{"numero_id": "bm-bmtnabg-1913-08-02", "volume": "bmtnabg_1913-08_02", "ocr_sha256": "99ce9b92682d6e26a44859d0eb19431277c704f9eec63b2bda82692b65d9b78e", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1913/08_02/bmtnabg_1913-08_02.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1913/08_02/bmtnabg_1913-08_02.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1913-08-02-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-08_02#c001", "volume": "bmtnabg_1913-08_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "81", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.1", "debut_caractere": 468, "fin_caractere_exclue": 765, "texte": "Inhalt:\nAage von Kohl: Der schöne Korporal / Mynona: Rosa die schöne Schutzmannsfrau / Alfred Richard Meyer: Paris / Arthur Babillotte: Die\nSchwermut des Genießers / E. 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Seine Fingernägel leuchteten wie Perl-\nmutter in Bronze eingefaßt, und sein Oberkörper\nhob sich wie eine ranke schlanke Blume von sei-\nnem Ledergurt.\nDer Kompagniechef hatte seine Mütze tief in\ndie Augen gedrückt; er stand breitbeinig, ein dün-\nnes kleines Zigarettchen beinahe auf die Unter-\nlippe festgeklebt. Der Schatten eines Buchen-\nbaums machte ihn ganz grün im Gesicht.\n„Gut!\" sagte er und lächelte, ohne daß die Zi-\ngarette sich bewegte. Er ließ seinen Blick über\ndas schmale Gesicht des Korporals gleiten, dessen\nAugen so groß und tief waren mit bläulich durch-\nsichtigem Emaille und scharfen gebogenen Wim-\npern. Die Nüstern Yoshivaras vibrierten ein we-\nnig und ein kleines Lächeln zeigte die stark roten\nLippen gegen seine weißen Zähne.\n„Erlauben Sie, daß ich mich fertig mache, Herr\nKapitän?\" fragte er und wieder huschte das kleine\nLächeln über seine Lippen. Die rechte Hand hielt\ner noch an der Mütze.\nDer Kapiätn legte seine Hand auf die Schulter\ndes Korporals und nickte.\n„Glück auf!\" sagte er mit kaum verständlicher\nStimme, wie immer wenn er nicht kommandierte,\n— „aber vergessen Sie nicht, daß die Kompagnie\neinen solchen Unteroffizier wie Sie nicht missen\nkann.\"\nDie großen veilchenblauen Augen Yoshivaras\nlächelten.\n„Gut, Herr Kapitän!\" sagte er. Und wie vor-\nher machte er mit einem schnellen Ruck Kehrt.\nEr ging ein paar Schritte seitwärts und\nschnallte nachher seinen Ledergurt ab. Die Ka-\nmeraden schielten nach dem unbegreiflich kurzen\nRiemen. Seine weiße Kante zeigte, daß Yoshi-\nvara ihn einfach abgeschnitten hatte, was streng\nverboten war. Durch die niedrigen Bäume sah\nman das Tal unten mit seinem Fluß. Die Sonne\nwar schon mehrere Stunden auf. Die Kompagnie\nlag seit geraumer Zeit auf demselben Platz, jeder\nMann auf seinem Platz in der Schußlinie.\nEs war verboten zu sprechen, man hörte nur\nhier und dort ein halblautes Kommando der Zug-\nführer.\nAber alle in der Kompagnie, Gemeine, Unter-\noffiziere und Offiziere starrten, alle ganz betört,\nKorporal Yoshivara an, der einige Schritte hinter\nder Schußlinie stand und sich auszog.\nEr machte die Kravatte auf und warf sie hin\nzu dem Ledergurt. Der lag schon zusammen-\ngerollt wie eine Giftschlange neben einem Mohn-\nbusch mit roten giftigen Blumen.\n„Ja!\" sagte der dicke Obersergeant Ohashi, der\ndie zweite Abteilung kommandierte, und der nie-\nmals flach liegen konnte wegen seines Magens, er\nstieß Sergeant Mennai, der dicht neben ihm lag,\nleicht an: „Kannst du verstehen, wie seine\nSachen! Es sieht ja immer aus als wäre alles\nganz neu, nicht?\"\nSergeant Mennais Gesicht verriet seine Lust,\nimmer mit Bosheiten zu kommen, die man doch\nnie feststellen konnte. Er schielte hin zu dem\nObersergeanten, dessen Gesicht wie die Sonne in\nder Fahne des Bataillons war.\n„Die Mädels!\" sagte er und starrte wieder\nYoshivara an.\nDer Korporal hatte indessen seinen Waffen-\nrock ausgezogen, und die Offiziere lächelten sich\nschwach einander zu, Yoshivara hatte nämlich\ntrotz dem Kompagniebefehl des vorigen Monats\ngar keine Spur von Hemd oder so was. Die leicht\nbräunliche Haut lag fest um die breiten Schultern\nund den schlanken Leib. ? Die zwei Brustflecke\nglichen ganz kleinen flachen Mohnblumen. Er\nhob den rechten Arm und drehte sich halb um,\nund ein bronzegoldener Schein glitt über seinen\nRücken, wo die Haut zitterte und die Muskeln sich\nbewegten.\n„Ah, der Schurke!\" sagte der Kapitän zum\nUnterleutnant Katomo, der sein Lächeln mit sei-\nner Hand verbarg, „und hier steht er und zeigt\nuns gerade ins Gesicht seine niederträchtige Un-\ngehorsamkeit!\"\n„Aber das geht auch bald zu weit mit ihm,\nder !\" fügte er schnell hinzu, und sandte\nseinem Leutnant einen scharfen Blick. Aber Ka-\ntomo wischte ein bißchen Staub von seiner Uni-\nform und lachte halblaut, er kannte die Anfälle\nvon Aerger, die der Kapitän gegen Yoshivara\näußerte — sie endeten immer mit Begeisterung\nund Lob.\n„Und dazu seine Mädchengeschichten!\" sagte\nder Kapitän und versetzte wieder dem Leutnant\nein paar Augen „alle seine Mädchen!\"\n„Ja!\" sagte jetzt der Leutnant und warf\nlachend den Kopf zurück, „ganz gewiß bewundern\nin diesem Augenblick mehrere paar Mädchenaugen\nunseren schönen Korporal!\"\nDer Kapitän schüttelte sich vor Lachen, und\nschlug mit seiner Faust Katomo beinahe zur Erde.\n„Ja, darüber würde ich mich auch nicht wundern.\nVielleicht hat |er ein paar im Walde von heute\nNacht versteckt!\"\nDer Korporal hatte schnell seine Stiefel aufge-\nschnürt, und stand jetzt ganz nackt und schlank\nin der heißen Sonne.\nEr nahm mit einer lässigen Geberde seinen\nLedergurt vom Mohnbusch. Dabei riß er eine\nBlume ab, nahm sie, lächelte sein rätselhaftes\nLächeln, das immer nur von Liebe träumte, und\nschob den zerbrochenen Stengel unter den Leder-\ngurt. Die blutrote Blume glich einem Portepee\nauf Yoshivaras linker Seite. Aber dann machte\ner mit einmal ein ganz strammes und ernstes Ge-\nsicht und schob ostentativ und vorsichtig die\nBlume noch ein bißchen. Und er lachte, ausge-\nlassen wie ein Knabe. Die Mannschaft lachte\nselig und guckte zu den Unteroffizieren hin.\n„Na, ein bißchen eiliger, Korporal!\" — sagte\nder Kapitän, weil er es nötig fand, ein klein biß-\nchen auf Würde zu halten — in Wirklichkeit war\nnämlich gar keine Eile — „jetzt los!\" — er nickte.\nYoshivara schlug gleich die Hacken zusammen\nund streckte die Arme herunter. Die Sonne fiel\nüber seine schlanke Gestalt und er glich einer\nStatue aus irgendeinem heißen unwirklichen Stoff.\nDie weißen Zähne saßen wie ein Opalstrich mit-\nten in dem feuchten Rot der Lippen.\n„Gut, Herr Kapitän!\" sagte er. „Gut!\"\nEr ging einige Schritte und sprang durch die\nSchußlinie, leicht und schnell, lief durch die\nBäume, die zwischen dem Lager und der Wiese\nstanden. Wie auf Kommando schob sich die\nganze Kompagnie, Soldaten wie Offiziere, ohne\neine Sekunde zu zögern, ein halbes Dutzend Ellen\nvorwärts, um ihn weiter sehen zu können.\nIn drei, vier langen Sprüngen nahm er den\nsteilen sandigen Abhang und erreichte die Wiese.\nEs krachte plötzlich und gewaltig von dem an-\nderen Ufer, und wie kleine weiße Wolken umgab\nihn der Pulverrauch. Die Russen da oben hatten\nihn gesehen und angefangen, auf ihn zu schießen.\nAber Yoshivara stand einen Augenblick still\nund sah lächelnd zuerst hinüber zu den Russen\nund nachher zurück zu den Kameraden, denn\nohne es gesehen zu haben, wußte er instinktmäßig\nund ohne Ueberlegung, daß die Kameraden sich\nso plaziert hatten, daß sie ihn immerzu beob-\nachten konnten.\nPlötzlich hob er die beiden Arme seitwärts,\nbewegte die Hände in Wellenform und fing an,\nsich in den Hüften zu wiegen. Er bewegte sich im\nTanz ein oder zwei Minuten. Die Schüsse kamen\nnäher imd näher; die Projektile sausten mit lan-\ngen saftigen] Klatsch herunter in die nasse Wiesen-\nerde. Schneller und schneller.\n*\nKeiner wußte, ob der Korporal wirklich Yoshi-\nvara hieß oder nicht. Der Obersergeant, der\ndicke Ohashi, hatte zwar erzählt, daß in den Kom-\npagniebüchern er unter Korporal Fusu Yoshivara\naufgeführt War, aber es brauchte deshalb nicht\nso zu sein. Wer könnte auch einen solchen Na-\nmen haben wollen, wie das Quartier in Tokio?\nKonnte man sich das denken, eine Familie sollte\nebenso heißen wie das Quartier, wo die öffent-\nlichen Mädchen wohnten!\nAber einerlei. — Der Name paßte/ ihm gut, dar-\nüber waren sich alle einig. Einige behaupteten\nsogar, daß er den Namen bekommen habe, weil er\nin diesem Quartier von seiner Schönheit lebte.\n„Ja, sie werden ganz toll, die Mädels, wenn sie\nihn nur sehen!\" sagte der Obersergeant seufzend.\n„So ist es!\"\nAber so lange das Regiment — vor dem\nKriegsausbruch — zu Tokio in Garnison lag, wa-\nren auch alle darin einig, daß Yoshivara ein\nschlechter Soldat sei.\nGewiß! Er war schön genug, und flink genug\n— sogar viel zu viel von beiden. Gerade seine\nSchönheit war sein Unglück. Keiner im ganzen\nRegiment hatte eine solche Strafliste wie er. Er\nwar niemals nachts im Lager, nein; und dann\nkam er zur Morgenparade und sah aus wie eine\nLeiche — gerade wie eine Leiche sah er aus.\nSicher zwanzigmal hatte der Kapitän ihn gestellt.\n„Nanu, Korporal Yoshivara!\" sagte der Kom-\npagniechef, legte sein Gesicht in Falten und schlug\nmit seinen Fäusten auf den gelben Bureautisch.\n„Jetzt ist es wieder verrückt, es ist das vierte\nMal in zwei Monaten, daß Sie nicht zum Morgen-\nappell da sind!\"\n„Es ist) zum dritten Mal, Herr Kapitän, nur zum\ndritten!\" sagte der Korporal und sah den Kapitän\nmit großen unschuldigen Augen an.\nDer Kapitän wurde ganz verwirrt über seinen\nIrrtum, im Innern auch sehr froh darüber. „Na,\"\ner nickte ein paar Mal, seine Stimme wurde aus\nlauter Erleichterung ganz kurz, „na ja, dann ist\nes ja eine ganz andere Sache, dann habe ich\nIhnen Unrecht getan!\"\nAber dann fand er doch, daß der Korporal zu\nbillig davon gekommen sei, und er beeilte sich,\nein ganz strenges Gesicht zu machen und drohte:\n„Aber wagen Sie nicht die Geschichte nochmals\nzu machen. Es wird schlimm enden.\"\nAb und zu aber mußte der Kapitän doch Yo-\nshivara melden, oder ihm eine Strafe auferlegen.\nNachher fragte er immer regelmäßig und hoff-\nnungslos: „Willst du mir jetzt versprechen, daß\nes das letzte Mal war?\" Er legte seine Hand er-\nmahnend auf Yoshivaras Schulter und freute sich\ninnerlich über diese schöne schlanke Gestalt, an\nder er nichts von Rummel, Mädels und Dunkel-\narrest merken konnte. Der Korporal lächelte ein\nbißchen und hob die reinen Augen zu seinem Chef\nempor. „Gut, Herr Kapitän!\" sagte er dann mit\neinem so indifferenten Tonfall, daß es ihn zu gar\nnichts verpflichtete."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9743, "texte": "Und der Chef ließ ihn gehen, er wußte, es half\nalles nicht.\nAber es half doch zuletzt. Der Krieg kam\nnämlich, und dann wechselte der Korporal die\nTaktik das heißt, die Nächte war er immer noch\nnicht im Lager; in Schnee und Regen, so bald\nsich eine Gelegenheit bot, war Yoshivara weg.\nAber eine Viertelstunde vor dem Morgenappell\nwar er auf seinem Platz und keiner hielt seine\nMannschaft so flott in Ordnung wie er.\nYoshivara war auch sehr musikalisch, und des-\nhalb wurde er von den Gemeinen sehr geliebt.\nAbends, Wenn die Verhältnisse es erlaubten,\nund er nicht auf seine Privatjagden ausging,\nkonnte er stundenlang auf seinen Samiseng spie-\nlen, immer dieselbe schwermütige monotone Me-\nlodie, wonach die Mädchen in d e m Quartier von\nTokio so oft für ihn getanzt hatten. Es klingt, als\nzerreißen einige hart gespannte Stahlfäden, die\nam Herz befestigt sind, sagte der Korporal mit\nsehnsüchtigen feuchten Augen. Er sehnte sich\nnach diesen großen Häusern mit den vergitterten\nFenstern.\nDer Gemeine 94, der Ausrufer in einem solchen\nHaus gewesen war, das heißt den ganzen Tag auf\nder Diele gesessen und die Schönheit der jungen\nFrauen in langen Versen gelobt hatte, — er redete\nimmer so eigentümlich, fanden die anderen — er\nnickte mit seinem übergroßen Kopf. „Ja, gerade\nso klingt es!\" — sagte er. „Oder auch ist es, als\nob man wieder zu Hause wäre, eine Nacht mit\nMondschein, und weißen starkduftenden Blumen,\nund die Seelen der Eltern sitzen am Kopfkissen\nund flüstern mit ihren Luftstimmen so viel Grüße!\"\nSo sagte Nummer 94 und wurde so gerührt und\nunglücklich über seine eigenen Worte, daß er fort-\nschlich um zu weinen. Er fand es so hübsch, was\ner gesagt hatte, und doch war es ihm als hätte es\nirgend ein Fremder gesagt.\nAber der Korperal konnte noch viel mehr als\nSamiseng spielen.\nEr war es nämlich, der damals die wahnwitzige\nund waghalsige Geschichte mit den Patronenkas-\nten ausgeführt hatte. Es war so gekommen; eines\nspäten Abends — am Yalufluß — wurde er mit\neiner Streifpatrouille bestehend aus drei Mann\nausgesandt, um die russische Vedette zu beun-\nruhigen.\nEs gelang ihnen im Dunkel durch die Schußlinie\nzu schleichen, vorbei an ein paar Feldposten und\nganz hin zur Feldwache. Vorwärts krochen sie\nlangsam zu dem Kompagnieleuchter, der zwischen\nden Flintenpyramiden hing. Dahinter schlief die\nMannschaft.\nEin Posten ging hin und zurück mit seiner\nFlinte im Arm.\nDer Korporal und seine drei Begleiter waren\nbei dem schon längst ausgegangenen Kochloch\nangekommen, hier versteckten sie sich, um zu\nüberlegen, was man machen könnte. Plötzlich\nentdeckte Yoshivara, daß ein paar gefüllte Patro-\nnenkasten in der Mitte der Flintenpyramiden stan-\nden. Gleich hatte er sein Plan gefaßt und alle\nVier nahmen Sicht nach den Kasten, so gut wie\nes im Dunkel möglich war, und gaben Feuer. Daß\nsie getroffen hatten, ließ sich bald merken. Ein\nhöllischer Radau und eine Sekunde ganz tages-\nhell. / Die beiden Kasten waren explodiert.\nDas Pulver flog pfeifend in alle Richtungen, die\nFlintenpyramiden fielen um und die schlafende\nRussen fuhren wild und fluchend auf. Einen\nAugenblick nachher wurde es wieder pechschwarz\nund es gelang Yoshivara und seinen Männern fort-\nzukommen. —\nNoch eine Geschichte von Yoshivara.\nEines Tages war er auch ausgesandt mit einer\nStreifpatrouille. Sie waren bei einer tiefen breiten\nKluft angekommen. Der Korperal ließ Nummer\n73 an der einen Seite liegen bleiben und er selbst\nund 72 krochen auf die andere Seite. Gerade her-\naufgekommen stießen sie direkt auf fünf bis sechs\nOchotnikisen. Yoshivara schoß sofort einen nie-\nder und warf sich nachher wieder herunter, aber\n72 wurde von den Feinden zur Vergeltung nieder-\ngeschossen. Yoshivara war noch nicht in Sicher-\nheit. Als er wieder auf die andere Seite klettern\nwollte, wurde er von allen Seiten beschossen, ein\nSchuß streifte seine Schulter, einer ging durch\nseine Flinte. Er sah ein, daß es auf die Weise\nnicht gelingen würde. Er gab ein Todesgeschrei\nvon sich und ließ sich als tot den ganzen Abhang\nherunterkollern. So lag er da mit der Nase in der\nLuft und die Arme weit ausgebreitet. Er schielte\nhinüber zu den Feinden. Sie hatten jetzt zu schie-\nßen aufgehört, glaubten, daß er tot sei, aber zwei\nblieben auf ihren Posten, und Yoshivara mußte\nvier und eine halbe Stunde tot liegen, bis Nummer\n73 zum Lager zurückgekehrt war und mit eine\ngrößere Patrouille wiederkam. Aber der Korpo-\nral sagte, daß er in seinem ganzen Leben nie so\nlange ausgeruht hatte wie damals.\n„Er ist ein ganz verteufelter Kerl!\" — sagte\nder Kapitän immer morgens zu Premierleutnant\nKatomo — ihre Morgenunterhaltung endete immer\nmit Yoshivara — ich verstehe nicht, wie er es\naushalten kann. Niemals krank, niemals müde,\nimmer bereitwillig. Aber er ist eine Perle von\nUnteroffizier, das ist er, das ist das ganze Geheim-\nnis\" fügte er vertraulich zu.\n„Wenn nur nicht die Mädels \" brauste\ner wieder auf.\n„Ah!\", sagte der Premierleutnant lächelnd, „es\nsind ja glücklicherweise nur die hübschesten, die\ner gern hat.\"\n„Ja, da haben Sie, Donnerwetter, recht!\" der\nKapitän lachte erleichtert. „Übrigens die Mädels\nlaufen ihn nach, er nicht den Mädchen, das ist ja\nauch weniger anstrengend für ihn!