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Er mußte an sein Weib denken, von\ndem er glaubte, daß es ihn betrog. Eine schreck-\nliche Eifersucht hatte sich in seinem Herzen ein-\ngenistet und fraß ihn langsam auf. Erst kroch sie\nihm in die Kehle, so daß er nur mit größter An-\nstrengung sprechen konnte, dann kroch sie ihm\nauf die Zunge, die sie heiß und trocken machte,\nund endlich kroch sie ihm ins Gehirn und ließ ihn\ndie Rolle vergessen, ganz und gar vergessen auf\noffener Szene. Seine Partnerin bemühte sich ihn\nzum Text zurückzuführen. Der Souffleur schrie\nsich heiser. Der Regisseur wurde blaß und rollte\ndie Augen gegen Ardibot, der nichts hörte und\nnichts sah als sein Weib in den Armen eines\nandern.\nDas Publikum wurde nervös. Der Vorhang\nmußte fallen und der Regisseur kündigte eine\nPause an, bis man Ersatz hätte für den schwer\nerkrankten Herrn Ardibot, den Liebling der Mäd-\nchen und Frauen. Hinter den Kulissen gab es er-\nregte Szenen. Der Direktor war aus seiner Loge\ngekommen und donnerte Verfügungen gegen den\nunbotmäßigen Ardibot, der erklärte, er spiele heute\nnicht mehr weiter, da er unwohl sei. Endlich\nschleppte der Regisseur einen jungen Mann her-\nbei, der jede Rolle im Stück kannte und kündigte\ndem Publikum die Fortsetzung der Komödie an.\nDas Spiel ging weiter.\nArdibot trat in seine Garderobe, schminkte sich\nrasch ab und vertauschte sein Kostüm mit den\nKleidern. Wie ein Verbrecher schlich er sich aus\ndem Theater. Je näher er seiner Wohnung kam,\ndesto ängstlicher wurden seine Schritte. Er\nmachte vor einem Hause halt. Langsam suchte\nsein Blick die einzelnen Fensterreihen ab. In sei-\nner Wohnung war Licht. Natürlich. Denn es\nwar noch gar nicht spät. Der zweite Akt hatte ja\nkaum begonnen, als der Zwischenfall eintrat.\nLange blieb er stehen und starrte nach seiner\nWohnung. Endlich glaubte er Schatten sich be-\nwegen zu sehen. Da erwachte er und ging rasch\nins Haus. Die Treppen stürmte er hinauf. Vor\nseiner Tür blieb er stehen und schöpfte tief\nAtem. Dann nahm er behutsam seine Schlüssel\naus der Tasche, schloß sacht auf und trat an die\nZimmertür. Ein Seufzer drang durch die Tür.\nEr riß sie auf und stand vor seinem Schicksal. Da\nkam ihm plötzlich alles so lächerlich vor, daß er\nhell auflachte.\nDer Fremde erhob sich nur ganz wenig und\nsagte: „Unter diesen Umständen wird es wohl\ndas beste sein, wenn ich mich zurückziehe.\"\nArdibot, der noch immer lächelte, erwiderte\nsehr höflich: „0, bitte, lassen Sie sich durchaus\nnicht stören! Ich will mir nur meine Pistole aus\ndem Waffenschrank holen. Dann schieße ich sie\nnieder!\"\nSeb, die Frau Ardibots, erhob ihren Kopf, den\nsie bis jetzt diskret unter dem Polster verborgen\nhatte und rief: „Aber Ardibot, wie unhöflich du\nheute bist! Bekomm ich heute nicht einmal einen\nKuß?\"\n„Verzeih\", sagte Ardibot, „ich dachte nur, es\nwäre dem Herrn da unangenehm. Aber wenn Sie\ngestatten,\" wandte er sich an den Fremden, „will\nich dich gerne küssen, Seb.\"\nDer Fremde verharrte ruhig in seiner intimen\nStellung und sagte: „Ich finde Ihren Ton ziem-\nlich frei, mein Herr. Und wenn ich auch ver-\nmute, daß Sie Ardibot sind, so hätten Sie doch\nwenigstens so viel Takt haben können, sich mir\nvorzustellen, wenn Sie schon ohne anzuklopfen\nin das Zimmer traten. Im übrigen habe ich Seb\nheute so viel geküßt, daß Ihre Küsse nicht viel\nzu bedeuten haben würden.\"\n„Ich bin in der Tat Ardibot,\" sagte der belei-\ndigte Gatte, „und bin deshalb aus dem Theater\nweggegangen, weil ich Verdacht hatte, daß mich\nSeb betrügt.\"\n„Ardibot, Ardibot,\" rief Seb. „Du bist weg-\ngegangen, ehe das Stück zu Ende war?\"\n„Jawohl, mitten von der offenen Szene.\"\n„Nun, der Direktor wird dir eine halbe Mo-\nnatsgage abziehen, das wird der Effekt sein von\ndeiner lächerlichen Eifersucht!\"\n„Ja,\" sagte der Fremde, indem er von neuem\nbegann Seb zu liebkosen, „Sie hätten ruhig Ihre\nRolle zu Ende spielen können. Ich finde, daß Sie\naußer über ihre Taktlosigkeit auch über ein über-\nnatürliches Maß von Pflichtvergessenheit verfü-\ngen. Sie sollten sich schämen.\"\n„Schäme dich ein bißchen, Liebster, und dann\nkomm zu uns. Wir wollen zusammen plaudern!\"\nEin Seufzer entrang sich Sebs Lippen, die der\nFremde in toller Lust zerbiß.\nArdibot zog seinen Ueberrock aus und ging in\ndas Nebenzimmer.\nNach einer Weile kehrte er zurück und hielt\neine Pistole in der Hand. „So, ich habe sie nun\ngeladen. Wenn Sie etwas wünschen, sagen Sie\nes bitte noch so lange es Zeit ist, denn wenn die\nUhr neun schlägt, schieße ich sie nieder.\"\n„Da fehlen noch zehn Minuten!\" jubelte Seb\nund überschüttete den Fremden mit Küssen, die\njener heißer erwiderte.\n„Ich habe nichts zu verfügen,\" sagte er dann\nzu Ardibot, der aufmerksam nach der Uhr bückte.\n„Alle meine Wünsche sind erfüllt. Die Hörner,\ndie Sie tragen, waren der Traum meines Lebens.\"\n„0, sehr schmeichelhaft für mich! Aber,\nbitte, wollen Sie mir Ihren Namen sagen. Es ist\ndas nur wegen der Ungelegenheiten, die ich sonst\nmit der Polizei habe . . .\"\n„Mit der Polizei?\"\n„Gewiß, mit der Polizei. Wenn jemand er-\nschossen wird, fragt die Polizei immer gleich nach\ndem Namen des Toten.\" Er machte eine verbind-\nliche Handbewegung gegen den Fremden.\n„Ach so! Jetzt verstehe ich . . .\" Er rich-\ntete sich ein wenig auf, mit einer artigen Verbeu-\ngung: „Ich heiße Rambosso! . . .\" Da schlug die\nUhr neun und Ardibot drückte los. Der Mann\nsank durch den Kopf getroffen über Seb hin und\nwar sofort tot.\n„Ich werde den armen Rambosso herunter-\nheben,\" sagte Ardibot zu Seb.\n„Tu das, Lieber! Er ist ziemlich schwer!\"\nArdibot, ein Athlet, nahm den Leichnam des\nRambosso in seine Arme und setzte ihn in einen\nbequemen Fauteuli. Seb erhob sich und machte\nein wenig Ordnung an ihrer Toilette, die übrigens\ndie notdürftigste, war.\n„Du schießest so sicher!\" sagte sie, nicht ohne\nden Ausdruck aufrichtigster Bewunderung. „Der\narme Rambosso! Vor einer Viertelstunde noch so\nlebendig und jetzt mausetot.\"\n„Du bedauerst ihn wirklich mehr, als er es\nverdient. Du solltest ein wenig mehr Rücksicht\nauf mich nehmen.\"\n„Aber Ardibot, ich verstehe dich nicht,\"\nschmollte Seb. „Du bist so empfindlich die letz-\nten Wochen, daß es wirklich schwer ist mit dir\nauszukommen. Aber ich will dir gerne ver-\nzeihen, du großer Kindskopf! Der arme Ram-\nbosso wird sicher nichts dagegen haben.\" Sie\nblinzelte dem Toten vergnügt in die halboffenen\nAugen, die schon gläsern waren und über die die\nLider schlaff herunterhingen. Rambosso hatte\nwirklich nichts dagegen. Er saß bequem in sei-\nnem Fauteuil und beschäftigte sich ausschließlich\nmit Fragen, die das Jenseits betrafen.\n„Das ist nett von dir,\" sagte Ardibot. „Eigent-\nlich wollte ich jetzt zur Polizei gehen und die\nGeschichte anzeigen. Aber es hat Zeit. Es ist\nwahr. Die Eifersucht führt nur zu Ungelegen-\nheiten. Daran läßt sich nichts mehr ändern.\nJedenfalls werden wir uns unsere Laune dadurch\nnicht stören lassen. Wenn du ein wenig zum\nEssen im Hause hättest, wäre ich sehr froh, denn\ndiese Sache hat mir wahrhaftig Hunger gemacht.\"\n„Wirklich? O, wie schade. Ich hatte so feine\nCotelettes und Fisolensalat, deine Leibspeise.\nAber der arme Rambosso hatte so Hunger, als er\nkam und da hab ich sie ihm zubereitet und gege-\nben. O, sie haben ihm gut geschmeckt.\"\n„Das ist jammerschade. Ueberhaupt wenn\nman bedenkt, daß sein jetziger Zustand in keiner\nWeise einen satten Magen rechtfertigt! Und er\nhat alles aufgegessen?\"\n„Alles!\" sagte Seb stolz.\n„Es ist schändlich, wie weit sich diese Ehe-\nbrecher vergessen! Nicht nur, daß ihnen die\nFrau ihres Mitbürgers in keiner Weise heilig\nist . .\n„Bitte, bitte, bitte! Laß gleich die Anzüglich-\nkeiten! Sieh nur, wie dich der arme Rambosso\nansieht! Wahrhaftig, er droht dir mit der Hand.\"\nArdibot lud rasch die Pistole und schoß nach\nder Hand des Rambosso. Er traf zwar nicht, aber\nder Tote war doch eingeschüchtert. Er ließ seine\nHand sinken und drehte sich beschämt ein wenig\nvom Lichte ab, das bisher sein Gesicht voll be-\nleuchtet hatte.\n„Du bist heute wirklich sehr nervös, Ardibot,\"\nsagte Seb. „An meine Nerven denkst du gar\nnicht mehr. Es ist übrigens schon zehn Uhr vor-\nbei, unser Hausherr liebt es nicht, wenn wir nach\nzehn Uhr schießen. Da du schon heute deine\nhalbe Monatsgage eingebüßt hast, will ich nicht\nmorgen noch die Kündigung bekommen. Wenn\nich daran denke, gruselt mir.\" Seb warf sich Ar-\ndibot in die Arme. Ein Weinkrampf erschütterte\ndas zarte WTeib und Ardibot hatte alle Hände voll\nzu tun, um es zu beruhigen.\n„Sei nicht böse,\" sagte er, „ich bin nur nervös,\nweil ich hungrig bin. Komm, nimm deinen Hut\nund gehen wir in ein Restaurant. Dir wirds\nauch gut tun, wenn du etwas zu dir nimmst.\nKomm, Kleine!\"\nEr zog sie in das Nebenzimmer, nötigte ihr ein\nKleid und einen Hut auf und verließ mit ihr die\nWohnung, die er sorgfältig verschloß. Die Pistole\nhatte er zu sich gesteckt.\nEs war nahe an Mitternacht, als das Ehepaar\nheimkehrte. Ardibot schloß die Tür zu seiner\nWohnung auf. Er hatte sein Feuerzeug vergessen\nund fluchte, weil er sich das Schienbein an dem\nVorsprung eines Vorzimmerkastens geschlagen\nhatte. Seb vergoß Tränen, nichts ging ihr so\nnahe, als wenn sie sah, daß ein Mensch Schmer-\nzen erlitt.\n„Dein Freund, weiland Rambosso, hätte auch\nfür Licht sorgen können!\" rief Ardibot mit\nschmerzlicher Stimme.\nEben schlug es zwölf. Da sprang die Schlaf-\nzimmertür auf und Rambosso erschien auf der\nSchwelle mit der brennenden Lampe in der Hand.\n„Lange genug haben Sie uns warten lassen!\"\nsagte Seb und legte ihren entzückenden Mohn-\nblumenhut ab. Dann nestelte sie an ihrer Frisur\nso lange herum, bis die herrlichen blonden Haare\nüber ihren freien Nacken flössen. Schon bei Leb-\nzeiten hatte Rambosso eine Schwäche für Seba\nblonde Haare gehabt. Diese Schwäche schien\nbei ihm nach dem Tode zu einer richtigen Leiden-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2385, "texte": "schaft gewachsen zu sein. Wenigstens ließ er sich\nnicht eine Sekunde Zeit, sondern drückte die\nLampe Ardibot in die Hand, wobei er mit der\nrechten Hand die herabfallenden Augenlider auf-\nhob, um besser sehen zu können und warf ihm\neinen vielsagenden Blick zu. Dann eilte er auf\nSeb zu und umarmte sie stürmisch. Entzückt\nschlang Seb ihre Arme um seinen Nacken. Ardi-\nbot knirschte vor Verdruß.\n„Ha!\" rief er aus, „Ihr wollt mir neue Hörner\nmachen! Sofort kommst du zu mir, Seb!\"\nDoch Seb drehte sich lachend zu ihm: „Ardi-\nbot, wie kindisch auf einen Toten eifersüchtig zu\nsein. Sie nur, diese entzückende kleine Wunde,\ndie unbedingt tötlichist, an seiner Schläfe. Ich\nmuß sie küssen!\" Sie drückte vorsichtig den Kopf\ndes Rambosso zu ihrem Munde herab und küßte\ndie kleine blutige Wunde.\nRambosso sprach kein Wort, schien sich aber\nsehr wohl zu fühlen. Da übermannte Ardibot die\nWut. Er stellte die brennende Lampe auf den\nBoden, nahm seine Pistole aus der Tasche, lud\nsie und zielte sorgfältig, dann drückte er los. Kein\nKnall war zu hören. Rambosso fing das Projektil\nmit der linken Hand auf und schleuderte es mit\nWucht an Ardibots Kopf.\n„Sie scheinen wirklich das Gespenst des Ram-\nbosso zu sein! Diese albernen Geistertricks sind\nnachgerade altmodisch!\" rief Ardibot erbost. „Ihr\nBenehmen ist jetzt fast noch unerträglicher, als\nes bei Ihren Lebzeiten war.\" Er rieb sich den\nKopf, an dem im Augenblick eine riesige Beule\nsichtbar ward. Sie verursachten ihm - Kopf-\nschmerzen. Insbesondere in diesem Augenblicke,\ndenn man schien wahnsinnig in die Hände zu klat-\nschen. Es war wie ein richtiger Beifallssturm.\nImmer wieder trat er vor, um sich dankend zu\nverneigen. Der Vorhang senkte sich zum letzten\nMale. Der Direktor stand vor ihm mitten unter\nden Kollegen. Jetzt erst sah sich Ardibot: Er\nstand im Kostüm auf der Bühne und nahm den\nGlückwunsch des Direktors entgegen, der ihm\ndafür dankte, daß er trotz dem heftigen Unwohl-\nsein seine Rolle zu Ende gespielt hatte. Ardibot\nstarrte seine Umgebung an, er begriff, daß er ge-\nspielt haben mußte.\nSo wie er war, stürzte er über den Korridor\nzum Bühnenausgang. Unter den Arkaden des\nTheaters schritten die Angehörigen der Schau-\nspieler auf und ab. 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Blatt...\nNun sind wir ganz allein einsam im Raum.\nNun ist die Stunde des großen Findens.\nNun sind wir uns näher und näher gerückt.\nNun halten wir uns in feurigen Händen\ni\nsternglühend."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-07-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-07_01#c006", "volume": "bmtnabg_1913-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "59", "page_fin": "59", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.2.6", "titre_corps": "Die hallucinierte Nacht", "titre_sommaire": "Die hallucinierte Nacht", "signature_source": "Paul Zech", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.3", "debut_caractere": 3907, "fin_caractere_exclue": 5399, "texte": "Die hallucinierte Nacht\nPaul Zech\nI\nAus Wolkenfässern fließt Teer.\nBäume taumeln betäubt und erblinden.