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Aber ein Schüler, der noch dazu Tafel\nheißt, Herrmann, der Tafel, sollte nicht lehren\nwollen, auch wenn es sich „nur\" um Kunst handelt.\nEr hat die letzte Nummer dieser Zeitschrift so ge-\nnau gelesen, wie es ein ABC-Schütze vermag, der\nnoch dazu geschossen wurde. Und berichtet nun\nden Stuttgartern: „Da finden wir einige Verse, die\nbezeichnend für die neue Richtung sein sollen, die\naber längst veraltet sind, denn die Max Dauthen-\ndey, Stefan George, Mombert e tutti quanti haben\ndas in ihrer Zeit viel besser gemacht als sie noch\nim Flügelkleid gingen. Wir können uns aber nicht\nversagen, eine Probe dieser Dichtkunst zu geben.\nArthur Rimbaud hat ein Gedicht „DieLäuse-\nsucherinnen\" beigesteuert. Dies Gedicht bedeu-\ntet entschieden eine Bereicherung des Aktionsfel-\n*\ndes der Poesie, die ungeahnte Fernen erschließt.\"\nNun bedeutet es entschieden eine Bereicherung\ndes Herrn Tafel, wenn man ihm mitteilt, daß der\nPoesie diese ungeahnten Fernen schon seit bei-\nnahe vierzig Jahren erschlossen sind. Arthur Rim-\nbaud, der dieses Gedicht beigesteuert hat, ist\nnämlich 1891 gestorben und hat sich sogar unbe-\ngreiflicherweise aus Versehen 1875 in Stuttgart\naufgehalten, zu einer Zeit, als der Tafel noch im\nFlügelkleide ging. Damals hatte Rimbaud scliötr\ndie Flügel, die ihn zu diesem (weltberühmten) Ge-\ndicht sich emporschwingen ließen, während dem\nTafel indessen nur die Kleider gewachsen sind e\ntutti quanti. So stolpert man, wenn man sich etwas\nnicht versagen kann. So kann selbst der Tafel\netwas beisteuern, wenn sein Holz ihn auch nicht\neinmal über den Neckar bringt.\nBillige Lebensmittel\nDas Warenhaus S. Fischer preist sein frisch\nherausgegebenes Hermann-Bahr-Buch also an:\n„Wir haben, um den Extrakt des Bahrschen\nGeistes in weitesten Kreisen zu propagieren, den\nPreis äußerst billig gestellt und sind der\nAnsicht, daß ein großer Absatz des reizvoll\nausgestatteten und umfangreichen Buches zu er-\nzielen ist.\" Immerhin ist diese Suppe mit Vorsicht\nzu genießen, Wasser zur Zubereitung ist entbehr-\nlich so lange der Vorrat reicht.\nDie vertretenen Vortragenden\nEin Konzertbüro vertritt Vortragende und ver-\nmittelt dem löblichen Publikum „Literarische Nach-\nrichten.\" Man erfährt: „Hermann Bahr ist eine\nder überragendsten Erscheinungen der mo-\ndernen deutschen Literatur.. der Autor, der auf\neiner großangelegten Vortragstournee ..\" Er\nreist also auch in Extrakten. „Oskar Blumenthal,\ndessen zahlreiche Stücke den Siegeszug . . . Dank\nunseren Beziehungen ist es uns gelungen, den\nDichter . . . Oskar Blumenthal zu erleben, wie er\ndie blitzenden Waffen der Satire meisterlich hand-\nhabt, verspricht .. .\" Er wird sich versprechen.\n„Hanns Heinz Ewers ist heute wohl jedem Gebilde-\n' ten ein geläufiger Name ... so weiß er das\nPublikum durch seine fesselnde Persönlichkeit (aus-\ngestattet von Edm. Wünsch, Rotsiegelkravatte,\nvaschtehste) vom ersten bis zum letzten Augen-\nblick in Bann zu halten.\" „Ludwig Qanghofer weiß\nseine eigenen Werke in so lebendiger und packen-\nder Weise vorzutragen, daß sie dem Hörer zu\neinem Erlebnis werden.\" Dann muß er sehr gut\nvortragen können. „Carl Hauptmann . . . und die\nUnmittelbarkeit seiner Sprache, die die höchste\nPlastizität erreicht, haben ihm seine bedeu-\ntende Stellung in der Literaturgeschichte gesichert.\"\nIn der Literaturgeschichte des Konzertbüros. „Roda\nRoda. Man könnte glauben, die neueste humoris-\ntische Literatur habe sich zur Aufgabe gemacht,\ndie Ansprüche des Publikums in Bezug auf\nHumor auf das Mindestmaß herabzusetzen.\" Was\nist in Bezug auf das Konzertbüro passiert? „Nicht\nnur unser Denkvermögen, selbst unser Zwerchfell\nwird geschont.\" Das Konzertbüro vertritt sich\noffenbar. „Immer spärlicher fließt der köstliche\nWunderquell des Humors.\" Versiegt vor diesem\nRoda Roda selbst die Geschäftstüchtigkeit? „Bei\nRoda Roda dage g e n kommt man aus dem\nLachen nicht heraus. Es ist ein ganz einzigartiger\nGenuß, zu erleben, wie er ohne Buch und ohne\nManuskript, Aug' in Auge mit dem Zu-\nschauer . . .\" Zwerchfell in Zwerchfell. Man ver-\nlange Spezialofferte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-09-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-09_01#c004", "volume": "bmtnabg_1913-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "90", "page_fin": "90", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.2.4", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Ernst Wilhelm Lotz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.2", "debut_caractere": 4589, "fin_caractere_exclue": 5347, "texte": "Gedichte\nVon Ernst Wilhelm Lotz\n\nMeerspuk\nüber den Weiten\nBlendet das Meer.\nUnd blaue Wolken rauchen.\nStet mit den Gezeiten\nSegel-fächert ein stürmend großer Traum daher.\nUnd hält dumpf schattend. Die See geht schwer.\nAus dürren Masten hörst du graue Stimmen\nfauchen.\nDann ebbt es weg. Und deine Angst, die dich\numschnürte,\nWird Sehnsucht, die Musik mit weichem Strahl\nberührte.\nVerstört fühlst du die Segel untertauchen.\n\nSonnenverse\nDie Luft steht grünverschleiert in der Sonnenzeit.\nMeine Fenster, die auf das Wasser zeigen,\nHolen in ihre Rahmen herüber die Häuserbänke,\nDie stromüber weiß in den Mittag schweigen.\nMeine Zimmer saugen in sich volle Süßigkeit.\nUnd meine Augen, die in der lauen Luft ent-\nschweben,\nMüssen ihr eigenes Leben im Blauen leben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-09_01#c005", "volume": "bmtnabg_1913-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "90", "page_fin": "90", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.2.4.1", "titre_corps": "Meerspuk", "titre_sommaire": "Meerspuk", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.2", "debut_caractere": 4622, "fin_caractere_exclue": 5010, "texte": "Meerspuk\nüber den Weiten\nBlendet das Meer.\nUnd blaue Wolken rauchen.\nStet mit den Gezeiten\nSegel-fächert ein stürmend großer Traum daher.\nUnd hält dumpf schattend. 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Da irrt Ihr Euch.\nWas ich sage ist Wahrheit; warum sollte ich\nauch lügen?\nEs.war eine Brücke, die zugleich Straße war\nund unter der die Züge ratterten.\nUnd ich war trunken, als ich über die Brücke\nging. Nicht etwa trunken vom Wein, oder gar\nvon der Liebe, auch nicht so trunken, wie einer,\nder da vor mir herumtorkelt. Nein, ich war trun-\nken von .. . Halt, da lüge ich bald. Doch\nich war trunken vor Liebe, aus Liebe und um\nLiebe, um meine Liebe zum Volk.\nPff . . . . Pfff . . Pffffff . Pffffff tre tre tre\ntre . . . und ein langgezogener Pfiff, als wenn\nmeine kranke Lunge Atem zieht, rot, feuerspei-\nend, blutdünstig. Ein Puffen und Stoßen, Räder\nschrillen, als wenn Du brünstigen Frauen Wasser\nüber den Leib gießt, Eiswasser über den lodern-\nden Leib. Rauch strömt gen Himmel und spielt.\nEin Zug fährt unter der Brücke durch.\nUnd hinter mir rasselts, da ist ein Pferd scheu\ngeworden. Ein Pferd vor einem Fleischerwagen.\nOb es weiß, daß es seiner Mutter und Schwester\nFleisch zieht? Es ist nervös, das Tier.\nIhr braucht mich deshalb doch nicht anzuglot-\nzen! Ihr, rülpsenden, fettgefressenen Bonzen, mit\nEuren Quallenaugen. Was stiert Ihr mich an?\nGlaubt Ihr mir nicht? Da, guckt Euch doch um!\nVor mir geht ein Mädchen mit schneppendem\nGang. Sie trägt einen roten Hut, hat fuchsiges\nHaar, einen gelben Mantel, hellgelb, so wie Ge-\nsichter von Schwindsüchtigen und Fieberkranken\nim Gewitter, dann hat sie noch einen reinen, wei-\nßen Rock, der ihr knapp über die Knie reicht, ich\nwette, sie ist dabei mindestens schon zwanzig\nJahre, und feine graue Strümpfe hat sie auch,\ndurch deren gaumenweiches Gewebe ihre blinkend\nweißen Enkel blitzen. Ihre Schuhe kann ich nicht\nsehen, meine Augen füllen sich mit Perlen, Rauch\nschlägt mir ins Gesicht.\nJemand hat Glühbirnen in meinem Kopf ent-\nzündet. Er brennt, wie eine Goldkugel auf dem\nhöchsten Turm, wenn sie des Sommers Sonnen-\nmittagshitze blendet.\nDas Mädchen macht ein Geschäft. Sie ist ein\nwandelndes Geschäft und trägt zartes Fleisch auf\nden Markt. Ganz anderes und anders, als vorhin\nder Fleischersknecht mit den blutrünstigen Hän-\nden und dem nervösen Pferd!\nOb die wohl Glück hat? Ich treffe sie heute\nNacht sicher wieder und kann dann fragen, jetzt\nsehen mich noch die Leute, man mag sich doch\nnicht gern an den Pranger stellen.\nKnatternd und bimmelnd kommt mir eine Elek-\ntrische entgegen. Sie erinnert mich an einen\nFreund, der nun Epileptiker ist. Gut, daß sie mich\nan ihn erinnert, ich muß dem Glücklichen einmal\nwieder schreiben. Er ist in einem roten Gebäude\neingeschlossen, um das ein wilder Garten steht.\nUnd um den Garten wieder ist eine Mauer. Ich\nwar im Frühling einmal bei ihm, da hingen des\nGoldregens schwere Trauben vor seinem Fenster\nund der Hollunder, mit seinen weißen Blütendol-\nden reflektierte die Sonnenstrahlen in sein Zim-\nmer, das weiß wie Blütenstaub war. Auf seinem\nTisch hatte er Flieder stehen, dessen Duft ich noch\nheute atme, berauschend, voll-süß. Und mein\nFreund kam mir entgegen und lachte. Und seine\nAugen sagten mir, daß er Freude habe und seine\nStimme: „Kann ich es irgendwo schöner haben?\".\nEin Glück, daß kein Wärter uns hören konnte,\nsonst hätte er eine neue Wasserkur durchmachen\nmüssen. Ich habe mich oft nach ihm und nach\ndem roten Haus gesehnt.\nW,as mich jetzt wundert ist, daß die Brücke zit-\ntert und sich verhalten bäumt. Warum sie wohl\nvorhin ruhig und schweigsam-verschlafen war, als\ndas Mädchen über sie ging?\nDas ist alles sonderbar.\nVor mir geht eine. Man erkennt sie am Gang\nund an dem Mantel, den sie sich umgehängt hat,\nnicht etwa, um zu verbergen, nur, um erst recht"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3848, "texte": "die Blicke Neugieriger zu reizen. Die Eitelkeit\ngeht ihr über den Leib.\n„Seht, was ich kann!\" Sie protzt mit ihrer\nMutterschaft, ihrer Bestimmung. Es wäre genau\nso, wie wenn die Sonne aufhören würde, zu schei-\nnen oder uns ihr Scheinen und Strahlen vorhielte\num damit zu prahlen. Es gibt doch sonderbare\nMenschen.\nDie Straße ist grau, Asphalt. Der stinkt in der\nSonne. Die ganze Luft stinkt, es ist als ob Aas\nin ihr schwebt und sie schwängert.\nDrüben am anderen Ende der Straße, da stehen\nKioske mit roten Zetteln und blauen Streifen und\ngrünen Strichen. Wie schön das zu dem grauen\nPflaster und zu dem rieselnden Regen paßt.\nDenn es regnet, ich merke es jetzt erst, wo ich\nnaß bin. Danach muß es schon lange regnen.\nUnd das ist gut. Mir hat das Milchmädchen\nheute morgen gesagt, daß dann die Kartoffeln gut\nzu stehen kämen.\nIch glaube, die würde ganze Nächte lang mit\nmir schwatzen können. Ich will sie morgen mal\nfragen, ob sie mir nicht einmal eine Nacht etwas\nerzählen will, ich kann ihr ja etwas dafür geben.\nAbwarten!\nIch lehne mich über das Gitter und schaue\nüber die Brücke. Unten sind Schienen und Men-\nschen, Koffer und Wagen, Hunde, Dienstboten, ich\nglaube, eine alte Jungfer hat auch ihren Papagei\nbei sich.\nIch möchte ,Jacco' rufen und dann dem Vieh\nden Hals abdrehen. Seitdem man diese Tiere er-\nfunden hat, haben die Menschen von ihnen gelernt,\nplärren alles nach, was ihnen vorgekaut wird.\nDer Himmel ist grau und schwer. Blei flüssig\nund hart tropft langsam auf mein wundes Hirn.\nLange halte ich das nicht aus.\nVon der anderen Seite der Straße ruft mir ein\nGassenjunge zu, ich sollte doch den Mund zu-\nmachen, damit die Luft hier nicht noch mehr ver-\npestet würde.\nDie Leute lachen breit und schmierig über den\nWitz. Ihre dicken, quammigen Gesichter sehen\naus, wie an die Wand gespritzter Kot.\nIch lache auch, über die Leute. Aber man\nsieht nichts von meinem Lachen, denn mein Mund\nist geschlossen und meine beiden Augen trinken\nmüde Wein aus der scheidenden Sonne Strahlen.\nAls ob man mir purpurnen Saft von gepreßten\nroten Schnecken schenkt. Süß und duftend, wie\nbetäubende Vanille, wenn sie blüht.\nAm andern Ende der Brücke drängen die\nLeute. Erst nur ein Paar. Auf einmal ist die\nganze Brücke leer und alles rast dahin. Auch von\nden anderen Seiten kommen sie.\nDa wird wohl ein Vogel auf dem Rücken lie-\ngen. Schlimmstenfalls ist ein Hund überfahren.\nIch möchte an seiner Stelle sein.\nDort sind noch ein paar Bäume und Gebüsche.\nMan kann vor Menschen nichts sehen. Es\nwird ein Betrunkener sein, der lallend seine Liebe\nsingt.\nAber Schutzleute sind da, mehr fast, wie andere\nLeute. Jetzt haben sie auch nichts zu befürchten.\nAllmählich kommt Klarheit.\nEs ist ein junges Mädchen, das sein Erstge-\nbornes hat aussetzen wollen. Sie wollte es ins\nGebüsch legen, sich dann entfernen und zu Hause\nihre Liebe zu Grabe tragen.\nWarum mußte sie das so öffentlich machen?\nEin Hund hatte sie bemerkt und beschnupperte\ndas Kind im Gebüsch. Da fing das natürlich an\nzu weinen. Solch eine kalte Hundeschnauze auf\nwarmer, weicher Pfirsichhaut, wer würde da nicht\nschreien?\nUnd da erwachte die Mutter in dem Mäd-\nchen und lief hin und weinte, und dann kamen die\nMenschen und glotzten und dann die Schutzleute\nund pöbelten und traten mit ihren Worten dem\nWeib ins Gesicht.\nSchwankend ging es davon. Abgehärmt. Arm.\nUnd hinter ihm her ging eine gröhlende Menge\nGaffer, Weiber, die auf ihr eignes Geschlecht,\nauf sich selbst, zeigen und zischen.\nDa ging ich hin und küßte das Mädchen.\nDa gröhlte und juchzte die Menge.\nDa ward ich des Kindes — Vater.\nDa erwachte die Liebe zum Volke.\nUnd morgen steht alles in der Zeitung.\nUnd übermorgen kauen noch einige zahnlose\nHälse und Schlünde auf diesem, für sie unverdau-\nlichen, Bissen.\nUnd in einer Woche, da weiß keiner mehr\netwas davon, außer uns beiden Glücklichen außer\ndir und mir.\n\nFür Li Feddersen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-09-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-09_01#c008", "volume": "bmtnabg_1913-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "91", "page_fin": "93", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.2.6", "titre_corps": "Orient oder Occident? : Meinem Bruder", "titre_sommaire": "Orient oder Occident? : Meinem Bruder", "signature_source": "Richard Fuchs", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.3", "debut_caractere": 3850, "fin_caractere_exclue": 9796, "texte": "Orient oder Occident?\nMeinem Bruder\nVon Richard Fuchs\nUnser Geschlecht ist durch den Geist, unser\nLeben durch die Gesellschaft irre geleitet. Alles\nUrsprüngliche ist zum Spiel heruntergezogen und\nerscheint dem Bewußtsein dieser Menschen als\nabsolute. Willkür. Der Geist ist ein Doppeltes:\nUrsprung des Menschen und Wissen. Das von\nseinem Ursprung getrennte Wissen kann nicht\nüber die Grundkraft herrschen. Die Gesellschaft\nkann weder Gewalten bannen noch Spannungen\nlösen; sie kann nur Kräfte ausspielen, um sie von\nihrem Objekt abzulenken.\nDen Menschen der bürgerlichen Gesellschaft\nverurteilt sowohl der Inhalt seiner Arbeit als die\nForm seiner Muße: der heimliche Genuß brutaler\nGeschlechtsordnung und das Vergnügen an sitt-\nlich-unsittlicher Phrase. Die Witze über das Ge-\nschlecht und die übernommne Oeffentlichkeit\nhaben den Mann und die Frau geschwächt, haben\ndie Naturbedingungen zerstört, durch welche das\nGeschlecht seine Bestimmung erhält. Geschlecht\nund Individualität sind Naturbestimmungen; auf\nden Trieb gepflanzt, müssen sie aus dem Trieb\nentwickelt werden. Die Individualität ist das Ge-\nschlecht des Mannes; das Geschlecht ist die Indi-\nvidualität der Frau. Ihre Freiheit ist das Spiel\nder Natur. Denn Natur ist Triebkraft. Die Ver-\ngeistigung des Geschlechts hebt, als eine Verdop-\npelung des Geistes, die Freiheit auf, lähmt in Mann\nund Frau den Geschlechts- und Schönheitssinn.\nDie bürgerliche Freiheit wird noch die schönsten\nGeschlechtsformen vernichten, die die Natur\nallein auf dem Boden des reinen freien Lebens\nzüchtet.\nDie Mütter, die ihre Töchter lehrten, gegen den\nMann ein eignes Leben im Widerspruch mit ihrer\nBestimmung zu führen, sind jetzt an den Folgen\nschuld: Die Frauen brauchten nicht in die Ge-\nschäfte und Aemter zu laufen. Es wären genügend\nEhen geschlossen und genügend Berufe aus dem\nTrieb des Weibes beschafft worden. Kein Mäd-\nchen ist sonst im Innern wählerisch, wenn ein\nMann die Natur des Mädchens wie sich selbst liebt.\nAber wer heute so gerade und männlich lebt, steht\nim Lebenskampf isoliert. Das Militär und die\nSchule hat die Stände, die weder dem Geist des\nKrieges noch dem der Reife mehr gewachsen sind,\nverwirrt. Der Offizier und der Erzieher, diese\nersten Bildner der Nation, wollten nicht, daß die\nInteressen der Bürger bis an die Kaiserlichen Hof-\nInteressen getragen würden. Im Verkäuferstand\ngenügt schon der Einjährige, um eine Tochter fürs\nLeben untauglich zu machen. Man weiß von\nallen Rassekreuzungen aus der Literatur, wie ein\nKind zustande kommt, und weiß nicht, was\nSchwangerschaft und Kindschaft ist. An den\nFrauen zeigen sich vortrefflich die Verschroben-\nheiten der Zeit. Die normale Geschlechtsliebe,\ndie durch den Stand, dies Mannigfaltige bedingt\nist, gebiert noch normale Kinder. Der Athlet aber\nerzeugt mit der Frau von Geist die Degeneration.