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Es bil-\ndete sich immerzu ein kleiner Knoten in seiner\nKinnlade, weil er die Zähne zusammenbiß. Ab\nund zu riß er unbewußt an dem Zügel. Das Pferd\nkaute immerfort die Stange und scharrte mit dem\nrechten Fuß in der Erde, daß das Gras herumflog\nund schwarze Erdstreifen bloßlagen.\n„Jetzt sind sie am Hügel angelangt!\" sagte der\nGeneral mit scharfer Stimme, die man immer\ndeutlich hörte, auch wenn er leise sprach. .Mit\nseiner Rechten hielt er das Fernglas vor die\nAugen, das schwarze dreieckige Rohr bedeckte\nbeinahe das ganze Gesicht. Ein blankes Stück\nLeder, das am Fernrohr festhing, lag über Mund\nund Kinn.\n„Ja, da sind sie, gleich da unten!\" antwortete\neiner der Offiziere, in unbewußter Höflichkeit ge-\ngen den Chef.\nDer General starrte nur. Seine Füße in den\nSteigbügeln bewegten sich unaufhörlich, seine\nSchenkel hatten die Haut auf den Seiten des Pfer-\ndes in Teppiche verwandelt.\nDie Offiziere hielten in einer Gruppe hinter\nihm.' Es klirrte immerzu von ihren Säbeln und\nSteigbügeln wenn die Pferde sich bewegten oder\nauf den Zaum kauten.\nAlle, alle starrten sie durch die Fernrohre wie\nder General — ein Anblick wie von einer Gruppe\nMaskierter — alle sahen sie hin zu jener kleinen\nviereckigen Schanze, das Ziel des Kampfes. Sie\nlag, in dieser Entfernung, als wäre sie mit einem\nFinger in losen Sand gezeichnet. Ein bißchen\nvorgeschoben mitten in der bauchigen Linie der\nrussischen Stellung, eine Nase im Gesicht.\nEs führte ein weißer gerader Weg — wie eine\nRampe — hinauf zur Vorderseite der Schanze,\nsetzte sich hinten fort und verschwand in dem\nSchießgraben. Die beiden Seiten der Rampe:\nsteile beinahe senkrechte Abhänge. Als wäre\ndiese Schanze ein Tisch, in die Mitte der russi-\nschen Stellung gebaut.\nEin Stückchen unten, am Fuß der Rampe, schob\nsich eine lange Wellenlinie vor. Sie machte Halt,\nwurde ein bißchen flacher und breiter, weil die\nMannschaft sich auf die Erde niederwarf, und\nkleine weiße Rauchwolken stiegen auf: es waren\nzwei neue Kompagnien, die die Schanze nehmen\nmußten. Sie nehmen mußten, weil sie die\nTür zu der ganzen russischen Stellung war. Sie\nnehmen mußten — koste es was es wolle —\nweil das Vorwärtsdringen der ganzen Monate\ndarauf gerichtet war, daß dieses Tages Kampf\nzum Siege führe. Sie nehmen mußten, aber\nnoch nichts erreicht hatten, obgleich der General\nMal auf Mal neue Abteilungen hingeschickt hatte.\nDie Rampe hatte nur Platz für ein Paar Hun-\ndert Angreifer, immerfort versuchten die Solda-\nten heranzukommen, vergebens.\nDrei Mal schon hatte General Noku Order ge-\ngeben, daß die Schanze genommen werden sollte.\nDrei Mal hatten ein paar hundert Mann, rasend,\nverzweifelt, zum Aeußersten gehetzt, versucht,\nseine Order auszuführen. Drei Mal schon waren\nsie zurückgetrieben.\nWeil ein vierzehn Meter langer Stachelgürtel,\nganz oben auf dem Abhang, jedes Mal die Kom-\npagnien zum Halten brachte: dann guckten die\nKöpfe der Russen über die Brustmauer der\nSchanze hervor, und ein Sturm von Stahl ging\nverheerend über die Angreifer. Ein Paar Minuten\nund nur die Hälfte war noch lebend, sie stürzte\nsich zuletzt Hals über Kopf in wahnwitziger Eile\nden Abhang herunter. So mußte die Artillerie\neinen neuen Angriff vorbereiten. Und von achtzig\nKanonen flog das Feuer, wie ein Vulkan, über die\nkleine Schanze, aber die Russen verschwanden\nhinter den hohen deckenden Mauern von Erde,\ndie vor der Brüstung gegraben waren. —\nSchon dreimal hatte der General versucht, die\nSchanze zu bekommen — und kein einziges Mal\nkam der Angriff weiter als bis zu diesem Stachel-\ngürtel. Aber davor lagen Haufen auf Haufen\nTote und Sterbende; und immerzu drang von\ndiesen Massen ein furchtbares flüsterndes Klagen,\ndas hing in der Luft wie meilenweite angstvolle\nMusik. Der Laut füllte das Ohr und bemächtigte\nsich aller Nerven. Es ging wie tausend schnelle\nStiche durch das Herz, es stiegen die Haare, kalte\nSpitzen, auf dem Kopf.\nZum dritten Mal war der Angriff zurückge-\nschlagen, der General hob eine Sekunde mit der\nzitternden Hand das Fernrohr, aber seine Augen\nwaren geschlossen und die Lider zuckten, wäh-\nrend das Fernrohr sie verdeckte.\n„Leutnant Futo!\" sagte er kurz darauf mit\nschneller heißer Stimme — es gab einen Ruck in\nden Offizieren, als sie sie hörten. Er starrte\nimmer noch auf die Schanze, seine; Lippen wur-\nden ganz dünn und die Winkel zogen sich her-\nunter, vor Energie.\nFuto bog sich nach vorn, während er die Spo-\nren in die Seiten des Pferdes begrub. Das Pferd\ntanzte auf allen vier Beinen — wie berauscht\nvon dieser Schmerzmusik, die die Luft füllte.\nFuto zwang das Tier zur linken Seite des Ge-\nnerals.\n„Oberst Katama wird noch zwei Kompagnien\ngegen diese Schanze setzen. Aber schnell!\" sagte\nder General, und seine Stimme war wieder ganz\nnatürlich — so wie immer — während er jetzt\nmit den zehn Worten, zum vierten Mal in zwei\nStunden, auf diesem Platz dreihundert Mann in den\nTod sandte.\n„Jawohl, Herr General!\" — Futo grüßte. Das\nPferd hob die Vorderbeine, als er die Zügel nahm,\nes wieherte und ein weißer Strich Schaum flog\naus dem Munde. Leutnant Futo bog seinen Kör-\nper über zur linken Seite des Pferdes, drehte das\nTier herum, gab ihm lose Zügel und mit einem\ngewaltigen Ruck sauste das Pferd davon, den Ab-\nhang hinunter und verschwand, man hörte nur\neine Sekunde das schnelle, harte Dunk-Dunk der\nFüße.\nAber im Gesicht des Generals wurden; die Züge\nplötzlich ganz scharf. Er schien mit einmal töt-\nlich mager. Man sah die Schatten und die Um-\nrisse der Zähne auf der Oberhaut.\nKapitän Noku, der Sohn des Generals — er\nwar gestern Kapitän geworden und heute zum\nStab des Generals versetzt — bog seinen Nacken\nzurück und versuchte einen Seufzer zu unter-\ndrücken, er merkte nicht, daß auch alle Kamera-\nden so taten, um ihre Unruhe und Angst zu ver-\nbergen. Es war ja nicht nur ein Kampf ihrer\nBrigade. Nein, die ganze Armee, die ganz weit\nrechts kämpfte — der Laut der Kanonen ging wie\nein Erzgesang durch die Luft — diese Armee hatte\nihre Brigade ausgesandt, um die kleine befestigte\nSchanze zu nehmen. Alles hing davon ab, das\nkleine befestigte Fleckchen Erde war die Ent-\nscheidung des ganzen Krieges.\nEin bißchen nach rechts sah man Leutnant Fu-\nto, in einem Bruchteil einer Sekunde, wie eine\nWelle, über den Hügel reiten. Kurz danach konnte\nman hören, daß die Artillerie Order erhielt, zum\nvierten Mal den Angriff des Fußvolks durch\nmächtige Salven vorzubereiten. So lange die\nSchanze mit Feuer bespritzen, bis man riskierte,\ndie eignen angreifenden Soldaten zu treffen. Die\nArtillerie war hinten rechts gesammelt. Hinter\ndem Hügel, wo der General mit seinem Stab\nstand. Der dünne graue Rauch ging in Kissen,\nStrichen und Windungen nach allen Seiten, man\nsah die Mannschaft wie durch mattes Glas. Plötz-\nlich wurde es still; die Kanonen schwiegen, als\nwollten sie aufatmen und Kräfte sammeln.\nAlle Stabsoffiziere hoben ihre Fernrohre.\nDas Fußvolk — die zwei neuen Kompagnien —\ngingen wieder vorwärts. Die dunkle Linie glitt,\nwie eine Welle, schnell den Abhang vorwärts.\nJetzt waren sie am Stachelgürtel angekommen,\nund im selben Augenblick sah man die Köpfe der\nRussen wie eine dunkle Borte auf der Brüstung\nund die Kugeln der Flinten fuhren durch die Mas-\nsen. Ein paar Minuten ein wilder vernunftloser\nWirrwarr, in dem Fernrohr sah es aus wie riesen-\ngroße Spinnweben. Die vordersten Soldaten lagen\noder hingen in Mengen über den Spitzen des\nStachelgürtels. Die Nachkommenden suchten\nDeckung durch die Leichen, oder liefen herauf und\nversuchten auf die Weise durch das Gitter zu\ndrängen.\nAber das Feuer der Russen fuhr unter die\nMenschenlagen. Weniger und weniger bewegten\nsich — und der zitternde Schmerzenslaut drang\nwieder — gemischt mit hohen scharfen Schreien —\nwie die Stimmen der Solisten in einem Chor —-\ndurch die Luft.\nUnd der General verstand, daß es auch diesmal\numsonst war. Er sank zurück in den Sattel, seine\nHände zitterten wie im Fieber. Die Gesichtszüge\nwaren auseinandergefallen und um seinen Mund\nlag Angst und Grauen — in dem Augenblick ge-\nboren, als er sah, wie die letzten Soldaten über\ndie Leichen ihrer Kameraden krochen, um über\nden Stachelgürtel zu kommen. Wie mit einem\nMesser geschnitten hatte sich dies häßliche\ngrauenhafte Bild in seiner Seele festgegraben.\nEr hörte nicht, daß die Batterie hinter ihm\nim tierischen Geheul wieder Feuer gab. Er hörte\nnicht die Schmerzenslaute und das Stöhnen der\nOffiziere hinter ihm. Und er sah nicht, daß ein\nRegenschauer vorüberging wie ein grauer metall-\nglänzender Teppich von Perlen. Er fühlte nicht,\nwie seine Kleider durchnäßt wurden, schwer und\nklebrig. Eine Granate schlug in die Erde vor\nseiine Füße. Mit einem Sausen. Wie ein großer\nVogel. Mit Dröhnen barst die Erde, und die Gra-\nnatstücke flogen summend durch die Luft.\nAber im Gehirn des Generals saß nur das eine\nBild und seine Lippen wiederholten immerfort:\n„unmöglich, unmöglich, unmöglich!\"\nEr hob das Haupt und wollte einen Ordonanz-\noffizier rufen. Aber da tritt ein ganz junger\nLeutnant vom siebzehnten Regiment an ihn heran.\n„Was wollen Sie?\" Der General fragte so\nschnell, als wäre nur eine Silbe in dem Satz.\nDer Leutnant bog sich vor, sein Gesicht war\nvon Eifer ganz unbeherrscht:\n„Ich melde vom siebzehnten Regiment: Es sind\nvierhundert Freiwillige. Sie wollen versuchen.\nGegen die Schanze!\" — Seine schmale Brust, wo-\nrauf die schwere Bronzemedaille hing, hob sich\nheftig von dem schnellen Reiten.\n„Vierhundert Freiwillige!\" wiederholte er, ohne\nes zu wissen. Die Mütze hatte er verloren, er\nmerkte es nicht und hielt fest seine Rechte am\nOhr.\nGeneral Noku starrte ins Ferne. Wieder wir-\nbelte es in seinem Gehirn: unmöglich, aber es\nmuß gemacht werden. Unmöglich aber er will\nes machen!\nDer lange Leutnant Hinto hob sich in den Steig-\nbügeln und zeigte über Kapitän Nokus Schulter:\n„Adjudant vom Generalleutnant!\"\nNach einer Sekunde war der Adjutant da. Sein\nPferd, schweiß- und schaumbedeckt, stellte sich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9707, "texte": "auf die Hinterbeine, es sah aus, als wollte das\nTier die Vorderbeine in den Rücken des jungen\nLeutnants vergraben.\n„Die Brigade muß vorwärts. Gleich! Der\nGeneral kann nicht darauf warten, daß Sie Ihre\nPflicht tun, General Noku!\" schrie der Adjutant,\nund seine Hände saßen wie Stahlklammern um die\nZügel des Pferdes, dessen Maul weit offen stand.\nNoku starrte in die Ferne: als wäre er blind,\noder sahen seine Augen vielleicht nur dies Bild\nvon Sterbenden, die über Tote kriechen.\nDann mit einmal nickte er.\nDer junge Leutnant wiederholte zum dritten-\nmal, ganz heiser von Eifer, — seine junge Stimme\nstolperte:\n„Vierhundert Freiwillige, dürfen sie heran-\ngehen?\"\nDer General drehte seinen Kopf, langsam, und\nsah sich die Offiziere an. Langsam, langsam glitt\nsein Blick über sie, und eine hartes, eigentüm-\nliches Lächeln lag um seine Lippen. Er hatte ein\nMittel gefunden, die Schanze zu nehmen, aber\nwelches, das wußten sie nicht.\n„Ja!\" sagte er, und sah sich nochmals die Of-\nfiziere an, seine Stimme war ganz trocken. Die\nOffiziere verstanden, daß die Idee sein ganzes\nBlut vertrieben hatte.\n„Ja!\"\n„Die Freiwilligen — könnten vielleicht, wenn\nsie !\" Und er schwieg, als wäre sein Plan\nso, daß er nicht wagte, ihn zu sagen.\nKapitän Noku begegnete dem Blick seines\nVaters, und es ging ein hastiges Lächeln über sein\nblasses schmales Gesicht; „Ja!\" sagte er mit sei-\nner Stimme, die kaum glauben ließ, daß er drei-\nundzwanzig Jahre war, „Ja, allein auf diese Weise\nginge es, Vater!\" Er hatte vergessen, daß er zu\ndem General sprach. Auch in ihm saß dies furcht-\nbare Bild des letzten Angriffs — und er hatte\ngleich beim Lächeln des Generals verstanden, was\nfür einen Plan der Vater hatte, der ihm das Ge-\nsicht mit einmal ganz grau machte.\nNoku nickte. Er winkte mit der Hand dem Ad-\njutanten des Oberkommandanten zu und seine\nAugen ruhten auf dem Sohn: „Ja, du führst die\nFreiwilligen!\"\nDer Kapitän legte seine Hand an die Mütze.\nDie Offiziere atmeten ganz kurz. Ihre Augen gin-\ngen vom General zum Kapitän. Aber Noku hob\nsich halb im Sattel, er neigte sich zu dem Sohn.\n„Sag es ihnen, sag es den Freiwilligen, daß\ndu mein einziger Sohn bist, sag es ihnen, daß der\nKaiser dich Held genannt hat, daß er dich gestern\nzum Kapitän gemacht hat, dreiundzwanzig Jahre\nalt! Aber dich gebe ich, weil du ihnen zeigen\nmußt, wie sie ihre Pflicht tun sollen. Geh!\"\n„Geh!\" — — rief er, hob sich in den Steig-\nbügeln und riß die Mütze von seinem Kopf.\n„Geh, und zeige ihnen, wie sie für ihr Land\nsterben sollen!\" —\nUnd alle Offiziere rissen unbewußt die Mützen\nvon den Köpfen und hielten sie in den Händen,\ndie Arme gerade an den Seiten, Kapitän Noku\nritt fort in fliegendem Galopp um den Freiwilligen\nzu zeigen, wie man die Schanze nur nehmen\nkönnte. —\nDer fremde Adjutant und der kleine Leutnant\nwaren weggeritten. Das Gesicht des Generals\nNoku war ganz anders geworden, ganz ruhig. Ein\nsicheres, siegesbewußtes Lächeln zeigte sich um\nseinen Mund.\n„Was meint der General?\" — der lange Leut-\nnant Hinto neigte sich zu seinem Seitenkamerad\nund sprach so still, daß es kaum zu hören war.\nEr wollte nicht daran glauben, was er gehört\nhatte, er wollte es nicht glauben. — „Was meinte\ner wohl damit, daß es nur ein Mittel gäbe, diese\nSchanze zu nehmen?\"\nLeutnant Guji sah immerfort auf sein linkes\nKnie, er glättete mit der Hand darauf, als wäre da\netwas wegzuwischen —: „Ich weiß nicht!\" ant-\nwortete er unwillig — „ich kann es mir doch nicht\ndenken —\" Er schwieg mit offenem Mund\nund schwarzen Augen — und Leutnant Hinto ver-\nstand, daß auch er es wußte, aber es nicht zu\nwissen wagte.\nDie anderen Offiziere hatten auch denselben\nangstvollen Ausdruck in ihrer Gesichtern. Ab und\nzu flüsterten sie mit einander —' aber sie sahen\nunaufhörlich auf die kleine Schanze dahinten, kei-\nner wagte den andern anzusehen.\nDie vierzig Kanonen hatten wieder ihr Feuer\ngegen die Schanze gerichtet.\nIn dem Fernrohr konnte man sehen wie die\nGranaten die Erde auffliegen ließen. In großen,\nschwarzen Klumpen flog es gegen die Brüstung.\nEs war nichts Lebendes zu sehen. So plötzlich\nhörte das Feuer auf.\nIm selben Moment waren alle Brüstungs-\nmauern vollbesetzt von Soldaten. Dann gingen\ndie Kanonen wieder los. Es war nur ein Manö-\nver, um die Verteidiger herauszulocken, zu töten,\nzu ermüden.\nUnd als die Besatzung noch schneller sich wie-\nder zurückgezogen hatte, sah Noku, daß ungefähr\nauf zwanzig Stellen, kleine schwarze Striche oder\nPunkte lagen, wo die Schüsse getroffen hatten.\nNoch einmal hörte die Artillerie auf, aber dies-\nmal sandten die Russen nur einen ;Mann, um über\ndie Brüstung zu sehen — die Kriegslist nützte\nnicht mehr.\nUnd mit größerer und größerer Gewaltsamkeit\ngingen die stählernen Untiere über dieses Fleck-\nchen Erde nieder. Die dunklen Punkte, die da\nlagen, wurden hoch m die Luft geworfen, zer-\nstückelt oder ganz mit Erde bedeckt.\nDer General ließ die Hand mit dem Fernglas\nsinken und schaute über das Hirsenfeld, das ganz\nzertrampelt war. Aber die Offiziere sahen nur\ngegen die Schanze, als warteten sie, voller Angst\n— auf irgend etwas, was geschehen sollte — und\nselbst dieses Warten war so voll Angst und\nSchmerz, daß sie ihre Augen von dem Platz nicht\nabwenden konnten.\nAber die Blicke des Generals glitten ruhig und\nklar hin und her, alles ruhig abwägend was ge-\nschehen sollte.\nEinige hundert Meter vorwärts zu beiden Sei-\nten, ein graues schmales Band, das sich unauf-\nhörlich bewegte. Es waren die Schießketten.\nDahinter gingen die Kompagniereserven in dop-\npelten Reihen, wie breite kurze Klumpen. Un-\ngefähr in der Mitte marschierten die Bataillons-\nreserven.\nLeutnant Guji zeigte plötzlich, seine Hand zit-\nterte, totmüde —: „Da kommen die Freiwilligen!\"\n— sagte er, mit seiner jungen Stimme, als könnte\nsie nicht die Wichtigkeit dessen ausdrücken, was\nsie von dem Plan der Freiwilligen verstanden hat-\nten. Der General und die Offiziere ritten instink-\ntiv zwanzig Schritte vorwärts zur Böschung, da\nwo die feindlichen Granaten Mal auf Mal nieder-\nschlugen.\nSie hoben sich in den Steigbügeln und streck-\nten die Hälse, um besser sehen zu können.\nZwischen zwei Gruppen Bäumen kamen die\nFreiwilligen hervor. Sie liefen im Schritt, es\nsah aus als bewegte sich ein Riesenkörper. Als\nwären sie ein Wesen.\nEs ging ein Ruf von den Offizieren —\n„Sie haben ja keine Flinten, die Leute!