{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_sha256": "4d01c33be478990e504fe05bc7a6e0b1efb648f1335b5d1cb1e1d824f26934f7", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/04/20_01/bmtnabg_1912-04-20_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/04/20_01/bmtnabg_1912-04-20_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c001", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "17", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.1", "debut_caractere": 515, "fin_caractere_exclue": 980, "texte": "Inhalt:\nH. W.: Literatur und Kunst: Nachfeier / Der neue Mystiker / Vorbemerkung / Die Möglichkeit / Der Clou / ALFRED DÖBLIN: Der\nschwarze Vorhang / ELSE LASKER-SCHÜLER: Wenn mein Herz gesund war — / PAUL ZECIi: Nächtlicher Marktplatz / ADOLF\nBEHNE: Zwei Ausstellungen / Dr. S. FRIEDLAENDERs Max Steiner: Die Welt der Aufklärung / BEACHTENSWERTE BÜCHER / PABLO\nPICASSO: Zeichnung / UMBBRTO BOCCIONI: La peinture des etats d'ärne / I: Les Adieux / Originalzeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c002", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "17", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.2", "titre_corps": "Pablo Picasso: Zeichnung", "titre_sommaire": "Pablo Picasso: Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.1", "debut_caractere": 2589, "fin_caractere_exclue": 2613, "texte": "Pablo Picasso: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c003", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "18", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.3", "titre_corps": "Literatur und Kunst", "titre_sommaire": "Literatur und Kunst", "signature_source": "H. 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Sie\nhaben es, der Anregung einer liebenswürdigem\nRedaktion folgend, „in gebundener und unge-\nbundener Sprache frohen Herzens anvertraut\nWir geben alle diese schönen Ostersprüche un-\nseren Lesern weiter, die sich gewiß freuen werden,\nihnen in behaglicher Feiertagsruhe nachzusinnen.\"\nSo legt Hermann Bahr zum Beispiel dieses\nOsterei:\nDa Sie mir einen Osterwunsch für unser\nVolk freistellen, sei's der, daß jeder Deutsche\nsich und das Seine freudig tatig bejahen\nlerne, statt nur immer die anderen und das\nihre hämisch kritisch zu verneinen.\nHerr Georg Engel wünscht in gebundener\nSprache vorläufig nur sich selber Ruhe vor\nseiner Schaffenskraft:\nMir selber aber wünsch' ich Ruh7,\nEin Häuschen auch an Meeresbreite,\nDann seh' ich still dem Leben zu\nAus nied'rem Fensterlein ins Weite.\nIch zahle sofort drei Mark fünfzig Pfennig,\nwenn er nur noch durch sein nied'res Fenster-\nlein zuschaut.\nHerr Gustav Falke, abgeklärt wie er ist, redet\ngoethisch: t\nTreu im Wandeln,\nGerecht im Handeln,\nIm Kampf voll Mut,\nSo fährst du gut!\nMir ist ein Automobil lieber.\nHerr Rudolf Herzog, das Temperament, ist\nfür Schießen, wenn ihm auch das Schwert vor-\nläufig noch poetischer erscheint:"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5094, "texte": "Ein Osterwunsch? — Vergiß das Eisen nicht,\nDas tief in deutscher Erde mahnend wächst.\nWillst du dem Enkel volle Kränze weisen,\nGreif Blumen dir und schmied zum Schwert\ndas Eisen!\nHerr Leo Leipziger läßt aus poetischen\nGründen den Lenz Eier legen. Sogar mit Musik:\nZieht nun der Lenz aus lindem Süden\nBeim Klang der Osterglocken ein,\nMag für die Welt — der Völker frieden\nDas Setzei des Kolumbus sein!\nHerr Alexander Moszkowski, dessen Philo-\nsophien beim Verleger von Friedrich Nietzsche\n♦erscheinen, tut so, als ob er nicht mehr umj\nseine Meinung gefragt werden wiii:\nEin Plus von Reisen von Meer zu Fels,\nEin Minus von Rechnungen inj den Hotels,\n'pin Plus von Geduld in beruflichen Qualen,\nUnd ein Minus von Umfragen, in den Journalen.\nHerrn Julius Stetten heim ist total ver-\njgackert:\nJeder Wunsch ist gereimt auf Ei:\nEigenen Herd, so klein er sei,\nUnd ein munteres Weib dabei,\nTüchtiger Kinder fröhlich Geschrei,\nNachbarn ohne Klatscherei,\nUnd daß allen die Arbeit gedeih,\nJeden Monat mit etwas vom Mai,\nSonne und Blumen und Liebelei,\nViele Stunden von Sorgen frei,\nTreue Freunde zwei oder drei,\nTrinkbare Tropfen, doch keine Arznei,\nUnd so weiter noch allerlei.\nHerrn Otto Sommerstorff blutet das Herz:\nSeht, es erfaßt mich stets ein heimlich Grauen,\nWenn ich auf holder Frauen Haupt und Hut\nDen Federschmuck der Reiher muß erschauen,\nDenn ach! er mahnt an Grausamkeit und\nBlut!.\nDazu bemerkt die ebenso mitleidige Redak-\ntion wissenschaftlich:\nDie Reiher tragen ihre Schmuckfedern\nnur während der Paarungszeit und werden\ndaher dann geschossen, wenn sie Junge im\nNest haben, die dann elend verhungern.\nUnd Herr Gustav Eberlein „ersucht\" den\nStaat, die Regierung, die königliche Akademie\nund die Verwaltung der Stadt Berlin, einen\nTempel, wenn auch nur aus Muschelkalkstein,\nfür die Marmorbrüche des Herrnj Rein hold Begas\nzu errichten.\nDeutsches Volk, nun: sinne, sinne, sinne.\nDer neue Mystiker\nDer Kritiker Friedrich Stein ist von dem\nneuen Roman des Herrn Georg .Herrmann tief\nergriffen. Georg Herrmann ist ihm|,nicht weniger\nals ein „Heutmoderner\". Aber es kommt noch\nbesser:\nDenn in seinem Roman „Die Nacht des\nDr. Herzfeld\" wandelt er Wege, die seiner\nbisher gepflegten Milieustufe fremd\nsind : ein psychologisch vertieftes, fein ver-\nästeltes, prismatisch überleuchtetes und in allem\nschicksalhaft Verflochtenen dennoch nur zart\nangedeutetes Lebensbild — eine Nacht und\nein halber Tag dessen „fünfter Akt\" die klare\nSpiegelung des Ganzen konzentriert.\nWenn Dichter und Kritiker auf ihren Wegen\nnur nicht über die gepflegte) Milieustufe stolpern.\nNamentlich wenn der halbe Tag des fünften Aktes\ndie klare Spiegelung des Ganzen konzentriert.\nDer Heutmoderne\nverschmäht unter anderem die Literaturmode\nder Gedankenstriche. Er hat, wie die Vielver-\nmögenden alle, längst eingesehen, daß in jedem\nFalle Gedanken wertvoller sind als Gedanken-\nstriche.\nSein mystischer Kritiker hat sich über Litera-\ntur in den Fliegenden Blättern orientiert. Keine\nGedankenstriche schreiben bedeutet noch nicht,\nGedanken haben. Friedrich Stein aber wandelt\nüber gepflegte Milieustufen.\nVorbemerkung\nEin unerhörter Blödsinn ist über die beiden\nAusstellungen dieser Zeitschrift geschrieben wor-\nden. Den Herren klingen sicher! schon die Ohren.\nFür heute nur: Herr Fritz Stahl hält mich für\neinen privaten Ahnungslosen. Sich also offenbar\nfür eine öffentliche Angelegenheit. Ich halte ihn\nfür ein öffentliches Aergernis. Er verschweigt\nVorsichtig die Zeitschrift „Der Sturm\" als Ver-\nanstalterin der Ausstellung der Futuristen. Das\nhilft ihm nichts. Man wird zu seinen Lesern'\ndringen, und wenn man eine halbe Million Blätter\nverteilen müßte. Sehen kann er nicht. Aber er\nwird das Hören lernen.\nDie Möglichkeit\nDie Zeitung L'lntransigeant in Paris meldet:\nL'academie de peinture de La Palette, qui\nitent ses assises 18, rue du Val-de-Gräce, vient\nde confier au peintre Le Fauconnier la\ndirection de I'ancien atelier Jacques-Emile\nBlanche.\nQui eüt annonce cela, il y a cinq ans\nseulement?\nWer würde Aehnliches in Deutschland bei\neinem Künstler von ebensolcher Qualität nach\nfünf Jahren für möglich halten?\nDer Clou\nDie Berliner Sezession kündigte für ihre dies-\njährige Sommerausstellung zwei „Clous\" an. Der\neine sollte ihre Beschickung durch die Futu-\nristen sein. Das war einfach eine Unwahrheit.\nDenn niemand mußte es besser wissen als die\nLeitung der Berliner Sezession, daß die Futu-\nristen bereits anderweitig gebunden waren. Es\nist schon reichlich geschmacklos, für die Leitung\neines Kunstinstituts „Clous\" anzuzeigen. Noch\ngeschmackloser, auf die Sensationslust des Publi-\nkums mit Bildern zu spekulieren, die man nicht\neinmal hat. Es riecht aber bereits ;mehr als be-\ndenklich aus dem aufgesperrten Reklamemaul,\nwenn man also über Pablo Picasso schreit: ...\n,/Von allem den in Paris lebenden Spanier Pablo\nPicasso, der seinen Stil der durcheinander\ngesteckten Pappkartons an einer eigenen\nkleinen Wand wird zeigen können.\" Warum hängt\ndie Jury der Berliner Sezession Bilder, von denen\nsie diese Meinung hat? Abgesehen davon, daß\ndiese Meinung schon nicht mehr von Pappe ist,\nwohl aber Blech.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c004", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "18", "page_fin": "18", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.4", "titre_corps": "Der schwarze Vorhang : Roman", "titre_sommaire": "Der schwarze Vorhang : Roman", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.2", "debut_caractere": 5096, "fin_caractere_exclue": 8088, "texte": "Der schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\nNach jener schweren Verdüsterung überkam\nnun Johannes allmählich ein ungewohnter Sanft-\nsinn, der sich an dem Bewußtsein des Entronnen-\nseins noch steigerte. Irene ging neben dem\nFriedensfrohen her, bot sich seinem Willen willig\nan. Der Ernste, lange Vereinsamte freute sich.\nWie komisch hübsch ihr Bündnis war, eine\nKinderei, nicht anders als Puppenspiele, Wett-\nlaufen, Kuchenbacken.\nVergnügt wie ein Füllen zur Futterkrippe,\nmochte er zu ihr hinstrampeln. Die Friedgewohnte\naber liebte in seiner Nähe die Angst, die ihr in\nden Knieen prickelte, und die leichte Wolke von\nGrauen, die seine Gegenwart ihr über die Haut,\ndie Arme und Schultern jagte. Der Widerwillen\ngegen ihn und der Abscheu schwang von den\nfrüheren Zwisten noch in ihr nach. Sie wurde\naber fast ungeduldig, wenn er sich ihr fügte\nund mit zarten Worten begegnete. Und doch\nklangen auch diese bei ihm sonderbar.\nUeber der zarten Redensart wirbelte dunkel\nein Sinn, der wie ein Geier auf ein schwaches Kalb\nherabzustoßen begehrte. Sie ließ ihn gewähren,\nwenn er ihr, der Verwöhnten, Schmeicheleien\ngleich goldenen aber längst zerbrochenen Tassen\nbot und ihre lächelnde Freude erwartete.\nEr empfand solche Ehrfurcht vor diesem\nzerbrechlichen Tand und war stolz daran Teil\nzu haben wie die anderen; dahinter spürte sie\nwirre ursprüngliche Absonderheiten, chaotische\nVerstrickungen und etwas kaum niedergehaltenes\nFremdes, Starkes und Liebloses. Und die Hände\nfest auf die atmende Brust gepreßt, bebte sie\nvor Vergnügen, wenn er ihr oder andern plötzlich,\nnach langem, stillen Grollen, ungeschlacht ein\npaar höhn- und verachtungsstrotzende Worte zu-\nwarf, wie Giftbrocken den Hunden. Noch, wenn\nsie sich von ihm getrennt hatte und mit ihrer\nFreundin nach Hause ging, preßte sie, mitten im\nGespräch von der Erinnerung überrascht, so die\nschlanken, gelblich weißen Hände auf die Brust,\nja, spannte alle Muskeln ihres Körpers zusammen,\nso daß sie stehen blieb und in einer Art Ent-\nzücken lachte. Die Gemeinschaftgewohnte fand\nein Vergnügen darin, solch seltsames Geheimnis\nzu verschließen; sie fand ein verstecktes Glück\ndarin, sich abzusondern und zu vereinsamen.\n:i: *\n*\nDie Zufälle herrschen nicht allein im Leben.\nVieles verbündet sich ihnen.\nIhnen dienen seit altersher starke Trabanten,\ndie Worte, große und kleine Worte, die sie\nstützen. Sie halten und bewahren, dem Zufall diej\nMacht, die er sich mit einem leichten Sprung\nund Sturz aus dem weißen Ungefähr und Un-\nausdenkbaren ergriffen hat. Wo er steht, flat-\ntern gleich die dünnen, bunten, seidenen Fähn-\nchen und die erschütternd herrischen Standarten«\nder Worte zur Rechten und Linken.\nDie Worte schwärmen aus, dem Herrn und\nGeliebten starke Freunde in der Nähe und Ferne\nzu werben, ihm ein unangreifbares Lager;\nzu schaffen.\nSie locken Zufall zu Zufall und verbinden\nsie ihrem Herrn, und aus dem Nichts beginnt\nes emporzusteigen.\nUeber Nacht ragt eine Burg weit ins Land\nhinweg, darin der ruhende Zufall haust und\nthront."