\nUnd der Rauch muß sich zerfetzt aus dem Schorn-\nstein winden\nund weiß nichts von Wiederkehr.\nStraßen sind Ströme und Plätze wie Meer.\nAlle Fenster schaun stumpf wie aus Binden.\nIch kann mich nicht weiterfinden.\nMeine Atemzüge gehn schwer.\nUnd alles was Ich war, wird Schatten\nund probt sich die Finger krumm.\nIch will nicht ermatten;\nnur stumm wo verflocken . . .\nMorgen liegt alles erschrocken\nwie Schnee herum.\nII\nIch und die rote Laterne\nwandern die Straße entlang.\nIn einem Hause welkt Mädchengesang\nund ein Sarg taumelt aus der Taverne.\nWie eine Beute, irgend woher gestohlen,\nschleifen die Glocken das Kyrieleis\nvon Turm zu Turm.\nUnd die Wächter tun krank den Kreis\num Fleckfieber und Lustviolen.\nAber wir WTinde, lange geduckt, gepreßt,\nund weggetan wie ein Wurm,\nsprengen die Fesseln in Stücke\nund schreiten wie Mörder fest.\nSchwarz schwankt schon die Brücke.\nWir müssen uns sputen\nund in die Straßen Ströme bluten.\nIII\nAlle Straßen stürzen verwaist:\no welche Langeweile!\nDie Turmuhr hat keine Eile;\ndas Dunkel hat sie ganz eingekreist.\nDa hockt sie die lange Nacht\nwie eine Spinne und streckt die Zeiger.\nUnd unten fiedelt ein Geiger\nbis aus Gebirgen der Krater kracht.\nIch brenn wie ein irrer Stern\nüber Mammuthschädel und Riesenmähnen\nund grabe mich tiefer in Schuttmoränen.\nErde: Verpfuschtes von tausend Plänen,\nErde: Vertropftes von tausend Tränen,\nnie war mir Erde so fern!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-07-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-07_01#c007", "volume": "bmtnabg_1913-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "59", "page_fin": "63", "image_debut": 3, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.2.7", "titre_corps": "Die Sehwermut des Genießers : Roman", "titre_sommaire": "Die Sehwermut des Genießers : Roman", "signature_source": "Artur Babillotte", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.3", "debut_caractere": 5401, "fin_caractere_exclue": 5455, "texte": "Die Sehwermut des\nGenießers\nRoman\nVon Artur Babillotte"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.3", "debut_caractere": 5470, "fin_caractere_exclue": 6774, "texte": "Er schwieg und starrte in den Abend.\nSie lächelte gläubig und streichelte seine Hand.\nDa kniete er vor ihr nieder und legte den Kopf in\nihren Schoß, er hörte die Stimmen der streitenden\nMänner nicht mehr, er ging ganz auf in der Selig-\nkeit seiner neuen Hoffnung.\nDas Leben der Großstadt hatte mich verschlun-\ngen. Ich verachtete die Gesellschaft. Ich sah, wie\nmeine Freunde ihre Ueberzeugungen geheim hiel-\nten, um nicht ihre Karriere auf das Spiel zu setzen.\nEine Sehnsucht nach Ehrlichkeit glühte in mir. Da\nging ich zu denen, die alle gesellschaftlichen Rück-\nsichten abgeworfen hatten, die sich gaben, wie sie\nwaren. Ich erlebte viele Brutalitäten, aber ich\nzwang mich, sie hinzunehmen als Teil eines Gan-\nzen. Nächtelang saß ich in Kabarets und Bars. Ich\nbetete das gefallene Weib an, weil ich wähnte,\ndieses allein sei ehrlich geblieben in all der über-\ntünchten Heuchelei einer raffinierten Kultur. In\nder Dirne sah ich die Natur.\nEr hob den Kopf und sah zu ihr auf. Die Züge\nihres Gesichtes begannen langsam in der dichter\nwerdenden Luft des Abends zu verschwimmen.\nIhre Augen glänzten. Dieses unkünstlerische Mäd-\nchen fühlte einen Hauch der Wehmut, die von dem\nGeliebten ausging. Er heiligte sie und machte sie\nwertvoll, indem er ihr von seinem unerschöpf-\nlichen Reichtum gab. Sie liebte ihn."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10304, "texte": "Die Stunde war weich und süß, anwachsende\nSchatten füllten die Luft; eine Freude wurde aus-\ngelöst.\nIch war Pianist in einem. Variete geworden.\nNicht aus Armut, sondern um ganz in dem Staad\naufzugehen, dessen Angehörige mir als die mensch-\nlichsten Menschen erschienen. Die Nacht war\nmein Tag. Wenn ich keinen Unterricht im Kon-\nservatorium hatte, schlief ich während des Tages.\nIch versenkte mich ganz in das wohltuende Ge-\nfühl, zu diesen Parias der Kunst zu gehören, war\nleichtsinnig wie sie, hungerte wie sie in einer un-\nbewußten Sehnsucht nach Größerem und Schöne-\nrem .... Eines Abends sollte eine neue Chan-\nsonette auftreten. Ich war abgestumpft. Ich hatte\ndiese Unglücklichen angebetet, als ich zum ersten\nMale mit ihnen in Berührung kam, später bemit-\nleidete ich sie, wenn sie es verdienten und haßte\nsie, wenn sie alle Schönheit verloren hatten. Die\nneue Chansonette verspätete sich; sie hatte den\nrichtigen Zug verpaßt. Der Abend war fast zu\nEnde, als sie kam. Ich sah sie erst bei ihrem Auf-\ntreten. Von diesem Augenblicke an suchte ich\nwieder die Schönheit. Mia Mirana kam. Wie ein\nBrausen kam sie, keck und verachtend und lieb-\nlich, in unbewußter Unschuld. Aber ihre Blicke\nsprangen über die Menschen, die mit gierigen\nAugen im Saal saßen, ohne Ruhe und ohne Freude.\nIhre nackten Arme funkelten unter der Sonne des\nLichts. Bang und unzufrieden zitterte ihre Stimme\nzwischen den blanken Zähnen hervor und glitt wie\nein ängstlicher Strahl in die Lichter der .. Rampe.\nIch kenne die Gewalt meiner Hände, wenn ich\nden Willen habe, mitzureißen. Kühn griff ich in\ndie Tasten. Da jubelte ihre Stimme, mein Wille\nzwang sie zur Begeisterung. Ein Rausch kam\nüber das Mädchen und riß sie mit sich fort aus; der\nEnge des Saales, riß sie hinauf auf einen einsamen\nFelsen, daß sie dort niederkniee und anbete die Un-\nendlichkeit.\nFast erschöpft hielt er inne. Das Glück jenes\nstillen Erlebnisses lastete in seiner Vorstellung wie\ndie schwere Frucht eines gesegneten Baumes.\nWir liebten uns; es war kein Argwohn in un-\nserer Liebe und kein Frage, wie soll das werden?\nWir wußten, daß wir eines Tages gezwungen\nwaren, auseinander zu gehen, aber keines sprach\ndavon, jedes kostete gütig des anderen Gegen-\nwart mit dankbarer Seele aus. Indem ich sie in\nmeine wieder erwachten seltsamen Wünsche em-\nporhob, stieg ich selbst wieder auf die Höhe, die\nich in der Furcht vor einer entsetzlichen Einsam-\nkeit verlassen hatte. Die Wandlung, oder besser,\ndas Erwachen, war so selig, daß-ich wieder an das\nMysterium des Sonnenaufganges glaubte, das sich\nmir an jenem Morgen in der Pappelallee darge-\nboten hatte. Neue Töne erstanden in mir. Ich\nlebte ein Leben in reicher Liebe; aber dies nahm\nmir nicht meine beste Kraft, sondern stärkte und\nhob mein Künstlertum. Der Leib dieses keuschen\nMädchens war fein und zart wie ein Kinderleib...\nich sah ihn mit Rührung und wagte ihn kaum zu\nbetasten. Ich strich mit scheuen sorgsamen Fingern\nüber seine weichen Linien und fühlte die Seele\ndarin. Dieses Mädchen hat mich die vollkommene\nSchwermut gelehrt; die unsäglich süße Schwer-\nmut dessen, der ein Weib liebt. Wir wohnten zu-\nsammen in einer kleinen mit aller Pracht ausge-\nstatteten Wohnung . . . Wir verbrachten manche\nTage in ruhigen seltsamen Gesprächen über\nSchönheit und die Entwicklung unserer Träume...\nWir betrachteten uns mit der edlen Sehnsucht\nwissender Menschen. Zwei, die sich lieben in\nseliger Schwermut, sollten nicht in profaner Klei-\ndung beieinander weilen. Zarte Schleier sollen\ndie Schönheit dieser Körper durchschimmern las-\nsen, wie die Schönheit der Seelen aus dem Rhyth-\nMus der Worte hervorschimmert. So lebten wir\nsechs köstliche Monate, eines am andern erstar-\nkend, beide beseligt von einer besitzsicheren Ge-\nwißheit unter Wollustschauern der Seele und des\nLeibes.\nVersunken in jene Tage, hatte er das Mädchen\nvergessen. Sobald er aber schwieg, fühlte er\nwieder ihre weichen Hände in seinen Haaren.\nIch liebe dich! sagte er und genoß den unbe-\nwußten Rhythmus ihrer streichelnden Finger.\nIch liebe deine Hände, diese Schalen deiner\nSeele. Wenn du sie mir entgegenstreckst, könnte\nich sie stundenlang betrachten und mit meinen\nbunten Gedanken liebkosen ...\nSeine Stimme klang wie aus einem Grab. Er\nfühlte durch das weiße Kleid hindurch die Wärme\nihrer Glieder. In trunkener Wehmut erzählte er\ndas Ende.\nEines Tages gingen wir auseinander. Unsere\nLiebe war stark und klar wie am ersten Tag.\nWir dankten uns für alle Genüsse und schieden\nvoneinander mit dem Versprechen, daß keines je\nnach dem andern forschen solle. So haben wir's\ngehalten; so bin ich stark geworden, habe ge-\nlernt, in der Entsagung einen unendlich wehmüti-\ngen Genuß zu lieben . . . Wenn meine Werke\nverinnerlicht und tief sein werden, habe ich dies\nnicht zuletzt dieser Entsagung zu danken.\nDas Mädchen zitterte. Die Macht der Abend-\nstunde begann, zu sterben. Dichter und dichter\nstiegen die Schatten; die endlose Einförmigkeit\nder Nacht kam. Der Haß gegen jene erwachte in\ndem Mädchen.\n— Sag, liebst du sie noch?\nEin leiser Schmerz peinigte ihn: Er fühlte sich\nals Ausnahmemensch und litt, wenn ah sein W/esen\nder Durchschnitts-Maßstab gelegt wurde. Ein\nWeib, das er liebie, mußte hoch und rein und\nohne Makel sein; keiner durfte je mit brutaler\nHand nach den Schönheiten ihres Leibes gegrif-\nfen haben. Er aber war stolz in dem Egoismus\nseines Mannestums. Jenes Mädchen war ganz in\nihn übergegangen und Geist von seinem Geist ge-\nworden. Ihre körperliche Berührung war ver-\nklärt worden durch die Hoheit ihrer Gedanken.\nDarum hatte das Weib, daß er nach jener liebte,\nwie er glaubte, kein Recht, eifersüchtig zu sein\nauf jene hohen Tage einer kraftvollen Bereiche-\nrung.\n— Ob ich sie noch liebe? Warum fragst du?\nDas weiß ich nicht; sie ist ich geworden, ein Teil\nmeines Wesens, die Tiefe meines Wesens. Und\nwenn du mich liebst, liebst du auch sie. Denn\nohne sie wäre ich nicht. Ohne sie wäre ich ein\nZerschellter.\n— Du sollst nur mich lieben, du sollst nuij mich\nlieben! begehrte sie leidenschaftlich. Ich will dir\nalles sein\nEr lächelte nachgiebig. Wie kannst du meine\nVergangenheit sein? dachte er. Er mußte die\nschlichte Angst ihrer selbstsüchtigen Liebe be-\nwundern. Er entdeckte darin einen seltsam un-\nruhigen Rhythmus, den Klang einer zersprunge-\nnen Glocke. Von Mitleid bewegt, begann er, sie\nmit weichen Worten zu trösten, war unermüdlich\nim Verschenken seiner sanften Zärtlichkeiten, bis\nsie wieder lächelte.\n— Du sollst nur mich lieben! sagte sie noch\neinmal mit der Stimme eines schmollenden Kin-\ndes. Wir werden zusammenleben und sehr glück-\nlich sein, und alle Menschen werden uns benei-\nden. Denke, wie schön das wird, wenn wir mor-\ngens zusammen am Kaffeetisch sitzen und uns\nerzählen, Was wir geträumt haben . . .\nEr war unendlich traurig und wußte nicht,\nwarum. Etwas dumpfes beengte ihn; als laste\neine unförmliche Masse auf seiner Seele, die er\nnicht greifen konnte, die immer eine andere wun-\nderliche Gestalt annahm, sobald er sie festzuhal-\nten versuchte. Wirre Bilder schössen an ihm vor-\nbei. Fetzen halbversunkener Träume, neuer-\nstehende Gedanken über eine seltene Ehe, ein Zu-\nsammenleben, das nicht seinesgleichen unter den\nMenschen hatte. Die Sehnsucht nach Außerge-\nwöhnlichem peinigte ihn. Alle Nüchternheit ihrer\nschlichten, prunklosen Mädchenseele wehte ihm\naus den letzten Worten der Geliebten entgegen.\nZum erstenmal dachte er an die Ehe, in der sie\nzusammen leben würden. Dies quälte ihn, sodaß\ner, um den Schmerz zu entgehen, die Geliebte in\nglühenden Worten zu idealisieren begann, wie er\nes bis jetzt in seinen überschwänglichen Gedan-\nken getan hatte. Den Wortschwall wollte er als\nBollwerk gegen die Angriffe der nüchternen Zu-\nkunftsgedanken türmen. Er haßte alle Zukunfts-\ngedanken im täglichen Leben und kannte nur die\nglänzende Zukunft seines Ktinstlertums. Und in-\ndem er sich mit aller Macht auf das Bestreben\nwarf, jeden unangenehmen Schmerz abzuschüt-\nteln, trat das Bild seiner Jugend wieder vor seine\nAugen. Es trieb, ihn, der Geliebten aus ihrer eige-\nnen Jugend zu erzählen, wie er sie ans ihrem\nWesen, ihren Gebärden und Wprten erdichtet\nhatte. Noch unter dem Bann seiner seltsamen\ntraurigen Stimmung begann er; seine Stimme\nklang verschleiert, die Worte rollten erst spärlich\nund unbelebt, allmählich berauschte sich seine\nSeele an der Buntheit der heraufbeschworenen\nBilder, die alte heilige Freude klang auf und riß\nihn hin.\nWenn ich dich langsam den Berg heraufwan-\ndeln sehe, macht mich dein Gang zittern in\nscheuem Verlangen. Deine Schritte sind klein\nund vorsichtig, selbst wenn eine große Freude in\ndeinem Herzen sitzt. Du bist so zart! Du liebst\nmich mit der Gewalt einer ersten Liebe . . . Ein\nkleines» freundliches Haus in einer schmalen Straße\nder Stadt ist deine Heimat. Du kennst nur die\nnüchterne Alltäglichkeit prunkloser Zimmer. Dein\nVater ist ein wackerer Mann, ein kluger, treuer\nBeamter, aber er besitzt die Gabe des künstle-\nrischen Sehens nicht... Du liebst meine Stimme.\nSie ist eine neue Seligkeit für dich —j —ich be-\nneide jeden, dem sich zum erstenmal die Pracht\neiner reichen Stimme erschließt. Du hast viele\nStimmen gehört, in deiner Kindheit und deiner\nersten Jugend . . . Die Stimmen der Eltern, der\nLehrer, der Freunde und Freundinnen; das Lispeln\nscheuer Ballgespräche . . . Wenn die junge Leute\ndich umschwärmten, war es dir stets, als würde\nein schwerer Stein von deinem Leben genommen.