{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-11-02", "volume": "bmtnabg_1912-11_02", "ocr_sha256": "c4ef5d52d2f3588bfdecc8aac44647eae7f5a524fea5d7e7b4dca6cac21b35b6", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/11_02/bmtnabg_1912-11_02.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/11_02/bmtnabg_1912-11_02.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-02-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_02#c001", "volume": "bmtnabg_1912-11_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "209", "page_fin": "209", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.1", "debut_caractere": 279, "fin_caractere_exclue": 692, "texte": "Inhalt:\nPaul Hatvani: Spracherotik / Karl Borromäus Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden / Roman / Peter Scher: Bankrotts Erlebnis / Paul\nZech: Sackträgerin / Hermann Wagner: Die rote Flamme / Rudolf Kurtz: Futuristische Dichtungen / Curt Seidel-Turin: Deutsche Romane / Joseph\nAdler: Die Literatur in Trauer / G. 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Aber die Sprache kommt zu kurz.\nWohl glaubt man zu wissen, daß es Worte gibt\nund man sich bei jedem Wrort etwas denken\nmüsse . . aber man ist jedesmal sehr entrüstet,\nwenn man erfahren hat, daß das Wrort auf die Ge-\ndanken seiner Erzeugers verzichtend, sich sein\nTeil selber denkt. Und zwischen Endlichkeit und\nUnendlichkeit hat das Wort Raum genug, um auf\ndie Mithilfe der Gedanken verzichten zu können.\nAber in der Gedankenlosigkeit der „wissenschaft-\nlich\" —- d. h. mechanistisch — gebildeten Hirne\nist kein Platz zum Spracherlebnis. Die Sprache\nist eine Grenzenlosigkeit, die sich durch Gedanken\nnicht beschränken läßt. Das Wort ist eine Grenze\nund von Wort zu Wort ist ein weiter Weg. Die\nWortbeziehungen, die man Grammatik nennt,\ndünken mir wie kaum erahnte Symbole einer\ntranszendenten Sprachlogik — oder der Logik\nüberhaupt —; eine neue Dimension der Gescheh-\nnisse baut sich auf, die Welt ist sprachlos, denn\nsie kann den Raum nicht finden, wo sich die\nSprache selbst erlebt. Die uralte Tatsache des\nSpracherlebens muß erst neu entdeckt werden, zu\neiner Zeit, wo auch neben der Bildnismalerei eine\nneue Kunst der Farben und Formen zu entstehen\nscheint.\nJedes Erlebnis ist erotisch und wird am Weib-\nlichein, — ein formloser Ausdruck einer Aus-\ndruckslosigkeit —, zum Problem des Schaffens.\nUnd der erlebende Künstler ist umso männ-\nlicher, je mehr er seine Umgebung, seine Ma-\nterie, den Raum seines Erlebens, das Dasein oder\ndie Welt, als „Weib\" empfindet. Größtes Erleben\nist höchste Männlichkeit und darum ist Gott,\nals Former und Gestalter einer formlosen Weib-\nlichkeit „Welt\" der absolute Mann, das Genie.\nDie Welt ist das Weib Gottes und seine Liebe\nist unser Leben.\nDen schaffenden Künstler bindet ein sexuelles\nVerhältnis zu seiner Materie und daher zur Welt\nüberhaupt; denn die Materie seiner Kunst ist für\nihn ein symbolisches Abbild der Welt. Der\nSprachkünstler muß die Sprache vorerst zertrüm-\nmern, den chaotischen Urzurstand, eine absolute\nHomogenität der Materie herstellen, damit das\nFormlose, das Weib daraus werde. Dann beginnt\nsein Werk. „Im Anfange schuf Gott den Himmel\nund die Erde . . . Und Gott sprach . . .\" Die\nGegensätze teilen sich, das Formlose bekommt In-\nhalt und das Inhaltlose Form, — und siehe, das\nWeib wird schwanger bei der Berührung des\nMannes. Klang und Kasus werden logisch wie\nalle Alliterationen und der Genitivus ist wie ein\nherrischer Ruf nach dem Besitz des Weibes. Die\nBedeutungen streiten um das Vorrecht des besten\nPlatzes und Alles will symphonisch in die Welt\ndringen, liebend und siegend, eine Welt für sich.\n„So sehr siegt die bloße Stellung, sei es der Krie-\nger, sei es der Sätze\".\nDer geniale Künstler — genial ist keine Rela-\ntion, sondern eine organische Eigenschaft — wird\nschöpferisch an seiner Welt, die er als Weib fühlt;\ndas Material seiner Kunst aber muß ihm die Welt\nersetze n. Der Schriftsteller muß in der Sprache\ndas Weib entdecken können und alle Phantasie,\ndie er zur Zeugung seiner Werke nötig hat, muß\neine Indukation der Sprache sein.\nDie Sexualität des Künstlers muß einen Um-\nweg gehen: sie führt vom Weibe zur Kunst. Das\nWeib ist der Nullpunkt, auf den die Wertkoordi-\nnaten des Mannes bezogen werden; die Liebe zum\nWeibe aber ist die psychomotorische Kraft des\nMannes.\nDer Mann, ein Einzelner, Einsamer im Räume,\nkreist wie ein Planet um die Sonne der Weib-\nlichkeit; alle Frauen der Welt zusammengenom-\nmen bilden eine einzige Homogenität, Stützpunkt\nund Abgrund zugleich für die Monade „Mann\".\n... Die Sprache, die dem Gedanken dient, ist\nebenso ein Werkzeug, wie es die Gedanken sind,\ndie der Sprache dienen. Die Sprache des Künst-\nlers ist Eindruck und Ausdruck zugleich, sie ver-\nzichtet es, „Stimmungen44 zu beschreiben, da ihr\nlon allein schon imstande ist, sich von den Ver-\nstimmungen des Tonlosen zu unterscheiden.\n„Stimmung\" ist in der Sprache und nicht „zwischen\nden Zeilen\".\nEbenso ist „Stil\" — in der Baukunst z. B.\nimmer nur eine Ausrede für historische Plagiate,\nalso ein Deckmantel, die eigene Gedankenlosigkeit\nzu verbergen — ist Stil ein Plagigat der Sprache\nan den Gedanken. Die Sprache des Künstlers ist\nebenso wie das Weib Gottes stillos; denn „Stil44\nist die Differenziertheit des Mannes.\nWohl ist die Sprache Ausdrucksform; aber\neben das eignet sie dazu, ein Spiegel zu sein für\ndie Eitelkeit des Weibes „Welt\" und deshalb gibt\nes eine Sprachkunst. Kunst aber ist das ero-\ntische Verhältnis eines Mannes, — oder des\n„Männlichen44 —, zu einer Materie die die Eigen-\nschaften des Weiblichen hat: sie ist zwar homo-\ngen, ein Ganzes, besitzt aber die Fähigkeit, alle\nGestalt anzunehmen, ein Mimicry des Lebens, —\nein Weltembryo, das seines Schöpfers harrt.\nDas aber ist der Sinn der Welt: sie ist das\nWeib Gottes und seine Liebe ist unser Leben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-02-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_02#c004", "volume": "bmtnabg_1912-11_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "210", "page_fin": "212", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.2.4", "titre_corps": "Menschen von Gottes Gnaden : Aus den Bekenntuissen des Herrn Lieutenant Miéville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.", "titre_sommaire": "Menschen von Gottes Gnaden : Aus den Bekenntuissen des Herrn Lieutenant Miéville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.", "signature_source": "Karl Borromäus Heinrich", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.2", "debut_caractere": 4940, "fin_caractere_exclue": 9494, "texte": "Menschen von Gottes\nGnaden\nAus den Bekenntuissen des Herrn Lieutenant Mié-\nville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.\nVon Karl Borromäus Heinrich\nNach drei I agen schon hatte Baron Frangart\nein Schreiben des Geistlichen und der Anstalts-\nleitung bekommen, daß, in Anbetracht der glänzen-\nden Zukunft, die er dem Kinde „Nummer acht-\nzehn\" garantiert habe, gegen dessen Entlassung\naus dem Anstaltsverband nichts einzuwenden sei.\nBaron Frangart könne, vorausgesetzt, daß er\nschon etwelche Vorsorge für die Unterkunft ge-\ntroffen habe, den Knaben jederzeit sprechen und\nihn frühestens am Silvestertag abholen. Gleich\nnach Empfang dieses Briefes fuhr Baron Frangart\nzu einem guten Schneider und bestellte ihn für\nNachmittag in die Findlingsanstalt. Auch er selbst\ntraf um diese Zeit dort ein, um den auserwählten\nKnaben nun persönlich kennen zu lernen.\nEs war dies ein ziemlich kleiner, wie schon\nerzählt, schmächtiger magerer Junge. Seine Figur\nerschien noch durch den dicken plumpen Schul-\nlodenanzug, in dem er steckte, entstellt. Seine\nHände waren nicht häßlich. Sein Kopf hatte eine\neher breite als längliche Form (Schlagintweit — der\nden Jungen später kennen lernte -— behauptete*\ndaß diese Form seit dem Einfall der Hunnen, unter\nAtilla, in Bayern sehr häufig auftrete). Seine Augen\nwaren freilich grau, aber lebhaft; nur wenn ihn\nder Anstaltsleiter anredete, verschleierten sie sich\njeweils. Die Nase mochte für das Alter des Kna-\nben vielleicht zu groß erscheinen, aber das mußte\nsich mit der Zeit, wenn sich die Gesichtbildtmg\"\nfestigte, ausgleichen. Sein Mund gefiel Baron\nFrangart sehr: er war klein und zierlich, die Lip-\npen dünn und nicht ohne Linien. — Im ganzen\nstellte sein Aussehen Baron Frangart zufrieden;\nwas die semmelblonden Haare betraf, so mußte\nman sie wohl färben lassen; und die graue Ge-\nsichtsfarbe würde sich schon von selbst ändern,\n— nein, der Junge war nicht häßlich.\nIm Laufe des Gesprächs erwies er sich weder\nbesonders klug noch besonders schwerfällig. Am\nmerkwürdigsten schien Baron Frangart die un-\nunterbrochene gespannte Aufmerksamkeit, mit der\nder Junge ihn beim Sprechen ansah, seinen Bück\nbeobachtete und seine Gebärden verfolgte. Manch-\nmal überhörte er teilweise die Worte, die man\nsprach, indem er sichtlich zu sehr vom gesamten\nEindruck gefesselt war. Endlich fiel Baron Fran-\ngart auf, wie veränderlich sich seine Mienen zeig-\nten; auch die Haltung des Knaben stellte sich\ngegen Ende des Gesprächs schon ganz anders, viel\nstolzer und gemessener dar als zu Eingang. Mit\nFreude schloß Frangart daraus auf große Empfäng-\nlichkeit.\nAm Silvestertag gegen fünf Uhr nachmittags\nfuhr der junge Baron das zweite Mal am Find-\nlingshaus vor, um den Jungen „Nummer achtzehn4'\nabzuholen. Dieser trug jetzt seine neuen Kleider,\neinen breiten geränderten Liegkragen (in der Art,\nwie sie Baron Frangart als Kind getragen hatte),\nder den Hals ganz frei ließ. Der Gang des Knaben\nbot ein viel zierlicheres Bild als vordem; das\nmacht, er trug jetzt feinere Schuhe aus dünnem\nnachgiebigem Leder, die den Fuß nicht so be-\nschwerten wie die harten dreifach gesohlten Schul-\nStiefel. Nur mit den Armen und Händen schien er\nsich noch nicht recht zu helfen wissen; bald Ueft\ner sie ungeschickt hängen, bald steckte er sie\nplump in die Tasche. Aber auch das würde nocfa\ngut werden, versprach sich Baron Frangart.\n❖\nDer Knabe wohnte nun in der Briennerstraße\nbei Baron Frangart. Er hatte seinen eigenen jun-\ngen Diener, der ihm alle Handreichungen des Tages\ntat, die er sich noch vor wenigen Wochen selbst\ngetan hatte. Und für seinen Unterricht, der nicht\nmehr als zwölf Stunden wöchentlich Zeit weg-\nnahm, hatte Baron Frangart einen Lehrer bestellt.\nIn der Religion, den heiligen Geheimnissen, unter-\nwies ihn sein junger Erzieher selbst, teilweise\n— in den systematischen technischen Fragen —\nbesorgte dies ein Geistlicher.\nDer Knabe brauchte sich nicht vor neun Ufer\nmorgens zu erheben. Dann füllte ab zehn Uhr\nbis gegen Mittag der Unterricht seine Zeit ans,\nUm Mittag erst traf er Baron Frangart. Dieser\nließ ihn jeden zweiten Nachmittag allein, er konnte\nim Wagen spazieren fahren oder zu Hause sitzen\nund träumen, wie es ihm gerade einfiel. Die erste\nWoche aß Frangart mit ihm zu Hause, da er sicfe\nin dem so exklusiven Hotel (wo außer ihm nur\neinige Menschen der besten Gesellschaft speisten)\nnicht etwa, wenn der Junge schlecht äße, genieren\nwollte. Dieser aber hatte sich vermöge seiner\nganz außerordentlichen Beobachtungsgabe, von der\ner immerfort den regsten Gebrauch machte, schon\nin wenigen Tagen eine Baron Frangart übet*"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10593, "texte": "laschende Geschicklichkeit im manierlichen Essen\nerworben. Nach Ablauf der Woche aßen sie im\nHotel.\nEs war die Absicht Baron Frangarts, zunächst\nalle äußeren Veränderungen auf den Knaben\nwirken zu lassen; dieser sollte Zeit haben,\nalle Gesetze der Form, die ihn das ruhige\nBeispiel Baron Frangart selbst lehrte, in sich\naufzunehmen. Erst wenn er in der äußeren Form\nso gut wie vollkommen wäre, wollte Frangart in\nseine empfängliche Kindesseele jene Werte legen,\ndie seine eigene Kultur ausmachten; und zum\nSchlüsse erst wollte er gleichsam sich selbst auf\nden Knaben übertragen, indem er ihm einflößen\nwürde, sich für einen bevorzugten und durch Gottes\nGnade bevorrechteten Menschen zu halten; wovon\ner sich als Wirkung einen erhöhten Stolz, eine\nstrenge Selbstbeherrschung und Harmonie des\nWesens versprach; diese sollte dann wieder auf\neine nochmalige Veredlung der äußeren Form zu-\nrückwirken; dann mochte das verfeinerte Form-\ngefühl wieder den in die Seele gelegten neuen\nWertgefühlen Sicherheit verleihen; diese würden\nsolchermaßen seinem Glauben an eine priviligierte\nStellung die Berechtigung geben. Und so sollte\nsich dies alles in einem immer bestimmter werden-\nden Kreislauf der Verfeinerung immer von neuem\nabspielen .. . Und wenn der Knabe „Nummer\nachtzehn44 auf solche Weise, gleich einem immer\nfeiner geschliffenem Stein, in allen Teilen seines\nWesens streng und unverrückbar abgeglichen sein\nwürde . . . Dann, ja dann wollte er ihn nach dem\nSüden bringen, nach dem Schloß der Frangarts,\nnnd dort das Letzte, Höchste, was er, Fritz von\nFrangart besaß, unter der satten Sonne des Südens,\nrestlos und gerecht mit ihm teilen, — nämlich jenes\nreife edle satte von aller rohen Gier befreite Sich-\nselbstgenügen, das ihn jetzt, in einsamer Höhe, von\nden Menschen trennte . . . Dann, ach dann, würde\ne r auch nicht mehr einsam sein; er würde mit\neinem Gleichgestellten leben, den er sich selbst\ngeschaffen hatte, wie ein Meister mit seinem edel-\nsten Werk, wie ein Vater mit seinem Sohn; und\nsomit würde er dann auch das Werk der Liebe\nvollbracht, nämlich sich ganz und gar wegge-\nschenkt haben.\nJeden zweiten Tag, wenn Baron Frangart mit dem\nKnaben ausfuhr, zuerst im Hotel speiste, dann Ein-\nkäufe machte, um ihn mit dem Wert der Dinge und\nmit den wertvollen Dingen vertraut zu machen; ihn\ndann und wann, aber nur gelegentlich, um jede Er-\nmüdung zu vermeiden, vor ein schönes Bild führte;\nvor ein edel gebautes Haus und dann wieder vor\nein häßlich-modernes, — immer nur darauf bedacht,\nnichts zu predigen, sondern alles durch sich selbst\nwirken zu lassen; ihn auf streng, aber vornehm\ngekleidete Damen aufmerksam machte, und tein\nanderes Mal auf eine lasciv aufgeputzte Frau; ihn\neinen Akt von Carmen anhören ließ, und später\neinen halben von einer Oper der neuen Musik; mit\nihm in der Frauenkirche betete und ihn zu anderer\nZeit wie zufällig in eine neue Kirche führte; ihm ein\npaar Verse aus Goethes „Iphigenie44 vorlas, und ein\npaar Tage nachher eine Seite aus der „Jungfrau\nvon Orleans44 (oder gar aus dem monotonen un-\nmännlichen Versgewinsel irgendeines modernen\nLyrikers), — wenn er dies alles in seiner stillen\nnoblen Art tat, sah er gespannt auf das Mienen-\nspiel des Knaben, der seinerseits mit lebhaften\nAugen alles und ihn selbst verfolgte; und Baron\nFrangart war sehr zu frieden.\nDenn in der Tat schien der Junge große Fort-\nschritte zu machen; nicht, daß er in lebhaften\nWorten darüber geplaudert hätte — denn er sprach\nnicht viel, nach dem Beispiel seines Erziehers —,\naber seine Augen redeten, und sie redeten im\nSinne des Erziehers.\nSoweit ließ sich alles gut an. Der Knabe selbst\nfühlte sich nur an den Nachmittagen, die er allein\nzubrachte, zunächst sehr verlassen. Aber nach\nden ersten WTochen, wenn das Wetter nicht zum\nAusfahren einlud, saß er zufrieden in seinem Zim-\nmer. Er stellte sich vor den größten Spiegel, übte\nVerbeugungen ein, probierte Kopfhaltungen und\nkopierte, mit dem Talent eines seltenen Schauspie-\nlers, Gang, Redeweise und Benehmen des Baron\nFrangart!\nNichts war natürlicher und doch zugleich ab-\nstoßender als die Art, mit der dieser Junge vor dem\nSpiegel „Baron Frangart lernte44 (so nannte er es\nselbst). Und sein Geschick in dieser Schauspie-\nlerei war in der Tat vollendet; alle Aeußerlich-\nkeiten wurden in der kürzesten Zeit sein Eigentum.\nDenn: Die formale Gewandtheit dieses Knaben,\nan der sich Baron Frangart erfreute, sie war nichts\nanderes als ein Ergebnis seiner Beobachtungsgabe.\nMit dieser Beobachtungsgabe gelang es ihm auch,\nvor geistigen Erlebnissen stehend, Baron Frangart\nzu täuschen. Dieser suchte wie natürlich den Ein-\ndruck auf dem Gesicht des Knaben zu lesen; dieser\naber hatte ihn stets schon vorher mit einem nie\nmüden Instinkt in der Miene des Baron Frangart,\nso beherrscht diese auch sein mochte, gelesen, und\ngab sie nun auf seinem eigenen Gesicht richtig\nwieder. Daher kam die stetige Täuschung des Ba-\nron Frangart über seinen Zögling; wieviel dieser\ninnerlich in sich aufnahm, ließ sich nicht feststellen;\nvielleicht einiges, vielleicht nichts. — Jedenfalls\naber stand fest, daß er Baron Frangart durchaus\nnicht und in keinem Falle absichtlich täuschte.\n$\nIndessen nahte die Zeit, wo Baron Frangart\ndie Entschleierung seiner Illusionen erleben sollte.\nAnfang des März — also zwei Monate, nach-\ndem er den Knaben aufgenommen hatte — konnte\ner einem plötzlichen rauhen Wechsel der Witte-\nrung nicht widerstehen und fiel in schweres Fieber.\nEr bat Schlagintweit zu sich und vertraute ihm\nden Knaben an. Schlagintwreit, der mit seiner\nBraut nicht gerade sehr glücklich zu sein schien,\nwar während der letzten Zeit ein einziges Mai\nflüchtig zu ihm gekommen und' hatte dabei auch\nden Zögling des Baron Frangart kennen gelernt.\nEr sollte ihm nun in der Nähe seiner eigenen Woh-\nnung, vielleicht in einer guten Pension, eine Unter-\nkunft suchen und sich im übrigen mit ihm beschäf-\ntigen; Baron Frangart gab hm einige allgemeine\nErklärungen, wie er bisher mit dem Jungen um-\ngegangen sei, und er sollte auch von Schlagintweit\nso gehalten werden. Dieser erfüllte Frangarts\nWunsch in jeder Weise.\nDer junge Baron erhob sich nach vierzehn Ta-\ngen, trotz einer leichten Gehirnhautentzündung,\nwelche das Fieber begleitet hatte, vom Kranken-\nlager. Er schickte zu Schlagintweit und ließ ihm\nausrichten, er möge ihm den Knaben bringen. Sie\nkamen denn auch zusammen an. Der Knabe be-\ngrüßte den jungen Baron mit einer lauten Herz-\nlichkeit des Tones, die dieser an ihm nicht gewöhnt\nwar. Er hörte seinen Wortschwall erstaunt an.\n„Nun,44 fragte er ihn, „wie hat es dir bei Herrn\nSchlagintweit gefallen?44 — „Fein war's, Herr Ba-\nron, sehr fein.44 — „Anders wie bei mir?44 — „Ja\n. . . schließlich . . . mit dem Kirchengehen hat's\nder Herr Schlagintweit nicht so viel wie der Herr\nBaron . . . Aber fein war's . . .44\nBaron Frangarts Erstaunen wuchs. Das We-\nsen des Jungen schien ganz verändert zu sein.\nWessen Allüren waren dies nur? Ach richtig...