{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_sha256": "261843fdd05977e67fa32c43f85face57c2b47f164b9f6511d5d475283ab206a", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/06/29_01/bmtnabg_1912-06-29_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/06/29_01/bmtnabg_1912-06-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c001", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "77", "page_fin": "77", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.1", "debut_caractere": 822, "fin_caractere_exclue": 1183, "texte": "Inhalt:\nCarl Dallago: Karl Kraus der Mensch / Paul Hatvani: Lichtenberg i Franz Marc: Zur Sache / Alfred Döblin: Der\nschwarze Vorhang / Günther Mürr: Marie / Otto Pick: Der Selbstmord eines Katers / Raoul Hausmann: Wieder Herr\nSchettler / H. 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Gerade\nseiner, der den Morgen über schläft, um nachts zu\narbeiten, der in der- Lebensführung so sehr von mir\nabsticht. Sein Werk ist nachtgeboren und gibt doch\nsoviel Helle, es ist lichtsüchtig — vielleicht eben,\nweil es dem Dunkel entsprang, es weiß mehr vom\nTrug der Nacht und darum auch mehr von der Not-\nwendigkeit des Lichts. So erklärt sich mir auch,\nwarum ich Kraus zugetan bin — warum der Früh-\nlingsmorgen dieses Zugetansein in mir noch hebt.\nKraus ist ein Licht, das erhellt.\nEr spürte in sich wohl etwas sich entzünden,\nbevor er schrieb; so nannte er seine Zeitschrift „Die\nFacker — mußte sie so nennen. Sie brannte viel-\nleicht auch manchmal mit Rauch und Ruß wie eine\nFackel. (Ich kenne ihr Flammen zu Beginn nicht),\nIch denke mir, daß der Zorn in Kraus noch rauchend\nwar, daß der Qualm noch roch und abfärbte. Es\nwill alles seine Zeit, auch das Sichlauterbrennen,\nwenn man Flamme ist.\nKraus ist Glühen, ist eine Flamme Ich habe ein\nLodern wie seines an keinem Schriftsteller in un-\nserer Zeit wahrgenommen. Er steht da als ein\ntrennender Gegensatz zu den Uebervielen, In aenen\nder Schacher zuhause ist Er ist zunächst in Haß\nentbrannt gegen das Treiben in seinem Volke.\nAber der Schacher, auch der mit Geistesgütern,\ngeht heute bereits in jedem Volke um, nicht nur in\nden Juden. So wird Kraus Einzelmensch und wert»\nvoll jedem Volke. Sieht es doch zuweilen aus, als\nlaufe das Bestreben der Zeit nur darauf hinaus,\ndurch Geschicklichkeit im Schachern sich hervor-\nzutun. Es könnte in einem den Ekel vor der Zeit\ngebären, falls diesem Schachern wirklich ein Füh-\nrendes zukäme. Aber der Intellekt denkt und eine\nunbegreifliche Macht lenkt; die liegt sicher dem\nSexuellen näher als allem Intellekt Damit doch\nhabe ich das Fahrwasser erreicht, darin Kraus am\nheimischsten ist, darin er als Schaffender seine ver~\nwegensten Fahrten macht und sein Segel den stärk-\nsten Wind fängt, sodaß die Fahrt oft wie rasende\nJagd wird, ein Anblick, der dem nur-lntellektischen\nBetrachter das Sehen und Hören verschlägt. Denn\nKraus ist Anti-Intellektueller. In seinem letzten\nWerke ,»Pro domo et mundo\" findet sich der ge-\nwaltige Ausspruch: „Es gilt, der Weltbestie Intelli-\ngenz, an deren Haß der Künstler stirbt, aber von\nderen Haß die Kunst lebt, den Genickfang zu geben41\n~Die vor Bildern grinst und Bücher über die Achsel\nliest,, die sich durch Unglauben ihre Ueberlegenheit\nvor Qott und durch Frechheit ihre Sicherheit vor\ndem Künstler beweist!\" — Wie innig und dankbar\nich das Gesagte fühle! Es verbindet mich dem\nAutor innerlich in einer Zeit, wo der Intellektuelle\nnur die Larve des Philisters ist,\n*\nAls ich Kraus das erstemal vor ungefähr Jahres-\nfrist las (ich kannte vorher keine Zeile von ihm),\nfühlte ich hinter dem Gelesenen einen gütigen Men-\nschen. Seine Güte jedoch verbarg gleichsam das\nGütigsein und ging einher in der Maske von Hohn\nund Spott, von beißendem Humor oder einer kühlen\nHärte. Als Führendes aber war lodernder Haß da,\nder aus der Seele zu wachsen schien und ihr doch\nwiederum mehr wie Hülle und Deckung lag, um\neinen Schmerz zu erdrücken. Der Schmerz kam\nwohl von Liebe. Und der Haß folgte erst nach\nZuerst war das Sehen, das Hineinsehen in Men-\nschen und Zustände. Es ließ Kraus sich entsetzen\nvor einer Welt die darauf ausgeht, gerade dem\nMenschlichsten die Hölle auf Erden heiß zu machen.\nSo ist seine Güte hart geworden und sprüht Haß\naus. Es wäre Haß aus Liebe,, die revoltierte, aus\nEmpörung vor Liebe. Mit der Liebe starb vielleicht\nin Kraus seine Jugend, denn Hassen ist Erfahrung\nund die macht alt: er will nun alt scheinen — alt\nund ungütig, um sicher zu sein vor Zudringlichkei-\nten und Belästigungen der Welt. Die Geistigkeit\nseiner Künstlerseele, die sich selber angehören will,\nmag nach dieser Weltrichtung kein Gefallen mehr\nerregen; sie will von sich eher abstoßen und ent-\nfernen, wenn sie durch das geistig zudringliche und\nrohe Marktgemenge hindurch muß. So glich ur-\nsprüglich die Seele in diesem scheinbar frivolen\nSpötter vielleicht eher einer jungen Schönen, die\nweil sie innerlich vergeben ist, sich ein schlechteres\noder ältliches Aussehen zu geben sucht, wenn sie\ndurch zudringliches und rohes Mannesvolk hindurch\nmuß\nWo Güte gereten wird, wandelt sie sich in Här-\nte. Es ist Wandlung aus Not, aus Selbsterhaltungs-\ntrieb. Denn Güte ist ursprünglich weich, ihre Lust\nist die Nachgiebigkeit Der gütige Mensch fült bald\ndas Gütelose in der Welt, die in ihrer Unfähigkeit\ndie Güte für Schwäche hält und sie danach behan-\ndelt Es ist die Welt unserer Zivilisation, die genug\nGrausamkeiten dort bgeht, wo sie sich stärker\nvermeint. Ihre Unfähigkeit hält auch den Starken\nfür schwach, denn sie sieht ihn nur vereinzelt oder\ngar allein, und sie rechnet immer nach der Zahl;\nist doch nur die Ueberzahl ihre Stärke. So tritt sie\nimmer auch auf den Starken, der immer auch gü-\ntig ist. Da kommt die Enttäuschung: es gibt Etwas\nnicht nach Es ist nicht mehr Weiches da, daß sich\ntreten läßt, die Güte ist hart geworden. Jeder\nDrauf tritt verletzt nun die Tretenden. So wird\nHärte ein Kennzeichen des starken und gütigen\nMenschen.\nDie Härte an Kraus ist schon an seinem Stil\nkonstatierbar. Man f.hlt, sie reicht in seine Seele\nhinein: Nur größte Härte verträgt solchen Schliff,\nKraus ist hart geworde.n. Alle Grausamkeiten\nunserer Zeit traten auf sein Inneres. Die Unkultur\neiner ganzen Großstadt trampelte auf ihm herum.\nEs machte seine Güte zuletzt wohl hörnern wie\ndas Drachenblut die Haut Siegfrieds. Aber wer die-\nser Härte mit den Ohren der Seele lauscht, hört\nnoch die Güte durchtönen. Oft mehr, oft weniger.\nJedenfalls macht sich fühlbar: es ist Güte in ihm.\nIch gebe hier aus den Schriften Kraus' einige\nStellen, die mir sprechende Belege seiner Güte\nsind. Einmal die Stelle, von der Karin Michaelis\nberichtet: „Vor allem entsinne ich mich eines\nFragmente aus seinem Buch „Die chinesische Mau-\ner*', wo er in zwei Spalten einander zwei Zeitungs-\nausschnitte gegenüberstellte, die nicht riefen, son-\ndern wie in Todesangst schrieen gegen menschliche\nUngerechtigkeit und Dummheit. Ein Dienstmäd-\nchen hatte ein uneheliches Kind geboren Sie gab\nes in ein Dorf in pflege, von ihrem geringen Lohn\nwollte sie vier Fünftel für das Kind opfern. Denn\nsie liebte es. Eine Woche oder einen Monat später\ngab man ihr das Kind zurück. Warum? „Wnn sie\nsterben sollte, würde das Kind der Gemeindefür-\n% *\nsorge zur Last fallen\". Sie nahm das Kind und\nbrachte es in ein anderes Dorf, aber auch da fürch-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 11024, "texte": "Tete man das vaterlose Kind anzunehmen. So ver-\nsuchte sie es mit vier Dörfern. Dann tötete sie das\nKind, und dann wurde sie zum Tode verurteilt. Karl\nKraus zitierte das Gerichtsprotokoll und nüch-\ntern, ohne ein Wort hinzuzufügen Sein Kommentar\nbestand darin, in der anderen Spalte wörtlich einen\nArtikel aus einem katholischen Blatt abzudrucken,\nin welchem stand, wie man ungeborne Kinder im\nMutterleibe zu taufen habe, wenn die Mutter im\nSterben läge\". Das katholisch-medizinische Blatt\nenthielt folgendes: „Das Taufwasser muß reines\nWasser sein. Die Hohlnadel' hat eine Länge von\n10 Zentimetern. Bei Kopflage wird die Nadel zwei\nQuerfinger oberhalb der Symphyse senkrecht ein-\ngestochen. Vorher soll die Mutter urinieren. Die\nHohlnadel wird eingestochen, bis man auf eine re-\nsistente Stelle gelangt, welche auch durch mäßiges\nAndrücken der Nadel nicht überwunden werden\nkann! Diese Resistenz bieten die Kopfknochen dar.\nFindet man diese Resistenz nicht, 'so' wird die\nSpritze bis an die Bauchhaut zurückgezogen, sie\nwird in anderer Richtung nach rechts, nach links,\nnach oben und unten eingestochen, bis man den\nKopf findet.. . . Falls etwa einer sterbenden Mutter\neine Entkleidung zu beschwerlich fallen würde, so\nkann auch der Einstich der Nadel ganz leicht über\ndem Hemde vorgenommen werden. Ja selbst aufs\nGeratewohl kann man an einer beliebigen Stelle des\nvorgewölbten Bauches durch die Kleidungsstücke\nhindurch den Einstich machen. Dann besitzt aller-\ndings die Taufe nur wahrscheinliche Gültigkeit. Hat\nman den Knochen mit der Nadelspitze gefunden,\nso wird die Nadelspitze mit ziemlicher Kraftan-\nwendung so weit als möglich in den Knochen ein-\ngespießt!\" (Es handelt sich ja darum, der Taufe\nsichere Gültigkeit zu verleihen). — Welche\nmenschliche Regung möchte hier dem Gedanken\nnicht das Gesicht zertreten? In Kraus scheint vor\nUnmaß an Widerwillen das Wort erstickt. Welche\nGüte möchte noch ihre Empörung solcher un-\nmenschlichen Verblödung entgegensetzen? Ich fühle\nhier: Wo religöser Wahn die Wissenschaft schwän-\ngert, gebiert sie Greuel. Und im Falle der Kindes-\nmörderin erleidet die Gerechtigkeit von der herr-\nschenden Moral der Philister die Behandlung einer\nDirne. Kraus gibt mit der stummen Zurschaustel-\nlung der zwei Begebenheiten sein Erlebnis an ihnen;\nes erzählt, daß er leidet; ihm zugrunde liegt Güte\n„Ich rufe die Rettungsgesellschaft zu einem\nWerk der Nächstenliebe\"; so vernimmt man in\neinem neuen Fall Kraus' Stimme, die für eine Tote\neintritt, deren Erben zwar den Lebensruf der Ver-\nstorbenen verachteten, nicht aber das Vermögen,\ndas dieser Beruf eintrug. So unterblieb die Erfül-\nlung des Wunsches der Toten, ihr einen Grabstein\nzu setzen, trotz des vielen hinterlassenen Geldes,\ndas umso voller im Besitze der Erben blieb. Nun\nfinden sich leicht Mittel und Wege, solcher Unan-\ni j\nständigkeit einen anständigen Anstrich zu geben,\ndaran gesetzlich nichts auszustellen ist. Die Unan-\nständigkeit wird dadurch nur größer. Kraus legt\nsich ganz in den Anlaß Tiinein; er rüttelt ein Ge-\nwissen des Gefühls wach, das unsre soziale Zeit\nbeständig mit Füßen tritt; er wächst indem er sein\nEmpfinden dartut; er mahnt, er droht, er glüht ab-\nschließend hinaus: ~vivos voco, mortuos plango,\nfulgura frango!4 Auch dieses drohende Glühen ist\ngewiß einer Güte entsprungen.\nBesonders gewichtig für das Gütige in Kraus\naber sprechen mir seine Worte: „Zum Tod eines\nBegrabenen\". Hier bringt er uns zwei Tote in Er-\ninnerung, deren Leben das Zeitungswesen ver-\nschluckt hatte ohne ihren Wert zu kennen. Sie hie-\nßen Ludwig Porges und Sigjmund Wilhelm 'Von\ndiesem berichtet Kraus: „Ich war, noch unter dem\nEindruck seines Feuilletons ~Der einsame Spatz\"\nfm\ndaran, dieses siebzigjährige Talent zu entdecken.\nDa floß die Stimmung des Blattes, das vor mir lag,\nmit der Meldung seines Todes zusammen, und es\nbleibt nichts übrig, als ihm nachzusprechen, was er\nseinem verstorbenen Freunde Ludwig Porges\nnachgesagt hat: ~Er ist keiner von den Größen der\nPublizistik gewesen,, aber in seiner Art ein Großer,\nein untadeliger Mensch voll edlen Sinnes für das,\nwas die Seele zu den Höhen erhebet, ein treues\nkindliches Gemüt, ein verläßlicher Freund, ein Ehr-\nlicher und Gerechter. O, wie sich alles lichtet um\nuns und wie es dennoch immer finsterer in diesem\nLeben wird!\"\" Kraus fügt hinzu: ~Und es bliebe\nmir nur noch zu sagen, daß es um einen, der diesen\nSatz schreiben konnte, schade ist.\" — Wer hört\nhier nicht Kraus' Trauern heraus um das Hinschei-\nden eines wertvollen Menschen? Wer spürte hier\n*\nnicht, daß etwas in Kraus vor dem wundervollen\nSatz Wilheim's ganz milde geworden ist? Wer\nfühlte hier nicht Kraus' Empfänglichkeit für wert-\nvolle Gaben und Menschen.\nVielleicht trägt das hier Gebrachte dazu bei,\ndaß jene, die an Kraus bis jetzt ~die Schärfe des\nGeistes, Geschmack, Witz und die unermüdliche\nStreitbarkeit des Temperaments\" bewunderten,\nnun auch jenes Leidende und Leidenschaftliche an\nihm wahrnehmen, dem Güte — Güte seltenster\nArt — zugrunde liegt.\nEs gibt heute noch gewiß mehr Tadel für Kraus\nals Lob. Das macht schon die Ueberzahl seiner\nGegner. Aber wo die Mehrheit steht, ist der Wert\nselten heimisch. Die große Zahl einer Gegnerschaft\nspricht eher für den Wert eines Tuns als dagegen.\nKraus hat zudem ganze Machtbestände gegen sich.\nIch aber sehe mit ihm das Faule an diesen Macht-\nbeständen: das Faule an der Presse, an der Gesell-\nschaft, an unserer Moral, um nur lärmendste Be-\nstände zu nennen.\nIch höre weiteren Tadel,, auch von mir nahe\nstehenden Menschen. Man hält Kraus nicht für\nehrlich, zumindest für sensationslüstern. Dabei ist\nmanche Stimme so, daß man fühlt, sie glaubt, was\nsie ausspricht — also ehrlich. Ich finde alle der-\nartigen Stimmen einemT Schein erlegen. Den hat\nein Gestalter des Aktuellen wie Kraus leicht gegen\nsich, wo ein Hörer am Anlaß hängen bleibt und\nnicht am Gestalten des Anlasses. Dieses Gestalten\njedoch müßte, wo es genügend erkannt wird, den\nBetrachter aufklären. Denn niemals ist ein Gestellt\nter sensationslüstern, der den Stoff so gestaltet, daß\nder Nur-Sensationslüsterne nicht mehr folgen kann.\nAuch Kraus hat seine Lehrzeit; aber seine Entwick-\nlung ist so, daß der sensationslüsterne Hörer immer\nweniger auf seine Rechnung kommt.\nDie Ehrlichkeit des Kritikers sollte feinste Fähig-\nkeit eines Innern sein und nicht nur ehrliche Mei-\nnuno! Die ist ungemein leicht verschiebbar; sie ist\noft durch ein Vorurteil, durch eine Gewohnheit,\ndurch eine Empfindlichkeit schon zu trüben und kann\nsogar erblinden. Wie soll derartige Ehrlichkeit\ngenügen, über ein Ehrlichsein gerecht zu urteilen?\nMan müßte hier vorher fragen: ob, was ehrlich sein\nwill, auch ehrlich sein kann?. Ob keine EmpU\nfindsamkeit, keine Gewohnheit, kein Vorurteil da ist,\ndie unbewußt mitreden?\nBei Kraus ist Ehrlichkeit immer zugleich Fähig-\nkeit; er wird von dieser Fähigkeit gleichsam ge-\nhandhabt, sie besorgt in ihm die Diktion. Er bean-\nsprucht gewiß nie einem Ding objektiv gerecht zu\nwerden; er nimmt den Anlaß auf wie einen Drang,\nja er wird vom Anlaß aufgenommen, fühlt sich in\nden Anlaß hineingetragen und erschließt sich, entfal-\ntet und entflammt sich am Anlaß. So mag Kraus\nzuweilen übers Ziel schießen, nie aber wird der\nVorwurf einer Unehrlichkeit auf ihm ruhen können,\nDer erreicht ihn gar nicht; weil solcher Vorwurf\nsich an den Anlaß hält und nicht an dessen Gestal-\nter, der im Anlaß nur sich selber als Kraft kundtut.\nSo ist der Mensch Kraus immer zu sehr Künstler,\num jemals nur Beurteiler zu sein\nMan sagt Kraus auch nach: er habe fast aus-\nschließlich gut arische Anhängerschaft, die Juden\nseien zu schlau, sie gingen ihm nicht auf den Leim;\ndaher stamme wohl sein Antisemitismus. Hier muß\nich entschieden verneinen. Kraus ist nicht Anti-\nsemit. Sein Menschentum drängt Nationalität und\nRassen-Angehörigkeit auf einen Nebenplatz. Im-\nmerhin ist er Jude und Deutscher genug, um sich\nder Vielen seines Volkes zu schämen, um deren\nSchlechtes zu hassen. Man haßt Schlechtes dörfc\nam meisten, wo man liebt, nicht wo man haßt. So\nan seinem Volke, an den Angehörigen, an sicfi\nselbst. Je höher man jemand hält, umso mehr muH\nman von ihm auch verlangen können Nur Tröpfe\nschmeicheln den Schwächen ihrer Nächsten. Kraus\nsetzt dem Faulen im Judentum am meisten zu. Es\nkönnte bedeuten: er traue den Juden noch am mei-\nsten zu. Und daß er die Schlauen nicht für sich ge-\nwinnt, ist mir nur ein Kennzeichen mehr seiner\nStärke, seines Wertes, as sollte die Schlauheit dort\nanfangen, wo innere Kraft jeder List ausweicht?\nWas hätte sie bei der Kunst zu suchen, die erst dort\nbeginnt, wo von Schlauheit jede Spur getilgt ist?\nInsofern große Fähigkeiten anziehend sind, kann\nman, wo sie sich vorfinden, auch von einem ~Aufd-\nen-Leim-gehen' reden. Das Ueble der Redensart\nverliert sich an, der Sachlage: so geht man vielleicht\neinem echten Trunk auf den Leim, der Anmut eines\nWeibes, den Reizen eines Kunstwerks, oder eben\ndem Glühen eines Menschen, das in einem Schaffen\numgeht. Richtig mag sein, daß Kraus im eigenen\nVolke im allgemeinen wenig Neigung erweckt, ob-\nwohl Fähigste darunter ihm anhängen. Eine ausge-\nsprochene Ueberlegenheit wird von der Allgemein-\nheit der Zunächststehenden zumeist als störend\nempfunden Trotzdem erschließt sich Kraus freu-\ndig jeder echten Begabung in seinem Volke, wenn\nsie ihn groß genug dünkt. Wie sorgsam hätschelt\ner nicht Peter Altenberg, wie verehrt er nicht\nElse Lasker-Schüler!\nDie überlegene Häufigkeit ider Schaustellung\njüdischer Könner-Talente befriedrigt ihn freilich\nnicht. Aber wahrhaft Hervorragendes ehrt er über-\nall, wo er es findet; ja erj scheint danach zu hun*\ngern und zu dürsten.\nDas erbrachte ihm vielleicht das Motiv zu sei-\nnem ersten Konflikt mit der (Presse als einer Macht', -\ndie alles Mittelmäßige hervorragend behandelt au!\nKosten des Hervorragenden. Er sieht die Willkür\ndieser Macht anwachsen, erlebt ihre Käuflichkeit\naus nächster Nähe und — reißt eine Kluft auf zwi-\nschen sich und ihr. Die Presse-Sippschaft vergilt\nes ihm redlich. So kann Kraus berichten: „Ich\nglaube nicht, daß irgendwann in der Welt eine Fülle\nschändlicher Taten so viel sittliche Entrüstung aus-\ngelöst hat, wie in der Stadt, in der ich lebe, die\nUnverkäufllichkeit meines Denkens . . Seit Jahr-\nhunderten wurde nicht gespien, wenn ein Schrift-\nsteller vorbeiging\". Ich fühle gerade diese Verun-\nglimpfungen, die dem SchriftstelTer gelten, um den\nMenschen Kraus einen Schimmer legen. Dabei ist\nKraus heute schon Sieger — wie Künstler Sieger\nsind — und wird es immer mehr werden. Die Pres-\nse mag sich selber für eine Großmacht halten, der\nKunst kann sie nur Magd sein. Daß es so ist, be-\nstimmt die Kunst und nicht die Presse. Die Kunst\nwird der Presse nie gehorchen können; wo sie der\nPresse gehorcht, ist sie nicht mehr Kunst Das\nweiß der Künstler; es macht ihn sicher der\nPresse gegenüber. Es liegt wohl' ein selbsttätiges\nreligiöses Bestandteil im Künstlerischen, davon eine\näußerliche Macht nichts wegzunehmen vermag\nDieses Künstlerische geht auch in Kraus um, es nährt\ndie Flamme seines Innern. So etwas läßt sich mit"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2582, "texte": "Totschweigen nicht ersticken. Im Gegenteil: das\nTotschweigen durchsetzt die Macht des Totschwei-\ngers. Und was auch Kraus' bewunderungswerte\nStreitbarkeit nicht auszurichten vermochte, richtete\ndas systematische Totschweigen dieser Streitbar-\nkeit aus. Es zeigt auf: daß, wenn ein »Künstlerisches\nstark genug ist, es auch ohne Hilfe der Presse\ndurchdringt; es macht Vermittlung im Künstleri-\nschen hinfällig. Das hätte der Ring der Wiener\nPresse Kraus gegenüber bedenken sollen. Es hätten\nHerr Benedikt und die Neue Freie Presse auch\nwissen sollen, daß Zusammenstehen und Gewalt\nwohl für ein Geschäft bestimmend sein mögen, aber\nnicht für die Wege der Kunst!.\nNach der Innsbrucker Kraus-Vorlesung schrieb\nmir ein Bekannter: ~Haben Sie so schlechte Augen,\ndaß Sie das reinste Theologengesicht bei Kraus nicht\nentdeckt haben?\" Darauf erwiderte ich ungefähr:\nAber dann eines Theologen der Sexualität. Es\nmag Wahres enthalten; ich denke jetzt noch daran\nin ruhigem Erwägen. Die Art, wie Kraus vortrug,\nmacht das innerliche Glühen und Sichverbrauchen\ndeutlich ersichtlich. Es erinnert an echte Streiter\nGottes. Und die ältesten Streiter und Wissenden\num Gott waren wohl auch Wissende um das Ge-\nschlecht. Die älteste und ursprünglichste Priester-\nschaft war vielleicht die des Geschlechts. Die\nSphäre der Inbrunst erwächst heute noch aus der\nSphäre der Brunst. Wer wollte hier nur Gewisses\nvorbringen können? Uns sind seit Jahrhunderten\ndie Fühlfäden unterbunden, die hier Anschluß er-<\nbrächten; uns ward das Geschlechtliche als das Un-\nheil hingestellt. Des Unheils ist darum nicht weni-\ngeil geworden, und sicher stellte sich das Ge-\nschlechtiche von selber auch als das Heil hin Frei-\nlich, wer mit dem Geschlechtlichen sein Spiel treibt,\n?