\" —\nsagte Leutnant Hinto, ganz aschgrau im Gesicht,\nund er wußte jetzt, daß er ihn richtig erraten\nhatte, diesen fürchterlichen Plan.\nAber kein Offizier antwortete ihm. Sie starr-\nten nur alle auf die Laufenden, als gälte es ihr\neignes Leben. Ihre Augen waren groß und heiß\ngeworden. Es sprangen Zuckungen um ihre\nMünder, deren Lippen alles Rot verloren hatte.\nAlle, alle starrten sie auf diese Truppe, deren erste\nHälfte ohne Waffen marschierte. Und an der\nSpitze lief Kapitän Noku seinen Säbel schwingend,\nfließendes Qold in der Sonne.\nDann waren die vierhundert vorbei, und man\nkonnte sie von diesem Platz nicht mehr sehen.\nGeneral Noku saß so rank im Sattel, und seine\nAugen gingen ruhig und aufmerksam herum •—\nvon Schießketten zu Kompagniereserven und zu\nBataillonsreserven.\n„Nein, sie hatten wirklich keine Waffen!\" sagte\nder kleine Leutnant Guji plötzlich — „und es ist\nsein einziger Sohn!\"\nSie hörten mit einmal, einen schwachen Ruf,\nweit von vorn. Die Offiziere versuchten krampf-\nhaft zu sehen. Sie drückten mit den zitternden\nHänden die Fernrohre gegen die Augen.\nDie Artillerie schwieg — die Kanonen sahen\naus wie große graue brünstige Tiere, die mit den\nBeinen zum Sprung gesammelt nur auf eine Be-\nwegung warteten, um ihre Stahlzähne in Knochen\nund Fleisch des Feindes zu begraben.\nJetzt konnte man wieder die Freiwilligen\nsehen. Sie waren an der Rampe angelangt. Zu-\nerst lief ein einzelner kleiner Punkt. Und alle\nwußten es war Noku. Der dreiundzwanzigjährige\nKapitän. Der einzige Sohn des Generals. Sein\neinziges Kind. Und hinter ihm kam eine Reihe\nvon vierzig Mann, schnell liefen sie, ohne Waf-\nfen. Hinter ihnen wieder eine Reihe. Und noch-\nmals eine. Und eine vierte, und eine fünfte. Jede\nmit vierzig Mann.\nAber fünfzig Schritte hinter der letzten Reihe\nkam die Schießkette, die letzten zweihundert Frei-\nwilligen der siebzehnten Kompagnie.\nEs ging ein Sturm über die Offiziere da oben\nauf dem Hügel. Ihre Gestalten wendeten und\ndrehten sich. Und ihre Hände, die die Fernrohre\numfaßten, zitterten und bohrten die Instru-\nmente in die Augen. Leutnant Guji, der kaum\nachtzehn Jahre alt war, fiel mit einem Seufzer\nvorwärts. Seine Hände bewegten sich in der\nLuft, das Fernglas fiel mit einem dumpfen Laut\nzur Erde. Sein weißes Gesicht leuchtete, und die\nHände wurden unbeweglich.\nJetzt war Kapitän Noku nur zehn Schritte ent-\nfernt von dem Stachelgürtel. Noch sah man kei-\nnen Russen an der Brüstung, die hundertfiinfzig\nEllen von dem Stachelgürtel entfernt lag.\nIn dem Fernglas konnten sie beobachten wie\nder Kapitän schneller zulief, er drehte seinen Kopf\num zu den Leuten, eine Sekunde, und sprang, einen\nMoment schwebte er in der Luft über dem Stachel-\ngürtel. So hob er die Arme und ließ sich mit sei-\nnem ganzen Gewicht über die Spitzen fallen.\nEs ging ein Stöhnen durch den Stab.\nAls fühlten sie selbst die hunderte von Spitzen,\ndie sich in den Körper des Kapitäns gruben.\nPremierleutnant Aroko gab einen Schrei von\nsich wie ein Tier, und es spritzte ein Strahl Blut\nvon seiner Unterlippe, in die er gebissen hatte\nohne es zu wissen. Leutnant Hinto warf seinen\nKopf zur Seite und erbrach sich mit einem stöh-\nnenden Laut wie ein Schluchzen. Aber draußen\nam Stachelgürtel war die erste Reihe nach dem\nKapitän angelangt. Sie sprangen, ihre Körper gin-\ngen wie Striche durch die Luft, und fielen dann\nin voller Länge herunter auf die scharfen Spitzen.\nDie nächste Reihe war schon da. Sie setzen die"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1706, "texte": "Füße auf die Körper der Kameraden, springen auch\nund bedecken mit ihren Körpern noch ein Stück\ndieser Spitzen mit ihrem Fleisch. Dritte, vierte,\nfünfte Reihe folgen, in einer Minute ist der ganze\nGürtel bedeckt mit einer beweglichen grauen\nMasse, wie mit einem Teppich.\nAber jetzt ist auch die schwarze Borte auf der\nBrüstung, und auf einmal schießen sie alle los auf\ndiese lebende Decke. Noch eine Sekunde ist ein\nfürchterliches grausames Leben auf diesen Spitzen\n— als wären diese zweihundert Menschen zusam-\nmen ein einziges vierhundertarmiges Wesen, das\ndraußen liegt, gespießt, durchbohrt, aufgerissen,\nsterbend, einen unsagbar schmerzvollen Tod ster-\nbend.\nDie nächste Salve der Russen, und es wurde\nstill da oben. Nicht eine Bewegung.\nDoch —: ein Mann hob den Oberkörper, fuch-\ntelte mit den Armen und fiel wieder vornüber.\nLange nachher klang sein Schrei da oben auf\ndem Hügel, wo der Stab hielt.\nAber in diesem Moment kam es dem General\nvor, als würde über die Rampe in zwanzig ,Ellen\nBreite, ein goldener, leuchtender Purpurteppich\ngespannt. Eine mächtige Fahne, die sich lebend\nbis ganz oben an die Schanze gelegt hatte.\nDie Schießkette war heran. Springend stol-\npernd, gleitend kamen sie. Schreiend vor\nGrauen und Energie stürmten sie vorwärts. Die\nStiefelhacken in die blutnassen Wunden der Ka-\nmeraden, vorwärts zum Sonnenbanner, das über\ndem Stachelgürtel ausgebreitet lag.\nDas Fernglas des Generals glitt von seinen\nAugen. Als hätte der rote goldene Schein da oben\nseine Augen geblendet.\nAber um seinen Mund stand ein ruhiges festes\nLächeln: die Schanze war erobert, Japan hatte\nden Krieg gewonnen.\n* * *\nAutorisierte Uebersetzung von Neil Waiden\nAus der Novellensammlung „Die roten Namen\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "140", "page_fin": "140", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.4", "titre_corps": "Im bunten Schäumen der strudligen Städte,", "titre_sommaire": "Im bunten Schäumen der strudligen Städte,", "signature_source": "Günther Mürr", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.4", "debut_caractere": 1708, "fin_caractere_exclue": 2203, "texte": "Günther Mürr\nIm bunten Schäumen der strudligen Städte,\nim Spiel von Tag und Nacht über das Sein,\nwo ist Er? Ich bin ein gereckter Arm.\nAber Du, mit dem letzten Blutstropfen geliebte,\nDu, in der. mein Ich ist und schleift den Leib nach,\nDu, in deren Glanz ich schimmre, ein zitternder\nTropfen,\nDu, die mir Weg ist und Ziel, Mühe und Labung,\nDu mit den Augen, durch die der Nahferne blickt,\nDu mit den blauen Augen, aus denen mein tiefes\nLeben fließt,\nDu, die ich liebe: bist Du es, die ich liebe?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "140", "page_fin": "140", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.5", "titre_corps": "Von der letzten Malerei : Hans Arp", "titre_sommaire": "Von der letzten Malerei : Hans Arp", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.4", "debut_caractere": 2205, "fin_caractere_exclue": 5103, "texte": "Von der letzten Malerei\nHans Arp\nKristallene Amphore auf dem Gipfel des Berges,\nich halte den ärmlichen Strauß meines Lebens\nin Dich, o weiße Lava. Breche den Verkehr mit\nmir, o Kleinigkeit, nicht ab. Unsere Zwiegespräche\nim pergamenttapezierten Haus. Und wo ist Dein\nGesicht? Jetzt blühen die Bäume dieser Winter-\nlandschaft unter Deinem Atem auf. O Tafel für\nRehe, Deine Flügel sind Spiegel. In Deinen Ohren\nsingen Nachtigallen. Sterne Deine Kiemen.\nDu zeigst Dich in den mundlosen Köpfen der\nunberührten Jungfrauen mit den hohen Stirnen,\ndie ohne Leib und mit überlangem Hals aus den\nMänteln hängen.\nMarionetten von Castiglione d'Olona. — Zwischen\ndem erhobenem Zeigefinger und den versteinerten\nAugen der Cumäischen Sibylle von Andrea del\nCastagno bist Du durchgeflogen. — Bei Grünewald\nzeigst Du Dich als farbig glühender Dorn vor\nLandschaften, die wie erhitzte Metalle anlaufen.\nUnd Kelche schweben um Dich ab und zu. — Du\nlächelst mild hinter Hecken von wächsernen Blu-\nmen durch die sich] Sterne glühen. — Du ruhst ge-\nlassen o Flamme in den Feldern goldener Architek-\nturen in diesen planimetrischen Zimmern zeigst Du\nDeine großen Füße und langen Zehe. Deine Zun-\ngen. Und Deine Lämmer und Freunde, o Flamme,\nordnen sich wie Blumenblätter um Dich. — Du\natmest in dem zitterndem Glanzlicht auf dem\nBauche des Buddha und in den Schleiern der Rosi-\nta Mauri von Manet. — In den Chromos aus den\nFruchtkatalogen der Handelsgärtnereien, verbrü-\ndert mit grobem Kalkbewurf und den glattesten\nLackflächen wie weit denkst Du Gott in diesen\nTrompe L'oeuils. 0 Keilrahmen ins All gehoben,\nin Dich geschoben, überrieselt von den Bächen\nDeines violetten Schweißes.\nO Sehnsucht nach einem größerem Gesicht.\nWenigstens Stadt, wenigstens Dom, wenigstens\nSäule. Wenn wir auch unterwegs verführt werden\nvon Umarmungen, von Pflanzen. (O Knöchlein im\nMeer, im Himmel, im Fließ.) Du zeigst Dich wie-\nder stärker, Gott. Wir türmen, häufen. Zum\nSchluß sind wir alle Konvertiten, die mit der größ-\nten Geste eines brennenden Tragöden im Purpur-\nmantel eingehüllt uns in die singende Flamme des\nNichts stürzen.\nEin Kosmos aus Domen. Ein Portal aus fließen-\ndem Steinfleisch mit dem Lied der aufsteigenden\nWolken, nur ohne ihre Sentimentalität. Glocken\natmen schwer. In diesem Bild von Leger\nKomposition mit Menschen\" 1912 gehen die\nSchatten wie um die Dome, schillernd und\nsind Zeiger. Dann ist hier der gewagteste\nWinkel, der vermessenste Bogen unserer Physik.\nDort der notwendige weise Mund der Banalität,\nden wir zum Absprung brauchen und um den sich\nwie Sterne die Stimmen und Chöre sticken. Und\nkleine Harfen rieseln über Flächen unter Moos.\nAlles von der Härte der großen Dinge durch-\nwachsen. Poche mit deinem Finger darin, wie\nGott daraus tönt. Schaue durch diese Ritzen. Da\nschwimmt Gott.\nUnd noch an höheren Kanzeln lehnen die Bau-\nleitern. Die Silhouetten der Städte bewegen sich.\nGott kehrt in sie ein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c006", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "140", "page_fin": "140", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.6", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Rabindra Nath Tagore", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.4", "debut_caractere": 5105, "fin_caractere_exclue": 7252, "texte": "Gedichte\nRabindra Nath Tagore\nWenn du mich singen heißest, fühle ich, mein\nHerz bricht von Stolz; ich sehe empor zu deinem\nGesicht, und meine Augen füllen sich mit Tränen.\nAlles was in meinem Leben Schroffheit und\nMißlaut ist schmilzt zu einem einzigen lieblichen\nKlang und meine Anbetung bekommt Flügel wie\nein froher Vogel auf seinem Flug über das Meer.\nIch weiß, dir gefällt mein Lied. Ich weiß, daß\nich nur als Sänger vor dein Antlitz trete.\nIn die Ferne breitet mein Lied seinen Flügel.\nMit seiner äußersten Spitze berührt er deine Füße,\ndie ich nie in Träumen erreichen konnte.\nBerauscht von der Freude des Singens, ver-\ngesse ich mich und nenne dich Freund, der mein\nHerr ist.\n*\nDas Lied, ich kam hierher, es zu singen, es ist\nbis auf diesen Tag noch ungesungen.\nMit Besaiten und Abspannen meiner Harfe sind\nmeine Tage verronnen.\nNicht wurde der Takt wie er sollte, nicht wur-\nden die Worte richtig eingefügt, aber im Herzen\nsitzt die Sehnsucht noch.\nDie Blume hat ihre Blätter nicht geöffnet; nur\nder Wind zieht seufzend vorüber.\nIch habe sein Gesicht nicht gesehen, seine\nStimme nicht gehört; nur seine leichten Schritte\nauf dem Wege vor meinem Haus.\nDen lebenslangen Tag, habe ich verbraucht,\nTeppiche auszubreiten, auf denen er sitzen sollte.\nAber die Lampe wurde nicht gezündet, und ich\nkann ihn nicht in mein Haus laden.\nIn der Hoffnung ihn zu begegnen lebe ich; aber\nnoch ist nicht die Zeit für diese Begegnung.\n*\nAuf die Liebe warte ich, um endlich mein Leben\nseinen Händen zu überlassen.\nSie kommen mit ihren Gesetzen und ihren Leh-\nren, mich zu binden, aber ich entfliehe ihnen\nimmer, denn ich warte auf die Liebe um mein\nLeben seinen Händen zu überlassen.\nDie Menschen klagen mich an, rücksichtslos\nnennen sie mich, und ich zweifle nicht, daß sie\nRecht haben.\nDer Markttag ist vorüber, für den Fleißigen ist\nalle Arbeit zu Ende. Die mich vergebens gerufen\nhaben, kehren in Zorn um. Aber ich warte nur\nauf die Liebe, um endlich mein Leben seinen Hän-\nden zu überlassen.\nAus dem Gedichtband Gita n j a 1 i (Gesangsopfer).\nNach der schwedischen Ausgabe (Verlag Norstedt und\nSöhne, Stockholm) ins Deutsche übertragen von Neil\nWaiden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c007", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "140", "page_fin": "141", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.7", "titre_corps": "Kritiker", "titre_sommaire": "Kritiker", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.4", "debut_caractere": 7254, "fin_caractere_exclue": 8984, "texte": "Kritiker\nDer feine Herr Seheffler\nHerr Karl Seheffler hat nun seine Ausstellung\nder ringenden Talente. „Eine Eliteausteilung der\nbesten Talente der Jüngsten.\" Zu ihnen gehören\nnach seiner Ansicht die Herren Beckmann, Rösler,\nBrockhusen, Meid, Kurt Herrmann und Karl Hofer.\nResultat: „Als Ganzes wirkt die Veranstaltung in\neiner sehr edlen und vergeistigten Weise inter-\nessant.\" Noch mehr: „Man spürt, daß Intelligenz\nund selbstloser Idealismus sich hier mit den Ar-\nbeiten der neuen Künstlergeneration beschäftigt\nhaben.\" Bei Sturmausstellungen nennt es Herr\nSeheffler: „Der unmündigen Jugend in einer ab-\nscheulich servilen Weise schmeicheln.\" Herr\nSeheffler hat den großen Mund für die unmündige\nJugend, die ihm größtenteils sogar an Jahren über-\nlegen ist. Kandinsky malte bereits, als Herr\nSeheffler noch Muster zeichnete. Er scheint\nimmer noch Beziehungen zu Webereien zu haben.\nUnd empfiehlt deshalb Franz Marc, sich Aufträge\nfür Webereien zu beschaffen: „etwa in dem Sinn\ndes Norwegers Munthe zu arbeiten\". Der Herr\nMunthe arbeitet etwa so, wie der Herr Seheffler\nschreibt. Man denke sich eine Ausstellung von\nArbeiten der neuen Künstlergeneration, in der\nfehlen: Alexander Archipenko, Umberto Boccioni,\nDefaunay, Alexei von Jawlensky, Kandinsky, Paul\nKlee, Fernand Leger, August Macke, Franz Marc,\nAlbert Gleizes, Jean Metzinger, Gino Severini, um\nnur einige wichtige Namen zu nennen. Wo hin-\ngegen die V/erke der obengenannten Herren zu\nsehen sind. Ich empfehle Herrn Karl Seheffler\ndringend, sich bei seinen weiteren Kritiken der\ngrößten Vorsicht und des noch größeren Nach-\nsehens zu befleißigen, da Nachsicht nicht geübt\nwird. Ich hebe alles auf, Herr Karl Seheffler.\nIch trage ihnen jede Zeile nach, Ihr ganzes Leben"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6267, "texte": "durch, jede Zeile, die ein Werturteil bildet. Trotz-\ndem Sie keine Zeile gebildet haben, die einem\nWerturteil standhält. Sie behaupten, die Leute\nvom Sturm hätten schlingelhafte Manieren. Eine\nBehauptung übrigens auf der Höhe Ihrer Kunst-\nurteile. Sie mögen sehr gute Manieren haben, die\nman zwar nicht bemerkt, dann beschränken Sie\naber bitte Ihren Umgang auf „Gebildete\" und kom-\nmen Sie der Kunst nicht mit dem feinen Ton in\nallen Lebenslagen zu nahe. Weder die Manier,\nnoch das Manierliche kann Kunst verwerten. Und\nder Schrei eines Schlingels ist mir lieber als das\nStammeln eines Mannes, dem nicht zu helfen ist.\nDer Nobelpreis\nDas Berliner Tageblatt bleibt dabei, daß die\n,Allgemeine Auffassung\" den Nobelpreis für Lite-\nratur zu vergeben habe. „Die nahezu allgemeine\nAuffassung die in diesem Falle auch die unsre ist.\"\nDie allgemeine Auffassung, die in all e n Fällen die\nunsre ist (warum so bescheiden) könnte ruhig das\nBerliner Tageblatt mit ihrer Vertretung betrauen.\nHerr Nobel tat es nicht, er traute offenbar dem\nBerliner Tageblatt und der allgemeine Auffassung\nweniger zu, als der schwedischen Akademie, die\nder Literatur auch schon manches zugetraut hat.\nDa war man sich einig. Unser Paul Heyse. Prud-\nhomme. Unser Peter Rossegger bekam ihn nicht.\nDiese Schmach blieb Schweden erspart. Es kann\nsich hierfür vermutlich bei Per Hallström bedan-\nken. Die allgemeine Auffassung läßt sich zwar im\nBerliner Tageblatt belehren, daß sie nicht mit der\nVergebung von Nobelpreisen zu tun habe. Die\nallgemeine Auffassung scheint für die Verletzung\nvon Testamentsbestimmungen gradezu begeistert\nzu sein. „Gegen Rabindra Nath Tagore wird sich\nwahrscheinlich der Protest aller europäischen Na-\ntionen erheben, weil es ganz gewiß nicht im Sinne\nder Stiftung ist, den größten Preis, der für dichte-\nrisches Schaffen verliehen werden kann, in die\nHände eines Mannes zu legen, der bisher nur auf\neine beschränkte Gemeinde seiner Landesgenos-\nsen . . .