{"numero_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_sha256": "04d4122718a6fb88f9230166b14c809834962fc18245bd81555003954e2bbca4", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1913/06_01/bmtnabg_1913-06_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1913/06_01/bmtnabg_1913-06_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c001", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "41", "page_fin": "41", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt: H. 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Um ihr aber doch eine Daseinsberech-\ntigung zu geben, wurden die Philologen erfunden.\nSie beschäftigten sich im wesentlichen damit, der\n■ Menschheit die Kunst zu verleiden, indem sie sie\nzu einer Angelegenheit der sogenannten Gebilde-\nten machen. In der Schule als Lehrer, an der\nUniversität als Geheime Regierungsräte. Sie zäh-\nlen Goethes Verse ab, untersuchen Schillers Toten-\nschädel, spüren Heines Liebschaften nach. Sie\nkennen die Schulden Mozarts, die Ohrenkrankheit\nBeethovens und die Ehen Richard Wagners. Sie\nbetreten die Stätten, die ein großer Mensch be-\ntrat. Sie sammeln seine, Fußstapfen, seine Asche,\nseine Aschbecher, seine Federhalter, seine Tinte,\nsoweit sie nicht so vertrocknet ist, wie das eigene\nGehirn. Aber die Zeiten sind schlecht. Tausende\nhaben schon gesammelt, was in den Kehricht ge-\nhört. Die geistigen Müllkisten sind überfüllt.\nNicht der geringste Lumpen der Klassiker blieb\nunverwertet. Uebrig blieben nur die Philologen.\nArbeitslose. Die lebenden Künstler leben eben\nnoch. Sie dürfen erst nach dreißig Jahren ver-\nwertet werden. Da hilft den Arbeitslosen das\n\\\nneugegründete Deutsche Buchhandels-\narchiv. Warum soll man, so sagten sich die\nHerren, nur Gegenstände und Schriftstücke be-\nrühmter toter Künstler sammeln? Nein, man\nsammle alle Gegenstände und alle Schrift-\nstücke. Die Archivare haben Arbeit und unter\nihrem Gehirn wird alles Wissenschaft. Das\nDeutsche Buchhandelsarchiv richtet an alle Buch-\nhändler und Verleger (wörtlich) „die Anfrage, ob\nsich in Ihrem Besitze ... Material befindet, das\nzur Vernichtung bestimmt ist, oder das Sie, ohne\nes der Vernichtung preisgeben zu wollen im Inter-\nesse der gern ausscheiden wür-\nden, oder das bei Ihnen lagert, ohne für Sie von\nWert zu sein oder in absehbarer Zeit einer Ord-\nnung und Verwendung entgegen zu sehen . .\nDas alles sammelt von nun ab das Deutsche Buch-\nhandelsar'chiv. Ausdrücklich gewünscht werden:\nGeschäftspapiere, Briefwechsel und einzelne\nBriefe, Konzepte u n d Entwürfe, Akten und Akten-\nkopien, Inventarstücke aus älterer und alter\nZeit. Das alles wird dort gesammelt, registriert,\nnumeriert, und für ewige Zeiten aufbewahrt. Kein\nLöschblatt aus älterer Zeit, keine Faktur aus alter\nZeit kann mehr umkommen. Jeder Briefwechsel\nfindet seinen Herausgeber, jedes Konzept seinen\ngeistreichen Erklärer, jede Aktenkopie .seinen ori-\nginalen Doktor. Die bekannten ungeahnten Per-\nspektiven eröffnen sich wieder einmal. Was dem\ndeutschen Buchhandel nichts mehr wert ist, kann\nauch der gesamte übrige Handel entbehren. Jeder\nHandeltreibende hat einzelne Briefe, Entwürfe,\nAktenkopien und vor allem ältere Inventarstücke.\nHin damit zu den Männern der Wissenschaft.\nJedes Material, das zur Vernichtung bestimmt ist,\nläßt sich sammeln und ordnen. Bei Lebensmittel-\nfirmen können die Chemiker zu Hilfe gezogen\nwerden, um die Inventarstücke aus älterer Zeit\nder unverdienten Vernichtung zu entziehen. Alles\nwas besteht, ist wert, daß es gesammelt wird.\nRaum für alles hat das Archiv. Das Deutsche\nBuchhandelsarchiv hat die letzten Möglichkeiten\nfür Philologen erschöpft. Trauernd steht nur der\nehrbare Lumpensammler vor den leeren Müll-\nkästen. Freudig atmet die deutsche Kunst auf.\nSie ist die Gebildeten los und kann sich wieder\ndem freien Menschen in die Arme werfen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c004", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "42", "page_fin": "42", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.4", "titre_corps": "Traum : des achthundertundachtundachtzigsten Nachtredakteurs", "titre_sommaire": "Traum : des achthundertundachtundachtzigsten Nachtredakteurs", "signature_source": "Albert Ehrenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.2", "debut_caractere": 3773, "fin_caractere_exclue": 8380, "texte": "Traum\ndes achthundertundachtund-\nachtzigsten Nachtredakteurs\nVon Albert Ehrenstein\nUnd Schahrazad bemerkte das Grauen des Ta-\nges und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch\nals die achthunder.tundachtundachtzigste Nacht da\nwar, fuhr sie also fort: „Ich vernahm, o glück-\nlicher König, daß im Lande der besoffenen Ströme\nausnahmsweise ein geiernasiger Jüngling lebte, der\ngern im Schlafe ertrank und da er wenig arbeitete,\nHunger trieb. Seine Sehnsucht und Begierde ging\ngleichwohl nach dem Faulen unerreichbar Ge-\nwürze und wegen dieser seiner dicken Gewohnheit\nnannten ihn die Ungläubigen Schinkenstern.\nAls er eines Tages seinen Magen nach den Mar-\nzipaninseln traumwandeln ließ, überfiel ihn ein\nSchnellzug und ließ nicht ab, ihn davonzutragen,\nbis alle Kohlen verdampft waren. „Dies ist nicht\ndas Land des Safrans und der Wohlgerüche\" jam-\nmerte der Entführte, als er sich nach einem wahn-\nsinnig schrillen Pfiffe in einer robusten Halle aus-\ngesetzt sah. Weil es notwendig war, brach er die\nDämmerung seines Geistes ab und suchte nach\neinem Sofa, wo er sein Haupt niederlegen könne.\nWeiter strichen seine Pläne nicht, und indem er an\neinem Hotelportier vorbeiging, erreichte er es,\nmehrere Meldezettel ausfüllen zu dürfen. Nach-\ndem er diese Dämonen besiegt hatte, warf er sich\nin den Schlaf, ob ihm vielleicht die Deutung der zu\nerwartenden Träume seine innersten Gedanken\nenthülle. Doch der Schlaf spie ihn rücksichtslos,\ntraumlos wieder ins Leben aus und als der Un-\nglückliche zum abertausendsten Male kläglich im\nRäume erwachte, veranstaltete er einige Augen-\nblicke der Besonnenheit. Aber ehe er etliche Ver-\nnünftigkeiten ausgeheckt hatte, verdrängte der\nSchrei nach einer Buttersemmel das Gekrächz\nseiner Seele. Als er dann, noch verdauungsmatt,\nseinen Kopf aufzusetzen versuchte, fand sich dieser\nnicht und so beschloß er, seine Leiblichkeit vor-\nläufig dem Hin und Her des Zufalls izu schenken.\nKeinesfalls war er jedoch geneigt, allzu hündische\nArbeit zu tun und wollte lieber die Verhandlungen\nmit der Erde abbrechen. Er begann also über die\nOberfläche der fremden Straßen als ein gemäßig-\nter und nicht ganz zielloser Spaziergänger hinzu-\ngleiten. Seine Augen grasten ruhig die Erscheinun-\ngen ab und fielen schließlich in die Blätter, aus\ndenen sich zahlreiche Toren über den Gang der\nGestirne zu unterrichten versuchten. Da schlug in\nihn ein schnelles Erinnern und seine futterwitternde\nGeiernase, die ihm aus einem Spiegel entgegen-\ngrinste, bestärkte ihn zu einer seellosen Zeit in ge-\nwissen Betrachtungen. Er besaß zwar keine Feder\nder Fülle, aber an Schalttagen drangen tollkluge\nWorte aus ihm. Wenn er auch bezweifelte, daß\ndiese seltenen Schalttage je sein ganzes Jahr an-\nstecken würden, war er sich doch einer beschei-\ndenen Kenntnis einiger, aber bei weitem nicht\naller Gesetze der Interpunktion bewußt und ver-\ndammte sich kalten Herzens dazu, von seiner\nDurchschnittssprache zu leben. Dieszwecks legte\ner Zylinder an und ehe er sich noch hatte warnen\nkönnen, verscholl er in einem Verlagsgebäude. Er\nhätte besser getan, sich des Zephirs der Welt zli\nberauben. Denn als er vor den Journalisten der\nZeit trat, zersetzte ihn der Druckgewaltige folgen-\ndermaßen: „Du gehörst zu den weltfremden Si-\nriusochsen und bildest dir zwar nicht den Besitz\ndes Stilmonopols ein, bist aber trotzdem stolz dar-\nauf, als erster den Ipunkt unter dem I befestigt\nzu haben. Ich kann jedoch nur eine rechtschrei-\nberische Schreibmaschine brauchen.\" Da ließ sich\nder Verräter Schinkenstern sterben, er antwortete:\n~0, König der Zeitung, ich höre und gehorche.\nIch wa r ein Ifrit von den Marids der Dschann und\nbin bereit, den Eid auf das Zeilenhonorar abzu-\nlegen. Ich habe es eilig, ins Nichts zu hasten. Ich\nwar mitunter die Zunge der Dinge. Werde ich es\nweniger sein, wenn ich mich zur Stimme des\nRindviehs mache? Möge ich bald an einem Druck-\nfehler sterben!\" „Ich sehe, du gehörst zu den\nschwachen Zugtieren, die, statt ein Ende zu setzen,\nihren unüberwindlichen Magen anklagen, o Halb-\ndichter!\"\nEs wird berichtet, daß der Geiernasige zunäcjist\nzum Besprechungsliteraten herabsank, einer jener\nvielen Kritikastraten und Verschnittenen wurde, die\neifersüchtig den Harim des Ruhmes bewachen. Er\nward eine kahle Negation, legte sein Gehirn bloß,\nexhibitionierte mit der raschwachsenden Giatze der\nWeisheit, aber seine Seele war im Uebersatz. Er\nschrieb nur Kartoffeln, und die Worte der Dichter\nverdienten, mit Nadeln in die Spitzen seiner Augen-\nwinkel geschrieben zu werden. Da bemerkte er\nendlich das Graue seines Tages und hielt inne in\ndem verstatteten Leben. Allah übersetze ihn nicht!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c005", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "42", "page_fin": "43", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.5", "titre_corps": "Die Torturen des Gottes Mumba : Paulo Scheerbart in Züchten!", "titre_sommaire": "Die Torturen des Gottes Mumba : Paulo Scheerbart in Züchten!", "signature_source": "Mynona", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.2", "debut_caractere": 8382, "fin_caractere_exclue": 9951, "texte": "Die Torturen des\nGottes Mumba\nPaulo Scheerbart in Züchten!\nVon Mynona\nMumba, der schalkhafteste Gott des dreckige*\n„Sternes\" Erde — Stern klingt schon jüdisch! —\nMumba wollte grausam sein, er hatte die Erde\nim Magen. Und er wollte doch wieder nicht\ngrausam sein, denn er liebte die Erde: Mumba\ngrübelte. Seine Gottheit legte ihm die Verpflich-\ntung auf, zu lieben, es gut zu meinen; ein Gott,\nder nicht gut ist, ist ein Teufel. Und doch wurde\nMumba des Teufels, wenn er die dreckige Erde\nroch. Aber gerade der wollte, mußte er gut sein,\nkraft seiner Gottheit. Er grübelte tief. Ach\nMumba. Er fand die Erde zu menschlich. Die\nMenschlichkeit war der Erde bis ins innerste Ge-\nbein gedrungen. Der Granit hatte so was Sup-\npiges angenommen. Die Luft sah aus wie ein\nBrautschleier. Die Beben der Erde grollten schon\ndoktrinär moralisch; es gab didaktische Gewit-\nter, religiöse Platzregen, rhetorische Orkane,\nscheußlich ästhetisierende Landschaften, predi-\ngende Himmelsröten, blaustrümpfige Wolken. Die\nVerderbnis hatte vom Menschen aus bereits die\nbekannten drei Reiche durchsucht. Kristalle,\nChemikalien kriegten was Artefaktes, Mathema-\nteskes. Pflanzen wuchsen so recht ä la Schiller\n„unbewußt\", mit ihrer Schamlosigkeit und Un-\nschuld prahlend. Und die Tiere — Gott steh uns\nbei! Die wilden sahen peinlich gelehrt aus, man\nkann es nicht anders sagen, wie wenn sie Bril-\nlen auf der Nase hätten. Der ganze Klimbim hatte\nwas Professorales. Nun erst die geliebte Mensch-\nheit selbst: samt und sonders „gebildet\"; es gab\nkeine Indianer mehr, keine Afrikaner, keine Orien-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3408, "texte": "talen mehr; die Zivilisation hatte sie alle huma-\nnisiert brrrrr! Mumba war ja kein Kraft-\nmaier — oh nein, kein Schwärmer für gebildete\nRassen-Ferozität. Es hatte in seinen Augen kei-\nnen Zweck, durch Gebildetheit wilde Völker und\ni iere zu zivilisieren. Er verachtete die künstliche\nKultur so heftig wie die rohe Kraft. Er lehnte\ndie Menschheit ab, feine und rohe. Und doch\nlie b t e Mumba, selbstverständlich wie Götter\nüeben, mit Hilfe der Dressurpeitsche, des Schmer-\nzes. Mumba liebte nur allzusehr die Selbstzer-\nstörbarkeit des Menschen. Der Mensch als\nSelbstmörder war seine Wollust. Und deshalb\ngrübelte er gar nicht lange mehr, sondern ersann\nQualen für diejenigen Menschen, die das geringste\nTalent zum Selbstmord haben: für die Phlegma-\ntiker. Was den Rest anlangte, ach Herrje, der\nwar fabelhaft leicht aus der rissigen Haut zu brin-\ngen. Aber diesen Dickfellnaturen wuchs die ge-\nplatzteste Haut im Handumdrehen wieder zum\ndicksten Fell zusammen. Mumba suchte nach dem\nmusterhaftesten Versuchstier und fand es in einem\nder bekanntesten australischen Monarchen, dem\nfesten Kaiser Schrill von Knallen. Gelang es\nMumban, dieses Urpachyderm aus der Fassung\nzu bringen, so war die Menschheit insgesamt ge-\nliefert, mehr als der konnte nicht einmal der idio-\ntischste menschliche Leichnam vertragen.\nAhnte Schrill was von Mumba? Nein, die\nSchrille regieren, sie ahnen gar nichts als calau-\neran di causa — ihre Ahnen. Der Mumba\nbegriff das und raunte Schrillen ins Herz, er\nstamme von einem der schönschenkeligsten La-\nkaien der Kaiserin-Mutter ab. Schrill sah an sich\nherunter, verglich, forschte, spielte mit seiner\nMama eine Hamletszene und? Und regierte wei-\nter, er schwor zum monarchischen Prinzip.\nMumba stärkte das republikanische, ließ eine Re-\nvolution ausbrechen. Schrill, nicht faul, peitschte\nseine Soldaten aufs Volk. Das Volk, noch weni-\nger faul, entwaffnete die herzensgute Armee,\nselbst die braven höchsten Offiziere durch seine\nGemütsfülle sowie durch respektable Zivilange-\nbote. Schrill mußte abdanken, setzte sich einen\nhellgrauen Zylinder aufs Haupt und fuhr aus\neinem eleganten Exil ins andre, suchte Propa-\nganda für sich zu machen. Als das schlecht an-\nschlug, kniete er sich hin und sagte: „Ich bin doch\nder Kaiser!\" Er richtete sich einen netten\nkleinen Hofstaat ein und lebte mit strengstem\nZeremoniell.\nMumba warf ihn voller Wut aufs Toten-\nbett —: „balsamiert mein Herz und setzt es mit\nkaiserlichem Gepränge bei, leistet meinem Sohn\nden Untertanen-Treueid\" waren Schrills letzte\nWorte. —\nWerden's die geliebten Leser nur glauben?\nMumba scheiterte am monarchischen Prinzip.