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Das Amtsge-\nricht Berlin-Mitte billigte, so unglaublich es klin-\ngen mag, dem Schimpfer den Schutz des Paragra--\nphen 193 zu. Man kann nach Ansicht dieses Rich-\nters in Wahrnehmung berechtigter Interessen gegen\njeden. Menschen öffentlich beschimpfende .Woijte\ngebrauchen, wenn man nämlich materielle\nInteressen zu verteidigen hat. Die Ausführung die-\nser Motivierung ist meisterhaft. Neben dem Straf-\nprozeß war gleichzeitig zivilrechtlich ein Schaden-\nersatzanspruch wegen unbefugten Nachdrucks des\nGedichtes Abel geltend gemacht worden. Herr\nDr. Neimann, der Rechtsanwalt der Klägerin, hatte\nwie üblich die Zeitung vor Anstrengung des .'Pro-\nzesses zur Zahlung aufgefordert. Die Wahrheit\ndruckte den Brief des, Anwalts ab und bemerkte\nneben einigen Schimpfereien, daß; das Gericht schon\nsein Urteil über diese Lyrik abgeben würde.\nDieses Aufforderungsschreiben !des Anwalts gab\ndem Amtsgericht Berlin-Mitte die Möglichkeit, dem\nbeklagten Redakteur die Wahrung berechtigter In-\nteressen zuzusprechen. Die Klägerin verlangte\nvon ihm Geld, sagte das Amtsgricht, der Redakteur\nmußte sich also wehren, und besaß infolgedessen\nein berechtigtes Interesse, die Klägerin zu be-\nschimpfen. Das Amtsgericht Berlin-Mitte sah na-\ntürlich in den Schimpfworten keine Schimpfwrorte,\nsondern hielt sie nur für eine Art, „Auswüchse der\nlyrischen Poesie in derb-ironischer Weise zu gei-\nßeln, um sie in Zukunft zu verhindern\". Das\nAmtsgericht meinte es sicher sehr gut mit der Ly-\nrik, aber das Landgericht I war bereits anderer\nAnsicht über die Geißelung in derb-ironischer Wei-\nse. Der Vorsitzende Landgerichtsdirektor erklärte\nnämlich dem angeklagten Redakteur, daß er ihm\nsehr dringend zu einem Vergleich rate. Bei der\nSchwere der Beleidigung wäre ihm nach Ansicht\nder Kammer eine Gefängnisstrafe von\nvier Wochen ziemlich sicher. Woraus\nman sehen kann, daß nicht nur über Lyrik ver-\nschiedene Ansichten in der Welt herrschen. Die\ntapfere Wahrheit verglich sich also schleunigst,\nnahm alle Beleidigungen und Beschimpfungen mit\ndem Ausdruck lebhaften Bedauerns zurück und trug\nsämtliche Kosten beider Instanzen. Hintertier\nschrieb sie allerdings, daß ihr der Vergleich vom\nGericht „erpreßt\" worden sei. Ich habe darnach\nbeschlossen, keinen Redakteur der Wahrheit mehr\nvor einer Gefängnisstrafe zu bewahren.\nHierauf wurde vor dem Königlichen Amtsge-\nricht Berlin-Mitte der Zivilprozeß auf Schadener-\nsatz Wegen unbefugten Nachdrucks anhängig ge-\nmacht. Herr Amtsrichter Braun wies die Klage\nkostenpflichtig ab. Er interessierte sich offenbar\nfür den Prozeß mehr literarisch als juristisch. Denn\nseine Entscheidungsgründe lauten:\nDer Klägerin, ist darin zuzustimmen, daß der\nBeklagte ohne ihre Genehmigung nicht be-\nrechtigt war, das Gedicht abzudrucken und\nzu verbreiten, da ein Fall zulässiger Wieder-\ngäbe im Sinne der Paragraphen 16 ff des\nReichsgesetzes betreffend das Urheberrecht\nan Werken der Literatur und der Tonkunst\nvom 19. Juli 1901 nicht vorliegt. Trotzdem\nwar die Klage abzuweisen, da dem Ge-\ndicht literarischer Wert nicht\nbeigemessen, also nicht aner-\nkannt werden kann, !daß der Klä-\ngerin durch den Nachdruck ein\nSchaden entstanden ist. Die Kosten\ndes Rechtsstreits hat die Klägerin nach »Pa-\nragraph 91 Zivilprozeßordnung zu tragen.\nDa dem Gedicht literarischer Wert nicht bei-\ngemessen werden kann. So hat der Amtsrichter\nBraun für Recht erkannt. Zwar steht in dem Ge-\nsetz „betreffend das Urheberrecht'4 nichts davon,\ndaß das Gericht den literarischen Wert eines Ge-\ndichts beimessen oder anerkennen soll.' Aber Herr\nAmtsrichter Braun ist nun einmal gegen gute Li-\nteratur und kann deshalb im Nachfdruck keinen\nSchaden sehen.\nJedenfalls ist diese Art literarische Kritik auf\ndem Instanzweg zu üben ebenso einfach wie neu.\nEs wurde 'Berufung beim Landgericht Berlin I ein-\ngelegt und darauf hingewiesen, daß nicht die 1 i t e-\nr a r i s c h e, sondern die j u r i s ti s c h e Seite die-\nser Angelegenheit zu prüfen sei. Die einundzwan-\nzigste Zivilkammer stimmte dieser Ansicht bei und\nes wurde für Recht erkannt:\nDas am 6. November 1911 verkündete Urteil\ndes Königlichen Amtsgerichts Abteilung 8a\nwird abgeändert:\nDer Klag eanspruch ist dem Grun-\nde nach gerechtfertigt.\nZur Verhandlung und Entscheidung über den\nBetrag des Anspruchs und die Kosten des\nRechtsstreits einschließlich der Kosten der\nBerufungsinstanz wird die iacne an das Ge-\nricht erster Instanz zurückgewiesen.\nDie Entscheidungsgründe seien ihrer Wichtigkeit\nwegen hier wiedergegeben:\nDer erste Richter ist mit Recht davon ausge-\ngangen, daß das streitige Gedicht Abel ein\nSchriftwerk im Sinne des Paragraphen 1 des\nGesetzes vom 19. Juni 1901 sei, daß die Wie-\ndergabe durch den; Beklagten nicht be-\nrechtigt war, ohne Genehmigung der Kläge-\nrin das Gedicht abzudrucken und zu verlbrei-\nten. Demgegenüber ist die Behauptung des\nBeklagten, daß das Gedicht literarisch wert-\nlos sei unerheblich. Denn für die Frage, ob\nein Schriftwerk im Sinne des Gesetzes vor-\nliegt, kommt es auf den literarischen Wert\noder Minderwert der Arbeit nicht an. Es ge-\nnügt, daß ein Erzeugnis individueller geistiger\nTätigkeit gegeben ist. Das ist bei dem Ge-\ndicht „Abel\" zweifellos der Fall, und das\nmußte auch dem Beklagten klar sein.\nIm Uebrigen kann jedoch nach dem Ergebnis\nder Beweisaufnahme dem ersten Richter nicht\nwerden. Die Klägerin ist mit\nRecht der Ansicht, daß es für ihren Scha-\ndenersatzanspruch auf den li-\nterarischen Wert nicht ankom-\nme, sondern nur darauf, ob sie ihr Urheber-\nrecht hätte verwerten können. Diese beiden\nFragen fallen nicht — wie der erste Richter\nannimmt — zusammen.\nEin allgemein gültiges\nmigesUrteilüberWrerke derzeit-\ngenössischen Autoren wird sich\nnur in Ausnahmefällen feststel-\nle n lass e n. So erklärt auch der Sachver-\nständige, der seinerseits von dem Gedicht\nkeinen tieferen Eindruck empfangen hat, er\nleugne nicht, daß dies bei andern anders sein\nkönne; man könme über den literarischen\nWert des Gedichts verschiedener Meinung\nsein. Gerade dieser Tatsache pflegt auch' die\nTagespresse Rechnung zu tragen und der\nSachverständige erklärt deshalb überzeugend:\n„Da aber die Zeitungen, auf verschiedene Ge-\nschmacksrichtungen der Leser Rücksicht zu\nnehmen gewöhnt sind, kann ei n e Ge-\nschmacksrichtung wohl nicht gut für den\nliterarischen Wert bestimmend sein\". Der\nSachverständige erklärt dehalb überzeugend*\ntrotzdem das Gedicht bereits erschienen war,\nandere Zeitschriften und Zeitungen das Ge-\ndicht auch noch gegen Honorar übernommen\nhaben würden. Diese Möglichkeit muß nach\nder oben festgestellten Gewohnheit der Zei-\ntungen und bei Berücksichtigung des Briefes\ndes Redakteurs ... vom 12. Dezember 1911,\ngegen den der Beklagte nur mit einer haltlosen\nUnterstellung ankämpft, als eine so nahelie-\ngende und so sehr an Wahrscheinlichkeit\ngrenzende angesehen werden, daß danach der\nSchadenersatzanspruch dem Grunde nach\ngerechtfertigt erscheint. Das Gericht ist\nüberzeugt, daß die Klägerin in der Lage ge-\nwesen wäre, das Gedicht in, einer hiesigen\nZeitung erscheinen zu lassen, und daß sie da-\nfür von der Zeitung ein Honorar erhalten\nhätte. Der Beklagte hätte ebenfalls das Ge-\ndicht von der Klägerin nur gegen Zahlung\neines Honorars zum Abdruck erhalten. Durch\nden unbefugten Abdruck, mit dem der Be-\nklagte unbedenklich sich mindestens einer.\nFahrlässigkeit schuldig gemacht hat, ist somit\n* !•\ndie Klägerin geschädigt in Höhe des Hono-\nrars,, das der Beklagte ihr bei ordnungsmäßi-\ngem Erwerbe hätte zahlen müssen, Den an-\ngemessenen Betrag dieses Honorars schätzt\nder Sachverständige einwandfrei auf 10 Mark?\nDas Sachverständigengutachten ergibt end-\nlich auch, daß der von der Klägerin eventuell\ngeltend gemachte Bereicherungsanspruch\ndem Grunde nach gerechtfertigt wäre.\nDas Berufungsgericht wäre hiernach sachlich\nin der Lage gewesen, über den Schadener-\nsaizansprfuch der Klägeriry auch dem Be-\ntrag nach zu erkennen. Es sieht sich jedoch\nrechtlich hieran durch die Vorschrift des Pa-\nragraphen 538 Ziffer 3 Zivilprozeßordnung\ngehindert, da der Anspruch nach Grund und\nBetrag streitig, und die Klage in erster In-\nstanz abgewiesen ist. Deshalb war unter Ab-\nänderung des ersten Urteils lediglich d.er\nKlageanspruch, dem Grunde nach für ge-\nrechtfertigt zu erklären, Die Entscheidung\nüber den Betrag des Anspruchs und die Kosten\ndes Rechtsstreits, einschließlich derjenigen\nder Berufungsinstanz, hat das Amtsgericht\nzu treffen, an das zu diesem Zweck die Sa-\nche zurückzuweisen war. Bei der Kosteri-\nentscheidung wird das Amtsgericht die Frage\nzu prüfen haben, ob nicht mit Rücksicht dar-\nauf, daß der Betrag des Anspruchs von der\nErmittlung durch Sachverständige oder Fest-\nsetzung durch richterliches Ermessen abhän-\ngig ist, von der Vorschrift des Paragraphen\n92 Absatz 2 Zivilprozeßordnung Gebrauch zu\nmachen sein wird.\nHerr Amtsrichter Braun sollte also nun dem\nBetrage nach entscheiden. Aber Herr Amtsrichter\nBraun — wies die ganze Klage wieder kosten-\npflichtig ab. Er fühlt sich nicht an die zweitin-\nstanzliche Entscheidung gebunden, er hat „viel-\nmehr bei der Beurteilung der Frage, ob und in\nwelcher Höhe ein Schaden entstanden ist, freie\nHand\". Die Beweisaufnahme hat ihn nicht die\nUeberzeugung gewinnen lassen, daß die Klägerin\ndurch das Verhalten des Beklagten geschädigt"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2702, "texte": "worden sei\". Der Sachverständige hat sich zwar\nfür das Landgericht, aber nicht für ihn bestimmt\ngenug ausgedrückt;\nDa die Klägerin weiteren Beweis für die Hö-\nhe ihres Schadens nicht angetreten hat, war\nanzunehmen, daß ein solcher nicht entstanden\nist. Steht aber fest, daß die Klägerin\ndurch den Beklagten nicht geschädigt worden\nist, so ist nicht ersichtlich, inwiefern dieser\ndurch den Abdruck dieses wert-\nlosen Gedeichtes bereichert worden\nsein sollte. Die Klage war demnach abzuwei-\nsen. Die Kosten des Rechtsstreits hat die 'Klä-\ngerin nach Paragraph 91 Zivilprozeßordnung\nzu tragen.\nEbenso kurz wie literarisch. Herr Amtsrichter\nBraun erkennt das Gedicht und den Schadenersatz-\nanspruch nun einmal nicht an. Und die Klägerin\nihn nicht. Der Prozeß ging deshalb wieder an die\nBerufungsinstanz. Er dauerte zwar nun schon an-\nderthalb Jahre, aber vier Prozent Zinsen, seit Kla-\ngezustellung auf zehn Mark ist auch eine ganz\nV*\nhübsche Sache. Vielleicht weiß es Herr Amtsrich-\nter Braun noch nicht einmal. Aber die einund-\nzwanzigste Zivilkammer des Königlichen Landge-\nrichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors\nWestermann erkannte endgültig für Recht:\nDas Urteil des Königlichen Amtsgerichts\nBerlin-Mitte Abteilung 8a vom 29. April 1912\nwird aufgehoben und der Beklag-\nte verurteilt an 'die Klägerin\nzehn Mark nebst vier Prozent\nZinsen seit Klagezustellung z u\nzu zahlen und die gesammten\nKosten des Rechtsstreits zu\ntragen.\nIn den Entscheidungsgründen wird festgestellt,\ndaß das erkennende Gericht den Klageanspruch\ndem Gründe nach für gerechtfertigt erklärt hat.\nDem Betrage nach fällt es die Entscheidung auf\nGrund des Sachverständigengutachtens. Paragraph\n92 Absatz 2 Zivilprozeßordnung. Es führt weiter\naus, daß der Beklagte für die Gestattung des Ab-\ndrucks das angemessene Honorar hätte bezahlen\nmüssen, und daß daher durch den unbefugten Ab-\ndruck der Klägerin ein Schaden entstanden sei.\nIch habe erreicht, was ich erreichen wollte. Die\nWahrheit hat sich seit Beginn des Prozesses sehr\ngehütet, Dichtungen aus dem Sturm abzudrucken\nund in derb-ironischer Weise zu geißeln. Ich war-\nne die Herren/ in der Provinz nochmals, Gedichte\naus dem Sturm abzudrucken und sich dabei Humor\neinzureden. Auch rate ich ihnen, die sogenannten\nFeuilletonkorrespondenzen erst zu lesen, bevor sie\nsie veröffentlichen. Auf Grund dieses obsiegenden\nUrteils könnte ich jetzt mit ziemlicher Sicherheit\nauf Erfolg sechhundert Zeitungen auf Schadener-,\nsatz verklagen. Das würde der Verfasserin immer-\nhin sechstausend Mtrk einbringen. Und vier\nProzent Zinsen vom Tage der Klagezustellung.\nAuf diese Weise können auch gute Autoren\nwenigstens zu einem angemessenen Honorar\nkommen. Im Namen des Königs.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c004", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "115", "page_fin": "116", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.4", "titre_corps": "Menschen von Gottes Gnaden : Aus den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant Miéville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.", "titre_sommaire": "Menschen von Gottes Gnaden : Aus den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant Miéville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.", "signature_source": "Karl Borromäus Heinrich ; Paul Mieville, Prater Bonaventura S. 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Die Frangart und\nChoiseul sind seit langen Zeiten verwandt. Die\nChoiseul und Riom sind seit noch längeren Zeiten\nverwandt. Und so bleibt alles, in der Verwandt-\nschaft, hauptsächlich aber bei den Choiseul, die der\nverwaisten Komtesse Riom hundertachtzigtausend\nFranken für die ganzen Liegenschaften Riom be-\nzahlt haben; nun, schließlich ist es ja auch ganz gut'\nwenn der Alte auf Choiseul sein Stammgut auf bil-\nlige Weise vergrößert. Die Frage bleibt nur, für\nwen ; denn eines Tages muß das ja doch wieder an.\ndie Komtesse zurückfallen; denn, daß es an die\nBourbonen übergehe, wird der alte Einsiedler kaum\nverfügen, obwohl ja die Choiseul, und die Frangart\nund die Riom, mit ihnen seit längsten Zeiten ver-\nwandt sind. Das hat der Adel so an sich, die weiten\nVerwandtschaften. Wenn zum Beispiel, ich sage nur\nzum Beispiel (nur und „zum Beispiel\" macht\nsich hier sehr gut!), wenn also der damalige Herr\nvon Choiseul nicht mit seiner Tochter vor dei]\nGier des Königs Frangois 11. nach Mailand hätte\nflüchten müssen, hätte diese den Edlen von Fran-\ngart nicht dort kennen gelernt. Und wenn, wiede-\nrum nur zum Beispiel . . . Nein, es ist genug mit\ndem einen.\nDenn wenn nur dieses eine zur Tatsache ge-\nworden wäre, so hätte ich zwar sehr wohl mit dem\nBaron Frangart aus Südtirol bekannt werden kön-\nnen, obwohl ich aus dem französischen Departe-\nment Puy-de-Döme stamme: weil ja das Jesuiten-\nkollegium in Chamfort ganz unabhängig von allen\ndiesen Verwandtschaften existiert. Nun ja, aller-\ndings, wenn der alte Baron Frangart nicht mit\nfranzösischen Familien verwandt wäre, hätte er,\nin betreff der Erziehung seines Sohnes, vielleicht\ngar nie an ein französisches JesuitenkoUegium ge-\ndacht. Das stimmt. Aber wenn die Güte Gottes\nwollte, daß ich und der junge Baron Frangart\nFreunde werden und uns so'lieb gewinnen, -- ach,\nwie lieb hab ich den jungen Frangart! — dann Mat-\nte er ja seinen Vater ganz zufällig auf die Idee\nführen können, seinen Sohn in ein französisches Je-\nsuitenkollegium zu geben, noch einm.il, nur zun,\nBeispiel, nach Chamfort. Er wäre dann mein\nFreund geworden, ohne der Gemahl der Komtesse\n... Oh großer Gott, wie schrecklich ist das alles!\nIch werde verrückt.!\nEine andere Möglichkeit, eine leichtere Mög-\nlichkeit, und für die Güte Gottes so leicht wie\nnur irgend etwas: Der alte Choiseul ist zwar mein\nVormund; aber ich habe ja kaum dreißig Worte\nmit ihm gewechselt. Und das war vor zehn Jahren,\nals er mir auseinander setzte, daß ich das uneheliche\nKind der wohlhabenden Witwe Mieville und etines\nunbekannten Vaters sei; daß ich von mütterlicher\nSeite soundsoviel Vermögen besäße; und daß er\nes sorgsam verwalten werde, wie seine eigene\nSache, und noch sorgsamer . . . Das hat er ja\nauch getan, wenigstens ist es immer mehr gewor-\nden. Aber er hat wirklich kaum mehr als dreißig\nWorte mit mir gewechselt. Richtig — pardon, Al-\nter! — er hat mich in ein gutes Regiment hinein-\nprotegiert; freilich, ohne lang zu reden.\nWenn also der alte Choiseul, als ihm Baron\nFrangart sagte, daß er mich zum Trauzeugen bitten\nwolle, nur etwa obenhin gesagt hätte: „ach nein,\nich möchte lieber den und den . . dann hätte\nwenigstens ich die Komtesse Riom niemals kennen\ngelernt. Aber hat nicht der Alte geschrieben: „Ich\nhätte sie, verehrtester Herr Mieville, auch ohne\nden besonderen Wunsch des Baron Frangart ein-\ngeladen\".lch setze hinzu: wenn er auch das\nnicht gewollt und nicht geschrieben hätte! Eine\nKleinigkeit, lauter Kleingkeiten für die Güte Gottes.\nUnid so hätte ch die »Komtesse nie gesehen. Nie.\nVor einem Vierteljahr ist sie aus dem Kloster ge-\nkommen, jetzt heiratet sie.\nHat geheiratet.\nKomtesse Riom hat geheiratet.\nKomtesse Riom ist schon verheiratet, verhei-\nratet an Baron Frangart, meinen Freund Baron\nFrangart.\nVor sechs Tagen habe ich Komtesse Riom,\npardon, Madame la baronne Frangart, zum ersten\nMal gesehen. Und meine ersten Worte waren:\n„Komtesse, ich beglückwünsche meinen Freund\nFrangart, daß er eine Französin heiratet. Daß er\naber das Glück hat, Sie heimführen zu dürfen, Kom-\ntesse, dazu wünsche ich ihm nicht Glück; denn ich\nbeneide ihn zu sehr darum'4.\nDas war eine höfliche Phrase oder eine phra-\nsenhafte Höflichkeit.\nJetzt ist es Ernst.\nPfui, man soll keinen Freund beneiden!\nAber ich liebe die Komtesse so sehr. Ich liebe\nihre kleine schlanke Figur, ihr blasses Gesicht, ih-\nren arlesischen Mund, ihre mandelförmigen, fast\nchinesischen Augen. Ich liebe die Komtesse so sehr\n... Im Ausdruck sehe iich ihr etwas ähnlich, mein-\nte der alte Choiseul, und es ist wahr.\nIch verachte mich. Es handelt sicn um die\nFrau meines Freundes.\nSchäme dich, Mieville!\nAch Gott, ja. Aber ich glaube, die Komtesse\nRiom liebt mich.\nUnsinn, Frangart, reg dich nicht auf! Ich spre-\nche von der Komtesse Riom, nicht von der Baro-\nnin Frangart. Die liebt mich natürlich nicht. Und\nauch als Komtesse Riom war sie zu gut erzogen,\num wegen eines sechstägigen neuen Gefühls einen\nälteren Entschluß umzuwerfen.\nBaron Frangart ist schön. Ein beweglicher\nMensch. So süfdlich sieht er aus. Und wie er\nunser Französisch spricht! Man muß ihn lieb ha-\nben. Sie wird ihn lieib gewinnen.\nAber ich weiß, sie hat mich geliebt. Sie pflegte\nihre schmale weiße Hand, wenn ihr etwas gefiel,\nauf meinen Arm zu legen. Unabsichtlich, versteht\nsich.\nEine Komtesse Riom ist von zu gutem Blut, um\nAbsichten zu haben. Und vielleicht, wahrschein-\nlich, nein, selbstverständlich wußte sie gar nicht,\ndaß sie mich liebte.