{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_sha256": "5e054c4f328009c8f79828d88ee6dceceeeaf7543c7fee44c8df67fcb5f38cbc", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/06/08_01/bmtnabg_1912-06-08_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/06/08_01/bmtnabg_1912-06-08_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c001", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "65", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.1", "debut_caractere": 510, "fin_caractere_exclue": 856, "texte": "Inhalt:\nFranz Marc: Ideen über Ausstellungswesen / Alfred Döblin: Der schwarze Vorhang /Else Lasker-Schüler: Briefe nach Norwegen / Fritz Hüb-\nner: Ein Lyriker/Egon Löwy: Der Philosoph /H. W.: Kunst als Spiel und Stil / Curt Seidel-Turin: La voce / Hanns Bolz: Zeichnung/\nGeorg Tappert: Originalholzschnitt / Wilhelm Morgner: Originalholzschnitt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c002", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "65", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.2", "titre_corps": "Hanns Bolz: Le père tranquille / Zeichnung.", "titre_sommaire": "Hanns Bolz: Le père tranquille / Zeichnung.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.1", "debut_caractere": 858, "fin_caractere_exclue": 901, "texte": "Hanns Bolz: Le père tranquille / Zeichnung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c003", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "66", "page_fin": "66", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.3", "titre_corps": "Ideen über Ausstellungswesen", "titre_sommaire": "Ideen über Ausstellungswesen", "signature_source": "Franz Marc", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4882, "texte": "Ideen über Ausstellungswesen\nFranz Marc\nDie Friedfertigen werden das Himmelreich nicht\nsehen. Unzufriedenheit ist ein wunderbares Fer-\nment. Wir sind unzufrieden und erwarten den\nDank all'er die das Bessere wollen.\nKünstler sind nicht von den Aus-\nstellungen abhängig, sondern die\nAusste! Lungen ganz und gar von den\nKünstlern.\nMit diesem Fundamentalsatz sollten alle Aus-\nstellungsstatuten beginnen. Es gibt nur einen Re-\ngulator, den die Ausstellung selbst zu handhaben\nhat: die Platzfrage. Diese muß der Organisator\ngelöst haben, bevor er die Einladungen an die gut-\nmütigen (oder auch gelegentlich nicht gutmütigen)\nKünstlern versendet\nDaß die künstlerische Ausbalancierung von gro-\nßen Ausstellungen auch so praktisch große Schwie-\nrigkeiten bietet, wissen wir alle. Aber es gibt nur\ndies Ziel: Ungebrochene Kraft neben Kraft 'zu\nsetzen, reinen Klang neben Klang, Maß neben Maß.\nKünstlerische Ideen stehen dann nebeneinander wie\nSäulen, die den Bau der Kunst tragen.\nGroße Ausstellungen sind dazu da um große\nKunstwirkungen zu erzeugen. (Massenausstellun-\ngen, wie die Sezessionen sie arrangieren, sind an\nsich ein Blödsinn und haben mit echter Kunstwir-\nkung nichts zu tun. Von ihnen ist hier selbstver-\nständlich nicht die Rede.) Die Herren des Sonder-\nbundes erstreben aber große Kunstwirkungen. Vor.\nBedingungen für großes Gelingen sind — latent —\nauch unzweifelhaft vorhan'den Aber die Praxis\nversagt. Durch ungleiche Gewichtsverteilung wer-\nden alle Urteile und Maße verzerrt und die ganze\nlebendige Architektur, deren Grundprinzip Maß ist,\ngründlich verdorben.\nWir brauchen dafür nur auf den Fall der rie-\nsigen van Gogh-Ausstellung zu weisen. Der edle\nkluge van, Gogh würde\" der Ehrung wenig Dank\nwissen und nach den Lebenden fragen.\n~Ja, die mußten zusammengepreßt, gevierteilt\nwerden; Sie haben uns zu viel eingesandt, da Sie\ngestorben sind, darf man Sie nicht zurückstellen;\nEhrung den Toten/'.\nEr hätte vielleicht geantwortet: ~Nach Ihnen\nmeine Herren; meine Werke haben jetzt keine Eile\nmehr. Es gibt nur eine Frage von Bedeutung: was\npassiert heute? Welche Kräfte halten heute den\nBau? Warum tat meine Zeit nicht diese Fragen\nund stellte mich und meine Kollegen aus, als wir\nnoch lebten; Ihr wäret heute weiter!\"\nMan stellt uns aus; wir möchten sagen ~leider\",\ndenn man glaubt damit genug getan zu haben. Man\nignoriert, daß in den großen Ausstellungen von\nheute das entscheidende Problem unserer künst-\nlerischen Kultur liegt, liegen könnte. Man sieht\nhier, wie es scheint, überhaupt kein Problem, An\ndieses heranzugehen gelingt nur, wenn man die\nKünstler selbst mitarbeiten läßt, jeden Kreis, jede\norganische Kraft für sich, unabhängig bis zum\nletzten\nWenn jemand eine Maschine erfindet, führt er\nsie der Welt auch selbst vor, wenigstens so lange,\nbis seine konstruktiven Ideen Gemeingut seiner\nSchüler geworden ist. Oder gibt es in aller Welt\nden Fall, daß man dem Erfinder die Maschine fort-\nholt, zerlegt und auf irgend eine Weise, die dem\nErfinder ganz fern liegt, popularisiert? Warum\nverfahren die Ausstellungen so mit uns Künstlern?\nWir Maler schaffen nicht so sehr Bilder als I d e e n\nund wir allein sind berufen, unsere Ideen vorzu-\ntragen, wie wir es für richtig halten; ein Postulat,\ndas Dichtern und Komponisten die conditio sine qua\nnon ihres Wirkens ist unä um dessen Willen die\nersten Maler sich heute immer imehr von allen offi-\nziellen Ausstellungen zurückziehen; wo sie es\nnicht tun, sind sie sich ihrer Verantwortlichkeit vor\nihrer eigenen Kunst nicht bewußt. Die Ausstellungs-\nLeitung hat nur die praktische Organisation des\nGanzen zu schaffen Dann passieren auch, um auf\nden aktuellsten Fall' zu weisen, jene üblen Dinge\nnicht: die Ablehnung würdiger Unbekannter für\nwelche wir Kollegen nur zu oft betteln gehen müs-\nsen, um an neun von zehn Türen abgewiesen zu\nwerden.\n♦\nHoffentlich gelingt es dem Sonderbund noch\neinmal, solche Ausstellungen zu schaffen\nDer kleine Kreis süddeutscher Künstler, der\nhier seine im Sonderbund nicht ausgestellten Wer-\nke zeigt, hat wenig Freude an dem, was der Son-\nderbund von ihm ausgestellt hat. Es nagt an un-\nserm künstlerischen Gewissen, wir geben dort nicht\nbewußte und abgwogene Kunstwirkung, die wir\n*\nbeabsichtigten; alles von uns dort ist Bruchteil.\nZerrissene Kunstwirkung ist keine Kunstwirkung.\nWie viel andere mögen ein ähnliches, schlechtes\nGewissen vor den Ideen haben, die sie dort her-\nausstellen wollten.\nEin andermal: ganz oder gar nicht!\nVielleicht gelingt es uns, durch diese kleine\nAusstellung und unsre Worte das schwierige Pro-\nblem der modernen Ausstellung zur Diskussion zu\nstellen, auf der Basis jenes Satzes:\nDie Künstler sollen nicht von den\nAusstellungen abhängig sein son-\ndern die Ausstellungen von den\nKüstfern.\nDie zurückgestellten Bilder des\nSonder bundes werden vom 16. Juni ab in der\nvierten Ausstellung der Zeitschrift der Sturm, Königin\nAngustastrasse 51 ausgestellt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c004", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "66", "page_fin": "68", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.4", "titre_corps": "Der schwarze Vorhang : Roman", "titre_sommaire": "Der schwarze Vorhang : Roman", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.2", "debut_caractere": 4884, "fin_caractere_exclue": 9980, "texte": "Der schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\nIrene ging halbwach umher. Ihr war zu Mute,\nals wenn sie über ein Stück schwarzen Sammts\nstriche und es sie dabei leicht schwindelte. Sie\natmete unruhig, bald flach, bald tief, ertappte sich\ndabei wie sie vor sich hin sah und die blassen Hände\nlächelnd an die Wangen hielt. Ein Zittern strömte\ndurch ihren Körper von den Zehen bis in die Arme\nund Finger, über den Nacken liefen ihr Kälteschau-\ner, die unter die leicht vornüber hängenden Brüste\nherum huschten, daß sie sich aufstellten; über Leib\nund Schenke! verschwanden sie in die strengen\nKnie, die sie schwach machten; bis sie wieder hoch\naufatmete, die Muskeln anspannte und sich zwang.\nEs war ihr manchmal, als ob sie aufgehoben,\nlange in der Schwebe gehalten und dann unverse-\nhens auf den Boden geschmettert würde. Als ob\nauch etwas in, ihr hin und herliefe, das sich nicht\nhinsetzen wollte und dem sie immer zusehen mußte.\nGanz eng zogen sich die Kreise um sie zusammen\nund vereinsamten sie. Sie war nie allein gewesen,\njetzt aber mußte sie sich gar von Vater und Mutter\ntrennen Oh des launisch begonnenen Spiels. Tief\nerschrak sie,, mit einem Schlage rettungslos; ver-\nschloß sich in sich selbt. Sie mußte sich beruhigen,\nsich ganz und gar auf sich besinnen. Im Garten\nsaß sie, auf der Bank, wo der breitstirnige finster\nleidende ihre Hand mit unterdrückt zarten Flehen\nan seine Schläfen gedrückt hatte. Und da kam es\nwieder herauf von Traum und Trunkenheit und war\nso voll Angst und Schluchzen, so voll Heimlichkeit\nund Leben und Kopf- an-die-Schulterlegen. Sie\nspielte mit den Efeublättern und täuschte sich über\nden Augenblick und seine Befehle hinweg.\nStarrte so lange vor sich hin, warf sich plötzlich\nglührot mit zusammengepreßten Knien und ab-\nwehrenden Hände® im Gras, Als sie siel'\nund sich das Haar z&rücEstrich, hasteten ihre Ge-\ndanken. Zur Mutter wollten ihre Füße laufen; es\nhieß sich retten oder verstecken vor diesem wilden\nstarren Grauen\nDie kalte Angst die sie früher vor Johannes- ge-\nfühlt und fast vergessen hatte?,, zitterte wieder' in\nihr und war nun nichts süßes- m ihr. Es zog sie\nauf die Bank nieder; sie mußte es selbst ausfechten..\nMit zusammengebissenen Zähnen, entschlossen\ngepreßten Lippen trommelte sie rasch und willkür-\nlos auf den staubigen Gartentisch,, als ob sie sich\nmit ihren Füßen bestärken wollte. Sie hatte den\nDingen ins Auge gesehen. Was schon- längst sich\nheimlich in ihr gegen ihn gewappnet hatte, klirrte\njetzt, wo Gefahr anzog. Jetzt hielt sie den Schauer\nmit wachsamer Feindseligkeit aus. Der Entsetz-\nliche sollte sie nicht fangen. Wenn sie sich besann\nnebelten immer wieder Erinnerungen in ihr auf;\nwas der Mann Johannes an Heimlichkeit, seltsamer\nSüße, zerreißender Sehnsucht aufgesogen hatte,\nseufzte zwischen den Kampfeslärm\nNiemand war im Hause als sie nach der Mutter\nsuchen ging. In den rotsonnigen Gängen schlich\nsie zu der Bank zurück. Sie blieb stumpf vor dem\nTisch stehen, auf den der lange Schatten ihres\nKopfes und ihrer Brust fiel, sank auf den Stuhl und\nbrach in ein hilfloses Weinen und Wimmern aus.\nLeicht zuckten die Schultern zusammen und\nkrampfte sich der zarte Mädchenkörper in den\nstillen Garten, durch dessen herbstbuntes, trocken\nraschelndes Laub Dämmerung schien und über des-\nsen Kies ein Kater mit phosphorgrünen Augen\nschlüpfte. Und noch in \"die Dunkelheit hinein wand\nsich das Menschenkind..\nIn derselben Nacht aber riß sich ihre Seele, die\ner von ihr getrennt hatte, los von ihr und warf\nsich wie ein langer kühler Schatten über ihn.\nEr flehte, als er es über sich wehen fühlte, zit-\nterte in weicher Angst auf und konnte den Hauch\nnicht abwehren Er barg seinen Kopf in den Hän-\nden, wandte sich damit sie ihm nicht in das Ge-\nsicht in die Augen sähe, ihm nichts nähme. In\nströmendem Schmerze ließ er sich die Hände von\nihr lösen und fühlte ihre Tränen auf seinem Gesicht\nund bog den Kopf zu ihr auf. Und dann erkannten\nsie einander durch die wallenden Schleier; laut\nschluchzte er auf, als er auch in ihren Augen die\nAngst sah. Und beide fühlten nur die Angst unter\nder Macht, die in der Luft die zottigen Hände mit\nscharfen sicheren Krallen nach ihnen ausstreckte\nund bog.\nSie wollten sich trennen. Sie gingen nebenein.,\nander durch den Wald. Sie fuhren zusammen,\nwenn sich ihre Hände streiften; um die geschlosse-\nnen Münder mit den Lippen zu berühren, wandten\nsich ihre Gesichter einander zu, aber sie senkten\nbeide den Kopf, als sie sich in die Augen sahen\nSie freuten sich, wenn ein breiter Baum zwi-\nschen sie trat und drückten Beide ihre glühenden\nStirnen an die Borke, gingen langsam weiter in dem\nknöcheltiefen gefallenen Laub.\nUeber Hecken und Sträucher ließen sie ihre\nArme streichen und schleppen; aber auch da zuck-\nten sie zusammen, wenn sie Rascheln von einander\nhörten. Und die Zähne bohrten sich in die Unter-\nlippe. Sie wollten sich trennen. Aber sie konnten\nes nicht wehren, daß das Dickicht sie zusammen-\ndrängte. Ein Wispern und Schurren dünner Töne\nstanden immer um sie herum und waren die Stim-\nme der Verlassenheit, Daneben schwellte mit\nleichtem Pfeifen und Knacken die Luft geruhsam"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9963, "texte": "auf und ab. Als die stolze mit den fahlroten Maar-\nsträhnen über Stirn und Wangen geraden Blicks\nvor sich hinsah und ging, stolperte sie und Johannes\ngriff nach ihr und hielt sie Seine Angen flackerten\nüber ihr Gesicht hin, deren Mundwinkel sich ver-\nzerrten. Zwei starre drohsame Linien waren ihre\nLippen; ein Blick tötiiclieh Hasses traf ihn und sie\nzischte zwischen den Zähnen.\nEr schloß geblendet die Augen. Das Blut klopf-\nte in seinen Händen. Ueber dunkelgrünes Moos\nschritten sie. Johannes blieb zurück und brach\nsich von einem niedrigen Baum einen hängenden\nlosen Ast, an dem Spinnengewebe mit ausgesoge-\nnen trocknen Fliegenleichen wehten und legte ihn\nsich über das Gesicht. Er keuchte leicht und ging\n• 'S\ngebückt. Ueber seinen Nasenrücken floß Blut, das\nauf seine Jacke tropfte Tiefer stieg das weißlicfc-\nhelle Blau des Himmels zwischen die Bäume herab\nund manchmal kamen sie sich ganz aus den Augen.\n'.v vi . . 112 ...\nIrene lehnte gegen einen Baumstrunk, kroch\ndann unter ein Gebüsch, und warf sich auf den\nRücken hin, mit gekrampften Fingern, als das Gras\nunter Johannes Schritten raschelte. Der keuchte\nund sah über sie hinweg, als wenn sie selber totes\nGras wäre. Der alte verächtliche Stolz lag auf\nihrem Gesicht; dann als sie ihm nachsah, flog ein\nhelier Hohn über die Schwingungen ihres Gesichts.\nWeiter brachen sie sich cTurch das Gehölz, irrten\nlangsamer ins Gras. Schließlich standen sie an\neinem breiten Fahrweg, ohne sich anzusehen.\n\\on weitem stäubte ein Wagen heran; als er\nanrollte, rief Johannes den Führer an und hob die\nstille kalte, die mit ge enkten Gesicht dastand, hin-\nauf, wo sie ihm gegenübersaß. Sie hielt die Hände\nauf den Rücken, als wenn sie gefesslt wäre, und\nwenn sie den Kopf hob, streifte sie Johannes, den\nWagen und die Waldlandschaft mit einem leeren\nverschlossenen Blick Johannes saß, die Arme auf\ndie Kniee gestützt, und den Kopf auf den Händen,\neingesunkenen Rückens vor ihr. Wenn seine\nAugen den Saum ihres erdbeerfarbenen Kleides tra-\nfen, regte sich in ihm ganz, ganz von weitem eine\nUnruhe, so daß er nachsann; ohne zu finden, was\nes war, ließ er es entschwinden. Er hatte ihren\nNamen vergessen.\nNachtigallen schluchzen dir entgegen. Du\nschlürftest nie an einer Seele so bang und durstig.\nMir graut es vor dir. Du darfst mir nicht grol-\nlen; sollte dich wohl hassen und verachten\nWarum wirfst du mich nicht hin und schlägst\nmich, wenn meine Arme dich fortstoßen?\nAus der Ferne flüstere ich dir zwischen den\nZähnen alles zu; weh mir, wenn du mich hörst.\nOh, wie begehren meine Arme und Lippen dich,\nnur dich. Komm zu mir du Entsetzlicher. Im\nTraum und heimlich fiel ich zusammen und wenn\nmein Leib sich in Trunkenheit wand, fuhr mir der\ntolle Ekel mit dunstigen gallertigen Händen über\ndas Gesicht. In Blut und Schmutz schwamm ich;\nzertrümmert mußte ich mehr leiden, als meine Zun-\nge sagen kann.\nOh in welche Schmach wirft es mich, daß ich\nein Weib bin. Genug duldete ich 4n mir und nun\nwälzt es mich vor deine Füße hin Komm zu mir,\ndu Entsetzlicher. — Ich bin ganz von mir abge-\ndrängt, das Stumme in mir hast du sprechen ma-\nchen; nun bette mich auch und laß mich büßen, daß\nich Weib bin. Schlürftest nie an meiner Seele so\nbang und durstig. Meine Hände wollen in deinen\nzucken, wie Efeu wollen dich meine Glieder be-\ndrängen.