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Man kann\nnicht wissen, ob so ein Atelierhaus sich nicht einmal\nrächt und dem über dem Kopf zusammenstürzt, der\ndie Bilder ohne Dinge und die Dinge ohne Bilder\nsieht. Es ist natürlich unmöglich, mit Herrn Stahl\nüber Kunst zu diskutieren. Es ist auch zwecklos,\nmit einem unkünstlerischen Menschen über Kunst\ntheoretisch zu verhandeln. Aber einem stärkeren\nIntellekt selbst, als Herrn Stahl, müßte die\nüberragende Bedeutung von Kandinsky auf-\ngehen. Herr Stahl bestätigt ihm eine „sehr starke\naber einseitige Begabung\". Eine sehr starke Be-\ngabung ist stets einseitig. Wenn Herr Stahl aber\nauf den Bildern wenigstens die sehr starke Be-\ngabung zu sehen glaübt, so sollte er doch lieber\nan sich irre werden, als in dem Künstler einen\nIrren oder Irrenden zu suchen. Diese Kunstkritiker\nsehen von Bild zu Bild statt vom Erlebnis zum\nKunstwerk. Ist ihnen die Gestaltungsformel eines\nErlebnisses annähernd bekannt, so loben sie die\n„Form\". Schafft der Künstler sich selbst die so-\ngenannte Form, fehlt also die Vergleichsmöglich-\nkeit, so wird der Mangel an Form gerügt. Als ob\nForm etwas Feststehendes ist. Als ob man den\newigen Wechsel künstlerischer Erscheinungen an\nfeste Körper binden kann. Sind denn Linien oder\nFlächen mehr als Vorstellungen. Wie schafft man\nsonst selbst „Dinge\" neu, deren Form angeblich\ngegeben ist.\nHerr R. Breuer ist noch immer so kunstlos wie\ner War. Und er hat einen Nachteil gegen Herrn\nStahl, er ist sogar physisch blind. Sonst wäre es\nunmöglich, daß jemand diese Sätze über Kandinsky\nschreibt: „Die Analyse des Kandinsky ist sehr\nrasch getan. Er hilft uns zu ihr nachdrücklich\ndurch die Vorführung seiner früheren Bilder, von\ndenen er selber sagt, daß sie die Vorläufer der\njetzigen Arbeit seien. Nun: Diese, früheren Bilder\nsind höchst harmlos und nur in einem absolut: näm-\nlich im Mangel an Talent.\" Man sollte wirklich\nglauben, daß das Talent selbst ein Blinder sieht.\nSolche Torheiten kann nur ein Blind wütiger\nschreiben. So sehr die Herren. Stahl und Breuer\nauch sich über die Befähigung von Kandinsky ge-\ngenseitig an die Köpfe stoßen, so sind sie sich doch\n„in einem\" einig: Beide empfehlen dem Künstler,\nWeber zu werden. Herr Stahl empfiehlt ihm Stoff-\nfabriken und Teppichmanufakturen als „Dessina-\nteur\". Herr Breuer verweist ihn auf das Hand-\nwerk selbst. Wenn die beiden Herren sich ent-\nschließen könnten, ihrem Beruf als Schuster und\nSchneider nachzugehen, so würden sie allerdings\nhierin noch nicht einmal das leisten, was Kandinsky\nals Dessinateur und Weber könnte, Unschöpfe-\nrische und phantasielose Menschen müsset!' deshalb\nKunstkritiker an Tageszeitungen werden. Dazu\nsind sie auserwählt, aber nicht berufen. „Es gibt\nkeine absolute Malerei, solange das Auge noch nicht\nblind geworden gegen die Wirklichkeit und noch\nnicht müde, die Natur immer tiefer und reiner zu\nsehen.\" So lange gibt es überhaupt keine Malerei\nHerr Breuer, und keine Kunst, sondern nur abso-\nluten Blödsinn. Blöde Augen glauben immer die\nWirklichkeit und die Natur zu sehen. Eine schöne\nWirklichkeit und eine schöne Natur, die dieser\nHerr R. Breuer sieht.\nAuch der feinsinnige Professor Oskar Bie hat\nsich geäußert: „Schließlich, wer sich durchaus für\nKandinsky interessiert, pilgere nach Königin-\nAugusta-Straße 51\". Auch Herrn Professor Bie\nhat das Schild des Sturms vor dem jetzt berühmten\n„Hause\" Königin-Augusta-Straße 51 zu sehr in die\nAugen gestochen. Es ist ihm aber zu unserem\nGlück nicht in die Augen gefallen, so daß er wenig-\nstens die Hausnummer entziffern konnte. Da Herr\nProfessor Bie sich also „durchaus\" für Kandinsky\ninteressierte, ging er, nein, er pilgerte dorthin:\n„Dort ist er ganz zuerst romantisch, dann bunt,\ndann stickereimatt, dann bloß noch unwirkliche\nFarbengebilde.\" Man freut sich, daß der Professor\ndes Herrn Bie wenigstens wirklich ist, vielleicht\nromantisch oder bunt. Auch über die „Entwicklung'4\ndes Künstlers ist Herr Professor Bie noch nicht mit\nsich einig: „Vielleicht war die Entwicklung auch\ni\nanders, daß erst die Stickerei, und dann das Bunte\nkommt.\" Ein Problem. Vielleicht war es auch so,\ndaß die Stickerei bunt und das Bunte gestickt\nwurde. Aber man braucht sich darüber nicht die\nAugen zu verderben. Denn: „Es ist Privatsache\ngeblieben, Ausgeburt eines zu intellektuellen Men-\nschen.\" Herr Professor Bie hingegen ist leider keine\nPrivatsache geblieben, trotzdem er sich auf die\nAusgeburt eines zu intellektuelle!] Menschen- ver-\nstehen müßte. Nur ist er nicht intellektuell genug.\nDenn: „Wenn einer schreibt, kann er es immer so\ndrehen, als ob er recht hat.\" Wenn einer so\nschreibt, wie Herr Professor Bie, kann man es nie-\nmals drehen: er hat immer recht. Und sein Recht\nsoll sein Recht bleiben. Er soll fürder recht , und\nschlecht durchs Leben pilgern und weiter drehn und\ndeuteln.\nDie Wirkung der Klassiker\nHerr Rektor Bock hat eine Broschüre geschrie-\nben. Man hatte ihn zu einer schweren Gefängnis-\nstrafe verurteilt, weil er sich an seinen Schüler-\ninnen unsittlich vergangen haben sollte. In dieser\nBroschüre „schildert der Rektor den nachträglichen\nUmfall seiner Hauptbelastungszeuginnen\". Die\nSittlichkeit oder Unsittlichkeit des Herrn Bock in-\nteressiert hier nicht. Wrohl aber seine Schilderung,\nwie er das angebliche Geständnis der angeblich\nmeineidigen Zeuginnen hervorrief. Nämlich mit"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10395, "texte": "Hilfe der Klassiker. Diese Schilderung ist ein Be-\nweis mehr dafür, daß die Begriffe gefährlicher sind\nals das Begreifen. Und ein Beweis mehr dafür, zu\nwelchem Zweck der Gebildete die Kunst anfaßt.\nHerr Bock begann den Kampf um sein Recht:\nJ?Wohl verhehlte ich mir nicht dessen unendliche\nSchwierigkeit. Es war ein Kampf gegen Wind-\nmühlenflügel! Aber es mußte sein! Wie sagt doch\nGoethe?\nAllen Gewalten\nZum Trutz sich erhalten,.\nNimmer sich beugen,\nKräftig sich zeigen.\"\nMit Goethe begann also Herr Bock den\nKampf gegen Windmühlenflügel. Und mit Psycho-\nlogie: „Es ist ja eine psychologische Erfahrung,\ndaß sich auch in der Seele des unendlich Hergefal-\nlenen Menschen immer noch ein lichter Fleck be-\nfindet. Glückt es mir, die Beschuldigerinnen bei\ndiesem lichten Fleck zufassen, so würden\nsie' widerrufen.\" Das Fassen bei diesem lichten\nFleck dürfte jedenfalls nicht so strafbar sein, als\ndie andern Handgreiflichkeiten, derentwegen Herr\nBock verurteilt wurde. Deshalb ist er auch dies-\nmal guten Mutes: „Man hat mich ja immer für einen\nguten Psychologen gehalten. Ich will doch sehen,\nab diese schöne aber schwere Kunst diesen ver-\nstockten Seelen gegenüber siegen wird/4 Mit\nGoethe, der Hoffnung auf das Fassen des lichten\nFlecks und der Zuversicht auf die schöne aber\nschwere Kunst der Psychologie machte sich der\nRektor auf den Weg. Aber er fühlte sich noch nicht\nstark genug gewappnet und nahm sich außerdem\nzur Vorsicht ein klassisches Klischee: „Mit den\nWorten: Fortes fortuna Juvat, verließ ich die fried-\nliche Sankt Josephs-Heilanstalt.\" Er fand die Be-\nschul digerin zu Hause und gleich setzte seine Psy-\nchologie ein: „Sie erblaßte und zitterte heftig. Ja,\nso sieht eine schuldbewußte Person aus.\" Das\nMädchen erklärte ihm, sie habe sich bei ihrer Aus-\nsage nichts Schlimmes gedacht. „Ich berichtigte\nihren Irrtum, da ich doch durch ihre unwahre Aus-\nsage verurteilt sei, daß ich in zwei Tagen unschul-\ndig in das Gefängnis gehe, und daß ich eben gekom-\nmen wäre, um mich noch vor h e r von\nihr zu verabschieden. Gleich wuchtigen\nKeulenschlägen hatten meine Worte gewirkt.\" Das\nMädchen war gerührt und sicher auch geehrt über\nden Besuch und schrieb den gewünschten Wider-\nruf.\n„Hiermit nehme ich die in dem Strafprozeß\ngegen Herrn Rektor Bock erhobenen Beschuldigun-\ngen zurück und erkläre frei und ungezwun-\ngen, nur, um der Wahrheit zum Recht zu verhel-\nfen, daß derselbe mir keinen Kuß gegeben und auch\nnicht versucht hat, mir unter die Röcke zu greifen.\nVielleicht hat er mir einmal in harmloser Weise die\nHand an die Taille gelegt. Auf der Polizei hat man\nmich so gedrängt, daß ich nachher nicht wußte, was\nich alles sagte.\"\nSo „frei und ungezwungen\" dürfte es auf der\nPolizei auch nur zugegangen sein. Das Mädchen\nhatte eben das dringende Bedürfnis, „der Wahrheit\nzum Recht zu verhelfen\", wie sie sich frei und un-\ngezwungen im Schuldeutsch des Herrn Bock aus-\ndrückt. „Derselbe\" hat ihr also keui4n Kuß gege-\nben, und auch nicht versucht, ihr unter die Röcke\nzu greifen. Er hat nur einmal in harmloser Weise\nvielleicht die Hand an die Taille gelegt — wie man\ndas so tut — und es diesmal beim lichten Fleck\ngefaßt. Fortes Fortuna jiivat. Nach diesem\nschönen aber schweren Sieg der Psychologie ging\ner zu dem Zweiten Mädchen. Die Unterredung fand\nauf dem Treppenflur statt. Das Mädchen bestritt,\nUnwahres gesagt - zii haben. „Da kochte in mir\ndas Blut und schon wollte ich ihr den. Rücken\nkehren.\" Doch noch gab er die Hcfffntmg auf den\nlichten Fleck nicht auf:. „Aber mit Gewalt be-\nherrschte ich mich, da ich auf solche Weise nicht\nzum Ziele kam.\" Und der Rektor griff in die\nPsychologie: ,JPräulein, wir brauchen doch kein\nTheater zu spielen! Sie wissen doch so genau\na 1 s ich, äaß ich Ihnen niemals zu nahe getreten\nbin. Ich sehe Sie noch in der Schule vor mir sitzen,\nblutarm, bleichsüchtig und mit traurigen Blicken\nals Waisenkind.\" Die Psychologie wird immer\nscharfsinniger: „Da dachte ich mir: das arme Mäd-\nchen denkt gewiß an seine verstorbenen Eltern,\nund da hatte ich immer mit Ihnen, der armen\nWraise, herzliches Mitleid.\" In solchen Momenten\nlegt man natürlich die Hand an die Taille. Jeden\nTag sah er das blutarme Mädchen sicher einige\nStunden vor sich sitzen. Und er konnte nicht an-\nders, er mußte immerzu an ihl* e verstorbenen\nEltern denken. Nach diesem Geständnis begann der\nschöne aber schwere Sieg der Psychologie: „Wäh-\nrend ich diese Worte sprach, besonders, als ich\nihre verstorbenen Eltern erwähnte, ging ein Zit-\ntern und eine tiefe Erregung durch ihren Körper.\"\nFortes fortuna juvat. Er hatte den lichten Fleck\ngefaßt, nein, er hatte ihn gepackt: „Es war klar,\nich hatte den letzten hellen Fleck in ihrer Seele\nrichtig gepackt und die richtige Saite ihrer Emp-\nfindung zum Tönen gebracht.\" Nun nahte die Ent-\nscheidung, ein heftiger Sprung von der Musik zur\nLiteratur: „W7as haben wir damals gemeinsam in\nder Klasse für ein Drama gelesen? Sie antwortete:\nW) ilh e 1 m Teil. Ich erwiderte: Aus diesem\nDrama haben Sie die schöne Stelle gelernt:\nes lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen. Fürch-\nten Sie sich nicht vor Ihren Sünden? Mich, Ihren\nRektor, haben Sie unschuldig großer Schandtaten\ngeziehen. Ich habe Ihnen nur Gutes erwiesen. Sie\nhaben mich unschuldig um Ehre und Amt gebracht.\nUnd Sie wollen an den Ort kommen, an dem\nIhre verstorbenen guten Eltern sich\nbefinde n?\" Da siegte die schöne aber schwere\nKunst der Psychologie. Mit Goethe zog der\nRektor aus und Schiller brachte ihm das Heil.\nEinem Zitat von Schiller kann selbst die ver-\nstockteste Butterverkäuferin nicht widerstehen.\nUnd einem so guten Rektor, der immerzu an ihre\nguten verstorbenen Eltern denkt und sie an den Ort\nwünscht, wo sich „dieselben\" befinden. „Eine hef-\ntige Gemütserschütterung erfaßte sie!\" Sogar\ndie Erschütterung faßt. „Ich aber griff in meine\nTasche, zeigte ihr siebzig Pfennig, nieine ganze\nBarschaft, und sagte: Sehen Sie, soweit haben Sie\nmich gebracht — unschuldig\". Als der gute Rektor\nin seine Tasche griff, konnte das Mädchen sich\nnicht mehr fassen: „Da konnte sie sich nicht mehr\nlänger halten, das Eis ihres Herzens war geschmol-\nzen, unter Schluchzen ergriff sie meine Hand\nund benetzte sie mit Reuetränen.\" Aber es half\nalles nichts, das Greifen und Fassen wird fortge-\nsetzt, wenn auch jetzt in höchst psychologischer\nWeise. So ein guter Mensch, dieser Rektor, es\nist eine Schande, daß man ihm Schande brachte:\n„Beim Anblick dieses zerknirschten Menschen-\nkindes konnte auch ich mich einer tiefen Rührung\nnicht erwehren. Tränen füllten meine Augen, ich\nreichte ihr zum Zeichen meiner Versöhnung\ndi e Ha n d und küßte die ihre mi t de n\nWorten: So habe ich denn die Hand ge-\nküßt, die sich zum Meineide wider mich er-\nhoben hat.\" Das ist nicht mehr auszuhalten, es\nlebt ein Gott, zu strafen und zu rächen, Fortes\nfortuna juvat, nimmer sich beugen, kräftig sich\nzeigen. Dieser gute, gute Mensch. Er küßt nur\ndie Hände, die sich zum Meineid gegen ihn er-\nheben. Er legt nur die Hand harmlos um die\nTaille . . . Und die Preußen sperren ihn ein.\nEin Harmonium befand sich leider nicht 111 der\nNähe, um die angeschlagenen Töne gebührend\nausklingen zu lassen, Das Mädchen war also\nzum Widerruf entschlossen. Der Rektor hatte\nnur noch siebzig Pfennige und das Mädchen ver-\ndiente immerhin noch zwanzig Mark im Monat.\nDie klassische Szene auf dem Treppenflur schloß\nebenso feierlich, wie sie begonnen wurde: „Von\nihr aufgefordert, griff ich in meine Brieftasche\nund reichte ihr ein Stück Papier, auf welches sie\nfolgenden Widerruf eigenhändig und selbst\nStil isi e r t schrieb: „Hiermit nehme ich die gei-\ngen. Herrn Rektor Bock erhobene Beschuldigung\naus innerem Herzensgrund zurück und\nerkläre die Beschuldigung als unwahr. Auf der\nPolizei hat man furchtbar in mich gedrungen, und\nso habe ich Unwahres ausgesagt.\" Die Polizei\nsollte sich für alle Fälle die Werke Schillers zu-\nlegen. Dann wird ihr Drängen nicht mehr als\nfurchtbar erscheinen. Wie kann Herr Rektor Bock\ndiesen schönen Sieg anders feiern, als daß er\nneben Schiller noch den schlesischen Dichter\nPaul Keller berühmt macht: „Der schlesische\nDichter Paul Keller - schrieb eine für cht bat\nergreifende Erzählung: der Lump. Drei\nSchülerinnen wollen an ihrem Lehrer Rache neh-\nmen. Auf Verabredung beschuldigen sie ihn des\nSittlichkeitsverbrechens, wodurch er Freiheit, Amt\nund Würde unschuldig verliert. Auf dem Sterbe-\nbett gesteht die Letzte der drei Zeuginnen ihr Ver-\nbrechen. Kellers schöne. Erzählung, ein Produkt\nköstlicher dichterischer Phantasie, hat sich an mir\nverwirklicht.