{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_sha256": "61b8b55b63eee459bd5f9a4e039c8f388014247de956cc46e34f16353999159a", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/10_01/bmtnabg_1912-10_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/10_01/bmtnabg_1912-10_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c001", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "157", "page_fin": "157", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.1", "debut_caractere": 387, "fin_caractere_exclue": 738, "texte": "Inhalt:\nKandinsky: Ueber Kunst verstehen / Karl Borromäus Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden / Albert Ehrenstein: Die alte Geschiehte /\nUünttier Mfirr: Gedicht / Grete Tichauer: Gedichte / Alfred Döblin: Tänzerinnen / Jacques Rivi&re: Baudelaire / Empfohlene Bücher / Kandinsky: Sechs\nOriginalholzschnitte / Franz Marc: Pferde: / Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c002", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "157", "page_fin": "158", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.2", "titre_corps": "Ueber Kunstverstehen", "titre_sommaire": "Ueber Kunstverstehen", "signature_source": "Kandinsky", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.1", "debut_caractere": 782, "fin_caractere_exclue": 2853, "texte": "Ueber Kunstverstehen\nVon Kandinsky\n\n2u großen Zeiten ist die geistige Atmosphäre\nvon einem präcisen Wunsch, von einer bestimmten\nNotwendigkeit dermaßen erfüllt, daß man leicht\nzum Propheten werden kann.\nSo sind überhaupt die Wendungsperioden, die\nZeiten, in welchen die innere, vor dem oberfläch-\nlichen Auge versteckte i n n e r e Reife dem geisti-\ngen Pendel unsichtbar einen unüberwindlichen Stoß\ngibt.\nDas ist der Pendel, welcher demselben ober-\nflächlichen Auge als ein immer an dersel-\nben Stelle hin und her wackelnder Gegen-\nstand erscheint.\nEr steigt diesen gesetzmäßigen Berg auf. Bleibt\neinen Augenblick, einen unaussprechlich kurzen\nAugenblick, da oben stehen und nimmt den neuen\nWeg, die neue Richtung an.\nIn dem unglaublich kurzen Augenblick des\nStillstandes kann jeder leicht die neue Richtung\nprophezeien.\nEs ist nur merkwürdig, fast unerklärlich, daß\n„die große Menge44 diesem „Propheten44 nicht\nglaubt.\nAlles „Präcise44, Analytische, Scharfkantige,\nHartbestimmende, im Harten Gesetzliche, das\ndurch Jahrhunderte ging und im neunzehnten Jahr-\nhundert allumfassend uns heute zum Entsetzen\nsich „entwickelt44 hat, ist heute „plötzlich44\nso fremd, so abgeschlossen, und wie es man-\nchem heute scheint „unnötig44 geworden, daß man\nsich beinahe mit Gewalt, den Gedanken, die Er-\n*\ninnerung aufzwingen muß: „es war erst gestern4'.\nUnd . . . „in mir sind noch manche Ueberreste\ndieser Zeit zu finden44. Diesen letzten Gedanken\nglaubt jeder von uns ebenso wenig, wie den uns\npersönlich bevorstehenden Tod. Aber auch das\nWissen ist hier nicht leicht.\nIch glaube nicht, daß es heute einen einzigen\nKritiker gibt, der nicht weiß, daß „der Impres-\nsionismus aus ist44. Manche wissen auch, daß er\nder natürliche Abschluß des naturellen Woilens in\nder Kunst war. - ;■\nEs scheint, daß auch die äußeren Ereignisse die\n„verlorene Zeit\" nachholen wollen.\n„Die Entwicklung44 spielt sich mit einer in\nVerzweiflung bringenden Geschwindigkeit ab.\nVor drei Jahren wurde jedes neue Bild\nvom großen Publikum, vom Kunstkenner, vom\n<v! Kunstfreund,; vom . Kunstkritiker beschimpft."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.2", "debut_caractere": 66, "fin_caractere_exclue": 4613, "texte": "Heute . . . wer redet heute nicht von Kubus,\nvon Flächenteiluilg, von Farbenzusamnteristellun-\ngen, von Vertikalen, vom Rhythmus.\nUnd das ist das, was in Verzweiflung bringt.\nEinfach gesagt: es ist eine Sache der Unmög-\nlichkeit, daß alle diese Worte mit Verstand an-\ngewendet werden. Es ist nur ein Mundspülen\nmit Worten, die modern angefärbt sind.\nMan „Sauve les apparances\". Man hat Angst\ndumm zu erscheinen. Und hat in der Regel\nkeine Ahnung davon, wie dumm man gerade des-\nwegen erscheint. Und ist!\nKurz gesagt: es gibt kein böseres Uebel wie\nKunstverstand.\nAus der dunklen Ahnung dieses Uebels hat der\nKünstler von je her Angst gehabt, seine Werke\nzu „erklären\", schließlich überhaupt über seine\nWerke zu reden. Mancher denkt sogar, daß er\nsich durch Erklärungen erniedrigen könnte. Am\nwenigsten möchte ich ihn von seiner Höhe her-\nunterziehen.\nZwei altersgraue und ewig junge Gesetze be-\nherrschen die geistige Welt:\n1 Die Angst vor dem Neuen, der Haß gegen\ndas Nichterlebte.\n2 Die hastige Neigung diesem Neuen, Nicht-\nerlebten eine das Leben tötende Etiquette\nanzuhängen.\nDer Böse freut sich. Er lacht, da diese Ge-\nsetze die schönsten Blüten seines übelriechenden\nGartens sind.\nHaß und leerer Schall! Alte treue Begleiter\ndes Starken und Notwendigen.\nHaß ist der Mörder.\nLeerer Schall ist der Totengräber.\nEs gibt aber Auferstehung.\nIn unserem Falle ist Auferstehung das Nicht-\nverstehen der Kunst.\nEs mag noch heute diese Behauptung als Pa-\nradox klingen.\nEs kommt schon die Zeit, zu welcher sich\ndieses Paradoxe ins Richtige und Unvermeidlich-\nklare umartet.\nDie Erklärung oder das Verstehenrnachen der\nKunst kann zwei Folgen haben:\n1 Es werden durch Worte und deren geistige\nWirkung neue Vorstellungen erweckt und\n2 was die mögliche und willkommenere Folge\nder ersten ist, es werden seelische Kräfte\n■durch die obere Wirkung entfesselt, die sich\naus dem gegebenen WTerk das Notwendige\nherausholen, 'das heißt das Werk wird er-\nlebt.\nEs gibt zwei Arten Menschen: die eine be-\ngnügt sich mit dem inneren Erleben der Tatsache\n(also auch der inneren Tatsache und darunter des\ngegebenen Werkes); die andere sucht sich dieses\nErlebte zu definieren.\nUns ist hier aber nur das Erleben wichtig, da\ndas Definieren ohne vorhergehendes Erlebnis nicht\nmöglich ist.\nJedenfalls diese eben erwähnten zwei Folgen\nsind die schönen Resultate der Erklärung.\nDiese zwei Folgen sind, wie alles Lebendige,\nzur weiteren Entwicklung fähig, indem sie durch\ndie erweckten Vorstellungen, schöpferischen Kräfte\nund daraus fließendes Miterleben die Seele be-\nreichern und sie dadurch zu Weiterem führen.\nDieselbe Erklärung kann aber auch andere Fol-\ngen haben:\n1 es werden durch die Worte keine Vorstel-\nlungen geweckt, sondern es werden durch\nsie lediglich die kranken Seiten der Seele\nbesänftigt: man sagt „auch ich weiß es\njetzt\" und man brüstet sich damit.\n2 was die mögliche und unwillkommene Folge\nder ersten ist, es werden keine seelischen\nKräfte durch diese Worte erweckt, sondern\nan Stelle des lebendigen Werkes wird das\ntote Wort (die Etiquette) gestellt.\nSo ist es klar, daß die Erklärung selbst a 1 s\nsolche dem Kunstwerk nicht näher bringen\nkann. Das Kunstwerk ist der durch die Form\nredende, sich offenbarende und weiter befruch-\ntende Geist. Man kann also die Form erklären,\nklar machen, welche Form und aus welchen\nGründen sie in einem Werk angewendet wurde.\nWas den Geist zu hören noch lange nicht fähig\nmacht. Ebenso wie es leicht zu erklären ist, aus\nwelchen chemischen Substanzen eine Speise be-\nsteht: die Substanzen wird man kennen, den Ge-\nschmack der Speise nicht. Und der Hunger bleibt\nungestillt.\nSo ist es klar, daß die Erklärungen der Kunst\nnur indirekt wirken können und deshalb zweiseitig\nsind und dadurch auf zwei Bahnen weisen: die\ndes Lebens und die 'des Todes.\nSo ist es klar, welche schrecklichen Folgen\ndie an sich tote Erklärung nach sich ziehen kann.\nSo ist es endlich klar, daß der reine Wille auch\ndurch Liebe verklärt, keine befruchtende Erklä-\nrung erzwingen kann.\nDie Befruchtung entsteht nur und ausschließ-\nlich dann, wenn diesem reinen durch Liebe\nklärten Willen ebenso ein reiner durch Liebe ver-\nklärter Wille gegenüber steht.\nAlso soll man nicht durch Vernunft und Ver-\nstand sich der Kunst nähern, sondern durch Seele\nund Erleben.\nVernunft und Verstand sind in der Vorrats-\nkammer des fein haushaltenden Künstlers zu tref-\nfen, da er alle Mittel zum Zweck haben muß.\nUnd der, für den das Werk geschaffen wurde,\nsoll seine Seele weit öffnen und dadurch er-\nleben.\nDann wird auch er glücklich.\nMünchen, September 1912"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c003", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "157", "page_fin": "157", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.2.1", "titre_corps": "W. 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Und in der milden Einfalt seines liebens-\nwürdigen Herzens beschloß er, des Guten lieber zvi\nviel zu tun, denn zu wenig. War für seine Sünden\ngenug der Buße geschehen, so sollte alles, was ver-\nblieb, für Fritz Frangart getan sein.\nUnd so bat er seine Obern um die Erlaubnis,\nein Jahr bei den Trappisten zubringen zu dürfen.\nDie Obern erstaunten nicht wenig. Sie erlegten\nihm auf, seinen Entschluß noch einige Wochen\nreifen zu lassen. Als er jedoch nach Umlauf dieser\nZeit darauf stehen blieb, gewährten sie ihm, um\nwas er sie gebeten hatte.\nPater Bonaventura verbrachte also ein volles\nJahr bei den Trappisten und schloß sich in allen\nDingen ihrem strengen Leben an. Die Trappisten\nsprechen unter sich nie etwas anderes als jenen\nGruß: „Memento mori!\" Zum Schlafen benutzen\nsie den Sarg, in dem sie später beerdigt werden.\nNur einmal des Tages nehmen sie Speise zu sich;\nFleisch genießen sie niemals. Sie müssen sich zu\njeder Stunde der Nacht erheben, um die Hören zu\nbeten. Gleichviel, welcher Herkunft der einzelne\nauch sein mag, jeder muß ohne Unterschied und\nohne Erleichterung in allen Verrichtungen des\nTages sich selbst und die andern bedienen. Sie\nbringen ihr Leben in einer Enthaltsamkeit und\nSelbstverleugnung zu, die bis an die äußersten\nGrenzen der menschlichen Natur geht, ja diese\nmanchmal sogar zu übersteigen scheint.\nNach ihren Regeln also lebte Bonaventura ein\nlanges Jahr, um seine Seele vom Makel zu reini-\ngen und Gottes Segen auf den jungen Frangart\nherabzuflehen.\nEr sah zum Erbarmen aus nach diesem Jahr,\nso war er abgemagert. Aber es war doch eine\nneue Zuversicht über ihn gekommen: daß ihm Gott\nvergeben hatte, empfand er mit tröstlicher Gewiß-\nheit. Und was das Wohl des jungen Frangart be-\ntraf, so hatte ihm Gott während der letzten Nacht,\ndie er büßend im Trappistenkloster zubrachte, im\nTraume Worte der Weisheit gesandt: „Du sollst\nauch im Gebete nichts erzwingen wollen; das käme\neinem Kampf wider Meinen unerforschlichen Rat-\nschluß gleich. Aber das glaube, daß kein Gebet\nverloren geht: die Engel sammeln seine silbernen\nTautropfen in goldenen Schalen. Und in dem Maße\ngießen sie himmlische Stärkung in das Herz des\nBetenden, als er selbst die Schale gefüllt hat. Und\nmanchmal mehr. Ich will ja ein reichliches Aus-\nmaß. Fahre du fort zu beten und sei getrost!4'\nPater Bonaventura kehrte nach Chamfort zu-\nrück. Oft, wenn er außer Hörweite war, flüster-\nten sich seine Ordensbrüder zu: „WTann im Leben\nhaben wir jemals ein so gütiges Auge gesehen!\"\nBaron Frangart und der Bajazzo\nIn einer süddeutschen Stadt, sagen wir es ge-\nrade heraus: in München, sollte Baron Frangart\n— von Seiten des Ordens und diesem nahestehen-\nden hochmögenden Persönlichkeiten an den Rektor\neines Gymnasiums herzlichst empfohlen — die\nOberprima durchmachen und sich das Maturitäts-\nzeugnis erwerben. Er stieg in einem alten Hotel\nab, wo auch sonst die Angehörigen unseres alten\nAdels Quartier nehmen. Nachmittags nahm et*\nsich einen Wagen und durchfuhr die Stadt: außer\neinigen Häusern in der Briennerstraße, die er vor-\nnehm fand, gefiel ihm nur die Frauenkirche („das\neinzige Gebäude, das alt genug ist für unsereinen\")\nund die Ludwigsstraße, diese indes nicht wegen\ndes Stils ihrer Häuser, sondern wegen ihrer Breite\nund weil die Häuser selbst, nach seinem Ge-\nschmack, wenigstens einfach genug gebaut waren.\n„Das übrige kann man alles in einen Topf werfen,\nmoderne Ware, ekelhaft,\" Dies war sein Urteil\nüber München, das zu berichtigen er während der\nfolgenden Zeit seines Aufenthaltes nicht Anlaß\nnahm.\nAuch am andern Morgen begab er sich zuerst\nwiederum in die Frauenkirche. Es war dies\nübrigens während der ganzen Zeit seines Mün-\nchener Aufenthaltes sein erster täglicher Gang.\nEr fand, daß er dort mit seinem Gott in\neiner Dessen würdigen, für ihn, Baron Fran-\ngart, auch standesgemäßen Stätte reden könne;\nnichts schien ihm verkehrter als die Be-\nhauptung, die so oft ausgesprochen wird: „Gott sei\nüberall gleich gern zu Hause, wozu also besondere\nGotteshäuser bauen;\" diese Behauptung war ihm\ngleich verwerflich wie jene andere: daß Gott alle\nMenschen seelisch gleich ausgestattet und keinen\nbevorrechtet habe.\nUm Mittag kleidete sich Baron Frangart zu\nBesuch an und fuhr zu dem Rektor, an den er emp-\nfohlen war. Er wurde in das Empfangszimmer\neingelassen, dessen Möbel ihm für die Wohnung\neines höheren Beamten zu schlecht erschienen. Das\nmochte wohl daher kommen, daß der Staat einen\nzu niedrigen Gehalt an die Rektoren bezahle. Er\nsagte sich — was für ihn das Wichtige an der\nSache war —, daß der Staat daran sehr unrecht\ntue und mit seiner pauvrete die Ausbreitung der\nRevolution offenbar in unsinnigster Weise unter-\nstütze.