{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_sha256": "8bf19d3dcdb28584294025df0f8a4253ddaa143138702912e6e87ab9e88168c3", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/10_02/bmtnabg_1912-10_02.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/10_02/bmtnabg_1912-10_02.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c001", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "165", "page_fin": "165", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.1", "debut_caractere": 273, "fin_caractere_exclue": 776, "texte": "Inhalt:\nH, W.: Kunst und Literatur: Die zertrümmerte Form / Der Engel auf Erden / Der Engel im Himmel / Das literarische Frankfurt /\nVerlegerdünkel / Verlegerdünkel / Julius Wolff der Romantiker / Karl Borromäiis Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden ../ Jacques Riv&re:\nBaudelaire / Paul Zech: Die arabischen Tänze der Yve und Vera Landrin / Alfred Döbiia: Einakter von Strindberg / Joseph Adler: Vom Altphrasen-\nhandel / Empfohlene Bücher / W. 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Das tut\nzum Beispiel Franz Marc: Früher, sagt Herr\nC. G., stand es um ihn besser. Denn „die Kunst\ndes Münchners Franz Marc schien völlig in\nihrer E i g e n a r t zu beruhen\". Diese Definition\nist ebenso tief wie eigenartig. „Zwei Elemente\nwaren in ihr wirksam, ein sicheres Lebensgefühl\n.und eine ins Weite strebende Farbenlust.\" Diese\nElemente wirkten in der Eigenart. Offenbar hat\nihn die ins Weite strebende Farbenlust zur Extra-\nvaganz geleitet. Die Folge: „Jetzt aber hat sich\ndas Verhältnis vollkommen geändert; und das\nFormgebende der Kunst, das Lebensgefühl, ist\nvöllig untergegangen im farbigen Element und\nFarbspielereien sind das Ergebnis.\" Weil Herr\nC. G. das Lebensgefühl in den Bildern von Franz\nMarc nicht fassen kann, behauptet er, daß es un-\ntergegangen ist. Seine Augen können nicht unter\nder Oberfläche sehen. Er sieht, was er kennt. Was\ner nicht kennt, ist einfach nicht vorhanden. Herr\nC. G. bewegt sich in der Familie. Nur keine frem-\nden Gesichter. Und nur keine fremden Gesichte.\nDie leben vielleicht nicht einmal. Und freudig wirft\nsich Herr C. G. einem Herrn Charles Camoin an\ndie lebendig vorhandene Brust. Deshalb wirkt Herr\nCamoin „wohltuend\": „Diese Kunst hat Form, mag\ndiese Form auch nicht von innen heraus bestimmt,\nsondern von fremder Kunstübung übernommen\nsein — ein Kunstgewerbe edelster Art, das niemals\nden Zusammenhang mit dem Leben verliert.\" Herr\nCamoin bleibt bei fremden Leisten und nährt damit\nseinen Kritiker redlich. Ein alter Stiefel in der\nFamilie, schön gezacket ist der Bruch. Vom Vater\nererbt und vom Sohn billig erworben. Und er ver-\nbindet Leben mit Leben.\nDer Engel auf Erden\nDer „Drache Großberlin\" verschlingt ihn nicht,\naber mit Entsetzen wirft sich ihm der durchaus\nbrave Fritz Engel in den Rachen, Was wird er\nalles wieder aushalten müssen. Was werden wir\nvon ihm wieder alles aushalten müssen. Die\n„Saison44 längt gut an, nämlich lyrisch. Er möchte,\naber er kann nicht:\nUnd ich will flieh'n und kann nicht ...\nDie drei Punkte und der Apostroph halten ihn\nbeim Dichten nicht auf. Folgendes stecht ihm be-\nvor:\nIhr sollt mir vor lauter Hochkultur\nWie Asthmatiker keuchen —\nWas irgend nagelneu ist nur\nIch will euch dazwischenscheuchen,\nIns „nie noch Dagewesene44\nWill ich euch täglich pressen.\nIns völlig Auserlesene,\nWas morgen schon wieder vergessen.\nIch laß euch Bilder und Plastiken\nZehntausend gleich auftischen,\nMit einem Blick, einem hastigen,\nMüßt ihr sie alle erwischen.\nIch führ' euch in hundert Konzerte hinein\nZu Neutönern und neuesten Tönern,\nIhr sollt nur unter entsetzlicher Pein\nDas Dasein euch verschönern.\nAber ohne Herrn Engel wäre die entsetzliche\nPein des Daseins nicht auszuhalten.\nDer Engel im Himmel\nHerrn Q eorg Engel ist seine Erde zu banal.\nMan kann ihm das ohne weiteres glauben. Deshalb\nteilt er der Fachzeitschrift „Vereinigte Tabakzei-\ntungen\" mit, auf welche Weise er sich über die\nErde erheben kann. Nicht ohne daß die Vereinigten\nTabakzeitungen ihn unter „die führenden Männer\nunserer Zeit auf geistigem und künstlerischem Ge-\nbiet\" ve r s e t z t hat. (Die übrigen Führer unserer\nZeit sind die Herren Jean G i 1 b e r t, Paul Knüpfer,\nAlexander Moszkowsky, Arnold Rieck,\nRoda Ro d a, Otto Sommerstorff, Julius S t e t-\nt e n h e i m. Man begreift, weshalb man jetzt auf\nErden so schlecht fährt.) Die Vereinigten Tabak-\nzeitungen wollten gern wissen, was die Kutscher\nrauchen, ob sie rauchen und ob sie sich durch das\nRauchen „angeregt\" fühlen. Sie rauchen alle. Zum\nTeil Zigaretten, zum Teil Zigarren. Und Herr\nGeorgEngel fühlt sich schon durch die Anfrage\nder Vereinigten Tabakzeitungen sehr „angeregt\":\n„Auf Ihre Umfrage bezüglich meiner Empfin-\ndungen beim Rauchgenuß erwidere ich Ihnen\nfolgendes:\nZigaretten rauch1 ich und Zigarren,\nUnd wenn die Wölkchen sich zur Decke heben,\nFühl' ich auf lichten Flügeln mich entschweben,\nEnteilend dieser Welt von bunten Narren,\nUnd zur Gemeinschaft höh'rer Geister streben.\nGeorg Engel, Berlin\nBezüglich dieser Welt von bunten Narren bleibt\neinem farblosen Bürger nichts übrig, als die Ge-\nmeinschaft höh'rer Geister zu apostrophieren. Aber\nselbst drei Apostrophe in vier Zeilen geben diesem\nEngel keine lichten- Flügel.\nDas literarische Frankfurt\nAuch Frankfurt am Main verfügt über eine\nFreie literarische Gesellschaft. Sie versendet ihr\nProgramm. An „Ordentlichen Veranstaltungen\"\ngibt es: „Unsere Fünfzigjährigen\", Vortrag von\nDr. Bruno Wille, Berlin, zur Geburtstagsfeier von\nErnst, Fulda, Hauptmann, Schlaf und\nSchnitzler. Fünf mal fünfzig Lichter werden\nfür die Geburtstagskinder angezündet, alle weib-\nlichen Mitglieder der literarischen Gesellschaft\nstiften den Dichtern eigenhändig gestickte Pan-\ntoffeln, die Herren Ernst und Fulda bedanken\nsich lyrisch und Herr Schnitzler im soignierten\nVollbart verbeugt sich mit einer weltmüden Geste.\nDie Herren Hauptmann und Schlaf haben\nihr Erscheinen abgesagt. Dafür wird „Aus eigenen\nWerken\" der Berliner Bürgermeister Herr „Dr. Gg.\nReicke\" vorlesen. Das wird ohne Zweifel eine or-\ndentliche Veranstaltung. Denn Herr „Dr. Gg.\nReicke\" ist ein ausgesprochener Gegner der\nKunst und ein ausgeschriebener Gegner der Lite-\nratur. Als „Außerordentliche Veranstaltung\" wird\ndie Aufführung einer Operette ohne Musik von\nLudwig Bauer angekündigt. Die erhebenden Ver-\nanstaltungen müssen natürlich gebührend „ein-\ngeführt\" werden. Man bekommt einen Essay „Vom\nKunstgenießen\" vorerst ins Haus geschickt. Denn\nsolche Kunst kann nicht so heiß gegessen wer-\nden. Man sollte gar nicht glauben, wie schwer es\nheutzutage das Kunstgenießen hat: „Unrast und\nUebermaß, die Zeitsymptome unsres Lebens, haben\nmehr und mehr auch dem Kunstgenießen ihren\nStempel aufgedrückt\". Diese unrechtmäßige Füh-\nrung des Stempels kann der Vorstand der literari-\nschen Gesellschaft nicht dulden. Er hat sich zwar\n„mit den ersten Maisonnenstrahlen zu den Heil-\nQuellen der Natur fluchtartig und fast übersättigt\ngestürzt\". Der Stempel hat ihm das ganze Mahl\nverdorben. Aber der Mai ist gekommen und der\nMai ist gegangen. Auch der Sommer ist gekommen\nund der Sommer ist gegangen. Nun kommt der\nHerbst. Der Vorstand fühlt sich an den Heilquel-\nlen nicht mehr wohl. . Und so ein Herbstabend ist\ngerade dazu geschaffen, um Ordentliche und Außer-\nordentliche Veranstaltungen zu planen: „Da kommt\neinmal ein trüber, kühler Abend, der uns in die\nStube zwingt. Die Lampe brennt zum ersten\nMale wieder als memento mori der scheidenden\nSonnentage.\" Dem Vorstand fallen da natürlich die\nToten in den Kopf. Denn das Wetter ist wirklich\nscheußlich: „Draußen prasselt ein herbstlicher\nRegen wider die Fensterscheiben — wir lauschen\nder eintönigen Melodie, halb im Traume noch, von\nlieblichen Waldesidyllen oder dem gewaltigen Wel-\nlenspiel des Meeres.\" Jetzt muß natürlich jemand\nzur Tür eintreten. Und sie tri 11 ein, die Saison.\nAber die Saison in Frankfurt trägt einen deutsche-\nren Namen: Die Sinfonie der hehren Winterfreuden.\nAber sie tritt nicht ein, die Sinfonie, „da g 1 e i t e t\nsie plötzlich wieder leise und verstohlen zur\nTür herein, eine längst gekannte, halb vergessene\nIllusionsgestalt\". Natürlich, wie es sich für eine\nIllusionsgestalt ziemt, im Geleit von Dichtern, die\nIllusionen des Vorstands sind. Nach soviel Lyrik\nwird der Vorstand nüchterner und sich darüber\nklar, daß er nicht weiß, was Literatur ist: „Man\nwird sich schwer einigen können, will man heute\ndas Wirkungsgebiet der literarischen Gesellschaft\nmit engen Grenzlinien umgeben; man müßte sich\nerst einmal wieder über den Begriff des Wortes\nLiteratur, der sich längst ins Allgemeine, Vielge-\ndeutete und Vielmißbrauchte verloren hat, klar zu\nwerden suchen.\" Der Vorstand wird sich aber\nnicht klar und nimmt deshalb „die Würdigung der\nFünfzigjährigen vor, ein literarisches Zeitbild, das\ngeschickt in einen Rahmen gepaßt ist und uns ganz\nim Sinne der einleitenden Ausführungen scheint.\"\nGewiß, so gut wie die Herren Ernst und Fulda\ndichtet der Vorstand in seinen Ausführungen selber.\nUnd deshalb schließt der Essay vom Kunstgenießen\nwürdig: „Stoff genug zu lohnender künstlerischer\nArbeit ist vorhanden. Möge sie ihre Früchte\ntragen!\" Wer Stoff säet, wird die Früchte ernten.\nVerlegerdünkel\nEs gibt literarische Verleger. Sie unterscheiden\nsich von unliterarischen Verlegern dadurch,\ndaß sie die Werke der Literatur gleichfalls ab-\nlehnen, aber außerdem ihre „Ansicht44 mitteilen.\nJe besser das Werk ist, desto stärker wird das\n„verlegerische Bedenken\" und die „verlegerische\nVernunft\". Ich will den Herren zum kritischen\nNachruhm helfen. Man sende mir solche Briefe.\nHier ist der zweite:\n„Was ich Ihnen schon früher schrieb, kann ich\nIhnen heute nur wiederholen: Daß mir Ihre Ar-\nbeiten das größte Interesse einflößten imd ich den\nhöchsten Respekt vor Ihren Absichten, Zielen und\nauch dem, was schon in den vorliegenden Arbeiten\nerreicht ist, habe. Aber neben diesem persönlichen\nUrteil habe ich die stärksten veriegerischen Be-\ndenken, die ich Ihnen nicht verschweigen will. Der\nRoman sowie die philosophische Abhandlung (dein\nEinakter legen Sie wohl selbst weniger Wichtig-\nkeit bei) gehören zur schwersten Lektüre,\ndie m i r seit längerer Zeit vorlag. Und das macht\n— verzeihen Sie meine Offenheit — die Bücher\neinfach unverkäuflich nach meinem Dafürhalten."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1975, "texte": "Bei wenigen Büchern, die mir jetzt angeboten\nwurden, stand mein persönliches Oe-\nse h m a c k s u r t e i 1 so lebhaft im Wider-\nspruch zur Verleger ischen Vernunft\nund ich gestehe gern, daß mir die Ablehnung schwer\nfällt. Wenn ich überhaupt bei Ihrem übrigen künst-\nlerisch so überaus interessanten Roman noch sagen\ndarf, was mich nicht ganz befriedigt, so ist es dies:\nDaß er —■ selbstverständlich im ernsten künstleri-\nschen Sinn genommen — nicht eigentlich span-\nnend ist. Ich imeine dieses „spannend'4 in einer\nArt, wie es schließlich eben doch jeder Roman\nm. E. sein müßte, um auch einen Leser von Kultur\nzu fesseln.\"\nJulius Wolff der Romantiker\nIn einer alten Nummer der Zeitschrift Boden-\nreform vom 20. Juni 1910 wird der Idealisinus\nschwärmender Jugend vor Julius Wolff ge-\nwarnt :\n„Der vielgelesene Dichter Julius Wolff ist\nam dritten Juni gestorben. Das würde uns an die-\nser Stelle nicht berühren; denn seine „süßen Lie-\nder\" sind nie tief in soziale Probleme eingedrungen.\nWas uns hier nur interessiert, ist die irreführende\nNachricht der Presse, die den Reichtum dieses\nMannes lediglich als einen Erfolg seines dichteri-\nschen Schaffens hinstellt. Das ist geeignet, den Idea-\nlismus schwärmender Jugend auf Irrwege zu füh-\nren, und deshalb soll hier ruhig ausgesprochen wer-\nden, daß Julius Wolff in der gewerbsmäßi-\ngen Terrainspekulation stand. Er saß im\nVorstand des sogenannten Charlottenburger Bau-\nvereins, einer reinen Terraingesellschaft. Ob er\ngeschäftlich in dieser Gesellschaft hervorragend\ntätig war, oder ob er nur als Brücke zu Schrift-\nsteller- und Journalistenkreisen dienen sollte, kann\nein Außenstehender natürlich nicht beurteilen. Daß\ndie Vertreter der organisierten Terrainspekulation\nWert auf gute Beziehungen zur Presse legen, ist\nja leicht verständlich.4'\nMan kann natürlich Terrainspekulant sein und\ntrotzdem mit „Epen\" auch Geld verdienen. Amü-\nsant bleibt die Angelegenheit jedenfalls doch.\nMan wird geschoben und man schiebt.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c004", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "167", "page_fin": "168", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.4", "titre_corps": "Mensehen von Gottes Gnaden : Aus den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant Mie ville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.", "titre_sommaire": "Mensehen von Gottes Gnaden : Aus den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant Mie ville, nachmaligen Paters Bonaventura S. 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J.\nVon Karl Borromäus Heinrich\nUm es vorneweg zu sagen: wenn alle Gefällig-\nkeiten, die Ludwig Schlagintweit, Sohn eines pen-\nsionierten Briefträgers, Fritz Freiherrn von Fran-\ngart unaufgefordert erwies; wenn alle rührenden\nZüge freundschaftlicher Besorgtheit, die an diesem\nherzlichen jungen Menschen während der Zeit\nihres Beisammenseins hervortraten; wenn alle\nGrade des Gefühls, zu denen sich seine Zuneigung\nverstieg; wenn einem das alles auf einmal gegen-\nwärtig sein könnte, und man vergliche hiermit jene\nmonotone, jederzeit beherrschte Sympathie, mit der\nBaron Frangart, zuweilen bei sich selbst, seltener\nschon mit freundlichen Blicken, mit Worten voll-\nends nur darin und wann, stets aber kärglich Lud-\nwig Schlagintweit dankte, — so möchte man wie-\nderum mit einem Vergleich sagen, daß der mit einem\ngoldenen Kelch Beschenkte einen irdenen Krug als\nGegengeschenk gegeben habe. Aber so einfach ist die\nRechnung nicht. Man muß bedenken, wie ganz von\nselbst der Eine aus sich herausging, wie er mit\nseinem allzeit offenen Herzen durch die Welt zog,\ngleichsam Gott nacheifernd, der die Sonne über\nGerechte und Ungerechte ohne Auslese scheinen\nläßt, wohingegen der Andere, zur Unterscheidung\nund Distimktion geboren und erzogen, Herzlichkeit im\nallgemeinen fast als Schmutz empfand, „weil in ihr\ndie Schranken fallen und alles durcheinanderfließt\";\nden verborgenen Reichtum seines Herzens, gemäß\ndem Ratschluß Gottes, bei sich behalten mußte\nund vielleicht so schwer daran trug wie ein Baum\nan überreifen Aepfeln, die nicht abgeschüttelt wer-\nden. Und überhaupt ist in Dingen des Gefühls alles\nUrteilen ungerecht. Dies war der Gedankengang,\nauf dem sich Ludwig Schlagintweit während seiner\nFreundschaft für Baron Frangart und auch lange\nnachher noch tröstete . . .