd von den\nGegenständen der Szene befremdet ist. So hat\nHeinz Ewers theatralische Sendung nicht gut be-\ngonnen.\" Den göttlichen Glauben an die göttliche\nSendung läßt sich Herr Engel nicht nehmen. Und\ndas liebste Kind des Glaubens, das Wunder, tritt\nmit Ferwirkung auf. Man telephoniert: „Diese\nZeilen (nämlich die gütig ablehnenden) waren ge-\nschrieben, als Herr Ewers uns telephonisch\nmitteilte, daß er nur eine einzige Probe mitge-\nmacht hätte. Vielleicht erklärt das einiges, aber\nnicht alles.\" Alles erklärt es, Herr Fritz Engel, alles.\nDie deutschen Schauspieler wissen nun, wie man\nHerrn Engel zu Sphärenmusiken veranlassen kann.\nMan telephoniere ihm abends um elf Uhr, wenn\ner disharmonisch gesinnt ist. Man erkläre ihm,\nwarum man ihm nicht gefallen haben könnte. Man\nstelle ihn aber nicht nur mit einer Probe auf die\nProbe, man arbeite stärker. Herr Engel ist näm-\nlich auch lyrisch. Man weine vom Tode der\nMutter, man iuble vom Glück der Hochzeit, man\nteile ihm Kinderfreuden mit, man berufe sich auf\nChampagnergelage, kurz, man lasse ihn an allen\nach so menschlichen Leiden und Freuden teil-\nnehmen, den guten Onkel Engel, und er wird alles\nerklärlich finden, er wird alles verstehen und alles\nmit einem leisen Stitnrunzeln verzeihen. Solange\nman den Kunstkritiker unter irgend einer Telephon-\nnummer erreichen kann, ist der Künstler nicht ver-\nloren. Das weiß der Dichter Ewers. Verschiedenen\nanderen Zeitungen, die sich nicht an der Ueber-\nrumpelung beteiligten, „wurde von verschiedenen\nSeiten telephonisch mitgeteilt, daß Herr Ewers\neinen geradezu glänzenden Erfolg gezei t i g t\nhabe.\" Diese telephonische Kritik wollen wir aber\ndoch den Herren abgewöhnen. Ich bitte die\nTheaterbesucher dringend, die betreffenden Redak-\ntionen jeden Abend um elf Uhr anzurufen und ihnen\nihre Meinungen mitzuteilen. Ich möchte wet-\nten, daß man nicht Rücksicht nehmen wird. Es\nmüßte denn sein, daß ein Mann von so ungewöhn-\nlicher Vitalität des Geistes und des Körpers für sich\ntelephonieren läßt, wie der Dämoniker mit den\nSockenhaltern. Der kann nämlich alles, wie sein\nFreund Johannes Gaulke mitteilt: „Ewers ist ein\nKünstler, der jeden Stoff, auch den Ekel- und\nGrauenerregenden, überwältigt und zu einem\nKunstwerk formt.\" Daß er Stoffe zu einem Kunst-\nwerk formt, sich also mit eigener Dichterhand das\nPyjama schafft, überwältigt. Das Grauen, das er\nerregen will, wirkt komisch. Nur der Ekel bleibt\nzurück, daß Menschen so etwas für ein Kunstwerk\nhalten.\nKoche mit Kunst\n„Die erste Berliner Aufführung des Dmoll\nQuartetts in einem Satz opus 7 von Arnold Schön-\nberg beim Rosequartett versuchte ein Häuflein von\nFreunden des Komponisten zu einer Sensation zu\nstempeln. Es war ungefähr das Bild, daß man im\nletzten Frühjahr bei Herwarth Waldens scheuß-\nlicher Fiamettamusik erlebte. Einige Jünglinge,\nderen Haupthaar eine unüberwindliche Abneigung\ngegen die Schere verrät, klatschten rasend, da-\nzwischen gellt das Pfeifen eines Hausschlüssels\nund der Rest des Publikums sieht halb gelangweilt,\nhalb lächelnd drein.\" So schreibt Herr Erich Urban,\nVerfasser des Buches von der natürlichen Ernäh-\nrung des Menschen „Ich kann kochen4' in der\nB. Z. am Mittag, wo er im Nebenberuf als Musik-\nkritiker angestellt ist. Man kann sich natürlich\nmit so einem Kochkünstler nicht über Musik vo«\nArnold Schönberg und noch viel weniger über die\nMusik der Fiametta streiten. Chacun a son goüt.\nDiese Weisheit gilt aber nicht für die Kunst, son-\ndern nur für das Kochen. In Herrn Erich Urban\nsteckt ohne Zweifel ein Dichter . Er hat seinem\nKochbuch ein Vorwort beigegeben. Und nennt es\nnatürlich Zum Geleit: „Ich kann kochen — wie\nwenige vermögen das reinen Herzens von\nsich zu sagen. Ja, wer legt überhaupt noch Wert\ndarauf, kochen zu können? Denn um die edle Koch-\nkunst ist es heute übel best eilt.\" Als Ritter naht\nHerr Urban reinen Herzens. Aber das Kochen geht\nnicht so reinlich ab. Er schmeißt seine nebenberuf-\nliche Tätigkeit in denselben Pott: „Daß aber das\nGefühl für das Künstlerische im Kochen so ganz\nabhanden gekommen ist, das ist das Betrübende\nund im Interesse unserer Damen so tief Bedauer-\nliche.\" In der Musik kocht Herr Urban mit trübem\nWasser und in der Küche mit Kunst. Es sind trau-\nrige Zeiten heute. „Leben wir somit nicht gerade\nin den Blütejahren der Kochkunst, so muß doch\nauch zu Ehren der Frauen, die heute der Küche\ngleichgültig gegenüberstehen, gesagt werden, daß\nsie nicht allein die Schuld tragen, daß ihnen die\nFreude an der Sache zum Teil auch durch die bis\nletzt bestehenden Kochbücher vergällt wor-\nden ist,\" Da kommt der Ritter Urban reinen Her-\nzens und spuckt ihnen in die Suppe. Herr Urban\nschafft das Kochbuch: „Denn darüber müssen\nwir uns klar sein, daß zum Kochen genau soviel\nTalent und ursprüngliche Begabung gehört, wie\nzum Dichten, Malen und Komponie-\nre n, das demnach nur der ein wahres Kochbuch\nzu liefern versteht, der den Kochkunsttrieb\nim Menschen, mag er weiblichen oder männlichen\nGeschlechts sein, zu wecken versteht.\" Ich gehe\nnoch weiter, ich bin noch moderner, denn ich be-\nhaupte, es gibt nicht nur einen Kochkunsttrieb im\nMenschen, es gibt sogar einen Kochkunstbuch-\nschreibtrieb im Menschen, zu dem noch mehr Be-\ngabung gehört, als Musikkritiken zu schreiben.\nDem Ritter Urban mit dem reinen Herzen braucht\nman ihn nicht zu wecken zu verstehen. Ein Trieb\nist überhaupt einfach und diesen Koch-\nkunstbuchschreibtrieh braucht man nur sich aus-\nkochen zu lassen. „Mit anderen Worten, wenn\nman heute die Kochkunst etwas über die Achsel\nansieht, so liegt das mit daran, daß ein blosses\nNachschlage- und Rezeptbuch dem sensiblen\nfarbenfreudigen Empfinden mode r -\nne r Menschen eben nicht mehr genügt, daß die\nüberall aufkeimende Lust und Liebe zum Kochen,\nauf dem sandigen Boden veralteter Kochtheoretik\neinfach verkümmert.\" Der Ritter Urban läßt nun\ndie aufkeimende Lust und Liebe sprießen. Neues\nBlühen in deutschen Landen. Das Kochen will nicht\nenden. Nun armes Herz vergiß die Qual. Lyrik\nund Kochkunst reichen sich die schönen Hände\nzum ewigen Bunde. Der Ritter Urban verkuppelt\ndie Damen und bringt sie dem sensiblen farben-\nfreudigen Empfinden moderner Menschen näher.\nEr hat weder Kosten des Verlages, noch Mühen des\neigenen Magens gescheut, um sich durch alle Ge-\nrichte durchzumessen. Und seine ganz besondere\nAufmerksamkeit hat er „zum Schluß\" den Illustra-\ntionen zugewandt. Unsere Bilder zerfallen in drei\nGruppen. Sie fixieren zumeist den dramatischen\nHöhepunkt eines Gerichts, sind sozusagen der\nSchlüssel zu seinem Gelingen (ein etwas rostiges\nGericht) und treten in ganzen Serien auf,\nsobald es sich um eine Kette von Vorgängen han-\ndelt.\" Dem Ritter Urban geht es wie vielen ganz\ngroßen Künstlern, er wird paranoisch. Und da es\nsich um das Kochen handelt, manscht er Punkte,\nGerichte, Schlüssel, Serien, Kette und Vorgänge zu\neinem Brei, den er reinen Herzens vorsetzt. „Alle\ndiese photographischen Aufnahmen sind in den"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "821", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7241, "texte": "größten Hoteis und Restaurants von einem\nSpezial photographen unter meiner\nLeitung gemacht worden, und wer erfahren\nw-ili, was an Arbeit und Mühe gerade in diesen Bil-\ndern steckt, der lasse sich von diesem Herrn unsere\nAventuren erzählen.\" Her mit der Adresse. Der\nSpezialphotograph soll sich melden. Ich bin für\nAventuren. Ich hoffe jedoch, daß der Ritter Urban\nden modernen Köchinnen nicht seine Musikkritiken\nvorgelesen und ihnen damit den Magen verdorben\nhat. Ein Mensch, der diese Geleitworte schreibt,\nwagt Beethoven gut zu finden. Wagt, die Fiametta\nscheußlich zu finden. Wie richtig müssen die\nHerren Ullstein ihre Leser einschätzen, daß sie es\nwagen., ihnen diesen Kochkünstler als Musikkritiker\nvorzusetzen.\nBerichtigung\nIch will den Lesern dieser Zeitschrift nicht vor-\nenthalten, daß es in Berlin seit vierunddreißig\nJahren ein Blatt gibt, das Kleine Journal. Früher\nleitete es Herr Leo Leipziger, Verfasser blöder\nReimereien, jetzt Herr Lehmann. Ueber Herrn\nLehmann bin ich leider nicht orientiert. Jedenfalls\nist Herr Lehmann nicht aktuell. Er teilt seinen\nLesern, der Frau Gertrud Wertheim, dem Herrn\nLeo Leipziger, dem Herrn A. O. Weber und dem\nHerrn Edmund Edel mit, daß Herr Herbert\nWilden, eine Zierde des Cafes des Westens sei,\nund die Zeitschrift Der Sturm nur von den Gästen\ndieses Cafes gelesen werde. Der Herr Lehmann\nist ein schlechter, unaktueller Journalist: Herr\nHerwarth Waiden verkehrt seit mehreren Monaten\nnicht mehr im Cafe des Westens und ist auch\nnie so größenwahnsinnig gewesen, sich dort neben\nden Herren Lothar, Edel, Turszinsky, Saudek als\nZierde zu fühlen. In diesem Cafe wird auch der\nSturm nicht gelesen. Denn er ist dort garnicht\nvorhanden, und die Stammgäste könnten auch ihre\nAngst nicht so lange zurückhalten. Ueber die\nKunst, die der Sturm vertritt, kann Herr Lehmann\nruhig in seinem gutbürgerlichen Glauben gelassen\nwerden.\nKunstpöbelei\nHerr Felix Lorenz, ein Cabaretdichter, hat\njahrelang im Berliner Tageblatt die höhere Lite-\nratur „redigiert\". Man entsinnt sich vielleicht, daß\nHerr Mehring, Verfasser eines Reimlexikons, also\neine Autorität, ihn als klaren Flötensänger pries.\nDie Literatur wurde ihm durch einen mossischen\nZufall los. Und der Herr Lorenz stürzte sich nun\nmit Eifer auf „die bildende Kunst der Gegenwart\".\nEr schuf sich sogar ein neues Organ, daß er natür-\nlich Die Kunstwr ell nannte. In diesem Organ für\ndie bildende Kunst der Gegenwart verhöhnt der\nHerr Felix Lorenz Künstler wie Kandinsky, Hanns\nBolz, Wilhelm Morgner, E. L. Kirchner und die\ngesamten Mitglieder der Neuen Sezession. Nicht,\n©hne vorher heimtückisch die Herren um Erlaub-\nnis zur Reproduktion ihrer Bilder und Zeichnungen\ngebeten zu haben. Das Dolose dieser Handlung ist\ndie einzige originelle Leistung des Herrn Lorenz.\nSein Artikel enthält nicht den geringsten Ansatz\nzur Kritik, er begnügt sich damit, die ältesten\nWitze der Fliegenden Blätter in schlechtem\nDeutsch nachzuschreiben. Ich hoffe, daß nach\nKenntnis dieser Affaire kein Künstler diesem\nBlättchen eine Reproduktion seiner Bilder mehr ge-\nstattet. Man hüte sich vor Hunden.\nLiteraturpöbelei\nDer Doktor Artur Eloesser, Mitarbeiter der\nNeuen Rundschau und Theaterkritiker der Vossi-\nschen Zeitimg, müßte nun wirklich endlich letal ab-\ngeben. Seine Senilität hat den von mir so gelieb-\nten Höhepunkt bereits überschritten. Dieser Mann\nschreibt von Przybyszewsky, sein literarisches\nVerdienst bestände darin, „im Gefolge Strindbergs\nden schwedischen Punsch in die deutsche Literatur\neingeführt zu haben\". Solange sich der deutsche\nDektor seinen Magen mit Schweinsohren, Weißbier\nund Pfannkuchen vollschlägt, braucht sich Polen\nnicht verloren zu geben.\nDer Conferencier\nEmilie Verhaeren las in Berlin aus seinen\nDichtungen. Diese Gelegenheit ließ sich Herr Julius\nBab nicht nehmen, um den Dichter schnell einmal\neinzuführen. Er redete quelques mots sur Ver-\nhaeren et son oeuvre. Er machte es ausgezeichnet,\netwa wie der Manager des Riesen Machnow im\nPassage Panoptikum: „Meine verehrten Damen und\nHerren! Sie werden gleich den berühmten Dichter\nVerhaeren sehen. Sie haben sich hier versammelt.\nSie müssen aber etwas warten, weil ich Ihnen erst\neiniges über den Mann erzählen muß. Dieser\nDichter ist ein wahrhaft großer Dichter. Er schuf\nbis jetzt in drei Perioden. Die mittlere Periode . . .