\nDas war so die Art von Schlagintweit selbst, oder\nvielmehr eine gute Kopie davon. Jetzt der Ton-\nfall ... Und diese Bewegung, ganz genau wie\nbei Schlagintweit . . . Baron Frangart erzitterte\nheftig, als er solchermaßen den Schauspieler in\ndem Jungen erkannte.\n„Herr Baron, ist Ihnen vielleicht nicht ganz\nwohl?\" fragte der Junge, der ihn nach seiner Ge~\nwohnheit genau beobachtete, „da müssen wir halt\ndas Mädel rufen, damit sie Ihnen vielleicht ein Glas\nWasser bringt .. .\" Mit Bestürzung erinnerte sich\nBaron Frangart bei diesen Worten, wie schnell\nund wie gut der Junge vor zweieinhalb Monaten\nein dialektfreies Schriftdeutsch gelernt hatte. Und\njetzt . . . dieses Behagen an der Redeweise Schlag-\nintweits! Bei Schlagintweit selbst mochte Baron\nFrangart das gerne leiden, da war es original;\naber bei diesem Jungen, welche abstoßende, wenn\nauch genaue Kopie!\n„Nein!44 antwortete er abwehrend auf die Frage\ndes Jungen, „mir ist ganz wohl, ganz wTohl . .\n„Sag mal, Junge,44 fragte er ihn, „bei wem\nwürdest du jetzt lieber bleiben, bei Herrn Schlag-\nintweit oder bei mir?44\n„Ja, das kommt halt darauf an . . . Das weiß\nich gar nicht recht . . . Ich tu mich ja in alles\nhineinlernen, ich . .\nIn Baron Frangart jagten sich die unglücklich-\nsten Gedanken. Das war also der „niedrigste\nMensch44, an den er sich „wegschenken44 hatte\nwollen. Der niedrigste Mensch . . . Aber das war\ndoch gar kein Mensch, das war doch ein kleines\nTier mit Mimicry, dieser Junge . . . Und das Mi-\nmicry bestand eben in seinem Talent, sich in alles\n„hineinzulernen44, hineinzuspielen . . . Nein, wa-\nrum sollte er „das Werk der Liebe44 zu Ende brin-\ngen, wenn es dem Jungen doch nur eine Lern-\naufgabe auflud . . . Nein, nicht weiter .. . Sofort\nmußte ein Ende gemacht werden.\n„Ich möchte mit Ihnen sprechen, Schlagintweit/'\nbegann Baron Frangart nach einer Weile starrsten\nSchweigens, „gehen wir ins Zimmer nebenan!44\nEs geschah.\nBaron Frangart atmete tief und schmerzlich\nauf. „Schlagintweit!44 rief er endlich, „bitte, ret-\nten Sie mich, befreien Sie mich . . . vor diesem\nEcho, vor diesem Spiegel vor dieser wechselnden\nMaske, vor diesem Chamäleon! . . .\" Schlagint-\nweit schwieg bestürzt. „Ich dachte . . .4i wollte\ner erwidern . . . „Nein,44 unterbrach ihn der Ba-\nron, „ich habe mich schrecklich getäuscht, ich\nkann mich nicht wegschenken an ihn, er kann das\nGeschenk nicht tragen, es ist ihm zu schwer, es\nist alles zu schwer, alles, alles . . . Befreien Sie\nmich von ihm . . .!44\nSchlagintweit begriff nicht ganz, aber war so-\ngleich bereit, alles Mögliche zu tun. „Soll ich ihn\nermorden?44 schrie er laut, „soll ich ihn ins Gym-\nnasium stecken? Soll ich . . . Alles, was Sie\nwollen . . — „Ich danke Ihnen lebhaft, ich\ndanke Ihnen lebhaft,44 erwiderte der junge Baron\nmit schmerzlichem Lächeln, „es darf kosten, was\nes will, ich werde für seine Zukunft sorgen. — Er\nsoll es nicht entgelten, daß ich mich getäuscht habe.\nNichts wird mich reuen, aber Sie müssen ihn fort-\nbringen von hier, fort, ich kann ihn nicht mehr\nsehen, diesen armseligen Kopisten . . . Fort mit\nihm, nur fort!4' — „Er ist jetzt ein bißchen ver-\nwöhnt, der Junge,44 sagte Schlagintweit mitleidig,\n„aber das werden wir schon deichseln; hören\nSie, Herr Baron/4 schrie er — nun sein Mitleid\ndiesem zuwendend — „hören Sie, das ist in Ord-\nnung, das ist einfach erledigt, keine Sorge, ganz\nund gar erledigt, hören Sie doch, Herr Baron!44 —\n„Ich danke Ihnen nochmals, Schlagintweit,4' erwi-\nderte dieser in dumpfem Ton. Und er schrieb ihm\nfür alle Fälle (wenn z. B. Schlagintweit einmal\ngerade keine Möglichkeit mehr haben sollte, den\nJungen zu behüten) die Adresse des Pater Bona-\nventura in Ghamfort auf, um gleich im voraus"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1803, "texte": "wenigstens für die nächste Zeit alles geregelt zu\nhaben,\nLangsam fand der junge Baron diesmal seine\nBeherrschung wieder. Dann gingen sie ins andere\nZimmer, zu dem Jungen, hinüber. „Das ist jetzt\ndein Vater!44 — sagte Frangart, schmerzlich\nlächelnd, und wies auf Schlagintweit. Und sie ver-\nabschiedeten sich voneinander.\nGebrochen warf sich der junge Baron auf den\nDivan. Ein furchtbares innerliches Schluchzen er-\nschütterte seinen jugendlichen grazilen Körper. So\nlag er lange, Als er sich erhob, glühten seine hei-\nßen trockenen Augen in einem verderblichen Feuer.\n„Das war Mieville!\" flüsterte er vor sich hin, „das\nwar noch einmal der Schrei der Sehnsucht . . .\nAber der ist jetzt auch verklungen, ganz verklun-\ngen, erstorben, mit dem Werk der Liebe erstor-\nben ...\"\n*\nDieses Erlebnis, aus welchem Schlagintweit,\nder vielleicht einmal Erzieher werden wollte, die\npraktische Lehre zog: „Ich soll Kinder nicht zu\nmir, sondern zu ihnen selbst erziehen!\" war für\ndas Befinden des halbgenesenen Baron Frangart\nleider von den traurigsten Folgen begleitet. Die\nAufregung brachte ihm, dein die Ruhe Gewohnten,\ndas Fieber verstärkt zurück. Lange heiße Phan-\ntasien durchzogen quälend das erhitzte Gehirn des\nKranken.\nAls er einigermaßen gekräftigt war, beschloß\ner, nach dem Süden zu gehen, nach dem heimat-\nlichen Schloß, das er so lange, aus dunkelm Wider-\nstreben heraus, gemieden hatte.\nSchlagintweit, den er bat, in einem Monat,\nwenn er wieder mehr bei Kräften sei, dorthin\nnachzukommen und einige Wochen als sein Gast\nzu bleiben, erschrak vor seinem Wesen. Das war\nnicht mehr das strenge Ansichhalten eines in\nSelbstbeherrschung und im Schweigen geübten\nMenschen; es war schon eine unheimliche mar-\nternde Totenstille. Und dazu diese glühenden\nAugen . , . Schlagintweit verließ ihn mit tiefem\nKummer."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-02-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_02#c005", "volume": "bmtnabg_1912-11_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "212", "page_fin": "213", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.2.5", "titre_corps": "Bankroffts Erlebnis", "titre_sommaire": "Bankroffts Erlebnis", "signature_source": "Peter Scher", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.4", "debut_caractere": 1838, "fin_caractere_exclue": 9545, "texte": "Bankroffts Erlebnis\nVon Peter Scher\nAis Bankrott! die Allee zu seiner Wohnung hin-\nunterging, dachte er: Es ist ärgerlich, daß ich ge-\nrade heute diesen Unsinn von Satire zu Ende\nbringen muß!\nWie ist es doch? Ein Herr Y. hat sich bei einer\n— ich gebe es zu — bemerkenswerten Gemeinheit\nertappen lassen. Immerhin nur einer schlichten\nbürgerlichen Gemeinheit von ganz gewöhnlichem\nFormat, wie man deren hundert und etlichen be-\ngegnet, wenn man über die Straße geht. Aber er\nhat sich erwischen lassen. Und was tue ich, Ban-\nkrofft, Mitmensch und überlegener Zeitgenosse?\nIch verarbeite das Faktum dieses Reinfalls zu\neiner — Satire. Ich tue es, weil ich leben muß und,\nwenn ich es nicht täte, meinen alten Ueberzieher\nnoch ein Jahr länger tragen müßte.\nEr brannte sich eine Zigarette an. Der An-\nblick des bläulich zarten Rauches, der in einer\nsanften Schwenkung um seinen Kopf entglitt,\nbrachte ihn auf andere Gedanken. Er lächelte.\nUnd heute, vielleicht in diesem Augenblick, viel-\nleicht in einer Stunde wird es geschehen! Wie von\nungefähr aus dem Nichts wird eine kleine Seele\nerwachen. Ein dünnes, hilfloses Stimmchen wird\nsich in den Chorus der Lebensstimmen mischen.\nAus gesunden Lungen wird es mit hellen kräftigen\nSchreien den Triumph des Mysteriums der Geburt\nverkünden. Und in der ergreifenden Ahnungslosig-\nkeit dieser Lebensschreie wird der Dank an die\nMächte des starken Willens liegen, der es herbei-\ngesehnt hat.\nUnd er, Bankrofft, wird der Vater sein. In\nschweigender Seligkeit wird er, dessen Inbrunst\ndie Erfüllung des tiefsten Wunsches der Geliebten\nden Mächten abgerungen hat, an der geschlossenen\nTür vorüberschleichen. Und sein Herz wird still-\nstehen vor Glück, wenn ein helles Lachen von\nihrem Munde sich in das hilflos lustige Plärren des\nKindes mischt.\nDer andere aber, der Gatte, wird mit Vater-\nstolz die Glückwünsche der Freunde entgegenneh-\nmen, indes Bankrofft zu seiner armseligen Jung-\ngeseilenwohnung hinaufsteigt, um sich über einen\nHerrn Y. satirisch zu ergehen, dessen er bedurfte,\num zu einem neuen Winterüberzieher zu kommen.\nBankroffts Gesicht verzog sich. Plötzlich sah\ner auf.\nWas war das? Eine gedrungene alte Frau\nhastete mit hochrotem Gesicht, laut aufweinend\nund gestikulierend, die Allee herauf, ihm entgegen.\nSie rief in abgerissenen Sätzen die Entgegen-\nkommenden an, lauter fremde Menschen, die sich,\ngerührt von ihrem Schmerz, mit ihr einließen, um\nratlos, achselzuckend weiter zu gehen\nBankrofft blieb erstarrt stehen. In ihm sagte\neine Stimme: O Gott! O Gott! War das nicht die\nkleine dicke Frau, die ihn nicht leiden mochte, weil\ner einmal eine gemütlose Aeußerung über ihren\nHund getan haben sollte? Ihre Mutter!\nEr stürzte zu der alten Frau hin, ergriff ihre\nHände, sah ihr ins Gesicht. Sie schrie: „Wo ist\ndenn der Arzt? Wo ist er denn nur? Es geht zu\nEnde — oh, oh! Es ist ja schon vorbei!\" Sie\nstampfte in der Hilflosigkeit ihres Schmerzes mit\nden Füßen und biß in ihr Taschentuch.\nBankrofft war es, als würde vor seinem Gesicht\nein schwarzer Vorhang zugezogen, plötzlich, mit\neinem Ruck. Seine Hände waren kalt und zitter-\nten. Die alte Frau hielt seinen Arm umklammert. Er\nriß sich los und rannte ohne Besinnung in das\nZigarrengeschäft. Sein Hut war heruntergefallen;\ner merkte es nicht.\nIn dem Laden erwischte er das Telephonbuch,\nblätterte verzweifelt, rief einen Arzt an. Er\nmüsse sofort kommen, es koste, was es wolle.\nWie? Wieso? Jawohl, ein Automobil! Aber so-\nfort Gott sei ihm gnädig, wen er eine Sekunde\nzögere. Wie? Ja, ja!\nEr war so erschöpft, daß er sich am Ladentisch\nfesthalten mußte. Durch das Fenster sah er, wie\nsich Kinder und Frauen vor dem Hause sammelten.\nVor dem Hause, in dem sie — vielleicht schon\nnicht mehr war.\nEr ließ sich Zigarren geben, vergaß zu be-\nzahlen, rannte den Weg zurück und kam vor dem\nHause an, als im offnen Fenster ihrer Wohnung\neben, blaß und die Hände ringend, der Mann sicht-\nbar wurde.\nVor dem Hause standen im Halbkreise Er-\nwachsene und Kinder, mit offenen Mäulern,- ent-\nschlosssen, sich keine Einzelheit des Vorganges\nentgehen zu lassen.\nBankrofft brach sich wütend Bahn und stürzte\nins Haus. Hinter ihm fielen zwei Kinder hin und\nheulten; eine alte Frau schimpfte.\nDie Treppe herunter stolperte, wie ein Kind\nstammelnd und weinend, der Ehemann. Er knickte\nin die Knie, raffte sich mit einer schlotternden\nDrehung auf und sank, gerade vor Bankrofft,\nwieder zu Boden. Er hatte einen Revolver in der\nHand, den er ihm aufdrängte: „Nehmen Sie — ich\nweiß nicht, was ich tue — ich — ich fürchte mich!\"\nSeine Stimme brach kraftlos und verröchelte in\neinem weinerlichen Husten.\nBankrofft steckte den Revolver in die Tasche.\nEinen Augenblick sah er zu dem Manne nieder, der\nwie ein Haufen leerer Kleider vor ihm lag. Er\npreßte die Lippen zusammen, hob den Mann em-\npor. Es fuhr ihm durch den Kopf: Was ist mir\ndieser Mensch? Plötzlich standen ihm Tränen in\nden Augen. Er faßte den Kraftlosen fest unter den\nArm und fragte mit einer merkwürdig ruhigen\nStimme: „Ist es vorbei?\"\nDer Mann wußte keine Antwort. Er stotterte\nsinnlos vor sich hin, dann schrie er wieder gellend\nauf: „Mein Weib! Mein Weib!\"\nBankrofft erbebte vor Unwillen unter dem\nlauten Pathos dieses Schmerzes. Warum schrie\ndieser Mann: Mein Weib!\nEr begleitete ihn in die Wohnung, vor der sich\nin beklommener Neugier die Nachbarn aufgestellt\nhatten. Im Zimmer, in dem sie lag, war alles in\nVerwirrung. Die Hebamme, im weißen Kittel, mit\nhochrotem Gesicht, lief ratlos hin und her. Die\nkleine dicke Frau, die Bankrofft nicht leiden konnte,\nerfüllte den Raum mit dem rasenden Gebahren\nihres Schmerzes. Der Mann hockte mit abge-\nwandtem Gesicht auf einen Stuhl.\nAuf dem Bette lag die junge Frau — nackt,\nschmal, mit wächsernen Gliedern.\nBankrofft stand am Ende des Bettes.\nEinen Augenblick war es ganz still.\nAus dem Nebenzimmer kam ein leise gluck-\nsender Laut. Die Hebamme nahm Bankrofft, dessen\nstarre Ruhe ihr imponierte, beiseite. Er wischte\nsich über die Stirn und mit einem Mal — er wußte\nnicht wie es ihm kam und wurde sich dessen gar\nnicht bewußt — mußte er lächeln. Die Frau zeigte\nihm das Kind. W7ie ein winziges rotes Klümpchen\nlag es in seinem Korb und brummelte vor sich hin.\nAus Bankroffs Augen fiel eine Träne mitten in\ndas kleine Gesicht, das sich komisch verzog. Er\nlächelte abermals. Die Hebamme sah ihn vorwurfs-\nvoll an.\nEs klingelte. Der Arzt stürzte herein, warf seine\nSachen hin und befühlte die Tote. Alle schwiegen\natemlos; sogar die kleine dicke Frau weinte nicht\nmehr.\nDer Arzt verzog keine Miene. „Reiben —\nrasch reiben!\" kommandierte er. Bankrofft riß in\ngrößter Hast irgend etwas vom Kleiderhaken und\nfing an, die Beine der Toten krampfhaft zu reiben.\nDie anderen folgten seinem Beispiel. Einen Augen-\nblick war es, als ob sie alle dieses stumme ver-\nzweifelte Ringen um ein schon entflohenes Leben\neinte.\nNur der Mann hockte noch immer mit abge-\nwandtem Gesicht in der Ecke. Er ächzte dann und\nwann und wagte es nicht, nach ihr hinzusehen.\nBankrofft sah mit weit geöffneten Augen ge-\nradeaus.\nEr sah den Ehemann vor einem wächsernen\nBein mit nicht sehr gut gepflegten Zehen klagend\nauf dem Boden liegen, das Haar zerrauft und einen\nsäuerlichen Geruch wie von abgestandenem Bier\num sich verbreiten.\n„Dieses Bein gehörte mir!\" weinte er mit einer\nwunderlich glucksenden Stimme, „mir, mir — und\nnun ist es dahin!\" Die Stimme erstarb in einem\nheftigen Husten und Schnauben. Aber sie erhob\nsich von neuem zu gellender, anklagender Kraft:\n„Hatte ich es nicht rechtlich erworben? Hab ich\nes nicht gehegt und gepflegt? Und nun? Gott, o\nGott!\" Die Klagen erstarben in den Tiefen eines\nan Mund und Nase gepreßten Taschentuchs.\nBankrofft machte mit der Hand eine Geberde,\nals wollte er, lächelnd zwar, aber mit verstehender"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2050, "texte": "Gelassenheit, ei* Klägliches von mcb schiebe*.\nSeine Seele war wie ein Kristall. Es sprach in ihm\neine Stimme (und er sah mit heiteren Augen auf die\nTote nieder): Ja, nun erst bist du mir ganz und\nfür immer gewonnen, du kleine Mädchenseele, der\nich mit meiner großen Inbrunst den einzigen tiefen\nGedanken deines Lebens eingegeben habe! Sehn-\nsucht und Erfüllung — wo ist ein Anfang — wo ist\nEnde! Wie bin ich beglückt, daß ich dies alles er-\nleben durfte!\nDer Arzt machte mit jähem Ruck eine ab-\nwehrende Bewegung mit der Schulter und wie auf\nein gegebenes Zeichen brach die Verzweiflung von\nneuem wieder aus.\nDer Ehemann hatte sich erhoben, war schlep-\npend näher gekommen und fragte nun den Arzt,\nindem er immer bedacht war, der Toten den\nRücken zu kehren, mit tiefer feierlicher Stimme:\n„Herr Doktor, soll das heißen, daß ich ~~~ nichts\nmehr — zu hoffen habe?\"\nBankrofft wiegte den Kopf.\nEr stand noch einen Augenblick an ihrem Lager.\nIn ihm war ein tiefes, stilles Gleiten. Geliebte!\nsprach eine dunkle Stimme aus der Tiefe seiner\nSeele. Dann entfloh er dein lauten Schmerz, der\naufs neue um ihn zu wüten begann.\nAls er in seinem Zimmer war, fühlte er den Re-\nvolver in seiner Tasche. Er legte ihn vor sich auf\nden Tisch und lächelte.\nBis zum Morgen saß er rauchend und lesend am\nTische. In seinem Gesicht war ein Leuchten wie\naach einem großen Erlebnis. Er neigte dann und\nwann horchend den Kopf zur Seite. Er hörte das\nhilflose Stammeln eines Kindes und ein warmes\nhelles Frauenlachen.\nMit einem Mal fiel ihm die angefangene Satire\nein. Er ging mit großen Schritten auf und ab. Seine\nLippen bewegten sich.\nEr blieb den ganzen nächsten Tag in seinem\nZimmer. Als er am zweiten Tage morgens hin-\nunterging, um Briefe nach der Post zu bringen,\ntraf er den Ehemann mit einem glänzenden Zy-\nlinderhut und einem Flor um den Arm im Hause.\nEr nahm die Beileidsäußerungen der Nachbarn ent-\ngegen. Er war feierlich und vernichtet.\nBankrofft grüßte und ging schweigend an den\nLeuten vorbei. Niemand dankte ihm; alle sahen ihm\nverletzt, kopfschüttelnd nach."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-02-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_02#c006", "volume": "bmtnabg_1912-11_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "213", "page_fin": "213", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.2.6", "titre_corps": "Sackträgerin", "titre_sommaire": "Sackträgerin", "signature_source": "Antwerpener Impression ; Paul Zech", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.5", "debut_caractere": 2052, "fin_caractere_exclue": 3879, "texte": "Sackträgerin\nAntwerpener Impression\nPaul Zech\nI\nSie schwankte wie ein Rohr den Damm entlang,\nDer schwarzbevölkert war von Ausgesperrten:\nFrohnplagen, die an dumpfen Fesseln zerrten\ndran Glied um Glied wie schnödes Glas zersprang.\nSie bog das ungeschnürte Schenkelpaar\ndem Rhythmus zaghaft hingesetzter Schritte\nund tat behutsam, daß nicht niederglitte\ndie Last auf dem zurückgestrichnen Haar,\nDoch ihre Augen rissen die Gesichter\nder Tagelöhner wie zwei Fackeln auf\nund hinter den halboffnen Lippen stand\nihr rotes Herz wie zum Verkauf.\nUnd allen die geblendet waren vom Spiel der\nLichter,\nwarf sie es lachend in die offene Hand.\nII\nSie tanzte wie ein Stern den Damm entlang\nund so, daß Jeder Blick ihr folgen konnte,\nden sie im gleitenden Vorüberschwang\nzärtlich entzündete und grell besonnte.\nSie hielten all ihr rotes Herz umkrampft,\nbis der zermürbte Tag herunterbrannte;\ndann sind sie stumm ins Tal hinabgestampft\nwie Trunkene und wie Weitabgewandte.\nNur ein Blutjunger schlich In das Haus\nder Trägerin, auf daß sie nicht entrönne\nund auch kein anderer sie zuerst gewönne.\nEr blieb tiarin und liebte bis ein Strauß\nPurpurner Rosen alle Giebel krönte\nund trug ein Glück mit fort, das seinen Tag\nverschönte.\nIII\nSie riß den blauen Vorhang von den Scheibe«\nund schob den Riegel sacht ans den Verschluß,\nund ließ den Morgenwind in breitem Fluß\ndurch des Gemaches dumpfe Schwüle treibe».\nUnd ihre schmalen lustzerrissnen Lippen\ntranken den Morgenduft wie kühlen Wem;\ndoch ihr Gesicht blieb hart verschlossen wie\nGesteia\nund nur das Herz schlug heftig an die Rippen.\nSchlug noch den letzten Takt der Liebestänze,\ngetanzt mit dem Geliebten auf dem Pfühl\ndas nun dahin welkt wie zerpflückte Kränze.