\ndem spielt es übel mit. Kraus ist hier Spielverder-\nber. Seine „Unmoral4 entblößt die Moral: so er-\nkennt man erst, wie häßlich die aussieht, und man\nversteht, daß sie gekleidet einhergehen muß, um\nvorzutäuschen. Es geht eine Wandlung vor: die\nMoraf wird zur Kupplerin, die Dirne aber zeigt sich\nals Dienerin der Geschlechtlichkeit. Indem sich\nKraus zum Anwalt des Dirnentums aufwirft, wächst\ner zum Priester des Geschlechtlichen an und wehrt\neinem Spieltreiben mit diesem. Denn es treibt sein\nSpiel, wer eine Dirne gebraucht und ihren Stand\nverunglimpft, und nicht wer das in Schutz nimmt,\nwomit er Umgang pflegt und was er für natürlich\nhält. Herkommen und Sittlichkeit trachten nach\nSchutz für den Philister vor Verführung durch das\nDirnentum höher, und nötiger ist das Bestreben\nKraus': Die Dirne zu schützen vor der Moral des\nPhilisters."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c003", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "79", "page_fin": "79", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.3", "titre_corps": "Lichtenberg", "titre_sommaire": "Lichtenberg", "signature_source": "geboren am ersten Juli 1742 Von Paul Hatvani", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.3", "debut_caractere": 2598, "fin_caractere_exclue": 8596, "texte": "Lichtenberg\ngeboren am ersten Juli 1742\nVon Paul Hatvani\n„Es ist als ob unsere Sprachen verwirrt wären:\nwenn wir einen Gedanken haben wollen, so brin-\ngen sie uns ein Wort, wenn wir ein Wort fordern,\neinen Strich, und wo wir einen Strich erwarten,\nsteht eine Zote\" — Wir, die wir diesem jahrhun-\ndertaltem Satze gegenüberstehen und das Drama*\ntische dieses Spracherlebens kaum erfassen können\nder Literarhistoriker, die uns erzählen wollen, daß\nes nun hundert Jahre sei.... Daß es nun hundert\nJahre sei, als die Beiden in Weimar und Jena ge-\nlebt hätten und daß wir nun ihre Sprache sprechen,\njene glatte, reiche, reine und nicht jene, die so ist»\n—, wir müssen Zweifel hegen an den Behauptungen\nals ob sie verwirrt wäre .. . Wir müssen Zweifel\nhegen an den Behauptungen, unsere Welt wäre auf\nGrund der naturwissenschaftlichen Errungenschaf-\nten des neunzehnten Jahrhunderts aufgebaut,, wenn\nwir im achtzehnten Sätze finden, die das zwanzigste\nzertrümmern.\nDas achtzehnte Jahrhundert — das schon des-\nhalb reicher war als jenes, welches sich am reich-\nsten dünkt, weil es eine Weltanschauung isolieren\nkonnte, die sich in den Aphorismus verkroch — das\nachtzehnte Jahrhundeft ist in seinen Schriften ge-\nbannt und hat uns eine Erbschaft hinterlassen, die\nuns den Größenwahnsinn der fröhlichen Erbauer\neiner .„mechanischen\" Weltanschauung (Ingenieure\nund Journalisten) tausendfach ersetzen.\nGeorg Christoph Lichtenberg hat in den BüL\nehern der Literarhistoriker keinen Platz, er gehört\neben noch nicht in die Literaturgeschichte. Lessing\nschloß ein Kompromiß mit der Konvention, er wur*\nde Schriftsteller, d. h. er schrieb Dinge, die sich in\ndas Schema der Literatur einreihen lassen. Lich-\ntenberg aber schwämmt für Garrick und Hogarth\nund rief nur ein paar Aphorismen in den Weltraum.\n— Das absolut Zeitlose an Lichtenberg, dem all-\ntäglichen Erleben entsprungen und in die Ewigkeit\ngeformt, ist eine Problemsart des Genies. Sein\nAnklammern an das Positive, an das Materiell-Sei-\nende ist vielleicht ein Mangel des Jahrhunderts.\nUnd so wurde die Form zum Inhalt und also ent-\nstand der Gedanke. Sein Anklammern an das äuße-\nre Geschehnis ist aber gewiß kein Mangel seiner\nkünstlerischen Natur. Divinatorisch, wie jeder\ngrößte Schriftsteller,, benutzt er die Ferne des Er-\neignisses von der Form, als technisches Hülfsmittel.\nUnd so entsteht seine Satire, durch nichts getrennt\nvon der Lyrik, wesensgleich mit dieser, vom Erle-\nben in die Ewigkeit gesprochen: „Der wahre Witz\nweiß ganz von der Sache entfernte Dinge so zu\nseinem Vorteil zu nutzen, daß der Leser denken\nmuß, der Schriftsteller habe sich nicht nach der\nSache, sondern die Sache nach ihm gerichtet.\" Die-\nse und ähnliche Gedanken machen die Bände der\nLiterarhistoriker überflüssig; die Theorien der\nAestheten und anderer Psychologen zerfallen in\nsich selbst, wenn es der Sprache gelingt, gleich-\nzeitig Wort und Ding. Sinn und Widersinn, Erleb-\nnis und Erlösung zu sein\nAlle Abgründe menschlicher Spekulation sind\nüberbrückt: Lichtenberg, vor 170 Jahren geboren,\nhat die der nächsten zwei Jahrhunderte\naus der Sprache gelöst Und zwischen\nPiaton und Otto Weininger, zwischen den andern\nErlebnissen des Symposion und der erliegenden Of-\nfenbarung über Geschlecht und Charakter stehen\ndie Sätze:\n„Es ist sehr reizend, ein ausländisches Frauen\nzimmer unsere Sprache sprechen, und mit schönen\nLippen Fehler machen zu hören Bei Männern\nist es nicht so\". Das konnte bisher nicht\neinfacher gesagt werden, der Satz enthält vielleicht\ndas Verhältnis Karl Kraus zur Erotik — Und das\nabsolut Metaphysische der Erotik enthalten die\nSätze, die wie ein Motto zu Otto Weininger klingen:\n„Ein Mädchen, die sich * ihrem Freund nach\nLeib und Seele entdeckt, entdeckt die Heimlichkei-\nten des ganzen weiblichen Geschlechts; ein jedes\nMädchen ist die Verwalterin der weiblichen Myste-\nrien.\" \\\n~Wenn man die Geschlechter nicht an den\nKleidungen erkennen könnte, ja überhaupt die Vers\nschiedenheit des Geschlechts erraten mußte, so\nwürde eine neue Welt von Liebe entstehen. Dieses\nverdiente in einem Roman mit Weisheit und Kennt-\nnis der Welt behandelt zu werden\". Ist das nicht\ndie Problemstellung zu Weiningers Werk?\nDie Probleme für die Aktuellität geboren, ge-\nhen an der Sprache zugrunde Sie werden zeitlos,\nwo er sie berührt und flüchten in die Unendlichkeit:\ndas Ereignis wird zum lyrischen Erlebnis. Hier ist\neine organische Gleichheit mit Karl Kraus und viel-\nleicht berechtigt erst diese Feststellung, von Lich-\ntenberg zu sprechen. Auch hier wird das Ereignis\nnicht zur Form abstrahiert, sondern die Form tötet\nden Inhalt und das Erlebnis wird unsterblich nach\ndem Tode. Die Zeit erstarrt und Lichtenberg hält\nuns die Leiche hin. Sein Geist hat die Fratze seines\nJahrhunderts angenommen , aber die Sprachc\ndrängt: „Wenn ich über etwas schreibe, so kommt\nmir das Beste immer so zu, daß ich nicht sagen\nkann woher\".\nUrsache und Wirkung sind verwirrt und\nman kann sie nicht mehr trennen. Sie umfassen\nsich, umarmen sich und zeugen das Spracherlebnis.\nWorte fliegen in den Weltraum und suchen ihren\nSinn, sie kreisen um glühende Sonnen und kein li-\nterarhistorischer Astronom kann sie verleugnen .\nSie leuchten eben zu stark, — unsterbliche Plane-\nten einer Künstlerschaft — und wer sie doch nicht\nsieht, dessen Großhirnrinde kann das starke Licht\nnicht vertragen. Man hülft sich heutzutage, man\nzerreibt und zerkleinert diese Gedanken und würzt\ndamit seine feuilletonistische Suppe .... man gießt\nWasser in den Wein und siehe, das Gebräu stinkt.\nDer Magen ist stärker als der Geist und das Fleisch\nist ein Leitartikel.\n.... Aber da stehen noch einsame Worte und\nvon jedem Satze führen Wege in die Unendlichkeit.\nUnd da draußen kann man es endlich erfassen, was\n„Lyrik\" ist; und man entsagt der Welt, die nur\nUmgebung ist und kein Raum, und man entsagt der\nGegenwart, die nur aus Affären besteht und keine\nZeit hat. Und so sprach auch Lichtenberg: „Ein\nSchriftsteller, der zu seiner Verewigung eine Bild-\nsäule nötig hat, ist auch dieser nicht wert\"."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c004", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "79", "page_fin": "80", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.4", "titre_corps": "Zur Sache", "titre_sommaire": "Zur Sache", "signature_source": "Franz Marc", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.3", "debut_caractere": 8598, "fin_caractere_exclue": 9899, "texte": "Zur Sache\n\nSeine Ideen nach allen Seiten zu verteidigen\nhat nicht viel mehr Sinn, als sich überallhin entschuü\ndigen, daß man geboren ist. Ich schrieb in der vo-\nrigen Nummer ein paar sehr einfache Worte, um zu\nsagen, was wir vom heutigen Ausstellungswesen\nerhoffen. Die Folge ist natürlich Widerspruch.\nIdeen verdrängen Raum; sie drängen in die vor-\nhandenen Ideen hinein, stocken, werden verstellt,\naber wirken heimlich, bis der Tag kommt, an dem\nsie herrschen.\nAber auf eine Sache lohnt es sich,, nochmals\nden Finger zu legen: Ich schrieb: „Wir Maler schaf-\nfen nicht so sehr Bilder als Ideen\" und schrieb die-\nsen Satz mit gutem Bewußtsein. Warum nimmt man\nAnstoß an dieser Sache? Warum wird man\nbeschworen, sie nicht zu sagen? Will man leugnen,\ndaß unsre gegenwärtige Zeit unter diesem Zeichen\nder „neuen Ideen\" steht? Wer unsre Zeit kennt\nund liebt, sieht hierin ihre Pracht und trunkene\nSchönheit. , Nicht die einzelnen' Bilder sind dem Ge-\ngenwartsmenschen Selbstzweck und Hauptsache,\nsondern die Ideen, der Ideenkomplex, den die ein-\nzelnen Werke bilden.\nEs wird eine neue Welt gebaut. 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Es\ngibt heute Menschen, die wie die ersten Christen,\nJahrtausende vor sich tanzen sehen. Ideen schwir-\nren in der Luft wie Geschosse im Gefecht. Wir\nhaben keine Zeit, die Knöpfe an unserer Uniform\nzu putzen.\nWer dies nicht fühlt, wer diese fruchtbare und\nheilige Zeit nicht liebt, gehört nicht zu ihr und ihrem\nWerden.\n\nFranz Marc"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c005", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "80", "page_fin": "85", "image_debut": 4, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.5", "titre_corps": "Der schwarze Vorhang : Roman", "titre_sommaire": "Der schwarze Vorhang : Roman", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.4", "debut_caractere": 897, "fin_caractere_exclue": 9485, "texte": "Der schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\n\nAufgejagt und plötzlich verwirrt suchte beider\nwachsende Verstörung die Spuren des Weges ab,\nden sie gekommen waren, suchte den alten Wind\nwieder aufzusuchen, daß er wehe und rüttelte an\nden Bäumen,, die kahl und steif waren. Er versank\nin die unerhörten Prächte ihres Leibes, aber sie fan-\nden sich nicht mehr, und sie vergaben es sich nicht,\ndaß sie Gemeinsames duldeten. Im Gewitter lief\nIrene durch den Wald zwischen den kahlen Stäm-\nmen und jauchzte vergessen zu dem Blitz, der kni-\nsternd durch die Luft sägte drehte sich auf den\nZehen um sich und bot die bloßen weißen Arme\nund den zurückgewandten Kopf, Lippen, Wangen\nund Lider dem Regen. In Johannes taumelte alles\nin plötzlicher dumpfer Hingerissenheit; er sah nur\nihren glücklichen Hals und die hebenden Brüste, und\nfühlte die sichere scharfe Krallenhand an seiner\nBrust, hörte wieder das gelle Gelächter, das seiner\nnicht achtete; die alte Wut packte ihn, daß er seiner\nnicht froh werden konnte.\nUnd durch sie, die weiße, lachende; durch Irene.\nEr streckte nach ihr die Hände aus, drohend. „Weh-\nre dich, wehre dich! Verfluchte!44 Ihr zarter Ton\nfragte nach seiner Traurigkeit, als er weit hinter\nihr zurückzubleiben begann. Seine Augen sagten\nihr: „Wirst bald mit mir traurig sein, Du\". Sie\nsah in klar beherrschte Züge. In Abscheu und\nSelbstverachtung fielen sie sich in die Arme und\nküßten sich trostlos weinend in dem grauen Regen.\n* *\n•j-\nV\nMehr als er litt Irene darunter, daß Lilith ge-\nstorben war. Ihr klagender Blick fuhr über sein\nGesicht: dann verwandelte sich Irene wieder in die\nfremde stolze Aegyptische. Sie hatte vor seinen\nKnieen gelegen und ihre bittende Hingesunkenheit\ndargebracht; jetzt richtete sie über ihn, indem sie\nklagte und anklagte. Er konnte ihren Blick nicht\naushalten und litt unter seiner Feigheit. Eine dumpfe\nSchwüle wühlte in seinem Körper, so daß er die\nKleider beängstigend der warmen Haut anliegen,\nfühlte und sich sein Brustkorb sprengend hob. Ein\nSchwindel überdunkelte ihn; mit einem Atemzuge\nwaren Farbe, Klang,, Umrisse hinweggenommen in\ndie Leere, in die er selbst versank, während sich die\nAugen schlössen, der Kopf tief in den Nacken legte,\ndie Arme sich reckten und der Körper mit leichtem\nZittern sich auf den Zehen erhob — Uneingeständ-\nlich floh er vor ihretai Blick; aber er konnte es nicht\nverhindern, daß immer wieder das verächtliche\nZucken um ihren linken Mundwinkel, den zu küssen\ner sich oft vertieft hatte, vor ihm auftauchte.\n„Ich bin es schuld44 — die Schwüle schloß sich\nenger um seine Brust und Kehle. Zu nichts war\ner vor seiner Sklavin durch die Mächte geworden,\ndie ihn haßten, wie allen Menschenstolz Er spürte,\nwährend die Hände vergeblich abwehrten, das Fell\nund die starren stechenden Fühlhaare der Schnauze.\nNäher strich ihm der Atem warm und ruckwreise\nins Gesicht. Wie er finster bei Seite schaute, saß\nes ihm mit einem Satz an der Kehle. Da ließ er\nden Kopf in dumpfer Trauer fallen.\n* sfe\nJU\nIrene schlich entselbstet umher. Sie sah selten\nauf, und mochte aufschreien, wenn man zu ihr\nsprach, wie früher zu der ernstsanften und sicheren\nsprach. Doch duldete es die Hingeworfene und\nwurde glücklich im Vergessen, wenn ihre Freundin\nzu ihr thörichtes, loses und böses kräuselte.\nSie glitt dann allmählich mit weinendem Herzen\nin die blaue Luft hinunter. Mit verhängten Augen\nerzählte sie von den Dingen der Oberfläche; ihre\nLippen sprachen von seinem seltsamen nicht haf-\ntenden Blick; sie tranken wie eh aus zierlichen\nTassen und sogen an dünnen Cigaretten in dem\nhellgelben, mit Seide ausgeschlagenem Zimmerchen\nIrenes. Und die raschäugige lauschte und warf ihr\nfragendes Entzücken dazwischen. In Irene wurde\nes lichter, während sie plauderte, und von ihren\neigenen Worten getragen vor einen Johannes glitt,\nvor etwas breitstirniges, rätselhaft finsteres und\nliebloses, an das sie nicht denken konnte, ohne vor\nVergnügen bebend, die gelblich weißen Hände auf\ndie atmende Brust gepreßt, in heimlicher Wonne\nvor sich hin zu lachen. Sie verstand ihn wohl\nnicht mehr; sie hatte sich von einer grundlosen\nLaune die Lust an ihm trüben lassen.\nLeise bat schon etwas in ihr ab. Und als die\nFreundin fortgehuscht war, sah Ihrene der leichten\nrosigen vom Fenster aus mit glühheißen Wangen\nnach. Auf die Straße ging sie. Sie genoß mit tiefen\nAtemzügen den Alltag;\" Wie schön doch ihr Leben\nwar.\nMit lächelnden Lippen, aber innigem Ernst küßte\nsie in ihrem Zimmer Johannes Bild.\n& *\nIhre Augenlider hoben sich. Sie war die weiße\nDecke und der grüne Plafond, der kleine goldene\nKronleuchter mit den bemalten Lichtern. Die nie-\ndrigen Stühle und Sie schimmernden Deckchen dar-\nüber schwammen in ihren Augen, gelbe Vorhänge\nund grauweißes Dämmerlicht Die Linien oben an\nder weißen Decke krochen still und sperrten ihre\nMäuler auf, verschwanden und verrannen inein-\nander. Die Linien streckten sich rasch, lagen still\nda. Eine leichte Hitze hauchte über ihre Arme, wo\nsie den Brüsten anlagen. Zarte Spannungen klan-\ngen in den Knieen und Schultern der stillen auf.\nSie stolperte über die Risse und grauen Punkte\nan der Decke, die sie immer wieder entlang laufen\nmußte, so daß die Angst sie tiefer atmen und die\nzuckenden Kniee beugen und anziehen ließ. Und\ndann stand doch ein kleines Säufzen fremd und\nlosgelöst irgendwo im Zimmer, dem sie antworten\nmußte, das sie heißer bedrängte und suchen ging,\nin Zimmerrnitten, in den Ecken, hinter den gelben\nfaltenschweren Vorhängen, — vielleicht unter dem\nschweren verhängten lisch, oder vor der Tür, vor\nder Tür. Hastig warf sie sich auf, um es zu suchen.\nUnter dem kurzen hellen Schmerz der gepreßten\nHand richtete sie sich auf und fand sich beim An-,\nblick der gelblichen Blässe ihrer Finger. Sie war\nvon den Dingen getrennt, fühlte sich in ihren Glie-\ndern. Irene. Sie streckte sich, Irene Ein Son-\nnenfleck schimmerte schon über die Vorhänge.\nIch will heute in der Morgenluft spazieren gehn.\nDraußen im Garten Vielleicht schneit es heute.\nAuch auf meine Bank schneit es. —\nWie beschattet von einer Unruhe, trug ihr die\n~Bank\" „Johannes'' zu. Sie konnten nicht mehr\ndraußen sitzen; es war Winter. Winter war es ge-\nworden. -— Winter?\nUnd wo saßen sie denn zuletzt? — „Was ist\nmit mir geschehen44? Aufgerichtet saß sie im\nBette, Beute aller Stürme und Entsetzen. Das Zinr\nmer klagte sie an. , Die mädchenläppischen Bänder\nan der Wand und der Kasten mit Andenken auf dem\nEcktischchen.\nSie drückte den Kopf in das Kissen, preßte es\nan Aug und Ohr und reckte krampfhaft den heißen\nKörper bis zu den Zehen, als wenn sie ihn von sich\nstoßen wollte zu den Dingen zurück. — „'Pfui, oh\npfui, ich —- Dirne. Oh Maria nun hilf mir. Ich darf\nihn nicht lassen, nie und nimmer, dann wäre ich\nganz und gar geschändet. Seine feile Beute: ich,\noh ich —44 Sie schluchzte ins Kissen „Warum ließ\nich das geschehen? Ich darf nicht mehr leben, ich\nwill nicht mehr leben\".\n* *\n*\nUnd der Wind packte wacker die Segel, biß\nsich an den Rändern fest, spitzzähnig und brachte\ndas Boot zum Kentern.\nSeine Seele schleppte Irenen mit sich herum.\nSie war ein leerer Raum, eine Gasmasse in ihm,\ndie sich immer weiter ausdehnte und in die alles\nabfiel vom Gemäuer und erstickte: morsche Steine,\nBlumen, rotblaue Gesichter, die anschwollen, quel-\nlende Augen, Münder die nach Luft schnappten mit\nangespannten Halsmuskeln und die Herzen wühlen\nund wogen noch in der Brust. Die Finger spielen\nund fasssen nichts; in Todesgrauen dreht sich alles\nund kann sich nicht vergessen.\nEr schleppte sie mit sich herum. Wohin hatten\n%\nihn diese Gewalten gebracht! Es half nichts, daß\ner sich immer wieder Ruhe und Sicherheit predigte;\nso waren es döch nur Stunden, um die er getäuscht\nwar, und fand sich schließlich in einer alten stöhnen-\nund nagenden Hilflosigkeit. Sie mußten sich tren-\nnen. Er wollte aufatmen, sich vor seiner Schmach\nverstecken, Der Zufall war es nur, der ihm Irene\nzugeführt hatte, sollte es nicht Narrheit heißen, sich\nan den Unsinn klammern und willenlos folgen? Ein\nMensch und Sklave des Zufalls? — dem Zufall eig-\nnets, zu verwirren, stören, zu quälen und entzük-\nken; er springt von einem Irrsinn zum andern und\ndas heißt leben, und ist alles Zufall.\n* *\n*\nEin Freund erzählt ihm da von den Geheimnis-\nsen seiner Liebe; Johannes, zerstreut, warf unacht-\nsam ein Wort dazwischen, das verstohlen von sei-\nnen eigenen Heimlichkeiten sprach. Wie fremd und\nschön sein Wort klang. Er erstaunte, nie war ein\nWort von seiner Liebe über seine Lippen gekom-\nmen. Er versuchte gelockt mehr; aber die Worte\nrollten so ruhig hin und brachen nicht unter der\nLast, die er ihnen auflud. Ein Wort rief mit eige-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10132, "texte": "nem Willen das nächste, wie damals als er um Irene\nwarb, ihr höhnte und heimlich über sich selbst ver-\nwundert abbat. Er sah einen grausigen Spaß, der\nihm nach der Schlaffheit der letzten Wochen imjner\ninniger zog, eine Selbstvergewaltigung voll Lü-\nsternheit, und ein hastvotler Schritt auf dem Wege,\nan dem die Leiche Liliths lag. Hinterlistig stieß er\nsein Geheimnis in die graue Luft hinaus,, fuhr, mit\nden Worten hin, erst stockend und zaghaft, mit\nniedergeschlagenen grünen Augen, dann gleitend,\nreckend und schließlich ein Segeln mit breitentfal-\nteten Flügeln und hellem Rauschen und übermüti-\ngem (Plätschern in der Luft „Bebte\" jauchzte: wel-\nches Glück.\nWährend er sprach,, stärkten die lauten Worte\neinander wie Trompeten lässige Soldaten, und\nsteiften ein schwankendes Gewölbe wie Säulen.\nNeugierig und ängstlich fragte er sich: Wras ger\nschiebt da draußen? Was wird es noch alles sagen?\nDabei wuchs die starre Lust, Irene weh zu tun. Er\nhörte den Worten nach, erkannte sein Erleben nicht\nwieder, sehnte daß er mit so schlimmen Wortzau-\nber Irenen, wie an sich gezogen, so von sich stieße.\nUm diese Worte schwebte Glück und Glanz. Er-\ninnerungen an Siege und freie Launen. , Das Ohr\nließ sich von ihnen bald ganz fangen und so ver-\nsank die Unruhe und Angst, schwankte im Dunkel\nbeiseite, murmelte hier und da und schleuderte\nSteinchen und Brocken. Er faßte allmählich, wel-\nches Geschenk ihm wurde. Wie leicht atmet, wer\nspricht. Es blühte in ihm auf, wo er Irenen an\nseinen Freund verriet. Aus jedem Lächeln und\nNicken des Freundes sog diese Freude sich Nah-\nrung. Den letzten Entscheid aber gaben die Spiegel\num ihn, die wehenden Fächer der Damen,, die strah-\nlenden Goldkronen mit den bemalten Kerzen. Seine\neigenen Worte stießen gegen die Spiegel, fuhren\nentzückt zurück und fielen wie gerollte Igel vor\nseine Füße.