{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_sha256": "bc2e56f9bb98fad38e309570625c8f6e69c1ec7b1271f1e0cb7ece475d4b35bf", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/04/13_01/bmtnabg_1912-04-13_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/04/13_01/bmtnabg_1912-04-13_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c001", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.1", "debut_caractere": 497, "fin_caractere_exclue": 761, "texte": "Inhalt:\nSprache /EPAUI\"ZECH-AOediS? /°r.flDT Vorhan|, / IRo,ma,n / WASSILY KANDINSKY: Formen- und Farben-\nNOTIZFN / OSKAP 7?-1 / Stuck IJ\" A; Nachlese / BEACHTENSWERTE BÜCHER /\nNUHZbIN / OSKAR KOKOSCHKA: Zeichnungen / GEORG TAPPERT: Excentric / Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c002", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.2", "titre_corps": "Oskar Kokoschka: Zeichnungen", "titre_sommaire": "Oskar Kokoschka: Zeichnungen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.1", "debut_caractere": 763, "fin_caractere_exclue": 791, "texte": "Oskar Kokoschka: Zeichnungen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c003", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "10", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.3", "titre_corps": "Entdeckungen", "titre_sommaire": "Entdeckungen", "signature_source": "H. 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Es ist sicher sehr komisch,\nwie alle Sonderfahrten des Herrn Professors in\nnicht bekannte Gebiete. Die Entgleisungen des\nKursbuchreformators sind zu häufig, um sie\neinzeln zu registrieren. Das „Kleine Journal\" hin-\ngegen nimmt von solchen Zügen mit Interesse\nKenntnis. Trotzdem Herr Lehmann bei dieser\nGelegenheit auf den Kopf gefallen ist, geht er\ndoch noch „jede Wette mit irgendjemandem ein,\ndaß die meisten Leser dieses Blattes von dem\nnachstehenden nur recht wenig Ahnung vor\nder Lektüre gehabt haben\". Die in Nummer 103\nnamhaft gemachten vier Leser des „Kleinen\nJournals\" haben sicher keine Ahnung ge-\nhabt. „Die meisten werden nicht wenig erstaunt\nsein, einen Mann darin angegriffen zu sehen,\nder ihnen und vielen Tausenden anderen Men-\nschen als ein erster Meister auf seinem Gebiet\nerschien. Um so größer ist das Verdienst von\nEduard Engel, daß er den Mut bewiesen hat,\nim Interesse einer Reinigung und Veredlung\nunserer schönen Muttersprache ein Idol der all-\ngemeinen Schätzung anzugreifen und zu stürzen.\"\nWelches Idol hat Herr Eduard Engel gestürzt?\nAn wem hat er seinen Mannesmut bewiesen ?\nAn Maximilian Harden. Herr Eduard Engel ent-\ndeckt die „schriftstellerische Unnatur\" des Her-\nausgebers der „Zukunft\", und Herr Lehmann\npreist das Verdienst durch kostenlosen Nach-\ndruck eines Kapitels. Die Entdecker sind heut-\nzutage sehr unvorsichtig. Sie entdecken mit\ngroßem Geschrei den Nordpol, den Südpol und\ndie Unnatur Hardens. Herr Eduard Engel\nbrauchte nicht weite Reisen zu machen. Eine\nPostkarte genügte. Herr Engel hatte nämlich\ngehört, daß ein gewisser Karl Kraus in Wien\nHardens Unnatur bereits entdeckt habe. Seine\neigene Literaturgeschichte gab ihm schlechte\nAuskunft über diesen Karl Kraus. Dort fand\ner: „In bunter Reihe, ohne Vollständigkeit, seien\nnoch als Kritiker mit Literaturkenntnis, Ver-\nständnis und Einfluß genannt: In Berlin Fritz\nEngel, Rudolf Herzog, G. Weißstein, Rudolf\nPresber, Philipp Stein; in Wien H. Wittmann,\nM. Necker, J. Bauer, K. Krauss.\" Bessere Aus-\nkunft fand er im Berliner Adreßbuch. Er konnte\nidort unter der Adresse Berliner Bureau der\n„Fackel\" den weggelassenen Vornamen und das\nzugegebene s entdecken. Das zugegebene s ent-\ndeckte er zwar nicht, sondern schrieb an diesen\nHerrn Krauss mit zwei s nach Berlin eine Post-\nkarte. Er habe gehört, daß dieser Herr K. Kraus\nsich mit Maximilian Harden „beschäftigt\" habe\nund bitte ihn -um leihweise Ueberlas-\nsung des Materials auf vierundzwanzig Stunden.\nEs wurde ihm überlassen, zwar nicht von Herrn\nK. Krauss, aber vom Berliner Bureau der\n„Fackel\", das die Ansicht hatte, man solle keinen\nMenschen in seinem Bestreben nach Bildung\nauf vierundzwanzig Stunden hindern. Das „Ma-\nterial\" wurde ihm überlassen, und Herr Eduard\nEngel entdeckte unter dem Jubelgeschrei des\nHerrn Lehmann den unechten Harden. Doch\nHerr Eduard Engel ist dankbar. Er merkt an:\n„Die folgenden Sprachrebus hat ein Sonder-\nforscher des Preziösentums, Karl Kraus,\näuf die Schnur gereiht.\" Und ferner: .„Viel-\nleicht beschert unseren fernen Nachfahren ein\nstrebsamer Germanist ein Wörterbuch der\nSprache Maximilian Hardens; gute Vorarbeiten\nfindet er bei K. Kraus.\" Aber der strebsame\nGermanist hat sich ja schon gefunden. Herr\nEngel scheint sich selbst zu übersehen. Die\nguten Vorarbeiten des nun endlich mit einem s\ngeschriebenen Karl Kraus haben ihm doch bereits\nein Verdienst um „unsere schöne Muttersprache\"\neingebracht. Und in der neuen Auflage seiner\ndeutschen Literaturgeschichte wird es sicher\nheißen: In Wien H. Wittmann, M. Necker,\n]. Bauer, Karl Kraus, letzterer ein Son-\nderforscher des Preziösentums."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c004", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "11", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.4", "titre_corps": "Der schwarze Vorhang : Roman", "titre_sommaire": "Der schwarze Vorhang : Roman", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.2", "debut_caractere": 4209, "fin_caractere_exclue": 10132, "texte": "Der schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\nWährend seine Schritte unter dem bläulich\nweißen Mondhimmel durch die Straßen hallten,\nverfiel sein Geist, der sich zu erheben suchte, auf\neinen sonderbaren Ausweg vor der Beschämung.\nWie Spinnfäden im Altweibersommer sich\nzwischen manche Blätter und Menschengesichter\nlegen, so zogen sich doch Fäden hin und her\nzwischen ihm und ihr, lächerlich und zart, aber\nFäden. Gewiß war er nicht viel mehr in ihrem\nLeben, als die dicke Milchfrau, in deren Halle sie\nvorhin ihre Sahne trank, oder auch vielleicht noch\nweniger. Aber er war nicht mehr auszulöschen,\nsie mochte innigst bitten und hingeben, was sie\nwollte und konnte, — wenn das Leben ein ein-\nziges Meer ist, so schwamm auch er als eine Welle\nin diesem Leben, im engen und weiten Kreise,\nleise, unendlich fein auf das Zukünftige einwirkend,\naber bis ins feinste Geäder hinrieselnd. Und mit\nzitternden Fingern lenkte und bestimmte er das\nFernste, zog unabwendliche Linien über das\nWasser hin.\nVielleicht, vielleicht erwies er sich, wenn ein-\nmal sein zufälliges hohnvolles Lachen wieder in ihr\naufklang, das einmalige Lachen, das nie wieder\ngelacht werden konnte, erwies er sich als Herrn\nihres Lebens; vielleicht, gewiß war er so im Plane\nihres Lebens vorgesehen. Und rächte sich so.\nMan soll in ein Menschenleben wie in ein\nMeer hinabsteigen, von einer Welle, die ihre Bahn\nläuft, von einer großen Zuckung bis an den Strand\ngetragen, über Steine und Zufälle hinweg.\nDie Wasser aber sind nicht und das Leben\ngraust wie ein unbewegliches Steinfeld.\nZwischen den Steinen redet keine Welle.\nEs ist ein Weg für starke, sichere Mächte,\nCyklopen; ein Springen mit Siebenmeilenstiefeln\nvon Fels zu Fels ist es; zwischen zwei Worten\nraucht ein Abgrund.\nAus dem weißen Ungefähr fallen die Steine\nherunter, die Mächte schreiten aus dem dampfenden\nUngefähr heran.\nIch sah vor einiger Zeit, wie ein Kind unge-\ngeschickt eine brennende Spirituslampe in den\nHänden hielt: der Spiritus floß auf die Erde; die\nschöne bläulich-weiße Flamme aber war er-\nloschen, und statt dessen huschten und zuckten\nnun am Boden lauter kleine Flammenfleckchen.\nZufälle sind die gespenstigen Schritte des Lebens\nUeber die Erde stampfen sie und dröhnen\ndurch den geheimnisvollen Himmel.\nIrenes Seele bewegte sich im langsamen Menuett-\nschritt. Eine gehaltene Dämpfung lag auf der Zart-\nhäutigen. Wenn sie die stahlgrauen, strahlenden\nAugen einem Unterredner zuwandte, so legte sie\nmeist die Finger über die Brust zusammen und\nstrich die starren, fahlroten Härchen zurück, die\nihr über das Ohr hingen und manchmal bis zum\nAuge aufwehten. Auf einen Scherz lachte ihre\nKehle nicht laut, sondern Irene senkte nur wenig\nden leicht beiseite gelehnten Kopf, öffnete, während\ndie Lider sich halb schlössen und die Augen auf-\nleuchteten, mit Lächeln den Mund.\nSie reichte zum Gruß und Abschied ihre kühle\nHand; nackte, stolze Mädchenhände waren die\nvertrauten Dienerinnen ihres Leibes, schlanke\nFinger, die die Augen mit gelblicher Blässe\ntrösteten. Man fühlte, daß eine schwache Süße\nimmer von diesen Händen ausgeatmet wurde:\nDa wurden alle Blicke auf die Hände zu feinen\nLiebesgedichten. Wenig wallte ihr Inneres, wenn\nsie die Augen schloß; sie achtete still, glättete\nsich ohne Zagen und sicher, weder von außen\nnoch von innen beirrt, reihte sich in das Bunte\nein, die Klare.\nSo träumte sie auch nicht oft. Ihre Träume\nspielten in ganz zarten Farben, die manchmal ins\nTraurige hinübergrauten. Das machte ihre Mäd-\nchenreife.\nIn ganz zarten Farben spielte ihr Traum. So\nwar Irene kühl und süß wie Milch.\nKellerhaft blies sie seine Art an. Sie preßte\nbeim Gedanken an ihn die Lippen zusammen;\ner war ihr etwas Wüstes, Fremdes, vor dem sie,\nohne zu denken, zurückscheute. Noch verwirrt\nvon seinem grundlosen Hohn hatte sie seine\ntrauervollen Entschuldigungen gehört; hinter\nseinen Worten, aus seinen unruhigen Augen sprach\neine wunderliche Schwermut zu ihr, die ihr Mit-\nleid rührte und sie befremdete. Die Gleichgültig-\nkeit und der Abscheu vor ihm war ihr so ge-\nwohnt, daß sie sich sogar gegen das Mitleid\nsträubte. Aber gerade, als Johannes seine Ge-\ndanken von ihr löste und mit lächelndem Schmerz\nvon ihr Abschied nahm, erst da sahen ihre Augen\nihn ernstlicher an. Sie war erstaunt, verstand ihn\nnicht; solche Widersprüchlichkeit war ihr fremd\nund beschäftigte ihre Gedanken auch manchmal,\nwenn sie ihn nicht sah.\nIhre grauen großen Augen wandten sich ihm\njetzt oft stille zu und tasteten an den Linien\nseines knochigen, immer graublassen Gesichts.\nWenn ihre Gedanken in dem Mädchenstübchen,\ndas in einem Gartenhause lag, vor dem Ofen\nabenteuerten, so schalteten sie jetzt gern gerade\nmit seinem Bilde, sahen in Johannes bald den\ngrausigen Räuber und Mädchenschänder, bald\nden düster bleichen Held und kühnen Retter,\nder Irenen mit Gewalt überfiel und fortriß, der\nschmerzzerrißen sein Letztes an ihr Leben setzte\nund starb, um den sie lange trauerte, den jede\nNacht weiß im Sarge liegen sah.\nJohannes hatte nach der dumpfen Gewalt-\nsamkeit jenes Abends Abschied von ihr genommen.\nDeutlicher sagte endlich alles in ihm: es ist\ngenug, es ist übergenug. In dem vergeblich\nheißen Ringen um sie war seine wilde Bitterkeit\nganz ausgebrannt; bei ihrem Anblick, der jetzt\nso wenig Starkes, Eigenwilliges und Hassenswertes\nbot, war das letzte seiner Trauer und seines\nschlimmen Grolls unter einem Lächeln erloschen,\nwenngleich noch hie und da Wehmut aufzuckte.\nSein gleichgültiger Stolz und die kalte Sicherheit\nerhoben sich gestärkt und stießen, was noch vom\nTrotz verhehlter Ohnmacht an ihnen war, ab.\nBald nahm er, so oft er Irene sah, eine un-\ngewohnte Aufmerksamkeit an ihr wahr; er er-\nstaunte und fühlte sich wohl etwas beunruhigt,\nunklar über die Ursache dieser plötzlichen Wand-\nlung. Aber seine Teilnahme für sie verminderte\nsich nur noch mehr; er dachte an das Fieber,\ndas ihn durchwütet hatte und wußte nicht, wie\nsie, gerade sie es in ihm entflammen konnte."