{"numero_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_sha256": "aa029d7da0996285b7a731a8f9efeaff86d73d4b343f125239099cfbb9cf79dd", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1913/02_01/bmtnabg_1913-02_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1913/02_01/bmtnabg_1913-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c001", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "261", "page_fin": "261", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.1", "debut_caractere": 298, "fin_caractere_exclue": 684, "texte": "Inhalt:\nH. W.: Kunst: Die Maler mit dem Dichter / Die Maler ohne Dichter / Artur Babillote: Die Schwermut des Genießers / Roman / John von Gorsleben:\nDie Geschichte von Uli Tarosch und dem Kater Schopenhauer / Ardenge Soifici: Glosse zu meinem Werk / Hermann Wagner: Die rote Flamme / Joseph\nAdler: Berliner Sylvester /|Empfohlene Bücher / Fr. Marc: Ruhende Pferde / Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c002", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "261", "page_fin": "261", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.2", "titre_corps": "Fr. Marc: Ruhende Pferde / Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Fr. 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W.\nDie Maler mit dem Dichter\nEs gibt nur eine berechtigte Art von Kunst-\nkritik, und die schreibt Herr Doktor Willy Burger\nin den „Münchener Neuesten Nachrichten\". Wenn\ndoch eine Faschingsnummer dieses Blattes jemals\ndie Höhe dieser Kunstkritik erreichen würde.\nZum Beispiel:\n„Reinh. M. Eic h 1 e r zwei schöne dekorative\nBilder „Weidenkätzchen\", ein junges Mädchen,\ndas zusammen mit den Anzeichen des\nFrühlings so arrangiert ist, daß man\nunwillkürlich an beste japanische Vorbilder er-\ninnert wird und den „Vasenschmuck\", ein Breit-\nbild. auf dem den kostbaren Erzeug-\nnissen moderner Keramik auf der\neiii e n Seite durch ein junges Mä d -\nclie ii auf der andern ein Par o 1 i ge-\nböten wird, ohne daß das notwendige In-\nbezieh uugse t z e n der beide« fehlte.\"\nDas Inbeziehungsetzen der Keramik mit dem\njungen Mädchen, zusammen mit den Anzeichen\ndes Frühlings, geschah bereits am 17. Dezember.\nDer Januar wird noch lustiger. Was malt Herr\nFriedrich von Keller? „Zwar rauhe, aber kraft-\nvolle, sehnige Gestalten, denen die harte Arbeit\nnichts von der Gesundheit zu rauben vermochte!\"\nArbeiter, die sogar die Malerei des Herrn von\nKeller überstanden. Aber „wo sie im Freien auf-\ntreten, überschneiden sie um ein Bedeutendes den\nHorizont.\" Herr Doktor Burger nennt das Ueber-\nschneiden einen Kunst griff. Kellers Arbeiter\nsind „in einer hellen ein wenig gelbbraunen Farbe\ngemalt, die stark an den Sandstein erinnert,, mit\ndem die meisten seiner Arbeiter zu tun haben\".\nSo wa h r malt dieser Meister. Noch mehr.\n„Keller gehört auch zu den wenigen Künstlern,\ndie das Hohe Lied der Arbeit ohne jede\nNebenmelodie singen.\" Er malt, wie der\nVogel singt. Aber „auch die religiöse Malerei\npflegt er; das Bild Loth und seine Töchter ver-\ntritt neben einer älteren Grablegung Christi\ndieses Fach.\" Und wie er neben dieses Fach\nvertritt! Das vermag nur ein Maler, wie der Herr\nKritiker Burger, zu besingen:\n„Gebückt ermattet von der Anstrengung, aber\nurweltlich groß, kommt Loth an der Hand des En-\ngels den Berg herauf; an Michelangelos Sintflut\ndenkt man; an der anderen freien Hand halten\nsich die Töchter fest; in der Zäsur zwi-\nschen ihnen und dem Vater wird Loths Weib\nsichtbar, die sich umwendet und in das von\nschwefelgelben Blitzen gräßlich zerrissene nächt-\nliche Dunkel zurückblickt. Ein Bild von gewal-\ntigem und tiefergreifendem Eindruck, das wie eine\nIllustration zu Lord Byrons Gedicht\nwirkt oder vielmehr dessen Geist atmet.\"\nSonst „begegnet man in der Gallerie Heinemann\nnoch einer größeren Kollektion des ebenso flei-\nßigen und vielseitigen wie geistreichen Profes-\nsors . . .\" Diese Bilder müßte man eigentlich ge-\nsehen haben. Am 28. Januar ist Herr Doktor Bur-\nger, darf er endlich wieder alpin sein. Er sieht\nden bedeutendsten lebenden Darsteller der Alpen:\n„Er verliert sich nicht allzu stark in die genaue\nWiedergabe der einzelnen Fels- und Gebirgsfor-\nmationen — das ist Sache und Aufgabe des To-\npographen —, noch sucht er den Eindruck des\nBedeutenden, Majestätischen durch allzu große\nVereinfachung, durch eine bloße Beschränkung\nauf dem ja allerdings auch noch starke\nWirkungen in sich bergenden Kontur zu errei-\nchen.\" Aber auch eine „ideale Seite im Be-\nschauer wird angeschlagen\". Nämlich: „nämlich\ndas eigener Kleinheit und Schwachheit gegenüber\ndiesen allerdings nur scheinbar auf Ewigkeits-\nwerten aufgebauten Riesen des Hochgebirges\".\nDer Maler malt auch für die Kleinen und Schwa-\nchen: „Am ,Sonntagmorgen' versammeln sich die\nBergbewohner vor der kleinen hölzernen Kirche,\nin ihrer bunten Landestracht, Werte von stark de-\nkorativer Wirksamkeit an sich tragend.\" Was\nbleibt einem Maler bei soviel Werten noch übrig,\nals sie zu besingen, sie, die schon malerisch an\nsich sind. Aber der Maler kann noch mehr:\n„Ein alter Mähder neben seinem gealterten Weibe\nschildert ergreifend die Kürze und Mühseligkeit\nallen menschlichen Lebens, wie es im neunten\nPsalm knapp und eindringlich gekennzeichnet\nwird.\" Dieser Maler hat es wirklich schwer.\nHier hat der neunte Psalm sein Bild schon so\nknapp und eindringlich gemalt, daß dem Maler\n\"i ;\nkaum das Malen übrig blieb. Wer einen Burger\nso begeistert, kann sicher als Maler nur ein Bür-\nger sein.\nDer Maler ohne Dichter\nDie Wochenschrift „Die Aktion\", heraus-\ngegeben von Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf,\nNassauische Str. 17, Telephon Amt Pfalzburg 6242,\nleistet für ihre Mitarbeiter eine Nummer „Lyrische\nAntologie\". So schlimm steht es um die Lyrik\ndoch noch nicht, wie diese Nummer glauben\nmacht. Man schwärmt allgemein für Huren, Lues\nund Exkremente. Herr Kurt Hiller hat sehr oft\nden Ehrgeiz besessen, als Lyriker im Sturm\ngedruckt zu werden. Ich will ihm loyal diesmal\nfür vier Zeilen vier Zeilen öffnen:\nTäglich nimmt mein Daseinstrieb ab,\nDenn das Leben trieft von Lues,\nWenn ich irgendwas noch lieb hab,\nStahlgeäugter, dann bist Du es!\nDas nennt man fortgeschrittene Lyrik. Aber\ndie Aktion hat nicht nur diesen Lyriker und viele\nebenso schlechte entdeckt, sondern auch einen\nMaler. Natürlich Herrn Max Oppenheimer, der ja\nbei den Lesern dieser Zeitschrift berühmt genug\ngeworden ist. Nicht einmal die Aktionslyriker\nvermochten sich für diesen Maler so zu be-\ngeistern, daß sie ihn mit den üblichen lyrischen\nExkrementen bewarfen. Aber Herr Franz Pfem-\nfert (Amt Pfalzburg 6242) ist nicht umsonst der\ngroße Politiker. Er nimmt einfach ein Gedicht\nvon Reinhold Lenz, nennt ihn sehr dichterisch\nFrühling, druckt sein Qedicht „Gemälde des Er-\nschlagenen\" ab und erschlägt den Toten durch\ndie Widmung: „Auf Max Oppenheimers Gemälde:\nDer Erschlagene.\" Es genügt, daß Herr Franz\nPfemfert (Amt Pfalzburg 6242) diese lyrische\nAntologie dem unsinnig überschätzten, aber da-\ndurch unterschätzten Georg Heym widmet. Für\nHerrn Max Oppenheimer jedoch möge er selber\nzur Leier greifen und nicht einem toten Dichter\neinen unlebendigen Maler nachrufen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c004", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "262", "page_fin": "265", "image_debut": 2, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.4", "titre_corps": "Die Schwermut des Genießers : Ein Roman", "titre_sommaire": "Die Schwermut des Genießers : Ein Roman", "signature_source": "Artur Babillotte", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.2", "debut_caractere": 5822, "fin_caractere_exclue": 9469, "texte": "Die Schwermut des\nGenießers\nEin Roman\nVon Artur Babillotte\n„Schaffen — das ist die große Erlösung\nvom Leiden, und des Lebens Leichtwerden.\nAber daß der Schaffende sei, dazu selber\ntut Leid not und viel Verwandelung.\n„Ja, viel bitteres Sterben muß in eurem\nLeben sein, ihr Schaffenden! Also seid ihr\nFürsprecher und Rechtfertiger aller Ver-\ngänglichkeit.\n„Daß der Schaffende selber Kind sei, das\nneu geboren werde, dazu muß er auch die\nGebärerin sein wollen und der Schmerz der\nGebärerin.\"\nNietzsche „Also sprach Zarathustra\"\nErster Teil\nLieber Theo!\nWenn ich alles um mich her zum Tönen ge-\nbracht habe, ist mein Lebenszweck erfüllt Es ist\neine Klangüberfülle in mir, daß ich manchmal in\nder festen Ueberzeugung lebe, es gebe keinen töne-\nreicheren Menschen als mich. Dann gehe ich um-\nher wie ein Sieger; ein Sieger über alles Unhar-\nmonische und Eintönige. Und spreche zu den\nMenschen wie ein Verzückter und wundere mich,\nwenn sie nicht widertönen und gleichsam durch\nmeinen Töneüberfluß-, befruchtet werden. In solchen\nAugenblicken bin ich glücklich und unglücklich ohne\nMaßen, da ich meine eigene Kraft und die Gleich-\ngiltigkeit der anderen erkenne und weiß, daß ich\nbeide Erkenntnisse, gewissermaßen in eine zusam-\nmengeschmolzen, viele Stunden mit mir herum-\ntragen muß.\nSiehe, Theo, alles Geschehen und alles Nichtge-\nschehen, alles Reden und alles Schweigen, alle Be-\nwegung und aller Stillstand — alles ist Musik. Und\nwer den Grundton dieser Musik gefunden, der\nfand den Ursprung und den Zweck des Lebens»\nUnd wird selbst Musik! Du lächelst vielleicht, wenn\ndu dies liest. Aber ich bitte dich, lächle nicht,\nbevor du mit gutem und starkem Willen versucht\nhast, mich zu verstehen. Du weißt, daß ich außer-\nhalb des täglichen Lebens lebe, ein Sonderleben,\ndessen Sinn und Wunsch nur ich begreife. Meine\nFreunde aber bitte ich, mein Leben mit ehrlichem\nWillen zu betrachten und nie meinen Glaubenssatz\nzu vergessen: Künstler sein, heißt, eine Eigenwelt\nsein. Es ist meine Sehnsucht, daß meine Freunde\nmich verstehen und in mir aufgehen möchten. Ich\nbin ein Tyrann und bin ein Schöpfer, der die ganze\nPersönlichkeit dessen fordert, der an ihn glaubt.\n— — Nie habe icW meine Seele lauter tönen\nhören, als in einer dunklen Wolkennacht, da ich\nin einem kleinen Kahn einen waldgesäumten Fluß\nhinabtrieb. Damals schon meinte ich „alles um\nmich her sei ein Tönen geworden und ich selbst zer-\nfließe in eine weiche, starke Musik. Das Wasser\ntönte; die schwarzen Waldwände tönten; die Ru-\nder und die Wolken und auch die Dinge und Ge-\nschehnisse außerhalb meines Gesichtskreises. Alle\nTöne strömten zu mir als dem Mittelpunkt. Ich\nwar der Kern dieser alles in sich fassenden und\nverschlingenden Musik. Ich fühlte bei vollem Be-\nwußtsein, wie ich aus mir selbst gehoben wurde\nund wie das kleinste Zittern der unendlichen Töne\nin mir mitzitterte. Und das Wunderbarste: Ich\nhatte den festen Glauben, Herr der ganzen Erde\nzu sein. In einem langen Zuge dröhnten und tanz-\nten und schlichen die Prächte aller Länder an mir\nvorbei und grüßten mich. Da rauschte heran die\nfarbentiefe klagende Lustmelodie Italiens, die\nherbe, poesielose Poesie des Nordlands, die kalte\nStarrheit russischer Steppen, alle Verworrenheit\nasiatischer Farbenmischung prunkte vor mir auf,\nalle Glut und Einsamkeit afrikanischer Wüsten und\nalle gleichgültige Sattheit der weiten Prärien Ame-\nrikas und alle dämonische Wildheit seiner Felsen-\ngebirge. Und die Stimmen aller Völker tanzten\nvor mir wie bunte Fontänen; leuchteten, sprühten,\nerloschen. Es gab nicht Raum noch Zeit mehr: Ich\nlebte viele tausend Jahre vor Christus und viele\ntausend Jahre nach ihm. Ich sah Alexander den"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10856, "texte": "Großen sich vor mir neigen. Er trug in glühen\nAugen den Schöpferdrang des Genies; um seine\nhohe Stirn bebte der Zorn des barmherzigen Un-\nbarmherzigen. der Götter und Länder stürzt, um\n•Götter und Länder erschaffen zu können. In sei-\nner Hand zuckte ein schweres Schwert, wie der\nGestalt gewordene Riesengedanke dieses Gott-\nmenschen. Eine schwermütig heißblütige Musik\nstrahlte von dem Kämpfer aus. Er neigte sich und\nging. Ich sah Christus, den tatfrohen Träumer.\nUm seine schmalen Lippen lächelte die allumfas-\nsende Liebe, und seine weißen Hände segneten. Er\nhatte Hände, wie sie die Märtyrer des Geistes ha-\nben. Der Heiligenschein, der ihn umglänzte, war\nMusik. Auch Nero sah ich, den wahnsinnigen Ty-\nrannen. den unbewußten Bewußtheitskünder, der\nknietief in Blut und Flammen watete und in ver-\nzücktem Gehirn hohe Gedanken wälzte: es war\nsein Fluch, daß die Töne in ihm durcheinander\nstürzten und sich nie zu Harmonien zu ordnen ver-\nmochten. Eine endlose Reihe der Stärksten des\nMenschengeschlechts sah ich vorüberziehn. Der\nGewalt folgte die Liebe, dem Auflodern der kon-\nzentriertesten Herrschsucht das Lächeln eines all-\nbarmherzigen Segnens. Arminius, den kecken\nKühnen sah ich und Konstantin den Großen, den\nchristlichen Besieger des Heidentums, und den\ngärenden Attila und Odoaker, den Zertreter des\nweströmischen Reiches.\nAlles um mich her tönte. Das Eilen der Wolken\nwar Musik, das Rauschen des Waldes und das\nSchreiten der Jahrhunderte, die an mir vorüber-\nzogen. Wie klopfte mein Herz, als ich Karl den\nGroßen sali. Ein sattes Leuchten lag in seinen\ntiefen Herrscheraugen. Und seine starke Nase ver-\nriet Kühnheit und Edelmut. Seine vollen Lippen\naber sprachen von Stolz und Ausdauer und Ver-\nachtung aller Kleinheit. Sein Gang war tragische\nMusik und sein breites Herrscherschwert der\nTaktstock zu einer Melodie, nach der ein präch-\ntiges Reich tanzte. So zog Carolus voran einer\nstolzen und farbenreichen Pracht, einer beweg-\nlichen Melodie, die das Mittelaltermotiv der Welt-\ngeschichte ist. Ein Kaiserzug schob sich in die Enge\nder wolkendunklen Nacht und grüßte mich. Lud-\nwig den Frommen und Ludwig das Kind sah ich,\nund Heinrich IV, und Friedrich Barbarossa, und\nKonrad IV, wie ein Sturm kam Rudolf von Habs-\nburg, der Willensgewaltige. Wie ein Lichtbringer\nkam Christoph Columbus, der so eng mit dem\nWeltganzen verbunden war, daß ihn nach einer\nunendlich weiten Ausdehnung gelüstete. Er bedeu-\ntet eine neue Melodie in der Symphonie, die da\nWeltgeschichte heißt.\nAlle Tanfalgen flössen aus der Weite zu mir\nher und hüllen mich in ein Strahlenbündel ein. In\njener Nacht hörte ich die siißensten und die häß-\nlichsten Töne, die man sich denken kann. Eine\nmächtige Welt ging vor mir auf, die lange in mir\ngeschlummert hatte, und durch ein Wunder er-\nweckt wurde. Durch ein Wunder, mein\nverstehender Freund. Es ist seltsam, daß die\nMenschen des 20. Jahrhunderts so stumpf gewor-\nden sind. Wenn sie ein Geschrei vernehmen, ist\nes ihnen nur Geschrei; und dringt ein leises Klin-\ngen an ihr Ohr, kann es das Ohr nicht empfangen\nund an die Seele weitergeben. Welch ein Glück\nund welch ein Unglück ist es für uns, teurer\nFreund, daß wir hinter die Dinge sehen kraft un-\nseres Dichtergehirns und in allem alles wahrnehm-\nmen, während die andern, die meisten, nur ein\nkleines Teilchen von allem Geschehen erfassen und\nzu ihrem Eigentum machen. So war mir jene\nNacht auf dem Wasser ein Wunder. Ich hatte die\nEmpfindung, als fiele ein Mantel von meiner Seele.\nEs war eine rein physische Empfindung. Wenn ich\nes dir beschreiben soll, möchte ich sagen: es war\nmir wie einem, der lange, in einen schweren Man-\ntel gehüllt, durch einen heißen Sommernachmittag\ngegangen und plötzlich die Last abwirft und da-\nsteht in glänzender Nacktheit. Es war die Geburt\nmeiner wissenden Seele.\nDie neue starke Melodie war in der Symphonie\ndieser Wundernacht aufgetaucht. Eine Tonfülle\nsproßte vor mir auf, daß ich wesenlos zu sein\nwähnte. Das Symbol des Kampfes zwischen Tag\nund Nacht und das Symbol des Sieges —: Ich be-\ngriff die Harmonie alles Geschehens und sah, war\nhellsehend. Die neue Melodie war so stark und\nbrausend, daß ich keine Einzelpersonen mehr un-\nterscheiden konnte: Ganze Länder waren jetzt zu\nIndividuen geworden. Keine Einzelleidenschaften\nzogen mehr an mir vorüber, sondern die Leiden-\nschaften ganzer Völker und Stämme. Es gab kei-\nnen mehr, der ein Genie war, sondern die Masse\nwar das Genie. Das harte Genie der brutalen Tat.\nSo sah ich das Brausen der Reformation, hörte die\ndisharmonischen Schreie des dreißigjährigen Krie-\nges, ohne daß ein Wallenstein erschien. Einzel-\nmenschen galten nichts, nur die Masse hatte Wert\nund Glanz. Die Tonfülle steigerte sich, daß ich\nglauben mußte, alle Töne zu hören, die im Univer-\nsum möglich sind. Vorüber zogen der Nordische\nKrieg und der Spanische Erbfolgekrieg, und jene\nlaute Zeit, da der Siebenjährige Krieg aufprasselte,\nwie das furchtbar prächtige Feuerwerk eines\nlächelnd zerstörenden Gottes. Alle bewölkte Pracht\njener Stätten, an denen die aufgereizten Menschen\nsich zerfleischten, schwankte an mir vorüber,\nschwer und langsam, wie im Herbst hochbeladene\nErntewagen durch den sinkenden Tag schwanken.\nErntewagen des Todes waren diese Landschaften.\nTrächtig von Blut und Rauch und Elend. Ein ein-\nziger wimmernder Ton waren sie, der anschwoll\nund zurückflutete und endlich in einem Röcheln\nerlosch. Kannst Du Dir denken, daß eine noch\nvollere Tonfülle möglich war? Ach, dieser eine\nTon, den die vorüberschwankenden Landschaften\ndes Kampfes bildeten, dieser eine Ton war so un-\nendlich, daß ich alle Töne, die im Universum mög-\nlich sind, darin mitklingen hörte. Und daß ich nicht\nzu glauben wagte, es könne noch einen unschein-\nbaren Ton geben, der nicht mitklang. Da aber kam\ndie Erstarrung! Eine Flut, die so heiß war, daß ich\nzu verbrennen wähnte, und so kalt, daß ich er-\nstarrte und die deutliche Empfindung hatte, nicht\nmehr ich, sondern ein anderer zu sein; ein anderer,\nder mit einem höhnischen Lächeln vor mir stand\nund zusah, wie die schrecklichen, die Myriaden\nTöne mich töteten. Der Weltbrand kann nicht\nglüher und schaurig schöner sein, als diese Musik\ndes roten Trotzes war. Nie habe ich so stark und\ngläubig empfunden, daß die Musik das einzig Be-\nstehende ist, daß alles Musik ist, wie in den Minu-\nten, da die französische Revolution auf mich ein-\njubelte. Nie habe ich meine Mission freudiger und\ngewisser erkannt! In dem Augenblick, da der Ein-\nzelne als Genie versank und das Genie Volk an\nseine Stelle rückte, hatte ich geglaubt, wesenlos\nzu werden. Dann aber war das Gefühl des Wesen-\nlosen so stark und durchdringend in mir gewor-\nden, daß ich mich endlich als Menschen außer mir\nsah, als Zuschauer in der tragischen Komödie\nmeines Lebens. Wenn ich Dir schildern könnte,\nwelch eine schreckliche Seligkeit es ist, fühlen zu\nmüssen, wie man sich verflüchtigt, dann ein Wesen\naußer sich selbst und, anwachsend, endlich ein\nganzes Volk wird! So aus der tiefsten Tiefe alles\nGeschehens geboren war diese Musik, daß ich mit\nschärfster Deutlichkeit wußte, daß ich sogar ganz\nlaut vor mich hinsprach: Du bist die Revolution.