\nSchon am ersten Tage bat er Baron Frangart.\nihn mittags nach Haus begleiten zu dürfen. Auf\ndem Wege gab er ihm Aufschluß über die einzelnen\nMitschüler, einerseits um ihn zu warnen, anderer-\nseits um ihm zu zeigen, wem er vertrauen dürfe.\n„Ich will niemand vertrauen und niemand miß-\ntrauen, ich brauche das nicht.\" — „Und trotzdem\nmüssen Sie sich vor dem Einen oder Andern in acht\nnehmen. Warum sollen Sie sich denn Scherereien\nmachen?\" — „Warum wollen Sie denn, daß ich mir\nkeine mache? — Sie !haben doch auch solche\ndurchgemacht, sonst wüßten Sie ja nichts davon.\"\n„Warum ist wurscht, Baron Frangart, warum tut\nnichts zur Sache. Ich will Ihnen nur sagen, daß\nder dicke Vordermann vor uns, Hans Gabler, zwar\neine Mittelmäßigkeit, aber auch ein windiger Schuft\nist. Und daß der Andere neben ihm, der künftige\nLeutnant Groß, an Beschränktheit von niemand\nübertroffen wird. Aber ehrlich ist er bis auf die\nKnochen, ich sage Ihnen, mich freut jedes Wort an\nihm, so gerad und unüberlegt redet er heraus. Und\ndie zwei sind Freunde, ganz unglaublich. — Dann\nin der dreißigsten Bank; rechts von uns: Müller,\nMeier und Huber; die sind nur da, weil ohne sie\ndie Bank leer stände. Tun keinem was Unrechtes\nund keinem was Rechtes. Saufen am meisten\nBier und tarocken fabelhaft. Staatsbürger, einfach\nStaatsbürger, Baron Frangart; der eine wird Geo-\nmeter, der andre Ingenieur und der dritte Archi-\ntekt, also höhere Handwerker. Wieder in der Bank\nvor ihnen: Mehlmann, dessen Verstand mit Schim-\nmel überzogenes Mehl ist; er eignet sich glänzend\nzum Juristen. Der kleine Silberstein — wie schon\nder Name sagt — der ängstlichste Mensch, den ich\nkenne; traut sich nichts zu lernen, weil er fürchtet,\nals Streber dazustehen; zahlt immer Bier, um seine\nsparsame Rasse zu verleugnen, na, einfach, feig.\nAber trotzdem nicht ganz zu verachten. Am Ende\ndieser Bank ein brutaler Schmierfink. Bitte, geben\nSie ihm nie die Hand! Er verdient sie nicht, Herr\nBaron. Hat auf dem Eis ein Mädchen irgendwie\nbesoffen gemacht und ist mit ihr hinter die Hirschau\nhinausspaziert. Damals wenn ich nicht aufgepaßt\nhätte, — ach, die billigen Mittel von dem Kerl! Er\n\"wird Ihnen sagen, daß Sie sich vor dem indiskreten\nSchlagintweit hüten sollen; ich bin nämlich zu den\nZweien hin und dem armen Ding bin ich erst an\nihrem Haus von der Seite gegangen. Gerettet . . .\nSchwamm drüber. Die zweite zweisitzige Bank\nvor uns, die müssen Sie sich merken: Der Eine\nhat ein Lachen, daß einem das Herz aufgeht, und\nes soll erwachsene Damen geben, die für ihn\nschwärmen: sagt nichts gegen ihn, er wird Bene-\ndiktiner. Und ein guter, das weiß Gott . . . Der\nneben ihm hinkt und stinkt vor Bosheit. Keine mag\nihn, er möchte sie alle, 's ist ja wahr: der größte\nTeil von unserer. ganzen Bande kann kein weib-\nliches Wesen mehr anders ansehen, — aber der,\nder notzüchtigt sie mit seinem Gegaff. Dabei\nschüchtern, winselt fortwährend um Mitleid. Ver-\ndrückt und verlogen. Aber, aber feine deutsche\nAufsätze! So was von Sprachgefühl; vielleicht\nmüssen manche Menschen gemein sein, damit ihr\nGeist ungemein wird. — Dann in der ganzen riin-\nferreihe vor diesen fünf: fünf Prachtstaatsbürger,\ndie zufällig nicht Müller heißen. Unnütze Mühe,\nsich ihre albernen Namen zu merken, einer ist wie\nder andere. Gut bin ich jedem, aber wem bin ich\ndenn nicht gut! Sogar dem kleinen Groll weiter\nvorn, 'der schon seit seiner Geburt schläft. Soll\nweiter schlafen, angenehme Ruh! Nicht wahr, Herr\nBaron? Man könnte dieses runde bambino be-\nmitleiden; vom Eis das schönste Mädchen ist ihm\ngut gewesen, hat es aber rein verschlafen.\" Baron\nFrangart legte ihm belustigt die Hand auf die\nSchulter, zog sie aber sogleich zurück: „Und wie\nist es mit Ihnen selbst?\" — „Richtig, das hätt' ich\nbeinahe vergessen! Also ich will Ihnen sagen: ich\nbin alles, nur nicht loyal. Republikaner, Demokrat,\nSozialist, Anarchist. Natürlich keines von allen,\naber solche Anfälle kann man kriegen, wenn man\nso hineinsieht wie ich. Seien Sie froh, Baron\nFrangart, daß Sie die Welt nicht kennen. Wie Sie\nsagen, Sie brauchen das nicht. Aber ich brauche\ndas, weil ich dummerweise die Menschen gern\nhab. Auch die Aristokraten, wenn ich darf . . .\nPardon, das war wieder so unvornehm direkt, —\nalso das bin ich auch. Dann bin ich etwas älter\nals die anderen: erstens, weil ich mehr gesehen\nhabe; zweitens weil mein Vater in Anbetracht sei-\nner kindischen Pension zu spät bemerkt hat, welche\nunaussprechlichen namenlosen maßlosen Talente in\nmir schlummern . . . Lachen Sie doch ein wenig,\nBaron Frangart, nur ein wenig! . . . Nicht?, nun\ndann nicht . . . Mein Vater hat diese Talente zu\nspät bemerkt und mich erst mit vierzehn Jahren\naufs Gymnasium geschickt. Vierzehn und neun\nmacht dreiundzwanzig. Also das bin ich; was sonst\nnoch, fällt mir jetzt gerade nicht ein.4'\n„Erzählen Sie mir wieder von den anderen,\nbitte — es war so amüsant!\" — „Ach, amüsant,\nna ja, ich bin eben doch ein Bajazzo, wie die an-\ndern sagen. Sie glauben das auch, Herr Baron?\"\n„Ich glaube nie etwas ,auch4 . . — „Wenn Sie\nes sagen, wird es wahr sein. Und ich mag das,\nich verehre das, ich liebe die outsider . . . Out-\nsider stehen am Anfang und am Ende einer jeden\nWelt, oder hören Sie unsern lateinischen Professor:\nSolitudo est mater omnium malorum — oh weh,\nso heißt es nicht, will sagen: Stultitia est mater\nund so weiter —\nUnd Schlagintweit erzählte Baron Frangart von\nden andern Mitschülern: von den zwei jüdischen\nVettern Eichhorn, die alle beide so unangenehm\npraktisch, aber sehr „gent\" waren; von dem künf-\ntigen Mediziner Graßmann, der schon als Junge\nin sexueller Freude die Schmetterlinge quälte und\nfür den Beruf eines Frauen- und Nervenarztes also\nalle wünschenswerte Begabung mitbrachte; von\ndem notleidenden Jehle, der seine Mutter durch\nLektionengeben ernährte, aber ein Neidhammel\nwar und nicht sehen konnte, daß es andern gut\nging. Von vier weiteren Staatsbürgern, die alle für\neinen Assessor oder Richter oder sonstigen Juristen\nnötige Weltfremdheit inklusive Mangel an Ein-\nsicht und Ueberfluß an schwammiger Bourgeosie\nbesaßen, also von natürlich ehrbaren Leuten in\nihrer Art. Von einem, der an eine verborgene Indi-\nvidualität in sich glaubte, und da man diese in\neinem privaten Landerziehungsheim nicht hatte ent-\ndecken können, nun doch lieber in einer staatlichen\nAnstalt auf ihre Entdeckung hoffte. Von dem quasi\nDandy Wörner, der alle Schülerinnen der Töchter-\nschule mit dem Vornamen ansprechen durfte, weil\nsie blöd genug waren, die Vornamen für den An-\nblick seines Schnurrbartes herauszugeben; von"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2465, "texte": "einem Burschen also, der mit solchen Errungen-\nschaften eine Zeitlang sein Staatsbürgertum zu be-\nschönigen hoffte. Und von einem Dutzend .»an-\nderer Lausbuben\" die mit der Zeit ihrem Brot-\ninstinkt gemäß ihre Krippe schon finden konnten:\nder Eine beim Militär mittels reicher Partie, der\nAndere mittels sonst einer vierprozentigen Bür-\ngerstochter . . . „Aber schließlich noch gehen sie\nan, für Sie freilich nicht mehr, Herr Baron, aber\nfür mich. Nun, das heißt, auch nicht immer; aber\nwenn mich einer um etwas bittet, schlage ich es\nihm nie ab . . . Weil ich nicht kann. Sehn Sie,\nda haben wir noch einen Fehler von mir, grad zum\nSchluß; ich kann nicht anders, ich muß auf alle\nBitten ja sagen. Herrgott, bin ich dumm!\"\nSie waren an dein Hotel angekommen, wo\nBaron Frangart seine Mahlzeiten einnahm. Er sah\nmüde aus, als er sich von Schlagintweit, der ihm\ndie Hand hatte geben wollen, mit leichter Verbeu-\ngimg trennte. „Sagen Sie, Baron, wollen Sie viel-\nleicht nachmittags lieber zu Haus bleiben?\" —\n„Ja, geht denn das?\" — „Das machen wir ein-\nfach so: Ich habe Sie nach Haus begleitet, es ist\nIhnen schlecht geworden, Sie werden diesen Nach-\nmittag wohl nicht kommen. So werde ich in der\nSchule sagen. Lassen Sie mich nur machen, auf\nmeine Verantwortung. Für einen Nachmittag, das\nist das Gute, brauchen wir kein ärztliches Zeugnis.\nAlso, Sie kommen heute Nachmittag nicht?\" —\n„Nein, ich danke Ihnen, Herr Schlagintweit.\"\n—: „Auf Wiedersehen morgen!\" — „Guten Tag.\"\nBaron Frangart aß im Restaurant des Hotels,\nwo außer ihm sehr wenige Menschen speisten.\nUm drei Uhr, als er es verließ, um dank der Güte\nSchlagintweits spazieren zu gehen, senkten sich\nI r o\nbereits wieder die schweren grauen Nebel über die\nStraßen. Verstimmt rief er einen Wagen heran und\nf ! • -\nfuhr sofort nach Hause. Dort warf er sich in ein\nFauteuil und blieb bewegungslos stundenlang\nsitzen. Seine Gedanken waren nicht zu enträtseln;\nund vielleicht dachte er nichts, sondern „genügte\nSiC h einfach selbst41.\nAbends ging er in ein Konzert. Aber da eine\nDame im Reformkleid den Platz neben ihm inne-\nhatte, eine Dame, der er schon ansah, daß sie mit\nihrem „zuckenden Ich, ihrer modernen Seele, ihren\nringenden Gefühlen\" (Ausdrücken, die er mit\nSchaudern in dem Buche einer Emanzipierten ge-\nlesen hatte) seinen eventuellen Genuß stören\nwürde, entlief er noch vor Anfang des Konzerts.\nEr fuhr nach eingenommenem Diner gleich wieder\nheim, setzte sich wieder in das Fauteuil und\nträumte . . ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c005", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "170", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.5", "titre_corps": "Baudelaire", "titre_sommaire": "Baudelaire", "signature_source": "Jacques Riviére", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.4", "debut_caractere": 2494, "fin_caractere_exclue": 9062, "texte": "Baudelaire\nVon Jacques Riviére\n\nUebertragung aus dem Französischen von Jean-Jacques\nDer „Spleen\" oder der „Aerger\", diese schwere,\nverzweifelte Leidenschaft, die die Temperatur ver-\njagt oder mit sich führt, ist keine einfache Me-\nlancholie, keine gewöhnliche Traurigkeit. Aber die\nSeele bäumt sich plötzlich auf; sie kann mit dem\nGewichte ihrer Unvollkommenheit nicht mehr in\neinem irdischen Bannkreise leben:\nAh! Seigneur! donnez-moi la force et le courage\nDe contempler mon coeur et mon corps\nsans degoüt.*)\n1) „Un voyage de bythere\", p. 321\nUnmöglichkeit zu existieren. Eine Erinnerung\nquält die verirrte Seele.1) Sie trauert bei dem\nGedanken an Würde, von der sie sich herabge-\nstiegen sieht:\nUne Idee, une Forme, un Etre\nParti de l'azur et tombe\nDans un Styx bourbeux et plombe\nOü nul oeil du Ciel ne penetre;\nUn Auge, imprudent voyageur\nQu'a tente l'amour du difforme,\nAu fond d'un cauchemar enorme\nSe debattant comime un nageur. 2)\nNach und nach merkt der Dichter, wie sein\nSchmerz wächst. Er ist ihm nicht mehr persön-\nlich. Die Klage der ganzen Welt geht in sein\nHerz. Er wird von dem Gewissensbiß um das\nverlorene Paradies gemartert. Er verfällt der Er-\ninnerung.3) Verschwommen sieht er die Voll-\nkommenheit, die das All für immer geraubt hat\nund die er dennoch wieder erfassen will. Auf die\nDauer wird die Erinnerung, die ihn in seinem Ab-\ngrunde aufsucht, genauer. Wie dem Schiffbrüchi-\ngen der Trost der Fata Morgana gewährt wird,\nso liegt auf dem Grunde seines Gedächtnisses bei\nihm das irdische Paradies.4) Es ist schlank und\nnackt wie die hellen Bäume der Inseln; es gleicht\ndem lauen, gemäßigten Meer der warmen Zonen,\nwo die Schiffe schwimmen, -die sich wollustig auf\ndie Hüften der Wogen stützen:\nJ'irai lä-bas oü l'arbre et Thomme pleins de seve\nSe päment longuement sous l'ardeur des climats;\nFortes tresses, soyez la houle qui nfenleve!\nTu contiens, mer d'ebene un eblouissant reve\nDe voiles, de rameurs, de flammes et de mäts.5)\nManchmal, verführt durch eine weniger starke\nHoffnung, das heißt durch eine leiser tönende\nStimme, mit einer Art Bedauern ohne Erregung,\nruft der Dichter sein Glück:\nDis-moi, ton ceur, parfois, s'envole-t-il, Agathe,\nLoin du noir ocean de Timmonde cite,\nVers un autre ocean oü la splendeur eclate,\nBleu, clair, profond, ainsi que la virginite?\nDis-moi, ton coeur, parfois, s'envole-t-il, Agathe?\nComme vous etes loin, paradis parfume.\nOü sous un clair azur tout n'est qiramour et joie}\nOü dans la volupte pure le coeur se noie!\nComme vous etes loin, paradis parfume!6)\nf) „Er hat, sagte Claudel, die einzige Leidenschaft\nbesungen, die das neunzehnte Jahrhundert auf-\nrichtig empfinden konnte: das Gewissen\".\n2) L Irremediable, p. 242\n3) „Von Schmerz und Gewissensbissen übersättigte\nWollust4'. (Oeuvres Posthumes, p. 93)\n4) Derriere le decors\nDe l'existence immense au plus noir de 1'abime\nJe vois distincteinent des mondes singuliers.\n(La Voix, p. 225)\nVergleiche:\nMais les tenebres sont elles-m6mes des toiles\nOü vivent, jaillissant de mon oeil par milliers,\nDes etres disparus aux regards familiers!\nUnd:\nPromenant sur le ciel des yeux appesantis\nPar le morne regre des chimeres absentes.\n(Bohemiens en voyage, p. 104)\nIn den „oeuvres Posthumes\" kann man lesen:\n„Es gibt Augenblicke in der Existenz, in denen\ndie Zeit und die Ausdehnung tiefer sind, und das\nGefühl der Existenz unendlich vergrößert ist.\"\n(p. 86)\n5) „La Chevelure,\" p. 119. Vergleiche „Parfüm\nexotique, p. 118:\nUne Ile paresseuse oü la nature donne, etc.\n6) „Moesta et Errabunda,\" p. 184 und 185\nDennoch, wenn es unsere Liebe erreichte:\nTont y parlerait\nA l'äme en secret\nLa douce langue natale.\nLa, tont n'est qu'ordre et beaute,\nLuxe, calme et volupte.1)\nSo wird der Dichter von dem unendlichen\nSehnen nach Vollkommenheit gemartert. Er er-\ninnert sich der Ursprünge. Manchmal, von irgend\neiner glücklichen Laune bis zu den Grenzen des\nParadieses getragen, betrachtet er es in nächster\nNähe, belebt es mit seinen Augen, zwingt es, alle\nseine Wunder blühen zu lassen. Manchmal ver-\nliert er es aus den Augen und ruft es klagend in\nder Dunkelheit des Alls. Aber niemals vergißt er\nes, niemals verläßt ihn der Gedanke dessen, was\nvollkommen, friedenbringend, ewig ist. 2)\n* * *\nIndessen, welche Liebe zu der ohnmächtigen,\nungewissen, dem Untergange geweihten Realität.