\nMindestens weiß die Baronin Frangart nicht,\ndaß mich die Komtesse Riom geliebt4 hat.\nSchäme dich, Mieville! Du bist ungalant!\nAber noch ein paar Tage Zeit, und die Komtes-\nse Riom hätte empfunden, mit Bewußtsein empfin-\nden müssen, daß sie -mich liebt!\nIch habe die Komtesse zu spät kennen gelernt.\nZu spät! Ich komme immer zu spät!\nHeute haben sie geheiratet.\nDiese Nacht ist ihre Hochzeitsnacht. Diese\nNacht. Heute, jetzt! Eben jetzt! ... Oh Schrei\nder Sehnsucht!\nOh Gott, hilf niiir! Hilf mir vor diesem Ge-\ndanken !\nMein Herz schlägt so schnell. Oh Gott! Hilf\nmir!\nEs soll keine Komtesse Riom mehr geben, nur\nmehr ... Oh Gott, hilf!\nVater unser, der du bist im Himmel, geheiliget\nwerde dein Name,zukomme uns dein Reich, dein"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7033, "texte": "Willfc geschehe, dein Wille geschehe! .. . .\nNicht dein, nein, nicht mein, sondern dein Wil-\nle geschehe!\nJa, ja, ich verzichte. Ich begehre die Komtesse\nRiom nicht.\nGott, ich danke dir! Ich liebe sie beide. Meine\nLiebe umarmt beide, ohne Begehrlichkeit.\nIch segne sie beide mit meiner Liebe, meinen\nFreund Frangart und die Komtesse Riom.\nEs gibt keine Komtesse Riom mehr. letzt nicht\nmehr.\nIch segne die Baronin Frangart und ihren Ge-\nmahl, meinen Freund. J, ,\nParis, 2. Mai 1884\nOb das nicht ein Frevel ist! —\nSeit einer Woche habe ich Urlaub. Und heute\nhabe ich zum siebenten Maie eine Kokotte ins\nHotel eingeladen. Jedesmal eine andere.\nKeine habe ich berührt. Jeder habe ich hundert\nFranken geschenkt und zu jeder habe ich gesagt:\n„Du mußt mit mir beten für das Wohl einer Dame!\nEine hat mich gefragt: „Ist das eine neue Per-\nversität?\" Ich habe sie gleich forgebeten.\nDie anderen haben geweint und gebetet, innig\ngebetet. Und von einer, ]der letzten, weiß ich,, daß\nsie so innig gebetet hat wie noch nie ein Mensch\n-— nach der heiligen Magdalena, welche die Füße\ndes Herrn mit ihren Haaren trocknen durfte.\nDer alte Choiseul ist wütend, weil ich soviel\nGeld gebraucht habe. „Vous etes fou, rentrez de\nsuite!\" Auf offener Karte.\nIch werde heimfahren; aber verrückt bin ich\nnicht\nClermont-Ferrand, 14. Mai 1884\nChoiseul hat mir geschrieben, daß die Baronin\nFrangart in anderen Umständen ist, und daß er\nmit den Srzten für ihr Leben fürchte. Gott erhalte\nsie! — Sie stationieren in Wien: es muß auch\nhart für Baron Frangart sein, der sich so gefreut\nhatte, mit ihr zu repräsentieren.\nWie merkwürdig! Ich liebe sein Kind wie\nmein eigenes, noch bevor es geboren 'ist.\nOh, ich habe es ja frühzeitig gesegnet, das\nKind und auch seine Elternj. Damals . . .\nMein Segen war von allem Anfang an bei\ndiesem Kind. Die Baronin sieht mir ähnlich; viel-\nleicht wird mir auch das Kind ähnlich sehen. Das\nwäre kein Wunder,, aber eine große Gnade.\nClermont-Ferrand, 23. Mai 1884\nIch benehme mich so komisch ihn Regiment. Die\nNacht von gestern auf heute haben wir gespielt. Mir\nwar alles ganz gleich, ich dachte an weit weg, wo\nalles in großer Ruhe Megt, unter schwarzen,\nschweigenden Zypressen. Ich dachte überhaupt an\nnichts, ich sehnte mich nach etwas » . . Aber ich\nsoll fürchterliche Summen gewonnen haben. Vi-\nsitenkarten mit höchsten Zahlen haben sich bei mit\nangehäuft. Ein Kamerad, der kleine Tourgot, —\ner mußte doch ein Jude sein — hat vielmehr, ah\ner überhaupt in seinem Leben hätte aufbringen\nkönnen, an mich verspielt. Per Visitenkarte\nnatürlich.\nHeute mittag, als ich noch zu Bett lag, kam der\nalte Choiseul angefahren, drang mit Gepolter in\nmein Schlafzimmer und schrie mich an: „Her mit\nder Karte des Herrn Tourgot!\" „Aber lieber Herr\nChoiseul sagte ich verstimmt, „suchen Sie Sich\ndoch die Karte, Ich weiß nichts mehr.\" Er suchte\nin meinem Visittäschchen und außerdem in allen\nTaschen der Uniform, deren einzelne Stücke an den\nMöbeln herumhingen, aber er fand nichts. Da kam\ner denn zu mir ans Bett, zog meine Hand unter\nder Decke hervor und drückte sie so fest, daß ich\nvollends aufwachte. „Sie sind doch ein guter Kerl,\nMieville!\" Aber ich hatte wirklich keine Ahnung,\nwohin ich die Karten getan haben mochte.\nIm Regiment spottet man über mich.\nClermont-Ferrand, 10. Juni 1884\nIch bin manchmal so müd. Alle Dinge um mich\nher werden zu Schatten, und ich verstehe nicht,\nwarum die andern sie so wichtig nehmen. Vor\nallem verstehe ich nicht, warum ich selbst sie ein-\nmal so wichtig genommen habe.\nDas alles ist doch nur aufgebauscht. Neulich\nfing ich mitten im Rapport an zu lachen, und da\nich mich garnicht beherrschen konnte, endigte es\nin einer bösen Blamage.\nIch lachte nicht über das Militär. Umlängst,\nals ich in einem Laden Schuhe aussuchte, erging\nes mir genau so: Ich mußte einfach gerade hinaus-\nlachen über die allgemeine Wichtigkeit.\nClermont-Ferrand, 12. Juli 1884\nMan hat mir heute nahegelegt, meinen Abschied\neinzureichen. Ich ertrage es ruhig. Früher oder\nspäter hätte ich den Dienst von selbst quittiert;\ndenn daß es so wie in der letzten Zeit mit meinen\ntäglichen Verspätungen, meinen Unaufmerksam--\nsamkeiten, meinier lächerlichen Güte gegen die\nMannschaft nicht weitergehen könne, hätte mir all\"\nmählich schon, eingeleuchtet. Ich warj nu^112 zu\ngeistesabwesend, um darüber nachzudenken.\nAber der eigentliche Grund, den man im Con-\nseil gegen mich angeführt hat, daß ich seit einiger\nZeit in den Kirchen herumsäße wie ein altes Weib\nund daß dazu nur die Adligen das traurige Privileg\nhätten, — der ist nicht stichhaltig für einen Ab-\nschied. (Übrigens haben sie vor kurzem in paris\nauch einige Adlige unter dem gleichen Grund aus\nder Armee hinausgeekelt. Als ob das Kirchengehen\njemals einem Soldaten geschadet hätte!) Es\nscheint, daß der kleine Tourgot dahintersteckt;\nseit jener Spielnacht oder vielmehr seit dem Mor-\ngen darauf schämt er sich nicht wenig und haßt mich\ndeshalb nicht wenig..\nIch gehe. Es hätte ja so wie so keinen Sinn\nmehr.\nAlle Wege sind dunkel, welchen werde ich nun\ngehen?. •\nNizza, Oktober 1884\nOh verlorene Jugend! Oh Schrei der Sehn-\nsucht! Klinge dulph jÜIe weiche, süße, südliche\nLuft hinauf zur geliebten Sonne! Heilige Flamme,\nsteh mir bei!. . .\nNizza, Ende Oktober 1884\nDem Menschen bleibt an sich selber alles We-\nsentliche dunkel, immerfort und solange, bis er tot\nist. Dann beten die Ueberlebenden: „Der Herr gebe\nihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte\nihm!44\nDurch das weite Dunkel des Daseins aber tönt\nunaufhörlich der langgezogene grausige Schrei\naus aller Menschen Mund, der Schrei der Sehn-\nsucht nach dem Lichte.\nUnd manche Menschen scheinen gleich einem\nWald, in dem sich dieser Schrei wie in! einem\nEcho fängt. Ich bin so ein Mensch. Ich leide\nnicht mehr um mich, ich leide üm das ganze\nDasein.\nNizza, Novemler 1884\nIch bete unaufhörlich, daß die Baronin Fran-\ngart, über die Choiseul mir so betrübende Nach-\nrichten und Befürchtungen mitteilt, die Entbindung\nüberlebe und auch das Kind 'tnit dem Leben davon-\nkomme.\nChamfort, 18, Dezember 1884\n. Gott sei Dank! Die Baronin und ihr/ kleiner\nSohn leben beide. Soeben bekam ich das Tele-\ngramm von Choiseul.\nIch habe heute meinen Eintritt in den Jesu-\nitenorden erbeten.\nChamfort, Weihnacht 1884\nMein letzter Wille\nHeute erfolgt mein Eintritt in den Orden. In-\ndem ich von der Welt draußen Abschied nehme,\nverfüge ich letztwilMg wie folgt über meine welt-\nlichen Dinge: Ein Drittel meines Vermögens gehö-\nre dem Collegium Societatis Jesu in\ndas zweite Drittel etwa von mir noch lebenden\nVerwandten, und, wenn deren nicht zu finden sein\nsollten, den Armen in der Umgebung des Schlosses\nRiom, Departement Puy-de-Döm«, Frankreich;\ndas letzte Drittel gehöre, mit Zinsgenuß vom heu-\ntigen Tage ab, dem jüngstgeborenen Freiherrn von\nFrangart, Fritz jPaul Joachim, auf (Frangart in\nSüdtirol. Ihn liebe ich, wie wenn er mein eigenes\niKind wäre. Ich segne ihn? heute, wie ich ihn von\nallem Anfang an gesegnet habe.\nGott sei mit ihm und seinen Eltern!\nAnno Domini 1884, Weihnacht.\n\nPaul Mieville,\nPrater Bonaventura S. J."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c005", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "116", "page_fin": "116", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.5", "titre_corps": "Aus einem Gelächter Zyklus", "titre_sommaire": "Aus einem Gelächter Zyklus", "signature_source": "Grete Tichauer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.4", "debut_caractere": 7054, "fin_caractere_exclue": 8964, "texte": "Aus einem Gelächter Zyklus\nVon Grete Tichauer\nErika war ein Strich. Ihre Augen waren\nklein und leer und ihr Mund abscheulich häßlich.\nIch habe es nie über mich bekommen können, sie\nzu küssen, trotzdem sie mich so darum bat, im\nTiergarten zur Dämmerung auf einsamen Wegen;\nzu Hause auf ihrem geblümten Sofa, wo sie mich\nmanchmal eingefangen hielt und vor mir kniete. Ich\nwäre acht Tage krank gewesen, hätte ich ihren\nMund küssen sollen.\nAls ich sie auf einem Gang durch die Straßen\nkennen lernte, sagte ich zu ihr: „Erika, entschul-\ndige, aber du bist pervers4'. Da war sie unglück-\nlich und wollte sich verteidigen.\nDann hatte ich sie drei Wochen in meiner\nMacht. Ich muß da Vampyrtlürste gehabt haben;\nich merkte, wie ich ihr das dünne bischen Blut, dias\nsie von Natur hatte, abzapfte, oder aus lauter Spaß\ndas dünne Blut klecken zu hören. Und dabei war\nsie mir immer eklig. Aber ich mußte erleben, wie\nsie ganz blutlos aussah.\nAls ich sie endlich so weit hatte, daß sie nur\nnoch durch meine Stütze existieren konnte, schenk-\nte ich ihr einen Strauß von Leben. Bis sie sich\nblähte. Herrgott, es gehörte nicht so furchtbar viel\ndazu. Ihre Haut nahm nicht viel mehr Oberfläche\nein, als vier normale Wurstpellen. Sie war also\ndoch blos ein Strich,\nSie ist heute noch gebläht. Ihr Mund ist wohl\naber noch häßlicher geworden, als er früher war.\nDenn die Falten die sie sich damals nach mir sehn-\nte, möchte ich ihr nicht weg bringen.\nHuch, ich habe sie stets gehaßt; aber ich habe\nan ihr erlebt, wie ein Mensch blutlos und schlap-\npig wird, und wie man ihn dann plötzlich aufblähen\nkann. Wenn er dann nachher so aufgebläht da-\nsteht, sieht er so komisch aus, daß man an ihm\nLachen lernen kann.\nWirklich Lachen hab ich an ihr geerntet. Ich\nlache noch heute, wenn ich an die aufgeblähte\nStrich-Erika denke.\n(Heut sagt sie freudestrahlend und auf ge-\npustet: „Donnerwetter bin ich aber mal pervers\nseit heut Morgen\".)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c006", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "117", "page_fin": "117", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.6", "titre_corps": "Richter-Berlin: Bahnwärterhäuschen", "titre_sommaire": "Richter-Berlin: Bahnwärterhäuschen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 34, "texte": "Richter-Berlin: Bahnwärterhäuschen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "120", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.7", "titre_corps": "Mitternachtsbesuch", "titre_sommaire": "Mitternachtsbesuch", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9875, "texte": "Mitternachtsbesuch\nVon Paul Scheerbart\nIn der Nähe von Insbruck gibt es ein altes\nSchloß, in dem alte Geister herumspuken sollen.\nDie Gräfin C., die im vorigen Jahre in Innsbruck\nwar, wollte natürlich in diesem Schlosse wohnen,\num die alten Geister kennen zu lernen.\nUnd der Kastellan des alten Sclosses ließ sich\nnun auch allmälich rühren — und richtete der Grä-\nfin C. drei alte Zimmer mit Empiremöbeln aus dem\nJahre 1780 wohnlich ein und ließ die Dame da woh-\nnen.\nIn den ersten acht Tagen passierte gar nichts.\nDann aber kam die Gräfin an einem Sonntage\nsehr spät des Abends nach Hause und fand auf ih-\nrem Schreibtisch eine große Karte — auf der stand\nmit großen Lettern:\n„Meine Gnädigste, gleich nach zwölf Uhr werde\nich dreimal an Ihre Tür klopfen. Wenn Sie „Her-\nein41 rufen, .werde ich hereinkommen. Wenn sie\naber laut „Draußenbleiben\" rufen, werde ich drau-\nßen bleiben. Ich bin im Jahre 203 vor Christi Ge-\nburt im alten Ephesus geboren und war damals\nBildhauer\".\nDie Gräfin holte ihren geladenen Revolver aus\nder Schublade ihres Schreibtisches heraus und leg-\nte den Revolver auf die Karte des alten Bildhauers.\nDann schlug die 'Kastenuhr langsam und be-\ndächtig zwölfmal, und danach klopfte es an der\nTür langsam und bedächtig dreimal\nDie Gräfin sah ihren Revolver an, lächelte und\nrief „Herein\".\nDa wurde die Tür heftig aufgerissen, und ein\nhochgewachsener bartloser Grieche trat ins Zim-\nmer.\nDas hellblaue, sehr dünne Faltengewand des\nGriechen zeigte an den Rändern feine Goldsticke-\nreien, die schwarzen, lockigen Haare und die fun-\nkelnden Augen gaben dem Gesicht einen räuberi-\nschen Anstrich.\nUnd nun zog der Herr aus Ephesus einen klei-\nnen blitzenden Hammer aus seinem hellblauen Fal-\ntengewande heraus und ließ dabei seinen nackten\nsehnigen Arm sehen, der auch braun aussah.\nDie Gräfin spannte ruhig den Hahn ihres großen\nRevolvers auf und sagte lächelnd:\n„Komödiant!\"\nDer Grieche jedoch verbeugte sich höflich und\nsagte:\n„Mein Name ist Megasinthes! Darf ich hier\nbleiben — oder — soll ich wieder gehen?\"\n„Setzen Sie sich!\" erwiderte die Gräfin.\nHerr Megasinthes setzte sich.\n„Sie sind also\", begann die Gräfin C. zögernd,\n;,bereits über zweitausend Jahre alt. Sie haben\nsich sehr gut konserviert. Das ist nicht zu bezwei\"\nfein. Mit welchen Mitteln haben Sie sich Ihre Ju-\ngend so gut erhalten können?\"\nHer Megasinthes erwiderte schnell:\n„Wir dürfen leider keine Zeit verlieren, da ich,\nwie Sie wissen, doch ein Geist bin, der nur für eine\nkurze Zeit den Augen der Menschen sichtbar\nbleibt\".\n„Dann fassen Sie sich kurz!\" gab die Gräfin\nzurück.\nUnd der Herr Megasinthes sprach:\n„Meine Gnädigste, Sie werden sich wundern,\ndaß ein Geist in so dringlicher Art sein Anliegen\nanbringt. Aber — die Sache ist auch sehr inter-\nessant und bedeutsam. Ich habe Sie, meine Gnä-\ndigste, vor drei Wochen in einem Gespräch mit\ndrei Bildhauern beobachtet und belauscht. Sie wa-\nren da der Ansicht, daß die Darstellung des nackten\nmenschlichen Körpers das Endziel aller plastischen\nKunst sei. Um das zu beweisen, führten Sie die\nPlastik der alten Hellenen vor. Ist es nicht so?\"\n„Ja!\" rief die Gräfin C.; „wollen Sie sich dage-\ngen auflehnen?\"\n„Allerdings\", versetzte der Herr aus Ephesus\nlächelnd, während er sich in seinen Sessel zurück-\nlehnte, „ich muß es zunächst bestreiten, daß die\ngriechische Kunst die Darstellung des nackten\nmenschlichen Körpers bevorzugte. Die Zahl der\nweiblichen Gewandstatuten ist so groß,, daß dage-\ngen die Frauengestalten, die im alten Hellas von\nden Bildhauern nackt dargestellt wurden, gar nicht\nin Betracht kommen. Der „männliche\" Körper ist\nwohl öfter nackt dargestellt. Aber — daß die grie\"\nchischen Bildhauer in diesem nackten menschlichen\nKörper das Endziel ihrer Kunst erblickten •— das\ndarf nicht einmal eine Gräfin in Innsbruck behaup-\nten -— das geht zu weit. Wissen Sie nicht, wie oft\nwir Centauren dargestellt haben? Wissen Sie\nnicht, welche Rolle die bocksfiißigen Faune in unse-\nrer Kunst spielten? Vergessen Sie den großen Per-\ngamonfries, in dem fast alle Titanen Beine haben,\ndie zu. Schlangenleibern geworden sind? Der\nmenschliche Körpen schien uns eben nicht vielsei-\ntig genug — er mußte durch die Körperformen der\nTierwelt ergänzt und bereichert werden\".\nDie Gräfin C. besah den Herrn Megasinthes\ndurch ihre Lorgnette und sagte mit weicher Stimme:\n„Nun — ich kann nicht umhin, zu behaupten,\ndaß die menschlichen Körperformen doch reicher\nund vielseitiger sind als die tierischen Körperfor-\nmen; der Mensch hat doch einen Körper, der in-\nfolge seiner geistigen Ausbildung höher entwickelt\nist — als der Tierkörper\".\n„Diese höhere Ausbildung des Geistes\", er-\nwiderte Megasinthes, „kommt doch im Kopfe des\nMenschen und allenfalls noch in den Händen des\nMenschen zum sprechenden Ausdruck\".\nDie Gräfin C. sah eine Weile nachenklich auf\ndie Spitzen ihrer Lackschuhe und sagte dann:\n„Aber das Fell des Menschen ist nicht so be-\nhaart\".\n„0\", rief der Grieche, ;,dann rasiere man die\nLöwen und Tiger; wie man Pudel rasiert, und dan11\nwird man in den Gliedmaßen dieser Tiere mehr\nMuskel- und Sehnenspiele sehen — als in den Kör\"\npern der menschlichen Athleten. Als ich in Ephe-\nsus lebte, hat man zu diesem Zwecke die wilden\nTiere rasiert. Und man hat dann die Körper\ndieser wilden Tiere weicher und' ausdrucksvoller\ngefunden, als die Körper der kraftvollsten Men-\nschen. Glauben Sie denn, daß mein Arm interes-\nsanter ist als ein Pferdebein?\"\nDer Bidhauer zeigte seinen Arm und erklärte\nseine Vorzüge und Nachteile und anderseits die\nVorzüge der Pferdebeine.\nDie Gräfin C. behauptete nun, daß die künstle-\nrische Tätigkeit der Hände doch einen Einfluß auf\ndie Armbildung haben könnte.\nDavon wollte der Bildhauer nicht viel wissen:\ner meiinte, daß ein Pantherbein doch mehr zum\nZupacken und Festhalten gebraucht würde, als ein\nMenschenarm — und daß die geistige Tätigkeit im\nArme des Menschen doch einen greifbaren Aus-\ndruck bislang noch nicht gefunden hätte.\nDann sagte die Gräfin, um dem Gespräche eine\nandere Wendung zu geben:\n„Es erscheint mir gar nicht normal, wenn die\nMenschen nicht im Menschen das Herrlichste er-\nblicken wollen\".\n„Oho!\" rief da heftig der alte Hellene, „wir\nkönnen doch nicht die Selbstverherrlichung zum\nnormalsten aller Dinge machen; die Chinesen und\nJapaner bilden mit Vorliebe Drachen und Blumen,\nder Indier hat seine Götter mit mehreren Köpfen\nund sehr vielen Armen -— wir hatten in Ephesus\nAehnliches. Denken Sie auch an das Fratzenhafte\nin der japanischen Kunst, das durchaus über die\nmenschlichen Gesichtsformen hinauskommen möch-\nie. Denken Sie an die Plastik der Aegypter und\nAssyrer!\"\n„Wollen Sie\", fragte da die Gräfin erstaunt,\n„die Kultur der Aegypter und Assyrer niedriger\nstellen als die Kultur der Hellenen?\"\n„Als ich\", versetzte der Grieche hart; „in\nEphesuss lebte, im zweiten Jahrhundert vor Ihrer\nZeitrechnung, da dachte kein Mensch daran, die\nKultur der Aegypter und Assyrefi niedriger zu\nstellen als die der Hellenen; vergessen Sie doch\nnicht, daß wir damals sehr fest zusammenhingen\nund längst vergessen hatten, die älteren Kultur-\nvölker für barbarische in Ihrem Sinne zu halten\".