\" sagte der Chef\nund lachte so vergnügt und entzückt, als wäre\nYoshivara sein einziger Sohn und die Mädchen,\ndie ihm für einen Kuß alles gaben, Prinzessinnen.\n*\nHeute, ganz früh, war das Regiment aber zum\nKampf aufgestellt. Zwei Bataillone in der ersten\nReihe. Yoshivaras Kompanie wurde an die Wald-\nkante verlegt.\nEin Adjudant war vor einer Stunde bei dem\nRegimentschef gewesen und hatte Order gegeben,\ndaß das Regiment sich versteckt halten und zuerst\num neun Uhr morgens angreifen sollte. Zu der\nZeit würden dann die, anderen beiden Regimentern\nan ihren Platz angekommen sein, eine halbe Meile\nöstlich von Ju-schu-ling.\nDer Regimentschef rief die älteren Offiziere\nzusammen und gab seine Order. „Sie müssen also\nuntersuchen lassen, ob das Flüßchen zu überwaten\nist, Kapitän!\" sagte der Oberst zuletzt zu Yoshi-\nvaras Kompagniechef, und ließ seinen weißen\nGlagehandschuhfinger die blaue Linie folgen, die\nden Fluß auf der Karte markierte.\n„Jawohl, Herr Oberst!\" — sagte der Kapitän\nund schlug die Hacken zusammen. Es war eine\nGewohnheit, die ihn immer ärgerte und puterrot\nim Gesicht machte, wenn er wieder aufzupassen\nvergessen hatte.\nYoshivara hatte sich gleich gemeldet, als der\nChef einen Freiwilligen verlangte, um den Fluß zu\nuntersuchen.\nDer Chef wurde aber nichf froh, als er der Kor-\nporal sah, er wußte, die Russen schliefen nicht\ndaoben.\n„Warum Sie, warum Sie!\" — nörgelte er und\nmachte dem Korporal ein paar Augen, „ist schon\ngut genug mit einem Gemeinen.\"\nNa — selbstverständlich war er wohl heute\nNacht wieder draußen gewesen — dachte der Chef\nfür sich — das konnte man deutlich sehen. Er\nkannte die dunklen Schatten, die übrigens nur Yo-\nshivaras Augen noch hübscher als sonst machten.\n„Ich möchte aber sehr gern Erlaubnis dazu\nhaben!\" — sagte Yoshivara mit ganz militärisch\nstrammem Gesicht.\n„Na, ja. Dann los!\" — Der Kapitän warf ihm\ndie Worte zu. —t „Das heißt!\" — fuhr er dann fort,\nwenn es der Regimentschef erlaubt, daß wir einen\nKorporal dazu nehmen. Gehen Sie selbst hin fra-\ngen!\" — Es war schlecht versteckte Schaden-\nfreude in seiner Stimme — der Chef wird nie sein\nErlaubnis dazu geben, dachte er.\nAber der Chef hatte, Donnerwetter noch mal,\ndoch seine Erlaubnis gegeben, und jetzt stand die-\nser verteufelte Junge da und spielte mit seinem\nLeben. Die Kugeln schlugen dicht um ihn nieder\nin das nasse Gras.\nDer Kapitän hätte beinahe Order gebrüllt, daß\ner sich beeilen sollte, aber er nahm sich im letzten\nMoment zusammen.\nDer Koporal hatte angefangen in dem Wasser\nzu waten. Die Projektile verfolgten ihn, sie\nspritzten das Wasser in die Luft, Silberstangen in\nder Sonne.\nJetzt ging ihn das Wasesr bis zu den Knien.\nDie Waden huschten unter dem Wasser wie\nschwache Schatten. Seine Haut war mit einem\nSchimmer von Topas-Silber-Bronze übergössen.\nEr drehte sich einen Augenblick um, und die blutige\nMohnblume schaukelte in dreistem ausgelassenen\nStreicheln über seine Lenden.\nGlasweiß spritzten die Kugeln um ihn.\n„Ja, er ist fertig!\" sagte der Kompagniechef,\nund seine Fingern bewegten sich nervös und un-\naufhörlich, während seine Augen wie festgenagelt\nder goldenen Gestalt in dem kochendem Wasser\nfolgten.\n„Sie können es nicht vermeiden ihn zu treffen.\nSo wie er da geht, und mit den Schüssen vollstän-\ndig spielt. Sie können nicht, sie müssen!\" seine\nMundwinkel zitterten.\nAber Katomo lächelte hoffnungsvoll. —\n„Yoshivara wird sich schon helfen.\" —\nUnd einer von den Gemeinen sagte plötzlich,\nohne seinen Kopf zum Chef umdrehen:\n„Ja, wenn der Korporal sterben könnte — wäre\ner schon lange tot, so ist es.\"\nUnd die Kameraden wiederholten nickend, „Ja,\nso ist es!\"\nDer erste sprach weiter: „Es waren wohl\nwenigstens hunderte, die w,as mit ihm hatten und\ndas sogar mit Messer und Flinte, aber keiner kann\nihn fangen.\" —\nDer Kapitän und der Leutnant lachten still, aber\nsie fühlten sich doch ein bißchen erleichtert.\n„Na, still!\" — sagte der Kapitän, „nicht\nsprechen im Glied!\" —\nDas Wasser reichte Yoshivara jetzt zum Leib\n— die Mohnblume floß vor ihm wie ein großer\nBlutstropfen hin und her im dem brodelnden Was-\nser.\nEin oder zwei Minuten verliefen, Yoshivara\nging prüfend links und rechts um die Tiefe festzu-\nstellen.\nJetzt war er am Ufer angekommen. Das Schie-\nßen hörte auf, weil die Russen ihn nicht mehr\nsehen konnten. Der steile Abhang verdeckte ihn,\nund er lief schnell und leicht den Abhang hinauf.\nEin klagendes Seufzen der Kameraden ließ sich\nhören — und ein bißchen weiter rechts und links\nim Walde sah man zwei angstweiße Mädchenge-\nsichter — daoben, versteckt hinter einem Busch\nlag ein russischer Soldat und zielte auf den Kor-\nporal."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9778, "texte": "Der Kapitän hob seine Hand mit der kleinen\nSignaltrompete, als wollte er, unabgesehen von\nallen Ordern, die Ruhe geboten, das Feuer eröff-\nnen, und er griff Katomos Arm gewaltig und\nfest —\n„Ah, Korporal Yoshivara\" — sagte er ohne es\nzu wissen.\nKatomo, der Premierleutnant, versuchte sein\nGesicht wegzudrehen, um nicht zu sehen, was ge-\nschehen mußte, aber er konnte seine Augen nicht\nlosreißen.\nDer Russe drehte seine Flinte, Yoshivara hatte\neine andere Richtung eingeschlagen, die Sonne\nfiel auf die glänzenden Mündung und ließ sie fun-\nkeln wie ein Brillant.\nEs gab ein Ruck in dem Korporal, er sah es\nfunkeln und wußte sofort, was es war. Blitzschnell\nmachte er ein paar Seitensprünge, und die Kame-\nraden sahen, wie die Muskeln in seinem Körper\nsich spannten zu einer gewaltigen Bewegung. Die\nSoldaten hoben sich zur Hälfte auf und folgten\nmit halbgeöffneten Münden atemlos dem Auftritt.\nUnd mit einem Mal war der schöne Korporal\nüber den Russen — wie ein Tiger durch die Luft ge-\nsprungen. Er schwang die Flinte des Russen über\nseinem Kopf und ließ die Waffe herunterfallen auf\ndie weiße Stirn des Feindes. Es war ein Murmeln\nin der Kompagnie, die Leute mußten sich alle zu-\nsammennehmen, um nicht in Jauchzen auszubre-\nchen. Die wußten alle, wenn der Russe Yoshivara\ngetötet hätte, hätten sie alle geschossen, um ihn zu\nrächen.\nAber jetzt klang das Signalhorn, es war neun\nUhr. Der Kapitän lief über die Schießkette,\nschwang seinen Säbel über den Kopf und brüllte.\n„Vorwärts\". In einem Nu war die Kompagnie ge-\nfolgt, und wie mit einen Riesenlachen fingen die\nrussischen Kanonen an zu schießen. Auf dem feind-\nlichem Ufer lag der Korporal und schoß mit der\nrussischen Flinte lächelnd vor Freude auf die\nFeinde.\nDie Kompanie watete schnell durch das Wasser\nmit den Waffen üben dem Kopf.\nAlle ihre Gedanken waren bei Yoshivara. Aber\ner drehte seinen Kopf und lächelte den Kameraden\nzu, ließ den heißen Sand über seinen Bauch und\ndie Beine rieseln. Er winkte übermütig lachend\nmit dem nackten Fuß. „Halt\" — brüllte der Ka-\npitän, der zuerst oben war. Seine Brust wogte\nnach dem schnellen Lauf. Er nickte lächelnd sei-\nnem Korporal zu.\n„Schußkette. — Magazin — Schießen —\" kom-\nmandierte er, und die Sektionsführer wiederholten\nmit ihren heißen Stimmen „Schießen\".\n„Schießen\" — brüllte Yoshivara lachend, und\nsteckte neue russische Patronen in seine russische\nFlinte. Er nahm lange und genau Sicht. Sein\nKörper lag ganz ruhig mit allen Nerven sicher, bis\nder Schuß abgegangen war.\nDer Lärm und das Schießen berauschte wie\nWein. Man wurde ganz betäubt und taumlig\ndavon.\nDer Gemeine 87 hob sich ein bißchen, warf\nseine Flinte hinter sich und fiel Hals über Kopf den\nAbhang herunter. Sein Seitenmann hob den Kopf\num ihm nachzusehen. Man hörte etwas Hartes —\nwie ein Stockschlag auf festes Fleisch — und sein\nKopf fiel herunter mit gespaltenen Schläfen.\nYoshivara konnte sehen, daß links, wo die bei-\nden anderen Regimentern standen, scharf geschos-\nsen wurde. Er lud seine Flinte wieder und schoß.\nEin Schuß schlug in die Erde neben ihn, das Pro-\njektil fiel auf einen Stein und ging mit einem tie-\nfen Brummen in der Luft gerade über Yoshivaras\nKopf. Seine Augen wurde ganz voll Staub.\nEr lächelte und entfernte ihn mit einer Hand-\nbewegung.\nMan hörte die Signaltrompete des Kompagnie-\nchefs, sie hatte einen engen Ton. Und gleich dar-\nauf die schreienden Töne von den Sektionsfüh-\nrern. Es ging wie zitternder Stahldraht durch die\nGehirne.\n„Halt\" — riefen die Führer. Das Schießen hielt\nmit einmal auf, es war als wäre nicht ein Mann\nam Leben. Die Stille ging wie ein Surren im\nKopf. „In Gruppen. 40 Meter vorwärts\"! — kom-\nmandierte der Chef mit lauter Stimme — „rechter\nFlügel fängt an!\"\nPremierleutnant Katomos Abteil lag rechts. Er\nhob seinen Kopf und rief: „Rechte Sektion, 40 Me-\nter Sprungmarsch. Vorwärts . . . .\" Sein Kopf\nfiel mit einem Ruck auf die Erde. Das schwarze\nLoch in seiner Stirn wurde langsam gefüllt mit\nSand, der sich mit dem Blut mischte.\n„Schießen\" — kommandierte der Kapitän. Die\ndrei linken Abteilungen schössen, um die Kame-\nraden zu decken, die vorwärts liefen. Der Ser-\ngeant, der. neben Katomo lag, warf einen Blick um\nsich und rief: „Vorwärts!\" — Acht — neun Mann\nfingen an zu laufen. Einer suchte sich zu heben,\naber sank mit einem Schrei zurück. Ein anderer\nhob einen Augenblick seine Hand. Zwei lagen un-\nbeweglich da, und Katomo sah aus, als schliefe er.\nWieder rief der Sergeant: „Vor—wärts\"! —\nund wieder liefen zehn Mann. —\nUngefähr um ein Uhr waren die Russen zurück-\ngedrängt, und erst dann hatte Yoshivara Zeit sich\nanzuziehen. Die Haut hing in Fetzen über seinen\nganzen Körper. Nur die Kniee waren hautlos, weil\ner auf ihnen beim Schießen gelegen hatte.\n„Na\"! — sagte der Kapitän, und kniff den Kor-\nporal ins Ohr, das so klein wie ein Frauenohr war,\n„es ist wohl was ganz Neues für Sie, in Kleidern\nzu gehen nicht wahr?\" Er lächelte. „Aber wenn\nSie nochmals solche Tanzvorstellungen geben mit-\nten im Dienst so . . . .\" er sagte nichts mehr, um\ndie Drohung schärfer zu machen. „Daß Sie ein\ntüchtiger flinker Unteroffizier sind, das wußten\nwir ja alle. Na, jetzt ins Glied!\" — sagte er und\nlächelte dem kecken frohen Gesicht Yoshivaras\nzu.\nDie Kompanie sollte in der eroberten Stellung\nbivakieren, diese Nacht. Der kleine Secondeleut-\nnant, der morgen nach Katomo Premierleutnant\nwerden sollte, ging herum und plazierte Posten.\nNatürlich fehlte Yoshivara beim Appell. Er hatte\nvon seinem Sektionsführer Erlaubnis bekommen,\nsich einen Augenblick zu entfernen. Als Ohashi\ndies meldete,, lachten alle Unteroffiziere. „Na, dann\nkommt er wohl gleich wieder,\" sagte der kleine\nLeutnant, der zu jung war und nicht mitzulachen\nwagte, „er braucht sich nicht zu melden, wenn er\nwiederkommt.\"\nSpäter, abends, als die Offiziere zusammen\naßen, alles war Frieden, die Feinde weit weg,\nwurde nur von Yoshivara gesprochen. Yoshivara,\nder vier Stunden ganz nackt gekämpft hatte.\nSein Kapitän ging herum strahlend und lächelnd\nund erzählte und gab Mitteilungen. „Ah\"! — sagte\ner seufzend einen Augenblick, als er sich Katomos\nerinnerte, Premierleutnaint Katomos, der viele\nJahre in seiner Kompanie gewesen war, der tüch-\ntigste Offizier, den er gekannt hatte. „Katomo\nsagte, daß ein paar Mädelchens auch im Walde\nlagen und ihm nachsahen. Ich weiß nicht, von wem\ner es hatte, aber\" — der Kapitän schwieg einen\nAugenblick, bog sich heran und flüsterte in Kapi-\ntän Hoksais Ohr: „wissen Sie, lieber Kapitän, wenn\nSie wüßten wie die Mädels ihm nachliefen, so\nwären Sie auch sicher, daß die Mädels ihm nach-\ngesehn hätten. Er war natürlich weg die ganze\nvorige Nacht. Und dann wollten sie ihn sicher\nnoch mal sehen. Ha, ha, ha!\"\nAm nächsten Morgen, zehn Minuten nach fünf\nUhr, stand der Kapitän auf dem Bivakplatz und\nsprach mit dem kleinen Leutnant; inzwischen lief\nder Stabsergeant hin und her und zählte die Ge-\nmeinen.\n„Natürlich\"! — sagte der Kapitän ohne zu hören\nwas der Leutnant sagte — seine Gedanken waren\nbei dem gefallenen Katomo, dann glitten sie über\nzu Korporal Yoshivara und seine Augen suchten\nihn im Glied.\nDer Leutnant sprach weiter, jetzt über den\nPatronenvorrat der Mannschaft: „Sie bekommen\nwohl wie immer je 160\"? — fragte er.\n„Ja!\" — der Chef wachte auf aus seinen Ge-\ndanken — „Jeder bekommt 160!\" In der Kom-\npanie wurde Order gegeben und kommandiert, der\nStabsergeant sah in seinem Notizbuch nach, ob\ndie Zahl stimmte.\n„Sehen Sie den Held, wie?\" fragte der\nKapitän lächelnd. Gestern Abend hatten alle Offi-\nziere Yoshivara „den nackten Held\" genannt, und\nbei Gott, er hatte es verdient, dachte der Chef.\nSie sahen alle beide in die Reihen und versuch-\nten den Korporal zu entdecken. Auch der Stab-\nsergeant sah aus, als suchte er jemand.\nDer Kapitän bekam eine Idee und rief mit zu-\nsammengezogenen Augenbrauen: „Stabsergeant!\"\n— ging ein paar Schritte vorwärts und rief noch-\nmals — „Stabsergeant\"!\nDer weißhaarige Unteroffizier kam schwer-\nfällig laufend zu dem Kapitän und machte Hon-\nneur —:\n„Ja!\" — sagte er, noch ehe er herangekommen\nwar — „Es ist es ist der Kor-\nporal.\"\n„Ist er nicht hier?\" — der Kapitän ließ seine\nAugen über die Schulter des Stabsergeants zur\nKompagnie gleiten. Der Unteroffizier schüttelte\nseinen Kopf und sagte halblaut in eigentümlich\ntrostlosem Tone: „Nein, er. ist nicht hier, ich\nglaube er war auch nicht hier heute Nacht.\"\n„Na, so was, der\" der Kapitän kniff die\nLippen zusammen — „Also er war wieder\nweg!\" —\nEs war keine Zeit zu verlieren. In fünfund-\nzwanzig Minuten sollte das Bataillon fertig auf\ndem Sammelplatz sein. Vorher sollten die Patro-\nnen verteilt werden, aber mit guten Willen —\nDer Kapitän ließ die Mannschaft sich rühren,\nzehn Minuten — als Grund gab er an, er hätte die\nZeit ein bißchen reichlich ausgerechnet. Während\nder zehn Minuten könnten sie machen, was sie\nwollten, sagte er.\nSie verstanden ihn alle, und in einer Minute\nwaren sie alle verteilt im Wald.\nDer Kapitän und der kleine Leutnant standen\nmit Gesichtern, die mit einmal so müde aussahen,\nneben einander.\n„Unser kleiner Held!\" sagte der Kapitän und\nversuchte zu lächeln — „Er liegt wohl noch\nirgendwo herum und schläft, der Schurke!\"\nDann kam der Stabsergeant von der Wald-\nkante heraus. Der Kapitän sah ihn und lief gefolgt\nvon dem Leutnant den Abhang herunter. Sie wate-\nten durch das Bächlein und krochen pustend auf\ndie andere Seite.\n„Haben Sie ihn gefunden?\" rief der Kapitän\nschnell. Der Stabsergeant gab keine Antwort, hob\nnur die Hände und ließ sie wieder herunterfallen.\nSie fragten nicht mehr, folgten ihm nur schnell,\ndie Zweige zurückbiegend, um vorwärts zu\nkommen.\nDa drin war eine kleine Oeffnung, so groß wie\nein Stübchen. Hier lag Yoshivara — der schöne\nKorporal. Sein Hals war durchgeschnitten. Ueber\nseinem Gesicht, um seinen Mund und um die schö-\nnen großen Augen lag noch das helle leuchtende"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1100, "texte": "Lächeln, womit er im Dunkeln die Frau betrachtet\nhaben mochte, die er umfangen hatte. Seine Haut\nwar nur ganz wenig blasser — wie eine Blume\nnach einer kalten Nacht.\nSie lag ein paar Schritt davon, die Kleider\nin Unordnung. Mitten im Leib eins von diesen\nbreiten Messern, die die mandschurischen Frauen\nbrauchen um Stroh zu schneiden. Ihr Gesicht war\nwie gespalten vor Angst und Schmerz. Ueber\nMund und Kinn lag ein großer Blutstropfen. Es\nsah aus wie Siegellack auf Pergament.\nDer Kapitän stand mit gesenktem Kopf. Seine\nSchultern zitterten. Dann fiel der Stabsergeant\nnieder und umfaßte die Kniee des Kapitäns: „Ah,\nunser kleiner goldner Held\"! — er schluchzte laut.\nEine Sekunde suchte der Kapitän sich stramm\nzu halten, dann hob er seine Hände vor das Ge-\nsicht und die Tränen flössen durch die Finger —\n„Ja, unser goldner kleiner Held!\" — sagte er und\nschluchzte in jedem Wort.\nAus der Noveliensammlung „Die roten Namen\" /\nAutorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Neil\nWaiden / Ueber die Bedeutung von Aage von Kohl,\ndieses ganz großen Künstlers, soll hier bald geschrieben\nwerden.