{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_sha256": "17eff3ebbb4e3d4dc831f7c22e011df2273f104dea98ad57017e36046a371d2c", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/06/01_01/bmtnabg_1912-06-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/06/01_01/bmtnabg_1912-06-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c001", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "57", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.1", "debut_caractere": 503, "fin_caractere_exclue": 858, "texte": "Inhalt:\nH. W.: Pfingsten / F. T. MARINETTI: Tod dem Mondschein / RUDOLF LEONHARD: Gedichte / PAUL SCHEERBART: Tiefe\nGeschäftsweisheit / ALFRED DÖBLIN: Der schwarze Vorhang / JOSEPH ADLER: Der geniale Heilemann / H. W.: Letzte Nachrichten /\nALFRED LICHTENSTEIN: Das Konzert / Der Philosemit / AUSSTELLUNO / WILHELM MORGNER: Landschaft / Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c002", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "57", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.2", "titre_corps": "Pfingsten", "titre_sommaire": "Pfingsten", "signature_source": "H. 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Das Rundreisebedürfnis hat die\nRu,ndfragennot i beendet. ; Offenbar war kein\nPfingstochse mehr in Berlin anwesend. Kein\nLeser weiß, was kein Dichter nicht gedacht hat.\nNie ist die Luft in Berlin so gut, als wenn der\nKritiker und der Bürger zur Natur zurückkehrt.\nMan atmet frei, wenn alles ins Freie zieht. Die\nKunstmaler haben gute Tage. Unsere Mädchen\nund Frauen haben sich Gesichter und Kleider\ngewaschen, und die Salamanderstiefel strahlen im\nGlanz ihres sonnigen Lächelns. Man kann der\nNatur auf den sauberen Leib rücken und sie mit\nrosa in Schönheit verschmieren. Pfingsten kommt\nschließlich jedes Jahr (wieder, und man muß sich\ndie Feste gefallen lassen, die sie feiern. Die\nKunstkritiker werden nun endlich die grünen\nBäume Behen und die weißen Menschen, die sie\nso lange, nicht am wenigsten durch meine Schuld,\nin den Ausstellungen vermißten. Die akademi-\nschen und die tandern Bürger, die sich über der\nKunst fühlen, werden sich als Künstler fühlen,\nwegen des Künstlerrechts iauf Erotik. Am Strande\nläßt es sich gut dichten, im Sande läßt es sich gut\nmalen, iund die Kurkapelle macht dem vielbeschäf-\ntigten Kaufmann, dem angestrengten Anwalt, (dem\ntüchtigen Beamten die Musik von Richard Wagner\ndazu. Der harte Kritiker freut sich der allge-\nmeinen Lebensfreude, entdeckt in jeder Tochter\ndes Landes eine Begabung, die seiner Begabung\nzur Kunst entspricht. Künstlerinnen müssen das\nLeben kennen lernen, und keiner ist so berufen zu\nführen wie der Kritiker. Wenn die Freiheit der\nKunst nur in der Frechheit sexueller Anbiederung\nbestände, würde der Bürger gern mit seinem\nLeib der Kunst eine Gasse bahnen. Die chantant-\nsingende Portierstochter und die cancantanzende\nBierfahrerwitwe sind bei ihm beliebter als das\n„Familienmädchen\". Mit ein bißchen Konfektion,\ndie' er zu Vorzugspreisen kaufen kann, gottsei-\ndank seinem Beruf, fühlt er das Raffinement der\nschönen Kunst und der schönen Sünde. Man\nist eben Dichter. Ein paar seidene Strümpfe für\nfünfundneunzig Pfennige von W. Wertheim G. m.\nb. H. bringt sonst die Phantasie in die Hausse.\nWarum soll man immer in der Baisse bleiben,\nwenn man sich für fünfundneunzig Pfennig\nOptimismus leisten kann. O lieb', so lang' du\nlieben kannst. Die Stunde naht. Das gnädige\nFräulein, Sie sind sicher Künstlerin, freut sich\ndes Lebens, so lange noch das Lämpchen glüht.\nUnd die Kunst hat die Affenschande davon.\nDiese Bürgergarde von Dichtern, Tenoristen,\nSchauspielern, schriftstellernden Anwälten und\nkomponierenden Oberbeamten ergibt sich vor den\nKollegen, aber sie stirbt nicht an der Kunst. Man\nfingert an ihr herum, als ob sie eine Portiers-\ntochter wäre, man zieht ihr seidene Strümpfe von\nW. Wertheim G. m. b. H. an, um sie zu sehen,\nman wäscht sie weiß, um sie schön zu finden,\nman tut ihr ein Leids an, um sich als Künstler zu\nfühlen. Und wenn sie isich das alles nicht gefallen\nläßt, geht man zur Polizei oder nach Heringsdorf.\nVerrückte Weiber läßt man laufen, oder man zeigt\nsie an. Bürger Europas, überlaßt es den Verrüfck-\nten, die Kunst zu lieben. Kehrt zurück zur Natur.\nDer Baum ist grün, der Himmel ist blau, und die\nSonne scheint. Das Mailüfterl weht. Hinaus ins\nFreie. Und die Künstler mögen Wohnung im\nHimmel nehmen, der ihnen nach der Ver-\nsicherung des Kollegen Schüler zu jeder Zeit\noffen steht. Ich brauche Platz für die Kunst."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c003", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "58", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.3", "titre_corps": "Tod dem Mondschein! : Zweites Manifest des Futurismus", "titre_sommaire": "Tod dem Mondschein! : Zweites Manifest des Futurismus", "signature_source": "F. T. Marinetti", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.1", "debut_caractere": 4787, "fin_caractere_exclue": 7453, "texte": "Tod dem Mondschein!\nZweites Manifest des Futurismus\nVon F. T. Marinetti\nIII\nEs war tiefe Nacht auf dem persischen\nPlateau, dem erhabenen Altar der Welt, dessen\nriesige Terrassen volkreiche Städte tragen. In\nunendlich langer Reihe, längs des Schienenweges,\nbeugten wir uns keuchend über die Antimon-\nund ManganschmelztiegeL deren leuchtende Ex-\nplosion von Zeit zu Zeit die Nackten erschreckte.\nWir blieben im Kreis, bewacht von der majestä-\ntischen Runde der Löwen, die mit starr nach\nhinten gerichtetem Schweif und mit fegenden\nMähnen den tiefen, schwarzen Himmel mit ihrem\nhellen Gebrüll durchbohrten.\nAber langsam durchdrang das laue, glän-\nzende Lächeln des Mondes die zerplatzten Wol-\nken. . . Und als er schließlich wie von grauem\nAkaziensafte Übergossen schien, da fühlten die\nVerrückten, wie ihr Herz sich aus ihrer Brust\nlöste und zur Oberfläche der flüssigen Nacht\nemporstieg. . .\nPlötzlich zerriß ein lauter Schrei die Luft;\nman schrie durcheinander; man lief zusammen...\nEin junger Verrückter mit den Augen einer Jung-\nfrau war wie vom Blitz erschlagen auf den\nSchienenweg gefallen.\nSchnell hob man seinen Leichnam auf. Er\nhielt zwischen seinen Händen eine weiße, sehn-\nsüchtige Blume, deren Griffel wie die Zunge einer\nFrau zitterte. Einige wollten sie berühren, doch\ndies war unheilvoll, denn sogleich mit der Leich-\ntigkeit einer Morgenröte, die über dem Meere\naufgeht, löste sich — welch Wunder — von\nder welligen Erde schluchzendes Grün.\nAus der bläulichen Brandung der Wiesen\ntauchten wie Dampf die Haare unzähliger\nSchwimmerinnen auf, die seufzend den Kelch\nihres Mundes und ihrer feuchten Augen öff-\nneten. In dem Meer von Duft sahen wir dann\neinen Fabelwald um uns herum wachsen, dessen\ngewölbte Blattdächer von dem schmeichelnden\nVorüberstreichen eines nur zu langsamen Win-\ndes erschöpft zu sein schienen. Und über allem\nbittere Zärtlichkeit . . . Die Nachtigallen tranken\nden duftenden Schatten mit lautem Freudengluck-\ngluck; ein andermal wollten sie vor Lachen er-\nsticken, indem sie Versteck spielten wie mut-\nwillige, schalkhafte Kinder . . . Süßer Schlummer\nerfaßte das Heer der Verrückten, die vor Ent-\nsetzen zu schreien begannen.\nSofort stürzten die Raubtiere zu ihrer Ver-\nteidigung herbei: dreimal, zu springenden\nKnäueln zusammengepfercht, mit klammernden\nAnsprüngen explodierender Wut griffen die Tiger\ndie unsichtbaren Phantome an, von denen die\nTiefe Idieses Zauberwaldes erbebte. . . . Endlich\nwar die Bresche geschlagen, gewaltige Konvul-\nsion getöteten Blattwerks, das durch sein Stöhnen\ndie fernen, schwatzhaften Echos aus den Nischen\nder Berge weckte. Aber als wir uns Seite an\nSeite bemühten, unsere Beine und Arme von den"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8047, "texte": "letzten, uns liebevoll umklammernden Lianen zu\nbefreien, fühlten wir die sinnliche Luna mit den\nschönen, warmen Schenkeln, die sich schmach-\ntend unseren von Müdigkeit gebrochenen Riick-\ngraten hingab. Jemand schrie in die luftige Ein-\nsamkeit der Berge:\n„Tod dem Monschein!\"\nDie einen rannten zu den nächsten Kaskaden ;\nriesige Räder wurden montiert, und Turbinen\nverwandelten die Schnelligkeit der Wasser in\nmagnetische Spannung, die an Drähten über Stan-\ngen in die leuchtenden, summenden Globen\nkletterte.\nSo ließen dreihundert elektrische Monde\ndurch ihre glänzenden, kreidefarbigen Strahlen\ndie alte, grüne Liebeskönigin verblassen.\nUnd der militärische Schienenweg wurde ge-\nlegt, ein närrischer Schienenweg, der den Kamm\nder höchsten Gebirge entlangführte, wohin sich\nsogleich unsere wuchtigen, von unseren grellen\nSchreien widertönenden Lokomotiven von\nGipfel zu Gipfel warfen; sie sausten in die Ab-\ngründe, kletterten überall wieder hinauf, auf der\nSuche nach lüsternen Abgründen, nach unmög-\nlichen Kurven und Zickzacks . . .\nWeit im Umkreis bezeichnete unser grenzen-\nloser Haß den flüchtlingbedeckten Horizont . . .\nEs waren die Horden von Paralysia und Poda-\ngra, die wir nach Hindostan zurückwarfen.\nIV\nO leidenschaftliche Verfolgung! .. . Wir\nüberschreiten den Ganges! . . . Endlich, endlich\njagte der ungestüme Atem unserer Brust die ab-\nschüssigen, feindseligen Wolken vor uns her, und\nwir sahen am Horizont die grünlichen, hüpfen-\nden Wogen des Indischen Ozeans, der mit Gold-\nstrahlen tändelt. Tief im Golf von Oman und\nvon Bengalen bereitete er heimlich die Invasion\ndes Festlandes vor.\nSogleich streckte die unendliche Masse der\nvon den Verrückten gerittenen Raubtiere un-\nzählige Köpfe über die Wogen, unter dem Wirbel\nder Mähnen, die den Ozean zu Hilfe riefen.\nUnd der Ozean antwortete auf diesen Aufruf: er\nwölbte seinen Riesenrücken und erschütterte die\nVorgebirge, bevor er Anlauf nahm. Lange ver-\nsuchte er seine Kraft, indem er seine Hüften\nwellte und seinen Bauch in rhythmischem Klipp-\nklapp krümmte zwischen seinen weiten, elasti-\nschen Grundfesten.\nDann, mit einem gewaltigen Schlage seiner\nHüften erhol der Ozean seinen massigen Körper\nund stieg weit über das bisherige Ufer ... Da\nbegann die furchtbare Invasion.\nUmhüllt von den stampfenden Wogen, die\ngroßen Globen aus weißem Schaum glichen und\ndie die Kuppen der Löwen bespritzten, schritten\nwir daher . . . Die hinter uns im Halbkreise auf-\ngestellten Löwen verlängerten das Krachen, den\nzischenden Geifer und das Heulen des Wassers.\nManchmal betrachteten wir vom Gipfel der Hügel,\nwie der Ozean sein riesiges Profil aufblies wie\nein unermessen großer Walfisch, der sich vor-\nwärts stößt auf Millionen von Flossen. So führ-\nten wir ihn bis an die Kette des Himalaya und\nstießen die wimmelnden Horden Paralysias und\nPodagras zurück, indem wir uns bemühten, sie\ngegen die Seiten des Gaurisankar zu drängen.\n„Schnell, schnell, Brüder . . . Sollen die Tiere\nuns überholen? . . . Wir müssen in der ersten\nReihe bleiben trotz unserer Schritte, die die Säfte\nder Erde aussaugen! . . . Pfui über unsere be-\nsudelten Hände und über unsere wurzelgehemm-\nten Füße! . . . )0 wir armen, unstet umher-\nschweifenden Bäume! . . . Wir brauchen Flügel!\nBauen wir also Aeroplane!\"\n„Blau sollen sie sein!\" schrieen die Verrück-\nten. „Damit wir uns besser vor dem Feinde ver-\nbergen und uns besser dem Azur des Himmels\nmischen können, wenn der Wind über die Gipfel\nfegt!\" ,\nDie Verrückten raubten in den Pagoden alte\ntürkisblaue, Buddha geweihte Mäntel, um ihre\nFlugapparate zu bauen.\nWir schnitten unsere futuristischen Aero-\nplane aus der ockerfarbenen Leinwand großer\nSegel. Die einen haben Flügelverwindung und\nerheben sich, durch ihren Motor, wie ein\nblutiger Kondor das von ihm geraubte Lamm\nträgt. Mein Apparat ist ein vielzelliger Drei-\ndecker mit Schwanzsteuerung, 100 HP., acht\nZylinder, 80 kg . . . Zwischen meinen Füßen be-\nfindet sich eine ganz kleine Mitrailleuse, die ich\ndurch einen Druck auf einen Stahlknopf abfeuern\nkann . ..\nUnd man fliegt los, berauscht von geschickter\nSteuerung, von dem schnellen, leichten, knattern-\nden Flug im Rhythmus eines Trinklieds.\nHurra! Endlich verdienen wir, die große\nArmee der Verrückten und entfesselten Raub-\ntiere zu befehligen! Hurra! Wir beherrschen\nunsere Nachhut: den Ozean und seine Hülle\nschäumender Kavallerie! .. . Vorwärts, Ver-\nrückte, Löwen, Tiger und Panther! Unsere Aero-\nplane werden eure Standarten sein! . . . Unsere\nAeroplane werden eure leidenschaftlichen Ge-\nliebten sein! ... Sie schwimmen mit offenen\nArmen auf der Brandung des Blattwerkes. Nach-\nlässig recken sie sich auf der Schaukel der Winde!