\" Nobel hat bestimmt, daß bei der Zuer-\nteilung der Preise keine Rücksicht auf die nationale\nZugehörigkeit genommen werden soll. Die allge-\nmeine Auffassung schließt ihren Horizont mit\nEuropa ab, trotzdem er nicht einmal über ein Zei-\ntungsfeuilleton hinausreicht. Peter Rossegger hat\nsogar eine große beschränkte Gemeinde seiner\nLandesgenossen. Eine noch größere, noch be-\nschränktere Gemeinde hat Otto Ernst und Gustav\nFrenssen. Wenn diese Gemeinden durchaus Preise\nvergeben wollen, so sollten sie es doch nicht mit\ndem Gelde Nobels tun wollen, sondern es mit\nifarem Scherflein tun. Jeder Leser zahle eine Mark,\nder Liebling hat seinen Preis und er gibt den Über-\nschuß über den Nobelpreis sicher gern der schwe-\ndischen Akademie heraus, die ihn hoffentlich auch\nso gut verwerten wird, wie sie es mit ihrem eignen\nPreis diesmal getan hat. Diese Art Dichterei der\nallgemeinen Auffassung ist keine Kunst, das Pro-\ntestieren gegen Testamente kein Recht, das Unbe-\nkanntsein von Künstlern keine Schande. Aber eine\nEhre. Die schwedische Akademie hat diesmal ver-\nstanden, die Ehre zu ehren.\nH. W.\nDer Nobelpreis und Schweden\nMan bittet mich aus Schweden um Veröffentlichung\ndieser Zeilen:\nWenn man die ausländische Presse in diesen\nTagen liest, bekommt man den Eindruck, daß nicht\nSchweden, sondern Europa den Nobelpreis ver-\nteilt. Das ist nicht ganz richtig. Schweden ver-\nteilt den Preis. Schweden ist dazu durch das\nTestament Nobels beauftragt. Und die Schwe-\ndische Akademie ist beauftragt, den Preis für Lite-\nratur zu erteilen. Zur Hilfe haben sie von Nobel\ntestamentarische Bestimmungen mitbekommen. —\nIn diesem Jahr wütet mehr als sonst der Pro-\nteststurm gegen den Beschluß Schwedens. Gerade\nin diesem Jahr haben die Preisverteiler die testa-\nmentarischen Bestimmungen Nobels genau be-\nfolgt, 'was früher wohl nicht immer der Fall war.\nWarum denn diesen Protest? Besonders von Sei-\nten Deutschlands. Deutschland kann sich wohl am\nwenigsten beklagen. Viermal hat Deutschland einen\nNobelpreis heimgetragen. Oder liegt das Geheimnis\nvielleicht gerade da? Ich weiß nicht, aber mir\nkommt es vor, als wäre Deutschland in diesem\nFalle zu bevorzugt. Welche deutschen Zeitungen\nman in die Hand bekommt, alle haben sie was\nauszusetzen, alle fordern sie im gebieterischen\nTone, daß die schwedische Akademie sich ver-\nteidigen soll. Hat Deutschland Befugnis, auf diese\nWeise aufzutreten? Hat die schwedische Aka-\ndemie die Pflicht, sich zu verteidigen? Die Nobel-\nstatuten sind in allen Zeitungen Deutschlands jetzt\nabgedruckt, und dadurch ist bewiesen, daß nach\ndem Testament alles gerecht jst. Aber der\nProteststurm schweigt doch nicht. — Ich finde,\nwenn alle Nationen, die mit der Sache gar\nn i c h t s zu tun haben, protestieren, könnte Schwe-\nden, das wohl in diesem Falle etwas sagen könnte,\nauch anfangen.\nUnd mit Recht. Wie oft hat Schweden den\nNobelpreis bekommen? Einmal. Ich glaube nicht,\ndaß es Nobels Absicht war, Schweden in diesem\nFall stiefmütterlich zu behandeln. Wenn Schwe-\nden nicht die dichterischen Kräfte hätte, aber\nSchweden hat sie und hat sie auch längst gehabt.\nTote wie Lebende hätten den Preis schon lange\nverdient. Ich nenne nur einige Namen: Strind-\nberg, Fröding, Karlfeld, Heidenstam, Hallström,\nSöderberg. Haben sie nicht den Preis eher ver-\ndient, als Paul Heyse, Sinkiewicz oder Sully Prud-\nhomme, der nach meiner Meinung wirklich gegen\ndie testamentarischen Bestimmungen gewählt\nwurde. Sein Schaffen und bald darauf auch sein\nLeben neigte sich zu Ende. Ist es denn ein Hinder-\nnis, Schwede zu sein? Nobel hat bestimmt:\n. . . auch Dichter außer Skandinavien können\nden Preis erhalten. Aber diese Worte bedeuten\ndoch durchaus nicht, daß der Preis n i e in Skandi-\nnavien verteilt werden soll. Hier liegt uns Däne-\nmark nahe. Gehört nicht Dänemark auch zu den\nberechtigten Nationen. Keiner dürfte bestreiten,\ndaß Dänemark gerade in der Literatur große Namen\nhat. Ich will nur ein paar nennen: Herman Bang,\nAage von Kohl, Pontoppidan. Es wäre wünschens-\nwert, daß die schwedische Akademie sich ihrer\nVerantwortung in diesem Falle bewußt würde.\nVielleicht wäre es ein Mittel, daß Schweden\nund nicht Europa den Nobelpreis verteilt, wenn\nSchweden anfinge, gerecht gegen sich selbst zu\nwerden. Skandinavien hat seine Großen bis heute.\nSie sollten vor allen Dingen in Schweden aner-\nkannt werden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c008", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "141", "page_fin": "143", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.8", "titre_corps": "Die Sehwermut des GenieBers : Roman", "titre_sommaire": "Die Sehwermut des GenieBers : Roman", "signature_source": "Artur Babillotte", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.5", "debut_caractere": 6269, "fin_caractere_exclue": 9790, "texte": "Die Sehwermut des\nGenieBers\nRoman\nVon Artur Babillotte\nAls Johannes mit Eva in die Loge trat und die\nMenschenmenge im Zuschauerraum erblickte,\nhatte er die Empfindung, als sei das Theater der\nKern der Großstadt. Was hier geschah, das\npflanzte sich auf Luftwellen nach allen Seiten fort\nund überschwemmte die ganze weite Fläche der\nStadt.\nJohannes saß bleich und regungslos in seinem\nSessel. Die weißen Hände lagen lässig. Fast un-\nmerklich zitterten die Fingerspitzen; alle Musik,\ndie in ihm tönte, wollte ihn jetzt nicht verlassen.\nIn seinen tiefen schwarzen Augen brannten un-\nruhige Lichter; ein ganz feiner Strich über der\nNasenwurzel verband die starken Brauen mit ein-\nander.\nEvas Bewegungen waren langsamer und be-\nrechneter geworden. Sie war die Gattin des genia-\nlen Künstlers ... sie stand im hohen Leben.\nSeine Gedanken zerrten ihn immer wieder in\ndie selbstquälerische Erkenntnis, daß er den Weg\nverloren habe. Sein erstes Werk —, in wenigen\nMinuten sollte es lebendig an ihm vorüberziehen.\nAber er vermochte sich nicht zu freuen. Er hatte\nsich losgesagt von dem, was einmal seine Stärke\nund seine Zuversicht war, um dieses Werk zu\nschaffen. Ein Höheres hatte sich ihm dargebo-\nten ... . Er litt unendlich unter diesen Gedanken.\nEr saß und quälte sich. War es denkbar, daß\nder Anblick der Großstadt dies alles hervorrief?\nWar dieser Eindruck so groß, daß er den Zusam-\nmenbruch alles Halben, alles Wertlosen in seiner\nSeele bewirken konnte?\nEva fand kein Ende des Schauens und Stau-\nnens. Da er aber regungslos blieb, schmollte sie.\n— Ich begreife dich nicht. Heute solltest du\nwirklich keine schlechte Laune haben.\nEr hörte nicht, als säße er meilenweit entfernt\nin irgend einer Verlassenheit. Eine Reue, die mit\nplötzlicher Wildheit in ihm aufgesprungen war,\nverbrannte ihn. Alle Hoffnungen, alle Freuden\nlagen zertrümmert zu seinen Füßen ein armer\nRest fröhlichen Hochmuts. Nichts war geschehen,\ndie Tage waren vorübergegangen in ewiger Be-\nhaglichkeit, mit Schauen und Betrachten. Aber\ndieses Schauen und Betrachten hatte keine Reich-\ntümer in ihm angehäuft.\n... Im Orchesterraum wurden die Instrumente\ngestimmt. Jetzt atmete Eva auf.\n— Das klingt ganz heimatlich, sagte sie. Als\ner wieder nicht antwortete, streichelte sie ihn. Er\nschrak auf.\n— Jaja, lächelte er teilnahmlos. Ich glaube, du\nhast Recht . . . Und versank aufs neue in seine\nNot.\nEine laute Stimme riß ihn aus seiner\nQual. Der Vater trat durch die Tür. Hinter ihm\ntraten die Eltern Evas herein.\nJohannes freute sich nicht. Im ersten Augen-\nblick, als er erfuhr, daß der Vater zur Aufführung\nkommen würde, hatte er heimlich gejubelt. Aber\nals er dann dem Mann gegenüberstand, zum ersten\nMale nach Jahren, und als der Vater ihn begrüßte,\nwar alle Freude gestorben. Da hatte er erlebt,\ndaß er dem Vater nur den Leib verdanke.\nDie Eltern Evas hatten sich bescheiden in die\nzweite Reihe gesetzt. Das straff anliegende\nschwarzseidene Kleid der Mutter wurde von der\nDämmerung im Hintergrund der Loge aufgesogen;\nwie ein verschwommener gelber Fleck stand das\nschmale Gesicht mit dem grauen Haar vor der fin-\nstern Rückwand. Der alte Beamte rückte un-\nsicher hin und her. Seine grauen Augen rollten.\nEr war verlegen, fremd und hilflos in dieser Feier-\nlichkeit.\nEiner, der wie ein heiliger Gedanke hinter den\nandern herein gekommen war, lehnte in der Ecke.\nAll das Neue, das Laute, Bunte, Ruhelose hatte\nihn berauscht. Jetzt war er nicht mehr nur der\nschlichte Arbeiter Jörg Martin, jetzt war er einer,\nder vor einer breiten Treppe stand, die in das"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10191, "texte": "Licht führte; schon hatte er einen Fuß auf die\nerste Stufe gesetzt. Jetzt war die Zuversicht des\nFreien über ihn gekommen. Wie dankbar war er\ndiesem Manne! Er, der Arbeiter mußte schweigen,\nwenn gesprochen wurde. Aber von dem größeren\nWerk des Künstlers verstand er alles. Einem un-\ngestümen Drang gehorchend tat er zwei Schritte\nvorwärts, ergriff die Hand des Künstlers und\nschüttelte sie.\nDer Arbeiter mußte sich neben ihr setzen. Das\nzweite Klingelzeichen schrillte auf. In einem tiefen\nAufatmen wehte eine plötzliche Stille durch den\nSaal. Der Vorhang rauschte langsam empor.\nVon diesem Augenblick an war Johannes selt-\nsam verändert. Als hätte der Vorhang all sein\nkünstlerisches Mitgenießen, seine ungemeine\nEmpfänglichkeit für alle Schmerzen und Härten,\ndas Gefühl seines Verwachsenseins mit seiner in-\nnern Welt in die Höhe entführt. Nun saß er außer\nsich selbst. Er hatte dieselbe Empfindung wie in\njener Nacht, als er, im Boot den Fluß hinabtrei-\nbend, die ganze Weltgeschichte erlebt und aus\nallen Geschehnissen die Musik herausgehört hatte.\nWie damals sah er in weiter Ferne einen Menschen\nsitzen, in dessen Gesicht die Leiden einer iiber-\nsensitiven Seele ihre Furchen gegraben hatten.\nDieser Mensch war er selbst. Im Kampf mit sich\nselbst als Feind seiner eigenen Veranlagung hatte\ner in sich jene Vision zu einem wirklichen Ge-\nschehnis gemacht, durch Leid und Irrtum war er\nwürdig geworden der Kraft, sich selbst betrachten\nzu können, wie er jeden Menschen betrachtete,\nohne Haß und ohne Liebe, aber mit freudiger Ehr-\nlichkeit. Seit jener hohen Sommernacht, in der er\nRückblick und Ausschau gehalten, war er einen\nfalschen Weg gegangen; statt anders sein zu wol-\nlen, als die Menschen, weil er anders sein mußte,\num sie zu sich emporziehen zu können, hatte er\ndem Wahn gehorcht, er müsse sein wie alle Men-\nschen, um allen Menschen helfen zu können. Wie\neine Erlösung schlug diese Erkenntnis an seine\nSeele bevor noch der erste Ton seines Werkes er-\nklungen war.\nEine tiefe Andacht unterdrückte jeden Laut und\njede Gebärde; die vielen Menschen saßen in feier-\nlicher Sammlung. Erhaben und schweigend lag\ndie Toteninsel vor ihnen. Dann hauchte eine Flöte\nim Orchester einen langen zitternden Ton. Er\nstrahlte empor wie eine Sehnsucht, die lange\nschweigen mußte. Da begannen scheue Töne um\nden ersten zu spielen, umkräuselten, umtanzten,\ntimsc langen ihn. Ein wunderbares Weben ge-\ndämpfter hoher Föne ließ aas große Schweigen\nleise erzittern. Und plötzlich grollte ein dumpfer\nTon dazwischen, schwer und hart . . . Ueber das\nMeer kam ein Kahn langsam und lässig. Der das\nRuder führte, blickte aus kecken Augen. Seine Be-\nwegungen waren stark und sicher; seine ge-\nschmeidigen Glieder kündeten unendliche Lebens-\nfreude. Vorn im Kahne aber saß einer, der aus\nscharfen Augen ausspähte und das feierliche Toten-\nreich mit seinen Blicken aufzusaugen schien. Im\nOrchester schwoll das Weben der hohen Töne zu\neinem schrecklichen Getümmel an. Und im Kahn,\nder mit den scharfen Augen, sang: Es lebe das\nLeben in alle Ewigkeit!\n. . . .'Der Kahn bog majestätisch nach der Ein-\nfahrt. Der Gesang des Mannes mit den scharfen\nAugen wurde lauter, die hohen dtistern Felsen\nwarfen ihn grollend zurück.\nEin Gewaltiger trat aus einer Felsentür, tat\nzwei langsam — gemessene Schritte, stand finster\nund reglos am Terrassenrand. In düstern Augen\ndrohte aer Zorn. So stand er: hart, unbeugsam,\nDer im Kahn lachte. Lachte, daß die Zypressen\nängstlicher zitterten. Das Leben kommt, schrie\ner. Der Tod soll sterben!\nLangsam reckte der Gewaltige auf der Terrasse\nden Arm und wies in die weite Ferne. Dort irgend-\nwo lag das Land des Lebens. Dorthin mochte der\nim Kahn zurückkehren, bis . . . ein leises Lächeln\nrieselte über die finstern Züge.\n„Ich kenn dich!\" sang der Kecke im Kahn. „Du\nbist Napoleon Buonaparte, und einst war .ich dein\nlieber Qefährte ...\"\nIm Orchester klang eine Melodie auf, die zwi-\nschen Hohn und Wehmut hin- und herzitterte.\n,Das ganze Elend dieses Mannes, der da im Kahne\nsaß und höhnte und im Herzen blutige Tränen\nüber sich selber weinte, klagte in dieser Melodie.\n„Ich kenne dich! Ich kenne dich!\" lachte der\nim Kahn. „Komm mit mir. Verlache diese törichte\nInsel . . . siehe! dann wird sie nicht mehr sein.\nKomm mit, das Leben blüht immer noch auf\nErden.\"\nStarr und unnahbar wies der Gewaltige mit\nstraffem Arm in die Ferne.\n„Ich bin Napoleon Buonaparte. Mein Wille\nwollte eine Welt beherrschen. Er zerbrach an\nihr. Aber ich habe mir eine andere Welt er-\nobert. Diese Insel der Toten ist mein Reich. Ich\nbin der Minister des Todes. Du, Schwächling,\nblöder Genuß —: einst warst du mein Sklave.\nIch habe dir längst die Freiheit gegeben. Gehe\nzurück in die Erde. Einst wird auch dein Tag\nkommen.\"\nTrotzig fuhr der Kahn des Genusses an den\nbeiden weißen Säulen vorüber . . ~ schon nahmen\nihn die Schatten der hohen Zypressen auf. Da\nließ Napoleon den Arm sinken:\n„Du willst mit mir kämpfen, Wahnsinniger!\nHier muß jeder Kampf zugrunde gehen.\"\nDie Musik begann leise und endlich immer\nlauter zu spotten, zwei kämpfende Mächte. Fun-\nkelnden Blickes maß der Genuß den Gewaltigen\nder Toteninsel.\nDer lächelte sein finsterstes Lächeln und winkte.\n„Aus diesen Felsenwohnungen wirst du die\nGroßen der Erde treten sehen. Sie werden an dir\nvorüberwandeln, stumm; aus ihren Mienen aber\nund ihren Gebärden wirst du die große Weisheit\nlesen: Wer sein Werk getan hat, soll schlafen.\"\nEin lächelndes Motiv, fast ländlich in seiner\nSchlichtheit, schlang sich schmeichelnd um die\nspottenden Töne, umstrickte sie, erstickte sie\nendlich mit der Kraft seiner gesunden Lieblichkeit.\nDer Blick des Kecken ward unsicher und unwil-\nlig. Und aus den Felsen klagte eine abgerissene\nMelodie. Mädchen sangen mit halben Stimmen.\nSie ahnten den Feind, das Leben, und wehrten\nihm, einzudringen in die Heiligkeit ihrer ewigen\nRuhe. Da lächelte der Kecke wieder und sang\nein Trotzlied.\n„Wähnst du, Napoleon, ich fürchte das Jam-\nmern der Dirnen? Ich kam, um dich zurückzu-\nrufen in die Herrlichkeit des Lebens, ich biete dir\ndie Herrschaft über die Erde an . . . Und\nsträubst du dich, mir zu folgen — ich habe ein\nMittel, dich zu zwingen!\"\n„Mich zwingen? Häufe alle Schönheit der\nErde vor meine Füße — ich lache ihrer! Hast\ndu mich je gekannt, du König der Oberfläche?\nWeißt du von meinen Schmerzen, wenn alle mein-\nten, ich sei ein Gott im Flitter meines Ruhms und\nmeiner Macht? Wenn ich Tausende von Men-\nschen in Nacht und Sterben peitschte, war ein\nKinderlächeln in meiner Seele und hat um Er-\nbarmen für die Opfer gefleht. Tor, der du bist\nwie der Schaum des Meeres!\"\nEin leises Rauschen von vielen Schritten\nknisterte aus den Felsentüren hervor. Nun hob\ndas Tönen der Weltgeschichte an. Alle Heroen\nschritten hervor, stumm und lächelnd — selbst\nNero, der unglückliche Mörder, lächelte —, wink-\nten abwehrend gegen den Kecken hin. Er stand,\nund zitterte. Der Gewaltige aber starrte in den\nfeierlichen Umzug, Eine Hymne begleitete die\nSchritte der Helden; zuweilen jauchzte eine über-\nmütige Flöte ihren hohen Jubel dazwischen. Zu-\nweilen auch dröhnte wie ein schweres Wetter ein\nPaukenwirbel. Man empfand das schreckliche Ge-\ntümmel großer Schlachten, hörte den Flügelschlag\nder edlen Geister aller Volker — — Ueber all\ndiesem Getümmel und Gewoge aber lag der Duft\nder Ruhe. Da war kein Mißklang, der nicht sein\nendliches Zerfließen in Wohlklang wenigstens hätte\nahnen lassen; da war keine Grausamkeit, der\nman nicht die heimliche Sehnsucht nach Frieden\nnachempfand. Kein Judaslächeln, das nicht ganz\nleise geflüstert hätte: Alles wird einmal ein gutes,\nstilles, versöhnendes Lächeln sein.\nDem Künstler war das Höchste gelungen: Er\nhatte der seltsamen Welt, die in ihm lebite, sicht-\nbares Leben verliehen. Er zwang in die Wahr-\nheit seines Bekenntnisses: Alles Geschehen und\nalles Nichtgeschehen, alles Reden und Schweigen,\nalle Bewegung und aller Stillstand, alles ist Musik\n— zu glauben.\nEine unendliche Seligkeit hob in ihm zu tönen\nan; seine Seele lächelte wieder. Und jetzt lernte\ner verstehen, daß keiner, der in den Niederungen\nwandert, den Leidensgefährten zu helfen vermag.