\nEbenso stark wie die Liebe zum Vollkommenen,\ndie Liebe zu den Dingen, denen es fehlt.3) Mit\nder Betrachtung des Unveränderlichen, der Ge-\ndanke an das Sterbliche, ein unendlicher Respekt\nvor allen unvollkommenen Dingen, eine wortlose\nBewunderung, ein Schweigen vor ihnen, die so\nleidend, so verstümmelt, so schwach sind. Das ist\nnicht nur Mitleid, auch nicht der Ruf nach gött-\nlichem Erbarmen, sondern eine liebevolle Betrach-\ntung, die Demut eines Herzens, das die Schwäche\nmit Begeisterung erfüllt hat.\nVon den geringsten Existenzen, von den Gegen-\nständen selbst spricht der Dichter mit aufrichtiger,\nzärtlicher Besorgtheit. Es scheint, als ob er sie\nnicht zu berühren wagt. Mit ganzer Vorsicht hebt\ner sie empor. Mit höchster Verwunderung hüllt\ner sie in seine Verse. Er fühlt das Wunder, das\ndarin liegt, daß sie gerade so und nicht anders\nsind. Mit Vorliebe beschreibt er Wohnungen,\nspricht er von der Farbe der Tapeten, von dem\nDuft, der den Möbeln entströmt. Mit Verehrung\nspricht er von der Unordnung, die die Vergangen-\nheit langsam in den Schränken anrichtet:\nUn gros meuble ä tiroirs encombr£ de bilans,\nDe vers, de billets doux, de proces, de romances,\nAvec de lourds cheveux roul6s dans des\nquittances.4)\nEr kann von den schrecklichsten Dingen\nsprechen, und sein gewaltiger Respekt wird ihm\nhohe Dezenz verleihen. Mit einem warmen und\ndüsteren Gleichnis, zart wie die Huldigung der\nLiebe, die der Tod nicht entmutigt, zeigt er sanft\nin einem unbekannten Zimmer das abgeschnittene\nHaupt einer „Märtyrerin\".5)\n1) „L'invitation au voyage,44 p. 167\n2) Seine „Muse malade44 anrufend (p. 98), sagt~er:\nJe voudrais qu'exhalant l'odeur de la sant£\nTon sein de pensers forts fut toujours\nEt que ton sang chretien coulät ä flots rytii-\nmiques\nComme les sons nombreux des syllabes airtiques,\nQu regnent tour ä tour le pere des chansons,\nPhoebus, et le grand Pan, le i-ejgneur des isiois-\nsons.\n3) „Je songe,\" sagte er,\nA quiconque a perdu ce qui ne se retrouve\nJamais! jamais! ä ceux qui s abreiiveni de\npleurs .... (Le Cygne, p. 260)\nSiehe:\nPauvre grande beaute! Le magnifique ileuve\nDe tes pleurs aboulit dans mon coeur soucienx.\n(Le Masque, p. 115)\n4) „Spleen44, p. 119. Vergleiche:\nJe n'ai pas oubli£, voisine de la ville, ete.\n(p. 282)\n5) „Une Martyre44, p. 309 und 310"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3738, "texte": "Semblable aux visions päles qu'enfante l'ombre\nEt qui nous enchainent les yeux,\nLa t£te, avec I'amas de sa er inier e sombre\nEt de ses hijoux precieux,\nSur la table de nuit, comme une renoneuie,\nRepose ....\nAuf alles, was ist, auf alles, was, ohne Voll-\nkommenheit, dennoch lebt, erstreckt sich die\nstumme, traurige Bewunderung des Dichters. Er\nvermählt sich allem Elend, er ist bereit für jedes\nQefühl. Unter den unendlich vielen Leiden ist\nkeines, das ihn zerstreut findet. Aber er ist nur\nda, um sie zu lieben. Er besitzt zu viel Achtung\nvon ihnen, daß er sich entrüstete. Er behält diese\nfürchterliche Unparteiischkeit, die nur eine unend-\nliche Liebe zum Leben geben kann:\nLoin du monde railleur, loin de la foule impure,\nLoin des magistrats curieux,\nDors en paix, dors en paix, etrange creature,\nDans ton tombeau mysterieux;\nTon epoux court le monde, et ta forme immortelle\nVeille pres de hü quand il dort;\nAutant que toi sans doute il te sera Meie,\nEt constant jusques ä la mort.*)\nJeder Vers im „Crepuscule du Matin\" erweckt\nohne Schrei, in Demut ein unglückliches Schicksal:\nLes maisons cä et lä commencaient ä fumer.\nLes femmes de plaisir, la paupiere livide,\nBouche ouverte, dormaient de leur sommeil\nstupide;\nLes pauvresses, trainant leurs seins maigres\net froids,\nSoufflaient sur leurs tisons et soufflaient\nsur leurs doigts,\nC'etait l'heure oü parmi le froid et la lesine\nS'aggravent les douleurs des femmes en gesine.\nComme un sanglot coupe par un sang ecumeux\nLe chant du coq au loin dechirait l'air brumeux;\nUne mer de brouillards baignait les edifices,\nEt les agonisant dans le fonds des hospices\nPoussaint leur <iernier pale en hoquets inegaux.\nLes debauches rentraient, brisespar leurs\ntravaux. 2)\nPoesie voller Liebe. Sie ist bei allem Un-\nglück; sie begleitet jedes in seine Kammer. Sie\nerrät es, weit oder nah, durch Mauern hindurch.\nSie unterstützt die ganze Stadt, die duldet und\nunter ihrer Last dahinlebt:\nElle refait le lit des gens pauvres et nus.3)\nAber das Mitleid, das sie hält, ist so heftig, daß\nes schweigt. 4)\n1) „Urie Martyre\", p. 311\n2) „Crepuscule du matin,\" p. 290 und 291\n3) „La Mort des Pauvres\", p. 340\n4) Es ist zweifellos unmöglich, einige empörte\nGedichte unberücksichtigt zu lassen; im Gegen-\nteil, manchmal ist die Empörung der Gegenstand\ndes Gedichtes. — So sehr ergreift Baudelaire die\nPartei des Unvollkommenen, dass er sich gegen\ndie Vollkommenheit wendet. Er verwirft das\nBild all dessen, was rein, unbeweglich, unbeug-\nsam ist. Er zieht das müde Feuer, das uns ver-\nzehrt, der unbeweglichen Härte des Idealen vor :\n, Car Aeusse avec ferveur ton noble corps.\nEt depüis tes pieds frais jusqu'ä tes noires\ntresses\nDeroule le tresor des profondes caresses,\nSi, quelque soir, d'un pleur obtenu sans effort\nTu pouvais seulement, ö reine des cruelles!\nObscurcir la splendeur de tes froides pru-\nnelles.\n(„Une nuit que j'etais pres d'une Juive affreuse,\n133)\nKonnten wir in diesen gemessenen Versen, die\neine ruhige, listige Seele zu leiten schien, vermuten,\nwelcher Geheimnisse Mitwisser wir am Ende ge-\nworden wären, da wir ihnen Gehör schenkten?\nAber wir können nicht mehr entschlüpfen. Die\ngrößten Leidenschaften haben sich in uns festge-\nsetzt, so groß, so weit, so erschöpfend, daß sie sich\nwidersprechen. Unsere ganze Seele mit der Hef-\ntigkeit ihrer unvermuteten, mannigfaltigen Liebe\nhat Baudelaire uns selbst gegenüber empfindsam\ngemacht. Es ist möglich, daß dieses Geschenk\nschwer ist und daß Mut dazu gehört, es zu er-\ntragen. Diese Poesie beruhigt nicht; sie ist nicht\nvoller Illusionen. Aber sie richtet sich an all die,\nfür die nichts schöner ist, als ihr Herz zu kennen,\nstatt es in sich lasten zu fühlen. Oft werde ich der\nStimme dieses weisen, verzweifelten Engels\nlauschen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c006", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "169", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.5.1", "titre_corps": "Richter-Berlin: Originalholzsehnitt", "titre_sommaire": "Richter-Berlin: Originalholzsehnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 35, "texte": "Richter-Berlin: Originalholzsehnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c007", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "170", "page_fin": "170", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.6", "titre_corps": "Die arabischen Tänze der Yve und Vera Landrin", "titre_sommaire": "Die arabischen Tänze der Yve und Vera Landrin", "signature_source": "Paul Zech", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.6", "debut_caractere": 3740, "fin_caractere_exclue": 7070, "texte": "Die arabischen Tänze\nder Yve und Vera Landrin\nPaul Zech\nDiese beiden umwegig choreographisch kulti-\nvierten Damen haben die blasse Kühle des Abend-\nlandes. Reizvolle Draperien neben der schönen\nGeste und der gebändigten Linie der Salonattrak-\ntion. Das fischige Blut der fiebernden Erregung\nströmt nur in die vorm Spiegel rhythmisierten\nArm- und Beingelenkigkeiten. Herz und Hirn\nbleiben Pose, die kulissenhaft wirkt und in der\nBefürchtung, daß das verhüllende Mieder spränge,\nGemessenheit vortäuscht, wo Leere gähnt.\nWenn Else Lasker-Schüler in den Nächten (der\nTino von Bagdad uns den Tanz in der Moschee\nkreiert, so flutet »das Blut aus dem Herzinnern\ndes seelischen Erlebnisses über zur suggestiven\nVitalität: „Immer wiegen meinen Lenden meinen\nLeib, wie einen dunkelgoldenen Stern. — Ein Stern\nist mein Leib — streckt sich vipernhaft schnell,\nund in den Steinring meines Ohrs verfängt sich\nmein Tanz. Machmede machen.'4\nDie Schwestern Landrin tanzen photographisch.\nKostüme und federnde Gelenkigkeit sausen vor-\nüber wie eine Parforcejagd im Film. Schön fri-\nsierte Bildlichkeit ist das ganze Ereignis. Nicht\nmehr. Schieiernde Draperie, schielendes: o, sieh,\nmein gepflegtes Wadenweiß, die edle, klassi-\nzistische Geste. Das „Arabische\" ist mehr oder\nweniger ein plakathafter Nimbus sezessionistischer\nArt. Die Landrins folgen den Spuren der soge-\nnannten Reformer, als da sind: Ruth St. Denis,\nDuncan und andere.\nVerehrte Damen europäischer Blutkühle, warum\ntanzen Sie nicht den Erntereigen unter der Dorf-\nlinde oder das amoröse Getändel im Casinoball?\nArabisch tanzen heißt: morgenländische Erleb-\nnisse tanzrhythmisch widerzuspiegeln. Allerdings\nnicht das Erlebnis der staunenden Kultivierten,\nsondern seelische Entrücktheit der Handelnden.\nSublimierung, Photographie, ist noch lange nicht\nKomprimitierurig lebendigsten Odems.\nTrotzdem muß ich sagen, daß von den Friseur-\nkünsten arabischer Stofflichkeit, wie sie die Schwe-\nstern Landrin glaubhaft sicher interpretieren, der\nSchwertertanz und der beschließende Groteskwurf\ndem Auge einen Wohlgefälligkeitsdusel einflößen.\nNun ist aber das Schmelzende, Schmalzige der Be-\ngleitmusik ebenso blaßblütig arabisch, wie das in-\nfernalische Weiß (sonstwie vielleicht höher stim-\nmungsvoll) der Zuschauerzitadelle. In diesem\nFalle war ich mehr für das Beduinenlagerhaus\nunter dem endlosen Sternhimmel der Sinaiwüste.\nUnd so blieb die Seele der fröstelnd Beteilig-\nten unberührt, und das schöne Spielerische des\nTanzes zog vorüber wie ein ekler Wolkenschat-\nten über Frühlingswiesen. Nicht einmal jene Um-\nformung der Rilkeschen Tänzerin (das dortig Spa-\nnische ist immerhin assimiliertes Gefühl) ließ sich\nklären aus den Landrintänzen in der Identifizierung\nmit arabischer Plastizität wie ich sie kenne aus\ndeim eingangs erwähnten: „Ich tanze in der Mo-\nschee\" von Else Lasker-Schiiler.\nPräzisieren wir kurz den Wert solcher Tänze\nüberhaupt, so hat man allerhöchstens den nebeln-\nden Umriß jener Uebersetzungskünste wie sie\nmäßige Lyriker am undefinierbaren Sinn der chi-\nnesischen und persischen Kunst ohnmächtig prob-\nten. Werte, die durch das dreifache Yerwässe-\nrungsgeschäft profitierender Hände nur die bare\nStofflichkeit bloßlegen, aber nichts vom Rhythmus\nder morgenländischen Seele auffangen. Gutgelun-\ngene Kopien, ohne die Suggestionsgewait des glu-\ntenden Originals."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c008", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "170", "page_fin": "171", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.7", "titre_corps": "Einakter von Strindberg", "titre_sommaire": "Einakter von Strindberg", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.6", "debut_caractere": 7072, "fin_caractere_exclue": 9323, "texte": "Einakter von Strindberg\n\nHerrn Lantz, Herrn Adolf Lantz schulde ich\neine Reverenz. Er sitzt zwar nicht mehr im C. d.\nW., ich auch nicht — (vielleicht sitzt er also -doch\nda) — aher er hat es neulich gut gemacht am\nSchiffbauerdamm, getreu ider guten Tradition die-\nses Cafes (die schlechten Traditionen sind an\ndie Wand des Lokals gemalt, neben der Telephon-\nzelle, über Meyers Konversationslexikon). Man\nkann Theaterdirektor sein und gute Stücke gut\nherausbringen: für diese Monstrosität schulde ich\nHerrn Adolf Lantz eine Reverenz.\nDie Klassiker (Egmont) gehören ein für allemal\nauf die Denkmäler und in den Grunewald, an die\nfrische Luft. (Reinhardt wird sich freuen; aber\ndieser mistet nur systematisch seine philologisch\nverblödete Umwelt aus.) Was den verflossenen\nWolf gang Goethe anlangt, so wissen wir, dai ihn\nErich Schmidt trefflich interpretiert, und damit soll\nman ihn auf sich beruhen lassen. Und nun August\nStrindberg. Nach dem Olympier (!) diese beiden\nEinakter (ich hörte: „Mit dem Feuer spielen4' und\n„Gläubiger\"), diese zerreißende Musik, diese See-\nlenspannung unter zweihundert Atmosphären\nDruck, diese herrische Beherrschtheit. Ich gehe\nschon seit langen Jahren nicht freiwillig ins Thea-\nter, begnüge mich mit Kino, Zirkus und Kammer-\nmusik, ging auch in gewissem Hinblick nicht frei-\nwillig zu Strindberg, aber dieser Abend füllt breit,\nsatt und sättigend die theatralische Leere all dieser\nlangen Jahre aus. Er legt sich schwer über das\nUnterhaltsame, Spannende, Geistreiche der Abende\ndieser Jahre und drückt sie, quetscht sie, walzt sie\nzu einer papierdünnen Scheibe zusammen. Aus\ndiesen Stücken ruft eine Stimme — es gibt nur eine\neinzige Stimme, die ich dieser vergleiche, die\nDostojewskis, des Dichters der „Brüder Karama-\nsow\" und des „Idioten\", eine einzige Stimme in der\nWeltliteratur, soweit ich sie kenne. Es ist zum\nLachen und es ist zum Rasendwerden, daß unsere\nletzten Jahrzehnte, die diese ungeheuren Dichter\nhervorgebracht haben, sich verpflichtet fühlen, auf\nSchöngeister, Phraseure, Aufklärlinge zurückzu-\ngreifen, auf töte Menschen, totgeborene Menschen.\nEs zeugt dringend gegen diese Zeit, die viel, zu viel\nfür Krieg, Wissenschaft, Aeroplane übrig hat. Völ-\nker und Staaten werden untergehen, die sogenannte"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1221, "texte": "Kultur wird ihre fragwürdigen Fortschritte machen\n— und die Erde wird schwer daran zu tun haben,\nnoch einmal ein Geschöpf wie Strindberg zu gebä-\nren. Strinidberg hat nicht den psychologischen Blick\nvertieft wie ider Russe; man muß an der staats-\nbürgerlichen Glaubwürdigkeit seiner Personen mit\nZola oft zweifeln. Aber hinter dem gröbsten Irr-\ntum, der absurdesten Linienführung seiner Stücke\nbrennt die fixsternsichere Wahrheit, die Unverrück-\nbarkeit des intensiven Erlebnisses. Der sinnfäl-\nligste Fehler Strindbergs, Mystik, Aberglaube, Pa-\nranoia eingeschlossen nimmt es an Lebenstüchtig-\nkeit und Kraft mit jeder Sechzig-Zentimeter-Panzer-\nplatte auf. Dies ist es, wenn ich es auf eine kleine\nFormel bringen soll: die Werke sind im Angesicht\ndes ewigen Todes geschrieben. Ihr Ernst wiegt\njede Kirchhofstraurigkeit, Komödientragik langer\nZeitalter auf.