\nUnd wenn du mit den Herren flirtetest, tatest du\nes nur, um im Gleichgewicht zu bleiben. Du fühl-\ntest mit heimlichen Grauen, daß die Einförmigkeit\ndes täglichen Lebens dich endlich in die schreck-\nlichste Nüchternheit ohne Interessen und ohne\nFreuden hinabziehen würde. Etwas in dir, bäumte\nsich gegen dieses Schicksal auf; aber du wußtest\nnicht, was dies sei. Ich höre die unbewußte Musik\ndeiner Jugendempfindungen! Vielleicht gab es\nunter den Konservatoristen, die dich verehrten,\neinige, die Schönheiten des Leibes an dir entdeck-\nten. Aber keiner war wohl unter ihnen, der Mög-\nlichkeiten in dir aufgespürt hätte. Denn dessen\nGeliebte wärst du geworden. Vielleicht waren\ndie jungen Künstler zu oberflächlich, um tiefer in\ndein verborgenes Wesen einzudringen; oder du\nwarst zu verschlossen, um jedem deine Seele zu\nzeigen. Die Kraft deiner Seele lebte in dir, nur\ngeahnt, keineswegs von dir erkannt und mit Be-\nwußtsein gefördert."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10210, "texte": "Sie lächelte eitel, weil er sie verherrlichte; ob-\nwohl sie niemals Schwungkraft besessen hatte,\nglaubte sie, was ihr der Geliebte in seiner Phan-\ntasie andichtete, und glaubte, wertvoller zu sein.\nDeine Stimme ist süß, Liebling, sagte sie.\nSprich weiter!\nDu bist aufgewachsen wie alle Mädchen des\nBürgerstandes: in gleichmäßiger Gründlichkeit\nunter laut betonten Regeln der Sittlichkeit\nund Geradheit. Um dir einen gefestigten Cha-\nrakter mit in das Leben zu geben, zwang, man\ndich in das Joch eines wankellosen Gehorsams.\nDu wuchsest auf mit den andern und neben ihnen.\nIhr Kinder lerntet euch nicht kennen; ihr spieltet\nwohl zusammen, gingt spazieren und saßt zusam-\nmen in der Stube. So wuchset ihr zusammen auf,\nfast den ganzen Tag miteinander vereinigt und\ndoch unendlich fern von einander. Und als ihr\nachtzehn Jahre alt ward, wußte keines von der\nPracht der Gedanken, noch von dem Glanz selt-\nsamer Farben und Töne. Wer reiche Eltern hatte,\nging wohl in die Konzerte, ließ da die Musik über\nsich ergehen, empfand leise Schauer und ahnte\nwohl, daß dies Geheimnisse seien, deren Enthül-\nlung ihm nie im Leben gelingen würde. Diese\nAhnungen mußten aber erlöschen, sobald die Kin-\nder wieder in die Enge des Alltags zurückkehrten.\nIhr last auch Romane: In Familienzeitschriften und\nTagesblättern, vielleicht in Büchern, die in der\nBibliothek des Vaters standen. Daraus aber ging\neuch die Schönheit einer veredelten Sprache nicht\nauf, und keines lernte die Herrlichkeit des klingen-\nden beseelten Wortes kennen und lieben. So bist\ndu aufgewachsen: ohne tiefe Freude an der Ver-\ngangenheit und ohne starke Sehnsucht nach der\nZukunft .... Jetzt will ich dir erzählen von der\nZeit, da zum ersten Male der Mann in dein Be-\nwußtsein trat, der Mann, mit dem du dich vereini-\ngen wolltest . . . Magst du, daß ich dir dies er-\nzähle?\nSie strich ihm mit leise zitternden Fingern über\ndas Haar, es war ihm, als fühle er die Funken, die\naus ihrem Körper in seinem übersprangen. Die\nUeberfülle der ihm zuströmenden Ideen über-\nschwemmte den letzten Rest seiner Traurigkeit,\nließ ihn seine plötzlich aufgesprungene Angst vor\nder Zukunft vergessen und berauschte ihn.\nMagst du, daß ich dir dies erzähle? fragte er\nnoch einmal mit dem Tonfall dessen, der eine zu-\nsagende Antwort erreichen muß.\nDas Mädchen vergaß den spärlichen Gleich-\ngang ihrer Kindheit und ihrer Jugend und nahm\ndie Erzählung des Geliebten als Wirklichkeit hin:\nWie du mich kennst. Ich möchte wieder ein\nKind sein, um diese Tage noch einmal zu erleben.\nIhre Hände zitterten auf seinem Haupt — sie\nbebte in der Erwartung der Herrlichkeiten, die er\nihr noch verkünden würde.\nMir ist, als hätte ich jene Zeit mit erlebt, da du\nzum ersten Mal an den Mann dachtest, an eine\nVereinigung mit dem Manne. Du mußt mir sagen,\nwie du an eine solche Zukunft dachtest. Ob du dir\naus Romanen das Glück einer freudigen Ehe zu-\nsammengelesen hast — ob du einen Mann be-\ngehrtest, der schön und elegant sein mußte, der\nimmer liebenswürdig alle deine Wünsche erfülle,\nder dich tätschelte und vergötterte .... ob du in\nder Ehe ein ewiges Küssen und Liebkosen sahst...\ndies alles mußt du mir sagen. Aber nicht heute\nEs muß ein Mittag ohne Sonne sein. W7ir werden\ndurch die Felder wandern. Dies aber weiß ich:\nDeine Sehnsucht stand nach einem Manne, der dich\nüber alle Häßlichkeiten trug und für dich seine\nKraft und seine schönsten Gedanken hingab. In\nStunden der Verträumtheit kamen unendlich süße\nGedanken zu dir, Gedanken von strahlenden\nAugen, von heißen Lippen und weißen schönen\nHänden. Vielleicht saßest du in solchen Stunden\nam Fenster und blicktest in das Halbdunkel der\nStraße, in der einige Menschen gingen, lässig in\nihren Bewegungen, einen feinen Zug des Ueber-\ndrusses in den Gesichtern. Die fast farblose Tapete\ndes Zimmers wurde in der Dämmerung stumpf\nund armselig und schien von dem Neid eines Nüch-\nternen ersonnen zu sein, um alle bunten Gedan-\nken, die sich ins Zimmer wagten, zu töten. Diese\nunheimliche Wirkung der Tapete erreichte auch\ndich, als du in lachenden Träumen deine Zukunft\nerbauen wolltest. So warst du reich an Möglich-\nkeiten .... aber die Umgebung, die dir Lebens-\nkeime hätte zuführen können, die fehlte dir.\nJedes Wort, das ihn seine Phantasie auszu-\nsprechen zwang, lebte der Künstler mit. Sein\nganzer Körper zitterte leise unter der Anspannung\nder seelischen Kräfte. Der Flug seiner Gedanken\nwurde kühner und selbstherrlicher, das künstle-\nrische Selbstbewußtsein entfaltete seine Schwin-\ngen und hob ihn ganz vom Boden der Wirklichkeit\nempor, indem sie ihm die Sehnsucht eines Mäd-\nchenlebens vortäuschte.\nDann kam der Tag, da du mich zum ersten\nMale sahst. Ein Tag, so reich, daß nicht aller\nReichtum verbraucht werden konnte, sondern, zu\nBergen gehäuft, noch in der Dämmerung funkelte\nund selbst die stumpfe Neidfarbe der Tapete zum\nunwilligen Glänzen brachte. Da kam ein Geheim-\nnis zu dir, gemischt aus Wirklichkeit und Vorstel-\nlung, ein Phantom, das Fleisch und Blut geworden\nwar, ohne deshalb aufzuhören, Phantom zu sein.\nEs waren keine Menschen in der Straße, als hätten\nsie sich zurückgezogen, damit ich von dir erspäht\nwerden könne. Die Kunst, die in dir sclilummert,\nwurde mächtig und verklärte und vertrieb alle\nnüchternen Gedanken, alle anerzogene Alltäglich-\nkeit in ihrem Glanz. Aber sie störte dein Gleich-\ngewicht nicht, sie hob nur alle Linien und Formen,\ndie sich dem Auge darboten, ohne sie zu verän-\ndern. Du sangst, ohne es zu wissen; alle Verdros-\nsenheit war von dir abgefallen ....\nDas Mädchen unterbrach ihn.\nAber ich kann doch gar nicht singen, lachte sie\nfröhlich. Wie oft hab ich dir das schon gesagt!\nAn jenem Abend sangst du, beharrte er über-\nzeugt. Jede deiner Bewegungen, jeder Blick dei-\nner Augen, jedes Seufzen deiner Brust war Musik.\nDu bist voll unbewußter Musik.\nSo schuf er die Geliebte, ein schlichtes Mäd-\nchen, zu einem erhabenen Weibe um. Er über-\nschüttete das Mädchen mit wunderbaren Bewei-\nsen seiner Liebe. Jeder Blick, den er über ihr\nGesicht, über ihre schönen Arme, über die sanfte\nRundung ihrer Brüste, die edlen Bogen ihrer Hüf-\nten gleiten ließ, war Liebe; jedes Wort, das er zu\nihr sprach, war Liebe. Alles in ihm und außer\nihm schien in dieser Stunde dazu geschaffen, ihn\nzu erheben, seinen Stolz auszudehnen, seine Seele\nin selbstbewußter Größe erschauern zu lassen.\nErinnerungen an die blaue Stunde zuckten in ihm\nauf und machten seine glücklichen Empfindungen\nvollkommener. Er war nie wieder so völlig eins\nmit der Welt gewesen, seit jenen heiligen Stunden\nder Kindheit, wie an diesem Abend. Er war wie\ndie Erde, zitternd im Gefühl der Erlösung: viele\nTage lang hatte das Glück in der Gemeinschaft\nmit der Geliebten in seiner Seele gekeimt, war ge-\nwachsen, hatte Schößlinge angesetzt und war nun\nendlich an das Licht gedrungen. Er hatte seiner\nLiebe Worte gegeben und war, wie er meinte, auf\ndiese Weise in sich selbst klar geworden, was\nihm die Geliebte galt und welchen Einfluß sie auf\nsein Schaffen hatte.\nIn einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit küßte\nder Künstler die weichen Haare des Mädchens.\nDu bist voll unbewußter Musik. Sie strömt\nvon dir aus und erfüllt mich.\nWelch ein Schwärmer du bist! lächelte sie*\nindem sie seinen feingeschnittenen herben Mund\nküßte. Manchmal beneide ich dich, weil du so\nwunderbar sprechen kannst. Es gibt nichts, was\nunter deiner Hand leblos bleibt. Wie liebe ich\ndich! Du hast mich zum Erwachen gebracht . . ..\nich habe mich bis heute selbst nicht gekannt. Ich\nlebte wie die andern, war fröhlich und sorglos,,\nweinte, wenn ich einen Ball versäumte... Ein-\nmal ging ich in ein Konzert... Ein Konservato-\nrist, der mich verehrte, hatte mich eingeladen. Ich\nwar den ganzen Abend vergnügt; als es zu Ende\nwar, setzten wir uns zusammen mit meinen El-\ntern noch in ein Restaurant und unterhielten\nuns . . . Armand Meinerth ist ein sehr amüsan-\nter Mensch! . . . Aber heut ist das alles anders.\n— Ich fühle, daß ich mich gar nicht selbst gekannt\nhabe, daß du kommen mußtest, um mich zu\nwecken . . .\nDas Mädchen glaubte an diese W'orte, war\nvon ihrem Glanz hypnotisiert. Jetzt lebte sie\nkein eigenes Leben mehr, sondern das Leben des\nGeliebten.\nSie war so überwältigt von der Schönheit\nihres Bildes, das der Geliebte geschaffen hatte,,\ndaß sie alle kleinen Rücksichten vergaß, die sie\ntäglich und stündlich quälten. Alle Bosheiten der\nFreundinnen, alle Vorwürfe der Eltern, alle ver-\nwunderte Reden der Verehrer. Sie war in diesen\nAugenblicken in ehrlichem Wunsch bereit, nur\ndem Geliebten mitanzugehören, mit geschlossenen\nAugen seinen Reichtum in sich aufzunehmen.\nIhre ganze Jugend wirbelte an ihr vorüber.\nIhre wirkliche, ohne Illusionen und hohe Wünsche.\nSie hatte die Stimme des Lebens nur in den Fest-\nlichkeiten der Jugend vernommen und alle Arbeit\nals Last empfunden und verabscheut. Sie war\nschnippisch geworden, weil die Mutter eine tüch-\ntige Hausfrau aus ihr machen wollte; sie war\njung und wollte das Leben genießen, sie war\nschön und wollte mit ihrer Schönheit die Welt er-\nobern. Alle jungen Herren der Stadt umschwärm-\nten sie und machten sie durch ihre unbedingte\nFügsamkeit stolz und anmaßend. Sie hatte wenig\nSelbstgefühl mitgebracht: erst ihre Verehrer lehr-\nten sie, sich selbst zu bewundern. Sie hatte ober-\nflächlich ihre Jugend verlebt. In dieser Abend-\nstunde wirbelten die lauten Jahre an ihr vorüber;\naber sie schämte sich nicht, sie freute sich ihrer\nals eines Irrtums, dem sie jetzt entgangen war..\nSie lebte kein eigenes Leben mehr, sie sah mit\nden Augen und empfand mit der Seele des Ge-\nliebten.\nSie schlang ihre Arme um Johannes und\ndrängte sich an ihn, sodaß er das laute Schlagen\nihres Blutes fühlen konnte. Dies hob ihn in die\nletzte Verzückung. Die Geliebte war die Kraft,\ndie ihn so hoch emportrug: das sagte ihm seine\ndankbare Seele und das Rauschen seines Blutes.\nUnzählige Freuden eines stolzen fruchtbaren\nSchaffens dämmerten vor ihm auf.\nUnd so sprach er, zum erstenmal, der Gelieb-\nten von seinen künstlerischen Schmerzen.\nDie breite Straße, die in der Dunkelheit wie-\nder gewaltige Pfeil eines Riesen zwischen die\nersten Häuser der Stadt fuhr, flimmerte. Die\nLichtmassen des Tages w.aren eines schweren\nTodes gestorben und zitterten noch bis tief in\ndie Nacht hinein in immer mehr erblassendem"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9082, "texte": "bleichen Leuchten über der Landschaft. Aber so-\nbald die Straße zwischen den ersten Häusern der\nStadt angelangt war, wich das gestorbene Licht\nscheu zurück und wagte sich nicht weiter. Die\nHäuser standen eng und duldeten keine Lichter,\nnicht einmal den ärmlichen, ängstlichen Schein\ndes gestorbenen Tageslichtes zwischen sich. Sie\nwaren die Torwächter, die streng darauf zu ach-\nten hatten, daß kein Licht von außen in die Stadt\nhereinkommen konnte. Aber Sonne und Mond\nkonnten sie nicht vom Himmel verjagen, wie fin-\nster auch ihre Mienen sein mochten. Nur über\ndas arme gestorbene Tageslicht hatten sie Ge-\nwalt, das in seiner Schwäche und Hilflosigkeit\nam Boden einherkroch. Ueber die Straße zwi-\nschen den Häusern lagen kleine runde Lichtflecke\nverstreut; die fielen aus häßlichen, unfreund-\nlichen Gaslaternen.\nEin Schritt hallte durch die Nacht. Gemessen\niangsam und doch verhalten drängend. Das Has-\nten der neuen Zeit lag darin, aber es wurde von\neinem starken Willen gehalten.\nJohannes lauschte hinter sich. Die Begierde,\nzu wissen, wo er diesen harten Schritt schon ein-\nmal vernommen hatte, sprang in ihm auf und\nzerrte an ihm. Er sah sich als Sechzehnjährigen\ndurch eine einsame Straße wandeln. Massige\nHäuser mit unsauberen Fassaden warfen rechts\nund links seine Schritte zurück. Er ging mitten\nauf der Straße; denn er fürchtete sich vor der\nStarrheit der Gebäude. Einmal fiel ihm ein Haus\nauf, dessen Rolläden alle herabgelassen waren, bis\nhinauf in den fünften Stock. Es ist etwas unheim-\nliches um ein Haus mit herabgelassenen Rolläden,\nwenn du davorstehst und es betrachtest. In weh-\ntuender Kälte starrt es dich an, wie ein höh-\nnisches Ungeheuer, das viel zu verbergen hat.