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c005", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "18", "page_fin": "19", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.5", "titre_corps": "Wenn mein Herz gesund wär : Kinematographisches", "titre_sommaire": "Wenn mein Herz gesund wär : Kinematographisches", "signature_source": "Else Lasker=Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.2", "debut_caractere": 8121, "fin_caractere_exclue": 8839, "texte": "Wenn mein Herz gesund wär\nKinematographisches\n\nWenn mein Herz gesund war, sprang ich\nZuerst aus dem Fenster; dann ging ich in den\nKientopp und käm nie wieder heraus. Es ist\nmir genau so, als ob ich das große Los ge-\nwonnen hab und noch' nicht ausbezahlt bin, oder\nauf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen\nhab und keinen Stall „umsonst\" auftreiben\nkann. Das Leben ist doch; eigentlich ein Wendel-\ntreppendrama, immer so rund herauf und wieder\nhinunter, immer um sich selbst wie bei den\nSternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in\nverzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte\nich einen Todessprung oder einen Jux. Meine\nFreundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie\nstudiert die Sprache der alten Herren, ich meine"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8176, "texte": "Griechisch und Lateinisch-und macht gute Fort-\nschritte. Aber was geht mich, das alles an ;\nich will nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht\nklopfen, würde!\nDas Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft\nnicht allein unten jeden Freitag und Sonn-\nabend, jedes Stäubchen wird aufgewirbelt, es\nklopft auch an den anderen Wochentagen, denn!\nich wohne zwischen Haus und Haus und muß!\ndie Brutalität aller Höfe ertragen. Ich sitze immer\nbei geschlossenen Fenstern und werde1 gar nichts\nvon dem Sommer haben; ausgehen kann ich\nnicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe\nSchulden. Dabei > ziiehts, wenn ich die Türen\nrechts und links und hinter mir auflasse. Ich\ntrage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn\nich abends wo eingeladen bin, überkommt mich\neine furchtbare Angst, ich könnte anfangen zu\nmiauen. Ich hab gar keine Lust zum Leben\nmehr, wenn noch die Menschen gerne meine\nLyrik lesen wollten; wer sie gern liest, der soll\nmir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich\nmuß nämlich wiegen meiner englischen; Krankheit,\nin' Kleesalz baden, damit man nicht über mich\nausrutscht. Ich habe dann immer so eine Lange-\nweile in der Badewanne, und lese gerne\nschmeichelhafte Briefe an mich. Was einen\nsthfechte Kritiken ärgern! Man hat doch sofort\njelmand gern, der einem schöne1 .Worte schreibt.\nEs gibt wirklich sympatische Geschöpfe auf\nder Welt. Ich kann nur Weilgesich'ter nicht\nleiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht.\nDarum nehme ich mir auch nur schwarze\nMägde und Diener. Ich habe zwei Neger und\nzwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling\nkohrmt manchmal nach Berlin und! tritt dort mit\nseiner Truppe im! Chat noir auf. Tecofi fragt\nmich, wenn sein Vater nach! Berlin kommt, ob er\nbei mir auf dem Balkon wohnen könne. Ich\nhab nichts dagegen. Mein Somalineger ist\nköniglicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei\nTeneriffa Hammelheer den. Manchmal schickt er\nmir ein paar abgezogene Hammel, die kommen\nals Hautgoutragout hier an. Osmann, mein jünge-\nrer Neger, sieht aus, wie ,ein sinnender Gorilla\nim Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich1 zu\nschauen, aber man muß ihn in Ruhe lassen ;\nseit kurzem pfeif ich auch nicht mehr, wenn er\njemandem den Kopf abbeißen soll, er ist zu\nschade, zu wertvoll, um zu gehorchen, selbst\nmir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige\nMädchen, sie sind angestellt von mir, die Fäden\nmeiner Logik zu suchen, die Logik meiner Unter-\nhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die\nganze Nacht, ich fürchte sie werden sich einmal\nin einem Augenblick an: meinem Leidfaden auf-\nhängen. Das muß man inj Kauf nehmen, dunkle,\nLeute sind schlechte Spürhunde, sie können\nnichts finden in der Nacht ihrer Haut. Hailoh5,\nwas tät ich wenn mein; Herz gesund war? Habe\nich denn ein Herz oder wenigstens so was ähn-\nliches? Bei dieser Einlage im Programm muß,\nich weinen — gut, daß es Nußstangen gibt,\ndie trösten, auch die Pfeffermünz; in Holzschäch-\ntelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz aus;\nFleisch und Blut ist, rissig sind seine Wände;\nes hat weniger Augenblickswert als Ewigkeits-\nwert, darum bin ich vollständig unbrauchbar für\nden Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant\nfür den Forscher. Immer klingelt es in den! effekt-\nvollsten Stellen. „Hier 35, 24 wer dort?\" „Doktor\nNikito Ambrosia, sind Sie Else Las'ker-Schüler ?\"\n„Leider\". „Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie\nnicht, meine Dame, ich frage Sie an ganz er-\ngebenst, würden Sie ein Engagement am Winter-\ngarten annehmen, monatlich mit einer Gage von\n10 000 Mark? das macht im Jahr rund 100 000\nMark?\" „Sie spaßen wohl, Flerr, es ist doch\nnicht üblich, am Variete länger, als einen Monat\ndie Artisten zu beschäftigen.\" „Aber uns liegt\ndara:n meine Gnädigste, Sie an unser Variete\nzu fesseln,\" „Es handelt sich wohl um meine\narabische Szene, Herr Dr. Ambrosius?\" „Ganz\nrecht! Da Sie hoch zu Kamel über Theben\n'sitzen.\" „Herr ich kenne Sie, so einen unge-\nschminkten Baß gibt es nicht am Variete. Sie\nsind Professor Geliert, der letzte Hohenzollern-\ndämmer.\" Schluß! Mein Brief: Herzallerliebster\nin Adrianopel! Er fragte mich nämlich an, ob\nich ihn noch liebe, bittet mich, ihn nicht zu be-\nifügen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur\nLyrik geben, (er ist Dichter), „ich liebe ihn also!\nBasta!\" Könnte ich doch auch ein bischen nach\nder Türkei, zumal meine Vorfahren alle in Sänf-\nten getragen wurden.) Das Gehern; wird mir darum\nschwer. Wo bei Euch die Sohlen schon erkaltet\nsind, jsind sie bei mir noch Glut. Wenn mein)\nHerz gesund wär, was tät ich dann ? Einen;\nAugenblick bitte! Ich würde mich pudelnackt\nausziehen und mich in einl, Süßwasser werfen, wo;\ndie sanften Fische leben, aber; Schuppen kann ich!\nnicht leiden. Oder ich ging nach dem Südpol\nund wärmte mich mal ganzj tüchtig ein, oder ich\nHeß jedenfalls in der Eiszone) (einen; Anthrazitofen'\nsetzen. Was soll ich noch machen? Ich blieb,\ngerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den\nSternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist\nes nicht himmelschade, daß mein Herz nicht ge-\nsund ist? Vom Mond kommen die Herzkrank-\nheiten, namentlich die Neurosen. Alle Krank-\nheiten kommen von, oben. Liier, {unten ist es ganz\nnett. Darum stürzen auch so viele Aviatiker vom;\nHimmel herab ; das Fahrzeug platzt ja gar nicht,\ndie Fallsucht kriegen sie alle, je höher sie; die\nBazillen der Gestirne einsaugen. Wie die Aviatiker\naussehn: Wie die Vögel ihre Nasen sind\nSchnäbel und die Köpfe strecken; sie in die Höhe.\nEin neues Menschengeschlecht. Einmal aß mit\nmir lein Luftsegler zu Mittag, der hackte wie ein\nHabicht am Fleisch herum, riß am Schnitzel\nwie ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche\nKatharine von Armignac ist die erste Aviatikerin\nder Welt. Im Uniontheater der Luftschiffahrt-\nausstellung am Zoo- fliegen sie alle. Ich kann\numsonst zusehen, ich versprach über alles zu,\nschreiben. Ich hab kein Geld, jaber darum kann,\nich mich doch nicht von Welt abschließen.\nUnd soll sogar die Regierung in Theben über-\nnehmen, ich regiere sogar schon pro forma. Die\nLeute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee.\nFixe Idee ist was Natürliches: Natur die das\nGesetz zum Sklaven macht. Ich: bin der, Prinz\nvon Theben. Nur Kaiser Wilhelm kann mir in\nDeutschland nachfühlen, was Regieren heißt. Ich1\nhabe dabei ein bunt' Volk. Nachts liege ich1 auf\ndie|m Dach und bei Tage sitze ich unter meiner\nPalme und regiere. Ich bin für alles verantwort-\nlich; mein Volk schielt noch vlor Ungewißheit,\nes meint ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist\nmir bitterer Ernst. Ich bevorzuge nichts — nur\nMenschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack\nhabe, künstlerischen Sinn habe ; meine; Rede ansj\nVolk bedient sich nicht des Punktes, weil ich1\nmich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten;\ngegen mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin;\n(einig mit mir, aus Diplomatie, weil sich mein:\nVolk an mich halten muß. Ich denke nur viel,\nsehr ;arg, unmittelbar, ich lasse alle meine Ge-\ndanken ganz nah an mich herankommen, damit\nsie das Fürchten verlernen. Wenn; ich1 nur nicht\nschon in der Frühe von so vielen muselmän-\nnischen Babieren gestört würde, die mich täto-\nwieren wollen, von abendländischen Malern die\nmich porträtieren wollen. Nachts werde ich\nimmer im Schlummer auf meinem Dach gestört\nvon meinen Paschas, die vor Begeisterung meines;\nRegierungsantritts nicht ruhen können. Sie\nh'aben immer in der Audienz, die ich ihnen er-\nteilte, eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie\ntreibt. Seitdem ich als regierender Prinz in The-\nben gewählt bin, bewegen sich! viele Ehrgeizige\nin derselben Tracht und Gebärde in den Straßen\nder Stadt, die mir zu gleichen trachten. Meine\nEpigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst,\neine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst\nund die Musik. Die Epigonie; jaber ist eine Tätig-\nkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie\ndie Arbeit. Ich arbeite niej, ich hasse den; Schreib-\ntisch1 — zwar hab! ich selbst einen — aber (er ist\nnie 'ganz gewiesen. Heute Nacht, da meine\nNeger schliefen, erbrachen die Paschas gewalt-\nsam die Pforte, die zu; 'meinem Dache führt wegen\nder Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch\nim Profil (Seite steht mir besser wie en face), im\nTurban und Regierungsmantel photographiert in\nallen Farben ; auf allen Posten meiner Stadt ver-\nbreitet man Mich Allerhöchst\n\nElse Lasker=Schüler"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c006", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "19", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.6", "titre_corps": "Nächtlicher Marktplatz", "titre_sommaire": "Nächtlicher Marktplatz", "signature_source": "Paul Zech", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.3", "debut_caractere": 8178, "fin_caractere_exclue": 8793, "texte": "Nächtlicher Marktplatz\nPaul Zech\nDer grelle Strahl verzierter Kandelaber\nSchlägt breit auf das verregnete Gestein.\nVorm Wachtturm halten in zwei graden Reihn\nKopfhängerisch die dürren Droschkentraber.\nSchlafäugig schaun viel Fenster in das Blinken\nDer Lichter auf dem Brunnen von Porphyr.\nEin schwarzer Wächter huscht von Tür zu Tür\nUnd prüft das Riegelwerk verstaubter Klinken.\nEin hagres Weib, geputzt und frech geschminkt,\nHockt regungslos wie eine Spinne\nIm Dunkel eines Tors und spannt die Sinne,\nBis einer, dem Gelüste das Blut zerwühlen,\nDas süße Gift mit Zartgefühlen\nVon ihren hartzerbissnen Lippen trinkt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "20", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.7", "titre_corps": "Zwei Ausstellungen", "titre_sommaire": "Zwei Ausstellungen", "signature_source": "Adolf Behne", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.3", "debut_caractere": 8795, "fin_caractere_exclue": 10483, "texte": "Zwei Ausstellungen\n\nIch fürchte, die jungen Künstler, denen die\nSezessionen zu eng und zu alt geworden sind,\nund die in irgendeiner Form neue Sezessionen\ngegründet haben, werden noch lange auf ihre\nAnerkennung warten müssen. Vorerst nimmt\nman sie kaum ernst, ja, man kümmert sich nicht\neinmal um sie. Die Zeitschrift „Der Sturm\" und\ndie „Neue Sezession\" haben Ausstellungen ver-\nanstaltet. In beiden ist mit großer Liebe, vielem\nGeschmack und ehrlicher Hingebung an die\nKunst gearbeitet worden; was zustande gekom-\nmen ist, stellt ohne Frage das Interessanteste\ndar, was man uns in Berlin seit langem dar-\ngeboten hat. Die Ausstellung der „Neuen Sezes-\nsion\" umfaßt ausschließlich Zeichnungen, Holz-\nschnitte und Radierungen (außer wenigen\nPlastiken). Und wer die Schwarz-Weiß-Aus-\nstellungen der „Sezession\" kennt und die ver-\nwirrende, wirkungslose und augenmörderische\nWirkung ihrer Wände, muß von der Ruhe, der\nKlarheit und Uebersichtlichkeit in der Neuen\nSezession entzückt werden. Ich glaube, daß ein\nwirklich unbefangener Besucher gerade in dieser\nAusstellung mit besonderer Wahrscheinlichkeit\nfür die Schönheit und den Reiz auch der ein-\nzelnen Objekte gewonnen werden kann. Die\nmeisten freilich werden nicht wahrhaben wollen,\ndaß hier Schönheiten vorhanden sind. Wenn sie\nes — statt zu lernen und zu suchen — vor-\nziehen zu spotten und zu lachen, so werden sie\nsich noch lange Zeit in der „kompakten Majo-\nrität\" befinden. Aber eines schönen Tages be-\nstimmt nicht mehr. Hier sind Schönheiten, große\nSchönheiten und ist ernstes Dienen um die; Kunst.