\nDu darfst mich ganz vernichten, deiKi nur für\nDich bin ich aufgegrünt; für Dich verfinsterte und\nhellte sich mein Mädchenblut und immer wieder\nweinte es quellend um Dich, Johannes.\nIch müßte mich verwerfen, wenn du von mir\ngehst.\nNachtigallen schluchzen Dir entgegen\nHerr, so brenne mich.\nSchattenbilder.\nEin Weib geht über eine wellige Ebene, willen-\nlos, gleichsam, — so stetig ist das langsame Schrei-\nten. Viel dünne lange Haarsträhnen fallen nach\nvorn herunter über die gesenkte Stirn das Gesicht\nbei Seite gewandt, geHt das Weib. Es drückt die\nifilenbogen spitz in die Weichen, die Hände senk-\nrecht gehoben; die Finger sind gespreizt, und wie\num den Wind zu proben stehen die Handteller nach\nvorn. Die Fußsohlen lüpfen sich langsam und dann\nkrümmt sich das Knie unter den folgsamen, nach-\ngiebigen Gewandfalten, und der Schatten geht\neinem andern entgegen Der taucht aus der Erde\nauf, den Kopf zurückgeworfen, mit reifen Lippen,\nwandelt gegen sie zu, die in die Kniee sinkt, vor\nseine Füße sinkt und seine Hüften umschlingt. Ver-\nschwinden im Dunkel. Unter gellem Gelächter.\nMenschenslöhnen scshlägt zum Himmel.\nZankende Hände packen sich, abermals loht\nAug gegen Aug. Der Mensch soll nicht allein sein.\nJammern, Betteln, flehendes Wimmern an allen\nTüren, verzweifeltes Rauben und Morden. Eine\nhimmlische stimme ruft; hinter einer himmelsüßen\nMaske sperrt sich ein Maul auf, funkeln zwei heiße\nAugen, höhnend, die unersättliche Verlassenheit.\nLiebe: ihr bester Biß und gelles Gelächter.\nBald feeischte ihr strenger Blick Gehorsam, bald\npreßte der alte Stolz drohend ihren Mund und\nstraffte die Glieder. Ihr Schluchzen und Anklagen\nfragte ihn: was bin \"ich Dir? Da mußte er sie\ntrösten, wie ein Kind, das man geschlagen und bei\nSeite geworfen hat. Sii ballte die Fäuste, warf sich\nin seine Arme, riß mit verzerrtem Gesicht an seinen\nHaaren. Du hast mich in Händen, Du kannst mich\ntöten. Oh wie haßte sie ihn Seine Arme lagen\nschwer auf zwei breiten Armlehnen; in sich ru-\nhend hörte er sie kalt an, die seine Schenkel um-\nschlug.\nIhre bittende Hingesunkenheit genoß er ruhend.\nEr wollte sie noch ganz vernichten, im Mitleid seine\nMacht ganz auskosten. Nun nannte sie ihre Schwä-\nche und ihr Trostverlangen vor ihm, nun nannte\ner seine almosenschenkende Ueberlegenheit vor\nihr: Liebe. Wie Kinder herzten sie sich und sahen\nsich in die dunklen Augen.\nVon ihrer Liebe trugen sie, wo sie gingen,\nGedanken mit sich herum, durch das Menschen-\ngewühl, auf stillen Wegen Das Stärkste in ihnen\nstärkte die Gedanken aneinander, die sie wie blaue\nHeiligenscheine umgaben und wie hohe weiße Li-\nlien in den Händen vor sich trugen. So klar wurde\njetzt alles. — Ruhig und gelassen lag ihre Hand\nin seiner. Im Hintergrunde ihrer Seelen regte sich\ndoch etwas wie ein großes Staunen: sie kannten\nsich beide nicht mehr, wo die Schauer und Hin-\nreißungen sie nicht mehr wild überfielen: ~Bist Du\nes eigentlich? -— Nun suchten sie sich mit Neu-\nbegier auszuhorchen und nahe um den Herd zu\nschwärmen, über den jene grausen Feuersflammen\ngestanden hatten. Ganz nahe kamen sie sich in\ndiesem entzückt ängstlichen Forschen. Immer tie-\nfer drangen seine Sinne in ihre Züge und Bewegun.\ngen ein. Er fühlte und schmeckte sie aus, seine\nAugen tasteten all ihre gleitenden Umrisse ab, sein\nOhr haschte nach den verschwiegensten und sel-\ntensten Zaubern ihrer Stimme Dann erstaunte er\nmanchmal, wenn er sie ansah: wie er sich auch an.\nstrengte, so wußte er nicht mehr, ob sie schön war,\noder schöner als andere. In ihrem Gesicht fand er\nsich wie in einem Wohnzimmer zurecht; er merkte,\ndaß er Irene nicht vergleichen konnte: wer war\nIrene eigentlich? Da dämmerte ihm, daß er irgend\nwie erblindet und verarmt sei. Nun ging sie nicht\nmehr, scheuend wie eine ägyptische Königstochter,\nneben ihm, sondern war eine Wolke im Himmel\noder ein Baum in der Allee Er hatte Irene ganz\neingesogen, so daß sie zu ihm gehörte. Ihr Bild\nhatte sich in ihn eingedrängt; ja er hatte sie ver-\nloren, aber sie besaß ihn jetzt, sie konnte er nicht\nmehr lassen, sonst sefirieen seine Begierden nach\nihr. Und so hatte sie Macht über ihn, konnte ihn\nverderben. Rächte sie sich nicht so?\nAber das glitt rasch über sein Herz hin, unbe-\ngriffen mit leichtem Armzucken, Spielen der Finger\nund hastvollen Streichen der Wangen, während er\nnachdenklich halb zerstreut, und verdrießlich ihre\nHand betrachtete und zu sich sagte: Ja, wie liebe\nich sie doch\nNun begann Lilith heimlich zu kranken. In has-\nsender Gier berühren sich Zufallswesen und sonst\nin nichts. Daß nicht eins das andere verschlingt,\ndaß waltet sie, Lilith, die Zähmerin, Grenzwäch-\nterin. Sie ist mager, schlank, braunhaarig und\nscheuäugig, zittert gar leicht. Die dünne rissige\nHaut um dich und mich spannt sie. Sie zieht Zäune\nund Staketen um alle Gärten, wiegt sich süß als\nweicher Schnee auf den Aesten Wie ein Schmelz\nist sie an den Flügeln der Einsamen, lockt und\nscheut zurück, — Lilith. Mit immer neuem kühlen\nTau labt sie den eingeschlossenen, daß er vergißt\nund nicht fühlt: Es giebt keine Brücken in der Welt,\nnur eine dünne rissige Haut. In sein blaugrünes\nSehnen flüstert zart, beschämt und traurig Lilith,\ndie feinstimmige, streichelt ihm den Kopf. Nun\nkrankte Lilith und weinte Tag und Nacht\nWährend Irene den Haß und die Angst\nvor dem Ueberlegenen zu sänftigen suchte, indem\nsie mit Zittern und wachsender Ruhe über die Ge-\nheimnisse dieser furchtbaren Seele strich, drang\nei mit Wut auf sie ein und sog an ihren innersten\nVerborgenheiten. Jetzt wurden sie ganz frei von\neinander. Nichts warf sie mehr nieder und zusam-\nmen Mit Spott übereinander und sich selbst, mit\nverächtlichen Lachen gaben sie sich hin und ver-\nsagten sich nichts von dem Glück ihrer Zweisam-\nkeit, mit wildestem Hohn nichts von den letzten\natemlosen Schwelgereien. Jetzt erst, wo keine\nKrallenhand ihnen mehr Tränen erpreßte, glaubten\nsie frei zur Liebe zu sein, zwei Menschen, Johannes\nund Irene. Wie Kätzchen die nach Wollfäden ha-\nschen, um sie zu zerreißen, und sich auf den jPföt-\nchen aiufrchten und auf den Schwanz stützen, so\nspielten sie mit ihrer Liebe und warfen sich lachend\nauf den Rücken.\nUnd als die Erinnerung an die Schauer und Hin-\nreißungen unter der strömenden Süße der Gegen-\nwart ertrank, fischten sie die Leiche heraus, putzten\nsie komisch, und gaben der Versunkenen ein Toten-\nmahl von Scherzen und Küssen, und endloses Ge-\nlächter hing wie Rosen darüber. Während sie\nnoch eben kein Ende des Staunens über jenes ent-\nsetzliche fremde Aneinanderdrängen fanden, daß\nihre Liebe und Freiheit verdunkelt hatte, und die-\nsem seltsamen vergeblich nachsannen, wollte jetzt\nalles klar hervortreten; aber nicht mehr fremd,\nnicht mehr unbegreiflich dunkel und hoch:"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1270, "texte": "Ein krankes, zerbrechlich mageres Mädchen\nerschien ihnen dies Sehnen; sie wiesen sich seine\ngelbe Blässe, die rhachitisch verborgenen und auf-\ngetriebenen Knochen, den aufgeschwemmten Leib.\n„Sieh nur die wasserhellen Aeuglein Johannes, und\ndiese engelhafte Verlogenheit; hinter den dünnen,\nzarten Rippen schlug gar ein scwaches Herz. Ach\nwaren wir Kinder Johannes, ach waren wir beide\nTräumer und Kinder\" Und Irene schüttelte sich\nvor Lachen an Johannes Brust, Und sie flüsterten\nim Dunkel zueinander und mordeten heimliche\nDinge.\nNun starb Lilith, die kranke Lilith. Ihre Augen\nwaren rot und vertrocknet, Lilith wand sich und\nmußte sterben.\nUnmerklich verloren sie den Zugang zueinan-\nder. Ihre Gedanken glichen Lassos, die über den\nandern geworfen ihn immer öfter verfehlten. Sie\nsaßen gedankenvoll neben einander und wußten\nnicht was geschah.\nNun begannen sie sich zu täuschen. Der Klang\nihrer Stimmen stand noch gebieterisch über ihnen.\nSie sangen ihr nach; und streuten Brillanten auf die\nGräber. Aber wenn sie sich die schweren Hände\nzum Abschied reichten, atmeten beider Brüste hoch,\nder lähmenden Qual solchen Sprechens enthoben\nzu sein. Und in ihrem Zimmer fiel Irene auf einen\nStuhl und sagte mit klarer Stimme vor sich hin:\n„Das ist die Liebe, die Lie — be \"."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c005", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "68", "page_fin": "68", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.5", "titre_corps": "Briefe nach Norwegen : Olvenstedt bei Magdeburg", "titre_sommaire": "Briefe nach Norwegen : Olvenstedt bei Magdeburg", "signature_source": "Nachtrag von Else Lasker-Schüler ; L. 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Es kostet\nhöchstens fünf bis sechs Mark zu klichieren. Gehe\nzwei Abende nicht ins Caf6, bringe meinem Bildnis\ndas Opfer. Unter mein Bett stellte ich die Kiste mit\nmeinen Liebesbriefen, damit Du was zu tun hast.\nIch ruhe mich indessen aus hier auf dem Lande;\nzwischen Richard Fuchs und Otto Fuchs gehe ich\nspazieren durch ihre Treibhäuser und sehe zu, wie\ndie Nelken wachsen. Aber kalt ist es ungeheuer und\ndie Bäume rauschen zum Wahnsinnigwerden Ich\nwerde sie heute Nacht alle abschneiden zum Don-\nnerwetter!\nLiebe Gesandte! Wenn Ihr wieder in Berlin\nseid, bin ich voraussichtlich in Theben zur Einwei-\nhung meines Reliefs in der Mauer. Aber ich bin\nnicht gespannt darauf, mich zu sehen,,, denn ich hab\nA\nmich nie wiedererkannt weder in Plastik, noch in\nder Malerei, selbst nicht im Abguß. Ich suche in\nmeinem Portrait das wechselnde Spiel von Tag und\nNacht, den Schlaf und das Wachen. Stößt nicht\nmein Mund auf meinem Selbstbilde den Schlachtruf\naus?! Eine egyptische Arabeske, ein Königshiero-\nglyph meine Nase, wie Pfeile schnellen meine\nHaare und wuchtig trägt mein Hals seinen Kopf\nSo schenk ich mich den Leuten meiner Stadt. Oß-\nmann und Tekofi Temanu meine schwarzen Diener\nwerden mein Selbstbildnis auf einer Fahne durch\ndie Straßen Thebens tragen So feiert mich mein\nVolk, so feiere ich Mich. ,"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "68", "page_fin": "69", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.6", "titre_corps": "Ein Lyriker", "titre_sommaire": "Ein Lyriker", "signature_source": "Fritz Hübner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.4", "debut_caractere": 3209, "fin_caractere_exclue": 7848, "texte": "Ein Lyriker\n\nEs ist oft darauf hingewiesen worden, wie erst\nmit und durch Rousseau im modernen Menschen\nein Naturgefühl echter und eigentlicher Art empor-\nkam. Vorher empfand man sich und das Elemen-\ntische als ausgemachten; Dualismus. Fels,,, Wald,\nWolke und alles Getier waren das Dumpf-Entge-\ngenstehende, das Nicht-Erlöste, die Materie. Von\nda ab aber ist es, als wären der Seele ganz neue\nOrgane gewachsen. Mit einem Male fühlt sie sich\nauch im Aeußeren weben. Fremdgeglaubtes ent-\npuppt sich als Nah-Verwandtes. Dunkles! ,*Es\"\nwird sympathetisches „Du\".\nIn der impressionistischen Malerei zeigte sich\ndieser Beziehungswandel am auffälligsten. Hatte\nbisher ein Naturausschnitt auf der Leinwand im\ngroßen ganzen nur die Rolle des Hintergrunds, der\ndekorativen Kulisse für eine Szenerie von Figuren\nund merkwürdigen Vorgängen zu spielen gehabt,\nso wird er jetzt zum immer selbständigeren, selbst-\nberechtigteren künstlerischen Eigenthema. Die\nMaler verlassen die Ateliers und ziehen ins Freie.\nDas Studium der leisen Geheimnisse des Lichts,\nder Atmosphäre, der Formkontraste wird zur in-\nbrünstigen Andacht Das Zielt ist, sich so innig in\ndas Leben dieser Welt für sich zu versenken, so\nsubtile Mittel der Nachbildung zu erfinden, daß das\nfertige Gemälde nicht ein Referat oder Abklatsch,\nsondern ein unmittelbares Sich-selbst-aussprechen\nder Dinge zu sein scheint.\nParallel zur Landschaftsmalerei und aus dem\nselben allgemeinpsychologischen Umschwung ge-\nbiert sich in der Literatur die Landschaftsdichtung.\nOhne es freilich zu einer ähnlich beherrschenden\nStellung zu bringen, dringt sie gleichwohl dort, wo\nes überhaupt resttos erreichbar ist, im Lyrischen,\nzu ebenso vollendetem Vertretungen einer eigenen\nKunstart vor.\nDen früheren Dichtern ist die Landschaft An-\nstoß oder Anknüpfung, und was sie geben ist eine\nDarstellung dessen, was die Dinge in ihnen an\nGefühlen rege machen. Ich meine jene „realisti-\nschen\" Augenblicksaufnahmen, die Holz, Stolzen-\nberg, Schlaf schufen, und deren Sinn und Wesen\ndes sich bis zur Selbstauflösung einzufüllen am\nnebenbei schon fünfzig Jahre früher Lenau eigen-\ntümlich vorausbestimmt hat, wenn er schreibt:\n„Was hält meine liebe Freundin von folgender\nIdee? Einzelne Züge der Natur, ohne Ausführung\nins Genaue, blos neben einander hingeworfen,\ngleichsam in poetischer Situationszeichnung Zum\nBeispiel: Abend; -— grüne Wiese, — zerstreute\nWeidenbäume, — Unkenruf im Sumpfe, — grauer\nHiminel — es regt sich kein Lüftchen — immer\ntieferes Dunkel — ein verlorener Freund. Tiefe\nSchätze, teure Freundin, liegen in der Situation.\nLieße sich wohl eine Reihe solcher Skizzen mit\nWirkung durchführen?\"\nFriedrich Curt Benndorf veröffentlichte sein\nerstes Buch im Jahre 1890. Seitdem hat er noch\nvier weitere in die Welt geschickt. Auch eine Aus-\nwahl ist erschienen (\"bei Piper & Co.). Wie schon\ni\ndiese relative Produktionsmenge erraten läßt, hat\ner keineswegs auf seinem Instrumente nur eine\nSaite. Auch die übrigen, rein sentimentalischen\nThemen: Liebe, Freundschaft, Gott, Hoffen, Traum\nhat er ausgedrückt. Aber es scheint, die landschaft-\nlichen Seinsphaenomene — das Wort im umfäng-\nlichsten Sinne gebraucht — reizen sein Erleben\nund Darstellen am meisten. Wenigstens trium-\nphiert hier sein Wortgefühl, seine Sensibilität ge-\ngenüber feinsten Berührungen, seine Gabe in Frem-\nstärksten.\nDie Arbeiten dieses Mannes als „Skizzen\" an-\nzusprechen, geht ebenso wenig an wie bei den\nanderen „Impressionisten\". Auf dergleichen kann\nüberhaupt nur kommen, wer von Gedichten irgend-\nwie menschlich-persönlich betroffen und geför-\ndert zu werden beansprucht. Er verkennt voll-\nkommen, daß hier ähnliche Wirkungen wie die von\nBildern, von schönen Vasen, von antiken Gemmen-\nreliefs angestrebt werden, die im Schauen und nur\nim Schauen ihren Anfang und ihr Ende haben\nEin Gedicht Benndorfs lautet:\nAm sonnigen Hügel, in Gras und Blumen\nUmfächelt von Morgenluft\nHand ans Kinn gestemmt,\nHand spielend mit Hahlen.\nLiegen lose im Kreise die Knaben,\nSinnend. Plaudernd. Lachend»\nUeber nichts.\nAls lebten sie das ewige Leben!\nAbgesehen davon, daß diese Dichtung in Licht\nund Sommersonne gebadet steht, wie bei Lieber-\nmann, daß die Zeichnung von einer Anschaulichkeit\nzum Greifen ist, stellt das Gedicht seinem Erfüllt-\nsein, mit geistig- stofflichem Gehalte nach eine so\nvollkommen in sich ruhende, in sich fertige kleine\nWelt dar, daß der Leser sich hier beinahe ebenso\nüberflüssig fühlt, wie der Mensch im allgemeinen\nder Natur gegenüber die Empfindung haben kann,\nausgeschlossen und unnötig zu sein. Hier lebt alles\naus Eigenem; kein Strich, der auf eine Erregung\nsentimentalischer Gedankenverbindungen abzielt."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5268, "texte": "Oder sollte das Gedicht vielleicht besser mit irgend\neiner subjektiv poetischen Wendung abschließen?\nEtwa mit einer Sehnsuchtsklage: O Ihr Knaben,\nMie ihr noch das Leben nicht kennt, wie habt ihrs\ngut! Dergleichen würde diese lyrische Kost-\nbarkeit ins Kitschige schleudern.\nDaß man noch so wenig Sinn für „Objektivität\"\nauch in der Lyrik hat! Daß man sie direkt als un-\ndichterisch empfindet und als Ausfluß eines unnai-\nven Theoretisierns. Daß man nicht sieht, wie hier\netwas ans Licht will, was anderswo, in der Lyrik\ndes fernen Ostens, längst und beinahe ausschließ-\nlich die Form der poetischen Aussprache ist\nMan halte gegen das Benndorfsche Gedicht das\nfolgende: ,„Der Mond\", das aus dem achten Jahr-\nhundert nach Christus stanmmt:\nWie die Wolken er zerbricht!