\nSeht, dort oben rechts, diese blauen Schiffchen ...\nDas sind die Verrückten, die ihre Aeroplane in\nder Hängematte des Südwindes schaukeln! . , .\nIch, ich sitze wie ein Weber vor dem Webstuhl\nund webe den seidigen Azur des Himmels! . . .\nGefallen euch diese frischen Täler, diese mürri-\nschen Berge, über deren Gipfel wir fegen? . . .\nGefallen euch diese Herden rosiger Schafe, die\nsich an die Abhänge der Hügel klammern und\nsich dem Abend hingeben? . . . Einst liebtest\ndu sie, meine Seele! . . . Nein! Nein! Genug!\nNiemals mehr wirst du so geschmacklos sein!\nDas Schilfrohr, aus dem wir einst Flöten schnitz-\nten, bildet jetzt das Gerippe meines Aeroplans!\n.. . Sehnsüchtiges Heimweh! Rausch des\nTriumphs! . . .\nBald werden wir die Bewohner Podagras und\nParalysias erreicht haben, denn wir halten unseren\nKurs trotz allen Gegenwindes . . . Was zeigt das\nAnemometer? . . . Dieser Wind hat eine Ge-\nschwindigkeit i von hundert Kilometern in\nder Stunde! Um so besser! ... Ich steige\nauf zweitausend Meter, um das Plateau zu über-\nfliegen . . . Da, da sind die Horden . . . Dort,\ndort vor uns und schon unter uns! Seht, gerade\nunter uns, wie zwischen dem Grün der Wiesen\nund Wälder dieser menschliche Gießbach dahin-\nbraust! ... Dieser Lärm? Das Krachen der\nBäume! Ah, ah! Alle sind sie gegen die Wand\ndes fGkurisankars gedrängt! . . . Und wir werden\nihnen eine Schlacht liefern! . . . Hört ihr unsere\njMotore, wie sie vor Freude klatschen? . . . He,\ngroßer Indischer Ozean, heran!\nFeierlich folgt er uns, stürzte die Wälle der\nehrwürdigen Städte, warf die berühmten Türme\num, die in ihrer klingenden Rüstung alten Rittern\nglichen, und die jetzt von dem marmornen Sattel-\nbogen der Tempel heruntergerissen wurden.\nEndlich, endlich seid ihr vor uns, ameisen-\nwimmelnde Horden Podagras und Paralysias, die\nihr die schönen Abhänge der Berge wie ein\nschrecklicher Aussatz bedeckt! Flügelschlagend\nfliegen wir euch entgegen, rechts und links die\nLöwen, unsere Brüder, und hinter uns die dro-\nhende Freundschaft des Ozeans, der uns Schritt\nfür Schritt nachkommt, um jedes Zurückweichen\nunmöglich zu machen! . . . Das ist eine einfache\nVorsichtsmaßregel, denn wir fürchten euch nicht!\n.... Aber ihr seid unzählig! . . . Wir könnten\nwohl unsere Munitionen erschöpfen, würden wir\nalt während des Blutbades! . . . Ich werde die\nSchußlinie festsetzen! . , . Achthundert Meter!\nAchtung! . . . Feuer! . . . O Rausch, wie einst\nin der Schule zu spielen! . . . Oh! Rausch, mit\ndem Tode Murmeln zu spielen! . . . Und ihr\nkönnt sie uns nicht mehr klauen! . . . Noch\nweiter flieht ihr . . . Dieses Plateau wird rasch\nüberflogen sein . . . Mein Aeroplan rollt auf\nseinen Rädern, gleitet auf seinen Kufen, und von\nneuem erhebt er sich! ... Ich richte mich im\nWinde auf . . . Bravo, die Verrückten! Auf zum\nKampf! Da! . . . Ich reiße die Zündung zurück,\num glatt zu landen, — Gleitflug, großartige Sta-\nbilität — mitten im Handgemenge!\nDer Sieg ist unser, sicherlich, denn-schon\nwerfen die Verrückten ihre Herzen in den Himmel\nwie Bomben! . . . Achthundert Meter! , . . Ach-\ntung! . . . Feuer! . . . Unser Blut? . . . Ja, all\nunser Blut, in Strömen, um die kranke Morgen-\nröte der Erde wieder zu färben! . . . Wir werden\ndich zwischen unseren rauchenden Armen er-\nwärmen, arme, siechende, fröstelnde Sonne, die\nüber dem (Gipfel des Gaurisankars vor Kälte\nzittert!\nAutorisierte Uebertragung aus dem Französischen von jean-Jacques"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "58", "page_fin": "58", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.4", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Rudolf Leonhard", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.2", "debut_caractere": 8049, "fin_caractere_exclue": 8683, "texte": "Gedichte\nRudolf Leonhard\n\nIm Abend\nI Des Tages letztes Sonnenblut verrinnt\nTief in des stillen Abends offne Hand,\nSchwarzblaue Wolken bauen Welt an Welt\nEs brausen immer neue Ströme Wind\nAus fernen Quellen über dunkles Land.\nUnd eng geschlossen wartet Feld an Feld;\n\nVor der Schwelle\nIch horchte zögernd rückwärts von der Schwelle,\nAls käme durch den Raum ein leises Rufen.\nDoch schlief sie still; ich ließ die Türe klinken.\nDa fühlt ich's in die müden Augen blinken —\nUnd vor mir lag auf alten Treppenstufen\nEin Bündel Mondschein wie ein blankes Tier,\nDas hütete den Weg zu ihr, von ihr —\nUnd lächelnd trat ich auf die schmale Helle."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "58", "page_fin": "58", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.4.1", "titre_corps": "Im Abend", "titre_sommaire": "Im Abend", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.2", "debut_caractere": 8075, "fin_caractere_exclue": 8314, "texte": "Im Abend\nI Des Tages letztes Sonnenblut verrinnt\nTief in des stillen Abends offne Hand,\nSchwarzblaue Wolken bauen Welt an Welt\nEs brausen immer neue Ströme Wind\nAus fernen Quellen über dunkles Land.\nUnd eng geschlossen wartet Feld an Feld;"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c006", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "58", "page_fin": "58", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.4.2", "titre_corps": "Vor der Schwelle", "titre_sommaire": "Vor der Schwelle", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.2", "debut_caractere": 8316, "fin_caractere_exclue": 8683, "texte": "Vor der Schwelle\nIch horchte zögernd rückwärts von der Schwelle,\nAls käme durch den Raum ein leises Rufen.\nDoch schlief sie still; ich ließ die Türe klinken.\nDa fühlt ich's in die müden Augen blinken —\nUnd vor mir lag auf alten Treppenstufen\nEin Bündel Mondschein wie ein blankes Tier,\nDas hütete den Weg zu ihr, von ihr —\nUnd lächelnd trat ich auf die schmale Helle."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "58", "page_fin": "59", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.5", "titre_corps": "Tiefe Geschäftsweisheit : Eine Mondschein-Novelle", "titre_sommaire": "Tiefe Geschäftsweisheit : Eine Mondschein-Novelle", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.2", "debut_caractere": 8685, "fin_caractere_exclue": 9784, "texte": "Tiefe Geschäftsweisheit\nEine Mondschein-Novelle\nVon Paul Scheerbart\nDer Vollmond stand dicht über dem Horizont\n— ganz groß und rot. Durch die Kornfelder\nrannten die Hasen, tand die Fledermäuse flatterten\nüber dem Bahndamm um die Telegraphendrähte\nrum. Und drei Einbrecher krochen in das dichte\nGebüsch des Waldparks.\nEin Schnellzug fuhr vorüber, und auf der\nVeranda des Herrn Piepenhagen schaukelten\nzwanzig karminrote Papierlampions. Während-\ndem ging die Auguste, die bei Schultze-Bernau\nals Köchin diente, mit dem Hausdiener Johann\nlangsam dem Waldpark zu.\nUnd der Johann sagte schmunzelnd:\n„Glaube mir, liebe Auguste, je schlechter es\nden Menschen geht, um so besser ist der gute Ge-\nschäftsmann dran. Der macht grade dann die\nbesten Geschäfte, wenn die Menschen nicht\nwissen, wo sie vor lauter Sorgen bleiben sollen.\nDas kannst du dir ja leicht vorstellen; haben die\nLeute Geld genug, So brauchen sie keinen Helfer.\nUnd — wo bleibt da das Geschäft? Hieraua\nerkennst du auch gleich, daß heutzutage für den\nGeschäftsmann der Weizen blüht, da es sehr\nvielen Leuten sehr schlecht geht. Jetzt werden"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8218, "texte": "wir also bald weiterkommen. Und nächste Ostern\nkönnen heiraten. Darauf kannst du dich ver-\nlassen.\"\n„Das wäre ja fein!\" sagte die Auguste.\nDoch sie wollte nun gleich etwas Näheres\nvon den Geschäften ihres Johanns wissen, und\nder ließ sich tiicht lange bitten — er war so recht\nin seinem Fahrwasser. i\n„Du weißt ja, liebe Auguste,\" fuhr er leb-\nhaft fort, „daß ich jetzt in Mutterns Grünkram-\nkeller tätig bin. Zu Weihnachten soll ich Teil-\nnehmer am Geschäft werden; Mutter hat eben\neingesehen, daß ich lein guter Geschäftsmann bin.\nUnd das kam so: Mutter ärgerte sich, daß ich\nimmer nur mit ganz dummen Kerls verkehrte,\nbesonders über August ärgerte sie sich, den du\nja ken'nst. Wenn Mutter darüber redete, lachte\nich immer ganz verschmitzt und sagte nur: Na\nwarte nur! Du wirst mir noch1 mal dankbar sein\nfür meine dummen Kerls. Und die gute Gelegen-\nheit kam auch bald. Du mußt nämlich wissen,\nliebe Auguste, wodurch man zum Geschäfts-\nmann wird. Sieh mal, der muß stets darauf be-\ndacht sein, andern Leuten was wegzunehmen,\nohne dabei eingekastelt zu werden. Wer aber\nläßt sich was wegnehmen ? Wer ist so gutmütig,\ndaß er das, was man haben will, gutmütig her-\ngibt? Wer ist so dumm? Doch nur der Dumme!\nUnd darum muß der gute Geschäftsmann nur\nmit den Dummen verkehren.\"\n„Jh du, Johann!\" rief da die Auguste lachend,\n„darum verkehrst du auch wphl mit mir, nicht\nwahr?\"\n„Liebe Auguste,\" sagte da der Johann, „ein\nguter Geschäftsmann wird sich doch keine\ndumme Frau nehmen. Die könnte ihm doch nur\nalles verfahren. Eine dumme Frau ist viel ge-\nfährlicher, als du denkst. Doch jetzt hör mal\nerst die Geschichte vom dummen August. Der\nerzählte mir eines Tages, daß er für dreitausend\nMark Brennholz liefern sollte. Und ich sagte\nihm: verlange nur dreihundert Mark mehr. Und\ndas tat er auch. Ich aber erzähle die Geschichte\nMuttern und sage ihr, sie solle zu der bewußten\nFirma hingehen und ihr Brennholz anbieten.\nDa nun die Firma soeben den Brief vom August\nbekommen hatte, war sie sehr ärgerlich, und\nMutter bekam den Auftrag, für dreitausend\nMark Brennholz zu liefern. Das war ein hübsches\n*\nGeschäft, Mutter teilte mit mir. Und August\nmerkte nichts; der ist so dumm, daß man\nlachen muß.\"\nAuguste lachte auch, aber sie sagte dabei:\n„Es ist nur gut, daß ich kein Mann bin,\nsonst müßte ich mich vor dir sehr in acht\nnehmen.\"\nJohann aber fuhr fort, nachdem sie sich\nauf eine Parkbank gesetzt hatten mitten in den\nMondenschein.\n„Du ahnst es nicht,\" sagte er, „woran man\ndie Dummheit der Menschen erkennt Ich wills dir\nerzählen: an seiner Unzufriedenheit erkennt man\nden Dummerjahn. Wer so recht unzufrieden mit\nseinem Schicksal ist — der ist immer ein kleines\nSchaf. Darauf kannst du dich verlassen. Der\nkluge Mann fängt alles so an, daß er stets zu-\nfrieden ist. Wodurch werden denn die Leute\nunzufrieden mit ihrem Leben? Doch nur da-\ndurch, daß sie Dummheiten machen. Mach\nkeine Dummheiten, so bist du ein zufriedener\nMensch und wirst immer Geld in der Tasche\nhaben. Wenn ich nun die Dummen suche, so\ngeh ich also zu den Unzufriedenen. Das sind\ndiejenigen, die immer gerne Revolution machen.\"\nDa knisterte es hinten im Gebüsch, Johann drehte\nsich um, sah laber nichts; der Mond beschien nicht\ndas Gebüsch; zwei Fledermäuse flatterten vor-\nüber.\nAuguste rief:\n„Sieh nur die Fledermäuse!\"\nJohann sah ihnen nach, vergaß, daß es vor-\nhin im Gebüsch knisterte, und fuhr in seiner Be-\nlehrung fort:\n„Mit den Revolutionären/' rief er ganz laut,\n„ist immer das beste Geschäft zu machen. Da-\nrauf kannst du dich verlassen.\"\n„Das solltest du,\" sagte Auguste rasch und\nleise, „nicht so laut sagen, sonst hält man dich\nauch für einen Roten — und dann wirst du ein-\ngekastelt.\"\n„Hier,\" rief Johann abermals ganz laut, „wird\nuns kein Mensch belauschen. Was ich gesagt\nhabe, ist eine tiefe Geschäftsweisheit.\nSo was hörst du nicht alle Tage. Du glaubst\nja gar nicht, wie dumm die Kerls sind. Die Roten\nfallen auf alles rein. Sie wären ja gar nicht rot,\nwenn sie immer klug gehandelt und ihr Schäfchen\nbeizeiten ins Trockene gebracht hätten. Wahr-\nlich, ich sage dir, an ihre Unzufriedenheit sollst\ndu die Dummen erkennen. Die machen auch\nnoch mal eine Revolution — die Kerls sind so\ndumm. Ich rede ihnen gut zu und mach mein\nGeschäftchen dabei — mit jedem einzeln —\nimmer anders. Ostern können wir heiraten, liebe\nAuguste!\"\n„Sei nur immer,\" sagte die Auguste, „schön\nvorsichtig, damit sie nichts merken. Sonst ver-\nhauen sie dich noch mal. Mit den Roten ist\nnicht zu spaßen.\"\n„Ich bin doch kein Dummerjahn,\" rief nun\nganz erregt der Johann, „ich verstehs, mit Re-\nvolutionären umzugehen. Jch geh auf alles ein\nund rede dann ein paar kluge Worte, spreche über\nRevolutionen im allgemeinen — über russische\nund spanische Revolutionäre, daß den Roten ganz\nrot vor den Augen wird. Dann sehen sie nicht\nmehr ordentlich, und man kann das Geschäft\neinleiten. Die Zukunftsrevolutionen . . .