\nVerhaeren knüpft an den letzten großen Harmo-\nniker Goethe an. Was wir besonders an Verhaeren\nlieben, er ist mehr als poetisch. Er hat die\nLebenskraft in sich. Er bejaht das Leben.\"\nWörtlich sind die Zitate nicht. Nur der letzte\nHarmoniker und das Mehr als poetisch ist unver-\nfälschter Bab. Die übrigen Bemerkungen sind\ndafür desto echter.\nGemässigte Lyrik\nHerr Norbert Falk hat Stunden, wo er sich\ndurchaus als moderner Mensch fühlt. Dann tritt er\nfür gute Lyrik ein und entdeckt Marie Madeleine.\nFrüher sei sie versgewandt und klangreich ge-\nwesen, sagt Herr Norbert Falk, „jetzt aber ist der\nKlang abgedämpft, der Rhytmus hat nicht mehr\nden fiebrigen Puls, die hektische Röte ist in gesun-\ndere Farbe gewandelt. Die Verse des neuen\nBuches verhalten sich zu denen des Erstlings wie\ndie zur vollen Blüte entwickelte Frau zum Mäd-\nchen. Wie die heiter Wissende zu der phantastisch\nAhnenden\". Poesie steckt an. Herr Falk gibt auch\neine Probe eines zur vollen Blüte entwickelten\nGedichtes:\n„Als erste Jugend mit Traum und Tand\nMich gefesselt hielt in Bann und in Haft,\nDa pflückte ich schon mit zitternder Hand\nDie rote Rose Leidenschaft.\n*\nNun weiß ich gar wohl, zu dieser Frist;\nKeine Rose blüht, wenn der\nFrühling kommt,\nWenn die Welt voll Keimen und Knospen ist\nDer Sommer ist's, der den Rosen frommt!\"\nNun weiß sie es, daß keine Rose blüht, wenn der\nFrühling kommt. Wenigstens nicht in der von\nDichtern so geliebten Natur. Aber sie und Herr\nFalk wissen, daß der Sommer 's ist, der den Rosen\n„frommt\". Ja, sagt Herr Falk, „von des Lebens\nheißen Mittag, vom Sommer der Lust erzählen die\nGedichte, von bewußtem Begehren und Gewähren,\nvon Erfüllungen und Stillungen.\" Die Stillungen\nscheinen auf die Erfüllung des Erstlings hinzudeu-\nten. Die Glut der roten Rose Leidenschaft, sagt\nHerr Norbert Falk, ist mit einer feinen Kunst zu\neiner schönen schlanken Flamme gebändigt. Näm-\nlich so:\nDie Sterne schimmern wie Opale,\nUnd diese Nacht so stumm und wild,\nIst eine schwarze Marmorschale,\nDie ganz von Blüten überquillt.\nUnd glühend hast du mich umfangen.\nWie klopft dein heißes Herz so laut.\nEs rang dein gieriges Verlangen\nMich nieder tief in Gr a s und Krau t.\nit\nWenn das Kraut trotz der reifenden Kunst nur\nnicht Feuer fängt. Es wäre schade um das Gras.\nDer politische Musikkritiker\nHerr Doktor Leopold Schmidt lökt fortgesetzt\ngegen den Doppelstrich, der ihn von der Politik\ntrennt. Er scheint mit heißem Bemühen, aber ohne\nVerständnis, den politischen Teil des Berliner\nTageblatts zu lesen. Hier ein Niederschlag:\nDraeseke war in seiner Jugend einer der ent-\nschlossensten Mitglieder der musikalischen Fort-\nschrittspartei, ein überzeugter Anhänger Liszts\nund Wagners; die spätere Entwickelung mitzu-\nmachen, hat er abgelehnt, und so ist er allmählich\nin die Reihen der Konservativen gekommen.\nDas ist furchtbar nett von Herrn Draeseke, daß\ner die Entwicklung mitzumachen ablehnt. Ein-\nma 1 muß der Mensch doch mit der Entwicklung\naufhören.\nTrust"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-23-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-23_01#c004", "volume": "bmtnabg_1912-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "821", "page_fin": "821", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.2.4", "titre_corps": "Esther", "titre_sommaire": "Esther", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "821", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.3", "debut_caractere": 7243, "fin_caractere_exclue": 7628, "texte": "Esther\nElse Lasker-Schüler\nEsther ist schlank wie die Feldpalme\nNach ihren Lippen duften die Weizenhalme\nUnd die Feiertage, die (in Juda fallen.\nNachts ruht ihr Herz auf einem Psalme\nDie Götzen lauschen in den Hallen.\nDer König lächelt ihrem Nahen entgegen —\nDenn überall blickt Gott auf Esther.\nDie jungen Juden dichten Lieder an die Schwester\nDie sie in Säulen ihres Vorraums prägen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-23-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-23_01#c005", "volume": "bmtnabg_1912-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "821", "page_fin": "822", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.2.5", "titre_corps": "Der schwarze Vorhang : Roman", "titre_sommaire": "Der schwarze Vorhang : Roman", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "821", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.3", "debut_caractere": 7630, "fin_caractere_exclue": 9195, "texte": "Der schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\nTagelang ging er still und kalt umher, bis das\nBlut wieder wärmer und voller aufrauschte, ihm\nBrust, Wangen schwellte, weiche Schultern und\ndie schweren Arme hob, die Hände ineinander-\nlegte. — Wer schichtet mir den Scheiterhaufen,\nvon Weihrauch, Tannen, Myrrhen, Spezereien, den\nScheiterhaufen, nach dem ich mich sehnen muß,\nwo suche ich den Blitz, der mich zerschmettert?\nMein Löser, mein starkes flammendes, sarda-\nnapalisches Glück. 0, Tod, wie süß bist du? O,\nich bin so verdorrt, von allem verlassen, leer und\nherabgesunken, ich möchte nur einäschern und\nschluchzen, ich sehne mich so zu schluchzen und\nzu lodern. Wie wenig will mir das Leben halten,\nwas es mir versprach, ach, und weinend muß\nich gestehen: wie wenig habe ich dem Leben\ngehalten. So wegessicher, so stark, ohnegleichen\nsollte mein Leben sein; was wißt ihr von meinen\nHoffnungen und WTünschen?\nJohannes, dein Leben —\n*\nEin immer waches Mißtrauen hielt ihn jetzt\ngefangen, wo er sich weiter von jenem Erlebnis in\nsteigender Kühle und Besinnung entfernte. Er sah.\ndaß er in jenen Tagen in heller Bewußtlosigkeit\numher gegangen war, daß er nicht das Pfauchen\nder Dampframmen, das Lärmen der Wagen und\nArbeiter, das ruhige, stärkende Schauspiel des\nHäuserbaus vor seinem Fenster bemerkt hatte\nBlind und taub war er gewesen. Wie fest hatte\nihn das flüsternde Gedränge in seiner Seele gehal\nten. — Er staunte und schämte sich seines Hin-\ngerissenseins. Erkaltend fand er sein Ohr ge-\nschärft für zirpende Obertöne in den Stimmen, die\ner nie gehört hatte."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "822", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7697, "texte": "Seine ruhigen grauen Augen sahen sehneidend\ndünne Linien in Menschengesichtern, in denen\ner die Schwertstreiche ihres Schicksals erkannte.\nEr war nach außen gedrängt worden, seine\nSinne lauerten und sprangen. Er fühlte sich ge-\naltert und meinte, daß es vielleicht der Sinn des\nLebens sei, immer sicherer diese Ruhe zu ge-\nwinnen, immer tiefer Sehnsucht und Erstaunen\nfallen zu lassen. Veralten, verarmen, in die Kühle\nhinauf reifen, dieses wehe herbstliche Schauern\nimmer!\nSo überlegen, konnte er über sein Werben\num die flinkfüßige schwarzäugige, die so anmutig\nmit einem Kopfzucken ihre bläulich dunkle Haar-\nwellen zurückwarf, lächeln und lächeln. Wenn die\nSchauer des Allweiblichen von ihr sanken, was\nblieb von ihr? Er hatte nur entzückt aufge-\nnommen, was der Wind ihm über den Weg blies;\nganz wie ein unwissend vertrauend Kind hatte er,\nwas der Zufall ihm in den Mund steckte, herunter-\ngeschluckt. Leicht durchgelockert, die Arme geho-\nben, die Finger windfreund, fühlsam und horchsam,\nsann er auf verborgene, entlegene Genüsse. Ja,\nauf gefährliche Buhlen sinnen, süß unter Jubel, —\nschwarz glänzende Augen, Lippen: zwei schmale\nstrenge Blutlinien, hüpfende Sohlen, stilles Drehen,\nRieseln, Kreisen der schneeweißen Gewände —!\nAus den Fingerspitzen strömt es hin —\nKlein sind die Füße Isoldens; aber ihre Augen\nsind groß. Ach, wie der schaumfeine Hohn um\nihre Lippen; — Blutnelken stehn vor meinem Fens-\nter. Ein Fluß spült die Ufer in sich ein. Mit\ngelbem, breiigen Schlamm, und die Erde rutscht\nlangsam, : So trocknet mein versengtes\nZünglein, und mein Mund spitzt sich lecker und\nsaugt an ihrem Hohn, und schlürft ihn ein. Spielt\nund strafft sich ihr schneeiges Knie, duck ich mich,\nein Perser, bei Seite, Krümme den Rücken, einer\nHarfe gleich, die man mit Tränensaiten überzieht:\nGurre, bettle um zwei mädchenkeusche niedrige\nBrüste.\nIsolde, du siehst mich nicht und deine Zehen\ntreten in dem goldb raunen Schlamm. Zischst\nzwischen den Zähnen, was dir grad durch den\nSinn irrt, — daß dich dein Schuhchen drückt und\ndich auch etwas hungert: nun will ich schärfer\nzischen und das zuckende Ding fassen, deine Hand.\n*\nNeben vielen Frauen und Mädchen ging er auf-\nmerksam einher, aber innerlich unbewegt. Wenn\ner jetzt auf sich geachtet hätte, so hätte er Ver-\nwunderung und Befriedigung darüber empfunden,\nwie sicher und geringschätzig er geworden war\ngegen jene Wunder und Feinde.\nEin junges Mädchen, das er oft und teilnahms-\nlos gesprochen hatte, schien, während sie wieder\nsich über Gleichgiltiges Worte sagten, damit ihre\nGegenwart ihnen nicht nur fühlbar, sondern auch\nhörbar sei und sie sich nicht voreinander fürchte-\nten, mehr als auf ihre Worte, auf ihre Gedanken\nzu achten: so langsam und unbetont lösten sich die\nWorte von ihren Lippen und sammelten sich dort\nerst.\nEr, erst selbst mit sich befaßt, bemerkte es\nbald, lauschte schärfer, fühlte sich befremdet über\nsie, die ihn nicht achtete. Aber nichts von Trau-\nrigkeit war in ihm oder bittrer Niedergeschlagen-\nheit. Wer war dieses Mädchen, daß sie ein Recht\nhatte, sich selbst zu fühlen? Er spottete ihres\nGedankeins. Ja, als eine zornrote, gezwungene\nGelassenheit ihm antwortete, lachte er dem Mäd-\nchen ins Gesicht und ließ sie gleichgiltig von sich\nfortgehen und ohne Gruß.\nEr freute sich jetzt bei der Erinnerung an seine\nerste Niederlage, etwas in ihm fühlte sich gerächt,\nund er genoß diesen Streit als den eigentlichen\nSchlußakt jener Komödie. Eine Lustigkeit und\nLaune ergriff ihn; diese Lustigkeit wünschte sich\nzu vergrößern, und sah sich um, und mit eins kam\nJohannes, der über die unerwartete Fortsetzung\njener UngliickSeligkeit beglückt war, der Einfall,\nganz den Sieg auszunutzen und zu Ende zu ge-\nnießen; das Weibchen mußte, zufällig, wie es sich\nihm darbot, wlie ihn auch ein zufälliges Wesen\nhatte leiden machen, für ihr Geschlecht büßen.\nSo tief wollte er es peinigen, wie er selbst ge-\nlitten hatte und noch tiefer, und er wollte ihrer\nQual zuschauen.\nSo wenig war sie ihm, nicht viel mehr als sein\nHund. Sie fesselte ihn nicht; aber wenn er jetzt\nan sie dachte, jagte ihm ein frohes Gefühl über die\nHaut, eine verspielte unnütze Lust.\nEin leichtes Mitleid mit ihr, die ihm verfallen\nwar, bebte wieder in ihm, das, entfernt, sein Ver-\nlangen zu dämpfen, es entflammte.\nManchmal schwoll eine Dankbarkeit gegen\ndas Mädchen in seiner Begierde, und er glaubte,\nsie auszuzeichnen, weil er sie gerade zum Spiel-\nzeug seiner Lust wählte.\n*\nEr ging seinem seltsamen, heimlichen Vergnü-\ngen nach. Es war ein Fest im Freien, wo er hof-\nfen durfte, ihr wieder zu begegnen. Bald sah er\nsie auch, auf dem weichen Rasenboden sicher und\nfreudig auftretend, unter vielen anderen.\nSein Blick griff zu ihr herüber. Auch sie sah\nihn; ihre Blicke streiften ihn rasch und fremd und\nglitten über ihn hinweg. Johannes drängte sich\ngereizt in ihre Nähe; als neben ihm einige über\nsie sprachen, wurde er noch unwilliger.\nWas hatten sie sich um seinen Raub zu küm-\nmern? Sie nannten sie eigenschön; er wußte es\nnicht, auch tat ihr Aussehen nichts zur Sache;\naber er freute sich leise, daß andere doch also nur\nauf so Läppisches an ihr achteten.\nSie wagte es also doch. Sie hatte vorher über\nihn und seine Worte hinweggedacht, jetzt plau-\nderte sie still und ernst, ohne seiner zu achten.