{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_sha256": "f3300f5a3004f3113bfe94885e686ba41e59df64da2626b51c7f5d6dff9b931f", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/11_01/bmtnabg_1912-11_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/11_01/bmtnabg_1912-11_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c001", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "197", "page_fin": "197", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.1", "debut_caractere": 285, "fin_caractere_exclue": 881, "texte": "Inhalt:\nH.W,: Schöne Künste: Arladne auf Naxos / Errötend folgt er . . . / Ausverkauf / Zum Lachen / Noch mehr zum Lachen / Paul Zech:\nNachtgewitter irn Spätherbst / Karl Borromäus Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden / Roman / Jacques Rivlere: Gauguin / Rudolf Leonhard: Kan-\ndinsky / E. 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Die große Baisse ist in Stutt-\ngart ausgebrochen, und man verkauft gern sein\nTheaterpapier für fünf Mark, wenn man dafür die\nOper nicht zu hören braucht. Selbst Herr Dok-\ntor Leopold Schmidt als Oberhaussier macht jetzt\nflau. Aber vorher ging es toll zu: „Auch wer es\nnoch nicht kannte, ahnte darin einen Schritt\nvorwärts in der Kunst, vielleicht den Anfang einer\nneuen Entwicklung\". Von Herrn Dräseke schrieb\nHerr Doktor Schmidt vor einigen Monaten, daß\nder es abgelehnt habe die Entwicklung mitzu-\nmachen und so in die Reihen der Konservativen\ngekommen sei. Aber Richard Strauß steht fort-\ngesetzt auf dem Boden der fortschrittlichen Volks-\npartei. Die neue Entwicklung bestand also nach\nHerrn Schmidt darin, „die Oper und zugleich auch\nden Tanz mit dem Schauspiel zu verknüpfen\".\nDie Idee ist so originell, daß man ihr wirklich\n„mit Spannung und Vertrauen\" wenigstens bis\nnach Stuttgart entgegenkommen konnte. Ist man\ndort angelangt, so stellt sich dem Fortschrittsmann\netwas in den Weg: „Die Frage erhebt sich,\nliegt darin ein Bekenntnis, ein Prinzip? Oder\ngalt es nur, einmal ein interessantes künstlerisches\nProblem zu lösen?\" Aber Herr Doktor Schmidt\nläßt die erhobene Frage nicht lange einsam auf\ndem Platze stehen: „Die äußere Veranlassung für\ndie beiden Autoren war ein Gefälligkeits-\na k t gegen Reinhardt, dem Helfer bei ihrem Rosen-\nkavalier.\" Die Frage kann sich ruhig wieder set-\nzen, denn es liegt kein Zweifel vor, daß schon die\näußere Veranlassung eines Gefälligkeitsaktes mehr\nauf ein Bekenntnis als auf ein Prinzip hinfällt.\nMoliere ließ in seinem Spiel „Der Bürger als Edel-\nmann\" musikalische Einlagen durch Lully hinzu-\nfügen. Die Herren Hofmannsthal und Strauß füg-\nten der Entwicklung zuliebe eine richtige Oper ein.\nDiese Entwicklung, die zu einer Ver-\nknüpfung von Oper und Schauspiel führte,\nscheint nur verworren zu sein. Daß Herr Doktor\nSchmidt mit seinen plumpen Händen den Knäuel\nnoch weiter verheddert, liegt in der Sache seiner\nNatur. Einzelne Fäden dieser Nähgeschichte blei-\nben ihm in der Hand und man kann an ihnen ver-\ngnügt konstatieren, daß eine geheimnisvolle Ver-\nwirrung des schlechten Materials von Kunst- und\nMusikkritikern nicht ein Geheimnis vortäuschen\nkann. Ein Faden: „Mit feinem Stilgefühl überläßt\nder Dichter der heiteren Muse das letzte\nWort.\" Herr von Hofmannsthal macht sich das\nliebe Leben sehr einfach, indem er einfach das\nrecht verstopfte liebe Leben der heitren Muse\naufbürdet und dieses recht alte Mädchen als Kön-\nnerin seines Versagens anpreisen läßt. Die heitre\nMuse (also nicht Herr von Hofmannsthal) leistet\nsich folgendes Liedchen:\nLieben, hassen, hoffen, zagen,\nalle Lust und alle Qual,\nalles kann ein Herz ertragen\nvQi einmal um das andre Mal.\nAber weder Lust noch Schmerzen,\nabgestorben auch der Pein,\ndas ist tötlich deinem Herzen\nund so darfst du mir nicht sein\nMußt dich aus dem Dunkel heben,\nwar es auch um neue Qual;\nleben mußt du, liebes Leben\nlebe noch dies eine Mal!\nDas geht wie mit der Maschine gemacht . Es ist\nzwar ein Archaismus, aber auch „Richard Strauß\ndeutet mit leisem Archaismen Zeit und Milieu der\nHandlung an/' Diese Entwicklung nach rückwärts\nkann Strauß um soweniger übelgenommen werden,\n„da er sich nicht etwa auf den Musikhistoriker hin-\nausspielt,\" Das tut bereits Herr Doktor Schmidt.\nUnd man darf einem Musikkritiker nicht in ein ver-\npfuschtes Handwerk fallen. So etwas weiß ein Mann\nder Taten wie Richard Strauß. Andrer s e i t s\nfallen die Ideen jetzt auf den Magen: „Bis zum Ein-\nsetzen der Oper bietet Strauß eine leichte, zum\nTeil sehr graziöse Lustspielmusik und gefällt\nsich bei der Dinerscene, in der die einzelnen\nGänge musikalisch illustriert wer-\nde n, in humorvollen Anspielungen mancherlei\nArt.\" Die einzelnen Gänge sind nicht etwa Gänge\nder Musik, wie vielleicht irgend ein hungriger Mu-\nsiker glauben könnte, sondern Gänge des Diners\nNicht nur, daß die Entwicklung des Fortschritts und\nder neuzeitliche Komfort die einzelnen Gänge mit\nden leichten Weisen unserer Operettenheroen (siehe\nBilder mit Dingen Nummer 132 dieser Zeitschrift)\nbegleiten läßt, nicht damit genug, daß bei diesem\nDiner a part die aparte Musik unsres Richard\nStrauß statt des sonst unvermeidlichen Oskars er-\ntönt: Herr Richard Strauß liefert die illustrierten\nSchüssel selber, Krebsschwänze, Hammelrücken,\nund Mehlspeisen nach Wiener Art oder was die\nHerren auf der Bühne sonst gegessen haben mögen,\nalles wird in die Musik des Herrn Strauß getunkt.\nMan versteht nun endlich, aus welcher Seelenver-\nwandschaft Herr Erich Urban, Musikkritiker der\nB. Z. am Mittag und Verfasser des neuen Koch-\nbuchs im Verlage Ullstein (gut gebunden Drei\nMark) so energisch für Richard Strauß eintritt.\nDie Liebe geht nun einmal durch den Magen, und\nein gesunder Magen kann selbst Richard Strauß\nvertragen. Nach dieser Eßgeschichte bei der sich\nStrauß gefällt, ist Herr Doktor Schmidt des Weines\nvoll, ihm ist sehr wohlig zu Mute und trunken\nschreibt er: „Das Doppelspiel selbst aber ist in\neiner Weise behandelt, wie sie nur dem Genie\nglücken konnte. Der paradische Ton der Com-\nmedia dell' Arte ist ebenso scharf heraus-\ngearbeitet wie die tragische Lyrik.\" Ich\ndachte immer, daß im Paradies so scharfe Töne\nnicht beliebt sind. Aber Herr Doktor Schmidt als\nHistoriker wird dort besser orientiert sein. Viel-\nleicht liegt auch der Hase nach diesem starken\nDiner im Pfeffer, und infolgedessen ist die tragische\nLyrik versalzen. Leben mußt du, liebes Leben!\nUnd der satte Musikkritiker stellt fest: „. . . über\ndie melodische Erfindung, die reicher und\nwohliger quillt denn je bei Strauß, über\ndie feine Struktur des Ganzen wird noch des wei-\nteren zu reden sein. Der Eindruck war bei allen\nZuhörern der g 1 e i che.\" Posaunen: „Wir haben\nein Kunstwerk aus der Taufe gehoben, das, auch\nlosgelöst von allem, was neu, eigenartig, verwegen\nan ihm ist, sich an Phantasie und Gemüt wendet\nund somit die letzten edelsten Wirkungen\nhervorbringt.\" Nämlich den Katzenjammer. Denn\nnachdem am 25. Oktober dieses Jahres Herr Dok-\ntor Schmidt das schwere Geld des Herrn Rudolf\nMosse in hochgemuter Sektlaune vertelegraphiert\nhat, ist er bereits oder vielmehr erst am 28. Ok-\ntober recht ernüchtert. Er äußert sich über die\nSchwierigkeiten, mit der die Oper bei ihrem\nErscheinen zu kämpfen hatte. Das heißt, die Firma\nA. Wertheim hatte mit dem Mut des Großindu-\nstriellen alles, aber auch alles aufgeboten, was sich\nfür Geld aufbieten läßt. Also Herrn Reinhardt,\nHerrn Richard Strauß, Herrn Hugo von Hofmanns-\nthal, verschiedene Tenöre und Koloratursängerin-\nnen. Sogar Herr Professor Bie war auf eigne\nKosten, jedenfalls aber nicht auf Kosten der Firma\nA, Wertheim, gen Stuttgart gepilgert. (Herr Pro-\nfessor Bie pilgert bekanntlich nur.) Doch das Ge-\nmüt und die Phantasie des Herrn Doktor Schmidt\nist erweckt und er träumt von den großen Schwie-\nrigkeiten: „Ist es da zu verwundern, daß der schöne\nKünstlertraum, den Richard Strauß geträumt, nicht\nrestlos in Erfüllung ging?\" Er ist zu bedauern,\ndieser Protege der Firma A. Wertheim. Nur der\nDoktor Schmidt hält den Träumenden, der so un-\nsicher auf der Erde wallt (Herr Professor Bie hin-\ngegen pilgert) mit seinen Händen. Und nun bricht\nder Katzenjammer aus: „Als die festliche Stim-\nmung verra u s c h t war, als die Reden,\nmit denen auf dem zu Ehren des Kompo-\nnisten veranstalteten Bankett die Gegensätze\ngeschickt überb r ü c k t wurden, verk I u n -\nge n waren, da gestand man sich, bei aller\nAnerkennung der eminenten Verdienste, die sich die\nStuttgarter Hofbühne in redlicher Hingabe um das\nneue Werk erworben hat, doch ein, daß eine end-\nliche Lösung des hingestellten Problems noch nicht\ngefunden war.\" Der Anfang der neuen Entwick-\nlung hat in drei Tagen sein Ende gefunden. Was\ntun nun die Ahnenden, die sich schon einen Schritt\nvorwärts fühlten. Herr Doktor Schmidt als Histo-\nriker stellt den Grund vom Ende des Anfangs fest:\n„Die beiden Autoren der Ariadne haben sich selber\nnicht wenige Steine in den Weg gelegt, in dem, sie\nihr Opernwerk mit einer Komödie verknüpften.\"\nAber das war doch gerade der Schritt vorwärts.\nHat Herr Doktor Schmidt in drei Tagen die ste-\nhende Frage vergessen, ob ein Bekenntnis oder ein\nPrinzip vorliegt? Was ist nun mit der äußeren Ver-\nanlassung und mit dem Gefälligkeitsakt? Die heitre\nMuse wird ihr Haupt verhüllen und die Fäden wer-\nden sich in dem Knäuel nicht mehr zurechtfinden.\nIm Katzenjammer verliert man jede Haltung und\ndem Genie, dem es glückte, wird ein Vorwurf ge-\nmacht: „Dann ist Strauß der Vorwurf zu machen,\ndaß er die Sache zu schwer und gewichtig genom-\nmen und aus Freude am S t o 112 112 und an der Arbeit,\ndie ihm unter den Händen wuchs, die dramatische\nAbsicht totmusiziert hat.\" Vor drei Tagen nannte\ndas der Musikhistoriker Doktor Schmidt „heraus-\ngearbeitet\". Das Dramatische und der Schritt vor-\nwärts wird zurückgenommen und der nüchterne\nKritiker lobt jetzt die nüchterne Musik: „Am freu-\ndigsten aber ist es zu begrüßen, daß Stauß den Mbt\ngefunden hat, wieder einen ganz auf innere psy-\nchische Wirkungen gestellten Stoff zu wählen und\ndamit ein hofftlich recht viel beachtetes Beispiel zu\ngeben.\" Die Illustration eines Diners ist zwar von\ninnerer aber nicht von psychischer Wirkung. Und\nsie wird sicher bei den Kollegen, den Künstlern der\nLebensfreude, viel Beachtung finden. Dieser Mut\ndes Herrn Richard Strauß ist jedenfalls am freu-\ndigsten zu begrüßen. Bei Kempinski sehen wir\nuns wieder!\nVielleicht erklärt Herr Dektor Schmidt, daß er\nauch mir den Weg in die Oeffentlichkeit versperrt\nund das Echo versagt\". Sein Unterkollege Herr\nWeißmann hat diesen Bannfluch, gegen Arnold\nSchönberg geschleudert. Mich wird das nicht röh-\nren. Ich verpflichte mich sogar, nicht in die tauben\nOhren des Herrn Doktor Schmidt zu schreien, wenn\ner sich verpflichtet, mir als Echo versagt zu bleiben."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4642, "texte": "Errötend folgt er ...\n„Auf den Spuren Zügels — aber in Gouache\n— wandelt Leopold von St ... . nicht ohne Er-\nfolg!\" Oder meint der Münchener Kunstkritiker\nF. von Ostini nicht vielmehr: „Aber in Galo-\nches —\"\nAusverkauf\nHerr Hermann Bahr hat ein Buch her-\nausgegeben, das er schlicht „Inventur\" nennt.\nSofort stürzt Herr Konrad Alberti-Sittenfeld, auch\nein Fünfzigjähriger, in den Laden: „Wenn Hermann\nBahr eine Inventur ankündigt, so darf man ohne\nweiteres annehmen, daß es einen unterhaltsamen\nAusverkauf gibt. Denn dieser grundgescheite Lite-\nraturwarenkenner ist viel zu erfahren und gewandt,\num nicht genau zu berechnen, womit er das Publi-\nkum fängt und fesselt. So hat er mit geübtem Blick\nauch diesmal auf seinem Lager Umschau gehalten\nund in der Tat einen ganzen Pack Artikel entdeckt,\ndie zu einem hübschen Bande vereinigt noch einen\nganz ansehnlichen Absatz, versprechen . . So\netwas nennt die B. Z. am Mittag Buchkritik. Diese\nalten Ladenhüter werden so an die Leser gebracht\n••• * •\nund Herrn 'S. Fischer kosten diese Reklamezettel\nnichts. Geschäft bleibt Geschäft. Aber das Pro-\nvinzgeschäft geht besser. Deshalb läßt Herr Her-\nmann Bahr nicht im Anzeigenteil, sondern unter\nTheatern achrichten, die Rubriken haben allerdings\nVerwandtschaft miteinander, veröffentlichen: „Das\ndiesjährige neue Lustspiel Hermann Bahrs Das\nPrinzip wird mit Rücksicht auf das Pro-\nvinzgeschäft seine Uraufführung nicht am\nLessingtheater erleben.\" Vielleicht befreit uns\ndiese Rücksicht auf das Provinzgeschäft auch von\nden anderen Theaterkonfektionären.\nZum Lachen\nJetzt erfährt man durch seinen Verleger, warum\nRi de am us dichtet. Er will un s über die ernsten\nZeitläufte hinweghelfen und „uns für ein Weilchen\nden Aerger des Tages vergessen lassen\". Da ich\nannehme, daß die Leser dieser Zeitschrift noch nie\neine Zeile von Rideamus gelesen haben, sich doch\naber, eine Vorstellung machen wollen, wie man „die\nDinge dieser Welt in einen Gesichtswinkel rückt,\nvon dem aus betrachtet, auch das Unangenehme\nzum heitren Ereignis wird, drucke ich hier den An-\nfang eines Gedichtes Der Taucher ab. Man braucht\nnur zu bemerken, daß hier das nichtheitere Ereignis\nunangenehm wird, und man wird schleunigst den\nDingen dieser Welt aus dem Gesichtswinkel des\nverkennenden Juristen ausrücken:\n' ' ■ \"■ ■ ■\n• • Schön Irmgard sitzt an der Ostsee Strand,\nSie hält ihre Mitgift in der Hand\niUn-d*Vater und Mutter baden im Meer;\n--//Da kommt eine mächtige Welle daher\n: Und die Weile mußte wohl kurzsichtig sein / ■\n-' Denn -sie schlang die Mutter in sich hinein\n:• Und spie sie:rückflutend bis hinter den Strick\nDort hält sich die Gnäd'ge und kann nicht zurück.\nUnd ein Rufen, hebt an und ein wildes \"Geschrei,\nSchon schießen die Rettungsboote herbei. ..\nDas heißt: sie machen vom Ufer los\n' Und das dauert ein halbes Stündchen bloß. '\n' Und - der Vater: sieht die Mutter von fern\n-/Und 'er sieht sie von fern zunächst ganz gern*\n•• ' Doch besinnt er sich bäld-und ruft: „Meine Herrn!\nüoMeirie Herrn/\"' ruft der Väter,:>„komnrn Sie\n;/• •:••• mal her!\nfiel mirdns;:Meen - '1\n•: .••Undwer-mir die Tratte-kanin -wieder zeigen '. b\n. rDer mag* sie ! 'Sie-sei seiri eigen !lf^\n* > . •? - •.:* i. ' : • >\nDas finden die gebildeten Berliner und Berliner-\ninnen im Westen heiter. Solch ein Buch kostet in\nkünstlerischem Umschlag nur zwei Mark fünfzig,\nin Leinen gebunden aber drei Mark fünfzig. Das\nBuch wird auch verlegt, jedoch nur von der schle-\nsischen Verlagsanstalt G. m. b. H. in Berlin W.\nSonst liegt es auf dem Ziertisch des Salons jeder\nbesseren Wohnung.\nNoch mehr zum Lachen\nAus einer Einladung deutscher Bühnenschrift-\nsteller zu einem Ball:\n„Sollten Sie verheiratet sein und sich ein Ver-\ngnügen davon versprechen, Ihre Gemahlin auf den\nBall mitzubringen, oder sollte von diesem Mitbrim\ngen die Erlaubnis für Sie den Ball besuchen zu dür-\nfen abhängen, oder sollte Ihnen gar die beneidens-\nwerte Aufgabe obliegen, tanzlustige Töchter zum\nTanz führen zu können, so wenden Sie sich ver-\ntrauensvoll schriftlich an unseren Schatzmeister.\nDa die Polonaise kinematographisch aufgenom-\nmen und der Film im Kaiser-Friedrich-\nMuse u m deponiert wird, so, daß noch nach vielen\ntausend Jahren der Beweis geführt werden kann,\nwie man sich in Berlin auch zurzeit des Schreies\nnach Gefrierfleisch und der Verholzerei auf dem\nBalkan zu amüsieren verstand, würden Sie sich\neiner kulturhistorischen Unterschlagung schuldig\nmachen, wenn Sie nicht mit dabei wären.\nBemerkt sei noch, daß das Amüsement nur durch\nwenige Vorträge unterbrochen wird.\"\nNein, dieses Künstlervölkchen. 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(Am Vormittag des 24: Dezember 19.. — zwei\nTage also nach dem eben geschilderten Vorfall —\nging Schlagintweit vor dem Hause der Brienner-\nstraße, wo Baron Frangart wohnte, unentschlossen\nauf und nieder. Er sprach so laut mit sich selbst,\ndaß die Vorübergehenden gar nicht anders konn-\nten, als über ihn lächeln. „Oh weh, oh weh!\" rief\ner, „jetzt also wird es Ernst, jetzt muß ich ihn\nwirklich anpumpen! Der Geldbeutel hat lang\nsimuliert, — aber jetzt ist er wirklich krank.\nHerrschaft, herrschaft! . . . Natürlich wird er es\nmir geben, aber das ist mir wurscht. . . Na, nicht\ngerade ganz wurscht, alter Schwimmer Schlagint-\nweit! . . . Aber peinlich ist es jedenfalls, peinlich!\nSozusagen unangenehm! Gleichsam zuwider! Ge-\nwissermaßen abscheulich! ... Ja, ja, warum\nhabe ich bei ihm den Teufel Habenichts so oft lü-\ngenhaft an die Wand gemalt! Jetzt kommt er...\nNein, er ist überhaupt schon da! ... Hoffentlich\nist Frangart nicht verreist, der gute Junge hat\nsolche plötzliche Einfälle — das heißt, er wäre mir\nschon beinahe lieber, er wäre verreist. Oh weh,\noh weh ! . . • '\nBaron Frangart hatte soeben dem Dienstmäd-\nchen gesagt, daß sie heute gar niemand vorlasseh\nsolle. In der Tat fühlte er sich nicht ganz wohl;\ndenn da er es verschmähte, sich mit körperlichen\nAusbrüchen Luft zu machen, wenn etwas Unange-\nnehmes geschehen war, griff ihn alles innerlich urii\nso mehr an; er wußte es, und war auch aus diesem\nGrunde nicht minder wie aus andern bestrebt seine\nRuhe zu hüten. Er saß jetzt frierend am geheizten\nKamin.\nSchlagintweit war auf der Treppe zweimal urn-\ngekehrt. Aber dann gab er sich einen Ruck, ging\nnochmals hinauf und läutete gleich einem Zug, bis\nman ihm öffnete. Das Dienstmädchen wollte spre-\nchen, wie ihr geheißen war; indes, schon hatte er\nsie beiseite geschoben und polterte, das Klopfen\ndiesmal vergessend, in das Zimmer, wo er Fran-\ngart vermutete. Dieser sah ihn erstaunt und ge-\nkränkt an. „Ich muß Sie leider anpumpen!\"\nplatzte Schlagintweit heraus. Frangart seinerseits\nmußte nun doch lächeln. „Aber setzen Sie sich\nnur, Schlagintweit! Das werden wir ja gleich\nhaben.\" — „Seien Sie nicht so liebenswürdig, Ba-\nron! Diesmal ist es viel und ich brauche es not-\nwendig.\" Frangart lächelte wieder. — „Wieviel\nist es denn?\" — „Sehr viel.\" — „Wieviel denn?\"\n— „Blödsinnig viel — vierhundert Mark!\" schrie\nSchlagintweit heftig und fühlte sich geradezu er,\nlöst, daß er sich's zu sagen getraut hatte; er\nschnaufte förmlich auf. „Mit Vergnügen, Schla-\ngintweit, mit Vergnügen!\" beruhigte ihn der Ba-\nron, erhob sich und trat an den Schrank, um das\nErbetene herauszunehmen. „Und diesmal bekom-\nmen Sie es nicht so schnell wieder!\" rief Schla-\ngintweit noch besorgt. — „Nun, also weniger\nschnell!\"\n„Aber jetzt setzen Sie sich, bitte,\" lud ih!n\nBaron Frangart nochmals ein. . . „Erstens näm-\nlich,\" begann Schlagintweit erklärend, „muß idh\njetzt einige Bilder in unsere Wohnung hängen urM\neinen Läufer für den Fußboden kaufen, damit es\nauch etwas gleichsieht bei uns. Zweitens\" (Baron\nFrangart machte eine abwehrende Bewegung, zum\nZeichen, daß er ja keine Erklärungen wünsche) —,\n„zweitens1 nämlich will ich das deshalb, weil * ich\ndrittens, weil ich,' ja, weil' ich jetzt eine Braut habe,\nHerr Baron, und dieser, viertens, wohl auch ein\nbesseres Geschenk machen muß. . .\" — „Nein?\"\nmachte Frangart sehr gedehnt und unterdrückte\n: ein etwas spöttisches Lächeln. „Ja, eine Braut\nhabe ich jetzt,\" wiederholte Schlagintweit mit\ngrößter Bestimmtheit. „Ich gratuliere verbind-\n;'k»•/ T , . » »\nliehst!\" sagte Frangart dagegen.\nUnd Schlagintweit erzählte, daß seine Braut\neine achtundzwanzigjahrige Witwe sei, also ein\npaar Jahre älter als er, aber „was sagt denn das?!\"\n' / , • •#\n• 4 r . • ' • t * ' ' ■' ;"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9392, "texte": "rief er laut. — Das sagt natürlich nichts,\" meinte\nFrangart, „das sagt gar nichts.\" „Im Aeußeren\nsieht sie fast etwas chinesisch aus, aber gerade\ndas ist interessant, nicht?\" — „Oh, ich liebe das\nChinesische.\" — „Sie hat eine kleine Rente . .\n(„Ich habe mir gleich gedacht, daß es keine größere\nist,\" sagte sich Frangart im stillen natürlich.) „Und\ndas einzige, was mich bekümmert, ist ihr Leiden.\"\n— „Mitleid spielt bei Ihnen doch immer mit.\" — „Ja,\ndeshalb habe ich sie noch lieber!\" „Welches Leiden\nhat sie denn?\" — „Ja, sie ist ... sie ist wohl\netwas nervenleidend, die Gute,\" erwiderte Schla-\ngintweit traurig. „Ich habe übrigens vergessen.\nIhnen zu danken, Baron, vielen Dank also!\" Fran-\ngart wehrte ab. — „Und jetzt gehe ich und kaufe\nihr was Schönes.\" — „Tun Sie das, bitte, tun Sie\ndas und gratulieren Sie ihr von mir!\" — Ja, ja,\ndanke vielmals.\" Und in der Eile vergaß Schla-\ngintweit, daß er Baron Frangart eigentlich ein-\nladen wollte, morgen mit ihm und seiner Braut\nzusammen spazieren zu gehen. „Adieu — glück-\nliche Weihnachten!\" — Adieu, gleichfalls!\" —\nBaron Frangart ließ sich in seinen Mantel hel-\nfen; er wollte zum Essen ins Hotel fahren. Auf\ndem Wege dorthin träumte er, die Unternehmungs-\nlust Schlagintweits halb belächelnd und doch un-\nbewußt beneidend, von dem und jenem. „Irgend\netwas muß geschehen,\" beschloß er endlich bei\nsich selbst. Und die ihm ungewohnte Erregung\ndes Entschlusses rötete seine bronzefarbenen, ju-\ngendlichen Wangen leise und liebenswürdig.\nDie Beichte\n„Irgend etwas muß geschehen, irgend etwas muß\nIch tun,\" sprach Baron Frangart zu sich selber, als\ner das Hotel verließ, . . . „wie soll ich sonst glau-\nben, daß ich überhaupt lebe!. . . Denn alles Leben\nbeweist sich nur durch die Tat! . . . Irgend etwas\nmuß ich tun. . .\"\nBaron Frangart lenkte seine Schritte zum Lieb-\nfrauendom. Er wollte Gott zunächst und dajnn\nden Beichtvater um Rat fragen.\nDer Beichtvater des jungen Barons war ein\nalter italienischer Prälat, der nicht eigentlich zur\npraktischen Seelsorge, sondern, wie sein Beicht-\nkind vermuten konnte, vielleicht in Erfüllung einer\ngeheimen päpstlichen Mission in München lebte.