\"\nBei dem letzten Worte Johannes brachen die\ndrei Einbrecher aus dem Gebüsch hervor, hiel-\nten drei Revolver dem Johann vor die Nase,\nund der Aelteste von den dreien sagte leise:\n„Sie sind wegen Aufreizung zur Gewalt und\nwegen offenkundiger Geheimbündelei verhaftet;\nsetzen Sie sich nicht zur Wehr, sonst schießen\nwir Sie nieder. Wir sind Geheimpolizisten und\nhaben gehört, was Sie sagten. Hier ist meine\nErkennungsmarke.\"\nDanach zeigte der alte Einbrecher dem ver-\nblüfften Johann ein altes Stück Blech in der linken\nHand. Auguste fiel in Ohnmacht.\n„Meine Herren,\" sagte Johann leise, „ich\nsehe, Sie wollen mit mir ein Geschäft machen,\nDa sind Sie grade an den Richtigen gekommen,\ndenn ich bin ein guter Geschäftsmann. Was be-\nkommen Sie denn dafür, wenn Sie mich ver-\nhaften? Viel doch nicht. Jeder bekommt doch\nhöchstens zwanzig Mark dafür. Gut! Ich biete\njedem von Ihnen einen Hundertmarkschein,\nwenn Sie mich freilassen.\"\nDie Geheimpolizisten sahen einander an, und\ndann sagte der Aelteste:\n„Die Verhaftung fand vor Zeugen statt.\"\n„Oh!\" sagte Johann leise, „meine Auguste\nhört und sieht augenblicklich nichts. Sie wird\nnachher schon wieder zu sich kommen, und dann\nsind sie nicht mehr hier.\"\nJohann holte nach diesen Worten ein kleines\nBuch aus der Tasche und entnahm ihm drei\nScheine, die er freundlich den drei Herren über-\nreichte. Diese steckten die drei Revolver ein und\ndie Scheine ebenfalls und verschwanden wieder\nim Gebüsch.\nDer Hausdiener horchte mit der Hand am\nOhr in den Waldpark hinein, und als er die\nSchritte der Verschwundenen nicht mehr hörte,\nriß er einen Grashalm aus und kitzelte damit der\nAuguste unter der Nase.\nAuguste erwachte, sah ganz verwirrt um-\nher, und rief dann laut:\n„Wo sind die drei?\"\n„Die,\" versetzte Johann, „hängen da drüben\nan der großen Eiche. Siehst du sie nicht? Ich\nhab sie umgebracht und dann da drüben auf-\ngehängt. Jeder Mensch wird glauben, daß da\ndrei arme Selbstmörder hängen.\"\nAn der Eiche hing auch etwas, und der\nSchatten des Mondscheins vergrößerte dieses Et-\nwas. Auguste sah hin und schrie furchtbar auf\nund lief dann wie eine Rasende davon. Johann\nlachte ihr nach, daß es schauerlich durch den\nWaldpark schallte. Wieder flogen zwei Fleder-\nmäuse vorüber und streiften beinahe Johanns\nMütze — das erschreckte ihm aber nicht; er\nging lächelnd nach Hause zu Muttern.\nUnd Muttern erzählte er lachend die ganze\nGeschichte. Mutter schlug die Hände überm\nKopf zusammen, als sie hörte, daß ihr Johann\ndreihundert Mark diesen Revolverhelden über-\ngeben hatte.\nAber Johann lachte immerzu, und die Mutter\nsagte schließlich heftig:\n„Bist du denn närrisch geworden?\"\n„Nee,\" versetzte der biedere Hausdiener und\nsehr gute Geschäftsmann, „aber die Scheine waren\nja falsch. Ich bekam sie neulich von einem Ro-\nten, der auch ein guter Geschäftsmann ist. Im\nLaden wollten wir die Scheine alle beide nicht\nausgeben — aber, was nicht im Laden geht —\ndas geht doch im Mondenschein. Der Monden-\nschein war herrlich, liebe Mutter.\"\nAm nächsten Tage aber kam ein Brief von\nder Auguste, die bei Schultze-Bernau im Dienst\nstand. In dem Briefe war mit großen zitternden\nBuchstaben geschrieben:\nKomm nicht wieder zu mir! Sonst zeig ich\ndich an. Ich habe Angst vor dir, will deine\nFrau nicht werden. So dumm bin ich nicht, wie\ndu denkst. Ich laß mich nicht an einem Eich-\nbaum aufhängen. Ich gehe zum August.\nAuguste/'"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "59", "page_fin": "60", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.6", "titre_corps": "Der schwarze Vorhang", "titre_sommaire": "Der schwarze Vorhang", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.3", "debut_caractere": 8220, "fin_caractere_exclue": 9545, "texte": "Der schwarze Vorhang\nVon Alfred Döblin\nRoman\nWarum ich? Sie mag es Liebe heißen.\njWarum liebt sie mich, gerade mich? Sie —\nljiebt, vaber nicht gerade mich; mag sie auch\nnoch so zärtlich auf meini Auge und mein Haar\nschauen. Unruhige, lachhafte kleine Zufällchen\nhaben sich gehoben, um ihre Liebe mir auf das\nHaar zu legen, zwischen heute, gestern und\nMonaten und Wochen, bis der Kranz dicht und\nvoll war, in dem wirres, seltenes und gemein\nalltägliches blüht.\n! Den Kranz muß ich dulden und mich seiner\nfreuen. Wir leiden unter tausend Qualen, tausend\nWunder entzücken unsre Herzen.\n1 Wir sind alle geborene Dirnen.\nI Wo ist die Staude, die unbrechbare gerade\nStaude, die für mich, für mich gewachsen ist?\nWo ist meine Staude? Mein Geliebtes? — Oh,\ndie Staude wächst nimmer.\nJohannes, was wirft und wälzt sich deine\nSchwere? Ach, mich drückt's, daß sie auf solch\nklingelndem Schlitten, närrisch vor mein Haus\ngefahren kommt.\nl Und von ihr schwand immer mehr die Klar-\nheit und gelassene Sicherheit. Das Geheimnis\nihrer Liebe, das Seltsame und Fremdartige ihres\nGefühls für ihn drängte sie in sich hinein, und\nhier wußte sie sich nicht aus.\nSie wusch sich morgens und badete abends,\ndazwischen sprang, hüpfte und schritt ihr Leben\nwie sonst. Aber wenn sie sich umschaute, fühlte\nsie sich verwandelt. Sie war wie tief von innen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6590, "texte": "ergriffen, von einer Faust unter die Oberfläche\ngedrückt. Die Dinge, zwischen denen sie ver-\ntraulich ging, wichen erschreckt vor ihr zurück\nund um sie schlangen sich weite und enge Kreise.\nSie war zum Muschelsuchen an den Strand\ngelaufen, hatte sich mit zitternder Lust von den\nWellen tragen lassen, war auf ein offenes, seele-\nerstarrendes Meer hinausgeschaukelt.\nNoch erschauerte Johannes manchmal unter\nihrem Blick, so daß seine Worte versiegten. Seine\njäjhe Dankbarkeit wollte ihn von ihr fortreißen:\ndie gütige durfte ihn nicht lieben, nicht gerade\nihn, den Sündigen; sie mußte sich von ihm\nhalten. Doch mochte er sie hassen und ver-\nnichten, wenn sie ihn miede; in seiner Dank-\nbarkeit mischte sich Verachtung, daß sie ihn nicht\nverachtete, und so schweifte er um sie. Oft\nstreichelte er ihr, tiefernst, fast mit Tränen in den\nAugen, die Wangen, oder küßte sie und ging\nwortlos neben ihr her, während seine Seele, fast\nverwundert über sich selbst, dieses tiefe Glück\nüber sich strömen ließ, und schwer wurde und\nsich zur Erde senkte.\nSie liefen Hand in Hand zwischen den Kiefer-\nstämmen in der reinen Luft; sie warfen sich\nnieder in das Gras. Sie hielten sich umschlungen;\nes war ein Küssen ohne Ende. Wie ihre Lider\nsich halb über die Augen senkten, während sie\nden Kopf lässig zurücklehnte und die vor Er-\nregung verschleierten Augen ineinander ruhten.\nDie Lippen fest auf volle Lippen pressend, küßten\nsie saugend und spürten den leicht alkalischen\nGeschmack ihrer Münder.\nEs war ein bunter Herbst, da gingen sie\nwieder durch den Wald. Uralte Moosbärte\nwehten von den Aesten mancher Bäume; von\neinigen Bäumen schilferte die borkige Haut in\nlangen Streifen ab. Andre waren in die Erde\neingespießt, wie umgekehrte Flederwische, oder\nstanden um sie herum, über und über be-\nwachsen, wie nackte Männer mit behaarten\nBeinen. Dann gab es welche, die mit Beulen\nübersät waren, und aus breiten Geschwüren\neiterten. Immer stießen sich beieinander Krüppel\nund junger Schlankwuchs und greise vernutzte\nVetteln. Durch diese sonderbare grüne Welt\nschritten der Breitstirnige und die sanfte\nErnste, deren Blicke an seinem Gesicht hingen,\nund rissen sich die Worte von den Lippen.\nIhre ungefüge Schwere lichtete und leichtste\nsich immer mehr zu vermessener Lust. Das\nheftige Reiben und Schwirren der Aestchen,\nBlätter, lockte ihre Ohren.\nUnd plötzlich sahen sie, wie eine dürre,\nstark seelische, fadenscheinig aufgeputzte Tannen-\njungfer einen schmerbäuchigen Bierbrauerbaum\numarmte, ihm Liebe und ewige Treue schwur.\nIrene begann wilder zu lachen; sie lachte, daß\nihr Leib zuckte und sich zusammenkrümmte.\nDie Rothaarige riß sich von Johannes los; sie\ntanzte heißwangig um das seltsame Baumpärchen,\ndann warf sie sich in das Gras unter dem dicken\nwürdigen Baum, erhitzt, sich vor Lachen\nschüttelnd, während der schwere Große sich die\nStirne trocknete und das Blut in seinen Augen\nzu beruhigen suchte, die wie die Waldlichter\nflimmerten.\nAuch ihn schwindelte, und er wußte nicht,\nwo er stand. Als er auf die Lachende unter dem\nBaume sah, erzürnte sich still etwas in ihm,\nwie damals, als sie über seine Worte hinweg-\ndachte, und es gelüstete ihn, ihre Glieder ge-\nwaltsam gerade zu biegen, und den wirren Kopf\nstark in den Nacken zu drücken, trotz ihrem\nWiderstreben.\nDaß sie nicht mehr lachte! Ja, wenn sie\nweiter lachte, müßte er nach ihrem weißen runden\nHals greifen, würden seine Hände den schnee-\nweißen, o schneeweißen Hals würgen müssen!\nWenn sie jetzt weiter am Boden lachte.\nEr richtete sich gerade auf; etwas kaltes,\nherrisches, unbekümmertes durchstraffte ihn und\nspannte seine Muskeln, als müßte er auf die Hin-\ngeworfene springen, die Finger in ihre Arme\nschlagen.\nEr sdiloß die Augen, zwang sich und\nwurde schweigsam. Sie gingen weiter zwischen\nden Stämmen. Da erschrak er über sich und\nentsetzt baten seine Gedanken ihr ab. Er hielt\nihre Hand fest; Irene war ihm so herzlich nahe\nwie ein Kind, das er schützen mußte. Aber $ie\nsollte nicht von ihm gehen, ihn nicht allein lassen,\nsie sollte ihn selber beschützen, oder doch ihn\nfliehen: das wäre das Beste und Liebste. Warum\nlief er selbst nicht fort und ersäufte sich wie\neine junge Katze, da er sie doch1 liebte? Er mußte\nfortlaufen, sich verstecken, wo dunkle Höllen-\nflammen brennen: er könnte sie nicht inniger\nlieben, die gütige, als so.\nEr schloß die Augen, um ihrem Blick zu ent-\ngehen. Nachdem die lodernde Kälte, die sich in\nseine Glieder und bis in seine Kaumuskeln (ge-\nreckt hatte, verschwunden war, wenn auch jede\nErinnerung an Irenes fessellose Wildheit sie\nwieder aufsteigen ließ, strömte eine lösende süße\nErregung ihm über die Stirn, Wangen, Lippen,\nbis in die Zähne hinein. Während Irene sich an\nihn schmiegte, scheute er sich, sie zu küssen\nwie sonst. Er horchte nicht mehr auf ihr Plaudern,\nder Verfinsterte.\nPlötzlich waren diese Gedanken in ihn ge-\nkommen. Auf die reine Sanfte, stürzte er sich.\nSie war aber doch Irene, der seine Dankbarkeit\nanhing und kein Weib. Warum lachte sie so?\nOh! Warum? Jetzt ging er sie niederwerfen,\nwie man ein Weib niederwirft. Jetzt mußte er sie\nmorden. Er suchte sich mit Anstrengung der\nGedanken zu erwehren; er sträubte sich gegen die\nSünde an der, die er liebte. Und doch reizte ihn\ndas aufregende einmal begonnene Spiel mit den\nGedanken, das er mit hellem Atem unternahm,\nimmer von neuem, grausam, verwegen, selbst-\nmörderisch, heiligenschänderisch.\nEr könnte es nicht zügeln. Schon suchte sich\ndas unbändige Gefühl izu rechtfertigen: diesq\nschlagende Lust hatte ihn zu Irene geführt, dort\nim Garten, als sie ihm schwieg — bis er wieder\nin die Ohnmacht und Trauer verfiel, aus der\ner sich hob zu ihr.\nEr besann sich: hatte er nicht den Wejg\nverloren, und fand ihn jetzt wieder; seinen:\nKampfes- und Verteidigungsweg wider das\nWeib? Es kann nicht geschehen, daß sich Men-\nschen lieben; sie müssen sich hassen und be-\nzwingen. Sie war mit Schmeicheln hinterlistig\nin ihn eingedrungen, Irene, die ihn vergesset\nließ, daß sie sein Feind war, in ihrer heimlichen;\nSchlangenklugheit. Schon hatte sie fast gesiegt\nüber den Unklugen, den sie mit ihrem klaren!\nAntlitz höhnte, wie niemand höhnte. Jetzt hatte\ner sie durchschaut, wollte sich wehren, und was\nihn gegen sie drängte war gut, war das Beste in\nihm.\nVor ihr Bild flog er dann wieder; in\nverzweifelter Wut bot er alles auf, um sich zu\nbesänftigen.\nEr klagte sich an, schleppte sich mit den\nentsetzlichen Grübeleien umher und übertrug\nvon seinen Gedanken unwillkürlich auf sie durch1\nwildes Abwenden, unerklärtes Meiden, im Zögern\ndes Händedrucks, in raschen Blicken und in der\nGewalt des Kusses.\nDa lachte sie nicht mehr."