\nIch watete in Blut und fühlte das Schlagen zahl-\nloser Gehirne in meinem Schädel und meinte, dem\nurstarken Drang nach Freiheit, der in mir pulste,\nerliegen zu müssen. Ich zerstörte die Bastille, ich\nwar Robespierre und Danton und Marrat; ich\nschleppte Ludwig XVI. auf die Quillotine und ent-\nhauptete ihn; ich schrie mit einer Stimme, die von\nGrausamkeit verzerrt war, nach liberte, egalite,\nfraternite. Ich watete in Blut und schritt über die\nLeichen der Vornehmen und betete zur Dirne Ver-\nnunft und warf Brandfackeln in Schlösser und Pa-\nläste. Der Haß und die Wollust und die Grausam-\nkeit von ganz Paris stürmten in mir; meine Taten\nwaren die Taten; der entfesselten Bestie, die da\nVolk heißt.\nWenn einer Musik ist und in Musik lebt und\nalles Geschehen ihm Musik bedeutet, hat er keine\nZeit, müde zu sein. Du wirst von einer Eruption\nin die andere geworfen. Und wenn Dich ein Tau-\nmel fassen will, ist da eine Stimme in Dir, die ruft:\nvorwärts! vorwärts! koste alles Süße und alles\nHerbe, alle Qualen und alle Verzückung Deiner\nGeliebten! Es ist nicht leicht, Theo, Musik zu sein,\nDie Musik zum Gott und zur Geliebten zu haben.\nGlaube mir, ich wäre so gern müde gewesen, nach-\ndem das Erlebnis der Revolution hinter mir lag —\naber eine gewaltige Hand faßte mich und schleu-\nderte mich neuem Erlebnis entgegen.\nImmer noch war ich das Volk; aber meine Au-\ngen wurden klarer und sahen nicht mehr durch\nSchleier von Blut und Pulverdampf und Grausam-\nkeit. Da sah ich in weiter, weiter Ferne einen\nMenschen sitzen; der war nicht größer und nicht\nbreiter als eine Nadelspitze. . . . Dennoch aber\nkonnte ich überdeutlich sein Gesicht sehen, ein\nschmerzhaft verzogenes Gesicht, in das die Leiden\neiner übersensitiven Seele ihre Furchen gegraben.\nDieser Mensch, den ich in der Verzückung des\nGrains sitzen sah, war ich. So fern war ich von\nmir selbst, daß es mir war, als erblicke ich mich\ndurch ein umgekehrt gehaltenes Opernglas. So\nausschließlich Musik war ich, daß meine sterbliche\nHülle in eine winzige Linie zusammenschrumpfte\nund nur das Ewige in mir groß und machtvoll\nblieb. Die bunten Schleier der Verbitterung und\nder Wut fielen von meinen Augen, der riesenstarke,\ntrotzige Gesamtwille des Volkes verdichtete sich\nin mir, wurde einheitlich und sammelte sich in\neinem Zentrum. Dieses Zentrum war das Gehirn\ndes harten Weltbegeisterers Napoleon.\nWeißt du, wer Napoleon Buonaparte war? Ich\nweiß es jetzt, denn ich habe ihn erlebt. Ich war\njedes Fäserchen seines Gehirns, jeder Blutstropfen\nseines Herzens. Ich war ER selbst. Preise den\nMenschen, der Held und Feigling sein kann! Es ist\ndas prächtigste Erlebnis, das du erleben kannst,\nwenn du ein Gewaltiger der Vergangenheit wirst.\nSegne die Stunde, die dir solches schenkt! Ich war\nNapoleon! Ist es ein Verbrechen, daß ich stolz bin,\nda ich dies von mir sagen kann?\nIn dem Augenblick, der mir das Bewußtsein\nmeiner korsischen Heldenhaftigkeit gab, erkannte\nich die Macht des Erschaffens. In diesem Augen-\nblick wußte ich, daß jedes Kunstwerk ein Erlebnis\ndes Künstlers ist und daß der Künstler nicht außer-\nhalb seines Werkes stehen darf, sonden, daß ei-\nsern Werk selbst sein muß. Gelegenheitsdichter\nim höchsten Sinne muß der Künstler sein. In der\nStunde, da er einen Tyrannen erschafft, muß er\nselber Tyrann sein; und zeugt sein Geist eine lieb-\nlich lächelnde Jungfrau, muß er selbst unschuldige\nJungfrau sein.\n.... So war ich Napoleon und trug den Herz-\nschlag des Universums in mir. Wog die Geschicke\nder Völker in meinen ausgestreckten Händen, saß\nzu Gericht über alles, was sich nicht einfügte in\nden Willen meines grausam-liebenden Gehirns.\nSandte die Blitze meiner in dämonischer Schwer-\nmut glühenden Augen über den Erdball und sog\naus dem Geschehen des tatenüberlasteten Tages"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10624, "texte": "die Ewigkeit. Trug in meiner Brust die Grausam-\nkeit eines wilden Gottes und den prachtvollen Ehr-\ngeiz des menschlichen Menschen. War überreich\nan Verachtung und Trotz und betätigte die Kraft,\ndie hinter meiner Stirn brannte, in sausenden\nKriegstaten. So war ich Napoleon, ein Gott und ein\nVerbrecher, ein. Mensch ohne Begrenzung. Und so\nempfand ich ein Teilchen Allmacht in mir.\nWähnst Du, die Verzagtheit habe mich erfaßt\nund nimmer frei gegeben, da ich auf der einsamen\nInsel hin und her schritt in traurigen Zimmern, in\ndenen alle Möbel und Teppiche und Bilder Sehwer-\nmut waren? Ich schlug mit der Faust in den Tisch\nund zertrümmerte alle Verzweiflung, die zu mir\nkam. Ich lachte das schneidende Lachen des Ein-\nsamen, der weiß, daß ihn die prachtvolle Erinne-\nrung noch ein langes Leben lang ernähren kann.\nIch schloß die Fenster, damit nicht die trüben\nWellen der Weltgeschichte meine Stille über-\nschwemmten und den Lärm kopfloser Geschehnisse\nhereinspülten. Kopflos waren alle Geschehnisse,\nweil ich, Napoleon Buonaparte, der Einzige, der\nzertrümmerte Allmächtige, die Fäden nicht mehr\nin meinen Händen vereinigte. Das Leben war ge-\nstorben, weil ich zurückgegangen war in die Stille\nund nicht mehr in der Welt, sondern in mir die\nUnendlichkeit suchte. So lebte ich und ließ den\nLeichenzug meiner Taten an mir vorüberschwan-\nken und weidete mich an ihrer Herrlichkeit. Ma-\nrengo und Jena und Austerlitz, Moskau und Wa-\nterloo blühten vor mir auf im blutigen Glanz ihrer\nSchlachttage; die herrliche Kraft und der urböse\nSchmerz flössen in meine Seele und stärkten sie\nzu einem alles überwindenden Trotz. Und so starb\nich einsam, aber allmächtig in mir,.weil ich Unend-\nlichkeit in mir wußte.\nKann ein Mensch höher steigen, als ich in die-\nser Nacht des Wunders stieg, Theo? Ich erlebte\ndie höchste Selbstentäußerung des Künstlers und\nfühfte zugleich das Vermögen in mir, ein Kunst-\nwerk zu schaffen. Und wie mich die Kraft meines\nErlebnis-Vermögens die Weltgeschichte in Tönen\nbegreifen lehrte, in demselben Maße gab es mir\ndie Gewißheit, liier das weite Feld gefunden zu\nhaben, aus dem meine Schöpfung emporblühen\nkönnte. Alle Pracht, die jetzt noch an mir vor-\nüberrauschte, genoß ich außer mir stehend und\ndoch so innig mit mir, mit meiner fleischlichen\nHülle verwachsen wie niemals. Das war das\nHöchste, was ich erreichen konnte: außer mir\nselbst zu stehen und meinen Körper nur in weiter\nEntfernung zu erblicken und doch meine Zu-\ngehörigkeit zu diesem Körper auf das Intensivste\nzu fühlen.\nIn diesem seelischen Spannungszustande fürch-\ntete ich mich vor der Musik, die mich noch er-\nwartete. Es war keine beengende Furcht, die da-\nrum so schwer gewesen wäre, weil ich genau ge-\nwußt hätte, es erwarte mich etwas Gefährliches.\nEs war, ich möchte sagen, eine befreiende Furcht:\nDie Furcht, vor etwas, von dem man weiß, daß\nes segensreich ist. Es war Furcht aus Dank-\nbarkeit.\nWie eine trübe Wolke schwand die unplastische\nZeit Napoleons 111. vorüber. So überreich an Güte\nund Bosheit war der Oheim gewesen, daß für den\nNeffen nichts mehr übrig geblieben war. So stark\nund rücksichtslos mit Bewußtsein Napoleon Buona-\nprute, daß Louis Napoleon nur einen Schatten be-\ndeutete, einen Schatten von Stärke und Rück-\nsichtslosigkeit. Er war ein unbewußter Tyrann\nund ein bewußter Geck . . . Und seiner Zeit ver-\nmochte er nicht das Siegel seiner Herrlichkeit\naufzudrücken. Wie eine trübe Wolke flog sie vor-\nbei und versank in der Nacht, die über dem Was-\nser stand.\nUnd meine Furcht steigerte sich und hielt mich\nso fest, daß ich mitten im Boot stand und kein\nFäserchen meines Körpers bewegen konnte. Ich\nkonnte keine Musik mehr unterscheiden, denn\nalles war Musik geworden, so ausschließlich Mu-\nsik, daß die Erkenntnis, daß es eine Materie gäbe,\nvöllig in mir erloschen war. Qott hieß Musik;\nalles Reden und Schweigen, alle Bewegung, alle\nLebensfreude, alle Krankheit war Musik. Und\nich selbst das Zentrum dieser Musik. Meine Seele\nwar wie ein Brennglas, in dem ich alle Strahlen\nsammelte. In dieser Nacht erfuhr ich, daß es eine\nstrahlende Musik gibt, Theo.\nErinnerst du dich der Prozessionen, die wir oft\n.betrachteten, als ich noch mit dir zusammen in\ndem kleinen Städtchen lebte? Es lag eine Fest-\nlichkeit über diesen Umzügen der Katholiken.\nVoran schritten die Kinder, die Knaben in dun-\nkeln Kleidern, die Mädchen in bunten wehenden\nRöckeheu. Sie schritten langsam und feierlich in\nunbewußter Andacht. Sie rührten mich stets und\nich sagte dir oft: Siehe, auch wenn' Sie schreiten\nund lachen und halblaut erzählen, sind sie voll\neiner Andacht, die ihnen nicht zum Bewußtsein\nkommt. Dann kamen die Jungfrauen und Jüng-\nlinge, ernster und gefaßter; sie trugen ihre An-\ndacht unsicher zur Schau und waren wissender als\ndie Kinder und wagten doch nicht, ihr Wissen zu\nbekennen. Hinter ihnen endlich die Frauen und\nMänner. Matronen in schlichtgescheiteltem Haar,\ndie um brünstig gefaltete Hände Rosenkränze aus\nGlas- oder Holzkugeln gewunden hatten, Frauen\naus( dem Volk, denen der harte Alltag in dieser\nStunde die Mienen freigegeben; Greise, die vom\nLeben enttäuscht waren und sich an die Gnade\ndes nahen Todes klammerten; Männer, heraus-\ngehoben aus der grauen Flut der täglichen Arbeit,\ndenen dieser Blick in die Herrlichkeiten des Him-\nmels dieselbe Wohltat war, wie einem, der lange\nzwischen hohen Häusern gewandert, der Ausblick\nvon einem hohen Turm eine Wohltat bedeutet.\nDie Unharmonie vieler durcheinander gestammel-\nter Gebete schwebte über diesem Zug wie ein\nschwerer träger Vogel. Es wirkte einlullend und\nwir vergaßen, daß die Pracht sich steigern würde.\nWenn wir schon ganz in dieses Vergessen ver-\nsunken waren, erlöste uns die gesteigerte Schön-\nheit des Zuges. Wir sahen die Prunkgewänder\nder Priester, das goldbeladene Blenden des\nschwankenden Himmels, unter dessen Schatten ein\ngreiser Priester ging, in ausgestreckten Händen\ndie goldschwere Monstranz mit dem Leib Christi\nvor sich her tragend. Ferne Musik klang auf; ein\nKirchenverein blies ein ernstes Lied. Wir staun-\nten vor so viel Pracht und erkannten die Volks-\nmusik, die in diesem allen lag, wir begriffen, daß\nnach diesem Höhepunkt, nach diesem Erscheinen\ndeg priesterlichen Glanzes nichts Höheres und\nGrößeres mehr kommen könne und daß der Strom,\nder bescheiden angefangen, nach und nach mäch-\ntiger und eindrucksvoller geworden war, jetzt\nwieder zurückebben müsse, um ebenso beschei-\nden zu enden, wie er begonnen. Und so nahmen\nwir die einfachen Frauen und Männer, die hinter\ndem Himmel herschritten, als den ruhigen Aus-\nklang dieses katholischen Volksliedes hin.\nDies soll Dich verstehen lehren, wie ich, den\nletzten Teil des Wunders in jener Nacht betrach-\ntete. Als Ausklang des Heldenliedes, das über\nmich gekommen. Nach der höchsten Welle, die\nNapoleon Buonaparte hieß, kam das Zurückfluten.\nDiese geschwungene Linie der zurückfallenden\nWelle aber bildete der deutsch-französische Krieg,\nder in die ruhigen Jahre des wiederhergestellten\ndeutschen Reiches hineinführte und mich in die\nStunde zurücktrug, in der ich das Wunder erlebte.\nO. hättest Du den Krieg gesehen, wie ich ihn\nsah — wahrlich, Du bätest mich: schreib mir noch\nviel mehr, viel mehr von dieser Schönheit! Trun-\nken vom Anblick der Herrlichkeit, trunken vor\nallem von dem Bewußtsein, den Höhepunkt er-\nreicht zu haben, selbst Höhepunkt gewesen zu\nsei, genoß ich den großen Krieg. Ritt an der\nSeite der ernsten Generäle, war aus treuestem\nHerzen Deutscher und Franzose, schickte Armeen\ngegen Armeen ins Feld, jagte über die Fluren von\nMetz, besiegte ,die Franzosen bei Sedan und nahm\nam andern Tag den Kaiser gefangen;, grüßte mit\nStolz die französische Erde und zog selbstbewußt\ndurch die Tore der glänzenden Seinestadt, in der\nich einmal umjubelt ward von Tausenden, damals,\nda man mich Napoleon Buonaparte nannte. Ich\nerstickte im Jubel und zerfloß in Musik und saß\ndaneben als Zuschauer, der wußte, daß diese Mu-\nsik ewig forttönen müsse. Noch berauscht von\nder blutigen Pracht des Krieges, erlebte ich Bis-\nmarck. Meine Muskeln waren Stahl meine Ge-\ndanken Marmor und meine Wünsche Feuer. Ich\nwar ein Erdbeben. Ich stand mit. breiten Füßen\n.in der Erde und tauchte mein ehernes Haupt in\ndie Wolken. Ich war Bismarck und fühlte doch\ndie welterschütternde Emsigkeit Napoleon Buo-\nnapartes in mir nachzittern. Ich war ich und\nnicht ich, war alles und nichts.. Könnte.ich Dir\ndoch dieses Gefühl einer erhabenen. Nichtigkeit\nschildern!\nSo klang das Wunder aus; abflutend, ruhig\nund groß in Ordnung. Dies geschah vor zwei\nJahren; meine Seele war empfänglich für das\nWunder, denn hinter ihr lag eine Reihe öder Mo-\nmente, in denen sie gewesen wie eine Orgel, die\nlange keine Meisterhand berührt und belebt hatte.\nSie war im höchsten Maße aufnahmefähig, und es\nbedurfte nur eines starken Ereignisses, um sie\nzum Tönen zu bringen.\nIn. -jener Nacht des Wunders, Theo, fand ich\nmein Werk, das eine neue Kunst herbeiführen soll.\nMeine Seele wurde befruchtet von einem Gewal-\ntigen. Es ist nicht die Frage, ob eine Seele groß\n.und edel sei, es ist die Frage: ist sie so zart or-\nganisiert, daß selbst der schwächste Hauch eines\nMundes eine Spur auf ihr zurückläßt? Und wenn\ndie Seele derart bereit ist, zu empfangen, dann\nmuß ein Mächtiges, außer uns, das dennoch völlig\nin uns ist, kommen, und muß die große Gebärde\nder Befruchtung über uns ergehen lassen. Wir\nvergessen, versinkend in ein Meer des Genusses,\nwer wir sind. Wir vergessen unsere Sterblich-\nkeit, die Schranken, die unserem Können gezogen\nsind, vergessen die Disharmonie, die das Leit-\nmotiv des Lebens ist, und sind nur Helden . . ,\nWir sind geschlechtslos und dennoch höher\nstehend als der Mann und das Weib, wir sind vor\nAnbetung unfähig, uns zu rühren, auch nur das\näußerste Glied des kleinen Fingers zu bewegen\nund sind dennoch stärker als die ganze Mensch-\nheit; wir atmen kaum und vermögen nicht den\nMund zu öffnen und den leisesten Ton zu stam-\nmeln, geschweige denn zu singen, und dennoch\ngibt es keinen, der mehr Musik wäre als wir\nDas ist das Wunder des Künstlers, Theo: im\nAugenblick, da er sein Kunstwerk empfängt, ver-\näußert er sich restlos, gibt sich dem Universum\nhin und erobert sich so alle Musik, die möglich ist.\nAls die Stunde der Empfängnis hinter mir lag,\nwar ich ein anderer Mensch geworden. Keiner\nerkannte mich wieder: den heitern Künstler hatte\ndie Empfängnis zum unruhigen, reizbaren Unzu-\nfriedenen gemacht, der durch seltsame Gebärden\nund verworrene Worte die Aufmerksamkeit der\nMenschen auf sich zog. Du selbst wirst Dich wohl\njener Tage erinnern, in denen ich, wie Du mir ein-\nmal in hohem Zorn sagtest, „nicht zu genießen\"\nwar. Es ist etwas seltsames um einen Menschen,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1660, "texte": "dessen Geist trächtig ist. Du wußtest nicht, mit\nwelchen stolzen Gedanken ich mich trug . . . ich\n.weihte keinen in meine geistige Wollust ein, denn\ndies wäre mir einer Entweihung, einer Lästerung\nder Gottheit gleichgekommen.\nHeute aber, da ich ermattet bin, da ich mich\nganz als ein Weib fühle, dem die gräßlichsten\nWehen den Leib zerrissen, heute lächle ich müde\nund selig und lege meine Seele vor Dich hin: sie\nhat das größte geleistet, was sie leisten konnte.\nIm kommenden Winter wird mein Werk ge-\ngeben werden. In einem Leipziger Theater, des-\nsen Direktor mir verpflichtet ist.\nIch. erstaune, da ich sehe, welch einen langen\nBrief ich geschrieben. Siehst Du, so rettungslos\nbin ich der Musik verfallen, so ausschließlich bin\nich Musik, daß sie selbst bei der äußersten Er-\nmüdung mich zwingt, ihre Pracht zu verkünden.\nIch lebte, da ich diesen Brief schrieb, in einer\nStunde der Ueberzeugung, es gäbe keinen klang-\nreicheren Menschen als mich. In solcher Sieger-\nhoffart schrieb ich Dir. Jetzt aber muß ich eine\nunendliche Stille um mich haben, es verlangt mich\nnach der berauschenden Musik einer friedlichen\nsonnigen Landschaft.\n— Lebe wohl, Theo, und erwarte das Werk\nmeiner tönenden Seele, erwarte meine tönende\nSeele selbst. Lebe wohl und schreibe mir nicht.\nIch habe mich in eine Stille eingesponnen, die\nselbst mein lautestes Reden, das Lachen und Strei-\nten der Menschen, die hier verkehren, nicht zu\nzerreißen vermögen. Aber ein Einfluß, merke\nwohl, ein geschriebener Einfluß, darf nicht zu mir\nkommen; der verfolgte mich auf Schritt und Tritt,\nund seine entsetzlichen Buchstaben töteten in\nsteter Bereitschaft meine tönende Stille.\n— Lebe wohl."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c005", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "265", "page_fin": "266", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.5", "titre_corps": "Die Geschichte", "titre_sommaire": "Die Geschichte", "signature_source": "Uli Tarosch ; dem Kater Schopenhauer ; John von Gorsleben", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.5", "debut_caractere": 1662, "fin_caractere_exclue": 10206, "texte": "Die Geschichte\nvon Uli Tarosch und dem Kater Schopenhauer\nVon John von Gorsleben\nDamals war Uli Tarosch siebenzehn Jahre alt\nund wunderschön. Sic hatte graue Augen von\ndem länglichen Schnitt und dem matten Glanz\neines geschliffenen Steines. Auch standen sie\nweit voneinander ab und lange schwarze Wim-\npern hingen an den schweren Lidern dieser merk-\nwürdigen Augen. Ihr Qang war leicht, und es lag\neine anmutige Keckheit in der Art, wie sie die\nkleinen Füße vorsetzte.