\nWas in den Zeichnungen der „Neuen Sezession\"\nund den deutschen und ausländischen Bildern\ndes „Sturm\" den ungeübten Betrachter zum"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5456, "texte": "Widerspruch und zum Spott reizt, das ist dfe\nstarke Abwendung von der Natur, die der Laie\nnur allzu unbedacht als Nichtkönnen interpretiert\nUnd ist es nicht seltsam, daß das gleiche\nPublikum die Jungen von einst, Liebermann und\nUhde, gerade wegen ihres Naturalismus anfein-\ndete? Wird der engere Anschluß an die Natur\ngescholten, wird Abkehr von der Natur be-\nspottet — was soll der Künstler? Soll er den\nbequemen Mittelweg Natürlichkeit und Idealität\nwandeln, der so reizlos ist, und den das Publi-\nkum so liebt? Uebrigens ist es nicht zweifel-\nhaft, daß dem Publikum ein gesteigerter Realis-\nmus, auch wo es von ihm abgestoßen wird, noch\nimmer verständlicher ist, als die bewußte Ab-\nkehr von der Natur. Und eben deshalb wird es\nnoch eine gute Weile haben, bis die neue Kunst\nund das Publikum sich gefunden haben werden.\nDas Publikum soll den Gedanken aufgeben, daß\nleine Zeichnung, eine Skulptur, ein Bild aJfe\nWiedergabe eines Naturgebildes zu betrachten sei\nund deshalb aus größerer oder geringerer Natur-\nähnlichkeit der kritische Maßstab für die Kunst\ngenommen werden müsse — Notabene: Aehn-\nlichkeit nicht mit der wirklichen, wahren Natur,\nsondern mit der mehr oder weniger sentimen-\ntalen Natur des Publikums. Das wird eine um\nso tiefere, gewaltigere Revolution für das Pub-\nlikum bedeuten, als ja die letzte Phase der\nKunstentwicklung, der Impressionismus, die\nManie des Vergleichens mit der Natur zu be-\nfestigen sehr geeignet war. Und dennoch: es\nist und bleibt eine Manie, es ist im besten Falle\nein Surrogat! Wo steht denn geschrieben, daß\ndie Kunst hinter der Natur herzulaufen habe?\nMan mache sich' doch klar, was Kunst ist So\nwie man jede andere Sache aus ihr selbst heraus\nzu verstehen und zu erklären sucht, so tue es\nman auch mit der Kunst. Die Malerei, um uns\neinmal auf sie bei Gelegenheit der genannten\nAusstellungen zu beschränken, ist ein Arbeiten\nmit Farben, mit Linien, mit Hell und Dunkel,\nsie ist das Füllen einer gegebenen Fläche aus\nPapier, Holz oder Leinwand. Das ist gegeben.\nWo wird hier eine Beziehung zur Natur not-\nwendig gefordert? Sie ist hineingezwungen, das\nmache man sich klar. Und wie kommt man\ndazu, vor einem Bilde stets etwas ganz anderes,\neine völlig andere Welt, nämlich die Natur, heran-\nzuziehen. i\nAuf jedem anderen Gebiete würde man das\nunsystematisch, unsachlich nennen. Was ich vor\nmir sehe ist eine Fläche. Darauf sind Farben-\nkomplexe, rote, grüne, gelbe, blaue. Da sind\nLinien; geschwungene, gerade, fortlaufende,\nunterbrochene. Die Farben stehen untereinander\nin gewissen Verhältnissen. Eine einzige anders\ngedacht, und die Wirkung ist verloren. Die\nLinien stehen untereinander in unveränderlichen\nBeziehungen: eine senkrechte weniger, eine hori-\nzontale mehr, und das Bild ist nicht mehr wieder-\nzuerkennen. Und schließlich stehen die Linien in\nBeziehungen zu den Farben. Aendern sich\ndiese, so können jene nicht bleiben. Das ist\ngegeben, das habe ich vor mir, das ist mir zur\nBeurteilung vorgestellt Und man redet — von\nder Natur! Kunstgesetze sind völlig andere als\nNaturgesetze — und man redet vor einem Kunst-\nwerke nie von Kunstgesetzen, aber um so mehr\nvon Naturgesetzen. Ich fürchte diese Aus-\nführungen werden nicht viele überzeugen. Dem,\nder ein wahres und inneres Verhältnis zur Kunst\nhat, sind sie selbstverständlich, dem anderen eine\nLästerung, wie der frivole Bruch einer alten und\ntreuen Ehe. Aber es verhält sich in Wahrheit\nganz anders. Der Schritt, den diese jungen\nKünstler tun, ist einer auf dem Wege zur rein-\nlichen Scheidung, zur Klarstellung, zur Be-\nfreiung zweier durch Unverstand und Gewohn-\nheit lange zusammengekuppelter Begriffe. Sein\nZiel ist Aufhellung, bessere Luft, freieres Atmen.\nUnd wie alles, was auf dem Wege zur inneren\nBefreiung, zu größerer Reinheit getan wird,\nletzten Endes auch von ethischer Bedeutung.\nDenn die Vorstellung, daß es sich in dieser neuen\nKunst um Unreife, exzentrische Genialitätssucht\nund was weiß ich handle, die lege man ab! Sie\nist falsch! Man mache die Probe auf das\nExempel, besuche die Ausstellungen. Ich meine,\nman müßte bei einigen guten Willen die Rein-\nheit der Wirkungen in diesen Werken spüren.\nKönnen denn diese unverdorbenen reinen Farben,\ndiese klaren, kräftigen Linien, diese deutlichen,\ngroßen Gegensätze von schwarzen und weißen\nFlächen, diese Helligkeit und Luftigkeit ganz\nohne Wirkung bleiben?\nHat man sich nur einmal richtig eingestellt,\nso haben diese Werke einen starken Reiz von\nJugend und frischem Mut Man fühlt, daß die\nBewegung noch alle Kraft, alle Energie und alle\nLust des frohen Beginnens hat Und gibt es in\nder Kunst etwas Schöneres ? Wie liebt man\ndiese Eigenschaft an den Künstlern des fünf-\nzehnten Jahrhunderts, den Lippi, Botticelli, Goz-\nzoli. Und dann rate ich auch, es tue jeder ein-\nmal, wenn er in den Räumen der Ausstellung ist,\neinen Blick durch das Fenster auf den Garten hof\ndes Tiergartenviertels, auf die Potsdamer Straße.\nEs wird das Gefühl der Sicherheit, der Befreiung\nunmittelbar aufgehen. Dort ist eine Welt, hier\neine ganz andere. Sie können nichts mitein-\nander gemein haben. Und seit wir das wissen,\nerscheinen uns beide — weitgefehlt, daß sie ver-\nloren hätten doppelt schön und mächtig. Wir\nschaukeln nicht mehr zwischen dem lufterfüllten\nRaum dort draußen und der bemalten Fläche\nhin und her. Wir stehen auf einem guten und\nfesten Boden.\n\nAdolf Behne\n\nTrotzdem beide Ausstellungen schon geschlossen sind,\nwird dieser Beitrag wegen seiner prinzipiellen Bedeutung\nveröffentlicht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "20", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.7.1", "titre_corps": "Trotzdem beide Ausstellungen schon geschlossen sind,", "titre_sommaire": "Trotzdem beide Ausstellungen schon geschlossen sind,", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.4", "debut_caractere": 5331, "fin_caractere_exclue": 5456, "texte": "Trotzdem beide Ausstellungen schon geschlossen sind,\nwird dieser Beitrag wegen seiner prinzipiellen Bedeutung\nveröffentlicht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c009", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "22", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.8", "titre_corps": "Max Steiner: „Die Welt der Aufklärung\" : Nachgelassene Schriften Kritischer Hinweis", "titre_sommaire": "Max Steiner: „Die Welt der Aufklärung\" : Nachgelassene Schriften Kritischer Hinweis", "signature_source": "S. 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Friedlaender\n„Als der verständigste Mensch den ver-\nständigsten Augenblick hatte, wünschte ersieh,\nden Verstand zu verlieren.\"\n„Leben ist Erkenntnislosigkeit.«\nMax Steiner\nI.\nDurch die Herausgebung des Nachlasses in\nwürdiger Form dafür gesorgt zu haben, daß die\nwichtigen kritischen Gedanken Max Steiners\nfort und fort ihre heilsame: Kontrolle am seichten\nAufkläricht ausüben, ist das anerkennenswerte\nVerdienst des Herrn Kurt Hiller, aus dessen\npersönlich warmer und instruktiver Einleitung\nsich der Leser das Nähere über Leben und\nCharakter des Autors holen möge. Wir wollen\nhier nur seine intellektuale, speziell philosophische\nCharakteristik zu geben versuchen und zu diesem\nZweck imaginieren: Die philosophisch arg- und\nahnungslosen „Freigeister\" dieser Tage, von\nDarwin bis Häckel, würden vor das Forum Kants,\nalso der kritischen Logik zitiert! Alle diese\nHerren, die so sehr viel wissen, haben nämlich\ngar keine Theorie dieses Wissens, keine Er-\nkenntnistheorie, kaum die Ahnung von deren\nMöglichkeit — und indem nun Kant als Steinerner\nGast, als Jüngstes Gericht über sie kommt, wird\nihre ganze philosophische Kläglichkeit eklatant\nAber Steiner vertritt mehr als bloß die Stelle\nKants, die doch gewiß respektabel genug ist.\nSteiner repräsentiert uns den Tragiker der Er-\nkenntnis in seiner eignen Gestalt, und zwar mit\neiner Entschlossenheit aus aller Leibes- und!\nLebenskraft ... bis zum Selbstmord, Bekannt-\nlich ist es noch Niemandem gelungen, Moral\nzu begründen. Ob das Faktum, das man\nals Gewissen, als sittliches Verantwortungsgefühl,\nals kategorischen Imperativ oder sonstwie an-\nspricht, anders zu motivieren, zu inter-\npretieren sei, mag zur Debatte gestellt, aber das\nFaktum nicht ignoriert oder geleugnet werden.\nJedenfalls konstatieren wir an Steiner die Existenz\ndieses problematischen Etwas in seiner ganzen\nfatalen Energie. Die Intensität dieses ethischen\nErlebnisses geht in ihm bis zur Religiosität, bfe\nzur heiligen Schwärmerei — und hierzu gehört\nes, daß er darüber seine Lippen züchtig schließt\nund nur die feierlich-keusche Beredsamkeit seines\nfrommen Schweigens hat; es ist das aller Frivo-\nlität am fernsten liegende Extrem der Seele, des\nErlebens. Nun wäre nicht dieses das' Beson-\ndere seiner Geistesverfassung; wir finden der-\nartige Radikalismen, Fanatismen anderwärts. Das\nBesondere besteht hier in der Hinzugesellung\neines schonungslos freien Intellekts, ohne daß\ndennoch dieser jenes Heiligste verletzen dürfte.\nZwar scheint dieses auch auf Kant zuzutreffen;\noder auch auf Nietzsche. Aber die genauere\nNachprüfung ergibt bei Kant den Befund einer\nHarmonie dieser Antithetik, die Unmöglich-\nkeit von Konflikten zwischen „Wissen und\nGlauben\"; wie dies auch Steiner feststellt.\nNietzsche wiederum hat die Freiheit — die Zu-\nfälligkeit des Geistes, die Skepsis selber\nbejaht, geheiligt; er ist der Priester alles\nFragwürdigen mit einem grimmigen Nein und\nFluch gegen die Priester des „Festen\", die Sklaven\nder Antwort. Max Steiner verträgt es, an solchen\nMaßstäben gemessen zu werden — soweit seine\nkurze Bahn eine Berechnung zuläßt. Sein\nIntellekt ist skeptischer als der Kantische, sein\nWille gewissenhafter, frommer als der\nNietzsches — und nun darf man nicht vergessen,\ndaß in Genauigkeiten — und hier lockt und; drohij\ndas Chaos — das Zuviel so fehlerhaft wirkt, wie\ndas Zuwenig. Die Unmöglichkeit, die gefü h 11 e\nGewißheit seines Herzens der skeptischen Logik\npreiszugeben; die Unfähigkeit zum Verzicht auf\nlogische Formulierung; alle daraus resultie-\nrenden Unerbittlichkeiten kennzeichnen Steinersä\nEigenart. Er verkannte keineswegs den Herois-\nmus in der Situation Nietzsches, allem eben-\nsowenig dessen Unzulänglichkeit, und er war\nnicht geneigt, Nietzsches Halkyonismus mit-\nzumachen. Kant war ihm nicht materia!