\nWie in jener Nacht an ihm, so zogen jetzt die\nTaten der Weltgeschichte an den Menschen vor-\nüber. Diese Menschen empfanden die fehlende\nHandlung nicht als Störung. Die Harmonie zwi-\nschen den Tönen, den Farben und den Gebärden\nbeherrschte sie. Das Kunstwerk hielt sie fest und\nzerstreute alle klugen Einwände des Verstandes.\nJetzt war der Kecke umkreist. Während die\nersten Helden wieder in das Schweigen der Fel-\nsen zurücktauchten strömten immer neue Kämp-\nfer hervor, die sich dem feierlichen Zuge an-\nschlössen. Der Kecke zitterte. Ein Funkeln stob\naus seinen Augen.\n„Napoleon, starker Kämpfer! Der Tod hat\ndiese hier besiegt; sie lächeln verachtend über\ndas Leben. Aber ich will sie dem Leben wieder-\nerobern. Sie und dich!\"\nUnd er durchbrach die Reihe der wandelnden\nHelden und sprang zum Rand der Terrasse und\njauchzte durch die hohlen Hände über das weite\nMeer:\n„Herbei, du Leben, du Süßes, du Holdes, du\nEwiges!\"\nDas Getümmel der Töne verstummte, die Mo-\ntive wurden ärmer, verblichen. Und endlich klang\nnur eine Flöte . . . Sie hauchte wieder den lan-\ngen zitternden Ton, der wie eine langverhaltene\nSehnsucht emporstrahlte. Der Gewaltige starrte\nvor sich hin, wunschlos. Bleich ließen die Helden\nihre Blicke über das weite Meer hinwandeln . . .\nUnd abermals kam ein Kahn. Er glitt über die\nstillen Wasser wie ein lebender Blumenberg. Ein\nliebliches Singen zitterte daraus hervor . . . Ein\nschlichtes fröhliches Mädchenlied. Mit schmei-\nchelnden Händchen streichelte es die starren Fel-\nsen und erweckte in den Herzen der Helden süße\nWehmut. Ihre Mienen wurden weicher, die Starr-\nheit ihrer Haltung löste sich. Sie schienen leben-\ndige Menschen zu werden. Mit ihren gebroche-\nnen Stimmen antworteten die Mädchen aus den\nFelsenhöhlen, priesen die Seligkeit des Todes, san-\ngen von der ewigen Ruhe der ernsten Insel. Hell-\nauf lachte das Leben, das im Blumenboot saß . . .\nDas Orchester jagte drei engzusammengeballte\nTöne durch alle Oktaven bis in die höchsten\nLagen.\nEs jauchzte der Kecke, stürmte die Stufen-\nhinab zur schmalen Einfahrt, grüßte das Boot mit\ntiefem Neigen. Hochauf richtete sich das Leben."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9861, "texte": "Ein Aufatmen im Zuschauerraum, bis hinauf in\ndie Winkel der Galerie. Mia Mirana, die Ge-\nfeierte! Ihre Augenstrahlen durchströmte alle.\nSie ahnten die Schönheit innerer Harmonie; sie,\ndenen das kühle Leben Tag um Tag den Stachel\newiger Ratlosigkeit ins Fleisch bohrte, empfanden\nihre eigene Zerrissenheit.\n. . . Johannes aber erschrak, als er nach Jah-\nren wieder das Weib sah, das ihn gerettet hatte\naus der Nacht des Dahinlebens. Die Vergangen-\nheit stieg auf. Alle Tage standen in blauem\nGlanz . . . aber wie ein schmutziger Schleier leg-\nten sich die Geschehnisse der letzten Monate dar-\nüber. All das Elend dieser letzten Monate, alle\ndie Seufzer, die Klagen, die Verzweiflungstaten\nverdunkelten ihm den Blick.\nAlle Freude über sein Werk, die aufs Neue in\nihm emporgeblüht war, sank zurück. Alle Hoff-\nnungen beim Anblick seines Werkes stürzten ein;\neine große Angst peinigte ihn und machte ihn\ngleichgültig gegen Töne und Farben. Er blickte\nnicht mehr nach der Bühne; das Weib, das eben\nden Fuß auf das Erdreich der Toteninsel setzte,\ndrängte sich ihm auf wie eine Anklage . . .\n„Gegrüßt, du süßes, herrliches Leben, gegrüßt\nseist du!\" sang der Kecke und führte das Weib die\nStufen hinan zur Terrasse. Das Orchester be-\ngann, üppige Tongirlanden zu winden, ein blühen-\ndes Blumenmotiv schlang sich in die weich ver-\nhauchende Klage der Inselmädchen. Finster stand\nNapoleon Buonaparte, er erwartete das Leben.\nUnd als Napoleon dem Leben in das strahlende\nAntlitz blickte, erschrak er. Dies war die Frau,\ndie er geliebt und seinem Leben geopfert hatte.\nDies war Josefine, die kam, ihn zurückzurufen in\ndie Pracht stolzer Erdentage.\n„Napoleon Buonaparte!\" lächelte das Weib.\n„Ich komme, dir das Lied des Lebens zu singen.\nUnd ist mein Lied zu Ende will ich bescheiden\nwieder von dannen fahren.\"\nLächelnd breitete sie die Arme aus nach dem\nweiten Meer. Und die Helden flüsterten und konn-\nten keine Lösung dieses seltsamen Geschehnisses\nfinden.\n„Singe, du Herrliche, du Süße!\" jubelte der\nKecke und beugte ein Knie vor ihr. „Singe! Du\nwirst die Macht des blöden Todes zersingen .\nEin wehmütig-süßes Klagen setzte im Or-\nchester ein; ergreifend schlicht schwebten die\nTöne aus der Tiefe und zerschmolzen. Als sei\neine alte Volkweise auferstanden und komme nun\neinher in ihrem seltsamen Gewand und zwinge\nin der nüchternen Pracht der neuen Zeit alle zu\neinem versonnenen Lächeln. Schlicht und lächelnd\nerklang die Stimme der Künstlerin. Sie riß hin\nin ihrer Einfalt. Ihre langsam und ruhig in die\nFerne schwebende Stimme schien dieses abge-\nschiedene Reich des Todes mit der fernen Erde,\nmit ihren Blumen und Bäumen, ihren Städten und\nLandschaften zu verbinden. Man empfand in ihrer\nStimme das Duften des Frühlings, das tiefe\nLachen selig wandelnder Paare; man empfand\ndarin die gütige Sonne südlicher Länder und die\nfarbige Pracht hoher Berge und weiter Ebenen.\nMit geschlossenen Augen trank Johannes diese\nberauschende Stimme. Und während er dasaß,\nversunken in genießende Schwermut, erlebte er\ndie blaue Stunde seiner Kindheit.\nUnd die Künstlerin sang. Ihre sammtne\nStimme wurde härter und stolzer. Ein Triumph-\nlied des Lebens sang Mia Mirana.\nAber der Gewaltige lächelte kein versöhnendes\nLächeln. In seinen Mienen stand zu lesen:\n„Selig ist die Insel der Toten. Aber ein\nSchrecken das Reich der Lebendigen.\"\n„Ich liebe dich, Napoleon Buonaparte! Du hast\nmich verstoßen, als ich noch Josefine, dein Weib,\nwar. Und mit mir hast du das Leben verstoßen.\"\nZornig zerriß ihr der Gewaltige das anklagende\nLied.\n„Du törichtes Weib! Unendlich dankbar bin\nich dem Schicksal, das mich würdig befand, in\nEinsamkeit zu leben. Die Vorbereitung auf das\nLeben im Reiche des großen Schweigens. Nicht\nviele sind schon im Leben stark genug, das große\nSchweigen tragen zu können.\n„Ich liebe dich, Napoleon Buonaparte,\" jam-\nmerte das Weib. „0, stoße mich nicht zurück.\"\n„Herrin,\" flüsterte der Kecke, „vergiß nicht,\nwas uns hergeführt. Den Tod zu töten, gilt es.\nNicht diesen Einzelnen dem Leben wiederzuge-\nwinnen.\"\nUnd das Leben reckt sich auf.\n„Das Höchste ist ein Heldenleben! Ist es nicht\nSchmach, tatlos in trägem Schweigen dahinzu-\nleben? Auf, ihr Tapfern, ihr Großen, zurück in\nden Kampf. Ewig kämpfen — das ist die Sehn-\nsucht und das Glück aller Großen.\"\nLächelnd schütteln die Helden ihre Häupter.\nKeine Sehnsucht ist in ihnen, nur Erfüllung. Und\nNapoleon Buonaparte sagt dem Weib mit leiser\nWehmut:\n„Alle Liebe ist vergänglich. Ich liebte dich\neinst. Aber es starb diese große Liebe. Denn\neine größere hat mich erfaßt, die Liebe zu den\nMenschen. Ich opferte Unzählige. Die Wenigen\nich, um die Vielen zu retten.\n„Ich kam. um dich dem Leben wiederzugewin-\nnen, Napoleon, ich litt am Leben und wollte, daß\ndu mir tragen helfen solltest. Daß alle, die je-\nmals waren, mir tragen helfen sollten.\"\nJäh zerriß die traurige Musik. Eine schreck-\nliche Stille öffnete sich. Und in diese Stille hin-\nein warf der Kecke ein Zorngelächter.\n„Feiges Leben! rief ich dich, daß du winseln\nsolltest? Besiegen solltest du den Tod, aber der\nTod hat dich besiegt. Was bin ich, wenn du\nnichts bist? Wo du hinkamst, folge ich dir und\ngab den Menschen Genuß . . .\"\nHoch auf bäumte sich das Leben.\n„Schon lange verachte ich dich. Wo du die\nHerrschaft ergreifst vergehen die Menschen. Wie\nmaßlos bist du auch hier! Du kamst, den Tod zu\ntöten.\"\n... In majestätischer Ruhe floß das Werk sei-\nnem Ende entgegen. Das Leben, das in Sehn-\nsucht und Not gekommen war, es hatte im Reich\nder Toten die Bescheidenheit gelernt. Der Genuß\naber, der in der Gier, den Tod zu töten, es über\ndas weite Meer herbeigerufen hatte, — gedemütigt\nkauerte er ganz im Hintergrund. Die Insel lag in\neiner sanften Dämmerung.\nMia Mirana stand vor dem Gewaltigen, süß\nund hinreißend, in den Augen das weiche Leuch-\nten einer neuen Erkenntnis:\n„Nun will ich zurück zu meinen Menschen\nfahren. Ihnen die Stille zu verkünden. Sie wür-\ndig zu machen des großen Schweigens. Du aber,\nGenuß, willst du mir helfen?\"\nDemütig näherte sich der Genuß. Gebeugten\nHauptes sprach er:\n„Wer bin ich, wenn du nicht bist? Ich folge\ndir. Ich will sie lehren, wie sie dieses Schwei-\ngen in Vornehmheit genießen können.\"\nHart und eigensinnig dröhnte im Baß ein ein-\nzelner Ton und suchte sich immer wieder in das\nbrausende Jubeln der andern zu drängen. Flinke,\nkurz angeschlagene Töne kletterten gewandt über\ndie feierliche Melodie hinweg. Dort zwitscherten\nsie, wie fröhliche Vögel, kicherten wie paus-\nbäckige Englein und sprangen davon. Einige\nTakte lang klang nur die feierliche Melodie, be-\ndrängt von dem tiefen, eigensinnigen Ton; dann\nkamen die vielen Flinken wieder, tänzelten ein\nWeilchen auf ihrer Höhe und stürzten sich dann\nHals über Kopf hinab, umringten den harten\ntrotzigen Ton und erstickten ihn. Triumphierend\nschwoll die feierliche Melodie an. Die kleinen\nFlinken kicherten lustig und liefen dann sittsam\nnebenher.\nLangsam stieg Mia Mirana von der Treppe her-\nab. Der Kecke löste dienstfertig das Blumen-\nboot . . . Langsam glitt das Boot hinaus auf das\noffene Meer. Der Chor der Helden sang ein Tri-\numphlied, der Kecke bestieg sein Boot und ruderte\ndem Leben langsam und ehrerbietig nach.\n. . . Erst als sie den Vorhang niedergleiten\nsahen, erinnerten sie sich, wo sie waren. Ein\ntosender Beifall stob auf. Eine solche Bewun-\nderung hatte sich während dieser zwei Stunden\nin ihnen angesammelt, daß sie sich mit einem lang\nandauernden Händeklatschen davon befreien\nmußten. In jedem der Zuhörer hatte dieses My-\nsterium eine Saite angeschlagen, die im unruhigen\nEinerlei des Alltags selten zum Klingen kam, in\njedem war eine Sehnsucht geweckt worden.\nDer Künstler, emporgerissen vom Jubel der\nMenschen, strich sich mit der freien Hand über\ndie Augen. Ihm war in diesen Stunden eine Of-\nfenbarung geworden. Die blaue Stunde war wie-\nder lebendig in ihm geworden.\n. . . Stimmen, die seinen Namen riefen, mach-\nten ihn verwirrt. Er erschrak, als er plötzlich den\nJubel der Hingerissenheit vernahm. Wie an je-\nnem Abend, als er im Konservatorium der kleinen\nStadt vor andächtigen Zuhörern gespielt hatte und\nmit Beifall überschüttet worden war, begann seine\nSeele in Schern zu zittern. Wie damals kam er\nsich als Verräter an der Kunst vor. Die Stim-\nmen, die nach ihm riefen, mehrten sich. Der Vor-\nhang ging zum vierten Male in die Höhe.\nDie Stimmen riefen immer ungestümer. Alle\nKöpfe waren nach seiner Loge gewandt.\nGehen wir! sagte plötzlich Johannes ganz klar\nund bestimmt. Seine Stimme war kalt und feind-\nlich. i\nMit harten Schritten trat er aus dem Halb-\ndunkel der Loge. Er sah sich nicht um, ob ihm\ndie andern folgten. Und als ihm die scharfe reine\nLuft der Januarnacht gegen die Stirn prallte,\natmete er tief und schüttelte allen Unmut von den\nSchultern, unendlich beglückt. Die Erkenntnis,\ndaß die Vergangenheit streng und unerbittlich ist\nund daß aus ihr alle Taten und Werke der Men-\nschen erblühen, diese Erkenntnis war ihm zu\nlebendigem Besitz geworfen. Jetzt hatte er wie-\nder sein Erdreich gefunden darin er wachsen und\nFrüchte bringen konnte. Je tiefer er sich in die-\nses Wunder versenkte, umso leuchtender stand\ndie Gestalt der Mutter vor ihm. Sie war es, der\ner die blaue Stunde seiner Kindertage verdankte;\nsie war es auch, die ihn auf seinen Weg zurück-\ngeleitet hatte, indem sie vor ihm erschien, her-\nbeigerufen durch die Kraft seines Werkes. Das\nHeiligste, was es in seinem Leben gab, war die\nErinnerung an die Mutter. Vor ihr hatte er ge-\nkniet in Stunden der Entzückung; sie hatte er\nvergessen in den Tagen des falschen Weges; zu\nihr war er jetzt wieder zurückgekehrt, und ihre\nreiche Seele war eingegangen in den Leib des\nWeibes, das einst seine Geliebte war.\n. . . Der Künstler hatte Mia Mirana schriftlich\ngebeten, ihn nach der Vorstellung zu treffen. Er\nfieberte in heißer Unruhe. Er hatte Augenblicke,\nin denen er nicht stark genug zu sein glaubte, ihr\nfroh und unbefangen gegenüberzutreten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c009", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "144", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.9", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.8", "debut_caractere": 502, "fin_caractere_exclue": 713, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nBerlin W j Potsdamer StraBe 134 a\nZwanzigste Ausstellung\nAlbert Bloeh\nGeoffnet tagllch von 10—6 Ulir / Sonntags vois\n11—2 Uhr\nEintriti 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c010", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "144", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.8", "debut_caractere": 715, "fin_caractere_exclue": 3061, "texte": "Verlag der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe i34 a\nfernruf Amt Liitzow 4443\nHalbmonatsschrift der Sturm\nErsclieint am ersten und fiinfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGewofmltcbe Ausgabe: Fur Deutschland\nand Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nsummer 40 Pfennig X Fiir das A u s I a n d bei\ndirekter Zustellung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, V c r -\nsendung in Rollen direkt durch die\nPost fflr Deutschland und O ester-\nre ich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X F fl r das A usian d:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbezfige, Einzel-\nnummern and Probenummern n i c h t\nBer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57--104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n10 Mark / Vom 1. Jamiar ab 20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch aile Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndnrch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstSnden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den B e t r a g fur den\nDauerbezug bei der BesleUung oder b®|\nBegin n des neuen Vierteljahres bis\n& u m ftinften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinschf wird\nGeneralvertretung des Verlags EugSne Figutere /\nParis\nOriginalholzschniite / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefiigt / Alle\nExemplare sind vom Kunstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Verso hnung / Tier-\nlegende / Pferde ./ Tiger / Pferde\nHochformat /DieHirtin ./Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildplerde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechstein: Die Erlegung des Fest-\nb r a t e n s / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kunstler mit der Hand aquarelliert /\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nKandinkky: Sonntag / Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c011", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "144", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.8", "debut_caractere": 3063, "fin_caractere_exclue": 4789, "texte": "Wilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 20 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter lielbig: Landschaft ./ Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-RoUuff: Mann und Weib / Sonnige StraBe\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande 1 / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Cainpendonk: Originalholzschnitte [Nurnmer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: N i j i n s k y / Portrat Licht-\ndruck, groBes Format /' 10 Mark\nMusik\nfierwarth Wafden: Dafnislieder / Zu Qe-\ndichten von A r n o Hoi?