\nUeber einem starken und frohen Gefühle hatte\nihr Bild in Johannes Seele gestanden; er glaubte\nein Recht auf sie zu haben und fand, daß es sich\neigentlich nicht gezieme, wenn sie, die er mit so\nernster Krone geschmückt hatte und noch\nschmücken wollte, leicht hin scherze. Es leuchtete\nihm bald ein, daß er sie nicht zur Rede stellen\nkonnte unter den Blicken aller. Sie wich ihm ganz\naus, nachdem er noch einmal ihr Auge gleichgiltig\nüber ihn hingeschaut hatte. Er konnte sie nicht\nan den Handknöcheln fassen und höhnisch frech\nliebkosen, wie er es wollte, ihr weisen, wie unbe-\nrührt ihn ihre Eigenschönheit lasse.\nEr war wehrlos gegen sie, ganz wehrlos. Die\nMusik spielte. Es wehte unter dem breiten Laub\nder Bäume ein so liebliches Lachen, Schwatzen\nund Wortgeschäum, solche lenzliche, wreiße Le-\nbensleichtigkeit schimmerte und schwebte über\nden gelben Sand.\nHerrischer Grimm trat Johannes ins Blut; dann\nging er. Sie hatte ihn vertrieben; sie hatte ihm\nalle süße Freude verdorben. Er wollte mit ihr,\ngerade mit ihr lustig sein. Es war Gewalttat,\nwas vorlag.\nWas maßte sich dieses Weib an? Sie, — o —:\ner ballte die Hände zusammen; der gestaute\nGrimm begann in seiner Brust zu klagen und\ndrohte der Samariterin, die ihn schonen und pfle-\ngen sollte, nicht frisch verharschte Wunden auf-\nbrechen. Ganz wollte er jenes erste Elend ver-\nschütten, — sie aber grub wieder daran, grub\nbreiter und tiefer.\nDas Dunkelgefühl, das sich seiner bemächtigte,\nlockte mehr auf. Er ging, während hinter ihm sich\nder Lenz freute; so fühlte er sich hilflos vertrie-\nben und abgeschlossen; auch der alte scheue Blick\nauf die Menschen, die sprachen, spielten und lach-\nten, der Blick, dessen er sich schon entwöhnt\nhatte, stach wieder aus seinen Augen, und gerade\nsie sah er, die so freudig und sicher auf dem\nRasenboden und dem Sand auftrat. Aber jetzt\nwar er nicht mehr so kindlich hilflos wie damals,\nals er sich verkroch oder neulich, als seine Ge-\ndanken sich bäumten, aber Mund und Blick\nschwiegen. Nun wollte er die alte Schuld restlos\neinziehen. Mit Ruten und Skorpionen wollte er\nüber sie fahren, die sein Glück. verstörte, sich\nsein Recht zu holen; das Gleichgewicht sollte\nwieder hergestellt, dem Gesetz genüge getan wer-\nden. O, sein Raub, seine rechte Beute sollte ihm\nnicht entwischen.\nKeine bewegliche Freude trillerte wie vorher\nüber seiner Begierde. Das finstere schwere\nRachegefühl schwieg, aus einem fahlen Winkel\nlugend, alles tot um sich."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-23-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-23_01#c006", "volume": "bmtnabg_1912-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "822", "page_fin": "824", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.2.6", "titre_corps": "Manifest der Futuristen", "titre_sommaire": "Manifest der Futuristen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "822", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.4", "debut_caractere": 7699, "fin_caractere_exclue": 10448, "texte": "Manifest der Futuristen\nAm achten März 1910 schleuderten wir von\nder Rampe des Theaters Chiarella zu Turin unser\nerstes Manifest einem Publikum von dreitausend\nPersonen — Künstlern, gebildeten Menschen, Stu-\ndenten und Neugierigen — entgegen, einen gewal-\ntigen lyrischen Block, der unseren Ekel und unsere\nhochmütige Verachtung enthielt, unsere Empörung\ngegen die Vulgarität, gegen die pedantische, aka-\ndemische Mittelmäßigkeit, gegen den Kult dessen,\nwas antik und wurmstichig ist.\nWir stimmten damit der Bewegung der futu-\nristischen Dichter bei, die vor einem Jahr von F.\nT. Marinetti in den Spalten des „Figaro\" einge-\nleitet worden war.\nDie Schlacht von Turin ist allbekannt geblie-\nben. Wir tauschten fast ebensoviel Faustschläge\nwie Gedanken, um den Genius der italienischen\nKunst vor einem verhängnisvollen Tode zu be-\nwahren.\nWir benutzten nun einen Stillstand in diesem\nmächtigen Kampfe, um uns von der Menge zu\ntrennen und um mit technischer Genauigkeit unsere\nNeuerungen in der Malerei auseinanderzusetzen,\nNeuerungen, für die der Salon der Futuristen in\nMailand eine glänzende Manifestatione war:\nUnser immer wachsendes Wahrheitsbedürfnis\nkann sich nicht mehr mit Form und Farbe begnü-\ngen, wie sie bisher aufgefaßt worden sind.\nDie Geste, die wir auf der Leinwand wieder-\ngeben wollen, wird kein „festgehaltener Augen-\nblick\" des universellen Dynamismus mehr sein. Es\nwird einfach „die dynamistische Empfindung\" an\nsich sein.\nIn der Tat, alles bewegt sich, alles rennt, alles\nverwandelt sich in rasender Eile. Niemals ist ein\nProfil unbeweglich vor uns, sondern es erscheint\nund verschwindet unaufhörlich. Da das Bild in der\nNetzhaut verharrt, vervielfachen sich die Gegen-\nstände, wenn sie sich bewegen, sie verlieren ihre\nGestalt, indem sie einander verfolgen, wie über-\nstürzte Vibration in dem Räume, den sie durch-\neilen.\nAlles ist konventionell in der Kunst.\nNichts ist absolut in der Malerei. Was eine\nWahrheit für die Maler von gestern war, ist nur\neine Lüge für die von heute. Wir erklären zum\nBeispiel, daß ein Porträt nicht seinem Modell ähn-\nlich sein darf, und daß der Maler die Landschaf-\nten, die er auf die Leinewand bannen will in\nsich trägt.\nUm ein menschliches Antlitz zu malen, muß\nman es nicht malen; man muß die ganze Atmo-\nsphäre geben, die es umhült.\nDer Raum existiert nicht mehr. Das vom\nRegen naßgewordene und unter dem Schein der\nelektrischen Lampen glänzende Straßenpflaster\nwird in der Tat unendlich hohl bis an den Mittel-\npunkt der Erde. von Kilometern trennen\nuns von der Sonne; das verhindert nicht, daß das\nHaus vor uns mitten in der Sonnenscheibe sitzt\nWer kann also noch an die Undurchsichtigkeit\nder Körper glauben, wenn unsere erhöhte und ver-\nvielfältigte Empfindungsfähigkeit die undeutlichen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "823", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.5", "debut_caractere": 36, "fin_caractere_exclue": 3771, "texte": "Manifestation dessen, das vermittelt, schon erraten\nhat? Warum sollen wir in unseren Schöpfungen\ndie verdoppelte Macht unserer Sehkraft ver-\ngessen, die den X-Strahlen ähnliche Erfolge er-\nzielen kann.\nEinige Beispiele unter unzählig vielen genügen,\num die Wahrheit unserer Behauptung zu zeigen.\nDie sechzehn Personen, die man in einem in\nGang befindlichen Autobus vor sich sieht, sind\nnacheinander und doch auf einmal eine, zehn, vier,\ndrei; sie sind unbeweglich und ändern ihre Lage;\nsie kommen, gehen, hüpfen in die Straße, ver-\nschlungen von der Sonne, dann setzen sie sich\nwieder hin wie ewige Symbole der allgemeinen\nVibration.\nWie oft sahen wir nicht an der Wange der\nPerson, mit der wir uns unterhielten, das Pferd,\ndas weit hinten am anderen Ende der Straße da-\nherlief.\nUnsere Körper dringen in das Sofa, auf das\nwir uns setzen, ein, und das Sofa dringt in uns ein.\nDer Autobus stürzt sich in die Häuser, an denen\ner vorübersaust, und die Häuser stürzen sich auf\nden Autobus und verschmelzen mit ihm in eins.\nDie Anlage der Bilder war bisher geradezu\ndämlich traditionell. Die Maler zeigten uns nie-\nmals die Gegenstände und Personen vor uns. Von\nnun an werden wir den Beschauer in die Mitte des\nBildes setzen. , ; ;\nK\\ i *\nWiie in allen Bezirken des menschlichen\nGeistes ein hellseherisches, individuelles Suchen\ndie unbeweglichen Niedrigkeiten des Dogmas be-\nseitigt hat, so muß der belebende Strom der\nWissenschaft bald die Malerei von der akademi-\nschen Tradition befreien.\nWir wollen um jeden Preis in das Leben zu-\nrückkehren. Die siegreiche Wissenschaft von heute\nhat ihre Vergangenheit abgeschworen, um besser\nden materiellen Nöten unserer Zeit zu entsprechen;\nwir wollen, daß die Kunst, indem sie ihre Ver-\ngangenheit abschwört, endlich unsere» intellek-\ntuellen Bedürfnissen entsprechen, die uns be-\nwegen.\nUnser aufgefrischtes Gewissen hindert uns da-\nran, den Menschen als den Mittelpunkt des uni-\nversellen Lebens zu betrachten. Der Schmerz\neines Menschen ist ebenso interessant für uns, wie\nder Schmerz einer elektrischen Lampe, die unter\nkrampfhaften Zucken leidet und mit den herzzer-\nreißendsten Ausdrücken der Farbe, ©ie Harmonie\nder Linien und Falten einer modernen Kleidung\nüben auf unsere Empfindsamkeit dieselbe rührende\nsymbolische Macht aus, wie das Nackte auf die\nder Alten.\nUm die neuartigen Schönheiten eines futuristi-\nschen Gemäldes begreifen und erfassen zu können,\nmuß die Seele rein werden; das Auge muß sich\nseines Schleiers von Atavismus und Kultur ent-\nledigen, um endlich die Natur als einzige Kontrolle\nanzusehen und nicht das Museum.\nIst «dies erreicht, so wiird man sehr bald mer-\nken, daß sich niemals braune Nüancen auf unserer\nHaut spiegelten: Man wird merken, daß das Qelbe\nin unserem Fleische erglänzt, daß das Rote strahlt,\nund daß das Grüne, Blaue, Violette auf ihm in tau-\nsend wollüstigen und schmeichelnden Bewegungen\ntanzt.\nWie kann man das menschliche Antlitz noch\nso rosig sehen, wenn unser durch den Zustand\ndes Nachtwandeins geteiltes Leben unseren Far-\nbensinn und die Fähigkeit, Farben wahrzunehmen,\nvervielfacht hat? Das menschliche Antlitz ist\ngelb, rot, grün, blau, violett. Die Blässe einer\nFrau, die das Schaufenster eines Juweliers be-\ntrachtet, irisiert intensiver als das prismatische\nFeuer der Edelsteine, die sie fasziniert betrachtet\nUnsere Empfindungen in der Malerei können\nnicht mehr geflüstert werden. Wir wollen, daß sie\nvon nun an singen und auf unseren Bildern wie\nbetäubende, den Triumph verkündende Posaunen\ntönen.\nEure an den Halbschatteil gewöhnten Augen\nwerden sich bald strahlenderen Helligkeitserschei-\nnungen öffnen. Die von uns gemalten Schatten\nwerden lichter sein als die Flächen voller Licht\nunserer Vorgänger, und unsere Bilder werden ge-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "824", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3285, "texte": "gen über denen der Museen erglänzen, wie ein\nblendender Tag gegenüber einer nebligen Nacht.\nDaraus schließen wir, daß heutzutage keine\nMalerei ohne Divisionismus existieren kann. Es\nhandelt sich nicht um einen Vorgang, den man er-\nlernen und seinem Willen nach verändern kann.\nDer Divisionismus muß für den modernen Maler\nein angeborener Komplementarismus\nsein, den wir für wichtig und notwendig halten.\nWahrscheinlich wird man unserer Kunst ge-\nquälte, dekadente, übertriebene Geistesschärfe vor-\nwerfen. Wir aber werden einfach antworten, daß\nwir der Stamm einer neuen, verhundertfachten\nEmpfindungsfähigkeit sind, und daß unsere Kunst\ntrunken von Eingebung und Macht ist.\nWirerklären:\n1 Daß man alle nachgeäfften Formen ver-\nachten, alle ursprünglichen Formen aber rühmen\nnral.\n2 Daß man sich gegen die Tyrannei der\nWorte „Harmonie\" und „guter Geschmack\" em-\npören muß, gegen solche nur allzu dehnbaren Be-\ngriffe, mit denen man leicht die Werke von Rem-\nbrandt, von Goya und von Rodin zerstören könnte.\n3 Daß die Kunstkritiken unnütz und schädlich\nsind.\n4 Daß man alle schon benutzten Sujets weg-\nkehren muß, um unser wirbelndes Leben von\nStahl, Stolz, Fieber und Schnelligkeit auszu-\ndrücken.\n5 Daß man es als Ehre ansehen muß, „ver-\nrückt\" genannt zu werden; denn damit bemüht\nman sich, die Neuerer zu knebeln;\n6 Daß der angeborene Komplementarismus\neine absolute Notwendigkeit für die Malerei bedeu-\ntet, wie der freie Vers für die Poesie und die\nPolyphonie für die Musik.\n7 Daß der allgemeine Dynamismus in der\nMalerei als dynamische Empfindung gegeben wer-\nden muß.\n8 Daß in der Art, die Natur wiederzugeben,\nvor allem Aufrichtigkeit und Reinheit liegen muß.