\"\nDie Wirkung der Klassiker. Die Wirkung der\nKunst und die Wirkung der Psychologie.\nDie Wirkung des Fünfzigjährigen\nMan beginnt fast an Ibsen zu zweifeln. Ent-\ndeckt wurde er von Herrn Georg Brandes, der\nauch Paul Goldmann entdeckte und von\nPaul Schient her, der den fünfzigjährigen\nOtto Ernst feiert. Herr Doktor Paul Schienther,\nHofrat, einst Direktor des verfallenen Wiener Hof-\nburgtheaters, jauchzt im „Berliner Tageblatt\":\n„Aus allen Gauen Deutschlands, so weit die\nStimme eines Vortragskünstlers reicht, werden\nMänner den Hut schwenken und Frauen mit dem\nTuch ihm entgegen deutsche Mädchen aber\nwerden Astern und Reseda werfen. Denn 011 o\nEms t's Ruhm ist in Deutschland ebenso stark\nverbreitet, wie sein Vatername Schmidt. Niemand\nwird also dem deutschen Volk etwas neues über\nihn sagen können.\" Das hat noch niemals niemand\ngekonnt. Nur Herrn Hofrat Paul Schienther blieb\nes vorbehalten, das deutsche Volk in Abschieds-\nstimmung zu sehen: Hüteschwenken, Tücherwehen,\nBlumenschmeißen. Aber er ist un s nicht davon\ngegangen, der brave Sehuilehrer, „er ist vom\nLehrpult und W'andtafel aus ins häusliche Glück\nund in des Volkes Dichtersaal getreten.\" Ja, die\nDichter hatten es schwer auf Erden. „Lange Zeit\nblieben ihm für die Muse nur karge Mußestunden.\nEr füllte sie mit lyrischen Gedichten und mit\nder Herausgabe einer für Wahres Gutes und\nSchönes Aufklärerisch kämpfenden Zeitschrift\naus: Um beides wollte sich sein deutsches Volk\nnoch nicht kümmern.\" Künstlers Erdenwallen.\nAber sein deutsches Volk besann sich, als er\nschlechte Romane schrieb. So etwas läßt sich sein\n*.. ■ ■*» •\ndeutsches Volk nicht entgehen. Namentlich, wenn\nes die Gemütssaite angeschlagen bekommt. Mein-\neidige gestehen und junge Mädchen werfen Astern\nund Reseden. Ja, seine Geschichten.. „Immer\nliegt im Lachen und im Weinen das .Gemüt\nweit aufgeschlagen: da. So ist Otto Ernst\nauch seinem Volk zu Gemüt gegangen und ans"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8622, "texte": "Merz ge wach sen.\" So versichert der Ver-\nkünder Ibsens. Ein Glück für sein deutsches Volk\nund dessen asternwerfende junge Mädchen, daß\nman allseitig schon an Herzverfettung gewöhnt ist.\nOtto Ernst, der ihnen ans Herz gewachsen ist,\nwäre sonst zu schwer für sie zu tragen: „In\neigener kugelrunder Person tritt er als\nKünder seiner Poeterei unter die Leute, und allent-\nhalben kennt man und liebt man den leuchtenden\nkleinen Mann aus Hamburg, der sowohl blond und\nblauäugig, als auch glä n z e irr d gettä Ir r t\nund pausbäckig i s t.\" Sein deutsches Volk\nläßt seinen Dichter nicht mehr hungern. Astern\nund Reseden machen zwar den Kohl des Dichters\nnicht fett. Sein deutsches Volk gibt ihm auch\n„irdischere\" Speise. Der Künstler hat genug ge-\nwallt. Wras er gesäet hat, kann er jetzt ver-\nspeisen. Es schlägt ihm gut an, dem kugelrunden\nMann, glänzend genährt und pausbäckig ist er.\nDiese Einsicht wird man dem ersten Kritiker\ndes „Berliner Tageblatts\" wohl zutrauen dürfen.\nUnd weil Otto Ernst min einmal seinen fünfzig-\njährigen Geburtstag feiert, in eigener kugelrunder\nPerson, und weil man allgemein so glücklich ist,\ndaß er das Gemüt so weit aufgeschlagen hat, so\nsoll ihm auch von mir sein guter Appetit nicht\nverdorben werden. Und aus vollem Gemüt\nschließe ich mich dem Wunsche des Herrn Hof-\nrats Paul Schienther an: „Möge ihm noch lange\nJahrzehnte hindurch ambrosische und irdische\nSpeise abwechselnd gleich wrohl bekommen.'4\nHoch, hoch, hoch!\nOtto Ernst zur Feier\nEin Hausbuch für freie Menschen ist erschienen.\n„Zum Geleite\" schrieb ihm Otto Ernst einiges\nüber die schwierige Frage: Verträgt die Poesie\nGedanken? Otto Ernst kommt zu dem Resultat,\ntlaß man mit und ohne Gedanken dichten kann.\nDer Familienvater des Hausbuchs weiß allerdings\nnicht, daß man mit und ohne Gedanken auch\nnic h t dichten kann. Deshalb nahm er Gedichte\nder Herren Benzmann, Bierbaum, Otto Ernst,\nHanns Heinz Ewers, Gustav Falke, Otto Erich\nHartleben, Karl Henkel!, Wolfgang Kirchbach, Hugo\nSalus, Friedrich Schiller, Wilhelm Weigand und\nBruno Wille auf. Das Hausbuch ist für höchst-\ngebildete Menschen bestimmt. Deshalb verkündet\nder Verlag Ernst Reinhardt in München: „Alle\nMonisten, Freidenker, Freireligiöse, Ethiker usw.\n.werden das Buch wie einen guten Freund und\nHausgenossen lieb gewinnen, besonders in den\nernsten und stillen Stunden des Lebens. Der Her-\nausgeber dürfte aber — wie Otto Ern s t\nschreibt — nicht nur auf den Dank der Frei-\ngesinnten, sondern auch auf den der Kunstsinnigen\nAnspruch haben.\" Das Buch versucht ferner „einen\nkünstlerischen Aufbau nach Inhalt und Stimmung\".\nDer Aufbau besteht aus folgenden Teilen: Kampf\ngegen die Finsternis, All und Erde, Empor zum\nLicht! Im dritten Teil „einen sich Kunst und\nWissenschaft zur freien Andacht\". Und da nun\nOtto Ernst nach des monistischen Gottes uner-\nforschlichem Ratschluß den fünfzigsten Geburtstag\nfeiert, soll auch diese Zeitschrift von dem Kunst-\nsin des Freidenkers zeugen. Er bricht der Wahr-\nheit eine Gasse, Er lebt und stirbt fürs Ideal. Er\nwandert bei aller stillen Qual trotzig weiter und\nsogar aufwärts. Er geht mit nichten still von\ndannen, der trotzige Mann:\nTrotz d e r L ii g e\nHast du dir in det Seele\nGelobt mit starkem' Eid,\nZti kämpfen für die Wahrheit •\nIn jedem Erdenstreit,\nSo darfst du nie dich zeigen\nEntwaffnet und besiegt,\nWie schreckbar auch und drohend\nDer Feind im Felde liegt. ' •\nVielleicht daß ein Gewait'ger\nDich richtet und verdammt,\nWeil deines Geistes Leuchte\nZu hell die Nacht durchflammt;\nDoch schlimmer sind die Feinde,\nDie meuchlings dich bedröhn\nMit Trug nnd feiger Lüge,\nMit scheelem Neid und Möhn. -\nDu wirst sie kennen lernen.\nDie angstvoll-herbe Qual,\nDaß du um solche Feinde\nVerzagst am Ideal,\nDaß alles dir im Geiste\nZusammenbricht und fällt\nUnd dir entgegendüstert\nIn öder Nacht die Welt-\nDann aber darfst mit nichten\nDu still von dannen gehn,\nEs darf in deinen Augen\nNicht eine Träne stehn!\nSonst bricht in frechen Tönen\nDer Feinde Jubel los;\nSie nähren ihre Freude\nMit deinen Schmerzen groß.\nY.«y .*\"\n'*• ■ 112\nNein, lachen sollst du, lachen\nDer schnöden Meuchlerzunft!\nUnd ob sie schon nicht hörten\nDie Stimme der Vernunft,\nOb sie des Mitleids Regung\nFühllos vernommen nie —\nDein trotzig, fröhlich Lachen\nBetäubt, vernichtet sie.\nDa prallen Pfeil und Lanze\nVon deinem Panzer ab;\nDu schreitest klaren Auges\nHin über Tod und Grab.\nDie Feinde werden scheuen.\nFührst du mit Lachen Krieg\nUnd mit geruh'gem Glauben\nAn den gewissen Sieg.\nDrum, ob ein tiefer Ingrimm\nUm deine Lippen bebt,\nOb's jäh in deine Augen\nHeißquellend sich erhebt,\nDu mußt der Lüge lachen\nBei aller stillen Qual\nUnd trotzig weiter wandern\nAufwärts zum Ideal.\nDer glaubt an seine Zeugungskraft. Blond und\nblauäugig, pausbäckig und wohlgenährt..\nNoch ein Hausbuch\nEs wird jetzt alles „frei Maus\" geliefert. Sogar\ndie aktuelle Philosophie. Für sie hat sich ein Ver-\nlag; eigens etabliert, versendet Probeteile des\n„Hausbuchs der geistigen Gesundheitspflege44. Die\nverehrlichen Redaktionen können auch das ganze\nBuch erhalten „gegen die rechtlich bindende Ver-\npflichtung einer Besprechung\". Mich verpflichtet\nschon der Probeteil. Denn durch das Buch wird\n„der gesamten Zukunft der Menschheitsentwick-\nlung überhaupt der viel ersehnte neue Aus-\ngangs? un k t vorgezeichnet\". Viel Ausgangs-\npunkte will ich der Menschheitsentwicklung nicht\nvorenthalten.\nDer erste Punkt:\nErb a uu n g und Bewunderung sind die gesün-\ndesten, kräftigendsten Speisen, die es für den\nmenschlichen Geist gibt; ihr Nährwert beruht\nauf'dem Bew.eisgehalt dafür, daß eine höhere Stufe»\nals man selbst innehat, und höhere weitere Ge-\nsich tspu n k t e möglich, sind. Freilich gibt es\nauch hier schwache Magen, die dergleichen nicht\nvertragen können, indem es ihnen mehr oder weni-\nger bewußt wider den „Stolz\" geht, so daß. sie\nbestenfalls heucheln, Geschmack daran zu finden;\nim letzteren Falle haben die scheinbare Un-\nmäßigen im Genuß der Speise, denn zur Erreichung\ndes Zweckes bedarf es eines unverhältnismäßigen\nAufwands an Worten.\nDer zweite Punkt:\nKeusch he i t ist Sachverständnis im Ge -\nn u ß , nicht Entbehrung desselben.\nDer dritte Punkt:\nQ u a 1 i t ä t. Es ist erstaunlich, wie relativ wenig\nMenschen den- Grundsatz, daß Qualität Quantität\nersetzen kann, indem sie selbst Quantität ist, nur\nunter anderem Gesichtspunkt, auch auf das Ver-\nhältnis zwischen Lebensdauer und Lebensinhalt an-\nwenden. Um wie vieles mehr, der wirklichen Ge-\nsamtsumme nach, könnte man vom Leben\ndurch Treue gegen das „Ideal\", welches den\nLe be nsap petit genannt Begeisterung, spen-\ndet, wollte man nicht dreiviertel der Zeit darauf\nverwenden, seine Fortdauer zu „sichern\".\nMan vergleiche, wie sich die Idealgestalt vo«\nOtto Ernst mit der aktuellen Philosophie deckt.\nDer vierte Punkt:\nDas Sc h amge 112 ü h 1... Nicht anders aber\nfunktioniert das Schamgefühl in demjenige«\nmerkwürdigen Falle, wo es sich regt, obwohl\nes sich um weiter gar nichts handelt, als eine je -\nnachdem unvermeidliche oder wünschenswerte\noder direkt notwendige bloße Betracht a n £\nbezw. Berührung des Geschlechtlichen durch\nWort oder Blick, oder anderseits zwar um\nwirkliche Beziehungen, aber solche, die völlig\ndaseinsberechtigt scheinen.\nDie Punkte sind gegeben. Die Zukunft der\nMenschheitsentwicklung braucht nur noch über sie\nhinwegzuspringen.\nwirkliche Dichter\nDie wirklichen Dichter lernt man am bestell\nans der B. Z. am Mittag kennen. „Walter Bloet«\nhat schon in seinem Prosaepos Das eiserne Jafar\neine seltene höchster Anerkennung werte Ge-\nwandtheit in der Darstellung modemer militärischer\nKämpfe bewiesen.\" Der Kritiker weiß offenbar\nnicht, daß Herr Walter Bloem, der Protektor einer\nihm zu Ehren gegründeten Zigarre, die allerhöchste\nAnerkennung bereits gefunden hat. Das deutsche\nVolk hat Bismarck seine Heringe verliehen. Einen\nOrden von seinem Allerhöchsten Kriegsherrn be-\nsitzt Herr Bloem noch nicht, da er seine Gewandt-\nheit vorläufig nur in der Darstellung moderner\nmilitärischer Kämpfe beweist. Aber: „Das litera-\nrische Interesse des Kaisers bekundete sich dieser\nTage darin, daß er einen ganzen Roman im Fami-\nlienkreise vorlas. Es handelte sich hierbei um\nWalter Bioems bekanntes Buch Das eiserne Jahr.\"\nSo etwas weiß die B. Z. am Mittag nicht einmal.\n(Aber die Vossische Zeitung von Staats- und ge-\nlehrten Sachen entrüstete sich bei dieser Gelegen-\nheit über die literarische Unbildung deutscher Offi-\nziere. Auch ihnen las der Kaiser den ganzen Romati\nvor und kein Offizier hatte jemals den Namen\nW'alter Bloem gehört! Trotzdem die Vossische\nZeitung „in der Lage war\", mehrere novellistische\nArbeiten dieses Autors zu veröffentlichen. So\netwas kommt davon, wenn man nicht die. Vos-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.5", "debut_caractere": 41, "fin_caractere_exclue": 2333, "texte": "•SäSche Zeitung liest. Selbst die Leser des Sturms\n&md orientierter. (Sie wissen wenigstens, daß die\nZigarre existiert mit der Devise: Rauch ist alles\njrd'sehe Leben.) Alle diese schönen Dinge weiß\n<Be B. Z. am Mittag nicht. Aber sie hat sein jüng-\nstes Buch gelesen. Es bezeugt, „welch beachtens-\nwerte Fortschritte in der Beherrschung dieses\nschwierigen Gebietes er noch gemacht hat. Den\nUntergrund seiner neuen Dichtung bildet der\nmittlere Teil des deutsch-französischen Feld-\n•zwges\". Der Dichter scheute weder Kosten noch\nMühe. Die Kosten: „Der Dichter hat sich den\n■größten Teil des Sommers hindurch in Frankreich\naufgehalten, um an Ort und Stelle seine Studien zu\nmachen.\" Da mußt e es eine Wirklichkeitsdich-\nttmg werden. Die Mühe: „Bloem hat sich für diese\nAufgabe einen wahrhart epischen Stil geschaffen.\"\nJa, er hat toll gerungen mit der deutschen Muse,\n,„er läßt mit tragischer Wortgewalt das Einzel-\npersönliche ganz zurücktreten und schildert die\nVorgänge als das Ringen zweier Völker-\nBiassen um die Weltherrschaft\". So ein origi-\nneller Gedanke ist diesem Kopf entsprungen. Solch\n..... , . • • t\nein Ringen kann man wahrhaft nicht vergeblich\nrennen. Und die Ausführung! Wie könnte sie bei\nBloem anders sein, als von „bewundernder Meister-\nschaft'1. Das genügt. Aber der B. Z. am Mittag\ngenügt es nicht. Mit bewundernswerter Meister-\nschaft wird die bewundernswerte Meisterschaft ge-\nschildert: „Man sieht geradezu die Kugeln in die\nMauern der Gebäude des Dorffriedhofes einschla-\ngen, man glaubt den Lärm ihres Platzens, die Töne\nder Signale, die Schreie der Stürzenden zu hören,\nder ganze Vorgang ist von unerhörter ergreifender\nAnschaulichkeit.\" Besser hat es selbst der Meister\nBloem nicht geschildert als sein kongenialer Kri-\ntiker. Man ist ergriffen von solcher uner hörten\nAnschaulichkeit. Und kein Geringerer hat\ndem Walter Bloem solches Lob gespendet als der\nMeister Konrad Alberti-Sittenfeld. Welche rüh-\nrende Tragik liegt in diesem neidlosen Lob. Kon-\nrad Alberti-Sittenfeld feiert in diesem Jahr, wie\nzahlreiche andere Menschen, seinen fünfzigsten\nGeburtstag. Sein deutsches Volk hat ihm nicht\ngratuliert. So muß er es sich selbst tun. In der\nB. Z. am Mittag. Aber er ist jung gebliebe». Denn\nwer den Dichter Bloem erkennt, muß sicher ein\nalter Knabe sein.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-04-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_04#c005", "volume": "bmtnabg_1912-10_04", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "185", "page_fin": "185", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.2.5", "titre_corps": "Franz Marc: Tiger / Originalholzsehnitt", "titre_sommaire": "Franz Marc: Tiger / Originalholzsehnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 39, "texte": "Franz Marc: Tiger / Originalholzsehnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-04-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_04#c006", "volume": "bmtnabg_1912-10_04", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "185", "page_fin": "187", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.2.6", "titre_corps": "Mensehen von Gottes Gnaden", "titre_sommaire": "Mensehen von Gottes Gnaden", "signature_source": "Karl Borromäus Heinrich", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.5", "debut_caractere": 2335, "fin_caractere_exclue": 3305, "texte": "Mensehen von Gottes\nGnaden\nVon Karl Borromäus Heinrich\nAus den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant [illegible]\nville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.