\nWTie sein märchenhaftes Flimmern\nsilberfarbene Netze flicht\nübers Meer, übers Land\nüber die tausend Körnchen am Strand,\ndaß sie wie Juwelen flimmern.\nAuch „nur\" ein Bild. Auch nur sicher hinge-\nzeichnete Gegenständlichkeit. Auch nur eine Na-\nturstimmung, die frei von menschlicher Einmi-\nschung durch sich selbst, durch ihr Beiadensein mit\nAllseele überwältigt\nDas Prinzip der europäischen Lyrik ist, vom\nGefühle direkt auszugehen und das Gefühl deut-\nlich zur Mitte der Dichtung zu machen. Wie 'uns\ndenn jene Strophen die wahrsten und echtesten er-\nscheinen, die, nackt und heftig, unmittelbaren Kon-\nfessionen ähneln. Dem entgegen waltet in der\nfernasiatischen Lyrik die Tendenz zur Unterdrük\nkung und Hintanstellung des „Ich\". Wohl bedeu-\ntet auch dort das Gedicht Auslösung und Versinn-\nbildlichung einer individuellen Gefühlsspannung,\naber sie spricht sich nur mittelbar und unpersön-\nlich im Rhythmus, in der ganzen Tönung, oder am\nSchluß in einer kargen Andeutung aus Statt akti-\n< _\nver Entblößung des Herzens sucht die japanische\nund mit ihr die chinesische und indische Lyrik ihre\nWirkung in der symbolisch gemeinten Darstellung\nbeziehungsvoller Außenvorgänge.\nBenndorfs Verfahren ist das gleiche. Ein seeli-\nsches Beklemmungksgefühl findet bei ihm zum Bei-\nspiel folgende diskrete Transcription:\nAhnung\nIn atmender Stille\ngeh ich allein\ndurch den schattenumdämmerten Garten.\nBlaß scheinen die Sterne,\nblaß und matt, als ob sie verlöschen wollten\nDie Schritte knirschen im Kies.\nFledermäuse *\numhuschen die Bäume und Stiefmütterchen-\nbeete.\nDer Teich liegt toteinsam:\nüber seinen schwarzen Spiegel\ngleitet ein Hauch,\nlautlos\nund trübt ihn.\nWorum es sich handelt, enthüllt sich hier ledig-\nlich im Rythmus und in der Wortverwendung\nKeine Silbe, die vordringlich auf Bestimmtes hin-\nwiese. Aber daß es heißt: Geh ich „allein\" . . .\n„schattenumdämmerten\" Garten . . . „blaß\" die\nSterne . . „als ob sie verlöschen wollten\" bringt\nmindestens für mich eine so zwingende Suggestion\nnamenloser Melancholie zu Wege, wie es, eben\nweil ein beinahe unsagbares Erlebnis vorliegt, ein\ndirektes Eröffnen nie vermöchte.\nAls eine andere Eigenschaft, die Benndorfs Ly-\nrik erlesen und wundersam macht, kommt hinzu,\ndaß der Dichter zu der Natur ein ganz und gar\npanisches Verhältnis hat. Das will sagen, er trägt\nin sie niemals von Menschen genommene Begriffe\nund Intentionen. Er anthropomorphisiert nicht, er\nenthält sich auch des beliebten Mythologisierens.\nEr arbeitet nur mit Anschaunngen, die aus den\nDingen sich ablösen. Seine Worte bleiben allezeit\nbehutsam und wie ahnend; sie haben Angst vor\nUebergriffen in ein Bewußtsein, das anders aufge-\nbaut als das unsrige ist. Sie wollen nicht herr-\nschen, sondern dienend der Natur ihre heimlichen\nMitteilungen ablauschen. Sie weisen alle nach\neiner äußersten Hingabe, nach einer letzten verge-\nhenden Hinnahme, hinter der' sich 'das selige\nSchweigen des All- Eins- Schauens ausdehnt.\nUnd dies ist die dritte Gruppe von Benndorfs\nlandschaftlichen etats d'äme Dichtungen: seine Wi-\ndergaben des monistischmystischen Einheitsge-\nfühls der Menschenseele gegenüber der in jeder\nlandschaftlichen Einzelerscheinung lebendigen gro-\nßen Naturseele. Das Naturgefühl hat sich bis zu\neiner religiösen Ueberzeugung entwickelt. Die\nDinge werden, im Lichte neuer naturwissenschaft-\nlicher Aufdeckung nichts geringeres als Stationen\neiner allgemeinen von ewig her bestehenden\nMetempsychose. Die Darstellungsfähgikeit Benn-\ndorfs erreicht die Höhe\nUnd so lausche man denn gesammelt und an-\ndächtig dem folgenden traumschönen Paean:\nDort wo still und kühl das Leben webt: irn\nBergkrystall, in dem metallisch glimmernden Flü-\ngelstäubchen der Abendfalter, im Kirschblütenblätt-\nchen, das am Spinnenetz zittert, hab ich einst ge-\nwohnt\nDort, wo still und kühl das Leben webt: in den\nnächtigen Schauern des Meers, im tonlosen Nebel-\ngrau überm Fluß, im scheuen Blinken der Sterne\nbeim ersten Hahnenschrei,, hab4 ich einst gewohnt!\nIn den bebenden Fasern der Qualle im blitz-\nhaft erhellten Blick der Eidechse, im Aufschurren\ndes' Käfers, hab ich gewohnt und im Schelten des\nWasserfalls und Stöhnen der föhngezausten\nLärchenwälder!\nUnd manchmal verlangt mich wieder hinab zur\nEinfalt des keimhaft Bewußten; verlangt mich, Mit-\nwisser zu sein des Muttergeheimnisses der Dinge\nund ihres ewigen Werdedrangs.\nAber den panisch Versunkenen reift die Stunde,\nwo grußloses - Unverwandtes heimlichen Gruß\ntauscht und Unmündiges sich verführen läßt zu\nlächelnder Wortgebärde!\n\nFritz Hübner"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "69", "page_fin": "72", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.7", "titre_corps": "Der Philosoph", "titre_sommaire": "Der Philosoph", "signature_source": "Egon Löwy", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.5", "debut_caractere": 5270, "fin_caractere_exclue": 9923, "texte": "Der Philosoph\n\nDie Schöpfung einer der Welt begleitenden\nSymbolwelt (in Stein, Tönen, Worten) hat der Welt\neinen neuen Schmerz gegeben jenen an welchem\nAugustinus litt, den Erfüllungsschmerz. Er pflegte\nin sich einige Abstrakta für die er den Gegenstand\nsuchte. Diese waren der Welt von wenig tiefen\naber übermütigen aufgedrängt worden und die Ur-\nheber ahnten nicht welcher Vertiefung ihre eigenen\nWorte fähig waren. Wie untilgbar und verderben-\nbringend war für die Vertiefer der in ihnen schlum-\nmernde frivole Gehalt! Er war nicht zu überwinden\nDie Philosophie der großen Philosophen ist die\nBeichte eingeschüchterter Menschen, die nicht die\nKraft haben, sich in eigenen Formeln rücksichtslos\nauszudrücken, die Formeln ihrer natürlichen Feinde\nanzuerkennen und sie doch revolutionieren weil sie\nihr verleugnetes Selbst irgendwie zum Ausdruck\nbringen müssen. Die Werke der großen Philoso-\nphen sind Werke, eines Malermeisters mit Details\nvon der Hand eines Künstlers. Und wer ist der\nFeiind zu dem sie scheinbar übergehen? Der Geist\nder Wissenschaft. Der Künstler oder der Mensch\nergreift die Dinge weil sie ihn ergreifen. Daraus\nergibt sich das komplexe Phänomen des Lebens,\ndas der Tyrann und der Mann der Wissenschaft\nnicht kennen, die beide herrschen wollen ohne be-\nherrscht zu sein Der Wissenschaft sind nach Ein.\nGeständnis alle Dinge gleich nah. Wenn das Genie\nin die Athmosphäre der Wissenschaft eintritt wird\neine zarte Komponente seines Wesens die stets\nparat liegt um in jeden Prozeß einzugehen verstärkt\nIndem er, der bestimmt ist den allgemeinsten Vor-\naussetzungen dieser Welt an sich den Garaus zu\nmachen, zuerst eine spezielle Formelwelt durch-\nbricht, entwickelt er diese und ist dadurch Philo-\nsoph. Der große Philosoph heult mit den Wölfen\nder Wissenschaft, wenn man aber genauer zuhört,\nist es ein ergreifendes Trauerlied. Die Wissen-\nschaft ist dort wo sie mehr sein will als eine An-\nweisung für Handwerker, ein Pandämoniutn aller\nim Laufe der Jahrhunderte ins Dasein getretenen\npedantischen Essenzen Wenn sie in Fleisch und\nBlut übergegangen ist und eine mächtige für das\nsinnvolle Leben, begabte Natur zu knechten ver-\nsucht entfaltet sich der Philosoph, der inkarnierte\nKampf von Leben und Tod. Der Gemütsbon der\nWissenschaft ist die Arroganz, die allen Aeuße.\nRungen des Lebens um ein Wort voraus ist. Die\nWissenschaft ist Usurpator. Auf alles legt sie ihre\nHand und so kommt es \"im Leben, das von der psy-\nchologischen Essenz der Wissenschaft durchtränkt\nist vor, daß man in seiner Reifezeit das als Tiefe\nerlebt was andere als Gemeinplatz mißbrauchen.\nAber glücklicherweise hat der Satz „Es ist mir\nteuer\", einen wertvollen Doppelsinn. Die Dinge\nsind soviel wert als sie uns gekostet haben. Ob\nich nun lese wie ein Künstler auf Vorbilder\nreduziert wird oder die Gesamtnatur nach Analo-\ngie eines ihrer Gebiete ausgelegt wird (mechanisti-\nsche Weltanschauung) stets finde ich dasselbe wie-\nder: Den Kult der Wahrheit, des Unumstößlichen\noder besser: die Wissenschaft sucht das Einmalige,\nUnwiderbringliche auf die mechanisierten Reflexe\neines Pedantengehirns zurückzuführen, auf das, was\nstets zur Hand ist, auf den Alltag den sie dadurch\nerst schafft Im Falle Augustinus führte die Wis-\nsenschaft einen Mann durch den Anschein irre man\nkönne allen Dingen gleich gegenüberstehe (Mann\nwie Weib zum Beispiel) und durch den Gedanken\nder sogenannten Evidenz. Es vertiefte diese Ge-\ndanken konnte jedoch den frivolen Kern nicht aus-\ntilgen, die Anmaßung der Untiefe.\nAlso der Ton der Wissenschaft der sich jedem\nWort, das sie gebraucht imprägniert und der da-\ndurch entsteht durch die Zusammenhänge die sie\nfindet die Welt erst zu setzen, hat Augustinus ver-\nführt. Der große Mensch ist durch eine Eigenschaft\ngroß, die nicht genährt werden darf um ihn nicht\nunglücklich zu machen. Es ist dies das Verlangen'\nnach der Formulierung, nach dem Zusammenhang\noder nach der einzigen Möglichkeit so etwas herzu-\nstellen nach dem Continuum einer die Welt beglei-\ntenden Formenwelt. Es genügt aber diesem Ver-\nlangen schon wenn er den Augenblick irgend wie\ndeutet, in Zusammenhang bringt, bucht. Schon da-\ndurch tut er der Herrschaft des Augenblicks Ab-\nbruch, aber er scKafft die geniale Lebensführung,\ndas Lebensgebäude. Wo diese Eigenschaft durch\ndas Beispiel der Wissenschaft verstärkt wird, for-\ndert er als Tyrann daß jedes Erlebnis den Beweis\nseiner Richtigkeit nämlich seine Deutung in sich\ntrage, er wirft Formulierung und ihr Material durch-\neinander, kehrt das Verhältnis von Formel und\nMaterial um und wünscht die Unendlichkeit der\nWelt durch eine Formel gesetzt zu sehn. Daher\ndie Frage nach dem Sinn der Welt oder nach der"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1912, "texte": "die Welt zeugenden Deutung, nach der Deutung\nvon etwas das wir nur zum kleinsten Teil erlebt\nhaben und uns weigern zu erleben. Der tiefste\nGrund des Pessimismus liegtim Wesen des Genies,\ndas die Welt die unendliche durch eine endliche\nFormel fassen will. Er will daß die Welt arm sei\nund sträubt sich dagegen. Das Genie wird Pessi-\nmist und verliert indem es die Ungewißheit der\nHoffnung nach Muster der Wissenschaft durch die\nGewißheit, durch etwas was er in seinem kleinen\nLeben erleben könnte, ersetzt das allgemeine Le-\nbensgefühl das alle Wesen aufrecht hält.\nNun beginnt erst die Philosophie ihre positive\nArbeit. Der Philosoph baut und baut und muß sich\ndie Welt stets vor Augen führen er muß sich erfüllen\nmit dem Endlichen. Die anderen sind der Welt\nsicher ohne etwas von ihr zu wissen. Sie haben\ndie Hoffnung. Ihre Gedanken kommen aus dem\nLeben während die des Philosophen ihm das Leben\nersetzen sollen, das er nicht führen kann, da\ndie Dinge nicht ihre eigene Deutung in sich tra-\ngen, daher nicht geheiligt sind und man nicht allen\nGegenständen, etwa Mann wie Weib auf gleiche\nArt gegenübersehen kann. Seine Konstruktionen\nsind deshalb einheitlich und arm; in seiner geistigen\nWelt herrscht die Methode. Die Herrschaft der\nMethode nennt man Materialismus. Nicht zu ver-\nwechseln mit mechanistischer Weltanschauung,\nMaterialismus oder Methode ist identisch mit PessL\ntniismus und steht als unrythmisch dem Rythmus\ndes Lebens gegenüber der jeder jedes Ding vor\nund zurückstellt und die durchgängige Methode nicht\nkennt, die ein auseinandergezogener Augenblick ist.\nNur des Zufalls, des Geschenkes freuen wir uns\nDer Beruf, die Fertigkeit, die Tätigkeit sind\nMechanisierungen der Berufung, des schöpferischen\nAugenblickes, der Tat. Wer Fertigkeiten hat mit\ndem ist man bald fertig; es ist voraus zu berechnen\nauch mit dem Philosophen der den Rhytmus des\nLebens durch die Methode vergewaltigt.\n\nEgon Löwy"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c009", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "70/71", "page_fin": "70/71", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.7.1", "titre_corps": "Georg Tappert: Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Georg Tappert: Originalholzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70/71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 34, "texte": "Georg Tappert: Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c010", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.8", "titre_corps": "Kunst als Spiel und Stil", "titre_sommaire": "Kunst als Spiel und Stil", "signature_source": "H. W", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.7", "debut_caractere": 1914, "fin_caractere_exclue": 8776, "texte": "Kunst als Spiel und Stil\nH. W.\nMax Reinhardt feiert in Paris die beliebten\nTriumphe mit Sumurun. Die französische Presse\nsoll außer sich sein, sie geht in sich und staunt über\ndie Gedanken Reinhardts. Warum Sumurum öde-\nstester Kitsch ist, wurde in dieser Zeitschrift bereits\nauseinandergesetzt. Das Wesen der Pantomime,,\ndie nur aus der Musik geschaffen werden kann, also\nnicht von Viktor Hollaender, wurde von Max\nReinhardt nicht erkannt. Das Wesen der Kunst\nauch nicht. Das Wesen des Theaters auch nicht.\nOesterreichische Dramaturgen sind stets für Stil\nDer Oesterreicher des Deutschen Theaters, der so\nnett dichtende Herr Artur Kahane erklärt: „Was\nwir im Leben des Herzens Takt oder Distanz\nnennen, das heißt in der Kunst Stil. Stil ist ihm\nferner die durch Scham gebändigte Leidenschaft;\ndas Verstecken hinter Masken, ihr Verbergen hin-\nter Formen: die neugierigen Blicke der. Mitmen-\nschen von sich ab zu eindm Ewigen lenken. Das\nnennt man nach Kahane Klassizismus, „als deren\nVollender und Ueberwinder uns Moliere er-\nscheint\". Moliere, weil man gerade ein Stück von\nihm dort spielt. Menschen ohne Leidenschaft ver-\nbergen sie stets hinter Masken. Man zieht sich\neinfach einen Smoking an, läßt sich den Schnurrbart\n\\\nwachsen, und das Leben des Herzens tut\ndasselbe wie das Leben des Menschen: es frißt.\nWährend im Innern alles nur so frißt, ist man\näußerlich mondain, telefoniert, denkt und läßt das,\nwas sonst Dramatungen taten. Es gibt keine un-\nkünstlerische Vorstellungen als Stil, Formen und\nAufführungen des Deutschen Theaters Denn was\nman dort Stil nennt, nämlich Festlegung eines\nTheaterabends auf einen bestimmten Begriff, zum\nBeispiel Klassizismus, also eine intellektuelle Tätig-\nkeit, wird nciht einmal erreicht. Wenn den Herr-\nschaften ihr eigener Stil zu langweilig wird, ver-\nsuchen sie es mit echtem Naturalismus, da die\nLeidenschaften aus inneren Gründen absagen\nmußten. Der Unterschied zwischen Naturalismus\nund Stil im Deutschen Theater wird einfach zahlen-\nmäßig bestimmt. Naturalismus: Das Amazonenheer\nbesteht aus dreißig Statistinnen. Massenwirkung.\nStil: „Führt die Gefangenen ab\". Zwei Gefangene\nwerden abgeführt Die andern nämlich kann sich\ndie durch Scham gebändigte Phantasie der Zu-\nschauer denken. Amazonen sieht man nicht so\nhäufig wie Gefangene. Da wird das Heer darge-\nstellt. Naturalismus: Odysseus spricht und gesti-\nkuliert wie ein verschmitzter Kleiderhändler aus der\nRosenthalerstraße. nämlich war ver-\nschmitzt, vaschtehste. Hingegen Stil: Achilles\nbrüllt, teils nach Moissi, teils nach Kainz. Aber er\nbrüllt Denn er ist der Sohn des Peliden. Natura-\nlismus: Die Amazonen schlagen auf die Schilder\nvon Pappe. Daß es nur so kracht, ohne durchzu-\nbrechen, zeigt die Festigkeit der deutschen Indu-\nstrie. Stil: Während der Liebe wird rot einge-\nschaltet. Wer wüßte nicht, daß es sich im Roten\ngut lieben läßt. Aus zahlreichen ähnlichen Details\nwird die Tragödie Penthelisea aufgebaut. Kleist\nist ja beinahe Klassiker, man kann ihn also\nstilisieren. Daß er es nicht ganz wurde, daran hat\nihn nur di? verfluchte Leidenschaft gehindert Es\nbleibt zu hoffen, daß Herr Hugo von Hofmannsthal\nihn bearbeitet, und ihm die Maske fester anbindet.