\nMit Wem kämpfen bekanntlich selbst Götter\nvergebens? — Mumba sah es ein: Die Mensch-\nheit ist durch das monarchische Prinzip vor der\nSelbstzerstörung geschützt. Republikanern kann\nman ihre Illusionen zerplatzen lassen wie? Wie\nSeifenblasen natürlich. Der Monarch ist der Ar-\nchäus der Menschheit! —\nMumba ließ die Erde Erde sein, ihre Meere\nLloydhaft zutraulich, ihre Lüfte zeppelinisch jo-\nvial, ihre Gebirge tunnelmäßig bierehrlich und\nzahnrädrig lächelnd, Gewitter wie Backfische\nkichernd, Wolkenbrüche studentisch pladdernd,\nLandschaften mit dem Ausdruck Wilhelm Böl-\nsches in den Linien. Ja, selbst das Grausen alter\nMitternächte der Uaheimlichkeiten nahm ganz\ndeutlich immer mehr H. H. Ewers'sche Formen\nan. —\nDa Mumba auf die Erde und ihren\nArchäus und ging? Zum Scheerbart. — Ach\nMumba!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c006", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "43", "page_fin": "44", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.6", "titre_corps": "Hippodrom", "titre_sommaire": "Hippodrom", "signature_source": "Hermann Essig", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.3", "debut_caractere": 3410, "fin_caractere_exclue": 9487, "texte": "Hippodrom\nVon Hermann Essig\nHippodrom ist eine Reitschule. Zusammenge-\nsetzt aus hippes = Pferd und Dromedar — Kameel.\nHippodrom ist eine Dame. Pferdekameel oder\nReitschule?\nSie wohnt im Boarding-House.\nSeht, wie unglücklich sie in den Räumen ihres\nAppartements umhergeht. Sie strauchelt am\nSmyrna, sie will Luft holen und kriegt sie nicht.\nZwei Kisten fetter Speck, liegen auf ihren Brüsten.\nIhr 1 eint ist allein brauchbar, alles andere ist\ngleich wie bei der Base, beim Nilpferd.\nDas Rennen ist abgesagt. Heute ist Empfang\neines anderen Herrn. Der Liftboy hat ihn bereits\nim Kärig und Hippodrom ist sehr erregt, denn sie\nfühlt „nur noch wenige Stunden Leben\".\nDer Besuch ist höchst notwendig. Sie geht\nihm entgegen. Natürlich ist es ein Herr, der mit\ngeschäftskundiger Evolvente Hippodrom am Arme\nführt. Sie ist sehr schüchtern und war schon ge-\nwohnt gewesen, es nicht mehr zu sein.\nD'rum war es auch ein Arzt.\nNur sein sachverständiger Blick vermochte ihr\nVerlegenheit zu bereiten. Und sie standen nach\neiner halben Minute bereits im Boudoir, eben in\ndem Raum, wo Damen tun, was sie belieben, wenn\nsie allein sind oder mit dem Geliebten.\nNatürlich wäre es im Interesse einer genauen\nFeststellung besser, wenn sich Hippodrom keinen\nZwang antun würde und sich allen Zwangs ent-\nledigen würde. „Gelt, es ist besser.\" Der Arzt\näußert es geniert in der muckenfrechsten Absicht.\nEr will nämlich keine Dame beleidigen und auf\nBestimmtes verzichten.\n„Wissen Sie, für Nüsse in der Schale habe ,ich\nkeine Praedilektion,\" meinte er.\nHippodrom, man hat sie noch nirgends gemalt\ngesehen, weil die Maler „Stümper\" sind, nach\nihrer Ansicht, steht bald in delikaten Konturen.\nDer Arzt naht dem Tastsinn auf den Fingerballen\nund stellt fest „nur noch wenige Stunden Leben\",\nwenn hier nicht sofort per Rohrpost eingegriffen\nwird. —\nEine Firma, welche sich mit der Entfettung der\ngesamten Menschheit beschäftigt, ist wie gepfif-\nfen zur Hand. Noch am Abend wird eine Bestel-\nlung auf siebenunddreißig Brunnen ausgeführt.\nNoch vor zehn Uhr abends sind sie bereits male-\nrisch im Kreise aufgestellt.\nHippodrom hatte sich vorgestellt, Brunnen\nseien Pumpmaschinen, nun waren die Brunnen\nwinzige Pulverchen. Sie waren alle umfangreich\netikettiert und verkapselt.\nDa war der erste Brunnen, welchen Hippodrom\nenthüllte, bestimmt „zur Entfettung des Magens\".\nHerzverfettung hatte der Arzt gesagt. Sie\nverzweifelte und enthüllte die Brunnen rasch\nnacheinander, keiner für das Herz. Schweiß-\nperlen rollten das Euphrattal hinab. Wo war der\nBrunnen für das Herz? Sie platzte vor Atemnot\nbeinahe, wie ein überheizter Ofen.\nSie ordnete zornentbrannt an, daß alle die\nschwindelhaften Brunnen das Lokal zu verlassen\nhatten, sie öffnete das Fenster und wollte „die\nBrunnen\" hinausfracken. Als ihr die Nachtluft\noben hineinschlüpfte, hatte sie das Gefühl wie bei\neinem Vorzünder. Es explodierte etwas in ihr,\nworauf ihr Herz plötzlich eine rasselnde Tätigkeit\naufnahm.\nDraußen war es Nacht, die Baumallee mit den\nStraßenlaternen; wenn sie hereinblickte, glotzte\nsie Brunnen an, nichts als Brunnen.\nDer Arzt.hatte gesagt, „nur noch wenige Stun-\nden Leben\". Wenn das Rasseln ihres Herzens\ndas Lnde war, im Geiste gab sie schon den Geist\nauf.\nIn der Verzweiflung nahm sie den nächsten\nbesten Brunnen. Das heißt, sie verläpperte eine\nTablette mit einem Glase Wasser und trank es\nhinab.\nAha! Das entfettete. Zunächst freilich mußte\nsie nach Luft ringen, aber nach einer Weile war-\ntete sie auf die Fettschmelze wie auf den schmel-\nzenden Schnee. Der Trunk schuf ihr spürbares\nBehagen.\nSie schickte sich an, die Brunnenreklamen ein-\nmal nacheinander zu studieren. Das gab eine neue\nÜberraschung. Einen direkten Herzbrunnen\nschien es nicht zu geben. Ein Brunnen schrie:\n„Darmkatarrh\". Einer „Verstopfung\". Ein drit-\nter, vierter: „Blutandrang im Unterleib\", „Leber-\nschwellung\". „Gicht\", „Rheumatismus\" und\n„Frauenleiden\".\nOb sie die Krankheiten alle hatte? Frauen-\nleiden, ja, die hatte sie, sie fühlte sich so grenzen-\nlos unglücklich. Und nach Befragen vom Konver-\nsationslexikon mußte sie entdecken, daß sie tat-\nsächlich mit allen den Brunnenleiden behaftet war.\nSie ordnete sorgfältig auch alle übrigen Brun-\nnen dem Alphabet nach und entwarf sich einen\nsorgfältigen Angriffsplan auf ihr Körperfett.\nSie war mit zwanzig Jahren so ein schlankes\nFüllen gewesen. Wie sie sich nun umsah und die\nBrunnen sie anlachten und ihr zunickten, träumte\nsie sich ihre Wphlgestalt aus, die sie zurücker-\nlangen würde. Sie wollte sich durch sinnvollen\nGebrauch so gestalten, daß nur auf besonderen\nTeilen noch einiger Nachdruck blieb.\nJetzt bin ich so. So war ich. So werde ich\nmich bringen.\nSie nahm einen Bleistift zur Hand und zeich-\nnete diese drei Figuren unter Benutzung des\nSpiegels und alter Photographien auf ein Blatt\nPapier. Auf dies Blatt Papier legte sie einen\nschwörenden Finger. Die Brunnen der ganzen\nWelt sollten versiegen, wenn es ihr nicht gelang.\nDer Arzt hatte ihr genaue Vorschriften über\ndie Mahlzeiten noch dazu gegeben. Der Brun-\nnen für Verstopfung wurde einmal zuerst ange-\nwendet. In der. Hinsicht mußte einmal zuerst\nBahn gebrochen werden. Zehn Tabletten für\nheute nacht waren nicht zu viel.\nWie wollte sie die Welt überraschen! Ihre\nFreunde, die sie schon mehr roh behandelten, soll-\nten einmal kuschen.\nEin neues Leben wollte sie erbauen. Darum\nvor allem das Schild am Entree herabgerissen!\nMorgen wurde das durch ein Pseudonym ersetzt.\nDie Boarding-House-Leitung wurde verstän-\ndigt, daß Hippodrom ausgezogen sei und hier\neine Kleopatra wohne.\nDer Entwurf war vorzüglich, die Durchführung\ngeschah mit äußerster Energie.\nIn der ersten Nacht wurde ihre Nachtruhe\nrecht häufig gestört. Aber es verdroß sie nicht.\nNur so war das Ziel erreichbar.\nIhre Zeichnung heftete sie mit Reißzwecken\nneben den Spiegel, um das Ideal nicht aus den\nAugen zu verlieren.\nNach vier Wochen! Wenn sie ihre Freunde\nje zu Gesicht gekriegt hätten! Wie hätten sie ge-\nstaunt! Kein Gletscher schmilzt so rasch. Hippo-\ndrom konnte bereits wieder zwischen die Stützen\nder Salonsessel sitzen. Sie vermochte, Seil zu\nhopff n."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3105, "texte": "Als Schulmädchen war sie Seil gehopft! Und\nwie! Diesen Sport vermochte sie wieder aufzu-\nnehmen. Im Boarding-House begann eine Tur-\nnerei, daß jedermann zu erraten glaubte, warum\ndie Dame „Hippodrom\" genannt wurde. Sie war\nvom Zirkus und ihrer Dimensionen wegen wahr-\nscheinlich entlassen worden.\nKleopatra-Hippodrom war aufs höchste befrie-\ndigt. Ihr Arzt begann sie schon weniger aus den\nAugen zu verlieren, es eröffneten sich Perspek-\ntiven, denn er war Junggeselle. Sein Entfettungs-\nobjekt machte den Eindruck großer Fähigkeit zu\nvollendeter Schönheit.\nNach sechs Wochen prüfte Hippodrom doch\neinmal ihre Umrisse, ob sie eigentlich mit einigem\nGlück ihrem Ideal zustrebte. Mit Skepsis be-\nmerkte sie, daß gerade dasjenige, was am un-\nnötigsten war und unschönsten, am wenigsten ab-\nschmolz, eine gewisse vordere verschwartete\nLagerung, wo hingegen die hintere zu sehr in Ab-\nnahme geriet.\nWohl oder übel mußte ihr neuer enger Freund,\nder Arzt, konsultiert werden.\nEr kam. „So, so. Ja, ja. Das wollen wir so\nmachen. —\"\nDer Inhaber einer Brunnenfirma überzeugte\nsich auch selber von der windschiefen Bahn, auf\ndie man bei Verfolgimg des Fetts gekommen war.\nEs galt, einen Brunnen zu finden, der Scho-\nnung aller anderen Körperteile nur die vorderen\nLagerungen entfernte.\nAber, oh Jammer, es entstand eine überlappte\nHängung, daß Hippodrom wünschte: dann lieber\nwieder fett!\nDer Arzt kam und wischte die Nase. Was\ntun? Messer! Wegschneiden! „Geht das?\"\nHippodrom zitterte um ihr Leben, sie hielt den\nFreund für einen Schurken, der sie nur zu Studien-\nzwecken ä la Clinique mißbrauchte.\nSie glaubte ihm nicht mehr. Eines Tages,\nnoch vor Abschluß der Kur, rannte sie stürmisch\naus dem Hause, sie wurde gesehen und eine Hetz-\njagd mit Auto begann nach ihr, die sich unter\ndem Pseudonym bisher verborgen hatte.\nIn der medizinischen Klinik verlor man ihre\nSpur. Man schüttelte die Köpfe. „Hippodrom\nalias Kleopatra war übergeschnappt.\"\nWenn nicht, so wußten die Freunde wenig-\nstens, daß ihr Hippodrom noch existierte.\nDie strategisch wichtigsten Appartements im\nBoarding-House wurden gemietet, Hippodrom bei\nGelegenheit gemeinsam abzufangen.\nIn der Klinik, der Geheimrat meinte: „Weg-\nschneiden\".\n„Ohne Lebensgefahr?\" wimmerte Hippodrom.\nAm nächsten Tag lag ihr Bauch auf der Frei-\nbank. Beinah.\nHippodrom, nein Kleopatra, kam nach Wochen\nins Boarding-House zurück, mit einer breiten Naht\nüber die Gefilde. Aber sie war brillant schlank.\nDie Freunde monokelten! „Kaum zu glauben!\"\nSie wetteten, wer zuerst in die renovierte\nBurg Bresche schießen würde.\nDem Frechsten gelangs. Kleopatra schwor,\nnicht Hippodrom zu sein. Aber man glaubte ihr\nnicht.\nSie trug einen Schleier über der Naht. Wenn\nden einer lüften würde, den würde sie zum Fen-\nster hinauswerfen.\nEs wagte keiner, denn sie fauchte dann\nfurchtbar.\nIhre Schönheit hatte sie gerettet, aber von den\nalten Affen kam sie nicht los.\nHippodrom wurde melancholisch. Sie bemühte\nsich mit ihren Reizen nach neuen, solideren Män-\nnern.' Warum gelang es ihr nicht?\nWenn sie tatsächlich auszog?\nEs ging nicht weg von ihr. Wer war sie?\nWarum blieb sie Hippodrom?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c007", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "44", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.7", "titre_corps": "Der Tod in Venedig", "titre_sommaire": "Der Tod in Venedig", "signature_source": "Albert Ehrenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.4", "debut_caractere": 3107, "fin_caractere_exclue": 7166, "texte": "Der Tod in Venedig\nAlbert Ehrenstein\nThomas Mann, der Erbauer der „Budden-\nbrooks\", der Dichter des Tonio Kröger und der\nzarten Novelletten „der kleine Herr Friedemann\"\nließ (bei S. Fischer) ein neues Werk, die Erzäh-\nlung „Der Tod in Venedig\" sichtbar wer-\nden. Wie in dem dauerhaftesten Prosabuch un-\nserer Zeit, in Rudyard Kiplings wahrhaft unsterb-\nlichem „Dschungelbuch\" Geier, Fledermaus und\nStachelschwein jedes Waegen und jeden Rüssel-\nschwung Hathis, des Elefanten, beobachten, also\nbelauern seit Jahren Literaten und Besprecher\naller Kategorien aufmerksam jegliche Wesens-\näußerung der Brüder Mann, unserer interessan-\ntesten und repräsentativsten Prosaiker. Wieder\nwird man aus einem (diesmal schmalen) Bande\nFortschritt oder Rückgang, weitere Entwicklungs-\nfähigkeit oder absterbende Erstarrnis ableiten\nwollen. Und nur der Einsichtige wird ahnen, daß\ndiese ethisch-epische Angelegenheit, diese gleich\ndem „Tonio Kröger\" weniger eine Novelle als viel-\nmehr ein platonischer Monolog zu heißende\nProsaarbeit vom Künstler gar nicht so gemeint\nwar. Nicht als ob Thomas Mann es hier ablehnte,\nüber sich Auskunft zu erteilen, über seine Arbeits-\nweise und über den Anklang und die Wertung,\ndie seine Bücher bei ihm und uns finden. Aber\nals entscheidend war dieses Zwischenwerk wohl\nnie gedacht, wenn es auch, wie jeder Versuch\neines seiner Kunst mit Leib und Seele ausgeliefer-\nten Dichters notwendigerweise irgendwie psy-\nchographischen Charakter tragen muß.\nWar Thomas Mann von Anbeginn einer fast\nakademischen Zurückhaltung ergeben, einer stren-\ngen Selbstzucht, die wundersam genug, tiefste Er-\nkenntnisse und Bekenntnisse nicht ausschloß, so\nmußte seine Gewohnheit, zwiespältige Dinge\ndurch Haltung zu erledigen, von einem heiklen\nThema anfangs irritiert werden. Das Probjem\nder Auflösung eines geradezu preußischen Willens\nim Lande der Lust und der Hesperiden ist jedoch\nbei ihm nicht neu, es ist nur wiedergekehrt wie\nein Leitmotiv, umgekrempelt ,amplifiziert und er-\nweitert nach mancherlei Richtungen hin.\nBei Thomas Mann tut man gut daran, auf die\nNamen seiner Personen zu achten, sie zu deu-\nten, sich ihrer als Wegweiser zu bedienen. Das\nIch, das Zentrum, der Raisonneur der Mannschen\nAbhandlung heißt Georg Aschenbach: wir haben\nes also sozusagen mit einer Asche, graue Körper\nmitführenden Flüssigkeit zu tun, die sich eine Be-\nwegung abzwingt. Kurzum mit einem Willens-\nmenschen, der asketisch seinen Zielen lebt, bis\ner sich einmal vom Leben nehmen lassen muß, er-\nmattet, zusammenbrechend, todesreif.\nDaß den mehr als fünfzigjährigen Helden eine\nunirdische Liebe zu einem zart-schönen Knaben\nbefällt, eine Leidenschaft, göttlich wie jede andere,\nteuflisch, weil ihr der seelisch soignierte Schrift-\nsteller Georg von Aschenbach keine real-ästhe-\ntisch denkbare Erfüllungsmöglichkeit abgewinnen\nkann, ist symbolisch deutsam, biologisch erklär-\nlich. Doch selbst dieser „Stoff\" scheint bei Tho-\nmas Mann fast schon Nebensache: er ward in ein\nstellenweise langweiliges, motivisch durchsetztes\nWunder der Komposition verwandelt. Vorzeichen\nund Vorbedeutungen in München und auf der\nvenedigwärts planlos . gerichteten Fahrt, das\nkeusche, krasse und verheerende Gewühl der Ge-\nfühle, das dumpfe, unvorsichtig-wehrlose Sich-\nsterbenlasseri des Verzehrten, und vor allem die\nirgendwie zwischen Homer, Plato, Goethe, Stifter\nund — Auburtin befestigten Herrlichkeiten der\nantikisierenden Sprache bleiben in dem Leser, un-\nvergeßlich eingegraben. Eine vielleicht kleinliche\nMarotte: Vorliebe für Repräsentation (nicht nur\nder Hotels), verzeiht man solchem Meister gern.