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1957, "texte": "Am hellen Tage hatte er mit Dämonen und\nGespenstern gekämpft, die er sich erfunden hatte,\nwie früher das Geisterheer und war ihnen gar\nerlegen, nicht besser als ein abergläubisches\nKindchen.\nSie hatte ein glattes Gesicht 'wie andere\nMädchen, die Falten ihres Gewandes fielen nicht\nstolzer als über andere Mädchenleiber über sie.\nEr mußte eine Bewegung seiner Seele mißver-\nstanden haben, und dieses Mädchen war ganz\nschuldlos.\nIrene aber suchte sein Gespräch und seinen\nAnblick. Er regte sie ängstlich an; er hatte\netwas von einer Kaktee an sich, von dem schloh-\nweißen Greisenhaar. Sie suchte Johannes und\ner wich ihr nicht aus, denn er ging unberührt\nneben ihr her. Und bald fand er ein Vergnügen\ndarin, sich von einem Menschen suchen zu lassen;\nes schmeichelte ihn, wie dieses Wesen, das ihn\nso düstere Träume geweckt hatte, sich um ihn\nbemühte, ihn anerkannte und sich beugte; es\nschmeichelte ihn, wie diese bewunderte und um-\nworbene kühle Schönheit gerade auf ihn die\nAugen richtete.\nEr konnte ihre Stimme, wie er es wollte, 2um\nSingen und Erzittern bringen, zum Anschwellen\nund Abkühlen. Um sich diese freudigen und\nspöttischen, spielerisch leichten Gefühle zu er-\nhalten, ging er neben ihr und dachte heimlich\nmit einer verachtenden Dankbarkeit an sein rot-\nhaariges Spielzeug. Bisweilen stieg aber wieder\ndas Mißtrauen in ihm auf; vielleicht durchschaute\nsie ihn, vielleicht spielte nicht er, sondern sie mit\nihm, und gönnte ihm höhnisch seinen Irrtum;\nund er empfand einen Zorn auf sie, und wilde\nWut und Ekel, dann begegnete er ihr schroff,\nblickte von ihr fort oder wich ihr ganz aus.\nMit Widerstreben ließ er sich ihre freund-\nlichen Worte und Fragen gefallen, die ihn doch\nso angenehm wie Taubengurren berührten; —\nwarum sollte er sie meiden? Ja, er mußte sie\nnoch loben und ihr ehrlich Anerkennung zollen,\ndaß sie gerade ihn suchte zwischen vielen. Und\nes lockte ihn zu wissen, wie diese Seele gebaut\nwar, die so seltsame Wahl treffen konnte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c005", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "11", "page_fin": "13", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.5", "titre_corps": "Formen- und Farben-Sprache", "titre_sommaire": "Formen- und Farben-Sprache", "signature_source": "Wassily Kandinsky", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.3", "debut_caractere": 1978, "fin_caractere_exclue": 10124, "texte": "Formen- und Farben-Sprache\nVon Wassily Kandinsky\nDie Form im engeren Sinne ist jedenfalls\nnichts weiter, wie die Abgrenzung einer Fläche\nvon der anderen. Dies ist ihre Bezeichnung im\nAeußeren. Da aber alles Aeußere auch unbe-\ndingt Inneres in sich birgt (stärker oder schwächer\nzum Vorschein kommend), so hat auch jede\nForm inneren Inhalt. Die Form ist\nalso die Aeußerung des inneren In-\nhaltes. Dies ist ihre Bezeichnung im Inneren.\nHier muß an das Beispiel mit dem Klavier ge-\ndacht werden, wobei man statt „Farbe\" „Form\"\nstellt: der Künstler ist die Fland, die durch diese\noder jene Taste (— Form) zweckmäßig die mensch-\nliche Seele in Vibration bringt. So ist es klar,\ndaß die Formenharmonie nur auf dem\nPrinzip der zweckmäßigen Berüh-\nrung der menschlichen Seele ruhen\nmuß.\nDieses Prinzip wurde hier als das Prinzip\nder inneren Notwendigkeit bezeichnet.\nDie erwähnten zwei Seiten der Form sind\nzur selben Zeit ihre zwei Ziele. Und deshalb\nist die äußere Abgrenzung dann erschöpfend\nwenn sie den inneren Inhalt der Form am aus-\ndrucksvollsten zum Vorschein bringt. Das Aeußere\nder Form, das heißt, die Abgrenzung, der .in\ndiesem Falle die Form zum Mittel dient, kann\nsehr verschieden sein.\nAber trotz aller Verschiedenheit, die die Form\nbieten kann, wird sie doch nie über zwei äußere\nGrenzen hinausgehen, und zwar\nentweder dient die Form, als Abgrenzung,\ndem Ziele, durch diese Abgrenzung einen ma-\nteriellen Gegenstand aus der Fläche herauszu-\nschneiden, also diesen materiellen Gegenstand auf\ndie Fläche zu zeichnen, oder\ndie Form bleibt abstrakt, das heißt, sie be-\nzeichnet keinen realen Gegenstand, sondern ist\nein vollkommen abstraktes Wesen. Solche rein\nabstrakte Wesen, die als solche ihr Leben haben,\nihren Einfluß und ihre Wirkung, sind ein Quadrat,\nein Kreis, ein Dreieck, ein Rhombus, ein Trapez\nund die unzähligen anderen Formen, die immer\nkomplizierter werden und keine mathematische\nBezeichnung besitzen. Alle diese Formen sind\ngleichberechtigte Bürger des abstrakten Reiches.\nZwischen diesen beiden Grenzen liegt die\nunendliche Zahl der Formen, in denen beide\nElemente vorhanden sind und wo entweder das\nMaterielle überwiegt oder das Abstrakte.\nDiese Formen sind momentan der Schatz,\naus dem der Künstler alle einzelnen Elemente\nseiner Schöpfungen entleiht.\nMit ausschließlich rein abstrakten Formen\nkann der Künstler heute nicht auskommen. Diese\nFormen sind ihm zu unpräzis. Sich auf aus-\nschließlich Unpräzises zu beschränken, heißt, sich\nder Möglichkeit berauben, das rein Menschliche\nausschließen und dadurch seine Ausdrucksmittel\narm machen.\nAndererseits gibt es in der Kunst keine voll-\nkommen materielle Form. Es ist nicht möglich,\neine materielle Form genau wiederzugeben: wohl\noder übel unterliegt der Künstler seinem Auge,\nseiner Hand, die in diesem Falle künstlerischer\nsind, als seine Seele, die nicht über photo-\ngraphische Ziele hinausgehen will. Der bewußte\nKünstler aber, der mit dem Protokollieren jdes\nmateriellen Gegenstandes sich nicht begnügen\nkann, sucht unbedingt dem darzustellenden\nGegenstande einen Ausdruck zu geben, was man\nfrüher idealisieren hieß, später stilisieren und\nmorgen noch irgendwie andern nennen wird.\nDiese Unmöglichkeit und Zwecklosigkeit (in\nder Kunst), den Gegenstand ohne Ziel zu\nkopieren, dieses Streben, dem Gegenstande das\nAusdrucksvolle zu entleihen, sind die Ausgangs-\npunkte, von denen auf weiterem Wege der\nKünstler von der „literarischen\" Färbung des\nGegenstandes zu rein künstlerischen (malerischen)\nZielen zu streben anfängt. Dieser Weg führt\nzum Kompositionellen. ,\nDie rein malerische Komposition hat für die\nForm zwei Aufgaben vor sich:\nDie Komposition des ganzen Bildes.\nDie Schaffung der einzelnen Formen, die\nin verschiedenen Kombinationen zueinander\nstehen, sich der Komposition des Ganzen unter-\nordnen. So werden mehrere Gegenstände (reale\nund abstrakte) im Bild einer großen Form\nuntergeordnet und so verändert, daß sie in dieser\nForm passen, diese Form bilden. Hier kann\ndie einzelne Form persönlich wenig klingend\nbleiben, sie dient vor allem der Bildung der\ngroßen kompositioneilen Form und ist haupt-\nsächlich als Element dieser Form zu betrachten.\nDiese einzelne Form ist so und nicht anders ge-\nstaltet; nicht, weil ihr eigener innerer Klang,\nabgesehen von der großen Komposition, es un-\nbedingt verlangt, sondern größtenteils, weil sie als\nBaumaterial dieser Komposition dient. Hier wird\ndie erste Aufgabe — die Komposition des ganzen\nBildes — als definitives Ziel verfolgt.\nSo tritt in der Kunst allmählich immer näher\nin den Vordergrund das Element des Abstrakten,\ndas noch gestern schüchtern und kaum sichtbar\nsich hinter die rein materialistischen Bestrebun-\ngen versteckte.\nUnd 'dieses Wachsen und schließliche Ueber-\nwiegen des Abstrakten ist natürlich.\nEs ist natürlich, da, je mehr die organische\nForm zurückgetrieben wird, desto mehr dieses\nAbstrakte von selbst in den Vordergrund tritt\nund an Klang gewinnt.\nDas bleibende Organische hat aber, wie ge-\nsagt, eigenen inneren Klang, der entweder mit\ndem inneren Klang des zweiten Bestandteiles der-\nselben Form (des Abstrakten darin) identisch ist\n(einfache Kombinierung der beiden Elemente),\noder auch verschiedener Natur sein kann (kom-\nplizierte und möglicherweise notwendig dis-\nharmonische Kombinierung). Jedenfalls aber läßt\ndas Organische in der gewählten Form seinen\nKlang hören, wenn auch dieses Organische ganz\nin den Hintergrund gedrängt wird. Deswegen ist\ndie Wahl des realen Gegenstandes von Wichtig-i\nkeit. In dem Doppelklange (geistiger Akkord)\nder beiden Bestandteile der Form kann der\norganische den abstrakten unterstützen (durch\nMit- oder Widerklang) oder für ihn störend sein.\nDer Gegenstand kann einen nur zufälligen Klang\nbilden, der, durch einen anderen ersetzt, keine\nwesentliche Aenderung des Grundklanges her-\nvorruft.\nEine romboidale Komposition wird zum Bei-\nspiel durch eine Anzahl menschlicher Figuren\nkonstruiert. Man prüft sie mit dem Gefühl und\nstellt sich die Frage: sind die menschlichen\nFiguren für die Komposition unbedingt not-\nwendig oder dürfte man sie durch andere orga-\nnische Formen ersetzen und zwar so, daß der\ninnere Grundklang der Komposition dadurch\nnicht leidet? Und wenn ja, so ist hier der Fall\nvorhanden, wo der Klang des Gegenstandes nicht\nnur dem Klang des Abstrakten nicht hilft, son-\ndern ihm direkt schadet: gleichgültiger Klang\ndes Gegenstandes schwächt den Klang des Ab-\nstrakten ab. Und das ist logisch und auch künst-\nlerisch tatsächlich der Fall. Es sollte also in\ndiesem Falle entweder ein anderer, mehr zum\ninneren Klang des Abstrakten passender Gegen-\nstand gefunden werden (passend als Mit- oder\nWiderklang) oder überhaupt sollte diese ganze\nForm eine rein abstrakte bleiben. Hier wird\nwieder an das Beispiel mit dem Klavier erinnert.\nStatt „Farbe\" und „Form\" soll der „Gegenstand\"\ngestellt werden. Jeder Gegenstand (ohne Unter-\nschied, ob er direkt von der „Natur\" geschaffen\nwurde oder durch menschliche Hand entstanden\nist) ist ein Wesen mit eigenem Leben und daraus\nunvermeidlich fließender Wirkung. Der Mensch\nunterliegt fortwährend dieser psychischen Wir-\nkung. Viele Resultate werden im „Unterbewußt-\nsein\" bleiben (wo sie ebenso lebendig und\nschöpferisch wirken). Viele steigen zum „Ober-\nbewußtsein\". Von vielen kann sich der Mensch\nbefreien, indem er seine Seele dagegen abschließt.\nDie „Natur\", das heißt die stets wechselnde äußere\nUmgebung des Menschen, versetzt durch die\nTasten (Gegenstände) fortwährend die Saiten des\nKlaviers (Seele) in Vibrationen. Diese Wirkun-\ngen, die uns oft chaotisch zu sein scheinen, be-\nstehen aus drei Elementen : das Wirken der Farbe\ndes Gegenstandes, seiner Form und das von\nFarbe und Form unabhängige Wirken des Gegen-\nstandes selbst.\nNun tritt aber an die Stelle der Natur der\nKünstler, der über dieselben drei Elemente ver-\nfügt. Und wir kommen ohne weiteres zum\nSchluß: auch hier ist das Zweckm äß ige maß-\ngebend. So istes klar, daß die Wahl des\nGegenstandes (das beiklingende Ele-\nment in der Formharmonie) nur\nauf dem Prinzip der zweckmäßigen\nBerührung der menschlichen Seele\nruhen muß.\nAlso entspringt auch die Wahl des Gegen-\nstandes dem Prinzip der inneren Not-\nwendigkeit."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10444, "texte": "Je freier das Abstrakte der Form liegt, desto\nreiner und dabei primitiver klingt es. In einer\nKomposition also, wo das Körperliche mehr oder\nweniger überflüssig ist, kann man auch dieses\nKörperliche mehr oder weniger auslassen und\ndurch rein abstrakte oder durch ganz ins Ab-\nstrakte übersetzte körperliche Formen ersetzen.\nIn jedem Falle dieser Uebersetzung oder dieses\nHineinkomponierens der rem abstrakten Form\nsoll der einzige Richter, Lenker und Abwäger\ndas Gefühl sein. Und freilich, je mehr der\nKünstler diese abstrahierten oder abstrakten\nFormen braucht, desto heimischer wird er in\nihrem Reiche und tritt immer tiefer in dieses Ge-\nbiet ein. Und, durch den Künstler geführt,\nebenso auch der Zuschauer, der immer mehr\nKenntnisse in der abstrakten Sprache sammelt\nund sie schließlich beherrscht.