\nAls er ging hob sich seine Freude unter der\nklaren schwerdurchwehten Luft und dem starken\nFrost. In überwallendem Glücke genoß er seine\nFreiheit und die Erlösung von Zwiespalt, Tausend-\nspalt. „Der Zufall ist wieder los. Sie geht mich\nnichts an, sie geht mich nichts an. — Ich begehre\n— nicht gerade sie. Ich bin wieder allein. Wie\nglücklich sind wir vereinsamten Monaden. — Sie\nlachte mich so stolz und glückversteinert an, nun\nkann sie mir nicht entrinnen. Ich habe sie zerstört;\nsie ist mein in alle Ewigkeit. Eine Menschenseele\nist mein und muß sich vor mir krümmen: ja das\nist Liebe, wie \"ich sie begehre Haha! das Wunder\ndes Weibes: dienen sollst du und mich im Herr-\nschen über Dich meine Einsamkeit genießen lassen.\nIch wollte sie nicht in mich einsaugen, sondern aus-\nspeien, in die Kniee zwingen. Ach, wenn die weiche\nFaust meines rothaarigen Teufels jetzt nach mir\nschlagen und ihr Mund mich anspeien wird, so\nkann ich lachen, und sie küssen, weil ich mein ver-\nachtendes Engelchen noch nie so liebte, wie jetzt,\nwo ich sie ganz zur Dirne gemacht habe. Gerade\nsie will ich und will zu ihr. Sie soll mein Glück\nmitgenießen.\n* S|c\n*\nUm Irene begann sich eine seltsame Ruhe zu\nschließen. Wie schluchzende Kinder wichen die\nqualvollen Gedanken von der abgemüdeten ab.\nDie angespannte Seele zog sich langsam zusam-\nmen und tönte nur noch tief mit langsamen Schwin-\ngungen. Fast willenlos und besinnlich lehnte sie an\nihrem Andenkentisch und kramte dann: „Ja was\nist mir nur geschehen?\" Sie wurde müde und\nschwach, teilnahmslos am hellen Tag, glitt von\nArbeit zu Arbeit. Und wenn sie aber, die Hände\nim Schoß, hingesunken war, um sich zu sammeln,\nallmählich zu sammeln und alles Bevorstehende und\nVergangene ganz zu fassen, so trieb sie etwas wie-\nder auf, so daß sie mit Augen, welche nichts sahen,\nim Garten, zwischen den schneeüberbürdeten Bäu-\nmen umhersuchte, Schnee in den Mund steckte und\nschluckte, ja ruhig auf die Straße lief, und plötzlich\nlächelnd mit zerstreutem Blick vor einem Spiegel\nstehend sah, daß sie mit zerzausten Haaren ging,\nworauf sie wieder auf ihr Zimmerchen lief, den Kopf\nin die Sofapolster grub und sich suchte\nNur unklar tauchte immer etwas heißes, gelbes,\npurpurnes vor ihr auf und schwamm, als sie sich\nim Garten versteckte, wie eine rote Sonnenunter-\ngangswolke über sie weg,, die keine zitternden Men-\nschenhände fassen können. Sie wurde von einer\nErstarrung befallen. „Und ist mir doch wohler als\nje,\" dachte sie; „ich bin jetzt ganz frei auch von\nJohannes. Wie schade, daß ich nun gerade sterben\nmuß, wo die Luft so schön und kalt weht, daß icfi\nzerfließen könnte\".\nSie hörte Johannes entsetzten Ruf nicht, fühlte\nes kaum, als er an ihren gesunkenen Händen zerrte,\ndie raschelnden Haare aus ihrem Gesicht strich, ihre\nSchultern schüttelt. Sie saß still und gebeugt am\nTisch, die Arme aufgestemmt, das Kinn in die Hand-\nteller drückend und sah vor sich hin. Ihre dunkel-\nroten Lippen bewegten sich nicht, als er in sie\ndrang: „Was ist dir geschehen? — Du! — Wer\nbist du?\" aber nach einiger Zeit hob sie das falten-\nlose Gesicht gegen ihn auf und sagte leise mit einem\nleeren Blick in die weißeXuft hinein: „Irene\". Da\nhob er die leichte hoch, sprach zu ihr, küßte sie, um\nsie zu erwecken, wiegte sie in den Armen hin und\nher, während sein Inneres selbstmörderische Dolche\nschmiedete. Ein rauschendes Geflüster von Liebe\nund Bitten um Verzeihung schwebte um sie, ver-\nlangte pochend Eingang in ihre Seele,, rang ver\nzweifelt an allen Toren schwache Händchen. ~Die\nGlöcklein läuten immerzu, aber warum kam er nicht\nzur Beerdigung? Er sagte mir doch oft, — ich bin\neine schöne Leiche, und er will mich wecken\"\n„Irene, so sieh doch auf Sieh mich an\". — „Er\nwar immer so wild mit mir. Ich habe mich ganz\nund gar vergessen. Niemand darf davon wissen\".\n— „Mein Liebstes, Irene. Irene was geschah Dir\"?\nSie lachte mit leuchtenden Augen leise auf und\nstarrte ihn an: „Haha, wir beiden\" —.\nEs war als ob ein Vogelschwarm in die helle\nWinterluft aufschwärmte und den Flug versuchte.\nUnd legte wie sie es oft tat, den Kopf an seine\nSchulter, der neben ihr saß. „Oh wie lieben wir\nbeide uns\" — Sie lachte immer wilder, beruhigte\nsich nicht und warf sich Im Stuhl zusammen und\nkrümmte sich,, bald warf) sie den, Kopf zurück und\nstreckte sich ganz weit mit offenen Augen über den\nStuhl. Sinnlos aus vollem Halse kam das Gelächter\nim tiefen, langen Strom. Sie schrie schluchzend\nund gell, während ihr Herz schwer und starr wurde\nund die blutunterlaufenen Augen zu träumen und\nfunkeln begannen.\nIm Jammer hielt er sie umschlungen. Als die\nGlieder der ohnmächtigen, totbleichen und bluten-\ndenden sich lösten, war in ihm ein eisiges unbe-\nzwingliches Grausen aufgestiegen. Sie erwachte.\nDa trieb es ihn, ihre Hände zu lassen, fortzulaufen,\nzu singen, die dunkle schwere Last vor sich hin zu\ndrängen und laut, laut: „Johannes\" zu rufen.\n& ±\n❖\nIn Irenen beruhigte sich nach langen verdäm-\nmerten Tagen und Wochen manches. Die Tage\ntrennten wie eine Mauer ihr früheres Leben ab.\nWie eine Mauer über die sie nicht sehen konnte.\nWenn manchmal ein Hauch herüberschlug, so wim-\nmerte es in ihr: „Er muß doch, zu mir kommen, ich\nmuß ihn halten und ihn wiederhaben44 Aber sie\nfühlte, wie die Zeit ilirem Schmerz milde Stacheln\nund Spitzen abbrach. Die stolze widerstrebte —\nund ließ es geschehen. Unter dem leisen schwa-\nchen Glück des Genesens verlor sie die Glut zu\nsterben, das trotzig süchtige Todesverlangen. Sie\nging nicht auf Vergessen und Einsargen aus; von\nsTch dachte sie nicht hinweg. Verschlossen über-\ndachte sie alles; finster begann sie mit Johannes'\nFreund, der mit dem ratlosen unentschiedenen in\njenem glänzenden Saale gesprochen hatte, trat zu\nder seltsam kühlen, immer wieder schluchzenden;\nmit Staunen. Doch fast teilnamslos lauschte sie\nseinem verschwiegenen Werben. Seine Worte\nklangen, wie sie es gewöhnt war, aber wie beruh-\nigte sie jetzt diese Musik. Es beruhigte sie, den\nGedanken eines andern nachzugehen, es erfüllte\nsie mit Mitleid für ihn, daß er so ahnungslos zu\neiner elenden sprach, die ihn betrog und mit ihm\nspielte. Dann brach sie noch einmal zusammen,\nals sie hinter einigen unbedachten Worten jenes\nGespräch erriet. Sie schrie verzweifelt auf fhrem\nZimmer; nur die Begierde sich zu rächen hielt sie\nam Leben\n£\n£ *\n*\nSie flogen um die Eisbahn. „Irene, Sie spotten\nmeiner; gestehen Sie nur. — Sie wissen nun alles.\nAuch mir ging es wie Ihnen\" —- Sie flogen zum\nzweiten Male um die Eisbahn. Vieles schauert un-\nter der Erde und klingt auch verborgenes Rufen\nherauf.\nMit verschwimmenden Gedanken wandeln und\ngleiten sie; gestreckte Zeigefinger ziehen unter der\nweißen Eisdecke Zackenlinien: — oh, du däm-\nmerndes Volk. Ging ein junger hohlwangiger\nMönch mit erloschenen Augen eines Morgens star-\nren und gläubigen Herzens auf den Markt. Der\nweltvergessene gotttrunkene schrie, als er im hel-\nlen Lichte die eckigen und runden Formen der\nFrüchte, die vielfachen Farben und die hingerissene\nAugenblickslust der Menschengesichter sah, — und\nhinter ihnen den gestreckten ziehenden Zeigefinger.\nSie flogen wieder um die Eisbahn. Irene schwieg\nganz ohne Lächeln. Fest ruhten bei jeder Biegung\ndie Hände der beiden ineinander. Spöttisch dachte\nsie an sich und alles Leben Die Füße der rothaa-\nigen Irene rannten kümmerlos den Linien unter\nder tragenden Eisdecke nach.\n* *\n*\nIn manchen Augenblicken sann Johannes dar-\nüber nach, ob er nicht geträumt hatte, was im Gar-\nten geschehen war. Es schien ihm, als ob der\nZwiespalt seiner Seele in jener Abendstunde leib-\nhaftig vor seinen Sinnen getreten sei. Denn Irene\numkleidete seine Verstörung mit immer dunkleren\nGrauen; das schwere Blut, das von ihr troff,,\nsein eigenes Herzblut. Ja Irene hatte sich aus sei-\nner Seele in den dämmernden entsetzenschwange-\nren Stunden gerissen. Ein bläuliches, unsicher\nschwebendes Gespennst mit gelben verkniffenen\nAugen, das sich, seltsam vertraut, um ihn zu tun\nmachte, sich hie und da um etwas mühte, ballte\nsich vor seinen Augen, riß vor ihm einen breiten\nSpalt in eine Wand, durch den seine Augen ein\ndunkles Flammenspiel sahen, in dem er nichts err\nkennen wollte.\nDa trieb es ihn, laut, laut „Johannes\" zu rufen!\n— Er wollt sich jenen Mächten nicht mehr versa-\n... ■ i\ngen. und sie nicht schmähen, die sich in ihn einge-\nwebt hatten. Könnte er sühnen, was er gesün-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10361, "texte": "digt hatte! an ihr, der reinen sanften, vorbestimmt\nihn zu sänftigen. Wenn jemand ihr freisprechen\nkönnte von der Schuld seiner Einsamkeit, so war\nes die glückliche, grausam zerrissene, zu der die\nDankbarkeit seiner Seele zu schwach redete mit\nallem Scluchzen. — Er mußte wieder ihre Hand\nan seine Schläfen drücken; -—- die Türen waren\nverschlossen, hinter denen die Kranke lag. Jäh\nwuchs das Elend in ihm, wuchs sein Verlangen nach\nErbarmen und verschlang alles in ihm. Ein einziges,\nflehentliches Händeausstecken war er, ein einzi-\nges zerknirschtes Hingeworfensein, das nichts von\nSelbstgenuß wußte. Ihn hatte nie ein so lebendiges\nEntsetzen zerfleischt. Der Abgrund der Selbstver-\nachtung war nie tiefer in ihm. Grauses, zermalmen-\ndes hatte er auf die Zarte gehäuft. Dies hatte seine\nDankbarkeit ihr angetan. Wie eine Seele lag das\nfahle Haar auf ihr. Lilith, die schöne, schmalschul-\ntrige bettete ihre beiden Hände einander, daß seine\nSeele, verwundert über sich selbt, ein seltenes\nGlück über sich strömen ließ und schwer wurde\nund sich zur Erde senkte. Er aber legte traurig und\nirr Flammen an das Haus, das ihnen Zuflucht bot:\ner hatte es müssen wider eigenen Willen. Es brann-\nte, sein eignes Haus brannte jetzt loh, was sein\nHerz segnete. Die starren Mächte hatten ihn in\nsolch Elend geworfen. Er sollte nicht allein sein\nund mußte jetzt tiefer vereinsamen als je. Er wollte\nnicht fassen, was er sich getan hatte; als er nach-\nsann, erschrak er tief und der Haß auf jene Gewal-\nten begann wie hartes Eisen zu glühen.\nEr war im Kampf mit ihnen erlegen, sie hatten\nihn gedrückt und zurückgeworfen. Brünstig koste-\nten sie ihre Herrschaft über ihn aus, schmatzten\ndie Lippen an seiner Verzweiflung. Wie besät war\ner mit Wunden, Rissen und Bissen; zitternd und\nangstvoll floh er vor Irene, und sein Grauen sah\nsich nicht nach der Stelle um, wo seine Seele zer-\nbrechen sollte. Aber er fühlte, daß ein Wolke sich\nimmer schwärzer über seinen Kopf ballte. — Er\ngenoß mit Schauern die kühle Freiheit, die ihn\nwieder aufnahm,, entschlossen gab er sich dem\nRausch hin. Schon begann er die finstere Wolke zu\nvergessen; er hatte übertrieben, sie hatten sich\nwohl trennen müssen. Irene war ihm doch nichts\nals ein Spielzeug gewesen, ein Weib, das ihm der\nZufall über den Weg führte Es war nicht gerade\nsie, die er liebte. Nun begrub er das Grauen vor\nden Gewalten, die über seinem Leben standen, ganz\nin knisternen Haaren. Bis ihn eine tiefe Müdigkeit\nüberfiel. Das war ihm ja einmal der Sinn des Le-\nbens, immer freier zu werden, immer tiefer Begier\nde, Sehnsucht und Erstaunen fallen zu lassen. Zu\nveralten, zu verarmen und in die sichere stolze\nKühle hinauf zu reifen. Jetzt hatte er seine Einsam-\nkeit wieder und war Mensch. Mit kaltem Hohn\nüberdachte er sein Leben, Irene und sich. Halb wil-\nlig, halb widerwillig war alles gelebt; er hatte es\nnicht im Ernst gemeint.\n* *\n*\nEr konnte sich seinen Ueberdruß nicht verheh-\nlen aber seine Todesgedanken wehrte er ab; wie\nernst sie gar das Leben, das bald dumpfe bald hit-\nzige Hinleben nahmen. Auch zum Sterben war er zu\nmüde, verwelkte Hände legte er auf seine Vergan-\ngenheit und wärmte sich an ihr. „Närrchen süßes\nNärrchen,? sagte er dann lächelnd vor sich hin,\naber es war Wehmut und verborgene schmerzliche\nSehnsucht in seinem Lächeln. Er vertiefte sich mit\nhalb spöttischen, halb leidenden Grimassen in Erin-\nnerungen und sog, fast in Mitleid mit sich selbst, an\nihrem Duft.\nMit weichen Polypenarmen klammerten sich\ndie entschwundenen, schaurigen Zärtlichhkeiten\nan den versteinerten, der sich ihrer nicht erwerte\nsondern das träumende Beraubtwerden und Ver-\nlieren genoß, wie sehr er sichs auch verbarg, der\nstarren leeren Einsamkeit zu entrinnen.\nEr glaubte in dieser Zeit einmal Irenes Stimme\naus dem Munde einer entfremdeten Freundin zu hö-\nren. Jetzt schien ihm diese Freundin schön um ihre*\nStimme willen, um ihrer leicht tiefen Stimme, die\nihn ins vergessene dunkle süßtraurige rief. Viel*\nleicht hatte er auch vorher dieses entfremdete Weib\nnur um ihrer Stimme willen gdliebt. Er wußte es\nnicht; aber er hätschelte diesen merkwürdigen\nund unheimlichen Gedanken, dieses aufträumende\nVielleicht. Er hatte Irene in Angst den Rücken\ngewandt und suchte doch sie, gerade sie unter den\nMenschen, — sie allezeit geliebt. Ihr gebrochenes\nwie gurrendes Lachen,, das gebundene Gleichmaß\nihrer Bewegungen, die falbe Röte ihres spröden\nHaares schien in alle Welt zerstreut wie die Scher-\nben einer kostbaren Vase und er war gegangen,\ndie Stücke auf jedem Kehrichthaufen aufzulesen,\nwo er sie fand. So hatte sich alles in ihm heimlich\nnach ihr gesehnt durch wilde und verdüsterte Tage.\nHatte er nicht einstmals darüber gestaunt, daß ihm\ndie seltsame, ägyptisch strengeSchönheit Irenes ent-\nschwand, als er sich in ihren Zügen wie in einem\nWohnzimmer zurechtfand? Sie besaß ihn von der\nStunde; nach ihren Zügen ordnete er die Menschen*\nan ihrem Wesen maß er. Er fühlte daß nicht der\nMensch das Maß allerDinge sei, sondern der Neben\"\nmensch, der in Liebe oder Haß Macht über den\nandern gewinnt.\nSeine Gedanken begannen wieder um Irene zu\nschleichen. Jetzt versagte der Müde menschen- und\nliebesüchtigen Gedanken den Segen nicht. „Soll\nich mich schämen, daß ich unbegierig bin nach\nAlexandertaten und Weltzerstörung? Ihr meßt das\nLeben mit der Elle nach der Breite des Erdreichs,\nüber das es gebot. Euch ist großes und grobes\ngleich; ich will mich in die Tiefe graben. Vor mei-\nner Tür weint ein Kind um seinen gebrochenen\nin seinem Wimmern liegt soviel\nSchmerz,, wie in dem Schluchzen seiner Mutter und\ndes Mannes, denen zwischen heute und gestern Le-\nbenhoffnungen eingestürzt sind. Es scheint mir\nschwer zu denken, daß es einen Gott giebt: aber\nwie stehe ich vor dem Herz- und Nierenprüfer ne=\nben Ländereroberiern und Millionenbeherrschern,\nich, der auf eine Menschenseele Jagd macht? Das\nsüßtraurige Märchen war noch nicht zu Ende, oh\ner lebte noch mitten in ihm.\n* *\n*\nWas ist um mich? Es sind Nebel die ziehen.\nWarum schleppt die Feuchte bis zu mir? Die Nixe\nkam aus dem Waldessee; sollte der Mönch sie ein-\nmal küssen — wären dann beide erlößt; — knien,\nstammeln, halten sich doch höhnend und lachend\nm den Armen, verschwinden in dem dunstigen See,\nund die Erde. Es weht mir über die Brust. Das Fen-\ni\nster knarrt, die Gardine weht auf, oh ihr dämmern*\nden Gestalten, was tretet ihr an mein Lager, was\nsteht ihr an meinem Bett zu Häupfen und zu Füßen?\ndaß mich einer aufrichte. Wer seid ihr? So helft\nmir doch. Sind wir in den dunklen See versunken,\nIrene und ich, unerlößt, und stürzte ich sie mit mir,\nso wollen wir wieder hinaufschwimmen. Ich will\nuns erwecken, ich will es dürfen sühnen unser Ver=\nbrechen an uns. Ihr seid mächtig, ich fühle es! Das\nVergangene ist mächig; aber das Kommende soll\nmächtiger sein, ich fühle es; es ist mächiger. Ge-\nwicht gegen Gewicht und nichts reift zu spät. Geht\nvon meinem Lager ihr gespenstigen Fratzen. Einen\nlangen Bußgang mußte ich tun, ehe ich zu dir fand,\nIrene. Ach sie, ihre Hände will auch Lilith, die zarte\nLilith, ihre Hände wiieder auf unser Haar legen. Be-\nscheiden mag ich neben dir gehen, zu viel und zu\nentsetzliches begehre ich immer und gerade von\ndir. Damit wir büßten und uns wieder\" finden, muß-\nten meine Lippen von unserm Elend unter Krorp-\nteuchtern und Spiegeln sprechen, fielst du mir la-\nchend und blutend in die Arme. — Ach von mei-\nnem Lager, ihr! Lilith wachte auf von den Toten.—\n* * :\n■ ! i i ' : .\n* ' *\n„Irene, wo du auch bist und ob du mich hörst,\n— wir Menschen sind Rauch und Qualm. Wie klag*\nte ich dir oft, daß sich in Form zwingen müsse,\nwas sich nicht aufgeben und verfliegen will. Innigst\nweiß ich jetzt, Irene, daß ich das andere vor mir\nund neben mir bin, und sonst bin ich nichts und ist\nmeine Einsamkeit nichts. Das draußen formte mich,\nwuchs in mich hinein, und so kann ich lieben. Im\nLieben und Begehren bin ich, ich; mich riß nichts\naus innen heraus. Ich weiß nicht, ob ich dich, du\nZufällige, ergreifen mußte, aber einmal muß sich aL\n7 ;\nles entscheiden, und ich habe dich gewählt.\nVielleicht mußte ich gerade dich wählen, genug,\nich habe dich gewählt; es ist gesehen. Das Vergan-\ngene ist lebendig und mächtig in uns; zottige Kral*\nlenhände hatten uns einst zusammengepresst, jetzt\nfasse ich dich, wollen wir uns selber fassen. Unsere\nkindischen, heißen Münder haben sich geküsst; zu\ntief habe ich unter deinem Namen geliebt, gehaßt,\nbegehrt und stolz gejubelt, zu tief hast du dich in\nmeine Seele gewühlt und bist ein Teil von mir\nworden, Maß aller meiner Dinge. Ich kann dich lie*\nben. Ich muß nach dir verlangen; bin ich ein Bruch\"\nstück, so kannst nur du mich noch ergänzen I/ene,\ndu, du hast mich zum Bruchstück gemacht. — In\nmir schwebt das Leben wie Ebbe und Flut, über\ndas Tageswesen der Menschen wachse ich immer\nkühler und fremder hinaus. Seit wir uns nicht\nsehen, — du hörst es an meiner Stimme — bin ich\nverwandelt. Sühnen wollen wir, was wir verschul-\ndet. Oh wie schauert mich, wenn ich an dich denke «J\n**>'' > ; ; ■\n* ' j ;\nZwischen den schwarzen Birken, an denen in\nder Späte des Abends kein Menschenschritt vor*\nübertönte,ging Johannes' schwere Gestalt. Die\nBrust schwoll ihn;, so daß er manchmal Irene ver-\ngas, auf die er wartete Mit einem Schlage schien\nsein Leben wieder in die Breite wachsen z u wollen.\nSeine Augen glänzten. Auf Irenes langsamen schleL\nfenden Schritt lauschte er, aber es war immer das'\nheiße Blut, das durch die Gefäße stockte, schurrte.\nIhr trug er seine sommerliche Reife entgegen. Für\nsie feierte und bekränzte sich ja alles in ihm. Wie\nsollte sie mit Blumen, Wein und jeglichen schwachen)\nDuft den sie liebte, überschüttet werden. Sie soll*\nten sich weidersehen. Ihre grauen metallstrahlen*\nden Augen! Er hatte Irene in so tiefem Elend ver*\nlassen, das er verschuldete. Vor Mitleid erbebte\nsein Herz, und er wurde immer sehnsüchtiger. Jetzt\nihr von Liebe zu sprechen, brauchte es nicht des\nlosen Wortklangs, der den widerstrebenden zwang.\nEr liebte, haßte sie, fiel vor sie hin, wie damals, als\nsie den jungen, verdüsterten nicht ansah. Es schien\nihm als müsse er jetzt durch einen freien Entschluß\ndunkle Stricke zerreißen, die um seine Brust la*\ngen und seine Füße behinderten, müsse ein rostiges\nweites Tor öffnen.\nImmer bitterer wurde sein Herz, er dachte an\nIrene, so dachte er sich schuldvoll. Ohne es zu wis*\nsen, schlich er durch die Straßen, durch Irenes Gar*"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7442, "texte": "len, vor ihr Haus „Ich habe ein Recht auf dich, denn\ndu warst mein. Neu bin ich, verwandelt. Unser Ver*\nbrechen zu sühnen brach ich auf; das Künftige soll\nmächtiger sein als das Vergangene. Nun bin ich:\nsieh mich doch, Irene —-\nOh, du läßt mich schwer büßen. —\nWährend er unten mit zusammengesunkenem\nRücken auf der Bank saß, rang um Irene jener\nFreund, den ihr die Worte zwischen Spiegeln und\nKronleuchtern geworben hatten. Die Hände des\nMannes wollten nicht von ihren Händen lassen. Die\nrothaarige sah kalt in seine Augen. Es wehte aus\n«lern Garten herauf. Da ists über sie gekommen.\nSie hat nicht aufgeschrien, die Angst hat nicht das\nglückliche Gesicht verzerrt. Sie presste die Hände\nan die Brust, willenlos einer grausigen Gewalt\npreisgegeben, die aus den scharzen Baumwipfeln\nauf sie zuschritt; kauerte dann,.sich besinnend hin\nund starrte auf das Dunkel des Fensters zu. Ge=\nwimmert hat sie leise und ist zaghaft auf den Freund\nzugewichen immer die Augen verschlossen. Dann\nihr höhnender Triumpfschrei gegen den Wipfel, und\nsie ist von seinen Armen umschlungen worden.