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Nach der Erschütterung von Taines evo-\nlutionistischem Determinismus ist es allerdings\nkeine Gewohnheit mehr, dem Milieu eine solche\nMacht beizulegen, als ob es mit gewisser Not-\nwendigkeit die Richtung und den Charakter des\nkünstlerischen Schaffens bestimmen würde. Es\nist wahr, daß das Milieu an sich unbestimmt und\nformlos ist, wie eine Nebelwolke, aus der nur\neinige mehr charakteristische Emotionen des\nGeistes wie scharfe Kanten und Strahlen empor-\nsteigen, die aber trotzdem nicht genügen, um inner-\nhalb des geistigen Milieus die Struktur zu bilden.\nAber gerade in dieser Indifferenz liegt es, daß das\nkünstlerische Milieu ein zweckmäßiges Stadium\nfür die Möglichkeit eines neuen Ausdrucks ist.\nDenn die Kunst enthält in sich einen Drang nach\nOrganisierung dieses unbestimmten Stoffes, ähn-\nlich wie wenn eine philosophische Idee entsteht,\ndie für diesen Augenblick nützlich ist und\nihm eine überraschende und selbstverständliche\nOrdnung einprägt. Durch einen zweckvollen ent-\nwicklungsmäßigen Instinkt geführt, setzt sich der\nKünstler in dieses Stadium ein und ruft in ihm eine\nArt magnetischer Störungen hervor; seine Auf-\ngabe ist es, das Milieu in der formalen Hinsicht\nzu organisieren, während das Milieu wiederum\nihn in Inhalt und Eigenschaften umändert.\nDie Wahrheit eben ist darin, daß alle Möglich-\nkeiten des neuen Ausdrucks in diesem bildungs-\nfähigen, von Energien durchdrungenen Milieu sich\nbefinden, im Milieu erfüllt von Energien, die der\nKünstler zu konsequenter Harmonie, System und\nzur konstruktiven Vereinheitlichung benützen soll,\nund daß hinter einer jeden künstlerischen Gebärde,\nhinter einer jeden neuen Form ein Triebwerk und\neine Summe von Dingen ist, die die gegenwärtige\nWelt bilden; für ein bewußtes Individuum ist aber\nwohl die größte und umfassendste Sache der\nWelt seine Anschauung.\nDer Zusammenhang mit den Dingen des Mi-\nlieus ist der erste charakteristische Zug der moder-\nnen Kunst. Das neue Milieu ist wie eine neue\nRegion, die zum Durchforschen und Durchmessen\nlockt. Sobald das Gefühl des veränderten Milieus\nentsteht, stellt sich gleich eine lebendige Sehn-\nsucht nach dem neuen Geschmack, nach bisher\nverborgener Form und nach einer neuen gegen-\nwärtigen und rein modernen Schönheit ein. Vor\nallem konnte der moderne Geist mit seiner For-\nschungslust, Schärfe und seinem Durchdringungs-\nvermögen nicht vernachlässigen, die Veränderun-\ngen und neuen Situationen auszunützen, die für ihn\nentstanden sind. Das ganze neuen Leben ist durch-\nsättigt von Sehnsucht nach dem Geheimen und von\ndem Willen, es durchdringend zu erfassen, was in\nder Wissenschaft auf einem mühevollen, kriege-\nrischen Wege geschieht, in der Kunst aber, auf\ndem Wege der Schönheit und der Emotion.\nDie moderne Zeit ist ihrem Charakter nach\nantinaturalistisch: sie überwältigt die Natur, be-\nmächtigt sich ihrer und bildet eine künstliche Welt,\ndie durch die gewaltigen Fähigkeiten des Men-\nschen geleitet wird; mit allem, was bis jetzt er-\nrungen wurde mit der Technik, dem Scharfsinn\nund der Praxis, mit der Sicherheit und Selbstver-\nständlichkeit, mit Kenntnissen, mit Härte und Kraft,\nmit all dem stellen sich die Menschen gegen die\nangeblich bedrückende Macht des Schöpfers und\nder Natur. So verändert sich auch in der Kunst\nder rohe, naturalistische Charakter durch einen\nwirksamen und unendlich tiefer arbeitenden Geist,\nals es die bloße Umschreibung und Nachahmung\nder Wirklichkeit in den vorigen Perioden war.\nHier herrscht ein mächtiger Druck der geistigen\nPrinzipialität und Absichtlichkeit, der den deka-\ndenten Perioden ganz und egal fehlt. Der Natura-\nlismus weiß sich der Gegenstände nicht anders zu\nbemächtigen, als durch ihre Nachahmung, fast so\nwie die australischen Wilden glauben, daß man\ndie Tiere nachahmen müsse, damit sie sich fangen\nlassen; dagegen ist die Prinzipialität wie Mathe-\nmatik, die sich der Größe und des Umfanges der\nKörper bemächtigt, indem sie sie in Differentiale\nzerteilt und dann in einen neu abstrahierten Um-\nfang integriert.\nDie moderne Kunst wird sich anderer Aufgaben\nbewußt; ihr genügt es nicht, die Natur zu ver-\nmehren, selbst wenn sie durch das Temperament\ndes Künstlers verschönert wäre, so wie die Photo-\ngraphie nicht ausreicht zur inneren Erkenntnis der\nSache und so wie die geistige Existenz und das\nWesen eines berühmten Mannes nich* durch\nBronze- und Metallabgüsse seiner populären\nBüste vermehrt werden. Die wesentliche Verän-\nderung, die in unseren Zeiten die Kunst durchlebt,\nist bedingt durch die Sehnsucht nach dem Unbe-\nkannten, nach neuen Eindrücken, nach einer neuen\nWelt. Dieser innerliche Ursprung verleiht der\nneuen Kunst einen eigentümlichen, besonders ge-\nfühlsartigen Ausdruck.\nWir haben Malerei des Gefühls, Architekten\ndes Gefühls, und Gefühlsdichtung, in denen allen\ndas Gefühl sich nicht durch eine Stimmung aus-\ndrückt, sondern durch eine Unterbrechung der\nRuhe. Die moderne Kunst ist eine starke Sehn-\nsucht nach der Ueberwindung der Rea-\nlität. Schon dadurch, daß sie prinzipiell ist, reißt\nsie sich von der lebendigen und rohen Wirklichkeit\nlos und ihr Streben liegt ganz in der Umwertung\nder massiven Dynamik des Lebens in die Kon-\nstruktion und in eine abstrakte Oberfläche, die\ndurch das Durchfluten des Geistes beseelt wird.\nIhr schöpferischer Prozeß ist Vergeistigung und\nFormgebung, die Umänderung der Welt in den Zu-\nstand der Idealität, in eine Summe autonomer, For-\nmen. Aber selbst das Wort „Form\" gewinnt eine\nandere Bedeutung; es bedeutet nicht mehr eine\nschmückende Form, denn darin wäre für den mo-\ndernen Geist zu wenig des Praktischen, Reinlichen\nund Fachmännischen; es bedeutet auch keine Na-\nturform den Naturgegenständen nachgeahmt, der\nphysischen Welt abgelauscht. Die moderne Form\nist sachlich, sie ist weder eine Imitation der\nGegenstände, noch ein Symbol der Dinge, son-\ndern sie selbst ist eine Sache, die davon un-\nabhängig ist, ob sie irgendwelchen Naturgegen-\nständen ähnlich sieht oder nicht. Der besondere\nCharakter der modernen Kunst ist also teilweise\ndas Gefühl, der Zustand der Emotion, teilweise ein\nklares und sicheres Bewußtsein der Prinzipialität,\neine bestimmte bewußte rationelle Logik des künst-\nlerischen Schaffens, und endlich ein Wagen, Er-\nfinden und Prüfen von neuen Ausdrücken, die ihrer\nNeuheit wegen lockend sind. Diese drei Faktoren\nsind die gegebenen und bestimmten Größen in der\nunbestimmten Gleichung der gegenwärtigen\nKunst. Ein unbestimmter und veränderlicher Wert\nist die tiefe Originalität der ersten Vorstellung,\ndie geheime Wirkung des modernen Milieus, der\ngrundlegende Instinkt und die Gefühle einer poe-\ntischen, sogar grübelnden Natur. Es ist klar, daß\ndie moderne Kunst ein Komplex menschlicher\ngeistiger Stärke von ungewohnter Kompliziertheit\nist, und daß der innerliche Vorgang, durch den\nsie entsteht, sich sehr von dem leichten natura-\nlistischen Schaffen unterscheidet\nDie Grundlage der modernen Kunst ist das\nStreben nach einer Form von absoluter und prin-\nzipieller Sicherheit; die Werkzeuge sind hier die\nMittel, wie Farbe, Raum und Schall. So hat zum\nBeispiel der Kubismus seinen „astralen\" Raum\nohne Atmosphäre, der um den Zauber und die\nKlebrigkeit der naturalistischen Säfte beraubt ist;\nes ist nicht ein Raum, in dem sich Motive der ele-\nmentaren und leidenschaftlichen Naturkräfte ab-\nspielen. Es ist ein selbständiges und reines\nPrinzip, das eine Art von l'art pour l'art in\ndem besten Sinne des Wortes gründet, wie es zum\nBeispiel (wohl in einem anderen Stile) das musi-\nkalische Werk von Bach gegenüber dem von\nWagner darstellt.\nDie Abwendung von Naturalismus, die tief die\nmoderne Kunst charakterisiert, kann man sich am\nleichtesten auf folgende Weise vorstellen: Von der\nRenaissance an versuchte die bildende europäische\nKunst das schöne Aeußere der Dinge nachzu-\nahmen. Diese Tendenz dauerte bis in das neun-\nzehnte Jahrhundert hinein, und ihre Modifikationen\nund Stile wurden mehr durch die Aenderungen der\n„Moral-Temperatur\" der europäischen Mensch-\nheit als durch prinzipielle Umwandlungen verur-\nsacht. Aber der moderne Geist nahm schon zu\nviel von wissenschaftlicher Erkenntnis ein, als daß\ner nicht wüßte, daß das, was unter der Oberfläche\nder Dinge, innerhalb ihrer Struktur und ihrer\nKräfte sich abspielt, viel geheimnisvoller und\nauch schöner ist, als ihre äußere Ober-\nfläche. Selbst die vollkommenste Illusion\ndes Gegenstandes bietet dem gegenwärtigen\nGeiste keine volle und dauernde Befriedigung. Und\nnun wird es die Aufgabe der Kunst sein, sich von\nder Natur zu befreien und sie zu überwinden. Der\nImpressionismus riß sich wenigstens von der Mate-\nrialität der Natur los und gab ihr die Realität und\ndie Subtilität des psychologischen Werdens; aber\nauch dadurch wurde nicht tiefer in den Charakter\nder Kunst eingegriffen, es blieb noch immer übrig,\nden entscheidenden Schritt zu machen, das heißt,\ndie Natur durch Künstlichkeit, durch autonome\nmenschliche Ordnung und Autorität der künst-\nlichen Form so zu ersetzen, daß die Form, eine\ngeistige Formation, den Naturgegenstand ersetze.