\nDa stehen wir vor der Frage: müssen wir\ndenn nicht auf das Gegenständliche überhaupt\nverzichten, es aus unserer Vorratskammer in alle\nWinde zerstreuen und das rein Abstrakte ganz\nbloßlegen? Dies ist die natürlich sich aufdrin-\ngende Frage, die durch das Auseinandersetzen\ndes Mitklingens der beiden Formelemente (des\ngegenständlichen und abstrakten) uns auch gleich\nauf die Antwort stößt. Wie jedes gesagte Wort\n(Baum, Himmel, Mensch) eine innere Vibration\nerweckt, so auch jeder bildlich dargestellte Gegen-\nstand. Sich dieser Möglichkeit, eine Vibration\nzu verursachen, zu berauben, wäre: das Arsenal\nseiner Mittel zum Ausdruck zu vermindern. So\nsteht es jedenfalls heute. Aber außer dieser\nheutigen Antwort bekommt die obengestellte\nFrage die Antwort, die in der Kunst die ewige\nbleibt auf alle Fragen, die mit „muß\" anfangen :\nEs gibt kein „muß\" in der Kunst, die ewig frei\nist Vor dem „muß\" flieht die Kunst, wie der\nTag vor der Nacht-\nBei 'der Betrachtung der zweiten kompositio-\nnellen Aufgabe der Schaffung der einzelnen zum\nAufbau der ganze Komposition bestimmten\nEormen muß noch bemerkt werden, daß dieselbe\nForm bei gleichen Bedingungen immer gleich\nklingt. Nur sind die Bedingungen immer ver-\nschieden, woraus zwei Folgen fließen:\nder ideale Klang ändert sich durch Zu-\nsammenstellung mit anderen Formen,\ner 'ändert sich auch in derselben Umgebung\n(soweit ihr Festhalten möglich ist), wenn diese\nForm in ihrer Richtung verschoben wird. Aus\ndiesen Folgen fließt weiter ein anderes von selbst\nheraus.\nEs gibt nichts Absolutes. Und zwar ist die\nFormenkomposition, auf dieser Relativität ruhend,\nabhängig von der Veränderlichkeit der ZusamL\nmenstellung der Formen und von der Veränder-\nlichkeit jeder einzelnen Form bis ins kleinste.\nJede Form ist so empfindlich, wie ein Rauch-\nwölkchen: das unmerklichste geringste Ver-\nrücken jeder ihrer Teile verändert sie wesent-\nlich. Und dies geht so weit, daß es vielleicht\nleichter ist, denselben Klang durch verschiedene\nFormen zu erzielen, als ihn durch die\nWiederholung derselben Form wieder zum\nAusdruck bringen: eine wirkliche genaue\nWiederholung liegt außer der Möglich-\nkeit Solange wir nur für das Ganze der\nKomposition besonders empfänglich sind,\nist diese Tatsache mehr theoretisch wichtig. Wenn\naber die Menschen durch das Gebrauchen der\nabstrakteren und abstrakten Formen: (die keine\nInterpretation von Körperlichem erhalten werden)\nein feineres und stärkeres Empfinden bekommen\nwerden, so wird diese Tatsache immer mehr an\npraktischer Bedeutung gewinnen. So werden die\nSchwierigkeiten der Kunst wachsen, aber gleich-\nzeitig wird auch der Reichtum an Formen in\nden Ausdrucksmitteln quantitativ und qualitativ\nmit wachsen. Dabei wird auch die Frage des\n„Verzeichnens\" von selbst fallen und durch eine\nandere, viel künstlerischere ersetzt: wie weit ist\nder innere Klang der gegebenen Form ver-\nschleiert oder entblößt? Diese Aenderungen in\nden Ansichten wird wieder noch weiter und zu\nnoch größerer Bereicherung der Ausdrucksmittel\nführen, 'da die Verschleierung eine enorme Macht\nin der Kunst ist Das Kombinieren des Ver-\nschleierten und Bloßgelegten wird eine neue Mög-\nlichkeit Ider Leitmotive einer Formenkomposition\nbilden.\nOhne solche Entwicklung auf diesem Ge-\nbiete würde die Formenkomposition unmöglich\nbleiben. Jedem, den der innere Klang der Form\n(der körperlichen und besonders der abstrakten)\nnicht erreicht, wird ein derartiges Komponieren\nstets als bodenlose Willkür erscheinen. Gerade\ndas scheinbar folgenlose Verschieben der ein-\nzelnen Formen auf der Bildfläche erscheint in\ndiesem Falle als inhaltloses Spiel mit den Formen.\nHier finden wir denselben Maßstab und dasselbe\nPrinzip, das wir bis jetzt überall als das einzig rein\nkünstlerische, vom Nebensächlichen freie fanden:\nDas Prinzip der inneren Notwen-\ndigkeit\nWenn zum Beispiel Gesichtszüge oder ver-\nschiedene Körperteile aus künstlerischem Grunde\nverschoben und „verzeichnet\" werden, so stößt\nman doch außer auf die rein malerische Frage\nauch auf die anatomische, die die malerische\nAbsicht hemmt und ihr nebensächliches Berech-\nnen aufzwingt. Hier fällt aber alles Neben-\nsächliche von selbst ab und es bleibt nur das\nWesentliche — das künstlerische Ziel Gerade\ndiese scheinbar willkürliche, aber in Wirklichkeit\nstreng bestimmbare Möglichkeit, die Formen zu\nverschieben, ist eine der Keime einer unendlichen\nReihe künstlerischer Schöpfungen.\nAlso die Biegsamkeit der einzelnen Form,\nsozusagen ihre innerlich-organische Veränderung,\nihre Richtung im Bilde (Bewegung), das Ueber-\nwiegen des Körperlichen oder des Abstrakten in\ndieser einzelnen Form und die Zusammenstellung\nder Formen, die die großen Formen der Formen-\ngruppen- bilden, die Zusammenstellung der ein-\nzelnen Formen mit den Formengruppen, die die\ngroße Form des ganzen Bildes schaffen; weiter\ndie Prinzipien des Mit- oder Widerklangs aller\nerwähnten Teile, also das Zusammentreffen ein-\nzelner Formen, das Hemmen einer Form durch\ndie andere, ebenso das Schieben, das Mit-\nZerreißen der einzelnen Formen, die gleiche Be-\nhandlung der Formengruppen, des Kombinierens\ndes Verschleierten mit dem Bloßgelegten, des\nKombinierens des Rhythmischen und Arhyth-\nmischen auf derselben Fläche, des Kombinierens\nder abstrakten Formen als rein geometrischer\n(einfacher, komplizierter) und geometrisch un-\nbezeichenbarer, des > Kombinierens der Ab-\ngrenzungen 'der Formen voneinander (stärkerer,\nschwächerer) und so fort: das alles sind die\nElemente, die die Möglichkeit eines rein zeich-\nnerischen „Kontrapunktes\" bilden und die zu\ndiesem Kontrapunkt führen werden. Und dies\nwird der Kontrapunkt der Kunst des Schwarz-\nWeißen, solange die Farbe ausgeschaltet ist.\nUnd die Farbe, die selbst ein Material zu\neinem Kontrapunkt bietet, die selbst unendliche\nMöglichkeiten in sich birgt, wird in Vereinigung\nmit der Zeichnung zum großen malerischen\nKontrapunkt führen, auf dem auch die Malerei\nzur Komposition gelangen wird, uns sich als\nwirklich reine Kunst in den Dienst des Gött-\nlichen stellt Und immer derselbe unfehlbare\nFührer bringt sie auf diese schwindelnde Höhe:\ndas Prinzip der inneren Notwendig-\nkeit —\nDie innere Notwendigkeit entsteht aus drei\nmystischen Gründen. Sie wird von drei mysti-\nschen Notwendigkeiten gebildet\nJeder Künstler hat, als Schöpfer, das ihm\nEigene zum Ausdruck zu bringen (Element der\nPersönlichkeit).\nJeder Künstler hat, als Kind einer Epoche,\ndas dieser Epoche Eigne zum Ausdruck zu brin-\ngen (Element des Stiles im inneren Werte, zu-\nsammengesetzt aus der Sprache der Epoche und\nder Nation, solange die Nation als solche\nexistieren wird).\nJeder Künstler hat, als Diener der Kunst,\ndas der Kunst allgemein Eigene zu bringen (Ele-\nment des Rein- und Ewig-Künstlerischen, das:\ndurch alle Menschen, Völker und Zeiten geht,\nim Kunstwerke jedes Künstlers, jeder Nation und\njeder Epoche zu sehen ist und als Hauptelement\nder Kunst keine Zeit und keinen Raum kennt).\nMan muß nur diese zwei ersten Elemente\nmit dem geistigen Auge durchdringen, um dieses\ndritte Element bloßgelegt zu sehen. Dann sieht\nman, daß eine „grob\" geschnitzte Indianertempel-\nSäule vollkommen durch dieselbe Seele belebt\n<\nist, wie ein noch so „modernes\" lebendiges Werk.\nEs wurde und wird noch heute viel vorn\nPersönlichen in der Kunst gesprochen, hier und\nda fällt ein Wort und wird jetzt immer öfter\nfallen über den kommenden Stil. Wenn diese\nFragen auch von großer Wichtigkeit sind, so ver-\nlieren sie durch Jahrhunderte und später Jahr-\ntausende gesehen allmählich an Schärfe und\nWichtigkeit, werden schließlich gleichgültig\nund tot.\nNur das dritte Element des Rein- und Ewig-\nKünstlerischen bleibt ewig lebendig. Es verliert\nnicht mit der Zeit seine Kraft, sondern gewinnt\nan ihr ständig. Eitie ägyptische Plastik erschüttert\nuns heute sicherlich mehr, als sie ihre Zeit-\n. *\ngenossen zu erschüttern vermochte: sie war viel\nzu stark durch damals noch lebendige Merkmale\nder Zeit und der Persönlichkeit gebunden und\ndurch sie gedämpft Heute hören wir in ihr\nden entblößten Klang der Ewigkeit-Kunst Je\nmehr ein „heutiges\" Werk von den ersten zwei\nElementen hat, desto leichter wird es natürlich,\nden Zugang zur Seele der Zeitgenossen finden.\nUnd weiter: je mehr das dritte Element im heuti-\ngen Werk vorhanden ist, desto mehr werden die\nersten zwei übertönt und dadurch der Zugang\nzur Seele der Zeitgenossen erschwert. Deswegen\nmüssen manchmal Jahrhunderte vergehen, bis\nder Klang des dritten Elements zur Seele der\nMenschen gelangen kann.\nSo ist das Ueberwiegen des dritten Elements\nim Werk das Zeichen seiner Größe und der\nGröße des Künstlers.\nSo sieht man endlich (und dieses ist von\nunbeschreiblicher Wichtigkeit für alle Zeiten\nund ganz besonders „heute!\"), daß, das\nSuchen nach dem Persönlichen, nach dem\nStil (und also nebenbei nach dem Nationalen)\nweder durch Absicht zu erreichen ist, noch die\ngroße Bedeutung hat, die heute der Sache bei-\ngemessen wird. Und man sieht, daß die allge-\nmeine Verwandtschaft der Werke, die durch Jahr-\ntausende nicht geschwächt, sondern immer mehr\nund mehr gestärkt wird, nicht im Aeußeren, im\nAeußerlichen liegt, sondern in der Wurzel der\nWurzeln — im mystischen Inhalt der Kunst!\nUnd man sieht, daß das Hängen an der „Schule\",\ndas Jagen nach der „Richtung\", das Verlangen\nin einem Werk nach' „Prinzipien\" und be-\nstimmten, 'der Zeit eigenen Ausdrucksmitteln nur\nauf Irrwege führen kann und zur Unverständnis,\nzur Verfinsterung, Verstummung bringen muß.\nBlind gegen „anerkannte\" oder „un-\nanerkannte\" Form, taub gegen Lehren und\nWünsche der Zeit soll der Künstler sein.\nSein offenes Auge soll auf sein inneres Leben\ngerichtet werden und sein Ohr soll dem Munde\nder inneren Notwendigkeit stets zugewandt sein."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.5", "debut_caractere": 49, "fin_caractere_exclue": 2285, "texte": "Dann wird er zu jedem erlaubten Mittel\nund ebenso leicht zu jedem verbotenen Mittel\ngreifen.\nDieses ist der einzige Weg, das Mystisch-\nnotwendige zum Ausdruck zu bringen.\nAlle Mittel sind heilig, wenn sie innerlich\nnotwendig sind.\nAlle Mittel sind sündhaft, wenn sie nicht\naus der Quelle der inneren Notwendigkeit ent-\nspringen.\nUnd wenn man auf diesem Wege auch heute\nIns Unendliche theoretisieren kann, so ist es jeden-\nfalls die Theorie in weiteren Einzelheiten ver-\nfrüht. In der Kunst geht nie die Theorie voraus\nund zieht die Praxis nach sich, sondern um-\ngekehrt. Hier ist alles und ganz besonders im\nAnfang Gefühlssache. Nur durch Gefühl, be-\nsonders im Anfang des Weges, ist das künst-\nlerisch Richtige zu erreichen. Wenn die all-\ngemeine Konstruktion auch rein theoretisch zu\nerreichen ist, so bleibt doch dieses Plus, das die\nwahrhaftige Seele der Schöpfung ist (und also\nauch verhältnismäßig ihr Wesen), nie durch\nTheorie geschaffen und nie gefunden, wenn es\nnicht plötzlich vom Gefühl in die Schöpfung\neingehaucht wird. Da die Kunst auf das Gefühl\nwirkt, so kann sie auch nur durch das Gefühl\nwirken. Bei sichersten Proportionen, bei feinsten\nWagen und Gewichten, kommt aus der Kopf-\nrechnung und deduktiven Wägung nie ein richti-\nges Resultat zur Folge. (Es können solche Pro-\nportionen nicht ausgerechnet und solche Wagen\nnicht fertig gefunden werden). Die Proportionen\nund Wagen sind nicht außerhalb des Künstlers,\nsondern in ihm, sie sind das, was man auch\nGrenzengefühl, künstlerischen Takt nennen kann\n— Eigenschaften, die dem Künstler angeboren\nsind und durch Begeisterung erhöht werden zur\ngenialen Offenbarung. In diesem Sinne ist auch\ndie Möglichkeit eines von Goethe prophezeiten\nGeneralbasses in der Malerei zu verstehen. Eine\nderartige Malgrammatik läßt sich momentan nur\nvorahnen. Und wenn es endlich zu ihr kommt,\nso wird sie weniger auf Grund der physischen\nGesetze gebaut werden (wie man schon versuchte\nund heute wieder versucht: „Kubismus\"), sondern\nauf den Gesetzen der inneren Notwen-\ndigkeit, die man ruhig als seelische be-\nzeichnen kann.