\n* *\n*\nIch habe nie gelebt; soll nie leben. Worte und\nZufälle lebten für mich, starre Gewalten. So mächtig\nist das Vergangene. Während er mit traumblöden\nAugen auf die Wanduhr sah und der Schwingung\ndes Pendels folgte, der wie ein Henkerbeil über\nSekunde und Sekunde fiel, beschlich ihn das Gefühl*\nals ob ihm etwas fehle. — Die Uhr, er hörte die Uhr\nnicht mehr! Im Erwachen schlug seine Hand sclrwer\ngegen den Tisch: den Schlag hörte sein Ohr. Er\nsprang ganz auf, starre auf den Pendel. Die Uhr\n'ging, der Pendel hob und senkte sich, — aber er\nhörte das Ticken nicht mehr. Er spannte seine Auf-\nmerksamkeit, behorchte alle Geräusche seines\nAtems, seiner Schritte, des Straßenlärms, er rütteL\nte am Fensterkreuz: konnte den Schlag der Uhr\nnicht mehr höhren „Ich spüre die Mächte, die für\nmich leben, die sich mir verbergen wollen; am\nhellerlichten Tage spüre ich sie.4' Er brütete in er*\nneuter Wut. In dumpfer, wirrer Hitze bäumte er\nsich auf, schrie nach Gewißheit, nach einem Gottes-\nurteil. —- „Nun soll ich nicht leben dürfen44 Mit fie-\nberndem Kopf ging er fort. Er wußte nur, daß er\nsich Gewißheit holen, der dunklen Mächte erwehren\nmüsse.\n* ♦\n*\nHohl ging ein Sturm durch die Straßen, über\ndie ein Gewitter hungerte. Eine schmale Kluft er=\nkletterte er hinter der Stadt. Seine Haare flattere\nten; der aufheulende Wind riß ihm den Hut vojm\nKopfe; seine Augen glühten. Oben auf der Platte\ntoste der Sturm. Die Windsbraut pfiff und lockte,\nriß den Wald an den Haaren, wollte ihn in die Höhe\nheben. Er lachte. Er trat an einen Felsblock, kauerte\nan ihm nieder,, umschlang ihn von unten, zu sich\nflüsternd: Du, laß das Träumen sein. — Bald werde\nichs wissen. Seine Augen starrten zum grauen Hiim\nmel, zerrissen und gejagt flogen die Wroikenfetzen.\n„Wenn das Licht kommt, will ich es grüßen. Ich\noh ich.44\nEin gelbes Leuchten ging über den Himmel;\nzuckendes Licht fiel über den Block, „Geliebtes4' —\nEr schrie zum ersten Male, neigte sich und rang\nmit dem Stein ihn zu heben, kein Gott stand ihm\nbei Den Kopf in den Nacken zurückgeworfen. Die\nBlicke klammern sich am Himmel fest, lassen ihn\nnicht. Er schrie zum zweiten Male. „Verlaß mich\nnicht44 — Ein Grauen flog über sein Gesicht; seine\nArme heben den Stein nicht. Das helle Jauchzen der\nWindsbraut schnitt durch die Luft. Der Stein rührte\nsich, polterte in die Kluft, Ein letzter Schrei kam\naus seinem Munde; er stürzte mit ausgestreckten\nArmen über den Boden hin. Mit Gellen, Stöhnen,\nund zerreißendem Singen ging die Luft über das\nGebirge.\n* *\n&\nEr taumelte. Laß sie nur über meinen Kopf\nhinwegheulen. Sie mögen gewaltig sein, mir bleibt\ndas Gelächter. Ich kann nur die Achseln zucken\nüber sie. —\nWas ist doch der großen wilden Trauer enger\nSinn ? Ein Gefühlswicht brünstelt hinter einer Mäd*\nchenfratze,, die ihm verloren ist. War einer, der\nnur eine lieben kunnt. Meine erinnerungstrunkene\nTrägheit putzt sich „unentrinnbaren Zwang4', und\nist doch die schmachtende Trägheit das einzige,\ndem ich nicht entrinne — meine Trägheit oh die\nputzsüchtige: sie nennt sich auch Gewissen. —\nDann fiel er zusammen. Seine Qual dachte an Irene,\ndie alles verschuldet hatte. Sie haßte er\ntig und streckte nach der stolzen, sicheren, droh*\nende Hände aus. Was wollte er aber von ihr? Er\nkonnte sie nicht lieben, nur erobernd war ihm Irene\nin die Seele gedrungen.\nWas hatte sein Schmachten geträumt? „Sie soll\nmeine Schwermut trösten. Sie reizt mich, sie höhnt\nmir. Hoho man kehrt zur ersten Liebe zurück. —\nSie hat mir ein Stück Seele gestohlen Gerade sie\nwill ich. Sie soll mich trösten und trösten. Ich\nglaube, ich verlange nur nach Lrebe, um mein\ndumpfes Blut mit gutem trostvollem zu mischen,\nohne daß ich nicht leben kann.\nVor meinem kleinen Menschendurst mach ich\nden großen Lärpi: -— Liebe —.\nEr lächelte, — der Glaube erlosch; aber die\nSehnsucht ist geblieben. Spät und schwer habe ich\nsprechen gelernt. Meine Stu(mmheit hat in Ehr*\nfurcht und Inbrunst vor den Worten gelegen, bis sie\nmir die Riegel lösten. Demütig, zart habe ich sie\ngemieden und gaben dann mir ihre letzten ver-\nschwiegenen Wunder hin, nahmen an dem scheuen\nLiebhaber eine selige Rache. Die großen Worte,\nder erhabene Irrsinn der Worte: alle Schönheit und\nEntsetzen haben sie doch über mein Leben gebrei-\ntet. Oh, diese Windsbraut von Glück, die aus dem\nWörtchen Liebe an meinen Mund schlägt. Die Zu*\nfallsschranken soll ich durchbrechen, auch Lilith\ntöten, nicht mehr einsam sein. —\nWie kann ich nur atmen ohne Liebe, gleich\neinem Panter, der in seinem Käfig rennt? — Wo ist\nIrene? — Sie muß mich trösten, streicheln. Ich\nmuß sie wieder haben, ich fordere mein Eigentum,\nsie hat kein Recht zu leben ohne mich. —\nEtwas in die Arme schließen und zerbrechen,\nich möchte etwas langsam, langsam zerknirschen,\nRippe um Rippe, Glied um Glied — Ach, Blut sehen,\nmit dem Munde Blut schlürfen. —\nEr hob die Arme als wollte er etwas\nzen, wie er früher seinen Hund hingeschleudert\nhatte.\n„Irene\" schrie alles in ihm auf. Sie hatte mir\nLiebe versprochen, mir meine Seele abgelogen, ab-\ngezogen die stolze Buhlerin. —\nEr schrak zusammen, lenkte seine Gedanken ab,\nsah um sich und zog sich scheu zurück.\nIhm war, als wenn er sie wild lachen gehört\nhätte. — „Schlafen, in die kühlen Kissen mich\nlegen, die mir nicht wehtun. Bin Sarg, der einem\nbrütenden, sterbesüchtigem Menschengeist lockt\nund irnjmer von neuem täuscht; ihn über Nacht,\nNacht um Nacht, doch wieder spiel- und vergessens-\nfroh macht.\nAber heute wäre ich ihm für alles dankbar. —\nAlles hier, Kissen, Bett, Tisch, Stuhl und Decke, ak\nles lebte, blühte, kroch und schwamm einmal in Ein*\nsamkeit, Tier oder Pflanze Hat sich doch alles nun\nzu Staub und Holz beruhigt. Nur in mir, dem Herrn\nvon Luft, Staub und jedem, muß sich das Leben\nnoch ballen und angstvoll krampfen. Was lacht\nIrene so?\nNur in mir krampft das Leben, mich einsam und\nfeindselig zu machen. Wie sie lacht, oh, wie sie\nlacht! Johannes lag auf seinen Kissen ganz der\nSchwere hingegeben und diese dumpfe Gewalt ge-\nnießend. Er fühlte sich gewaltsam in den Willen\nder Schwere hinein, in den leichten Druck zwang\ner seine Gedanken, den sein Körper, sein Rücken\nund seine Glieder auf das Lager übten. Johannes\nbewegte sich nicht und so spürte er es bald nicht\nmehr leise ziehen und fallen. Ein Ersterben schlich\nüber Glieder und Leib; er schwebte frei.\nIn seiner bangen Schwüle war er wieder allein.\nDie Elemente hatten ihn ausgestoßen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c006", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "81", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.5.1", "titre_corps": "César Klein: Original-Holzschnitt", "titre_sommaire": "César Klein: Original-Holzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 33, "texte": "César Klein: Original-Holzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.5.2", "titre_corps": "Moriz Melzer: Original-Holzschnitt", "titre_sommaire": "Moriz Melzer: Original-Holzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 34, "texte": "Moriz Melzer: Original-Holzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "85", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.6", "titre_corps": "Marie", "titre_sommaire": "Marie", "signature_source": "Günther Mürr", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.9", "debut_caractere": 7464, "fin_caractere_exclue": 7984, "texte": "Marie\nGünther Mürr\nIn bunten Scherzen nebelnde Traurigkeit,\nSpielen mit Worten, wie mit gläsernen Scherben.\nSehnsucht nach hübschen Füßen von Zeit zu Zeit.\nDer Mond ist schön, aber er steht so weit.\nLebens Verachtung und zitternde Angst vorm Sterben\ni\nNebelverwischtes, grünfleckiges Hügelziehn.\nQuälend endlose Kleinigkeits-Plätscherwellen.\nRuhige Musik von herzdurchschönten Frauenhän-\nden.\nAus gilbenden Kornfeldern Heimweh nach Cafe-\nmusik und Spiegelwänden.\nAugen, die aus sich selber in braune, weiche Haare\nfliehn"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c009", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "86", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.7", "titre_corps": "Der Selbstmord eines Katers", "titre_sommaire": "Der Selbstmord eines Katers", "signature_source": "Otto Pick", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.9", "debut_caractere": 7986, "fin_caractere_exclue": 8899, "texte": "Der Selbstmord eines Katers\n\nKarl Tubutsch war Ehrensteins erstes Selbst*\nPortrait. 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Aber damals\nschon (es ist nur wenige Monate her) fanden sich'\nLeute, welche die seltsame Beschaffenheit dieser\nTubutsch-Maske erkannten, indem sie einfach die\nFlüche des Karl Tubutsch für Unmutsäußerungelt\nnahmen, sein Grinsen für ein bitterböses Lächeln,\nseine Verzweiflung für Enttäuschung, kurz,, indem\nsie das Negative seiner Lebensanschauung um einen\nkleinen spitzen Winkel verrückten und die verkapp-\nten wärmeren Gefühle ihrer rein verstandesmäßi-\ngen Uebertünchung entkleideten So zeigte sich\nTubutsch-Ehrensteins Antlitz als das eines Men-\nschen, der nicht so sehr Menschenfeind als ein\nFreund der Dinge und Tiere ist, der dem Leben nur\nso lange flucht, als es ihn mit bösen Zumutungen\n7 \\\nbehelligt, der sich aber indifferent davon abwenden"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2511, "texte": "wird, wenn er die Gewähr hat, keine Ueberra-\n\" * r\nschung im Guten noch im Bösen mehr zu erfahren\nzu haben.\nNun er uns Erfahrungen aller Arten zu bieten\nhat, erlebte und vorweggenommene, wird Ehren-\nstein unbändig und erfrischend, trüb und Illusionen\nraubend, grausam und ungeahnt zart zugleich. Von\nden Menschen spricht er böse, den Tieren ist er\ngut. Und wenn sein abgründiges Gemüt in einem\nVerflachungsanfall über dem puren Durchschnitts-\ntrieb, als welcher mit der Erotik zu identifizieren\nwäre, sich zur unzarten Behandlung eines Tieres\nhinreißen läßt — was Wunder, wenn der getretene\nKater sich durch Selbstmord rächt, in Zerknir-\nschung den entgleisten Menschenfeind zurücklas-\nsend ?\nAber es gab andere Zeiten, da des Lebens Ver-\nächter noch daran hing, und damals hatte es strah-\nlende Augen und hieß Marianne und wurde Unglück-\nlich-glücklich geliebt, nicht etwa mit Leidenschaft,\nsondern mit „Passion 4. . Hier meldet sich wieder\ndie entzückende Schamhaftigkeit dieses Dichters,\nder, nun einmal warm geworden, der Realität aus-\nweicht und einfach in Märchen (aber was für\nMärchen voll fabelhafter Sinnlichkeit, Bildkraft und\nBuntheit!) seiner Seele glühendes Ihneife zum\nSchmelzen bringt. Wer ahnt, daß die Novelle ~Apat-\nurien44 eine aus Zartheit, Verschmitzheit und einem\nunendlich vor- und rückwärts-schweifenden Welt»\ngefühl geformte Liebesepisode enthält, wer wird\nnicht ergriffen das lange bunte Sterben des Zehired-\ndin Muhammed Baber miterleben, oder den zau-\nberhaften Untergang Saccumams schauernd sich\nvollziehen zu sehn! Und wenn der Dichter schließlich\nals Abgesandter eines fernen Sternenvolkes sich zu\nerkennen gibt und über die irdischen Einrichtungen\nzu Gerichte geht, ist man kaum verwunderter als\nman es bei jener wundervollen Novelle „Begräbnis\nwar, die von höchst irdischen Dingen handelt, von\nGesprächen im Familienkreise, von den beizenden\nZwistigkeiten unter Verwandten, von ihrer falschen\nLiebe und von ihrer nicht minder unechten Teilnah-\nme an einer Tante Tod.\nAber diese Novelle enthält außerdem die merk-\nwürdigsten Beobachtungen über das Leben, An-\nmerkungen zum Thema Tod, kurz, hier ist auf drei\nDutzend Seiten ein Ehrensteinsches Universum\ndargestellt — und das will nicht wenig besagen;\ndenn diesem einsamen jungen deutschen Dichter\nhat die Welt sich vertausendfacht, da er sie mit\nHaß und Liebe, Spott und Gleichgültigkeit, aber\nauch mit Humor zu betrachten wußte.\nDer Selbstmord eines Katers von Albert Ehr enstein\nMünchen und Leipzig, bei Georg Müller\n\nOtto Pick"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c010", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "86", "page_fin": "86", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.8", "titre_corps": "Wieder Herr Scheffler", "titre_sommaire": "Wieder Herr Scheffler", "signature_source": "Raoul Hausmann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.10", "debut_caractere": 2513, "fin_caractere_exclue": 4241, "texte": "Wieder Herr Scheffler\nRaoul Hausmann\nHerr Scheffler beginnt seinen Artikel in „Kunst\nund Künstler\" ungefähr mit diesen Worten: ~Die\nAusstellung ist nicht eine der besten, aber sie ist\ncharakteristisch44. Weniger gut und charakteristisch\nist die Ausstellung für Herrn Scheffler, weil sie von\nso vielen jungen Talenten beschickt ist. Wer sind\naber diese jungen Meister ? Zuerst Waldemar\nRoesler, „er hat auf seinen Bildern keine leere SteL\nle mehr44. Das soll wirklich sehr schwer sein. Dann\nist da T h e o von Brokhusen, „von dem man\nweiß, daß er eine schwere Krankheit überstanden\nhat. Das macht natürlich jedes Bild gut: die „Kros\nne44 aber ist Herr Max Beckmann ~Dieser kühne\njunge Meister\" kommt von Delacroix und Rubens\n— das sind natürlich große Meister, die man nicht\neinmal im Wert des Epigonen verlästern darf. Da-\ngegen muß selbstverständlich Max Pechstein von\neiner „Idee befangen erscheinen\".\nDoch das ist nicht alles; Herr Scheffler (und\neinige Seiten weiter Herr Robert Walser)\nspricht tiefgefühlte Worte über ein Bild von van\nGogh: Arlesienne. Von den auf dieser Ausstellung\naußerdem noch gezeigten drei Bildern aus der frü-\nheren Zeit van Goghs erzählt Herr Scheffler zwar\nnichts, sie hängen offenbar dort, um glauben zu\nmachen, van Gogh wäre auch nur ein Seccessionsta-\nlent gewesen — aber die Begeisterung über diese\nschwächere Wiederholung der ursprünglichen\nArlesienne zeigt eigentlich zur Genüge, welch famo-\nses Unterscheidungsvermögen Herr Scheffler be-\nsitzt, ein Herr, der Picasso innerlich verlogen nennt\nund von den Futuristen schreibt, bei ihnen staune\nman nur über die ungeheure Talentlosigkeit. Es ist\naber höchste Zeit, daß Herr Scheffler sein Amt als\nRedakteur von „Kunst und Künstler44 niederlegt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c011", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "86", "page_fin": "86", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.9", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "H. w", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.10", "debut_caractere": 4243, "fin_caractere_exclue": 6320, "texte": "Notiz\nH. w.\nKarl Kraus zwingen ,»Zudringlichkeit von\nverständnissen, die sich um das Eindringen der\nFackel in Berliner literarische Interessen gebildet\nhaben44 Erklärungen abzugeben Karl Kraus ist ein\nGegner des Sturms,, ich bin ein Anhänger der Fackel.\nIch halte die Fackel sogar für einwandsfrei, seitdem\nKarl Kraus ihr einziger Mitarbeiter ist. Wenn man\nsich den größten Schriftsteller der deutschen Spra-\nche, den einzigen, der auch Künstler ist, zum Mit-\narbeiter gewinnen kann, ist nichts zu verlieren. Ulm\nMißverständnissen von Mißverstandenem vorzubeus\ngen, muß ich erklären: Ich habe mich nie mit Fu-\nturisten, Neopathetikern und Neoklassikern identi-\nfiziert. Hingegen brachte ich Beiträge von Malern\nund Schriftstellern,, die es für nötig hielten, sich zu\nGruppen zu vereinigen. Ich bin doch gewiß gegen\nIsmen. Aber Neoklassikern habe ich noch nie zur\nOeffentlichkeit verholfen. Ich bin aber sogar auch\ngegen Iker. Ich habe auch nie behauptet, daß Moe-\nrike, Eichendorff und Lenau weniger taugen, als\nLissauer Werfel und Heym. Denn alle diese Her-\nren sind keine Künstler. Ich halte Polemik, die\nKunst ist, für eine Angelegenheit des Aestheten.\nNur Karl Kraus bildet die Ausnahme. Ich halte\nElse Lasker=Schüler nicht nur für eine große Dich-\nterin, sondern für die stärkste künstlerische Bega=\nbung Deutschlands. Ich halte ihre Epigonen für\nebenso talentlos wie Epigonen aller Zeiten. Mir ist\nes gegeben, die Kunst dort zu sehen, wo selbst Karl\nKraus das Opfer wird. Der größte Schriftsteller\nin deutscherSprache ist vielleicht durch diese Eigen\"\nschaft verhindert, den Künstler in der Malerei so\nzu erleben, wie ich es kann. Üeber meine Musik\nhaben wir jedenfalls dieselbe Meinung. Obgleich\nich auch der Meinung bin, daß die Meinung in der\nKunst nicht genügt. Es kommt darauf an, wer die\nMeinung hat. Ich stelle auch gern fest, daß Karl\nKraus niemals gewünscht hat,, ich möge für ihn\neintreten oder für ihn etwas tun. Ich richte mich\ndurchaus nicht nach Wünschen. Aber auch gegen\nWünsche werde ich mich nicht hindern lassen, mei-\nne Meinung zu sagen, die Kunst ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c012", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "86", "page_fin": "86", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.10", "titre_corps": "Die indische Tänzerin", "titre_sommaire": "Die indische Tänzerin", "signature_source": "Rosha Nora ; Paul Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.10", "debut_caractere": 6322, "fin_caractere_exclue": 6827, "texte": "Die indische Tänzerin\nRosha Nora\nPaul Hiller\nGanz schmale Hände laufen durch wohlriechende\nLuft.\nZarte Arme, mondsteinberingt, greifen in weitflat-\nterde Seide.\nNackte Füße springen über blumige Teppiche und\nGoldschalen.\nIhr drehender Leib ist durch blaue Schleier gezeich-\nnet\nIn den Augen ruhen Lichter mächtiger Dschungel-\ntiger. . . >\nIch will sie meinen Freunden zeigen.\nMeine Lust zur Tänzerin gibt ihr die Kraft:\nIch will sie meinen Freunden zeigen!\nAug Anlas« ihre# Auftretens im Variete Eispalast"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c013", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "86", "page_fin": "86", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.11", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.10", "debut_caractere": 6829, "fin_caractere_exclue": 7719, "texte": "Beachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nTHADDÄUS RITTNER\nIch kenne Sie / Novellen\nWien und Leipzig / Deutsch-Oesterreichischer\nVerlag\nALDO PALAZZESCHI\nII Codice di Perelä\nRomanzo Futurista\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nALBERT EHRENSTEIN\nDer Selbstmord eines Katers / Novellen\nMünchen / Verlag Georg Müller\nF. T. MARINETTI\nDistruzione / Poema\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nLa Momie sanglante\nPoeme dramatique\nEditions du „Verde e Azzuro\" / Milan\nD'Annunzio intime\n4e edition\nEditions du „Verde e Azzuro\" / Milan\nLe Roi Bombance\nTragedie satirique, 3e edition\nEdition du „Mercure de France\" / Paris\nLa Viille Charnelle\n4e edition\nE. Sansot et Cie. / editeurs / Pariss\nCARL DALLAGO\nPhilister\nBrenner-Verlag / Innsbruck,\nKARL KRAUS\nNestroy und die Nachwelt\nzum fünfzigsten Todestag\nVerla«? 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Fernsprecher Amt Liitzv 3752\nFabrik fiir Gemalderahmen\nIn alien historischen und neueren Stiiarten\nKopien v. Rahmen nach alten Meistern in Origiaal-Goldtonungen\nVnwnnlHo»»Hrownii Moderne und andere Vergoldungen an\nfUrgUlllcrWdrcil Mobe 1 n, Innen- Architekturen usw.\n== Kunst-Einrahmungen =\nReparaturen u. 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Sprachorgane\nn.d.Meth.Prof.Ed.\nempfohlen von er-\nsten arztfichen u.\n: kiinstlerischen :\n: Kapazitaten :\nWissenschaftler, Schriftsteller,\n:: Recitatoren. ::\nErziehuag zu hyg. u. phonet. rich-\ntigem Spreohen z weeks Veredlung,\nKraftigung u. Erhaltung d. Stimme.\nHeilung v. Spraehitorungen a. r.\n:: Stimmleidfii jeder Art. ::\nn. Engel diplom.\nGil a a Stimmbildner\nH&RSS Berlin W5O\n* lIIIWIMJ Ansbacherstr. 31\nhpt.\nUrteile, Prospekt kostenfrei."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-06-29-01-c047", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-06-29_01#c047", "volume": "bmtnabg_1912-06-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "88", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.2.45", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.12", "debut_caractere": 4477, "fin_caractere_exclue": 4828, "texte": "New Secession\n:: BERLIN ::\nEingetragener Yerein\n■ mam m\nPassive Mitglieder\nder\n: Neuen Secession:\nerhalten jahrlich\n1 mehrere graphische\nArbeiten\n2 die Zeitschrift Der\nSturm frei zugestellt\n3 freien Eintritt zu den\nVeranstaltungen der\nN. 