\nDie Gräfin C. stand auf und ging heftig im Zim-\nmer herum„ starrte dann den alten Griechen lange\nan und sagte: „Aber die moderne europäische Pla-\nstik haben Sie doch noch nicht kennen gelernt\".\n„O doch\", antwortete stotternd der Herr aus\nEphesus, „ich habe einen Teufel von Thomas The-\nodor Heine gesehen — der hatte keinen mensch-\nlich gebildeten Leib. So was gefiel mir sehr. Das\nwar fast „alte Ephesusrichtung\". Sehen Sie,, wir\nwollten damals nicht gern erinnert werden daß wir\nMenschen sind\".\nDie Gräfin C. setzte sich wieder und sprach:\n„Erzählen Sie mir mehr von der alten Ephesus-\nrichtung, die Geschichte interessiert mich sehr\".\n„Die Gelehrten Europas\", versetzte der Herr\nMegasinthes langsam, werden meine Bemerkungen\nfür leeren Humbug halten, da meinen Worten nicht\ndie entsprechenden plastischen Zeugen an die Seite\nzu stellen sind\".\n„Das tut nichts,4, sagte die Dame „sprechen\nSie nur!\"\n„Wir waren,\" sagte der Herr aus Ephesus,\n„vielfach bemüht, die alte Götterwelt der Aegyp-\nter und. die Vorderasiens in neuer phantastischer\nWeise herzustellen — und verbanden daher viele\nTierformen mit den Körperformen des Menschen.\nDas meiste davon ist später durch religiöse Eiferer\nzugrunde gegangen. Aber entstanden ist davon\nsehr viel -— und wär's hier —so würden Sie er-\nkennen, daß die hellenische Zeit davon entfernt\nwar, im menschlichen Körper den Gipfel der pla-\nstischen Erscheinungswelt zu erblicken. Wenn\nSie die modernen Bestrebungen der allermodern-\nsten Europäer so kennen würden, wie ich, so wä-\nren sie bald der Meinung, daß auch im heutigen\nEuropa die [Plastik bald andere als menschliche\nPfade wandeln dürfte\".\n„Sie erzählen mir,\" rief die; Gräfin heftig; „die\nallergrößten Neuigkeiten. Was will man denn dar-\nstellen — wieder die alten ägyptischen und vor-\nderasiatischen Gottheiten in neuer Auffassung?\"\n„Ich weiß nicht,\" flüsterte def Geist müde und\nwurde dabei merklich blasser; ~es gibt heute auch\nBilhauer, die den Marsbewohner plastisch in die\nErscheinungswelt der Erdbewohner führen möch-\nten. Da werden denn ganz neue Organe konstru-\niert, und von diesen neuen Organen ist vieles viel\ninteressanter als alles das, was wir in Ephesus zu-\nsammenhauten. Vergessen Sie auch nicht, daß der\nalte Böcklin mit seinen 'Tritonen und Seeungeheu-\nern einen großen Einfluß auf die moderne Plastik\nausübte. Ich muß aber gehen — denn ich vergehe\nschon. Ich erlaube mir, Ihnen meinen Hammer als\nAndenken hier zu lassen\".\nHerr Megasinthes erhob sich und ging schwan*\nkend zur Tür, öffnete sie leise und machte sie leise\nwieder hinter sich zu.\nDer Hammer lag auf dem Teppich.\nDie Gräfin griff nach ihrem Revolver und be-\ndauerte, nicht nach dem Geiste geschossen zu ha-\nben.\n„Dann hätte ich doch\", rief sie erregt; „gleich\nerfahren: ob dhieser Geist ein Komödiant war oder\nnicht\"."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 678, "texte": "Die erregte Dame klingelte nach ihrer Kam-\nmerfrau und setzte das ganze Haus in Aufruhr —-\naber der Grieche war nicht zu finden.\nDer kleine, blanke Hammer war aber da, und\nsein Erscheinen ließ sich nicht erklären — so viel\nman auch suchte.\nDer Kastellan fluchte über diesen nächtlichen\nAufruhr in heftigster Form und sagte schließlich\nsehr unhöflich:\n„Meine gnädigste Gräfin, wenn Sie in einem\nSchlosse wohnen, in dem seit langen Jahren alte\nGeister ein und aus gehen, so darf Ihnen doch ein\nsolcher Mitternachtsbesuch nicht unmöglich vor-\nkommen\".\nDie Gräfin C. schrieb ihr Erlebnis noch in der-\nselben Nacht nieder, und ich gelangte durch Zufall\nin den Besitz des Manuskripts."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.8", "titre_corps": "Fr. 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So reich, so strahlend\ndas ist, was der Künstler sieht und erfindet, er\ngebe den Perlen der Beobachtung und Phan-\ntasie eine Unterlage und strenge Fassung vor\nglänzender Ausführung. Er suche an den Gestal-\nten das, was sie befähigt,, sich einem gegebenen\nRaum anzupassen. Und um dies zu finden, bedie-\nne er sich der zartesten Eigenschaften seines Ma-\nterials, er wecke in leiser Unterzeichnung den Ur~\nnebel seiner Papierfläche, jenen schwebenden Ton,\nin dem sich jede Erscheinung ahnen, aus der sich\njede gestalten läßt.\nNimm ein Blatt -Papier, bedecke es mit feinen\nKringeln, Linien und Punkten wie Sterne am Him-\nmel, so wirst du Gestalten zu schauen glauben,\nwie Lionardo an den Rissen alter Wände. Uebe\ndich in diesem Gaukelspiel der Phantasie. Bald\nwirst du einen Kopf, eine merkwürdige Physogo-\nmie entstehen sehen, einige jPünktchen kaum ver-\nbunden durch den Hauch einer Linie werden zum\nRinger, Wettläufer, Bettler. Eine zittrige Linie hebt\ndas,, was sie umschreibt, hell aus der Fläche als wei-\nße Wolke, ein Kreis scheint zu strahlen wie die Son-\nne, aus einem eiförmigen Kringel wachsen von\nselbst die Ohren eines Kaninchens, kaum berührst\ndu das Papier mit zwei kleinen Bögen, so scheint\nein Vogel in der Luft zu fliegen, und nun gewinnst\ndu Mut, rieselt das Rund einer Baumkrone und\nbemerkst den ätherischen 'Ton, den sie umschreibt,\nsich dunkel vom Himmel abheben. Wenige Linien\ngebe ihm Aeste, eine einzige, die ihn beinahe hal-\nbiert, genügt, die eine Hälfte der Krone beleuchtet,\ndie andere beschattet erscheinen zu lasse n.\nKaum aber willst du greifbarer machen, was\ndein Griffel als Hauch gibt, Umriß und Schatten stär-\nker betonen* jenem Baum Blätter, jenem Kopf Au-\ngen geben, so fühlst du deine mangelnde Kenntnis,\nschauest auf die Natur zum Gesicht deine Nachbar11\noder aus dem Fenster in den Garten, und setzt nun\nauf deine Andeutugen, der Natur folgend, mit deut\"\nliehen Linien die Einzelheiten an Kopf und Baum.\nDas, was du tatest, ist der Weg jedes Künst-\nlers, auch des größten: leise Unterzeichnung halb\nauswendig, wie um sich träumend an etwas zu\nerinnern, starke Ueberzeichnung, nachdem der\nAnblick der Natur dich mutiger machte. Ehe du\ndreist ausdrückst, !was du 'dir1 nicht vorsteifen\nkannst, triff zarte Vorbereitungen, sammle Erinne-\nrungen und Beobachtungen der Natur zugleich auf\ndem Papier, nimm eine Art von Anlauf vor jeder\nStudie und halte dich überlegend und sinnend In\ndiesem ersten Stadium jeder Arbeit, so lange die\nschattigen Töne schweben, disponierst du über die\nganze Fläche, kannst jeden Accent verteilen und\njede Gestalt ganz allgemein andeuten und in den\nRaum hineindichten, ohne je unlebendig oder leer\nzu werden. Dämpfe die Schwärze des Griffels, wo\nsie voreilig den gaukelnden Nebel einer noch nicht\nfertigen Vorstellung festnageln will.\nIndem du einen Löwen wie einen Assyrer au!\nbunter Tonplatte so in dein Viereck gewaltig ein-\nschreiben willst und tastend seinen Rücken und\nHaupt lang fährst, erinnere dich dessen, was den\nLöwen von anderen Tieren unterscheidet, der\ngeschmeidig lange Körper, das Massive der Kinn-\nbacken, Stahlharte des Blicke, schleichend Weiche\ndes Ganges. Erinnere dich den Umriß gestaltend,\ndamit dein geschäftiger Geist desto leichter des Zu-\nfälligen und Kleinlichen Herr werde, daß der Löwe\nals Urbild der Würde, des Zornes, der Kraft Ver-\nehrung genoß uiad eingeschrieben wurde, eine\ntausendmal geprägte Vorstellung, in das Gemüt\nder Völker, als Wappen im Ritterschild,, Abzeichen\nder Städte, Gewand des Herakles, Beute der Kö-\nnige,, bald in Gefahr zu verlöschen bis auf einen\nSchnörkel im Ornament, wie der Drache.\nRembrandt, der wie keiner die Charakteristik\nder Figuren verbindet mit ihrer Sichtbarkeit unter\nallen Einwirkungen von Licht und Finsternis, er-*\nzeugt den Eindruck blendender Beleuchtung, indem\ner die Fassung breiter Schatten die Details liebevoll\neinträgt, ohne die Ruhe des Schattens zu\nbrechen, und das Auge überrascht, nachdem er es\nbeschäftigt und an «die Dunkelheit gewöhnt hat,\ndurch die Flut des Lichts an hellen Stellen des\nWerks, wo das Unterdrücken der Details und An-\nwenden des reinen Umrisses der Figuren den An-\nschein der formlösenden Gewalt des Lichts auf das\näußerste steigert. Max Klinger lat in „Malerei und\nZeichnung1' diese Fähigkeit Rembrandts am „Hun-\ndertguldenblatt\" erläutert.\nWer aber Rembrandts Platten in den ersten\nZuständen kennt, weiß, daß er solche Wunderwir-\nkungen durch die Folie zarter Unterzeichnungen\nstets sorgfältig vorbereitete und lange den Gesamt-\nton der ganzen Fläche aufrührte und durchtastete,\nja oft die verhärtete Zeichnung durch Abschleifung\nder Platten duftig und allgemein machte, also mög-\nlichst andauernd in den schwebenden Tonflächen\nverweilte, ehe er sich zur endgültigen Niederschrift\nentschloß.\nDarum bediene sich der Anfänger eines model-\nlierbaren Materials, etwa der Kohle, hüte sich vor\nWischen und Schmieren, blase von Zeit zu Zeit die\nZeichnung hell, oder lichte die ganze Fläche auf,\nindem er mit handbreitem, weichem Dachshaarpin.-\nsel rasch darüber hinstreicht, damit die kräftige\nUeberzeichnung mit schwarzer Kohle oder Rötel,\nBleistift, Aquarell die Unterzeichnung aufzehre,\noder den Nebel ihrer schwebenden Tonfläche ent-\ngültig im Raum der Fläche fixiere, als nagle er mit\nmöglichst wenig Nägeln die reizvollen Formen\neines bauschigen Schleiers auf ein Brett. Den.\nOrt zu suchen, wo diese Nägel einzuschlagen sind,\ndie Brennpunkte der Zeichnung, auf denen ihr\nräumliches Gerüst sich erhebt, in denen sie schwebt\nund hängt wie die Figur des Orion in den Sternen\nseines Bildes, diese Punkte zu suchen, ist eben die\nHauptaufgabe der Unterzeichnung.\nDie wichtigsten Treffpunkte der Formen,\nSchatten, Farben und Bewegung will jene feststel-\nlen, indem sie deren Wege einzeln verfolgt bis da-\nhin wo sie sich treffen. Die Formen gehen ihren\neigenen Weg, die Schatten wie das Licht ziehen\nihre eigene Straße, die Farben brechen hindurch\nda, wo sie wollen, und jede Bewegung verfolgt die\nRichtung ihres Interesses durch das räumliche\nGefüge des Ganzen. Ohne sie alle zu trennen,\nfindest du nie, wo sie verbunden sind, und ohne\nVerbindungspunkte kannst du sie nicht ordnen in\nder Fläche, kannst nicht mit Fingern, weisen auf das\nunvorstellbare, das Lebenszentrum des Bildes, das\nvom Betrachter selbst erzeugt werden sollendem\ner von Brennpunkt zu Brennpunkt rhythmisch eilt.\nDie schwebenden Tonflächen werden nur von\nbegabten Künstlern mit offenem Blick auf der\nFläche gesehen und dieser Blick gewahrt ihre lei-\nsesten Veränderungen und vergleicht sie mit den\nSchleiern der Naturerscheinung. Kneife nicht das\nAuge zu, reiße es nicht unmäßig auf um, wie man\ndich allenthalben lehrt, „die große Masse\" der Er-\nscheinung ohne Einzelheit wie durch ein trübes\nGlas zu sehen. Du wirst nichts weiter erreichen,\nals daß die Formen sich verzerren, indem das Licht\ndie Schatten überstrahlt und eines jener tausend\nundeutlichen Bilder schaffen, in denen Leere mit\nAuffassung der Größe verwechselt wird. Man kann\nnicht groß sehen, ehe man überhaupt etwas ge-\nsehen hat, man wird das Ganze nie umspannen, ehe\nman nicht die Einzelheiten eifnig, eindringlich, ge-\nnießend durchgetastet hat, das Zufällige nicht votoi\nWesentlichen scheiden, ohne zunächst die ganze\nSpreu mitsamt den Körnern in das Sieb der Ge-\nsetze zu nehmen. Von der Naturerscheinung läßt\nsich nichts mehr ins Kunstwerk nehmen, als wir\nvon ihr durchgeistigen, das heißt zurückführen auf\nGesetze, welche die Natur sich selbst auferlegt im\nDrange nach Sichtbarkeit.\nWir lernen also zeichnen, indem wir in der Fo-\nMe schwebender Tonflächen alles, was das Modell\nbietet, Einzelformen und Farbenwerte,, Schatten-\ntöne und Lichter uns andeutend! zusammensuchen,,\num diese Andeutungen dann dem Gesetz Untertan;\nzu machen, die Einzelformen auf eine Grundform\nzu beziehen, die Schatten vom Licht zu sondern,\nbeide von der Farbe und uns alles recht sorgfältig\neinzufassen, ehe wir mit sicherem Strich entgültig\nzeichnen.\nEin Gesicht, eine Landschaft, eine Gestalt groß\nschauen, heißt ihren Unterschied von Vorstellungen,\ndie geläutert im Gedächtnis ruhen, erkennen, die\nindividuellen Abweichungen vom Typus als solche\nsofort erfassen. Diese Fähigkeit setzt einen mit\nallen Mitteln anzustrebenden Zustand innerer Klar-\nheit und Ordnung der bereits aufgespeicherten Erin-\nnerungsbilder voraus. Die Tiere scheinen dieses\nordnen der Eindrücke in ausgedehnten Mußestun«,\nden eifrig zu pflegen, daher eine Katze, aus langer\nRuhe plötzlich aufgeschreckt dich mit immenser\nKlarheit anschaut und im Nu erkennt, wodurch du\ndich soeben von früheren Augenblicken unterscher™\ndest, wonach sie sich blitzschnell davonspringend\nverhält. Diese große Sicherheit, Ernst und Zweck-\nmäßigkeit in Ruhe, Wandel, Entschluß und Hand-\nlung der Tiere beobachte fleißig, wenn du sie\nzeichnest. Indem das Refti Kräuter sucht, be-\nherrscht sein Ohr und Auge den ganzen Wald, und\nweiß das Knacken eines Zweiges oder ein Blitzen\nin der Ferne sofort als gefährliche oder\nliehe Veränderung der Umgebung aufzufassen,\noffenbar, weil es die Vorstellung aller Gegenstände,\nringsum tausendmal im Ruhezustände durchge-\nsiebt hat, und zur raschen Erkenntnis des\nWertes jeder Veränderung im Geiste bereit\nhält. Dieser Gabe sollte auch jeder Mensch mäch-\ntig sein, zumal im Gewühl der Städte. Darum\nsiebe ihm der Künstler das Vielerlei der Erschei-\nnungen so durch, daß er in einem Umriß und mit\nwenig Farbe möglichst viele bekannte Merkmale\nder Dinge in kürzeste Formel bringe, zugleich\naber das Sehens- und Suchenswerte genial andeute«,"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c010", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "121", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.10", "titre_corps": "Das Senkblei ins Ewige", "titre_sommaire": "Das Senkblei ins Ewige", "signature_source": "H. 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Im Auftrag der vereinigten Cornmi-\ntees schreibt der Schriftsteller Louis Wolff, Wolfs-\nSchlucht 7 zu Cassel folgendes:\n„Es ist Zeit, daß ein Turm des deutschen Idea->\nlismus aufgerichtet wird. Die deutsche National-\nbühne, nach der anderthalb Jahrhundertevergebiich\ngerungen, soll endlich erstehen\". Das „haben\" ha-\nben die Jahrhunderte noch immer nicht errungen.\nDafür bekommt die deutsche Nationalbühne den\nTurm des deutschen Idealismus. Er wird auch\nfarbig: „Ein höchster nationaler Kunststempel soll\naufgerichtet werden und in die Lande leuchten,\nals bleibender Wallfahrtsort\". In diesem höchsten\nnationalen Kunststempel wächst unnatürlich alles\nGute: „Die Blüte des gesprochenen Dramas ist die\nerhabenste Blüte des intellektuellen und Gemüts-\nlebens einer Nation4. Es werden Namen genannt:\nGoethe und Schiller, Björnson und Ibsen. Aber\nHerrn Wolff aus der Wolfschlucht 7 fehlt „die Stät-\nte, wo solchem höchsten geistig-ethisch-aestheti-\nschen Interesse der Nation bei uns mit willkomme-\nner Würdigkeit und in echt priesterlicher Auffas-\nsung in schlackenfreien Darbietungen für jeder-\nmann aus unserem Volk gedient wird.\" Die Stätte\nfehlt, , Die Theater sind unwürdig. „Die priester-\nlich Binde, die göttliche Berufung, die heilige Wei-\nhe, der große Zug, das Senkblei ins Ewige\nist überall vielmehr da befleckt, zerlöchert, ver-\nkleinert, herabgezogen, tausendfältig restringiert,\nbeschränkt, verklebt, verklaubt, verschattet nur —\noder garnicht einmal vorhanden\". So sind die\nTheater. Die priesterliche Binde ist befleckt, die\ngöttliche Berufung zerlöchert, die heilige Weihe\nverkleinert, der große Zug herabgezogen, das\nSenkblei ins Ewige tausendfältig restringiert, und\nzu beschränkt, verklebt, verklaubt verschattet\noder garnicht einmal vorhanden ist das Subjekt\nvoller Schrecken davongelaufen. „Es ist ein un-\nbedingtes Bedürfnis, daß die Stätte nunmehr ge-\nschaffen würd\"./ Herr Wolff wünscht die Stätte,\nwo „ohne jegliche Konzessionen an ein Unwürdiges\nnoch an ein Fremdländisches der edelsten Kunst\ngedient werden kann\". Herr Wolff verleiht den Her-\nren Aischylos, Sophokles, Shakespeare, Moliere,\nBjörnson und Ibsen das deutsche Bürgerrecht für\nedelste Kunst. Von deutschen Dichtern, denen in\ndiesen nationalen Tempel mit dem Turm des\ndeutschen Idealismus gedient werden soll, werden\nvorläufig erst Goethe und Schiller mit dem Senkble*\nins Ewige beschwert. Herr Louis Wolff hat na-\ntürlich „mit allen einsichtigeren und das Bessere\nwollenden Geistern unserer Nation Fühlung ge-\nnommen \\ Sie sind sich alle einig darin, daß „der\nKunst und dem Volke die Bahnen zum Höchster-\nreichbaren in unserem Kulturleben weit und frei-\nöffnendes nationales Bühnenhaus jetzt geschaffen\nwerden muß\". Von dem Bühnenhaus werden die\nRutschbahnen zum Höchsterreichbaren gehen. Und\nvom 'Turm des deutschen Idealismus fällt „das\nVolk\" den das Bessere wollenden Geistern auf den\nKopf, der ja aber Gott sei Dank aus Blei ist. Also:\n„Bauen wir daher jetzt ein Haus solcher Art, das\nfür alle Zeiten den wichtigsten Brennpunkt\ndes nationalen Kulturlebens darstellen muß,\n\". Auf dem Brennpunkt geht es dann heiß\nher: „Solch' Haus, in dem einem jeden Volksge-\nnossen wie nirgends sonst wo im weiten Bezirk\ndes völkischen Daseins die Empfindung rein und\nkräftigen Herzens sich regen darf: Herr Gott, ich\ndanke Dir, daß ich ein Deutscher bin!\" — Heute,\nzum ersten Male: Die Orestie des Aischylos.\nAber das JekL Herr Louis Wolff hat es. Er\nmacht einfach eine Nationallotterie. Außerdem\nverfügt er über „ein intensiv ausgedachtes und\nausgedehntes Abonnementssystem\". Der Besuch\nder deutschen Nationalbühne wird „durch ein über\nalle Provinzen sich erstreckenden Eintrittskarten-\nabsatz erleichtert und begünstigt\". Aber Cassel\n%\nist mitnichten ehrgeizig. „Der mitunterzeichnete\nOrtsausschuß betrachtet und empfiehlt mit nichten\nCassel als den alleinseligmachenden Ort für die\nNationalbühne\". Nun ist alles da. Bis auf die Co-\nmiteemitglieder der Nationalbühne. „Damit di e-\nsefcbe zur baldtunlichen Verwirklichung in der\nbesten W'eise gelange, beehren wir uns auch Ew.\nHochwohlgeboren aufzufordern, in das allgemeine\ndeutsche Comitee zur Schaffung der Deutschen\nNationalbühne geneigtest eintreten zu wollen, und\nuns durch gefl. (gefl.) zustimmende Rü'ckäußerung\nalsbaldigst zu erfreuen. Das in Tätigkeit tretende\nComitee könnte vielleicht in Bälde schon zusam-\nmenkommen und möchten wir uns . .. .\". Da\nwird Herr Louis Wolff sein Herz ausschütten: „Be-\nstimmtere Vorschläge für die ganze Einrichtung\nder Bühne haben wir in petto, möchten die-\nselben jedoch hier nicht ausbreiten\". Man muß\nalso nach Cassel reisen! Hoffentlich wirft bis dahin\nHerrn Wolff niemand in die Wolfsschlucht. Aber\nauch das würde ihm nichts schaden. Er wohnt\nbereits auf Nummer 7.