\nAus dem Buch von Kandinsky: Ueber das\nGeistige in der Kunst, insbesondere in der Malerei /\nauf das eindringlich hingewiesen sei. Verlag\nR. Piper und Co., München"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c006", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "13", "page_fin": "13", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.6", "titre_corps": "Georg Tappert:- Excentric / Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Georg Tappert:- Excentric / Originalholzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 47, "texte": "Georg Tappert:- Excentric / Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "14", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.7", "titre_corps": "Der Dichter", "titre_sommaire": "Der Dichter", "signature_source": "Paul Zech", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 601, "texte": "Der Dichter\nPaul Zech\nDas runde Tal umbuschter Wiesenflächen,\nDarin die Weiher blank wie Spiegel ruhn,\nDie Kiesel und Getiere in den Bächen,\nDuftblaue Hügel, fern wie Avalun,\nDie große Stadt mit marmornen Terrassen\nUnd Schlössern, Kathedralen, Turm an Turm,\nUnd der Fabriken schrillem Rädersturm,\nUnd Menschen, die fortzeugend sich umfassen :\nDies alles fing ich ein mit offnen Augen\nUnd trug es wie Geheimnis mit mir fort\nVon Jahr zu Jahr, von Ort zu Ort .. . .\nNun steigt's, gereift in warmen Blutes Purpur-\nlaugen,\nEmpor wie Flut aus einem Brunnenschacht,\nUnd spiegelt Ding an Ding verhundertfacht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "14", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.8", "titre_corps": "Franz von Stuck", "titre_sommaire": "Franz von Stuck", "signature_source": "Curt Seidel / Turin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.6", "debut_caractere": 603, "fin_caractere_exclue": 3408, "texte": "Franz von Stuck\nCurt Seidel / Turin\nFranz von Stuck (wer weiß, ob er nicht\nnoch den Grafentitel erhält) darf sich rühmen,\nMünchen als Kunststadt erledigt zu haben. Der\nFührer des künstlerischen Deutschland, der „ziel-\nbewußte\" Dirigent des deutschen Geschmackes\nund der deutschen „Estetik\" konnte sich das\nleisten. Um so schlimmer für diejenigen, die in\nseinen Gemälden einen großen Maler und ge-\nwaltigen Meister sahen. Gewaltig ist er schon,\nder Franz von Stuck; er ist Aegypter, Assyrer,\nGrieche, Römer, Florentiner, manchmal auch\nNeger: alles kann er sein, nur kein Maler. Dürer\nwar ein deutscher Maler, trotzdem er bei Man-\ntegna in die Schule ging. Holbein verleugnete\nnicht einmal den Deutschen als Hofmaler Henry\ndes Achten. Grünewald noch viel weniger. Bis\nFranz von Stuck in den deutschen Landen seinen\nTriumphzug veranstaltete.. Aus dem Müllersohn\nward ein „großer deutscher Maler und Meister\".\nMan lese Fritz v. Ostini und andere Geister der\nsüddeutschen Kritik!\nHabt ihr sie schon beobachtet, die Welt der\nFaunen, Nymphen, Schlangen, der biblischen\nGestalten, mit denen Stuck seine Gemälde be-\nvölkert? Habt ihr noch nicht ihre lügnerischen\nZüge enträtselt? Erlogen sind ihre Gewänder,\nerlogen sind ihre Bewegungen; erlogen ist ihre\nUmgebung. Nichts von Kunst ist in seiner\nMalerei. Falsch und betrügerisch ist sie, wie die\nPoesie des Hugo von Hofmannsthal. Kunst?\nKlassizismus? Der traurigste, den man je bei\nArnold Böcklin sah! Und Stuck, der ein aus-\ngezeichneter Karikaturist der Fliegenden\nBlätter war, ist selbst nicht vor einem Plagiat\nzurückgewichen. Oder sollte der „Krieg\" wirk-\nlich seine Phantasie sein? Armer Rethel.\nDie „Kreuzigung\" ist jedoch die Geburt seines\nGedankens. Dafür garantiert die theatralische\nAuffassung des dramatischen Ereignisses, an dem\nsieh so viele Maler übten. In dem von Stuck\ndargestellten Christus findet man alles, was in der\nKunst der Kinematographie nur menschlich mög-\nlich ist. Die „Sünde\" kann nur „die Kreuzigung\"\nan. Falschheit übertreffen. Symbolismus? Aber\nder Symbolismus gewisser Simplizissimuszeichner.\nOberflächliche Zeichnung, oberflächliche Auf-\nfassung, und violente, dekorative, koloristische\nAusführung. Und in diesen Farben badete die\nMünchener „Scholle\" der Herren Erler, Eich-\nler & Co., in der idealen Begeisterung, Böcklin\nauf alle Art und Weise auszuziehen.\nStuck ist heute ein berühmter Mann; eine\ntraurige Arbeit, berühmte Männer von dem\nPiedestal ihres Ruhmes herunterwerfen zu müssen.\nMan muß es tun in der Pflicht, die Jugend vor\nGefahren zu warnen, vor traurige Konsequenzen\nzu schützen. Man muß die deutsche Kritik\ndaran erinnern, daß man ihre Dummheit nicht\nfür Gold ankauft, und daß man Herrn Franz\nvon Stuck mit all seinen Palästen und Gemälden\nweder für einen bedeutenden Maler hält, noch\nüberhaupt für einen Maler. !"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c009", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "14", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.9", "titre_corps": "Nachlese", "titre_sommaire": "Nachlese", "signature_source": "J. 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Mit\ndem Rüstzeug lang bewährter Phrasen geht, er\nden größten Schwierigkeiten seines Amtes an den\njLeib. Da es ihm an Geist fehlt, verläßt er $ich\nauf seinen Geschmack,, und dieser wieder ist\nvon allen guten Geistern verlassen. Bitte, keine\nWiderrede! Da ist der Kollege B-d. von der\nVolkszeitung. Er ist galant und jovial- gegen die\nsimple Lindausche „Gräfin Lea\", die selbst gar\nIriicht den Mut hat, ihr Alter zu verleugnen, aber\nfür Strindbergs „Königin Christine\" hat er\nnur eine ablehnende Geste. Verabschiedet sie\ngleich so,:\nWurde auch in den ersten drei Akten\nunser Interesse durch manche dramatische\nFeinheit geweckt — der letzte Akt mit seiner\nunklaren Handlung und seiner geschwollenen\nSprache ließ kein Gefühl des Bedauerns auf-\nkommen, daß für dieses Werk Strindbergs\nnur eine einmalige Aufführung vorgesehen ist.\nHingegen wünscht er von der Regie des\nSchiller-Theaters, daß bei Wiederholungen\nder „Gräfin Lea\"\nden auf der linken Seite des Zuschauerraums\nSitzenden der Anblick des Verteidigers Dr.\nv. Deckers nicht durch das Podium, auf dem'\nder Gerichtshof Platz genommen hat, ent-\nzogen wird.\nMan wird mit B-d. in Bälde gründlicher\nabrechnen.\nAlle wie einer\nNur über den Wert ernster Musikwerke sind\nsich unsere Musikkritiker nicht einig. Was der\neine zum Beispiel in einer Verdischen Oper als\nschwankenden Stil feststellt, bewundert der\nandere als ein Schwelgen in meisterlichem\nKönnen, was jener als ungenießbar ablehnt, ver-\nsetzt diesen in einen Rausch des Entzückens.\nAber, wie gesagt, nur über den Wert ern-\nster Musikwerke. — Nach der Erstaufführung\neiner Oper von Richard Strauß oder einer\nOperette von Fall sehen sich ihre Referate zum\nVerwechseln ähnlich.\n„Fails Musik ist von Anfang bis Ende ent-\nzückend,\"\nverkündet Johannes Doebber.\n„Es tut ordentlich wohl, nach den Fehl-\nschlägen der letzten Zeit dem kultivierten Stil\nLeo Falls fzu folgen. Ein paar Melodien\nmachen's eben »nicht; es gehört der gereifte\n112 und gebildete Musiker zu einer vollendeten\nOperettenmusik, der seine Mittel künstlerisch\nverarbeiten kann, wie es hier geschehen ist.\"\nIm Jahre Eintausend,nexmhundertundzwölf\nn. Chr. Amen!\nUnd der Hauptmann a. D. Lusztig findet\nhalt das Ganze „blitzblank\" poliert.\n„Prächtig instrumentiert, witzig, wo Witz\nangebracht ist, sorgfältig gemacht, wo es\nauf Eindringlichkeit der Tonsprache ankommt,\n— im ganzen ein hübsches, fesselndes Stück\nMusik. Nicht alles durchaus originell in dem\nSinne, daß Fall etwa .eine neue Note an-\nschlagen würde, aber mit so viel Geschick\nersonnen, so wirksam hingestellt, daß man an\nihm seine rechte Freude haben kann.\nDas Publikum war sehr animiert und ver-\nlangte vieles da capo von den Schlagern, die\nSchlag auf Schlag einander folgten, und bald\nwird man sie wohl überall hören.\"\nO ja. „Und der Himmel hängt voller\nGeigen.\"\nHier ernten die Kunstfälscher echten Bei-\nfall, in einem gemeinsamen Sündenfall ver-\nschachern die Musikschmöeke das Paradies des\nkäuflichen Erfolges — hilf Himmel! — Schlag\nauf Schlag!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c010", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "14", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.10", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.6", "debut_caractere": 7035, "fin_caractere_exclue": 7449, "texte": "Beachtenswerte\nBücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nJOSE JUNOY\nArte y Artistas\nPrimera Serie\nMit zahlreichen Reproduktionen nach Gemälden\nvon Joaquin Sunyer / Enrique Casanovas / Joaquin\nMir / F. J. Nogues / Pablo Picasso\nBarcelona / Libreria de „L'Aveng\"\nHENRI GHEON\nLe Pain\nTragedie populaire\nParis / Editions de la Nouvelle\nRevue Frangaise / Marcel Riviere et Cie"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c011", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "14", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.2.11", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.6", "debut_caractere": 7451, "fin_caractere_exclue": 7615, "texte": "Notiz\nIn dem Beitrag von Siurlai (Nummer 103)\nmuß es heißen:\nSarywzew — wie ihm — eignet ein Mangel\nan Privatleben.\nEr auch mag lieber Ehrenmann als Präsident\nsein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-13-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-13_01#c012", "volume": "bmtnabg_1912-04-13_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "14", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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W.\nIch nehme das Verdienst für mich in An-\nspruch, durch meine Berichtigung in Nummer 103\ndie beliebten weiteren Kreise auf das Bestehen\nder Zeitung „Das Kleine Journal\" und „ihres\nHerrn\" Lehmann aufmerksam gemacht zu haben.\nHerr Lehmann kann sich noch immer nicht be-\nruhigen und ist eifrig bemüht, das Cafe zu\nfinden, in dem ich verkehre. Bei dieser auf-\nregenden und genußreichen Beschäftigung hat er\nzwar nicht mich, aber Herrn Eduard Engel ent-\ndeckt. Professor Eduard Engel, der bekannte\nKursbuchkenner, schrieb zur Abwechslung von\nseiner stenographischen Tätigkeit ein Buch über\nden deutschen Stil. Es ist sicher sehr komisch,\nwie alle Sonderfahrten des Herrn Professors in\nnicht bekannte Gebiete. Die Entgleisungen des\nKursbuchreformators sind zu häufig, um sie\neinzeln zu registrieren. Das „Kleine Journal\" hin-\ngegen nimmt von solchen Zügen mit Interesse\nKenntnis. Trotzdem Herr Lehmann bei dieser\nGelegenheit auf den Kopf gefallen ist, geht er\ndoch noch „jede Wette mit irgendjemandem ein,\ndaß die meisten Leser dieses Blattes von dem\nnachstehenden nur recht wenig Ahnung vor\nder Lektüre gehabt haben\". Die in Nummer 103\nnamhaft gemachten vier Leser des „Kleinen\nJournals\" haben sicher keine Ahnung ge-\nhabt. „Die meisten werden nicht wenig erstaunt\nsein, einen Mann darin angegriffen zu sehen,\nder ihnen und vielen Tausenden anderen Men-\nschen als ein erster Meister auf seinem Gebiet\nerschien. Um so größer ist das Verdienst von\nEduard Engel, daß er den Mut bewiesen hat,\nim Interesse einer Reinigung und Veredlung\nunserer schönen Muttersprache ein Idol der all-\ngemeinen Schätzung anzugreifen und zu stürzen.