\nWer weiß, was in seinem Innern vorgeht, welche\nSzenen der Eifersucht, der betrogenen Mutter-\nliebe, der enttäuschten Hoffnungen sich vielleicht\nin seinen Zimmern abspielen, während das\nAeußere daliegt, ein Totes. Er floh und glaubte\ndas lautlose Hohngelächter des Hauses hinter sich\nherkommen zu hören. So geriet er plötzlich in\neinen schwarzen Menschenstrom; ganz überwäl-\ntigt von dem erkältenden Schrecken hatte er nicht\ngesehen, wie sich hinter ihm ein Tor auftat und\nmit seltsamer Schnelligkeit eine Masse Menschen\nherausgoß. Menschen mit verbitterten Gesich-\ntern, Mädchen, die keine Scham kannten, hinter\ndenen Burschen herliefen und häßliche Worte her-\nausschrien. Johannes stand mitten unter ihnen.\nFast zitternd blieb er stehen und entsetzte sich\nvor der seltsamen Häßlichkeit; er gelobte sich,\nnie mehr durch ein Arbeiterviertel der Großstadt\nzu gehen. Er hörte die schlimmen Worte der\nMenschen, die kichernden Bemerkungen, die ihm\neinige Mädchen zuwarfen. Als sie vorüber waren,\natmete er auf und blieb stehen, bis sie um die\nnächste Ecke verschwanden. Dann ging er, lang-\nsam, ängstlich zurückhorchend. Da schallte ganz\nplötzlich ein Schritt auf, gemessen langsam und\n•doch verhalten drängend. Johannes ahnte es:\nDer Schritt eines Arbeiters, der unzufrieden ist\nmit seinem Schicksal, aber klug genug, die Zu-\nfriedenheit nicht mit Fausthieben und Fußtritten\nerobern zu wollen. Dieser Schritt drängte sich\nihm auf und verfolgte ihn. Mehrere Tage lang.\nDröhnte hinter ihm her in den vornehmsten Stra-\nßen der Stadt, in den feinsten Cafes, in den Räu-\nmen des Konservatoriums, überall. Dann ver-\nklang er allmählich.\nJetzt aber stand er plötzlich wieder hinter ihm\nauf, wie ein Mahner und wie ein böses Gewissen.\nDerselbe langsame, verhalten drängende Schritt\näenes Arbeiters, der ihn in jener Winternacht aus\ngroßen Augen angeblickt und dessen Blick ihn\nwie eine Anklage getroffen hatte, trotzdem er\nschuldlos war. Johannes hatte das Gefühl, als\nhinge eine schwere Hand über ihm, bereit, unge-\nstüm in das kostbare Gewebe seiner Träume zu\ngreifen und sie zu zerreißen, wie eine törichte\nKnabenhand das kunstreiche Netz einer Spinne\nzerreißt.\nZitternd blieb er stehen und horchte mit ver-\nhaltenem Atem. Der Schritt klang aus großer\nFerne, nahm langsam an Stärke und Knappheit\nzu und wurde endlich scharf umrändert.\nWas hast du, Johannes? fragte das Mädchen.\nEr schüttelte leise den Kopf.\nJetzt lauschte sie auch, vernahm den Schritt.\nKomm! Warum bleibst du stehen?\nIch dachte, Ruhe zu haben vor diesem ent-\nsetzlichen Schritt. Ich wähnte, er sei auf immer\naus meinem Ohr geflohen . . . Jetzt, jetzt wacht\ner wieder auf.\nSeine Augen wurden weit und starr und seine\nHände zitterten heftig. Ein schneller Gedanke\nzuckte in seinem Gehirn empor; als gäbe er den\nFreunden auf eine wortlose Frage eine wortlose\nAntwort: „Die Musik in mir strahlt durch die\nFingerspitzen, versprüht durch sie in den freien\nRaum und vermählt sich mit ihm. Aber heute\nist es eine trostlose Musik.\"\nSeit jenem Abend, an dem ich zum erstenmal\ndie Armut als verbitterte Masse an mir vorüber-\nziehen sah, seit jenem Abend lebt das Mitleid mit\ndieser Masse in mir. Tage und nächtelang nach\njenem Abend schrie es in mir. Allmählich wurde\nes leiser und sanfter . . . und erlosch endlich.\nDas Mitleid war noch in mir, aber es drängte sich\nnicht mehr auf. Es schwang als leiser Unterton\nin der Melodie meiner Seele mit. Die Wünsche\nmeines Künstlertums gingen nach Segen für alle\nMenschen aus. Für alle. Auch für die Armen\nund Heimgesuchten. Aber ich darf nicht erinnert\nwerden, ich darf nicht brutal hineingestoßen wer-\nden . . .: Sieh, die einen, die schwelgen, und wir\nhungern! Dann ziehe ich mich in mich selbst zu-\nrück und verachte die Menschen. Jene Zeit war\nschrecklich . . . jetzt wacht sie wieder vor mir\nauf . . . Hörst du den Schritt, diesen entsetz-\nlichen Schritt?\nKomm, Liebling, du bist empfindlich . . .\nKomm, lache . . . Wer weiß, was für ein harm-\nloser Mensch da hinter uns herkommt!\nSie gingen langsam weiter. Das gestorbene\nLicht, das auf der Straße lag, wurde bleicher und\nmatter, je höher die Nacht stieg. Links von der\nStraße fiel ein Abhang einige Meter tief und\nwurde dann von einzelnen kleinen Häusern auf-\ngehalten. Weiter vorn, zu Füßen des Abhangs\nglimmerten die Lichter der Straßen, gelblich rote\nTropfen in dem ruhigen Meer der Nacht.\nDer langsam, verhalten drängende Schritt\nwarf sich jetzt um die letzte Straßenbiegung und\nwar auf einmal ganz laut und hart. Die Berg-\nwand, die sanft in die Höhe glitt und oben ver-\ndämmerte, warf den Schritt nicht zurück, als\nängstige sie sich vor seiner Rücksichtslosigkeit.\nWie ein unabwendbares Schicksal wuchs er\nheran. Immer näher. Er wollte dem unheim-\nlichen Klang entfliehen, aber er konnte nicht. Eine\nStimme sprach in ihm: Du hast nun den Klang\nwieder gehört und wirst ihm lange Zeit nicht ent-\nrinnen. Und in einsamster Stille wird er hinter\ndir her sein und dich martern.\nEr meinte, ewigkeitlange Schmerzen erduldet\nzu haben, als endlich der Schritt ganz knapp hin-\nter ihm war. Er drehte sich um und erblickte\neinen jungen Mann, der leise vor sich hinpfeifend\nseines Weges ging. In der dämmerigen Bleich-\nheit des Halblichtes sah Johannes undeutlich die\nZüge des Arbeiters und zwei Augen, die ihn, wie\ner meinte, groß und anklagend betrachteten.\nGuten Abend, sagte der junge Mann. Und Jo-\nhannes erkannte den Klang der Stimmen, die an\njenem Winterabend vor dem Fabriktor an ihm\nvorübergeflutet waren. Da kam der Drang über\nihn, diesmal der Stimme Gehör zu schenken: un-\nbegründete Reue erwachte in ihm und bestimmte\nihn, an dem jungen Mann gutzumachen, was er\ndamals an der ganzen Schar jener Arbeiter ver-\nsäumt und wofür ihn jener einzelne Arbeiter mit\nseinen großen verurteilenden Blicken gestraft\nhatte. Und als er näher ging, erkannte er den\nMann, der ihm einmal als der klügste und weit-\nsichtigste Kopf unter den Arbeitern der Stadt be-\nzeichnet worden war.\nWort um W(ort abwägend sprachen sie mit-\neinander. Der Schritt des Arbeiters war jetzt\nstiller und sanfter. Er verriet die Scheu des Men-\nschen, der sich an der Seite eines höher stehen-\nden sieht und unwillkürlich seine eigene Ungelen-\nkigkeit empfindet. Das Mädchen ging nebenher\nund horchte in das schwerfließende Gespräch der\nMänner.\nErst als sie einander besser kannten, flackerte\ndie Stimme der Begeisterung wieder in dem Ar-\nbeiter empor. Jörg Martin hieß er. Da sprach\ner von seinen Plänen, von der Sehnsucht des Pro-\nletariats, von der Güte aller Menschen und wie\nman die PAenschen führen müsse, um diese Güte\nin ihnen lebendig und fruchtbar zu machen. Jo-\nhannes empfing seine Worte wie eine brausende\nSymphonie, deren Stimmen bald geängstigt, bald\nbegeistert, bald klagend und winselnd, bald\nlachend und trotzend durcheinanderliefen. Er er-\ngötzte sich an den seltsamen Motiven, diq aus die-\nsem Arbeiter klangen, an der Verschlungenheit\nihrer Linien und an der Schlichtheit ihres Auf-\nbaues. Er vergaß über der künstlerischen Freude\nan dem Manne das Entsetzen, das sein drängen-\nder Schritt geweckt hatte. ■ i , 4\nWir haben gleiche Ziele, sagte er, nachdem\nJörg Martin den Bau seiner Menschenzukunft\nfertig vor ihn hingestellt hatte. Wir haben die\ngleichen Wünsche. Wir beide haben den Glauben\nan uns selbst. Wer diesen Glauben hat, wird\nsich selbst nie untreu werden. 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StraBenstSnden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den B e t r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder feel\nBeginn d.es neuen Vi e r tel< jah res bis\nzumffinftendes ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nzieh ung des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nGeneralvertretung des Verlags Eugene FigulSre /\nParis"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-07-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-07_01#c012", "volume": "bmtnabg_1913-07_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.8", "debut_caractere": 2587, "fin_caractere_exclue": 4821, "texte": "Sonderdrucke\nFranz Marc: Originalholzschnitte / je 10 nume-\nrierte und signierte Handabziige: Versohnung/\n/Tierlegende/Pferde/Tiger/Pferdes\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark,\nMax Pechsteln: Die Erlegung des Fest-\nbratens / Originalholzschnitt / Auf Nutnmer 94\nder Zeitschrift Der Sturm sind einhundert\nExemplare vom Kunstler mit der Hand aquarel-\nliert, signiert und numeriert / Das Exemplar\n5 Mark\nW. Kandinsky: Handdrucke / Das Exemplar 30 M.\nWilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Je zehn oder sieben nummerierte und\nsignierte Handdrucke / Das Exemplar 15 Mark\nG. Miinter: Neujahrswunsch / Fiinf signierte und\nnumerierte Exemplare / Das Exemplar 20 Mark\nWalter Helbig: Landschaft / Originalholzschnitt /\nFiinf numerierte und signierte Handdrucke / Das\nExemplar 25 Mark\nSchmidt-Rotluff: Mann und Weib / Sonnige StraBe\n,/ Zwoll handgedruckte, numerierte und signierte\nHolzschnitte / Das Exemplar 30 Mark\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande HI /\nje funfzehn signierte und numerierte Holzschnitte /\nDas Exemplar 20 Mark\nH. 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Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Qraphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen fiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgabibn.\nin auslandischer Literatur\nSkupina / Prag / Dritte Ausstellung: Gemalde:\nPicasso, Braque, Derain / Plastik:/Picasso / Mo-\nderne Qraphik: Cezanne, Picasso, Braque, Derain\n1 Alte Qraphik und Plastik / Volks- und exotische\nKunst I Mai-Juni 1913 Prag /Gemeindehaus beim\nPulverturm\nNene Sezession / Berlin / Eingetragener Vereia\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\nerhalten iahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 \\\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjShrlich 15 Mark.\nGeschSftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 2699.\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLutzow 5850 I SpezialgeschSft fur bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Bucher\nJeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung\nphiler Publikationen\nThe Lantern: Eine Monatschrift beiseite geschobe-\nner Wahrheit und zuriickgewiesener Dichtung /\nGeputzt und entziindet, so oft der Mond dunkel\nist I Die amerikanische Zeitschrift des Protestes /\nOrgan der Gesellschaft Junger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA.\nVerein fur Kunst/Leitung HerwarthWalden\nI Zehntes Jahr / Man verlange kostenlose\nMitteilungen iiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 40 Pfennig\nDER STURM\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungs räume\nBerlin W9/ Potsdamer Straße 134 a\nVIERTER JAHRGANG\nBERLIN-PARIS JULI 1913\nNUMMER 168/169\n\nInhalt:\nHugo Engelbert Schwarz: Ardibots letztes Auftreten / Isidor Quartner: Sinnlichkeit / Paul Bommersheim: Gedicht / Paul Zech: Die hallucinierte\nNacht / Artur Babillotte: Die Schwermut des Genießers / Wilhelm Morgner: Linoleumschnitt / Richter-Berlin: Originalholzschnitt / Empfohlene Bücher\n\nWilhelm Morgner: unoleumschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.2", "texte": "Ardibots letztes\nAuftreten\nVon Hugo Engelbert Schwarz\nArdibot hatte seine Rolle nicht zu Ende spie-\nlen können. Er mußte an sein Weib denken, von\ndem er glaubte, daß es ihn betrog. Eine schreck-\nliche Eifersucht hatte sich in seinem Herzen ein-\ngenistet und fraß ihn langsam auf. Erst kroch sie\nihm in die Kehle, so daß er nur mit größter An-\nstrengung sprechen konnte, dann kroch sie ihm\nauf die Zunge, die sie heiß und trocken machte,\nund endlich kroch sie ihm ins Gehirn und ließ ihn\ndie Rolle vergessen, ganz und gar vergessen auf\noffener Szene. Seine Partnerin bemühte sich ihn\nzum Text zurückzuführen. Der Souffleur schrie\nsich heiser. Der Regisseur wurde blaß und rollte\ndie Augen gegen Ardibot, der nichts hörte und\nnichts sah als sein Weib in den Armen eines\nandern.\nDas Publikum wurde nervös. Der Vorhang\nmußte fallen und der Regisseur kündigte eine\nPause an, bis man Ersatz hätte für den schwer\nerkrankten Herrn Ardibot, den Liebling der Mäd-\nchen und Frauen. Hinter den Kulissen gab es er-\nregte Szenen. Der Direktor war aus seiner Loge\ngekommen und donnerte Verfügungen gegen den\nunbotmäßigen Ardibot, der erklärte, er spiele heute\nnicht mehr weiter, da er unwohl sei. Endlich\nschleppte der Regisseur einen jungen Mann her-\nbei, der jede Rolle im Stück kannte und kündigte\ndem Publikum die Fortsetzung der Komödie an.\nDas Spiel ging weiter.\nArdibot trat in seine Garderobe, schminkte sich\nrasch ab und vertauschte sein Kostüm mit den\nKleidern. Wie ein Verbrecher schlich er sich aus\ndem Theater. Je näher er seiner Wohnung kam,\ndesto ängstlicher wurden seine Schritte. Er\nmachte vor einem Hause halt. Langsam suchte\nsein Blick die einzelnen Fensterreihen ab. In sei-\nner Wohnung war Licht. Natürlich. Denn es\nwar noch gar nicht spät. Der zweite Akt hatte ja\nkaum begonnen, als der Zwischenfall eintrat.