\nZwei Einakter also dieses kaum vergleichlichen\nMiannes hat Herr Lantz neulich gebracht. Es\nwurde, so schien es mir, vortrefflich, teilweise vor-\nbildlich gespielt. Es fällt mir nicht ein, hier zu\nschnüffeln und Details auseinander zu zerren, das\nUrteil bei diesem Spieler zu verstärken, bei jenem\nabzuschwächen. Ich fand: die Stücke saßen bei\nmir.\n\nAlfred Döblin"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c009", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "171", "page_fin": "171", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.8", "titre_corps": "Vom Altphrasenhandel : Was sind Spitzen?", "titre_sommaire": "Vom Altphrasenhandel : Was sind Spitzen?", "signature_source": "Joseph Adler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.7", "debut_caractere": 1223, "fin_caractere_exclue": 8585, "texte": "Vom Altphrasenhandel\nWas sind Spitzen?\nJoseph Adler\nMan muß die Sünden des Feuilletonismus in\neiner Sonntagsnummer der Morgenpost heimsuchen\nbis in die siebente und achte Beilage. Dort be-\nkommt über einem Strich, getrennt von der Hoch-\nflut fetter Inserate, der eifrige Leser eßlöffelweise\nalle die köstlichen Tropfen verabfolgt, die unsere\nmoderne Publizistik zur Hebung der Allgemein-\nbildung der Wissenschaft im Bette des guten An-\nrechts abringt. Technische Plaudereien, natur-\nwissenschaftliche Betrachtungen sehr gemeinver-\nständlicher Art, gefällige Ueberblicke statistischer\nNatur, leichtfüßige Wanderungen für jedermann\ndurch die Sternenwelt und Lesestücke über allerlei\nWissenswertes lösen sich dort ab, Wand an Wand\nmit den großen und den größten Inseraten. Auf\nGrund einer zuverlässigen Auskunft, die das\nUmversal-Lexikon bereitwillig gibt, bereichert sich\nder Feuilletonspekulant an der Unwissenheit der\nMasse — indem er, man weiß es, aus den großen\nGeldstücken die handlichen Kleinmünzen macht.\nEr schlägt aus dem Kapital, den Schätzen der Wis-\nsenschaften Kupfer, und er trägt es ins Volk; aber\nwas er schreibt, ist Blech. Da ist ein Wiener\nFeuilletonist, der in London lebt und sich S i 1\nV a r a nennt. Der Wiener Pseudononymus in Lon-\ndon schreibt für Berlin über alles: Es ist nichts,\nWorüber er noch nicht geseihrieben hat. Oder:\nWorüber er auch schon geschrieben hat, es ist\nnichts. Der schreckliche Zusammenstoß eines gro-\nßen Ozeandampfers mit einem Eisberg läßt mich\nkalt, wenn sich Sil Vara in einem Feuilleton daran\nwärmt, Auch möchte ich einer rasenden Suffragette\num den Hals fallen, sehe ich, wie sich einer mit zah-\nmen, abgelegten und abgelebten Phrasen gegen sie\nkehrt. Vier WTochen Londoner Regenwetter kann\nnicht langweiliger sein als ein Feuilleton darüber:\nein Lappen Melancholie, über ein Gerippe aus hohlen\nBetrachtungen gespannt. Aber Elle (Vara heißt die\nspanische Elle) hat seine Größe auch an einer kur-\nzen Geschichte der Spitze gemessen. Duftig, 'ga-\nlant, lyrisch — jeder Zoll ein Sclimock.\nWas sind Spitzen, fragt er kurz, aber die Antwort\nist lang, die er sich darauf gibt. Und langwierig.\nUnsere Neugierde ist geweckt:\n„Spitzen sind gewebte Musik, genähte Lieder\nohne Worte, mit einem F ili g r an organismus, den ein\nlieblicher Rhythmus durchzieht. Leicht, fast un-\nkörperlich, zierlich, luftig, duftig, ein Hauch, sind\nsie wie der weiße Niederschlag einer graziösen\n-Melodie, einer Gavotte im alten Stil, deren getra-\ngene, vornehme Heiterkeit, matt verschleiert, die\nAhnung süßer Rokokodüfte birgt.\nSpitzen sind Liebesgedichte, die um das Haupt\nund die Schultern schöner Damen geschlungen wer-\nden, kunstvoll gesetzt schmeichelnde, halblaute\nWorte, die das Leiseste, Innigste flüstern, das die\nVerführung erfinden kann. Wie erglüht auch die\nrosige Haut der Geschmückten — o, das wissen die\nFrauen — unter dem schmiegsamen Netz dieser\nschneeigen Verse! Sie hüllen sie ein in sanfter Um-\narmung, preisen und erhöhen, wie jeder rechte\nMinnesang, die Reize der Gebieterin und umschlie-\nßen zärtlich ihre Glieder in einem WTolkenkuß . . .\nSpitzen sind Kulturmuster, Höhepunkte, Pointen,\nAusläufer des Schönheitsreichtums eines Volkes.4'\nDie höchsen Spitzen in der zerklüfteten Ge-\nbirgswelt des Schönheitsreichtums der Völker hal-\nten die Höhenschmöcke besetzt. Sie jodeln Phra-\nsen und juchzen in Adjektiven. In Sturzbächen trü-\nber Druckerschwärze schwatzen sie in die Spalten\nder Blätter dürre Feuilletonismen herab. In der\nKollektion menschlicher Errungenschaften hebt der\nSuperlativenhausierer die Spitze als Kulturmuster\nhervor. Auch hört er „aus ihren Arabeskenwellen\nund den geometrischen Figuren die Zwirnfaden-\nstimmen ihrer Heimat zirpen, die Tamburin-\nklänge von Arabien, Indien und Bysanz, Aus jenen\nGegenden schlang sich das fein gedrehte Flachs-\nhaar über Griechenland und Zypern, westlich nach\nMailand, Genua und Spanien, um dann in wunder-\nbaren kontrapunktischen Verknotungen nord- und\nostwärts nach Brabant, ins Venetianische und nach\nAlbion zu greifen, bis zu den grünen Küsten der\nSmaragdinsel, nach Irland.\"\nWürgende Phantasie. Luft! Hilfe! Endlich.\nKüste. Smaragdinsel. Mumpitz. Unecht. Täu-\nschung. Zurück! „Wie lockiger Meerschaum, wie\nweißer Gischt auf dunklen Wasserkanten, so wogt\nder zarte Luxus durch die Welt.\"\nSie wogt, er wägt. „Sie ist der Frauen ewiger\nStolz und ihre beste Folie, die gefälligste Dienerin\ntund schönste Geliebte, und nur für ein Jahrhundert\nhat sie treulos — cosi fan tutte — sich auch Män-\nnern hingegeben; hat sich ilhnen (in großen Krau-\nsen) an den Hals geworfen, ihnen die Hände und\nden Saum der Gewänder geküßt. Dann ist sie\nreuig wiederum zur Frau zurückgekehrt . . .\"\nEin Jahrhundert lang hat sie sich auch den Män-\nnern hingegeben. Auch. Schöne Schweinerei das.\n„Stets fällt ihre Schätzung erst, wenn auch der\nKultus der Frau sinkt. In grauen, nüchternen Ta-\ngen, in Puritanerzeiten oder wenn der Krieg brüllt\nund der Mann mir was wert ist — da verküm-\nmert sie und kränkelt.44 —\nDie Darne Spitze kränkelt in Puritanerzeiten.\nSie kränkelt. Nicht: daß die Konjunktur für sie un-\ngünstig wäre; sie kränkelt. Die Frauen der Wilden\ntragen sie nicht. Und sie haben auch unter keinem\nKultus zu leiden, und ihre Männer sind auch in\nFriedenszeiten etwas wert.\n„Aber der Aufwand, der in Passementen, Bor-\nderien, Tressen, Litzen, Spitzen, in Ueberladung\nder Kostüme oft betrieben wurde hatte wiederholt\nzur Folge, daß Gesetze erlassen worden, die das\nTragen dieser Kostspieligkeiten, freilich meist ohne\nErfolg, strengstens untersagten. Aber zwei Jahr-\nhunderte später hätte die Dame „Spitze\" tatsäch-\nlich Gelegenheit und Anlaß gehabt, ihre Rechte zu\nverteidigen und sich zu erheben. Doch sie tat es\nnicht, stacli nicht tun sich und siegte dennoch wie\nein verwöhntes hübsches Kind. Das war, als man\nvermeinte, ihren Hochmut brechen zu können, als\nnämlich die Maschine kam, als sie ihr demokra-\ntisches Zeitalter erlebte und ganz prosaisch engros\nfabriziert wurde. Sie ließ es lächelnd ruhig ge-\nschehen und gab das mechanisch erzeugte Gewebe\nmit Patriziergebärde preis. Sie wußte ja: die Glo-\nriole, die Bewunderung, der Wert, der Vorzug ge-\nbührte immer nur der Handarbeit. Sie blieb\ndort, wo sie kongeniales Wesen spürte\nund sagte in hochnäsiger Arroganz: Ich gehöre\nzu den „S p i t z e n\". — — Eine Eitle! — Sie\nvergaß dabei, woher sie stammte, vergaß die bie-\ndere Bauernherkunft und vergaß, daß sie in langen\nWinternächten aus Sorgen und dem Schweiß der\nArmen geboren wurde. Sie ist ein strebsamer\nEmporkömmling, ein Sonntagskind, das sich der\nrauhen Arbeitshände seiner Eltern schämt und\nihnen, wo es kann, in weitem Bogen ausweicht; sie\nwill immer auf den Höhen des Lebens\ngehen, vonPrunk und G1 a n z umgebe n.\"\nDer Höhepunkt des Schönheitsreichtums eines\nVolkes will auf den Höhen des Lebens gehn.\n„Ein undankbares Geschöpf ist sie, das ihre\nPflegemutter schlecht entlohnt, eine elegante, aber\nungeratene Tochter, die sich am liebsten nur\ndem reichen Liebhaber verkauft!...\nDas muß gesagt werden, um endlich einmal auch\ndie Spitze gegen die Spitze zu kehren.44\nHier wurde des Blödsinns ganze Niedrigkeit\nüber die Spitze verbreitet. Ein Tagesschriftsteller\nwollte die Psyche eines kulturellen Höhepunktes\nergründen, eines Artikels, der mit dem weiblichem\nGeschlecht nur diesen gemein hat, und in Wirk-\nlichkeit hat ein Kommis mit dem Weibe abge-\nrechnet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c010", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "171", "page_fin": "171", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.9", "titre_corps": "Empfohlene Bücher", "titre_sommaire": "Empfohlene Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.7", "debut_caractere": 8587, "fin_caractere_exclue": 9298, "texte": "Empfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier aicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nSamuel L u b 1 i n s k i\nTeresa und Wolfgang / Novelle\nDas erste Buch der Bücherei Maiandros / eine\nZeitschrift von sechzig zu sechzig Tagen\nBerlin-Wilmersdorf / Verlag Paul Kjnorr\nKarl Kraus\nDie chinesische Mauer ,/ Essays\nHeine und die Folgen / Essay\nPro domo et mundo / Aphorismen\nMünchen / Verlag Albert Langen\nI Poeti Futuristi\nAnthologie / Mit einer Einleitung von F. T. Ma-\nrinetti und einer Studie über den Freien Vers\nvon Paolo Buzzi\nMailand / Edizioni Futuriste di ,,Poesiau"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c011", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "172", "page_fin": "172", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.10", "titre_corps": "Notizen", "titre_sommaire": "Notizen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 367, "texte": "Notizen\nDer Herausgeber dieser Zeitschrift empfängt ein-\nmal monatlich Sonntags von 4 bis 7 Uhr in »der\nAusstellung Der Sturm, Königin Augustastraße 51.\nIm Oktober: am dreizehnten des Monats.\nWegen Einladungen wende man sich an die Redak-\ntion dieser Zeitschrift\nRichter-Berlin, von dem sich ein Holzschnitt in\ndieser Nummer befindet, ist Mitglied der Neuen\nSezession"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c012", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "172", "page_fin": "172", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.8", "debut_caractere": 928, "fin_caractere_exclue": 1276, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nBerlin W / Konlgin AugustastraBe 51\ngegenuber der von der fieydtstraBe\nFahrgefegenheit: Liitzowplatz\nSiebente Ausstellung\nWassily Kandinsky\nErste KollektivaussteSlnag mit Gemaldea aus den\nJahreii 1901 bis 1912\nVon zweiten bis dreizigsten Oktober\nGeoffnet tagiich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n10—2 Uhr"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c013", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "172", "page_fin": "172", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.8", "debut_caractere": 1278, "fin_caractere_exclue": 1384, "texte": "Verlag der Sturm\nBerfm W 9. 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Die Fackel enth&it\nnur Beitrage von Karl Kraus. Neueste Nummer\n354—356. Inhalt: WeiBe Frau und schwarzer\nMann / Glossen / Die Kunst verbindet / Gios-\nsen / Die Kinder der Zeit / Preis dieser drei-\nfachen Nummer 75 Pfennig / Verlag Die Fackel /\nWien III/2.\nL'Effort Libre / frtiher L'Effort / Monatsschrift /\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne].\nI Halbmonatsschrift / Kunste /\nKultur I Philosophie / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift [ Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue FranQaise / Monatsschrift /\nVerlag Marcel Riviere et Cie / Paris / 1 Rue\nSaint-Benoit / Nummer 1 Francs 50 centimes\nLes Cahiers du Centre / Moulins [Allier]\nSaturn / Eine Monatsschrift fur Belletristik, Kritik,\nLyrik und SchwarzweiBkunst / Herausgegeben von\nHermann Meister und Herbert GroBberger / Sa-\nturnverlag Hermann Meister, Heidelberg"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c017", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "172", "page_fin": "172", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.8", "debut_caractere": 5208, "fin_caractere_exclue": 5216, "texte": "Anzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-02-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_02#c018", "volume": "bmtnabg_1912-10_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "172", "page_fin": "172", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.8", "debut_caractere": 5218, "fin_caractere_exclue": 7676, "texte": "Else Lasker-Schiiler: Mein Herz / Ein Liebes-\nroman mit Bildern und wirklich lebenden Men-\nschen / Das Buch erscheint im Herbst, kostet ge-\nheftet drei Mark, gebunden vier Mark. Prospekte\nkostenlos durch den Verlag H e i n r i c h F. S.\nBachmair, M u n c h e n , KurfiirstenstraBe 39\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Verein\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\nerhalten jahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 /\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark.\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 2699\nGraphisches Kabinett Buch- und Kunsthandlung /\nBerlin W 15, Kurfiirstendamm 33, Eingang Grol-\nmanstraBe / Eckhaus / Fernruf Amt Charlottenburg\n14297 I Der Inhaber des Qraphischen Kabinetts\nJ. B. Neumann eroffnet in der SchillerstraBe 6 (am\nKnie) eine Ausstellung flir die neue Malerei. In ihr\nsollen ausschlieBlich Werke jiingerer Kiinstler ge-\nzeigt werden. Sie ist als eine Art Fortsetzung der\nInternationalen Ausstellung des Sonderbunds zu\nKoln im kleineren MaBstab gedacht\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biloher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung / Oktober-\nausstellung: Alfred Kubin und sein Werk / Origi-\nnalzeichnungen / Originalradierungen / Lithogra-\nphien und Drucke etc. Kjubins / Soeben erschien\nAntiquariatskatalog 30: Kunstblatter / Illustrierte\nBiicher / Bibliophile Publikationen / Versand un~\nberechnet.\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat / PotsdamerstraBe 118 c. Fern9pr«cher Ami\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen iiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldufigen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur.\nFritz Merker Charlottenburg, Schillerstrafie 94.