\nSo etwas nennt man in Cassel den Goethe-\nbund. Viele Städte liegen im weiten Bezirk des\nvölkischen Daseins. Aber der Casseler Goethe-\nbund schmeißt das Senkblei ins Ewige."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c011", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "122", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.11", "titre_corps": "Ueber Jungfräulichkeit", "titre_sommaire": "Ueber Jungfräulichkeit", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.9", "debut_caractere": 5525, "fin_caractere_exclue": 10295, "texte": "Ueber Jungfräulichkeit\nVon Alfred Döblin\nDie Ehe als gesellschafliche Einrichtung, geht\nnicht hervor aus der Sexualität selbst, hat\nzwar die Sexualität, genauer die Heterosexualität\nder Partner, zur Voraussetzung und Basis, aber\nihre gesellschaftliche Natur läßt sie weit über die\nbloße Sexualität hinausgehen.\nDie Wirkungsweise. Die Ehe ist kein Spezial-\ngeschäft für Sexualität, sondern ein Warenhaus, in\ndem viele vieles, manche alles kaufen können.\nStatt in die Tiefe zu gehen, geht sie in die Breite,\nentfaltet ihre Reichtümer. Wenn die Ehe sich\nzur Alleinform und sichtbaren Ausdruck geschlecht-\nlicher Beziehungen aufwerfen wiill, so zeigt sie\nsich damit ohne Bewußtsein ihrer eigenen Natur;\ndenn sie hat es nicht wesentlich mit Sexualität zu\ntun. Und ebenso töricht ist die Forderung, alle\nSexualbeziehungen im Rahmen der Ehe zu erfüllen»\nals wollte man verlangen, nur zur Mahlzeit und\nin besimmten Lokalen Hunger zu haben. Man\nsoll keine fremden Vorstellungen in den Ehe-\nbegriff tragen; Sexualität ist die Voraussetzung der\nEhe; ihre Befriedigung nicht Zweck deif Ehe; man\nsoll jene fast kolossale Lächerlichkeit nicht aus-\nsprechen, daß Ehen auf Liebe sich aufbauen müs-\nsen, wofern sie „wahre Ehen\" sein sollen. Das\nzeugt nur von mangelnder Unterscheidungsfähig-\nkeit zwischen zwei klaren Begriffen./ Ebenso be-\nurteilt sich das Verlangen, jungfräulich in die Ehe\nzu treten. Soziales Pflichtbewußtsein, Vertraut-\nheit mit den Haupt- und Nebensachen der Ehe sol-\nlen die Partner haben, bei zweckmäßigem nicht\ntriebmäßigem Handeln.\nDerselbe Gedankenfehler bringt Verwirrung in\nden Begriff, der Jungfräulichkeit selbst. Es scheint\nvielen, als ob die Sexualität woge zwischen zwei\nPolen: Jungfräulichkeit und Prostitution; also\nKongreß mit keinem und vielen, und als ob danach\nzu gruppieren sei. Eine Uebersicht über „Typen\"\nist hier leicht, gesetzt daß man 0, 1, 2, 3, etc. zäiK\nlen kann. Diese Meinung muß als wertlos und\noberflächlich abgelehnt werden. Sexualität hat\nmit Arithmetik nichts zu tun. Die Frage ist viel-\nmeür: Jungfrau warum?\nWo keine Einsicht und keine Vorstellung vom\nspezifischen Beziehungsakt besteht, wird dieser un-\nmöglich stattfinden können; das uneinsichtige und\ndarum untätige Individium kann Jungfrau\nBei Menschen, die von Geburt blöde, idiotisch,\nimbezill, kretinistisch sind, kommt solche Unwis-\nsenheitvor. Ist ein erwachsener, sonst normaler\nMensch nicht über den Sinn seiner Organe orien-\ntiert, so ist seine Jungfräulichkeit ein Intelligenz»\ndefekt. Der Typus der dummen Jungfrau reiht sich\nin die sexuellen Vor- uncü Mißformen.\nIn diese fehlformen gehört auch die Frigide.\nDas Unvermögen verleiht hier den Charakter der\nJungfräulichkeit\nDie vorsichtige Jungfrau gehört einem gewis-\nsen weiten Kokottentyp an, der psychologisch die-\njenigen zusammenfasst, welche den Kongressus\nüben aus nichtsexuellen Gründen, ein weiter Be-\ngriff, zu dem neben der Geldkokotte die Figuranten\nder strenggesellschaftlichen Efie rechnen müssen.\nWährend dort die Beteiligten den Kongreß üben un-\nter der Wahrung: ir,nur mit Erlaubnis des Geset-\nzes\". üben die vorsichtigen Jungfrauen ihn nicht,\nweil eben diese Erlaubnis fehlt. Noch mehr: sie\nüben ihn nicht, um durch solch Verhalten einen\nZweck zu erreichen, oder zu vermeiden etwa als\nunvorsichtige Jungfrauen minderwertige Eileware\ndarzustellen. In dieser Ausbildung stellt die Vor-\nsichtige direkt das Pendant zur Geldkokotten, zum\nreinen Typ, der den Kongressus als Miittel iür vul-\ngäre Zwecke ansieht. Man kann sich auch prosti-\ntuieren,, indem man sich jemandem nicht gewährt.'\nDie Nonne, der strengste Jungfrauentypus,\nentzieht sich dem Sexualverkehr, um dadurch\nzu einem Ziel beizutragen, sie fällt auch unter die\nKokottenkategorie.\nDie Jungfrau wiider Willen schließlich, die\nJungfrau aus Mangel an Gelegenheit, die nicht dem\nKongressus auswich, während er ihr auswich,\nist unter die Notfonnen zu nehmen, die durch das\nUnvermögen sich charakterisieren.\nHier zeigt sich also, daß die „Jungfräulichkeit4*\nallemal entweder Ausdruck einer Hemmungsmiß-\nbildung oder eines Kokotteninstinktes ist, sie be-\ngründen die Form der „Jungfrau\".\nWir fragen jetzt positiv: Worin kann dann\naber Jungfräulichkeit liegen, welches Verhalten\nkann als jungfräulich angesehen werden? Ebep\nwurde die verbreitete Ansicht darüber hingestellt:\njungfräulich ist der Mensch, der noch nie Partner\neines Kongressus war. Die Jungfräulichkeit wird\nalso durch eine einmalge Handlung beseitigt, durch\neine äußere Bewegung. In diesem Begriff den\nJungfräulichkeit wird nichts ausgesagt über dea\nZustand des jungfräulichen Menschen. Sie ist\ndemnach kein Charakteristikum,, keine Eigenschaft\ndises Menschen, sondern eine gleichgiltige stati-\nstische Bemerkung von dem Range: ein Mensch,\nder noch keinen Schlips getragen hat."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2424, "texte": "Wenn Jungfräulichkeit mehr als solche über-\nflüssige Randglosse eines Müßiggängers sein will,\nso muß sie ein sexuelles Verhalten bezeichnen, un-\nabhängig von der Tatsache des vollzogenen Kon-,\ngressus; noch mehr. Da die Vollziehung des Kon-\ngressus nach dem im Eingang Entwickelten zum\nLeben des reifen Menschen, — von welchem\nMenschen wir ausschließlich reden, — gehört, so\nbezeichnet Jungfräulichkeit etwas an den Men-\nsehen, der den Kongressus vollzieht, und zwar et-\nwas, betreffend sein Verhältnis zum Kongressus..\nDemnach muß Jungfräulichkeit, soll das Wort einen\nSinn haben, wesentliche Eigenschaft eines Sexu-\naltypus sein, denn diese eben verkörpern Stellun-\ngen zum Beziehungsakt.J Wenn wir nun den Be-\ngriff der Jungfräulichkeit recht fassen, so finden\nwir: er drückt eine Abneigung gegen die Ansicht\naus, daß die Sexualität eine gleichgiltige Angele-\ngenheit sei, daß man etwa nach Art eines Kokot-\ntentypus in den Sexualorganen zufällige oder nütz-\nliche oder erfreuliche Gebrauchsgegenstände zu\nsehen habe. Wenn der Heilige durchdrungen ist\nvon dem Ernst, der in, der Sexualität liegt, und von\nihrer außerordentlichen Wichtgkeit, so stimmt die\nJungfrau ihm bei; sie weicht von ihm ab in der\nSchlußfolge aus dieser Ueberzeugung für das Han-\ndeln : Der heilige lehnt die Sexualität als die\nschlimmste aller Ichversuchungen ab, die Jungfrau\nerkennt sie an als die stärkste aller Ichdarstellun-\ngen. Damit ist der Sexualtypus der Jungfrau aber\nschon bestimmt, denn indem die Jungfräulichkeit\nsich manifestierte in einer wahrhaft organischen\nVerbindung von Sexualität und Ich, ist diese Eigen-\nschaftsbezeichnung schon lokalisiert. Aus der Auf,\nfassung der Sexualaktion als Individualaktion, dar-\naus folgend: aus der Eindringung vieler Ichteile\nin den Beziehungstrieb erklären sich die Stigmata-\njungfräulichen Verhaltens: ttie lange Keuschheit,\ndas zögernde, mit sarken Kämpfen, verbundene\nAufgeben des Widerstrebens gegen den Kongreß,\nnach sogenannter Gewöhnung. Was wir oben als\njPseudojungfräulichkeit verwerfen, äfft äußerlich\nsinnlos dieses Verhalten nach, ist eine Karikatur der\nJungfräulichkeit.\nDie von uns eben beschriebene Eigenschaft wird\ngemein hin als Wert gefaßt und von den Trägern\nals „sexuelle Ehre\" empfunden.\nUnschuld ist ein anderes Wort für Jungfräulich-\nkeit und bezeichnet demnach entweder das Wesen\nder Liebestypen oder die Eigenschaft einer Vor-\nund Fehlform oder einen Intelligenzdefekt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c012", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "122", "page_fin": "122", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.12", "titre_corps": "César Franck", "titre_sommaire": "César Franck", "signature_source": "Jacques Riviére", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.10", "debut_caractere": 2426, "fin_caractere_exclue": 6255, "texte": "César Franck\nVon Jacques Riviére\nDie Größe Cesar Francks besteht darin, daß er\nniemals gesagt hat, was er zu sagen hatte. Er,\nahnte nicht, daß man mit der Materie spielen könne,\ner achtete ihre Nützlichkeit und er hat sie nur be-\nnutzt, um sie einem Zwecke dienstbar zu machen.\nNicht, daß er sich erst zu dieser Rechtschaffenheit\nentschloß; es war seine Natur, denn er gehörte\nzu denen, die nur sprechen, weil sie nicht anders\nkönnen. Seine Belohnung war diese freie Sprache»\ndie seine Schüler als einziges nicht haben nach-\nahmen können, diese Freiheit, die Folge eines prä-\nzisen Planes und der Verbindlichkeit; da er immer\n\"wußte, was er sagen wolltte, hinderte ihn nichts.\nDie Notwendigkeit der Musik Francks ist die\nQuelle aller seiner Tugenden. Zuerst seiner be-\nwunderungswürdigen Genauigkeit. Jedes Instru-\nment füllt seinen Platz aus und,, gerufen von allen\nanderen, macht sein Einsetzen großen Eindruck.\nNiemals erzielt er eine Wirkung durch etwas Uner-\nwartetes, Wenn ich zittere, so geschieht es nur,\nweil mein Erwarten mit Vollendung erfüllt ist. Das\nklare Gespräch wird abgerollt, die Worte entstehen\nim selben Maße wie die auszudrückenden Gedan-\nken. Nicht etwa, daß man sie vorausahnt; jede\nMaßnahme ist eine Ueberraschung, aber sie über-\nrascht nur, weil sie befriedigt.\nDarum gibt diese Sorgsamkeit seiner Musik\nden besonderen Fluß, die so eigenartige Kontinui-\ntät. Sie ist so geschlossen, sie wird so gewissen-\nhaft angeordnet, daß sich keine Unterbrechung ein-\nschleicht; nichts fehlt, keine Stelle die so verloren\nist, daß sie zu einer Ablenkung dienen könnte; der\nPlan biegt in jeder Einzelheit, immer gegenwärtig\nund verhindert jede Zerstreuung. Die Entwick-\nlung entlehnt nichts der äußeren Handlung; er läßt\ndie Musik nach und nach immer mehr erblühen, die\nMelodie entfaltet sich, den zerbrechlichen und\nwiederholten Durchbruch eines Schößlings; sie ent-\nwickelt sich nur, indem sie sich durch die Wieder\"\nholungen genauer festlegt. Je fester sie wird, um-\nso mehr Klang entströmt lihr und umgibt sie; Be-\nreicherung entsteht durch innere Vervielfältigung\nund nur durch Vertiefung der Vergangenheit ent-\nstehen neue Wunderdeckungen. Die Modulation\nist bei Franck eine Form der Kontinuität; niemals\nwill sie einen Kontrast schaffen; aber sie wird be-\nnutzt, um den einzelnen Stellen den Stempel der\nFertigkeit aufzuprägen; sie ist immer. wie eine\nHand, die sich langsam öffnet; wie das unmerkliche\nEinführen in größere Helligkeit.\nEine Seele wird mit Treue besungen. Alles\nkommt von ihr. Sie entfaltet sich in der Einsam-\nkeit; sie entwickelt sich, wehst, wird mit süßer\noffener Verschwendung gegeben. Aber siie ist allein'\nman fühlt, Gaß sie nichts zu besiegen hatte, daß sie\nseit ihier Geburt himmlisch war. Kein Kampf. Nir-\ngends läßt die Sinnlichkeit ihre Reize schweben.\nWeil sie so rein ist, ist Francks Musik so schön.\nMan muß der bewunderungswürdigen Psyche\ngewogen sein. Franck beraubt Eros und (Psyche\nihre Weihe erreichen eine packende Tonalität.\nsetzt er durch die Geschichte der Seele und der\nLiebe; wohlverstanden: der göttlichen Liebe, Die\nEwigkeit, die in Flammen ineinandergreift und die\nplötzlich aus dem Orchester ausglüht, ist voll geist-\nreichem Pathos erfüllt, es ist die Hochzeit Gottes\nund der heiligen Seele. Und die immer größer\nwerdende Erhebung dieser Seele, ihre wachsende\nBegeisterung, das immer leidenschaftlichere Zittern\nihre Weihe erreichen eine packende Tonalsität.\nSodaß man kaum wagt, im geheimen andern,\nmenschlichere, weniger sichere Musik vorzuziehen'\ndie sehr schwankt, vor mehr Hindernissen zögert\nund ihre Kontinuität nur dadurch erhält, daß sie die\nStimmen der Umgebung in sich aufnimmt, indem\nsie unaufhörlich ihr Herz mit den Einwürfen jener\nvergänglichen Welt verwechselt, in der sie wandelt*\nAutorisierte Uebertragung aus dem Französischen von\nJean-Jacques"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c013", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "122", "page_fin": "122", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.13", "titre_corps": "Beachtenswerte Bücher", "titre_sommaire": "Beachtenswerte Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.10", "debut_caractere": 6257, "fin_caractere_exclue": 8095, "texte": "Beachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nBALLHAUS / LYRISCHES FLUGBLATT\nVerlag A. R. Meyer / Berlin Wilmersdorf\nGOTTFRIED BENN\nMorgue und. andere Gedichte\nVerlag A. R. Meyer / Berlin-Wilmersdorf\nDE WITTE MIER\nLine kleine Monatsschrift für Bücherfreunde\nunter Leitung von J. Greshoff.j In holländi-\nscher Sprache\nVerlag C. M. B. Gixon / Apeldoorn / Holland\nBOTHO GRAEF\nHodlers und Hotmanns Wandbilder in der UnL\nversität Jena\nVerlag Diederich's / Jena\nFRANCIS VIELe GRIFFIN\nLa Lumiere de Grece\nParis Editionsde la Nouvelte Reoue Frangaise /\nMarcel Riviere et Cie\nTHADDÄUS RITTNER\nIch kenne Sie / Novellen\nWien und Leipzig: / Deutsch-Oesterreichischer\nVerlag\nALDO PALAZZESCHI\nII Codice di Perelä\nRomanzo Futurista\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nALBERT EHRENSTEIN\nDer Selbstmord eines Katers / Novellen\nMünchen / Verlag Georg Müller\nF/T. M ARINETTI\nDistruzione / Poema\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nLa Momie sanglante\nPoeme dramatique\nEditions du „Verde e Azzuro\" 7 Milan\nD'Anniinzio intime\n4e editlpn\nEditions du „Verde e Azzuro44 / Milan\nLe Roi Bombance\nTraeredie satirique, 3e editiön\nEdition du „Mercure de France'4 / Paris\nLa Viille Charnelle\n4e edition\nE. Sansot et Cie. / editeurs / Paris\nCARL DALLAGO\nPhilister\nBrenner-Verlag / Innsbruck.\nKARL KRAUS\nNestroy und die Nachwelt\nzum fünfzigsten Todestag\nVerlag Jahoda und Sieget/Wien\nPIERRE HAMP\nVieille Histoire\nContes ecrits dans. le Nord\nParis / Editions de la Nouvelle Revue Frangaisef\nMarcel Riviere et Co\nSVEND BORBERG\nLiliths Bog\nKopenhagen / Qyldendals Forlag\nNICOLAS BEAUDUIN\nLes Poetes\nParis I E. 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STpril 1912: TO bem focben er*\nfd)ienenen ©eft 13 befdjliegt ber „9JJara\" baS crfte Duartal be§ laufen*\nDen @3 fei toieberfjolt auf bicfe unabfjangige nnb\n| bielfeitige ffiotynfarift aufmerffam gemast112 bie in ifjrer £altung\n: \" bie freie uttb ftifcfce 2ftiinsett3 'erfennen lagt mit bem fyer*\nben dj, bet bon ben benadjbarten JBergriefen n>el)t. $>er „2Jiar3\" if!\nnrie fcec „©imj)ltjiffimus\" ein bobenftanbige§ @ett)tid}s, ba§ nur in\nj -SJiiinrfjen ptn unb ©ebetfren fommen fonnte. ©erne cfyarafters\n| boHe (Jigenait fjat nidjts ju tun mit fubb'utfdjem i*artifufarismu3 unb\nISWflinlinienuberlieferunQ. 3m (sscgentei£ tft ber „2Jlars\" fubfceutfd) tm\nbefien ©imte, aus im $ern grojjbeutfd), unb er bebentet in fciner 2ln*\ner!ennnrg fiibbeutfdjer nnb notbbeutfefcer Strt in $erfd)iebenl?eiten\nnid)t3 toeniger ai£ eine getfiige 33riicfe gnrifefyen 9?orb imb @iib. Qmmer\nift ber anregenb nnb frifdj toit aud) fca* box un 3 liegenbe\nbe<§ erften OutrtalS, ba£ bon ben folgenben ba3 befte er*\nraartea lafji.\nguatiS nnb franfo tiont\nS}Jtdrs 03erlag ©. ra. b. £>~ 9Mncf)en\n91."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c018", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "123", "page_fin": "123", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.11", "debut_caractere": 1515, "fin_caractere_exclue": 1706, "texte": "5 rue Gbaptal / Paris\nDiese literariscbe Zeit-\nschrift veroffentlichtedas\nfranzosische Original der j\nTagebll c h e r F1 au - j\nbert s, (leren U eber-\ntraguug in Deutschland j\nverboten wurde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c019", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "123", "page_fin": "123", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.11", "debut_caractere": 1708, "fin_caractere_exclue": 1812, "texte": "r »in,\nLEii\n112 ruber: L'Effort\nMonatsschrift\n:: lierausgeber: ::\nJean Richard Bloch\nPoitiers (Vienna)\no"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c020", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "123", "page_fin": "123", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.11", "debut_caractere": 1814, "fin_caractere_exclue": 1929, "texte": "L Mependance\nHalbmenatsschrift\nKunste, Kultur. 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Se-\nzession Eingang Cirolmannstr.\nIllustriert, Katalog u. 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Neuvergoldungen aller Geeenstande, Aufarbeiten\n:: aller Arten Antiken, Reinigen von Gemalden und Stichen ::"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-08-10-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-08-10_01#c030", "volume": "bmtnabg_1912-08-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "124", "page_fin": "124", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.2.30", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.12", "debut_caractere": 1525, "fin_caractere_exclue": 1691, "texte": "FRITZ MERKER Ciwlottenburg-Schillerstr. 94\nAmt Chariottenburg 8397\nPASSEPARTOUTFABRIK BUCH-\nBINDEREI :: :: ZEICHENMAPPEN\nAUFZIEHEN V. 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Sprachargane\nn.d.Meth.Prof. Ed.\nempfohlen von er-\nsten arztfichen u.\n: kunstlerischen :\nKapazitaten :\nWi sse »»8 c haft I er. Schriftstell er,\nRecrtatoren.\nErxiehaag zu hyg. u. phonet. rich-\ntigem Spreohen zweeks Vartdlaiig>.\nKr&ttigang u. Erhaltaajf d. Stimm#.\nv. Spraehitorungen w. t.\nSti mini eld in j«der Art. ::\nn. Engel diplara.\nStimmbiidner\n. 