{"numero_id": "bm-bmtnabg-1912-12-01", "volume": "bmtnabg_1912-12_01", "ocr_sha256": "492f54c61d5056e7a27f04e8671a1c11d592eb91a136d6cd04a3bbf6fed71ddd", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1912/12_01/bmtnabg_1912-12_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1912/12_01/bmtnabg_1912-12_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1912-12-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-12_01#c001", "volume": "bmtnabg_1912-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "221", "page_fin": "221", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.1", "debut_caractere": 309, "fin_caractere_exclue": 843, "texte": "Inhalt:\nH. W.: Von der Kunst: Barmer Kunst / Münchener Kunst / Münchener Kunstverein / Die Münchener zeichnenden Künste / Günther Mürre:\nIrischer Abend / Karl Borromlus Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden / Roman / Mynona: Der Rüssel des fetten Herrn Mühlmann / Guillaume\nAppollinaire: Realite, peinture pure / Hermann Wagner: Die rote Flamme / Albert Ehrenstein: Antwort / August Macke: Linoleumschnitt / Wilhelm\nMorgner: Tierdressur / Originalholzschnitt / Franz Marc: Pferde / Originalholzschnitt / Q. 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Er\nerhält sie wohl auch von einem unkünstlerischen\nPferd, das infolgedessen schuldlos den un-\nkünstlerischen Anwohner übertrampelt. Der künst-\nlerische Anwohner fordert hinwiederum den Bar-\nmer Kunstvcrein auf, „seinen starken erzieherischen\nEinfluß auch auf die Künstler auszudehnen und\nnicht auf das Publikum allein\". Der erzieherische\nEinfluß des Kunstvereins scheint sich auf das Bar-\nmer Publikum noch nicht allzusehr ausgedehnt zu\nhaben, denn der künstlerische Anwohner mit den\nScheuklappen rebelliert: „Die Bilder des Herrn\nMarc-München sind denn doch so herausfordern-\nder Natur, daß man nicht verstehen kann, wie die\nH&ngekommission irgendeines Kunstvereins diese\nMoritaten annehmen kann. Es scheint nunmehr an\nder Zeit, eine gründliche Tempelreinigung vorzu-\nnehmen, und den bösen Geist aus unseren Hallen\nzu bannen, der dort schon allzu lange sein Un-\nwesen treibt.\" Es geht eben den Barmern zu\nschnell. Aber es darf so nicht weiter gehen und\nso nicht weiter gefahren werden, sonst wird die\nBehörde darunter zu leiden haben. Die Revolu-\ntion hebt ihr genügend bekanntes Haupt: „... und\nhauptsächlich deshalb nicht, weil man des naiven\nGlaubens ist, daß die dazu berufene Behörde schon\nnichts zulassen wird, was den einzelnen Bürger\nschädigt. Die Bewohner bitten die Verwaltung der\nstädtischen Straßenbahn dringend, den Wagenfüh-\nrern ein mäßigeres Tempo vorzuschreiben und die\ngenaue Ausführung dieser Vorschrift zu überwa-\ncher So können dann weniger Moritaten ge-\nschehen, die hinwiederum Franz Marc nicht zu\nmalen braucht. Woraufhin eine allgemeine Reini-\ngung der Hängekommission stattfinden kann. So\ndaß die bösen Geister der Anwohner in die Halle\nverbannt werden können, aus der die Kunst unter\ndie Straßenbahn verscheucht wurde. Wodurch\nschließlich die berufene Behörde sich wieder den\nGlauben gewinnen wird, durch den sie die Kunst\nverloren hat. Das ist alles sehr verständlich,\nsowie man sich Scheuklappen umlegt.\nMünehener Kunst\nEs ist eine Beleidigung, den Münchnern das\nBier vorzuwerfen. So hat neulich ein preußischer\nRichter gegen mich erkannt. Bier soll getrunken\nund nicht geworfen werden. Es ist eine Beleidi-\ngung, den Münchnern Kunst vorzusetzen. Sie wer-\nden schon an ihren Weißwürsten satt genug. Auch\ndeckt der einheimische Markt die Bedürfnisse. Die\nStadt München ist also durchaus künstlerisch ge-\nsonnen. Der künstlerische Geist weht durch die\nsonst leeren Straßen, wovon schon die Tauben auf\ndem Odeonsplatz zeugen. Wenn also die Kunst\nsich schon so auf den Gassen Bahn bricht, so kann\nein Nichtmünchner sich gar nicht vorstellen, wie\nkünstlerisch es erst in den Innenräumen zugeht.\nUnd erst in den Künstlerateliers. Man braucht\nweder Künstler noch Bilder mehr, wenn man in\nein echtes Künstleratelier tritt. Der Kritiker de**\nMünchner Neuesten Nachrichten versichert es:\n„Mehr oder weniger drückt sich schon im ganzen\nRaum eines Ateliers, in der ganzen Ausstattung und\nFassung das Wollen und Streben eines Künstlers\naus. Auf weichen Pfühlen ruht man beim Orient-\nmaler, inmitten unter Blumen sitzt man beim Blu-\nmenmaler und unter Rüschen und Röckchen, unter\nKostümen und Baihoben kann man beim Damen-\nmaler (zwar nicht sitzen, aber:) wühlen.\" Die Da-\nmenmaler ziehen in München offenbar ihre unschul-\ndigen Opfer gründlich an und aus. Ich wage nicht\nauszudenken, wie es in -den Ateliers von Akt- und\nStillebenmalern aussieht, worauf man da sitzen\nmag. Aber ein Pferdemaler hat es auch ganz nett:\n„Bei Professor Angelo Jank, der wieder allerhand\nNeues auf der Staffelei hat, erkennt man gleich den\nMilitärmaier und Pferdefreund. Da hängen aller-\nhand alte Waffen und Rüstungen herum. Standar-\nten zittern, wenn die Tür aufgeht, und schwere\nalte Helme stehen auf einem Brett in Reih und\nGlied; denn wer wie er sich mit der Historie der\nUniform abgibt, muß auch greif b a r e Modelle,\nalte Stücke, vor sich haben.\" Ja, man braucht viele\ngreifbare Dinge zum Malen, und ein Maler, der sich\nnicht so einen Trödelladen zulegen kann, muß schon\naus reiner Armut Expressionist werden. An Herrn\nProfessor Jank werden überhaupt die allerschwie-\nrigsten Forderungen gesteht. So zum Beispiel für\ndas Porträt des Herzogs von Sachsen-Coburg-\nGotha: „Dieses Reiterbild ist für den Emipfangs-\nraum im Schlosse zu Gotha bestimmt, wo die Ah-\nnengalerie der Herzoge sich befindet. So mußte\nJank in der ganzen Komposition auf den Raum und\ndie Umgebung Rücksicht nehmen. Und trotzdem\nerreichte er die größten malerischen Effekte: „Den\nRücken des Pferdes deckt die sc h w ar z e Fell-\nsohabracke, die wirksam vom weißen Tierkör-\nper absticht.\" Ein reiner .Schwarzweiß-Künstler,\naber auch das höllische Rot hat er nicht verges-\nsen: „Das reiche Zaumzeug mit dem roten Puf-\nfelschweif gibt ebenfalls gute farbige Momente ab.\"\nDieses schwarzweißrote Bild stammt nicht aus\nPreußen, sondern aus einem Münchner Trödel-\nladen. Und so: „So wird auch bald Münchner\nneue Kunst im alten Gothaer Schloß vertreten\nsein: „Gute neue Kunst, die sich der Nachbarschaft\nder alten nicht zu scbä m e n braucht.\" Der\nGothaische Kalender wird sicher davon in späten\nTagen noch zu melden wissen.\nMunebner Kunstverein\nHerr von Ostini, der greise Führer der Jugend,\nentdeckt jede Woche zahllose \"Talente. Er ent-\n.« »»\ndeckte sogar, daß die Malerei der Futuristen eine\ngrandiose Satire sei, eigens zu dem Zwecke er-\nfunden, die zu entlarven, die Herr von Ostini nicht\nfür Talente hält. Seine Talente sehen so aus:\n„Albert Reich. Das Können ist ansehnlich und\nsympathisch, aber über matte Wirkungen kommt\nder Künstler in dieser Sammelausstellung nicht hin-\naus. — F. Eisengräber ist gewandt im malerischen\nVortrag, allerdings auch im Besehen sorglos. —\nM. Stall ist in ihren landschaftlichen Studien an-\nziehender als in dem schlechtbezwun-\ngenen Interieur. — Karl Kessler hat sich eine\nbrillante Technik erworben, klare Schnee-\nlandschaften zu malen. — Heinrich Schlitt ist auch\nin seinem neuen Bilde ein phantasierei-\ncher Schilderer des Lebens der Zwerge. —\nFritz Kokos Mädchenbild gefällt durch die\nLieblichkeit des Modells. — Max Hoe-\nnes weibliche Marmorbüste spricht weniger\nan.\" Herr von Ostini spricht mehr aus, als selbst\ndie Lieblichkeit seines Modells zuläßt. Das ist\nalles so rührend harmlos: Man kann auch ihm und\nseine Künstler keine grandiose Satire schreiben,\nnoch malen. Man muß das Alter der Jugend\nehren, wenn aitch die Jugend des Alters nie vor-\nhanden war.\nDie Münchner zeichnenden Künste\n„Erfolgreich vermag mit den Leistungen der\nOelmaflerei die Aquarelltechnik zu konkurrieren,\nallerdings eben nur, was die malerische Leistung-\nanbelangt; wie es um die Wertschätzung durch das\nPublikum bestellt ist, steht auf einem anderen\nBlatt e.\" In den Münchner Neuesten Nachfich-\nten nur, wie es um die Wertschätzung durch einen\nwertgeschätzten Kunstkritiker bestellt ist...Aber\nan Kraft und Tiefe der Farbe . . . nehmen die\nAquarellisten es ruhig m i t d e.n i n O e 1 a r b e i -\ntende n K o 1! eg e n auf.\" Der Münchner Kunst-\nkritiker Doktor W. B. konkurriert sogar mit der\nFeder. Da ist dieser Herr Rettich: „Int Atelier\nstellt er das neugierige junge Modell dem eifrig\nschaf {enden Künstler mit /koloristischer zeich-\nnerischer Feinheit gegenüber.\" „Einen wirklichen\nSäugling, wie seine Mutter frisch, in Pastell hin-\ngesetzt, zeichnet Mirwald.\" Die Mutter hätte\nihm auch einen besseren, weniger farbigen Platz\naussuchen können. „Der Untersberg und hoher\nQöII sind, dem Charakter des Hochge-\nbirges entsprechend, in einfachen, ruhigen\nLinien hingesetzt.\" Da schlag einer hin. „Eine Un-\ngerechtigkeit wäre es, wolle man . . . Radierungen,\nals Weihnachts- und Neujahrskarten gedacht, über-\nsehen. Harry Schultz leistet im Linoleumschnitt\nGutes, auch inhaltlich verdienen seine Arbei-\nten Beachtung.\" Hierauf beschließt Doktor W. B.\nseine „Wanderung durch den Glaspalast, auf der\nnoch manche Ruh- und Aussichtspunkte zu län-\ngerem Verweilen eingeladen hätten, würden Zeit\nund Raum hier wenigstens einer Beschränkung\nunterliegen.\" Er ist der Beschränkung unterlegen,\ndieser Meister der Kunstkritik. Er wanderte zeitlos\nund raumlos im Nichts. Und er ist kein Künstler,\ntrotzdem er Bilder zu sehen glaubte, wo keine\nvorhanden waren."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-12-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-12_01#c004", "volume": "bmtnabg_1912-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "222", "page_fin": "222", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.2.4", "titre_corps": "Irischer Abend", "titre_sommaire": "Irischer Abend", "signature_source": "Günther Mürr", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.2", "debut_caractere": 8792, "fin_caractere_exclue": 9122, "texte": "Irischer Abend\nGünther Mürr\nHinter ausgewehten, dunkelnden Wolken\nverschwingen Sonnenwellen in das blaßgraue Nichts\nWeite, schwarzgraue Wiesen\nmit einsamen schwarzen Baumrändern,\nerschauernd unter dünnen seidigen NebeMecken.\nIm schmutziggrauen Stadthimmel\nDächer, ein paar rote Lichter.\nKälte weht sonnab über die feuchten Wiesen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-12-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-12_01#c005", "volume": "bmtnabg_1912-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "222", "page_fin": "223", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.2.5", "titre_corps": "Menschen von Gottes Gnaden : Ans den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant Mié ville, nachmaligen Paters Bonaventura S. 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J.\nVon Karl Borromäus Heinrich\nBaron Fr angarts Ende\nBaron Frangart, der weder seinem Vormund,\nnoch den zwei auf Frangart lebenden Dienstboten\nirgendeine Nachricht von seiner Ankunft gegeben\nhatte, fuhr, gegen Abend in Bozen angekommen,\nin einem Wagen über Sigmundskron hinauf nach"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7786, "texte": "Fr angart. Und seine starre Miene erhellte sich\nnicht unter dem Anblick des hohen Himmels und\nder hellen Sterne.\nEr kam im Schloß an, und zog herb und ge-\nbieterisch an der halbeiiigerosteten Glocke. Nie-\nmand schien zu hören, und er läutete nochmals.\nEndlich rief eine männliche Stimme unwirsch durch\ndas Schlüsselloch: „Zum Teufel, wer ist da? Was\nwollen Sie?'* „Ich bin es, Öffnen Sie sofort!4' Der\nSchlüssel drehte sich eilig, Baron Frangart trat\nein und sah sich um; vor ihm stand Georg im\nHemd und hielt das Nachtlich in der Hand; über\ndas Stiegengeländer aber gaffte, vor Ueberra-\nschung starr und ebenfalls im Hemd, Jeanette her-\nunter; die Neugierde schien sie ihrem Mann —\ndenn das war Georg mittlerweile doch geworden\n— nachgetrieben zu haben.\nDas unordentliche Aussehen der beiden störte\nBaron Frangart. „Kleiden Sie sich an,\" rief er,\n„und machen Sie beide, daß Sie weiterkommen!\"4\n(Davon, daß die zwei Eheleute geworden waren,\nwußte er nichts, obzwar sie es ihm einmal ge-\nschrieben hatten.)\nBaron Frangart ging hinauf in sein Schlafzim-\nmer, ohne Rührung, ohne jedes besondere Gefühl\nder Erinnerung, wie als ob er dieses Schloß nie\nverlassen hätte.\nNach einer Weile klopfte es demütig an seiner\nTüre. Es war Georg. „Der Herr Baron weiß\nvielleicht noch nicht, daß wir verheiratet sind/'\nsagte er leise. „Verheiratet oder nicht, mich ekelt\nes an ...\" — „Entschuldigen Sie, Herr Baron!\"\nUnten knurrte Georg seine Frau zornig an, als\nob sie Schuld trüge: „Geh aus dem Haus! Aber\n' I <v\nsofort! Du wirst schon irgendwo ein Nachtquar-\ntier finden . , . Frag in Siegrnundskroii unten.\"\nJeanette zog sich eilig an und verließ gehorsam\ndas Haus.\nEs klopfte das zweite Mal an die Tür des\nSchlafzimmers: „Herr Baron, sie ist fort!\" — „Ein-\ntreten!\" Und Georg trat ein und tat alles, was\nsein Herr, bevor er schlafen ging, wünschte. Er\nheizte das Bad und packte die Koffer aus. Und\nberief sich nicht mehr darauf, daß Jeanette seine\nehelich angetraute Frau war.\nAcht Tage lang — die der Baron verbrachte,\nwie er sie als Kind auch verbracht hatte, in der\nSonne, an die Mauer des Schlosses gelehnt — schien\neinige Friedlichkeit in ihn eingekehrt zu sein. Aber\ndann beschritt er eines Tages den Friedhof und\ntrat an das Grab derer von Frangart. Seine Miene\nverdüsterte sich: „Also,\" flüsterte er, „also sind\nMutter und Vater tot! Deshalb bin ich so allein...\nLiebe Eitern, gebt mir doch ein fruchtbares Leben.\"\nDer Geist des Baron Frangart lag in dunkler\nNacht. Und die triumphierende Sonne des Südens\nvermochte sie nicht zu erleuchten.\nDer kaum erblühte 'jugendliche Körper hatte\nseinen Herrn verloren .. . Die Augen glühten,\naber in wirrem Feuer. Es schien, als ob Baron\nFrangart dort in München, gegen das Ende seines\nAufenthaltes, auf der Fahrt, beim Eintritt ins\nSchloß, noch mit letzter Willensanstrengung seinen\nGeist aufrecht erhalten hätte, um auf dem geheilig-\nten Boden seiner Vorfahren zusammenbrechen zu\nkönnen. Der a 1! ei n gebliebene, rein gebliebene\nMensch war an der Einsamkeit seines Daseins, an\nder Unfruchtbarkeit seines Lebens — mit wie un-\nvergeßlichem Stolz er sie, im Bewußtsein seiner\nWohlgeborenheit, auch ertragen hatte — gleichsam\nvertrocknet. Wie das schlanke, geschmeidige Reh\nsich beim Nahen des Todes in den tiefsten Winkel\ndes Waldes flüchtet, um dort sein Ende zu erwar-\nten, so hatte sich Baron Frangart auf sein Schloß\nheimgeflüchtet. Und mit großen, wirren Augen,\ndie langen langen Wimpern selten senkend, starrte\ner ins Leere.\nKamen Menschen in seine Nähe, so hob er die\nHände vor das bronzefarbene Gesicht, vor die\nschmäler gewordenen, aber anmutig gebliebenen\nWangen, und wehrte sie wie etwas Unreinliches ab.\nHalbgeöffnet stand der edel geschwungene Mund,\nund manchmal klapperten die Zähne leise aufein-\nander.\nDie Landbewohnerinnen aber ringsum weinten\nbeieinander, daß so viel Schönheit dem Verderben\ngeweiht war . . .\nPater Bonaventura erfuhr die Kunde durch die\nVormundschaft in Bozen. Er eilte nach dem Sü-\nden. In der Furcht, daß seine Ankunft den jungen\nBaron erschrecken, oder seine Leiden vergrößern\nmöge, begab er sich in die Pfarrkirrche und wan-\nderte, in weißer Soutane, mit dem Heiligsten Leib\ndes Herrn nach Frangart. Und seine bitteren 1 rä-\nnen netzten die silberne Kapsel, in welcher die ver-\nwandelte Hostie eingeschlossen war. Ach, er ver-\ntraute darauf, daß der Unglückliche wenigstens das\nAllerheifigste Geheimnis noch ein Mal fühlend er-\nfassen und erleben werde können. Und in der l at,\nobwohl Baron Frangart Bonaventura nicht wieder\nzu erkennen schien, wurde sein Auge vor dem An-\nblick der erhobenen Hostie noch einige Sekunden\nmilder und klarer; er schien zu wissen, was ihm\ngeboten wurde, denn ergeben kniete er sich nieder.\nBonaventura sprach die Generalabsolution über ihn\naus und betete dann für ihn. dreimal die rituellen\nWorte: „Oh Herr, ich bin nicht würdig, daß Du\neingehest unter mein Dach, aber sprich nur ein\nWort, so wird meine Seele gesund.\" Nach dem\nEmpfange des Sakraments blieb Frangart knieen.\nMan konnte sehen, wie die kurze Klarheit seiner\nAugen allmählich erlosch und ins Wirre überging.\nEr blieb lange knieen, bis ihn das Zureden des Pa-\nter Bonaventura zusammenschrecken ließ, dann\nlief er weg, schlich um das Haus und hockte sich\nin die Sonne . . .\nEin paar Tage später kam Schlagintweit an, der\nvon nichts wußte und überdies München schweren\nHerzens verlassen hatte: Der Sohn, Knabe „Num-\nmer achtzehn\", den er so plötzlich und anscheinend\nfür lange Zeiten adpotiert hatte, war seiner ner-\nvösen Braut wenig willkommen. Und als in dieser\nZeit ein königlich bayerischer Bahnadjunkt neu in\nihr Leben trat, schien sie zu überlegen, ob nicht\neine sichere Staatsstellung einem längeren Braut-\nstand vorzuziehen sei. Und gerade während dieser\nUeberiegungen trieb ihn, Schlagintweit, sein© große\nLiebe nach Frangart. — Wrer beschreibt seine\nTrauer! Der junge Baron erkannte ihn nicht mehr.\nVierzehn Tage logierte Schlagintweit in Sigmunds-\nkron und stieg jeden Tag zum Schloß hinauf, um\nvielleicht doch noch einen Blick des Wiedererken-\nnens zu finden. Umsonst. Und als er am vier-\nzehnten Tage wieder hinaufstieg, liefen Pater Bo-\nnaventura und alle anderen verstört urnner. Der\njunge Baron war verschwunden und alle Nachfor-\nschungen waren vergebens; nach einigen Tagen\ngab jedermann die Hoffnung auf. daß er noch lebe.\nEr hatte sich wohl irgendwo im Wald niederge-\nsetzt, war vielleicht dann nochmals aufgestanden\nund im Irren herumgerannt, hatte sich wieder ge-\nsetzt und vielleicht um Hilfe gerufen ... Er war\ntot.\nBaron Frangart, der sein Leben vor den un-\nreinlichen Menschen mit solcher Tapferkeit ver-\nschlossen hatte, — er hatte ihnen auch den An-\nblick seines Todes verborgen . . .\nPater Bonaventura klagte nicht, daß Gott sein\nund aller andern, namentlich des alten Choiseul\nGebet, das Leben dieses Menschen fruchtbar zu\nmachen, nicht erhört hatte; er weinte nur und be-\ntete weiter.