\n9 Daß die Bewegung und das Licht das\nStoffliche der Körper zerstören.\nWir kämpfen:\n1 Gegen die erdharzige Färbung, durch die\nman sich bemüht die Patina der Zeit auf moder-\nnen Bildern zu verlarigen.\n2 Gegen die veraltete und elementare, auf\nflachen Färbungen beruhende Oberflächlichkeit,\ndie den linearen Bau der Aegypter nachahmen und\ndie Malerei zu einer ohnmächtigen, kindischen und\ngrotesken Zusammensetzung gebracht hat.\n3 Gegen die falsche Zukunftsmusik der Se-\nzessionisten und der independants, die neue, eben-\nso schablonenhafte, gewohnheitsmäßige Akade-\nmien eingeführt haben wie ihre Vorgänger.\n4 Gegen das Nackte in der Malerei, das\nebenso ekelhaft und unerträglich ist wie das Ehe-\nbrecherische in der Literatur.\nErklären wir diesen letzten Punkt. Es gibt\nnichts „Unmoralisches\" in unseren Augen; wir\nbekämpfen nur das Eintönige des Nackten. Man\nerklärt, das Sujet sei nichts, hingegen die Art es\naufzufassen alles. Einverstanden. Das lassen wir\ngelten. Aber diese vor fünfzig Jahren unum-\nstößliche Wahrheit ist es heute nicht mehr, was\ndas Nackte anbelangt, in einer Zeit, da unsere\nMaler, von der Notwendigkeit den Körper ihrer\nGeliebten vor uns auszubreiten besessen, ihre Sa-\nlons in ebenso viel Märkte verwesender Schinken\nverwandelt haben!\nWir fordern für zehn Jahre die\nabsolute Unterdrückung des Nack-\nten in der Malerei!\nUmberto Boccloni Maler / Mailand\nCarlo D. Carra / Maler / Mailand\nLttigi Russok) / Maler / Mailand\nQfacomo Balla Maler Rom\nQino Severin! / Maler J Paris\nDie Futuristen werden die zweite\nAusstellung der Zeitschrift Der\nSturm, Tier garten straße 34 a, kol-\nlektiv beschicken."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-23-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-23_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "823", "page_fin": "823", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.2.7", "titre_corps": "Harold Bengen: Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Harold Bengen: Originalholzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "823", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 34, "texte": "Harold Bengen: Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-23-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-23_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "824", "page_fin": "824", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.2.8", "titre_corps": "Wintersaison", "titre_sommaire": "Wintersaison", "signature_source": "Joseph Adler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "824", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.6", "debut_caractere": 3287, "fin_caractere_exclue": 8094, "texte": "Wintersaison\nJoseph Adler\nNun ist die Brücke da\nDer Theaterbusch hat mit einer neuen Panto-\nmime festere Wurzeln gefaßt. Der Blätterwald\nspendet ihm rauschenden Beifall. Ein gut dressier-\nter Ullsteinreporter konstatiert,\ndaß die Rückentwicklung des Zirkus zum The-\nater, die mit Reinhardts „Oedipus\" machtvoll\neinsetzte, auch die regulären Zirkusunterneh-\nmungen ergriffen hat. Die jüngste Premiere im\nZirkus Busch hat die letzte Brücke zum The-\nater geschlagen.\nMax Reinhardt hat die Rückentwicklung des\nZirkus zum Theater um mehr als ein griechisch\nStück vorwärts geschleudert, er hat sie in Fluß\ngebracht, und über diesen schlug jetzt die „Hexe\"\ndie letzte Brücke. Die Theaterwelt wird ge-\nstürmt und geplündert, sie wird hinabgerissen m\nden geharkten Sand, in die Manege, in die Arena.\nDas Theater soll in seine Wiege, der es seit Jahr-\nhunderten entwachsen ist, zurückverdrängt wer-\nden, und müßte es dabei alle Glieder seiner We-\nsensart zusetzen.\nDer Judas heißt Reinhardt, der, als fast kein\nHahn mehr nach den „Oedipus\" krähte, das The-\nater an den Zirkus verraten hat.\nEr entfesselte die Geister, und nun haben sie\neine „Hexe\" geboren, mit Hilfe des „gelehrten\nFräulein Busch\". Sie hat den Stoff zu ihr\naus der Geschichte geschöpft, und sie hat ihn\nauch einfach gemeistert.\n„Zum ersten Male ist es hier gelungen, wirk-\nliche Bühnenkunst mit der zirzensischen\nAuss t e 11 un g zu vereinen, so daß diese\ndramatische Arbeit in keiner Weise mit den ge-\nwöhnlichen Pantomimen auf eine Stufe zu stel-\nlen ist.\nJahrelang stand im Mittelpunkt der Panto-\nmime eine akrobatische Attraktion, ein hals-\nbrecherischer Trick, ein atemraubender Sturz\noder Flug. Für die Novität hat man sich die\nAttraktion aus der Kulissenwelt geholt.\"\nMan wird ganz dumm gemacht.\nWie konnte sich der Zirkus die Attraktion für\ndie Pantomime aus der Kulissenwelt holen, wenn\nerst die Premiere die letzte Brücke zum Iheater\nschlug? Ueber eine vorletzte? Hier stelle ich\neuch, elende Phrasenwälzer. Zwischen Zirkus und\nTheater liegt ein Meer, das sie nicht überbrücken\nläßt. Freilich hat es auch ein seichtes Gebiet,\nund Moses Reinhardt hat den „Oedipus\" aus der\nGefangenschaft der Vergessenheit geführt. In\neine Wüste. Er selbst führte den Tanz ums gol-\ndene Kalb auf, und den „Fünftausend\" gab er un-\ngesäuerte Brode, die unter dem kalten Licht er-\nloschener Sonnen nicht braun geworden sind.\nEin literarisches Bankett oder „Schöne Aussichten\"\n„Zu Ehren Felix Lehmanns, des langjährigen\nBerliner Direktors der J. G. Cottaschen Verlags-\nbuchhandlung, der jetzt als Teilhaber in die Firma\nWilhelm Borngräber, Verlag „Neues Leben\", ein-\ngetreten ist, fand im Flotel Bristol ein Festmahl\nstatt, zu dem sich viele hervorragende Persönlich-\nkeiten auf dem Gebiete der Literatur und Kunst\neingefunden hatten/'\nDas „Neue Leben\" sucht Anschluß an die Ru-\ninen der in oder ne n Literatur.\nDer junge Verlag, an dessen Spitze auch noch\nein Teilhaber getreten ist, hat Reverenz vor der\nalten Literaturgarde gemacht, die sich nicht er-\ngeben will, trotzdem sie schon gestorben ist.\nDie Firma Borngräber und Lehmann will sie\nunter ihrer Fahne sammeln und sie in diesem\nkampfreichen Leben neuen Siegen zuführen. Sie\nlud sie fürs erste zu einem Festmahl und machte\nihr zu guter Letzt mit Sekt die Mäuler auf hohe\nHonorare wässerig. So niedrig muß ich den Wert\ndes „literarischen Banketts\" einschätzen, denn\nsein Abglanz wird bald am deutschen Büchermarkt\naufleuchten. Man vergesse nicht, daß die Literatur\ndurch diese Sterne vertreten war:\nHermann Sudermann. den langjährigen\nFreund Felix Lehmanns, durch Ludwig Fulda,\nRudolf Stratz, Felix Philippi, Paul Schienther,\nGeorg Engel, Hanns Heinz Ewers, Professor\nLudwig Stein, Heinz Tovote u. a.\nDie „rn usikali s c h e W e 11\" hatte Hein-\nrich Grünfeld und Siegfried Ochs entschickt, und\ndie Maler Meyerheim, Hugo Vogel und Langharsn-\nrner vervollständigten das glänzende Bild.\nIm Verlauf des außerordentlich animierten\nBanketts ergriff Hermann Sudermann das Wort\nzu einer geistreich pointierten Rede, in der er\ndie Verlegerischen Vorzüge Direktor Lehmanns\nfeierte, dessen scharfer Blick so viele schrift-\nstellerische Talente entdecken half, und dein\nauch er, Sudermann, seine Einführung in die\nLiteratur zu verdanken habe.\nWider den scharfen Blick des Herrn Lehmatin\nwerden bald von neuem viele Bände Stumpfsinns\nsprechen. Und das ist so gewiß, als es verlorene\nMühe bleibt, unter den Meyerheims sich zurecht-\nzufinden. Der Paul ist der berii h m t e Löwen-\nmaler. Aber die andern?\nWer mir gesagt hat, daß der Meyerheim, der\ndie Raubtiere so entzückend schön malt, mit dem\nVornamen Paul heißt? Diese Pojente: Für die\nmusikalischen Genüsse des Abends sorgte Pro-\nfessor Paul Meyerheim, der berühmte Löwen-\nmaler, durch den Vortrag einiger Balladen von —\nLöwe.\nBrav gebrüllt, kundiger S c h m o c k."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-23-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-23_01#c009", "volume": "bmtnabg_1912-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "824", "page_fin": "824", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.2.9", "titre_corps": "Gemälde-Ausstellung Zeitschrift Der Sturm", "titre_sommaire": "Gemälde-Ausstellung Zeitschrift Der Sturm", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "824", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.6", "debut_caractere": 8169, "fin_caractere_exclue": 8432, "texte": "Gemälde-Ausstellung\nZeitschrift Der Sturm\nDer Blaue Reiter\nFranz Flaum\nOskar Kokoschka\nExpressionisten\nTier gar tenstraße 34 a\nDie Ausstellung ist täglich vom\n10 bis 5 Uhr (auch Sonntags) geöffnet\nKarte 1 Mark / Dauerkarte 2 Mark\nSchluß der Ausstellung am 10. 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Kunsthandiung, Aniiquariat, Verlag\nj| :: BERLIN W 15, Kurfurstendamm 33 ::\n| Standige Ausslellung\n» moderner Graphik Illustriert. Katalog u. Prospekte gratis\nSl{\njg R IM T R it T 'Vr'p! 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PECHSTE11\nWILMBRSDORF\nDurlacher Strafie 14\nMODERNER DMTERRICHTl\n:: II MALEREI\nGRAPHIK, PLASTIK\nTEPPICH-, GLAS- U.\n: MET ALL-ARBEIT :\nMALEREI IN VERBINDUNR!\nMIT ARCHITEKTUR"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-23-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-23_01#c028", "volume": "bmtnabg_1912-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "826", "page_fin": "826", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.2.28", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "826", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.8", "debut_caractere": 3025, "fin_caractere_exclue": 3051, "texte": "Buchhandlungen\n■>\nm\n*\n0.\n&"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-23-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-23_01#c029", "volume": "bmtnabg_1912-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "826", "page_fin": "826", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.2.29", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "826", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.8", "debut_caractere": 3053, "fin_caractere_exclue": 3152, "texte": "Edmund\nSucSihanSler u. flnfiquar\n:: BERLIN W. 35 ::\nRotsdamer Strasse 27 b\nFernsprecher Amt VI 5550"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-03-23-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-03-23_01#c030", "volume": "bmtnabg_1912-03-23_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "826", "page_fin": "826", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.2.30", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "826", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.8", "debut_caractere": 3154, "fin_caractere_exclue": 3258, "texte": "Baehhandlaag a. 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Jubelnd be-\nginnt Herr Fritz Engel: „Ewers, ein Mann von\nungewöhnlicher Vitalität des Geistes und des\nKörpers, Durchwanderer von fünf Erdteilen, Ro-\nmancier von strotzender Phantasie, eines unserer\nreichsten Talente will noch reicher scheinen, und\nhat unternommen, zur Bühne zu gehen.\" Warum\ner es tat, teilt der Mann mit der strotzenden\nPhantasie selbst der B. Z. am Mittag mit. Herr\nE. Reinhardt, der Bruder des bekannten Professors\nMax, war wieder einmal in großer Verlegenheit,\nwer Moissis Rollen spielen sollte. Nichts lag\nnäher, als den Durchwanderer von fünf Erdteilen,\nder ihn gerade in einer europäischen Angelegen-\nheit intervenierte, zu fragen, ob er nicht Moissis\nRolle spielen könne. Der Dichter gab ihm sein\nWort: „Ich dachte, es wird schon gehen. Am\nEnde habe ich schon ganz andere und schwierigere\nSachen gemacht.\" Aber wie der Herr Ewers nun\neinmal ist, kam sofort der künstlerische Ernst über\nihn und er ging in die Kammerspiele, um sich das\nStück anzuhören. Es berührte ihn nicht sympa-\nthisch, daß das Stück modern war. „Wenn ich\nein Kostüm anziehe, bin ich mit dem Kostüm ein\nanderer Mensch; die Maske macht es. Und Mas-\nken tragen — — du lieber Gott, das konnte ich ja\nschließlich.