\ngenug, und als Kantianer mußte er die mas-\nsivere Materialität Schopenhauers ablehnen. Trotz-\ndem scheint ihn zu diesem Mystiker doch dfe\nSympathie zu ziehen. Max Steiner symboli-\nsierte seine Abkehrung vom Wissen „dieser\"\nWelt durch den Uebertritt zum Katholizismus\n— etwa so wie Goethe poetisch zum Katho-\nliken werden mußte, um gewisse Erlebnisse alle-\ngorisch mitteilbar zu machen. Der sittliche, der\nfromme Wunsch war der echte Vater aller Ge-\ndanken Steiners, und da seinj peist von Kant zu\nsehr diszipliniert war, als daß er die „dies-\nseitige\" Realisation für möglich gehalten hätte,\nso verdarb er mit fanatischem Sarkasmus, mit\nrigoroser Strenge, wiewohl neutral scheinend,\njedertnann den Geschmack am leichtfertigen,\nm\nsich „hier\" ansiedelnden Optimismus. Man müßte\nsich eigentlich denken, daß er einstmals dem:\nkategorischen Imperativ einen streng asketischen\nInhalt gegeben haben würde — natürlich mit\nAkkommodation an die „Schwäche\" der Indivi-\nduen; wie dieses schon in seinen Paraphrasen\nzum Christentum an den Tag tritt Die Kan-\ntische Philosophie kehrt ihr Medusenantlitz nie-\nmals der Empirie, sei es der theoretischen,\nsei es der ethischen; sondern immer bloß ver-\nsteinernd der absoluten Spekulation zu:\nsie zwingt zur empirischen! Schon ein\nchristlichster Denker, Schopenhauer, überzieht\nalle Empirie mit Verzweiflung, auch! die kritisch1"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9549, "texte": "zulässige, ja gebotene. Askese ist nach Kant\nprinzipiell unsittlich: sie würde, logisch zur\nMaxime verallgemeinert, gar keine sittliche Em-\npirie mehr übrig lassen. Und hier eben ist es,\nwo die von Steiner, approbierte Kantische Er-\nkenntnistheorie ähnlich pessimistisch ausartet wie\nbei Schopenhauer. Der Mensch beginnt, als Ver-\nhinderung des Absoluten, pathologisch1 zu\nwirken! Ein von Kant gar nicht beabsichtigter,\naber schwärmerischen Gemütern sich leicht auf-\ndrängender Eindruck. Steiners Schwärmerei war\num so viel gefährlicher, als sie durch die eis-\nkalte Gehaltenheit seines Geistes verdeckt, bleiben\nkonnte.\nMan darf nämlich nicht verkennen, daß die\nKantfeche „Hinterwelt\" ein Energie-Reservoir für\nMenschen von „dieser\" Wilt ist: Kant ist Em-\npiriker und Sensualist unter der Aegide zwar\ndes „Absoluten\", des Göttlichen, der idealen Ver-\nnunft, des ethischen: Glaubens; er ist kritischer\nOptimist; kein dogmatischer wie Leibniz; kein\ndionysischer wie Nietzsche; kein heroisch-bru-\ntaler wie gewisse Evolutionisten. Der Fall Max\nSteiners dagegen ist in der, Tat nichts Geringeres\nals das Symptom eines Mankos in der Logik auch\nnoch der vernünftigsten Geister. (Philosophie\nist Logik gewordene Genialität.) Macht man,\nwie Steiner, die Logik zum obersten Kriterium\ndes Lebens und sieht sich kraft der Logik zur\nAufhebung aller Logik gezwungen —>, was dann ?\n— Die Schlange beißt sich1 hier nicht nur in den\neignen Schwanz, sondern ißt sich sogar selber\nnoch auf! Und das alles' freilich nur wegen des\nAberglaubens, der „Mensch\" genannt wird. Der\nsogenannte Mensch ist nichts als einel petitio prin-i\ncipiii, eine naive Voraussetzung, eine der vielen\nTruismen des viel zu gesundenj Menschenverstan-\ndes. Eigentlich hat Kant in! seinem Apriori be-\nreits etwas ganz anderes als den Meeschen zur\nVoraussetzung seines Systems: Etwas, in Be-\nziehung worauf allererst ein Unterschied von\nImmanenz und Transzendenz gilt! Nämlich\nden logisch-praktischen Formalismus seiner Be-\ndingungen aller Erfahrung. Der „Mensch\"\nist für Kant gar keine Bedingung, sondern ein\nallen übrigen koordiniertes Bestandstück der\nErfahrung, einer der mannigfachen empirischen\n„Inhalte\"; eine der vielen Versinnlichungen der\n„reinen\", ,d. h'. formalen, bedingenden Er-\nfahrung. Die Voraussetzung Kants ist der\nlogische, ;der „transzendentallogische\" Mensch,\ndessen Freiheit, Unsterblichkeit, Göttlichkeit so\nsehr transzendent gewiß, wie immanent\nfinster bleibt: Dieser formale Gott ist bloß da-\ndurch Mensch, daß er seinen; Inhalt, seinen Stoff\nnicht ebenfalls a priori erzeugt, sondern dunkel\neimpfängt; empirisch a pateriori. Kurzum, die\nreine Vernunft, der logis c h e, normale Mensch\nenthält alle Bedingungen zur Schöpfung der\nWelt an sich selbst, aller Welt — aber weiter\ngar nichts! Die Welt, welche, er in der Tat wirk-\nlich (erfährt, und unter die der P 1 ura 1 i s\nseines empirischen Menschen ge-\nhörtest keineswegs sein adäquates Objekt oder\nSubjekt; sondern seine Ueberraschung mit etwas\newig Rätselhaftem, das er gläubig und rezeptiv\nhinnehmen muß, ohne jemals zur eigentlichen\nProduktion und zum Wissen zu gelangen. Der\nIntellekt ist sehr merkwürdigerweise bei Kant\nkein Prädikat des Menschen: umgekehrt ist der\nMensch ein Prädikat des Intellektes, wodurch\ndessen Aseität, Apriorität eine Schranke, eine Be-\neinträchtigung erfährt. Aber Kant schreibt seine\nLehre für den Menschen vor! Der Kant der\nKritik würde jede Befassung mit der Erlösung\nvom Menschen als eine unkritische Naivität ab-\ngelehnt haben —, als transzendente Spekulation;\nwie es denn überhaupt eine Menge tiefer\nProbleme gibt, welche Kant prinzipiell ignoriert!\nBei Kant ist der empirische Mensch eine Art\nAsymptote an das Wesen der Dinge, das! dem:\napriorischen Intellekt eigentlich entsprechen\nwürde. Kant bleibt durchaus der Philosoph der\n„Erscheinung\", der das „Wesen\" immer bloß\npädagogisch, niemals im Sinne der Erlösung as-\nketisch verwertet. Sein Bereich ist die von der\nTranszendenz, nicht zur Transzendenz geleitete\nImmanenz. Dagegen tendiert das Christentum\nwie auch dessen intuitivster Philosoph, Schopen-\nhauer, vom Menschen weg zur Transzendenz hin..\nMax Steiner läßt sich als ein konsequenterer, rigo-\nroserer Schopenhauer betrachten. Die Kantische\nKritik erlaubt ihm keinerlei Anschein der Trans-\nzendenz, mit dem Schopenhauer so bestechend\nbrilliert: kein Strahl der Erkenntnis! dringt in das\ntranszendente Geheimnis: desto intensiver wird\ndie praktische Gewißheit, desto radikaler\nder Krieg, die Alternative zwischen Diesseits und\nJenseits; es gibt hier keine Vermittlung,\nkeine Rücksicht, keine Schonung! Bei Kant (und!\nauch bei Goethe) ist gerade der Mensch dieses\nversöhnende und distanzierende, die Distanz in-\ndividuell nuancierende Mediüm. Steiner willweder\ngute noch schlechte Kompromisse, sondern er\nwill das Jenseits. Demgemäß vermißt er an Kant\ndiese genaue Indikation, diese unzweideutige\nvernünftige Vorschrift, den prinzipiellen Befehl\nzur Askese, den reinen Inhalt der reinen Form;\ndie rückhaltlose Einwilligung in die letzte Er-\nkenntnis der Nichtigkeit aller Erscheinung. Dem-\ngemäß kann er in Nietzsche nichts anderes sehen,\nals den konsequentesten Anwalt des „Diesseits\".\nWas hilft denn die skeptischste Dialektik des\nGeistes, wenn das Herz nun einmal nichts davon!\nwissen will, das unausrottbare Gefühl des Ekels\nvor, solchem Geiste, der mit der stärksten und!\nfeinsten Kraftanspannung im wesentlichen\nnichts leistet, nichts leisten kann? —\nII.\n„Wer kennt sein eigen Herz?\" Dieses Zen-\ntrum der Person, das so! gewiß: vorhanden, den-\nnoch so schwer erreichbar wie der Erdmittel-\npunkt ist. Les grandes pensees vierinent du coeur.\nWas der Mensch im Innersten will, ist gar nicht\nmißizuverstehen, und Kant hat es einigermaßen\nadäquat formuliert als: „Gott, Freiheit, Unsterb-\nlichkeit.\" Eine solche Ausschweifung im Wün-\nschen, angesichts der komparativ recht erbärm-\nlichen Realität leicht lächerlich, erforderte die\nstrengste Zügelung und Zucht, und Kant hat\nihr sie reichlich atigedeihen lassen. Er ist hierin\nübertroffen worden durch Schopenhauer, der\ndas Leben radikal desideal isierte zugunsten eines\nGegenlebens. Hier haben wir die verhängnis-\nvolle Alternative, der Worte, die Nietzsche mit\naller Wucht umgekehrt akzentuierte, bis in das\ninnerste ;Herz hinein, das1 er „sich in der Brust\nselbst herumdrehte. Auch Max Steiner blickt der\nRealität wie Nietzsche in das furchtbare Antlitz\n— aber sein Flerz ist geteilt, zerrissen. Er demon-\nstriert mit seinem Uebertritt zum Katholizismus\ngegen die Instinktflachheit der modernen Athe-\nisten. Sein Geist ist ersichtlich auf Seiten der\nvorliegenden naturwissenschaftlichen Realität.\nAber den brutalen Gottesstaatsstreich der Um-\nwertung kann er desto weniger mitmachen, als\ner offenbar von der Methode einer gegen-\nseitigen Bedingtheit des einander\nAusschließenden logisch nichts wissen will.\nEr konnte Gottes (der sittlichen Idee) nicht ent-\nraten; und ihn auf die pudere Seite zu schaffen,\nwie Nietzsche, widerstrebte senie'm mystischen\nHerzen. Mit Recht ergriff ihn gleich! Nietzsche\nder grimmigste Hohn, wenn naturwissenschaft-\nliche! Denker mit christlicher Salbung sittliche\nFolgerungen aus den un- und antichristliehsfeii\nPrämissen ableiteten. Sein Philosophieren trägt\nden Januskopf, dessen entgegengesetzte Ant-\nlitze diesseits und jenseits und toto coelo diver-\ngieren lassen. Ja, höchst wahrscheinlich würde\nseine politische Ethik, hätte er sie vollenden\nkönnen, ihre ganze Energie aus) der Unvereinbar-\nkeit dieser Differenz bezogen haben. Aber keinen\nPsychologen kann die scheinbar neutrale Hai—\ntuno- Steiners darüber täuschen, daß er im\nInnersten gegen das Diesseits Partei, genommen\nhat. Nietzsche z. B. hat sich zwar gegen das\nChristentum für Dionysos erklärt: aber er ließ\ndiese Antithese in aller Spannung real bestehen :\ner geriet durchweg mit dieser Gegensatztypik\nals 'mit etwas Un loswerdbarem. In diesem Ver-\nständnis bleibt Steiner zurück. Mit eminenter\nlogischer Kraft strengt er sich an, diesen Zwie-\nspalt praktisch zu entscheiden, sittlich zu\nerledigen: Zu leben — nicht bloß von Gnaden!\nder 'Geburt, sondern ... triftig gegründet! Es\nblieb ihm dabei: Erkenntnis ist nicht lebens-, das\nLeben nicht erkenntnisfähig. Steiner hat uns eine\nsehr merkwürdige mystisch klingende Be-\nhauptung ohne allen Beweis hinterlassen: um\nein Problem praktisch lösbar zu machen,,\nbraucht man es theoretisch werder be-\nBeispiel, es gäbe keinerlei objektive ethische Nor-\nmen — so könnte dieser, Nicht-Befund sehr wohl\ndie Grundlage einer politischen Philosophie ab-\ngeben! Aehnlich sagt er: „Die wissenschaftliche\nErfolglosigkeit der Rätsellösung macht den reli-\ngiösen Versuch nicht unmöglich, sondern drängt\nihn geradezu auf.\" Schließlich ist es wohl dfe\nradikale Verzweiflung an der Auffindung ,einer\nMoral mit logischem Fundament gewesen, welche\ndie Erkenntnis für Steiner so tragisch machte..\n„Singe! sprich nicht mehr!\" Das Erlösungswort\nder Seele Nietzsches fand bei diesem rigorosen\nLogiker kein Gehör. Wir haben von Nietzsche\ndas Eingeständnis, daß er sich: der Furchtbarkeit\ndes Immoralismus, des Atheismus zwar theore-\ntisch, aber nicht praktisch gewachsen, fühle. Aber\nallen Anschein hat es, daß. das Werk Steiners\nFragment geblieben ist, weil er den Atheismus\nnicht einmal theoretisch ertragen konnte. Ohne\nGott verliert auch die Logik ihre Dignität; sie\nwird zum belanglosen Spezialfall des Chaos.\nDer Selbstmord aus Atheismus flößt Ehrfurcht\nein. Woher weiß man so genau, daß Nietzsche\nkein Selbstmörder gewesen ist, gesetzt, der Tod\nsei das plumpste Mittel, gestorben zu sein? —"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c010", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "21", "page_fin": "21", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.9", "titre_corps": "Umberto Boccioni: La peinture des / I: Les Adieux / Originalzeichnung", "titre_sommaire": "Umberto Boccioni: La peinture des / I: Les Adieux / Originalzeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 69, "texte": "Umberto Boccioni: La peinture des / I: Les Adieux / Originalzeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c011", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "22", "page_fin": "22", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.10", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.6", "debut_caractere": 9642, "fin_caractere_exclue": 9884, "texte": "Beachtenswerte\nBücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nF. 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I\\ l\\ L, f\\ Amt Charlottenburg 8397\nPASSEPARTOUTFABRIK :: BUCH-\nBINDEREI :: :: ZEICHENMAPPEN\nRCJFZIEHEN VON ZEICHNUNGEN :: :: MODERME BUCHEINBfiNDE\n= KUNSTLER-MAGAZIN =\nFRITZ BERGMANN\nSteglitz □ Schiitzenstr. 54\nFernsprecher: Amt Steglitz 482\n.% Architektur-Buchbinderei\nElektrische Lichtpausanstalt mit Motorbetrieb\nPassepartout-Fabrikation Bildereinrahmung\n(g^ooooooooooooooooooooi\n1 ailgemeiner Beobachfer ®\n® =——\n(g) Balbmonatsschriff fur alle\n0 Fragen des modernen liebens\nmm m\nVerlag Rllgemeinar Beobachfer\n0 Bamburg 1 Histerdamm fir. 2\nmm m\n0 Preis: Einzelnummer 20 Pf. <» Hbonnement 1 m. pro Quarfal\nBS2S 5559\n=5 Zu beziehen durch alle Budihandlungen und Postanstalten"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c020", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.8", "debut_caractere": 2142, "fin_caractere_exclue": 2829, "texte": "Lehranstalten □ Kupse\nMai- und Zeiehensehule\nStilleben ss Landschaft :: Portr&t\nOTTO BE9ER, HeKtorstraße 17, am HtsWann\nMan verlange Prospekte\nHolzschnitzen, Modellieren, Zeichnen\nTaglich 9—l Uhr Eintritt jederzeit\nModellieren fur Achitekten taglich von 5—7 oder 7—9 Uhr\nAbendakt taglich 7—9 Uhr Mark —,50\nRteller Kurfiirstendamm 243 parterre gegenUber dem Zoo.