\nDann raffte sie die Kleider vom Gestühl\nund trug das Unversehrte ihrer Brüste\nunter der Last der Frohnen wiederum längst\nder Küste."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-02-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_02#c007", "volume": "bmtnabg_1912-11_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "213", "page_fin": "218", "image_debut": 5, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.2.7", "titre_corps": "Die rote Flamme", "titre_sommaire": "Die rote Flamme", "signature_source": "Hermann Wagner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.5", "debut_caractere": 3881, "fin_caractere_exclue": 8138, "texte": "Die rote Flamme\nVon Hermann Wagner\n\nIrgendeiner von denen, die alles wissen, hatte\nmir einmal den richtigen Namen der beiden Unzer-\ntrennlichen verraten.\nDer Dicke mit dem gutmütigen, stets rosigen\nVollmondgesicht und der riesigen, wie polierten\nGlatze hieß Joachim Richter, der Magere und\nBleichsüchtige, der immer wie ein Leichenbitter\naussah, Theodor Kruse.\nEs kannte sie nämlich ein jeder nur bei ihren\nVornamen und sprach von ihnen schlankweg als\nvom Herrn Joachim und Herrn Theobald.\nDie Art aber, wie man den Ton auf das „Herr\"\nzu legen pflegte, brachte deutlich zum Ausdruck,\nmit welchem Respekte man ihnen, bei aller Ver-\ntraulichkeit, begegnete. So würdig und ehrbar\nsahen sie aus, obwohl sie nur zwei alte minder-\nwertige Advokatenschreiber waren, die für das\nGeringfügige, das sie leisteten, eine Art Gnaden-\nbrot aßen.\nMan traf sie eigentlich sehr selten.\nSie lebten wie abgeschieden von der Welt, fast\neinsiedlerisch.\nGingen sie aber aus, dann konnte man darauf\nschwören, daß sie es gemeinsam taten.\nDer eine ohne den anderen war gar nicht denk-\nbar. Man hatte, wenn man sie einzeln sah, das\nöefühl einer Lücke. Als ob etwas nicht in Ord-\ning sei. Oberflächlich betrachtet, machten sie\nfreilich den trostloser? Eindruck von schlaffen Phi-\nlistern. Von Leuten, die dem ewigen Gestern leb-\nten, von Leuten ohne Leidenschaft und tiefere\nWünsche.\n•». •iv-.y\nOb auch sie je jung gewesen sein mochten!\nJung, mit Feuer in den Augen, strebend, handelnd,\ndraufgängerisch?\nDer Gedanke war absurd. War schlechterdings\n»cht auszudenken.\nJugend in den Fleischmassen des Herrn Jo-\nachim, 4er mit seinem Zuviel an Fett, seit man sich\nerinnern konnte, schon unter Atembeklemmung ge-\nstöhnt hatte! Oder gar in dem hageren, knöcher-\nnen Körper des Herrn Theobald, der wie mit gel-\nbem Pergament überzogen war und bei Jeder Be-\nwegung zu knarren schien, wie ein schlecht ge-\nölter Automat!\nUndenkbar.\nAber auch, daß die beiden alt werden könnten,\nso richtig alt, greisenhaft und gebrechlich, lag\ngleichsam außer dem Bereiche Jeder Wahrschein-\nlichkeit.\nDenn sie blieben sich stets gleich.\nWie alt sie in Wirklichkeit waren, wußte nie-\nmand 2u sagen. Wohl um die hohen Fünfziger her-\num. Tatsache war, daß sie sich in den zwanzig\nJahren, die sie nun, von irgendwoher draußen her-\neingeweht, in der kleinen Stadt lebten, so gut wie\ngar nicht verändert hatten.\nUnd das nicht nur in ihrem Aeußeren, ihrem\nKörper.\nAuch innerlich blieben sie noch zwei echte\nBiedermeier. Verharrten im Großen und Ganzen\nnoch auf jenem Niveau, zu dem sich die Klein-\nbürger des Städtchens, immer langsam und be-\ndächtig, etwa in den sechziger Jahren emporge-\nschwungen hatten.\nTrug man ihnen etwas Neues oder Großes zu,\ntaten sie immer sehr erstaunt und nahmen davon\nmit einem dünnen Lächeln Notiz, innerlich voller\nSkepsis und überzeugt, daß alles nur Humbug sei.\nSie verstanden das Neue nicht und wollten es\nnicht verstehen.\nWar es wirklich möglich, daß die Zeit an je-\nmand so spurlos vorüber gehen konnte?\nZweifelnd fragte sichs mancher und mußte\nschließlich einsehen, daß es so war.\nUnd hatte er nur einige Phantasie und tiefere\nEinsicht, dann entging ihm gewiß nicht der Zug\njener halb komischen, halb tragischen Romantik,\ndie wie ein Schleier um das Wesen der beiden\nFreunde geworben war: wie die Ueberbleibsel\neiner längst entschwundenen Zeit, einer Zeit, die\nsagen- und märchenhaft wirkt, sah er sie in das\nGetriebe des modernen Lebens hineinragen.\nAls Schreiber in der kleinen Kanzlei eines Pro-\nvinzadvokaten waren sie, wenn auch sehr unwahr-\nscheinlich, gerade noch möglich.\nAls Buchhalter oder Korrespondenten eines\nkaufmännischen Kontors, auch des kleinsten, wären\nsie schon unmöglich gewesen.\nDu lieber Gott, sie boten den jungen Leuten,\nderen Kollegen sie ja immerhin waren, sehr viele\nAngriffsflächen: sie waren zweifellos höchst ko-\nmische Figuren. Und nichts war leichter, als sie\nlächerlich zu machen. Ihr immer ernsthaftes, ge-\nmessenes Getue, die Wichtigkeit, mit der sie die\nnichtigsten Dinge behandelten, die langsame, ge-\nradezu peinlich ängstliche Art, wie sie mit ihren\naltmodischen Federkielen Seite auf Seite der gro-\nßen Foliobogen bekratzten, Bagatellklagen und\nMahnbriefe mit einer Exaktheit abschrieben, als\nhandle es sich mindestens um Staatsverträge —"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9885, "texte": "«Jas alles war, sdbsi im 4k Lehrmnse**\nBersten.\nAber da war ihre immense Bescheidenheit, ihre\nlächelnde Einfalt, ihr stilles nörgelloses Nachgeben\nin allen Dingen. Niemand wäre so roll gewesen,\nsich an ihnen zu reiben.\nMan bemerkte sie kaum in ihrer ruhigen, düste-\nren Ecke, in die der Doktor für sie eilten kleinen\nTisch hatte hinstellen lassen, mit zwei rohen kom-\npakten Stühlen, für die sie sich, um weicher zu\nsitzen, eigentümliche in grellen Farben geblümte\nPolster mitgebracht hatten.\nDort saßen sie nun seit Jahren.\nErschienen beide pünktlich um acht als die\nErsten und legten, wenn ihre Zeit gekommen war,\nauf die Minute die Feder weg, um den Arbeits-\nrock mit dem alten fadenscheinigen Fracke zu ver-\ntauschen.\nNeben diesen absonderlichen langschößigen\nFräcken bildeten noch ihre beiden steifen Hüte\neine Merkwürdigkeit. Sie waren von einer\nschmutziggrauen Färbung und hatten viel Aehn-\nHchkeit mit großen Nadhttöpfen.\nSchon dieser beiden Kleidungsstücke wegen\nwaren die Freunde, wenn sie durch die Gassen\nschritten, eine Sehenswürdigkeit.\nSie gingen immer sehr langsam und etwas\nsteif und sprachen nur wenig.\nAn schönen Sommertagen, nach Feierabend,\nkam es auch vor, daß sie einen Spaziergang ins\nFreie oder in den Wald hinaus machten. Sie\nschwiegen sich dann beide gehörig aus oder\nsprachen in kargen Sätzen, nach langen Pausen,\n.-.Belangloses über das Wetter, wie es war, wie es\nsein müßte und wie es sein würde, wie das Ge-\ntreide stand und wie der Tag immer mehr zu oder\nabnehme.\nSeit Jahren schon führten sie das gleiche Ge-\nspräch und brachten nichtsdestoweniger dem Aus-\ntausche ihrer Meinungen immer das gleiche Inter-\nesse entgegen.\nGanz selten nur kam es vor, daß sie einmal\n-mehr aus sich herausgingen, und dann war es fast\n\"Immer Herr Theobald, der mit einer gewissen\nWehmut sich in Reminiszenzen erging, vergange-\nnen Tagen nachklagte oder zweifelnde Blicke in\ndie Zukunft wagte.\nMatten sie das Gefühl, daß es Zeit sei, nach\nHause zu gehen, zog Herr Joachim, wie um Schluß\nzu machen, seine schwarze Horndose und bot Herrn\nTheobald die obligate Prise.\nHerr Theobald aber vertrug keinen Tabak.\nKaum hatte er ein winziges Quantum seiner\nNase zugeführt, zog er auch schon sein riesiges\nTaschentuch aus blauem Cotton und begann, unter\ntrompetenhaften Tönen mit einer gründlichen Rei-\nnigung seiner Nasenlöcher.\nWomit der Nachhauseweg so ziemlich ausge-\nfüllt war. Ueberhaupt war Herr Joachim der\nRobustere von beiden, der sich mehr an das Leben\nhielt und von den Genüssen, die es bot, möglichst\nzu profitieren suchte. Die Ansprüche, die er an\n• das Leben stellte, gingen freilich nicht weit und\nwaren damit so ziemlich befriedigt, daß er warm\nsaß und satt zu essen hatte. Und da er sich in\neiner gesicherten Stellung wußte und ihm überdies\neine kleine Rente gegen schlimme Eventualitäten\nSchutz bot, hatte er alle Ursache, heiter und guter\nDinge zu sein.\nHerr Theobald war der Sensitivere, der, wel-\ncher auch geistige Bedürfnisse zu haben vorgab\nund stundenlang, während sein Freund stumm am\nFenster saß, sich in alte, hundertmal gelesene Ro-\nmane vergrub und nie müde wurde, den nichtswür-\ndigen Intrigen am Hofe Josefs 11. nachzugrübeln.\nWie pochte sein Herz, wie strömte es über in\n«inem heißen und brennenden Mitleid und wie ball-\nim sich in ohnmächtigem Zorne seine magere*\nFäuste, wenn er von den Ränken las, durch die\nder edle Herrscher den Jesuiten zum Opfer ge-\nfallen war!\nGab Herr Joachim in seiner Skepsis zuweilen\nleisen Zweifeln Ausdruck, sprach er vom Papiere,\ndas geduldig sei, von der Art der Romane, dann\nkonnte Herr Theobald außer sich geraten.\nWie, durfte es jemand beifallen, Zweifel an den\nTatsachen zu hegen, die hier gedruckt, gedruckt\nständen? Seine Stimme zitterte, überschlug sich,\nalles Blut stieg ihm zu Kopf.\nEr hatte nun einmal vor allem, was er gedruckt\nsah, einen heiligen Respekt und konnte sich einen\nMenschen, der Bücher schrieb, nur als Halbgott\nvorstellen, als ein Wesen, das wichtiger war als\nalle Reichen und Mächtigen dieser Welt.\nEinen bohrenden Haß aber hegte er gegen die\nJesuiten, die er nur Finsterlinge nannte, und die\nsein Gemüt derart lähmten und bedrückten, daß\nsein Gesicht, wenn er von ihnen sprach, immer\nwie von etwas Drohendem stark umwölkt wurde.\nIhm waren sie eine furchtbare dämonische\nMacht, nichts Persönliches, nichts Menschliches\nhaftete mehr an ihnen, zu wüsten Ausgeburten der\nHölle hatten sie sich in seiner Seele ausgewachsen,\nzu einem Begriff des schlechthin Bösen.\nEr lebte in einer beständigen un eingestandenen\nAngst vor ihnen.\nWar es denn ausgeschlossen, daß sie nicht\nauch hinter ihm her waren? Wrie konnte man\nwissen, ob sie nicht auch von seiner Gesinnung\nKenntnis erlangt hatten: sie, die doch alles er-\nfuhren !\nUnd er machte sich doppelt klein.\nErbleichte jedesmal, wenn er einen Geistlichen\ntraf, grüßte mit einer lächerlichen Devotion und\nerbebte in dem Bewußtsein seiner großen Schuld,\nwenn man ihm mit liebenswürdigen Lächeln dankte.\nSicherlich das Lächeln dieser Mächtigen und\nFinsteren war ein Zeichen, daß man hinter seine\nSchliche gekommen war: lächelnd ließ man ihn\nnoch gewähren, spielte mit ihm, wie die Katze mit\nder Maus, bis man es für geraten hielt, ihn zu ver-\nnichten.\nDenn daß einst die Jesuiten in sein Leben ein-\ngreifen würden, daß er mit ihnen einen Kampf um\nseine Existenz, ja um sein Leben würde ausfechten\nmüssen, das schwebte vor Herrn Theobalds Seele\nwie ein unabänderliches Schicksal, vor dem es\nkein Entrinnen gab.\nIn Stunden, da seine Phantasie vollgesogen war\nmit den Bildern dieses künftigen Ringens, geriet er\nin ekstatische Verzückungen und sprach sich in\nder schmerzlichen Freude, daß ihm so Außerordent-\nliches bevorstehe, in einen wilden ausschweifen-\nden Rausch hinein. Er ersann dann Geschichten,\ndie ebenso grotesk wie schauerlich waren und\nwußte sie, indem er sie bis in die einzelnen Züge\nmit Details ausstattete, mit solcher Wahrschein-\nlichkeit vorzutragen, daß sie in hohem Grade\nglaubhaft wirkten.\nSolche vehemente Ausbrüche, solche Momente,\nin denen Herr Theobald seiner aufgeregten Phan-\ntasie die Zügel schießen ließ, gleichsam die letzten\nReste der verglimmenden Leidenschaft, die in\nseiner verdorrten Brust begraben waren, zu einer\nleckenden Flamme anblies, solche Momente waren\nfreilich sehr selten, bedeuteten aber für Herrn Jo-\nachim jedesmal einen auserlesenen Genuß.\nDie beiden Freunde waren an solchen Abenden\nin ihrer behaglich durchwärmten Stube beisammen,\nauf dem Tische stand die Lampe mit dem grünen\nSchirm, der das ohnehin schon spärliche Licht\nnoch mehr dämpfte, und Schöps, der Kater, lag\neinsam auf der Ofenbank und blinzelte und\nschnurrte unermüdlich, als verstehe und billige er\nalles, was an Unheimlichem und Schauerlichem in\ngeheimnisvollem Flüstertone vom Tische her z»\nihm drang.\nHerr Joadhim saß, angetan mit seinem weiten\nSchlafrocke, zufrieden auf dem Kanapee und\nrauchte aus seiner langen Pfeife, Herr Theobald\naber hatte seine hagere Gestalt in ihrer ganzen\nLänge gegen die Wand gelehnt und sah in dem\ngrünlichen Lichte noch fahler aus, als er in Wirk-\nlichkeit war.\nSeine langen und knöchernen Hände beschrie-\nben in der Luft seltsame Figuren und Kreise,\nseine Stimme klang matt und hohl, und sein zahn-\nloser Mund glich, wenn er ihn öffnete, einer gäh-\nnenden finsteren Höhle. Die bebenden und leisen\nWorte, die kurzen Sätze, die sich wie abgehackt\nund knöchern aus dem Munde Herrn Theobalds\nachlichen, waren von einer beklemmenden Sug-\ngestion.\nDas trockene, schadenfrohe Lachen, das sie\noft unterbrach, wirkte dabei wie ein Kitzel.\nHerr Joachim erschauerte unter diesem meckern-\nden Geflüster, über seinen mächtigen und fetten\nKörper kroch prickelnd die bleiche Furcht, in sei-\nnem Innersten aber saß kichernd ein Kobold, der\nwie ein Clown die possierlichsten Grimassen\nschnitt: denn alles, was Herr Theobald mit blu-\ntigem Ernste erzählte, war ja so furchtbar komisch,\ndenn es war gar nicht wahr, gar nicht wahr!\nAber auch in der Brust des Herr Theobald saß\nso ein Wesen, gleichfalls einem Bajazzo sehr ähn-\nlich, aber einem, der sich wand und bäumte, der\nblutige Tränen weinte und dessen Lachen wie\nSchluchzen klang.\nUnd je mehr Herr Theobald diesem Wichte\nin seiner Brust lauschte, desto leiser und müder\nwurde seine Stimme und desto ruhiger wurden\nseine Gesten.\nBis er schließlich schwieg, sich von Herrn Jo-\nachim abkehrte und zur Ofenbank begab, wo er\nden Kater Schöps auf seinen Schoß nahm, um ihn\nzärtlich zu streicheln.\nDas war dann das Ende.\nDer Kater schnurrte noch lauter und zufrie-\ndener. Herr Joachim paffte wortlos seine Pfeife\nund arbeitete sich allmählich aus seinem schwü-\nlen Rausche heraus. Herr Theobald suchte sich\nnoch dichter mit ihm zu umnebeln. —\nWie grundverschieden im Wesen die beiden\nFreunde waren, offenbarte sich ferner in dem Ver-\nhältnisse, in dem sie zu den Frauen standen.\nVon Herrn Joachim stand es fest, daß er nie\nin seinem Leben ein besonderes Faible für die\nFrauen besessen hatte.\nSelbst seine Liebeleien, die in der Jugend un-\nvermeidlich sind, hatte er nur mit jener trägen\nZurückhaltung und Mäßigkeit genossen, die ihn\nauch jetzt noch, in verstärktem Grade, hinderte,\nsich Emotionen hinzugeben.\nEs war bei seinem Temperament eigentlich\nverwunderlich, daß er nicht geheiratet hatte, denn\ner wäre, da ihm die Frauen keine Leidenschaft\neinflößten, ein glücklicher Ehemann geworden.\nNun war es wohl zu spät dazu.\nEr hätte zwar, wenn es ihm ernstlich darum\nzu tun gewesen wäre, noch Frauen gefunden, die\nmit Freude bereit gewesen wären, ihn glücklich\nzu machen — aber, wenn er sich's richtig be-\ndachte: was ging ihm so ab?\nLeute seines Schlages bringen es nur schweren\nHerzens über sich, dem, was sie gewohnt sind, zu\nentsagen, und das Junggesellenleben, das Herr\nJoachim mit seinem Freund Theobald führte, war\nihm zu einer Gewohnheit geworden, der gegen-\nüber ihm die idealste Ehe nur als Surrogat er-\nschien. 112 } j liff\nSie hatten ihre warme Stube, daneben eine"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5824, "texte": "kleine Kammer, in der sie schliefen, die gröbste\nArbeit, für die sie untauglich waren, machte ihnen\nfür weniges eine Mietfrau, alles Leichtere besorg-\nten sie selbst\nHerr Joachim hatte daher für alle Weiber nur\nnoch ein Lächeln, und kam übrigens mit ihnen auf\ndas Vortrefflichste aus.\nDenn da er sie nur für eine Art Kinder ansah,\ndenen man am besten den Willen ließ, zögerte er\nniemals, ihnen recht zu geben, und lobte stets dort,\nwo sie gelobt sein wollten, und drückte beide\nAugen zu, wenn er hätte tadeln müssen.\nDas Weib war ihm nichts als eines der vielen\nWesen, die neben ihm lebten, ohne tiefere Bedeu-\ntung, ohne Beziehungen zu ihm, die irgend ein\nZufall planlos neben ihn gestellt hatte.\nAnders verhielt es sich mit Herrn Theobald.\nIn dessen Seele klang ein Ton, war eine ver-\nzehrende Glut: die Sehnsucht nach dem Weibe.\nSie war immer unbefriedigt geblieben und hatte\nihm tiefe Wunden gebrannt\nAber sie lohte fort, blieb ein ruheloses Suchen\nund Begehren, ein ewig ungestillter Durst.\nSein ganzes Leben war eigentlich wie ein\nTraum gewesen, es war, als sei er in finsterer\nNacht keuchend und flehend schillernden Irrlich-\ntern nachgerannt, feurigen Zeichen, die verführe-\nrisch vor ihm her gegaukelt waren, nach denen er,\nohne sie jemals zu greifen, brünstig die Arme aus-\ngestreckt hatte.\nExistierte das Weib nicht, wie er es sah?\nOder war er nicht der Mann, es zu finden, es\nzu wecken?\nSchon längst hatte er sich damit getröstet, daß\ner das Letztere annahm.\nSchön war er ja niemals gewesen. Und nicht\nstark, und nicht mutig.\nWer konnte die Summe von Schönheit ahnen,\ndie in seinem Innern aufgespeichert war, von der\ner zehrte und lebte, und die er in ungeheuerlicher\nFülle hätte um sich ausstreuen mögen?\nDas Weib, wußte er und war stolz darauf,\nliebte nur die, die wie Halbgötter einherschritten,\ndie Lachenden und Tosenden, die, welche zertreten\nund wieder aufrichten, deren Gang leicht ist, und\nderen Wort kühn und stolz.\nMußte er da nicht abseits stehen?\nEr durfte nur fühlen, ahnen, sich berauschen,\nkonnte aber nicht hoffen, zu wirken.\nEr stand leuchtenden Auges am Rande des\nWeges, auf dem brausend das Leben vorbeizog.\nSein war nur der Anblick — aber den hatte er!\nWie viele der Millionen um ihn hatten ihn nicht!\nAn dem Bewußtsein dieses Vorzuges richtete\ner sich auf und sah sich turmhoch über dem Ge-\nwimmel der Massen.\nDenn wenn es ihm auch versagt war, die\nFrüchte seiner Sehnsucht zu pflücken, so war er\ndoch stark und groß genug, sich nicht an die\nTische zu setzen, an denen Gemeinheit und Ge-\nwöhnlichkeit ihre Lüste feilhielten.\nEs hatte lange gedauert, ehe Herr Theobald\nzu dieser seltsamen Art eines resignierten Opti-\nmismus gelangt war.\nEr hatte es nicht glauben wollen und nicht be-\ngreifen können, daß die Welt so voller Gemeinheit\nund Roheit war, und daß sich namentlich hinter\ndem Weibe so viel des Tierischen und Häßlichen\nverbarg.\nEr war durch die Tage gelaufen, mit wirrem\nHaar und fiebernden Augen, und hatte sein Herz\nfeilgeboten.\nMit vielen heißen Worten hatte er es feilge-\nboten, wie sie ihm die Leidenschaft eingegeben\nIhatte, und in seiner Brust war ein Feuer ge-\nwachsen, daß alles um ihn her wie vom Wider-\nschein dieses Brandes zu glühen und zu leuchten\nschien.