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-08-02-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-08_02#c004", "volume": "bmtnabg_1913-08_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "85", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.2.4", "titre_corps": "Rosa die schöne Schutzmannsfrau", "titre_sommaire": "Rosa die schöne Schutzmannsfrau", "signature_source": "Mynona", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.5", "debut_caractere": 1102, "fin_caractere_exclue": 6741, "texte": "Rosa die schöne\nSchutzmannsfrau\nVon Mynona\nKennt ihr die trüben Stunden, wo der Schutz-\nmann stundenlang nachts im Regen steht, wäh-\nrend seine Frau —?\nAber ganz anders war Rosa, die bildschöne\nSchutzmannsfrau. Warum? Warum war sie so\nanders? Es lag gewiß nicht an den Umständen;\nes lag in ihr drinn. j Und ganz gewiß nicht an\nihrem Manne, einem Burschen von altem — sagen\nwir, Schrot und Korn, den Rosa liebte. Aber ein\nbessrer Frauenkenner (mit Glück im Auge) sagte\nmir mal: die Frau ist ein holdes Geheimnis. Und\nals ich ihm nicht Unrecht gab, setzte er hinzu:\nentschleiern Sie sie nur äußerlich, nie seelisch!\nDann sagte er noch was von Schiller, ein Zitat, ich\nhabe es vergessen, es wird mir unvergeßlich\nsein! Inzwischen ging Rosa aus, und — glauben\nSie mir! — sie ging so schön, daß einem uralten\nInvaliden das Maul aufschnappte, worauf auch\nseine Pfeife invalide wurde. Rosa ging über naß-\nspiegelnden Asphalt; sie ging durch eine pracht-\nvolle Passage, sie überschritt mit hochgerafftem\nRock den Fahrdamm. Und an der Ecke stand der\nMensch, der sie liebte, nicht ihr Mann, aber auch\nein Mann.\nDiesem Mann drang beim Anblick der duftig\ndaherschreitenden Rosa (sie ging nicht wie Damen\neinig mit sich selbst, auch nicht wie Halbweltle-\nrinnen problematisch, erst recht nicht wie das\nviel zu bekannte Mädchen aus dem Volke, wissen\nSie, drall und allegro; sondern ging, ich kann es\nnicht anders sagen: wie das Gehen selber in\neigner Person) drang also eine Träne ins Auge.\nVerführerischer wäre im allgemeinen ein Monokel\ngewesen, aber das erzieht zur Selbstbeherrschung,\nund der Mann hatte weder sie noch es. Rosa be-\nmerkte nicht sobald den Mann, als sie auf ihn zu-\neilte und eifrig auf ihn einsprach:\n„Alles würd' ich für Sie tun, alles! Sagen\nSie nichts, ich verstehe Sie. Aber Sie verstehen\nmich nicht, Sie ahnen nicht, was ich leide —\nund wie glücklich ich trotzdem bin. Sagen Sie\nnichts! Mein Mann hat Dienst, es regnet, er steht\nin der Nässe, ist Schutzmann. Es ist nicht das!\nAber ich komme nicht drüber weg. Ach! Ich bin\nihm noch treuer, wenn er nicht bei mir ist. Ich\nweiß, Sie lieben mich. Es ist keine Gefahr — o\nmein Gott! Wir könnten uns besitzen. Gewiß!\nund es ist mir innerlich unmöglich: nicht als Ehe-,\nsondern als Schutzmannsfrau. Ich liebe Sie —\nwenn Sie das tröstet! Mich kann nichts trösten,\nich bin schlimmer dran als eine Nonne, denn die\nkann ihr Gelübde abschwören, ich bin durch mich\nselbst gebunden.\"\nIch erinnere mich, daß der Mann zwei Beine\nhatte, die gerieten während der Worte Rosas in\nein eigentümliches Zappeln. Bald stand er auf\ndem rechten, bald auf dem linken, er nahm auch\nden Hut ab und fuhr mit der Hand durch sein\nreiches volles brünettes Haar. Er stand seelisch\nauf dem Kopf, er seufzte wie ein träumendes\nWaldvögelein, er schlug sich mit dem Spazier-\nstock auf die Waden, er rollte die Augen wie\nNero beim Brande Roms. Indem schloß Rosa so:\n„Begreifen Sie mich doch! Ich habe ja schon\nals kleines Kind, wenn ich einen Schutzmann sah,\nKonvulsionen bekommen. Ich weiß docht nicht, ob\nes allen so geht? Mein Gewissen läßt mir keine\nRuhe, diese Uniform erst macht mich zum Weibe,\nzu etwas Weichem, Bleichem, Zitterndem, Ueber-\nwältigtem.\"\nDem Manne ging ein Licht auf, er ahnte so\nwas wie die Geburt der Uniform aus dem Geiste\nder Erotik. Dann fragte er plötzlich eiskalt:\n„Und wenn ich hinginge und wagte es und\nzöge mir so eine Uniform an? Und sage: was\nhat denn dein Mann vor dem Rest voraus?\"\nRosa zog ihre Venusnase kraus: „Vorher rein\ngar nichts — aber jetzt alles, alles! Als ich\neinen nahm, war's mit allen andern aus — ja,\nwenn er uns den Gefallen täte ,und mich zur\nWitwe machte — das könnte ich nicht mehr\nvergessen! Es ist ja keine Liebe, Liebe ist ja da-\ngegen was Blödes, ich bin diese bestimmte\nSchutzmannsfrau aus allen Leibes- und Seelen-\nkräften. Ich bin's und bleib's.\"\nDer Mann taumelte wie Goliath, als er von\nDavids Schleuder getroffen ... na, Sie wissen\nja. Er fiel aber nicht hin, er schrie so laut, daß\nein Schutzmann herbeikam. Er schrie wie ein\nTobsüchtiger: „Aber das ist ja Wahnsinn! Das\nmuß man ja in der Hypnose wegsuggerieren las-\nsen! Das ist ja irgend was psychoanalytisch ganz\nleicht zu Ermittelndes. Ih da muß ich doch gleich\nmal an Freud selbst nach Wien —\"\n) Weiter kam er nicht, eine der fast jedem In-\nländer wohlbekannten schweren Hände legte sich\nauf seine zuckende Schulter: „Das werden Sie\nnicht!\" sagte Rosas Eheschutzmann, er war es\nnämlich. „Sie werden sich gefälligst ruhig und\nsittsam entfernen. Um meine Frau ist mir nicht\nbange. Die liebt jeder, und sie liebt jeden.\nWiderstände gibts da nicht in der Liebe. Sie ist\njung, schön und feurig —se h n Sie ja! Es steckt\naber in ihr! Haben Sie ja gehört. Und nu\nSchluß! Ich bin oft nicht zu Hause, ich kann Sie\nja nicht hindern, — aber ich bin eben stärker\nvor Hörnern beschützt. Sie würde die Ehe ohne\nweiteres brechen, aber nicht diese; die ist durch\ndas, was Sie eben Wahnsinn genannt haben, so\ngesichert, daß ich selbst — es kommen einem ja\nmanchmal so Gedanken — es nicht ändern könnte.\nNanu Adieu!\"\nEr marschierte mit Rosa ab. Der Mann wie\nbenommen in der konträren Richtung. Er hat\nRosa nie wiedergesehn. Er hat sich die Liebe\nzu ihr nie aus dem Herzen reißen können. Es war\nnoch viel später (in Straßburg vor'm Münster),\nals er trüb vor sich hin murmelte: „Rosa, du hol-\ndes Geheimnis! Du Sphinx aller Gensdarmerie!\"\n„Mensch,\" sagte jemand, als ich ihm das er-\nzählte, „pfui! Verdräng deine Vorstellungen ge-\nschickter!\" Ach ja! Ueber diel Sphinx sollte jeder\nden Mund noch besser halten als sie selber. „Und\nnennen Sie mein Maul nicht Mund!\" unterbrach\ndie Sphinx ihr meilenlanges Schweigen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-08-02-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-08_02#c005", "volume": "bmtnabg_1913-08_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "86", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.2.5", "titre_corps": "Paris", "titre_sommaire": "Paris", "signature_source": "Alfred Richard Meyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.5", "debut_caractere": 6743, "fin_caractere_exclue": 8632, "texte": "Paris\n\nä Guillaume Apollinaire\navec mille remerciments pour „Zone\"\nNämlich —\nParis liegt gar nicht an der Seine.\nDieser seit Cäsars Zeit restierende Irrtum\nmuß endlich wettgemacht werden.\nParis liegt einfach am Bayrischen Platz\nzu Berlin.\nUnd sein sogenanter Seinepräfekt heißt ebenso\neinfach\nKarl Scholz.\nParis läge sogar an der Ecke der Grunewaldstraße,\nwenn er nicht von Loeser und Wolff die zwölf-\ntausend Em Abstand\nbekommen und fein auf der Deutschen Bank jetzt\nzu liegen hätte.\nKarl Scholz läßt uns alle Abende die Trikolore\nhissen\naus Bickbeer-Brandy,\nEiskümmel\nund Cassis.\nJedwede dieser bunten Flaschen ist ein Arron-\ndissement,\nin das du ganz nach deinem Goüt eintauchen\nkannst,\nund trägt ein Namensschild mit Versen von Apol-\nlinaire. N\nAus jedem Rülps ballt sich ,\nzwei , ~ :\ndrei • : ' \\\ndie Marseillaise.\nChauffeure hupen rot die Internationale. -\nDa ist auch Fräulein Trudehen Scholz , x\nmit den Lutetia-Händen,\nin denen beiden ich die Rue de Rivoli\ndrei Kilometer\nvon der Place de, la Concorde\nbis zur Place de la Bastille\nals Lebenslinie hold sich strecken seh. \\\nIn deinem linken Auge flimmert Monico,\nim rechten locken dunkler die Cavreux des Inno-\ncents,\nund drunter blauen schattend — N\no! —\ndie Wälder von Saint Cloud,\nvon Fontenay-aux-Roses und Robinson,\ndie scharf dein schmaler Nasenbug durchschnei-\ndet,\nschmal wie der Rücken jener Eselin Leonie\nauf der sich Resi ihren wüsten Wolf ritt. Merde!\nDann deine Brüste: Pantheon und Sacre-Coeur.\nDie Beine sind ein Säulenpaar der Madeleine.\nJa, Trudehen Scholz,\ndas alles war dir wohl nicht ganz bewußt!\nSoll ich noch deinem Parc Monceäu lobsingen,\ndaß Josephinens Marmorbad in Malmaison dein\nNabel ist?\nIn Resi Langers kleiner Handtasche,\nzwischen Haarnadeln, Lippenpomade,\nPuder- und P.P.-Paper,\nfindest du den ganzen Louvre,\nallerdings ohne die Musee des antiquites asiatiques,\ndie Dr. Ary B. im Portefeuille trägt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1465, "texte": "Rudolf Leonhards Neese stellt den Are de Tri-\nomphe erheblich in den Schatten.\nIn seinem Herzen ruht Napoleon angelisch.\nFritz Max Cahen\n(mefiez-vous des contrefagons Fanale-Vetter und\nso!)\nhat viele blaue Tauben im Luxembourg seiner\nHaare.\nErnst Wilhelm Lötz mit seinen schönen Raubtier-\nflecken\nläßt die Galeries des animaux vivants\ndu Jardin des Plantes\naufbrüllen.\nOben auf dem Büffet ist jder Pere-Lachaise\nvon fünfundzwanzigtausend Zigarrenkisten,\nmit Titelbildern von Matisse und Picasso,\nnur eines ist von Marie Laurengin.\nFledermäuse und Motten huschen schnurks als\nCamelots\ndurch die Zimmerlinden, durch die Oleander.\nZur Sorbonne weisen Hände,\nhier „Für Herren\",\ndort „Für Damen\".\nDazwischen kippt ein buntes Hürchen\nihren diesbezüglichen „Leichenwagen mit Trod-\ndeln\".\nEin Hafer-Motor grinst über seine Bilz hinweg.\nEin neurasthenischer Nußknacker aus Rixdorf,\npardon Neukölln,\nwiegt reichlich Magic City und Luna-Parc auf.\nEin Bürger, eisbeinschmatzend, wird zum Mont\nValerien,\num den die Junikäfer — hei! — Aeroplane kreisen,\ndie Böen unsrer Zigaretten heldenhaft bestehen.\nIch glühe tief und weiß:\nich bin der Eiffelturm!\nIch fühl in mir den Fahrstuhl auf und nieder\nschweben.\nMehr als einmal ist es eine sächsische Reisege-\nsellschaft.\nIch empfange dankbar drahtlose Depeschen\naus Kanada,\nTimbuktu,\nNauen\nund Adrianopel.\nDie liebe Mitwelt sorgt ganz mütterlich für Sen-\nsationen:\nNicht wahr? 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Er war\nin dieser Stunde hellsehend, indem er den Zusam-\nmenhang alles Geschehens erfaßte. Zum ersten\nMale hatte er das Gefühl, daß nun auch ihn dieser\ngroße weitausgreifende Kampf erwarte, daß diese\nkleine Stadt in ihrer nüchternen Behäbigkeit sein\nerster Gegner sein werde. Er erinnerte sich aller\nWorte des Redakteurs und erkannte, daß dieser\nkalte Mann nicht als Einzelner zu ihm gesprochen,\nsondern als Vertreter der Stadt, die da taleinge-\nbettet lag in Nacht und Schwüle.\nDer Furchtbarste unter diesen Menschen ist\nRedakteur Todt, wiederholt der Arbeiter, während\nsie zwischen die ersten Häuser traten. Er lenkt\nalle. Aber keiner gibt es zu, obwohl es alle\nwissen.\nDer Arbeiter erzählte weiter. Die Sehnsucht\ndes Menschen, der stets an der Kunst vorüber-\ngehen mußte, klang in seinen Worten. Sie glühte\nwie ein Feuer, das aufflammen möchte und doch\nvon einer stärkeren Macht niedergehalten wird.\nEr hatte etwas verschüchtert zärtliches in seinem\nWesen; keine seiner Bewegungen war eckig und\nhart; als hätte der unermüdliche Lerndrang, dem\ner trotz schwerer körperlicher Arbeit nachgab,\nauch auf sein Aeußeres Einfluß ausgeübt. Die\nZüge seines Gesichtes, von Natur grobgeschnitten\nund ohne edle Linien, waren durch die Sehnsucht\nreiner und schöner geworden. Er erkannte die\nGelassenheit, mit der der Künstler auf das Suchen\nund Verlangen der Menschen hinsah; und ernannte\ndie Entschlossenheit, mit, der er selbst seinem Ziele\nentgegenfieberte.\nWährend sie durch die gerade, häuserbezeilte\nStraße, die sich langsam in die eigentliche Stadt\nsenkte, schritten, erzählte der Arbeiter vom Kon-\nservatorium.\nVor sechs Jahren dachte hier noch keiner dar-\nan, daß die Musik eines Tages ihren Einzug in die\nStadt halten würde. Wrir hatten schon damals\neinen Turnverein mit eigener Musikkapelle, und\nauch die Feuerwehr musizierte, wenn sie ihren\nJahrestag feierte. Redakteur Todt war der Grün-\nder dieser Kapellen, er schrieb ihnen vor, was sie\nspielen sollten. Märsche, Tänze. Die große Trom-\nmel spielte immer. Ich habe einige Monate teil-\ngenommen. Ich fragte den Redakteur, warum wir\nkeine wertvolleren Sachen spielten . . . Stücke aus\nOpern, Sonaten von großen Meistern, von denen\nich gelesen hatte. Er lachte mich aus. Das, was\nwir in der Stadt spielten, das wäre die einzige Mu-\nsik, die Berechtigung hätte. Sie mache dem Volk\nVergnügen . . . und das sei der Zweck der Mu-\nsik. Ich weiß ja nicht, ob er damit Recht hat . .\naber ich hatte das Gefühl, die Musik sei doch zu\nwas andern da, und darum trat ich aus. Das war\nvor sechs Jahren. Seit damals betrachtete mich\nder Redakteur mit mißtrauischen Augen. Bald\ndarauf sind wir offene Gegner geworden.\nEr besann sich und nahm die Erzählung vom\nKonservatorium wieder auf. Von den Opfern, die\nes den Gründern im Laufe der fünf Jahre seines\nBestehens gekostet hatte; von der Tapferkeit, mit\nder alle Hindernisse überwunden wurden.\nDa hab ich verstehen gelernt, sagte er in ehr-\nlicher Freude, daß diejenigen, die Anhänger der\nneuen Musik sind, nicht mit einem Schimpfen ab-\ngetan werden dürfen. Ihre Absichten sind gut;\nich hab sie in diesen fünf Jahren kennen gelernt.\nIn keinem Konzert hab ich gefehlt, und je mehr1 der\nRedakteur in der Zeitung über die höhere Musik\ngeschimpft hat, umso fester hab ich an sie ge-\nglaubt. Alles Toben hat ihm nichts genützt. Die\nReichen gehen gern in die Konzerte, weil sie hier\nsonst nichts haben und die Armen können nicht\nhineingehen, selbst wenn der Redakteur es ihnen\nanraten würde. Hier ist er machtlos. Das Kon-\nservatorium ist das Stärkste in der Stadt: es küm-\nmert sich um keinen und geht seinen Weg. Es\nkommt mir immer vor wie ein fester Turm zwi-\nschen armseligen Hütten.\nEr begann, sich sicherer zu fühlen. Die Scheu\nvor dem Höherstehenden, die seine Worte und Be-\nwegungen bisher gedämpft hatte, verminderte sich,\ngab die Gefühle und Gebärden des Arbeiters frei.\nAus der Unermüdlichkeit, mit der der Direk-\ntor dem Konservatorium vorstand, schlug die Be-\ngeisterung immer größere Kreise, indem sie alle,\ndie mit dem Konservatorium in Berührung kamen,\nan sich zog: die Lehrer; die hervorragenden\nSchüler, die weniger fähigen; die Reichen, die alle\nKonzerte besuchten; die andern, die draußen in\nder Welt lebten und Anteil nahmen an seinem Ge-\ndeihen. Wie eine breite, majestätisch nach allen\nSeiten ausgreifende Ueberschwemmung flutete die\nelementare Freude des Arbeiters. Er lebte nur\nfür das arme Volk, er arbeitete sich durch hun-\ndert und aberhundert Bücher der Politik hindurch*\num das Bestehende kennen zu lernen und nach ihm\ndas Zukünftige zu richten, wie es ihm gut schien.\nAber, ihm unbewußt, glühte noch eine andere Be-\ngeisterung in ihm, die Begeisterung für die Musik.\nSein Wesen trug Knospen künstlerischer Schön-\nheit. Es war die Schönheit einer Arbeiterseele»\ndie, in Not gefesselt, nach Freude verlangt.\nDer Künstler erkannte das Hauptmotiv im Le-\nben dieses schlichten Suchers. Und indem er dies\nerkannte, ergriff ihn ein leises Schuldbewußtsein.