\nMittlerweile trat der Rektor ein; man verneigte\nsich gegenseitig, und der Rektor streckte Baron\nFrangart freundlich die Hand zum Gruße hin (diese\nHand, stellte Baron Frangart in aller Ruhe fest, ist\ngottlob soeben gewaschen worden. Im Hotel hatte\ner nämlich nicht ohne Groll bemerkt, daß, wenig-\nstens nach dem Frühstück, keine Wasserschale\nserviert wurde, ein Versehen, das im Jesuiten-\nkloster nie vorgekommen war). Der Rektor sagte,\nes freue ihn sehr, Baron Frangart als Schüler zu\nbekommen; dieser erwiderte, es sei ihm eine be-\nsondere Ehre, in dem Rektor seinen zukünftigen\nLehrer begrüßen zu dürfen. So spielte sich wenig-\nstens der Anfang in jenen Formen ab, die Baron\nFrangart so ungern vermißte. Ueberhaupt stellte\nsich heraus, daß der Rektor weltmännische Bildung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.4", "debut_caractere": 94, "fin_caractere_exclue": 7674, "texte": "besaß und zu schätzen wußte. In der Art, wie er\nsich leise nach dem und jenem, nach Frangarts\nVerhältnissen, Absichten und Ansichten erkundigte,\nkam dies sehr gut zum Vorschein. Zur tiefen Be-\nfriedigung Frangarts, der, während er verbindlich-\ngemessene Antworten gab, sich erinnerte, daß ihm\nein deutscher Bekannter im Jesuitencolleg die ab-\nschreckendsten Dinge über deutsche Professoren\nerzählt hatte. Dieser da schnupfte weder, noch\ntrug er einen ungepflegten Bart; er sprach weder\njovial, noch gelehrt und schwulstig.\nLeider sollte Baron Frangart sogleich noch\neinige Dinge hören, die er weder in einer Großstadt\nfür ernst, noch seines Ranges für würdig halten\nkonnte. Der Rektor fragte ihn nämlich, wo er zur-\nzeit wohne. „Im Hotel soundso.'4 „Ich bedaure,\nIhnen sagen zu müssen, daß sie nach dem Sinn\nunserer Satzungen als Primaner wohl nicht dauernd\nin einem Hotel wohnen dürfen.\" „Entschuldigen\nSie, daß ich das nicht recht begreife! Wenn ich\nirgendetwas vorhätte, was meiner Wohlerzogen-\nheit eigentlich widerspräche, so wäre doch die\nStadt groß genug, daß es niemand erführe. Und\ndann ist das ein altes Hotel, innerhalb dessen ein\nsehr empfindliches Publikum verkehrt.\" „Ich be-\ndaure sehr, es ist nun einmal Vorschrift, daß dio\nSchüler privat wohnen.\" — „Glauben Sie, Herr Rek-\ntor, daß ich in einem der Häuser an der Brienner-\nstraße bei Privatleuten etwas mieten kann?\" —\n„Ich weiß nicht, dort wohnen wohl größtenteils\nLeute, die nicht auf das Vermieten angewiesen\nsind. — Und dann, meinen Sie nicht, daß die Straße\nzu weit abseits von unserer Anstalt liegt?\" — „Ich\nmuß vielleicht einen Wagen nehmen. ...\" — Dann\nsetzte der Rektor Baron Frangart auseinander, daß\ner sich zunächst einer Aufnahmeprüfung unterziehen\nmüsse; ferner, als wichtige Bestimmung des Gym-\nnasialstatuts, daß er, einmal Schüler der Anstalt\ngeworden, bei Eintritt der Dunkelheit seine Woh-,\nnung aufzusuchen habe. Der junge Baron, der\ndiese Informationen für eine bloße Formsache hielt,\nbemerkte lächelnd: „Aber hier in München scheint\nes ja immer dunkel zu sein.44 — „Ja, ja,\" nickte der\nRektor, der ihn verstand, und sein Ton wurde\nernster als bisher, ja beinahe schmerzlich: ,<,Auch\nich liebe den hellen Süden. Aber da nun Gott ge-\nwollt hat, daß wir jetzt hier sind, müssen wir uns\nzufrieden geben. Im Grunde lieben wir in Bayern\nalle das Südliche . . .Wir sind römisch-katholisch.44\nNach diesen liebenswürdigen Worten, die Baron\nFrangart dankbar hinnahm, schien es diesem an\nder Zeit, sich zu empfehlen.\nDie Aufnahmeprüfung, im Verlaufe deren sich\ndie Professoren einig wiurden: daß das Wissen des\nBaron Frangart zwar stellenweise die bedauer-\nlichsten Lücken aufweise, wofür aber die große\nSelbständigkeit und Reife seines Denkens einiger-\nmaßen entschädige, er somit in die Oberprima\nzulassen sei,'4 fand am andern Tage statt. Ein be-\nzeichnender Zwischenfall erregte das Kopfschüt-\nteln der Prüfenden: Nach den bayrischen Königen\ngefragt, wußte er sie nur ungenau zu nennen,\nwandte sich aber mit der Frage an die Professoren,\nob die bayrischen Könige der Bestätigung der fran-\nzösischen Republik bedürften. Die Professoren\nsahen sich einander hilflos an. „Nun, ich meine,\nweil das bayrische Königtum doch von Napoleon\netabliert worden ist?44\nDurch Vermittlung des liebenswürdigen Rek-\ntors bekam Baron Frangart übrigens eine Woh-\nnung in der Briennerstraße bei zwei alten Damen.\nEr fand dort wenigstens äußerlich alles, was er von\neiner Wohnüng verlangte: nämlich die vollkom-\nmenste Stille.\nDrei Tage später ließ er sich früh siebenein\nviertel Uhr einen Wagen holen, hörte in der\nFrauenkirche wie gewöhnlich seine Messe und kam\nschlag acht Uhr, immer im Wagen, am Gymnasium\nan. Auf dem Rektoratszimmer wurde er einem\nLehrer des Griechischen vorgestellt, der in der\nOberprima die erste Unterrichtsstunde von acht\nbis neun Uhr zu erteilen hatte.\n' • • t ]\nDieser führte ihn in das Klassenzimmer.\n*\nDie Schüler, ungefähr dreißig an der Zahl, er-\nhoben sich beim Eintritt ihres Lehrers, teils nach-\nlässig, teils aufmerksam, wie es eben in eines Jeden\nArt lag. Da entfuhr einem Schüler, der allein in\nder letzten Bank saß, ein hörbares „Ah!44 des Er-\nstaunens. Und jetzt richteten auch die weniger\nAufmerksamen ihre Blicke nach den Eingetretenen.\nDiese waren bereits am Katheder angelangt.\nDer griechische Lehrer, ein alter Mann, bildete in\nseiner müden Haltung einen merkwürdigen Gegen-\nsatz zu Baron Frangart. Dieser stand gleichmütig\nneben ihm, in der reizvollen Zierlichkeit seiner\netwas kleinen, aber eleganten Gestalt; seine Ge-\nsichtszüge waren während der letzten Jahre her-\nber, schärfer und daher noch stolzer geworden. Die\nsatte Bronze der weichen Haut seiner Wangen\nhatte sich in Chamfort nicht mehr verlören und\nbezeugte seine südliche Heimat. Die langen langen\nWimpern beschatteten wie ehedem seine dunklen\nAugen, die Strenge ihres Blickes mildernd. Nur die\nHaare waren nicht mehr gelockt; im linksseitigen\nScheitel auseinandergekämmt, gaben sie eine edle\nStirne bloß. Die geschwungenen Linien des Mun-\ndes erschienen bestimmter, und auch sie erhöhten\nden Stolz seiner scheuen verschlossenen Jugend.\nNatürlich war er glatt rasiert, sorgsam, ohne\nauch nur eine Spur der Haare zurückzulassen. —\nSo stand er gleichmütig da und sah zuerst zer-\nstreut über seine künftigen Mitschüler hinwieg;\nsein Blick haftete sodann verloren auf dem letzten\nFenster, vor dem sich hohe Bäume mit kahlen\nAesten erhoben, vom Novembernebel bedeckt.\nAch, wo blieb die strahlende Sonne, die zu\ndiesem seltsamen Fremdling gehörte! wo die durch-\nsichtige südliche Luft, die seinem jungen Körper\nlebendige Plastik verlieh! — Einsam und fremd\nstand er da.\n„Entzückender Junge!\" murmelte halblaut der\nSchüler auf der letzten Bank. Frangart schien es\nnicht zu hören; eben begann der griechische Leh-\nrer: „Hier stelle ich Ihnen Fritz Freiherrn von\nFrangart vor, der neu in Ihre Klasse eingetreten\nist .. .\" Der Vorgestellte verneigte sich. „Nur\nkeine langen Reden vonwegen Freiherrn!\" kam es\nhalblaut aus der hintersten Bank. Der Lehrer ver-\nzog über dem Gemurmel ärgerlich seine Miene.\nDie Schüler kicherten leise. „Wollen Sie sich\nsetzen, Baron Frangart!\" sagte der Lehrer. Der\neinzige noch freie Platz war in der letzten Bank\nneben dem Schüler, der sich die Zwischenrufe ge-\nleistet hatte. Dem Lehrer fiel in aller Eile ein,\ndaß er diesen strafen könne. „Sie kommen neben\nLudwig Schlagintweit, nicht gerade unserri schlech-\ntesten, aber sicher unsern frechsten Schüler,\" be-\nmerkte er zu Frangart. Schlagintweit, den sie In\nder Klasse Bajazzo nannten, versteckte sein gut-\nmütiges Gesicht mit den herzlichen spottlustigen\nAugen hinter dem Rücken seines Vormannes. „Das\nstimmt, Gott sei Dank!\" flüsterte er. Die Schüler\nverbissen das Lachen.\nBaron Frangart nahm gleichmütig seinen Platz\nein, nachdem er sich ein wenig von Ludwig Schla-\ngintweit verneigt hatte. Dieser sah ihm unbeküm-\nmert ins Gesicht: „Grüß Gott, guten Tag, habe die\nEhre, Herr Baron Frangobald!\" flüsterte er, wäh-\nrend vorn ein Schüler aufgerufen worden war und\n„Piatons Apologie des Sokrates\" zu übersetzen\nsich bemühte. „Frangart\", korrigierte Fritz ruhig\nseinen Nachbarn, indem er die übrige Anrede igno-\nrierte. Dieser rückte, da Frangart kein Buch mit-\ngebracht hatte, das seine in die Mitte der Bank,\nVorn rief eben ein grober Uebersetzungsfehler\neinen zornigen Ausbruch des Lehrers hervor.\nSchlagintweit benutzte den entstandenen Lärm,\num seinen Nachbar zu fragen: „Kennen Sie diese\n,Phraseologie des Sokrates' schon?44 .Frangart\nnickte bejahend. „Können Sie überhaupt was im\nGriechischen?44 forschte er weiter. Frangart zuckte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3765, "texte": "die Achseln. „Dürfen schon reden, seien S' ganz\nunbesorgt! Er hört schlecht, der Herr Professor,\"\nflüsterte Schlagintweit, der das frostige Benehmen\nFrangarts entweder nicht bemerkte oder nicht be-\nmerken wollte. Aber in diesem Augenblick sah\nder Professor doch warnend zu ihm her. Er er-\nwiderte seinen Blick treuherzig. Dann aber bückte\ner sich wieder und murmelte zwischen den Zähnen:\n„Herr Professor, trauen S' Ihnen nicht, trauen S'\nIhnen nicht . . . Sonst blamiere ich Sie wieder\neinmal, wenn mir griechische Konjunkturen\nmachen!\" Die in der Nähe Sitzenden grinsten,\nauch Baron Frangart mußte lächeln; der Lehrer\nrief gerade einen andern Schüler auf. „Wissen S'\nwas, Herr Baron,\" setzte Schlagintweit die ein-\nseitige Unterhaltung fort, „alles können S' von mir\nabschreiben, nur in der Mathematik kann ich selber\nrein gar nichts. ,Schlagintweit, wieder Note vier,\nungenügend, können nichts, werden nie etwas ler-\nnen in der Mathematik!'\" ahmte er 'den Mathe-\nmatiklehrer nach. Der Vordermann wandte un-\nvorsichtig den Kopf, um Schlagintweit seinen Bei-\nfall für die gelungene Imitation auszudrücken. In\nden hinteren Bänken entstand langsam eine allge-\nmeine Unruhe. Schlagintweit rief dem Vorder-\nmann flüsternd zu: „Liebe dicke Mittelmäßigkeit,\nschau gefälligst nicht so, ich red nicht mit dir . . .\nSo, schön ruhig sitzen mit deinem breiten Rücken!\"\n(Fast alle Spitznamen in der Klasse, auch die zu-\nrechtgewiesene „liebe dicke Mittelmäßigkeit\",\nwaren von Schlagintweit erfunden und verbreitet\nworden.) Baron Frangart sah seinen lebhaften\nNachbarn mit ruhiger Aufmerksamkeit von der\nSeite an. Dieser fühlte es, blickte ihm offen ins\nGesicht und errötete in leichter Verlegenheit. Einige\nMinuten schwieg er. Aber dann hatte er es wieder\nvergessen oder er wollte -doch noch einen Versuch\nmachen, Baron Frangart aus seiner Ruhe zu brin-\ngen. „Oh mei', Drapologie des Sokrates!\" begann\ner halblaut. Baron Frangart lächelte. „Können\nSie auch stenographieren ?\" schrieb Schlagintweit\njetzt an den Rand des Buches, da ihm der Lehrer\neben den zweiten warnenden Blick zugeworfen\nhatte. „Nein,\" nickte sein Nachbar; vorn ging die\nUebersetzung weiter. „Ja Herrschaft, ja Sie armer\nMensch, das müssen S' lernen! .. .\" knurrte\nSchlagintweit zwischen den Zähnen und machte\nein aufrichtig betrübtes Gesicht. Da geschah etwas\nMerkwürdiges: Baron Frangart, der die vertrau-\nlichen Worte seines Nachbarn mit einer Mischung\nvon Indignation, Kopfschütteln und Belustigung\nschweigend angehört hatte, sah diesen wieder von\nder Seite an und bemerkte die komische Betrübt-\nheit seines Ausdruckes. Da verlor er seine Fas-\nsung und fing ohne Ueberlegung zu lachen an.\nSchlagintweit und die Mitschüler erschraken zu-\nerst. Aber Frangarts Lachen (er hatte es nie\ngeübt und also, wie es ihm angeboren war, er-\nhalten) klang so vollkommen heiter in -den still\ngewordenen Schulraum hinein, daß alle angesteckt\nwurden, auch der erschrockene Schlagintweit und\nschließlich auch der entrüstete Lehrer, und in\nschallendes Gelächter ausbrachen.\nFrangart hörte zuerst auf; das allgemeine Echo\ngab ihm seine Fassung wieder, und Schamröte,\ngleich als ob Lachen für ihn Unrecht wäre, überzog\nsein Gesicht; überdies fiel ihm jetzt ein, daß er\nSchlagintweit mit diesem Lachen verraten hatte.\n„Entschuldigen Sie gütigst!\" sagte er zu ihm.\n„Ach, Unsinn, was entschuldigen, das tut mir\nnichts.\"\nDer Vorfall endigte damit, daß Schlagintweit\ne;ne Strafaufgabe zudiktiert wurde, nämlich einige\nSeiten aus der Apologie des Sokrates schriftlich\nzu übersetzen.\nDies also war der Anfang der großen Freund-\nschaft, die Ludwig Schlagintweit für Baron Fran-\ngart in der Folge empfand, und auch der Anfang der\nruhigen, aber immerhin unleugbaren Sympathie,\ndie dieser wenigstens zuweilen für Schlagintweit\nbezeigte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "159", "page_fin": "159", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.3.1", "titre_corps": "W. 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Und in ihm\nwar nichts als Sehnsucht . . . Seine Diener aber\nbrachten ihm Schinkensemmeln mit Kaffee . . .