\nDann könnte das Deutsche Theater auch noch die\neinzige Schauspielerin sich sparen,, die es für die\nTragödie aufgewendet hat, Mary Dietrich.\nIhr fehlt in diesem Spiel zur Künstlerin, sie\ndem Erlebnis von Heinrich Kleist noch nicht er-\nwachsen ist. Wo sie es ist, gestaltet sie es. Wo\nsie Kleist nicht fassen karm, sucht sie zu begreifen\nund Temperament als Leidenschaft zu geben. Die\nübrigen Personen auf der Bühne versteckten selbst\nihre Begabung hinter Masken, so daß sie sie kaum\nahnen ließen. Die Tragödie gefällt übrigens noch\nimmer nicht Nach wie vor erscheint unkünstle-\nrischen Menschen, also besonders \"Theaterkritikern\nund Literaturhistorikern, ein starker Instinkt als\nUeberschwänglichkeit,, ein Ausbruch der Leiden-\nschaft als Perversität. Man hetzt keine Hunde auf\nden doch so Geliebten. Das ist unnatürlich. Oder\npervers. Das würde der Theaterkritiker nie tun\nAuch seine Frau nicht. Der Literarhistoriker\nkann die Angelegenheit schon eher durch Mytho-\nlogie entschuldigen. Die Mythologie nämlich ist\n„nur\" Phantasie. Also: Der Dichter, der keine\nPhantasie besitzt, braucht nur mythologisch zu\nkommen, und er ist ein Dichter für den Theater-\nkritiker und den Literarhistoriker (Ernst Hardt,\nHugo von Hofmannsthal, Eberhard König). Wäh-\nrend ich sage: die einzige Schwäche dieser unge-\nheuren Dichtung ist, daß Kleist sein Erlebnis, offen-\nbar noch unter dem Einfluß von Goethe, zum Teil\nmythologisch verbarg. Erlebtes also in überlebte\nund unerlebte Begriffe steckte. Diese Dichtung,\nvielleicht jede, ist zu grolT für das Theater und zu\nklein. Zu klein, weil sie ohne Rücksicht auf die\nKunst Theater geschrieben ist. Denn Theater und\nLiteratur stehen so entfernt zueinander, wie Plastik\nund Malerei Theater wird ohne Schauspieler-\npersönlichkeiten nie Kunst sein. Und wie sollte die\nein Regisseur finden, der sein Theater für eine\nAngelegenheit des Malers Stern hält, der sich Felix\nHollaender als literarischen Beirat, Viktor Hollaen-\nder als Komponisten und Artur Kahane als kleinen\nAristoleles hält. Aber Engels Zunge. Stahls Auge\nund Schmidts Ohr rühmen den Ruhm von Max\nReinhardt. Er ist zu Bahn nach Frankreich. Keine1\nAngst. Herr Auburtin gibt ihn uns wieder.\nMit schwarzen Üeltern seien die Namen folgen-\nder Künstler des Varietes genannt: Ciaire\nWaldoff, Littke Carlsen (Passagetheater)\nRoble d i 11 o (Wintergarten). Sie haben Er-\nlebnisse und können sie gestalten. Sie brauchen\nsich nicht hinter klassischen Formen zu verstecken^.\ny*\nweil sie, wie jeder Künstler, ihrem Erlebnis seine\nForm geben können. Die Waldoff singt, Carlsen\ntanzt, Robledilto läuft Seil. Natürlich kann die\nWaldoff keinen Ton singen ; aber jeder Ton den sie\nsingt, gestaltet ein Erlebnis, versinnlicht das Ma-\nterial des Erlebnisses. Sie gibt mit einem Tonfall1\ndem Zuhörer Jen Zwang zu ihrer und die Fähigkeit\nzu seiner Phantasie. Mit einer Bewegung seines\nFußes gibt Carlsen den Twostep, zahlreiche Paare,,\nden Tanzsaal, seine Stimmung. Mit einigen Schrit-\nten auf dem Seil stellt Robledillo einen Betrun-\nkenen, den Betrunkenen dar Er torkelt nicht sti-\nlisiert, er fällt nicht naturalistisch vom Seil hinunter.\nEr bewegt seinen Körper. Hier -ist das Geheimnis\nder Kunst: diese Drei finden für äußere und\nVorgänge des Lebens durch ihre Begabung und\nihre Phantasie die gleichwertige künstleri-\nsche Formung, nicht die Formel. Ohne Leiden-\nschaft, das heißt, ohne Trieb und ohne Fähigkeit des\nErlebnisses geht es nun einmal in der Kunst nicht.\nKünstler ist man erst durch die Gestaltung. Die-\naber hängt natürlicK nicht von Goethe oder Beetho-\nven ab, oder von Räffael und Michelangelo, sonder*l\nvon der eigenen Persönlichkeit. Persönlichkeit ist\nStil. Stil an sich hat nur der Bürger."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c011", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "73", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.9", "titre_corps": "La Voce", "titre_sommaire": "La Voce", "signature_source": "Curt Seidel-Turin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.7", "debut_caractere": 8778, "fin_caractere_exclue": 10008, "texte": "La Voce\n\nIch bin keiner von den deutschen hoffnungs-\nvollen Malern, die nach dem „sonnigen Süden\"\npilgern, um in den Galerien der Uffizien von Florenz-\nvor Meisterwerken ihre fehlende Persönlichkeit zu\nbegraben.\nIch 'bin auch keiner von den vielen in Rom\nwimmelnden Zeitungsschreibern, die ihre ethnolo-\ngischen, psychologischen, ethischen und sozialen,\nBeti achtungen über das italienische Volk, sein Land*\nund seine Sitten in dem öffentlichen Waschhaus,\ndem Cafe Aragus sammeln. Von diesen Schmierern\ndie ihre parlamentarischen Notizen im Korridor von\nMontocitorio aufkehren und in der Via nazionale\nden Provinzklatsch erhaschen, empfängt der Deut-\nsche seine Kenntnisse des Italien von heute\nSo ist das Italien des Herrn Dr. Zacher nichts\nals eine Sammlung falscher Berichte, falscher Auf-\nfassungen und Beobachtungen, So wanderte Hans\nBarth aus Mangel von Rom nach Verona mit dem\nZiele einer glücklichen Entdeckungsreise alter\nWeinkneipen.\nDas junge Italien ist in Deutschland nicht be-\nkannt. Vor ungefähr zehn Jahren scharte sich\neine kleine Gruppe junger williger Männer (teils\nAutodidakten, teils aus der philosophischen und\nkritischen Schule Croces) um den Leonardo, eine\nMonatsschrift. Sie wollten dem alten akademischen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2144, "texte": "Tethorischen und klassischen Unfug ein Ende\nmachen. Dieselben Männer gründeten vor ungefähr\nV\\\ndrei Jahren ein neues Organ in der Absicht, die un-\nzähligen Probleme zu behandeln, die das öffentliche,\nsozial-politische und wissenschaftliche Leben Italiens\ninteressieren. Guiseppe prezzolini rief in Florenz\ndie heute ausgedehnte Bewegung der „Voce\" her-\nvor\nVorurteilsfrei, weltbewandert, geistreich, leb-\nhaft, aufrichtig und heftig, aufrichtig vor allen\nDingen, begann er mit seinen Freunden die\nschwierige Arbeit, Volk und Kultur Italiens in jeder\nBeziehung unter jeder ehrlichen aufrichtigen Be-\ndingung aufzufrischen und aufzuwecken. Prezzolini\nhat von Croce die pränung, den strengen Ernst,\ndie schematische Disziplin, und von Charles Pegiiy\nden unruhigen Geist des Agitators. Als Förderer\ndes selbstständigen Regionalismus ist Prezzolini\nschon heute für das junge Italien der Agitator.\nDieser Mann hat in kaum dreijähriger Tätigkeit\nTausende von Freunden erworben.\nProbleme des Sexualismus, (in Italien fast un-\nbeachtet) Probleme des südlichen Italiens, Pro-\nbleme des Irredentismus, das' Problem der Ein-\nnahtrne Tripolitaniens, alle diese Streitfragen erör-\nterte er mit Gewissenhaftigkeit und Sicherheit, was\nselbst seine Gegner, Schriftstller der alten Battega,\nzugeben mußten. „La Voce ' wurde durch Zeich-\nnung von Aktien zu fünfundzwanzig Lire zum\nVerlag der Volkskultur, clurch den man die besten\nitalienischen, französischen, deutschen und engli-\nschen Bücher beschaffen kann.\nMit Prezzolini arbeiten: Sapini, energischer\nVerbreiter der ausländischen Philosophie, Erläute-\nrer der altitalienischen Literatur, Slataper, der die\nJudith und die Tagebücher Hebbels vorzüglich\nübertrug und vielleicht durch eine Gemütsgemein-\nschaft Hebbel sich nachfühlt. Ardengo Soffici, ein\ngutjer Kenner der französischen Impressionisten hat\nin Italien einen großen vergessenen italienischen\nKünstler wiedergerächt, der heute noch in Paris\nlebt und schafft: Medardo Rosso, den Vater des\nImpressionismus in der Skulptur\nÜber di« Bewegung Futurismus durch F. T. Marinetti\nia Mailand sind die Leser dieser Zeitschrift unterrichtet\n\nCurt Seidel-Turin"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c012", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "73", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.10", "titre_corps": "Schöne Künste", "titre_sommaire": "Schöne Künste", "signature_source": "Lyrik", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.8", "debut_caractere": 2146, "fin_caractere_exclue": 4162, "texte": "Schöne Künste\nLyrik\nHerr Oscar Blumenthal tritt für die Lyrik ein.\nNatürlich im Berliner Tageblatt. „Wer seine über-\nlegene Geringschätzung der lyrischen Kunst spöt-\ntisch zum Ausdruck bringen will, pflegt einen Witz\nüber die Unverbesserlichen zu machen, die noch\nimmer Herz und Schmerz, Sonne und Wonner oder\nLust und Brust reimen. Seit ungezählten Tagen\nwerden diese Reime stekbrieflich verfolgt. Sie gel-\nten als die Kennzeichen aller unberufenen Dichter-\nlinge.'4 Infolgedessen muß Herr Oscar Blumenthal'h\nnatürlich für diese steckbrieflich verfolgten Kenn-\nzeichen plaidieren. Ein Dichterling tritt Anwalt\nohne Vollmacht für die übrigen Dichterlinge auf. Er\nberuft sich auf Sachverständige. Diesmal auf Georg\nHerwegh, dem jedes lyrische Vermögen fehlt. Also\nHerr Oscar Blumenthal hat die Gedichte Herweghs\n„wieder einmal zur Hand genommen\", Er hat sich\nwieder einmal „an dem noch nicht erkalteten Glut-\nherd die Seele warm gelesen\". Bei Herwegh gibt\nes sogar „Worte, die wie Fahnen rauschen\". Be-\nsonders ein Gedicht ist für Herwegh und Blumen-\nthal charakteristisch. „Es macht den Eindruck, als\nhätte der Poet mit trotziger Absicht einen Katalog\naller verbrauchten und deshalb verbotenen Reime\naufzeichnen wollen, um den Beweis zu liefern, daß\nechte Kunst jeden Rohstoff zu adeln weiß.44\nHerwegh lieferte „effektiv\" zwar nur den Beweis,\ndaß Rohstoffe durch den Gebrauch nicht echter\nwerden, selbst wenn Herr Blumenthal sie einige\nJahrzehnte später aufbügelt.\nDurchtobt in wildem Flüsse\nDas heiße Blut dein Herz,\nDann ist das Gold zum Gusse,\nZum Liede reif der Schmerz.\nDie letzte Strophe:\nLaß steigen Schmerz und Wonne,\nLaß steigen Leid und Lust,\nWae aus dem Meer die Sonne,\nEmpor aus deiner Brust.\nV- , ' , ,\nDas findet Herr Blumenthal „voll Stimmung und\nKlangreiz\". Denn, sagt er, hier reimen sich nicht\ndie Worte, sondern Begriffe. Herr Blumenthal weiß\neben nicht, daß in der Lyrik die Begriffe fehlen müs-\nsen, weil das, Wort richtig eingestellt werden muß.\nEr war nie begriffsstutzig, der Herr Blumenthal."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c013", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "73", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.11", "titre_corps": "Lebensfreude", "titre_sommaire": "Lebensfreude", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.8", "debut_caractere": 4164, "fin_caractere_exclue": 6866, "texte": "Lebensfreude\nDas Metropoltheater ist aber wirklich die ein-\nzige Berliner Bühne, die naturalistische Stücke\nspielt. Mit seiner letzten Revue hat es die .Natur-\nnähe endgültig erreicht. Die Kollegen behaupten\nimmer, daß Ibsen und Gerhart Hauptmann der Ge-\nsellschaft ihr Spiegelbild vorhalten. Zwar liegt es\ndurchaus nicht im Wesen des Künstlers, sich in\ndieser Friseurprose zu gefallen. Ein Spiegel kann\neben nur spiegeln. Und nie kann ein Künstler diese\nGesellschaft zeigen, die sich die Gesellschaft nennt.\nDer Gesellschaft ist das Leben zu nüchtern, beson-\nders in Deutschland, Sie muß sich nach Griechen-\nland zurückziehen, um sich sauwohl zu fühlen. Die\nHerren Schultz, Freund und Baruch unternehmen\nseit Jahren diese Tour mit den poesietrunkenen\nZeitgenossen. Die Dividenden steigen und die\nKleider fallen. Aber darunter ist wieder Baruch.\nDie Naturwahrheit ist übertrieben. Können die\nHerren sich nicht wenigstens ein Mitglied des Ver-\neins Berliner Künstler verschaffen. Oder einen An-\nstreicher mit Farbensinn. Ahes eher als diese Job-\nberkunst. Sonst wäre die Sache erträglich. Die\nbesten Schiebungen werden verraten (unter freund-\nlichem Beifall des Publikums), die Erotik wird durch\nein Freudenmädchen versinnlicht, die immer kleiner\nSchäker sagt; die Liebe, durch einen Backfisch, der\neinen Leutnant liebt, und, o Welt, schon weiß, was\nLiebe ist (ich erfahre, daß man es jetzt im K.d.W.\nerfährt). Auch den immer älter werdenden Schun-\nkelmädchen wird der letzte Rest von Phantasie\ngeraubt,, sie schunkeln nicht mehr mit den Baruch-\nbekleideten Armen und Beinen, sondern auf echten\nSchaukeln. Bei uns ist alles echt. Aber ein heim-\nlicher Poet muß doch unter den sechs Autoren stek-\nken. Der Leutnant sieht mir sehr verdächtig aus.\nUnd die Schaukeln sind mit farbigen Glühbirnen\nbeleuchtet. Soetwas stört die Echtheit ebenso, wie\ndie zusammenwachsenden Bäume. Dafür ist das\nSpiel desto echter. Wie in der Gesellschaft. Sowie\njemand nicht mehr zu sprechen hat, hält, er sich für\nerledigt, der Geist des Herrn Freund verläßt ihn\nund er wird zu einer Dekoration von Baruch. Die\nholden Damen, die eben noch mit dem bewährten\nverführerischen Lächeln tanzend vorschunkelten,\ndrehen sich um, die Grazie des Herrn Schultz ver-\nläßt sie und Trikotständer von Baruch stehen her-\num. Und wenn man schließlich wahrnimmt, daß die\nGesellschaft den lyrischen Vergleich in durchaus\nbildhafter Ausführung zwischen einer Geliebten und\neiner Wurst, ihre Haut ist ihre Pelle, und immer\nnoch weiter und immer noch widerlicher, gut ver-\nträgt, braucht man an der Gesundheit der Nation\nund an der Kraft des Volkes nicht zu verzweifeln.\nDem Volk werden auch die paar berüchtigten per-\nversen Bilder nichts schaden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-08-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-08_01#c014", "volume": "bmtnabg_1912-06-08_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "73", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.2.12", "titre_corps": "Die Bilder", "titre_sommaire": "Die Bilder", "signature_source": "H. 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Auch unsere Schl'ächtersfrau .will hingehen.\nAuf die Gesichter freue ich mich\". Auch das muß\nein kunstliebendes Publikum erfahren. Aber die\nSchlächtersfrau hat es doch besser. Sie kennt be-\nreits durch den Banausen, der sich Kunstkritiker\nnennt, die Namen von Picasso und Kandinsky, die\nder Kunstkritiker vorher nicht kannte. 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MARINETTI\nDistruzione / Poema\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia'4\nLa Momie sanglante\nPoeme dramatique\nEditions du „Verde, e Azzuro\" / Milan\nD'Annunzio intime\n4e edition\nEditions du „Verde e Azzuro4' / Milan\nLe Roi Bombance\nTragfedie satirique, 3e edition\nEdition du „Mercure de France\" / Paris\nLa Ville Charnelle\n4e edition\nE. 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Se-\nzession Eingang Grolmannstr.\nIllustriert. Katalog u. 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W.: Kunst als Spiel und Stil / Curt Seidel-Turin: La voce / Hanns Bolz: Zeichnung/\nGeorg Tappert: Originalholzschnitt / Wilhelm Morgner: Originalholzschnitt.\n\nHanns Bolz: Le père tranquille / Zeichnung."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.2", "texte": "Ideen über Ausstellungswesen\nFranz Marc\nDie Friedfertigen werden das Himmelreich nicht\nsehen. Unzufriedenheit ist ein wunderbares Fer-\nment. Wir sind unzufrieden und erwarten den\nDank all'er die das Bessere wollen.\nKünstler sind nicht von den Aus-\nstellungen abhängig, sondern die\nAusste! Lungen ganz und gar von den\nKünstlern.\nMit diesem Fundamentalsatz sollten alle Aus-\nstellungsstatuten beginnen. Es gibt nur einen Re-\ngulator, den die Ausstellung selbst zu handhaben\nhat: die Platzfrage. Diese muß der Organisator\ngelöst haben, bevor er die Einladungen an die gut-\nmütigen (oder auch gelegentlich nicht gutmütigen)\nKünstlern versendet\nDaß die künstlerische Ausbalancierung von gro-\nßen Ausstellungen auch so praktisch große Schwie-\nrigkeiten bietet, wissen wir alle. Aber es gibt nur\ndies Ziel: Ungebrochene Kraft neben Kraft 'zu\nsetzen, reinen Klang neben Klang, Maß neben Maß.\nKünstlerische Ideen stehen dann nebeneinander wie\nSäulen, die den Bau der Kunst tragen.