\nAber inmitten durch diesen Glanz hatte er die\nFratzen grinsen gesehen: wie sie ihn perfid an-\ngelächelt hatten, mit ihrem kühlen, überlegenen,\nspöttischen Lächeln . . .\nNiemand hatte ihn kennen wollen.\nDa war die Scham in ihm aufgestiegen, und\ner war verhüllten Hauptes durch die Nächte ge-\nschlichen.\nSeine Stimme war leise und demütig gewesen\nund hatte gebettelt, seine Sehnsucht hatte traurig\ndie Arme ausgestreckt . . .\nVergebens.\nSebst die kleinsten Hoffnungen hatten ihn be-\ntrogen, und was immer er an Früchten von sei-\nnem Wege aufgehoben hatte, alles hatte einen\nfaulen und bitteren Kern.\nNoch wirkte sein letztes Erlebnis in ihm nach.\nJene abenteuerliche Leidenschaft, auf die er\nnun schon seit fast zehn Jahren zurückblickte und\nderen Geschehnisse er, wie hinter dichten Wän-\nden von Nebel und in weiter Ferne, immer wieder\nvon neuem sich vor sich abspielen sah.\nDas süße Gesicht des jungen blonden Weibes\nverließ ihn nicht mehr . . .\nAuf allen seinen Wegen nahm er es mit, in\nseine tiefsten Heimlichkeiten tauchte es in lächeln-\nder Ruhe mit hinab.\nNoch immer durchzitterte seine Brust das\nbange Gefühl der Freude und der Sehnsucht aus\njener Zeit, fast so stark und so betäubend, wie er\nes in den alten Nächten empfunden hatte, die jetzt\nso weit hinter ihm lagen, die gleichsam entflohen\nwaren:\nIn jenen fiebernden Nächten, die das teure Ge-\nsicht wie die Erfüllung durch seine Träume ge-\ngangen war, da er es in den Händen gehalten und\nden ruhigen und gütigen Mund mit leisen Küssen\nbenetzt hatte, da seine Hände zärtlich über die\nkühlen seidenen Wangen gefahren waren und er\naus dem Borne dieser milden Augen, Leben, Leben,\nLeben gesogen hatte.\nSeine Königin hatte er sie genannt.\nKeinen anderen Namen hatte er für sie ge-\nwußt, als den: Königin . . .\nViele tausende Male hatte er ihn gelispelt, zärt-\nlich liebkosend und hingebend, wie im Gebet:\nKönigin!\nDrei volle Jahre hatte er seine Liebe heimlich\nmit sich herumgetragen, sie, die er anbetete, war\nahnungslos gewesen.\nOft zwar hatte es ihn gereizt, einmal zu er-\nfahren, wie sie über ihn dachte, und es hatte Mo-\nmente gegeben,, in denen es ihm ganz natürlich\nerschienen war, daß auch sie ihn lieben mußte.\nDennoch hatte er sich durch nichts verraten.\nSeine Zaghaftigkeit und die Furcht, alles zu\nzerstören, hatten ihn immer wieder davon abge-\nhalten, einen Schritt zu wagen, der sie ihm viel-\nleicht näher gebracht hätte.\nSie stand zu hoch über ihm.\nNicht in sozialer Hinsicht zwar, denn ihr Mann\nwar arm wie er selbst, ein obskurer Gerichts-\ndiener, mit einem schmalen Einkommen und mit\nManieren, die weit hinter den seinen zurück-\nstanden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-02-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_02#c008", "volume": "bmtnabg_1912-11_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "214/215", "page_fin": "214/215", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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T. Marin\nnettis — eines Stahlsaitengehirns mit einer lyriscfc\numflossenen Seele.\nAus den Explosionsmotoren des zwanzigstem\nJahrhunderts, aus Dampfwolken und elektrischen\nWirbeln steigt senkrecht ein melancholisch-weißer\nMond empor — der Mond Jean Jacques Rous-\nseaus, der Mond Jules Laforgues.\nMarinetti aber ist unironisch wie alle tempera-\nmentvollen Dogmatiker und der Hymnus ist seine\nAeußerungsform. Er produziert einen Heroismus\nder Haltung, der in seiner verbissenen, unbeeix>~\nflußbaren Monumentalität Schillers Schatten be-\nschwört. Er ist dauernd in jene geräuschvolle\nSphärenmusik versunken: ein Lobsinger des ewi-\ngen Meers, der ruhmvollen Sonnenuntergänge, des\nkühnen Sterbens. Ein Begeisterter, vom äußersten\nKap seiner Zeit schauend; vorgedrungen zur\nSchönheit der Eisenkonstruktion und keineswegs\nzurückschreckend vor dem Hymnus auf das Auto-\nmobil.\nDer Futurismus ist stolz, eine zeitgemäße Er-\nfindung zu sein. Es gilt die unfaßbare Allheit des\nAugenblicks zu spiegeln. Eine antiquitierte\nAesthetik bestand darauf, aus der geschlossenen\nForm die Fülle der Bewegung ahnen zu lassen —\nder Futurismus läßt aus der Vielfalt der Momente\ndie .geschlossene Form (Dreitausend;\nJahre Kunst ziehen sich lautlos in den Orkus zu-\nrück.) Die dichterische Praxis Marinettis ist an\ndieser Stelle ein wenig zurückhaltend: zur Erläu-\nterung des Programms ist vielmehr die futuristische\nMalerei inszeniert worden.\nMarinetti ist ein schlanker, mondainer Italiener,\nsehr pariserisch, sehr lebhafte Augen und sehr tem-\nperamentvolle Bewegungen. Ein kluger Anwalts-\nkopf mit dem ausdrucksvollen Mund eines Dich-\nters —, so wie ihn das Titelporträt des Sgn. Carrä,\nfuturista, mit unbeirrbarer Sicherheit hingestellt\nhat.\nMit diesem Vorwort wird eine Auswahl futuristi-\nscher Dichtungen von F. T. Marinetti in deutscher\nUebertragimg eingeleitet Das Bändchen, mit einem\nPorträt Marinettis von Carrä, erscheint demnächst im\nVerlag A. R. 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Im\nWinter gehts den Leuten schlecht, aber im Früh-\nling blühen die Rosen: rote, blutige Rosen: duf-\ntende Rosen ans Seidenpapier. Man spricht\ndeutsch in Berlin. Die Landschaft ist Feiertags\nhalber frisch angestrichen. Auch die alte liebe\nSonne ist wieder blank geputzt worden. Der\nSchöpfer hat absichtlich zwei Seelen sauber ge-\nwaschen und zur Bleiche an die Sonne gehängt,\nwährend die übrigen — Hundeseelen — in der\nRumpelkammer unter der schmutzigen Wäsche\nliegen. Sie bewegen sich wie Hampelmänner in\neinem zuckerwässerigen Sentimentalismus, wel-\ncher jede Dienstmagd zu Tränen rührt: darüber\ngibts nichts zu streiten. Draußen weht Großstadt-\nluft: Mietskasernen und zo lasch er Firnißlack:"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4431, "texte": "Eau de Cologne No, 4711 und Syphilis. Gott hat\nden Menschen aus einem Klumpen geschaffen;\nder Romanschriftsteller hat ihn mit Klümpchen\nbeschmutzt. Das heißt, der feige an Größenwahn\nleidende Tagdieb betrügt die Welt mit gedruck-\ntem Papier und besudelt sie mit Dilettantismus.\nLiebesidyll. Er, Sie und der Andere: feine\nGesellschaft Dichter, große Dichter natürlich,\nMaler, Offiziere, Gräfinnen und Zuhälter in Glace-\nhandschuhen. Herren und italienische Sängerinnen\nans Wannsee. Kluge, außerordentlich kluge Men-\nschen. Es riecht nach Leichen, Nach vierhundert\nSeiten wird Hochzeit gefeiert. Ein ehrlicher\nMensch hätte das mindestens gleich am Anfang\nbesorgt- Spaß muß sein, und den kann man ruhig\nfür fünf Mark verlangen. Was sind überhaupt\nlumpige fünf Mark für die deutsche Kultur? Man\nverkauft zwar faule Witze — ich weiß nicht,\nob Herr Bong sie gut bezahlt — aber niemand\nwird wagen auch nur den Schatten eines Kunst-\nwerkes zu verkaufen. Aber schöne, große Seifen-\nblasen, worin sich Gefühle verbergen, die hoch\nin die Lüfte fliehen. Höhere Töchterschulgefühle.\nTanzlehrerbildung und Papageigeisteserziehung :\nso oberflächlich wie irgend möglich; sonst aber\nnach Maß angefertigt wie es sich ziemt.\n*\nVerwechslungshalber reist man nach Italien.\nItalien — wers nicht wissen sollte! — ist das\nLand der Sonne und der Liebe. Wer nach Italien\ngeht, hat selbstverständlich einen Schmerz zu ver-\ngessen, Lungenschwindsucht zu heilen, Langeweile\ntotzuschlagen oder auch eine Liebe zu befestigen.\nO bella Italia! Jeder deutsche Analphabet wird\nliier zum Dichter: jeder Geometer zum Maler:\njeder Saitenrasper zum Musiker; Homosexualis-\nmus mit Gitarrengeklimper; Blumenmädchen mit\nMondenschein. Auch ein Ochse muß zum Dichter\nwerden. Paul Heyse ist in Italien Dichter gewor-\nden! Santa Lucia! Santa Lucia! Wie das die\nHerzen erregt. Tränen rollen in den Golf von\nNeapel und ertrinken. O bella Italia . . .\nflucht auf italienisch die unschuldige Geheimrats-\ntochter, beim Anblick des Mondes seufzend, und\nder Referendar — der Dichter in Windeln — sinkt\nauf die Knie nieder. Wer aber zum Schmerzver-\ngessen in den „Garten Europas\" eilte, ersäuft\nseinen Kummer im Chianti oder schießt sich bei-\nnahe eine Kugel durch den Kopf: dann hängt der\nHimmel voller Geigen und das „herrliche, tugend-\nhafte, kluge, jungfräuliche Geschöpf\" — ein Pfund\nLulu und zwei Gramm Jeane d'Arc — fällt ihrem\nkleinen Goethe um den Hals. Vorhang fällt. Aber\nder blecherne Mond erleuchtet auch fernerhin die\nalten Kulissen.\n#\nWachsfigurenkabinett im bayrischen Ober-\nwalde. Umgebung: frei nach Defregger. Kostüme\nvon Herzog in Berlin. Die Kirche, drei Bauern-\nhäuser aus Pappe; ein sogenanntes Gemeindeamt,\ndie Dorfkneipe und auf der Anhöhe den Adelssitz\nder Herren v. H. Dazu haben wir einen Kurator,\nmanchmal, sogar zweie (wenn der Autor guter\nLaune ist); einen Doktor; sittliche Jungfern;\nBauernburschen; einen jungen Schloßherrn, der\nTolstoi nachäfft. Man arbeitet nur nach erstklas-\nsigen Schablonen. Jedes Gesicht eine Larve. Die\nHandlung liegt im Zufall; nur der Betrug ist\nschlecht verhüllt. Die Welt voller Mißgeburten,\nmit denen der Schöpfer kein Erbarmen kennt.\nKinderspielzeug: Haß, Liebe, Sonntagspredigten,\nVergewaltigungen (Modell des alten Herren von\nJasnaja Poljana), Einzug des Sozialismus — das\nSieißt: Leichenschmaus — Raufereien, Kirmessen\nund Tanzmusik, Kuhgebrüll und Giockenläuten,\nDorfklatsch und grüne Wiesen, Windmühlen und\nTannenwald: blödsinniges Feuerwerk, womit man\nden Großstädter von der Naivität des Landlebens\nzu überzeugen gedenkt. Kein Zug echten Lebens\nbewegt die feiernden Dörfler. Kein Hauch von\nKunst durchweht die Gestalten. Alles liegt im\nAeußeren: vom Feiertagsanzug zum ewig-christ-\nlich-blauen Himmel. Nur die Windmühle dreht\nsich lustig im Kreise und weht den umgrenzenden\nBäumen frische Luft zu. Alles bleibt unentschie-\nden, unsinnig, langweilig. Jeder Zufall ist voraus-\nzusehen, eben weil man nur die infamen Expe-\ndiente anderer Modelle benutzt. Die Erde wim-\nmelt vor unlauteren Absichten. Blind hat man fal-\nsche Farben aufgetragen. Darunter lugt unvor-\nsichtig Geisteselend hervor: Kunstarmut. Die zer-\nrütteten Verhältnisse des Pharisäertums; des\nPhilisterreiches haben einen verderblichen Wol-\nkenhandel in der Kultur eingeführt. Leichen wol-\nlen sich als Herrscher und Herren aufdrängen und\nmerken nicht, — daß aus ihren Totenschädeln der\nSchatten selbst jeder Vernunft entflohen ist.\n\nCurt Seidel-Turin"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-02-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_02#c012", "volume": "bmtnabg_1912-11_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "219", "page_fin": "219", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.2.10", "titre_corps": "Die Literatur in Trauer", "titre_sommaire": "Die Literatur in Trauer", "signature_source": "Joseph Adler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.10", "debut_caractere": 4433, "fin_caractere_exclue": 8776, "texte": "Die Literatur in Trauer\nJoseph Adler\nDie Literatur ist eine Wittib, sie trauert um\nAlbert Traeger. Die Partei, der er als Führer fast\nein halbes Jahrhundert lang angehörte, hat an sei-\nnem Grabdenkmal das Gelübde erneuert „i n\nseinem Geiste den politischen Kampf\nweiterzuführen für den Fortschritt\nund für des Volkes Recht u n d Woh 1 -\nfahrt \".\nDie garstige Politik hat wenigstens den Trost:\n„daß Traegers Erbe gewahrt bleibt, und daß sein\nWahlkreis der Partei nicht verloren gegangen ist\".\nAber die Literatur muß trostlos um ihn trauern.\nDer Gerichtssaal hat den Heimgang des fei n -\nsinn i g e n Juristen glatt verschmerzt, und für\ndie deutsche Frau ist der St a m mvater der\njugendlichen Alten überhaupt gar nicht\ngestorben. Und wie sagte sie das so ergrei-\nfend schön:\n„Ich aber, eine deutsche Frau,\nIch fühle keinen Schmerz und keine Trauer.\nDu großer Barde bist uns nicht gestorben,\nDu, der so oft der Frauen Lob gesungen,\nBeim schäumenden Pokal des Geistes\nSchwert geschwungen,\nMit allen Frauen lebst du ewig fort.\"\nSie wird mit sich handeln lassen, Auf Ehre.\nEinige tausend Jahre müssen sie nachlassen, Ma-\ndame. Nein. Niemals. Aber, Madame, 's ist ja\nallens bloß Uffmachung. Nichts Echtes. Nichts\nEchtes? O, mein Tyrtäus der schwarz-\nrot-goldenen Zeit, wie schmäht er dich.\nKein Jahrzehnt lasse ich nach. Und das Geistes\nSchwert, das du so hinreißend schön geschwungen\nhast, wiegt allein schon für meinen Preis. Sie,\nwat det Jeistesschwert is, det jehört schon längst\nmangs olle Eisen. Dafor übt's keen Sechser mehr.\nAber er war ja doch ein einzig Gearteter. Ein\nKämpe, ein Sänger. Der letzte Zeuge einer\nstahlgepanzerten Zeit. Weeß ich, det\nhat ja in der Morjenpost jestanden. Oder ins\nTageblatt. Er war der Sänger des edelsten Fa-\nmilienglücks, der Bannerträger des Fortschritts;\ner hat sein Leben lang für Freiheit und Volkswohl\ngestritten. Gekäißpft. Lassen Sie schon drei\nJahrtausende nach. O, quälen Sie mich nicht län-\nger. Ich bin jene deutsche Frau, auf die er die\nreizendsten Toaste ausgebracht hat. Drei Jahr-\ntausende. Rasch. Bedenken Sie, daß die Litera-\ntur um ihn trauert. Die Literatur. So seh'n Sie\naus. Die Literatur. Lachhaft. Und doch trauert\nsie um- ihn. Der Dr. Wie m e r hat es gesagt.\nAm Dreifaltigkeitskirchhof. Anläßlich der Enthül-\nlung des Grabdenkmals für den Unvergeßlichen.\nDer Dr. Wiemer?\nEs ist in den letzten Monaten, seit Traegers\nTod, allerlei zur Erheiterung der Literatur ge-\nschehen. Etliche Meister sind fünfzig geworden.\nSchnitzler, Dreyer, Fulda, Otto Ernst und Con-\nrad Alberti-Sittenfeld. Das Komödienhaus, wo der\nLibrettist Lothar „das Szepter schwang\",\nhatte seine Pforten mit Dreyer und Fulda eröffnet.\nDer lächelnde Knabe war zwar nicht lebensfähig\nund die „Feuerversicherung\" hat nicht gezündet,\naber die Presse, die die ihrigen nicht verläßt, Lob\nund Zuspruch verschwendet. Man hätte sie unter\nKuratel stellen mögen. Selbst der gefürchtete\nAlfred schmunzelte allerliebst. Aber das war auch\neine Doppelgeburtstagsfeier und gar nicht so ein-\nfach. Bedeutungsvoller im Rahmen des Regie-\nrungsantritts eines Kollegen, der die Krone des\nErfolges mit dem Purpur des eifrigen Beifalls zu-\ngesichert bekommen wollte. Das königliche\nSchauspielhaus hat eine Ehrenschuld eingelöst,\ndie es einem gegenüber hatte, der selber von\nder Literatur borgte. Ein breitflüssiges Stück\nwurde ungekürzt gegeben, Szenen schlugen ein,\nBeifall schwoll von Akt zu Akt, aber die Dar-\nstellung stand auf hoher Stufe — und schaute\nherab. Das zu erleben, hat ein Band grau\nwerden müssen. Der Ruhm wird verramscht, und\nes muß manch einer, der zu Lebzeit der Literatur\nnur auf die Schleppe getreten hat, aus dem Schat-\ntenreich auferstehn, weil sich dieser und jener in\nein vorteilhaftes Licht setzen will. Die kuriose\nLiteratur. Ihre bedeutendste Söhne sind erst fünf-\nzig geworden, aber sie trauert um Traeger. Trau-\nert noch um ihn. Man wird ihr das Trauergewand\nvon den Gliedern reißen müssen, der Närrin. Man\nwird ihr ernstlich zum Tanz aufspielen lassen.\nLacht Ihr ins Gesicht, der Törin. Der Genarrten.\nSie trauert um den Tod Traegers. Es leben noch\nhunderte Dilettanten. Seine politische Tendenz\nhat eine lyrische Verschnürung des Innenlebens\nbegleitet. Allerdings. Aber die Verschnürung\nwar bindfadendünn. Die politische Sendung?\nBruttogewicht: der Liberalismus\nTara: die Pose\nNettogewicht: die große Phrase."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-11-02-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-11_02#c013", "volume": "bmtnabg_1912-11_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "220", "page_fin": "220", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.11", "debut_caractere": 494, "fin_caractere_exclue": 963, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nBerlin W / KonigiH Augustastrafie 51\ngegeniiber der von der Heydtstra&e\nFahrgeiegenheit: Liitzowplatz\nNeunte Ausstellung\nJan Gauguin\nEgon Adler / Segal\nVom sechzehnten November bis achten Dezember\nZehnte Ausstellung\nDie Neue Sezession\nVom 9. 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Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark,\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession: Ste*.,\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 2699\nGraphisches Kabinett Buch- und Kunsthandlun* f\nBerlin W 15, Kurfiirstendamm 33, Eingang GroU\nmanstraBe / Eckhaus / Fernruf Amt Steinplatz\n14297 I Der Inhaber des Graphischen Kabinett*\nJ. B. Neumann eroffnet in der SchillerstraSe 6 (am\nKnie) eine Ausstellung fur die neue Malerei. In ihr\nsollen ausschliefilich Werke jiingerer Kiinstler £c«.\nzeigt werden\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgesch&ft fur bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Aite und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung / Oktober-\nausstellung: Alfred Kubin und sein Werk\nEkstatische Wallfahrten betitelt sich das zweite\nBuch Maiandros, jener von Heinricb Lautensack,\nAlfred Richard Meyer, Dr. Anselm Ruest heraus-\ngegebenen Zeitschrift von 60 zu 60 Tagen. AuBer\nzahlreichen Bildern der Sezessionisten Beckmann\nund Rossner, dem kritischen Beiblatt enthalt das\n1. Mark Buch die Kantate Via Crucis von Lauten-\nsack und von A. R. Meyer aus seinem Purst\nPuckler-Muskau-Buch den Sizilianen-Cyklus „Se-\nmillasso in Afrika\".\nReuB und PoMack / Buchhandlung und Antkiua-\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession ,/ Vorlesungen liber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur\nFritz Merker Charlottenburg, SchillerstraBc 94\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartouts\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Auf-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Buckeinbande\nTitania-Schreibmaschine / Erste deutsche Schreib-\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern /\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Genest,\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fiir Berlin\nund die Mark Brandenburg: Louis Stangen,\nLinkstraBe 12. Telefon: Amt Kurfiirst 2425"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.1", "texte": "Umfang zwölf Seiten\nEinzel bezusr 40 Pfennig\n/\nFÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W 9 / Potsdamer Straße 18\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungsräume\nBerlin W / Königin Augustastr. 51\nDRITTER JAHRGANG\nBERLIN NOVEMBER 1912\nNUMMER 136/137\n\nInhalt:\nPaul Hatvani: Spracherotik / Karl Borromäus Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden / Roman / Peter Scher: Bankrotts Erlebnis / Paul\nZech: Sackträgerin / Hermann Wagner: Die rote Flamme / Rudolf Kurtz: Futuristische Dichtungen / Curt Seidel-Turin: Deutsche Romane / Joseph\nAdler: Die Literatur in Trauer / G. Münter: Originalholzschnitt / Wilhelm Morgner: Acker mit Weih / Jacob Steinhardt: Originalzeichnung\n\nG. 