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c009", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "60", "page_fin": "62", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.7", "titre_corps": "Der geniale Heilemann", "titre_sommaire": "Der geniale Heilemann", "signature_source": "Joseph Adler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.4", "debut_caractere": 6611, "fin_caractere_exclue": 9682, "texte": "Der geniale Heilemann\n\nDie „Elegante Welt\" nennt sich ein Blatt,\ndas im Trödelverlag Eysler u. Co. erscheint und\neinen Kraemer zum Herausgeber hat. Ein\nSchwesterblatt der vulgären „Lustigen Blätter\",\nträgt es die Aufmachung eines Parvenüweibes;\ngleicht ihm in allem. Außen geleckt, innen, bis\nins Inseratenhemd, bedreckt. Ueber alles wird in\ndiesem Schmarotzerblatt geplaudert. Alles\nist Süße und Puppigkeit darin, und das eben wird\nnur durch die bunten Scherben des Talmiesprits\nbezwinkert. Ueber Kunst, wiewohl diese ern-\nster und tragischer als das Leben ist, wird mit\nder vergnügtesten Fratze von der Welt g e r e d ' t.\nDer Herausgeber selber, der Doktor Kraemer,\nbehandelt sie. Er ist ihr, obzwar sie ihn nicht,\num Gottes Willen nicht, hat rufen lassen, an\nden Leib gerückt und hat ihrem Pulsschlag ge-\nhorcht. Sie ist kerngesund, hat er letzthin kon-\nstatiert, sofern sie von einem Ernst Heilemann\nbetrieben wird. Man ist, hat er erklärt, „der\ngrundsätzlichen Verachtung aller Geschmacks-\nqualitäten, in der sich zugunsten eines rein male-\nrischen Vortrags die Porträtisten im Hause der Se-\nzession nicht genug tun können, bereits — und\nmit gutem Recht — ernstlich überdrüssig gewor-\nden, und die Gesellschaft lehnt es endgültig ab,\nden Produkten unkultivierter Impressionisten das\nMaus zu öffnen.\" Sie läßt es sich lieber von der\nMache Heilemanns einrennen, der aber allerdings\n„seit Rezniceks Tod unbestritten als der erste\nund populärste unter allen deutschen Zeichnern\ngilt, die sich mit der Darstellung gesellschaftlichen\nLebens beschäftigen.\"\nEine Gesellschaft, die in Heilemann den be-\nrufensten Zeichner für die Darstellung ihres\nLebens gefunden hat, kann nichts mehr ver-\nlieren. Das Haus, das sie dem unkultivierten\nImpressionismus verschlossen hat, ist ein Asyl\nfür parfümierte Laszivität, dekadente Gefallsucht\nund blöde Selbstüberschätzung. Die Frauen,\ndenen es der reizende Dr. Kraemer in der Tat\nnachfühlen kann, „daß sie an Porträts, die ihnen\ngrüne Wangen, blaue Lippen und einen schwar-\nzen Hals andichten, keine vollkommenere Freude\nfinden (können\", haben, wie der schwatzende\nSchwerenöter selber, keinen blauen Dunst von\nder Kunst. Sie schätzen jenen Porträtisten am\nmeisten, der nur dem ehrlichen Photographen die\nschwerste Konkurrenz macht, iund je „schöne r\"\ner sie malt, desto mehr bewundern sie ihn.\n„Wenn man die Kritik belauscht, die die ele-\nganten Besucher von Schultes Kunstsalon vor\ndiesen Bildnissen, deren Modelle wohl den mei-\nsten von ihnen persönlich bekannt sein dürften,\naustauschen, so hört man zunächst und vor allem\ndie große Aehnlichkeit in den Porträts rühmen,\ndie ja schon der Zeichner Heilemann mit weni-\ngen flüchtigen Strichen so vollkommen zu geben\nweiß. Aber neben dieser Treffsicherheit, die eben\nso sehr der Beweis einer intensiven Naturbetrach-\ntung wie das Resultat langjähriger zeichnerischer\nUebung sind, ist es die Vereinigung rein maleri-\nscher und rein geschmacklicher Qualitäten, die\ndiesen Bildern selbst einem mit allen künstleri-\nschen Reizen übersättigten Publikum gegenüber-\nwerbende Kraft verleiht.\""}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4492, "texte": "Die Gesellschaft, die den Kitsch fördert, und\ndas mit künstlerischen Reizen übersättigte Publi-\nkum, das ihn dennoch verschlingt wohnen natür-\nlich Haus an Haus. Wo aber, wer mir das sagen\nkönnte, hat sich dieses doch geistesimpotente Pu-\nblikum die künstlerische Ueberreizung ange-\nschlafen? Im Ausstellungspark, darin man nur\nsehen kann, wieviel Unkraut im Schatten der\nKünste gedeiht? Hat es sie sich vor Schüsseln\ngeholt, in denen man ihm seit Jahrzehnten immer\nwieder die gleichen Farbensuppen vorsetzt? *\nDie Gesellschaft lehnt es endlich endgültig\nab, den unkultivierten Impressionismus zu emp-\nfangen, aber „andererseits haben die zwölf Jahre\nSezession, die wir bislang in Berlin haben, auch\nin den künstlerisch riur oberflächlich interessier-\nten Gesellschaftsmenschen ein gewisses Empfin-\nden für die Bedeutung impressionistischen Kunst-\nschaffens und künstlerischer Wahrhaftigkeit ge-\nfestigt, das die „schöne Pose\" und den „falschen\nPathos\" fast noch mehr verabscheut als die grü-\nnen Wangen, die blauen Lippen und den schwar-\nzen Hals/'\nVor einem Heilemannschen Bilde zerrinnt\ndas gewisse Empfinden, das die Sezession in zwölf\nJahren müjiselig gefestigt hat, augenblicklich zu\neiner Sauce des Entzückens. Die Seichtheit der\nHeilemannschen Malereien entspricht der Ober-\nflächlichkeit der Gesellschaftsbestie. Sie be-\ni\nrühren sich in jenem Punkt, der hinter der Hoff-\nnung gesetzt ist, daß es jemals besser wird. Vor\nder Treffsic h e r h e i t des Heilemannschen\nKönnens jist sie erschossen.\nJede echte Kunst ist und wirkt revolutionär,\naber die bürgerliche Gesellschaft liebt die Ruhe\nund Sicherheit. Was sie aus ihrer tierischen Hin-\ngestrecktheit aufpeitschen will, erscheint ihr\nanarchistisch und unkultiviert. Nur jene Phari-\nsäer, die die ; Kunst jals einen das Leben ver-\nsüßenden Faktor meistern, werden ihre Lieb-\nlinge.\nJene Dame, die ich in der Tiergartenstraße\nvor den Zeichnungen Kokoschkas unbändig\nlachen hörte, wird nachdenklich und ernst vor\neinem Heilemann, da sie sehen muß, daß sich\ndie Frau Kommerzienrat Pinkassohn in einer\nRobe malen ließ, die gekostet haben wird —\n„Aber nur die wenigsten von den vielen,\ndie sich an Heiiemann-Zeichnungen begeistern,\nwissen, daß die schönen Frauen und eleganten\noder charakteristischen Männer, die diese Bild-\nseiten beleben, meist wirkliche Porträts von\nLeuten sind, denen der Künstler, der selbst ein\ngroßes Haus führt, in seinem gesellschaftlichen\nLeben begegnet. Jedes Diner, jeder Theater-\nabend und jedes Fest ist ihm ein willkommener\nVorwand, neue Porträtskizzen in sein Taschen-\nbuch einzufangen, um sie dann, (was denn ? Auf\nuns loszulassen? Nein:) bei passender Gelegen-\nheit in seinen Zeichnungen zu verwerten.\nOhne den natürlichen Reiz seiner schönen\nModelle zu verachten, dichtet der Maler ihnen\ndoch nie unwahre Affektiertheit und falsche Ge-\nziertheit an. '< Nie versucht er einje künstliche\nSteigerung der Bedeutung des Darzustellenden.\nAber: „auf der anderen Seite übt er den Im-\npressionismus nicht wie jene Verächter des ge-\nsunden Menschenverstandes, die als das Ziel der\nPorträtkunst die Verelendigung schöner und ele-\nganter Menschen zu betrachten scheinen, um\nseiner selbst willen, sondern er bedient sich\nseiner Hilfe, um dem Eindruck der Natur recht\nnahe zu kommen.\"\nEr bedient sich also doch auf der andern,\nder billigen Seite einer Kunstrichtung, die schon\nselber nachhinkt. Er findet und nimmt das\nGute dort, wo es sich schon ins Manirierte ver-\nloren hat. Dieser Maler der krassen, unerträg-\nlichen Materialität, der den natürlichen Reiz der\nschönen Modelle nicht verachtet, ihnen aber auch\nnichts andichtet, ist Manna für das Publikum,\ndas eine ewige Wüste der Horizontlosigkeii in\nsich trägt. Es vertieft sich mit Behagen und\nInteresse in einen ausdruckslosen Weiberpodex,\nden Heilemann hinkleckst, aber vor der erschüt-\nternden Tragik der Gesichter eines Verächters\ndes Massenblödsinns fühlt es sich überlegen. O,\nes wrehrt dankend ab.\nEin Doktor glaubt, er verstehe sich auf\nKunst, wenn der dem Kitsch die Gesundheit\naufschwatzt. Allerdings ist der Kitsch nur Glätte,\ner hat nicht Leib noch Seele, er hat nicht ein\neinziges Glied, das von einer Krankheit geadelt\nwerden könnte.\nAber hinter dem Leser der Lustigen Blätter,\nder sich, von den Heilemannschen Zeichnungen\nbegeistert und hingerissen, krank lacht, und dem\nDoktor, der den Heilemannschen Porträts in einer\n„Eleganten Welt\" die Gesundheit, attestiert,\nlaust sich das Leben, eine verwunschene Prinzes-\nsin, in Lumpen.\n\nJoseph Adler"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c010", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "61", "page_fin": "61", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.7.1", "titre_corps": "Wilhelm Morgner: Landschaft mit einer strahlenden Sonne / Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Wilhelm Morgner: Landschaft mit einer strahlenden Sonne / Originalholzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 77, "texte": "Wilhelm Morgner: Landschaft mit einer strahlenden Sonne / Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c011", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "62", "page_fin": "62", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.8", "titre_corps": "Letzte Nachrichten", "titre_sommaire": "Letzte Nachrichten", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.6", "debut_caractere": 4494, "fin_caractere_exclue": 5701, "texte": "Letzte Nachrichten\nDeutschland über Alles\nChristiania, 10 Uhr 45 Min. abends.\n(Telegramm unseres h.-Korrespondenten.) 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Prospekte gratis\nFIMTRITT FPF I Ank&ui guter Graphik\n£1 N IKI I I rKtj u. iiiustrierter Bticher"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c029", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.8", "debut_caractere": 581, "fin_caractere_exclue": 1016, "texte": "• T f-1 -. ■ ,\nAtelier tlanni Schwarz\nInhaberinnen: Marie* Luise Schmidt und Hanni Schwarz\n=s Berlin W 30, Hohenstaafenstrasse 44 111 =\nFernsprech - Anschlufi Amt Lutzow, 9110 :: Fahrstuhl\nGe6ffnet: Wochentags von 9-6, Sonntags von 10-1 Uhr\nPhotographische Arbeiten jeder Art in\n===== kfinstlerischer Ausfuhrung =====\n' •-\nAufnahmen in naturlichen Farben\nSpezialitat: Kinderaufnahmen und Aufnahmen\nim eigenen Heim :: Kurse fur Amateure"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c030", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Rntiquar\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamerstrasse 27b\nFernsprech. Rmt VI 5850\n■ ma\nnUSSTELLUM<3\neiner grossen Kollektion\nliial - Lilhoiii\nvon Daumier / Qavarni /\nBeaumont und anderen\nDie Blatter sind efnzeln kauflich\n■ ■ ■ ■ Besichtigung frel ■ ■ ■ ■\nKL"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c041", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c041", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.38", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.8", "debut_caractere": 3006, "fin_caractere_exclue": 3284, "texte": "Reuss & POllDCl!\nDitUindlßßi n Mmariat\nPotsdamerstrasse 118 c\n:: BERLIM W. 35 ::\nFernsprecher: Rmt Lutzow 2829\nAusstellunq einer Kollekt'on von Ori-\nginalhandzeichnungen des MQnchrrer\nZeic,liners Attilia Sachetto. Besuch frei.\nPaul Graupe\nAntiquariot\nBerlin W35\nLutzowslrassc 38"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c042", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c042", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.39", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.8", "debut_caractere": 3286, "fin_caractere_exclue": 3302, "texte": "Kleine Aitzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c043", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c043", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.40", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.8", "debut_caractere": 3304, "fin_caractere_exclue": 3547, "texte": "Titania-Schreibmaschine\nErste deutsche Schreibmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern\nFabrikat der Akt.-Ges. 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JJWI IJJ'MLLI\n.....Mr\nuu\nRingbahnstrasse 123 a - Fernsprecher: Uhland 595\nSpediteur des Vereins fur Kunst zu Berlin"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c045", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c045", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.42", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.8", "debut_caractere": 3793, "fin_caractere_exclue": 4101, "texte": "Zeitschrijt Per Si arm\nStSndige\nKonigin-Augusta-Str. 51\ngegeniiber der von-der-Heydt-\nStraße / zwischen Hohenzollern-\nund Friedrich - Wilhelm - Straße\nTaglich / auch Sonntags / geoffnet\nEintritt 1 M. / Jahreskarte 6 M.