\nDie moderne Kunst gibt den Seelen ein monumen-\ntales Gewand, und so ist es möglich, statt der\nWirklichkeit diese monumentale Prinzipialität selb-\nständig und autonom zu setzen; die Form der\nKunst entsteht also durch einen anderen Vorgang,\nnicht durch bloßes Uebertragen der Wirklichkeit.\nDas, was ich als künstlerische Substitu-\ntion der Gegenstände bezeichnen würde, ist eine\nabstrakte Oberfläche und künstliche Gefühlsform,\nvon dem Naturalismus befreit. So war schon der\nfarbige Punkt des Neoimpressionismus eine der-\nartige selbständige Seele, ein kleiner in der far-\nbigen Berührung enthaltener Raum; schon da-\ndurch wurde im Neoimpressionismus die naturale\nGestalt einem bestimmten Prinzip unterordnet. In\nder heutigen Kunst finden Aenderungen von weit\ngrößerer Tragweite statt, ja Aenderungen, die\nselbst den Kern der bildenden Auffassung treffen.\nDie formelle Voreingenommenheit hatte sich ge-\nläutert und befreite sich von groben Zusätzen.\nWas die Kunst zu erreichen sucht, ist die Idea-\nlität der Form, für die man unzählige Mittel\nund Versuche erfindet. Denn die Realisierung\ndieser Idealität ist durchaus nichts Leichtes; der\nKünstler findet sie nirgend in der Welt fertig, er\nmuß sie vorbereiten; die moderne Kunst wird ge-\nschaffen, nicht geträumt; sie muß ihren Gegenstand\nauf den Wegen der Logik und der Ahnung ver-\nfolgen, sie muß mit den Sachen der Welt ein selt-\nsames Spiel treiben, sie muß klug und klar die\nWeltanschauung zum Nutzen der Formanschau-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6861, "texte": "ung ausnützen, damit so eine neue Schönheit und\nKünstlichkeit geschaffen werde. Wird diese Schön-\nheit geboren, so hat sie noch keine allgemeine\nAnerkennung; roh und grob erscheint sie den\nAugen der Aesthetiker und Liebhaber des Alten,\ndie ohne ihr Mitwirken geschaffene Kunst auf-\nwärmen und sie von einer Wand zur anderen rei-\nchen. Aber das Faktum, das die Autonomie der\nForm schon da ist, verwirklicht in der neuen\nKunst, kann nicht an seiner Wirksamkeit dadurch\nverlieren, daß sie für Augen unbequem ist, die an\neklektische und naturalistische Kunst gewöhnt\nsind.\nDamit aber die neue Schönheit fruchtbar ent-\nstehen kann, sollten wir voll Zutrauen zu unserer\nZeit sein: Moderne Zeit muß für uns die aller-\nschönste sein. Wollen wir die moderne Schönheit\nschaffen, ist vor allem nötig, sich von der senti-\nmentalen Bewunderung für das Vergangene zu be-\nfreien. So fühlt auch der Soldat die neue Schön-\nheit eines Schusses aus dem Maschinengewehr,\ndie Schönheit einer vollkommen Funktionsfähig-\nkeit, ein Gefühl, das sich sehr von der alten und\ndummen Schönheit des Freischützen unterscheidet.\nDer moderne Zuschauer soll auch solch ein naives\nund selbstverständliches Gefühl vor der Kunst\nhaben.\nAlso: Die moderne Kunst zielt zur Idealität der\nForm, die von der Illusion befreit ist. So hatte auch\ndie frühe mittelalterliche Malerei nicht den ver-\ndächtigen illusiven Zauber der späteren Stile; ihre\nAusdruckssprache war rätselhafter, weil sie\nrein und ursprünglich ist.\nAber die neue Kunst ist keine Abwendung von\nder Wirklichkeit und keine Flucht zum Ideale der\nSchönheit außerhalb der Welt. Im Gegensatz, der\nvolle und lebendige Sinn der Zeit lehrt bis in das\nInnere der Wirklichkeit, bis zum Skelett, das sie\nträgt, einzudringen zu trachten. Unser realer Sinn\nist so verschärft, daß alles, was bloß Illusion ist,\nauf dem Grund der Seele eines tieferen Menschen\neine quälende Unbefriedigung und ein Gefühl der\nUnwahrscheinlichkeit hinterläßt. Der moderne\nGeist klebt nicht an der Erde, sondern an der\nWirklichkeit, die den Menschen fortwährend auf-\nfordert, sich ihrer durch die Tat zu bemächtigen.\nDiese wahre Wirklichkeit, die für das aktive,\nschaffende Menschenwerk ein beständiges Objekt\nist, enthält für unsere Sinne nichts Häßliches und\nGemeines. Wir brauchen sie nicht mehr zu ver-\nschönern, mit Symbolen und Metaphern zu be-\ndecken, mit Bengalstimmungen zu färben und mit\ndem Mantel des Göttlichen zu umhüllen. Die\nKünste der vergangenen Zeiten schufen eher eine\nideale Welt als eine ideale Form. Ihr Inhalt waren\nschöne, idealisierte Gegenstände, durch natura-\nlistische Imitation ausgedrückt. Die Würde der\nKunst wurde durch eine Illusion des Göttlichen,\ndurch vornehme aristokratische Schönheit, die\netwas besseres, als bloße Realität bedeutete, er-\nsetzt. Darin war die große Revolution Befreiung\nund Reinigung, denn sie war rationell und zivil,\nund machte mancher Prächtigkeit der vergange-\nnen Zeiten ein Ende. Erst nach ihr konnte eine\nneue Realität kommen, ein neues Einführen von\nVorstellungen in die Seelen, eine tiefere Sehnsucht\nzur Erforschung und Vision als bisher! Jetzt ver-\nlangen wir von den Dichtern etwas mehr, als ele-\ngante und philosophische Spazierritte auf dem\n„Pegasus\", von den Musikern mehr als schöne\nMelodien, von den Malern mehr als Galerie-\nMeisterwerke; denn alles dies sind nur Schau-\nbühnen, wo in anziehender Position die Illusion\nder Schönheit liegt. Die moderne Zeit löst in sich\netwas weit mehr Prinzipielles und Elemen-\ntares, und verlangt nicht Befriedigung und Täu-\nschung, sondern eigene Konstruktion. Das In-\nteresse der modernen Kunst zielt zu den Dingen,\nzur Bewältigung der Dinge. Die neue Ausdrucks-\nsprache teilt das geheime und wahre der Reali-\ntät mit als neue Berührung des Geistes, und dringt\nauf uns so stark, daß wir vor Realität fortwährend\nbeinahe erschrecken. Die moderne Malerei unter-\nsucht die Gegenstände fast mit analytischer Prä-\nzision, dreht sich um sie, läßt sich von ihnen über-\nraschen; niemals ist die Kunst mit einer solchen\nPräzision vorgegangen, wie jetzt.\nSo finden wir in der neuen Kunst einen be-\nstimmten Dualismus; ein Streben nach voller\nGegenstandsrealität und auch nach voller Idealität\nder Form. Das neue Gesetz der modernen Kunst\nbesteht in der Erlangung einer solchen Formidea-\nlität, die völlig und synthetisch die Seele zu ver-\ntreten fähig wäre. Unsere Kunst, die auf solche\nWeise zwischen zwei gleich mächtige, neue und\nnötige Forderungen gestellt ist, wird zum Pro-\nblem, das eine unendliche Zahl von Lösungen zu-\nläßt.\nDie hier ausgesprochenen Forderungen reali-\nsiert die zeitgenössische Kunst völlig und aus-\ndrucksvoll.\nVor allem — durch welche Form drückt sich\nder moderne Künstler aus? Er spricht durch die\nLinie, sie stenographiert am vollkommensten den\nlangen Weg, auf dem die Naturerscheinung umge-\nändert und in der Seele gebrochen wurde. Er\nspricht durch die Fläche, die an den Grenzen der\nnatürlichen Oberfläche die Li mi tat ist, durch\neine sehr ausdrucksvolle Fläche, an der homogene\nMoleküle zusammengetrieben wurden, damit sie\nlaut und bestimmt klingt; er spricht durch For-\nmen, die sich an der letzten Grenze zwischen Un-\nmöglichkeit und Wahrscheinlichkeit bewegen.\nHier werden die Oberflächen, die zum Beispiel\nfarbigen Bändern oder wunderbaren Streifen und\nTafeln ähnlich sind, zum künstlerischen Resultat,\ndas die wirkende dekorative Macht des Bildes von\nGrund aus verjüngt, und das eine farbige Photo-\ngraphie nicht geben kann; und diese Abstraktion\nvon der natürlichen Gestalt geht so weit, daß die\nformalen Urstoffe einen beinahe geometrischen\noder mechanistischen Charakter annehmen. Aber\nauf welche Weise kann man gleichzeitig bei dem\nEntstehen der idealen Form mit den Dingen real\nfühlen?\nDie Sachen müssen von dem Zauber der ver-\nänderlichen Oberfläche befreit, entblößt werden.\nMan muß aus ihrem Inneren die formale Konstruk-\ntion zu fixieren trachten, die gleichzeitig auch Ver-\neinfachung und Entfaltung der Seelen ist, zugleich\nihre zusammengefaßte und vielfache Vision. Aber\nes gibt mehr Mittel und Systeme, als man hier\nerwähnen kann, In ungewöhnter Fülle finden Erup-\ntionen und Drucke statt, sie müssen alle Dämme\ndurchbrechen, die von den eklektistischen Tra-\nditionisten erhalten werden. Und so wie diese Be-\nwegung durch ihre Intensität manchen Begriff und\nmanches ästhetische Ganze, das für absolut und\nfertig galt, zerstört hat, so zerlegt sie auch\nschon die mechanistische Homogenität der Hand-\nlung durch den freien Vers, der sich neu organi-\nsiert und seine gesetzliche Bindung sucht, so zer-\nlegt sie auch den Raum in der kubistischen Kunst\nin malerische Substitutionen, und so zersetzt sie\nauch die Melodie in ein disparates und autonom\nfungierendes Tonsystem. Aber diese Zerlegung\nist keine Verstandsanalyse; sie bedeutet das Aus-\nbreiten der Flügel zum kühnsten Fluge, zu dem\nsich das Jahrhundert bereitet hat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-15_01#c004", "volume": "bmtnabg_1913-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "147", "page_fin": "150", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.2.4", "titre_corps": "Der tierische Augenblick", "titre_sommaire": "Der tierische Augenblick", "signature_source": "Aage von Kohl", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.3", "debut_caractere": 6966, "fin_caractere_exclue": 10095, "texte": "Der tierische Augen-\nblick\nAage von Kohl\nDenen, die den Krieg zu hassen noch nicht gelernt\nhaben\nUnd denen, die noch nicht die Menschen lieben\nIm selben Augenblick merkte er es. Als er,\nLeutnant und Fürst Bentai Fushimo, den Schein\ndes Bataillonsleuchters, der in dem Wind hin- und\nherschaukelte, hinter sich hatte, merkte er das\nGanze.