\nImmerhin nahm er einigen ihm persönlich emp-\nfohlenen Menschen, wie zum Beispiel Baron Fran-\ngart, der von Bonaventura an ihn gewiesen wor-\nden war, regelmäßig die Beichte ab. Er war ein\nfeiner alter Prälat mit weißen Haaren und tieflie-\ngenden Augen voll stiller Glut und voll verklärten\nSchmerzes über die Welt. Er kannte die Welt.\nUnd Fritz Freiherr von Frangart begann seine\nBeichte mit den rituellen Worten:\n„Ich armer sündiger Mensch klage mich an vor\nGott dem Allmächtigen und Euch, Priester an\nGottes Statt, daß ich seit meiner letzten Beichte\nwiederum gesündigt habe! . . .\"\nDer Prälat begann zu fragen über das erste\nder zehn Gebote:\n„Habt Ihr jemals an Gott gezweifelt? oder an\nder Lehre seiner heiligen Kirche? Habt Ihr die\ntäglichen Gebete nicht vergessen? Seid Ihr nicht\nunandächtig und zerstreut dabei gewesen?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\nDer Prälat fragte in betreff des zweiten und\ndritten Gebotes:\n„Habt Ihr den Namen Gottes nie i»m Leichtsinn\neitel genannt? Habt Ihr nie über Gott geklagt?\nHabt Ihr nie seiner im Zorne geflucht?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\nIm vierten Gebote fragte der Prälat nicht, ob\ndas Beichtkind gegen seine Eltern und gegen den\nGehorsam gesündigt habe; denn er wußte, daß\ndiese tot seien. Aber er fragte ihn: „Habt Ihr das\nAndenken Eurer Eltern niemals entweiht, niemals\ndurch Gedanken oder Worte oder Taten?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Gehen wir zum fünften Gebot!\" sagte der\nPrälat. „Habt Ihr Eure Mitmenschen niemals mit\nWissen verletzt, geschädigt, beleidigt, verdächtigt\nin Gedanken, Worten oder Taten?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Sechstes Gebot: Seid Ihr nicht unkeusch ge-\nwesen in der Tat? Habt Ihr nicht unkeusch ge-\nsprochen? Habt Ihr nicht freiwillig Unkeusches\ngedacht oder gesehen?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Siebentes Gebot: Habt Ihr nicht gestohlen,\nGeliehenes nicht zurückgegeben, Gefundenes nicht\nbehalten?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß : „Niemals, Vater!\"\n„Achtes Gebot: Habt Ihr nicht gelogen, frei-\nwillig, im Scherz oder aus Not?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Neuntes und zehntes Gebot: Habt Ihr nicht\nbegehrt Eures Nächsten Hausfrau und nicht Eures\nNächsten Gut, in Gedanken, Worten oder Wer-\nken?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Gebote der Kirche: Habt Ihr nicht der Fasten\nvergessen oder der sonntäglichen Messe oder des\nheiligen Sakramentes der Beichte und des Aller-\nheiligsten Sakramentes des Altares?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Habt Ihr auch nicht etwa eine der neun frem-\nden Sünden begangen oder eine der vier himmel-\nschreienden?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge\nmäß: „Niemals, Vater!\"\nDies alles hatte der Prälat — ein alter feiner\nPrälat, der die Welt kannte — in immer steigen-\nderem Tone und in immer tieferem Mitleid gefragt;\nBaron Frangart seinerseits hatte immer leiser und\nimmer schmerzlicher darauf geantwortet.\nNach einer langen Weile des Schweigens be-\ngann der Prälat: „In uns allen liegt das Sündhafte\nverborgen ...\" — „Ja, es liegt wohl auch in mir,\nich beichte es, Vater . . .\" — „In uns allen liegt\ndas Sündhafte und Ihr habt mir nicht eine Tat der\nSünde gebeichtet! ...\" — „Ich weiß von keiner*\nVater.\" — „So seid Ihr der heiligste aller Men-\nschen oder der unglücklichste!\" — „Ich habe\nnichts von dem getan, wonach Ihr mich gefragt\nhabt . . .\"\n*\n• Der Prälat — ein alter feiner Prälat, der die\nWelt kannte — schwieg lange. Endlich fragte er:\n„Wenn Ihr nichts Sündhaftes getan habt, — was\nhabt Ihr denn überhaupt getan?\" — „Nichts.\nVater! . . .\" flüsterte tonlos der Junge Baron\nFrangart . . . „Nichts, Vater, aber ich möchte\netwas tun, ich muß etwas tun, und da ich keine\nSünde tun will, bin ich zu Euch gekommen, um\nEuch zu fragen, was ich sonst tun kann . . —\n„Es gibt nur E i n e s zu tun, und daß Ihr dies Eine\nnicht getan, sondern unterlassen habt, dies ist\nEure große Sünde ...\" — „Was ist es, Vater?\"\n— „Nur dies Eine: das Werk der Liebe.\"\nMit schwerstem Nachdruck hatte der Prälat die\nWorte gesprochen.\nNach diesen Worten entstand im Beichtstuhl\nein Schweigen, wie es selbst im) Beichtstuhl, ge-\nschweige denn irgendwo draußen in (der Welt,\nnoch nie gehört worden ist. Und nach einiger Zeit\nschauderte denn auch dem Prälaten davor. „Mein\nlieber Sohn!\" begann er zärtlich, „was wollt Ihr\nnun tun?\"\n„Das Werk der Liebe, Vater!\"\n„Das wäre? . .\n„Ich weiß noch nicht recht, was . . . Jeden-\nfalls werde ich zum Beispiel noch heute der Hilfs-\nkasse für verarmte Adelige soviel überweisen, als\nich zurzeit entbehren kann . .\n„Tut es immerhin, es ist besser als nichts, es\nist ein Werk der Liebe, aber nicht das Werk\nder Liebe . .\n„Was ist es, Vater?\"\n„Mein lieber Sohn, es ist das Werk, das am\nEnde steht. Die wenigsten vollbringen es, die\nmeisten kommen über seine Vorbereitungen nicht\nhinaus.\"\n„So sagt mir zunächst, Vater, welches seine\nVorbereitungen sind! . .\ni-\nDer Prälat — ein alter feiner Prälat, der die\nWelt kannte, atmete tief auf. „Mein lieber Sohn,\nvon den Vorbereitungen kann ich Euch nur Bei-\nspiele nennen. Also zum Beispiel: Ihr seht das\njunge Mädchen dort am Altar. Es kommt immer\nin meine Messe, weil Ihr dah inkommt. Es sucht\nEuch immer mit den Augen. Es liebt Euch. Habt\nIhr das noch nicht bemerkt?\"\n„Schon lange, Vater, aber ich will seine Liebe\nnicht, weil ich sie nicht erwidern kann.\"\n„Liebt Ihr überhaupt ein Mädchen?\"\n„Nein, Vater.\"\n„Habt Ihr nie ein Mädchen geliebt?\"\n„Nein, Vater.\"\n„Nun, so geht wenigstens zu dieser dort hin\nund dankt ihr einmal für ihre Liebe. Vielleicht\nliebt sie Euch so, daß ihr das allein genügen\nwird ... Es gibt solche Menschen. — Sie ist\nschön, und es wird Euch wenig Ueberwindung\nkosten.\"\n„Gebt mir noch ein Beispiel!\"\n„Ja, gern. Ihr habt wohl eine Bedienerin zu\nHause? Ja, nicht wahr, Qut, fragt sie heute\nabend, wie es den Leuten geht, die sie lieb hat...\nDies wird Euch wohl am meisten Ueberwindung\nkosten, mein lieber Sohn, eine solche Frage an\nEure Bedienerin zu richten.\"\n„Ja, es ist schwer,\" antwortete Baron Fran-\ngart, „aber sagt mir nun, was ist da s Werk der\nLiebe ?\"\nDer Prälat — ein alter feiner Prälat, der -die\nWelt kannte, schwieg zunächst.\n„Mein lieber Sohn,\" hub er endlich mit einem\nmitleidigem Seufzer an, „ach, mein lieber Sohn,\nwenn Ihr nur einmal die Vorbereitungen getan\nhabt! Ihr werdet vielleicht viele Enttäuschungen\nan den Menschen dabei erleben. Sucht Euch damit\nabzufinden . . . Und kommt vielleicht ein anderes\nMal zu mir und fragt mich nach dem eigentlichen\nWerk . .\n„O, sagt es mir heute schon, Vater!\"\n„Ach, mein lieber Sohn! . . .\"\n„Bitte, sagt es, Vater!\"\n„Wenn Ihr es durchaus wollt ... So hört:\nGeht hin, mein lieber Sohn, und sucht von allen\nMenschen, die es gibt, die niedrigsten! Und dort\nverschenkt Euch ein Mal, nur ein einziges Mal\nselbst! Dann habt Ihr das Werk der Liebe voll-\nbracht! Aber während Ihr es vollbringt, denkt\nnicht daran, daß Ihr das Werk vollbringen wollt;\ndenn dies würde Eure Ueberwindung erleichtern.\nSucht Euch — es gibt deren genug — einen\nmenschlichen Grund für ein himmlisches Werfe"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9801, "texte": "Dann erst wird es schwer genug für Euch sein,\ndamit es Gott als Euer Werk der Liebe wür-\ndige . .\n*\nBaron Frangart hatte eben den Beichtstuhl ver-\nfassen.\nEr trat ruhig auf das junge Mädchen zu, das\nihn schon so oft mit den Augen gesucht hatte. Er\nverneigte sich und sagte leise: „Verzeihen Sie,\ngnädiges Fräulein, vve.m ich Sie störe. Aber ich\nglaube Sie sind u,■ .t Und ich möchte Ihnen\ndafür danken.\"\n„Nicht hier, v - : ie sie flüsternd, „nach-\n»\nher draußen . . . .i\\r i, ich bin ein anstän-\ndiges Mädchen, urri 1; > Sie mit mir reden wol-\nlen müssen Sie hon gefälligst zu meinen\nEitern bemühen . .\nBaron Frangart rückte zusammen. Aber er\nbeherrschte sich und g r;g zu der alten Frau vor.\nEr streichelte ihr lese die weißen Haare und\nsprach mit gedämpfter Stimme:\n„Mutter, Sie haben wohl viel zu leiden?\"\n„Ach, gnädiger Herr, nur ein wenig wann's\neinem besser gehen tat, nur ein wenig! . . . Wann\nich meiner Tochter nur ein kleines goldenes Bro-\nscher! auf Weihnachten schenken könnt! . . .\"\nBaron Frangart zuckte wieder zusammen, aber\ner zog seine Geldbörse aus der Tasche und\nschenkte ihren ganzen Inhalt der Frau.\nBaron Frangart saß in seinem Fauteuil am Ka-\nmin und läutete der jungen Bedienerin: „Nun,\nErna, es kommt Sie wohl hart an, auf Weihnach-\nten aHein zu sein. Wollen Sie vielleicht für heute\nabend zu Ihren Angehörigen heimgehen?\"\n„Meine Eltern sind schon gestorben, Herr\nBaron.\"\n„O, das tut mir leid. Aber vielleicht haben\nSie sonst jemand lieb, bei dem Sie also heute\nlieber wären als bei mir? . . .\"\n„Ja, wenn mir der Herr Baron die Ehre er-\nweisen wollen — kein Verhältnis hab ich näm-\nlich nicht, also . *\nBaron Frangart zuckte, zusammen, schenkte\nihr einen Fünfzigmarkschein, sagte ihr, daß sie\nfür heute die Freiheit habe, zu tun, was ihr be-\nliebe, und entließ sie . . .\nSchmerzlich lächelnd lehnte sich -der junge Ba-\nron in sein Fauteuil zurück, sich bangen Träume-\nreien hingebend. Aber dann bezwrang er sich\nund verjagte die Erinnerung an die drei Ent-\ntäuschungen, die „das Werk\" vorbereitet hatten.\nSodann bezwang er sich noch einmal und verbot\nsich, an das, was er nun'vorhatte, anders als in\nrein menschlichem Sinne zu denken . . . Und als\nMitternacht schon lr>ast vor':b*r war, dachte er\nnoch immer an das rein Menschliche; so natür-\nlich, wie es seine r menschlichen Natur gemäß\nwar . . .\nDie Tat\nAm ersten Weihnachtsfeiertag dieses Jahres\ngab Baron Franga t dem Wagenkutscher die\n.Adresse eines Findelhauses, von dem er eine Ein-\nladung zur Weihnachtsfeier erhalten hatte. Man\n'hatte ihn schon etliche Wochen vorher angebettelt\num einen Beitrag 7-r Bescherung, und er hatte\ndurch das Dienstmädchen einen Zehnmarkschein\n'hinausreichen lassen la- gedruckte Text der Ein-\nladung lautete:\n„Euer Hochwohlgeboren!\nUnsere Anstalt feiert am 25. Dezember ihr be-\nscheidenes Weihnachtsfest. Die Aermsten der\nArmen haben also, dank der großen Güte ihrer\nWohltäter, unter denen auch Euer Hochwohl-\ngeboren sich befinden, den Tannenbaum des Frie-\ndens gefunden, unter dem sie sich glückstrahlend\nscharen können.\nIm Namen unserer Kinder, deren Freude dop-\npelt sein wird, wenn sie von Euer Hochwohl-\ngeboren und den andern Wohltätern mitangesehen,\nja mitgefeiert wird, laden wir hiermit höflichst zu\ndem hohen Feste ein. Und bemerken wir, daß\nfür die verehrten Festgäste gesonderte Plätze im\nFestsaal unseres Heims an der Straße\nreserviert sind.\nIn höflichster Erwartung von Euer Hochwohl-\ngeboren wertgeschätzter Anwesenheit:\nDas Heim der Aermsten\"\nBaron Frangart hatte den Widerwillen gegen\nden Stil dieser Einladung und auch im voraus\ngegen den Stil des Festes, auf den man daraus\nschließen konnte, langsam, aber energisch über-\nwunden. „Es muß etwas geschehen!'4 wieder-\nholte er, auch als er schon im Wagen saß; wie\num sich Mut zuzusprechen.\nEin Hausdiener in viel zu weiter, auch sehr\nwillkürlich kombinierter Livree erwartete die\nGäste am Portal des Findelhanses. Das Portal\nwar so geräumig und protzig wie das ganze Haus\nselbst, Baron Frangart dachte sich beim Ver-\nlassen des Wagens, daß der wichtigtuerische Bau\ndieser Anstalt wohl mehr gekostet habe, als die\nachtzig beherbergten Kinder in hundert Jahren\nzusammen kosten würden. Aber im Treppenhaus\ndes Einganges, wo auf beiden Seiten Marmortafeln\nmit einer Reihe Namen in Goldschrift, glänzten,\nfand er die Lösung: zu Beginn des Verzeichnisses\nstand fett gedruckt:\nMathias und Crescentia Bich e r 1,\nR ealitätenbesitz e r s ehepaa r\nund\nBürgersleute in München,\nsind die hochedlen Stifter dieses Hauses und des\nPlatzes, auf dem es sich, zu ihrem dankbaren\nAngedenken, erhebt. —\n„Stehen der gnädige Herr auch auf der Tafel?\"\nfragte der Hausdiener und setzte, als er keine\nAntwort bekam, entschuldigend hinzu: „Nun, es\nsind nur die Wohltäter von tausend Mark auf-\nwärts.\" Der stillose, aber mit falschem Plüsch,\nPapiergoldschleifen und ähnlichem Zeug über-\nladene Saal, in den Baron Frangart nun eintrat,\nwar durch eine diagonal laufende „Renaissancen-\nRampe in zwei Dreiecke gespalten; in dem einen\nDreieck erhoben sich, übereinander aufsteigend,\ndie Plätze für die Eingeladenen, Unten im andern\nDreieck stand der mit vielen elektrischen Lämp-\nchen süßlich erleuchtete Christbaum; statt mit\nAepfeln und Nüssen war er reich mit Silber und\nGoldflitter, mit künstlichem Schnee und Glas-\nkugeln behängen; er stand inmitten eines von lan-\ngen Tischen gebildeten Vierecks. Auf diesen\nTischen lag, mit großen, von eins bis achtzig lau-\nfenden Nummern versehen, die Bescherung, die\njedes Kindes wartete. Statt die einzelnen Ge-\nschenke durch Tannenzweige abzugrenzen, hatte\nman durch je eine Papierrose angedeutet, wo des\neinen Kindes Geschenke aufhörten und die des\nandern anfingen. Aepfel, Nüsse, Bisquits und Mar-\nzipan hatte man für die einzelnen Kinder nicht auf\nTeller gelegt, v/o sie immerhin, auch in dieser\npeinlichen Ordnung, ein heiteres Bild ergeben hät-\nten; sondern, in der Furcht, daß dabei etwa ein\nTeller zerbrochen werden konnte, hatte man dies\nalles in Tüten gesteckt, die neben und auf die\njeweiligen Schuhe, Strümpfe oder Fausthandschuhe\ngelegt waren. Kurz, Baron Frangart hatte mit\neinem einzigen Blick von der Türe aus schon den\nganzen freud- und farblosen Charakter des Festes\nerfaßt, das da kommen sollte. Die Kinder waren\nnoch nicht eingelassen worden; die Festgäste hin-\ngegen saßen, leise schwatzend, auf ihren Plätzen.\nAuf diese Menschen, größtenteils behäbige\ndicke Frauen und Männer, wie deren das Bier in\nso großer Menge deformiert, und etwa noch\neinige, mit der ihnen eigenen vordringlichen un-\nmanierlichen Koketterie herumguckende oder über-\nlaut plappernde Bürgerstöchter, — auf dieses ge-\nmütlich versammelte Festpublikum also machte\nBaron Frangart, wie es ihn durch die Türe kom-\nmen sah, einen merkwürdigen, tiefen und gebiete-\nrischen Eindruck. Sei es, daß diese Leute über-\nrascht waren von seiner ruhigen, harmonischen\n„distinguierten\" Eleganz, sei es, was weniger\nwahrscheinlich ist, daß die so liebenswürdige\nebenmäßige Zartheit seiner jungen Gestalt sie ge-\nfangen nahm, — einer nach dem andern erhoben\nsie sich von ihren Sitzen, etwa wie vor ihrem\nLehrer oder sonst einem noch höheren Herrn.\nInfolgedessen dankte er, unangenehm berührt,,\nnach mehreren Seiten mit leiser Verneigüng. lii\nder ersten Reihe der Plätze rückte man mit den\nStühlen zurück, um ihn durchgehen zu lassen. In\nder Mitte dieser Reihe standen zwei Fauteuils,\nvon denen das eine unbesetzt war. Im andern\nsaß ein kleiner Geistlicher, der — bescheiden und\nfast eingeschüchtert, wie er hier dem Zwang der\nRepräsentation genügte — Baron Frangart mit\nrührendem Lächeln entgegenblickte. Neben ihm\nnahm Frangart Platz und nannte ihm seinen Namen\nzur Vorstellung. (Das Fauteuil war natürlich nicht\nfür ihn, sondern für irgendeinen repräsentativen\nGemeindebevollmächtigten, der aber nicht er-\nschien, reserviert gewesen.) Der Geistliche war,\nwie sich herausstellte, der Seelsorger der Find-\nlinge. „Da bin ich auf dem besten Wege/' sagte\nBaron Frangart, „ich möchte nämlich heute irgend-\neines der Kinder in Obhut nehmen. Ich habe viel\nfreie Zeit und wenig Beschäftigung . . . Meinen\nSie, daß man mir eines überläßt?\" — „Nun, man\nwird wohl einige Erkundigungen einziehen, wenn'\nman eines der Kinder weggibt, aber dies wird ja\nbei Ihnen zweifellos schnell erledigt sein,\" ant-\nwortete der Geistliche verbindlich und erbot sich,\ndie Sache mit dem Anstaltsleiter selbst im Sinne\nBaron Frangarts zu sprechen. Dieser nannte ihm\nals Referenz einige bekannte Familien, in denen\ner eine Zeitlang verkehrt hatte. „Sie wollen mir.\nbitte, bei der Wahl -der Kinder helfen! Sie ken-\nnen ja die Kinder ungfähr und wissen, welches\ndavon eine bessere Erziehung, ein feineres Leben\nam meisten verdient.\" — „Ja, und was soll später\naus dem Kinde werden?\" — „Was es will, seine\nZukunft werde ich sicherstellen.\" Der Geistliche\nfreute sich sehr und überblickte in Gedanken die\nachtzig Kinder, oder vielmehr, da Frangart einen\nKnaben erbeten hatte, die vierzig Knaben. Er\ndachte an den und den und dann wieder an andere.\nMittlerweile aber öffneten sich die Flügel der\nSeitentüre und die achtzig Kinder, die Mädchen\n?\nvoran, schritten paarweise, geführt von dem An-\nstaltsleiter und einer Aufsichtsfrau in den Saal.\nAlles schwieg.\nEin tiefer Schrecken durchrieselte Baron Fran-\ngart, als er, mit einem einzigen schnellen Blicke,\ndiese Kinder von vier bis dreizehn Jahren über-\nflog. Ihm, Baron Frangart, lagen wahrlich weder\nMitleid noch Rührung; sein Schrecken war ge-\nmischt aus Abscheu und Zorn. Wie wenig schon\npaßte zum natürlichen Wesen des Kindes die Ein-\nförmigkeit der Kleidung! — Aber das war noch\ndas Wenigste. Kaum eines dieser1 Kinder zeigte\neine frische Gesichtsfarbe; ein häßliches blut-\nleeres Grau lag auf ihren aufgedunsenen Wangen.\nEs fiel ihm im ersten Augenblick überhaupt\nschwer, einen Unterschied, irgendeinen besonderen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10635, "texte": "Qiarakter in den Zügen der Kinder zu erkennen.\nUnd was bemerkte er nach näherem Zusehen!\nBei den meisten Mädchen eine dumpfe, dumme, re-\nsignierte Apathie; sie standen da wie Tiere, ja wie\ngutgefütterte, aber kraftlose Kühe. Bei den Knaben\neine in ihren grauen Zügen tief unter der Maske\ndes Gehorsams versteckte und verkniffene Ver-\nschlagenheit; und diese Gesichter waren noch die\n;\ntröstlichsten, menschlichsten; denn auch die grö-\nßere Anzahl der Knaben schien jener uniformen,\nstumpfen Ergebung heimgefallen zu sein. Und\nBaron Frangart dachte flüchtig an alles, was ihm\nder gute Schlagintweit, der vielleicht einmal Er-\nzieher werden wollte, über die Schulen, die er,\nBaron Frangart, nicht kannte, geklagt hatte. Er\nstellte sich die für das kindliche Alter so wider-\nnatürliche, ja perverse Zwangsordnung vor, unter\nder diese hier dahinlebten; das grausame, zu Eis\nerstarrte Tages-, ja Minutenprogramm, das sie\nimmerzu und immerzu üben mußten; die heiße\nSehnsucht, womit sie in den Schulstunden auf die\nGlocke, die eine Freistunde, nein, nur eine Viertel-\nstunde anzeigte, warten mochten; die Brutalität\nder Schule, die ihnen auch in diesen Viertelstun-\nden untersagte, sich zu raufen, zu kratzen, zu bal-\ngen, zu lärmen und zu schreien, wie es ihnen\nwoh!getan hätte, wie es ihrer Natur gemäß war\n— weil sich dies für einen „gebildeten Manschen\"\nnicht schicke; wie sie dann gleich darauf wieder\n(was auch Baron Frangart, diesem zurückhalten-\nden strengen, stahlharten Menschen, als eine raffi-\n-1 ■ . • 112 ...\nnierte und perfide Quälerei erschien) gerade in\nden untersten Schulklassen die Hände auf die\nBank legen mußten und sie nicht rühren durften,\n' ohne der Strafe zu verfallen . . . Und wozu,\nflogen die Gedanken Frangarts weiter, wozu\nwurde alles rein Menschliche, das warme Blut, die\nt\nNeigungen, der ganze kindliche Charakter an die-\n*\nsen Kindern ertötet? Um ihren Kopf desto ge»\nfügiger zu machen für die Masse der bürgerlichen\nKenntnisse, die in ihn eingehen .sollten . . . „Sehen\nSie, Baron, aus dem Grunde sind Sie uns alle über,\nweil, Sie so wenig gelernt haben, deshalb sind Sie\nein Mann geblieben, weil man Sie nicht gezwun-\ngen hat, sich etwas aufladen zu lassen, was nicht\nzu Ihnen selbst paßt,\" hatte ihm Schlagintweit\neinmal gesagt ... Ja, das war richtig . . .\nUnd mit einem Male übersah Baron Frangart\ndie entsetzlichen Schäden, welche die bourgeoise\n„Bildungssucht\" seit einem vollen Jahrhundert,\nseit der eingeführten „allgemeinen Volksbildung\"\nüber die ganze europäische Menschheit gebracht\nhatte. Was war das Prinzip dieser „allgemeinen\nVolksbildung\" und sogar aller höheren Bildung,\nnach der die demokratische Bourgeoisie strebte\nUnd ihr auch diese Kinder, in der arroganten\nUeberzeugung, ihnen „Wohltäter\" zu sein, zu-\nführte? Es war wirklich nur dies: die ganze\nMenschheit in einen Kopf zu verwandeln!\nKenntnisse und Wissen, nichts als Wissen und\nKenntnisse verlangte man . . . Wer fragte noch\nnach menschlichen Tugenden? Gute Köpfe\nwollte man, nichts weiter . . .\n. . Das also war, was die demokratische\nBourgeoisie aus dem Geist der Aufklärung gemacht\nhatte: „Je mehr Kenntnisse du erwirbst, desto\n; höher steigst du.\" Ob du dich aber, als Mensch,\nzum Führer eignest, der du werden willst und\n• sollst, darnach fragt man dich in keinem Exa-\nmen' . . . Lind den Menschen, die gehorchen, die\n• Gesetze erfüllen sollten, was gab man ihnen als\n\" Grund an: „Du weißt so wenig, du hast eine\nr- so: schlechte Handschrift, du kennst nicht einmal\n- die Nebenflüsse des Rio de Janeiro in Neu Fund-\n- • land ■ * Also: gehorche!\"\n.... Wenn - das Cäsar seinen Soldaten als\nGrund angegeben hätte, weswegen er ihren Ge-\nhorsam verlangte . . .\nUnd mit dem sicheren Blick eines Menschen\nder alten Art fand Baron Frangart heraus, worum\nes sich handelte: Es war der blasse Intellektualis-\nmus, die graue blutleere Verstandeswirtschaft, die\nalles dirigierte: die alle rein menschlichen Unter-\nschiede aufhob und die Menschen nach ihren\nKenntnissen einteilte, die auch an den Kindern hier\nihre Erbärmlichkeiten ausließ.