\nEr hatte gelebt in dem ewigen Rausch eines\nfruchtbaren Schaffens und immer das Ziel im\nAuge gehabt: den Menschen das neue Kunstwerk\nzu schenken. Aber in diesem Rausch und in die-\nser Hoffnung hatte er vergessen, die, die er so\nreich beschenken wollte, kennen zu lernen, sie zu\nfragen, ob sie denn sein Werk auch haben möch-\nten. — In hartem Hochmut hatte er einsam sein\nWerk geschaffen, — die Erinnerung daran, daß\nunter den Menschen jeder seine andern heiligen\nWünsche hegte, machte ihn unzufrieden mit sich\nselbst. Viele anklagende Stimmen stürzten auf\nihn ein. Die Briefe des Vaters begannen in ihm\nzu tönen, diese knurrigen, nörgelnden Briefe eines,\nMannes, der seinem einzigen Sohn den sonder-\nbaren Wunsch nach der Kunst nur erfüllte, weil\ner ihn für den letzten hielt. In diesen Briefen\ngrollte der Zorn über den „Musikanten\" und lachte\ndie Freude über den gesunden Sohn. Und alle\ndie mahnenden Stimmen derer, die es gut mit ihm\nmeinten; ratende, streichelnde, bittende Stimmen,\ndjie meinten, er müsse seinen überspannten Träu-\nmen entsagen, wenn er in der Welt vorwärts\nkommen wollte. All das Achselzucken und Spott-\nlächeln derer, die ihn nicht verstanden. Alles was\ner je Unangenehmes erlitten hatte, vereinigte sich,\num die Qual dieser Stunde noch schrecklicher zu\nmachen. Ja, dieser Arbeiter war gekommen, im\nNamen desi Volkes Gericht über ihn zu halten, weil\ner im Egoismus des Künstlers nie tatkräftig der\nNot des Volkes gedacht hatte. Und bald würden\nwohl die andern kommen, die Bauern, die Bürger,\ndie Aristokraten. Und die Menschheit, der er\ndas Heil seiner Kunst bringen wollte, die würde\nihm entgegen schreien: Was soll uns deine\nKunst? Gib uns unsere Kunst, die Kunst, die\nwir haben wollen, und die wir haben müssen!\nAlles vereinigte sich in dieser Sommerabend-\nstunde, um ihn mutlos zu machen. Er wehrte sich\ndagegen, aber alle Kraft war zu schwach. Jetzt\nhatte jener anklagende Blick aus großen Arbeiter-\naugen eine Stimme gewonnen, um ihm seine Schuld\nin die Seele zu schreien. Dies war seine Sünde\ngewesen: dem Ruf, den jener Arbeiterschritt in\nder Nacht geweckt hatte, nicht gefolgt zu sein.\nStatt hinter ihm her zu schreiten, hatte er ihn lang-\nsam verklingen lassen in empfindsamem Egois-\nmus, in dem Abscheu vor dem brutalen Erinnert-\nwerden an die Not der andern. In der Qual dieser\nStunde vergaß er, daß der Künstler außerhalb der\nandern stehen muß, wenn er ihnen Erlösung brin-\ngen will. Er gab sich ganz dem Mitleid hin, der\nheimlichen Sehnsucht in den Worten und Gedan-\nken des Arbeiters. Dieses Mitleid war wie eine\ngroße Hand, die unbarmherzig alle freien Gedan-\nken, alle tiefe Freude an neuem Schaffen, alles\nglückselige, fördernde Unbekümmertheit zusam-\nmenraffte und zwischen ihren plumpen Fingern ge-\nfangen hielt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-08-02-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-08_02#c007", "volume": "bmtnabg_1913-08_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.2.7", "titre_corps": "Oratio pro Domo", "titre_sommaire": "Oratio pro Domo", "signature_source": "E. 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Wichman\nTrotz der Vielfalt der Erscheinungen, aus denen\ndie heutige Malerei sich zusammensetzt, scheinen\nmeine (mit Verlaub) eigenen Bilder noch erfolg-\nreich als „abnorm\" betrachtet werden zu können.\nDa diese Bezeichnung keinerlei Urteil über deren\nWert enthält, möchte ich sie hiermit zurückweisen.\nAuch ist zu konstatieren, daß die Bewußtheit\nder bildenden Künstler ein vielfach gefürchtetes,\ndoch unleugbares Zeichen dieser Zeit ist.\nWenn zugegeben wird, daß die moderne Ma-\nlerei nach einer Periode des Realismus sich wie-\nder in „dekorativer\" Richtung entwickelt, ist da-\nmit noch nicht untersucht, welche Idee in dem\nKomplex, der mit diesem Worte angedeutet wird,\ndie primäre und dominierende ist, der sich die an-\ndern unterordnen, und unterzuordnen haben. So\nist es klar, daß in der öffentlichen Kunstbetrach-\ntung allerlei Nebenbegriffe den Hauptbegriff bis\nzur Unsichtbarkeit umhüllt haben, und da, hier\nwie überall, halbe Wahrheiten ganze Irrtümer\nsind, ist des Geschwätzes viel. Das unglückselige\nWort „dekorative Kunst\" selbst verdankt einem\nsolchen Irrtum seine Entstehung; sodaß man jetzt\nallerorts annimmt, der Begriff „dekorative Kunst\"\nbeziehe sich ausschließlich auf die „Dekoration\"\nder Wandflächen. Wie oft wurde Hodler vorge-\nworfen, seine Gemälde seien nur als Frescos\ndenkbar, und als Tafelbilder sinnlos! Es wird auch\nder in diesem Sinne unrichtige Gegensatz aufge-\nstellt: es sei die „realistische\" Kunst ihrer Erschei-\nnung nach Fläche-vertiefend; die „dekorative\"\ndagegen Fläche-abschließend. Auch wird wohl\n„dekorativ\" mit „stilisiert\" identifiziert, indem man\nmeint, das Charakteristische beider sei eine „Ver-\neinfachung\" der Wirklichkeit.\nWenn man den Begriff „dekorativ\" als histo-\nrisch notwendigen Gegensatz des an sich klare-\nren Begriffes „realistisch\" verwenden will, muß\nfestgestellt werden, mit welchem bestimmten\nwirklichen Verhältnis er sich verbunden hat:\nIn schärfstem Gegensatz zu einer Kunstübung,\nderen Ideal mehr oder weniger das „Loch in der\nWand\" ist, stellt sich in der Geschichte, im; Kleinen\nwie im Großen, eine andere (trotz einer steten\nWechselwirkung beider, die verhindert, daß je-\nmals eine der beiden sich rein verwirklicht).\nSie sucht nicht den flüchtigen Eindruck des Auges\nim Kunstwerk zu beständigen. Sie faßt das essen-\ntielle einer unendlichen Anzahl sol-\ncher Eindrücke in einem „Bild\" zusam-\nmen; um so für einen Augenblick die ganze\nVielfalt der Gesichte dieser Welt — die schon\nimmer die Weisen dem Demiurgos als groben\nFehler angerechnet haben — zur ursprünglichen\nEinheit zurückzuzwingen. Wenn das „Sym-\nbol\" nicht schon vorher — wie in der Regel —\nzur leeren Allegorie erstarrt, entwickelt es\nsich zuletzt notwendig zur „Hieroglyphe\",\nindem die schematische Abbildung der typischen\nForm eines Dinges gleichsam dessen sichtbarer\nName wird (Egypten).\nEs sind die „Futuristen\", die, was ich eben\n„Hieroglyphe\" nannte, als „Ligne-force\" suchen.\nUnd mancher Futurist ist dieser Verbildlichung\nder Wirklichkeit nahe gekommen (Boccioni: „Les\nAdieux\"). Auch manches Werk der großen kunst-\ngewerblichen Bewegung, die der Wiederauf-\nlebung der Bildenden Künste voranging, bedeutet\nähnliches.\nDer Gegensatz realistischer und (nennen wir\nes auch ferner, unter Berücksichtigung des Vor-\nhergehenden) „dekorativer\" Kunst ist technisch s o\nzu formulieren: der realistische Künstler sieht\nwas er bildet, der „dekorative\" weiß es. (Schon\ndie letztvergangene Impressionistische Periode\nliefert in dieser Beziehung Beispiele: in wie man-\ncher Zeichnung jener Zeit wird eine ferne Wiese,\nvon der man gewiß keinen Grashalm sehen\nkonnte, durch viele kleine lotrechte (also gras-\nhalmförmige) Striche als solche gekennzeichnet,\neben weil Künstler und Zuschauer sich durch dies,\nstillschweigend angenommene, Zeichen verstän-\ndigen konnten.) Damit ist aber durchaus nicht ge-\nleugnet — da sei Gott wider! — daß die „deko-\nrative\" Kunst nicht visionär sein kann und\nmuß. Ich will den Zusammenhang beim Schaffen\neines Kunstwerks zwischen Theorie und Intuition\nnicht untersuchen, es genügt zu bemerken: das\nBewußte (und jetzt mehr als je) ist eine not-\nwendige Grundlage des Werkes, niemals\nmehr.\nAber einem Künstler, der etwas Absolutes\nwiederzugeben sucht, paßt es kaum, zu tasten\nbis er die reinste Wiedergabe seines „Gesichtes\"\ngefunden hat: er muß auch in dieser Beziehung\nwissen, was er malt, was er malen will. Es muß\njetzt zu Ende gehen mit der impressionistischen\n„Touche\"; mag es auch manchen schmerzen, wie\nmich, dem niedergepeitschten oder schweifenden\nStrich der fetten Oelfarbe und dem nebligen Laube\ndes verwaschenen Aquarells zu entsagen! Keine\nzufälligen Schönheiten einer billigen „Peinture\"\ndürfen die primordiale Einfachheit unserer Wieder-\ngabe beflecken: schmeichelhaft kann es nur sein,\nwenn man uns „Glasmalerei\" vorwirft.\nLaag-Soeren / Holland"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-08-02-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-08_02#c008", "volume": "bmtnabg_1913-08_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.2.8", "titre_corps": "Der Fall Bernd Isemann", "titre_sommaire": "Der Fall Bernd Isemann", "signature_source": "Friedrich Markus Huebner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.7", "debut_caractere": 4834, "fin_caractere_exclue": 8869, "texte": "Der Fall Bernd Isemann\nFriedrich Markus Huebner\nDer provinzielle Auch-Dichter Bernd Isemann\nhat gegen den „Tod in Venedig\" einen Angriff ge-\nschrieben, den zu parieren Thomas Mann unend-\nlich schwer fallen dürfte. Nicht als ob die Schrift\nso übergescheit wäre oder von einer Bosheit,\ndie durch Ueberlegenheit lähmt. Ganz im Gegen-\nteil. Aber das entmutigend Fatale liegt in den\ntrüben menschlichen Akzenten des Elaborats: In\ndiesem subalternen Loskeuchen, in diesem haus-\nbackenen Rechthabenwollen, in dieser platten\nViereckigkeit des Denkvermögens, in dieser gan-\nzen hoffnungslosen, biederen belfernden Geist-\ntölpelei.\nWas soll man antworten, wenn einer loslegt:\n„Ist denn plötzlich das jahrtausendalte Wissen,\ndas Kunst und Natur untrennbare Geschwister\nsind, Unsinn geworden? Bringt die Kunst nicht\nmehr Freude aus naiver Freude am Schönen?\nIst denn das Schöne nicht mehr das, was Freude\num seiner selbst wällen erzeugt? Sind denn die\nKünstler nicht mehr die, die das Schöne schaffen?\nSind die Dichter nicht mehr die, die den reinsten\nKlang der Natur erfassen, die mit tiefstem Gemüt\nan ihr hängen ;und sie loben und immer reiner\nNatur lieben und Unnatur verabscheuen? Ist\nnicht überhaupt Unnatur unpoetisch, wie es bisher\nwar, weil alles nicht Allgemeine unpoetisch ist?\"\nDie rein sachlichen Einsprüche gegen Manns\nNovelle stehen auf der gleichen tristen Ebene phi-\nliströser Verschmitztheit. Ein Beispiel für alle:\n„Aschenbach ist verheiratet gewesen, glücklich\nwie es heißt. Gut. Nun gebe ich aber das Preis-\nrätsel, wie es möglich ist, daß dieser Mann in sei-\nnem unsauberen Abenteuer, das uns vorgeführt\nwird, nicht mit einer Faser seines Herzens, wohl-\ngemerkt in so aufgewühlter Stimmung, jenes\nGlücks gedenkt, das er am Herzen einer Frau\nwill genossen haben. Soll eine Unnatur existieren,\ndie nicht einmal mehr mit einem Fünkchen Dank-\nbarkeit, Erinnerung, Gewissen in peinlichem Kon-\nflikt mit dem verknüpft wäre, was unser höchstes\nmenschliches Glück bedeutet, ohne daß dieser\nMensch von Grund aus schlecht wäre, ein Gemüt-\nloser, von vornherein von künstlerischer Tätigkeit\nausgeschlossen? Ist es möglich, daß ein Dichter,\nein Schriftsteller, ein Skribent es sich entgehen\nließe, den Konflikt zwischen Frau und Knaben, den\neinzig möglichen, wenigstens zu streifen? Gehört\ndenn soviel Phantasie dazu, um im voraus zu er-\nfassen, daß diese blasierte Figur aus Hohlherzig-\nkeit und Schönheitsdusel uns als ein vollendetes\nEkel erscheinen muß?\"\nHernach, bei der Kritisierung des homosexu-\nellen Problems, treibt Isemann «seine täppische\nZudringlichkeit noch schöner und wird, nach Art\nbeschränkter, in dumpfe Rage gebrachter Na-\nturen unverschämt. Er schreibt: „Im Kunstwerk\ntritt der moralische Zweck hinter andere Zwecke\nzum Segen des Schönen zurück. Selbstverständ-\nlich, denn wo eine Freude herrscht, ist Moral als\nZweck bereits erfüllt. Herr Thomas Mann hat es\nanders verstanden, so wie es in die Libertinität\nseine Theoriechen paßt. Er folgert nämlich daraus,\ndaß der Künstler moralisch indifferent sei, eigent-\nlich zum Unmoralischen neige, und zwar in seinem\nPrivatleben. Ich akzeptiere dieses Geständnis\".\nDerlei ruppige Invektiven finden sich noch\nandere. Sie runden bestens ab, was als eigentlich\nentscheidenter Ertrag des Buches bleibt: die\nSelbstpsychographie des Urhebers. Denn der Ge-\nbrandmarkte des Pamphlets ist einzig er: Bernd\nIsemann. Was man erblickt ist der Typus des\nDilettanten, der irgendwo mal etwas hat läuten\nhören, aber nicht weg kommt über das Banau-\nsische seiner Grundveranlagung. Ein Mensch\nohne Belang, der wiederkäut, was in allen Köpfen\nals die durchschnittliche Denk- und Erregungs-\nweise sein plumpes Dasein führt. Ein Stümper\ndes Worts so sehr wie des Genießerverhaltens.\nEin naseweiser Schaftelhuber, mit dem debattie-\nrend sich gemein zu machen, von vornherein ver-\nloren, entnervend, befleckend ist. 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Kandinsky: Handdrucke / Das Exemplar 30 M.\nWilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 15 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n20 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft / Das Exemplar\n25 Mark (5)\nSchmidt-Rotluff: Mann und Weib / Sonnige StraBe\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Niiinsky / Portrat Licht-\ndruck, groBes Format / 10 Mark\nR. Deiaunay: Album / Elf Phototypien von\nGemSlden (ein Farbenlichtbild) mit einem Qedicht\nvon Guillaume Apollinaire / Das Exemplar 10 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Qe-\ndichten von A r n o H o 1 z / Fur Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz I Umberto Boccioni: Abschied/\nFranz Marc: Affenfries\nRobert Deiaunay: La Tour\nOskar Kokoschka: Utinarri delectet\nMappen\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-08-02-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-08_02#c013", "volume": "bmtnabg_1913-08_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "88", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Ar-\nchipenko / Arbeiten in Stein / Studien\nder Stilarten /' MaBige Preise\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama / Be«\ngriindet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge-\nwidmet der Dichtung und dem Drama der Gegen*\nwart in alien Landern / Probeheft gegen Einsen*\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n10 Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop / London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antiqua.\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen iiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur\nBraunschweiger G-N-C-Monatsschrift: Neues und\nWissenswertes iiber Literatur / Kultur / Kunst /\nWissenschaft und Technik / Einzelbezug 80 Pfen-*\nnig I Vierteljahrlich Mark 2 / Probenummern um-.\nsonst I Verlag Grimme Natalis & Co. C-G a A\nBraunschweig\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Verein\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\nerhalten jahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 \\\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark.\nGeschSftsstelle der Neuen Sezession: Steg-.\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 269$\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernru? Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nPrazske Umelecke DHny I Prager Kunstwcrk-.\nstatte fiir neue Kunst / Mobel / Beleuchtungskor-\nper I Textilien / Prag, I / Veleslavinova 3\nThe Lantern: Eine Monatsschrift / Die\namerikanische Zeitschrift des Protestes /\nOrgan der Gesellschaft Junger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWalden\nI Zehntes Jahr / Man verlange kostenlose\nMitteilungen iiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.1", "texte": "Umfang: acht Seiten\nEinzelbezug 40 Pfennig\n■■ BH ■■ ■\nB™? ZgäßS »glg w fffrffii'i^';r.y-\"*I'*'1'*' il?Pi Jj? ISSHb JE *£■$\n..•fjfy ISjSp §sC:t? I'■;./•;' V?'T-*' ■ ' HK.\non M äfe© Jgr H[\nJBib4, JHL «JIL. *% :;^\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungs räume\nBerlin W9/ Potsdamer Straße 134 a\nVIERTER JAHRGANG\nBERLIN-PARIS AUGUST 1913\nNUMMER \\lty\\l£\n\nInhalt:\nAage von Kohl: Der schöne Korporal / Mynona: Rosa die schöne Schutzmannsfrau / Alfred Richard Meyer: Paris / Arthur Babillotte: Die\nSchwermut des Genießers / E. Wichmann: Oratio pro Domo / Friedrich Markus Huebner: Der Fall Bernd Isemann / Emil Ernst Mehnert: Gedicht /\nDelaunay: Zeichnung\n\nDelaunay: Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.2", "texte": "Der schöne Korporal\nVon Aage von Kohl\n\nDer Korporal Yoshivara machte Kehrt, wie nur\ner es machen konnte, und ging zurück zu seiner\nKompagnie, die an der Waldkante lag.\n„Korporal Yoshivara meldet dem Herrn Kapi-\ntän, daß ich vom Regiment Erlaubnis bekommen\nhabe, zu versuchen!\" — sagte er und führte die\nlangen schlanken Finger seiner Rechten zur\nMütze. Seine Fingernägel leuchteten wie Perl-\nmutter in Bronze eingefaßt, und sein Oberkörper\nhob sich wie eine ranke schlanke Blume von sei-\nnem Ledergurt.