\"\nWelches Idol hat Herr Eduard Engel gestürzt?\nAn wem hat er seinen Mannesmut bewiesen ?\nAn Maximilian Harden. Herr Eduard Engel ent-\ndeckt die „schriftstellerische Unnatur\" des Her-\nausgebers der „Zukunft\", und Herr Lehmann\npreist das Verdienst durch kostenlosen Nach-\ndruck eines Kapitels. Die Entdecker sind heut-\nzutage sehr unvorsichtig. Sie entdecken mit\ngroßem Geschrei den Nordpol, den Südpol und\ndie Unnatur Hardens. Herr Eduard Engel\nbrauchte nicht weite Reisen zu machen. Eine\nPostkarte genügte. Herr Engel hatte nämlich\ngehört, daß ein gewisser Karl Kraus in Wien\nHardens Unnatur bereits entdeckt habe. Seine\neigene Literaturgeschichte gab ihm schlechte\nAuskunft über diesen Karl Kraus. Dort fand\ner: „In bunter Reihe, ohne Vollständigkeit, seien\nnoch als Kritiker mit Literaturkenntnis, Ver-\nständnis und Einfluß genannt: In Berlin Fritz\nEngel, Rudolf Herzog, G. Weißstein, Rudolf\nPresber, Philipp Stein; in Wien H. Wittmann,\nM. Necker, J. Bauer, K. Krauss.\" Bessere Aus-\nkunft fand er im Berliner Adreßbuch. Er konnte\nidort unter der Adresse Berliner Bureau der\n„Fackel\" den weggelassenen Vornamen und das\nzugegebene s entdecken. Das zugegebene s ent-\ndeckte er zwar nicht, sondern schrieb an diesen\nHerrn Krauss mit zwei s nach Berlin eine Post-\nkarte. Er habe gehört, daß dieser Herr K. Kraus\nsich mit Maximilian Harden „beschäftigt\" habe\nund bitte ihn -um leihweise Ueberlas-\nsung des Materials auf vierundzwanzig Stunden.\nEs wurde ihm überlassen, zwar nicht von Herrn\nK. Krauss, aber vom Berliner Bureau der\n„Fackel\", das die Ansicht hatte, man solle keinen\nMenschen in seinem Bestreben nach Bildung\nauf vierundzwanzig Stunden hindern. Das „Ma-\nterial\" wurde ihm überlassen, und Herr Eduard\nEngel entdeckte unter dem Jubelgeschrei des\nHerrn Lehmann den unechten Harden. Doch\nHerr Eduard Engel ist dankbar. Er merkt an:\n„Die folgenden Sprachrebus hat ein Sonder-\nforscher des Preziösentums, Karl Kraus,\näuf die Schnur gereiht.\" Und ferner: .„Viel-\nleicht beschert unseren fernen Nachfahren ein\nstrebsamer Germanist ein Wörterbuch der\nSprache Maximilian Hardens; gute Vorarbeiten\nfindet er bei K. Kraus.\" Aber der strebsame\nGermanist hat sich ja schon gefunden. Herr\nEngel scheint sich selbst zu übersehen. Die\nguten Vorarbeiten des nun endlich mit einem s\ngeschriebenen Karl Kraus haben ihm doch bereits\nein Verdienst um „unsere schöne Muttersprache\"\neingebracht. Und in der neuen Auflage seiner\ndeutschen Literaturgeschichte wird es sicher\nheißen: In Wien H. Wittmann, M. Necker,\n]. Bauer, Karl Kraus, letzterer ein Son-\nderforscher des Preziösentums.\n\nDer schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\nWährend seine Schritte unter dem bläulich\nweißen Mondhimmel durch die Straßen hallten,\nverfiel sein Geist, der sich zu erheben suchte, auf\neinen sonderbaren Ausweg vor der Beschämung.\nWie Spinnfäden im Altweibersommer sich\nzwischen manche Blätter und Menschengesichter\nlegen, so zogen sich doch Fäden hin und her\nzwischen ihm und ihr, lächerlich und zart, aber\nFäden. Gewiß war er nicht viel mehr in ihrem\nLeben, als die dicke Milchfrau, in deren Halle sie\nvorhin ihre Sahne trank, oder auch vielleicht noch\nweniger. Aber er war nicht mehr auszulöschen,\nsie mochte innigst bitten und hingeben, was sie\nwollte und konnte, — wenn das Leben ein ein-\nziges Meer ist, so schwamm auch er als eine Welle\nin diesem Leben, im engen und weiten Kreise,\nleise, unendlich fein auf das Zukünftige einwirkend,\naber bis ins feinste Geäder hinrieselnd. Und mit\nzitternden Fingern lenkte und bestimmte er das\nFernste, zog unabwendliche Linien über das\nWasser hin.\nVielleicht, vielleicht erwies er sich, wenn ein-\nmal sein zufälliges hohnvolles Lachen wieder in ihr\naufklang, das einmalige Lachen, das nie wieder\ngelacht werden konnte, erwies er sich als Herrn\nihres Lebens; vielleicht, gewiß war er so im Plane\nihres Lebens vorgesehen. Und rächte sich so.\nMan soll in ein Menschenleben wie in ein\nMeer hinabsteigen, von einer Welle, die ihre Bahn\nläuft, von einer großen Zuckung bis an den Strand\ngetragen, über Steine und Zufälle hinweg.\nDie Wasser aber sind nicht und das Leben\ngraust wie ein unbewegliches Steinfeld.\nZwischen den Steinen redet keine Welle.\nEs ist ein Weg für starke, sichere Mächte,\nCyklopen; ein Springen mit Siebenmeilenstiefeln\nvon Fels zu Fels ist es; zwischen zwei Worten\nraucht ein Abgrund.\nAus dem weißen Ungefähr fallen die Steine\nherunter, die Mächte schreiten aus dem dampfenden\nUngefähr heran.\nIch sah vor einiger Zeit, wie ein Kind unge-\ngeschickt eine brennende Spirituslampe in den\nHänden hielt: der Spiritus floß auf die Erde; die\nschöne bläulich-weiße Flamme aber war er-\nloschen, und statt dessen huschten und zuckten\nnun am Boden lauter kleine Flammenfleckchen.\nZufälle sind die gespenstigen Schritte des Lebens\nUeber die Erde stampfen sie und dröhnen\ndurch den geheimnisvollen Himmel.\nIrenes Seele bewegte sich im langsamen Menuett-\nschritt. Eine gehaltene Dämpfung lag auf der Zart-\nhäutigen. Wenn sie die stahlgrauen, strahlenden\nAugen einem Unterredner zuwandte, so legte sie\nmeist die Finger über die Brust zusammen und\nstrich die starren, fahlroten Härchen zurück, die\nihr über das Ohr hingen und manchmal bis zum\nAuge aufwehten. Auf einen Scherz lachte ihre\nKehle nicht laut, sondern Irene senkte nur wenig\nden leicht beiseite gelehnten Kopf, öffnete, während\ndie Lider sich halb schlössen und die Augen auf-\nleuchteten, mit Lächeln den Mund.\nSie reichte zum Gruß und Abschied ihre kühle\nHand; nackte, stolze Mädchenhände waren die\nvertrauten Dienerinnen ihres Leibes, schlanke\nFinger, die die Augen mit gelblicher Blässe\ntrösteten. Man fühlte, daß eine schwache Süße\nimmer von diesen Händen ausgeatmet wurde:\nDa wurden alle Blicke auf die Hände zu feinen\nLiebesgedichten. Wenig wallte ihr Inneres, wenn\nsie die Augen schloß; sie achtete still, glättete\nsich ohne Zagen und sicher, weder von außen\nnoch von innen beirrt, reihte sich in das Bunte\nein, die Klare.\nSo träumte sie auch nicht oft. Ihre Träume\nspielten in ganz zarten Farben, die manchmal ins\nTraurige hinübergrauten. Das machte ihre Mäd-\nchenreife.\nIn ganz zarten Farben spielte ihr Traum. So\nwar Irene kühl und süß wie Milch.\nKellerhaft blies sie seine Art an. Sie preßte\nbeim Gedanken an ihn die Lippen zusammen;\ner war ihr etwas Wüstes, Fremdes, vor dem sie,\nohne zu denken, zurückscheute. Noch verwirrt\nvon seinem grundlosen Hohn hatte sie seine\ntrauervollen Entschuldigungen gehört; hinter\nseinen Worten, aus seinen unruhigen Augen sprach\neine wunderliche Schwermut zu ihr, die ihr Mit-\nleid rührte und sie befremdete. Die Gleichgültig-\nkeit und der Abscheu vor ihm war ihr so ge-\nwohnt, daß sie sich sogar gegen das Mitleid\nsträubte. Aber gerade, als Johannes seine Ge-\ndanken von ihr löste und mit lächelndem Schmerz\nvon ihr Abschied nahm, erst da sahen ihre Augen\nihn ernstlicher an. Sie war erstaunt, verstand ihn\nnicht; solche Widersprüchlichkeit war ihr fremd\nund beschäftigte ihre Gedanken auch manchmal,\nwenn sie ihn nicht sah.\nIhre grauen großen Augen wandten sich ihm\njetzt oft stille zu und tasteten an den Linien\nseines knochigen, immer graublassen Gesichts.\nWenn ihre Gedanken in dem Mädchenstübchen,\ndas in einem Gartenhause lag, vor dem Ofen\nabenteuerten, so schalteten sie jetzt gern gerade\nmit seinem Bilde, sahen in Johannes bald den\ngrausigen Räuber und Mädchenschänder, bald\nden düster bleichen Held und kühnen Retter,\nder Irenen mit Gewalt überfiel und fortriß, der\nschmerzzerrißen sein Letztes an ihr Leben setzte\nund starb, um den sie lange trauerte, den jede\nNacht weiß im Sarge liegen sah.\nJohannes hatte nach der dumpfen Gewalt-\nsamkeit jenes Abends Abschied von ihr genommen.\nDeutlicher sagte endlich alles in ihm: es ist\ngenug, es ist übergenug. In dem vergeblich\nheißen Ringen um sie war seine wilde Bitterkeit\nganz ausgebrannt; bei ihrem Anblick, der jetzt\nso wenig Starkes, Eigenwilliges und Hassenswertes\nbot, war das letzte seiner Trauer und seines\nschlimmen Grolls unter einem Lächeln erloschen,\nwenngleich noch hie und da Wehmut aufzuckte.\nSein gleichgültiger Stolz und die kalte Sicherheit\nerhoben sich gestärkt und stießen, was noch vom\nTrotz verhehlter Ohnmacht an ihnen war, ab.\nBald nahm er, so oft er Irene sah, eine un-\ngewohnte Aufmerksamkeit an ihr wahr; er er-\nstaunte und fühlte sich wohl etwas beunruhigt,\nunklar über die Ursache dieser plötzlichen Wand-\nlung. Aber seine Teilnahme für sie verminderte\nsich nur noch mehr; er dachte an das Fieber,\ndas ihn durchwütet hatte und wußte nicht, wie\nsie, gerade sie es in ihm entflammen konnte.\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.3", "texte": "Am hellen Tage hatte er mit Dämonen und\nGespenstern gekämpft, die er sich erfunden hatte,\nwie früher das Geisterheer und war ihnen gar\nerlegen, nicht besser als ein abergläubisches\nKindchen.\nSie hatte ein glattes Gesicht 'wie andere\nMädchen, die Falten ihres Gewandes fielen nicht\nstolzer als über andere Mädchenleiber über sie.\nEr mußte eine Bewegung seiner Seele mißver-\nstanden haben, und dieses Mädchen war ganz\nschuldlos.\nIrene aber suchte sein Gespräch und seinen\nAnblick. Er regte sie ängstlich an; er hatte\netwas von einer Kaktee an sich, von dem schloh-\nweißen Greisenhaar. Sie suchte Johannes und\ner wich ihr nicht aus, denn er ging unberührt\nneben ihr her. Und bald fand er ein Vergnügen\ndarin, sich von einem Menschen suchen zu lassen;\nes schmeichelte ihn, wie dieses Wesen, das ihn\nso düstere Träume geweckt hatte, sich um ihn\nbemühte, ihn anerkannte und sich beugte; es\nschmeichelte ihn, wie diese bewunderte und um-\nworbene kühle Schönheit gerade auf ihn die\nAugen richtete.\nEr konnte ihre Stimme, wie er es wollte, 2um\nSingen und Erzittern bringen, zum Anschwellen\nund Abkühlen. Um sich diese freudigen und\nspöttischen, spielerisch leichten Gefühle zu er-\nhalten, ging er neben ihr und dachte heimlich\nmit einer verachtenden Dankbarkeit an sein rot-\nhaariges Spielzeug. Bisweilen stieg aber wieder\ndas Mißtrauen in ihm auf; vielleicht durchschaute\nsie ihn, vielleicht spielte nicht er, sondern sie mit\nihm, und gönnte ihm höhnisch seinen Irrtum;\nund er empfand einen Zorn auf sie, und wilde\nWut und Ekel, dann begegnete er ihr schroff,\nblickte von ihr fort oder wich ihr ganz aus.\nMit Widerstreben ließ er sich ihre freund-\nlichen Worte und Fragen gefallen, die ihn doch\nso angenehm wie Taubengurren berührten; —\nwarum sollte er sie meiden? Ja, er mußte sie\nnoch loben und ihr ehrlich Anerkennung zollen,\ndaß sie gerade ihn suchte zwischen vielen. Und\nes lockte ihn zu wissen, wie diese Seele gebaut\nwar, die so seltsame Wahl treffen konnte.\n\nFortsetzung folgt\n\nFormen- und Farben-Sprache\nVon Wassily Kandinsky\nDie Form im engeren Sinne ist jedenfalls\nnichts weiter, wie die Abgrenzung einer Fläche\nvon der anderen. Dies ist ihre Bezeichnung im\nAeußeren. Da aber alles Aeußere auch unbe-\ndingt Inneres in sich birgt (stärker oder schwächer\nzum Vorschein kommend), so hat auch jede\nForm inneren Inhalt. Die Form ist\nalso die Aeußerung des inneren In-\nhaltes. Dies ist ihre Bezeichnung im Inneren.