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W.: Deutsche Dichter und Deutsche Richter / Karl Borromäus Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden I Roman /\nGrete Tichauer: Aus einem Gelächtercyclus / Paul Scheerbart: Mitternachtsbesuch / Lothar von Kunowski: Folie\nund Fassung / H. W. Das Senkblei ins Ewige / Alfred Döblin: UeberiJungfräulichkeit / Marcel Riviere: C6sar Franck /\nArtur Segal: Original-Holzschnitt / Richter-Berlin: Bahnwärterhäuschen / Fr. Rosenkranz: Original-Holzschnitt\n\nArtur Segal: Original-Holzschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.2", "texte": "Deutsche Dichter und deutsche\nRichter\n2 / Berlin\n\nWer die Wahrheit kennt und sie trotzdem ver-\nklagt, muß entschieden schon ein so sachliches In-\nteresse besitzen, wie ich. Denn es ist mir natürlich\nnicht einmal im Wachen eingefallen, mich von dem\nBlättchen des Herrn Bruhn beleidigt zu fühlen. Mir\nlag daran, zu wissen, ob auch Berliner Richter in\nstrafrechtlicher unjdi zivilrechtlicher Hinsicht so to-\nlerant gegen deutsche „Redakteure\" sind, wie die\nHerren in Hamburg. Der Tatsachenbestand war\ngenau derselbe. Die Wahrheit hatte die Dreistig-\nkeit, ein Gedicht der Else Lasker-Schüler\nund die Verfasserin mit den gröb-\nsten Schimpfworten zu bewerfen. Das Amtsge-\nricht Berlin-Mitte billigte, so unglaublich es klin-\ngen mag, dem Schimpfer den Schutz des Paragra--\nphen 193 zu. Man kann nach Ansicht dieses Rich-\nters in Wahrnehmung berechtigter Interessen gegen\njeden. Menschen öffentlich beschimpfende .Woijte\ngebrauchen, wenn man nämlich materielle\nInteressen zu verteidigen hat. Die Ausführung die-\nser Motivierung ist meisterhaft. Neben dem Straf-\nprozeß war gleichzeitig zivilrechtlich ein Schaden-\nersatzanspruch wegen unbefugten Nachdrucks des\nGedichtes Abel geltend gemacht worden. Herr\nDr. Neimann, der Rechtsanwalt der Klägerin, hatte\nwie üblich die Zeitung vor Anstrengung des .'Pro-\nzesses zur Zahlung aufgefordert. Die Wahrheit\ndruckte den Brief des, Anwalts ab und bemerkte\nneben einigen Schimpfereien, daß; das Gericht schon\nsein Urteil über diese Lyrik abgeben würde.\nDieses Aufforderungsschreiben !des Anwalts gab\ndem Amtsgericht Berlin-Mitte die Möglichkeit, dem\nbeklagten Redakteur die Wahrung berechtigter In-\nteressen zuzusprechen. Die Klägerin verlangte\nvon ihm Geld, sagte das Amtsgricht, der Redakteur\nmußte sich also wehren, und besaß infolgedessen\nein berechtigtes Interesse, die Klägerin zu be-\nschimpfen. Das Amtsgericht Berlin-Mitte sah na-\ntürlich in den Schimpfworten keine Schimpfwrorte,\nsondern hielt sie nur für eine Art, „Auswüchse der\nlyrischen Poesie in derb-ironischer Weise zu gei-\nßeln, um sie in Zukunft zu verhindern\". Das\nAmtsgericht meinte es sicher sehr gut mit der Ly-\nrik, aber das Landgericht I war bereits anderer\nAnsicht über die Geißelung in derb-ironischer Wei-\nse. Der Vorsitzende Landgerichtsdirektor erklärte\nnämlich dem angeklagten Redakteur, daß er ihm\nsehr dringend zu einem Vergleich rate. Bei der\nSchwere der Beleidigung wäre ihm nach Ansicht\nder Kammer eine Gefängnisstrafe von\nvier Wochen ziemlich sicher. Woraus\nman sehen kann, daß nicht nur über Lyrik ver-\nschiedene Ansichten in der Welt herrschen. Die\ntapfere Wahrheit verglich sich also schleunigst,\nnahm alle Beleidigungen und Beschimpfungen mit\ndem Ausdruck lebhaften Bedauerns zurück und trug\nsämtliche Kosten beider Instanzen. Hintertier\nschrieb sie allerdings, daß ihr der Vergleich vom\nGericht „erpreßt\" worden sei. Ich habe darnach\nbeschlossen, keinen Redakteur der Wahrheit mehr\nvor einer Gefängnisstrafe zu bewahren.\nHierauf wurde vor dem Königlichen Amtsge-\nricht Berlin-Mitte der Zivilprozeß auf Schadener-\nsatz Wegen unbefugten Nachdrucks anhängig ge-\nmacht. Herr Amtsrichter Braun wies die Klage\nkostenpflichtig ab. Er interessierte sich offenbar\nfür den Prozeß mehr literarisch als juristisch. Denn\nseine Entscheidungsgründe lauten:\nDer Klägerin, ist darin zuzustimmen, daß der\nBeklagte ohne ihre Genehmigung nicht be-\nrechtigt war, das Gedicht abzudrucken und\nzu verbreiten, da ein Fall zulässiger Wieder-\ngäbe im Sinne der Paragraphen 16 ff des\nReichsgesetzes betreffend das Urheberrecht\nan Werken der Literatur und der Tonkunst\nvom 19. Juli 1901 nicht vorliegt. Trotzdem\nwar die Klage abzuweisen, da dem Ge-\ndicht literarischer Wert nicht\nbeigemessen, also nicht aner-\nkannt werden kann, !daß der Klä-\ngerin durch den Nachdruck ein\nSchaden entstanden ist. Die Kosten\ndes Rechtsstreits hat die Klägerin nach »Pa-\nragraph 91 Zivilprozeßordnung zu tragen.\nDa dem Gedicht literarischer Wert nicht bei-\ngemessen werden kann. So hat der Amtsrichter\nBraun für Recht erkannt. Zwar steht in dem Ge-\nsetz „betreffend das Urheberrecht'4 nichts davon,\ndaß das Gericht den literarischen Wert eines Ge-\ndichts beimessen oder anerkennen soll.' Aber Herr\nAmtsrichter Braun ist nun einmal gegen gute Li-\nteratur und kann deshalb im Nachfdruck keinen\nSchaden sehen.\nJedenfalls ist diese Art literarische Kritik auf\ndem Instanzweg zu üben ebenso einfach wie neu.\nEs wurde 'Berufung beim Landgericht Berlin I ein-\ngelegt und darauf hingewiesen, daß nicht die 1 i t e-\nr a r i s c h e, sondern die j u r i s ti s c h e Seite die-\nser Angelegenheit zu prüfen sei. Die einundzwan-\nzigste Zivilkammer stimmte dieser Ansicht bei und\nes wurde für Recht erkannt:\nDas am 6. November 1911 verkündete Urteil\ndes Königlichen Amtsgerichts Abteilung 8a\nwird abgeändert:\nDer Klag eanspruch ist dem Grun-\nde nach gerechtfertigt.\nZur Verhandlung und Entscheidung über den\nBetrag des Anspruchs und die Kosten des\nRechtsstreits einschließlich der Kosten der\nBerufungsinstanz wird die iacne an das Ge-\nricht erster Instanz zurückgewiesen.\nDie Entscheidungsgründe seien ihrer Wichtigkeit\nwegen hier wiedergegeben:\nDer erste Richter ist mit Recht davon ausge-\ngangen, daß das streitige Gedicht Abel ein\nSchriftwerk im Sinne des Paragraphen 1 des\nGesetzes vom 19. Juni 1901 sei, daß die Wie-\ndergabe durch den; Beklagten nicht be-\nrechtigt war, ohne Genehmigung der Kläge-\nrin das Gedicht abzudrucken und zu verlbrei-\nten. Demgegenüber ist die Behauptung des\nBeklagten, daß das Gedicht literarisch wert-\nlos sei unerheblich. Denn für die Frage, ob\nein Schriftwerk im Sinne des Gesetzes vor-\nliegt, kommt es auf den literarischen Wert\noder Minderwert der Arbeit nicht an. Es ge-\nnügt, daß ein Erzeugnis individueller geistiger\nTätigkeit gegeben ist. Das ist bei dem Ge-\ndicht „Abel\" zweifellos der Fall, und das\nmußte auch dem Beklagten klar sein.\nIm Uebrigen kann jedoch nach dem Ergebnis\nder Beweisaufnahme dem ersten Richter nicht\nwerden. Die Klägerin ist mit\nRecht der Ansicht, daß es für ihren Scha-\ndenersatzanspruch auf den li-\nterarischen Wert nicht ankom-\nme, sondern nur darauf, ob sie ihr Urheber-\nrecht hätte verwerten können. Diese beiden\nFragen fallen nicht — wie der erste Richter\nannimmt — zusammen.\nEin allgemein gültiges\nmigesUrteilüberWrerke derzeit-\ngenössischen Autoren wird sich\nnur in Ausnahmefällen feststel-\nle n lass e n. So erklärt auch der Sachver-\nständige, der seinerseits von dem Gedicht\nkeinen tieferen Eindruck empfangen hat, er\nleugne nicht, daß dies bei andern anders sein\nkönne; man könme über den literarischen\nWert des Gedichts verschiedener Meinung\nsein. Gerade dieser Tatsache pflegt auch' die\nTagespresse Rechnung zu tragen und der\nSachverständige erklärt deshalb überzeugend:\n„Da aber die Zeitungen, auf verschiedene Ge-\nschmacksrichtungen der Leser Rücksicht zu\nnehmen gewöhnt sind, kann ei n e Ge-\nschmacksrichtung wohl nicht gut für den\nliterarischen Wert bestimmend sein\". Der\nSachverständige erklärt dehalb überzeugend*\ntrotzdem das Gedicht bereits erschienen war,\nandere Zeitschriften und Zeitungen das Ge-\ndicht auch noch gegen Honorar übernommen\nhaben würden. Diese Möglichkeit muß nach\nder oben festgestellten Gewohnheit der Zei-\ntungen und bei Berücksichtigung des Briefes\ndes Redakteurs ... vom 12. Dezember 1911,\ngegen den der Beklagte nur mit einer haltlosen\nUnterstellung ankämpft, als eine so nahelie-\ngende und so sehr an Wahrscheinlichkeit\ngrenzende angesehen werden, daß danach der\nSchadenersatzanspruch dem Grunde nach\ngerechtfertigt erscheint. Das Gericht ist\nüberzeugt, daß die Klägerin in der Lage ge-\nwesen wäre, das Gedicht in, einer hiesigen\nZeitung erscheinen zu lassen, und daß sie da-\nfür von der Zeitung ein Honorar erhalten\nhätte. Der Beklagte hätte ebenfalls das Ge-\ndicht von der Klägerin nur gegen Zahlung\neines Honorars zum Abdruck erhalten. Durch\nden unbefugten Abdruck, mit dem der Be-\nklagte unbedenklich sich mindestens einer.\nFahrlässigkeit schuldig gemacht hat, ist somit\n* !•\ndie Klägerin geschädigt in Höhe des Hono-\nrars,, das der Beklagte ihr bei ordnungsmäßi-\ngem Erwerbe hätte zahlen müssen, Den an-\ngemessenen Betrag dieses Honorars schätzt\nder Sachverständige einwandfrei auf 10 Mark?\nDas Sachverständigengutachten ergibt end-\nlich auch, daß der von der Klägerin eventuell\ngeltend gemachte Bereicherungsanspruch\ndem Grunde nach gerechtfertigt wäre.\nDas Berufungsgericht wäre hiernach sachlich\nin der Lage gewesen, über den Schadener-\nsaizansprfuch der Klägeriry auch dem Be-\ntrag nach zu erkennen. Es sieht sich jedoch\nrechtlich hieran durch die Vorschrift des Pa-\nragraphen 538 Ziffer 3 Zivilprozeßordnung\ngehindert, da der Anspruch nach Grund und\nBetrag streitig, und die Klage in erster In-\nstanz abgewiesen ist. Deshalb war unter Ab-\nänderung des ersten Urteils lediglich d.er\nKlageanspruch, dem Grunde nach für ge-\nrechtfertigt zu erklären, Die Entscheidung\nüber den Betrag des Anspruchs und die Kosten\ndes Rechtsstreits, einschließlich derjenigen\nder Berufungsinstanz, hat das Amtsgericht\nzu treffen, an das zu diesem Zweck die Sa-\nche zurückzuweisen war. Bei der Kosteri-\nentscheidung wird das Amtsgericht die Frage\nzu prüfen haben, ob nicht mit Rücksicht dar-\nauf, daß der Betrag des Anspruchs von der\nErmittlung durch Sachverständige oder Fest-\nsetzung durch richterliches Ermessen abhän-\ngig ist, von der Vorschrift des Paragraphen\n92 Absatz 2 Zivilprozeßordnung Gebrauch zu\nmachen sein wird.\nHerr Amtsrichter Braun sollte also nun dem\nBetrage nach entscheiden. Aber Herr Amtsrichter\nBraun — wies die ganze Klage wieder kosten-\npflichtig ab. Er fühlt sich nicht an die zweitin-\nstanzliche Entscheidung gebunden, er hat „viel-\nmehr bei der Beurteilung der Frage, ob und in\nwelcher Höhe ein Schaden entstanden ist, freie\nHand\". Die Beweisaufnahme hat ihn nicht die\nUeberzeugung gewinnen lassen, daß die Klägerin\ndurch das Verhalten des Beklagten geschädigt"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.3", "texte": "worden sei\". Der Sachverständige hat sich zwar\nfür das Landgericht, aber nicht für ihn bestimmt\ngenug ausgedrückt;\nDa die Klägerin weiteren Beweis für die Hö-\nhe ihres Schadens nicht angetreten hat, war\nanzunehmen, daß ein solcher nicht entstanden\nist. Steht aber fest, daß die Klägerin\ndurch den Beklagten nicht geschädigt worden\nist, so ist nicht ersichtlich, inwiefern dieser\ndurch den Abdruck dieses wert-\nlosen Gedeichtes bereichert worden\nsein sollte. Die Klage war demnach abzuwei-\nsen. Die Kosten des Rechtsstreits hat die 'Klä-\ngerin nach Paragraph 91 Zivilprozeßordnung\nzu tragen.\nEbenso kurz wie literarisch. Herr Amtsrichter\nBraun erkennt das Gedicht und den Schadenersatz-\nanspruch nun einmal nicht an. Und die Klägerin\nihn nicht. Der Prozeß ging deshalb wieder an die\nBerufungsinstanz. Er dauerte zwar nun schon an-\nderthalb Jahre, aber vier Prozent Zinsen, seit Kla-\ngezustellung auf zehn Mark ist auch eine ganz\nV*\nhübsche Sache. Vielleicht weiß es Herr Amtsrich-\nter Braun noch nicht einmal. Aber die einund-\nzwanzigste Zivilkammer des Königlichen Landge-\nrichts I unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors\nWestermann erkannte endgültig für Recht:\nDas Urteil des Königlichen Amtsgerichts\nBerlin-Mitte Abteilung 8a vom 29. April 1912\nwird aufgehoben und der Beklag-\nte verurteilt an 'die Klägerin\nzehn Mark nebst vier Prozent\nZinsen seit Klagezustellung z u\nzu zahlen und die gesammten\nKosten des Rechtsstreits zu\ntragen.\nIn den Entscheidungsgründen wird festgestellt,\ndaß das erkennende Gericht den Klageanspruch\ndem Gründe nach für gerechtfertigt erklärt hat.\nDem Betrage nach fällt es die Entscheidung auf\nGrund des Sachverständigengutachtens. Paragraph\n92 Absatz 2 Zivilprozeßordnung. Es führt weiter\naus, daß der Beklagte für die Gestattung des Ab-\ndrucks das angemessene Honorar hätte bezahlen\nmüssen, und daß daher durch den unbefugten Ab-\ndruck der Klägerin ein Schaden entstanden sei.\nIch habe erreicht, was ich erreichen wollte. Die\nWahrheit hat sich seit Beginn des Prozesses sehr\ngehütet, Dichtungen aus dem Sturm abzudrucken\nund in derb-ironischer Weise zu geißeln. Ich war-\nne die Herren/ in der Provinz nochmals, Gedichte\naus dem Sturm abzudrucken und sich dabei Humor\neinzureden. Auch rate ich ihnen, die sogenannten\nFeuilletonkorrespondenzen erst zu lesen, bevor sie\nsie veröffentlichen. Auf Grund dieses obsiegenden\nUrteils könnte ich jetzt mit ziemlicher Sicherheit\nauf Erfolg sechhundert Zeitungen auf Schadener-,\nsatz verklagen. Das würde der Verfasserin immer-\nhin sechstausend Mtrk einbringen. Und vier\nProzent Zinsen vom Tage der Klagezustellung.\nAuf diese Weise können auch gute Autoren\nwenigstens zu einem angemessenen Honorar\nkommen. Im Namen des Königs.\n\nH. W.\n\nMenschen von Gottes Gnaden\nAus den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant Mié-\nville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.\nVon Karl Borromäus Heinrich\n\nClermond-Ferrand, Osterdienstag 1884\nZu spät! Hier, wie immer, bin ich zu spät\ngekommen. Es ist mein Verhängnis, zu spät zu\nkommen, und vielleicht bin ich auch zu spät ge-\nboren. Wenigstens sagt man, daß meine Mutter\ndaran gestorben ist.\nIch bin zu spät gekommen.\nHeute hat sich mein Freund Baron Frangart',\nden ich vor zehn Jahren im Jesuitenkollegium ken-\nnen und lieben gelernt habe, mit Komtesse Riom\nverheiratet.\nEr hat ihre Bekanntschaft auf Schloß Choiseul,\nbei Clermont-Ferrand, gemacht. Die Frangart und\nChoiseul sind seit langen Zeiten verwandt. Die\nChoiseul und Riom sind seit noch längeren Zeiten\nverwandt. Und so bleibt alles, in der Verwandt-\nschaft, hauptsächlich aber bei den Choiseul, die der\nverwaisten Komtesse Riom hundertachtzigtausend\nFranken für die ganzen Liegenschaften Riom be-\nzahlt haben; nun, schließlich ist es ja auch ganz gut'\nwenn der Alte auf Choiseul sein Stammgut auf bil-\nlige Weise vergrößert. Die Frage bleibt nur, für\nwen ; denn eines Tages muß das ja doch wieder an.\ndie Komtesse zurückfallen; denn, daß es an die\nBourbonen übergehe, wird der alte Einsiedler kaum\nverfügen, obwohl ja die Choiseul, und die Frangart\nund die Riom, mit ihnen seit längsten Zeiten ver-\nwandt sind. Das hat der Adel so an sich, die weiten\nVerwandtschaften. Wenn zum Beispiel, ich sage nur\nzum Beispiel (nur und „zum Beispiel\" macht\nsich hier sehr gut!), wenn also der damalige Herr\nvon Choiseul nicht mit seiner Tochter vor dei]\nGier des Königs Frangois 11. nach Mailand hätte\nflüchten müssen, hätte diese den Edlen von Fran-\ngart nicht dort kennen gelernt. Und wenn, wiede-\nrum nur zum Beispiel . . . Nein, es ist genug mit\ndem einen.\nDenn wenn nur dieses eine zur Tatsache ge-\nworden wäre, so hätte ich zwar sehr wohl mit dem\nBaron Frangart aus Südtirol bekannt werden kön-\nnen, obwohl ich aus dem französischen Departe-\nment Puy-de-Döme stamme: weil ja das Jesuiten-\nkollegium in Chamfort ganz unabhängig von allen\ndiesen Verwandtschaften existiert. Nun ja, aller-\ndings, wenn der alte Baron Frangart nicht mit\nfranzösischen Familien verwandt wäre, hätte er,\nin betreff der Erziehung seines Sohnes, vielleicht\ngar nie an ein französisches JesuitenkoUegium ge-\ndacht. Das stimmt. Aber wenn die Güte Gottes\nwollte, daß ich und der junge Baron Frangart\nFreunde werden und uns so'lieb gewinnen, -- ach,\nwie lieb hab ich den jungen Frangart! — dann Mat-\nte er ja seinen Vater ganz zufällig auf die Idee\nführen können, seinen Sohn in ein französisches Je-\nsuitenkollegium zu geben, noch einm.il, nur zun,\nBeispiel, nach Chamfort. Er wäre dann mein\nFreund geworden, ohne der Gemahl der Komtesse\n... Oh großer Gott, wie schrecklich ist das alles!\nIch werde verrückt.!\nEine andere Möglichkeit, eine leichtere Mög-\nlichkeit, und für die Güte Gottes so leicht wie\nnur irgend etwas: Der alte Choiseul ist zwar mein\nVormund; aber ich habe ja kaum dreißig Worte\nmit ihm gewechselt. Und das war vor zehn Jahren,\nals er mir auseinander setzte, daß ich das uneheliche\nKind der wohlhabenden Witwe Mieville und etines\nunbekannten Vaters sei; daß ich von mütterlicher\nSeite soundsoviel Vermögen besäße; und daß er\nes sorgsam verwalten werde, wie seine eigene\nSache, und noch sorgsamer . . . Das hat er ja\nauch getan, wenigstens ist es immer mehr gewor-\nden. Aber er hat wirklich kaum mehr als dreißig\nWorte mit mir gewechselt. Richtig — pardon, Al-\nter! — er hat mich in ein gutes Regiment hinein-\nprotegiert; freilich, ohne lang zu reden.\nWenn also der alte Choiseul, als ihm Baron\nFrangart sagte, daß er mich zum Trauzeugen bitten\nwolle, nur etwa obenhin gesagt hätte: „ach nein,\nich möchte lieber den und den . . dann hätte\nwenigstens ich die Komtesse Riom niemals kennen\ngelernt. Aber hat nicht der Alte geschrieben: „Ich\nhätte sie, verehrtester Herr Mieville, auch ohne\nden besonderen Wunsch des Baron Frangart ein-\ngeladen\".lch setze hinzu: wenn er auch das\nnicht gewollt und nicht geschrieben hätte! Eine\nKleinigkeit, lauter Kleingkeiten für die Güte Gottes.\nUnid so hätte ch die »Komtesse nie gesehen. Nie.\nVor einem Vierteljahr ist sie aus dem Kloster ge-\nkommen, jetzt heiratet sie.\nHat geheiratet.\nKomtesse Riom hat geheiratet.\nKomtesse Riom ist schon verheiratet, verhei-\nratet an Baron Frangart, meinen Freund Baron\nFrangart.\nVor sechs Tagen habe ich Komtesse Riom,\npardon, Madame la baronne Frangart, zum ersten\nMal gesehen. Und meine ersten Worte waren:\n„Komtesse, ich beglückwünsche meinen Freund\nFrangart, daß er eine Französin heiratet. Daß er\naber das Glück hat, Sie heimführen zu dürfen, Kom-\ntesse, dazu wünsche ich ihm nicht Glück; denn ich\nbeneide ihn zu sehr darum'4.\nDas war eine höfliche Phrase oder eine phra-\nsenhafte Höflichkeit.\nJetzt ist es Ernst.\nPfui, man soll keinen Freund beneiden!\nAber ich liebe die Komtesse so sehr. Ich liebe\nihre kleine schlanke Figur, ihr blasses Gesicht, ih-\nren arlesischen Mund, ihre mandelförmigen, fast\nchinesischen Augen. Ich liebe die Komtesse so sehr\n... Im Ausdruck sehe iich ihr etwas ähnlich, mein-\nte der alte Choiseul, und es ist wahr.