\nLange blieb er stehen und starrte nach seiner\nWohnung. Endlich glaubte er Schatten sich be-\nwegen zu sehen. Da erwachte er und ging rasch\nins Haus. Die Treppen stürmte er hinauf. Vor\nseiner Tür blieb er stehen und schöpfte tief\nAtem. Dann nahm er behutsam seine Schlüssel\naus der Tasche, schloß sacht auf und trat an die\nZimmertür. Ein Seufzer drang durch die Tür.\nEr riß sie auf und stand vor seinem Schicksal. Da\nkam ihm plötzlich alles so lächerlich vor, daß er\nhell auflachte.\nDer Fremde erhob sich nur ganz wenig und\nsagte: „Unter diesen Umständen wird es wohl\ndas beste sein, wenn ich mich zurückziehe.\"\nArdibot, der noch immer lächelte, erwiderte\nsehr höflich: „0, bitte, lassen Sie sich durchaus\nnicht stören! Ich will mir nur meine Pistole aus\ndem Waffenschrank holen. Dann schieße ich sie\nnieder!\"\nSeb, die Frau Ardibots, erhob ihren Kopf, den\nsie bis jetzt diskret unter dem Polster verborgen\nhatte und rief: „Aber Ardibot, wie unhöflich du\nheute bist! Bekomm ich heute nicht einmal einen\nKuß?\"\n„Verzeih\", sagte Ardibot, „ich dachte nur, es\nwäre dem Herrn da unangenehm. Aber wenn Sie\ngestatten,\" wandte er sich an den Fremden, „will\nich dich gerne küssen, Seb.\"\nDer Fremde verharrte ruhig in seiner intimen\nStellung und sagte: „Ich finde Ihren Ton ziem-\nlich frei, mein Herr. Und wenn ich auch ver-\nmute, daß Sie Ardibot sind, so hätten Sie doch\nwenigstens so viel Takt haben können, sich mir\nvorzustellen, wenn Sie schon ohne anzuklopfen\nin das Zimmer traten. Im übrigen habe ich Seb\nheute so viel geküßt, daß Ihre Küsse nicht viel\nzu bedeuten haben würden.\"\n„Ich bin in der Tat Ardibot,\" sagte der belei-\ndigte Gatte, „und bin deshalb aus dem Theater\nweggegangen, weil ich Verdacht hatte, daß mich\nSeb betrügt.\"\n„Ardibot, Ardibot,\" rief Seb. „Du bist weg-\ngegangen, ehe das Stück zu Ende war?\"\n„Jawohl, mitten von der offenen Szene.\"\n„Nun, der Direktor wird dir eine halbe Mo-\nnatsgage abziehen, das wird der Effekt sein von\ndeiner lächerlichen Eifersucht!\"\n„Ja,\" sagte der Fremde, indem er von neuem\nbegann Seb zu liebkosen, „Sie hätten ruhig Ihre\nRolle zu Ende spielen können. Ich finde, daß Sie\naußer über ihre Taktlosigkeit auch über ein über-\nnatürliches Maß von Pflichtvergessenheit verfü-\ngen. Sie sollten sich schämen.\"\n„Schäme dich ein bißchen, Liebster, und dann\nkomm zu uns. Wir wollen zusammen plaudern!\"\nEin Seufzer entrang sich Sebs Lippen, die der\nFremde in toller Lust zerbiß.\nArdibot zog seinen Ueberrock aus und ging in\ndas Nebenzimmer.\nNach einer Weile kehrte er zurück und hielt\neine Pistole in der Hand. „So, ich habe sie nun\ngeladen. Wenn Sie etwas wünschen, sagen Sie\nes bitte noch so lange es Zeit ist, denn wenn die\nUhr neun schlägt, schieße ich sie nieder.\"\n„Da fehlen noch zehn Minuten!\" jubelte Seb\nund überschüttete den Fremden mit Küssen, die\njener heißer erwiderte.\n„Ich habe nichts zu verfügen,\" sagte er dann\nzu Ardibot, der aufmerksam nach der Uhr bückte.\n„Alle meine Wünsche sind erfüllt. Die Hörner,\ndie Sie tragen, waren der Traum meines Lebens.\"\n„0, sehr schmeichelhaft für mich! Aber,\nbitte, wollen Sie mir Ihren Namen sagen. Es ist\ndas nur wegen der Ungelegenheiten, die ich sonst\nmit der Polizei habe . . .\"\n„Mit der Polizei?\"\n„Gewiß, mit der Polizei. Wenn jemand er-\nschossen wird, fragt die Polizei immer gleich nach\ndem Namen des Toten.\" Er machte eine verbind-\nliche Handbewegung gegen den Fremden.\n„Ach so! Jetzt verstehe ich . . .\" Er rich-\ntete sich ein wenig auf, mit einer artigen Verbeu-\ngung: „Ich heiße Rambosso! . . .\" Da schlug die\nUhr neun und Ardibot drückte los. Der Mann\nsank durch den Kopf getroffen über Seb hin und\nwar sofort tot.\n„Ich werde den armen Rambosso herunter-\nheben,\" sagte Ardibot zu Seb.\n„Tu das, Lieber! Er ist ziemlich schwer!\"\nArdibot, ein Athlet, nahm den Leichnam des\nRambosso in seine Arme und setzte ihn in einen\nbequemen Fauteuli. Seb erhob sich und machte\nein wenig Ordnung an ihrer Toilette, die übrigens\ndie notdürftigste, war.\n„Du schießest so sicher!\" sagte sie, nicht ohne\nden Ausdruck aufrichtigster Bewunderung. „Der\narme Rambosso! Vor einer Viertelstunde noch so\nlebendig und jetzt mausetot.\"\n„Du bedauerst ihn wirklich mehr, als er es\nverdient. Du solltest ein wenig mehr Rücksicht\nauf mich nehmen.\"\n„Aber Ardibot, ich verstehe dich nicht,\"\nschmollte Seb. „Du bist so empfindlich die letz-\nten Wochen, daß es wirklich schwer ist mit dir\nauszukommen. Aber ich will dir gerne ver-\nzeihen, du großer Kindskopf! Der arme Ram-\nbosso wird sicher nichts dagegen haben.\" Sie\nblinzelte dem Toten vergnügt in die halboffenen\nAugen, die schon gläsern waren und über die die\nLider schlaff herunterhingen. Rambosso hatte\nwirklich nichts dagegen. Er saß bequem in sei-\nnem Fauteuil und beschäftigte sich ausschließlich\nmit Fragen, die das Jenseits betrafen.\n„Das ist nett von dir,\" sagte Ardibot. „Eigent-\nlich wollte ich jetzt zur Polizei gehen und die\nGeschichte anzeigen. Aber es hat Zeit. Es ist\nwahr. Die Eifersucht führt nur zu Ungelegen-\nheiten. Daran läßt sich nichts mehr ändern.\nJedenfalls werden wir uns unsere Laune dadurch\nnicht stören lassen. Wenn du ein wenig zum\nEssen im Hause hättest, wäre ich sehr froh, denn\ndiese Sache hat mir wahrhaftig Hunger gemacht.\"\n„Wirklich? O, wie schade. Ich hatte so feine\nCotelettes und Fisolensalat, deine Leibspeise.\nAber der arme Rambosso hatte so Hunger, als er\nkam und da hab ich sie ihm zubereitet und gege-\nben. O, sie haben ihm gut geschmeckt.\"\n„Das ist jammerschade. Ueberhaupt wenn\nman bedenkt, daß sein jetziger Zustand in keiner\nWeise einen satten Magen rechtfertigt! Und er\nhat alles aufgegessen?\"\n„Alles!\" sagte Seb stolz.\n„Es ist schändlich, wie weit sich diese Ehe-\nbrecher vergessen! Nicht nur, daß ihnen die\nFrau ihres Mitbürgers in keiner Weise heilig\nist . .\n„Bitte, bitte, bitte! Laß gleich die Anzüglich-\nkeiten! Sieh nur, wie dich der arme Rambosso\nansieht! Wahrhaftig, er droht dir mit der Hand.\"\nArdibot lud rasch die Pistole und schoß nach\nder Hand des Rambosso. Er traf zwar nicht, aber\nder Tote war doch eingeschüchtert. Er ließ seine\nHand sinken und drehte sich beschämt ein wenig\nvom Lichte ab, das bisher sein Gesicht voll be-\nleuchtet hatte.\n„Du bist heute wirklich sehr nervös, Ardibot,\"\nsagte Seb. „An meine Nerven denkst du gar\nnicht mehr. Es ist übrigens schon zehn Uhr vor-\nbei, unser Hausherr liebt es nicht, wenn wir nach\nzehn Uhr schießen. Da du schon heute deine\nhalbe Monatsgage eingebüßt hast, will ich nicht\nmorgen noch die Kündigung bekommen. Wenn\nich daran denke, gruselt mir.\" Seb warf sich Ar-\ndibot in die Arme. Ein Weinkrampf erschütterte\ndas zarte WTeib und Ardibot hatte alle Hände voll\nzu tun, um es zu beruhigen.\n„Sei nicht böse,\" sagte er, „ich bin nur nervös,\nweil ich hungrig bin. Komm, nimm deinen Hut\nund gehen wir in ein Restaurant. Dir wirds\nauch gut tun, wenn du etwas zu dir nimmst.\nKomm, Kleine!\"\nEr zog sie in das Nebenzimmer, nötigte ihr ein\nKleid und einen Hut auf und verließ mit ihr die\nWohnung, die er sorgfältig verschloß. Die Pistole\nhatte er zu sich gesteckt.\nEs war nahe an Mitternacht, als das Ehepaar\nheimkehrte. Ardibot schloß die Tür zu seiner\nWohnung auf. Er hatte sein Feuerzeug vergessen\nund fluchte, weil er sich das Schienbein an dem\nVorsprung eines Vorzimmerkastens geschlagen\nhatte. Seb vergoß Tränen, nichts ging ihr so\nnahe, als wenn sie sah, daß ein Mensch Schmer-\nzen erlitt.\n„Dein Freund, weiland Rambosso, hätte auch\nfür Licht sorgen können!\" rief Ardibot mit\nschmerzlicher Stimme.\nEben schlug es zwölf. Da sprang die Schlaf-\nzimmertür auf und Rambosso erschien auf der\nSchwelle mit der brennenden Lampe in der Hand.\n„Lange genug haben Sie uns warten lassen!\"\nsagte Seb und legte ihren entzückenden Mohn-\nblumenhut ab. Dann nestelte sie an ihrer Frisur\nso lange herum, bis die herrlichen blonden Haare\nüber ihren freien Nacken flössen. Schon bei Leb-\nzeiten hatte Rambosso eine Schwäche für Seba\nblonde Haare gehabt. Diese Schwäche schien\nbei ihm nach dem Tode zu einer richtigen Leiden-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.3", "texte": "schaft gewachsen zu sein. Wenigstens ließ er sich\nnicht eine Sekunde Zeit, sondern drückte die\nLampe Ardibot in die Hand, wobei er mit der\nrechten Hand die herabfallenden Augenlider auf-\nhob, um besser sehen zu können und warf ihm\neinen vielsagenden Blick zu. Dann eilte er auf\nSeb zu und umarmte sie stürmisch. Entzückt\nschlang Seb ihre Arme um seinen Nacken. Ardi-\nbot knirschte vor Verdruß.\n„Ha!\" rief er aus, „Ihr wollt mir neue Hörner\nmachen! Sofort kommst du zu mir, Seb!\"\nDoch Seb drehte sich lachend zu ihm: „Ardi-\nbot, wie kindisch auf einen Toten eifersüchtig zu\nsein. Sie nur, diese entzückende kleine Wunde,\ndie unbedingt tötlichist, an seiner Schläfe. Ich\nmuß sie küssen!\" Sie drückte vorsichtig den Kopf\ndes Rambosso zu ihrem Munde herab und küßte\ndie kleine blutige Wunde.\nRambosso sprach kein Wort, schien sich aber\nsehr wohl zu fühlen. Da übermannte Ardibot die\nWut. Er stellte die brennende Lampe auf den\nBoden, nahm seine Pistole aus der Tasche, lud\nsie und zielte sorgfältig, dann drückte er los. Kein\nKnall war zu hören. Rambosso fing das Projektil\nmit der linken Hand auf und schleuderte es mit\nWucht an Ardibots Kopf.\n„Sie scheinen wirklich das Gespenst des Ram-\nbosso zu sein! Diese albernen Geistertricks sind\nnachgerade altmodisch!\" rief Ardibot erbost. „Ihr\nBenehmen ist jetzt fast noch unerträglicher, als\nes bei Ihren Lebzeiten war.\" Er rieb sich den\nKopf, an dem im Augenblick eine riesige Beule\nsichtbar ward. Sie verursachten ihm - Kopf-\nschmerzen. Insbesondere in diesem Augenblicke,\ndenn man schien wahnsinnig in die Hände zu klat-\nschen. Es war wie ein richtiger Beifallssturm.\nImmer wieder trat er vor, um sich dankend zu\nverneigen. Der Vorhang senkte sich zum letzten\nMale. Der Direktor stand vor ihm mitten unter\nden Kollegen. Jetzt erst sah sich Ardibot: Er\nstand im Kostüm auf der Bühne und nahm den\nGlückwunsch des Direktors entgegen, der ihm\ndafür dankte, daß er trotz dem heftigen Unwohl-\nsein seine Rolle zu Ende gespielt hatte. Ardibot\nstarrte seine Umgebung an, er begriff, daß er ge-\nspielt haben mußte.\nSo wie er war, stürzte er über den Korridor\nzum Bühnenausgang. Unter den Arkaden des\nTheaters schritten die Angehörigen der Schau-\nspieler auf und ab. Unter dem dritten Bogen er-\nkannte er Seb, seine Frau, im vertraulichen Ge-\nspräch mit einem ihm unbekannten jungen Manne.\nSie standen im Schatten und hielten einander bei\nden Händen.\n\nSinnlichkeit\nIsidor Quartner\nIn meinen Adern häufet sich Blütenstaub:\nWie alles Blut in ihm versiegt!\nVon Sehnsucht erklingend begatten sich gläserne\nBlumen in meinem Herzen.\nFallen welkend aus den Schatten der Schläfen\nMeiner Finger enge Fünfblattblüten\nUnd verlieren sich in reißenden Strömen . . .\nDa weht aus des Gaumens Wüste so müder Wind.\nDa beugen sich zitternde Zweige zu mir herab\nUnd trinken heißen Wein aus den Kelchen meiner\nAugen.\nMit flaumiger Pfirsichhaut sind Himmel und\nSteine bekleidet.\nVom Sonnenfelsen höhnt mich begreifendes\nLächeln von Schlangen:\nDas verglättet alle Kanten zu weicher Rundheit.\nDürstendes Dickicht warf sich über den Schoß\nder Sommernacht:\nNun ist des Tages Hauch eine zimmetduftende\nOrchidee,\nIn der ich betäubter Falter flattre.\nIn meinem Haupte rauscht ein Garten,\nAuf dessen Kronen schwelender Abend drückt.\nGrellrote große Früchte schwingen tönend im\nSturm.\nNachts neigen sie sich-von den Stielen und fallen.\nWie Flammen von Fackeln. Ertrinken im Tau\nmeiner Lider.\nHastet der Smüm durchs phosphorleuchtende\nSchilf meiner Wimpern . . .\n\nGedicht\nPaul Bommersheim\nDie Nebel fassen stetig fester sich,\nund ihre Wände wachsen, weitwuchtend, weltvoll,\nund ihre Heere schleichen stetig mehr heran.\nUnd wie der Aeste letztes Grau versinkt:\nDie Welt entblättert langsam von uns ... Blatt...\num ... Blatt...\nNun sind wir ganz allein einsam im Raum.\nNun ist die Stunde des großen Findens.\nNun sind wir uns näher und näher gerückt.\nNun halten wir uns in feurigen Händen\ni\nsternglühend.\n\nDie hallucinierte Nacht\nPaul Zech\nI\nAus Wolkenfässern fließt Teer.\nBäume taumeln betäubt und erblinden.\nUnd der Rauch muß sich zerfetzt aus dem Schorn-\nstein winden\nund weiß nichts von Wiederkehr.\nStraßen sind Ströme und Plätze wie Meer.\nAlle Fenster schaun stumpf wie aus Binden.\nIch kann mich nicht weiterfinden.\nMeine Atemzüge gehn schwer.\nUnd alles was Ich war, wird Schatten\nund probt sich die Finger krumm.\nIch will nicht ermatten;\nnur stumm wo verflocken . . .\nMorgen liegt alles erschrocken\nwie Schnee herum.\nII\nIch und die rote Laterne\nwandern die Straße entlang.\nIn einem Hause welkt Mädchengesang\nund ein Sarg taumelt aus der Taverne.\nWie eine Beute, irgend woher gestohlen,\nschleifen die Glocken das Kyrieleis\nvon Turm zu Turm.\nUnd die Wächter tun krank den Kreis\num Fleckfieber und Lustviolen.\nAber wir WTinde, lange geduckt, gepreßt,\nund weggetan wie ein Wurm,\nsprengen die Fesseln in Stücke\nund schreiten wie Mörder fest.