\nBildhauer HARDBRS Berlin-Ctiarlottenburg:\nmodcllimn und Zeicbneit\nVorbereitung' far die Akademie\nKARL HEYNEN-DUMONT\nCharlottenburg% Leibaizstrasse 32, Atelier\n1 Massige Honorare. ============:\n112,\nk\nliucf\ns\nfa\ni\nirriLLKlrchner\nEru Max Pechstein\nUllmersdorf\nDarlflcherstr. 14\nISBQIBSIII\nModeraer llDferrithl in\nBuchhandlungen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c021", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.8", "debut_caractere": 2831, "fin_caractere_exclue": 3100, "texte": "7T,\nEdmundMeyer\nBuchhandler u. 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Rmt VI 5850\n■ MB\nRUSSTELLUMQ\neiner grossen Kollektion\nliial - Li'\n• •\nvon Daumier / Gavarnl /\nBeaumont und anderen\nDie Blatter sind einzeln kauflich\nBesichtigung frei\n■R ■ ■\nV-_"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c022", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.8", "debut_caractere": 3102, "fin_caractere_exclue": 3248, "texte": "Reuss & Pollncb\nlint!\nPotsdamerstrasse 118 c\n:: BERLIM W. 35 ::\nFernsprecher: Rmt LUizow 2829\nPaul Graupe\nAntiqunriat\nBerlin W35\nLiitzowstrassc 38"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c023", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.22", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.8", "debut_caractere": 3250, "fin_caractere_exclue": 3755, "texte": "Kleine Anzeigen\nTitania-Schreibmaschine\nErste deutsche Schreibmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern\nFabrikat der Akt.-Qes. Mix & Genest, Schoneberg-Berlin\nQeneralvertreter fiir Berlin und Mark Brandenburg\nLouis Stangen, Linkstrasse 12. Telefon: Kurfurst 2425\nSpeditioa\nGapiekrahrt\nRolirjhrwark\nHoDdUfansport\nYarpaekiing\nLagerantj\nVerzollung\nYersiehsrnng\nLombard\nMax Lux\nHalensee\n9JkP <\nlill.l.l'E'\nr.ixi'i*\n..■mp\nRingbahastrasse 123 a • Fjpaippjcir; (JiUali)i\nSpediteur des Vereins fiir Kunst zu Berlin"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-04-20-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-04-20_01#c024", "volume": "bmtnabg_1912-04-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.8", "debut_caractere": 3757, "fin_caractere_exclue": 4393, "texte": "MM\nPremiere\nVie man\nfanner bessert\nKomodie in zwei Akten von\nAnton u. Donat Herrnfeld\nDer JCanstenjel\nSchwa nk in einera Akt\nvon Pohlmann\nAnfang 8 Uhr\nVorverkauf 11—2 Uhr\nVintergarten\nim Bahnhof Friedriebstrasse\nNeues Programm\nRnne\nDancrey\nLa Voce\nWochenschrift\nfur freie Kultur\nJahresbezug 6 Mark\nProbenummern gratis\nflorenz piazza Savanzati\n£ibreria Delia Voce\nneue Sezession\nSehwm-Weiss\nAusslellung\nPotsdamer Strasse 122\n°;Vr Vi vvT - A/V\nDie Faekel\nHERAUSGEBER _\nKarl Kraus\nErscheint in zwangloser Folge\nNummer34s/348\nsoeben erschienen\n©\nPreis 50 Pfennig\nÜBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnhdfen\nWerbeband der Packet\n50 Pfennig §\n©"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 20 Pfennig\nDER STURM\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin W 9 / Potsdamer Straße 18\nFernsprecher Amt Lützow 4443 / Anzeigenannahme durch\n:-: den Verlag und sämtliche Annoncenbureaus :-:\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHERWARTH WALD EN\nVierteljabrsbezug 1,50 Mark / Halbjahresbezug 3,— Mark /\nJahresbezug 6,— Mark / bei freier Zustellung / Anzeigen-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nDRITTER JAHRGANG\nBERLIN APRIL 1912\nNUMMER 107\n\nInhalt:\nH. W.: Literatur und Kunst: Nachfeier / Der neue Mystiker / Vorbemerkung / Die Möglichkeit / Der Clou / ALFRED DÖBLIN: Der\nschwarze Vorhang / ELSE LASKER-SCHÜLER: Wenn mein Herz gesund war — / PAUL ZECIi: Nächtlicher Marktplatz / ADOLF\nBEHNE: Zwei Ausstellungen / Dr. S. FRIEDLAENDERs Max Steiner: Die Welt der Aufklärung / BEACHTENSWERTE BÜCHER / PABLO\nPICASSO: Zeichnung / UMBBRTO BOCCIONI: La peinture des etats d'ärne / I: Les Adieux / Originalzeichnung\n\nLiteratur und Kunst\n\nNachfeier\nDie literarischen Gaben der Tagespresse zu\nden hohen Feiertagen machen den Redaktionen1\nimmer größere Schmerzen. Die „hervorragend-\nsten Dichter und Künstler\" sterben und zum\nnächsten hohen Feste ist vielleicht der letzte!\nPfingstochse letal abgegangen. Der Redaktion:\ndes Berliner Lokal-Anzeigers ist es immerhin noch;\n„gelungen\", dem deutschen Volke mitzuteilen,\nwas man ihm zu den Festtagen wünscht. Sie\nhaben es, der Anregung einer liebenswürdigem\nRedaktion folgend, „in gebundener und unge-\nbundener Sprache frohen Herzens anvertraut\nWir geben alle diese schönen Ostersprüche un-\nseren Lesern weiter, die sich gewiß freuen werden,\nihnen in behaglicher Feiertagsruhe nachzusinnen.\"\nSo legt Hermann Bahr zum Beispiel dieses\nOsterei:\nDa Sie mir einen Osterwunsch für unser\nVolk freistellen, sei's der, daß jeder Deutsche\nsich und das Seine freudig tatig bejahen\nlerne, statt nur immer die anderen und das\nihre hämisch kritisch zu verneinen.\nHerr Georg Engel wünscht in gebundener\nSprache vorläufig nur sich selber Ruhe vor\nseiner Schaffenskraft:\nMir selber aber wünsch' ich Ruh7,\nEin Häuschen auch an Meeresbreite,\nDann seh' ich still dem Leben zu\nAus nied'rem Fensterlein ins Weite.\nIch zahle sofort drei Mark fünfzig Pfennig,\nwenn er nur noch durch sein nied'res Fenster-\nlein zuschaut.\nHerr Gustav Falke, abgeklärt wie er ist, redet\ngoethisch: t\nTreu im Wandeln,\nGerecht im Handeln,\nIm Kampf voll Mut,\nSo fährst du gut!\nMir ist ein Automobil lieber.\nHerr Rudolf Herzog, das Temperament, ist\nfür Schießen, wenn ihm auch das Schwert vor-\nläufig noch poetischer erscheint:\n\nPablo Picasso: Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.2", "texte": "Ein Osterwunsch? — Vergiß das Eisen nicht,\nDas tief in deutscher Erde mahnend wächst.\nWillst du dem Enkel volle Kränze weisen,\nGreif Blumen dir und schmied zum Schwert\ndas Eisen!\nHerr Leo Leipziger läßt aus poetischen\nGründen den Lenz Eier legen. Sogar mit Musik:\nZieht nun der Lenz aus lindem Süden\nBeim Klang der Osterglocken ein,\nMag für die Welt — der Völker frieden\nDas Setzei des Kolumbus sein!\nHerr Alexander Moszkowski, dessen Philo-\nsophien beim Verleger von Friedrich Nietzsche\n♦erscheinen, tut so, als ob er nicht mehr umj\nseine Meinung gefragt werden wiii:\nEin Plus von Reisen von Meer zu Fels,\nEin Minus von Rechnungen inj den Hotels,\n'pin Plus von Geduld in beruflichen Qualen,\nUnd ein Minus von Umfragen, in den Journalen.\nHerrn Julius Stetten heim ist total ver-\njgackert:\nJeder Wunsch ist gereimt auf Ei:\nEigenen Herd, so klein er sei,\nUnd ein munteres Weib dabei,\nTüchtiger Kinder fröhlich Geschrei,\nNachbarn ohne Klatscherei,\nUnd daß allen die Arbeit gedeih,\nJeden Monat mit etwas vom Mai,\nSonne und Blumen und Liebelei,\nViele Stunden von Sorgen frei,\nTreue Freunde zwei oder drei,\nTrinkbare Tropfen, doch keine Arznei,\nUnd so weiter noch allerlei.\nHerrn Otto Sommerstorff blutet das Herz:\nSeht, es erfaßt mich stets ein heimlich Grauen,\nWenn ich auf holder Frauen Haupt und Hut\nDen Federschmuck der Reiher muß erschauen,\nDenn ach! er mahnt an Grausamkeit und\nBlut!.\nDazu bemerkt die ebenso mitleidige Redak-\ntion wissenschaftlich:\nDie Reiher tragen ihre Schmuckfedern\nnur während der Paarungszeit und werden\ndaher dann geschossen, wenn sie Junge im\nNest haben, die dann elend verhungern.\nUnd Herr Gustav Eberlein „ersucht\" den\nStaat, die Regierung, die königliche Akademie\nund die Verwaltung der Stadt Berlin, einen\nTempel, wenn auch nur aus Muschelkalkstein,\nfür die Marmorbrüche des Herrnj Rein hold Begas\nzu errichten.\nDeutsches Volk, nun: sinne, sinne, sinne.\nDer neue Mystiker\nDer Kritiker Friedrich Stein ist von dem\nneuen Roman des Herrn Georg .Herrmann tief\nergriffen. Georg Herrmann ist ihm|,nicht weniger\nals ein „Heutmoderner\". Aber es kommt noch\nbesser:\nDenn in seinem Roman „Die Nacht des\nDr. Herzfeld\" wandelt er Wege, die seiner\nbisher gepflegten Milieustufe fremd\nsind : ein psychologisch vertieftes, fein ver-\nästeltes, prismatisch überleuchtetes und in allem\nschicksalhaft Verflochtenen dennoch nur zart\nangedeutetes Lebensbild — eine Nacht und\nein halber Tag dessen „fünfter Akt\" die klare\nSpiegelung des Ganzen konzentriert.\nWenn Dichter und Kritiker auf ihren Wegen\nnur nicht über die gepflegte) Milieustufe stolpern.\nNamentlich wenn der halbe Tag des fünften Aktes\ndie klare Spiegelung des Ganzen konzentriert.\nDer Heutmoderne\nverschmäht unter anderem die Literaturmode\nder Gedankenstriche. Er hat, wie die Vielver-\nmögenden alle, längst eingesehen, daß in jedem\nFalle Gedanken wertvoller sind als Gedanken-\nstriche.\nSein mystischer Kritiker hat sich über Litera-\ntur in den Fliegenden Blättern orientiert. Keine\nGedankenstriche schreiben bedeutet noch nicht,\nGedanken haben. Friedrich Stein aber wandelt\nüber gepflegte Milieustufen.\nVorbemerkung\nEin unerhörter Blödsinn ist über die beiden\nAusstellungen dieser Zeitschrift geschrieben wor-\nden. Den Herren klingen sicher! schon die Ohren.\nFür heute nur: Herr Fritz Stahl hält mich für\neinen privaten Ahnungslosen. Sich also offenbar\nfür eine öffentliche Angelegenheit. Ich halte ihn\nfür ein öffentliches Aergernis. Er verschweigt\nVorsichtig die Zeitschrift „Der Sturm\" als Ver-\nanstalterin der Ausstellung der Futuristen. Das\nhilft ihm nichts. Man wird zu seinen Lesern'\ndringen, und wenn man eine halbe Million Blätter\nverteilen müßte. Sehen kann er nicht. Aber er\nwird das Hören lernen.\nDie Möglichkeit\nDie Zeitung L'lntransigeant in Paris meldet:\nL'academie de peinture de La Palette, qui\nitent ses assises 18, rue du Val-de-Gräce, vient\nde confier au peintre Le Fauconnier la\ndirection de I'ancien atelier Jacques-Emile\nBlanche.\nQui eüt annonce cela, il y a cinq ans\nseulement?\nWer würde Aehnliches in Deutschland bei\neinem Künstler von ebensolcher Qualität nach\nfünf Jahren für möglich halten?\nDer Clou\nDie Berliner Sezession kündigte für ihre dies-\njährige Sommerausstellung zwei „Clous\" an. Der\neine sollte ihre Beschickung durch die Futu-\nristen sein. Das war einfach eine Unwahrheit.\nDenn niemand mußte es besser wissen als die\nLeitung der Berliner Sezession, daß die Futu-\nristen bereits anderweitig gebunden waren. Es\nist schon reichlich geschmacklos, für die Leitung\neines Kunstinstituts „Clous\" anzuzeigen. Noch\ngeschmackloser, auf die Sensationslust des Publi-\nkums mit Bildern zu spekulieren, die man nicht\neinmal hat. Es riecht aber bereits ;mehr als be-\ndenklich aus dem aufgesperrten Reklamemaul,\nwenn man also über Pablo Picasso schreit: ...\n,/Von allem den in Paris lebenden Spanier Pablo\nPicasso, der seinen Stil der durcheinander\ngesteckten Pappkartons an einer eigenen\nkleinen Wand wird zeigen können.\" Warum hängt\ndie Jury der Berliner Sezession Bilder, von denen\nsie diese Meinung hat? Abgesehen davon, daß\ndiese Meinung schon nicht mehr von Pappe ist,\nwohl aber Blech.\n\nH. W.\n\nDer schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\nNach jener schweren Verdüsterung überkam\nnun Johannes allmählich ein ungewohnter Sanft-\nsinn, der sich an dem Bewußtsein des Entronnen-\nseins noch steigerte. Irene ging neben dem\nFriedensfrohen her, bot sich seinem Willen willig\nan. Der Ernste, lange Vereinsamte freute sich.\nWie komisch hübsch ihr Bündnis war, eine\nKinderei, nicht anders als Puppenspiele, Wett-\nlaufen, Kuchenbacken.\nVergnügt wie ein Füllen zur Futterkrippe,\nmochte er zu ihr hinstrampeln. Die Friedgewohnte\naber liebte in seiner Nähe die Angst, die ihr in\nden Knieen prickelte, und die leichte Wolke von\nGrauen, die seine Gegenwart ihr über die Haut,\ndie Arme und Schultern jagte. Der Widerwillen\ngegen ihn und der Abscheu schwang von den\nfrüheren Zwisten noch in ihr nach. Sie wurde\naber fast ungeduldig, wenn er sich ihr fügte\nund mit zarten Worten begegnete. Und doch\nklangen auch diese bei ihm sonderbar.