\nSchlaginweit seinerseits fuhr in tiefer Trauer\nnach München zurück. Dort aber, wie denn über-\nHaupt im Verlaufe seines ganzen Lebens, schenkte\ner aufs neue sein Herz den Menschen — obwohl\nihn seine Braut alsbald schnöde verließ und den\nBahnadjunkten heiratete; obwohl sein Sohn, der\nKnabe „Nummer achtzehn'4, ihn vielfach hinter-\nging um endlich als Komödiant irgendwo zu landen.\nSie alle drei handelten, wie es eben, dem gött-\nlichen Ratschlüsse gemäß, solchermaßen in ihrer\nBestimmimg lag . . .\nDie Choiseul, Riom, Frangart und Bourbonen\naber waren, soweit sich das hier auf Erden und\nunter Menschen mit Wahrscheinlichkeit sagen, be-\nstimmt aber nur hoffen läßt, bei ihrem Gott ver-\nsammelt, von dessen Gnaden sie gelebt hatten.\nRomanen und Germanen mischten sich hier jeden-\nfalls friedlich untereinander; kein Schrei der Sehn-\nsucht rang sich mehr aus ihrem Munde. Das ewige\nLicht leuchte ihnen. Amen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-12-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-12_01#c006", "volume": "bmtnabg_1912-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "223", "page_fin": "224", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.2.6", "titre_corps": "Der Rüssel des fetten Herrn Mühlmann", "titre_sommaire": "Der Rüssel des fetten Herrn Mühlmann", "signature_source": "Mynona", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.3", "debut_caractere": 7788, "fin_caractere_exclue": 9995, "texte": "Der Rüssel des fetten\nHerrn Mühlmann\nVon Mynona\nIm Zimmer war es schön kühl, die Verwandten\nhockten zusammen und sprachen über Mühlimann.\nEr blüht, er gedeiht, sagte Tante Moni, er läßt\nsich nichts abgehen — was soll daraus werden?\nMühlmann kam eben rein, er sagte: ich gebe\neuch nicht die Hand, ihr gönnt mir mein Leben,\nnicht, und gönnen wäre auch noch zu wenig. Der\nTante Moni ihre Worte habe ich gehört, mir ist\nganz übel davon. Die Moni setzte sich stumm\nhinter seinen Rücken. Wenn man einen fetten\nMenschen gekränkt hat, ist es gar nicht unprak-\ntisch, hinter ihn zu gehen, denn er hat kolossal\nlangsame unbequeme Uindrehimgsmöglichkeiten.\nWo ist die Tante Moni? fragte Mühlmann.\nDie Verwandten schwiegen, die Tante Moni\natmete kaum. Hunold Mühlmann kramte auf sei-\nnem Schreibtisch, Ich enterbe euch, grollte er\ngrämlich. Da kam die Tante Moni langsam um\nihn rum: Hunold, laß mit dir reden. Ich meine\nüberhaupt nur, du wirst zu dick, es muß etwas\ngeschehen. Geh nach Karlsbad, sei gescheit!\nAndre zu enterben, weil sie uns dick finden, hat\nnoch nie Segen gebracht. Sage selbst, Hunold, ich\nhabe eben hinter dir gesessen, und du spürtest\ndas nicht einmal. Der dicke Mensch hat ein zu\ngroßes Hinten, hinter seinem Rücken muß man\nbeim besten Willen mehr reden als sonst Sei\nnicht so übelnehmerisch! Du lebst nur vorn. Tu\nnicht so dicke wie du bist! — Weine nicht\ngleich, antwortete Hunold. Er war halt zu dick,\num sich rasch ändern zu können, er mußte gut\nbleiben — oder dünn werden. Er küßte der Moni\ndie Hand, umarmte alle und verschw*and. —Als\ner wieder aus Karlsbad kam, was sein Fett ab-\ngeschmolzen, aber auch seine Güte, die sich nie-\nmals hatte krankärgern lassen. Er sagte der ollen\nMoni gehörig die Wahrheit, und die andern krieg-\nten auch Dinge zu hören, die sie sehr peinlich be-\nrührten. Was blieb übrig? Die Moni berief\nwieder einen Familientag, aber ohne Hunold.\nNun hielt sie da einen solennen speech, der wieder\nauf ne Mastkur bei Hunolden hinauslief: je dicker,\nje besser, war die Parole. Direktor Pohle (von\nden Wasserwerken) meckerte verächtlich: Pri-\nmitiv! Assoziation von Dicke mit Gutmütigkeit.\nQuatsch! Aber der Mann wurde überschrien.\nMan setzte dem Onkel zu, man bestach seine"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2873, "texte": "Wirtschafterin, man päppelte Mühl-marin bald\nwieder fett. Und was war das Ende?\nMühlmann wog drei Zentner und wollte sich\nfür sein Leben gern ärgern, konnte aber nicht,\nes gehört eben dazu ne gewisse Beweglichkeit.\nAber freuen konnte er sich deswegen auch nicht\ngleich, er setzte allem, was ihn betraf, nichts ent-\ngegen als sein gleichmütiges Gewicht Und das\nwar das durchschlagendste Argument Ein schwe-\nrer dicker Elefant hat wenigstens seinen zierlich\nschlängelbaren Rüssel, Müh Inaann hatte nichts\ndergleichen. Er wirkte auf alle Erlebnisse wie ein\nBriefbeschwerer. Oh nein! Die Dicken sind nicht\ngutmütig, sie sind nur schwer, und das genügt.\nEs mußte auch der Tante Moni genügen. Onkel,\nsagte sie, was wird denn nun? Hast du testiert?\nFühlst du dich wohl? Willst du Liebig's Fleisch-\nextrakt? Ja, Kuchen! Der Onkel wog drei\nZentner statt aller Antwort. Sie wollten ihn ent-\nmündigen lassen.\nHa, der Herr sieht doch ganz famos aus, ur-\nteilte der Sachverstand. Man kann Gott weiß\nwieviel wiegen und doch recht zurechnungsfähig\nsein. — Schließlich testierte der altgewordene\nHerr. seine feiste Patschhand ruhte schwer auf\ndem Papier. Es war so schönes Wetter, die Ver-\nwandten hatten sich alle eingefunden, Tante Moni\nübernahm die Regie: Dalli, Hunold, drängte sie,\nsie wollte ihm schon die Hand führen. Da stand\nHunold auf, daß die Dielen zitterten, und die\nWanduhr stockte. Ein heiliges Licht ging über\nseine schwermassigen edlen Züge, und er sprach\nfolgendes Gedicht:\nr\nTestieren soll der dickste Mann\nVon Rechtes wegen können.\nWenn e r sich nicht mehr rühren kann,\nIM'uß er es andern gönnen.\nDie Zähre, die er flennt, tropft schwer\nWie'n Kilogramm zu Boden;\nDer dicke Mann fühlt sich so leer\nAls wie nach tausend Toden.\nEr leiert trotz Gewichte\nZuletzt noch dies Gedichte\nUnd aus ist die Geschichte.\nSein Schlagfluß rührte ihn und rührte alle Ver-\nsammelten zu Tränen. Testieren hatte er gar\nnicht mehr können. Pohle (von den Wasser-\nwerken) schwenkte seinen Zylinder mißmutig und\nknurrte mit dem Zahnstocher im Gebiß: ne apo-\npiektische Konstitution soll eben nicht dichten.\nDa klagte die Tante Moni: Hätte ich ahnen kön-\nnen, daß ich, durch meine mir jetzt selbst so\nwiderwärtige Dringlichkeit, in Hunold den Keim\nzur Dichtkunst legte!\nJa, sagte Dr. Robert Scheußlich, der Phila-\nlog: Die Folgen der Mastkuren sind immer Ge-\ndichte. Wo man was so Massives sieht, da ist\nimmer 'n bissei Aether anbei. Und wer, meine\nliebe Moni, erbschleichen will, muß den Drei-\nzentnerlegator in Ruhe lassen. Wo immer im\nLeben die Kunscht erblüht, ist sie die Wirkung\naufgeregter träger Massen. Der Hunold — ich\nschreie — mußte Dichter oder dünner werden. —\nDie Tante Moni schrieb sich das Gedicht auf und\nseufzte, und seufzte. Hunolds Leiche saß vor dem\nSchreibtisch, sargsehnend, schwabbrig.\nHa! sagte plötzlich Pohle: Der schlängelbare\nRüssel — das Gedicht!\nScheußlich nickte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-12-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-12_01#c007", "volume": "bmtnabg_1912-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "224", "page_fin": "225", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.2.7", "titre_corps": "Realité, peinture pure", "titre_sommaire": "Realité, peinture pure", "signature_source": "Guillaume Apollinaire", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.4", "debut_caractere": 2875, "fin_caractere_exclue": 9731, "texte": "Realité, peinture pure\n\nAuf der Höhe des Kampfes, der in Frankreich\ngegen die jungen französischen Künstler geführt\nwird, die als Beweis für die Tiefe ihrer Kunst\nstolz den Namen Kubisten tragen, mit dem man\nsie hat lächerlich machen wollen, fühlte ich mich\nveranlaßt, die Verteidigung von Künstlern zu\nübernehmen, für die ich als Erster in den großen\nfranzösischen Journalen „le Temps\" und „Flntran-\nsigeant\" und in meinem Buche „Mediation esthe-\ntique (Figuiere 1912) eingetreten bin — Definitionen\ndes Kubismus, klare Deutungen über die festzu-\nstellende Verschiedenheit zwischen der alten,\nimitierenden Malerei und jener, in der sich ein\nbekannter Maler wie Picasso ausgezeichnet hat.\nDie Meinungsverschiedenheit dieser Künstler\nberuhigte mich über die Zukunft einer Kunst, die\nkeine Technik ist«, sondern der Aufschwung einer\nganzen Generation zu einer erhabenen, die perspek-\ntivischen und andere Konventionen ausschließenden\nAesthetik.\nIn eben derselben Zeit, sah ich oft einen jun-\ngen Maler, von dem in den letzten Jahren ebenso\nviel in Frankreich, wie im Auslande gesprochen\nworden ist, Robert Delau n a y, der zu den\nbegabtesten und kühnsten Künstlern seiner Gene-\nration gehört.\nSeine Gestaltung von farbigen Volumen, sein\nschroffer Bruch mit der Perspektive, seine Be-\ntrachtung von Flächen, hat eine große Anzahl sei-\nner Freunde beeinflußt. Ich lernte auch seine Ver-\nsuche um reine Malerei kennen, die ich im „le\nTemps\" angezeigt habe.\nIndessen: er hatte sich noch nicht völlig vor\nmir ausgesprochen, und ich war glücklich, als er\nmir kürzlich seine letzten Werke zeigte, in denen\ndie Wirklichkeit ebenso bewegt ist, wie das leben-\ndige Licht, und es ihm zu meiner persönlichen Er-\nbauung gut dünkte, die Grundsätze seiner Ent-\ndeckung zu entwickeln, die einen größeren Einfluß\nauf die Künste ausüben wird, als die plötzlichen\nVeränderungen, die sein berühmtestes Bild „Ville\nde Paris\" hervorrief. — Ich glaube, es ist für die\nAllgemeinheit nützlich, seine ästhetische Erklärung\n„über die Konstruktion der Realität in der reinen\nMalerei\" niederzuschreiben:\n„Der Realismus ist in der Kunst das Unver-\ngängliche, ohne ihn gibt es keine dauernde Schön-\nheit, denn er ist ider Schönheit wesensgleich.\n„Suchen wir in der Malerei die Reinheit der\nMittel, den reinsten Schönheitsausdruck.\n„Im Impressionismus — ich rechne hierzu alle\nreaktionären Manifestationen: Neo-Impressionis-\nmus, Praekubismus, Kubismus, Neo-Kubismus,\nalles was Technik und wissenschaftliches Verfah-\nren ist — befinden wir uns vor der unmittelbaren\nNatur, fern von allem Reinen der „Stile\": italie-\nnisch, gothisch, Negerstil und ähnlichem.\n„Von dieser Ansicht aus ist der Impressionis-\nmus immerhin ein schöner Sieg, aber ein unvoll-\nkommener. Das erste Gestammel überfließender\nSeelen vor der Natur, von Seelen, die diese große\nRealität noch etwas verschüchtert. Ihr Ueberfluß\nhat mit allen falschen Ideen aufgeräumt, mit den\narchaistischen Mitteln der alten Malerei (Zei-\nchenkunst, Geometrie, Perspektive), der ganzen\niiitellektualistischen, absterbenden neuklassischen\nAkademie.\n„Die befreiende Bewegung hat mit dem Impres-\nsionismus eingesetzt. Sie hatte Vorläufer: Greco,\neinige Engländer und unseren revolutionären De-\nlacroix. — Es war eine große Epoche der Vorbe-\nreitung auf das Suchen nach der einzigen Realität\n„dem Lichte\", der alle obengenannten Forschun-\ngen, Reaktionen im Impressionismus umfaßte.\n„Die Lichtwirkung, unbedingt notwendig für\njeden lebensfähigen Schönheitsausdruck ist £x>ch\nheute das Prc v der modernen Malerei geblie-\nben. Vom Lichte aat Senrat „die Kontraste der\nKomplementäre\" befreit.\n„Seurat ist der erste Theoretiker des Lichtes.\nDer Kontrast wird Ausdrucksmittel. Der frühzei-\ntige Tod Seurats hat die Folge seiner Entdeckun-\ngen unterbrochen. Man kann ihn innerhalb des\nImpressionismus als den ansehen, der in den Aus-\ndrucksmitteln das Höchste erreicht hat.\n„Seine Schöpfung bleibt der Kontrast der Kom-\nplementärfarben. (Die optische Mischung durch\nPunkte, von ihm und seinen Genossen angewandt,\nwar nur technisch und besaß noch nicht die Bedeu-\ntung der Kontraste als Ausdrucksmittel für die\nreine Expression (FExpression Pure).\n„Dieses erste Mittel diente ihm zur spezifischen\nDarstellung der Natur. Seine Gemälde sind eine\nArt flüchtiger Vorstellungen.\n„Der gleichzeitige Kontrast (le contrast simul-\ntane) war von den kühnsten Impressionisten noch\nnicht entdeckt, realisiert worden und dennoch ist\ner die einzige Grundlage jedes reinen Ausdruckes\nder gegenwärtigen Malerei.\n„Der gleichzeitige Kontrast\" sichert die Dyna-\nmik der Farben und ihre Konstruktion im Bilde;\ner ist das stärkste Ausdrucksmittel für die Wirk-\nlichkeit.\n„Die Ausdrucksmittel sollen nicht persönlich\nsein, im Gegenteil, sie sollen jeder Eingebung für\ndas Schöne zu Gebote stehen und das „Metier\"\nsoll der gestalteten Vorstellung wesensgleich sein.\n„Die Gleichzeitigkeit der Farben\" durch die\n„gleichzeitigen Kontraste\" und allen ans der Farbe\nhervorgegangenen Maße (ungerade) dem Ausdruck\nihrer repräsentativen Bewegung gemäß, dies ist die\neinzige durch Malerei konstruierbare Realität.\n„Es handelt sich nicht mehr um\nden Effekt (Neo-Impressionismus im Impressio-\nnismus), noch um das Objekt (Kubismus im Im-\npressionismus), noch um das Abbild (l'image) (Ku-\nbismusphysik im Impressionismus).\n„Wir kommen zu einer rein ausdrucksvollen Mal-\nkunst mit Ausschluß jeden vergangenen Stiles (ar-\nchaisch, geometrisch) einer plastisch werdenden\nKunst, die nur dem Einen dienen will, die mensch-\nliche Natur gegen die Schönheit zu inspirieren.\nDas Licht ist kein Verfahren, es flutet uns zu, wird\nuns vermittelt durch unser Empfindungsvermögen.\n— Ohne Lichtempfindung — Auge — keine Bewe-\ngung. Denn unsere Augen sind es, die das Emp-\nfinden zwischen der Natur und unserer Seele ver-\nmitteln. — In unseren Augen spielt sich die Gegen-\nwart, folglich unser Empfinden ab. Ohne dieses\nEmpfinden, das Licht also, können wir nichts.\nFolglich: unsere Seele hat ihr vollstes Lebensge-\nfühl in der Harmonie und die Harmonie wiederum\nentsteht nur aus der Gleichzeitigkeit, mit der die\nMaße und Lichtverhältnisse durch die Augen zur\nSeele (oberster Sinn) gelangen.\n„Und die Seele beurteilt die Formen des Na-\nturbildes im Vergleiche mit der Natur selbst —\nreine Kritik — und befiehlt dem Schöpfenden. Der\nSchaffende trägt allem Rechnung, was durch We-\nsenheit, Aufeinanderfolge, Einbildung und Gleich-\nzeitigkeit im Weltall vorhanden ist.\n„Die Natur bringt also die Wissenschaft der\nMalerei hervor.\n„Die erste Malerei war nur eine Linie, die den\nvon der Sonne auf den Boden geworfenen Schat-\nten eines Menschen umschrieb.\nAber wie weit sind wir mit unseren heutigen\nMitteln von diesem Scheinbilde entfernt. Wir, die\nwir das Licht (helle, dunkle Farben, ihre Komple-\nmentäre, ihr Tonverhältnis ((Intervalle) und ihre\nGleichzeitigkeit (simultaneite) und alle aus den Intel-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1677, "texte": "ligenz Harmonie zu schaffen, hervorgegangen\nFarbenmaße, besitzen.\n„Die Harmonie ist Empfindungsvermögen, durch\nden Bildner geordnet, der sich bemühen muß, das\nHöchste an realistischem Ausdruck zu geben, das,\nwas man den Vorwurf (le suet) nennen kann: Das\n„Suget\" ist das harmonische Verhältnis und die-\nses Verhältnis ist zusammengesetzt aus verschie-\ndenen simultanen Gliedern in einer Aktion. Das\n„Suget44 ist ewig im Kunstwerk und muß dem Ein-\ngeweihten in seiner ganzen Ordnung, Hn 'seiner\nganzen Wissenschaft erscheinen.\n„Ohne das „Suget\" keine Möglichkeit: Das be-\ndeutet deshalb noch kein literarisches, folglich\nanekdotisches Suget: das malerische Sujet ist\ndurchaus plastisch und entspringt der Vision, es\nmuß der reine Ausdruck der menschlichen Natur\nsein.\n„Der ewige Vorwurf ist in der Natur selbst ge-\nfunden; die Inspiration und klare Vision, wrelche\ndem Weisen eigen ist, der die schönsten und kräf-\ntigsten Grenzen entdeckt.\n$\nSolche Worte bedürfen keiner Kommentare.\nSie wollen unmittelbar begriffen werden und er-\nregen die „Simultaneite\", die allein die Schöp-\nfung ist. Der Rest bleibt Aufzeichnung, Betrach-\ntung, Studium. Die Simultaneite ist das Leben\nselbst und wie die Aufeinanderfolge von Elemen-\nten in einem Werke auch immer ist, sie führt zu\nverhängnisvollem Ende, zum Tode, während der\nSchöpfer nur die Ewigkeit kennt. Der Künstler\nhat sich zu lange im Vereinigen unfruchtbarer Ele-\nmente der Kunst, also um den Tod abgemüht, und\nes ist Zeit, daß er zur Fruchtbarkeit, zur Dreieinig-\nkeit, zur Simultaneite gelangt.\nUnd Delaunay hat das nicht nur in Worten er-\nreicht, sondern auch in seinen Werken — reine\nMalerei, Realität.\n\nGuillaume Apollinaire"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-12-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-12_01#c008", "volume": "bmtnabg_1912-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "225", "page_fin": "230", "image_debut": 5, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.2.8", "titre_corps": "Die rote Flamme", "titre_sommaire": "Die rote Flamme", "signature_source": "Hermann Wagner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.5", "debut_caractere": 1679, "fin_caractere_exclue": 1713, "texte": "Die rote Flamme\nVon Hermann Wagner"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.5", "debut_caractere": 1728, "fin_caractere_exclue": 9472, "texte": "Aber die beiden, sie und ihr Mann, hatten die Ju-\ngend für sich, diesen Zauber, vor dem alles, was\nsonst noch Geltung im Leben hat. verblaßt.\nDiese Jugend, gegen die er ohnmächtig war\nund die er, wenn er sie an der Seite des Geliebten\ngleichsam einherschweben sah, wie eine Verhöh-\nnung seines brennenden Verlangens empfand!\nEs war sein größter Schmerz, die Geliebte an\nder Seite ihres Mannes zu sehen.\nJa, noch mehr: er hatte bei diesem Anblick das\nGefühl des zynisch Getretenen und Betrogenen,\nahm war, als geschehe lihm ein Unrecht, I als\nschleppe man etwas fort das ihm gehöre, als ent-\nreiße man ihm etwas gewaltsam.\nIn ihm wühlten bohrend Haß und Eifersucht und\nstachelten sein siedendes Gehirn zu Plänen auf,\ndenen glücklicherweise seine lahme Energie am\nEnde nicht mehr gewachsen war.\nDermaßen hatte sich in diesem sonst in allen\nDingen so konventionell denkenden Menschen das\nGefühl für das, was recht und unrecht war, ver-\nschoben, daß er das Verhältnis dieser beiden als\netwas Schmutziges und Unnatürliches ansah, als\neinen Ehebruch, den man an ihm verübte, dazu als\neinen, zu dem man die Geliebte mit Gewalt trieb.\nDenn das war sein heimlicher Trost, der ihn\naufrecht erhielt: sie war nicht glücklich.\nAus ihren Zügen glaubte er es zu lesen, aus der\nverträumten Melancholie, mit der ihre klugen klei-\nnen Augen in die Welt hineinsahen, aus der etwas\nmüden Art ihres Ganges, überhaupt aus ihrem gan-\nzen Wesen, das ihm gedrückt, resigniert, voller\nEnttäuschung schien.