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Das Wort ist eine Grenze\nund von Wort zu Wort ist ein weiter Weg. Die\nWortbeziehungen, die man Grammatik nennt,\ndünken mir wie kaum erahnte Symbole einer\ntranszendenten Sprachlogik — oder der Logik\nüberhaupt —; eine neue Dimension der Gescheh-\nnisse baut sich auf, die Welt ist sprachlos, denn\nsie kann den Raum nicht finden, wo sich die\nSprache selbst erlebt. Die uralte Tatsache des\nSpracherlebens muß erst neu entdeckt werden, zu\neiner Zeit, wo auch neben der Bildnismalerei eine\nneue Kunst der Farben und Formen zu entstehen\nscheint.\nJedes Erlebnis ist erotisch und wird am Weib-\nlichein, — ein formloser Ausdruck einer Aus-\ndruckslosigkeit —, zum Problem des Schaffens.\nUnd der erlebende Künstler ist umso männ-\nlicher, je mehr er seine Umgebung, seine Ma-\nterie, den Raum seines Erlebens, das Dasein oder\ndie Welt, als „Weib\" empfindet. Größtes Erleben\nist höchste Männlichkeit und darum ist Gott,\nals Former und Gestalter einer formlosen Weib-\nlichkeit „Welt\" der absolute Mann, das Genie.\nDie Welt ist das Weib Gottes und seine Liebe\nist unser Leben.\nDen schaffenden Künstler bindet ein sexuelles\nVerhältnis zu seiner Materie und daher zur Welt\nüberhaupt; denn die Materie seiner Kunst ist für\nihn ein symbolisches Abbild der Welt. Der\nSprachkünstler muß die Sprache vorerst zertrüm-\nmern, den chaotischen Urzurstand, eine absolute\nHomogenität der Materie herstellen, damit das\nFormlose, das Weib daraus werde. Dann beginnt\nsein Werk. „Im Anfange schuf Gott den Himmel\nund die Erde . . . Und Gott sprach . . .\" Die\nGegensätze teilen sich, das Formlose bekommt In-\nhalt und das Inhaltlose Form, — und siehe, das\nWeib wird schwanger bei der Berührung des\nMannes. Klang und Kasus werden logisch wie\nalle Alliterationen und der Genitivus ist wie ein\nherrischer Ruf nach dem Besitz des Weibes. Die\nBedeutungen streiten um das Vorrecht des besten\nPlatzes und Alles will symphonisch in die Welt\ndringen, liebend und siegend, eine Welt für sich.\n„So sehr siegt die bloße Stellung, sei es der Krie-\nger, sei es der Sätze\".\nDer geniale Künstler — genial ist keine Rela-\ntion, sondern eine organische Eigenschaft — wird\nschöpferisch an seiner Welt, die er als Weib fühlt;\ndas Material seiner Kunst aber muß ihm die Welt\nersetze n. Der Schriftsteller muß in der Sprache\ndas Weib entdecken können und alle Phantasie,\ndie er zur Zeugung seiner Werke nötig hat, muß\neine Indukation der Sprache sein.\nDie Sexualität des Künstlers muß einen Um-\nweg gehen: sie führt vom Weibe zur Kunst. Das\nWeib ist der Nullpunkt, auf den die Wertkoordi-\nnaten des Mannes bezogen werden; die Liebe zum\nWeibe aber ist die psychomotorische Kraft des\nMannes.\nDer Mann, ein Einzelner, Einsamer im Räume,\nkreist wie ein Planet um die Sonne der Weib-\nlichkeit; alle Frauen der Welt zusammengenom-\nmen bilden eine einzige Homogenität, Stützpunkt\nund Abgrund zugleich für die Monade „Mann\".\n... Die Sprache, die dem Gedanken dient, ist\nebenso ein Werkzeug, wie es die Gedanken sind,\ndie der Sprache dienen. Die Sprache des Künst-\nlers ist Eindruck und Ausdruck zugleich, sie ver-\nzichtet es, „Stimmungen44 zu beschreiben, da ihr\nlon allein schon imstande ist, sich von den Ver-\nstimmungen des Tonlosen zu unterscheiden.\n„Stimmung\" ist in der Sprache und nicht „zwischen\nden Zeilen\".\nEbenso ist „Stil\" — in der Baukunst z. B.\nimmer nur eine Ausrede für historische Plagiate,\nalso ein Deckmantel, die eigene Gedankenlosigkeit\nzu verbergen — ist Stil ein Plagigat der Sprache\nan den Gedanken. Die Sprache des Künstlers ist\nebenso wie das Weib Gottes stillos; denn „Stil44\nist die Differenziertheit des Mannes.\nWohl ist die Sprache Ausdrucksform; aber\neben das eignet sie dazu, ein Spiegel zu sein für\ndie Eitelkeit des Weibes „Welt\" und deshalb gibt\nes eine Sprachkunst. Kunst aber ist das ero-\ntische Verhältnis eines Mannes, — oder des\n„Männlichen44 —, zu einer Materie die die Eigen-\nschaften des Weiblichen hat: sie ist zwar homo-\ngen, ein Ganzes, besitzt aber die Fähigkeit, alle\nGestalt anzunehmen, ein Mimicry des Lebens, —\nein Weltembryo, das seines Schöpfers harrt.\nDas aber ist der Sinn der Welt: sie ist das\nWeib Gottes und seine Liebe ist unser Leben.\n\nMenschen von Gottes\nGnaden\nAus den Bekenntuissen des Herrn Lieutenant Mié-\nville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.\nVon Karl Borromäus Heinrich\nNach drei I agen schon hatte Baron Frangart\nein Schreiben des Geistlichen und der Anstalts-\nleitung bekommen, daß, in Anbetracht der glänzen-\nden Zukunft, die er dem Kinde „Nummer acht-\nzehn\" garantiert habe, gegen dessen Entlassung\naus dem Anstaltsverband nichts einzuwenden sei.\nBaron Frangart könne, vorausgesetzt, daß er\nschon etwelche Vorsorge für die Unterkunft ge-\ntroffen habe, den Knaben jederzeit sprechen und\nihn frühestens am Silvestertag abholen. Gleich\nnach Empfang dieses Briefes fuhr Baron Frangart\nzu einem guten Schneider und bestellte ihn für\nNachmittag in die Findlingsanstalt. Auch er selbst\ntraf um diese Zeit dort ein, um den auserwählten\nKnaben nun persönlich kennen zu lernen.\nEs war dies ein ziemlich kleiner, wie schon\nerzählt, schmächtiger magerer Junge. Seine Figur\nerschien noch durch den dicken plumpen Schul-\nlodenanzug, in dem er steckte, entstellt. Seine\nHände waren nicht häßlich. Sein Kopf hatte eine\neher breite als längliche Form (Schlagintweit — der\nden Jungen später kennen lernte -— behauptete*\ndaß diese Form seit dem Einfall der Hunnen, unter\nAtilla, in Bayern sehr häufig auftrete). Seine Augen\nwaren freilich grau, aber lebhaft; nur wenn ihn\nder Anstaltsleiter anredete, verschleierten sie sich\njeweils. Die Nase mochte für das Alter des Kna-\nben vielleicht zu groß erscheinen, aber das mußte\nsich mit der Zeit, wenn sich die Gesichtbildtmg\"\nfestigte, ausgleichen. Sein Mund gefiel Baron\nFrangart sehr: er war klein und zierlich, die Lip-\npen dünn und nicht ohne Linien. — Im ganzen\nstellte sein Aussehen Baron Frangart zufrieden;\nwas die semmelblonden Haare betraf, so mußte\nman sie wohl färben lassen; und die graue Ge-\nsichtsfarbe würde sich schon von selbst ändern,\n— nein, der Junge war nicht häßlich.\nIm Laufe des Gesprächs erwies er sich weder\nbesonders klug noch besonders schwerfällig. Am\nmerkwürdigsten schien Baron Frangart die un-\nunterbrochene gespannte Aufmerksamkeit, mit der\nder Junge ihn beim Sprechen ansah, seinen Bück\nbeobachtete und seine Gebärden verfolgte. Manch-\nmal überhörte er teilweise die Worte, die man\nsprach, indem er sichtlich zu sehr vom gesamten\nEindruck gefesselt war. Endlich fiel Baron Fran-\ngart auf, wie veränderlich sich seine Mienen zeig-\nten; auch die Haltung des Knaben stellte sich\ngegen Ende des Gesprächs schon ganz anders, viel\nstolzer und gemessener dar als zu Eingang. Mit\nFreude schloß Frangart daraus auf große Empfäng-\nlichkeit.\nAm Silvestertag gegen fünf Uhr nachmittags\nfuhr der junge Baron das zweite Mal am Find-\nlingshaus vor, um den Jungen „Nummer achtzehn4'\nabzuholen. Dieser trug jetzt seine neuen Kleider,\neinen breiten geränderten Liegkragen (in der Art,\nwie sie Baron Frangart als Kind getragen hatte),\nder den Hals ganz frei ließ. Der Gang des Knaben\nbot ein viel zierlicheres Bild als vordem; das\nmacht, er trug jetzt feinere Schuhe aus dünnem\nnachgiebigem Leder, die den Fuß nicht so be-\nschwerten wie die harten dreifach gesohlten Schul-\nStiefel. Nur mit den Armen und Händen schien er\nsich noch nicht recht zu helfen wissen; bald Ueft\ner sie ungeschickt hängen, bald steckte er sie\nplump in die Tasche. Aber auch das würde nocfa\ngut werden, versprach sich Baron Frangart.\n❖\nDer Knabe wohnte nun in der Briennerstraße\nbei Baron Frangart. Er hatte seinen eigenen jun-\ngen Diener, der ihm alle Handreichungen des Tages\ntat, die er sich noch vor wenigen Wochen selbst\ngetan hatte. Und für seinen Unterricht, der nicht\nmehr als zwölf Stunden wöchentlich Zeit weg-\nnahm, hatte Baron Frangart einen Lehrer bestellt.\nIn der Religion, den heiligen Geheimnissen, unter-\nwies ihn sein junger Erzieher selbst, teilweise\n— in den systematischen technischen Fragen —\nbesorgte dies ein Geistlicher.\nDer Knabe brauchte sich nicht vor neun Ufer\nmorgens zu erheben. Dann füllte ab zehn Uhr\nbis gegen Mittag der Unterricht seine Zeit ans,\nUm Mittag erst traf er Baron Frangart. Dieser\nließ ihn jeden zweiten Nachmittag allein, er konnte\nim Wagen spazieren fahren oder zu Hause sitzen\nund träumen, wie es ihm gerade einfiel. Die erste\nWoche aß Frangart mit ihm zu Hause, da er sicfe\nin dem so exklusiven Hotel (wo außer ihm nur\neinige Menschen der besten Gesellschaft speisten)\nnicht etwa, wenn der Junge schlecht äße, genieren\nwollte. Dieser aber hatte sich vermöge seiner\nganz außerordentlichen Beobachtungsgabe, von der\ner immerfort den regsten Gebrauch machte, schon\nin wenigen Tagen eine Baron Frangart übet*\n\nFortsetzussg"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.3", "texte": "laschende Geschicklichkeit im manierlichen Essen\nerworben. Nach Ablauf der Woche aßen sie im\nHotel.\nEs war die Absicht Baron Frangarts, zunächst\nalle äußeren Veränderungen auf den Knaben\nwirken zu lassen; dieser sollte Zeit haben,\nalle Gesetze der Form, die ihn das ruhige\nBeispiel Baron Frangart selbst lehrte, in sich\naufzunehmen. Erst wenn er in der äußeren Form\nso gut wie vollkommen wäre, wollte Frangart in\nseine empfängliche Kindesseele jene Werte legen,\ndie seine eigene Kultur ausmachten; und zum\nSchlüsse erst wollte er gleichsam sich selbst auf\nden Knaben übertragen, indem er ihm einflößen\nwürde, sich für einen bevorzugten und durch Gottes\nGnade bevorrechteten Menschen zu halten; wovon\ner sich als Wirkung einen erhöhten Stolz, eine\nstrenge Selbstbeherrschung und Harmonie des\nWesens versprach; diese sollte dann wieder auf\neine nochmalige Veredlung der äußeren Form zu-\nrückwirken; dann mochte das verfeinerte Form-\ngefühl wieder den in die Seele gelegten neuen\nWertgefühlen Sicherheit verleihen; diese würden\nsolchermaßen seinem Glauben an eine priviligierte\nStellung die Berechtigung geben. Und so sollte\nsich dies alles in einem immer bestimmter werden-\nden Kreislauf der Verfeinerung immer von neuem\nabspielen .. . Und wenn der Knabe „Nummer\nachtzehn44 auf solche Weise, gleich einem immer\nfeiner geschliffenem Stein, in allen Teilen seines\nWesens streng und unverrückbar abgeglichen sein\nwürde . . . Dann, ja dann wollte er ihn nach dem\nSüden bringen, nach dem Schloß der Frangarts,\nnnd dort das Letzte, Höchste, was er, Fritz von\nFrangart besaß, unter der satten Sonne des Südens,\nrestlos und gerecht mit ihm teilen, — nämlich jenes\nreife edle satte von aller rohen Gier befreite Sich-\nselbstgenügen, das ihn jetzt, in einsamer Höhe, von\nden Menschen trennte . . . Dann, ach dann, würde\ne r auch nicht mehr einsam sein; er würde mit\neinem Gleichgestellten leben, den er sich selbst\ngeschaffen hatte, wie ein Meister mit seinem edel-\nsten Werk, wie ein Vater mit seinem Sohn; und\nsomit würde er dann auch das Werk der Liebe\nvollbracht, nämlich sich ganz und gar wegge-\nschenkt haben.\nJeden zweiten Tag, wenn Baron Frangart mit dem\nKnaben ausfuhr, zuerst im Hotel speiste, dann Ein-\nkäufe machte, um ihn mit dem Wert der Dinge und\nmit den wertvollen Dingen vertraut zu machen; ihn\ndann und wann, aber nur gelegentlich, um jede Er-\nmüdung zu vermeiden, vor ein schönes Bild führte;\nvor ein edel gebautes Haus und dann wieder vor\nein häßlich-modernes, — immer nur darauf bedacht,\nnichts zu predigen, sondern alles durch sich selbst\nwirken zu lassen; ihn auf streng, aber vornehm\ngekleidete Damen aufmerksam machte, und tein\nanderes Mal auf eine lasciv aufgeputzte Frau; ihn\neinen Akt von Carmen anhören ließ, und später\neinen halben von einer Oper der neuen Musik; mit\nihm in der Frauenkirche betete und ihn zu anderer\nZeit wie zufällig in eine neue Kirche führte; ihm ein\npaar Verse aus Goethes „Iphigenie44 vorlas, und ein\npaar Tage nachher eine Seite aus der „Jungfrau\nvon Orleans44 (oder gar aus dem monotonen un-\nmännlichen Versgewinsel irgendeines modernen\nLyrikers), — wenn er dies alles in seiner stillen\nnoblen Art tat, sah er gespannt auf das Mienen-\nspiel des Knaben, der seinerseits mit lebhaften\nAugen alles und ihn selbst verfolgte; und Baron\nFrangart war sehr zu frieden.\nDenn in der Tat schien der Junge große Fort-\nschritte zu machen; nicht, daß er in lebhaften\nWorten darüber geplaudert hätte — denn er sprach\nnicht viel, nach dem Beispiel seines Erziehers —,\naber seine Augen redeten, und sie redeten im\nSinne des Erziehers.\nSoweit ließ sich alles gut an. Der Knabe selbst\nfühlte sich nur an den Nachmittagen, die er allein\nzubrachte, zunächst sehr verlassen. Aber nach\nden ersten WTochen, wenn das Wetter nicht zum\nAusfahren einlud, saß er zufrieden in seinem Zim-\nmer. Er stellte sich vor den größten Spiegel, übte\nVerbeugungen ein, probierte Kopfhaltungen und\nkopierte, mit dem Talent eines seltenen Schauspie-\nlers, Gang, Redeweise und Benehmen des Baron\nFrangart!\nNichts war natürlicher und doch zugleich ab-\nstoßender als die Art, mit der dieser Junge vor dem\nSpiegel „Baron Frangart lernte44 (so nannte er es\nselbst). Und sein Geschick in dieser Schauspie-\nlerei war in der Tat vollendet; alle Aeußerlich-\nkeiten wurden in der kürzesten Zeit sein Eigentum.\nDenn: Die formale Gewandtheit dieses Knaben,\nan der sich Baron Frangart erfreute, sie war nichts\nanderes als ein Ergebnis seiner Beobachtungsgabe.\nMit dieser Beobachtungsgabe gelang es ihm auch,\nvor geistigen Erlebnissen stehend, Baron Frangart\nzu täuschen. Dieser suchte wie natürlich den Ein-\ndruck auf dem Gesicht des Knaben zu lesen; dieser\naber hatte ihn stets schon vorher mit einem nie\nmüden Instinkt in der Miene des Baron Frangart,\nso beherrscht diese auch sein mochte, gelesen, und\ngab sie nun auf seinem eigenen Gesicht richtig\nwieder. Daher kam die stetige Täuschung des Ba-\nron Frangart über seinen Zögling; wieviel dieser\ninnerlich in sich aufnahm, ließ sich nicht feststellen;\nvielleicht einiges, vielleicht nichts. — Jedenfalls\naber stand fest, daß er Baron Frangart durchaus\nnicht und in keinem Falle absichtlich täuschte.\n$\nIndessen nahte die Zeit, wo Baron Frangart\ndie Entschleierung seiner Illusionen erleben sollte.\nAnfang des März — also zwei Monate, nach-\ndem er den Knaben aufgenommen hatte — konnte\ner einem plötzlichen rauhen Wechsel der Witte-\nrung nicht widerstehen und fiel in schweres Fieber.\nEr bat Schlagintweit zu sich und vertraute ihm\nden Knaben an. Schlagintwreit, der mit seiner\nBraut nicht gerade sehr glücklich zu sein schien,\nwar während der letzten Zeit ein einziges Mai\nflüchtig zu ihm gekommen und' hatte dabei auch\nden Zögling des Baron Frangart kennen gelernt.\nEr sollte ihm nun in der Nähe seiner eigenen Woh-\nnung, vielleicht in einer guten Pension, eine Unter-\nkunft suchen und sich im übrigen mit ihm beschäf-\ntigen; Baron Frangart gab hm einige allgemeine\nErklärungen, wie er bisher mit dem Jungen um-\ngegangen sei, und er sollte auch von Schlagintweit\nso gehalten werden. Dieser erfüllte Frangarts\nWunsch in jeder Weise.\nDer junge Baron erhob sich nach vierzehn Ta-\ngen, trotz einer leichten Gehirnhautentzündung,\nwelche das Fieber begleitet hatte, vom Kranken-\nlager. Er schickte zu Schlagintweit und ließ ihm\nausrichten, er möge ihm den Knaben bringen. Sie\nkamen denn auch zusammen an. Der Knabe be-\ngrüßte den jungen Baron mit einer lauten Herz-\nlichkeit des Tones, die dieser an ihm nicht gewöhnt\nwar. Er hörte seinen Wortschwall erstaunt an.\n„Nun,44 fragte er ihn, „wie hat es dir bei Herrn\nSchlagintweit gefallen?44 — „Fein war's, Herr Ba-\nron, sehr fein.44 — „Anders wie bei mir?44 — „Ja\n. . . schließlich . . . mit dem Kirchengehen hat's\nder Herr Schlagintweit nicht so viel wie der Herr\nBaron . . . Aber fein war's . . .44\nBaron Frangarts Erstaunen wuchs. Das We-\nsen des Jungen schien ganz verändert zu sein.\nWessen Allüren waren dies nur? Ach richtig...\nDas war so die Art von Schlagintweit selbst, oder\nvielmehr eine gute Kopie davon. Jetzt der Ton-\nfall ... Und diese Bewegung, ganz genau wie\nbei Schlagintweit . . . Baron Frangart erzitterte\nheftig, als er solchermaßen den Schauspieler in\ndem Jungen erkannte.\n„Herr Baron, ist Ihnen vielleicht nicht ganz\nwohl?\" fragte der Junge, der ihn nach seiner Ge~\nwohnheit genau beobachtete, „da müssen wir halt\ndas Mädel rufen, damit sie Ihnen vielleicht ein Glas\nWasser bringt .. .\" Mit Bestürzung erinnerte sich\nBaron Frangart bei diesen Worten, wie schnell\nund wie gut der Junge vor zweieinhalb Monaten\nein dialektfreies Schriftdeutsch gelernt hatte. Und\njetzt . . . dieses Behagen an der Redeweise Schlag-\nintweits! Bei Schlagintweit selbst mochte Baron\nFrangart das gerne leiden, da war es original;\naber bei diesem Jungen, welche abstoßende, wenn\nauch genaue Kopie!\n„Nein!44 antwortete er abwehrend auf die Frage\ndes Jungen, „mir ist ganz wohl, ganz wTohl . .\n„Sag mal, Junge,44 fragte er ihn, „bei wem\nwürdest du jetzt lieber bleiben, bei Herrn Schlag-\nintweit oder bei mir?44\n„Ja, das kommt halt darauf an . . . Das weiß\nich gar nicht recht . . . Ich tu mich ja in alles\nhineinlernen, ich . .\nIn Baron Frangart jagten sich die unglücklich-\nsten Gedanken. Das war also der „niedrigste\nMensch44, an den er sich „wegschenken44 hatte\nwollen. Der niedrigste Mensch . . . Aber das war\ndoch gar kein Mensch, das war doch ein kleines\nTier mit Mimicry, dieser Junge . . . Und das Mi-\nmicry bestand eben in seinem Talent, sich in alles\n„hineinzulernen44, hineinzuspielen . . . Nein, wa-\nrum sollte er „das Werk der Liebe44 zu Ende brin-\ngen, wenn es dem Jungen doch nur eine Lern-\naufgabe auflud . . . Nein, nicht weiter .. . Sofort\nmußte ein Ende gemacht werden.\n„Ich möchte mit Ihnen sprechen, Schlagintweit/'\nbegann Baron Frangart nach einer Weile starrsten\nSchweigens, „gehen wir ins Zimmer nebenan!44\nEs geschah.\nBaron Frangart atmete tief und schmerzlich\nauf. „Schlagintweit!44 rief er endlich, „bitte, ret-\nten Sie mich, befreien Sie mich . . . vor diesem\nEcho, vor diesem Spiegel vor dieser wechselnden\nMaske, vor diesem Chamäleon! . . .