\nUnd immer wieder betrachtete Baron fran-\ngart diese grauen farblosen Menschen, die ihm in\nder Tat als typische Opfer des Molochs der\nSchule erscheinen mußten, der seit hundert Jah-\nren Europa bedrohte. Von ihnen also wollte er\nein Kind herausgreifen und es seiner Kultur zu-\nführen. Das war die Tat, wozu er sich ent-\nschlossen hatte, und die zugleich das Werk der\nLiebe und des Sich-Wegschenkens sein sollte! Er\nwollte fruchtbar werden, indem er seine Tradition,\nalso gleichsam sich selbst, auf jemand übertrug.\nDies war die Fortpflanzung und Fruchtbarkeit, zu\nder er sich gestern entschlossen hatte. Und des-\nhalb war er zu den Kindern hier gekommen.\n*\nWährend seiner Geist solchermaßen in einer\nkurzen Umarmung seine Ansichten und Absichten\nzusammenfaßte, hatte der Anstaltsleiter eine Rede\ngehalten, in der er zuerst den Wohltätern dankte\nund dann die Kinder zur Dankbarkeit ermahnte.\nHierauf trat, von den Festgästen teilweise mit\n„ah!\" begrüßt, durch die andere Türe der Weih-\nnachtsengel ein. Es war dies ein dreizehnjähriges\nMädchen, Zögling der Anstalt, das ein langes,\nweißes Wollhemd und am Rücken zwei gold-\ngestrichene Holzflügel angeheftet trug. Sie trat\nunter den Baum und sprach ein langes Gedicht,\nmit pathetischen Hinweisen auf die Wohltäter.\nDiese riefen nach Beendigung der Reimerei ein\ngerührtes „Bravo!\" und „sehr gut!\" Man gab\njetzt den Kindern ein Zeichen, zu singen. Ihre\nStimmen zogen sich langgedehnt, mit der ihrem\nDialekt eigenen Abfärbung der Vokale, hinaus.\nBaron Frangart gab sich nicht die Mühe, den Text\nverstehen zu wollen. Als das Lied verklungen\nwar, wurden die Kinder endlich angewiesen, sich\nihre numerierten Geschenke zu holen. — „Jetzt!\"\ndachte sich Baron Frangart und beobachtete streng\ndie Haltung der Kinder. Die einen grinsten gut-\nmütig. Die andern taten überrascht und stießen\nein „Oh!\" und „Ah!\" aus, dem Baron Frangart\ndie Heuchelei anmerkte. Es mußte Heuchelei\nsein; denn welchen persönlichen Anteil konnten\nsie nehmen an dem kalten Flitter dieses Baumes,\nan seinen elektrischen Lämpchen, die kein Leben\nverrieten, sondern stumpfsinnig und gleichmäßig\nleuchteten, an den grauen Tüten, in die man genau\neingezahlt hatte, wieviel Aepf-el, Nüsse, Marzipan,\nBiskuits auf je einen entfielen. — Wieder andere\ngingen zu ihrer Nummer und nahmen die Ge-\nschenke, weil das nun eben so befohlen war.\nDer stumme Betrachter fühlte sich schon ent-\ntäuscht; er sah nochmals auf die Kinder: da\nplötzlich fiel ihm etwas auf. Ein etwa zehnjäh-\nriger Junge stand mit dem Rücken an den Tisch\nund seine Bescherung — Nummer 18 — gelehnt,\nschlank, ja mager da. und überflog mit fast un-\nverschämt ruhigen Blicken das Publikum. — „Wer\nist der Junge dort?\" fragte Baron Frangart mit\nleiser Erregung den Geistlichen und zeigte auf\ndiesen. „Ohne Eltern wie die andern, nicht un-\n< t\ntalentiert, aber — wie soll ich sagen? . . .\"\n„Sein Name?\" — „Weiß ich leider nicht.\" —\n„Bitte, Hochwürden, v/ollen Sie dem Anstaltsleiter\nsagen, daß ich diesen Jungen möchte, und keinen\nandern. Man möge mir Nachricht geben, ob ich\nihn haben kann. Damit es keine Verwechslung:\ngibt: Den, der mich jetzt anstarrt. Nur den!\nBitte!\" ...\nDie Feier war zu Ende. Die Kinder mußten\nsich in Paare ordnen und sie verließen den Saal\ndurch die Seitentür, durch die sie hereingekommen\nwaren. Baron Frangart sah seinem Jungen nach»\nbis er verschwunden war. Dann verließ er sofort\ndie Galerie der Eingeladenen, die gerade der An-\nstaltsleiter zu persönlichen Ansprachen betrat.\nDem Geistlichen hatte er seine Karte gegeben und\nihn um freundliche Nachricht gebeten.\nDie Frage, die ein anderer sich in Anbetracht\ndes Entschlusses und der Tat des Barons Frangart\nstellen konnte, war rein menschlich gesprochen\ndie: warum nahm sich dieser verfeinerte, auf\nseine Kultur so stolze Mensch gerade ein Kind aus\ndem Findelhause, anstatt, was doch näher zu liegen\nschien, aus irgend einer zufällig verarmten guten\nFamilie, wo er doch hoffen durfte, schon auf einem\nvorhandenen gewissen Fonds von Kultur weiter-\nbauen zu können. Aber diese Wahl des Baron\nFrangart geschah mit ganz bestimmter Absicht.\nWenn jene mystische, ja magische Uebertragung\nseiner eigenen Art auf ein junges Menschenkind\nvollkommen gelingen sollte, mußte dieses selbst\nso voraussetzungslos wie möglich sein. Keinerlei\nhergebrachte Meinung durfte es belasten, durfte\ndie Uebertragung hemmen; jene doppelte Arbeit,\nzuerst angeborene oder angelernte, jedenfalls aber\nvorhandene Werte aus dem Kind auszumerzen, um\nihm dann seine eigenen zu geben, wäre Baron\nFrangart zu unreinlich gewesen. Daher und nicht\netwa aus Mitleid, suchte er ein Kind ohne Familie,\nohne Werte, ohne Voraussetzungen; es war ihm\nnicht darum zu tun, einem armen Jungen ein rei-\nches Leben zu schenken. Armut und Reichtum\ntaten im Grunde nichts zur Sache. Nur durfte\nBaron Frangart bei einem dieser armen Findlinge\nam ehesten hoffen, einen vollkommen unbebauten\nmoralischen und geistigen Boden vorzufinden.\nWas die vererbten, im Blut liegenden Eigen-\nschaften betraf, deren wohl jedes Kind mit in die\nWelt bringen mußte, so baute er darauf, daß diese\ndurch die Schule, die Anstalt (deren Ziel doch\nwar, den persönlichen Charakter der Kinder zu-\ngunsten der allgemeinen Gleichförmigkeit zu er-\ntöten), wohl schon ausgemerzt, mindestens aber,\ngleich einem sterbenden Nerv, narkotisiert sein\nwürden; sie würden schlummern und er würde\nsie durch seine Erziehung nicht mehr wecken.\nAus welchen rein menschlichen Grundgefühlen\nnun ging bei Baron Frangart dieser Plan einer\ngeheimnisvollen Uebertragung seiner Persönlich-\nkeit hervor? Vielleicht aus zweien: Dein einen,\netwas zu tun, fruchtbar zu werden, dem andern,\nsich den ihm in Dingen der Kultur gleichgestellten\nMenschen, da er einen solchen nicht vorgefunden\nhatte, selbst zu erschaffen; Gesellschaft zu haben.\nDiese zwei Gefühle hatte er bislang unbefriedigt\ngelassen, ja streng beherrscht: alle Tätigkeit und\nalle menschliche Gesellschaft hatte er als unreinlich\nvon sich fern gehalten. Vielleicht war es eine\nSchwäche, daß er diesen Gefühlen jetzt nachgab;\naber er war gedrängt worden, von Pater Bona-\nventuras guten Wünschen und von den • Worten\ndes Prälaten ebensowohl wie von Schlägintweits\nUnternehmungslust; denn diese drei waren die\neinzigen Menschen, die eine gewisse Rolle in sei-\nnem Leben spielten. So schadete ihm die Güte\nund Liebe zweier Menschen, und im Falle Schlag-\nintweit die eigene Sympathie, mit der er an: des-\nsen Leben Anteil nahm! Aber wenn es schon für\neinen Baron Fragart eine Art Schwäche bedeu-\ntete, daß' er Gesellschaft und Tätigkeit wollte, so\nkonnte er sich damit Verteidigen, daß, er bei'alle-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 428, "texte": "<ktm nur sich selbst wieder erleben wollte. Dem\nPrälaten gegenüber, der das „Werk44 wohl ganz\nanders gemeint hatte (nämlich, daß er sich selbst\nwegschenken solle, um einen andern Menschen zu\nerleben!), hätte er sich damit durchaus nicht ver-\nteidigen können. Aber so lebhaft wirkte bei Ba-\nron Frangart auch in dieser Sache die Ueberzeu-\ngung seines höheren Menschentums, der Glaube an\nseine besondere Wohlgeborenheit nach . . ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c006", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "201", "page_fin": "201", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.5.1", "titre_corps": "Campendonk: Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Campendonk: Originalholzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 31, "texte": "Campendonk: Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "204", "page_fin": "204", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.6", "titre_corps": "Gauguin", "titre_sommaire": "Gauguin", "signature_source": "Jacques Riviére", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.8", "debut_caractere": 449, "fin_caractere_exclue": 8338, "texte": "Gauguin\nVon Jacques Riviére\nZauberer, Magier, Sopisist\nPkto\nIch sehe ihn so, wie er sich gemalt hat. Sein\ngroßes ironisches Gesicht unter der Mütze ist das\neines Abenteurers, der Magier sein könnte. Es ist\nvon irgendeiner Kraft durchdrungen, zu der noch\nScharfsinn kommt. Er ist der Mensch, der die\nGeheimnisse natürlich entdeckt hat, und weil er\nsich ihrer zu bedienen versteht, ist in seinen Zügen\ndie Intelligenz ein Lächeln. Er liebt die Dinge;\nweil er sie versteht, beherrscht er sie. Und be-\nherrscht von dem Gefühl, allein dieses Reich zu\nbesitzen, scheint er, der Wissende, zu schweigen.\nGauguin entblößt Landschaften. Ganz sanft\nerschließt er sie, läßt sie ihrem Temperamente an-\ngemessen steigen, voller Süße. Er erfindet sie\nnicht Er legt sie einfach bloß und leitet ihre Ent-\nwicklung mit dem Wissen des Magiers. Unter\nder Macht seiner Augen wird die Natur ordentlich.\nGanz ihrer Eingebung folgend, ordnet sie sich an.\nSie wird ein großer unberührter und doch gepfleg-\nter Garten: ewig sind die Blätter üppig, aber es\nscheint, als wolle eine geheimnisvolle Hand sie\nzu irgend einem Akkorde stimmen. Alles wird or-\nganisiert wie unter einer unfaßbaren Beschwörung.\nSo entsteht ein maßvolles Paradies. Die Weis-\nheit durchläuft es, vereinigt alle seine Teile, singt\nwie ein Vogel auf seinen Bäumen, und ahmt zärt-\nlich auf den rosigen Ufern die hohen, gewölbten,\nruhigfließenden Wogen seines Ozeans aus blauem\nTüll nach.\n* * *\nZuerst erkenne ich in der Zeichnung eine be-\nzaubernde Mäßigung.\nInmitten Gauguins Bildern erhebt sich aufrecht\nund voll die menschliche Form. Am häufigsten\nsteht sie in der Haltung der Vegetabiiien und der\nWesen, die die Natur inspiriert. Diese Vertika-\nlität ist nicht, wie bei Cesanne, durch die Schwere,\ndurch das Rufen der Erde bedingt. Sie ist das\nProdukt des Erdsaftes, der ohne Umweg wächst.\nAufrichtiger Schwung hält den Körper sanft auf-\nrecht.\nAber sie hüpfen nicht; sie sind maßvoll. Sie\nsprudeln hastlos. Nichts Rundes. Die Wölbungen\nder Hüften und Schultern werden in gerade Linien\nabgeschwächt; sonst könnten sie, zurückgebogene\nSprungfedern, den Eindruck erwecken, als schnell-\nten sie vor, als projizierten sie den Körper über\nsich hinaus; die Form überragt nur, um ihren\nPlatz zu behaupten, sobald sie ihn erreicht hat,\nhält sie an; nichts in ihr will sich verlängern.\nMan könnte glauben, sie schließe sich selbst vol-\nler Liebe ein. Oben krümmt sie sich ein wenig.\n*Mit Wollust verfolgt der Bleistift die geschlossene\n\"Linie seiner Vollendung. Die einzige Geste, die in\n4hrem Emporsteigen durch nichts beendet wird, die\n•des früchtesammelnden Mannes, mündet im Ruhig-\nfließenden. Er hat etwas Vollendetes, Gekröntes.\nDiese Ruhe, diese Passivität der Haltungen,\nkommen daher, daß sie sich nicht zueinander zu\nneigen oder zu nähern oder sich zu lösen brauchen,\nwenn sie sich vereinigen wollen. Eine Verein-\nbarung scheint unsichtbar über ihnen zu schwe-\nben. Harmonie steigt zu ihnen herab und hält sie\nzusammen. Es genügt ihnen, richtig zu sein.\nIhren Sinn erhalten sie von oben, wie wenn maj\ndie Hände auf sie legte. Lange ruhige Gesten\nschweben zwischen ihnen, wie Pflanzen sich unter\ndem Windeshauch wellen. Er verknüpft sie, ohne\nsie anzuziehen, er zeigt sie nur einander. Man\nkann zuerst die weite Zeichnung der Glieder für\nabgenutzt halten: sie besteht aus zwei Linien, die\nhauptsächlich einem herrschenden Parallelismus\ndienen. Aber wenn die Muskelansätze verheim-\nlicht sind, so geschieht es nur, damit die Augen\ndurch nichts von der Verfolgung der Bewegung\nabgelenkt werden. Alle Vereinfachungen suchen\nnicht etwa etwas Barabarisches, sondern wollen\nnur das Gemäße. Es gibt eine so zarte Verbin-\ndung, daß man bemerken muß, man ist im Frie-\nden. — Manchmal ist es keine greifbare Geste, die\ndie Haltungen einander verbindet, sondern nur eine\ngewisse Seite der Unbeweglichkeit. Durch ihre\nArt sich einsam zu halten, die jede Form hat, macht\nsie die anderen sich selbst verantwortlich.\nSo viel Harmonie kann nur vorher überlegt\nsein. Gauguin hat nicht die leichtgläubige Geduld\nC6zannes. Er hoffte nicht, die Dinge durch Ko-\npieren zu versinnlichen. In seinen Landschaften\ngehen durch die Felder biegsame Linien, deren\nhorizontales Geringle Baum an Baum kettet. Und\ndennoch wird der Natur keine Gewalt angetan.\nDas Werk begnügt sich damit, sie zu erwecken;\nes steigt zu den Dingen hinab, berührt sie schwei-\ngend, wie man mit der Hand einen Eingeschlafe-\nnen ermuntert. Dann läßt es sie ungebunden auf-\nstehen. Das Werk unterstützt sie nur durch seine\nvielfältige Anwesenheit, es fördert ihre Entwick-\nlung durch seine unsichtbare Zartheit.\nDer Magier erweckt die schönen lebenden Phan-\ntome.\n♦ * *\nWie soll man erkennen, in welchem Augen-\nblick Gauguins Farbe die Farbe der Dinge verläßt\nund künstlich wird? Der Uebergang ist unmerk-\nlich. Durch eine feine Umbildung wird sie nach\nund nach immer weniger „natürlich\"; schweigend\nwird sie zum Wunder; sie öffnet sich dem Zauber.\nSie ist unempfindlich und blühend. Sie dehnt\nsich in hellen Flecken, die durch die Abwesenheit\nder Sonne wie verschleiert sind. Nicht die Tiefe\ndes Gegenstandes drückt sie aus, aber sein lächeln-\ndes Antlitz in der Durchsichtigkeit des Schattens.\nJede Niiance blüht in Ruhe auf; sie überflutet,\num sich auszubreiten, stumm. Und doch ist sie le-\nbendig. Oft glänzt eine Farbe im Herzen des Bildes;\naber das Ganze ist so zusammengehalten, daß man\nsie zuerst nicht sieht. Wie eine Luciole im Blatt-\nwerk. Und plötzlich wacht sie.\nIndem er seine Farbe abschwächt, und derem\nAufgehen irgend einen Zweifel entgegensetzt, ver-\nteilt Gauguin sie sorgfältig auf der Leinewand.\nEr verteilt die Töne, die im Flecken vielgestaltig\ndie Oberfläche des Gegenstandes beleben; dann\nverdichtet er jeden einzelnen. Ihre ineinander-\ngehende Verschiedenheit sammelt sich nach und\nnach in Flecken, von denen jeder einzelne ver-\nschiedene Auffassungen des Vor-Bildes erkennen\nläßt. Es ist das Gegenteil der impressionistischen\nMethode. In dem Umriß eines Baumes verteilen\nsich die Blätter auf einige farbige Flecken, die mit\nVorsicht nebeneinander liegen. Man fühlt die\nWollust der Farbe, sich so im Innern der Gegen-\nstände nach deren Form zu verteilen. Auf einem\nabschüssigen Terrain übersteigt dies Rosa doch\nnicht seine Grenzen; es hält plötzlich inne.\nAber die Farbtöne, von denen sich, die Gegen-\nstände durchdringen lassen, sind ihnen nicht\nfremd. Es sind nicht von vornherein fest-\ngesetzte Nüancen, die die Farben der Natur er-\nsetzen sollen. Gauguin benutzt nur die Macht\nüber die Dinge; > er • überredet sie, sich sacht von\ndem abzuwenden was sie sind; er sondiert sie\nvorsichtig, er fordert sie zu Aendenmgen auf.\nSchweigend ruft er die zerstreuten Elemente an und\nvereinigt sie durch seinen Willen, wie man däe\nKohlen durch Blasen zu einem hellen Feuer ent-\nfacht.\nIn diesem Augenblick entsteht die Harmonie des\nBildes. Alle verschiedenen Farben schließen heim-\nlich inspiviert einen Bund. Die Gegenstände sind\nallmählich dahin gebracht worden, einander zu\nentsprechen; ihre verschiedenen und zarten Ant-\nlitze sind mir zugewendet. Ich erkenne jedes ein-\nzelne und genieße lange seine gesteigerte Abstu-\nfung, und voll Entzücken fühle ich, wie sie im sel-\nben Augenblick an der andern Seite des Bildes\ndurch einen kaum wahrnehmbaren Farbfleck, der\nihm entspricht, verheimlicht wird. Welch zarte\nErinnerung! Mit den zartesten Tönen gemalte?,\nsüßes Erinnern! Garten des Gleichgewichts!\nVielleicht sind in manchen Bildern zu viel Blu-\nmen, zu viel ausgebreiteter Reichtum . . . Das\nBild Gauguins, das ich am meisten liebe, dieses\nseltsame, nachdenkliche Paradies, heißt: „Was\nsind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen»\nwir?\" Es enthält Hell-Dunkelheiten? Verhüllun-\ngen. Die laue tahitische Nacht badet diese Land-\nschaft. Und steht nicht die Nacht im Hintergrunde,\neine schatten verschleierte Frau?\nAutorisierte Übertragung aus des Französischen von\nJean-Jacques."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "204", "page_fin": "205", "image_debut": 8, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.7", "titre_corps": "Kandinsky", "titre_sommaire": "Kandinsky", "signature_source": "Rudolf Leonhard", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.8", "debut_caractere": 8340, "fin_caractere_exclue": 9944, "texte": "Kandinsky\n\nEs soll diesmal nicht vom Kunstwert und vom\nMalerischen dieser Bilder gesprochen werden;\ntrotzdem vielleicht, Kritikern gegenüber, betont zu\nwerden verdiente, daß, wer ein reitendes Paar,\neine alte Stadt und manche Landschaft in so ge-\nwaltiger Verdichtung romantischer Natur zu\ngestalten vermochte, daß der nicht aus Un-\nfähigkeit zum Erfassen, sondern aus Absicht\nund künstlerischem Zwange auf die äußere\nWahrheit der Dinge, die Wirklichkeit zu verzich-\nten — scheint. Es soll nur (aber doch ergibt das\nvielleicht auch etwas über den Kunstwert der\nBilder) eine Eigenschaft diese* Dinge, die in Er-\ninnerung und Erkenntnis, sich dem Betrachter der\nspäteren, in klarer Entwicklung nach der Lehre die-\nser Ausstellung den früheren entstammenden Bil-\nder Kandinskys enthüllt, bemerkt werden. Die\nWirklichkeit nämlich ist nichts Vollendetes, die\nDinge sind, auch in der äußeren sinnlichen Erschei-\nnung, nicht geschlossen. Wer mit klarstem Blick\nselbst lange durch die Straßen geht, dem öffnen\nsich die Linien der Häuser, vermischen sich die\nErscheinungen: Fensterreihen werden zu Fratzen\nWagen ballen sich und scheinen zu stehn, hinten\nschwindet die Straße — saht Ihr das nie? — einen\nTorweg zu in den Hals eines aufgerichteten Pfaus.\nEine Laterne kann eine Tulpe scheinen, der\nlaufende Fuß eines Pferdes eine seltsame\ngierig sich streckende Orchidee sein. Wer\nhat noch nicht (und nicht zum ersten Male ist\ndas hier gemalt worden) in einem Baum einem\nMenschen erkannt, in einem Wachhol de rbusch eine\ngekrümmte Leiche! Wie oft lösen sich die Dinge\nund fließen ineinander: daß eine Hand: die sieh"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.9", "debut_caractere": 35, "fin_caractere_exclue": 1834, "texte": "dir bietet, fremd dem Körper scheint, wie eine\nQualle hängt und sich regt, daß dein Schauen ein\nFieber wird. Doch dies ist immer nur ein Bei-\nspiel, während zehnfach, hundertfach die Dinge\nselbst ihr Aussehn wechseln können, jede Erschei-\nnung zehn, hundert Erscheinungen ist. Die Dinge\nsind nicht nur sie selbst — und dies ist hier gemalt:\ndie Vieldeutigkeit der Dinge.\nDer Blick hat nicht nur die Fähigkeit zu fassen,\ner kann auch bewahren. Wenn der Künstler Nach-\nbilder oder Erinnerungen mit dem sinnlich Erfaß-\nten mischt, wenn er die Vieldeutigkeit eines Dinges\nso gestaltet, daß gleichzeitig einige oder alle Sei-\nten, Formen, Arten zu fühlen sind, wenn die Viel-\ndeutigkeit selbst gestaltet ist — das nennen wir\n(wie noch andres) Groteske. Die Kunst, von der\nhier gesprochen wird, gibt andres. Die Vieldeu-\ntigkeit ist nicht ihr Thema, sondern der Grund ihrer\nExistenz, die vielfältigen Erscheinungen werden,\neben in ihrer VielfältigKeit, gestaltet, nicht das viel-\nfältige Erscheinen; und diese mehr lyrische Art,\nbei der die Vieldeutigkeit des Vorwurfs im Kunst-\nwerk erscheint, ohne erkannt im Bewußtsein zu\nruhen, das ist das Märchen (nicht der Mythus«\nder anders steht). Märchenhaft sind ihre Erzeug-\nnisse; die Märchen der Dinge, das Märchen der\nErscheinung ist ihre —- Stimmung. Märchenhaft\nsind schon die früheren Bilder Kandinskys: ihr\nRussisches, dein Orient Nahes — diese Prinzessin,\ndie auf zum grünen Vogel in den Zweigen blickt\n— ist sie uns nicht aus den Erzählungen tausend\nund einer Nacht bekannt?\nNun wissen wir auch, wie Bilder dieser Art\n(neben der es viele andre gibt) zur Natur stehn:\nsie zeigen nicht die Wahrheit der Wirklichkeit,\nvieldeutig ist die Wirklichkeit, sie haben die auch\nwieder vielfältige innere Wahrheit der andern\nSeite — des Märchens.\n\nRudolf Leonhard"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c009", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "205", "page_fin": "205", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.8", "titre_corps": "Ludwig Meidner: Originalzeichnung", "titre_sommaire": "Ludwig Meidner: Originalzeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 33, "texte": "Ludwig Meidner: Originalzeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c010", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "206", "page_fin": "206", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.9", "titre_corps": "Etwa im Jahre 1845", "titre_sommaire": "Etwa im Jahre 1845", "signature_source": "E. 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Oktober 1912p Mittags-Ausgafce.)\nMan sieht, daß der „Kölnischen Zeitung\" wenig-\nstens keine Inkonsequenz (ebensowenig wie Ori-\nginalität) in ihrem Verhalten gegen die geistige Neu-\nerscheinungen, vorzuwerfen ist.\nFreilich „sich zu blamieren ist ein unveräußer-\nliches Menschenrecht\". („Kölnische Zeitung\",\nebenda.)\nAn der Sache ist aber noch etwas kurios:\nSobald nämlich einmal eine „Maßgebende Stelle\"\n(ebenda) einer jungen Bewegung, wenn auch in\nnoch so bescheidenem Maße, entgegenkommt,\ndann offenbaren diejenigen, die sonst „in be-\nschränktem Untertanenverstand: ruhig beiseite\nstehen\" (ebenda) auf einmal Männerstolz vor\nKönigsthronen (Donnerwetter noch mal!) und jam-\nmern mutig über ihr schönes Geld, das möglicher-\nweise zum Kuckuck geht („bringen wir Steuern\nauf um ebenda). Man bedenke doch:\nes liegt nicht genügende Sicherheit für ein „gutes\nGeschäft\" vor.\nDie Einsicht, daß die Kunstzuhälter (und\nihre Gehilfen), denen die Kunst (sagen wir es\neuphemistisch mit dem guten Schiller:) eine gute\nMilchkuh ist, wenn sie schon ihr unsauberes Geld\neinstreichen, wenigstens durchaus den Rand zu\nhalten haben, ist offenbar noch immer nicht ge-\nnügend verbreitet.\nSonst könnte doch seit fünfzig Jahren komi-\nschen Blättchen wie dieser „Kölnischen Zeitung\"\ndas Handwerk gelegt sein.