\nUnd doch, und doch! Manche von Thomas Manns\nverstreut erschienenen, leider noch nicht zu einem\nBand versammelten Skizzen ist frischer, stärker.\nMag er eine Periode, in der ihn wieder mehr die\nVerfalls- und Untergangserscheinungen behelligen,\nruhig zu Ende genießen! Es sei aber gehofft,\ndaß nicht bloß sein lebhafterer Bruder Heinrich\nMann endgültige „Rückkehr vom Hades\" gehal-\nten hat, sondern auch Thomas Mann nur vor-\nübergehend schwermütig-steifen „Tod in Venedig\"\nfeierte!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c008", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "44", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.8", "titre_corps": "Gedieht : Großüchterfelde", "titre_sommaire": "Gedieht : Großüchterfelde", "signature_source": "Alfred Richard Meyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.4", "debut_caractere": 7168, "fin_caractere_exclue": 8062, "texte": "Gedieht\nGroßüchterfelde\nAlfred Richard Meyer\nAlle Häuser in der Boothstraße laufen heut von\nPfirsichbowle über.\nNeben unserm Garten hat sich Heinrich Seidel\nwie ein schwarzer Elefant auf den Tisch geduckt\nund pappt aus Vögelein und Blümelein ein feines\nMärchen klein.\nDa wir nicht in der Leihbibliothek abonniert sind,\nwerden wir's nicht zu lesen brauchen.\nDankbar spucken wir ihm unsre Pfirsichkerner in\ndas sogenannte Manuskript.\nDiese schlagen schnell, wie das in Sommernächten\num Berlin so üblich ist,\nWurzel in dem fruchtbaren Papier und werden in\nSekunden schüttere Wälder,\ndurch die unsre Affen dionysisch heiter turnen,\nunserm Beispiel nach sich Pfirsiche ergattern,\nsich die Bowle diesbezüglich dazu denken,\nKerner aber wieder in die Manuskripter schmeißen\nusw. usw. wie die ewige Schraube.\nJulinächte. Erich! O ambrosisch!\nHoffentlich ist deine Schraube wie die meine noch\nin Ordnung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c009", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "47", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.9", "titre_corps": "Die Sehwermut des Genießers : Roman", "titre_sommaire": "Die Sehwermut des Genießers : Roman", "signature_source": "Artur Babillotte", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.4", "debut_caractere": 8064, "fin_caractere_exclue": 8118, "texte": "Die Sehwermut des\nGenießers\nRoman\nVon Artur Babillotte"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.4", "debut_caractere": 8133, "fin_caractere_exclue": 8927, "texte": "Die Geliebte saß mit gebeugter Stirn und emp-\nfand die Bewegung der weichen Hand.\nWie süß dies ist! sagte sie leise und lachte\nin heimlicher Freude in sich hinein. Wie süß\ndies ist!\nDann erhob sie die Stirn und lächelte ihn\ndankbar an:\nJetzt darfst du mir die Hand küssen, Liebling.\nIndem er den leisen Duft dieser Hand ein-\natmete, erinnerte er sich wieder des Festes, das\ner mit der Geliebten feiern wollte. Eine jähe\nFreude wallte in ihm auf. Und schlug in großen\nWellen durch seinen Leib. Seine dunklen ver-\nsonnenen Augen, die immer in eine weite Ferne\nzu blicken schienen, begannen zu strahlen.\nWir wollen ein Fest feiern, Geliebte! Ich kann\ndich mir nur vorstellen, wie du Blumen im Haar\nträgst und mit rhythmisch gehobenen Füßen ein-\nhergehst und ein stilles, rauschseliges Lied singst."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10314, "texte": "Ich erschauere, wenn ich dich mir vorstelle als\nBacchantin, lachend in unbekümmertem Genießen,\nleuchtend im Bewußtsein süßer Stunden. Wenn\nich dich sehe, bin ich im alten Hellas, atmq weiche\nblaue Luft und schöpfe kristallhelles Wasser aus\nMarmorbecken in meine hohlen Hände. Du und\nich, wir waren vor vielen Jahrhunderten Hellas-\nkinder. Vielleicht die Sprossen eines edlen Kö-\nnigsgeschlechts . . . oder auch die Nachkommen\neines mächtigen Staatsmannes. Mein Blut gärt\noft rebellisch, dann ist mir, als wäre ich einmal\nPerikles oder Drakon oder Alcibiades gewesen.\nWir wollen ein Fest feiern, ein griechisches\nFest, du sollst die Bacchantin sein, die ich in dir\nträume. Die Genießerin, in deren Bewegung\nWohllaut ist, in deren Worten ein rhythmischer\nTonfall singt, wie ein leiser Tropfenfall auf Mar-\nmorfließen. Du wirst die Kündigerin der scheuen\nkeuschen Gebärde sein, aber in den Adern deiner\nGebärden soll das heiße Blut der unendlichen\nSeligkeit rauschen. Zurückhaltend sollst du deine\nSchönheit ins Erhabene steigern. Willst du?\nIhn hatte der Andrang der farbenglühenden\nBilder überstürmt. Er war wie ein Seher, die\nHand gereckt in eine unergründliche Ferne, die\nAugen brennend in zehrenden Flammen der Ver-\nzückung. Er war aufgesprungen und stand vor\ndem Mädchen in seiner sehnsüchtigen Jugend. Er\nglaubte und zwang das Mädchen, mit ihm zu\nglauben. Er gab sich seinem Gedanken so rück-\nhaltlos hin, daß die Wirklichkeit ausgeschaltet\nwurde.\nOhne von dem kleinsten Zweifel beunruhigt zu\nwerden, erfaßte er die Wplt, die sich unter dem\nEindruck seines Wunsches in ihm gebildet hatte,\nund machte sie zu einer wirklichen, in dessen\nMitte er sich stellte als Schöpfer und als Be-\nherrscher. Dies war eine der Stunden, an denen\ner fest überzeugt war, daß es keinen klangreiche-\nren Menschen gäbe als ihn. Eine der Stunden,\ndie das Gegensätzliche in ihm zu einem geschlos-\nsenen Ganzen vereinigten.\nDas Mädchen hatte die Augen geschlossen und\nempfing die Worte des Künstlers in dem unbe-\nwußten Lustgefühl, das eine wohllautende Stimme\ndem Hörer bereitet. Die Glut des Nachmittags\nwirkte einschläfernd: die Worte schienen aus\nimmer größerer Entfernung an ihr Ohr zu drin-\ngen. Der Künstler erkannte es an dem leisen\nZucken ihrer Lider und an den unruhigen, gleich-\nkam abwehrenden Bewegungen. Sofort schob\nsich ein neues Bild vor seine geistigen Augen;\nsein Phantasieapparat arbeitete mit einer wunder-\nbaren Genauigkeit. Er erfaßte sofort alle Ge-\nnüsse, die ein Hinhorchen im Halbschlaf nach dem\nreinen Tonfall einer Stimme vermittelte. Und in\ndem Augenblick, da er sie erfaßte, wurden sie\nihm zu lebendigen Worten. Er glaubte an die Un-\nsterblichkeit des kleinsten gesprochenen Wortes.\nDu sitzst in einem weichen Sessel, begann er,\ndas Glänzen der igenießenden Schwermut in den\nAugen, deine Hände ruhen lässig im Schoß. Es\nist Wirklichkeit um dich her, in dir aber die\nAhnung einer tiefen Freude. Du horchst in die\nstille fließende Musiki einer reichen Stimme;\nnimmst die Bilder, die sie malt, in dich auf und\nmachst sie zu deinem unvergänglichen Besitz.\nUnd je mehr Bilder du in dir anhäufst, um so\nwiderstandsloser wirst du, um so müder wird\ndein Wille — du sinkst, langsam, langsam in die\ntiefe Stille eines dankbaren Empfangens. O, die\nSeligkeit dieses langsamen Versinkens. Als fühl-\ntest du, wie nach und nach alle Schwere von dir\nabfiele, wie deine Hände und Arme, deine Mus-\nkeln und Sehnen ihre Gegenständlichkeit verlie-\nren, so daß du endlich glaubst, ein Hauch der\nLuft zu sein, die um dich herweht. Ein Funken\nder Sonne, die dich bescheint. Und auch die\nStimme, die du hörst; wie aus fernen seltsamen\nLändern scheint sie zu tönen, aus Ländern, deren\nwunderbaren Blumenduft sie ausatmet und deren\nfarbigen Reichtum sie dir herträgt. Du hast kei-\nnen Willen und keine Worte mehr, dich aus die-\nsem seligen Bann zu befreien. In solchen Augen-\nblicken ist der Mensch rein und schön, alles\nHäßliche und Gewöhnliche hat er von sich ge-\nworfen, alle- Materie abgestreift, er ist nur noch\ngenießende Seele, angefüllt mit Schwermut und\nGlückseligkeit.\nAls erzeugten seine eigenen Worte bei ihm\ndieses beglückende Gefühl des Versinkens, stand\ner da, die Augen immer in eine unwirkliche Ferne\ngerichtet, völlig der Wirklichkeit entrückt. Seine\nPhantasie arbeitete weiter; die Bilder seines ge-\nahnten neuen Werkes vereinigten sich mit der\nPracht der ruhenden Gestalt des Mädchens. Der\nAndrang. neuer Bilder war so stark, daß er kein\neinzelnes mehr herauswählen und ihm Worte ver-\nleihen; konnte. Unterdessen aber schrak das Mäd-\nchen auf; der Tonfall der schönen Stimme war\nplötzlich unterbrochen, das Ohr so an das Klingen\nder herankommenden Worte gewöhnt, daß es,\nzuerst gleichsam erstaunt aufhorchte, dann sich\ndurch die plötzliche Leere beunruhigt fühlte, seine\nUnruhe sofort dem ganzen Körper weitergab und\nein Auffahren aus der Tiefe der seligen Erschlaf-\nfung bewirkte.\n. . . Warum sprichst du nicht weiter, Liebling?\nIch höre dich so gern sprechen.\nWir wollen ein Fest feiern, Geliebte! wieder-\nholte er.\nEr schritt zu ihr hin beugte sich zu ihr nieder\nund küßte das Gold ihres Haares.\nDer Brief an den Freund trat in sein Gedächt-\nnis. Am aufdringlichsten der Satz: „Heute aber,\nda ich ermattet bin, da ich mich ganz als ein\nWeib fühle, dem die gräßlichsten Wehen den Leib\nzerrissen, heute lächle ich müd und selig und lege\nmeine Seele vor dich hin.\" Die Ermattung war\nvorüber, als wäre sie nur eine Laune gewesen,\nin der sich sein Geist einige Augenblicke gefiel.\nWenn er jetzt an jene Stunde des Morgens zu-\nrückdachte, erschien sie ihm verblaßt und be-\ndeutungslos, er hatte das demütigende Gefühl,\nnicht ganz ehrlich gewesen zu sein, sich einem un-\ngesunden Einfall überlassen zu haben. Er be-\nreute jetzt jene unfruchtbaren Augenblicke und\nwähnte, erhitzt von der Glut der Sonne, der\nSchönheit des Mädchens und dem Ungestüm sei-\nner neuen Gedanken, unverwundbar zu sein, von\nkeiner Anstrengung besiegt werden zu können.\nSein Stolz wuchs und das Selbstbewußtsein senkte\nseine Wurzeln tiefer in sein Wesen. Unter dem\nEindruck dieses seelischen Emporsteigens wurde\ner übermütig.\nWir wollen ein Fest feiern, Kind! sagte er noch\neinmal, diesmal aber mit dem Lachen eines unbe-\nkümmerten Jünglings, der allen Genuß nur des\nGenusses wegen aufsucht. Alle Schwermut\nschien plötzlich in ihm erloschen zu sein; er ver-\nlangte nicht mehr die Seele des Genusses zu er-\nforschen, er begnügte sich mit dem Taumel. Es\ngab Stunden in seinem Leben, in denen er brutal\nwar in seiner untiefen Genußsucht. Solch eine\nStunde 'kam jetzt über ihn; er wollte sich ihrer\nerwehren, denn er wußte, wie bitter er sie nach-\nher bereute. Aber sie stürzte auf ihn ein wie eine\nSturmflut. Er war außer sich. Sein Gesicht fiel\nein, sah plötzlich ganz klein und nichtssagend aus.\nDie Augen erloschen und bedeckten sich mit mat-\nten Schleiern. Aber, da ter sich nicht selbst sehen\nkonnte, erfaßte ihn dieser Gedanke nicht, ein Ge-\ndanke, der ihn gerettet und vor den Schrecken\neiner seelenlosen Stunde bewahrt hätte.\nSeine Tollheit riß das Mädchen mit. Ihre\nFreude an dem schönen Manne leuchtete ans gro-\nßen Augen.\nSekt mit dir zu trinken, war schon immer mein\nWunsch! sagte sie, als er bestellte. Ich habe oft\ngesehen, wie sie unten im Gesellschaftshaus wel-\nchen tranken. Wenn du das auch haben könn-\ntest, dachte ich manchmal . . . Ach du, ich habe\ndich lieb!\nEr lachte ein unklares Lachen; ein Zynismus\nklang darin, der nicht in seinem Wesen lag, den\ner sich in der Gesellschaft der Ausgestoßenen\nwährend seiner Großstadtjahre angeeignet hatte,\nund der nur zum Ausbruch kam, wenn er die\nHerrschaft über sich selbst verlor.\nIch liebe dich, sagte er, so wie du bist. Du\nhast eine- Sehnsucht, du willst die Schönheit. Ich\nwerde sie dir geben. Dieser heiße Mittag ist unser\nEigentum. Wir wollen ihn mit den brennendsten\nFarben ausschlagen. Ich will jetzt nicht mehr\ndenken. Ich will nur bei dir sein und mit dir\nlachen und scherzen und trinken.\nSie sagte mit dem inbrünstigen Tonfall eines\nKindes:\nJa, du!\nEr schwang die Flasche über dem Kopfe, daß\nein Sprühregen der köstlichsten Tropfen umher-\nwirbelte. Er neigte den Flaschenhals über die\nGläser und seine Hand zitterte wie im Fieber.\nSeine Augen brannten unter Schleiern, ohne sie\nversengen zu können. Das Mädchen, was ihn nie\nso gesehen hatte, wurde mitgerissen von seiner\nZügellosigkeit.\nEin Taumel hatte beide ergriffen. Ihm gab\nsich das Mädchen widerstandslos hin; sie liebte\ndas rauschende Vergnügen, das Blitzen lebens-\nlustiger Augen und die taumelnden Worte wein-\nfroher Menschen. Sie hatte an diesen Schön-\nheiten, die sie begriff, vorübergehen müssen; der\newige Wunsch, es möchte auch ihr eines Tages\nso wohl werden wie jenen, hatte sie gepeinigt.\nNun sah sie sich vor der Erfüllung; ihre Freude\nkannte keine Grenzen. Die Tollheit des stillen\nversonnenen Künstlers war ihr unerklärlich; und\ndoch freute sie sich darüber.\n* * *\nDie Sonne war bescheidener geworden. Ihre\nGluten begannen zu erstarren und langsam zu er-\nkalten wie Lavamasse. Schatten wuchsen aus dem\nFuße des Berges, an dem die Stadt lag und schien\nvon unsichtbaren Händen langsam emporgescho-\nben zu werden. Es schlug die fünfte Nachmittag-\nstunde. Zwei Stunden saßen die beiden bereits\nund schwelgten in den Taumeln. Sie saßen bereits\nmit starr werdenden Augen, sprangen plötzlich auf,\npreßten sich eng aneinander, küßten sich leiden-\nschaftlich und stießen sich gegenseitig, wie von\nAbscheu ergriffen, ab. Sie hatten die Zügel ihrer\nGedanken verloren und wurden nun von den er-\nhitzten Bildern ihrer Gehirne im rasenden Lauf\ndahingeschleift. Wenn sie für einen kurzen Augen-\nblick das blasse Bewußtsein hatten, in Gefahr zu\nsein, drängten sie sich zu einander hin, sobald je-\ndes die Nähe des andern fühlte, wurde es ruhig\nund versank wieder in die Unbewußtheit der über-\nreizten Gedanken.\nDer kleine Wirt trat mehrere Male unter die\nTür, die Gaststube und Veranda verband und, be-\ntrachtete die beiden aus verschmitzten Augen.\nSein Weib, das zehn Jahre älter war als er, und\ntrotz der peinlichsten Reinlichkeit unsauber aus-\nsah, ärgerte sich über diese frohen Menschen. Sie\nmochte den Künstler nicht leiden; alle „verrück-\nten Menschen\" waren ihr in der Seele zuwider.\nAber sie beherbergte ihn, da er die bescheidenen\nGenüsse, die ihnen das Waldhaus bieten konnte,\nmit schwerem Golde bezahlte."