\nSolchermaßen waren nun doch eine Zeitlang\nüber die alte Mauer der Ruhe, von der umgeben\nBaron Fritz Frangart dahinlebte, die unruhigen\nEidechsen der Heiterkeit geklettert, die der gute\nBajazzo dorthin jagte; und Baron Frangart jagte\nsie nicht weg. Aber dem Bajazzo selbst öffneten\nsich die Mauern nicht. In dunkeln Nächten stand\ner manchmal leise schluchzend davor. Unerhört\nverhallte sein Schluchzen, und das Salz seiner\nTränen konnte der Mauer so wenig anhaben, wie\ndie zartfüßigen Eidechsen seiner Heiterkeit. — Ein\nsolcher Bajazzo wie Schlagintweit hatte ein schwe-\nres Los auf Erden: freilich darf er seine Spaße auch\ndort aufführen, wo sich andre keine lustige Miene\nmehr getrauen, geschweige denn ein Wort. Aber\ndas ist auch alles. Er muß froh sein, wenn er nicht\nmißverstanden wird; wenn ihn die andern nicht"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "186", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10594, "texte": "mit einem AÜerweitshallodri verwechseln und ihm\nPfennige hinwerfen, während er mit dem goldenen\nKlingelbeutel seines Herzens Liebe einsammeln\nwill. — Das nun brauchte Schlagintweit von Baron\nFrangart nicht zu befürchten, aber Liebe gab ihm\ndieser auch nicht, konnte sie ihm nicht geben > . .\nOh über die süßen Schmerzen der Freundschaft!\nOh unbelohnte Liebe! Oh Schrei der Sehnsucht,\nder ohne Echo verhallt! Oh verlorene, verlorene,\nverlorene Jugend! . . .\n„Ein schweigsamer Mensch ohne Echo zu sein,\nwie Baron Frangart, ist aber auch, keine Kleinig-\nkeit!\" dachte sich Schlagintweit, zog sein Herz aus\n■der Brust und wischte sich die Tränen damit ab. ..\n«t»\nDrittes Buch\n. . . for thou hast been\nAs one, in suffering all, that suffers nothing\n(Denn, Du bist, während Du alles zu leiden hat-\ntest, gewesen wie Einer, dem nichts widerfuhr.)\nHamlet, dem Horatio zur Leichenrede\n...... \"•\nEine ergebnislose Berufswahl\n.JReif also wären wir jetzt!\" rief Schlagint-\nweit lachend, als er am 14. Juli des Jahres 19 .\nkurz vor Mittag, bei Baron Frangart eintrat, um\ndiesem, da er sich zur Abschiedsieier und letzten\nVerteilung der Zensuren krank gemeldet hatte, das\nMaturitätszeugnis zu überbringen.\n„Die Frage ist nur, wozu?\" erwiderte Frangart\ngelassen. — „Was mich betrifft, so weiß ich das\nnoch nicht, da studiere ich halt einstweilen Philo-\nsophie, das ist für alle Fakultäten Vorschrift: acht\nKollegien Philosophie, achtmal sechzehn Mark pro\nKoileg macht um einhimdertvierundzwanzig Mark\nPhilosophie, die mir der Staat gratis verzapft von\nwegen Dürftigkeitszeugnis . . . Aber was Sie\nstudieren sollten, weiß ich wirklich nicht, Baron,\nwomöglich etwas, wo 's wenig Worte zu machen\ngibt . . .\" — „Also jedenfalls nicht Philosophie!\"\nerwiderte Frangart. Dann erzählte er Schlagint-\nweit, daß er nach dem Willen zwreier seliger Ver-\nwandten, seiner Mutter und des Marquis Choiseul,\nentweder Geistlicher werden oder in die deutsche\nArmee eintreten solle. Schlagintweit lachte: „Aus-\ngezeichnet, läßt sich beides vereinigen, werden\nSie einfach Militärgeistlicher!\" Ais er aber sah,\ndaß Baron Frangart sehr ernst vor sich hin-\nstarrte, setzte er hinzu: „O, entschuldigen Sie\nvielmals!\" ...\nFrangart hatte in diesen Tagen mit besten\nGlückwünschen zur bestandenen Prüfung zwei\nSchreiben bekommen, eins von seinem österrei-\nchischen Vormund und das andere von einem Or-\ndensgenossen Mievilles (dieser selbst weilte gerade\nbei den Trappisten und . durfte also ohne tVer-\nletzung der Hausregel keine Briefe schreiben).\nmachte ihm darin Mitteilungen vom .Stand\n,seines Besitzes. Auf Frangart war alles unverän-\ndert, jedoch hatte man, da der Baron es nicht be-\nwohnen zu wollen schien, die Dienstboten bis auf\nzwei entlassen. Die. Verwaltung des Schlosses\nmaphte nur geringe Kosten, die von den Zinsen\nder Stiftung Mievilles hinlänglich bestritten wer-\nden konnten. (eine Stiftung, welche Frangart, so-\nbald er majorenn geworden wäre, abzulehnen, ge-\ndachte). Choiseul und Riom hatten, durch Ver-\nmittlung einer jesuitischen Genossenschaft in Cler-\nmond-Ferrand, ihren Käufer gefunden. Die Vor-\nmundschaft hatte diesem Verkauf, wie sie er-\nklärte, mit vielem, Recht zugestimmt, weil bei den\njetzigen agrarischen Verhältnissen in Frankreich\ndie toten . Liegenschaften wenig .Erträgnis ver-\nsprachen. Die von Marquis .Choiseul eingerichte-\nten landwirtschaftlich-industriellen Betriebe in tim-\nfassender Weise fortzuführen, habe sich für die\nVormundschaft als eine schwrere und zu kostspie-\nlige Aufgabe erwiesen. — Die Kaufsumme war be-\nträchtlich und ihre Zinsen, zusammen mit denen\ndes von Marquis Choiseul hinteiiassersen beweg-\nlichen Kapitals, garantierten Baron Frangart eine\nsehr hohe Rente. Die aus französischer Hinter-\nlassenschaft geflossenen Kapitalien waren teils\nbeim französischen „Credit Foncier\" angelegt,\ndessen Directeur-Tresorier, Monsieur Depagne,\nMarquis Choiseul nahegestanden und ihn stets in\nehrlichster Weise beraten hatte, teils in der besten\nenglischen Bank. Die Vormundschaft schrieb, sie\nhabe sich auch dazu berechtigt gehalten, ange-\nsichts des niederen Standes aller österreichischen\nStaatspapiere; auch könne sie keine Steuerhinter-\nziehung darin erblicken, daß diese Kapitalien im\nAusland verblieben; denn wenn Choiseul und\nRiom nicht verkauft worden wären, hätte man\ndiese Güter ja auch in Frankreich versteuern\nmüssen. Was endlich die Schulden des verstor-\nbenen Baron Frangart betreffe, sei dieserhalb\nnoch das prozessuale Verfahren abhängig; der\nHauptgläubiger des Verschiedenen habe alle an-\ndern Schuldforderungen zu niedrigsten Preisen\naufgekauft, sie mit den seinigen zusammen der\nVormundschaft präsentiert und, da Zahlung ver-\nweigert worden sei, eingeklagt. In dem Prozeß\nhandle es sich — da der andere Besitz des jungen\nBarons ja nicht aus der Frangartschen Familien-\nhinterlassenschaft komme — nur um Schloß Fran-\ngart selbst. Sollte das Gericht trotz nachgewie-\nsener Gütertrennung der verstorbenen Eltern und\ndaraus hervorgehender rechtlicher Konsequenzen\ngegen die Vormundschaft entscheiden, so werde\nman, um Schloß Frangart seinem Erben zu erhal-\nten, die Schulden aus dem beweglichen Kapital be-\nzahlen. Die Frage, ob diese Schulden schon ver-\njährt seien, da sie Baronin Frangart, auch als sie\nin den erblichen Besitz des Schlosses gekommen\nwar, aus dessen Erträgnissen nicht habe bezahlen\nkönnen, sei gerichtlich noch nicht entschieden.\nIm schlimmsten Falle werde man übrigens alles\ntun, um sich auf eine möglichst geringe Abfindung\nmit dem Gläubiger zu vergleichen und so die In-\nteressen des Barons Frangart bestens zu wahren.\n— Endlich machte die Vormundschaft Baron Fran-\ngart darauf aufmerksam, daß er seinen Militär-\ndienst in Oesterreich machen müsse, wenn nicht\ndie Entlassung aus dem österreichischen Staats-\nverband und die Naturalisierung in Deutschland\nangestrebt werde. Sollte aber Baron Frangart\njetzt schon in das deutsche Heer eintreten wollen,\nso müsse man eine Immediateingabe an Se. Ma-\njestät den Kaiser von Oesterreich richten. Immer-\nhin habe der (zwanzigjährige) Baron Frangart\nnoch ein Jahr der Ueberlegung Zeit.\nSo War Baron Frangart auch von dieser Seite\nund nicht nur von Schlagintweit an die Frage der\nBerufswahl erinnert worden. Klar und ruhig\nstellte er bei sich fest, daß es für einen Menschen\nseiner Art letzten Endes wirklich nur zwei Mög-\nlichkeiten gab: die eine, sein Geschlecht fortzu-\nführen und in die Armee einzutreten, oder die an-\ndere, den Namen Frangart sterben zu lassen und\nsich dem Dienste Gottes zu widmen. So gingen\nseine Ueberlegungen in einem Sinn, der dem Mar-\nquis Choiseul Wohlgefallen hätte: „Die katho-\nlische Kirche und die deutsche Armee, das ist das\nherrlichste, was wir jetzt haben.\" Aber Baron\nFrangart konnte sich nicht entschließen. Er achtete\ndas deutsche Heer, fühlte sich aber „wrohlgeboren-\nEvyevrjg \" genug, um für sich persönlich überzeugt\nzu sein, daß er dessen Zucht könne; und\ndie.. Idee, späterhin als Offizier selbst an dieser\nZucht, mitzuwirken, erschien ihm zwrar seiner eige-\nnen Beschaffenheit Würdiger; bei einigem Nach-\ndenken indes fand er, „daß es eine Höhe der Kul-\ntur gebe, von der aus man auch auf alle, die la\nnoch herrschen wollen, Schul- und Militärzucht-\nmeister inbegriffen, apathisch herabsehe. Lnd\nvielleicht, wahrscheinlich sogar, ja sicher, stehe\nFritz Freiherr von Frangart auf dieser Höhe/' So\nformulierten sich mit schwermütigem Stolz seine\nGedanken.\nWas aber den geistlichen Stand betraf, so war\ndies freilich der reinste, reinlichste, seiner tiefen\nRuhe angemessenste. Indes: das hatte Zeit. Und\nganz im Geheimen wartete Baron Frangart viel-\nleicht doch auf etwas, was seinem gleich -einer\nSonne,ln sich selbst ruhenden Wesen einen An-\nstoß. Bewegung, und somit Fruchtbarkeit geben\nkönne. Dann jedoch dachte er wieder des \\h~\nscheus, mit dem ihm die Beweglichkeit der an-\nderen („weniger kultivierten\") Menschen stels er-\nfüllt hatte. „Freilich, im Morast ist immer Bewe-\ngung,\" sagte er schließlich laut; es schien als ob-\ner die Anwesenheit des Menschen, der bekümmert\nund schweigsam in seinem Zimmer saß, vergessen\nhätte. „Aber der Morast stänke- noch mehr, wenn\ner immer ruhig daläge\"; meinte dieser treuherzig.\n„Allerdings der Morast stänke noch mehr, -der\nMorast schon . . .\" entgegnete Baron Fransart\nkühl.\n„Es gibt noch etwas,\" meinte er schließlich,\n„es gibt doch noch etwas drittes: den Genießer.\nIch könnte es mit diesem Beruf versuchen.\" —\n„Soll ich mich also schleunigst empfehlen?\" fragte\nSchlagintweit scherzend. —\nBaron Frangart glaubte nicht recht an den Be-\nruf des Genießers. Aber Tatsache ist z. B„ daS\ner im Herbst einmal den Zug nach Nizza bestieg;\nam andern Tag kam er wieder nach München zu-\nrück. Er war in Verona schon ausgestiegen, weil\nzwei Juden, die im Speisewagen neben ihm saßen,\nsich — nicht einmal sehr laut -— darüber unter-\nhielten, daß „im letzten Jahrhundert doch schon\nvieles besser geworden sei, nur in Rußland noch\nnicht\". Erzürnt stand Baron Frangart auf, indem\ner dachte: „Ja, für euch schon, aber für unser-\neinen nicht,\" begab sich in sein Coupe zurück und\nverließ, wie gesagt, in Verona, der nächsten Sta-\ntion, den Zug.\nEinmal fuhr er auch nach Paris. (Marquis-\nChoiseul zum Beispiel hatte diese Stadt nur be-\ntreten, wenn er geschäftlich dort zu tun hatte,\n„Zu privaten Zwecken geht ein Choiseul nicht in\ndie Hauptstadt der Revolution,\" hatte er geäußert.)\nIn Paris sah sich Baron Frangart alles an, die\nBars, wro die fashionabelsten Kokotten verkehrten,\ndie maisons de rendez-vous, die Spielsäle, die\nVaudevilles, die Folies-Bergeres, Moulin-rouge, die\nNacktbälle. Aber er sah das nur an und ging stete\nwieder wreg, bald vom schlechten Geruch, bald\nvon der Unreinlichkeit, bald von der unbeherrsch-\nten Gier der „vorhandenen\" Leute beleidigt.;, er\ngenoß nichts. Nach vier Wochen verließ er achsel-\nzuckend die genußreichste Stadt der Welt.\nIn München durchschritt er ein einziges Mai\ndie Budenstadt auf der Oktoberfestwiese. Das\nGeplärr der Ausrufer, die unendlich komischen Bil-\nder an den Budenwänden, das rastlose Kreischen\nder Orgelautomaten, die verkitschten Golddeko-\nrationen mit den tausend Glühlichtern darauf, amü-\nsierten ihn einigermaßen. Er fand das einfältig,\naber fröhlich, dem Geist der Massen richtig ange-\npaßt. Aber wer beschreibt sein Entsetzen, als er\ngegen Abend in die Nähe einer Bierbude kam m\\d\neinen schnellen Blick hineinwarf! Schaudernd ge-\nwahrte er die überhitzten Gesichter der Leute,\nihren stieren Blick; ein verpesteter Geruch drang\ndick und betäubend, vermischt mit; dem deliriösen\nLärm einer schlampigen Musik, aus der Bude her-\naus. — Da zum ersten Mal ging Baron Frangart"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "187", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 747, "texte": "schneller als sonst; er eilte fort, um diesem Fest\nzu entkommen.\nHiermit übrigens hielt er selbst die Versuche,\n.„.Genießer von Beruf zu werden, für beendigt. Er\nfand es aber nötig, sich durch ein dreitägiges un-\namerbrochenes Schweigen, in seiner Wrohnung\neingeschlossen, von den letzten Impressionen\n■dieser Versuche zu reinigen. Am vierten Tag\nging er in den alten Liebfrauendom und blieb\nmehrere Stunden dort, bis er das völlige Gleich-\nmaß seiner Seele und seines Geistes wiedergefun-\nden hatte.\nEr eignete sich also nicht zum Genießer; er war\n.y„zu kultiviert\" für einen so unreinlichen Beruf. Der\nHeeresdienst lockte ihn nicht. Geistlicher zu wer-\nden, das hatte Zeit. 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Wer sich nicht näher\nauskennt, sieht in das Züchterbuch. Die „peinture\"\nist bei Bildern, was die „Blume\" der guten Weine\nist, Gefühlssache. Wer sich auch hier nicht aus-\nkennt, sieht aui die Etikette, die die Firma aufge-\nklebt hat. Und dann kommt die Blamage. Der\nPicassosammler läuft in die Futiiristenausstellung\nund schreit: sehr schön, wunderschön, aber keine\nipeinture, meine Herren. Da antwortet ihm ein\nKlügerer: ma pittura, signore. Damit hört die Un-\nterhaltung auf. Man kann ihm dann ein japani-\nsches Gedicht oder etwas, das mindestens so schön\nist und nicht immer nur von Kranichen und Pflau-\nmenblüten handelt, vorlesen:\n„Wenn man ein Fenster öffnet, tritt der ganze\nLärm der Straße, die Bewegungen und die Gegen-\nständlichkeit der Dinge draußen plötzlich in das\nZimmer.