\nDie physische Kraft bewirkt überhaupt nur Be-\ngriffe, nicht Instinkte. Vielleicht hat hier und da\nein ganz vollkommnes Weib Instinkte, denen man\nZüchtung zusprechen kann. Aber oft möchte der\nTeufel mit Leidenschaft dreinspringen, um der\nSchönheit die Folgen zu ersparen Die klassischen\nFrauen sind die besonnensten, weil sie seltner be-\ngehrt werden. Das Mädchen soll gar nichts vom\nMann wissen, auch nicht körperlich; kann doch\nselbst die verwöhnteste Frau vom Körper des\nMannes wieder nur die Schönheit als ihre beson-\ndere Natur ausdrücken. Der Mann, den die Frau\nin der Liebe zu spüren bekommt, liegt in den\nNewen, welche die Sehnen und Muskeln bilden.\nDie Schönheit des Mannes ist Nervenkraft. Die\nFrau ist nervös empfindlich auf den Mann. Der\nMangel an Mann wird in ihr der Wunsch nach\ntausend Wünschen, auch der Wunsch, die Myste-\nrien zu führen, auch der Wunsch, die Leidenschaf-\nten zu entfesseln. Der Mann erstaune nun nicht,\n.\nwenn ihn heute eine höhere Tochter fragt: sage,\nwie dus willst. Es gibt gebildete Bälger, die sogar\nihre dürren Partien vor uns auslegen wollen: ein\nHaar, das viel zu schwach ist, wird aufgewickelt;\neine Büste senkt sich, die sich nicht wieder hebt.\nDie Annäherung ist ein obszöner und verwerf-\nlicher wirtschaftlicher Aufwand. Man weiß den\nMann weder zu empfangen noch im Hause zu\nfesseln. Auf der Straße werden sechs neue Klei-\nder und im Zimmer eine alte Sache ausgetragen.\nEs besteht keine Form zwischen Geschlecht und\nGeschlecht. Ein Herr sucht Bekenntnisse von\neiner Dame zu erlangen, die ihren ganzen Lebens-\nplan nur vom geredeten Verstand der Mutter hat\nDie Dame wird ihm gute und sogar noch bessere\nWorte zu verstehen geben. So geht das bißchen\nVersfand von Mutter und Tochter, die ihre Männer\nsich immer ähnlicher machen, in die Brüche. Die\nLiebe des Mannes wird an der Erfüllung von tau-\nsend kleinlichen Konvenienzen geprüft. Daß ein\nFünfundfünfzigjähriger eine Zwanzigjährige heira-\ntet, ist kein Skandal, solange der Mann bis übers\nsiebzigste Jahr ein Weib ausfüllen kann, aber\nwird empörend, wenn sie beide vor Jugend ver-\nlebt sind. Die Liebe wird einfach vorausgesetzt,\ndamit man sich von vornherein auf einander ab-\nstimmt. Die echte Liebe ist innerhalb der ge-\nschlechtlichen Treue eine seltene Erscheinung;\naber dann ist in einem Augenblick Vertrauen ge-\nworden, was vorher, nur einzelne Achtung, Zärt-\nlichkeit, Verliebtheit war, und dadurch der Zwang\naufgehoben, der dem Geschlechtstrieb folgt. Denn\nder Geschlechtsdruck erhöht bloß den Rausch des\nHerrentums. Wo die offne Pforte der Lust zu so\nenger Seligkeit führt, wird Treue oder Treulosig-\nkeit eine Frage von wertloser Allgemeinheit. Statt\ndieses abstrakten Scherzes, Wetten über Ehrgeiz\noder Liebe auszuspielen, soll doch die Frau mit\ndem Mann ihr eignes Leben führen.\nZwei dumme Dinge freilich machen die euro-\npäische Ehe gegen die orientalische, die absterben\nwill, untergeordnet: die Bockigkeit des Mannes\nund die Unklugheit der Frau. Eine bessere Erzie-\nhung lasse also die Frau wissen, daß sie nicht die\neinzige ist, oder der Mann muß für bessere Dar-\nstellung seiner Natur sorgen. Die Immoralität der"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10908, "texte": "Frau stellt mit einer Bewußtheit, wie sie selbst\nnicht in der Triebkraft des Mannes vorliegt, Be-\nhauptungen auf, deren Gegenteil sie weiß und\nsieht. Sie antwortet dem Mann ins Auge: „Du\nwillst ja bloß, daß ich für dich arbeite. Und ich\narbeite.\" Der Mann will aber zum tausendsten\nMal, daß sie nicht arbeite und dafür ein einziges\nMal ihrem Lebenstrieb folge. Wer schon in der\nJugend diese Gegensätze sah, bekommt fürs Leben\neine schwer zu besiegende Ehescheu. Sobald der\nMensch eine Wahrheit besitzt, kann er nicht wie-\nder zurückleben. Der Hauptunterschied der Un-\ntreue des Mannes und der Frau ist, daß die Un-\ntreue der Frau, so instinktiv sie sei, nur den Mann\nauf die Probe stellt. Es gibt keinen Mann, der\nnicht wissen könnte, ob und wann seine Frau un-\ntreu war; der Mann weiß es sicherer als es je die\nFrau von sich und vom Mann wissen mag. Also\ngibt die Gegenwirkung des Mannes den Ausschlag.\nTausend Männer wissen und schweigen, aber das\nSchweigen wird ihnen zum Verhängnis. Schwei-\ngen ist schlimmer als nichts zu wissen. Denn\nirgend ein Zweck gebietet, daß sich Mann und\nFrau zum Ausdruck bringen. Keine Frau hat eine\nWahl, wenn sie auf die Probe gestellt wird. Jede\nFrau, die von der sorglosen Untreue des Gatten\nKenntnis bekommt, verliert mit einmal die Liebe,\nohne daß sie will. Die Frau von christlichem Ge-\nmüt empfängt und verliert die ganze intellektuelle\nLiebe durch den Mann. Nach dem Verlust ihres\nGeistes erscheint ihr tätig Praktisches nur noch\nvon größerer Vernunft, während das müßig Prak-\ntische einer andern, aber mit eignem Triebleben,\nimmer vernünftiger wirkt. Für Liebe Untreue,\nfür Untreue Verstand: und das soll den Frauen\ndas Verhältnis zwischen Geschlechtskraft, Ver-\nstand und Liebe im Mann verraten? Die kluge\nFrau ist darum schon vor der Ehe klug. Die Frei-\ngeisterei von ehedem zeigte dem Mädchen den\nMann wie er ist und redete nicht von der Liebe\nund nicht vom Geschlechte. Das Glück der Frau\"\nruht dort sicherer, wo sie selbst ihrem Verstand\nnachhilft. Handelt es sich doch in beiden um das\nGlück des einzelnen, nicht um die Summe ihres\nGlückes. Denn um die Größe von Empfindungen\nzu bestimmen, fehlt der objektive Maßstab. Die\nGeburt vererbt außer dem Geschlechts- und\nGeistesunterschied noch eine größere und gerin-\ngere Eigenwelt, die von der Anstellung in der\nWelt zu unterscheiden ist. Deshalb ist noch die\nQualität einer Kultur wichtig. Denn daß jeder\nVerstand glücklich und jeder Geist unglücklich zu\npreisen sei, ist zu banal, um wahr zu sein. Aller-\ndings mögen beide das Leben auf der Ehre des\nGlückes und nicht auf dem berühmten Unglück\naufbauen.\nDie Zeit ist bis an die äußere Grenze ihrer Irr-\ntümer gekommen. Die Liebe läuft in Toilette auf\nder Straße und wohnt in einem Quartier, das kaum\neine Wohnung mehr ist. Erst war die Frau ein\nSpielzeug, wurde dann die Arbeitskraft des Man-\nnes, und nun ist sie der Plunder der Konkurrenz.\nDer Mann aber, der bemerkte, daß die Frau alles\nkönne, sogar besser arbeiten als er, wurde zu faul,\num noch den Luxus seiner Sinne selbst zu bestrei-\nten. In der Tiergattung bekommt das Weibchen\nein tapfres schönes Männchen, in unserer feinen\nWelt sucht und findet es in vielen Männern nur\nviele degradierte Diener. Das Weib wird trotz-\ndem monogam geboren, und der Mann polygam,\nalso mit einem heimlichen und einem öffentlichen\nUnterschied. Kein Buch der Welt ändert das\nWesen der Natur. Es gibt keine zwei Frauen-\nrassen, alles ist schon an den Frauen Natur, näm-\nlich Dummheit oder Verstand, und alles Lebens-\nbeispiel gewesen. Es gibt auch gar keine ver-\nschiednen Menschenrassen, denn alle haben die\nEinsetzungen der Familie und der Dirne. Was\nsoll bloß die Frau in der Oeffentlichkeit? Wo gibt\nes denn eine Frau, mit der man ein einziges Wort\nöffentlich sprechen kann? Wenn der alte Grieche\nsagte, er müsse an sein Geschäft, so hatte er drau-\nßen auch seine Mätressen und Dirnen. Der Frau\nblieb das ganze öffentliche Leben des Mannes ver-\nborgen. Wenn der Frau nichts Einfacheres ge-\nboten ist, als nur an ihrem Schmuck arbeiten zu\nmüssen, ist sie glücklich mit Haus oder Mann und\ntut alles für sie, keine will ein zweites Leben und\ndas zweite Leben des Mannes ist ihr gleich. Jede\nsieht in seinen geistigen Leistungen nur einen an-\ndern Schmuck für sie, geistige Werte, welche die\nOeffentlichkeit kennen zu lernen nicht auszuteilen\nhat. Tief ist der Trieb des Weibes zu lieben oder\nzu verdienen. Noch tiefer ist heute der Lebens-\n«nglaube des Mannes. Zwar ist der Glaube an\ndas Leben gefährlich, denn das Leben hat schlei-\nchende Tücken. Nie ist die Vernunft gefährlich,\ngefährlich ist immer der Glaube. Aber am ge-\nfährlichsten ist der Unglaube. Seitdem die Frau\neinen natürlichen Gatten entbehrt, schmückt sie\nsich überhaupt nicht mehr für die Männer. Der\nSchmuck übernimmt die Ausspielerei des Ge-\nschlechts. Warum ein einzelner Mann gegen die\nWelt Recht haben soll, seit wann wagt die Frau\nso zu fragen? Die Frau verschlechtert sich, sobald\nder Mann sie nicht mehr für ihr weibliches Ver-\ndienst genießt. Seitdem sie mit dem Mann für die\nWelt arbeitet, findet sich der Luxus für die Mutter\nund Dirne komplet auf der Straße. Die Frau soll\naber in erster Beziehung nach der privaten\nLeistung des Mannes fragen. Das würde nur dann\nzu hoch finanziert, wenn sie in ihrem Beglücker\nauch noch den Wirtschaftskonkurrenten entlohnen\nmüßte. Die Ehe, als eine ökonomische Frage,\nbleibt ein reiner Geschmack des Mannes und wird\nweder Pflicht noch Recht. Unser Bürgertum ist\nbis in breite Schichten verwöhnt, die durch ihre\nGeschlechtersucht noch zur Sippe gehören. Weil\ndas Leben nur wenigen geschenkt ist, wird es\ndurch Leidenschaften vielen zur Torheit. Die\neinzig menschliche Antwort ist, daß die Not-\nwendigkeiten nicht durch Vernichtung der Leiden-\nschaften geheilt werden.\nDa die Gefühle und Triebe im innern Menschen\nherrschen, so muß die Vernunft die äußere Welt\nregieren. Keiner ist zu etwas verpflichtet, was\nwider die Vernunft ist. Die Lebensführung lenkt\ndie persönliche Erziehung; Gewohnheit und Bei-\nspiel sind das Geheimnis des Organischen. Zu\njedem Sexualverhältnis gehört eine Gelegenheit,\njede Unmoral eines Freundes braucht ihre Gele-\ngenheit. Also keine Gelegenheit aufsuchen! Denn\nsie kommt von selbst. Andere als reizende Ge-\nlegenheiten sind auch der Polizei, der Religion und\nMoral zu verbieten. Denn selbst nicht durch, Ver-\nnunft ist der einzelne zum andern zu zwingen.\nAber besonders ist jede unbegrenzte Phantasie in\nder Oeffentlichkeit zu verhüten. Man darf also\nnicht Kunst und leichte Bildung in die Schule tra-\ngen, sie weder zur Lehre noch zum Hausfleiß\nmachen. Menschlichkeit mitteilen heißt Menschen-\nwerke und ihre plastischen Bedingungen vor phy-\nsische Augen führen, Menschenwerke und Worte,\nihre geistigen Elemente, in physische Ohren brin-\ngen. Der Literaturstoff selbst ist keine humane\nLehrangelegenheit. Wer Verstand für diese Sachen\nhat, ist kein feinerer Mensch als wer zu prakti-\nschen Geschäften geschickt ist. Mit ihnen vor Er-\nwachsenen Stand und vor Gleichen Auszeichnung,\nkurz bürgerliche Bildung begründen wollen, ist\ndas Ende jeder Tüchtigkeit. Man lasse alle Kinder\nan Uebungen im gleichen Geist der Logik teilneh-\nmen, ohne darauf Unterschiede der Menschen zu\nbauen. Der Erzieherberuf ist ein hoher Beruf und\nso mannigfaltig wie die Kinder, die er zu seinem\nUnterricht vor sich hat. Aber Kritik an der Kunst\ngestatten ist wie Kritik am Geschlecht gestatten.\nAlle Lehren, die nichts üben, werden dem Vorwitz\nnur Mittel zum Zweck, um Einsamkeit und Zu-\nsammenleben zu zerrütten. Lehrt die Jungens und\nMädchen aufeinander: es gibt Sodom und Go-\nmorrha. Erst Sentimentalitäten und Totschießerein,\ndann Aufhebung aller Empfindungen, das ist keine\nErleichterung des Lebens. Das moderne Leben\nwar etwas vernünftiger geworden, weil mit der\nAufschließung des Verkehrs der private Mensch\ngeschützt und die Phantasiebildung herrschender\nCliquen erschwert wurde. Das Weib braucht Ro-\nmantik: gut, die Gefahren des Einzellebens sind\ndie Romantik. Ganz phantasieren ist also das\nFreilassen der Frauen, die, sobald man sie aufgibt,\ndie Zahl der Masse vermehren. Weil der Ge-\nschlechtsgenuß Selbstzweck ist, so ist das Zusam-\nmensein der Geschlechter doch nicht nur das Mit-\ntel zu diesem Zweck, wenn auch das Geschlechts-\nleben immer im Mittelpunkt steht. Jedes natür-\nliche Mädchen denkt: „Setz dich doch zu mir und\nsprich!\" Zu den Dirnen gehen und sie für die Män-\nner sprechen zu lassen, hieß auch romantisch. Mit\nRecht antwortet da die Zeitgenossin: „Guck mich\nnicht so dämisch an. Den ganzen Tag war ich\ndraußen, jetzt muß ich schlafen.\" Die Verheiratete\naber wird Ihnen sagen: „Sie haben sich vor einer\ngroßen Selbsttäuschung bewahrt.\" Durch unzwei-\ndeutige Beispiele wird die Zeit belebt. Ja, jede\nZeit braucht eine andere Art Erziehung. Die Klippe\nfür die Geschlechtsliebe ist die Erfahrung. Denn\ndurch Erfahrung wechselt die Liebe ihr Wesen,\nwird Leidenschaft oder Vernunft. Daß sie dem\nMenschen in kostbaren Fällen Enttäuschungen er-\nspart, ist der feine Wert der Kultur. Die Frau,\nwelche die Befriedigung kennen gelernt hat, kennt\nauch das Leben. Es ist darum mit der Anlernung\nder Mädchen durch die Geschlechtsfreiheit nichts.\nDer Knabe muß die Fähigkeit haben, die ihm zu\nseinem Glücke gegebenen Bedingungen aufzusu-\nchen. Diese Bedingungen finden sich für nieman-\nden zur Knechtschaft. Wenn die Bedingung zur\nEhe- gegeben ist, wird Ehe eine Gemeinschaft sein,\nin der wiederum eine unausgesprochene Gegen-\nseitigkeit Führerin ist. Heute geniert sich das Mäd-\nchen des Jungen, die Frau des Mannes. Diese\nGeniertheit setzt das Frühegelernte dem Natur-\ngewachsenen entgegen, als eine Dreistigkeit ohne\nLeben. Anpassung ist also etwas Bedingendes,\ndamit unmöglich wird, daß eins über das andere\nohne Rücksicht weggehe. Die Natur hat jedem\nTeil eine besondere Form gegeben und es ist\nschuldvoll, eine allgemeine Fassung für alle Fälle\nzu wiederholen. Kein Wort und Bild braucht erst\nauf den Trieb hinzuführen, sondern kann gleich in\ndas Individuum dringen. Vom determinierten Ge-\nschlecht erhält jede Lebensmoral ihren Ursprung,\nund die vergeistigte Lebensäußerung entfernt sich\nnicht von diesem Ursprung. Die doppelte Moral\nist deshalb verwerflich, weil sie sexuelle Moral ist.\nHier werden fertige Moral und unfertiges Ge-\nschlecht zusammengebracht und gegeneinander\ngebraucht. Die reinliche Scheidung, die den\nWunsch des intimen Menschen erweckt, nimmt\ndem Geschlecht die Willkür. Die jedem Weib be-\nsonderen Dinge gehen das heimliche Weib an. Die\nKraft des Mannes kann bewirken, daß sie nicht\nvorlaut werden. Der Verkehr mit dem Geschlecht\nverlangt persönlichen Nachdruck und eine Sprache\nvor urbaner Klarheit, die ihrer Vielfachheit\nund doch so ungleicher Sache entsprechen,\nwie der Stand der Natur sie ist. Das Frauenhaus\nist eine Gelegenheit für alle Volkskreise. Aber der\nMann hat mehr Gelegenheiten zu nehmen als zu\ngeben. Das Weib ist die wertvollste Sache, frei-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5946, "texte": "lieh durchaus nicht die zunächstliegende. Es gibt\nvor allem keinerlei Art Verpflichtung, die unserm\nGeschmack entgegen ist. Daß einer das Weib\nnimmt, nur weil er sich mit ihm eingelassen hat,\nist eitel wie jedes Experiment: es folgt alles für\nihm daraus, nur nicht was sein Ursprüngliches\nbraucht. Auch dafür Unfallversicherungen zu\ngründen, brächte wohl dem Mann nicht die unge-\nnehmere Buße und der Frau die bessere Ein-\nnahme. Zufällige Bekanntschaften müssen ja auch\nvon Männern unter sich nach ihrer Entstehung,\ngewertet werden. Zufallswesen sind Menschen,\ndie von Anfang an nicht zu uns gehörten. Man\nhat alte Freunde und unterscheidet die Eindring-\nlinge, die unsere Attrappe sein wollen, ohne daß\nsie eine Verantwortung für uns übernehmen. Eine\nFrau darf vollends nie Attrappe sein.\nWie das Kunstwerk dem Künstler näher steht\nals der Fremde denkt, so die Frau, wie sie ist, dem\nMann. Mann und Frau können nicht noch ein\ndrittes Geschlecht durch Gefährten- und Gevatter-\nschaften hätscheln. Hohn ist es, in der Kunst und\nin der Liebe an die Ueberlegenheit einer franzö-\nsischen Rasse oder an die Feinheit einer überkulti-\nvierten Nordrasse zu glauben. Kein Trieb und\nGeist von Mann und Frau ist zu groß, daß wir die\nMenschen überschätzen dürften. Die Natur der\nFrau ist nicht unbegrenzt. Ist der Mann im Sport\nverdorben, so ist die Frau nicht tiefer. Erst wenn\nder Mann wieder ernster ist, wird es auch die\neinzelne Frau. An alle Menschenschöpfungen muß\nman mit Maßen Vernunft bringen. Der Künstler\nverbreitet keine Weltanschauung, sondern gestal-\ntet indem er den Stoff an Gehalt vergleicht. Auch\ndas Kunstwerk ist für vernünftige Betrachtung ge-\nschaffen. Doch spricht sein Schöpfer: hier lauscht\nauf, um eine neue Form des Menschen euch einzu-\nverleiben. Der geistige Mensch herrsche nicht in\nder Natur! Die Natur und der Mensch züchten,\ndenn auch die Natur schafft immer neue Formen.