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6338, "texte": "Sie stand hinter dem Schanktisch und unter-\nhielt sich in ihrer knurrigen Art mit zwei Gästen,\ndie so schweigsam waren, daß sie zwischen jedes\nWort eine lange Pause setzten. Es war unend-\nlich ermüdend, ihnen zuzuhören. Aber die Wirtin\nwußte sie aufzureizen. Sie waren trotz ihrer\nSchweigsamkeit die gefürchtetsten Lästermäuler\nin der Stadt.\n— Geh mir weg mit den bessern Leut! sagte\nder eine.\n— Bruch ist's! der andere.\nTranken und schwiegen.\nAber die Wirtin hetzte. Erzählte von den\nKneipgelagen, die einige Schüler des Konservato-\nriums allwöchentlich einmal veranstalteten, bis tief\nin den Morgen; und sogar ein paar Lehrer wären\nmit dabei. Eine Schmach und eine Schand seis.\nDas wollten gebildete Leut sein! Schmissen den\nBürgern die Fenster ein, machten zu nachtschlafen-\nder Zeit einen Heidenradau, wären durch keine\nPolizei zu bändigen.\n— Wir rackern uns ab, sagte hierauf der eine,\nund die schmausen und zechen. Ist das gerecht?\n— Jawohl — ist das gerecht? wiederholte der\nandere.\nJetzt war die soziale Frage in ihnen angeregt.\nJetzt verloren sie alle Lächerlichkeit, die ihnen\nihre sonderbare Schweigsamkeit anheften mochte\nund fühlten sich plötzlich als Glied unter Gliedern,\nals Rad unter Rädern. Als seien ihre Gedanken\nplötzlich auf ein bestimmtes Gleis gesetzt worden:\nnun liefen sie unaufhaltsam wie ein angetriebener\nEisenbahnwagen auf schiefer Ebene weiterrollt.\nSie waren Vertreter ihrer Klasse, hatten rauhe\nArbeitshände und wußten nichts von den Miihsalen\ngeistiger Kämpfe. Sie verachteten diese Kämpfe\nund verlästerten sie. Sie waren Menschen, die nur\ndie Kraft der Maschinen und den Wunsch nach\neinem guten Leben kannten. Alle verfeinerte\nSchönheit reizte sie zu einem höhnischen Geläch-\nter. Musik verstanden sie nicht, von Kind auf\nhatten sie nur die Rhythmen harter Märscher, den\nOleichklang surrender Maschinen, die rauhen Töne\ngewöhnlicher Menschensprache vernommen. Und\nseit sie mündig waren, gingen sie in sozialdemo-\nkratische Versammlungen, atmeten die gefährliche\nEinseitigkeit der Führer ein und lernten das, was\nsie garnicht kannten, höhere Kultur, verfeinertes\nLeben, hassen. Sie waren ehrlich in ihrem Haß\nund, schuldlos an Verbitterung.\nDer eine erzählte von seiner Hoffnung, man\nkönne die feinen Leute, durch Massenkundgebun-\ngen einschüchtern. Er war ein Idealist in seinem\nGlauben an die Macht der Masse. Aber der an-\ndere, der kühler in das Leben sah, glaubte nicht an\nden Untergang der Reichen:\nWir können nichts tun, als unsere Lage ver-\nbessern, die Kapitalisten zwingen, bessere Löhne\nzu zahlen und eine kürzere Arbeitszeit einzuführen.\nDie Reichen werden bleiben ... An eine Gleich-\nheit glauben wir nicht mehr.\nWährend die so redeten, kam ein drittes Mit-\nglied ihrer Partei hinzu. Er war stark genug ge-\nblieben, seine geistigen Kräfte zum eigenen Den-\nken zu benutzen. Er haßte die Oberklasse nicht,\nsein klarer Verstand sagte ihm, daß es ein Oben\nund ein Unten geben müsse. Trotzdem war er\nein Kämpfer. Er versprach sich die Rettung da-\nvon, wenn beide Teile dazu herangebildet würden,\nsich gegenseitig zu verstehen. Er hatte sich\nBücher zu verschaffen gewußt, die alle sozialen\nVerhältnisse nicht vom Parteistand beleuchteten.\nBis in die Nächte hinein hatte er über diesen\nBüchern gesessen und sich selbst gebildet, und bei\njedem Schritt nach vorwärts stärker das Glück\neiner geistigen Vervollkommnung empfunden. In\nVolksversammlungen trat er auf und verkündete\nseine Ansichten und verteidigte sie. Er galt in der\nPartei als unruhiger! Geist, der sogar an den Wor-\nten und Meinungen des gefürchtetsten Genossen,\ndes Redakteur Todt, zu kritteln wagte. Aber er ließ\nsich weder durch gute Worte noch durch Drohun-\ngen irre machen, überzeugt, dem einzig möglichen\nAusgleich zwischen Armen und Reichen auf der\nFährte zu sein.\nEin Kampf erhob sich zwischen den drei Män-\nnern; die Wirtin kroch knurrend nach ihrem Lehn-\nstuhl hinter dem Schanktisch, von wo aus sie das\nganze Lokal überblicken konnte.\nWir müssen alles kurz und klein schlagen, wenn\nwir vorwärts kommen wollen, sagte der eine der\nbeiden Unklaren.\nUnsere Arbeitgeber müssen wir pressen! der\nandere.\nAber der Klare:\nKeins von beiden. \\Vir dürfen nicht mehr\nnebeneinander hergehen wie Feinde, die Reichen\ndort, die Armen hier. Gegenseitige Annäherung,\ndas ists, was beide brauchen. Ohne uns gehen die\nReichen zugrunde. Aber ohne die Reichen gehen\nauch wir zugrunde. Das vergeßt ihr immer. Denkt\neuch den Fall, es würde euch gelingen alle Rei-\nchen, die Kapitalisten und Arbeitgeber, zu stürzen.\nIhr würdet an ihre Stelle treten. Was geschähe?\nIn einigen Jahren wären wir auf dem alten Stand:\nihr wäret reich geworden, stolz, unbarmherzig\ngegen alle, die nicht auf eurer Höhe ständen. Mit\neinem Wort: Ihr wäret Kapitalisten geworden.\nIhr müßtet Leute haben, die für euch arbeiteten ...\nSo ging das weiter und weiter. Wenn keiner ar-\nbeitet, wovon sollen die andern leben? Es ist\nnichts mit eurem radikalen Einschlagen! Ja,\nmanche sind wohl gemäßigter. Die .sagen, wir\nmüssen die Arbeitgeber pressen, soviel aus ihnen\nherausholen, als sich herausholen läßt . . . Glaubt\nihr, die Arbeitgeber sehen euch in aller Gemüts-\nruhe zu, wie ihr ihnen Daumenschrauben anlegt.\nIhr sagt: Wir haben unsere Streikverbände. Wenn\nihrs den Kapitalisten zu toll treibt, schmeißen sie\neuch alle miteinander hinaus. Gern tun sies nicht,\nweils für sie eine große Schädigung bedeutet. Aber\nglaubt ihr wohl, daß es eine Masse Arbeitsloser\ngibt, die nicht zu euren Streikverbänden gehö-\nren und froh sind, wenn sie etwas verdienen kön-\nnen? Ihr lähmt die Arbeitgeber höchstens für\neinige Wochen, dann haben sie neue Kräfte und\nkönnen euch tot drücken.\nSie unterbrachen ihn.\nDu bist ein Freund der Reichen, zürnten sie und\nschlugen mit den Fäusten in den Tisch.\nNein, verteidigte er sich, nicht ohne ein leises\nSelbstbewußtsein, ich bin nur ein Freund der Ver-\nnunft. Wenn alle dächten wie ich, ständen sich die\nArbeiter in kurzer Zeit besser. Und die Kapitalisten\nstünden sich besser. Beide kämen mit den besten\nAbsichten entgegen, statt sich als Feinde gegen-\nüber zu treten.\nEr begann, seine Pläne zu entwickeln, wie er\nsie schon oft in den öffentlichen Versammlungen\nentwickelt hatte. Er sprach laut und klar, als hätte\ner eine große Menge vor sich. Er sprach mit tiefer\nUeberzeugung, den er fühlte in sich die Kraft, ein\nBeglücker des Volkes zu werden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c011", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "45", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.9.2", "titre_corps": "Wilhelm Morgner: Originalholzsehnitte", "titre_sommaire": "Wilhelm Morgner: Originalholzsehnitte", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 37, "texte": "Wilhelm Morgner: Originalholzsehnitte"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c012", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "47", "page_fin": "47", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.10", "titre_corps": "Das energetische Evangelium", "titre_sommaire": "Das energetische Evangelium", "signature_source": "Erich Vogeler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.7", "debut_caractere": 6427, "fin_caractere_exclue": 7967, "texte": "Das energetische\nEvangelium\nErich Vogeler\nVerschwendung ...\nDas ist der wahre Jungbrunnen\nDer geliebte, strömende,\nDer Abgrund dunkler Gebärerinnen im Blut.\nFruchtbarkeit und Unschuld ist, wo ein Wille\nzum Verschwenden ist.\nDas ist das Gesetz der Erhaltung:\nVergeude!\nJenes „Energetische (Verkneifungs-) Imperativ\"\n= Greisengequatsche;\nNur so ein tapriger, t... t... t... Universitäts-\nprofessor\nUnd Moniste,\nZinsenspießer der Seele,\nKonnte ihn aufstellen,\nHaushaltungsgequassel kahler Schläuche. Sela.\nKomm,\nLaß uns durch den Frühling gehn,\nUeber dampfende Felder.\nDer Same fliegt ...\nFiel er unter Dornen? Auf Steinigt?\nAuf den Weg der Landstreicher?\nWas tut's! O Mädchen:\nEin Sämann ging! Ein Sämann ging!\nO Seligkeit zu säen . . .\nSterne umsingen die Nacht . . .\nWie aus dem Dunkel des Bluts immer neue\nReigen sich gebären,\nTaumelnd, ins Verlorensein!\nOhne Sinn, ohne Zweck.\nWie Wellen ins Meer . . .\nMein Mädchen, mein kleiner schmaler schim-\nmernder Nachen,\nMit der sanften\nBiegung deiner Borde,\nUnter den weißen gewölbten zitternden Segeln,\nTrägst mich schaukelnd auf meiner eignen Flut...\nWohin? . . .\nAber irgendwo\nLiegt jetzt in der bei Gott ja nicht zu üppig\ngepolsterten Patentbettstelle\nDer deutsche Professor Wilhelm Ostwald,\n(Oberpriester der metaphysischen Bedürfnis-\nanstalt des Zeitgeistes,\nGenannt „Monismus\",)\nStill,\nMit gefalteten Händen: r\nAch, daß nur nicht nutzlos Energien vergeudet\nwerden!\nEine Stimme aber flüsterte: „Möchtest du nicht?\"\n„Nein,\" sagte er leise, doch unerschütterlich,\nes hätte\nDoch keinen Zweck.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c013", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "47", "page_fin": "47", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.11", "titre_corps": "Empfohlene Bücher", "titre_sommaire": "Empfohlene Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.7", "debut_caractere": 7969, "fin_caractere_exclue": 8437, "texte": "Empfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der ki«r\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereit*\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwihato\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nRichard Dehmel\nSchöne Wilde Welt / Neue Gedichte und Sprüche\nBerlin / S. Fischer Verlag\nRene Schickele\nSchreie auf dem Boulevard\nBerlin / Paul Cassirer Verlag\nAage von Kohl\nIm Palaste der Mikroben\nDrei Bände\nLeipzig l Verlag Haupt und Hammon"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c014", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.8", "debut_caractere": 438, "fin_caractere_exclue": 811, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nJetzt:\nBerlin W j Potsdamer Strafie 134 a\nSechzehnte Ausstellung\nGemalde und Zeichnungen des\nFuturisten „ ' ■ - -\nGino Severini\nVom ersten bis dreißigsten Juni\nGeoffnet tagllch von 10—6 Uhr / Sonntags von\n10—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nAm 29. 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Juli 1913 ab 10 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnfoofshandlungen, Kiosken u. 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Kandinsky: Handdrucke / Das Exemplar 30 M.\nWilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Je zehn oder sieben nummerierte und\nsignierte Handdrucke / Das Exemplar 15 Mark\nG. Miinter: Neujahrswunsch I Fiinf signierte und\nnumerierte Exemplare / Das Exemplar 20 Mark\nWalter Helbig: Landschaft / Originalhalzschnitt /\nFiinf numerierte und signierte Handdrucke / Das\nExemplar 25 Mark\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Zwoif hand-\ngedruckte, numerierte und signierte Holzschnitte I\nDas Exemplar 30 Mark\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande 111 /\nje fiinfzehn signierte und numerierte Holzschnitte /\nDas Exemplar 20 Mark\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] zwoif signierte und numerierte\nExemplare / Das Exemplar 25 Mark\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Niiinsky / Portrat Licht-\ndruck, großes Format / flO Mark\nR. Delaunay: Album / Elf Phototypien von\nGemalden (ein Farbenlichtbild) mit einem Gedicht\nvon Guillaume Apollinaire / Das Exemplar 10 Mark\nMusik\n•K\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von ArnoHolz / Fur Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nFuturlsten: I / Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose Tanzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFranz Marc: Affenfries / 20 Pfennig\nRobert Delaunay: La Tour / 20 Pfennig\nMappen\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nZeitsehriften\nL'Effort Libre / friiher L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch J Poitiers\n[Vienne]\nL'lndgpendance / Halbmonatsschrift / Kfinste /\nKultur I Philosophic / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue Francalse / Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c017", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.8", "debut_caractere": 5148, "fin_caractere_exclue": 5338, "texte": "Montjoie / Halbmonatsschrift / Paris / Chaussee\nd'Antin 38\nHaro I Monatsschrift / Briissel\nLes Cahiers du Centre I Moulins [Allicr]\nLes Soir6es de Paris / Recueil Mensuel / Paris\n9 rue Jacob"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c018", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.8", "debut_caractere": 5340, "fin_caractere_exclue": 5348, "texte": "Anzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-06-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-06_01#c019", "volume": "bmtnabg_1913-06_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.8", "debut_caractere": 5350, "fin_caractere_exclue": 7603, "texte": "Akademie fur moderne Skulptur in Paris / 18 Im-\npasse du Maine Montparnasse / Korrektur: A. Ar-\nchipenko / Arbeiten in Stein / Studies\nder Stilarten / Maßige Preise\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama / Be*,\ngriindet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge~\nwidmet der Dichtung und dem Drama der Gegen-.\nwart in alien Landern / Probeheft gegen Einsen-\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n10 Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop I London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\nReuß und Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat / Potsdamerstraße 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen iiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben,\nin auslandischer Literatur\n• ,\nV\nSkupina / Prag / Dritte Ausstellung: Gemalde:\nPicasso, Braque, Derain / Plastik: Picasso / Mo-\nderne Graphik: Cezanne, Picasso, Braque, DerafiL\n1 Alte Graphik und Plastik / Volks- und exotische\nKunst I Mai-Juni 1913 Prag /Gemeindehaus beim.\nPulverturm\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Vereln\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession.\nerhalten iahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 /\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen.\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjS-hrlich 15 Mark.\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MiquelstraGe 7a. Fernruf Amt Steglitz 269f\nEdmund Meyer / BuchhSndler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer Straße 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nThe Lantern: Eine Monatschrift beiseite geschobe-\nner Wahrheit und' zuriickgewiesener Dichtung /\nGeputzt und entziindet, so oft der Mond dunkel\nist I Die amerikanische Zeitschrift des Protestes /\nOrgan der Gesellschaft Jiinger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA.\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWalden\nI Zehntes Jahr / Man verlange kostenlose\nMitteilungen iiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W9"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 40 Pfennig\nDER STURM\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungsräume\nBerlin W9/ Potsdamer Straße 134 a\nVIERTER JAHRGANG\nBERLIN-PARIS JUNI 1913\nNUMMER 164/165\n\nInhalt: H. W.\nSammelwut / Albert Ehrenstein: Der Traum des achthundertundachtzigsten Nachtredakteurs / Mynona: Die Torturen des Gottes Mumba /\nHermann Essig: Hippodrom / Albert Ehrenstefn: Der Tod in Venedig / Alfred Richard Meyer: Gedicht / Artur Babillotte: Die Schwermut des Genießers /\nErich Vogeler: Das energetische Evangelium / Empfohlene Bücher / Hanns Bolz: Originalholzschnitt / Wilhelm Morgner Originalholzschnitte\n\nHanns Bolz: Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.2", "texte": "Die Sammelwut\nH. W.\nDer Deutsche sammelt. Er sammelt Brief-\nmarken, Ansichtskarten, Tabakpfeifen, Fahr-\nscheine, Schokoladenbildchen. Er sammelt des\nSammeins wegen. Recht wohl fühlt er sich\naber erst, wenn er dem natürlichen Spiel-\ntrieb einen wissenschaftlichen Schein geben\nkann. Der Deutsche ist sehr ernst. Der\nDeutsche fühlt sich erst als Doktor wohl.\nDeshalb versteht er auch so wenig von Kunst.\nAlles muß einen Zweck haben. Die Kunst hat ihn\nnicht und deshalb erscheint sie den Deutschen\nzwecklos. Um ihr aber doch eine Daseinsberech-\ntigung zu geben, wurden die Philologen erfunden.\nSie beschäftigten sich im wesentlichen damit, der\n■ Menschheit die Kunst zu verleiden, indem sie sie\nzu einer Angelegenheit der sogenannten Gebilde-\nten machen. In der Schule als Lehrer, an der\nUniversität als Geheime Regierungsräte. Sie zäh-\nlen Goethes Verse ab, untersuchen Schillers Toten-\nschädel, spüren Heines Liebschaften nach. Sie\nkennen die Schulden Mozarts, die Ohrenkrankheit\nBeethovens und die Ehen Richard Wagners. Sie\nbetreten die Stätten, die ein großer Mensch be-\ntrat. Sie sammeln seine, Fußstapfen, seine Asche,\nseine Aschbecher, seine Federhalter, seine Tinte,\nsoweit sie nicht so vertrocknet ist, wie das eigene\nGehirn. Aber die Zeiten sind schlecht. Tausende\nhaben schon gesammelt, was in den Kehricht ge-\nhört. Die geistigen Müllkisten sind überfüllt.\nNicht der geringste Lumpen der Klassiker blieb\nunverwertet. Uebrig blieben nur die Philologen.\nArbeitslose. Die lebenden Künstler leben eben\nnoch. Sie dürfen erst nach dreißig Jahren ver-\nwertet werden. Da hilft den Arbeitslosen das\n\\\nneugegründete Deutsche Buchhandels-\narchiv. Warum soll man, so sagten sich die\nHerren, nur Gegenstände und Schriftstücke be-\nrühmter toter Künstler sammeln? Nein, man\nsammle alle Gegenstände und alle Schrift-\nstücke. Die Archivare haben Arbeit und unter\nihrem Gehirn wird alles Wissenschaft. Das\nDeutsche Buchhandelsarchiv richtet an alle Buch-\nhändler und Verleger (wörtlich) „die Anfrage, ob\nsich in Ihrem Besitze ... Material befindet, das\nzur Vernichtung bestimmt ist, oder das Sie, ohne\nes der Vernichtung preisgeben zu wollen im Inter-\nesse der gern ausscheiden wür-\nden, oder das bei Ihnen lagert, ohne für Sie von\nWert zu sein oder in absehbarer Zeit einer Ord-\nnung und Verwendung entgegen zu sehen . .\nDas alles sammelt von nun ab das Deutsche Buch-\nhandelsar'chiv. Ausdrücklich gewünscht werden:\nGeschäftspapiere, Briefwechsel und einzelne\nBriefe, Konzepte u n d Entwürfe, Akten und Akten-\nkopien, Inventarstücke aus älterer und alter\nZeit. Das alles wird dort gesammelt, registriert,\nnumeriert, und für ewige Zeiten aufbewahrt. Kein\nLöschblatt aus älterer Zeit, keine Faktur aus alter\nZeit kann mehr umkommen. Jeder Briefwechsel\nfindet seinen Herausgeber, jedes Konzept seinen\ngeistreichen Erklärer, jede Aktenkopie .seinen ori-\nginalen Doktor. Die bekannten ungeahnten Per-\nspektiven eröffnen sich wieder einmal. Was dem\ndeutschen Buchhandel nichts mehr wert ist, kann\nauch der gesamte übrige Handel entbehren. Jeder\nHandeltreibende hat einzelne Briefe, Entwürfe,\nAktenkopien und vor allem ältere Inventarstücke.\nHin damit zu den Männern der Wissenschaft.\nJedes Material, das zur Vernichtung bestimmt ist,\nläßt sich sammeln und ordnen. Bei Lebensmittel-\nfirmen können die Chemiker zu Hilfe gezogen\nwerden, um die Inventarstücke aus älterer Zeit\nder unverdienten Vernichtung zu entziehen. Alles\nwas besteht, ist wert, daß es gesammelt wird.\nRaum für alles hat das Archiv. Das Deutsche\nBuchhandelsarchiv hat die letzten Möglichkeiten\nfür Philologen erschöpft. Trauernd steht nur der\nehrbare Lumpensammler vor den leeren Müll-\nkästen. Freudig atmet die deutsche Kunst auf.\nSie ist die Gebildeten los und kann sich wieder\ndem freien Menschen in die Arme werfen.\n\nTraum\ndes achthundertundachtund-\nachtzigsten Nachtredakteurs\nVon Albert Ehrenstein\nUnd Schahrazad bemerkte das Grauen des Ta-\nges und hielt inne in der verstatteten Rede. Doch\nals die achthunder.tundachtundachtzigste Nacht da\nwar, fuhr sie also fort: „Ich vernahm, o glück-\nlicher König, daß im Lande der besoffenen Ströme\nausnahmsweise ein geiernasiger Jüngling lebte, der\ngern im Schlafe ertrank und da er wenig arbeitete,\nHunger trieb. Seine Sehnsucht und Begierde ging\ngleichwohl nach dem Faulen unerreichbar Ge-\nwürze und wegen dieser seiner dicken Gewohnheit\nnannten ihn die Ungläubigen Schinkenstern.\nAls er eines Tages seinen Magen nach den Mar-\nzipaninseln traumwandeln ließ, überfiel ihn ein\nSchnellzug und ließ nicht ab, ihn davonzutragen,\nbis alle Kohlen verdampft waren. „Dies ist nicht\ndas Land des Safrans und der Wohlgerüche\" jam-\nmerte der Entführte, als er sich nach einem wahn-\nsinnig schrillen Pfiffe in einer robusten Halle aus-\ngesetzt sah. Weil es notwendig war, brach er die\nDämmerung seines Geistes ab und suchte nach\neinem Sofa, wo er sein Haupt niederlegen könne.\nWeiter strichen seine Pläne nicht, und indem er an\neinem Hotelportier vorbeiging, erreichte er es,\nmehrere Meldezettel ausfüllen zu dürfen. Nach-\ndem er diese Dämonen besiegt hatte, warf er sich\nin den Schlaf, ob ihm vielleicht die Deutung der zu\nerwartenden Träume seine innersten Gedanken\nenthülle. Doch der Schlaf spie ihn rücksichtslos,\ntraumlos wieder ins Leben aus und als der Un-\nglückliche zum abertausendsten Male kläglich im\nRäume erwachte, veranstaltete er einige Augen-\nblicke der Besonnenheit. Aber ehe er etliche Ver-\nnünftigkeiten ausgeheckt hatte, verdrängte der\nSchrei nach einer Buttersemmel das Gekrächz\nseiner Seele. Als er dann, noch verdauungsmatt,\nseinen Kopf aufzusetzen versuchte, fand sich dieser\nnicht und so beschloß er, seine Leiblichkeit vor-\nläufig dem Hin und Her des Zufalls izu schenken.\nKeinesfalls war er jedoch geneigt, allzu hündische\nArbeit zu tun und wollte lieber die Verhandlungen\nmit der Erde abbrechen. Er begann also über die\nOberfläche der fremden Straßen als ein gemäßig-\nter und nicht ganz zielloser Spaziergänger hinzu-\ngleiten. Seine Augen grasten ruhig die Erscheinun-\ngen ab und fielen schließlich in die Blätter, aus\ndenen sich zahlreiche Toren über den Gang der\nGestirne zu unterrichten versuchten. Da schlug in\nihn ein schnelles Erinnern und seine futterwitternde\nGeiernase, die ihm aus einem Spiegel entgegen-\ngrinste, bestärkte ihn zu einer seellosen Zeit in ge-\nwissen Betrachtungen. Er besaß zwar keine Feder\nder Fülle, aber an Schalttagen drangen tollkluge\nWorte aus ihm. Wenn er auch bezweifelte, daß\ndiese seltenen Schalttage je sein ganzes Jahr an-\nstecken würden, war er sich doch einer beschei-\ndenen Kenntnis einiger, aber bei weitem nicht\naller Gesetze der Interpunktion bewußt und ver-\ndammte sich kalten Herzens dazu, von seiner\nDurchschnittssprache zu leben. Dieszwecks legte\ner Zylinder an und ehe er sich noch hatte warnen\nkönnen, verscholl er in einem Verlagsgebäude. Er\nhätte besser getan, sich des Zephirs der Welt zli\nberauben. Denn als er vor den Journalisten der\nZeit trat, zersetzte ihn der Druckgewaltige folgen-\ndermaßen: „Du gehörst zu den weltfremden Si-\nriusochsen und bildest dir zwar nicht den Besitz\ndes Stilmonopols ein, bist aber trotzdem stolz dar-\nauf, als erster den Ipunkt unter dem I befestigt\nzu haben. Ich kann jedoch nur eine rechtschrei-\nberische Schreibmaschine brauchen.\" Da ließ sich\nder Verräter Schinkenstern sterben, er antwortete:\n~0, König der Zeitung, ich höre und gehorche.\nIch wa r ein Ifrit von den Marids der Dschann und\nbin bereit, den Eid auf das Zeilenhonorar abzu-\nlegen. Ich habe es eilig, ins Nichts zu hasten. Ich\nwar mitunter die Zunge der Dinge. Werde ich es\nweniger sein, wenn ich mich zur Stimme des\nRindviehs mache? Möge ich bald an einem Druck-\nfehler sterben!\" „Ich sehe, du gehörst zu den\nschwachen Zugtieren, die, statt ein Ende zu setzen,\nihren unüberwindlichen Magen anklagen, o Halb-\ndichter!\"\nEs wird berichtet, daß der Geiernasige zunäcjist\nzum Besprechungsliteraten herabsank, einer jener\nvielen Kritikastraten und Verschnittenen wurde, die\neifersüchtig den Harim des Ruhmes bewachen. Er\nward eine kahle Negation, legte sein Gehirn bloß,\nexhibitionierte mit der raschwachsenden Giatze der\nWeisheit, aber seine Seele war im Uebersatz. Er\nschrieb nur Kartoffeln, und die Worte der Dichter\nverdienten, mit Nadeln in die Spitzen seiner Augen-\nwinkel geschrieben zu werden. Da bemerkte er\nendlich das Graue seines Tages und hielt inne in\ndem verstatteten Leben. Allah übersetze ihn nicht!\n\nDie Torturen des\nGottes Mumba\nPaulo Scheerbart in Züchten!\nVon Mynona\nMumba, der schalkhafteste Gott des dreckige*\n„Sternes\" Erde — Stern klingt schon jüdisch! —\nMumba wollte grausam sein, er hatte die Erde\nim Magen. Und er wollte doch wieder nicht\ngrausam sein, denn er liebte die Erde: Mumba\ngrübelte. Seine Gottheit legte ihm die Verpflich-\ntung auf, zu lieben, es gut zu meinen; ein Gott,\nder nicht gut ist, ist ein Teufel. Und doch wurde\nMumba des Teufels, wenn er die dreckige Erde\nroch. Aber gerade der wollte, mußte er gut sein,\nkraft seiner Gottheit. Er grübelte tief. Ach\nMumba. Er fand die Erde zu menschlich. Die\nMenschlichkeit war der Erde bis ins innerste Ge-\nbein gedrungen. Der Granit hatte so was Sup-\npiges angenommen. Die Luft sah aus wie ein\nBrautschleier. Die Beben der Erde grollten schon\ndoktrinär moralisch; es gab didaktische Gewit-\nter, religiöse Platzregen, rhetorische Orkane,\nscheußlich ästhetisierende Landschaften, predi-\ngende Himmelsröten, blaustrümpfige Wolken. Die\nVerderbnis hatte vom Menschen aus bereits die\nbekannten drei Reiche durchsucht. Kristalle,\nChemikalien kriegten was Artefaktes, Mathema-\nteskes. Pflanzen wuchsen so recht ä la Schiller\n„unbewußt\", mit ihrer Schamlosigkeit und Un-\nschuld prahlend. Und die Tiere — Gott steh uns\nbei! Die wilden sahen peinlich gelehrt aus, man\nkann es nicht anders sagen, wie wenn sie Bril-\nlen auf der Nase hätten. Der ganze Klimbim hatte\nwas Professorales. Nun erst die geliebte Mensch-\nheit selbst: samt und sonders „gebildet\"; es gab\nkeine Indianer mehr, keine Afrikaner, keine Orien-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.3", "texte": "talen mehr; die Zivilisation hatte sie alle huma-\nnisiert brrrrr! Mumba war ja kein Kraft-\nmaier — oh nein, kein Schwärmer für gebildete\nRassen-Ferozität. Es hatte in seinen Augen kei-\nnen Zweck, durch Gebildetheit wilde Völker und\ni iere zu zivilisieren. Er verachtete die künstliche\nKultur so heftig wie die rohe Kraft. Er lehnte\ndie Menschheit ab, feine und rohe. Und doch\nlie b t e Mumba, selbstverständlich wie Götter\nüeben, mit Hilfe der Dressurpeitsche, des Schmer-\nzes. Mumba liebte nur allzusehr die Selbstzer-\nstörbarkeit des Menschen. Der Mensch als\nSelbstmörder war seine Wollust. Und deshalb\ngrübelte er gar nicht lange mehr, sondern ersann\nQualen für diejenigen Menschen, die das geringste\nTalent zum Selbstmord haben: für die Phlegma-\ntiker. Was den Rest anlangte, ach Herrje, der\nwar fabelhaft leicht aus der rissigen Haut zu brin-\ngen. Aber diesen Dickfellnaturen wuchs die ge-\nplatzteste Haut im Handumdrehen wieder zum\ndicksten Fell zusammen. Mumba suchte nach dem\nmusterhaftesten Versuchstier und fand es in einem\nder bekanntesten australischen Monarchen, dem\nfesten Kaiser Schrill von Knallen. Gelang es\nMumban, dieses Urpachyderm aus der Fassung\nzu bringen, so war die Menschheit insgesamt ge-\nliefert, mehr als der konnte nicht einmal der idio-\ntischste menschliche Leichnam vertragen.\nAhnte Schrill was von Mumba? Nein, die\nSchrille regieren, sie ahnen gar nichts als calau-\neran di causa — ihre Ahnen. Der Mumba\nbegriff das und raunte Schrillen ins Herz, er\nstamme von einem der schönschenkeligsten La-\nkaien der Kaiserin-Mutter ab. Schrill sah an sich\nherunter, verglich, forschte, spielte mit seiner\nMama eine Hamletszene und? Und regierte wei-\nter, er schwor zum monarchischen Prinzip.\nMumba stärkte das republikanische, ließ eine Re-\nvolution ausbrechen. Schrill, nicht faul, peitschte\nseine Soldaten aufs Volk. Das Volk, noch weni-\nger faul, entwaffnete die herzensgute Armee,\nselbst die braven höchsten Offiziere durch seine\nGemütsfülle sowie durch respektable Zivilange-\nbote. Schrill mußte abdanken, setzte sich einen\nhellgrauen Zylinder aufs Haupt und fuhr aus\neinem eleganten Exil ins andre, suchte Propa-\nganda für sich zu machen. Als das schlecht an-\nschlug, kniete er sich hin und sagte: „Ich bin doch\nder Kaiser!