\nUli besaß einen riesengroßen schwarzen\nKater mit kugelrunden grünen Augen und\nzwar von jenem seltenen Grün alter Türkise.\nDieser Kater hieß Schopenhauer und liebte Uli\nmit einer ausschließlichen und ergebenen Liebe,\nwie alle Welt wußte. Auch wußte man, daß Uli\nuehr als einwandfrei erklärlich diesem Tiere zu-\n?etan war, wohingegen sie die zahlreichen Ver-\nehrer schnöde behandelte und ihnen allen den un-\nheimlichen, unchristlichen und seelenlosen Kater\nvorzog.\nGanz besonders litt hierunter der Maler Niko-\nlai Iwanowitsch Aladjew, ein Russe. Er liebte Uli\nmit einer märchenhaften Inbrunst, einer Tiefe,\nAusschließlichkeit und einer Hoffnungslosigkeit,\ndie ihn schon mehrfach an den Rand einer ab-\ngründigen Verzweiflung gebracht hatte. Sein\nAussehen entsprach gänzlich diesem beklagens-\nwerten Zustand. Mit seinen beiden Freunden,\neinem nieder-österreichischen Musiker und einem\ndänischen Bildhauer, gehörte er dem engeren\n\"Kreise von Ulis Verehrern an. Ihre Namen zu\nnennen, darf füglich unterlassen werden, denn sie\ntreten im Verlauf der Geschichte, die wir hier er-\nzählen wollen, in der Hauptsache als bloße Sta-\ntisten in Erscheinung. Hingegen muß mit Nach-\ndruck eines Mannes erwähnt werden, der mit\neinigem Recht Aussicht auf eine Nachfolgerschaft\nSchopenhauers zu haben schien: nämlich Hugo\nKiills, eines Deutschen und Philosophen, der so-\neben eine Erkenntnistheorie erfunden hatte.\nDiese Tatsachen, vor allem aber das elende\nAussehen Aladjews, hatten die unleugbar feind-\nselige Stellung der Nachbarschaft Uli gegenüber\nverschuldet; allerdings mochten auch allerlei un-\nkontrollierbare Gerüchte hierzu wesentlich beige-\ntragen haben. So wollte man den Kater Schopen-\nhauer bei Nacht und Mondschein durch die Luft\nsausend gesehen haben, wie er im Kamin über\ndem Atelier, das Uli im vierten Stock eines Hauses\nvon Schwabing bewohnte, verschwunden sei.\nUeberhaupt sprach man schon allgemein ganz laut\nund mit Ueberzeugung die Ansicht aus, Uli Ta-\nrosch wäre eine Hexe und stände durch Schopen-\nhauer mit dem Teufel im Bunde. — Dem war\naber nicht so. • Jedenfalls war Uli anmutig, schön\nund gottlos genug, daß es unter zeitlich günstige-\nren Umständen ein leichtes gewesen wäre, sie dem\nHolzstoß zu überantworten. Jetzt begnügte man\nsich mit Steinen nach ihr zu werfen.\nDas hatte zur Folge, daß Uli ihr Atelier nur\nmehr selten verließ und die Tage und halben\nNächte in Gesellschaft Schopenhauers und ihrer\nVerehrer zubrachte. Das Ergebnis eines Zusam-\nmenseins von Menschen unter solch unnatürlichen,\nqualvollen Umständen war eine allgemeine Ner-\nvosität, die sich schließlich bis zur Unerträglich-\nkeit steigerte. Ganz besonders wiederum machte\nAladjews melancholischer Russenkopf einen kläg-\nlichen Eindruck. Seine Leidensfälligkeit schien\nzu Ende zu sein.\nHugo Küll, der Philosoph, schien bei dem all-\nseitigen Zusammenbruch der Einzige zu sein, der\nnoch Klarheit des Geistes genug zu irgendwelcher\nAbwehr besaß. Er beschloß, den Kater unschäd-\nlich zu machen, durch Hypnose unschädlich zu\nmachen. Denn ihn zu töten fürchtete er sich vor\nUli und vielleicht vor Schopenhauer selbst, ob-\ngleich er das nicht eingestehen wollte. Nach vie-\nlen Wochen und mühsamen Experimenten gelang\nes ihm, Einfluß auf den Kater zu gewinnen. Es war\ndann belustigend und schreckensvoll zugleich, wie\nSchopenhauer dem Wink der gebieterischen Augen\nKülls folgte, aber nach jedem Schritt den Kopf\nwie unter Schmerzen in dem Nacken drehte und\nnach Uli zurückschielte, die irgendwo auf der\nOttomane lag. Diese unnötig komplizierte und\nüberdies lächerliche Gangart mußte auf Aladjew\nentschieden von suggestiver Wirkung sein, denn\nnach Verlauf einiger Zeit begann er des Katers\nrätselhafte Bewegungen nachzuahmen.\nEin vorurteilsloser Beobachter hätte in diesem\nabsonderlichen Gebahren ohne Mühe deutliche\nSpuren von Geistesstörung erblickt. Nicht so\nHugo Küll, der Philosoph, noch seine Freunde.\nWie Uli Tarosch darüber dachte ist unsicher.\nAnzunehmen ist aber, daß, wenn sie überhaupt\netwas gewahr wurde, ihr diese bedrohlichen An-\nzeichen ohne Zweifel Vergnügen bereiteten. Tat-\nsache ist, daß sie eine unwandelbare Ruhe zur\nSchau trug und der Entwicklung der Dinge, die\nzur Katastrophe führen mußten, weder Vorschub\nleistete noch sie verzögerte.\nUnd die/ Katastrophe kam.\nDer letzte spärliche Rest des Tages war mit\ngroßer Gleichgültigkeit geschieden. Schon kroch\nder Mond schwerfällig hinter den Dächern der\nStadt herauf und zeichnete ein schmales Band vio-\nletten Lichtes durch das immense quadratische\nFenster in Ulis Atelier. Ein Teppich leuchtete\nblutrot aus dem Schatten hervor und lag da,\nlang und gestreckt, wie die lebendige Zunge eines\nUngeheuers. Uli saß, ein Bein über dem andern,\nauf der Ottomane und hielt eine Zigarette zwi-\nschen den zarten Fingern, an denen sie gewöhn-\nlich große Halbedelsteine in altertümlicher Fas-\nsung trug. Ringsum an den weißen Wänden stan-\nden oder saßen die Freunde, Küll, wie gewöhn-\nlich ernsthaft bemüht, den nebenbuhlerischen\nKater herbeizuhypnotisieren. Und wirklich, Scho-\npenhauer, dessen grüne Lichter dabei gespenstisch\nin der Dämmerung phosphoreszierten, setzte sich\nin Bewegung. Küll zwang das Tier offenbar mit\njedem neuen Tag mehr unter seinen Willen. Bis-\nlang hatte Uli ihn ungläubig lächelnd gewähren\nlassen. Sei es nun, daß sie begann Külls Erfolge\nzu fürchten oder daß es es sie reizte diesen Be-\nstrebungen gegenüber ihre Macht zu erproben:\nmit einem Male wurde sie unruhig, warf die Ziga-\nrette fort und, wie infolge eines plötzlichen Ent-\nschlusses, rief sie Schopenhauer mit lockenden\nKoseworten herbei. Dieser stutzte, entzog sich\nden Blicken Külls und flüchtete mit einer über-\nraschenden Wendung in die ausgestreckten Arme\nUlis, die ihn mit einer schützenden Gebärde vom\nBoden und auf ihren Schoß riß. Dann schmiegte\nsie seinen runden schwarzen Kopf au ihre Brust\nund begann ihn wollüstig zu küssen und zu strei-\ncheln. Unter ihren Händen löste sich die künst-\nliche Starrheit des geschmeidigen Katzenleibes in\neiner warmen Behaglichkeit. Behaglichkeit aber\nerweckt Begehren, und Schopenhauers leichte Er-\nregbarkeit erwärmte sich an ihr mit rascher Stei-\ngerung bis er sich schließlich, durch keinerlei mo-\nralische Gegenvorstellungen gehemmt, verlangend\nund gierig schnurrend in den Schoß der Frau\nwühlte.\nDieses suchende lüsterne Schnurren erfüllte\ndespotisch den kahlen Raum. Küll staunte ver-\nloren ins Leere, und die drei Freunde starrten\nvor wahnwitziger Eifersucht mit grünlichen Ge-\nsichtern dorthin, von wo das Liebesschnurren\nkam. Uli lächelte, aber die halbe Dunkelheit ver-\nschlang das Lächeln, in dem sich grausame Zärt-\nlichkeit und naiver Siegerstolz mengten.\nMit einer kindlichen Freude am Erfolg stei-\ngerte sie die Begierde des Tieres durch raffinierte\nLiebkosungen. Das wollüstige Schnurren wurde\nimmer unerträglicher und endete zuletzt in einem\nwütenden Grunzen. Uli saß mit zusammenge-\npreßten Schenkeln da. Sie hatte das Kinn er-\nhoben, die Augen geschlossen und den Mund\nleicht geöffnet. Ihr Körper streckte sich und er-\nschauerte in leisem Zittern. Mit nervösen Bewe-\ngungen, wie vernunftbegabt und eigentätig, zuck-\nten ihre Fingerspitzen durch das schwarze weiche\nFell, bis sie unvermittelt in einem Anfall sinnlicher\nRoheit die Nägel tief in den heißen Körper des\nTieres grub, das schmerzvoll aufschrie.\nDie vier Männer ringsum an den Wänden\nlauschten mit gereckten Hälsen und verzerrten\nGesichtern. Sie lauschten gespannt und empfin-\ndungslos nach etwas, nach etwas Ungeheuer-\nlichem, lauschten und lauschten, bis dennoch über-\nrumpelnd das Erwartete eintrat: ein wildes stol-\nzes Geheul, das Sieges- und Triumphmiauen des\nwollusterlösten Katers erscholl, so schrill, schran-\nkenlos und voll Hohn, und drang den Männern\nschmetternd und ungehemmt in das Gehirn, so\nschmerzend und stehend, als ob kein i rommelfell\nden schwankend hohen Schall mehr dämpfte.\nDa geschah etwas Grauenvolles, was allen die\nHaare zu Berge trieb und die Poren der Haut weit\nöffnete. Nikolai Iwanowitsch Aladjew schnellte\nmit einem Satz von der Wand, wo er wie ver-\nsteinert gestanden hatte, in die Mitte des Raumes,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4635, "texte": "sank auf seine Hände, warf qualvoll das katzen-\nartig entstellte Haupt in den Nacken und begann\nmit schmerzlich verzogenem Mund ein herz-\nerbrechendes Miauen, leidenschaftlich bemüht, das\nTriumphgeheul des glücklichen Nebenbuhlers zu\nübertönen. Ein kurzes Auflachen Ulis erklang,\nbefremdlich in seiner Trockenheit. Schopenhauer\naber, der erregt und mit sonderbar scharfen Wen-\ndungen und mit gesträubtem Rücken saine Herrin\numkreiste, fuhr wutfauchend und mit grünen\nAugen, Aladjew entgegen. So stierten sich die\nGegner eine Weile fletschend und voll blöden\nHasses an. Lediglich Schopenhauers Schweif, der\nkerzengerade und erbost in den Aether stach,\nstörte die Symmetrie des ungewöhnlichen Bildes,\nbis sich langsam, behutsam die elastischen Glie-\nder des Katers lösten. Er glitt lautlos zurück,\noffenbar in listiger Absicht, sich wie zum Sprunge\ndicht an den Boden kauernd. Das lauernde\nsprungbereite Tier erweckte in Aladjews Seele\neine sinnlose phänomenale und unzähmbare\nFurcht, eine Furcht, die in seinem gemarterten\nGehirn vollends den kalten Wahnsinn entfachte.\nEr stieß ein tiefes dumpfes Brüllen aus, wie es nur\neine grenzenlose Furcht gebären kann, ein Brül-\nlen, das nicht aus Lungen, sondern aus Eingewei-\nden zu kommen schien und in rollendem Rythmus\ndie Glasscheiben erklirren ließ. Dann sprang er\nauf und mit großer angstgejagter Gebärde zur\nTür hinaus und die dunkle Treppe hinunter, als\nwenn der leibhaftige Teufel ihm mit kalten Kral-\nlen im Nacken säße. Schopenhauer, anfänglich\nverdutzt durch das Furchtgebrüll, verharrte einen\nAugenblick mit zugekniffenen Augen und zurück-\ngelegten Ohren; dann schoß er wie ein Schatten\ndurch die Luft auf den Flur und über die knacken-\nden Stufen dem Fliehenden nach.\nWar es der suggestive Eindruck dieses fabel-\nhaften Vorganges oder waren sie ohnehin schon\ndem Wahnsinn verfallen, urplötzlich hüben der\nnieder-österreichische Musiker und der dänische\nBildhauer zu schreien an wie zuvor Aladjew und\nstürmten polternd hinaus und hinterdrein.\nIn der stillen Umgebung der nächtlichen\nStraße wurde es lebendig. Ein Hund schlug an,\nFenster öffneten sich und verwunderte Hälse\nreckten die Köpfe heraus nach den drei Menschen,\ndie mit unvernünftigen Gebärden, schreiend und\nmiauend in der trüben Mondhelle die Straße mit\nder weißen Bogenlampenreihe hinunterliefen. Dies\nalles machte einen solch seltsamen Eindruck, daß\ndie späten Spaziergänger, die der Erscheinung\nbegegneten, nicht nur verwundert stellen blieben,\nsondern unwillkürlich ins Laufen gerieten, sei es\naus Neugierde oder unter jenem unbestimmten\nZwang, der Menschen laufen macht, wenn sie\nandere laufen sehen.\nAlles geriet in kopflose verständnislose Auf-\nregung und Bewegung, schrie und brüllte. Rufe\ndes Staunens und des Schreckens wurden laut,\nHöfe und Seitenstraßen spien kläffende Hunde und\nfauchende Katzen aus, die einander hetzten und\nin der allgemeinen Jagd kläffend, fauchend und\nheulend dem Schwärm lächerlich hastender Men-\nschen folgten. So kollerte die Menge, Nikolai\nIwanowitsch Aladjew und Schopenhauer allen\nvoraus, die Leopoldstraße hinunter und schließlich\num die Ecke einer Straße, die zum Englischen\nGarten führt. Gerade als der Schwärm in das\nDunkel des Parkes einbiegen wollte, flammten\n*wei gelbe Blendlaternen auf, eine Hupe ertönte\nund ein Elektromobil glitt gedankeschnell heran.\nAls wenn der rücksichtslose stets gleiche Laut der\nHupe den Bann gebrochen hätte, stoppte plötzlich\ndie geisterhafte Jagd. Das Elektromobil knisterte\ninteresselos an dem Häuflein verwunderter abge-\nhetzter Menschen vorbei, die sich unwissend fra-\ngend ansahen und schließlich beschämt von dan-\nnen schlichen, indessen die Katzen die Bäume er-\nstiegen und die Hunde, allen Hader vergessend,\neifrig hinter einer Hündin hergaloppierten, die mit\neingezogenem Schwanz Quer über die Grasfläche\nfloh.\nEs war des andern Morgens schon spät, als\nSchopenhauer vor der Ateliertür Ulis Einlaß be-\ngehrte. Zu Schopenhauers Erstaunen, war es\nKüll, der ihm öffnete. — Es muß an dieser Stelle\nendlich gesagt werden, daß Hugo Küll, der Philo-\nsoph, den Ort der Katastrophe nicht mehr verlas-\nsen hatte. Uli hob den Ankömmling, der scheu\nund verlegen entschlüpfen wollte, auf ihre Arme\nund sah ihm mit unheilvoller Ruhe in die grünen\nAugen. Dann küßte sie flüchtig seine heiße\nSchnauze, trat an das offene Fenster und, ehe es\njemand hätte hindern können, schleuderte sie das\nTier in die Tiefe des asphaltglatten Hofes.\n„Bist du nun zufrieden?\" fragte sie vom Fen-\nster zurücktretend und lächelte Küll ergeben zu.\nZur selben Stunde aber brachte man den\nMaler Nikolai Iwanowitsch Aladjew mit einem\ngrünen Wagen in die Kreisirrenanstalt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c006", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "266", "page_fin": "266", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.6", "titre_corps": "Glosse zu meinem Werk", "titre_sommaire": "Glosse zu meinem Werk", "signature_source": "Ardengo Soffici", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.6", "debut_caractere": 4637, "fin_caractere_exclue": 9007, "texte": "Glosse zu meinem Werk\nVon Ardengo Soffici\nPerrnettez-mori de vous repeter ce que je\nvous disais ici: traiter la nature par le\ncyündre, la sphere, le cone\nPaul Cezanne: Brief an Emil Bernard\nDa ich zum ersten Male in Deutschland aus-\nstelle, halte ich es für nötig, dem deutschen Pu-\nblikum eine Idee von der Entwicklung meiner\nKunst zu geben. Nur einen Teil meiner Versuche\nwill ich hier vorlegen: das Resultat der letzten\nfünf Jahre — nämlich seitdem ich mich in meiner\nKunst vollständig jener Bewegung in der Malerei\nangeschlossen habe, die zur Zeit in ganz Europa\nunter dem zwar nicht zutreffenden aber durch\nden Gebrauch geheiligten Namen „Kubismus\" be-\nkannt ist.\nIch hätte die Ausstellung auf die letzten Resul-\ntate meines Schaffens beschränken können, aber\nindem ich dem Beschauer in meinen Arbeiten\nzeigte, wie diese Tendenz auftauchte, fortschritt\nund sich durchsetzte, glaubte ich am besten ihre\nNatur und Notwendigkeit klar zu legen, und da-\ndurch ein Urteil, sei es gut oder böse, über die\nmannigfaltige Realisierung zu erleichtern.\nIn der Tat wird es für den Kunstverständigen\ngenügen, die hier ausgestellten Gemälde aufmerk-\nsam zu betrachten, um zwischen den ersten und\nletzten etwas wie eine starke geistige Verwandt-\nschaft zu entdecken, die logische Entwicklung\neines künstlerischen Problems, die notwendige\nUmbildung einer immer exklusiveren Konzeption\nder sichtbaren Welt.\nSo wird man zum Beispiel sehen, wfe auch in\nmir, der ich für kurze Zeit ein Anhänger der so-\ngenannten impressionistischen Aesthetik war, wie\nfast alle Künstler meiner Generation, sich genau\nin dem Augenblicke der ersten in Frankreich ein-\ngetretenen Reaktion, ein Bedürfnis nach Einfach-\nheit, Wirklichkeit und Disziplin geltend machte,\nwie sie der Impressionismus niemals oder fast\nniemals kannte.\nChromatischer Ueberschwang, zitterndes Ver-\nschwimmen der Formen und der Zeichnung, an-\narchische Erregtheit der Sensibilität waren die\nhervorstechenden Züge des Impressionismus.\nDiesen Eigentümlichkeiten, die zu Fehlern wurden\nbei de» Fortsetzern, den Nachahmern und auch\nbei den Lehrern — Monet, Sisley, Pissaro mach-\nten zuletzt ein System daraus — sowie der Ein-\nseitigkeit, der Verschwommenheit, dem Anekdo-\ntischen mußte eine nach Erneuerung begierige\nJugend andere Werte entgegensetzen. Sie ent-\nstammen einem weiteren, konstruktiveren Wirk-\nlichkeitsempfmden.\nSchon im Schöße des Impressionismus selbst\nlag die Reaktion. Paul CSzanne (nicht zu reden\nvon Renoir, dem wundervollen ganz für sich\nstehenden Künstler, noch von Gauguin, noch von\nVan Gogh, die bedeutungsvoll, aber ornamental\nsind), Paul Cezanne — der große Lehrer von uns\nallen — hatte sie begonnen und ruhmreich fort-\ngeführt. Indem man sich seine Lehre zunutze\nmachte, ohne seine ersten Kampfgenossen zu ver-\nnachlässigen, brauchte man nur auf diesem Weg\nfortzuschreiten.\nAber es ist nicht genug zu reagieren gegen eine\nForm der Kunst, deren Zeit vorüber ist. Das ist\nnur der erste Schritt zur völligen Freiheit; und\nder Geist, dem sich die Möglichkeit einer ganz\nneuen Folge von Studien und Entdeckungen ent-\nhüllt hatte, konnte nicht stehen bleiben, er mußte\nweiter, tiefer gehen.\nSo kam es, daß einige der Kühnsten unter den\njungen Künstlern rasch über die Formlosigkeit,,\ndie koloristischen-lyrischen Exaltionen des Im-\npressionismus hinwegschritten, zum Studium der\nKomposition und der Volumina, denen Cezanne\nbesondere Sorgfalt widmete. Und indem sie\ndiese Studien immer mehr vertieften, standen sie\nplötzlich vor dem Problem der völligen Emanzi-\npation von jeder objektiven Darstellung der wirk-\nlichen alltäglichen Formen, von jedem Gedanken\nan Schilderung, Anekdote, Psychologie, Moral,\nEmpfindung, Pädagogik oder Dekoration, kurz,\nvor dem Problem der wahren synthetischen ly-\nrischen Malerei — und so entstand der Kubismus.\nDa ich, wie ich schon sagte, ein Anhänger\ndieser Schule bin, steht es mir, glaube ich, nicht\nzu, sie zu beschreiben und ihre Zukunft zu prophe-\nzeien. Ich habe nur in wenigen Worten ihre\ngeistige Geschichte skizzieren wollen, es ist auch\ndie Geschichte der fünfundzwanzig Arbeiten, die\nich ausstelle. Sie zeigen dem deutschen Publi-\nkum und der deutschen Kritik von 1908 bis heute\ndie aufeinanderfolgenden Stadien meines persön-\nlichen Beitrags zu der Bewegung auf einer Straße,\ndie die moderne Malerei notwendig bis zum Ende\nwird verfolgen müssen.