\nKapitän Hoksai, sein Kompagniechef, hob sei-\nnen Kopf mit dem kurzen grauen Haar und kniff\ndie schmalen bartlosen Lippen zusammen. Pre-\nmierleutnant Hatuse sah eine Sekunde auf, dann\nsenkte er wieder sein Gesicht über eine weiße\ngroße Blume, die er in der linken Hand hielt. Und\ndie anderen Offiziere schwiegen alle mit einmal,\nes sah aus, als suchten ihre Hände verlegen nach\neinem neuen Gesprächsstoff.\nBentai stand einen Augenblick ganz still. Lang\nund schlank. Der fleckige, karierte Lichtschein\ndes Papierleuchters machte den Staub auf seinen\nStiefeln grau und rostfarbig.\n„Setzen Sie sich, Fürst Fushimo,\" sagte Ka-\npitän Hoksai schließlich ganz kurz und wie ge-\nzwungen, fand Bentai. Der Kapitän bog seinen\nOberkörper zurück, er saß auf einem kleinen Erd-\nhügel, und begrub seine Hände unter seinen\nSchenkeln. Das Dunkel hinter ihm bewegte sich\nwie eine weiche schwarze Decke, die manchmal\nvon dem Wind über Gesicht und Schulter gezogen\nwurde.\nAus dem Ton des Kapitäns glaubte Bentai zu\nverstehen, daß sie alle auf ihn heruntersahen, daß\nsie ihn für einen Feigling hielten — hier war er\nnur Fürst, nicht Soldat.\nEinen Moment war er ganz ratlos.\n„Danke, Kapitän, Sie sind zu liebenswürdig!\"\nsagte er dann mit kurzer überlegener Stimme; er\nlächelte und machte eine Handbewegung, als\nspräche er mit den Dienern zu Hause.\n„Ich störe wohl,\" fügte er hinzu, und fühlte, daß\nseine Stimme beinahe sank, unter den Hals.\nEr machte Kehrt und ging von den Offizieren\nfort.\nLange nachher konnte er das Schweigen hören,\ndas auf seine Worte unter den Kameraden folgte.\nEr haßte diese Menschen und bettelte bei ihnen zu\ngleicher Zeit. Er hatte Lust, sie zu schlagen, und\neine unmenschliche Sehnsucht, ihnen alles zu er-\nklären. ;V :\nJa, es war kein Zweifel; sie glaubten, daß er\neine Bürde und Schande für das Bataillon sein\nwürde. Ein Hofoffizier! Ein Fürst, der launenvoll\nteilnehmen zu dürfen wünschte! — Fürst Bentai\nFushimo war neunzehn Jahre alt. Aber sein\nVater hatte die Zeit gut ausgenutzt. Seitdem\nBentai acht Jahre alt war, wurde er eingeteilt,\nSeele und Leib, in Tagen zu acht Stunden; jeder\nAchtteil wurde einem bestimmten Lehrer ange-\nwiesen. Der Knabe las Geschichte eine Stunde,\nfocht die nächste, dann kam Russisch, dann Fuß-\nball, dann Mathematik und endlich Gymnastik.\nAuf diese Weise ging es, bis er vierzehn Jahre\nalt war. Dann wurde er in eine Lehranstalt\nnach Berlin gesandt, zwei Jahre blieb er dort,\nnachher ein Jahr in Sankt Petersburg, und dann\nin der Kriegsakademie zu London.\n„Wenn du jetzt, mein Sohn und Herr, in Paris\nein Jahr — oder wenn du willst zwei — gewesen\nbist, erwarte ich dich zu Hause. In meinem Alter\nist Sehnsucht der einzige Beweis für einen Mann,\ndaß er noch lebt. — An Dich, mein Sohn und\nmein Fürst\"! — hatte der Vater an ihn nach Lon-\ndon geschrieben."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9398, "texte": "Aber bald darauf kam der Krieg, und noch be-\nvor Bentai diesen Brief von seinem Vater bekom-\nmen hatte, war er schon nach Japan abgereist.\nDer Kursus für Offiziere, der gleich beim Aus-\nbruch des Krieges eingerichtet wurde, dauerte\nnur ein halbes Jahr und vor einem Monat war der\nLeutnant in Oberst Hatuses Bataillon eingestellt:\n„Ihre Familie, Fürst\" — sagte der Oberst, er\nneigte sich tief vorwärts und sprach sehr leise;\nseine Hände waren offen zur Begrüßung —\n— „Ihre Familie nennt man in Japan immer mit\ngroßer Ehre . . Ich bin stolz und glücklich, daß\nich Sie in mein Bataillon bekommen habe.\" —■\nEr richtete sich auf, und die beiden Männer\nstanden eine Sekunde schweigend und maßen\neinander mit den Augen; abwägend.\n„Sie sind bei Kapitän Hoksai, dritte Kompag-\nnie, eingestellt — Leutnant!\" sagte Hatuse kurz\ndanach. — „Melden Sie sich bei ihm zum Dienst!\"\n— Er nickte und machte eine Bewegung mit der\nHand. Bentai machte Kehrt und ging aus dem\nZelt — er holte tief und freudig Atem draußen,\ner fühlte, daß der Chef ihn gern hatte.\nDie Brigade, zu der sein Bataillon gehörte,\nrückte vorwärts auf dem rechten Flügel der Armee\nKurokis. Der kleine Leutnant wurde mager und\nbraun, mit schwarzen Strichen unter Augen,\nMund und Kinnladen, von den langen Märschen\nin der Sommersonne der Mandschurei. Seine\nMuskeln wurden gespannt — wie geladen fand\ner. Und die Füße waren schon wochenlang ohne\nHaut gewesen. Es ging sich wie auf Feuer und\nDornen darauf — aber Müdigkeit fühlte er\nnicht —.\nEin Abend — sie hatten einen kleinen unbe-\ndeutenden Kampf gegen einige Ochotnikis geführt\n— von drei Uhr morgens bis Mittag, dann die\nFeinde bis zum Abend verfolgt. Jetzt hatten sie\nHalt gemacht und Wachtposten aufgestellt.\nBentais Abteilung stand zuerst. Es war unge-\nfähr elf Uhr.\nBentai hatte den Posten ihre Instruktionen ge-\ngeben und ging jetzt zurück zu seiner Abteilung,\ndie hinter einem Hügel aufgestellt war. Sie hat-\nten ein Kochloch gegraben. Das Feuer flammte\nauf unter dem großen Zehnmannskessel, der ganz\nvoll Reis und Wasser war. Die Soldaten lagen\nauf dem Bauch und sahen mit blanken Augen auf\nden großen Kessel. Der Leutnant lächelte, er!\nfühlte die Kraft seines Körpers und freute sich\ndarüber, seine Augen sahen auf das spielende\nFeuer.\nDer Aufwärter kroch noch näher an den Kes-\nsel, um zuerst für seinen Leutnant was bekom-\nmen zu können.\nFürst Bentai ging noch einmal die Runde durch\ndie Posten. Mit dem unruhigen Eifer junger\nOffiziere.\n-- Von den Vedetten hörte man kurze halblaute\nRufe, wie zwei Stücke Holz, hart gegen einander\ngeschmettert.\nDas Essen war fertig. Der Aufwärter kam,\nunter Verbeugungen, zu Bentai mit der kleinen\nSchale aus Zinn. Einen Strauß Blumen hatte er\nauf die Erde gelegt — der Tisch. Die Blumen\nwaren kaum zu sehen, so dunkel waren sie, aber\nihr Duft schwängerte die Luft.\nAls der Reis verspeist war, mußten die Posten\nabgelöst werden, daß auch sie zum Essen kom-\nmen konnten. Dabei verging die Zeit. Es wurde\ngegen zwei Uhr, ehe Bentai mit seinem neuen\nRundgang fertig war.\nDie Luft fing schon an grau zu werden; all-\nmählig schwand auch das Grau und das Dunkel\nwurde bräunlich-lila.\nEs war bald Zeit, daß eine neue Abteilung\nheranrücken sollte, um Bentai abzulösen. Der\nMorgen war kalt. Er freute sich, nachher ein bis-\nchen schlafen zu können. Er war in voller Akti-\nvität seit gestern morgen drei Uhr. Dreiundzwan-\nzig Stunden, dachte Bentai, und einen Augenblick\nwar er stolz über sich. —\nEin Adjutant kam herangesaust.\n„Der Chef?\" — rief er und sein Pferd sprang\nunruhig und wild über das nur zur Hälfte ge-\nlöschte Kochloch.\nBentai zeigte —:\n„Der Oberst ist da! Hinter den Bäumen!\" —•\nHatuse lag schlafend, sein Mantel über sich\nausgebreitet. Der Adjutant sprang vom Pferd und\nging zu ihm hin.\n„Herr Oberst!\" — sagte er laut und ehrfürch-\ntig, um seinen Chef zu wecken.\nHatuse riß den Mantel fort, und setzte sich auf-\nrecht.\nFünf Minuten nachher standen die Kompagnien\nzum Abmarsch fertig.\nDas Bataillon sollte gegen ein Dorf vorrücken,\ndas „etwas\" weiter lag, sagte der Oberst mit sei-\nner vollen Stimme. Er saß schon im Sattel und\nes sah aus, als dachte er vorläufig nicht so bald\nwieder abzusteigen.\n„Die dritte Kompagnie geht zuerst!\" — kom-\nmandierte Hatuse; er sammelte die Zügel in der\nrechten Hand — „die Kompagnie besorgt Siche-\nrung in Front.\"\nLeutnant Bentais Abteilung bekam die beson-\ndere Anstrengung, an der Spitze zu gehen. Es sei\nkeine Zeit zur Ablösung, bemerkte der Kapitän.\nDie Mannschaft schleifte die Füße hinter sich, sie\nhatte gar nicht geschlafen. Es wäre doch die erste\nAbteilung an der Reihe.\nDer Gemeine 42, ein großer Witzmacher, sagte\nmit komisch verzerrtem Gesicht:\n„Natürlich, die Langen können sie nicht brau-\nchen, dann müssen wir Kleinen ran. Wenn es gilt,\nsind wir groß genug.\" — Dieser Witz wurde sehr\nanerkannt, eine ganze Viertelstunde wurde ge-\nlacht. Alle waren erheitert.\nAber Bentai hatte schon längst vergessen, daß\ner müde und schläfrig war. Er schäumte vor\nDiensteifer. Seine Knie zitterten, er ging, als\ntanzte er. In Spannung kommandierte er mit\nhalblauter, beinahe flüsternder, scharfer Stimme.\n„Ein bischen schneller vorwärts!\" — zischte er\nund ahnte nicht, daß der Weg unter seine Füße\nverrann.\nDie Morgendämmerung lag wie ein hellgrüner\nSchleier über dem Land. Unter dem Hügel, wo\nsie heute Nacht gestanden hatten, war ein riesen-\ngroßes Hirsenfeld. Kleine Patrouillen wurden nach\nrechts und links ausgesandt.