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'■ -- WWOT\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin W 9 / Potsdamer Straße 18\nFernsprecher Amt Lützow 4443 / Anzeigenannahme durch\nden Verlag und sämtliche Annoncenbureaus\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHER WARTH WALDEN\nVierteljahrsbezug 1,50 Mark / 'Halbjahrsbezug 3 Mark /\nJahresbezug 6,— Mark / bei freier Zustellnng / Anzeigen-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nDRITTER JAHRGANG\nBERLIN JUNI 1912\nNUMMER 1151116\n\nInhalt:\nCarl Dallago: Karl Kraus der Mensch / Paul Hatvani: Lichtenberg i Franz Marc: Zur Sache / Alfred Döblin: Der\nschwarze Vorhang / Günther Mürr: Marie / Otto Pick: Der Selbstmord eines Katers / Raoul Hausmann: Wieder Herr\nSchettler / H. W.: Notiz / Paul Hiller: Die Indische Tänzerin / Cesar Klein: Original-Holzschnitt / Moriz Melzer: Ori-\nginalholzschnit\n\nKarl Kraus / der Mensch\nVon Carl Dallago\nDaß ich seiner gedenken muß im Frühlings-\nmorgen um mich, macht mir Gedanken. Gerade\nseiner, der den Morgen über schläft, um nachts zu\narbeiten, der in der- Lebensführung so sehr von mir\nabsticht. Sein Werk ist nachtgeboren und gibt doch\nsoviel Helle, es ist lichtsüchtig — vielleicht eben,\nweil es dem Dunkel entsprang, es weiß mehr vom\nTrug der Nacht und darum auch mehr von der Not-\nwendigkeit des Lichts. So erklärt sich mir auch,\nwarum ich Kraus zugetan bin — warum der Früh-\nlingsmorgen dieses Zugetansein in mir noch hebt.\nKraus ist ein Licht, das erhellt.\nEr spürte in sich wohl etwas sich entzünden,\nbevor er schrieb; so nannte er seine Zeitschrift „Die\nFacker — mußte sie so nennen. Sie brannte viel-\nleicht auch manchmal mit Rauch und Ruß wie eine\nFackel. (Ich kenne ihr Flammen zu Beginn nicht),\nIch denke mir, daß der Zorn in Kraus noch rauchend\nwar, daß der Qualm noch roch und abfärbte. Es\nwill alles seine Zeit, auch das Sichlauterbrennen,\nwenn man Flamme ist.\nKraus ist Glühen, ist eine Flamme Ich habe ein\nLodern wie seines an keinem Schriftsteller in un-\nserer Zeit wahrgenommen. Er steht da als ein\ntrennender Gegensatz zu den Uebervielen, In aenen\nder Schacher zuhause ist Er ist zunächst in Haß\nentbrannt gegen das Treiben in seinem Volke.\nAber der Schacher, auch der mit Geistesgütern,\ngeht heute bereits in jedem Volke um, nicht nur in\nden Juden. So wird Kraus Einzelmensch und wert»\nvoll jedem Volke. Sieht es doch zuweilen aus, als\nlaufe das Bestreben der Zeit nur darauf hinaus,\ndurch Geschicklichkeit im Schachern sich hervor-\nzutun. Es könnte in einem den Ekel vor der Zeit\ngebären, falls diesem Schachern wirklich ein Füh-\nrendes zukäme. Aber der Intellekt denkt und eine\nunbegreifliche Macht lenkt; die liegt sicher dem\nSexuellen näher als allem Intellekt Damit doch\nhabe ich das Fahrwasser erreicht, darin Kraus am\nheimischsten ist, darin er als Schaffender seine ver~\nwegensten Fahrten macht und sein Segel den stärk-\nsten Wind fängt, sodaß die Fahrt oft wie rasende\nJagd wird, ein Anblick, der dem nur-lntellektischen\nBetrachter das Sehen und Hören verschlägt. Denn\nKraus ist Anti-Intellektueller. In seinem letzten\nWerke ,»Pro domo et mundo\" findet sich der ge-\nwaltige Ausspruch: „Es gilt, der Weltbestie Intelli-\ngenz, an deren Haß der Künstler stirbt, aber von\nderen Haß die Kunst lebt, den Genickfang zu geben41\n~Die vor Bildern grinst und Bücher über die Achsel\nliest,, die sich durch Unglauben ihre Ueberlegenheit\nvor Qott und durch Frechheit ihre Sicherheit vor\ndem Künstler beweist!\" — Wie innig und dankbar\nich das Gesagte fühle! Es verbindet mich dem\nAutor innerlich in einer Zeit, wo der Intellektuelle\nnur die Larve des Philisters ist,\n*\nAls ich Kraus das erstemal vor ungefähr Jahres-\nfrist las (ich kannte vorher keine Zeile von ihm),\nfühlte ich hinter dem Gelesenen einen gütigen Men-\nschen. Seine Güte jedoch verbarg gleichsam das\nGütigsein und ging einher in der Maske von Hohn\nund Spott, von beißendem Humor oder einer kühlen\nHärte. Als Führendes aber war lodernder Haß da,\nder aus der Seele zu wachsen schien und ihr doch\nwiederum mehr wie Hülle und Deckung lag, um\neinen Schmerz zu erdrücken. Der Schmerz kam\nwohl von Liebe. Und der Haß folgte erst nach\nZuerst war das Sehen, das Hineinsehen in Men-\nschen und Zustände. Es ließ Kraus sich entsetzen\nvor einer Welt die darauf ausgeht, gerade dem\nMenschlichsten die Hölle auf Erden heiß zu machen.\nSo ist seine Güte hart geworden und sprüht Haß\naus. Es wäre Haß aus Liebe,, die revoltierte, aus\nEmpörung vor Liebe. Mit der Liebe starb vielleicht\nin Kraus seine Jugend, denn Hassen ist Erfahrung\nund die macht alt: er will nun alt scheinen — alt\nund ungütig, um sicher zu sein vor Zudringlichkei-\nten und Belästigungen der Welt. Die Geistigkeit\nseiner Künstlerseele, die sich selber angehören will,\nmag nach dieser Weltrichtung kein Gefallen mehr\nerregen; sie will von sich eher abstoßen und ent-\nfernen, wenn sie durch das geistig zudringliche und\nrohe Marktgemenge hindurch muß. So glich ur-\nsprüglich die Seele in diesem scheinbar frivolen\nSpötter vielleicht eher einer jungen Schönen, die\nweil sie innerlich vergeben ist, sich ein schlechteres\noder ältliches Aussehen zu geben sucht, wenn sie\ndurch zudringliches und rohes Mannesvolk hindurch\nmuß\nWo Güte gereten wird, wandelt sie sich in Här-\nte. Es ist Wandlung aus Not, aus Selbsterhaltungs-\ntrieb. Denn Güte ist ursprünglich weich, ihre Lust\nist die Nachgiebigkeit Der gütige Mensch fült bald\ndas Gütelose in der Welt, die in ihrer Unfähigkeit\ndie Güte für Schwäche hält und sie danach behan-\ndelt Es ist die Welt unserer Zivilisation, die genug\nGrausamkeiten dort bgeht, wo sie sich stärker\nvermeint. Ihre Unfähigkeit hält auch den Starken\nfür schwach, denn sie sieht ihn nur vereinzelt oder\ngar allein, und sie rechnet immer nach der Zahl;\nist doch nur die Ueberzahl ihre Stärke. So tritt sie\nimmer auch auf den Starken, der immer auch gü-\ntig ist. Da kommt die Enttäuschung: es gibt Etwas\nnicht nach Es ist nicht mehr Weiches da, daß sich\ntreten läßt, die Güte ist hart geworden. Jeder\nDrauf tritt verletzt nun die Tretenden. So wird\nHärte ein Kennzeichen des starken und gütigen\nMenschen.\nDie Härte an Kraus ist schon an seinem Stil\nkonstatierbar. Man f.hlt, sie reicht in seine Seele\nhinein: Nur größte Härte verträgt solchen Schliff,\nKraus ist hart geworde.n. Alle Grausamkeiten\nunserer Zeit traten auf sein Inneres. Die Unkultur\neiner ganzen Großstadt trampelte auf ihm herum.\nEs machte seine Güte zuletzt wohl hörnern wie\ndas Drachenblut die Haut Siegfrieds. Aber wer die-\nser Härte mit den Ohren der Seele lauscht, hört\nnoch die Güte durchtönen. Oft mehr, oft weniger.\nJedenfalls macht sich fühlbar: es ist Güte in ihm.\nIch gebe hier aus den Schriften Kraus' einige\nStellen, die mir sprechende Belege seiner Güte\nsind. Einmal die Stelle, von der Karin Michaelis\nberichtet: „Vor allem entsinne ich mich eines\nFragmente aus seinem Buch „Die chinesische Mau-\ner*', wo er in zwei Spalten einander zwei Zeitungs-\nausschnitte gegenüberstellte, die nicht riefen, son-\ndern wie in Todesangst schrieen gegen menschliche\nUngerechtigkeit und Dummheit. Ein Dienstmäd-\nchen hatte ein uneheliches Kind geboren Sie gab\nes in ein Dorf in pflege, von ihrem geringen Lohn\nwollte sie vier Fünftel für das Kind opfern. Denn\nsie liebte es. Eine Woche oder einen Monat später\ngab man ihr das Kind zurück. Warum? „Wnn sie\nsterben sollte, würde das Kind der Gemeindefür-\n% *\nsorge zur Last fallen\". Sie nahm das Kind und\nbrachte es in ein anderes Dorf, aber auch da fürch-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.2", "texte": "Tete man das vaterlose Kind anzunehmen. So ver-\nsuchte sie es mit vier Dörfern. Dann tötete sie das\nKind, und dann wurde sie zum Tode verurteilt. Karl\nKraus zitierte das Gerichtsprotokoll und nüch-\ntern, ohne ein Wort hinzuzufügen Sein Kommentar\nbestand darin, in der anderen Spalte wörtlich einen\nArtikel aus einem katholischen Blatt abzudrucken,\nin welchem stand, wie man ungeborne Kinder im\nMutterleibe zu taufen habe, wenn die Mutter im\nSterben läge\". Das katholisch-medizinische Blatt\nenthielt folgendes: „Das Taufwasser muß reines\nWasser sein. Die Hohlnadel' hat eine Länge von\n10 Zentimetern. Bei Kopflage wird die Nadel zwei\nQuerfinger oberhalb der Symphyse senkrecht ein-\ngestochen. Vorher soll die Mutter urinieren. Die\nHohlnadel wird eingestochen, bis man auf eine re-\nsistente Stelle gelangt, welche auch durch mäßiges\nAndrücken der Nadel nicht überwunden werden\nkann! Diese Resistenz bieten die Kopfknochen dar.\nFindet man diese Resistenz nicht, 'so' wird die\nSpritze bis an die Bauchhaut zurückgezogen, sie\nwird in anderer Richtung nach rechts, nach links,\nnach oben und unten eingestochen, bis man den\nKopf findet.. . . Falls etwa einer sterbenden Mutter\neine Entkleidung zu beschwerlich fallen würde, so\nkann auch der Einstich der Nadel ganz leicht über\ndem Hemde vorgenommen werden. Ja selbst aufs\nGeratewohl kann man an einer beliebigen Stelle des\nvorgewölbten Bauches durch die Kleidungsstücke\nhindurch den Einstich machen. Dann besitzt aller-\ndings die Taufe nur wahrscheinliche Gültigkeit. Hat\nman den Knochen mit der Nadelspitze gefunden,\nso wird die Nadelspitze mit ziemlicher Kraftan-\nwendung so weit als möglich in den Knochen ein-\ngespießt!\" (Es handelt sich ja darum, der Taufe\nsichere Gültigkeit zu verleihen). — Welche\nmenschliche Regung möchte hier dem Gedanken\nnicht das Gesicht zertreten? In Kraus scheint vor\nUnmaß an Widerwillen das Wort erstickt. Welche\nGüte möchte noch ihre Empörung solcher un-\nmenschlichen Verblödung entgegensetzen? Ich fühle\nhier: Wo religöser Wahn die Wissenschaft schwän-\ngert, gebiert sie Greuel. Und im Falle der Kindes-\nmörderin erleidet die Gerechtigkeit von der herr-\nschenden Moral der Philister die Behandlung einer\nDirne. Kraus gibt mit der stummen Zurschaustel-\nlung der zwei Begebenheiten sein Erlebnis an ihnen;\nes erzählt, daß er leidet; ihm zugrunde liegt Güte\n„Ich rufe die Rettungsgesellschaft zu einem\nWerk der Nächstenliebe\"; so vernimmt man in\neinem neuen Fall Kraus' Stimme, die für eine Tote\neintritt, deren Erben zwar den Lebensruf der Ver-\nstorbenen verachteten, nicht aber das Vermögen,\ndas dieser Beruf eintrug. So unterblieb die Erfül-\nlung des Wunsches der Toten, ihr einen Grabstein\nzu setzen, trotz des vielen hinterlassenen Geldes,\ndas umso voller im Besitze der Erben blieb. Nun\nfinden sich leicht Mittel und Wege, solcher Unan-\ni j\nständigkeit einen anständigen Anstrich zu geben,\ndaran gesetzlich nichts auszustellen ist. Die Unan-\nständigkeit wird dadurch nur größer. Kraus legt\nsich ganz in den Anlaß Tiinein; er rüttelt ein Ge-\nwissen des Gefühls wach, das unsre soziale Zeit\nbeständig mit Füßen tritt; er wächst indem er sein\nEmpfinden dartut; er mahnt, er droht, er glüht ab-\nschließend hinaus: ~vivos voco, mortuos plango,\nfulgura frango!4 Auch dieses drohende Glühen ist\ngewiß einer Güte entsprungen.\nBesonders gewichtig für das Gütige in Kraus\naber sprechen mir seine Worte: „Zum Tod eines\nBegrabenen\". Hier bringt er uns zwei Tote in Er-\ninnerung, deren Leben das Zeitungswesen ver-\nschluckt hatte ohne ihren Wert zu kennen. Sie hie-\nßen Ludwig Porges und Sigjmund Wilhelm 'Von\ndiesem berichtet Kraus: „Ich war, noch unter dem\nEindruck seines Feuilletons ~Der einsame Spatz\"\nfm\ndaran, dieses siebzigjährige Talent zu entdecken.\nDa floß die Stimmung des Blattes, das vor mir lag,\nmit der Meldung seines Todes zusammen, und es\nbleibt nichts übrig, als ihm nachzusprechen, was er\nseinem verstorbenen Freunde Ludwig Porges\nnachgesagt hat: ~Er ist keiner von den Größen der\nPublizistik gewesen,, aber in seiner Art ein Großer,\nein untadeliger Mensch voll edlen Sinnes für das,\nwas die Seele zu den Höhen erhebet, ein treues\nkindliches Gemüt, ein verläßlicher Freund, ein Ehr-\nlicher und Gerechter. O, wie sich alles lichtet um\nuns und wie es dennoch immer finsterer in diesem\nLeben wird!\"\" Kraus fügt hinzu: ~Und es bliebe\nmir nur noch zu sagen, daß es um einen, der diesen\nSatz schreiben konnte, schade ist.\" — Wer hört\nhier nicht Kraus' Trauern heraus um das Hinschei-\nden eines wertvollen Menschen? Wer spürte hier\n*\nnicht, daß etwas in Kraus vor dem wundervollen\nSatz Wilheim's ganz milde geworden ist? Wer\nfühlte hier nicht Kraus' Empfänglichkeit für wert-\nvolle Gaben und Menschen.\nVielleicht trägt das hier Gebrachte dazu bei,\ndaß jene, die an Kraus bis jetzt ~die Schärfe des\nGeistes, Geschmack, Witz und die unermüdliche\nStreitbarkeit des Temperaments\" bewunderten,\nnun auch jenes Leidende und Leidenschaftliche an\nihm wahrnehmen, dem Güte — Güte seltenster\nArt — zugrunde liegt.\nEs gibt heute noch gewiß mehr Tadel für Kraus\nals Lob. Das macht schon die Ueberzahl seiner\nGegner. Aber wo die Mehrheit steht, ist der Wert\nselten heimisch. Die große Zahl einer Gegnerschaft\nspricht eher für den Wert eines Tuns als dagegen.\nKraus hat zudem ganze Machtbestände gegen sich.\nIch aber sehe mit ihm das Faule an diesen Macht-\nbeständen: das Faule an der Presse, an der Gesell-\nschaft, an unserer Moral, um nur lärmendste Be-\nstände zu nennen.\nIch höre weiteren Tadel,, auch von mir nahe\nstehenden Menschen. Man hält Kraus nicht für\nehrlich, zumindest für sensationslüstern. Dabei ist\nmanche Stimme so, daß man fühlt, sie glaubt, was\nsie ausspricht — also ehrlich. Ich finde alle der-\nartigen Stimmen einemT Schein erlegen. Den hat\nein Gestalter des Aktuellen wie Kraus leicht gegen\nsich, wo ein Hörer am Anlaß hängen bleibt und\nnicht am Gestalten des Anlasses. Dieses Gestalten\njedoch müßte, wo es genügend erkannt wird, den\nBetrachter aufklären. Denn niemals ist ein Gestellt\nter sensationslüstern, der den Stoff so gestaltet, daß\nder Nur-Sensationslüsterne nicht mehr folgen kann.\nAuch Kraus hat seine Lehrzeit; aber seine Entwick-\nlung ist so, daß der sensationslüsterne Hörer immer\nweniger auf seine Rechnung kommt.\nDie Ehrlichkeit des Kritikers sollte feinste Fähig-\nkeit eines Innern sein und nicht nur ehrliche Mei-\nnuno! Die ist ungemein leicht verschiebbar; sie ist\noft durch ein Vorurteil, durch eine Gewohnheit,\ndurch eine Empfindlichkeit schon zu trüben und kann\nsogar erblinden. Wie soll derartige Ehrlichkeit\ngenügen, über ein Ehrlichsein gerecht zu urteilen?\nMan müßte hier vorher fragen: ob, was ehrlich sein\nwill, auch ehrlich sein kann?. Ob keine EmpU\nfindsamkeit, keine Gewohnheit, kein Vorurteil da ist,\ndie unbewußt mitreden?\nBei Kraus ist Ehrlichkeit immer zugleich Fähig-\nkeit; er wird von dieser Fähigkeit gleichsam ge-\nhandhabt, sie besorgt in ihm die Diktion. Er bean-\nsprucht gewiß nie einem Ding objektiv gerecht zu\nwerden; er nimmt den Anlaß auf wie einen Drang,\nja er wird vom Anlaß aufgenommen, fühlt sich in\nden Anlaß hineingetragen und erschließt sich, entfal-\ntet und entflammt sich am Anlaß. So mag Kraus\nzuweilen übers Ziel schießen, nie aber wird der\nVorwurf einer Unehrlichkeit auf ihm ruhen können,\nDer erreicht ihn gar nicht; weil solcher Vorwurf\nsich an den Anlaß hält und nicht an dessen Gestal-\nter, der im Anlaß nur sich selber als Kraft kundtut.\nSo ist der Mensch Kraus immer zu sehr Künstler,\num jemals nur Beurteiler zu sein\nMan sagt Kraus auch nach: er habe fast aus-\nschließlich gut arische Anhängerschaft, die Juden\nseien zu schlau, sie gingen ihm nicht auf den Leim;\ndaher stamme wohl sein Antisemitismus. Hier muß\nich entschieden verneinen. Kraus ist nicht Anti-\nsemit. Sein Menschentum drängt Nationalität und\nRassen-Angehörigkeit auf einen Nebenplatz. Im-\nmerhin ist er Jude und Deutscher genug, um sich\nder Vielen seines Volkes zu schämen, um deren\nSchlechtes zu hassen. Man haßt Schlechtes dörfc\nam meisten, wo man liebt, nicht wo man haßt. So\nan seinem Volke, an den Angehörigen, an sicfi\nselbst. Je höher man jemand hält, umso mehr muH\nman von ihm auch verlangen können Nur Tröpfe\nschmeicheln den Schwächen ihrer Nächsten. Kraus\nsetzt dem Faulen im Judentum am meisten zu. Es\nkönnte bedeuten: er traue den Juden noch am mei-\nsten zu. Und daß er die Schlauen nicht für sich ge-\nwinnt, ist mir nur ein Kennzeichen mehr seiner\nStärke, seines Wertes, as sollte die Schlauheit dort\nanfangen, wo innere Kraft jeder List ausweicht?\nWas hätte sie bei der Kunst zu suchen, die erst dort\nbeginnt, wo von Schlauheit jede Spur getilgt ist?\nInsofern große Fähigkeiten anziehend sind, kann\nman, wo sie sich vorfinden, auch von einem ~Aufd-\nen-Leim-gehen' reden. Das Ueble der Redensart\nverliert sich an, der Sachlage: so geht man vielleicht\neinem echten Trunk auf den Leim, der Anmut eines\nWeibes, den Reizen eines Kunstwerks, oder eben\ndem Glühen eines Menschen, das in einem Schaffen\numgeht. Richtig mag sein, daß Kraus im eigenen\nVolke im allgemeinen wenig Neigung erweckt, ob-\nwohl Fähigste darunter ihm anhängen. Eine ausge-\nsprochene Ueberlegenheit wird von der Allgemein-\nheit der Zunächststehenden zumeist als störend\nempfunden Trotzdem erschließt sich Kraus freu-\ndig jeder echten Begabung in seinem Volke, wenn\nsie ihn groß genug dünkt. Wie sorgsam hätschelt\ner nicht Peter Altenberg, wie verehrt er nicht\nElse Lasker-Schüler!\nDie überlegene Häufigkeit ider Schaustellung\njüdischer Könner-Talente befriedrigt ihn freilich\nnicht. Aber wahrhaft Hervorragendes ehrt er über-\nall, wo er es findet; ja erj scheint danach zu hun*\ngern und zu dürsten.\nDas erbrachte ihm vielleicht das Motiv zu sei-\nnem ersten Konflikt mit der (Presse als einer Macht', -\ndie alles Mittelmäßige hervorragend behandelt au!\nKosten des Hervorragenden. Er sieht die Willkür\ndieser Macht anwachsen, erlebt ihre Käuflichkeit\naus nächster Nähe und — reißt eine Kluft auf zwi-\nschen sich und ihr. Die Presse-Sippschaft vergilt\nes ihm redlich. So kann Kraus berichten: „Ich\nglaube nicht, daß irgendwann in der Welt eine Fülle\nschändlicher Taten so viel sittliche Entrüstung aus-\ngelöst hat, wie in der Stadt, in der ich lebe, die\nUnverkäufllichkeit meines Denkens . . Seit Jahr-\nhunderten wurde nicht gespien, wenn ein Schrift-\nsteller vorbeiging\". Ich fühle gerade diese Verun-\nglimpfungen, die dem SchriftstelTer gelten, um den\nMenschen Kraus einen Schimmer legen. Dabei ist\nKraus heute schon Sieger — wie Künstler Sieger\nsind — und wird es immer mehr werden. Die Pres-\nse mag sich selber für eine Großmacht halten, der\nKunst kann sie nur Magd sein. Daß es so ist, be-\nstimmt die Kunst und nicht die Presse. Die Kunst\nwird der Presse nie gehorchen können; wo sie der\nPresse gehorcht, ist sie nicht mehr Kunst Das\nweiß der Künstler; es macht ihn sicher der\nPresse gegenüber. Es liegt wohl' ein selbsttätiges\nreligiöses Bestandteil im Künstlerischen, davon eine\näußerliche Macht nichts wegzunehmen vermag\nDieses Künstlerische geht auch in Kraus um, es nährt\ndie Flamme seines Innern. So etwas läßt sich mit"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.3", "texte": "Totschweigen nicht ersticken. Im Gegenteil: das\nTotschweigen durchsetzt die Macht des Totschwei-\ngers. Und was auch Kraus' bewunderungswerte\nStreitbarkeit nicht auszurichten vermochte, richtete\ndas systematische Totschweigen dieser Streitbar-\nkeit aus. Es zeigt auf: daß, wenn ein »Künstlerisches\nstark genug ist, es auch ohne Hilfe der Presse\ndurchdringt; es macht Vermittlung im Künstleri-\nschen hinfällig. Das hätte der Ring der Wiener\nPresse Kraus gegenüber bedenken sollen. Es hätten\nHerr Benedikt und die Neue Freie Presse auch\nwissen sollen, daß Zusammenstehen und Gewalt\nwohl für ein Geschäft bestimmend sein mögen, aber\nnicht für die Wege der Kunst!.\nNach der Innsbrucker Kraus-Vorlesung schrieb\nmir ein Bekannter: ~Haben Sie so schlechte Augen,\ndaß Sie das reinste Theologengesicht bei Kraus nicht\nentdeckt haben?\" Darauf erwiderte ich ungefähr:\nAber dann eines Theologen der Sexualität. Es\nmag Wahres enthalten; ich denke jetzt noch daran\nin ruhigem Erwägen. Die Art, wie Kraus vortrug,\nmacht das innerliche Glühen und Sichverbrauchen\ndeutlich ersichtlich. Es erinnert an echte Streiter\nGottes. Und die ältesten Streiter und Wissenden\num Gott waren wohl auch Wissende um das Ge-\nschlecht. Die älteste und ursprünglichste Priester-\nschaft war vielleicht die des Geschlechts. Die\nSphäre der Inbrunst erwächst heute noch aus der\nSphäre der Brunst. Wer wollte hier nur Gewisses\nvorbringen können? Uns sind seit Jahrhunderten\ndie Fühlfäden unterbunden, die hier Anschluß er-<\nbrächten; uns ward das Geschlechtliche als das Un-\nheil hingestellt. Des Unheils ist darum nicht weni-\ngeil geworden, und sicher stellte sich das Ge-\nschlechtiche von selber auch als das Heil hin Frei-\nlich, wer mit dem Geschlechtlichen sein Spiel treibt,\n?