\nFlorenz, Dezember 1912"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c007", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "266", "page_fin": "267", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.7", "titre_corps": "Die rote Flamme", "titre_sommaire": "Die rote Flamme", "signature_source": "Hermann Wagner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.6", "debut_caractere": 9009, "fin_caractere_exclue": 9678, "texte": "Die rote Flamme\nVon Hermann Wagner\nUnd je lustiger und lauter sie sich gebärde iet\num so stiller und banger wurde er in seinem Her-\nzen —\n„Noch eins!\" sagte schließlich Fräulein Hen-\nmine, indem sie Herrn Theobald gegenübertrat.\n„Noch eine Bitte habe ich an Sie . .\nSie sprach merkwürdig gedämpft und ihre Lider\nwaren halb gesenkt.\nUnter diesen halb geschlossenen Lidern kroch\naber ein brennender Blick hervor, und Herr Theo-\nbald fühlte, wiie dieser Blick sich um seinen gan-\nzen Körper wand, sich um ihn festschnürte und\nallen Willen 'und alle Energie aus ihm heraus-\nsaugte . . .\nWie einen ohnmächtigen Halm im Winde sah.\ner seinen Körper hin und her schwanken . . ."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3878, "texte": "...Reden Sie, liebes Fräulein,\" stammelte er.\n„•Nein.! Sie miüssen mir vorher versprechen,\n•daß Sie nicht nein sagen werden! . . .\"\n..Wenn ich es vermag . .\n„Es ist ein nichts, Herr Theobald! ... ein\nXHcbts! . . .\nSagen Sie: Ja! . .\nHerr Theobald zögerte.\n„Versprechen Sie es mir! Ich bitte darum!\"\nSie stand ganz dicht vor ihm und lächelte ihn\nan . . .\nIhr Lächeln! . . .\n...Sagen Sie: ja! Sagen Sie es!\"\nJfa . . . Ja! . .\nSie flüsterte ihm etwas ins Ohr.\nEr verfärbte sich und wich zurück.\nAber sie breitete ihre Arme aus . . .\nDa gab er einen schluchzenden Laut von sich\nutk! sank an ihre Brust . . .\nSie war gegangen . . .\nEben als es Mittag schlug und die Glocken an-\nhüben zu läuten, hatte sie ihm ein letztes Mal die\nHand gedrückt, und ihr Kopf war, mit einer\nlächelnden Wendung gegen ihn, hinter der Türe\nverschwunden.\nSeitdem hatte er sich stumpf und regungslos,\nnicht vom Platze gerührt, und sein ganzes Be-\nmühen war dahin gegangen, ihr Bild in seiner\nPhantasie festzuhalten.\nEine Stunde schon saß er so.\nEr vermeinte noch ihren letzten Gruß zu\nhören, das leichte Geräusch ihrer Tritte, als sie\ndie Stiegen hinabgegangen war, tönte in ihm fort,\nihm war, als vernehme er noch den dumpfen\nTon, als die Haustüre hinter ihr ins Schloß ge-\nfallen war —\nFort, fort . . .\nHerr Theobald nahm Hut und Stock, verschloß\ndie Füre und ging, die „Sorge\" hinunter, nach der\nStadt.\nWährend der Schnee unter seinen Füßen\nknirschte, und das grelle Licht des Wintertages\nvon allen Seiten auf ihn eindrang, wurde er ge-\nwahr, wie das Gefühl der Bangigkeit und einer\nverzweifelten Sehnsucht in seiner Brust sich lang-\nsam und zaghaft löste.\nEr langte auf dem Marktplatz an, nahm seinen\nWeg schlendernd durch die Lauben, umging mehr-\nmals den kleinen Platz und war sich im Grunde\ngar nicht klar, wo er war und was er wollte.\nDie Menschen sah er nicht, ebensowenig die\nHäuser um sich her; er machte den Weg rein\nmechanisch. Sein Blick war immer starr gerade-\naus gerichtet, hatte kein Ziel und verlor sich in\neinem Wirrwarr von Gestalten und Geschehnis-\nsen, die .seine heiß arbeitende Phantasie in einer\nuferlosen Menge vor ihn hinstellte.\nDie scharfe Luft, die seinem Gesichte beißend\nentgegenschlug, tat ihm ungemein wohl, und die\nSonne, die berückende, sich zärtlich einschmei-\nchelnde Wintersonne, bewirkte, daß in seine Seele\netwas wie ein lachender Schein fiel und dort ein\nkleines Glücksgefühl weckte, ein bescheidenes,\nwinziges Glück, von dem sich dem Körper eine\nbehagliche Menge von Wärme und Trost mitteilte.\nEr dachte:\nDa draußen irgendwo fährt jetzt ein Zug . . .\nKeuchend und pustend stampft er dahin, durch\nFelder und Wälder, und an Dörfern und Städten\nvorbei, und, in irgendeine Ecke gedrückt, mit\nleuchtenden Augen, mit sehnsüchtigem Herzen,\nsitzt jemand, der immerhin meiner gedenkt, . . .\nmeiner gedenkt ...\nEr wurde nicht müde, es sich auszumalen:\nWie sie immer an ihn denken mußte, genau so\nwie er an sie . . .\nWie in ihrem Herzen ein Keim von Dankbar-\nkeit steckte, der wuchs und wuchs und sich wan-\ndeln würde . . .\nWar es nicht wirklich geschehen?\nHatte sie es ihm nicht wirklich gesagt, mit\nWorten, mit ihrer eigenen Stimme, indem ihr\nKörper sich leibhaftig an den seinen gepreßt\nhatte? . . .\nDaß sie ihn lieb habe —\n„Ich habe dich lieb,\" hatte sie gesagt . . .\nHerr Theobald blieb stehen, sah starr vor sich\nauf den Boden und machte mit seinem Stocke\nkleine verschrobene Zeichen in den Schnee.\n„Ich habe dich lieb,\" sagte er dabei und\nlächelte iii sich hinein.\nWie oft sagte er es?\nEs war plötzlich Sonne in ihm.\nWarum ging er nicht hin und umarmte diesen\nBaum, warum fiel er nicht um jene Säule und\nküßte sie! Jeden Stein hätte er aufheben mögen\nund ihn liebkosen, alles, was um ihn her war, an\nsein Herz drücken. Er lief plötzlich im schärfsten\n1 ernpo dahin-, daß die Leute stehen blieben und\nsich verwundert und belustigt anstießen, er\nrannte . . . rannte ..."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c008", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "267", "page_fin": "267", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.8", "titre_corps": "Berliner Sylvester", "titre_sommaire": "Berliner Sylvester", "signature_source": "Joseph Adler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.7", "debut_caractere": 3968, "fin_caractere_exclue": 7616, "texte": "Berliner Sylvester\nJoseph Adler\nUnd sie raste wieder, die Sylvesterbestie.\nSie bereitete der Papierschlange ein Paradies, der\nJahreswechsel wurde von allen Lebensanalpha-\nbeten sorglos akzeptiert, die Weiber kreischten,\nals gingen sie mit dem neuen Jahre nieder, Ra-\nketen stiegen, der Knalleffekte des gemeinen Ulks\nund der Rohheit war kein Ende, und das war nur\nder Anfang. Zwischen dem Sarge des alten Jah-\nres und der Wiege des neuen wurde die Lebens-\nfreude vergewaltigt. „Immer obenauf ist die De-\nvise der Kinder echter Fidelität, und der Men-\nschenwürde ist ein tolles Ende bereitet. Leute,\ndie das ganze lange Jahr hindurch nicht ein Fiink-\nchen Geist versprühn, verbrennen in der Syl-\nvesternacht nach einer famosen Idee. Und es\nist wahr: daß „es bedeutend leichter ist. die zahl-\nreichen gemütvollen Feste an ihrem vorausbe-\nstimmten Datum zu feiern, als das eine, das aus\nirgendeinem unbekannten Grunde ein reiches Maß\nvon Witz verlangt. Von dem überreichen Vor-\nrat an Gemüt, der uns nun mal innewohnt, kön-\nnen wir immer spenden. Leider sind wir nicht\nehrlich genug, um uns einzugestehen, daß es mit\nunserer eingeborenen Lustigkeit nicht weit her ist.\nMag Punsch, Sekt und angenehme Weiblichkeit im\nLaufe des Abends den sagenhaften Berliner Witz\nin uns entfesseln — am Nachmittag sind wir noch\näußerst verlegen.\"\nDoch „wie immer, wenn uns was fehlt, tritt\neine Industrie auf, um uns zu helfen; und so ist\nauch der Sylvesterscherz Gegenstand einer In-\ndustrie geworden.\" Tausende fleißige Hände\nhaben sich gerührt, um die unumgänglich not-\nwendigen Lawinen der Heiterkeit ins Rollen zu\nbringen. Es schneit Konfetti und die Lawinen der\nHeiterkeit kommen ins Rollen. Wehe, wehe! Das\nalte Jahr ist pleite, die Scherzindustrie floriert,\nund nur die Polizei versteht keinen Spaß. Der\nErnst des Lebens ist kalt gestellt, und „mit heißer\nStirne betritt man die Straße, die mit Fall-\nstricken, Papieren und dem Lärm der un-\nmöglichsten Radauinstrumente angefüllt ist\". Es\nfallen Papiere, es schneit Konfetti, die Lawinen\nder Heiterkeit stürzen über Fallstricke und die\nRadauinstrumente tuten Warnungssignale. Prost\nNeujahr!\n„Schon gegen 10 Uhr sah man in der Behren-\nStraße und Unter den Linden starke Auf-\ngebote von Schutzmannschaft zu Fuß\nund zu Pferde von den Polizeioffizieren die\nletzten Instruktionen entgegennehmen. Es sah\naus, wie Szenen aus einem militä-\nrischen Feld lager.\"\nDie Polizei hatte gegen den inneren Feind ge-\nrüstet: der eingeborenen Lustigkeit. In der Zeit\ndes Waffenstillstandes am Balkan'erklärt die Ber-\nliner Schutzmannschaft der Lustigkeit den Krieg.\nIst das nicht traurig? Der Säbel erhebt sich\ngegen den Niedergang des Witzes und der Revol-\nver ist in Bereitschaft gegen eine Fidelität, die ihr\nZiel verfehlt. Den Abstand, der zwischen Witz\nund Lustigkeit gähnt, kann man an der Gefahr er-\nmessen, die dem Nächsten droht.\nUeber die Nacht, die aus irgendeinem unbe-\nkannten Grunde ein reiches Maß Witz verlangt,\nbricht die Handschellendämmerung herein. Nur\ndie wüsten, hungrigen Begleiterscheinungen eines\nmageren Witzes sind da. Er sickert, ob auch\nSekt und Champagner fließen, und angenehme\nWeiblichkeit muß ihn entfesseln, selber an männ-\nliche Trauergestalten gekettet. Sie entfesselt\nWitz und ist im Ernst zu beklagen. Sie zündet\nSplitter, wo sie Brände lockern möchte, sie ent-\nfesselt die schee n e Ungebundenheit, selber an\ndas Wrack einer gescheiterten Eunuchenmoral\ngeschmiedet. Die angenehme Weib lichkeit\nist die blutige Blüte einer verdorrenden Sitte, sie\nist ein Produkt der modernen Kultur, ein Surro-\ngat des Weibes, das der spekulative Bube Zeit-\ngeist der Allmutter stückweise abgeschachert hat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c009", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "267", "page_fin": "267", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.9", "titre_corps": "Empfohlene Bücher", "titre_sommaire": "Empfohlene Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.7", "debut_caractere": 7618, "fin_caractere_exclue": 8450, "texte": "Empfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung: der kier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nNicolas Beauduin\nLes Poetes: Premier Fascicule: Nicolas Beauduin\nParis / E. Basset et Cie / Editeurs\nPoeme et Drame\nVolumen I November 1912: Gustave Lanson /\nGeorges Polti / Louis Mandin / Guillaume Apol-\nlinaire / Jean de Broschere / A.-R. Schnee-\nberger 112 Albert Gleizes / Jean Metzinger /\nAuguste Callet / Charles Callet / Jean Muller /\nGaston Sauvebois / Henri-Martin Barzun\nParis / Verlag Kugene Figuiere et Cie / Editeurs\nAlbert Ver w e y\nHet Eigen Rijk / Gedichte\nHaag / De Zilverdistel\nPaul Zech\nDas schwarze Revier / Gedichte\nUmschlag von Ludwig Meidner\nVerlag A. R. Meyer / Berlin-Wilmersdorf"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c010", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "267", "page_fin": "267", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.10", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.7", "debut_caractere": 8452, "fin_caractere_exclue": 8617, "texte": "Notiz\nIn dem Gedicht Späte Oktober nacht\n(Nummer 144/45) muß die siebente und achte Zeile\nheißen:\nÄngstigend über reifen Gestalt\nDringt hoch, langsam doch ohne Halt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c011", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "268", "page_fin": "268", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.8", "debut_caractere": 417, "fin_caractere_exclue": 735, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nBerlin, W / Koiiigin AngastastraSe si\ndor von der I~*£ysitstrj#fi©\nFahrgciegenheit: Liitzowpiatz\nZwOlfte Ausstelliihg\nR. 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April 1913 ab 10 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm 1st durch alle Buch- und\nKuiisthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nzi-ehen / Zum Einzeiverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken und StraOenstanden\nauf\nFails direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird. bitten wir den B e t r a g fur den\nDauerbezug bei der Besteilung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum zehn ten des erst en Monats einzu-\nsende.n / Andernfalls nehmen wir an, da£ E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwtinscht wird\nSonderdrucke\nMax Pecbstehi: Die Erlegung des Fest-\nbratens / Originalholzschnitt / Auf Nummer 94\nder Zeitschrift Der Sturm sind einhundert\nExemplare vom Kiinstler mit der Hand aquarel-\nliert, signiert und numeriert /' Das Exemplar\n5 Mark\nFranz Marc: Versdhnung / Originalholz-\nschnitt I 15 Exemplare voin Kiinstler auf Japan-\npapier handgedruckt, signiert und numeriert / Das\nExemplar 40 Mark / T i e r 1 e g e n d e / P f e r d e\nI Tiger / P f e r d e (Hochformat) / Original-"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c013", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "268", "page_fin": "268", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.8", "debut_caractere": 2853, "fin_caractere_exclue": 4714, "texte": "kolzscftnitte I ie 10 Exemplare vom Kunstler auf\nJapanpapier handledruckt, sigfiiert und nnmeriert\n/ Das Exemplar 40 Mark\nWifhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\n_seur I Holzarbeiterfamilie / Fressende liolzar-\nHeiter / Je zehn oder sieben nummerierte und\nsignierte Handdrucke / Das Exemplar 15 Mark\nG. Miiiiter: Neujahrswunsch I Funt signierte und\nnumerierte Exemplare / Das Exemplar 20 Mark\nRichter-Beriin: Landschaft mit hollandischer Muhle\n1 Landschaft mit Bockmiihle / Landschaft mit Bahn-\nwarterhauscheri / Landschaft mit Kindern / je fiint-\nzehri signierte und numerierte Exemplare auf Ja-\npanpapier I Das Exemplar 25 Mark\nSchmidt-Rottlufi: Mann und Weib ./ Zwolf hand-\ngedruckte, numerierte und signierte Exemplare /\nDas Exemplar 30 Mark\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nie fumzehn signierte und numerierte Exemplare /\nDas Exemplar 20 Mark\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] zwolf signierte und numerierte\nExemplare / Das Exemplar 25 Mark\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Nijinsky / Portrat Licht-\ndruck, groBes Format / 10 Mark\nR. Delaunay: Album / Elf Reproduktionen von\nQemalden (ein Farbendruck) mit einem Gedicht\nvon Guillaume Apollinaire / Das Exemplar 10 Mark\nMusik\nlierwarth Walden: Dafnislieder / Zti Ge-\ndichten von Arno Holz / Fur Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark\nKiinstlerpostkarten\nFuhiristen: 1 / Umberto Boccioni: Das\nLacben / L u i g i R u s s o 1 o: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Oino Seve-\nr i n i: Die Modistin / Ruhelose Tanzerin / Pan-\nPan Tanz X Lichtdrucke: Das Exemplar\n20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab-\nschied / LuigiRussolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in veller Fahrt / GinoSeverini:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose Tanzerin X Cliche-\ndrflcke: Das Exemplar 20 Pfennig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-02-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-02_01#c014", "volume": "bmtnabg_1913-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "268", "page_fin": "268", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.8", "debut_caractere": 4716, "fin_caractere_exclue": 5614, "texte": "Zeitsehriften\nDie Aufnahrne erfolgt kostenlos nach freiem Ermessen\ndcr Redaktion dicser Zeitschrift\nL'Efiort IJbre / friiher L'Effort / Monatsschrift /\nHerausgeber: Jean Richard Bloch I Poitiers\n[Vienne]\nL'Ind6pendance / Halbmonatsschrift / Ki'mste /\nKultur I Philosophic / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelie Revue Francaise / Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nLes Cahiers du Centre 1 Moulins [Allier]\nLes Soirees de Paris / RecueLl Mensuel / Paris\n9 rue Jacob\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fur Neue Kunst.\nTschechische, fremde und alte Kunst: Literattir,\nKunsthistorie, Malerei, Plastik, Architektur, Kunst-\ngewerbe, Theater, Musik. Erscheint monatlich (8\nBildbeilagen, 20 Seiten reich illustrierter Text, Mu-\nsikbeilage). 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Eine ge-\nwidrnet der Dichtung und dem Drama der Gegen-\n-wart iii alien Liimfern / Probehcft gegen Einsen-\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n10 Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop J London WC / 35 Devonshire-\nStreet I Theobalds Road\nNeue Ku&st Hans Goltz Mlinchen, 0 d'-e -\no n s p 1 a t z 1 I Van Gogh bis Kandinsky I Die-\nGraphische Ausstellung enthalt zurzeit Brang-\nwyn I Hodler / Liebermann / Munch\nSchmutzer / Slevogt / Zoir / Zorn I uni\nandere / Illustrierter Katalog der ersten Aus-\nstellung 50 Pfennig / Samrnler wollen mir ihre\nWiinsche stets iibermitteln / Auswahlsendunger\nbereitwillig\nDer neue Ktmstsalon Dr. Paul F. Schmidt:\nund Max D i e t z e 1 M ii n eh e n , KoniginstraBe 44\n(am englischen Garten). / Januar 1913: Ko--\nlektiv-Ausstellung von Erich Meckel, E. L. Kirch-\nner, Otto Mueller und Schmidt-Rottluff. Stan digs\nAusstellung von Expressionisten: Picasso, Ko-\nkoschka, Nolde usw. Kunstgewerbe, Graphisches\nKabinet, Handzeichnnngen und Graphik erster mo-\naerner Kiinstler.\nNeue Sezession / Berlin / Eingeiragener Verciir\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\nerhalten jahrlich 1 / mehrere graphische Arbeit?#\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugesteilt 3\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neueo?\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 13 Mark\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession: Ste&~\nlitz, MiqueistraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 269s?