\nEs war ein gefahrvoller Marsch durch die\nhohe Hirse. Man konnte nicht wissen, was viel-\nleicht da versteckt lag: — eine feindliche Abtei-\nlung, vielleicht eine ganze Kompagnie!\nDie Plänkler, die zuerst gingen, hielten den\nDaumen auf dem Hahn, obgleich es verboten war,\nweil es oft vorkam, daß ein Schuß auf die Weise\nlosging.\nAlle holten sie Atem, tief, erleichtert, als sie\ndurch das Feld waren. Sie fühlten selbst, daß sie\nruhiger wurden, aber die Nervensaiten zitterten.\nImmer ging der Marsch vorwärts. Meile auf\nMeile.\nDie Sonne glühte über den Köpfen wie Schwe-\nfelbrand. Bentai hielt seine Linke auf dem Säbel-\ngriff, um seinen Leib hing in einem Riemen das\nFernrohr und die Karte hielt er in der Rechten.\nGegen Mittag machten sie Halt um ein bischen\nzu essen. Eine Stunde wurde dazu gegeben,\nMannschaft und Offiziere, alle, alle schmissen sie\nsich auf die Erde, gleich wo sie Halt gemacht hat-\nteil. Der Bataillonschef ritt herum und plauderte\nmit den Soldaten.\n„Bleibt nur ruhig liegen!\" — rief er schon von\nweitem den Soldaten zu, als er kam. Er ritt her-\num, das Gesicht vor Hitze hochrot, der Schweiß\nfloß in Strömen herunter.\n„Es geht ein bischen schnell, aber wir haben\nOrder uns zu beeilen. Und selbstverständlich\nwerden wir nicht müde, wenn wir vorwärts\nmüssen, nicht?\nBeeilt euch jetzt mit dem Essen. Und ruht\neuch aus für die nächsten sechs Stunden, in der\nZeit, die euch noch übrig bleibt.\"\nEs sollte ein Witz sein, das konnten die Solda-\nten auf dem Gesicht des Chefs sehen, und deshalb\namüsierten sie sich auch königlich.\nSo ritt er lächelnd und nickend hinüber zur\nnächsten Kompagnie.\nDas Bataillon rückte weiter vorwärts. Ben-\ntais Kompagnie immer zuerst. Die Mannschaft\nging mit halbgeschlossenen Augen, und ließ die\nFüße sich von selber bewegen. Bentai trug einen\nTornister, der einem hinkenden Soldaten gehörte.\nAb und zu berührte einer seinen Arm, einen\nAugenblick. Er nickte —: es waren die Leute,\ndie nicht mehr konnten, die mußten auf den Kran-\nkenwagen warten, der zuletzt im Zuge kam. So\nallmählich waren ein Dutzend Männer der Abtei-\nlung fort.\nDer Oberstleutnant kam einmal zum Wagen\nhin.\nEr ritt ein bischen nebenan und starrte auf die\nKranken. Sie hatten die Köpfe wie aufgehängt\nam Kragen. Er brummte ein bischen — eigentlich\nhatte er die Absicht auszuschimpfen, aber wenn\nman recht bedachte: — ein Dutzend Mann, es war\nnichts, wenn man wußte, wie schwer diese letz-\nten Tage für die Leute gewesen waren.\nGegen fünf wurde ein kleiner Halt gemacht.\nNur zwanzig Minuten sagte der Oberstleutnant —:\nweil das Flußwasser so schön war. Eigentlich\nhätten sie das doch nicht nötig auszuruhen, oder\nwie? Und er zeigte seine weißen Zähne und er-\nreichte, daß die Leute eine Sekunde glaubten, sie\nwären doch nicht so grenzenlos müde. Da das\nBataillon wieder vorwärts mußte, wurde Bentai\nimmer zuerst kommandiert.\n„Ja, Leutnant, ich muß Sie wieder an die\nSpitze setzen. Wir müssen einen Offizier in Front\nhaben durch dieses Terrain. Das ist nicht anders.\nSind Sie müde?\"\nUnd Bentai hob den Kopf — er war doch ein\nbischen auf die Brust gefallen —:\n„Nein, gar nicht!\" — lächelte er — „nicht eine\nSpur müde!\"\nEr ging weiter, und schwang die Karte in sei-\nner rechten Hand, ganz klebrig vor Schweiß und\nStaub. Der Daumen hatte auf die Karten einen\nschwärzen Stempel gedruckt.\n„Ein bischen schneller vorwärts!\" sagte er,\nmit der Empfindung, daß die Worte ganz stau-\nbig waren.\n„Schneller!\" wiederholte er, und mußte sich\nselbst in den Gaumen spucken, um eine Schmutz-\nlage wegspülen zu können.\nDie Füße gingen von selber, ganz mechanisch.\nEr versuchte ab und zu auf seine Uhr zu gucken,\naber die Leute sahen ihn dabei so sehnsuchtsvoll\nan, daß er es nicht mehr vermochte. Die Stun-\nden krochen. Es war wie hunderte von Minuten\nin jeder. Oder waren die Sekunden in der Hitze\ngeschwollen?\nJedesmal wenn Bentai einen Schritt machte,\nlief ein heftiges Stechen durch seine Hüften.\nEin paarmal amüsierte er sich damit, auszu-\nrechnen wie lange er jetzt nicht geschlafen oder"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9794, "texte": "geruht hatte. Seit achtunddreißig Stunden. Er\nlächelte ein wenig bei dem Gedanken. Aber er\nglitt weg von ihm. Es wurde dumpf in seinem\nGehirn.\nDie Mannschaft hatte schon längst aufgehört,\nböse zu schielen; sie gingen, die Köpfe auf der\nBrust. Einige sprachen laut im Schlaf. Wenn\njemand nicht mehr konnte, war keine Rede mehr\ndavon, sich zu melden; sie sanken lautlos zusam-\nmen auf dem Weg, die anderen sahen es nicht ein-\nmal. Der Krankenwagen war gefüllt und geleert,\nwieder gefüllt und geleert. Wenn die Kranken ein\npaar Stunden gesessen hatten, mußten sie wieder\nherausgeworfen werden, um Platz für Neue zu\ngeben.\nGegen sieben Uhr waren ungefähr hundertfünf-\nzig Mann abgefallen. Kapitän Hoksai ging ein\nbischen neben dem Oberst, der an ihn heran-\ngeritten war. Hatuse schüttelte sich in dem Sat-\ntel, er merkte nicht mehr, daß er ohne Haut ritt.\nAber die Hosen klebten an den Schenkeln.\n„Wie geht es mit Bentai?\" fragte er plötzlich.\n„Es geht, glaube ich!\" antwortete der Kapitän\nein bischen nachher; die Gedanken sammelten\nsich so schwer, es war, als verschwanden sie\nzwischen den Fingern.\n„Er hat wohl sicher heute Nacht auch nicht ge-\nschlafen,\" sagte Hatuse, „das haben wir andere\ndoch!\" fügte er hinzu, und sah auf die schlanke\nGestalt des Leutnants.\nBentai wußte selbst, daß er ab und zu jetzt\nschlief. Jedes Mal, wenn er beim Stolpern auf-\nwachte, versuchte er auf sich selbst rasend zu\nwerden, aber es half alles nicht. Er hatte das Ge-\nfühl, daß ein anderer Mensch in ihm eingezogen\nwar. Ein Mensch, dem alles egal war, Pflicht,\nVaterland, Tod. Einer der nur Halt machen wollte,\nsich ausruhen, schlafen, trinken. Der Hornbläser,\nder hinter ihm ging, griff ihn einen Augenblick in\nden Arm. Es half.\nEr wurde rasend auf sich selbst, und sandte\ndeswegen dem Bläser ein paar Augen, wo man\nnur das Weiße sah —: „Sehen Sie sich vor!\"\nsagte er, und gab ruhig dem andern die Schuld.\nAber nach ein paar Minuten merkte er, daß es\nwieder so weit war.\n„Ein bischen schneller!\" hörte er sich selbst\nsagen. Er mächte eine Bewegung mit der Hand,\nsie fühlte sich, als bewege sie sich in Wolle oder\nin warmem Wasser. Es faßte ihn ein Gedanke,\noder besser ein Bild, eine Zwangsidee: er wollte\nsich ein Augenblick ins Bett legen. Das Bett war\nja schon fertig für ihn? Schlafe, sagte einer. Ja,\nschlafen! Am liebsten im Wasser!\nAls er aufwachte, saß er in dem Krankenwagen.\n„Na, es ist doch gut, daß Sie wieder zum Leben\nkommen, wir glaubten, Sie würden nie mehr auf-\nwachen!\" sagte eine Stimme, und der Arzt beugte\nsich zu ihm und reichte ihm eine Schale Wasser.\nBentai schob die Schale fort und richtete sich mit\neinmal auf. Er wurde ganz weißlichgelb im Ge-\nsicht. Im Wagen! Im Krankenwagen! es ging ein\nBrüllen durch ihn. Er war also im Schlaf gefallen!\nEr hatte also seine Pflicht verletzt. Seine Ehre\nund seine Stellung. Er sprang vom Wagen her-\nunter.\nEs war dunkel geworden. Das Bataillon lag in\nKompaniekolonnen vor ihm. Ganz zuerst sah er\nden Bataillonsleuchter., der in dem leichten Wind\nschaukelte. Er lief dahin. Alle Müdigkeit war\nweg. Er mußte wissen, was die anderen von ihm\nsagten. Er mußte eine Erklärung abgeben. Er\n— mußte — er wollte —\nUnd jetzt war er seiner Sache sicher. Sie\nsahen herunter auf ihn. Und wie sollten sie an-\nders. Sie wußten ja nicht daß er eine ganze Nacht\nlänger als sie in Tätigkeit gewesen war. Für sie\nstand er also da als ein Offizier, der seine Pflicht\nverletzt hat.\nAls er von den Kameraden wieder fortging,\nwar er ganz außer sich. Er suchte im Fieber nach\neinem Mittel, um ihnen zu zeigen, daß er trotz allem\ndoch Soldat war — oder er mußte fort, fort von\nallem! —\nEr trieb planlos hin, wo seine Kompanie lag. Es\nging wie ein Flüstern, jedesmal wenn die müden\nLeute schlafschweren Atem holten. Einige spra-\nchen undeutlich im Schlaf.\nPlötzlich stand Kapitän Hoksai an seiner Seite\nmit der Hand auf Bentais Arm —• „hören Sie, lieber\nBentai, der Chef wünscht einen Mann zum Spio-\nnieren, noch diese Nacht. Aber wir haben wohl\nkeinen in der Kompanie? Wir sind ja mehr ge-\nbraucht als alle anderen. Oder wüßten Sie jemand\nin Ihrer Abteilung, der geeignet wäre?\"\nEs gab Bentai einen Ruck und schnell sagte er\nmit heißer Stimme, die viele Klänge in sich hatte:\n„Lassen Sie mich gehn, Herr Kapitän?\" er\nstarrte mit Eifer dem Kapitän in das breite Ge-\nsicht.\n„Sie!\" — Hoksai lächelte überrascht — „Ein\nOffizier? Aber das tun wir niemals!\"\nBentai bat nochmals:\n„Ja, aber ich kann russisch sprechen.\"\nDer Kapitän sah auf und nickte, Bentai fühlte\nsich beinahe erwürgt vor Angst und Spannung —\nvielleicht konnte er jetzt den Kameraden zeigen\ndaß er Soldat, nichts anders als Soldat, war.