\nHier muß an das Beispiel mit dem Klavier ge-\ndacht werden, wobei man statt „Farbe\" „Form\"\nstellt: der Künstler ist die Fland, die durch diese\noder jene Taste (— Form) zweckmäßig die mensch-\nliche Seele in Vibration bringt. So ist es klar,\ndaß die Formenharmonie nur auf dem\nPrinzip der zweckmäßigen Berüh-\nrung der menschlichen Seele ruhen\nmuß.\nDieses Prinzip wurde hier als das Prinzip\nder inneren Notwendigkeit bezeichnet.\nDie erwähnten zwei Seiten der Form sind\nzur selben Zeit ihre zwei Ziele. Und deshalb\nist die äußere Abgrenzung dann erschöpfend\nwenn sie den inneren Inhalt der Form am aus-\ndrucksvollsten zum Vorschein bringt. Das Aeußere\nder Form, das heißt, die Abgrenzung, der .in\ndiesem Falle die Form zum Mittel dient, kann\nsehr verschieden sein.\nAber trotz aller Verschiedenheit, die die Form\nbieten kann, wird sie doch nie über zwei äußere\nGrenzen hinausgehen, und zwar\nentweder dient die Form, als Abgrenzung,\ndem Ziele, durch diese Abgrenzung einen ma-\nteriellen Gegenstand aus der Fläche herauszu-\nschneiden, also diesen materiellen Gegenstand auf\ndie Fläche zu zeichnen, oder\ndie Form bleibt abstrakt, das heißt, sie be-\nzeichnet keinen realen Gegenstand, sondern ist\nein vollkommen abstraktes Wesen. Solche rein\nabstrakte Wesen, die als solche ihr Leben haben,\nihren Einfluß und ihre Wirkung, sind ein Quadrat,\nein Kreis, ein Dreieck, ein Rhombus, ein Trapez\nund die unzähligen anderen Formen, die immer\nkomplizierter werden und keine mathematische\nBezeichnung besitzen. Alle diese Formen sind\ngleichberechtigte Bürger des abstrakten Reiches.\nZwischen diesen beiden Grenzen liegt die\nunendliche Zahl der Formen, in denen beide\nElemente vorhanden sind und wo entweder das\nMaterielle überwiegt oder das Abstrakte.\nDiese Formen sind momentan der Schatz,\naus dem der Künstler alle einzelnen Elemente\nseiner Schöpfungen entleiht.\nMit ausschließlich rein abstrakten Formen\nkann der Künstler heute nicht auskommen. Diese\nFormen sind ihm zu unpräzis. Sich auf aus-\nschließlich Unpräzises zu beschränken, heißt, sich\nder Möglichkeit berauben, das rein Menschliche\nausschließen und dadurch seine Ausdrucksmittel\narm machen.\nAndererseits gibt es in der Kunst keine voll-\nkommen materielle Form. Es ist nicht möglich,\neine materielle Form genau wiederzugeben: wohl\noder übel unterliegt der Künstler seinem Auge,\nseiner Hand, die in diesem Falle künstlerischer\nsind, als seine Seele, die nicht über photo-\ngraphische Ziele hinausgehen will. Der bewußte\nKünstler aber, der mit dem Protokollieren jdes\nmateriellen Gegenstandes sich nicht begnügen\nkann, sucht unbedingt dem darzustellenden\nGegenstande einen Ausdruck zu geben, was man\nfrüher idealisieren hieß, später stilisieren und\nmorgen noch irgendwie andern nennen wird.\nDiese Unmöglichkeit und Zwecklosigkeit (in\nder Kunst), den Gegenstand ohne Ziel zu\nkopieren, dieses Streben, dem Gegenstande das\nAusdrucksvolle zu entleihen, sind die Ausgangs-\npunkte, von denen auf weiterem Wege der\nKünstler von der „literarischen\" Färbung des\nGegenstandes zu rein künstlerischen (malerischen)\nZielen zu streben anfängt. Dieser Weg führt\nzum Kompositionellen. ,\nDie rein malerische Komposition hat für die\nForm zwei Aufgaben vor sich:\nDie Komposition des ganzen Bildes.\nDie Schaffung der einzelnen Formen, die\nin verschiedenen Kombinationen zueinander\nstehen, sich der Komposition des Ganzen unter-\nordnen. So werden mehrere Gegenstände (reale\nund abstrakte) im Bild einer großen Form\nuntergeordnet und so verändert, daß sie in dieser\nForm passen, diese Form bilden. Hier kann\ndie einzelne Form persönlich wenig klingend\nbleiben, sie dient vor allem der Bildung der\ngroßen kompositioneilen Form und ist haupt-\nsächlich als Element dieser Form zu betrachten.\nDiese einzelne Form ist so und nicht anders ge-\nstaltet; nicht, weil ihr eigener innerer Klang,\nabgesehen von der großen Komposition, es un-\nbedingt verlangt, sondern größtenteils, weil sie als\nBaumaterial dieser Komposition dient. Hier wird\ndie erste Aufgabe — die Komposition des ganzen\nBildes — als definitives Ziel verfolgt.\nSo tritt in der Kunst allmählich immer näher\nin den Vordergrund das Element des Abstrakten,\ndas noch gestern schüchtern und kaum sichtbar\nsich hinter die rein materialistischen Bestrebun-\ngen versteckte.\nUnd 'dieses Wachsen und schließliche Ueber-\nwiegen des Abstrakten ist natürlich.\nEs ist natürlich, da, je mehr die organische\nForm zurückgetrieben wird, desto mehr dieses\nAbstrakte von selbst in den Vordergrund tritt\nund an Klang gewinnt.\nDas bleibende Organische hat aber, wie ge-\nsagt, eigenen inneren Klang, der entweder mit\ndem inneren Klang des zweiten Bestandteiles der-\nselben Form (des Abstrakten darin) identisch ist\n(einfache Kombinierung der beiden Elemente),\noder auch verschiedener Natur sein kann (kom-\nplizierte und möglicherweise notwendig dis-\nharmonische Kombinierung). Jedenfalls aber läßt\ndas Organische in der gewählten Form seinen\nKlang hören, wenn auch dieses Organische ganz\nin den Hintergrund gedrängt wird. Deswegen ist\ndie Wahl des realen Gegenstandes von Wichtig-i\nkeit. In dem Doppelklange (geistiger Akkord)\nder beiden Bestandteile der Form kann der\norganische den abstrakten unterstützen (durch\nMit- oder Widerklang) oder für ihn störend sein.\nDer Gegenstand kann einen nur zufälligen Klang\nbilden, der, durch einen anderen ersetzt, keine\nwesentliche Aenderung des Grundklanges her-\nvorruft.\nEine romboidale Komposition wird zum Bei-\nspiel durch eine Anzahl menschlicher Figuren\nkonstruiert. Man prüft sie mit dem Gefühl und\nstellt sich die Frage: sind die menschlichen\nFiguren für die Komposition unbedingt not-\nwendig oder dürfte man sie durch andere orga-\nnische Formen ersetzen und zwar so, daß der\ninnere Grundklang der Komposition dadurch\nnicht leidet? Und wenn ja, so ist hier der Fall\nvorhanden, wo der Klang des Gegenstandes nicht\nnur dem Klang des Abstrakten nicht hilft, son-\ndern ihm direkt schadet: gleichgültiger Klang\ndes Gegenstandes schwächt den Klang des Ab-\nstrakten ab. Und das ist logisch und auch künst-\nlerisch tatsächlich der Fall. Es sollte also in\ndiesem Falle entweder ein anderer, mehr zum\ninneren Klang des Abstrakten passender Gegen-\nstand gefunden werden (passend als Mit- oder\nWiderklang) oder überhaupt sollte diese ganze\nForm eine rein abstrakte bleiben. Hier wird\nwieder an das Beispiel mit dem Klavier erinnert.\nStatt „Farbe\" und „Form\" soll der „Gegenstand\"\ngestellt werden. Jeder Gegenstand (ohne Unter-\nschied, ob er direkt von der „Natur\" geschaffen\nwurde oder durch menschliche Hand entstanden\nist) ist ein Wesen mit eigenem Leben und daraus\nunvermeidlich fließender Wirkung. Der Mensch\nunterliegt fortwährend dieser psychischen Wir-\nkung. Viele Resultate werden im „Unterbewußt-\nsein\" bleiben (wo sie ebenso lebendig und\nschöpferisch wirken). Viele steigen zum „Ober-\nbewußtsein\". Von vielen kann sich der Mensch\nbefreien, indem er seine Seele dagegen abschließt.\nDie „Natur\", das heißt die stets wechselnde äußere\nUmgebung des Menschen, versetzt durch die\nTasten (Gegenstände) fortwährend die Saiten des\nKlaviers (Seele) in Vibrationen. Diese Wirkun-\ngen, die uns oft chaotisch zu sein scheinen, be-\nstehen aus drei Elementen : das Wirken der Farbe\ndes Gegenstandes, seiner Form und das von\nFarbe und Form unabhängige Wirken des Gegen-\nstandes selbst.\nNun tritt aber an die Stelle der Natur der\nKünstler, der über dieselben drei Elemente ver-\nfügt. Und wir kommen ohne weiteres zum\nSchluß: auch hier ist das Zweckm äß ige maß-\ngebend. So istes klar, daß die Wahl des\nGegenstandes (das beiklingende Ele-\nment in der Formharmonie) nur\nauf dem Prinzip der zweckmäßigen\nBerührung der menschlichen Seele\nruhen muß.\nAlso entspringt auch die Wahl des Gegen-\nstandes dem Prinzip der inneren Not-\nwendigkeit."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.4", "texte": "Je freier das Abstrakte der Form liegt, desto\nreiner und dabei primitiver klingt es. In einer\nKomposition also, wo das Körperliche mehr oder\nweniger überflüssig ist, kann man auch dieses\nKörperliche mehr oder weniger auslassen und\ndurch rein abstrakte oder durch ganz ins Ab-\nstrakte übersetzte körperliche Formen ersetzen.\nIn jedem Falle dieser Uebersetzung oder dieses\nHineinkomponierens der rem abstrakten Form\nsoll der einzige Richter, Lenker und Abwäger\ndas Gefühl sein. Und freilich, je mehr der\nKünstler diese abstrahierten oder abstrakten\nFormen braucht, desto heimischer wird er in\nihrem Reiche und tritt immer tiefer in dieses Ge-\nbiet ein. Und, durch den Künstler geführt,\nebenso auch der Zuschauer, der immer mehr\nKenntnisse in der abstrakten Sprache sammelt\nund sie schließlich beherrscht.\nDa stehen wir vor der Frage: müssen wir\ndenn nicht auf das Gegenständliche überhaupt\nverzichten, es aus unserer Vorratskammer in alle\nWinde zerstreuen und das rein Abstrakte ganz\nbloßlegen? Dies ist die natürlich sich aufdrin-\ngende Frage, die durch das Auseinandersetzen\ndes Mitklingens der beiden Formelemente (des\ngegenständlichen und abstrakten) uns auch gleich\nauf die Antwort stößt. Wie jedes gesagte Wort\n(Baum, Himmel, Mensch) eine innere Vibration\nerweckt, so auch jeder bildlich dargestellte Gegen-\nstand. Sich dieser Möglichkeit, eine Vibration\nzu verursachen, zu berauben, wäre: das Arsenal\nseiner Mittel zum Ausdruck zu vermindern. So\nsteht es jedenfalls heute. Aber außer dieser\nheutigen Antwort bekommt die obengestellte\nFrage die Antwort, die in der Kunst die ewige\nbleibt auf alle Fragen, die mit „muß\" anfangen :\nEs gibt kein „muß\" in der Kunst, die ewig frei\nist Vor dem „muß\" flieht die Kunst, wie der\nTag vor der Nacht-\nBei 'der Betrachtung der zweiten kompositio-\nnellen Aufgabe der Schaffung der einzelnen zum\nAufbau der ganze Komposition bestimmten\nEormen muß noch bemerkt werden, daß dieselbe\nForm bei gleichen Bedingungen immer gleich\nklingt. Nur sind die Bedingungen immer ver-\nschieden, woraus zwei Folgen fließen:\nder ideale Klang ändert sich durch Zu-\nsammenstellung mit anderen Formen,\ner 'ändert sich auch in derselben Umgebung\n(soweit ihr Festhalten möglich ist), wenn diese\nForm in ihrer Richtung verschoben wird. Aus\ndiesen Folgen fließt weiter ein anderes von selbst\nheraus.\nEs gibt nichts Absolutes. Und zwar ist die\nFormenkomposition, auf dieser Relativität ruhend,\nabhängig von der Veränderlichkeit der ZusamL\nmenstellung der Formen und von der Veränder-\nlichkeit jeder einzelnen Form bis ins kleinste.\nJede Form ist so empfindlich, wie ein Rauch-\nwölkchen: das unmerklichste geringste Ver-\nrücken jeder ihrer Teile verändert sie wesent-\nlich. Und dies geht so weit, daß es vielleicht\nleichter ist, denselben Klang durch verschiedene\nFormen zu erzielen, als ihn durch die\nWiederholung derselben Form wieder zum\nAusdruck bringen: eine wirkliche genaue\nWiederholung liegt außer der Möglich-\nkeit Solange wir nur für das Ganze der\nKomposition besonders empfänglich sind,\nist diese Tatsache mehr theoretisch wichtig. Wenn\naber die Menschen durch das Gebrauchen der\nabstrakteren und abstrakten Formen: (die keine\nInterpretation von Körperlichem erhalten werden)\nein feineres und stärkeres Empfinden bekommen\nwerden, so wird diese Tatsache immer mehr an\npraktischer Bedeutung gewinnen. So werden die\nSchwierigkeiten der Kunst wachsen, aber gleich-\nzeitig wird auch der Reichtum an Formen in\nden Ausdrucksmitteln quantitativ und qualitativ\nmit wachsen. Dabei wird auch die Frage des\n„Verzeichnens\" von selbst fallen und durch eine\nandere, viel künstlerischere ersetzt: wie weit ist\nder innere Klang der gegebenen Form ver-\nschleiert oder entblößt? Diese Aenderungen in\nden Ansichten wird wieder noch weiter und zu\nnoch größerer Bereicherung der Ausdrucksmittel\nführen, 'da die Verschleierung eine enorme Macht\nin der Kunst ist Das Kombinieren des Ver-\nschleierten und Bloßgelegten wird eine neue Mög-\nlichkeit Ider Leitmotive einer Formenkomposition\nbilden.