\nSehr traurig war der junge Dichter und seine\nSehnsucht ging von einem Zimmer in das an-\ndere . . . Herrliche Bilder konnte er sich hand-\ngreiflich vorgaukeln und das junge Mädchen, das\ner liebte und hasste . . . Kunigunde!\nDoch wenn sein junger Leib, der sich sehnte,\neinen Schritt vorwärts tat, um die geschaute Ge-\nstalt zu umarmen, da schwand alles und seine\nLippen, die nach einem Kusse glühten und lechzten,\nsie sanken kümmerlich zusammen und sein Kopf\nfiel ihm schulterwärts . . . und er war wieder\nallein mit seinen Zimmern, Dienern und Schinken-\nsemmeln ... Da haderte der junge Dichter mit\nGott und seinem Palaste und weinte über sie die\nTage und Nächte, dass sie ihm nicht geben wollten,\nwonach er sich so sehnte . . . und hätte er am\nliebsten die Wände geküßt und die Bäume seines\nGartens umarmt, so sehr sehnte er sich . . . Und\ner vergoss sieben Tränenströme .. . Und er\nwollte nichts essen und zerfleischte sich das Ge-\nsicht und die lieben Hände und raufte sein Haar\nund zerriss seine Gedichte und lag wie ein Toter da\nauf seinen Teppichen . . .\nSandte der liebe Gott zu ihm in den Traum eine\nausgezeichnete Fee und die sprach: Was gibst du\ndeinem Körper Wunden und üble Farben? Sieh,\nsei wieder brav und ruhig und Gott wird deine\nHaare streicheln und dein Haupt soll liegen in dem\nSchosse deines jungen Mädchens ... Da sprach\nder junge Dichter: Ich will ja gern wieder an den\nlieben Gott und meinen Palast glauben, aber warum\nward ich so schwer geschlagen? Es ist ja wahr,\nich habe vor sieben Jahren, zehn Monaten und drei\nTagen beinahe eine Ameise zertreten! . . .\nKüsste die ausgezeichnete Fee dem jungen\nDichter langen Schlaf an und tat von seinem Leibe\ndie, Wunden und üblen Farben, nahm von seinen\nHänden die Betrübtheit ... und als er erwachte,\nda taten sich alle seine Gezimmer* auf und strahlten\nund sein Haupt lag gebettet in den Schoß des jun-\ngen Mädchens und sie streichelte seine Haare und\nküsste ihm seine Augen und lieben Hände und\npickte seine Gedichte zusammen ...\nGlaubt ihr das? Ich glaube es nämlich auch\nnicht! Sondern, als von dem jungen Dichter der\nSchlaf trat, da stand zu seinen Häupten ein Freund\nund wies ihm eine Kritik, in der Eduard nieder-\nträchtigerweise gelobt wurde, ein Briefträger\nfeierte seinen Einzug mit einer Drucksache, laut\nder sich Kunigunde mit Archangelus Lardschneider.\njenem niederträchtigen Kritiker, verheiratet hatte\nund eine jähe Drahtung zwang ihn, die Premiere\nseines letzten Stückes abzusitzen, des Schiffahrts-\naktiendramas „Eduard und Kunigunde\", das ihm\nvom Lesen her übel bekannt war .. Und zu Füßen\nseines Bettes stand ein Diener, in der Hand haltend\neine Tasse Kaffee mit Senf. . .\nIch bin nicht eins.\nFremdes stürzt in mich,\nwirkt iund färbt und klingt,\nbeißt und streichelt, stößt und umschlingt,\nwill allein herrschen und vernichtet sich.\nIn Mädchenaugen glüht zehrend lüsternes Leuchten,\nwenn Männermünder vor Gier zucken.\nTiefes Atmen spannt die Brüste.\nEkel vor dem Tiergieren,\nund doch ein Zucken um den eignen Mund.\nGelbe Fenster in schwarzgrauer Nacht.\nKein Stern mag durch die dicken Wolken gucken\nDas Meer mit seinem ruhigen Atemfeuchten\nfühlt den niedergleitenden Mond stieren.\nTage mit verwehtem Rauch über den Dächerreihn.\nSchauen, Versinken im Schauen ohne Grund.\nFrauenleiber, die sich verhüllend zeigen.\nWildes, vernichtungssicheres Begehren wird\nentfacht.\nIch will die glatten Glieder an mich pressen,\nsie genießen und mit Ekel bespeien.\nEin Strudelstrom von Menschen über Nacht und\nTag,\nstöhnend unter der Last von Glück und Pein.\nPurpurnes Ueber-sich-selbst-vergessen.\nImmer vom Tod über reckt,\nvom Tod,\nund wälzt sich im Arm der Lüste.\nRohheit und Sein und Verhandeln.\nWarten, ertragen, schweigen.\nManchmal fällt alles in eine Leere.\nTatunfähige Traurigkeit,\nNichts-als-Müdesein.\nGleichgültiges Kopfneigen,\nund alle Dinge fließen vorbei.\nNur du, mein Streicheln —\nIm wechselnden Einerlei\ndu allein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c011", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "162", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Eine Tanzkunst, die nicht akademisch ist,\nist darum noch nicht gut. Hupfen, Drehen, ent-\nzücktes Puppengesicht, Donauwellen in jedem\nWald- und Wiesental wird nachgerade fad. Ihr\nkönnt nichts, liebe Kinder, mögt Ihr Euch akade-\nmisch oder frei gebärden. Es wäre alles ganz gut,\nwenn die Tänzerinnen nur nicht so gebildet, natur-\nfroh und sonst was wären. Eine gesunde Zote ist\n■mir lieber, so eine schöne, ruhige, runde Sache.\nDa habt Ihr's: die Literatur läßt Euch glatt fallen.\nUeberhaupt die Tänzerinnen. Ich zitiere einen\nhervorragenden Autor über dieses Thema, einen\ngewissen Alfred Döblin, aus den etwas länglichen\n„Gesprächen mit Kalypso\". Ein sehr Alter sagt\nda zu einem sehr Jungen: „Von einer Kunst will\nich zu dir sprechen, die ich so stammeln und seuf-\nzen höre. Verehrst du die Tanzkunst? Sie muß\ndeinem Herzen näher stehen: denn so seid Ihr von\nheute: frauenhold, tänzerinnenhold. Wir beteten\nkeine Frauen an; wir spielten mit ihnen, lebten\naus, gingen einen klirrenden Schritt. Kam uns ein\nWeib sehr nahe, so begehrten wir es, schätzten\nes als unser Eigentum, waren ihm vielleicht dank-\nbar, weil es zum Schaffen und Kämpfen kräftigte.\nDaß die Künste jetzt vor die Weiber gekommen\nsind, daß sogar die Tanzkunst eine Kunst der Tän-\nzerinnen wurde, besagt nur, daß die Männer des\nWeibes voll sind und nicht des \"Kampfes, Schaf-\nfens. Denn wie eine verlangt die Tanzkunst der\nMänner, diese hoheitsvolle, strenge Kunst, die die\nZähmung des Willens betreibt, die Unterjochung\ndes Leibes unter den Willen, die gottvolle, tief-\nfromme Kunst. Aber Eure Tanzkunst zeigt nicht\nden gezüchteten frommgewordenen Körper, son-\ndern das gezüchtete Weib oder den Frau gewor-\ndenen Mann; sie zeigt Eure Unzucht. Vom Leibe\nfaselt Ihr; die Geschlechtlichkeit wuchs Euch zu\ndem wichtigsten, wohligsten Rätsel aus, wurde\nEuer Geheimstes, Echtes, Ernstes; sogar Eure\nDenker säuseln von dem „Brennpunkt des Da-\nseins''. Ich glaube, es geht Euch Memmen zu\nüppig; Ihr dürftet vieles vergessen. Ihr ließt Euch\nden Tanz aus den Händen reißen, kennt nur den\nLocktanz der Geschlechter, nicht den Eintanz,\nkaum den Vieltanz, den Tanz und die Phantasie der\nMännerkörper. Ihr Ueppigen, Schweren, Blöden!'4\nIch muß nach Anhörung dieses bedeutenden\nAutors versuchen, wieder mein Niveau zu gewin-\nnen. Gelegentlich ist jedenfalls, das muß ich gegen\nihn bemerken, auch der Locktanz nicht zu ver-\nachten, es kommt nur drauf an, wer ihn exekutiert.\nMir ist aber tatsächlich jede Cynik — Bemer-\nkungen, wie ruhige etc. Sache — vergangen bei\nzwei Tänzerinnen neulich. Erstens gelingt's ihnen\nnicht, Sie wissen schon was. Die eine ist ein\nsolider, muskulöser Mensch weiblichen Ge-\nschlechts, mit Knochen, Gliedern. Dagegen und\nhin wider um die andere dünn, wie das beinah nicht\nmehr schön ist.' Sie scheint mir ein lederüber-\nzogenes Klappergestell weiblicher Signatur; manch-\nmal zerbrach ich mir den Kopf, wie so was mög-\nlich sein kann, wie derartiges stattfinden kann.\nDer Herkules tanzte einmal einen „Festtanz\"; fest\nwar es, fest, ganz fest, mit wuchtigen Ellenbogen,\nmassiven Schultern, trittfähigen Beinen; der Her-\nkules freute sich ersichtlich; das Ding ging nur so,\nwie geölt, schräg über die Bühne weg. Aber sie,\ndas Ledersofa, das Klappergestell, diese konnte\netwas. Ich weiß nicht, was von ihr an den Tän-\nzen war, an diesen exotischen Kuriositäten, aber\ndas Ledersofa machte es gut. Schon die sozusagen\nIdee hat's in sich: Mal nicht Stimmung, mal nicht\nentblößte Auf- und Abrundungen, — mal alles drum\nund dran: Schleier, Masken, Federn, Lichter, Tep-\npiche. Nicht lyrische Monologe, sondern Vis-a-vis,\nSachlichkeiten, Gestaltungen (reiß ich aber das\nMaul jetzt auf!).\nWenn ich jetzt eine posthume Gerechtigkeit üben\nsoll, so finde ich es geradezu sinnvoll und leuch-\ntend, daß sich hier ein munterer Schlächtergeselle\nund ein Fauteuil ergingen. Weil es nämlich auf\neinen Protest gegen die Schönheit ankam, ver-\nnunftgemäß, und der springende Biceps einerseits,\ndas fehlende Fettpolster andererseits charakte-\nristisch, originell waren innerhalb des Charakte-\nristischen, Originellen. Das Meisterstück der einen\n(Led.-sof.), Tanz einer jungen Koboldin: das Klap-\npen und Winken der Hände, die unschönen plötz-\nlichen, schlenkernden Beinbewegungen, das Rasen\nund Wühlen der Schultern. Sie kann etwas, — ich\nweiß wie gesagt nicht, was sie vielleicht von.da\nunten hat —, reichlich tänzerische Einfälle, richtig\ngehende körperliche motorische Gedanken, moto-\nrische Gedanken, motorische Witze, motorische Ab-\nsurditäten. Sie sind wirklich, ernsthaft, originell\nund sehenswert, aber ich bin von Natur im Aus-\ndruck etwas drastisch."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c015", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "162", "page_fin": "163", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.7", "titre_corps": "Baudelaire", "titre_sommaire": "Baudelaire", "signature_source": "Jacques Rivière", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.6", "debut_caractere": 5280, "fin_caractere_exclue": 8861, "texte": "Baudelaire\nVon Jacques Rivière\n\nUebertragung aus dem Französischen von Jean-Jaques\nJedes Gedicht Baudelairesist eine Bewegung;\nes stampft nicht, es ist keine unbewegliche Be-\nschreibung, es steigert nicht durch Wiederholungen\nund Ueberbietung ein einmal gewähltes Thema. Es\nist ein gewisser Satz, Frage, Anruf oder Widmung,\ndie einen Sinn hat. Es ist ein kurzer Satz, der aber\nvon Gleichnissen gestützt wird, die, sich anlehnend,\neinander von gleichem Eifer beseelt halten:\nA la tres chere, ä la tres belle\nQui remplit mon coeur de clarte,\nA Tange, ä l'idole immortelle,\nSalut en immortalite!\ni\nSachet toujours frais qui parfume\nL'atmosphere d'un eher reduit,\nEnclesior oublie qui fume\nEn secret ä travers la unit. *)\nDiese Bilder entfernen uns nicht etwa von dem\nWorte, das sie begleiten, sondern im Gegenteil,\nsie führen uns ungemein zu ihm hin. Statt es zu\nentwickeln und zu illustrieren, vertiefen sie es,\nbeugen es und lassen es innerlich widertönen. Sie\nhaben keine „poetische\" Bestimmung, sie suchen\nnicht, unserem Vorstellungsvermögen zu schmei-\ncheln; sie sind weit und durchgearbeitet wie die\nBiegsamkeit 'der Stimme, wenn sie unbeirrt weiter-\ntönt. 2) Aber die Bilder, die das Wort umgeben,\nsind mir eine Verkündigung; sie machen es ver-\ntraulich für mich persönlich; sie machen den Ein-\ndruck, als ob es nur an mich gerichtet ist; sie zwin-\ngen mich, es mit seiner ganzen Bestimmung zu er-\ntragen. Ihre Sinnlichkeit ist niemals entfaltet. Sie\nbehalten sie, kondensiert, wie ein Getränk, das\ndas Erinnern bezaubern soll. So kommen sie unser\nGedächtnis versuchen, das Herz mit 'der Hart-\nnäckigkeit der Wogen zu bekämpfen; sanft er-\nzwingen sie unsere nie geahnten Geheimnisse; sie\nerwecken unsere nie zugestandene Vergangenheit,\nerwecken mit ihrer Beschwörungsformel unser\nganzes ungelebtes Leben; sie fordern eine Aufer-\nstehung von etwas, das niemals war.:!) Wie ein\nWort, das unser Ohr erreicht, in einem Augenblick,\nda man nicht 'darauf gefaßt war. So spricht der\nDichter plötzlich, ganz nahe bei uns: „Erinnerst du\ndich? Weißt du noch, was ich sagte? Oder sahen\nwir es zusammen, wir, die wir uns nicht kennen?\nDu hast sie also betreten, jene Gestade; bis dorthin\nhat dich also deine Reise schweifen lassen.\" Und\ndiese Stimme sang:\n. . . chantait comme le vent des greves,\nFantöme -vagissant, on ne sait d'oü venu,\nQui caresse loreille et cependant l'effraie. 4)\nSie singt, diese Stimme, und das anbetungs-\nwürdige Lächeln des Bedauerns:\nMais le vert paradis des amours enfantines,\nLes courses, les chansons, les baisers, les\nbouquets,\nLes violons vibrant derriere les collines,\nAvec les brocs de vin, le soir, dans les bosquets,\nMais le vert paradis des amours enfantines,\nL'innocent paradis, Plein de plaisirs furtifs,\nEst-il dejä plus loin que Finde ou que la Chine?\nPeut-on le rappeler avec des cris plaintifs.\nEt l'animer encor d'une voix argentine\n** r \\\nL'innocent paradis, plein de plaisirs furtifs?5)\n1) „Hymne\", p. 227\n2) „Le surnaturel comprend la couleur generale et\nl'accent, c'est-ä-dire intensite, sonorit6, limpi-\ndite, vibrativite, profondeur et retentissement\ngeneral dans l'espace et dans le temps\". (Oeuvres\nposthumes. Librairie du Mercure de France,\np. 86)\n3) „De la langue et de prises comme\nOperations magicjues, sorcellerie 6vocatoire*\\\n(Oeuvres Posthumes, p. 86) „Le myst&re, le\nregret sont-aussi des caracteres du Beau\" (Ibi-\ndem p. 85) „ . . . Tocsin des souvenirs\namoureux, tenebreux, des anciennes ann6esM.