\nUeber der zarten Redensart wirbelte dunkel\nein Sinn, der wie ein Geier auf ein schwaches Kalb\nherabzustoßen begehrte. Sie ließ ihn gewähren,\nwenn er ihr, der Verwöhnten, Schmeicheleien\ngleich goldenen aber längst zerbrochenen Tassen\nbot und ihre lächelnde Freude erwartete.\nEr empfand solche Ehrfurcht vor diesem\nzerbrechlichen Tand und war stolz daran Teil\nzu haben wie die anderen; dahinter spürte sie\nwirre ursprüngliche Absonderheiten, chaotische\nVerstrickungen und etwas kaum niedergehaltenes\nFremdes, Starkes und Liebloses. Und die Hände\nfest auf die atmende Brust gepreßt, bebte sie\nvor Vergnügen, wenn er ihr oder andern plötzlich,\nnach langem, stillen Grollen, ungeschlacht ein\npaar höhn- und verachtungsstrotzende Worte zu-\nwarf, wie Giftbrocken den Hunden. Noch, wenn\nsie sich von ihm getrennt hatte und mit ihrer\nFreundin nach Hause ging, preßte sie, mitten im\nGespräch von der Erinnerung überrascht, so die\nschlanken, gelblich weißen Hände auf die Brust,\nja, spannte alle Muskeln ihres Körpers zusammen,\nso daß sie stehen blieb und in einer Art Ent-\nzücken lachte. Die Gemeinschaftgewohnte fand\nein Vergnügen darin, solch seltsames Geheimnis\nzu verschließen; sie fand ein verstecktes Glück\ndarin, sich abzusondern und zu vereinsamen.\n:i: *\n*\nDie Zufälle herrschen nicht allein im Leben.\nVieles verbündet sich ihnen.\nIhnen dienen seit altersher starke Trabanten,\ndie Worte, große und kleine Worte, die sie\nstützen. Sie halten und bewahren, dem Zufall diej\nMacht, die er sich mit einem leichten Sprung\nund Sturz aus dem weißen Ungefähr und Un-\nausdenkbaren ergriffen hat. Wo er steht, flat-\ntern gleich die dünnen, bunten, seidenen Fähn-\nchen und die erschütternd herrischen Standarten«\nder Worte zur Rechten und Linken.\nDie Worte schwärmen aus, dem Herrn und\nGeliebten starke Freunde in der Nähe und Ferne\nzu werben, ihm ein unangreifbares Lager;\nzu schaffen.\nSie locken Zufall zu Zufall und verbinden\nsie ihrem Herrn, und aus dem Nichts beginnt\nes emporzusteigen.\nUeber Nacht ragt eine Burg weit ins Land\nhinweg, darin der ruhende Zufall haust und\nthront.\n\nFortsetzung folgt\nFortsetzung\n\nWenn mein Herz gesund wär\nKinematographisches\n\nWenn mein Herz gesund war, sprang ich\nZuerst aus dem Fenster; dann ging ich in den\nKientopp und käm nie wieder heraus. Es ist\nmir genau so, als ob ich das große Los ge-\nwonnen hab und noch' nicht ausbezahlt bin, oder\nauf einer Pferdelotterie einen Gaul gewonnen\nhab und keinen Stall „umsonst\" auftreiben\nkann. Das Leben ist doch; eigentlich ein Wendel-\ntreppendrama, immer so rund herauf und wieder\nhinunter, immer um sich selbst wie bei den\nSternen. Ich bin in freudiger Verzweiflung, in\nverzweifelter Freudigkeit; am liebsten machte\nich einen Todessprung oder einen Jux. Meine\nFreundin Laurentia zecht wie ein Fuchs, sie\nstudiert die Sprache der alten Herren, ich meine"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.3", "texte": "Griechisch und Lateinisch-und macht gute Fort-\nschritte. Aber was geht mich, das alles an ;\nich will nichts wissen, nichts. Wenn es nur nicht\nklopfen, würde!\nDas Gehirn wird rein aufgewühlt, es klopft\nnicht allein unten jeden Freitag und Sonn-\nabend, jedes Stäubchen wird aufgewirbelt, es\nklopft auch an den anderen Wochentagen, denn!\nich wohne zwischen Haus und Haus und muß!\ndie Brutalität aller Höfe ertragen. Ich sitze immer\nbei geschlossenen Fenstern und werde1 gar nichts\nvon dem Sommer haben; ausgehen kann ich\nnicht, ich schreibe Geistergeschichten; ich habe\nSchulden. Dabei > ziiehts, wenn ich die Türen\nrechts und links und hinter mir auflasse. Ich\ntrage seit dieser Wohnung ein Katzenfell; wenn\nich abends wo eingeladen bin, überkommt mich\neine furchtbare Angst, ich könnte anfangen zu\nmiauen. Ich hab gar keine Lust zum Leben\nmehr, wenn noch die Menschen gerne meine\nLyrik lesen wollten; wer sie gern liest, der soll\nmir doch mal einen netten Brief schreiben. Ich\nmuß nämlich wiegen meiner englischen; Krankheit,\nin' Kleesalz baden, damit man nicht über mich\nausrutscht. Ich habe dann immer so eine Lange-\nweile in der Badewanne, und lese gerne\nschmeichelhafte Briefe an mich. Was einen\nsthfechte Kritiken ärgern! Man hat doch sofort\njelmand gern, der einem schöne1 .Worte schreibt.\nEs gibt wirklich sympatische Geschöpfe auf\nder Welt. Ich kann nur Weilgesich'ter nicht\nleiden, ich habe einen Argwohn gegen Licht.\nDarum nehme ich mir auch nur schwarze\nMägde und Diener. Ich habe zwei Neger und\nzwei Indianerinnen; Tecofis Vaterhäuptling\nkohrmt manchmal nach Berlin und! tritt dort mit\nseiner Truppe im! Chat noir auf. Tecofi fragt\nmich, wenn sein Vater nach! Berlin kommt, ob er\nbei mir auf dem Balkon wohnen könne. Ich\nhab nichts dagegen. Mein Somalineger ist\nköniglicherer Abstammung, sein Vater besitzt bei\nTeneriffa Hammelheer den. Manchmal schickt er\nmir ein paar abgezogene Hammel, die kommen\nals Hautgoutragout hier an. Osmann, mein jünge-\nrer Neger, sieht aus, wie ,ein sinnender Gorilla\nim Pflanzenkübel. Böse Spezies, herrlich1 zu\nschauen, aber man muß ihn in Ruhe lassen ;\nseit kurzem pfeif ich auch nicht mehr, wenn er\njemandem den Kopf abbeißen soll, er ist zu\nschade, zu wertvoll, um zu gehorchen, selbst\nmir. Meine beiden Indianerinnen sind emsige\nMädchen, sie sind angestellt von mir, die Fäden\nmeiner Logik zu suchen, die Logik meiner Unter-\nhaltung zu finden. Manchmal suchen sie die\nganze Nacht, ich fürchte sie werden sich einmal\nin einem Augenblick an: meinem Leidfaden auf-\nhängen. Das muß man inj Kauf nehmen, dunkle,\nLeute sind schlechte Spürhunde, sie können\nnichts finden in der Nacht ihrer Haut. Hailoh5,\nwas tät ich wenn mein; Herz gesund war? Habe\nich denn ein Herz oder wenigstens so was ähn-\nliches? Bei dieser Einlage im Programm muß,\nich weinen — gut, daß es Nußstangen gibt,\ndie trösten, auch die Pfeffermünz; in Holzschäch-\ntelchen. Ich glaube nicht, daß mein Herz aus;\nFleisch und Blut ist, rissig sind seine Wände;\nes hat weniger Augenblickswert als Ewigkeits-\nwert, darum bin ich vollständig unbrauchbar für\nden Vorbeipassierenden, ich bin nur interessant\nfür den Forscher. Immer klingelt es in den! effekt-\nvollsten Stellen. „Hier 35, 24 wer dort?\" „Doktor\nNikito Ambrosia, sind Sie Else Las'ker-Schüler ?\"\n„Leider\". „Frohlocken Sie nicht, verzweifeln Sie\nnicht, meine Dame, ich frage Sie an ganz er-\ngebenst, würden Sie ein Engagement am Winter-\ngarten annehmen, monatlich mit einer Gage von\n10 000 Mark? das macht im Jahr rund 100 000\nMark?\" „Sie spaßen wohl, Flerr, es ist doch\nnicht üblich, am Variete länger, als einen Monat\ndie Artisten zu beschäftigen.\" „Aber uns liegt\ndara:n meine Gnädigste, Sie an unser Variete\nzu fesseln,\" „Es handelt sich wohl um meine\narabische Szene, Herr Dr. Ambrosius?\" „Ganz\nrecht! Da Sie hoch zu Kamel über Theben\n'sitzen.\" „Herr ich kenne Sie, so einen unge-\nschminkten Baß gibt es nicht am Variete. Sie\nsind Professor Geliert, der letzte Hohenzollern-\ndämmer.\" Schluß! Mein Brief: Herzallerliebster\nin Adrianopel! Er fragte mich nämlich an, ob\nich ihn noch liebe, bittet mich, ihn nicht zu be-\nifügen. Ich werde ihm doch keinen Stoff zur\nLyrik geben, (er ist Dichter), „ich liebe ihn also!\nBasta!\" Könnte ich doch auch ein bischen nach\nder Türkei, zumal meine Vorfahren alle in Sänf-\nten getragen wurden.) Das Gehern; wird mir darum\nschwer. Wo bei Euch die Sohlen schon erkaltet\nsind, jsind sie bei mir noch Glut. Wenn mein)\nHerz gesund wär, was tät ich dann ? Einen;\nAugenblick bitte! Ich würde mich pudelnackt\nausziehen und mich in einl, Süßwasser werfen, wo;\ndie sanften Fische leben, aber; Schuppen kann ich!\nnicht leiden. Oder ich ging nach dem Südpol\nund wärmte mich mal ganzj tüchtig ein, oder ich\nHeß jedenfalls in der Eiszone) (einen; Anthrazitofen'\nsetzen. Was soll ich noch machen? Ich blieb,\ngerade am Wendekreis stehen zum Trotz. Den\nSternbildern würde ich Schnurrbärte malen. Ist\nes nicht himmelschade, daß mein Herz nicht ge-\nsund ist? Vom Mond kommen die Herzkrank-\nheiten, namentlich die Neurosen. Alle Krank-\nheiten kommen von, oben. Liier, {unten ist es ganz\nnett. Darum stürzen auch so viele Aviatiker vom;\nHimmel herab ; das Fahrzeug platzt ja gar nicht,\ndie Fallsucht kriegen sie alle, je höher sie; die\nBazillen der Gestirne einsaugen. Wie die Aviatiker\naussehn: Wie die Vögel ihre Nasen sind\nSchnäbel und die Köpfe strecken; sie in die Höhe.\nEin neues Menschengeschlecht. Einmal aß mit\nmir lein Luftsegler zu Mittag, der hackte wie ein\nHabicht am Fleisch herum, riß am Schnitzel\nwie ein Aasgeier. Karl Vollmöllers herrliche\nKatharine von Armignac ist die erste Aviatikerin\nder Welt. Im Uniontheater der Luftschiffahrt-\nausstellung am Zoo- fliegen sie alle. Ich kann\numsonst zusehen, ich versprach über alles zu,\nschreiben. Ich hab kein Geld, jaber darum kann,\nich mich doch nicht von Welt abschließen.\nUnd soll sogar die Regierung in Theben über-\nnehmen, ich regiere sogar schon pro forma. Die\nLeute in Berlin sagen, ich habe eine fixe Idee.\nFixe Idee ist was Natürliches: Natur die das\nGesetz zum Sklaven macht. Ich: bin der, Prinz\nvon Theben. Nur Kaiser Wilhelm kann mir in\nDeutschland nachfühlen, was Regieren heißt. Ich1\nhabe dabei ein bunt' Volk. Nachts liege ich1 auf\ndie|m Dach und bei Tage sitze ich unter meiner\nPalme und regiere. Ich bin für alles verantwort-\nlich; mein Volk schielt noch vlor Ungewißheit,\nes meint ich mache Ulk, aber auch der Ulk ist\nmir bitterer Ernst. Ich bevorzuge nichts — nur\nMenschen. Bin ungerecht, weil ich Geschmack\nhabe, künstlerischen Sinn habe ; meine; Rede ansj\nVolk bedient sich nicht des Punktes, weil ich1\nmich nicht binden will. Ich bin am tolerantesten;\ngegen mich, ich bin gnädig gegen mich, ich bin;\n(einig mit mir, aus Diplomatie, weil sich mein:\nVolk an mich halten muß. Ich denke nur viel,\nsehr ;arg, unmittelbar, ich lasse alle meine Ge-\ndanken ganz nah an mich herankommen, damit\nsie das Fürchten verlernen. Wenn; ich1 nur nicht\nschon in der Frühe von so vielen muselmän-\nnischen Babieren gestört würde, die mich täto-\nwieren wollen, von abendländischen Malern die\nmich porträtieren wollen. Nachts werde ich\nimmer im Schlummer auf meinem Dach gestört\nvon meinen Paschas, die vor Begeisterung meines;\nRegierungsantritts nicht ruhen können. Sie\nh'aben immer in der Audienz, die ich ihnen er-\nteilte, eine Frage unaufgeworfen vergessen, die sie\ntreibt. Seitdem ich als regierender Prinz in The-\nben gewählt bin, bewegen sich! viele Ehrgeizige\nin derselben Tracht und Gebärde in den Straßen\nder Stadt, die mir zu gleichen trachten. Meine\nEpigonen! Denn regieren ist auch eine Kunst,\neine Eigenschaft, wie die Malerei, die Dichtkunst\nund die Musik. Die Epigonie; jaber ist eine Tätig-\nkeit, darum bringt die Epigonie was ein, wie\ndie Arbeit. Ich arbeite niej, ich hasse den; Schreib-\ntisch1 — zwar hab! ich selbst einen — aber (er ist\nnie 'ganz gewiesen. Heute Nacht, da meine\nNeger schliefen, erbrachen die Paschas gewalt-\nsam die Pforte, die zu; 'meinem Dache führt wegen\nder Freimarken. Ich wurde in der Nacht noch\nim Profil (Seite steht mir besser wie en face), im\nTurban und Regierungsmantel photographiert in\nallen Farben ; auf allen Posten meiner Stadt ver-\nbreitet man Mich Allerhöchst\n\nElse Lasker=Schüler\n\nNächtlicher Marktplatz\nPaul Zech\nDer grelle Strahl verzierter Kandelaber\nSchlägt breit auf das verregnete Gestein.\nVorm Wachtturm halten in zwei graden Reihn\nKopfhängerisch die dürren Droschkentraber.\nSchlafäugig schaun viel Fenster in das Blinken\nDer Lichter auf dem Brunnen von Porphyr.\nEin schwarzer Wächter huscht von Tür zu Tür\nUnd prüft das Riegelwerk verstaubter Klinken.\nEin hagres Weib, geputzt und frech geschminkt,\nHockt regungslos wie eine Spinne\nIm Dunkel eines Tors und spannt die Sinne,\nBis einer, dem Gelüste das Blut zerwühlen,\nDas süße Gift mit Zartgefühlen\nVon ihren hartzerbissnen Lippen trinkt.