\nDas Paar war kinderlos.\nEinmal hatte er sie beobachtet, wie sie ein\nfremdes fünfjähriges Mädchen liebkoste, und da\nhatte er aus dem mächtigen Strom von Licht und\nFreude, der jäh aus ihren Augen hervorbrach, er-\nkannt, daß etwas in ihr niedergehalten und erstickt\nward.\nAuch er liebte die Kinder, war gegen sie voll\nhingebungsvoller Zärtlichkeit und wußte, da er\nkeine besaß, sein Leben leer und kalt.\nEr sah so ihrer beider Sehnsucht vereint: nach\ndem Leben, das aus ihnen hervorquellen müßte,\ndas ihrem Dasein erst den Zweck und1 das Ziel gab.\nHerr Theobald faßte seit jenem Tage zu dem\nfünfjährigen Kinde, das er von ihr geliebt wußte,\neine tiefe Zuneigung.\nEr wußte es einzurichten, daß die dürftigen El-\ntern es des öfteren seiner Obhut anvertrauten, und\nseinem naiven Gemüte war es ein leichtes, sich\nseinen Liebling geneigt zu machen.\nDie Kleine hieß Lina.\nEr nahm sie mit auf seinen Spaziergängen nach\ndem Walde, brachte sie mit in seine Wohnung, gab\nihr die Katze zum Spielen oder er erzählte ihr die\nseltsamsten Märchen, ja er konnte in ihrer Gegen-\nwart seinen Freund Joachim völlig vergessen, der\nihm kopfschüttelnd! zusah und außerstande war,\nsich den Freund zu enträtseln.\nEinmal, als er mit Lina gespielt hatte, und die\nKleine müde geworden, plötzlich ihren Kopf auf\nseinen Schoß fallen ließ und einschlief, glaubte er\nmit Bestimmtheit auf dem ruhenden Gesicht des\nKindes die Züge der Geliebten zu erkennen.\nDa kam es mit aller Macht über ihn.\nEr küßte innig die widerspenstigen Locken, die\nwirr und goldig über die weiße Stirn herabhingen,\nlegte den kleinen, federleichten Körper behutsam\nauf sein Lager und kniete vor ihm nieder.\nDie Tränen liefen ihm unaufhaltsam und er\nfühlte sich so leicht und frei wie noch nie in sei-\nnem Leben . . .\nAuf diese Weise verrannen fast zwei Jahre, in\nderen Verlaufe Herrn Theobalds Leidenschaft all-\nmählich stiller und kühler wurde, seine Liebe aber\nwuchs und sich vertiefte.\nEr konnte jetzt die Geliebte sehen, ohne von dem\nVerlangen ergriffen zu werden, sie zu besitzen,\nselbst der Anblick ihres Mannes verursachte ihm\nnicht mehr die früheren Qualen.\nEs gelang ihm zuweilen sogar, auf ihn mit einer\nArt von Ueberlegenheit herabzusehen, der sich in\nseiner gütigen Seele nach und nach ein sonder-\nbares Mitleid verband.\nWußte denn dieser armselige Mensch, was er\nbesaß? Was konnte ihm sein Wreib sein?\nEin Körper, wie es deren nach Millionen gab.\nJa, das war es: dieser hatte mir den Körper\nbesessen. Das, was er — Theobald — an ihr\nliebte, hatte noch niemand erbrochen: die Seele.\nIn diese Vorstellung spann Herr Theobald sich\nein und wurde immer ruhiger und heiterer.\nUnd als er eines Tages erfuhr, daß sein Neben-\nbuhler versetzt worden war, daß das Paar für\nimmer die Stadt verlassen würde, da durchbebte\nes ihn nur mit einer stillen und zitternden Weh-\nmut: als stände er am Grabe eines längst verstor-\nbenen teueren Freundes und es beschlichen ihn die\nErinnerungen an die Zeiten, da dieser lebend an\nseiner Seite gewandelt hatte.\nEines aber konnte Herr Theobald sich nicht\nversagen. Am Tage der Abreise ging er zum\nBahnhofe.\nEr fand die beiden sehr echauffiert damit be-\nschäftigt, in wilder Hast ihr Gepäck aufzugeben,\nSie sahen nichts und hörten nichts.\nKaum waren sie in den Wagen gestiegen, pfiff\nschon der Zug.\nIm letzten Augenblicke aber sah Herr Theo-\nbald, wie die Frau an das Fenster trat.\nSein Herz flammte lichterloh.\nEinmal! schrie es in ihm auf, einmal im Leben?\nHastig trat er näher, zog sein Taschentuch und\nwinkte erregt, während der Zug sich langsam in\nBewegung setzte.\nEr winkte ihr Abschied und lächelte ihr zärtlich\nzu — das erste Zeichen, das er ihr gab, seit er sie\nliebte. Und er glaubte, zu träumen, als er in ihr\nGesicht sah: er fand es gerötet, a,ber gar nicht\nverwundert. Und als der Zug schon in eine Kurve\neinbog, sah er gerade noch, wie sie ihm zweimal\nzunickte, sah er gerade noch ihr Lächeln.\nIhr Lächeln . . .\nDie Jahre waren seitdem vergangen und Herr-\nTheobald hatte nie mehr daran gedacht, nach\neinem neuen Weibe auszuschauen.\nIhm war jetzt nicht mehr, als sei seine Liebe\nein bloßer Traum gewesen.\nIn ihm setzte sich vielmehr die Vorstellung fest\nund ging ihm in Fleisch und Blut über, daß er sie,,\nseine Königin, wirklich besessen hatte, daß sie ihm\ngestorben war und er ihr nun nachtrauere.\nUnd das Merkwürdige geschah, daß ihr Bild\nin ihm von Tag zu Tag lebendiger wurde.\nSeine Leidenschaft war seit der Stunde, da ihm\nihr Lächeln wie eine Verheißung zugeflogen war,\nwieder heftiger und brennender geworden und\nverlor sich mit der Zeit in einem tiefen und beißen-\nden Schmerze, der sich namentlich des Nachts zu\nunnennbaren Qualen auswuchs.\nGepeinigt von der Oede und der Verlassenheit,\ndie um ihn und in ihm waren, entriß er sich oft den\nzerwühlten Kissen und verließ bloß die Schlaf-\nkammer, um sich in der Stube verzweifelt in eine\nEcke zu drücken.\nEr ertrug nicht den Anblick seines Freundes\nJoachim, der ruhig und gleichmäßig Atem holte\nund fest schlief, in ihm war überhaupt ein sonder-\nbarer und greller Haß gegen sich, gegen die ganze\nWelt.\nWeinen hätte er mögen, aufschreien, sich zer-\nfleischen, aber er konnte es nicht, brachte nur wür-\ngende Laute hervor, und seine Augen blieben .glä-\nsern und trocken. Es blieb ihm zuletzt immer nur\nder eine Gedanke, der eine Trost: der Tod —\nEs überlief ihn bei diesem Gedanken ein Frö-\nsteln und ein trockenes und höhnisches Lächeln er-\nschien auf seinen schmalen, blutleeren Lippen, ein\nLächeln, das verächtlich, schadenfroh war, in denn\nsich seine Seele widerspiegelte, die voller Haß\"\ngegen den zögernden und zaudernden Körper war.\nWas wollte er noch hier? Lebte er denn?\nEr trat, wie um sich zu überzeugen, vor den\nSpiegel,, und dieser warf ihm, in dem bleichen\nMondlichte, das sich durch die Fenster brach, sein\nBild gespenstisch und unheimlich entgegen.\nEr prallte dann entsetzt vor seiner eigenen Ge-\nstalt wie vor der eines Fremden und Toten zu-\nrück und zu seinem Schmerze gesellten sich Furcht\nuncl Grauen. Er magerte in jener Zeit furchtbar\nab, und das Alter grub seinem Gesichte tiefe\nFalten.\nSein Leiden aber härtete ihn auch, stählte\nseine Seele, und es entstand in jenen Tagen um\nseinen Mund der bittere Zug, der seinem Antlize\nbei aller Güte und Weichheit, etwas Asketisch-\nStarres, etwas Hartes gab."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9539, "texte": "Aber Herr Theobald überstand es, und an dem\nTage, da er sich wieder gesund fühlte, fand er zu-\ngleich, daß er ein alter Mann geworden war.\nEr empfand das weniger körperlich, als in dem\nBewußtsein, daß ein langes, langes Stück Leben\nan ihm vorübergezogen sei, dessen Geschehnisse\nihm gar nicht mehr wirklich schienen, so entfernt,\nso weit abseits von ihm lagen sie.\nErst jetzt sah er sich seinem Freunde Joa-\nchim wirklich näher gebracht.\nDessen selbstzufriedenes Philistertum, das sich\nnie aus dem Gleichgewichte bringen ließ, war ihm\nbisher, wenn er es auch nicht ganz als solches\nempfand, im Grunde immer gegen den Strich ge-\ngangen.\nNamentlich während er mit seiner Leidenschaft\nkämpfte, hatte das Phlegma des Freundes aufrei-\nzend auf Ihn gewirkt\nWenn er auch von Natur aus verschlossen war\nund seine Freuden und Leiden scheu vor aller\nWelt in sich selbst1 begrub, gab es doch Augen-\nblicke, in denen ihm Trost und Zuspruch, oder\nWiderspruch und Angriff wohlgetan hätten.\nIn diesem Punkte aber versagte Herr Joachim\nvöllig. Es wäre absurd gewesen, von ihm in sub-\ntilen Kämpfen und Nöten Teilnahme oder auch\nnur Interesse zu erwarten, und zwecklos, sich ihm\nanzuvertrauen.\nAber daß er doch der rechte Freund war, den\nHerr Theobald brauchte, ein Mensch, auf den zu\nrechnen war, sah Herr Theobald erst wieder ein,\nals Ruhe bei ihm eingekehrt war.\nSo wenig Sinn Herr Joachim dem Phantasti-\nschen und Weltfremden beimaß, dem sein kranker\nund aufgeregter Freund nachhing, so kalt und\ntrocken ihn alles Grübeln alles Spintisieren und\nFabulieren ließ, so besorgt und hilfsbereit zeigte\ner sich, als Krankheit und körperlicher Schmerz\nden Freund bedrohten. Es war zuletzt über Herrn\nTheobald eine Krisis hereingebrochen, die seinen\nLeib in zehrenden und wilden Fiebern hin nnd her\nwarf, und der Tod, den er unzählige Male herbei-\ngewünscht hatte, streckte seine knöchernen Arme\nweit nach ihm aus.\nDaß Herr Theobald trotzdem wieder genas, an\nLeib und Seele frei wurde, verdankte er nicht zum\ngeringsten Teile der liebevollen Pflege seines\nFreundes Joachim. Nächtelang hatte dieser an\nseinem Lager ausgehalten und ihm in seiner be-\nhäbigen und trockenen Art, die allein schon be-\nruhigte, zugesprochen.\nEs war nichts Pathetisches oder Heroisches an\ndiesem Braven, aber viel natürliche und starke\nLiebe, die sich selbstlos, einfach und humorvoll\ngab.\nHerr Theobald wurde gesund. Und es war\nihm, als habe er ein neues Leben begonnen, oder\nrichtiger, seines Lebens zweiten Abschnitt.\nEr hatte, wie er annahm, sein Alter angetreten,\nund mit dem, was hinter ihm lag, abgeschlossen.\nFreilich führten hoch Wege der Wehmut zu\ndem Verflossenen zurück, und in einsamen Stun-\nden blühten in ihm wieder Bilder und Träume.\nAber das Grelle, Gewaltsame und Beißende des\nSchmerzes war doch von ihm genommen.\nDer Weg in die Zukunft schien Herrn Theobald\nruhig, reizlos und ohne Beschwerden, ein sanfter\nallmählicher Aufstieg . . .\nEine wundervolle Dezembernacht.\nDer Vollmond schien so hell, daß die Straßen\nwie mit mattem Tageslicht überflutet schienen.\nDie dünnen Gasflammen wirkten in diesem\nLichtmeer fast dürftig. Als kämen sie sich selbst\nüberflüssig vor, so zaghaft flackerten sie hin und\nher: wie arme verschämte Seelen, die nicht wuß-\nten, wo aus und wo ein . . .\nDen ganzen Winter war noch kein Schnee ge-\nfallen. Heute wallten langsam und verträumt die\nersten Flocken zur Erde nieder.\nSeit einer Stunde schwebten sie herab: erst\nspärlich, aber groß und dick, dann immer dichter,\nbis es schien, als schüttelte man sie aus zahllosen\nriesigen Säcken über die Erde.\nDer Boden war hart gefroren und gab, wenn\nschwere und kräftige Schritte über ihn\" hinschrit-\nten, klingende Töne von sich.\nDie Luft war kalt, ruhig.\nDer Schnee lag dünn und zart auf allem wie ein\nSchleier.\nVon einer satten und schweigsamen Schönheit\naber war der Himmel.\nKein Stern flimmerte an ihm, nur die große\nScheibe des Mondes hing oben.\nEine immense finstere Wölbung, aber nicht\nschwarz, sondern von einem eigentümlichen Blau,\nvon einem dunklen Blau, das von kräftigem Vio-\nlett durchsetzt war.\nHerr Theobald stand am Fenster und sah in\ndie Nacht.\nMit freudig erregtem Herzen blickte er den\nschwebenden Flocken nach, folgte den einzelnen\ngroßen in ihrem Falle, bis er sie in dem Gewimmel\nverlor, und suchte unermüdlich von neuem.\nDas Wohlbehagen, das die warme Stube ihm\nbereitete, brachte ihm zugleich die Kälte zum Be-\nwußtsein, die draußen herrschte, und war wohl\nauch der Grund, daß er sich so geborgen und so\nungewöhnlich heiter fühlte.\nSieben Uhr.\nHerr Theobald hatte kurz vorher mit Herrn\nJoachim das Abendbrot verzehrt, und der hatte\nsodann einen Gang in die Stadt gemacht, um einige\nEinkäufe zu besorgen.\nEs war die Zeit vor Weihnachten, und da gab\nes mancherlei, das in aller Heimlichkeit erledigt\nwerden mußte. Keiner ging da dem anderen nach.\nMan täuschte sich gerne das Gefühl vor, als wittere\nman an allen Ecken und Enden Rätsel und Ueber-\nraschungen. Das kleine Haus, in dem die Freunde\nwohnten, lag schon etwas außerhalb der Peripherie\nder Stadt, und von den zwei Fenstern der Front\nkonnte man bequem den schmalen Weg übersehen,\nder zu den ersten Häusern hinabführte, während\nsich von den Seitenfenstern aus ein völlig freier\nAusblick nach dem Walde hinaus bot.\nDer schmale Weg, der am Hause eine scharfe\nBiegung nach rechts machte und zum Friedhof\nhinausführte und an dessen Seite ein tiefer schmut-\nziger Graben träge hinfloß, hatte einen sonderba-\nren Namen.\nEr hieß die „Sorge\".\nAn seinem äußersten Ende, knapp (bevor er\nsich in dem wirren Durcheinander der ersten Häu-\nser verlor, stand, ganz allein für sich und wie ge-\nmieden, ein trostloses graues Haus, niedrig, mit\naltmodischem Erker und einer großen finsteren\nTüre, die immer geschlossen schien.\nUeber dieser Türe hing ein altes, vom Roste\nzerfressenes Schild, auf dem zu lesen stand: „Zur\nTotenschänke\".\nUeber die Tafel hinaus aber ragte ein gewalti-\nger gußeiserner Bogen, an dem eine verstaubte\nrote Laterne hing.\nIhr trübseliges blutiges Licht äugte nun schon\nalle die Jahre hindurch wie voller Wehmut\nzu den beiden nahen Fenstern hinauf, aus denen bald\nHerr Theobald, ibald Herr Joachim einen Blick\ngegen die Stadt hinabtaten.\nWie ein Symbol schimmerte das kalte Rubin-\nrot: wie ein Symbol dessen, das aus der Tiefe\nstöhnte, wie ein Sinnbild der Verlorenen, Abster-\nbenden, Hoffnungslosen . . .\nAuch heute empfand Herr Theobald wieder das\nBeklemmende dieser trostlosen Flamme, aber nicht\nin dem Maße wie sonst.\nWährend er an frostigen, regnerischen und\nstürmischen Nächten den diiisteren Schein nicht\nauf sich einwirken lassen konnte, ohne daß eine\ntiefe Bangigkeit von ihm Besitz nahm, die sich oft\nzu einem heftigen Grauen vor allem, wTas Leben\nhieß, steigerte, sah er heute das Trübselige des\nAnblickes gemildert durch den strahlenden Zau-\nber der Mondnacht.\nDie flackernde Flamme hatte in der bleichen\nFlut des Mondlichtes fast etwas rührend Heiteres«\nDas einsame Haus stimmte ihn heute nicht trau-\nrig — es war ein Gefühl der Rührung, das ihn über-\nmannte.\nSchließlich, auch sie lebten in einer Art Licht,\ndas ihre Herzen hell machte und wärmte:\nDiese Aermsten, die ihren Körper gleichsam\nvon sich warfen, ihn jedem überließen, der ihn\nmochte, deren Seele aber dabei abseits wandelte\nund unberührt und rein blieb . . .\nDenn so sah er sie jetzt:\nAls Betrogene und Gehöhnte, über die das\nSchicksal grinsend hinwegschritt —\nUnd aller Schmutz und alle Gemeinheit, die um\nsie her waren, durch die sie blindlings wie durch\nendlose Flächen von Schlamm und Moor wateten,\nhafteten im Grunde nicht an ihnen, sondern an je-\nnen, die sie mißbrauchten.\nEr wunderte sich jetzt nicht mehr darüber, daß\ner sie früher hatte hassen können, wirklich stark\nund heiß hassen.\nWas war sein Haß anderes, als eine verkappte\nLiebe: jene Liebe, die er seit jeher allem geschenkt\nhatte, was jenseits aller Norm stand, gleichviel ob\nhoch darüber oder tief darunter . . .\nEs war ja dasselbe, ob er haßte oder liebte,\nwrenn er nur nicht kalt blieb!\nDenn kalt bleiben, war für ihn gleichbedeutend\nmit Verachten —\nVerachtet aber hatte er diese Gesunkenen noch\nnie. Es war früher sein Traum gewesen, sie zu\nheben. Er, der die Moral als etwas dem Men-\nschen Mitgegebenes, Eingepflanztes ansah, der sich\nan sie hielt, da er an sie glaubte, war zu diesen\nEntgleisten gegangen, um sie auf den Weg zu-\nrückzubringen: nicht auf Pfaffenart, mit salbungs-\nvollen Reden, sondern indem er ihren Stolz zu\nwecken hoffte, dadurch, daß er sie trat, leiden-\nschaftlich ihnen die körperliche Schmach ihres\nWandels ins Gesicht spie . . . Damals hatte er sie\nhassen gelernt.\nIhr Hohn, ihr kalter, rücksichtsloser, überlege-\nner Hohn hatte ihn jedoch zermalmt, war wie\ndas starke Leben über Hirngespinste brutal hin-\nweggeschritten.\nSeine Niederlage hatte ihn vernichtet.\nDer Zynismus dieser Mädchen — so nannte er\nihre Üeberlegenheit — wiar ihm unbegreiflich,\nmachte ihn fassungslos, noch mehr Um-\nstand, daß er in seiner Ehrlichkeit außerstande\nwar, ihm etwas gleich Starkes entgegenzuhalten»\nSie konnten lachen, er aber nur knirschen.\nAch, er hätte gewünscht, sie verachten zu kön-\nnen, und er war unglücklich, daß er sie stärker sah,\nals sich selbst! Und daß er sie hassen mußte!\nDer Konflikt hatte dazu beigetragen, sein Leben\nzu verbittern. Denn daß sie, die Entgleisten, taten,\nwas sie tun mußten, er aber tat, was er sich vor-\nschrieb — sah er nicht ein.\nDaß die WeOtordnung, kiie „Ordnung44\nhaupt, nicht ihnen, sondern ihm, dem Manne der\nMoral recht gab, daß sie schließlich doch die Be-\ntrogenen waren, die Sünde also schon hienieden ihre"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4436, "texte": "Strafe fand, konnte ihn freilich nicht beruhi-\ngen, aber besänftigen.\nHatte er in seinem entflammten Zorne ge-\nwünscht, das Sündige mit Feuer und Schwert aus-\nrotten zu können, so hatte ihm schließlich das Bild\nihres Elends Trauer und Mitleid eingeflößt.\nEr konnte weinen, wenn er eine von ihnen sah.\nNicht sie haßte er mehr, sondern das Leben.\n*\nHerr Theobald sah noch lange in die Nacht\nhinaus. Alles das Vergangene ging ihm wieder\ndurch den Sinn, war aber nicht imstande, seine\nStimmung zu umdüstern. Es blieb dabei:\nEs war ein Hauch von Heiterkeit und Lebens-\nlust, was von dem roten Lichte da unten ausging.\nUnd als wollte das blutige Zeichen seinen Vermu-\nTungen recht geben, fing es plötzlich an, heftig zu\nflackern, mit solcher Lebhaftigkeit und Vehemenz,\nfür die gar kein Grund dazu sein schien und die\nes wahrscheinlich machten, daß ein unrühmlicher\nTod die Folge sein werde.\nUnd richtig — da war es schon verlöscht.\nEin Windstoß mußte es ausgeblasen haben.\nHerr Theobald trat betroffen an das Fenster\nheran, um nach der Ursache zu forschen.\nUnd da bemerkte er erst, daß die große Türe\ndes stummen Hauses offen stand, und hörte, wie\neinzelne gellende und zornige Worte zusammen-\nhanglos herausflogen, abgerissen, wie Fetzen.\nWoher kommt so plötzlich der Wind? fragte\nsich Herr Theobald.\nEr sah ihn in wirbelnden Stößen durch die ge-\nöffnete Türe hervorschießen, die Scheiben der\nroten Laterne mußten klirren.\nAls fahre es bis zu ihm herauf und lösche jäh\nalles Licht in ihm aus —\nHerr Theobald öffnete die Flügel des Fensters\nund beugte seinen Oberkörper weit in die Kälte der\nWinternacht hinaus.\nDie Flocken sipielten mit seinen dünnen graue*\nHaaren. Und ein unruhiger heftiger Wind wandte\nsich jetzt in unregelmäßigen kurzen Stößen gegen\nden Friedhof zu.\nHerr 1 heobald hörte, wie sich in die wütenden\nWorte dort unten die schauerlichen Töne eines bil-\nligen Orchestrions mischten.