\n(Ibidem p. 84.) „Evocation de l'inspiration. Arts\nmagiques. (Ibidem p. 135)\n4) „La Voix\", p. 225\n5) „Moesta et Errabunda44, p. 185"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4928, "texte": "II\nDiese Poesie sucht nur das Bekenntnis. Wäh-\nrend Baudelaire dichtet, denkt er nur daran, seine\nschweren Gedanken zu bekennen, sie zu übertragen,\nsie den anderen wie eine geheime, unerträgliche\nLast mitaufzubürden. Dieser Zwang, diese Ein-\nschränkung aus Scharfsinn, die Mäßigung der Dich-\nterlaune, wodurch er den Satz seiner Seele vor-\nbehält; und endlich die vielen Bilder, die die Er-\ninnerung wie Vorwürfe trüben, alles ist berechnet,\num die Gefühle eines Herzens auszudrücken, das\nseine Einsamkeit nicht ertragen kann.\nAber es sind keine „Ergüsse\"; es ist keine\nschwatzhafte Aufrichtigkeit. Sie ist vervielfacht,\nstreng, lächelnd. Jedes Gedicht ist der zarte, fest-\ngestaltete Körper eines einzigen Gefühls. Die\nVerse benutzen es als Stütze, wie eine Bekleidung,\ndie es leben ließe. Sie regen es zu seiner Existenz\nan, zu dieser einzigen Existenz, die es hatte an-\nnehmen können. Und so wie es tatsächlich lebt,\nverlassen sie es.*)\nSo erweckt der Dichter die ganze wunderbare\nWelt seiner Leidenschaften; alle sind sie da. Sie\nhaben verschiedene Gesichte; und vielleicht passen\neinige nicht recht zusammen. Aber zusammen\nschauen sie mich an. Ich erkenne sie alle. — Ueber\nallen liegt eine beherrschte Ironie wie ein Licht.\nBaudelaire kannte die Fähigkeit hellzusehen, die\nFähigkeit „eines Herzens, das nicht alles gelten\nläßt, Was es empfindet, das nicht ohne Hinterge-\ndanken zu denken versteht.\" So wachsam ist seine\nAufrichtigkeit, daß sie alles selbst bis zu dem sie\nstörenden Fassungsvermögen übersetzt.\nEs ist ein Innehalten, ein Zögern der Seele, ein\nBlick voller Bescheidenheit. Der Dichter beklagt\nein wenig seine Leichtgläubigkeit, er zweifelt sein\nGefühl ein wenig an. Er lächelt.\nUnd dennoch kommt er dazu nicht durch eine\ntrockene Neugierde seiner selbst; auch nicht durch\nden Wunsch einer unparteiischen, vorurteilslosen\nAnalysis. Er beschreibt sich nur, um Mitwisser\nzu haben. Er gibt sich aus, damit wir uns ihm\ngeben. Er erlaubt uns nicht, ihm u n ähnlich zu\nsein. Seine Leidenschaften sind so echt, sie hal-\nten so fest an seinem Herzen, daß sie das unsere\ngewinnen, daß wir diese Leidenschaften in uns\nselbst erkennen.\nSo viele Wünsche, so viel Gewissensbisse, die\nich in mir barg. Warum habe ich sie mir einge-\nstanden, da ich sie ja nicht zu beruhigen verstand?\nUnd plötzlich, meine Bescheidenheit streifend und\nmeine Scheinheiligkeit verjagend, kommt ein Vers\nso rein, so nackt, so unangebracht, daß er mich\nberührt wie eine Beleidigung.x) Es ist die von\nHerzen kommende Wahrheit. Es ist eine gewisse,\ngewaltsame, schreckliche Erlösung. Es ist ein so\nstrenges Eingeständnis, daß es anklagt und ver-\nwundet: ich werde es mit Verzweiflung in mei-\nnen geheimen Augenblicken zugeben müssen:\n— Voilä que fai touche Tautomne des id£es.. .2)\n— J'ai plus de souvenirs que si j'avais mille\nans .3)\n— Bientöt nous plongerons dans les froides\ntenebres:\nAdieu, vive clarte de nos etes trop courts!...4)\nUnd dieser mit den Gewissensbissen der gan-\nzen Welt belastete Vers:\nLe printemps adorable a perdu son odeur!5)\nSo vollendete, so abgemessene Verse, daß man\nzögert, ihnen ganze Bedeutung beizumessen; eine\n1) Siehe Semper eadem un 4 Recueillement.\n1) „Le propre de la „Conflexion\", dit P6guy . . .\nest de montrer de preference les pieces invi\nsibles, et de dire surtout ce qu'il faudrait taire.\"\n(Victor-Marie, Conte Hugo, p. 14)\n2) „L'Ennemi\", p. 101\n3) „Spleen\", p. 199\n4) „Chant d'Automne\", p. 172\n5) „Le Qoüt du Neant\", p. 205\nHoffnung, ein Zweifel wacht einige Augenblicke\nüber ihrer Tiefe. Aber man muß nur warten. In\nmeiner Erinnerung finde ich sie dann, noch zit-\nternd wie Pfeile.\nUnd inmitten dieser Aufrichtigkeit, der ich mich\nso früh wie möglich entledigen müßte, die Ironie:\nIch weiß alle Antworten, ich weiß alle Rechtferti-\ngungen. „Mich täuscht nichts. Indessen, man muß\ndiese Bitterkeit ertragen. Nichts kann dein Herz von\nso viel Wahrheit befreien.\"\nSo empfange ich, ohne mich dagegen wehren\nzu können, alle Gefühle, die diese große Seele sich\neinfallen läßt, mir einzuflößen. Was für Gefühle\nsind es? Sie sind so lebendig, daß sie zuerst ver-\nwirrt bleiben. Ich erkenne sie erst lange, nach-\ndem ich sie erlitten habe. Dann erst sehe ich,\ndaß sie verschieden sind, im Augenblicke, da sie\nsich widersprechen.\nZuerst ein unendliches Bedauern, ein nebel-\nhaftes, gewaltiges, heftiges Erinnern, das Leid der\nVerbannung.\n.... Arne aux songes obscurs,\nQue le reel etouffe entre ses quatre murs.1)\nEs gibt Himmel, die plötzlich im Herzensgrunde\ndas Bild des schönen, verlorenen Heimatlandes\nwieder aufleben lassen:\nTu rappelies ces jours blancs, tiedes et v0i16%\nQui font se fondre en pleurs les coeurs\nensorceles.\n1. „Sur le Tasse en prison,\" p. 236 und\nrable\", p. 168\nPouvons nous etouffer le vieux, le long Remords,\nQui vit, s'agite et se torbille\nEt se nourrit de nous comme le 'vers des morts,\ncomme du chene la chenille?\nPouvons nous etouffer l'implacable Remords?\n2) „Ciel brouille, p. 160"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c016", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "163", "page_fin": "163", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.7.1", "titre_corps": "Franz Marc: Pferde / Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Franz Marc: Pferde / Originalholzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.7", "debut_caractere": 4930, "fin_caractere_exclue": 4970, "texte": "Franz Marc: Pferde / Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c017", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "163", "page_fin": "163", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.8", "titre_corps": "Empfohlene Bücher", "titre_sommaire": "Empfohlene Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.7", "debut_caractere": 4991, "fin_caractere_exclue": 5703, "texte": "Empfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nPaul Zech\nSchollenbruch / Gedichte\nWaldpastelle / Gedichte\nBerlin-Wilmersdorf / A. R. Meyer Verlag\nKandi n s k y *\nUeber das Geistige der Kunst / Insbesondere in\nder Malerei / Mit acht Tafeln und zehn Original-\nholzschnitten / dritte Auflage\nMünchen 1912 / R. Piper & Co. Verlag\nDer Blaue Reiter / Jahrbuch\nHerausgegeben von Kandinsky und Franz Marc\nMit zahlreichen Illustrationen\nMünchen / R. Piper & Co. Verlag\nElse Lasker-Schüler\nMeine Wunder / Gedichte\nKarlsruhe / Deutscher Verlag"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c018", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "164", "page_fin": "164", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.9", "titre_corps": "Notizen", "titre_sommaire": "Notizen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 362, "texte": "Notizen\nDer Herausgeber dieser Zeitschrift empfängt ein-\nmal monatlich Sonntags von 4 bis 7 Uhr in der\nAusstellung Der Sturm, Königin Augustastraße 51.\nIm Oktober: am dreizehnten des Monats.\nWegen Einladungen wende man sich an die Redak-\ntion dieser Zeitschrift\nFranz Marc, von dem sich ein Holzschnitt in\ndieser Nummer befindet, ist Mitglied der Neuen\nSezession"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c019", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "164", "page_fin": "164", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.8", "debut_caractere": 924, "fin_caractere_exclue": 1290, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitsehrift der Sturm\nBerlin W / Konigin AugustastraBe 51\ngegeniiber der von der HeydtstraBe\nIFahrgelegenheit: Liitzowplatz\n\"Siebente Ausstellung\nWassily Kandinsky\nErste Kollektivausstellung mlt Gemalden aus den\nJahren 1901 bis 1912\ni£r$ffnung: Mittwoch, den 2. 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Kurfiirstendamm 33\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Fur Qesang und Kla-\nvier I 3 Mark\nKunstlerpostkarten\nFuturisten: 1 / Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht / Gino Severini: Die Modistin / Ruhe-\nlose Tanzerin / Pan-Pan Tanz X Licht-\ndrucke: Das Exemplar 20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab-\nschied / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Severini:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose Tanzerin X Cliche-\nd r u c k e: Das Exemplar 20 Pfennig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c022", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "164", "page_fin": "164", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.8", "debut_caractere": 4197, "fin_caractere_exclue": 5067, "texte": "Zeitsehriften\nDie Aufnahme erfolgt kostenlos nach freiern Ermessen\nder Redaktion dieser Zeitschrift\nDie Fackel / Herausgeber: Karl Kr a us / Er-\nscheint in zwangloser Folge. Die Fackel enthalt\nnur Beitrage von Karl Kraus. Neueste Nummer\n354—356. Inhalt: WeiBe Frau und schwarzer\nMann / Olossen / Die Kunst verbindet ? Olos-\nsen / Die Kinder der Zeit / Preis dieser drei-\nfachen Nummer 75 Pfennig / Verlag Die Fackel /\nWien III.12.\nVEffort Libre / frflher L'Effort / Monatsschrift /\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne].\n,/ Halbmonatsschrift / Kiinste /\nKultur I Philosophie / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue Fran<?aise / Monatsschrift /\nVerlag Marcel Riviere et Cie / Paris / I Rue\nSaint-Benoit / Nummer 1 .Francs 50 centimes\nLes Cahiers du Centre ./ Moulins [Allier]"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c023", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "164", "page_fin": "164", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.8", "debut_caractere": 5069, "fin_caractere_exclue": 5077, "texte": "Anzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_01#c024", "volume": "bmtnabg_1912-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "164", "page_fin": "164", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.8", "debut_caractere": 5079, "fin_caractere_exclue": 7646, "texte": "Rudolf Bliimner veranstaltet am Sonnabend, dem\nfllnften Oktober, abends 8 Uhr im Architektenhaus,\nWilhelmstr. 92/93, seinen ersten Vortragsabend\ndieses Winters. Zum Vortrag gelangen Dichtungen\nvon Andersen, Baudelaire, Burger,\nGoethe, Poe und Mark Twain. Karten zu\ndrei, zwei, eine Mark bei A. W e r t h e i m Konzert-\nkasse und an der Abendkasse des Architektenhauses.\nZwelter Verlagsabend: A. R. Meyer / Berlin-\nWilmersdorf. Montag, den 7. Oktober 1912, abends\n8V2 Uhr, Potsdamer StraBe 118c in der Buchhand-\nlung von ReuB & Pollack: Vorlesung verschiedener\nAutoren des Verlags\ni. • . 4\nElse Lasker-Schiiler: MeinHerz / Ein Liebes-\nroman mit Bildern und wirklich lebenden Men-\nschen / Das Buch erscheint im Herbst, kostet ge-\nheftet drei Mark, gebunden vier Mark. Prospekte\nkostenlos durch den Verlag H e i n r i c h F. S.\nBachmair, Mlinchen, KurfiirstenstraBe 39\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Vcrein\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\ner-halten jahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 / die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt. 3 /\nfreien Eintritt zu den Yeranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark,\nQ e s c h af t s s t e 11 e der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 2699\nGraphisches Kabinett Buch- und •/\nBerlin W 15, Kur.fiirstendamm 33, Eingang Qrol-\nmanstraBe / Eckhaus / Fernruf Amt Charlottenburg\n14297 I Der Inhaber des Graphischen Kabinetts\nJ. B. Neumann eroffnet in der SchillerstraBe 6 (am\nKnie) eine Ausstellung fiir die neue Malerei. In ihr\nsollen ausschlieBlich Werke jiingerer Kiinstler ge-\nzeigt werden. Sie ist als eine Art Fortsetzung der\nInternationalen Ausstellung des Sonderbunds zu\nKoln im kieineren MaBstab gedacht\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar /\nBerlin W 35, PotsdamerstraBe 27 b. Fernruf Amt\nLiitzow 5850\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen liber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Ausstellung von Luxusausgaben\nin Literatur.\nFritz Merker Charlottenburg, SchillerstraBe 94.\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartout-\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Aut-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Bticheinbande\nTitania-Schreibmaschine / Erste deutsche Schreib-\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern /\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Genest,\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fur- Berlin\nund die Mark Brandenburg: Louis Stangen,\nLinkstraBe 12. Telefon: Amt Kurfiirst 2425"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 2o Pfennig\nDU J;' i/a&KSW #il/äfiwPw ••'< '•■ *3a8B&li& ibSSb\n■BMI |HH Ära? wSSMIy .\n•*» iiNnniiimffliWPüi.iPr l&P\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W 9 / Potsdamer Straße 18\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungsräume\nBerlin W / Königin Augustastr. 