\" Schlagint-\nweit schwieg bestürzt. „Ich dachte . . .4i wollte\ner erwidern . . . „Nein,44 unterbrach ihn der Ba-\nron, „ich habe mich schrecklich getäuscht, ich\nkann mich nicht wegschenken an ihn, er kann das\nGeschenk nicht tragen, es ist ihm zu schwer, es\nist alles zu schwer, alles, alles . . . Befreien Sie\nmich von ihm . . .!44\nSchlagintweit begriff nicht ganz, aber war so-\ngleich bereit, alles Mögliche zu tun. „Soll ich ihn\nermorden?44 schrie er laut, „soll ich ihn ins Gym-\nnasium stecken? Soll ich . . . Alles, was Sie\nwollen . . — „Ich danke Ihnen lebhaft, ich\ndanke Ihnen lebhaft,44 erwiderte der junge Baron\nmit schmerzlichem Lächeln, „es darf kosten, was\nes will, ich werde für seine Zukunft sorgen. — Er\nsoll es nicht entgelten, daß ich mich getäuscht habe.\nNichts wird mich reuen, aber Sie müssen ihn fort-\nbringen von hier, fort, ich kann ihn nicht mehr\nsehen, diesen armseligen Kopisten . . . Fort mit\nihm, nur fort!4' — „Er ist jetzt ein bißchen ver-\nwöhnt, der Junge,44 sagte Schlagintweit mitleidig,\n„aber das werden wir schon deichseln; hören\nSie, Herr Baron/4 schrie er — nun sein Mitleid\ndiesem zuwendend — „hören Sie, das ist in Ord-\nnung, das ist einfach erledigt, keine Sorge, ganz\nund gar erledigt, hören Sie doch, Herr Baron!44 —\n„Ich danke Ihnen nochmals, Schlagintweit,4' erwi-\nderte dieser in dumpfem Ton. Und er schrieb ihm\nfür alle Fälle (wenn z. B. Schlagintweit einmal\ngerade keine Möglichkeit mehr haben sollte, den\nJungen zu behüten) die Adresse des Pater Bona-\nventura in Ghamfort auf, um gleich im voraus"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.4", "texte": "wenigstens für die nächste Zeit alles geregelt zu\nhaben,\nLangsam fand der junge Baron diesmal seine\nBeherrschung wieder. Dann gingen sie ins andere\nZimmer, zu dem Jungen, hinüber. „Das ist jetzt\ndein Vater!44 — sagte Frangart, schmerzlich\nlächelnd, und wies auf Schlagintweit. Und sie ver-\nabschiedeten sich voneinander.\nGebrochen warf sich der junge Baron auf den\nDivan. Ein furchtbares innerliches Schluchzen er-\nschütterte seinen jugendlichen grazilen Körper. So\nlag er lange, Als er sich erhob, glühten seine hei-\nßen trockenen Augen in einem verderblichen Feuer.\n„Das war Mieville!\" flüsterte er vor sich hin, „das\nwar noch einmal der Schrei der Sehnsucht . . .\nAber der ist jetzt auch verklungen, ganz verklun-\ngen, erstorben, mit dem Werk der Liebe erstor-\nben ...\"\n*\nDieses Erlebnis, aus welchem Schlagintweit,\nder vielleicht einmal Erzieher werden wollte, die\npraktische Lehre zog: „Ich soll Kinder nicht zu\nmir, sondern zu ihnen selbst erziehen!\" war für\ndas Befinden des halbgenesenen Baron Frangart\nleider von den traurigsten Folgen begleitet. Die\nAufregung brachte ihm, dein die Ruhe Gewohnten,\ndas Fieber verstärkt zurück. Lange heiße Phan-\ntasien durchzogen quälend das erhitzte Gehirn des\nKranken.\nAls er einigermaßen gekräftigt war, beschloß\ner, nach dem Süden zu gehen, nach dem heimat-\nlichen Schloß, das er so lange, aus dunkelm Wider-\nstreben heraus, gemieden hatte.\nSchlagintweit, den er bat, in einem Monat,\nwenn er wieder mehr bei Kräften sei, dorthin\nnachzukommen und einige Wochen als sein Gast\nzu bleiben, erschrak vor seinem Wesen. Das war\nnicht mehr das strenge Ansichhalten eines in\nSelbstbeherrschung und im Schweigen geübten\nMenschen; es war schon eine unheimliche mar-\nternde Totenstille. Und dazu diese glühenden\nAugen . , . Schlagintweit verließ ihn mit tiefem\nKummer.\n\nSchluß folgt in nächster Nummer\n\nBankroffts Erlebnis\nVon Peter Scher\nAis Bankrott! die Allee zu seiner Wohnung hin-\nunterging, dachte er: Es ist ärgerlich, daß ich ge-\nrade heute diesen Unsinn von Satire zu Ende\nbringen muß!\nWie ist es doch? Ein Herr Y. hat sich bei einer\n— ich gebe es zu — bemerkenswerten Gemeinheit\nertappen lassen. Immerhin nur einer schlichten\nbürgerlichen Gemeinheit von ganz gewöhnlichem\nFormat, wie man deren hundert und etlichen be-\ngegnet, wenn man über die Straße geht. Aber er\nhat sich erwischen lassen. Und was tue ich, Ban-\nkrofft, Mitmensch und überlegener Zeitgenosse?\nIch verarbeite das Faktum dieses Reinfalls zu\neiner — Satire. Ich tue es, weil ich leben muß und,\nwenn ich es nicht täte, meinen alten Ueberzieher\nnoch ein Jahr länger tragen müßte.\nEr brannte sich eine Zigarette an. Der An-\nblick des bläulich zarten Rauches, der in einer\nsanften Schwenkung um seinen Kopf entglitt,\nbrachte ihn auf andere Gedanken. Er lächelte.\nUnd heute, vielleicht in diesem Augenblick, viel-\nleicht in einer Stunde wird es geschehen! Wie von\nungefähr aus dem Nichts wird eine kleine Seele\nerwachen. Ein dünnes, hilfloses Stimmchen wird\nsich in den Chorus der Lebensstimmen mischen.\nAus gesunden Lungen wird es mit hellen kräftigen\nSchreien den Triumph des Mysteriums der Geburt\nverkünden. Und in der ergreifenden Ahnungslosig-\nkeit dieser Lebensschreie wird der Dank an die\nMächte des starken Willens liegen, der es herbei-\ngesehnt hat.\nUnd er, Bankrofft, wird der Vater sein. In\nschweigender Seligkeit wird er, dessen Inbrunst\ndie Erfüllung des tiefsten Wunsches der Geliebten\nden Mächten abgerungen hat, an der geschlossenen\nTür vorüberschleichen. Und sein Herz wird still-\nstehen vor Glück, wenn ein helles Lachen von\nihrem Munde sich in das hilflos lustige Plärren des\nKindes mischt.\nDer andere aber, der Gatte, wird mit Vater-\nstolz die Glückwünsche der Freunde entgegenneh-\nmen, indes Bankrofft zu seiner armseligen Jung-\ngeseilenwohnung hinaufsteigt, um sich über einen\nHerrn Y. satirisch zu ergehen, dessen er bedurfte,\num zu einem neuen Winterüberzieher zu kommen.\nBankroffts Gesicht verzog sich. Plötzlich sah\ner auf.\nWas war das? Eine gedrungene alte Frau\nhastete mit hochrotem Gesicht, laut aufweinend\nund gestikulierend, die Allee herauf, ihm entgegen.\nSie rief in abgerissenen Sätzen die Entgegen-\nkommenden an, lauter fremde Menschen, die sich,\ngerührt von ihrem Schmerz, mit ihr einließen, um\nratlos, achselzuckend weiter zu gehen\nBankrofft blieb erstarrt stehen. In ihm sagte\neine Stimme: O Gott! O Gott! War das nicht die\nkleine dicke Frau, die ihn nicht leiden mochte, weil\ner einmal eine gemütlose Aeußerung über ihren\nHund getan haben sollte? Ihre Mutter!\nEr stürzte zu der alten Frau hin, ergriff ihre\nHände, sah ihr ins Gesicht. Sie schrie: „Wo ist\ndenn der Arzt? Wo ist er denn nur? Es geht zu\nEnde — oh, oh! Es ist ja schon vorbei!\" Sie\nstampfte in der Hilflosigkeit ihres Schmerzes mit\nden Füßen und biß in ihr Taschentuch.\nBankrofft war es, als würde vor seinem Gesicht\nein schwarzer Vorhang zugezogen, plötzlich, mit\neinem Ruck. Seine Hände waren kalt und zitter-\nten. Die alte Frau hielt seinen Arm umklammert. Er\nriß sich los und rannte ohne Besinnung in das\nZigarrengeschäft. Sein Hut war heruntergefallen;\ner merkte es nicht.\nIn dem Laden erwischte er das Telephonbuch,\nblätterte verzweifelt, rief einen Arzt an. Er\nmüsse sofort kommen, es koste, was es wolle.\nWie? Wieso? Jawohl, ein Automobil! Aber so-\nfort Gott sei ihm gnädig, wen er eine Sekunde\nzögere. Wie? Ja, ja!\nEr war so erschöpft, daß er sich am Ladentisch\nfesthalten mußte. Durch das Fenster sah er, wie\nsich Kinder und Frauen vor dem Hause sammelten.\nVor dem Hause, in dem sie — vielleicht schon\nnicht mehr war.\nEr ließ sich Zigarren geben, vergaß zu be-\nzahlen, rannte den Weg zurück und kam vor dem\nHause an, als im offnen Fenster ihrer Wohnung\neben, blaß und die Hände ringend, der Mann sicht-\nbar wurde.\nVor dem Hause standen im Halbkreise Er-\nwachsene und Kinder, mit offenen Mäulern,- ent-\nschlosssen, sich keine Einzelheit des Vorganges\nentgehen zu lassen.\nBankrofft brach sich wütend Bahn und stürzte\nins Haus. Hinter ihm fielen zwei Kinder hin und\nheulten; eine alte Frau schimpfte.\nDie Treppe herunter stolperte, wie ein Kind\nstammelnd und weinend, der Ehemann. Er knickte\nin die Knie, raffte sich mit einer schlotternden\nDrehung auf und sank, gerade vor Bankrofft,\nwieder zu Boden. Er hatte einen Revolver in der\nHand, den er ihm aufdrängte: „Nehmen Sie — ich\nweiß nicht, was ich tue — ich — ich fürchte mich!\"\nSeine Stimme brach kraftlos und verröchelte in\neinem weinerlichen Husten.\nBankrofft steckte den Revolver in die Tasche.\nEinen Augenblick sah er zu dem Manne nieder, der\nwie ein Haufen leerer Kleider vor ihm lag. Er\npreßte die Lippen zusammen, hob den Mann em-\npor. Es fuhr ihm durch den Kopf: Was ist mir\ndieser Mensch? Plötzlich standen ihm Tränen in\nden Augen. Er faßte den Kraftlosen fest unter den\nArm und fragte mit einer merkwürdig ruhigen\nStimme: „Ist es vorbei?\"\nDer Mann wußte keine Antwort. Er stotterte\nsinnlos vor sich hin, dann schrie er wieder gellend\nauf: „Mein Weib! Mein Weib!\"\nBankrofft erbebte vor Unwillen unter dem\nlauten Pathos dieses Schmerzes. Warum schrie\ndieser Mann: Mein Weib!\nEr begleitete ihn in die Wohnung, vor der sich\nin beklommener Neugier die Nachbarn aufgestellt\nhatten. Im Zimmer, in dem sie lag, war alles in\nVerwirrung. Die Hebamme, im weißen Kittel, mit\nhochrotem Gesicht, lief ratlos hin und her. Die\nkleine dicke Frau, die Bankrofft nicht leiden konnte,\nerfüllte den Raum mit dem rasenden Gebahren\nihres Schmerzes. Der Mann hockte mit abge-\nwandtem Gesicht auf einen Stuhl.\nAuf dem Bette lag die junge Frau — nackt,\nschmal, mit wächsernen Gliedern.\nBankrofft stand am Ende des Bettes.\nEinen Augenblick war es ganz still.\nAus dem Nebenzimmer kam ein leise gluck-\nsender Laut. Die Hebamme nahm Bankrofft, dessen\nstarre Ruhe ihr imponierte, beiseite. Er wischte\nsich über die Stirn und mit einem Mal — er wußte\nnicht wie es ihm kam und wurde sich dessen gar\nnicht bewußt — mußte er lächeln. Die Frau zeigte\nihm das Kind. W7ie ein winziges rotes Klümpchen\nlag es in seinem Korb und brummelte vor sich hin.\nAus Bankroffs Augen fiel eine Träne mitten in\ndas kleine Gesicht, das sich komisch verzog. Er\nlächelte abermals. Die Hebamme sah ihn vorwurfs-\nvoll an.\nEs klingelte. Der Arzt stürzte herein, warf seine\nSachen hin und befühlte die Tote. Alle schwiegen\natemlos; sogar die kleine dicke Frau weinte nicht\nmehr.\nDer Arzt verzog keine Miene. „Reiben —\nrasch reiben!\" kommandierte er. Bankrofft riß in\ngrößter Hast irgend etwas vom Kleiderhaken und\nfing an, die Beine der Toten krampfhaft zu reiben.\nDie anderen folgten seinem Beispiel. Einen Augen-\nblick war es, als ob sie alle dieses stumme ver-\nzweifelte Ringen um ein schon entflohenes Leben\neinte.\nNur der Mann hockte noch immer mit abge-\nwandtem Gesicht in der Ecke. Er ächzte dann und\nwann und wagte es nicht, nach ihr hinzusehen.\nBankrofft sah mit weit geöffneten Augen ge-\nradeaus.\nEr sah den Ehemann vor einem wächsernen\nBein mit nicht sehr gut gepflegten Zehen klagend\nauf dem Boden liegen, das Haar zerrauft und einen\nsäuerlichen Geruch wie von abgestandenem Bier\num sich verbreiten.\n„Dieses Bein gehörte mir!\" weinte er mit einer\nwunderlich glucksenden Stimme, „mir, mir — und\nnun ist es dahin!\" Die Stimme erstarb in einem\nheftigen Husten und Schnauben. Aber sie erhob\nsich von neuem zu gellender, anklagender Kraft:\n„Hatte ich es nicht rechtlich erworben? Hab ich\nes nicht gehegt und gepflegt? Und nun? Gott, o\nGott!\" Die Klagen erstarben in den Tiefen eines\nan Mund und Nase gepreßten Taschentuchs.\nBankrofft machte mit der Hand eine Geberde,\nals wollte er, lächelnd zwar, aber mit verstehender"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.5", "texte": "Gelassenheit, ei* Klägliches von mcb schiebe*.\nSeine Seele war wie ein Kristall. Es sprach in ihm\neine Stimme (und er sah mit heiteren Augen auf die\nTote nieder): Ja, nun erst bist du mir ganz und\nfür immer gewonnen, du kleine Mädchenseele, der\nich mit meiner großen Inbrunst den einzigen tiefen\nGedanken deines Lebens eingegeben habe! Sehn-\nsucht und Erfüllung — wo ist ein Anfang — wo ist\nEnde! Wie bin ich beglückt, daß ich dies alles er-\nleben durfte!\nDer Arzt machte mit jähem Ruck eine ab-\nwehrende Bewegung mit der Schulter und wie auf\nein gegebenes Zeichen brach die Verzweiflung von\nneuem wieder aus.\nDer Ehemann hatte sich erhoben, war schlep-\npend näher gekommen und fragte nun den Arzt,\nindem er immer bedacht war, der Toten den\nRücken zu kehren, mit tiefer feierlicher Stimme:\n„Herr Doktor, soll das heißen, daß ich ~~~ nichts\nmehr — zu hoffen habe?\"\nBankrofft wiegte den Kopf.\nEr stand noch einen Augenblick an ihrem Lager.\nIn ihm war ein tiefes, stilles Gleiten. Geliebte!\nsprach eine dunkle Stimme aus der Tiefe seiner\nSeele. Dann entfloh er dein lauten Schmerz, der\naufs neue um ihn zu wüten begann.\nAls er in seinem Zimmer war, fühlte er den Re-\nvolver in seiner Tasche. Er legte ihn vor sich auf\nden Tisch und lächelte.\nBis zum Morgen saß er rauchend und lesend am\nTische. In seinem Gesicht war ein Leuchten wie\naach einem großen Erlebnis. Er neigte dann und\nwann horchend den Kopf zur Seite. Er hörte das\nhilflose Stammeln eines Kindes und ein warmes\nhelles Frauenlachen.\nMit einem Mal fiel ihm die angefangene Satire\nein. Er ging mit großen Schritten auf und ab. Seine\nLippen bewegten sich.\nEr blieb den ganzen nächsten Tag in seinem\nZimmer. Als er am zweiten Tage morgens hin-\nunterging, um Briefe nach der Post zu bringen,\ntraf er den Ehemann mit einem glänzenden Zy-\nlinderhut und einem Flor um den Arm im Hause.\nEr nahm die Beileidsäußerungen der Nachbarn ent-\ngegen. Er war feierlich und vernichtet.\nBankrofft grüßte und ging schweigend an den\nLeuten vorbei. Niemand dankte ihm; alle sahen ihm\nverletzt, kopfschüttelnd nach.\n\nSackträgerin\nAntwerpener Impression\nPaul Zech\nI\nSie schwankte wie ein Rohr den Damm entlang,\nDer schwarzbevölkert war von Ausgesperrten:\nFrohnplagen, die an dumpfen Fesseln zerrten\ndran Glied um Glied wie schnödes Glas zersprang.\nSie bog das ungeschnürte Schenkelpaar\ndem Rhythmus zaghaft hingesetzter Schritte\nund tat behutsam, daß nicht niederglitte\ndie Last auf dem zurückgestrichnen Haar,\nDoch ihre Augen rissen die Gesichter\nder Tagelöhner wie zwei Fackeln auf\nund hinter den halboffnen Lippen stand\nihr rotes Herz wie zum Verkauf.\nUnd allen die geblendet waren vom Spiel der\nLichter,\nwarf sie es lachend in die offene Hand.\nII\nSie tanzte wie ein Stern den Damm entlang\nund so, daß Jeder Blick ihr folgen konnte,\nden sie im gleitenden Vorüberschwang\nzärtlich entzündete und grell besonnte.\nSie hielten all ihr rotes Herz umkrampft,\nbis der zermürbte Tag herunterbrannte;\ndann sind sie stumm ins Tal hinabgestampft\nwie Trunkene und wie Weitabgewandte.\nNur ein Blutjunger schlich In das Haus\nder Trägerin, auf daß sie nicht entrönne\nund auch kein anderer sie zuerst gewönne.\nEr blieb tiarin und liebte bis ein Strauß\nPurpurner Rosen alle Giebel krönte\nund trug ein Glück mit fort, das seinen Tag\nverschönte.\nIII\nSie riß den blauen Vorhang von den Scheibe«\nund schob den Riegel sacht ans den Verschluß,\nund ließ den Morgenwind in breitem Fluß\ndurch des Gemaches dumpfe Schwüle treibe».\nUnd ihre schmalen lustzerrissnen Lippen\ntranken den Morgenduft wie kühlen Wem;\ndoch ihr Gesicht blieb hart verschlossen wie\nGesteia\nund nur das Herz schlug heftig an die Rippen.\nSchlug noch den letzten Takt der Liebestänze,\ngetanzt mit dem Geliebten auf dem Pfühl\ndas nun dahin welkt wie zerpflückte Kränze.\nDann raffte sie die Kleider vom Gestühl\nund trug das Unversehrte ihrer Brüste\nunter der Last der Frohnen wiederum längst\nder Küste.\n\nDie rote Flamme\nVon Hermann Wagner\n\nIrgendeiner von denen, die alles wissen, hatte\nmir einmal den richtigen Namen der beiden Unzer-\ntrennlichen verraten.\nDer Dicke mit dem gutmütigen, stets rosigen\nVollmondgesicht und der riesigen, wie polierten\nGlatze hieß Joachim Richter, der Magere und\nBleichsüchtige, der immer wie ein Leichenbitter\naussah, Theodor Kruse.\nEs kannte sie nämlich ein jeder nur bei ihren\nVornamen und sprach von ihnen schlankweg als\nvom Herrn Joachim und Herrn Theobald.\nDie Art aber, wie man den Ton auf das „Herr\"\nzu legen pflegte, brachte deutlich zum Ausdruck,\nmit welchem Respekte man ihnen, bei aller Ver-\ntraulichkeit, begegnete. So würdig und ehrbar\nsahen sie aus, obwohl sie nur zwei alte minder-\nwertige Advokatenschreiber waren, die für das\nGeringfügige, das sie leisteten, eine Art Gnaden-\nbrot aßen.\nMan traf sie eigentlich sehr selten.\nSie lebten wie abgeschieden von der Welt, fast\neinsiedlerisch.\nGingen sie aber aus, dann konnte man darauf\nschwören, daß sie es gemeinsam taten.\nDer eine ohne den anderen war gar nicht denk-\nbar. Man hatte, wenn man sie einzeln sah, das\nöefühl einer Lücke. Als ob etwas nicht in Ord-\ning sei. Oberflächlich betrachtet, machten sie\nfreilich den trostloser? Eindruck von schlaffen Phi-\nlistern. Von Leuten, die dem ewigen Gestern leb-\nten, von Leuten ohne Leidenschaft und tiefere\nWünsche.\n•». •iv-.y\nOb auch sie je jung gewesen sein mochten!\nJung, mit Feuer in den Augen, strebend, handelnd,\ndraufgängerisch?\nDer Gedanke war absurd. War schlechterdings\n»cht auszudenken.\nJugend in den Fleischmassen des Herrn Jo-\nachim, 4er mit seinem Zuviel an Fett, seit man sich\nerinnern konnte, schon unter Atembeklemmung ge-\nstöhnt hatte! Oder gar in dem hageren, knöcher-\nnen Körper des Herrn Theobald, der wie mit gel-\nbem Pergament überzogen war und bei Jeder Be-\nwegung zu knarren schien, wie ein schlecht ge-\nölter Automat!\nUndenkbar.\nAber auch, daß die beiden alt werden könnten,\nso richtig alt, greisenhaft und gebrechlich, lag\ngleichsam außer dem Bereiche Jeder Wahrschein-\nlichkeit.\nDenn sie blieben sich stets gleich.\nWie alt sie in Wirklichkeit waren, wußte nie-\nmand 2u sagen. Wohl um die hohen Fünfziger her-\num. Tatsache war, daß sie sich in den zwanzig\nJahren, die sie nun, von irgendwoher draußen her-\neingeweht, in der kleinen Stadt lebten, so gut wie\ngar nicht verändert hatten.\nUnd das nicht nur in ihrem Aeußeren, ihrem\nKörper.\nAuch innerlich blieben sie noch zwei echte\nBiedermeier. Verharrten im Großen und Ganzen\nnoch auf jenem Niveau, zu dem sich die Klein-\nbürger des Städtchens, immer langsam und be-\ndächtig, etwa in den sechziger Jahren emporge-\nschwungen hatten.\nTrug man ihnen etwas Neues oder Großes zu,\ntaten sie immer sehr erstaunt und nahmen davon\nmit einem dünnen Lächeln Notiz, innerlich voller\nSkepsis und überzeugt, daß alles nur Humbug sei.\nSie verstanden das Neue nicht und wollten es\nnicht verstehen.\nWar es wirklich möglich, daß die Zeit an je-\nmand so spurlos vorüber gehen konnte?