\nCoffeinfreier Kaffee Hag ist wirklicher Bolinen-\nkaffee, der alle Geschmacks- und Aroma-Vorzuge\nbesten coffeinhaltigen Kaffees aber nicht dessen\nNachteile hat. Er ist unschadlich flir Herz-, Ner-\nven-, Magen-Leidende und andere Kranke\n•\nEdmund Meyer / Buchh&ndler und Antiquar / Ber\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fur bibliophile Lite-\nratur alier Zeit / Wertvolle und seltene R lichee\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhimdert / Alte uni\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung\nReuB und PoHack / Buchhandlung und Antiqua\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fcrnsprecher Am\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuer?\nSezession / Vorlesungen iiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaber?\nin auslandischer Literatur\nFritz Merker Charlottenburg, SchillerstraBe 94\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartout*\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Auf-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Bucheinb&mls\nTitania-Schreibmaschine / Erste deutsche Schreib\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Genest\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fur Berttr.\nund die Mark Brandenburg: Louis Stangen\nLinkstraBe 12. Telefon: Amt Kurfiirst 2425"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "261", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.1", "texte": "Umfang acht Soften\nEinzelbezug 40 Pfennig\nDER STURM\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND D!E KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9/ Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungsräume\nBerlin W / Königin Augustastr. 51\nDRITTER JAHRGANG\nBERLIN FEBRUAR 1913\nNUMMER 146/147\n\nInhalt:\nH. W.: Kunst: Die Maler mit dem Dichter / Die Maler ohne Dichter / Artur Babillote: Die Schwermut des Genießers / Roman / John von Gorsleben:\nDie Geschichte von Uli Tarosch und dem Kater Schopenhauer / Ardenge Soifici: Glosse zu meinem Werk / Hermann Wagner: Die rote Flamme / Joseph\nAdler: Berliner Sylvester /|Empfohlene Bücher / Fr. Marc: Ruhende Pferde / Originalholzschnitt\n\nFr. Marc: Ruhende Pferde / Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "262", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.2", "texte": "Kunst\nH. W.\nDie Maler mit dem Dichter\nEs gibt nur eine berechtigte Art von Kunst-\nkritik, und die schreibt Herr Doktor Willy Burger\nin den „Münchener Neuesten Nachrichten\". Wenn\ndoch eine Faschingsnummer dieses Blattes jemals\ndie Höhe dieser Kunstkritik erreichen würde.\nZum Beispiel:\n„Reinh. M. Eic h 1 e r zwei schöne dekorative\nBilder „Weidenkätzchen\", ein junges Mädchen,\ndas zusammen mit den Anzeichen des\nFrühlings so arrangiert ist, daß man\nunwillkürlich an beste japanische Vorbilder er-\ninnert wird und den „Vasenschmuck\", ein Breit-\nbild. auf dem den kostbaren Erzeug-\nnissen moderner Keramik auf der\neiii e n Seite durch ein junges Mä d -\nclie ii auf der andern ein Par o 1 i ge-\nböten wird, ohne daß das notwendige In-\nbezieh uugse t z e n der beide« fehlte.\"\nDas Inbeziehungsetzen der Keramik mit dem\njungen Mädchen, zusammen mit den Anzeichen\ndes Frühlings, geschah bereits am 17. Dezember.\nDer Januar wird noch lustiger. Was malt Herr\nFriedrich von Keller? „Zwar rauhe, aber kraft-\nvolle, sehnige Gestalten, denen die harte Arbeit\nnichts von der Gesundheit zu rauben vermochte!\"\nArbeiter, die sogar die Malerei des Herrn von\nKeller überstanden. Aber „wo sie im Freien auf-\ntreten, überschneiden sie um ein Bedeutendes den\nHorizont.\" Herr Doktor Burger nennt das Ueber-\nschneiden einen Kunst griff. Kellers Arbeiter\nsind „in einer hellen ein wenig gelbbraunen Farbe\ngemalt, die stark an den Sandstein erinnert,, mit\ndem die meisten seiner Arbeiter zu tun haben\".\nSo wa h r malt dieser Meister. Noch mehr.\n„Keller gehört auch zu den wenigen Künstlern,\ndie das Hohe Lied der Arbeit ohne jede\nNebenmelodie singen.\" Er malt, wie der\nVogel singt. Aber „auch die religiöse Malerei\npflegt er; das Bild Loth und seine Töchter ver-\ntritt neben einer älteren Grablegung Christi\ndieses Fach.\" Und wie er neben dieses Fach\nvertritt! Das vermag nur ein Maler, wie der Herr\nKritiker Burger, zu besingen:\n„Gebückt ermattet von der Anstrengung, aber\nurweltlich groß, kommt Loth an der Hand des En-\ngels den Berg herauf; an Michelangelos Sintflut\ndenkt man; an der anderen freien Hand halten\nsich die Töchter fest; in der Zäsur zwi-\nschen ihnen und dem Vater wird Loths Weib\nsichtbar, die sich umwendet und in das von\nschwefelgelben Blitzen gräßlich zerrissene nächt-\nliche Dunkel zurückblickt. Ein Bild von gewal-\ntigem und tiefergreifendem Eindruck, das wie eine\nIllustration zu Lord Byrons Gedicht\nwirkt oder vielmehr dessen Geist atmet.\"\nSonst „begegnet man in der Gallerie Heinemann\nnoch einer größeren Kollektion des ebenso flei-\nßigen und vielseitigen wie geistreichen Profes-\nsors . . .\" Diese Bilder müßte man eigentlich ge-\nsehen haben. Am 28. Januar ist Herr Doktor Bur-\nger, darf er endlich wieder alpin sein. Er sieht\nden bedeutendsten lebenden Darsteller der Alpen:\n„Er verliert sich nicht allzu stark in die genaue\nWiedergabe der einzelnen Fels- und Gebirgsfor-\nmationen — das ist Sache und Aufgabe des To-\npographen —, noch sucht er den Eindruck des\nBedeutenden, Majestätischen durch allzu große\nVereinfachung, durch eine bloße Beschränkung\nauf dem ja allerdings auch noch starke\nWirkungen in sich bergenden Kontur zu errei-\nchen.\" Aber auch eine „ideale Seite im Be-\nschauer wird angeschlagen\". Nämlich: „nämlich\ndas eigener Kleinheit und Schwachheit gegenüber\ndiesen allerdings nur scheinbar auf Ewigkeits-\nwerten aufgebauten Riesen des Hochgebirges\".\nDer Maler malt auch für die Kleinen und Schwa-\nchen: „Am ,Sonntagmorgen' versammeln sich die\nBergbewohner vor der kleinen hölzernen Kirche,\nin ihrer bunten Landestracht, Werte von stark de-\nkorativer Wirksamkeit an sich tragend.\" Was\nbleibt einem Maler bei soviel Werten noch übrig,\nals sie zu besingen, sie, die schon malerisch an\nsich sind. Aber der Maler kann noch mehr:\n„Ein alter Mähder neben seinem gealterten Weibe\nschildert ergreifend die Kürze und Mühseligkeit\nallen menschlichen Lebens, wie es im neunten\nPsalm knapp und eindringlich gekennzeichnet\nwird.\" Dieser Maler hat es wirklich schwer.\nHier hat der neunte Psalm sein Bild schon so\nknapp und eindringlich gemalt, daß dem Maler\n\"i ;\nkaum das Malen übrig blieb. Wer einen Burger\nso begeistert, kann sicher als Maler nur ein Bür-\nger sein.\nDer Maler ohne Dichter\nDie Wochenschrift „Die Aktion\", heraus-\ngegeben von Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf,\nNassauische Str. 17, Telephon Amt Pfalzburg 6242,\nleistet für ihre Mitarbeiter eine Nummer „Lyrische\nAntologie\". So schlimm steht es um die Lyrik\ndoch noch nicht, wie diese Nummer glauben\nmacht. Man schwärmt allgemein für Huren, Lues\nund Exkremente. Herr Kurt Hiller hat sehr oft\nden Ehrgeiz besessen, als Lyriker im Sturm\ngedruckt zu werden. Ich will ihm loyal diesmal\nfür vier Zeilen vier Zeilen öffnen:\nTäglich nimmt mein Daseinstrieb ab,\nDenn das Leben trieft von Lues,\nWenn ich irgendwas noch lieb hab,\nStahlgeäugter, dann bist Du es!\nDas nennt man fortgeschrittene Lyrik. Aber\ndie Aktion hat nicht nur diesen Lyriker und viele\nebenso schlechte entdeckt, sondern auch einen\nMaler. Natürlich Herrn Max Oppenheimer, der ja\nbei den Lesern dieser Zeitschrift berühmt genug\ngeworden ist. Nicht einmal die Aktionslyriker\nvermochten sich für diesen Maler so zu be-\ngeistern, daß sie ihn mit den üblichen lyrischen\nExkrementen bewarfen. Aber Herr Franz Pfem-\nfert (Amt Pfalzburg 6242) ist nicht umsonst der\ngroße Politiker. Er nimmt einfach ein Gedicht\nvon Reinhold Lenz, nennt ihn sehr dichterisch\nFrühling, druckt sein Qedicht „Gemälde des Er-\nschlagenen\" ab und erschlägt den Toten durch\ndie Widmung: „Auf Max Oppenheimers Gemälde:\nDer Erschlagene.\" Es genügt, daß Herr Franz\nPfemfert (Amt Pfalzburg 6242) diese lyrische\nAntologie dem unsinnig überschätzten, aber da-\ndurch unterschätzten Georg Heym widmet. Für\nHerrn Max Oppenheimer jedoch möge er selber\nzur Leier greifen und nicht einem toten Dichter\neinen unlebendigen Maler nachrufen.\n\nDie Schwermut des\nGenießers\nEin Roman\nVon Artur Babillotte\n„Schaffen — das ist die große Erlösung\nvom Leiden, und des Lebens Leichtwerden.\nAber daß der Schaffende sei, dazu selber\ntut Leid not und viel Verwandelung.\n„Ja, viel bitteres Sterben muß in eurem\nLeben sein, ihr Schaffenden! Also seid ihr\nFürsprecher und Rechtfertiger aller Ver-\ngänglichkeit.\n„Daß der Schaffende selber Kind sei, das\nneu geboren werde, dazu muß er auch die\nGebärerin sein wollen und der Schmerz der\nGebärerin.\"\nNietzsche „Also sprach Zarathustra\"\nErster Teil\nLieber Theo!\nWenn ich alles um mich her zum Tönen ge-\nbracht habe, ist mein Lebenszweck erfüllt Es ist\neine Klangüberfülle in mir, daß ich manchmal in\nder festen Ueberzeugung lebe, es gebe keinen töne-\nreicheren Menschen als mich. Dann gehe ich um-\nher wie ein Sieger; ein Sieger über alles Unhar-\nmonische und Eintönige. Und spreche zu den\nMenschen wie ein Verzückter und wundere mich,\nwenn sie nicht widertönen und gleichsam durch\nmeinen Töneüberfluß-, befruchtet werden. In solchen\nAugenblicken bin ich glücklich und unglücklich ohne\nMaßen, da ich meine eigene Kraft und die Gleich-\ngiltigkeit der anderen erkenne und weiß, daß ich\nbeide Erkenntnisse, gewissermaßen in eine zusam-\nmengeschmolzen, viele Stunden mit mir herum-\ntragen muß.\nSiehe, Theo, alles Geschehen und alles Nichtge-\nschehen, alles Reden und alles Schweigen, alle Be-\nwegung und aller Stillstand — alles ist Musik. Und\nwer den Grundton dieser Musik gefunden, der\nfand den Ursprung und den Zweck des Lebens»\nUnd wird selbst Musik! Du lächelst vielleicht, wenn\ndu dies liest. Aber ich bitte dich, lächle nicht,\nbevor du mit gutem und starkem Willen versucht\nhast, mich zu verstehen. Du weißt, daß ich außer-\nhalb des täglichen Lebens lebe, ein Sonderleben,\ndessen Sinn und Wunsch nur ich begreife. Meine\nFreunde aber bitte ich, mein Leben mit ehrlichem\nWillen zu betrachten und nie meinen Glaubenssatz\nzu vergessen: Künstler sein, heißt, eine Eigenwelt\nsein. Es ist meine Sehnsucht, daß meine Freunde\nmich verstehen und in mir aufgehen möchten. Ich\nbin ein Tyrann und bin ein Schöpfer, der die ganze\nPersönlichkeit dessen fordert, der an ihn glaubt.\n— — Nie habe icW meine Seele lauter tönen\nhören, als in einer dunklen Wolkennacht, da ich\nin einem kleinen Kahn einen waldgesäumten Fluß\nhinabtrieb. Damals schon meinte ich „alles um\nmich her sei ein Tönen geworden und ich selbst zer-\nfließe in eine weiche, starke Musik. Das Wasser\ntönte; die schwarzen Waldwände tönten; die Ru-\nder und die Wolken und auch die Dinge und Ge-\nschehnisse außerhalb meines Gesichtskreises. Alle\nTöne strömten zu mir als dem Mittelpunkt. Ich\nwar der Kern dieser alles in sich fassenden und\nverschlingenden Musik. Ich fühlte bei vollem Be-\nwußtsein, wie ich aus mir selbst gehoben wurde\nund wie das kleinste Zittern der unendlichen Töne\nin mir mitzitterte. Und das Wunderbarste: Ich\nhatte den festen Glauben, Herr der ganzen Erde\nzu sein. In einem langen Zuge dröhnten und tanz-\nten und schlichen die Prächte aller Länder an mir\nvorbei und grüßten mich. Da rauschte heran die\nfarbentiefe klagende Lustmelodie Italiens, die\nherbe, poesielose Poesie des Nordlands, die kalte\nStarrheit russischer Steppen, alle Verworrenheit\nasiatischer Farbenmischung prunkte vor mir auf,\nalle Glut und Einsamkeit afrikanischer Wüsten und\nalle gleichgültige Sattheit der weiten Prärien Ame-\nrikas und alle dämonische Wildheit seiner Felsen-\ngebirge. Und die Stimmen aller Völker tanzten\nvor mir wie bunte Fontänen; leuchteten, sprühten,\nerloschen. Es gab nicht Raum noch Zeit mehr: Ich\nlebte viele tausend Jahre vor Christus und viele\ntausend Jahre nach ihm. Ich sah Alexander den"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "263", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.3", "texte": "Großen sich vor mir neigen. Er trug in glühen\nAugen den Schöpferdrang des Genies; um seine\nhohe Stirn bebte der Zorn des barmherzigen Un-\nbarmherzigen. der Götter und Länder stürzt, um\n•Götter und Länder erschaffen zu können. In sei-\nner Hand zuckte ein schweres Schwert, wie der\nGestalt gewordene Riesengedanke dieses Gott-\nmenschen. Eine schwermütig heißblütige Musik\nstrahlte von dem Kämpfer aus. Er neigte sich und\nging. Ich sah Christus, den tatfrohen Träumer.\nUm seine schmalen Lippen lächelte die allumfas-\nsende Liebe, und seine weißen Hände segneten. Er\nhatte Hände, wie sie die Märtyrer des Geistes ha-\nben. Der Heiligenschein, der ihn umglänzte, war\nMusik. Auch Nero sah ich, den wahnsinnigen Ty-\nrannen. den unbewußten Bewußtheitskünder, der\nknietief in Blut und Flammen watete und in ver-\nzücktem Gehirn hohe Gedanken wälzte: es war\nsein Fluch, daß die Töne in ihm durcheinander\nstürzten und sich nie zu Harmonien zu ordnen ver-\nmochten. Eine endlose Reihe der Stärksten des\nMenschengeschlechts sah ich vorüberziehn. Der\nGewalt folgte die Liebe, dem Auflodern der kon-\nzentriertesten Herrschsucht das Lächeln eines all-\nbarmherzigen Segnens. Arminius, den kecken\nKühnen sah ich und Konstantin den Großen, den\nchristlichen Besieger des Heidentums, und den\ngärenden Attila und Odoaker, den Zertreter des\nweströmischen Reiches.\nAlles um mich her tönte. Das Eilen der Wolken\nwar Musik, das Rauschen des Waldes und das\nSchreiten der Jahrhunderte, die an mir vorüber-\nzogen. Wie klopfte mein Herz, als ich Karl den\nGroßen sali. Ein sattes Leuchten lag in seinen\ntiefen Herrscheraugen. Und seine starke Nase ver-\nriet Kühnheit und Edelmut. Seine vollen Lippen\naber sprachen von Stolz und Ausdauer und Ver-\nachtung aller Kleinheit. Sein Gang war tragische\nMusik und sein breites Herrscherschwert der\nTaktstock zu einer Melodie, nach der ein präch-\ntiges Reich tanzte. So zog Carolus voran einer\nstolzen und farbenreichen Pracht, einer beweg-\nlichen Melodie, die das Mittelaltermotiv der Welt-\ngeschichte ist. Ein Kaiserzug schob sich in die Enge\nder wolkendunklen Nacht und grüßte mich. Lud-\nwig den Frommen und Ludwig das Kind sah ich,\nund Heinrich IV, und Friedrich Barbarossa, und\nKonrad IV, wie ein Sturm kam Rudolf von Habs-\nburg, der Willensgewaltige. Wie ein Lichtbringer\nkam Christoph Columbus, der so eng mit dem\nWeltganzen verbunden war, daß ihn nach einer\nunendlich weiten Ausdehnung gelüstete. Er bedeu-\ntet eine neue Melodie in der Symphonie, die da\nWeltgeschichte heißt.\nAlle Tanfalgen flössen aus der Weite zu mir\nher und hüllen mich in ein Strahlenbündel ein. In\njener Nacht hörte ich die siißensten und die häß-\nlichsten Töne, die man sich denken kann. Eine\nmächtige Welt ging vor mir auf, die lange in mir\ngeschlummert hatte, und durch ein Wunder er-\nweckt wurde. Durch ein Wunder, mein\nverstehender Freund. Es ist seltsam, daß die\nMenschen des 20. Jahrhunderts so stumpf gewor-\nden sind. Wenn sie ein Geschrei vernehmen, ist\nes ihnen nur Geschrei; und dringt ein leises Klin-\ngen an ihr Ohr, kann es das Ohr nicht empfangen\nund an die Seele weitergeben. Welch ein Glück\nund welch ein Unglück ist es für uns, teurer\nFreund, daß wir hinter die Dinge sehen kraft un-\nseres Dichtergehirns und in allem alles wahrnehm-\nmen, während die andern, die meisten, nur ein\nkleines Teilchen von allem Geschehen erfassen und\nzu ihrem Eigentum machen. So war mir jene\nNacht auf dem Wasser ein Wunder. Ich hatte die\nEmpfindung, als fiele ein Mantel von meiner Seele.\nEs war eine rein physische Empfindung. Wenn ich\nes dir beschreiben soll, möchte ich sagen: es war\nmir wie einem, der lange, in einen schweren Man-\ntel gehüllt, durch einen heißen Sommernachmittag\ngegangen und plötzlich die Last abwirft und da-\nsteht in glänzender Nacktheit. Es war die Geburt\nmeiner wissenden Seele.\nDie neue starke Melodie war in der Symphonie\ndieser Wundernacht aufgetaucht. Eine Tonfülle\nsproßte vor mir auf, daß ich wesenlos zu sein\nwähnte. Das Symbol des Kampfes zwischen Tag\nund Nacht und das Symbol des Sieges —: Ich be-\ngriff die Harmonie alles Geschehens und sah, war\nhellsehend. Die neue Melodie war so stark und\nbrausend, daß ich keine Einzelpersonen mehr un-\nterscheiden konnte: Ganze Länder waren jetzt zu\nIndividuen geworden. Keine Einzelleidenschaften\nzogen mehr an mir vorüber, sondern die Leiden-\nschaften ganzer Völker und Stämme. Es gab kei-\nnen mehr, der ein Genie war, sondern die Masse\nwar das Genie. Das harte Genie der brutalen Tat.\nSo sah ich das Brausen der Reformation, hörte die\ndisharmonischen Schreie des dreißigjährigen Krie-\nges, ohne daß ein Wallenstein erschien. Einzel-\nmenschen galten nichts, nur die Masse hatte Wert\nund Glanz. Die Tonfülle steigerte sich, daß ich\nglauben mußte, alle Töne zu hören, die im Univer-\nsum möglich sind. Vorüber zogen der Nordische\nKrieg und der Spanische Erbfolgekrieg, und jene\nlaute Zeit, da der Siebenjährige Krieg aufprasselte,\nwie das furchtbar prächtige Feuerwerk eines\nlächelnd zerstörenden Gottes. Alle bewölkte Pracht\njener Stätten, an denen die aufgereizten Menschen\nsich zerfleischten, schwankte an mir vorüber,\nschwer und langsam, wie im Herbst hochbeladene\nErntewagen durch den sinkenden Tag schwanken.\nErntewagen des Todes waren diese Landschaften.