\" Sogar wenn er ein Kostüm auszieht,\nbleibt Herr Ewers interessant. Und Masken tragen,\ndu lieber Gott, das kann er schließlich. Natürlich\nwar Felix Hollaender an diesem denkwürdigen\nAbend anwesend und gab ihm gute schauspieleri-\nsche Ratschläge: „Bleiben Sie genau so, wie Sie\nim Leben sind, dann gehts.\" So denkt sich Herr\nHollaender das Schauspielern. Hierauf dachte\nHerr Ewers: „Das glaube ich, aber wie soll ich so\nbleiben, wie ich bin, wenn ich nicht meine eigene\nSprache spreche.\" Der Mann mit der strotzenden\nPhantasie bildet sich also tatsächlich ein, daß er\neine eigene Sprache spricht. Hierauf dachte er\nweiter, „daß es wohl ein schönes Erlebnis sein\nWürde, in einem eigenen Stück aufzutreten. Da\nkann der Dichter — er selber sein— kann es noch\nviel mehr, wie im Leben . . .\". Die Herren E. Rein-\nhardt und Felix Hollaender scheinen dem Dichter\ndas Erlebnis nicht gönnen zu wollen. Sie könnten\nja schließlich das Stück annehmen, ohne es spielen\nzu lassen, womit man sich Pressedichter ver-\npflichtet. Der Dichter verkündet hierauf, daß er\npünktlich zur Probe gekommen sei, „weil er solche\nAngst vor Felix Hollaender hatte.\" Und schon am\nAbend sollte er spielen. „Das wird ein Genuß\nwerden, dachte ich, aber ich dachte auch, morgens\nProbe, abends Probe, das ist ganz gleichgültig.\nDie Presse ist ja doch nicht da\".\nNach der Probe gab der Dichter das Denken auf\nund fing an, seine Rolle zu lernen. Sogar auf dem\nKlosett. Ein Romancier schreibt natürlich: „Ich\nnahm sogar meine Rolle mit, als ich noch\nirgendwohin mußte.\" Wie poetisch! Welche strot-\nzende Phantasie! Welche Vitalität! Sogar. Das\nSpiel beginnt und o Wunder, man teilt dem Dichter\nmit, die Presse sei da. Die Presse konnte sich\nnicht mehr halten. Wer mag die Presse gerufen\nhaben? trotzdem der Romancier sich so sicher\nohne Presse fühlte. Seine Mitspieler, versichert\nder Dichter, fanden ihn scheußlich. „Aber über die\nPresse habe ich mich gefreut. Ich fand, daß sie\nfabelhaft gütig und anständig war. Wenn ich da\nunten gesessen hätte, hätte ich ganz anders ge-\nschimpft! Immerhin, sie hat mich überrumpelt, die\nPresse. Sie hätte ganz gut auch ein paar Abende\nspäter kommen können, denke ich, aber trotzdem\n—das schadet garnidits, und ganz ehrlich — ich\nglaube, sie wird Gelegenheit haben, noch einmal\nanders zu schreiben. Denn wirklich, ich habe\nnoch etwas zu sagen von der Bühne\nh e r a b.\" Von der Bühne will uns der Romancier,\nuns, überreden. Was mag er uns von der Bühne\nherab sagen wollen? Eine lebende Reklame?\nWill er den König in Unterhosen spielen? zu dem\nihm nur der König fehlt. Nun, wir versprechen ihm,\nihn nicht zu überrumpeln. Er soll mitteilen, wenn\nseine Zeit gekommen ist. Die Presse war unge-\nheuer gütig. Herr Engel lehnte ihn „unseren\nFreund\" ab. Mit ungeheurem Wohlwollen: „Gewiß\ner sah elegant aus (Herr Engel wird ihm doch\nnicht unter die Kleider gekuckt haben), aber er\nbewegte sich wie einer , der dauernd von den\nGegenständen der Szene befremdet ist. So hat\nHeinz Ewers theatralische Sendung nicht gut be-\ngonnen.\" Den göttlichen Glauben an die göttliche\nSendung läßt sich Herr Engel nicht nehmen. Und\ndas liebste Kind des Glaubens, das Wunder, tritt\nmit Ferwirkung auf. Man telephoniert: „Diese\nZeilen (nämlich die gütig ablehnenden) waren ge-\nschrieben, als Herr Ewers uns telephonisch\nmitteilte, daß er nur eine einzige Probe mitge-\nmacht hätte. Vielleicht erklärt das einiges, aber\nnicht alles.\" Alles erklärt es, Herr Fritz Engel, alles.\nDie deutschen Schauspieler wissen nun, wie man\nHerrn Engel zu Sphärenmusiken veranlassen kann.\nMan telephoniere ihm abends um elf Uhr, wenn\ner disharmonisch gesinnt ist. Man erkläre ihm,\nwarum man ihm nicht gefallen haben könnte. Man\nstelle ihn aber nicht nur mit einer Probe auf die\nProbe, man arbeite stärker. Herr Engel ist näm-\nlich auch lyrisch. Man weine vom Tode der\nMutter, man iuble vom Glück der Hochzeit, man\nteile ihm Kinderfreuden mit, man berufe sich auf\nChampagnergelage, kurz, man lasse ihn an allen\nach so menschlichen Leiden und Freuden teil-\nnehmen, den guten Onkel Engel, und er wird alles\nerklärlich finden, er wird alles verstehen und alles\nmit einem leisen Stitnrunzeln verzeihen. Solange\nman den Kunstkritiker unter irgend einer Telephon-\nnummer erreichen kann, ist der Künstler nicht ver-\nloren. Das weiß der Dichter Ewers. Verschiedenen\nanderen Zeitungen, die sich nicht an der Ueber-\nrumpelung beteiligten, „wurde von verschiedenen\nSeiten telephonisch mitgeteilt, daß Herr Ewers\neinen geradezu glänzenden Erfolg gezei t i g t\nhabe.\" Diese telephonische Kritik wollen wir aber\ndoch den Herren abgewöhnen. Ich bitte die\nTheaterbesucher dringend, die betreffenden Redak-\ntionen jeden Abend um elf Uhr anzurufen und ihnen\nihre Meinungen mitzuteilen. Ich möchte wet-\nten, daß man nicht Rücksicht nehmen wird. Es\nmüßte denn sein, daß ein Mann von so ungewöhn-\nlicher Vitalität des Geistes und des Körpers für sich\ntelephonieren läßt, wie der Dämoniker mit den\nSockenhaltern. Der kann nämlich alles, wie sein\nFreund Johannes Gaulke mitteilt: „Ewers ist ein\nKünstler, der jeden Stoff, auch den Ekel- und\nGrauenerregenden, überwältigt und zu einem\nKunstwerk formt.\" Daß er Stoffe zu einem Kunst-\nwerk formt, sich also mit eigener Dichterhand das\nPyjama schafft, überwältigt. Das Grauen, das er\nerregen will, wirkt komisch. Nur der Ekel bleibt\nzurück, daß Menschen so etwas für ein Kunstwerk\nhalten.\nKoche mit Kunst\n„Die erste Berliner Aufführung des Dmoll\nQuartetts in einem Satz opus 7 von Arnold Schön-\nberg beim Rosequartett versuchte ein Häuflein von\nFreunden des Komponisten zu einer Sensation zu\nstempeln. Es war ungefähr das Bild, daß man im\nletzten Frühjahr bei Herwarth Waldens scheuß-\nlicher Fiamettamusik erlebte. Einige Jünglinge,\nderen Haupthaar eine unüberwindliche Abneigung\ngegen die Schere verrät, klatschten rasend, da-\nzwischen gellt das Pfeifen eines Hausschlüssels\nund der Rest des Publikums sieht halb gelangweilt,\nhalb lächelnd drein.\" So schreibt Herr Erich Urban,\nVerfasser des Buches von der natürlichen Ernäh-\nrung des Menschen „Ich kann kochen4' in der\nB. Z. am Mittag, wo er im Nebenberuf als Musik-\nkritiker angestellt ist. Man kann sich natürlich\nmit so einem Kochkünstler nicht über Musik vo«\nArnold Schönberg und noch viel weniger über die\nMusik der Fiametta streiten. Chacun a son goüt.\nDiese Weisheit gilt aber nicht für die Kunst, son-\ndern nur für das Kochen. In Herrn Erich Urban\nsteckt ohne Zweifel ein Dichter . Er hat seinem\nKochbuch ein Vorwort beigegeben. Und nennt es\nnatürlich Zum Geleit: „Ich kann kochen — wie\nwenige vermögen das reinen Herzens von\nsich zu sagen. Ja, wer legt überhaupt noch Wert\ndarauf, kochen zu können? Denn um die edle Koch-\nkunst ist es heute übel best eilt.\" Als Ritter naht\nHerr Urban reinen Herzens. Aber das Kochen geht\nnicht so reinlich ab. Er schmeißt seine nebenberuf-\nliche Tätigkeit in denselben Pott: „Daß aber das\nGefühl für das Künstlerische im Kochen so ganz\nabhanden gekommen ist, das ist das Betrübende\nund im Interesse unserer Damen so tief Bedauer-\nliche.\" In der Musik kocht Herr Urban mit trübem\nWasser und in der Küche mit Kunst. Es sind trau-\nrige Zeiten heute. „Leben wir somit nicht gerade\nin den Blütejahren der Kochkunst, so muß doch\nauch zu Ehren der Frauen, die heute der Küche\ngleichgültig gegenüberstehen, gesagt werden, daß\nsie nicht allein die Schuld tragen, daß ihnen die\nFreude an der Sache zum Teil auch durch die bis\nletzt bestehenden Kochbücher vergällt wor-\nden ist,\" Da kommt der Ritter Urban reinen Her-\nzens und spuckt ihnen in die Suppe. Herr Urban\nschafft das Kochbuch: „Denn darüber müssen\nwir uns klar sein, daß zum Kochen genau soviel\nTalent und ursprüngliche Begabung gehört, wie\nzum Dichten, Malen und Komponie-\nre n, das demnach nur der ein wahres Kochbuch\nzu liefern versteht, der den Kochkunsttrieb\nim Menschen, mag er weiblichen oder männlichen\nGeschlechts sein, zu wecken versteht.\" Ich gehe\nnoch weiter, ich bin noch moderner, denn ich be-\nhaupte, es gibt nicht nur einen Kochkunsttrieb im\nMenschen, es gibt sogar einen Kochkunstbuch-\nschreibtrieb im Menschen, zu dem noch mehr Be-\ngabung gehört, als Musikkritiken zu schreiben.\nDem Ritter Urban mit dem reinen Herzen braucht\nman ihn nicht zu wecken zu verstehen. Ein Trieb\nist überhaupt einfach und diesen Koch-\nkunstbuchschreibtrieh braucht man nur sich aus-\nkochen zu lassen. „Mit anderen Worten, wenn\nman heute die Kochkunst etwas über die Achsel\nansieht, so liegt das mit daran, daß ein blosses\nNachschlage- und Rezeptbuch dem sensiblen\nfarbenfreudigen Empfinden mode r -\nne r Menschen eben nicht mehr genügt, daß die\nüberall aufkeimende Lust und Liebe zum Kochen,\nauf dem sandigen Boden veralteter Kochtheoretik\neinfach verkümmert.\" Der Ritter Urban läßt nun\ndie aufkeimende Lust und Liebe sprießen. Neues\nBlühen in deutschen Landen. Das Kochen will nicht\nenden. Nun armes Herz vergiß die Qual. Lyrik\nund Kochkunst reichen sich die schönen Hände\nzum ewigen Bunde. Der Ritter Urban verkuppelt\ndie Damen und bringt sie dem sensiblen farben-\nfreudigen Empfinden moderner Menschen näher.\nEr hat weder Kosten des Verlages, noch Mühen des\neigenen Magens gescheut, um sich durch alle Ge-\nrichte durchzumessen. Und seine ganz besondere\nAufmerksamkeit hat er „zum Schluß\" den Illustra-\ntionen zugewandt. Unsere Bilder zerfallen in drei\nGruppen. Sie fixieren zumeist den dramatischen\nHöhepunkt eines Gerichts, sind sozusagen der\nSchlüssel zu seinem Gelingen (ein etwas rostiges\nGericht) und treten in ganzen Serien auf,\nsobald es sich um eine Kette von Vorgängen han-\ndelt.\" Dem Ritter Urban geht es wie vielen ganz\ngroßen Künstlern, er wird paranoisch. Und da es\nsich um das Kochen handelt, manscht er Punkte,\nGerichte, Schlüssel, Serien, Kette und Vorgänge zu\neinem Brei, den er reinen Herzens vorsetzt. „Alle\ndiese photographischen Aufnahmen sind in den"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "821", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.3", "texte": "größten Hoteis und Restaurants von einem\nSpezial photographen unter meiner\nLeitung gemacht worden, und wer erfahren\nw-ili, was an Arbeit und Mühe gerade in diesen Bil-\ndern steckt, der lasse sich von diesem Herrn unsere\nAventuren erzählen.\" Her mit der Adresse. Der\nSpezialphotograph soll sich melden. Ich bin für\nAventuren. Ich hoffe jedoch, daß der Ritter Urban\nden modernen Köchinnen nicht seine Musikkritiken\nvorgelesen und ihnen damit den Magen verdorben\nhat. Ein Mensch, der diese Geleitworte schreibt,\nwagt Beethoven gut zu finden. Wagt, die Fiametta\nscheußlich zu finden. Wie richtig müssen die\nHerren Ullstein ihre Leser einschätzen, daß sie es\nwagen., ihnen diesen Kochkünstler als Musikkritiker\nvorzusetzen.\nBerichtigung\nIch will den Lesern dieser Zeitschrift nicht vor-\nenthalten, daß es in Berlin seit vierunddreißig\nJahren ein Blatt gibt, das Kleine Journal. Früher\nleitete es Herr Leo Leipziger, Verfasser blöder\nReimereien, jetzt Herr Lehmann. Ueber Herrn\nLehmann bin ich leider nicht orientiert. Jedenfalls\nist Herr Lehmann nicht aktuell. Er teilt seinen\nLesern, der Frau Gertrud Wertheim, dem Herrn\nLeo Leipziger, dem Herrn A. O. Weber und dem\nHerrn Edmund Edel mit, daß Herr Herbert\nWilden, eine Zierde des Cafes des Westens sei,\nund die Zeitschrift Der Sturm nur von den Gästen\ndieses Cafes gelesen werde. Der Herr Lehmann\nist ein schlechter, unaktueller Journalist: Herr\nHerwarth Waiden verkehrt seit mehreren Monaten\nnicht mehr im Cafe des Westens und ist auch\nnie so größenwahnsinnig gewesen, sich dort neben\nden Herren Lothar, Edel, Turszinsky, Saudek als\nZierde zu fühlen. In diesem Cafe wird auch der\nSturm nicht gelesen. Denn er ist dort garnicht\nvorhanden, und die Stammgäste könnten auch ihre\nAngst nicht so lange zurückhalten. Ueber die\nKunst, die der Sturm vertritt, kann Herr Lehmann\nruhig in seinem gutbürgerlichen Glauben gelassen\nwerden.