\ndem spielt es übel mit. Kraus ist hier Spielverder-\nber. Seine „Unmoral4 entblößt die Moral: so er-\nkennt man erst, wie häßlich die aussieht, und man\nversteht, daß sie gekleidet einhergehen muß, um\nvorzutäuschen. Es geht eine Wandlung vor: die\nMoraf wird zur Kupplerin, die Dirne aber zeigt sich\nals Dienerin der Geschlechtlichkeit. Indem sich\nKraus zum Anwalt des Dirnentums aufwirft, wächst\ner zum Priester des Geschlechtlichen an und wehrt\neinem Spieltreiben mit diesem. Denn es treibt sein\nSpiel, wer eine Dirne gebraucht und ihren Stand\nverunglimpft, und nicht wer das in Schutz nimmt,\nwomit er Umgang pflegt und was er für natürlich\nhält. Herkommen und Sittlichkeit trachten nach\nSchutz für den Philister vor Verführung durch das\nDirnentum höher, und nötiger ist das Bestreben\nKraus': Die Dirne zu schützen vor der Moral des\nPhilisters.\n\nSchluß folgt\n\nLichtenberg\ngeboren am ersten Juli 1742\nVon Paul Hatvani\n„Es ist als ob unsere Sprachen verwirrt wären:\nwenn wir einen Gedanken haben wollen, so brin-\ngen sie uns ein Wort, wenn wir ein Wort fordern,\neinen Strich, und wo wir einen Strich erwarten,\nsteht eine Zote\" — Wir, die wir diesem jahrhun-\ndertaltem Satze gegenüberstehen und das Drama*\ntische dieses Spracherlebens kaum erfassen können\nder Literarhistoriker, die uns erzählen wollen, daß\nes nun hundert Jahre sei.... Daß es nun hundert\nJahre sei, als die Beiden in Weimar und Jena ge-\nlebt hätten und daß wir nun ihre Sprache sprechen,\njene glatte, reiche, reine und nicht jene, die so ist»\n—, wir müssen Zweifel hegen an den Behauptungen\nals ob sie verwirrt wäre .. . Wir müssen Zweifel\nhegen an den Behauptungen, unsere Welt wäre auf\nGrund der naturwissenschaftlichen Errungenschaf-\nten des neunzehnten Jahrhunderts aufgebaut,, wenn\nwir im achtzehnten Sätze finden, die das zwanzigste\nzertrümmern.\nDas achtzehnte Jahrhundert — das schon des-\nhalb reicher war als jenes, welches sich am reich-\nsten dünkt, weil es eine Weltanschauung isolieren\nkonnte, die sich in den Aphorismus verkroch — das\nachtzehnte Jahrhundeft ist in seinen Schriften ge-\nbannt und hat uns eine Erbschaft hinterlassen, die\nuns den Größenwahnsinn der fröhlichen Erbauer\neiner .„mechanischen\" Weltanschauung (Ingenieure\nund Journalisten) tausendfach ersetzen.\nGeorg Christoph Lichtenberg hat in den BüL\nehern der Literarhistoriker keinen Platz, er gehört\neben noch nicht in die Literaturgeschichte. Lessing\nschloß ein Kompromiß mit der Konvention, er wur*\nde Schriftsteller, d. h. er schrieb Dinge, die sich in\ndas Schema der Literatur einreihen lassen. Lich-\ntenberg aber schwämmt für Garrick und Hogarth\nund rief nur ein paar Aphorismen in den Weltraum.\n— Das absolut Zeitlose an Lichtenberg, dem all-\ntäglichen Erleben entsprungen und in die Ewigkeit\ngeformt, ist eine Problemsart des Genies. Sein\nAnklammern an das Positive, an das Materiell-Sei-\nende ist vielleicht ein Mangel des Jahrhunderts.\nUnd so wurde die Form zum Inhalt und also ent-\nstand der Gedanke. Sein Anklammern an das äuße-\nre Geschehnis ist aber gewiß kein Mangel seiner\nkünstlerischen Natur. Divinatorisch, wie jeder\ngrößte Schriftsteller,, benutzt er die Ferne des Er-\neignisses von der Form, als technisches Hülfsmittel.\nUnd so entsteht seine Satire, durch nichts getrennt\nvon der Lyrik, wesensgleich mit dieser, vom Erle-\nben in die Ewigkeit gesprochen: „Der wahre Witz\nweiß ganz von der Sache entfernte Dinge so zu\nseinem Vorteil zu nutzen, daß der Leser denken\nmuß, der Schriftsteller habe sich nicht nach der\nSache, sondern die Sache nach ihm gerichtet.\" Die-\nse und ähnliche Gedanken machen die Bände der\nLiterarhistoriker überflüssig; die Theorien der\nAestheten und anderer Psychologen zerfallen in\nsich selbst, wenn es der Sprache gelingt, gleich-\nzeitig Wort und Ding. Sinn und Widersinn, Erleb-\nnis und Erlösung zu sein\nAlle Abgründe menschlicher Spekulation sind\nüberbrückt: Lichtenberg, vor 170 Jahren geboren,\nhat die der nächsten zwei Jahrhunderte\naus der Sprache gelöst Und zwischen\nPiaton und Otto Weininger, zwischen den andern\nErlebnissen des Symposion und der erliegenden Of-\nfenbarung über Geschlecht und Charakter stehen\ndie Sätze:\n„Es ist sehr reizend, ein ausländisches Frauen\nzimmer unsere Sprache sprechen, und mit schönen\nLippen Fehler machen zu hören Bei Männern\nist es nicht so\". Das konnte bisher nicht\neinfacher gesagt werden, der Satz enthält vielleicht\ndas Verhältnis Karl Kraus zur Erotik — Und das\nabsolut Metaphysische der Erotik enthalten die\nSätze, die wie ein Motto zu Otto Weininger klingen:\n„Ein Mädchen, die sich * ihrem Freund nach\nLeib und Seele entdeckt, entdeckt die Heimlichkei-\nten des ganzen weiblichen Geschlechts; ein jedes\nMädchen ist die Verwalterin der weiblichen Myste-\nrien.\" \\\n~Wenn man die Geschlechter nicht an den\nKleidungen erkennen könnte, ja überhaupt die Vers\nschiedenheit des Geschlechts erraten mußte, so\nwürde eine neue Welt von Liebe entstehen. Dieses\nverdiente in einem Roman mit Weisheit und Kennt-\nnis der Welt behandelt zu werden\". Ist das nicht\ndie Problemstellung zu Weiningers Werk?\nDie Probleme für die Aktuellität geboren, ge-\nhen an der Sprache zugrunde Sie werden zeitlos,\nwo er sie berührt und flüchten in die Unendlichkeit:\ndas Ereignis wird zum lyrischen Erlebnis. Hier ist\neine organische Gleichheit mit Karl Kraus und viel-\nleicht berechtigt erst diese Feststellung, von Lich-\ntenberg zu sprechen. Auch hier wird das Ereignis\nnicht zur Form abstrahiert, sondern die Form tötet\nden Inhalt und das Erlebnis wird unsterblich nach\ndem Tode. Die Zeit erstarrt und Lichtenberg hält\nuns die Leiche hin. Sein Geist hat die Fratze seines\nJahrhunderts angenommen , aber die Sprachc\ndrängt: „Wenn ich über etwas schreibe, so kommt\nmir das Beste immer so zu, daß ich nicht sagen\nkann woher\".\nUrsache und Wirkung sind verwirrt und\nman kann sie nicht mehr trennen. Sie umfassen\nsich, umarmen sich und zeugen das Spracherlebnis.\nWorte fliegen in den Weltraum und suchen ihren\nSinn, sie kreisen um glühende Sonnen und kein li-\nterarhistorischer Astronom kann sie verleugnen .\nSie leuchten eben zu stark, — unsterbliche Plane-\nten einer Künstlerschaft — und wer sie doch nicht\nsieht, dessen Großhirnrinde kann das starke Licht\nnicht vertragen. Man hülft sich heutzutage, man\nzerreibt und zerkleinert diese Gedanken und würzt\ndamit seine feuilletonistische Suppe .... man gießt\nWasser in den Wein und siehe, das Gebräu stinkt.\nDer Magen ist stärker als der Geist und das Fleisch\nist ein Leitartikel.\n.... Aber da stehen noch einsame Worte und\nvon jedem Satze führen Wege in die Unendlichkeit.\nUnd da draußen kann man es endlich erfassen, was\n„Lyrik\" ist; und man entsagt der Welt, die nur\nUmgebung ist und kein Raum, und man entsagt der\nGegenwart, die nur aus Affären besteht und keine\nZeit hat. Und so sprach auch Lichtenberg: „Ein\nSchriftsteller, der zu seiner Verewigung eine Bild-\nsäule nötig hat, ist auch dieser nicht wert\".\n\nZur Sache\n\nSeine Ideen nach allen Seiten zu verteidigen\nhat nicht viel mehr Sinn, als sich überallhin entschuü\ndigen, daß man geboren ist. Ich schrieb in der vo-\nrigen Nummer ein paar sehr einfache Worte, um zu\nsagen, was wir vom heutigen Ausstellungswesen\nerhoffen. Die Folge ist natürlich Widerspruch.\nIdeen verdrängen Raum; sie drängen in die vor-\nhandenen Ideen hinein, stocken, werden verstellt,\naber wirken heimlich, bis der Tag kommt, an dem\nsie herrschen.\nAber auf eine Sache lohnt es sich,, nochmals\nden Finger zu legen: Ich schrieb: „Wir Maler schaf-\nfen nicht so sehr Bilder als Ideen\" und schrieb die-\nsen Satz mit gutem Bewußtsein. Warum nimmt man\nAnstoß an dieser Sache? Warum wird man\nbeschworen, sie nicht zu sagen? Will man leugnen,\ndaß unsre gegenwärtige Zeit unter diesem Zeichen\nder „neuen Ideen\" steht? Wer unsre Zeit kennt\nund liebt, sieht hierin ihre Pracht und trunkene\nSchönheit. , Nicht die einzelnen' Bilder sind dem Ge-\ngenwartsmenschen Selbstzweck und Hauptsache,\nsondern die Ideen, der Ideenkomplex, den die ein-\nzelnen Werke bilden.\nEs wird eine neue Welt gebaut. Das einzelne\nBild wird einem späteren Beschauer einmal Haupt-\nsache, Einzelprodukt sein; dann gehört es, etikettirt,\nin das ~Museum des zwanzigsten Jahrhunderts\".\nWir aber wollen unsern Zeitgenossen „Ideen\""}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.4", "texte": "zeigen, den Gärstoff der neuen Zeit, um die wir rin-\ngen. Das allein ist uns Hauptsache und muß es uns\nsein. Wir sind in der Tat keine großen Kunsthand-\nwerker, wie sie manche reife Zeiten kannten, son-\ndern Jäger auf neuen Spuren.\nWo heute handwerklich im alten Sinne Bilder\n„jiur Bilder\" gemalt werden, handelt es sich gar\nnicht mehr um Kunst. . Diese Kunst gibt es heute\nnicht und kann es nicht geben. Wir haben heute\nkeine Basis, auf der handwerkliches Kunstschaffen\nerblühen kann. Wir leben in der Zeit eines unge-\nheuren Umschwunges aller Dinge, aller Ideen. Es\ngibt heute Menschen, die wie die ersten Christen,\nJahrtausende vor sich tanzen sehen. Ideen schwir-\nren in der Luft wie Geschosse im Gefecht. Wir\nhaben keine Zeit, die Knöpfe an unserer Uniform\nzu putzen.\nWer dies nicht fühlt, wer diese fruchtbare und\nheilige Zeit nicht liebt, gehört nicht zu ihr und ihrem\nWerden.\n\nFranz Marc\n\nDer schwarze Vorhang\nRoman\nVon Alfred Döblin\n\nAufgejagt und plötzlich verwirrt suchte beider\nwachsende Verstörung die Spuren des Weges ab,\nden sie gekommen waren, suchte den alten Wind\nwieder aufzusuchen, daß er wehe und rüttelte an\nden Bäumen,, die kahl und steif waren. Er versank\nin die unerhörten Prächte ihres Leibes, aber sie fan-\nden sich nicht mehr, und sie vergaben es sich nicht,\ndaß sie Gemeinsames duldeten. Im Gewitter lief\nIrene durch den Wald zwischen den kahlen Stäm-\nmen und jauchzte vergessen zu dem Blitz, der kni-\nsternd durch die Luft sägte drehte sich auf den\nZehen um sich und bot die bloßen weißen Arme\nund den zurückgewandten Kopf, Lippen, Wangen\nund Lider dem Regen. In Johannes taumelte alles\nin plötzlicher dumpfer Hingerissenheit; er sah nur\nihren glücklichen Hals und die hebenden Brüste, und\nfühlte die sichere scharfe Krallenhand an seiner\nBrust, hörte wieder das gelle Gelächter, das seiner\nnicht achtete; die alte Wut packte ihn, daß er seiner\nnicht froh werden konnte.\nUnd durch sie, die weiße, lachende; durch Irene.\nEr streckte nach ihr die Hände aus, drohend. „Weh-\nre dich, wehre dich! Verfluchte!44 Ihr zarter Ton\nfragte nach seiner Traurigkeit, als er weit hinter\nihr zurückzubleiben begann. Seine Augen sagten\nihr: „Wirst bald mit mir traurig sein, Du\". Sie\nsah in klar beherrschte Züge. In Abscheu und\nSelbstverachtung fielen sie sich in die Arme und\nküßten sich trostlos weinend in dem grauen Regen.\n* *\n•j-\nV\nMehr als er litt Irene darunter, daß Lilith ge-\nstorben war. Ihr klagender Blick fuhr über sein\nGesicht: dann verwandelte sich Irene wieder in die\nfremde stolze Aegyptische. Sie hatte vor seinen\nKnieen gelegen und ihre bittende Hingesunkenheit\ndargebracht; jetzt richtete sie über ihn, indem sie\nklagte und anklagte. Er konnte ihren Blick nicht\naushalten und litt unter seiner Feigheit. Eine dumpfe\nSchwüle wühlte in seinem Körper, so daß er die\nKleider beängstigend der warmen Haut anliegen,\nfühlte und sich sein Brustkorb sprengend hob. Ein\nSchwindel überdunkelte ihn; mit einem Atemzuge\nwaren Farbe, Klang,, Umrisse hinweggenommen in\ndie Leere, in die er selbst versank, während sich die\nAugen schlössen, der Kopf tief in den Nacken legte,\ndie Arme sich reckten und der Körper mit leichtem\nZittern sich auf den Zehen erhob — Uneingeständ-\nlich floh er vor ihretai Blick; aber er konnte es nicht\nverhindern, daß immer wieder das verächtliche\nZucken um ihren linken Mundwinkel, den zu küssen\ner sich oft vertieft hatte, vor ihm auftauchte.\n„Ich bin es schuld44 — die Schwüle schloß sich\nenger um seine Brust und Kehle. Zu nichts war\ner vor seiner Sklavin durch die Mächte geworden,\ndie ihn haßten, wie allen Menschenstolz Er spürte,\nwährend die Hände vergeblich abwehrten, das Fell\nund die starren stechenden Fühlhaare der Schnauze.\nNäher strich ihm der Atem warm und ruckwreise\nins Gesicht. Wie er finster bei Seite schaute, saß\nes ihm mit einem Satz an der Kehle. Da ließ er\nden Kopf in dumpfer Trauer fallen.\n* sfe\nJU\nIrene schlich entselbstet umher. Sie sah selten\nauf, und mochte aufschreien, wenn man zu ihr\nsprach, wie früher zu der ernstsanften und sicheren\nsprach. Doch duldete es die Hingeworfene und\nwurde glücklich im Vergessen, wenn ihre Freundin\nzu ihr thörichtes, loses und böses kräuselte.\nSie glitt dann allmählich mit weinendem Herzen\nin die blaue Luft hinunter. Mit verhängten Augen\nerzählte sie von den Dingen der Oberfläche; ihre\nLippen sprachen von seinem seltsamen nicht haf-\ntenden Blick; sie tranken wie eh aus zierlichen\nTassen und sogen an dünnen Cigaretten in dem\nhellgelben, mit Seide ausgeschlagenem Zimmerchen\nIrenes. Und die raschäugige lauschte und warf ihr\nfragendes Entzücken dazwischen. In Irene wurde\nes lichter, während sie plauderte, und von ihren\neigenen Worten getragen vor einen Johannes glitt,\nvor etwas breitstirniges, rätselhaft finsteres und\nliebloses, an das sie nicht denken konnte, ohne vor\nVergnügen bebend, die gelblich weißen Hände auf\ndie atmende Brust gepreßt, in heimlicher Wonne\nvor sich hin zu lachen. Sie verstand ihn wohl\nnicht mehr; sie hatte sich von einer grundlosen\nLaune die Lust an ihm trüben lassen.\nLeise bat schon etwas in ihr ab. Und als die\nFreundin fortgehuscht war, sah Ihrene der leichten\nrosigen vom Fenster aus mit glühheißen Wangen\nnach. Auf die Straße ging sie. Sie genoß mit tiefen\nAtemzügen den Alltag;\" Wie schön doch ihr Leben\nwar.\nMit lächelnden Lippen, aber innigem Ernst küßte\nsie in ihrem Zimmer Johannes Bild.\n& *\nIhre Augenlider hoben sich. Sie war die weiße\nDecke und der grüne Plafond, der kleine goldene\nKronleuchter mit den bemalten Lichtern. Die nie-\ndrigen Stühle und Sie schimmernden Deckchen dar-\nüber schwammen in ihren Augen, gelbe Vorhänge\nund grauweißes Dämmerlicht Die Linien oben an\nder weißen Decke krochen still und sperrten ihre\nMäuler auf, verschwanden und verrannen inein-\nander. Die Linien streckten sich rasch, lagen still\nda. Eine leichte Hitze hauchte über ihre Arme, wo\nsie den Brüsten anlagen. Zarte Spannungen klan-\ngen in den Knieen und Schultern der stillen auf.\nSie stolperte über die Risse und grauen Punkte\nan der Decke, die sie immer wieder entlang laufen\nmußte, so daß die Angst sie tiefer atmen und die\nzuckenden Kniee beugen und anziehen ließ. Und\ndann stand doch ein kleines Säufzen fremd und\nlosgelöst irgendwo im Zimmer, dem sie antworten\nmußte, das sie heißer bedrängte und suchen ging,\nin Zimmerrnitten, in den Ecken, hinter den gelben\nfaltenschweren Vorhängen, — vielleicht unter dem\nschweren verhängten lisch, oder vor der Tür, vor\nder Tür. Hastig warf sie sich auf, um es zu suchen.\nUnter dem kurzen hellen Schmerz der gepreßten\nHand richtete sie sich auf und fand sich beim An-,\nblick der gelblichen Blässe ihrer Finger. Sie war\nvon den Dingen getrennt, fühlte sich in ihren Glie-\ndern. Irene. Sie streckte sich, Irene Ein Son-\nnenfleck schimmerte schon über die Vorhänge.\nIch will heute in der Morgenluft spazieren gehn.\nDraußen im Garten Vielleicht schneit es heute.\nAuch auf meine Bank schneit es. —\nWie beschattet von einer Unruhe, trug ihr die\n~Bank\" „Johannes'' zu. Sie konnten nicht mehr\ndraußen sitzen; es war Winter. Winter war es ge-\nworden. -— Winter?\nUnd wo saßen sie denn zuletzt? — „Was ist\nmit mir geschehen44? Aufgerichtet saß sie im\nBette, Beute aller Stürme und Entsetzen. Das Zinr\nmer klagte sie an. , Die mädchenläppischen Bänder\nan der Wand und der Kasten mit Andenken auf dem\nEcktischchen.\nSie drückte den Kopf in das Kissen, preßte es\nan Aug und Ohr und reckte krampfhaft den heißen\nKörper bis zu den Zehen, als wenn sie ihn von sich\nstoßen wollte zu den Dingen zurück. — „'Pfui, oh\npfui, ich —- Dirne. Oh Maria nun hilf mir. Ich darf\nihn nicht lassen, nie und nimmer, dann wäre ich\nganz und gar geschändet. Seine feile Beute: ich,\noh ich —44 Sie schluchzte ins Kissen „Warum ließ\nich das geschehen? Ich darf nicht mehr leben, ich\nwill nicht mehr leben\".\n* *\n*\nUnd der Wind packte wacker die Segel, biß\nsich an den Rändern fest, spitzzähnig und brachte\ndas Boot zum Kentern.\nSeine Seele schleppte Irenen mit sich herum.\nSie war ein leerer Raum, eine Gasmasse in ihm,\ndie sich immer weiter ausdehnte und in die alles\nabfiel vom Gemäuer und erstickte: morsche Steine,\nBlumen, rotblaue Gesichter, die anschwollen, quel-\nlende Augen, Münder die nach Luft schnappten mit\nangespannten Halsmuskeln und die Herzen wühlen\nund wogen noch in der Brust. Die Finger spielen\nund fasssen nichts; in Todesgrauen dreht sich alles\nund kann sich nicht vergessen.\nEr schleppte sie mit sich herum. Wohin hatten\n%\nihn diese Gewalten gebracht! Es half nichts, daß\ner sich immer wieder Ruhe und Sicherheit predigte;\nso waren es döch nur Stunden, um die er getäuscht\nwar, und fand sich schließlich in einer alten stöhnen-\nund nagenden Hilflosigkeit. Sie mußten sich tren-\nnen. Er wollte aufatmen, sich vor seiner Schmach\nverstecken, Der Zufall war es nur, der ihm Irene\nzugeführt hatte, sollte es nicht Narrheit heißen, sich\nan den Unsinn klammern und willenlos folgen? Ein\nMensch und Sklave des Zufalls? — dem Zufall eig-\nnets, zu verwirren, stören, zu quälen und entzük-\nken; er springt von einem Irrsinn zum andern und\ndas heißt leben, und ist alles Zufall.\n* *\n*\nEin Freund erzählt ihm da von den Geheimnis-\nsen seiner Liebe; Johannes, zerstreut, warf unacht-\nsam ein Wort dazwischen, das verstohlen von sei-\nnen eigenen Heimlichkeiten sprach. Wie fremd und\nschön sein Wort klang. Er erstaunte, nie war ein\nWort von seiner Liebe über seine Lippen gekom-\nmen. Er versuchte gelockt mehr; aber die Worte\nrollten so ruhig hin und brachen nicht unter der\nLast, die er ihnen auflud. Ein Wort rief mit eige-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.5", "texte": "César Klein: Original-Holzschnitt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.6", "texte": "nem Willen das nächste, wie damals als er um Irene\nwarb, ihr höhnte und heimlich über sich selbst ver-\nwundert abbat. Er sah einen grausigen Spaß, der\nihm nach der Schlaffheit der letzten Wochen imjner\ninniger zog, eine Selbstvergewaltigung voll Lü-\nsternheit, und ein hastvotler Schritt auf dem Wege,\nan dem die Leiche Liliths lag. Hinterlistig stieß er\nsein Geheimnis in die graue Luft hinaus,, fuhr, mit\nden Worten hin, erst stockend und zaghaft, mit\nniedergeschlagenen grünen Augen, dann gleitend,\nreckend und schließlich ein Segeln mit breitentfal-\nteten Flügeln und hellem Rauschen und übermüti-\ngem (Plätschern in der Luft „Bebte\" jauchzte: wel-\nches Glück.\nWährend er sprach,, stärkten die lauten Worte\neinander wie Trompeten lässige Soldaten, und\nsteiften ein schwankendes Gewölbe wie Säulen.\nNeugierig und ängstlich fragte er sich: Wras ger\nschiebt da draußen? Was wird es noch alles sagen?\nDabei wuchs die starre Lust, Irene weh zu tun. Er\nhörte den Worten nach, erkannte sein Erleben nicht\nwieder, sehnte daß er mit so schlimmen Wortzau-\nber Irenen, wie an sich gezogen, so von sich stieße.\nUm diese Worte schwebte Glück und Glanz. Er-\ninnerungen an Siege und freie Launen. , Das Ohr\nließ sich von ihnen bald ganz fangen und so ver-\nsank die Unruhe und Angst, schwankte im Dunkel\nbeiseite, murmelte hier und da und schleuderte\nSteinchen und Brocken. Er faßte allmählich, wel-\nches Geschenk ihm wurde. Wie leicht atmet, wer\nspricht. Es blühte in ihm auf, wo er Irenen an\nseinen Freund verriet. Aus jedem Lächeln und\nNicken des Freundes sog diese Freude sich Nah-\nrung. Den letzten Entscheid aber gaben die Spiegel\num ihn, die wehenden Fächer der Damen,, die strah-\nlenden Goldkronen mit den bemalten Kerzen. Seine\neigenen Worte stießen gegen die Spiegel, fuhren\nentzückt zurück und fielen wie gerollte Igel vor\nseine Füße.\nAls er ging hob sich seine Freude unter der\nklaren schwerdurchwehten Luft und dem starken\nFrost. In überwallendem Glücke genoß er seine\nFreiheit und die Erlösung von Zwiespalt, Tausend-\nspalt. „Der Zufall ist wieder los. Sie geht mich\nnichts an, sie geht mich nichts an. — Ich begehre\n— nicht gerade sie. Ich bin wieder allein. Wie\nglücklich sind wir vereinsamten Monaden. — Sie\nlachte mich so stolz und glückversteinert an, nun\nkann sie mir nicht entrinnen. Ich habe sie zerstört;\nsie ist mein in alle Ewigkeit. Eine Menschenseele\nist mein und muß sich vor mir krümmen: ja das\nist Liebe, wie \"ich sie begehre Haha! das Wunder\ndes Weibes: dienen sollst du und mich im Herr-\nschen über Dich meine Einsamkeit genießen lassen.