\" Er richtete sich einen netten\nkleinen Hofstaat ein und lebte mit strengstem\nZeremoniell.\nMumba warf ihn voller Wut aufs Toten-\nbett —: „balsamiert mein Herz und setzt es mit\nkaiserlichem Gepränge bei, leistet meinem Sohn\nden Untertanen-Treueid\" waren Schrills letzte\nWorte. —\nWerden's die geliebten Leser nur glauben?\nMumba scheiterte am monarchischen Prinzip.\nMit Wem kämpfen bekanntlich selbst Götter\nvergebens? — Mumba sah es ein: Die Mensch-\nheit ist durch das monarchische Prinzip vor der\nSelbstzerstörung geschützt. Republikanern kann\nman ihre Illusionen zerplatzen lassen wie? Wie\nSeifenblasen natürlich. Der Monarch ist der Ar-\nchäus der Menschheit! —\nMumba ließ die Erde Erde sein, ihre Meere\nLloydhaft zutraulich, ihre Lüfte zeppelinisch jo-\nvial, ihre Gebirge tunnelmäßig bierehrlich und\nzahnrädrig lächelnd, Gewitter wie Backfische\nkichernd, Wolkenbrüche studentisch pladdernd,\nLandschaften mit dem Ausdruck Wilhelm Böl-\nsches in den Linien. Ja, selbst das Grausen alter\nMitternächte der Uaheimlichkeiten nahm ganz\ndeutlich immer mehr H. H. Ewers'sche Formen\nan. —\nDa Mumba auf die Erde und ihren\nArchäus und ging? Zum Scheerbart. — Ach\nMumba!\n\nHippodrom\nVon Hermann Essig\nHippodrom ist eine Reitschule. Zusammenge-\nsetzt aus hippes = Pferd und Dromedar — Kameel.\nHippodrom ist eine Dame. Pferdekameel oder\nReitschule?\nSie wohnt im Boarding-House.\nSeht, wie unglücklich sie in den Räumen ihres\nAppartements umhergeht. Sie strauchelt am\nSmyrna, sie will Luft holen und kriegt sie nicht.\nZwei Kisten fetter Speck, liegen auf ihren Brüsten.\nIhr 1 eint ist allein brauchbar, alles andere ist\ngleich wie bei der Base, beim Nilpferd.\nDas Rennen ist abgesagt. Heute ist Empfang\neines anderen Herrn. Der Liftboy hat ihn bereits\nim Kärig und Hippodrom ist sehr erregt, denn sie\nfühlt „nur noch wenige Stunden Leben\".\nDer Besuch ist höchst notwendig. Sie geht\nihm entgegen. Natürlich ist es ein Herr, der mit\ngeschäftskundiger Evolvente Hippodrom am Arme\nführt. Sie ist sehr schüchtern und war schon ge-\nwohnt gewesen, es nicht mehr zu sein.\nD'rum war es auch ein Arzt.\nNur sein sachverständiger Blick vermochte ihr\nVerlegenheit zu bereiten. Und sie standen nach\neiner halben Minute bereits im Boudoir, eben in\ndem Raum, wo Damen tun, was sie belieben, wenn\nsie allein sind oder mit dem Geliebten.\nNatürlich wäre es im Interesse einer genauen\nFeststellung besser, wenn sich Hippodrom keinen\nZwang antun würde und sich allen Zwangs ent-\nledigen würde. „Gelt, es ist besser.\" Der Arzt\näußert es geniert in der muckenfrechsten Absicht.\nEr will nämlich keine Dame beleidigen und auf\nBestimmtes verzichten.\n„Wissen Sie, für Nüsse in der Schale habe ,ich\nkeine Praedilektion,\" meinte er.\nHippodrom, man hat sie noch nirgends gemalt\ngesehen, weil die Maler „Stümper\" sind, nach\nihrer Ansicht, steht bald in delikaten Konturen.\nDer Arzt naht dem Tastsinn auf den Fingerballen\nund stellt fest „nur noch wenige Stunden Leben\",\nwenn hier nicht sofort per Rohrpost eingegriffen\nwird. —\nEine Firma, welche sich mit der Entfettung der\ngesamten Menschheit beschäftigt, ist wie gepfif-\nfen zur Hand. Noch am Abend wird eine Bestel-\nlung auf siebenunddreißig Brunnen ausgeführt.\nNoch vor zehn Uhr abends sind sie bereits male-\nrisch im Kreise aufgestellt.\nHippodrom hatte sich vorgestellt, Brunnen\nseien Pumpmaschinen, nun waren die Brunnen\nwinzige Pulverchen. Sie waren alle umfangreich\netikettiert und verkapselt.\nDa war der erste Brunnen, welchen Hippodrom\nenthüllte, bestimmt „zur Entfettung des Magens\".\nHerzverfettung hatte der Arzt gesagt. Sie\nverzweifelte und enthüllte die Brunnen rasch\nnacheinander, keiner für das Herz. Schweiß-\nperlen rollten das Euphrattal hinab. Wo war der\nBrunnen für das Herz? Sie platzte vor Atemnot\nbeinahe, wie ein überheizter Ofen.\nSie ordnete zornentbrannt an, daß alle die\nschwindelhaften Brunnen das Lokal zu verlassen\nhatten, sie öffnete das Fenster und wollte „die\nBrunnen\" hinausfracken. Als ihr die Nachtluft\noben hineinschlüpfte, hatte sie das Gefühl wie bei\neinem Vorzünder. Es explodierte etwas in ihr,\nworauf ihr Herz plötzlich eine rasselnde Tätigkeit\naufnahm.\nDraußen war es Nacht, die Baumallee mit den\nStraßenlaternen; wenn sie hereinblickte, glotzte\nsie Brunnen an, nichts als Brunnen.\nDer Arzt.hatte gesagt, „nur noch wenige Stun-\nden Leben\". Wenn das Rasseln ihres Herzens\ndas Lnde war, im Geiste gab sie schon den Geist\nauf.\nIn der Verzweiflung nahm sie den nächsten\nbesten Brunnen. Das heißt, sie verläpperte eine\nTablette mit einem Glase Wasser und trank es\nhinab.\nAha! Das entfettete. Zunächst freilich mußte\nsie nach Luft ringen, aber nach einer Weile war-\ntete sie auf die Fettschmelze wie auf den schmel-\nzenden Schnee. Der Trunk schuf ihr spürbares\nBehagen.\nSie schickte sich an, die Brunnenreklamen ein-\nmal nacheinander zu studieren. Das gab eine neue\nÜberraschung. Einen direkten Herzbrunnen\nschien es nicht zu geben. Ein Brunnen schrie:\n„Darmkatarrh\". Einer „Verstopfung\". Ein drit-\nter, vierter: „Blutandrang im Unterleib\", „Leber-\nschwellung\". „Gicht\", „Rheumatismus\" und\n„Frauenleiden\".\nOb sie die Krankheiten alle hatte? Frauen-\nleiden, ja, die hatte sie, sie fühlte sich so grenzen-\nlos unglücklich. Und nach Befragen vom Konver-\nsationslexikon mußte sie entdecken, daß sie tat-\nsächlich mit allen den Brunnenleiden behaftet war.\nSie ordnete sorgfältig auch alle übrigen Brun-\nnen dem Alphabet nach und entwarf sich einen\nsorgfältigen Angriffsplan auf ihr Körperfett.\nSie war mit zwanzig Jahren so ein schlankes\nFüllen gewesen. Wie sie sich nun umsah und die\nBrunnen sie anlachten und ihr zunickten, träumte\nsie sich ihre Wphlgestalt aus, die sie zurücker-\nlangen würde. Sie wollte sich durch sinnvollen\nGebrauch so gestalten, daß nur auf besonderen\nTeilen noch einiger Nachdruck blieb.\nJetzt bin ich so. So war ich. So werde ich\nmich bringen.\nSie nahm einen Bleistift zur Hand und zeich-\nnete diese drei Figuren unter Benutzung des\nSpiegels und alter Photographien auf ein Blatt\nPapier. Auf dies Blatt Papier legte sie einen\nschwörenden Finger. Die Brunnen der ganzen\nWelt sollten versiegen, wenn es ihr nicht gelang.\nDer Arzt hatte ihr genaue Vorschriften über\ndie Mahlzeiten noch dazu gegeben. Der Brun-\nnen für Verstopfung wurde einmal zuerst ange-\nwendet. In der. Hinsicht mußte einmal zuerst\nBahn gebrochen werden. Zehn Tabletten für\nheute nacht waren nicht zu viel.\nWie wollte sie die Welt überraschen! Ihre\nFreunde, die sie schon mehr roh behandelten, soll-\nten einmal kuschen.\nEin neues Leben wollte sie erbauen. Darum\nvor allem das Schild am Entree herabgerissen!\nMorgen wurde das durch ein Pseudonym ersetzt.\nDie Boarding-House-Leitung wurde verstän-\ndigt, daß Hippodrom ausgezogen sei und hier\neine Kleopatra wohne.\nDer Entwurf war vorzüglich, die Durchführung\ngeschah mit äußerster Energie.\nIn der ersten Nacht wurde ihre Nachtruhe\nrecht häufig gestört. Aber es verdroß sie nicht.\nNur so war das Ziel erreichbar.\nIhre Zeichnung heftete sie mit Reißzwecken\nneben den Spiegel, um das Ideal nicht aus den\nAugen zu verlieren.\nNach vier Wochen! Wenn sie ihre Freunde\nje zu Gesicht gekriegt hätten! Wie hätten sie ge-\nstaunt! Kein Gletscher schmilzt so rasch. Hippo-\ndrom konnte bereits wieder zwischen die Stützen\nder Salonsessel sitzen. Sie vermochte, Seil zu\nhopff n."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.4", "texte": "Als Schulmädchen war sie Seil gehopft! Und\nwie! Diesen Sport vermochte sie wieder aufzu-\nnehmen. Im Boarding-House begann eine Tur-\nnerei, daß jedermann zu erraten glaubte, warum\ndie Dame „Hippodrom\" genannt wurde. Sie war\nvom Zirkus und ihrer Dimensionen wegen wahr-\nscheinlich entlassen worden.\nKleopatra-Hippodrom war aufs höchste befrie-\ndigt. Ihr Arzt begann sie schon weniger aus den\nAugen zu verlieren, es eröffneten sich Perspek-\ntiven, denn er war Junggeselle. Sein Entfettungs-\nobjekt machte den Eindruck großer Fähigkeit zu\nvollendeter Schönheit.\nNach sechs Wochen prüfte Hippodrom doch\neinmal ihre Umrisse, ob sie eigentlich mit einigem\nGlück ihrem Ideal zustrebte. Mit Skepsis be-\nmerkte sie, daß gerade dasjenige, was am un-\nnötigsten war und unschönsten, am wenigsten ab-\nschmolz, eine gewisse vordere verschwartete\nLagerung, wo hingegen die hintere zu sehr in Ab-\nnahme geriet.\nWohl oder übel mußte ihr neuer enger Freund,\nder Arzt, konsultiert werden.\nEr kam. „So, so. Ja, ja. Das wollen wir so\nmachen. —\"\nDer Inhaber einer Brunnenfirma überzeugte\nsich auch selber von der windschiefen Bahn, auf\ndie man bei Verfolgimg des Fetts gekommen war.\nEs galt, einen Brunnen zu finden, der Scho-\nnung aller anderen Körperteile nur die vorderen\nLagerungen entfernte.\nAber, oh Jammer, es entstand eine überlappte\nHängung, daß Hippodrom wünschte: dann lieber\nwieder fett!\nDer Arzt kam und wischte die Nase. Was\ntun? Messer! Wegschneiden! „Geht das?\"\nHippodrom zitterte um ihr Leben, sie hielt den\nFreund für einen Schurken, der sie nur zu Studien-\nzwecken ä la Clinique mißbrauchte.\nSie glaubte ihm nicht mehr. Eines Tages,\nnoch vor Abschluß der Kur, rannte sie stürmisch\naus dem Hause, sie wurde gesehen und eine Hetz-\njagd mit Auto begann nach ihr, die sich unter\ndem Pseudonym bisher verborgen hatte.\nIn der medizinischen Klinik verlor man ihre\nSpur. Man schüttelte die Köpfe. „Hippodrom\nalias Kleopatra war übergeschnappt.\"\nWenn nicht, so wußten die Freunde wenig-\nstens, daß ihr Hippodrom noch existierte.\nDie strategisch wichtigsten Appartements im\nBoarding-House wurden gemietet, Hippodrom bei\nGelegenheit gemeinsam abzufangen.\nIn der Klinik, der Geheimrat meinte: „Weg-\nschneiden\".\n„Ohne Lebensgefahr?\" wimmerte Hippodrom.\nAm nächsten Tag lag ihr Bauch auf der Frei-\nbank. Beinah.\nHippodrom, nein Kleopatra, kam nach Wochen\nins Boarding-House zurück, mit einer breiten Naht\nüber die Gefilde. Aber sie war brillant schlank.\nDie Freunde monokelten! „Kaum zu glauben!\"\nSie wetteten, wer zuerst in die renovierte\nBurg Bresche schießen würde.\nDem Frechsten gelangs. Kleopatra schwor,\nnicht Hippodrom zu sein. Aber man glaubte ihr\nnicht.\nSie trug einen Schleier über der Naht. Wenn\nden einer lüften würde, den würde sie zum Fen-\nster hinauswerfen.\nEs wagte keiner, denn sie fauchte dann\nfurchtbar.\nIhre Schönheit hatte sie gerettet, aber von den\nalten Affen kam sie nicht los.\nHippodrom wurde melancholisch. Sie bemühte\nsich mit ihren Reizen nach neuen, solideren Män-\nnern.' Warum gelang es ihr nicht?\nWenn sie tatsächlich auszog?\nEs ging nicht weg von ihr. Wer war sie?\nWarum blieb sie Hippodrom?\n\nDer Tod in Venedig\nAlbert Ehrenstein\nThomas Mann, der Erbauer der „Budden-\nbrooks\", der Dichter des Tonio Kröger und der\nzarten Novelletten „der kleine Herr Friedemann\"\nließ (bei S. Fischer) ein neues Werk, die Erzäh-\nlung „Der Tod in Venedig\" sichtbar wer-\nden. Wie in dem dauerhaftesten Prosabuch un-\nserer Zeit, in Rudyard Kiplings wahrhaft unsterb-\nlichem „Dschungelbuch\" Geier, Fledermaus und\nStachelschwein jedes Waegen und jeden Rüssel-\nschwung Hathis, des Elefanten, beobachten, also\nbelauern seit Jahren Literaten und Besprecher\naller Kategorien aufmerksam jegliche Wesens-\näußerung der Brüder Mann, unserer interessan-\ntesten und repräsentativsten Prosaiker. Wieder\nwird man aus einem (diesmal schmalen) Bande\nFortschritt oder Rückgang, weitere Entwicklungs-\nfähigkeit oder absterbende Erstarrnis ableiten\nwollen. Und nur der Einsichtige wird ahnen, daß\ndiese ethisch-epische Angelegenheit, diese gleich\ndem „Tonio Kröger\" weniger eine Novelle als viel-\nmehr ein platonischer Monolog zu heißende\nProsaarbeit vom Künstler gar nicht so gemeint\nwar. Nicht als ob Thomas Mann es hier ablehnte,\nüber sich Auskunft zu erteilen, über seine Arbeits-\nweise und über den Anklang und die Wertung,\ndie seine Bücher bei ihm und uns finden. Aber\nals entscheidend war dieses Zwischenwerk wohl\nnie gedacht, wenn es auch, wie jeder Versuch\neines seiner Kunst mit Leib und Seele ausgeliefer-\nten Dichters notwendigerweise irgendwie psy-\nchographischen Charakter tragen muß.\nWar Thomas Mann von Anbeginn einer fast\nakademischen Zurückhaltung ergeben, einer stren-\ngen Selbstzucht, die wundersam genug, tiefste Er-\nkenntnisse und Bekenntnisse nicht ausschloß, so\nmußte seine Gewohnheit, zwiespältige Dinge\ndurch Haltung zu erledigen, von einem heiklen\nThema anfangs irritiert werden. Das Probjem\nder Auflösung eines geradezu preußischen Willens\nim Lande der Lust und der Hesperiden ist jedoch\nbei ihm nicht neu, es ist nur wiedergekehrt wie\nein Leitmotiv, umgekrempelt ,amplifiziert und er-\nweitert nach mancherlei Richtungen hin.\nBei Thomas Mann tut man gut daran, auf die\nNamen seiner Personen zu achten, sie zu deu-\nten, sich ihrer als Wegweiser zu bedienen. Das\nIch, das Zentrum, der Raisonneur der Mannschen\nAbhandlung heißt Georg Aschenbach: wir haben\nes also sozusagen mit einer Asche, graue Körper\nmitführenden Flüssigkeit zu tun, die sich eine Be-\nwegung abzwingt. Kurzum mit einem Willens-\nmenschen, der asketisch seinen Zielen lebt, bis\ner sich einmal vom Leben nehmen lassen muß, er-\nmattet, zusammenbrechend, todesreif.\nDaß den mehr als fünfzigjährigen Helden eine\nunirdische Liebe zu einem zart-schönen Knaben\nbefällt, eine Leidenschaft, göttlich wie jede andere,\nteuflisch, weil ihr der seelisch soignierte Schrift-\nsteller Georg von Aschenbach keine real-ästhe-\ntisch denkbare Erfüllungsmöglichkeit abgewinnen\nkann, ist symbolisch deutsam, biologisch erklär-\nlich. Doch selbst dieser „Stoff\" scheint bei Tho-\nmas Mann fast schon Nebensache: er ward in ein\nstellenweise langweiliges, motivisch durchsetztes\nWunder der Komposition verwandelt. Vorzeichen\nund Vorbedeutungen in München und auf der\nvenedigwärts planlos . gerichteten Fahrt, das\nkeusche, krasse und verheerende Gewühl der Ge-\nfühle, das dumpfe, unvorsichtig-wehrlose Sich-\nsterbenlasseri des Verzehrten, und vor allem die\nirgendwie zwischen Homer, Plato, Goethe, Stifter\nund — Auburtin befestigten Herrlichkeiten der\nantikisierenden Sprache bleiben in dem Leser, un-\nvergeßlich eingegraben. Eine vielleicht kleinliche\nMarotte: Vorliebe für Repräsentation (nicht nur\nder Hotels), verzeiht man solchem Meister gern.