\nAber der lose Geist züchtet nichts, sondern zer-\nstört die Sinnlichkeit. Und durch die zerstörte\nSinnlichkeit entsteht der Inbegriff der Rasse: die\nRasse wird zur Zwangsvorstellung. Wer von\nRasse im guten Sinne spricht, meint Vollkommen-\nheit, das gesunde ungehemmte Verhältnis von\nSinnlichkeit und Trieb. Der. Geist findet am Sitt-\nlichen seine Aufgabe. — Das einzige Mittel zur\nVollendung ist, daß wir an unserer Sache fortar-\nbeiten und, um die unmoralischen Instinkte des\nMenschen nicht aufzurühren, nicht von Kirche,\nStaat, Religion oder Freiheit reden. Mit 35 Jahren\nmuß es Männer geben. Das Kind brauchte Frei-\nheitsideale. Die Wirklichkeit liegt dem Kinde fern\nund schon die Nähe wird ihm hart. Aber der\nMann darf sie nicht fliehen. Frauen und Kinder\nsind Mächte des Lebens und nicht bloß für Kinder\nund Männer geboren. Der Mann soll Frauen und\nKinder mit höchster Liebe sehen, doch um beide\nin ihrem Sinne zu behandeln, nicht mit zum Kind\nwerden. Das Jahrhundert des Kindes war der\nüberspannte Gedanke eines Weibes. Ein ganzes\nJahrhundert sollte zum Kind werden, damit das\nKind nicht etwa 15 Jahr, sondern 95 alt werde? Vom\nsechzehnten Jahre und eher sind schon die Men-\nschen verschieden, und stehen uns ferner als wir\nwünschen. Die erste Jugend ist allein noch mensch-\nlich zu behandeln, da läßt sich wirken, pflegen und\nEindruck machen. Der Erwachsene lebt außer dem\nKreis unserer Einflüsse, wengleich die Entwick-\nlung an uns selbst nicht aufhört. Aber die Jugend,\ndie an ihresgleichen aufwächst, ist ohne Praxis.\nDer junge Mensch hat nur dort Instinkte, wo er\nein Vorbild sieht. Der Mensch kann mit dem Tier\nnicht gleichgestellt werden: wir können aus der\nTierliebe kein Wort als Beispiel bringen, das pas-\nsen würde. Denn das Tier sagt uns nicht, ob wir\nRecht haben, wenn wir von seinen Instinkten\nsprechen. Der hilflose Mensch gehört zu einer\nfremden Ordnung, weil im Gefolge der Sprache\ndie Entwicklung des Individuums den längsten\nRaum braucht. Das Verhältnis von Trieb und In-\ntelligenz ist ganz mannigfaltig und der Zweck bei-\nder ein Lebensgeheimnis. Alle Tiere verteidigen\nim Spiel den Trieb und haben einen Kampf mit\ndem Leben. Aber erst auf der Stufe, wo sich im\nMenschen der Widerspruch der Gedanken regt,\nsetzt die Unseligkeit ein, daß den Trieb, der das\nLeben ist und den das Leben ernährt, das Leben\nund die Leidenschaft zerstören. Wenn der Ver-\nstand nur einen einzigen Sinn hat, muß der\nVerstand im Menschen als ein Sinn, den der Trieb\nschuf, und wie eine Art Trieb, den Trieb, das Ur-\nsprüngliche, bedienen und befriedigen. Die Liebe\nist unvernünftig, sonst gäbe es natürlich gar keine\nVernunft. Aber daß das ganze Leben Unvernunft\nund Lüge sei, ist eine durchaus unkünstlerische\nBehauptung. Der Trieb ist nur stärker und das\nLeben nur umfassender als der Verstand.\nDas Vorbildliche der orientalischen Ehe ist die\nAbgeschlossenheit der Frau vor der Oeffentlich-\nkeit. Der Osten duldet keine Ehe auf der Straße\nund keine jungen Mädchen im Freien. Die Viel-\nweiberei ist so häufig und so selten wie bei uns,\nnur daß sie leichter als bei uns abstellbar ist.\nDenn es ist doch dort überhaupt ein Wesen im\nHause, das eine Geschlechtsbedeutung hat. Die\nromanischen Völker sind im Ganzen nach der alten\nWelt orientiert. Amerika ist ein Neuland: man darf\nihm nicht zu vieles glauben.\nDie Frau schafft und zerstört, im Gegensatz\nzum Mann, ursprünglich keine Kultur. Erhaltung\nist die Art ihres Geschlechts, in der Form der\nSelbstverhüllung. Doch tut die Frau, was der\nMann tut. Aber sie wisse nichts vom Mann und\nder Mann begehre sie, so ist sie begehrenswert.\nDie Unnatürliche stammt erst von einem unnatür-\nlichen Mann, ihrem ärgsten Feinde. Die Frau ist\nalles durch das Geschlecht der äußeren Worte und\nDinge. Und als der Mann sah, daß sie nackt war,\nschaffte er ihr Kleider. Die Frechheit, die der\nKünstler und Mann gebraucht, um in der Erfüllung\neines W;eltkörpers den Willen, den er hat, zu\nsuchen, soll vor ihr nicht mißbraucht werden, um\ndurch Enthüllungen ihrer Körperwelt den größten\nVerstand, den sie hat, zu verlieren."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-09-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-09_01#c009", "volume": "bmtnabg_1913-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "93", "page_fin": "94", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.2.7", "titre_corps": "Das Bad der Pauline Borghese", "titre_sommaire": "Das Bad der Pauline Borghese", "signature_source": "Peter Scher", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.5", "debut_caractere": 5948, "fin_caractere_exclue": 9748, "texte": "Das Bad der Pauline\nBorghese\nVon Peter Scher\nDie Fürstin Borghese empfängt den jungen\nHerzog di Castiglione nach ihrer Gewohnheit im\nBade.\nAuf den Marmorbänken zu beiden Seiten des\nBassins knien, beide Arme auf die Balustrade ge-\nstimmt, ihre Intimen Qina Campostri und die\nlustige kleine Prinzessin Servante.\nDer Herzog lehnt, halb verborgen, blaß und\nmit verkniffenem Munde an der mittleren Säule.\nAuf der oberen Stufe der zum Bassin hinunter-\nführenden Treppe steht unbeweglich mit ver-\nschränkten Armen, das schwarze Gesicht starr\ngeradeaus gerichtet, der Mohr Timur. Der mäch-\ntige Schatten des Riesen streckt sich breit über die\nweißen Bärenfelle am Boden und verschlingt das\nzierliche Schattenbild des Herzogs. Licht stürzt\naus hohen Fenstern über den Wasserspiegel, prallt\ngegen Timurs schwarzen Rumpf und zersprüht\nam brennendweißen Leib der Fürstin.\nPauline ist lustig. Sie biegt sich, vor Behagen\nschreiend, weit hintenüber und läßt ein Bein um\ndas andere aus dem Wasser schnellen. Ein Sprüh-\nregen saust über Timurs grinsendes Gesicht; auch\ndie Damen an der Balustrade und der Herzog\nbleiben nicht verschont.\nDie Damen schütteln sich und kreischen mit\nPauline um die Wette. Die Prinzessin Servante\ndreht sich spöttisch nach dem Herzog um und\nruft der Fürstin ein Scherzwort zu. Und Pauline\nschnellt ihr Bein noch einmal so lustig aus dem\nWasser, daß di Castiglione, von einem Strahl ge-\ntroffen, mit beiden Händen nach dem Gesicht\ngreift und unwillkürlich vor die Säule tritt.\nGina Campostri und die Prinzessin klatschen\nironisch in die Hände. Timur knirscht entzückt\nmit den Zähnen.\nNach einer Weile ist die Fürstin der Spielereien\nüberdrüssig. Sie nickt der Prinzessin ver-\nschmitzt zu.\n„Nun, Herzog, — wollen Sie mir nicht behilf-\nlich sein?\"\nPauline hüpft geschickt auf die unterste Trep-\npenstufe. Sie steht nackt, mit offenem Haar, die\nlinke Hand leicht auf die Hüfte gelegt, die rechte\nnach oben ausgestreckt, weiß und glänzend über\ndem Wasserspiegel in der Sonne.\nDer Mohr tritt auf ihren Wink einen Schritt\nzur Seite. Die furchtbaren Muskelwülste seiner\nnackten Arme und Beine vibrieren. Seine Zähne\nknirschen wie Kies. Aber die Damen beachten ihn\nnicht. Ihre Augen sind gespannt auf das Gesicht\ndes Herzogs gerichtet.\nCastiglione stürzt nach der Treppe und ergreift\nPaulinens Hand.\n„Hoheit!\"\nDie beiden Damen kichern.\nDer Herzog glüht bis in die Schläfen.\nDie Fürstin stützt sich leicht auf seinen Arm\nund sagt:\n„Man erzählt mir, Sie hätten ein Sonett auf\nmich gedichtet. Ist es wahr?\"\nDer Herzog wirft einen verzweifelten Blick auf\ndie Damen, fährt sich mit der freien Hand an die\nKehle. Schweigt.\nPauline läßt seinen Arm los.\n„Timur!\"\nDer Mohr steht mit einem Sprung bei ihr und\nbeginnt mit Schwämmen und Tüchern ihren Kör-\nper zu reiben. Pauline steht vor dem Herzog, das\nrechte Bein erhöht gegen die Marmorbank ge-\nstemmt, beide Arme über dem Kopf erhoben. Ti-\nmur hockt vor ihr. Er hält in jeder Hand ein sei-\ndenes Tuch und tupft damit die Tropfen von ihren\nHüften.\nGina und die Servante schielen nach dem Her-\nzog. Der kleinen Prinzessin bleibt vor Erwartung\nder Mund offen.\nDer Mohr reibt den Körper der Fürstin; sein\nAtem geht laut.\nDa fährt der Herzog plötzlich herum, tut einen\nSchritt vorwärts, packt den Mohren und reißt ihn\nmit solcher Kraft von der Fürstin zurück, daß der\nKoloß sich überschlägt und über die Treppe ins\nBassin kollert. Timur prustet und schnauft wie\nein Walroß.\nDie Damen schreien und applaudieren.\nDer junge Herzog starrt sie groß, fast staunend\nan; in seinen Augen zucken Flammen.\nEs ist ganz still.\nPauline bückt sich wie von ungefähr nach einem\nSeidenschal für ihren Schoß.\nUnd der Herzog kniet vor ihr nieder und küßt\nmit zitternden Lippen ein Wassertröpfchen von\nder rosigen Knospe der ihm zugeneigten Brust.\nDie Fürstin schließt die Augen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 460, "texte": "„Herzog!?\" sagt sie leise, legt beide Hände\nüber ihr Gesicht und schweigt in seligem Er-\nröten.\nTullia Servante schlägt ein Kreuz.\n„Pauline?!\" flüstert Gina atemlos.\nDie Fürstin öffnet langsam die Augen, wirft ihr\noffenes Haar mit einem jähen Ruck gegen die\nFreundinnen herum und die Damen schleichen auf\nZehen hinter die Portiere eines Nebenkabinetts.\nPauline winkt dem Mohren. 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Mißtrauen schloß\nihm die Lippen. Dieser vornehme Mann an seiner\nSeite, den langweilten jetzt seine Worte, wie sie\nihn vorher gefesselt hatten . . . alle vornehmen\nLeute hatten ihre Launen. Auch das Mädchen\nschwieg. Wie sie sich am Nachmittag der klin-\ngenden Stimme des Geliebten hingegeben hatte, in\neinem unendlich süßen Gefühl der Behaglichkeit,\nso war sie in der Seltsamkeit des Sommerabends\nder Wirkung seiner unbekannten Stimme erlegen.\nWiderstandslos gab sie sich hin, unbekümmert um\nden Sinn der Worte, nur hinhorchend nach dem\nungewohnten Tonfall, nach der einwiegenden Ein-\ntönigkeit dieses Organs. Sie schritt wie im Halb-\nschlaf neben den beiden Männern her.\nDie Stadt hatte sie jetzt ganz in sich aufge-\nnommen. Die breiten Pflastersteine warfen den\nKlang ihrer Schritte an die Häusermauern, die ihn\nverächtlich murrend wieder fallen ließen. Wenn\nein Hund des Weges kam, schlich er in weitem\nBogen um die drei Menschen herum; alle Hunde\nsahen in dieser dämmrigen Beleuchtung in der\nkahlen Stille der Straßen wie lauernde Hyänen\naus. Ganz selten ging ein Mensch an ihnen vor-\nüber. Es war zwischen neun und zehn Uhr. Die\nmeisten Männer saßen im Restaurant und in der\nKneipe, die Frauen hinter den Häusern, in Höfen\nund Gärten, erzählend, verleumdend, lachend und\nsorglos. Wenn eine besonders laut war, drang\nihre Stimme oder ihr Gelächter torkelnd auf die\nStraße, wo es nach wenigen Augenblicken starb.\nDer Künstler sah die Leichen dieser lauten Frauen-\nstimmen überall auf dem Pflaster liegen. Dies er-\nhöhte seine Traurigkeit.\nDer große Garten des Gesellschaftshauses, in\ndem sich auch das Konservatorium befand, lag\nunter einer gelbweißen Lichtflut. Große Laternen\nstanden auf dünnen Eisenpfählen zwischen den\nBäumen. Aus den hohen Bogenfenstern des Kon-\nzertsaals stürzte das Licht, leuchtende Musik, die\naus den Fenstern drang. Um kleine runde Tische,\ndie wie weiße Farbflecken unter den Bäumen\nlagen, saßen lachende plaudernde Menschen; die\nOberkellner beugten sich über sie, hatten sie die\nWünsche erfahren, schnellten sie zurück, als seien\nsie erschrocken über die Worte ihrer Gäste. Ein\npaar kleine Mädchen in weißen raschelnden Kleid-\nchen jagten sich zwischen den Tischen und Stüh-\nlen; ihr hohes Gejubel kämpfte mit dem Redege-\nwirr, das beständig über dem Garten wogte.\nAm Eingang zum Garten gab Johannes dem\nArbeiter die Hand.\n— Wir sprechen noch einmal zusammen, sagte\ner. Ich glaube, ich weiß, was Sie erstreben.\nEine jähe Ueberraschung zuckte in den Augen\nJörg Martins auf; dann lachte er ein halblautes\nLachen und ging. Johannes horchte seinen Schrit-\nten nach, bis sie in der Nacht verklangen.\nEine seltsame Stunde! sagte er und atmete tief.\nSie schritten durch die schwatzenden und\nlachenden Menschen, die ihnen neugierig nach-\nblickten. Alle kannten das Mädchen und kannten\nauch den Künstler, der einmal, gleich am zweiten\nTag nach seiner Ankunft, in einem Konzert mitge-\nwirkt hatte.\nAls sie in den Saal traten, tönte gerade ein\nKlavierkonzert aus. Ein gedämpftes Stimmen-\nbrausen stob auf und stieß hart an die Decke, von\nwo es zitternd zurückstrahlte. Die drei Kronleuch-\nter, die in strenger Ordnung die Mitte der Decke\nvon hinten nach vorn zerteilten, übergössen die\nMenschen mit dem bleichen, verwaschenen Glanz\ndes Gaslichts. Eine lastende Schwüle war durch\nden ganzen Raum gespannt.\nAlle Köpfe drehten sich nach dem Paar, das\nArm in Arm durch den Mittelgang nach vorn\nschritt, wo für den Künstler zu jedem Konzert zwei\nPlätze zur Verfügung gehalten wurde. Sobald die\nSchüler, die das kleine Orchester bildeten, den\nMeister erblickten, begrüßten sie ihn lebhaft. Er\nsah am rechten Ende der Stuhlreihe den Redakteur\nsitzen; der starrte geärgert vor sich hin. Seine\nbuschigen Brauen hingen wie schwere Wolken in\ndie Augen herein. Der Direktor des Konservato-\nriums, der in einem Gespräch mit einem langen,\nspindeldürren Klaviervirtuosen begriffen war, ließ\nihn ohne weiteres stehen, sobald er den Künstler\nerblickte und eilte mit ausgestreckten Händen auf\nihn zu. Alle verehrten in ihm den Meister des\nKlavierspiels, der mit erlebender Seele spielte. Aber\nsie wußten nicht, welche Oualen der Künstler in der\nStunde seines Spiels vor all diesen Menschen litt;\nsie wußten nicht, daß der laute Jubel der Zuhörer\nwie schwere, unbarmherzige Fußtritte an seine\nSeele pochte. Sie wußten nicht, daß er sich hoch\noben auf dem Podium, den Blicken aller ausge-\nsetzt, wie entweiht, wie ein Verräter an der stillen,\nvornehmen Hoheit seiner Kunst vorkam.\n— Wenn wir sie doch bewegen könnten, wie-\nder einmal zu spielen! rief der Direktor.\nDieser tüchtige Mann besaß ein außerordent-\nliches Organisationstalent. Jede künstlerische Ver-\nanstaltung, die er unternahm, gelang. Er wäre\nwohl längst an der Nüchternheit der Kleinstädter\ngescheitert, wenn er nicht diesen zähen Willen,\ndiese rücksichtslose Ausdauer und diese Kühnheit\nbesessen hätte.\n— Sie haben die Leute damals begeistert, sagte\ner zu Johannes. Diese Krämerseelen haben in\njener Stunde das ganze Elend ihres Alltags voll-\nständig vergessen. Vollständig! Sie kann-\nten sich selber nicht mehr. Wahrscheinlich haben\nsie sich nachher darüber gewundert.\nSie standen vor dem ganzen Publikum. Johan-\nnes ließ lächelnd die Schmerzen des Direktors über\nsich ergehen. Der Direktor war in Geberlaune;\nin solchen Augenblicken bürdete er dem, mit dem\ner gerade sprach, alle seine Sorgen und Wünsche\nund Erwartungen auf, ob der andere sie haben\nmochte oder nicht.\n— Sehen Sie, im Vertrauen, es ist ein Wunder,\ndaß wir uns mit unserm Konservatorium die fünf\nJahre gehalten haben. Die Feindschaft, die wir\nauszuhalten hatten! Sie meinten es gut, von ihrem\nStandpunkt^aus; sie meinten, mit dem Neuen käme\nder Unsegen in der Stadt. Sie fürchteten für ihre\nSöhne und Töchter; die sollten nicht auf solche\n„verrückten\" Ideen kommen, Musik studieren zu\nwollen. Verstehen Sie! Der Geist der Behäbigkeit\nwollte uns einen Damm bauen. Aber wir haben uns\ndurchgesetzt. Heute besuchen fünf Söhne und acht\nTöchter dieser Stadt unser Institut . . . Ihre Eltern\nsind die Fortgeschrittensten, obwohl es mit diesem\nFortschritt — unter uns! — auch nicht gar weit her\nist. Die andern Schüler und Schülerinnen liefert\nuns die Umgegend . . . Wir haben ganz tüchtige\nunter ihnen. Und die Lehrer leisten Prächtiges.\nJetzt werden sie uns wohl nicht wieder aus der\nStadt herausbekommen. Aber, ich glaube: im\nGrunde ist es ihnen gar nicht so unangenehm, daß\nsie jetzt das ganze Jahr hindurch Konzerte haben,\nsie wollen es nur nicht zugeben, wissen Sie!\nJohannes dachte an den Arbeiter. Der würde\nwohl sagen: Irren Sie sich nicht, Herr Direktor!\nDie Reichen gehn in Ihre Konzerte, — weil sie froh\nsind, daß sie auf diese Weise etwas Abwechslung\nhaben. Aber, wenn die Konzerte aufhörten, wür-\nden sich die Reichen freuen, obwohl sie dann eine\nAbwechslung weniger hätten. Aber freuen würden\nsie sich ... ich kenne diese Stadt von Kindheit auf,\nich bin mit ihrem Leben verwachsen. Diese Men-\nschen betrachteten die Gründung des Konservato-\nriums als einen Eingriff in das Leben der Stadt und\nwerden sie immer so betrachten.