\nIch verachte mich. Es handelt sicn um die\nFrau meines Freundes.\nSchäme dich, Mieville!\nAch Gott, ja. Aber ich glaube, die Komtesse\nRiom liebt mich.\nUnsinn, Frangart, reg dich nicht auf! Ich spre-\nche von der Komtesse Riom, nicht von der Baro-\nnin Frangart. Die liebt mich natürlich nicht. Und\nauch als Komtesse Riom war sie zu gut erzogen,\num wegen eines sechstägigen neuen Gefühls einen\nälteren Entschluß umzuwerfen.\nBaron Frangart ist schön. Ein beweglicher\nMensch. So süfdlich sieht er aus. Und wie er\nunser Französisch spricht! Man muß ihn lieb ha-\nben. Sie wird ihn lieib gewinnen.\nAber ich weiß, sie hat mich geliebt. Sie pflegte\nihre schmale weiße Hand, wenn ihr etwas gefiel,\nauf meinen Arm zu legen. Unabsichtlich, versteht\nsich.\nEine Komtesse Riom ist von zu gutem Blut, um\nAbsichten zu haben. Und vielleicht, wahrschein-\nlich, nein, selbstverständlich wußte sie gar nicht,\ndaß sie mich liebte.\nMindestens weiß die Baronin Frangart nicht,\ndaß mich die Komtesse Riom geliebt4 hat.\nSchäme dich, Mieville! Du bist ungalant!\nAber noch ein paar Tage Zeit, und die Komtes-\nse Riom hätte empfunden, mit Bewußtsein empfin-\nden müssen, daß sie -mich liebt!\nIch habe die Komtesse zu spät kennen gelernt.\nZu spät! Ich komme immer zu spät!\nHeute haben sie geheiratet.\nDiese Nacht ist ihre Hochzeitsnacht. Diese\nNacht. Heute, jetzt! Eben jetzt! ... Oh Schrei\nder Sehnsucht!\nOh Gott, hilf niiir! Hilf mir vor diesem Ge-\ndanken !\nMein Herz schlägt so schnell. Oh Gott! Hilf\nmir!\nEs soll keine Komtesse Riom mehr geben, nur\nmehr ... Oh Gott, hilf!\nVater unser, der du bist im Himmel, geheiliget\nwerde dein Name,zukomme uns dein Reich, dein"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.4", "texte": "Willfc geschehe, dein Wille geschehe! .. . .\nNicht dein, nein, nicht mein, sondern dein Wil-\nle geschehe!\nJa, ja, ich verzichte. Ich begehre die Komtesse\nRiom nicht.\nGott, ich danke dir! Ich liebe sie beide. Meine\nLiebe umarmt beide, ohne Begehrlichkeit.\nIch segne sie beide mit meiner Liebe, meinen\nFreund Frangart und die Komtesse Riom.\nEs gibt keine Komtesse Riom mehr. letzt nicht\nmehr.\nIch segne die Baronin Frangart und ihren Ge-\nmahl, meinen Freund. J, ,\nParis, 2. Mai 1884\nOb das nicht ein Frevel ist! —\nSeit einer Woche habe ich Urlaub. Und heute\nhabe ich zum siebenten Maie eine Kokotte ins\nHotel eingeladen. Jedesmal eine andere.\nKeine habe ich berührt. Jeder habe ich hundert\nFranken geschenkt und zu jeder habe ich gesagt:\n„Du mußt mit mir beten für das Wohl einer Dame!\nEine hat mich gefragt: „Ist das eine neue Per-\nversität?\" Ich habe sie gleich forgebeten.\nDie anderen haben geweint und gebetet, innig\ngebetet. Und von einer, ]der letzten, weiß ich,, daß\nsie so innig gebetet hat wie noch nie ein Mensch\n-— nach der heiligen Magdalena, welche die Füße\ndes Herrn mit ihren Haaren trocknen durfte.\nDer alte Choiseul ist wütend, weil ich soviel\nGeld gebraucht habe. „Vous etes fou, rentrez de\nsuite!\" Auf offener Karte.\nIch werde heimfahren; aber verrückt bin ich\nnicht\nClermont-Ferrand, 14. Mai 1884\nChoiseul hat mir geschrieben, daß die Baronin\nFrangart in anderen Umständen ist, und daß er\nmit den Srzten für ihr Leben fürchte. Gott erhalte\nsie! — Sie stationieren in Wien: es muß auch\nhart für Baron Frangart sein, der sich so gefreut\nhatte, mit ihr zu repräsentieren.\nWie merkwürdig! Ich liebe sein Kind wie\nmein eigenes, noch bevor es geboren 'ist.\nOh, ich habe es ja frühzeitig gesegnet, das\nKind und auch seine Elternj. Damals . . .\nMein Segen war von allem Anfang an bei\ndiesem Kind. Die Baronin sieht mir ähnlich; viel-\nleicht wird mir auch das Kind ähnlich sehen. Das\nwäre kein Wunder,, aber eine große Gnade.\nClermont-Ferrand, 23. Mai 1884\nIch benehme mich so komisch ihn Regiment. Die\nNacht von gestern auf heute haben wir gespielt. Mir\nwar alles ganz gleich, ich dachte an weit weg, wo\nalles in großer Ruhe Megt, unter schwarzen,\nschweigenden Zypressen. Ich dachte überhaupt an\nnichts, ich sehnte mich nach etwas » . . Aber ich\nsoll fürchterliche Summen gewonnen haben. Vi-\nsitenkarten mit höchsten Zahlen haben sich bei mit\nangehäuft. Ein Kamerad, der kleine Tourgot, —\ner mußte doch ein Jude sein — hat vielmehr, ah\ner überhaupt in seinem Leben hätte aufbringen\nkönnen, an mich verspielt. Per Visitenkarte\nnatürlich.\nHeute mittag, als ich noch zu Bett lag, kam der\nalte Choiseul angefahren, drang mit Gepolter in\nmein Schlafzimmer und schrie mich an: „Her mit\nder Karte des Herrn Tourgot!\" „Aber lieber Herr\nChoiseul sagte ich verstimmt, „suchen Sie Sich\ndoch die Karte, Ich weiß nichts mehr.\" Er suchte\nin meinem Visittäschchen und außerdem in allen\nTaschen der Uniform, deren einzelne Stücke an den\nMöbeln herumhingen, aber er fand nichts. Da kam\ner denn zu mir ans Bett, zog meine Hand unter\nder Decke hervor und drückte sie so fest, daß ich\nvollends aufwachte. „Sie sind doch ein guter Kerl,\nMieville!\" Aber ich hatte wirklich keine Ahnung,\nwohin ich die Karten getan haben mochte.\nIm Regiment spottet man über mich.\nClermont-Ferrand, 10. Juni 1884\nIch bin manchmal so müd. Alle Dinge um mich\nher werden zu Schatten, und ich verstehe nicht,\nwarum die andern sie so wichtig nehmen. Vor\nallem verstehe ich nicht, warum ich selbst sie ein-\nmal so wichtig genommen habe.\nDas alles ist doch nur aufgebauscht. Neulich\nfing ich mitten im Rapport an zu lachen, und da\nich mich garnicht beherrschen konnte, endigte es\nin einer bösen Blamage.\nIch lachte nicht über das Militär. Umlängst,\nals ich in einem Laden Schuhe aussuchte, erging\nes mir genau so: Ich mußte einfach gerade hinaus-\nlachen über die allgemeine Wichtigkeit.\nClermont-Ferrand, 12. Juli 1884\nMan hat mir heute nahegelegt, meinen Abschied\neinzureichen. Ich ertrage es ruhig. Früher oder\nspäter hätte ich den Dienst von selbst quittiert;\ndenn daß es so wie in der letzten Zeit mit meinen\ntäglichen Verspätungen, meinen Unaufmerksam--\nsamkeiten, meinier lächerlichen Güte gegen die\nMannschaft nicht weitergehen könne, hätte mir all\"\nmählich schon, eingeleuchtet. Ich warj nu^112 zu\ngeistesabwesend, um darüber nachzudenken.\nAber der eigentliche Grund, den man im Con-\nseil gegen mich angeführt hat, daß ich seit einiger\nZeit in den Kirchen herumsäße wie ein altes Weib\nund daß dazu nur die Adligen das traurige Privileg\nhätten, — der ist nicht stichhaltig für einen Ab-\nschied. (Übrigens haben sie vor kurzem in paris\nauch einige Adlige unter dem gleichen Grund aus\nder Armee hinausgeekelt. Als ob das Kirchengehen\njemals einem Soldaten geschadet hätte!) Es\nscheint, daß der kleine Tourgot dahintersteckt;\nseit jener Spielnacht oder vielmehr seit dem Mor-\ngen darauf schämt er sich nicht wenig und haßt mich\ndeshalb nicht wenig..\nIch gehe. Es hätte ja so wie so keinen Sinn\nmehr.\nAlle Wege sind dunkel, welchen werde ich nun\ngehen?. •\nNizza, Oktober 1884\nOh verlorene Jugend! Oh Schrei der Sehn-\nsucht! Klinge dulph jÜIe weiche, süße, südliche\nLuft hinauf zur geliebten Sonne! Heilige Flamme,\nsteh mir bei!. . .\nNizza, Ende Oktober 1884\nDem Menschen bleibt an sich selber alles We-\nsentliche dunkel, immerfort und solange, bis er tot\nist. Dann beten die Ueberlebenden: „Der Herr gebe\nihm die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte\nihm!44\nDurch das weite Dunkel des Daseins aber tönt\nunaufhörlich der langgezogene grausige Schrei\naus aller Menschen Mund, der Schrei der Sehn-\nsucht nach dem Lichte.\nUnd manche Menschen scheinen gleich einem\nWald, in dem sich dieser Schrei wie in! einem\nEcho fängt. Ich bin so ein Mensch. Ich leide\nnicht mehr um mich, ich leide üm das ganze\nDasein.\nNizza, Novemler 1884\nIch bete unaufhörlich, daß die Baronin Fran-\ngart, über die Choiseul mir so betrübende Nach-\nrichten und Befürchtungen mitteilt, die Entbindung\nüberlebe und auch das Kind 'tnit dem Leben davon-\nkomme.\nChamfort, 18, Dezember 1884\n. Gott sei Dank! Die Baronin und ihr/ kleiner\nSohn leben beide. Soeben bekam ich das Tele-\ngramm von Choiseul.\nIch habe heute meinen Eintritt in den Jesu-\nitenorden erbeten.\nChamfort, Weihnacht 1884\nMein letzter Wille\nHeute erfolgt mein Eintritt in den Orden. In-\ndem ich von der Welt draußen Abschied nehme,\nverfüge ich letztwilMg wie folgt über meine welt-\nlichen Dinge: Ein Drittel meines Vermögens gehö-\nre dem Collegium Societatis Jesu in\ndas zweite Drittel etwa von mir noch lebenden\nVerwandten, und, wenn deren nicht zu finden sein\nsollten, den Armen in der Umgebung des Schlosses\nRiom, Departement Puy-de-Döm«, Frankreich;\ndas letzte Drittel gehöre, mit Zinsgenuß vom heu-\ntigen Tage ab, dem jüngstgeborenen Freiherrn von\nFrangart, Fritz jPaul Joachim, auf (Frangart in\nSüdtirol. Ihn liebe ich, wie wenn er mein eigenes\niKind wäre. Ich segne ihn? heute, wie ich ihn von\nallem Anfang an gesegnet habe.\nGott sei mit ihm und seinen Eltern!\nAnno Domini 1884, Weihnacht.\n\nPaul Mieville,\nPrater Bonaventura S. J.\n\nFortsetzung folgt\n\nAus einem Gelächter Zyklus\nVon Grete Tichauer\nErika war ein Strich. Ihre Augen waren\nklein und leer und ihr Mund abscheulich häßlich.\nIch habe es nie über mich bekommen können, sie\nzu küssen, trotzdem sie mich so darum bat, im\nTiergarten zur Dämmerung auf einsamen Wegen;\nzu Hause auf ihrem geblümten Sofa, wo sie mich\nmanchmal eingefangen hielt und vor mir kniete. Ich\nwäre acht Tage krank gewesen, hätte ich ihren\nMund küssen sollen.\nAls ich sie auf einem Gang durch die Straßen\nkennen lernte, sagte ich zu ihr: „Erika, entschul-\ndige, aber du bist pervers4'. Da war sie unglück-\nlich und wollte sich verteidigen.\nDann hatte ich sie drei Wochen in meiner\nMacht. Ich muß da Vampyrtlürste gehabt haben;\nich merkte, wie ich ihr das dünne bischen Blut, dias\nsie von Natur hatte, abzapfte, oder aus lauter Spaß\ndas dünne Blut klecken zu hören. Und dabei war\nsie mir immer eklig. Aber ich mußte erleben, wie\nsie ganz blutlos aussah.\nAls ich sie endlich so weit hatte, daß sie nur\nnoch durch meine Stütze existieren konnte, schenk-\nte ich ihr einen Strauß von Leben. Bis sie sich\nblähte. Herrgott, es gehörte nicht so furchtbar viel\ndazu. Ihre Haut nahm nicht viel mehr Oberfläche\nein, als vier normale Wurstpellen. Sie war also\ndoch blos ein Strich,\nSie ist heute noch gebläht. Ihr Mund ist wohl\naber noch häßlicher geworden, als er früher war.\nDenn die Falten die sie sich damals nach mir sehn-\nte, möchte ich ihr nicht weg bringen.\nHuch, ich habe sie stets gehaßt; aber ich habe\nan ihr erlebt, wie ein Mensch blutlos und schlap-\npig wird, und wie man ihn dann plötzlich aufblähen\nkann. Wenn er dann nachher so aufgebläht da-\nsteht, sieht er so komisch aus, daß man an ihm\nLachen lernen kann.\nWirklich Lachen hab ich an ihr geerntet. Ich\nlache noch heute, wenn ich an die aufgeblähte\nStrich-Erika denke.\n(Heut sagt sie freudestrahlend und auf ge-\npustet: „Donnerwetter bin ich aber mal pervers\nseit heut Morgen\".)"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.5", "texte": "Richter-Berlin: Bahnwärterhäuschen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.6", "texte": "Mitternachtsbesuch\nVon Paul Scheerbart\nIn der Nähe von Insbruck gibt es ein altes\nSchloß, in dem alte Geister herumspuken sollen.\nDie Gräfin C., die im vorigen Jahre in Innsbruck\nwar, wollte natürlich in diesem Schlosse wohnen,\num die alten Geister kennen zu lernen.\nUnd der Kastellan des alten Sclosses ließ sich\nnun auch allmälich rühren — und richtete der Grä-\nfin C. drei alte Zimmer mit Empiremöbeln aus dem\nJahre 1780 wohnlich ein und ließ die Dame da woh-\nnen.\nIn den ersten acht Tagen passierte gar nichts.\nDann aber kam die Gräfin an einem Sonntage\nsehr spät des Abends nach Hause und fand auf ih-\nrem Schreibtisch eine große Karte — auf der stand\nmit großen Lettern:\n„Meine Gnädigste, gleich nach zwölf Uhr werde\nich dreimal an Ihre Tür klopfen. Wenn Sie „Her-\nein41 rufen, .werde ich hereinkommen. Wenn sie\naber laut „Draußenbleiben\" rufen, werde ich drau-\nßen bleiben. Ich bin im Jahre 203 vor Christi Ge-\nburt im alten Ephesus geboren und war damals\nBildhauer\".\nDie Gräfin holte ihren geladenen Revolver aus\nder Schublade ihres Schreibtisches heraus und leg-\nte den Revolver auf die Karte des alten Bildhauers.\nDann schlug die 'Kastenuhr langsam und be-\ndächtig zwölfmal, und danach klopfte es an der\nTür langsam und bedächtig dreimal\nDie Gräfin sah ihren Revolver an, lächelte und\nrief „Herein\".\nDa wurde die Tür heftig aufgerissen, und ein\nhochgewachsener bartloser Grieche trat ins Zim-\nmer.\nDas hellblaue, sehr dünne Faltengewand des\nGriechen zeigte an den Rändern feine Goldsticke-\nreien, die schwarzen, lockigen Haare und die fun-\nkelnden Augen gaben dem Gesicht einen räuberi-\nschen Anstrich.\nUnd nun zog der Herr aus Ephesus einen klei-\nnen blitzenden Hammer aus seinem hellblauen Fal-\ntengewande heraus und ließ dabei seinen nackten\nsehnigen Arm sehen, der auch braun aussah.\nDie Gräfin spannte ruhig den Hahn ihres großen\nRevolvers auf und sagte lächelnd:\n„Komödiant!\"\nDer Grieche jedoch verbeugte sich höflich und\nsagte:\n„Mein Name ist Megasinthes! Darf ich hier\nbleiben — oder — soll ich wieder gehen?\"\n„Setzen Sie sich!\" erwiderte die Gräfin.\nHerr Megasinthes setzte sich.\n„Sie sind also\", begann die Gräfin C. zögernd,\n;,bereits über zweitausend Jahre alt. Sie haben\nsich sehr gut konserviert. Das ist nicht zu bezwei\"\nfein. Mit welchen Mitteln haben Sie sich Ihre Ju-\ngend so gut erhalten können?\"\nHer Megasinthes erwiderte schnell:\n„Wir dürfen leider keine Zeit verlieren, da ich,\nwie Sie wissen, doch ein Geist bin, der nur für eine\nkurze Zeit den Augen der Menschen sichtbar\nbleibt\".\n„Dann fassen Sie sich kurz!\" gab die Gräfin\nzurück.\nUnd der Herr Megasinthes sprach:\n„Meine Gnädigste, Sie werden sich wundern,\ndaß ein Geist in so dringlicher Art sein Anliegen\nanbringt. Aber — die Sache ist auch sehr inter-\nessant und bedeutsam. Ich habe Sie, meine Gnä-\ndigste, vor drei Wochen in einem Gespräch mit\ndrei Bildhauern beobachtet und belauscht. Sie wa-\nren da der Ansicht, daß die Darstellung des nackten\nmenschlichen Körpers das Endziel aller plastischen\nKunst sei. Um das zu beweisen, führten Sie die\nPlastik der alten Hellenen vor. Ist es nicht so?\"\n„Ja!\" rief die Gräfin C.; „wollen Sie sich dage-\ngen auflehnen?\"\n„Allerdings\", versetzte der Herr aus Ephesus\nlächelnd, während er sich in seinen Sessel zurück-\nlehnte, „ich muß es zunächst bestreiten, daß die\ngriechische Kunst die Darstellung des nackten\nmenschlichen Körpers bevorzugte. Die Zahl der\nweiblichen Gewandstatuten ist so groß,, daß dage-\ngen die Frauengestalten, die im alten Hellas von\nden Bildhauern nackt dargestellt wurden, gar nicht\nin Betracht kommen. Der „männliche\" Körper ist\nwohl öfter nackt dargestellt. Aber — daß die grie\"\nchischen Bildhauer in diesem nackten menschlichen\nKörper das Endziel ihrer Kunst erblickten •— das\ndarf nicht einmal eine Gräfin in Innsbruck behaup-\nten -— das geht zu weit. Wissen Sie nicht, wie oft\nwir Centauren dargestellt haben? Wissen Sie\nnicht, welche Rolle die bocksfiißigen Faune in unse-\nrer Kunst spielten? Vergessen Sie den großen Per-\ngamonfries, in dem fast alle Titanen Beine haben,\ndie zu. Schlangenleibern geworden sind? Der\nmenschliche Körpen schien uns eben nicht vielsei-\ntig genug — er mußte durch die Körperformen der\nTierwelt ergänzt und bereichert werden\".\nDie Gräfin C. besah den Herrn Megasinthes\ndurch ihre Lorgnette und sagte mit weicher Stimme:\n„Nun — ich kann nicht umhin, zu behaupten,\ndaß die menschlichen Körperformen doch reicher\nund vielseitiger sind als die tierischen Körperfor-\nmen; der Mensch hat doch einen Körper, der in-\nfolge seiner geistigen Ausbildung höher entwickelt\nist — als der Tierkörper\".\n„Diese höhere Ausbildung des Geistes\", er-\nwiderte Megasinthes, „kommt doch im Kopfe des\nMenschen und allenfalls noch in den Händen des\nMenschen zum sprechenden Ausdruck\".\nDie Gräfin C. sah eine Weile nachenklich auf\ndie Spitzen ihrer Lackschuhe und sagte dann:\n„Aber das Fell des Menschen ist nicht so be-\nhaart\".\n„0\", rief der Grieche, ;,dann rasiere man die\nLöwen und Tiger; wie man Pudel rasiert, und dan11\nwird man in den Gliedmaßen dieser Tiere mehr\nMuskel- und Sehnenspiele sehen — als in den Kör\"\npern der menschlichen Athleten. Als ich in Ephe-\nsus lebte, hat man zu diesem Zwecke die wilden\nTiere rasiert. Und man hat dann die Körper\ndieser wilden Tiere weicher und' ausdrucksvoller\ngefunden, als die Körper der kraftvollsten Men-\nschen. Glauben Sie denn, daß mein Arm interes-\nsanter ist als ein Pferdebein?\"\nDer Bidhauer zeigte seinen Arm und erklärte\nseine Vorzüge und Nachteile und anderseits die\nVorzüge der Pferdebeine.\nDie Gräfin C. behauptete nun, daß die künstle-\nrische Tätigkeit der Hände doch einen Einfluß auf\ndie Armbildung haben könnte.\nDavon wollte der Bildhauer nicht viel wissen:\ner meiinte, daß ein Pantherbein doch mehr zum\nZupacken und Festhalten gebraucht würde, als ein\nMenschenarm — und daß die geistige Tätigkeit im\nArme des Menschen doch einen greifbaren Aus-\ndruck bislang noch nicht gefunden hätte.\nDann sagte die Gräfin, um dem Gespräche eine\nandere Wendung zu geben:\n„Es erscheint mir gar nicht normal, wenn die\nMenschen nicht im Menschen das Herrlichste er-\nblicken wollen\".\n„Oho!\" rief da heftig der alte Hellene, „wir\nkönnen doch nicht die Selbstverherrlichung zum\nnormalsten aller Dinge machen; die Chinesen und\nJapaner bilden mit Vorliebe Drachen und Blumen,\nder Indier hat seine Götter mit mehreren Köpfen\nund sehr vielen Armen -— wir hatten in Ephesus\nAehnliches. Denken Sie auch an das Fratzenhafte\nin der japanischen Kunst, das durchaus über die\nmenschlichen Gesichtsformen hinauskommen möch-\nie. Denken Sie an die Plastik der Aegypter und\nAssyrer!\"\n„Wollen Sie\", fragte da die Gräfin erstaunt,\n„die Kultur der Aegypter und Assyrer niedriger\nstellen als die Kultur der Hellenen?\"\n„Als ich\", versetzte der Grieche hart; „in\nEphesuss lebte, im zweiten Jahrhundert vor Ihrer\nZeitrechnung, da dachte kein Mensch daran, die\nKultur der Aegypter und Assyrefi niedriger zu\nstellen als die der Hellenen; vergessen Sie doch\nnicht, daß wir damals sehr fest zusammenhingen\nund längst vergessen hatten, die älteren Kultur-\nvölker für barbarische in Ihrem Sinne zu halten\".