\n\nZwei Ausstellungen\n\nIch fürchte, die jungen Künstler, denen die\nSezessionen zu eng und zu alt geworden sind,\nund die in irgendeiner Form neue Sezessionen\ngegründet haben, werden noch lange auf ihre\nAnerkennung warten müssen. Vorerst nimmt\nman sie kaum ernst, ja, man kümmert sich nicht\neinmal um sie. Die Zeitschrift „Der Sturm\" und\ndie „Neue Sezession\" haben Ausstellungen ver-\nanstaltet. In beiden ist mit großer Liebe, vielem\nGeschmack und ehrlicher Hingebung an die\nKunst gearbeitet worden; was zustande gekom-\nmen ist, stellt ohne Frage das Interessanteste\ndar, was man uns in Berlin seit langem dar-\ngeboten hat. Die Ausstellung der „Neuen Sezes-\nsion\" umfaßt ausschließlich Zeichnungen, Holz-\nschnitte und Radierungen (außer wenigen\nPlastiken). Und wer die Schwarz-Weiß-Aus-\nstellungen der „Sezession\" kennt und die ver-\nwirrende, wirkungslose und augenmörderische\nWirkung ihrer Wände, muß von der Ruhe, der\nKlarheit und Uebersichtlichkeit in der Neuen\nSezession entzückt werden. Ich glaube, daß ein\nwirklich unbefangener Besucher gerade in dieser\nAusstellung mit besonderer Wahrscheinlichkeit\nfür die Schönheit und den Reiz auch der ein-\nzelnen Objekte gewonnen werden kann. Die\nmeisten freilich werden nicht wahrhaben wollen,\ndaß hier Schönheiten vorhanden sind. Wenn sie\nes — statt zu lernen und zu suchen — vor-\nziehen zu spotten und zu lachen, so werden sie\nsich noch lange Zeit in der „kompakten Majo-\nrität\" befinden. Aber eines schönen Tages be-\nstimmt nicht mehr. Hier sind Schönheiten, große\nSchönheiten und ist ernstes Dienen um die; Kunst.\nWas in den Zeichnungen der „Neuen Sezession\"\nund den deutschen und ausländischen Bildern\ndes „Sturm\" den ungeübten Betrachter zum"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.4", "texte": "Widerspruch und zum Spott reizt, das ist dfe\nstarke Abwendung von der Natur, die der Laie\nnur allzu unbedacht als Nichtkönnen interpretiert\nUnd ist es nicht seltsam, daß das gleiche\nPublikum die Jungen von einst, Liebermann und\nUhde, gerade wegen ihres Naturalismus anfein-\ndete? Wird der engere Anschluß an die Natur\ngescholten, wird Abkehr von der Natur be-\nspottet — was soll der Künstler? Soll er den\nbequemen Mittelweg Natürlichkeit und Idealität\nwandeln, der so reizlos ist, und den das Publi-\nkum so liebt? Uebrigens ist es nicht zweifel-\nhaft, daß dem Publikum ein gesteigerter Realis-\nmus, auch wo es von ihm abgestoßen wird, noch\nimmer verständlicher ist, als die bewußte Ab-\nkehr von der Natur. Und eben deshalb wird es\nnoch eine gute Weile haben, bis die neue Kunst\nund das Publikum sich gefunden haben werden.\nDas Publikum soll den Gedanken aufgeben, daß\nleine Zeichnung, eine Skulptur, ein Bild aJfe\nWiedergabe eines Naturgebildes zu betrachten sei\nund deshalb aus größerer oder geringerer Natur-\nähnlichkeit der kritische Maßstab für die Kunst\ngenommen werden müsse — Notabene: Aehn-\nlichkeit nicht mit der wirklichen, wahren Natur,\nsondern mit der mehr oder weniger sentimen-\ntalen Natur des Publikums. Das wird eine um\nso tiefere, gewaltigere Revolution für das Pub-\nlikum bedeuten, als ja die letzte Phase der\nKunstentwicklung, der Impressionismus, die\nManie des Vergleichens mit der Natur zu be-\nfestigen sehr geeignet war. Und dennoch: es\nist und bleibt eine Manie, es ist im besten Falle\nein Surrogat! Wo steht denn geschrieben, daß\ndie Kunst hinter der Natur herzulaufen habe?\nMan mache sich' doch klar, was Kunst ist So\nwie man jede andere Sache aus ihr selbst heraus\nzu verstehen und zu erklären sucht, so tue es\nman auch mit der Kunst. Die Malerei, um uns\neinmal auf sie bei Gelegenheit der genannten\nAusstellungen zu beschränken, ist ein Arbeiten\nmit Farben, mit Linien, mit Hell und Dunkel,\nsie ist das Füllen einer gegebenen Fläche aus\nPapier, Holz oder Leinwand. Das ist gegeben.\nWo wird hier eine Beziehung zur Natur not-\nwendig gefordert? Sie ist hineingezwungen, das\nmache man sich klar. Und wie kommt man\ndazu, vor einem Bilde stets etwas ganz anderes,\neine völlig andere Welt, nämlich die Natur, heran-\nzuziehen. i\nAuf jedem anderen Gebiete würde man das\nunsystematisch, unsachlich nennen. Was ich vor\nmir sehe ist eine Fläche. Darauf sind Farben-\nkomplexe, rote, grüne, gelbe, blaue. Da sind\nLinien; geschwungene, gerade, fortlaufende,\nunterbrochene. Die Farben stehen untereinander\nin gewissen Verhältnissen. Eine einzige anders\ngedacht, und die Wirkung ist verloren. Die\nLinien stehen untereinander in unveränderlichen\nBeziehungen: eine senkrechte weniger, eine hori-\nzontale mehr, und das Bild ist nicht mehr wieder-\nzuerkennen. Und schließlich stehen die Linien in\nBeziehungen zu den Farben. Aendern sich\ndiese, so können jene nicht bleiben. Das ist\ngegeben, das habe ich vor mir, das ist mir zur\nBeurteilung vorgestellt Und man redet — von\nder Natur! Kunstgesetze sind völlig andere als\nNaturgesetze — und man redet vor einem Kunst-\nwerke nie von Kunstgesetzen, aber um so mehr\nvon Naturgesetzen. Ich fürchte diese Aus-\nführungen werden nicht viele überzeugen. Dem,\nder ein wahres und inneres Verhältnis zur Kunst\nhat, sind sie selbstverständlich, dem anderen eine\nLästerung, wie der frivole Bruch einer alten und\ntreuen Ehe. Aber es verhält sich in Wahrheit\nganz anders. Der Schritt, den diese jungen\nKünstler tun, ist einer auf dem Wege zur rein-\nlichen Scheidung, zur Klarstellung, zur Be-\nfreiung zweier durch Unverstand und Gewohn-\nheit lange zusammengekuppelter Begriffe. Sein\nZiel ist Aufhellung, bessere Luft, freieres Atmen.\nUnd wie alles, was auf dem Wege zur inneren\nBefreiung, zu größerer Reinheit getan wird,\nletzten Endes auch von ethischer Bedeutung.\nDenn die Vorstellung, daß es sich in dieser neuen\nKunst um Unreife, exzentrische Genialitätssucht\nund was weiß ich handle, die lege man ab! Sie\nist falsch! Man mache die Probe auf das\nExempel, besuche die Ausstellungen. Ich meine,\nman müßte bei einigen guten Willen die Rein-\nheit der Wirkungen in diesen Werken spüren.\nKönnen denn diese unverdorbenen reinen Farben,\ndiese klaren, kräftigen Linien, diese deutlichen,\ngroßen Gegensätze von schwarzen und weißen\nFlächen, diese Helligkeit und Luftigkeit ganz\nohne Wirkung bleiben?\nHat man sich nur einmal richtig eingestellt,\nso haben diese Werke einen starken Reiz von\nJugend und frischem Mut Man fühlt, daß die\nBewegung noch alle Kraft, alle Energie und alle\nLust des frohen Beginnens hat Und gibt es in\nder Kunst etwas Schöneres ? Wie liebt man\ndiese Eigenschaft an den Künstlern des fünf-\nzehnten Jahrhunderts, den Lippi, Botticelli, Goz-\nzoli. Und dann rate ich auch, es tue jeder ein-\nmal, wenn er in den Räumen der Ausstellung ist,\neinen Blick durch das Fenster auf den Garten hof\ndes Tiergartenviertels, auf die Potsdamer Straße.\nEs wird das Gefühl der Sicherheit, der Befreiung\nunmittelbar aufgehen. Dort ist eine Welt, hier\neine ganz andere. Sie können nichts mitein-\nander gemein haben. Und seit wir das wissen,\nerscheinen uns beide — weitgefehlt, daß sie ver-\nloren hätten doppelt schön und mächtig. Wir\nschaukeln nicht mehr zwischen dem lufterfüllten\nRaum dort draußen und der bemalten Fläche\nhin und her. Wir stehen auf einem guten und\nfesten Boden.\n\nAdolf Behne\n\nTrotzdem beide Ausstellungen schon geschlossen sind,\nwird dieser Beitrag wegen seiner prinzipiellen Bedeutung\nveröffentlicht.\n\nMax Steiner:\n„Die Welt der Aufklärung\"\nNachgelassene Schriften\nKritischer Hinweis\nVon Dr. S. Friedlaender\n„Als der verständigste Mensch den ver-\nständigsten Augenblick hatte, wünschte ersieh,\nden Verstand zu verlieren.\"\n„Leben ist Erkenntnislosigkeit.«\nMax Steiner\nI.\nDurch die Herausgebung des Nachlasses in\nwürdiger Form dafür gesorgt zu haben, daß die\nwichtigen kritischen Gedanken Max Steiners\nfort und fort ihre heilsame: Kontrolle am seichten\nAufkläricht ausüben, ist das anerkennenswerte\nVerdienst des Herrn Kurt Hiller, aus dessen\npersönlich warmer und instruktiver Einleitung\nsich der Leser das Nähere über Leben und\nCharakter des Autors holen möge. Wir wollen\nhier nur seine intellektuale, speziell philosophische\nCharakteristik zu geben versuchen und zu diesem\nZweck imaginieren: Die philosophisch arg- und\nahnungslosen „Freigeister\" dieser Tage, von\nDarwin bis Häckel, würden vor das Forum Kants,\nalso der kritischen Logik zitiert! Alle diese\nHerren, die so sehr viel wissen, haben nämlich\ngar keine Theorie dieses Wissens, keine Er-\nkenntnistheorie, kaum die Ahnung von deren\nMöglichkeit — und indem nun Kant als Steinerner\nGast, als Jüngstes Gericht über sie kommt, wird\nihre ganze philosophische Kläglichkeit eklatant\nAber Steiner vertritt mehr als bloß die Stelle\nKants, die doch gewiß respektabel genug ist.\nSteiner repräsentiert uns den Tragiker der Er-\nkenntnis in seiner eignen Gestalt, und zwar mit\neiner Entschlossenheit aus aller Leibes- und!\nLebenskraft ... bis zum Selbstmord, Bekannt-\nlich ist es noch Niemandem gelungen, Moral\nzu begründen. Ob das Faktum, das man\nals Gewissen, als sittliches Verantwortungsgefühl,\nals kategorischen Imperativ oder sonstwie an-\nspricht, anders zu motivieren, zu inter-\npretieren sei, mag zur Debatte gestellt, aber das\nFaktum nicht ignoriert oder geleugnet werden.\nJedenfalls konstatieren wir an Steiner die Existenz\ndieses problematischen Etwas in seiner ganzen\nfatalen Energie. Die Intensität dieses ethischen\nErlebnisses geht in ihm bis zur Religiosität, bfe\nzur heiligen Schwärmerei — und hierzu gehört\nes, daß er darüber seine Lippen züchtig schließt\nund nur die feierlich-keusche Beredsamkeit seines\nfrommen Schweigens hat; es ist das aller Frivo-\nlität am fernsten liegende Extrem der Seele, des\nErlebens. Nun wäre nicht dieses das' Beson-\ndere seiner Geistesverfassung; wir finden der-\nartige Radikalismen, Fanatismen anderwärts. Das\nBesondere besteht hier in der Hinzugesellung\neines schonungslos freien Intellekts, ohne daß\ndennoch dieser jenes Heiligste verletzen dürfte.\nZwar scheint dieses auch auf Kant zuzutreffen;\noder auch auf Nietzsche. Aber die genauere\nNachprüfung ergibt bei Kant den Befund einer\nHarmonie dieser Antithetik, die Unmöglich-\nkeit von Konflikten zwischen „Wissen und\nGlauben\"; wie dies auch Steiner feststellt.\nNietzsche wiederum hat die Freiheit — die Zu-\nfälligkeit des Geistes, die Skepsis selber\nbejaht, geheiligt; er ist der Priester alles\nFragwürdigen mit einem grimmigen Nein und\nFluch gegen die Priester des „Festen\", die Sklaven\nder Antwort. Max Steiner verträgt es, an solchen\nMaßstäben gemessen zu werden — soweit seine\nkurze Bahn eine Berechnung zuläßt. Sein\nIntellekt ist skeptischer als der Kantische, sein\nWille gewissenhafter, frommer als der\nNietzsches — und nun darf man nicht vergessen,\ndaß in Genauigkeiten — und hier lockt und; drohij\ndas Chaos — das Zuviel so fehlerhaft wirkt, wie\ndas Zuwenig. Die Unmöglichkeit, die gefü h 11 e\nGewißheit seines Herzens der skeptischen Logik\npreiszugeben; die Unfähigkeit zum Verzicht auf\nlogische Formulierung; alle daraus resultie-\nrenden Unerbittlichkeiten kennzeichnen Steinersä\nEigenart. Er verkannte keineswegs den Herois-\nmus in der Situation Nietzsches, allem eben-\nsowenig dessen Unzulänglichkeit, und er war\nnicht geneigt, Nietzsches Halkyonismus mit-\nzumachen. Kant war ihm nicht materia!