\nZuletzt wurde es so wie der Leutnant\nwünschte, das Argument, daß er russisch sprechen\nkonnte war ausschlaggebend. Die Sache war die,\nvor Mittag des nächsten Morgens sollte das Ba-\ntaillon ein russisches Dorf besetzen, das eine Meile\nweiter lag. Aber Hatuse hatte durch Späher-\npatrouillen Meldung bekommen, daß ein Trupp\nRussen dort lagerte. Jetzt mußte man wissen, wie\ngroß die Truppe war, ehe man angreifen konnte.\nFürst Bentai zog sich mandschurische Bauern-\ntracht an und zog ab. Durch das blaue Dunkel,\nallein, gegen das Dorf Föng-wang-ta.\nAnfangs ging alles nach Wünsch. Gegen halb-\nneun passierte er die Vorposten seines Bataillons,\nund eine Stunde später war er glücklich durch die\nrussischen Vedetten geschlüpft. Und jetzt ging er\nvorsichtig zwischen den Häusern herum. Zuerst\nglaubte er nur eine Abteilung Kosacken zu finden,\naber als er auf dem Tempelplatz kam, der ganz\nstill und dunkel lag, sah er vor drei, fünf, sieben ja,\nacht Häusern die russischen Kompagnieleuchter.\nEs gab ein Ruck in ihm vor Freude und Stolz:\nHier also lagen nicht weniger als zwei ganze rus-\nsische Kompanien und außerdem eine Menge Ko-\nsacken. Und Morgen vormittag, also nach sechs\nStunden, hatte Oberst Hatuse den Plan, das Dorf\nanzugreifen.\nJetzt galt es wieder zurückkommen zu können\nund verhindern, daß dieser Angriff stattfand. Das\nkleine Bataillon Hatuses mußte von dieser Ueber-\nmacht ganz zu Grunde gerichtet werden. Längs\nden Holzhäusern versuchte Bentai sich wieder\nwegschleichen zu können, aber überall standen\nKleinpatrouillen aufgestellt, und er mußte versu-\nchen denselben Weg wieder durchzukommen.\nAuf dem Tempelplatz hatten sie ihn also er-\ngriffen. Ganz unerwartet, ohne daß er etwas ge-\nmerkt hatte wurde er von hinten angefaßt, und aus\nein paar Worten verstand er, daß sie ihn sofort für\neinen Spion hielten. Eine Viertelstunde nachher\nstand er in dem Tempel. Auf jeder Seite ein Mann\nmit Flinte und Bajonett. Vor ihm, unter einem\ngroßen rot-goldenen Götzen saß ein Auditor und\nein paar jüngere Offiziere. Das Verhör dauerte\nnicht lange. Nur ein paar Fragen auf die Bentai\nkeine Antwort geben konnte. Dann erhob sich der\nAuditor. Ein Stalleuchter, der auf dem Tisch\nstand, warf strichförmige Schatten in dem großen\nRaum. Das eine Auge des Götzens lag im vollen\nLicht.\n„Sie sind der Handlung eines Spions überführt.\nSie kennen selbst die Strafe, die Ihnen zuerteilt\nwird. Morgen früh werden Sie hingerichtet.\" Er\nsprach langsam und gleichgültig, wie einer, der\ndiese Worte oft gesagt hat.\nEr drehte seinen Kopf gegen den Oberst.\n„Sie haben wohl nichts hinzuzufügen, Herr\nOberst?\"\nDer ältere Offizier brummte etwas und streckte\nseine Hand aus. Der Auditor steckte ihm eine\nFeder zwischen die Finger.\n„Es ist ein Füllfederhalter!\" sagte er, als die\nAugen des Oberst suchend über den Tisch glitten.\n„Eine verteufelt praktische Erfindung!\" fügte er\nhinzu.\n„Wie lange auf einmal können Sie ihn gebrau-\nchen?\" fragte der Oberst; er hatte inzwischen sei-\nnen Namen unter das Protokoll gesetzt, worin ge-\nschrieben stand: „daß ein nicht mit Namen genann-\nter Spion von einem geschworenen Kriegsgericht\nzum Tode durch Erhängen verurteilt sei.\" Einer\nder Leutnants unterzeichnete auch. Die Feder\nspritzte.\n„Führt den Gefangenen fort!\" sagte der Oberst\nwegwerfend und fragte wieder wie lange man die\nFeder gebrauchen könnte ohne sie neu füllen zu\nmüssen.\nBentai wurde für die wenigen Stunden in einem\nkleinen Verließ des Tempels untergebracht. Ge-\nfesselt an Händen und Füßen lag er auf der Erde.\nDraußen ging ein Soldat hin und her mit Flinte\nund Bajonett. „0, — Anjanka, du weißer Vogel\nmeines Herzens\" — summte er und schritt hart\nauf der Erde.\nBentai lag mit geschlossenen Augen. Seine\nGedanken, hitzige, wilde, rasende Tiere im Käfig,\nsuchten einen Ausweg. Was sollte er machen?\nDas Bataillon mußte zu wissen bekommen, wie\ngroß diese Truppe hier war. Wie konnte er her-\naus? Wie die Fesseln losbekommen?\nWenn er nur den Tempel in Brand setzen\nkönnte? Aber seine Zündhölzer waren ihm weg-\ngenommen — sie hatten ihr Teil dazu beigetragen,\ndaß er für einen Spion gehalten wurde. „Ein Bauer\naus der Mandschurei, der Streichhölzer bei sich\nhat — Quatsch!\" hatte der Auditor gesagt.\n„O — Anjanka, du weißer Vogel meines Her-\nzen; du segelst über den Fluß meiner Gedan-\nken\" — halbsang der Soldat draußen; unter sei-\nnen Schritten zitterte die Erde.\nBentai gab beinahe alle Hoffnungen auf, wie\nsollte es gelingen? Man hörte einen heftigen\nStoß, die Flinte glitt zur Erde. Gleich nachher ein\nmurmelnder Laut — der Soldat betete. — „Heilige\nJungfrau\" hörte Bentai. Es ging eine Idee durch\nsein Gehirn. „Schildwache!\" flüsterte er.\nDer murmelnde Laut hörte auf, aber keine Ant-\nwort.\n„Schildwache!\" flüsterte Bentai nochmals, aber\nein bischen lauter. Sein Gehirn pochte gegen Stirn\nund Nacken vor Spannung und Energie.\nIn dem kleinen Guckloch der Tür sah er das\nGesicht des Soldaten leuchten.\n„Halts Maul, da drin!\" sagte der, und versuchte\ndas Dunkel zu durchschauen.\nBentai stöhnte schwach, aber doch so, daß der\nSoldat es merken konnte.\n„Bruder in Christus!\" flüsterte er und schwieg,\num seine Worte wirken zu lassen; es ging eine\nNadel vor Freude durch ihn, als er merkte daß der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6502, "texte": "andere ergriffen war, „du, der denselben Glauben\nhast wie ich. Ifilf mir, daß ich beten kann. Nach\nzwei Stunden muß ich sterben. Willst du meine\nSeele ewig leiden lassen?\"\nDas Gesicht des Soldaten verschwand einen\nMoment. Bentais Herz drehte sich in Angst. Dann\nwar das bleiche Gesicht wieder da: — „Du lügst,\ndu Hund!\" —\nSchnell sprach ihm Bentai das Glaubensbe-\nkenntnis vor: — er stöhnte lauter als früher. —\n„Meine Seele, die Rettung meiner Seele. Ah,\nBruder, vergiß nicht, daß du deine eigne Seele\nloskaufst, wenn du meine rettest!\"\nNoch einen Moment zögerte der Soldat, dann\nhörte Bentai wie er die Tür aufmachte.\n„Was willst du denn?\" fragte er mißtrauisch\nund hatte noch nicht die Tür ganz geöffnet.\n„Hilf mir, nur, auf den Knieen liegen zu können!\nDaß ich beten kann!\" Bentai hörte selbst wie seine\nStimme zitterte.\nDer Soldat kam herein und suchte sich im\nDunkel vorwärts. Er beugte sich über Bentai und\ngriff ihn sanft um den Leib mit beiden Armen.\nBentais Kopf glitt auf die Schulter des anderen;\ner machte sich schlaff und schwer.\n„Liegst du jetzt richtig?\" fragte der Mann ganz\nüber ihn gebeugt. Im selben Augenblick setzte\nFürst Bentai die Zähne in dessen Kehle. Er fühlte,\nbeinahe ohnmächtig vor Angst und Ekel, wie das\nBlut ihm in Mund und Hals herunterfloß. Ein fader\ngräßlicher Geschmack durchrieselte ihn. Noch\nfester drehte er die Zähne zusammen. Der Posten\ngab ein schwaches Lallen von sich, seine Arme\nfuchtelten auf dem Rücken Bentais. Das Blut sprang\nin einem dicken Strahl aus seinem Hals, und\nFushime merkte, daß es sein Ohr traf. Es war\nwie schnelle, weiche Stöße von einem warmen\nFinger. Noch einmal biß er zu, seine Lippen wur-\nden gegen den festen behaarten Hals gepreßt; er\nmerkte daß ein Schmiß sich auf der rechten Seite\nbefand. Es ging ein Schauer von Abscheu und\nWiderwillen durch ihn. Dann ließ er nach und\nder andere fiel schwer zurück. Tot.\nBentai horchte einen Moment.\nAuf Ellbogen und Knie kam er heraus. Durch\neinen Stoß seines Nackens brachte er die Flinte zum\nFallen, die dem Soldaten gehört hatte, und fing an,\ngegen die scharfen Kante seine Fesseln abzufeilen.\nNach fünf Minuten war er frei. Schnell zog er\ndie Uniform des Soldaten an und schlich sich aus\ndem Tempel heraus.\nDas Bataillon formierte schon Marschkolonnen\nals Bentai zurückkam. Ein paar Mal unterwegs\nstolperten seine Beine unter ihm, er hatte ein paar\nMinuten ausruhen müssen. Er fühlte sich so eigen-\ntümlich leer im Kopf.\nDer Oberstleutnant beugte sich lächelnd von\nseinem Pferd, als er die Stimme Bentais hörte.\n„Na!\" sagte er dann; aber als er das Gesicht des\nLeutnants sah, gab es einen Ruck in ihm. Blut\nhing ihm in trocknen Krusten um Kinn, Mund und\nNase. Bentai meldete, was geschehen war.\nDas Gesicht des Obersten wurde gelbgrau.\n„Ja!\" sagte er zuletzt und starrte auf den Hals\nseines Pferds, der leuchtete wie Seide. Sie haben\ngehandelt wie ein außerordentlich tüchtiger, ener-\ngischer Offizier, Leutnant! Ich danke Ihnen!\"\nEr wollte weiter reiten, aber dann geschah es,\ndaß der Leutnant seine Hand, wo das Blut noch in\nnassen Streifen und trocknen Krusten saß, gegen\nden Zügel des Obersten ausstreckte.\n„Einen Moment!\" sagte er und sah in die klei-\nnen verwunderten Augen seines Chefs.\n„Es ist noch etwas!\" er schwieg.\n„Was ist?\" fragte der Oberst, und sah ihm\ntief in die Augen.\nBentai sprach ganz ruhig, mit einer Stimme, die\ndem Chef befahl: „Ich bitte Sie, mir meinen Ab-\nschied als Offizier zu geben!\"\nHatuse griff ihn an die Schultern:\n„Aber Mensch, was denken Sie!\" sagte er „an\nwas denken Sie? Außerdem, ich kann keinem\nOffizier Abschied geben!\"\nBentai ließ seinen Zügel los.