- / Fur Gesarig und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung elner\nNacht I Zug in voller Fahrt / QinoSeve-\nrini: Die Modistin / Ruheiose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6 ft\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nSoeben erschienen: Kandinsky 1901—1913 /\nMonographie mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen und Text von Kandinsky\nI Mark 10\nIllustrierte Ausstallungskataloge\nDer blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c012", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "144", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.8", "debut_caractere": 4791, "fin_caractere_exclue": 5559, "texte": "Zeitsehriften\nLa Route ,/ Revue de l'Effort Social / Paris / Rue\nde Vaugirard 120\nL'Effort Libre / fruher L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch ! Poitiers\n[Vienne]\nL'lndSpendance / Halbmonatsschrift / Kunste /\nKultur / Philosophic / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paiis 31 rue Jacob\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrift\nParis / 41 Rue Monge\nLa Nouvelle Revue Franpaise I Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nMontjoie / Halbmonatsschrift / Paris / Chauss6#\nd'Antin 38\nHaro I Monatsschrift / Brflssel\nLes Cahiers du Centre / Moulins [Allier]\nLes Soirees de Paris / Recueil Mensuel / Paris\n9 rue Jacob\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fur neue und\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c013", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "144", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.8", "debut_caractere": 5561, "fin_caractere_exclue": 5569, "texte": "Anzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1913-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "144", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.8", "debut_caractere": 5571, "fin_caractere_exclue": 8270, "texte": "Akaderaie fiir moderne Skuiptur in Paris I 18 Im-\npasse du Maine Montparnasse / Korrektur: A. Ar-\nch i p e n k o / Arbeiten in Stein / Stu-Jlen-\nder Stilarten\nPremier livre simultane / Blaise Cendrars j\nLa Prose du Transsiberien et de la Petite Jehanne\nde France / cculeurs simultanees de Mme Sonia\nDelaunay- Terk / Edition unique, atteignant\nla hauteur de la Tour Eiffel (vol. 10X36 cm\n2 metres) 150 exemplaires, dont 8 sur Parche-\nm i n ,couverture a la main, chevreau noir Prix\nnet Frs. 500— / 36 sur Japan-Imperial, cou-\nverture a la main, parchemin Prix net Frs. 100 /\n106 sur Simili-Japan, couverture a la main\nchevreau noir Prix net Frs. 50— / Tous les exem-\nplaires sont signes pas les Auteurs et numerotes a\nla presse / Edition des Hommes Nou-\nveaux, 4 rue de Savoie, 4 Paris / De-\npot: Der Sturm Berlin W Potsdamer-\nstraBe 134a / Prospectus gratuit\nWiener Buchhandlung fiir moderne Literatur und\nKunst Hugo Heller & Co. Wien I Bauern-\nmarkt 3 / Reichstes Lager bibliophiler Literatur /\nStandige Buchkunstausstellung / Im Oberlichtsaal\nstandige Ausstellung moderner Graphik / Regel-\nmaBige Dichterabende vor geladenen Gasten\nEdmund Meyer / BuchhSndler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 I Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur alier Zeit / Wertvolle und seltene Budier\nieder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nDer Horen-Verlag (Charlottenburg) veroffentlicht\nLuxusdrucke moderner Autoren, graphische Blat-\nter und Mappen starker junger Kiinstler. Sach-\nlich beispielhafte Ausstattung. Niedrige Preise.\nIllustrierte Prospekte stehen kostenlos zur Ver-\nfiigung.\nWiecker Bote / Schriftleitung: Dr. Oskar Kanehl /\nWieck-Eldena in Pommern / Preis des .Heftes\n25 Pfennig / 4 Hefte M. 1,20 / Heft 3 soeben er-\nschienen\nPrazske Umelecke Di'lny I Prager Kunstwerk-\nstatte fiir neue Kunst / Mobel / Beleuchtungskor-\nper I Textilien / Prag, I / Veleslavinova 3\nVerein ffir Kunst / Leitung Herwar th Waldeo\nI Zehntes Jahr / Alan verlange kostenlose\nMitteilungen iiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W9\nNotiz\nIn der Privatklagesache des Schriftstellers\nDr. Hans Friedrich gegen mich, gab ich im Ver-\ngleichswege folgende Erklarung ab: Ich habe mit\ndem der Privatklage zugrunde liegenden Artikel\ndes Sturm nur eine sachliche Kritik geben und\nmich gegen die Angriffe der Zeitschrift Janus ver-\nteidigen wollen, von denen ich glaubte, daB sie\ngegen mich gerichtet seien; eine Krankung der\npersonlichen Ehre des Privatklagers hat mir fern\ngelegen. 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W.:\nKritiker: Der feine Herr Scheftler / Der Nobelpreis / Der Nobelpreis und Schweden / Arthur Babillotte: Die Schwermut des Genießers / Paul Klee:\nKriegerischer Stamm / Zeichnung\n\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm / Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.2", "texte": "Die rote Sonne\nAage von Kohl\nDie Brauen des Generals Noku lagen, dicke\nweiße Schrägstriche, über seinen Augen. Es bil-\ndete sich immerzu ein kleiner Knoten in seiner\nKinnlade, weil er die Zähne zusammenbiß. Ab\nund zu riß er unbewußt an dem Zügel. Das Pferd\nkaute immerfort die Stange und scharrte mit dem\nrechten Fuß in der Erde, daß das Gras herumflog\nund schwarze Erdstreifen bloßlagen.\n„Jetzt sind sie am Hügel angelangt!\" sagte der\nGeneral mit scharfer Stimme, die man immer\ndeutlich hörte, auch wenn er leise sprach. .Mit\nseiner Rechten hielt er das Fernglas vor die\nAugen, das schwarze dreieckige Rohr bedeckte\nbeinahe das ganze Gesicht. Ein blankes Stück\nLeder, das am Fernrohr festhing, lag über Mund\nund Kinn.\n„Ja, da sind sie, gleich da unten!\" antwortete\neiner der Offiziere, in unbewußter Höflichkeit ge-\ngen den Chef.\nDer General starrte nur. Seine Füße in den\nSteigbügeln bewegten sich unaufhörlich, seine\nSchenkel hatten die Haut auf den Seiten des Pfer-\ndes in Teppiche verwandelt.\nDie Offiziere hielten in einer Gruppe hinter\nihm.' Es klirrte immerzu von ihren Säbeln und\nSteigbügeln wenn die Pferde sich bewegten oder\nauf den Zaum kauten.\nAlle, alle starrten sie durch die Fernrohre wie\nder General — ein Anblick wie von einer Gruppe\nMaskierter — alle sahen sie hin zu jener kleinen\nviereckigen Schanze, das Ziel des Kampfes. Sie\nlag, in dieser Entfernung, als wäre sie mit einem\nFinger in losen Sand gezeichnet. Ein bißchen\nvorgeschoben mitten in der bauchigen Linie der\nrussischen Stellung, eine Nase im Gesicht.\nEs führte ein weißer gerader Weg — wie eine\nRampe — hinauf zur Vorderseite der Schanze,\nsetzte sich hinten fort und verschwand in dem\nSchießgraben. Die beiden Seiten der Rampe:\nsteile beinahe senkrechte Abhänge. Als wäre\ndiese Schanze ein Tisch, in die Mitte der russi-\nschen Stellung gebaut.\nEin Stückchen unten, am Fuß der Rampe, schob\nsich eine lange Wellenlinie vor. Sie machte Halt,\nwurde ein bißchen flacher und breiter, weil die\nMannschaft sich auf die Erde niederwarf, und\nkleine weiße Rauchwolken stiegen auf: es waren\nzwei neue Kompagnien, die die Schanze nehmen\nmußten. Sie nehmen mußten, weil sie die\nTür zu der ganzen russischen Stellung war. Sie\nnehmen mußten — koste es was es wolle —\nweil das Vorwärtsdringen der ganzen Monate\ndarauf gerichtet war, daß dieses Tages Kampf\nzum Siege führe. Sie nehmen mußten, aber\nnoch nichts erreicht hatten, obgleich der General\nMal auf Mal neue Abteilungen hingeschickt hatte.\nDie Rampe hatte nur Platz für ein Paar Hun-\ndert Angreifer, immerfort versuchten die Solda-\nten heranzukommen, vergebens.\nDrei Mal schon hatte General Noku Order ge-\ngeben, daß die Schanze genommen werden sollte.\nDrei Mal hatten ein paar hundert Mann, rasend,\nverzweifelt, zum Aeußersten gehetzt, versucht,\nseine Order auszuführen. Drei Mal schon waren\nsie zurückgetrieben.\nWeil ein vierzehn Meter langer Stachelgürtel,\nganz oben auf dem Abhang, jedes Mal die Kom-\npagnien zum Halten brachte: dann guckten die\nKöpfe der Russen über die Brustmauer der\nSchanze hervor, und ein Sturm von Stahl ging\nverheerend über die Angreifer. Ein Paar Minuten\nund nur die Hälfte war noch lebend, sie stürzte\nsich zuletzt Hals über Kopf in wahnwitziger Eile\nden Abhang herunter. So mußte die Artillerie\neinen neuen Angriff vorbereiten. Und von achtzig\nKanonen flog das Feuer, wie ein Vulkan, über die\nkleine Schanze, aber die Russen verschwanden\nhinter den hohen deckenden Mauern von Erde,\ndie vor der Brüstung gegraben waren. —\nSchon dreimal hatte der General versucht, die\nSchanze zu bekommen — und kein einziges Mal\nkam der Angriff weiter als bis zu diesem Stachel-\ngürtel. Aber davor lagen Haufen auf Haufen\nTote und Sterbende; und immerzu drang von\ndiesen Massen ein furchtbares flüsterndes Klagen,\ndas hing in der Luft wie meilenweite angstvolle\nMusik. Der Laut füllte das Ohr und bemächtigte\nsich aller Nerven. Es ging wie tausend schnelle\nStiche durch das Herz, es stiegen die Haare, kalte\nSpitzen, auf dem Kopf.\nZum dritten Mal war der Angriff zurückge-\nschlagen, der General hob eine Sekunde mit der\nzitternden Hand das Fernrohr, aber seine Augen\nwaren geschlossen und die Lider zuckten, wäh-\nrend das Fernrohr sie verdeckte.\n„Leutnant Futo!\" sagte er kurz darauf mit\nschneller heißer Stimme — es gab einen Ruck in\nden Offizieren, als sie sie hörten. Er starrte\nimmer noch auf die Schanze, seine; Lippen wur-\nden ganz dünn und die Winkel zogen sich her-\nunter, vor Energie.\nFuto bog sich nach vorn, während er die Spo-\nren in die Seiten des Pferdes begrub. Das Pferd\ntanzte auf allen vier Beinen — wie berauscht\nvon dieser Schmerzmusik, die die Luft füllte.\nFuto zwang das Tier zur linken Seite des Ge-\nnerals.\n„Oberst Katama wird noch zwei Kompagnien\ngegen diese Schanze setzen. Aber schnell!\" sagte\nder General, und seine Stimme war wieder ganz\nnatürlich — so wie immer — während er jetzt\nmit den zehn Worten, zum vierten Mal in zwei\nStunden, auf diesem Platz dreihundert Mann in den\nTod sandte.\n„Jawohl, Herr General!\" — Futo grüßte. Das\nPferd hob die Vorderbeine, als er die Zügel nahm,\nes wieherte und ein weißer Strich Schaum flog\naus dem Munde. Leutnant Futo bog seinen Kör-\nper über zur linken Seite des Pferdes, drehte das\nTier herum, gab ihm lose Zügel und mit einem\ngewaltigen Ruck sauste das Pferd davon, den Ab-\nhang hinunter und verschwand, man hörte nur\neine Sekunde das schnelle, harte Dunk-Dunk der\nFüße.\nAber im Gesicht des Generals wurden; die Züge\nplötzlich ganz scharf. Er schien mit einmal töt-\nlich mager. Man sah die Schatten und die Um-\nrisse der Zähne auf der Oberhaut.\nKapitän Noku, der Sohn des Generals — er\nwar gestern Kapitän geworden und heute zum\nStab des Generals versetzt — bog seinen Nacken\nzurück und versuchte einen Seufzer zu unter-\ndrücken, er merkte nicht, daß auch alle Kamera-\nden so taten, um ihre Unruhe und Angst zu ver-\nbergen. Es war ja nicht nur ein Kampf ihrer\nBrigade. Nein, die ganze Armee, die ganz weit\nrechts kämpfte — der Laut der Kanonen ging wie\nein Erzgesang durch die Luft — diese Armee hatte\nihre Brigade ausgesandt, um die kleine befestigte\nSchanze zu nehmen. Alles hing davon ab, das\nkleine befestigte Fleckchen Erde war die Ent-\nscheidung des ganzen Krieges.\nEin bißchen nach rechts sah man Leutnant Fu-\nto, in einem Bruchteil einer Sekunde, wie eine\nWelle, über den Hügel reiten. Kurz danach konnte\nman hören, daß die Artillerie Order erhielt, zum\nvierten Mal den Angriff des Fußvolks durch\nmächtige Salven vorzubereiten. So lange die\nSchanze mit Feuer bespritzen, bis man riskierte,\ndie eignen angreifenden Soldaten zu treffen. Die\nArtillerie war hinten rechts gesammelt. Hinter\ndem Hügel, wo der General mit seinem Stab\nstand. Der dünne graue Rauch ging in Kissen,\nStrichen und Windungen nach allen Seiten, man\nsah die Mannschaft wie durch mattes Glas. Plötz-\nlich wurde es still; die Kanonen schwiegen, als\nwollten sie aufatmen und Kräfte sammeln.\nAlle Stabsoffiziere hoben ihre Fernrohre.\nDas Fußvolk — die zwei neuen Kompagnien —\ngingen wieder vorwärts. Die dunkle Linie glitt,\nwie eine Welle, schnell den Abhang vorwärts.\nJetzt waren sie am Stachelgürtel angekommen,\nund im selben Augenblick sah man die Köpfe der\nRussen wie eine dunkle Borte auf der Brüstung\nund die Kugeln der Flinten fuhren durch die Mas-\nsen. Ein paar Minuten ein wilder vernunftloser\nWirrwarr, in dem Fernrohr sah es aus wie riesen-\ngroße Spinnweben. Die vordersten Soldaten lagen\noder hingen in Mengen über den Spitzen des\nStachelgürtels. Die Nachkommenden suchten\nDeckung durch die Leichen, oder liefen herauf und\nversuchten auf die Weise durch das Gitter zu\ndrängen.\nAber das Feuer der Russen fuhr unter die\nMenschenlagen. Weniger und weniger bewegten\nsich — und der zitternde Schmerzenslaut drang\nwieder — gemischt mit hohen scharfen Schreien —\nwie die Stimmen der Solisten in einem Chor —-\ndurch die Luft.\nUnd der General verstand, daß es auch diesmal\numsonst war. Er sank zurück in den Sattel, seine\nHände zitterten wie im Fieber. Die Gesichtszüge\nwaren auseinandergefallen und um seinen Mund\nlag Angst und Grauen — in dem Augenblick ge-\nboren, als er sah, wie die letzten Soldaten über\ndie Leichen ihrer Kameraden krochen, um über\nden Stachelgürtel zu kommen. Wie mit einem\nMesser geschnitten hatte sich dies häßliche\ngrauenhafte Bild in seiner Seele festgegraben.\nEr hörte nicht, daß die Batterie hinter ihm\nim tierischen Geheul wieder Feuer gab. Er hörte\nnicht die Schmerzenslaute und das Stöhnen der\nOffiziere hinter ihm. Und er sah nicht, daß ein\nRegenschauer vorüberging wie ein grauer metall-\nglänzender Teppich von Perlen. Er fühlte nicht,\nwie seine Kleider durchnäßt wurden, schwer und\nklebrig. Eine Granate schlug in die Erde vor\nseiine Füße. Mit einem Sausen. Wie ein großer\nVogel. Mit Dröhnen barst die Erde, und die Gra-\nnatstücke flogen summend durch die Luft.\nAber im Gehirn des Generals saß nur das eine\nBild und seine Lippen wiederholten immerfort:\n„unmöglich, unmöglich, unmöglich!\"\nEr hob das Haupt und wollte einen Ordonanz-\noffizier rufen. Aber da tritt ein ganz junger\nLeutnant vom siebzehnten Regiment an ihn heran.\n„Was wollen Sie?\" Der General fragte so\nschnell, als wäre nur eine Silbe in dem Satz.\nDer Leutnant bog sich vor, sein Gesicht war\nvon Eifer ganz unbeherrscht:\n„Ich melde vom siebzehnten Regiment: Es sind\nvierhundert Freiwillige. Sie wollen versuchen.\nGegen die Schanze!\" — Seine schmale Brust, wo-\nrauf die schwere Bronzemedaille hing, hob sich\nheftig von dem schnellen Reiten.\n„Vierhundert Freiwillige!\" wiederholte er, ohne\nes zu wissen. Die Mütze hatte er verloren, er\nmerkte es nicht und hielt fest seine Rechte am\nOhr.\nGeneral Noku starrte ins Ferne. Wieder wir-\nbelte es in seinem Gehirn: unmöglich, aber es\nmuß gemacht werden. Unmöglich aber er will\nes machen!\nDer lange Leutnant Hinto hob sich in den Steig-\nbügeln und zeigte über Kapitän Nokus Schulter:\n„Adjudant vom Generalleutnant!\"\nNach einer Sekunde war der Adjutant da. Sein\nPferd, schweiß- und schaumbedeckt, stellte sich"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.3", "texte": "auf die Hinterbeine, es sah aus, als wollte das\nTier die Vorderbeine in den Rücken des jungen\nLeutnants vergraben.\n„Die Brigade muß vorwärts. Gleich! Der\nGeneral kann nicht darauf warten, daß Sie Ihre\nPflicht tun, General Noku!\" schrie der Adjutant,\nund seine Hände saßen wie Stahlklammern um die\nZügel des Pferdes, dessen Maul weit offen stand.\nNoku starrte in die Ferne: als wäre er blind,\noder sahen seine Augen vielleicht nur dies Bild\nvon Sterbenden, die über Tote kriechen.\nDann mit einmal nickte er.\nDer junge Leutnant wiederholte zum dritten-\nmal, ganz heiser von Eifer, — seine junge Stimme\nstolperte:\n„Vierhundert Freiwillige, dürfen sie heran-\ngehen?\"\nDer General drehte seinen Kopf, langsam, und\nsah sich die Offiziere an. Langsam, langsam glitt\nsein Blick über sie, und eine hartes, eigentüm-\nliches Lächeln lag um seine Lippen. Er hatte ein\nMittel gefunden, die Schanze zu nehmen, aber\nwelches, das wußten sie nicht.\n„Ja!\" sagte er, und sah sich nochmals die Of-\nfiziere an, seine Stimme war ganz trocken. Die\nOffiziere verstanden, daß die Idee sein ganzes\nBlut vertrieben hatte.\n„Ja!\"\n„Die Freiwilligen — könnten vielleicht, wenn\nsie !\" Und er schwieg, als wäre sein Plan\nso, daß er nicht wagte, ihn zu sagen.\nKapitän Noku begegnete dem Blick seines\nVaters, und es ging ein hastiges Lächeln über sein\nblasses schmales Gesicht; „Ja!\" sagte er mit sei-\nner Stimme, die kaum glauben ließ, daß er drei-\nundzwanzig Jahre war, „Ja, allein auf diese Weise\nginge es, Vater!\" Er hatte vergessen, daß er zu\ndem General sprach. Auch in ihm saß dies furcht-\nbare Bild des letzten Angriffs — und er hatte\ngleich beim Lächeln des Generals verstanden, was\nfür einen Plan der Vater hatte, der ihm das Ge-\nsicht mit einmal ganz grau machte.\nNoku nickte. Er winkte mit der Hand dem Ad-\njutanten des Oberkommandanten zu und seine\nAugen ruhten auf dem Sohn: „Ja, du führst die\nFreiwilligen!\"\nDer Kapitän legte seine Hand an die Mütze.\nDie Offiziere atmeten ganz kurz. Ihre Augen gin-\ngen vom General zum Kapitän. Aber Noku hob\nsich halb im Sattel, er neigte sich zu dem Sohn.\n„Sag es ihnen, sag es den Freiwilligen, daß\ndu mein einziger Sohn bist, sag es ihnen, daß der\nKaiser dich Held genannt hat, daß er dich gestern\nzum Kapitän gemacht hat, dreiundzwanzig Jahre\nalt! Aber dich gebe ich, weil du ihnen zeigen\nmußt, wie sie ihre Pflicht tun sollen. Geh!\"\n„Geh!\" — — rief er, hob sich in den Steig-\nbügeln und riß die Mütze von seinem Kopf.\n„Geh, und zeige ihnen, wie sie für ihr Land\nsterben sollen!