\nDer Kompagniechef hatte seine Mütze tief in\ndie Augen gedrückt; er stand breitbeinig, ein dün-\nnes kleines Zigarettchen beinahe auf die Unter-\nlippe festgeklebt. Der Schatten eines Buchen-\nbaums machte ihn ganz grün im Gesicht.\n„Gut!\" sagte er und lächelte, ohne daß die Zi-\ngarette sich bewegte. Er ließ seinen Blick über\ndas schmale Gesicht des Korporals gleiten, dessen\nAugen so groß und tief waren mit bläulich durch-\nsichtigem Emaille und scharfen gebogenen Wim-\npern. Die Nüstern Yoshivaras vibrierten ein we-\nnig und ein kleines Lächeln zeigte die stark roten\nLippen gegen seine weißen Zähne.\n„Erlauben Sie, daß ich mich fertig mache, Herr\nKapitän?\" fragte er und wieder huschte das kleine\nLächeln über seine Lippen. Die rechte Hand hielt\ner noch an der Mütze.\nDer Kapiätn legte seine Hand auf die Schulter\ndes Korporals und nickte.\n„Glück auf!\" sagte er mit kaum verständlicher\nStimme, wie immer wenn er nicht kommandierte,\n— „aber vergessen Sie nicht, daß die Kompagnie\neinen solchen Unteroffizier wie Sie nicht missen\nkann.\"\nDie großen veilchenblauen Augen Yoshivaras\nlächelten.\n„Gut, Herr Kapitän!\" sagte er. Und wie vor-\nher machte er mit einem schnellen Ruck Kehrt.\nEr ging ein paar Schritte seitwärts und\nschnallte nachher seinen Ledergurt ab. Die Ka-\nmeraden schielten nach dem unbegreiflich kurzen\nRiemen. Seine weiße Kante zeigte, daß Yoshi-\nvara ihn einfach abgeschnitten hatte, was streng\nverboten war. Durch die niedrigen Bäume sah\nman das Tal unten mit seinem Fluß. Die Sonne\nwar schon mehrere Stunden auf. Die Kompagnie\nlag seit geraumer Zeit auf demselben Platz, jeder\nMann auf seinem Platz in der Schußlinie.\nEs war verboten zu sprechen, man hörte nur\nhier und dort ein halblautes Kommando der Zug-\nführer.\nAber alle in der Kompagnie, Gemeine, Unter-\noffiziere und Offiziere starrten, alle ganz betört,\nKorporal Yoshivara an, der einige Schritte hinter\nder Schußlinie stand und sich auszog.\nEr machte die Kravatte auf und warf sie hin\nzu dem Ledergurt. Der lag schon zusammen-\ngerollt wie eine Giftschlange neben einem Mohn-\nbusch mit roten giftigen Blumen.\n„Ja!\" sagte der dicke Obersergeant Ohashi, der\ndie zweite Abteilung kommandierte, und der nie-\nmals flach liegen konnte wegen seines Magens, er\nstieß Sergeant Mennai, der dicht neben ihm lag,\nleicht an: „Kannst du verstehen, wie seine\nSachen! Es sieht ja immer aus als wäre alles\nganz neu, nicht?\"\nSergeant Mennais Gesicht verriet seine Lust,\nimmer mit Bosheiten zu kommen, die man doch\nnie feststellen konnte. Er schielte hin zu dem\nObersergeanten, dessen Gesicht wie die Sonne in\nder Fahne des Bataillons war.\n„Die Mädels!\" sagte er und starrte wieder\nYoshivara an.\nDer Korporal hatte indessen seinen Waffen-\nrock ausgezogen, und die Offiziere lächelten sich\nschwach einander zu, Yoshivara hatte nämlich\ntrotz dem Kompagniebefehl des vorigen Monats\ngar keine Spur von Hemd oder so was. Die leicht\nbräunliche Haut lag fest um die breiten Schultern\nund den schlanken Leib. ? Die zwei Brustflecke\nglichen ganz kleinen flachen Mohnblumen. Er\nhob den rechten Arm und drehte sich halb um,\nund ein bronzegoldener Schein glitt über seinen\nRücken, wo die Haut zitterte und die Muskeln sich\nbewegten.\n„Ah, der Schurke!\" sagte der Kapitän zum\nUnterleutnant Katomo, der sein Lächeln mit sei-\nner Hand verbarg, „und hier steht er und zeigt\nuns gerade ins Gesicht seine niederträchtige Un-\ngehorsamkeit!\"\n„Aber das geht auch bald zu weit mit ihm,\nder !\" fügte er schnell hinzu, und sandte\nseinem Leutnant einen scharfen Blick. Aber Ka-\ntomo wischte ein bißchen Staub von seiner Uni-\nform und lachte halblaut, er kannte die Anfälle\nvon Aerger, die der Kapitän gegen Yoshivara\näußerte — sie endeten immer mit Begeisterung\nund Lob.\n„Und dazu seine Mädchengeschichten!\" sagte\nder Kapitän und versetzte wieder dem Leutnant\nein paar Augen „alle seine Mädchen!\"\n„Ja!\" sagte jetzt der Leutnant und warf\nlachend den Kopf zurück, „ganz gewiß bewundern\nin diesem Augenblick mehrere paar Mädchenaugen\nunseren schönen Korporal!\"\nDer Kapitän schüttelte sich vor Lachen, und\nschlug mit seiner Faust Katomo beinahe zur Erde.\n„Ja, darüber würde ich mich auch nicht wundern.\nVielleicht hat |er ein paar im Walde von heute\nNacht versteckt!\"\nDer Korporal hatte schnell seine Stiefel aufge-\nschnürt, und stand jetzt ganz nackt und schlank\nin der heißen Sonne.\nEr nahm mit einer lässigen Geberde seinen\nLedergurt vom Mohnbusch. Dabei riß er eine\nBlume ab, nahm sie, lächelte sein rätselhaftes\nLächeln, das immer nur von Liebe träumte, und\nschob den zerbrochenen Stengel unter den Leder-\ngurt. Die blutrote Blume glich einem Portepee\nauf Yoshivaras linker Seite. Aber dann machte\ner mit einmal ein ganz strammes und ernstes Ge-\nsicht und schob ostentativ und vorsichtig die\nBlume noch ein bißchen. Und er lachte, ausge-\nlassen wie ein Knabe. Die Mannschaft lachte\nselig und guckte zu den Unteroffizieren hin.\n„Na, ein bißchen eiliger, Korporal!\" — sagte\nder Kapitän, weil er es nötig fand, ein klein biß-\nchen auf Würde zu halten — in Wirklichkeit war\nnämlich gar keine Eile — „jetzt los!\" — er nickte.\nYoshivara schlug gleich die Hacken zusammen\nund streckte die Arme herunter. Die Sonne fiel\nüber seine schlanke Gestalt und er glich einer\nStatue aus irgendeinem heißen unwirklichen Stoff.\nDie weißen Zähne saßen wie ein Opalstrich mit-\nten in dem feuchten Rot der Lippen.\n„Gut, Herr Kapitän!\" sagte er. „Gut!\"\nEr ging einige Schritte und sprang durch die\nSchußlinie, leicht und schnell, lief durch die\nBäume, die zwischen dem Lager und der Wiese\nstanden. Wie auf Kommando schob sich die\nganze Kompagnie, Soldaten wie Offiziere, ohne\neine Sekunde zu zögern, ein halbes Dutzend Ellen\nvorwärts, um ihn weiter sehen zu können.\nIn drei, vier langen Sprüngen nahm er den\nsteilen sandigen Abhang und erreichte die Wiese.\nEs krachte plötzlich und gewaltig von dem an-\nderen Ufer, und wie kleine weiße Wolken umgab\nihn der Pulverrauch. Die Russen da oben hatten\nihn gesehen und angefangen, auf ihn zu schießen.\nAber Yoshivara stand einen Augenblick still\nund sah lächelnd zuerst hinüber zu den Russen\nund nachher zurück zu den Kameraden, denn\nohne es gesehen zu haben, wußte er instinktmäßig\nund ohne Ueberlegung, daß die Kameraden sich\nso plaziert hatten, daß sie ihn immerzu beob-\nachten konnten.\nPlötzlich hob er die beiden Arme seitwärts,\nbewegte die Hände in Wellenform und fing an,\nsich in den Hüften zu wiegen. Er bewegte sich im\nTanz ein oder zwei Minuten. Die Schüsse kamen\nnäher imd näher; die Projektile sausten mit lan-\ngen saftigen] Klatsch herunter in die nasse Wiesen-\nerde. Schneller und schneller.\n*\nKeiner wußte, ob der Korporal wirklich Yoshi-\nvara hieß oder nicht. Der Obersergeant, der\ndicke Ohashi, hatte zwar erzählt, daß in den Kom-\npagniebüchern er unter Korporal Fusu Yoshivara\naufgeführt War, aber es brauchte deshalb nicht\nso zu sein. Wer könnte auch einen solchen Na-\nmen haben wollen, wie das Quartier in Tokio?\nKonnte man sich das denken, eine Familie sollte\nebenso heißen wie das Quartier, wo die öffent-\nlichen Mädchen wohnten!\nAber einerlei. — Der Name paßte/ ihm gut, dar-\nüber waren sich alle einig. Einige behaupteten\nsogar, daß er den Namen bekommen habe, weil er\nin diesem Quartier von seiner Schönheit lebte.\n„Ja, sie werden ganz toll, die Mädels, wenn sie\nihn nur sehen!\" sagte der Obersergeant seufzend.\n„So ist es!\"\nAber so lange das Regiment — vor dem\nKriegsausbruch — zu Tokio in Garnison lag, wa-\nren auch alle darin einig, daß Yoshivara ein\nschlechter Soldat sei.\nGewiß! Er war schön genug, und flink genug\n— sogar viel zu viel von beiden. Gerade seine\nSchönheit war sein Unglück. Keiner im ganzen\nRegiment hatte eine solche Strafliste wie er. Er\nwar niemals nachts im Lager, nein; und dann\nkam er zur Morgenparade und sah aus wie eine\nLeiche — gerade wie eine Leiche sah er aus.\nSicher zwanzigmal hatte der Kapitän ihn gestellt.\n„Nanu, Korporal Yoshivara!\" sagte der Kom-\npagniechef, legte sein Gesicht in Falten und schlug\nmit seinen Fäusten auf den gelben Bureautisch.\n„Jetzt ist es wieder verrückt, es ist das vierte\nMal in zwei Monaten, daß Sie nicht zum Morgen-\nappell da sind!\"\n„Es ist) zum dritten Mal, Herr Kapitän, nur zum\ndritten!\" sagte der Korporal und sah den Kapitän\nmit großen unschuldigen Augen an.\nDer Kapitän wurde ganz verwirrt über seinen\nIrrtum, im Innern auch sehr froh darüber. „Na,\"\ner nickte ein paar Mal, seine Stimme wurde aus\nlauter Erleichterung ganz kurz, „na ja, dann ist\nes ja eine ganz andere Sache, dann habe ich\nIhnen Unrecht getan!\"\nAber dann fand er doch, daß der Korporal zu\nbillig davon gekommen sei, und er beeilte sich,\nein ganz strenges Gesicht zu machen und drohte:\n„Aber wagen Sie nicht die Geschichte nochmals\nzu machen. Es wird schlimm enden.\"\nAb und zu aber mußte der Kapitän doch Yo-\nshivara melden, oder ihm eine Strafe auferlegen.\nNachher fragte er immer regelmäßig und hoff-\nnungslos: „Willst du mir jetzt versprechen, daß\nes das letzte Mal war?\" Er legte seine Hand er-\nmahnend auf Yoshivaras Schulter und freute sich\ninnerlich über diese schöne schlanke Gestalt, an\nder er nichts von Rummel, Mädels und Dunkel-\narrest merken konnte. Der Korporal lächelte ein\nbißchen und hob die reinen Augen zu seinem Chef\nempor. „Gut, Herr Kapitän!\" sagte er dann mit\neinem so indifferenten Tonfall, daß es ihn zu gar\nnichts verpflichtete."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.3", "texte": "Und der Chef ließ ihn gehen, er wußte, es half\nalles nicht.\nAber es half doch zuletzt. Der Krieg kam\nnämlich, und dann wechselte der Korporal die\nTaktik das heißt, die Nächte war er immer noch\nnicht im Lager; in Schnee und Regen, so bald\nsich eine Gelegenheit bot, war Yoshivara weg.\nAber eine Viertelstunde vor dem Morgenappell\nwar er auf seinem Platz und keiner hielt seine\nMannschaft so flott in Ordnung wie er.\nYoshivara war auch sehr musikalisch, und des-\nhalb wurde er von den Gemeinen sehr geliebt.\nAbends, Wenn die Verhältnisse es erlaubten,\nund er nicht auf seine Privatjagden ausging,\nkonnte er stundenlang auf seinen Samiseng spie-\nlen, immer dieselbe schwermütige monotone Me-\nlodie, wonach die Mädchen in d e m Quartier von\nTokio so oft für ihn getanzt hatten. Es klingt, als\nzerreißen einige hart gespannte Stahlfäden, die\nam Herz befestigt sind, sagte der Korporal mit\nsehnsüchtigen feuchten Augen. Er sehnte sich\nnach diesen großen Häusern mit den vergitterten\nFenstern.\nDer Gemeine 94, der Ausrufer in einem solchen\nHaus gewesen war, das heißt den ganzen Tag auf\nder Diele gesessen und die Schönheit der jungen\nFrauen in langen Versen gelobt hatte, — er redete\nimmer so eigentümlich, fanden die anderen — er\nnickte mit seinem übergroßen Kopf. „Ja, gerade\nso klingt es!\" — sagte er. „Oder auch ist es, als\nob man wieder zu Hause wäre, eine Nacht mit\nMondschein, und weißen starkduftenden Blumen,\nund die Seelen der Eltern sitzen am Kopfkissen\nund flüstern mit ihren Luftstimmen so viel Grüße!\"\nSo sagte Nummer 94 und wurde so gerührt und\nunglücklich über seine eigenen Worte, daß er fort-\nschlich um zu weinen. Er fand es so hübsch, was\ner gesagt hatte, und doch war es ihm als hätte es\nirgend ein Fremder gesagt.\nAber der Korperal konnte noch viel mehr als\nSamiseng spielen.\nEr war es nämlich, der damals die wahnwitzige\nund waghalsige Geschichte mit den Patronenkas-\nten ausgeführt hatte. Es war so gekommen; eines\nspäten Abends — am Yalufluß — wurde er mit\neiner Streifpatrouille bestehend aus drei Mann\nausgesandt, um die russische Vedette zu beun-\nruhigen.\nEs gelang ihnen im Dunkel durch die Schußlinie\nzu schleichen, vorbei an ein paar Feldposten und\nganz hin zur Feldwache. Vorwärts krochen sie\nlangsam zu dem Kompagnieleuchter, der zwischen\nden Flintenpyramiden hing. Dahinter schlief die\nMannschaft.\nEin Posten ging hin und zurück mit seiner\nFlinte im Arm.\nDer Korporal und seine drei Begleiter waren\nbei dem schon längst ausgegangenen Kochloch\nangekommen, hier versteckten sie sich, um zu\nüberlegen, was man machen könnte. Plötzlich\nentdeckte Yoshivara, daß ein paar gefüllte Patro-\nnenkasten in der Mitte der Flintenpyramiden stan-\nden. Gleich hatte er sein Plan gefaßt und alle\nVier nahmen Sicht nach den Kasten, so gut wie\nes im Dunkel möglich war, und gaben Feuer. Daß\nsie getroffen hatten, ließ sich bald merken. Ein\nhöllischer Radau und eine Sekunde ganz tages-\nhell. / Die beiden Kasten waren explodiert.\nDas Pulver flog pfeifend in alle Richtungen, die\nFlintenpyramiden fielen um und die schlafende\nRussen fuhren wild und fluchend auf. Einen\nAugenblick nachher wurde es wieder pechschwarz\nund es gelang Yoshivara und seinen Männern fort-\nzukommen. —\nNoch eine Geschichte von Yoshivara.\nEines Tages war er auch ausgesandt mit einer\nStreifpatrouille. Sie waren bei einer tiefen breiten\nKluft angekommen. Der Korperal ließ Nummer\n73 an der einen Seite liegen bleiben und er selbst\nund 72 krochen auf die andere Seite. Gerade her-\naufgekommen stießen sie direkt auf fünf bis sechs\nOchotnikisen. Yoshivara schoß sofort einen nie-\nder und warf sich nachher wieder herunter, aber\n72 wurde von den Feinden zur Vergeltung nieder-\ngeschossen. Yoshivara war noch nicht in Sicher-\nheit. Als er wieder auf die andere Seite klettern\nwollte, wurde er von allen Seiten beschossen, ein\nSchuß streifte seine Schulter, einer ging durch\nseine Flinte. Er sah ein, daß es auf die Weise\nnicht gelingen würde. Er gab ein Todesgeschrei\nvon sich und ließ sich als tot den ganzen Abhang\nherunterkollern. So lag er da mit der Nase in der\nLuft und die Arme weit ausgebreitet. Er schielte\nhinüber zu den Feinden. Sie hatten jetzt zu schie-\nßen aufgehört, glaubten, daß er tot sei, aber zwei\nblieben auf ihren Posten, und Yoshivara mußte\nvier und eine halbe Stunde tot liegen, bis Nummer\n73 zum Lager zurückgekehrt war und mit eine\ngrößere Patrouille wiederkam. Aber der Korpo-\nral sagte, daß er in seinem ganzen Leben nie so\nlange ausgeruht hatte wie damals.\n„Er ist ein ganz verteufelter Kerl!\" — sagte\nder Kapitän immer morgens zu Premierleutnant\nKatomo — ihre Morgenunterhaltung endete immer\nmit Yoshivara — ich verstehe nicht, wie er es\naushalten kann. Niemals krank, niemals müde,\nimmer bereitwillig. Aber er ist eine Perle von\nUnteroffizier, das ist er, das ist das ganze Geheim-\nnis\" fügte er vertraulich zu.\n„Wenn nur nicht die Mädels \" brauste\ner wieder auf.\n„Ah!\", sagte der Premierleutnant lächelnd, „es\nsind ja glücklicherweise nur die hübschesten, die\ner gern hat.\"\n„Ja, da haben Sie, Donnerwetter, recht!\" der\nKapitän lachte erleichtert. „Übrigens die Mädels\nlaufen ihn nach, er nicht den Mädchen, das ist ja\nauch weniger anstrengend für ihn!\" sagte der Chef\nund lachte so vergnügt und entzückt, als wäre\nYoshivara sein einziger Sohn und die Mädchen,\ndie ihm für einen Kuß alles gaben, Prinzessinnen.\n*\nHeute, ganz früh, war das Regiment aber zum\nKampf aufgestellt. Zwei Bataillone in der ersten\nReihe. Yoshivaras Kompanie wurde an die Wald-\nkante verlegt.\nEin Adjudant war vor einer Stunde bei dem\nRegimentschef gewesen und hatte Order gegeben,\ndaß das Regiment sich versteckt halten und zuerst\num neun Uhr morgens angreifen sollte. Zu der\nZeit würden dann die, anderen beiden Regimentern\nan ihren Platz angekommen sein, eine halbe Meile\nöstlich von Ju-schu-ling.\nDer Regimentschef rief die älteren Offiziere\nzusammen und gab seine Order. „Sie müssen also\nuntersuchen lassen, ob das Flüßchen zu überwaten\nist, Kapitän!\" sagte der Oberst zuletzt zu Yoshi-\nvaras Kompagniechef, und ließ seinen weißen\nGlagehandschuhfinger die blaue Linie folgen, die\nden Fluß auf der Karte markierte.\n„Jawohl, Herr Oberst!