\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartout-\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Auf-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Bucheinbande\nTitania-Schreibmaschlne / Erste deutsche Schreib-\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern /\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Gcnest,\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fiir Berlin\nund die Mark Brandenburg: Louis Stangcn,\nLinkstraBe 12. Telefon: Amt Kurfiirst 2425"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.1", "texte": "Umfang; acht Selten\nEinzelbezug: 2o Pfennig\nDER STURM\nFÜR KULTUR KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W 9 / Potsdamer Straße 18\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungsräume\nBerlin W / Königin Augustastr. 51\nDRITTER JAHRGANG\nBERLIN OKTOBER 1912\nNUMMER 130\n\nInhalt:\nH, W.: Kunst und Literatur: Die zertrümmerte Form / Der Engel auf Erden / Der Engel im Himmel / Das literarische Frankfurt /\nVerlegerdünkel / Verlegerdünkel / Julius Wolff der Romantiker / Karl Borromäiis Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden ../ Jacques Riv&re:\nBaudelaire / Paul Zech: Die arabischen Tänze der Yve und Vera Landrin / Alfred Döbiia: Einakter von Strindberg / Joseph Adler: Vom Altphrasen-\nhandel / Empfohlene Bücher / W. Kandinsky: Zeichnung / Richter-Berlin: Originalholzschaitt\n\nW. Kandinsky: Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.2", "texte": "Kunst und Literatur\n\nDie zertrümmerte Form\nDie Glockengießervorsteillingen der Kunstkri-\ntiker belustigen immer wieder. Sie haben das\nklare lyrische Schema für die Malerei gefunden:\n„Wohl, nun kann der Guß beginnen, schön ge-\nzacket ist der Bruch.\" Ohne diese Form keine\nKunst. Herr C. G. wird deshalb in der Frankfurter\nZeitung ganz trübsinnig: „Die Zertrümmerung aller\nForm, wie sie die neueste Malerei uns gebracht hat,\nist mehr als eine bloße Extravaganz, die nur die-\njenigen angeht, die ihr huldigen.\" Selbst Künstler,\ndie schon von der Frankfurter Zeitung anerkannt\nwaren, „huldigen\" jetzt der Extravaganz. Das tut\nzum Beispiel Franz Marc: Früher, sagt Herr\nC. G., stand es um ihn besser. Denn „die Kunst\ndes Münchners Franz Marc schien völlig in\nihrer E i g e n a r t zu beruhen\". Diese Definition\nist ebenso tief wie eigenartig. „Zwei Elemente\nwaren in ihr wirksam, ein sicheres Lebensgefühl\n.und eine ins Weite strebende Farbenlust.\" Diese\nElemente wirkten in der Eigenart. Offenbar hat\nihn die ins Weite strebende Farbenlust zur Extra-\nvaganz geleitet. Die Folge: „Jetzt aber hat sich\ndas Verhältnis vollkommen geändert; und das\nFormgebende der Kunst, das Lebensgefühl, ist\nvöllig untergegangen im farbigen Element und\nFarbspielereien sind das Ergebnis.\" Weil Herr\nC. G. das Lebensgefühl in den Bildern von Franz\nMarc nicht fassen kann, behauptet er, daß es un-\ntergegangen ist. Seine Augen können nicht unter\nder Oberfläche sehen. Er sieht, was er kennt. Was\ner nicht kennt, ist einfach nicht vorhanden. Herr\nC. G. bewegt sich in der Familie. Nur keine frem-\nden Gesichter. Und nur keine fremden Gesichte.\nDie leben vielleicht nicht einmal. Und freudig wirft\nsich Herr C. G. einem Herrn Charles Camoin an\ndie lebendig vorhandene Brust. Deshalb wirkt Herr\nCamoin „wohltuend\": „Diese Kunst hat Form, mag\ndiese Form auch nicht von innen heraus bestimmt,\nsondern von fremder Kunstübung übernommen\nsein — ein Kunstgewerbe edelster Art, das niemals\nden Zusammenhang mit dem Leben verliert.\" Herr\nCamoin bleibt bei fremden Leisten und nährt damit\nseinen Kritiker redlich. Ein alter Stiefel in der\nFamilie, schön gezacket ist der Bruch. Vom Vater\nererbt und vom Sohn billig erworben. Und er ver-\nbindet Leben mit Leben.\nDer Engel auf Erden\nDer „Drache Großberlin\" verschlingt ihn nicht,\naber mit Entsetzen wirft sich ihm der durchaus\nbrave Fritz Engel in den Rachen, Was wird er\nalles wieder aushalten müssen. Was werden wir\nvon ihm wieder alles aushalten müssen. Die\n„Saison44 längt gut an, nämlich lyrisch. Er möchte,\naber er kann nicht:\nUnd ich will flieh'n und kann nicht ...\nDie drei Punkte und der Apostroph halten ihn\nbeim Dichten nicht auf. Folgendes stecht ihm be-\nvor:\nIhr sollt mir vor lauter Hochkultur\nWie Asthmatiker keuchen —\nWas irgend nagelneu ist nur\nIch will euch dazwischenscheuchen,\nIns „nie noch Dagewesene44\nWill ich euch täglich pressen.\nIns völlig Auserlesene,\nWas morgen schon wieder vergessen.\nIch laß euch Bilder und Plastiken\nZehntausend gleich auftischen,\nMit einem Blick, einem hastigen,\nMüßt ihr sie alle erwischen.\nIch führ' euch in hundert Konzerte hinein\nZu Neutönern und neuesten Tönern,\nIhr sollt nur unter entsetzlicher Pein\nDas Dasein euch verschönern.\nAber ohne Herrn Engel wäre die entsetzliche\nPein des Daseins nicht auszuhalten.\nDer Engel im Himmel\nHerrn Q eorg Engel ist seine Erde zu banal.\nMan kann ihm das ohne weiteres glauben. Deshalb\nteilt er der Fachzeitschrift „Vereinigte Tabakzei-\ntungen\" mit, auf welche Weise er sich über die\nErde erheben kann. Nicht ohne daß die Vereinigten\nTabakzeitungen ihn unter „die führenden Männer\nunserer Zeit auf geistigem und künstlerischem Ge-\nbiet\" ve r s e t z t hat. (Die übrigen Führer unserer\nZeit sind die Herren Jean G i 1 b e r t, Paul Knüpfer,\nAlexander Moszkowsky, Arnold Rieck,\nRoda Ro d a, Otto Sommerstorff, Julius S t e t-\nt e n h e i m. Man begreift, weshalb man jetzt auf\nErden so schlecht fährt.) Die Vereinigten Tabak-\nzeitungen wollten gern wissen, was die Kutscher\nrauchen, ob sie rauchen und ob sie sich durch das\nRauchen „angeregt\" fühlen. Sie rauchen alle. Zum\nTeil Zigaretten, zum Teil Zigarren. Und Herr\nGeorgEngel fühlt sich schon durch die Anfrage\nder Vereinigten Tabakzeitungen sehr „angeregt\":\n„Auf Ihre Umfrage bezüglich meiner Empfin-\ndungen beim Rauchgenuß erwidere ich Ihnen\nfolgendes:\nZigaretten rauch1 ich und Zigarren,\nUnd wenn die Wölkchen sich zur Decke heben,\nFühl' ich auf lichten Flügeln mich entschweben,\nEnteilend dieser Welt von bunten Narren,\nUnd zur Gemeinschaft höh'rer Geister streben.\nGeorg Engel, Berlin\nBezüglich dieser Welt von bunten Narren bleibt\neinem farblosen Bürger nichts übrig, als die Ge-\nmeinschaft höh'rer Geister zu apostrophieren. Aber\nselbst drei Apostrophe in vier Zeilen geben diesem\nEngel keine lichten- Flügel.\nDas literarische Frankfurt\nAuch Frankfurt am Main verfügt über eine\nFreie literarische Gesellschaft. Sie versendet ihr\nProgramm. An „Ordentlichen Veranstaltungen\"\ngibt es: „Unsere Fünfzigjährigen\", Vortrag von\nDr. Bruno Wille, Berlin, zur Geburtstagsfeier von\nErnst, Fulda, Hauptmann, Schlaf und\nSchnitzler. Fünf mal fünfzig Lichter werden\nfür die Geburtstagskinder angezündet, alle weib-\nlichen Mitglieder der literarischen Gesellschaft\nstiften den Dichtern eigenhändig gestickte Pan-\ntoffeln, die Herren Ernst und Fulda bedanken\nsich lyrisch und Herr Schnitzler im soignierten\nVollbart verbeugt sich mit einer weltmüden Geste.\nDie Herren Hauptmann und Schlaf haben\nihr Erscheinen abgesagt. Dafür wird „Aus eigenen\nWerken\" der Berliner Bürgermeister Herr „Dr. Gg.\nReicke\" vorlesen. Das wird ohne Zweifel eine or-\ndentliche Veranstaltung. Denn Herr „Dr. Gg.\nReicke\" ist ein ausgesprochener Gegner der\nKunst und ein ausgeschriebener Gegner der Lite-\nratur. Als „Außerordentliche Veranstaltung\" wird\ndie Aufführung einer Operette ohne Musik von\nLudwig Bauer angekündigt. Die erhebenden Ver-\nanstaltungen müssen natürlich gebührend „ein-\ngeführt\" werden. Man bekommt einen Essay „Vom\nKunstgenießen\" vorerst ins Haus geschickt. Denn\nsolche Kunst kann nicht so heiß gegessen wer-\nden. Man sollte gar nicht glauben, wie schwer es\nheutzutage das Kunstgenießen hat: „Unrast und\nUebermaß, die Zeitsymptome unsres Lebens, haben\nmehr und mehr auch dem Kunstgenießen ihren\nStempel aufgedrückt\". Diese unrechtmäßige Füh-\nrung des Stempels kann der Vorstand der literari-\nschen Gesellschaft nicht dulden. Er hat sich zwar\n„mit den ersten Maisonnenstrahlen zu den Heil-\nQuellen der Natur fluchtartig und fast übersättigt\ngestürzt\". Der Stempel hat ihm das ganze Mahl\nverdorben. Aber der Mai ist gekommen und der\nMai ist gegangen. Auch der Sommer ist gekommen\nund der Sommer ist gegangen. Nun kommt der\nHerbst. Der Vorstand fühlt sich an den Heilquel-\nlen nicht mehr wohl. . Und so ein Herbstabend ist\ngerade dazu geschaffen, um Ordentliche und Außer-\nordentliche Veranstaltungen zu planen: „Da kommt\neinmal ein trüber, kühler Abend, der uns in die\nStube zwingt. Die Lampe brennt zum ersten\nMale wieder als memento mori der scheidenden\nSonnentage.\" Dem Vorstand fallen da natürlich die\nToten in den Kopf. Denn das Wetter ist wirklich\nscheußlich: „Draußen prasselt ein herbstlicher\nRegen wider die Fensterscheiben — wir lauschen\nder eintönigen Melodie, halb im Traume noch, von\nlieblichen Waldesidyllen oder dem gewaltigen Wel-\nlenspiel des Meeres.\" Jetzt muß natürlich jemand\nzur Tür eintreten. Und sie tri 11 ein, die Saison.\nAber die Saison in Frankfurt trägt einen deutsche-\nren Namen: Die Sinfonie der hehren Winterfreuden.\nAber sie tritt nicht ein, die Sinfonie, „da g 1 e i t e t\nsie plötzlich wieder leise und verstohlen zur\nTür herein, eine längst gekannte, halb vergessene\nIllusionsgestalt\". Natürlich, wie es sich für eine\nIllusionsgestalt ziemt, im Geleit von Dichtern, die\nIllusionen des Vorstands sind. Nach soviel Lyrik\nwird der Vorstand nüchterner und sich darüber\nklar, daß er nicht weiß, was Literatur ist: „Man\nwird sich schwer einigen können, will man heute\ndas Wirkungsgebiet der literarischen Gesellschaft\nmit engen Grenzlinien umgeben; man müßte sich\nerst einmal wieder über den Begriff des Wortes\nLiteratur, der sich längst ins Allgemeine, Vielge-\ndeutete und Vielmißbrauchte verloren hat, klar zu\nwerden suchen.\" Der Vorstand wird sich aber\nnicht klar und nimmt deshalb „die Würdigung der\nFünfzigjährigen vor, ein literarisches Zeitbild, das\ngeschickt in einen Rahmen gepaßt ist und uns ganz\nim Sinne der einleitenden Ausführungen scheint.\"\nGewiß, so gut wie die Herren Ernst und Fulda\ndichtet der Vorstand in seinen Ausführungen selber.\nUnd deshalb schließt der Essay vom Kunstgenießen\nwürdig: „Stoff genug zu lohnender künstlerischer\nArbeit ist vorhanden. Möge sie ihre Früchte\ntragen!\" Wer Stoff säet, wird die Früchte ernten.\nVerlegerdünkel\nEs gibt literarische Verleger. Sie unterscheiden\nsich von unliterarischen Verlegern dadurch,\ndaß sie die Werke der Literatur gleichfalls ab-\nlehnen, aber außerdem ihre „Ansicht44 mitteilen.\nJe besser das Werk ist, desto stärker wird das\n„verlegerische Bedenken\" und die „verlegerische\nVernunft\". Ich will den Herren zum kritischen\nNachruhm helfen. Man sende mir solche Briefe.\nHier ist der zweite:\n„Was ich Ihnen schon früher schrieb, kann ich\nIhnen heute nur wiederholen: Daß mir Ihre Ar-\nbeiten das größte Interesse einflößten imd ich den\nhöchsten Respekt vor Ihren Absichten, Zielen und\nauch dem, was schon in den vorliegenden Arbeiten\nerreicht ist, habe. Aber neben diesem persönlichen\nUrteil habe ich die stärksten veriegerischen Be-\ndenken, die ich Ihnen nicht verschweigen will. Der\nRoman sowie die philosophische Abhandlung (dein\nEinakter legen Sie wohl selbst weniger Wichtig-\nkeit bei) gehören zur schwersten Lektüre,\ndie m i r seit längerer Zeit vorlag. Und das macht\n— verzeihen Sie meine Offenheit — die Bücher\neinfach unverkäuflich nach meinem Dafürhalten."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.3", "texte": "Bei wenigen Büchern, die mir jetzt angeboten\nwurden, stand mein persönliches Oe-\nse h m a c k s u r t e i 1 so lebhaft im Wider-\nspruch zur Verleger ischen Vernunft\nund ich gestehe gern, daß mir die Ablehnung schwer\nfällt. Wenn ich überhaupt bei Ihrem übrigen künst-\nlerisch so überaus interessanten Roman noch sagen\ndarf, was mich nicht ganz befriedigt, so ist es dies:\nDaß er —■ selbstverständlich im ernsten künstleri-\nschen Sinn genommen — nicht eigentlich span-\nnend ist. Ich imeine dieses „spannend'4 in einer\nArt, wie es schließlich eben doch jeder Roman\nm. E. sein müßte, um auch einen Leser von Kultur\nzu fesseln.\"\nJulius Wolff der Romantiker\nIn einer alten Nummer der Zeitschrift Boden-\nreform vom 20. Juni 1910 wird der Idealisinus\nschwärmender Jugend vor Julius Wolff ge-\nwarnt :\n„Der vielgelesene Dichter Julius Wolff ist\nam dritten Juni gestorben. Das würde uns an die-\nser Stelle nicht berühren; denn seine „süßen Lie-\nder\" sind nie tief in soziale Probleme eingedrungen.\nWas uns hier nur interessiert, ist die irreführende\nNachricht der Presse, die den Reichtum dieses\nMannes lediglich als einen Erfolg seines dichteri-\nschen Schaffens hinstellt. Das ist geeignet, den Idea-\nlismus schwärmender Jugend auf Irrwege zu füh-\nren, und deshalb soll hier ruhig ausgesprochen wer-\nden, daß Julius Wolff in der gewerbsmäßi-\ngen Terrainspekulation stand. Er saß im\nVorstand des sogenannten Charlottenburger Bau-\nvereins, einer reinen Terraingesellschaft. Ob er\ngeschäftlich in dieser Gesellschaft hervorragend\ntätig war, oder ob er nur als Brücke zu Schrift-\nsteller- und Journalistenkreisen dienen sollte, kann\nein Außenstehender natürlich nicht beurteilen. Daß\ndie Vertreter der organisierten Terrainspekulation\nWert auf gute Beziehungen zur Presse legen, ist\nja leicht verständlich.4'\nMan kann natürlich Terrainspekulant sein und\ntrotzdem mit „Epen\" auch Geld verdienen. Amü-\nsant bleibt die Angelegenheit jedenfalls doch.\nMan wird geschoben und man schiebt.\n\nH. W.\n\nMensehen von Gottes\nGnaden\nAus den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant Mie\nville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.