\"\nOder:\n„Die Macht der Straße, das Leben, der Ehr-\ngeiz, die Angst, die man in der Stadt beobachten\nkann, das erdrückende Gefühl, das der Lärm ver-\nursacht.\"\nUnd solche Dinge zu malen gelang den Futu-\nristen, vorzüglich sogar. Carra, Boccioni und Se-\n■ver-ini werden ein Markstein der Geschichte der\nmodernen Malerei sein. 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Und man\nkann nicht sagen, daß die, die gar nicht schrieben,\ndamit einen besseren Witz gemacht haben. Die\nHerren scheitern eben an der kleinsten Aufgabe.\nSobald man sie zu einem selbständigen Urteil\nzwingt, versagen sie; was nicht im Trott der Kon-\nservatoriumsliteratur liegt, die einige von ihnen\nsicher vorzüglich gelernt haben, bleibt unverstan-\nden. Subalterne Intelligenzen; mit der alleinigen\nFähigkeit zur Pensionsberechtigung. Es ist in der\nLiteratur, der Schriftstellern meine ich, viel besser,\nviel gesünder; da schlagen wir, die wir auch ar-\nbeiten, in jedem ernsteren Falle deutlichen Lärm.\nDie Musikanten sind wehrlos, auch meist nicht\nschreib versiert; jeder Kochkünstler mit Schmock-\nalliiren ist ihnen überlegen. Die Tageskritiker sind\ndie Verderber des Publikumsurteils, sie sind ein\nKrebsschaden für die Verbreitung der Kunst. In\nder Wissenschaft gibt es ein solches Nonsens wie\ndie Tageskritik nicht; schlank und ehrlich hat der\nReferent, dem höllisch auf die Finger gesehen\nwird, seinen Bericht herzusagen; die Kritik be-\nsorgen die, welche später dasselbe Thema bear-\nbeiten. Es ist schwer einzusehen, warum die\ngroßen Zeitungsverleger, diese unheimlich schlauen\nGeschäftsleute, sie wissen, wie ihrem Unternehmen\njede Nachricht schadet, die sie dementieren müs-\nsen, eine so unhaltbare Sache wie die Tageskritik\ngewähren lassen, mit der sie sich vor jedem\nernsten Menschen lächerlich machen. Wir haben\ngenug Kunstzeitschriften; es sind Leute da, die zu\nder Kunst engere Fühlung haben. Das ganze\nSystem, Durcheinander von Berichten, Politik,\nBörse, Kunst, ist absurd; das „unter dem Strich4'\nhorrend und unfaßbar. Die Bemühungen ernster\nerwachsener Menschen können nicht so nebenbei\nund in der Weise behandelt werden, einflußreich\nbehandelt werden, daß irgendjemand — ich sage\nbewußt „irgendjemand\" — sich herstellt und in\nzehn Minuten aburteilt, das Uebrige, die nötige\nKorrektur bleibt dann dem „Durchringen\" des Ta-\nlents, mit allen bekannten Finessen, überlassen. Es\nist zu fatalistisch gedacht von den Zeitungsver-\nlegern; und der verantwortliche Redakteur ahnt\nnicht, was Verantwortung heißt.\nIch gehöre nicht zur Kritik, insbesondere nicht\nzur Musikkritik; habe nur eine mehrfach nachge-\nwiesene Nähe zur Kunst.\nWas Schönberg anlangt, so haben die Herren\nvon der Kritik einmal glatt vorbeigehauen, dann,\nwie ich nachweisen werde, theoretische Unkenntnis\ngezeigt. Man kann nämlich so musizieren, wie\nSchönberg tut; man kann diese Arbeitsleistungen\nals Musik betrachten. Die Musik hat nichts mit\nMotiven, nichts mit Melos, nichts mit Harmonie,\nnichts mit Rhythmus wesentlich zu tun; sie hat\nsich in bekannter Weise innerhalb dieser Ordnungs-\nregeln auf unserem Kontinent entwickelt. Die Re-\nlativität dessen, was Harmonie ist, ist von genug\nneueren Komponisten bereits — mit Anerken-\ndemonstriert worden. Das Melos zer-\nfließt den meisten der guten neueren Komponisten\nin einer charakteristischen Weise; seine Tage\nscheinen gezählt; mit der Rhythmik steht es nicht\nbesser. Ergo, zum mindesten objektiv hinzuschrei-\nben: Schönberg ein Dokument von unserer Zeiten\nSchande — aber nicht Schönberg die Schande, son-\ndern der Zeit. Es muß hingeschrieben werden: er\nscheint zu den vorgeschrittensten Arbeitern gemäß\nder herrschenden Musiktendenz zu gehören. Ich\nwürde seine Originalität daraufhin durchaus be-\nstreiten; es ist heute sicher origineller für einen\nehrlichen Mann, der mitten drin steht, melodisch\netc. zu schreiben in einer Art Trotzpolitik.\nEs kann ihm der gute Kunstwille nicht abge-\nsprochen werden. Wie ich bei den Bildern der\nFuturisten sagte: man braucht von Zeit zu Zeit\nfreie Bahn; es muß Luft gemacht werden; es geht\nnicht, ohne daß man einmal „Schluß\" sagt. Und\nwenn der Künstler es sogar will, intellektuell will,\nso ist dieses Intellektuelle, die Gewolltheit kein\nMakel an seiner Kunst; man ist doch als Künstler\nnicht notgedrungen Hornvieh.\nTheoretisch ist diese Musik unangreifbar. Bleibt\nSchönberg. Ich habe ihn zum erstenmal gehört,\nHördauer vierzig Minuten, zu wundervollen Texten\ndes Albert Girauds. Sie fesselt ungemein, diese\nMusik; es sind Klänge, Bewegungen drin, wie ich\nsie noch nicht gehört habe; bei manchen Liedern\nhatte ich den Eindruck, daß sie nur so komponiert\nwerden können. Es läßt sich vieles über diese\nLieder sagen. Es schien mir : wir sind auf neuem,\nnoch schwer gangbaren Boden. Man muß mehr\nvon Schönberg hören, mehr sich in diese Art ver-\ntiefen, ich halte über Schönbergs Begabung so-\nlange mein Urteil zurück. 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Denn jeder\ngesteht freimütig ein, daß er dieses als nicht zu\nseinem Beruf gehörig eben nicht verstehe. Bei\n< t\nBeurteilung eines Maschinenbaues, einer Eisen-\nbahntrace, eines Wasserbaues sind die Leute be-\nscheiden; der Arzt, der Jurist, der Philologe, der\nBankier, der Geschäftsmann, sie alle erklären be-\nscheiden: das verstehen wir nicht! Das versteht\nnur der Fachmann! Beim Hochbau jedoch: da\ntritt schon Architektur hinzu: was man so Archi-\ntektur nennt: die Fagade! Oh! und darüber ver-\nstehen nun schon viele, sehr viele zu urteilen.\nUnd warum auch nicht ? Sie haben sich zwar auch\nalle nie mit Architektur befaßt („was hat dena\nGrundriß oder Zweck des Baues mit der Facade\nzu tun\", „mit dem ob's schön ist oder nicht\",\n„wer sagt denn, das Grundriß und Bauzweck für\ndie Fagade und die dem betreffenden Bau eigene\nSchönheit bestimmend sind\"?), aber jeder Trottel\nkann doch ein schönes Haus von einem häßlichen\nunterscheiden — sagt jeder Trottel! Und sie ha-\nben es auch beim Haus des Adolf Loos in Wien\nbewiesen! Jeder Trottel verstand es zu beur-\nteilen — wie ein Trottel.\nAber immerhin: es gibt noch einige, die sich\nnicht um Architekten kümmern. Aber Kunst? —\nKunst verstehen sie alle, der Jurist, der Bankier»\nder Philologe, der Arzt, der Fabrikant und der\nVerkäufer, der Engrossist und der Detaillist, alle!\nalle! Kann denn nicht jeder lesen und schreiben,\nnicht jeder Klavier, Violine oder zumindest Gitarre\noder Zither spielen, hat nicht jeder in der Schule\nzeichnen gelernt, unterscheidet denn nicht ein\njeder Rot von Grün. Blau von Gelb, eine krumme\nvon einer geraden Linie, einen Menschen von\neinem Ochsen . . . sagen sie! Wie sollte da\nnicht jeder Dichtkunst, Musik und Malerei ver-\nstehen?\nAber man sagt auch noch, allerdings mit eini-\nger Berechtigung, wahre Kunst löse Ergriffenheit,\nalso Gefühle aus, und die habe doch jeder! Mögen\nsie also ihren Gefühlen freien Lauf lassen, aber nur\ndiesen und alle Wertungen, also Urteile unter-\nlassen ! Den Wert einer technischen Arbeit ver-\nmag nur der Techniker, einer handwerklichen nur\nder Handwerker, und den Wert einer künstle-\nrischen nur einzig und allein der Künstler zu be-\nurteilen. Und auch hier versteht wiederum nur\ndas Genie das Genie.\nSelten hat jemand über das Wesen der Genia-\nlität Tieferes geäußert, niemand die Genialität\nGustav Mahlers stärker geäußert und daher auch\nBesseres darüber gesagt, als der Komponist Ar-\nnold Schönberg in seinem Vortrag über Gustav\nMahler, gehalten am Sonntag, den 13. 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Die Fackel enthalt\nnur Reitrage von Karl Kraus. Neueste Nummer\n357—359. Inhalt: Der Ton / Qlossen / Moment-\nanfiiahmen / Elektrische Erziehung / Notizen /\nGlossen / Harakiri und Feuilleton / Preis dieser\ndreifachen Nummer 75 Pfennig / Verlag Die Fackel\nI Wien III/2\nL'Effort Libre / frfther L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne]\n/ Halbmonatsschrift / Kiinste /\nKultur I Philosophic / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue Francaise ./ Monatssctffift /\nVerlag Marcel Riviere et Cie / Paris I 1 Rue\nSaint-Benoit / Nummer 1 Francs 50 centimes"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-04-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_04#c015", "volume": "bmtnabg_1912-10_04", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "188", "page_fin": "188", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.8", "debut_caractere": 5483, "fin_caractere_exclue": 5491, "texte": "Anzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-10-04-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-10_04#c016", "volume": "bmtnabg_1912-10_04", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "188", "page_fin": "188", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.8", "debut_caractere": 5493, "fin_caractere_exclue": 8184, "texte": "Les Cahiers da Centre / Moulins [Allier]\nNeue Kanst Hans Goltz Miinchen, Ode-\nonsplatzl I Radierungen, Holzschnitte, Zeich-\nnungen, Aquarelle und GemSlde von Marc / Kan-\ndinsky / Heckel / Kirchner / Klee / Miinter\n! Pechstein / van Gogh / Cezanne / Matisse\n/ Picasso I Braque / van Dongen / Derain r\nKubin I Melzer u. a. m. / Standige Ausstellung:\nvon Werken dieser Kiinstler / Sammler wolien mix\nihre Wiinsche stets ubermitteln / Auswahlsendim-\ngen bereitwillig\nElse Lasker-Schiiler: Me in Herz / Ein Liebes-\nroman mit Bildern und wirklich lebenden Men-\nschen / Das Buch ersdieint Ende Oktober, kostet\ngeheftet vier Mark, gebunden fiinf Mark. Prospekte\nkostenlos durch den Verlag H e i n r i c h F, S...\nBachmair, Miinchen, KurfiirstenstraSe 39\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Vcreia\nPassive Mitglieder der Neuen SezessiOR\nerhalten jahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 / die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 I\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark,\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 2699\nGraphisches Kabinett Buch- und Kunsthandlun£ /\nBerlin W 15, Kurflirstendamm 33, Eingang Grol-\nmanstraBe / Eckhaus / Fernruf Amt Steinplatz\n14297 I Der Inhaber des Graphischen Kabinett?\nJ. B. Neumann eroifnet in der SchillerstraBe 6 (am\nKnie) eine Ausstellung fur die neue Malerei. In *hr\nsollen ausschlieBlich Werke jiingerer Kiinstler £c--\nzeigt werden\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLutzow 5850 I Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolie und seltene Biicher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung / Oktober-\nausstellung: Alfred Kubin und sein Werk\nPaul Graupe / Antiquariat / Berlin W 35 / Soeben\nerschien Katalog 62 Moderne Literatur / Nenaus-\ngaben / Luxusdrucke\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprccher Amt\nLutzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen liber moderne nnd buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur\nFritz Merker Charlottcnburg, SchillerstraSc 94.\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartout-\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Ant-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Bucheinbande\nTitania-Schrelbmaschine / Erste deutsche Schrelb-\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern /\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Gcnest,\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter iiir Berlin\nund die Mark Brandenburg: Louis Stangca,\nLinkstraBe 12. Telefon: Arnt Kurfiirst 2425"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.1", "texte": "Umfang; acht Seiten\nEinzel bezug 20 Pt'ennig\nDER STURM\nFÜR KULTUR KÜNSTE\nRedaktion und i\nBerlin W 9 / Potsdamer Straße 18\n|\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungsräume I\nBerlin W / Königin Augustastr. 51 1\nDRITTER JAHRGANG\nBERLIN OKTOBER 1912\nNUMMER 132\n\nInhalt:\nH. W.:; Zeitgeschichten: Kandinsky / Die Wirkung der Klassiker / Die Wirkung des Fünfzigjährigen / Otto Ernst zur Feier / Noch ein Haus«\nbuch / Der wirkliche Dichterf/ Karl Borromäus Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden / Roman / Franz Marc: Die Futuristen / Alfred Döblin : Arnold\nSchönberg / Edgar Byk: Bemerkung nach einem|Vortrag von Arnold Schönberg / Artur Sega!: Am Strande / Originalholzschnitt / Franz Marc:\nTiger / Originalholxschnitt / mit Dingen\n\nArtur Segal: Am Strande / Originalholzsehnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.2", "texte": "Bilder mit Dingen / Zur Beruhigung der berliner Kunstkritik / I: Die Künstler der Lebensfreude /\nOriginalzeichnung aus dem Anzeigenteil der geführten Tageszeitungen\n\nZeitgeschichten\n\nKandinsky\nDie Presse beginnt, sich über die Kandinsky-\nAusstellung dieser Zeitschrift zu äußern. Herr\nFritz Stahl wird es offenbar erst durch diese Zeilen\nerfahren, daß die Ausstellung vom Stur m und\nnicht vom „Atelierhaus Königin-Augusta-Straße\n50\" veranstaltet ist. Herr Stahl verträgt den Sturm\neben nicht. Und im Sturm kann man leicht sogar\ndie Hausnummern verwechseln. Ich habe nichts\ndagegen, daß Herr Stahl die Veranstalterin der Aus-\nstellung nicht nennt. Er darf aber dann niemand\nnennen und nicht unter Angabe einer falschen\nHausnummer ein harmloses Atelierhaus für „Bilder\nohne Dinge\" verantwortlich machen. Man kann\nnicht wissen, ob so ein Atelierhaus sich nicht einmal\nrächt und dem über dem Kopf zusammenstürzt, der\ndie Bilder ohne Dinge und die Dinge ohne Bilder\nsieht. Es ist natürlich unmöglich, mit Herrn Stahl\nüber Kunst zu diskutieren. Es ist auch zwecklos,\nmit einem unkünstlerischen Menschen über Kunst\ntheoretisch zu verhandeln. Aber einem stärkeren\nIntellekt selbst, als Herrn Stahl, müßte die\nüberragende Bedeutung von Kandinsky auf-\ngehen. Herr Stahl bestätigt ihm eine „sehr starke\naber einseitige Begabung\". Eine sehr starke Be-\ngabung ist stets einseitig. Wenn Herr Stahl aber\nauf den Bildern wenigstens die sehr starke Be-\ngabung zu sehen glaübt, so sollte er doch lieber\nan sich irre werden, als in dem Künstler einen\nIrren oder Irrenden zu suchen. Diese Kunstkritiker\nsehen von Bild zu Bild statt vom Erlebnis zum\nKunstwerk. Ist ihnen die Gestaltungsformel eines\nErlebnisses annähernd bekannt, so loben sie die\n„Form\". Schafft der Künstler sich selbst die so-\ngenannte Form, fehlt also die Vergleichsmöglich-\nkeit, so wird der Mangel an Form gerügt. Als ob\nForm etwas Feststehendes ist. Als ob man den\newigen Wechsel künstlerischer Erscheinungen an\nfeste Körper binden kann. Sind denn Linien oder\nFlächen mehr als Vorstellungen. Wie schafft man\nsonst selbst „Dinge\" neu, deren Form angeblich\ngegeben ist.