\nEs klang wie: „Weißt du, Mutterl, was mir\nträumt hat?\" und wirkte so kläglich, daß es ins\nHerz schnitt.\nDazwischen hallte ein rohes Lachen, dröhnende\nFaustschläge fielen auf die Tische, Gläser klirren.\nJählings fiel mit Gekrach eine Tür zu.\nDer Streit pflanzte sich aus dem Gastzimmer\nin das Vorhaus fort und artete in ein wüste» Ge-\nschrei aus. In das wahnsinnige Gekreisch zweier\nbesinnungsloser Weiber.\nBis dann nochmals eine Tür aufgerissen und*\nwieder zugeschlagen Wurde und die kaltblütig-rohe\nStimme eines Mannes sich in den Streit mischte.\nEndlich nachdem einige Sekunden atemlose Stille\ngeherrscht hatte, ein einziger harter, langgezogener\nSchrei, der scharf und schneidend in die Nacht hin-\nausfuhr — —\nIm gleichen Moment schoß blitzesschnell der\nKörper eines Weibes aus dem gähnenden Loche\n. i\nder Tür hervor. Flog etwa drei Meter weit und\nblieb regungslos liegen.\nMit dumpfem Krach fiel die schwere Tür wie-\nder ins Schloß.\nHerr Theobald war atemlos und wie im Traume\ndie „Sorge\" hinuntergelaufen und begriff erst, als\ner auf dem eisigen Boden neben dem Weibe kniete.\nEs war der große und starke Körper eines Mäd-\nchens, der vor ihm auf dem Boden lag.\nDie dunklen Haare waren wild zerzaust und\naufgelöst und hoben sich kräftig von dem blenden-\nden Schnee ab. Der volle weiße Hals schimmerte\nin seiner samtenen Nacktheit, und auf dem Nacken\nwar ein kleines schwarzes Muttermal sichtbar.\nDie Bluse war auf der Brust bis zur Hälfte auf-\ngerissen.\nHerr Theobald packte die Gefallene bei der\nSchulter und schüttelte sie mehrmals, erhielt aber\nkeine Antwort.\nSie lag wie trotzig am Boden, ihr Gesicht war\ndem Boden zugekehrt, und atmete erregt.\nEs hörte sich an wie Keuchen, wie ein krampf-\nhafter Versuch, das aufsteigende Weinen zu unter-\ndrücken.\nDer ganze Körper bebte.\n„Stehen Sie auf,\" bat Herr Theobald und schüt-\ntelte das Mädchen unausgesetzt.\nMit Mühe gelang es ihm schließlich, ihren Kopf\numzudrehen und ihm ins Gesicht zu sehen.\nEr erschrak nicht wenig. Die Wangen des\nMädchens, die fieberheiß glühten, waren voller\nBlut.\n„Was ist Ihnen geschehen? — So reden Sie\ndoch!\" Herr Theobald strich dem Mädchen die\nHaare aus der Stirn.\nEs blieb aber völlig apathisch.\nOhne zu reden, richtete es den Oberkörper\nlangsam empor und stützte ihn auf den rechten\nArm. Sein Gesicht hing müde und traurig herab.\nDie ersten Tränen rollten schwer über die Wangen.\n„Stehen Sie doch auf! — Haben Sie Schmer-\nzen?\"\nHerr Theobald sprach der Teilnahmslosen un-\naufhörlich zu und brachte sie schließlich so weit,\ndaß sie sich mit seiner Hilfe erhob."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6798, "texte": "Kaum aber war sie auf den Füßen, überfiel sie\nein Weinkrampf.\nSie zog ihr Taschentuch und drückte es vor\ndas Gesicht\nSofort färbte es sich rot mit ihrem Blute.\nHerr Theobald wußte sich keinen anderen Rat,\nals sie mit in seine Wohnung zu nehmen.\n„Kommen Sie!\" sagte er energischer, als es sonst\nseine Gewohnheit war, und nahm sie bei der Hand.\nSie ging ohne Widerrede mit ihm.\nNachdem er sie durch das finstere Vorhaus und\ndie schmale hölzerne Stiege hinauf in die warme\nStube geführt hatte, goß er ihr warmes Wasser in\nein Becken und gab ihr Handtuch und Seife.\n„So — hier waschen Sie sich,\" sagte er nicht\nohne Verlegenheit und fügte, nur um etwas zu sagen,\nhinzu: „Haben Sie sich etwas getan?\"\n„Nein . . . danke ... es wird schon gehen!\"\nDas Mädchen sprach leise und verlegen.\nEs hatte das blutbefleckte Tuch wieder einge-\nsteckt und vermied es, Herrn Theobald anzusehen.\nBeim Waschen benahm es sich recht ins ge-\nschickt.\nHerr Theobald hätte der Fremden gern gehol-\nfen, doch hinderte ihn seine wachsende Befangen-\nheit» ihr näher zu treten.\nErst jetzt fühlte er, daß ein Weib bei\nihm war, ein Weib, das jung und nicht unschön\nschien. Die langen, aufgelösten Haare, die in ihrer\nFülle die halbe Gestalt hinab fielen, der bloße\nNacken und die nur mangelhaft bedeckte Brust\nmachten ihn verwirrt . . .\nEndlich war sie fertig und trocknete sich ab.\nAuf ihrem Gesicht zeigte sich eine nur unbe-\nträchtliche Wunde, die sie sich bei ihrem Falle zu-\ngezogen haben mochte.\n„Ach bitte,\" sagte sie und ihre Stimme klang\nschon viel .gefaßter, „hätten Sie nicht ein Stück\nLeinwand . . . zum Verbinden?\"\nSie lächelte leicht und sah Herrn Theobald zum\nersten Male ins Gesicht.\n„Ja — natürlich! . . .\" antwortete er und wurde\nnoch verlegener.\nEr stürzte in die Schlafkammer, fand aber nicht\ngleich, was er suchte, so daß er kurz entschlossen\naus einem seiner weißen Hemden einen Fetzen\nherausriß.\n„Ich danke vielmals,\" sagte . das Mädchen, als\ner ihr das Zeug gab, und lächelte ihn wieder an.\nSie hatte eine liebe Art, zu lächeln. Auch war\nin ihrer Stimme wirkliche Dankbarkeit.\n„Jetzt — wenn Sie noch irgend ein altes Tuch\nhätten.,\" sagte sie einfach, indem sie den Lein-\nwandfetzen mit Wasser tränkte, ihn auswand und\nauf die Wunde legte.\nHerr Theobald brachte eines seiner großen\nroten Taschentücher, das gerade groß genug war,\num einmal um den Kopf gewunden zu werden.\n„Wollen Sie mir helfen?\" bat wieder die\nFremde. „Sc . . .\"\nSie wand das Tuch um den Kopf und Herr\nTheobald mußte es ihr binden.\nSie stand mit ihrem Gesichte ihm zugekehrt.\nEr wagte kaum die Augen zu erheben. Ihre Bluse\nwar noch immer offen.\n„Ach, nochmals vielen Dank!\"\nSie atmete auf.\nUnd als wäre es die natürlichste Sache von der\nWelt, ohne jede Scham, fing sie jetzt an, ihre Bluse\nzuzuknöpfen.\nSie wandte sich dabei Herrn Theobald zu, der\nrasch an das Fenster getreten war, und hörte nicht\nauf sich zu entschuldigen.\n„Sicherlich — ich bin Ihnen lästig gewesen,\"\nsagte sie mit ihrer weichen Stimme, sah ihn aber\nmit jener selbstsicheren Ruhe an, die sich bewußt\nist, Eindruck zu machen.\n„Nein — estist nicht der Rede wert,\" erwi-\nderte Herr Theobald und ärgerte sich, daß er rot\ngeworden war.\nZu letzt warf die Fremde ihren Kopf zurück,\npackte mit den Händen die Flut ihrer Haare und\nbat Herrn Theobald um einen Kamm.\nUnd indem sie sich auf einen Stuhl niederließ\nund mit wenigen Handgriffen ihre Frisur in Ord-\nnung brachte, fragte sie:\n„Sie wohnen allein?\"\n„Nein, ein Freund, ein Kollege wohnt mit mir,\"\nantwortete Herr Theobald.\nEr wußte aber gar nicht was er sagte, seine\nAntwort war rein mechanisch. Jetzt, wenn sie fertig\nsein wird, wird sie danken und wieder gehen,\ndachte er. Ich werde sie nie mehr sehen. Und er\nbegriff nicht, warum ihn der Gedanke so traurig\nmachte. Aber sie dachte nicht daran, sich zu er-\nheben.\nSie stütze vielmehr den Kopf auf ihren rechten\nArm und sagte ganz unvermittelt: „Und ich weiß\nnicht, was ich anfangen soll . . .\"\nSie sprach müde, ohne Verstellung.\n„Man hat mich hinausgeworfen . . .\" fuhr sie\nlangsam, ohne zu betonen, fort und richtet dabei\nihren Blick auf Herrn Theobald.\nAls handle es sich um etwas völlig Belangloses\nund Selbstverständliches, von dem zu reden, sich\nkam lohnte, sagte sie es,\nIhr Blick ist ganz der der Mädchen auf der\nGasse, dachte Herr Theobald. Und doch nicht ganz\nso. In seiner beißenden Ruhe und Kälte liegt noch\netwas, das anders ist — wie Müdigkeit, wie Er-\nschöpfung sieht es aus. Was mag es sein ?\nHerr Theobald mußte an Menschen denken, die\nmit ihrem Leben, als sei es ein Spielzeug, Fangball\nspielen. Genau so kam ihm die Fremde vor.\n„Ich tun?\" gab sie zurück, und es klang, als\nverachte und höhnte sie sich selbst. „Was werde\nich tun?!\"\nMit einer Gebärde scheuchte sie alle Gedan-\nken von sich. Sie sprang jäh auf, lachte und trat\nan das Fenster.\n„Sie kennen mich wohl gar nicht, Herr Theo-\nbald?' fragte sie.\nDieser war noch mehr erschrocken als erstaunt.\n„Ich l. .? Nein? — Woher sollte ich iSe\nkennen!\"\nDie Fremde lachte ihn voll an. Sie wurde mit\neinem Male sehr lebhaft und tat ganz ungeniert.\n„Sehen Sie, ich kenne Sie sehr gut! lag für\nTag sind Sie bei uns vorüber gegangen. Mit jenem\ndicken Herrn. Das ist doch Ihr Freund?\"\nUnd auf Herrn Theobalds Bejahung:\n„Ich weiß auch, wie Sie heißen, Sie und Ihr\nFreund! . . . Gott, ja, hier erfährt man ja alles!\nIch bin fast ein halbes Jahr dort unten gewesen.\nUnd gerade heute \"\nSie bach plötzlich ab und war ratlos.\n„Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich anfangen\nsoll. Ich habe garnichts, um mich unizutun, kein\nGeld, keine Wäsche, keine Kleider. Sie glauben\nes nicht: nicht einmal das da gehört mir!\"\nSie wies auf ihre luftigen niedrigen Schuhe, die\nfür den Balisaal gearbeitet waren, und auf ihren\ndünnen Rock. Hut hatte sie auch keinen.\n„Muß man Ihnen Ihre Sachen nicht wieder her-\nausgeben?\"\n„Ich habe nichts, was mir gehört,\" sagte sie\nund war ganz gleichgültig. „So geht es uns wenn\nwir älter werden. Wir verdienen nur wenig und\nwerden den Wirten unbequem . . . Da liegt man\nschnell einmal draußen . . . Ja, als ich jung war!\"\nHerr Theobald verschlang sie mit den Augen.\n„Sie sind doch noch jung, Fräulein.\" sagte er.\n#\nDa stellte sie sich vor ihn hin und drehte sich\nauf ihren Absätzen langsam herum.\n„Betrachten Sie mich, Herr Theobald! Neun-\nundzwanzig Jahre bin ich alt! Finden Sie, daß ick\nnoch jung ausschau?\"\nSie bot sich ihm mit ihren Augen rückhaltlos\nan. Herr Theobald mußte sich mit Gewalt zu-\nsammennehmen. Er zitterte. Warum fiel ihm\nnicht ein Scherz ein, etwas Harmloses? Wenn er\nes auch würgend und stotternd herausgebracht\nhätte.\n„Also wirklich, Sie mich niemals ge-\nsehen? Als ich am Fenster stand und Ihnen sogar\nwinkte? — Jawohl, Zeichen habe ich Ihnen ge-\nmacht! .. . 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Man entrüste sich!'1\nVielen dieser Subskribenten dürfte der mich betref-\nfende Passus der Rede Hillers — somit die gefühls-\nmäßige Berechtigung meiner Aeußerungen unbe-\nkannt sein.\nAlle unterschrieben in dem kamera d -\nschaftlichen Glauben, ich wäre Bürger genug\ngewesen, in diversen Sätzen auf menschliche Bezie-\nhungen Hillers anzuspielen. Dies war und ist nicht\nder Fall. Mein Entwertungssystem galt nicht mir\nunbekannten, nicht mir ewig gleichgültigen, sondern\nliterarischen Angelegenheiten.\nAuf jene Unterschriftsteller, die nun ihre gegen\nmich gerichteten Sätze nicht zurückziehen, fallen\nautomatisch die häßlichen, schlecht geformten und\ngar nicht dokumentierten Beleidigungen „Unan\nständigkeit\", „nichtswürdig\" zurück.\nDies die Antwort auf folgende „Erklärung\":\nSchärfe und Unanständigkeit sind zweierlei.\nNichtswürdig und nichts wert war, was an soge-\nnannter Polemik Herr Ehrenstein gegen Kurt Hilter\nerscheinen ließ — unter dem Titel „Anmerkungen\"\nin einer Berliner West-Wochenschrift.\nDieses Blatt, indem es derlei brachte gegen je-\nmanden, der ihm lange und häufig seine (wertvolle)\nMitarbeit geschenkt hatte, ... es hat sich deklas-\nsiert und erledigt.\nWir wollen, daß man unseren Widerwillen teile\ngegen so häßliche, schlecht geformte und gar nicht\ndokumentierte Beleidigungen.\nDer Schriftsteller Kurt Hiller, dessen Tapferkeit,\ndessen enthusiastische Geistigkeit unseres Schutzes\nnicht bedarf —, möge wissen, daß wir kamerad-\nschaftlich auf seiner Seite stehen.\nErnst Blaß, Dr. Franz Blei und Arthur Drey.\nFerdinand Hardekopf. Wilhelm Herzog. Hoexter.\nHerbert Ihering. H. E. Jacob. Koffka. Dr. med.\net pliil. Arthur Kronfeld. Alfred Lichtenstein (Wil-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.10", "debut_caractere": 32, "fin_caractere_exclue": 1036, "texte": "Ittersdorf). Dr. Robert Musil. Franz Pfemiert.\nErich Unger. Alir. Wolfenstein.\nDie leichterklärliche Erklärung befindet sich\nin dem augenblicklichen Wilmersdorfer Vor-\nOrtblatt Die Aktion, Wochenschrift für Poli-\ntik, Literatur, Kunst. Herausgegeben von Franz\nPfemfert, Berlin-Wilmersdorf, Nassauische\nStraße 17. Telephon Amt Pfalz bürg\nNr. 6242. Alle vierzehn Schriftsteller konnte\nich nicht aus den Adreßbüchern ermitteln.\nDrey von ihnen halte ich für Doktoren. Der\ndoppelte zählt nicht einmal doppelt. Im übri-\ngen ist es der bekannte Varietescherz: Der Dichter\ngeht ruhig seinen Weg. Der „selbstleserische In-\ntellektualmensch\" rempelt ihn wiederholt an. Dar-\nauf sprengen vierzehn Kameraden (. . . fest — und\n— treu — zu — sam — män) im Steckenpferdgalopp\ngegen den Dichter, rempeln ihn auch an und er-\nklären, sie gingen an Hillerns Seite, als wären es\nStücke von ihm. Trotzdem jener, wie bekannt,\nweder Panens Schutz, noch Aktionens Schirm be-\ndarf. Dem Schirm soll der nötige Regen werden.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-12-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-12_01#c012", "volume": "bmtnabg_1912-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "231", "page_fin": "231", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.2.10", "titre_corps": "G. Münter: Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "G. 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Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falte Rückporto beigefügt wurde.\nThaddäus Ri 11 ne r\nIch kenne Sie / Novellen\nWien / Deutsch-Oesterreichischer Verlag\nLouisT h o m a s\nAndre Rouveyre\nMit zahlreichen Reproduktionen seiner Zeich-\nnungen und seinem Porträt von Henri Matisse\nParis / Les Bibliophiles Fantaisistes\nDorbon-Aine\nElse Lasker-Schüler\nMein Herz / Ein Liebesroman mit Bildern und\nwirklich lebenden Menschen / Adolf Loos ge-\nwidmet\nMünchen / Verlag Heinrich F. S. 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Campendonk: Originalholzschnitt [Nummer 131]\nzwolf signierte und numerierte Exemplare / Das\nExemplar 25 Mark\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nJc cin Exemplar ist ausgestellt im Graphischen\nKabinett, Kurfurstendamm 33\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Fur Gesang und Wa-\nvier I 3 Mark\nKiinstlerpostkarten\nFutttristen: 1 / Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose T&nzerin / Pan-\nPan Tanz X Lichtdrucke: Das Exemplar\n20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab-\nschied / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in v©ller Fahrt / GinoSeverini:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose Tfcnzerin X Cliche-\nd r u c k e: Das Exemplar 20 Pfennig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1912-12-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1912-12_01#c017", "volume": "bmtnabg_1912-12_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "232", "page_fin": "232", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.11", "debut_caractere": 4219, "fin_caractere_exclue": 5280, "texte": "Zeitschriften\nDie Aufnahme crfoltt kostenlos nach freiem ErmesseH\ndcr Redaktion dieser Zeitschrift\nDie Fackel / Heraus^eber: Karl Kraus / Er-\nscheint in zwanrloser Folge. Die Fackel enthiit\nnur Beitrage von Karl Kraus. Neueste Nummer\n360—362. Preis dieser dreifachen Nummer\n75 Pfennig / Verlag Die Fackel / Wien III/2\nL'Effort Libre / friiher L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne]\nL'Iftd6peiidance / Halbmonatsschrift / Kiinste /\nKultur I Philosophie / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue Franpaise ! Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nLes Cahiers du Centre I Moulins [Allier]\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift ftir Neue Kunst.\nTschechische, fremde und alte Kunst: Literatur,\nKunsthistorie, Malerei, Plastik, Architektur, Kunst-\ngewerbe, Theater, Musik. Erscheint monatlich (8\nBildbeilagen, 20 Seiten reich illustrierter Text, Mu-\nsikbeilage). 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Eroffnet am 3. November mit\neiner groOen Nolde-Ausstellung. Gauguin, Picasso,\nRousseau, Rodin, Matisse etc.\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Verein\nPassive Mitglieder der Neuen Secession\nerhalten iahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 /\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen.\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark.\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession; Steg-\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Stegiitz 2699*\nGraphisches Kabineit Buch- und Kunsthandluni I\nBerlin W 15, KurfQrstendamm 33, Eingang Grol-\nmanstraBe / Eckhaus / Fernruf Amt Steinplatz\n14297 I Der Inhaber des Graphischen Kabinett?\nJ. B. Neumann eroffnet in der Schillerstrale 6 (am\nKnie) eine Ausstellung fur die neue Malerci. In ihr\nsollen ausschlieBlich Werke jiingerer Kunstle-r ge-\nzeigt werden\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung / Oktober-\nausstellung: Alfred Kubin und sein Werk\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antkiua-\nriat I PotsdamerstraSe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen iiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur\nFritz Merker Charlottenburg, SchillerstraUe 94.\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartout-\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen j Auf-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Bucheinbande\nTitania-Schreibmascbiiie / Erste deutsche Schreib-\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern /\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Genest,\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fiir Berlin\nund die Mark Brandexburg: Louis Stangen,\nLinkstraBe 12. Teleton: Amt Kurfiirst 2425"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "221", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.1", "texte": "August Macke: Linoleumsehniti\n\nUmfang zwölf Seiten\nEinzelbezug 40 Pfennig;\nDER STURM\nFÜR KULTUR KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W 9 / Potsdamer Straße 18\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungsräume\nBerlin W / Königin Augustastr. 51\nDRITTER JAHRGANG\nBERLIN DEZEMBER 1912\nNUMMER 138/139\n\nInhalt:\nH. W.: Von der Kunst: Barmer Kunst / Münchener Kunst / Münchener Kunstverein / Die Münchener zeichnenden Künste / Günther Mürre:\nIrischer Abend / Karl Borromlus Heinrich: Menschen von Gottes Gnaden / Roman / Mynona: Der Rüssel des fetten Herrn Mühlmann / Guillaume\nAppollinaire: Realite, peinture pure / Hermann Wagner: Die rote Flamme / Albert Ehrenstein: Antwort / August Macke: Linoleumschnitt / Wilhelm\nMorgner: Tierdressur / Originalholzschnitt / Franz Marc: Pferde / Originalholzschnitt / Q. Mfinter: Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "222", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.2", "texte": "Von der Kunst\nH. W.