\n„Dann! muß ich selbst meinen Abschied neh-\nmen!\" sagte er und sah auf; sein Gesicht war\nganz ruhig. Um die Lippen, steif und unbeweglich\nvor Blut, lag eine Zuckung wie ein Lächeln. Der\nOberst beugte sich wieder zu ihm herunter:\n„Warum? Sie, der so tüchtig und tapfer gehan-\ndelt haben, Fürst Fushimo!\" Er betonte das Wort\nFürst sehr schwach.\n„Jener Mann!\" sagte Bentai, und dasselbe Ge-\nfühl von Ekel und Abscheu befiel ihn wie dort —\n„er wollte mir helfen, verstehen Sie. Er half mir,\nobgleich es ihm Strafe bringen konnte. Und ich\n, verzeihen Sie nicht, es war es war\nEin Mörder kann nicht Offizier sein.\nDer Kaiser kann keinen Mörder unter seinen\nOffizieren haben!\" Das Gesicht des Oberst war\nnicht so ruhig wie das des Leutnants. Er hob sei-\nnen Kopf und sah einen Moment gerade aus. Es\nwar schon heller Tag. Die Kompanien lagen in\nMarschordnung. Die Offiziere gingen auf und ab\nund plauderten miteinander. Ab und zu sahen sie\nhinüber zu dem Oberst und dem Leutnant Bentai.\nWas hatten die beide so Hange miteinander zu be-\nraten?\nDann streckte Hatuse seine Hand aus und griff\nfest um die jungen Finger Bentais:\n„Sie haben Recht, Leutnant!\" sagte er still und\nlangsam. „Aber wissen sollen Sie, daß Ihres Na-\nmens durch Jahrtausende in Japan mit Ehre ge-\ndacht werden soll! Gehen Sie.\nIch gebe Ihnen Recht zu handeln!\"\nHatuse begrub die Sporen in die Seiten des\nPferds und ritt davon.\nAber in dem Wäldchen am Fluß stand der\nLeutnant und Fürst Bentai einen Moment still, und\nfühlte die Kraft seiner neunzehn Jahre durch seine\nAdern gehen. Er lächelte ein klein bißchen, müde,\nwie einer der nach schweren Anstrengungen weiß:\njetzt kommt die Ruhe. Dann ging er hinunter in\nden Fluß und reinigte sein Gesicht, die Hände blu-\nteten noch, das lohnte sich also nicht, dachte er.\nDann war er fertig und ging wieder hinauf\nunter die Bäume. Rechts stand ein Strauch dieser\nweißen, dickblätterigen Blumen, von denen Hatuse\ngestern Abend eine in der Hand hatte. Bentai\nlächelte wiedererkennend und nahm eine von den\nBlumen. Ja dachte er inzwischen, es gibt keinen\nanderen Weg das zu beweisen. Vater, Kameraden\nund Seele des getöteten Russen, es gibt keinen an-\nderen Weg, ihnen allen zu zeigen: nicht sein eignes\nLeben wollte er retten, als er auf diese Weise ge-\nmordet hatte.\nNein, es war wirklich kein anderer Ausweg!\nUnbewußt führte er die Blume zu seinen Lippen\nund saugte ihren Duft ein, dann steckte er sie in\ndas Knopfloch der Uniform, der Uniform des Rus-\nsen, die er noch trug.\nEr setzte sich unter einem Baum.\nNur das eine Mittel, dachte er und sah ernst\naus.\nDann hob er die Hand und schoß sich durch\ndas Herz.\nDer Schuß traf den grünen Stiel gleich unter\nder Krone, und so kam die weiße Blume zu sitzen\nwie ein Orden oder ein Silberdeckel und verdeckte\nden Weg, den die Kugel gegangen war.\n*\nAus dem Novellenband „Die roten* Namen\" /\nAutorisierte Uebertragung aus dem Dänischen von\nNeil Waiden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-15_01#c005", "volume": "bmtnabg_1913-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "150", "page_fin": "150", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.2.5", "titre_corps": "Aus der Zeit", "titre_sommaire": "Aus der Zeit", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.6", "debut_caractere": 6504, "fin_caractere_exclue": 9232, "texte": "Aus der Zeit\nDer Herr mit dem schönen Namen\nIch habe eine Entdeckung gemacht. Dieser\nsehr geehrte Herr Tafel wird nicht nur in Stutt-\ngart gespeist, auch München hat Teil an seinen\nPlatten. Während er im „Neuen Tagblatt\" zu\nStuttgart die Kunst für Alle treibt, treibt er in der\nKunst für Alle zu München Verherrlichung gedie-\ngener Meister. Und in angeblichen Kunstzeit-\nschriften darf ein Herr sich kritisch äußern, der\nfolgendes schreiben kann: „Da ist noch ein Herr\nmit dem schönen Namen Kokoschka, was an Ka-\nkadu klingt. Er bringt einige Porträtzeichnungen\n.. . und wir sehen eine Rollschuhläuferin, die\nihrem Manne einen Floh auf der Brust knipst.\nAlso darum Räuber und Mörder.\" Das ist schon\nmehr zum Aufhängen.\nIm Sinne Dürers\nEs gibt nicht nur einen Goethebund mit Herrn\nSudermann an der Spitze, es gibt auch einen\nDürerbund mit Herrn Avenarius, dem Kunst und\nKulturwart. Wie wirkt man im Sinne Dürers?\nMan gibt einen künstlerischen Abreißkalender her-\naus. Er ist „für die Gebildeten im eigentlichen\nSinne des Wortes\". Und trotzdem selbst ein\nDürerkalender mit der Zeit recht abgerissen aus-\nsehen muß, „steht er weit über dem Gezänke der\nParteien\". Dieser Abzureißende „will im Sinne\nDürers ein Führer sein zu echter innerer Kultur,\nin Bild und Wort ein Spiegel der auf allen Gebie-\nten tätigen Lebensreformbewegungen\". Die ab-\ngebildeten Lebensreformbewegungen spiegeln\njedenfalls den gebildeten Kunstwart im eigent-\nlichen Sinne des Wortes, obwohl die Wörter kei-\nnen eigentlichen Sinn haben. Der Dürerkalender\nwird nicht von einem schlichten Nagel getragen,\n„er is t getragen von wahrhaft vaterländischer\nGesinnung\". Der Dürerkalender über Alles in der\nWelt: „Herausgeber und Verlag haben weder\nMühe noch Kosten gescheut, um zu den nur durch\neine gewaltige Auflage denkbaren Preise ein\nWerk zu bieten, das auch rein buchkünstlerisch\ndie anderen großen Abreißkalender in den Schat-\nten stellt\". So ein tüchtiger kleiner Kerl ist dieser\nDürerführerspiegelkalender. Trotzdem der kleine\nAbreißer stark den Anreißer macht: „Der Verlag\nmöchte ausschließlich mit dem Sortiment arbei-\nten, bittet aber auch das gesamte Sortiment um\neine wirklich rührige Verwendung für diesen\nwahrhaft deutschen Kalender.\" Gut ge-\nrissen. Wrenn man bedenkt, daß jeden Abend ein\nBild der auf allen Gebieten tätigen Lebensreform-\nbewegungen in den Kunstpapierkorb fällt, so steigt\nein Schluchzen aus dem wahrhaft deutschen Her-\nzen, daß weder Mühe noch Kosten der Gebildeten\nim eigentlichen Sinne des Wortes zu dem nur\ndurch eine gewaltige Auflage denkbaren Preise\nvon einer Mark auch zwanzig Pfennige ein Werk\nbieten können, dem das Zeichen des Verreißens\nnicht schon auf dem buchkünstlerischen Sorti-\nmentsprospekt aufgedruckt steht.\nH. 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Ce que nous avons proclame dans notre\nPremier Manifeste de la Peinture futuriste\n(11 Avril 1910):\n«Les seize personnes que vous avez autour\nde vous dans un autobus en marche sont, tour\nä tour et ä la fois, une, dix, quatre, trois: elles\nsont immobiles et se deplacent; elles vont, vien-\nnent, bondissent dans la rue, brusquement devo-\nrees par le soleil, puis reviennent s'asseoir devant\nvous, comme des symboles persistants de la Vibra-\ntion universelle.\n«Que de fois sur la joue de la personne avec\nlaquelle nous causions n'avons-nous pas vu le che-\nval qui passait tres loiii au bout de la rue.\n«Nos corps entrent dans les canapes sur les-\nquels nous nous asseyons, et les canapes entrent\nen nous. L'autobus s'elance dans les maisons\nqu'il d£passe, et ä leur tour les maisons se pre-\ncipitent sur l'autobus et se fondent avec lui.»\n2. Ce que nous avons proclame dans la Pre-\nface du Catalogne de notre Premiere Exposition\nde Paris (Galerie Bernheim — 5 fevrier 1912):\n«La perspective teile qu'elle est entendue par\nla majorite des peintres a pour nous la valeur\nqu'ils donnent ä un projet d'ingenieur.\n«La simultaneite des etats d'äme dans\nl'oeuvre d'art: voilä le but enivrant de notre art.\n«Expliquons-nous encore par des exemples. En\npeignant une personne au balcon, vue de l'inte-\nrieur, nous ne limitons pas la scene ä ce que le\ncarre de la fenetre permet de voir; mais nous\nnous efforgons de donner l'ensemble de sensa-\ntions visuelles qu'a eprouvees la personne au bal-\ncon: grouillement ensoleille de la rue, double ran-\ngee des maisons qui se prolongent ä sa droite et\nä sa gauche, balcons fleuris, etc. Ce qui veut\ndire simultaneite d'ambiance et, par conse-\nquent, dislocation et demembrement des objets,\neparpillement et fusion des details, delivres de la\nlogique courante et independants les uns des\nautres.\n«Pour faire vivre le spectateur au centre du\ntableau, selon l'expression de notre manifeste, il\nfaut que le tableau soit la synthese de ce dont\non se souvient et de ce que l'on voit.\n«II faut donner l'invisible qui s'agite et qui vit\nau delä des epaisseurs, ce que nous avons ä\ndroite, ä gauche et derriere nous, et non pas le\npetit carre de vie artificiellement serre comme\nentre les decors d'un theätre.»\nDans cette meme exposition (fevrier 1912) on\ndiscuta beaucoup pour et contre un de mes ta-\nbleaux acheve par moi durant l'ete 1911) qui\navait pour titre VISIONS SIMULTAN £ES.\n3. Ce que nous avons proclame dans le Ma-\nnifeste de la Sculpture futuriste\n(11 Avril 1912):\n«. . . l'abolition complete de la ligne finie e de\nla statue fermee. Ouvrons la figure comme une\nfenetre et enfermons en eile le milieu oü eile vit.