\nUnd doch, und doch! Manche von Thomas Manns\nverstreut erschienenen, leider noch nicht zu einem\nBand versammelten Skizzen ist frischer, stärker.\nMag er eine Periode, in der ihn wieder mehr die\nVerfalls- und Untergangserscheinungen behelligen,\nruhig zu Ende genießen! Es sei aber gehofft,\ndaß nicht bloß sein lebhafterer Bruder Heinrich\nMann endgültige „Rückkehr vom Hades\" gehal-\nten hat, sondern auch Thomas Mann nur vor-\nübergehend schwermütig-steifen „Tod in Venedig\"\nfeierte!\n\nGedieht\nGroßüchterfelde\nAlfred Richard Meyer\nAlle Häuser in der Boothstraße laufen heut von\nPfirsichbowle über.\nNeben unserm Garten hat sich Heinrich Seidel\nwie ein schwarzer Elefant auf den Tisch geduckt\nund pappt aus Vögelein und Blümelein ein feines\nMärchen klein.\nDa wir nicht in der Leihbibliothek abonniert sind,\nwerden wir's nicht zu lesen brauchen.\nDankbar spucken wir ihm unsre Pfirsichkerner in\ndas sogenannte Manuskript.\nDiese schlagen schnell, wie das in Sommernächten\num Berlin so üblich ist,\nWurzel in dem fruchtbaren Papier und werden in\nSekunden schüttere Wälder,\ndurch die unsre Affen dionysisch heiter turnen,\nunserm Beispiel nach sich Pfirsiche ergattern,\nsich die Bowle diesbezüglich dazu denken,\nKerner aber wieder in die Manuskripter schmeißen\nusw. usw. wie die ewige Schraube.\nJulinächte. Erich! O ambrosisch!\nHoffentlich ist deine Schraube wie die meine noch\nin Ordnung.\n\nDie Sehwermut des\nGenießers\nRoman\nVon Artur Babillotte\n\nFortsetzung\n\nDie Geliebte saß mit gebeugter Stirn und emp-\nfand die Bewegung der weichen Hand.\nWie süß dies ist! sagte sie leise und lachte\nin heimlicher Freude in sich hinein. Wie süß\ndies ist!\nDann erhob sie die Stirn und lächelte ihn\ndankbar an:\nJetzt darfst du mir die Hand küssen, Liebling.\nIndem er den leisen Duft dieser Hand ein-\natmete, erinnerte er sich wieder des Festes, das\ner mit der Geliebten feiern wollte. Eine jähe\nFreude wallte in ihm auf. Und schlug in großen\nWellen durch seinen Leib. Seine dunklen ver-\nsonnenen Augen, die immer in eine weite Ferne\nzu blicken schienen, begannen zu strahlen.\nWir wollen ein Fest feiern, Geliebte! Ich kann\ndich mir nur vorstellen, wie du Blumen im Haar\nträgst und mit rhythmisch gehobenen Füßen ein-\nhergehst und ein stilles, rauschseliges Lied singst."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.5", "texte": "Wilhelm Morgner: Originalholzsehnitte"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.6", "texte": "Ich erschauere, wenn ich dich mir vorstelle als\nBacchantin, lachend in unbekümmertem Genießen,\nleuchtend im Bewußtsein süßer Stunden. Wenn\nich dich sehe, bin ich im alten Hellas, atmq weiche\nblaue Luft und schöpfe kristallhelles Wasser aus\nMarmorbecken in meine hohlen Hände. Du und\nich, wir waren vor vielen Jahrhunderten Hellas-\nkinder. Vielleicht die Sprossen eines edlen Kö-\nnigsgeschlechts . . . oder auch die Nachkommen\neines mächtigen Staatsmannes. Mein Blut gärt\noft rebellisch, dann ist mir, als wäre ich einmal\nPerikles oder Drakon oder Alcibiades gewesen.\nWir wollen ein Fest feiern, ein griechisches\nFest, du sollst die Bacchantin sein, die ich in dir\nträume. Die Genießerin, in deren Bewegung\nWohllaut ist, in deren Worten ein rhythmischer\nTonfall singt, wie ein leiser Tropfenfall auf Mar-\nmorfließen. Du wirst die Kündigerin der scheuen\nkeuschen Gebärde sein, aber in den Adern deiner\nGebärden soll das heiße Blut der unendlichen\nSeligkeit rauschen. Zurückhaltend sollst du deine\nSchönheit ins Erhabene steigern. Willst du?\nIhn hatte der Andrang der farbenglühenden\nBilder überstürmt. Er war wie ein Seher, die\nHand gereckt in eine unergründliche Ferne, die\nAugen brennend in zehrenden Flammen der Ver-\nzückung. Er war aufgesprungen und stand vor\ndem Mädchen in seiner sehnsüchtigen Jugend. Er\nglaubte und zwang das Mädchen, mit ihm zu\nglauben. Er gab sich seinem Gedanken so rück-\nhaltlos hin, daß die Wirklichkeit ausgeschaltet\nwurde.\nOhne von dem kleinsten Zweifel beunruhigt zu\nwerden, erfaßte er die Wplt, die sich unter dem\nEindruck seines Wunsches in ihm gebildet hatte,\nund machte sie zu einer wirklichen, in dessen\nMitte er sich stellte als Schöpfer und als Be-\nherrscher. Dies war eine der Stunden, an denen\ner fest überzeugt war, daß es keinen klangreiche-\nren Menschen gäbe als ihn. Eine der Stunden,\ndie das Gegensätzliche in ihm zu einem geschlos-\nsenen Ganzen vereinigten.\nDas Mädchen hatte die Augen geschlossen und\nempfing die Worte des Künstlers in dem unbe-\nwußten Lustgefühl, das eine wohllautende Stimme\ndem Hörer bereitet. Die Glut des Nachmittags\nwirkte einschläfernd: die Worte schienen aus\nimmer größerer Entfernung an ihr Ohr zu drin-\ngen. Der Künstler erkannte es an dem leisen\nZucken ihrer Lider und an den unruhigen, gleich-\nkam abwehrenden Bewegungen. Sofort schob\nsich ein neues Bild vor seine geistigen Augen;\nsein Phantasieapparat arbeitete mit einer wunder-\nbaren Genauigkeit. Er erfaßte sofort alle Ge-\nnüsse, die ein Hinhorchen im Halbschlaf nach dem\nreinen Tonfall einer Stimme vermittelte. Und in\ndem Augenblick, da er sie erfaßte, wurden sie\nihm zu lebendigen Worten. Er glaubte an die Un-\nsterblichkeit des kleinsten gesprochenen Wortes.\nDu sitzst in einem weichen Sessel, begann er,\ndas Glänzen der igenießenden Schwermut in den\nAugen, deine Hände ruhen lässig im Schoß. Es\nist Wirklichkeit um dich her, in dir aber die\nAhnung einer tiefen Freude. Du horchst in die\nstille fließende Musiki einer reichen Stimme;\nnimmst die Bilder, die sie malt, in dich auf und\nmachst sie zu deinem unvergänglichen Besitz.\nUnd je mehr Bilder du in dir anhäufst, um so\nwiderstandsloser wirst du, um so müder wird\ndein Wille — du sinkst, langsam, langsam in die\ntiefe Stille eines dankbaren Empfangens. O, die\nSeligkeit dieses langsamen Versinkens. Als fühl-\ntest du, wie nach und nach alle Schwere von dir\nabfiele, wie deine Hände und Arme, deine Mus-\nkeln und Sehnen ihre Gegenständlichkeit verlie-\nren, so daß du endlich glaubst, ein Hauch der\nLuft zu sein, die um dich herweht. Ein Funken\nder Sonne, die dich bescheint. Und auch die\nStimme, die du hörst; wie aus fernen seltsamen\nLändern scheint sie zu tönen, aus Ländern, deren\nwunderbaren Blumenduft sie ausatmet und deren\nfarbigen Reichtum sie dir herträgt. Du hast kei-\nnen Willen und keine Worte mehr, dich aus die-\nsem seligen Bann zu befreien. In solchen Augen-\nblicken ist der Mensch rein und schön, alles\nHäßliche und Gewöhnliche hat er von sich ge-\nworfen, alle- Materie abgestreift, er ist nur noch\ngenießende Seele, angefüllt mit Schwermut und\nGlückseligkeit.\nAls erzeugten seine eigenen Worte bei ihm\ndieses beglückende Gefühl des Versinkens, stand\ner da, die Augen immer in eine unwirkliche Ferne\ngerichtet, völlig der Wirklichkeit entrückt. Seine\nPhantasie arbeitete weiter; die Bilder seines ge-\nahnten neuen Werkes vereinigten sich mit der\nPracht der ruhenden Gestalt des Mädchens. Der\nAndrang. neuer Bilder war so stark, daß er kein\neinzelnes mehr herauswählen und ihm Worte ver-\nleihen; konnte. Unterdessen aber schrak das Mäd-\nchen auf; der Tonfall der schönen Stimme war\nplötzlich unterbrochen, das Ohr so an das Klingen\nder herankommenden Worte gewöhnt, daß es,\nzuerst gleichsam erstaunt aufhorchte, dann sich\ndurch die plötzliche Leere beunruhigt fühlte, seine\nUnruhe sofort dem ganzen Körper weitergab und\nein Auffahren aus der Tiefe der seligen Erschlaf-\nfung bewirkte.\n. . . Warum sprichst du nicht weiter, Liebling?\nIch höre dich so gern sprechen.\nWir wollen ein Fest feiern, Geliebte! wieder-\nholte er.\nEr schritt zu ihr hin beugte sich zu ihr nieder\nund küßte das Gold ihres Haares.\nDer Brief an den Freund trat in sein Gedächt-\nnis. Am aufdringlichsten der Satz: „Heute aber,\nda ich ermattet bin, da ich mich ganz als ein\nWeib fühle, dem die gräßlichsten Wehen den Leib\nzerrissen, heute lächle ich müd und selig und lege\nmeine Seele vor dich hin.\" Die Ermattung war\nvorüber, als wäre sie nur eine Laune gewesen,\nin der sich sein Geist einige Augenblicke gefiel.\nWenn er jetzt an jene Stunde des Morgens zu-\nrückdachte, erschien sie ihm verblaßt und be-\ndeutungslos, er hatte das demütigende Gefühl,\nnicht ganz ehrlich gewesen zu sein, sich einem un-\ngesunden Einfall überlassen zu haben. Er be-\nreute jetzt jene unfruchtbaren Augenblicke und\nwähnte, erhitzt von der Glut der Sonne, der\nSchönheit des Mädchens und dem Ungestüm sei-\nner neuen Gedanken, unverwundbar zu sein, von\nkeiner Anstrengung besiegt werden zu können.\nSein Stolz wuchs und das Selbstbewußtsein senkte\nseine Wurzeln tiefer in sein Wesen. Unter dem\nEindruck dieses seelischen Emporsteigens wurde\ner übermütig.\nWir wollen ein Fest feiern, Kind! sagte er noch\neinmal, diesmal aber mit dem Lachen eines unbe-\nkümmerten Jünglings, der allen Genuß nur des\nGenusses wegen aufsucht. Alle Schwermut\nschien plötzlich in ihm erloschen zu sein; er ver-\nlangte nicht mehr die Seele des Genusses zu er-\nforschen, er begnügte sich mit dem Taumel. Es\ngab Stunden in seinem Leben, in denen er brutal\nwar in seiner untiefen Genußsucht. Solch eine\nStunde 'kam jetzt über ihn; er wollte sich ihrer\nerwehren, denn er wußte, wie bitter er sie nach-\nher bereute. Aber sie stürzte auf ihn ein wie eine\nSturmflut. Er war außer sich. Sein Gesicht fiel\nein, sah plötzlich ganz klein und nichtssagend aus.\nDie Augen erloschen und bedeckten sich mit mat-\nten Schleiern. Aber, da ter sich nicht selbst sehen\nkonnte, erfaßte ihn dieser Gedanke nicht, ein Ge-\ndanke, der ihn gerettet und vor den Schrecken\neiner seelenlosen Stunde bewahrt hätte.\nSeine Tollheit riß das Mädchen mit. Ihre\nFreude an dem schönen Manne leuchtete ans gro-\nßen Augen.\nSekt mit dir zu trinken, war schon immer mein\nWunsch! sagte sie, als er bestellte. Ich habe oft\ngesehen, wie sie unten im Gesellschaftshaus wel-\nchen tranken. Wenn du das auch haben könn-\ntest, dachte ich manchmal . . . Ach du, ich habe\ndich lieb!\nEr lachte ein unklares Lachen; ein Zynismus\nklang darin, der nicht in seinem Wesen lag, den\ner sich in der Gesellschaft der Ausgestoßenen\nwährend seiner Großstadtjahre angeeignet hatte,\nund der nur zum Ausbruch kam, wenn er die\nHerrschaft über sich selbst verlor.\nIch liebe dich, sagte er, so wie du bist. Du\nhast eine- Sehnsucht, du willst die Schönheit. Ich\nwerde sie dir geben. Dieser heiße Mittag ist unser\nEigentum. Wir wollen ihn mit den brennendsten\nFarben ausschlagen. Ich will jetzt nicht mehr\ndenken. Ich will nur bei dir sein und mit dir\nlachen und scherzen und trinken.\nSie sagte mit dem inbrünstigen Tonfall eines\nKindes:\nJa, du!\nEr schwang die Flasche über dem Kopfe, daß\nein Sprühregen der köstlichsten Tropfen umher-\nwirbelte. Er neigte den Flaschenhals über die\nGläser und seine Hand zitterte wie im Fieber.\nSeine Augen brannten unter Schleiern, ohne sie\nversengen zu können. Das Mädchen, was ihn nie\nso gesehen hatte, wurde mitgerissen von seiner\nZügellosigkeit.\nEin Taumel hatte beide ergriffen. Ihm gab\nsich das Mädchen widerstandslos hin; sie liebte\ndas rauschende Vergnügen, das Blitzen lebens-\nlustiger Augen und die taumelnden Worte wein-\nfroher Menschen. Sie hatte an diesen Schön-\nheiten, die sie begriff, vorübergehen müssen; der\newige Wunsch, es möchte auch ihr eines Tages\nso wohl werden wie jenen, hatte sie gepeinigt.\nNun sah sie sich vor der Erfüllung; ihre Freude\nkannte keine Grenzen. Die Tollheit des stillen\nversonnenen Künstlers war ihr unerklärlich; und\ndoch freute sie sich darüber.\n* * *\nDie Sonne war bescheidener geworden. Ihre\nGluten begannen zu erstarren und langsam zu er-\nkalten wie Lavamasse. Schatten wuchsen aus dem\nFuße des Berges, an dem die Stadt lag und schien\nvon unsichtbaren Händen langsam emporgescho-\nben zu werden. Es schlug die fünfte Nachmittag-\nstunde. Zwei Stunden saßen die beiden bereits\nund schwelgten in den Taumeln. Sie saßen bereits\nmit starr werdenden Augen, sprangen plötzlich auf,\npreßten sich eng aneinander, küßten sich leiden-\nschaftlich und stießen sich gegenseitig, wie von\nAbscheu ergriffen, ab. Sie hatten die Zügel ihrer\nGedanken verloren und wurden nun von den er-\nhitzten Bildern ihrer Gehirne im rasenden Lauf\ndahingeschleift. Wenn sie für einen kurzen Augen-\nblick das blasse Bewußtsein hatten, in Gefahr zu\nsein, drängten sie sich zu einander hin, sobald je-\ndes die Nähe des andern fühlte, wurde es ruhig\nund versank wieder in die Unbewußtheit der über-\nreizten Gedanken.\nDer kleine Wirt trat mehrere Male unter die\nTür, die Gaststube und Veranda verband und, be-\ntrachtete die beiden aus verschmitzten Augen.\nSein Weib, das zehn Jahre älter war als er, und\ntrotz der peinlichsten Reinlichkeit unsauber aus-\nsah, ärgerte sich über diese frohen Menschen. Sie\nmochte den Künstler nicht leiden; alle „verrück-\nten Menschen\" waren ihr in der Seele zuwider.\nAber sie beherbergte ihn, da er die bescheidenen\nGenüsse, die ihnen das Waldhaus bieten konnte,\nmit schwerem Golde bezahlte."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.7", "texte": "Sie stand hinter dem Schanktisch und unter-\nhielt sich in ihrer knurrigen Art mit zwei Gästen,\ndie so schweigsam waren, daß sie zwischen jedes\nWort eine lange Pause setzten. Es war unend-\nlich ermüdend, ihnen zuzuhören. Aber die Wirtin\nwußte sie aufzureizen. Sie waren trotz ihrer\nSchweigsamkeit die gefürchtetsten Lästermäuler\nin der Stadt.\n— Geh mir weg mit den bessern Leut! sagte\nder eine.\n— Bruch ist's! der andere.\nTranken und schwiegen.\nAber die Wirtin hetzte. Erzählte von den\nKneipgelagen, die einige Schüler des Konservato-\nriums allwöchentlich einmal veranstalteten, bis tief\nin den Morgen; und sogar ein paar Lehrer wären\nmit dabei. Eine Schmach und eine Schand seis.\nDas wollten gebildete Leut sein! Schmissen den\nBürgern die Fenster ein, machten zu nachtschlafen-\nder Zeit einen Heidenradau, wären durch keine\nPolizei zu bändigen.\n— Wir rackern uns ab, sagte hierauf der eine,\nund die schmausen und zechen. Ist das gerecht?