\" —\nUnd alle Offiziere rissen unbewußt die Mützen\nvon den Köpfen und hielten sie in den Händen,\ndie Arme gerade an den Seiten, Kapitän Noku\nritt fort in fliegendem Galopp um den Freiwilligen\nzu zeigen, wie man die Schanze nur nehmen\nkönnte. —\nDer fremde Adjutant und der kleine Leutnant\nwaren weggeritten. Das Gesicht des Generals\nNoku war ganz anders geworden, ganz ruhig. Ein\nsicheres, siegesbewußtes Lächeln zeigte sich um\nseinen Mund.\n„Was meint der General?\" — der lange Leut-\nnant Hinto neigte sich zu seinem Seitenkamerad\nund sprach so still, daß es kaum zu hören war.\nEr wollte nicht daran glauben, was er gehört\nhatte, er wollte es nicht glauben. — „Was meinte\ner wohl damit, daß es nur ein Mittel gäbe, diese\nSchanze zu nehmen?\"\nLeutnant Guji sah immerfort auf sein linkes\nKnie, er glättete mit der Hand darauf, als wäre da\netwas wegzuwischen —: „Ich weiß nicht!\" ant-\nwortete er unwillig — „ich kann es mir doch nicht\ndenken —\" Er schwieg mit offenem Mund\nund schwarzen Augen — und Leutnant Hinto ver-\nstand, daß auch er es wußte, aber es nicht zu\nwissen wagte.\nDie anderen Offiziere hatten auch denselben\nangstvollen Ausdruck in ihrer Gesichtern. Ab und\nzu flüsterten sie mit einander —' aber sie sahen\nunaufhörlich auf die kleine Schanze dahinten, kei-\nner wagte den andern anzusehen.\nDie vierzig Kanonen hatten wieder ihr Feuer\ngegen die Schanze gerichtet.\nIn dem Fernrohr konnte man sehen wie die\nGranaten die Erde auffliegen ließen. In großen,\nschwarzen Klumpen flog es gegen die Brüstung.\nEs war nichts Lebendes zu sehen. So plötzlich\nhörte das Feuer auf.\nIm selben Moment waren alle Brüstungs-\nmauern vollbesetzt von Soldaten. Dann gingen\ndie Kanonen wieder los. Es war nur ein Manö-\nver, um die Verteidiger herauszulocken, zu töten,\nzu ermüden.\nUnd als die Besatzung noch schneller sich wie-\nder zurückgezogen hatte, sah Noku, daß ungefähr\nauf zwanzig Stellen, kleine schwarze Striche oder\nPunkte lagen, wo die Schüsse getroffen hatten.\nNoch einmal hörte die Artillerie auf, aber dies-\nmal sandten die Russen nur einen ;Mann, um über\ndie Brüstung zu sehen — die Kriegslist nützte\nnicht mehr.\nUnd mit größerer und größerer Gewaltsamkeit\ngingen die stählernen Untiere über dieses Fleck-\nchen Erde nieder. Die dunklen Punkte, die da\nlagen, wurden hoch m die Luft geworfen, zer-\nstückelt oder ganz mit Erde bedeckt.\nDer General ließ die Hand mit dem Fernglas\nsinken und schaute über das Hirsenfeld, das ganz\nzertrampelt war. Aber die Offiziere sahen nur\ngegen die Schanze, als warteten sie, voller Angst\n— auf irgend etwas, was geschehen sollte — und\nselbst dieses Warten war so voll Angst und\nSchmerz, daß sie ihre Augen von dem Platz nicht\nabwenden konnten.\nAber die Blicke des Generals glitten ruhig und\nklar hin und her, alles ruhig abwägend was ge-\nschehen sollte.\nEinige hundert Meter vorwärts zu beiden Sei-\nten, ein graues schmales Band, das sich unauf-\nhörlich bewegte. Es waren die Schießketten.\nDahinter gingen die Kompagniereserven in dop-\npelten Reihen, wie breite kurze Klumpen. Un-\ngefähr in der Mitte marschierten die Bataillons-\nreserven.\nLeutnant Guji zeigte plötzlich, seine Hand zit-\nterte, totmüde —: „Da kommen die Freiwilligen!\"\n— sagte er, mit seiner jungen Stimme, als könnte\nsie nicht die Wichtigkeit dessen ausdrücken, was\nsie von dem Plan der Freiwilligen verstanden hat-\nten. Der General und die Offiziere ritten instink-\ntiv zwanzig Schritte vorwärts zur Böschung, da\nwo die feindlichen Granaten Mal auf Mal nieder-\nschlugen.\nSie hoben sich in den Steigbügeln und streck-\nten die Hälse, um besser sehen zu können.\nZwischen zwei Gruppen Bäumen kamen die\nFreiwilligen hervor. Sie liefen im Schritt, es\nsah aus als bewegte sich ein Riesenkörper. Als\nwären sie ein Wesen.\nEs ging ein Ruf von den Offizieren —\n„Sie haben ja keine Flinten, die Leute!\" —\nsagte Leutnant Hinto, ganz aschgrau im Gesicht,\nund er wußte jetzt, daß er ihn richtig erraten\nhatte, diesen fürchterlichen Plan.\nAber kein Offizier antwortete ihm. Sie starr-\nten nur alle auf die Laufenden, als gälte es ihr\neignes Leben. Ihre Augen waren groß und heiß\ngeworden. Es sprangen Zuckungen um ihre\nMünder, deren Lippen alles Rot verloren hatte.\nAlle, alle starrten sie auf diese Truppe, deren erste\nHälfte ohne Waffen marschierte. Und an der\nSpitze lief Kapitän Noku seinen Säbel schwingend,\nfließendes Qold in der Sonne.\nDann waren die vierhundert vorbei, und man\nkonnte sie von diesem Platz nicht mehr sehen.\nGeneral Noku saß so rank im Sattel, und seine\nAugen gingen ruhig und aufmerksam herum •—\nvon Schießketten zu Kompagniereserven und zu\nBataillonsreserven.\n„Nein, sie hatten wirklich keine Waffen!\" sagte\nder kleine Leutnant Guji plötzlich — „und es ist\nsein einziger Sohn!\"\nSie hörten mit einmal, einen schwachen Ruf,\nweit von vorn. Die Offiziere versuchten krampf-\nhaft zu sehen. Sie drückten mit den zitternden\nHänden die Fernrohre gegen die Augen.\nDie Artillerie schwieg — die Kanonen sahen\naus wie große graue brünstige Tiere, die mit den\nBeinen zum Sprung gesammelt nur auf eine Be-\nwegung warteten, um ihre Stahlzähne in Knochen\nund Fleisch des Feindes zu begraben.\nJetzt konnte man wieder die Freiwilligen\nsehen. Sie waren an der Rampe angelangt. Zu-\nerst lief ein einzelner kleiner Punkt. Und alle\nwußten es war Noku. Der dreiundzwanzigjährige\nKapitän. Der einzige Sohn des Generals. Sein\neinziges Kind. Und hinter ihm kam eine Reihe\nvon vierzig Mann, schnell liefen sie, ohne Waf-\nfen. Hinter ihnen wieder eine Reihe. Und noch-\nmals eine. Und eine vierte, und eine fünfte. Jede\nmit vierzig Mann.\nAber fünfzig Schritte hinter der letzten Reihe\nkam die Schießkette, die letzten zweihundert Frei-\nwilligen der siebzehnten Kompagnie.\nEs ging ein Sturm über die Offiziere da oben\nauf dem Hügel. Ihre Gestalten wendeten und\ndrehten sich. Und ihre Hände, die die Fernrohre\numfaßten, zitterten und bohrten die Instru-\nmente in die Augen. Leutnant Guji, der kaum\nachtzehn Jahre alt war, fiel mit einem Seufzer\nvorwärts. Seine Hände bewegten sich in der\nLuft, das Fernglas fiel mit einem dumpfen Laut\nzur Erde. Sein weißes Gesicht leuchtete, und die\nHände wurden unbeweglich.\nJetzt war Kapitän Noku nur zehn Schritte ent-\nfernt von dem Stachelgürtel. Noch sah man kei-\nnen Russen an der Brüstung, die hundertfiinfzig\nEllen von dem Stachelgürtel entfernt lag.\nIn dem Fernglas konnten sie beobachten wie\nder Kapitän schneller zulief, er drehte seinen Kopf\num zu den Leuten, eine Sekunde, und sprang, einen\nMoment schwebte er in der Luft über dem Stachel-\ngürtel. So hob er die Arme und ließ sich mit sei-\nnem ganzen Gewicht über die Spitzen fallen.\nEs ging ein Stöhnen durch den Stab.\nAls fühlten sie selbst die hunderte von Spitzen,\ndie sich in den Körper des Kapitäns gruben.\nPremierleutnant Aroko gab einen Schrei von\nsich wie ein Tier, und es spritzte ein Strahl Blut\nvon seiner Unterlippe, in die er gebissen hatte\nohne es zu wissen. Leutnant Hinto warf seinen\nKopf zur Seite und erbrach sich mit einem stöh-\nnenden Laut wie ein Schluchzen. Aber draußen\nam Stachelgürtel war die erste Reihe nach dem\nKapitän angelangt. Sie sprangen, ihre Körper gin-\ngen wie Striche durch die Luft, und fielen dann\nin voller Länge herunter auf die scharfen Spitzen.\nDie nächste Reihe war schon da. Sie setzen die"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.4", "texte": "Füße auf die Körper der Kameraden, springen auch\nund bedecken mit ihren Körpern noch ein Stück\ndieser Spitzen mit ihrem Fleisch. Dritte, vierte,\nfünfte Reihe folgen, in einer Minute ist der ganze\nGürtel bedeckt mit einer beweglichen grauen\nMasse, wie mit einem Teppich.\nAber jetzt ist auch die schwarze Borte auf der\nBrüstung, und auf einmal schießen sie alle los auf\ndiese lebende Decke. Noch eine Sekunde ist ein\nfürchterliches grausames Leben auf diesen Spitzen\n— als wären diese zweihundert Menschen zusam-\nmen ein einziges vierhundertarmiges Wesen, das\ndraußen liegt, gespießt, durchbohrt, aufgerissen,\nsterbend, einen unsagbar schmerzvollen Tod ster-\nbend.\nDie nächste Salve der Russen, und es wurde\nstill da oben. Nicht eine Bewegung.\nDoch —: ein Mann hob den Oberkörper, fuch-\ntelte mit den Armen und fiel wieder vornüber.\nLange nachher klang sein Schrei da oben auf\ndem Hügel, wo der Stab hielt.\nAber in diesem Moment kam es dem General\nvor, als würde über die Rampe in zwanzig ,Ellen\nBreite, ein goldener, leuchtender Purpurteppich\ngespannt. Eine mächtige Fahne, die sich lebend\nbis ganz oben an die Schanze gelegt hatte.\nDie Schießkette war heran. Springend stol-\npernd, gleitend kamen sie. Schreiend vor\nGrauen und Energie stürmten sie vorwärts. Die\nStiefelhacken in die blutnassen Wunden der Ka-\nmeraden, vorwärts zum Sonnenbanner, das über\ndem Stachelgürtel ausgebreitet lag.\nDas Fernglas des Generals glitt von seinen\nAugen. Als hätte der rote goldene Schein da oben\nseine Augen geblendet.\nAber um seinen Mund stand ein ruhiges festes\nLächeln: die Schanze war erobert, Japan hatte\nden Krieg gewonnen.\n* * *\nAutorisierte Uebersetzung von Neil Waiden\nAus der Novellensammlung „Die roten Namen\"\n\nGünther Mürr\nIm bunten Schäumen der strudligen Städte,\nim Spiel von Tag und Nacht über das Sein,\nwo ist Er? Ich bin ein gereckter Arm.\nAber Du, mit dem letzten Blutstropfen geliebte,\nDu, in der. mein Ich ist und schleift den Leib nach,\nDu, in deren Glanz ich schimmre, ein zitternder\nTropfen,\nDu, die mir Weg ist und Ziel, Mühe und Labung,\nDu mit den Augen, durch die der Nahferne blickt,\nDu mit den blauen Augen, aus denen mein tiefes\nLeben fließt,\nDu, die ich liebe: bist Du es, die ich liebe?\n\nVon der letzten Malerei\nHans Arp\nKristallene Amphore auf dem Gipfel des Berges,\nich halte den ärmlichen Strauß meines Lebens\nin Dich, o weiße Lava. Breche den Verkehr mit\nmir, o Kleinigkeit, nicht ab. Unsere Zwiegespräche\nim pergamenttapezierten Haus. Und wo ist Dein\nGesicht? Jetzt blühen die Bäume dieser Winter-\nlandschaft unter Deinem Atem auf. O Tafel für\nRehe, Deine Flügel sind Spiegel. In Deinen Ohren\nsingen Nachtigallen. Sterne Deine Kiemen.\nDu zeigst Dich in den mundlosen Köpfen der\nunberührten Jungfrauen mit den hohen Stirnen,\ndie ohne Leib und mit überlangem Hals aus den\nMänteln hängen.\nMarionetten von Castiglione d'Olona. — Zwischen\ndem erhobenem Zeigefinger und den versteinerten\nAugen der Cumäischen Sibylle von Andrea del\nCastagno bist Du durchgeflogen. — Bei Grünewald\nzeigst Du Dich als farbig glühender Dorn vor\nLandschaften, die wie erhitzte Metalle anlaufen.\nUnd Kelche schweben um Dich ab und zu. — Du\nlächelst mild hinter Hecken von wächsernen Blu-\nmen durch die sich] Sterne glühen. — Du ruhst ge-\nlassen o Flamme in den Feldern goldener Architek-\nturen in diesen planimetrischen Zimmern zeigst Du\nDeine großen Füße und langen Zehe. Deine Zun-\ngen. Und Deine Lämmer und Freunde, o Flamme,\nordnen sich wie Blumenblätter um Dich. — Du\natmest in dem zitterndem Glanzlicht auf dem\nBauche des Buddha und in den Schleiern der Rosi-\nta Mauri von Manet. — In den Chromos aus den\nFruchtkatalogen der Handelsgärtnereien, verbrü-\ndert mit grobem Kalkbewurf und den glattesten\nLackflächen wie weit denkst Du Gott in diesen\nTrompe L'oeuils. 0 Keilrahmen ins All gehoben,\nin Dich geschoben, überrieselt von den Bächen\nDeines violetten Schweißes.\nO Sehnsucht nach einem größerem Gesicht.\nWenigstens Stadt, wenigstens Dom, wenigstens\nSäule. Wenn wir auch unterwegs verführt werden\nvon Umarmungen, von Pflanzen. (O Knöchlein im\nMeer, im Himmel, im Fließ.) Du zeigst Dich wie-\nder stärker, Gott. Wir türmen, häufen. Zum\nSchluß sind wir alle Konvertiten, die mit der größ-\nten Geste eines brennenden Tragöden im Purpur-\nmantel eingehüllt uns in die singende Flamme des\nNichts stürzen.\nEin Kosmos aus Domen. Ein Portal aus fließen-\ndem Steinfleisch mit dem Lied der aufsteigenden\nWolken, nur ohne ihre Sentimentalität. Glocken\natmen schwer. In diesem Bild von Leger\nKomposition mit Menschen\" 1912 gehen die\nSchatten wie um die Dome, schillernd und\nsind Zeiger. Dann ist hier der gewagteste\nWinkel, der vermessenste Bogen unserer Physik.\nDort der notwendige weise Mund der Banalität,\nden wir zum Absprung brauchen und um den sich\nwie Sterne die Stimmen und Chöre sticken. Und\nkleine Harfen rieseln über Flächen unter Moos.\nAlles von der Härte der großen Dinge durch-\nwachsen. Poche mit deinem Finger darin, wie\nGott daraus tönt. Schaue durch diese Ritzen. Da\nschwimmt Gott.\nUnd noch an höheren Kanzeln lehnen die Bau-\nleitern. Die Silhouetten der Städte bewegen sich.\nGott kehrt in sie ein.\n\nGedichte\nRabindra Nath Tagore\nWenn du mich singen heißest, fühle ich, mein\nHerz bricht von Stolz; ich sehe empor zu deinem\nGesicht, und meine Augen füllen sich mit Tränen.\nAlles was in meinem Leben Schroffheit und\nMißlaut ist schmilzt zu einem einzigen lieblichen\nKlang und meine Anbetung bekommt Flügel wie\nein froher Vogel auf seinem Flug über das Meer.\nIch weiß, dir gefällt mein Lied. Ich weiß, daß\nich nur als Sänger vor dein Antlitz trete.\nIn die Ferne breitet mein Lied seinen Flügel.\nMit seiner äußersten Spitze berührt er deine Füße,\ndie ich nie in Träumen erreichen konnte.\nBerauscht von der Freude des Singens, ver-\ngesse ich mich und nenne dich Freund, der mein\nHerr ist.\n*\nDas Lied, ich kam hierher, es zu singen, es ist\nbis auf diesen Tag noch ungesungen.\nMit Besaiten und Abspannen meiner Harfe sind\nmeine Tage verronnen.\nNicht wurde der Takt wie er sollte, nicht wur-\nden die Worte richtig eingefügt, aber im Herzen\nsitzt die Sehnsucht noch.\nDie Blume hat ihre Blätter nicht geöffnet; nur\nder Wind zieht seufzend vorüber.\nIch habe sein Gesicht nicht gesehen, seine\nStimme nicht gehört; nur seine leichten Schritte\nauf dem Wege vor meinem Haus.\nDen lebenslangen Tag, habe ich verbraucht,\nTeppiche auszubreiten, auf denen er sitzen sollte.\nAber die Lampe wurde nicht gezündet, und ich\nkann ihn nicht in mein Haus laden.\nIn der Hoffnung ihn zu begegnen lebe ich; aber\nnoch ist nicht die Zeit für diese Begegnung.\n*\nAuf die Liebe warte ich, um endlich mein Leben\nseinen Händen zu überlassen.\nSie kommen mit ihren Gesetzen und ihren Leh-\nren, mich zu binden, aber ich entfliehe ihnen\nimmer, denn ich warte auf die Liebe um mein\nLeben seinen Händen zu überlassen.\nDie Menschen klagen mich an, rücksichtslos\nnennen sie mich, und ich zweifle nicht, daß sie\nRecht haben.\nDer Markttag ist vorüber, für den Fleißigen ist\nalle Arbeit zu Ende. Die mich vergebens gerufen\nhaben, kehren in Zorn um. Aber ich warte nur\nauf die Liebe, um endlich mein Leben seinen Hän-\nden zu überlassen.\nAus dem Gedichtband Gita n j a 1 i (Gesangsopfer).\nNach der schwedischen Ausgabe (Verlag Norstedt und\nSöhne, Stockholm) ins Deutsche übertragen von Neil\nWaiden.\n\nKritiker\nDer feine Herr Seheffler\nHerr Karl Seheffler hat nun seine Ausstellung\nder ringenden Talente. „Eine Eliteausteilung der\nbesten Talente der Jüngsten.\" Zu ihnen gehören\nnach seiner Ansicht die Herren Beckmann, Rösler,\nBrockhusen, Meid, Kurt Herrmann und Karl Hofer.\nResultat: „Als Ganzes wirkt die Veranstaltung in\neiner sehr edlen und vergeistigten Weise inter-\nessant.\" Noch mehr: „Man spürt, daß Intelligenz\nund selbstloser Idealismus sich hier mit den Ar-\nbeiten der neuen Künstlergeneration beschäftigt\nhaben.\" Bei Sturmausstellungen nennt es Herr\nSeheffler: „Der unmündigen Jugend in einer ab-\nscheulich servilen Weise schmeicheln.\" Herr\nSeheffler hat den großen Mund für die unmündige\nJugend, die ihm größtenteils sogar an Jahren über-\nlegen ist. Kandinsky malte bereits, als Herr\nSeheffler noch Muster zeichnete. Er scheint\nimmer noch Beziehungen zu Webereien zu haben.\nUnd empfiehlt deshalb Franz Marc, sich Aufträge\nfür Webereien zu beschaffen: „etwa in dem Sinn\ndes Norwegers Munthe zu arbeiten\". Der Herr\nMunthe arbeitet etwa so, wie der Herr Seheffler\nschreibt. Man denke sich eine Ausstellung von\nArbeiten der neuen Künstlergeneration, in der\nfehlen: Alexander Archipenko, Umberto Boccioni,\nDefaunay, Alexei von Jawlensky, Kandinsky, Paul\nKlee, Fernand Leger, August Macke, Franz Marc,\nAlbert Gleizes, Jean Metzinger, Gino Severini, um\nnur einige wichtige Namen zu nennen. Wo hin-\ngegen die V/erke der obengenannten Herren zu\nsehen sind. Ich empfehle Herrn Karl Seheffler\ndringend, sich bei seinen weiteren Kritiken der\ngrößten Vorsicht und des noch größeren Nach-\nsehens zu befleißigen, da Nachsicht nicht geübt\nwird. Ich hebe alles auf, Herr Karl Seheffler.