\nOhne solche Entwicklung auf diesem Ge-\nbiete würde die Formenkomposition unmöglich\nbleiben. Jedem, den der innere Klang der Form\n(der körperlichen und besonders der abstrakten)\nnicht erreicht, wird ein derartiges Komponieren\nstets als bodenlose Willkür erscheinen. Gerade\ndas scheinbar folgenlose Verschieben der ein-\nzelnen Formen auf der Bildfläche erscheint in\ndiesem Falle als inhaltloses Spiel mit den Formen.\nHier finden wir denselben Maßstab und dasselbe\nPrinzip, das wir bis jetzt überall als das einzig rein\nkünstlerische, vom Nebensächlichen freie fanden:\nDas Prinzip der inneren Notwen-\ndigkeit\nWenn zum Beispiel Gesichtszüge oder ver-\nschiedene Körperteile aus künstlerischem Grunde\nverschoben und „verzeichnet\" werden, so stößt\nman doch außer auf die rein malerische Frage\nauch auf die anatomische, die die malerische\nAbsicht hemmt und ihr nebensächliches Berech-\nnen aufzwingt. Hier fällt aber alles Neben-\nsächliche von selbst ab und es bleibt nur das\nWesentliche — das künstlerische Ziel Gerade\ndiese scheinbar willkürliche, aber in Wirklichkeit\nstreng bestimmbare Möglichkeit, die Formen zu\nverschieben, ist eine der Keime einer unendlichen\nReihe künstlerischer Schöpfungen.\nAlso die Biegsamkeit der einzelnen Form,\nsozusagen ihre innerlich-organische Veränderung,\nihre Richtung im Bilde (Bewegung), das Ueber-\nwiegen des Körperlichen oder des Abstrakten in\ndieser einzelnen Form und die Zusammenstellung\nder Formen, die die großen Formen der Formen-\ngruppen- bilden, die Zusammenstellung der ein-\nzelnen Formen mit den Formengruppen, die die\ngroße Form des ganzen Bildes schaffen; weiter\ndie Prinzipien des Mit- oder Widerklangs aller\nerwähnten Teile, also das Zusammentreffen ein-\nzelner Formen, das Hemmen einer Form durch\ndie andere, ebenso das Schieben, das Mit-\nZerreißen der einzelnen Formen, die gleiche Be-\nhandlung der Formengruppen, des Kombinierens\ndes Verschleierten mit dem Bloßgelegten, des\nKombinierens des Rhythmischen und Arhyth-\nmischen auf derselben Fläche, des Kombinierens\nder abstrakten Formen als rein geometrischer\n(einfacher, komplizierter) und geometrisch un-\nbezeichenbarer, des > Kombinierens der Ab-\ngrenzungen 'der Formen voneinander (stärkerer,\nschwächerer) und so fort: das alles sind die\nElemente, die die Möglichkeit eines rein zeich-\nnerischen „Kontrapunktes\" bilden und die zu\ndiesem Kontrapunkt führen werden. Und dies\nwird der Kontrapunkt der Kunst des Schwarz-\nWeißen, solange die Farbe ausgeschaltet ist.\nUnd die Farbe, die selbst ein Material zu\neinem Kontrapunkt bietet, die selbst unendliche\nMöglichkeiten in sich birgt, wird in Vereinigung\nmit der Zeichnung zum großen malerischen\nKontrapunkt führen, auf dem auch die Malerei\nzur Komposition gelangen wird, uns sich als\nwirklich reine Kunst in den Dienst des Gött-\nlichen stellt Und immer derselbe unfehlbare\nFührer bringt sie auf diese schwindelnde Höhe:\ndas Prinzip der inneren Notwendig-\nkeit —\nDie innere Notwendigkeit entsteht aus drei\nmystischen Gründen. Sie wird von drei mysti-\nschen Notwendigkeiten gebildet\nJeder Künstler hat, als Schöpfer, das ihm\nEigene zum Ausdruck zu bringen (Element der\nPersönlichkeit).\nJeder Künstler hat, als Kind einer Epoche,\ndas dieser Epoche Eigne zum Ausdruck zu brin-\ngen (Element des Stiles im inneren Werte, zu-\nsammengesetzt aus der Sprache der Epoche und\nder Nation, solange die Nation als solche\nexistieren wird).\nJeder Künstler hat, als Diener der Kunst,\ndas der Kunst allgemein Eigene zu bringen (Ele-\nment des Rein- und Ewig-Künstlerischen, das:\ndurch alle Menschen, Völker und Zeiten geht,\nim Kunstwerke jedes Künstlers, jeder Nation und\njeder Epoche zu sehen ist und als Hauptelement\nder Kunst keine Zeit und keinen Raum kennt).\nMan muß nur diese zwei ersten Elemente\nmit dem geistigen Auge durchdringen, um dieses\ndritte Element bloßgelegt zu sehen. Dann sieht\nman, daß eine „grob\" geschnitzte Indianertempel-\nSäule vollkommen durch dieselbe Seele belebt\n<\nist, wie ein noch so „modernes\" lebendiges Werk.\nEs wurde und wird noch heute viel vorn\nPersönlichen in der Kunst gesprochen, hier und\nda fällt ein Wort und wird jetzt immer öfter\nfallen über den kommenden Stil. Wenn diese\nFragen auch von großer Wichtigkeit sind, so ver-\nlieren sie durch Jahrhunderte und später Jahr-\ntausende gesehen allmählich an Schärfe und\nWichtigkeit, werden schließlich gleichgültig\nund tot.\nNur das dritte Element des Rein- und Ewig-\nKünstlerischen bleibt ewig lebendig. Es verliert\nnicht mit der Zeit seine Kraft, sondern gewinnt\nan ihr ständig. Eitie ägyptische Plastik erschüttert\nuns heute sicherlich mehr, als sie ihre Zeit-\n. *\ngenossen zu erschüttern vermochte: sie war viel\nzu stark durch damals noch lebendige Merkmale\nder Zeit und der Persönlichkeit gebunden und\ndurch sie gedämpft Heute hören wir in ihr\nden entblößten Klang der Ewigkeit-Kunst Je\nmehr ein „heutiges\" Werk von den ersten zwei\nElementen hat, desto leichter wird es natürlich,\nden Zugang zur Seele der Zeitgenossen finden.\nUnd weiter: je mehr das dritte Element im heuti-\ngen Werk vorhanden ist, desto mehr werden die\nersten zwei übertönt und dadurch der Zugang\nzur Seele der Zeitgenossen erschwert. Deswegen\nmüssen manchmal Jahrhunderte vergehen, bis\nder Klang des dritten Elements zur Seele der\nMenschen gelangen kann.\nSo ist das Ueberwiegen des dritten Elements\nim Werk das Zeichen seiner Größe und der\nGröße des Künstlers.\nSo sieht man endlich (und dieses ist von\nunbeschreiblicher Wichtigkeit für alle Zeiten\nund ganz besonders „heute!\"), daß, das\nSuchen nach dem Persönlichen, nach dem\nStil (und also nebenbei nach dem Nationalen)\nweder durch Absicht zu erreichen ist, noch die\ngroße Bedeutung hat, die heute der Sache bei-\ngemessen wird. Und man sieht, daß die allge-\nmeine Verwandtschaft der Werke, die durch Jahr-\ntausende nicht geschwächt, sondern immer mehr\nund mehr gestärkt wird, nicht im Aeußeren, im\nAeußerlichen liegt, sondern in der Wurzel der\nWurzeln — im mystischen Inhalt der Kunst!\nUnd man sieht, daß das Hängen an der „Schule\",\ndas Jagen nach der „Richtung\", das Verlangen\nin einem Werk nach' „Prinzipien\" und be-\nstimmten, 'der Zeit eigenen Ausdrucksmitteln nur\nauf Irrwege führen kann und zur Unverständnis,\nzur Verfinsterung, Verstummung bringen muß.\nBlind gegen „anerkannte\" oder „un-\nanerkannte\" Form, taub gegen Lehren und\nWünsche der Zeit soll der Künstler sein.\nSein offenes Auge soll auf sein inneres Leben\ngerichtet werden und sein Ohr soll dem Munde\nder inneren Notwendigkeit stets zugewandt sein."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.5", "texte": "Georg Tappert:- Excentric / Originalholzschnitt\n\nDann wird er zu jedem erlaubten Mittel\nund ebenso leicht zu jedem verbotenen Mittel\ngreifen.\nDieses ist der einzige Weg, das Mystisch-\nnotwendige zum Ausdruck zu bringen.\nAlle Mittel sind heilig, wenn sie innerlich\nnotwendig sind.\nAlle Mittel sind sündhaft, wenn sie nicht\naus der Quelle der inneren Notwendigkeit ent-\nspringen.\nUnd wenn man auf diesem Wege auch heute\nIns Unendliche theoretisieren kann, so ist es jeden-\nfalls die Theorie in weiteren Einzelheiten ver-\nfrüht. In der Kunst geht nie die Theorie voraus\nund zieht die Praxis nach sich, sondern um-\ngekehrt. Hier ist alles und ganz besonders im\nAnfang Gefühlssache. Nur durch Gefühl, be-\nsonders im Anfang des Weges, ist das künst-\nlerisch Richtige zu erreichen. Wenn die all-\ngemeine Konstruktion auch rein theoretisch zu\nerreichen ist, so bleibt doch dieses Plus, das die\nwahrhaftige Seele der Schöpfung ist (und also\nauch verhältnismäßig ihr Wesen), nie durch\nTheorie geschaffen und nie gefunden, wenn es\nnicht plötzlich vom Gefühl in die Schöpfung\neingehaucht wird. Da die Kunst auf das Gefühl\nwirkt, so kann sie auch nur durch das Gefühl\nwirken. Bei sichersten Proportionen, bei feinsten\nWagen und Gewichten, kommt aus der Kopf-\nrechnung und deduktiven Wägung nie ein richti-\nges Resultat zur Folge. (Es können solche Pro-\nportionen nicht ausgerechnet und solche Wagen\nnicht fertig gefunden werden). Die Proportionen\nund Wagen sind nicht außerhalb des Künstlers,\nsondern in ihm, sie sind das, was man auch\nGrenzengefühl, künstlerischen Takt nennen kann\n— Eigenschaften, die dem Künstler angeboren\nsind und durch Begeisterung erhöht werden zur\ngenialen Offenbarung. In diesem Sinne ist auch\ndie Möglichkeit eines von Goethe prophezeiten\nGeneralbasses in der Malerei zu verstehen. Eine\nderartige Malgrammatik läßt sich momentan nur\nvorahnen. Und wenn es endlich zu ihr kommt,\nso wird sie weniger auf Grund der physischen\nGesetze gebaut werden (wie man schon versuchte\nund heute wieder versucht: „Kubismus\"), sondern\nauf den Gesetzen der inneren Notwen-\ndigkeit, die man ruhig als seelische be-\nzeichnen kann.\nAus dem Buch von Kandinsky: Ueber das\nGeistige in der Kunst, insbesondere in der Malerei /\nauf das eindringlich hingewiesen sei. Verlag\nR. Piper und Co., München"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.6", "texte": "Der Dichter\nPaul Zech\nDas runde Tal umbuschter Wiesenflächen,\nDarin die Weiher blank wie Spiegel ruhn,\nDie Kiesel und Getiere in den Bächen,\nDuftblaue Hügel, fern wie Avalun,\nDie große Stadt mit marmornen Terrassen\nUnd Schlössern, Kathedralen, Turm an Turm,\nUnd der Fabriken schrillem Rädersturm,\nUnd Menschen, die fortzeugend sich umfassen :\nDies alles fing ich ein mit offnen Augen\nUnd trug es wie Geheimnis mit mir fort\nVon Jahr zu Jahr, von Ort zu Ort .. . .\nNun steigt's, gereift in warmen Blutes Purpur-\nlaugen,\nEmpor wie Flut aus einem Brunnenschacht,\nUnd spiegelt Ding an Ding verhundertfacht.\n\nFranz von Stuck\nCurt Seidel / Turin\nFranz von Stuck (wer weiß, ob er nicht\nnoch den Grafentitel erhält) darf sich rühmen,\nMünchen als Kunststadt erledigt zu haben. Der\nFührer des künstlerischen Deutschland, der „ziel-\nbewußte\" Dirigent des deutschen Geschmackes\nund der deutschen „Estetik\" konnte sich das\nleisten. Um so schlimmer für diejenigen, die in\nseinen Gemälden einen großen Maler und ge-\nwaltigen Meister sahen. Gewaltig ist er schon,\nder Franz von Stuck; er ist Aegypter, Assyrer,\nGrieche, Römer, Florentiner, manchmal auch\nNeger: alles kann er sein, nur kein Maler. Dürer\nwar ein deutscher Maler, trotzdem er bei Man-\ntegna in die Schule ging. Holbein verleugnete\nnicht einmal den Deutschen als Hofmaler Henry\ndes Achten. Grünewald noch viel weniger. Bis\nFranz von Stuck in den deutschen Landen seinen\nTriumphzug veranstaltete.. Aus dem Müllersohn\nward ein „großer deutscher Maler und Meister\".\nMan lese Fritz v. Ostini und andere Geister der\nsüddeutschen Kritik!\nHabt ihr sie schon beobachtet, die Welt der\nFaunen, Nymphen, Schlangen, der biblischen\nGestalten, mit denen Stuck seine Gemälde be-\nvölkert? Habt ihr noch nicht ihre lügnerischen\nZüge enträtselt? Erlogen sind ihre Gewänder,\nerlogen sind ihre Bewegungen; erlogen ist ihre\nUmgebung. Nichts von Kunst ist in seiner\nMalerei. Falsch und betrügerisch ist sie, wie die\nPoesie des Hugo von Hofmannsthal. Kunst?