\nUnd plötzlich sah Johannes ganz klar die Be-\nwohner der Stadt und den Direktor des Konser-\nvatoriums, den Arbeiter Jörg Martin und den\nRedakteur Todt. Die Stadt war ein schwerfälliges\nUngeheuer, das Wesen gebar, genau so schwer-\nfällig, die nie das Bedürfnis hatten, sich loszurei-\nßen. Und der Anführer war, ohne daß sie es wuß-\nten, der Redakteur, dieser nüchterne, zielbewußte,\nhartköpfige Mann, der nur das Leben auf der Erde\nkannte und keinen Glauben an die Idee besaß. Und\ndann war einer da, der im Begriff stand, aus der\nStadt herauszuwachsen. Den betrachteten sie mit\nMißtrauen. Der war stärker als sie, hatte spähende\nWünsche, ihm war der Klang des weiten Lebens,\nnicht wieder im Ohr verklungen, er war ergriffen\nworden von der Sehnsucht nach weitausgreifender\nTätigkeit, während diese Sehnsucht an ihnen vor-\nübergegangen war. Dieser Arbeiter stand zwischen\nseiner Stadt und der weiten Welt, hinstrebend nach\nder Fülle großer Erlebnisse, neuen Wirkens und\nneuen umfassenden Glaubens. War es nicht selt-\nsam, wie von zwei Seiten auf die Stadt ein Sturm\nunternommen wurde? Während ihr aus ihrem\nInnern selbst, aus diesem festgegründeten, unzer-\nstörbar scheinenden Gefüge althergebrachter Sit-\nten und Anschauungen ein Gegner erwuchs,\nstürmte auch von draußen her das Leben an, und\nsetzte sich mitten in diesem abgeschlossenen Gan-\nzen fest mit dem fröhlichen Gelächter des Siegen-\nvollenden. Und die Gründlichen, die Nüchternen\nmußten es dulden, all ihr Wehren half ihnen nichts\n—: es saß da und lachte sie aus. Das war das\nHerrliche. Es saß da und lachte sie aus. So mußte\ndas Leben sein, daß die starre Strenge dieser\nStadt brechen wollte, solche Menschen mußte es\nsenden, wie Direktor Rankmann einer war. Die\nan nichts verzweifelten, keine Sorge über sich\nkommen ließen, die an ihre Sache glaubten und\nsie verfochten trotz aller Gegnerschaft und allem\nSpott. Wie ihm am nachmittag dieses schwülen\nTages alle Lebensäußerungen der Wjüste offenbart\nwaren, so entschleierten sich ihm die innern Trieb-\nkräfte, die in den Menschen dieser Stadt und in\nden andern wirkten. 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Vielleicht ist\ndas Erlebnis die einzig greifbare Wahrheit; einem\nMenschen typische Wahrheit, der bestimmt und\nbestimmend auswählt, worin Schicksal und Ord-\nnung lebt. Die Kunst erfüllt als Lebensleiden-\nschaft, die „nahe bei Gott lebt\" seinen wahren\nCharakter. Der Romanschriftsteller fordert eine\ngemessene Welt, Geschichte, in der er (un-einsäm\nbeschauend) vorläufig und unverwandelt Ereig-\nnisse zu Schicksalen austreibt und übertreibt, ein\nTeleskopist im Sinne von Chesterton. Er bedarf\nder Situation und der Gemeinschaft in der Zeit,\nein Antipode des Mystikers.\nII / Der Stil\nPhilippes Stil ist nicht das Dekor einer\nSchwäche, die Manier eines Spiels. Spontan und\nmeditierend, einfach und komplex wie seine Natur\nist sein Stil. Sein intuitiv erworbener Besitz hat\nRecht und Glaube. Die Vernunft drängt sich\nnicht den einzelnen Dingen auf und dazwischen.\nHier liegt der Zwang seiner Gestalten, die uns\nnahe sind wie Verwandte, und die wir nicht\ngleichgültig abwehren können. „Un cerveau c'est\nbien pour connaitre les maladies, mais un cer-\nveau et un coeur, cela suggere les miracles.\"\nIII / Zu den Problemen\nkam Philippe nicht von außen wie ein neugieriger\nBohemien oder ein herablassender Philantrop,\nmühsam und belohnt, oder wie etwa Zola als ein\nferner, fühlender Beobachter und Wissenschaft-\nler. Man kann diese Psychologie Illusion, Lange-\nweile und Eigen-sinn: Irrtum nennen, und darf\ndie Tragik Mancher nicht in die Dinge hinein zu\nwissen, nicht mit einem Trick entschuldigen. —\nPhilippe wußte wie Liebende um das Geheimnis\nund die Zusammenhänge, die Notwendigkeit und\ndie Wunder der Gemeinsamkeit.\nIm Rhythmus des Erlebens greifen Erscheinung\nund Gleichnis über- und ineinander.\nDie zerstreute Teilung findet sich in der Ein-\nheit, die Schematisierung verliert sich in der\nSammlung, die Beziehung hat die Ordnung.\nIV / Seine Geschichte\nist aufgegangen in seiner Kunst. — Balzac hat in\nden „Zerstörten Illusionen\" den Jüngling gezeich-\nnet, der lebenglühend, ideenerfüllt nach Paris\nkommt, so kam auch Philippe, bepackt mit Ge-\ndichten, die unter dem Einfluß von Mallarme und\nGleil standen. Sein Lebenskraft erlahmte durch\ndie Armut, seine Liebeskraft durch die Verach-\ntung. Frühreif und enttäuscht zwingt sich seine\ngütige und sinnliche Natur in sich hinein zur De-\nmut. Zorn, Güte, Mitleiden, das ist sein Rhyth-\nmus, seine Gegenwart. „Ich hatte nicht den Mut\nan Liebe zu denken. Liebe ist schön für Men-\nschen, die zu leben haben. Unsere zwanzig Jahre\nsind umso bitterer, weil ihr (ihr Reichen) sie be-\nsungen habt.\" — Aus der stumpfen Kanzleiatmo-\nsphäre, die auf „Croquignole\" lastet und an Go-\ngols „Mantel\" erinnert, aus der mühsam eroberten\nStellung flieht er immer wieder in das Asyl der\nKunst, wo er Lust und Kraft der Arbeit spürt,\nsehnt er sich in die stille Provinzstadt zurück (In\nder „kleinen Stadt\"), zu der Ruhe, „die unsere\nHerzen erwärmt und unsere Gedanken ausbrütet\nwie Küchlein.\"\nV / „Armut“\nist ein großer Glanz aus Innen.\" Rilke\nJe mehr Welt, Schönheit, Genüsse der Dichter\nweiß, desto weher ist die gewisse Last der Ar-\nmut und des Unrechts, desto inniger die Ehrung\nder Verlorenen, Verstoßenen, die still wie Dinge,\nargwöhnisch wie Hüter, sanft wie Freunde sind.\nDie Armen für die der Tod wie eine Schwan-\ngerschaft, die sie sehr lange tragen, und die dann\ngeräuschlos sterben und für die das Leben Opfer\nist, als ob sie mehr ein Schicksal wären. Sie\nstoßen nicht durch Enge, Heuchelei und Lüge;\neinfach zurückgeworfen und verlassen sind sie ein-\nander Tröster, aus dem Bedürfnis einer großen\nLiebe, die nicht handelt, so wie auch sie nur sind.\nDoch sie sind wirklich, da Hingabe alles vertraut\nund sicher weiß, da das Verlangen der Unendlich-\nkeit, das Leiden heißt, sich im Besitze auflöst und\nerlöst. „Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein.\"\nRilke.\nVI / „Pauvre, petite sainte!“\nDie Dirne, die scheinbar Beute, wirklich Opfer\nist, gebiert sich aus der weiblichen Schwäche, die\ngehören will und unterdrückt sein. Wir sind wie\nBettler, denn sie ist wohltätig, vertrauend, unbe-\nirrt in ihrer Erhörung.\n„Sie dämpft die Liebesgefühle ihrer Kunden,\nweil sie darunter leidet.\" „In einer Welt, in der\ndie Nächstenliebe wenig gilt, denn die käufliche\nLiebe ist einträglicher,\" gehören ihr die Routinier-\nten, die sie verwüsten wie ein Heer und wie der\nTod, die Zufluchtslosen, die sie wie eine Hoffnung\nschüchtern umschleichen in diesem großen Wunsch\nParis. Paris, das Schauspiel, das groß tut und\nlaut antwortet, dessen anonyme Liebhaber\nschwimmenden Auges in den Alleen flanieren, wo\ndie Begierde eitler Reichtum und lasterhafte Not\nzusammenweht.\n„Man muß die Frage nicht studieren. Ich weiß\ngeschlossenen Auges, daß die Armen Recht\nhaben.\" Philippe hat „Pere Perdrix\" und „Char-\nles Blanchard\" gezeichnet.\nDostojewski konnte das Elend, das ins Dunkel\nverschüttet wird, aufdecken. Tolstoi nannte es\nSünde, Armut zu vergessen. Philippe verzweifelt\nnicht, daß die Guten zu schwach sind; er kennt\ndie Schwäche, die entsittlicht, aber er ist über den\nEmpörer und Empörten hinausgewachsen, der\nstreitet und zwingt und ohne Vertrauen ist und\nSegen. Die Güte, die das eigene Wesen befruch-\ntet und reift, verheißt Allen Sinn; sie ist Freiheit\nund die große Liebe, weil sie wissend, antwortlos,\nunerschöpflich, gänzlich ist.\nVII I Philippe liebt Marie Donadieu, „dieses\näußerst intelligente, krankhaft verlogene Geschöpf,\neine Sentimentale die sich das Leben zu-\nrecht lügt; eine Hysterische, deren Sinne\nwie Freibeuter irren um eine Illusion; die\nwie schwache Männer einen Halt und Zwang\nwill. Einer, der erste Glücksschauer erfuhr, über-\nwältigt ihre Macht, verwindet ihre Verführung,\neiner der anders weiß, für das man seine Seele\nverkauft, und der ein wenig müde war von dem\n„toten Gewicht\", ein Kind und ein Erhabener. —\nPhilippe liebt Bertha Metenier, dieses gutmütige,\nbescheidene, hin- und hergerissene Seelchen.\nEiner gibt ihr ein wenig Vertrauen und Verwöh-\nnung wie einer kleinen Frau, wie um sich einen\nFreibrief für seine Tierheit zu erkaufen. Da hat\nihr Leben plötzlich den Geruch von Krankheit und\nden Geschmack der Asche, sie vergißt, sie reinigt\nsich; aber vielleicht war ihre Demut zu groß und\nihr Gehorsam zu schnell im Verzicht, wie hätte\nsie sonst folgen müssen, als sie die rohen Hände\nzurückholten? Die Wohltätigkeit ist machtlos für\ndie Gezeichneten, die Dulder, die Tiere. „Man\nmüßte mehr Kraft haben und nicht in der Gesell-\nschaft leben, um Glück zu halten.\"\nSchreit nicht einer: Mord, moralischer Mord?\n„Lorsque la Societe pervertit centaines ämes, on\nsent qu'on esten presence d'un crime.\" Da ist\ndie Schuld Unser, die wir nicht retten können\n(o Jugendgedanke!) weil wir diese nicht genug\nlieben. Die Leidende ist in sich ausgestoßen und\nabtrünnig; sie ist unterdrückt und völlig hinge-\ngeben, das ist ihre Gnade.\n(Man denkt ein wenig an Villiers de l'lsle-\nAdam, an J. V. Jensens „Louison\" Altenbergs\n„Putain\", doch mehr an Hamsun.)\nVIII / Bubu\nist ein wenig romantischer Apache, ein wenig sen-\nsibler Zuhälter. Auch seine Hände zittern in\nAngst und Qual, seine Augen sind hart und müde\nvom Schicksal. Er begreift, daß die Leidenden\nNarren und Ueberbürdete sind und hat doch in sei-\nnem Schmerze Rechtfertigung und in seiner Liebe\nAusgleich. „Man ist nicht schlechter, weil das\nSchicksal nicht für einen gesorgt hat.\" Die Rei-\nchen, die Mächtigen bestimmen den Stand und die\nBerufung, wir wählen nicht. Sie wollen Frauen\nkaufen, denn alles hat einen Preis, darum muß es\nZutreiber und Verkäufer geben. Sie nehmen Ge- .\nwinn und Streit ohne Reue und Scham auf sich,\nwie einer der Bescheid weiß von seiner Notwen-\ndigkeit, der vornehm verächtlich und sorglos stark\ntut, und „wie in seinem eigenen Besitze lustwan-\n■\ndelt\", da er das Unrecht vergißt. Sie haben die\nWiahl angenommen trotz Seuche und Zuchthaus.\nIhre Lebenskraft und Sicherheit ist ihr Erfolg und\nihre Ehre. Unsere neue Achtung ist die Energie.\n— Die Schubfächer Gut und Böse, vertauscht,\nherausgerissen und entleert, sind voll Kinderspiel-\nzeug.\nIX / Der Kritiker\nist ein wenig Liebender, so neugierig, staunend\nund erlebend, aber verwöhnt und ungenügsam.\nErkennen heißt nicht anerkennen, loben nicht er-\nfüllt sein. Er ist ein wenig Schauspieler und Dra-\nmaturg, der in viele Rollen eingeht, und doch Zu-\nschauer, der schließlich wie eine Kokette über-\nwunden sein will. Er ist ein wenig Verräter, um\nzu verkündigen, und wie ein Eingeweihter, der\neine Formel hat. — Der Gewinn der Seele ist die\nVervollkommnung ihrer Enthüllung. Die Gedan-\nkenwelt will die vorgezogene Wahrheit, die den\nKnäuel entwirrt. Der Wunsch ist fremd, Erleben\nin Erkennen, Empfindung ins Wort zu bannen, und\nist voll Angst vor Verlust und Flucht vor Einsam-\nkeit.\n„Une emotion nalt — non eile est. Sa vie\nmystiquei est le besoin de se manifester. 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Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nPierre Desclaux et Simone Brive\nLes Encages / Piece en trois actes\nParis I Editions de „La Route\"\nHandbuch der Kunstwissenschaft\nHerausgegeben von Dr. Fritz Burger I Soeben\nerschienen: Lieferung 8: O. Wulff: Altchristliche\nund byzantinische Kunst Heft 4\nBerlin-Neubabelsberg ,/ Akademische Verlags-\ngesellschaft m. b. H. M. 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September 1913 / Eroffnung\nErster Deutseher\nHerbstsalon\n75 Potsdamer StraBe 75 zu Berlin\nEs beteiligen sich Kiinstler folgender Lander:\nDeutschland / Amerika / Bohmen / Frankreich |\nHolland / Indien / Italien / Oesterreich / Rumanien\nI RuBland / Schweiz / Spanien\nTaglich ,/ auch Sonntags / geoffnet von 10 bis 7 Uhr\nEintritt 1 Mark / Dauerkarte 2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-09-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-09_01#c014", "volume": "bmtnabg_1913-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "96", "page_fin": "96", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.8", "debut_caractere": 1111, "fin_caractere_exclue": 2805, "texte": "Verlag der Sturm\nBerlin W9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nZeitschrift der Sturm\nDauerbezug\nGewohntiche Ausgabe: Fiir Deutschland\nand Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nnummer 40 Pfennig X Fiir dasAusland bei\ndirekter Zustellung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nse ndu ng in R o 11 e n direkt durch die\nPost fflr Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X FQr das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs I Von\ndteser Ausgabe werden Vierteljahrsbezflge, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t\nBer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer I—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n10 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenst&nden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwunscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzumftinftendes ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, dal E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportes ge-\nwflnscht wird\nQeneralvertretung des Verlags Eugene Figul&re /\nParis"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-09-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-09_01#c015", "volume": "bmtnabg_1913-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "96", "page_fin": "96", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.8", "debut_caractere": 2807, "fin_caractere_exclue": 4761, "texte": "Originalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefiigt / Alle\nExemplare sind vom Kiinstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pecbstein: Die Erlegung des Fest-\nb r a t e n s / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert I\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nW. Kandinsky: Handdrucke / Das Exemplar 30 M.\nWilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 15 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n20 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft ./ Das Exemplar\n25 Mark (5)\nSchmidt-Rotluff: Mann und Weib / Sonnige StraBe\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Niiinsky / Portrfct Licht-\ndruck, groBes Format / 10 Mark\nR. Delaunay: Album / Elf Phototypien von\nGemalden (ein Farbenlichtbild) mit einem Qedicht\nvon Guillaume Apollinaire / Das Exemplar 10 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Gc-\ndichten von Arno Holz / Fur Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nFranz Marc: Affenfries\nRobert Delaunay: La Tour\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nMappen\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-09-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-09_01#c016", "volume": "bmtnabg_1913-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "96", "page_fin": "96", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Ar-\nchipenko / Arbeiten in Stein / Studien\nder Stilarten / MaBige Preise\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama / Be-\ngrundet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge-\nwidmet der Dichtung und dem Drama der Gegen-\nwart in alien Landern / Probeheft gegen Einsen-\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezujg\nK) Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop I London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\nReuB and Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat / PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen fiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur\nBraunschweiger G-N-C-Monatsschrift: Neues und\nWissenswertes iiber Literatur / Kultur / Kunst /\nWissenschaft und Technik / Einzelbezug 80 Pfen-\nnig I Vierteljahrlich Mark 2 / Probenummern um-\nsonst I Verlag Grimme Natalis & Co. C-G a A\nBraunschweig\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Verda\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\nerhalten iahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugest&llt 3 \\\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbj5hrlich 15 Mark.\nGesch&ftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MjquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 269f\nEdmund Meyer / BuchhSndler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Bucher\n}eder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nPrazske Umelecke DHny / Prager Kunstwerk-\nstatte fiir neue Kunst / Mobel / Beleuchtungskor-\nper I Textilien / Prag, I / Veleslavinova 3\nThe Lantern: Eine Monatsschrift I Die\namerikanische Zeitschrift des Protestes /\nOrgan der Gesellschaft Junger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWalden\nI Zehntes Jahr / Man verlange kostenlose\nMitteilungen fiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.1", "texte": "Umfang acht Selten\nEinzelhezug 40 Pfennig\nDER STURM\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9/ Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAus stell ungs räume\nBerlin W9/ Potsdamer Straße 134 a\nVIERTER JAHRGANG\nBERLIN-PARIS SEPTEMBER 1013\nNUMMER 176/177\n\nInhalt:\nt» - i /5- Kunsthelfer: Tafel als Lehrer / Billige Lebensmittel / Vertretene Vortragende / Ernst Wilhelm Lötz: Gedichte / Kurt Striepe: Die\nBracke / Richard Fuchs: Orient oder Occident / Peter Scher: Das Bad der Pauline Borghese / Arthur Babillotte: Die Schwermut des Genießers / Götz:\nCharles Louis Philippe übersetzt / Empfohlene Bücher / Jacob Eingartner: Originalholzschnitt\n\nJacob Eingartner: Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.2", "texte": "Kunsthelfer\nH. W.