\nIch wollte sie nicht in mich einsaugen, sondern aus-\nspeien, in die Kniee zwingen. Ach, wenn die weiche\nFaust meines rothaarigen Teufels jetzt nach mir\nschlagen und ihr Mund mich anspeien wird, so\nkann ich lachen, und sie küssen, weil ich mein ver-\nachtendes Engelchen noch nie so liebte, wie jetzt,\nwo ich sie ganz zur Dirne gemacht habe. Gerade\nsie will ich und will zu ihr. Sie soll mein Glück\nmitgenießen.\n* S|c\n*\nUm Irene begann sich eine seltsame Ruhe zu\nschließen. Wie schluchzende Kinder wichen die\nqualvollen Gedanken von der abgemüdeten ab.\nDie angespannte Seele zog sich langsam zusam-\nmen und tönte nur noch tief mit langsamen Schwin-\ngungen. Fast willenlos und besinnlich lehnte sie an\nihrem Andenkentisch und kramte dann: „Ja was\nist mir nur geschehen?\" Sie wurde müde und\nschwach, teilnahmslos am hellen Tag, glitt von\nArbeit zu Arbeit. Und wenn sie aber, die Hände\nim Schoß, hingesunken war, um sich zu sammeln,\nallmählich zu sammeln und alles Bevorstehende und\nVergangene ganz zu fassen, so trieb sie etwas wie-\nder auf, so daß sie mit Augen, welche nichts sahen,\nim Garten, zwischen den schneeüberbürdeten Bäu-\nmen umhersuchte, Schnee in den Mund steckte und\nschluckte, ja ruhig auf die Straße lief, und plötzlich\nlächelnd mit zerstreutem Blick vor einem Spiegel\nstehend sah, daß sie mit zerzausten Haaren ging,\nworauf sie wieder auf ihr Zimmerchen lief, den Kopf\nin die Sofapolster grub und sich suchte\nNur unklar tauchte immer etwas heißes, gelbes,\npurpurnes vor ihr auf und schwamm, als sie sich\nim Garten versteckte, wie eine rote Sonnenunter-\ngangswolke über sie weg,, die keine zitternden Men-\nschenhände fassen können. Sie wurde von einer\nErstarrung befallen. „Und ist mir doch wohler als\nje,\" dachte sie; „ich bin jetzt ganz frei auch von\nJohannes. Wie schade, daß ich nun gerade sterben\nmuß, wo die Luft so schön und kalt weht, daß icfi\nzerfließen könnte\".\nSie hörte Johannes entsetzten Ruf nicht, fühlte\nes kaum, als er an ihren gesunkenen Händen zerrte,\ndie raschelnden Haare aus ihrem Gesicht strich, ihre\nSchultern schüttelt. Sie saß still und gebeugt am\nTisch, die Arme aufgestemmt, das Kinn in die Hand-\nteller drückend und sah vor sich hin. Ihre dunkel-\nroten Lippen bewegten sich nicht, als er in sie\ndrang: „Was ist dir geschehen? — Du! — Wer\nbist du?\" aber nach einiger Zeit hob sie das falten-\nlose Gesicht gegen ihn auf und sagte leise mit einem\nleeren Blick in die weißeXuft hinein: „Irene\". Da\nhob er die leichte hoch, sprach zu ihr, küßte sie, um\nsie zu erwecken, wiegte sie in den Armen hin und\nher, während sein Inneres selbstmörderische Dolche\nschmiedete. Ein rauschendes Geflüster von Liebe\nund Bitten um Verzeihung schwebte um sie, ver-\nlangte pochend Eingang in ihre Seele,, rang ver\nzweifelt an allen Toren schwache Händchen. ~Die\nGlöcklein läuten immerzu, aber warum kam er nicht\nzur Beerdigung? Er sagte mir doch oft, — ich bin\neine schöne Leiche, und er will mich wecken\"\n„Irene, so sieh doch auf Sieh mich an\". — „Er\nwar immer so wild mit mir. Ich habe mich ganz\nund gar vergessen. Niemand darf davon wissen\".\n— „Mein Liebstes, Irene. Irene was geschah Dir\"?\nSie lachte mit leuchtenden Augen leise auf und\nstarrte ihn an: „Haha, wir beiden\" —.\nEs war als ob ein Vogelschwarm in die helle\nWinterluft aufschwärmte und den Flug versuchte.\nUnd legte wie sie es oft tat, den Kopf an seine\nSchulter, der neben ihr saß. „Oh wie lieben wir\nbeide uns\" — Sie lachte immer wilder, beruhigte\nsich nicht und warf sich Im Stuhl zusammen und\nkrümmte sich,, bald warf) sie den, Kopf zurück und\nstreckte sich ganz weit mit offenen Augen über den\nStuhl. Sinnlos aus vollem Halse kam das Gelächter\nim tiefen, langen Strom. Sie schrie schluchzend\nund gell, während ihr Herz schwer und starr wurde\nund die blutunterlaufenen Augen zu träumen und\nfunkeln begannen.\nIm Jammer hielt er sie umschlungen. Als die\nGlieder der ohnmächtigen, totbleichen und bluten-\ndenden sich lösten, war in ihm ein eisiges unbe-\nzwingliches Grausen aufgestiegen. Sie erwachte.\nDa trieb es ihn, ihre Hände zu lassen, fortzulaufen,\nzu singen, die dunkle schwere Last vor sich hin zu\ndrängen und laut, laut: „Johannes\" zu rufen.\n& ±\n❖\nIn Irenen beruhigte sich nach langen verdäm-\nmerten Tagen und Wochen manches. Die Tage\ntrennten wie eine Mauer ihr früheres Leben ab.\nWie eine Mauer über die sie nicht sehen konnte.\nWenn manchmal ein Hauch herüberschlug, so wim-\nmerte es in ihr: „Er muß doch, zu mir kommen, ich\nmuß ihn halten und ihn wiederhaben44 Aber sie\nfühlte, wie die Zeit ilirem Schmerz milde Stacheln\nund Spitzen abbrach. Die stolze widerstrebte —\nund ließ es geschehen. Unter dem leisen schwa-\nchen Glück des Genesens verlor sie die Glut zu\nsterben, das trotzig süchtige Todesverlangen. Sie\nging nicht auf Vergessen und Einsargen aus; von\nsTch dachte sie nicht hinweg. Verschlossen über-\ndachte sie alles; finster begann sie mit Johannes'\nFreund, der mit dem ratlosen unentschiedenen in\njenem glänzenden Saale gesprochen hatte, trat zu\nder seltsam kühlen, immer wieder schluchzenden;\nmit Staunen. Doch fast teilnamslos lauschte sie\nseinem verschwiegenen Werben. Seine Worte\nklangen, wie sie es gewöhnt war, aber wie beruh-\nigte sie jetzt diese Musik. Es beruhigte sie, den\nGedanken eines andern nachzugehen, es erfüllte\nsie mit Mitleid für ihn, daß er so ahnungslos zu\neiner elenden sprach, die ihn betrog und mit ihm\nspielte. Dann brach sie noch einmal zusammen,\nals sie hinter einigen unbedachten Worten jenes\nGespräch erriet. Sie schrie verzweifelt auf fhrem\nZimmer; nur die Begierde sich zu rächen hielt sie\nam Leben\n£\n£ *\n*\nSie flogen um die Eisbahn. „Irene, Sie spotten\nmeiner; gestehen Sie nur. — Sie wissen nun alles.\nAuch mir ging es wie Ihnen\" —- Sie flogen zum\nzweiten Male um die Eisbahn. Vieles schauert un-\nter der Erde und klingt auch verborgenes Rufen\nherauf.\nMit verschwimmenden Gedanken wandeln und\ngleiten sie; gestreckte Zeigefinger ziehen unter der\nweißen Eisdecke Zackenlinien: — oh, du däm-\nmerndes Volk. Ging ein junger hohlwangiger\nMönch mit erloschenen Augen eines Morgens star-\nren und gläubigen Herzens auf den Markt. Der\nweltvergessene gotttrunkene schrie, als er im hel-\nlen Lichte die eckigen und runden Formen der\nFrüchte, die vielfachen Farben und die hingerissene\nAugenblickslust der Menschengesichter sah, — und\nhinter ihnen den gestreckten ziehenden Zeigefinger.\nSie flogen wieder um die Eisbahn. Irene schwieg\nganz ohne Lächeln. Fest ruhten bei jeder Biegung\ndie Hände der beiden ineinander. Spöttisch dachte\nsie an sich und alles Leben Die Füße der rothaa-\nigen Irene rannten kümmerlos den Linien unter\nder tragenden Eisdecke nach.\n* *\n*\nIn manchen Augenblicken sann Johannes dar-\nüber nach, ob er nicht geträumt hatte, was im Gar-\nten geschehen war. Es schien ihm, als ob der\nZwiespalt seiner Seele in jener Abendstunde leib-\nhaftig vor seinen Sinnen getreten sei. Denn Irene\numkleidete seine Verstörung mit immer dunkleren\nGrauen; das schwere Blut, das von ihr troff,,\nsein eigenes Herzblut. Ja Irene hatte sich aus sei-\nner Seele in den dämmernden entsetzenschwange-\nren Stunden gerissen. Ein bläuliches, unsicher\nschwebendes Gespennst mit gelben verkniffenen\nAugen, das sich, seltsam vertraut, um ihn zu tun\nmachte, sich hie und da um etwas mühte, ballte\nsich vor seinen Augen, riß vor ihm einen breiten\nSpalt in eine Wand, durch den seine Augen ein\ndunkles Flammenspiel sahen, in dem er nichts err\nkennen wollte.\nDa trieb es ihn, laut, laut „Johannes\" zu rufen!\n— Er wollt sich jenen Mächten nicht mehr versa-\n... ■ i\ngen. und sie nicht schmähen, die sich in ihn einge-\nwebt hatten. Könnte er sühnen, was er gesün-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.7", "texte": "digt hatte! an ihr, der reinen sanften, vorbestimmt\nihn zu sänftigen. Wenn jemand ihr freisprechen\nkönnte von der Schuld seiner Einsamkeit, so war\nes die glückliche, grausam zerrissene, zu der die\nDankbarkeit seiner Seele zu schwach redete mit\nallem Scluchzen. — Er mußte wieder ihre Hand\nan seine Schläfen drücken; -—- die Türen waren\nverschlossen, hinter denen die Kranke lag. Jäh\nwuchs das Elend in ihm, wuchs sein Verlangen nach\nErbarmen und verschlang alles in ihm. Ein einziges,\nflehentliches Händeausstecken war er, ein einzi-\nges zerknirschtes Hingeworfensein, das nichts von\nSelbstgenuß wußte. Ihn hatte nie ein so lebendiges\nEntsetzen zerfleischt. Der Abgrund der Selbstver-\nachtung war nie tiefer in ihm. Grauses, zermalmen-\ndes hatte er auf die Zarte gehäuft. Dies hatte seine\nDankbarkeit ihr angetan. Wie eine Seele lag das\nfahle Haar auf ihr. Lilith, die schöne, schmalschul-\ntrige bettete ihre beiden Hände einander, daß seine\nSeele, verwundert über sich selbt, ein seltenes\nGlück über sich strömen ließ und schwer wurde\nund sich zur Erde senkte. Er aber legte traurig und\nirr Flammen an das Haus, das ihnen Zuflucht bot:\ner hatte es müssen wider eigenen Willen. Es brann-\nte, sein eignes Haus brannte jetzt loh, was sein\nHerz segnete. Die starren Mächte hatten ihn in\nsolch Elend geworfen. Er sollte nicht allein sein\nund mußte jetzt tiefer vereinsamen als je. Er wollte\nnicht fassen, was er sich getan hatte; als er nach-\nsann, erschrak er tief und der Haß auf jene Gewal-\nten begann wie hartes Eisen zu glühen.\nEr war im Kampf mit ihnen erlegen, sie hatten\nihn gedrückt und zurückgeworfen. Brünstig koste-\nten sie ihre Herrschaft über ihn aus, schmatzten\ndie Lippen an seiner Verzweiflung. Wie besät war\ner mit Wunden, Rissen und Bissen; zitternd und\nangstvoll floh er vor Irene, und sein Grauen sah\nsich nicht nach der Stelle um, wo seine Seele zer-\nbrechen sollte. Aber er fühlte, daß ein Wolke sich\nimmer schwärzer über seinen Kopf ballte. — Er\ngenoß mit Schauern die kühle Freiheit, die ihn\nwieder aufnahm,, entschlossen gab er sich dem\nRausch hin. Schon begann er die finstere Wolke zu\nvergessen; er hatte übertrieben, sie hatten sich\nwohl trennen müssen. Irene war ihm doch nichts\nals ein Spielzeug gewesen, ein Weib, das ihm der\nZufall über den Weg führte Es war nicht gerade\nsie, die er liebte. Nun begrub er das Grauen vor\nden Gewalten, die über seinem Leben standen, ganz\nin knisternen Haaren. Bis ihn eine tiefe Müdigkeit\nüberfiel. Das war ihm ja einmal der Sinn des Le-\nbens, immer freier zu werden, immer tiefer Begier\nde, Sehnsucht und Erstaunen fallen zu lassen. Zu\nveralten, zu verarmen und in die sichere stolze\nKühle hinauf zu reifen. Jetzt hatte er seine Einsam-\nkeit wieder und war Mensch. Mit kaltem Hohn\nüberdachte er sein Leben, Irene und sich. Halb wil-\nlig, halb widerwillig war alles gelebt; er hatte es\nnicht im Ernst gemeint.\n* *\n*\nEr konnte sich seinen Ueberdruß nicht verheh-\nlen aber seine Todesgedanken wehrte er ab; wie\nernst sie gar das Leben, das bald dumpfe bald hit-\nzige Hinleben nahmen. Auch zum Sterben war er zu\nmüde, verwelkte Hände legte er auf seine Vergan-\ngenheit und wärmte sich an ihr. „Närrchen süßes\nNärrchen,? sagte er dann lächelnd vor sich hin,\naber es war Wehmut und verborgene schmerzliche\nSehnsucht in seinem Lächeln. Er vertiefte sich mit\nhalb spöttischen, halb leidenden Grimassen in Erin-\nnerungen und sog, fast in Mitleid mit sich selbst, an\nihrem Duft.\nMit weichen Polypenarmen klammerten sich\ndie entschwundenen, schaurigen Zärtlichhkeiten\nan den versteinerten, der sich ihrer nicht erwerte\nsondern das träumende Beraubtwerden und Ver-\nlieren genoß, wie sehr er sichs auch verbarg, der\nstarren leeren Einsamkeit zu entrinnen.\nEr glaubte in dieser Zeit einmal Irenes Stimme\naus dem Munde einer entfremdeten Freundin zu hö-\nren. Jetzt schien ihm diese Freundin schön um ihre*\nStimme willen, um ihrer leicht tiefen Stimme, die\nihn ins vergessene dunkle süßtraurige rief. Viel*\nleicht hatte er auch vorher dieses entfremdete Weib\nnur um ihrer Stimme willen gdliebt. Er wußte es\nnicht; aber er hätschelte diesen merkwürdigen\nund unheimlichen Gedanken, dieses aufträumende\nVielleicht. Er hatte Irene in Angst den Rücken\ngewandt und suchte doch sie, gerade sie unter den\nMenschen, — sie allezeit geliebt. Ihr gebrochenes\nwie gurrendes Lachen,, das gebundene Gleichmaß\nihrer Bewegungen, die falbe Röte ihres spröden\nHaares schien in alle Welt zerstreut wie die Scher-\nben einer kostbaren Vase und er war gegangen,\ndie Stücke auf jedem Kehrichthaufen aufzulesen,\nwo er sie fand. So hatte sich alles in ihm heimlich\nnach ihr gesehnt durch wilde und verdüsterte Tage.\nHatte er nicht einstmals darüber gestaunt, daß ihm\ndie seltsame, ägyptisch strengeSchönheit Irenes ent-\nschwand, als er sich in ihren Zügen wie in einem\nWohnzimmer zurechtfand? Sie besaß ihn von der\nStunde; nach ihren Zügen ordnete er die Menschen*\nan ihrem Wesen maß er. Er fühlte daß nicht der\nMensch das Maß allerDinge sei, sondern der Neben\"\nmensch, der in Liebe oder Haß Macht über den\nandern gewinnt.\nSeine Gedanken begannen wieder um Irene zu\nschleichen. Jetzt versagte der Müde menschen- und\nliebesüchtigen Gedanken den Segen nicht. „Soll\nich mich schämen, daß ich unbegierig bin nach\nAlexandertaten und Weltzerstörung? Ihr meßt das\nLeben mit der Elle nach der Breite des Erdreichs,\nüber das es gebot. Euch ist großes und grobes\ngleich; ich will mich in die Tiefe graben. Vor mei-\nner Tür weint ein Kind um seinen gebrochenen\nin seinem Wimmern liegt soviel\nSchmerz,, wie in dem Schluchzen seiner Mutter und\ndes Mannes, denen zwischen heute und gestern Le-\nbenhoffnungen eingestürzt sind. Es scheint mir\nschwer zu denken, daß es einen Gott giebt: aber\nwie stehe ich vor dem Herz- und Nierenprüfer ne=\nben Ländereroberiern und Millionenbeherrschern,\nich, der auf eine Menschenseele Jagd macht? Das\nsüßtraurige Märchen war noch nicht zu Ende, oh\ner lebte noch mitten in ihm.\n* *\n*\nWas ist um mich? Es sind Nebel die ziehen.\nWarum schleppt die Feuchte bis zu mir? Die Nixe\nkam aus dem Waldessee; sollte der Mönch sie ein-\nmal küssen — wären dann beide erlößt; — knien,\nstammeln, halten sich doch höhnend und lachend\nm den Armen, verschwinden in dem dunstigen See,\nund die Erde. Es weht mir über die Brust. Das Fen-\ni\nster knarrt, die Gardine weht auf, oh ihr dämmern*\nden Gestalten, was tretet ihr an mein Lager, was\nsteht ihr an meinem Bett zu Häupfen und zu Füßen?\ndaß mich einer aufrichte. Wer seid ihr? So helft\nmir doch. Sind wir in den dunklen See versunken,\nIrene und ich, unerlößt, und stürzte ich sie mit mir,\nso wollen wir wieder hinaufschwimmen. Ich will\nuns erwecken, ich will es dürfen sühnen unser Ver=\nbrechen an uns. Ihr seid mächtig, ich fühle es! Das\nVergangene ist mächig; aber das Kommende soll\nmächtiger sein, ich fühle es; es ist mächiger. Ge-\nwicht gegen Gewicht und nichts reift zu spät. Geht\nvon meinem Lager ihr gespenstigen Fratzen. Einen\nlangen Bußgang mußte ich tun, ehe ich zu dir fand,\nIrene. Ach sie, ihre Hände will auch Lilith, die zarte\nLilith, ihre Hände wiieder auf unser Haar legen. Be-\nscheiden mag ich neben dir gehen, zu viel und zu\nentsetzliches begehre ich immer und gerade von\ndir. Damit wir büßten und uns wieder\" finden, muß-\nten meine Lippen von unserm Elend unter Krorp-\nteuchtern und Spiegeln sprechen, fielst du mir la-\nchend und blutend in die Arme. — Ach von mei-\nnem Lager, ihr! Lilith wachte auf von den Toten.—\n* * :\n■ ! i i ' : .\n* ' *\n„Irene, wo du auch bist und ob du mich hörst,\n— wir Menschen sind Rauch und Qualm. Wie klag*\nte ich dir oft, daß sich in Form zwingen müsse,\nwas sich nicht aufgeben und verfliegen will. Innigst\nweiß ich jetzt, Irene, daß ich das andere vor mir\nund neben mir bin, und sonst bin ich nichts und ist\nmeine Einsamkeit nichts. Das draußen formte mich,\nwuchs in mich hinein, und so kann ich lieben. Im\nLieben und Begehren bin ich, ich; mich riß nichts\naus innen heraus. Ich weiß nicht, ob ich dich, du\nZufällige, ergreifen mußte, aber einmal muß sich aL\n7 ;\nles entscheiden, und ich habe dich gewählt.\nVielleicht mußte ich gerade dich wählen, genug,\nich habe dich gewählt; es ist gesehen. Das Vergan-\ngene ist lebendig und mächtig in uns; zottige Kral*\nlenhände hatten uns einst zusammengepresst, jetzt\nfasse ich dich, wollen wir uns selber fassen. Unsere\nkindischen, heißen Münder haben sich geküsst; zu\ntief habe ich unter deinem Namen geliebt, gehaßt,\nbegehrt und stolz gejubelt, zu tief hast du dich in\nmeine Seele gewühlt und bist ein Teil von mir\nworden, Maß aller meiner Dinge. Ich kann dich lie*\nben. Ich muß nach dir verlangen; bin ich ein Bruch\"\nstück, so kannst nur du mich noch ergänzen I/ene,\ndu, du hast mich zum Bruchstück gemacht. — In\nmir schwebt das Leben wie Ebbe und Flut, über\ndas Tageswesen der Menschen wachse ich immer\nkühler und fremder hinaus. Seit wir uns nicht\nsehen, — du hörst es an meiner Stimme — bin ich\nverwandelt. Sühnen wollen wir, was wir verschul-\ndet. Oh wie schauert mich, wenn ich an dich denke «J\n**>'' > ; ; ■\n* ' j ;\nZwischen den schwarzen Birken, an denen in\nder Späte des Abends kein Menschenschritt vor*\nübertönte,ging Johannes' schwere Gestalt. Die\nBrust schwoll ihn;, so daß er manchmal Irene ver-\ngas, auf die er wartete Mit einem Schlage schien\nsein Leben wieder in die Breite wachsen z u wollen.\nSeine Augen glänzten. Auf Irenes langsamen schleL\nfenden Schritt lauschte er, aber es war immer das'\nheiße Blut, das durch die Gefäße stockte, schurrte.\nIhr trug er seine sommerliche Reife entgegen. Für\nsie feierte und bekränzte sich ja alles in ihm. Wie\nsollte sie mit Blumen, Wein und jeglichen schwachen)\nDuft den sie liebte, überschüttet werden. Sie soll*\nten sich weidersehen. Ihre grauen metallstrahlen*\nden Augen! Er hatte Irene in so tiefem Elend ver*\nlassen, das er verschuldete. Vor Mitleid erbebte\nsein Herz, und er wurde immer sehnsüchtiger. Jetzt\nihr von Liebe zu sprechen, brauchte es nicht des\nlosen Wortklangs, der den widerstrebenden zwang.\nEr liebte, haßte sie, fiel vor sie hin, wie damals, als\nsie den jungen, verdüsterten nicht ansah. Es schien\nihm als müsse er jetzt durch einen freien Entschluß\ndunkle Stricke zerreißen, die um seine Brust la*\ngen und seine Füße behinderten, müsse ein rostiges\nweites Tor öffnen.\nImmer bitterer wurde sein Herz, er dachte an\nIrene, so dachte er sich schuldvoll. Ohne es zu wis*\nsen, schlich er durch die Straßen, durch Irenes Gar*"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.8", "texte": "Moriz Melzer: Original-Holzschnitt"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.9", "texte": "len, vor ihr Haus „Ich habe ein Recht auf dich, denn\ndu warst mein. Neu bin ich, verwandelt. Unser Ver*\nbrechen zu sühnen brach ich auf; das Künftige soll\nmächtiger sein als das Vergangene. Nun bin ich:\nsieh mich doch, Irene —-\nOh, du läßt mich schwer büßen. —\nWährend er unten mit zusammengesunkenem\nRücken auf der Bank saß, rang um Irene jener\nFreund, den ihr die Worte zwischen Spiegeln und\nKronleuchtern geworben hatten. Die Hände des\nMannes wollten nicht von ihren Händen lassen. Die\nrothaarige sah kalt in seine Augen. Es wehte aus\n«lern Garten herauf. Da ists über sie gekommen.\nSie hat nicht aufgeschrien, die Angst hat nicht das\nglückliche Gesicht verzerrt. Sie presste die Hände\nan die Brust, willenlos einer grausigen Gewalt\npreisgegeben, die aus den scharzen Baumwipfeln\nauf sie zuschritt; kauerte dann,.sich besinnend hin\nund starrte auf das Dunkel des Fensters zu. Ge=\nwimmert hat sie leise und ist zaghaft auf den Freund\nzugewichen immer die Augen verschlossen. Dann\nihr höhnender Triumpfschrei gegen den Wipfel, und\nsie ist von seinen Armen umschlungen worden.\n* *\n*\nIch habe nie gelebt; soll nie leben. Worte und\nZufälle lebten für mich, starre Gewalten. So mächtig\nist das Vergangene. Während er mit traumblöden\nAugen auf die Wanduhr sah und der Schwingung\ndes Pendels folgte, der wie ein Henkerbeil über\nSekunde und Sekunde fiel, beschlich ihn das Gefühl*\nals ob ihm etwas fehle. — Die Uhr, er hörte die Uhr\nnicht mehr! Im Erwachen schlug seine Hand sclrwer\ngegen den Tisch: den Schlag hörte sein Ohr. Er\nsprang ganz auf, starre auf den Pendel. Die Uhr\n'ging, der Pendel hob und senkte sich, — aber er\nhörte das Ticken nicht mehr. Er spannte seine Auf-\nmerksamkeit, behorchte alle Geräusche seines\nAtems, seiner Schritte, des Straßenlärms, er rütteL\nte am Fensterkreuz: konnte den Schlag der Uhr\nnicht mehr höhren „Ich spüre die Mächte, die für\nmich leben, die sich mir verbergen wollen; am\nhellerlichten Tage spüre ich sie.4' Er brütete in er*\nneuter Wut. In dumpfer, wirrer Hitze bäumte er\nsich auf, schrie nach Gewißheit, nach einem Gottes-\nurteil. —- „Nun soll ich nicht leben dürfen44 Mit fie-\nberndem Kopf ging er fort. Er wußte nur, daß er\nsich Gewißheit holen, der dunklen Mächte erwehren\nmüsse.