\nZurzeit:\nGraphiK\nPicasso I Gauguin / Herbin /\nHabliK / KoKoschKa /\nKamdinsKy / CampendonK"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c046", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c046", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.43", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.8", "debut_caractere": 4103, "fin_caractere_exclue": 4180, "texte": "Wintergarten\nim Bahnhof Friedrietastrasse\nNeues Program m\nRobledillo\nRudinoff"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-01-01-c047", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-01_01#c047", "volume": "bmtnabg_1912-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.2.44", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.8", "debut_caractere": 4182, "fin_caractere_exclue": 4502, "texte": "Eingetragener Verein\nPassive Mitglieder\nder\nNeuen Secession\nerhalten jahrlich\n1 mehrere graphische\nArbeiten\n2 die Zeitschrift Der\nSturm frei zugestellt\n3 freien Eintritt zu den\nVeranstaltungen der\nN. 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W.: Pfingsten / F. T. MARINETTI: Tod dem Mondschein / RUDOLF LEONHARD: Gedichte / PAUL SCHEERBART: Tiefe\nGeschäftsweisheit / ALFRED DÖBLIN: Der schwarze Vorhang / JOSEPH ADLER: Der geniale Heilemann / H. W.: Letzte Nachrichten /\nALFRED LICHTENSTEIN: Das Konzert / Der Philosemit / AUSSTELLUNO / WILHELM MORGNER: Landschaft / Originalholzschnitt\n\nPfingsten\nH. W.\nNun ist das Fest gekommen, wo der Theater-\nJkritiker und nicht weniger der Musik- und der\nKunstkritiker den Staub der reinsten Stadt der\nWelt von seinen Füßen schüttelt, zweitens er-\nleichtert aufatmet und drittens sich nach allen\nVerrücktheiten der Kunst und den Erhebungen\ndurch Herrn i Professor Reinhardt je nach\nTemperament auf kürzere oder weitere Reisen\nbegibt. Der ei,ne zieht Afrika vor, der andere\nbegibt sich nach der Perle der Ostsee, um dort\nden Fischer zu spielen, die Presse sucht den Geist\nIder Herren Blumenthal, Fulda, Sudermann,\nSommerstorff und Genossen in den mondänen\nBadeorten auf. Das Rundreisebedürfnis hat die\nRu,ndfragennot i beendet. ; Offenbar war kein\nPfingstochse mehr in Berlin anwesend. Kein\nLeser weiß, was kein Dichter nicht gedacht hat.\nNie ist die Luft in Berlin so gut, als wenn der\nKritiker und der Bürger zur Natur zurückkehrt.\nMan atmet frei, wenn alles ins Freie zieht. Die\nKunstmaler haben gute Tage. Unsere Mädchen\nund Frauen haben sich Gesichter und Kleider\ngewaschen, und die Salamanderstiefel strahlen im\nGlanz ihres sonnigen Lächelns. Man kann der\nNatur auf den sauberen Leib rücken und sie mit\nrosa in Schönheit verschmieren. Pfingsten kommt\nschließlich jedes Jahr (wieder, und man muß sich\ndie Feste gefallen lassen, die sie feiern. Die\nKunstkritiker werden nun endlich die grünen\nBäume Behen und die weißen Menschen, die sie\nso lange, nicht am wenigsten durch meine Schuld,\nin den Ausstellungen vermißten. Die akademi-\nschen und die tandern Bürger, die sich über der\nKunst fühlen, werden sich als Künstler fühlen,\nwegen des Künstlerrechts iauf Erotik. Am Strande\nläßt es sich gut dichten, im Sande läßt es sich gut\nmalen, iund die Kurkapelle macht dem vielbeschäf-\ntigten Kaufmann, dem angestrengten Anwalt, (dem\ntüchtigen Beamten die Musik von Richard Wagner\ndazu. Der harte Kritiker freut sich der allge-\nmeinen Lebensfreude, entdeckt in jeder Tochter\ndes Landes eine Begabung, die seiner Begabung\nzur Kunst entspricht. Künstlerinnen müssen das\nLeben kennen lernen, und keiner ist so berufen zu\nführen wie der Kritiker. Wenn die Freiheit der\nKunst nur in der Frechheit sexueller Anbiederung\nbestände, würde der Bürger gern mit seinem\nLeib der Kunst eine Gasse bahnen. Die chantant-\nsingende Portierstochter und die cancantanzende\nBierfahrerwitwe sind bei ihm beliebter als das\n„Familienmädchen\". Mit ein bißchen Konfektion,\ndie' er zu Vorzugspreisen kaufen kann, gottsei-\ndank seinem Beruf, fühlt er das Raffinement der\nschönen Kunst und der schönen Sünde. Man\nist eben Dichter. Ein paar seidene Strümpfe für\nfünfundneunzig Pfennige von W. Wertheim G. m.\nb. H. bringt sonst die Phantasie in die Hausse.\nWarum soll man immer in der Baisse bleiben,\nwenn man sich für fünfundneunzig Pfennig\nOptimismus leisten kann. O lieb', so lang' du\nlieben kannst. Die Stunde naht. Das gnädige\nFräulein, Sie sind sicher Künstlerin, freut sich\ndes Lebens, so lange noch das Lämpchen glüht.\nUnd die Kunst hat die Affenschande davon.\nDiese Bürgergarde von Dichtern, Tenoristen,\nSchauspielern, schriftstellernden Anwälten und\nkomponierenden Oberbeamten ergibt sich vor den\nKollegen, aber sie stirbt nicht an der Kunst. Man\nfingert an ihr herum, als ob sie eine Portiers-\ntochter wäre, man zieht ihr seidene Strümpfe von\nW. Wertheim G. m. b. H. an, um sie zu sehen,\nman wäscht sie weiß, um sie schön zu finden,\nman tut ihr ein Leids an, um sich als Künstler zu\nfühlen. Und wenn sie isich das alles nicht gefallen\nläßt, geht man zur Polizei oder nach Heringsdorf.\nVerrückte Weiber läßt man laufen, oder man zeigt\nsie an. Bürger Europas, überlaßt es den Verrüfck-\nten, die Kunst zu lieben. Kehrt zurück zur Natur.\nDer Baum ist grün, der Himmel ist blau, und die\nSonne scheint. Das Mailüfterl weht. Hinaus ins\nFreie. Und die Künstler mögen Wohnung im\nHimmel nehmen, der ihnen nach der Ver-\nsicherung des Kollegen Schüler zu jeder Zeit\noffen steht. Ich brauche Platz für die Kunst.\n\nTod dem Mondschein!\nZweites Manifest des Futurismus\nVon F. T. Marinetti\nIII\nEs war tiefe Nacht auf dem persischen\nPlateau, dem erhabenen Altar der Welt, dessen\nriesige Terrassen volkreiche Städte tragen. In\nunendlich langer Reihe, längs des Schienenweges,\nbeugten wir uns keuchend über die Antimon-\nund ManganschmelztiegeL deren leuchtende Ex-\nplosion von Zeit zu Zeit die Nackten erschreckte.\nWir blieben im Kreis, bewacht von der majestä-\ntischen Runde der Löwen, die mit starr nach\nhinten gerichtetem Schweif und mit fegenden\nMähnen den tiefen, schwarzen Himmel mit ihrem\nhellen Gebrüll durchbohrten.\nAber langsam durchdrang das laue, glän-\nzende Lächeln des Mondes die zerplatzten Wol-\nken. . . Und als er schließlich wie von grauem\nAkaziensafte Übergossen schien, da fühlten die\nVerrückten, wie ihr Herz sich aus ihrer Brust\nlöste und zur Oberfläche der flüssigen Nacht\nemporstieg. . .\nPlötzlich zerriß ein lauter Schrei die Luft;\nman schrie durcheinander; man lief zusammen...\nEin junger Verrückter mit den Augen einer Jung-\nfrau war wie vom Blitz erschlagen auf den\nSchienenweg gefallen.\nSchnell hob man seinen Leichnam auf. Er\nhielt zwischen seinen Händen eine weiße, sehn-\nsüchtige Blume, deren Griffel wie die Zunge einer\nFrau zitterte. Einige wollten sie berühren, doch\ndies war unheilvoll, denn sogleich mit der Leich-\ntigkeit einer Morgenröte, die über dem Meere\naufgeht, löste sich — welch Wunder — von\nder welligen Erde schluchzendes Grün.\nAus der bläulichen Brandung der Wiesen\ntauchten wie Dampf die Haare unzähliger\nSchwimmerinnen auf, die seufzend den Kelch\nihres Mundes und ihrer feuchten Augen öff-\nneten. In dem Meer von Duft sahen wir dann\neinen Fabelwald um uns herum wachsen, dessen\ngewölbte Blattdächer von dem schmeichelnden\nVorüberstreichen eines nur zu langsamen Win-\ndes erschöpft zu sein schienen. Und über allem\nbittere Zärtlichkeit . . . Die Nachtigallen tranken\nden duftenden Schatten mit lautem Freudengluck-\ngluck; ein andermal wollten sie vor Lachen er-\nsticken, indem sie Versteck spielten wie mut-\nwillige, schalkhafte Kinder . . . Süßer Schlummer\nerfaßte das Heer der Verrückten, die vor Ent-\nsetzen zu schreien begannen.\nSofort stürzten die Raubtiere zu ihrer Ver-\nteidigung herbei: dreimal, zu springenden\nKnäueln zusammengepfercht, mit klammernden\nAnsprüngen explodierender Wut griffen die Tiger\ndie unsichtbaren Phantome an, von denen die\nTiefe Idieses Zauberwaldes erbebte. . . . Endlich\nwar die Bresche geschlagen, gewaltige Konvul-\nsion getöteten Blattwerks, das durch sein Stöhnen\ndie fernen, schwatzhaften Echos aus den Nischen\nder Berge weckte. Aber als wir uns Seite an\nSeite bemühten, unsere Beine und Arme von den"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.2", "texte": "letzten, uns liebevoll umklammernden Lianen zu\nbefreien, fühlten wir die sinnliche Luna mit den\nschönen, warmen Schenkeln, die sich schmach-\ntend unseren von Müdigkeit gebrochenen Riick-\ngraten hingab. Jemand schrie in die luftige Ein-\nsamkeit der Berge:\n„Tod dem Monschein!\"\nDie einen rannten zu den nächsten Kaskaden ;\nriesige Räder wurden montiert, und Turbinen\nverwandelten die Schnelligkeit der Wasser in\nmagnetische Spannung, die an Drähten über Stan-\ngen in die leuchtenden, summenden Globen\nkletterte.\nSo ließen dreihundert elektrische Monde\ndurch ihre glänzenden, kreidefarbigen Strahlen\ndie alte, grüne Liebeskönigin verblassen.\nUnd der militärische Schienenweg wurde ge-\nlegt, ein närrischer Schienenweg, der den Kamm\nder höchsten Gebirge entlangführte, wohin sich\nsogleich unsere wuchtigen, von unseren grellen\nSchreien widertönenden Lokomotiven von\nGipfel zu Gipfel warfen; sie sausten in die Ab-\ngründe, kletterten überall wieder hinauf, auf der\nSuche nach lüsternen Abgründen, nach unmög-\nlichen Kurven und Zickzacks . . .\nWeit im Umkreis bezeichnete unser grenzen-\nloser Haß den flüchtlingbedeckten Horizont . . .\nEs waren die Horden von Paralysia und Poda-\ngra, die wir nach Hindostan zurückwarfen.\nIV\nO leidenschaftliche Verfolgung! .. . Wir\nüberschreiten den Ganges! . . . Endlich, endlich\njagte der ungestüme Atem unserer Brust die ab-\nschüssigen, feindseligen Wolken vor uns her, und\nwir sahen am Horizont die grünlichen, hüpfen-\nden Wogen des Indischen Ozeans, der mit Gold-\nstrahlen tändelt. Tief im Golf von Oman und\nvon Bengalen bereitete er heimlich die Invasion\ndes Festlandes vor.\nSogleich streckte die unendliche Masse der\nvon den Verrückten gerittenen Raubtiere un-\nzählige Köpfe über die Wogen, unter dem Wirbel\nder Mähnen, die den Ozean zu Hilfe riefen.\nUnd der Ozean antwortete auf diesen Aufruf: er\nwölbte seinen Riesenrücken und erschütterte die\nVorgebirge, bevor er Anlauf nahm. Lange ver-\nsuchte er seine Kraft, indem er seine Hüften\nwellte und seinen Bauch in rhythmischem Klipp-\nklapp krümmte zwischen seinen weiten, elasti-\nschen Grundfesten.\nDann, mit einem gewaltigen Schlage seiner\nHüften erhol der Ozean seinen massigen Körper\nund stieg weit über das bisherige Ufer ... Da\nbegann die furchtbare Invasion.\nUmhüllt von den stampfenden Wogen, die\ngroßen Globen aus weißem Schaum glichen und\ndie die Kuppen der Löwen bespritzten, schritten\nwir daher . . . Die hinter uns im Halbkreise auf-\ngestellten Löwen verlängerten das Krachen, den\nzischenden Geifer und das Heulen des Wassers.\nManchmal betrachteten wir vom Gipfel der Hügel,\nwie der Ozean sein riesiges Profil aufblies wie\nein unermessen großer Walfisch, der sich vor-\nwärts stößt auf Millionen von Flossen. So führ-\nten wir ihn bis an die Kette des Himalaya und\nstießen die wimmelnden Horden Paralysias und\nPodagras zurück, indem wir uns bemühten, sie\ngegen die Seiten des Gaurisankar zu drängen.\n„Schnell, schnell, Brüder . . . Sollen die Tiere\nuns überholen? . . . Wir müssen in der ersten\nReihe bleiben trotz unserer Schritte, die die Säfte\nder Erde aussaugen! . . . Pfui über unsere be-\nsudelten Hände und über unsere wurzelgehemm-\nten Füße! . . . )0 wir armen, unstet umher-\nschweifenden Bäume! . . . Wir brauchen Flügel!\nBauen wir also Aeroplane!\"\n„Blau sollen sie sein!\" schrieen die Verrück-\nten. „Damit wir uns besser vor dem Feinde ver-\nbergen und uns besser dem Azur des Himmels\nmischen können, wenn der Wind über die Gipfel\nfegt!\" ,\nDie Verrückten raubten in den Pagoden alte\ntürkisblaue, Buddha geweihte Mäntel, um ihre\nFlugapparate zu bauen.\nWir schnitten unsere futuristischen Aero-\nplane aus der ockerfarbenen Leinwand großer\nSegel. Die einen haben Flügelverwindung und\nerheben sich, durch ihren Motor, wie ein\nblutiger Kondor das von ihm geraubte Lamm\nträgt. Mein Apparat ist ein vielzelliger Drei-\ndecker mit Schwanzsteuerung, 100 HP., acht\nZylinder, 80 kg . . . Zwischen meinen Füßen be-\nfindet sich eine ganz kleine Mitrailleuse, die ich\ndurch einen Druck auf einen Stahlknopf abfeuern\nkann . ..\nUnd man fliegt los, berauscht von geschickter\nSteuerung, von dem schnellen, leichten, knattern-\nden Flug im Rhythmus eines Trinklieds.\nHurra! Endlich verdienen wir, die große\nArmee der Verrückten und entfesselten Raub-\ntiere zu befehligen! Hurra! Wir beherrschen\nunsere Nachhut: den Ozean und seine Hülle\nschäumender Kavallerie! .. . Vorwärts, Ver-\nrückte, Löwen, Tiger und Panther! Unsere Aero-\nplane werden eure Standarten sein! . . . Unsere\nAeroplane werden eure leidenschaftlichen Ge-\nliebten sein! ... Sie schwimmen mit offenen\nArmen auf der Brandung des Blattwerkes. Nach-\nlässig recken sie sich auf der Schaukel der Winde!