\nZweifelnd fragte sichs mancher und mußte\nschließlich einsehen, daß es so war.\nUnd hatte er nur einige Phantasie und tiefere\nEinsicht, dann entging ihm gewiß nicht der Zug\njener halb komischen, halb tragischen Romantik,\ndie wie ein Schleier um das Wesen der beiden\nFreunde geworben war: wie die Ueberbleibsel\neiner längst entschwundenen Zeit, einer Zeit, die\nsagen- und märchenhaft wirkt, sah er sie in das\nGetriebe des modernen Lebens hineinragen.\nAls Schreiber in der kleinen Kanzlei eines Pro-\nvinzadvokaten waren sie, wenn auch sehr unwahr-\nscheinlich, gerade noch möglich.\nAls Buchhalter oder Korrespondenten eines\nkaufmännischen Kontors, auch des kleinsten, wären\nsie schon unmöglich gewesen.\nDu lieber Gott, sie boten den jungen Leuten,\nderen Kollegen sie ja immerhin waren, sehr viele\nAngriffsflächen: sie waren zweifellos höchst ko-\nmische Figuren. Und nichts war leichter, als sie\nlächerlich zu machen. Ihr immer ernsthaftes, ge-\nmessenes Getue, die Wichtigkeit, mit der sie die\nnichtigsten Dinge behandelten, die langsame, ge-\nradezu peinlich ängstliche Art, wie sie mit ihren\naltmodischen Federkielen Seite auf Seite der gro-\nßen Foliobogen bekratzten, Bagatellklagen und\nMahnbriefe mit einer Exaktheit abschrieben, als\nhandle es sich mindestens um Staatsverträge —"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214/215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.6", "texte": "Wilhelm Morgner: Ackerjmit Weib"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.7", "texte": "«Jas alles war, sdbsi im 4k Lehrmnse**\nBersten.\nAber da war ihre immense Bescheidenheit, ihre\nlächelnde Einfalt, ihr stilles nörgelloses Nachgeben\nin allen Dingen. Niemand wäre so roll gewesen,\nsich an ihnen zu reiben.\nMan bemerkte sie kaum in ihrer ruhigen, düste-\nren Ecke, in die der Doktor für sie eilten kleinen\nTisch hatte hinstellen lassen, mit zwei rohen kom-\npakten Stühlen, für die sie sich, um weicher zu\nsitzen, eigentümliche in grellen Farben geblümte\nPolster mitgebracht hatten.\nDort saßen sie nun seit Jahren.\nErschienen beide pünktlich um acht als die\nErsten und legten, wenn ihre Zeit gekommen war,\nauf die Minute die Feder weg, um den Arbeits-\nrock mit dem alten fadenscheinigen Fracke zu ver-\ntauschen.\nNeben diesen absonderlichen langschößigen\nFräcken bildeten noch ihre beiden steifen Hüte\neine Merkwürdigkeit. Sie waren von einer\nschmutziggrauen Färbung und hatten viel Aehn-\nHchkeit mit großen Nadhttöpfen.\nSchon dieser beiden Kleidungsstücke wegen\nwaren die Freunde, wenn sie durch die Gassen\nschritten, eine Sehenswürdigkeit.\nSie gingen immer sehr langsam und etwas\nsteif und sprachen nur wenig.\nAn schönen Sommertagen, nach Feierabend,\nkam es auch vor, daß sie einen Spaziergang ins\nFreie oder in den Wald hinaus machten. Sie\nschwiegen sich dann beide gehörig aus oder\nsprachen in kargen Sätzen, nach langen Pausen,\n.-.Belangloses über das Wetter, wie es war, wie es\nsein müßte und wie es sein würde, wie das Ge-\ntreide stand und wie der Tag immer mehr zu oder\nabnehme.\nSeit Jahren schon führten sie das gleiche Ge-\nspräch und brachten nichtsdestoweniger dem Aus-\ntausche ihrer Meinungen immer das gleiche Inter-\nesse entgegen.\nGanz selten nur kam es vor, daß sie einmal\n-mehr aus sich herausgingen, und dann war es fast\n\"Immer Herr Theobald, der mit einer gewissen\nWehmut sich in Reminiszenzen erging, vergange-\nnen Tagen nachklagte oder zweifelnde Blicke in\ndie Zukunft wagte.\nMatten sie das Gefühl, daß es Zeit sei, nach\nHause zu gehen, zog Herr Joachim, wie um Schluß\nzu machen, seine schwarze Horndose und bot Herrn\nTheobald die obligate Prise.\nHerr Theobald aber vertrug keinen Tabak.\nKaum hatte er ein winziges Quantum seiner\nNase zugeführt, zog er auch schon sein riesiges\nTaschentuch aus blauem Cotton und begann, unter\ntrompetenhaften Tönen mit einer gründlichen Rei-\nnigung seiner Nasenlöcher.\nWomit der Nachhauseweg so ziemlich ausge-\nfüllt war. Ueberhaupt war Herr Joachim der\nRobustere von beiden, der sich mehr an das Leben\nhielt und von den Genüssen, die es bot, möglichst\nzu profitieren suchte. Die Ansprüche, die er an\n• das Leben stellte, gingen freilich nicht weit und\nwaren damit so ziemlich befriedigt, daß er warm\nsaß und satt zu essen hatte. Und da er sich in\neiner gesicherten Stellung wußte und ihm überdies\neine kleine Rente gegen schlimme Eventualitäten\nSchutz bot, hatte er alle Ursache, heiter und guter\nDinge zu sein.\nHerr Theobald war der Sensitivere, der, wel-\ncher auch geistige Bedürfnisse zu haben vorgab\nund stundenlang, während sein Freund stumm am\nFenster saß, sich in alte, hundertmal gelesene Ro-\nmane vergrub und nie müde wurde, den nichtswür-\ndigen Intrigen am Hofe Josefs 11. nachzugrübeln.\nWie pochte sein Herz, wie strömte es über in\n«inem heißen und brennenden Mitleid und wie ball-\nim sich in ohnmächtigem Zorne seine magere*\nFäuste, wenn er von den Ränken las, durch die\nder edle Herrscher den Jesuiten zum Opfer ge-\nfallen war!\nGab Herr Joachim in seiner Skepsis zuweilen\nleisen Zweifeln Ausdruck, sprach er vom Papiere,\ndas geduldig sei, von der Art der Romane, dann\nkonnte Herr Theobald außer sich geraten.\nWie, durfte es jemand beifallen, Zweifel an den\nTatsachen zu hegen, die hier gedruckt, gedruckt\nständen? Seine Stimme zitterte, überschlug sich,\nalles Blut stieg ihm zu Kopf.\nEr hatte nun einmal vor allem, was er gedruckt\nsah, einen heiligen Respekt und konnte sich einen\nMenschen, der Bücher schrieb, nur als Halbgott\nvorstellen, als ein Wesen, das wichtiger war als\nalle Reichen und Mächtigen dieser Welt.\nEinen bohrenden Haß aber hegte er gegen die\nJesuiten, die er nur Finsterlinge nannte, und die\nsein Gemüt derart lähmten und bedrückten, daß\nsein Gesicht, wenn er von ihnen sprach, immer\nwie von etwas Drohendem stark umwölkt wurde.\nIhm waren sie eine furchtbare dämonische\nMacht, nichts Persönliches, nichts Menschliches\nhaftete mehr an ihnen, zu wüsten Ausgeburten der\nHölle hatten sie sich in seiner Seele ausgewachsen,\nzu einem Begriff des schlechthin Bösen.\nEr lebte in einer beständigen un eingestandenen\nAngst vor ihnen.\nWar es denn ausgeschlossen, daß sie nicht\nauch hinter ihm her waren? Wrie konnte man\nwissen, ob sie nicht auch von seiner Gesinnung\nKenntnis erlangt hatten: sie, die doch alles er-\nfuhren !\nUnd er machte sich doppelt klein.\nErbleichte jedesmal, wenn er einen Geistlichen\ntraf, grüßte mit einer lächerlichen Devotion und\nerbebte in dem Bewußtsein seiner großen Schuld,\nwenn man ihm mit liebenswürdigen Lächeln dankte.\nSicherlich das Lächeln dieser Mächtigen und\nFinsteren war ein Zeichen, daß man hinter seine\nSchliche gekommen war: lächelnd ließ man ihn\nnoch gewähren, spielte mit ihm, wie die Katze mit\nder Maus, bis man es für geraten hielt, ihn zu ver-\nnichten.\nDenn daß einst die Jesuiten in sein Leben ein-\ngreifen würden, daß er mit ihnen einen Kampf um\nseine Existenz, ja um sein Leben würde ausfechten\nmüssen, das schwebte vor Herrn Theobalds Seele\nwie ein unabänderliches Schicksal, vor dem es\nkein Entrinnen gab.\nIn Stunden, da seine Phantasie vollgesogen war\nmit den Bildern dieses künftigen Ringens, geriet er\nin ekstatische Verzückungen und sprach sich in\nder schmerzlichen Freude, daß ihm so Außerordent-\nliches bevorstehe, in einen wilden ausschweifen-\nden Rausch hinein. Er ersann dann Geschichten,\ndie ebenso grotesk wie schauerlich waren und\nwußte sie, indem er sie bis in die einzelnen Züge\nmit Details ausstattete, mit solcher Wahrschein-\nlichkeit vorzutragen, daß sie in hohem Grade\nglaubhaft wirkten.\nSolche vehemente Ausbrüche, solche Momente,\nin denen Herr Theobald seiner aufgeregten Phan-\ntasie die Zügel schießen ließ, gleichsam die letzten\nReste der verglimmenden Leidenschaft, die in\nseiner verdorrten Brust begraben waren, zu einer\nleckenden Flamme anblies, solche Momente waren\nfreilich sehr selten, bedeuteten aber für Herrn Jo-\nachim jedesmal einen auserlesenen Genuß.\nDie beiden Freunde waren an solchen Abenden\nin ihrer behaglich durchwärmten Stube beisammen,\nauf dem Tische stand die Lampe mit dem grünen\nSchirm, der das ohnehin schon spärliche Licht\nnoch mehr dämpfte, und Schöps, der Kater, lag\neinsam auf der Ofenbank und blinzelte und\nschnurrte unermüdlich, als verstehe und billige er\nalles, was an Unheimlichem und Schauerlichem in\ngeheimnisvollem Flüstertone vom Tische her z»\nihm drang.\nHerr Joadhim saß, angetan mit seinem weiten\nSchlafrocke, zufrieden auf dem Kanapee und\nrauchte aus seiner langen Pfeife, Herr Theobald\naber hatte seine hagere Gestalt in ihrer ganzen\nLänge gegen die Wand gelehnt und sah in dem\ngrünlichen Lichte noch fahler aus, als er in Wirk-\nlichkeit war.\nSeine langen und knöchernen Hände beschrie-\nben in der Luft seltsame Figuren und Kreise,\nseine Stimme klang matt und hohl, und sein zahn-\nloser Mund glich, wenn er ihn öffnete, einer gäh-\nnenden finsteren Höhle. Die bebenden und leisen\nWorte, die kurzen Sätze, die sich wie abgehackt\nund knöchern aus dem Munde Herrn Theobalds\nachlichen, waren von einer beklemmenden Sug-\ngestion.\nDas trockene, schadenfrohe Lachen, das sie\noft unterbrach, wirkte dabei wie ein Kitzel.\nHerr Joachim erschauerte unter diesem meckern-\nden Geflüster, über seinen mächtigen und fetten\nKörper kroch prickelnd die bleiche Furcht, in sei-\nnem Innersten aber saß kichernd ein Kobold, der\nwie ein Clown die possierlichsten Grimassen\nschnitt: denn alles, was Herr Theobald mit blu-\ntigem Ernste erzählte, war ja so furchtbar komisch,\ndenn es war gar nicht wahr, gar nicht wahr!\nAber auch in der Brust des Herr Theobald saß\nso ein Wesen, gleichfalls einem Bajazzo sehr ähn-\nlich, aber einem, der sich wand und bäumte, der\nblutige Tränen weinte und dessen Lachen wie\nSchluchzen klang.\nUnd je mehr Herr Theobald diesem Wichte\nin seiner Brust lauschte, desto leiser und müder\nwurde seine Stimme und desto ruhiger wurden\nseine Gesten.\nBis er schließlich schwieg, sich von Herrn Jo-\nachim abkehrte und zur Ofenbank begab, wo er\nden Kater Schöps auf seinen Schoß nahm, um ihn\nzärtlich zu streicheln.\nDas war dann das Ende.\nDer Kater schnurrte noch lauter und zufrie-\ndener. Herr Joachim paffte wortlos seine Pfeife\nund arbeitete sich allmählich aus seinem schwü-\nlen Rausche heraus. Herr Theobald suchte sich\nnoch dichter mit ihm zu umnebeln. —\nWie grundverschieden im Wesen die beiden\nFreunde waren, offenbarte sich ferner in dem Ver-\nhältnisse, in dem sie zu den Frauen standen.\nVon Herrn Joachim stand es fest, daß er nie\nin seinem Leben ein besonderes Faible für die\nFrauen besessen hatte.\nSelbst seine Liebeleien, die in der Jugend un-\nvermeidlich sind, hatte er nur mit jener trägen\nZurückhaltung und Mäßigkeit genossen, die ihn\nauch jetzt noch, in verstärktem Grade, hinderte,\nsich Emotionen hinzugeben.\nEs war bei seinem Temperament eigentlich\nverwunderlich, daß er nicht geheiratet hatte, denn\ner wäre, da ihm die Frauen keine Leidenschaft\neinflößten, ein glücklicher Ehemann geworden.\nNun war es wohl zu spät dazu.\nEr hätte zwar, wenn es ihm ernstlich darum\nzu tun gewesen wäre, noch Frauen gefunden, die\nmit Freude bereit gewesen wären, ihn glücklich\nzu machen — aber, wenn er sich's richtig be-\ndachte: was ging ihm so ab?\nLeute seines Schlages bringen es nur schweren\nHerzens über sich, dem, was sie gewohnt sind, zu\nentsagen, und das Junggesellenleben, das Herr\nJoachim mit seinem Freund Theobald führte, war\nihm zu einer Gewohnheit geworden, der gegen-\nüber ihm die idealste Ehe nur als Surrogat er-\nschien. 112 } j liff\nSie hatten ihre warme Stube, daneben eine"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "217", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.8", "texte": "Jacob Steinhardt: Originalholzrchnitt"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "218", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.9", "texte": "kleine Kammer, in der sie schliefen, die gröbste\nArbeit, für die sie untauglich waren, machte ihnen\nfür weniges eine Mietfrau, alles Leichtere besorg-\nten sie selbst\nHerr Joachim hatte daher für alle Weiber nur\nnoch ein Lächeln, und kam übrigens mit ihnen auf\ndas Vortrefflichste aus.\nDenn da er sie nur für eine Art Kinder ansah,\ndenen man am besten den Willen ließ, zögerte er\nniemals, ihnen recht zu geben, und lobte stets dort,\nwo sie gelobt sein wollten, und drückte beide\nAugen zu, wenn er hätte tadeln müssen.\nDas Weib war ihm nichts als eines der vielen\nWesen, die neben ihm lebten, ohne tiefere Bedeu-\ntung, ohne Beziehungen zu ihm, die irgend ein\nZufall planlos neben ihn gestellt hatte.\nAnders verhielt es sich mit Herrn Theobald.\nIn dessen Seele klang ein Ton, war eine ver-\nzehrende Glut: die Sehnsucht nach dem Weibe.\nSie war immer unbefriedigt geblieben und hatte\nihm tiefe Wunden gebrannt\nAber sie lohte fort, blieb ein ruheloses Suchen\nund Begehren, ein ewig ungestillter Durst.\nSein ganzes Leben war eigentlich wie ein\nTraum gewesen, es war, als sei er in finsterer\nNacht keuchend und flehend schillernden Irrlich-\ntern nachgerannt, feurigen Zeichen, die verführe-\nrisch vor ihm her gegaukelt waren, nach denen er,\nohne sie jemals zu greifen, brünstig die Arme aus-\ngestreckt hatte.\nExistierte das Weib nicht, wie er es sah?\nOder war er nicht der Mann, es zu finden, es\nzu wecken?\nSchon längst hatte er sich damit getröstet, daß\ner das Letztere annahm.\nSchön war er ja niemals gewesen. Und nicht\nstark, und nicht mutig.\nWer konnte die Summe von Schönheit ahnen,\ndie in seinem Innern aufgespeichert war, von der\ner zehrte und lebte, und die er in ungeheuerlicher\nFülle hätte um sich ausstreuen mögen?\nDas Weib, wußte er und war stolz darauf,\nliebte nur die, die wie Halbgötter einherschritten,\ndie Lachenden und Tosenden, die, welche zertreten\nund wieder aufrichten, deren Gang leicht ist, und\nderen Wort kühn und stolz.\nMußte er da nicht abseits stehen?\nEr durfte nur fühlen, ahnen, sich berauschen,\nkonnte aber nicht hoffen, zu wirken.\nEr stand leuchtenden Auges am Rande des\nWeges, auf dem brausend das Leben vorbeizog.\nSein war nur der Anblick — aber den hatte er!\nWie viele der Millionen um ihn hatten ihn nicht!\nAn dem Bewußtsein dieses Vorzuges richtete\ner sich auf und sah sich turmhoch über dem Ge-\nwimmel der Massen.\nDenn wenn es ihm auch versagt war, die\nFrüchte seiner Sehnsucht zu pflücken, so war er\ndoch stark und groß genug, sich nicht an die\nTische zu setzen, an denen Gemeinheit und Ge-\nwöhnlichkeit ihre Lüste feilhielten.\nEs hatte lange gedauert, ehe Herr Theobald\nzu dieser seltsamen Art eines resignierten Opti-\nmismus gelangt war.\nEr hatte es nicht glauben wollen und nicht be-\ngreifen können, daß die Welt so voller Gemeinheit\nund Roheit war, und daß sich namentlich hinter\ndem Weibe so viel des Tierischen und Häßlichen\nverbarg.\nEr war durch die Tage gelaufen, mit wirrem\nHaar und fiebernden Augen, und hatte sein Herz\nfeilgeboten.\nMit vielen heißen Worten hatte er es feilge-\nboten, wie sie ihm die Leidenschaft eingegeben\nIhatte, und in seiner Brust war ein Feuer ge-\nwachsen, daß alles um ihn her wie vom Wider-\nschein dieses Brandes zu glühen und zu leuchten\nschien.\nAber inmitten durch diesen Glanz hatte er die\nFratzen grinsen gesehen: wie sie ihn perfid an-\ngelächelt hatten, mit ihrem kühlen, überlegenen,\nspöttischen Lächeln . . .\nNiemand hatte ihn kennen wollen.\nDa war die Scham in ihm aufgestiegen, und\ner war verhüllten Hauptes durch die Nächte ge-\nschlichen.\nSeine Stimme war leise und demütig gewesen\nund hatte gebettelt, seine Sehnsucht hatte traurig\ndie Arme ausgestreckt . . .\nVergebens.\nSebst die kleinsten Hoffnungen hatten ihn be-\ntrogen, und was immer er an Früchten von sei-\nnem Wege aufgehoben hatte, alles hatte einen\nfaulen und bitteren Kern.\nNoch wirkte sein letztes Erlebnis in ihm nach.\nJene abenteuerliche Leidenschaft, auf die er\nnun schon seit fast zehn Jahren zurückblickte und\nderen Geschehnisse er, wie hinter dichten Wän-\nden von Nebel und in weiter Ferne, immer wieder\nvon neuem sich vor sich abspielen sah.\nDas süße Gesicht des jungen blonden Weibes\nverließ ihn nicht mehr . . .\nAuf allen seinen Wegen nahm er es mit, in\nseine tiefsten Heimlichkeiten tauchte es in lächeln-\nder Ruhe mit hinab.\nNoch immer durchzitterte seine Brust das\nbange Gefühl der Freude und der Sehnsucht aus\njener Zeit, fast so stark und so betäubend, wie er\nes in den alten Nächten empfunden hatte, die jetzt\nso weit hinter ihm lagen, die gleichsam entflohen\nwaren:\nIn jenen fiebernden Nächten, die das teure Ge-\nsicht wie die Erfüllung durch seine Träume ge-\ngangen war, da er es in den Händen gehalten und\nden ruhigen und gütigen Mund mit leisen Küssen\nbenetzt hatte, da seine Hände zärtlich über die\nkühlen seidenen Wangen gefahren waren und er\naus dem Borne dieser milden Augen, Leben, Leben,\nLeben gesogen hatte.\nSeine Königin hatte er sie genannt.\nKeinen anderen Namen hatte er für sie ge-\nwußt, als den: Königin . . .\nViele tausende Male hatte er ihn gelispelt, zärt-\nlich liebkosend und hingebend, wie im Gebet:\nKönigin!\nDrei volle Jahre hatte er seine Liebe heimlich\nmit sich herumgetragen, sie, die er anbetete, war\nahnungslos gewesen.\nOft zwar hatte es ihn gereizt, einmal zu er-\nfahren, wie sie über ihn dachte, und es hatte Mo-\nmente gegeben,, in denen es ihm ganz natürlich\nerschienen war, daß auch sie ihn lieben mußte.\nDennoch hatte er sich durch nichts verraten.\nSeine Zaghaftigkeit und die Furcht, alles zu\nzerstören, hatten ihn immer wieder davon abge-\nhalten, einen Schritt zu wagen, der sie ihm viel-\nleicht näher gebracht hätte.\nSie stand zu hoch über ihm.\nNicht in sozialer Hinsicht zwar, denn ihr Mann\nwar arm wie er selbst, ein obskurer Gerichts-\ndiener, mit einem schmalen Einkommen und mit\nManieren, die weit hinter den seinen zurück-\nstanden.\n\nFortsetzung folgt in nächster Nummer\n\nFuturistische\nDichtungen\nRudolf Kurtz\nDer Futurismus ist eine Erfindung F. T. Marin\nnettis — eines Stahlsaitengehirns mit einer lyriscfc\numflossenen Seele.\nAus den Explosionsmotoren des zwanzigstem\nJahrhunderts, aus Dampfwolken und elektrischen\nWirbeln steigt senkrecht ein melancholisch-weißer\nMond empor — der Mond Jean Jacques Rous-\nseaus, der Mond Jules Laforgues.