51\nDRITTER JAHRGANG\nBERLIN OKTOBER 1912\nNUMMER 129\n\nInhalt:\nKandinsky: Ueber Kunst verstehen / Karl Borromäus Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden / Albert Ehrenstein: Die alte Geschiehte /\nUünttier Mfirr: Gedicht / Grete Tichauer: Gedichte / Alfred Döblin: Tänzerinnen / Jacques Rivi&re: Baudelaire / Empfohlene Bücher / Kandinsky: Sechs\nOriginalholzschnitte / Franz Marc: Pferde: / Originalholzschnitt\n\nW. Kandinsky: Originalholzschnitt / 1910\n\nUeber Kunstverstehen\nVon Kandinsky\n\n2u großen Zeiten ist die geistige Atmosphäre\nvon einem präcisen Wunsch, von einer bestimmten\nNotwendigkeit dermaßen erfüllt, daß man leicht\nzum Propheten werden kann.\nSo sind überhaupt die Wendungsperioden, die\nZeiten, in welchen die innere, vor dem oberfläch-\nlichen Auge versteckte i n n e r e Reife dem geisti-\ngen Pendel unsichtbar einen unüberwindlichen Stoß\ngibt.\nDas ist der Pendel, welcher demselben ober-\nflächlichen Auge als ein immer an dersel-\nben Stelle hin und her wackelnder Gegen-\nstand erscheint.\nEr steigt diesen gesetzmäßigen Berg auf. Bleibt\neinen Augenblick, einen unaussprechlich kurzen\nAugenblick, da oben stehen und nimmt den neuen\nWeg, die neue Richtung an.\nIn dem unglaublich kurzen Augenblick des\nStillstandes kann jeder leicht die neue Richtung\nprophezeien.\nEs ist nur merkwürdig, fast unerklärlich, daß\n„die große Menge44 diesem „Propheten44 nicht\nglaubt.\nAlles „Präcise44, Analytische, Scharfkantige,\nHartbestimmende, im Harten Gesetzliche, das\ndurch Jahrhunderte ging und im neunzehnten Jahr-\nhundert allumfassend uns heute zum Entsetzen\nsich „entwickelt44 hat, ist heute „plötzlich44\nso fremd, so abgeschlossen, und wie es man-\nchem heute scheint „unnötig44 geworden, daß man\nsich beinahe mit Gewalt, den Gedanken, die Er-\n*\ninnerung aufzwingen muß: „es war erst gestern4'.\nUnd . . . „in mir sind noch manche Ueberreste\ndieser Zeit zu finden44. Diesen letzten Gedanken\nglaubt jeder von uns ebenso wenig, wie den uns\npersönlich bevorstehenden Tod. Aber auch das\nWissen ist hier nicht leicht.\nIch glaube nicht, daß es heute einen einzigen\nKritiker gibt, der nicht weiß, daß „der Impres-\nsionismus aus ist44. Manche wissen auch, daß er\nder natürliche Abschluß des naturellen Woilens in\nder Kunst war. - ;■\nEs scheint, daß auch die äußeren Ereignisse die\n„verlorene Zeit\" nachholen wollen.\n„Die Entwicklung44 spielt sich mit einer in\nVerzweiflung bringenden Geschwindigkeit ab.\nVor drei Jahren wurde jedes neue Bild\nvom großen Publikum, vom Kunstkenner, vom\n<v! Kunstfreund,; vom . Kunstkritiker beschimpft."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.2", "texte": "W. Kandinsky: Ankunft der Kaufleute / Originalholzschnitt / 1906\n\nHeute . . . wer redet heute nicht von Kubus,\nvon Flächenteiluilg, von Farbenzusamnteristellun-\ngen, von Vertikalen, vom Rhythmus.\nUnd das ist das, was in Verzweiflung bringt.\nEinfach gesagt: es ist eine Sache der Unmög-\nlichkeit, daß alle diese Worte mit Verstand an-\ngewendet werden. Es ist nur ein Mundspülen\nmit Worten, die modern angefärbt sind.\nMan „Sauve les apparances\". Man hat Angst\ndumm zu erscheinen. Und hat in der Regel\nkeine Ahnung davon, wie dumm man gerade des-\nwegen erscheint. Und ist!\nKurz gesagt: es gibt kein böseres Uebel wie\nKunstverstand.\nAus der dunklen Ahnung dieses Uebels hat der\nKünstler von je her Angst gehabt, seine Werke\nzu „erklären\", schließlich überhaupt über seine\nWerke zu reden. Mancher denkt sogar, daß er\nsich durch Erklärungen erniedrigen könnte. Am\nwenigsten möchte ich ihn von seiner Höhe her-\nunterziehen.\nZwei altersgraue und ewig junge Gesetze be-\nherrschen die geistige Welt:\n1 Die Angst vor dem Neuen, der Haß gegen\ndas Nichterlebte.\n2 Die hastige Neigung diesem Neuen, Nicht-\nerlebten eine das Leben tötende Etiquette\nanzuhängen.\nDer Böse freut sich. Er lacht, da diese Ge-\nsetze die schönsten Blüten seines übelriechenden\nGartens sind.\nHaß und leerer Schall! Alte treue Begleiter\ndes Starken und Notwendigen.\nHaß ist der Mörder.\nLeerer Schall ist der Totengräber.\nEs gibt aber Auferstehung.\nIn unserem Falle ist Auferstehung das Nicht-\nverstehen der Kunst.\nEs mag noch heute diese Behauptung als Pa-\nradox klingen.\nEs kommt schon die Zeit, zu welcher sich\ndieses Paradoxe ins Richtige und Unvermeidlich-\nklare umartet.\nDie Erklärung oder das Verstehenrnachen der\nKunst kann zwei Folgen haben:\n1 Es werden durch Worte und deren geistige\nWirkung neue Vorstellungen erweckt und\n2 was die mögliche und willkommenere Folge\nder ersten ist, es werden seelische Kräfte\n■durch die obere Wirkung entfesselt, die sich\naus dem gegebenen WTerk das Notwendige\nherausholen, 'das heißt das Werk wird er-\nlebt.\nEs gibt zwei Arten Menschen: die eine be-\ngnügt sich mit dem inneren Erleben der Tatsache\n(also auch der inneren Tatsache und darunter des\ngegebenen Werkes); die andere sucht sich dieses\nErlebte zu definieren.\nUns ist hier aber nur das Erleben wichtig, da\ndas Definieren ohne vorhergehendes Erlebnis nicht\nmöglich ist.\nJedenfalls diese eben erwähnten zwei Folgen\nsind die schönen Resultate der Erklärung.\nDiese zwei Folgen sind, wie alles Lebendige,\nzur weiteren Entwicklung fähig, indem sie durch\ndie erweckten Vorstellungen, schöpferischen Kräfte\nund daraus fließendes Miterleben die Seele be-\nreichern und sie dadurch zu Weiterem führen.\nDieselbe Erklärung kann aber auch andere Fol-\ngen haben:\n1 es werden durch die Worte keine Vorstel-\nlungen geweckt, sondern es werden durch\nsie lediglich die kranken Seiten der Seele\nbesänftigt: man sagt „auch ich weiß es\njetzt\" und man brüstet sich damit.\n2 was die mögliche und unwillkommene Folge\nder ersten ist, es werden keine seelischen\nKräfte durch diese Worte erweckt, sondern\nan Stelle des lebendigen Werkes wird das\ntote Wort (die Etiquette) gestellt.\nSo ist es klar, daß die Erklärung selbst a 1 s\nsolche dem Kunstwerk nicht näher bringen\nkann. Das Kunstwerk ist der durch die Form\nredende, sich offenbarende und weiter befruch-\ntende Geist. Man kann also die Form erklären,\nklar machen, welche Form und aus welchen\nGründen sie in einem Werk angewendet wurde.\nWas den Geist zu hören noch lange nicht fähig\nmacht. Ebenso wie es leicht zu erklären ist, aus\nwelchen chemischen Substanzen eine Speise be-\nsteht: die Substanzen wird man kennen, den Ge-\nschmack der Speise nicht. Und der Hunger bleibt\nungestillt.\nSo ist es klar, daß die Erklärungen der Kunst\nnur indirekt wirken können und deshalb zweiseitig\nsind und dadurch auf zwei Bahnen weisen: die\ndes Lebens und die 'des Todes.\nSo ist es klar, welche schrecklichen Folgen\ndie an sich tote Erklärung nach sich ziehen kann.\nSo ist es endlich klar, daß der reine Wille auch\ndurch Liebe verklärt, keine befruchtende Erklä-\nrung erzwingen kann.\nDie Befruchtung entsteht nur und ausschließ-\nlich dann, wenn diesem reinen durch Liebe\nklärten Willen ebenso ein reiner durch Liebe ver-\nklärter Wille gegenüber steht.\nAlso soll man nicht durch Vernunft und Ver-\nstand sich der Kunst nähern, sondern durch Seele\nund Erleben.\nVernunft und Verstand sind in der Vorrats-\nkammer des fein haushaltenden Künstlers zu tref-\nfen, da er alle Mittel zum Zweck haben muß.\nUnd der, für den das Werk geschaffen wurde,\nsoll seine Seele weit öffnen und dadurch er-\nleben.\nDann wird auch er glücklich.\nMünchen, September 1912\n\nW. Kandinsky: Aus dem Album Xylographies/Originalholzschnitt/1907"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.3", "texte": "Menschen von Gottes\nGnaden\nAus den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant Mié-\nville. nachmaligen Paters Bonaventura S. J.\nVon Karl Borromäus Heinrich\n\nFortsetzung\n\nBonaventura tut nochmals Buße\nBonaventura ging bekümmert im Kloster um-\nher ; nicht so sehr seinetwegen, da er doch glauben\ndurfte, der Herr habe ihm die oft gebeichtete\nSünde — wenn es eine Sünde war — gnädig ver-\ngeben. Aber er fürchtete für die Zukunft von Fritz\nFrangart. Und in der milden Einfalt seines liebens-\nwürdigen Herzens beschloß er, des Guten lieber zvi\nviel zu tun, denn zu wenig. War für seine Sünden\ngenug der Buße geschehen, so sollte alles, was ver-\nblieb, für Fritz Frangart getan sein.\nUnd so bat er seine Obern um die Erlaubnis,\nein Jahr bei den Trappisten zubringen zu dürfen.\nDie Obern erstaunten nicht wenig. Sie erlegten\nihm auf, seinen Entschluß noch einige Wochen\nreifen zu lassen. Als er jedoch nach Umlauf dieser\nZeit darauf stehen blieb, gewährten sie ihm, um\nwas er sie gebeten hatte.\nPater Bonaventura verbrachte also ein volles\nJahr bei den Trappisten und schloß sich in allen\nDingen ihrem strengen Leben an. Die Trappisten\nsprechen unter sich nie etwas anderes als jenen\nGruß: „Memento mori!\" Zum Schlafen benutzen\nsie den Sarg, in dem sie später beerdigt werden.\nNur einmal des Tages nehmen sie Speise zu sich;\nFleisch genießen sie niemals. Sie müssen sich zu\njeder Stunde der Nacht erheben, um die Hören zu\nbeten. Gleichviel, welcher Herkunft der einzelne\nauch sein mag, jeder muß ohne Unterschied und\nohne Erleichterung in allen Verrichtungen des\nTages sich selbst und die andern bedienen. Sie\nbringen ihr Leben in einer Enthaltsamkeit und\nSelbstverleugnung zu, die bis an die äußersten\nGrenzen der menschlichen Natur geht, ja diese\nmanchmal sogar zu übersteigen scheint.\nNach ihren Regeln also lebte Bonaventura ein\nlanges Jahr, um seine Seele vom Makel zu reini-\ngen und Gottes Segen auf den jungen Frangart\nherabzuflehen.\nEr sah zum Erbarmen aus nach diesem Jahr,\nso war er abgemagert. Aber es war doch eine\nneue Zuversicht über ihn gekommen: daß ihm Gott\nvergeben hatte, empfand er mit tröstlicher Gewiß-\nheit. Und was das Wohl des jungen Frangart be-\ntraf, so hatte ihm Gott während der letzten Nacht,\ndie er büßend im Trappistenkloster zubrachte, im\nTraume Worte der Weisheit gesandt: „Du sollst\nauch im Gebete nichts erzwingen wollen; das käme\neinem Kampf wider Meinen unerforschlichen Rat-\nschluß gleich. Aber das glaube, daß kein Gebet\nverloren geht: die Engel sammeln seine silbernen\nTautropfen in goldenen Schalen. Und in dem Maße\ngießen sie himmlische Stärkung in das Herz des\nBetenden, als er selbst die Schale gefüllt hat. Und\nmanchmal mehr. Ich will ja ein reichliches Aus-\nmaß. Fahre du fort zu beten und sei getrost!4'\nPater Bonaventura kehrte nach Chamfort zu-\nrück. Oft, wenn er außer Hörweite war, flüster-\nten sich seine Ordensbrüder zu: „WTann im Leben\nhaben wir jemals ein so gütiges Auge gesehen!\"\nBaron Frangart und der Bajazzo\nIn einer süddeutschen Stadt, sagen wir es ge-\nrade heraus: in München, sollte Baron Frangart\n— von Seiten des Ordens und diesem nahestehen-\nden hochmögenden Persönlichkeiten an den Rektor\neines Gymnasiums herzlichst empfohlen — die\nOberprima durchmachen und sich das Maturitäts-\nzeugnis erwerben. Er stieg in einem alten Hotel\nab, wo auch sonst die Angehörigen unseres alten\nAdels Quartier nehmen. Nachmittags nahm et*\nsich einen Wagen und durchfuhr die Stadt: außer\neinigen Häusern in der Briennerstraße, die er vor-\nnehm fand, gefiel ihm nur die Frauenkirche („das\neinzige Gebäude, das alt genug ist für unsereinen\")\nund die Ludwigsstraße, diese indes nicht wegen\ndes Stils ihrer Häuser, sondern wegen ihrer Breite\nund weil die Häuser selbst, nach seinem Ge-\nschmack, wenigstens einfach genug gebaut waren.\n„Das übrige kann man alles in einen Topf werfen,\nmoderne Ware, ekelhaft,\" Dies war sein Urteil\nüber München, das zu berichtigen er während der\nfolgenden Zeit seines Aufenthaltes nicht Anlaß\nnahm.\nAuch am andern Morgen begab er sich zuerst\nwiederum in die Frauenkirche. Es war dies\nübrigens während der ganzen Zeit seines Mün-\nchener Aufenthaltes sein erster täglicher Gang.\nEr fand, daß er dort mit seinem Gott in\neiner Dessen würdigen, für ihn, Baron Fran-\ngart, auch standesgemäßen Stätte reden könne;\nnichts schien ihm verkehrter als die Be-\nhauptung, die so oft ausgesprochen wird: „Gott sei\nüberall gleich gern zu Hause, wozu also besondere\nGotteshäuser bauen;\" diese Behauptung war ihm\ngleich verwerflich wie jene andere: daß Gott alle\nMenschen seelisch gleich ausgestattet und keinen\nbevorrechtet habe.\nUm Mittag kleidete sich Baron Frangart zu\nBesuch an und fuhr zu dem Rektor, an den er emp-\nfohlen war. Er wurde in das Empfangszimmer\neingelassen, dessen Möbel ihm für die Wohnung\neines höheren Beamten zu schlecht erschienen. Das\nmochte wohl daher kommen, daß der Staat einen\nzu niedrigen Gehalt an die Rektoren bezahle. Er\nsagte sich — was für ihn das Wichtige an der\nSache war —, daß der Staat daran sehr unrecht\ntue und mit seiner pauvrete die Ausbreitung der\nRevolution offenbar in unsinnigster Weise unter-\nstütze.