\nUtrecht, 23. Oktober 1912\nNachwort: Soeben erfahre ich, daß die\n„Kölnische Zeitung\" im Jahre 1833 ernsthaft gegen\nStraßenbeleuchtung protestierte mit der Begrün-\ndung, daß erstens Gott Nacht und Tag geschieden\nhätte und zweitens, daß Straßenbeleuchtung die\nöffentliche Sittlichkeit gefährden würde.\nMan sieht, auch bei der Erleuchtung bleibt die\n„Kölnische Zeitung\" konsequent."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c011", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "206", "page_fin": "206", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.10", "titre_corps": "Die gesunde Kunst", "titre_sommaire": "Die gesunde Kunst", "signature_source": "Raoul Hausmann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.10", "debut_caractere": 2176, "fin_caractere_exclue": 4836, "texte": "Die gesunde Kunst\nRaoul Hausmann\n„Einer unserer ersten Bildhauer, der abseits\nder Tägesrnode Jahrzehnte in Rom lebte, und des-\nsen Name den Klang eines Meisters hat, gibt seine\nLebenserinnerungen und sagt Grundsätzliches über\nseine Kunst. Die Erinnerungen haben den beson-\nderen Wert, daß sie sich fast ausschließlich nur\nauf das Zusammenleben mit Hans von Marpes und\ndessen Persönlichkeit beziehen. Marees, dessen\nGröße heute unbestritten ist, ist noch als Mensch\nwenig bekannt. Darum sind die Erinnerungen\nVolkmanns von größtem Interesse für die Verehrer\nseiner Kunst. Wir haben, außer von Klinger,\nHildebrand und Thoma, noch keine Bücher, in\ndenen Künstler über ihr Schaffen reden. In diese\nLücke tritt jetzt Arthur Volkmann\" — so kündet\nEugen Diederichs Verlag an.\nIn Heft 7 des vierten Jahrgangs der „TAT\"\nschreibt Volkmann selbst: „Ein geistreicher Künst-\nler kann nur der sein, dessen Werke beim bloßen\nAusschauen verständlich werden\". Und er identi-\nfiziert sich mit dem Geist der Gesundheit, der\nVerständlichkeit, führt Goethe an: „Klassisch ist\ndas Gesunde, romantisch das Kranke!\" Marees\nist klassisch, denn er ist absolut gesund. Gesund,\nheiter und klar. Aber: „Heute schätzt man es\nwohl, wenn einer bestrebt ist, mit eigenen Augen\nzu sehen. Wenn die Darstellungen dann sonder-\nbar oder in irgend welcher Weise absurd sind, so\ndaß niemand sie recht versteht, (er schließt von\nsich) dann findet man das ehrlich und interessant,\nauch wohl genial\" Er versichert, daß er sich\nMarees nähere, „indem\" er sich nicht sklavisch\nan jedes seiner Worte halte; daß man ihn, den\nwahren Schüler Marees für einen bloßen Nach-\nahmer hielte, der der Beachtung nicht wert sei;\ner bejammert immer wieder die „nicht komponier-\nten\", „schlecht komponierten\" Bilder der Anderen,\nStarken, und möchte sie gern moralisch abmurk-\nsen, durch die Versicherung, daß sie Durchschnitts-'\nbefabungen seien, und daß seine Künsteleien viel\nmehr an Zeit und Geld erforderten.\n„Der höchste Stil kommt der Natur am näch-\nsten\" sagte Marees; „In der Kunst kommt es in\nerster Linie darauf an, daß einer etwas zu sagen\nhat\" und „Das Kunstwerk soll nicht auffällig sein\"\nmeint Volkmarin. Er selbst hat nichts zu sagen.\nEr spricht zwar immer wieder vom „Erlebnis\",\nzu dem es ihn, den echten Schüler, der so viele\nSinneseindrücke aufnahm, „drängt\" — aber seine\nausdrucklos gräzisierenden Naturstudien sprechen\ngegen ihn, gegen sein Erleben — „selbstverständ-\nlich und unauffällig\" hat man keine Erlebnisse.\nEs war einer ganz gesund, ganz normal; er\nsetzte sich hin und machte Kunst,- unauffällig und\nselbstverständlich. So unauffällig, daß wir an-\ndern garnichts davon merkten, Herr Volkmann!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c012", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "206", "page_fin": "207", "image_debut": 10, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.11", "titre_corps": "Anmerkungen", "titre_sommaire": "Anmerkungen", "signature_source": "Albert Ehrensten", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.10", "debut_caractere": 4838, "fin_caractere_exclue": 8506, "texte": "Anmerkungen\nVon Albert Ehrensten\nEine neue Sorte von Schmierern wirtschaftet\nab. Ich könnte diese polnische Wirtschaft ruhig\nweiter ignorieren. Aber warum soll man sich ge-\nlegentlich nicht auch über Apfelmus-— imbezilles\nApfelmus — äußern?\n• -/Wenn jemand, beispielsweise eine alte Jüdin,\nin ihrem Hausierhandel mit irgendwelchen alten\nHosen so erfolgreich war, daß sie .einen -Literatur-\n- agenten und Meinungshändler erhalten, kann, so\ngibt das diesem reaktionären Demokratin. und\nCarabentier noch nicht -das Recht, .sich. an. Män-\nnern zu reiben, die-nicht geatzt werden,... ...\nIch hasse billige Exotismen — besonders wenn\nsie kopiert sind. Ein Fichtenbaum träumte von\neiner Palme. Hierauf sehnte sich der Esel Ku. H.\nso heftig nach einem Gnu, daß diesem Wunsch-\ntraum ein Lesekränzchen entsprang. Später ver-\nwandelte sich der Esel in einen Tölpel, der von\neinem Kondor träumte. Das Resultat war das\nManifest eines Paniakeii.\nWenn ein gewisser Aktionär schon so weit\nwäre, sich für ein Schwein zu halten, würde er\nsich noch immer einen Tapir nennen.\nDie Tiere werden immer gelehriger. Ein Hund,\nder mir zutraulich-zudringlich nachlief, ließ erst\nab, als ich ihm in der wohlwollendsten Weise\nauf den rudimentären Schwanz trat. Seither\nheult er jedes Mal, so oft er meinen Namen in\neinem Blatte erblickt. Und winselt masochistisch,\n*\nich hätte seit meinem ersten Auftreten eine anfangs\nsachlich und übrigens auch persönlich vollkommen\nungerechte Gehässigkeit gegen ihn produziert.\nEinen subalternen Interpunktionär, Schöpfer\netlicher Einleitungen und anderer minderwertiger\nI-punkte, der „literarisch\" davon lebt, daß er die\nEinleitungen -zu den Dichtungen anderer schreibt,\nnicht geben, sondern nur herausgeben kann —\nnenne ich einen Kritikastraten. Wenn sich aus\neiner Wanze, Blattwanze eine Lantze entwickelt\ndie im Lantzieren und Abtreiben von Besprechun-\ngen den Rekord hält, so nennt sich das -— „Welt-\nverbesserich\"., '\nIch kenne einen begabten Koofmich. Eine Ak-\ntion für beschleunigte Gnukotverwertung hat er\nbereits gegen sich eingeleitet. Da er — seinen\nBriefpubiikationen, Essays, Gedichten nach — ein\nflotter Korrespondent, perfekter Glossist und aus-\ngezeichneter Kontorist ist, will ich ein übriges\ntun, und ihn auch noch an die Kon dor fahr rad-\nwerke empfehlen.\nFür den dreißigjährigen Krieg mache ich nicht\ndie Städte Braunau und Klostergrab verantwort-\nlich, sondern Jesus Christus. Für das Vorhanden-\nsein von Literatlirhändlern, Neocafethikern, Neo-\npamphletisten und Neokrakeelern vom Schlage der\nKu. Hiller mache ich nicht den roten Zeitungskell-\nner des C. d. W„ der noch immer keine Kondor-\nkritik geschrieben hat, verantwortlich, sondern\ndas Ausdermodekommen des Talmudstudiums.\nEiner nannte sich „Hiller\". Das klingt wie ein\nimpertinenter Komparativ von Hille,. Peter Hille\nist aber ein außerordentlich unregelmäßig ge-\nbildeter Superlativ von Kot. Denn außer Hiller\nschreibt niemand in Deutschland - Oesterreich\nelendere Gedichte als Hiller.\nWenn ein Atom Fett ansetzt, ein Schiebetänzer\ngleißnerisch den . Moralre.aktionär .spielt, .stinkt das\nwie die glpssogenje Defäktion eines Gnuweibchens.\nEine .Propagatrice hat uns gefehlt. Und ihre .fort-\n' ' \" ..V\ngeschrittene Pubertätslyrik.\nDafür, daß der Buchmacher'wochentags jahr-\naus, jahrein seihe erheuchelte, bewußt verlogene\nBegeisterü'ngsfähigkeit spielen' laßt, darf dies;er\n'kleine Klaus mit der erborgten' Peitsche knal-\nlend, glückstrahlend einen Söhntag in der Ewig-\nkeit schmunzelnd grinsen, \"' prahlen: „Hi!' Alle\nmeine * 'Werke !\":':';Züf ' Belohhuhg1'\" darf •* er 'in\ngfossenfreifeh 'Stuhd-en eihfen: Drachen, einen\npäpiefeneri:' vVKöridör;' ' 'drei - Meter •; über • 'sieh"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2425, "texte": "kiaftern lassen. Nach seine rn Werk ge-\nfragt, wird „er\" am jüngsten Tag mit seiner\nspitzen, dämlich dünnen Kritikastratenstimme säu-\nseln müssen: „Ich war etlicher Nachtigallen Ein-\nleitefrouwe.\"\nWomit eine Einleitefrau im Kabinett beschäf-\ntigt ist? Sie wischt ab, sie leitet ein — nämlich\nWasser — man hört dies Wasser diezen und wie\nsie sich freut, wenn einer zusammendrängt. Aber\nihr hättet so eine gute, alte Abortfrau früher ken-\nnen sollen, als sie noch nicht Pseudonym, sondern\netwa unter dem ehrlichen Mädchennamen Kitty\nlebte. Ach, reizendes Kittychen, das waren herr-\nliche Zeiten. Sie war soooo kitzlich. („Deine\nWeste, fahler Maler, küßt mich sehr,\")\nlieh bin nicht Agrarier genug, das dumpfe Zu-\nfeideziehen eines Ochsen würdigen zu können.\nNoch ferner liegt mir ein Rarissimum: Pubertäts-\nlyrik einer Einleitefrau.\nAls Heym starb, begann ein Hiller auf seine\nArt zu trauern. Dieser wahrheitsliebende Grup-\npenarangeur, dem das „subtile Nachrechnen von\nFörderungen einigermaßen gegen den Strich geht\",\nfragte bei dem Verfasser eines Heymnachrufs an,\nwarum er, Ku. Hilier, darin nicht als Propagator\nHeyms genannt worden sei. Da ist das subtile\nNachrechnen von Förderungen unter den Strich\ngegangen.\nErwähnt werden wollen! Daß es eine wahn-\nsinnige Leichenschändung ist, über den Leib eines\nToten in ein Blatt eindringen zu wollen, sollte so-\ngar ein fiteraturpolitischer Maulwurf zugeben.\nWenn ein Manager und Impresario mit Lite-\nraturallüren eine Besprechungsgenossenschaft\ngründet, kann dafür nicht seine Beschränktheit\nhaften, sondern die Lässigkeit jener, die den Maul-\nwerksburschen nicht schon längst ins Kommerzi-\nelle abgeschoben haben»\nWenn eine Fliege Pollak bei der andern liest,\nfallen seit jeher beide in mein Tintenfaß, und' ich\nhabe nur mehr den Duft ihrer Verwesung zu re-\ngistrieren.\nDaß die Giftschlangen den Menschen Gehässig-\nkeit vorwerfen, ist ein starkes Stück!\nEin zänkischer Stänkerer, mit einem totgebo-\nrenen Juristendeutsch vorbestraft, ist noch kein\nPolemiker. Sondern eine „Intellektualkröte\".\nGoethe erwartet einen Angriff der Ku. Hiller.\nDer alte Frankfurter hatte nämlich die Frechheit,\nvon „Adler und Taube\" zu reden, statt anzu-\nheben: „Ein Kontorsjüngel hob die Flegel nach\nRaub aus\".\nWer das Krankheitsbild der Hysterikerin kennt,\nweiß, daß sie auf meine sachgemäße Behandlung\nmit lügnerischen Verdrehungen, Denunziationen,\nVerleumdungen und Halluzinationen antworten\nmuß."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c013", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "207", "page_fin": "207", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.12", "titre_corps": "Gabriel Sehillings : Flucht an die Oeffentlichkeit", "titre_sommaire": "Gabriel Sehillings : Flucht an die Oeffentlichkeit", "signature_source": "Alfred Döblin", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.11", "debut_caractere": 2427, "fin_caractere_exclue": 6525, "texte": "Gabriel Sehillings\nFlucht an die Oeffentlichkeit\nAlfred Döblin\nHoraz Menschenkenner, Bücherkenner; siehe:\n„Poem ruhe sanft sieben Jahre im Schreibtisch.\"\nSchilling angeblich erst sechs; fehlt aber nicht nur\neins.\nSchlimm. Wozu? Hauptmann-Jubiläum schon\ngenug Oeffentlichkeit; Lauchstädt vielleicht erlaubt.\n— so Goethe, Weihe, oh rühre, rühre nicht daran;\nbekannter Drehrum. Eruptive Ausrufe eines belei-\ndigten, bauchgetretenen Hauptmannfreundes: „Schil-\nling4' platt, imitiert, charakterlos, „Stümmung\" und\nweiter nüscht. Nee, mach ich nicht mit. 1s mir zu\ndumm, würklich, nassiv dumm; und noch in fünf\nAkten. Is keine Kritik? Macht nüscht; is aber\nrichtig. CommenQons, fangen wir los.\nDie Sache bei Hauptmann bereits bekannt; „At-\nlantis\" Roman im schlechtest möglichen Deutsch,\nRekord in Buchstil alten Genres, unreife Angelegen-\nheit trotz Jubiläum. Nee, mein Herr, fünfzig Jahre\nentschuldigen keinen schlechten Satzbau; da kön-\nnen Sie bis zweihundert alt werden for mir. Cete-\nrum feiner Stoff, solides Milieu, ab und zu ein\nMenscheneingeweide; mißlungen durch Lyrik,\n„Stümmung\", wie man zu sagen pflegt: Einer hat\ngenug — egal wovon — jedenfalls totalemente total\ngenug, Flucht, sagen wir Amerika, oder mehr dicht\ndran, so etwa Ostsee, Krisis da, dann im Roman\nder tragische Ausgang einer Verlobung, im Drama\nBühnenklamauk, Sturm, vorbeigeratenes Fieber-\ndelirium, vergnügter Sprung ins Wasser zu allsei-\ntiger Befriedigung. Man hat immer von irgendwas\ngenug, bis da hinauf, kann es Hauptmann nach-\nfühlen. Man möchte sich das Leben nehmen und\nzur Verlobung greifen. Wen geht's wras an? Mir\nnich. Is mir schon janz andres passiert; zum Bei-\nspiel neulich falsche Garderobenmarke.\nSchilling ne solide gut eingeführte deutsche\nMarke. Wie heißt doch der Kerl beim alten Goethe?\nNicht Kleopatra, so ähnlich — Orestes. Gehetzt\n— egal wovon — totalemente Flucht, wegen Stil-\ngefühls nicht Amerika, sondern Tempel,\" gutgera-\ntenes Delirium, Heilung ohne Badeeinrichtung und\nKaltwasserheizung. Na also, bemerkt der Ge-\nnießer, es jeht auch so.\nWo liegt nun der Hund begraben? Bei „Schil-\nling\" endloses Gequassele, allgemeine Art, von\neiner Witz- und Gedankenlosigkeit: — unüber-\ntreffbar. Er will Lyrik, Erhebung, Geist, direkt\nJeist, und es jeht nich, von wegen er kann nicii;\ner konnte das noch nie: warum also mit einmal?\nDabei geht Charakteristik flöten, die er kann: die\neinzige Tragödie in der Geschichte. Demgemäß\nund zufolge: da liegt der Hund begraben.\nThema. Einer hat bis da genug, weil ihn zwei\nWeiber wirklich weiblichen Geschlechts um die\nEcke zu lieben willens und bereit sind. Der unge-\nheure, atemhemmende Schatten Strindbergs fällt\nhierher. Zu schwerer Konkurrenz: mit dummem\nGepappel kommt man um die Sache bei uns, bei\nuns nicht herum. Der Schreibtisch, Schatulle zahm,\nsechs Jahre, sechzig Jahre, sechshundert Jahre;\nwir grinsen, suchen richtige Garderobenmarke.\nDiese beide Weiber kennen wir schon schon;\naber, wie man zu sagen pflegt: „Aujust, wie haben\nse dir jebufft\". Das Zentrum des Stückes: ist er\nein Schlappschwanz oder ist er kein Schlapp-\nschwanz? Er ist kein Schlappschwanz, sondern\nein Ladenhüter von Wandischirm, hinter dem\nHauptmann hörbar monologisch sich produziert.\nIch habe kein Mitleid mit Wandschirmen, selbst\nwenn sie am „Mööre\" wandeln. Und Hauptmann\nipse: was und wen geht er was an — wegen das\nbischen Geburtstag? Bekenntnisse an sich, dumm;\ndies Bekenntnis wulgär, peinlich; Vortrag salopp,\nölig, transusig; Atrappe von „Möör\", Kirchhof\nmachen den Kohl ooch nicht fett.\nSchlimme schwache Stunde des verehrten Mei-\nsters. Eine deutsche Größe; Recht auf solche\nStunden sei ihm unbestritten. Kanns sich leisten.\nSchwamm drüber.\nDas langweilige Stück in trostlosem Spiet\nTheaterzettel verloren, sonst wehe den schlimmen\nDilettanten da im Lessingtheater. Schilling, Pro-\nfessor, Gemahlin Schilling — nicht gedacht soll\nihrer werden — Theaterzettel verloren. Er Imi-\ntation Bassermann, sie Imitation Else Lehmann;\nder Professor keine Imitation: so was weder vor-\nnoch nachahmbar. Lessingtheater, man höre, Les-\nsingtheater.\nSchöne Bescherung für Hauptmann."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c014", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "207", "page_fin": "207", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.13", "titre_corps": "Empfohlene Bücher", "titre_sommaire": "Empfohlene Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.11", "debut_caractere": 6527, "fin_caractere_exclue": 7290, "texte": "Empfohlene Bücher\nOskar B a u m\nDie Memoiren der Frau Marianne Rollberg /\nbekannt durch den Prozeß mit dem Polizeikom-\nmtssar Fröderer\nUferdasein / Abenteuer und Tägliches aus dem\nBlindenleben von heute\nDas Leben im Dunkeln / Roman\nAxel Juncker Verlag / Berlin-Charlottenburg\nFranz Jung\nDas Trottelbuch\nTheodor Gerstenberg Verlag Leipzig 1912\nPaulScheerbart\nAstrale Novelletten\nMünchen / Verlag Georg Müller\nZweite Auflage 4\nDas große Licht / Ein Münchhausen-Brevier\nLeipzig / Verlag Dr. Sally Rabinowitz\nCharles Vildrac\nD6couvertes\nParis / La Nouivelle Revue Frangaise\nmm\nRouveyre 4\nParisiennes / Dessins 112\nAvec une preface de Remy de Oonrmont\nLeipzig 1912 / Ernst Rowohlt Verlag\nElse Lasker -Schüler\nHebräische Balladen\nBerlin-Wilmersdorf / A. 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Dezember bis 31. 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Campeedonk: Originalholzschnitt [Nummer 131]\nzwolf signierte und numerierte Exemplare / Das\nExemplar 25 Mark\nOskar Kokosehka: Flak a t ffir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nJe ein Exemplar ist standig ausgestellt im Graphischen\nKabinett, Kurfurstendamm 33\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Ar no Ho 1 z / Fiir Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark\nKuristlerpostkarten\nFuturisten: 1 / Umber t o Bocci on i: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht / Zug in voller Eahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose Tanzerin / Pan-\nPan Tanz X Lichtdrucke: Das Exemplar\n20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab-\nschied / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in veller Eahrt / Gino Severini:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose T&nzerin X Clich6-\ndrucke: Das Exemplar 20 Pfennig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_01#c018", "volume": "bmtnabg_1912-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "208", "page_fin": "208", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.12", "debut_caractere": 4429, "fin_caractere_exclue": 5245, "texte": "Zeitschriften\nr\nDie Aufnahme crfolgt kostenlos nach freiem Ermessen\nder Redaktion dieser Zeitschrift\nDie Fackel / Herausgeber: Karl Kr.au s. / <£1-\nscheint in zwangloser Folge. 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Ferdinand Schmidt\nund Max Dietze I / Miinchen / Koniginstraße 44\n(Trambahn: Leopokl-Franz-Joseph-Straße) Expres-\nsionisten: Gem aide, Plastik / Graphik und Kunst-\ngewerbe der neuen Kunst / Monatlich wechselnde\nKollektivausstellung. Erftffnet am 3. November mit\neiner großen Nolde-Ausstellung. Gauguin, Picasso,\nRousseau, Rodin, Matisse etc.\nNeue Secession / Berlin / Eingetragener Verei»\nPass iv e Mi tg-1 ied e r der Neuen Secession\nerhalten jahrlich i / rnehrere graphische Arbeiten\n2 / die Zeitschrift Der Sturm frei zugestetlt 3 /\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark.\nG esch&ftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, Miquelstraße 7a. Fernruf Arnt Stegiitz 269#\nGraphisclies Kabinett Bucb- und Kunsthandiung I\nBerlin W 15, Kurfiirstendamrn 33, Eingang Grol-\nmanstraße / Eckhaus / Fernruf Arnt Steinplatz\n14297 / Der Inhaber des Graphischeo Kabinettj.\nJ. B. Neumann eroffnet in der Schillerstraße 6 (am\nKnie) eine Ausstellung fur die neue MaiereL In ihr\nsollen ausschließlich Werke jiingerer Kunstler ge-\nzeigt we r den\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer Straße 27 b / Fernruf Arnt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wer.tvolle und seltene Biicher\nieder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und1\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung / Oktober-\nausstellung: Alfred Kubin und sein Werk\nPaul Graupe / Antiquariat / Berlin W35 / Soeber?\nerscbien Katalog 62 Moderne Literatur / Neuaus-\ngaben / Liixusdriicke\nReoE und Pollack / und Aniiqua-\nrfat /. Potsdam'erstraße 11.8 c. Pern spree her Anif\nLiitzow 2829 / draphiscbes Kabinett der Neueii\nSezession ,/ Vorlesungen liber moderne und bitch-\ngewerbliehe ,Thetae.tu'/ Eintritt fnei.f\nerbeten /iStMndige' Ausstellung- •tfotf L.irxHsaiisgab«fri\nin ansnindischer 'Literatur i aov\nFritz Merker Charlottenburg, Schiller sir aBe_\nFernruf Arnt Steinplatz 8397. Passepartoiit-\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Auf-\nzieheri vion :Zekhni!ingen Moderne BucheinMnde\nTitaKla-SclireibiMascliisie ,/' Erste deutsehe Schreib-\nmaschine ?rnit auf\nFabriicai\" der Aktieng'esellschaft Mix '&\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fiir Berfe\nund die Mark Brandenburg: Louis Staegeii,\nLinkstraße 12. Telefon: Ami Kurfiirst 2425"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.1", "texte": "Umfang zwölf Seiten\nBinzeibezuf 40 Pfennig\nDER STURM\nFÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W 9 / Potsdamer Straße 18\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungsräume\nBerlin W / Königin Augustastr. 51\nDRITTER JAHRGANG\nBERLIN NOVEMBER 1912\nNUMMER 134/135\n\nInhalt:\nH.W,: Schöne Künste: Arladne auf Naxos / Errötend folgt er . . . / Ausverkauf / Zum Lachen / Noch mehr zum Lachen / Paul Zech:\nNachtgewitter irn Spätherbst / Karl Borromäus Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden / Roman / Jacques Rivlere: Gauguin / Rudolf Leonhard: Kan-\ndinsky / E. Wichmaiiii: Etwa im Jahre 1845 / Raoul Hausmann: Die gesunde Kunst / Albert Ehrenstein: Anmerkungen / Alfred DöblSn: Gabriel\nSchillings Flucht in die Oeffentlichkeit / Empfohlene Bücher / Eduard Münch: Affenfamilie / Originalzeichnung / H. Campendonk: Originalholzschnitt /\nLudwig Meidner: Originalzeichnung\n\nMunch: Affenfamilie / Originalzeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.2", "texte": "Schöne Künste\n\nArladne auf Naxos\nAlso wieder einmal stehen wir bei dem Anfang\neiner neuen Entwicklung. Oder vielmehr wir\nstanden. Denn Herr Doktor Leopold Schmidt vom\n,Berliner Tageblatt', der der Entwicklung eigens\nbis Stuttgart entgegenreiste, nimmt die neue Ent-\nwicklung wieder zurück. Die Stimmung vor der\nAufführung scheint festlicher gewesen zu sein, als\nbei ihr. Zwar war alles anwesend, sogar Herr\nProfessor Bie und der „Roland von Berlin\". Nach-\ndem aber die eigentliche Sensation des Abends,\n• der Preis des Platzes für fünfzig Mark, vorüber\n\"war, scheint man die billige Oper nicht mehr ge-\nnießen zu v/ollen. Die große Baisse ist in Stutt-\ngart ausgebrochen, und man verkauft gern sein\nTheaterpapier für fünf Mark, wenn man dafür die\nOper nicht zu hören braucht. Selbst Herr Dok-\ntor Leopold Schmidt als Oberhaussier macht jetzt\nflau. Aber vorher ging es toll zu: „Auch wer es\nnoch nicht kannte, ahnte darin einen Schritt\nvorwärts in der Kunst, vielleicht den Anfang einer\nneuen Entwicklung\". Von Herrn Dräseke schrieb\nHerr Doktor Schmidt vor einigen Monaten, daß\nder es abgelehnt habe die Entwicklung mitzu-\nmachen und so in die Reihen der Konservativen\ngekommen sei. Aber Richard Strauß steht fort-\ngesetzt auf dem Boden der fortschrittlichen Volks-\npartei. Die neue Entwicklung bestand also nach\nHerrn Schmidt darin, „die Oper und zugleich auch\nden Tanz mit dem Schauspiel zu verknüpfen\".