\nHerr R. Breuer ist noch immer so kunstlos wie\ner War. Und er hat einen Nachteil gegen Herrn\nStahl, er ist sogar physisch blind. Sonst wäre es\nunmöglich, daß jemand diese Sätze über Kandinsky\nschreibt: „Die Analyse des Kandinsky ist sehr\nrasch getan. Er hilft uns zu ihr nachdrücklich\ndurch die Vorführung seiner früheren Bilder, von\ndenen er selber sagt, daß sie die Vorläufer der\njetzigen Arbeit seien. Nun: Diese, früheren Bilder\nsind höchst harmlos und nur in einem absolut: näm-\nlich im Mangel an Talent.\" Man sollte wirklich\nglauben, daß das Talent selbst ein Blinder sieht.\nSolche Torheiten kann nur ein Blind wütiger\nschreiben. So sehr die Herren. Stahl und Breuer\nauch sich über die Befähigung von Kandinsky ge-\ngenseitig an die Köpfe stoßen, so sind sie sich doch\n„in einem\" einig: Beide empfehlen dem Künstler,\nWeber zu werden. Herr Stahl empfiehlt ihm Stoff-\nfabriken und Teppichmanufakturen als „Dessina-\nteur\". Herr Breuer verweist ihn auf das Hand-\nwerk selbst. Wenn die beiden Herren sich ent-\nschließen könnten, ihrem Beruf als Schuster und\nSchneider nachzugehen, so würden sie allerdings\nhierin noch nicht einmal das leisten, was Kandinsky\nals Dessinateur und Weber könnte, Unschöpfe-\nrische und phantasielose Menschen müsset!' deshalb\nKunstkritiker an Tageszeitungen werden. Dazu\nsind sie auserwählt, aber nicht berufen. „Es gibt\nkeine absolute Malerei, solange das Auge noch nicht\nblind geworden gegen die Wirklichkeit und noch\nnicht müde, die Natur immer tiefer und reiner zu\nsehen.\" So lange gibt es überhaupt keine Malerei\nHerr Breuer, und keine Kunst, sondern nur abso-\nluten Blödsinn. Blöde Augen glauben immer die\nWirklichkeit und die Natur zu sehen. Eine schöne\nWirklichkeit und eine schöne Natur, die dieser\nHerr R. Breuer sieht.\nAuch der feinsinnige Professor Oskar Bie hat\nsich geäußert: „Schließlich, wer sich durchaus für\nKandinsky interessiert, pilgere nach Königin-\nAugusta-Straße 51\". Auch Herrn Professor Bie\nhat das Schild des Sturms vor dem jetzt berühmten\n„Hause\" Königin-Augusta-Straße 51 zu sehr in die\nAugen gestochen. Es ist ihm aber zu unserem\nGlück nicht in die Augen gefallen, so daß er wenig-\nstens die Hausnummer entziffern konnte. Da Herr\nProfessor Bie sich also „durchaus\" für Kandinsky\ninteressierte, ging er, nein, er pilgerte dorthin:\n„Dort ist er ganz zuerst romantisch, dann bunt,\ndann stickereimatt, dann bloß noch unwirkliche\nFarbengebilde.\" Man freut sich, daß der Professor\ndes Herrn Bie wenigstens wirklich ist, vielleicht\nromantisch oder bunt. Auch über die „Entwicklung'4\ndes Künstlers ist Herr Professor Bie noch nicht mit\nsich einig: „Vielleicht war die Entwicklung auch\ni\nanders, daß erst die Stickerei, und dann das Bunte\nkommt.\" Ein Problem. Vielleicht war es auch so,\ndaß die Stickerei bunt und das Bunte gestickt\nwurde. Aber man braucht sich darüber nicht die\nAugen zu verderben. Denn: „Es ist Privatsache\ngeblieben, Ausgeburt eines zu intellektuellen Men-\nschen.\" Herr Professor Bie hingegen ist leider keine\nPrivatsache geblieben, trotzdem er sich auf die\nAusgeburt eines zu intellektuelle!] Menschen- ver-\nstehen müßte. Nur ist er nicht intellektuell genug.\nDenn: „Wenn einer schreibt, kann er es immer so\ndrehen, als ob er recht hat.\" Wenn einer so\nschreibt, wie Herr Professor Bie, kann man es nie-\nmals drehen: er hat immer recht. Und sein Recht\nsoll sein Recht bleiben. Er soll fürder recht , und\nschlecht durchs Leben pilgern und weiter drehn und\ndeuteln.\nDie Wirkung der Klassiker\nHerr Rektor Bock hat eine Broschüre geschrie-\nben. Man hatte ihn zu einer schweren Gefängnis-\nstrafe verurteilt, weil er sich an seinen Schüler-\ninnen unsittlich vergangen haben sollte. In dieser\nBroschüre „schildert der Rektor den nachträglichen\nUmfall seiner Hauptbelastungszeuginnen\". Die\nSittlichkeit oder Unsittlichkeit des Herrn Bock in-\nteressiert hier nicht. Wrohl aber seine Schilderung,\nwie er das angebliche Geständnis der angeblich\nmeineidigen Zeuginnen hervorrief. Nämlich mit"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.3", "texte": "Hilfe der Klassiker. Diese Schilderung ist ein Be-\nweis mehr dafür, daß die Begriffe gefährlicher sind\nals das Begreifen. Und ein Beweis mehr dafür, zu\nwelchem Zweck der Gebildete die Kunst anfaßt.\nHerr Bock begann den Kampf um sein Recht:\nJ?Wohl verhehlte ich mir nicht dessen unendliche\nSchwierigkeit. Es war ein Kampf gegen Wind-\nmühlenflügel! Aber es mußte sein! Wie sagt doch\nGoethe?\nAllen Gewalten\nZum Trutz sich erhalten,.\nNimmer sich beugen,\nKräftig sich zeigen.\"\nMit Goethe begann also Herr Bock den\nKampf gegen Windmühlenflügel. Und mit Psycho-\nlogie: „Es ist ja eine psychologische Erfahrung,\ndaß sich auch in der Seele des unendlich Hergefal-\nlenen Menschen immer noch ein lichter Fleck be-\nfindet. Glückt es mir, die Beschuldigerinnen bei\ndiesem lichten Fleck zufassen, so würden\nsie' widerrufen.\" Das Fassen bei diesem lichten\nFleck dürfte jedenfalls nicht so strafbar sein, als\ndie andern Handgreiflichkeiten, derentwegen Herr\nBock verurteilt wurde. Deshalb ist er auch dies-\nmal guten Mutes: „Man hat mich ja immer für einen\nguten Psychologen gehalten. Ich will doch sehen,\nab diese schöne aber schwere Kunst diesen ver-\nstockten Seelen gegenüber siegen wird/4 Mit\nGoethe, der Hoffnung auf das Fassen des lichten\nFlecks und der Zuversicht auf die schöne aber\nschwere Kunst der Psychologie machte sich der\nRektor auf den Weg. Aber er fühlte sich noch nicht\nstark genug gewappnet und nahm sich außerdem\nzur Vorsicht ein klassisches Klischee: „Mit den\nWorten: Fortes fortuna Juvat, verließ ich die fried-\nliche Sankt Josephs-Heilanstalt.\" Er fand die Be-\nschul digerin zu Hause und gleich setzte seine Psy-\nchologie ein: „Sie erblaßte und zitterte heftig. Ja,\nso sieht eine schuldbewußte Person aus.\" Das\nMädchen erklärte ihm, sie habe sich bei ihrer Aus-\nsage nichts Schlimmes gedacht. „Ich berichtigte\nihren Irrtum, da ich doch durch ihre unwahre Aus-\nsage verurteilt sei, daß ich in zwei Tagen unschul-\ndig in das Gefängnis gehe, und daß ich eben gekom-\nmen wäre, um mich noch vor h e r von\nihr zu verabschieden. Gleich wuchtigen\nKeulenschlägen hatten meine Worte gewirkt.\" Das\nMädchen war gerührt und sicher auch geehrt über\nden Besuch und schrieb den gewünschten Wider-\nruf.\n„Hiermit nehme ich die in dem Strafprozeß\ngegen Herrn Rektor Bock erhobenen Beschuldigun-\ngen zurück und erkläre frei und ungezwun-\ngen, nur, um der Wahrheit zum Recht zu verhel-\nfen, daß derselbe mir keinen Kuß gegeben und auch\nnicht versucht hat, mir unter die Röcke zu greifen.\nVielleicht hat er mir einmal in harmloser Weise die\nHand an die Taille gelegt. Auf der Polizei hat man\nmich so gedrängt, daß ich nachher nicht wußte, was\nich alles sagte.\"\nSo „frei und ungezwungen\" dürfte es auf der\nPolizei auch nur zugegangen sein. Das Mädchen\nhatte eben das dringende Bedürfnis, „der Wahrheit\nzum Recht zu verhelfen\", wie sie sich frei und un-\ngezwungen im Schuldeutsch des Herrn Bock aus-\ndrückt. „Derselbe\" hat ihr also keui4n Kuß gege-\nben, und auch nicht versucht, ihr unter die Röcke\nzu greifen. Er hat nur einmal in harmloser Weise\nvielleicht die Hand an die Taille gelegt — wie man\ndas so tut — und es diesmal beim lichten Fleck\ngefaßt. Fortes Fortuna jiivat. Nach diesem\nschönen aber schweren Sieg der Psychologie ging\ner zu dem Zweiten Mädchen. Die Unterredung fand\nauf dem Treppenflur statt. Das Mädchen bestritt,\nUnwahres gesagt - zii haben. „Da kochte in mir\ndas Blut und schon wollte ich ihr den. Rücken\nkehren.\" Doch noch gab er die Hcfffntmg auf den\nlichten Fleck nicht auf:. „Aber mit Gewalt be-\nherrschte ich mich, da ich auf solche Weise nicht\nzum Ziele kam.\" Und der Rektor griff in die\nPsychologie: ,JPräulein, wir brauchen doch kein\nTheater zu spielen! Sie wissen doch so genau\na 1 s ich, äaß ich Ihnen niemals zu nahe getreten\nbin. Ich sehe Sie noch in der Schule vor mir sitzen,\nblutarm, bleichsüchtig und mit traurigen Blicken\nals Waisenkind.\" Die Psychologie wird immer\nscharfsinniger: „Da dachte ich mir: das arme Mäd-\nchen denkt gewiß an seine verstorbenen Eltern,\nund da hatte ich immer mit Ihnen, der armen\nWraise, herzliches Mitleid.\" In solchen Momenten\nlegt man natürlich die Hand an die Taille. Jeden\nTag sah er das blutarme Mädchen sicher einige\nStunden vor sich sitzen. Und er konnte nicht an-\nders, er mußte immerzu an ihl* e verstorbenen\nEltern denken. Nach diesem Geständnis begann der\nschöne aber schwere Sieg der Psychologie: „Wäh-\nrend ich diese Worte sprach, besonders, als ich\nihre verstorbenen Eltern erwähnte, ging ein Zit-\ntern und eine tiefe Erregung durch ihren Körper.\"\nFortes fortuna juvat. Er hatte den lichten Fleck\ngefaßt, nein, er hatte ihn gepackt: „Es war klar,\nich hatte den letzten hellen Fleck in ihrer Seele\nrichtig gepackt und die richtige Saite ihrer Emp-\nfindung zum Tönen gebracht.\" Nun nahte die Ent-\nscheidung, ein heftiger Sprung von der Musik zur\nLiteratur: „W7as haben wir damals gemeinsam in\nder Klasse für ein Drama gelesen? Sie antwortete:\nW) ilh e 1 m Teil. Ich erwiderte: Aus diesem\nDrama haben Sie die schöne Stelle gelernt:\nes lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen. Fürch-\nten Sie sich nicht vor Ihren Sünden? Mich, Ihren\nRektor, haben Sie unschuldig großer Schandtaten\ngeziehen. Ich habe Ihnen nur Gutes erwiesen. Sie\nhaben mich unschuldig um Ehre und Amt gebracht.\nUnd Sie wollen an den Ort kommen, an dem\nIhre verstorbenen guten Eltern sich\nbefinde n?\" Da siegte die schöne aber schwere\nKunst der Psychologie. Mit Goethe zog der\nRektor aus und Schiller brachte ihm das Heil.\nEinem Zitat von Schiller kann selbst die ver-\nstockteste Butterverkäuferin nicht widerstehen.\nUnd einem so guten Rektor, der immerzu an ihre\nguten verstorbenen Eltern denkt und sie an den Ort\nwünscht, wo sich „dieselben\" befinden. „Eine hef-\ntige Gemütserschütterung erfaßte sie!\" Sogar\ndie Erschütterung faßt. „Ich aber griff in meine\nTasche, zeigte ihr siebzig Pfennig, nieine ganze\nBarschaft, und sagte: Sehen Sie, soweit haben Sie\nmich gebracht — unschuldig\". Als der gute Rektor\nin seine Tasche griff, konnte das Mädchen sich\nnicht mehr fassen: „Da konnte sie sich nicht mehr\nlänger halten, das Eis ihres Herzens war geschmol-\nzen, unter Schluchzen ergriff sie meine Hand\nund benetzte sie mit Reuetränen.\" Aber es half\nalles nichts, das Greifen und Fassen wird fortge-\nsetzt, wenn auch jetzt in höchst psychologischer\nWeise. So ein guter Mensch, dieser Rektor, es\nist eine Schande, daß man ihm Schande brachte:\n„Beim Anblick dieses zerknirschten Menschen-\nkindes konnte auch ich mich einer tiefen Rührung\nnicht erwehren. Tränen füllten meine Augen, ich\nreichte ihr zum Zeichen meiner Versöhnung\ndi e Ha n d und küßte die ihre mi t de n\nWorten: So habe ich denn die Hand ge-\nküßt, die sich zum Meineide wider mich er-\nhoben hat.\" Das ist nicht mehr auszuhalten, es\nlebt ein Gott, zu strafen und zu rächen, Fortes\nfortuna juvat, nimmer sich beugen, kräftig sich\nzeigen. Dieser gute, gute Mensch. Er küßt nur\ndie Hände, die sich zum Meineid gegen ihn er-\nheben. Er legt nur die Hand harmlos um die\nTaille . . . Und die Preußen sperren ihn ein.\nEin Harmonium befand sich leider nicht 111 der\nNähe, um die angeschlagenen Töne gebührend\nausklingen zu lassen, Das Mädchen war also\nzum Widerruf entschlossen. Der Rektor hatte\nnur noch siebzig Pfennige und das Mädchen ver-\ndiente immerhin noch zwanzig Mark im Monat.\nDie klassische Szene auf dem Treppenflur schloß\nebenso feierlich, wie sie begonnen wurde: „Von\nihr aufgefordert, griff ich in meine Brieftasche\nund reichte ihr ein Stück Papier, auf welches sie\nfolgenden Widerruf eigenhändig und selbst\nStil isi e r t schrieb: „Hiermit nehme ich die gei-\ngen. Herrn Rektor Bock erhobene Beschuldigung\naus innerem Herzensgrund zurück und\nerkläre die Beschuldigung als unwahr. Auf der\nPolizei hat man furchtbar in mich gedrungen, und\nso habe ich Unwahres ausgesagt.\" Die Polizei\nsollte sich für alle Fälle die Werke Schillers zu-\nlegen. Dann wird ihr Drängen nicht mehr als\nfurchtbar erscheinen. Wie kann Herr Rektor Bock\ndiesen schönen Sieg anders feiern, als daß er\nneben Schiller noch den schlesischen Dichter\nPaul Keller berühmt macht: „Der schlesische\nDichter Paul Keller - schrieb eine für cht bat\nergreifende Erzählung: der Lump. Drei\nSchülerinnen wollen an ihrem Lehrer Rache neh-\nmen. Auf Verabredung beschuldigen sie ihn des\nSittlichkeitsverbrechens, wodurch er Freiheit, Amt\nund Würde unschuldig verliert. Auf dem Sterbe-\nbett gesteht die Letzte der drei Zeuginnen ihr Ver-\nbrechen. Kellers schöne. Erzählung, ein Produkt\nköstlicher dichterischer Phantasie, hat sich an mir\nverwirklicht.\"\nDie Wirkung der Klassiker. Die Wirkung der\nKunst und die Wirkung der Psychologie.\nDie Wirkung des Fünfzigjährigen\nMan beginnt fast an Ibsen zu zweifeln. Ent-\ndeckt wurde er von Herrn Georg Brandes, der\nauch Paul Goldmann entdeckte und von\nPaul Schient her, der den fünfzigjährigen\nOtto Ernst feiert. Herr Doktor Paul Schienther,\nHofrat, einst Direktor des verfallenen Wiener Hof-\nburgtheaters, jauchzt im „Berliner Tageblatt\":\n„Aus allen Gauen Deutschlands, so weit die\nStimme eines Vortragskünstlers reicht, werden\nMänner den Hut schwenken und Frauen mit dem\nTuch ihm entgegen deutsche Mädchen aber\nwerden Astern und Reseda werfen. Denn 011 o\nEms t's Ruhm ist in Deutschland ebenso stark\nverbreitet, wie sein Vatername Schmidt. Niemand\nwird also dem deutschen Volk etwas neues über\nihn sagen können.