\nTafel als Lehrer\nGeistreiche Leute haben gemerkt, daß ihnen als\nUmkehrung erscheint, was Andere als Kunst wer-\nten. Der Herr Tafel, dieser hier leicht verprügelte\nsüdliche Kunstkritiker aus dem aufblühenden\nStuttgart, dieser leicht verprügelte Tafel fühlt\nsich als Lehrer. Er erklärt mit weinendem Munde,\nseinem bejammerungswürdigen Stuttgarter Neuen\nTagblatt, die Prügel seien ihm „unverständlich\".\nDie haben ihn offenbar seine Schülerweisheit\nnicht träumen lassen, weil er das Träumen nicht\ngelernt hat. Und weil das Träumen nicht zu ler-\nnen ist. Aber ein Schüler, der noch dazu Tafel\nheißt, Herrmann, der Tafel, sollte nicht lehren\nwollen, auch wenn es sich „nur\" um Kunst handelt.\nEr hat die letzte Nummer dieser Zeitschrift so ge-\nnau gelesen, wie es ein ABC-Schütze vermag, der\nnoch dazu geschossen wurde. Und berichtet nun\nden Stuttgartern: „Da finden wir einige Verse, die\nbezeichnend für die neue Richtung sein sollen, die\naber längst veraltet sind, denn die Max Dauthen-\ndey, Stefan George, Mombert e tutti quanti haben\ndas in ihrer Zeit viel besser gemacht als sie noch\nim Flügelkleid gingen. Wir können uns aber nicht\nversagen, eine Probe dieser Dichtkunst zu geben.\nArthur Rimbaud hat ein Gedicht „DieLäuse-\nsucherinnen\" beigesteuert. Dies Gedicht bedeu-\ntet entschieden eine Bereicherung des Aktionsfel-\n*\ndes der Poesie, die ungeahnte Fernen erschließt.\"\nNun bedeutet es entschieden eine Bereicherung\ndes Herrn Tafel, wenn man ihm mitteilt, daß der\nPoesie diese ungeahnten Fernen schon seit bei-\nnahe vierzig Jahren erschlossen sind. Arthur Rim-\nbaud, der dieses Gedicht beigesteuert hat, ist\nnämlich 1891 gestorben und hat sich sogar unbe-\ngreiflicherweise aus Versehen 1875 in Stuttgart\naufgehalten, zu einer Zeit, als der Tafel noch im\nFlügelkleide ging. Damals hatte Rimbaud scliötr\ndie Flügel, die ihn zu diesem (weltberühmten) Ge-\ndicht sich emporschwingen ließen, während dem\nTafel indessen nur die Kleider gewachsen sind e\ntutti quanti. So stolpert man, wenn man sich etwas\nnicht versagen kann. So kann selbst der Tafel\netwas beisteuern, wenn sein Holz ihn auch nicht\neinmal über den Neckar bringt.\nBillige Lebensmittel\nDas Warenhaus S. Fischer preist sein frisch\nherausgegebenes Hermann-Bahr-Buch also an:\n„Wir haben, um den Extrakt des Bahrschen\nGeistes in weitesten Kreisen zu propagieren, den\nPreis äußerst billig gestellt und sind der\nAnsicht, daß ein großer Absatz des reizvoll\nausgestatteten und umfangreichen Buches zu er-\nzielen ist.\" Immerhin ist diese Suppe mit Vorsicht\nzu genießen, Wasser zur Zubereitung ist entbehr-\nlich so lange der Vorrat reicht.\nDie vertretenen Vortragenden\nEin Konzertbüro vertritt Vortragende und ver-\nmittelt dem löblichen Publikum „Literarische Nach-\nrichten.\" Man erfährt: „Hermann Bahr ist eine\nder überragendsten Erscheinungen der mo-\ndernen deutschen Literatur.. der Autor, der auf\neiner großangelegten Vortragstournee ..\" Er\nreist also auch in Extrakten. „Oskar Blumenthal,\ndessen zahlreiche Stücke den Siegeszug . . . Dank\nunseren Beziehungen ist es uns gelungen, den\nDichter . . . Oskar Blumenthal zu erleben, wie er\ndie blitzenden Waffen der Satire meisterlich hand-\nhabt, verspricht .. .\" Er wird sich versprechen.\n„Hanns Heinz Ewers ist heute wohl jedem Gebilde-\n' ten ein geläufiger Name ... so weiß er das\nPublikum durch seine fesselnde Persönlichkeit (aus-\ngestattet von Edm. Wünsch, Rotsiegelkravatte,\nvaschtehste) vom ersten bis zum letzten Augen-\nblick in Bann zu halten.\" „Ludwig Qanghofer weiß\nseine eigenen Werke in so lebendiger und packen-\nder Weise vorzutragen, daß sie dem Hörer zu\neinem Erlebnis werden.\" Dann muß er sehr gut\nvortragen können. „Carl Hauptmann . . . und die\nUnmittelbarkeit seiner Sprache, die die höchste\nPlastizität erreicht, haben ihm seine bedeu-\ntende Stellung in der Literaturgeschichte gesichert.\"\nIn der Literaturgeschichte des Konzertbüros. „Roda\nRoda. Man könnte glauben, die neueste humoris-\ntische Literatur habe sich zur Aufgabe gemacht,\ndie Ansprüche des Publikums in Bezug auf\nHumor auf das Mindestmaß herabzusetzen.\" Was\nist in Bezug auf das Konzertbüro passiert? „Nicht\nnur unser Denkvermögen, selbst unser Zwerchfell\nwird geschont.\" Das Konzertbüro vertritt sich\noffenbar. „Immer spärlicher fließt der köstliche\nWunderquell des Humors.\" Versiegt vor diesem\nRoda Roda selbst die Geschäftstüchtigkeit? „Bei\nRoda Roda dage g e n kommt man aus dem\nLachen nicht heraus. Es ist ein ganz einzigartiger\nGenuß, zu erleben, wie er ohne Buch und ohne\nManuskript, Aug' in Auge mit dem Zu-\nschauer . . .\" Zwerchfell in Zwerchfell. Man ver-\nlange Spezialofferte.\n\nGedichte\nVon Ernst Wilhelm Lotz\n\nMeerspuk\nüber den Weiten\nBlendet das Meer.\nUnd blaue Wolken rauchen.\nStet mit den Gezeiten\nSegel-fächert ein stürmend großer Traum daher.\nUnd hält dumpf schattend. Die See geht schwer.\nAus dürren Masten hörst du graue Stimmen\nfauchen.\nDann ebbt es weg. Und deine Angst, die dich\numschnürte,\nWird Sehnsucht, die Musik mit weichem Strahl\nberührte.\nVerstört fühlst du die Segel untertauchen.\n\nSonnenverse\nDie Luft steht grünverschleiert in der Sonnenzeit.\nMeine Fenster, die auf das Wasser zeigen,\nHolen in ihre Rahmen herüber die Häuserbänke,\nDie stromüber weiß in den Mittag schweigen.\nMeine Zimmer saugen in sich volle Süßigkeit.\nUnd meine Augen, die in der lauen Luft ent-\nschweben,\nMüssen ihr eigenes Leben im Blauen leben.\n\nDie Brücke\nVon Kurt Striepe\n\nDas war keine Brücke, keine gewöhnliche\nBrücke!\nIhr denkt vielleicht, ein Fluß floß ölig darunter\nund tutende Dampfer störten die Stille meines\nIchs? Da irrt Ihr Euch.\nWas ich sage ist Wahrheit; warum sollte ich\nauch lügen?\nEs.war eine Brücke, die zugleich Straße war\nund unter der die Züge ratterten.\nUnd ich war trunken, als ich über die Brücke\nging. Nicht etwa trunken vom Wein, oder gar\nvon der Liebe, auch nicht so trunken, wie einer,\nder da vor mir herumtorkelt. Nein, ich war trun-\nken von .. . Halt, da lüge ich bald. Doch\nich war trunken vor Liebe, aus Liebe und um\nLiebe, um meine Liebe zum Volk.\nPff . . . . Pfff . . Pffffff . Pffffff tre tre tre\ntre . . . und ein langgezogener Pfiff, als wenn\nmeine kranke Lunge Atem zieht, rot, feuerspei-\nend, blutdünstig. Ein Puffen und Stoßen, Räder\nschrillen, als wenn Du brünstigen Frauen Wasser\nüber den Leib gießt, Eiswasser über den lodern-\nden Leib. Rauch strömt gen Himmel und spielt.\nEin Zug fährt unter der Brücke durch.\nUnd hinter mir rasselts, da ist ein Pferd scheu\ngeworden. Ein Pferd vor einem Fleischerwagen.\nOb es weiß, daß es seiner Mutter und Schwester\nFleisch zieht? Es ist nervös, das Tier.\nIhr braucht mich deshalb doch nicht anzuglot-\nzen! Ihr, rülpsenden, fettgefressenen Bonzen, mit\nEuren Quallenaugen. Was stiert Ihr mich an?\nGlaubt Ihr mir nicht? Da, guckt Euch doch um!\nVor mir geht ein Mädchen mit schneppendem\nGang. Sie trägt einen roten Hut, hat fuchsiges\nHaar, einen gelben Mantel, hellgelb, so wie Ge-\nsichter von Schwindsüchtigen und Fieberkranken\nim Gewitter, dann hat sie noch einen reinen, wei-\nßen Rock, der ihr knapp über die Knie reicht, ich\nwette, sie ist dabei mindestens schon zwanzig\nJahre, und feine graue Strümpfe hat sie auch,\ndurch deren gaumenweiches Gewebe ihre blinkend\nweißen Enkel blitzen. Ihre Schuhe kann ich nicht\nsehen, meine Augen füllen sich mit Perlen, Rauch\nschlägt mir ins Gesicht.\nJemand hat Glühbirnen in meinem Kopf ent-\nzündet. Er brennt, wie eine Goldkugel auf dem\nhöchsten Turm, wenn sie des Sommers Sonnen-\nmittagshitze blendet.\nDas Mädchen macht ein Geschäft. Sie ist ein\nwandelndes Geschäft und trägt zartes Fleisch auf\nden Markt. Ganz anderes und anders, als vorhin\nder Fleischersknecht mit den blutrünstigen Hän-\nden und dem nervösen Pferd!\nOb die wohl Glück hat? Ich treffe sie heute\nNacht sicher wieder und kann dann fragen, jetzt\nsehen mich noch die Leute, man mag sich doch\nnicht gern an den Pranger stellen.\nKnatternd und bimmelnd kommt mir eine Elek-\ntrische entgegen. Sie erinnert mich an einen\nFreund, der nun Epileptiker ist. Gut, daß sie mich\nan ihn erinnert, ich muß dem Glücklichen einmal\nwieder schreiben. Er ist in einem roten Gebäude\neingeschlossen, um das ein wilder Garten steht.\nUnd um den Garten wieder ist eine Mauer. Ich\nwar im Frühling einmal bei ihm, da hingen des\nGoldregens schwere Trauben vor seinem Fenster\nund der Hollunder, mit seinen weißen Blütendol-\nden reflektierte die Sonnenstrahlen in sein Zim-\nmer, das weiß wie Blütenstaub war. Auf seinem\nTisch hatte er Flieder stehen, dessen Duft ich noch\nheute atme, berauschend, voll-süß. Und mein\nFreund kam mir entgegen und lachte. Und seine\nAugen sagten mir, daß er Freude habe und seine\nStimme: „Kann ich es irgendwo schöner haben?\".\nEin Glück, daß kein Wärter uns hören konnte,\nsonst hätte er eine neue Wasserkur durchmachen\nmüssen. Ich habe mich oft nach ihm und nach\ndem roten Haus gesehnt.\nW,as mich jetzt wundert ist, daß die Brücke zit-\ntert und sich verhalten bäumt. Warum sie wohl\nvorhin ruhig und schweigsam-verschlafen war, als\ndas Mädchen über sie ging?\nDas ist alles sonderbar.\nVor mir geht eine. Man erkennt sie am Gang\nund an dem Mantel, den sie sich umgehängt hat,\nnicht etwa, um zu verbergen, nur, um erst recht"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.3", "texte": "die Blicke Neugieriger zu reizen. Die Eitelkeit\ngeht ihr über den Leib.\n„Seht, was ich kann!\" Sie protzt mit ihrer\nMutterschaft, ihrer Bestimmung. Es wäre genau\nso, wie wenn die Sonne aufhören würde, zu schei-\nnen oder uns ihr Scheinen und Strahlen vorhielte\num damit zu prahlen. Es gibt doch sonderbare\nMenschen.\nDie Straße ist grau, Asphalt. Der stinkt in der\nSonne. Die ganze Luft stinkt, es ist als ob Aas\nin ihr schwebt und sie schwängert.\nDrüben am anderen Ende der Straße, da stehen\nKioske mit roten Zetteln und blauen Streifen und\ngrünen Strichen. Wie schön das zu dem grauen\nPflaster und zu dem rieselnden Regen paßt.\nDenn es regnet, ich merke es jetzt erst, wo ich\nnaß bin. Danach muß es schon lange regnen.\nUnd das ist gut. Mir hat das Milchmädchen\nheute morgen gesagt, daß dann die Kartoffeln gut\nzu stehen kämen.\nIch glaube, die würde ganze Nächte lang mit\nmir schwatzen können. Ich will sie morgen mal\nfragen, ob sie mir nicht einmal eine Nacht etwas\nerzählen will, ich kann ihr ja etwas dafür geben.\nAbwarten!\nIch lehne mich über das Gitter und schaue\nüber die Brücke. Unten sind Schienen und Men-\nschen, Koffer und Wagen, Hunde, Dienstboten, ich\nglaube, eine alte Jungfer hat auch ihren Papagei\nbei sich.\nIch möchte ,Jacco' rufen und dann dem Vieh\nden Hals abdrehen. Seitdem man diese Tiere er-\nfunden hat, haben die Menschen von ihnen gelernt,\nplärren alles nach, was ihnen vorgekaut wird.\nDer Himmel ist grau und schwer. Blei flüssig\nund hart tropft langsam auf mein wundes Hirn.\nLange halte ich das nicht aus.\nVon der anderen Seite der Straße ruft mir ein\nGassenjunge zu, ich sollte doch den Mund zu-\nmachen, damit die Luft hier nicht noch mehr ver-\npestet würde.\nDie Leute lachen breit und schmierig über den\nWitz. Ihre dicken, quammigen Gesichter sehen\naus, wie an die Wand gespritzter Kot.\nIch lache auch, über die Leute. Aber man\nsieht nichts von meinem Lachen, denn mein Mund\nist geschlossen und meine beiden Augen trinken\nmüde Wein aus der scheidenden Sonne Strahlen.\nAls ob man mir purpurnen Saft von gepreßten\nroten Schnecken schenkt. Süß und duftend, wie\nbetäubende Vanille, wenn sie blüht.\nAm andern Ende der Brücke drängen die\nLeute. Erst nur ein Paar. Auf einmal ist die\nganze Brücke leer und alles rast dahin. Auch von\nden anderen Seiten kommen sie.\nDa wird wohl ein Vogel auf dem Rücken lie-\ngen. Schlimmstenfalls ist ein Hund überfahren.\nIch möchte an seiner Stelle sein.\nDort sind noch ein paar Bäume und Gebüsche.\nMan kann vor Menschen nichts sehen. Es\nwird ein Betrunkener sein, der lallend seine Liebe\nsingt.\nAber Schutzleute sind da, mehr fast, wie andere\nLeute. Jetzt haben sie auch nichts zu befürchten.\nAllmählich kommt Klarheit.\nEs ist ein junges Mädchen, das sein Erstge-\nbornes hat aussetzen wollen. Sie wollte es ins\nGebüsch legen, sich dann entfernen und zu Hause\nihre Liebe zu Grabe tragen.\nWarum mußte sie das so öffentlich machen?\nEin Hund hatte sie bemerkt und beschnupperte\ndas Kind im Gebüsch. Da fing das natürlich an\nzu weinen. Solch eine kalte Hundeschnauze auf\nwarmer, weicher Pfirsichhaut, wer würde da nicht\nschreien?\nUnd da erwachte die Mutter in dem Mäd-\nchen und lief hin und weinte, und dann kamen die\nMenschen und glotzten und dann die Schutzleute\nund pöbelten und traten mit ihren Worten dem\nWeib ins Gesicht.\nSchwankend ging es davon. Abgehärmt. Arm.\nUnd hinter ihm her ging eine gröhlende Menge\nGaffer, Weiber, die auf ihr eignes Geschlecht,\nauf sich selbst, zeigen und zischen.\nDa ging ich hin und küßte das Mädchen.\nDa gröhlte und juchzte die Menge.\nDa ward ich des Kindes — Vater.\nDa erwachte die Liebe zum Volke.\nUnd morgen steht alles in der Zeitung.\nUnd übermorgen kauen noch einige zahnlose\nHälse und Schlünde auf diesem, für sie unverdau-\nlichen, Bissen.\nUnd in einer Woche, da weiß keiner mehr\netwas davon, außer uns beiden Glücklichen außer\ndir und mir.\n\nFür Li Feddersen\n\nOrient oder Occident?\nMeinem Bruder\nVon Richard Fuchs\nUnser Geschlecht ist durch den Geist, unser\nLeben durch die Gesellschaft irre geleitet. Alles\nUrsprüngliche ist zum Spiel heruntergezogen und\nerscheint dem Bewußtsein dieser Menschen als\nabsolute. Willkür. Der Geist ist ein Doppeltes:\nUrsprung des Menschen und Wissen. Das von\nseinem Ursprung getrennte Wissen kann nicht\nüber die Grundkraft herrschen. Die Gesellschaft\nkann weder Gewalten bannen noch Spannungen\nlösen; sie kann nur Kräfte ausspielen, um sie von\nihrem Objekt abzulenken.\nDen Menschen der bürgerlichen Gesellschaft\nverurteilt sowohl der Inhalt seiner Arbeit als die\nForm seiner Muße: der heimliche Genuß brutaler\nGeschlechtsordnung und das Vergnügen an sitt-\nlich-unsittlicher Phrase. Die Witze über das Ge-\nschlecht und die übernommne Oeffentlichkeit\nhaben den Mann und die Frau geschwächt, haben\ndie Naturbedingungen zerstört, durch welche das\nGeschlecht seine Bestimmung erhält. Geschlecht\nund Individualität sind Naturbestimmungen; auf\nden Trieb gepflanzt, müssen sie aus dem Trieb\nentwickelt werden. Die Individualität ist das Ge-\nschlecht des Mannes; das Geschlecht ist die Indi-\nvidualität der Frau. Ihre Freiheit ist das Spiel\nder Natur. Denn Natur ist Triebkraft. Die Ver-\ngeistigung des Geschlechts hebt, als eine Verdop-\npelung des Geistes, die Freiheit auf, lähmt in Mann\nund Frau den Geschlechts- und Schönheitssinn.\nDie bürgerliche Freiheit wird noch die schönsten\nGeschlechtsformen vernichten, die die Natur\nallein auf dem Boden des reinen freien Lebens\nzüchtet.\nDie Mütter, die ihre Töchter lehrten, gegen den\nMann ein eignes Leben im Widerspruch mit ihrer\nBestimmung zu führen, sind jetzt an den Folgen\nschuld: Die Frauen brauchten nicht in die Ge-\nschäfte und Aemter zu laufen. Es wären genügend\nEhen geschlossen und genügend Berufe aus dem\nTrieb des Weibes beschafft worden. Kein Mäd-\nchen ist sonst im Innern wählerisch, wenn ein\nMann die Natur des Mädchens wie sich selbst liebt.\nAber wer heute so gerade und männlich lebt, steht\nim Lebenskampf isoliert. Das Militär und die\nSchule hat die Stände, die weder dem Geist des\nKrieges noch dem der Reife mehr gewachsen sind,\nverwirrt. Der Offizier und der Erzieher, diese\nersten Bildner der Nation, wollten nicht, daß die\nInteressen der Bürger bis an die Kaiserlichen Hof-\nInteressen getragen würden. Im Verkäuferstand\ngenügt schon der Einjährige, um eine Tochter fürs\nLeben untauglich zu machen. Man weiß von\nallen Rassekreuzungen aus der Literatur, wie ein\nKind zustande kommt, und weiß nicht, was\nSchwangerschaft und Kindschaft ist. An den\nFrauen zeigen sich vortrefflich die Verschroben-\nheiten der Zeit. Die normale Geschlechtsliebe,\ndie durch den Stand, dies Mannigfaltige bedingt\nist, gebiert noch normale Kinder. Der Athlet aber\nerzeugt mit der Frau von Geist die Degeneration.