\nDie Idee ist so originell, daß man ihr wirklich\n„mit Spannung und Vertrauen\" wenigstens bis\nnach Stuttgart entgegenkommen konnte. Ist man\ndort angelangt, so stellt sich dem Fortschrittsmann\netwas in den Weg: „Die Frage erhebt sich,\nliegt darin ein Bekenntnis, ein Prinzip? Oder\ngalt es nur, einmal ein interessantes künstlerisches\nProblem zu lösen?\" Aber Herr Doktor Schmidt\nläßt die erhobene Frage nicht lange einsam auf\ndem Platze stehen: „Die äußere Veranlassung für\ndie beiden Autoren war ein Gefälligkeits-\na k t gegen Reinhardt, dem Helfer bei ihrem Rosen-\nkavalier.\" Die Frage kann sich ruhig wieder set-\nzen, denn es liegt kein Zweifel vor, daß schon die\näußere Veranlassung eines Gefälligkeitsaktes mehr\nauf ein Bekenntnis als auf ein Prinzip hinfällt.\nMoliere ließ in seinem Spiel „Der Bürger als Edel-\nmann\" musikalische Einlagen durch Lully hinzu-\nfügen. Die Herren Hofmannsthal und Strauß füg-\nten der Entwicklung zuliebe eine richtige Oper ein.\nDiese Entwicklung, die zu einer Ver-\nknüpfung von Oper und Schauspiel führte,\nscheint nur verworren zu sein. Daß Herr Doktor\nSchmidt mit seinen plumpen Händen den Knäuel\nnoch weiter verheddert, liegt in der Sache seiner\nNatur. Einzelne Fäden dieser Nähgeschichte blei-\nben ihm in der Hand und man kann an ihnen ver-\ngnügt konstatieren, daß eine geheimnisvolle Ver-\nwirrung des schlechten Materials von Kunst- und\nMusikkritikern nicht ein Geheimnis vortäuschen\nkann. Ein Faden: „Mit feinem Stilgefühl überläßt\nder Dichter der heiteren Muse das letzte\nWort.\" Herr von Hofmannsthal macht sich das\nliebe Leben sehr einfach, indem er einfach das\nrecht verstopfte liebe Leben der heitren Muse\naufbürdet und dieses recht alte Mädchen als Kön-\nnerin seines Versagens anpreisen läßt. Die heitre\nMuse (also nicht Herr von Hofmannsthal) leistet\nsich folgendes Liedchen:\nLieben, hassen, hoffen, zagen,\nalle Lust und alle Qual,\nalles kann ein Herz ertragen\nvQi einmal um das andre Mal.\nAber weder Lust noch Schmerzen,\nabgestorben auch der Pein,\ndas ist tötlich deinem Herzen\nund so darfst du mir nicht sein\nMußt dich aus dem Dunkel heben,\nwar es auch um neue Qual;\nleben mußt du, liebes Leben\nlebe noch dies eine Mal!\nDas geht wie mit der Maschine gemacht . Es ist\nzwar ein Archaismus, aber auch „Richard Strauß\ndeutet mit leisem Archaismen Zeit und Milieu der\nHandlung an/' Diese Entwicklung nach rückwärts\nkann Strauß um soweniger übelgenommen werden,\n„da er sich nicht etwa auf den Musikhistoriker hin-\nausspielt,\" Das tut bereits Herr Doktor Schmidt.\nUnd man darf einem Musikkritiker nicht in ein ver-\npfuschtes Handwerk fallen. So etwas weiß ein Mann\nder Taten wie Richard Strauß. Andrer s e i t s\nfallen die Ideen jetzt auf den Magen: „Bis zum Ein-\nsetzen der Oper bietet Strauß eine leichte, zum\nTeil sehr graziöse Lustspielmusik und gefällt\nsich bei der Dinerscene, in der die einzelnen\nGänge musikalisch illustriert wer-\nde n, in humorvollen Anspielungen mancherlei\nArt.\" Die einzelnen Gänge sind nicht etwa Gänge\nder Musik, wie vielleicht irgend ein hungriger Mu-\nsiker glauben könnte, sondern Gänge des Diners\nNicht nur, daß die Entwicklung des Fortschritts und\nder neuzeitliche Komfort die einzelnen Gänge mit\nden leichten Weisen unserer Operettenheroen (siehe\nBilder mit Dingen Nummer 132 dieser Zeitschrift)\nbegleiten läßt, nicht damit genug, daß bei diesem\nDiner a part die aparte Musik unsres Richard\nStrauß statt des sonst unvermeidlichen Oskars er-\ntönt: Herr Richard Strauß liefert die illustrierten\nSchüssel selber, Krebsschwänze, Hammelrücken,\nund Mehlspeisen nach Wiener Art oder was die\nHerren auf der Bühne sonst gegessen haben mögen,\nalles wird in die Musik des Herrn Strauß getunkt.\nMan versteht nun endlich, aus welcher Seelenver-\nwandschaft Herr Erich Urban, Musikkritiker der\nB. Z. am Mittag und Verfasser des neuen Koch-\nbuchs im Verlage Ullstein (gut gebunden Drei\nMark) so energisch für Richard Strauß eintritt.\nDie Liebe geht nun einmal durch den Magen, und\nein gesunder Magen kann selbst Richard Strauß\nvertragen. Nach dieser Eßgeschichte bei der sich\nStrauß gefällt, ist Herr Doktor Schmidt des Weines\nvoll, ihm ist sehr wohlig zu Mute und trunken\nschreibt er: „Das Doppelspiel selbst aber ist in\neiner Weise behandelt, wie sie nur dem Genie\nglücken konnte. Der paradische Ton der Com-\nmedia dell' Arte ist ebenso scharf heraus-\ngearbeitet wie die tragische Lyrik.\" Ich\ndachte immer, daß im Paradies so scharfe Töne\nnicht beliebt sind. Aber Herr Doktor Schmidt als\nHistoriker wird dort besser orientiert sein. Viel-\nleicht liegt auch der Hase nach diesem starken\nDiner im Pfeffer, und infolgedessen ist die tragische\nLyrik versalzen. Leben mußt du, liebes Leben!\nUnd der satte Musikkritiker stellt fest: „. . . über\ndie melodische Erfindung, die reicher und\nwohliger quillt denn je bei Strauß, über\ndie feine Struktur des Ganzen wird noch des wei-\nteren zu reden sein. Der Eindruck war bei allen\nZuhörern der g 1 e i che.\" Posaunen: „Wir haben\nein Kunstwerk aus der Taufe gehoben, das, auch\nlosgelöst von allem, was neu, eigenartig, verwegen\nan ihm ist, sich an Phantasie und Gemüt wendet\nund somit die letzten edelsten Wirkungen\nhervorbringt.\" Nämlich den Katzenjammer. Denn\nnachdem am 25. Oktober dieses Jahres Herr Dok-\ntor Schmidt das schwere Geld des Herrn Rudolf\nMosse in hochgemuter Sektlaune vertelegraphiert\nhat, ist er bereits oder vielmehr erst am 28. Ok-\ntober recht ernüchtert. Er äußert sich über die\nSchwierigkeiten, mit der die Oper bei ihrem\nErscheinen zu kämpfen hatte. Das heißt, die Firma\nA. Wertheim hatte mit dem Mut des Großindu-\nstriellen alles, aber auch alles aufgeboten, was sich\nfür Geld aufbieten läßt. Also Herrn Reinhardt,\nHerrn Richard Strauß, Herrn Hugo von Hofmanns-\nthal, verschiedene Tenöre und Koloratursängerin-\nnen. Sogar Herr Professor Bie war auf eigne\nKosten, jedenfalls aber nicht auf Kosten der Firma\nA, Wertheim, gen Stuttgart gepilgert. (Herr Pro-\nfessor Bie pilgert bekanntlich nur.) Doch das Ge-\nmüt und die Phantasie des Herrn Doktor Schmidt\nist erweckt und er träumt von den großen Schwie-\nrigkeiten: „Ist es da zu verwundern, daß der schöne\nKünstlertraum, den Richard Strauß geträumt, nicht\nrestlos in Erfüllung ging?\" Er ist zu bedauern,\ndieser Protege der Firma A. Wertheim. Nur der\nDoktor Schmidt hält den Träumenden, der so un-\nsicher auf der Erde wallt (Herr Professor Bie hin-\ngegen pilgert) mit seinen Händen. Und nun bricht\nder Katzenjammer aus: „Als die festliche Stim-\nmung verra u s c h t war, als die Reden,\nmit denen auf dem zu Ehren des Kompo-\nnisten veranstalteten Bankett die Gegensätze\ngeschickt überb r ü c k t wurden, verk I u n -\nge n waren, da gestand man sich, bei aller\nAnerkennung der eminenten Verdienste, die sich die\nStuttgarter Hofbühne in redlicher Hingabe um das\nneue Werk erworben hat, doch ein, daß eine end-\nliche Lösung des hingestellten Problems noch nicht\ngefunden war.\" Der Anfang der neuen Entwick-\nlung hat in drei Tagen sein Ende gefunden. Was\ntun nun die Ahnenden, die sich schon einen Schritt\nvorwärts fühlten. Herr Doktor Schmidt als Histo-\nriker stellt den Grund vom Ende des Anfangs fest:\n„Die beiden Autoren der Ariadne haben sich selber\nnicht wenige Steine in den Weg gelegt, in dem, sie\nihr Opernwerk mit einer Komödie verknüpften.\"\nAber das war doch gerade der Schritt vorwärts.\nHat Herr Doktor Schmidt in drei Tagen die ste-\nhende Frage vergessen, ob ein Bekenntnis oder ein\nPrinzip vorliegt? Was ist nun mit der äußeren Ver-\nanlassung und mit dem Gefälligkeitsakt? Die heitre\nMuse wird ihr Haupt verhüllen und die Fäden wer-\nden sich in dem Knäuel nicht mehr zurechtfinden.\nIm Katzenjammer verliert man jede Haltung und\ndem Genie, dem es glückte, wird ein Vorwurf ge-\nmacht: „Dann ist Strauß der Vorwurf zu machen,\ndaß er die Sache zu schwer und gewichtig genom-\nmen und aus Freude am S t o 112 112 und an der Arbeit,\ndie ihm unter den Händen wuchs, die dramatische\nAbsicht totmusiziert hat.\" Vor drei Tagen nannte\ndas der Musikhistoriker Doktor Schmidt „heraus-\ngearbeitet\". Das Dramatische und der Schritt vor-\nwärts wird zurückgenommen und der nüchterne\nKritiker lobt jetzt die nüchterne Musik: „Am freu-\ndigsten aber ist es zu begrüßen, daß Stauß den Mbt\ngefunden hat, wieder einen ganz auf innere psy-\nchische Wirkungen gestellten Stoff zu wählen und\ndamit ein hofftlich recht viel beachtetes Beispiel zu\ngeben.\" Die Illustration eines Diners ist zwar von\ninnerer aber nicht von psychischer Wirkung. Und\nsie wird sicher bei den Kollegen, den Künstlern der\nLebensfreude, viel Beachtung finden. Dieser Mut\ndes Herrn Richard Strauß ist jedenfalls am freu-\ndigsten zu begrüßen. Bei Kempinski sehen wir\nuns wieder!\nVielleicht erklärt Herr Dektor Schmidt, daß er\nauch mir den Weg in die Oeffentlichkeit versperrt\nund das Echo versagt\". Sein Unterkollege Herr\nWeißmann hat diesen Bannfluch, gegen Arnold\nSchönberg geschleudert. Mich wird das nicht röh-\nren. Ich verpflichte mich sogar, nicht in die tauben\nOhren des Herrn Doktor Schmidt zu schreien, wenn\ner sich verpflichtet, mir als Echo versagt zu bleiben."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.3", "texte": "Errötend folgt er ...\n„Auf den Spuren Zügels — aber in Gouache\n— wandelt Leopold von St ... . nicht ohne Er-\nfolg!\" Oder meint der Münchener Kunstkritiker\nF. von Ostini nicht vielmehr: „Aber in Galo-\nches —\"\nAusverkauf\nHerr Hermann Bahr hat ein Buch her-\nausgegeben, das er schlicht „Inventur\" nennt.\nSofort stürzt Herr Konrad Alberti-Sittenfeld, auch\nein Fünfzigjähriger, in den Laden: „Wenn Hermann\nBahr eine Inventur ankündigt, so darf man ohne\nweiteres annehmen, daß es einen unterhaltsamen\nAusverkauf gibt. Denn dieser grundgescheite Lite-\nraturwarenkenner ist viel zu erfahren und gewandt,\num nicht genau zu berechnen, womit er das Publi-\nkum fängt und fesselt. So hat er mit geübtem Blick\nauch diesmal auf seinem Lager Umschau gehalten\nund in der Tat einen ganzen Pack Artikel entdeckt,\ndie zu einem hübschen Bande vereinigt noch einen\nganz ansehnlichen Absatz, versprechen . . So\netwas nennt die B. Z. am Mittag Buchkritik. Diese\nalten Ladenhüter werden so an die Leser gebracht\n••• * •\nund Herrn 'S. Fischer kosten diese Reklamezettel\nnichts. Geschäft bleibt Geschäft. Aber das Pro-\nvinzgeschäft geht besser. Deshalb läßt Herr Her-\nmann Bahr nicht im Anzeigenteil, sondern unter\nTheatern achrichten, die Rubriken haben allerdings\nVerwandtschaft miteinander, veröffentlichen: „Das\ndiesjährige neue Lustspiel Hermann Bahrs Das\nPrinzip wird mit Rücksicht auf das Pro-\nvinzgeschäft seine Uraufführung nicht am\nLessingtheater erleben.\" Vielleicht befreit uns\ndiese Rücksicht auf das Provinzgeschäft auch von\nden anderen Theaterkonfektionären.\nZum Lachen\nJetzt erfährt man durch seinen Verleger, warum\nRi de am us dichtet. Er will un s über die ernsten\nZeitläufte hinweghelfen und „uns für ein Weilchen\nden Aerger des Tages vergessen lassen\". Da ich\nannehme, daß die Leser dieser Zeitschrift noch nie\neine Zeile von Rideamus gelesen haben, sich doch\naber, eine Vorstellung machen wollen, wie man „die\nDinge dieser Welt in einen Gesichtswinkel rückt,\nvon dem aus betrachtet, auch das Unangenehme\nzum heitren Ereignis wird, drucke ich hier den An-\nfang eines Gedichtes Der Taucher ab. Man braucht\nnur zu bemerken, daß hier das nichtheitere Ereignis\nunangenehm wird, und man wird schleunigst den\nDingen dieser Welt aus dem Gesichtswinkel des\nverkennenden Juristen ausrücken:\n' ' ■ \"■ ■ ■\n• • Schön Irmgard sitzt an der Ostsee Strand,\nSie hält ihre Mitgift in der Hand\niUn-d*Vater und Mutter baden im Meer;\n--//Da kommt eine mächtige Welle daher\n: Und die Weile mußte wohl kurzsichtig sein / ■\n-' Denn -sie schlang die Mutter in sich hinein\n:• Und spie sie:rückflutend bis hinter den Strick\nDort hält sich die Gnäd'ge und kann nicht zurück.\nUnd ein Rufen, hebt an und ein wildes \"Geschrei,\nSchon schießen die Rettungsboote herbei. ..\nDas heißt: sie machen vom Ufer los\n' Und das dauert ein halbes Stündchen bloß. '\n' Und - der Vater: sieht die Mutter von fern\n-/Und 'er sieht sie von fern zunächst ganz gern*\n•• ' Doch besinnt er sich bäld-und ruft: „Meine Herrn!\nüoMeirie Herrn/\"' ruft der Väter,:>„komnrn Sie\n;/• •:••• mal her!\nfiel mirdns;:Meen - '1\n•: .••Undwer-mir die Tratte-kanin -wieder zeigen '. b\n. rDer mag* sie ! 'Sie-sei seiri eigen !lf^\n* > . •? - •.:* i. ' : • >\nDas finden die gebildeten Berliner und Berliner-\ninnen im Westen heiter. Solch ein Buch kostet in\nkünstlerischem Umschlag nur zwei Mark fünfzig,\nin Leinen gebunden aber drei Mark fünfzig. Das\nBuch wird auch verlegt, jedoch nur von der schle-\nsischen Verlagsanstalt G. m. b. H. in Berlin W.\nSonst liegt es auf dem Ziertisch des Salons jeder\nbesseren Wohnung.\nNoch mehr zum Lachen\nAus einer Einladung deutscher Bühnenschrift-\nsteller zu einem Ball:\n„Sollten Sie verheiratet sein und sich ein Ver-\ngnügen davon versprechen, Ihre Gemahlin auf den\nBall mitzubringen, oder sollte von diesem Mitbrim\ngen die Erlaubnis für Sie den Ball besuchen zu dür-\nfen abhängen, oder sollte Ihnen gar die beneidens-\nwerte Aufgabe obliegen, tanzlustige Töchter zum\nTanz führen zu können, so wenden Sie sich ver-\ntrauensvoll schriftlich an unseren Schatzmeister.\nDa die Polonaise kinematographisch aufgenom-\nmen und der Film im Kaiser-Friedrich-\nMuse u m deponiert wird, so, daß noch nach vielen\ntausend Jahren der Beweis geführt werden kann,\nwie man sich in Berlin auch zurzeit des Schreies\nnach Gefrierfleisch und der Verholzerei auf dem\nBalkan zu amüsieren verstand, würden Sie sich\neiner kulturhistorischen Unterschlagung schuldig\nmachen, wenn Sie nicht mit dabei wären.\nBemerkt sei noch, daß das Amüsement nur durch\nwenige Vorträge unterbrochen wird.\"\nNein, dieses Künstlervölkchen. Aber die Bürger-\nlichen sind auch schon so weit. Man kann das Volk\nnicht mehr unterscheiden.\n\nH. W.\n\nNachtgewitter\nim Spätherbst\nPaul Zéch\nSturm johlt heran und zerfetzt\nDen morschen Novemberwald.\nUnd die Wolken, schwarzdrohend geballt\nund zorngehetzt,\nplatzen im Wipfelzusammenprall.\nHagelnde Wucht\nund blitzknatternder Knall\nschäumen wie Brandung von Bucht zu Bucht.\nAlle Bäume sind blind\nlind, frieren weiß und weh\nwie Menschen aus flockigem Weihnachtsschnee...\nSchon ratischen ferner die Sturmflutscharen\nund aus Nacht, die klar den Himmel besternt,\nweint;ein Wind:' • 1\ndaß Sonne -und Sommer waren,\nvergeßt;'verlernt! •\n\nMansehen von Gottes\nGnaden\nAus den Bekenntnissesn des Herrn Lieutenant Mié-\nville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.\nVon Karl Borromäus Heiurich\nDer Entschluß\n\nFortsetzung\n\n•! (Am Vormittag des 24: Dezember 19.. — zwei\nTage also nach dem eben geschilderten Vorfall —\nging Schlagintweit vor dem Hause der Brienner-\nstraße, wo Baron Frangart wohnte, unentschlossen\nauf und nieder. Er sprach so laut mit sich selbst,\ndaß die Vorübergehenden gar nicht anders konn-\nten, als über ihn lächeln. „Oh weh, oh weh!\" rief\ner, „jetzt also wird es Ernst, jetzt muß ich ihn\nwirklich anpumpen! Der Geldbeutel hat lang\nsimuliert, — aber jetzt ist er wirklich krank.\nHerrschaft, herrschaft! . . . Natürlich wird er es\nmir geben, aber das ist mir wurscht. . . Na, nicht\ngerade ganz wurscht, alter Schwimmer Schlagint-\nweit! . . . Aber peinlich ist es jedenfalls, peinlich!\nSozusagen unangenehm! Gleichsam zuwider! Ge-\nwissermaßen abscheulich! ... Ja, ja, warum\nhabe ich bei ihm den Teufel Habenichts so oft lü-\ngenhaft an die Wand gemalt! Jetzt kommt er...\nNein, er ist überhaupt schon da! ... Hoffentlich\nist Frangart nicht verreist, der gute Junge hat\nsolche plötzliche Einfälle — das heißt, er wäre mir\nschon beinahe lieber, er wäre verreist. Oh weh,\noh weh ! . . • '\nBaron Frangart hatte soeben dem Dienstmäd-\nchen gesagt, daß sie heute gar niemand vorlasseh\nsolle. In der Tat fühlte er sich nicht ganz wohl;\ndenn da er es verschmähte, sich mit körperlichen\nAusbrüchen Luft zu machen, wenn etwas Unange-\nnehmes geschehen war, griff ihn alles innerlich urii\nso mehr an; er wußte es, und war auch aus diesem\nGrunde nicht minder wie aus andern bestrebt seine\nRuhe zu hüten. Er saß jetzt frierend am geheizten\nKamin.\nSchlagintweit war auf der Treppe zweimal urn-\ngekehrt. Aber dann gab er sich einen Ruck, ging\nnochmals hinauf und läutete gleich einem Zug, bis\nman ihm öffnete. Das Dienstmädchen wollte spre-\nchen, wie ihr geheißen war; indes, schon hatte er\nsie beiseite geschoben und polterte, das Klopfen\ndiesmal vergessend, in das Zimmer, wo er Fran-\ngart vermutete. Dieser sah ihn erstaunt und ge-\nkränkt an. „Ich muß Sie leider anpumpen!\"\nplatzte Schlagintweit heraus. Frangart seinerseits\nmußte nun doch lächeln. „Aber setzen Sie sich\nnur, Schlagintweit! Das werden wir ja gleich\nhaben.\" — „Seien Sie nicht so liebenswürdig, Ba-\nron! Diesmal ist es viel und ich brauche es not-\nwendig.\" Frangart lächelte wieder. — „Wieviel\nist es denn?\" — „Sehr viel.\" — „Wieviel denn?\"\n— „Blödsinnig viel — vierhundert Mark!\" schrie\nSchlagintweit heftig und fühlte sich geradezu er,\nlöst, daß er sich's zu sagen getraut hatte; er\nschnaufte förmlich auf. „Mit Vergnügen, Schla-\ngintweit, mit Vergnügen!\" beruhigte ihn der Ba-\nron, erhob sich und trat an den Schrank, um das\nErbetene herauszunehmen. „Und diesmal bekom-\nmen Sie es nicht so schnell wieder!\" rief Schla-\ngintweit noch besorgt. — „Nun, also weniger\nschnell!\"\n„Aber jetzt setzen Sie sich, bitte,\" lud ih!n\nBaron Frangart nochmals ein. . . „Erstens näm-\nlich,\" begann Schlagintweit erklärend, „muß idh\njetzt einige Bilder in unsere Wohnung hängen urM\neinen Läufer für den Fußboden kaufen, damit es\nauch etwas gleichsieht bei uns. Zweitens\" (Baron\nFrangart machte eine abwehrende Bewegung, zum\nZeichen, daß er ja keine Erklärungen wünsche) —,\n„zweitens1 nämlich will ich das deshalb, weil * ich\ndrittens, weil ich,' ja, weil' ich jetzt eine Braut habe,\nHerr Baron, und dieser, viertens, wohl auch ein\nbesseres Geschenk machen muß. . .\" — „Nein?\"\nmachte Frangart sehr gedehnt und unterdrückte\n: ein etwas spöttisches Lächeln. „Ja, eine Braut\nhabe ich jetzt,\" wiederholte Schlagintweit mit\ngrößter Bestimmtheit. „Ich gratuliere verbind-\n;'k»•/ T , . » »\nliehst!\" sagte Frangart dagegen.\nUnd Schlagintweit erzählte, daß seine Braut\neine achtundzwanzigjahrige Witwe sei, also ein\npaar Jahre älter als er, aber „was sagt denn das?!\"\n' / , • •#\n• 4 r . • ' • t * ' ' ■' ;"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.4", "texte": "rief er laut. — Das sagt natürlich nichts,\" meinte\nFrangart, „das sagt gar nichts.\" „Im Aeußeren\nsieht sie fast etwas chinesisch aus, aber gerade\ndas ist interessant, nicht?\" — „Oh, ich liebe das\nChinesische.\" — „Sie hat eine kleine Rente . .\n(„Ich habe mir gleich gedacht, daß es keine größere\nist,\" sagte sich Frangart im stillen natürlich.) „Und\ndas einzige, was mich bekümmert, ist ihr Leiden.\"\n— „Mitleid spielt bei Ihnen doch immer mit.\" — „Ja,\ndeshalb habe ich sie noch lieber!\" „Welches Leiden\nhat sie denn?\" — „Ja, sie ist ... sie ist wohl\netwas nervenleidend, die Gute,\" erwiderte Schla-\ngintweit traurig. „Ich habe übrigens vergessen.\nIhnen zu danken, Baron, vielen Dank also!\" Fran-\ngart wehrte ab. — „Und jetzt gehe ich und kaufe\nihr was Schönes.\" — „Tun Sie das, bitte, tun Sie\ndas und gratulieren Sie ihr von mir!\" — Ja, ja,\ndanke vielmals.\" Und in der Eile vergaß Schla-\ngintweit, daß er Baron Frangart eigentlich ein-\nladen wollte, morgen mit ihm und seiner Braut\nzusammen spazieren zu gehen. „Adieu — glück-\nliche Weihnachten!\" — Adieu, gleichfalls!\" —\nBaron Frangart ließ sich in seinen Mantel hel-\nfen; er wollte zum Essen ins Hotel fahren. Auf\ndem Wege dorthin träumte er, die Unternehmungs-\nlust Schlagintweits halb belächelnd und doch un-\nbewußt beneidend, von dem und jenem. „Irgend\netwas muß geschehen,\" beschloß er endlich bei\nsich selbst. Und die ihm ungewohnte Erregung\ndes Entschlusses rötete seine bronzefarbenen, ju-\ngendlichen Wangen leise und liebenswürdig.\nDie Beichte\n„Irgend etwas muß geschehen, irgend etwas muß\nIch tun,\" sprach Baron Frangart zu sich selber, als\ner das Hotel verließ, . . . „wie soll ich sonst glau-\nben, daß ich überhaupt lebe!. . . Denn alles Leben\nbeweist sich nur durch die Tat! . . . Irgend etwas\nmuß ich tun. . .\"\nBaron Frangart lenkte seine Schritte zum Lieb-\nfrauendom. Er wollte Gott zunächst und dajnn\nden Beichtvater um Rat fragen.\nDer Beichtvater des jungen Barons war ein\nalter italienischer Prälat, der nicht eigentlich zur\npraktischen Seelsorge, sondern, wie sein Beicht-\nkind vermuten konnte, vielleicht in Erfüllung einer\ngeheimen päpstlichen Mission in München lebte.