\nBarmer Kunst\nIch kann der Stadt Barmen nicht helfen: sie hat\nsich schon einmal über den Sturm beschwert, sie\nwird es wieder tun. Die Herren, die im Namen\nder Stadt Barmen beleidigt sind, tragen selbst die\nSchuld. Die Barmer Zeitung öffnet die Spalten\nihres Herzens nicht nur dem kunstleidenden Kri-\ntiker: auch, die „Anwohner\" dürfen sich ausweinen.\nUnfälle durch die Straßenbahn und Ausfälle gegen\ndie Ruhmeshalle, der zerquetschte Bürger und die\nzerquatschte Kunst findet in der Barmer Zeitung\nRaum. Die Folge ist eine Begriffsverirrung. Der\nkünstlerische Anwohner verlangt „Scheuklappen\",\num nicht in der Ruhmeshalle wild zu werden. Er\nerhält sie wohl auch von einem unkünstlerischen\nPferd, das infolgedessen schuldlos den un-\nkünstlerischen Anwohner übertrampelt. Der künst-\nlerische Anwohner fordert hinwiederum den Bar-\nmer Kunstvcrein auf, „seinen starken erzieherischen\nEinfluß auch auf die Künstler auszudehnen und\nnicht auf das Publikum allein\". Der erzieherische\nEinfluß des Kunstvereins scheint sich auf das Bar-\nmer Publikum noch nicht allzusehr ausgedehnt zu\nhaben, denn der künstlerische Anwohner mit den\nScheuklappen rebelliert: „Die Bilder des Herrn\nMarc-München sind denn doch so herausfordern-\nder Natur, daß man nicht verstehen kann, wie die\nH&ngekommission irgendeines Kunstvereins diese\nMoritaten annehmen kann. Es scheint nunmehr an\nder Zeit, eine gründliche Tempelreinigung vorzu-\nnehmen, und den bösen Geist aus unseren Hallen\nzu bannen, der dort schon allzu lange sein Un-\nwesen treibt.\" Es geht eben den Barmern zu\nschnell. Aber es darf so nicht weiter gehen und\nso nicht weiter gefahren werden, sonst wird die\nBehörde darunter zu leiden haben. Die Revolu-\ntion hebt ihr genügend bekanntes Haupt: „... und\nhauptsächlich deshalb nicht, weil man des naiven\nGlaubens ist, daß die dazu berufene Behörde schon\nnichts zulassen wird, was den einzelnen Bürger\nschädigt. Die Bewohner bitten die Verwaltung der\nstädtischen Straßenbahn dringend, den Wagenfüh-\nrern ein mäßigeres Tempo vorzuschreiben und die\ngenaue Ausführung dieser Vorschrift zu überwa-\ncher So können dann weniger Moritaten ge-\nschehen, die hinwiederum Franz Marc nicht zu\nmalen braucht. Woraufhin eine allgemeine Reini-\ngung der Hängekommission stattfinden kann. So\ndaß die bösen Geister der Anwohner in die Halle\nverbannt werden können, aus der die Kunst unter\ndie Straßenbahn verscheucht wurde. Wodurch\nschließlich die berufene Behörde sich wieder den\nGlauben gewinnen wird, durch den sie die Kunst\nverloren hat. Das ist alles sehr verständlich,\nsowie man sich Scheuklappen umlegt.\nMünehener Kunst\nEs ist eine Beleidigung, den Münchnern das\nBier vorzuwerfen. So hat neulich ein preußischer\nRichter gegen mich erkannt. Bier soll getrunken\nund nicht geworfen werden. Es ist eine Beleidi-\ngung, den Münchnern Kunst vorzusetzen. Sie wer-\nden schon an ihren Weißwürsten satt genug. Auch\ndeckt der einheimische Markt die Bedürfnisse. Die\nStadt München ist also durchaus künstlerisch ge-\nsonnen. Der künstlerische Geist weht durch die\nsonst leeren Straßen, wovon schon die Tauben auf\ndem Odeonsplatz zeugen. Wenn also die Kunst\nsich schon so auf den Gassen Bahn bricht, so kann\nein Nichtmünchner sich gar nicht vorstellen, wie\nkünstlerisch es erst in den Innenräumen zugeht.\nUnd erst in den Künstlerateliers. Man braucht\nweder Künstler noch Bilder mehr, wenn man in\nein echtes Künstleratelier tritt. Der Kritiker de**\nMünchner Neuesten Nachrichten versichert es:\n„Mehr oder weniger drückt sich schon im ganzen\nRaum eines Ateliers, in der ganzen Ausstattung und\nFassung das Wollen und Streben eines Künstlers\naus. Auf weichen Pfühlen ruht man beim Orient-\nmaler, inmitten unter Blumen sitzt man beim Blu-\nmenmaler und unter Rüschen und Röckchen, unter\nKostümen und Baihoben kann man beim Damen-\nmaler (zwar nicht sitzen, aber:) wühlen.\" Die Da-\nmenmaler ziehen in München offenbar ihre unschul-\ndigen Opfer gründlich an und aus. Ich wage nicht\nauszudenken, wie es in -den Ateliers von Akt- und\nStillebenmalern aussieht, worauf man da sitzen\nmag. Aber ein Pferdemaler hat es auch ganz nett:\n„Bei Professor Angelo Jank, der wieder allerhand\nNeues auf der Staffelei hat, erkennt man gleich den\nMilitärmaier und Pferdefreund. Da hängen aller-\nhand alte Waffen und Rüstungen herum. Standar-\nten zittern, wenn die Tür aufgeht, und schwere\nalte Helme stehen auf einem Brett in Reih und\nGlied; denn wer wie er sich mit der Historie der\nUniform abgibt, muß auch greif b a r e Modelle,\nalte Stücke, vor sich haben.\" Ja, man braucht viele\ngreifbare Dinge zum Malen, und ein Maler, der sich\nnicht so einen Trödelladen zulegen kann, muß schon\naus reiner Armut Expressionist werden. An Herrn\nProfessor Jank werden überhaupt die allerschwie-\nrigsten Forderungen gesteht. So zum Beispiel für\ndas Porträt des Herzogs von Sachsen-Coburg-\nGotha: „Dieses Reiterbild ist für den Emipfangs-\nraum im Schlosse zu Gotha bestimmt, wo die Ah-\nnengalerie der Herzoge sich befindet. So mußte\nJank in der ganzen Komposition auf den Raum und\ndie Umgebung Rücksicht nehmen. Und trotzdem\nerreichte er die größten malerischen Effekte: „Den\nRücken des Pferdes deckt die sc h w ar z e Fell-\nsohabracke, die wirksam vom weißen Tierkör-\nper absticht.\" Ein reiner .Schwarzweiß-Künstler,\naber auch das höllische Rot hat er nicht verges-\nsen: „Das reiche Zaumzeug mit dem roten Puf-\nfelschweif gibt ebenfalls gute farbige Momente ab.\"\nDieses schwarzweißrote Bild stammt nicht aus\nPreußen, sondern aus einem Münchner Trödel-\nladen. Und so: „So wird auch bald Münchner\nneue Kunst im alten Gothaer Schloß vertreten\nsein: „Gute neue Kunst, die sich der Nachbarschaft\nder alten nicht zu scbä m e n braucht.\" Der\nGothaische Kalender wird sicher davon in späten\nTagen noch zu melden wissen.\nMunebner Kunstverein\nHerr von Ostini, der greise Führer der Jugend,\nentdeckt jede Woche zahllose \"Talente. Er ent-\n.« »»\ndeckte sogar, daß die Malerei der Futuristen eine\ngrandiose Satire sei, eigens zu dem Zwecke er-\nfunden, die zu entlarven, die Herr von Ostini nicht\nfür Talente hält. Seine Talente sehen so aus:\n„Albert Reich. Das Können ist ansehnlich und\nsympathisch, aber über matte Wirkungen kommt\nder Künstler in dieser Sammelausstellung nicht hin-\naus. — F. Eisengräber ist gewandt im malerischen\nVortrag, allerdings auch im Besehen sorglos. —\nM. Stall ist in ihren landschaftlichen Studien an-\nziehender als in dem schlechtbezwun-\ngenen Interieur. — Karl Kessler hat sich eine\nbrillante Technik erworben, klare Schnee-\nlandschaften zu malen. — Heinrich Schlitt ist auch\nin seinem neuen Bilde ein phantasierei-\ncher Schilderer des Lebens der Zwerge. —\nFritz Kokos Mädchenbild gefällt durch die\nLieblichkeit des Modells. — Max Hoe-\nnes weibliche Marmorbüste spricht weniger\nan.\" Herr von Ostini spricht mehr aus, als selbst\ndie Lieblichkeit seines Modells zuläßt. Das ist\nalles so rührend harmlos: Man kann auch ihm und\nseine Künstler keine grandiose Satire schreiben,\nnoch malen. Man muß das Alter der Jugend\nehren, wenn aitch die Jugend des Alters nie vor-\nhanden war.\nDie Münchner zeichnenden Künste\n„Erfolgreich vermag mit den Leistungen der\nOelmaflerei die Aquarelltechnik zu konkurrieren,\nallerdings eben nur, was die malerische Leistung-\nanbelangt; wie es um die Wertschätzung durch das\nPublikum bestellt ist, steht auf einem anderen\nBlatt e.\" In den Münchner Neuesten Nachfich-\nten nur, wie es um die Wertschätzung durch einen\nwertgeschätzten Kunstkritiker bestellt ist...Aber\nan Kraft und Tiefe der Farbe . . . nehmen die\nAquarellisten es ruhig m i t d e.n i n O e 1 a r b e i -\ntende n K o 1! eg e n auf.\" Der Münchner Kunst-\nkritiker Doktor W. B. konkurriert sogar mit der\nFeder. Da ist dieser Herr Rettich: „Int Atelier\nstellt er das neugierige junge Modell dem eifrig\nschaf {enden Künstler mit /koloristischer zeich-\nnerischer Feinheit gegenüber.\" „Einen wirklichen\nSäugling, wie seine Mutter frisch, in Pastell hin-\ngesetzt, zeichnet Mirwald.\" Die Mutter hätte\nihm auch einen besseren, weniger farbigen Platz\naussuchen können. „Der Untersberg und hoher\nQöII sind, dem Charakter des Hochge-\nbirges entsprechend, in einfachen, ruhigen\nLinien hingesetzt.\" Da schlag einer hin. „Eine Un-\ngerechtigkeit wäre es, wolle man . . . Radierungen,\nals Weihnachts- und Neujahrskarten gedacht, über-\nsehen. Harry Schultz leistet im Linoleumschnitt\nGutes, auch inhaltlich verdienen seine Arbei-\nten Beachtung.\" Hierauf beschließt Doktor W. B.\nseine „Wanderung durch den Glaspalast, auf der\nnoch manche Ruh- und Aussichtspunkte zu län-\ngerem Verweilen eingeladen hätten, würden Zeit\nund Raum hier wenigstens einer Beschränkung\nunterliegen.\" Er ist der Beschränkung unterlegen,\ndieser Meister der Kunstkritik. Er wanderte zeitlos\nund raumlos im Nichts. Und er ist kein Künstler,\ntrotzdem er Bilder zu sehen glaubte, wo keine\nvorhanden waren.\n\nIrischer Abend\nGünther Mürr\nHinter ausgewehten, dunkelnden Wolken\nverschwingen Sonnenwellen in das blaßgraue Nichts\nWeite, schwarzgraue Wiesen\nmit einsamen schwarzen Baumrändern,\nerschauernd unter dünnen seidigen NebeMecken.\nIm schmutziggrauen Stadthimmel\nDächer, ein paar rote Lichter.\nKälte weht sonnab über die feuchten Wiesen.\n\nMenschen von Gottes\nGnaden\nAns den Bekenntnissen des Herrn Lieutenant Mié\nville, nachmaligen Paters Bonaventura S. J.\nVon Karl Borromäus Heinrich\nBaron Fr angarts Ende\nBaron Frangart, der weder seinem Vormund,\nnoch den zwei auf Frangart lebenden Dienstboten\nirgendeine Nachricht von seiner Ankunft gegeben\nhatte, fuhr, gegen Abend in Bozen angekommen,\nin einem Wagen über Sigmundskron hinauf nach\n\nSchluß"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "223", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.3", "texte": "Fr angart. Und seine starre Miene erhellte sich\nnicht unter dem Anblick des hohen Himmels und\nder hellen Sterne.\nEr kam im Schloß an, und zog herb und ge-\nbieterisch an der halbeiiigerosteten Glocke. Nie-\nmand schien zu hören, und er läutete nochmals.\nEndlich rief eine männliche Stimme unwirsch durch\ndas Schlüsselloch: „Zum Teufel, wer ist da? Was\nwollen Sie?'* „Ich bin es, Öffnen Sie sofort!4' Der\nSchlüssel drehte sich eilig, Baron Frangart trat\nein und sah sich um; vor ihm stand Georg im\nHemd und hielt das Nachtlich in der Hand; über\ndas Stiegengeländer aber gaffte, vor Ueberra-\nschung starr und ebenfalls im Hemd, Jeanette her-\nunter; die Neugierde schien sie ihrem Mann —\ndenn das war Georg mittlerweile doch geworden\n— nachgetrieben zu haben.\nDas unordentliche Aussehen der beiden störte\nBaron Frangart. „Kleiden Sie sich an,\" rief er,\n„und machen Sie beide, daß Sie weiterkommen!\"4\n(Davon, daß die zwei Eheleute geworden waren,\nwußte er nichts, obzwar sie es ihm einmal ge-\nschrieben hatten.)\nBaron Frangart ging hinauf in sein Schlafzim-\nmer, ohne Rührung, ohne jedes besondere Gefühl\nder Erinnerung, wie als ob er dieses Schloß nie\nverlassen hätte.\nNach einer Weile klopfte es demütig an seiner\nTüre. Es war Georg. „Der Herr Baron weiß\nvielleicht noch nicht, daß wir verheiratet sind/'\nsagte er leise. „Verheiratet oder nicht, mich ekelt\nes an ...\" — „Entschuldigen Sie, Herr Baron!\"\nUnten knurrte Georg seine Frau zornig an, als\nob sie Schuld trüge: „Geh aus dem Haus! Aber\n' I <v\nsofort! Du wirst schon irgendwo ein Nachtquar-\ntier finden . , . Frag in Siegrnundskroii unten.\"\nJeanette zog sich eilig an und verließ gehorsam\ndas Haus.\nEs klopfte das zweite Mal an die Tür des\nSchlafzimmers: „Herr Baron, sie ist fort!\" — „Ein-\ntreten!\" Und Georg trat ein und tat alles, was\nsein Herr, bevor er schlafen ging, wünschte. Er\nheizte das Bad und packte die Koffer aus. Und\nberief sich nicht mehr darauf, daß Jeanette seine\nehelich angetraute Frau war.\nAcht Tage lang — die der Baron verbrachte,\nwie er sie als Kind auch verbracht hatte, in der\nSonne, an die Mauer des Schlosses gelehnt — schien\neinige Friedlichkeit in ihn eingekehrt zu sein. Aber\ndann beschritt er eines Tages den Friedhof und\ntrat an das Grab derer von Frangart. Seine Miene\nverdüsterte sich: „Also,\" flüsterte er, „also sind\nMutter und Vater tot! Deshalb bin ich so allein...\nLiebe Eitern, gebt mir doch ein fruchtbares Leben.\"\nDer Geist des Baron Frangart lag in dunkler\nNacht. Und die triumphierende Sonne des Südens\nvermochte sie nicht zu erleuchten.\nDer kaum erblühte 'jugendliche Körper hatte\nseinen Herrn verloren .. . Die Augen glühten,\naber in wirrem Feuer. Es schien, als ob Baron\nFrangart dort in München, gegen das Ende seines\nAufenthaltes, auf der Fahrt, beim Eintritt ins\nSchloß, noch mit letzter Willensanstrengung seinen\nGeist aufrecht erhalten hätte, um auf dem geheilig-\nten Boden seiner Vorfahren zusammenbrechen zu\nkönnen. Der a 1! ei n gebliebene, rein gebliebene\nMensch war an der Einsamkeit seines Daseins, an\nder Unfruchtbarkeit seines Lebens — mit wie un-\nvergeßlichem Stolz er sie, im Bewußtsein seiner\nWohlgeborenheit, auch ertragen hatte — gleichsam\nvertrocknet. Wie das schlanke, geschmeidige Reh\nsich beim Nahen des Todes in den tiefsten Winkel\ndes Waldes flüchtet, um dort sein Ende zu erwar-\nten, so hatte sich Baron Frangart auf sein Schloß\nheimgeflüchtet. Und mit großen, wirren Augen,\ndie langen langen Wimpern selten senkend, starrte\ner ins Leere.\nKamen Menschen in seine Nähe, so hob er die\nHände vor das bronzefarbene Gesicht, vor die\nschmäler gewordenen, aber anmutig gebliebenen\nWangen, und wehrte sie wie etwas Unreinliches ab.\nHalbgeöffnet stand der edel geschwungene Mund,\nund manchmal klapperten die Zähne leise aufein-\nander.\nDie Landbewohnerinnen aber ringsum weinten\nbeieinander, daß so viel Schönheit dem Verderben\ngeweiht war . . .\nPater Bonaventura erfuhr die Kunde durch die\nVormundschaft in Bozen. Er eilte nach dem Sü-\nden. In der Furcht, daß seine Ankunft den jungen\nBaron erschrecken, oder seine Leiden vergrößern\nmöge, begab er sich in die Pfarrkirrche und wan-\nderte, in weißer Soutane, mit dem Heiligsten Leib\ndes Herrn nach Frangart. Und seine bitteren 1 rä-\nnen netzten die silberne Kapsel, in welcher die ver-\nwandelte Hostie eingeschlossen war. Ach, er ver-\ntraute darauf, daß der Unglückliche wenigstens das\nAllerheifigste Geheimnis noch ein Mal fühlend er-\nfassen und erleben werde können. Und in der l at,\nobwohl Baron Frangart Bonaventura nicht wieder\nzu erkennen schien, wurde sein Auge vor dem An-\nblick der erhobenen Hostie noch einige Sekunden\nmilder und klarer; er schien zu wissen, was ihm\ngeboten wurde, denn ergeben kniete er sich nieder.\nBonaventura sprach die Generalabsolution über ihn\naus und betete dann für ihn. dreimal die rituellen\nWorte: „Oh Herr, ich bin nicht würdig, daß Du\neingehest unter mein Dach, aber sprich nur ein\nWort, so wird meine Seele gesund.\" Nach dem\nEmpfange des Sakraments blieb Frangart knieen.\nMan konnte sehen, wie die kurze Klarheit seiner\nAugen allmählich erlosch und ins Wirre überging.\nEr blieb lange knieen, bis ihn das Zureden des Pa-\nter Bonaventura zusammenschrecken ließ, dann\nlief er weg, schlich um das Haus und hockte sich\nin die Sonne . . .\nEin paar Tage später kam Schlagintweit an, der\nvon nichts wußte und überdies München schweren\nHerzens verlassen hatte: Der Sohn, Knabe „Num-\nmer achtzehn\", den er so plötzlich und anscheinend\nfür lange Zeiten adpotiert hatte, war seiner ner-\nvösen Braut wenig willkommen. Und als in dieser\nZeit ein königlich bayerischer Bahnadjunkt neu in\nihr Leben trat, schien sie zu überlegen, ob nicht\neine sichere Staatsstellung einem längeren Braut-\nstand vorzuziehen sei. Und gerade während dieser\nUeberiegungen trieb ihn, Schlagintweit, sein© große\nLiebe nach Frangart. — Wrer beschreibt seine\nTrauer! Der junge Baron erkannte ihn nicht mehr.\nVierzehn Tage logierte Schlagintweit in Sigmunds-\nkron und stieg jeden Tag zum Schloß hinauf, um\nvielleicht doch noch einen Blick des Wiedererken-\nnens zu finden. Umsonst. Und als er am vier-\nzehnten Tage wieder hinaufstieg, liefen Pater Bo-\nnaventura und alle anderen verstört urnner. Der\njunge Baron war verschwunden und alle Nachfor-\nschungen waren vergebens; nach einigen Tagen\ngab jedermann die Hoffnung auf. daß er noch lebe.\nEr hatte sich wohl irgendwo im Wald niederge-\nsetzt, war vielleicht dann nochmals aufgestanden\nund im Irren herumgerannt, hatte sich wieder ge-\nsetzt und vielleicht um Hilfe gerufen ... Er war\ntot.\nBaron Frangart, der sein Leben vor den un-\nreinlichen Menschen mit solcher Tapferkeit ver-\nschlossen hatte, — er hatte ihnen auch den An-\nblick seines Todes verborgen . . .\nPater Bonaventura klagte nicht, daß Gott sein\nund aller andern, namentlich des alten Choiseul\nGebet, das Leben dieses Menschen fruchtbar zu\nmachen, nicht erhört hatte; er weinte nur und be-\ntete weiter.\nSchlaginweit seinerseits fuhr in tiefer Trauer\nnach München zurück. Dort aber, wie denn über-\nHaupt im Verlaufe seines ganzen Lebens, schenkte\ner aufs neue sein Herz den Menschen — obwohl\nihn seine Braut alsbald schnöde verließ und den\nBahnadjunkten heiratete; obwohl sein Sohn, der\nKnabe „Nummer achtzehn'4, ihn vielfach hinter-\nging um endlich als Komödiant irgendwo zu landen.\nSie alle drei handelten, wie es eben, dem gött-\nlichen Ratschlüsse gemäß, solchermaßen in ihrer\nBestimmimg lag . . .\nDie Choiseul, Riom, Frangart und Bourbonen\naber waren, soweit sich das hier auf Erden und\nunter Menschen mit Wahrscheinlichkeit sagen, be-\nstimmt aber nur hoffen läßt, bei ihrem Gott ver-\nsammelt, von dessen Gnaden sie gelebt hatten.\nRomanen und Germanen mischten sich hier jeden-\nfalls friedlich untereinander; kein Schrei der Sehn-\nsucht rang sich mehr aus ihrem Munde. Das ewige\nLicht leuchte ihnen. Amen!\n\nDer Rüssel des fetten\nHerrn Mühlmann\nVon Mynona\nIm Zimmer war es schön kühl, die Verwandten\nhockten zusammen und sprachen über Mühlimann.\nEr blüht, er gedeiht, sagte Tante Moni, er läßt\nsich nichts abgehen — was soll daraus werden?