\" — sagte der Kapitän\nund schlug die Hacken zusammen. Es war eine\nGewohnheit, die ihn immer ärgerte und puterrot\nim Gesicht machte, wenn er wieder aufzupassen\nvergessen hatte.\nYoshivara hatte sich gleich gemeldet, als der\nChef einen Freiwilligen verlangte, um den Fluß zu\nuntersuchen.\nDer Chef wurde aber nichf froh, als er der Kor-\nporal sah, er wußte, die Russen schliefen nicht\ndaoben.\n„Warum Sie, warum Sie!\" — nörgelte er und\nmachte dem Korporal ein paar Augen, „ist schon\ngut genug mit einem Gemeinen.\"\nNa — selbstverständlich war er wohl heute\nNacht wieder draußen gewesen — dachte der Chef\nfür sich — das konnte man deutlich sehen. Er\nkannte die dunklen Schatten, die übrigens nur Yo-\nshivaras Augen noch hübscher als sonst machten.\n„Ich möchte aber sehr gern Erlaubnis dazu\nhaben!\" — sagte Yoshivara mit ganz militärisch\nstrammem Gesicht.\n„Na, ja. Dann los!\" — Der Kapitän warf ihm\ndie Worte zu. —t „Das heißt!\" — fuhr er dann fort,\nwenn es der Regimentschef erlaubt, daß wir einen\nKorporal dazu nehmen. Gehen Sie selbst hin fra-\ngen!\" — Es war schlecht versteckte Schaden-\nfreude in seiner Stimme — der Chef wird nie sein\nErlaubnis dazu geben, dachte er.\nAber der Chef hatte, Donnerwetter noch mal,\ndoch seine Erlaubnis gegeben, und jetzt stand die-\nser verteufelte Junge da und spielte mit seinem\nLeben. Die Kugeln schlugen dicht um ihn nieder\nin das nasse Gras.\nDer Kapitän hätte beinahe Order gebrüllt, daß\ner sich beeilen sollte, aber er nahm sich im letzten\nMoment zusammen.\nDer Koporal hatte angefangen in dem Wasser\nzu waten. Die Projektile verfolgten ihn, sie\nspritzten das Wasser in die Luft, Silberstangen in\nder Sonne.\nJetzt ging ihn das Wasesr bis zu den Knien.\nDie Waden huschten unter dem Wasser wie\nschwache Schatten. Seine Haut war mit einem\nSchimmer von Topas-Silber-Bronze übergössen.\nEr drehte sich einen Augenblick um, und die blutige\nMohnblume schaukelte in dreistem ausgelassenen\nStreicheln über seine Lenden.\nGlasweiß spritzten die Kugeln um ihn.\n„Ja, er ist fertig!\" sagte der Kompagniechef,\nund seine Fingern bewegten sich nervös und un-\naufhörlich, während seine Augen wie festgenagelt\nder goldenen Gestalt in dem kochendem Wasser\nfolgten.\n„Sie können es nicht vermeiden ihn zu treffen.\nSo wie er da geht, und mit den Schüssen vollstän-\ndig spielt. Sie können nicht, sie müssen!\" seine\nMundwinkel zitterten.\nAber Katomo lächelte hoffnungsvoll. —\n„Yoshivara wird sich schon helfen.\" —\nUnd einer von den Gemeinen sagte plötzlich,\nohne seinen Kopf zum Chef umdrehen:\n„Ja, wenn der Korporal sterben könnte — wäre\ner schon lange tot, so ist es.\"\nUnd die Kameraden wiederholten nickend, „Ja,\nso ist es!\"\nDer erste sprach weiter: „Es waren wohl\nwenigstens hunderte, die w,as mit ihm hatten und\ndas sogar mit Messer und Flinte, aber keiner kann\nihn fangen.\" —\nDer Kapitän und der Leutnant lachten still, aber\nsie fühlten sich doch ein bißchen erleichtert.\n„Na, still!\" — sagte der Kapitän, „nicht\nsprechen im Glied!\" —\nDas Wasser reichte Yoshivara jetzt zum Leib\n— die Mohnblume floß vor ihm wie ein großer\nBlutstropfen hin und her im dem brodelnden Was-\nser.\nEin oder zwei Minuten verliefen, Yoshivara\nging prüfend links und rechts um die Tiefe festzu-\nstellen.\nJetzt war er am Ufer angekommen. Das Schie-\nßen hörte auf, weil die Russen ihn nicht mehr\nsehen konnten. Der steile Abhang verdeckte ihn,\nund er lief schnell und leicht den Abhang hinauf.\nEin klagendes Seufzen der Kameraden ließ sich\nhören — und ein bißchen weiter rechts und links\nim Walde sah man zwei angstweiße Mädchenge-\nsichter — daoben, versteckt hinter einem Busch\nlag ein russischer Soldat und zielte auf den Kor-\nporal."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.4", "texte": "Der Kapitän hob seine Hand mit der kleinen\nSignaltrompete, als wollte er, unabgesehen von\nallen Ordern, die Ruhe geboten, das Feuer eröff-\nnen, und er griff Katomos Arm gewaltig und\nfest —\n„Ah, Korporal Yoshivara\" — sagte er ohne es\nzu wissen.\nKatomo, der Premierleutnant, versuchte sein\nGesicht wegzudrehen, um nicht zu sehen, was ge-\nschehen mußte, aber er konnte seine Augen nicht\nlosreißen.\nDer Russe drehte seine Flinte, Yoshivara hatte\neine andere Richtung eingeschlagen, die Sonne\nfiel auf die glänzenden Mündung und ließ sie fun-\nkeln wie ein Brillant.\nEs gab ein Ruck in dem Korporal, er sah es\nfunkeln und wußte sofort, was es war. Blitzschnell\nmachte er ein paar Seitensprünge, und die Kame-\nraden sahen, wie die Muskeln in seinem Körper\nsich spannten zu einer gewaltigen Bewegung. Die\nSoldaten hoben sich zur Hälfte auf und folgten\nmit halbgeöffneten Münden atemlos dem Auftritt.\nUnd mit einem Mal war der schöne Korporal\nüber den Russen — wie ein Tiger durch die Luft ge-\nsprungen. Er schwang die Flinte des Russen über\nseinem Kopf und ließ die Waffe herunterfallen auf\ndie weiße Stirn des Feindes. Es war ein Murmeln\nin der Kompagnie, die Leute mußten sich alle zu-\nsammennehmen, um nicht in Jauchzen auszubre-\nchen. Die wußten alle, wenn der Russe Yoshivara\ngetötet hätte, hätten sie alle geschossen, um ihn zu\nrächen.\nAber jetzt klang das Signalhorn, es war neun\nUhr. Der Kapitän lief über die Schießkette,\nschwang seinen Säbel über den Kopf und brüllte.\n„Vorwärts\". In einem Nu war die Kompagnie ge-\nfolgt, und wie mit einen Riesenlachen fingen die\nrussischen Kanonen an zu schießen. Auf dem feind-\nlichem Ufer lag der Korporal und schoß mit der\nrussischen Flinte lächelnd vor Freude auf die\nFeinde.\nDie Kompanie watete schnell durch das Wasser\nmit den Waffen üben dem Kopf.\nAlle ihre Gedanken waren bei Yoshivara. Aber\ner drehte seinen Kopf und lächelte den Kameraden\nzu, ließ den heißen Sand über seinen Bauch und\ndie Beine rieseln. Er winkte übermütig lachend\nmit dem nackten Fuß. „Halt\" — brüllte der Ka-\npitän, der zuerst oben war. Seine Brust wogte\nnach dem schnellen Lauf. Er nickte lächelnd sei-\nnem Korporal zu.\n„Schußkette. — Magazin — Schießen —\" kom-\nmandierte er, und die Sektionsführer wiederholten\nmit ihren heißen Stimmen „Schießen\".\n„Schießen\" — brüllte Yoshivara lachend, und\nsteckte neue russische Patronen in seine russische\nFlinte. Er nahm lange und genau Sicht. Sein\nKörper lag ganz ruhig mit allen Nerven sicher, bis\nder Schuß abgegangen war.\nDer Lärm und das Schießen berauschte wie\nWein. Man wurde ganz betäubt und taumlig\ndavon.\nDer Gemeine 87 hob sich ein bißchen, warf\nseine Flinte hinter sich und fiel Hals über Kopf den\nAbhang herunter. Sein Seitenmann hob den Kopf\num ihm nachzusehen. Man hörte etwas Hartes —\nwie ein Stockschlag auf festes Fleisch — und sein\nKopf fiel herunter mit gespaltenen Schläfen.\nYoshivara konnte sehen, daß links, wo die bei-\nden anderen Regimentern standen, scharf geschos-\nsen wurde. Er lud seine Flinte wieder und schoß.\nEin Schuß schlug in die Erde neben ihn, das Pro-\njektil fiel auf einen Stein und ging mit einem tie-\nfen Brummen in der Luft gerade über Yoshivaras\nKopf. Seine Augen wurde ganz voll Staub.\nEr lächelte und entfernte ihn mit einer Hand-\nbewegung.\nMan hörte die Signaltrompete des Kompagnie-\nchefs, sie hatte einen engen Ton. Und gleich dar-\nauf die schreienden Töne von den Sektionsfüh-\nrern. Es ging wie zitternder Stahldraht durch die\nGehirne.\n„Halt\" — riefen die Führer. Das Schießen hielt\nmit einmal auf, es war als wäre nicht ein Mann\nam Leben. Die Stille ging wie ein Surren im\nKopf. „In Gruppen. 40 Meter vorwärts\"! — kom-\nmandierte der Chef mit lauter Stimme — „rechter\nFlügel fängt an!\"\nPremierleutnant Katomos Abteil lag rechts. Er\nhob seinen Kopf und rief: „Rechte Sektion, 40 Me-\nter Sprungmarsch. Vorwärts . . . .\" Sein Kopf\nfiel mit einem Ruck auf die Erde. Das schwarze\nLoch in seiner Stirn wurde langsam gefüllt mit\nSand, der sich mit dem Blut mischte.\n„Schießen\" — kommandierte der Kapitän. Die\ndrei linken Abteilungen schössen, um die Kame-\nraden zu decken, die vorwärts liefen. Der Ser-\ngeant, der. neben Katomo lag, warf einen Blick um\nsich und rief: „Vorwärts!\" — Acht — neun Mann\nfingen an zu laufen. Einer suchte sich zu heben,\naber sank mit einem Schrei zurück. Ein anderer\nhob einen Augenblick seine Hand. Zwei lagen un-\nbeweglich da, und Katomo sah aus, als schliefe er.\nWieder rief der Sergeant: „Vor—wärts\"! —\nund wieder liefen zehn Mann. —\nUngefähr um ein Uhr waren die Russen zurück-\ngedrängt, und erst dann hatte Yoshivara Zeit sich\nanzuziehen. Die Haut hing in Fetzen über seinen\nganzen Körper. Nur die Kniee waren hautlos, weil\ner auf ihnen beim Schießen gelegen hatte.\n„Na\"! — sagte der Kapitän, und kniff den Kor-\nporal ins Ohr, das so klein wie ein Frauenohr war,\n„es ist wohl was ganz Neues für Sie, in Kleidern\nzu gehen nicht wahr?\" Er lächelte. „Aber wenn\nSie nochmals solche Tanzvorstellungen geben mit-\nten im Dienst so . . . .\" er sagte nichts mehr, um\ndie Drohung schärfer zu machen. „Daß Sie ein\ntüchtiger flinker Unteroffizier sind, das wußten\nwir ja alle. Na, jetzt ins Glied!\" — sagte er und\nlächelte dem kecken frohen Gesicht Yoshivaras\nzu.\nDie Kompanie sollte in der eroberten Stellung\nbivakieren, diese Nacht. Der kleine Secondeleut-\nnant, der morgen nach Katomo Premierleutnant\nwerden sollte, ging herum und plazierte Posten.\nNatürlich fehlte Yoshivara beim Appell. Er hatte\nvon seinem Sektionsführer Erlaubnis bekommen,\nsich einen Augenblick zu entfernen. Als Ohashi\ndies meldete,, lachten alle Unteroffiziere. „Na, dann\nkommt er wohl gleich wieder,\" sagte der kleine\nLeutnant, der zu jung war und nicht mitzulachen\nwagte, „er braucht sich nicht zu melden, wenn er\nwiederkommt.\"\nSpäter, abends, als die Offiziere zusammen\naßen, alles war Frieden, die Feinde weit weg,\nwurde nur von Yoshivara gesprochen. Yoshivara,\nder vier Stunden ganz nackt gekämpft hatte.\nSein Kapitän ging herum strahlend und lächelnd\nund erzählte und gab Mitteilungen. „Ah\"! — sagte\ner seufzend einen Augenblick, als er sich Katomos\nerinnerte, Premierleutnaint Katomos, der viele\nJahre in seiner Kompanie gewesen war, der tüch-\ntigste Offizier, den er gekannt hatte. „Katomo\nsagte, daß ein paar Mädelchens auch im Walde\nlagen und ihm nachsahen. Ich weiß nicht, von wem\ner es hatte, aber\" — der Kapitän schwieg einen\nAugenblick, bog sich heran und flüsterte in Kapi-\ntän Hoksais Ohr: „wissen Sie, lieber Kapitän, wenn\nSie wüßten wie die Mädels ihm nachliefen, so\nwären Sie auch sicher, daß die Mädels ihm nach-\ngesehn hätten. Er war natürlich weg die ganze\nvorige Nacht. Und dann wollten sie ihn sicher\nnoch mal sehen. Ha, ha, ha!\"\nAm nächsten Morgen, zehn Minuten nach fünf\nUhr, stand der Kapitän auf dem Bivakplatz und\nsprach mit dem kleinen Leutnant; inzwischen lief\nder Stabsergeant hin und her und zählte die Ge-\nmeinen.\n„Natürlich\"! — sagte der Kapitän ohne zu hören\nwas der Leutnant sagte — seine Gedanken waren\nbei dem gefallenen Katomo, dann glitten sie über\nzu Korporal Yoshivara und seine Augen suchten\nihn im Glied.\nDer Leutnant sprach weiter, jetzt über den\nPatronenvorrat der Mannschaft: „Sie bekommen\nwohl wie immer je 160\"? — fragte er.\n„Ja!\" — der Chef wachte auf aus seinen Ge-\ndanken — „Jeder bekommt 160!\" In der Kom-\npanie wurde Order gegeben und kommandiert, der\nStabsergeant sah in seinem Notizbuch nach, ob\ndie Zahl stimmte.\n„Sehen Sie den Held, wie?\" fragte der\nKapitän lächelnd. Gestern Abend hatten alle Offi-\nziere Yoshivara „den nackten Held\" genannt, und\nbei Gott, er hatte es verdient, dachte der Chef.\nSie sahen alle beide in die Reihen und versuch-\nten den Korporal zu entdecken. Auch der Stab-\nsergeant sah aus, als suchte er jemand.\nDer Kapitän bekam eine Idee und rief mit zu-\nsammengezogenen Augenbrauen: „Stabsergeant!\"\n— ging ein paar Schritte vorwärts und rief noch-\nmals — „Stabsergeant\"!\nDer weißhaarige Unteroffizier kam schwer-\nfällig laufend zu dem Kapitän und machte Hon-\nneur —:\n„Ja!\" — sagte er, noch ehe er herangekommen\nwar — „Es ist es ist der Kor-\nporal.\"\n„Ist er nicht hier?\" — der Kapitän ließ seine\nAugen über die Schulter des Stabsergeants zur\nKompagnie gleiten. Der Unteroffizier schüttelte\nseinen Kopf und sagte halblaut in eigentümlich\ntrostlosem Tone: „Nein, er. ist nicht hier, ich\nglaube er war auch nicht hier heute Nacht.\"\n„Na, so was, der\" der Kapitän kniff die\nLippen zusammen — „Also er war wieder\nweg!\" —\nEs war keine Zeit zu verlieren. In fünfund-\nzwanzig Minuten sollte das Bataillon fertig auf\ndem Sammelplatz sein. Vorher sollten die Patro-\nnen verteilt werden, aber mit guten Willen —\nDer Kapitän ließ die Mannschaft sich rühren,\nzehn Minuten — als Grund gab er an, er hätte die\nZeit ein bißchen reichlich ausgerechnet. Während\nder zehn Minuten könnten sie machen, was sie\nwollten, sagte er.\nSie verstanden ihn alle, und in einer Minute\nwaren sie alle verteilt im Wald.\nDer Kapitän und der kleine Leutnant standen\nmit Gesichtern, die mit einmal so müde aussahen,\nneben einander.\n„Unser kleiner Held!\" sagte der Kapitän und\nversuchte zu lächeln — „Er liegt wohl noch\nirgendwo herum und schläft, der Schurke!\"\nDann kam der Stabsergeant von der Wald-\nkante heraus. Der Kapitän sah ihn und lief gefolgt\nvon dem Leutnant den Abhang herunter. Sie wate-\nten durch das Bächlein und krochen pustend auf\ndie andere Seite.\n„Haben Sie ihn gefunden?\" rief der Kapitän\nschnell. Der Stabsergeant gab keine Antwort, hob\nnur die Hände und ließ sie wieder herunterfallen.\nSie fragten nicht mehr, folgten ihm nur schnell,\ndie Zweige zurückbiegend, um vorwärts zu\nkommen.\nDa drin war eine kleine Oeffnung, so groß wie\nein Stübchen. Hier lag Yoshivara — der schöne\nKorporal. Sein Hals war durchgeschnitten. Ueber\nseinem Gesicht, um seinen Mund und um die schö-\nnen großen Augen lag noch das helle leuchtende"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.5", "texte": "Lächeln, womit er im Dunkeln die Frau betrachtet\nhaben mochte, die er umfangen hatte. Seine Haut\nwar nur ganz wenig blasser — wie eine Blume\nnach einer kalten Nacht.\nSie lag ein paar Schritt davon, die Kleider\nin Unordnung. Mitten im Leib eins von diesen\nbreiten Messern, die die mandschurischen Frauen\nbrauchen um Stroh zu schneiden. Ihr Gesicht war\nwie gespalten vor Angst und Schmerz. Ueber\nMund und Kinn lag ein großer Blutstropfen. Es\nsah aus wie Siegellack auf Pergament.\nDer Kapitän stand mit gesenktem Kopf. Seine\nSchultern zitterten. Dann fiel der Stabsergeant\nnieder und umfaßte die Kniee des Kapitäns: „Ah,\nunser kleiner goldner Held\"! — er schluchzte laut.\nEine Sekunde suchte der Kapitän sich stramm\nzu halten, dann hob er seine Hände vor das Ge-\nsicht und die Tränen flössen durch die Finger —\n„Ja, unser goldner kleiner Held!\" — sagte er und\nschluchzte in jedem Wort.\nAus der Noveliensammlung „Die roten Namen\" /\nAutorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Neil\nWaiden / Ueber die Bedeutung von Aage von Kohl,\ndieses ganz großen Künstlers, soll hier bald geschrieben\nwerden.\n\nH. W.\n\nRosa die schöne\nSchutzmannsfrau\nVon Mynona\nKennt ihr die trüben Stunden, wo der Schutz-\nmann stundenlang nachts im Regen steht, wäh-\nrend seine Frau —?\nAber ganz anders war Rosa, die bildschöne\nSchutzmannsfrau. Warum? Warum war sie so\nanders? Es lag gewiß nicht an den Umständen;\nes lag in ihr drinn. j Und ganz gewiß nicht an\nihrem Manne, einem Burschen von altem — sagen\nwir, Schrot und Korn, den Rosa liebte. Aber ein\nbessrer Frauenkenner (mit Glück im Auge) sagte\nmir mal: die Frau ist ein holdes Geheimnis. Und\nals ich ihm nicht Unrecht gab, setzte er hinzu:\nentschleiern Sie sie nur äußerlich, nie seelisch!\nDann sagte er noch was von Schiller, ein Zitat, ich\nhabe es vergessen, es wird mir unvergeßlich\nsein! Inzwischen ging Rosa aus, und — glauben\nSie mir! — sie ging so schön, daß einem uralten\nInvaliden das Maul aufschnappte, worauf auch\nseine Pfeife invalide wurde. Rosa ging über naß-\nspiegelnden Asphalt; sie ging durch eine pracht-\nvolle Passage, sie überschritt mit hochgerafftem\nRock den Fahrdamm. Und an der Ecke stand der\nMensch, der sie liebte, nicht ihr Mann, aber auch\nein Mann.