\nDie Gräfin C. stand auf und ging heftig im Zim-\nmer herum„ starrte dann den alten Griechen lange\nan und sagte: „Aber die moderne europäische Pla-\nstik haben Sie doch noch nicht kennen gelernt\".\n„O doch\", antwortete stotternd der Herr aus\nEphesus, „ich habe einen Teufel von Thomas The-\nodor Heine gesehen — der hatte keinen mensch-\nlich gebildeten Leib. So was gefiel mir sehr. Das\nwar fast „alte Ephesusrichtung\". Sehen Sie,, wir\nwollten damals nicht gern erinnert werden daß wir\nMenschen sind\".\nDie Gräfin C. setzte sich wieder und sprach:\n„Erzählen Sie mir mehr von der alten Ephesus-\nrichtung, die Geschichte interessiert mich sehr\".\n„Die Gelehrten Europas\", versetzte der Herr\nMegasinthes langsam, werden meine Bemerkungen\nfür leeren Humbug halten, da meinen Worten nicht\ndie entsprechenden plastischen Zeugen an die Seite\nzu stellen sind\".\n„Das tut nichts,4, sagte die Dame „sprechen\nSie nur!\"\n„Wir waren,\" sagte der Herr aus Ephesus,\n„vielfach bemüht, die alte Götterwelt der Aegyp-\nter und. die Vorderasiens in neuer phantastischer\nWeise herzustellen — und verbanden daher viele\nTierformen mit den Körperformen des Menschen.\nDas meiste davon ist später durch religiöse Eiferer\nzugrunde gegangen. Aber entstanden ist davon\nsehr viel -— und wär's hier —so würden Sie er-\nkennen, daß die hellenische Zeit davon entfernt\nwar, im menschlichen Körper den Gipfel der pla-\nstischen Erscheinungswelt zu erblicken. Wenn\nSie die modernen Bestrebungen der allermodern-\nsten Europäer so kennen würden, wie ich, so wä-\nren sie bald der Meinung, daß auch im heutigen\nEuropa die [Plastik bald andere als menschliche\nPfade wandeln dürfte\".\n„Sie erzählen mir,\" rief die; Gräfin heftig; „die\nallergrößten Neuigkeiten. Was will man denn dar-\nstellen — wieder die alten ägyptischen und vor-\nderasiatischen Gottheiten in neuer Auffassung?\"\n„Ich weiß nicht,\" flüsterte def Geist müde und\nwurde dabei merklich blasser; ~es gibt heute auch\nBilhauer, die den Marsbewohner plastisch in die\nErscheinungswelt der Erdbewohner führen möch-\nten. Da werden denn ganz neue Organe konstru-\niert, und von diesen neuen Organen ist vieles viel\ninteressanter als alles das, was wir in Ephesus zu-\nsammenhauten. Vergessen Sie auch nicht, daß der\nalte Böcklin mit seinen 'Tritonen und Seeungeheu-\nern einen großen Einfluß auf die moderne Plastik\nausübte. Ich muß aber gehen — denn ich vergehe\nschon. Ich erlaube mir, Ihnen meinen Hammer als\nAndenken hier zu lassen\".\nHerr Megasinthes erhob sich und ging schwan*\nkend zur Tür, öffnete sie leise und machte sie leise\nwieder hinter sich zu.\nDer Hammer lag auf dem Teppich.\nDie Gräfin griff nach ihrem Revolver und be-\ndauerte, nicht nach dem Geiste geschossen zu ha-\nben.\n„Dann hätte ich doch\", rief sie erregt; „gleich\nerfahren: ob dhieser Geist ein Komödiant war oder\nnicht\"."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.7", "texte": "Fr. Rosenkranz: Original-Holzschnitt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.8", "texte": "Die erregte Dame klingelte nach ihrer Kam-\nmerfrau und setzte das ganze Haus in Aufruhr —-\naber der Grieche war nicht zu finden.\nDer kleine, blanke Hammer war aber da, und\nsein Erscheinen ließ sich nicht erklären — so viel\nman auch suchte.\nDer Kastellan fluchte über diesen nächtlichen\nAufruhr in heftigster Form und sagte schließlich\nsehr unhöflich:\n„Meine gnädigste Gräfin, wenn Sie in einem\nSchlosse wohnen, in dem seit langen Jahren alte\nGeister ein und aus gehen, so darf Ihnen doch ein\nsolcher Mitternachtsbesuch nicht unmöglich vor-\nkommen\".\nDie Gräfin C. schrieb ihr Erlebnis noch in der-\nselben Nacht nieder, und ich gelangte durch Zufall\nin den Besitz des Manuskripts.\n\nFolie und Fassung\nVon Lothar von Kunowski\nEin Diamant, Rubin, Saphir und andere Steine\ndes Schmucks, so sehr sie strahlen, so reich sie\ngeschliffen sind, gewürdigt werden sie erst auf ei-\nner Folie, in einer Einfassung, wovon und worin\nsich ihre Vorzüge abheben. So reich, so strahlend\ndas ist, was der Künstler sieht und erfindet, er\ngebe den Perlen der Beobachtung und Phan-\ntasie eine Unterlage und strenge Fassung vor\nglänzender Ausführung. Er suche an den Gestal-\nten das, was sie befähigt,, sich einem gegebenen\nRaum anzupassen. Und um dies zu finden, bedie-\nne er sich der zartesten Eigenschaften seines Ma-\nterials, er wecke in leiser Unterzeichnung den Ur~\nnebel seiner Papierfläche, jenen schwebenden Ton,\nin dem sich jede Erscheinung ahnen, aus der sich\njede gestalten läßt.\nNimm ein Blatt -Papier, bedecke es mit feinen\nKringeln, Linien und Punkten wie Sterne am Him-\nmel, so wirst du Gestalten zu schauen glauben,\nwie Lionardo an den Rissen alter Wände. Uebe\ndich in diesem Gaukelspiel der Phantasie. Bald\nwirst du einen Kopf, eine merkwürdige Physogo-\nmie entstehen sehen, einige jPünktchen kaum ver-\nbunden durch den Hauch einer Linie werden zum\nRinger, Wettläufer, Bettler. Eine zittrige Linie hebt\ndas,, was sie umschreibt, hell aus der Fläche als wei-\nße Wolke, ein Kreis scheint zu strahlen wie die Son-\nne, aus einem eiförmigen Kringel wachsen von\nselbst die Ohren eines Kaninchens, kaum berührst\ndu das Papier mit zwei kleinen Bögen, so scheint\nein Vogel in der Luft zu fliegen, und nun gewinnst\ndu Mut, rieselt das Rund einer Baumkrone und\nbemerkst den ätherischen 'Ton, den sie umschreibt,\nsich dunkel vom Himmel abheben. Wenige Linien\ngebe ihm Aeste, eine einzige, die ihn beinahe hal-\nbiert, genügt, die eine Hälfte der Krone beleuchtet,\ndie andere beschattet erscheinen zu lasse n.\nKaum aber willst du greifbarer machen, was\ndein Griffel als Hauch gibt, Umriß und Schatten stär-\nker betonen* jenem Baum Blätter, jenem Kopf Au-\ngen geben, so fühlst du deine mangelnde Kenntnis,\nschauest auf die Natur zum Gesicht deine Nachbar11\noder aus dem Fenster in den Garten, und setzt nun\nauf deine Andeutugen, der Natur folgend, mit deut\"\nliehen Linien die Einzelheiten an Kopf und Baum.\nDas, was du tatest, ist der Weg jedes Künst-\nlers, auch des größten: leise Unterzeichnung halb\nauswendig, wie um sich träumend an etwas zu\nerinnern, starke Ueberzeichnung, nachdem der\nAnblick der Natur dich mutiger machte. Ehe du\ndreist ausdrückst, !was du 'dir1 nicht vorsteifen\nkannst, triff zarte Vorbereitungen, sammle Erinne-\nrungen und Beobachtungen der Natur zugleich auf\ndem Papier, nimm eine Art von Anlauf vor jeder\nStudie und halte dich überlegend und sinnend In\ndiesem ersten Stadium jeder Arbeit, so lange die\nschattigen Töne schweben, disponierst du über die\nganze Fläche, kannst jeden Accent verteilen und\njede Gestalt ganz allgemein andeuten und in den\nRaum hineindichten, ohne je unlebendig oder leer\nzu werden. Dämpfe die Schwärze des Griffels, wo\nsie voreilig den gaukelnden Nebel einer noch nicht\nfertigen Vorstellung festnageln will.\nIndem du einen Löwen wie einen Assyrer au!\nbunter Tonplatte so in dein Viereck gewaltig ein-\nschreiben willst und tastend seinen Rücken und\nHaupt lang fährst, erinnere dich dessen, was den\nLöwen von anderen Tieren unterscheidet, der\ngeschmeidig lange Körper, das Massive der Kinn-\nbacken, Stahlharte des Blicke, schleichend Weiche\ndes Ganges. Erinnere dich den Umriß gestaltend,\ndamit dein geschäftiger Geist desto leichter des Zu-\nfälligen und Kleinlichen Herr werde, daß der Löwe\nals Urbild der Würde, des Zornes, der Kraft Ver-\nehrung genoß uiad eingeschrieben wurde, eine\ntausendmal geprägte Vorstellung, in das Gemüt\nder Völker, als Wappen im Ritterschild,, Abzeichen\nder Städte, Gewand des Herakles, Beute der Kö-\nnige,, bald in Gefahr zu verlöschen bis auf einen\nSchnörkel im Ornament, wie der Drache.\nRembrandt, der wie keiner die Charakteristik\nder Figuren verbindet mit ihrer Sichtbarkeit unter\nallen Einwirkungen von Licht und Finsternis, er-*\nzeugt den Eindruck blendender Beleuchtung, indem\ner die Fassung breiter Schatten die Details liebevoll\neinträgt, ohne die Ruhe des Schattens zu\nbrechen, und das Auge überrascht, nachdem er es\nbeschäftigt und an «die Dunkelheit gewöhnt hat,\ndurch die Flut des Lichts an hellen Stellen des\nWerks, wo das Unterdrücken der Details und An-\nwenden des reinen Umrisses der Figuren den An-\nschein der formlösenden Gewalt des Lichts auf das\näußerste steigert. Max Klinger lat in „Malerei und\nZeichnung1' diese Fähigkeit Rembrandts am „Hun-\ndertguldenblatt\" erläutert.\nWer aber Rembrandts Platten in den ersten\nZuständen kennt, weiß, daß er solche Wunderwir-\nkungen durch die Folie zarter Unterzeichnungen\nstets sorgfältig vorbereitete und lange den Gesamt-\nton der ganzen Fläche aufrührte und durchtastete,\nja oft die verhärtete Zeichnung durch Abschleifung\nder Platten duftig und allgemein machte, also mög-\nlichst andauernd in den schwebenden Tonflächen\nverweilte, ehe er sich zur endgültigen Niederschrift\nentschloß.\nDarum bediene sich der Anfänger eines model-\nlierbaren Materials, etwa der Kohle, hüte sich vor\nWischen und Schmieren, blase von Zeit zu Zeit die\nZeichnung hell, oder lichte die ganze Fläche auf,\nindem er mit handbreitem, weichem Dachshaarpin.-\nsel rasch darüber hinstreicht, damit die kräftige\nUeberzeichnung mit schwarzer Kohle oder Rötel,\nBleistift, Aquarell die Unterzeichnung aufzehre,\noder den Nebel ihrer schwebenden Tonfläche ent-\ngültig im Raum der Fläche fixiere, als nagle er mit\nmöglichst wenig Nägeln die reizvollen Formen\neines bauschigen Schleiers auf ein Brett. Den.\nOrt zu suchen, wo diese Nägel einzuschlagen sind,\ndie Brennpunkte der Zeichnung, auf denen ihr\nräumliches Gerüst sich erhebt, in denen sie schwebt\nund hängt wie die Figur des Orion in den Sternen\nseines Bildes, diese Punkte zu suchen, ist eben die\nHauptaufgabe der Unterzeichnung.\nDie wichtigsten Treffpunkte der Formen,\nSchatten, Farben und Bewegung will jene feststel-\nlen, indem sie deren Wege einzeln verfolgt bis da-\nhin wo sie sich treffen. Die Formen gehen ihren\neigenen Weg, die Schatten wie das Licht ziehen\nihre eigene Straße, die Farben brechen hindurch\nda, wo sie wollen, und jede Bewegung verfolgt die\nRichtung ihres Interesses durch das räumliche\nGefüge des Ganzen. Ohne sie alle zu trennen,\nfindest du nie, wo sie verbunden sind, und ohne\nVerbindungspunkte kannst du sie nicht ordnen in\nder Fläche, kannst nicht mit Fingern, weisen auf das\nunvorstellbare, das Lebenszentrum des Bildes, das\nvom Betrachter selbst erzeugt werden sollendem\ner von Brennpunkt zu Brennpunkt rhythmisch eilt.\nDie schwebenden Tonflächen werden nur von\nbegabten Künstlern mit offenem Blick auf der\nFläche gesehen und dieser Blick gewahrt ihre lei-\nsesten Veränderungen und vergleicht sie mit den\nSchleiern der Naturerscheinung. Kneife nicht das\nAuge zu, reiße es nicht unmäßig auf um, wie man\ndich allenthalben lehrt, „die große Masse\" der Er-\nscheinung ohne Einzelheit wie durch ein trübes\nGlas zu sehen. Du wirst nichts weiter erreichen,\nals daß die Formen sich verzerren, indem das Licht\ndie Schatten überstrahlt und eines jener tausend\nundeutlichen Bilder schaffen, in denen Leere mit\nAuffassung der Größe verwechselt wird. Man kann\nnicht groß sehen, ehe man überhaupt etwas ge-\nsehen hat, man wird das Ganze nie umspannen, ehe\nman nicht die Einzelheiten eifnig, eindringlich, ge-\nnießend durchgetastet hat, das Zufällige nicht votoi\nWesentlichen scheiden, ohne zunächst die ganze\nSpreu mitsamt den Körnern in das Sieb der Ge-\nsetze zu nehmen. Von der Naturerscheinung läßt\nsich nichts mehr ins Kunstwerk nehmen, als wir\nvon ihr durchgeistigen, das heißt zurückführen auf\nGesetze, welche die Natur sich selbst auferlegt im\nDrange nach Sichtbarkeit.\nWir lernen also zeichnen, indem wir in der Fo-\nMe schwebender Tonflächen alles, was das Modell\nbietet, Einzelformen und Farbenwerte,, Schatten-\ntöne und Lichter uns andeutend! zusammensuchen,,\num diese Andeutungen dann dem Gesetz Untertan;\nzu machen, die Einzelformen auf eine Grundform\nzu beziehen, die Schatten vom Licht zu sondern,\nbeide von der Farbe und uns alles recht sorgfältig\neinzufassen, ehe wir mit sicherem Strich entgültig\nzeichnen.\nEin Gesicht, eine Landschaft, eine Gestalt groß\nschauen, heißt ihren Unterschied von Vorstellungen,\ndie geläutert im Gedächtnis ruhen, erkennen, die\nindividuellen Abweichungen vom Typus als solche\nsofort erfassen. Diese Fähigkeit setzt einen mit\nallen Mitteln anzustrebenden Zustand innerer Klar-\nheit und Ordnung der bereits aufgespeicherten Erin-\nnerungsbilder voraus. Die Tiere scheinen dieses\nordnen der Eindrücke in ausgedehnten Mußestun«,\nden eifrig zu pflegen, daher eine Katze, aus langer\nRuhe plötzlich aufgeschreckt dich mit immenser\nKlarheit anschaut und im Nu erkennt, wodurch du\ndich soeben von früheren Augenblicken unterscher™\ndest, wonach sie sich blitzschnell davonspringend\nverhält. Diese große Sicherheit, Ernst und Zweck-\nmäßigkeit in Ruhe, Wandel, Entschluß und Hand-\nlung der Tiere beobachte fleißig, wenn du sie\nzeichnest. Indem das Refti Kräuter sucht, be-\nherrscht sein Ohr und Auge den ganzen Wald, und\nweiß das Knacken eines Zweiges oder ein Blitzen\nin der Ferne sofort als gefährliche oder\nliehe Veränderung der Umgebung aufzufassen,\noffenbar, weil es die Vorstellung aller Gegenstände,\nringsum tausendmal im Ruhezustände durchge-\nsiebt hat, und zur raschen Erkenntnis des\nWertes jeder Veränderung im Geiste bereit\nhält. Dieser Gabe sollte auch jeder Mensch mäch-\ntig sein, zumal im Gewühl der Städte. Darum\nsiebe ihm der Künstler das Vielerlei der Erschei-\nnungen so durch, daß er in einem Umriß und mit\nwenig Farbe möglichst viele bekannte Merkmale\nder Dinge in kürzeste Formel bringe, zugleich\naber das Sehens- und Suchenswerte genial andeute«,"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.9", "texte": "Das Senkblei ins Ewige\nH. W.\nUeberall regt sich neues Leben. Oder wie der\nKollege sagt: Das, Blühen will nicht enden. Auch\nin Cassel ist man am Werk. Der Casseler Orts-\nausschuß für eine deutsche Nationalbühne und der\nCasseler Goethebun'dversenden einen Auf-\nruf. Die deutsche Nationalbühne soll nun endlich\neinmal wieder gegründet werden. Die Leute, die\ndas Bedürfnis nach der, Nationalbühne und nach\nden Heimatsspielen nicht länger halten können,\nmüssen kolossal viel Blei im Kopf haben. Sie rufen\nkeinen Satz auf, der nicht spätestens seit Emanuel\nGeibel klischiert worden ist. Die Casseler über-\nbieten alles. Im Auftrag der vereinigten Cornmi-\ntees schreibt der Schriftsteller Louis Wolff, Wolfs-\nSchlucht 7 zu Cassel folgendes:\n„Es ist Zeit, daß ein Turm des deutschen Idea->\nlismus aufgerichtet wird. Die deutsche National-\nbühne, nach der anderthalb Jahrhundertevergebiich\ngerungen, soll endlich erstehen\". Das „haben\" ha-\nben die Jahrhunderte noch immer nicht errungen.\nDafür bekommt die deutsche Nationalbühne den\nTurm des deutschen Idealismus. Er wird auch\nfarbig: „Ein höchster nationaler Kunststempel soll\naufgerichtet werden und in die Lande leuchten,\nals bleibender Wallfahrtsort\". In diesem höchsten\nnationalen Kunststempel wächst unnatürlich alles\nGute: „Die Blüte des gesprochenen Dramas ist die\nerhabenste Blüte des intellektuellen und Gemüts-\nlebens einer Nation4. Es werden Namen genannt:\nGoethe und Schiller, Björnson und Ibsen. Aber\nHerrn Wolff aus der Wolfschlucht 7 fehlt „die Stät-\nte, wo solchem höchsten geistig-ethisch-aestheti-\nschen Interesse der Nation bei uns mit willkomme-\nner Würdigkeit und in echt priesterlicher Auffas-\nsung in schlackenfreien Darbietungen für jeder-\nmann aus unserem Volk gedient wird.\" Die Stätte\nfehlt, , Die Theater sind unwürdig. „Die priester-\nlich Binde, die göttliche Berufung, die heilige Wei-\nhe, der große Zug, das Senkblei ins Ewige\nist überall vielmehr da befleckt, zerlöchert, ver-\nkleinert, herabgezogen, tausendfältig restringiert,\nbeschränkt, verklebt, verklaubt, verschattet nur —\noder garnicht einmal vorhanden\". So sind die\nTheater. Die priesterliche Binde ist befleckt, die\ngöttliche Berufung zerlöchert, die heilige Weihe\nverkleinert, der große Zug herabgezogen, das\nSenkblei ins Ewige tausendfältig restringiert, und\nzu beschränkt, verklebt, verklaubt verschattet\noder garnicht einmal vorhanden ist das Subjekt\nvoller Schrecken davongelaufen. „Es ist ein un-\nbedingtes Bedürfnis, daß die Stätte nunmehr ge-\nschaffen würd\"./ Herr Wolff wünscht die Stätte,\nwo „ohne jegliche Konzessionen an ein Unwürdiges\nnoch an ein Fremdländisches der edelsten Kunst\ngedient werden kann\". Herr Wolff verleiht den Her-\nren Aischylos, Sophokles, Shakespeare, Moliere,\nBjörnson und Ibsen das deutsche Bürgerrecht für\nedelste Kunst. Von deutschen Dichtern, denen in\ndiesen nationalen Tempel mit dem Turm des\ndeutschen Idealismus gedient werden soll, werden\nvorläufig erst Goethe und Schiller mit dem Senkble*\nins Ewige beschwert. Herr Louis Wolff hat na-\ntürlich „mit allen einsichtigeren und das Bessere\nwollenden Geistern unserer Nation Fühlung ge-\nnommen \\ Sie sind sich alle einig darin, daß „der\nKunst und dem Volke die Bahnen zum Höchster-\nreichbaren in unserem Kulturleben weit und frei-\nöffnendes nationales Bühnenhaus jetzt geschaffen\nwerden muß\". Von dem Bühnenhaus werden die\nRutschbahnen zum Höchsterreichbaren gehen. Und\nvom 'Turm des deutschen Idealismus fällt „das\nVolk\" den das Bessere wollenden Geistern auf den\nKopf, der ja aber Gott sei Dank aus Blei ist. Also:\n„Bauen wir daher jetzt ein Haus solcher Art, das\nfür alle Zeiten den wichtigsten Brennpunkt\ndes nationalen Kulturlebens darstellen muß,\n\". Auf dem Brennpunkt geht es dann heiß\nher: „Solch' Haus, in dem einem jeden Volksge-\nnossen wie nirgends sonst wo im weiten Bezirk\ndes völkischen Daseins die Empfindung rein und\nkräftigen Herzens sich regen darf: Herr Gott, ich\ndanke Dir, daß ich ein Deutscher bin!\" — Heute,\nzum ersten Male: Die Orestie des Aischylos.\nAber das JekL Herr Louis Wolff hat es. Er\nmacht einfach eine Nationallotterie. Außerdem\nverfügt er über „ein intensiv ausgedachtes und\nausgedehntes Abonnementssystem\". Der Besuch\nder deutschen Nationalbühne wird „durch ein über\nalle Provinzen sich erstreckenden Eintrittskarten-\nabsatz erleichtert und begünstigt\". Aber Cassel\n%\nist mitnichten ehrgeizig. „Der mitunterzeichnete\nOrtsausschuß betrachtet und empfiehlt mit nichten\nCassel als den alleinseligmachenden Ort für die\nNationalbühne\". Nun ist alles da. Bis auf die Co-\nmiteemitglieder der Nationalbühne. „Damit di e-\nsefcbe zur baldtunlichen Verwirklichung in der\nbesten W'eise gelange, beehren wir uns auch Ew.