\nMühlmann kam eben rein, er sagte: ich gebe\neuch nicht die Hand, ihr gönnt mir mein Leben,\nnicht, und gönnen wäre auch noch zu wenig. Der\nTante Moni ihre Worte habe ich gehört, mir ist\nganz übel davon. Die Moni setzte sich stumm\nhinter seinen Rücken. Wenn man einen fetten\nMenschen gekränkt hat, ist es gar nicht unprak-\ntisch, hinter ihn zu gehen, denn er hat kolossal\nlangsame unbequeme Uindrehimgsmöglichkeiten.\nWo ist die Tante Moni? fragte Mühlmann.\nDie Verwandten schwiegen, die Tante Moni\natmete kaum. Hunold Mühlmann kramte auf sei-\nnem Schreibtisch, Ich enterbe euch, grollte er\ngrämlich. Da kam die Tante Moni langsam um\nihn rum: Hunold, laß mit dir reden. Ich meine\nüberhaupt nur, du wirst zu dick, es muß etwas\ngeschehen. Geh nach Karlsbad, sei gescheit!\nAndre zu enterben, weil sie uns dick finden, hat\nnoch nie Segen gebracht. Sage selbst, Hunold, ich\nhabe eben hinter dir gesessen, und du spürtest\ndas nicht einmal. Der dicke Mensch hat ein zu\ngroßes Hinten, hinter seinem Rücken muß man\nbeim besten Willen mehr reden als sonst Sei\nnicht so übelnehmerisch! Du lebst nur vorn. Tu\nnicht so dicke wie du bist! — Weine nicht\ngleich, antwortete Hunold. Er war halt zu dick,\num sich rasch ändern zu können, er mußte gut\nbleiben — oder dünn werden. Er küßte der Moni\ndie Hand, umarmte alle und verschw*and. —Als\ner wieder aus Karlsbad kam, was sein Fett ab-\ngeschmolzen, aber auch seine Güte, die sich nie-\nmals hatte krankärgern lassen. Er sagte der ollen\nMoni gehörig die Wahrheit, und die andern krieg-\nten auch Dinge zu hören, die sie sehr peinlich be-\nrührten. Was blieb übrig? Die Moni berief\nwieder einen Familientag, aber ohne Hunold.\nNun hielt sie da einen solennen speech, der wieder\nauf ne Mastkur bei Hunolden hinauslief: je dicker,\nje besser, war die Parole. Direktor Pohle (von\nden Wasserwerken) meckerte verächtlich: Pri-\nmitiv! Assoziation von Dicke mit Gutmütigkeit.\nQuatsch! Aber der Mann wurde überschrien.\nMan setzte dem Onkel zu, man bestach seine"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "224", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.4", "texte": "Wirtschafterin, man päppelte Mühl-marin bald\nwieder fett. Und was war das Ende?\nMühlmann wog drei Zentner und wollte sich\nfür sein Leben gern ärgern, konnte aber nicht,\nes gehört eben dazu ne gewisse Beweglichkeit.\nAber freuen konnte er sich deswegen auch nicht\ngleich, er setzte allem, was ihn betraf, nichts ent-\ngegen als sein gleichmütiges Gewicht Und das\nwar das durchschlagendste Argument Ein schwe-\nrer dicker Elefant hat wenigstens seinen zierlich\nschlängelbaren Rüssel, Müh Inaann hatte nichts\ndergleichen. Er wirkte auf alle Erlebnisse wie ein\nBriefbeschwerer. Oh nein! Die Dicken sind nicht\ngutmütig, sie sind nur schwer, und das genügt.\nEs mußte auch der Tante Moni genügen. Onkel,\nsagte sie, was wird denn nun? Hast du testiert?\nFühlst du dich wohl? Willst du Liebig's Fleisch-\nextrakt? Ja, Kuchen! Der Onkel wog drei\nZentner statt aller Antwort. Sie wollten ihn ent-\nmündigen lassen.\nHa, der Herr sieht doch ganz famos aus, ur-\nteilte der Sachverstand. Man kann Gott weiß\nwieviel wiegen und doch recht zurechnungsfähig\nsein. — Schließlich testierte der altgewordene\nHerr. seine feiste Patschhand ruhte schwer auf\ndem Papier. Es war so schönes Wetter, die Ver-\nwandten hatten sich alle eingefunden, Tante Moni\nübernahm die Regie: Dalli, Hunold, drängte sie,\nsie wollte ihm schon die Hand führen. Da stand\nHunold auf, daß die Dielen zitterten, und die\nWanduhr stockte. Ein heiliges Licht ging über\nseine schwermassigen edlen Züge, und er sprach\nfolgendes Gedicht:\nr\nTestieren soll der dickste Mann\nVon Rechtes wegen können.\nWenn e r sich nicht mehr rühren kann,\nIM'uß er es andern gönnen.\nDie Zähre, die er flennt, tropft schwer\nWie'n Kilogramm zu Boden;\nDer dicke Mann fühlt sich so leer\nAls wie nach tausend Toden.\nEr leiert trotz Gewichte\nZuletzt noch dies Gedichte\nUnd aus ist die Geschichte.\nSein Schlagfluß rührte ihn und rührte alle Ver-\nsammelten zu Tränen. Testieren hatte er gar\nnicht mehr können. Pohle (von den Wasser-\nwerken) schwenkte seinen Zylinder mißmutig und\nknurrte mit dem Zahnstocher im Gebiß: ne apo-\npiektische Konstitution soll eben nicht dichten.\nDa klagte die Tante Moni: Hätte ich ahnen kön-\nnen, daß ich, durch meine mir jetzt selbst so\nwiderwärtige Dringlichkeit, in Hunold den Keim\nzur Dichtkunst legte!\nJa, sagte Dr. Robert Scheußlich, der Phila-\nlog: Die Folgen der Mastkuren sind immer Ge-\ndichte. Wo man was so Massives sieht, da ist\nimmer 'n bissei Aether anbei. Und wer, meine\nliebe Moni, erbschleichen will, muß den Drei-\nzentnerlegator in Ruhe lassen. Wo immer im\nLeben die Kunscht erblüht, ist sie die Wirkung\naufgeregter träger Massen. Der Hunold — ich\nschreie — mußte Dichter oder dünner werden. —\nDie Tante Moni schrieb sich das Gedicht auf und\nseufzte, und seufzte. Hunolds Leiche saß vor dem\nSchreibtisch, sargsehnend, schwabbrig.\nHa! sagte plötzlich Pohle: Der schlängelbare\nRüssel — das Gedicht!\nScheußlich nickte.\n\nRealité, peinture pure\n\nAuf der Höhe des Kampfes, der in Frankreich\ngegen die jungen französischen Künstler geführt\nwird, die als Beweis für die Tiefe ihrer Kunst\nstolz den Namen Kubisten tragen, mit dem man\nsie hat lächerlich machen wollen, fühlte ich mich\nveranlaßt, die Verteidigung von Künstlern zu\nübernehmen, für die ich als Erster in den großen\nfranzösischen Journalen „le Temps\" und „Flntran-\nsigeant\" und in meinem Buche „Mediation esthe-\ntique (Figuiere 1912) eingetreten bin — Definitionen\ndes Kubismus, klare Deutungen über die festzu-\nstellende Verschiedenheit zwischen der alten,\nimitierenden Malerei und jener, in der sich ein\nbekannter Maler wie Picasso ausgezeichnet hat.\nDie Meinungsverschiedenheit dieser Künstler\nberuhigte mich über die Zukunft einer Kunst, die\nkeine Technik ist«, sondern der Aufschwung einer\nganzen Generation zu einer erhabenen, die perspek-\ntivischen und andere Konventionen ausschließenden\nAesthetik.\nIn eben derselben Zeit, sah ich oft einen jun-\ngen Maler, von dem in den letzten Jahren ebenso\nviel in Frankreich, wie im Auslande gesprochen\nworden ist, Robert Delau n a y, der zu den\nbegabtesten und kühnsten Künstlern seiner Gene-\nration gehört.\nSeine Gestaltung von farbigen Volumen, sein\nschroffer Bruch mit der Perspektive, seine Be-\ntrachtung von Flächen, hat eine große Anzahl sei-\nner Freunde beeinflußt. Ich lernte auch seine Ver-\nsuche um reine Malerei kennen, die ich im „le\nTemps\" angezeigt habe.\nIndessen: er hatte sich noch nicht völlig vor\nmir ausgesprochen, und ich war glücklich, als er\nmir kürzlich seine letzten Werke zeigte, in denen\ndie Wirklichkeit ebenso bewegt ist, wie das leben-\ndige Licht, und es ihm zu meiner persönlichen Er-\nbauung gut dünkte, die Grundsätze seiner Ent-\ndeckung zu entwickeln, die einen größeren Einfluß\nauf die Künste ausüben wird, als die plötzlichen\nVeränderungen, die sein berühmtestes Bild „Ville\nde Paris\" hervorrief. — Ich glaube, es ist für die\nAllgemeinheit nützlich, seine ästhetische Erklärung\n„über die Konstruktion der Realität in der reinen\nMalerei\" niederzuschreiben:\n„Der Realismus ist in der Kunst das Unver-\ngängliche, ohne ihn gibt es keine dauernde Schön-\nheit, denn er ist ider Schönheit wesensgleich.\n„Suchen wir in der Malerei die Reinheit der\nMittel, den reinsten Schönheitsausdruck.\n„Im Impressionismus — ich rechne hierzu alle\nreaktionären Manifestationen: Neo-Impressionis-\nmus, Praekubismus, Kubismus, Neo-Kubismus,\nalles was Technik und wissenschaftliches Verfah-\nren ist — befinden wir uns vor der unmittelbaren\nNatur, fern von allem Reinen der „Stile\": italie-\nnisch, gothisch, Negerstil und ähnlichem.\n„Von dieser Ansicht aus ist der Impressionis-\nmus immerhin ein schöner Sieg, aber ein unvoll-\nkommener. Das erste Gestammel überfließender\nSeelen vor der Natur, von Seelen, die diese große\nRealität noch etwas verschüchtert. Ihr Ueberfluß\nhat mit allen falschen Ideen aufgeräumt, mit den\narchaistischen Mitteln der alten Malerei (Zei-\nchenkunst, Geometrie, Perspektive), der ganzen\niiitellektualistischen, absterbenden neuklassischen\nAkademie.\n„Die befreiende Bewegung hat mit dem Impres-\nsionismus eingesetzt. Sie hatte Vorläufer: Greco,\neinige Engländer und unseren revolutionären De-\nlacroix. — Es war eine große Epoche der Vorbe-\nreitung auf das Suchen nach der einzigen Realität\n„dem Lichte\", der alle obengenannten Forschun-\ngen, Reaktionen im Impressionismus umfaßte.\n„Die Lichtwirkung, unbedingt notwendig für\njeden lebensfähigen Schönheitsausdruck ist £x>ch\nheute das Prc v der modernen Malerei geblie-\nben. Vom Lichte aat Senrat „die Kontraste der\nKomplementäre\" befreit.\n„Seurat ist der erste Theoretiker des Lichtes.\nDer Kontrast wird Ausdrucksmittel. Der frühzei-\ntige Tod Seurats hat die Folge seiner Entdeckun-\ngen unterbrochen. Man kann ihn innerhalb des\nImpressionismus als den ansehen, der in den Aus-\ndrucksmitteln das Höchste erreicht hat.\n„Seine Schöpfung bleibt der Kontrast der Kom-\nplementärfarben. (Die optische Mischung durch\nPunkte, von ihm und seinen Genossen angewandt,\nwar nur technisch und besaß noch nicht die Bedeu-\ntung der Kontraste als Ausdrucksmittel für die\nreine Expression (FExpression Pure).\n„Dieses erste Mittel diente ihm zur spezifischen\nDarstellung der Natur. Seine Gemälde sind eine\nArt flüchtiger Vorstellungen.\n„Der gleichzeitige Kontrast (le contrast simul-\ntane) war von den kühnsten Impressionisten noch\nnicht entdeckt, realisiert worden und dennoch ist\ner die einzige Grundlage jedes reinen Ausdruckes\nder gegenwärtigen Malerei.\n„Der gleichzeitige Kontrast\" sichert die Dyna-\nmik der Farben und ihre Konstruktion im Bilde;\ner ist das stärkste Ausdrucksmittel für die Wirk-\nlichkeit.\n„Die Ausdrucksmittel sollen nicht persönlich\nsein, im Gegenteil, sie sollen jeder Eingebung für\ndas Schöne zu Gebote stehen und das „Metier\"\nsoll der gestalteten Vorstellung wesensgleich sein.\n„Die Gleichzeitigkeit der Farben\" durch die\n„gleichzeitigen Kontraste\" und allen ans der Farbe\nhervorgegangenen Maße (ungerade) dem Ausdruck\nihrer repräsentativen Bewegung gemäß, dies ist die\neinzige durch Malerei konstruierbare Realität.\n„Es handelt sich nicht mehr um\nden Effekt (Neo-Impressionismus im Impressio-\nnismus), noch um das Objekt (Kubismus im Im-\npressionismus), noch um das Abbild (l'image) (Ku-\nbismusphysik im Impressionismus).\n„Wir kommen zu einer rein ausdrucksvollen Mal-\nkunst mit Ausschluß jeden vergangenen Stiles (ar-\nchaisch, geometrisch) einer plastisch werdenden\nKunst, die nur dem Einen dienen will, die mensch-\nliche Natur gegen die Schönheit zu inspirieren.\nDas Licht ist kein Verfahren, es flutet uns zu, wird\nuns vermittelt durch unser Empfindungsvermögen.\n— Ohne Lichtempfindung — Auge — keine Bewe-\ngung. Denn unsere Augen sind es, die das Emp-\nfinden zwischen der Natur und unserer Seele ver-\nmitteln. — In unseren Augen spielt sich die Gegen-\nwart, folglich unser Empfinden ab. Ohne dieses\nEmpfinden, das Licht also, können wir nichts.\nFolglich: unsere Seele hat ihr vollstes Lebensge-\nfühl in der Harmonie und die Harmonie wiederum\nentsteht nur aus der Gleichzeitigkeit, mit der die\nMaße und Lichtverhältnisse durch die Augen zur\nSeele (oberster Sinn) gelangen.\n„Und die Seele beurteilt die Formen des Na-\nturbildes im Vergleiche mit der Natur selbst —\nreine Kritik — und befiehlt dem Schöpfenden. Der\nSchaffende trägt allem Rechnung, was durch We-\nsenheit, Aufeinanderfolge, Einbildung und Gleich-\nzeitigkeit im Weltall vorhanden ist.\n„Die Natur bringt also die Wissenschaft der\nMalerei hervor.\n„Die erste Malerei war nur eine Linie, die den\nvon der Sonne auf den Boden geworfenen Schat-\nten eines Menschen umschrieb.\nAber wie weit sind wir mit unseren heutigen\nMitteln von diesem Scheinbilde entfernt. Wir, die\nwir das Licht (helle, dunkle Farben, ihre Komple-\nmentäre, ihr Tonverhältnis ((Intervalle) und ihre\nGleichzeitigkeit (simultaneite) und alle aus den Intel-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "225", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.5", "texte": "ligenz Harmonie zu schaffen, hervorgegangen\nFarbenmaße, besitzen.\n„Die Harmonie ist Empfindungsvermögen, durch\nden Bildner geordnet, der sich bemühen muß, das\nHöchste an realistischem Ausdruck zu geben, das,\nwas man den Vorwurf (le suet) nennen kann: Das\n„Suget\" ist das harmonische Verhältnis und die-\nses Verhältnis ist zusammengesetzt aus verschie-\ndenen simultanen Gliedern in einer Aktion. Das\n„Suget44 ist ewig im Kunstwerk und muß dem Ein-\ngeweihten in seiner ganzen Ordnung, Hn 'seiner\nganzen Wissenschaft erscheinen.\n„Ohne das „Suget\" keine Möglichkeit: Das be-\ndeutet deshalb noch kein literarisches, folglich\nanekdotisches Suget: das malerische Sujet ist\ndurchaus plastisch und entspringt der Vision, es\nmuß der reine Ausdruck der menschlichen Natur\nsein.\n„Der ewige Vorwurf ist in der Natur selbst ge-\nfunden; die Inspiration und klare Vision, wrelche\ndem Weisen eigen ist, der die schönsten und kräf-\ntigsten Grenzen entdeckt.\n$\nSolche Worte bedürfen keiner Kommentare.\nSie wollen unmittelbar begriffen werden und er-\nregen die „Simultaneite\", die allein die Schöp-\nfung ist. Der Rest bleibt Aufzeichnung, Betrach-\ntung, Studium. Die Simultaneite ist das Leben\nselbst und wie die Aufeinanderfolge von Elemen-\nten in einem Werke auch immer ist, sie führt zu\nverhängnisvollem Ende, zum Tode, während der\nSchöpfer nur die Ewigkeit kennt. Der Künstler\nhat sich zu lange im Vereinigen unfruchtbarer Ele-\nmente der Kunst, also um den Tod abgemüht, und\nes ist Zeit, daß er zur Fruchtbarkeit, zur Dreieinig-\nkeit, zur Simultaneite gelangt.\nUnd Delaunay hat das nicht nur in Worten er-\nreicht, sondern auch in seinen Werken — reine\nMalerei, Realität.\n\nGuillaume Apollinaire\n\nDie rote Flamme\nVon Hermann Wagner\n\nFortsetzung\n\nAber die beiden, sie und ihr Mann, hatten die Ju-\ngend für sich, diesen Zauber, vor dem alles, was\nsonst noch Geltung im Leben hat. verblaßt.\nDiese Jugend, gegen die er ohnmächtig war\nund die er, wenn er sie an der Seite des Geliebten\ngleichsam einherschweben sah, wie eine Verhöh-\nnung seines brennenden Verlangens empfand!\nEs war sein größter Schmerz, die Geliebte an\nder Seite ihres Mannes zu sehen.\nJa, noch mehr: er hatte bei diesem Anblick das\nGefühl des zynisch Getretenen und Betrogenen,\nahm war, als geschehe lihm ein Unrecht, I als\nschleppe man etwas fort das ihm gehöre, als ent-\nreiße man ihm etwas gewaltsam.\nIn ihm wühlten bohrend Haß und Eifersucht und\nstachelten sein siedendes Gehirn zu Plänen auf,\ndenen glücklicherweise seine lahme Energie am\nEnde nicht mehr gewachsen war.\nDermaßen hatte sich in diesem sonst in allen\nDingen so konventionell denkenden Menschen das\nGefühl für das, was recht und unrecht war, ver-\nschoben, daß er das Verhältnis dieser beiden als\netwas Schmutziges und Unnatürliches ansah, als\neinen Ehebruch, den man an ihm verübte, dazu als\neinen, zu dem man die Geliebte mit Gewalt trieb.\nDenn das war sein heimlicher Trost, der ihn\naufrecht erhielt: sie war nicht glücklich.\nAus ihren Zügen glaubte er es zu lesen, aus der\nverträumten Melancholie, mit der ihre klugen klei-\nnen Augen in die Welt hineinsahen, aus der etwas\nmüden Art ihres Ganges, überhaupt aus ihrem gan-\nzen Wesen, das ihm gedrückt, resigniert, voller\nEnttäuschung schien.\nDas Paar war kinderlos.\nEinmal hatte er sie beobachtet, wie sie ein\nfremdes fünfjähriges Mädchen liebkoste, und da\nhatte er aus dem mächtigen Strom von Licht und\nFreude, der jäh aus ihren Augen hervorbrach, er-\nkannt, daß etwas in ihr niedergehalten und erstickt\nward.\nAuch er liebte die Kinder, war gegen sie voll\nhingebungsvoller Zärtlichkeit und wußte, da er\nkeine besaß, sein Leben leer und kalt.\nEr sah so ihrer beider Sehnsucht vereint: nach\ndem Leben, das aus ihnen hervorquellen müßte,\ndas ihrem Dasein erst den Zweck und1 das Ziel gab.\nHerr Theobald faßte seit jenem Tage zu dem\nfünfjährigen Kinde, das er von ihr geliebt wußte,\neine tiefe Zuneigung.\nEr wußte es einzurichten, daß die dürftigen El-\ntern es des öfteren seiner Obhut anvertrauten, und\nseinem naiven Gemüte war es ein leichtes, sich\nseinen Liebling geneigt zu machen.\nDie Kleine hieß Lina.\nEr nahm sie mit auf seinen Spaziergängen nach\ndem Walde, brachte sie mit in seine Wohnung, gab\nihr die Katze zum Spielen oder er erzählte ihr die\nseltsamsten Märchen, ja er konnte in ihrer Gegen-\nwart seinen Freund Joachim völlig vergessen, der\nihm kopfschüttelnd! zusah und außerstande war,\nsich den Freund zu enträtseln.\nEinmal, als er mit Lina gespielt hatte, und die\nKleine müde geworden, plötzlich ihren Kopf auf\nseinen Schoß fallen ließ und einschlief, glaubte er\nmit Bestimmtheit auf dem ruhenden Gesicht des\nKindes die Züge der Geliebten zu erkennen.\nDa kam es mit aller Macht über ihn.\nEr küßte innig die widerspenstigen Locken, die\nwirr und goldig über die weiße Stirn herabhingen,\nlegte den kleinen, federleichten Körper behutsam\nauf sein Lager und kniete vor ihm nieder.\nDie Tränen liefen ihm unaufhaltsam und er\nfühlte sich so leicht und frei wie noch nie in sei-\nnem Leben . . .\nAuf diese Weise verrannen fast zwei Jahre, in\nderen Verlaufe Herrn Theobalds Leidenschaft all-\nmählich stiller und kühler wurde, seine Liebe aber\nwuchs und sich vertiefte.\nEr konnte jetzt die Geliebte sehen, ohne von dem\nVerlangen ergriffen zu werden, sie zu besitzen,\nselbst der Anblick ihres Mannes verursachte ihm\nnicht mehr die früheren Qualen.\nEs gelang ihm zuweilen sogar, auf ihn mit einer\nArt von Ueberlegenheit herabzusehen, der sich in\nseiner gütigen Seele nach und nach ein sonder-\nbares Mitleid verband.\nWußte denn dieser armselige Mensch, was er\nbesaß? Was konnte ihm sein Wreib sein?\nEin Körper, wie es deren nach Millionen gab.\nJa, das war es: dieser hatte mir den Körper\nbesessen. Das, was er — Theobald — an ihr\nliebte, hatte noch niemand erbrochen: die Seele.\nIn diese Vorstellung spann Herr Theobald sich\nein und wurde immer ruhiger und heiterer.