\nSchwarz schwankt schon die Brücke.\nWir müssen uns sputen\nund in die Straßen Ströme bluten.\nIII\nAlle Straßen stürzen verwaist:\no welche Langeweile!\nDie Turmuhr hat keine Eile;\ndas Dunkel hat sie ganz eingekreist.\nDa hockt sie die lange Nacht\nwie eine Spinne und streckt die Zeiger.\nUnd unten fiedelt ein Geiger\nbis aus Gebirgen der Krater kracht.\nIch brenn wie ein irrer Stern\nüber Mammuthschädel und Riesenmähnen\nund grabe mich tiefer in Schuttmoränen.\nErde: Verpfuschtes von tausend Plänen,\nErde: Vertropftes von tausend Tränen,\nnie war mir Erde so fern!\n\nDie Sehwermut des\nGenießers\nRoman\nVon Artur Babillotte\n\nFortsetzung\n\nEr schwieg und starrte in den Abend.\nSie lächelte gläubig und streichelte seine Hand.\nDa kniete er vor ihr nieder und legte den Kopf in\nihren Schoß, er hörte die Stimmen der streitenden\nMänner nicht mehr, er ging ganz auf in der Selig-\nkeit seiner neuen Hoffnung.\nDas Leben der Großstadt hatte mich verschlun-\ngen. Ich verachtete die Gesellschaft. Ich sah, wie\nmeine Freunde ihre Ueberzeugungen geheim hiel-\nten, um nicht ihre Karriere auf das Spiel zu setzen.\nEine Sehnsucht nach Ehrlichkeit glühte in mir. Da\nging ich zu denen, die alle gesellschaftlichen Rück-\nsichten abgeworfen hatten, die sich gaben, wie sie\nwaren. Ich erlebte viele Brutalitäten, aber ich\nzwang mich, sie hinzunehmen als Teil eines Gan-\nzen. Nächtelang saß ich in Kabarets und Bars. Ich\nbetete das gefallene Weib an, weil ich wähnte,\ndieses allein sei ehrlich geblieben in all der über-\ntünchten Heuchelei einer raffinierten Kultur. In\nder Dirne sah ich die Natur.\nEr hob den Kopf und sah zu ihr auf. Die Züge\nihres Gesichtes begannen langsam in der dichter\nwerdenden Luft des Abends zu verschwimmen.\nIhre Augen glänzten. Dieses unkünstlerische Mäd-\nchen fühlte einen Hauch der Wehmut, die von dem\nGeliebten ausging. Er heiligte sie und machte sie\nwertvoll, indem er ihr von seinem unerschöpf-\nlichen Reichtum gab. Sie liebte ihn."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.4", "texte": "Die Stunde war weich und süß, anwachsende\nSchatten füllten die Luft; eine Freude wurde aus-\ngelöst.\nIch war Pianist in einem. Variete geworden.\nNicht aus Armut, sondern um ganz in dem Staad\naufzugehen, dessen Angehörige mir als die mensch-\nlichsten Menschen erschienen. Die Nacht war\nmein Tag. Wenn ich keinen Unterricht im Kon-\nservatorium hatte, schlief ich während des Tages.\nIch versenkte mich ganz in das wohltuende Ge-\nfühl, zu diesen Parias der Kunst zu gehören, war\nleichtsinnig wie sie, hungerte wie sie in einer un-\nbewußten Sehnsucht nach Größerem und Schöne-\nrem .... Eines Abends sollte eine neue Chan-\nsonette auftreten. Ich war abgestumpft. Ich hatte\ndiese Unglücklichen angebetet, als ich zum ersten\nMale mit ihnen in Berührung kam, später bemit-\nleidete ich sie, wenn sie es verdienten und haßte\nsie, wenn sie alle Schönheit verloren hatten. Die\nneue Chansonette verspätete sich; sie hatte den\nrichtigen Zug verpaßt. Der Abend war fast zu\nEnde, als sie kam. Ich sah sie erst bei ihrem Auf-\ntreten. Von diesem Augenblicke an suchte ich\nwieder die Schönheit. Mia Mirana kam. Wie ein\nBrausen kam sie, keck und verachtend und lieb-\nlich, in unbewußter Unschuld. Aber ihre Blicke\nsprangen über die Menschen, die mit gierigen\nAugen im Saal saßen, ohne Ruhe und ohne Freude.\nIhre nackten Arme funkelten unter der Sonne des\nLichts. Bang und unzufrieden zitterte ihre Stimme\nzwischen den blanken Zähnen hervor und glitt wie\nein ängstlicher Strahl in die Lichter der .. Rampe.\nIch kenne die Gewalt meiner Hände, wenn ich\nden Willen habe, mitzureißen. Kühn griff ich in\ndie Tasten. Da jubelte ihre Stimme, mein Wille\nzwang sie zur Begeisterung. Ein Rausch kam\nüber das Mädchen und riß sie mit sich fort aus; der\nEnge des Saales, riß sie hinauf auf einen einsamen\nFelsen, daß sie dort niederkniee und anbete die Un-\nendlichkeit.\nFast erschöpft hielt er inne. Das Glück jenes\nstillen Erlebnisses lastete in seiner Vorstellung wie\ndie schwere Frucht eines gesegneten Baumes.\nWir liebten uns; es war kein Argwohn in un-\nserer Liebe und kein Frage, wie soll das werden?\nWir wußten, daß wir eines Tages gezwungen\nwaren, auseinander zu gehen, aber keines sprach\ndavon, jedes kostete gütig des anderen Gegen-\nwart mit dankbarer Seele aus. Indem ich sie in\nmeine wieder erwachten seltsamen Wünsche em-\nporhob, stieg ich selbst wieder auf die Höhe, die\nich in der Furcht vor einer entsetzlichen Einsam-\nkeit verlassen hatte. Die Wandlung, oder besser,\ndas Erwachen, war so selig, daß-ich wieder an das\nMysterium des Sonnenaufganges glaubte, das sich\nmir an jenem Morgen in der Pappelallee darge-\nboten hatte. Neue Töne erstanden in mir. Ich\nlebte ein Leben in reicher Liebe; aber dies nahm\nmir nicht meine beste Kraft, sondern stärkte und\nhob mein Künstlertum. Der Leib dieses keuschen\nMädchens war fein und zart wie ein Kinderleib...\nich sah ihn mit Rührung und wagte ihn kaum zu\nbetasten. Ich strich mit scheuen sorgsamen Fingern\nüber seine weichen Linien und fühlte die Seele\ndarin. Dieses Mädchen hat mich die vollkommene\nSchwermut gelehrt; die unsäglich süße Schwer-\nmut dessen, der ein Weib liebt. Wir wohnten zu-\nsammen in einer kleinen mit aller Pracht ausge-\nstatteten Wohnung . . . Wir verbrachten manche\nTage in ruhigen seltsamen Gesprächen über\nSchönheit und die Entwicklung unserer Träume...\nWir betrachteten uns mit der edlen Sehnsucht\nwissender Menschen. Zwei, die sich lieben in\nseliger Schwermut, sollten nicht in profaner Klei-\ndung beieinander weilen. Zarte Schleier sollen\ndie Schönheit dieser Körper durchschimmern las-\nsen, wie die Schönheit der Seelen aus dem Rhyth-\nMus der Worte hervorschimmert. So lebten wir\nsechs köstliche Monate, eines am andern erstar-\nkend, beide beseligt von einer besitzsicheren Ge-\nwißheit unter Wollustschauern der Seele und des\nLeibes.\nVersunken in jene Tage, hatte er das Mädchen\nvergessen. Sobald er aber schwieg, fühlte er\nwieder ihre weichen Hände in seinen Haaren.\nIch liebe dich! sagte er und genoß den unbe-\nwußten Rhythmus ihrer streichelnden Finger.\nIch liebe deine Hände, diese Schalen deiner\nSeele. Wenn du sie mir entgegenstreckst, könnte\nich sie stundenlang betrachten und mit meinen\nbunten Gedanken liebkosen ...\nSeine Stimme klang wie aus einem Grab. Er\nfühlte durch das weiße Kleid hindurch die Wärme\nihrer Glieder. In trunkener Wehmut erzählte er\ndas Ende.\nEines Tages gingen wir auseinander. Unsere\nLiebe war stark und klar wie am ersten Tag.\nWir dankten uns für alle Genüsse und schieden\nvoneinander mit dem Versprechen, daß keines je\nnach dem andern forschen solle. So haben wir's\ngehalten; so bin ich stark geworden, habe ge-\nlernt, in der Entsagung einen unendlich wehmüti-\ngen Genuß zu lieben . . . Wenn meine Werke\nverinnerlicht und tief sein werden, habe ich dies\nnicht zuletzt dieser Entsagung zu danken.\nDas Mädchen zitterte. Die Macht der Abend-\nstunde begann, zu sterben. Dichter und dichter\nstiegen die Schatten; die endlose Einförmigkeit\nder Nacht kam. Der Haß gegen jene erwachte in\ndem Mädchen.\n— Sag, liebst du sie noch?\nEin leiser Schmerz peinigte ihn: Er fühlte sich\nals Ausnahmemensch und litt, wenn ah sein W/esen\nder Durchschnitts-Maßstab gelegt wurde. Ein\nWeib, das er liebie, mußte hoch und rein und\nohne Makel sein; keiner durfte je mit brutaler\nHand nach den Schönheiten ihres Leibes gegrif-\nfen haben. Er aber war stolz in dem Egoismus\nseines Mannestums. Jenes Mädchen war ganz in\nihn übergegangen und Geist von seinem Geist ge-\nworden. Ihre körperliche Berührung war ver-\nklärt worden durch die Hoheit ihrer Gedanken.\nDarum hatte das Weib, daß er nach jener liebte,\nwie er glaubte, kein Recht, eifersüchtig zu sein\nauf jene hohen Tage einer kraftvollen Bereiche-\nrung.\n— Ob ich sie noch liebe? Warum fragst du?\nDas weiß ich nicht; sie ist ich geworden, ein Teil\nmeines Wesens, die Tiefe meines Wesens. Und\nwenn du mich liebst, liebst du auch sie. Denn\nohne sie wäre ich nicht. Ohne sie wäre ich ein\nZerschellter.\n— Du sollst nur mich lieben, du sollst nuij mich\nlieben! begehrte sie leidenschaftlich. Ich will dir\nalles sein\nEr lächelte nachgiebig. Wie kannst du meine\nVergangenheit sein? dachte er. Er mußte die\nschlichte Angst ihrer selbstsüchtigen Liebe be-\nwundern. Er entdeckte darin einen seltsam un-\nruhigen Rhythmus, den Klang einer zersprunge-\nnen Glocke. Von Mitleid bewegt, begann er, sie\nmit weichen Worten zu trösten, war unermüdlich\nim Verschenken seiner sanften Zärtlichkeiten, bis\nsie wieder lächelte.\n— Du sollst nur mich lieben! sagte sie noch\neinmal mit der Stimme eines schmollenden Kin-\ndes. Wir werden zusammenleben und sehr glück-\nlich sein, und alle Menschen werden uns benei-\nden. Denke, wie schön das wird, wenn wir mor-\ngens zusammen am Kaffeetisch sitzen und uns\nerzählen, Was wir geträumt haben . . .\nEr war unendlich traurig und wußte nicht,\nwarum. Etwas dumpfes beengte ihn; als laste\neine unförmliche Masse auf seiner Seele, die er\nnicht greifen konnte, die immer eine andere wun-\nderliche Gestalt annahm, sobald er sie festzuhal-\nten versuchte. Wirre Bilder schössen an ihm vor-\nbei. Fetzen halbversunkener Träume, neuer-\nstehende Gedanken über eine seltene Ehe, ein Zu-\nsammenleben, das nicht seinesgleichen unter den\nMenschen hatte. Die Sehnsucht nach Außerge-\nwöhnlichem peinigte ihn. Alle Nüchternheit ihrer\nschlichten, prunklosen Mädchenseele wehte ihm\naus den letzten Worten der Geliebten entgegen.\nZum erstenmal dachte er an die Ehe, in der sie\nzusammen leben würden. Dies quälte ihn, sodaß\ner, um den Schmerz zu entgehen, die Geliebte in\nglühenden Worten zu idealisieren begann, wie er\nes bis jetzt in seinen überschwänglichen Gedan-\nken getan hatte. Den Wortschwall wollte er als\nBollwerk gegen die Angriffe der nüchternen Zu-\nkunftsgedanken türmen. Er haßte alle Zukunfts-\ngedanken im täglichen Leben und kannte nur die\nglänzende Zukunft seines Ktinstlertums. Und in-\ndem er sich mit aller Macht auf das Bestreben\nwarf, jeden unangenehmen Schmerz abzuschüt-\nteln, trat das Bild seiner Jugend wieder vor seine\nAugen. Es trieb, ihn, der Geliebten aus ihrer eige-\nnen Jugend zu erzählen, wie er sie ans ihrem\nWesen, ihren Gebärden und Wprten erdichtet\nhatte. Noch unter dem Bann seiner seltsamen\ntraurigen Stimmung begann er; seine Stimme\nklang verschleiert, die Worte rollten erst spärlich\nund unbelebt, allmählich berauschte sich seine\nSeele an der Buntheit der heraufbeschworenen\nBilder, die alte heilige Freude klang auf und riß\nihn hin.\nWenn ich dich langsam den Berg heraufwan-\ndeln sehe, macht mich dein Gang zittern in\nscheuem Verlangen. Deine Schritte sind klein\nund vorsichtig, selbst wenn eine große Freude in\ndeinem Herzen sitzt. Du bist so zart! Du liebst\nmich mit der Gewalt einer ersten Liebe . . . Ein\nkleines» freundliches Haus in einer schmalen Straße\nder Stadt ist deine Heimat. Du kennst nur die\nnüchterne Alltäglichkeit prunkloser Zimmer. Dein\nVater ist ein wackerer Mann, ein kluger, treuer\nBeamter, aber er besitzt die Gabe des künstle-\nrischen Sehens nicht... Du liebst meine Stimme.\nSie ist eine neue Seligkeit für dich —j —ich be-\nneide jeden, dem sich zum erstenmal die Pracht\neiner reichen Stimme erschließt. Du hast viele\nStimmen gehört, in deiner Kindheit und deiner\nersten Jugend . . . Die Stimmen der Eltern, der\nLehrer, der Freunde und Freundinnen; das Lispeln\nscheuer Ballgespräche . . . Wenn die junge Leute\ndich umschwärmten, war es dir stets, als würde\nein schwerer Stein von deinem Leben genommen.\nUnd wenn du mit den Herren flirtetest, tatest du\nes nur, um im Gleichgewicht zu bleiben. Du fühl-\ntest mit heimlichen Grauen, daß die Einförmigkeit\ndes täglichen Lebens dich endlich in die schreck-\nlichste Nüchternheit ohne Interessen und ohne\nFreuden hinabziehen würde. Etwas in dir, bäumte\nsich gegen dieses Schicksal auf; aber du wußtest\nnicht, was dies sei. Ich höre die unbewußte Musik\ndeiner Jugendempfindungen! Vielleicht gab es\nunter den Konservatoristen, die dich verehrten,\neinige, die Schönheiten des Leibes an dir entdeck-\nten. Aber keiner war wohl unter ihnen, der Mög-\nlichkeiten in dir aufgespürt hätte. Denn dessen\nGeliebte wärst du geworden. Vielleicht waren\ndie jungen Künstler zu oberflächlich, um tiefer in\ndein verborgenes Wesen einzudringen; oder du\nwarst zu verschlossen, um jedem deine Seele zu\nzeigen. Die Kraft deiner Seele lebte in dir, nur\ngeahnt, keineswegs von dir erkannt und mit Be-\nwußtsein gefördert."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.5", "texte": "Richter-Berlin: Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.6", "texte": "Sie lächelte eitel, weil er sie verherrlichte; ob-\nwohl sie niemals Schwungkraft besessen hatte,\nglaubte sie, was ihr der Geliebte in seiner Phan-\ntasie andichtete, und glaubte, wertvoller zu sein.\nDeine Stimme ist süß, Liebling, sagte sie.\nSprich weiter!\nDu bist aufgewachsen wie alle Mädchen des\nBürgerstandes: in gleichmäßiger Gründlichkeit\nunter laut betonten Regeln der Sittlichkeit\nund Geradheit. Um dir einen gefestigten Cha-\nrakter mit in das Leben zu geben, zwang, man\ndich in das Joch eines wankellosen Gehorsams.