\nImmerhin nahm er einigen ihm persönlich emp-\nfohlenen Menschen, wie zum Beispiel Baron Fran-\ngart, der von Bonaventura an ihn gewiesen wor-\nden war, regelmäßig die Beichte ab. Er war ein\nfeiner alter Prälat mit weißen Haaren und tieflie-\ngenden Augen voll stiller Glut und voll verklärten\nSchmerzes über die Welt. Er kannte die Welt.\nUnd Fritz Freiherr von Frangart begann seine\nBeichte mit den rituellen Worten:\n„Ich armer sündiger Mensch klage mich an vor\nGott dem Allmächtigen und Euch, Priester an\nGottes Statt, daß ich seit meiner letzten Beichte\nwiederum gesündigt habe! . . .\"\nDer Prälat begann zu fragen über das erste\nder zehn Gebote:\n„Habt Ihr jemals an Gott gezweifelt? oder an\nder Lehre seiner heiligen Kirche? Habt Ihr die\ntäglichen Gebete nicht vergessen? Seid Ihr nicht\nunandächtig und zerstreut dabei gewesen?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\nDer Prälat fragte in betreff des zweiten und\ndritten Gebotes:\n„Habt Ihr den Namen Gottes nie i»m Leichtsinn\neitel genannt? Habt Ihr nie über Gott geklagt?\nHabt Ihr nie seiner im Zorne geflucht?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\nIm vierten Gebote fragte der Prälat nicht, ob\ndas Beichtkind gegen seine Eltern und gegen den\nGehorsam gesündigt habe; denn er wußte, daß\ndiese tot seien. Aber er fragte ihn: „Habt Ihr das\nAndenken Eurer Eltern niemals entweiht, niemals\ndurch Gedanken oder Worte oder Taten?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Gehen wir zum fünften Gebot!\" sagte der\nPrälat. „Habt Ihr Eure Mitmenschen niemals mit\nWissen verletzt, geschädigt, beleidigt, verdächtigt\nin Gedanken, Worten oder Taten?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Sechstes Gebot: Seid Ihr nicht unkeusch ge-\nwesen in der Tat? Habt Ihr nicht unkeusch ge-\nsprochen? Habt Ihr nicht freiwillig Unkeusches\ngedacht oder gesehen?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Siebentes Gebot: Habt Ihr nicht gestohlen,\nGeliehenes nicht zurückgegeben, Gefundenes nicht\nbehalten?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß : „Niemals, Vater!\"\n„Achtes Gebot: Habt Ihr nicht gelogen, frei-\nwillig, im Scherz oder aus Not?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Neuntes und zehntes Gebot: Habt Ihr nicht\nbegehrt Eures Nächsten Hausfrau und nicht Eures\nNächsten Gut, in Gedanken, Worten oder Wer-\nken?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Gebote der Kirche: Habt Ihr nicht der Fasten\nvergessen oder der sonntäglichen Messe oder des\nheiligen Sakramentes der Beichte und des Aller-\nheiligsten Sakramentes des Altares?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge-\nmäß: „Niemals, Vater!\"\n„Habt Ihr auch nicht etwa eine der neun frem-\nden Sünden begangen oder eine der vier himmel-\nschreienden?\"\nBaron Frangart antwortete, der Wahrheit ge\nmäß: „Niemals, Vater!\"\nDies alles hatte der Prälat — ein alter feiner\nPrälat, der die Welt kannte — in immer steigen-\nderem Tone und in immer tieferem Mitleid gefragt;\nBaron Frangart seinerseits hatte immer leiser und\nimmer schmerzlicher darauf geantwortet.\nNach einer langen Weile des Schweigens be-\ngann der Prälat: „In uns allen liegt das Sündhafte\nverborgen ...\" — „Ja, es liegt wohl auch in mir,\nich beichte es, Vater . . .\" — „In uns allen liegt\ndas Sündhafte und Ihr habt mir nicht eine Tat der\nSünde gebeichtet! ...\" — „Ich weiß von keiner*\nVater.\" — „So seid Ihr der heiligste aller Men-\nschen oder der unglücklichste!\" — „Ich habe\nnichts von dem getan, wonach Ihr mich gefragt\nhabt . . .\"\n*\n• Der Prälat — ein alter feiner Prälat, der die\nWelt kannte — schwieg lange. Endlich fragte er:\n„Wenn Ihr nichts Sündhaftes getan habt, — was\nhabt Ihr denn überhaupt getan?\" — „Nichts.\nVater! . . .\" flüsterte tonlos der Junge Baron\nFrangart . . . „Nichts, Vater, aber ich möchte\netwas tun, ich muß etwas tun, und da ich keine\nSünde tun will, bin ich zu Euch gekommen, um\nEuch zu fragen, was ich sonst tun kann . . —\n„Es gibt nur E i n e s zu tun, und daß Ihr dies Eine\nnicht getan, sondern unterlassen habt, dies ist\nEure große Sünde ...\" — „Was ist es, Vater?\"\n— „Nur dies Eine: das Werk der Liebe.\"\nMit schwerstem Nachdruck hatte der Prälat die\nWorte gesprochen.\nNach diesen Worten entstand im Beichtstuhl\nein Schweigen, wie es selbst im) Beichtstuhl, ge-\nschweige denn irgendwo draußen in (der Welt,\nnoch nie gehört worden ist. Und nach einiger Zeit\nschauderte denn auch dem Prälaten davor. „Mein\nlieber Sohn!\" begann er zärtlich, „was wollt Ihr\nnun tun?\"\n„Das Werk der Liebe, Vater!\"\n„Das wäre? . .\n„Ich weiß noch nicht recht, was . . . Jeden-\nfalls werde ich zum Beispiel noch heute der Hilfs-\nkasse für verarmte Adelige soviel überweisen, als\nich zurzeit entbehren kann . .\n„Tut es immerhin, es ist besser als nichts, es\nist ein Werk der Liebe, aber nicht das Werk\nder Liebe . .\n„Was ist es, Vater?\"\n„Mein lieber Sohn, es ist das Werk, das am\nEnde steht. Die wenigsten vollbringen es, die\nmeisten kommen über seine Vorbereitungen nicht\nhinaus.\"\n„So sagt mir zunächst, Vater, welches seine\nVorbereitungen sind! . .\ni-\nDer Prälat — ein alter feiner Prälat, der die\nWelt kannte, atmete tief auf. „Mein lieber Sohn,\nvon den Vorbereitungen kann ich Euch nur Bei-\nspiele nennen. Also zum Beispiel: Ihr seht das\njunge Mädchen dort am Altar. Es kommt immer\nin meine Messe, weil Ihr dah inkommt. Es sucht\nEuch immer mit den Augen. Es liebt Euch. Habt\nIhr das noch nicht bemerkt?\"\n„Schon lange, Vater, aber ich will seine Liebe\nnicht, weil ich sie nicht erwidern kann.\"\n„Liebt Ihr überhaupt ein Mädchen?\"\n„Nein, Vater.\"\n„Habt Ihr nie ein Mädchen geliebt?\"\n„Nein, Vater.\"\n„Nun, so geht wenigstens zu dieser dort hin\nund dankt ihr einmal für ihre Liebe. Vielleicht\nliebt sie Euch so, daß ihr das allein genügen\nwird ... Es gibt solche Menschen. — Sie ist\nschön, und es wird Euch wenig Ueberwindung\nkosten.\"\n„Gebt mir noch ein Beispiel!\"\n„Ja, gern. Ihr habt wohl eine Bedienerin zu\nHause? Ja, nicht wahr, Qut, fragt sie heute\nabend, wie es den Leuten geht, die sie lieb hat...\nDies wird Euch wohl am meisten Ueberwindung\nkosten, mein lieber Sohn, eine solche Frage an\nEure Bedienerin zu richten.\"\n„Ja, es ist schwer,\" antwortete Baron Fran-\ngart, „aber sagt mir nun, was ist da s Werk der\nLiebe ?\"\nDer Prälat — ein alter feiner Prälat, der -die\nWelt kannte, schwieg zunächst.\n„Mein lieber Sohn,\" hub er endlich mit einem\nmitleidigem Seufzer an, „ach, mein lieber Sohn,\nwenn Ihr nur einmal die Vorbereitungen getan\nhabt! Ihr werdet vielleicht viele Enttäuschungen\nan den Menschen dabei erleben. Sucht Euch damit\nabzufinden . . . Und kommt vielleicht ein anderes\nMal zu mir und fragt mich nach dem eigentlichen\nWerk . .\n„O, sagt es mir heute schon, Vater!\"\n„Ach, mein lieber Sohn! . . .\"\n„Bitte, sagt es, Vater!\"\n„Wenn Ihr es durchaus wollt ... So hört:\nGeht hin, mein lieber Sohn, und sucht von allen\nMenschen, die es gibt, die niedrigsten! Und dort\nverschenkt Euch ein Mal, nur ein einziges Mal\nselbst! Dann habt Ihr das Werk der Liebe voll-\nbracht! Aber während Ihr es vollbringt, denkt\nnicht daran, daß Ihr das Werk vollbringen wollt;\ndenn dies würde Eure Ueberwindung erleichtern.\nSucht Euch — es gibt deren genug — einen\nmenschlichen Grund für ein himmlisches Werfe"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "201", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.5", "texte": "Campendonk: Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "202", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.6", "texte": "Dann erst wird es schwer genug für Euch sein,\ndamit es Gott als Euer Werk der Liebe wür-\ndige . .\n*\nBaron Frangart hatte eben den Beichtstuhl ver-\nfassen.\nEr trat ruhig auf das junge Mädchen zu, das\nihn schon so oft mit den Augen gesucht hatte. Er\nverneigte sich und sagte leise: „Verzeihen Sie,\ngnädiges Fräulein, vve.m ich Sie störe. Aber ich\nglaube Sie sind u,■ .t Und ich möchte Ihnen\ndafür danken.\"\n„Nicht hier, v - : ie sie flüsternd, „nach-\n»\nher draußen . . . .i\\r i, ich bin ein anstän-\ndiges Mädchen, urri 1; > Sie mit mir reden wol-\nlen müssen Sie hon gefälligst zu meinen\nEitern bemühen . .\nBaron Frangart rückte zusammen. Aber er\nbeherrschte sich und g r;g zu der alten Frau vor.\nEr streichelte ihr lese die weißen Haare und\nsprach mit gedämpfter Stimme:\n„Mutter, Sie haben wohl viel zu leiden?\"\n„Ach, gnädiger Herr, nur ein wenig wann's\neinem besser gehen tat, nur ein wenig! . . . Wann\nich meiner Tochter nur ein kleines goldenes Bro-\nscher! auf Weihnachten schenken könnt! . . .\"\nBaron Frangart zuckte wieder zusammen, aber\ner zog seine Geldbörse aus der Tasche und\nschenkte ihren ganzen Inhalt der Frau.\nBaron Frangart saß in seinem Fauteuil am Ka-\nmin und läutete der jungen Bedienerin: „Nun,\nErna, es kommt Sie wohl hart an, auf Weihnach-\nten aHein zu sein. Wollen Sie vielleicht für heute\nabend zu Ihren Angehörigen heimgehen?\"\n„Meine Eltern sind schon gestorben, Herr\nBaron.\"\n„O, das tut mir leid. Aber vielleicht haben\nSie sonst jemand lieb, bei dem Sie also heute\nlieber wären als bei mir? . . .\"\n„Ja, wenn mir der Herr Baron die Ehre er-\nweisen wollen — kein Verhältnis hab ich näm-\nlich nicht, also . *\nBaron Frangart zuckte, zusammen, schenkte\nihr einen Fünfzigmarkschein, sagte ihr, daß sie\nfür heute die Freiheit habe, zu tun, was ihr be-\nliebe, und entließ sie . . .\nSchmerzlich lächelnd lehnte sich -der junge Ba-\nron in sein Fauteuil zurück, sich bangen Träume-\nreien hingebend. Aber dann bezwrang er sich\nund verjagte die Erinnerung an die drei Ent-\ntäuschungen, die „das Werk\" vorbereitet hatten.\nSodann bezwang er sich noch einmal und verbot\nsich, an das, was er nun'vorhatte, anders als in\nrein menschlichem Sinne zu denken . . . Und als\nMitternacht schon lr>ast vor':b*r war, dachte er\nnoch immer an das rein Menschliche; so natür-\nlich, wie es seine r menschlichen Natur gemäß\nwar . . .\nDie Tat\nAm ersten Weihnachtsfeiertag dieses Jahres\ngab Baron Franga t dem Wagenkutscher die\n.Adresse eines Findelhauses, von dem er eine Ein-\nladung zur Weihnachtsfeier erhalten hatte. Man\n'hatte ihn schon etliche Wochen vorher angebettelt\num einen Beitrag 7-r Bescherung, und er hatte\ndurch das Dienstmädchen einen Zehnmarkschein\n'hinausreichen lassen la- gedruckte Text der Ein-\nladung lautete:\n„Euer Hochwohlgeboren!\nUnsere Anstalt feiert am 25. Dezember ihr be-\nscheidenes Weihnachtsfest. Die Aermsten der\nArmen haben also, dank der großen Güte ihrer\nWohltäter, unter denen auch Euer Hochwohl-\ngeboren sich befinden, den Tannenbaum des Frie-\ndens gefunden, unter dem sie sich glückstrahlend\nscharen können.\nIm Namen unserer Kinder, deren Freude dop-\npelt sein wird, wenn sie von Euer Hochwohl-\ngeboren und den andern Wohltätern mitangesehen,\nja mitgefeiert wird, laden wir hiermit höflichst zu\ndem hohen Feste ein. Und bemerken wir, daß\nfür die verehrten Festgäste gesonderte Plätze im\nFestsaal unseres Heims an der Straße\nreserviert sind.\nIn höflichster Erwartung von Euer Hochwohl-\ngeboren wertgeschätzter Anwesenheit:\nDas Heim der Aermsten\"\nBaron Frangart hatte den Widerwillen gegen\nden Stil dieser Einladung und auch im voraus\ngegen den Stil des Festes, auf den man daraus\nschließen konnte, langsam, aber energisch über-\nwunden. „Es muß etwas geschehen!'4 wieder-\nholte er, auch als er schon im Wagen saß; wie\num sich Mut zuzusprechen.\nEin Hausdiener in viel zu weiter, auch sehr\nwillkürlich kombinierter Livree erwartete die\nGäste am Portal des Findelhanses. Das Portal\nwar so geräumig und protzig wie das ganze Haus\nselbst, Baron Frangart dachte sich beim Ver-\nlassen des Wagens, daß der wichtigtuerische Bau\ndieser Anstalt wohl mehr gekostet habe, als die\nachtzig beherbergten Kinder in hundert Jahren\nzusammen kosten würden. Aber im Treppenhaus\ndes Einganges, wo auf beiden Seiten Marmortafeln\nmit einer Reihe Namen in Goldschrift, glänzten,\nfand er die Lösung: zu Beginn des Verzeichnisses\nstand fett gedruckt:\nMathias und Crescentia Bich e r 1,\nR ealitätenbesitz e r s ehepaa r\nund\nBürgersleute in München,\nsind die hochedlen Stifter dieses Hauses und des\nPlatzes, auf dem es sich, zu ihrem dankbaren\nAngedenken, erhebt. —\n„Stehen der gnädige Herr auch auf der Tafel?\"\nfragte der Hausdiener und setzte, als er keine\nAntwort bekam, entschuldigend hinzu: „Nun, es\nsind nur die Wohltäter von tausend Mark auf-\nwärts.\" Der stillose, aber mit falschem Plüsch,\nPapiergoldschleifen und ähnlichem Zeug über-\nladene Saal, in den Baron Frangart nun eintrat,\nwar durch eine diagonal laufende „Renaissancen-\nRampe in zwei Dreiecke gespalten; in dem einen\nDreieck erhoben sich, übereinander aufsteigend,\ndie Plätze für die Eingeladenen, Unten im andern\nDreieck stand der mit vielen elektrischen Lämp-\nchen süßlich erleuchtete Christbaum; statt mit\nAepfeln und Nüssen war er reich mit Silber und\nGoldflitter, mit künstlichem Schnee und Glas-\nkugeln behängen; er stand inmitten eines von lan-\ngen Tischen gebildeten Vierecks. Auf diesen\nTischen lag, mit großen, von eins bis achtzig lau-\nfenden Nummern versehen, die Bescherung, die\njedes Kindes wartete. Statt die einzelnen Ge-\nschenke durch Tannenzweige abzugrenzen, hatte\nman durch je eine Papierrose angedeutet, wo des\neinen Kindes Geschenke aufhörten und die des\nandern anfingen. Aepfel, Nüsse, Bisquits und Mar-\nzipan hatte man für die einzelnen Kinder nicht auf\nTeller gelegt, v/o sie immerhin, auch in dieser\npeinlichen Ordnung, ein heiteres Bild ergeben hät-\nten; sondern, in der Furcht, daß dabei etwa ein\nTeller zerbrochen werden konnte, hatte man dies\nalles in Tüten gesteckt, die neben und auf die\njeweiligen Schuhe, Strümpfe oder Fausthandschuhe\ngelegt waren. Kurz, Baron Frangart hatte mit\neinem einzigen Blick von der Türe aus schon den\nganzen freud- und farblosen Charakter des Festes\nerfaßt, das da kommen sollte. Die Kinder waren\nnoch nicht eingelassen worden; die Festgäste hin-\ngegen saßen, leise schwatzend, auf ihren Plätzen.\nAuf diese Menschen, größtenteils behäbige\ndicke Frauen und Männer, wie deren das Bier in\nso großer Menge deformiert, und etwa noch\neinige, mit der ihnen eigenen vordringlichen un-\nmanierlichen Koketterie herumguckende oder über-\nlaut plappernde Bürgerstöchter, — auf dieses ge-\nmütlich versammelte Festpublikum also machte\nBaron Frangart, wie es ihn durch die Türe kom-\nmen sah, einen merkwürdigen, tiefen und gebiete-\nrischen Eindruck. Sei es, daß diese Leute über-\nrascht waren von seiner ruhigen, harmonischen\n„distinguierten\" Eleganz, sei es, was weniger\nwahrscheinlich ist, daß die so liebenswürdige\nebenmäßige Zartheit seiner jungen Gestalt sie ge-\nfangen nahm, — einer nach dem andern erhoben\nsie sich von ihren Sitzen, etwa wie vor ihrem\nLehrer oder sonst einem noch höheren Herrn.\nInfolgedessen dankte er, unangenehm berührt,,\nnach mehreren Seiten mit leiser Verneigüng. lii\nder ersten Reihe der Plätze rückte man mit den\nStühlen zurück, um ihn durchgehen zu lassen. In\nder Mitte dieser Reihe standen zwei Fauteuils,\nvon denen das eine unbesetzt war. Im andern\nsaß ein kleiner Geistlicher, der — bescheiden und\nfast eingeschüchtert, wie er hier dem Zwang der\nRepräsentation genügte — Baron Frangart mit\nrührendem Lächeln entgegenblickte. Neben ihm\nnahm Frangart Platz und nannte ihm seinen Namen\nzur Vorstellung. (Das Fauteuil war natürlich nicht\nfür ihn, sondern für irgendeinen repräsentativen\nGemeindebevollmächtigten, der aber nicht er-\nschien, reserviert gewesen.) Der Geistliche war,\nwie sich herausstellte, der Seelsorger der Find-\nlinge. „Da bin ich auf dem besten Wege/' sagte\nBaron Frangart, „ich möchte nämlich heute irgend-\neines der Kinder in Obhut nehmen. Ich habe viel\nfreie Zeit und wenig Beschäftigung . . . Meinen\nSie, daß man mir eines überläßt?\" — „Nun, man\nwird wohl einige Erkundigungen einziehen, wenn'\nman eines der Kinder weggibt, aber dies wird ja\nbei Ihnen zweifellos schnell erledigt sein,\" ant-\nwortete der Geistliche verbindlich und erbot sich,\ndie Sache mit dem Anstaltsleiter selbst im Sinne\nBaron Frangarts zu sprechen. Dieser nannte ihm\nals Referenz einige bekannte Familien, in denen\ner eine Zeitlang verkehrt hatte. „Sie wollen mir.\nbitte, bei der Wahl -der Kinder helfen! Sie ken-\nnen ja die Kinder ungfähr und wissen, welches\ndavon eine bessere Erziehung, ein feineres Leben\nam meisten verdient.\" — „Ja, und was soll später\naus dem Kinde werden?\" — „Was es will, seine\nZukunft werde ich sicherstellen.\" Der Geistliche\nfreute sich sehr und überblickte in Gedanken die\nachtzig Kinder, oder vielmehr, da Frangart einen\nKnaben erbeten hatte, die vierzig Knaben. Er\ndachte an den und den und dann wieder an andere.\nMittlerweile aber öffneten sich die Flügel der\nSeitentüre und die achtzig Kinder, die Mädchen\n?\nvoran, schritten paarweise, geführt von dem An-\nstaltsleiter und einer Aufsichtsfrau in den Saal.\nAlles schwieg.\nEin tiefer Schrecken durchrieselte Baron Fran-\ngart, als er, mit einem einzigen schnellen Blicke,\ndiese Kinder von vier bis dreizehn Jahren über-\nflog. Ihm, Baron Frangart, lagen wahrlich weder\nMitleid noch Rührung; sein Schrecken war ge-\nmischt aus Abscheu und Zorn. Wie wenig schon\npaßte zum natürlichen Wesen des Kindes die Ein-\nförmigkeit der Kleidung! — Aber das war noch\ndas Wenigste. Kaum eines dieser1 Kinder zeigte\neine frische Gesichtsfarbe; ein häßliches blut-\nleeres Grau lag auf ihren aufgedunsenen Wangen.\nEs fiel ihm im ersten Augenblick überhaupt\nschwer, einen Unterschied, irgendeinen besonderen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "203", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.7", "texte": "Qiarakter in den Zügen der Kinder zu erkennen.\nUnd was bemerkte er nach näherem Zusehen!\nBei den meisten Mädchen eine dumpfe, dumme, re-\nsignierte Apathie; sie standen da wie Tiere, ja wie\ngutgefütterte, aber kraftlose Kühe. Bei den Knaben\neine in ihren grauen Zügen tief unter der Maske\ndes Gehorsams versteckte und verkniffene Ver-\nschlagenheit; und diese Gesichter waren noch die\n;\ntröstlichsten, menschlichsten; denn auch die grö-\nßere Anzahl der Knaben schien jener uniformen,\nstumpfen Ergebung heimgefallen zu sein. Und\nBaron Frangart dachte flüchtig an alles, was ihm\nder gute Schlagintweit, der vielleicht einmal Er-\nzieher werden wollte, über die Schulen, die er,\nBaron Frangart, nicht kannte, geklagt hatte. Er\nstellte sich die für das kindliche Alter so wider-\nnatürliche, ja perverse Zwangsordnung vor, unter\nder diese hier dahinlebten; das grausame, zu Eis\nerstarrte Tages-, ja Minutenprogramm, das sie\nimmerzu und immerzu üben mußten; die heiße\nSehnsucht, womit sie in den Schulstunden auf die\nGlocke, die eine Freistunde, nein, nur eine Viertel-\nstunde anzeigte, warten mochten; die Brutalität\nder Schule, die ihnen auch in diesen Viertelstun-\nden untersagte, sich zu raufen, zu kratzen, zu bal-\ngen, zu lärmen und zu schreien, wie es ihnen\nwoh!getan hätte, wie es ihrer Natur gemäß war\n— weil sich dies für einen „gebildeten Manschen\"\nnicht schicke; wie sie dann gleich darauf wieder\n(was auch Baron Frangart, diesem zurückhalten-\nden strengen, stahlharten Menschen, als eine raffi-\n-1 ■ . • 112 ...\nnierte und perfide Quälerei erschien) gerade in\nden untersten Schulklassen die Hände auf die\nBank legen mußten und sie nicht rühren durften,\n' ohne der Strafe zu verfallen . . . Und wozu,\nflogen die Gedanken Frangarts weiter, wozu\nwurde alles rein Menschliche, das warme Blut, die\nt\nNeigungen, der ganze kindliche Charakter an die-\n*\nsen Kindern ertötet? Um ihren Kopf desto ge»\nfügiger zu machen für die Masse der bürgerlichen\nKenntnisse, die in ihn eingehen .sollten . . . „Sehen\nSie, Baron, aus dem Grunde sind Sie uns alle über,\nweil, Sie so wenig gelernt haben, deshalb sind Sie\nein Mann geblieben, weil man Sie nicht gezwun-\ngen hat, sich etwas aufladen zu lassen, was nicht\nzu Ihnen selbst paßt,\" hatte ihm Schlagintweit\neinmal gesagt ... Ja, das war richtig . . .\nUnd mit einem Male übersah Baron Frangart\ndie entsetzlichen Schäden, welche die bourgeoise\n„Bildungssucht\" seit einem vollen Jahrhundert,\nseit der eingeführten „allgemeinen Volksbildung\"\nüber die ganze europäische Menschheit gebracht\nhatte. Was war das Prinzip dieser „allgemeinen\nVolksbildung\" und sogar aller höheren Bildung,\nnach der die demokratische Bourgeoisie strebte\nUnd ihr auch diese Kinder, in der arroganten\nUeberzeugung, ihnen „Wohltäter\" zu sein, zu-\nführte? Es war wirklich nur dies: die ganze\nMenschheit in einen Kopf zu verwandeln!\nKenntnisse und Wissen, nichts als Wissen und\nKenntnisse verlangte man . . . Wer fragte noch\nnach menschlichen Tugenden? Gute Köpfe\nwollte man, nichts weiter . . .\n. . Das also war, was die demokratische\nBourgeoisie aus dem Geist der Aufklärung gemacht\nhatte: „Je mehr Kenntnisse du erwirbst, desto\n; höher steigst du.\" Ob du dich aber, als Mensch,\nzum Führer eignest, der du werden willst und\n• sollst, darnach fragt man dich in keinem Exa-\nmen' . . . Lind den Menschen, die gehorchen, die\n• Gesetze erfüllen sollten, was gab man ihnen als\n\" Grund an: „Du weißt so wenig, du hast eine\nr- so: schlechte Handschrift, du kennst nicht einmal\n- die Nebenflüsse des Rio de Janeiro in Neu Fund-\n- • land ■ * Also: gehorche!\"\n.... Wenn - das Cäsar seinen Soldaten als\nGrund angegeben hätte, weswegen er ihren Ge-\nhorsam verlangte . . .\nUnd mit dem sicheren Blick eines Menschen\nder alten Art fand Baron Frangart heraus, worum\nes sich handelte: Es war der blasse Intellektualis-\nmus, die graue blutleere Verstandeswirtschaft, die\nalles dirigierte: die alle rein menschlichen Unter-\nschiede aufhob und die Menschen nach ihren\nKenntnissen einteilte, die auch an den Kindern hier\nihre Erbärmlichkeiten ausließ.