\nGroße Ausstellungen sind dazu da um große\nKunstwirkungen zu erzeugen. (Massenausstellun-\ngen, wie die Sezessionen sie arrangieren, sind an\nsich ein Blödsinn und haben mit echter Kunstwir-\nkung nichts zu tun. Von ihnen ist hier selbstver-\nständlich nicht die Rede.) Die Herren des Sonder-\nbundes erstreben aber große Kunstwirkungen. Vor.\nBedingungen für großes Gelingen sind — latent —\nauch unzweifelhaft vorhan'den Aber die Praxis\nversagt. Durch ungleiche Gewichtsverteilung wer-\nden alle Urteile und Maße verzerrt und die ganze\nlebendige Architektur, deren Grundprinzip Maß ist,\ngründlich verdorben.\nWir brauchen dafür nur auf den Fall der rie-\nsigen van Gogh-Ausstellung zu weisen. Der edle\nkluge van, Gogh würde\" der Ehrung wenig Dank\nwissen und nach den Lebenden fragen.\n~Ja, die mußten zusammengepreßt, gevierteilt\nwerden; Sie haben uns zu viel eingesandt, da Sie\ngestorben sind, darf man Sie nicht zurückstellen;\nEhrung den Toten/'.\nEr hätte vielleicht geantwortet: ~Nach Ihnen\nmeine Herren; meine Werke haben jetzt keine Eile\nmehr. Es gibt nur eine Frage von Bedeutung: was\npassiert heute? Welche Kräfte halten heute den\nBau? Warum tat meine Zeit nicht diese Fragen\nund stellte mich und meine Kollegen aus, als wir\nnoch lebten; Ihr wäret heute weiter!\"\nMan stellt uns aus; wir möchten sagen ~leider\",\ndenn man glaubt damit genug getan zu haben. Man\nignoriert, daß in den großen Ausstellungen von\nheute das entscheidende Problem unserer künst-\nlerischen Kultur liegt, liegen könnte. Man sieht\nhier, wie es scheint, überhaupt kein Problem, An\ndieses heranzugehen gelingt nur, wenn man die\nKünstler selbst mitarbeiten läßt, jeden Kreis, jede\norganische Kraft für sich, unabhängig bis zum\nletzten\nWenn jemand eine Maschine erfindet, führt er\nsie der Welt auch selbst vor, wenigstens so lange,\nbis seine konstruktiven Ideen Gemeingut seiner\nSchüler geworden ist. Oder gibt es in aller Welt\nden Fall, daß man dem Erfinder die Maschine fort-\nholt, zerlegt und auf irgend eine Weise, die dem\nErfinder ganz fern liegt, popularisiert? Warum\nverfahren die Ausstellungen so mit uns Künstlern?\nWir Maler schaffen nicht so sehr Bilder als I d e e n\nund wir allein sind berufen, unsere Ideen vorzu-\ntragen, wie wir es für richtig halten; ein Postulat,\ndas Dichtern und Komponisten die conditio sine qua\nnon ihres Wirkens ist unä um dessen Willen die\nersten Maler sich heute immer imehr von allen offi-\nziellen Ausstellungen zurückziehen; wo sie es\nnicht tun, sind sie sich ihrer Verantwortlichkeit vor\nihrer eigenen Kunst nicht bewußt. Die Ausstellungs-\nLeitung hat nur die praktische Organisation des\nGanzen zu schaffen Dann passieren auch, um auf\nden aktuellsten Fall' zu weisen, jene üblen Dinge\nnicht: die Ablehnung würdiger Unbekannter für\nwelche wir Kollegen nur zu oft betteln gehen müs-\nsen, um an neun von zehn Türen abgewiesen zu\nwerden.\n♦\nHoffentlich gelingt es dem Sonderbund noch\neinmal, solche Ausstellungen zu schaffen\nDer kleine Kreis süddeutscher Künstler, der\nhier seine im Sonderbund nicht ausgestellten Wer-\nke zeigt, hat wenig Freude an dem, was der Son-\nderbund von ihm ausgestellt hat. Es nagt an un-\nserm künstlerischen Gewissen, wir geben dort nicht\nbewußte und abgwogene Kunstwirkung, die wir\n*\nbeabsichtigten; alles von uns dort ist Bruchteil.\nZerrissene Kunstwirkung ist keine Kunstwirkung.\nWie viel andere mögen ein ähnliches, schlechtes\nGewissen vor den Ideen haben, die sie dort her-\nausstellen wollten.\nEin andermal: ganz oder gar nicht!\nVielleicht gelingt es uns, durch diese kleine\nAusstellung und unsre Worte das schwierige Pro-\nblem der modernen Ausstellung zur Diskussion zu\nstellen, auf der Basis jenes Satzes:\nDie Künstler sollen nicht von den\nAusstellungen abhängig sein son-\ndern die Ausstellungen von den\nKüstfern.\nDie zurückgestellten Bilder des\nSonder bundes werden vom 16. Juni ab in der\nvierten Ausstellung der Zeitschrift der Sturm, Königin\nAngustastrasse 51 ausgestellt.\n\nDer schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\nIrene ging halbwach umher. Ihr war zu Mute,\nals wenn sie über ein Stück schwarzen Sammts\nstriche und es sie dabei leicht schwindelte. Sie\natmete unruhig, bald flach, bald tief, ertappte sich\ndabei wie sie vor sich hin sah und die blassen Hände\nlächelnd an die Wangen hielt. Ein Zittern strömte\ndurch ihren Körper von den Zehen bis in die Arme\nund Finger, über den Nacken liefen ihr Kälteschau-\ner, die unter die leicht vornüber hängenden Brüste\nherum huschten, daß sie sich aufstellten; über Leib\nund Schenke! verschwanden sie in die strengen\nKnie, die sie schwach machten; bis sie wieder hoch\naufatmete, die Muskeln anspannte und sich zwang.\nEs war ihr manchmal, als ob sie aufgehoben,\nlange in der Schwebe gehalten und dann unverse-\nhens auf den Boden geschmettert würde. Als ob\nauch etwas in, ihr hin und herliefe, das sich nicht\nhinsetzen wollte und dem sie immer zusehen mußte.\nGanz eng zogen sich die Kreise um sie zusammen\nund vereinsamten sie. Sie war nie allein gewesen,\njetzt aber mußte sie sich gar von Vater und Mutter\ntrennen Oh des launisch begonnenen Spiels. Tief\nerschrak sie,, mit einem Schlage rettungslos; ver-\nschloß sich in sich selbt. Sie mußte sich beruhigen,\nsich ganz und gar auf sich besinnen. Im Garten\nsaß sie, auf der Bank, wo der breitstirnige finster\nleidende ihre Hand mit unterdrückt zarten Flehen\nan seine Schläfen gedrückt hatte. Und da kam es\nwieder herauf von Traum und Trunkenheit und war\nso voll Angst und Schluchzen, so voll Heimlichkeit\nund Leben und Kopf- an-die-Schulterlegen. Sie\nspielte mit den Efeublättern und täuschte sich über\nden Augenblick und seine Befehle hinweg.\nStarrte so lange vor sich hin, warf sich plötzlich\nglührot mit zusammengepreßten Knien und ab-\nwehrenden Hände® im Gras, Als sie siel'\nund sich das Haar z&rücEstrich, hasteten ihre Ge-\ndanken. Zur Mutter wollten ihre Füße laufen; es\nhieß sich retten oder verstecken vor diesem wilden\nstarren Grauen\nDie kalte Angst die sie früher vor Johannes- ge-\nfühlt und fast vergessen hatte?,, zitterte wieder' in\nihr und war nun nichts süßes- m ihr. Es zog sie\nauf die Bank nieder; sie mußte es selbst ausfechten..\nMit zusammengebissenen Zähnen, entschlossen\ngepreßten Lippen trommelte sie rasch und willkür-\nlos auf den staubigen Gartentisch,, als ob sie sich\nmit ihren Füßen bestärken wollte. Sie hatte den\nDingen ins Auge gesehen. Was schon- längst sich\nheimlich in ihr gegen ihn gewappnet hatte, klirrte\njetzt, wo Gefahr anzog. Jetzt hielt sie den Schauer\nmit wachsamer Feindseligkeit aus. Der Entsetz-\nliche sollte sie nicht fangen. Wenn sie sich besann\nnebelten immer wieder Erinnerungen in ihr auf;\nwas der Mann Johannes an Heimlichkeit, seltsamer\nSüße, zerreißender Sehnsucht aufgesogen hatte,\nseufzte zwischen den Kampfeslärm\nNiemand war im Hause als sie nach der Mutter\nsuchen ging. In den rotsonnigen Gängen schlich\nsie zu der Bank zurück. Sie blieb stumpf vor dem\nTisch stehen, auf den der lange Schatten ihres\nKopfes und ihrer Brust fiel, sank auf den Stuhl und\nbrach in ein hilfloses Weinen und Wimmern aus.\nLeicht zuckten die Schultern zusammen und\nkrampfte sich der zarte Mädchenkörper in den\nstillen Garten, durch dessen herbstbuntes, trocken\nraschelndes Laub Dämmerung schien und über des-\nsen Kies ein Kater mit phosphorgrünen Augen\nschlüpfte. Und noch in \"die Dunkelheit hinein wand\nsich das Menschenkind..\nIn derselben Nacht aber riß sich ihre Seele, die\ner von ihr getrennt hatte, los von ihr und warf\nsich wie ein langer kühler Schatten über ihn.\nEr flehte, als er es über sich wehen fühlte, zit-\nterte in weicher Angst auf und konnte den Hauch\nnicht abwehren Er barg seinen Kopf in den Hän-\nden, wandte sich damit sie ihm nicht in das Ge-\nsicht in die Augen sähe, ihm nichts nähme. In\nströmendem Schmerze ließ er sich die Hände von\nihr lösen und fühlte ihre Tränen auf seinem Gesicht\nund bog den Kopf zu ihr auf. Und dann erkannten\nsie einander durch die wallenden Schleier; laut\nschluchzte er auf, als er auch in ihren Augen die\nAngst sah. Und beide fühlten nur die Angst unter\nder Macht, die in der Luft die zottigen Hände mit\nscharfen sicheren Krallen nach ihnen ausstreckte\nund bog.\nSie wollten sich trennen. Sie gingen nebenein.,\nander durch den Wald. Sie fuhren zusammen,\nwenn sich ihre Hände streiften; um die geschlosse-\nnen Münder mit den Lippen zu berühren, wandten\nsich ihre Gesichter einander zu, aber sie senkten\nbeide den Kopf, als sie sich in die Augen sahen\nSie freuten sich, wenn ein breiter Baum zwi-\nschen sie trat und drückten Beide ihre glühenden\nStirnen an die Borke, gingen langsam weiter in dem\nknöcheltiefen gefallenen Laub.\nUeber Hecken und Sträucher ließen sie ihre\nArme streichen und schleppen; aber auch da zuck-\nten sie zusammen, wenn sie Rascheln von einander\nhörten. Und die Zähne bohrten sich in die Unter-\nlippe. Sie wollten sich trennen. Aber sie konnten\nes nicht wehren, daß das Dickicht sie zusammen-\ndrängte. Ein Wispern und Schurren dünner Töne\nstanden immer um sie herum und waren die Stim-\nme der Verlassenheit, Daneben schwellte mit\nleichtem Pfeifen und Knacken die Luft geruhsam\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.3", "texte": "auf und ab. Als die stolze mit den fahlroten Maar-\nsträhnen über Stirn und Wangen geraden Blicks\nvor sich hinsah und ging, stolperte sie und Johannes\ngriff nach ihr und hielt sie Seine Angen flackerten\nüber ihr Gesicht hin, deren Mundwinkel sich ver-\nzerrten. Zwei starre drohsame Linien waren ihre\nLippen; ein Blick tötiiclieh Hasses traf ihn und sie\nzischte zwischen den Zähnen.\nEr schloß geblendet die Augen. Das Blut klopf-\nte in seinen Händen. Ueber dunkelgrünes Moos\nschritten sie. Johannes blieb zurück und brach\nsich von einem niedrigen Baum einen hängenden\nlosen Ast, an dem Spinnengewebe mit ausgesoge-\nnen trocknen Fliegenleichen wehten und legte ihn\nsich über das Gesicht. Er keuchte leicht und ging\n• 'S\ngebückt. Ueber seinen Nasenrücken floß Blut, das\nauf seine Jacke tropfte Tiefer stieg das weißlicfc-\nhelle Blau des Himmels zwischen die Bäume herab\nund manchmal kamen sie sich ganz aus den Augen.\n'.v vi . . 112 ...\nIrene lehnte gegen einen Baumstrunk, kroch\ndann unter ein Gebüsch, und warf sich auf den\nRücken hin, mit gekrampften Fingern, als das Gras\nunter Johannes Schritten raschelte. Der keuchte\nund sah über sie hinweg, als wenn sie selber totes\nGras wäre. Der alte verächtliche Stolz lag auf\nihrem Gesicht; dann als sie ihm nachsah, flog ein\nhelier Hohn über die Schwingungen ihres Gesichts.\nWeiter brachen sie sich cTurch das Gehölz, irrten\nlangsamer ins Gras. Schließlich standen sie an\neinem breiten Fahrweg, ohne sich anzusehen.\n\\on weitem stäubte ein Wagen heran; als er\nanrollte, rief Johannes den Führer an und hob die\nstille kalte, die mit ge enkten Gesicht dastand, hin-\nauf, wo sie ihm gegenübersaß. Sie hielt die Hände\nauf den Rücken, als wenn sie gefesslt wäre, und\nwenn sie den Kopf hob, streifte sie Johannes, den\nWagen und die Waldlandschaft mit einem leeren\nverschlossenen Blick Johannes saß, die Arme auf\ndie Kniee gestützt, und den Kopf auf den Händen,\neingesunkenen Rückens vor ihr. Wenn seine\nAugen den Saum ihres erdbeerfarbenen Kleides tra-\nfen, regte sich in ihm ganz, ganz von weitem eine\nUnruhe, so daß er nachsann; ohne zu finden, was\nes war, ließ er es entschwinden. Er hatte ihren\nNamen vergessen.\nNachtigallen schluchzen dir entgegen. Du\nschlürftest nie an einer Seele so bang und durstig.\nMir graut es vor dir. Du darfst mir nicht grol-\nlen; sollte dich wohl hassen und verachten\nWarum wirfst du mich nicht hin und schlägst\nmich, wenn meine Arme dich fortstoßen?\nAus der Ferne flüstere ich dir zwischen den\nZähnen alles zu; weh mir, wenn du mich hörst.\nOh, wie begehren meine Arme und Lippen dich,\nnur dich. Komm zu mir du Entsetzlicher. Im\nTraum und heimlich fiel ich zusammen und wenn\nmein Leib sich in Trunkenheit wand, fuhr mir der\ntolle Ekel mit dunstigen gallertigen Händen über\ndas Gesicht. In Blut und Schmutz schwamm ich;\nzertrümmert mußte ich mehr leiden, als meine Zun-\nge sagen kann.\nOh in welche Schmach wirft es mich, daß ich\nein Weib bin. Genug duldete ich 4n mir und nun\nwälzt es mich vor deine Füße hin Komm zu mir,\ndu Entsetzlicher. — Ich bin ganz von mir abge-\ndrängt, das Stumme in mir hast du sprechen ma-\nchen; nun bette mich auch und laß mich büßen, daß\nich Weib bin. Schlürftest nie an meiner Seele so\nbang und durstig. Meine Hände wollen in deinen\nzucken, wie Efeu wollen dich meine Glieder be-\ndrängen.\nDu darfst mich ganz vernichten, deiKi nur für\nDich bin ich aufgegrünt; für Dich verfinsterte und\nhellte sich mein Mädchenblut und immer wieder\nweinte es quellend um Dich, Johannes.\nIch müßte mich verwerfen, wenn du von mir\ngehst.\nNachtigallen schluchzen Dir entgegen\nHerr, so brenne mich.\nSchattenbilder.\nEin Weib geht über eine wellige Ebene, willen-\nlos, gleichsam, — so stetig ist das langsame Schrei-\nten. Viel dünne lange Haarsträhnen fallen nach\nvorn herunter über die gesenkte Stirn das Gesicht\nbei Seite gewandt, geHt das Weib. Es drückt die\nifilenbogen spitz in die Weichen, die Hände senk-\nrecht gehoben; die Finger sind gespreizt, und wie\num den Wind zu proben stehen die Handteller nach\nvorn. Die Fußsohlen lüpfen sich langsam und dann\nkrümmt sich das Knie unter den folgsamen, nach-\ngiebigen Gewandfalten, und der Schatten geht\neinem andern entgegen Der taucht aus der Erde\nauf, den Kopf zurückgeworfen, mit reifen Lippen,\nwandelt gegen sie zu, die in die Kniee sinkt, vor\nseine Füße sinkt und seine Hüften umschlingt. Ver-\nschwinden im Dunkel. Unter gellem Gelächter.\nMenschenslöhnen scshlägt zum Himmel.\nZankende Hände packen sich, abermals loht\nAug gegen Aug. Der Mensch soll nicht allein sein.\nJammern, Betteln, flehendes Wimmern an allen\nTüren, verzweifeltes Rauben und Morden. Eine\nhimmlische stimme ruft; hinter einer himmelsüßen\nMaske sperrt sich ein Maul auf, funkeln zwei heiße\nAugen, höhnend, die unersättliche Verlassenheit.\nLiebe: ihr bester Biß und gelles Gelächter.\nBald feeischte ihr strenger Blick Gehorsam, bald\npreßte der alte Stolz drohend ihren Mund und\nstraffte die Glieder. Ihr Schluchzen und Anklagen\nfragte ihn: was bin \"ich Dir? Da mußte er sie\ntrösten, wie ein Kind, das man geschlagen und bei\nSeite geworfen hat. Sii ballte die Fäuste, warf sich\nin seine Arme, riß mit verzerrtem Gesicht an seinen\nHaaren. Du hast mich in Händen, Du kannst mich\ntöten. Oh wie haßte sie ihn Seine Arme lagen\nschwer auf zwei breiten Armlehnen; in sich ru-\nhend hörte er sie kalt an, die seine Schenkel um-\nschlug.\nIhre bittende Hingesunkenheit genoß er ruhend.\nEr wollte sie noch ganz vernichten, im Mitleid seine\nMacht ganz auskosten. Nun nannte sie ihre Schwä-\nche und ihr Trostverlangen vor ihm, nun nannte\ner seine almosenschenkende Ueberlegenheit vor\nihr: Liebe. Wie Kinder herzten sie sich und sahen\nsich in die dunklen Augen.\nVon ihrer Liebe trugen sie, wo sie gingen,\nGedanken mit sich herum, durch das Menschen-\ngewühl, auf stillen Wegen Das Stärkste in ihnen\nstärkte die Gedanken aneinander, die sie wie blaue\nHeiligenscheine umgaben und wie hohe weiße Li-\nlien in den Händen vor sich trugen. So klar wurde\njetzt alles. — Ruhig und gelassen lag ihre Hand\nin seiner. Im Hintergrunde ihrer Seelen regte sich\ndoch etwas wie ein großes Staunen: sie kannten\nsich beide nicht mehr, wo die Schauer und Hin-\nreißungen sie nicht mehr wild überfielen: ~Bist Du\nes eigentlich? -— Nun suchten sie sich mit Neu-\nbegier auszuhorchen und nahe um den Herd zu\nschwärmen, über den jene grausen Feuersflammen\ngestanden hatten. Ganz nahe kamen sie sich in\ndiesem entzückt ängstlichen Forschen. Immer tie-\nfer drangen seine Sinne in ihre Züge und Bewegun.