\nMarinetti aber ist unironisch wie alle tempera-\nmentvollen Dogmatiker und der Hymnus ist seine\nAeußerungsform. Er produziert einen Heroismus\nder Haltung, der in seiner verbissenen, unbeeix>~\nflußbaren Monumentalität Schillers Schatten be-\nschwört. Er ist dauernd in jene geräuschvolle\nSphärenmusik versunken: ein Lobsinger des ewi-\ngen Meers, der ruhmvollen Sonnenuntergänge, des\nkühnen Sterbens. Ein Begeisterter, vom äußersten\nKap seiner Zeit schauend; vorgedrungen zur\nSchönheit der Eisenkonstruktion und keineswegs\nzurückschreckend vor dem Hymnus auf das Auto-\nmobil.\nDer Futurismus ist stolz, eine zeitgemäße Er-\nfindung zu sein. Es gilt die unfaßbare Allheit des\nAugenblicks zu spiegeln. Eine antiquitierte\nAesthetik bestand darauf, aus der geschlossenen\nForm die Fülle der Bewegung ahnen zu lassen —\nder Futurismus läßt aus der Vielfalt der Momente\ndie .geschlossene Form (Dreitausend;\nJahre Kunst ziehen sich lautlos in den Orkus zu-\nrück.) Die dichterische Praxis Marinettis ist an\ndieser Stelle ein wenig zurückhaltend: zur Erläu-\nterung des Programms ist vielmehr die futuristische\nMalerei inszeniert worden.\nMarinetti ist ein schlanker, mondainer Italiener,\nsehr pariserisch, sehr lebhafte Augen und sehr tem-\nperamentvolle Bewegungen. Ein kluger Anwalts-\nkopf mit dem ausdrucksvollen Mund eines Dich-\nters —, so wie ihn das Titelporträt des Sgn. Carrä,\nfuturista, mit unbeirrbarer Sicherheit hingestellt\nhat.\nMit diesem Vorwort wird eine Auswahl futuristi-\nscher Dichtungen von F. T. Marinetti in deutscher\nUebertragimg eingeleitet Das Bändchen, mit einem\nPorträt Marinettis von Carrä, erscheint demnächst im\nVerlag A. R. Meyer / Berlin-Wilmersdorf.\n\nDeutsche Romane\n\nFrühling, Sommer, Herbst und Winter. Im\nWinter gehts den Leuten schlecht, aber im Früh-\nling blühen die Rosen: rote, blutige Rosen: duf-\ntende Rosen ans Seidenpapier. Man spricht\ndeutsch in Berlin. Die Landschaft ist Feiertags\nhalber frisch angestrichen. Auch die alte liebe\nSonne ist wieder blank geputzt worden. Der\nSchöpfer hat absichtlich zwei Seelen sauber ge-\nwaschen und zur Bleiche an die Sonne gehängt,\nwährend die übrigen — Hundeseelen — in der\nRumpelkammer unter der schmutzigen Wäsche\nliegen. Sie bewegen sich wie Hampelmänner in\neinem zuckerwässerigen Sentimentalismus, wel-\ncher jede Dienstmagd zu Tränen rührt: darüber\ngibts nichts zu streiten. Draußen weht Großstadt-\nluft: Mietskasernen und zo lasch er Firnißlack:"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "219", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.10", "texte": "Eau de Cologne No, 4711 und Syphilis. Gott hat\nden Menschen aus einem Klumpen geschaffen;\nder Romanschriftsteller hat ihn mit Klümpchen\nbeschmutzt. Das heißt, der feige an Größenwahn\nleidende Tagdieb betrügt die Welt mit gedruck-\ntem Papier und besudelt sie mit Dilettantismus.\nLiebesidyll. Er, Sie und der Andere: feine\nGesellschaft Dichter, große Dichter natürlich,\nMaler, Offiziere, Gräfinnen und Zuhälter in Glace-\nhandschuhen. Herren und italienische Sängerinnen\nans Wannsee. Kluge, außerordentlich kluge Men-\nschen. Es riecht nach Leichen, Nach vierhundert\nSeiten wird Hochzeit gefeiert. Ein ehrlicher\nMensch hätte das mindestens gleich am Anfang\nbesorgt- Spaß muß sein, und den kann man ruhig\nfür fünf Mark verlangen. Was sind überhaupt\nlumpige fünf Mark für die deutsche Kultur? Man\nverkauft zwar faule Witze — ich weiß nicht,\nob Herr Bong sie gut bezahlt — aber niemand\nwird wagen auch nur den Schatten eines Kunst-\nwerkes zu verkaufen. Aber schöne, große Seifen-\nblasen, worin sich Gefühle verbergen, die hoch\nin die Lüfte fliehen. Höhere Töchterschulgefühle.\nTanzlehrerbildung und Papageigeisteserziehung :\nso oberflächlich wie irgend möglich; sonst aber\nnach Maß angefertigt wie es sich ziemt.\n*\nVerwechslungshalber reist man nach Italien.\nItalien — wers nicht wissen sollte! — ist das\nLand der Sonne und der Liebe. Wer nach Italien\ngeht, hat selbstverständlich einen Schmerz zu ver-\ngessen, Lungenschwindsucht zu heilen, Langeweile\ntotzuschlagen oder auch eine Liebe zu befestigen.\nO bella Italia! Jeder deutsche Analphabet wird\nliier zum Dichter: jeder Geometer zum Maler:\njeder Saitenrasper zum Musiker; Homosexualis-\nmus mit Gitarrengeklimper; Blumenmädchen mit\nMondenschein. Auch ein Ochse muß zum Dichter\nwerden. Paul Heyse ist in Italien Dichter gewor-\nden! Santa Lucia! Santa Lucia! Wie das die\nHerzen erregt. Tränen rollen in den Golf von\nNeapel und ertrinken. O bella Italia . . .\nflucht auf italienisch die unschuldige Geheimrats-\ntochter, beim Anblick des Mondes seufzend, und\nder Referendar — der Dichter in Windeln — sinkt\nauf die Knie nieder. Wer aber zum Schmerzver-\ngessen in den „Garten Europas\" eilte, ersäuft\nseinen Kummer im Chianti oder schießt sich bei-\nnahe eine Kugel durch den Kopf: dann hängt der\nHimmel voller Geigen und das „herrliche, tugend-\nhafte, kluge, jungfräuliche Geschöpf\" — ein Pfund\nLulu und zwei Gramm Jeane d'Arc — fällt ihrem\nkleinen Goethe um den Hals. Vorhang fällt. Aber\nder blecherne Mond erleuchtet auch fernerhin die\nalten Kulissen.\n#\nWachsfigurenkabinett im bayrischen Ober-\nwalde. Umgebung: frei nach Defregger. Kostüme\nvon Herzog in Berlin. Die Kirche, drei Bauern-\nhäuser aus Pappe; ein sogenanntes Gemeindeamt,\ndie Dorfkneipe und auf der Anhöhe den Adelssitz\nder Herren v. H. Dazu haben wir einen Kurator,\nmanchmal, sogar zweie (wenn der Autor guter\nLaune ist); einen Doktor; sittliche Jungfern;\nBauernburschen; einen jungen Schloßherrn, der\nTolstoi nachäfft. Man arbeitet nur nach erstklas-\nsigen Schablonen. Jedes Gesicht eine Larve. Die\nHandlung liegt im Zufall; nur der Betrug ist\nschlecht verhüllt. Die Welt voller Mißgeburten,\nmit denen der Schöpfer kein Erbarmen kennt.\nKinderspielzeug: Haß, Liebe, Sonntagspredigten,\nVergewaltigungen (Modell des alten Herren von\nJasnaja Poljana), Einzug des Sozialismus — das\nSieißt: Leichenschmaus — Raufereien, Kirmessen\nund Tanzmusik, Kuhgebrüll und Giockenläuten,\nDorfklatsch und grüne Wiesen, Windmühlen und\nTannenwald: blödsinniges Feuerwerk, womit man\nden Großstädter von der Naivität des Landlebens\nzu überzeugen gedenkt. Kein Zug echten Lebens\nbewegt die feiernden Dörfler. Kein Hauch von\nKunst durchweht die Gestalten. Alles liegt im\nAeußeren: vom Feiertagsanzug zum ewig-christ-\nlich-blauen Himmel. Nur die Windmühle dreht\nsich lustig im Kreise und weht den umgrenzenden\nBäumen frische Luft zu. Alles bleibt unentschie-\nden, unsinnig, langweilig. Jeder Zufall ist voraus-\nzusehen, eben weil man nur die infamen Expe-\ndiente anderer Modelle benutzt. Die Erde wim-\nmelt vor unlauteren Absichten. Blind hat man fal-\nsche Farben aufgetragen. Darunter lugt unvor-\nsichtig Geisteselend hervor: Kunstarmut. Die zer-\nrütteten Verhältnisse des Pharisäertums; des\nPhilisterreiches haben einen verderblichen Wol-\nkenhandel in der Kultur eingeführt. Leichen wol-\nlen sich als Herrscher und Herren aufdrängen und\nmerken nicht, — daß aus ihren Totenschädeln der\nSchatten selbst jeder Vernunft entflohen ist.\n\nCurt Seidel-Turin\n\nDie Literatur in Trauer\nJoseph Adler\nDie Literatur ist eine Wittib, sie trauert um\nAlbert Traeger. Die Partei, der er als Führer fast\nein halbes Jahrhundert lang angehörte, hat an sei-\nnem Grabdenkmal das Gelübde erneuert „i n\nseinem Geiste den politischen Kampf\nweiterzuführen für den Fortschritt\nund für des Volkes Recht u n d Woh 1 -\nfahrt \".\nDie garstige Politik hat wenigstens den Trost:\n„daß Traegers Erbe gewahrt bleibt, und daß sein\nWahlkreis der Partei nicht verloren gegangen ist\".\nAber die Literatur muß trostlos um ihn trauern.\nDer Gerichtssaal hat den Heimgang des fei n -\nsinn i g e n Juristen glatt verschmerzt, und für\ndie deutsche Frau ist der St a m mvater der\njugendlichen Alten überhaupt gar nicht\ngestorben. Und wie sagte sie das so ergrei-\nfend schön:\n„Ich aber, eine deutsche Frau,\nIch fühle keinen Schmerz und keine Trauer.\nDu großer Barde bist uns nicht gestorben,\nDu, der so oft der Frauen Lob gesungen,\nBeim schäumenden Pokal des Geistes\nSchwert geschwungen,\nMit allen Frauen lebst du ewig fort.\"\nSie wird mit sich handeln lassen, Auf Ehre.\nEinige tausend Jahre müssen sie nachlassen, Ma-\ndame. Nein. Niemals. Aber, Madame, 's ist ja\nallens bloß Uffmachung. Nichts Echtes. Nichts\nEchtes? O, mein Tyrtäus der schwarz-\nrot-goldenen Zeit, wie schmäht er dich.\nKein Jahrzehnt lasse ich nach. Und das Geistes\nSchwert, das du so hinreißend schön geschwungen\nhast, wiegt allein schon für meinen Preis. Sie,\nwat det Jeistesschwert is, det jehört schon längst\nmangs olle Eisen. Dafor übt's keen Sechser mehr.\nAber er war ja doch ein einzig Gearteter. Ein\nKämpe, ein Sänger. Der letzte Zeuge einer\nstahlgepanzerten Zeit. Weeß ich, det\nhat ja in der Morjenpost jestanden. Oder ins\nTageblatt. Er war der Sänger des edelsten Fa-\nmilienglücks, der Bannerträger des Fortschritts;\ner hat sein Leben lang für Freiheit und Volkswohl\ngestritten. Gekäißpft. Lassen Sie schon drei\nJahrtausende nach. O, quälen Sie mich nicht län-\nger. Ich bin jene deutsche Frau, auf die er die\nreizendsten Toaste ausgebracht hat. Drei Jahr-\ntausende. Rasch. Bedenken Sie, daß die Litera-\ntur um ihn trauert. Die Literatur. So seh'n Sie\naus. Die Literatur. Lachhaft. Und doch trauert\nsie um- ihn. Der Dr. Wie m e r hat es gesagt.\nAm Dreifaltigkeitskirchhof. Anläßlich der Enthül-\nlung des Grabdenkmals für den Unvergeßlichen.\nDer Dr. Wiemer?\nEs ist in den letzten Monaten, seit Traegers\nTod, allerlei zur Erheiterung der Literatur ge-\nschehen. Etliche Meister sind fünfzig geworden.\nSchnitzler, Dreyer, Fulda, Otto Ernst und Con-\nrad Alberti-Sittenfeld. Das Komödienhaus, wo der\nLibrettist Lothar „das Szepter schwang\",\nhatte seine Pforten mit Dreyer und Fulda eröffnet.\nDer lächelnde Knabe war zwar nicht lebensfähig\nund die „Feuerversicherung\" hat nicht gezündet,\naber die Presse, die die ihrigen nicht verläßt, Lob\nund Zuspruch verschwendet. Man hätte sie unter\nKuratel stellen mögen. Selbst der gefürchtete\nAlfred schmunzelte allerliebst. Aber das war auch\neine Doppelgeburtstagsfeier und gar nicht so ein-\nfach. Bedeutungsvoller im Rahmen des Regie-\nrungsantritts eines Kollegen, der die Krone des\nErfolges mit dem Purpur des eifrigen Beifalls zu-\ngesichert bekommen wollte. Das königliche\nSchauspielhaus hat eine Ehrenschuld eingelöst,\ndie es einem gegenüber hatte, der selber von\nder Literatur borgte. Ein breitflüssiges Stück\nwurde ungekürzt gegeben, Szenen schlugen ein,\nBeifall schwoll von Akt zu Akt, aber die Dar-\nstellung stand auf hoher Stufe — und schaute\nherab. Das zu erleben, hat ein Band grau\nwerden müssen. Der Ruhm wird verramscht, und\nes muß manch einer, der zu Lebzeit der Literatur\nnur auf die Schleppe getreten hat, aus dem Schat-\ntenreich auferstehn, weil sich dieser und jener in\nein vorteilhaftes Licht setzen will. Die kuriose\nLiteratur. Ihre bedeutendste Söhne sind erst fünf-\nzig geworden, aber sie trauert um Traeger. Trau-\nert noch um ihn. Man wird ihr das Trauergewand\nvon den Gliedern reißen müssen, der Närrin. Man\nwird ihr ernstlich zum Tanz aufspielen lassen.\nLacht Ihr ins Gesicht, der Törin. Der Genarrten.\nSie trauert um den Tod Traegers. Es leben noch\nhunderte Dilettanten. Seine politische Tendenz\nhat eine lyrische Verschnürung des Innenlebens\nbegleitet. Allerdings. Aber die Verschnürung\nwar bindfadendünn. Die politische Sendung?\nBruttogewicht: der Liberalismus\nTara: die Pose\nNettogewicht: die große Phrase.\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHerwarth Waiden / Berlin W 9"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "220", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191211-02.1.11", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebuagea vor\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durcfe\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespalteiie Zeit*\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9 und durch Graphische!\nKabinett, J. B. Neumann, CharlOttenburg, Kur-\nfflrstendamm 33\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nDruck von Carl Hause / Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nBerlin W / KonigiH Augustastrafie 51\ngegeniiber der von der Heydtstra&e\nFahrgeiegenheit: Liitzowplatz\nNeunte Ausstellung\nJan Gauguin\nEgon Adler / Segal\nVom sechzehnten November bis achten Dezember\nZehnte Ausstellung\nDie Neue Sezession\nVom 9. Dezember bis 31. Dezember\nGeoff net taglich von 10—6 Uhr / Soantags voa\n10—2 Ukf\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nElfte Ausstellung\nG. Mtinter\nZwolfte Ausstellung\nR. Delaunay\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 18\nPernruf Arnt Liitzow 4443\nZeitschrift der Sturm\nDauerbezug\nQewohnliche Ausgabe: Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Haibjahr 3 Mark / Ein Vierteljabr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nnammer 40 Pfennig X F ti r das Ausland bei\ndirekterZustellung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Haibjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nsendung in Roll en direkt durch die\nPost fiir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Haibjahr 6 Mark X Fiir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Haibjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\niurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kjosken und StraSenstSnden\nauf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Besiellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum zehnten des erstenMonats einzu-\nsenden / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\n\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird\nSonderdrucke\nMax Pechstein: Die E r 1 e g u n g des Fest-\nb r a t e n s / Originalholzschnitt / Auf Nummer 94\nder Zeitschrift Der Sturm sind einhundert\nExemplare vom Kiinstler mit der Hand aquarel-\nliert, und numeriert / Das Exemplar\n5 Mark\nFranz Marc: Versohnunt / Originalholz-\nschnitt I 15 Exemplare vom Kiinstler auf Japan-\npapier handgedruckt, signiert und numeriert / Das\nExemplar 40 Mark / Tierlegende/Pferde\nI Tiger / Originalholzschnitte / je 10 Exemplare\nvom Kiinstler auf Japanpapier handgedruckt, si-\ngniert und numeriert / Das Exemplar 40 Mark\nRichter-Berlin: Landschaft mit hollandischer Miihle\n1 Landschaft mit Bockmiihle / Landschaft mit Bahn-\nwarterhauschen / Landschaft mit Kindern / ie fiinf-\nzehn signierte und numerierte Exemplare auf Ja-\npanpapier I Das Exemplar 25 Mark\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nje funfzehn signierte und numerierte Exemplare /\nDas Exemplar 20 Mark\nFL Carapendonk: Originalholzschnitt [Nummer 131]\nzwolf signierte und numerierte Exemplare / Das\nExemplar 25 Mark\nOskar Kokoschka: Plakat flir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nJe cin Exemplar ist standig ausgestellt im Graphischen\nKabinett, Kurfurstendamm 33\nMusik\nMerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Fur Gesang und Wa-\nvier I 3 Mark\nKunstlerpostkarten\nFuturisten: 1 / Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose Tanzerin / Pan-\nPan Tanz X Lichtdrucke: Das Exemplar\n20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab-\nschied / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in v©ller Fahrt / GinoSeverini:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose Tanzerin X Cliche-\nd r u c k e: Das Exemplar 20 Pfennig\n\nZeitschriften\nDie Aufnahme erfolgt kostenlos nach freiem Ermessen\ndcr Redaktion dieser Zeitschrift\nDie Fackel / Herausgeber: KarlKraus / Er-\nscheint in zwangloser Folge. Die Fackel entMlt\nnur Beitrage von Karl Kraus. Neueste Nummer\n360—362. Preis dieser dreifachen Nummer\n75 Pfennig / Verlag Die Fackel / Wien III/2\nL'Effort Libre / frfiher L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch I Poitiers\n[Vienne]\nL'liidepeiidaHce / Halbmonatsschrift / Kilnste /\nKultur I Philosophie / Politik / Jabresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift [ Paris 5 rue Chaptai\nLa Nouvelle Revae Fran<?alse / Monatsschrift /\nVerlag Marcel Riviere et Cie / Paris / 1 Rue\nSaint-Benoit / Nummer 1 Francs 50 centimes\nLes Cahiers du Centre / Moulins [Allier]\n\nAnzeigen\n\nNeue Kunst Hans Qoltz Miinchen, 0de-\nonsplatzl I Van Gogh bis Kandinsky / Die\nQraphische Ausstellung enthalt zurzeit Bran*-\nwyn I Hodler / Liebermann / Munch /\nSchmutzer / Slevogt / Zoir / Zorn I und\nandere / Illustrierter Katalog der ersten Aus-\nstellung 50 Pfennig / Sammler wollen mir ihre\nWiinsche stets libermitteln / Auswahlsenduirgen\nbereitwillig\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Verein\nPassive Mitglieder der Neuen Secession\nerhalten j&hrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugesteilt 3 f\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark,\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession: Ste*.,\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 2699\nGraphisches Kabinett Buch- und Kunsthandlun* f\nBerlin W 15, Kurfiirstendamm 33, Eingang GroU\nmanstraBe / Eckhaus / Fernruf Amt Steinplatz\n14297 I Der Inhaber des Graphischen Kabinett*\nJ. B. Neumann eroffnet in der SchillerstraSe 6 (am\nKnie) eine Ausstellung fur die neue Malerei. In ihr\nsollen ausschliefilich Werke jiingerer Kiinstler £c«.\nzeigt werden\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgesch&ft fur bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Aite und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung / Oktober-\nausstellung: Alfred Kubin und sein Werk\nEkstatische Wallfahrten betitelt sich das zweite\nBuch Maiandros, jener von Heinricb Lautensack,\nAlfred Richard Meyer, Dr. Anselm Ruest heraus-\ngegebenen Zeitschrift von 60 zu 60 Tagen. AuBer\nzahlreichen Bildern der Sezessionisten Beckmann\nund Rossner, dem kritischen Beiblatt enthalt das\n1. Mark Buch die Kantate Via Crucis von Lauten-\nsack und von A. R. Meyer aus seinem Purst\nPuckler-Muskau-Buch den Sizilianen-Cyklus „Se-\nmillasso in Afrika\".\nReuB und PoMack / Buchhandlung und Antkiua-\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession ,/ Vorlesungen liber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur\nFritz Merker Charlottenburg, SchillerstraBc 94\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartouts\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Auf-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Buckeinbande\nTitania-Schreibmaschine / Erste deutsche Schreib-\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern /\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Genest,\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fiir Berlin\nund die Mark Brandenburg: Louis Stangen,\nLinkstraBe 12. Telefon: Amt Kurfiirst 2425"}]}