\nProclamons que le milieu doit faire partie du bloc\nplastique comme un monde special regi par ses\npropres lois. Proclamons que le trottoir peut\ngrimper sur votre table, que votre tete peut tra-\nverser la rue, et qu'en meme temps votre lampe\nfamiliere peut suspendre d'une maison ä l'autre\nl'immense toile d'araignee de ses rayons de craie.»\n4. Ce que nous avons proclame dans la Pre-\nface du Catalogue de la Premiere Exposition de\nSculpture futuriste (Galerie La Boetie : Juin 1913):\n«Toute personne intelligente compendra que de\ncette construction architecturale spiralique devait\nnaitre la simultaneite sculpturale, ana-\nlogue ä la simultaneite picturale proclamee et ex-\nprimee par nous dans notre premiere Exposition\nde peinture futuriste ä Paris (Galerie Bernheim,\n5 fevrier 1912).\n«Les sculpteurs traditionnels font tourner la\nstatue devant le spectateur ou le spectateur autour\nde la statue. Tout angle visuel du spectateur em-\nbrasse ainsi l'un des cötes de la statue ou du\ngroupe sculptural. Ce procede ne fait qu'aug-\nmenter l'immobilite de l'oeuvre. Ma construction\narchitecturale spiralique cree au contraire devant\nle spectateur une continuite de formes qui lui\npermet de suivre idealement (ä travers la forme-\nforce jaillie de la forme reelle) un nouveau con-\ntour abstrait qui exprime le corps dans ses mou-\nvements materiels.\n«La forme-force est par sa direction centrifuge\nle potentiel de la forme reelle vivante. C'est\ndonc d'une facon plus abstraite que Ton pergoit\nla forme dans ma sculpture. Le spectateur doit\nconstruire idealement une continuite (simulta-\nneite) qui lui est suggeree par les formes-forces\nequivalentes ä l'energie expansive des corps.\n«Mon ensemble sculptural evolue dans l'espace\ncree par la profundeur du volume en montrant\nl'epaisseur de chaque profil. Mon ensemble sculp-\ntural n'offre donc pas une serie de profils fixes\nimmobiles et silhouettes. Chaque profil porte en\nsoi l'indication des autres profils precedents et\nsuivants qui forment l'ensemble sculptural.»\nNous insistons sur la priorite de n@s recher-\nches de simultaneite, consequences fatales\nde la sensibilite futuriste dont nous sommes les\ninterpretes.\nNous voyons avec plaisir se propager partout\nl'influence de nos puiss'antes DECOUVERTES,\nsurtout en France et dans l'oeuvre de M. Delau-\nnay, qui, obsede par la simultaneite, s'y spe-\ncialise, comme s'il s'agissait d'une decouverte\nä lui.\nNous sommes heureux en outre de constater\nque notre grand ami et allie Guillaume Apollinaire\n— Taudacieux poete des A1 c o o 1 s — nous rend\nentierement justice ä ce sujet, dans s'a belle revue\nLes Soirees de Paris (15 Novembre 1913):\n«Delaunay, qui par son insistance et son\ntalent a fait sien le terme de simultane,\nqu'il a emprunte au vocabulaire\ndes futuristes, merite qu'on Tappelle de-\nsormais ainsi qu'il signe : «1 e Simultane».\nPour ma sculpture aussi Guillaume Apollinaire\nconstate dans le meme article la priorite de la\nsimultaneite sculpturale qui parut\npour la premiere fois dans mon Exposi-\ntion de Sculpture futuriste (Paris : Galerie La\nBoetie. — Juin 1913).\nMilan, 25 Novembre 1913"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-15-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-15_01#c007", "volume": "bmtnabg_1913-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "151", "page_fin": "151", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.2.7", "titre_corps": "Von Zeichnungen aus der Kokoschka-Mappe : Hans Arp", "titre_sommaire": "Von Zeichnungen aus der Kokoschka-Mappe : Hans Arp", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "151", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.7", "debut_caractere": 6332, "fin_caractere_exclue": 8682, "texte": "Von Zeichnungen aus\nder Kokoschka-Mappe\nHans Arp\nAus den Sternen wachsen blühende Zweige\nvoll leuchtender Ampeln. Aus den Traufen der\nSterne fließt Wein in Strömen. Herr Archi A»\nGoodale wandelt mit dem Kopf in der 'Hefe hän-\ngend an den Sternen. Manchmal schwankt er\nnachdenklich, wie eine schwere Traube. — Der\nUmfang des Blutes mit seinen dunklen Flüssigkei-\nten des Mordes, Wahnsinnes und Traumes, Die\ndurchsichtige Haut des Menschen mit seinem Uhr-\nwerk, seinen Gerüsten und Kanälen. Die roten,\ngelben und blauen Schnüre darum. Die Anatomie\naus Kompliziertheit primitiv, wie die Gewandfal-\nten der alten Heiligen. — Irisierende Schädel. —\nBlonde Bälge gefüllt mit Haaren, tierischen Früch-\nten und Nadeln. Helme von bunten Wollhaaren\nvor schwarzen Papierschirmen. Aus Moos und\nFlaum schimmern tauige Faune und klassische\nLaster. Die Ewigkeit raucht aus uns wie aus\nPfeifen. In einigen Augen ist das Dunkel der\nLogen mit ihren kleinen erotischen Notbehelfen,\nder Gesang der Kreisenden. In den Hintergrün-\nden wetterleuchten die ausschaukelnden, blitzend\nvernickelten Trapeze. Eine Woge von Taschen-\ntüchern nud gläsernen Edelsteinen senkt sich von\nder Balustrade herab. In einem Netze fermen-\ntieren goldene Löwenfelle. O, die erstaunten Ge-\nsichter der Geranien und Hausfrauen. Kniefälle\nvor den diamantenen Altären in den Gärten der\nblühenden Kruzifixe. K. zieht Linien voll feinster\nKraft, wie) sie in den Fingerhaltungen der Bud-\ndhas leben, und deren Stolz und bestimmende Er-\nklärung sich an so kleine Dinge wie Sonnen und\nSterne verschwendet. Raddias vor den Kulissen\neuropäischer Seelen. Räusche voll Guysscher\nGrazie, duftend nach orientalischen Parfumerien.\nPiruetten aus der galanten Zeit. Gutmütige\nTraumtiermasken aus Sommernachtspuk, durch-\nrieselt von Perlen schimmernder Mädchenhold-\nseeligkeit. Salons, deren Gestalten beeinflußt sind\ndurch Weidenfrische, Türkise, Gaze, und voll\nFreundlichkeit durch einige kleine Konventionen\nintimerer Malerei und geheimerer Stile. Gefühle,\nderen Himmel flammende Herzen, und deren Men-\nschen Sterne in der Brust tragen. Verwechslun-\ngen von Frauen und Pflanzen. Käfige voll Blumen.\nDämmerzirkusse. 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Er war ein\nenergischer und tapferer Vorkämpfer für die neue\nBewegung in Italien und hat sich insbesondere\nstark für Kandinsky und Franz Marc eingesetzt.\nEr nahm sich in einem Augenblick der Entmuti-\ngung das Leben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-15-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-15_01#c010", "volume": "bmtnabg_1913-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "151", "page_fin": "151", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.2.10", "titre_corps": "Notizen", "titre_sommaire": "Notizen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "151", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.7", "debut_caractere": 9146, "fin_caractere_exclue": 9351, "texte": "Notizen\nDer Schlußteil des Romans von Arthur Babil-\nlotte erscheint im nächsten Heft (erster Januar).\nVon nächster Nummer ab erscheint der Roman\n„Der Weg durch die Nacht\" (Det störe\nSköd) von Aage von Kohl"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-15-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-15_01#c011", "volume": "bmtnabg_1913-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "152", "page_fin": "152", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.8", "debut_caractere": 482, "fin_caractere_exclue": 692, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nStrlin W j Potsdamer StraBe 134 a\nZwanzigste Ausstellung\nAlbert Bloeh\nGeoffnet taglicli von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nSintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-15-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-15_01#c012", "volume": "bmtnabg_1913-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "152", "page_fin": "152", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.8", "debut_caractere": 694, "fin_caractere_exclue": 3029, "texte": "Verlag der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nHalbmonatsschrift der Sturm\nErscheint am ersten und fiinfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGewohnHche Ausgabe: Fiir Deutschland\nand Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Haibjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelntimmer 20 Pfennig / Doppel-\nmimmer 40 Pfennig X F ti r das Ausland bei\nilirekter Zustellung durch die Post:\nEin Jahr ■) francs / Ein Haibjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteliahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSond&rausgabe: Ungebrochene Exem-\npt a r e auf holzfreiem Papier, Vcr-\nsendung in Rollen direkt durch die\nPost fflr Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Haibjahr 6 Mark X Fflr das Ausland:\nSin Jahr 18 francs / Ein Haibjahr 9 francs / Von\nlieser Ausgabe werden Vierteljahrsbezfige, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t\nSer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer i— 56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n10 Mark / Vom 1. Januar ab 20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nXunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu he-\nsiehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahirhofshandlungen, Kiosken