\nMittlerweile trat der Rektor ein; man verneigte\nsich gegenseitig, und der Rektor streckte Baron\nFrangart freundlich die Hand zum Gruße hin (diese\nHand, stellte Baron Frangart in aller Ruhe fest, ist\ngottlob soeben gewaschen worden. Im Hotel hatte\ner nämlich nicht ohne Groll bemerkt, daß, wenig-\nstens nach dem Frühstück, keine Wasserschale\nserviert wurde, ein Versehen, das im Jesuiten-\nkloster nie vorgekommen war). Der Rektor sagte,\nes freue ihn sehr, Baron Frangart als Schüler zu\nbekommen; dieser erwiderte, es sei ihm eine be-\nsondere Ehre, in dem Rektor seinen zukünftigen\nLehrer begrüßen zu dürfen. So spielte sich wenig-\nstens der Anfang in jenen Formen ab, die Baron\nFrangart so ungern vermißte. Ueberhaupt stellte\nsich heraus, daß der Rektor weltmännische Bildung\n\nW. Kandinsky: Originalholzschnitt / 1907\n\nw. Kandinsky: Originalholzschnitt / 1906"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.4", "texte": "W. Kandinsky: Mitgliedskarte der Münchener Künstler-\nvereinigung / Orginalholzschnitt / 1909\n\nbesaß und zu schätzen wußte. In der Art, wie er\nsich leise nach dem und jenem, nach Frangarts\nVerhältnissen, Absichten und Ansichten erkundigte,\nkam dies sehr gut zum Vorschein. Zur tiefen Be-\nfriedigung Frangarts, der, während er verbindlich-\ngemessene Antworten gab, sich erinnerte, daß ihm\nein deutscher Bekannter im Jesuitencolleg die ab-\nschreckendsten Dinge über deutsche Professoren\nerzählt hatte. Dieser da schnupfte weder, noch\ntrug er einen ungepflegten Bart; er sprach weder\njovial, noch gelehrt und schwulstig.\nLeider sollte Baron Frangart sogleich noch\neinige Dinge hören, die er weder in einer Großstadt\nfür ernst, noch seines Ranges für würdig halten\nkonnte. Der Rektor fragte ihn nämlich, wo er zur-\nzeit wohne. „Im Hotel soundso.'4 „Ich bedaure,\nIhnen sagen zu müssen, daß sie nach dem Sinn\nunserer Satzungen als Primaner wohl nicht dauernd\nin einem Hotel wohnen dürfen.\" „Entschuldigen\nSie, daß ich das nicht recht begreife! Wenn ich\nirgendetwas vorhätte, was meiner Wohlerzogen-\nheit eigentlich widerspräche, so wäre doch die\nStadt groß genug, daß es niemand erführe. Und\ndann ist das ein altes Hotel, innerhalb dessen ein\nsehr empfindliches Publikum verkehrt.\" „Ich be-\ndaure sehr, es ist nun einmal Vorschrift, daß dio\nSchüler privat wohnen.\" — „Glauben Sie, Herr Rek-\ntor, daß ich in einem der Häuser an der Brienner-\nstraße bei Privatleuten etwas mieten kann?\" —\n„Ich weiß nicht, dort wohnen wohl größtenteils\nLeute, die nicht auf das Vermieten angewiesen\nsind. — Und dann, meinen Sie nicht, daß die Straße\nzu weit abseits von unserer Anstalt liegt?\" — „Ich\nmuß vielleicht einen Wagen nehmen. ...\" — Dann\nsetzte der Rektor Baron Frangart auseinander, daß\ner sich zunächst einer Aufnahmeprüfung unterziehen\nmüsse; ferner, als wichtige Bestimmung des Gym-\nnasialstatuts, daß er, einmal Schüler der Anstalt\ngeworden, bei Eintritt der Dunkelheit seine Woh-,\nnung aufzusuchen habe. Der junge Baron, der\ndiese Informationen für eine bloße Formsache hielt,\nbemerkte lächelnd: „Aber hier in München scheint\nes ja immer dunkel zu sein.44 — „Ja, ja,\" nickte der\nRektor, der ihn verstand, und sein Ton wurde\nernster als bisher, ja beinahe schmerzlich: ,<,Auch\nich liebe den hellen Süden. Aber da nun Gott ge-\nwollt hat, daß wir jetzt hier sind, müssen wir uns\nzufrieden geben. Im Grunde lieben wir in Bayern\nalle das Südliche . . .Wir sind römisch-katholisch.44\nNach diesen liebenswürdigen Worten, die Baron\nFrangart dankbar hinnahm, schien es diesem an\nder Zeit, sich zu empfehlen.\nDie Aufnahmeprüfung, im Verlaufe deren sich\ndie Professoren einig wiurden: daß das Wissen des\nBaron Frangart zwar stellenweise die bedauer-\nlichsten Lücken aufweise, wofür aber die große\nSelbständigkeit und Reife seines Denkens einiger-\nmaßen entschädige, er somit in die Oberprima\nzulassen sei,'4 fand am andern Tage statt. Ein be-\nzeichnender Zwischenfall erregte das Kopfschüt-\nteln der Prüfenden: Nach den bayrischen Königen\ngefragt, wußte er sie nur ungenau zu nennen,\nwandte sich aber mit der Frage an die Professoren,\nob die bayrischen Könige der Bestätigung der fran-\nzösischen Republik bedürften. Die Professoren\nsahen sich einander hilflos an. „Nun, ich meine,\nweil das bayrische Königtum doch von Napoleon\netabliert worden ist?44\nDurch Vermittlung des liebenswürdigen Rek-\ntors bekam Baron Frangart übrigens eine Woh-\nnung in der Briennerstraße bei zwei alten Damen.\nEr fand dort wenigstens äußerlich alles, was er von\neiner Wohnüng verlangte: nämlich die vollkom-\nmenste Stille.\nDrei Tage später ließ er sich früh siebenein\nviertel Uhr einen Wagen holen, hörte in der\nFrauenkirche wie gewöhnlich seine Messe und kam\nschlag acht Uhr, immer im Wagen, am Gymnasium\nan. Auf dem Rektoratszimmer wurde er einem\nLehrer des Griechischen vorgestellt, der in der\nOberprima die erste Unterrichtsstunde von acht\nbis neun Uhr zu erteilen hatte.\n' • • t ]\nDieser führte ihn in das Klassenzimmer.\n*\nDie Schüler, ungefähr dreißig an der Zahl, er-\nhoben sich beim Eintritt ihres Lehrers, teils nach-\nlässig, teils aufmerksam, wie es eben in eines Jeden\nArt lag. Da entfuhr einem Schüler, der allein in\nder letzten Bank saß, ein hörbares „Ah!44 des Er-\nstaunens. Und jetzt richteten auch die weniger\nAufmerksamen ihre Blicke nach den Eingetretenen.\nDiese waren bereits am Katheder angelangt.\nDer griechische Lehrer, ein alter Mann, bildete in\nseiner müden Haltung einen merkwürdigen Gegen-\nsatz zu Baron Frangart. Dieser stand gleichmütig\nneben ihm, in der reizvollen Zierlichkeit seiner\netwas kleinen, aber eleganten Gestalt; seine Ge-\nsichtszüge waren während der letzten Jahre her-\nber, schärfer und daher noch stolzer geworden. Die\nsatte Bronze der weichen Haut seiner Wangen\nhatte sich in Chamfort nicht mehr verlören und\nbezeugte seine südliche Heimat. Die langen langen\nWimpern beschatteten wie ehedem seine dunklen\nAugen, die Strenge ihres Blickes mildernd. Nur die\nHaare waren nicht mehr gelockt; im linksseitigen\nScheitel auseinandergekämmt, gaben sie eine edle\nStirne bloß. Die geschwungenen Linien des Mun-\ndes erschienen bestimmter, und auch sie erhöhten\nden Stolz seiner scheuen verschlossenen Jugend.\nNatürlich war er glatt rasiert, sorgsam, ohne\nauch nur eine Spur der Haare zurückzulassen. —\nSo stand er gleichmütig da und sah zuerst zer-\nstreut über seine künftigen Mitschüler hinwieg;\nsein Blick haftete sodann verloren auf dem letzten\nFenster, vor dem sich hohe Bäume mit kahlen\nAesten erhoben, vom Novembernebel bedeckt.\nAch, wo blieb die strahlende Sonne, die zu\ndiesem seltsamen Fremdling gehörte! wo die durch-\nsichtige südliche Luft, die seinem jungen Körper\nlebendige Plastik verlieh! — Einsam und fremd\nstand er da.\n„Entzückender Junge!\" murmelte halblaut der\nSchüler auf der letzten Bank. Frangart schien es\nnicht zu hören; eben begann der griechische Leh-\nrer: „Hier stelle ich Ihnen Fritz Freiherrn von\nFrangart vor, der neu in Ihre Klasse eingetreten\nist .. .\" Der Vorgestellte verneigte sich. „Nur\nkeine langen Reden vonwegen Freiherrn!\" kam es\nhalblaut aus der hintersten Bank. Der Lehrer ver-\nzog über dem Gemurmel ärgerlich seine Miene.\nDie Schüler kicherten leise. „Wollen Sie sich\nsetzen, Baron Frangart!\" sagte der Lehrer. Der\neinzige noch freie Platz war in der letzten Bank\nneben dem Schüler, der sich die Zwischenrufe ge-\nleistet hatte. Dem Lehrer fiel in aller Eile ein,\ndaß er diesen strafen könne. „Sie kommen neben\nLudwig Schlagintweit, nicht gerade unserri schlech-\ntesten, aber sicher unsern frechsten Schüler,\" be-\nmerkte er zu Frangart. Schlagintweit, den sie In\nder Klasse Bajazzo nannten, versteckte sein gut-\nmütiges Gesicht mit den herzlichen spottlustigen\nAugen hinter dem Rücken seines Vormannes. „Das\nstimmt, Gott sei Dank!\" flüsterte er. Die Schüler\nverbissen das Lachen.\nBaron Frangart nahm gleichmütig seinen Platz\nein, nachdem er sich ein wenig von Ludwig Schla-\ngintweit verneigt hatte. Dieser sah ihm unbeküm-\nmert ins Gesicht: „Grüß Gott, guten Tag, habe die\nEhre, Herr Baron Frangobald!\" flüsterte er, wäh-\nrend vorn ein Schüler aufgerufen worden war und\n„Piatons Apologie des Sokrates\" zu übersetzen\nsich bemühte. „Frangart\", korrigierte Fritz ruhig\nseinen Nachbarn, indem er die übrige Anrede igno-\nrierte. Dieser rückte, da Frangart kein Buch mit-\ngebracht hatte, das seine in die Mitte der Bank,\nVorn rief eben ein grober Uebersetzungsfehler\neinen zornigen Ausbruch des Lehrers hervor.\nSchlagintweit benutzte den entstandenen Lärm,\num seinen Nachbar zu fragen: „Kennen Sie diese\n,Phraseologie des Sokrates' schon?44 .Frangart\nnickte bejahend. „Können Sie überhaupt was im\nGriechischen?44 forschte er weiter. Frangart zuckte"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.5", "texte": "die Achseln. „Dürfen schon reden, seien S' ganz\nunbesorgt! Er hört schlecht, der Herr Professor,\"\nflüsterte Schlagintweit, der das frostige Benehmen\nFrangarts entweder nicht bemerkte oder nicht be-\nmerken wollte. Aber in diesem Augenblick sah\nder Professor doch warnend zu ihm her. Er er-\nwiderte seinen Blick treuherzig. Dann aber bückte\ner sich wieder und murmelte zwischen den Zähnen:\n„Herr Professor, trauen S' Ihnen nicht, trauen S'\nIhnen nicht . . . Sonst blamiere ich Sie wieder\neinmal, wenn mir griechische Konjunkturen\nmachen!\" Die in der Nähe Sitzenden grinsten,\nauch Baron Frangart mußte lächeln; der Lehrer\nrief gerade einen andern Schüler auf. „Wissen S'\nwas, Herr Baron,\" setzte Schlagintweit die ein-\nseitige Unterhaltung fort, „alles können S' von mir\nabschreiben, nur in der Mathematik kann ich selber\nrein gar nichts. ,Schlagintweit, wieder Note vier,\nungenügend, können nichts, werden nie etwas ler-\nnen in der Mathematik!'\" ahmte er 'den Mathe-\nmatiklehrer nach. Der Vordermann wandte un-\nvorsichtig den Kopf, um Schlagintweit seinen Bei-\nfall für die gelungene Imitation auszudrücken. In\nden hinteren Bänken entstand langsam eine allge-\nmeine Unruhe. Schlagintweit rief dem Vorder-\nmann flüsternd zu: „Liebe dicke Mittelmäßigkeit,\nschau gefälligst nicht so, ich red nicht mit dir . . .\nSo, schön ruhig sitzen mit deinem breiten Rücken!\"\n(Fast alle Spitznamen in der Klasse, auch die zu-\nrechtgewiesene „liebe dicke Mittelmäßigkeit\",\nwaren von Schlagintweit erfunden und verbreitet\nworden.) Baron Frangart sah seinen lebhaften\nNachbarn mit ruhiger Aufmerksamkeit von der\nSeite an. Dieser fühlte es, blickte ihm offen ins\nGesicht und errötete in leichter Verlegenheit. Einige\nMinuten schwieg er. Aber dann hatte er es wieder\nvergessen oder er wollte -doch noch einen Versuch\nmachen, Baron Frangart aus seiner Ruhe zu brin-\ngen. „Oh mei', Drapologie des Sokrates!\" begann\ner halblaut. Baron Frangart lächelte. „Können\nSie auch stenographieren ?\" schrieb Schlagintweit\njetzt an den Rand des Buches, da ihm der Lehrer\neben den zweiten warnenden Blick zugeworfen\nhatte. „Nein,\" nickte sein Nachbar; vorn ging die\nUebersetzung weiter. „Ja Herrschaft, ja Sie armer\nMensch, das müssen S' lernen! .. .\" knurrte\nSchlagintweit zwischen den Zähnen und machte\nein aufrichtig betrübtes Gesicht. Da geschah etwas\nMerkwürdiges: Baron Frangart, der die vertrau-\nlichen Worte seines Nachbarn mit einer Mischung\nvon Indignation, Kopfschütteln und Belustigung\nschweigend angehört hatte, sah diesen wieder von\nder Seite an und bemerkte die komische Betrübt-\nheit seines Ausdruckes. Da verlor er seine Fas-\nsung und fing ohne Ueberlegung zu lachen an.\nSchlagintweit und die Mitschüler erschraken zu-\nerst. Aber Frangarts Lachen (er hatte es nie\ngeübt und also, wie es ihm angeboren war, er-\nhalten) klang so vollkommen heiter in -den still\ngewordenen Schulraum hinein, daß alle angesteckt\nwurden, auch der erschrockene Schlagintweit und\nschließlich auch der entrüstete Lehrer, und in\nschallendes Gelächter ausbrachen.\nFrangart hörte zuerst auf; das allgemeine Echo\ngab ihm seine Fassung wieder, und Schamröte,\ngleich als ob Lachen für ihn Unrecht wäre, überzog\nsein Gesicht; überdies fiel ihm jetzt ein, daß er\nSchlagintweit mit diesem Lachen verraten hatte.\n„Entschuldigen Sie gütigst!\" sagte er zu ihm.\n„Ach, Unsinn, was entschuldigen, das tut mir\nnichts.\"\nDer Vorfall endigte damit, daß Schlagintweit\ne;ne Strafaufgabe zudiktiert wurde, nämlich einige\nSeiten aus der Apologie des Sokrates schriftlich\nzu übersetzen.\nDies also war der Anfang der großen Freund-\nschaft, die Ludwig Schlagintweit für Baron Fran-\ngart in der Folge empfand, und auch der Anfang der\nruhigen, aber immerhin unleugbaren Sympathie,\ndie dieser wenigstens zuweilen für Schlagintweit\nbezeigte.\n\nFortsetzung folgt\n\nDie alte Geschichte\nVon Albert Ehrenstein\nGünther Mürr\nEs war einmal ein junger Dichter namens\nEduard, der lebte in einem Palaste . . . Und in ihm\nwar nichts als Sehnsucht . . . Seine Diener aber\nbrachten ihm Schinkensemmeln mit Kaffee . . .\nSehr traurig war der junge Dichter und seine\nSehnsucht ging von einem Zimmer in das an-\ndere . . . Herrliche Bilder konnte er sich hand-\ngreiflich vorgaukeln und das junge Mädchen, das\ner liebte und hasste . . . Kunigunde!