\nTrächtig von Blut und Rauch und Elend. Ein ein-\nziger wimmernder Ton waren sie, der anschwoll\nund zurückflutete und endlich in einem Röcheln\nerlosch. Kannst Du Dir denken, daß eine noch\nvollere Tonfülle möglich war? Ach, dieser eine\nTon, den die vorüberschwankenden Landschaften\ndes Kampfes bildeten, dieser eine Ton war so un-\nendlich, daß ich alle Töne, die im Universum mög-\nlich sind, darin mitklingen hörte. Und daß ich nicht\nzu glauben wagte, es könne noch einen unschein-\nbaren Ton geben, der nicht mitklang. Da aber kam\ndie Erstarrung! Eine Flut, die so heiß war, daß ich\nzu verbrennen wähnte, und so kalt, daß ich er-\nstarrte und die deutliche Empfindung hatte, nicht\nmehr ich, sondern ein anderer zu sein; ein anderer,\nder mit einem höhnischen Lächeln vor mir stand\nund zusah, wie die schrecklichen, die Myriaden\nTöne mich töteten. Der Weltbrand kann nicht\nglüher und schaurig schöner sein, als diese Musik\ndes roten Trotzes war. Nie habe ich so stark und\ngläubig empfunden, daß die Musik das einzig Be-\nstehende ist, daß alles Musik ist, wie in den Minu-\nten, da die französische Revolution auf mich ein-\njubelte. Nie habe ich meine Mission freudiger und\ngewisser erkannt! In dem Augenblick, da der Ein-\nzelne als Genie versank und das Genie Volk an\nseine Stelle rückte, hatte ich geglaubt, wesenlos\nzu werden. Dann aber war das Gefühl des Wesen-\nlosen so stark und durchdringend in mir gewor-\nden, daß ich mich endlich als Menschen außer mir\nsah, als Zuschauer in der tragischen Komödie\nmeines Lebens. Wenn ich Dir schildern könnte,\nwelch eine schreckliche Seligkeit es ist, fühlen zu\nmüssen, wie man sich verflüchtigt, dann ein Wesen\naußer sich selbst und, anwachsend, endlich ein\nganzes Volk wird! So aus der tiefsten Tiefe alles\nGeschehens geboren war diese Musik, daß ich mit\nschärfster Deutlichkeit wußte, daß ich sogar ganz\nlaut vor mich hinsprach: Du bist die Revolution.\nIch watete in Blut und fühlte das Schlagen zahl-\nloser Gehirne in meinem Schädel und meinte, dem\nurstarken Drang nach Freiheit, der in mir pulste,\nerliegen zu müssen. Ich zerstörte die Bastille, ich\nwar Robespierre und Danton und Marrat; ich\nschleppte Ludwig XVI. auf die Quillotine und ent-\nhauptete ihn; ich schrie mit einer Stimme, die von\nGrausamkeit verzerrt war, nach liberte, egalite,\nfraternite. Ich watete in Blut und schritt über die\nLeichen der Vornehmen und betete zur Dirne Ver-\nnunft und warf Brandfackeln in Schlösser und Pa-\nläste. Der Haß und die Wollust und die Grausam-\nkeit von ganz Paris stürmten in mir; meine Taten\nwaren die Taten; der entfesselten Bestie, die da\nVolk heißt.\nWenn einer Musik ist und in Musik lebt und\nalles Geschehen ihm Musik bedeutet, hat er keine\nZeit, müde zu sein. Du wirst von einer Eruption\nin die andere geworfen. Und wenn Dich ein Tau-\nmel fassen will, ist da eine Stimme in Dir, die ruft:\nvorwärts! vorwärts! koste alles Süße und alles\nHerbe, alle Qualen und alle Verzückung Deiner\nGeliebten! Es ist nicht leicht, Theo, Musik zu sein,\nDie Musik zum Gott und zur Geliebten zu haben.\nGlaube mir, ich wäre so gern müde gewesen, nach-\ndem das Erlebnis der Revolution hinter mir lag —\naber eine gewaltige Hand faßte mich und schleu-\nderte mich neuem Erlebnis entgegen.\nImmer noch war ich das Volk; aber meine Au-\ngen wurden klarer und sahen nicht mehr durch\nSchleier von Blut und Pulverdampf und Grausam-\nkeit. Da sah ich in weiter, weiter Ferne einen\nMenschen sitzen; der war nicht größer und nicht\nbreiter als eine Nadelspitze. . . . Dennoch aber\nkonnte ich überdeutlich sein Gesicht sehen, ein\nschmerzhaft verzogenes Gesicht, in das die Leiden\neiner übersensitiven Seele ihre Furchen gegraben.\nDieser Mensch, den ich in der Verzückung des\nGrains sitzen sah, war ich. So fern war ich von\nmir selbst, daß es mir war, als erblicke ich mich\ndurch ein umgekehrt gehaltenes Opernglas. So\nausschließlich Musik war ich, daß meine sterbliche\nHülle in eine winzige Linie zusammenschrumpfte\nund nur das Ewige in mir groß und machtvoll\nblieb. Die bunten Schleier der Verbitterung und\nder Wut fielen von meinen Augen, der riesenstarke,\ntrotzige Gesamtwille des Volkes verdichtete sich\nin mir, wurde einheitlich und sammelte sich in\neinem Zentrum. Dieses Zentrum war das Gehirn\ndes harten Weltbegeisterers Napoleon.\nWeißt du, wer Napoleon Buonaparte war? Ich\nweiß es jetzt, denn ich habe ihn erlebt. Ich war\njedes Fäserchen seines Gehirns, jeder Blutstropfen\nseines Herzens. Ich war ER selbst. Preise den\nMenschen, der Held und Feigling sein kann! Es ist\ndas prächtigste Erlebnis, das du erleben kannst,\nwenn du ein Gewaltiger der Vergangenheit wirst.\nSegne die Stunde, die dir solches schenkt! Ich war\nNapoleon! Ist es ein Verbrechen, daß ich stolz bin,\nda ich dies von mir sagen kann?\nIn dem Augenblick, der mir das Bewußtsein\nmeiner korsischen Heldenhaftigkeit gab, erkannte\nich die Macht des Erschaffens. In diesem Augen-\nblick wußte ich, daß jedes Kunstwerk ein Erlebnis\ndes Künstlers ist und daß der Künstler nicht außer-\nhalb seines Werkes stehen darf, sonden, daß ei-\nsern Werk selbst sein muß. Gelegenheitsdichter\nim höchsten Sinne muß der Künstler sein. In der\nStunde, da er einen Tyrannen erschafft, muß er\nselber Tyrann sein; und zeugt sein Geist eine lieb-\nlich lächelnde Jungfrau, muß er selbst unschuldige\nJungfrau sein.\n.... So war ich Napoleon und trug den Herz-\nschlag des Universums in mir. Wog die Geschicke\nder Völker in meinen ausgestreckten Händen, saß\nzu Gericht über alles, was sich nicht einfügte in\nden Willen meines grausam-liebenden Gehirns.\nSandte die Blitze meiner in dämonischer Schwer-\nmut glühenden Augen über den Erdball und sog\naus dem Geschehen des tatenüberlasteten Tages"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "264", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.4", "texte": "die Ewigkeit. Trug in meiner Brust die Grausam-\nkeit eines wilden Gottes und den prachtvollen Ehr-\ngeiz des menschlichen Menschen. War überreich\nan Verachtung und Trotz und betätigte die Kraft,\ndie hinter meiner Stirn brannte, in sausenden\nKriegstaten. So war ich Napoleon, ein Gott und ein\nVerbrecher, ein. Mensch ohne Begrenzung. Und so\nempfand ich ein Teilchen Allmacht in mir.\nWähnst Du, die Verzagtheit habe mich erfaßt\nund nimmer frei gegeben, da ich auf der einsamen\nInsel hin und her schritt in traurigen Zimmern, in\ndenen alle Möbel und Teppiche und Bilder Sehwer-\nmut waren? Ich schlug mit der Faust in den Tisch\nund zertrümmerte alle Verzweiflung, die zu mir\nkam. Ich lachte das schneidende Lachen des Ein-\nsamen, der weiß, daß ihn die prachtvolle Erinne-\nrung noch ein langes Leben lang ernähren kann.\nIch schloß die Fenster, damit nicht die trüben\nWellen der Weltgeschichte meine Stille über-\nschwemmten und den Lärm kopfloser Geschehnisse\nhereinspülten. Kopflos waren alle Geschehnisse,\nweil ich, Napoleon Buonaparte, der Einzige, der\nzertrümmerte Allmächtige, die Fäden nicht mehr\nin meinen Händen vereinigte. Das Leben war ge-\nstorben, weil ich zurückgegangen war in die Stille\nund nicht mehr in der Welt, sondern in mir die\nUnendlichkeit suchte. So lebte ich und ließ den\nLeichenzug meiner Taten an mir vorüberschwan-\nken und weidete mich an ihrer Herrlichkeit. Ma-\nrengo und Jena und Austerlitz, Moskau und Wa-\nterloo blühten vor mir auf im blutigen Glanz ihrer\nSchlachttage; die herrliche Kraft und der urböse\nSchmerz flössen in meine Seele und stärkten sie\nzu einem alles überwindenden Trotz. Und so starb\nich einsam, aber allmächtig in mir,.weil ich Unend-\nlichkeit in mir wußte.\nKann ein Mensch höher steigen, als ich in die-\nser Nacht des Wunders stieg, Theo? Ich erlebte\ndie höchste Selbstentäußerung des Künstlers und\nfühfte zugleich das Vermögen in mir, ein Kunst-\nwerk zu schaffen. Und wie mich die Kraft meines\nErlebnis-Vermögens die Weltgeschichte in Tönen\nbegreifen lehrte, in demselben Maße gab es mir\ndie Gewißheit, liier das weite Feld gefunden zu\nhaben, aus dem meine Schöpfung emporblühen\nkönnte. Alle Pracht, die jetzt noch an mir vor-\nüberrauschte, genoß ich außer mir stehend und\ndoch so innig mit mir, mit meiner fleischlichen\nHülle verwachsen wie niemals. Das war das\nHöchste, was ich erreichen konnte: außer mir\nselbst zu stehen und meinen Körper nur in weiter\nEntfernung zu erblicken und doch meine Zu-\ngehörigkeit zu diesem Körper auf das Intensivste\nzu fühlen.\nIn diesem seelischen Spannungszustande fürch-\ntete ich mich vor der Musik, die mich noch er-\nwartete. Es war keine beengende Furcht, die da-\nrum so schwer gewesen wäre, weil ich genau ge-\nwußt hätte, es erwarte mich etwas Gefährliches.\nEs war, ich möchte sagen, eine befreiende Furcht:\nDie Furcht, vor etwas, von dem man weiß, daß\nes segensreich ist. Es war Furcht aus Dank-\nbarkeit.\nWie eine trübe Wolke schwand die unplastische\nZeit Napoleons 111. vorüber. So überreich an Güte\nund Bosheit war der Oheim gewesen, daß für den\nNeffen nichts mehr übrig geblieben war. So stark\nund rücksichtslos mit Bewußtsein Napoleon Buona-\nprute, daß Louis Napoleon nur einen Schatten be-\ndeutete, einen Schatten von Stärke und Rück-\nsichtslosigkeit. Er war ein unbewußter Tyrann\nund ein bewußter Geck . . . Und seiner Zeit ver-\nmochte er nicht das Siegel seiner Herrlichkeit\naufzudrücken. Wie eine trübe Wolke flog sie vor-\nbei und versank in der Nacht, die über dem Was-\nser stand.\nUnd meine Furcht steigerte sich und hielt mich\nso fest, daß ich mitten im Boot stand und kein\nFäserchen meines Körpers bewegen konnte. Ich\nkonnte keine Musik mehr unterscheiden, denn\nalles war Musik geworden, so ausschließlich Mu-\nsik, daß die Erkenntnis, daß es eine Materie gäbe,\nvöllig in mir erloschen war. Qott hieß Musik;\nalles Reden und Schweigen, alle Bewegung, alle\nLebensfreude, alle Krankheit war Musik. Und\nich selbst das Zentrum dieser Musik. Meine Seele\nwar wie ein Brennglas, in dem ich alle Strahlen\nsammelte. In dieser Nacht erfuhr ich, daß es eine\nstrahlende Musik gibt, Theo.\nErinnerst du dich der Prozessionen, die wir oft\n.betrachteten, als ich noch mit dir zusammen in\ndem kleinen Städtchen lebte? Es lag eine Fest-\nlichkeit über diesen Umzügen der Katholiken.\nVoran schritten die Kinder, die Knaben in dun-\nkeln Kleidern, die Mädchen in bunten wehenden\nRöckeheu. Sie schritten langsam und feierlich in\nunbewußter Andacht. Sie rührten mich stets und\nich sagte dir oft: Siehe, auch wenn' Sie schreiten\nund lachen und halblaut erzählen, sind sie voll\neiner Andacht, die ihnen nicht zum Bewußtsein\nkommt. Dann kamen die Jungfrauen und Jüng-\nlinge, ernster und gefaßter; sie trugen ihre An-\ndacht unsicher zur Schau und waren wissender als\ndie Kinder und wagten doch nicht, ihr Wissen zu\nbekennen. Hinter ihnen endlich die Frauen und\nMänner. Matronen in schlichtgescheiteltem Haar,\ndie um brünstig gefaltete Hände Rosenkränze aus\nGlas- oder Holzkugeln gewunden hatten, Frauen\naus( dem Volk, denen der harte Alltag in dieser\nStunde die Mienen freigegeben; Greise, die vom\nLeben enttäuscht waren und sich an die Gnade\ndes nahen Todes klammerten; Männer, heraus-\ngehoben aus der grauen Flut der täglichen Arbeit,\ndenen dieser Blick in die Herrlichkeiten des Him-\nmels dieselbe Wohltat war, wie einem, der lange\nzwischen hohen Häusern gewandert, der Ausblick\nvon einem hohen Turm eine Wohltat bedeutet.\nDie Unharmonie vieler durcheinander gestammel-\nter Gebete schwebte über diesem Zug wie ein\nschwerer träger Vogel. Es wirkte einlullend und\nwir vergaßen, daß die Pracht sich steigern würde.\nWenn wir schon ganz in dieses Vergessen ver-\nsunken waren, erlöste uns die gesteigerte Schön-\nheit des Zuges. Wir sahen die Prunkgewänder\nder Priester, das goldbeladene Blenden des\nschwankenden Himmels, unter dessen Schatten ein\ngreiser Priester ging, in ausgestreckten Händen\ndie goldschwere Monstranz mit dem Leib Christi\nvor sich her tragend. Ferne Musik klang auf; ein\nKirchenverein blies ein ernstes Lied. Wir staun-\nten vor so viel Pracht und erkannten die Volks-\nmusik, die in diesem allen lag, wir begriffen, daß\nnach diesem Höhepunkt, nach diesem Erscheinen\ndeg priesterlichen Glanzes nichts Höheres und\nGrößeres mehr kommen könne und daß der Strom,\nder bescheiden angefangen, nach und nach mäch-\ntiger und eindrucksvoller geworden war, jetzt\nwieder zurückebben müsse, um ebenso beschei-\nden zu enden, wie er begonnen. Und so nahmen\nwir die einfachen Frauen und Männer, die hinter\ndem Himmel herschritten, als den ruhigen Aus-\nklang dieses katholischen Volksliedes hin.\nDies soll Dich verstehen lehren, wie ich, den\nletzten Teil des Wunders in jener Nacht betrach-\ntete. Als Ausklang des Heldenliedes, das über\nmich gekommen. Nach der höchsten Welle, die\nNapoleon Buonaparte hieß, kam das Zurückfluten.\nDiese geschwungene Linie der zurückfallenden\nWelle aber bildete der deutsch-französische Krieg,\nder in die ruhigen Jahre des wiederhergestellten\ndeutschen Reiches hineinführte und mich in die\nStunde zurücktrug, in der ich das Wunder erlebte.\nO. hättest Du den Krieg gesehen, wie ich ihn\nsah — wahrlich, Du bätest mich: schreib mir noch\nviel mehr, viel mehr von dieser Schönheit! Trun-\nken vom Anblick der Herrlichkeit, trunken vor\nallem von dem Bewußtsein, den Höhepunkt er-\nreicht zu haben, selbst Höhepunkt gewesen zu\nsei, genoß ich den großen Krieg. Ritt an der\nSeite der ernsten Generäle, war aus treuestem\nHerzen Deutscher und Franzose, schickte Armeen\ngegen Armeen ins Feld, jagte über die Fluren von\nMetz, besiegte ,die Franzosen bei Sedan und nahm\nam andern Tag den Kaiser gefangen;, grüßte mit\nStolz die französische Erde und zog selbstbewußt\ndurch die Tore der glänzenden Seinestadt, in der\nich einmal umjubelt ward von Tausenden, damals,\nda man mich Napoleon Buonaparte nannte. Ich\nerstickte im Jubel und zerfloß in Musik und saß\ndaneben als Zuschauer, der wußte, daß diese Mu-\nsik ewig forttönen müsse. Noch berauscht von\nder blutigen Pracht des Krieges, erlebte ich Bis-\nmarck. Meine Muskeln waren Stahl meine Ge-\ndanken Marmor und meine Wünsche Feuer. Ich\nwar ein Erdbeben. Ich stand mit. breiten Füßen\n.in der Erde und tauchte mein ehernes Haupt in\ndie Wolken. Ich war Bismarck und fühlte doch\ndie welterschütternde Emsigkeit Napoleon Buo-\nnapartes in mir nachzittern. Ich war ich und\nnicht ich, war alles und nichts.. Könnte.ich Dir\ndoch dieses Gefühl einer erhabenen. Nichtigkeit\nschildern!\nSo klang das Wunder aus; abflutend, ruhig\nund groß in Ordnung. Dies geschah vor zwei\nJahren; meine Seele war empfänglich für das\nWunder, denn hinter ihr lag eine Reihe öder Mo-\nmente, in denen sie gewesen wie eine Orgel, die\nlange keine Meisterhand berührt und belebt hatte.\nSie war im höchsten Maße aufnahmefähig, und es\nbedurfte nur eines starken Ereignisses, um sie\nzum Tönen zu bringen.\nIn. -jener Nacht des Wunders, Theo, fand ich\nmein Werk, das eine neue Kunst herbeiführen soll.\nMeine Seele wurde befruchtet von einem Gewal-\ntigen. Es ist nicht die Frage, ob eine Seele groß\n.und edel sei, es ist die Frage: ist sie so zart or-\nganisiert, daß selbst der schwächste Hauch eines\nMundes eine Spur auf ihr zurückläßt? Und wenn\ndie Seele derart bereit ist, zu empfangen, dann\nmuß ein Mächtiges, außer uns, das dennoch völlig\nin uns ist, kommen, und muß die große Gebärde\nder Befruchtung über uns ergehen lassen. Wir\nvergessen, versinkend in ein Meer des Genusses,\nwer wir sind. Wir vergessen unsere Sterblich-\nkeit, die Schranken, die unserem Können gezogen\nsind, vergessen die Disharmonie, die das Leit-\nmotiv des Lebens ist, und sind nur Helden . . ,\nWir sind geschlechtslos und dennoch höher\nstehend als der Mann und das Weib, wir sind vor\nAnbetung unfähig, uns zu rühren, auch nur das\näußerste Glied des kleinen Fingers zu bewegen\nund sind dennoch stärker als die ganze Mensch-\nheit; wir atmen kaum und vermögen nicht den\nMund zu öffnen und den leisesten Ton zu stam-\nmeln, geschweige denn zu singen, und dennoch\ngibt es keinen, der mehr Musik wäre als wir\nDas ist das Wunder des Künstlers, Theo: im\nAugenblick, da er sein Kunstwerk empfängt, ver-\näußert er sich restlos, gibt sich dem Universum\nhin und erobert sich so alle Musik, die möglich ist.\nAls die Stunde der Empfängnis hinter mir lag,\nwar ich ein anderer Mensch geworden. Keiner\nerkannte mich wieder: den heitern Künstler hatte\ndie Empfängnis zum unruhigen, reizbaren Unzu-\nfriedenen gemacht, der durch seltsame Gebärden\nund verworrene Worte die Aufmerksamkeit der\nMenschen auf sich zog. Du selbst wirst Dich wohl\njener Tage erinnern, in denen ich, wie Du mir ein-\nmal in hohem Zorn sagtest, „nicht zu genießen\"\nwar. Es ist etwas seltsames um einen Menschen,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "265", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.5", "texte": "dessen Geist trächtig ist. Du wußtest nicht, mit\nwelchen stolzen Gedanken ich mich trug . . . ich\n.weihte keinen in meine geistige Wollust ein, denn\ndies wäre mir einer Entweihung, einer Lästerung\nder Gottheit gleichgekommen.\nHeute aber, da ich ermattet bin, da ich mich\nganz als ein Weib fühle, dem die gräßlichsten\nWehen den Leib zerrissen, heute lächle ich müde\nund selig und lege meine Seele vor Dich hin: sie\nhat das größte geleistet, was sie leisten konnte.\nIm kommenden Winter wird mein Werk ge-\ngeben werden. In einem Leipziger Theater, des-\nsen Direktor mir verpflichtet ist.\nIch. erstaune, da ich sehe, welch einen langen\nBrief ich geschrieben. Siehst Du, so rettungslos\nbin ich der Musik verfallen, so ausschließlich bin\nich Musik, daß sie selbst bei der äußersten Er-\nmüdung mich zwingt, ihre Pracht zu verkünden.\nIch lebte, da ich diesen Brief schrieb, in einer\nStunde der Ueberzeugung, es gäbe keinen klang-\nreicheren Menschen als mich. In solcher Sieger-\nhoffart schrieb ich Dir. Jetzt aber muß ich eine\nunendliche Stille um mich haben, es verlangt mich\nnach der berauschenden Musik einer friedlichen\nsonnigen Landschaft.\n— Lebe wohl, Theo, und erwarte das Werk\nmeiner tönenden Seele, erwarte meine tönende\nSeele selbst. Lebe wohl und schreibe mir nicht.\nIch habe mich in eine Stille eingesponnen, die\nselbst mein lautestes Reden, das Lachen und Strei-\nten der Menschen, die hier verkehren, nicht zu\nzerreißen vermögen. Aber ein Einfluß, merke\nwohl, ein geschriebener Einfluß, darf nicht zu mir\nkommen; der verfolgte mich auf Schritt und Tritt,\nund seine entsetzlichen Buchstaben töteten in\nsteter Bereitschaft meine tönende Stille.\n— Lebe wohl.