\nDu wuchsest auf mit den andern und neben ihnen.\nIhr Kinder lerntet euch nicht kennen; ihr spieltet\nwohl zusammen, gingt spazieren und saßt zusam-\nmen in der Stube. So wuchset ihr zusammen auf,\nfast den ganzen Tag miteinander vereinigt und\ndoch unendlich fern von einander. Und als ihr\nachtzehn Jahre alt ward, wußte keines von der\nPracht der Gedanken, noch von dem Glanz selt-\nsamer Farben und Töne. Wer reiche Eltern hatte,\nging wohl in die Konzerte, ließ da die Musik über\nsich ergehen, empfand leise Schauer und ahnte\nwohl, daß dies Geheimnisse seien, deren Enthül-\nlung ihm nie im Leben gelingen würde. Diese\nAhnungen mußten aber erlöschen, sobald die Kin-\nder wieder in die Enge des Alltags zurückkehrten.\nIhr last auch Romane: In Familienzeitschriften und\nTagesblättern, vielleicht in Büchern, die in der\nBibliothek des Vaters standen. Daraus aber ging\neuch die Schönheit einer veredelten Sprache nicht\nauf, und keines lernte die Herrlichkeit des klingen-\nden beseelten Wortes kennen und lieben. So bist\ndu aufgewachsen: ohne tiefe Freude an der Ver-\ngangenheit und ohne starke Sehnsucht nach der\nZukunft .... Jetzt will ich dir erzählen von der\nZeit, da zum ersten Male der Mann in dein Be-\nwußtsein trat, der Mann, mit dem du dich vereini-\ngen wolltest . . . Magst du, daß ich dir dies er-\nzähle?\nSie strich ihm mit leise zitternden Fingern über\ndas Haar, es war ihm, als fühle er die Funken, die\naus ihrem Körper in seinem übersprangen. Die\nUeberfülle der ihm zuströmenden Ideen über-\nschwemmte den letzten Rest seiner Traurigkeit,\nließ ihn seine plötzlich aufgesprungene Angst vor\nder Zukunft vergessen und berauschte ihn.\nMagst du, daß ich dir dies erzähle? fragte er\nnoch einmal mit dem Tonfall dessen, der eine zu-\nsagende Antwort erreichen muß.\nDas Mädchen vergaß den spärlichen Gleich-\ngang ihrer Kindheit und ihrer Jugend und nahm\ndie Erzählung des Geliebten als Wirklichkeit hin:\nWie du mich kennst. Ich möchte wieder ein\nKind sein, um diese Tage noch einmal zu erleben.\nIhre Hände zitterten auf seinem Haupt — sie\nbebte in der Erwartung der Herrlichkeiten, die er\nihr noch verkünden würde.\nMir ist, als hätte ich jene Zeit mit erlebt, da du\nzum ersten Mal an den Mann dachtest, an eine\nVereinigung mit dem Manne. Du mußt mir sagen,\nwie du an eine solche Zukunft dachtest. Ob du dir\naus Romanen das Glück einer freudigen Ehe zu-\nsammengelesen hast — ob du einen Mann be-\ngehrtest, der schön und elegant sein mußte, der\nimmer liebenswürdig alle deine Wünsche erfülle,\nder dich tätschelte und vergötterte .... ob du in\nder Ehe ein ewiges Küssen und Liebkosen sahst...\ndies alles mußt du mir sagen. Aber nicht heute\nEs muß ein Mittag ohne Sonne sein. W7ir werden\ndurch die Felder wandern. Dies aber weiß ich:\nDeine Sehnsucht stand nach einem Manne, der dich\nüber alle Häßlichkeiten trug und für dich seine\nKraft und seine schönsten Gedanken hingab. In\nStunden der Verträumtheit kamen unendlich süße\nGedanken zu dir, Gedanken von strahlenden\nAugen, von heißen Lippen und weißen schönen\nHänden. Vielleicht saßest du in solchen Stunden\nam Fenster und blicktest in das Halbdunkel der\nStraße, in der einige Menschen gingen, lässig in\nihren Bewegungen, einen feinen Zug des Ueber-\ndrusses in den Gesichtern. Die fast farblose Tapete\ndes Zimmers wurde in der Dämmerung stumpf\nund armselig und schien von dem Neid eines Nüch-\nternen ersonnen zu sein, um alle bunten Gedan-\nken, die sich ins Zimmer wagten, zu töten. Diese\nunheimliche Wirkung der Tapete erreichte auch\ndich, als du in lachenden Träumen deine Zukunft\nerbauen wolltest. So warst du reich an Möglich-\nkeiten .... aber die Umgebung, die dir Lebens-\nkeime hätte zuführen können, die fehlte dir.\nJedes Wort, das ihn seine Phantasie auszu-\nsprechen zwang, lebte der Künstler mit. Sein\nganzer Körper zitterte leise unter der Anspannung\nder seelischen Kräfte. Der Flug seiner Gedanken\nwurde kühner und selbstherrlicher, das künstle-\nrische Selbstbewußtsein entfaltete seine Schwin-\ngen und hob ihn ganz vom Boden der Wirklichkeit\nempor, indem sie ihm die Sehnsucht eines Mäd-\nchenlebens vortäuschte.\nDann kam der Tag, da du mich zum ersten\nMale sahst. Ein Tag, so reich, daß nicht aller\nReichtum verbraucht werden konnte, sondern, zu\nBergen gehäuft, noch in der Dämmerung funkelte\nund selbst die stumpfe Neidfarbe der Tapete zum\nunwilligen Glänzen brachte. Da kam ein Geheim-\nnis zu dir, gemischt aus Wirklichkeit und Vorstel-\nlung, ein Phantom, das Fleisch und Blut geworden\nwar, ohne deshalb aufzuhören, Phantom zu sein.\nEs waren keine Menschen in der Straße, als hätten\nsie sich zurückgezogen, damit ich von dir erspäht\nwerden könne. Die Kunst, die in dir sclilummert,\nwurde mächtig und verklärte und vertrieb alle\nnüchternen Gedanken, alle anerzogene Alltäglich-\nkeit in ihrem Glanz. Aber sie störte dein Gleich-\ngewicht nicht, sie hob nur alle Linien und Formen,\ndie sich dem Auge darboten, ohne sie zu verän-\ndern. Du sangst, ohne es zu wissen; alle Verdros-\nsenheit war von dir abgefallen ....\nDas Mädchen unterbrach ihn.\nAber ich kann doch gar nicht singen, lachte sie\nfröhlich. Wie oft hab ich dir das schon gesagt!\nAn jenem Abend sangst du, beharrte er über-\nzeugt. Jede deiner Bewegungen, jeder Blick dei-\nner Augen, jedes Seufzen deiner Brust war Musik.\nDu bist voll unbewußter Musik.\nSo schuf er die Geliebte, ein schlichtes Mäd-\nchen, zu einem erhabenen Weibe um. Er über-\nschüttete das Mädchen mit wunderbaren Bewei-\nsen seiner Liebe. Jeder Blick, den er über ihr\nGesicht, über ihre schönen Arme, über die sanfte\nRundung ihrer Brüste, die edlen Bogen ihrer Hüf-\nten gleiten ließ, war Liebe; jedes Wort, das er zu\nihr sprach, war Liebe. Alles in ihm und außer\nihm schien in dieser Stunde dazu geschaffen, ihn\nzu erheben, seinen Stolz auszudehnen, seine Seele\nin selbstbewußter Größe erschauern zu lassen.\nErinnerungen an die blaue Stunde zuckten in ihm\nauf und machten seine glücklichen Empfindungen\nvollkommener. Er war nie wieder so völlig eins\nmit der Welt gewesen, seit jenen heiligen Stunden\nder Kindheit, wie an diesem Abend. Er war wie\ndie Erde, zitternd im Gefühl der Erlösung: viele\nTage lang hatte das Glück in der Gemeinschaft\nmit der Geliebten in seiner Seele gekeimt, war ge-\nwachsen, hatte Schößlinge angesetzt und war nun\nendlich an das Licht gedrungen. Er hatte seiner\nLiebe Worte gegeben und war, wie er meinte, auf\ndiese Weise in sich selbst klar geworden, was\nihm die Geliebte galt und welchen Einfluß sie auf\nsein Schaffen hatte.\nIn einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit küßte\nder Künstler die weichen Haare des Mädchens.\nDu bist voll unbewußter Musik. Sie strömt\nvon dir aus und erfüllt mich.\nWelch ein Schwärmer du bist! lächelte sie*\nindem sie seinen feingeschnittenen herben Mund\nküßte. Manchmal beneide ich dich, weil du so\nwunderbar sprechen kannst. Es gibt nichts, was\nunter deiner Hand leblos bleibt. Wie liebe ich\ndich! Du hast mich zum Erwachen gebracht . . ..\nich habe mich bis heute selbst nicht gekannt. Ich\nlebte wie die andern, war fröhlich und sorglos,,\nweinte, wenn ich einen Ball versäumte... Ein-\nmal ging ich in ein Konzert... Ein Konservato-\nrist, der mich verehrte, hatte mich eingeladen. Ich\nwar den ganzen Abend vergnügt; als es zu Ende\nwar, setzten wir uns zusammen mit meinen El-\ntern noch in ein Restaurant und unterhielten\nuns . . . Armand Meinerth ist ein sehr amüsan-\nter Mensch! . . . Aber heut ist das alles anders.\n— Ich fühle, daß ich mich gar nicht selbst gekannt\nhabe, daß du kommen mußtest, um mich zu\nwecken . . .\nDas Mädchen glaubte an diese W'orte, war\nvon ihrem Glanz hypnotisiert. Jetzt lebte sie\nkein eigenes Leben mehr, sondern das Leben des\nGeliebten.\nSie war so überwältigt von der Schönheit\nihres Bildes, das der Geliebte geschaffen hatte,,\ndaß sie alle kleinen Rücksichten vergaß, die sie\ntäglich und stündlich quälten. Alle Bosheiten der\nFreundinnen, alle Vorwürfe der Eltern, alle ver-\nwunderte Reden der Verehrer. Sie war in diesen\nAugenblicken in ehrlichem Wunsch bereit, nur\ndem Geliebten mitanzugehören, mit geschlossenen\nAugen seinen Reichtum in sich aufzunehmen.\nIhre ganze Jugend wirbelte an ihr vorüber.\nIhre wirkliche, ohne Illusionen und hohe Wünsche.\nSie hatte die Stimme des Lebens nur in den Fest-\nlichkeiten der Jugend vernommen und alle Arbeit\nals Last empfunden und verabscheut. Sie war\nschnippisch geworden, weil die Mutter eine tüch-\ntige Hausfrau aus ihr machen wollte; sie war\njung und wollte das Leben genießen, sie war\nschön und wollte mit ihrer Schönheit die Welt er-\nobern. Alle jungen Herren der Stadt umschwärm-\nten sie und machten sie durch ihre unbedingte\nFügsamkeit stolz und anmaßend. Sie hatte wenig\nSelbstgefühl mitgebracht: erst ihre Verehrer lehr-\nten sie, sich selbst zu bewundern. Sie hatte ober-\nflächlich ihre Jugend verlebt. In dieser Abend-\nstunde wirbelten die lauten Jahre an ihr vorüber;\naber sie schämte sich nicht, sie freute sich ihrer\nals eines Irrtums, dem sie jetzt entgangen war..\nSie lebte kein eigenes Leben mehr, sie sah mit\nden Augen und empfand mit der Seele des Ge-\nliebten.\nSie schlang ihre Arme um Johannes und\ndrängte sich an ihn, sodaß er das laute Schlagen\nihres Blutes fühlen konnte. Dies hob ihn in die\nletzte Verzückung. Die Geliebte war die Kraft,\ndie ihn so hoch emportrug: das sagte ihm seine\ndankbare Seele und das Rauschen seines Blutes.\nUnzählige Freuden eines stolzen fruchtbaren\nSchaffens dämmerten vor ihm auf.\nUnd so sprach er, zum erstenmal, der Gelieb-\nten von seinen künstlerischen Schmerzen.\nDie breite Straße, die in der Dunkelheit wie-\nder gewaltige Pfeil eines Riesen zwischen die\nersten Häuser der Stadt fuhr, flimmerte. Die\nLichtmassen des Tages w.aren eines schweren\nTodes gestorben und zitterten noch bis tief in\ndie Nacht hinein in immer mehr erblassendem"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.7", "texte": "bleichen Leuchten über der Landschaft. Aber so-\nbald die Straße zwischen den ersten Häusern der\nStadt angelangt war, wich das gestorbene Licht\nscheu zurück und wagte sich nicht weiter. Die\nHäuser standen eng und duldeten keine Lichter,\nnicht einmal den ärmlichen, ängstlichen Schein\ndes gestorbenen Tageslichtes zwischen sich. Sie\nwaren die Torwächter, die streng darauf zu ach-\nten hatten, daß kein Licht von außen in die Stadt\nhereinkommen konnte. Aber Sonne und Mond\nkonnten sie nicht vom Himmel verjagen, wie fin-\nster auch ihre Mienen sein mochten. Nur über\ndas arme gestorbene Tageslicht hatten sie Ge-\nwalt, das in seiner Schwäche und Hilflosigkeit\nam Boden einherkroch. Ueber die Straße zwi-\nschen den Häusern lagen kleine runde Lichtflecke\nverstreut; die fielen aus häßlichen, unfreund-\nlichen Gaslaternen.\nEin Schritt hallte durch die Nacht. Gemessen\niangsam und doch verhalten drängend. Das Has-\nten der neuen Zeit lag darin, aber es wurde von\neinem starken Willen gehalten.\nJohannes lauschte hinter sich. Die Begierde,\nzu wissen, wo er diesen harten Schritt schon ein-\nmal vernommen hatte, sprang in ihm auf und\nzerrte an ihm. Er sah sich als Sechzehnjährigen\ndurch eine einsame Straße wandeln. Massige\nHäuser mit unsauberen Fassaden warfen rechts\nund links seine Schritte zurück. Er ging mitten\nauf der Straße; denn er fürchtete sich vor der\nStarrheit der Gebäude. Einmal fiel ihm ein Haus\nauf, dessen Rolläden alle herabgelassen waren, bis\nhinauf in den fünften Stock. Es ist etwas unheim-\nliches um ein Haus mit herabgelassenen Rolläden,\nwenn du davorstehst und es betrachtest. In weh-\ntuender Kälte starrt es dich an, wie ein höh-\nnisches Ungeheuer, das viel zu verbergen hat.\nWer weiß, was in seinem Innern vorgeht, welche\nSzenen der Eifersucht, der betrogenen Mutter-\nliebe, der enttäuschten Hoffnungen sich vielleicht\nin seinen Zimmern abspielen, während das\nAeußere daliegt, ein Totes. Er floh und glaubte\ndas lautlose Hohngelächter des Hauses hinter sich\nherkommen zu hören. So geriet er plötzlich in\neinen schwarzen Menschenstrom; ganz überwäl-\ntigt von dem erkältenden Schrecken hatte er nicht\ngesehen, wie sich hinter ihm ein Tor auftat und\nmit seltsamer Schnelligkeit eine Masse Menschen\nherausgoß. Menschen mit verbitterten Gesich-\ntern, Mädchen, die keine Scham kannten, hinter\ndenen Burschen herliefen und häßliche Worte her-\nausschrien. Johannes stand mitten unter ihnen.\nFast zitternd blieb er stehen und entsetzte sich\nvor der seltsamen Häßlichkeit; er gelobte sich,\nnie mehr durch ein Arbeiterviertel der Großstadt\nzu gehen. Er hörte die schlimmen Worte der\nMenschen, die kichernden Bemerkungen, die ihm\neinige Mädchen zuwarfen. Als sie vorüber waren,\natmete er auf und blieb stehen, bis sie um die\nnächste Ecke verschwanden. Dann ging er, lang-\nsam, ängstlich zurückhorchend. Da schallte ganz\nplötzlich ein Schritt auf, gemessen langsam und\n•doch verhalten drängend. Johannes ahnte es:\nDer Schritt eines Arbeiters, der unzufrieden ist\nmit seinem Schicksal, aber klug genug, die Zu-\nfriedenheit nicht mit Fausthieben und Fußtritten\nerobern zu wollen. Dieser Schritt drängte sich\nihm auf und verfolgte ihn. Mehrere Tage lang.