\nDiesem Mann drang beim Anblick der duftig\ndaherschreitenden Rosa (sie ging nicht wie Damen\neinig mit sich selbst, auch nicht wie Halbweltle-\nrinnen problematisch, erst recht nicht wie das\nviel zu bekannte Mädchen aus dem Volke, wissen\nSie, drall und allegro; sondern ging, ich kann es\nnicht anders sagen: wie das Gehen selber in\neigner Person) drang also eine Träne ins Auge.\nVerführerischer wäre im allgemeinen ein Monokel\ngewesen, aber das erzieht zur Selbstbeherrschung,\nund der Mann hatte weder sie noch es. Rosa be-\nmerkte nicht sobald den Mann, als sie auf ihn zu-\neilte und eifrig auf ihn einsprach:\n„Alles würd' ich für Sie tun, alles! Sagen\nSie nichts, ich verstehe Sie. Aber Sie verstehen\nmich nicht, Sie ahnen nicht, was ich leide —\nund wie glücklich ich trotzdem bin. Sagen Sie\nnichts! Mein Mann hat Dienst, es regnet, er steht\nin der Nässe, ist Schutzmann. Es ist nicht das!\nAber ich komme nicht drüber weg. Ach! Ich bin\nihm noch treuer, wenn er nicht bei mir ist. Ich\nweiß, Sie lieben mich. Es ist keine Gefahr — o\nmein Gott! Wir könnten uns besitzen. Gewiß!\nund es ist mir innerlich unmöglich: nicht als Ehe-,\nsondern als Schutzmannsfrau. Ich liebe Sie —\nwenn Sie das tröstet! Mich kann nichts trösten,\nich bin schlimmer dran als eine Nonne, denn die\nkann ihr Gelübde abschwören, ich bin durch mich\nselbst gebunden.\"\nIch erinnere mich, daß der Mann zwei Beine\nhatte, die gerieten während der Worte Rosas in\nein eigentümliches Zappeln. Bald stand er auf\ndem rechten, bald auf dem linken, er nahm auch\nden Hut ab und fuhr mit der Hand durch sein\nreiches volles brünettes Haar. Er stand seelisch\nauf dem Kopf, er seufzte wie ein träumendes\nWaldvögelein, er schlug sich mit dem Spazier-\nstock auf die Waden, er rollte die Augen wie\nNero beim Brande Roms. Indem schloß Rosa so:\n„Begreifen Sie mich doch! Ich habe ja schon\nals kleines Kind, wenn ich einen Schutzmann sah,\nKonvulsionen bekommen. Ich weiß docht nicht, ob\nes allen so geht? Mein Gewissen läßt mir keine\nRuhe, diese Uniform erst macht mich zum Weibe,\nzu etwas Weichem, Bleichem, Zitterndem, Ueber-\nwältigtem.\"\nDem Manne ging ein Licht auf, er ahnte so\nwas wie die Geburt der Uniform aus dem Geiste\nder Erotik. Dann fragte er plötzlich eiskalt:\n„Und wenn ich hinginge und wagte es und\nzöge mir so eine Uniform an? Und sage: was\nhat denn dein Mann vor dem Rest voraus?\"\nRosa zog ihre Venusnase kraus: „Vorher rein\ngar nichts — aber jetzt alles, alles! Als ich\neinen nahm, war's mit allen andern aus — ja,\nwenn er uns den Gefallen täte ,und mich zur\nWitwe machte — das könnte ich nicht mehr\nvergessen! Es ist ja keine Liebe, Liebe ist ja da-\ngegen was Blödes, ich bin diese bestimmte\nSchutzmannsfrau aus allen Leibes- und Seelen-\nkräften. Ich bin's und bleib's.\"\nDer Mann taumelte wie Goliath, als er von\nDavids Schleuder getroffen ... na, Sie wissen\nja. Er fiel aber nicht hin, er schrie so laut, daß\nein Schutzmann herbeikam. Er schrie wie ein\nTobsüchtiger: „Aber das ist ja Wahnsinn! Das\nmuß man ja in der Hypnose wegsuggerieren las-\nsen! Das ist ja irgend was psychoanalytisch ganz\nleicht zu Ermittelndes. Ih da muß ich doch gleich\nmal an Freud selbst nach Wien —\"\n) Weiter kam er nicht, eine der fast jedem In-\nländer wohlbekannten schweren Hände legte sich\nauf seine zuckende Schulter: „Das werden Sie\nnicht!\" sagte Rosas Eheschutzmann, er war es\nnämlich. „Sie werden sich gefälligst ruhig und\nsittsam entfernen. Um meine Frau ist mir nicht\nbange. Die liebt jeder, und sie liebt jeden.\nWiderstände gibts da nicht in der Liebe. Sie ist\njung, schön und feurig —se h n Sie ja! Es steckt\naber in ihr! Haben Sie ja gehört. Und nu\nSchluß! Ich bin oft nicht zu Hause, ich kann Sie\nja nicht hindern, — aber ich bin eben stärker\nvor Hörnern beschützt. Sie würde die Ehe ohne\nweiteres brechen, aber nicht diese; die ist durch\ndas, was Sie eben Wahnsinn genannt haben, so\ngesichert, daß ich selbst — es kommen einem ja\nmanchmal so Gedanken — es nicht ändern könnte.\nNanu Adieu!\"\nEr marschierte mit Rosa ab. Der Mann wie\nbenommen in der konträren Richtung. Er hat\nRosa nie wiedergesehn. Er hat sich die Liebe\nzu ihr nie aus dem Herzen reißen können. Es war\nnoch viel später (in Straßburg vor'm Münster),\nals er trüb vor sich hin murmelte: „Rosa, du hol-\ndes Geheimnis! Du Sphinx aller Gensdarmerie!\"\n„Mensch,\" sagte jemand, als ich ihm das er-\nzählte, „pfui! Verdräng deine Vorstellungen ge-\nschickter!\" Ach ja! Ueber diel Sphinx sollte jeder\nden Mund noch besser halten als sie selber. „Und\nnennen Sie mein Maul nicht Mund!\" unterbrach\ndie Sphinx ihr meilenlanges Schweigen.\n\nParis\n\nä Guillaume Apollinaire\navec mille remerciments pour „Zone\"\nNämlich —\nParis liegt gar nicht an der Seine.\nDieser seit Cäsars Zeit restierende Irrtum\nmuß endlich wettgemacht werden.\nParis liegt einfach am Bayrischen Platz\nzu Berlin.\nUnd sein sogenanter Seinepräfekt heißt ebenso\neinfach\nKarl Scholz.\nParis läge sogar an der Ecke der Grunewaldstraße,\nwenn er nicht von Loeser und Wolff die zwölf-\ntausend Em Abstand\nbekommen und fein auf der Deutschen Bank jetzt\nzu liegen hätte.\nKarl Scholz läßt uns alle Abende die Trikolore\nhissen\naus Bickbeer-Brandy,\nEiskümmel\nund Cassis.\nJedwede dieser bunten Flaschen ist ein Arron-\ndissement,\nin das du ganz nach deinem Goüt eintauchen\nkannst,\nund trägt ein Namensschild mit Versen von Apol-\nlinaire. N\nAus jedem Rülps ballt sich ,\nzwei , ~ :\ndrei • : ' \\\ndie Marseillaise.\nChauffeure hupen rot die Internationale. -\nDa ist auch Fräulein Trudehen Scholz , x\nmit den Lutetia-Händen,\nin denen beiden ich die Rue de Rivoli\ndrei Kilometer\nvon der Place de, la Concorde\nbis zur Place de la Bastille\nals Lebenslinie hold sich strecken seh. \\\nIn deinem linken Auge flimmert Monico,\nim rechten locken dunkler die Cavreux des Inno-\ncents,\nund drunter blauen schattend — N\no! —\ndie Wälder von Saint Cloud,\nvon Fontenay-aux-Roses und Robinson,\ndie scharf dein schmaler Nasenbug durchschnei-\ndet,\nschmal wie der Rücken jener Eselin Leonie\nauf der sich Resi ihren wüsten Wolf ritt. Merde!\nDann deine Brüste: Pantheon und Sacre-Coeur.\nDie Beine sind ein Säulenpaar der Madeleine.\nJa, Trudehen Scholz,\ndas alles war dir wohl nicht ganz bewußt!\nSoll ich noch deinem Parc Monceäu lobsingen,\ndaß Josephinens Marmorbad in Malmaison dein\nNabel ist?\nIn Resi Langers kleiner Handtasche,\nzwischen Haarnadeln, Lippenpomade,\nPuder- und P.P.-Paper,\nfindest du den ganzen Louvre,\nallerdings ohne die Musee des antiquites asiatiques,\ndie Dr. Ary B. im Portefeuille trägt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.6", "texte": "Rudolf Leonhards Neese stellt den Are de Tri-\nomphe erheblich in den Schatten.\nIn seinem Herzen ruht Napoleon angelisch.\nFritz Max Cahen\n(mefiez-vous des contrefagons Fanale-Vetter und\nso!)\nhat viele blaue Tauben im Luxembourg seiner\nHaare.\nErnst Wilhelm Lötz mit seinen schönen Raubtier-\nflecken\nläßt die Galeries des animaux vivants\ndu Jardin des Plantes\naufbrüllen.\nOben auf dem Büffet ist jder Pere-Lachaise\nvon fünfundzwanzigtausend Zigarrenkisten,\nmit Titelbildern von Matisse und Picasso,\nnur eines ist von Marie Laurengin.\nFledermäuse und Motten huschen schnurks als\nCamelots\ndurch die Zimmerlinden, durch die Oleander.\nZur Sorbonne weisen Hände,\nhier „Für Herren\",\ndort „Für Damen\".\nDazwischen kippt ein buntes Hürchen\nihren diesbezüglichen „Leichenwagen mit Trod-\ndeln\".\nEin Hafer-Motor grinst über seine Bilz hinweg.\nEin neurasthenischer Nußknacker aus Rixdorf,\npardon Neukölln,\nwiegt reichlich Magic City und Luna-Parc auf.\nEin Bürger, eisbeinschmatzend, wird zum Mont\nValerien,\num den die Junikäfer — hei! — Aeroplane kreisen,\ndie Böen unsrer Zigaretten heldenhaft bestehen.\nIch glühe tief und weiß:\nich bin der Eiffelturm!\nIch fühl in mir den Fahrstuhl auf und nieder\nschweben.\nMehr als einmal ist es eine sächsische Reisege-\nsellschaft.\nIch empfange dankbar drahtlose Depeschen\naus Kanada,\nTimbuktu,\nNauen\nund Adrianopel.\nDie liebe Mitwelt sorgt ganz mütterlich für Sen-\nsationen:\nNicht wahr? Paris liegt gar nicht an der Seine!\n\nAlfred Richard Meyer\n\nDie Schwermut des\nGenieBers\nRoman\nVon Artur Babilotte\nEr erkannte, daß sich alles rundete und zu einem\nvollendeten Ganzen zusammenschloß und daß der\nSchmerz, den ihm der in der Nacht aufklingelnde,\ngramvolle Erinnerungen weckende Schritt berei-\ntet, notwendig war, um die Formen neuen Er-\nlebens um eine neue Form zu bereichern. Er war\nin dieser Stunde hellsehend, indem er den Zusam-\nmenhang alles Geschehens erfaßte. Zum ersten\nMale hatte er das Gefühl, daß nun auch ihn dieser\ngroße weitausgreifende Kampf erwarte, daß diese\nkleine Stadt in ihrer nüchternen Behäbigkeit sein\nerster Gegner sein werde. Er erinnerte sich aller\nWorte des Redakteurs und erkannte, daß dieser\nkalte Mann nicht als Einzelner zu ihm gesprochen,\nsondern als Vertreter der Stadt, die da taleinge-\nbettet lag in Nacht und Schwüle.\nDer Furchtbarste unter diesen Menschen ist\nRedakteur Todt, wiederholt der Arbeiter, während\nsie zwischen die ersten Häuser traten. Er lenkt\nalle. Aber keiner gibt es zu, obwohl es alle\nwissen.\nDer Arbeiter erzählte weiter. Die Sehnsucht\ndes Menschen, der stets an der Kunst vorüber-\ngehen mußte, klang in seinen Worten. Sie glühte\nwie ein Feuer, das aufflammen möchte und doch\nvon einer stärkeren Macht niedergehalten wird.\nEr hatte etwas verschüchtert zärtliches in seinem\nWesen; keine seiner Bewegungen war eckig und\nhart; als hätte der unermüdliche Lerndrang, dem\ner trotz schwerer körperlicher Arbeit nachgab,\nauch auf sein Aeußeres Einfluß ausgeübt. Die\nZüge seines Gesichtes, von Natur grobgeschnitten\nund ohne edle Linien, waren durch die Sehnsucht\nreiner und schöner geworden. Er erkannte die\nGelassenheit, mit der der Künstler auf das Suchen\nund Verlangen der Menschen hinsah; und ernannte\ndie Entschlossenheit, mit, der er selbst seinem Ziele\nentgegenfieberte.\nWährend sie durch die gerade, häuserbezeilte\nStraße, die sich langsam in die eigentliche Stadt\nsenkte, schritten, erzählte der Arbeiter vom Kon-\nservatorium.\nVor sechs Jahren dachte hier noch keiner dar-\nan, daß die Musik eines Tages ihren Einzug in die\nStadt halten würde. Wrir hatten schon damals\neinen Turnverein mit eigener Musikkapelle, und\nauch die Feuerwehr musizierte, wenn sie ihren\nJahrestag feierte. Redakteur Todt war der Grün-\nder dieser Kapellen, er schrieb ihnen vor, was sie\nspielen sollten. Märsche, Tänze. Die große Trom-\nmel spielte immer. Ich habe einige Monate teil-\ngenommen. Ich fragte den Redakteur, warum wir\nkeine wertvolleren Sachen spielten . . . Stücke aus\nOpern, Sonaten von großen Meistern, von denen\nich gelesen hatte. Er lachte mich aus. Das, was\nwir in der Stadt spielten, das wäre die einzige Mu-\nsik, die Berechtigung hätte. Sie mache dem Volk\nVergnügen . . . und das sei der Zweck der Mu-\nsik. Ich weiß ja nicht, ob er damit Recht hat . .\naber ich hatte das Gefühl, die Musik sei doch zu\nwas andern da, und darum trat ich aus. Das war\nvor sechs Jahren. Seit damals betrachtete mich\nder Redakteur mit mißtrauischen Augen. Bald\ndarauf sind wir offene Gegner geworden.\nEr besann sich und nahm die Erzählung vom\nKonservatorium wieder auf. Von den Opfern, die\nes den Gründern im Laufe der fünf Jahre seines\nBestehens gekostet hatte; von der Tapferkeit, mit\nder alle Hindernisse überwunden wurden.\nDa hab ich verstehen gelernt, sagte er in ehr-\nlicher Freude, daß diejenigen, die Anhänger der\nneuen Musik sind, nicht mit einem Schimpfen ab-\ngetan werden dürfen. Ihre Absichten sind gut;\nich hab sie in diesen fünf Jahren kennen gelernt.\nIn keinem Konzert hab ich gefehlt, und je mehr1 der\nRedakteur in der Zeitung über die höhere Musik\ngeschimpft hat, umso fester hab ich an sie ge-\nglaubt. Alles Toben hat ihm nichts genützt. Die\nReichen gehen gern in die Konzerte, weil sie hier\nsonst nichts haben und die Armen können nicht\nhineingehen, selbst wenn der Redakteur es ihnen\nanraten würde. Hier ist er machtlos. Das Kon-\nservatorium ist das Stärkste in der Stadt: es küm-\nmert sich um keinen und geht seinen Weg. Es\nkommt mir immer vor wie ein fester Turm zwi-\nschen armseligen Hütten.\nEr begann, sich sicherer zu fühlen. Die Scheu\nvor dem Höherstehenden, die seine Worte und Be-\nwegungen bisher gedämpft hatte, verminderte sich,\ngab die Gefühle und Gebärden des Arbeiters frei.\nAus der Unermüdlichkeit, mit der der Direk-\ntor dem Konservatorium vorstand, schlug die Be-\ngeisterung immer größere Kreise, indem sie alle,\ndie mit dem Konservatorium in Berührung kamen,\nan sich zog: die Lehrer; die hervorragenden\nSchüler, die weniger fähigen; die Reichen, die alle\nKonzerte besuchten; die andern, die draußen in\nder Welt lebten und Anteil nahmen an seinem Ge-\ndeihen. Wie eine breite, majestätisch nach allen\nSeiten ausgreifende Ueberschwemmung flutete die\nelementare Freude des Arbeiters. Er lebte nur\nfür das arme Volk, er arbeitete sich durch hun-\ndert und aberhundert Bücher der Politik hindurch*\num das Bestehende kennen zu lernen und nach ihm\ndas Zukünftige zu richten, wie es ihm gut schien.\nAber, ihm unbewußt, glühte noch eine andere Be-\ngeisterung in ihm, die Begeisterung für die Musik.\nSein Wesen trug Knospen künstlerischer Schön-\nheit. Es war die Schönheit einer Arbeiterseele»\ndie, in Not gefesselt, nach Freude verlangt.\nDer Künstler erkannte das Hauptmotiv im Le-\nben dieses schlichten Suchers. Und indem er dies\nerkannte, ergriff ihn ein leises Schuldbewußtsein.\nEr hatte gelebt in dem ewigen Rausch eines\nfruchtbaren Schaffens und immer das Ziel im\nAuge gehabt: den Menschen das neue Kunstwerk\nzu schenken. Aber in diesem Rausch und in die-\nser Hoffnung hatte er vergessen, die, die er so\nreich beschenken wollte, kennen zu lernen, sie zu\nfragen, ob sie denn sein Werk auch haben möch-\nten. — In hartem Hochmut hatte er einsam sein\nWerk geschaffen, — die Erinnerung daran, daß\nunter den Menschen jeder seine andern heiligen\nWünsche hegte, machte ihn unzufrieden mit sich\nselbst. Viele anklagende Stimmen stürzten auf\nihn ein. Die Briefe des Vaters begannen in ihm\nzu tönen, diese knurrigen, nörgelnden Briefe eines,\nMannes, der seinem einzigen Sohn den sonder-\nbaren Wunsch nach der Kunst nur erfüllte, weil\ner ihn für den letzten hielt. In diesen Briefen\ngrollte der Zorn über den „Musikanten\" und lachte\ndie Freude über den gesunden Sohn. Und alle\ndie mahnenden Stimmen derer, die es gut mit ihm\nmeinten; ratende, streichelnde, bittende Stimmen,\ndjie meinten, er müsse seinen überspannten Träu-\nmen entsagen, wenn er in der Welt vorwärts\nkommen wollte. All das Achselzucken und Spott-\nlächeln derer, die ihn nicht verstanden. Alles was\ner je Unangenehmes erlitten hatte, vereinigte sich,\num die Qual dieser Stunde noch schrecklicher zu\nmachen. Ja, dieser Arbeiter war gekommen, im\nNamen desi Volkes Gericht über ihn zu halten, weil\ner im Egoismus des Künstlers nie tatkräftig der\nNot des Volkes gedacht hatte. Und bald würden\nwohl die andern kommen, die Bauern, die Bürger,\ndie Aristokraten. Und die Menschheit, der er\ndas Heil seiner Kunst bringen wollte, die würde\nihm entgegen schreien: Was soll uns deine\nKunst? Gib uns unsere Kunst, die Kunst, die\nwir haben wollen, und die wir haben müssen!\nAlles vereinigte sich in dieser Sommerabend-\nstunde, um ihn mutlos zu machen. Er wehrte sich\ndagegen, aber alle Kraft war zu schwach. Jetzt\nhatte jener anklagende Blick aus großen Arbeiter-\naugen eine Stimme gewonnen, um ihm seine Schuld\nin die Seele zu schreien. Dies war seine Sünde\ngewesen: dem Ruf, den jener Arbeiterschritt in\nder Nacht geweckt hatte, nicht gefolgt zu sein.