\nHochwohlgeboren aufzufordern, in das allgemeine\ndeutsche Comitee zur Schaffung der Deutschen\nNationalbühne geneigtest eintreten zu wollen, und\nuns durch gefl. (gefl.) zustimmende Rü'ckäußerung\nalsbaldigst zu erfreuen. Das in Tätigkeit tretende\nComitee könnte vielleicht in Bälde schon zusam-\nmenkommen und möchten wir uns . .. .\". Da\nwird Herr Louis Wolff sein Herz ausschütten: „Be-\nstimmtere Vorschläge für die ganze Einrichtung\nder Bühne haben wir in petto, möchten die-\nselben jedoch hier nicht ausbreiten\". Man muß\nalso nach Cassel reisen! Hoffentlich wirft bis dahin\nHerrn Wolff niemand in die Wolfsschlucht. Aber\nauch das würde ihm nichts schaden. Er wohnt\nbereits auf Nummer 7.\nSo etwas nennt man in Cassel den Goethe-\nbund. Viele Städte liegen im weiten Bezirk des\nvölkischen Daseins. Aber der Casseler Goethe-\nbund schmeißt das Senkblei ins Ewige.\n\nUeber Jungfräulichkeit\nVon Alfred Döblin\nDie Ehe als gesellschafliche Einrichtung, geht\nnicht hervor aus der Sexualität selbst, hat\nzwar die Sexualität, genauer die Heterosexualität\nder Partner, zur Voraussetzung und Basis, aber\nihre gesellschaftliche Natur läßt sie weit über die\nbloße Sexualität hinausgehen.\nDie Wirkungsweise. Die Ehe ist kein Spezial-\ngeschäft für Sexualität, sondern ein Warenhaus, in\ndem viele vieles, manche alles kaufen können.\nStatt in die Tiefe zu gehen, geht sie in die Breite,\nentfaltet ihre Reichtümer. Wenn die Ehe sich\nzur Alleinform und sichtbaren Ausdruck geschlecht-\nlicher Beziehungen aufwerfen wiill, so zeigt sie\nsich damit ohne Bewußtsein ihrer eigenen Natur;\ndenn sie hat es nicht wesentlich mit Sexualität zu\ntun. Und ebenso töricht ist die Forderung, alle\nSexualbeziehungen im Rahmen der Ehe zu erfüllen»\nals wollte man verlangen, nur zur Mahlzeit und\nin besimmten Lokalen Hunger zu haben. Man\nsoll keine fremden Vorstellungen in den Ehe-\nbegriff tragen; Sexualität ist die Voraussetzung der\nEhe; ihre Befriedigung nicht Zweck deif Ehe; man\nsoll jene fast kolossale Lächerlichkeit nicht aus-\nsprechen, daß Ehen auf Liebe sich aufbauen müs-\nsen, wofern sie „wahre Ehen\" sein sollen. Das\nzeugt nur von mangelnder Unterscheidungsfähig-\nkeit zwischen zwei klaren Begriffen./ Ebenso be-\nurteilt sich das Verlangen, jungfräulich in die Ehe\nzu treten. Soziales Pflichtbewußtsein, Vertraut-\nheit mit den Haupt- und Nebensachen der Ehe sol-\nlen die Partner haben, bei zweckmäßigem nicht\ntriebmäßigem Handeln.\nDerselbe Gedankenfehler bringt Verwirrung in\nden Begriff, der Jungfräulichkeit selbst. Es scheint\nvielen, als ob die Sexualität woge zwischen zwei\nPolen: Jungfräulichkeit und Prostitution; also\nKongreß mit keinem und vielen, und als ob danach\nzu gruppieren sei. Eine Uebersicht über „Typen\"\nist hier leicht, gesetzt daß man 0, 1, 2, 3, etc. zäiK\nlen kann. Diese Meinung muß als wertlos und\noberflächlich abgelehnt werden. Sexualität hat\nmit Arithmetik nichts zu tun. Die Frage ist viel-\nmeür: Jungfrau warum?\nWo keine Einsicht und keine Vorstellung vom\nspezifischen Beziehungsakt besteht, wird dieser un-\nmöglich stattfinden können; das uneinsichtige und\ndarum untätige Individium kann Jungfrau\nBei Menschen, die von Geburt blöde, idiotisch,\nimbezill, kretinistisch sind, kommt solche Unwis-\nsenheitvor. Ist ein erwachsener, sonst normaler\nMensch nicht über den Sinn seiner Organe orien-\ntiert, so ist seine Jungfräulichkeit ein Intelligenz»\ndefekt. Der Typus der dummen Jungfrau reiht sich\nin die sexuellen Vor- uncü Mißformen.\nIn diese fehlformen gehört auch die Frigide.\nDas Unvermögen verleiht hier den Charakter der\nJungfräulichkeit\nDie vorsichtige Jungfrau gehört einem gewis-\nsen weiten Kokottentyp an, der psychologisch die-\njenigen zusammenfasst, welche den Kongressus\nüben aus nichtsexuellen Gründen, ein weiter Be-\ngriff, zu dem neben der Geldkokotte die Figuranten\nder strenggesellschaftlichen Efie rechnen müssen.\nWährend dort die Beteiligten den Kongreß üben un-\nter der Wahrung: ir,nur mit Erlaubnis des Geset-\nzes\". üben die vorsichtigen Jungfrauen ihn nicht,\nweil eben diese Erlaubnis fehlt. Noch mehr: sie\nüben ihn nicht, um durch solch Verhalten einen\nZweck zu erreichen, oder zu vermeiden etwa als\nunvorsichtige Jungfrauen minderwertige Eileware\ndarzustellen. In dieser Ausbildung stellt die Vor-\nsichtige direkt das Pendant zur Geldkokotten, zum\nreinen Typ, der den Kongressus als Miittel iür vul-\ngäre Zwecke ansieht. Man kann sich auch prosti-\ntuieren,, indem man sich jemandem nicht gewährt.'\nDie Nonne, der strengste Jungfrauentypus,\nentzieht sich dem Sexualverkehr, um dadurch\nzu einem Ziel beizutragen, sie fällt auch unter die\nKokottenkategorie.\nDie Jungfrau wiider Willen schließlich, die\nJungfrau aus Mangel an Gelegenheit, die nicht dem\nKongressus auswich, während er ihr auswich,\nist unter die Notfonnen zu nehmen, die durch das\nUnvermögen sich charakterisieren.\nHier zeigt sich also, daß die „Jungfräulichkeit4*\nallemal entweder Ausdruck einer Hemmungsmiß-\nbildung oder eines Kokotteninstinktes ist, sie be-\ngründen die Form der „Jungfrau\".\nWir fragen jetzt positiv: Worin kann dann\naber Jungfräulichkeit liegen, welches Verhalten\nkann als jungfräulich angesehen werden? Ebep\nwurde die verbreitete Ansicht darüber hingestellt:\njungfräulich ist der Mensch, der noch nie Partner\neines Kongressus war. Die Jungfräulichkeit wird\nalso durch eine einmalge Handlung beseitigt, durch\neine äußere Bewegung. In diesem Begriff den\nJungfräulichkeit wird nichts ausgesagt über dea\nZustand des jungfräulichen Menschen. Sie ist\ndemnach kein Charakteristikum,, keine Eigenschaft\ndises Menschen, sondern eine gleichgiltige stati-\nstische Bemerkung von dem Range: ein Mensch,\nder noch keinen Schlips getragen hat."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.10", "texte": "Wenn Jungfräulichkeit mehr als solche über-\nflüssige Randglosse eines Müßiggängers sein will,\nso muß sie ein sexuelles Verhalten bezeichnen, un-\nabhängig von der Tatsache des vollzogenen Kon-,\ngressus; noch mehr. Da die Vollziehung des Kon-\ngressus nach dem im Eingang Entwickelten zum\nLeben des reifen Menschen, — von welchem\nMenschen wir ausschließlich reden, — gehört, so\nbezeichnet Jungfräulichkeit etwas an den Men-\nsehen, der den Kongressus vollzieht, und zwar et-\nwas, betreffend sein Verhältnis zum Kongressus..\nDemnach muß Jungfräulichkeit, soll das Wort einen\nSinn haben, wesentliche Eigenschaft eines Sexu-\naltypus sein, denn diese eben verkörpern Stellun-\ngen zum Beziehungsakt.J Wenn wir nun den Be-\ngriff der Jungfräulichkeit recht fassen, so finden\nwir: er drückt eine Abneigung gegen die Ansicht\naus, daß die Sexualität eine gleichgiltige Angele-\ngenheit sei, daß man etwa nach Art eines Kokot-\ntentypus in den Sexualorganen zufällige oder nütz-\nliche oder erfreuliche Gebrauchsgegenstände zu\nsehen habe. Wenn der Heilige durchdrungen ist\nvon dem Ernst, der in, der Sexualität liegt, und von\nihrer außerordentlichen Wichtgkeit, so stimmt die\nJungfrau ihm bei; sie weicht von ihm ab in der\nSchlußfolge aus dieser Ueberzeugung für das Han-\ndeln : Der heilige lehnt die Sexualität als die\nschlimmste aller Ichversuchungen ab, die Jungfrau\nerkennt sie an als die stärkste aller Ichdarstellun-\ngen. Damit ist der Sexualtypus der Jungfrau aber\nschon bestimmt, denn indem die Jungfräulichkeit\nsich manifestierte in einer wahrhaft organischen\nVerbindung von Sexualität und Ich, ist diese Eigen-\nschaftsbezeichnung schon lokalisiert. Aus der Auf,\nfassung der Sexualaktion als Individualaktion, dar-\naus folgend: aus der Eindringung vieler Ichteile\nin den Beziehungstrieb erklären sich die Stigmata-\njungfräulichen Verhaltens: ttie lange Keuschheit,\ndas zögernde, mit sarken Kämpfen, verbundene\nAufgeben des Widerstrebens gegen den Kongreß,\nnach sogenannter Gewöhnung. Was wir oben als\njPseudojungfräulichkeit verwerfen, äfft äußerlich\nsinnlos dieses Verhalten nach, ist eine Karikatur der\nJungfräulichkeit.\nDie von uns eben beschriebene Eigenschaft wird\ngemein hin als Wert gefaßt und von den Trägern\nals „sexuelle Ehre\" empfunden.\nUnschuld ist ein anderes Wort für Jungfräulich-\nkeit und bezeichnet demnach entweder das Wesen\nder Liebestypen oder die Eigenschaft einer Vor-\nund Fehlform oder einen Intelligenzdefekt.\n\nCésar Franck\nVon Jacques Riviére\nDie Größe Cesar Francks besteht darin, daß er\nniemals gesagt hat, was er zu sagen hatte. Er,\nahnte nicht, daß man mit der Materie spielen könne,\ner achtete ihre Nützlichkeit und er hat sie nur be-\nnutzt, um sie einem Zwecke dienstbar zu machen.\nNicht, daß er sich erst zu dieser Rechtschaffenheit\nentschloß; es war seine Natur, denn er gehörte\nzu denen, die nur sprechen, weil sie nicht anders\nkönnen. Seine Belohnung war diese freie Sprache»\ndie seine Schüler als einziges nicht haben nach-\nahmen können, diese Freiheit, die Folge eines prä-\nzisen Planes und der Verbindlichkeit; da er immer\n\"wußte, was er sagen wolltte, hinderte ihn nichts.\nDie Notwendigkeit der Musik Francks ist die\nQuelle aller seiner Tugenden. Zuerst seiner be-\nwunderungswürdigen Genauigkeit. Jedes Instru-\nment füllt seinen Platz aus und,, gerufen von allen\nanderen, macht sein Einsetzen großen Eindruck.\nNiemals erzielt er eine Wirkung durch etwas Uner-\nwartetes, Wenn ich zittere, so geschieht es nur,\nweil mein Erwarten mit Vollendung erfüllt ist. Das\nklare Gespräch wird abgerollt, die Worte entstehen\nim selben Maße wie die auszudrückenden Gedan-\nken. Nicht etwa, daß man sie vorausahnt; jede\nMaßnahme ist eine Ueberraschung, aber sie über-\nrascht nur, weil sie befriedigt.\nDarum gibt diese Sorgsamkeit seiner Musik\nden besonderen Fluß, die so eigenartige Kontinui-\ntät. Sie ist so geschlossen, sie wird so gewissen-\nhaft angeordnet, daß sich keine Unterbrechung ein-\nschleicht; nichts fehlt, keine Stelle die so verloren\nist, daß sie zu einer Ablenkung dienen könnte; der\nPlan biegt in jeder Einzelheit, immer gegenwärtig\nund verhindert jede Zerstreuung. Die Entwick-\nlung entlehnt nichts der äußeren Handlung; er läßt\ndie Musik nach und nach immer mehr erblühen, die\nMelodie entfaltet sich, den zerbrechlichen und\nwiederholten Durchbruch eines Schößlings; sie ent-\nwickelt sich nur, indem sie sich durch die Wieder\"\nholungen genauer festlegt. Je fester sie wird, um-\nso mehr Klang entströmt lihr und umgibt sie; Be-\nreicherung entsteht durch innere Vervielfältigung\nund nur durch Vertiefung der Vergangenheit ent-\nstehen neue Wunderdeckungen. Die Modulation\nist bei Franck eine Form der Kontinuität; niemals\nwill sie einen Kontrast schaffen; aber sie wird be-\nnutzt, um den einzelnen Stellen den Stempel der\nFertigkeit aufzuprägen; sie ist immer. wie eine\nHand, die sich langsam öffnet; wie das unmerkliche\nEinführen in größere Helligkeit.\nEine Seele wird mit Treue besungen. Alles\nkommt von ihr. Sie entfaltet sich in der Einsam-\nkeit; sie entwickelt sich, wehst, wird mit süßer\noffener Verschwendung gegeben. Aber siie ist allein'\nman fühlt, Gaß sie nichts zu besiegen hatte, daß sie\nseit ihier Geburt himmlisch war. Kein Kampf. Nir-\ngends läßt die Sinnlichkeit ihre Reize schweben.\nWeil sie so rein ist, ist Francks Musik so schön.\nMan muß der bewunderungswürdigen Psyche\ngewogen sein. Franck beraubt Eros und (Psyche\nihre Weihe erreichen eine packende Tonalität.\nsetzt er durch die Geschichte der Seele und der\nLiebe; wohlverstanden: der göttlichen Liebe, Die\nEwigkeit, die in Flammen ineinandergreift und die\nplötzlich aus dem Orchester ausglüht, ist voll geist-\nreichem Pathos erfüllt, es ist die Hochzeit Gottes\nund der heiligen Seele. Und die immer größer\nwerdende Erhebung dieser Seele, ihre wachsende\nBegeisterung, das immer leidenschaftlichere Zittern\nihre Weihe erreichen eine packende Tonalsität.\nSodaß man kaum wagt, im geheimen andern,\nmenschlichere, weniger sichere Musik vorzuziehen'\ndie sehr schwankt, vor mehr Hindernissen zögert\nund ihre Kontinuität nur dadurch erhält, daß sie die\nStimmen der Umgebung in sich aufnimmt, indem\nsie unaufhörlich ihr Herz mit den Einwürfen jener\nvergänglichen Welt verwechselt, in der sie wandelt*\nAutorisierte Uebertragung aus dem Französischen von\nJean-Jacques\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nBALLHAUS / LYRISCHES FLUGBLATT\nVerlag A. R. Meyer / Berlin Wilmersdorf\nGOTTFRIED BENN\nMorgue und. andere Gedichte\nVerlag A. R. Meyer / Berlin-Wilmersdorf\nDE WITTE MIER\nLine kleine Monatsschrift für Bücherfreunde\nunter Leitung von J. Greshoff.j In holländi-\nscher Sprache\nVerlag C. M. B. Gixon / Apeldoorn / Holland\nBOTHO GRAEF\nHodlers und Hotmanns Wandbilder in der UnL\nversität Jena\nVerlag Diederich's / Jena\nFRANCIS VIELe GRIFFIN\nLa Lumiere de Grece\nParis Editionsde la Nouvelte Reoue Frangaise /\nMarcel Riviere et Cie\nTHADDÄUS RITTNER\nIch kenne Sie / Novellen\nWien und Leipzig: / Deutsch-Oesterreichischer\nVerlag\nALDO PALAZZESCHI\nII Codice di Perelä\nRomanzo Futurista\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nALBERT EHRENSTEIN\nDer Selbstmord eines Katers / Novellen\nMünchen / Verlag Georg Müller\nF/T. M ARINETTI\nDistruzione / Poema\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nLa Momie sanglante\nPoeme dramatique\nEditions du „Verde e Azzuro\" 7 Milan\nD'Anniinzio intime\n4e editlpn\nEditions du „Verde e Azzuro44 / Milan\nLe Roi Bombance\nTraeredie satirique, 3e editiön\nEdition du „Mercure de France'4 / Paris\nLa Viille Charnelle\n4e edition\nE. Sansot et Cie. / editeurs / Paris\nCARL DALLAGO\nPhilister\nBrenner-Verlag / Innsbruck.\nKARL KRAUS\nNestroy und die Nachwelt\nzum fünfzigsten Todestag\nVerlag Jahoda und Sieget/Wien\nPIERRE HAMP\nVieille Histoire\nContes ecrits dans. le Nord\nParis / Editions de la Nouvelle Revue Frangaisef\nMarcel Riviere et Co\nSVEND BORBERG\nLiliths Bog\nKopenhagen / Qyldendals Forlag\nNICOLAS BEAUDUIN\nLes Poetes\nParis I E. Basset et Cte / Editeurs\nJEAN BONNEROT\nProvince / Carnets de Vogoge\nMoufins [Allier] / Les Cahiers du Cenire\nAAGE VON KOHL\nDer Weg durch die Nacht / Roman\nVerlag Rütter und Loening / Frankfurt am Main\n\nNotiz\nDie Holzschnitte auf der fünften Seite jeder\nNummer sind von Mitgliedern der Neuen Sezession.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nKonigin-Augusta-Strasse 51\ngegeniiber der von-der-Heydt-Strassft\nERANZOSISCHE EXPRESSIONISTEN\nBraque / Derain / Friesz / Herbin / Marie Lau-\nrencin / Vlaminck\nGeoffnet taelich von 10 bis 6 Uhr\nEintritt 1 Mark 2 Dsuerkarte 6 Mark"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.11", "texte": "KUNSTLERISCHE RAUME\n«\nE9»\nALBERT KOBLINSKX\nBERUNBRUCKEN-AILLEE6\n\n!! ttaf attest ©aJjnljofeu 511 fjafctt !!\nmm\nSine SBocbcnfcbrift\n(Desrii»bet wm ft SaagfS\n'.grnimnn §tf[e\n$3iettetial)xlid) 13 #efte\nPreis bes eitiselnen Z/eftes 50 pf.\nim 2tbonnement:\nbutd) Sudjfyanblet obev poftdmter bas Vievteljafyt 6 VClt,\nbireft urtter Kreusbanb bas Dterteljafyr:\nfur bas 3nlanb 7 2Hf. 50 pf., fur bas 2(uslanb 8 7XII 50 pf.\n©attner StitnnQ, Sfoc. 78 bom 1. STpril 1912: TO bem focben er*\nfd)ienenen ©eft 13 befdjliegt ber „9JJara\" baS crfte Duartal be§ laufen*\nDen @3 fei toieberfjolt auf bicfe unabfjangige nnb\n| bielfeitige ffiotynfarift aufmerffam gemast112 bie in ifjrer £altung\n: \" bie freie uttb ftifcfce 2ftiinsett3 'erfennen lagt mit bem fyer*\nben dj, bet bon ben benadjbarten JBergriefen n>el)t. $>er „2Jiar3\" if!\nnrie fcec „©imj)ltjiffimus\" ein bobenftanbige§ @ett)tid}s, ba§ nur in\nj -SJiiinrfjen ptn unb ©ebetfren fommen fonnte. ©erne cfyarafters\n| boHe (Jigenait fjat nidjts ju tun mit fubb'utfdjem i*artifufarismu3 unb\nISWflinlinienuberlieferunQ. 3m (sscgentei£ tft ber „2Jlars\" fubfceutfd) tm\nbefien ©imte, aus im $ern grojjbeutfd), unb er bebentet in fciner 2ln*\ner!ennnrg fiibbeutfdjer nnb notbbeutfefcer Strt in $erfd)iebenl?eiten\nnid)t3 toeniger ai£ eine getfiige 33riicfe gnrifefyen 9?orb imb @iib. Qmmer\nift ber anregenb nnb frifdj toit aud) fca* box un 3 liegenbe\nbe<§ erften OutrtalS, ba£ bon ben folgenben ba3 befte er*\nraartea lafji.\nguatiS nnb franfo tiont\nS}Jtdrs 03erlag ©. ra. b. £>~ 9Mncf)en\n91.\n\n5 rue Gbaptal / Paris\nDiese literariscbe Zeit-\nschrift veroffentlichtedas\nfranzosische Original der j\nTagebll c h e r F1 au - j\nbert s, (leren U eber-\ntraguug in Deutschland j\nverboten wurde.\n\nr »in,\nLEii\n112 ruber: L'Effort\nMonatsschrift\n:: lierausgeber: ::\nJean Richard Bloch\nPoitiers (Vienna)\no\n\nL Mependance\nHalbmenatsschrift\nKunste, Kultur. Philosophie,\nPolitik\n: Jahresbezug: 15 Francs :\nParis I 31 rue Jacob\n\nliefert und verleiht\ninu £ h m-b-\nBerlin 26, - Mpi. 4612\n6\n\nI\n%T-VP> •^-;.??VJ'-\n;I.S.V , A-'. .t,%*;'v «.;\" ,V„ «\n«T WfV'V, ' '''•*\"-' ♦\"* **\" '%Vi'.-\n• V\\<? •••:\".' v»'^'C^'*vr- :. -. ..V«v. . *- • ;.1'\"v'«-;*' !, » -•*»'•'\" -V.•.•: « .■■» .—• ■*■■'• >'' . ' . .-* • ' •'.'*■ ■ •'\n\nWichtlg fur die\nHerren Chefs!!\nStenotypistinnen, nach dem\n„Tast-Bystem\"\nausgebildet, leisten\n30®§© Present mehr\nals die nach der alten Methode\n;:: ausgebildeten Typistinnen :::\nInteressenten erlialten weitei'e lufoiniatioiieii von\nSmith Premier Typewriter Co.\nBerlin W 8, Friedriefcstrasse 62\nTel.: Zentrum 11734/31736\n\nLes Editions de la NoilVßlle R6VU6 frangaiSß ont publie-\nEmile Verhaeren: Helene de Sparte / drame en 4 actes\nPaul Claudel: L'Otage / drame en 3 actes\nL'Annonce faite a Marie / mystere en 4 aote«\nAndre GidSl Isabelle / recit\nGh.-L. Philippe: La Mere et I'Enfant\nLettres de jeunesse\nChaque volume 3,50 francs\n3J / s*ue Jacob / Pai»is"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19120810-01.1.12", "texte": "Bruno Sellin, Berlin 8. J4\n\nDO\nm\nAu»steBlungen, Salons\nKunsthandEungen etc.\nDO\n\nCASPERS Kunst-Salon\nPotsdamer Strasse 19 Eintritt 50 Pf\nKollektion Gemalde von d'Espagnat\nund Schwarz-Weiss-Ausstellung von\nCorinth Kiimt Raffaelli\nForain Leistikow Paetschke\nfiance Liebermann Skarbina\nHelieu Menzel Slevogt\n\nIBBK\ne\nGRAPHISCHES KABINETT\nBuch- und Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\n:: BERLIN VV 15, Kurfflrstendamm 33 ::\nStandige Ausstellung\nmoderner Graphik\nrETfTT~R I\"T T FRE F\nIm Eckhause. gegeniib d. Se-\nzession Eingang Cirolmannstr.\nIllustriert, Katalog u. Prospekte\n: : : : gratSs. : : : :\nAnkaui cuter Graphik\nund Iflustrierter Biicher\n\nAtelier Hanni Schwarz\nInhaberinnen: Marie Luise Schmidt u. 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