\nDoch wenn sein junger Leib, der sich sehnte,\neinen Schritt vorwärts tat, um die geschaute Ge-\nstalt zu umarmen, da schwand alles und seine\nLippen, die nach einem Kusse glühten und lechzten,\nsie sanken kümmerlich zusammen und sein Kopf\nfiel ihm schulterwärts . . . und er war wieder\nallein mit seinen Zimmern, Dienern und Schinken-\nsemmeln ... Da haderte der junge Dichter mit\nGott und seinem Palaste und weinte über sie die\nTage und Nächte, dass sie ihm nicht geben wollten,\nwonach er sich so sehnte . . . und hätte er am\nliebsten die Wände geküßt und die Bäume seines\nGartens umarmt, so sehr sehnte er sich . . . Und\ner vergoss sieben Tränenströme .. . Und er\nwollte nichts essen und zerfleischte sich das Ge-\nsicht und die lieben Hände und raufte sein Haar\nund zerriss seine Gedichte und lag wie ein Toter da\nauf seinen Teppichen . . .\nSandte der liebe Gott zu ihm in den Traum eine\nausgezeichnete Fee und die sprach: Was gibst du\ndeinem Körper Wunden und üble Farben? Sieh,\nsei wieder brav und ruhig und Gott wird deine\nHaare streicheln und dein Haupt soll liegen in dem\nSchosse deines jungen Mädchens ... Da sprach\nder junge Dichter: Ich will ja gern wieder an den\nlieben Gott und meinen Palast glauben, aber warum\nward ich so schwer geschlagen? Es ist ja wahr,\nich habe vor sieben Jahren, zehn Monaten und drei\nTagen beinahe eine Ameise zertreten! . . .\nKüsste die ausgezeichnete Fee dem jungen\nDichter langen Schlaf an und tat von seinem Leibe\ndie, Wunden und üblen Farben, nahm von seinen\nHänden die Betrübtheit ... und als er erwachte,\nda taten sich alle seine Gezimmer* auf und strahlten\nund sein Haupt lag gebettet in den Schoß des jun-\ngen Mädchens und sie streichelte seine Haare und\nküsste ihm seine Augen und lieben Hände und\npickte seine Gedichte zusammen ...\nGlaubt ihr das? Ich glaube es nämlich auch\nnicht! Sondern, als von dem jungen Dichter der\nSchlaf trat, da stand zu seinen Häupten ein Freund\nund wies ihm eine Kritik, in der Eduard nieder-\nträchtigerweise gelobt wurde, ein Briefträger\nfeierte seinen Einzug mit einer Drucksache, laut\nder sich Kunigunde mit Archangelus Lardschneider.\njenem niederträchtigen Kritiker, verheiratet hatte\nund eine jähe Drahtung zwang ihn, die Premiere\nseines letzten Stückes abzusitzen, des Schiffahrts-\naktiendramas „Eduard und Kunigunde\", das ihm\nvom Lesen her übel bekannt war .. Und zu Füßen\nseines Bettes stand ein Diener, in der Hand haltend\neine Tasse Kaffee mit Senf. . .\nIch bin nicht eins.\nFremdes stürzt in mich,\nwirkt iund färbt und klingt,\nbeißt und streichelt, stößt und umschlingt,\nwill allein herrschen und vernichtet sich.\nIn Mädchenaugen glüht zehrend lüsternes Leuchten,\nwenn Männermünder vor Gier zucken.\nTiefes Atmen spannt die Brüste.\nEkel vor dem Tiergieren,\nund doch ein Zucken um den eignen Mund.\nGelbe Fenster in schwarzgrauer Nacht.\nKein Stern mag durch die dicken Wolken gucken\nDas Meer mit seinem ruhigen Atemfeuchten\nfühlt den niedergleitenden Mond stieren.\nTage mit verwehtem Rauch über den Dächerreihn.\nSchauen, Versinken im Schauen ohne Grund.\nFrauenleiber, die sich verhüllend zeigen.\nWildes, vernichtungssicheres Begehren wird\nentfacht.\nIch will die glatten Glieder an mich pressen,\nsie genießen und mit Ekel bespeien.\nEin Strudelstrom von Menschen über Nacht und\nTag,\nstöhnend unter der Last von Glück und Pein.\nPurpurnes Ueber-sich-selbst-vergessen.\nImmer vom Tod über reckt,\nvom Tod,\nund wälzt sich im Arm der Lüste.\nRohheit und Sein und Verhandeln.\nWarten, ertragen, schweigen.\nManchmal fällt alles in eine Leere.\nTatunfähige Traurigkeit,\nNichts-als-Müdesein.\nGleichgültiges Kopfneigen,\nund alle Dinge fließen vorbei.\nNur du, mein Streicheln —\nIm wechselnden Einerlei\ndu allein.\n\nGedichte\nVon Grete Tichauer\n\nSascha O\nIch bete mit den blanken Knien am Boden\nTod für Sascha.\nSascha soll sterben.\nIch reibe meine Knie zu beten wund\nEr soll nicht leben bleiben.\n(Süßer Sascha.)\nEr hat mit seinen langen Wüstenaugen\nvorbeizusehn gewagt und kommt nicht an-\ngebettelt\nSterben soll er.\nIch wappne jeden Nerv mit hartem Willen.\nSascha soll sterben.\nUnd wenn er liegt und nach mir kreischt,\nwill ich nicht kommen.\nWenn seine Augen flackern und die Hand,\ndie mir gehörte, zuckend Leinen reißt:\nwill ich vor seiner Türe aufrecht stehn\nin nackter Weißheit mit frisiertem Haar\nund in mich lachen,\ndaß er sterben muß."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.6", "texte": "Saschas Tod\nSascha mit den blanken Negerfäusten\nund dem Blick aus Apatit\nstarb.\nMein kleiner Sascha starb.\n. ••.U'.v/i;;\nMit meinen kranken Fieberarmen\nlacht ich seinem Kopf entgegen\n{auf dem Bett lag der ganz kalt und gelb).\nSascha war mein kleiner guter Junge,\nMit den Kinderschenkeln\nund dem Hals,\nder ewig jung\nund fleischern war.\nSascha war mein kleiner, guter Junge.\nLagen manche Nacht wir Hand in Hand\nHand in Hand die ganze Nacht\nund Sascha ließ nicht los.\nA, \"■ *\nSascha hatte blanke Negerfäuste\nund die Narbe auf der rechten Brust.\nSascha war mein Sascha.\nSascha starb,\nSatrap.\n\nTänzerinnen\nAlfred Döblin\nWir haben genug von den schlechten Tänze-\nrinnen. Eine Tanzkunst, die nicht akademisch ist,\nist darum noch nicht gut. Hupfen, Drehen, ent-\nzücktes Puppengesicht, Donauwellen in jedem\nWald- und Wiesental wird nachgerade fad. Ihr\nkönnt nichts, liebe Kinder, mögt Ihr Euch akade-\nmisch oder frei gebärden. Es wäre alles ganz gut,\nwenn die Tänzerinnen nur nicht so gebildet, natur-\nfroh und sonst was wären. Eine gesunde Zote ist\n■mir lieber, so eine schöne, ruhige, runde Sache.\nDa habt Ihr's: die Literatur läßt Euch glatt fallen.\nUeberhaupt die Tänzerinnen. Ich zitiere einen\nhervorragenden Autor über dieses Thema, einen\ngewissen Alfred Döblin, aus den etwas länglichen\n„Gesprächen mit Kalypso\". Ein sehr Alter sagt\nda zu einem sehr Jungen: „Von einer Kunst will\nich zu dir sprechen, die ich so stammeln und seuf-\nzen höre. Verehrst du die Tanzkunst? Sie muß\ndeinem Herzen näher stehen: denn so seid Ihr von\nheute: frauenhold, tänzerinnenhold. Wir beteten\nkeine Frauen an; wir spielten mit ihnen, lebten\naus, gingen einen klirrenden Schritt. Kam uns ein\nWeib sehr nahe, so begehrten wir es, schätzten\nes als unser Eigentum, waren ihm vielleicht dank-\nbar, weil es zum Schaffen und Kämpfen kräftigte.\nDaß die Künste jetzt vor die Weiber gekommen\nsind, daß sogar die Tanzkunst eine Kunst der Tän-\nzerinnen wurde, besagt nur, daß die Männer des\nWeibes voll sind und nicht des \"Kampfes, Schaf-\nfens. Denn wie eine verlangt die Tanzkunst der\nMänner, diese hoheitsvolle, strenge Kunst, die die\nZähmung des Willens betreibt, die Unterjochung\ndes Leibes unter den Willen, die gottvolle, tief-\nfromme Kunst. Aber Eure Tanzkunst zeigt nicht\nden gezüchteten frommgewordenen Körper, son-\ndern das gezüchtete Weib oder den Frau gewor-\ndenen Mann; sie zeigt Eure Unzucht. Vom Leibe\nfaselt Ihr; die Geschlechtlichkeit wuchs Euch zu\ndem wichtigsten, wohligsten Rätsel aus, wurde\nEuer Geheimstes, Echtes, Ernstes; sogar Eure\nDenker säuseln von dem „Brennpunkt des Da-\nseins''. Ich glaube, es geht Euch Memmen zu\nüppig; Ihr dürftet vieles vergessen. Ihr ließt Euch\nden Tanz aus den Händen reißen, kennt nur den\nLocktanz der Geschlechter, nicht den Eintanz,\nkaum den Vieltanz, den Tanz und die Phantasie der\nMännerkörper. Ihr Ueppigen, Schweren, Blöden!'4\nIch muß nach Anhörung dieses bedeutenden\nAutors versuchen, wieder mein Niveau zu gewin-\nnen. Gelegentlich ist jedenfalls, das muß ich gegen\nihn bemerken, auch der Locktanz nicht zu ver-\nachten, es kommt nur drauf an, wer ihn exekutiert.\nMir ist aber tatsächlich jede Cynik — Bemer-\nkungen, wie ruhige etc. Sache — vergangen bei\nzwei Tänzerinnen neulich. Erstens gelingt's ihnen\nnicht, Sie wissen schon was. Die eine ist ein\nsolider, muskulöser Mensch weiblichen Ge-\nschlechts, mit Knochen, Gliedern. Dagegen und\nhin wider um die andere dünn, wie das beinah nicht\nmehr schön ist.' Sie scheint mir ein lederüber-\nzogenes Klappergestell weiblicher Signatur; manch-\nmal zerbrach ich mir den Kopf, wie so was mög-\nlich sein kann, wie derartiges stattfinden kann.\nDer Herkules tanzte einmal einen „Festtanz\"; fest\nwar es, fest, ganz fest, mit wuchtigen Ellenbogen,\nmassiven Schultern, trittfähigen Beinen; der Her-\nkules freute sich ersichtlich; das Ding ging nur so,\nwie geölt, schräg über die Bühne weg. Aber sie,\ndas Ledersofa, das Klappergestell, diese konnte\netwas. Ich weiß nicht, was von ihr an den Tän-\nzen war, an diesen exotischen Kuriositäten, aber\ndas Ledersofa machte es gut. Schon die sozusagen\nIdee hat's in sich: Mal nicht Stimmung, mal nicht\nentblößte Auf- und Abrundungen, — mal alles drum\nund dran: Schleier, Masken, Federn, Lichter, Tep-\npiche. Nicht lyrische Monologe, sondern Vis-a-vis,\nSachlichkeiten, Gestaltungen (reiß ich aber das\nMaul jetzt auf!).\nWenn ich jetzt eine posthume Gerechtigkeit üben\nsoll, so finde ich es geradezu sinnvoll und leuch-\ntend, daß sich hier ein munterer Schlächtergeselle\nund ein Fauteuil ergingen. Weil es nämlich auf\neinen Protest gegen die Schönheit ankam, ver-\nnunftgemäß, und der springende Biceps einerseits,\ndas fehlende Fettpolster andererseits charakte-\nristisch, originell waren innerhalb des Charakte-\nristischen, Originellen. Das Meisterstück der einen\n(Led.-sof.), Tanz einer jungen Koboldin: das Klap-\npen und Winken der Hände, die unschönen plötz-\nlichen, schlenkernden Beinbewegungen, das Rasen\nund Wühlen der Schultern. Sie kann etwas, — ich\nweiß wie gesagt nicht, was sie vielleicht von.da\nunten hat —, reichlich tänzerische Einfälle, richtig\ngehende körperliche motorische Gedanken, moto-\nrische Gedanken, motorische Witze, motorische Ab-\nsurditäten. Sie sind wirklich, ernsthaft, originell\nund sehenswert, aber ich bin von Natur im Aus-\ndruck etwas drastisch.\n\nBaudelaire\nVon Jacques Rivière\n\nUebertragung aus dem Französischen von Jean-Jaques\nJedes Gedicht Baudelairesist eine Bewegung;\nes stampft nicht, es ist keine unbewegliche Be-\nschreibung, es steigert nicht durch Wiederholungen\nund Ueberbietung ein einmal gewähltes Thema. Es\nist ein gewisser Satz, Frage, Anruf oder Widmung,\ndie einen Sinn hat. Es ist ein kurzer Satz, der aber\nvon Gleichnissen gestützt wird, die, sich anlehnend,\neinander von gleichem Eifer beseelt halten:\nA la tres chere, ä la tres belle\nQui remplit mon coeur de clarte,\nA Tange, ä l'idole immortelle,\nSalut en immortalite!\ni\nSachet toujours frais qui parfume\nL'atmosphere d'un eher reduit,\nEnclesior oublie qui fume\nEn secret ä travers la unit. *)\nDiese Bilder entfernen uns nicht etwa von dem\nWorte, das sie begleiten, sondern im Gegenteil,\nsie führen uns ungemein zu ihm hin. Statt es zu\nentwickeln und zu illustrieren, vertiefen sie es,\nbeugen es und lassen es innerlich widertönen. Sie\nhaben keine „poetische\" Bestimmung, sie suchen\nnicht, unserem Vorstellungsvermögen zu schmei-\ncheln; sie sind weit und durchgearbeitet wie die\nBiegsamkeit 'der Stimme, wenn sie unbeirrt weiter-\ntönt. 2) Aber die Bilder, die das Wort umgeben,\nsind mir eine Verkündigung; sie machen es ver-\ntraulich für mich persönlich; sie machen den Ein-\ndruck, als ob es nur an mich gerichtet ist; sie zwin-\ngen mich, es mit seiner ganzen Bestimmung zu er-\ntragen. Ihre Sinnlichkeit ist niemals entfaltet. Sie\nbehalten sie, kondensiert, wie ein Getränk, das\ndas Erinnern bezaubern soll. So kommen sie unser\nGedächtnis versuchen, das Herz mit 'der Hart-\nnäckigkeit der Wogen zu bekämpfen; sanft er-\nzwingen sie unsere nie geahnten Geheimnisse; sie\nerwecken unsere nie zugestandene Vergangenheit,\nerwecken mit ihrer Beschwörungsformel unser\nganzes ungelebtes Leben; sie fordern eine Aufer-\nstehung von etwas, das niemals war.:!) Wie ein\nWort, das unser Ohr erreicht, in einem Augenblick,\nda man nicht 'darauf gefaßt war. So spricht der\nDichter plötzlich, ganz nahe bei uns: „Erinnerst du\ndich? Weißt du noch, was ich sagte? Oder sahen\nwir es zusammen, wir, die wir uns nicht kennen?\nDu hast sie also betreten, jene Gestade; bis dorthin\nhat dich also deine Reise schweifen lassen.\" Und\ndiese Stimme sang:\n. . . chantait comme le vent des greves,\nFantöme -vagissant, on ne sait d'oü venu,\nQui caresse loreille et cependant l'effraie. 4)\nSie singt, diese Stimme, und das anbetungs-\nwürdige Lächeln des Bedauerns:\nMais le vert paradis des amours enfantines,\nLes courses, les chansons, les baisers, les\nbouquets,\nLes violons vibrant derriere les collines,\nAvec les brocs de vin, le soir, dans les bosquets,\nMais le vert paradis des amours enfantines,\nL'innocent paradis, Plein de plaisirs furtifs,\nEst-il dejä plus loin que Finde ou que la Chine?\nPeut-on le rappeler avec des cris plaintifs.\nEt l'animer encor d'une voix argentine\n** r \\\nL'innocent paradis, plein de plaisirs furtifs?5)\n1) „Hymne\", p. 227\n2) „Le surnaturel comprend la couleur generale et\nl'accent, c'est-ä-dire intensite, sonorit6, limpi-\ndite, vibrativite, profondeur et retentissement\ngeneral dans l'espace et dans le temps\". (Oeuvres\nposthumes. Librairie du Mercure de France,\np. 86)\n3) „De la langue et de prises comme\nOperations magicjues, sorcellerie 6vocatoire*\\\n(Oeuvres Posthumes, p. 86) „Le myst&re, le\nregret sont-aussi des caracteres du Beau\" (Ibi-\ndem p. 85) „ . . . Tocsin des souvenirs\namoureux, tenebreux, des anciennes ann6esM.