\" Das hat noch niemals niemand\ngekonnt. Nur Herrn Hofrat Paul Schienther blieb\nes vorbehalten, das deutsche Volk in Abschieds-\nstimmung zu sehen: Hüteschwenken, Tücherwehen,\nBlumenschmeißen. Aber er ist un s nicht davon\ngegangen, der brave Sehuilehrer, „er ist vom\nLehrpult und W'andtafel aus ins häusliche Glück\nund in des Volkes Dichtersaal getreten.\" Ja, die\nDichter hatten es schwer auf Erden. „Lange Zeit\nblieben ihm für die Muse nur karge Mußestunden.\nEr füllte sie mit lyrischen Gedichten und mit\nder Herausgabe einer für Wahres Gutes und\nSchönes Aufklärerisch kämpfenden Zeitschrift\naus: Um beides wollte sich sein deutsches Volk\nnoch nicht kümmern.\" Künstlers Erdenwallen.\nAber sein deutsches Volk besann sich, als er\nschlechte Romane schrieb. So etwas läßt sich sein\n*.. ■ ■*» •\ndeutsches Volk nicht entgehen. Namentlich, wenn\nes die Gemütssaite angeschlagen bekommt. Mein-\neidige gestehen und junge Mädchen werfen Astern\nund Reseden. Ja, seine Geschichten.. „Immer\nliegt im Lachen und im Weinen das .Gemüt\nweit aufgeschlagen: da. So ist Otto Ernst\nauch seinem Volk zu Gemüt gegangen und ans"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.4", "texte": "Merz ge wach sen.\" So versichert der Ver-\nkünder Ibsens. Ein Glück für sein deutsches Volk\nund dessen asternwerfende junge Mädchen, daß\nman allseitig schon an Herzverfettung gewöhnt ist.\nOtto Ernst, der ihnen ans Herz gewachsen ist,\nwäre sonst zu schwer für sie zu tragen: „In\neigener kugelrunder Person tritt er als\nKünder seiner Poeterei unter die Leute, und allent-\nhalben kennt man und liebt man den leuchtenden\nkleinen Mann aus Hamburg, der sowohl blond und\nblauäugig, als auch glä n z e irr d gettä Ir r t\nund pausbäckig i s t.\" Sein deutsches Volk\nläßt seinen Dichter nicht mehr hungern. Astern\nund Reseden machen zwar den Kohl des Dichters\nnicht fett. Sein deutsches Volk gibt ihm auch\n„irdischere\" Speise. Der Künstler hat genug ge-\nwallt. Wras er gesäet hat, kann er jetzt ver-\nspeisen. Es schlägt ihm gut an, dem kugelrunden\nMann, glänzend genährt und pausbäckig ist er.\nDiese Einsicht wird man dem ersten Kritiker\ndes „Berliner Tageblatts\" wohl zutrauen dürfen.\nUnd weil Otto Ernst min einmal seinen fünfzig-\njährigen Geburtstag feiert, in eigener kugelrunder\nPerson, und weil man allgemein so glücklich ist,\ndaß er das Gemüt so weit aufgeschlagen hat, so\nsoll ihm auch von mir sein guter Appetit nicht\nverdorben werden. Und aus vollem Gemüt\nschließe ich mich dem Wunsche des Herrn Hof-\nrats Paul Schienther an: „Möge ihm noch lange\nJahrzehnte hindurch ambrosische und irdische\nSpeise abwechselnd gleich wrohl bekommen.'4\nHoch, hoch, hoch!\nOtto Ernst zur Feier\nEin Hausbuch für freie Menschen ist erschienen.\n„Zum Geleite\" schrieb ihm Otto Ernst einiges\nüber die schwierige Frage: Verträgt die Poesie\nGedanken? Otto Ernst kommt zu dem Resultat,\ntlaß man mit und ohne Gedanken dichten kann.\nDer Familienvater des Hausbuchs weiß allerdings\nnicht, daß man mit und ohne Gedanken auch\nnic h t dichten kann. Deshalb nahm er Gedichte\nder Herren Benzmann, Bierbaum, Otto Ernst,\nHanns Heinz Ewers, Gustav Falke, Otto Erich\nHartleben, Karl Henkel!, Wolfgang Kirchbach, Hugo\nSalus, Friedrich Schiller, Wilhelm Weigand und\nBruno Wille auf. Das Hausbuch ist für höchst-\ngebildete Menschen bestimmt. Deshalb verkündet\nder Verlag Ernst Reinhardt in München: „Alle\nMonisten, Freidenker, Freireligiöse, Ethiker usw.\n.werden das Buch wie einen guten Freund und\nHausgenossen lieb gewinnen, besonders in den\nernsten und stillen Stunden des Lebens. Der Her-\nausgeber dürfte aber — wie Otto Ern s t\nschreibt — nicht nur auf den Dank der Frei-\ngesinnten, sondern auch auf den der Kunstsinnigen\nAnspruch haben.\" Das Buch versucht ferner „einen\nkünstlerischen Aufbau nach Inhalt und Stimmung\".\nDer Aufbau besteht aus folgenden Teilen: Kampf\ngegen die Finsternis, All und Erde, Empor zum\nLicht! Im dritten Teil „einen sich Kunst und\nWissenschaft zur freien Andacht\". Und da nun\nOtto Ernst nach des monistischen Gottes uner-\nforschlichem Ratschluß den fünfzigsten Geburtstag\nfeiert, soll auch diese Zeitschrift von dem Kunst-\nsin des Freidenkers zeugen. Er bricht der Wahr-\nheit eine Gasse, Er lebt und stirbt fürs Ideal. Er\nwandert bei aller stillen Qual trotzig weiter und\nsogar aufwärts. Er geht mit nichten still von\ndannen, der trotzige Mann:\nTrotz d e r L ii g e\nHast du dir in det Seele\nGelobt mit starkem' Eid,\nZti kämpfen für die Wahrheit •\nIn jedem Erdenstreit,\nSo darfst du nie dich zeigen\nEntwaffnet und besiegt,\nWie schreckbar auch und drohend\nDer Feind im Felde liegt. ' •\nVielleicht daß ein Gewait'ger\nDich richtet und verdammt,\nWeil deines Geistes Leuchte\nZu hell die Nacht durchflammt;\nDoch schlimmer sind die Feinde,\nDie meuchlings dich bedröhn\nMit Trug nnd feiger Lüge,\nMit scheelem Neid und Möhn. -\nDu wirst sie kennen lernen.\nDie angstvoll-herbe Qual,\nDaß du um solche Feinde\nVerzagst am Ideal,\nDaß alles dir im Geiste\nZusammenbricht und fällt\nUnd dir entgegendüstert\nIn öder Nacht die Welt-\nDann aber darfst mit nichten\nDu still von dannen gehn,\nEs darf in deinen Augen\nNicht eine Träne stehn!\nSonst bricht in frechen Tönen\nDer Feinde Jubel los;\nSie nähren ihre Freude\nMit deinen Schmerzen groß.\nY.«y .*\"\n'*• ■ 112\nNein, lachen sollst du, lachen\nDer schnöden Meuchlerzunft!\nUnd ob sie schon nicht hörten\nDie Stimme der Vernunft,\nOb sie des Mitleids Regung\nFühllos vernommen nie —\nDein trotzig, fröhlich Lachen\nBetäubt, vernichtet sie.\nDa prallen Pfeil und Lanze\nVon deinem Panzer ab;\nDu schreitest klaren Auges\nHin über Tod und Grab.\nDie Feinde werden scheuen.\nFührst du mit Lachen Krieg\nUnd mit geruh'gem Glauben\nAn den gewissen Sieg.\nDrum, ob ein tiefer Ingrimm\nUm deine Lippen bebt,\nOb's jäh in deine Augen\nHeißquellend sich erhebt,\nDu mußt der Lüge lachen\nBei aller stillen Qual\nUnd trotzig weiter wandern\nAufwärts zum Ideal.\nDer glaubt an seine Zeugungskraft. Blond und\nblauäugig, pausbäckig und wohlgenährt..\nNoch ein Hausbuch\nEs wird jetzt alles „frei Maus\" geliefert. Sogar\ndie aktuelle Philosophie. Für sie hat sich ein Ver-\nlag; eigens etabliert, versendet Probeteile des\n„Hausbuchs der geistigen Gesundheitspflege44. Die\nverehrlichen Redaktionen können auch das ganze\nBuch erhalten „gegen die rechtlich bindende Ver-\npflichtung einer Besprechung\". Mich verpflichtet\nschon der Probeteil. Denn durch das Buch wird\n„der gesamten Zukunft der Menschheitsentwick-\nlung überhaupt der viel ersehnte neue Aus-\ngangs? un k t vorgezeichnet\". Viel Ausgangs-\npunkte will ich der Menschheitsentwicklung nicht\nvorenthalten.\nDer erste Punkt:\nErb a uu n g und Bewunderung sind die gesün-\ndesten, kräftigendsten Speisen, die es für den\nmenschlichen Geist gibt; ihr Nährwert beruht\nauf'dem Bew.eisgehalt dafür, daß eine höhere Stufe»\nals man selbst innehat, und höhere weitere Ge-\nsich tspu n k t e möglich, sind. Freilich gibt es\nauch hier schwache Magen, die dergleichen nicht\nvertragen können, indem es ihnen mehr oder weni-\nger bewußt wider den „Stolz\" geht, so daß. sie\nbestenfalls heucheln, Geschmack daran zu finden;\nim letzteren Falle haben die scheinbare Un-\nmäßigen im Genuß der Speise, denn zur Erreichung\ndes Zweckes bedarf es eines unverhältnismäßigen\nAufwands an Worten.\nDer zweite Punkt:\nKeusch he i t ist Sachverständnis im Ge -\nn u ß , nicht Entbehrung desselben.\nDer dritte Punkt:\nQ u a 1 i t ä t. Es ist erstaunlich, wie relativ wenig\nMenschen den- Grundsatz, daß Qualität Quantität\nersetzen kann, indem sie selbst Quantität ist, nur\nunter anderem Gesichtspunkt, auch auf das Ver-\nhältnis zwischen Lebensdauer und Lebensinhalt an-\nwenden. Um wie vieles mehr, der wirklichen Ge-\nsamtsumme nach, könnte man vom Leben\ndurch Treue gegen das „Ideal\", welches den\nLe be nsap petit genannt Begeisterung, spen-\ndet, wollte man nicht dreiviertel der Zeit darauf\nverwenden, seine Fortdauer zu „sichern\".\nMan vergleiche, wie sich die Idealgestalt vo«\nOtto Ernst mit der aktuellen Philosophie deckt.\nDer vierte Punkt:\nDas Sc h amge 112 ü h 1... Nicht anders aber\nfunktioniert das Schamgefühl in demjenige«\nmerkwürdigen Falle, wo es sich regt, obwohl\nes sich um weiter gar nichts handelt, als eine je -\nnachdem unvermeidliche oder wünschenswerte\noder direkt notwendige bloße Betracht a n £\nbezw. Berührung des Geschlechtlichen durch\nWort oder Blick, oder anderseits zwar um\nwirkliche Beziehungen, aber solche, die völlig\ndaseinsberechtigt scheinen.\nDie Punkte sind gegeben. Die Zukunft der\nMenschheitsentwicklung braucht nur noch über sie\nhinwegzuspringen.\nwirkliche Dichter\nDie wirklichen Dichter lernt man am bestell\nans der B. Z. am Mittag kennen. „Walter Bloet«\nhat schon in seinem Prosaepos Das eiserne Jafar\neine seltene höchster Anerkennung werte Ge-\nwandtheit in der Darstellung modemer militärischer\nKämpfe bewiesen.\" Der Kritiker weiß offenbar\nnicht, daß Herr Walter Bloem, der Protektor einer\nihm zu Ehren gegründeten Zigarre, die allerhöchste\nAnerkennung bereits gefunden hat. Das deutsche\nVolk hat Bismarck seine Heringe verliehen. Einen\nOrden von seinem Allerhöchsten Kriegsherrn be-\nsitzt Herr Bloem noch nicht, da er seine Gewandt-\nheit vorläufig nur in der Darstellung moderner\nmilitärischer Kämpfe beweist. Aber: „Das litera-\nrische Interesse des Kaisers bekundete sich dieser\nTage darin, daß er einen ganzen Roman im Fami-\nlienkreise vorlas. Es handelte sich hierbei um\nWalter Bioems bekanntes Buch Das eiserne Jahr.\"\nSo etwas weiß die B. Z. am Mittag nicht einmal.\n(Aber die Vossische Zeitung von Staats- und ge-\nlehrten Sachen entrüstete sich bei dieser Gelegen-\nheit über die literarische Unbildung deutscher Offi-\nziere. Auch ihnen las der Kaiser den ganzen Romati\nvor und kein Offizier hatte jemals den Namen\nW'alter Bloem gehört! Trotzdem die Vossische\nZeitung „in der Lage war\", mehrere novellistische\nArbeiten dieses Autors zu veröffentlichen. So\netwas kommt davon, wenn man nicht die. Vos-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "185", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.5", "texte": "Franz Marc: Tiger / Originalholzsehnitt\n\n•SäSche Zeitung liest. Selbst die Leser des Sturms\n&md orientierter. (Sie wissen wenigstens, daß die\nZigarre existiert mit der Devise: Rauch ist alles\njrd'sehe Leben.) Alle diese schönen Dinge weiß\n<Be B. Z. am Mittag nicht. Aber sie hat sein jüng-\nstes Buch gelesen. Es bezeugt, „welch beachtens-\nwerte Fortschritte in der Beherrschung dieses\nschwierigen Gebietes er noch gemacht hat. Den\nUntergrund seiner neuen Dichtung bildet der\nmittlere Teil des deutsch-französischen Feld-\n•zwges\". Der Dichter scheute weder Kosten noch\nMühe. Die Kosten: „Der Dichter hat sich den\n■größten Teil des Sommers hindurch in Frankreich\naufgehalten, um an Ort und Stelle seine Studien zu\nmachen.\" Da mußt e es eine Wirklichkeitsdich-\nttmg werden. Die Mühe: „Bloem hat sich für diese\nAufgabe einen wahrhart epischen Stil geschaffen.\"\nJa, er hat toll gerungen mit der deutschen Muse,\n,„er läßt mit tragischer Wortgewalt das Einzel-\npersönliche ganz zurücktreten und schildert die\nVorgänge als das Ringen zweier Völker-\nBiassen um die Weltherrschaft\". So ein origi-\nneller Gedanke ist diesem Kopf entsprungen. Solch\n..... , . • • t\nein Ringen kann man wahrhaft nicht vergeblich\nrennen. Und die Ausführung! Wie könnte sie bei\nBloem anders sein, als von „bewundernder Meister-\nschaft'1. Das genügt. Aber der B. Z. am Mittag\ngenügt es nicht. Mit bewundernswerter Meister-\nschaft wird die bewundernswerte Meisterschaft ge-\nschildert: „Man sieht geradezu die Kugeln in die\nMauern der Gebäude des Dorffriedhofes einschla-\ngen, man glaubt den Lärm ihres Platzens, die Töne\nder Signale, die Schreie der Stürzenden zu hören,\nder ganze Vorgang ist von unerhörter ergreifender\nAnschaulichkeit.\" Besser hat es selbst der Meister\nBloem nicht geschildert als sein kongenialer Kri-\ntiker. Man ist ergriffen von solcher uner hörten\nAnschaulichkeit. Und kein Geringerer hat\ndem Walter Bloem solches Lob gespendet als der\nMeister Konrad Alberti-Sittenfeld. Welche rüh-\nrende Tragik liegt in diesem neidlosen Lob. Kon-\nrad Alberti-Sittenfeld feiert in diesem Jahr, wie\nzahlreiche andere Menschen, seinen fünfzigsten\nGeburtstag. Sein deutsches Volk hat ihm nicht\ngratuliert. So muß er es sich selbst tun. In der\nB. Z. am Mittag. Aber er ist jung gebliebe». Denn\nwer den Dichter Bloem erkennt, muß sicher ein\nalter Knabe sein.\n\nH. W.\n\nMensehen von Gottes\nGnaden\nVon Karl Borromäus Heinrich\nAus den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant [illegible]\nville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.\nSolchermaßen waren nun doch eine Zeitlang\nüber die alte Mauer der Ruhe, von der umgeben\nBaron Fritz Frangart dahinlebte, die unruhigen\nEidechsen der Heiterkeit geklettert, die der gute\nBajazzo dorthin jagte; und Baron Frangart jagte\nsie nicht weg. Aber dem Bajazzo selbst öffneten\nsich die Mauern nicht. In dunkeln Nächten stand\ner manchmal leise schluchzend davor. Unerhört\nverhallte sein Schluchzen, und das Salz seiner\nTränen konnte der Mauer so wenig anhaben, wie\ndie zartfüßigen Eidechsen seiner Heiterkeit. — Ein\nsolcher Bajazzo wie Schlagintweit hatte ein schwe-\nres Los auf Erden: freilich darf er seine Spaße auch\ndort aufführen, wo sich andre keine lustige Miene\nmehr getrauen, geschweige denn ein Wort. Aber\ndas ist auch alles. Er muß froh sein, wenn er nicht\nmißverstanden wird; wenn ihn die andern nicht\n\nFortsetxnac"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "186", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.6", "texte": "mit einem AÜerweitshallodri verwechseln und ihm\nPfennige hinwerfen, während er mit dem goldenen\nKlingelbeutel seines Herzens Liebe einsammeln\nwill. — Das nun brauchte Schlagintweit von Baron\nFrangart nicht zu befürchten, aber Liebe gab ihm\ndieser auch nicht, konnte sie ihm nicht geben > . .\nOh über die süßen Schmerzen der Freundschaft!