\nSeht, dort oben rechts, diese blauen Schiffchen ...\nDas sind die Verrückten, die ihre Aeroplane in\nder Hängematte des Südwindes schaukeln! . , .\nIch, ich sitze wie ein Weber vor dem Webstuhl\nund webe den seidigen Azur des Himmels! . . .\nGefallen euch diese frischen Täler, diese mürri-\nschen Berge, über deren Gipfel wir fegen? . . .\nGefallen euch diese Herden rosiger Schafe, die\nsich an die Abhänge der Hügel klammern und\nsich dem Abend hingeben? . . . Einst liebtest\ndu sie, meine Seele! . . . Nein! Nein! Genug!\nNiemals mehr wirst du so geschmacklos sein!\nDas Schilfrohr, aus dem wir einst Flöten schnitz-\nten, bildet jetzt das Gerippe meines Aeroplans!\n.. . Sehnsüchtiges Heimweh! Rausch des\nTriumphs! . . .\nBald werden wir die Bewohner Podagras und\nParalysias erreicht haben, denn wir halten unseren\nKurs trotz allen Gegenwindes . . . Was zeigt das\nAnemometer? . . . Dieser Wind hat eine Ge-\nschwindigkeit i von hundert Kilometern in\nder Stunde! Um so besser! ... Ich steige\nauf zweitausend Meter, um das Plateau zu über-\nfliegen . . . Da, da sind die Horden . . . Dort,\ndort vor uns und schon unter uns! Seht, gerade\nunter uns, wie zwischen dem Grün der Wiesen\nund Wälder dieser menschliche Gießbach dahin-\nbraust! ... Dieser Lärm? Das Krachen der\nBäume! Ah, ah! Alle sind sie gegen die Wand\ndes fGkurisankars gedrängt! . . . Und wir werden\nihnen eine Schlacht liefern! . . . Hört ihr unsere\njMotore, wie sie vor Freude klatschen? . . . He,\ngroßer Indischer Ozean, heran!\nFeierlich folgt er uns, stürzte die Wälle der\nehrwürdigen Städte, warf die berühmten Türme\num, die in ihrer klingenden Rüstung alten Rittern\nglichen, und die jetzt von dem marmornen Sattel-\nbogen der Tempel heruntergerissen wurden.\nEndlich, endlich seid ihr vor uns, ameisen-\nwimmelnde Horden Podagras und Paralysias, die\nihr die schönen Abhänge der Berge wie ein\nschrecklicher Aussatz bedeckt! Flügelschlagend\nfliegen wir euch entgegen, rechts und links die\nLöwen, unsere Brüder, und hinter uns die dro-\nhende Freundschaft des Ozeans, der uns Schritt\nfür Schritt nachkommt, um jedes Zurückweichen\nunmöglich zu machen! . . . Das ist eine einfache\nVorsichtsmaßregel, denn wir fürchten euch nicht!\n.... Aber ihr seid unzählig! . . . Wir könnten\nwohl unsere Munitionen erschöpfen, würden wir\nalt während des Blutbades! . . . Ich werde die\nSchußlinie festsetzen! . , . Achthundert Meter!\nAchtung! . . . Feuer! . . . O Rausch, wie einst\nin der Schule zu spielen! . . . Oh! Rausch, mit\ndem Tode Murmeln zu spielen! . . . Und ihr\nkönnt sie uns nicht mehr klauen! . . . Noch\nweiter flieht ihr . . . Dieses Plateau wird rasch\nüberflogen sein . . . Mein Aeroplan rollt auf\nseinen Rädern, gleitet auf seinen Kufen, und von\nneuem erhebt er sich! ... Ich richte mich im\nWinde auf . . . Bravo, die Verrückten! Auf zum\nKampf! Da! . . . Ich reiße die Zündung zurück,\num glatt zu landen, — Gleitflug, großartige Sta-\nbilität — mitten im Handgemenge!\nDer Sieg ist unser, sicherlich, denn-schon\nwerfen die Verrückten ihre Herzen in den Himmel\nwie Bomben! . . . Achthundert Meter! , . . Ach-\ntung! . . . Feuer! . . . Unser Blut? . . . Ja, all\nunser Blut, in Strömen, um die kranke Morgen-\nröte der Erde wieder zu färben! . . . Wir werden\ndich zwischen unseren rauchenden Armen er-\nwärmen, arme, siechende, fröstelnde Sonne, die\nüber dem (Gipfel des Gaurisankars vor Kälte\nzittert!\nAutorisierte Uebertragung aus dem Französischen von jean-Jacques\n\nGedichte\nRudolf Leonhard\n\nIm Abend\nI Des Tages letztes Sonnenblut verrinnt\nTief in des stillen Abends offne Hand,\nSchwarzblaue Wolken bauen Welt an Welt\nEs brausen immer neue Ströme Wind\nAus fernen Quellen über dunkles Land.\nUnd eng geschlossen wartet Feld an Feld;\n\nVor der Schwelle\nIch horchte zögernd rückwärts von der Schwelle,\nAls käme durch den Raum ein leises Rufen.\nDoch schlief sie still; ich ließ die Türe klinken.\nDa fühlt ich's in die müden Augen blinken —\nUnd vor mir lag auf alten Treppenstufen\nEin Bündel Mondschein wie ein blankes Tier,\nDas hütete den Weg zu ihr, von ihr —\nUnd lächelnd trat ich auf die schmale Helle.\n\nTiefe Geschäftsweisheit\nEine Mondschein-Novelle\nVon Paul Scheerbart\nDer Vollmond stand dicht über dem Horizont\n— ganz groß und rot. Durch die Kornfelder\nrannten die Hasen, tand die Fledermäuse flatterten\nüber dem Bahndamm um die Telegraphendrähte\nrum. Und drei Einbrecher krochen in das dichte\nGebüsch des Waldparks.\nEin Schnellzug fuhr vorüber, und auf der\nVeranda des Herrn Piepenhagen schaukelten\nzwanzig karminrote Papierlampions. Während-\ndem ging die Auguste, die bei Schultze-Bernau\nals Köchin diente, mit dem Hausdiener Johann\nlangsam dem Waldpark zu.\nUnd der Johann sagte schmunzelnd:\n„Glaube mir, liebe Auguste, je schlechter es\nden Menschen geht, um so besser ist der gute Ge-\nschäftsmann dran. Der macht grade dann die\nbesten Geschäfte, wenn die Menschen nicht\nwissen, wo sie vor lauter Sorgen bleiben sollen.\nDas kannst du dir ja leicht vorstellen; haben die\nLeute Geld genug, So brauchen sie keinen Helfer.\nUnd — wo bleibt da das Geschäft? Hieraua\nerkennst du auch gleich, daß heutzutage für den\nGeschäftsmann der Weizen blüht, da es sehr\nvielen Leuten sehr schlecht geht. Jetzt werden"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.3", "texte": "wir also bald weiterkommen. Und nächste Ostern\nkönnen heiraten. Darauf kannst du dich ver-\nlassen.\"\n„Das wäre ja fein!\" sagte die Auguste.\nDoch sie wollte nun gleich etwas Näheres\nvon den Geschäften ihres Johanns wissen, und\nder ließ sich tiicht lange bitten — er war so recht\nin seinem Fahrwasser. i\n„Du weißt ja, liebe Auguste,\" fuhr er leb-\nhaft fort, „daß ich jetzt in Mutterns Grünkram-\nkeller tätig bin. Zu Weihnachten soll ich Teil-\nnehmer am Geschäft werden; Mutter hat eben\neingesehen, daß ich lein guter Geschäftsmann bin.\nUnd das kam so: Mutter ärgerte sich, daß ich\nimmer nur mit ganz dummen Kerls verkehrte,\nbesonders über August ärgerte sie sich, den du\nja ken'nst. Wenn Mutter darüber redete, lachte\nich immer ganz verschmitzt und sagte nur: Na\nwarte nur! Du wirst mir noch1 mal dankbar sein\nfür meine dummen Kerls. Und die gute Gelegen-\nheit kam auch bald. Du mußt nämlich wissen,\nliebe Auguste, wodurch man zum Geschäfts-\nmann wird. Sieh mal, der muß stets darauf be-\ndacht sein, andern Leuten was wegzunehmen,\nohne dabei eingekastelt zu werden. Wer aber\nläßt sich was wegnehmen ? Wer ist so gutmütig,\ndaß er das, was man haben will, gutmütig her-\ngibt? Wer ist so dumm? Doch nur der Dumme!\nUnd darum muß der gute Geschäftsmann nur\nmit den Dummen verkehren.\"\n„Jh du, Johann!\" rief da die Auguste lachend,\n„darum verkehrst du auch wphl mit mir, nicht\nwahr?\"\n„Liebe Auguste,\" sagte da der Johann, „ein\nguter Geschäftsmann wird sich doch keine\ndumme Frau nehmen. Die könnte ihm doch nur\nalles verfahren. Eine dumme Frau ist viel ge-\nfährlicher, als du denkst. Doch jetzt hör mal\nerst die Geschichte vom dummen August. Der\nerzählte mir eines Tages, daß er für dreitausend\nMark Brennholz liefern sollte. Und ich sagte\nihm: verlange nur dreihundert Mark mehr. Und\ndas tat er auch. Ich aber erzähle die Geschichte\nMuttern und sage ihr, sie solle zu der bewußten\nFirma hingehen und ihr Brennholz anbieten.\nDa nun die Firma soeben den Brief vom August\nbekommen hatte, war sie sehr ärgerlich, und\nMutter bekam den Auftrag, für dreitausend\nMark Brennholz zu liefern. Das war ein hübsches\n*\nGeschäft, Mutter teilte mit mir. Und August\nmerkte nichts; der ist so dumm, daß man\nlachen muß.\"\nAuguste lachte auch, aber sie sagte dabei:\n„Es ist nur gut, daß ich kein Mann bin,\nsonst müßte ich mich vor dir sehr in acht\nnehmen.\"\nJohann aber fuhr fort, nachdem sie sich\nauf eine Parkbank gesetzt hatten mitten in den\nMondenschein.\n„Du ahnst es nicht,\" sagte er, „woran man\ndie Dummheit der Menschen erkennt Ich wills dir\nerzählen: an seiner Unzufriedenheit erkennt man\nden Dummerjahn. Wer so recht unzufrieden mit\nseinem Schicksal ist — der ist immer ein kleines\nSchaf. Darauf kannst du dich verlassen. Der\nkluge Mann fängt alles so an, daß er stets zu-\nfrieden ist. Wodurch werden denn die Leute\nunzufrieden mit ihrem Leben? Doch nur da-\ndurch, daß sie Dummheiten machen. Mach\nkeine Dummheiten, so bist du ein zufriedener\nMensch und wirst immer Geld in der Tasche\nhaben. Wenn ich nun die Dummen suche, so\ngeh ich also zu den Unzufriedenen. Das sind\ndiejenigen, die immer gerne Revolution machen.\"\nDa knisterte es hinten im Gebüsch, Johann drehte\nsich um, sah laber nichts; der Mond beschien nicht\ndas Gebüsch; zwei Fledermäuse flatterten vor-\nüber.\nAuguste rief:\n„Sieh nur die Fledermäuse!\"\nJohann sah ihnen nach, vergaß, daß es vor-\nhin im Gebüsch knisterte, und fuhr in seiner Be-\nlehrung fort:\n„Mit den Revolutionären/' rief er ganz laut,\n„ist immer das beste Geschäft zu machen. Da-\nrauf kannst du dich verlassen.\"\n„Das solltest du,\" sagte Auguste rasch und\nleise, „nicht so laut sagen, sonst hält man dich\nauch für einen Roten — und dann wirst du ein-\ngekastelt.\"\n„Hier,\" rief Johann abermals ganz laut, „wird\nuns kein Mensch belauschen. Was ich gesagt\nhabe, ist eine tiefe Geschäftsweisheit.\nSo was hörst du nicht alle Tage. Du glaubst\nja gar nicht, wie dumm die Kerls sind. Die Roten\nfallen auf alles rein. Sie wären ja gar nicht rot,\nwenn sie immer klug gehandelt und ihr Schäfchen\nbeizeiten ins Trockene gebracht hätten. Wahr-\nlich, ich sage dir, an ihre Unzufriedenheit sollst\ndu die Dummen erkennen. Die machen auch\nnoch mal eine Revolution — die Kerls sind so\ndumm. Ich rede ihnen gut zu und mach mein\nGeschäftchen dabei — mit jedem einzeln —\nimmer anders. Ostern können wir heiraten, liebe\nAuguste!\"\n„Sei nur immer,\" sagte die Auguste, „schön\nvorsichtig, damit sie nichts merken. Sonst ver-\nhauen sie dich noch mal. Mit den Roten ist\nnicht zu spaßen.\"\n„Ich bin doch kein Dummerjahn,\" rief nun\nganz erregt der Johann, „ich verstehs, mit Re-\nvolutionären umzugehen. Jch geh auf alles ein\nund rede dann ein paar kluge Worte, spreche über\nRevolutionen im allgemeinen — über russische\nund spanische Revolutionäre, daß den Roten ganz\nrot vor den Augen wird. Dann sehen sie nicht\nmehr ordentlich, und man kann das Geschäft\neinleiten. Die Zukunftsrevolutionen . . .\"\nBei dem letzten Worte Johannes brachen die\ndrei Einbrecher aus dem Gebüsch hervor, hiel-\nten drei Revolver dem Johann vor die Nase,\nund der Aelteste von den dreien sagte leise:\n„Sie sind wegen Aufreizung zur Gewalt und\nwegen offenkundiger Geheimbündelei verhaftet;\nsetzen Sie sich nicht zur Wehr, sonst schießen\nwir Sie nieder. Wir sind Geheimpolizisten und\nhaben gehört, was Sie sagten. Hier ist meine\nErkennungsmarke.\"\nDanach zeigte der alte Einbrecher dem ver-\nblüfften Johann ein altes Stück Blech in der linken\nHand. Auguste fiel in Ohnmacht.\n„Meine Herren,\" sagte Johann leise, „ich\nsehe, Sie wollen mit mir ein Geschäft machen,\nDa sind Sie grade an den Richtigen gekommen,\ndenn ich bin ein guter Geschäftsmann. Was be-\nkommen Sie denn dafür, wenn Sie mich ver-\nhaften? Viel doch nicht. Jeder bekommt doch\nhöchstens zwanzig Mark dafür. Gut! Ich biete\njedem von Ihnen einen Hundertmarkschein,\nwenn Sie mich freilassen.\"\nDie Geheimpolizisten sahen einander an, und\ndann sagte der Aelteste:\n„Die Verhaftung fand vor Zeugen statt.\"\n„Oh!\" sagte Johann leise, „meine Auguste\nhört und sieht augenblicklich nichts. Sie wird\nnachher schon wieder zu sich kommen, und dann\nsind sie nicht mehr hier.\"\nJohann holte nach diesen Worten ein kleines\nBuch aus der Tasche und entnahm ihm drei\nScheine, die er freundlich den drei Herren über-\nreichte. Diese steckten die drei Revolver ein und\ndie Scheine ebenfalls und verschwanden wieder\nim Gebüsch.\nDer Hausdiener horchte mit der Hand am\nOhr in den Waldpark hinein, und als er die\nSchritte der Verschwundenen nicht mehr hörte,\nriß er einen Grashalm aus und kitzelte damit der\nAuguste unter der Nase.\nAuguste erwachte, sah ganz verwirrt um-\nher, und rief dann laut:\n„Wo sind die drei?\"\n„Die,\" versetzte Johann, „hängen da drüben\nan der großen Eiche. Siehst du sie nicht? Ich\nhab sie umgebracht und dann da drüben auf-\ngehängt. Jeder Mensch wird glauben, daß da\ndrei arme Selbstmörder hängen.