\n(Ibidem p. 84.) „Evocation de l'inspiration. Arts\nmagiques. (Ibidem p. 135)\n4) „La Voix\", p. 225\n5) „Moesta et Errabunda44, p. 185"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.7", "texte": "II\nDiese Poesie sucht nur das Bekenntnis. Wäh-\nrend Baudelaire dichtet, denkt er nur daran, seine\nschweren Gedanken zu bekennen, sie zu übertragen,\nsie den anderen wie eine geheime, unerträgliche\nLast mitaufzubürden. Dieser Zwang, diese Ein-\nschränkung aus Scharfsinn, die Mäßigung der Dich-\nterlaune, wodurch er den Satz seiner Seele vor-\nbehält; und endlich die vielen Bilder, die die Er-\ninnerung wie Vorwürfe trüben, alles ist berechnet,\num die Gefühle eines Herzens auszudrücken, das\nseine Einsamkeit nicht ertragen kann.\nAber es sind keine „Ergüsse\"; es ist keine\nschwatzhafte Aufrichtigkeit. Sie ist vervielfacht,\nstreng, lächelnd. Jedes Gedicht ist der zarte, fest-\ngestaltete Körper eines einzigen Gefühls. Die\nVerse benutzen es als Stütze, wie eine Bekleidung,\ndie es leben ließe. Sie regen es zu seiner Existenz\nan, zu dieser einzigen Existenz, die es hatte an-\nnehmen können. Und so wie es tatsächlich lebt,\nverlassen sie es.*)\nSo erweckt der Dichter die ganze wunderbare\nWelt seiner Leidenschaften; alle sind sie da. Sie\nhaben verschiedene Gesichte; und vielleicht passen\neinige nicht recht zusammen. Aber zusammen\nschauen sie mich an. Ich erkenne sie alle. — Ueber\nallen liegt eine beherrschte Ironie wie ein Licht.\nBaudelaire kannte die Fähigkeit hellzusehen, die\nFähigkeit „eines Herzens, das nicht alles gelten\nläßt, Was es empfindet, das nicht ohne Hinterge-\ndanken zu denken versteht.\" So wachsam ist seine\nAufrichtigkeit, daß sie alles selbst bis zu dem sie\nstörenden Fassungsvermögen übersetzt.\nEs ist ein Innehalten, ein Zögern der Seele, ein\nBlick voller Bescheidenheit. Der Dichter beklagt\nein wenig seine Leichtgläubigkeit, er zweifelt sein\nGefühl ein wenig an. Er lächelt.\nUnd dennoch kommt er dazu nicht durch eine\ntrockene Neugierde seiner selbst; auch nicht durch\nden Wunsch einer unparteiischen, vorurteilslosen\nAnalysis. Er beschreibt sich nur, um Mitwisser\nzu haben. Er gibt sich aus, damit wir uns ihm\ngeben. Er erlaubt uns nicht, ihm u n ähnlich zu\nsein. Seine Leidenschaften sind so echt, sie hal-\nten so fest an seinem Herzen, daß sie das unsere\ngewinnen, daß wir diese Leidenschaften in uns\nselbst erkennen.\nSo viele Wünsche, so viel Gewissensbisse, die\nich in mir barg. Warum habe ich sie mir einge-\nstanden, da ich sie ja nicht zu beruhigen verstand?\nUnd plötzlich, meine Bescheidenheit streifend und\nmeine Scheinheiligkeit verjagend, kommt ein Vers\nso rein, so nackt, so unangebracht, daß er mich\nberührt wie eine Beleidigung.x) Es ist die von\nHerzen kommende Wahrheit. Es ist eine gewisse,\ngewaltsame, schreckliche Erlösung. Es ist ein so\nstrenges Eingeständnis, daß es anklagt und ver-\nwundet: ich werde es mit Verzweiflung in mei-\nnen geheimen Augenblicken zugeben müssen:\n— Voilä que fai touche Tautomne des id£es.. .2)\n— J'ai plus de souvenirs que si j'avais mille\nans .3)\n— Bientöt nous plongerons dans les froides\ntenebres:\nAdieu, vive clarte de nos etes trop courts!...4)\nUnd dieser mit den Gewissensbissen der gan-\nzen Welt belastete Vers:\nLe printemps adorable a perdu son odeur!5)\nSo vollendete, so abgemessene Verse, daß man\nzögert, ihnen ganze Bedeutung beizumessen; eine\n1) Siehe Semper eadem un 4 Recueillement.\n1) „Le propre de la „Conflexion\", dit P6guy . . .\nest de montrer de preference les pieces invi\nsibles, et de dire surtout ce qu'il faudrait taire.\"\n(Victor-Marie, Conte Hugo, p. 14)\n2) „L'Ennemi\", p. 101\n3) „Spleen\", p. 199\n4) „Chant d'Automne\", p. 172\n5) „Le Qoüt du Neant\", p. 205\nHoffnung, ein Zweifel wacht einige Augenblicke\nüber ihrer Tiefe. Aber man muß nur warten. In\nmeiner Erinnerung finde ich sie dann, noch zit-\nternd wie Pfeile.\nUnd inmitten dieser Aufrichtigkeit, der ich mich\nso früh wie möglich entledigen müßte, die Ironie:\nIch weiß alle Antworten, ich weiß alle Rechtferti-\ngungen. „Mich täuscht nichts. Indessen, man muß\ndiese Bitterkeit ertragen. Nichts kann dein Herz von\nso viel Wahrheit befreien.\"\nSo empfange ich, ohne mich dagegen wehren\nzu können, alle Gefühle, die diese große Seele sich\neinfallen läßt, mir einzuflößen. Was für Gefühle\nsind es? Sie sind so lebendig, daß sie zuerst ver-\nwirrt bleiben. Ich erkenne sie erst lange, nach-\ndem ich sie erlitten habe. Dann erst sehe ich,\ndaß sie verschieden sind, im Augenblicke, da sie\nsich widersprechen.\nZuerst ein unendliches Bedauern, ein nebel-\nhaftes, gewaltiges, heftiges Erinnern, das Leid der\nVerbannung.\n.... Arne aux songes obscurs,\nQue le reel etouffe entre ses quatre murs.1)\nEs gibt Himmel, die plötzlich im Herzensgrunde\ndas Bild des schönen, verlorenen Heimatlandes\nwieder aufleben lassen:\nTu rappelies ces jours blancs, tiedes et v0i16%\nQui font se fondre en pleurs les coeurs\nensorceles.\n1. „Sur le Tasse en prison,\" p. 236 und\nrable\", p. 168\nPouvons nous etouffer le vieux, le long Remords,\nQui vit, s'agite et se torbille\nEt se nourrit de nous comme le 'vers des morts,\ncomme du chene la chenille?\nPouvons nous etouffer l'implacable Remords?\n2) „Ciel brouille, p. 160\n\nFranz Marc: Pferde / Originalholzschnitt\n\nFortsetzung fohrf\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nPaul Zech\nSchollenbruch / Gedichte\nWaldpastelle / Gedichte\nBerlin-Wilmersdorf / A. R. Meyer Verlag\nKandi n s k y *\nUeber das Geistige der Kunst / Insbesondere in\nder Malerei / Mit acht Tafeln und zehn Original-\nholzschnitten / dritte Auflage\nMünchen 1912 / R. Piper & Co. Verlag\nDer Blaue Reiter / Jahrbuch\nHerausgegeben von Kandinsky und Franz Marc\nMit zahlreichen Illustrationen\nMünchen / R. Piper & Co. Verlag\nElse Lasker-Schüler\nMeine Wunder / Gedichte\nKarlsruhe / Deutscher Verlag"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-01.1.8", "texte": "Notizen\nDer Herausgeber dieser Zeitschrift empfängt ein-\nmal monatlich Sonntags von 4 bis 7 Uhr in der\nAusstellung Der Sturm, Königin Augustastraße 51.\nIm Oktober: am dreizehnten des Monats.\nWegen Einladungen wende man sich an die Redak-\ntion dieser Zeitschrift\nFranz Marc, von dem sich ein Holzschnitt in\ndieser Nummer befindet, ist Mitglied der Neuen\nSezession\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nfierwarth Waiden / Berlin W 9\nEs werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen von\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durch\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9 und durch Graphisches\nKabinett, J. B. Neumann, Charlottenburg, Kur-\nfürstendamm 33\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nDruck von Carl Hause I Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitsehrift der Sturm\nBerlin W / Konigin AugustastraBe 51\ngegeniiber der von der HeydtstraBe\nIFahrgelegenheit: Liitzowplatz\n\"Siebente Ausstellung\nWassily Kandinsky\nErste Kollektivausstellung mlt Gemalden aus den\nJahren 1901 bis 1912\ni£r$ffnung: Mittwoch, den 2. Oktober, mittags 12Uhr\ntjeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n10—2 Uhr\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraOe 18\nFernruf Amt Liitzow 4443 -\nZeitschrift der Sturm\nDauerbezug\nCrewohnliche Ausgabe: Fur Deutschland\nu nd Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\nI Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nnnmmer 40 Pfennig X Fur das Ausland bei\ndirekter Zustellung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nse ndung in Roll en direkt durch die\nPost fur Deutschland fund Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X Fur das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nnummern und Probenummern nicht abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n6 Mark.\nr' • ,\nDie Zeitschrift Der Sturm 1st durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nJ i : \" ;\nZiehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\n. i v\"\nBahnhofshandlunggp, Kiosken und StraBenstanden\nauf\n\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwunscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn d ,e s n eu e n V i e r tel j a h r e s bis\nzum zehnten des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nziehung des Betrages durch Naehnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird. >\nSonderdrucke\nMax Pechstein: Die Erlegting des F e s t -\nb r a t e n s / Originalholzschnitt / Auf Nummer 94\nder Zeitschrift Der Sturm sind einhundert\nExemplare vom Kiinstler mit der Hand aquarel-\nliert, signiert und numeriert / Das Exemplar\n5 Mark\nFranz Marc: Versohnung / Originalholz-\nschnitt I 15 Exemplare vom Kiinstler auf Japaiir\npapier handgedruckt, signiert und numeriert / Das\nExemplar 40 Mark\nFranz Marc: Tierlegende / Originalholz-\nschnitt I 10 Exemplare vom Kiinstler auf Japan-\npapier handgedruckt, signiert upd numeriert / Das\nExemplar 40 Mark\nOskar Kokoschka: P1 a k a t fiir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie /' Das Exem-\nplar 3 Mark\nJe ein Exemplar ist standig ausgestellt im Graphischen\nKabinett. Kurfiirstendamm 33\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Fur Qesang und Kla-\nvier I 3 Mark\nKunstlerpostkarten\nFuturisten: 1 / Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht / Gino Severini: Die Modistin / Ruhe-\nlose Tanzerin / Pan-Pan Tanz X Licht-\ndrucke: Das Exemplar 20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab-\nschied / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Severini:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose Tanzerin X Cliche-\nd r u c k e: Das Exemplar 20 Pfennig\n\nZeitsehriften\nDie Aufnahme erfolgt kostenlos nach freiern Ermessen\nder Redaktion dieser Zeitschrift\nDie Fackel / Herausgeber: Karl Kr a us / Er-\nscheint in zwangloser Folge. Die Fackel enthalt\nnur Beitrage von Karl Kraus. Neueste Nummer\n354—356. Inhalt: WeiBe Frau und schwarzer\nMann / Olossen / Die Kunst verbindet ? Olos-\nsen / Die Kinder der Zeit / Preis dieser drei-\nfachen Nummer 75 Pfennig / Verlag Die Fackel /\nWien III.12.\nVEffort Libre / frflher L'Effort / Monatsschrift /\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne].\n,/ Halbmonatsschrift / Kiinste /\nKultur I Philosophie / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue Fran<?aise / Monatsschrift /\nVerlag Marcel Riviere et Cie / Paris / I Rue\nSaint-Benoit / Nummer 1 .Francs 50 centimes\nLes Cahiers du Centre ./ Moulins [Allier]\n\nAnzeigen\n\nRudolf Bliimner veranstaltet am Sonnabend, dem\nfllnften Oktober, abends 8 Uhr im Architektenhaus,\nWilhelmstr. 92/93, seinen ersten Vortragsabend\ndieses Winters. Zum Vortrag gelangen Dichtungen\nvon Andersen, Baudelaire, Burger,\nGoethe, Poe und Mark Twain. Karten zu\ndrei, zwei, eine Mark bei A. W e r t h e i m Konzert-\nkasse und an der Abendkasse des Architektenhauses.\nZwelter Verlagsabend: A. R. Meyer / Berlin-\nWilmersdorf. Montag, den 7. Oktober 1912, abends\n8V2 Uhr, Potsdamer StraBe 118c in der Buchhand-\nlung von ReuB & Pollack: Vorlesung verschiedener\nAutoren des Verlags\ni. • . 4\nElse Lasker-Schiiler: MeinHerz / Ein Liebes-\nroman mit Bildern und wirklich lebenden Men-\nschen / Das Buch erscheint im Herbst, kostet ge-\nheftet drei Mark, gebunden vier Mark. Prospekte\nkostenlos durch den Verlag H e i n r i c h F. S.\nBachmair, Mlinchen, KurfiirstenstraBe 39\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Vcrein\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\ner-halten jahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 / die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt. 3 /\nfreien Eintritt zu den Yeranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark,\nQ e s c h af t s s t e 11 e der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 2699\nGraphisches Kabinett Buch- und •/\nBerlin W 15, Kur.fiirstendamm 33, Eingang Qrol-\nmanstraBe / Eckhaus / Fernruf Amt Charlottenburg\n14297 I Der Inhaber des Graphischen Kabinetts\nJ. B. Neumann eroffnet in der SchillerstraBe 6 (am\nKnie) eine Ausstellung fiir die neue Malerei. In ihr\nsollen ausschlieBlich Werke jiingerer Kiinstler ge-\nzeigt werden. Sie ist als eine Art Fortsetzung der\nInternationalen Ausstellung des Sonderbunds zu\nKoln im kieineren MaBstab gedacht\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar /\nBerlin W 35, PotsdamerstraBe 27 b. Fernruf Amt\nLiitzow 5850\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen liber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Ausstellung von Luxusausgaben\nin Literatur.\nFritz Merker Charlottenburg, SchillerstraBe 94.\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartout-\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Aut-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Bticheinbande\nTitania-Schreibmaschine / Erste deutsche Schreib-\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern /\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Genest,\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fur- Berlin\nund die Mark Brandenburg: Louis Stangen,\nLinkstraBe 12. Telefon: Amt Kurfiirst 2425"}]}