\nOh unbelohnte Liebe! Oh Schrei der Sehnsucht,\nder ohne Echo verhallt! Oh verlorene, verlorene,\nverlorene Jugend! . . .\n„Ein schweigsamer Mensch ohne Echo zu sein,\nwie Baron Frangart, ist aber auch, keine Kleinig-\nkeit!\" dachte sich Schlagintweit, zog sein Herz aus\n■der Brust und wischte sich die Tränen damit ab. ..\n«t»\nDrittes Buch\n. . . for thou hast been\nAs one, in suffering all, that suffers nothing\n(Denn, Du bist, während Du alles zu leiden hat-\ntest, gewesen wie Einer, dem nichts widerfuhr.)\nHamlet, dem Horatio zur Leichenrede\n...... \"•\nEine ergebnislose Berufswahl\n.JReif also wären wir jetzt!\" rief Schlagint-\nweit lachend, als er am 14. Juli des Jahres 19 .\nkurz vor Mittag, bei Baron Frangart eintrat, um\ndiesem, da er sich zur Abschiedsieier und letzten\nVerteilung der Zensuren krank gemeldet hatte, das\nMaturitätszeugnis zu überbringen.\n„Die Frage ist nur, wozu?\" erwiderte Frangart\ngelassen. — „Was mich betrifft, so weiß ich das\nnoch nicht, da studiere ich halt einstweilen Philo-\nsophie, das ist für alle Fakultäten Vorschrift: acht\nKollegien Philosophie, achtmal sechzehn Mark pro\nKoileg macht um einhimdertvierundzwanzig Mark\nPhilosophie, die mir der Staat gratis verzapft von\nwegen Dürftigkeitszeugnis . . . Aber was Sie\nstudieren sollten, weiß ich wirklich nicht, Baron,\nwomöglich etwas, wo 's wenig Worte zu machen\ngibt . . .\" — „Also jedenfalls nicht Philosophie!\"\nerwiderte Frangart. Dann erzählte er Schlagint-\nweit, daß er nach dem Willen zwreier seliger Ver-\nwandten, seiner Mutter und des Marquis Choiseul,\nentweder Geistlicher werden oder in die deutsche\nArmee eintreten solle. Schlagintweit lachte: „Aus-\ngezeichnet, läßt sich beides vereinigen, werden\nSie einfach Militärgeistlicher!\" Ais er aber sah,\ndaß Baron Frangart sehr ernst vor sich hin-\nstarrte, setzte er hinzu: „O, entschuldigen Sie\nvielmals!\" ...\nFrangart hatte in diesen Tagen mit besten\nGlückwünschen zur bestandenen Prüfung zwei\nSchreiben bekommen, eins von seinem österrei-\nchischen Vormund und das andere von einem Or-\ndensgenossen Mievilles (dieser selbst weilte gerade\nbei den Trappisten und . durfte also ohne tVer-\nletzung der Hausregel keine Briefe schreiben).\nmachte ihm darin Mitteilungen vom .Stand\n,seines Besitzes. Auf Frangart war alles unverän-\ndert, jedoch hatte man, da der Baron es nicht be-\nwohnen zu wollen schien, die Dienstboten bis auf\nzwei entlassen. Die. Verwaltung des Schlosses\nmaphte nur geringe Kosten, die von den Zinsen\nder Stiftung Mievilles hinlänglich bestritten wer-\nden konnten. (eine Stiftung, welche Frangart, so-\nbald er majorenn geworden wäre, abzulehnen, ge-\ndachte). Choiseul und Riom hatten, durch Ver-\nmittlung einer jesuitischen Genossenschaft in Cler-\nmond-Ferrand, ihren Käufer gefunden. Die Vor-\nmundschaft hatte diesem Verkauf, wie sie er-\nklärte, mit vielem, Recht zugestimmt, weil bei den\njetzigen agrarischen Verhältnissen in Frankreich\ndie toten . Liegenschaften wenig .Erträgnis ver-\nsprachen. Die von Marquis .Choiseul eingerichte-\nten landwirtschaftlich-industriellen Betriebe in tim-\nfassender Weise fortzuführen, habe sich für die\nVormundschaft als eine schwrere und zu kostspie-\nlige Aufgabe erwiesen. — Die Kaufsumme war be-\nträchtlich und ihre Zinsen, zusammen mit denen\ndes von Marquis Choiseul hinteiiassersen beweg-\nlichen Kapitals, garantierten Baron Frangart eine\nsehr hohe Rente. Die aus französischer Hinter-\nlassenschaft geflossenen Kapitalien waren teils\nbeim französischen „Credit Foncier\" angelegt,\ndessen Directeur-Tresorier, Monsieur Depagne,\nMarquis Choiseul nahegestanden und ihn stets in\nehrlichster Weise beraten hatte, teils in der besten\nenglischen Bank. Die Vormundschaft schrieb, sie\nhabe sich auch dazu berechtigt gehalten, ange-\nsichts des niederen Standes aller österreichischen\nStaatspapiere; auch könne sie keine Steuerhinter-\nziehung darin erblicken, daß diese Kapitalien im\nAusland verblieben; denn wenn Choiseul und\nRiom nicht verkauft worden wären, hätte man\ndiese Güter ja auch in Frankreich versteuern\nmüssen. Was endlich die Schulden des verstor-\nbenen Baron Frangart betreffe, sei dieserhalb\nnoch das prozessuale Verfahren abhängig; der\nHauptgläubiger des Verschiedenen habe alle an-\ndern Schuldforderungen zu niedrigsten Preisen\naufgekauft, sie mit den seinigen zusammen der\nVormundschaft präsentiert und, da Zahlung ver-\nweigert worden sei, eingeklagt. In dem Prozeß\nhandle es sich — da der andere Besitz des jungen\nBarons ja nicht aus der Frangartschen Familien-\nhinterlassenschaft komme — nur um Schloß Fran-\ngart selbst. Sollte das Gericht trotz nachgewie-\nsener Gütertrennung der verstorbenen Eltern und\ndaraus hervorgehender rechtlicher Konsequenzen\ngegen die Vormundschaft entscheiden, so werde\nman, um Schloß Frangart seinem Erben zu erhal-\nten, die Schulden aus dem beweglichen Kapital be-\nzahlen. Die Frage, ob diese Schulden schon ver-\njährt seien, da sie Baronin Frangart, auch als sie\nin den erblichen Besitz des Schlosses gekommen\nwar, aus dessen Erträgnissen nicht habe bezahlen\nkönnen, sei gerichtlich noch nicht entschieden.\nIm schlimmsten Falle werde man übrigens alles\ntun, um sich auf eine möglichst geringe Abfindung\nmit dem Gläubiger zu vergleichen und so die In-\nteressen des Barons Frangart bestens zu wahren.\n— Endlich machte die Vormundschaft Baron Fran-\ngart darauf aufmerksam, daß er seinen Militär-\ndienst in Oesterreich machen müsse, wenn nicht\ndie Entlassung aus dem österreichischen Staats-\nverband und die Naturalisierung in Deutschland\nangestrebt werde. Sollte aber Baron Frangart\njetzt schon in das deutsche Heer eintreten wollen,\nso müsse man eine Immediateingabe an Se. Ma-\njestät den Kaiser von Oesterreich richten. Immer-\nhin habe der (zwanzigjährige) Baron Frangart\nnoch ein Jahr der Ueberlegung Zeit.\nSo War Baron Frangart auch von dieser Seite\nund nicht nur von Schlagintweit an die Frage der\nBerufswahl erinnert worden. Klar und ruhig\nstellte er bei sich fest, daß es für einen Menschen\nseiner Art letzten Endes wirklich nur zwei Mög-\nlichkeiten gab: die eine, sein Geschlecht fortzu-\nführen und in die Armee einzutreten, oder die an-\ndere, den Namen Frangart sterben zu lassen und\nsich dem Dienste Gottes zu widmen. So gingen\nseine Ueberlegungen in einem Sinn, der dem Mar-\nquis Choiseul Wohlgefallen hätte: „Die katho-\nlische Kirche und die deutsche Armee, das ist das\nherrlichste, was wir jetzt haben.\" Aber Baron\nFrangart konnte sich nicht entschließen. Er achtete\ndas deutsche Heer, fühlte sich aber „wrohlgeboren-\nEvyevrjg \" genug, um für sich persönlich überzeugt\nzu sein, daß er dessen Zucht könne; und\ndie.. Idee, späterhin als Offizier selbst an dieser\nZucht, mitzuwirken, erschien ihm zwrar seiner eige-\nnen Beschaffenheit Würdiger; bei einigem Nach-\ndenken indes fand er, „daß es eine Höhe der Kul-\ntur gebe, von der aus man auch auf alle, die la\nnoch herrschen wollen, Schul- und Militärzucht-\nmeister inbegriffen, apathisch herabsehe. Lnd\nvielleicht, wahrscheinlich sogar, ja sicher, stehe\nFritz Freiherr von Frangart auf dieser Höhe/' So\nformulierten sich mit schwermütigem Stolz seine\nGedanken.\nWas aber den geistlichen Stand betraf, so war\ndies freilich der reinste, reinlichste, seiner tiefen\nRuhe angemessenste. Indes: das hatte Zeit. Und\nganz im Geheimen wartete Baron Frangart viel-\nleicht doch auf etwas, was seinem gleich -einer\nSonne,ln sich selbst ruhenden Wesen einen An-\nstoß. Bewegung, und somit Fruchtbarkeit geben\nkönne. Dann jedoch dachte er wieder des \\h~\nscheus, mit dem ihm die Beweglichkeit der an-\nderen („weniger kultivierten\") Menschen stels er-\nfüllt hatte. „Freilich, im Morast ist immer Bewe-\ngung,\" sagte er schließlich laut; es schien als ob-\ner die Anwesenheit des Menschen, der bekümmert\nund schweigsam in seinem Zimmer saß, vergessen\nhätte. „Aber der Morast stänke- noch mehr, wenn\ner immer ruhig daläge\"; meinte dieser treuherzig.\n„Allerdings der Morast stänke noch mehr, -der\nMorast schon . . .\" entgegnete Baron Fransart\nkühl.\n„Es gibt noch etwas,\" meinte er schließlich,\n„es gibt doch noch etwas drittes: den Genießer.\nIch könnte es mit diesem Beruf versuchen.\" —\n„Soll ich mich also schleunigst empfehlen?\" fragte\nSchlagintweit scherzend. —\nBaron Frangart glaubte nicht recht an den Be-\nruf des Genießers. Aber Tatsache ist z. B„ daS\ner im Herbst einmal den Zug nach Nizza bestieg;\nam andern Tag kam er wieder nach München zu-\nrück. Er war in Verona schon ausgestiegen, weil\nzwei Juden, die im Speisewagen neben ihm saßen,\nsich — nicht einmal sehr laut -— darüber unter-\nhielten, daß „im letzten Jahrhundert doch schon\nvieles besser geworden sei, nur in Rußland noch\nnicht\". Erzürnt stand Baron Frangart auf, indem\ner dachte: „Ja, für euch schon, aber für unser-\neinen nicht,\" begab sich in sein Coupe zurück und\nverließ, wie gesagt, in Verona, der nächsten Sta-\ntion, den Zug.\nEinmal fuhr er auch nach Paris. (Marquis-\nChoiseul zum Beispiel hatte diese Stadt nur be-\ntreten, wenn er geschäftlich dort zu tun hatte,\n„Zu privaten Zwecken geht ein Choiseul nicht in\ndie Hauptstadt der Revolution,\" hatte er geäußert.)\nIn Paris sah sich Baron Frangart alles an, die\nBars, wro die fashionabelsten Kokotten verkehrten,\ndie maisons de rendez-vous, die Spielsäle, die\nVaudevilles, die Folies-Bergeres, Moulin-rouge, die\nNacktbälle. Aber er sah das nur an und ging stete\nwieder wreg, bald vom schlechten Geruch, bald\nvon der Unreinlichkeit, bald von der unbeherrsch-\nten Gier der „vorhandenen\" Leute beleidigt.;, er\ngenoß nichts. Nach vier Wochen verließ er achsel-\nzuckend die genußreichste Stadt der Welt.\nIn München durchschritt er ein einziges Mai\ndie Budenstadt auf der Oktoberfestwiese. Das\nGeplärr der Ausrufer, die unendlich komischen Bil-\nder an den Budenwänden, das rastlose Kreischen\nder Orgelautomaten, die verkitschten Golddeko-\nrationen mit den tausend Glühlichtern darauf, amü-\nsierten ihn einigermaßen. Er fand das einfältig,\naber fröhlich, dem Geist der Massen richtig ange-\npaßt. Aber wer beschreibt sein Entsetzen, als er\ngegen Abend in die Nähe einer Bierbude kam m\\d\neinen schnellen Blick hineinwarf! Schaudernd ge-\nwahrte er die überhitzten Gesichter der Leute,\nihren stieren Blick; ein verpesteter Geruch drang\ndick und betäubend, vermischt mit; dem deliriösen\nLärm einer schlampigen Musik, aus der Bude her-\naus. — Da zum ersten Mal ging Baron Frangart"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "187", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.7", "texte": "schneller als sonst; er eilte fort, um diesem Fest\nzu entkommen.\nHiermit übrigens hielt er selbst die Versuche,\n.„.Genießer von Beruf zu werden, für beendigt. Er\nfand es aber nötig, sich durch ein dreitägiges un-\namerbrochenes Schweigen, in seiner Wrohnung\neingeschlossen, von den letzten Impressionen\n■dieser Versuche zu reinigen. Am vierten Tag\nging er in den alten Liebfrauendom und blieb\nmehrere Stunden dort, bis er das völlige Gleich-\nmaß seiner Seele und seines Geistes wiedergefun-\nden hatte.\nEr eignete sich also nicht zum Genießer; er war\n.y„zu kultiviert\" für einen so unreinlichen Beruf. Der\nHeeresdienst lockte ihn nicht. Geistlicher zu wer-\nden, das hatte Zeit. Baron Frangart beschloß,\neinstweilen jede Art von Beruf sein zu lassen.\n\nFortsetzung folgt\n\nDie Futuristen\nFranz Marc\nWas dem Hundezüchter die schwarzen Lefzen\nund andere Merkmale der reinen Rasse seiner\nMonde sind, das ist für den modernen Bilderkenner\nder Begriff der „peinture\". Wer sich nicht näher\nauskennt, sieht in das Züchterbuch. Die „peinture\"\nist bei Bildern, was die „Blume\" der guten Weine\nist, Gefühlssache. Wer sich auch hier nicht aus-\nkennt, sieht aui die Etikette, die die Firma aufge-\nklebt hat. Und dann kommt die Blamage. Der\nPicassosammler läuft in die Futiiristenausstellung\nund schreit: sehr schön, wunderschön, aber keine\nipeinture, meine Herren. Da antwortet ihm ein\nKlügerer: ma pittura, signore. Damit hört die Un-\nterhaltung auf. Man kann ihm dann ein japani-\nsches Gedicht oder etwas, das mindestens so schön\nist und nicht immer nur von Kranichen und Pflau-\nmenblüten handelt, vorlesen:\n„Wenn man ein Fenster öffnet, tritt der ganze\nLärm der Straße, die Bewegungen und die Gegen-\nständlichkeit der Dinge draußen plötzlich in das\nZimmer.\"\nOder:\n„Die Macht der Straße, das Leben, der Ehr-\ngeiz, die Angst, die man in der Stadt beobachten\nkann, das erdrückende Gefühl, das der Lärm ver-\nursacht.\"\nUnd solche Dinge zu malen gelang den Futu-\nristen, vorzüglich sogar. Carra, Boccioni und Se-\n■ver-ini werden ein Markstein der Geschichte der\nmodernen Malerei sein. Wir werden Italien noch\num seine Söhne beneiden und ihre Werke in un-\nseren Galerien aufhängen.\n\nArnold Schönberg\nAlfred Döbfin\nDas Konzert von Schönberg im Choralionsaal\nletzte Woche ist von einigen, ich glaube, der Mehr-\nzahl der Berliner Musikkritiker zu groben Ex-\nzessen der Witzlosigkeit benutzt worden. Und man\nkann nicht sagen, daß die, die gar nicht schrieben,\ndamit einen besseren Witz gemacht haben. Die\nHerren scheitern eben an der kleinsten Aufgabe.\nSobald man sie zu einem selbständigen Urteil\nzwingt, versagen sie; was nicht im Trott der Kon-\nservatoriumsliteratur liegt, die einige von ihnen\nsicher vorzüglich gelernt haben, bleibt unverstan-\nden. Subalterne Intelligenzen; mit der alleinigen\nFähigkeit zur Pensionsberechtigung. Es ist in der\nLiteratur, der Schriftstellern meine ich, viel besser,\nviel gesünder; da schlagen wir, die wir auch ar-\nbeiten, in jedem ernsteren Falle deutlichen Lärm.