\nKunstpöbelei\nHerr Felix Lorenz, ein Cabaretdichter, hat\njahrelang im Berliner Tageblatt die höhere Lite-\nratur „redigiert\". Man entsinnt sich vielleicht, daß\nHerr Mehring, Verfasser eines Reimlexikons, also\neine Autorität, ihn als klaren Flötensänger pries.\nDie Literatur wurde ihm durch einen mossischen\nZufall los. Und der Herr Lorenz stürzte sich nun\nmit Eifer auf „die bildende Kunst der Gegenwart\".\nEr schuf sich sogar ein neues Organ, daß er natür-\nlich Die Kunstwr ell nannte. In diesem Organ für\ndie bildende Kunst der Gegenwart verhöhnt der\nHerr Felix Lorenz Künstler wie Kandinsky, Hanns\nBolz, Wilhelm Morgner, E. L. Kirchner und die\ngesamten Mitglieder der Neuen Sezession. Nicht,\n©hne vorher heimtückisch die Herren um Erlaub-\nnis zur Reproduktion ihrer Bilder und Zeichnungen\ngebeten zu haben. Das Dolose dieser Handlung ist\ndie einzige originelle Leistung des Herrn Lorenz.\nSein Artikel enthält nicht den geringsten Ansatz\nzur Kritik, er begnügt sich damit, die ältesten\nWitze der Fliegenden Blätter in schlechtem\nDeutsch nachzuschreiben. Ich hoffe, daß nach\nKenntnis dieser Affaire kein Künstler diesem\nBlättchen eine Reproduktion seiner Bilder mehr ge-\nstattet. Man hüte sich vor Hunden.\nLiteraturpöbelei\nDer Doktor Artur Eloesser, Mitarbeiter der\nNeuen Rundschau und Theaterkritiker der Vossi-\nschen Zeitimg, müßte nun wirklich endlich letal ab-\ngeben. Seine Senilität hat den von mir so gelieb-\nten Höhepunkt bereits überschritten. Dieser Mann\nschreibt von Przybyszewsky, sein literarisches\nVerdienst bestände darin, „im Gefolge Strindbergs\nden schwedischen Punsch in die deutsche Literatur\neingeführt zu haben\". Solange sich der deutsche\nDektor seinen Magen mit Schweinsohren, Weißbier\nund Pfannkuchen vollschlägt, braucht sich Polen\nnicht verloren zu geben.\nDer Conferencier\nEmilie Verhaeren las in Berlin aus seinen\nDichtungen. Diese Gelegenheit ließ sich Herr Julius\nBab nicht nehmen, um den Dichter schnell einmal\neinzuführen. Er redete quelques mots sur Ver-\nhaeren et son oeuvre. Er machte es ausgezeichnet,\netwa wie der Manager des Riesen Machnow im\nPassage Panoptikum: „Meine verehrten Damen und\nHerren! Sie werden gleich den berühmten Dichter\nVerhaeren sehen. Sie haben sich hier versammelt.\nSie müssen aber etwas warten, weil ich Ihnen erst\neiniges über den Mann erzählen muß. Dieser\nDichter ist ein wahrhaft großer Dichter. Er schuf\nbis jetzt in drei Perioden. Die mittlere Periode . . .\nVerhaeren knüpft an den letzten großen Harmo-\nniker Goethe an. Was wir besonders an Verhaeren\nlieben, er ist mehr als poetisch. Er hat die\nLebenskraft in sich. Er bejaht das Leben.\"\nWörtlich sind die Zitate nicht. Nur der letzte\nHarmoniker und das Mehr als poetisch ist unver-\nfälschter Bab. Die übrigen Bemerkungen sind\ndafür desto echter.\nGemässigte Lyrik\nHerr Norbert Falk hat Stunden, wo er sich\ndurchaus als moderner Mensch fühlt. Dann tritt er\nfür gute Lyrik ein und entdeckt Marie Madeleine.\nFrüher sei sie versgewandt und klangreich ge-\nwesen, sagt Herr Norbert Falk, „jetzt aber ist der\nKlang abgedämpft, der Rhytmus hat nicht mehr\nden fiebrigen Puls, die hektische Röte ist in gesun-\ndere Farbe gewandelt. Die Verse des neuen\nBuches verhalten sich zu denen des Erstlings wie\ndie zur vollen Blüte entwickelte Frau zum Mäd-\nchen. Wie die heiter Wissende zu der phantastisch\nAhnenden\". Poesie steckt an. Herr Falk gibt auch\neine Probe eines zur vollen Blüte entwickelten\nGedichtes:\n„Als erste Jugend mit Traum und Tand\nMich gefesselt hielt in Bann und in Haft,\nDa pflückte ich schon mit zitternder Hand\nDie rote Rose Leidenschaft.\n*\nNun weiß ich gar wohl, zu dieser Frist;\nKeine Rose blüht, wenn der\nFrühling kommt,\nWenn die Welt voll Keimen und Knospen ist\nDer Sommer ist's, der den Rosen frommt!\"\nNun weiß sie es, daß keine Rose blüht, wenn der\nFrühling kommt. Wenigstens nicht in der von\nDichtern so geliebten Natur. Aber sie und Herr\nFalk wissen, daß der Sommer 's ist, der den Rosen\n„frommt\". Ja, sagt Herr Falk, „von des Lebens\nheißen Mittag, vom Sommer der Lust erzählen die\nGedichte, von bewußtem Begehren und Gewähren,\nvon Erfüllungen und Stillungen.\" Die Stillungen\nscheinen auf die Erfüllung des Erstlings hinzudeu-\nten. Die Glut der roten Rose Leidenschaft, sagt\nHerr Norbert Falk, ist mit einer feinen Kunst zu\neiner schönen schlanken Flamme gebändigt. Näm-\nlich so:\nDie Sterne schimmern wie Opale,\nUnd diese Nacht so stumm und wild,\nIst eine schwarze Marmorschale,\nDie ganz von Blüten überquillt.\nUnd glühend hast du mich umfangen.\nWie klopft dein heißes Herz so laut.\nEs rang dein gieriges Verlangen\nMich nieder tief in Gr a s und Krau t.\nit\nWenn das Kraut trotz der reifenden Kunst nur\nnicht Feuer fängt. Es wäre schade um das Gras.\nDer politische Musikkritiker\nHerr Doktor Leopold Schmidt lökt fortgesetzt\ngegen den Doppelstrich, der ihn von der Politik\ntrennt. Er scheint mit heißem Bemühen, aber ohne\nVerständnis, den politischen Teil des Berliner\nTageblatts zu lesen. Hier ein Niederschlag:\nDraeseke war in seiner Jugend einer der ent-\nschlossensten Mitglieder der musikalischen Fort-\nschrittspartei, ein überzeugter Anhänger Liszts\nund Wagners; die spätere Entwickelung mitzu-\nmachen, hat er abgelehnt, und so ist er allmählich\nin die Reihen der Konservativen gekommen.\nDas ist furchtbar nett von Herrn Draeseke, daß\ner die Entwicklung mitzumachen ablehnt. Ein-\nma 1 muß der Mensch doch mit der Entwicklung\naufhören.\nTrust\n\nEsther\nElse Lasker-Schüler\nEsther ist schlank wie die Feldpalme\nNach ihren Lippen duften die Weizenhalme\nUnd die Feiertage, die (in Juda fallen.\nNachts ruht ihr Herz auf einem Psalme\nDie Götzen lauschen in den Hallen.\nDer König lächelt ihrem Nahen entgegen —\nDenn überall blickt Gott auf Esther.\nDie jungen Juden dichten Lieder an die Schwester\nDie sie in Säulen ihres Vorraums prägen.\n\nDer schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\nTagelang ging er still und kalt umher, bis das\nBlut wieder wärmer und voller aufrauschte, ihm\nBrust, Wangen schwellte, weiche Schultern und\ndie schweren Arme hob, die Hände ineinander-\nlegte. — Wer schichtet mir den Scheiterhaufen,\nvon Weihrauch, Tannen, Myrrhen, Spezereien, den\nScheiterhaufen, nach dem ich mich sehnen muß,\nwo suche ich den Blitz, der mich zerschmettert?\nMein Löser, mein starkes flammendes, sarda-\nnapalisches Glück. 0, Tod, wie süß bist du? O,\nich bin so verdorrt, von allem verlassen, leer und\nherabgesunken, ich möchte nur einäschern und\nschluchzen, ich sehne mich so zu schluchzen und\nzu lodern. Wie wenig will mir das Leben halten,\nwas es mir versprach, ach, und weinend muß\nich gestehen: wie wenig habe ich dem Leben\ngehalten. So wegessicher, so stark, ohnegleichen\nsollte mein Leben sein; was wißt ihr von meinen\nHoffnungen und WTünschen?\nJohannes, dein Leben —\n*\nEin immer waches Mißtrauen hielt ihn jetzt\ngefangen, wo er sich weiter von jenem Erlebnis in\nsteigender Kühle und Besinnung entfernte. Er sah.\ndaß er in jenen Tagen in heller Bewußtlosigkeit\numher gegangen war, daß er nicht das Pfauchen\nder Dampframmen, das Lärmen der Wagen und\nArbeiter, das ruhige, stärkende Schauspiel des\nHäuserbaus vor seinem Fenster bemerkt hatte\nBlind und taub war er gewesen. Wie fest hatte\nihn das flüsternde Gedränge in seiner Seele gehal\nten. — Er staunte und schämte sich seines Hin-\ngerissenseins. Erkaltend fand er sein Ohr ge-\nschärft für zirpende Obertöne in den Stimmen, die\ner nie gehört hatte.\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "822", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.4", "texte": "Seine ruhigen grauen Augen sahen sehneidend\ndünne Linien in Menschengesichtern, in denen\ner die Schwertstreiche ihres Schicksals erkannte.\nEr war nach außen gedrängt worden, seine\nSinne lauerten und sprangen. Er fühlte sich ge-\naltert und meinte, daß es vielleicht der Sinn des\nLebens sei, immer sicherer diese Ruhe zu ge-\nwinnen, immer tiefer Sehnsucht und Erstaunen\nfallen zu lassen. Veralten, verarmen, in die Kühle\nhinauf reifen, dieses wehe herbstliche Schauern\nimmer!\nSo überlegen, konnte er über sein Werben\num die flinkfüßige schwarzäugige, die so anmutig\nmit einem Kopfzucken ihre bläulich dunkle Haar-\nwellen zurückwarf, lächeln und lächeln. Wenn die\nSchauer des Allweiblichen von ihr sanken, was\nblieb von ihr? Er hatte nur entzückt aufge-\nnommen, was der Wind ihm über den Weg blies;\nganz wie ein unwissend vertrauend Kind hatte er,\nwas der Zufall ihm in den Mund steckte, herunter-\ngeschluckt. Leicht durchgelockert, die Arme geho-\nben, die Finger windfreund, fühlsam und horchsam,\nsann er auf verborgene, entlegene Genüsse. Ja,\nauf gefährliche Buhlen sinnen, süß unter Jubel, —\nschwarz glänzende Augen, Lippen: zwei schmale\nstrenge Blutlinien, hüpfende Sohlen, stilles Drehen,\nRieseln, Kreisen der schneeweißen Gewände —!\nAus den Fingerspitzen strömt es hin —\nKlein sind die Füße Isoldens; aber ihre Augen\nsind groß. Ach, wie der schaumfeine Hohn um\nihre Lippen; — Blutnelken stehn vor meinem Fens-\nter. Ein Fluß spült die Ufer in sich ein. Mit\ngelbem, breiigen Schlamm, und die Erde rutscht\nlangsam, : So trocknet mein versengtes\nZünglein, und mein Mund spitzt sich lecker und\nsaugt an ihrem Hohn, und schlürft ihn ein. Spielt\nund strafft sich ihr schneeiges Knie, duck ich mich,\nein Perser, bei Seite, Krümme den Rücken, einer\nHarfe gleich, die man mit Tränensaiten überzieht:\nGurre, bettle um zwei mädchenkeusche niedrige\nBrüste.\nIsolde, du siehst mich nicht und deine Zehen\ntreten in dem goldb raunen Schlamm. Zischst\nzwischen den Zähnen, was dir grad durch den\nSinn irrt, — daß dich dein Schuhchen drückt und\ndich auch etwas hungert: nun will ich schärfer\nzischen und das zuckende Ding fassen, deine Hand.\n*\nNeben vielen Frauen und Mädchen ging er auf-\nmerksam einher, aber innerlich unbewegt. Wenn\ner jetzt auf sich geachtet hätte, so hätte er Ver-\nwunderung und Befriedigung darüber empfunden,\nwie sicher und geringschätzig er geworden war\ngegen jene Wunder und Feinde.\nEin junges Mädchen, das er oft und teilnahms-\nlos gesprochen hatte, schien, während sie wieder\nsich über Gleichgiltiges Worte sagten, damit ihre\nGegenwart ihnen nicht nur fühlbar, sondern auch\nhörbar sei und sie sich nicht voreinander fürchte-\nten, mehr als auf ihre Worte, auf ihre Gedanken\nzu achten: so langsam und unbetont lösten sich die\nWorte von ihren Lippen und sammelten sich dort\nerst.\nEr, erst selbst mit sich befaßt, bemerkte es\nbald, lauschte schärfer, fühlte sich befremdet über\nsie, die ihn nicht achtete. Aber nichts von Trau-\nrigkeit war in ihm oder bittrer Niedergeschlagen-\nheit. Wer war dieses Mädchen, daß sie ein Recht\nhatte, sich selbst zu fühlen? Er spottete ihres\nGedankeins. Ja, als eine zornrote, gezwungene\nGelassenheit ihm antwortete, lachte er dem Mäd-\nchen ins Gesicht und ließ sie gleichgiltig von sich\nfortgehen und ohne Gruß.