\nUnd immer wieder betrachtete Baron fran-\ngart diese grauen farblosen Menschen, die ihm in\nder Tat als typische Opfer des Molochs der\nSchule erscheinen mußten, der seit hundert Jah-\nren Europa bedrohte. Von ihnen also wollte er\nein Kind herausgreifen und es seiner Kultur zu-\nführen. Das war die Tat, wozu er sich ent-\nschlossen hatte, und die zugleich das Werk der\nLiebe und des Sich-Wegschenkens sein sollte! Er\nwollte fruchtbar werden, indem er seine Tradition,\nalso gleichsam sich selbst, auf jemand übertrug.\nDies war die Fortpflanzung und Fruchtbarkeit, zu\nder er sich gestern entschlossen hatte. Und des-\nhalb war er zu den Kindern hier gekommen.\n*\nWährend seiner Geist solchermaßen in einer\nkurzen Umarmung seine Ansichten und Absichten\nzusammenfaßte, hatte der Anstaltsleiter eine Rede\ngehalten, in der er zuerst den Wohltätern dankte\nund dann die Kinder zur Dankbarkeit ermahnte.\nHierauf trat, von den Festgästen teilweise mit\n„ah!\" begrüßt, durch die andere Türe der Weih-\nnachtsengel ein. Es war dies ein dreizehnjähriges\nMädchen, Zögling der Anstalt, das ein langes,\nweißes Wollhemd und am Rücken zwei gold-\ngestrichene Holzflügel angeheftet trug. Sie trat\nunter den Baum und sprach ein langes Gedicht,\nmit pathetischen Hinweisen auf die Wohltäter.\nDiese riefen nach Beendigung der Reimerei ein\ngerührtes „Bravo!\" und „sehr gut!\" Man gab\njetzt den Kindern ein Zeichen, zu singen. Ihre\nStimmen zogen sich langgedehnt, mit der ihrem\nDialekt eigenen Abfärbung der Vokale, hinaus.\nBaron Frangart gab sich nicht die Mühe, den Text\nverstehen zu wollen. Als das Lied verklungen\nwar, wurden die Kinder endlich angewiesen, sich\nihre numerierten Geschenke zu holen. — „Jetzt!\"\ndachte sich Baron Frangart und beobachtete streng\ndie Haltung der Kinder. Die einen grinsten gut-\nmütig. Die andern taten überrascht und stießen\nein „Oh!\" und „Ah!\" aus, dem Baron Frangart\ndie Heuchelei anmerkte. Es mußte Heuchelei\nsein; denn welchen persönlichen Anteil konnten\nsie nehmen an dem kalten Flitter dieses Baumes,\nan seinen elektrischen Lämpchen, die kein Leben\nverrieten, sondern stumpfsinnig und gleichmäßig\nleuchteten, an den grauen Tüten, in die man genau\neingezahlt hatte, wieviel Aepf-el, Nüsse, Marzipan,\nBiskuits auf je einen entfielen. — Wieder andere\ngingen zu ihrer Nummer und nahmen die Ge-\nschenke, weil das nun eben so befohlen war.\nDer stumme Betrachter fühlte sich schon ent-\ntäuscht; er sah nochmals auf die Kinder: da\nplötzlich fiel ihm etwas auf. Ein etwa zehnjäh-\nriger Junge stand mit dem Rücken an den Tisch\nund seine Bescherung — Nummer 18 — gelehnt,\nschlank, ja mager da. und überflog mit fast un-\nverschämt ruhigen Blicken das Publikum. — „Wer\nist der Junge dort?\" fragte Baron Frangart mit\nleiser Erregung den Geistlichen und zeigte auf\ndiesen. „Ohne Eltern wie die andern, nicht un-\n< t\ntalentiert, aber — wie soll ich sagen? . . .\"\n„Sein Name?\" — „Weiß ich leider nicht.\" —\n„Bitte, Hochwürden, v/ollen Sie dem Anstaltsleiter\nsagen, daß ich diesen Jungen möchte, und keinen\nandern. Man möge mir Nachricht geben, ob ich\nihn haben kann. Damit es keine Verwechslung:\ngibt: Den, der mich jetzt anstarrt. Nur den!\nBitte!\" ...\nDie Feier war zu Ende. Die Kinder mußten\nsich in Paare ordnen und sie verließen den Saal\ndurch die Seitentür, durch die sie hereingekommen\nwaren. Baron Frangart sah seinem Jungen nach»\nbis er verschwunden war. Dann verließ er sofort\ndie Galerie der Eingeladenen, die gerade der An-\nstaltsleiter zu persönlichen Ansprachen betrat.\nDem Geistlichen hatte er seine Karte gegeben und\nihn um freundliche Nachricht gebeten.\nDie Frage, die ein anderer sich in Anbetracht\ndes Entschlusses und der Tat des Barons Frangart\nstellen konnte, war rein menschlich gesprochen\ndie: warum nahm sich dieser verfeinerte, auf\nseine Kultur so stolze Mensch gerade ein Kind aus\ndem Findelhause, anstatt, was doch näher zu liegen\nschien, aus irgend einer zufällig verarmten guten\nFamilie, wo er doch hoffen durfte, schon auf einem\nvorhandenen gewissen Fonds von Kultur weiter-\nbauen zu können. Aber diese Wahl des Baron\nFrangart geschah mit ganz bestimmter Absicht.\nWenn jene mystische, ja magische Uebertragung\nseiner eigenen Art auf ein junges Menschenkind\nvollkommen gelingen sollte, mußte dieses selbst\nso voraussetzungslos wie möglich sein. Keinerlei\nhergebrachte Meinung durfte es belasten, durfte\ndie Uebertragung hemmen; jene doppelte Arbeit,\nzuerst angeborene oder angelernte, jedenfalls aber\nvorhandene Werte aus dem Kind auszumerzen, um\nihm dann seine eigenen zu geben, wäre Baron\nFrangart zu unreinlich gewesen. Daher und nicht\netwa aus Mitleid, suchte er ein Kind ohne Familie,\nohne Werte, ohne Voraussetzungen; es war ihm\nnicht darum zu tun, einem armen Jungen ein rei-\nches Leben zu schenken. Armut und Reichtum\ntaten im Grunde nichts zur Sache. Nur durfte\nBaron Frangart bei einem dieser armen Findlinge\nam ehesten hoffen, einen vollkommen unbebauten\nmoralischen und geistigen Boden vorzufinden.\nWas die vererbten, im Blut liegenden Eigen-\nschaften betraf, deren wohl jedes Kind mit in die\nWelt bringen mußte, so baute er darauf, daß diese\ndurch die Schule, die Anstalt (deren Ziel doch\nwar, den persönlichen Charakter der Kinder zu-\ngunsten der allgemeinen Gleichförmigkeit zu er-\ntöten), wohl schon ausgemerzt, mindestens aber,\ngleich einem sterbenden Nerv, narkotisiert sein\nwürden; sie würden schlummern und er würde\nsie durch seine Erziehung nicht mehr wecken.\nAus welchen rein menschlichen Grundgefühlen\nnun ging bei Baron Frangart dieser Plan einer\ngeheimnisvollen Uebertragung seiner Persönlich-\nkeit hervor? Vielleicht aus zweien: Dein einen,\netwas zu tun, fruchtbar zu werden, dem andern,\nsich den ihm in Dingen der Kultur gleichgestellten\nMenschen, da er einen solchen nicht vorgefunden\nhatte, selbst zu erschaffen; Gesellschaft zu haben.\nDiese zwei Gefühle hatte er bislang unbefriedigt\ngelassen, ja streng beherrscht: alle Tätigkeit und\nalle menschliche Gesellschaft hatte er als unreinlich\nvon sich fern gehalten. Vielleicht war es eine\nSchwäche, daß er diesen Gefühlen jetzt nachgab;\naber er war gedrängt worden, von Pater Bona-\nventuras guten Wünschen und von den • Worten\ndes Prälaten ebensowohl wie von Schlägintweits\nUnternehmungslust; denn diese drei waren die\neinzigen Menschen, die eine gewisse Rolle in sei-\nnem Leben spielten. So schadete ihm die Güte\nund Liebe zweier Menschen, und im Falle Schlag-\nintweit die eigene Sympathie, mit der er an: des-\nsen Leben Anteil nahm! Aber wenn es schon für\neinen Baron Fragart eine Art Schwäche bedeu-\ntete, daß' er Gesellschaft und Tätigkeit wollte, so\nkonnte er sich damit Verteidigen, daß, er bei'alle-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "204", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.8", "texte": "<ktm nur sich selbst wieder erleben wollte. Dem\nPrälaten gegenüber, der das „Werk44 wohl ganz\nanders gemeint hatte (nämlich, daß er sich selbst\nwegschenken solle, um einen andern Menschen zu\nerleben!), hätte er sich damit durchaus nicht ver-\nteidigen können. Aber so lebhaft wirkte bei Ba-\nron Frangart auch in dieser Sache die Ueberzeu-\ngung seines höheren Menschentums, der Glaube an\nseine besondere Wohlgeborenheit nach . . .\n\nFortsetzung folgt\n\nGauguin\nVon Jacques Riviére\nZauberer, Magier, Sopisist\nPkto\nIch sehe ihn so, wie er sich gemalt hat. Sein\ngroßes ironisches Gesicht unter der Mütze ist das\neines Abenteurers, der Magier sein könnte. Es ist\nvon irgendeiner Kraft durchdrungen, zu der noch\nScharfsinn kommt. Er ist der Mensch, der die\nGeheimnisse natürlich entdeckt hat, und weil er\nsich ihrer zu bedienen versteht, ist in seinen Zügen\ndie Intelligenz ein Lächeln. Er liebt die Dinge;\nweil er sie versteht, beherrscht er sie. Und be-\nherrscht von dem Gefühl, allein dieses Reich zu\nbesitzen, scheint er, der Wissende, zu schweigen.\nGauguin entblößt Landschaften. Ganz sanft\nerschließt er sie, läßt sie ihrem Temperamente an-\ngemessen steigen, voller Süße. Er erfindet sie\nnicht Er legt sie einfach bloß und leitet ihre Ent-\nwicklung mit dem Wissen des Magiers. Unter\nder Macht seiner Augen wird die Natur ordentlich.\nGanz ihrer Eingebung folgend, ordnet sie sich an.\nSie wird ein großer unberührter und doch gepfleg-\nter Garten: ewig sind die Blätter üppig, aber es\nscheint, als wolle eine geheimnisvolle Hand sie\nzu irgend einem Akkorde stimmen. Alles wird or-\nganisiert wie unter einer unfaßbaren Beschwörung.\nSo entsteht ein maßvolles Paradies. Die Weis-\nheit durchläuft es, vereinigt alle seine Teile, singt\nwie ein Vogel auf seinen Bäumen, und ahmt zärt-\nlich auf den rosigen Ufern die hohen, gewölbten,\nruhigfließenden Wogen seines Ozeans aus blauem\nTüll nach.\n* * *\nZuerst erkenne ich in der Zeichnung eine be-\nzaubernde Mäßigung.\nInmitten Gauguins Bildern erhebt sich aufrecht\nund voll die menschliche Form. Am häufigsten\nsteht sie in der Haltung der Vegetabiiien und der\nWesen, die die Natur inspiriert. Diese Vertika-\nlität ist nicht, wie bei Cesanne, durch die Schwere,\ndurch das Rufen der Erde bedingt. Sie ist das\nProdukt des Erdsaftes, der ohne Umweg wächst.\nAufrichtiger Schwung hält den Körper sanft auf-\nrecht.\nAber sie hüpfen nicht; sie sind maßvoll. Sie\nsprudeln hastlos. Nichts Rundes. Die Wölbungen\nder Hüften und Schultern werden in gerade Linien\nabgeschwächt; sonst könnten sie, zurückgebogene\nSprungfedern, den Eindruck erwecken, als schnell-\nten sie vor, als projizierten sie den Körper über\nsich hinaus; die Form überragt nur, um ihren\nPlatz zu behaupten, sobald sie ihn erreicht hat,\nhält sie an; nichts in ihr will sich verlängern.\nMan könnte glauben, sie schließe sich selbst vol-\nler Liebe ein. Oben krümmt sie sich ein wenig.\n*Mit Wollust verfolgt der Bleistift die geschlossene\n\"Linie seiner Vollendung. Die einzige Geste, die in\n4hrem Emporsteigen durch nichts beendet wird, die\n•des früchtesammelnden Mannes, mündet im Ruhig-\nfließenden. Er hat etwas Vollendetes, Gekröntes.\nDiese Ruhe, diese Passivität der Haltungen,\nkommen daher, daß sie sich nicht zueinander zu\nneigen oder zu nähern oder sich zu lösen brauchen,\nwenn sie sich vereinigen wollen. Eine Verein-\nbarung scheint unsichtbar über ihnen zu schwe-\nben. Harmonie steigt zu ihnen herab und hält sie\nzusammen. Es genügt ihnen, richtig zu sein.\nIhren Sinn erhalten sie von oben, wie wenn maj\ndie Hände auf sie legte. Lange ruhige Gesten\nschweben zwischen ihnen, wie Pflanzen sich unter\ndem Windeshauch wellen. Er verknüpft sie, ohne\nsie anzuziehen, er zeigt sie nur einander. Man\nkann zuerst die weite Zeichnung der Glieder für\nabgenutzt halten: sie besteht aus zwei Linien, die\nhauptsächlich einem herrschenden Parallelismus\ndienen. Aber wenn die Muskelansätze verheim-\nlicht sind, so geschieht es nur, damit die Augen\ndurch nichts von der Verfolgung der Bewegung\nabgelenkt werden. Alle Vereinfachungen suchen\nnicht etwa etwas Barabarisches, sondern wollen\nnur das Gemäße. Es gibt eine so zarte Verbin-\ndung, daß man bemerken muß, man ist im Frie-\nden. — Manchmal ist es keine greifbare Geste, die\ndie Haltungen einander verbindet, sondern nur eine\ngewisse Seite der Unbeweglichkeit. Durch ihre\nArt sich einsam zu halten, die jede Form hat, macht\nsie die anderen sich selbst verantwortlich.\nSo viel Harmonie kann nur vorher überlegt\nsein. Gauguin hat nicht die leichtgläubige Geduld\nC6zannes. Er hoffte nicht, die Dinge durch Ko-\npieren zu versinnlichen. In seinen Landschaften\ngehen durch die Felder biegsame Linien, deren\nhorizontales Geringle Baum an Baum kettet. Und\ndennoch wird der Natur keine Gewalt angetan.\nDas Werk begnügt sich damit, sie zu erwecken;\nes steigt zu den Dingen hinab, berührt sie schwei-\ngend, wie man mit der Hand einen Eingeschlafe-\nnen ermuntert. Dann läßt es sie ungebunden auf-\nstehen. Das Werk unterstützt sie nur durch seine\nvielfältige Anwesenheit, es fördert ihre Entwick-\nlung durch seine unsichtbare Zartheit.\nDer Magier erweckt die schönen lebenden Phan-\ntome.\n♦ * *\nWie soll man erkennen, in welchem Augen-\nblick Gauguins Farbe die Farbe der Dinge verläßt\nund künstlich wird? Der Uebergang ist unmerk-\nlich. Durch eine feine Umbildung wird sie nach\nund nach immer weniger „natürlich\"; schweigend\nwird sie zum Wunder; sie öffnet sich dem Zauber.\nSie ist unempfindlich und blühend. Sie dehnt\nsich in hellen Flecken, die durch die Abwesenheit\nder Sonne wie verschleiert sind. Nicht die Tiefe\ndes Gegenstandes drückt sie aus, aber sein lächeln-\ndes Antlitz in der Durchsichtigkeit des Schattens.\nJede Niiance blüht in Ruhe auf; sie überflutet,\num sich auszubreiten, stumm. Und doch ist sie le-\nbendig. Oft glänzt eine Farbe im Herzen des Bildes;\naber das Ganze ist so zusammengehalten, daß man\nsie zuerst nicht sieht. Wie eine Luciole im Blatt-\nwerk. Und plötzlich wacht sie.\nIndem er seine Farbe abschwächt, und derem\nAufgehen irgend einen Zweifel entgegensetzt, ver-\nteilt Gauguin sie sorgfältig auf der Leinewand.\nEr verteilt die Töne, die im Flecken vielgestaltig\ndie Oberfläche des Gegenstandes beleben; dann\nverdichtet er jeden einzelnen. Ihre ineinander-\ngehende Verschiedenheit sammelt sich nach und\nnach in Flecken, von denen jeder einzelne ver-\nschiedene Auffassungen des Vor-Bildes erkennen\nläßt. Es ist das Gegenteil der impressionistischen\nMethode. In dem Umriß eines Baumes verteilen\nsich die Blätter auf einige farbige Flecken, die mit\nVorsicht nebeneinander liegen. Man fühlt die\nWollust der Farbe, sich so im Innern der Gegen-\nstände nach deren Form zu verteilen. Auf einem\nabschüssigen Terrain übersteigt dies Rosa doch\nnicht seine Grenzen; es hält plötzlich inne.\nAber die Farbtöne, von denen sich, die Gegen-\nstände durchdringen lassen, sind ihnen nicht\nfremd. Es sind nicht von vornherein fest-\ngesetzte Nüancen, die die Farben der Natur er-\nsetzen sollen. Gauguin benutzt nur die Macht\nüber die Dinge; > er • überredet sie, sich sacht von\ndem abzuwenden was sie sind; er sondiert sie\nvorsichtig, er fordert sie zu Aendenmgen auf.\nSchweigend ruft er die zerstreuten Elemente an und\nvereinigt sie durch seinen Willen, wie man däe\nKohlen durch Blasen zu einem hellen Feuer ent-\nfacht.\nIn diesem Augenblick entsteht die Harmonie des\nBildes. Alle verschiedenen Farben schließen heim-\nlich inspiviert einen Bund. Die Gegenstände sind\nallmählich dahin gebracht worden, einander zu\nentsprechen; ihre verschiedenen und zarten Ant-\nlitze sind mir zugewendet. Ich erkenne jedes ein-\nzelne und genieße lange seine gesteigerte Abstu-\nfung, und voll Entzücken fühle ich, wie sie im sel-\nben Augenblick an der andern Seite des Bildes\ndurch einen kaum wahrnehmbaren Farbfleck, der\nihm entspricht, verheimlicht wird. Welch zarte\nErinnerung! Mit den zartesten Tönen gemalte?,\nsüßes Erinnern! Garten des Gleichgewichts!\nVielleicht sind in manchen Bildern zu viel Blu-\nmen, zu viel ausgebreiteter Reichtum . . . Das\nBild Gauguins, das ich am meisten liebe, dieses\nseltsame, nachdenkliche Paradies, heißt: „Was\nsind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen»\nwir?\" Es enthält Hell-Dunkelheiten? Verhüllun-\ngen. Die laue tahitische Nacht badet diese Land-\nschaft. Und steht nicht die Nacht im Hintergrunde,\neine schatten verschleierte Frau?\nAutorisierte Übertragung aus des Französischen von\nJean-Jacques.\n\nKandinsky\n\nEs soll diesmal nicht vom Kunstwert und vom\nMalerischen dieser Bilder gesprochen werden;\ntrotzdem vielleicht, Kritikern gegenüber, betont zu\nwerden verdiente, daß, wer ein reitendes Paar,\neine alte Stadt und manche Landschaft in so ge-\nwaltiger Verdichtung romantischer Natur zu\ngestalten vermochte, daß der nicht aus Un-\nfähigkeit zum Erfassen, sondern aus Absicht\nund künstlerischem Zwange auf die äußere\nWahrheit der Dinge, die Wirklichkeit zu verzich-\nten — scheint. Es soll nur (aber doch ergibt das\nvielleicht auch etwas über den Kunstwert der\nBilder) eine Eigenschaft diese* Dinge, die in Er-\ninnerung und Erkenntnis, sich dem Betrachter der\nspäteren, in klarer Entwicklung nach der Lehre die-\nser Ausstellung den früheren entstammenden Bil-\nder Kandinskys enthüllt, bemerkt werden. Die\nWirklichkeit nämlich ist nichts Vollendetes, die\nDinge sind, auch in der äußeren sinnlichen Erschei-\nnung, nicht geschlossen. Wer mit klarstem Blick\nselbst lange durch die Straßen geht, dem öffnen\nsich die Linien der Häuser, vermischen sich die\nErscheinungen: Fensterreihen werden zu Fratzen\nWagen ballen sich und scheinen zu stehn, hinten\nschwindet die Straße — saht Ihr das nie? — einen\nTorweg zu in den Hals eines aufgerichteten Pfaus.\nEine Laterne kann eine Tulpe scheinen, der\nlaufende Fuß eines Pferdes eine seltsame\ngierig sich streckende Orchidee sein. Wer\nhat noch nicht (und nicht zum ersten Male ist\ndas hier gemalt worden) in einem Baum einem\nMenschen erkannt, in einem Wachhol de rbusch eine\ngekrümmte Leiche! Wie oft lösen sich die Dinge\nund fließen ineinander: daß eine Hand: die sieh"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "205", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.9", "texte": "Ludwig Meidner: Originalzeichnung\n\ndir bietet, fremd dem Körper scheint, wie eine\nQualle hängt und sich regt, daß dein Schauen ein\nFieber wird. Doch dies ist immer nur ein Bei-\nspiel, während zehnfach, hundertfach die Dinge\nselbst ihr Aussehn wechseln können, jede Erschei-\nnung zehn, hundert Erscheinungen ist. Die Dinge\nsind nicht nur sie selbst — und dies ist hier gemalt:\ndie Vieldeutigkeit der Dinge.\nDer Blick hat nicht nur die Fähigkeit zu fassen,\ner kann auch bewahren. Wenn der Künstler Nach-\nbilder oder Erinnerungen mit dem sinnlich Erfaß-\nten mischt, wenn er die Vieldeutigkeit eines Dinges\nso gestaltet, daß gleichzeitig einige oder alle Sei-\nten, Formen, Arten zu fühlen sind, wenn die Viel-\ndeutigkeit selbst gestaltet ist — das nennen wir\n(wie noch andres) Groteske. Die Kunst, von der\nhier gesprochen wird, gibt andres. Die Vieldeu-\ntigkeit ist nicht ihr Thema, sondern der Grund ihrer\nExistenz, die vielfältigen Erscheinungen werden,\neben in ihrer VielfältigKeit, gestaltet, nicht das viel-\nfältige Erscheinen; und diese mehr lyrische Art,\nbei der die Vieldeutigkeit des Vorwurfs im Kunst-\nwerk erscheint, ohne erkannt im Bewußtsein zu\nruhen, das ist das Märchen (nicht der Mythus«\nder anders steht). Märchenhaft sind ihre Erzeug-\nnisse; die Märchen der Dinge, das Märchen der\nErscheinung ist ihre —- Stimmung. Märchenhaft\nsind schon die früheren Bilder Kandinskys: ihr\nRussisches, dein Orient Nahes — diese Prinzessin,\ndie auf zum grünen Vogel in den Zweigen blickt\n— ist sie uns nicht aus den Erzählungen tausend\nund einer Nacht bekannt?\nNun wissen wir auch, wie Bilder dieser Art\n(neben der es viele andre gibt) zur Natur stehn:\nsie zeigen nicht die Wahrheit der Wirklichkeit,\nvieldeutig ist die Wirklichkeit, sie haben die auch\nwieder vielfältige innere Wahrheit der andern\nSeite — des Märchens.\n\nRudolf Leonhard"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "206", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.10", "texte": "Etwa im Jahre 1845\nE. Wichmann\nschrieb die „Kölnische Zeitung\ndaß sie dem Grazer Irrenhause, in dem Theater\ngespielt wurde, die Stücke Hebbels bestens zur\nAufführung empfehle.\n(Siehe Wursbachs Biographisches Lexikon\nunter Hebbel.)\nIm Jahre 1912\nschreibt die „Kölnische Zeit n n g \":\n„ . . . der Versuch, der Sonderbund-Malerei mit\nstädtischem Geld auf die Strümpfe zu helfen, Ge-\nmälde zu züchten, die eher in die Sammlung eines\nNerven- oder Irrenarztes als in eine Oeffentliche\nKunstausstellung gehören . .\n(15. Oktober 1912p Mittags-Ausgafce.)\nMan sieht, daß der „Kölnischen Zeitung\" wenig-\nstens keine Inkonsequenz (ebensowenig wie Ori-\nginalität) in ihrem Verhalten gegen die geistige Neu-\nerscheinungen, vorzuwerfen ist.\nFreilich „sich zu blamieren ist ein unveräußer-\nliches Menschenrecht\". („Kölnische Zeitung\",\nebenda.)\nAn der Sache ist aber noch etwas kurios:\nSobald nämlich einmal eine „Maßgebende Stelle\"\n(ebenda) einer jungen Bewegung, wenn auch in\nnoch so bescheidenem Maße, entgegenkommt,\ndann offenbaren diejenigen, die sonst „in be-\nschränktem Untertanenverstand: ruhig beiseite\nstehen\" (ebenda) auf einmal Männerstolz vor\nKönigsthronen (Donnerwetter noch mal!) und jam-\nmern mutig über ihr schönes Geld, das möglicher-\nweise zum Kuckuck geht („bringen wir Steuern\nauf um ebenda). Man bedenke doch:\nes liegt nicht genügende Sicherheit für ein „gutes\nGeschäft\" vor.\nDie Einsicht, daß die Kunstzuhälter (und\nihre Gehilfen), denen die Kunst (sagen wir es\neuphemistisch mit dem guten Schiller:) eine gute\nMilchkuh ist, wenn sie schon ihr unsauberes Geld\neinstreichen, wenigstens durchaus den Rand zu\nhalten haben, ist offenbar noch immer nicht ge-\nnügend verbreitet.\nSonst könnte doch seit fünfzig Jahren komi-\nschen Blättchen wie dieser „Kölnischen Zeitung\"\ndas Handwerk gelegt sein.\nUtrecht, 23. Oktober 1912\nNachwort: Soeben erfahre ich, daß die\n„Kölnische Zeitung\" im Jahre 1833 ernsthaft gegen\nStraßenbeleuchtung protestierte mit der Begrün-\ndung, daß erstens Gott Nacht und Tag geschieden\nhätte und zweitens, daß Straßenbeleuchtung die\nöffentliche Sittlichkeit gefährden würde.\nMan sieht, auch bei der Erleuchtung bleibt die\n„Kölnische Zeitung\" konsequent.\n\nDie gesunde Kunst\nRaoul Hausmann\n„Einer unserer ersten Bildhauer, der abseits\nder Tägesrnode Jahrzehnte in Rom lebte, und des-\nsen Name den Klang eines Meisters hat, gibt seine\nLebenserinnerungen und sagt Grundsätzliches über\nseine Kunst. Die Erinnerungen haben den beson-\nderen Wert, daß sie sich fast ausschließlich nur\nauf das Zusammenleben mit Hans von Marpes und\ndessen Persönlichkeit beziehen. Marees, dessen\nGröße heute unbestritten ist, ist noch als Mensch\nwenig bekannt. Darum sind die Erinnerungen\nVolkmanns von größtem Interesse für die Verehrer\nseiner Kunst. Wir haben, außer von Klinger,\nHildebrand und Thoma, noch keine Bücher, in\ndenen Künstler über ihr Schaffen reden. In diese\nLücke tritt jetzt Arthur Volkmann\" — so kündet\nEugen Diederichs Verlag an.