\nDie physische Kraft bewirkt überhaupt nur Be-\ngriffe, nicht Instinkte. Vielleicht hat hier und da\nein ganz vollkommnes Weib Instinkte, denen man\nZüchtung zusprechen kann. Aber oft möchte der\nTeufel mit Leidenschaft dreinspringen, um der\nSchönheit die Folgen zu ersparen Die klassischen\nFrauen sind die besonnensten, weil sie seltner be-\ngehrt werden. Das Mädchen soll gar nichts vom\nMann wissen, auch nicht körperlich; kann doch\nselbst die verwöhnteste Frau vom Körper des\nMannes wieder nur die Schönheit als ihre beson-\ndere Natur ausdrücken. Der Mann, den die Frau\nin der Liebe zu spüren bekommt, liegt in den\nNewen, welche die Sehnen und Muskeln bilden.\nDie Schönheit des Mannes ist Nervenkraft. Die\nFrau ist nervös empfindlich auf den Mann. Der\nMangel an Mann wird in ihr der Wunsch nach\ntausend Wünschen, auch der Wunsch, die Myste-\nrien zu führen, auch der Wunsch, die Leidenschaf-\nten zu entfesseln. Der Mann erstaune nun nicht,\n.\nwenn ihn heute eine höhere Tochter fragt: sage,\nwie dus willst. Es gibt gebildete Bälger, die sogar\nihre dürren Partien vor uns auslegen wollen: ein\nHaar, das viel zu schwach ist, wird aufgewickelt;\neine Büste senkt sich, die sich nicht wieder hebt.\nDie Annäherung ist ein obszöner und verwerf-\nlicher wirtschaftlicher Aufwand. Man weiß den\nMann weder zu empfangen noch im Hause zu\nfesseln. Auf der Straße werden sechs neue Klei-\nder und im Zimmer eine alte Sache ausgetragen.\nEs besteht keine Form zwischen Geschlecht und\nGeschlecht. Ein Herr sucht Bekenntnisse von\neiner Dame zu erlangen, die ihren ganzen Lebens-\nplan nur vom geredeten Verstand der Mutter hat\nDie Dame wird ihm gute und sogar noch bessere\nWorte zu verstehen geben. So geht das bißchen\nVersfand von Mutter und Tochter, die ihre Männer\nsich immer ähnlicher machen, in die Brüche. Die\nLiebe des Mannes wird an der Erfüllung von tau-\nsend kleinlichen Konvenienzen geprüft. Daß ein\nFünfundfünfzigjähriger eine Zwanzigjährige heira-\ntet, ist kein Skandal, solange der Mann bis übers\nsiebzigste Jahr ein Weib ausfüllen kann, aber\nwird empörend, wenn sie beide vor Jugend ver-\nlebt sind. Die Liebe wird einfach vorausgesetzt,\ndamit man sich von vornherein auf einander ab-\nstimmt. Die echte Liebe ist innerhalb der ge-\nschlechtlichen Treue eine seltene Erscheinung;\naber dann ist in einem Augenblick Vertrauen ge-\nworden, was vorher, nur einzelne Achtung, Zärt-\nlichkeit, Verliebtheit war, und dadurch der Zwang\naufgehoben, der dem Geschlechtstrieb folgt. Denn\nder Geschlechtsdruck erhöht bloß den Rausch des\nHerrentums. Wo die offne Pforte der Lust zu so\nenger Seligkeit führt, wird Treue oder Treulosig-\nkeit eine Frage von wertloser Allgemeinheit. Statt\ndieses abstrakten Scherzes, Wetten über Ehrgeiz\noder Liebe auszuspielen, soll doch die Frau mit\ndem Mann ihr eignes Leben führen.\nZwei dumme Dinge freilich machen die euro-\npäische Ehe gegen die orientalische, die absterben\nwill, untergeordnet: die Bockigkeit des Mannes\nund die Unklugheit der Frau. Eine bessere Erzie-\nhung lasse also die Frau wissen, daß sie nicht die\neinzige ist, oder der Mann muß für bessere Dar-\nstellung seiner Natur sorgen. Die Immoralität der"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.4", "texte": "Frau stellt mit einer Bewußtheit, wie sie selbst\nnicht in der Triebkraft des Mannes vorliegt, Be-\nhauptungen auf, deren Gegenteil sie weiß und\nsieht. Sie antwortet dem Mann ins Auge: „Du\nwillst ja bloß, daß ich für dich arbeite. Und ich\narbeite.\" Der Mann will aber zum tausendsten\nMal, daß sie nicht arbeite und dafür ein einziges\nMal ihrem Lebenstrieb folge. Wer schon in der\nJugend diese Gegensätze sah, bekommt fürs Leben\neine schwer zu besiegende Ehescheu. Sobald der\nMensch eine Wahrheit besitzt, kann er nicht wie-\nder zurückleben. Der Hauptunterschied der Un-\ntreue des Mannes und der Frau ist, daß die Un-\ntreue der Frau, so instinktiv sie sei, nur den Mann\nauf die Probe stellt. Es gibt keinen Mann, der\nnicht wissen könnte, ob und wann seine Frau un-\ntreu war; der Mann weiß es sicherer als es je die\nFrau von sich und vom Mann wissen mag. Also\ngibt die Gegenwirkung des Mannes den Ausschlag.\nTausend Männer wissen und schweigen, aber das\nSchweigen wird ihnen zum Verhängnis. Schwei-\ngen ist schlimmer als nichts zu wissen. Denn\nirgend ein Zweck gebietet, daß sich Mann und\nFrau zum Ausdruck bringen. Keine Frau hat eine\nWahl, wenn sie auf die Probe gestellt wird. Jede\nFrau, die von der sorglosen Untreue des Gatten\nKenntnis bekommt, verliert mit einmal die Liebe,\nohne daß sie will. Die Frau von christlichem Ge-\nmüt empfängt und verliert die ganze intellektuelle\nLiebe durch den Mann. Nach dem Verlust ihres\nGeistes erscheint ihr tätig Praktisches nur noch\nvon größerer Vernunft, während das müßig Prak-\ntische einer andern, aber mit eignem Triebleben,\nimmer vernünftiger wirkt. Für Liebe Untreue,\nfür Untreue Verstand: und das soll den Frauen\ndas Verhältnis zwischen Geschlechtskraft, Ver-\nstand und Liebe im Mann verraten? Die kluge\nFrau ist darum schon vor der Ehe klug. Die Frei-\ngeisterei von ehedem zeigte dem Mädchen den\nMann wie er ist und redete nicht von der Liebe\nund nicht vom Geschlechte. Das Glück der Frau\"\nruht dort sicherer, wo sie selbst ihrem Verstand\nnachhilft. Handelt es sich doch in beiden um das\nGlück des einzelnen, nicht um die Summe ihres\nGlückes. Denn um die Größe von Empfindungen\nzu bestimmen, fehlt der objektive Maßstab. Die\nGeburt vererbt außer dem Geschlechts- und\nGeistesunterschied noch eine größere und gerin-\ngere Eigenwelt, die von der Anstellung in der\nWelt zu unterscheiden ist. Deshalb ist noch die\nQualität einer Kultur wichtig. Denn daß jeder\nVerstand glücklich und jeder Geist unglücklich zu\npreisen sei, ist zu banal, um wahr zu sein. Aller-\ndings mögen beide das Leben auf der Ehre des\nGlückes und nicht auf dem berühmten Unglück\naufbauen.\nDie Zeit ist bis an die äußere Grenze ihrer Irr-\ntümer gekommen. Die Liebe läuft in Toilette auf\nder Straße und wohnt in einem Quartier, das kaum\neine Wohnung mehr ist. Erst war die Frau ein\nSpielzeug, wurde dann die Arbeitskraft des Man-\nnes, und nun ist sie der Plunder der Konkurrenz.\nDer Mann aber, der bemerkte, daß die Frau alles\nkönne, sogar besser arbeiten als er, wurde zu faul,\num noch den Luxus seiner Sinne selbst zu bestrei-\nten. In der Tiergattung bekommt das Weibchen\nein tapfres schönes Männchen, in unserer feinen\nWelt sucht und findet es in vielen Männern nur\nviele degradierte Diener. Das Weib wird trotz-\ndem monogam geboren, und der Mann polygam,\nalso mit einem heimlichen und einem öffentlichen\nUnterschied. Kein Buch der Welt ändert das\nWesen der Natur. Es gibt keine zwei Frauen-\nrassen, alles ist schon an den Frauen Natur, näm-\nlich Dummheit oder Verstand, und alles Lebens-\nbeispiel gewesen. Es gibt auch gar keine ver-\nschiednen Menschenrassen, denn alle haben die\nEinsetzungen der Familie und der Dirne. Was\nsoll bloß die Frau in der Oeffentlichkeit? Wo gibt\nes denn eine Frau, mit der man ein einziges Wort\nöffentlich sprechen kann? Wenn der alte Grieche\nsagte, er müsse an sein Geschäft, so hatte er drau-\nßen auch seine Mätressen und Dirnen. Der Frau\nblieb das ganze öffentliche Leben des Mannes ver-\nborgen. Wenn der Frau nichts Einfacheres ge-\nboten ist, als nur an ihrem Schmuck arbeiten zu\nmüssen, ist sie glücklich mit Haus oder Mann und\ntut alles für sie, keine will ein zweites Leben und\ndas zweite Leben des Mannes ist ihr gleich. Jede\nsieht in seinen geistigen Leistungen nur einen an-\ndern Schmuck für sie, geistige Werte, welche die\nOeffentlichkeit kennen zu lernen nicht auszuteilen\nhat. Tief ist der Trieb des Weibes zu lieben oder\nzu verdienen. Noch tiefer ist heute der Lebens-\n«nglaube des Mannes. Zwar ist der Glaube an\ndas Leben gefährlich, denn das Leben hat schlei-\nchende Tücken. Nie ist die Vernunft gefährlich,\ngefährlich ist immer der Glaube. Aber am ge-\nfährlichsten ist der Unglaube. Seitdem die Frau\neinen natürlichen Gatten entbehrt, schmückt sie\nsich überhaupt nicht mehr für die Männer. Der\nSchmuck übernimmt die Ausspielerei des Ge-\nschlechts. Warum ein einzelner Mann gegen die\nWelt Recht haben soll, seit wann wagt die Frau\nso zu fragen? Die Frau verschlechtert sich, sobald\nder Mann sie nicht mehr für ihr weibliches Ver-\ndienst genießt. Seitdem sie mit dem Mann für die\nWelt arbeitet, findet sich der Luxus für die Mutter\nund Dirne komplet auf der Straße. Die Frau soll\naber in erster Beziehung nach der privaten\nLeistung des Mannes fragen. Das würde nur dann\nzu hoch finanziert, wenn sie in ihrem Beglücker\nauch noch den Wirtschaftskonkurrenten entlohnen\nmüßte. Die Ehe, als eine ökonomische Frage,\nbleibt ein reiner Geschmack des Mannes und wird\nweder Pflicht noch Recht. Unser Bürgertum ist\nbis in breite Schichten verwöhnt, die durch ihre\nGeschlechtersucht noch zur Sippe gehören. Weil\ndas Leben nur wenigen geschenkt ist, wird es\ndurch Leidenschaften vielen zur Torheit. Die\neinzig menschliche Antwort ist, daß die Not-\nwendigkeiten nicht durch Vernichtung der Leiden-\nschaften geheilt werden.\nDa die Gefühle und Triebe im innern Menschen\nherrschen, so muß die Vernunft die äußere Welt\nregieren. Keiner ist zu etwas verpflichtet, was\nwider die Vernunft ist. Die Lebensführung lenkt\ndie persönliche Erziehung; Gewohnheit und Bei-\nspiel sind das Geheimnis des Organischen. Zu\njedem Sexualverhältnis gehört eine Gelegenheit,\njede Unmoral eines Freundes braucht ihre Gele-\ngenheit. Also keine Gelegenheit aufsuchen! Denn\nsie kommt von selbst. Andere als reizende Ge-\nlegenheiten sind auch der Polizei, der Religion und\nMoral zu verbieten. Denn selbst nicht durch, Ver-\nnunft ist der einzelne zum andern zu zwingen.\nAber besonders ist jede unbegrenzte Phantasie in\nder Oeffentlichkeit zu verhüten. Man darf also\nnicht Kunst und leichte Bildung in die Schule tra-\ngen, sie weder zur Lehre noch zum Hausfleiß\nmachen. Menschlichkeit mitteilen heißt Menschen-\nwerke und ihre plastischen Bedingungen vor phy-\nsische Augen führen, Menschenwerke und Worte,\nihre geistigen Elemente, in physische Ohren brin-\ngen. Der Literaturstoff selbst ist keine humane\nLehrangelegenheit. Wer Verstand für diese Sachen\nhat, ist kein feinerer Mensch als wer zu prakti-\nschen Geschäften geschickt ist. Mit ihnen vor Er-\nwachsenen Stand und vor Gleichen Auszeichnung,\nkurz bürgerliche Bildung begründen wollen, ist\ndas Ende jeder Tüchtigkeit. Man lasse alle Kinder\nan Uebungen im gleichen Geist der Logik teilneh-\nmen, ohne darauf Unterschiede der Menschen zu\nbauen. Der Erzieherberuf ist ein hoher Beruf und\nso mannigfaltig wie die Kinder, die er zu seinem\nUnterricht vor sich hat. Aber Kritik an der Kunst\ngestatten ist wie Kritik am Geschlecht gestatten.\nAlle Lehren, die nichts üben, werden dem Vorwitz\nnur Mittel zum Zweck, um Einsamkeit und Zu-\nsammenleben zu zerrütten. Lehrt die Jungens und\nMädchen aufeinander: es gibt Sodom und Go-\nmorrha. Erst Sentimentalitäten und Totschießerein,\ndann Aufhebung aller Empfindungen, das ist keine\nErleichterung des Lebens. Das moderne Leben\nwar etwas vernünftiger geworden, weil mit der\nAufschließung des Verkehrs der private Mensch\ngeschützt und die Phantasiebildung herrschender\nCliquen erschwert wurde. Das Weib braucht Ro-\nmantik: gut, die Gefahren des Einzellebens sind\ndie Romantik. Ganz phantasieren ist also das\nFreilassen der Frauen, die, sobald man sie aufgibt,\ndie Zahl der Masse vermehren. Weil der Ge-\nschlechtsgenuß Selbstzweck ist, so ist das Zusam-\nmensein der Geschlechter doch nicht nur das Mit-\ntel zu diesem Zweck, wenn auch das Geschlechts-\nleben immer im Mittelpunkt steht. Jedes natür-\nliche Mädchen denkt: „Setz dich doch zu mir und\nsprich!\" Zu den Dirnen gehen und sie für die Män-\nner sprechen zu lassen, hieß auch romantisch. Mit\nRecht antwortet da die Zeitgenossin: „Guck mich\nnicht so dämisch an. Den ganzen Tag war ich\ndraußen, jetzt muß ich schlafen.\" Die Verheiratete\naber wird Ihnen sagen: „Sie haben sich vor einer\ngroßen Selbsttäuschung bewahrt.\" Durch unzwei-\ndeutige Beispiele wird die Zeit belebt. Ja, jede\nZeit braucht eine andere Art Erziehung. Die Klippe\nfür die Geschlechtsliebe ist die Erfahrung. Denn\ndurch Erfahrung wechselt die Liebe ihr Wesen,\nwird Leidenschaft oder Vernunft. Daß sie dem\nMenschen in kostbaren Fällen Enttäuschungen er-\nspart, ist der feine Wert der Kultur. Die Frau,\nwelche die Befriedigung kennen gelernt hat, kennt\nauch das Leben. Es ist darum mit der Anlernung\nder Mädchen durch die Geschlechtsfreiheit nichts.\nDer Knabe muß die Fähigkeit haben, die ihm zu\nseinem Glücke gegebenen Bedingungen aufzusu-\nchen. Diese Bedingungen finden sich für nieman-\nden zur Knechtschaft. Wenn die Bedingung zur\nEhe- gegeben ist, wird Ehe eine Gemeinschaft sein,\nin der wiederum eine unausgesprochene Gegen-\nseitigkeit Führerin ist. Heute geniert sich das Mäd-\nchen des Jungen, die Frau des Mannes. Diese\nGeniertheit setzt das Frühegelernte dem Natur-\ngewachsenen entgegen, als eine Dreistigkeit ohne\nLeben. Anpassung ist also etwas Bedingendes,\ndamit unmöglich wird, daß eins über das andere\nohne Rücksicht weggehe. Die Natur hat jedem\nTeil eine besondere Form gegeben und es ist\nschuldvoll, eine allgemeine Fassung für alle Fälle\nzu wiederholen. Kein Wort und Bild braucht erst\nauf den Trieb hinzuführen, sondern kann gleich in\ndas Individuum dringen. Vom determinierten Ge-\nschlecht erhält jede Lebensmoral ihren Ursprung,\nund die vergeistigte Lebensäußerung entfernt sich\nnicht von diesem Ursprung. Die doppelte Moral\nist deshalb verwerflich, weil sie sexuelle Moral ist.\nHier werden fertige Moral und unfertiges Ge-\nschlecht zusammengebracht und gegeneinander\ngebraucht. Die reinliche Scheidung, die den\nWunsch des intimen Menschen erweckt, nimmt\ndem Geschlecht die Willkür. Die jedem Weib be-\nsonderen Dinge gehen das heimliche Weib an. Die\nKraft des Mannes kann bewirken, daß sie nicht\nvorlaut werden. Der Verkehr mit dem Geschlecht\nverlangt persönlichen Nachdruck und eine Sprache\nvor urbaner Klarheit, die ihrer Vielfachheit\nund doch so ungleicher Sache entsprechen,\nwie der Stand der Natur sie ist. Das Frauenhaus\nist eine Gelegenheit für alle Volkskreise. Aber der\nMann hat mehr Gelegenheiten zu nehmen als zu\ngeben. Das Weib ist die wertvollste Sache, frei-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.5", "texte": "lieh durchaus nicht die zunächstliegende. Es gibt\nvor allem keinerlei Art Verpflichtung, die unserm\nGeschmack entgegen ist. Daß einer das Weib\nnimmt, nur weil er sich mit ihm eingelassen hat,\nist eitel wie jedes Experiment: es folgt alles für\nihm daraus, nur nicht was sein Ursprüngliches\nbraucht. Auch dafür Unfallversicherungen zu\ngründen, brächte wohl dem Mann nicht die unge-\nnehmere Buße und der Frau die bessere Ein-\nnahme. Zufällige Bekanntschaften müssen ja auch\nvon Männern unter sich nach ihrer Entstehung,\ngewertet werden. Zufallswesen sind Menschen,\ndie von Anfang an nicht zu uns gehörten. Man\nhat alte Freunde und unterscheidet die Eindring-\nlinge, die unsere Attrappe sein wollen, ohne daß\nsie eine Verantwortung für uns übernehmen. Eine\nFrau darf vollends nie Attrappe sein.\nWie das Kunstwerk dem Künstler näher steht\nals der Fremde denkt, so die Frau, wie sie ist, dem\nMann. Mann und Frau können nicht noch ein\ndrittes Geschlecht durch Gefährten- und Gevatter-\nschaften hätscheln. Hohn ist es, in der Kunst und\nin der Liebe an die Ueberlegenheit einer franzö-\nsischen Rasse oder an die Feinheit einer überkulti-\nvierten Nordrasse zu glauben. Kein Trieb und\nGeist von Mann und Frau ist zu groß, daß wir die\nMenschen überschätzen dürften. Die Natur der\nFrau ist nicht unbegrenzt. Ist der Mann im Sport\nverdorben, so ist die Frau nicht tiefer. Erst wenn\nder Mann wieder ernster ist, wird es auch die\neinzelne Frau. An alle Menschenschöpfungen muß\nman mit Maßen Vernunft bringen. Der Künstler\nverbreitet keine Weltanschauung, sondern gestal-\ntet indem er den Stoff an Gehalt vergleicht. Auch\ndas Kunstwerk ist für vernünftige Betrachtung ge-\nschaffen. Doch spricht sein Schöpfer: hier lauscht\nauf, um eine neue Form des Menschen euch einzu-\nverleiben. Der geistige Mensch herrsche nicht in\nder Natur! Die Natur und der Mensch züchten,\ndenn auch die Natur schafft immer neue Formen.