\nUnd als er eines Tages erfuhr, daß sein Neben-\nbuhler versetzt worden war, daß das Paar für\nimmer die Stadt verlassen würde, da durchbebte\nes ihn nur mit einer stillen und zitternden Weh-\nmut: als stände er am Grabe eines längst verstor-\nbenen teueren Freundes und es beschlichen ihn die\nErinnerungen an die Zeiten, da dieser lebend an\nseiner Seite gewandelt hatte.\nEines aber konnte Herr Theobald sich nicht\nversagen. Am Tage der Abreise ging er zum\nBahnhofe.\nEr fand die beiden sehr echauffiert damit be-\nschäftigt, in wilder Hast ihr Gepäck aufzugeben,\nSie sahen nichts und hörten nichts.\nKaum waren sie in den Wagen gestiegen, pfiff\nschon der Zug.\nIm letzten Augenblicke aber sah Herr Theo-\nbald, wie die Frau an das Fenster trat.\nSein Herz flammte lichterloh.\nEinmal! schrie es in ihm auf, einmal im Leben?\nHastig trat er näher, zog sein Taschentuch und\nwinkte erregt, während der Zug sich langsam in\nBewegung setzte.\nEr winkte ihr Abschied und lächelte ihr zärtlich\nzu — das erste Zeichen, das er ihr gab, seit er sie\nliebte. Und er glaubte, zu träumen, als er in ihr\nGesicht sah: er fand es gerötet, a,ber gar nicht\nverwundert. Und als der Zug schon in eine Kurve\neinbog, sah er gerade noch, wie sie ihm zweimal\nzunickte, sah er gerade noch ihr Lächeln.\nIhr Lächeln . . .\nDie Jahre waren seitdem vergangen und Herr-\nTheobald hatte nie mehr daran gedacht, nach\neinem neuen Weibe auszuschauen.\nIhm war jetzt nicht mehr, als sei seine Liebe\nein bloßer Traum gewesen.\nIn ihm setzte sich vielmehr die Vorstellung fest\nund ging ihm in Fleisch und Blut über, daß er sie,,\nseine Königin, wirklich besessen hatte, daß sie ihm\ngestorben war und er ihr nun nachtrauere.\nUnd das Merkwürdige geschah, daß ihr Bild\nin ihm von Tag zu Tag lebendiger wurde.\nSeine Leidenschaft war seit der Stunde, da ihm\nihr Lächeln wie eine Verheißung zugeflogen war,\nwieder heftiger und brennender geworden und\nverlor sich mit der Zeit in einem tiefen und beißen-\nden Schmerze, der sich namentlich des Nachts zu\nunnennbaren Qualen auswuchs.\nGepeinigt von der Oede und der Verlassenheit,\ndie um ihn und in ihm waren, entriß er sich oft den\nzerwühlten Kissen und verließ bloß die Schlaf-\nkammer, um sich in der Stube verzweifelt in eine\nEcke zu drücken.\nEr ertrug nicht den Anblick seines Freundes\nJoachim, der ruhig und gleichmäßig Atem holte\nund fest schlief, in ihm war überhaupt ein sonder-\nbarer und greller Haß gegen sich, gegen die ganze\nWelt.\nWeinen hätte er mögen, aufschreien, sich zer-\nfleischen, aber er konnte es nicht, brachte nur wür-\ngende Laute hervor, und seine Augen blieben .glä-\nsern und trocken. Es blieb ihm zuletzt immer nur\nder eine Gedanke, der eine Trost: der Tod —\nEs überlief ihn bei diesem Gedanken ein Frö-\nsteln und ein trockenes und höhnisches Lächeln er-\nschien auf seinen schmalen, blutleeren Lippen, ein\nLächeln, das verächtlich, schadenfroh war, in denn\nsich seine Seele widerspiegelte, die voller Haß\"\ngegen den zögernden und zaudernden Körper war.\nWas wollte er noch hier? Lebte er denn?\nEr trat, wie um sich zu überzeugen, vor den\nSpiegel,, und dieser warf ihm, in dem bleichen\nMondlichte, das sich durch die Fenster brach, sein\nBild gespenstisch und unheimlich entgegen.\nEr prallte dann entsetzt vor seiner eigenen Ge-\nstalt wie vor der eines Fremden und Toten zu-\nrück und zu seinem Schmerze gesellten sich Furcht\nuncl Grauen. Er magerte in jener Zeit furchtbar\nab, und das Alter grub seinem Gesichte tiefe\nFalten.\nSein Leiden aber härtete ihn auch, stählte\nseine Seele, und es entstand in jenen Tagen um\nseinen Mund der bittere Zug, der seinem Antlize\nbei aller Güte und Weichheit, etwas Asketisch-\nStarres, etwas Hartes gab."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "226/227", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.6", "texte": "Wilhelm Morgner: Tierdressur / Originalholzsehnitt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "228", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.7", "texte": "Aber Herr Theobald überstand es, und an dem\nTage, da er sich wieder gesund fühlte, fand er zu-\ngleich, daß er ein alter Mann geworden war.\nEr empfand das weniger körperlich, als in dem\nBewußtsein, daß ein langes, langes Stück Leben\nan ihm vorübergezogen sei, dessen Geschehnisse\nihm gar nicht mehr wirklich schienen, so entfernt,\nso weit abseits von ihm lagen sie.\nErst jetzt sah er sich seinem Freunde Joa-\nchim wirklich näher gebracht.\nDessen selbstzufriedenes Philistertum, das sich\nnie aus dem Gleichgewichte bringen ließ, war ihm\nbisher, wenn er es auch nicht ganz als solches\nempfand, im Grunde immer gegen den Strich ge-\ngangen.\nNamentlich während er mit seiner Leidenschaft\nkämpfte, hatte das Phlegma des Freundes aufrei-\nzend auf Ihn gewirkt\nWenn er auch von Natur aus verschlossen war\nund seine Freuden und Leiden scheu vor aller\nWelt in sich selbst1 begrub, gab es doch Augen-\nblicke, in denen ihm Trost und Zuspruch, oder\nWiderspruch und Angriff wohlgetan hätten.\nIn diesem Punkte aber versagte Herr Joachim\nvöllig. Es wäre absurd gewesen, von ihm in sub-\ntilen Kämpfen und Nöten Teilnahme oder auch\nnur Interesse zu erwarten, und zwecklos, sich ihm\nanzuvertrauen.\nAber daß er doch der rechte Freund war, den\nHerr Theobald brauchte, ein Mensch, auf den zu\nrechnen war, sah Herr Theobald erst wieder ein,\nals Ruhe bei ihm eingekehrt war.\nSo wenig Sinn Herr Joachim dem Phantasti-\nschen und Weltfremden beimaß, dem sein kranker\nund aufgeregter Freund nachhing, so kalt und\ntrocken ihn alles Grübeln alles Spintisieren und\nFabulieren ließ, so besorgt und hilfsbereit zeigte\ner sich, als Krankheit und körperlicher Schmerz\nden Freund bedrohten. Es war zuletzt über Herrn\nTheobald eine Krisis hereingebrochen, die seinen\nLeib in zehrenden und wilden Fiebern hin nnd her\nwarf, und der Tod, den er unzählige Male herbei-\ngewünscht hatte, streckte seine knöchernen Arme\nweit nach ihm aus.\nDaß Herr Theobald trotzdem wieder genas, an\nLeib und Seele frei wurde, verdankte er nicht zum\ngeringsten Teile der liebevollen Pflege seines\nFreundes Joachim. Nächtelang hatte dieser an\nseinem Lager ausgehalten und ihm in seiner be-\nhäbigen und trockenen Art, die allein schon be-\nruhigte, zugesprochen.\nEs war nichts Pathetisches oder Heroisches an\ndiesem Braven, aber viel natürliche und starke\nLiebe, die sich selbstlos, einfach und humorvoll\ngab.\nHerr Theobald wurde gesund. Und es war\nihm, als habe er ein neues Leben begonnen, oder\nrichtiger, seines Lebens zweiten Abschnitt.\nEr hatte, wie er annahm, sein Alter angetreten,\nund mit dem, was hinter ihm lag, abgeschlossen.\nFreilich führten hoch Wege der Wehmut zu\ndem Verflossenen zurück, und in einsamen Stun-\nden blühten in ihm wieder Bilder und Träume.\nAber das Grelle, Gewaltsame und Beißende des\nSchmerzes war doch von ihm genommen.\nDer Weg in die Zukunft schien Herrn Theobald\nruhig, reizlos und ohne Beschwerden, ein sanfter\nallmählicher Aufstieg . . .\nEine wundervolle Dezembernacht.\nDer Vollmond schien so hell, daß die Straßen\nwie mit mattem Tageslicht überflutet schienen.\nDie dünnen Gasflammen wirkten in diesem\nLichtmeer fast dürftig. Als kämen sie sich selbst\nüberflüssig vor, so zaghaft flackerten sie hin und\nher: wie arme verschämte Seelen, die nicht wuß-\nten, wo aus und wo ein . . .\nDen ganzen Winter war noch kein Schnee ge-\nfallen. Heute wallten langsam und verträumt die\nersten Flocken zur Erde nieder.\nSeit einer Stunde schwebten sie herab: erst\nspärlich, aber groß und dick, dann immer dichter,\nbis es schien, als schüttelte man sie aus zahllosen\nriesigen Säcken über die Erde.\nDer Boden war hart gefroren und gab, wenn\nschwere und kräftige Schritte über ihn\" hinschrit-\nten, klingende Töne von sich.\nDie Luft war kalt, ruhig.\nDer Schnee lag dünn und zart auf allem wie ein\nSchleier.\nVon einer satten und schweigsamen Schönheit\naber war der Himmel.\nKein Stern flimmerte an ihm, nur die große\nScheibe des Mondes hing oben.\nEine immense finstere Wölbung, aber nicht\nschwarz, sondern von einem eigentümlichen Blau,\nvon einem dunklen Blau, das von kräftigem Vio-\nlett durchsetzt war.\nHerr Theobald stand am Fenster und sah in\ndie Nacht.\nMit freudig erregtem Herzen blickte er den\nschwebenden Flocken nach, folgte den einzelnen\ngroßen in ihrem Falle, bis er sie in dem Gewimmel\nverlor, und suchte unermüdlich von neuem.\nDas Wohlbehagen, das die warme Stube ihm\nbereitete, brachte ihm zugleich die Kälte zum Be-\nwußtsein, die draußen herrschte, und war wohl\nauch der Grund, daß er sich so geborgen und so\nungewöhnlich heiter fühlte.\nSieben Uhr.\nHerr Theobald hatte kurz vorher mit Herrn\nJoachim das Abendbrot verzehrt, und der hatte\nsodann einen Gang in die Stadt gemacht, um einige\nEinkäufe zu besorgen.\nEs war die Zeit vor Weihnachten, und da gab\nes mancherlei, das in aller Heimlichkeit erledigt\nwerden mußte. Keiner ging da dem anderen nach.\nMan täuschte sich gerne das Gefühl vor, als wittere\nman an allen Ecken und Enden Rätsel und Ueber-\nraschungen. Das kleine Haus, in dem die Freunde\nwohnten, lag schon etwas außerhalb der Peripherie\nder Stadt, und von den zwei Fenstern der Front\nkonnte man bequem den schmalen Weg übersehen,\nder zu den ersten Häusern hinabführte, während\nsich von den Seitenfenstern aus ein völlig freier\nAusblick nach dem Walde hinaus bot.\nDer schmale Weg, der am Hause eine scharfe\nBiegung nach rechts machte und zum Friedhof\nhinausführte und an dessen Seite ein tiefer schmut-\nziger Graben träge hinfloß, hatte einen sonderba-\nren Namen.\nEr hieß die „Sorge\".\nAn seinem äußersten Ende, knapp (bevor er\nsich in dem wirren Durcheinander der ersten Häu-\nser verlor, stand, ganz allein für sich und wie ge-\nmieden, ein trostloses graues Haus, niedrig, mit\naltmodischem Erker und einer großen finsteren\nTüre, die immer geschlossen schien.\nUeber dieser Türe hing ein altes, vom Roste\nzerfressenes Schild, auf dem zu lesen stand: „Zur\nTotenschänke\".\nUeber die Tafel hinaus aber ragte ein gewalti-\nger gußeiserner Bogen, an dem eine verstaubte\nrote Laterne hing.\nIhr trübseliges blutiges Licht äugte nun schon\nalle die Jahre hindurch wie voller Wehmut\nzu den beiden nahen Fenstern hinauf, aus denen bald\nHerr Theobald, ibald Herr Joachim einen Blick\ngegen die Stadt hinabtaten.\nWie ein Symbol schimmerte das kalte Rubin-\nrot: wie ein Symbol dessen, das aus der Tiefe\nstöhnte, wie ein Sinnbild der Verlorenen, Abster-\nbenden, Hoffnungslosen . . .\nAuch heute empfand Herr Theobald wieder das\nBeklemmende dieser trostlosen Flamme, aber nicht\nin dem Maße wie sonst.\nWährend er an frostigen, regnerischen und\nstürmischen Nächten den diiisteren Schein nicht\nauf sich einwirken lassen konnte, ohne daß eine\ntiefe Bangigkeit von ihm Besitz nahm, die sich oft\nzu einem heftigen Grauen vor allem, wTas Leben\nhieß, steigerte, sah er heute das Trübselige des\nAnblickes gemildert durch den strahlenden Zau-\nber der Mondnacht.\nDie flackernde Flamme hatte in der bleichen\nFlut des Mondlichtes fast etwas rührend Heiteres«\nDas einsame Haus stimmte ihn heute nicht trau-\nrig — es war ein Gefühl der Rührung, das ihn über-\nmannte.\nSchließlich, auch sie lebten in einer Art Licht,\ndas ihre Herzen hell machte und wärmte:\nDiese Aermsten, die ihren Körper gleichsam\nvon sich warfen, ihn jedem überließen, der ihn\nmochte, deren Seele aber dabei abseits wandelte\nund unberührt und rein blieb . . .\nDenn so sah er sie jetzt:\nAls Betrogene und Gehöhnte, über die das\nSchicksal grinsend hinwegschritt —\nUnd aller Schmutz und alle Gemeinheit, die um\nsie her waren, durch die sie blindlings wie durch\nendlose Flächen von Schlamm und Moor wateten,\nhafteten im Grunde nicht an ihnen, sondern an je-\nnen, die sie mißbrauchten.\nEr wunderte sich jetzt nicht mehr darüber, daß\ner sie früher hatte hassen können, wirklich stark\nund heiß hassen.\nWas war sein Haß anderes, als eine verkappte\nLiebe: jene Liebe, die er seit jeher allem geschenkt\nhatte, was jenseits aller Norm stand, gleichviel ob\nhoch darüber oder tief darunter . . .\nEs war ja dasselbe, ob er haßte oder liebte,\nwrenn er nur nicht kalt blieb!\nDenn kalt bleiben, war für ihn gleichbedeutend\nmit Verachten —\nVerachtet aber hatte er diese Gesunkenen noch\nnie. Es war früher sein Traum gewesen, sie zu\nheben. Er, der die Moral als etwas dem Men-\nschen Mitgegebenes, Eingepflanztes ansah, der sich\nan sie hielt, da er an sie glaubte, war zu diesen\nEntgleisten gegangen, um sie auf den Weg zu-\nrückzubringen: nicht auf Pfaffenart, mit salbungs-\nvollen Reden, sondern indem er ihren Stolz zu\nwecken hoffte, dadurch, daß er sie trat, leiden-\nschaftlich ihnen die körperliche Schmach ihres\nWandels ins Gesicht spie . . . Damals hatte er sie\nhassen gelernt.\nIhr Hohn, ihr kalter, rücksichtsloser, überlege-\nner Hohn hatte ihn jedoch zermalmt, war wie\ndas starke Leben über Hirngespinste brutal hin-\nweggeschritten.\nSeine Niederlage hatte ihn vernichtet.\nDer Zynismus dieser Mädchen — so nannte er\nihre Üeberlegenheit — wiar ihm unbegreiflich,\nmachte ihn fassungslos, noch mehr Um-\nstand, daß er in seiner Ehrlichkeit außerstande\nwar, ihm etwas gleich Starkes entgegenzuhalten»\nSie konnten lachen, er aber nur knirschen.\nAch, er hätte gewünscht, sie verachten zu kön-\nnen, und er war unglücklich, daß er sie stärker sah,\nals sich selbst! Und daß er sie hassen mußte!\nDer Konflikt hatte dazu beigetragen, sein Leben\nzu verbittern. Denn daß sie, die Entgleisten, taten,\nwas sie tun mußten, er aber tat, was er sich vor-\nschrieb — sah er nicht ein.\nDaß die WeOtordnung, kiie „Ordnung44\nhaupt, nicht ihnen, sondern ihm, dem Manne der\nMoral recht gab, daß sie schließlich doch die Be-\ntrogenen waren, die Sünde also schon hienieden ihre"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "229", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.8", "texte": "Strafe fand, konnte ihn freilich nicht beruhi-\ngen, aber besänftigen.\nHatte er in seinem entflammten Zorne ge-\nwünscht, das Sündige mit Feuer und Schwert aus-\nrotten zu können, so hatte ihm schließlich das Bild\nihres Elends Trauer und Mitleid eingeflößt.\nEr konnte weinen, wenn er eine von ihnen sah.\nNicht sie haßte er mehr, sondern das Leben.\n*\nHerr Theobald sah noch lange in die Nacht\nhinaus. Alles das Vergangene ging ihm wieder\ndurch den Sinn, war aber nicht imstande, seine\nStimmung zu umdüstern. Es blieb dabei:\nEs war ein Hauch von Heiterkeit und Lebens-\nlust, was von dem roten Lichte da unten ausging.\nUnd als wollte das blutige Zeichen seinen Vermu-\nTungen recht geben, fing es plötzlich an, heftig zu\nflackern, mit solcher Lebhaftigkeit und Vehemenz,\nfür die gar kein Grund dazu sein schien und die\nes wahrscheinlich machten, daß ein unrühmlicher\nTod die Folge sein werde.\nUnd richtig — da war es schon verlöscht.\nEin Windstoß mußte es ausgeblasen haben.\nHerr Theobald trat betroffen an das Fenster\nheran, um nach der Ursache zu forschen.\nUnd da bemerkte er erst, daß die große Türe\ndes stummen Hauses offen stand, und hörte, wie\neinzelne gellende und zornige Worte zusammen-\nhanglos herausflogen, abgerissen, wie Fetzen.\nWoher kommt so plötzlich der Wind? fragte\nsich Herr Theobald.\nEr sah ihn in wirbelnden Stößen durch die ge-\nöffnete Türe hervorschießen, die Scheiben der\nroten Laterne mußten klirren.\nAls fahre es bis zu ihm herauf und lösche jäh\nalles Licht in ihm aus —\nHerr Theobald öffnete die Flügel des Fensters\nund beugte seinen Oberkörper weit in die Kälte der\nWinternacht hinaus.\nDie Flocken sipielten mit seinen dünnen graue*\nHaaren. Und ein unruhiger heftiger Wind wandte\nsich jetzt in unregelmäßigen kurzen Stößen gegen\nden Friedhof zu.\nHerr 1 heobald hörte, wie sich in die wütenden\nWorte dort unten die schauerlichen Töne eines bil-\nligen Orchestrions mischten.\nEs klang wie: „Weißt du, Mutterl, was mir\nträumt hat?\" und wirkte so kläglich, daß es ins\nHerz schnitt.\nDazwischen hallte ein rohes Lachen, dröhnende\nFaustschläge fielen auf die Tische, Gläser klirren.\nJählings fiel mit Gekrach eine Tür zu.\nDer Streit pflanzte sich aus dem Gastzimmer\nin das Vorhaus fort und artete in ein wüste» Ge-\nschrei aus. In das wahnsinnige Gekreisch zweier\nbesinnungsloser Weiber.\nBis dann nochmals eine Tür aufgerissen und*\nwieder zugeschlagen Wurde und die kaltblütig-rohe\nStimme eines Mannes sich in den Streit mischte.\nEndlich nachdem einige Sekunden atemlose Stille\ngeherrscht hatte, ein einziger harter, langgezogener\nSchrei, der scharf und schneidend in die Nacht hin-\nausfuhr — —\nIm gleichen Moment schoß blitzesschnell der\nKörper eines Weibes aus dem gähnenden Loche\n. i\nder Tür hervor. Flog etwa drei Meter weit und\nblieb regungslos liegen.\nMit dumpfem Krach fiel die schwere Tür wie-\nder ins Schloß.\nHerr Theobald war atemlos und wie im Traume\ndie „Sorge\" hinuntergelaufen und begriff erst, als\ner auf dem eisigen Boden neben dem Weibe kniete.\nEs war der große und starke Körper eines Mäd-\nchens, der vor ihm auf dem Boden lag.\nDie dunklen Haare waren wild zerzaust und\naufgelöst und hoben sich kräftig von dem blenden-\nden Schnee ab. Der volle weiße Hals schimmerte\nin seiner samtenen Nacktheit, und auf dem Nacken\nwar ein kleines schwarzes Muttermal sichtbar.\nDie Bluse war auf der Brust bis zur Hälfte auf-\ngerissen.\nHerr Theobald packte die Gefallene bei der\nSchulter und schüttelte sie mehrmals, erhielt aber\nkeine Antwort.\nSie lag wie trotzig am Boden, ihr Gesicht war\ndem Boden zugekehrt, und atmete erregt.\nEs hörte sich an wie Keuchen, wie ein krampf-\nhafter Versuch, das aufsteigende Weinen zu unter-\ndrücken.\nDer ganze Körper bebte.\n„Stehen Sie auf,\" bat Herr Theobald und schüt-\ntelte das Mädchen unausgesetzt.\nMit Mühe gelang es ihm schließlich, ihren Kopf\numzudrehen und ihm ins Gesicht zu sehen.\nEr erschrak nicht wenig. Die Wangen des\nMädchens, die fieberheiß glühten, waren voller\nBlut.\n„Was ist Ihnen geschehen? — So reden Sie\ndoch!\" Herr Theobald strich dem Mädchen die\nHaare aus der Stirn.\nEs blieb aber völlig apathisch.\nOhne zu reden, richtete es den Oberkörper\nlangsam empor und stützte ihn auf den rechten\nArm. Sein Gesicht hing müde und traurig herab.\nDie ersten Tränen rollten schwer über die Wangen.\n„Stehen Sie doch auf! — Haben Sie Schmer-\nzen?\"\nHerr Theobald sprach der Teilnahmslosen un-\naufhörlich zu und brachte sie schließlich so weit,\ndaß sie sich mit seiner Hilfe erhob.