\ngen ein. Er fühlte und schmeckte sie aus, seine\nAugen tasteten all ihre gleitenden Umrisse ab, sein\nOhr haschte nach den verschwiegensten und sel-\ntensten Zaubern ihrer Stimme Dann erstaunte er\nmanchmal, wenn er sie ansah: wie er sich auch an.\nstrengte, so wußte er nicht mehr, ob sie schön war,\noder schöner als andere. In ihrem Gesicht fand er\nsich wie in einem Wohnzimmer zurecht; er merkte,\ndaß er Irene nicht vergleichen konnte: wer war\nIrene eigentlich? Da dämmerte ihm, daß er irgend\nwie erblindet und verarmt sei. Nun ging sie nicht\nmehr, scheuend wie eine ägyptische Königstochter,\nneben ihm, sondern war eine Wolke im Himmel\noder ein Baum in der Allee Er hatte Irene ganz\neingesogen, so daß sie zu ihm gehörte. Ihr Bild\nhatte sich in ihn eingedrängt; ja er hatte sie ver-\nloren, aber sie besaß ihn jetzt, sie konnte er nicht\nmehr lassen, sonst sefirieen seine Begierden nach\nihr. Und so hatte sie Macht über ihn, konnte ihn\nverderben. Rächte sie sich nicht so?\nAber das glitt rasch über sein Herz hin, unbe-\ngriffen mit leichtem Armzucken, Spielen der Finger\nund hastvollen Streichen der Wangen, während er\nnachdenklich halb zerstreut, und verdrießlich ihre\nHand betrachtete und zu sich sagte: Ja, wie liebe\nich sie doch\nNun begann Lilith heimlich zu kranken. In has-\nsender Gier berühren sich Zufallswesen und sonst\nin nichts. Daß nicht eins das andere verschlingt,\ndaß waltet sie, Lilith, die Zähmerin, Grenzwäch-\nterin. Sie ist mager, schlank, braunhaarig und\nscheuäugig, zittert gar leicht. Die dünne rissige\nHaut um dich und mich spannt sie. Sie zieht Zäune\nund Staketen um alle Gärten, wiegt sich süß als\nweicher Schnee auf den Aesten Wie ein Schmelz\nist sie an den Flügeln der Einsamen, lockt und\nscheut zurück, — Lilith. Mit immer neuem kühlen\nTau labt sie den eingeschlossenen, daß er vergißt\nund nicht fühlt: Es giebt keine Brücken in der Welt,\nnur eine dünne rissige Haut. In sein blaugrünes\nSehnen flüstert zart, beschämt und traurig Lilith,\ndie feinstimmige, streichelt ihm den Kopf. Nun\nkrankte Lilith und weinte Tag und Nacht\nWährend Irene den Haß und die Angst\nvor dem Ueberlegenen zu sänftigen suchte, indem\nsie mit Zittern und wachsender Ruhe über die Ge-\nheimnisse dieser furchtbaren Seele strich, drang\nei mit Wut auf sie ein und sog an ihren innersten\nVerborgenheiten. Jetzt wurden sie ganz frei von\neinander. Nichts warf sie mehr nieder und zusam-\nmen Mit Spott übereinander und sich selbst, mit\nverächtlichen Lachen gaben sie sich hin und ver-\nsagten sich nichts von dem Glück ihrer Zweisam-\nkeit, mit wildestem Hohn nichts von den letzten\natemlosen Schwelgereien. Jetzt erst, wo keine\nKrallenhand ihnen mehr Tränen erpreßte, glaubten\nsie frei zur Liebe zu sein, zwei Menschen, Johannes\nund Irene. Wie Kätzchen die nach Wollfäden ha-\nschen, um sie zu zerreißen, und sich auf den jPföt-\nchen aiufrchten und auf den Schwanz stützen, so\nspielten sie mit ihrer Liebe und warfen sich lachend\nauf den Rücken.\nUnd als die Erinnerung an die Schauer und Hin-\nreißungen unter der strömenden Süße der Gegen-\nwart ertrank, fischten sie die Leiche heraus, putzten\nsie komisch, und gaben der Versunkenen ein Toten-\nmahl von Scherzen und Küssen, und endloses Ge-\nlächter hing wie Rosen darüber. Während sie\nnoch eben kein Ende des Staunens über jenes ent-\nsetzliche fremde Aneinanderdrängen fanden, daß\nihre Liebe und Freiheit verdunkelt hatte, und die-\nsem seltsamen vergeblich nachsannen, wollte jetzt\nalles klar hervortreten; aber nicht mehr fremd,\nnicht mehr unbegreiflich dunkel und hoch:"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.4", "texte": "Ein krankes, zerbrechlich mageres Mädchen\nerschien ihnen dies Sehnen; sie wiesen sich seine\ngelbe Blässe, die rhachitisch verborgenen und auf-\ngetriebenen Knochen, den aufgeschwemmten Leib.\n„Sieh nur die wasserhellen Aeuglein Johannes, und\ndiese engelhafte Verlogenheit; hinter den dünnen,\nzarten Rippen schlug gar ein scwaches Herz. Ach\nwaren wir Kinder Johannes, ach waren wir beide\nTräumer und Kinder\" Und Irene schüttelte sich\nvor Lachen an Johannes Brust, Und sie flüsterten\nim Dunkel zueinander und mordeten heimliche\nDinge.\nNun starb Lilith, die kranke Lilith. Ihre Augen\nwaren rot und vertrocknet, Lilith wand sich und\nmußte sterben.\nUnmerklich verloren sie den Zugang zueinan-\nder. Ihre Gedanken glichen Lassos, die über den\nandern geworfen ihn immer öfter verfehlten. Sie\nsaßen gedankenvoll neben einander und wußten\nnicht was geschah.\nNun begannen sie sich zu täuschen. Der Klang\nihrer Stimmen stand noch gebieterisch über ihnen.\nSie sangen ihr nach; und streuten Brillanten auf die\nGräber. Aber wenn sie sich die schweren Hände\nzum Abschied reichten, atmeten beider Brüste hoch,\nder lähmenden Qual solchen Sprechens enthoben\nzu sein. Und in ihrem Zimmer fiel Irene auf einen\nStuhl und sagte mit klarer Stimme vor sich hin:\n„Das ist die Liebe, die Lie — be \".\n\nFortsetzung folgt\n\nBriefe nach Norwegen\nOlvenstedt bei Magdeburg\nNachtrag von Else Lasker-Schüler\nL. H.\nIch grüße Dich Deine E\nEuer Prinz von Theben\nAls ich heute Morgen Deine Reisetasche vom\nSchrank holte, Herwarth, lag darin ein unveröffent-\nlichter Brief von mir eingeklemmt, den ich Dir und\nKurtchen einst nach Norwegen sandte — und mein\nSelbstbildnis in Seidenpapier gewickelt; das ist\ndirekt ein Diebstahl an den Kunsthistorikern. Denn\nich habe keine Zeichnung von mir gemacht,, auch\nkein Gemälde, ich habe ein Geschöpf hingesetzt. Ich\nwill Dir schnell die verlorenen Zeilen senden und\nmein Selbstbildnis von ungeheurem Wert. Es kostet\nhöchstens fünf bis sechs Mark zu klichieren. Gehe\nzwei Abende nicht ins Caf6, bringe meinem Bildnis\ndas Opfer. Unter mein Bett stellte ich die Kiste mit\nmeinen Liebesbriefen, damit Du was zu tun hast.\nIch ruhe mich indessen aus hier auf dem Lande;\nzwischen Richard Fuchs und Otto Fuchs gehe ich\nspazieren durch ihre Treibhäuser und sehe zu, wie\ndie Nelken wachsen. Aber kalt ist es ungeheuer und\ndie Bäume rauschen zum Wahnsinnigwerden Ich\nwerde sie heute Nacht alle abschneiden zum Don-\nnerwetter!\nLiebe Gesandte! Wenn Ihr wieder in Berlin\nseid, bin ich voraussichtlich in Theben zur Einwei-\nhung meines Reliefs in der Mauer. Aber ich bin\nnicht gespannt darauf, mich zu sehen,,, denn ich hab\nA\nmich nie wiedererkannt weder in Plastik, noch in\nder Malerei, selbst nicht im Abguß. Ich suche in\nmeinem Portrait das wechselnde Spiel von Tag und\nNacht, den Schlaf und das Wachen. Stößt nicht\nmein Mund auf meinem Selbstbilde den Schlachtruf\naus?! Eine egyptische Arabeske, ein Königshiero-\nglyph meine Nase, wie Pfeile schnellen meine\nHaare und wuchtig trägt mein Hals seinen Kopf\nSo schenk ich mich den Leuten meiner Stadt. Oß-\nmann und Tekofi Temanu meine schwarzen Diener\nwerden mein Selbstbildnis auf einer Fahne durch\ndie Straßen Thebens tragen So feiert mich mein\nVolk, so feiere ich Mich. ,\n\nEin Lyriker\n\nEs ist oft darauf hingewiesen worden, wie erst\nmit und durch Rousseau im modernen Menschen\nein Naturgefühl echter und eigentlicher Art empor-\nkam. Vorher empfand man sich und das Elemen-\ntische als ausgemachten; Dualismus. Fels,,, Wald,\nWolke und alles Getier waren das Dumpf-Entge-\ngenstehende, das Nicht-Erlöste, die Materie. Von\nda ab aber ist es, als wären der Seele ganz neue\nOrgane gewachsen. Mit einem Male fühlt sie sich\nauch im Aeußeren weben. Fremdgeglaubtes ent-\npuppt sich als Nah-Verwandtes. Dunkles! ,*Es\"\nwird sympathetisches „Du\".\nIn der impressionistischen Malerei zeigte sich\ndieser Beziehungswandel am auffälligsten. Hatte\nbisher ein Naturausschnitt auf der Leinwand im\ngroßen ganzen nur die Rolle des Hintergrunds, der\ndekorativen Kulisse für eine Szenerie von Figuren\nund merkwürdigen Vorgängen zu spielen gehabt,\nso wird er jetzt zum immer selbständigeren, selbst-\nberechtigteren künstlerischen Eigenthema. Die\nMaler verlassen die Ateliers und ziehen ins Freie.\nDas Studium der leisen Geheimnisse des Lichts,\nder Atmosphäre, der Formkontraste wird zur in-\nbrünstigen Andacht Das Zielt ist, sich so innig in\ndas Leben dieser Welt für sich zu versenken, so\nsubtile Mittel der Nachbildung zu erfinden, daß das\nfertige Gemälde nicht ein Referat oder Abklatsch,\nsondern ein unmittelbares Sich-selbst-aussprechen\nder Dinge zu sein scheint.\nParallel zur Landschaftsmalerei und aus dem\nselben allgemeinpsychologischen Umschwung ge-\nbiert sich in der Literatur die Landschaftsdichtung.\nOhne es freilich zu einer ähnlich beherrschenden\nStellung zu bringen, dringt sie gleichwohl dort, wo\nes überhaupt resttos erreichbar ist, im Lyrischen,\nzu ebenso vollendetem Vertretungen einer eigenen\nKunstart vor.\nDen früheren Dichtern ist die Landschaft An-\nstoß oder Anknüpfung, und was sie geben ist eine\nDarstellung dessen, was die Dinge in ihnen an\nGefühlen rege machen. Ich meine jene „realisti-\nschen\" Augenblicksaufnahmen, die Holz, Stolzen-\nberg, Schlaf schufen, und deren Sinn und Wesen\ndes sich bis zur Selbstauflösung einzufüllen am\nnebenbei schon fünfzig Jahre früher Lenau eigen-\ntümlich vorausbestimmt hat, wenn er schreibt:\n„Was hält meine liebe Freundin von folgender\nIdee? Einzelne Züge der Natur, ohne Ausführung\nins Genaue, blos neben einander hingeworfen,\ngleichsam in poetischer Situationszeichnung Zum\nBeispiel: Abend; -— grüne Wiese, — zerstreute\nWeidenbäume, — Unkenruf im Sumpfe, — grauer\nHiminel — es regt sich kein Lüftchen — immer\ntieferes Dunkel — ein verlorener Freund. Tiefe\nSchätze, teure Freundin, liegen in der Situation.\nLieße sich wohl eine Reihe solcher Skizzen mit\nWirkung durchführen?\"\nFriedrich Curt Benndorf veröffentlichte sein\nerstes Buch im Jahre 1890. Seitdem hat er noch\nvier weitere in die Welt geschickt. Auch eine Aus-\nwahl ist erschienen (\"bei Piper & Co.). Wie schon\ni\ndiese relative Produktionsmenge erraten läßt, hat\ner keineswegs auf seinem Instrumente nur eine\nSaite. Auch die übrigen, rein sentimentalischen\nThemen: Liebe, Freundschaft, Gott, Hoffen, Traum\nhat er ausgedrückt. Aber es scheint, die landschaft-\nlichen Seinsphaenomene — das Wort im umfäng-\nlichsten Sinne gebraucht — reizen sein Erleben\nund Darstellen am meisten. Wenigstens trium-\nphiert hier sein Wortgefühl, seine Sensibilität ge-\ngenüber feinsten Berührungen, seine Gabe in Frem-\nstärksten.\nDie Arbeiten dieses Mannes als „Skizzen\" an-\nzusprechen, geht ebenso wenig an wie bei den\nanderen „Impressionisten\". Auf dergleichen kann\nüberhaupt nur kommen, wer von Gedichten irgend-\nwie menschlich-persönlich betroffen und geför-\ndert zu werden beansprucht. Er verkennt voll-\nkommen, daß hier ähnliche Wirkungen wie die von\nBildern, von schönen Vasen, von antiken Gemmen-\nreliefs angestrebt werden, die im Schauen und nur\nim Schauen ihren Anfang und ihr Ende haben\nEin Gedicht Benndorfs lautet:\nAm sonnigen Hügel, in Gras und Blumen\nUmfächelt von Morgenluft\nHand ans Kinn gestemmt,\nHand spielend mit Hahlen.\nLiegen lose im Kreise die Knaben,\nSinnend. Plaudernd. Lachend»\nUeber nichts.\nAls lebten sie das ewige Leben!\nAbgesehen davon, daß diese Dichtung in Licht\nund Sommersonne gebadet steht, wie bei Lieber-\nmann, daß die Zeichnung von einer Anschaulichkeit\nzum Greifen ist, stellt das Gedicht seinem Erfüllt-\nsein, mit geistig- stofflichem Gehalte nach eine so\nvollkommen in sich ruhende, in sich fertige kleine\nWelt dar, daß der Leser sich hier beinahe ebenso\nüberflüssig fühlt, wie der Mensch im allgemeinen\nder Natur gegenüber die Empfindung haben kann,\nausgeschlossen und unnötig zu sein. Hier lebt alles\naus Eigenem; kein Strich, der auf eine Erregung\nsentimentalischer Gedankenverbindungen abzielt."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.5", "texte": "Oder sollte das Gedicht vielleicht besser mit irgend\neiner subjektiv poetischen Wendung abschließen?\nEtwa mit einer Sehnsuchtsklage: O Ihr Knaben,\nMie ihr noch das Leben nicht kennt, wie habt ihrs\ngut! Dergleichen würde diese lyrische Kost-\nbarkeit ins Kitschige schleudern.\nDaß man noch so wenig Sinn für „Objektivität\"\nauch in der Lyrik hat! Daß man sie direkt als un-\ndichterisch empfindet und als Ausfluß eines unnai-\nven Theoretisierns. Daß man nicht sieht, wie hier\netwas ans Licht will, was anderswo, in der Lyrik\ndes fernen Ostens, längst und beinahe ausschließ-\nlich die Form der poetischen Aussprache ist\nMan halte gegen das Benndorfsche Gedicht das\nfolgende: ,„Der Mond\", das aus dem achten Jahr-\nhundert nach Christus stanmmt:\nWie die Wolken er zerbricht!\nWTie sein märchenhaftes Flimmern\nsilberfarbene Netze flicht\nübers Meer, übers Land\nüber die tausend Körnchen am Strand,\ndaß sie wie Juwelen flimmern.\nAuch „nur\" ein Bild. Auch nur sicher hinge-\nzeichnete Gegenständlichkeit. Auch nur eine Na-\nturstimmung, die frei von menschlicher Einmi-\nschung durch sich selbst, durch ihr Beiadensein mit\nAllseele überwältigt\nDas Prinzip der europäischen Lyrik ist, vom\nGefühle direkt auszugehen und das Gefühl deut-\nlich zur Mitte der Dichtung zu machen. Wie 'uns\ndenn jene Strophen die wahrsten und echtesten er-\nscheinen, die, nackt und heftig, unmittelbaren Kon-\nfessionen ähneln. Dem entgegen waltet in der\nfernasiatischen Lyrik die Tendenz zur Unterdrük\nkung und Hintanstellung des „Ich\". Wohl bedeu-\ntet auch dort das Gedicht Auslösung und Versinn-\nbildlichung einer individuellen Gefühlsspannung,\naber sie spricht sich nur mittelbar und unpersön-\nlich im Rhythmus, in der ganzen Tönung, oder am\nSchluß in einer kargen Andeutung aus Statt akti-\n< _\nver Entblößung des Herzens sucht die japanische\nund mit ihr die chinesische und indische Lyrik ihre\nWirkung in der symbolisch gemeinten Darstellung\nbeziehungsvoller Außenvorgänge.\nBenndorfs Verfahren ist das gleiche. Ein seeli-\nsches Beklemmungksgefühl findet bei ihm zum Bei-\nspiel folgende diskrete Transcription:\nAhnung\nIn atmender Stille\ngeh ich allein\ndurch den schattenumdämmerten Garten.\nBlaß scheinen die Sterne,\nblaß und matt, als ob sie verlöschen wollten\nDie Schritte knirschen im Kies.\nFledermäuse *\numhuschen die Bäume und Stiefmütterchen-\nbeete.\nDer Teich liegt toteinsam:\nüber seinen schwarzen Spiegel\ngleitet ein Hauch,\nlautlos\nund trübt ihn.\nWorum es sich handelt, enthüllt sich hier ledig-\nlich im Rythmus und in der Wortverwendung\nKeine Silbe, die vordringlich auf Bestimmtes hin-\nwiese. Aber daß es heißt: Geh ich „allein\" . . .\n„schattenumdämmerten\" Garten . . . „blaß\" die\nSterne . . „als ob sie verlöschen wollten\" bringt\nmindestens für mich eine so zwingende Suggestion\nnamenloser Melancholie zu Wege, wie es, eben\nweil ein beinahe unsagbares Erlebnis vorliegt, ein\ndirektes Eröffnen nie vermöchte.\nAls eine andere Eigenschaft, die Benndorfs Ly-\nrik erlesen und wundersam macht, kommt hinzu,\ndaß der Dichter zu der Natur ein ganz und gar\npanisches Verhältnis hat. Das will sagen, er trägt\nin sie niemals von Menschen genommene Begriffe\nund Intentionen. Er anthropomorphisiert nicht, er\nenthält sich auch des beliebten Mythologisierens.\nEr arbeitet nur mit Anschaunngen, die aus den\nDingen sich ablösen. Seine Worte bleiben allezeit\nbehutsam und wie ahnend; sie haben Angst vor\nUebergriffen in ein Bewußtsein, das anders aufge-\nbaut als das unsrige ist. Sie wollen nicht herr-\nschen, sondern dienend der Natur ihre heimlichen\nMitteilungen ablauschen. Sie weisen alle nach\neiner äußersten Hingabe, nach einer letzten verge-\nhenden Hinnahme, hinter der' sich 'das selige\nSchweigen des All- Eins- Schauens ausdehnt.