\n\nDie Geschichte\nvon Uli Tarosch und dem Kater Schopenhauer\nVon John von Gorsleben\nDamals war Uli Tarosch siebenzehn Jahre alt\nund wunderschön. Sic hatte graue Augen von\ndem länglichen Schnitt und dem matten Glanz\neines geschliffenen Steines. Auch standen sie\nweit voneinander ab und lange schwarze Wim-\npern hingen an den schweren Lidern dieser merk-\nwürdigen Augen. Ihr Qang war leicht, und es lag\neine anmutige Keckheit in der Art, wie sie die\nkleinen Füße vorsetzte.\nUli besaß einen riesengroßen schwarzen\nKater mit kugelrunden grünen Augen und\nzwar von jenem seltenen Grün alter Türkise.\nDieser Kater hieß Schopenhauer und liebte Uli\nmit einer ausschließlichen und ergebenen Liebe,\nwie alle Welt wußte. Auch wußte man, daß Uli\nuehr als einwandfrei erklärlich diesem Tiere zu-\n?etan war, wohingegen sie die zahlreichen Ver-\nehrer schnöde behandelte und ihnen allen den un-\nheimlichen, unchristlichen und seelenlosen Kater\nvorzog.\nGanz besonders litt hierunter der Maler Niko-\nlai Iwanowitsch Aladjew, ein Russe. Er liebte Uli\nmit einer märchenhaften Inbrunst, einer Tiefe,\nAusschließlichkeit und einer Hoffnungslosigkeit,\ndie ihn schon mehrfach an den Rand einer ab-\ngründigen Verzweiflung gebracht hatte. Sein\nAussehen entsprach gänzlich diesem beklagens-\nwerten Zustand. Mit seinen beiden Freunden,\neinem nieder-österreichischen Musiker und einem\ndänischen Bildhauer, gehörte er dem engeren\n\"Kreise von Ulis Verehrern an. Ihre Namen zu\nnennen, darf füglich unterlassen werden, denn sie\ntreten im Verlauf der Geschichte, die wir hier er-\nzählen wollen, in der Hauptsache als bloße Sta-\ntisten in Erscheinung. Hingegen muß mit Nach-\ndruck eines Mannes erwähnt werden, der mit\neinigem Recht Aussicht auf eine Nachfolgerschaft\nSchopenhauers zu haben schien: nämlich Hugo\nKiills, eines Deutschen und Philosophen, der so-\neben eine Erkenntnistheorie erfunden hatte.\nDiese Tatsachen, vor allem aber das elende\nAussehen Aladjews, hatten die unleugbar feind-\nselige Stellung der Nachbarschaft Uli gegenüber\nverschuldet; allerdings mochten auch allerlei un-\nkontrollierbare Gerüchte hierzu wesentlich beige-\ntragen haben. So wollte man den Kater Schopen-\nhauer bei Nacht und Mondschein durch die Luft\nsausend gesehen haben, wie er im Kamin über\ndem Atelier, das Uli im vierten Stock eines Hauses\nvon Schwabing bewohnte, verschwunden sei.\nUeberhaupt sprach man schon allgemein ganz laut\nund mit Ueberzeugung die Ansicht aus, Uli Ta-\nrosch wäre eine Hexe und stände durch Schopen-\nhauer mit dem Teufel im Bunde. — Dem war\naber nicht so. • Jedenfalls war Uli anmutig, schön\nund gottlos genug, daß es unter zeitlich günstige-\nren Umständen ein leichtes gewesen wäre, sie dem\nHolzstoß zu überantworten. Jetzt begnügte man\nsich mit Steinen nach ihr zu werfen.\nDas hatte zur Folge, daß Uli ihr Atelier nur\nmehr selten verließ und die Tage und halben\nNächte in Gesellschaft Schopenhauers und ihrer\nVerehrer zubrachte. Das Ergebnis eines Zusam-\nmenseins von Menschen unter solch unnatürlichen,\nqualvollen Umständen war eine allgemeine Ner-\nvosität, die sich schließlich bis zur Unerträglich-\nkeit steigerte. Ganz besonders wiederum machte\nAladjews melancholischer Russenkopf einen kläg-\nlichen Eindruck. Seine Leidensfälligkeit schien\nzu Ende zu sein.\nHugo Küll, der Philosoph, schien bei dem all-\nseitigen Zusammenbruch der Einzige zu sein, der\nnoch Klarheit des Geistes genug zu irgendwelcher\nAbwehr besaß. Er beschloß, den Kater unschäd-\nlich zu machen, durch Hypnose unschädlich zu\nmachen. Denn ihn zu töten fürchtete er sich vor\nUli und vielleicht vor Schopenhauer selbst, ob-\ngleich er das nicht eingestehen wollte. Nach vie-\nlen Wochen und mühsamen Experimenten gelang\nes ihm, Einfluß auf den Kater zu gewinnen. Es war\ndann belustigend und schreckensvoll zugleich, wie\nSchopenhauer dem Wink der gebieterischen Augen\nKülls folgte, aber nach jedem Schritt den Kopf\nwie unter Schmerzen in dem Nacken drehte und\nnach Uli zurückschielte, die irgendwo auf der\nOttomane lag. Diese unnötig komplizierte und\nüberdies lächerliche Gangart mußte auf Aladjew\nentschieden von suggestiver Wirkung sein, denn\nnach Verlauf einiger Zeit begann er des Katers\nrätselhafte Bewegungen nachzuahmen.\nEin vorurteilsloser Beobachter hätte in diesem\nabsonderlichen Gebahren ohne Mühe deutliche\nSpuren von Geistesstörung erblickt. Nicht so\nHugo Küll, der Philosoph, noch seine Freunde.\nWie Uli Tarosch darüber dachte ist unsicher.\nAnzunehmen ist aber, daß, wenn sie überhaupt\netwas gewahr wurde, ihr diese bedrohlichen An-\nzeichen ohne Zweifel Vergnügen bereiteten. Tat-\nsache ist, daß sie eine unwandelbare Ruhe zur\nSchau trug und der Entwicklung der Dinge, die\nzur Katastrophe führen mußten, weder Vorschub\nleistete noch sie verzögerte.\nUnd die/ Katastrophe kam.\nDer letzte spärliche Rest des Tages war mit\ngroßer Gleichgültigkeit geschieden. Schon kroch\nder Mond schwerfällig hinter den Dächern der\nStadt herauf und zeichnete ein schmales Band vio-\nletten Lichtes durch das immense quadratische\nFenster in Ulis Atelier. Ein Teppich leuchtete\nblutrot aus dem Schatten hervor und lag da,\nlang und gestreckt, wie die lebendige Zunge eines\nUngeheuers. Uli saß, ein Bein über dem andern,\nauf der Ottomane und hielt eine Zigarette zwi-\nschen den zarten Fingern, an denen sie gewöhn-\nlich große Halbedelsteine in altertümlicher Fas-\nsung trug. Ringsum an den weißen Wänden stan-\nden oder saßen die Freunde, Küll, wie gewöhn-\nlich ernsthaft bemüht, den nebenbuhlerischen\nKater herbeizuhypnotisieren. Und wirklich, Scho-\npenhauer, dessen grüne Lichter dabei gespenstisch\nin der Dämmerung phosphoreszierten, setzte sich\nin Bewegung. Küll zwang das Tier offenbar mit\njedem neuen Tag mehr unter seinen Willen. Bis-\nlang hatte Uli ihn ungläubig lächelnd gewähren\nlassen. Sei es nun, daß sie begann Külls Erfolge\nzu fürchten oder daß es es sie reizte diesen Be-\nstrebungen gegenüber ihre Macht zu erproben:\nmit einem Male wurde sie unruhig, warf die Ziga-\nrette fort und, wie infolge eines plötzlichen Ent-\nschlusses, rief sie Schopenhauer mit lockenden\nKoseworten herbei. Dieser stutzte, entzog sich\nden Blicken Külls und flüchtete mit einer über-\nraschenden Wendung in die ausgestreckten Arme\nUlis, die ihn mit einer schützenden Gebärde vom\nBoden und auf ihren Schoß riß. Dann schmiegte\nsie seinen runden schwarzen Kopf au ihre Brust\nund begann ihn wollüstig zu küssen und zu strei-\ncheln. Unter ihren Händen löste sich die künst-\nliche Starrheit des geschmeidigen Katzenleibes in\neiner warmen Behaglichkeit. Behaglichkeit aber\nerweckt Begehren, und Schopenhauers leichte Er-\nregbarkeit erwärmte sich an ihr mit rascher Stei-\ngerung bis er sich schließlich, durch keinerlei mo-\nralische Gegenvorstellungen gehemmt, verlangend\nund gierig schnurrend in den Schoß der Frau\nwühlte.\nDieses suchende lüsterne Schnurren erfüllte\ndespotisch den kahlen Raum. Küll staunte ver-\nloren ins Leere, und die drei Freunde starrten\nvor wahnwitziger Eifersucht mit grünlichen Ge-\nsichtern dorthin, von wo das Liebesschnurren\nkam. Uli lächelte, aber die halbe Dunkelheit ver-\nschlang das Lächeln, in dem sich grausame Zärt-\nlichkeit und naiver Siegerstolz mengten.\nMit einer kindlichen Freude am Erfolg stei-\ngerte sie die Begierde des Tieres durch raffinierte\nLiebkosungen. Das wollüstige Schnurren wurde\nimmer unerträglicher und endete zuletzt in einem\nwütenden Grunzen. Uli saß mit zusammenge-\npreßten Schenkeln da. Sie hatte das Kinn er-\nhoben, die Augen geschlossen und den Mund\nleicht geöffnet. Ihr Körper streckte sich und er-\nschauerte in leisem Zittern. Mit nervösen Bewe-\ngungen, wie vernunftbegabt und eigentätig, zuck-\nten ihre Fingerspitzen durch das schwarze weiche\nFell, bis sie unvermittelt in einem Anfall sinnlicher\nRoheit die Nägel tief in den heißen Körper des\nTieres grub, das schmerzvoll aufschrie.\nDie vier Männer ringsum an den Wänden\nlauschten mit gereckten Hälsen und verzerrten\nGesichtern. Sie lauschten gespannt und empfin-\ndungslos nach etwas, nach etwas Ungeheuer-\nlichem, lauschten und lauschten, bis dennoch über-\nrumpelnd das Erwartete eintrat: ein wildes stol-\nzes Geheul, das Sieges- und Triumphmiauen des\nwollusterlösten Katers erscholl, so schrill, schran-\nkenlos und voll Hohn, und drang den Männern\nschmetternd und ungehemmt in das Gehirn, so\nschmerzend und stehend, als ob kein i rommelfell\nden schwankend hohen Schall mehr dämpfte.\nDa geschah etwas Grauenvolles, was allen die\nHaare zu Berge trieb und die Poren der Haut weit\nöffnete. Nikolai Iwanowitsch Aladjew schnellte\nmit einem Satz von der Wand, wo er wie ver-\nsteinert gestanden hatte, in die Mitte des Raumes,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "266", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.6", "texte": "sank auf seine Hände, warf qualvoll das katzen-\nartig entstellte Haupt in den Nacken und begann\nmit schmerzlich verzogenem Mund ein herz-\nerbrechendes Miauen, leidenschaftlich bemüht, das\nTriumphgeheul des glücklichen Nebenbuhlers zu\nübertönen. Ein kurzes Auflachen Ulis erklang,\nbefremdlich in seiner Trockenheit. Schopenhauer\naber, der erregt und mit sonderbar scharfen Wen-\ndungen und mit gesträubtem Rücken saine Herrin\numkreiste, fuhr wutfauchend und mit grünen\nAugen, Aladjew entgegen. So stierten sich die\nGegner eine Weile fletschend und voll blöden\nHasses an. Lediglich Schopenhauers Schweif, der\nkerzengerade und erbost in den Aether stach,\nstörte die Symmetrie des ungewöhnlichen Bildes,\nbis sich langsam, behutsam die elastischen Glie-\nder des Katers lösten. Er glitt lautlos zurück,\noffenbar in listiger Absicht, sich wie zum Sprunge\ndicht an den Boden kauernd. Das lauernde\nsprungbereite Tier erweckte in Aladjews Seele\neine sinnlose phänomenale und unzähmbare\nFurcht, eine Furcht, die in seinem gemarterten\nGehirn vollends den kalten Wahnsinn entfachte.\nEr stieß ein tiefes dumpfes Brüllen aus, wie es nur\neine grenzenlose Furcht gebären kann, ein Brül-\nlen, das nicht aus Lungen, sondern aus Eingewei-\nden zu kommen schien und in rollendem Rythmus\ndie Glasscheiben erklirren ließ. Dann sprang er\nauf und mit großer angstgejagter Gebärde zur\nTür hinaus und die dunkle Treppe hinunter, als\nwenn der leibhaftige Teufel ihm mit kalten Kral-\nlen im Nacken säße. Schopenhauer, anfänglich\nverdutzt durch das Furchtgebrüll, verharrte einen\nAugenblick mit zugekniffenen Augen und zurück-\ngelegten Ohren; dann schoß er wie ein Schatten\ndurch die Luft auf den Flur und über die knacken-\nden Stufen dem Fliehenden nach.\nWar es der suggestive Eindruck dieses fabel-\nhaften Vorganges oder waren sie ohnehin schon\ndem Wahnsinn verfallen, urplötzlich hüben der\nnieder-österreichische Musiker und der dänische\nBildhauer zu schreien an wie zuvor Aladjew und\nstürmten polternd hinaus und hinterdrein.\nIn der stillen Umgebung der nächtlichen\nStraße wurde es lebendig. Ein Hund schlug an,\nFenster öffneten sich und verwunderte Hälse\nreckten die Köpfe heraus nach den drei Menschen,\ndie mit unvernünftigen Gebärden, schreiend und\nmiauend in der trüben Mondhelle die Straße mit\nder weißen Bogenlampenreihe hinunterliefen. Dies\nalles machte einen solch seltsamen Eindruck, daß\ndie späten Spaziergänger, die der Erscheinung\nbegegneten, nicht nur verwundert stellen blieben,\nsondern unwillkürlich ins Laufen gerieten, sei es\naus Neugierde oder unter jenem unbestimmten\nZwang, der Menschen laufen macht, wenn sie\nandere laufen sehen.\nAlles geriet in kopflose verständnislose Auf-\nregung und Bewegung, schrie und brüllte. Rufe\ndes Staunens und des Schreckens wurden laut,\nHöfe und Seitenstraßen spien kläffende Hunde und\nfauchende Katzen aus, die einander hetzten und\nin der allgemeinen Jagd kläffend, fauchend und\nheulend dem Schwärm lächerlich hastender Men-\nschen folgten. So kollerte die Menge, Nikolai\nIwanowitsch Aladjew und Schopenhauer allen\nvoraus, die Leopoldstraße hinunter und schließlich\num die Ecke einer Straße, die zum Englischen\nGarten führt. Gerade als der Schwärm in das\nDunkel des Parkes einbiegen wollte, flammten\n*wei gelbe Blendlaternen auf, eine Hupe ertönte\nund ein Elektromobil glitt gedankeschnell heran.\nAls wenn der rücksichtslose stets gleiche Laut der\nHupe den Bann gebrochen hätte, stoppte plötzlich\ndie geisterhafte Jagd. Das Elektromobil knisterte\ninteresselos an dem Häuflein verwunderter abge-\nhetzter Menschen vorbei, die sich unwissend fra-\ngend ansahen und schließlich beschämt von dan-\nnen schlichen, indessen die Katzen die Bäume er-\nstiegen und die Hunde, allen Hader vergessend,\neifrig hinter einer Hündin hergaloppierten, die mit\neingezogenem Schwanz Quer über die Grasfläche\nfloh.\nEs war des andern Morgens schon spät, als\nSchopenhauer vor der Ateliertür Ulis Einlaß be-\ngehrte. Zu Schopenhauers Erstaunen, war es\nKüll, der ihm öffnete. — Es muß an dieser Stelle\nendlich gesagt werden, daß Hugo Küll, der Philo-\nsoph, den Ort der Katastrophe nicht mehr verlas-\nsen hatte. Uli hob den Ankömmling, der scheu\nund verlegen entschlüpfen wollte, auf ihre Arme\nund sah ihm mit unheilvoller Ruhe in die grünen\nAugen. Dann küßte sie flüchtig seine heiße\nSchnauze, trat an das offene Fenster und, ehe es\njemand hätte hindern können, schleuderte sie das\nTier in die Tiefe des asphaltglatten Hofes.\n„Bist du nun zufrieden?\" fragte sie vom Fen-\nster zurücktretend und lächelte Küll ergeben zu.\nZur selben Stunde aber brachte man den\nMaler Nikolai Iwanowitsch Aladjew mit einem\ngrünen Wagen in die Kreisirrenanstalt.\n\nGlosse zu meinem Werk\nVon Ardengo Soffici\nPerrnettez-mori de vous repeter ce que je\nvous disais ici: traiter la nature par le\ncyündre, la sphere, le cone\nPaul Cezanne: Brief an Emil Bernard\nDa ich zum ersten Male in Deutschland aus-\nstelle, halte ich es für nötig, dem deutschen Pu-\nblikum eine Idee von der Entwicklung meiner\nKunst zu geben. Nur einen Teil meiner Versuche\nwill ich hier vorlegen: das Resultat der letzten\nfünf Jahre — nämlich seitdem ich mich in meiner\nKunst vollständig jener Bewegung in der Malerei\nangeschlossen habe, die zur Zeit in ganz Europa\nunter dem zwar nicht zutreffenden aber durch\nden Gebrauch geheiligten Namen „Kubismus\" be-\nkannt ist.\nIch hätte die Ausstellung auf die letzten Resul-\ntate meines Schaffens beschränken können, aber\nindem ich dem Beschauer in meinen Arbeiten\nzeigte, wie diese Tendenz auftauchte, fortschritt\nund sich durchsetzte, glaubte ich am besten ihre\nNatur und Notwendigkeit klar zu legen, und da-\ndurch ein Urteil, sei es gut oder böse, über die\nmannigfaltige Realisierung zu erleichtern.\nIn der Tat wird es für den Kunstverständigen\ngenügen, die hier ausgestellten Gemälde aufmerk-\nsam zu betrachten, um zwischen den ersten und\nletzten etwas wie eine starke geistige Verwandt-\nschaft zu entdecken, die logische Entwicklung\neines künstlerischen Problems, die notwendige\nUmbildung einer immer exklusiveren Konzeption\nder sichtbaren Welt.\nSo wird man zum Beispiel sehen, wfe auch in\nmir, der ich für kurze Zeit ein Anhänger der so-\ngenannten impressionistischen Aesthetik war, wie\nfast alle Künstler meiner Generation, sich genau\nin dem Augenblicke der ersten in Frankreich ein-\ngetretenen Reaktion, ein Bedürfnis nach Einfach-\nheit, Wirklichkeit und Disziplin geltend machte,\nwie sie der Impressionismus niemals oder fast\nniemals kannte.\nChromatischer Ueberschwang, zitterndes Ver-\nschwimmen der Formen und der Zeichnung, an-\narchische Erregtheit der Sensibilität waren die\nhervorstechenden Züge des Impressionismus.\nDiesen Eigentümlichkeiten, die zu Fehlern wurden\nbei de» Fortsetzern, den Nachahmern und auch\nbei den Lehrern — Monet, Sisley, Pissaro mach-\nten zuletzt ein System daraus — sowie der Ein-\nseitigkeit, der Verschwommenheit, dem Anekdo-\ntischen mußte eine nach Erneuerung begierige\nJugend andere Werte entgegensetzen. Sie ent-\nstammen einem weiteren, konstruktiveren Wirk-\nlichkeitsempfmden.\nSchon im Schöße des Impressionismus selbst\nlag die Reaktion. Paul CSzanne (nicht zu reden\nvon Renoir, dem wundervollen ganz für sich\nstehenden Künstler, noch von Gauguin, noch von\nVan Gogh, die bedeutungsvoll, aber ornamental\nsind), Paul Cezanne — der große Lehrer von uns\nallen — hatte sie begonnen und ruhmreich fort-\ngeführt. Indem man sich seine Lehre zunutze\nmachte, ohne seine ersten Kampfgenossen zu ver-\nnachlässigen, brauchte man nur auf diesem Weg\nfortzuschreiten.\nAber es ist nicht genug zu reagieren gegen eine\nForm der Kunst, deren Zeit vorüber ist. Das ist\nnur der erste Schritt zur völligen Freiheit; und\nder Geist, dem sich die Möglichkeit einer ganz\nneuen Folge von Studien und Entdeckungen ent-\nhüllt hatte, konnte nicht stehen bleiben, er mußte\nweiter, tiefer gehen.\nSo kam es, daß einige der Kühnsten unter den\njungen Künstlern rasch über die Formlosigkeit,,\ndie koloristischen-lyrischen Exaltionen des Im-\npressionismus hinwegschritten, zum Studium der\nKomposition und der Volumina, denen Cezanne\nbesondere Sorgfalt widmete. Und indem sie\ndiese Studien immer mehr vertieften, standen sie\nplötzlich vor dem Problem der völligen Emanzi-\npation von jeder objektiven Darstellung der wirk-\nlichen alltäglichen Formen, von jedem Gedanken\nan Schilderung, Anekdote, Psychologie, Moral,\nEmpfindung, Pädagogik oder Dekoration, kurz,\nvor dem Problem der wahren synthetischen ly-\nrischen Malerei — und so entstand der Kubismus.\nDa ich, wie ich schon sagte, ein Anhänger\ndieser Schule bin, steht es mir, glaube ich, nicht\nzu, sie zu beschreiben und ihre Zukunft zu prophe-\nzeien. Ich habe nur in wenigen Worten ihre\ngeistige Geschichte skizzieren wollen, es ist auch\ndie Geschichte der fünfundzwanzig Arbeiten, die\nich ausstelle. Sie zeigen dem deutschen Publi-\nkum und der deutschen Kritik von 1908 bis heute\ndie aufeinanderfolgenden Stadien meines persön-\nlichen Beitrags zu der Bewegung auf einer Straße,\ndie die moderne Malerei notwendig bis zum Ende\nwird verfolgen müssen.\nFlorenz, Dezember 1912\n\nDie rote Flamme\nVon Hermann Wagner\nUnd je lustiger und lauter sie sich gebärde iet\num so stiller und banger wurde er in seinem Her-\nzen —\n„Noch eins!