\nKlassizismus? Der traurigste, den man je bei\nArnold Böcklin sah! Und Stuck, der ein aus-\ngezeichneter Karikaturist der Fliegenden\nBlätter war, ist selbst nicht vor einem Plagiat\nzurückgewichen. Oder sollte der „Krieg\" wirk-\nlich seine Phantasie sein? Armer Rethel.\nDie „Kreuzigung\" ist jedoch die Geburt seines\nGedankens. Dafür garantiert die theatralische\nAuffassung des dramatischen Ereignisses, an dem\nsieh so viele Maler übten. In dem von Stuck\ndargestellten Christus findet man alles, was in der\nKunst der Kinematographie nur menschlich mög-\nlich ist. Die „Sünde\" kann nur „die Kreuzigung\"\nan. Falschheit übertreffen. Symbolismus? Aber\nder Symbolismus gewisser Simplizissimuszeichner.\nOberflächliche Zeichnung, oberflächliche Auf-\nfassung, und violente, dekorative, koloristische\nAusführung. Und in diesen Farben badete die\nMünchener „Scholle\" der Herren Erler, Eich-\nler & Co., in der idealen Begeisterung, Böcklin\nauf alle Art und Weise auszuziehen.\nStuck ist heute ein berühmter Mann; eine\ntraurige Arbeit, berühmte Männer von dem\nPiedestal ihres Ruhmes herunterwerfen zu müssen.\nMan muß es tun in der Pflicht, die Jugend vor\nGefahren zu warnen, vor traurige Konsequenzen\nzu schützen. Man muß die deutsche Kritik\ndaran erinnern, daß man ihre Dummheit nicht\nfür Gold ankauft, und daß man Herrn Franz\nvon Stuck mit all seinen Palästen und Gemälden\nweder für einen bedeutenden Maler hält, noch\nüberhaupt für einen Maler. !\n\nNachlese\nJ. A.\nEiner wie alle\n„Das Schillertheater Charlottenburg griff\ngestern auf Paul Lindaus altehrwürdiges Schau-\nspiel „Gräfin Lea\" zurück, ein Stück, mit dem\nder Verfasser vor Jahren in Berlin große\nTriumphe gefeiert hat. Es verleugnet, nament-\nlich in der Sprache, sein Alter nicht.\"\nDie Stücke kommen und gehen. Gute und\nschlechte. Manches Gute wird nach wenigen\nAufführungen abgesetzt, viele schlechte werden\nnach Jahrenx wieder hervorgeholt. Aber allen\ndiesen Wandlungen trotzt der Kritiker. Er bleibt.\nUnd er bleibt aucfr immer der gleiche. Er ist\ngegen alle Gefahren seines Berufs mit einem\nbleiernen Bestand von Klischees gewappnet. Mit\ndem Rüstzeug lang bewährter Phrasen geht, er\nden größten Schwierigkeiten seines Amtes an den\njLeib. Da es ihm an Geist fehlt, verläßt er $ich\nauf seinen Geschmack,, und dieser wieder ist\nvon allen guten Geistern verlassen. Bitte, keine\nWiderrede! Da ist der Kollege B-d. von der\nVolkszeitung. Er ist galant und jovial- gegen die\nsimple Lindausche „Gräfin Lea\", die selbst gar\nIriicht den Mut hat, ihr Alter zu verleugnen, aber\nfür Strindbergs „Königin Christine\" hat er\nnur eine ablehnende Geste. Verabschiedet sie\ngleich so,:\nWurde auch in den ersten drei Akten\nunser Interesse durch manche dramatische\nFeinheit geweckt — der letzte Akt mit seiner\nunklaren Handlung und seiner geschwollenen\nSprache ließ kein Gefühl des Bedauerns auf-\nkommen, daß für dieses Werk Strindbergs\nnur eine einmalige Aufführung vorgesehen ist.\nHingegen wünscht er von der Regie des\nSchiller-Theaters, daß bei Wiederholungen\nder „Gräfin Lea\"\nden auf der linken Seite des Zuschauerraums\nSitzenden der Anblick des Verteidigers Dr.\nv. Deckers nicht durch das Podium, auf dem'\nder Gerichtshof Platz genommen hat, ent-\nzogen wird.\nMan wird mit B-d. in Bälde gründlicher\nabrechnen.\nAlle wie einer\nNur über den Wert ernster Musikwerke sind\nsich unsere Musikkritiker nicht einig. Was der\neine zum Beispiel in einer Verdischen Oper als\nschwankenden Stil feststellt, bewundert der\nandere als ein Schwelgen in meisterlichem\nKönnen, was jener als ungenießbar ablehnt, ver-\nsetzt diesen in einen Rausch des Entzückens.\nAber, wie gesagt, nur über den Wert ern-\nster Musikwerke. — Nach der Erstaufführung\neiner Oper von Richard Strauß oder einer\nOperette von Fall sehen sich ihre Referate zum\nVerwechseln ähnlich.\n„Fails Musik ist von Anfang bis Ende ent-\nzückend,\"\nverkündet Johannes Doebber.\n„Es tut ordentlich wohl, nach den Fehl-\nschlägen der letzten Zeit dem kultivierten Stil\nLeo Falls fzu folgen. Ein paar Melodien\nmachen's eben »nicht; es gehört der gereifte\n112 und gebildete Musiker zu einer vollendeten\nOperettenmusik, der seine Mittel künstlerisch\nverarbeiten kann, wie es hier geschehen ist.\"\nIm Jahre Eintausend,nexmhundertundzwölf\nn. Chr. Amen!\nUnd der Hauptmann a. D. Lusztig findet\nhalt das Ganze „blitzblank\" poliert.\n„Prächtig instrumentiert, witzig, wo Witz\nangebracht ist, sorgfältig gemacht, wo es\nauf Eindringlichkeit der Tonsprache ankommt,\n— im ganzen ein hübsches, fesselndes Stück\nMusik. Nicht alles durchaus originell in dem\nSinne, daß Fall etwa .eine neue Note an-\nschlagen würde, aber mit so viel Geschick\nersonnen, so wirksam hingestellt, daß man an\nihm seine rechte Freude haben kann.\nDas Publikum war sehr animiert und ver-\nlangte vieles da capo von den Schlagern, die\nSchlag auf Schlag einander folgten, und bald\nwird man sie wohl überall hören.\"\nO ja. „Und der Himmel hängt voller\nGeigen.\"\nHier ernten die Kunstfälscher echten Bei-\nfall, in einem gemeinsamen Sündenfall ver-\nschachern die Musikschmöeke das Paradies des\nkäuflichen Erfolges — hilf Himmel! — Schlag\nauf Schlag!\n\nBeachtenswerte\nBücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nJOSE JUNOY\nArte y Artistas\nPrimera Serie\nMit zahlreichen Reproduktionen nach Gemälden\nvon Joaquin Sunyer / Enrique Casanovas / Joaquin\nMir / F. J. Nogues / Pablo Picasso\nBarcelona / Libreria de „L'Aveng\"\nHENRI GHEON\nLe Pain\nTragedie populaire\nParis / Editions de la Nouvelle\nRevue Frangaise / Marcel Riviere et Cie\n\nNotiz\nIn dem Beitrag von Siurlai (Nummer 103)\nmuß es heißen:\nSarywzew — wie ihm — eignet ein Mangel\nan Privatleben.\nEr auch mag lieber Ehrenmann als Präsident\nsein.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\nGemalde-Ausstellung\nZeitschrift Der Sturm\nTlergartenstrafie 34 a\nFuturisten\nGeoifnet taglich von 10 bis 5 Uhr\nEine Mark"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.7", "texte": "egflandet 1825 HAHN Gegrtindet 1825\nAlcxandcrplatz ■ Landsbergcrstrassc 60—65\nModerne Herrenbekleidung\nfferfig unci nach Mass\n1 \" ' i\" • •\nW REKLAMEANGBBOT:\nDer elegante Ulster\n• ' K , '\naus englisehen gemusterten Cheviots mit Aermelaufschlagen 32.50 N\naus den modernsten Flausehstoffen mit aufgesteppten Taschen 45.50 M\nVornehmer zweireihiger Sacco-Anzug, englisch gemusterter Cheviot 32.50 M 45— m\nSchicke Passformen Beste Verarbeitung\nDen Herren Studenten und Mitgliedern yon Kunstvereinigungen gegen Vorzeigung yon Legitimationskarten 5% Rabatt\n\nLes Marges\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzosische\nOriginal der Tagebiicher\nFlauberts, deren Ueber-\ntragung in Deutschland ver-\nboten wurde\n\nLuna-Park\nAb 25. Januar: Ausschank von\n„Triumpliator\" aus B™KSauener\n= „Winfersporifssf\"\nin Berchtesgaden\nVolksbelustigungen, sonstige Attraktionen\n— Drei Kapellen ———\n\nMeMnen\n\nliefert und verleiht\nMinuth em- *»• H\nBerlin 26, Mpl. 4612\nOranienetrasse 6\n\nKUNSTLERISCHE RAUME\na JIB nn\"*ni rifrm°iTinrTT-Twfc.i\n«r\nss\ni\n■\nI\nHUGO\nKftftyN\n1912-\nALBERT KOBLINSKX\nMRUNBRUCKENALLEE6\n\n112 omen He\nBriefe zu diktieren?\nOder Manuskripte sauber abschreiben zu lassen?\nOder schnelle Vervielfaltigung von Zirkularen? <s>\nWir bedienen Sie prompt,\ndiskret und preiswert!!\nVermietung von Schreibmaschinen c§>\nReparaturwerkstatte fur aiie Systeme\nZubehore fiir samtliche Schreibmaschinen\nSmith Premier Typewriter Co.\nBerlin W 8 Friedrichstr. 62\nTelephon: Centrum 11734/11736\n\nDer pram ZierfischzQchter\nMonatsschrift fiir die gesamte Aquariumkunde, Spezialzeitschrift\nfur Zierfischpflege und Zucht, Wasserpflanzenkultur, Kleintier-\n= welt etc. Jedem Aquariumliebhaber zu empfehlen =====\nHalbjahr (6 Monatshefte) nur 1,80 Mk. postfrei. Probenummern\ngratis. PIF* Reichhaltig, neueste Zierfische, Zuchttricks etc.\n= Nachlieferung Heft 1-18 nur Mk. 4.50 =====\nVerlag Ernst Marre Leipzig 67"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120413-01.1.8", "texte": "Paß & Garleb G. m. b. H., Berlin W 57\n\nAusstellungen, Salons\nKunsthandlungen etc.\n\nCRSPER'S Kunst-Salon\nEintritt 50 Pfennig Potsdamerstrasse 19\nMeue flusstellung\n= Marc bis April 1912 =\nE. Jokisch Oskar Zeh\nPaul Hey Schramm-Zittau\nMax Liebermann C. von Marr\n\nGRAPHISCHES KABINETT\nBuch- und Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\n•\" BERLIN W 15, Kurfurstendamm 33 ::\nStandige Ausstellung £\nmoderner Qraphik Illustriert. Katalog u. Prospekte gratis\n\nAtelier tlanni Schwarz\nInhaberinnen: Marie Luise Schmidt und Hanni Schwarz\n= Berlin W 30, Hohenstaufenstrasse 44 111 =\nFernsprech - Anschlufi: Ami Liitzow, 9110 :: Fahrstuhl\nGesifnet: Wochentags von 9-6, Sonntags von 10-1 Uhr\nPhotographische Arbeiten jeder Art in\n== kunstlerischer Ausfuhrung =====\nAufnahmen in naturlichen Farben\nSpezialitat: Kinderaufnahmen und Aufnahmen\nim eigenen Heim :: Kurse fur Amateure.\n\nFRITZ STOLPE EVIL'S\nGegriindet im Jahre 1873 ■ Fernsprecher Amt Liitzow 3752\nFabrik fur Gemalderahmen\nin alien historischen und neueren Stilarten\nKopien von Rahmen nach alten Meistern in Original-Goldtonungen\nCamllioha VOFffnlrfaPWaPllll Moderne und antike Vergoldungen an\ndaiUlliCOC veryuitt6rwnreu Mobeln, Innen-Architekturen usw.\n= Kunst-Einrahmungen ==\nReparaturen und Neuvergoldungen aller Gegenstande, Aufarbeiten\n:: aller Arten Antiken, Reinigen von Gemalden und Stichen ::\n\nFRIT 7 MFRkfFR Charlottenburg-Schillerstr. 94\nI 1\\ I I Z- iVI LK!\\ L K Amt Charlottenburg 8397\nPASSEPARTOUTFABRIK :: BUCH-\nBINDEREI :: :: ZEICHENMAPPEN\nROFZIEHEIi VON ZEICHNUNGEN :: :: MODERME BCICHEINBfiNDE\n\n=KONSTLER-MAGAZIN\nFRITZ BERGMANN\nSteglitz □ Schiitzenstr. 54\nFernsprecher: Amt Steglitz 482\n•\\ Architektur-Buchbinderei\nElektrische Lichtpausanstalt mit Motorbetrieb\nPassepartout-Pabrikation .*• Bilderelnrahmung\n\n©\nHHgemeiner Beobachfer\nBalbmonafsschrift fur alle\nFragen des modernen liebens\nmm m\nVerlag HHgemeiner Beobachfer\nBamburg 1 Hlsterdamm Ilr, 2\nmm m\nPreis; Cinzelnummer 20 PL «• Hbonnement 1 m. pro Quartal\nmm m\n©\n©\n©\n©\n©\n©\n©\n©\n©\n©\n0 ===== Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postansfalfen =\n---------000000\n\nLehranstalten □ Kurse\n\nMai- und Zeichenschule\nStilleben :: Landschaft ss Portrdt\nOTTO SEVER, HeKtorstrofie 1X an Kurlurstenflanim\n— Man verlange Prospekte\n\nHolzschnitzen, ModelUeren, Zeichnen\nTaglich 9—l Uhr Eintritt jederzeit\nModellieren filr Achitekten taglich von 5—7 oder 7—9 Uhr\nAbendakt taglich 7—9 Uhr Mark —,50\nRtelier Kurfiirstendamm 243 parterre gegenOber dem Zoo.\nBildhauer HARDERS Berlin - Charlottenburgr\n\nittodellimn und Zeicbnen\nVorbepeitung* far die Akademie\nKARL HEYNEN - DUNONT\nCharlottenburgr, Leibnizstrasse 32, Atelier\n=========== Masslge Honorare. ======= x\n\n-ic;\n*\n*\n*\n112\n%\nV\nimEiMntt\nI MAX PECHSTEIN\nOllmersdorf\nDurlacberstr. 14\n1119 I I 1\nModernei Ooteiilil in\n1\n\nBuchhandlungen\n\nBuchhandler u. 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Donat Herrnfeld\nHer Jtausteujel\nSchwank in einem Akt\nvon Pohlmann\nAnfang 8 Uhr\nVorverkauf 11—2 Uhr\n\nVintergarten\nlm Bahnhof Friedriehstrasse\nNeues Programm\nRnne\nDancrey\n\nLa Voce\nWochenschrift\nfiir freie Kultur\nJahresbezug 6 Mark\nProbenummern gratis\nflorenz piazza Davanzati\nCibreria Delia Voce\n\nHeue Sezession\nSehvarz-Yeiss\nAusstellung\nPotsdamer Strasse 122\n\n©©@@©@©©©©©o®o@@©@o\nDie Faekel\nHERAUSQEBER\nKarl Kraus\ni\nErscheint in zwangloser Folge\nN ummer34s/846\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfennig\nÜBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnhofen\nWerbeband der Packet\n50 Pfennig"}]}