\nUnd dies ist die dritte Gruppe von Benndorfs\nlandschaftlichen etats d'äme Dichtungen: seine Wi-\ndergaben des monistischmystischen Einheitsge-\nfühls der Menschenseele gegenüber der in jeder\nlandschaftlichen Einzelerscheinung lebendigen gro-\nßen Naturseele. Das Naturgefühl hat sich bis zu\neiner religiösen Ueberzeugung entwickelt. Die\nDinge werden, im Lichte neuer naturwissenschaft-\nlicher Aufdeckung nichts geringeres als Stationen\neiner allgemeinen von ewig her bestehenden\nMetempsychose. Die Darstellungsfähgikeit Benn-\ndorfs erreicht die Höhe\nUnd so lausche man denn gesammelt und an-\ndächtig dem folgenden traumschönen Paean:\nDort wo still und kühl das Leben webt: irn\nBergkrystall, in dem metallisch glimmernden Flü-\ngelstäubchen der Abendfalter, im Kirschblütenblätt-\nchen, das am Spinnenetz zittert, hab ich einst ge-\nwohnt\nDort, wo still und kühl das Leben webt: in den\nnächtigen Schauern des Meers, im tonlosen Nebel-\ngrau überm Fluß, im scheuen Blinken der Sterne\nbeim ersten Hahnenschrei,, hab4 ich einst gewohnt!\nIn den bebenden Fasern der Qualle im blitz-\nhaft erhellten Blick der Eidechse, im Aufschurren\ndes' Käfers, hab ich gewohnt und im Schelten des\nWasserfalls und Stöhnen der föhngezausten\nLärchenwälder!\nUnd manchmal verlangt mich wieder hinab zur\nEinfalt des keimhaft Bewußten; verlangt mich, Mit-\nwisser zu sein des Muttergeheimnisses der Dinge\nund ihres ewigen Werdedrangs.\nAber den panisch Versunkenen reift die Stunde,\nwo grußloses - Unverwandtes heimlichen Gruß\ntauscht und Unmündiges sich verführen läßt zu\nlächelnder Wortgebärde!\n\nFritz Hübner\n\nDer Philosoph\n\nDie Schöpfung einer der Welt begleitenden\nSymbolwelt (in Stein, Tönen, Worten) hat der Welt\neinen neuen Schmerz gegeben jenen an welchem\nAugustinus litt, den Erfüllungsschmerz. Er pflegte\nin sich einige Abstrakta für die er den Gegenstand\nsuchte. Diese waren der Welt von wenig tiefen\naber übermütigen aufgedrängt worden und die Ur-\nheber ahnten nicht welcher Vertiefung ihre eigenen\nWorte fähig waren. Wie untilgbar und verderben-\nbringend war für die Vertiefer der in ihnen schlum-\nmernde frivole Gehalt! Er war nicht zu überwinden\nDie Philosophie der großen Philosophen ist die\nBeichte eingeschüchterter Menschen, die nicht die\nKraft haben, sich in eigenen Formeln rücksichtslos\nauszudrücken, die Formeln ihrer natürlichen Feinde\nanzuerkennen und sie doch revolutionieren weil sie\nihr verleugnetes Selbst irgendwie zum Ausdruck\nbringen müssen. Die Werke der großen Philoso-\nphen sind Werke, eines Malermeisters mit Details\nvon der Hand eines Künstlers. Und wer ist der\nFeiind zu dem sie scheinbar übergehen? Der Geist\nder Wissenschaft. Der Künstler oder der Mensch\nergreift die Dinge weil sie ihn ergreifen. Daraus\nergibt sich das komplexe Phänomen des Lebens,\ndas der Tyrann und der Mann der Wissenschaft\nnicht kennen, die beide herrschen wollen ohne be-\nherrscht zu sein Der Wissenschaft sind nach Ein.\nGeständnis alle Dinge gleich nah. Wenn das Genie\nin die Athmosphäre der Wissenschaft eintritt wird\neine zarte Komponente seines Wesens die stets\nparat liegt um in jeden Prozeß einzugehen verstärkt\nIndem er, der bestimmt ist den allgemeinsten Vor-\naussetzungen dieser Welt an sich den Garaus zu\nmachen, zuerst eine spezielle Formelwelt durch-\nbricht, entwickelt er diese und ist dadurch Philo-\nsoph. Der große Philosoph heult mit den Wölfen\nder Wissenschaft, wenn man aber genauer zuhört,\nist es ein ergreifendes Trauerlied. Die Wissen-\nschaft ist dort wo sie mehr sein will als eine An-\nweisung für Handwerker, ein Pandämoniutn aller\nim Laufe der Jahrhunderte ins Dasein getretenen\npedantischen Essenzen Wenn sie in Fleisch und\nBlut übergegangen ist und eine mächtige für das\nsinnvolle Leben, begabte Natur zu knechten ver-\nsucht entfaltet sich der Philosoph, der inkarnierte\nKampf von Leben und Tod. Der Gemütsbon der\nWissenschaft ist die Arroganz, die allen Aeuße.\nRungen des Lebens um ein Wort voraus ist. Die\nWissenschaft ist Usurpator. Auf alles legt sie ihre\nHand und so kommt es \"im Leben, das von der psy-\nchologischen Essenz der Wissenschaft durchtränkt\nist vor, daß man in seiner Reifezeit das als Tiefe\nerlebt was andere als Gemeinplatz mißbrauchen.\nAber glücklicherweise hat der Satz „Es ist mir\nteuer\", einen wertvollen Doppelsinn. Die Dinge\nsind soviel wert als sie uns gekostet haben. Ob\nich nun lese wie ein Künstler auf Vorbilder\nreduziert wird oder die Gesamtnatur nach Analo-\ngie eines ihrer Gebiete ausgelegt wird (mechanisti-\nsche Weltanschauung) stets finde ich dasselbe wie-\nder: Den Kult der Wahrheit, des Unumstößlichen\noder besser: die Wissenschaft sucht das Einmalige,\nUnwiderbringliche auf die mechanisierten Reflexe\neines Pedantengehirns zurückzuführen, auf das, was\nstets zur Hand ist, auf den Alltag den sie dadurch\nerst schafft Im Falle Augustinus führte die Wis-\nsenschaft einen Mann durch den Anschein irre man\nkönne allen Dingen gleich gegenüberstehe (Mann\nwie Weib zum Beispiel) und durch den Gedanken\nder sogenannten Evidenz. Es vertiefte diese Ge-\ndanken konnte jedoch den frivolen Kern nicht aus-\ntilgen, die Anmaßung der Untiefe.\nAlso der Ton der Wissenschaft der sich jedem\nWort, das sie gebraucht imprägniert und der da-\ndurch entsteht durch die Zusammenhänge die sie\nfindet die Welt erst zu setzen, hat Augustinus ver-\nführt. Der große Mensch ist durch eine Eigenschaft\ngroß, die nicht genährt werden darf um ihn nicht\nunglücklich zu machen. Es ist dies das Verlangen'\nnach der Formulierung, nach dem Zusammenhang\noder nach der einzigen Möglichkeit so etwas herzu-\nstellen nach dem Continuum einer die Welt beglei-\ntenden Formenwelt. Es genügt aber diesem Ver-\nlangen schon wenn er den Augenblick irgend wie\ndeutet, in Zusammenhang bringt, bucht. Schon da-\ndurch tut er der Herrschaft des Augenblicks Ab-\nbruch, aber er scKafft die geniale Lebensführung,\ndas Lebensgebäude. Wo diese Eigenschaft durch\ndas Beispiel der Wissenschaft verstärkt wird, for-\ndert er als Tyrann daß jedes Erlebnis den Beweis\nseiner Richtigkeit nämlich seine Deutung in sich\ntrage, er wirft Formulierung und ihr Material durch-\neinander, kehrt das Verhältnis von Formel und\nMaterial um und wünscht die Unendlichkeit der\nWelt durch eine Formel gesetzt zu sehn. Daher\ndie Frage nach dem Sinn der Welt oder nach der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70/71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.6", "texte": "Georg Tappert: Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.7", "texte": "die Welt zeugenden Deutung, nach der Deutung\nvon etwas das wir nur zum kleinsten Teil erlebt\nhaben und uns weigern zu erleben. Der tiefste\nGrund des Pessimismus liegtim Wesen des Genies,\ndas die Welt die unendliche durch eine endliche\nFormel fassen will. Er will daß die Welt arm sei\nund sträubt sich dagegen. Das Genie wird Pessi-\nmist und verliert indem es die Ungewißheit der\nHoffnung nach Muster der Wissenschaft durch die\nGewißheit, durch etwas was er in seinem kleinen\nLeben erleben könnte, ersetzt das allgemeine Le-\nbensgefühl das alle Wesen aufrecht hält.\nNun beginnt erst die Philosophie ihre positive\nArbeit. Der Philosoph baut und baut und muß sich\ndie Welt stets vor Augen führen er muß sich erfüllen\nmit dem Endlichen. Die anderen sind der Welt\nsicher ohne etwas von ihr zu wissen. Sie haben\ndie Hoffnung. Ihre Gedanken kommen aus dem\nLeben während die des Philosophen ihm das Leben\nersetzen sollen, das er nicht führen kann, da\ndie Dinge nicht ihre eigene Deutung in sich tra-\ngen, daher nicht geheiligt sind und man nicht allen\nGegenständen, etwa Mann wie Weib auf gleiche\nArt gegenübersehen kann. Seine Konstruktionen\nsind deshalb einheitlich und arm; in seiner geistigen\nWelt herrscht die Methode. Die Herrschaft der\nMethode nennt man Materialismus. Nicht zu ver-\nwechseln mit mechanistischer Weltanschauung,\nMaterialismus oder Methode ist identisch mit PessL\ntniismus und steht als unrythmisch dem Rythmus\ndes Lebens gegenüber der jeder jedes Ding vor\nund zurückstellt und die durchgängige Methode nicht\nkennt, die ein auseinandergezogener Augenblick ist.\nNur des Zufalls, des Geschenkes freuen wir uns\nDer Beruf, die Fertigkeit, die Tätigkeit sind\nMechanisierungen der Berufung, des schöpferischen\nAugenblickes, der Tat. Wer Fertigkeiten hat mit\ndem ist man bald fertig; es ist voraus zu berechnen\nauch mit dem Philosophen der den Rhytmus des\nLebens durch die Methode vergewaltigt.\n\nEgon Löwy\n\nKunst als Spiel und Stil\nH. W.\nMax Reinhardt feiert in Paris die beliebten\nTriumphe mit Sumurun. Die französische Presse\nsoll außer sich sein, sie geht in sich und staunt über\ndie Gedanken Reinhardts. Warum Sumurum öde-\nstester Kitsch ist, wurde in dieser Zeitschrift bereits\nauseinandergesetzt. Das Wesen der Pantomime,,\ndie nur aus der Musik geschaffen werden kann, also\nnicht von Viktor Hollaender, wurde von Max\nReinhardt nicht erkannt. Das Wesen der Kunst\nauch nicht. Das Wesen des Theaters auch nicht.\nOesterreichische Dramaturgen sind stets für Stil\nDer Oesterreicher des Deutschen Theaters, der so\nnett dichtende Herr Artur Kahane erklärt: „Was\nwir im Leben des Herzens Takt oder Distanz\nnennen, das heißt in der Kunst Stil. Stil ist ihm\nferner die durch Scham gebändigte Leidenschaft;\ndas Verstecken hinter Masken, ihr Verbergen hin-\nter Formen: die neugierigen Blicke der. Mitmen-\nschen von sich ab zu eindm Ewigen lenken. Das\nnennt man nach Kahane Klassizismus, „als deren\nVollender und Ueberwinder uns Moliere er-\nscheint\". Moliere, weil man gerade ein Stück von\nihm dort spielt. Menschen ohne Leidenschaft ver-\nbergen sie stets hinter Masken. Man zieht sich\neinfach einen Smoking an, läßt sich den Schnurrbart\n\\\nwachsen, und das Leben des Herzens tut\ndasselbe wie das Leben des Menschen: es frißt.\nWährend im Innern alles nur so frißt, ist man\näußerlich mondain, telefoniert, denkt und läßt das,\nwas sonst Dramatungen taten. Es gibt keine un-\nkünstlerische Vorstellungen als Stil, Formen und\nAufführungen des Deutschen Theaters Denn was\nman dort Stil nennt, nämlich Festlegung eines\nTheaterabends auf einen bestimmten Begriff, zum\nBeispiel Klassizismus, also eine intellektuelle Tätig-\nkeit, wird nciht einmal erreicht. Wenn den Herr-\nschaften ihr eigener Stil zu langweilig wird, ver-\nsuchen sie es mit echtem Naturalismus, da die\nLeidenschaften aus inneren Gründen absagen\nmußten. Der Unterschied zwischen Naturalismus\nund Stil im Deutschen Theater wird einfach zahlen-\nmäßig bestimmt. Naturalismus: Das Amazonenheer\nbesteht aus dreißig Statistinnen. Massenwirkung.\nStil: „Führt die Gefangenen ab\". Zwei Gefangene\nwerden abgeführt Die andern nämlich kann sich\ndie durch Scham gebändigte Phantasie der Zu-\nschauer denken. Amazonen sieht man nicht so\nhäufig wie Gefangene. Da wird das Heer darge-\nstellt. Naturalismus: Odysseus spricht und gesti-\nkuliert wie ein verschmitzter Kleiderhändler aus der\nRosenthalerstraße. nämlich war ver-\nschmitzt, vaschtehste. Hingegen Stil: Achilles\nbrüllt, teils nach Moissi, teils nach Kainz. Aber er\nbrüllt Denn er ist der Sohn des Peliden. Natura-\nlismus: Die Amazonen schlagen auf die Schilder\nvon Pappe. Daß es nur so kracht, ohne durchzu-\nbrechen, zeigt die Festigkeit der deutschen Indu-\nstrie. Stil: Während der Liebe wird rot einge-\nschaltet. Wer wüßte nicht, daß es sich im Roten\ngut lieben läßt. Aus zahlreichen ähnlichen Details\nwird die Tragödie Penthelisea aufgebaut. Kleist\nist ja beinahe Klassiker, man kann ihn also\nstilisieren. Daß er es nicht ganz wurde, daran hat\nihn nur di? verfluchte Leidenschaft gehindert Es\nbleibt zu hoffen, daß Herr Hugo von Hofmannsthal\nihn bearbeitet, und ihm die Maske fester anbindet.\nDann könnte das Deutsche Theater auch noch die\neinzige Schauspielerin sich sparen,, die es für die\nTragödie aufgewendet hat, Mary Dietrich.\nIhr fehlt in diesem Spiel zur Künstlerin, sie\ndem Erlebnis von Heinrich Kleist noch nicht er-\nwachsen ist. Wo sie es ist, gestaltet sie es. Wo\nsie Kleist nicht fassen karm, sucht sie zu begreifen\nund Temperament als Leidenschaft zu geben. Die\nübrigen Personen auf der Bühne versteckten selbst\nihre Begabung hinter Masken, so daß sie sie kaum\nahnen ließen. Die Tragödie gefällt übrigens noch\nimmer nicht Nach wie vor erscheint unkünstle-\nrischen Menschen, also besonders \"Theaterkritikern\nund Literaturhistorikern, ein starker Instinkt als\nUeberschwänglichkeit,, ein Ausbruch der Leiden-\nschaft als Perversität. Man hetzt keine Hunde auf\nden doch so Geliebten. Das ist unnatürlich. Oder\npervers. Das würde der Theaterkritiker nie tun\nAuch seine Frau nicht. Der Literarhistoriker\nkann die Angelegenheit schon eher durch Mytho-\nlogie entschuldigen. Die Mythologie nämlich ist\n„nur\" Phantasie. Also: Der Dichter, der keine\nPhantasie besitzt, braucht nur mythologisch zu\nkommen, und er ist ein Dichter für den Theater-\nkritiker und den Literarhistoriker (Ernst Hardt,\nHugo von Hofmannsthal, Eberhard König). Wäh-\nrend ich sage: die einzige Schwäche dieser unge-\nheuren Dichtung ist, daß Kleist sein Erlebnis, offen-\nbar noch unter dem Einfluß von Goethe, zum Teil\nmythologisch verbarg. Erlebtes also in überlebte\nund unerlebte Begriffe steckte. Diese Dichtung,\nvielleicht jede, ist zu grolT für das Theater und zu\nklein. Zu klein, weil sie ohne Rücksicht auf die\nKunst Theater geschrieben ist. Denn Theater und\nLiteratur stehen so entfernt zueinander, wie Plastik\nund Malerei Theater wird ohne Schauspieler-\npersönlichkeiten nie Kunst sein. Und wie sollte die\nein Regisseur finden, der sein Theater für eine\nAngelegenheit des Malers Stern hält, der sich Felix\nHollaender als literarischen Beirat, Viktor Hollaen-\nder als Komponisten und Artur Kahane als kleinen\nAristoleles hält. Aber Engels Zunge. Stahls Auge\nund Schmidts Ohr rühmen den Ruhm von Max\nReinhardt. Er ist zu Bahn nach Frankreich. Keine1\nAngst. Herr Auburtin gibt ihn uns wieder.\nMit schwarzen Üeltern seien die Namen folgen-\nder Künstler des Varietes genannt: Ciaire\nWaldoff, Littke Carlsen (Passagetheater)\nRoble d i 11 o (Wintergarten). Sie haben Er-\nlebnisse und können sie gestalten. Sie brauchen\nsich nicht hinter klassischen Formen zu verstecken^.\ny*\nweil sie, wie jeder Künstler, ihrem Erlebnis seine\nForm geben können. Die Waldoff singt, Carlsen\ntanzt, Robledilto läuft Seil. Natürlich kann die\nWaldoff keinen Ton singen ; aber jeder Ton den sie\nsingt, gestaltet ein Erlebnis, versinnlicht das Ma-\nterial des Erlebnisses. Sie gibt mit einem Tonfall1\ndem Zuhörer Jen Zwang zu ihrer und die Fähigkeit\nzu seiner Phantasie. Mit einer Bewegung seines\nFußes gibt Carlsen den Twostep, zahlreiche Paare,,\nden Tanzsaal, seine Stimmung. Mit einigen Schrit-\nten auf dem Seil stellt Robledillo einen Betrun-\nkenen, den Betrunkenen dar Er torkelt nicht sti-\nlisiert, er fällt nicht naturalistisch vom Seil hinunter.\nEr bewegt seinen Körper. Hier -ist das Geheimnis\nder Kunst: diese Drei finden für äußere und\nVorgänge des Lebens durch ihre Begabung und\nihre Phantasie die gleichwertige künstleri-\nsche Formung, nicht die Formel. Ohne Leiden-\nschaft, das heißt, ohne Trieb und ohne Fähigkeit des\nErlebnisses geht es nun einmal in der Kunst nicht.\nKünstler ist man erst durch die Gestaltung. Die-\naber hängt natürlicK nicht von Goethe oder Beetho-\nven ab, oder von Räffael und Michelangelo, sonder*l\nvon der eigenen Persönlichkeit. Persönlichkeit ist\nStil. Stil an sich hat nur der Bürger.\n\nLa Voce\n\nIch bin keiner von den deutschen hoffnungs-\nvollen Malern, die nach dem „sonnigen Süden\"\npilgern, um in den Galerien der Uffizien von Florenz-\nvor Meisterwerken ihre fehlende Persönlichkeit zu\nbegraben.