\nEr freute sich jetzt bei der Erinnerung an seine\nerste Niederlage, etwas in ihm fühlte sich gerächt,\nund er genoß diesen Streit als den eigentlichen\nSchlußakt jener Komödie. Eine Lustigkeit und\nLaune ergriff ihn; diese Lustigkeit wünschte sich\nzu vergrößern, und sah sich um, und mit eins kam\nJohannes, der über die unerwartete Fortsetzung\njener UngliickSeligkeit beglückt war, der Einfall,\nganz den Sieg auszunutzen und zu Ende zu ge-\nnießen; das Weibchen mußte, zufällig, wie es sich\nihm darbot, wlie ihn auch ein zufälliges Wesen\nhatte leiden machen, für ihr Geschlecht büßen.\nSo tief wollte er es peinigen, wie er selbst ge-\nlitten hatte und noch tiefer, und er wollte ihrer\nQual zuschauen.\nSo wenig war sie ihm, nicht viel mehr als sein\nHund. Sie fesselte ihn nicht; aber wenn er jetzt\nan sie dachte, jagte ihm ein frohes Gefühl über die\nHaut, eine verspielte unnütze Lust.\nEin leichtes Mitleid mit ihr, die ihm verfallen\nwar, bebte wieder in ihm, das, entfernt, sein Ver-\nlangen zu dämpfen, es entflammte.\nManchmal schwoll eine Dankbarkeit gegen\ndas Mädchen in seiner Begierde, und er glaubte,\nsie auszuzeichnen, weil er sie gerade zum Spiel-\nzeug seiner Lust wählte.\n*\nEr ging seinem seltsamen, heimlichen Vergnü-\ngen nach. Es war ein Fest im Freien, wo er hof-\nfen durfte, ihr wieder zu begegnen. Bald sah er\nsie auch, auf dem weichen Rasenboden sicher und\nfreudig auftretend, unter vielen anderen.\nSein Blick griff zu ihr herüber. Auch sie sah\nihn; ihre Blicke streiften ihn rasch und fremd und\nglitten über ihn hinweg. Johannes drängte sich\ngereizt in ihre Nähe; als neben ihm einige über\nsie sprachen, wurde er noch unwilliger.\nWas hatten sie sich um seinen Raub zu küm-\nmern? Sie nannten sie eigenschön; er wußte es\nnicht, auch tat ihr Aussehen nichts zur Sache;\naber er freute sich leise, daß andere doch also nur\nauf so Läppisches an ihr achteten.\nSie wagte es also doch. Sie hatte vorher über\nihn und seine Worte hinweggedacht, jetzt plau-\nderte sie still und ernst, ohne seiner zu achten.\nUeber einem starken und frohen Gefühle hatte\nihr Bild in Johannes Seele gestanden; er glaubte\nein Recht auf sie zu haben und fand, daß es sich\neigentlich nicht gezieme, wenn sie, die er mit so\nernster Krone geschmückt hatte und noch\nschmücken wollte, leicht hin scherze. Es leuchtete\nihm bald ein, daß er sie nicht zur Rede stellen\nkonnte unter den Blicken aller. Sie wich ihm ganz\naus, nachdem er noch einmal ihr Auge gleichgiltig\nüber ihn hingeschaut hatte. Er konnte sie nicht\nan den Handknöcheln fassen und höhnisch frech\nliebkosen, wie er es wollte, ihr weisen, wie unbe-\nrührt ihn ihre Eigenschönheit lasse.\nEr war wehrlos gegen sie, ganz wehrlos. Die\nMusik spielte. Es wehte unter dem breiten Laub\nder Bäume ein so liebliches Lachen, Schwatzen\nund Wortgeschäum, solche lenzliche, wreiße Le-\nbensleichtigkeit schimmerte und schwebte über\nden gelben Sand.\nHerrischer Grimm trat Johannes ins Blut; dann\nging er. Sie hatte ihn vertrieben; sie hatte ihm\nalle süße Freude verdorben. Er wollte mit ihr,\ngerade mit ihr lustig sein. Es war Gewalttat,\nwas vorlag.\nWas maßte sich dieses Weib an? Sie, — o —:\ner ballte die Hände zusammen; der gestaute\nGrimm begann in seiner Brust zu klagen und\ndrohte der Samariterin, die ihn schonen und pfle-\ngen sollte, nicht frisch verharschte Wunden auf-\nbrechen. Ganz wollte er jenes erste Elend ver-\nschütten, — sie aber grub wieder daran, grub\nbreiter und tiefer.\nDas Dunkelgefühl, das sich seiner bemächtigte,\nlockte mehr auf. Er ging, während hinter ihm sich\nder Lenz freute; so fühlte er sich hilflos vertrie-\nben und abgeschlossen; auch der alte scheue Blick\nauf die Menschen, die sprachen, spielten und lach-\nten, der Blick, dessen er sich schon entwöhnt\nhatte, stach wieder aus seinen Augen, und gerade\nsie sah er, die so freudig und sicher auf dem\nRasenboden und dem Sand auftrat. Aber jetzt\nwar er nicht mehr so kindlich hilflos wie damals,\nals er sich verkroch oder neulich, als seine Ge-\ndanken sich bäumten, aber Mund und Blick\nschwiegen. Nun wollte er die alte Schuld restlos\neinziehen. Mit Ruten und Skorpionen wollte er\nüber sie fahren, die sein Glück. verstörte, sich\nsein Recht zu holen; das Gleichgewicht sollte\nwieder hergestellt, dem Gesetz genüge getan wer-\nden. O, sein Raub, seine rechte Beute sollte ihm\nnicht entwischen.\nKeine bewegliche Freude trillerte wie vorher\nüber seiner Begierde. Das finstere schwere\nRachegefühl schwieg, aus einem fahlen Winkel\nlugend, alles tot um sich.\n\nManifest der Futuristen\nAm achten März 1910 schleuderten wir von\nder Rampe des Theaters Chiarella zu Turin unser\nerstes Manifest einem Publikum von dreitausend\nPersonen — Künstlern, gebildeten Menschen, Stu-\ndenten und Neugierigen — entgegen, einen gewal-\ntigen lyrischen Block, der unseren Ekel und unsere\nhochmütige Verachtung enthielt, unsere Empörung\ngegen die Vulgarität, gegen die pedantische, aka-\ndemische Mittelmäßigkeit, gegen den Kult dessen,\nwas antik und wurmstichig ist.\nWir stimmten damit der Bewegung der futu-\nristischen Dichter bei, die vor einem Jahr von F.\nT. Marinetti in den Spalten des „Figaro\" einge-\nleitet worden war.\nDie Schlacht von Turin ist allbekannt geblie-\nben. Wir tauschten fast ebensoviel Faustschläge\nwie Gedanken, um den Genius der italienischen\nKunst vor einem verhängnisvollen Tode zu be-\nwahren.\nWir benutzten nun einen Stillstand in diesem\nmächtigen Kampfe, um uns von der Menge zu\ntrennen und um mit technischer Genauigkeit unsere\nNeuerungen in der Malerei auseinanderzusetzen,\nNeuerungen, für die der Salon der Futuristen in\nMailand eine glänzende Manifestatione war:\nUnser immer wachsendes Wahrheitsbedürfnis\nkann sich nicht mehr mit Form und Farbe begnü-\ngen, wie sie bisher aufgefaßt worden sind.\nDie Geste, die wir auf der Leinwand wieder-\ngeben wollen, wird kein „festgehaltener Augen-\nblick\" des universellen Dynamismus mehr sein. Es\nwird einfach „die dynamistische Empfindung\" an\nsich sein.\nIn der Tat, alles bewegt sich, alles rennt, alles\nverwandelt sich in rasender Eile. Niemals ist ein\nProfil unbeweglich vor uns, sondern es erscheint\nund verschwindet unaufhörlich. Da das Bild in der\nNetzhaut verharrt, vervielfachen sich die Gegen-\nstände, wenn sie sich bewegen, sie verlieren ihre\nGestalt, indem sie einander verfolgen, wie über-\nstürzte Vibration in dem Räume, den sie durch-\neilen.\nAlles ist konventionell in der Kunst.\nNichts ist absolut in der Malerei. Was eine\nWahrheit für die Maler von gestern war, ist nur\neine Lüge für die von heute. Wir erklären zum\nBeispiel, daß ein Porträt nicht seinem Modell ähn-\nlich sein darf, und daß der Maler die Landschaf-\nten, die er auf die Leinewand bannen will in\nsich trägt.\nUm ein menschliches Antlitz zu malen, muß\nman es nicht malen; man muß die ganze Atmo-\nsphäre geben, die es umhült.\nDer Raum existiert nicht mehr. Das vom\nRegen naßgewordene und unter dem Schein der\nelektrischen Lampen glänzende Straßenpflaster\nwird in der Tat unendlich hohl bis an den Mittel-\npunkt der Erde. von Kilometern trennen\nuns von der Sonne; das verhindert nicht, daß das\nHaus vor uns mitten in der Sonnenscheibe sitzt\nWer kann also noch an die Undurchsichtigkeit\nder Körper glauben, wenn unsere erhöhte und ver-\nvielfältigte Empfindungsfähigkeit die undeutlichen"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "823", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.5", "texte": "Harold Bengen: Originalholzschnitt\n\nManifestation dessen, das vermittelt, schon erraten\nhat? Warum sollen wir in unseren Schöpfungen\ndie verdoppelte Macht unserer Sehkraft ver-\ngessen, die den X-Strahlen ähnliche Erfolge er-\nzielen kann.\nEinige Beispiele unter unzählig vielen genügen,\num die Wahrheit unserer Behauptung zu zeigen.\nDie sechzehn Personen, die man in einem in\nGang befindlichen Autobus vor sich sieht, sind\nnacheinander und doch auf einmal eine, zehn, vier,\ndrei; sie sind unbeweglich und ändern ihre Lage;\nsie kommen, gehen, hüpfen in die Straße, ver-\nschlungen von der Sonne, dann setzen sie sich\nwieder hin wie ewige Symbole der allgemeinen\nVibration.\nWie oft sahen wir nicht an der Wange der\nPerson, mit der wir uns unterhielten, das Pferd,\ndas weit hinten am anderen Ende der Straße da-\nherlief.\nUnsere Körper dringen in das Sofa, auf das\nwir uns setzen, ein, und das Sofa dringt in uns ein.\nDer Autobus stürzt sich in die Häuser, an denen\ner vorübersaust, und die Häuser stürzen sich auf\nden Autobus und verschmelzen mit ihm in eins.\nDie Anlage der Bilder war bisher geradezu\ndämlich traditionell. Die Maler zeigten uns nie-\nmals die Gegenstände und Personen vor uns. Von\nnun an werden wir den Beschauer in die Mitte des\nBildes setzen. , ; ;\nK\\ i *\nWiie in allen Bezirken des menschlichen\nGeistes ein hellseherisches, individuelles Suchen\ndie unbeweglichen Niedrigkeiten des Dogmas be-\nseitigt hat, so muß der belebende Strom der\nWissenschaft bald die Malerei von der akademi-\nschen Tradition befreien.\nWir wollen um jeden Preis in das Leben zu-\nrückkehren. Die siegreiche Wissenschaft von heute\nhat ihre Vergangenheit abgeschworen, um besser\nden materiellen Nöten unserer Zeit zu entsprechen;\nwir wollen, daß die Kunst, indem sie ihre Ver-\ngangenheit abschwört, endlich unsere» intellek-\ntuellen Bedürfnissen entsprechen, die uns be-\nwegen.\nUnser aufgefrischtes Gewissen hindert uns da-\nran, den Menschen als den Mittelpunkt des uni-\nversellen Lebens zu betrachten. Der Schmerz\neines Menschen ist ebenso interessant für uns, wie\nder Schmerz einer elektrischen Lampe, die unter\nkrampfhaften Zucken leidet und mit den herzzer-\nreißendsten Ausdrücken der Farbe, ©ie Harmonie\nder Linien und Falten einer modernen Kleidung\nüben auf unsere Empfindsamkeit dieselbe rührende\nsymbolische Macht aus, wie das Nackte auf die\nder Alten.\nUm die neuartigen Schönheiten eines futuristi-\nschen Gemäldes begreifen und erfassen zu können,\nmuß die Seele rein werden; das Auge muß sich\nseines Schleiers von Atavismus und Kultur ent-\nledigen, um endlich die Natur als einzige Kontrolle\nanzusehen und nicht das Museum.\nIst «dies erreicht, so wiird man sehr bald mer-\nken, daß sich niemals braune Nüancen auf unserer\nHaut spiegelten: Man wird merken, daß das Qelbe\nin unserem Fleische erglänzt, daß das Rote strahlt,\nund daß das Grüne, Blaue, Violette auf ihm in tau-\nsend wollüstigen und schmeichelnden Bewegungen\ntanzt.\nWie kann man das menschliche Antlitz noch\nso rosig sehen, wenn unser durch den Zustand\ndes Nachtwandeins geteiltes Leben unseren Far-\nbensinn und die Fähigkeit, Farben wahrzunehmen,\nvervielfacht hat? Das menschliche Antlitz ist\ngelb, rot, grün, blau, violett. Die Blässe einer\nFrau, die das Schaufenster eines Juweliers be-\ntrachtet, irisiert intensiver als das prismatische\nFeuer der Edelsteine, die sie fasziniert betrachtet\nUnsere Empfindungen in der Malerei können\nnicht mehr geflüstert werden. Wir wollen, daß sie\nvon nun an singen und auf unseren Bildern wie\nbetäubende, den Triumph verkündende Posaunen\ntönen.\nEure an den Halbschatteil gewöhnten Augen\nwerden sich bald strahlenderen Helligkeitserschei-\nnungen öffnen. Die von uns gemalten Schatten\nwerden lichter sein als die Flächen voller Licht\nunserer Vorgänger, und unsere Bilder werden ge-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "824", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.6", "texte": "gen über denen der Museen erglänzen, wie ein\nblendender Tag gegenüber einer nebligen Nacht.\nDaraus schließen wir, daß heutzutage keine\nMalerei ohne Divisionismus existieren kann. Es\nhandelt sich nicht um einen Vorgang, den man er-\nlernen und seinem Willen nach verändern kann.