\nVon Karl Borromäus Heinrich\nUm es vorneweg zu sagen: wenn alle Gefällig-\nkeiten, die Ludwig Schlagintweit, Sohn eines pen-\nsionierten Briefträgers, Fritz Freiherrn von Fran-\ngart unaufgefordert erwies; wenn alle rührenden\nZüge freundschaftlicher Besorgtheit, die an diesem\nherzlichen jungen Menschen während der Zeit\nihres Beisammenseins hervortraten; wenn alle\nGrade des Gefühls, zu denen sich seine Zuneigung\nverstieg; wenn einem das alles auf einmal gegen-\nwärtig sein könnte, und man vergliche hiermit jene\nmonotone, jederzeit beherrschte Sympathie, mit der\nBaron Frangart, zuweilen bei sich selbst, seltener\nschon mit freundlichen Blicken, mit Worten voll-\nends nur darin und wann, stets aber kärglich Lud-\nwig Schlagintweit dankte, — so möchte man wie-\nderum mit einem Vergleich sagen, daß der mit einem\ngoldenen Kelch Beschenkte einen irdenen Krug als\nGegengeschenk gegeben habe. Aber so einfach ist die\nRechnung nicht. Man muß bedenken, wie ganz von\nselbst der Eine aus sich herausging, wie er mit\nseinem allzeit offenen Herzen durch die Welt zog,\ngleichsam Gott nacheifernd, der die Sonne über\nGerechte und Ungerechte ohne Auslese scheinen\nläßt, wohingegen der Andere, zur Unterscheidung\nund Distimktion geboren und erzogen, Herzlichkeit im\nallgemeinen fast als Schmutz empfand, „weil in ihr\ndie Schranken fallen und alles durcheinanderfließt\";\nden verborgenen Reichtum seines Herzens, gemäß\ndem Ratschluß Gottes, bei sich behalten mußte\nund vielleicht so schwer daran trug wie ein Baum\nan überreifen Aepfeln, die nicht abgeschüttelt wer-\nden. Und überhaupt ist in Dingen des Gefühls alles\nUrteilen ungerecht. Dies war der Gedankengang,\nauf dem sich Ludwig Schlagintweit während seiner\nFreundschaft für Baron Frangart und auch lange\nnachher noch tröstete . . .\nSchon am ersten Tage bat er Baron Frangart.\nihn mittags nach Haus begleiten zu dürfen. Auf\ndem Wege gab er ihm Aufschluß über die einzelnen\nMitschüler, einerseits um ihn zu warnen, anderer-\nseits um ihm zu zeigen, wem er vertrauen dürfe.\n„Ich will niemand vertrauen und niemand miß-\ntrauen, ich brauche das nicht.\" — „Und trotzdem\nmüssen Sie sich vor dem Einen oder Andern in acht\nnehmen. Warum sollen Sie sich denn Scherereien\nmachen?\" — „Warum wollen Sie denn, daß ich mir\nkeine mache? — Sie !haben doch auch solche\ndurchgemacht, sonst wüßten Sie ja nichts davon.\"\n„Warum ist wurscht, Baron Frangart, warum tut\nnichts zur Sache. Ich will Ihnen nur sagen, daß\nder dicke Vordermann vor uns, Hans Gabler, zwar\neine Mittelmäßigkeit, aber auch ein windiger Schuft\nist. Und daß der Andere neben ihm, der künftige\nLeutnant Groß, an Beschränktheit von niemand\nübertroffen wird. Aber ehrlich ist er bis auf die\nKnochen, ich sage Ihnen, mich freut jedes Wort an\nihm, so gerad und unüberlegt redet er heraus. Und\ndie zwei sind Freunde, ganz unglaublich. — Dann\nin der dreißigsten Bank; rechts von uns: Müller,\nMeier und Huber; die sind nur da, weil ohne sie\ndie Bank leer stände. Tun keinem was Unrechtes\nund keinem was Rechtes. Saufen am meisten\nBier und tarocken fabelhaft. Staatsbürger, einfach\nStaatsbürger, Baron Frangart; der eine wird Geo-\nmeter, der andre Ingenieur und der dritte Archi-\ntekt, also höhere Handwerker. Wieder in der Bank\nvor ihnen: Mehlmann, dessen Verstand mit Schim-\nmel überzogenes Mehl ist; er eignet sich glänzend\nzum Juristen. Der kleine Silberstein — wie schon\nder Name sagt — der ängstlichste Mensch, den ich\nkenne; traut sich nichts zu lernen, weil er fürchtet,\nals Streber dazustehen; zahlt immer Bier, um seine\nsparsame Rasse zu verleugnen, na, einfach, feig.\nAber trotzdem nicht ganz zu verachten. Am Ende\ndieser Bank ein brutaler Schmierfink. Bitte, geben\nSie ihm nie die Hand! Er verdient sie nicht, Herr\nBaron. Hat auf dem Eis ein Mädchen irgendwie\nbesoffen gemacht und ist mit ihr hinter die Hirschau\nhinausspaziert. Damals wenn ich nicht aufgepaßt\nhätte, — ach, die billigen Mittel von dem Kerl! Er\n\"wird Ihnen sagen, daß Sie sich vor dem indiskreten\nSchlagintweit hüten sollen; ich bin nämlich zu den\nZweien hin und dem armen Ding bin ich erst an\nihrem Haus von der Seite gegangen. Gerettet . . .\nSchwamm drüber. Die zweite zweisitzige Bank\nvor uns, die müssen Sie sich merken: Der Eine\nhat ein Lachen, daß einem das Herz aufgeht, und\nes soll erwachsene Damen geben, die für ihn\nschwärmen: sagt nichts gegen ihn, er wird Bene-\ndiktiner. Und ein guter, das weiß Gott . . . Der\nneben ihm hinkt und stinkt vor Bosheit. Keine mag\nihn, er möchte sie alle, 's ist ja wahr: der größte\nTeil von unserer. ganzen Bande kann kein weib-\nliches Wesen mehr anders ansehen, — aber der,\nder notzüchtigt sie mit seinem Gegaff. Dabei\nschüchtern, winselt fortwährend um Mitleid. Ver-\ndrückt und verlogen. Aber, aber feine deutsche\nAufsätze! So was von Sprachgefühl; vielleicht\nmüssen manche Menschen gemein sein, damit ihr\nGeist ungemein wird. — Dann in der ganzen riin-\nferreihe vor diesen fünf: fünf Prachtstaatsbürger,\ndie zufällig nicht Müller heißen. Unnütze Mühe,\nsich ihre albernen Namen zu merken, einer ist wie\nder andere. Gut bin ich jedem, aber wem bin ich\ndenn nicht gut! Sogar dem kleinen Groll weiter\nvorn, 'der schon seit seiner Geburt schläft. Soll\nweiter schlafen, angenehme Ruh! Nicht wahr, Herr\nBaron? Man könnte dieses runde bambino be-\nmitleiden; vom Eis das schönste Mädchen ist ihm\ngut gewesen, hat es aber rein verschlafen.\" Baron\nFrangart legte ihm belustigt die Hand auf die\nSchulter, zog sie aber sogleich zurück: „Und wie\nist es mit Ihnen selbst?\" — „Richtig, das hätt' ich\nbeinahe vergessen! Also ich will Ihnen sagen: ich\nbin alles, nur nicht loyal. Republikaner, Demokrat,\nSozialist, Anarchist. Natürlich keines von allen,\naber solche Anfälle kann man kriegen, wenn man\nso hineinsieht wie ich. Seien Sie froh, Baron\nFrangart, daß Sie die Welt nicht kennen. Wie Sie\nsagen, Sie brauchen das nicht. Aber ich brauche\ndas, weil ich dummerweise die Menschen gern\nhab. Auch die Aristokraten, wenn ich darf . . .\nPardon, das war wieder so unvornehm direkt, —\nalso das bin ich auch. Dann bin ich etwas älter\nals die anderen: erstens, weil ich mehr gesehen\nhabe; zweitens weil mein Vater in Anbetracht sei-\nner kindischen Pension zu spät bemerkt hat, welche\nunaussprechlichen namenlosen maßlosen Talente in\nmir schlummern . . . Lachen Sie doch ein wenig,\nBaron Frangart, nur ein wenig! . . . Nicht?, nun\ndann nicht . . . Mein Vater hat diese Talente zu\nspät bemerkt und mich erst mit vierzehn Jahren\naufs Gymnasium geschickt. Vierzehn und neun\nmacht dreiundzwanzig. Also das bin ich; was sonst\nnoch, fällt mir jetzt gerade nicht ein.4'\n„Erzählen Sie mir wieder von den anderen,\nbitte — es war so amüsant!\" — „Ach, amüsant,\nna ja, ich bin eben doch ein Bajazzo, wie die an-\ndern sagen. Sie glauben das auch, Herr Baron?\"\n„Ich glaube nie etwas ,auch4 . . — „Wenn Sie\nes sagen, wird es wahr sein. Und ich mag das,\nich verehre das, ich liebe die outsider . . . Out-\nsider stehen am Anfang und am Ende einer jeden\nWelt, oder hören Sie unsern lateinischen Professor:\nSolitudo est mater omnium malorum — oh weh,\nso heißt es nicht, will sagen: Stultitia est mater\nund so weiter —\nUnd Schlagintweit erzählte Baron Frangart von\nden andern Mitschülern: von den zwei jüdischen\nVettern Eichhorn, die alle beide so unangenehm\npraktisch, aber sehr „gent\" waren; von dem künf-\ntigen Mediziner Graßmann, der schon als Junge\nin sexueller Freude die Schmetterlinge quälte und\nfür den Beruf eines Frauen- und Nervenarztes also\nalle wünschenswerte Begabung mitbrachte; von\ndem notleidenden Jehle, der seine Mutter durch\nLektionengeben ernährte, aber ein Neidhammel\nwar und nicht sehen konnte, daß es andern gut\nging. Von vier weiteren Staatsbürgern, die alle für\neinen Assessor oder Richter oder sonstigen Juristen\nnötige Weltfremdheit inklusive Mangel an Ein-\nsicht und Ueberfluß an schwammiger Bourgeosie\nbesaßen, also von natürlich ehrbaren Leuten in\nihrer Art. Von einem, der an eine verborgene Indi-\nvidualität in sich glaubte, und da man diese in\neinem privaten Landerziehungsheim nicht hatte ent-\ndecken können, nun doch lieber in einer staatlichen\nAnstalt auf ihre Entdeckung hoffte. Von dem quasi\nDandy Wörner, der alle Schülerinnen der Töchter-\nschule mit dem Vornamen ansprechen durfte, weil\nsie blöd genug waren, die Vornamen für den An-\nblick seines Schnurrbartes herauszugeben; von\n\n: Fortsetzung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.4", "texte": "einem Burschen also, der mit solchen Errungen-\nschaften eine Zeitlang sein Staatsbürgertum zu be-\nschönigen hoffte. Und von einem Dutzend .»an-\nderer Lausbuben\" die mit der Zeit ihrem Brot-\ninstinkt gemäß ihre Krippe schon finden konnten:\nder Eine beim Militär mittels reicher Partie, der\nAndere mittels sonst einer vierprozentigen Bür-\ngerstochter . . . „Aber schließlich noch gehen sie\nan, für Sie freilich nicht mehr, Herr Baron, aber\nfür mich. Nun, das heißt, auch nicht immer; aber\nwenn mich einer um etwas bittet, schlage ich es\nihm nie ab . . . Weil ich nicht kann. Sehn Sie,\nda haben wir noch einen Fehler von mir, grad zum\nSchluß; ich kann nicht anders, ich muß auf alle\nBitten ja sagen. Herrgott, bin ich dumm!\"\nSie waren an dein Hotel angekommen, wo\nBaron Frangart seine Mahlzeiten einnahm. Er sah\nmüde aus, als er sich von Schlagintweit, der ihm\ndie Hand hatte geben wollen, mit leichter Verbeu-\ngimg trennte. „Sagen Sie, Baron, wollen Sie viel-\nleicht nachmittags lieber zu Haus bleiben?\" —\n„Ja, geht denn das?\" — „Das machen wir ein-\nfach so: Ich habe Sie nach Haus begleitet, es ist\nIhnen schlecht geworden, Sie werden diesen Nach-\nmittag wohl nicht kommen. So werde ich in der\nSchule sagen. Lassen Sie mich nur machen, auf\nmeine Verantwortung. Für einen Nachmittag, das\nist das Gute, brauchen wir kein ärztliches Zeugnis.\nAlso, Sie kommen heute Nachmittag nicht?\" —\n„Nein, ich danke Ihnen, Herr Schlagintweit.\"\n—: „Auf Wiedersehen morgen!\" — „Guten Tag.\"\nBaron Frangart aß im Restaurant des Hotels,\nwo außer ihm sehr wenige Menschen speisten.\nUm drei Uhr, als er es verließ, um dank der Güte\nSchlagintweits spazieren zu gehen, senkten sich\nI r o\nbereits wieder die schweren grauen Nebel über die\nStraßen. Verstimmt rief er einen Wagen heran und\nf ! • -\nfuhr sofort nach Hause. Dort warf er sich in ein\nFauteuil und blieb bewegungslos stundenlang\nsitzen. Seine Gedanken waren nicht zu enträtseln;\nund vielleicht dachte er nichts, sondern „genügte\nSiC h einfach selbst41.\nAbends ging er in ein Konzert. Aber da eine\nDame im Reformkleid den Platz neben ihm inne-\nhatte, eine Dame, der er schon ansah, daß sie mit\nihrem „zuckenden Ich, ihrer modernen Seele, ihren\nringenden Gefühlen\" (Ausdrücken, die er mit\nSchaudern in dem Buche einer Emanzipierten ge-\nlesen hatte) seinen eventuellen Genuß stören\nwürde, entlief er noch vor Anfang des Konzerts.\nEr fuhr nach eingenommenem Diner gleich wieder\nheim, setzte sich wieder in das Fauteuil und\nträumte . . .\n\nFortsetzung: folrt\nSchluß\n\nBaudelaire\nVon Jacques Riviére\n\nUebertragung aus dem Französischen von Jean-Jacques\nDer „Spleen\" oder der „Aerger\", diese schwere,\nverzweifelte Leidenschaft, die die Temperatur ver-\njagt oder mit sich führt, ist keine einfache Me-\nlancholie, keine gewöhnliche Traurigkeit. Aber die\nSeele bäumt sich plötzlich auf; sie kann mit dem\nGewichte ihrer Unvollkommenheit nicht mehr in\neinem irdischen Bannkreise leben:\nAh! Seigneur! donnez-moi la force et le courage\nDe contempler mon coeur et mon corps\nsans degoüt.*)\n1) „Un voyage de bythere\", p. 321\nUnmöglichkeit zu existieren. Eine Erinnerung\nquält die verirrte Seele.1) Sie trauert bei dem\nGedanken an Würde, von der sie sich herabge-\nstiegen sieht:\nUne Idee, une Forme, un Etre\nParti de l'azur et tombe\nDans un Styx bourbeux et plombe\nOü nul oeil du Ciel ne penetre;\nUn Auge, imprudent voyageur\nQu'a tente l'amour du difforme,\nAu fond d'un cauchemar enorme\nSe debattant comime un nageur. 2)\nNach und nach merkt der Dichter, wie sein\nSchmerz wächst. Er ist ihm nicht mehr persön-\nlich. Die Klage der ganzen Welt geht in sein\nHerz. Er wird von dem Gewissensbiß um das\nverlorene Paradies gemartert. Er verfällt der Er-\ninnerung.3) Verschwommen sieht er die Voll-\nkommenheit, die das All für immer geraubt hat\nund die er dennoch wieder erfassen will. Auf die\nDauer wird die Erinnerung, die ihn in seinem Ab-\ngrunde aufsucht, genauer. Wie dem Schiffbrüchi-\ngen der Trost der Fata Morgana gewährt wird,\nso liegt auf dem Grunde seines Gedächtnisses bei\nihm das irdische Paradies.4) Es ist schlank und\nnackt wie die hellen Bäume der Inseln; es gleicht\ndem lauen, gemäßigten Meer der warmen Zonen,\nwo die Schiffe schwimmen, -die sich wollustig auf\ndie Hüften der Wogen stützen:\nJ'irai lä-bas oü l'arbre et Thomme pleins de seve\nSe päment longuement sous l'ardeur des climats;\nFortes tresses, soyez la houle qui nfenleve!\nTu contiens, mer d'ebene un eblouissant reve\nDe voiles, de rameurs, de flammes et de mäts.5)\nManchmal, verführt durch eine weniger starke\nHoffnung, das heißt durch eine leiser tönende\nStimme, mit einer Art Bedauern ohne Erregung,\nruft der Dichter sein Glück:\nDis-moi, ton ceur, parfois, s'envole-t-il, Agathe,\nLoin du noir ocean de Timmonde cite,\nVers un autre ocean oü la splendeur eclate,\nBleu, clair, profond, ainsi que la virginite?\nDis-moi, ton coeur, parfois, s'envole-t-il, Agathe?\nComme vous etes loin, paradis parfume.\nOü sous un clair azur tout n'est qiramour et joie}\nOü dans la volupte pure le coeur se noie!\nComme vous etes loin, paradis parfume!6)\nf) „Er hat, sagte Claudel, die einzige Leidenschaft\nbesungen, die das neunzehnte Jahrhundert auf-\nrichtig empfinden konnte: das Gewissen\".\n2) L Irremediable, p. 242\n3) „Von Schmerz und Gewissensbissen übersättigte\nWollust4'. (Oeuvres Posthumes, p. 93)\n4) Derriere le decors\nDe l'existence immense au plus noir de 1'abime\nJe vois distincteinent des mondes singuliers.\n(La Voix, p. 225)\nVergleiche:\nMais les tenebres sont elles-m6mes des toiles\nOü vivent, jaillissant de mon oeil par milliers,\nDes etres disparus aux regards familiers!\nUnd:\nPromenant sur le ciel des yeux appesantis\nPar le morne regre des chimeres absentes.\n(Bohemiens en voyage, p. 104)\nIn den „oeuvres Posthumes\" kann man lesen:\n„Es gibt Augenblicke in der Existenz, in denen\ndie Zeit und die Ausdehnung tiefer sind, und das\nGefühl der Existenz unendlich vergrößert ist.\"\n(p. 86)\n5) „La Chevelure,\" p. 119. Vergleiche „Parfüm\nexotique, p. 118:\nUne Ile paresseuse oü la nature donne, etc.\n6) „Moesta et Errabunda,\" p. 184 und 185\nDennoch, wenn es unsere Liebe erreichte:\nTont y parlerait\nA l'äme en secret\nLa douce langue natale.\nLa, tont n'est qu'ordre et beaute,\nLuxe, calme et volupte.1)\nSo wird der Dichter von dem unendlichen\nSehnen nach Vollkommenheit gemartert. Er er-\ninnert sich der Ursprünge. Manchmal, von irgend\neiner glücklichen Laune bis zu den Grenzen des\nParadieses getragen, betrachtet er es in nächster\nNähe, belebt es mit seinen Augen, zwingt es, alle\nseine Wunder blühen zu lassen. Manchmal ver-\nliert er es aus den Augen und ruft es klagend in\nder Dunkelheit des Alls. Aber niemals vergißt er\nes, niemals verläßt ihn der Gedanke dessen, was\nvollkommen, friedenbringend, ewig ist. 2)\n* * *\nIndessen, welche Liebe zu der ohnmächtigen,\nungewissen, dem Untergange geweihten Realität.