\nStatt hinter ihm her zu schreiten, hatte er ihn lang-\nsam verklingen lassen in empfindsamem Egois-\nmus, in dem Abscheu vor dem brutalen Erinnert-\nwerden an die Not der andern. In der Qual dieser\nStunde vergaß er, daß der Künstler außerhalb der\nandern stehen muß, wenn er ihnen Erlösung brin-\ngen will. Er gab sich ganz dem Mitleid hin, der\nheimlichen Sehnsucht in den Worten und Gedan-\nken des Arbeiters. Dieses Mitleid war wie eine\ngroße Hand, die unbarmherzig alle freien Gedan-\nken, alle tiefe Freude an neuem Schaffen, alles\nglückselige, fördernde Unbekümmertheit zusam-\nmenraffte und zwischen ihren plumpen Fingern ge-\nfangen hielt.\n\nFortsetzung\nFortsetzung folgt."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.7", "texte": "Oratio pro Domo\nE. Wichman\nTrotz der Vielfalt der Erscheinungen, aus denen\ndie heutige Malerei sich zusammensetzt, scheinen\nmeine (mit Verlaub) eigenen Bilder noch erfolg-\nreich als „abnorm\" betrachtet werden zu können.\nDa diese Bezeichnung keinerlei Urteil über deren\nWert enthält, möchte ich sie hiermit zurückweisen.\nAuch ist zu konstatieren, daß die Bewußtheit\nder bildenden Künstler ein vielfach gefürchtetes,\ndoch unleugbares Zeichen dieser Zeit ist.\nWenn zugegeben wird, daß die moderne Ma-\nlerei nach einer Periode des Realismus sich wie-\nder in „dekorativer\" Richtung entwickelt, ist da-\nmit noch nicht untersucht, welche Idee in dem\nKomplex, der mit diesem Worte angedeutet wird,\ndie primäre und dominierende ist, der sich die an-\ndern unterordnen, und unterzuordnen haben. So\nist es klar, daß in der öffentlichen Kunstbetrach-\ntung allerlei Nebenbegriffe den Hauptbegriff bis\nzur Unsichtbarkeit umhüllt haben, und da, hier\nwie überall, halbe Wahrheiten ganze Irrtümer\nsind, ist des Geschwätzes viel. Das unglückselige\nWort „dekorative Kunst\" selbst verdankt einem\nsolchen Irrtum seine Entstehung; sodaß man jetzt\nallerorts annimmt, der Begriff „dekorative Kunst\"\nbeziehe sich ausschließlich auf die „Dekoration\"\nder Wandflächen. Wie oft wurde Hodler vorge-\nworfen, seine Gemälde seien nur als Frescos\ndenkbar, und als Tafelbilder sinnlos! Es wird auch\nder in diesem Sinne unrichtige Gegensatz aufge-\nstellt: es sei die „realistische\" Kunst ihrer Erschei-\nnung nach Fläche-vertiefend; die „dekorative\"\ndagegen Fläche-abschließend. Auch wird wohl\n„dekorativ\" mit „stilisiert\" identifiziert, indem man\nmeint, das Charakteristische beider sei eine „Ver-\neinfachung\" der Wirklichkeit.\nWenn man den Begriff „dekorativ\" als histo-\nrisch notwendigen Gegensatz des an sich klare-\nren Begriffes „realistisch\" verwenden will, muß\nfestgestellt werden, mit welchem bestimmten\nwirklichen Verhältnis er sich verbunden hat:\nIn schärfstem Gegensatz zu einer Kunstübung,\nderen Ideal mehr oder weniger das „Loch in der\nWand\" ist, stellt sich in der Geschichte, im; Kleinen\nwie im Großen, eine andere (trotz einer steten\nWechselwirkung beider, die verhindert, daß je-\nmals eine der beiden sich rein verwirklicht).\nSie sucht nicht den flüchtigen Eindruck des Auges\nim Kunstwerk zu beständigen. Sie faßt das essen-\ntielle einer unendlichen Anzahl sol-\ncher Eindrücke in einem „Bild\" zusam-\nmen; um so für einen Augenblick die ganze\nVielfalt der Gesichte dieser Welt — die schon\nimmer die Weisen dem Demiurgos als groben\nFehler angerechnet haben — zur ursprünglichen\nEinheit zurückzuzwingen. Wenn das „Sym-\nbol\" nicht schon vorher — wie in der Regel —\nzur leeren Allegorie erstarrt, entwickelt es\nsich zuletzt notwendig zur „Hieroglyphe\",\nindem die schematische Abbildung der typischen\nForm eines Dinges gleichsam dessen sichtbarer\nName wird (Egypten).\nEs sind die „Futuristen\", die, was ich eben\n„Hieroglyphe\" nannte, als „Ligne-force\" suchen.\nUnd mancher Futurist ist dieser Verbildlichung\nder Wirklichkeit nahe gekommen (Boccioni: „Les\nAdieux\"). Auch manches Werk der großen kunst-\ngewerblichen Bewegung, die der Wiederauf-\nlebung der Bildenden Künste voranging, bedeutet\nähnliches.\nDer Gegensatz realistischer und (nennen wir\nes auch ferner, unter Berücksichtigung des Vor-\nhergehenden) „dekorativer\" Kunst ist technisch s o\nzu formulieren: der realistische Künstler sieht\nwas er bildet, der „dekorative\" weiß es. (Schon\ndie letztvergangene Impressionistische Periode\nliefert in dieser Beziehung Beispiele: in wie man-\ncher Zeichnung jener Zeit wird eine ferne Wiese,\nvon der man gewiß keinen Grashalm sehen\nkonnte, durch viele kleine lotrechte (also gras-\nhalmförmige) Striche als solche gekennzeichnet,\neben weil Künstler und Zuschauer sich durch dies,\nstillschweigend angenommene, Zeichen verstän-\ndigen konnten.) Damit ist aber durchaus nicht ge-\nleugnet — da sei Gott wider! — daß die „deko-\nrative\" Kunst nicht visionär sein kann und\nmuß. Ich will den Zusammenhang beim Schaffen\neines Kunstwerks zwischen Theorie und Intuition\nnicht untersuchen, es genügt zu bemerken: das\nBewußte (und jetzt mehr als je) ist eine not-\nwendige Grundlage des Werkes, niemals\nmehr.\nAber einem Künstler, der etwas Absolutes\nwiederzugeben sucht, paßt es kaum, zu tasten\nbis er die reinste Wiedergabe seines „Gesichtes\"\ngefunden hat: er muß auch in dieser Beziehung\nwissen, was er malt, was er malen will. Es muß\njetzt zu Ende gehen mit der impressionistischen\n„Touche\"; mag es auch manchen schmerzen, wie\nmich, dem niedergepeitschten oder schweifenden\nStrich der fetten Oelfarbe und dem nebligen Laube\ndes verwaschenen Aquarells zu entsagen! Keine\nzufälligen Schönheiten einer billigen „Peinture\"\ndürfen die primordiale Einfachheit unserer Wieder-\ngabe beflecken: schmeichelhaft kann es nur sein,\nwenn man uns „Glasmalerei\" vorwirft.\nLaag-Soeren / Holland\n\nDer Fall Bernd Isemann\nFriedrich Markus Huebner\nDer provinzielle Auch-Dichter Bernd Isemann\nhat gegen den „Tod in Venedig\" einen Angriff ge-\nschrieben, den zu parieren Thomas Mann unend-\nlich schwer fallen dürfte. Nicht als ob die Schrift\nso übergescheit wäre oder von einer Bosheit,\ndie durch Ueberlegenheit lähmt. Ganz im Gegen-\nteil. Aber das entmutigend Fatale liegt in den\ntrüben menschlichen Akzenten des Elaborats: In\ndiesem subalternen Loskeuchen, in diesem haus-\nbackenen Rechthabenwollen, in dieser platten\nViereckigkeit des Denkvermögens, in dieser gan-\nzen hoffnungslosen, biederen belfernden Geist-\ntölpelei.\nWas soll man antworten, wenn einer loslegt:\n„Ist denn plötzlich das jahrtausendalte Wissen,\ndas Kunst und Natur untrennbare Geschwister\nsind, Unsinn geworden? Bringt die Kunst nicht\nmehr Freude aus naiver Freude am Schönen?\nIst denn das Schöne nicht mehr das, was Freude\num seiner selbst wällen erzeugt? Sind denn die\nKünstler nicht mehr die, die das Schöne schaffen?\nSind die Dichter nicht mehr die, die den reinsten\nKlang der Natur erfassen, die mit tiefstem Gemüt\nan ihr hängen ;und sie loben und immer reiner\nNatur lieben und Unnatur verabscheuen? Ist\nnicht überhaupt Unnatur unpoetisch, wie es bisher\nwar, weil alles nicht Allgemeine unpoetisch ist?\"\nDie rein sachlichen Einsprüche gegen Manns\nNovelle stehen auf der gleichen tristen Ebene phi-\nliströser Verschmitztheit. Ein Beispiel für alle:\n„Aschenbach ist verheiratet gewesen, glücklich\nwie es heißt. Gut. Nun gebe ich aber das Preis-\nrätsel, wie es möglich ist, daß dieser Mann in sei-\nnem unsauberen Abenteuer, das uns vorgeführt\nwird, nicht mit einer Faser seines Herzens, wohl-\ngemerkt in so aufgewühlter Stimmung, jenes\nGlücks gedenkt, das er am Herzen einer Frau\nwill genossen haben. Soll eine Unnatur existieren,\ndie nicht einmal mehr mit einem Fünkchen Dank-\nbarkeit, Erinnerung, Gewissen in peinlichem Kon-\nflikt mit dem verknüpft wäre, was unser höchstes\nmenschliches Glück bedeutet, ohne daß dieser\nMensch von Grund aus schlecht wäre, ein Gemüt-\nloser, von vornherein von künstlerischer Tätigkeit\nausgeschlossen? Ist es möglich, daß ein Dichter,\nein Schriftsteller, ein Skribent es sich entgehen\nließe, den Konflikt zwischen Frau und Knaben, den\neinzig möglichen, wenigstens zu streifen? Gehört\ndenn soviel Phantasie dazu, um im voraus zu er-\nfassen, daß diese blasierte Figur aus Hohlherzig-\nkeit und Schönheitsdusel uns als ein vollendetes\nEkel erscheinen muß?\"\nHernach, bei der Kritisierung des homosexu-\nellen Problems, treibt Isemann «seine täppische\nZudringlichkeit noch schöner und wird, nach Art\nbeschränkter, in dumpfe Rage gebrachter Na-\nturen unverschämt. Er schreibt: „Im Kunstwerk\ntritt der moralische Zweck hinter andere Zwecke\nzum Segen des Schönen zurück. Selbstverständ-\nlich, denn wo eine Freude herrscht, ist Moral als\nZweck bereits erfüllt. Herr Thomas Mann hat es\nanders verstanden, so wie es in die Libertinität\nseine Theoriechen paßt. Er folgert nämlich daraus,\ndaß der Künstler moralisch indifferent sei, eigent-\nlich zum Unmoralischen neige, und zwar in seinem\nPrivatleben. Ich akzeptiere dieses Geständnis\".\nDerlei ruppige Invektiven finden sich noch\nandere. Sie runden bestens ab, was als eigentlich\nentscheidenter Ertrag des Buches bleibt: die\nSelbstpsychographie des Urhebers. Denn der Ge-\nbrandmarkte des Pamphlets ist einzig er: Bernd\nIsemann. Was man erblickt ist der Typus des\nDilettanten, der irgendwo mal etwas hat läuten\nhören, aber nicht weg kommt über das Banau-\nsische seiner Grundveranlagung. Ein Mensch\nohne Belang, der wiederkäut, was in allen Köpfen\nals die durchschnittliche Denk- und Erregungs-\nweise sein plumpes Dasein führt. Ein Stümper\ndes Worts so sehr wie des Genießerverhaltens.\nEin naseweiser Schaftelhuber, mit dem debattie-\nrend sich gemein zu machen, von vornherein ver-\nloren, entnervend, befleckend ist. Nur eine Ant-\nwort ist die gemäße: Belächeln, wegsehen,\nschweigen.\ni\nThomas Mann und der Tod in Venedig / Eine kritische\nAbwehr von Bernd Isermann / E. W. Bonseis und Co.,\nMünchen.\n\nGedicht eines Arbeiters\nH. W.\nStill ist der Abend,\nNebel steigen empor.\nRuhig senkt sich die Nacht\nStill ist es.\nUnd am Himmel steht Stern an Stern,\nMond auch sich zugesellt.\nSchauen alle von fern\nschweigend zur Erde.\nNachtfalter schwirren von Baum zu Baum,\nUnd durch die Wipfel\ntönt leise ein Flüstern.\nFledermäuse flattern durch die Luft\nLautlos schleicht sich ein Iltis auf Raub\nEmil Ernst Mehnert\nKeine „fortschrittliche\" Lyrik."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191308-02.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vo&\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur dsrcfc\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zett*\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Ver I & 112\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Grunde vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nBerlin W / Potsdamer StraSe 134 a\nSechzehnte Ausstellung\nGemalde und Zeichnungen des\n/\nFuturisten ,\nGino Severini\nGeoff net taglich von 10—6 Uhr / Sonntags yon\n11—2 Uhr\n.m.\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nAm 20. September 1913 / Eroffnung\nErster Deutscher\nHerbstsalon\n75 Potsdamer StraBe 75 zu Berlin\nEs beteiligen sich Kiinstler iolgender Lander:\nDeutschland / Amerika / Bohmen / Frankreich |\nHolland / Indien / Italien / Oesterreich / Rumanien\nI Rutland / Schweiz / Spanien\nEintritt 1 Mark / Dauerkarte 2 Mark\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Llitzow 4443\nZeitschrift der Sturm\nDauerbezug\nGewohnllche Ausgabe: Fur Deutschland\nand Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n! 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StraCenstSnden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband Oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder hti\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum ffinften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwlinscht wird\nGeneralvertretung des Verlags Eugene Figuifcre /\nParis ,\n\nOriginalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefiigt / Alle\nExempiare sind vom Kiinstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde ./ Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nHirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechstein: Die Erlegung des Fest-\nb r a t e n s / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert J\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nW. Kandinsky: Handdrucke / Das Exemplar 30 M.\nWilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 15 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n20 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft / Das Exemplar\n25 Mark (5)\nSchmidt-Rotluff: Mann und Weib / Sonnige StraBe\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Niiinsky / Portrat Licht-\ndruck, groBes Format / 10 Mark\nR. Deiaunay: Album / Elf Phototypien von\nGemSlden (ein Farbenlichtbild) mit einem Qedicht\nvon Guillaume Apollinaire / Das Exemplar 10 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Qe-\ndichten von A r n o H o 1 z / Fur Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz I Umberto Boccioni: Abschied/\nFranz Marc: Affenfries\nRobert Deiaunay: La Tour\nOskar Kokoschka: Utinarri delectet\nMappen\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\n\nZeitsehriften\nWiecker Bote / Herausgeber: Oskar Kanehl /\nWieck-Eldena in Pommern\nL'Effort Libre / fruher L'Effort / Monatsschrift /\nHerausgeber: Jean Richard Bloch J Poitiers\n[Vienne]\nL'Ind6pendance I Halbmonatsschrift / Kunste /\nKultur I Philosophic / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrift\nParis / 41 Rue Monge\nLa Nouvelle Revue Francalse / Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nMontjoie / Halbmonatsschrift / Paris / Chaussi®\nd'Antin 38\nHaro I Monatsschrift / Briissel\nLes Cahiers du Centre I Moulins [Allier]\nLes Soirees de Paris I Recueil Mensuel / Paris\n9 rue Jacob\n\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fiir neue und\nalte Kunst / Heft 6—8 bringt: Bilder: Picasso (9) /\nBraque (3) / Cezanne (3) / Soffici (l) / Sculpturen:\nPicasso (2) I Negersche (10) / Architektur: Gocar\n(6) I Jahrlich M 12.50 / Administration Prag I /\nVeleslavinova 5\n\nAnzeigen\n\nAkademie fiir moderne Skulptur in Paris / 18 Im-\npasse du Maine Montparnasse / Korrektur: A. Ar-\nchipenko / Arbeiten in Stein / Studien\nder Stilarten /' MaBige Preise\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama / Be«\ngriindet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge-\nwidmet der Dichtung und dem Drama der Gegen*\nwart in alien Landern / Probeheft gegen Einsen*\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n10 Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop / London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\nReuB und Pollack / Buchhandlung und Antiqua.\nriat I PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen iiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur\nBraunschweiger G-N-C-Monatsschrift: Neues und\nWissenswertes iiber Literatur / Kultur / Kunst /\nWissenschaft und Technik / Einzelbezug 80 Pfen-*\nnig I Vierteljahrlich Mark 2 / Probenummern um-.\nsonst I Verlag Grimme Natalis & Co. C-G a A\nBraunschweig\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Verein\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\nerhalten jahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugestellt 3 \\\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbjahrlich 15 Mark.\nGeschSftsstelle der Neuen Sezession: Steg-.\nlitz, MiquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 269$\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernru? Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nPrazske Umelecke DHny I Prager Kunstwcrk-.\nstatte fiir neue Kunst / Mobel / Beleuchtungskor-\nper I Textilien / Prag, I / Veleslavinova 3\nThe Lantern: Eine Monatsschrift / Die\namerikanische Zeitschrift des Protestes /\nOrgan der Gesellschaft Junger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWalden\nI Zehntes Jahr / Man verlange kostenlose\nMitteilungen iiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9"}]}