\nDer Divisionismus muß für den modernen Maler\nein angeborener Komplementarismus\nsein, den wir für wichtig und notwendig halten.\nWahrscheinlich wird man unserer Kunst ge-\nquälte, dekadente, übertriebene Geistesschärfe vor-\nwerfen. Wir aber werden einfach antworten, daß\nwir der Stamm einer neuen, verhundertfachten\nEmpfindungsfähigkeit sind, und daß unsere Kunst\ntrunken von Eingebung und Macht ist.\nWirerklären:\n1 Daß man alle nachgeäfften Formen ver-\nachten, alle ursprünglichen Formen aber rühmen\nnral.\n2 Daß man sich gegen die Tyrannei der\nWorte „Harmonie\" und „guter Geschmack\" em-\npören muß, gegen solche nur allzu dehnbaren Be-\ngriffe, mit denen man leicht die Werke von Rem-\nbrandt, von Goya und von Rodin zerstören könnte.\n3 Daß die Kunstkritiken unnütz und schädlich\nsind.\n4 Daß man alle schon benutzten Sujets weg-\nkehren muß, um unser wirbelndes Leben von\nStahl, Stolz, Fieber und Schnelligkeit auszu-\ndrücken.\n5 Daß man es als Ehre ansehen muß, „ver-\nrückt\" genannt zu werden; denn damit bemüht\nman sich, die Neuerer zu knebeln;\n6 Daß der angeborene Komplementarismus\neine absolute Notwendigkeit für die Malerei bedeu-\ntet, wie der freie Vers für die Poesie und die\nPolyphonie für die Musik.\n7 Daß der allgemeine Dynamismus in der\nMalerei als dynamische Empfindung gegeben wer-\nden muß.\n8 Daß in der Art, die Natur wiederzugeben,\nvor allem Aufrichtigkeit und Reinheit liegen muß.\n9 Daß die Bewegung und das Licht das\nStoffliche der Körper zerstören.\nWir kämpfen:\n1 Gegen die erdharzige Färbung, durch die\nman sich bemüht die Patina der Zeit auf moder-\nnen Bildern zu verlarigen.\n2 Gegen die veraltete und elementare, auf\nflachen Färbungen beruhende Oberflächlichkeit,\ndie den linearen Bau der Aegypter nachahmen und\ndie Malerei zu einer ohnmächtigen, kindischen und\ngrotesken Zusammensetzung gebracht hat.\n3 Gegen die falsche Zukunftsmusik der Se-\nzessionisten und der independants, die neue, eben-\nso schablonenhafte, gewohnheitsmäßige Akade-\nmien eingeführt haben wie ihre Vorgänger.\n4 Gegen das Nackte in der Malerei, das\nebenso ekelhaft und unerträglich ist wie das Ehe-\nbrecherische in der Literatur.\nErklären wir diesen letzten Punkt. Es gibt\nnichts „Unmoralisches\" in unseren Augen; wir\nbekämpfen nur das Eintönige des Nackten. Man\nerklärt, das Sujet sei nichts, hingegen die Art es\naufzufassen alles. Einverstanden. Das lassen wir\ngelten. Aber diese vor fünfzig Jahren unum-\nstößliche Wahrheit ist es heute nicht mehr, was\ndas Nackte anbelangt, in einer Zeit, da unsere\nMaler, von der Notwendigkeit den Körper ihrer\nGeliebten vor uns auszubreiten besessen, ihre Sa-\nlons in ebenso viel Märkte verwesender Schinken\nverwandelt haben!\nWir fordern für zehn Jahre die\nabsolute Unterdrückung des Nack-\nten in der Malerei!\nUmberto Boccloni Maler / Mailand\nCarlo D. Carra / Maler / Mailand\nLttigi Russok) / Maler / Mailand\nQfacomo Balla Maler Rom\nQino Severin! / Maler J Paris\nDie Futuristen werden die zweite\nAusstellung der Zeitschrift Der\nSturm, Tier garten straße 34 a, kol-\nlektiv beschicken.\n\nWintersaison\nJoseph Adler\nNun ist die Brücke da\nDer Theaterbusch hat mit einer neuen Panto-\nmime festere Wurzeln gefaßt. Der Blätterwald\nspendet ihm rauschenden Beifall. Ein gut dressier-\nter Ullsteinreporter konstatiert,\ndaß die Rückentwicklung des Zirkus zum The-\nater, die mit Reinhardts „Oedipus\" machtvoll\neinsetzte, auch die regulären Zirkusunterneh-\nmungen ergriffen hat. Die jüngste Premiere im\nZirkus Busch hat die letzte Brücke zum The-\nater geschlagen.\nMax Reinhardt hat die Rückentwicklung des\nZirkus zum Theater um mehr als ein griechisch\nStück vorwärts geschleudert, er hat sie in Fluß\ngebracht, und über diesen schlug jetzt die „Hexe\"\ndie letzte Brücke. Die Theaterwelt wird ge-\nstürmt und geplündert, sie wird hinabgerissen m\nden geharkten Sand, in die Manege, in die Arena.\nDas Theater soll in seine Wiege, der es seit Jahr-\nhunderten entwachsen ist, zurückverdrängt wer-\nden, und müßte es dabei alle Glieder seiner We-\nsensart zusetzen.\nDer Judas heißt Reinhardt, der, als fast kein\nHahn mehr nach den „Oedipus\" krähte, das The-\nater an den Zirkus verraten hat.\nEr entfesselte die Geister, und nun haben sie\neine „Hexe\" geboren, mit Hilfe des „gelehrten\nFräulein Busch\". Sie hat den Stoff zu ihr\naus der Geschichte geschöpft, und sie hat ihn\nauch einfach gemeistert.\n„Zum ersten Male ist es hier gelungen, wirk-\nliche Bühnenkunst mit der zirzensischen\nAuss t e 11 un g zu vereinen, so daß diese\ndramatische Arbeit in keiner Weise mit den ge-\nwöhnlichen Pantomimen auf eine Stufe zu stel-\nlen ist.\nJahrelang stand im Mittelpunkt der Panto-\nmime eine akrobatische Attraktion, ein hals-\nbrecherischer Trick, ein atemraubender Sturz\noder Flug. Für die Novität hat man sich die\nAttraktion aus der Kulissenwelt geholt.\"\nMan wird ganz dumm gemacht.\nWie konnte sich der Zirkus die Attraktion für\ndie Pantomime aus der Kulissenwelt holen, wenn\nerst die Premiere die letzte Brücke zum Iheater\nschlug? Ueber eine vorletzte? Hier stelle ich\neuch, elende Phrasenwälzer. Zwischen Zirkus und\nTheater liegt ein Meer, das sie nicht überbrücken\nläßt. Freilich hat es auch ein seichtes Gebiet,\nund Moses Reinhardt hat den „Oedipus\" aus der\nGefangenschaft der Vergessenheit geführt. In\neine Wüste. Er selbst führte den Tanz ums gol-\ndene Kalb auf, und den „Fünftausend\" gab er un-\ngesäuerte Brode, die unter dem kalten Licht er-\nloschener Sonnen nicht braun geworden sind.\nEin literarisches Bankett oder „Schöne Aussichten\"\n„Zu Ehren Felix Lehmanns, des langjährigen\nBerliner Direktors der J. G. Cottaschen Verlags-\nbuchhandlung, der jetzt als Teilhaber in die Firma\nWilhelm Borngräber, Verlag „Neues Leben\", ein-\ngetreten ist, fand im Flotel Bristol ein Festmahl\nstatt, zu dem sich viele hervorragende Persönlich-\nkeiten auf dem Gebiete der Literatur und Kunst\neingefunden hatten/'\nDas „Neue Leben\" sucht Anschluß an die Ru-\ninen der in oder ne n Literatur.\nDer junge Verlag, an dessen Spitze auch noch\nein Teilhaber getreten ist, hat Reverenz vor der\nalten Literaturgarde gemacht, die sich nicht er-\ngeben will, trotzdem sie schon gestorben ist.\nDie Firma Borngräber und Lehmann will sie\nunter ihrer Fahne sammeln und sie in diesem\nkampfreichen Leben neuen Siegen zuführen. Sie\nlud sie fürs erste zu einem Festmahl und machte\nihr zu guter Letzt mit Sekt die Mäuler auf hohe\nHonorare wässerig. So niedrig muß ich den Wert\ndes „literarischen Banketts\" einschätzen, denn\nsein Abglanz wird bald am deutschen Büchermarkt\naufleuchten. Man vergesse nicht, daß die Literatur\ndurch diese Sterne vertreten war:\nHermann Sudermann. den langjährigen\nFreund Felix Lehmanns, durch Ludwig Fulda,\nRudolf Stratz, Felix Philippi, Paul Schienther,\nGeorg Engel, Hanns Heinz Ewers, Professor\nLudwig Stein, Heinz Tovote u. a.\nDie „rn usikali s c h e W e 11\" hatte Hein-\nrich Grünfeld und Siegfried Ochs entschickt, und\ndie Maler Meyerheim, Hugo Vogel und Langharsn-\nrner vervollständigten das glänzende Bild.\nIm Verlauf des außerordentlich animierten\nBanketts ergriff Hermann Sudermann das Wort\nzu einer geistreich pointierten Rede, in der er\ndie Verlegerischen Vorzüge Direktor Lehmanns\nfeierte, dessen scharfer Blick so viele schrift-\nstellerische Talente entdecken half, und dein\nauch er, Sudermann, seine Einführung in die\nLiteratur zu verdanken habe.\nWider den scharfen Blick des Herrn Lehmatin\nwerden bald von neuem viele Bände Stumpfsinns\nsprechen. Und das ist so gewiß, als es verlorene\nMühe bleibt, unter den Meyerheims sich zurecht-\nzufinden. Der Paul ist der berii h m t e Löwen-\nmaler. Aber die andern?\nWer mir gesagt hat, daß der Meyerheim, der\ndie Raubtiere so entzückend schön malt, mit dem\nVornamen Paul heißt? Diese Pojente: Für die\nmusikalischen Genüsse des Abends sorgte Pro-\nfessor Paul Meyerheim, der berühmte Löwen-\nmaler, durch den Vortrag einiger Balladen von —\nLöwe.\nBrav gebrüllt, kundiger S c h m o c k.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\nGemälde-Ausstellung\nZeitschrift Der Sturm\nDer Blaue Reiter\nFranz Flaum\nOskar Kokoschka\nExpressionisten\nTier gar tenstraße 34 a\nDie Ausstellung ist täglich vom\n10 bis 5 Uhr (auch Sonntags) geöffnet\nKarte 1 Mark / Dauerkarte 2 Mark\nSchluß der Ausstellung am 10. Mai"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "825", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.7", "texte": "Verlag Der Sturm Berlin W 9 / Verantwortlich für die Anzeigen: Edmund Häner\n\nFR\nHAHN\nAlexanderplatz Landsbergerstr. 60-63\ngegrundet 1825\nModeme Herrenbekleidurvg\nfertig ynd nach Mad\nReklameaogebot:\nDer elegante Ulster\nays englischen gemusterten Cheviots: imit 'Armeiaufschlagen 3250\naus den modernsten Flauscfistoffen nift aufgesteppten Taschen 4550\nVornehmer zweireihiger Sacco-Anzug, englisch gemusterler Cheviot\n45 mi\nSchicke Passformen\nBestelVerarbeitung\nDen Herren Siudenten und Mitgliedern von Kirastvereinigungen gegen Vorzeigutig von Legitiirutioaskarten 5% Rabatt\n\nles Marges\n5 rue Chaptal / Paris ?j\nDiese literarische Zeitschriit\nverSffentlichte das franz§-\nsische Original der Tage-\nbucher Flaubert s, deren\nUebertragung in Deutscbland 1\nverboten wurde.\nwaam\n\n\\ \\ Luna Park <* *\nAS» 25, Jaguar: Aysscnank rron\n„Traumpiiator\"\n\" Burger-BrUu\n..Winiarsporifast\"\nin Sarcfrtesgadsn\nVoiksbelu~tigungen, sonstige Attratione«\nevmammuammmmm f.jSr'fij Kapellen\nJ'.ua -»M—4 l Mi' l I I ' l ■' M~f — • :TW\n\nliefert and verlelht\nBar'iia 26, IV 4612\no<ranlenstraBB 3\n\nweg*OßS£& -. - saesso^sasssaßaa^s&sßmßsmt&sfr&s -\nKUNSTLERISCHE RAUME\ntr\no\n*r\nALBERT KOBLINSKX\nBERUNBRUCKENALLEE6\n\nCafe-Restaur ant\nOdeoiv\nBar\nCkarlottervbur^\n(jroim&Asir %.\nr\nTaglich Nachmittag- und Abendkonzert\nvon 4—7 Uhr von BlL—8lL— 2 Uhr\n' £*\nBillardsale SpielsaJe Kegelbahnen\nBeste wiener und ungarische Kuche\nOutgepfiegte Biere und Weine\n:: ANGENEHMER AUFENTHALT ::\nBesitzer j. KAUNITZ CaMtier\nNEU EROFFNET!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "826", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120323-01.1.8", "texte": "Druck von Carl Hause. Berlin SO. 26 Mariancenplatz 23\n\njSff Ausstellungen, Salons llfjfl|\nIML Kunsthandlungen etc. jfcfel\n\nCASPER'S Kunst-Salon\nEintritt 50 Pfennig Potsdamerstrasse 19\nNeu ausg-este)lte Gemaide:\nAd. Bock A. Liedtke F. Thauiox\nP. Hoeniger A. Moller Alice Trubner\nH. Licht R. Poescbmann M. Uth\nM. Liebermann J. F. Raffaelli Moritz Veit\nE. Liebermann E. Seelos u\nCollectionen von H. de Marandat-Paris\nund Hughes Stanton-London\n\nIgraphisches kabinbttl\nB Buch- u. Kunsthandiung, Aniiquariat, Verlag\nj| :: BERLIN W 15, Kurfurstendamm 33 ::\n| Standige Ausslellung\n» moderner Graphik Illustriert. Katalog u. Prospekte gratis\nSl{\njg R IM T R it T 'Vr'p! 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Uhland 595\nSpediteur des Vereins fiir Kunst\nIB)\n\ns»\nPremiere\nWie man\nManner bessert\nKomodie in zwei Akten\nvon Anton und Donat\nHerrnfeid\nDer Hausteufel\nSchwank in einetn Akt\nvon Pohlmann\nAnf. 8 Uhr Vorverk. 1i —2 Uhx\n\nAm Bahnhof\nFriedrichstrafie\nNeues Program\n\nWochenschrlft\nfflr freie KuStur\nJahresbezug 6 Mark\nProbenummer gratis\nLibreria de!!a Voce\nFlorenz / Piazza Davanzati\n\nIteie Sezession\nSchwarz-Weiss\nAusstellung\nPotsdamersirasse 122\n\nDie Fackel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangloser\nFolge\nNummer 343/344\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfennig\nOberall erhaltuch\nauch auf den Bahnhdfen\nWerbeband der FackeJ\n50 Pfennig"}]}