\nDie Musikanten sind wehrlos, auch meist nicht\nschreib versiert; jeder Kochkünstler mit Schmock-\nalliiren ist ihnen überlegen. Die Tageskritiker sind\ndie Verderber des Publikumsurteils, sie sind ein\nKrebsschaden für die Verbreitung der Kunst. In\nder Wissenschaft gibt es ein solches Nonsens wie\ndie Tageskritik nicht; schlank und ehrlich hat der\nReferent, dem höllisch auf die Finger gesehen\nwird, seinen Bericht herzusagen; die Kritik be-\nsorgen die, welche später dasselbe Thema bear-\nbeiten. Es ist schwer einzusehen, warum die\ngroßen Zeitungsverleger, diese unheimlich schlauen\nGeschäftsleute, sie wissen, wie ihrem Unternehmen\njede Nachricht schadet, die sie dementieren müs-\nsen, eine so unhaltbare Sache wie die Tageskritik\ngewähren lassen, mit der sie sich vor jedem\nernsten Menschen lächerlich machen. Wir haben\ngenug Kunstzeitschriften; es sind Leute da, die zu\nder Kunst engere Fühlung haben. Das ganze\nSystem, Durcheinander von Berichten, Politik,\nBörse, Kunst, ist absurd; das „unter dem Strich4'\nhorrend und unfaßbar. Die Bemühungen ernster\nerwachsener Menschen können nicht so nebenbei\nund in der Weise behandelt werden, einflußreich\nbehandelt werden, daß irgendjemand — ich sage\nbewußt „irgendjemand\" — sich herstellt und in\nzehn Minuten aburteilt, das Uebrige, die nötige\nKorrektur bleibt dann dem „Durchringen\" des Ta-\nlents, mit allen bekannten Finessen, überlassen. Es\nist zu fatalistisch gedacht von den Zeitungsver-\nlegern; und der verantwortliche Redakteur ahnt\nnicht, was Verantwortung heißt.\nIch gehöre nicht zur Kritik, insbesondere nicht\nzur Musikkritik; habe nur eine mehrfach nachge-\nwiesene Nähe zur Kunst.\nWas Schönberg anlangt, so haben die Herren\nvon der Kritik einmal glatt vorbeigehauen, dann,\nwie ich nachweisen werde, theoretische Unkenntnis\ngezeigt. Man kann nämlich so musizieren, wie\nSchönberg tut; man kann diese Arbeitsleistungen\nals Musik betrachten. Die Musik hat nichts mit\nMotiven, nichts mit Melos, nichts mit Harmonie,\nnichts mit Rhythmus wesentlich zu tun; sie hat\nsich in bekannter Weise innerhalb dieser Ordnungs-\nregeln auf unserem Kontinent entwickelt. Die Re-\nlativität dessen, was Harmonie ist, ist von genug\nneueren Komponisten bereits — mit Anerken-\ndemonstriert worden. Das Melos zer-\nfließt den meisten der guten neueren Komponisten\nin einer charakteristischen Weise; seine Tage\nscheinen gezählt; mit der Rhythmik steht es nicht\nbesser. Ergo, zum mindesten objektiv hinzuschrei-\nben: Schönberg ein Dokument von unserer Zeiten\nSchande — aber nicht Schönberg die Schande, son-\ndern der Zeit. Es muß hingeschrieben werden: er\nscheint zu den vorgeschrittensten Arbeitern gemäß\nder herrschenden Musiktendenz zu gehören. Ich\nwürde seine Originalität daraufhin durchaus be-\nstreiten; es ist heute sicher origineller für einen\nehrlichen Mann, der mitten drin steht, melodisch\netc. zu schreiben in einer Art Trotzpolitik.\nEs kann ihm der gute Kunstwille nicht abge-\nsprochen werden. Wie ich bei den Bildern der\nFuturisten sagte: man braucht von Zeit zu Zeit\nfreie Bahn; es muß Luft gemacht werden; es geht\nnicht, ohne daß man einmal „Schluß\" sagt. Und\nwenn der Künstler es sogar will, intellektuell will,\nso ist dieses Intellektuelle, die Gewolltheit kein\nMakel an seiner Kunst; man ist doch als Künstler\nnicht notgedrungen Hornvieh.\nTheoretisch ist diese Musik unangreifbar. Bleibt\nSchönberg. Ich habe ihn zum erstenmal gehört,\nHördauer vierzig Minuten, zu wundervollen Texten\ndes Albert Girauds. Sie fesselt ungemein, diese\nMusik; es sind Klänge, Bewegungen drin, wie ich\nsie noch nicht gehört habe; bei manchen Liedern\nhatte ich den Eindruck, daß sie nur so komponiert\nwerden können. Es läßt sich vieles über diese\nLieder sagen. Es schien mir : wir sind auf neuem,\nnoch schwer gangbaren Boden. Man muß mehr\nvon Schönberg hören, mehr sich in diese Art ver-\ntiefen, ich halte über Schönbergs Begabung so-\nlange mein Urteil zurück. Der künstlerische In-\nstinkt in dem ganzen ist eben unverkennbar.\n\nBemerkung naeh\neinem Vortrag von Arnold Schönberg\nEdgar Byk\nNiemals würde einer, der nicht Technik stu-\ndiert hat und daher nicht mehr Wissen von der\nElektrizität als ein Gymnasiast hat, es wagen\nüber die Anlage eines städtischen Elektrizitäts-\nwerkes zu sagen, ob sie gelungen oder mißlungen\nist, ob hier oder dort ein technisches Problem\ngenial oder dilettantisch gelöst wurde. Denn jeder\ngesteht freimütig ein, daß er dieses als nicht zu\nseinem Beruf gehörig eben nicht verstehe. Bei\n< t\nBeurteilung eines Maschinenbaues, einer Eisen-\nbahntrace, eines Wasserbaues sind die Leute be-\nscheiden; der Arzt, der Jurist, der Philologe, der\nBankier, der Geschäftsmann, sie alle erklären be-\nscheiden: das verstehen wir nicht! Das versteht\nnur der Fachmann! Beim Hochbau jedoch: da\ntritt schon Architektur hinzu: was man so Archi-\ntektur nennt: die Fagade! Oh! und darüber ver-\nstehen nun schon viele, sehr viele zu urteilen.\nUnd warum auch nicht ? Sie haben sich zwar auch\nalle nie mit Architektur befaßt („was hat dena\nGrundriß oder Zweck des Baues mit der Facade\nzu tun\", „mit dem ob's schön ist oder nicht\",\n„wer sagt denn, das Grundriß und Bauzweck für\ndie Fagade und die dem betreffenden Bau eigene\nSchönheit bestimmend sind\"?), aber jeder Trottel\nkann doch ein schönes Haus von einem häßlichen\nunterscheiden — sagt jeder Trottel! Und sie ha-\nben es auch beim Haus des Adolf Loos in Wien\nbewiesen! Jeder Trottel verstand es zu beur-\nteilen — wie ein Trottel.\nAber immerhin: es gibt noch einige, die sich\nnicht um Architekten kümmern. Aber Kunst? —\nKunst verstehen sie alle, der Jurist, der Bankier»\nder Philologe, der Arzt, der Fabrikant und der\nVerkäufer, der Engrossist und der Detaillist, alle!\nalle! Kann denn nicht jeder lesen und schreiben,\nnicht jeder Klavier, Violine oder zumindest Gitarre\noder Zither spielen, hat nicht jeder in der Schule\nzeichnen gelernt, unterscheidet denn nicht ein\njeder Rot von Grün. Blau von Gelb, eine krumme\nvon einer geraden Linie, einen Menschen von\neinem Ochsen . . . sagen sie! Wie sollte da\nnicht jeder Dichtkunst, Musik und Malerei ver-\nstehen?\nAber man sagt auch noch, allerdings mit eini-\nger Berechtigung, wahre Kunst löse Ergriffenheit,\nalso Gefühle aus, und die habe doch jeder! Mögen\nsie also ihren Gefühlen freien Lauf lassen, aber nur\ndiesen und alle Wertungen, also Urteile unter-\nlassen ! Den Wert einer technischen Arbeit ver-\nmag nur der Techniker, einer handwerklichen nur\nder Handwerker, und den Wert einer künstle-\nrischen nur einzig und allein der Künstler zu be-\nurteilen. Und auch hier versteht wiederum nur\ndas Genie das Genie.\nSelten hat jemand über das Wesen der Genia-\nlität Tieferes geäußert, niemand die Genialität\nGustav Mahlers stärker geäußert und daher auch\nBesseres darüber gesagt, als der Komponist Ar-\nnold Schönberg in seinem Vortrag über Gustav\nMahler, gehalten am Sonntag, den 13. Oktober\n1912 zu Berlin."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "188", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191210-04.1.8", "texte": "Notizen\nDer Herausgeber dieser Zeitschrift empfängt ein-\nmal monatlich Sonntags von 4 bis 7 Uhr in der\nAusstellung Der Sturm, Königin Augustastraße 51.\nim November: am zehnten des Monats.\nWegen Einladungen wende man sich an die Redak-\ntion dieser Zeitschrift\nFranz Marc, von dem sich ein Holzschnitt in\ndieser Nummer befindet, ist Mitglied der Neuen\nSezession\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHerwarth Waiden / Berlin W 9\nEs werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen von\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durck\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zefle\n6Q Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag.\nder Sturm Berlin W 9 und durch Graphische«*\nKabinett, J. B. Neumann, Charlottenburg, Kur-\nfürstendamm 33\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nDruck von Carl Haus« j Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nBerlin W / Konigin AugustastraBe 51\ngegeniiber der von der Heydtstra&e\nFaJjrgelegenJjeit: Lutzowplatz\nSiebente Ausstellung\nWassily Kandinsky\nErste Kollektivausstellung mit GemMIdea aus den\njahren 1901 bis 1912\nVom zweiten bis achtundzwanzigsten Oktober\nOedifnet taglich von 10-—6 Uhr / Soantags von\n10—2 Uhr\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 18\nI ernruf Amt Llitzow 4443\nZeitschrift der Sturm\nDauerfoezug\nGewohnliche Aasgabe: Fur Deutschland\nmid Ocsterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nnummer 40 Pfennig X Fur das Ausland bei\ndirekter Zustellung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSouderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nsendung in Roll en direkt durch die\nPost fur Deutschland und O ester-\nf eich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X Fur das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe. werden Vierteljahrsbezuge, Einzel-\nfiummem und Probenummern nicht abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken und StraBenst&nden\nauf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug b e \\ der B e s t e \\ \\ u n g oder bei\nBegin n d,es neuen Vierteljahres bis\nzumzehnten des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\n\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird\nSonderdrucke\nMax Pechstein: Die Erlegung des F e s t -\nbratens / Originalholzschnitt / Auf Nutnmer 94\nder Zeitschrift Der Sturm sind einhundert\nExemplare vom Ktinstler mit der Hand aquarel-\nliert, signiert und numeriert / Das Exemplar\n5 Mark\nFranz Marc: Versohnung / Originalholz-\nschnitt I 15 Exemplare vom Kunstler auf Japan-\npapier handgedruckt, signiert und numeriert / Das\nExemplar 40 Mark / Tierlegende/Pferde\nI Tiger / Originalholzschnitte / ie 10 Exemplare\nvom Kunstler auf Japanpapier handgedruckt, si-\ngniert und numeriert / Das Exemplar 40 Mark\nRicbter-Berlhi: Landschaft mit hollandischer Muhle\n1 Landschaft mit Bockmiihle / Landschaft mit Bahn-\nwarterhauschen / Landschaft mit Kindern / ie fiinf-\nzehn sigmerte und numerierte Exemplare auf Ja-\npanpapier I Das Exemplar 25 Mark\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande ill /\nie funfzehn signierte und numerierte Exemplare /\nDas Exemplar 20 Mark\nfL Campendonk: Originalholzschnitt [Nummer 131]\nzwolf signierte und numerierte Exemplare / Das\nExemplar 25 Mark\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nJe em Exemplar ist standig ausgestellt im Graphischen\nKabinett, Kurfiirstendamrn 33\nMusik\nHerwarth Walden: Dainislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Fur Gesang und K.!a-\nvier / 3 Mark\nKunstlerpostkarten\nFuturisten: i / U m b e r t o B occ ioni: Das\nLachen / L u i g i R u s s o 1 o: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tanzerin / Pan-\nPan Tanz X Lichtdrucke: Das Exemplar\n20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab~\nschied / LuigiRussolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in v©ller Fahrt / GinoSeverini:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose Tanzerin X Cliche-\ndrucke: Das Exemplar 20 Pfennig\n\nZeitsehriften\nDie Aufnahme erfolgt kostenlos nach freiem Ermessen\ndcr Redaktion dieser Zeitschrift\nDie Packet / Herausgeber: Karl Kraus / Er-\nscheint in zwangloser Folge. Die Fackel enthalt\nnur Reitrage von Karl Kraus. Neueste Nummer\n357—359. Inhalt: Der Ton / Qlossen / Moment-\nanfiiahmen / Elektrische Erziehung / Notizen /\nGlossen / Harakiri und Feuilleton / Preis dieser\ndreifachen Nummer 75 Pfennig / Verlag Die Fackel\nI Wien III/2\nL'Effort Libre / frfther L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne]\n/ Halbmonatsschrift / Kiinste /\nKultur I Philosophic / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue Francaise ./ Monatssctffift /\nVerlag Marcel Riviere et Cie / Paris I 1 Rue\nSaint-Benoit / Nummer 1 Francs 50 centimes\n\nAnzeigen\n\nLes Cahiers da Centre / Moulins [Allier]\nNeue Kanst Hans Goltz Miinchen, Ode-\nonsplatzl I Radierungen, Holzschnitte, Zeich-\nnungen, Aquarelle und GemSlde von Marc / Kan-\ndinsky / Heckel / Kirchner / Klee / Miinter\n! Pechstein / van Gogh / Cezanne / Matisse\n/ Picasso I Braque / van Dongen / Derain r\nKubin I Melzer u. a. m. / Standige Ausstellung:\nvon Werken dieser Kiinstler / Sammler wolien mix\nihre Wiinsche stets ubermitteln / Auswahlsendim-\ngen bereitwillig\nElse Lasker-Schiiler: Me in Herz / Ein Liebes-\nroman mit Bildern und wirklich lebenden Men-\nschen / Das Buch ersdieint Ende Oktober, kostet\ngeheftet vier Mark, gebunden fiinf Mark. Prospekte\nkostenlos durch den Verlag H e i n r i c h F, S...\nBachmair, Miinchen, KurfiirstenstraSe 39\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Vcreia\nPassive Mitglieder der Neuen SezessiOR\nerhalten jahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 / die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 I\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark,\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 2699\nGraphisches Kabinett Buch- und Kunsthandlun£ /\nBerlin W 15, Kurflirstendamm 33, Eingang Grol-\nmanstraBe / Eckhaus / Fernruf Amt Steinplatz\n14297 I Der Inhaber des Graphischen Kabinett?\nJ. B. Neumann eroifnet in der SchillerstraBe 6 (am\nKnie) eine Ausstellung fur die neue Malerei. In *hr\nsollen ausschlieBlich Werke jiingerer Kiinstler £c--\nzeigt werden\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLutzow 5850 I Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolie und seltene Biicher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung / Oktober-\nausstellung: Alfred Kubin und sein Werk\nPaul Graupe / Antiquariat / Berlin W 35 / Soeben\nerschien Katalog 62 Moderne Literatur / Nenaus-\ngaben / Luxusdrucke\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprccher Amt\nLutzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen liber moderne nnd buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur\nFritz Merker Charlottcnburg, SchillerstraSc 94.\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartout-\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Ant-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Bucheinbande\nTitania-Schrelbmaschine / Erste deutsche Schrelb-\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern /\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Gcnest,\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter iiir Berlin\nund die Mark Brandenburg: Louis Stangca,\nLinkstraBe 12. Telefon: Arnt Kurfiirst 2425"}]}