\ngenug, und als Kantianer mußte er die mas-\nsivere Materialität Schopenhauers ablehnen. Trotz-\ndem scheint ihn zu diesem Mystiker doch dfe\nSympathie zu ziehen. Max Steiner symboli-\nsierte seine Abkehrung vom Wissen „dieser\"\nWelt durch den Uebertritt zum Katholizismus\n— etwa so wie Goethe poetisch zum Katho-\nliken werden mußte, um gewisse Erlebnisse alle-\ngorisch mitteilbar zu machen. Der sittliche, der\nfromme Wunsch war der echte Vater aller Ge-\ndanken Steiners, und da seinj peist von Kant zu\nsehr diszipliniert war, als daß er die „dies-\nseitige\" Realisation für möglich gehalten hätte,\nso verdarb er mit fanatischem Sarkasmus, mit\nrigoroser Strenge, wiewohl neutral scheinend,\njedertnann den Geschmack am leichtfertigen,\nm\nsich „hier\" ansiedelnden Optimismus. Man müßte\nsich eigentlich denken, daß er einstmals dem:\nkategorischen Imperativ einen streng asketischen\nInhalt gegeben haben würde — natürlich mit\nAkkommodation an die „Schwäche\" der Indivi-\nduen; wie dieses schon in seinen Paraphrasen\nzum Christentum an den Tag tritt Die Kan-\ntische Philosophie kehrt ihr Medusenantlitz nie-\nmals der Empirie, sei es der theoretischen,\nsei es der ethischen; sondern immer bloß ver-\nsteinernd der absoluten Spekulation zu:\nsie zwingt zur empirischen! Schon ein\nchristlichster Denker, Schopenhauer, überzieht\nalle Empirie mit Verzweiflung, auch! die kritisch1"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.5", "texte": "Umberto Boccioni: La peinture des / I: Les Adieux / Originalzeichnung"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.6", "texte": "zulässige, ja gebotene. Askese ist nach Kant\nprinzipiell unsittlich: sie würde, logisch zur\nMaxime verallgemeinert, gar keine sittliche Em-\npirie mehr übrig lassen. Und hier eben ist es,\nwo die von Steiner, approbierte Kantische Er-\nkenntnistheorie ähnlich pessimistisch ausartet wie\nbei Schopenhauer. Der Mensch beginnt, als Ver-\nhinderung des Absoluten, pathologisch1 zu\nwirken! Ein von Kant gar nicht beabsichtigter,\naber schwärmerischen Gemütern sich leicht auf-\ndrängender Eindruck. Steiners Schwärmerei war\num so viel gefährlicher, als sie durch die eis-\nkalte Gehaltenheit seines Geistes verdeckt, bleiben\nkonnte.\nMan darf nämlich nicht verkennen, daß die\nKantfeche „Hinterwelt\" ein Energie-Reservoir für\nMenschen von „dieser\" Wilt ist: Kant ist Em-\npiriker und Sensualist unter der Aegide zwar\ndes „Absoluten\", des Göttlichen, der idealen Ver-\nnunft, des ethischen: Glaubens; er ist kritischer\nOptimist; kein dogmatischer wie Leibniz; kein\ndionysischer wie Nietzsche; kein heroisch-bru-\ntaler wie gewisse Evolutionisten. Der Fall Max\nSteiners dagegen ist in der, Tat nichts Geringeres\nals das Symptom eines Mankos in der Logik auch\nnoch der vernünftigsten Geister. (Philosophie\nist Logik gewordene Genialität.) Macht man,\nwie Steiner, die Logik zum obersten Kriterium\ndes Lebens und sieht sich kraft der Logik zur\nAufhebung aller Logik gezwungen —>, was dann ?\n— Die Schlange beißt sich1 hier nicht nur in den\neignen Schwanz, sondern ißt sich sogar selber\nnoch auf! Und das alles' freilich nur wegen des\nAberglaubens, der „Mensch\" genannt wird. Der\nsogenannte Mensch ist nichts als einel petitio prin-i\ncipiii, eine naive Voraussetzung, eine der vielen\nTruismen des viel zu gesundenj Menschenverstan-\ndes. Eigentlich hat Kant in! seinem Apriori be-\nreits etwas ganz anderes als den Meeschen zur\nVoraussetzung seines Systems: Etwas, in Be-\nziehung worauf allererst ein Unterschied von\nImmanenz und Transzendenz gilt! Nämlich\nden logisch-praktischen Formalismus seiner Be-\ndingungen aller Erfahrung. Der „Mensch\"\nist für Kant gar keine Bedingung, sondern ein\nallen übrigen koordiniertes Bestandstück der\nErfahrung, einer der mannigfachen empirischen\n„Inhalte\"; eine der vielen Versinnlichungen der\n„reinen\", ,d. h'. formalen, bedingenden Er-\nfahrung. Die Voraussetzung Kants ist der\nlogische, ;der „transzendentallogische\" Mensch,\ndessen Freiheit, Unsterblichkeit, Göttlichkeit so\nsehr transzendent gewiß, wie immanent\nfinster bleibt: Dieser formale Gott ist bloß da-\ndurch Mensch, daß er seinen; Inhalt, seinen Stoff\nnicht ebenfalls a priori erzeugt, sondern dunkel\neimpfängt; empirisch a pateriori. Kurzum, die\nreine Vernunft, der logis c h e, normale Mensch\nenthält alle Bedingungen zur Schöpfung der\nWelt an sich selbst, aller Welt — aber weiter\ngar nichts! Die Welt, welche, er in der Tat wirk-\nlich (erfährt, und unter die der P 1 ura 1 i s\nseines empirischen Menschen ge-\nhörtest keineswegs sein adäquates Objekt oder\nSubjekt; sondern seine Ueberraschung mit etwas\newig Rätselhaftem, das er gläubig und rezeptiv\nhinnehmen muß, ohne jemals zur eigentlichen\nProduktion und zum Wissen zu gelangen. Der\nIntellekt ist sehr merkwürdigerweise bei Kant\nkein Prädikat des Menschen: umgekehrt ist der\nMensch ein Prädikat des Intellektes, wodurch\ndessen Aseität, Apriorität eine Schranke, eine Be-\neinträchtigung erfährt. Aber Kant schreibt seine\nLehre für den Menschen vor! Der Kant der\nKritik würde jede Befassung mit der Erlösung\nvom Menschen als eine unkritische Naivität ab-\ngelehnt haben —, als transzendente Spekulation;\nwie es denn überhaupt eine Menge tiefer\nProbleme gibt, welche Kant prinzipiell ignoriert!\nBei Kant ist der empirische Mensch eine Art\nAsymptote an das Wesen der Dinge, das! dem:\napriorischen Intellekt eigentlich entsprechen\nwürde. Kant bleibt durchaus der Philosoph der\n„Erscheinung\", der das „Wesen\" immer bloß\npädagogisch, niemals im Sinne der Erlösung as-\nketisch verwertet. Sein Bereich ist die von der\nTranszendenz, nicht zur Transzendenz geleitete\nImmanenz. Dagegen tendiert das Christentum\nwie auch dessen intuitivster Philosoph, Schopen-\nhauer, vom Menschen weg zur Transzendenz hin..\nMax Steiner läßt sich als ein konsequenterer, rigo-\nroserer Schopenhauer betrachten. Die Kantische\nKritik erlaubt ihm keinerlei Anschein der Trans-\nzendenz, mit dem Schopenhauer so bestechend\nbrilliert: kein Strahl der Erkenntnis! dringt in das\ntranszendente Geheimnis: desto intensiver wird\ndie praktische Gewißheit, desto radikaler\nder Krieg, die Alternative zwischen Diesseits und\nJenseits; es gibt hier keine Vermittlung,\nkeine Rücksicht, keine Schonung! Bei Kant (und!\nauch bei Goethe) ist gerade der Mensch dieses\nversöhnende und distanzierende, die Distanz in-\ndividuell nuancierende Mediüm. Steiner willweder\ngute noch schlechte Kompromisse, sondern er\nwill das Jenseits. Demgemäß vermißt er an Kant\ndiese genaue Indikation, diese unzweideutige\nvernünftige Vorschrift, den prinzipiellen Befehl\nzur Askese, den reinen Inhalt der reinen Form;\ndie rückhaltlose Einwilligung in die letzte Er-\nkenntnis der Nichtigkeit aller Erscheinung. Dem-\ngemäß kann er in Nietzsche nichts anderes sehen,\nals den konsequentesten Anwalt des „Diesseits\".\nWas hilft denn die skeptischste Dialektik des\nGeistes, wenn das Herz nun einmal nichts davon!\nwissen will, das unausrottbare Gefühl des Ekels\nvor, solchem Geiste, der mit der stärksten und!\nfeinsten Kraftanspannung im wesentlichen\nnichts leistet, nichts leisten kann? —\nII.\n„Wer kennt sein eigen Herz?\" Dieses Zen-\ntrum der Person, das so! gewiß: vorhanden, den-\nnoch so schwer erreichbar wie der Erdmittel-\npunkt ist. Les grandes pensees vierinent du coeur.\nWas der Mensch im Innersten will, ist gar nicht\nmißizuverstehen, und Kant hat es einigermaßen\nadäquat formuliert als: „Gott, Freiheit, Unsterb-\nlichkeit.\" Eine solche Ausschweifung im Wün-\nschen, angesichts der komparativ recht erbärm-\nlichen Realität leicht lächerlich, erforderte die\nstrengste Zügelung und Zucht, und Kant hat\nihr sie reichlich atigedeihen lassen. Er ist hierin\nübertroffen worden durch Schopenhauer, der\ndas Leben radikal desideal isierte zugunsten eines\nGegenlebens. Hier haben wir die verhängnis-\nvolle Alternative, der Worte, die Nietzsche mit\naller Wucht umgekehrt akzentuierte, bis in das\ninnerste ;Herz hinein, das1 er „sich in der Brust\nselbst herumdrehte. Auch Max Steiner blickt der\nRealität wie Nietzsche in das furchtbare Antlitz\n— aber sein Flerz ist geteilt, zerrissen. Er demon-\nstriert mit seinem Uebertritt zum Katholizismus\ngegen die Instinktflachheit der modernen Athe-\nisten. Sein Geist ist ersichtlich auf Seiten der\nvorliegenden naturwissenschaftlichen Realität.\nAber den brutalen Gottesstaatsstreich der Um-\nwertung kann er desto weniger mitmachen, als\ner offenbar von der Methode einer gegen-\nseitigen Bedingtheit des einander\nAusschließenden logisch nichts wissen will.\nEr konnte Gottes (der sittlichen Idee) nicht ent-\nraten; und ihn auf die pudere Seite zu schaffen,\nwie Nietzsche, widerstrebte senie'm mystischen\nHerzen. Mit Recht ergriff ihn gleich! Nietzsche\nder grimmigste Hohn, wenn naturwissenschaft-\nliche! Denker mit christlicher Salbung sittliche\nFolgerungen aus den un- und antichristliehsfeii\nPrämissen ableiteten. Sein Philosophieren trägt\nden Januskopf, dessen entgegengesetzte Ant-\nlitze diesseits und jenseits und toto coelo diver-\ngieren lassen. Ja, höchst wahrscheinlich würde\nseine politische Ethik, hätte er sie vollenden\nkönnen, ihre ganze Energie aus) der Unvereinbar-\nkeit dieser Differenz bezogen haben. Aber keinen\nPsychologen kann die scheinbar neutrale Hai—\ntuno- Steiners darüber täuschen, daß er im\nInnersten gegen das Diesseits Partei, genommen\nhat. Nietzsche z. B. hat sich zwar gegen das\nChristentum für Dionysos erklärt: aber er ließ\ndiese Antithese in aller Spannung real bestehen :\ner geriet durchweg mit dieser Gegensatztypik\nals 'mit etwas Un loswerdbarem. In diesem Ver-\nständnis bleibt Steiner zurück. Mit eminenter\nlogischer Kraft strengt er sich an, diesen Zwie-\nspalt praktisch zu entscheiden, sittlich zu\nerledigen: Zu leben — nicht bloß von Gnaden!\nder 'Geburt, sondern ... triftig gegründet! Es\nblieb ihm dabei: Erkenntnis ist nicht lebens-, das\nLeben nicht erkenntnisfähig. Steiner hat uns eine\nsehr merkwürdige mystisch klingende Be-\nhauptung ohne allen Beweis hinterlassen: um\nein Problem praktisch lösbar zu machen,,\nbraucht man es theoretisch werder be-\nBeispiel, es gäbe keinerlei objektive ethische Nor-\nmen — so könnte dieser, Nicht-Befund sehr wohl\ndie Grundlage einer politischen Philosophie ab-\ngeben! Aehnlich sagt er: „Die wissenschaftliche\nErfolglosigkeit der Rätsellösung macht den reli-\ngiösen Versuch nicht unmöglich, sondern drängt\nihn geradezu auf.\" Schließlich ist es wohl dfe\nradikale Verzweiflung an der Auffindung ,einer\nMoral mit logischem Fundament gewesen, welche\ndie Erkenntnis für Steiner so tragisch machte..\n„Singe! sprich nicht mehr!\" Das Erlösungswort\nder Seele Nietzsches fand bei diesem rigorosen\nLogiker kein Gehör. Wir haben von Nietzsche\ndas Eingeständnis, daß er sich: der Furchtbarkeit\ndes Immoralismus, des Atheismus zwar theore-\ntisch, aber nicht praktisch gewachsen, fühle. Aber\nallen Anschein hat es, daß. das Werk Steiners\nFragment geblieben ist, weil er den Atheismus\nnicht einmal theoretisch ertragen konnte. Ohne\nGott verliert auch die Logik ihre Dignität; sie\nwird zum belanglosen Spezialfall des Chaos.\nDer Selbstmord aus Atheismus flößt Ehrfurcht\nein. Woher weiß man so genau, daß Nietzsche\nkein Selbstmörder gewesen ist, gesetzt, der Tod\nsei das plumpste Mittel, gestorben zu sein? —\n\nFortsetzung folgt\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\nBeachtenswerte\nBücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nF. T. MARINETTI\nLa Conquete des Etoiles\nPoeme epique, 3e edition\nEditions de la „Plume\" / Paris\nDestruction\nPoemes\nLeon Vanier editeur / Paris\n\nGemalde-Ausstellung\nZeitschrift Der Sturm\nTiergarienstraBe 34 a\nFuturisten\nGeoffnet taglich yon 10 bis 5 Uhr\nEine Mark"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120420-01.1.7", "texte": "IT\n<r\nBriefe zu diktieren?\nOder Manuskripte sauber abschreiben zu lassen?\nOder schnelle Vervielfaltigung von Zirkularen? <s>\nWir bedienen Sie prompt,\ndiskret und preiswert!!\n¥@rmietung von Schreibmaschinen <s> <s>\nBeparaturwerkstStte fur alle Systeme\nZubehdre fur samtliche Schreibmaschinen\nSmith Premier Typewriter Co.\nBerlin W 8 Friedrichstr, 62\nTelephon: Centrum 11734/11736\n\nDer pra&tische Zierfischzochter\nMonatsschrift fur die gesamte Aquariumkunde, Spezialzeitschrift\nfur Zierfischpflege und Zucht, Wasserpflanzenkultur, Kleintier-\n== welt etc. Jedem Aquariumliebhaber zu empfehlen =====\nHalbjahr (6 Monatshefte) nur 1,80 Mk. postfrei. 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EL, Berlin W 57\n\nAusstellungan, Salons\nKunsthandlungen etc.\nCRSPER'S Kunst-Salon\nEintritt 50 Pfennig Potsdamerstrasse 19\n[ieue flusstellung\n= Marz bis Hpril 1912 =\nE Jokisch Oskar Zeh\nPaul Hey Schramm-Zittau\nMax Liebermann C. von Marr\nGRAPHISCHES KABINETT\nBuch- und Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\nBERLIN W 15, Kurfiirstendamm 33 ::\nStandige Ausstellung Im 'SSZSIZr*?\nmoderner Graphik Illustriert. Katalog u. 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