\nEbenso stark wie die Liebe zum Vollkommenen,\ndie Liebe zu den Dingen, denen es fehlt.3) Mit\nder Betrachtung des Unveränderlichen, der Ge-\ndanke an das Sterbliche, ein unendlicher Respekt\nvor allen unvollkommenen Dingen, eine wortlose\nBewunderung, ein Schweigen vor ihnen, die so\nleidend, so verstümmelt, so schwach sind. Das ist\nnicht nur Mitleid, auch nicht der Ruf nach gött-\nlichem Erbarmen, sondern eine liebevolle Betrach-\ntung, die Demut eines Herzens, das die Schwäche\nmit Begeisterung erfüllt hat.\nVon den geringsten Existenzen, von den Gegen-\nständen selbst spricht der Dichter mit aufrichtiger,\nzärtlicher Besorgtheit. Es scheint, als ob er sie\nnicht zu berühren wagt. Mit ganzer Vorsicht hebt\ner sie empor. Mit höchster Verwunderung hüllt\ner sie in seine Verse. Er fühlt das Wunder, das\ndarin liegt, daß sie gerade so und nicht anders\nsind. Mit Vorliebe beschreibt er Wohnungen,\nspricht er von der Farbe der Tapeten, von dem\nDuft, der den Möbeln entströmt. Mit Verehrung\nspricht er von der Unordnung, die die Vergangen-\nheit langsam in den Schränken anrichtet:\nUn gros meuble ä tiroirs encombr£ de bilans,\nDe vers, de billets doux, de proces, de romances,\nAvec de lourds cheveux roul6s dans des\nquittances.4)\nEr kann von den schrecklichsten Dingen\nsprechen, und sein gewaltiger Respekt wird ihm\nhohe Dezenz verleihen. Mit einem warmen und\ndüsteren Gleichnis, zart wie die Huldigung der\nLiebe, die der Tod nicht entmutigt, zeigt er sanft\nin einem unbekannten Zimmer das abgeschnittene\nHaupt einer „Märtyrerin\".5)\n1) „L'invitation au voyage,44 p. 167\n2) Seine „Muse malade44 anrufend (p. 98), sagt~er:\nJe voudrais qu'exhalant l'odeur de la sant£\nTon sein de pensers forts fut toujours\nEt que ton sang chretien coulät ä flots rytii-\nmiques\nComme les sons nombreux des syllabes airtiques,\nQu regnent tour ä tour le pere des chansons,\nPhoebus, et le grand Pan, le i-ejgneur des isiois-\nsons.\n3) „Je songe,\" sagte er,\nA quiconque a perdu ce qui ne se retrouve\nJamais! jamais! ä ceux qui s abreiiveni de\npleurs .... (Le Cygne, p. 260)\nSiehe:\nPauvre grande beaute! Le magnifique ileuve\nDe tes pleurs aboulit dans mon coeur soucienx.\n(Le Masque, p. 115)\n4) „Spleen44, p. 119. Vergleiche:\nJe n'ai pas oubli£, voisine de la ville, ete.\n(p. 282)\n5) „Une Martyre44, p. 309 und 310"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.5", "texte": "Richter-Berlin: Originalholzsehnitt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.6", "texte": "Semblable aux visions päles qu'enfante l'ombre\nEt qui nous enchainent les yeux,\nLa t£te, avec I'amas de sa er inier e sombre\nEt de ses hijoux precieux,\nSur la table de nuit, comme une renoneuie,\nRepose ....\nAuf alles, was ist, auf alles, was, ohne Voll-\nkommenheit, dennoch lebt, erstreckt sich die\nstumme, traurige Bewunderung des Dichters. Er\nvermählt sich allem Elend, er ist bereit für jedes\nQefühl. Unter den unendlich vielen Leiden ist\nkeines, das ihn zerstreut findet. Aber er ist nur\nda, um sie zu lieben. Er besitzt zu viel Achtung\nvon ihnen, daß er sich entrüstete. Er behält diese\nfürchterliche Unparteiischkeit, die nur eine unend-\nliche Liebe zum Leben geben kann:\nLoin du monde railleur, loin de la foule impure,\nLoin des magistrats curieux,\nDors en paix, dors en paix, etrange creature,\nDans ton tombeau mysterieux;\nTon epoux court le monde, et ta forme immortelle\nVeille pres de hü quand il dort;\nAutant que toi sans doute il te sera Meie,\nEt constant jusques ä la mort.*)\nJeder Vers im „Crepuscule du Matin\" erweckt\nohne Schrei, in Demut ein unglückliches Schicksal:\nLes maisons cä et lä commencaient ä fumer.\nLes femmes de plaisir, la paupiere livide,\nBouche ouverte, dormaient de leur sommeil\nstupide;\nLes pauvresses, trainant leurs seins maigres\net froids,\nSoufflaient sur leurs tisons et soufflaient\nsur leurs doigts,\nC'etait l'heure oü parmi le froid et la lesine\nS'aggravent les douleurs des femmes en gesine.\nComme un sanglot coupe par un sang ecumeux\nLe chant du coq au loin dechirait l'air brumeux;\nUne mer de brouillards baignait les edifices,\nEt les agonisant dans le fonds des hospices\nPoussaint leur <iernier pale en hoquets inegaux.\nLes debauches rentraient, brisespar leurs\ntravaux. 2)\nPoesie voller Liebe. Sie ist bei allem Un-\nglück; sie begleitet jedes in seine Kammer. Sie\nerrät es, weit oder nah, durch Mauern hindurch.\nSie unterstützt die ganze Stadt, die duldet und\nunter ihrer Last dahinlebt:\nElle refait le lit des gens pauvres et nus.3)\nAber das Mitleid, das sie hält, ist so heftig, daß\nes schweigt. 4)\n1) „Urie Martyre\", p. 311\n2) „Crepuscule du matin,\" p. 290 und 291\n3) „La Mort des Pauvres\", p. 340\n4) Es ist zweifellos unmöglich, einige empörte\nGedichte unberücksichtigt zu lassen; im Gegen-\nteil, manchmal ist die Empörung der Gegenstand\ndes Gedichtes. — So sehr ergreift Baudelaire die\nPartei des Unvollkommenen, dass er sich gegen\ndie Vollkommenheit wendet. Er verwirft das\nBild all dessen, was rein, unbeweglich, unbeug-\nsam ist. Er zieht das müde Feuer, das uns ver-\nzehrt, der unbeweglichen Härte des Idealen vor :\n, Car Aeusse avec ferveur ton noble corps.\nEt depüis tes pieds frais jusqu'ä tes noires\ntresses\nDeroule le tresor des profondes caresses,\nSi, quelque soir, d'un pleur obtenu sans effort\nTu pouvais seulement, ö reine des cruelles!\nObscurcir la splendeur de tes froides pru-\nnelles.\n(„Une nuit que j'etais pres d'une Juive affreuse,\n133)\nKonnten wir in diesen gemessenen Versen, die\neine ruhige, listige Seele zu leiten schien, vermuten,\nwelcher Geheimnisse Mitwisser wir am Ende ge-\nworden wären, da wir ihnen Gehör schenkten?\nAber wir können nicht mehr entschlüpfen. Die\ngrößten Leidenschaften haben sich in uns festge-\nsetzt, so groß, so weit, so erschöpfend, daß sie sich\nwidersprechen. Unsere ganze Seele mit der Hef-\ntigkeit ihrer unvermuteten, mannigfaltigen Liebe\nhat Baudelaire uns selbst gegenüber empfindsam\ngemacht. Es ist möglich, daß dieses Geschenk\nschwer ist und daß Mut dazu gehört, es zu er-\ntragen. Diese Poesie beruhigt nicht; sie ist nicht\nvoller Illusionen. Aber sie richtet sich an all die,\nfür die nichts schöner ist, als ihr Herz zu kennen,\nstatt es in sich lasten zu fühlen. Oft werde ich der\nStimme dieses weisen, verzweifelten Engels\nlauschen.\n\nDie arabischen Tänze\nder Yve und Vera Landrin\nPaul Zech\nDiese beiden umwegig choreographisch kulti-\nvierten Damen haben die blasse Kühle des Abend-\nlandes. Reizvolle Draperien neben der schönen\nGeste und der gebändigten Linie der Salonattrak-\ntion. Das fischige Blut der fiebernden Erregung\nströmt nur in die vorm Spiegel rhythmisierten\nArm- und Beingelenkigkeiten. Herz und Hirn\nbleiben Pose, die kulissenhaft wirkt und in der\nBefürchtung, daß das verhüllende Mieder spränge,\nGemessenheit vortäuscht, wo Leere gähnt.\nWenn Else Lasker-Schüler in den Nächten (der\nTino von Bagdad uns den Tanz in der Moschee\nkreiert, so flutet »das Blut aus dem Herzinnern\ndes seelischen Erlebnisses über zur suggestiven\nVitalität: „Immer wiegen meinen Lenden meinen\nLeib, wie einen dunkelgoldenen Stern. — Ein Stern\nist mein Leib — streckt sich vipernhaft schnell,\nund in den Steinring meines Ohrs verfängt sich\nmein Tanz. Machmede machen.'4\nDie Schwestern Landrin tanzen photographisch.\nKostüme und federnde Gelenkigkeit sausen vor-\nüber wie eine Parforcejagd im Film. Schön fri-\nsierte Bildlichkeit ist das ganze Ereignis. Nicht\nmehr. Schieiernde Draperie, schielendes: o, sieh,\nmein gepflegtes Wadenweiß, die edle, klassi-\nzistische Geste. Das „Arabische\" ist mehr oder\nweniger ein plakathafter Nimbus sezessionistischer\nArt. Die Landrins folgen den Spuren der soge-\nnannten Reformer, als da sind: Ruth St. Denis,\nDuncan und andere.\nVerehrte Damen europäischer Blutkühle, warum\ntanzen Sie nicht den Erntereigen unter der Dorf-\nlinde oder das amoröse Getändel im Casinoball?\nArabisch tanzen heißt: morgenländische Erleb-\nnisse tanzrhythmisch widerzuspiegeln. Allerdings\nnicht das Erlebnis der staunenden Kultivierten,\nsondern seelische Entrücktheit der Handelnden.\nSublimierung, Photographie, ist noch lange nicht\nKomprimitierurig lebendigsten Odems.\nTrotzdem muß ich sagen, daß von den Friseur-\nkünsten arabischer Stofflichkeit, wie sie die Schwe-\nstern Landrin glaubhaft sicher interpretieren, der\nSchwertertanz und der beschließende Groteskwurf\ndem Auge einen Wohlgefälligkeitsdusel einflößen.\nNun ist aber das Schmelzende, Schmalzige der Be-\ngleitmusik ebenso blaßblütig arabisch, wie das in-\nfernalische Weiß (sonstwie vielleicht höher stim-\nmungsvoll) der Zuschauerzitadelle. In diesem\nFalle war ich mehr für das Beduinenlagerhaus\nunter dem endlosen Sternhimmel der Sinaiwüste.\nUnd so blieb die Seele der fröstelnd Beteilig-\nten unberührt, und das schöne Spielerische des\nTanzes zog vorüber wie ein ekler Wolkenschat-\nten über Frühlingswiesen. Nicht einmal jene Um-\nformung der Rilkeschen Tänzerin (das dortig Spa-\nnische ist immerhin assimiliertes Gefühl) ließ sich\nklären aus den Landrintänzen in der Identifizierung\nmit arabischer Plastizität wie ich sie kenne aus\ndeim eingangs erwähnten: „Ich tanze in der Mo-\nschee\" von Else Lasker-Schiiler.\nPräzisieren wir kurz den Wert solcher Tänze\nüberhaupt, so hat man allerhöchstens den nebeln-\nden Umriß jener Uebersetzungskünste wie sie\nmäßige Lyriker am undefinierbaren Sinn der chi-\nnesischen und persischen Kunst ohnmächtig prob-\nten. Werte, die durch das dreifache Yerwässe-\nrungsgeschäft profitierender Hände nur die bare\nStofflichkeit bloßlegen, aber nichts vom Rhythmus\nder morgenländischen Seele auffangen. Gutgelun-\ngene Kopien, ohne die Suggestionsgewait des glu-\ntenden Originals.\n\nEinakter von Strindberg\n\nHerrn Lantz, Herrn Adolf Lantz schulde ich\neine Reverenz. Er sitzt zwar nicht mehr im C. d.\nW., ich auch nicht — (vielleicht sitzt er also -doch\nda) — aher er hat es neulich gut gemacht am\nSchiffbauerdamm, getreu ider guten Tradition die-\nses Cafes (die schlechten Traditionen sind an\ndie Wand des Lokals gemalt, neben der Telephon-\nzelle, über Meyers Konversationslexikon). Man\nkann Theaterdirektor sein und gute Stücke gut\nherausbringen: für diese Monstrosität schulde ich\nHerrn Adolf Lantz eine Reverenz.\nDie Klassiker (Egmont) gehören ein für allemal\nauf die Denkmäler und in den Grunewald, an die\nfrische Luft. (Reinhardt wird sich freuen; aber\ndieser mistet nur systematisch seine philologisch\nverblödete Umwelt aus.) Was den verflossenen\nWolf gang Goethe anlangt, so wissen wir, dai ihn\nErich Schmidt trefflich interpretiert, und damit soll\nman ihn auf sich beruhen lassen. Und nun August\nStrindberg. Nach dem Olympier (!) diese beiden\nEinakter (ich hörte: „Mit dem Feuer spielen4' und\n„Gläubiger\"), diese zerreißende Musik, diese See-\nlenspannung unter zweihundert Atmosphären\nDruck, diese herrische Beherrschtheit. Ich gehe\nschon seit langen Jahren nicht freiwillig ins Thea-\nter, begnüge mich mit Kino, Zirkus und Kammer-\nmusik, ging auch in gewissem Hinblick nicht frei-\nwillig zu Strindberg, aber dieser Abend füllt breit,\nsatt und sättigend die theatralische Leere all dieser\nlangen Jahre aus. Er legt sich schwer über das\nUnterhaltsame, Spannende, Geistreiche der Abende\ndieser Jahre und drückt sie, quetscht sie, walzt sie\nzu einer papierdünnen Scheibe zusammen. Aus\ndiesen Stücken ruft eine Stimme — es gibt nur eine\neinzige Stimme, die ich dieser vergleiche, die\nDostojewskis, des Dichters der „Brüder Karama-\nsow\" und des „Idioten\", eine einzige Stimme in der\nWeltliteratur, soweit ich sie kenne. Es ist zum\nLachen und es ist zum Rasendwerden, daß unsere\nletzten Jahrzehnte, die diese ungeheuren Dichter\nhervorgebracht haben, sich verpflichtet fühlen, auf\nSchöngeister, Phraseure, Aufklärlinge zurückzu-\ngreifen, auf töte Menschen, totgeborene Menschen.\nEs zeugt dringend gegen diese Zeit, die viel, zu viel\nfür Krieg, Wissenschaft, Aeroplane übrig hat. Völ-\nker und Staaten werden untergehen, die sogenannte"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.7", "texte": "Kultur wird ihre fragwürdigen Fortschritte machen\n— und die Erde wird schwer daran zu tun haben,\nnoch einmal ein Geschöpf wie Strindberg zu gebä-\nren. Strinidberg hat nicht den psychologischen Blick\nvertieft wie ider Russe; man muß an der staats-\nbürgerlichen Glaubwürdigkeit seiner Personen mit\nZola oft zweifeln. Aber hinter dem gröbsten Irr-\ntum, der absurdesten Linienführung seiner Stücke\nbrennt die fixsternsichere Wahrheit, die Unverrück-\nbarkeit des intensiven Erlebnisses. Der sinnfäl-\nligste Fehler Strindbergs, Mystik, Aberglaube, Pa-\nranoia eingeschlossen nimmt es an Lebenstüchtig-\nkeit und Kraft mit jeder Sechzig-Zentimeter-Panzer-\nplatte auf. Dies ist es, wenn ich es auf eine kleine\nFormel bringen soll: die Werke sind im Angesicht\ndes ewigen Todes geschrieben. Ihr Ernst wiegt\njede Kirchhofstraurigkeit, Komödientragik langer\nZeitalter auf.\nZwei Einakter also dieses kaum vergleichlichen\nMiannes hat Herr Lantz neulich gebracht. Es\nwurde, so schien es mir, vortrefflich, teilweise vor-\nbildlich gespielt. Es fällt mir nicht ein, hier zu\nschnüffeln und Details auseinander zu zerren, das\nUrteil bei diesem Spieler zu verstärken, bei jenem\nabzuschwächen. Ich fand: die Stücke saßen bei\nmir.\n\nAlfred Döblin\n\nVom Altphrasenhandel\nWas sind Spitzen?\nJoseph Adler\nMan muß die Sünden des Feuilletonismus in\neiner Sonntagsnummer der Morgenpost heimsuchen\nbis in die siebente und achte Beilage. Dort be-\nkommt über einem Strich, getrennt von der Hoch-\nflut fetter Inserate, der eifrige Leser eßlöffelweise\nalle die köstlichen Tropfen verabfolgt, die unsere\nmoderne Publizistik zur Hebung der Allgemein-\nbildung der Wissenschaft im Bette des guten An-\nrechts abringt. Technische Plaudereien, natur-\nwissenschaftliche Betrachtungen sehr gemeinver-\nständlicher Art, gefällige Ueberblicke statistischer\nNatur, leichtfüßige Wanderungen für jedermann\ndurch die Sternenwelt und Lesestücke über allerlei\nWissenswertes lösen sich dort ab, Wand an Wand\nmit den großen und den größten Inseraten. Auf\nGrund einer zuverlässigen Auskunft, die das\nUmversal-Lexikon bereitwillig gibt, bereichert sich\nder Feuilletonspekulant an der Unwissenheit der\nMasse — indem er, man weiß es, aus den großen\nGeldstücken die handlichen Kleinmünzen macht.