\" sagte schließlich Fräulein Hen-\nmine, indem sie Herrn Theobald gegenübertrat.\n„Noch eine Bitte habe ich an Sie . .\nSie sprach merkwürdig gedämpft und ihre Lider\nwaren halb gesenkt.\nUnter diesen halb geschlossenen Lidern kroch\naber ein brennender Blick hervor, und Herr Theo-\nbald fühlte, wiie dieser Blick sich um seinen gan-\nzen Körper wand, sich um ihn festschnürte und\nallen Willen 'und alle Energie aus ihm heraus-\nsaugte . . .\nWie einen ohnmächtigen Halm im Winde sah.\ner seinen Körper hin und her schwanken . . .\n\nFortsetzung:"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "267", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.7", "texte": "...Reden Sie, liebes Fräulein,\" stammelte er.\n„•Nein.! Sie miüssen mir vorher versprechen,\n•daß Sie nicht nein sagen werden! . . .\"\n..Wenn ich es vermag . .\n„Es ist ein nichts, Herr Theobald! ... ein\nXHcbts! . . .\nSagen Sie: Ja! . .\nHerr Theobald zögerte.\n„Versprechen Sie es mir! Ich bitte darum!\"\nSie stand ganz dicht vor ihm und lächelte ihn\nan . . .\nIhr Lächeln! . . .\n...Sagen Sie: ja! Sagen Sie es!\"\nJfa . . . Ja! . .\nSie flüsterte ihm etwas ins Ohr.\nEr verfärbte sich und wich zurück.\nAber sie breitete ihre Arme aus . . .\nDa gab er einen schluchzenden Laut von sich\nutk! sank an ihre Brust . . .\nSie war gegangen . . .\nEben als es Mittag schlug und die Glocken an-\nhüben zu läuten, hatte sie ihm ein letztes Mal die\nHand gedrückt, und ihr Kopf war, mit einer\nlächelnden Wendung gegen ihn, hinter der Türe\nverschwunden.\nSeitdem hatte er sich stumpf und regungslos,\nnicht vom Platze gerührt, und sein ganzes Be-\nmühen war dahin gegangen, ihr Bild in seiner\nPhantasie festzuhalten.\nEine Stunde schon saß er so.\nEr vermeinte noch ihren letzten Gruß zu\nhören, das leichte Geräusch ihrer Tritte, als sie\ndie Stiegen hinabgegangen war, tönte in ihm fort,\nihm war, als vernehme er noch den dumpfen\nTon, als die Haustüre hinter ihr ins Schloß ge-\nfallen war —\nFort, fort . . .\nHerr Theobald nahm Hut und Stock, verschloß\ndie Füre und ging, die „Sorge\" hinunter, nach der\nStadt.\nWährend der Schnee unter seinen Füßen\nknirschte, und das grelle Licht des Wintertages\nvon allen Seiten auf ihn eindrang, wurde er ge-\nwahr, wie das Gefühl der Bangigkeit und einer\nverzweifelten Sehnsucht in seiner Brust sich lang-\nsam und zaghaft löste.\nEr langte auf dem Marktplatz an, nahm seinen\nWeg schlendernd durch die Lauben, umging mehr-\nmals den kleinen Platz und war sich im Grunde\ngar nicht klar, wo er war und was er wollte.\nDie Menschen sah er nicht, ebensowenig die\nHäuser um sich her; er machte den Weg rein\nmechanisch. Sein Blick war immer starr gerade-\naus gerichtet, hatte kein Ziel und verlor sich in\neinem Wirrwarr von Gestalten und Geschehnis-\nsen, die .seine heiß arbeitende Phantasie in einer\nuferlosen Menge vor ihn hinstellte.\nDie scharfe Luft, die seinem Gesichte beißend\nentgegenschlug, tat ihm ungemein wohl, und die\nSonne, die berückende, sich zärtlich einschmei-\nchelnde Wintersonne, bewirkte, daß in seine Seele\netwas wie ein lachender Schein fiel und dort ein\nkleines Glücksgefühl weckte, ein bescheidenes,\nwinziges Glück, von dem sich dem Körper eine\nbehagliche Menge von Wärme und Trost mitteilte.\nEr dachte:\nDa draußen irgendwo fährt jetzt ein Zug . . .\nKeuchend und pustend stampft er dahin, durch\nFelder und Wälder, und an Dörfern und Städten\nvorbei, und, in irgendeine Ecke gedrückt, mit\nleuchtenden Augen, mit sehnsüchtigem Herzen,\nsitzt jemand, der immerhin meiner gedenkt, . . .\nmeiner gedenkt ...\nEr wurde nicht müde, es sich auszumalen:\nWie sie immer an ihn denken mußte, genau so\nwie er an sie . . .\nWie in ihrem Herzen ein Keim von Dankbar-\nkeit steckte, der wuchs und wuchs und sich wan-\ndeln würde . . .\nWar es nicht wirklich geschehen?\nHatte sie es ihm nicht wirklich gesagt, mit\nWorten, mit ihrer eigenen Stimme, indem ihr\nKörper sich leibhaftig an den seinen gepreßt\nhatte? . . .\nDaß sie ihn lieb habe —\n„Ich habe dich lieb,\" hatte sie gesagt . . .\nHerr Theobald blieb stehen, sah starr vor sich\nauf den Boden und machte mit seinem Stocke\nkleine verschrobene Zeichen in den Schnee.\n„Ich habe dich lieb,\" sagte er dabei und\nlächelte iii sich hinein.\nWie oft sagte er es?\nEs war plötzlich Sonne in ihm.\nWarum ging er nicht hin und umarmte diesen\nBaum, warum fiel er nicht um jene Säule und\nküßte sie! Jeden Stein hätte er aufheben mögen\nund ihn liebkosen, alles, was um ihn her war, an\nsein Herz drücken. Er lief plötzlich im schärfsten\n1 ernpo dahin-, daß die Leute stehen blieben und\nsich verwundert und belustigt anstießen, er\nrannte . . . rannte ...\n\nFortsetzung folgt\nVerantwortlich für die Schriftleitung::\nHerwarth Waiden / Berlin W 9\n\nBerliner Sylvester\nJoseph Adler\nUnd sie raste wieder, die Sylvesterbestie.\nSie bereitete der Papierschlange ein Paradies, der\nJahreswechsel wurde von allen Lebensanalpha-\nbeten sorglos akzeptiert, die Weiber kreischten,\nals gingen sie mit dem neuen Jahre nieder, Ra-\nketen stiegen, der Knalleffekte des gemeinen Ulks\nund der Rohheit war kein Ende, und das war nur\nder Anfang. Zwischen dem Sarge des alten Jah-\nres und der Wiege des neuen wurde die Lebens-\nfreude vergewaltigt. „Immer obenauf ist die De-\nvise der Kinder echter Fidelität, und der Men-\nschenwürde ist ein tolles Ende bereitet. Leute,\ndie das ganze lange Jahr hindurch nicht ein Fiink-\nchen Geist versprühn, verbrennen in der Syl-\nvesternacht nach einer famosen Idee. Und es\nist wahr: daß „es bedeutend leichter ist. die zahl-\nreichen gemütvollen Feste an ihrem vorausbe-\nstimmten Datum zu feiern, als das eine, das aus\nirgendeinem unbekannten Grunde ein reiches Maß\nvon Witz verlangt. Von dem überreichen Vor-\nrat an Gemüt, der uns nun mal innewohnt, kön-\nnen wir immer spenden. Leider sind wir nicht\nehrlich genug, um uns einzugestehen, daß es mit\nunserer eingeborenen Lustigkeit nicht weit her ist.\nMag Punsch, Sekt und angenehme Weiblichkeit im\nLaufe des Abends den sagenhaften Berliner Witz\nin uns entfesseln — am Nachmittag sind wir noch\näußerst verlegen.\"\nDoch „wie immer, wenn uns was fehlt, tritt\neine Industrie auf, um uns zu helfen; und so ist\nauch der Sylvesterscherz Gegenstand einer In-\ndustrie geworden.\" Tausende fleißige Hände\nhaben sich gerührt, um die unumgänglich not-\nwendigen Lawinen der Heiterkeit ins Rollen zu\nbringen. Es schneit Konfetti und die Lawinen der\nHeiterkeit kommen ins Rollen. Wehe, wehe! Das\nalte Jahr ist pleite, die Scherzindustrie floriert,\nund nur die Polizei versteht keinen Spaß. Der\nErnst des Lebens ist kalt gestellt, und „mit heißer\nStirne betritt man die Straße, die mit Fall-\nstricken, Papieren und dem Lärm der un-\nmöglichsten Radauinstrumente angefüllt ist\". Es\nfallen Papiere, es schneit Konfetti, die Lawinen\nder Heiterkeit stürzen über Fallstricke und die\nRadauinstrumente tuten Warnungssignale. Prost\nNeujahr!\n„Schon gegen 10 Uhr sah man in der Behren-\nStraße und Unter den Linden starke Auf-\ngebote von Schutzmannschaft zu Fuß\nund zu Pferde von den Polizeioffizieren die\nletzten Instruktionen entgegennehmen. Es sah\naus, wie Szenen aus einem militä-\nrischen Feld lager.\"\nDie Polizei hatte gegen den inneren Feind ge-\nrüstet: der eingeborenen Lustigkeit. In der Zeit\ndes Waffenstillstandes am Balkan'erklärt die Ber-\nliner Schutzmannschaft der Lustigkeit den Krieg.\nIst das nicht traurig? Der Säbel erhebt sich\ngegen den Niedergang des Witzes und der Revol-\nver ist in Bereitschaft gegen eine Fidelität, die ihr\nZiel verfehlt. Den Abstand, der zwischen Witz\nund Lustigkeit gähnt, kann man an der Gefahr er-\nmessen, die dem Nächsten droht.\nUeber die Nacht, die aus irgendeinem unbe-\nkannten Grunde ein reiches Maß Witz verlangt,\nbricht die Handschellendämmerung herein. Nur\ndie wüsten, hungrigen Begleiterscheinungen eines\nmageren Witzes sind da. Er sickert, ob auch\nSekt und Champagner fließen, und angenehme\nWeiblichkeit muß ihn entfesseln, selber an männ-\nliche Trauergestalten gekettet. Sie entfesselt\nWitz und ist im Ernst zu beklagen. Sie zündet\nSplitter, wo sie Brände lockern möchte, sie ent-\nfesselt die schee n e Ungebundenheit, selber an\ndas Wrack einer gescheiterten Eunuchenmoral\ngeschmiedet. Die angenehme Weib lichkeit\nist die blutige Blüte einer verdorrenden Sitte, sie\nist ein Produkt der modernen Kultur, ein Surro-\ngat des Weibes, das der spekulative Bube Zeit-\ngeist der Allmutter stückweise abgeschachert hat.\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung: der kier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nNicolas Beauduin\nLes Poetes: Premier Fascicule: Nicolas Beauduin\nParis / E. Basset et Cie / Editeurs\nPoeme et Drame\nVolumen I November 1912: Gustave Lanson /\nGeorges Polti / Louis Mandin / Guillaume Apol-\nlinaire / Jean de Broschere / A.-R. Schnee-\nberger 112 Albert Gleizes / Jean Metzinger /\nAuguste Callet / Charles Callet / Jean Muller /\nGaston Sauvebois / Henri-Martin Barzun\nParis / Verlag Kugene Figuiere et Cie / Editeurs\nAlbert Ver w e y\nHet Eigen Rijk / Gedichte\nHaag / De Zilverdistel\nPaul Zech\nDas schwarze Revier / Gedichte\nUmschlag von Ludwig Meidner\nVerlag A. R. Meyer / Berlin-Wilmersdorf\n\nNotiz\nIn dem Gedicht Späte Oktober nacht\n(Nummer 144/45) muß die siebente und achte Zeile\nheißen:\nÄngstigend über reifen Gestalt\nDringt hoch, langsam doch ohne Halt."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "268", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191302-01.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalte fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen ■ vom\nWorten ist nur durch Sperrdruck« von Namen nur dur-ci\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeie\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verla i,\nder Sturrn Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-''\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\n.\nDruck von Carl Hause / Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nBerlin, W / Koiiigin AngastastraSe si\ndor von der I~*£ysitstrj#fi©\nFahrgciegenheit: Liitzowpiatz\nZwOlfte Ausstelliihg\nR. Delaunay\nArdengo Soffiei\nJulie Baum\nGedachtmsausstellung\nGeoifnet taglich von 10—6 Ufer / Somiiags von\n16—2 Ubr\nEintriit 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W9 Potsdamer StraSe 134 a\nFernruf Amt Lutzow 4443\nZeitschrift der Sturm\nDauerbezug\nGewdhitliche Ausgahe: F ii r Deutsehland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Haibiahr 3 Marie / Ein Vierteljahr\ni Mark 50 / Einzelimmraer 20 Pfennig / Doppel-\nnummer 40 Pfennig X Fur das Ausland bei\ndirekterZusteliung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Haibiahr 4 francs 50 cen-\ntimes / Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, V e r -\nsendung in Roilen direkt durch die\nPost f ii r Deutsehland una Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Haibiahr 6 Mark X Fiir das Ausland:\nEin Jahr IS francs / Ein Haibiahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteliahrsbezuge, Einzel-\nEummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n6 Mark / Vom 1. April 1913 ab 10 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm 1st durch alle Buch- und\nKuiisthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nzi-ehen / Zum Einzeiverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken und StraOenstanden\nauf\nFails direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird. bitten wir den B e t r a g fur den\nDauerbezug bei der Besteilung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum zehn ten des erst en Monats einzu-\nsende.n / Andernfalls nehmen wir an, da£ E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwtinscht wird\nSonderdrucke\nMax Pecbstehi: Die Erlegung des Fest-\nbratens / Originalholzschnitt / Auf Nummer 94\nder Zeitschrift Der Sturm sind einhundert\nExemplare vom Kiinstler mit der Hand aquarel-\nliert, signiert und numeriert /' Das Exemplar\n5 Mark\nFranz Marc: Versdhnung / Originalholz-\nschnitt I 15 Exemplare voin Kiinstler auf Japan-\npapier handgedruckt, signiert und numeriert / Das\nExemplar 40 Mark / T i e r 1 e g e n d e / P f e r d e\nI Tiger / P f e r d e (Hochformat) / Original-\n\nkolzscftnitte I ie 10 Exemplare vom Kunstler auf\nJapanpapier handledruckt, sigfiiert und nnmeriert\n/ Das Exemplar 40 Mark\nWifhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\n_seur I Holzarbeiterfamilie / Fressende liolzar-\nHeiter / Je zehn oder sieben nummerierte und\nsignierte Handdrucke / Das Exemplar 15 Mark\nG. Miiiiter: Neujahrswunsch I Funt signierte und\nnumerierte Exemplare / Das Exemplar 20 Mark\nRichter-Beriin: Landschaft mit hollandischer Muhle\n1 Landschaft mit Bockmiihle / Landschaft mit Bahn-\nwarterhauscheri / Landschaft mit Kindern / je fiint-\nzehri signierte und numerierte Exemplare auf Ja-\npanpapier I Das Exemplar 25 Mark\nSchmidt-Rottlufi: Mann und Weib ./ Zwolf hand-\ngedruckte, numerierte und signierte Exemplare /\nDas Exemplar 30 Mark\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nie fumzehn signierte und numerierte Exemplare /\nDas Exemplar 20 Mark\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] zwolf signierte und numerierte\nExemplare / Das Exemplar 25 Mark\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Nijinsky / Portrat Licht-\ndruck, groBes Format / 10 Mark\nR. Delaunay: Album / Elf Reproduktionen von\nQemalden (ein Farbendruck) mit einem Gedicht\nvon Guillaume Apollinaire / Das Exemplar 10 Mark\nMusik\nlierwarth Walden: Dafnislieder / Zti Ge-\ndichten von Arno Holz / Fur Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark\nKiinstlerpostkarten\nFuhiristen: 1 / Umberto Boccioni: Das\nLacben / L u i g i R u s s o 1 o: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Oino Seve-\nr i n i: Die Modistin / Ruhelose Tanzerin / Pan-\nPan Tanz X Lichtdrucke: Das Exemplar\n20 Pfennig\n2 I Umberto Boccioni: Das Lachen / Ab-\nschied / LuigiRussolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in veller Fahrt / GinoSeverini:\nPan-Pan Tanz / Ruhelose Tanzerin X Cliche-\ndrflcke: Das Exemplar 20 Pfennig\n\nZeitsehriften\nDie Aufnahrne erfolgt kostenlos nach freiem Ermessen\ndcr Redaktion dicser Zeitschrift\nL'Efiort IJbre / friiher L'Effort / Monatsschrift /\nHerausgeber: Jean Richard Bloch I Poitiers\n[Vienne]\nL'Ind6pendance / Halbmonatsschrift / Ki'mste /\nKultur I Philosophic / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelie Revue Francaise / Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nLes Cahiers du Centre 1 Moulins [Allier]\nLes Soirees de Paris / RecueLl Mensuel / Paris\n9 rue Jacob\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fur Neue Kunst.\nTschechische, fremde und alte Kunst: Literattir,\nKunsthistorie, Malerei, Plastik, Architektur, Kunst-\ngewerbe, Theater, Musik. Erscheint monatlich (8\nBildbeilagen, 20 Seiten reich illustrierter Text, Mu-\nsikbeilage). Jahrlich M. 12.60 / Prag I / Bellevue\nFranzenquai 20\n\nAnzeigen\n\nPoetry and Drama / Dichtung unci Drama / Be-\ngriindet Januar 1912 ./. Eine ge-\nwidrnet der Dichtung und dem Drama der Gegen-\n-wart iii alien Liimfern / Probehcft gegen Einsen-\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n10 Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop J London WC / 35 Devonshire-\nStreet I Theobalds Road\nNeue Ku&st Hans Goltz Mlinchen, 0 d'-e -\no n s p 1 a t z 1 I Van Gogh bis Kandinsky I Die-\nGraphische Ausstellung enthalt zurzeit Brang-\nwyn I Hodler / Liebermann / Munch\nSchmutzer / Slevogt / Zoir / Zorn I uni\nandere / Illustrierter Katalog der ersten Aus-\nstellung 50 Pfennig / Samrnler wollen mir ihre\nWiinsche stets iibermitteln / Auswahlsendunger\nbereitwillig\nDer neue Ktmstsalon Dr. Paul F. Schmidt:\nund Max D i e t z e 1 M ii n eh e n , KoniginstraBe 44\n(am englischen Garten). / Januar 1913: Ko--\nlektiv-Ausstellung von Erich Meckel, E. L. Kirch-\nner, Otto Mueller und Schmidt-Rottluff. Stan digs\nAusstellung von Expressionisten: Picasso, Ko-\nkoschka, Nolde usw. Kunstgewerbe, Graphisches\nKabinet, Handzeichnnngen und Graphik erster mo-\naerner Kiinstler.\nNeue Sezession / Berlin / Eingeiragener Verciir\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\nerhalten jahrlich 1 / mehrere graphische Arbeit?#\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugesteilt 3\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neueo?\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 13 Mark\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession: Ste&~\nlitz, MiqueistraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 269s?\nCoffeinfreier Kaffee Hag ist wirklicher Bolinen-\nkaffee, der alle Geschmacks- und Aroma-Vorzuge\nbesten coffeinhaltigen Kaffees aber nicht dessen\nNachteile hat. Er ist unschadlich flir Herz-, Ner-\nven-, Magen-Leidende und andere Kranke\n•\nEdmund Meyer / Buchh&ndler und Antiquar / Ber\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fur bibliophile Lite-\nratur alier Zeit / Wertvolle und seltene R lichee\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhimdert / Alte uni\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung\nReuB und PoHack / Buchhandlung und Antiqua\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fcrnsprecher Am\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuer?\nSezession / Vorlesungen iiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaber?\nin auslandischer Literatur\nFritz Merker Charlottenburg, SchillerstraBe 94\nFernruf Amt Steinplatz 8397. Passepartout*\nfabrik / Buchbinderei / Zeichenmappen / Auf-\nziehen von Zeichnungen / Moderne Bucheinb&mls\nTitania-Schreibmaschine / Erste deutsche Schreib\nmaschine mit Typenhebeln auf Kugellagern\nFabrikat der Aktiengesellschaft Mix & Genest\nSchoneberg-Berlin. Generalvertreter fur Berttr.\nund die Mark Brandenburg: Louis Stangen\nLinkstraBe 12. Telefon: Amt Kurfiirst 2425"}]}