\nIch trage ihnen jede Zeile nach, Ihr ganzes Leben"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.5", "texte": "durch, jede Zeile, die ein Werturteil bildet. Trotz-\ndem Sie keine Zeile gebildet haben, die einem\nWerturteil standhält. Sie behaupten, die Leute\nvom Sturm hätten schlingelhafte Manieren. Eine\nBehauptung übrigens auf der Höhe Ihrer Kunst-\nurteile. Sie mögen sehr gute Manieren haben, die\nman zwar nicht bemerkt, dann beschränken Sie\naber bitte Ihren Umgang auf „Gebildete\" und kom-\nmen Sie der Kunst nicht mit dem feinen Ton in\nallen Lebenslagen zu nahe. Weder die Manier,\nnoch das Manierliche kann Kunst verwerten. Und\nder Schrei eines Schlingels ist mir lieber als das\nStammeln eines Mannes, dem nicht zu helfen ist.\nDer Nobelpreis\nDas Berliner Tageblatt bleibt dabei, daß die\n,Allgemeine Auffassung\" den Nobelpreis für Lite-\nratur zu vergeben habe. „Die nahezu allgemeine\nAuffassung die in diesem Falle auch die unsre ist.\"\nDie allgemeine Auffassung, die in all e n Fällen die\nunsre ist (warum so bescheiden) könnte ruhig das\nBerliner Tageblatt mit ihrer Vertretung betrauen.\nHerr Nobel tat es nicht, er traute offenbar dem\nBerliner Tageblatt und der allgemeine Auffassung\nweniger zu, als der schwedischen Akademie, die\nder Literatur auch schon manches zugetraut hat.\nDa war man sich einig. Unser Paul Heyse. Prud-\nhomme. Unser Peter Rossegger bekam ihn nicht.\nDiese Schmach blieb Schweden erspart. Es kann\nsich hierfür vermutlich bei Per Hallström bedan-\nken. Die allgemeine Auffassung läßt sich zwar im\nBerliner Tageblatt belehren, daß sie nicht mit der\nVergebung von Nobelpreisen zu tun habe. Die\nallgemeine Auffassung scheint für die Verletzung\nvon Testamentsbestimmungen gradezu begeistert\nzu sein. „Gegen Rabindra Nath Tagore wird sich\nwahrscheinlich der Protest aller europäischen Na-\ntionen erheben, weil es ganz gewiß nicht im Sinne\nder Stiftung ist, den größten Preis, der für dichte-\nrisches Schaffen verliehen werden kann, in die\nHände eines Mannes zu legen, der bisher nur auf\neine beschränkte Gemeinde seiner Landesgenos-\nsen . . .\" Nobel hat bestimmt, daß bei der Zuer-\nteilung der Preise keine Rücksicht auf die nationale\nZugehörigkeit genommen werden soll. Die allge-\nmeine Auffassung schließt ihren Horizont mit\nEuropa ab, trotzdem er nicht einmal über ein Zei-\ntungsfeuilleton hinausreicht. Peter Rossegger hat\nsogar eine große beschränkte Gemeinde seiner\nLandesgenossen. Eine noch größere, noch be-\nschränktere Gemeinde hat Otto Ernst und Gustav\nFrenssen. Wenn diese Gemeinden durchaus Preise\nvergeben wollen, so sollten sie es doch nicht mit\ndem Gelde Nobels tun wollen, sondern es mit\nifarem Scherflein tun. Jeder Leser zahle eine Mark,\nder Liebling hat seinen Preis und er gibt den Über-\nschuß über den Nobelpreis sicher gern der schwe-\ndischen Akademie heraus, die ihn hoffentlich auch\nso gut verwerten wird, wie sie es mit ihrem eignen\nPreis diesmal getan hat. Diese Art Dichterei der\nallgemeinen Auffassung ist keine Kunst, das Pro-\ntestieren gegen Testamente kein Recht, das Unbe-\nkanntsein von Künstlern keine Schande. Aber eine\nEhre. Die schwedische Akademie hat diesmal ver-\nstanden, die Ehre zu ehren.\nH. W.\nDer Nobelpreis und Schweden\nMan bittet mich aus Schweden um Veröffentlichung\ndieser Zeilen:\nWenn man die ausländische Presse in diesen\nTagen liest, bekommt man den Eindruck, daß nicht\nSchweden, sondern Europa den Nobelpreis ver-\nteilt. Das ist nicht ganz richtig. Schweden ver-\nteilt den Preis. Schweden ist dazu durch das\nTestament Nobels beauftragt. Und die Schwe-\ndische Akademie ist beauftragt, den Preis für Lite-\nratur zu erteilen. Zur Hilfe haben sie von Nobel\ntestamentarische Bestimmungen mitbekommen. —\nIn diesem Jahr wütet mehr als sonst der Pro-\nteststurm gegen den Beschluß Schwedens. Gerade\nin diesem Jahr haben die Preisverteiler die testa-\nmentarischen Bestimmungen Nobels genau be-\nfolgt, 'was früher wohl nicht immer der Fall war.\nWarum denn diesen Protest? Besonders von Sei-\nten Deutschlands. Deutschland kann sich wohl am\nwenigsten beklagen. Viermal hat Deutschland einen\nNobelpreis heimgetragen. Oder liegt das Geheimnis\nvielleicht gerade da? Ich weiß nicht, aber mir\nkommt es vor, als wäre Deutschland in diesem\nFalle zu bevorzugt. Welche deutschen Zeitungen\nman in die Hand bekommt, alle haben sie was\nauszusetzen, alle fordern sie im gebieterischen\nTone, daß die schwedische Akademie sich ver-\nteidigen soll. Hat Deutschland Befugnis, auf diese\nWeise aufzutreten? Hat die schwedische Aka-\ndemie die Pflicht, sich zu verteidigen? Die Nobel-\nstatuten sind in allen Zeitungen Deutschlands jetzt\nabgedruckt, und dadurch ist bewiesen, daß nach\ndem Testament alles gerecht jst. Aber der\nProteststurm schweigt doch nicht. — Ich finde,\nwenn alle Nationen, die mit der Sache gar\nn i c h t s zu tun haben, protestieren, könnte Schwe-\nden, das wohl in diesem Falle etwas sagen könnte,\nauch anfangen.\nUnd mit Recht. Wie oft hat Schweden den\nNobelpreis bekommen? Einmal. Ich glaube nicht,\ndaß es Nobels Absicht war, Schweden in diesem\nFall stiefmütterlich zu behandeln. Wenn Schwe-\nden nicht die dichterischen Kräfte hätte, aber\nSchweden hat sie und hat sie auch längst gehabt.\nTote wie Lebende hätten den Preis schon lange\nverdient. Ich nenne nur einige Namen: Strind-\nberg, Fröding, Karlfeld, Heidenstam, Hallström,\nSöderberg. Haben sie nicht den Preis eher ver-\ndient, als Paul Heyse, Sinkiewicz oder Sully Prud-\nhomme, der nach meiner Meinung wirklich gegen\ndie testamentarischen Bestimmungen gewählt\nwurde. Sein Schaffen und bald darauf auch sein\nLeben neigte sich zu Ende. Ist es denn ein Hinder-\nnis, Schwede zu sein? Nobel hat bestimmt:\n. . . auch Dichter außer Skandinavien können\nden Preis erhalten. Aber diese Worte bedeuten\ndoch durchaus nicht, daß der Preis n i e in Skandi-\nnavien verteilt werden soll. Hier liegt uns Däne-\nmark nahe. Gehört nicht Dänemark auch zu den\nberechtigten Nationen. Keiner dürfte bestreiten,\ndaß Dänemark gerade in der Literatur große Namen\nhat. Ich will nur ein paar nennen: Herman Bang,\nAage von Kohl, Pontoppidan. Es wäre wünschens-\nwert, daß die schwedische Akademie sich ihrer\nVerantwortung in diesem Falle bewußt würde.\nVielleicht wäre es ein Mittel, daß Schweden\nund nicht Europa den Nobelpreis verteilt, wenn\nSchweden anfinge, gerecht gegen sich selbst zu\nwerden. Skandinavien hat seine Großen bis heute.\nSie sollten vor allen Dingen in Schweden aner-\nkannt werden.\n\nDie Sehwermut des\nGenieBers\nRoman\nVon Artur Babillotte\nAls Johannes mit Eva in die Loge trat und die\nMenschenmenge im Zuschauerraum erblickte,\nhatte er die Empfindung, als sei das Theater der\nKern der Großstadt. Was hier geschah, das\npflanzte sich auf Luftwellen nach allen Seiten fort\nund überschwemmte die ganze weite Fläche der\nStadt.\nJohannes saß bleich und regungslos in seinem\nSessel. Die weißen Hände lagen lässig. Fast un-\nmerklich zitterten die Fingerspitzen; alle Musik,\ndie in ihm tönte, wollte ihn jetzt nicht verlassen.\nIn seinen tiefen schwarzen Augen brannten un-\nruhige Lichter; ein ganz feiner Strich über der\nNasenwurzel verband die starken Brauen mit ein-\nander.\nEvas Bewegungen waren langsamer und be-\nrechneter geworden. Sie war die Gattin des genia-\nlen Künstlers ... sie stand im hohen Leben.\nSeine Gedanken zerrten ihn immer wieder in\ndie selbstquälerische Erkenntnis, daß er den Weg\nverloren habe. Sein erstes Werk —, in wenigen\nMinuten sollte es lebendig an ihm vorüberziehen.\nAber er vermochte sich nicht zu freuen. Er hatte\nsich losgesagt von dem, was einmal seine Stärke\nund seine Zuversicht war, um dieses Werk zu\nschaffen. Ein Höheres hatte sich ihm dargebo-\nten ... . Er litt unendlich unter diesen Gedanken.\nEr saß und quälte sich. War es denkbar, daß\nder Anblick der Großstadt dies alles hervorrief?\nWar dieser Eindruck so groß, daß er den Zusam-\nmenbruch alles Halben, alles Wertlosen in seiner\nSeele bewirken konnte?\nEva fand kein Ende des Schauens und Stau-\nnens. Da er aber regungslos blieb, schmollte sie.\n— Ich begreife dich nicht. Heute solltest du\nwirklich keine schlechte Laune haben.\nEr hörte nicht, als säße er meilenweit entfernt\nin irgend einer Verlassenheit. Eine Reue, die mit\nplötzlicher Wildheit in ihm aufgesprungen war,\nverbrannte ihn. Alle Hoffnungen, alle Freuden\nlagen zertrümmert zu seinen Füßen ein armer\nRest fröhlichen Hochmuts. Nichts war geschehen,\ndie Tage waren vorübergegangen in ewiger Be-\nhaglichkeit, mit Schauen und Betrachten. Aber\ndieses Schauen und Betrachten hatte keine Reich-\ntümer in ihm angehäuft.\n... Im Orchesterraum wurden die Instrumente\ngestimmt. Jetzt atmete Eva auf.\n— Das klingt ganz heimatlich, sagte sie. Als\ner wieder nicht antwortete, streichelte sie ihn. Er\nschrak auf.\n— Jaja, lächelte er teilnahmlos. Ich glaube, du\nhast Recht . . . Und versank aufs neue in seine\nNot.\nEine laute Stimme riß ihn aus seiner\nQual. Der Vater trat durch die Tür. Hinter ihm\ntraten die Eltern Evas herein.\nJohannes freute sich nicht. Im ersten Augen-\nblick, als er erfuhr, daß der Vater zur Aufführung\nkommen würde, hatte er heimlich gejubelt. Aber\nals er dann dem Mann gegenüberstand, zum ersten\nMale nach Jahren, und als der Vater ihn begrüßte,\nwar alle Freude gestorben. Da hatte er erlebt,\ndaß er dem Vater nur den Leib verdanke.\nDie Eltern Evas hatten sich bescheiden in die\nzweite Reihe gesetzt. Das straff anliegende\nschwarzseidene Kleid der Mutter wurde von der\nDämmerung im Hintergrund der Loge aufgesogen;\nwie ein verschwommener gelber Fleck stand das\nschmale Gesicht mit dem grauen Haar vor der fin-\nstern Rückwand. Der alte Beamte rückte un-\nsicher hin und her. Seine grauen Augen rollten.\nEr war verlegen, fremd und hilflos in dieser Feier-\nlichkeit.\nEiner, der wie ein heiliger Gedanke hinter den\nandern herein gekommen war, lehnte in der Ecke.\nAll das Neue, das Laute, Bunte, Ruhelose hatte\nihn berauscht. Jetzt war er nicht mehr nur der\nschlichte Arbeiter Jörg Martin, jetzt war er einer,\nder vor einer breiten Treppe stand, die in das\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.6", "texte": "Licht führte; schon hatte er einen Fuß auf die\nerste Stufe gesetzt. Jetzt war die Zuversicht des\nFreien über ihn gekommen. Wie dankbar war er\ndiesem Manne! Er, der Arbeiter mußte schweigen,\nwenn gesprochen wurde. Aber von dem größeren\nWerk des Künstlers verstand er alles. Einem un-\ngestümen Drang gehorchend tat er zwei Schritte\nvorwärts, ergriff die Hand des Künstlers und\nschüttelte sie.\nDer Arbeiter mußte sich neben ihr setzen. Das\nzweite Klingelzeichen schrillte auf. In einem tiefen\nAufatmen wehte eine plötzliche Stille durch den\nSaal. Der Vorhang rauschte langsam empor.\nVon diesem Augenblick an war Johannes selt-\nsam verändert. Als hätte der Vorhang all sein\nkünstlerisches Mitgenießen, seine ungemeine\nEmpfänglichkeit für alle Schmerzen und Härten,\ndas Gefühl seines Verwachsenseins mit seiner in-\nnern Welt in die Höhe entführt. Nun saß er außer\nsich selbst. Er hatte dieselbe Empfindung wie in\njener Nacht, als er, im Boot den Fluß hinabtrei-\nbend, die ganze Weltgeschichte erlebt und aus\nallen Geschehnissen die Musik herausgehört hatte.\nWie damals sah er in weiter Ferne einen Menschen\nsitzen, in dessen Gesicht die Leiden einer iiber-\nsensitiven Seele ihre Furchen gegraben hatten.\nDieser Mensch war er selbst. Im Kampf mit sich\nselbst als Feind seiner eigenen Veranlagung hatte\ner in sich jene Vision zu einem wirklichen Ge-\nschehnis gemacht, durch Leid und Irrtum war er\nwürdig geworden der Kraft, sich selbst betrachten\nzu können, wie er jeden Menschen betrachtete,\nohne Haß und ohne Liebe, aber mit freudiger Ehr-\nlichkeit. Seit jener hohen Sommernacht, in der er\nRückblick und Ausschau gehalten, war er einen\nfalschen Weg gegangen; statt anders sein zu wol-\nlen, als die Menschen, weil er anders sein mußte,\num sie zu sich emporziehen zu können, hatte er\ndem Wahn gehorcht, er müsse sein wie alle Men-\nschen, um allen Menschen helfen zu können. Wie\neine Erlösung schlug diese Erkenntnis an seine\nSeele bevor noch der erste Ton seines Werkes er-\nklungen war.\nEine tiefe Andacht unterdrückte jeden Laut und\njede Gebärde; die vielen Menschen saßen in feier-\nlicher Sammlung. Erhaben und schweigend lag\ndie Toteninsel vor ihnen. Dann hauchte eine Flöte\nim Orchester einen langen zitternden Ton. Er\nstrahlte empor wie eine Sehnsucht, die lange\nschweigen mußte. Da begannen scheue Töne um\nden ersten zu spielen, umkräuselten, umtanzten,\ntimsc langen ihn. Ein wunderbares Weben ge-\ndämpfter hoher Föne ließ aas große Schweigen\nleise erzittern. Und plötzlich grollte ein dumpfer\nTon dazwischen, schwer und hart . . . Ueber das\nMeer kam ein Kahn langsam und lässig. Der das\nRuder führte, blickte aus kecken Augen. Seine Be-\nwegungen waren stark und sicher; seine ge-\nschmeidigen Glieder kündeten unendliche Lebens-\nfreude. Vorn im Kahne aber saß einer, der aus\nscharfen Augen ausspähte und das feierliche Toten-\nreich mit seinen Blicken aufzusaugen schien. Im\nOrchester schwoll das Weben der hohen Töne zu\neinem schrecklichen Getümmel an. Und im Kahn,\nder mit den scharfen Augen, sang: Es lebe das\nLeben in alle Ewigkeit!\n. . . .'Der Kahn bog majestätisch nach der Ein-\nfahrt. Der Gesang des Mannes mit den scharfen\nAugen wurde lauter, die hohen dtistern Felsen\nwarfen ihn grollend zurück.\nEin Gewaltiger trat aus einer Felsentür, tat\nzwei langsam — gemessene Schritte, stand finster\nund reglos am Terrassenrand. In düstern Augen\ndrohte aer Zorn. So stand er: hart, unbeugsam,\nDer im Kahn lachte. Lachte, daß die Zypressen\nängstlicher zitterten. Das Leben kommt, schrie\ner. Der Tod soll sterben!\nLangsam reckte der Gewaltige auf der Terrasse\nden Arm und wies in die weite Ferne. Dort irgend-\nwo lag das Land des Lebens. Dorthin mochte der\nim Kahn zurückkehren, bis . . . ein leises Lächeln\nrieselte über die finstern Züge.\n„Ich kenn dich!\" sang der Kecke im Kahn. „Du\nbist Napoleon Buonaparte, und einst war .ich dein\nlieber Qefährte ...\"\nIm Orchester klang eine Melodie auf, die zwi-\nschen Hohn und Wehmut hin- und herzitterte.\n,Das ganze Elend dieses Mannes, der da im Kahne\nsaß und höhnte und im Herzen blutige Tränen\nüber sich selber weinte, klagte in dieser Melodie.\n„Ich kenne dich! Ich kenne dich!\" lachte der\nim Kahn. „Komm mit mir. Verlache diese törichte\nInsel . . . siehe! dann wird sie nicht mehr sein.\nKomm mit, das Leben blüht immer noch auf\nErden.\"\nStarr und unnahbar wies der Gewaltige mit\nstraffem Arm in die Ferne.\n„Ich bin Napoleon Buonaparte. Mein Wille\nwollte eine Welt beherrschen. Er zerbrach an\nihr. Aber ich habe mir eine andere Welt er-\nobert. Diese Insel der Toten ist mein Reich. Ich\nbin der Minister des Todes. Du, Schwächling,\nblöder Genuß —: einst warst du mein Sklave.\nIch habe dir längst die Freiheit gegeben. Gehe\nzurück in die Erde. Einst wird auch dein Tag\nkommen.\"\nTrotzig fuhr der Kahn des Genusses an den\nbeiden weißen Säulen vorüber . . ~ schon nahmen\nihn die Schatten der hohen Zypressen auf. Da\nließ Napoleon den Arm sinken:\n„Du willst mit mir kämpfen, Wahnsinniger!\nHier muß jeder Kampf zugrunde gehen.\"\nDie Musik begann leise und endlich immer\nlauter zu spotten, zwei kämpfende Mächte. Fun-\nkelnden Blickes maß der Genuß den Gewaltigen\nder Toteninsel.\nDer lächelte sein finsterstes Lächeln und winkte.\n„Aus diesen Felsenwohnungen wirst du die\nGroßen der Erde treten sehen. Sie werden an dir\nvorüberwandeln, stumm; aus ihren Mienen aber\nund ihren Gebärden wirst du die große Weisheit\nlesen: Wer sein Werk getan hat, soll schlafen.\"\nEin lächelndes Motiv, fast ländlich in seiner\nSchlichtheit, schlang sich schmeichelnd um die\nspottenden Töne, umstrickte sie, erstickte sie\nendlich mit der Kraft seiner gesunden Lieblichkeit.\nDer Blick des Kecken ward unsicher und unwil-\nlig. Und aus den Felsen klagte eine abgerissene\nMelodie. Mädchen sangen mit halben Stimmen.\nSie ahnten den Feind, das Leben, und wehrten\nihm, einzudringen in die Heiligkeit ihrer ewigen\nRuhe. Da lächelte der Kecke wieder und sang\nein Trotzlied.\n„Wähnst du, Napoleon, ich fürchte das Jam-\nmern der Dirnen? Ich kam, um dich zurückzu-\nrufen in die Herrlichkeit des Lebens, ich biete dir\ndie Herrschaft über die Erde an . . . Und\nsträubst du dich, mir zu folgen — ich habe ein\nMittel, dich zu zwingen!\"\n„Mich zwingen? Häufe alle Schönheit der\nErde vor meine Füße — ich lache ihrer! Hast\ndu mich je gekannt, du König der Oberfläche?