\nAber der lose Geist züchtet nichts, sondern zer-\nstört die Sinnlichkeit. Und durch die zerstörte\nSinnlichkeit entsteht der Inbegriff der Rasse: die\nRasse wird zur Zwangsvorstellung. Wer von\nRasse im guten Sinne spricht, meint Vollkommen-\nheit, das gesunde ungehemmte Verhältnis von\nSinnlichkeit und Trieb. Der. Geist findet am Sitt-\nlichen seine Aufgabe. — Das einzige Mittel zur\nVollendung ist, daß wir an unserer Sache fortar-\nbeiten und, um die unmoralischen Instinkte des\nMenschen nicht aufzurühren, nicht von Kirche,\nStaat, Religion oder Freiheit reden. Mit 35 Jahren\nmuß es Männer geben. Das Kind brauchte Frei-\nheitsideale. Die Wirklichkeit liegt dem Kinde fern\nund schon die Nähe wird ihm hart. Aber der\nMann darf sie nicht fliehen. Frauen und Kinder\nsind Mächte des Lebens und nicht bloß für Kinder\nund Männer geboren. Der Mann soll Frauen und\nKinder mit höchster Liebe sehen, doch um beide\nin ihrem Sinne zu behandeln, nicht mit zum Kind\nwerden. Das Jahrhundert des Kindes war der\nüberspannte Gedanke eines Weibes. Ein ganzes\nJahrhundert sollte zum Kind werden, damit das\nKind nicht etwa 15 Jahr, sondern 95 alt werde? Vom\nsechzehnten Jahre und eher sind schon die Men-\nschen verschieden, und stehen uns ferner als wir\nwünschen. Die erste Jugend ist allein noch mensch-\nlich zu behandeln, da läßt sich wirken, pflegen und\nEindruck machen. Der Erwachsene lebt außer dem\nKreis unserer Einflüsse, wengleich die Entwick-\nlung an uns selbst nicht aufhört. Aber die Jugend,\ndie an ihresgleichen aufwächst, ist ohne Praxis.\nDer junge Mensch hat nur dort Instinkte, wo er\nein Vorbild sieht. Der Mensch kann mit dem Tier\nnicht gleichgestellt werden: wir können aus der\nTierliebe kein Wort als Beispiel bringen, das pas-\nsen würde. Denn das Tier sagt uns nicht, ob wir\nRecht haben, wenn wir von seinen Instinkten\nsprechen. Der hilflose Mensch gehört zu einer\nfremden Ordnung, weil im Gefolge der Sprache\ndie Entwicklung des Individuums den längsten\nRaum braucht. Das Verhältnis von Trieb und In-\ntelligenz ist ganz mannigfaltig und der Zweck bei-\nder ein Lebensgeheimnis. Alle Tiere verteidigen\nim Spiel den Trieb und haben einen Kampf mit\ndem Leben. Aber erst auf der Stufe, wo sich im\nMenschen der Widerspruch der Gedanken regt,\nsetzt die Unseligkeit ein, daß den Trieb, der das\nLeben ist und den das Leben ernährt, das Leben\nund die Leidenschaft zerstören. Wenn der Ver-\nstand nur einen einzigen Sinn hat, muß der\nVerstand im Menschen als ein Sinn, den der Trieb\nschuf, und wie eine Art Trieb, den Trieb, das Ur-\nsprüngliche, bedienen und befriedigen. Die Liebe\nist unvernünftig, sonst gäbe es natürlich gar keine\nVernunft. Aber daß das ganze Leben Unvernunft\nund Lüge sei, ist eine durchaus unkünstlerische\nBehauptung. Der Trieb ist nur stärker und das\nLeben nur umfassender als der Verstand.\nDas Vorbildliche der orientalischen Ehe ist die\nAbgeschlossenheit der Frau vor der Oeffentlich-\nkeit. Der Osten duldet keine Ehe auf der Straße\nund keine jungen Mädchen im Freien. Die Viel-\nweiberei ist so häufig und so selten wie bei uns,\nnur daß sie leichter als bei uns abstellbar ist.\nDenn es ist doch dort überhaupt ein Wesen im\nHause, das eine Geschlechtsbedeutung hat. Die\nromanischen Völker sind im Ganzen nach der alten\nWelt orientiert. Amerika ist ein Neuland: man darf\nihm nicht zu vieles glauben.\nDie Frau schafft und zerstört, im Gegensatz\nzum Mann, ursprünglich keine Kultur. Erhaltung\nist die Art ihres Geschlechts, in der Form der\nSelbstverhüllung. Doch tut die Frau, was der\nMann tut. Aber sie wisse nichts vom Mann und\nder Mann begehre sie, so ist sie begehrenswert.\nDie Unnatürliche stammt erst von einem unnatür-\nlichen Mann, ihrem ärgsten Feinde. Die Frau ist\nalles durch das Geschlecht der äußeren Worte und\nDinge. Und als der Mann sah, daß sie nackt war,\nschaffte er ihr Kleider. Die Frechheit, die der\nKünstler und Mann gebraucht, um in der Erfüllung\neines W;eltkörpers den Willen, den er hat, zu\nsuchen, soll vor ihr nicht mißbraucht werden, um\ndurch Enthüllungen ihrer Körperwelt den größten\nVerstand, den sie hat, zu verlieren.\n\nDas Bad der Pauline\nBorghese\nVon Peter Scher\nDie Fürstin Borghese empfängt den jungen\nHerzog di Castiglione nach ihrer Gewohnheit im\nBade.\nAuf den Marmorbänken zu beiden Seiten des\nBassins knien, beide Arme auf die Balustrade ge-\nstimmt, ihre Intimen Qina Campostri und die\nlustige kleine Prinzessin Servante.\nDer Herzog lehnt, halb verborgen, blaß und\nmit verkniffenem Munde an der mittleren Säule.\nAuf der oberen Stufe der zum Bassin hinunter-\nführenden Treppe steht unbeweglich mit ver-\nschränkten Armen, das schwarze Gesicht starr\ngeradeaus gerichtet, der Mohr Timur. Der mäch-\ntige Schatten des Riesen streckt sich breit über die\nweißen Bärenfelle am Boden und verschlingt das\nzierliche Schattenbild des Herzogs. Licht stürzt\naus hohen Fenstern über den Wasserspiegel, prallt\ngegen Timurs schwarzen Rumpf und zersprüht\nam brennendweißen Leib der Fürstin.\nPauline ist lustig. Sie biegt sich, vor Behagen\nschreiend, weit hintenüber und läßt ein Bein um\ndas andere aus dem Wasser schnellen. Ein Sprüh-\nregen saust über Timurs grinsendes Gesicht; auch\ndie Damen an der Balustrade und der Herzog\nbleiben nicht verschont.\nDie Damen schütteln sich und kreischen mit\nPauline um die Wette. Die Prinzessin Servante\ndreht sich spöttisch nach dem Herzog um und\nruft der Fürstin ein Scherzwort zu. Und Pauline\nschnellt ihr Bein noch einmal so lustig aus dem\nWasser, daß di Castiglione, von einem Strahl ge-\ntroffen, mit beiden Händen nach dem Gesicht\ngreift und unwillkürlich vor die Säule tritt.\nGina Campostri und die Prinzessin klatschen\nironisch in die Hände. Timur knirscht entzückt\nmit den Zähnen.\nNach einer Weile ist die Fürstin der Spielereien\nüberdrüssig. Sie nickt der Prinzessin ver-\nschmitzt zu.\n„Nun, Herzog, — wollen Sie mir nicht behilf-\nlich sein?\"\nPauline hüpft geschickt auf die unterste Trep-\npenstufe. Sie steht nackt, mit offenem Haar, die\nlinke Hand leicht auf die Hüfte gelegt, die rechte\nnach oben ausgestreckt, weiß und glänzend über\ndem Wasserspiegel in der Sonne.\nDer Mohr tritt auf ihren Wink einen Schritt\nzur Seite. Die furchtbaren Muskelwülste seiner\nnackten Arme und Beine vibrieren. Seine Zähne\nknirschen wie Kies. Aber die Damen beachten ihn\nnicht. Ihre Augen sind gespannt auf das Gesicht\ndes Herzogs gerichtet.\nCastiglione stürzt nach der Treppe und ergreift\nPaulinens Hand.\n„Hoheit!\"\nDie beiden Damen kichern.\nDer Herzog glüht bis in die Schläfen.\nDie Fürstin stützt sich leicht auf seinen Arm\nund sagt:\n„Man erzählt mir, Sie hätten ein Sonett auf\nmich gedichtet. Ist es wahr?\"\nDer Herzog wirft einen verzweifelten Blick auf\ndie Damen, fährt sich mit der freien Hand an die\nKehle. Schweigt.\nPauline läßt seinen Arm los.\n„Timur!\"\nDer Mohr steht mit einem Sprung bei ihr und\nbeginnt mit Schwämmen und Tüchern ihren Kör-\nper zu reiben. Pauline steht vor dem Herzog, das\nrechte Bein erhöht gegen die Marmorbank ge-\nstemmt, beide Arme über dem Kopf erhoben. Ti-\nmur hockt vor ihr. Er hält in jeder Hand ein sei-\ndenes Tuch und tupft damit die Tropfen von ihren\nHüften.\nGina und die Servante schielen nach dem Her-\nzog. Der kleinen Prinzessin bleibt vor Erwartung\nder Mund offen.\nDer Mohr reibt den Körper der Fürstin; sein\nAtem geht laut.\nDa fährt der Herzog plötzlich herum, tut einen\nSchritt vorwärts, packt den Mohren und reißt ihn\nmit solcher Kraft von der Fürstin zurück, daß der\nKoloß sich überschlägt und über die Treppe ins\nBassin kollert. Timur prustet und schnauft wie\nein Walroß.\nDie Damen schreien und applaudieren.\nDer junge Herzog starrt sie groß, fast staunend\nan; in seinen Augen zucken Flammen.\nEs ist ganz still.\nPauline bückt sich wie von ungefähr nach einem\nSeidenschal für ihren Schoß.\nUnd der Herzog kniet vor ihr nieder und küßt\nmit zitternden Lippen ein Wassertröpfchen von\nder rosigen Knospe der ihm zugeneigten Brust.\nDie Fürstin schließt die Augen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.6", "texte": "„Herzog!?\" sagt sie leise, legt beide Hände\nüber ihr Gesicht und schweigt in seligem Er-\nröten.\nTullia Servante schlägt ein Kreuz.\n„Pauline?!\" flüstert Gina atemlos.\nDie Fürstin öffnet langsam die Augen, wirft ihr\noffenes Haar mit einem jähen Ruck gegen die\nFreundinnen herum und die Damen schleichen auf\nZehen hinter die Portiere eines Nebenkabinetts.\nPauline winkt dem Mohren. Timur schnauft,\nkrümmt sich, geht.\nDer Marmor und die weißen Bärenfelle\nleuchten.\n\nDie Schwermut des\nGenießers\nRoman\nVon Artur Babillotte\nJörg Martin wunderte sich über die plötzliche\nSchweigsamkeit des Künstlers. Mißtrauen schloß\nihm die Lippen. Dieser vornehme Mann an seiner\nSeite, den langweilten jetzt seine Worte, wie sie\nihn vorher gefesselt hatten . . . alle vornehmen\nLeute hatten ihre Launen. Auch das Mädchen\nschwieg. Wie sie sich am Nachmittag der klin-\ngenden Stimme des Geliebten hingegeben hatte, in\neinem unendlich süßen Gefühl der Behaglichkeit,\nso war sie in der Seltsamkeit des Sommerabends\nder Wirkung seiner unbekannten Stimme erlegen.\nWiderstandslos gab sie sich hin, unbekümmert um\nden Sinn der Worte, nur hinhorchend nach dem\nungewohnten Tonfall, nach der einwiegenden Ein-\ntönigkeit dieses Organs. Sie schritt wie im Halb-\nschlaf neben den beiden Männern her.\nDie Stadt hatte sie jetzt ganz in sich aufge-\nnommen. Die breiten Pflastersteine warfen den\nKlang ihrer Schritte an die Häusermauern, die ihn\nverächtlich murrend wieder fallen ließen. Wenn\nein Hund des Weges kam, schlich er in weitem\nBogen um die drei Menschen herum; alle Hunde\nsahen in dieser dämmrigen Beleuchtung in der\nkahlen Stille der Straßen wie lauernde Hyänen\naus. Ganz selten ging ein Mensch an ihnen vor-\nüber. Es war zwischen neun und zehn Uhr. Die\nmeisten Männer saßen im Restaurant und in der\nKneipe, die Frauen hinter den Häusern, in Höfen\nund Gärten, erzählend, verleumdend, lachend und\nsorglos. Wenn eine besonders laut war, drang\nihre Stimme oder ihr Gelächter torkelnd auf die\nStraße, wo es nach wenigen Augenblicken starb.\nDer Künstler sah die Leichen dieser lauten Frauen-\nstimmen überall auf dem Pflaster liegen. Dies er-\nhöhte seine Traurigkeit.\nDer große Garten des Gesellschaftshauses, in\ndem sich auch das Konservatorium befand, lag\nunter einer gelbweißen Lichtflut. Große Laternen\nstanden auf dünnen Eisenpfählen zwischen den\nBäumen. Aus den hohen Bogenfenstern des Kon-\nzertsaals stürzte das Licht, leuchtende Musik, die\naus den Fenstern drang. Um kleine runde Tische,\ndie wie weiße Farbflecken unter den Bäumen\nlagen, saßen lachende plaudernde Menschen; die\nOberkellner beugten sich über sie, hatten sie die\nWünsche erfahren, schnellten sie zurück, als seien\nsie erschrocken über die Worte ihrer Gäste. Ein\npaar kleine Mädchen in weißen raschelnden Kleid-\nchen jagten sich zwischen den Tischen und Stüh-\nlen; ihr hohes Gejubel kämpfte mit dem Redege-\nwirr, das beständig über dem Garten wogte.\nAm Eingang zum Garten gab Johannes dem\nArbeiter die Hand.\n— Wir sprechen noch einmal zusammen, sagte\ner. Ich glaube, ich weiß, was Sie erstreben.\nEine jähe Ueberraschung zuckte in den Augen\nJörg Martins auf; dann lachte er ein halblautes\nLachen und ging. Johannes horchte seinen Schrit-\nten nach, bis sie in der Nacht verklangen.\nEine seltsame Stunde! sagte er und atmete tief.\nSie schritten durch die schwatzenden und\nlachenden Menschen, die ihnen neugierig nach-\nblickten. Alle kannten das Mädchen und kannten\nauch den Künstler, der einmal, gleich am zweiten\nTag nach seiner Ankunft, in einem Konzert mitge-\nwirkt hatte.\nAls sie in den Saal traten, tönte gerade ein\nKlavierkonzert aus. Ein gedämpftes Stimmen-\nbrausen stob auf und stieß hart an die Decke, von\nwo es zitternd zurückstrahlte. Die drei Kronleuch-\nter, die in strenger Ordnung die Mitte der Decke\nvon hinten nach vorn zerteilten, übergössen die\nMenschen mit dem bleichen, verwaschenen Glanz\ndes Gaslichts. Eine lastende Schwüle war durch\nden ganzen Raum gespannt.\nAlle Köpfe drehten sich nach dem Paar, das\nArm in Arm durch den Mittelgang nach vorn\nschritt, wo für den Künstler zu jedem Konzert zwei\nPlätze zur Verfügung gehalten wurde. Sobald die\nSchüler, die das kleine Orchester bildeten, den\nMeister erblickten, begrüßten sie ihn lebhaft. Er\nsah am rechten Ende der Stuhlreihe den Redakteur\nsitzen; der starrte geärgert vor sich hin. Seine\nbuschigen Brauen hingen wie schwere Wolken in\ndie Augen herein. Der Direktor des Konservato-\nriums, der in einem Gespräch mit einem langen,\nspindeldürren Klaviervirtuosen begriffen war, ließ\nihn ohne weiteres stehen, sobald er den Künstler\nerblickte und eilte mit ausgestreckten Händen auf\nihn zu. Alle verehrten in ihm den Meister des\nKlavierspiels, der mit erlebender Seele spielte. Aber\nsie wußten nicht, welche Oualen der Künstler in der\nStunde seines Spiels vor all diesen Menschen litt;\nsie wußten nicht, daß der laute Jubel der Zuhörer\nwie schwere, unbarmherzige Fußtritte an seine\nSeele pochte. Sie wußten nicht, daß er sich hoch\noben auf dem Podium, den Blicken aller ausge-\nsetzt, wie entweiht, wie ein Verräter an der stillen,\nvornehmen Hoheit seiner Kunst vorkam.\n— Wenn wir sie doch bewegen könnten, wie-\nder einmal zu spielen! rief der Direktor.\nDieser tüchtige Mann besaß ein außerordent-\nliches Organisationstalent. Jede künstlerische Ver-\nanstaltung, die er unternahm, gelang. Er wäre\nwohl längst an der Nüchternheit der Kleinstädter\ngescheitert, wenn er nicht diesen zähen Willen,\ndiese rücksichtslose Ausdauer und diese Kühnheit\nbesessen hätte.\n— Sie haben die Leute damals begeistert, sagte\ner zu Johannes. Diese Krämerseelen haben in\njener Stunde das ganze Elend ihres Alltags voll-\nständig vergessen. Vollständig! Sie kann-\nten sich selber nicht mehr. Wahrscheinlich haben\nsie sich nachher darüber gewundert.\nSie standen vor dem ganzen Publikum. Johan-\nnes ließ lächelnd die Schmerzen des Direktors über\nsich ergehen. Der Direktor war in Geberlaune;\nin solchen Augenblicken bürdete er dem, mit dem\ner gerade sprach, alle seine Sorgen und Wünsche\nund Erwartungen auf, ob der andere sie haben\nmochte oder nicht.\n— Sehen Sie, im Vertrauen, es ist ein Wunder,\ndaß wir uns mit unserm Konservatorium die fünf\nJahre gehalten haben. Die Feindschaft, die wir\nauszuhalten hatten! Sie meinten es gut, von ihrem\nStandpunkt^aus; sie meinten, mit dem Neuen käme\nder Unsegen in der Stadt. Sie fürchteten für ihre\nSöhne und Töchter; die sollten nicht auf solche\n„verrückten\" Ideen kommen, Musik studieren zu\nwollen. Verstehen Sie! Der Geist der Behäbigkeit\nwollte uns einen Damm bauen. Aber wir haben uns\ndurchgesetzt. Heute besuchen fünf Söhne und acht\nTöchter dieser Stadt unser Institut . . . Ihre Eltern\nsind die Fortgeschrittensten, obwohl es mit diesem\nFortschritt — unter uns! — auch nicht gar weit her\nist. Die andern Schüler und Schülerinnen liefert\nuns die Umgegend . . . Wir haben ganz tüchtige\nunter ihnen. Und die Lehrer leisten Prächtiges.\nJetzt werden sie uns wohl nicht wieder aus der\nStadt herausbekommen. Aber, ich glaube: im\nGrunde ist es ihnen gar nicht so unangenehm, daß\nsie jetzt das ganze Jahr hindurch Konzerte haben,\nsie wollen es nur nicht zugeben, wissen Sie!\nJohannes dachte an den Arbeiter. Der würde\nwohl sagen: Irren Sie sich nicht, Herr Direktor!\nDie Reichen gehn in Ihre Konzerte, — weil sie froh\nsind, daß sie auf diese Weise etwas Abwechslung\nhaben. Aber, wenn die Konzerte aufhörten, wür-\nden sich die Reichen freuen, obwohl sie dann eine\nAbwechslung weniger hätten. Aber freuen würden\nsie sich ... ich kenne diese Stadt von Kindheit auf,\nich bin mit ihrem Leben verwachsen. Diese Men-\nschen betrachteten die Gründung des Konservato-\nriums als einen Eingriff in das Leben der Stadt und\nwerden sie immer so betrachten.