\n— Jawohl — ist das gerecht? wiederholte der\nandere.\nJetzt war die soziale Frage in ihnen angeregt.\nJetzt verloren sie alle Lächerlichkeit, die ihnen\nihre sonderbare Schweigsamkeit anheften mochte\nund fühlten sich plötzlich als Glied unter Gliedern,\nals Rad unter Rädern. Als seien ihre Gedanken\nplötzlich auf ein bestimmtes Gleis gesetzt worden:\nnun liefen sie unaufhaltsam wie ein angetriebener\nEisenbahnwagen auf schiefer Ebene weiterrollt.\nSie waren Vertreter ihrer Klasse, hatten rauhe\nArbeitshände und wußten nichts von den Miihsalen\ngeistiger Kämpfe. Sie verachteten diese Kämpfe\nund verlästerten sie. Sie waren Menschen, die nur\ndie Kraft der Maschinen und den Wunsch nach\neinem guten Leben kannten. Alle verfeinerte\nSchönheit reizte sie zu einem höhnischen Geläch-\nter. Musik verstanden sie nicht, von Kind auf\nhatten sie nur die Rhythmen harter Märscher, den\nOleichklang surrender Maschinen, die rauhen Töne\ngewöhnlicher Menschensprache vernommen. Und\nseit sie mündig waren, gingen sie in sozialdemo-\nkratische Versammlungen, atmeten die gefährliche\nEinseitigkeit der Führer ein und lernten das, was\nsie garnicht kannten, höhere Kultur, verfeinertes\nLeben, hassen. Sie waren ehrlich in ihrem Haß\nund, schuldlos an Verbitterung.\nDer eine erzählte von seiner Hoffnung, man\nkönne die feinen Leute, durch Massenkundgebun-\ngen einschüchtern. Er war ein Idealist in seinem\nGlauben an die Macht der Masse. Aber der an-\ndere, der kühler in das Leben sah, glaubte nicht an\nden Untergang der Reichen:\nWir können nichts tun, als unsere Lage ver-\nbessern, die Kapitalisten zwingen, bessere Löhne\nzu zahlen und eine kürzere Arbeitszeit einzuführen.\nDie Reichen werden bleiben ... An eine Gleich-\nheit glauben wir nicht mehr.\nWährend die so redeten, kam ein drittes Mit-\nglied ihrer Partei hinzu. Er war stark genug ge-\nblieben, seine geistigen Kräfte zum eigenen Den-\nken zu benutzen. Er haßte die Oberklasse nicht,\nsein klarer Verstand sagte ihm, daß es ein Oben\nund ein Unten geben müsse. Trotzdem war er\nein Kämpfer. Er versprach sich die Rettung da-\nvon, wenn beide Teile dazu herangebildet würden,\nsich gegenseitig zu verstehen. Er hatte sich\nBücher zu verschaffen gewußt, die alle sozialen\nVerhältnisse nicht vom Parteistand beleuchteten.\nBis in die Nächte hinein hatte er über diesen\nBüchern gesessen und sich selbst gebildet, und bei\njedem Schritt nach vorwärts stärker das Glück\neiner geistigen Vervollkommnung empfunden. In\nVolksversammlungen trat er auf und verkündete\nseine Ansichten und verteidigte sie. Er galt in der\nPartei als unruhiger! Geist, der sogar an den Wor-\nten und Meinungen des gefürchtetsten Genossen,\ndes Redakteur Todt, zu kritteln wagte. Aber er ließ\nsich weder durch gute Worte noch durch Drohun-\ngen irre machen, überzeugt, dem einzig möglichen\nAusgleich zwischen Armen und Reichen auf der\nFährte zu sein.\nEin Kampf erhob sich zwischen den drei Män-\nnern; die Wirtin kroch knurrend nach ihrem Lehn-\nstuhl hinter dem Schanktisch, von wo aus sie das\nganze Lokal überblicken konnte.\nWir müssen alles kurz und klein schlagen, wenn\nwir vorwärts kommen wollen, sagte der eine der\nbeiden Unklaren.\nUnsere Arbeitgeber müssen wir pressen! der\nandere.\nAber der Klare:\nKeins von beiden. \\Vir dürfen nicht mehr\nnebeneinander hergehen wie Feinde, die Reichen\ndort, die Armen hier. Gegenseitige Annäherung,\ndas ists, was beide brauchen. Ohne uns gehen die\nReichen zugrunde. Aber ohne die Reichen gehen\nauch wir zugrunde. Das vergeßt ihr immer. Denkt\neuch den Fall, es würde euch gelingen alle Rei-\nchen, die Kapitalisten und Arbeitgeber, zu stürzen.\nIhr würdet an ihre Stelle treten. Was geschähe?\nIn einigen Jahren wären wir auf dem alten Stand:\nihr wäret reich geworden, stolz, unbarmherzig\ngegen alle, die nicht auf eurer Höhe ständen. Mit\neinem Wort: Ihr wäret Kapitalisten geworden.\nIhr müßtet Leute haben, die für euch arbeiteten ...\nSo ging das weiter und weiter. Wenn keiner ar-\nbeitet, wovon sollen die andern leben? Es ist\nnichts mit eurem radikalen Einschlagen! Ja,\nmanche sind wohl gemäßigter. Die .sagen, wir\nmüssen die Arbeitgeber pressen, soviel aus ihnen\nherausholen, als sich herausholen läßt . . . Glaubt\nihr, die Arbeitgeber sehen euch in aller Gemüts-\nruhe zu, wie ihr ihnen Daumenschrauben anlegt.\nIhr sagt: Wir haben unsere Streikverbände. Wenn\nihrs den Kapitalisten zu toll treibt, schmeißen sie\neuch alle miteinander hinaus. Gern tun sies nicht,\nweils für sie eine große Schädigung bedeutet. Aber\nglaubt ihr wohl, daß es eine Masse Arbeitsloser\ngibt, die nicht zu euren Streikverbänden gehö-\nren und froh sind, wenn sie etwas verdienen kön-\nnen? Ihr lähmt die Arbeitgeber höchstens für\neinige Wochen, dann haben sie neue Kräfte und\nkönnen euch tot drücken.\nSie unterbrachen ihn.\nDu bist ein Freund der Reichen, zürnten sie und\nschlugen mit den Fäusten in den Tisch.\nNein, verteidigte er sich, nicht ohne ein leises\nSelbstbewußtsein, ich bin nur ein Freund der Ver-\nnunft. Wenn alle dächten wie ich, ständen sich die\nArbeiter in kurzer Zeit besser. Und die Kapitalisten\nstünden sich besser. Beide kämen mit den besten\nAbsichten entgegen, statt sich als Feinde gegen-\nüber zu treten.\nEr begann, seine Pläne zu entwickeln, wie er\nsie schon oft in den öffentlichen Versammlungen\nentwickelt hatte. Er sprach laut und klar, als hätte\ner eine große Menge vor sich. Er sprach mit tiefer\nUeberzeugung, den er fühlte in sich die Kraft, ein\nBeglücker des Volkes zu werden.\n\nFortsetzung folgt\nVerantwortlich für die Schriftleitung:\nHerwarth Waiden / Berlin W 9\n\nDas energetische\nEvangelium\nErich Vogeler\nVerschwendung ...\nDas ist der wahre Jungbrunnen\nDer geliebte, strömende,\nDer Abgrund dunkler Gebärerinnen im Blut.\nFruchtbarkeit und Unschuld ist, wo ein Wille\nzum Verschwenden ist.\nDas ist das Gesetz der Erhaltung:\nVergeude!\nJenes „Energetische (Verkneifungs-) Imperativ\"\n= Greisengequatsche;\nNur so ein tapriger, t... t... t... Universitäts-\nprofessor\nUnd Moniste,\nZinsenspießer der Seele,\nKonnte ihn aufstellen,\nHaushaltungsgequassel kahler Schläuche. Sela.\nKomm,\nLaß uns durch den Frühling gehn,\nUeber dampfende Felder.\nDer Same fliegt ...\nFiel er unter Dornen? Auf Steinigt?\nAuf den Weg der Landstreicher?\nWas tut's! O Mädchen:\nEin Sämann ging! Ein Sämann ging!\nO Seligkeit zu säen . . .\nSterne umsingen die Nacht . . .\nWie aus dem Dunkel des Bluts immer neue\nReigen sich gebären,\nTaumelnd, ins Verlorensein!\nOhne Sinn, ohne Zweck.\nWie Wellen ins Meer . . .\nMein Mädchen, mein kleiner schmaler schim-\nmernder Nachen,\nMit der sanften\nBiegung deiner Borde,\nUnter den weißen gewölbten zitternden Segeln,\nTrägst mich schaukelnd auf meiner eignen Flut...\nWohin? . . .\nAber irgendwo\nLiegt jetzt in der bei Gott ja nicht zu üppig\ngepolsterten Patentbettstelle\nDer deutsche Professor Wilhelm Ostwald,\n(Oberpriester der metaphysischen Bedürfnis-\nanstalt des Zeitgeistes,\nGenannt „Monismus\",)\nStill,\nMit gefalteten Händen: r\nAch, daß nur nicht nutzlos Energien vergeudet\nwerden!\nEine Stimme aber flüsterte: „Möchtest du nicht?\"\n„Nein,\" sagte er leise, doch unerschütterlich,\nes hätte\nDoch keinen Zweck.\"\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der ki«r\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereit*\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwihato\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nRichard Dehmel\nSchöne Wilde Welt / Neue Gedichte und Sprüche\nBerlin / S. Fischer Verlag\nRene Schickele\nSchreie auf dem Boulevard\nBerlin / Paul Cassirer Verlag\nAage von Kohl\nIm Palaste der Mikroben\nDrei Bände\nLeipzig l Verlag Haupt und Hammon"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191306-01.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts forfr.\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vot\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namea nur d«rdb\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zelte\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag,,\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der V«r-,\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nJetzt:\nBerlin W j Potsdamer Strafie 134 a\nSechzehnte Ausstellung\nGemalde und Zeichnungen des\nFuturisten „ ' ■ - -\nGino Severini\nVom ersten bis dreißigsten Juni\nGeoffnet tagllch von 10—6 Uhr / Sonntags von\n10—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nAm 29. September 1913\nErster Deutseher\nHerbstsalon\n75 Potsdamer Straße 75\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W9 Potsdamer Straße 134 a\nFernruf Amt Lutzow 4443\nZeitschrift der Sturm\nDauerbezug\nGewdhnlicbe Ausgabe: Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nnammer 40 Pfennig X Ffir das Ausland bei\ndirekterZustellung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Excm-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nse ndung in Roll en direkt durch die\nPost ffir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X Ffir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndfeser Ausgabe werden Vierteljahrsbezfige, Einzel-\nnummern und Probenummern nic h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n6 Mark / Vom 1. Juli 1913 ab 10 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnfoofshandlungen, Kiosken u. Straßenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwunscht wird, bitten wir den Bet r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn d.es neuen Vierteljahres bis\nzumfunftendes erstenMonats einzu-\ns en d en / Andernfalls nehmen wir an, daß E i n -\nzieh un g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwunscht wird\nGeneralvertretung des Verlags Eugene Figuidre /\nParis\n\nSonderdrucke\nFranz Marc: Originalholzschnitte / je 10 nume-\nrierte unci signierte Handabzlige: Versohnung/\n/Tierlegende/Pferde/Tiger/Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark,\nMax Pechstein: Die Erlegung des Fest*\nbrat en s / Origirialholzschnitt / Auf Nutnmer 94\nder Zeitschrift Der Sturm sind einhundert\nExemplare vom Kiinstler mit der Hand aquarel-\nliert, signiert und numeriert / Das Exemplar\n5 Mark\nW. Kandinsky: Handdrucke / Das Exemplar 30 M.\nWilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Je zehn oder sieben nummerierte und\nsignierte Handdrucke / Das Exemplar 15 Mark\nG. Miinter: Neujahrswunsch I Fiinf signierte und\nnumerierte Exemplare / Das Exemplar 20 Mark\nWalter Helbig: Landschaft / Originalhalzschnitt /\nFiinf numerierte und signierte Handdrucke / Das\nExemplar 25 Mark\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Zwoif hand-\ngedruckte, numerierte und signierte Holzschnitte I\nDas Exemplar 30 Mark\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande 111 /\nje fiinfzehn signierte und numerierte Holzschnitte /\nDas Exemplar 20 Mark\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] zwoif signierte und numerierte\nExemplare / Das Exemplar 25 Mark\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Niiinsky / Portrat Licht-\ndruck, großes Format / flO Mark\nR. Delaunay: Album / Elf Phototypien von\nGemalden (ein Farbenlichtbild) mit einem Gedicht\nvon Guillaume Apollinaire / Das Exemplar 10 Mark\nMusik\n•K\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von ArnoHolz / Fur Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nFuturlsten: I / Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose Tanzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFranz Marc: Affenfries / 20 Pfennig\nRobert Delaunay: La Tour / 20 Pfennig\nMappen\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nZeitsehriften\nL'Effort Libre / friiher L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch J Poitiers\n[Vienne]\nL'lndgpendance / Halbmonatsschrift / Kfinste /\nKultur I Philosophic / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue Francalse / Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\n\nMontjoie / Halbmonatsschrift / Paris / Chaussee\nd'Antin 38\nHaro I Monatsschrift / Briissel\nLes Cahiers du Centre I Moulins [Allicr]\nLes Soir6es de Paris / Recueil Mensuel / Paris\n9 rue Jacob\n\nAnzeigen\n\nAkademie fur moderne Skulptur in Paris / 18 Im-\npasse du Maine Montparnasse / Korrektur: A. Ar-\nchipenko / Arbeiten in Stein / Studies\nder Stilarten / Maßige Preise\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama / Be*,\ngriindet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge~\nwidmet der Dichtung und dem Drama der Gegen-.\nwart in alien Landern / Probeheft gegen Einsen-\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n10 Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop I London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\nReuß und Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat / Potsdamerstraße 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen iiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben,\nin auslandischer Literatur\n• ,\nV\nSkupina / Prag / Dritte Ausstellung: Gemalde:\nPicasso, Braque, Derain / Plastik: Picasso / Mo-\nderne Graphik: Cezanne, Picasso, Braque, DerafiL\n1 Alte Graphik und Plastik / Volks- und exotische\nKunst I Mai-Juni 1913 Prag /Gemeindehaus beim.\nPulverturm\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Vereln\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession.\nerhalten iahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 /\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen.\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjS-hrlich 15 Mark.\nGeschaftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MiquelstraGe 7a. Fernruf Amt Steglitz 269f\nEdmund Meyer / BuchhSndler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer Straße 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nThe Lantern: Eine Monatschrift beiseite geschobe-\nner Wahrheit und' zuriickgewiesener Dichtung /\nGeputzt und entziindet, so oft der Mond dunkel\nist I Die amerikanische Zeitschrift des Protestes /\nOrgan der Gesellschaft Jiinger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA.\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWalden\nI Zehntes Jahr / Man verlange kostenlose\nMitteilungen iiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W9"}]}