\nDröhnte hinter ihm her in den vornehmsten Stra-\nßen der Stadt, in den feinsten Cafes, in den Räu-\nmen des Konservatoriums, überall. Dann ver-\nklang er allmählich.\nJetzt aber stand er plötzlich wieder hinter ihm\nauf, wie ein Mahner und wie ein böses Gewissen.\nDerselbe langsame, verhalten drängende Schritt\näenes Arbeiters, der ihn in jener Winternacht aus\ngroßen Augen angeblickt und dessen Blick ihn\nwie eine Anklage getroffen hatte, trotzdem er\nschuldlos war. Johannes hatte das Gefühl, als\nhinge eine schwere Hand über ihm, bereit, unge-\nstüm in das kostbare Gewebe seiner Träume zu\ngreifen und sie zu zerreißen, wie eine törichte\nKnabenhand das kunstreiche Netz einer Spinne\nzerreißt.\nZitternd blieb er stehen und horchte mit ver-\nhaltenem Atem. Der Schritt klang aus großer\nFerne, nahm langsam an Stärke und Knappheit\nzu und wurde endlich scharf umrändert.\nWas hast du, Johannes? fragte das Mädchen.\nEr schüttelte leise den Kopf.\nJetzt lauschte sie auch, vernahm den Schritt.\nKomm! Warum bleibst du stehen?\nIch dachte, Ruhe zu haben vor diesem ent-\nsetzlichen Schritt. Ich wähnte, er sei auf immer\naus meinem Ohr geflohen . . . Jetzt, jetzt wacht\ner wieder auf.\nSeine Augen wurden weit und starr und seine\nHände zitterten heftig. Ein schneller Gedanke\nzuckte in seinem Gehirn empor; als gäbe er den\nFreunden auf eine wortlose Frage eine wortlose\nAntwort: „Die Musik in mir strahlt durch die\nFingerspitzen, versprüht durch sie in den freien\nRaum und vermählt sich mit ihm. Aber heute\nist es eine trostlose Musik.\"\nSeit jenem Abend, an dem ich zum erstenmal\ndie Armut als verbitterte Masse an mir vorüber-\nziehen sah, seit jenem Abend lebt das Mitleid mit\ndieser Masse in mir. Tage und nächtelang nach\njenem Abend schrie es in mir. Allmählich wurde\nes leiser und sanfter . . . und erlosch endlich.\nDas Mitleid war noch in mir, aber es drängte sich\nnicht mehr auf. Es schwang als leiser Unterton\nin der Melodie meiner Seele mit. Die Wünsche\nmeines Künstlertums gingen nach Segen für alle\nMenschen aus. Für alle. Auch für die Armen\nund Heimgesuchten. Aber ich darf nicht erinnert\nwerden, ich darf nicht brutal hineingestoßen wer-\nden . . .: Sieh, die einen, die schwelgen, und wir\nhungern! Dann ziehe ich mich in mich selbst zu-\nrück und verachte die Menschen. Jene Zeit war\nschrecklich . . . jetzt wacht sie wieder vor mir\nauf . . . Hörst du den Schritt, diesen entsetz-\nlichen Schritt?\nKomm, Liebling, du bist empfindlich . . .\nKomm, lache . . . Wer weiß, was für ein harm-\nloser Mensch da hinter uns herkommt!\nSie gingen langsam weiter. Das gestorbene\nLicht, das auf der Straße lag, wurde bleicher und\nmatter, je höher die Nacht stieg. Links von der\nStraße fiel ein Abhang einige Meter tief und\nwurde dann von einzelnen kleinen Häusern auf-\ngehalten. Weiter vorn, zu Füßen des Abhangs\nglimmerten die Lichter der Straßen, gelblich rote\nTropfen in dem ruhigen Meer der Nacht.\nDer langsam, verhalten drängende Schritt\nwarf sich jetzt um die letzte Straßenbiegung und\nwar auf einmal ganz laut und hart. Die Berg-\nwand, die sanft in die Höhe glitt und oben ver-\ndämmerte, warf den Schritt nicht zurück, als\nängstige sie sich vor seiner Rücksichtslosigkeit.\nWie ein unabwendbares Schicksal wuchs er\nheran. Immer näher. Er wollte dem unheim-\nlichen Klang entfliehen, aber er konnte nicht. Eine\nStimme sprach in ihm: Du hast nun den Klang\nwieder gehört und wirst ihm lange Zeit nicht ent-\nrinnen. Und in einsamster Stille wird er hinter\ndir her sein und dich martern.\nEr meinte, ewigkeitlange Schmerzen erduldet\nzu haben, als endlich der Schritt ganz knapp hin-\nter ihm war. Er drehte sich um und erblickte\neinen jungen Mann, der leise vor sich hinpfeifend\nseines Weges ging. In der dämmerigen Bleich-\nheit des Halblichtes sah Johannes undeutlich die\nZüge des Arbeiters und zwei Augen, die ihn, wie\ner meinte, groß und anklagend betrachteten.\nGuten Abend, sagte der junge Mann. Und Jo-\nhannes erkannte den Klang der Stimmen, die an\njenem Winterabend vor dem Fabriktor an ihm\nvorübergeflutet waren. Da kam der Drang über\nihn, diesmal der Stimme Gehör zu schenken: un-\nbegründete Reue erwachte in ihm und bestimmte\nihn, an dem jungen Mann gutzumachen, was er\ndamals an der ganzen Schar jener Arbeiter ver-\nsäumt und wofür ihn jener einzelne Arbeiter mit\nseinen großen verurteilenden Blicken gestraft\nhatte. Und als er näher ging, erkannte er den\nMann, der ihm einmal als der klügste und weit-\nsichtigste Kopf unter den Arbeitern der Stadt be-\nzeichnet worden war.\nWort um W(ort abwägend sprachen sie mit-\neinander. Der Schritt des Arbeiters war jetzt\nstiller und sanfter. Er verriet die Scheu des Men-\nschen, der sich an der Seite eines höher stehen-\nden sieht und unwillkürlich seine eigene Ungelen-\nkigkeit empfindet. Das Mädchen ging nebenher\nund horchte in das schwerfließende Gespräch der\nMänner.\nErst als sie einander besser kannten, flackerte\ndie Stimme der Begeisterung wieder in dem Ar-\nbeiter empor. Jörg Martin hieß er. Da sprach\ner von seinen Plänen, von der Sehnsucht des Pro-\nletariats, von der Güte aller Menschen und wie\nman die PAenschen führen müsse, um diese Güte\nin ihnen lebendig und fruchtbar zu machen. Jo-\nhannes empfing seine Worte wie eine brausende\nSymphonie, deren Stimmen bald geängstigt, bald\nbegeistert, bald klagend und winselnd, bald\nlachend und trotzend durcheinanderliefen. Er er-\ngötzte sich an den seltsamen Motiven, diq aus die-\nsem Arbeiter klangen, an der Verschlungenheit\nihrer Linien und an der Schlichtheit ihres Auf-\nbaues. Er vergaß über der künstlerischen Freude\nan dem Manne das Entsetzen, das sein drängen-\nder Schritt geweckt hatte. ■ i , 4\nWir haben gleiche Ziele, sagte er, nachdem\nJörg Martin den Bau seiner Menschenzukunft\nfertig vor ihn hingestellt hatte. Wir haben die\ngleichen Wünsche. Wir beide haben den Glauben\nan uns selbst. Wer diesen Glauben hat, wird\nsich selbst nie untreu werden. Alle aber, die die-\nsen Glauben verloren haben, sind Sklaven der\nandern geworden . . .\n\nFortsetznug folgt\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung: behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereit«\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nI '\nHandbuch der Kunstwissenschaft\nHerausgegeben von Dr. Fritz Burger / Soeben\nerschienen: Lieferung 5 und 6: Fritz Bur-\nger: Deutsche Malerei Heft 3 und 4\nBerlin-Neubabelsberg / Akademische Verlags-\ngesellschaft m. b. H. M. Koch\nSvend Borberg\nDen Sejrende Type / Humane Visioner\nKopenhagen / J. S. Jensens Forlag"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191307-01.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vom\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nar darci\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeflf\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den V e r 11 s\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sieb der V«r.\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nJetzt:\nBerlin W / Potsdamer StraBe 134 a\nSechzehnte Ausstellung\nGemalde uod Zeichnungen des\nFuturisten ' u ' - >\nGino Severini\nGeoffnet taglich von 10—6 Ufar j Sonntags von\n10—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nAm 20. September 1913\nErster Deutseher\nHerbstsalon\n75 Potsdamer StraSe 75\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernrHf Amt Lfitzow 4443\nZeitschrift der Sturm\nDauerbezug\nGewdhntlche Ausgabe: Far Deutschfand\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nnummer 40 Pfennig X Ffir dasAusland bei\ndirek ter Zustellu ng durch die Pott:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiein Papier, Ver-\nse ndung in Roll en direkt durch 4ie\nPost ffir Deutscfhiand und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X Ffir das A us!and:\nEm Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndteser Ausgabe werden Vierteljahrsbezfige, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nBer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n6 Mark / Vom 1. Jul! 1913 ab 10 Mark\n*\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstSnden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den B e t r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder feel\nBeginn d.es neuen Vi e r tel< jah res bis\nzumffinftendes ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nzieh ung des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nGeneralvertretung des Verlags Eugene FigulSre /\nParis\n\nSonderdrucke\nFranz Marc: Originalholzschnitte / je 10 nume-\nrierte und signierte Handabziige: Versohnung/\n/Tierlegende/Pferde/Tiger/Pferdes\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark,\nMax Pechsteln: Die Erlegung des Fest-\nbratens / Originalholzschnitt / Auf Nutnmer 94\nder Zeitschrift Der Sturm sind einhundert\nExemplare vom Kunstler mit der Hand aquarel-\nliert, signiert und numeriert / Das Exemplar\n5 Mark\nW. Kandinsky: Handdrucke / Das Exemplar 30 M.\nWilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Je zehn oder sieben nummerierte und\nsignierte Handdrucke / Das Exemplar 15 Mark\nG. Miinter: Neujahrswunsch / Fiinf signierte und\nnumerierte Exemplare / Das Exemplar 20 Mark\nWalter Helbig: Landschaft / Originalholzschnitt /\nFiinf numerierte und signierte Handdrucke / Das\nExemplar 25 Mark\nSchmidt-Rotluff: Mann und Weib / Sonnige StraBe\n,/ Zwoll handgedruckte, numerierte und signierte\nHolzschnitte / Das Exemplar 30 Mark\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande HI /\nje funfzehn signierte und numerierte Holzschnitte /\nDas Exemplar 20 Mark\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] zw81f signierte und numerierte\nExemplare / Das Exemplar 25 Mark\nOskar Kokoschka: Plakat fiir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Nijinsky / PortrSt Licht-\ndruck, groBes Format / 10 Mark\nR. Delaunay: Album / Elf Phototypien vofl\nGemSlden (ein Farbenlichtbild) mit einem Qedicht\nvon Guillaume Apollinaire / Das Exemplar 10 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Ffir Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nFutoristen: 1 / Umberto Boccioni: Das\nLaohen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / GinoSeve-\nr i n h Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz I Umberto Boccioni: Abschied/\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFranz Marc: Affenfries / 20 Pfennig\nRobert Delannay: La Tour / 20 Pfennig\nMappen\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kar,ton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\n\nZeitsehriften\nLTffort Libre / friiher L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne]\nL'Ind6pendance / Hatbmonatsschrift / Kfinste /\nKultur I Philosophic / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLes Marges / Monatsschrift / Paris 5 rue Chaptal\nLa Nouvelle Revue Francaise / Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\n\nMoHtjoie I Halbmonatsschrift / Paris / ChaussSe\nd'Antin 38\nHaro I Monatsschrift / Brussel\nLes Cahiers du Centre I Moulins [Allier]\nLes Soir6es de Paris / Recueil Mensuel / Paris\n9 rue Jacob\n\nAnzeigen\n\nAkademie fur moderne Skulptur in Paris / 18 Im-\npasse du Maine Montparnasse / Korrektur: A. Ar-\nchipenko / Arbeiten in Stein / Studies\nder StUarten / MaBige Preise\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama /\ngriindet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge*\nwidmet der Dichtung und dem Drama der\nwart in alien Landern / Probeheft gegen\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\nK) Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop I London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Qraphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen fiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgabibn.\nin auslandischer Literatur\nSkupina / Prag / Dritte Ausstellung: Gemalde:\nPicasso, Braque, Derain / Plastik:/Picasso / Mo-\nderne Qraphik: Cezanne, Picasso, Braque, Derain\n1 Alte Qraphik und Plastik / Volks- und exotische\nKunst I Mai-Juni 1913 Prag /Gemeindehaus beim\nPulverturm\nNene Sezession / Berlin / Eingetragener Vereia\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\nerhalten iahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 \\\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjShrlich 15 Mark.\nGeschSftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 2699.\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLutzow 5850 I SpezialgeschSft fur bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Bucher\nJeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung\nphiler Publikationen\nThe Lantern: Eine Monatschrift beiseite geschobe-\nner Wahrheit und zuriickgewiesener Dichtung /\nGeputzt und entziindet, so oft der Mond dunkel\nist I Die amerikanische Zeitschrift des Protestes /\nOrgan der Gesellschaft Junger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA.\nVerein fur Kunst/Leitung HerwarthWalden\nI Zehntes Jahr / Man verlange kostenlose\nMitteilungen iiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9"}]}