\n* ♦\n*\nHohl ging ein Sturm durch die Straßen, über\ndie ein Gewitter hungerte. Eine schmale Kluft er=\nkletterte er hinter der Stadt. Seine Haare flattere\nten; der aufheulende Wind riß ihm den Hut vojm\nKopfe; seine Augen glühten. Oben auf der Platte\ntoste der Sturm. Die Windsbraut pfiff und lockte,\nriß den Wald an den Haaren, wollte ihn in die Höhe\nheben. Er lachte. Er trat an einen Felsblock, kauerte\nan ihm nieder,, umschlang ihn von unten, zu sich\nflüsternd: Du, laß das Träumen sein. — Bald werde\nichs wissen. Seine Augen starrten zum grauen Hiim\nmel, zerrissen und gejagt flogen die Wroikenfetzen.\n„Wenn das Licht kommt, will ich es grüßen. Ich\noh ich.44\nEin gelbes Leuchten ging über den Himmel;\nzuckendes Licht fiel über den Block, „Geliebtes4' —\nEr schrie zum ersten Male, neigte sich und rang\nmit dem Stein ihn zu heben, kein Gott stand ihm\nbei Den Kopf in den Nacken zurückgeworfen. Die\nBlicke klammern sich am Himmel fest, lassen ihn\nnicht. Er schrie zum zweiten Male. „Verlaß mich\nnicht44 — Ein Grauen flog über sein Gesicht; seine\nArme heben den Stein nicht. Das helle Jauchzen der\nWindsbraut schnitt durch die Luft. Der Stein rührte\nsich, polterte in die Kluft, Ein letzter Schrei kam\naus seinem Munde; er stürzte mit ausgestreckten\nArmen über den Boden hin. Mit Gellen, Stöhnen,\nund zerreißendem Singen ging die Luft über das\nGebirge.\n* *\n&\nEr taumelte. Laß sie nur über meinen Kopf\nhinwegheulen. Sie mögen gewaltig sein, mir bleibt\ndas Gelächter. Ich kann nur die Achseln zucken\nüber sie. —\nWas ist doch der großen wilden Trauer enger\nSinn ? Ein Gefühlswicht brünstelt hinter einer Mäd*\nchenfratze,, die ihm verloren ist. War einer, der\nnur eine lieben kunnt. Meine erinnerungstrunkene\nTrägheit putzt sich „unentrinnbaren Zwang4', und\nist doch die schmachtende Trägheit das einzige,\ndem ich nicht entrinne — meine Trägheit oh die\nputzsüchtige: sie nennt sich auch Gewissen. —\nDann fiel er zusammen. Seine Qual dachte an Irene,\ndie alles verschuldet hatte. Sie haßte er\ntig und streckte nach der stolzen, sicheren, droh*\nende Hände aus. Was wollte er aber von ihr? Er\nkonnte sie nicht lieben, nur erobernd war ihm Irene\nin die Seele gedrungen.\nWas hatte sein Schmachten geträumt? „Sie soll\nmeine Schwermut trösten. Sie reizt mich, sie höhnt\nmir. Hoho man kehrt zur ersten Liebe zurück. —\nSie hat mir ein Stück Seele gestohlen Gerade sie\nwill ich. Sie soll mich trösten und trösten. Ich\nglaube, ich verlange nur nach Lrebe, um mein\ndumpfes Blut mit gutem trostvollem zu mischen,\nohne daß ich nicht leben kann.\nVor meinem kleinen Menschendurst mach ich\nden großen Lärpi: -— Liebe —.\nEr lächelte, — der Glaube erlosch; aber die\nSehnsucht ist geblieben. Spät und schwer habe ich\nsprechen gelernt. Meine Stu(mmheit hat in Ehr*\nfurcht und Inbrunst vor den Worten gelegen, bis sie\nmir die Riegel lösten. Demütig, zart habe ich sie\ngemieden und gaben dann mir ihre letzten ver-\nschwiegenen Wunder hin, nahmen an dem scheuen\nLiebhaber eine selige Rache. Die großen Worte,\nder erhabene Irrsinn der Worte: alle Schönheit und\nEntsetzen haben sie doch über mein Leben gebrei-\ntet. Oh, diese Windsbraut von Glück, die aus dem\nWörtchen Liebe an meinen Mund schlägt. Die Zu*\nfallsschranken soll ich durchbrechen, auch Lilith\ntöten, nicht mehr einsam sein. —\nWie kann ich nur atmen ohne Liebe, gleich\neinem Panter, der in seinem Käfig rennt? — Wo ist\nIrene? — Sie muß mich trösten, streicheln. Ich\nmuß sie wieder haben, ich fordere mein Eigentum,\nsie hat kein Recht zu leben ohne mich. —\nEtwas in die Arme schließen und zerbrechen,\nich möchte etwas langsam, langsam zerknirschen,\nRippe um Rippe, Glied um Glied — Ach, Blut sehen,\nmit dem Munde Blut schlürfen. —\nEr hob die Arme als wollte er etwas\nzen, wie er früher seinen Hund hingeschleudert\nhatte.\n„Irene\" schrie alles in ihm auf. Sie hatte mir\nLiebe versprochen, mir meine Seele abgelogen, ab-\ngezogen die stolze Buhlerin. —\nEr schrak zusammen, lenkte seine Gedanken ab,\nsah um sich und zog sich scheu zurück.\nIhm war, als wenn er sie wild lachen gehört\nhätte. — „Schlafen, in die kühlen Kissen mich\nlegen, die mir nicht wehtun. Bin Sarg, der einem\nbrütenden, sterbesüchtigem Menschengeist lockt\nund irnjmer von neuem täuscht; ihn über Nacht,\nNacht um Nacht, doch wieder spiel- und vergessens-\nfroh macht.\nAber heute wäre ich ihm für alles dankbar. —\nAlles hier, Kissen, Bett, Tisch, Stuhl und Decke, ak\nles lebte, blühte, kroch und schwamm einmal in Ein*\nsamkeit, Tier oder Pflanze Hat sich doch alles nun\nzu Staub und Holz beruhigt. Nur in mir, dem Herrn\nvon Luft, Staub und jedem, muß sich das Leben\nnoch ballen und angstvoll krampfen. Was lacht\nIrene so?\nNur in mir krampft das Leben, mich einsam und\nfeindselig zu machen. Wie sie lacht, oh, wie sie\nlacht! Johannes lag auf seinen Kissen ganz der\nSchwere hingegeben und diese dumpfe Gewalt ge-\nnießend. Er fühlte sich gewaltsam in den Willen\nder Schwere hinein, in den leichten Druck zwang\ner seine Gedanken, den sein Körper, sein Rücken\nund seine Glieder auf das Lager übten. Johannes\nbewegte sich nicht und so spürte er es bald nicht\nmehr leise ziehen und fallen. Ein Ersterben schlich\nüber Glieder und Leib; er schwebte frei.\nIn seiner bangen Schwüle war er wieder allein.\nDie Elemente hatten ihn ausgestoßen.\n\nFortsetzung folgt!\n\nMarie\nGünther Mürr\nIn bunten Scherzen nebelnde Traurigkeit,\nSpielen mit Worten, wie mit gläsernen Scherben.\nSehnsucht nach hübschen Füßen von Zeit zu Zeit.\nDer Mond ist schön, aber er steht so weit.\nLebens Verachtung und zitternde Angst vorm Sterben\ni\nNebelverwischtes, grünfleckiges Hügelziehn.\nQuälend endlose Kleinigkeits-Plätscherwellen.\nRuhige Musik von herzdurchschönten Frauenhän-\nden.\nAus gilbenden Kornfeldern Heimweh nach Cafe-\nmusik und Spiegelwänden.\nAugen, die aus sich selber in braune, weiche Haare\nfliehn\n\nDer Selbstmord eines Katers\n\nKarl Tubutsch war Ehrensteins erstes Selbst*\nPortrait. Als Lebensverächter hat er sich den Le-\nsern seines ersten Buches vorgestellt. Aber damals\nschon (es ist nur wenige Monate her) fanden sich'\nLeute, welche die seltsame Beschaffenheit dieser\nTubutsch-Maske erkannten, indem sie einfach die\nFlüche des Karl Tubutsch für Unmutsäußerungelt\nnahmen, sein Grinsen für ein bitterböses Lächeln,\nseine Verzweiflung für Enttäuschung, kurz,, indem\nsie das Negative seiner Lebensanschauung um einen\nkleinen spitzen Winkel verrückten und die verkapp-\nten wärmeren Gefühle ihrer rein verstandesmäßi-\ngen Uebertünchung entkleideten So zeigte sich\nTubutsch-Ehrensteins Antlitz als das eines Men-\nschen, der nicht so sehr Menschenfeind als ein\nFreund der Dinge und Tiere ist, der dem Leben nur\nso lange flucht, als es ihn mit bösen Zumutungen\n7 \\\nbehelligt, der sich aber indifferent davon abwenden"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.10", "texte": "wird, wenn er die Gewähr hat, keine Ueberra-\n\" * r\nschung im Guten noch im Bösen mehr zu erfahren\nzu haben.\nNun er uns Erfahrungen aller Arten zu bieten\nhat, erlebte und vorweggenommene, wird Ehren-\nstein unbändig und erfrischend, trüb und Illusionen\nraubend, grausam und ungeahnt zart zugleich. Von\nden Menschen spricht er böse, den Tieren ist er\ngut. Und wenn sein abgründiges Gemüt in einem\nVerflachungsanfall über dem puren Durchschnitts-\ntrieb, als welcher mit der Erotik zu identifizieren\nwäre, sich zur unzarten Behandlung eines Tieres\nhinreißen läßt — was Wunder, wenn der getretene\nKater sich durch Selbstmord rächt, in Zerknir-\nschung den entgleisten Menschenfeind zurücklas-\nsend ?\nAber es gab andere Zeiten, da des Lebens Ver-\nächter noch daran hing, und damals hatte es strah-\nlende Augen und hieß Marianne und wurde Unglück-\nlich-glücklich geliebt, nicht etwa mit Leidenschaft,\nsondern mit „Passion 4. . Hier meldet sich wieder\ndie entzückende Schamhaftigkeit dieses Dichters,\nder, nun einmal warm geworden, der Realität aus-\nweicht und einfach in Märchen (aber was für\nMärchen voll fabelhafter Sinnlichkeit, Bildkraft und\nBuntheit!) seiner Seele glühendes Ihneife zum\nSchmelzen bringt. Wer ahnt, daß die Novelle ~Apat-\nurien44 eine aus Zartheit, Verschmitzheit und einem\nunendlich vor- und rückwärts-schweifenden Welt»\ngefühl geformte Liebesepisode enthält, wer wird\nnicht ergriffen das lange bunte Sterben des Zehired-\ndin Muhammed Baber miterleben, oder den zau-\nberhaften Untergang Saccumams schauernd sich\nvollziehen zu sehn! Und wenn der Dichter schließlich\nals Abgesandter eines fernen Sternenvolkes sich zu\nerkennen gibt und über die irdischen Einrichtungen\nzu Gerichte geht, ist man kaum verwunderter als\nman es bei jener wundervollen Novelle „Begräbnis\nwar, die von höchst irdischen Dingen handelt, von\nGesprächen im Familienkreise, von den beizenden\nZwistigkeiten unter Verwandten, von ihrer falschen\nLiebe und von ihrer nicht minder unechten Teilnah-\nme an einer Tante Tod.\nAber diese Novelle enthält außerdem die merk-\nwürdigsten Beobachtungen über das Leben, An-\nmerkungen zum Thema Tod, kurz, hier ist auf drei\nDutzend Seiten ein Ehrensteinsches Universum\ndargestellt — und das will nicht wenig besagen;\ndenn diesem einsamen jungen deutschen Dichter\nhat die Welt sich vertausendfacht, da er sie mit\nHaß und Liebe, Spott und Gleichgültigkeit, aber\nauch mit Humor zu betrachten wußte.\nDer Selbstmord eines Katers von Albert Ehr enstein\nMünchen und Leipzig, bei Georg Müller\n\nOtto Pick\n\nWieder Herr Scheffler\nRaoul Hausmann\nHerr Scheffler beginnt seinen Artikel in „Kunst\nund Künstler\" ungefähr mit diesen Worten: ~Die\nAusstellung ist nicht eine der besten, aber sie ist\ncharakteristisch44. Weniger gut und charakteristisch\nist die Ausstellung für Herrn Scheffler, weil sie von\nso vielen jungen Talenten beschickt ist. Wer sind\naber diese jungen Meister ? Zuerst Waldemar\nRoesler, „er hat auf seinen Bildern keine leere SteL\nle mehr44. Das soll wirklich sehr schwer sein. Dann\nist da T h e o von Brokhusen, „von dem man\nweiß, daß er eine schwere Krankheit überstanden\nhat. Das macht natürlich jedes Bild gut: die „Kros\nne44 aber ist Herr Max Beckmann ~Dieser kühne\njunge Meister\" kommt von Delacroix und Rubens\n— das sind natürlich große Meister, die man nicht\neinmal im Wert des Epigonen verlästern darf. Da-\ngegen muß selbstverständlich Max Pechstein von\neiner „Idee befangen erscheinen\".\nDoch das ist nicht alles; Herr Scheffler (und\neinige Seiten weiter Herr Robert Walser)\nspricht tiefgefühlte Worte über ein Bild von van\nGogh: Arlesienne. Von den auf dieser Ausstellung\naußerdem noch gezeigten drei Bildern aus der frü-\nheren Zeit van Goghs erzählt Herr Scheffler zwar\nnichts, sie hängen offenbar dort, um glauben zu\nmachen, van Gogh wäre auch nur ein Seccessionsta-\nlent gewesen — aber die Begeisterung über diese\nschwächere Wiederholung der ursprünglichen\nArlesienne zeigt eigentlich zur Genüge, welch famo-\nses Unterscheidungsvermögen Herr Scheffler be-\nsitzt, ein Herr, der Picasso innerlich verlogen nennt\nund von den Futuristen schreibt, bei ihnen staune\nman nur über die ungeheure Talentlosigkeit. Es ist\naber höchste Zeit, daß Herr Scheffler sein Amt als\nRedakteur von „Kunst und Künstler44 niederlegt\n\nNotiz\nH. w.\nKarl Kraus zwingen ,»Zudringlichkeit von\nverständnissen, die sich um das Eindringen der\nFackel in Berliner literarische Interessen gebildet\nhaben44 Erklärungen abzugeben Karl Kraus ist ein\nGegner des Sturms,, ich bin ein Anhänger der Fackel.\nIch halte die Fackel sogar für einwandsfrei, seitdem\nKarl Kraus ihr einziger Mitarbeiter ist. Wenn man\nsich den größten Schriftsteller der deutschen Spra-\nche, den einzigen, der auch Künstler ist, zum Mit-\narbeiter gewinnen kann, ist nichts zu verlieren. Ulm\nMißverständnissen von Mißverstandenem vorzubeus\ngen, muß ich erklären: Ich habe mich nie mit Fu-\nturisten, Neopathetikern und Neoklassikern identi-\nfiziert. Hingegen brachte ich Beiträge von Malern\nund Schriftstellern,, die es für nötig hielten, sich zu\nGruppen zu vereinigen. Ich bin doch gewiß gegen\nIsmen. Aber Neoklassikern habe ich noch nie zur\nOeffentlichkeit verholfen. Ich bin aber sogar auch\ngegen Iker. Ich habe auch nie behauptet, daß Moe-\nrike, Eichendorff und Lenau weniger taugen, als\nLissauer Werfel und Heym. Denn alle diese Her-\nren sind keine Künstler. Ich halte Polemik, die\nKunst ist, für eine Angelegenheit des Aestheten.\nNur Karl Kraus bildet die Ausnahme. Ich halte\nElse Lasker=Schüler nicht nur für eine große Dich-\nterin, sondern für die stärkste künstlerische Bega=\nbung Deutschlands. Ich halte ihre Epigonen für\nebenso talentlos wie Epigonen aller Zeiten. Mir ist\nes gegeben, die Kunst dort zu sehen, wo selbst Karl\nKraus das Opfer wird. Der größte Schriftsteller\nin deutscherSprache ist vielleicht durch diese Eigen\"\nschaft verhindert, den Künstler in der Malerei so\nzu erleben, wie ich es kann. Üeber meine Musik\nhaben wir jedenfalls dieselbe Meinung. Obgleich\nich auch der Meinung bin, daß die Meinung in der\nKunst nicht genügt. Es kommt darauf an, wer die\nMeinung hat. Ich stelle auch gern fest, daß Karl\nKraus niemals gewünscht hat,, ich möge für ihn\neintreten oder für ihn etwas tun. Ich richte mich\ndurchaus nicht nach Wünschen. Aber auch gegen\nWünsche werde ich mich nicht hindern lassen, mei-\nne Meinung zu sagen, die Kunst ist.\n\nDie indische Tänzerin\nRosha Nora\nPaul Hiller\nGanz schmale Hände laufen durch wohlriechende\nLuft.\nZarte Arme, mondsteinberingt, greifen in weitflat-\nterde Seide.\nNackte Füße springen über blumige Teppiche und\nGoldschalen.\nIhr drehender Leib ist durch blaue Schleier gezeich-\nnet\nIn den Augen ruhen Lichter mächtiger Dschungel-\ntiger. . . >\nIch will sie meinen Freunden zeigen.\nMeine Lust zur Tänzerin gibt ihr die Kraft:\nIch will sie meinen Freunden zeigen!\nAug Anlas« ihre# Auftretens im Variete Eispalast\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nTHADDÄUS RITTNER\nIch kenne Sie / Novellen\nWien und Leipzig / Deutsch-Oesterreichischer\nVerlag\nALDO PALAZZESCHI\nII Codice di Perelä\nRomanzo Futurista\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nALBERT EHRENSTEIN\nDer Selbstmord eines Katers / Novellen\nMünchen / Verlag Georg Müller\nF. T. MARINETTI\nDistruzione / Poema\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nLa Momie sanglante\nPoeme dramatique\nEditions du „Verde e Azzuro\" / Milan\nD'Annunzio intime\n4e edition\nEditions du „Verde e Azzuro\" / Milan\nLe Roi Bombance\nTragedie satirique, 3e edition\nEdition du „Mercure de France\" / Paris\nLa Viille Charnelle\n4e edition\nE. Sansot et Cie. / editeurs / Pariss\nCARL DALLAGO\nPhilister\nBrenner-Verlag / Innsbruck,\nKARL KRAUS\nNestroy und die Nachwelt\nzum fünfzigsten Todestag\nVerla«? Jahoda und Siegel/Wien\n\nNotiz\nDie Holzschnitte auf der fünften Seite jeder\nNummer sind von Mitgliedern der Neuen Sezession.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nKonigin-Augusta-Strasse 5 I\ngogenuber der vou-der-Meydt-Strasse\nZuiickgestellte Bilder\ndes Sonderbundes/Koln\nKandinsky / Marc / Jawfensky / Wef£fk!n / Bloch /\nMunter\nGeoffnet tagiich von 10 bis 6 Uhr\nEme Mark"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.11", "texte": "KUNSTLERISCHE RAUME\nA rtfMlW—■■\n►k\n«r\n'\nJ • • ■ .j •\nS»\nHUGO\nkpaw\n1912\nALBERT KOBLINSKX!\nBERUNBRUCKENALLEE6\n* 1 /.'J. vs' .',«. V '\n\nA\nI\nCa fe -Res tau r ant\nOdeoiv\nBar\nC kail ottenb u r _\nBism ardcste-EcteNeue (j roimartfftr\n\nLes\n5 rue Chaptal / Paris\nDiese literarische Zeit-\nschrift veroffentlichtedas\nfranzosische Original der\nTageblicher Flau-\nbert s, der en U eber-\ntragung in Deutschiand\nverboten wurde.\n\nfriiher: L'Effort\nMonatsschrift\n:: Herausgefoer: ::\nJean Richard Bloch\nPoitiers (Vienne)\n\nflalbmonatsschrift\nKiinste, Kultur, Philosophic\nPolitik\n: Jahresbezug: 15 Francs\nParis I 31 rue Jacob\n\nliefert und verleiht\nmisiu th G- m-b- H-\nBerlin 26, - Mpl. 4612\nOranienstrasse 6\n\nCoffe'mfretet\nunfd)di>ltd) filr\nuni> 9Zert)bfe\nSS\n\n-V.<v f', ~?>\n»'.\"' V L:' '' ''\nWichtig fiir die\nHerren Chefs!!\nStenotypistinnen, nach dem\n-3>\nTast-System\"\nausgebildet, leisten\n30-50 Prozent mehr\nals die nach der alten Methode\nausgebildeten Typistinnen :::\nInteressenten erhalten weitere Informationen von\nSmith Premier Typewriter Co.\nBerlin W 8, Friedrichstrasse 62\nTel.: Zentrum 11734/11736\n\nLes Editions de la Nouvellß RevUB fraagaise ont publie:\nEmile Verhaeren: Helene d 6 Sparte / drame en 4 actes\nPaul Claudel: L'Otage / drame en 3 actes\nL'Annonce faite a Marie / mystere en 4 actes\nAndrg Gide; Isabelle / recit\nCh.-L. Philippe: La Mere et I'Enfant\nLettres de jeunesse\nChaque volume 3,50 francs —\nn\n31 / rue Jacob / Paris"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120629-01.1.12", "texte": "Bruno Sellin, Berlin 8. 14.\n\n00\nAu»stellungen, Salons\nKunsthandlungen etc.\noo\n\nCASPERs Kunsl-Salon\nPotsdamer Strasse 19 Eintritt 50 Pf\nKollektion Gemalde von d'Espagnat\nund Schwarz-Weiss-Ausstellung von\nCorinth Klimt Raffaelli\nForain Leistikow Paetschke\nliance Liebermann Skarbina\nHelieu Menzel Slevogt\n\nIS3BCB\nGRAPHISCHES KABINETT\nBuch- und Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\nBERLIN W 15, Kurfurstendamm 33 ::\nStandlge Ausstellung\nmoderner Graphik\n; EIN TRI T T FREI:\nIm Eckhause. gegeniib. d. Se-\nzession Eingang Grolmaiinstr.\nIllustriert. Katalog u. Prospekte\n: : : : gratfis. : : : :\nAnkauf guter Graphik\nund illustrierter Biicher\n\nI\nAtelier Hanni Schwarz\nInhaberinnen: Marie Luise Schmidt Hanni Schwarz\nBerlin W 30, liohenstaufenstrasse 44 111\nFemsprech-Anschluss: Amt Liitzow 911H :: Fahrstuhl\nOeoffoet: Wochentags von 9-6, Sonntags von 10-1 Uhr\nPhotographische Arbeiten jeder Art in\nkunstlerischer Ausfiihrung =\nAufnahmen in natQrlichen Farben\nSpezialitat: Kinderaufnahmen und Aufnahmen\nim eigenen Heim :: Kurse fiir Armateure\n\nFRITZ\nBERLIN W 35\nGentinsr Strasse 42\nGegrundet im Jahre 1873. Fernsprecher Amt Liitzv 3752\nFabrik fiir Gemalderahmen\nIn alien historischen und neueren Stiiarten\nKopien v. Rahmen nach alten Meistern in Origiaal-Goldtonungen\nVnwnnlHo»»Hrownii Moderne und andere Vergoldungen an\nfUrgUlllcrWdrcil Mobe 1 n, Innen- Architekturen usw.\n== Kunst-Einrahmungen =\nReparaturen u. 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Mark Brandenburcr\nLouis Stangen/Linkstrasse 12 Telefon: Kurfurst 2425\n\nSpedition\nGepackfahrt\nRollfuhrwerk\nMobeltransport\nVerpackung\nLagerung\nVerzollung\nYersiGliernng\nLombard\nLux\nHalensee\nI!\nft\ness®.®\nRingbahnstr. 123 a : Femspr.i Uhland 595\nSpediteur des Vereins tftir Kunst zu Berlin\n\nZeitschrift Ber Sturm\nStandige Ausstellung\nKonigin-Augusta-Str. 51\nder von-der-Heydt-\nStrasse zwisch. Hohenzollern-\nu. Friedrich-Wilhelm Strasse\nTaglich. auch Sonntags, ge-\n: : offnet : :\nEintritt 1 M./Jahreskarte 6 M\nZurzeit:\nZurQckgestellie\n38 Bilder n\ndes Sonderbundes / KBln\n\nBildung d. Sprachorgane\nn.d.Meth.Prof.Ed.\nempfohlen von er-\nsten arztfichen u.\n: kiinstlerischen :\n: Kapazitaten :\nWissenschaftler, Schriftsteller,\n:: Recitatoren. ::\nErziehuag zu hyg. u. phonet. rich-\ntigem Spreohen z weeks Veredlung,\nKraftigung u. Erhaltung d. Stimme.\nHeilung v. Spraehitorungen a. r.\n:: Stimmleidfii jeder Art. ::\nn. Engel diplom.\nGil a a Stimmbildner\nH&RSS Berlin W5O\n* lIIIWIMJ Ansbacherstr. 31\nhpt.\nUrteile, Prospekt kostenfrei.\n\nNew Secession\n:: BERLIN ::\nEingetragener Yerein\n■ mam m\nPassive Mitglieder\nder\n: Neuen Secession:\nerhalten jahrlich\n1 mehrere graphische\nArbeiten\n2 die Zeitschrift Der\nSturm frei zugestellt\n3 freien Eintritt zu den\nVeranstaltungen der\nN. S.\nMitgliedsbeitrag halbjahrl. 15 M.\nQeschaftsstelle\nder Neuen Secession\nSteglitz\nMiquelstr. 7a Fernruf 5tg1.2699\n\nHERAUSQEBER\nKarl Kraus\nErscheint in zwangl. Folge\nNummer 349/350\nsoeben erschienen\nPreis 50 Pfennig\nOBERALL ERHALTLICH\nauch auf den Bahnhofen\nWerb'eband der Fackel\n50 Pfennig\nVerlag tDie Fackel / Wien 111 2"}]}