\nEr schlägt aus dem Kapital, den Schätzen der Wis-\nsenschaften Kupfer, und er trägt es ins Volk; aber\nwas er schreibt, ist Blech. Da ist ein Wiener\nFeuilletonist, der in London lebt und sich S i 1\nV a r a nennt. Der Wiener Pseudononymus in Lon-\ndon schreibt für Berlin über alles: Es ist nichts,\nWorüber er noch nicht geseihrieben hat. Oder:\nWorüber er auch schon geschrieben hat, es ist\nnichts. Der schreckliche Zusammenstoß eines gro-\nßen Ozeandampfers mit einem Eisberg läßt mich\nkalt, wenn sich Sil Vara in einem Feuilleton daran\nwärmt, Auch möchte ich einer rasenden Suffragette\num den Hals fallen, sehe ich, wie sich einer mit zah-\nmen, abgelegten und abgelebten Phrasen gegen sie\nkehrt. Vier WTochen Londoner Regenwetter kann\nnicht langweiliger sein als ein Feuilleton darüber:\nein Lappen Melancholie, über ein Gerippe aus hohlen\nBetrachtungen gespannt. Aber Elle (Vara heißt die\nspanische Elle) hat seine Größe auch an einer kur-\nzen Geschichte der Spitze gemessen. Duftig, 'ga-\nlant, lyrisch — jeder Zoll ein Sclimock.\nWas sind Spitzen, fragt er kurz, aber die Antwort\nist lang, die er sich darauf gibt. Und langwierig.\nUnsere Neugierde ist geweckt:\n„Spitzen sind gewebte Musik, genähte Lieder\nohne Worte, mit einem F ili g r an organismus, den ein\nlieblicher Rhythmus durchzieht. Leicht, fast un-\nkörperlich, zierlich, luftig, duftig, ein Hauch, sind\nsie wie der weiße Niederschlag einer graziösen\n-Melodie, einer Gavotte im alten Stil, deren getra-\ngene, vornehme Heiterkeit, matt verschleiert, die\nAhnung süßer Rokokodüfte birgt.\nSpitzen sind Liebesgedichte, die um das Haupt\nund die Schultern schöner Damen geschlungen wer-\nden, kunstvoll gesetzt schmeichelnde, halblaute\nWorte, die das Leiseste, Innigste flüstern, das die\nVerführung erfinden kann. Wie erglüht auch die\nrosige Haut der Geschmückten — o, das wissen die\nFrauen — unter dem schmiegsamen Netz dieser\nschneeigen Verse! Sie hüllen sie ein in sanfter Um-\narmung, preisen und erhöhen, wie jeder rechte\nMinnesang, die Reize der Gebieterin und umschlie-\nßen zärtlich ihre Glieder in einem WTolkenkuß . . .\nSpitzen sind Kulturmuster, Höhepunkte, Pointen,\nAusläufer des Schönheitsreichtums eines Volkes.4'\nDie höchsen Spitzen in der zerklüfteten Ge-\nbirgswelt des Schönheitsreichtums der Völker hal-\nten die Höhenschmöcke besetzt. Sie jodeln Phra-\nsen und juchzen in Adjektiven. In Sturzbächen trü-\nber Druckerschwärze schwatzen sie in die Spalten\nder Blätter dürre Feuilletonismen herab. In der\nKollektion menschlicher Errungenschaften hebt der\nSuperlativenhausierer die Spitze als Kulturmuster\nhervor. Auch hört er „aus ihren Arabeskenwellen\nund den geometrischen Figuren die Zwirnfaden-\nstimmen ihrer Heimat zirpen, die Tamburin-\nklänge von Arabien, Indien und Bysanz, Aus jenen\nGegenden schlang sich das fein gedrehte Flachs-\nhaar über Griechenland und Zypern, westlich nach\nMailand, Genua und Spanien, um dann in wunder-\nbaren kontrapunktischen Verknotungen nord- und\nostwärts nach Brabant, ins Venetianische und nach\nAlbion zu greifen, bis zu den grünen Küsten der\nSmaragdinsel, nach Irland.\"\nWürgende Phantasie. Luft! Hilfe! Endlich.\nKüste. Smaragdinsel. Mumpitz. Unecht. Täu-\nschung. Zurück! „Wie lockiger Meerschaum, wie\nweißer Gischt auf dunklen Wasserkanten, so wogt\nder zarte Luxus durch die Welt.\"\nSie wogt, er wägt. „Sie ist der Frauen ewiger\nStolz und ihre beste Folie, die gefälligste Dienerin\ntund schönste Geliebte, und nur für ein Jahrhundert\nhat sie treulos — cosi fan tutte — sich auch Män-\nnern hingegeben; hat sich ilhnen (in großen Krau-\nsen) an den Hals geworfen, ihnen die Hände und\nden Saum der Gewänder geküßt. Dann ist sie\nreuig wiederum zur Frau zurückgekehrt . . .\"\nEin Jahrhundert lang hat sie sich auch den Män-\nnern hingegeben. Auch. Schöne Schweinerei das.\n„Stets fällt ihre Schätzung erst, wenn auch der\nKultus der Frau sinkt. In grauen, nüchternen Ta-\ngen, in Puritanerzeiten oder wenn der Krieg brüllt\nund der Mann mir was wert ist — da verküm-\nmert sie und kränkelt.44 —\nDie Darne Spitze kränkelt in Puritanerzeiten.\nSie kränkelt. Nicht: daß die Konjunktur für sie un-\ngünstig wäre; sie kränkelt. Die Frauen der Wilden\ntragen sie nicht. Und sie haben auch unter keinem\nKultus zu leiden, und ihre Männer sind auch in\nFriedenszeiten etwas wert.\n„Aber der Aufwand, der in Passementen, Bor-\nderien, Tressen, Litzen, Spitzen, in Ueberladung\nder Kostüme oft betrieben wurde hatte wiederholt\nzur Folge, daß Gesetze erlassen worden, die das\nTragen dieser Kostspieligkeiten, freilich meist ohne\nErfolg, strengstens untersagten. Aber zwei Jahr-\nhunderte später hätte die Dame „Spitze\" tatsäch-\nlich Gelegenheit und Anlaß gehabt, ihre Rechte zu\nverteidigen und sich zu erheben. Doch sie tat es\nnicht, stacli nicht tun sich und siegte dennoch wie\nein verwöhntes hübsches Kind. Das war, als man\nvermeinte, ihren Hochmut brechen zu können, als\nnämlich die Maschine kam, als sie ihr demokra-\ntisches Zeitalter erlebte und ganz prosaisch engros\nfabriziert wurde. Sie ließ es lächelnd ruhig ge-\nschehen und gab das mechanisch erzeugte Gewebe\nmit Patriziergebärde preis. Sie wußte ja: die Glo-\nriole, die Bewunderung, der Wert, der Vorzug ge-\nbührte immer nur der Handarbeit. Sie blieb\ndort, wo sie kongeniales Wesen spürte\nund sagte in hochnäsiger Arroganz: Ich gehöre\nzu den „S p i t z e n\". — — Eine Eitle! — Sie\nvergaß dabei, woher sie stammte, vergaß die bie-\ndere Bauernherkunft und vergaß, daß sie in langen\nWinternächten aus Sorgen und dem Schweiß der\nArmen geboren wurde. Sie ist ein strebsamer\nEmporkömmling, ein Sonntagskind, das sich der\nrauhen Arbeitshände seiner Eltern schämt und\nihnen, wo es kann, in weitem Bogen ausweicht; sie\nwill immer auf den Höhen des Lebens\ngehen, vonPrunk und G1 a n z umgebe n.\"\nDer Höhepunkt des Schönheitsreichtums eines\nVolkes will auf den Höhen des Lebens gehn.\n„Ein undankbares Geschöpf ist sie, das ihre\nPflegemutter schlecht entlohnt, eine elegante, aber\nungeratene Tochter, die sich am liebsten nur\ndem reichen Liebhaber verkauft!...\nDas muß gesagt werden, um endlich einmal auch\ndie Spitze gegen die Spitze zu kehren.44\nHier wurde des Blödsinns ganze Niedrigkeit\nüber die Spitze verbreitet. Ein Tagesschriftsteller\nwollte die Psyche eines kulturellen Höhepunktes\nergründen, eines Artikels, der mit dem weiblichem\nGeschlecht nur diesen gemein hat, und in Wirk-\nlichkeit hat ein Kommis mit dem Weibe abge-\nrechnet.\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier aicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nSamuel L u b 1 i n s k i\nTeresa und Wolfgang / Novelle\nDas erste Buch der Bücherei Maiandros / eine\nZeitschrift von sechzig zu sechzig Tagen\nBerlin-Wilmersdorf / Verlag Paul Kjnorr\nKarl Kraus\nDie chinesische Mauer ,/ Essays\nHeine und die Folgen / Essay\nPro domo et mundo / Aphorismen\nMünchen / Verlag Albert Langen\nI Poeti Futuristi\nAnthologie / Mit einer Einleitung von F. T. Ma-\nrinetti und einer Studie über den Freien Vers\nvon Paolo Buzzi\nMailand / Edizioni Futuriste di ,,Poesiau"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-02.1.8", "texte": "Notizen\nDer Herausgeber dieser Zeitschrift empfängt ein-\nmal monatlich Sonntags von 4 bis 7 Uhr in »der\nAusstellung Der Sturm, Königin Augustastraße 51.\nIm Oktober: am dreizehnten des Monats.\nWegen Einladungen wende man sich an die Redak-\ntion dieser Zeitschrift\nRichter-Berlin, von dem sich ein Holzschnitt in\ndieser Nummer befindet, ist Mitglied der Neuen\nSezession\n\nVerantwortlieh für die Schriftleitung:\nHerwarth Waiden / Berlin W 9\nEs werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen von\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durch\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9 und durch Graphisches\nKabinett, J. B. Neumann, Charlottenburg, Kur-\nfürstendamm 33\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nDruck von Carl Hause / Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nBerlin W / Konlgin AugustastraBe 51\ngegenuber der von der fieydtstraBe\nFahrgefegenheit: Liitzowplatz\nSiebente Ausstellung\nWassily Kandinsky\nErste KollektivaussteSlnag mit Gemaldea aus den\nJahreii 1901 bis 1912\nVon zweiten bis dreizigsten Oktober\nGeoffnet tagiich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n10—2 Uhr\n\nVerlag der Sturm\nBerfm W 9. Potsdamer StraBe 18\nFcrnruf Amt Liitzow 4443\nZeitschrift der Sturm\nDauerfoezug\n\nGewofiflliche Ausgabe: Filr Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nnummcr 40 Pfennig X Fiir das Ausland bei\ndirektprZustellung durch <liePost:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbentimmer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nsendung in Roll en direkt durch die\nPost fiir Deutsdhland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X Fiir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nnummern und Probenummern nicht abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n6 Mark.\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu he-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken und StraBenstanden\nauf\n\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den B e t r a g fur den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nB e g i n n d ,e s n e u e n Vierteljahres bis\nzum zehnten des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird.\nSonderdrucke\nMax Pechstein: Die Erlegung des F e s t -\nb r a t e n s / Originalholzschnitt / Auf Nummer 94\nder Zeitschrift Der Sturm sind einhundert\nExemplare vom Kiinstler mit der Hand aquarel-\nliert, 'signiert und numeriert / Das Exemplar\n5 Mark\nFranz Marc: Versohnung / Originalholz-\nschnitt I 15 Exemplare vom Kiinstler auf Japan-\npapier handgedruckt, signiert un<d numeriert / Das\nExemplar 40 Mark / Tierlegende/Pferde\n1 Originalholzschnitte / je 10 Exemplare vom\nKiinstler auf Japanpapier handgedruckt, signiert\nund numeriert / Das Exemplar 40 Mark\nOskar Kokoschka: Plakat flir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie /' Das Exem-\nplar 3 Mark\nJe ein Exemplar ist standig ausgestellt im Graphischen\nKabinett, Kurfiirstendamm 33\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Fiir Qesang und Kla-\nvier I 3 Mark\nKunstlerpostkarten\nFuturisten: 1 / Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht / Gino Severini: Die Modistin / Ruhe-\nlose T&nzerin / Pan-Pan Tanz X Licht-\nd r u c k e: Das Exemplar 20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab-\nschied / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zu g in voller Fahrt / GinoSeverin i:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose Tanzerin X Cliche-\ndr'ucke: Das Exemplar 20 Pfennig\n\nZeitschriften\nDie Aufnahme erfolgt kostenlos nach freiem Ermessen\nder Redaktion dieser Zeitschrift\nDie Fackel / Herausgeber: Karl Kr aus / Er-\nscheint in zwangloser Folge. Die Fackel enth&it\nnur Beitrage von Karl Kraus. Neueste Nummer\n354—356. Inhalt: WeiBe Frau und schwarzer\nMann / Glossen / Die Kunst verbindet / Gios-\nsen / Die Kinder der Zeit / Preis dieser drei-\nfachen Nummer 75 Pfennig / Verlag Die Fackel /\nWien III/2.\nL'Effort Libre / frtiher L'Effort / Monatsschrift /\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne].\nI Halbmonatsschrift / Kunste /\nKultur I Philosophie / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift [ Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue FranQaise / Monatsschrift /\nVerlag Marcel Riviere et Cie / Paris / 1 Rue\nSaint-Benoit / Nummer 1 Francs 50 centimes\nLes Cahiers du Centre / Moulins [Allier]\nSaturn / Eine Monatsschrift fur Belletristik, Kritik,\nLyrik und SchwarzweiBkunst / Herausgegeben von\nHermann Meister und Herbert GroBberger / Sa-\nturnverlag Hermann Meister, Heidelberg\n\nAnzeigen\n\nElse Lasker-Schiiler: Mein Herz / Ein Liebes-\nroman mit Bildern und wirklich lebenden Men-\nschen / Das Buch erscheint im Herbst, kostet ge-\nheftet drei Mark, gebunden vier Mark. Prospekte\nkostenlos durch den Verlag H e i n r i c h F. S.\nBachmair, M u n c h e n , KurfiirstenstraBe 39\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Verein\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\nerhalten jahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 /\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark.\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 2699\nGraphisches Kabinett Buch- und Kunsthandlung /\nBerlin W 15, Kurfiirstendamm 33, Eingang Grol-\nmanstraBe / Eckhaus / Fernruf Amt Charlottenburg\n14297 I Der Inhaber des Qraphischen Kabinetts\nJ. B. Neumann eroffnet in der SchillerstraBe 6 (am\nKnie) eine Ausstellung flir die neue Malerei. In ihr\nsollen ausschlieBlich Werke jiingerer Kiinstler ge-\nzeigt werden. Sie ist als eine Art Fortsetzung der\nInternationalen Ausstellung des Sonderbunds zu\nKoln im kleineren MaBstab gedacht\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biloher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung / Oktober-\nausstellung: Alfred Kubin und sein Werk / Origi-\nnalzeichnungen / Originalradierungen / Lithogra-\nphien und Drucke etc. Kjubins / Soeben erschien\nAntiquariatskatalog 30: Kunstblatter / Illustrierte\nBiicher / Bibliophile Publikationen / Versand un~\nberechnet.\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat / PotsdamerstraBe 118 c. Fern9pr«cher Ami\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen iiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldufigen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur.\nFritz Merker Charlottenburg, Schillerstrafie 94.\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartout-\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Auf-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Bucheinbande\nTitania-Schreibmaschlne / Erste deutsche Schreib-\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern /\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Gcnest,\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fiir Berlin\nund die Mark Brandenburg: Louis Stangcn,\nLinkstraBe 12. Telefon: Amt Kurfiirst 2425"}]}