\n\nFranz Marc: Pferde / Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "230", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.9", "texte": "Kaum aber war sie auf den Füßen, überfiel sie\nein Weinkrampf.\nSie zog ihr Taschentuch und drückte es vor\ndas Gesicht\nSofort färbte es sich rot mit ihrem Blute.\nHerr Theobald wußte sich keinen anderen Rat,\nals sie mit in seine Wohnung zu nehmen.\n„Kommen Sie!\" sagte er energischer, als es sonst\nseine Gewohnheit war, und nahm sie bei der Hand.\nSie ging ohne Widerrede mit ihm.\nNachdem er sie durch das finstere Vorhaus und\ndie schmale hölzerne Stiege hinauf in die warme\nStube geführt hatte, goß er ihr warmes Wasser in\nein Becken und gab ihr Handtuch und Seife.\n„So — hier waschen Sie sich,\" sagte er nicht\nohne Verlegenheit und fügte, nur um etwas zu sagen,\nhinzu: „Haben Sie sich etwas getan?\"\n„Nein . . . danke ... es wird schon gehen!\"\nDas Mädchen sprach leise und verlegen.\nEs hatte das blutbefleckte Tuch wieder einge-\nsteckt und vermied es, Herrn Theobald anzusehen.\nBeim Waschen benahm es sich recht ins ge-\nschickt.\nHerr Theobald hätte der Fremden gern gehol-\nfen, doch hinderte ihn seine wachsende Befangen-\nheit» ihr näher zu treten.\nErst jetzt fühlte er, daß ein Weib bei\nihm war, ein Weib, das jung und nicht unschön\nschien. Die langen, aufgelösten Haare, die in ihrer\nFülle die halbe Gestalt hinab fielen, der bloße\nNacken und die nur mangelhaft bedeckte Brust\nmachten ihn verwirrt . . .\nEndlich war sie fertig und trocknete sich ab.\nAuf ihrem Gesicht zeigte sich eine nur unbe-\nträchtliche Wunde, die sie sich bei ihrem Falle zu-\ngezogen haben mochte.\n„Ach bitte,\" sagte sie und ihre Stimme klang\nschon viel .gefaßter, „hätten Sie nicht ein Stück\nLeinwand . . . zum Verbinden?\"\nSie lächelte leicht und sah Herrn Theobald zum\nersten Male ins Gesicht.\n„Ja — natürlich! . . .\" antwortete er und wurde\nnoch verlegener.\nEr stürzte in die Schlafkammer, fand aber nicht\ngleich, was er suchte, so daß er kurz entschlossen\naus einem seiner weißen Hemden einen Fetzen\nherausriß.\n„Ich danke vielmals,\" sagte . das Mädchen, als\ner ihr das Zeug gab, und lächelte ihn wieder an.\nSie hatte eine liebe Art, zu lächeln. Auch war\nin ihrer Stimme wirkliche Dankbarkeit.\n„Jetzt — wenn Sie noch irgend ein altes Tuch\nhätten.,\" sagte sie einfach, indem sie den Lein-\nwandfetzen mit Wasser tränkte, ihn auswand und\nauf die Wunde legte.\nHerr Theobald brachte eines seiner großen\nroten Taschentücher, das gerade groß genug war,\num einmal um den Kopf gewunden zu werden.\n„Wollen Sie mir helfen?\" bat wieder die\nFremde. „Sc . . .\"\nSie wand das Tuch um den Kopf und Herr\nTheobald mußte es ihr binden.\nSie stand mit ihrem Gesichte ihm zugekehrt.\nEr wagte kaum die Augen zu erheben. Ihre Bluse\nwar noch immer offen.\n„Ach, nochmals vielen Dank!\"\nSie atmete auf.\nUnd als wäre es die natürlichste Sache von der\nWelt, ohne jede Scham, fing sie jetzt an, ihre Bluse\nzuzuknöpfen.\nSie wandte sich dabei Herrn Theobald zu, der\nrasch an das Fenster getreten war, und hörte nicht\nauf sich zu entschuldigen.\n„Sicherlich — ich bin Ihnen lästig gewesen,\"\nsagte sie mit ihrer weichen Stimme, sah ihn aber\nmit jener selbstsicheren Ruhe an, die sich bewußt\nist, Eindruck zu machen.\n„Nein — estist nicht der Rede wert,\" erwi-\nderte Herr Theobald und ärgerte sich, daß er rot\ngeworden war.\nZu letzt warf die Fremde ihren Kopf zurück,\npackte mit den Händen die Flut ihrer Haare und\nbat Herrn Theobald um einen Kamm.\nUnd indem sie sich auf einen Stuhl niederließ\nund mit wenigen Handgriffen ihre Frisur in Ord-\nnung brachte, fragte sie:\n„Sie wohnen allein?\"\n„Nein, ein Freund, ein Kollege wohnt mit mir,\"\nantwortete Herr Theobald.\nEr wußte aber gar nicht was er sagte, seine\nAntwort war rein mechanisch. Jetzt, wenn sie fertig\nsein wird, wird sie danken und wieder gehen,\ndachte er. Ich werde sie nie mehr sehen. Und er\nbegriff nicht, warum ihn der Gedanke so traurig\nmachte. Aber sie dachte nicht daran, sich zu er-\nheben.\nSie stütze vielmehr den Kopf auf ihren rechten\nArm und sagte ganz unvermittelt: „Und ich weiß\nnicht, was ich anfangen soll . . .\"\nSie sprach müde, ohne Verstellung.\n„Man hat mich hinausgeworfen . . .\" fuhr sie\nlangsam, ohne zu betonen, fort und richtet dabei\nihren Blick auf Herrn Theobald.\nAls handle es sich um etwas völlig Belangloses\nund Selbstverständliches, von dem zu reden, sich\nkam lohnte, sagte sie es,\nIhr Blick ist ganz der der Mädchen auf der\nGasse, dachte Herr Theobald. Und doch nicht ganz\nso. In seiner beißenden Ruhe und Kälte liegt noch\netwas, das anders ist — wie Müdigkeit, wie Er-\nschöpfung sieht es aus. Was mag es sein ?\nHerr Theobald mußte an Menschen denken, die\nmit ihrem Leben, als sei es ein Spielzeug, Fangball\nspielen. Genau so kam ihm die Fremde vor.\n„Ich tun?\" gab sie zurück, und es klang, als\nverachte und höhnte sie sich selbst. „Was werde\nich tun?!\"\nMit einer Gebärde scheuchte sie alle Gedan-\nken von sich. Sie sprang jäh auf, lachte und trat\nan das Fenster.\n„Sie kennen mich wohl gar nicht, Herr Theo-\nbald?' fragte sie.\nDieser war noch mehr erschrocken als erstaunt.\n„Ich l. .? Nein? — Woher sollte ich iSe\nkennen!\"\nDie Fremde lachte ihn voll an. Sie wurde mit\neinem Male sehr lebhaft und tat ganz ungeniert.\n„Sehen Sie, ich kenne Sie sehr gut! lag für\nTag sind Sie bei uns vorüber gegangen. Mit jenem\ndicken Herrn. Das ist doch Ihr Freund?\"\nUnd auf Herrn Theobalds Bejahung:\n„Ich weiß auch, wie Sie heißen, Sie und Ihr\nFreund! . . . Gott, ja, hier erfährt man ja alles!\nIch bin fast ein halbes Jahr dort unten gewesen.\nUnd gerade heute \"\nSie bach plötzlich ab und war ratlos.\n„Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich anfangen\nsoll. Ich habe garnichts, um mich unizutun, kein\nGeld, keine Wäsche, keine Kleider. Sie glauben\nes nicht: nicht einmal das da gehört mir!\"\nSie wies auf ihre luftigen niedrigen Schuhe, die\nfür den Balisaal gearbeitet waren, und auf ihren\ndünnen Rock. Hut hatte sie auch keinen.\n„Muß man Ihnen Ihre Sachen nicht wieder her-\nausgeben?\"\n„Ich habe nichts, was mir gehört,\" sagte sie\nund war ganz gleichgültig. „So geht es uns wenn\nwir älter werden. Wir verdienen nur wenig und\nwerden den Wirten unbequem . . . Da liegt man\nschnell einmal draußen . . . Ja, als ich jung war!\"\nHerr Theobald verschlang sie mit den Augen.\n„Sie sind doch noch jung, Fräulein.\" sagte er.\n#\nDa stellte sie sich vor ihn hin und drehte sich\nauf ihren Absätzen langsam herum.\n„Betrachten Sie mich, Herr Theobald! Neun-\nundzwanzig Jahre bin ich alt! Finden Sie, daß ick\nnoch jung ausschau?\"\nSie bot sich ihm mit ihren Augen rückhaltlos\nan. Herr Theobald mußte sich mit Gewalt zu-\nsammennehmen. Er zitterte. Warum fiel ihm\nnicht ein Scherz ein, etwas Harmloses? Wenn er\nes auch würgend und stotternd herausgebracht\nhätte.\n„Also wirklich, Sie mich niemals ge-\nsehen? Als ich am Fenster stand und Ihnen sogar\nwinkte? — Jawohl, Zeichen habe ich Ihnen ge-\nmacht! .. . Aber Sie — Sie lieben das wohl\nnicht?\"\n„Nein,\" sagte kurz Herr Theobald und es klang\nrauher als es seine Absicht war.\n\nFortsetzung folgt in nächster Nummer\n\nAntwort\nAlbert Ehrenste\n\nKurt Hiller nannte mich am 31.. Oktober 1912\nöffentlich, vor dem Publikum, im literarischen\nKabarett „Gnu\" ungefähr: einen dahergelaufenen\nOesterreicher, einen armen Schlucker, der kotige,\nzum Himmel stinkende Feuilletons schreibe, statt\nmit alten Hosen zu hausieren.\nEs fiel mir nicht bei, Beleidigungen sol-\ncher Art in polemischer Form zu beantwor-\nten. Es ist in derlei Fällen schwer, an der\nExistenz von Indianernamen vorüberzugehen. Da-\nraufhin sammelten vierzehn Leute ihre Namen.\nUnd sagten zierlich: „Shoking! Man entrüste sich!'1\nVielen dieser Subskribenten dürfte der mich betref-\nfende Passus der Rede Hillers — somit die gefühls-\nmäßige Berechtigung meiner Aeußerungen unbe-\nkannt sein.\nAlle unterschrieben in dem kamera d -\nschaftlichen Glauben, ich wäre Bürger genug\ngewesen, in diversen Sätzen auf menschliche Bezie-\nhungen Hillers anzuspielen. Dies war und ist nicht\nder Fall. Mein Entwertungssystem galt nicht mir\nunbekannten, nicht mir ewig gleichgültigen, sondern\nliterarischen Angelegenheiten.\nAuf jene Unterschriftsteller, die nun ihre gegen\nmich gerichteten Sätze nicht zurückziehen, fallen\nautomatisch die häßlichen, schlecht geformten und\ngar nicht dokumentierten Beleidigungen „Unan\nständigkeit\", „nichtswürdig\" zurück.\nDies die Antwort auf folgende „Erklärung\":\nSchärfe und Unanständigkeit sind zweierlei.\nNichtswürdig und nichts wert war, was an soge-\nnannter Polemik Herr Ehrenstein gegen Kurt Hilter\nerscheinen ließ — unter dem Titel „Anmerkungen\"\nin einer Berliner West-Wochenschrift.\nDieses Blatt, indem es derlei brachte gegen je-\nmanden, der ihm lange und häufig seine (wertvolle)\nMitarbeit geschenkt hatte, ... es hat sich deklas-\nsiert und erledigt.\nWir wollen, daß man unseren Widerwillen teile\ngegen so häßliche, schlecht geformte und gar nicht\ndokumentierte Beleidigungen.\nDer Schriftsteller Kurt Hiller, dessen Tapferkeit,\ndessen enthusiastische Geistigkeit unseres Schutzes\nnicht bedarf —, möge wissen, daß wir kamerad-\nschaftlich auf seiner Seite stehen.\nErnst Blaß, Dr. Franz Blei und Arthur Drey.\nFerdinand Hardekopf. Wilhelm Herzog. Hoexter.\nHerbert Ihering. H. E. Jacob. Koffka. Dr. med.\net pliil. Arthur Kronfeld. Alfred Lichtenstein (Wil-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "231", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.10", "texte": "G. Münter: Originalholzschnitt\n\nIttersdorf). Dr. Robert Musil. Franz Pfemiert.\nErich Unger. Alir. Wolfenstein.\nDie leichterklärliche Erklärung befindet sich\nin dem augenblicklichen Wilmersdorfer Vor-\nOrtblatt Die Aktion, Wochenschrift für Poli-\ntik, Literatur, Kunst. Herausgegeben von Franz\nPfemfert, Berlin-Wilmersdorf, Nassauische\nStraße 17. Telephon Amt Pfalz bürg\nNr. 6242. Alle vierzehn Schriftsteller konnte\nich nicht aus den Adreßbüchern ermitteln.\nDrey von ihnen halte ich für Doktoren. Der\ndoppelte zählt nicht einmal doppelt. Im übri-\ngen ist es der bekannte Varietescherz: Der Dichter\ngeht ruhig seinen Weg. Der „selbstleserische In-\ntellektualmensch\" rempelt ihn wiederholt an. Dar-\nauf sprengen vierzehn Kameraden (. . . fest — und\n— treu — zu — sam — män) im Steckenpferdgalopp\ngegen den Dichter, rempeln ihn auch an und er-\nklären, sie gingen an Hillerns Seite, als wären es\nStücke von ihm. Trotzdem jener, wie bekannt,\nweder Panens Schutz, noch Aktionens Schirm be-\ndarf. Dem Schirm soll der nötige Regen werden.\n\nH. W.\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falte Rückporto beigefügt wurde.\nThaddäus Ri 11 ne r\nIch kenne Sie / Novellen\nWien / Deutsch-Oesterreichischer Verlag\nLouisT h o m a s\nAndre Rouveyre\nMit zahlreichen Reproduktionen seiner Zeich-\nnungen und seinem Porträt von Henri Matisse\nParis / Les Bibliophiles Fantaisistes\nDorbon-Aine\nElse Lasker-Schüler\nMein Herz / Ein Liebesroman mit Bildern und\nwirklich lebenden Menschen / Adolf Loos ge-\nwidmet\nMünchen / Verlag Heinrich F. S. Bachmair\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHerwarth Waiden / Berlin W 9"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "232", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191212-01.1.11", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vor\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durcfe\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9 und durch Graphisches\nKabinett, J. B. Neumann, Ctaarlottenbur«, Kur-\nfurstendamm 33\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nDruck von Carl Hause / Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nBerlin W / Konigin AugustastraBe 51\ngegeniiber der von der HeydtstraBe\nFahrgeiesrenheit: Lutzowplatz\nZehnte Ausstellung\nDie Neue Sezession\nVom 9. Dezember bis 31. Dezember\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Soniitags vom\n10—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nElfte Ausstellung\nG. Munter\nZwolfte Ausstellung\nR. Delaunay\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 18\nFernruf Amt Liitzow 4443\nZeitschrlft der Sturm\nDauerbezug\nGewdhiiliciie Ausgabe: Fur Deutschland\nu nd Oester n: Ein Ja.hr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzeinummer 20 Pfennig / Doppel-\nnttmmer 40 Pfennig: X Fur das Ausland bei\ndirekterZusteliung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzeinummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbemimmer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nsendunt in Roll en direkt durch die\nPost fiir Deutschland und O ester-\nre ich-Untarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X Fiir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n(Larch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken und StraBenstMnden\nauf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder b%i\nBegin n des neuen Vier'teljahres bis\nzum zehnten des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\n\nutiter Berechnung des Naclinahmeportos ge-\nwiinscht wird\nSonderdrucke\nMax Pechstein: Die E r 1 e g u n g d e s F e s t -\nb r a t c n s / Originalholzschnitt / Auf Nummer 9A\nder Zeitschrift Der Sturm sind einhundert\nExemplare vom Kiinstler mit der Hand aquarel-\nliert, >rt und numcriert / Das Exemplar\n5 Mark\nFraaz Marc: Versohnung / Originalholz-\nschnitt I 15 Exemplare vom Kiinstler auf Japan-\npapier handgedruckt, signiert und numeriert / Das\nExemplar 40 Mark / Tierlegende/Pferde\nI Tiger / Originalholzschnitte / je 10 Exemplare\nvom Kiinstler auf Japanpapier handgedruckt, si-\ngniert und numeriert / Das Exemplar 40 Mark\nRichter-Berlin: Landschaft mit hollandischer Miihle\n1 Landschaft mit Bockmiihle / Landschaft mit Bahn-\nw&rterhauschen / Landschaft mit Kindern / je fiinf-\nzehn signierte und numerierte Exemplare auf Ja-\npanpapier I Das Exemplar 25 Mark\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nje funfzehn signierte und numerierte Exemplare /\nDas Exemplar 20 Mark\nH. Campendonk: Originalholzschnitt [Nummer 131]\nzwolf signierte und numerierte Exemplare / Das\nExemplar 25 Mark\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nJc cin Exemplar ist ausgestellt im Graphischen\nKabinett, Kurfurstendamm 33\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Fur Gesang und Wa-\nvier I 3 Mark\nKiinstlerpostkarten\nFutttristen: 1 / Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose T&nzerin / Pan-\nPan Tanz X Lichtdrucke: Das Exemplar\n20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab-\nschied / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in v©ller Fahrt / GinoSeverini:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose Tfcnzerin X Cliche-\nd r u c k e: Das Exemplar 20 Pfennig\n\nZeitschriften\nDie Aufnahme crfoltt kostenlos nach freiem ErmesseH\ndcr Redaktion dieser Zeitschrift\nDie Fackel / Heraus^eber: Karl Kraus / Er-\nscheint in zwanrloser Folge. Die Fackel enthiit\nnur Beitrage von Karl Kraus. Neueste Nummer\n360—362. Preis dieser dreifachen Nummer\n75 Pfennig / Verlag Die Fackel / Wien III/2\nL'Effort Libre / friiher L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne]\nL'Iftd6peiidance / Halbmonatsschrift / Kiinste /\nKultur I Philosophie / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue Franpaise ! Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nLes Cahiers du Centre I Moulins [Allier]\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift ftir Neue Kunst.\nTschechische, fremde und alte Kunst: Literatur,\nKunsthistorie, Malerei, Plastik, Architektur, Kunst-\ngewerbe, Theater, Musik. Erscheint monatlich (8\nBildbeilagen, 20 Seiten reich illustrierter Text, Mu-\nsikbeilage). Jahrlich M. 12.60 / Prag I / Bellevue\n/ Franzenquai 20\n\nAnzeigen\n\nNeue Kunst Hans G o 11 z M 1111 c h e a , Ode-\nonsplatz 1 / Van Gogh bis Kandinskv / Die\nGraphische Ausstellung enthalt zurzeit Brang-\nwyn I Hodler / Liebermann / Munch I\nSchmutzer / Slevogt / Zoir / Zorn / und\nandere / Illustrierter Katalog der ersten Aus-\nstellung 50 Pfennig / Sammler wollen mir ihre\nWiinsche stets iibermitteln / A11 swah 1 sendtingen\nbereitwillig\nDer Neue Kunstsalon / Dr. Paul Ferdinand Schmidt\nund Max Dietzel / Miinchen / KoniginstraBe 44\n(Trambahn: Leopold-Franz-Joseph-StraBe) Expres-\nsionisten: Gemalde, Plastik / Graphik und Kunst-\ngewerbe der neuen Kunst / Monatlich wechselnde\nKollektivausstellung. Eroffnet am 3. November mit\neiner groOen Nolde-Ausstellung. Gauguin, Picasso,\nRousseau, Rodin, Matisse etc.\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Verein\nPassive Mitglieder der Neuen Secession\nerhalten iahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 /\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen.\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark.\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession; Steg-\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Stegiitz 2699*\nGraphisches Kabineit Buch- und Kunsthandluni I\nBerlin W 15, KurfQrstendamm 33, Eingang Grol-\nmanstraBe / Eckhaus / Fernruf Amt Steinplatz\n14297 I Der Inhaber des Graphischen Kabinett?\nJ. B. Neumann eroffnet in der Schillerstrale 6 (am\nKnie) eine Ausstellung fur die neue Malerci. In ihr\nsollen ausschlieBlich Werke jiingerer Kunstle-r ge-\nzeigt werden\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung / Oktober-\nausstellung: Alfred Kubin und sein Werk\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antkiua-\nriat I PotsdamerstraSe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen iiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur\nFritz Merker Charlottenburg, SchillerstraUe 94.\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartout-\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen j Auf-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Bucheinbande\nTitania-Schreibmascbiiie / Erste deutsche Schreib-\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern /\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Genest,\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fiir Berlin\nund die Mark Brandexburg: Louis Stangen,\nLinkstraBe 12. Teleton: Amt Kurfiirst 2425"}]}