\"\nAn der Eiche hing auch etwas, und der\nSchatten des Mondscheins vergrößerte dieses Et-\nwas. Auguste sah hin und schrie furchtbar auf\nund lief dann wie eine Rasende davon. Johann\nlachte ihr nach, daß es schauerlich durch den\nWaldpark schallte. Wieder flogen zwei Fleder-\nmäuse vorüber und streiften beinahe Johanns\nMütze — das erschreckte ihm aber nicht; er\nging lächelnd nach Hause zu Muttern.\nUnd Muttern erzählte er lachend die ganze\nGeschichte. Mutter schlug die Hände überm\nKopf zusammen, als sie hörte, daß ihr Johann\ndreihundert Mark diesen Revolverhelden über-\ngeben hatte.\nAber Johann lachte immerzu, und die Mutter\nsagte schließlich heftig:\n„Bist du denn närrisch geworden?\"\n„Nee,\" versetzte der biedere Hausdiener und\nsehr gute Geschäftsmann, „aber die Scheine waren\nja falsch. Ich bekam sie neulich von einem Ro-\nten, der auch ein guter Geschäftsmann ist. Im\nLaden wollten wir die Scheine alle beide nicht\nausgeben — aber, was nicht im Laden geht —\ndas geht doch im Mondenschein. Der Monden-\nschein war herrlich, liebe Mutter.\"\nAm nächsten Tage aber kam ein Brief von\nder Auguste, die bei Schultze-Bernau im Dienst\nstand. In dem Briefe war mit großen zitternden\nBuchstaben geschrieben:\nKomm nicht wieder zu mir! Sonst zeig ich\ndich an. Ich habe Angst vor dir, will deine\nFrau nicht werden. So dumm bin ich nicht, wie\ndu denkst. Ich laß mich nicht an einem Eich-\nbaum aufhängen. Ich gehe zum August.\nAuguste/'\n\nDer schwarze Vorhang\nVon Alfred Döblin\nRoman\nWarum ich? Sie mag es Liebe heißen.\njWarum liebt sie mich, gerade mich? Sie —\nljiebt, vaber nicht gerade mich; mag sie auch\nnoch so zärtlich auf meini Auge und mein Haar\nschauen. Unruhige, lachhafte kleine Zufällchen\nhaben sich gehoben, um ihre Liebe mir auf das\nHaar zu legen, zwischen heute, gestern und\nMonaten und Wochen, bis der Kranz dicht und\nvoll war, in dem wirres, seltenes und gemein\nalltägliches blüht.\n! Den Kranz muß ich dulden und mich seiner\nfreuen. Wir leiden unter tausend Qualen, tausend\nWunder entzücken unsre Herzen.\n1 Wir sind alle geborene Dirnen.\nI Wo ist die Staude, die unbrechbare gerade\nStaude, die für mich, für mich gewachsen ist?\nWo ist meine Staude? Mein Geliebtes? — Oh,\ndie Staude wächst nimmer.\nJohannes, was wirft und wälzt sich deine\nSchwere? Ach, mich drückt's, daß sie auf solch\nklingelndem Schlitten, närrisch vor mein Haus\ngefahren kommt.\nl Und von ihr schwand immer mehr die Klar-\nheit und gelassene Sicherheit. Das Geheimnis\nihrer Liebe, das Seltsame und Fremdartige ihres\nGefühls für ihn drängte sie in sich hinein, und\nhier wußte sie sich nicht aus.\nSie wusch sich morgens und badete abends,\ndazwischen sprang, hüpfte und schritt ihr Leben\nwie sonst. Aber wenn sie sich umschaute, fühlte\nsie sich verwandelt. Sie war wie tief von innen\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.4", "texte": "ergriffen, von einer Faust unter die Oberfläche\ngedrückt. Die Dinge, zwischen denen sie ver-\ntraulich ging, wichen erschreckt vor ihr zurück\nund um sie schlangen sich weite und enge Kreise.\nSie war zum Muschelsuchen an den Strand\ngelaufen, hatte sich mit zitternder Lust von den\nWellen tragen lassen, war auf ein offenes, seele-\nerstarrendes Meer hinausgeschaukelt.\nNoch erschauerte Johannes manchmal unter\nihrem Blick, so daß seine Worte versiegten. Seine\njäjhe Dankbarkeit wollte ihn von ihr fortreißen:\ndie gütige durfte ihn nicht lieben, nicht gerade\nihn, den Sündigen; sie mußte sich von ihm\nhalten. Doch mochte er sie hassen und ver-\nnichten, wenn sie ihn miede; in seiner Dank-\nbarkeit mischte sich Verachtung, daß sie ihn nicht\nverachtete, und so schweifte er um sie. Oft\nstreichelte er ihr, tiefernst, fast mit Tränen in den\nAugen, die Wangen, oder küßte sie und ging\nwortlos neben ihr her, während seine Seele, fast\nverwundert über sich selbst, dieses tiefe Glück\nüber sich strömen ließ, und schwer wurde und\nsich zur Erde senkte.\nSie liefen Hand in Hand zwischen den Kiefer-\nstämmen in der reinen Luft; sie warfen sich\nnieder in das Gras. Sie hielten sich umschlungen;\nes war ein Küssen ohne Ende. Wie ihre Lider\nsich halb über die Augen senkten, während sie\nden Kopf lässig zurücklehnte und die vor Er-\nregung verschleierten Augen ineinander ruhten.\nDie Lippen fest auf volle Lippen pressend, küßten\nsie saugend und spürten den leicht alkalischen\nGeschmack ihrer Münder.\nEs war ein bunter Herbst, da gingen sie\nwieder durch den Wald. Uralte Moosbärte\nwehten von den Aesten mancher Bäume; von\neinigen Bäumen schilferte die borkige Haut in\nlangen Streifen ab. Andre waren in die Erde\neingespießt, wie umgekehrte Flederwische, oder\nstanden um sie herum, über und über be-\nwachsen, wie nackte Männer mit behaarten\nBeinen. Dann gab es welche, die mit Beulen\nübersät waren, und aus breiten Geschwüren\neiterten. Immer stießen sich beieinander Krüppel\nund junger Schlankwuchs und greise vernutzte\nVetteln. Durch diese sonderbare grüne Welt\nschritten der Breitstirnige und die sanfte\nErnste, deren Blicke an seinem Gesicht hingen,\nund rissen sich die Worte von den Lippen.\nIhre ungefüge Schwere lichtete und leichtste\nsich immer mehr zu vermessener Lust. Das\nheftige Reiben und Schwirren der Aestchen,\nBlätter, lockte ihre Ohren.\nUnd plötzlich sahen sie, wie eine dürre,\nstark seelische, fadenscheinig aufgeputzte Tannen-\njungfer einen schmerbäuchigen Bierbrauerbaum\numarmte, ihm Liebe und ewige Treue schwur.\nIrene begann wilder zu lachen; sie lachte, daß\nihr Leib zuckte und sich zusammenkrümmte.\nDie Rothaarige riß sich von Johannes los; sie\ntanzte heißwangig um das seltsame Baumpärchen,\ndann warf sie sich in das Gras unter dem dicken\nwürdigen Baum, erhitzt, sich vor Lachen\nschüttelnd, während der schwere Große sich die\nStirne trocknete und das Blut in seinen Augen\nzu beruhigen suchte, die wie die Waldlichter\nflimmerten.\nAuch ihn schwindelte, und er wußte nicht,\nwo er stand. Als er auf die Lachende unter dem\nBaume sah, erzürnte sich still etwas in ihm,\nwie damals, als sie über seine Worte hinweg-\ndachte, und es gelüstete ihn, ihre Glieder ge-\nwaltsam gerade zu biegen, und den wirren Kopf\nstark in den Nacken zu drücken, trotz ihrem\nWiderstreben.\nDaß sie nicht mehr lachte! Ja, wenn sie\nweiter lachte, müßte er nach ihrem weißen runden\nHals greifen, würden seine Hände den schnee-\nweißen, o schneeweißen Hals würgen müssen!\nWenn sie jetzt weiter am Boden lachte.\nEr richtete sich gerade auf; etwas kaltes,\nherrisches, unbekümmertes durchstraffte ihn und\nspannte seine Muskeln, als müßte er auf die Hin-\ngeworfene springen, die Finger in ihre Arme\nschlagen.\nEr sdiloß die Augen, zwang sich und\nwurde schweigsam. Sie gingen weiter zwischen\nden Stämmen. Da erschrak er über sich und\nentsetzt baten seine Gedanken ihr ab. Er hielt\nihre Hand fest; Irene war ihm so herzlich nahe\nwie ein Kind, das er schützen mußte. Aber $ie\nsollte nicht von ihm gehen, ihn nicht allein lassen,\nsie sollte ihn selber beschützen, oder doch ihn\nfliehen: das wäre das Beste und Liebste. Warum\nlief er selbst nicht fort und ersäufte sich wie\neine junge Katze, da er sie doch1 liebte? Er mußte\nfortlaufen, sich verstecken, wo dunkle Höllen-\nflammen brennen: er könnte sie nicht inniger\nlieben, die gütige, als so.\nEr schloß die Augen, um ihrem Blick zu ent-\ngehen. Nachdem die lodernde Kälte, die sich in\nseine Glieder und bis in seine Kaumuskeln (ge-\nreckt hatte, verschwunden war, wenn auch jede\nErinnerung an Irenes fessellose Wildheit sie\nwieder aufsteigen ließ, strömte eine lösende süße\nErregung ihm über die Stirn, Wangen, Lippen,\nbis in die Zähne hinein. Während Irene sich an\nihn schmiegte, scheute er sich, sie zu küssen\nwie sonst. Er horchte nicht mehr auf ihr Plaudern,\nder Verfinsterte.\nPlötzlich waren diese Gedanken in ihn ge-\nkommen. Auf die reine Sanfte, stürzte er sich.\nSie war aber doch Irene, der seine Dankbarkeit\nanhing und kein Weib. Warum lachte sie so?\nOh! Warum? Jetzt ging er sie niederwerfen,\nwie man ein Weib niederwirft. Jetzt mußte er sie\nmorden. Er suchte sich mit Anstrengung der\nGedanken zu erwehren; er sträubte sich gegen die\nSünde an der, die er liebte. Und doch reizte ihn\ndas aufregende einmal begonnene Spiel mit den\nGedanken, das er mit hellem Atem unternahm,\nimmer von neuem, grausam, verwegen, selbst-\nmörderisch, heiligenschänderisch.\nEr könnte es nicht zügeln. Schon suchte sich\ndas unbändige Gefühl izu rechtfertigen: diesq\nschlagende Lust hatte ihn zu Irene geführt, dort\nim Garten, als sie ihm schwieg — bis er wieder\nin die Ohnmacht und Trauer verfiel, aus der\ner sich hob zu ihr.\nEr besann sich: hatte er nicht den Wejg\nverloren, und fand ihn jetzt wieder; seinen:\nKampfes- und Verteidigungsweg wider das\nWeib? Es kann nicht geschehen, daß sich Men-\nschen lieben; sie müssen sich hassen und be-\nzwingen. Sie war mit Schmeicheln hinterlistig\nin ihn eingedrungen, Irene, die ihn vergesset\nließ, daß sie sein Feind war, in ihrer heimlichen;\nSchlangenklugheit. Schon hatte sie fast gesiegt\nüber den Unklugen, den sie mit ihrem klaren!\nAntlitz höhnte, wie niemand höhnte. Jetzt hatte\ner sie durchschaut, wollte sich wehren, und was\nihn gegen sie drängte war gut, war das Beste in\nihm.\nVor ihr Bild flog er dann wieder; in\nverzweifelter Wut bot er alles auf, um sich zu\nbesänftigen.\nEr klagte sich an, schleppte sich mit den\nentsetzlichen Grübeleien umher und übertrug\nvon seinen Gedanken unwillkürlich auf sie durch1\nwildes Abwenden, unerklärtes Meiden, im Zögern\ndes Händedrucks, in raschen Blicken und in der\nGewalt des Kusses.\nDa lachte sie nicht mehr.\n\nFortsetzung folgt\n\nDer geniale Heilemann\n\nDie „Elegante Welt\" nennt sich ein Blatt,\ndas im Trödelverlag Eysler u. Co. erscheint und\neinen Kraemer zum Herausgeber hat. Ein\nSchwesterblatt der vulgären „Lustigen Blätter\",\nträgt es die Aufmachung eines Parvenüweibes;\ngleicht ihm in allem. Außen geleckt, innen, bis\nins Inseratenhemd, bedreckt. Ueber alles wird in\ndiesem Schmarotzerblatt geplaudert. Alles\nist Süße und Puppigkeit darin, und das eben wird\nnur durch die bunten Scherben des Talmiesprits\nbezwinkert. Ueber Kunst, wiewohl diese ern-\nster und tragischer als das Leben ist, wird mit\nder vergnügtesten Fratze von der Welt g e r e d ' t.\nDer Herausgeber selber, der Doktor Kraemer,\nbehandelt sie. Er ist ihr, obzwar sie ihn nicht,\num Gottes Willen nicht, hat rufen lassen, an\nden Leib gerückt und hat ihrem Pulsschlag ge-\nhorcht. Sie ist kerngesund, hat er letzthin kon-\nstatiert, sofern sie von einem Ernst Heilemann\nbetrieben wird. Man ist, hat er erklärt, „der\ngrundsätzlichen Verachtung aller Geschmacks-\nqualitäten, in der sich zugunsten eines rein male-\nrischen Vortrags die Porträtisten im Hause der Se-\nzession nicht genug tun können, bereits — und\nmit gutem Recht — ernstlich überdrüssig gewor-\nden, und die Gesellschaft lehnt es endgültig ab,\nden Produkten unkultivierter Impressionisten das\nMaus zu öffnen.\" Sie läßt es sich lieber von der\nMache Heilemanns einrennen, der aber allerdings\n„seit Rezniceks Tod unbestritten als der erste\nund populärste unter allen deutschen Zeichnern\ngilt, die sich mit der Darstellung gesellschaftlichen\nLebens beschäftigen.\"\nEine Gesellschaft, die in Heilemann den be-\nrufensten Zeichner für die Darstellung ihres\nLebens gefunden hat, kann nichts mehr ver-\nlieren. Das Haus, das sie dem unkultivierten\nImpressionismus verschlossen hat, ist ein Asyl\nfür parfümierte Laszivität, dekadente Gefallsucht\nund blöde Selbstüberschätzung. Die Frauen,\ndenen es der reizende Dr. Kraemer in der Tat\nnachfühlen kann, „daß sie an Porträts, die ihnen\ngrüne Wangen, blaue Lippen und einen schwar-\nzen Hals andichten, keine vollkommenere Freude\nfinden (können\", haben, wie der schwatzende\nSchwerenöter selber, keinen blauen Dunst von\nder Kunst. Sie schätzen jenen Porträtisten am\nmeisten, der nur dem ehrlichen Photographen die\nschwerste Konkurrenz macht, iund je „schöne r\"\ner sie malt, desto mehr bewundern sie ihn.