\nIch 'bin auch keiner von den vielen in Rom\nwimmelnden Zeitungsschreibern, die ihre ethnolo-\ngischen, psychologischen, ethischen und sozialen,\nBeti achtungen über das italienische Volk, sein Land*\nund seine Sitten in dem öffentlichen Waschhaus,\ndem Cafe Aragus sammeln. Von diesen Schmierern\ndie ihre parlamentarischen Notizen im Korridor von\nMontocitorio aufkehren und in der Via nazionale\nden Provinzklatsch erhaschen, empfängt der Deut-\nsche seine Kenntnisse des Italien von heute\nSo ist das Italien des Herrn Dr. Zacher nichts\nals eine Sammlung falscher Berichte, falscher Auf-\nfassungen und Beobachtungen, So wanderte Hans\nBarth aus Mangel von Rom nach Verona mit dem\nZiele einer glücklichen Entdeckungsreise alter\nWeinkneipen.\nDas junge Italien ist in Deutschland nicht be-\nkannt. Vor ungefähr zehn Jahren scharte sich\neine kleine Gruppe junger williger Männer (teils\nAutodidakten, teils aus der philosophischen und\nkritischen Schule Croces) um den Leonardo, eine\nMonatsschrift. Sie wollten dem alten akademischen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.8", "texte": "Tethorischen und klassischen Unfug ein Ende\nmachen. Dieselben Männer gründeten vor ungefähr\nV\\\ndrei Jahren ein neues Organ in der Absicht, die un-\nzähligen Probleme zu behandeln, die das öffentliche,\nsozial-politische und wissenschaftliche Leben Italiens\ninteressieren. Guiseppe prezzolini rief in Florenz\ndie heute ausgedehnte Bewegung der „Voce\" her-\nvor\nVorurteilsfrei, weltbewandert, geistreich, leb-\nhaft, aufrichtig und heftig, aufrichtig vor allen\nDingen, begann er mit seinen Freunden die\nschwierige Arbeit, Volk und Kultur Italiens in jeder\nBeziehung unter jeder ehrlichen aufrichtigen Be-\ndingung aufzufrischen und aufzuwecken. Prezzolini\nhat von Croce die pränung, den strengen Ernst,\ndie schematische Disziplin, und von Charles Pegiiy\nden unruhigen Geist des Agitators. Als Förderer\ndes selbstständigen Regionalismus ist Prezzolini\nschon heute für das junge Italien der Agitator.\nDieser Mann hat in kaum dreijähriger Tätigkeit\nTausende von Freunden erworben.\nProbleme des Sexualismus, (in Italien fast un-\nbeachtet) Probleme des südlichen Italiens, Pro-\nbleme des Irredentismus, das' Problem der Ein-\nnahtrne Tripolitaniens, alle diese Streitfragen erör-\nterte er mit Gewissenhaftigkeit und Sicherheit, was\nselbst seine Gegner, Schriftstller der alten Battega,\nzugeben mußten. „La Voce ' wurde durch Zeich-\nnung von Aktien zu fünfundzwanzig Lire zum\nVerlag der Volkskultur, clurch den man die besten\nitalienischen, französischen, deutschen und engli-\nschen Bücher beschaffen kann.\nMit Prezzolini arbeiten: Sapini, energischer\nVerbreiter der ausländischen Philosophie, Erläute-\nrer der altitalienischen Literatur, Slataper, der die\nJudith und die Tagebücher Hebbels vorzüglich\nübertrug und vielleicht durch eine Gemütsgemein-\nschaft Hebbel sich nachfühlt. Ardengo Soffici, ein\ngutjer Kenner der französischen Impressionisten hat\nin Italien einen großen vergessenen italienischen\nKünstler wiedergerächt, der heute noch in Paris\nlebt und schafft: Medardo Rosso, den Vater des\nImpressionismus in der Skulptur\nÜber di« Bewegung Futurismus durch F. T. Marinetti\nia Mailand sind die Leser dieser Zeitschrift unterrichtet\n\nCurt Seidel-Turin\n\nSchöne Künste\nLyrik\nHerr Oscar Blumenthal tritt für die Lyrik ein.\nNatürlich im Berliner Tageblatt. „Wer seine über-\nlegene Geringschätzung der lyrischen Kunst spöt-\ntisch zum Ausdruck bringen will, pflegt einen Witz\nüber die Unverbesserlichen zu machen, die noch\nimmer Herz und Schmerz, Sonne und Wonner oder\nLust und Brust reimen. Seit ungezählten Tagen\nwerden diese Reime stekbrieflich verfolgt. Sie gel-\nten als die Kennzeichen aller unberufenen Dichter-\nlinge.'4 Infolgedessen muß Herr Oscar Blumenthal'h\nnatürlich für diese steckbrieflich verfolgten Kenn-\nzeichen plaidieren. Ein Dichterling tritt Anwalt\nohne Vollmacht für die übrigen Dichterlinge auf. Er\nberuft sich auf Sachverständige. Diesmal auf Georg\nHerwegh, dem jedes lyrische Vermögen fehlt. Also\nHerr Oscar Blumenthal hat die Gedichte Herweghs\n„wieder einmal zur Hand genommen\", Er hat sich\nwieder einmal „an dem noch nicht erkalteten Glut-\nherd die Seele warm gelesen\". Bei Herwegh gibt\nes sogar „Worte, die wie Fahnen rauschen\". Be-\nsonders ein Gedicht ist für Herwegh und Blumen-\nthal charakteristisch. „Es macht den Eindruck, als\nhätte der Poet mit trotziger Absicht einen Katalog\naller verbrauchten und deshalb verbotenen Reime\naufzeichnen wollen, um den Beweis zu liefern, daß\nechte Kunst jeden Rohstoff zu adeln weiß.44\nHerwegh lieferte „effektiv\" zwar nur den Beweis,\ndaß Rohstoffe durch den Gebrauch nicht echter\nwerden, selbst wenn Herr Blumenthal sie einige\nJahrzehnte später aufbügelt.\nDurchtobt in wildem Flüsse\nDas heiße Blut dein Herz,\nDann ist das Gold zum Gusse,\nZum Liede reif der Schmerz.\nDie letzte Strophe:\nLaß steigen Schmerz und Wonne,\nLaß steigen Leid und Lust,\nWae aus dem Meer die Sonne,\nEmpor aus deiner Brust.\nV- , ' , ,\nDas findet Herr Blumenthal „voll Stimmung und\nKlangreiz\". Denn, sagt er, hier reimen sich nicht\ndie Worte, sondern Begriffe. Herr Blumenthal weiß\neben nicht, daß in der Lyrik die Begriffe fehlen müs-\nsen, weil das, Wort richtig eingestellt werden muß.\nEr war nie begriffsstutzig, der Herr Blumenthal.\n\nLebensfreude\nDas Metropoltheater ist aber wirklich die ein-\nzige Berliner Bühne, die naturalistische Stücke\nspielt. Mit seiner letzten Revue hat es die .Natur-\nnähe endgültig erreicht. Die Kollegen behaupten\nimmer, daß Ibsen und Gerhart Hauptmann der Ge-\nsellschaft ihr Spiegelbild vorhalten. Zwar liegt es\ndurchaus nicht im Wesen des Künstlers, sich in\ndieser Friseurprose zu gefallen. Ein Spiegel kann\neben nur spiegeln. Und nie kann ein Künstler diese\nGesellschaft zeigen, die sich die Gesellschaft nennt.\nDer Gesellschaft ist das Leben zu nüchtern, beson-\nders in Deutschland, Sie muß sich nach Griechen-\nland zurückziehen, um sich sauwohl zu fühlen. Die\nHerren Schultz, Freund und Baruch unternehmen\nseit Jahren diese Tour mit den poesietrunkenen\nZeitgenossen. Die Dividenden steigen und die\nKleider fallen. Aber darunter ist wieder Baruch.\nDie Naturwahrheit ist übertrieben. Können die\nHerren sich nicht wenigstens ein Mitglied des Ver-\neins Berliner Künstler verschaffen. Oder einen An-\nstreicher mit Farbensinn. Ahes eher als diese Job-\nberkunst. Sonst wäre die Sache erträglich. Die\nbesten Schiebungen werden verraten (unter freund-\nlichem Beifall des Publikums), die Erotik wird durch\nein Freudenmädchen versinnlicht, die immer kleiner\nSchäker sagt; die Liebe, durch einen Backfisch, der\neinen Leutnant liebt, und, o Welt, schon weiß, was\nLiebe ist (ich erfahre, daß man es jetzt im K.d.W.\nerfährt). Auch den immer älter werdenden Schun-\nkelmädchen wird der letzte Rest von Phantasie\ngeraubt,, sie schunkeln nicht mehr mit den Baruch-\nbekleideten Armen und Beinen, sondern auf echten\nSchaukeln. Bei uns ist alles echt. Aber ein heim-\nlicher Poet muß doch unter den sechs Autoren stek-\nken. Der Leutnant sieht mir sehr verdächtig aus.\nUnd die Schaukeln sind mit farbigen Glühbirnen\nbeleuchtet. Soetwas stört die Echtheit ebenso, wie\ndie zusammenwachsenden Bäume. Dafür ist das\nSpiel desto echter. Wie in der Gesellschaft. Sowie\njemand nicht mehr zu sprechen hat, hält, er sich für\nerledigt, der Geist des Herrn Freund verläßt ihn\nund er wird zu einer Dekoration von Baruch. Die\nholden Damen, die eben noch mit dem bewährten\nverführerischen Lächeln tanzend vorschunkelten,\ndrehen sich um, die Grazie des Herrn Schultz ver-\nläßt sie und Trikotständer von Baruch stehen her-\num. Und wenn man schließlich wahrnimmt, daß die\nGesellschaft den lyrischen Vergleich in durchaus\nbildhafter Ausführung zwischen einer Geliebten und\neiner Wurst, ihre Haut ist ihre Pelle, und immer\nnoch weiter und immer noch widerlicher, gut ver-\nträgt, braucht man an der Gesundheit der Nation\nund an der Kraft des Volkes nicht zu verzweifeln.\nDem Volk werden auch die paar berüchtigten per-\nversen Bilder nichts schaden.\n\nDie Bilder\nH. W.\nDer Kunstberichterstatter Herr Fritz Stahl ist\nnach Köln zur Ausstellung des Sonderbunds gereist.\nSeine Besprechung wird bereits angedroht. Ein\nanderer Korrespondent vom Berliner Tageblatt hält\nes trotzdem für nötig, seine kritischen Bemerkun-\ngen zum Unterschied von denen des Herrn Stahl\nals Eindrücke eines Banausen zu benennen. Er\nkann bei Picasso nichts erkennen, und bei Kan-\ndinsky auch nichts. Das er das nicht kann, muß\neinem kunstliebendem Publiken natürlich mitge-\nteilt werden. Aber er freut sich: „Nächsten Sonn-\ntag nachmittag gehe ich wieder in die Ausstellung.\nDa kommt das weniger kunstverständige Publikum\nhin. Auch unsere Schl'ächtersfrau .will hingehen.\nAuf die Gesichter freue ich mich\". Auch das muß\nein kunstliebendes Publikum erfahren. Aber die\nSchlächtersfrau hat es doch besser. Sie kennt be-\nreits durch den Banausen, der sich Kunstkritiker\nnennt, die Namen von Picasso und Kandinsky, die\nder Kunstkritiker vorher nicht kannte. Und weniger\nals dieser Kollege kann sie von der Kunst schließlich\nauch nicht verstehen.\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung: vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nTHADDÄUS RITTNER\nIch kenne Sie / Novellen\nWien und Leipzig / Deutsch-Oesterreichischer\nVerlag\nALDO PALAZZESCHI\nII Codice di Perelä\nRomanzo Futurista\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nALBERT EHRENSTEIN\nDer Selbstmord eines Katers / Novellen\nMünchen / Verlag Georg Müller\nF T. MARINETTI\nDistruzione / Poema\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia'4\nLa Momie sanglante\nPoeme dramatique\nEditions du „Verde, e Azzuro\" / Milan\nD'Annunzio intime\n4e edition\nEditions du „Verde e Azzuro4' / Milan\nLe Roi Bombance\nTragfedie satirique, 3e edition\nEdition du „Mercure de France\" / Paris\nLa Ville Charnelle\n4e edition\nE. Sansot et Cie. / editeurs / Pariss\n\nNotiz\nDie Holzschnitte auf der fünften Seite jeder\nNummer sind von Mitgliedern der Neuen Sezession.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nKonigin-Augusta-Strasse 5!\ngege7nib»r d&r ron-der-Heydt-Strasse\nGraphik:\nPicasso / Herbin / Gauguin / Kokosehka Hablik\nund andere\nGeofinet iaglich von 10 bis 6 Uhr\nEine Mark"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.9", "texte": "Wilhelm Morgner: Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.10", "texte": "D.L. Haim & Co\nBerlin W\nHoflieferant Sr. Majestat des Konigs v. Spanien\nPotsdamer Strafle 129/130 :: Tel. Amt Lfltzow 6174\nGroßtes Spezial-Geschaft fiir\npersische und tiirkische\nTeppiohe\nPermanente Ausstellung v. schonsten Exem-\nplaren der rnodernen u. antiken Kniipfkunst\nBerlin : Dusseldorf: Konstantinopel\nNur erstklasslge ausgesuchte StQcke werden an-\ngeboten unter kulantester und reellster Bedienung\nBesichtigung ohne Kaufzwang erbeten ■■■\n\nLes Editions de la NOUVBIIe Revue ont publie.\nEmile Yerhaeren: Helene de Sparte / drame en 4 actei\nPaul Claudel: L Otage / drame en 3 actes\nL'Annonce faite a Marie / mystere en 4 actee\nAndr6 Glde; Isabelle / r4eit\nGh.'L. Philippe: u Mere et I'Enfant\nLettres de jeonesde\nChaque volume 3?50 francs —\n31 / rue Jacob / Paris\n\n5 rue Gbaptal / Paris\nDiese literarisclie Zeit-\nschrift veroffentlichte das\nfranzosische Original der\nTagebll c h e r F1 au -\nberts, deren Ueber-\ntragung in Deutschland\nyerboten wurde.\n\nfriiher: L'Effort\nMonatsschrift\nlierausgeber: ::\nJean Richard Bloch\nPoitiers (Vienne)\n\nL' IntHSpendance\nHalbmonatsschrift\nKiinste, Kultur, Philosophie,\nPolitik\n: Jahresbezug: 15 Francs :\nParis I 31 rue Jacob\n\nliefert und verleiht\nMi nuth G-m-b-H-\nBerlin 26, - Mpl. 4612\nOranienstrasse 6\n\nKUNSTLERISCHE RAUME\ne\n:\nm\n9\nhue^o\nALBERT KOBLINSKX\nBERUN-BRUCKENALLEE6\n\n/\nI\n0\n/i\n\\\nA\n. ■»-\nCafe -Restaur aixt\nOdeoiv\nBar\nCkailottenbur^\nBtsmardcstr-EcKsNeue C rolm&nstr\n\nVaS\\*^Js*2\nV * iV, .-V • «« • V. -\nm&Mi,\nmm\nSoffeTttfreter aff eeljaa\"\nimfcfjablid) fitr\nirjersleibenbe unb\nb£y<^'<"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120608-01.1.11", "texte": "Xrono f«lila, Berlin 8. 24.\n\nAusstellungen, Salons Kunsthandlungen etc.\n\nCASPERs Kunst-Salon\nPotsdamer Strasse 19 Elntritt 50 Pf\nKoilektion Gemalde von d'Espagnat\nund Schwarz-Weiss-Ausstellung von\nCorinth Klimt Raftaelli\nForain Leistikow Paetschke\nHance Liebermann Skarbin?*\nHelieu Menzef Stevogt\n\n(II\n■\nn\n■\n«)\nIBBBRBESRiIBSSItIBKBR&aeVesaRBSBXBBaBISBRBBiiB\na\nGRAPH!SCH ES KABINETT\nBuch- und Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\nBERLIN W 15, Kurfurstendarnm 33 ::\n■\n■\n■\n«\n«\n■\n■\n■\nBB\nStSndige Aussteliung\nmoderner Graphik\nnrrNTRTTT F~RTTn\nIm Eckhause. gegeniib. d. 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Abonnement 1 M. pro Quartal\nZu bezlehen dordt &tfs BMchfaandtungeii usd PostaßStattei\n\nLehransiaiten □ i€&ir=ss\n\nMai- unci Zeichenschule\nSi Stilleben 25 Landschaft SE Portrait 11\nIt OTTO BEYER, Hektopsir.l7, an Kurflirstendann §\nke 7 7\n00 5*\n*<«BBBBSBBBBBBEKBBBBBB |L«art ypHinaA Pr\"T<mpkfP a>Bf«C»«SS»H«IBBaB8J\nSBBB&BSCBBBBBBBBBB Vt;' »<Utt}C ri tsKSBSSSS SS3S»SiS»Ba»M»B**\n\nHolzschniizen, lodelijefen, Zeichnen\nTaglich 9—l Uhr Eintritt jedWzeit.\nModellieren iiir Architekten tiiorlich von 5—7 oder 7—9 Uhr\nAbendakt taglich 7—9 Uhr Mark —,50\nAtelier Kurfiirstendamm 243 parterre gegeniiher dem Zoo.\nBildhauer HARDERS Beriin-Charlottenburg\n\n- JKodelUeren and Zeidinen ~\nVorbereitung fur die Akademie\nKSkR L ISEfiEl.Byi ©HT\nCharlottenburg, Leibnitzstr. 32, Atelier\n~ Massige Hoeorare\n\nim\nT\n1\nrsruf\nsfc\nE. L. Kirehner\nlax Peebstein\nWilmersdorf\nDurlacherstr.l4\nModerner Unterricht\n•Ml •\nkk m Maleroi « k\n\nBuchhandlunge\n\n11l __ Til\nEdmund\n•%*\n■V Jjf 01\nBuchMndlsr u. Anttquar\n• c\n■ •\nBERLIN W. 35 ::\nPotsdamerstrasse 127b\nFernsprech. Arat VI 5850\nE ESK32 ■\nAUSSTELLIfHO\neiner sfrossen Kollektion\nOrigina!-Lithographien\nVon Daumfer/Gavarni /\nBeaumont und anderen\nDie Blatter sind einz. kauflich\n: Besichtigung frei! :—\n\nR\nOil\nuil\n1\nDachhamlluiig.Antiquariat\nPotod&merstrasse 118 c\n:: BERLIN W. 35 ::\nFemsprecher: Ami Liitzow 2829\nAusstellung einer Kollekt. v.\nOriginalhandzeichnung. des\nMiinchher Zeichners Attilia jj\nKachetto. Besuch frei. ::\n\nv'\n14\nAntiouariat\nHog\nBerlin W 35\nLiitzowstrasse 38\nwssßTKsra*aHeazso^'iiiK«9CTrfnii*\n\nrrajwrrnvTOgwr\nSUeine Mttteigfen\n\nTitan i3-S chreibmaschine\nErste deutsche Schreibmaschine m. Typenhebeln a. Kugellagern\nFabrikat der Akt.-Gess. Mix & Genest, Schoneberg-Berlin\nGeneralvertreter fur Berlin u. Mark Brandenburg\nLouis Siangan'Linkslrasse i2 Telefon: Kurfurst 2425\n\nMobeltransport\nYerpackung\nLagerung\nax LIIJC\nHalensee\nRingbahnsfm 123 a i Fepnspwt Uhiaetd 595\nSpediteur des Vereins tffir Kunst zu Berlin\n\nI Zeitsohrift Dor Sturm\n«\nI Sfandiog Ausstellung\na *\n• KBnigin-Augusta-Str. 51\na\n\" £'ec/enub. dei* von-der-Heydt-\nI Strasse zwisch. Hohenzollern-\ns u. Friedrich-Wilhelm Strasse\nis\n»\n| Taglich, aiich Sonntags, se-\nll : : offnet : :\na\n| Eintritt 1 M./Jahreskarte 6 M\na\nh Zurzeit:\nI Graphik\nB\n® Picasso. Gauguin, Herbim\nHablik. Kokoschka.\nIK\n■ Kantfinsky Campendonk\nasisaa BSBeaaaßaaßaaa+\n\n:: ninteroarten::\nAm Bahnhof Friedrichstrasse\nNeues Programm\nha Pia\nRndinoff\n\n:: BERLIN ::\nEingetragener Verein\niia msa a\nPassive Mitglieder\nder\n: Neuen Secession:\nerhalten jahrlich\n1 raehrere graphische\nArbeiten\n2 die Zeifcschrift Der\nSturm frei zugestellt\n3 frei en Eintritt zu den\nVeranstaltungen der\n| N. S.\nj Witgliedsbeitrag halbjahrl. 15 M.\nQeschaftsstelle\nder Neuen Secession\nSteglitz\nMiquelstr. 7a Fernruf 5tg1.2699\n\nHERAUSGEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangl. Folge\nNummer 349/350\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfennig\nÜBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnhofen\nW c r b'e ba o d der Fackel\n50 Pfennig\nVerlag (Die Fackel / Wfen 1112"}]}