\nWeißt du von meinen Schmerzen, wenn alle mein-\nten, ich sei ein Gott im Flitter meines Ruhms und\nmeiner Macht? Wenn ich Tausende von Men-\nschen in Nacht und Sterben peitschte, war ein\nKinderlächeln in meiner Seele und hat um Er-\nbarmen für die Opfer gefleht. Tor, der du bist\nwie der Schaum des Meeres!\"\nEin leises Rauschen von vielen Schritten\nknisterte aus den Felsentüren hervor. Nun hob\ndas Tönen der Weltgeschichte an. Alle Heroen\nschritten hervor, stumm und lächelnd — selbst\nNero, der unglückliche Mörder, lächelte —, wink-\nten abwehrend gegen den Kecken hin. Er stand,\nund zitterte. Der Gewaltige aber starrte in den\nfeierlichen Umzug, Eine Hymne begleitete die\nSchritte der Helden; zuweilen jauchzte eine über-\nmütige Flöte ihren hohen Jubel dazwischen. Zu-\nweilen auch dröhnte wie ein schweres Wetter ein\nPaukenwirbel. Man empfand das schreckliche Ge-\ntümmel großer Schlachten, hörte den Flügelschlag\nder edlen Geister aller Volker — — Ueber all\ndiesem Getümmel und Gewoge aber lag der Duft\nder Ruhe. Da war kein Mißklang, der nicht sein\nendliches Zerfließen in Wohlklang wenigstens hätte\nahnen lassen; da war keine Grausamkeit, der\nman nicht die heimliche Sehnsucht nach Frieden\nnachempfand. Kein Judaslächeln, das nicht ganz\nleise geflüstert hätte: Alles wird einmal ein gutes,\nstilles, versöhnendes Lächeln sein.\nDem Künstler war das Höchste gelungen: Er\nhatte der seltsamen Welt, die in ihm lebite, sicht-\nbares Leben verliehen. Er zwang in die Wahr-\nheit seines Bekenntnisses: Alles Geschehen und\nalles Nichtgeschehen, alles Reden und Schweigen,\nalle Bewegung und aller Stillstand, alles ist Musik\n— zu glauben.\nEine unendliche Seligkeit hob in ihm zu tönen\nan; seine Seele lächelte wieder. Und jetzt lernte\ner verstehen, daß keiner, der in den Niederungen\nwandert, den Leidensgefährten zu helfen vermag.\nWie in jener Nacht an ihm, so zogen jetzt die\nTaten der Weltgeschichte an den Menschen vor-\nüber. Diese Menschen empfanden die fehlende\nHandlung nicht als Störung. Die Harmonie zwi-\nschen den Tönen, den Farben und den Gebärden\nbeherrschte sie. Das Kunstwerk hielt sie fest und\nzerstreute alle klugen Einwände des Verstandes.\nJetzt war der Kecke umkreist. Während die\nersten Helden wieder in das Schweigen der Fel-\nsen zurücktauchten strömten immer neue Kämp-\nfer hervor, die sich dem feierlichen Zuge an-\nschlössen. Der Kecke zitterte. Ein Funkeln stob\naus seinen Augen.\n„Napoleon, starker Kämpfer! Der Tod hat\ndiese hier besiegt; sie lächeln verachtend über\ndas Leben. Aber ich will sie dem Leben wieder-\nerobern. Sie und dich!\"\nUnd er durchbrach die Reihe der wandelnden\nHelden und sprang zum Rand der Terrasse und\njauchzte durch die hohlen Hände über das weite\nMeer:\n„Herbei, du Leben, du Süßes, du Holdes, du\nEwiges!\"\nDas Getümmel der Töne verstummte, die Mo-\ntive wurden ärmer, verblichen. Und endlich klang\nnur eine Flöte . . . Sie hauchte wieder den lan-\ngen zitternden Ton, der wie eine langverhaltene\nSehnsucht emporstrahlte. Der Gewaltige starrte\nvor sich hin, wunschlos. Bleich ließen die Helden\nihre Blicke über das weite Meer hinwandeln . . .\nUnd abermals kam ein Kahn. Er glitt über die\nstillen Wasser wie ein lebender Blumenberg. Ein\nliebliches Singen zitterte daraus hervor . . . Ein\nschlichtes fröhliches Mädchenlied. Mit schmei-\nchelnden Händchen streichelte es die starren Fel-\nsen und erweckte in den Herzen der Helden süße\nWehmut. Ihre Mienen wurden weicher, die Starr-\nheit ihrer Haltung löste sich. Sie schienen leben-\ndige Menschen zu werden. Mit ihren gebroche-\nnen Stimmen antworteten die Mädchen aus den\nFelsenhöhlen, priesen die Seligkeit des Todes, san-\ngen von der ewigen Ruhe der ernsten Insel. Hell-\nauf lachte das Leben, das im Blumenboot saß . . .\nDas Orchester jagte drei engzusammengeballte\nTöne durch alle Oktaven bis in die höchsten\nLagen.\nEs jauchzte der Kecke, stürmte die Stufen-\nhinab zur schmalen Einfahrt, grüßte das Boot mit\ntiefem Neigen. Hochauf richtete sich das Leben."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.7", "texte": "Ein Aufatmen im Zuschauerraum, bis hinauf in\ndie Winkel der Galerie. Mia Mirana, die Ge-\nfeierte! Ihre Augenstrahlen durchströmte alle.\nSie ahnten die Schönheit innerer Harmonie; sie,\ndenen das kühle Leben Tag um Tag den Stachel\newiger Ratlosigkeit ins Fleisch bohrte, empfanden\nihre eigene Zerrissenheit.\n. . . Johannes aber erschrak, als er nach Jah-\nren wieder das Weib sah, das ihn gerettet hatte\naus der Nacht des Dahinlebens. Die Vergangen-\nheit stieg auf. Alle Tage standen in blauem\nGlanz . . . aber wie ein schmutziger Schleier leg-\nten sich die Geschehnisse der letzten Monate dar-\nüber. All das Elend dieser letzten Monate, alle\ndie Seufzer, die Klagen, die Verzweiflungstaten\nverdunkelten ihm den Blick.\nAlle Freude über sein Werk, die aufs Neue in\nihm emporgeblüht war, sank zurück. Alle Hoff-\nnungen beim Anblick seines Werkes stürzten ein;\neine große Angst peinigte ihn und machte ihn\ngleichgültig gegen Töne und Farben. Er blickte\nnicht mehr nach der Bühne; das Weib, das eben\nden Fuß auf das Erdreich der Toteninsel setzte,\ndrängte sich ihm auf wie eine Anklage . . .\n„Gegrüßt, du süßes, herrliches Leben, gegrüßt\nseist du!\" sang der Kecke und führte das Weib die\nStufen hinan zur Terrasse. Das Orchester be-\ngann, üppige Tongirlanden zu winden, ein blühen-\ndes Blumenmotiv schlang sich in die weich ver-\nhauchende Klage der Inselmädchen. Finster stand\nNapoleon Buonaparte, er erwartete das Leben.\nUnd als Napoleon dem Leben in das strahlende\nAntlitz blickte, erschrak er. Dies war die Frau,\ndie er geliebt und seinem Leben geopfert hatte.\nDies war Josefine, die kam, ihn zurückzurufen in\ndie Pracht stolzer Erdentage.\n„Napoleon Buonaparte!\" lächelte das Weib.\n„Ich komme, dir das Lied des Lebens zu singen.\nUnd ist mein Lied zu Ende will ich bescheiden\nwieder von dannen fahren.\"\nLächelnd breitete sie die Arme aus nach dem\nweiten Meer. Und die Helden flüsterten und konn-\nten keine Lösung dieses seltsamen Geschehnisses\nfinden.\n„Singe, du Herrliche, du Süße!\" jubelte der\nKecke und beugte ein Knie vor ihr. „Singe! Du\nwirst die Macht des blöden Todes zersingen .\nEin wehmütig-süßes Klagen setzte im Or-\nchester ein; ergreifend schlicht schwebten die\nTöne aus der Tiefe und zerschmolzen. Als sei\neine alte Volkweise auferstanden und komme nun\neinher in ihrem seltsamen Gewand und zwinge\nin der nüchternen Pracht der neuen Zeit alle zu\neinem versonnenen Lächeln. Schlicht und lächelnd\nerklang die Stimme der Künstlerin. Sie riß hin\nin ihrer Einfalt. Ihre langsam und ruhig in die\nFerne schwebende Stimme schien dieses abge-\nschiedene Reich des Todes mit der fernen Erde,\nmit ihren Blumen und Bäumen, ihren Städten und\nLandschaften zu verbinden. Man empfand in ihrer\nStimme das Duften des Frühlings, das tiefe\nLachen selig wandelnder Paare; man empfand\ndarin die gütige Sonne südlicher Länder und die\nfarbige Pracht hoher Berge und weiter Ebenen.\nMit geschlossenen Augen trank Johannes diese\nberauschende Stimme. Und während er dasaß,\nversunken in genießende Schwermut, erlebte er\ndie blaue Stunde seiner Kindheit.\nUnd die Künstlerin sang. Ihre sammtne\nStimme wurde härter und stolzer. Ein Triumph-\nlied des Lebens sang Mia Mirana.\nAber der Gewaltige lächelte kein versöhnendes\nLächeln. In seinen Mienen stand zu lesen:\n„Selig ist die Insel der Toten. Aber ein\nSchrecken das Reich der Lebendigen.\"\n„Ich liebe dich, Napoleon Buonaparte! Du hast\nmich verstoßen, als ich noch Josefine, dein Weib,\nwar. Und mit mir hast du das Leben verstoßen.\"\nZornig zerriß ihr der Gewaltige das anklagende\nLied.\n„Du törichtes Weib! Unendlich dankbar bin\nich dem Schicksal, das mich würdig befand, in\nEinsamkeit zu leben. Die Vorbereitung auf das\nLeben im Reiche des großen Schweigens. Nicht\nviele sind schon im Leben stark genug, das große\nSchweigen tragen zu können.\n„Ich liebe dich, Napoleon Buonaparte,\" jam-\nmerte das Weib. „0, stoße mich nicht zurück.\"\n„Herrin,\" flüsterte der Kecke, „vergiß nicht,\nwas uns hergeführt. Den Tod zu töten, gilt es.\nNicht diesen Einzelnen dem Leben wiederzuge-\nwinnen.\"\nUnd das Leben reckt sich auf.\n„Das Höchste ist ein Heldenleben! Ist es nicht\nSchmach, tatlos in trägem Schweigen dahinzu-\nleben? Auf, ihr Tapfern, ihr Großen, zurück in\nden Kampf. Ewig kämpfen — das ist die Sehn-\nsucht und das Glück aller Großen.\"\nLächelnd schütteln die Helden ihre Häupter.\nKeine Sehnsucht ist in ihnen, nur Erfüllung. Und\nNapoleon Buonaparte sagt dem Weib mit leiser\nWehmut:\n„Alle Liebe ist vergänglich. Ich liebte dich\neinst. Aber es starb diese große Liebe. Denn\neine größere hat mich erfaßt, die Liebe zu den\nMenschen. Ich opferte Unzählige. Die Wenigen\nich, um die Vielen zu retten.\n„Ich kam. um dich dem Leben wiederzugewin-\nnen, Napoleon, ich litt am Leben und wollte, daß\ndu mir tragen helfen solltest. Daß alle, die je-\nmals waren, mir tragen helfen sollten.\"\nJäh zerriß die traurige Musik. Eine schreck-\nliche Stille öffnete sich. Und in diese Stille hin-\nein warf der Kecke ein Zorngelächter.\n„Feiges Leben! rief ich dich, daß du winseln\nsolltest? Besiegen solltest du den Tod, aber der\nTod hat dich besiegt. Was bin ich, wenn du\nnichts bist? Wo du hinkamst, folge ich dir und\ngab den Menschen Genuß . . .\"\nHoch auf bäumte sich das Leben.\n„Schon lange verachte ich dich. Wo du die\nHerrschaft ergreifst vergehen die Menschen. Wie\nmaßlos bist du auch hier! Du kamst, den Tod zu\ntöten.\"\n... In majestätischer Ruhe floß das Werk sei-\nnem Ende entgegen. Das Leben, das in Sehn-\nsucht und Not gekommen war, es hatte im Reich\nder Toten die Bescheidenheit gelernt. Der Genuß\naber, der in der Gier, den Tod zu töten, es über\ndas weite Meer herbeigerufen hatte, — gedemütigt\nkauerte er ganz im Hintergrund. Die Insel lag in\neiner sanften Dämmerung.\nMia Mirana stand vor dem Gewaltigen, süß\nund hinreißend, in den Augen das weiche Leuch-\nten einer neuen Erkenntnis:\n„Nun will ich zurück zu meinen Menschen\nfahren. Ihnen die Stille zu verkünden. Sie wür-\ndig zu machen des großen Schweigens. Du aber,\nGenuß, willst du mir helfen?\"\nDemütig näherte sich der Genuß. Gebeugten\nHauptes sprach er:\n„Wer bin ich, wenn du nicht bist? Ich folge\ndir. Ich will sie lehren, wie sie dieses Schwei-\ngen in Vornehmheit genießen können.\"\nHart und eigensinnig dröhnte im Baß ein ein-\nzelner Ton und suchte sich immer wieder in das\nbrausende Jubeln der andern zu drängen. Flinke,\nkurz angeschlagene Töne kletterten gewandt über\ndie feierliche Melodie hinweg. Dort zwitscherten\nsie, wie fröhliche Vögel, kicherten wie paus-\nbäckige Englein und sprangen davon. Einige\nTakte lang klang nur die feierliche Melodie, be-\ndrängt von dem tiefen, eigensinnigen Ton; dann\nkamen die vielen Flinken wieder, tänzelten ein\nWeilchen auf ihrer Höhe und stürzten sich dann\nHals über Kopf hinab, umringten den harten\ntrotzigen Ton und erstickten ihn. Triumphierend\nschwoll die feierliche Melodie an. Die kleinen\nFlinken kicherten lustig und liefen dann sittsam\nnebenher.\nLangsam stieg Mia Mirana von der Treppe her-\nab. Der Kecke löste dienstfertig das Blumen-\nboot . . . Langsam glitt das Boot hinaus auf das\noffene Meer. Der Chor der Helden sang ein Tri-\numphlied, der Kecke bestieg sein Boot und ruderte\ndem Leben langsam und ehrerbietig nach.\n. . . Erst als sie den Vorhang niedergleiten\nsahen, erinnerten sie sich, wo sie waren. Ein\ntosender Beifall stob auf. Eine solche Bewun-\nderung hatte sich während dieser zwei Stunden\nin ihnen angesammelt, daß sie sich mit einem lang\nandauernden Händeklatschen davon befreien\nmußten. In jedem der Zuhörer hatte dieses My-\nsterium eine Saite angeschlagen, die im unruhigen\nEinerlei des Alltags selten zum Klingen kam, in\njedem war eine Sehnsucht geweckt worden.\nDer Künstler, emporgerissen vom Jubel der\nMenschen, strich sich mit der freien Hand über\ndie Augen. Ihm war in diesen Stunden eine Of-\nfenbarung geworden. Die blaue Stunde war wie-\nder lebendig in ihm geworden.\n. . . Stimmen, die seinen Namen riefen, mach-\nten ihn verwirrt. Er erschrak, als er plötzlich den\nJubel der Hingerissenheit vernahm. Wie an je-\nnem Abend, als er im Konservatorium der kleinen\nStadt vor andächtigen Zuhörern gespielt hatte und\nmit Beifall überschüttet worden war, begann seine\nSeele in Schern zu zittern. Wie damals kam er\nsich als Verräter an der Kunst vor. Die Stim-\nmen, die nach ihm riefen, mehrten sich. Der Vor-\nhang ging zum vierten Male in die Höhe.\nDie Stimmen riefen immer ungestümer. Alle\nKöpfe waren nach seiner Loge gewandt.\nGehen wir! sagte plötzlich Johannes ganz klar\nund bestimmt. Seine Stimme war kalt und feind-\nlich. i\nMit harten Schritten trat er aus dem Halb-\ndunkel der Loge. Er sah sich nicht um, ob ihm\ndie andern folgten. Und als ihm die scharfe reine\nLuft der Januarnacht gegen die Stirn prallte,\natmete er tief und schüttelte allen Unmut von den\nSchultern, unendlich beglückt. Die Erkenntnis,\ndaß die Vergangenheit streng und unerbittlich ist\nund daß aus ihr alle Taten und Werke der Men-\nschen erblühen, diese Erkenntnis war ihm zu\nlebendigem Besitz geworfen. Jetzt hatte er wie-\nder sein Erdreich gefunden darin er wachsen und\nFrüchte bringen konnte. Je tiefer er sich in die-\nses Wunder versenkte, umso leuchtender stand\ndie Gestalt der Mutter vor ihm. Sie war es, der\ner die blaue Stunde seiner Kindertage verdankte;\nsie war es auch, die ihn auf seinen Weg zurück-\ngeleitet hatte, indem sie vor ihm erschien, her-\nbeigerufen durch die Kraft seines Werkes. Das\nHeiligste, was es in seinem Leben gab, war die\nErinnerung an die Mutter. Vor ihr hatte er ge-\nkniet in Stunden der Entzückung; sie hatte er\nvergessen in den Tagen des falschen Weges; zu\nihr war er jetzt wieder zurückgekehrt, und ihre\nreiche Seele war eingegangen in den Leib des\nWeibes, das einst seine Geliebte war.\n. . . Der Künstler hatte Mia Mirana schriftlich\ngebeten, ihn nach der Vorstellung zu treffen. Er\nfieberte in heißer Unruhe. Er hatte Augenblicke,\nin denen er nicht stark genug zu sein glaubte, ihr\nfroh und unbefangen gegenüberzutreten.\n\nFortsetzung folgt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131201-01.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts ton*-\niauiend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vom\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Narnen nur dun#\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeil®\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verla*\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeiget» behält s.ich der Ver«\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt:\nF. 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Jamiar ab 20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch aile Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndnrch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. 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Ar-\nch i p e n k o / Arbeiten in Stein / Stu-Jlen-\nder Stilarten\nPremier livre simultane / Blaise Cendrars j\nLa Prose du Transsiberien et de la Petite Jehanne\nde France / cculeurs simultanees de Mme Sonia\nDelaunay- Terk / Edition unique, atteignant\nla hauteur de la Tour Eiffel (vol. 10X36 cm\n2 metres) 150 exemplaires, dont 8 sur Parche-\nm i n ,couverture a la main, chevreau noir Prix\nnet Frs. 500— / 36 sur Japan-Imperial, cou-\nverture a la main, parchemin Prix net Frs. 100 /\n106 sur Simili-Japan, couverture a la main\nchevreau noir Prix net Frs. 50— / Tous les exem-\nplaires sont signes pas les Auteurs et numerotes a\nla presse / Edition des Hommes Nou-\nveaux, 4 rue de Savoie, 4 Paris / De-\npot: Der Sturm Berlin W Potsdamer-\nstraBe 134a / Prospectus gratuit\nWiener Buchhandlung fiir moderne Literatur und\nKunst Hugo Heller & Co. Wien I Bauern-\nmarkt 3 / Reichstes Lager bibliophiler Literatur /\nStandige Buchkunstausstellung / Im Oberlichtsaal\nstandige Ausstellung moderner Graphik / Regel-\nmaBige Dichterabende vor geladenen Gasten\nEdmund Meyer / BuchhSndler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiitzow 5850 I Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur alier Zeit / Wertvolle und seltene Budier\nieder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nDer Horen-Verlag (Charlottenburg) veroffentlicht\nLuxusdrucke moderner Autoren, graphische Blat-\nter und Mappen starker junger Kiinstler. Sach-\nlich beispielhafte Ausstattung. 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Sollte gleichwohl eine solche in meinem\nArtikel zu finden sein, so wiirde ich dies bedauern.\nHerwarth Walden"}]}