\nUnd plötzlich sah Johannes ganz klar die Be-\nwohner der Stadt und den Direktor des Konser-\nvatoriums, den Arbeiter Jörg Martin und den\nRedakteur Todt. Die Stadt war ein schwerfälliges\nUngeheuer, das Wesen gebar, genau so schwer-\nfällig, die nie das Bedürfnis hatten, sich loszurei-\nßen. Und der Anführer war, ohne daß sie es wuß-\nten, der Redakteur, dieser nüchterne, zielbewußte,\nhartköpfige Mann, der nur das Leben auf der Erde\nkannte und keinen Glauben an die Idee besaß. Und\ndann war einer da, der im Begriff stand, aus der\nStadt herauszuwachsen. Den betrachteten sie mit\nMißtrauen. Der war stärker als sie, hatte spähende\nWünsche, ihm war der Klang des weiten Lebens,\nnicht wieder im Ohr verklungen, er war ergriffen\nworden von der Sehnsucht nach weitausgreifender\nTätigkeit, während diese Sehnsucht an ihnen vor-\nübergegangen war. Dieser Arbeiter stand zwischen\nseiner Stadt und der weiten Welt, hinstrebend nach\nder Fülle großer Erlebnisse, neuen Wirkens und\nneuen umfassenden Glaubens. War es nicht selt-\nsam, wie von zwei Seiten auf die Stadt ein Sturm\nunternommen wurde? Während ihr aus ihrem\nInnern selbst, aus diesem festgegründeten, unzer-\nstörbar scheinenden Gefüge althergebrachter Sit-\nten und Anschauungen ein Gegner erwuchs,\nstürmte auch von draußen her das Leben an, und\nsetzte sich mitten in diesem abgeschlossenen Gan-\nzen fest mit dem fröhlichen Gelächter des Siegen-\nvollenden. Und die Gründlichen, die Nüchternen\nmußten es dulden, all ihr Wehren half ihnen nichts\n—: es saß da und lachte sie aus. Das war das\nHerrliche. Es saß da und lachte sie aus. So mußte\ndas Leben sein, daß die starre Strenge dieser\nStadt brechen wollte, solche Menschen mußte es\nsenden, wie Direktor Rankmann einer war. Die\nan nichts verzweifelten, keine Sorge über sich\nkommen ließen, die an ihre Sache glaubten und\nsie verfochten trotz aller Gegnerschaft und allem\nSpott. Wie ihm am nachmittag dieses schwülen\nTages alle Lebensäußerungen der Wjüste offenbart\nwaren, so entschleierten sich ihm die innern Trieb-\nkräfte, die in den Menschen dieser Stadt und in\nden andern wirkten. Eine erlösende Ruhe kam\nin sein Wesen, das unter dem plötzlich erwachten\nSchuldbewußtsein den Menschen gegenüber\nschwer gelitten hatte. ,\n\nFortsetzung\nFortsetzung folgt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.7", "texte": "Charles-Louis Philippe\nübersetzt\nGötz\nI / Der Roman\nwird (über den Vorwand psychologischer und so-\nzialer Studien hinaus) begriffen, als Lebensaus-\ndruck eines Schöpfers (meint Wiederschöpfers),\nder Erlebnisse bekennt und erkennt. Vielleicht ist\ndas Erlebnis die einzig greifbare Wahrheit; einem\nMenschen typische Wahrheit, der bestimmt und\nbestimmend auswählt, worin Schicksal und Ord-\nnung lebt. Die Kunst erfüllt als Lebensleiden-\nschaft, die „nahe bei Gott lebt\" seinen wahren\nCharakter. Der Romanschriftsteller fordert eine\ngemessene Welt, Geschichte, in der er (un-einsäm\nbeschauend) vorläufig und unverwandelt Ereig-\nnisse zu Schicksalen austreibt und übertreibt, ein\nTeleskopist im Sinne von Chesterton. Er bedarf\nder Situation und der Gemeinschaft in der Zeit,\nein Antipode des Mystikers.\nII / Der Stil\nPhilippes Stil ist nicht das Dekor einer\nSchwäche, die Manier eines Spiels. Spontan und\nmeditierend, einfach und komplex wie seine Natur\nist sein Stil. Sein intuitiv erworbener Besitz hat\nRecht und Glaube. Die Vernunft drängt sich\nnicht den einzelnen Dingen auf und dazwischen.\nHier liegt der Zwang seiner Gestalten, die uns\nnahe sind wie Verwandte, und die wir nicht\ngleichgültig abwehren können. „Un cerveau c'est\nbien pour connaitre les maladies, mais un cer-\nveau et un coeur, cela suggere les miracles.\"\nIII / Zu den Problemen\nkam Philippe nicht von außen wie ein neugieriger\nBohemien oder ein herablassender Philantrop,\nmühsam und belohnt, oder wie etwa Zola als ein\nferner, fühlender Beobachter und Wissenschaft-\nler. Man kann diese Psychologie Illusion, Lange-\nweile und Eigen-sinn: Irrtum nennen, und darf\ndie Tragik Mancher nicht in die Dinge hinein zu\nwissen, nicht mit einem Trick entschuldigen. —\nPhilippe wußte wie Liebende um das Geheimnis\nund die Zusammenhänge, die Notwendigkeit und\ndie Wunder der Gemeinsamkeit.\nIm Rhythmus des Erlebens greifen Erscheinung\nund Gleichnis über- und ineinander.\nDie zerstreute Teilung findet sich in der Ein-\nheit, die Schematisierung verliert sich in der\nSammlung, die Beziehung hat die Ordnung.\nIV / Seine Geschichte\nist aufgegangen in seiner Kunst. — Balzac hat in\nden „Zerstörten Illusionen\" den Jüngling gezeich-\nnet, der lebenglühend, ideenerfüllt nach Paris\nkommt, so kam auch Philippe, bepackt mit Ge-\ndichten, die unter dem Einfluß von Mallarme und\nGleil standen. Sein Lebenskraft erlahmte durch\ndie Armut, seine Liebeskraft durch die Verach-\ntung. Frühreif und enttäuscht zwingt sich seine\ngütige und sinnliche Natur in sich hinein zur De-\nmut. Zorn, Güte, Mitleiden, das ist sein Rhyth-\nmus, seine Gegenwart. „Ich hatte nicht den Mut\nan Liebe zu denken. Liebe ist schön für Men-\nschen, die zu leben haben. Unsere zwanzig Jahre\nsind umso bitterer, weil ihr (ihr Reichen) sie be-\nsungen habt.\" — Aus der stumpfen Kanzleiatmo-\nsphäre, die auf „Croquignole\" lastet und an Go-\ngols „Mantel\" erinnert, aus der mühsam eroberten\nStellung flieht er immer wieder in das Asyl der\nKunst, wo er Lust und Kraft der Arbeit spürt,\nsehnt er sich in die stille Provinzstadt zurück (In\nder „kleinen Stadt\"), zu der Ruhe, „die unsere\nHerzen erwärmt und unsere Gedanken ausbrütet\nwie Küchlein.\"\nV / „Armut“\nist ein großer Glanz aus Innen.\" Rilke\nJe mehr Welt, Schönheit, Genüsse der Dichter\nweiß, desto weher ist die gewisse Last der Ar-\nmut und des Unrechts, desto inniger die Ehrung\nder Verlorenen, Verstoßenen, die still wie Dinge,\nargwöhnisch wie Hüter, sanft wie Freunde sind.\nDie Armen für die der Tod wie eine Schwan-\ngerschaft, die sie sehr lange tragen, und die dann\ngeräuschlos sterben und für die das Leben Opfer\nist, als ob sie mehr ein Schicksal wären. Sie\nstoßen nicht durch Enge, Heuchelei und Lüge;\neinfach zurückgeworfen und verlassen sind sie ein-\nander Tröster, aus dem Bedürfnis einer großen\nLiebe, die nicht handelt, so wie auch sie nur sind.\nDoch sie sind wirklich, da Hingabe alles vertraut\nund sicher weiß, da das Verlangen der Unendlich-\nkeit, das Leiden heißt, sich im Besitze auflöst und\nerlöst. „Des Armen Haus ist wie ein Altarschrein.\"\nRilke.\nVI / „Pauvre, petite sainte!“\nDie Dirne, die scheinbar Beute, wirklich Opfer\nist, gebiert sich aus der weiblichen Schwäche, die\ngehören will und unterdrückt sein. Wir sind wie\nBettler, denn sie ist wohltätig, vertrauend, unbe-\nirrt in ihrer Erhörung.\n„Sie dämpft die Liebesgefühle ihrer Kunden,\nweil sie darunter leidet.\" „In einer Welt, in der\ndie Nächstenliebe wenig gilt, denn die käufliche\nLiebe ist einträglicher,\" gehören ihr die Routinier-\nten, die sie verwüsten wie ein Heer und wie der\nTod, die Zufluchtslosen, die sie wie eine Hoffnung\nschüchtern umschleichen in diesem großen Wunsch\nParis. Paris, das Schauspiel, das groß tut und\nlaut antwortet, dessen anonyme Liebhaber\nschwimmenden Auges in den Alleen flanieren, wo\ndie Begierde eitler Reichtum und lasterhafte Not\nzusammenweht.\n„Man muß die Frage nicht studieren. Ich weiß\ngeschlossenen Auges, daß die Armen Recht\nhaben.\" Philippe hat „Pere Perdrix\" und „Char-\nles Blanchard\" gezeichnet.\nDostojewski konnte das Elend, das ins Dunkel\nverschüttet wird, aufdecken. Tolstoi nannte es\nSünde, Armut zu vergessen. Philippe verzweifelt\nnicht, daß die Guten zu schwach sind; er kennt\ndie Schwäche, die entsittlicht, aber er ist über den\nEmpörer und Empörten hinausgewachsen, der\nstreitet und zwingt und ohne Vertrauen ist und\nSegen. Die Güte, die das eigene Wesen befruch-\ntet und reift, verheißt Allen Sinn; sie ist Freiheit\nund die große Liebe, weil sie wissend, antwortlos,\nunerschöpflich, gänzlich ist.\nVII I Philippe liebt Marie Donadieu, „dieses\näußerst intelligente, krankhaft verlogene Geschöpf,\neine Sentimentale die sich das Leben zu-\nrecht lügt; eine Hysterische, deren Sinne\nwie Freibeuter irren um eine Illusion; die\nwie schwache Männer einen Halt und Zwang\nwill. Einer, der erste Glücksschauer erfuhr, über-\nwältigt ihre Macht, verwindet ihre Verführung,\neiner der anders weiß, für das man seine Seele\nverkauft, und der ein wenig müde war von dem\n„toten Gewicht\", ein Kind und ein Erhabener. —\nPhilippe liebt Bertha Metenier, dieses gutmütige,\nbescheidene, hin- und hergerissene Seelchen.\nEiner gibt ihr ein wenig Vertrauen und Verwöh-\nnung wie einer kleinen Frau, wie um sich einen\nFreibrief für seine Tierheit zu erkaufen. Da hat\nihr Leben plötzlich den Geruch von Krankheit und\nden Geschmack der Asche, sie vergißt, sie reinigt\nsich; aber vielleicht war ihre Demut zu groß und\nihr Gehorsam zu schnell im Verzicht, wie hätte\nsie sonst folgen müssen, als sie die rohen Hände\nzurückholten? Die Wohltätigkeit ist machtlos für\ndie Gezeichneten, die Dulder, die Tiere. „Man\nmüßte mehr Kraft haben und nicht in der Gesell-\nschaft leben, um Glück zu halten.\"\nSchreit nicht einer: Mord, moralischer Mord?\n„Lorsque la Societe pervertit centaines ämes, on\nsent qu'on esten presence d'un crime.\" Da ist\ndie Schuld Unser, die wir nicht retten können\n(o Jugendgedanke!) weil wir diese nicht genug\nlieben. Die Leidende ist in sich ausgestoßen und\nabtrünnig; sie ist unterdrückt und völlig hinge-\ngeben, das ist ihre Gnade.\n(Man denkt ein wenig an Villiers de l'lsle-\nAdam, an J. V. Jensens „Louison\" Altenbergs\n„Putain\", doch mehr an Hamsun.)\nVIII / Bubu\nist ein wenig romantischer Apache, ein wenig sen-\nsibler Zuhälter. Auch seine Hände zittern in\nAngst und Qual, seine Augen sind hart und müde\nvom Schicksal. Er begreift, daß die Leidenden\nNarren und Ueberbürdete sind und hat doch in sei-\nnem Schmerze Rechtfertigung und in seiner Liebe\nAusgleich. „Man ist nicht schlechter, weil das\nSchicksal nicht für einen gesorgt hat.\" Die Rei-\nchen, die Mächtigen bestimmen den Stand und die\nBerufung, wir wählen nicht. Sie wollen Frauen\nkaufen, denn alles hat einen Preis, darum muß es\nZutreiber und Verkäufer geben. Sie nehmen Ge- .\nwinn und Streit ohne Reue und Scham auf sich,\nwie einer der Bescheid weiß von seiner Notwen-\ndigkeit, der vornehm verächtlich und sorglos stark\ntut, und „wie in seinem eigenen Besitze lustwan-\n■\ndelt\", da er das Unrecht vergißt. Sie haben die\nWiahl angenommen trotz Seuche und Zuchthaus.\nIhre Lebenskraft und Sicherheit ist ihr Erfolg und\nihre Ehre. Unsere neue Achtung ist die Energie.\n— Die Schubfächer Gut und Böse, vertauscht,\nherausgerissen und entleert, sind voll Kinderspiel-\nzeug.\nIX / Der Kritiker\nist ein wenig Liebender, so neugierig, staunend\nund erlebend, aber verwöhnt und ungenügsam.\nErkennen heißt nicht anerkennen, loben nicht er-\nfüllt sein. Er ist ein wenig Schauspieler und Dra-\nmaturg, der in viele Rollen eingeht, und doch Zu-\nschauer, der schließlich wie eine Kokette über-\nwunden sein will. Er ist ein wenig Verräter, um\nzu verkündigen, und wie ein Eingeweihter, der\neine Formel hat. — Der Gewinn der Seele ist die\nVervollkommnung ihrer Enthüllung. Die Gedan-\nkenwelt will die vorgezogene Wahrheit, die den\nKnäuel entwirrt. Der Wunsch ist fremd, Erleben\nin Erkennen, Empfindung ins Wort zu bannen, und\nist voll Angst vor Verlust und Flucht vor Einsam-\nkeit.\n„Une emotion nalt — non eile est. Sa vie\nmystiquei est le besoin de se manifester. Le mani-\nfeste vaut l'emotion integralement.\" Andre Gide\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nPierre Desclaux et Simone Brive\nLes Encages / Piece en trois actes\nParis I Editions de „La Route\"\nHandbuch der Kunstwissenschaft\nHerausgegeben von Dr. Fritz Burger I Soeben\nerschienen: Lieferung 8: O. Wulff: Altchristliche\nund byzantinische Kunst Heft 4\nBerlin-Neubabelsberg ,/ Akademische Verlags-\ngesellschaft m. b. H. M. Koch"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg191309-01.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen toc\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur darcfe\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zete\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlan Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nVerlas Der Sturm / Berlin W 9\nDruck Carl Hause I Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nBerlin W / Potsdam er StraBe 134 a\nSiebzehnte Ausstellung\nSkulpturen und Zeichnungen von\nAlexander Arehipenko\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nAm 20. September 1913 / Eroffnung\nErster Deutseher\nHerbstsalon\n75 Potsdamer StraBe 75 zu Berlin\nEs beteiligen sich Kiinstler folgender Lander:\nDeutschland / Amerika / Bohmen / Frankreich |\nHolland / Indien / Italien / Oesterreich / Rumanien\nI RuBland / Schweiz / Spanien\nTaglich ,/ auch Sonntags / geoffnet von 10 bis 7 Uhr\nEintritt 1 Mark / Dauerkarte 2 Mark\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nZeitschrift der Sturm\nDauerbezug\nGewohntiche Ausgabe: Fiir Deutschland\nand Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nnummer 40 Pfennig X Fiir dasAusland bei\ndirekter Zustellung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nse ndu ng in R o 11 e n direkt durch die\nPost fflr Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X FQr das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs I Von\ndteser Ausgabe werden Vierteljahrsbezflge, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t\nBer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer I—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n10 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenst&nden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwunscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzumftinftendes ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, dal E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportes ge-\nwflnscht wird\nQeneralvertretung des Verlags Eugene Figul&re /\nParis\n\nOriginalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefiigt / Alle\nExemplare sind vom Kiinstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pecbstein: Die Erlegung des Fest-\nb r a t e n s / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert I\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nW. Kandinsky: Handdrucke / Das Exemplar 30 M.\nWilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 15 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n20 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft ./ Das Exemplar\n25 Mark (5)\nSchmidt-Rotluff: Mann und Weib / Sonnige StraBe\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Niiinsky / Portrfct Licht-\ndruck, groBes Format / 10 Mark\nR. Delaunay: Album / Elf Phototypien von\nGemalden (ein Farbenlichtbild) mit einem Qedicht\nvon Guillaume Apollinaire / Das Exemplar 10 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Gc-\ndichten von Arno Holz / Fur Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nFranz Marc: Affenfries\nRobert Delaunay: La Tour\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nMappen\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\n\nZeitsehriften\nLa Route / Revue de l'Effort Social ,/ Paris / Rue\nde Vaugirard 120\nL'Effort Libre / frfiher L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne]\nL'Ind6pendance / Halbmonatsschrift / Kfinste /\nKultur I Philosophie / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrift\nParis / 41 Rue Monge\nLa Nouvelle Revue Francaise / Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nMontioie / Halbmonatsschrift / Paris /\nd'Antin 38\nHaro I Monatsschrift / Briissel\nLes Cahiers du Centre / Moulins [Allier]\nLes Soir6es de Paris / Recueil Mensuel / Paris\n9 rue Jacob\n\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fur neue und\nalte Kunst / Heft 6—8 bringt: Bilder: Picasso (9) /\nBraque (3) / Cezanne (3) / Soffici (1) / Sculpturen:\nPicasso (2) I Negersche (10) / Architektur: Gocdr\n(6) I Jahrlich M 12.50 / Administration Prag I /\nVeleslavinova 5\n\nAnzeigen\n\nAkademie fiir moderne Skulptur in Paris / 18 Im-\npasse du Maine Montparnasse / Korrektur: A. Ar-\nchipenko / Arbeiten in Stein / Studien\nder Stilarten / MaBige Preise\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama / Be-\ngrundet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge-\nwidmet der Dichtung und dem Drama der Gegen-\nwart in alien Landern / Probeheft gegen Einsen-\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezujg\nK) Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop I London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\nReuB and Pollack / Buchhandlung und Antiqua-\nriat / PotsdamerstraBe 118 c. Fernsprecher Amt\nLiitzow 2829 / Graphisches Kabinett der Neuen\nSezession / Vorlesungen fiber moderne und buch-\ngewerbliche Themen / Eintritt frei / Anmeldungen\nerbeten / Standige Ausstellung von Luxusausgaben\nin auslandischer Literatur\nBraunschweiger G-N-C-Monatsschrift: Neues und\nWissenswertes iiber Literatur / Kultur / Kunst /\nWissenschaft und Technik / Einzelbezug 80 Pfen-\nnig I Vierteljahrlich Mark 2 / Probenummern um-\nsonst I Verlag Grimme Natalis & Co. C-G a A\nBraunschweig\nNeue Sezession / Berlin / Eingetragener Verda\nPassive Mitglieder der Neuen Sezession\nerhalten iahrlich 1 / mehrere graphische Arbeiten\n2 I die Zeitschrift Der Sturm frei zugest&llt 3 \\\nfreien Eintritt zu den Veranstaltungen der Neuen\nSezession. Mitgliedsbeitrag halbj5hrlich 15 Mark.\nGesch&ftsstelle der Neuen Sezession: Steg-\nlitz, MjquelstraBe 7 a. Fernruf Amt Steglitz 269f\nEdmund Meyer / BuchhSndler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Bucher\n}eder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nPrazske Umelecke DHny / Prager Kunstwerk-\nstatte fiir neue Kunst / Mobel / Beleuchtungskor-\nper I Textilien / Prag, I / Veleslavinova 3\nThe Lantern: Eine Monatsschrift I Die\namerikanische Zeitschrift des Protestes /\nOrgan der Gesellschaft Junger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWalden\nI Zehntes Jahr / Man verlange kostenlose\nMitteilungen fiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9"}]}