\nIn Heft 7 des vierten Jahrgangs der „TAT\"\nschreibt Volkmann selbst: „Ein geistreicher Künst-\nler kann nur der sein, dessen Werke beim bloßen\nAusschauen verständlich werden\". Und er identi-\nfiziert sich mit dem Geist der Gesundheit, der\nVerständlichkeit, führt Goethe an: „Klassisch ist\ndas Gesunde, romantisch das Kranke!\" Marees\nist klassisch, denn er ist absolut gesund. Gesund,\nheiter und klar. Aber: „Heute schätzt man es\nwohl, wenn einer bestrebt ist, mit eigenen Augen\nzu sehen. Wenn die Darstellungen dann sonder-\nbar oder in irgend welcher Weise absurd sind, so\ndaß niemand sie recht versteht, (er schließt von\nsich) dann findet man das ehrlich und interessant,\nauch wohl genial\" Er versichert, daß er sich\nMarees nähere, „indem\" er sich nicht sklavisch\nan jedes seiner Worte halte; daß man ihn, den\nwahren Schüler Marees für einen bloßen Nach-\nahmer hielte, der der Beachtung nicht wert sei;\ner bejammert immer wieder die „nicht komponier-\nten\", „schlecht komponierten\" Bilder der Anderen,\nStarken, und möchte sie gern moralisch abmurk-\nsen, durch die Versicherung, daß sie Durchschnitts-'\nbefabungen seien, und daß seine Künsteleien viel\nmehr an Zeit und Geld erforderten.\n„Der höchste Stil kommt der Natur am näch-\nsten\" sagte Marees; „In der Kunst kommt es in\nerster Linie darauf an, daß einer etwas zu sagen\nhat\" und „Das Kunstwerk soll nicht auffällig sein\"\nmeint Volkmarin. Er selbst hat nichts zu sagen.\nEr spricht zwar immer wieder vom „Erlebnis\",\nzu dem es ihn, den echten Schüler, der so viele\nSinneseindrücke aufnahm, „drängt\" — aber seine\nausdrucklos gräzisierenden Naturstudien sprechen\ngegen ihn, gegen sein Erleben — „selbstverständ-\nlich und unauffällig\" hat man keine Erlebnisse.\nEs war einer ganz gesund, ganz normal; er\nsetzte sich hin und machte Kunst,- unauffällig und\nselbstverständlich. So unauffällig, daß wir an-\ndern garnichts davon merkten, Herr Volkmann!\n\nAnmerkungen\nVon Albert Ehrensten\nEine neue Sorte von Schmierern wirtschaftet\nab. Ich könnte diese polnische Wirtschaft ruhig\nweiter ignorieren. Aber warum soll man sich ge-\nlegentlich nicht auch über Apfelmus-— imbezilles\nApfelmus — äußern?\n• -/Wenn jemand, beispielsweise eine alte Jüdin,\nin ihrem Hausierhandel mit irgendwelchen alten\nHosen so erfolgreich war, daß sie .einen -Literatur-\n- agenten und Meinungshändler erhalten, kann, so\ngibt das diesem reaktionären Demokratin. und\nCarabentier noch nicht -das Recht, .sich. an. Män-\nnern zu reiben, die-nicht geatzt werden,... ...\nIch hasse billige Exotismen — besonders wenn\nsie kopiert sind. Ein Fichtenbaum träumte von\neiner Palme. Hierauf sehnte sich der Esel Ku. H.\nso heftig nach einem Gnu, daß diesem Wunsch-\ntraum ein Lesekränzchen entsprang. Später ver-\nwandelte sich der Esel in einen Tölpel, der von\neinem Kondor träumte. Das Resultat war das\nManifest eines Paniakeii.\nWenn ein gewisser Aktionär schon so weit\nwäre, sich für ein Schwein zu halten, würde er\nsich noch immer einen Tapir nennen.\nDie Tiere werden immer gelehriger. Ein Hund,\nder mir zutraulich-zudringlich nachlief, ließ erst\nab, als ich ihm in der wohlwollendsten Weise\nauf den rudimentären Schwanz trat. Seither\nheult er jedes Mal, so oft er meinen Namen in\neinem Blatte erblickt. Und winselt masochistisch,\n*\nich hätte seit meinem ersten Auftreten eine anfangs\nsachlich und übrigens auch persönlich vollkommen\nungerechte Gehässigkeit gegen ihn produziert.\nEinen subalternen Interpunktionär, Schöpfer\netlicher Einleitungen und anderer minderwertiger\nI-punkte, der „literarisch\" davon lebt, daß er die\nEinleitungen -zu den Dichtungen anderer schreibt,\nnicht geben, sondern nur herausgeben kann —\nnenne ich einen Kritikastraten. Wenn sich aus\neiner Wanze, Blattwanze eine Lantze entwickelt\ndie im Lantzieren und Abtreiben von Besprechun-\ngen den Rekord hält, so nennt sich das -— „Welt-\nverbesserich\"., '\nIch kenne einen begabten Koofmich. Eine Ak-\ntion für beschleunigte Gnukotverwertung hat er\nbereits gegen sich eingeleitet. Da er — seinen\nBriefpubiikationen, Essays, Gedichten nach — ein\nflotter Korrespondent, perfekter Glossist und aus-\ngezeichneter Kontorist ist, will ich ein übriges\ntun, und ihn auch noch an die Kon dor fahr rad-\nwerke empfehlen.\nFür den dreißigjährigen Krieg mache ich nicht\ndie Städte Braunau und Klostergrab verantwort-\nlich, sondern Jesus Christus. Für das Vorhanden-\nsein von Literatlirhändlern, Neocafethikern, Neo-\npamphletisten und Neokrakeelern vom Schlage der\nKu. Hiller mache ich nicht den roten Zeitungskell-\nner des C. d. W„ der noch immer keine Kondor-\nkritik geschrieben hat, verantwortlich, sondern\ndas Ausdermodekommen des Talmudstudiums.\nEiner nannte sich „Hiller\". Das klingt wie ein\nimpertinenter Komparativ von Hille,. Peter Hille\nist aber ein außerordentlich unregelmäßig ge-\nbildeter Superlativ von Kot. Denn außer Hiller\nschreibt niemand in Deutschland - Oesterreich\nelendere Gedichte als Hiller.\nWenn ein Atom Fett ansetzt, ein Schiebetänzer\ngleißnerisch den . Moralre.aktionär .spielt, .stinkt das\nwie die glpssogenje Defäktion eines Gnuweibchens.\nEine .Propagatrice hat uns gefehlt. Und ihre .fort-\n' ' \" ..V\ngeschrittene Pubertätslyrik.\nDafür, daß der Buchmacher'wochentags jahr-\naus, jahrein seihe erheuchelte, bewußt verlogene\nBegeisterü'ngsfähigkeit spielen' laßt, darf dies;er\n'kleine Klaus mit der erborgten' Peitsche knal-\nlend, glückstrahlend einen Söhntag in der Ewig-\nkeit schmunzelnd grinsen, \"' prahlen: „Hi!' Alle\nmeine * 'Werke !\":':';Züf ' Belohhuhg1'\" darf •* er 'in\ngfossenfreifeh 'Stuhd-en eihfen: Drachen, einen\npäpiefeneri:' vVKöridör;' ' 'drei - Meter •; über • 'sieh"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "207", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.11", "texte": "kiaftern lassen. Nach seine rn Werk ge-\nfragt, wird „er\" am jüngsten Tag mit seiner\nspitzen, dämlich dünnen Kritikastratenstimme säu-\nseln müssen: „Ich war etlicher Nachtigallen Ein-\nleitefrouwe.\"\nWomit eine Einleitefrau im Kabinett beschäf-\ntigt ist? Sie wischt ab, sie leitet ein — nämlich\nWasser — man hört dies Wasser diezen und wie\nsie sich freut, wenn einer zusammendrängt. Aber\nihr hättet so eine gute, alte Abortfrau früher ken-\nnen sollen, als sie noch nicht Pseudonym, sondern\netwa unter dem ehrlichen Mädchennamen Kitty\nlebte. Ach, reizendes Kittychen, das waren herr-\nliche Zeiten. Sie war soooo kitzlich. („Deine\nWeste, fahler Maler, küßt mich sehr,\")\nlieh bin nicht Agrarier genug, das dumpfe Zu-\nfeideziehen eines Ochsen würdigen zu können.\nNoch ferner liegt mir ein Rarissimum: Pubertäts-\nlyrik einer Einleitefrau.\nAls Heym starb, begann ein Hiller auf seine\nArt zu trauern. Dieser wahrheitsliebende Grup-\npenarangeur, dem das „subtile Nachrechnen von\nFörderungen einigermaßen gegen den Strich geht\",\nfragte bei dem Verfasser eines Heymnachrufs an,\nwarum er, Ku. Hilier, darin nicht als Propagator\nHeyms genannt worden sei. Da ist das subtile\nNachrechnen von Förderungen unter den Strich\ngegangen.\nErwähnt werden wollen! Daß es eine wahn-\nsinnige Leichenschändung ist, über den Leib eines\nToten in ein Blatt eindringen zu wollen, sollte so-\ngar ein fiteraturpolitischer Maulwurf zugeben.\nWenn ein Manager und Impresario mit Lite-\nraturallüren eine Besprechungsgenossenschaft\ngründet, kann dafür nicht seine Beschränktheit\nhaften, sondern die Lässigkeit jener, die den Maul-\nwerksburschen nicht schon längst ins Kommerzi-\nelle abgeschoben haben»\nWenn eine Fliege Pollak bei der andern liest,\nfallen seit jeher beide in mein Tintenfaß, und' ich\nhabe nur mehr den Duft ihrer Verwesung zu re-\ngistrieren.\nDaß die Giftschlangen den Menschen Gehässig-\nkeit vorwerfen, ist ein starkes Stück!\nEin zänkischer Stänkerer, mit einem totgebo-\nrenen Juristendeutsch vorbestraft, ist noch kein\nPolemiker. Sondern eine „Intellektualkröte\".\nGoethe erwartet einen Angriff der Ku. Hiller.\nDer alte Frankfurter hatte nämlich die Frechheit,\nvon „Adler und Taube\" zu reden, statt anzu-\nheben: „Ein Kontorsjüngel hob die Flegel nach\nRaub aus\".\nWer das Krankheitsbild der Hysterikerin kennt,\nweiß, daß sie auf meine sachgemäße Behandlung\nmit lügnerischen Verdrehungen, Denunziationen,\nVerleumdungen und Halluzinationen antworten\nmuß.\n\nGabriel Sehillings\nFlucht an die Oeffentlichkeit\nAlfred Döblin\nHoraz Menschenkenner, Bücherkenner; siehe:\n„Poem ruhe sanft sieben Jahre im Schreibtisch.\"\nSchilling angeblich erst sechs; fehlt aber nicht nur\neins.\nSchlimm. Wozu? Hauptmann-Jubiläum schon\ngenug Oeffentlichkeit; Lauchstädt vielleicht erlaubt.\n— so Goethe, Weihe, oh rühre, rühre nicht daran;\nbekannter Drehrum. Eruptive Ausrufe eines belei-\ndigten, bauchgetretenen Hauptmannfreundes: „Schil-\nling4' platt, imitiert, charakterlos, „Stümmung\" und\nweiter nüscht. Nee, mach ich nicht mit. 1s mir zu\ndumm, würklich, nassiv dumm; und noch in fünf\nAkten. Is keine Kritik? Macht nüscht; is aber\nrichtig. CommenQons, fangen wir los.\nDie Sache bei Hauptmann bereits bekannt; „At-\nlantis\" Roman im schlechtest möglichen Deutsch,\nRekord in Buchstil alten Genres, unreife Angelegen-\nheit trotz Jubiläum. Nee, mein Herr, fünfzig Jahre\nentschuldigen keinen schlechten Satzbau; da kön-\nnen Sie bis zweihundert alt werden for mir. Cete-\nrum feiner Stoff, solides Milieu, ab und zu ein\nMenscheneingeweide; mißlungen durch Lyrik,\n„Stümmung\", wie man zu sagen pflegt: Einer hat\ngenug — egal wovon — jedenfalls totalemente total\ngenug, Flucht, sagen wir Amerika, oder mehr dicht\ndran, so etwa Ostsee, Krisis da, dann im Roman\nder tragische Ausgang einer Verlobung, im Drama\nBühnenklamauk, Sturm, vorbeigeratenes Fieber-\ndelirium, vergnügter Sprung ins Wasser zu allsei-\ntiger Befriedigung. Man hat immer von irgendwas\ngenug, bis da hinauf, kann es Hauptmann nach-\nfühlen. Man möchte sich das Leben nehmen und\nzur Verlobung greifen. Wen geht's wras an? Mir\nnich. Is mir schon janz andres passiert; zum Bei-\nspiel neulich falsche Garderobenmarke.\nSchilling ne solide gut eingeführte deutsche\nMarke. Wie heißt doch der Kerl beim alten Goethe?\nNicht Kleopatra, so ähnlich — Orestes. Gehetzt\n— egal wovon — totalemente Flucht, wegen Stil-\ngefühls nicht Amerika, sondern Tempel,\" gutgera-\ntenes Delirium, Heilung ohne Badeeinrichtung und\nKaltwasserheizung. Na also, bemerkt der Ge-\nnießer, es jeht auch so.\nWo liegt nun der Hund begraben? Bei „Schil-\nling\" endloses Gequassele, allgemeine Art, von\neiner Witz- und Gedankenlosigkeit: — unüber-\ntreffbar. Er will Lyrik, Erhebung, Geist, direkt\nJeist, und es jeht nich, von wegen er kann nicii;\ner konnte das noch nie: warum also mit einmal?\nDabei geht Charakteristik flöten, die er kann: die\neinzige Tragödie in der Geschichte. Demgemäß\nund zufolge: da liegt der Hund begraben.\nThema. Einer hat bis da genug, weil ihn zwei\nWeiber wirklich weiblichen Geschlechts um die\nEcke zu lieben willens und bereit sind. Der unge-\nheure, atemhemmende Schatten Strindbergs fällt\nhierher. Zu schwerer Konkurrenz: mit dummem\nGepappel kommt man um die Sache bei uns, bei\nuns nicht herum. Der Schreibtisch, Schatulle zahm,\nsechs Jahre, sechzig Jahre, sechshundert Jahre;\nwir grinsen, suchen richtige Garderobenmarke.\nDiese beide Weiber kennen wir schon schon;\naber, wie man zu sagen pflegt: „Aujust, wie haben\nse dir jebufft\". Das Zentrum des Stückes: ist er\nein Schlappschwanz oder ist er kein Schlapp-\nschwanz? Er ist kein Schlappschwanz, sondern\nein Ladenhüter von Wandischirm, hinter dem\nHauptmann hörbar monologisch sich produziert.\nIch habe kein Mitleid mit Wandschirmen, selbst\nwenn sie am „Mööre\" wandeln. Und Hauptmann\nipse: was und wen geht er was an — wegen das\nbischen Geburtstag? Bekenntnisse an sich, dumm;\ndies Bekenntnis wulgär, peinlich; Vortrag salopp,\nölig, transusig; Atrappe von „Möör\", Kirchhof\nmachen den Kohl ooch nicht fett.\nSchlimme schwache Stunde des verehrten Mei-\nsters. Eine deutsche Größe; Recht auf solche\nStunden sei ihm unbestritten. Kanns sich leisten.\nSchwamm drüber.\nDas langweilige Stück in trostlosem Spiet\nTheaterzettel verloren, sonst wehe den schlimmen\nDilettanten da im Lessingtheater. Schilling, Pro-\nfessor, Gemahlin Schilling — nicht gedacht soll\nihrer werden — Theaterzettel verloren. Er Imi-\ntation Bassermann, sie Imitation Else Lehmann;\nder Professor keine Imitation: so was weder vor-\nnoch nachahmbar. Lessingtheater, man höre, Les-\nsingtheater.\nSchöne Bescherung für Hauptmann.\n\nEmpfohlene Bücher\nOskar B a u m\nDie Memoiren der Frau Marianne Rollberg /\nbekannt durch den Prozeß mit dem Polizeikom-\nmtssar Fröderer\nUferdasein / Abenteuer und Tägliches aus dem\nBlindenleben von heute\nDas Leben im Dunkeln / Roman\nAxel Juncker Verlag / Berlin-Charlottenburg\nFranz Jung\nDas Trottelbuch\nTheodor Gerstenberg Verlag Leipzig 1912\nPaulScheerbart\nAstrale Novelletten\nMünchen / Verlag Georg Müller\nZweite Auflage 4\nDas große Licht / Ein Münchhausen-Brevier\nLeipzig / Verlag Dr. Sally Rabinowitz\nCharles Vildrac\nD6couvertes\nParis / La Nouivelle Revue Frangaise\nmm\nRouveyre 4\nParisiennes / Dessins 112\nAvec une preface de Remy de Oonrmont\nLeipzig 1912 / Ernst Rowohlt Verlag\nElse Lasker -Schüler\nHebräische Balladen\nBerlin-Wilmersdorf / A. R. Meyer Verlag\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHerwarth Waiden / Berlin W 9"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "208", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-01.1.12", "texte": "Jis werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vor\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durete\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag'\nder Sturm Berlin W 9 und durch G r a p h i % c he«\nKabinett, J, B. Neu mann, Charlottsnhurg. Kur-\nfürst endamm 33\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sieh der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nDruck von Carl Hause / Berlin SO 24\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nBerlin W / Konigio Augustastraße 51\ngegeniiber der von der Heydtstraße\nFahrgelegenheit; Liitzowplatz\nAchte Ausstellung\nDie Pathetiker\nLudwig Meidner / Jakob Stelnfiardt / RlcStard\nJantfoisr\nVom zweiten bis fiirifzehnten November\nNeunte Ausstellung\nJan Gauguin\nCam pen clonk / Segal\nVom seohzehnten bis dreißigsten November\nGeoff net taglich von 10—6 Ulir / Somitags von\nI®—2 Uhr\nZehnte Ausstellung\nDie Neue Sezession\nVom 1. Dezember bis 31. Dezember\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W 9 Pots dam er Straße 18\nFernruf Amt Liitzow 4443\nZeitschrift der Sturm\nDauerbezug\nGewohnliche Ausgabe: Fur Deutschland\nund Ocsterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nnummer 40 Pfennig X Fiir das Ausland bei\ndirekterZustellung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenurnmer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Excm-\nplare auf holzfreiem Papier, Vcr-\nsendung in Roll en direkt durch di e\nPost fiir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn : Em Jahr 12 Mark /\nEin Haibjahr 6 Mark X Fiir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Haibjahr 9 francs / Yon\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nnummern unci Probenummern nicht abgegeben\nDer Sturm; Erster Jahrgang, Nummer 1-56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm Ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\nchurch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken und Straßeiist&nden\nauf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge~\nwunscht wird, bitten wir den Bet r a g fiir den\nDaaerbezug bei der Bcste i 1 un g oder bei\nBeg i n n de s neu en Viertel j a hr e s bis\nzum z eh nt en d e s ersten Monats einzu-\nsenden / Andernfalls nehmen wir an, daß E i n -\nzieh un g des Betrages durch Nachnahme\n\nmiter Berechnung ties Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird\nSonderdrucke\nMax Pechsteka: Die Erle g un g des Fest-\nbratens / Originalholzschnitt / Auf Nuinmer 9*4\nder Zeitschrift Der Sturm sincl eln h un dert\nExemplare vom Kiinstler in it der Hand aquarel-\nliert, sign) irt and numeriert / Das Exemplar\n5 Mark\nFranz Marc: Vers 6hn un g 112 Originalholz-\nschnitt I 15 Exemplare vom Kiinstler auf Japan-\npapier handgedruckt, signiert und numeriert / Das\nExemplar 40 Mark / Ti e r lege n d e / Pfe r d e\n/ Tig e r / Originalholzschnitte I je 10 Exemplare\nvom Kiinstler auf Japanpajpier handgedruckt. si-\ngniert und numeriert / Das Exemplar 40 Mark\nRichter-Berlin: Landschaft mit hollandischer Muhle\n1 Landschaft mit Bockmuhle / Landschaft mit Bahn-\nw&rterhauschen / Landschaft mit Kindern / ie fiinf-\nzehn signierte und numerierte Exemplare auf Ja-\npanpapier / Das Exemplar 25 Mark\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande IM /\nje fiinfzehn signierte und numerierte Exemplare /\nDas Exemplar 20 Mark\nH. Campeedonk: Originalholzschnitt [Nummer 131]\nzwolf signierte und numerierte Exemplare / Das\nExemplar 25 Mark\nOskar Kokosehka: Flak a t ffir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nJe ein Exemplar ist standig ausgestellt im Graphischen\nKabinett, Kurfurstendamm 33\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Ar no Ho 1 z / Fiir Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark\nKuristlerpostkarten\nFuturisten: 1 / Umber t o Bocci on i: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht / Zug in voller Eahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose Tanzerin / Pan-\nPan Tanz X Lichtdrucke: Das Exemplar\n20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab-\nschied / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in veller Eahrt / Gino Severini:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose T&nzerin X Clich6-\ndrucke: Das Exemplar 20 Pfennig\n\nZeitschriften\nr\nDie Aufnahme crfolgt kostenlos nach freiem Ermessen\nder Redaktion dieser Zeitschrift\nDie Fackel / Herausgeber: Karl Kr.au s. / <£1-\nscheint in zwangloser Folge. Die Fackel enthilt\nnur Beitrage von Karl Kraus. Neueste Mummer\n360—362. Preis dieser dreifachen Nuirumer\n75 Pfennig / Verlag Die Fackel / Wien Ifl/2\nLTffort Libre / frfiher L'Effort / -Monatsschrift-J\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vie nnel ~\n/ Halbmonatsschrift •\"/ Kiinste /\nKnltur / Philosophic / Politik 7 Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rlie Jacob'\nLes Marges / Monatsschrift [Pans 5 rue Chapta!\nLa Nowvelle Revue Francis© / Monatssebritt' /\n'Verlag- Marcel Riviere et Cle / Paris / 1 Rue\nSaint-Benoit / Nummer i Francs 50 eentfttfek 11 '1\n/; f'>•Vl I > •; ■ ■ ' '' - .. • ; ' \\ •\njUjf., Cafijerg:.dtt.Centre fAliier], t\n\nAnzeigen\n\nNeste Kunst .11 an s Go 11 z Miincli e b , Od e-\nonsp 1 a t z 1 / Van Gogh bis Kandinsky / Die\nGraphische Ausstellung e nth Sit zurzeit Brang-\nwyn I Hodler / Liebermann / Munch ./\nSchmutzer / Slevogt I Zoir / Z-orn I and\nandere / Ilhistrierter Katalog der ersten Aus-\nstellung 50 Pfennig / Sammler wollen rnir ihre\nWiinsche stets iibermitteln / Auswahlsemlungeii.\nbereitwillig\nDer Neue Kunstsaion / Dr. Pais! Ferdinand Schmidt\nund Max Dietze I / Miinchen / Koniginstraße 44\n(Trambahn: Leopokl-Franz-Joseph-Straße) Expres-\nsionisten: Gem aide, Plastik / Graphik und Kunst-\ngewerbe der neuen Kunst / Monatlich wechselnde\nKollektivausstellung. Erftffnet am 3. November mit\neiner großen Nolde-Ausstellung. Gauguin, Picasso,\nRousseau, Rodin, Matisse etc.\nNeue Secession / Berlin / Eingetragener Verei»\nPass iv e Mi tg-1 ied e r der Neuen Secession\nerhalten jahrlich i / rnehrere graphische Arbeiten\n2 / die Zeitschrift Der Sturm frei zugestetlt 3 /\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark.\nG esch&ftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, Miquelstraße 7a. Fernruf Arnt Stegiitz 269#\nGraphisclies Kabinett Bucb- und Kunsthandiung I\nBerlin W 15, Kurfiirstendamrn 33, Eingang Grol-\nmanstraße / Eckhaus / Fernruf Arnt Steinplatz\n14297 / Der Inhaber des Graphischeo Kabinettj.\nJ. B. Neumann eroffnet in der Schillerstraße 6 (am\nKnie) eine Ausstellung fur die neue MaiereL In ihr\nsollen ausschließlich Werke jiingerer Kunstler ge-\nzeigt we r den\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer Straße 27 b / Fernruf Arnt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wer.tvolle und seltene Biicher\nieder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und1\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung / Oktober-\nausstellung: Alfred Kubin und sein Werk\nPaul Graupe / Antiquariat / Berlin W35 / Soeber?\nerscbien Katalog 62 Moderne Literatur / Neuaus-\ngaben / Liixusdriicke\nReoE und Pollack / und Aniiqua-\nrfat /. Potsdam'erstraße 11.8 c. Pern spree her Anif\nLiitzow 2829 / draphiscbes Kabinett der Neueii\nSezession ,/ Vorlesungen liber moderne und bitch-\ngewerbliehe ,Thetae.tu'/ Eintritt fnei.f\nerbeten /iStMndige' Ausstellung- •tfotf L.irxHsaiisgab«fri\nin ansnindischer 'Literatur i aov\nFritz Merker Charlottenburg, Schiller sir aBe_\nFernruf Arnt Steinplatz 8397. Passepartoiit-\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Auf-\nzieheri vion :Zekhni!ingen Moderne BucheinMnde\nTitaKla-SclireibiMascliisie ,/' Erste deutsehe Schreib-\nmaschine ?rnit auf\nFabriicai\" der Aktieng'esellschaft Mix '&\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fiir Berfe\nund die Mark Brandenburg: Louis Staegeii,\nLinkstraße 12. Telefon: Ami Kurfiirst 2425"}]}