\n„Wenn man die Kritik belauscht, die die ele-\nganten Besucher von Schultes Kunstsalon vor\ndiesen Bildnissen, deren Modelle wohl den mei-\nsten von ihnen persönlich bekannt sein dürften,\naustauschen, so hört man zunächst und vor allem\ndie große Aehnlichkeit in den Porträts rühmen,\ndie ja schon der Zeichner Heilemann mit weni-\ngen flüchtigen Strichen so vollkommen zu geben\nweiß. Aber neben dieser Treffsicherheit, die eben\nso sehr der Beweis einer intensiven Naturbetrach-\ntung wie das Resultat langjähriger zeichnerischer\nUebung sind, ist es die Vereinigung rein maleri-\nscher und rein geschmacklicher Qualitäten, die\ndiesen Bildern selbst einem mit allen künstleri-\nschen Reizen übersättigten Publikum gegenüber-\nwerbende Kraft verleiht.\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.5", "texte": "Wilhelm Morgner: Landschaft mit einer strahlenden Sonne / Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.6", "texte": "Die Gesellschaft, die den Kitsch fördert, und\ndas mit künstlerischen Reizen übersättigte Publi-\nkum, das ihn dennoch verschlingt wohnen natür-\nlich Haus an Haus. Wo aber, wer mir das sagen\nkönnte, hat sich dieses doch geistesimpotente Pu-\nblikum die künstlerische Ueberreizung ange-\nschlafen? Im Ausstellungspark, darin man nur\nsehen kann, wieviel Unkraut im Schatten der\nKünste gedeiht? Hat es sie sich vor Schüsseln\ngeholt, in denen man ihm seit Jahrzehnten immer\nwieder die gleichen Farbensuppen vorsetzt? *\nDie Gesellschaft lehnt es endlich endgültig\nab, den unkultivierten Impressionismus zu emp-\nfangen, aber „andererseits haben die zwölf Jahre\nSezession, die wir bislang in Berlin haben, auch\nin den künstlerisch riur oberflächlich interessier-\nten Gesellschaftsmenschen ein gewisses Empfin-\nden für die Bedeutung impressionistischen Kunst-\nschaffens und künstlerischer Wahrhaftigkeit ge-\nfestigt, das die „schöne Pose\" und den „falschen\nPathos\" fast noch mehr verabscheut als die grü-\nnen Wangen, die blauen Lippen und den schwar-\nzen Hals/'\nVor einem Heilemannschen Bilde zerrinnt\ndas gewisse Empfinden, das die Sezession in zwölf\nJahren müjiselig gefestigt hat, augenblicklich zu\neiner Sauce des Entzückens. Die Seichtheit der\nHeilemannschen Malereien entspricht der Ober-\nflächlichkeit der Gesellschaftsbestie. Sie be-\ni\nrühren sich in jenem Punkt, der hinter der Hoff-\nnung gesetzt ist, daß es jemals besser wird. Vor\nder Treffsic h e r h e i t des Heilemannschen\nKönnens jist sie erschossen.\nJede echte Kunst ist und wirkt revolutionär,\naber die bürgerliche Gesellschaft liebt die Ruhe\nund Sicherheit. Was sie aus ihrer tierischen Hin-\ngestrecktheit aufpeitschen will, erscheint ihr\nanarchistisch und unkultiviert. Nur jene Phari-\nsäer, die die ; Kunst jals einen das Leben ver-\nsüßenden Faktor meistern, werden ihre Lieb-\nlinge.\nJene Dame, die ich in der Tiergartenstraße\nvor den Zeichnungen Kokoschkas unbändig\nlachen hörte, wird nachdenklich und ernst vor\neinem Heilemann, da sie sehen muß, daß sich\ndie Frau Kommerzienrat Pinkassohn in einer\nRobe malen ließ, die gekostet haben wird —\n„Aber nur die wenigsten von den vielen,\ndie sich an Heiiemann-Zeichnungen begeistern,\nwissen, daß die schönen Frauen und eleganten\noder charakteristischen Männer, die diese Bild-\nseiten beleben, meist wirkliche Porträts von\nLeuten sind, denen der Künstler, der selbst ein\ngroßes Haus führt, in seinem gesellschaftlichen\nLeben begegnet. Jedes Diner, jeder Theater-\nabend und jedes Fest ist ihm ein willkommener\nVorwand, neue Porträtskizzen in sein Taschen-\nbuch einzufangen, um sie dann, (was denn ? Auf\nuns loszulassen? Nein:) bei passender Gelegen-\nheit in seinen Zeichnungen zu verwerten.\nOhne den natürlichen Reiz seiner schönen\nModelle zu verachten, dichtet der Maler ihnen\ndoch nie unwahre Affektiertheit und falsche Ge-\nziertheit an. '< Nie versucht er einje künstliche\nSteigerung der Bedeutung des Darzustellenden.\nAber: „auf der anderen Seite übt er den Im-\npressionismus nicht wie jene Verächter des ge-\nsunden Menschenverstandes, die als das Ziel der\nPorträtkunst die Verelendigung schöner und ele-\nganter Menschen zu betrachten scheinen, um\nseiner selbst willen, sondern er bedient sich\nseiner Hilfe, um dem Eindruck der Natur recht\nnahe zu kommen.\"\nEr bedient sich also doch auf der andern,\nder billigen Seite einer Kunstrichtung, die schon\nselber nachhinkt. Er findet und nimmt das\nGute dort, wo es sich schon ins Manirierte ver-\nloren hat. Dieser Maler der krassen, unerträg-\nlichen Materialität, der den natürlichen Reiz der\nschönen Modelle nicht verachtet, ihnen aber auch\nnichts andichtet, ist Manna für das Publikum,\ndas eine ewige Wüste der Horizontlosigkeii in\nsich trägt. Es vertieft sich mit Behagen und\nInteresse in einen ausdruckslosen Weiberpodex,\nden Heilemann hinkleckst, aber vor der erschüt-\nternden Tragik der Gesichter eines Verächters\ndes Massenblödsinns fühlt es sich überlegen. O,\nes wrehrt dankend ab.\nEin Doktor glaubt, er verstehe sich auf\nKunst, wenn der dem Kitsch die Gesundheit\naufschwatzt. Allerdings ist der Kitsch nur Glätte,\ner hat nicht Leib noch Seele, er hat nicht ein\neinziges Glied, das von einer Krankheit geadelt\nwerden könnte.\nAber hinter dem Leser der Lustigen Blätter,\nder sich, von den Heilemannschen Zeichnungen\nbegeistert und hingerissen, krank lacht, und dem\nDoktor, der den Heilemannschen Porträts in einer\n„Eleganten Welt\" die Gesundheit, attestiert,\nlaust sich das Leben, eine verwunschene Prinzes-\nsin, in Lumpen.\n\nJoseph Adler\n\nLetzte Nachrichten\nDeutschland über Alles\nChristiania, 10 Uhr 45 Min. abends.\n(Telegramm unseres h.-Korrespondenten.) Maxi-\nmilian Harden, der gestern dem norwegischen\nNationalfest beiwohnte und eine schöne Ge-\ndächtnisrede an Björnsons Grab hielt,\n/reiste heute nach Berlin zurück.\nNun kann Herr Björnson ruhig schlafen.\nSiegfried Wagner zieht seine Kreise\n„Ich werde auch weiterhin\", sagte Wagner,\n„volkstümliche Opern schreiben. Der deutsche\nSagenkreis bietet ja nach dieser Richtung un-\nerschöpfliches Material.\"\nNach eingetretenem Ausverkauf wird die\ngriechische und römische Götterwelt bestens\nempfohlen.\nDer Eindruck\nHerr Doktor Leopold Schmidt über die\nAchte Symphonie von Gustav Mahler: „Innerhalb\ndes Mahlerschen Schaffens nimmt die Achte\neine besondere Stelle ein.\" Nämlich die achte.\n„Als Ganzes genommen ist diese Symphonie eine\nder merkw ü r d igste n , und gehaltvoll-\nsten Erscheinungen unserer Epoche.\" Auch das\nscheint Herrn Doktor Schmidt „außer Zweifel.\"\nNach diesem Tiefsinn «muß er tief sinnig werden:\n„So mancher Besucher djer Aufführung wird mit\nTrauer daran gedacht haben, w,elch hartes Ge-\nschick den Schöpfer dies>es Werkes vorzeitig\ndahingerafft hat.\" Ja, so ist das Leben.\nH. W.\n\nDas Konzert\nAlfred Lichtenstein / Wilmersdorf\nDie nackten Stühle horchen sonderbar\nBeängstigend und still, als gäbe es Gefahr.\nNur manche sind mit einem Mensch bedeckt.\nEin grünes Fräulein sieht oft in ein Buch.\nUnd einer findet bald ein Taschentuch.\nUnd Stiefel sind ganz gräßlich angedreckt.\nAus offnem Munde tönt ein alter Mann.\nEin Jüngling schaut ein junges Mädchen an.\nEin Knabe spielt an seinem Hosenknopf.\nAuf einem Podium schaukelt sich behend\nEin Leib bei einem ernsten Instrument.\nAuf einem Kragen liegt ein blanker Kopf.\nKreischt. Und zerreißt.\n\nDer Philosemit\nAlfred Lichtenstein / Wilmersdorf\nNein, dies Leben faß ich nicht mehr an.\nMag man mich für närrisch halten —\nHeute geh ich nicht ins Gasthaus.\nMüde bin ich längst der Kellnerkerle,\nDie uns mit blasierten Fratzen,\nHöhnisch, schwarze Biere bringen\nUnd uns ganz verworren machen,\nDaß wir nicht nach Hause finden\nUnd die törichten Laternen\nMit den schwachen Händen stützen\nMüssen.\nHeute hab ich größre Dinge vor —\nAch, ich will den Sinn des Daseins suchen.\nUnd am Abend werd ich etwas Rollschuh laufen\nOder mal in einen Judentempel gehn.\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nTHADDÄUS RITTNER\nIch kenne Sie / Novellen\nWien und Leipzig / Deutsch-Oesterreichischer\nVerlag\nALDO PALAZZESCHI\nII Codice di Perelä\nRomanzo Futurista\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nALBERT EHRENSTEIN 1\nDer Selbstmord eines Katers / Novellen\nMünchen / Verlag Georg Müller\nF. T. MARINETTI\nDistruzione / Poema\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nLa Momie sanglante\nPoeme dramatique\nEditions du „Verde e Azzuro\" / Milan\nD'Annunzio intime\nedition\nEditions du „Verde e Azzuro* / Milan\nLe Roi Bombance\nTragedie satirique, 3e edition\nEditions du »Mercure de France\" / Paris\nLa Ville Charnelle ;\n4e edition /\n' E. Sansot et Cie. / editeurs / Paris\n\nNotiz\nDie Holzschnitte auf der fünften Seite jeder\nNummer sind von Mitgliedern der Neuen Sezession\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\nStandigeAusstellungen der\nZeitschrift Der Sturm\nKdnigin-Augusta-Strafie 51\nder von-der-Heydt-StraBc\nGraphik:\nPicasso I Herbin / Gauguin / Kokoschka /\nHablik / und Andere\nGeSffnet taglich von 10 bis 6 Uhr\nEine Mark"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120601-01.1.7", "texte": "Gegrttndet 1825\nHAHN\nGegriindet 1525\nAlcxandcrplatz a Landsbergerstrassc 60—63\nModerne Herrenbekleidung\nfertig und nach Mass\nRE KLAMEANGEBOT:\nDer elegante Ulster\naus englischen gemueterten Cheviots mit Aermelaufschl&gen 32.50 M\naus den modernsten Flausehstoffen mit aufgesteppten Taschen 45.50 M\nVomehmer zweireihiger Sacco-Anzug, englisch gemusterter Cheviot 32.50 M 45— M\nSchicke Passformen Beste Verarbeitung\nDen Herrcn Studenten und Mitgliedern von Kunstvereinigungen gegen Vorzeijung von Legitimationskarten 5% Rabatt\n\nLes Marges\n5 rue Chaptal / Paris\nOiese literarische Zeitschrift\nveroffentlichte das franzosische\nOriginal der Tagebacher\nFlauberts, deren Ueber-\niragung in Deutschland ver-\nboten wurde\n\nlislisfa UiMhl\nerteilt jungerer Literat.\n(Herren, die in Tagesblattern unter\nden Strich gehen, erhalten Vor-\nzugspreise.) 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H., Berlin W £7\n\nAusstellungen, Salons\nKunsthandlungen etc.\n\nCRSPER'5 Kunst-Salon\nPotsdamer Straße 19 Eintritt 50 Pfennig\nKoilektion Gemalde von d'Espagnat\nund Schwarz - Weiß - fiusstellung von\nCorinth Kllmt RaffaSlli\nForain Letstikcw Paetschke\nHance Liebermarn Skarblna\nHelieu Menzel Sfevogt\n\nGRAPHISCHES KABINETT\nBuch- und Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\n:: BERLIN W 15, Kurfurstendamm 33 ::\nStandige Ausstellung !»\nmoderner Graphik lllustriert. Katalog n. 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Rntiquar\n:: BERLIN W. 35 ::\nPotsdamerstrasse 27b\nFernsprech. Rmt VI 5850\n■ ma\nnUSSTELLUM<3\neiner grossen Kollektion\nliial - Lilhoiii\nvon Daumier / Qavarni /\nBeaumont und anderen\nDie Blatter sind efnzeln kauflich\n■ ■ ■ ■ Besichtigung frel ■ ■ ■ ■\nKL\n\nReuss & POllDCl!\nDitUindlßßi n Mmariat\nPotsdamerstrasse 118 c\n:: BERLIM W. 35 ::\nFernsprecher: Rmt Lutzow 2829\nAusstellunq einer Kollekt'on von Ori-\nginalhandzeichnungen des MQnchrrer\nZeic,liners Attilia Sachetto. Besuch frei.\nPaul Graupe\nAntiquariot\nBerlin W35\nLutzowslrassc 38\n\nKleine Aitzeigen\n\nTitania-Schreibmaschine\nErste deutsche Schreibmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern\nFabrikat der Akt.-Ges. Mix & Qenest, Schoneberg-Berlin\nGeneralvertreter fQr Berlin und Mark Brandenburg\nLouis Stangen / Linkstrasse 12 Telefon: Kurfurst242s\n\nSpedition\nGepaekfahrl\nRollfahrwerk\nMobeltransport\nYsrpaekong\nLagerong\nTerzollung\nTersieherong\nLombard\nMax Lux\nHalensee\n1 112\". JJWI IJJ'MLLI\n.....Mr\nuu\nRingbahnstrasse 123 a - Fernsprecher: Uhland 595\nSpediteur des Vereins fur Kunst zu Berlin\n\nZeitschrijt Per Si arm\nStSndige\nKonigin-Augusta-Str. 51\ngegeniiber der von-der-Heydt-\nStraße / zwischen Hohenzollern-\nund Friedrich - Wilhelm - Straße\nTaglich / auch Sonntags / geoffnet\nEintritt 1 M. / Jahreskarte 6 M.\nZurzeit:\nGraphiK\nPicasso I Gauguin / Herbin /\nHabliK / KoKoschKa /\nKamdinsKy / CampendonK\n\nWintergarten\nim Bahnhof Friedrietastrasse\nNeues Program m\nRobledillo\nRudinoff\n\nEingetragener Verein\nPassive Mitglieder\nder\nNeuen Secession\nerhalten jahrlich\n1 mehrere graphische\nArbeiten\n2 die Zeitschrift Der\nSturm frei zugestellt\n3 freien Eintritt zu den\nVeranstaltungen der\nN. S.\nMitgliedsbeifrag halbjahrlich IS K.\nGeschaftsstelle\nder Neuen Secession\nSteglitz\nMiquelstrafie 7 a — Fernrnf Steglita\n\nDie Faekel\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangloser Folge\nNummer 349/350\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfennig\nÜBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnhofen\nWerbeband der Fackel\n50 Pfennig\nVerlag Ole Faekel / Wien 111 2"}]}