u. StraBenst&nden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwflnscht wird, bitten wir den B e t r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeg inn des neuen Vierteljahres bis\ni'umfilnftendes ersten Monats einzu-\n3 e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nwinter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nGeneraivertretung des Verlags Eugene Figui&re /\nParis\nOriginalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefugt / Alle\nExemplare sind vom Kiinstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechstein: Die Eriegung des Fest-\nbratens / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert J\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nKandinsky: Sonntag ./ Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-15-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-15_01#c013", "volume": "bmtnabg_1913-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "152", "page_fin": "152", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.8", "debut_caractere": 3031, "fin_caractere_exclue": 4756, "texte": "Wilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 20 Mark (10)\nGabriele Munter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft J Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rotluff: Mann und Weib / Sonnige StraBe\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat fiir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: N i j i n s k y / Portrat Licht-\ndruck, groCes Format / 10 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Qe-\ndichten von A r ri o H o 1 z / Fiir Qesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fabrt / Qino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz I U m b e r t o Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Munter / Marc Chagall /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nSoeben erschienen: Kandinsky 1901—1913 /'\nMonographie mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen und Text von Kandinsky\nMark 10\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1913-12-15-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1913-12-15_01#c014", "volume": "bmtnabg_1913-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "152", "page_fin": "152", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Ar-\nch i p e n k o I Arbeiten in Stein / Studies\nder Stilarten\nIm Horen-Verlag (Charlottenburg 4) erschiefi von\nCurt Stoermer, der den Lesern des „Sturm\"\ndurch Holzschnitte bekannt geworden ist, ein\nHeft Gedichte unter dem Titel: Metamorphosem\nDas Heft ist mit einem wertvollen Original-Titel-\nholzschnitt des Verfassers versehen und kostet\n2 Mark. Von demselben Kiinstler erschien im\nHoren-Verlag eine Mappe von Holzschnitten:\nDer Gastfreund, eine Ballade in 7 Holz-\nschnitten. 30 numerierte und signierte Handab-\nzilge des Kiinstlers. Preis in Mappe Mark 40\nMasken des Marsyas / sechs Holzschnitte und\nsechs Sonette: Poe Baudelaire Hoffmann Wilde\nVerlaine Rimbaud I Privatdruck / nur wenige\nExemplare gegen Einsendung von 6 M vom Ver-\nfasser / Hanns Meinke /' Streckenthin-Pritzwalk ./\nProvinz Brandenburg\nWiener Buchhandlung fiir moderne Literatur und\nKunst Hugo Heller & Co. Wien I Bauern-\nmarkt 3 / Reichstes Lager bibliophiler Literatur /\nStandige Buchkunstausstellung / Im Oberlichtsaal\nstandige Ausstellung moderner Graphik / Regel-\nmaBige Dichterabende vor geladenen Gasten\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Ami\nLtitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\nJeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nWiecker Bote / Schriftleitung: Dr. Oskar Kanehl /\nWieck-Eldena in Pommern / Preis des jHeftes\n25 Pfennig / 4 Hefte M. 1,20 / Heft 3 soeben er-\nschienen\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWaldes\n1 Zehntes Jahr / Man verlange kostenlose\nMitteilungen fiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nPremier Iivre simultane / Blaise Cendrars /\nLa Prose du Transsiberien et de la Petite Jehanne\nde France / couleurs simultanees de Mme Sonia\nDelaunay-Terk / Edition unique, atteignant\nla hauteur de la Tour Eiffel (vol. 10X36 cm\n2 metres) 150 exemplaires, dont 8 sur Parche-\nm i n ,couverture a la main, chevreau noir Prix\nnet Ers, 500— / 36 sur Japan-Imperial, cou-\nverture a la main, parchemin Prix net Frs. 100— /\n106 sur Simili-Japan, couverture a la main\nchevreau noir Prix net Frs. 50— / Tous les exem-\nplaires sont signes pas les Auteurs et numerotes a\nla presse / Edition des Hommes Nou-\nveaux, 4 ruedeSavoie, 4 Paris / De-\npot: Der Sturm Berlin W Potsdamer-\nstraBe 134a / Prospectus gratuit"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.1", "texte": "Umfang: acht Seiten\nEinzelbezug 40 Pfennig\nRgggä n fjjjPP itf 'VHk\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W 9/ Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungs räume\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nVIERTER JAHRGANG 1913\nBERLIN-PARIS ZWEITES DEZEMBERHEFT\nNUMMER 190/191\n\nInhalt: Vlatislav Hofman:\nDer Geist der Umwandlung in der bildenden Kunst / Aäge von Kohl: Der tierische Augenblick / H. W«: Aus der Zeit:\nDer Herr mit dem schönen Namen / Im Sinne Dürers / Boccioni Simultaneite futuriste / Empfohlene Bücher / Mitteilung / Notizen / Paul Klee: Der\nSelbstmörder auf der Brücke / Zeichnung\n\nPaul Klee: Der Selbstmörder auf der Brücke / Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.2", "texte": "Der Geist der Umwand-\nlung in der bildenden\nKunst\nVlatislav Hofman\nOrganisch und entwicklungsmäßig in das mo-\nderne Milieu hineinzuwachsen bedeutet bestimmte\nzweckmäßige Notwendigkeiten spontan zu um-\nfassen. Nach der Erschütterung von Taines evo-\nlutionistischem Determinismus ist es allerdings\nkeine Gewohnheit mehr, dem Milieu eine solche\nMacht beizulegen, als ob es mit gewisser Not-\nwendigkeit die Richtung und den Charakter des\nkünstlerischen Schaffens bestimmen würde. Es\nist wahr, daß das Milieu an sich unbestimmt und\nformlos ist, wie eine Nebelwolke, aus der nur\neinige mehr charakteristische Emotionen des\nGeistes wie scharfe Kanten und Strahlen empor-\nsteigen, die aber trotzdem nicht genügen, um inner-\nhalb des geistigen Milieus die Struktur zu bilden.\nAber gerade in dieser Indifferenz liegt es, daß das\nkünstlerische Milieu ein zweckmäßiges Stadium\nfür die Möglichkeit eines neuen Ausdrucks ist.\nDenn die Kunst enthält in sich einen Drang nach\nOrganisierung dieses unbestimmten Stoffes, ähn-\nlich wie wenn eine philosophische Idee entsteht,\ndie für diesen Augenblick nützlich ist und\nihm eine überraschende und selbstverständliche\nOrdnung einprägt. Durch einen zweckvollen ent-\nwicklungsmäßigen Instinkt geführt, setzt sich der\nKünstler in dieses Stadium ein und ruft in ihm eine\nArt magnetischer Störungen hervor; seine Auf-\ngabe ist es, das Milieu in der formalen Hinsicht\nzu organisieren, während das Milieu wiederum\nihn in Inhalt und Eigenschaften umändert.\nDie Wahrheit eben ist darin, daß alle Möglich-\nkeiten des neuen Ausdrucks in diesem bildungs-\nfähigen, von Energien durchdrungenen Milieu sich\nbefinden, im Milieu erfüllt von Energien, die der\nKünstler zu konsequenter Harmonie, System und\nzur konstruktiven Vereinheitlichung benützen soll,\nund daß hinter einer jeden künstlerischen Gebärde,\nhinter einer jeden neuen Form ein Triebwerk und\neine Summe von Dingen ist, die die gegenwärtige\nWelt bilden; für ein bewußtes Individuum ist aber\nwohl die größte und umfassendste Sache der\nWelt seine Anschauung.\nDer Zusammenhang mit den Dingen des Mi-\nlieus ist der erste charakteristische Zug der moder-\nnen Kunst. Das neue Milieu ist wie eine neue\nRegion, die zum Durchforschen und Durchmessen\nlockt. Sobald das Gefühl des veränderten Milieus\nentsteht, stellt sich gleich eine lebendige Sehn-\nsucht nach dem neuen Geschmack, nach bisher\nverborgener Form und nach einer neuen gegen-\nwärtigen und rein modernen Schönheit ein. Vor\nallem konnte der moderne Geist mit seiner For-\nschungslust, Schärfe und seinem Durchdringungs-\nvermögen nicht vernachlässigen, die Veränderun-\ngen und neuen Situationen auszunützen, die für ihn\nentstanden sind. Das ganze neuen Leben ist durch-\nsättigt von Sehnsucht nach dem Geheimen und von\ndem Willen, es durchdringend zu erfassen, was in\nder Wissenschaft auf einem mühevollen, kriege-\nrischen Wege geschieht, in der Kunst aber, auf\ndem Wege der Schönheit und der Emotion.\nDie moderne Zeit ist ihrem Charakter nach\nantinaturalistisch: sie überwältigt die Natur, be-\nmächtigt sich ihrer und bildet eine künstliche Welt,\ndie durch die gewaltigen Fähigkeiten des Men-\nschen geleitet wird; mit allem, was bis jetzt er-\nrungen wurde mit der Technik, dem Scharfsinn\nund der Praxis, mit der Sicherheit und Selbstver-\nständlichkeit, mit Kenntnissen, mit Härte und Kraft,\nmit all dem stellen sich die Menschen gegen die\nangeblich bedrückende Macht des Schöpfers und\nder Natur. So verändert sich auch in der Kunst\nder rohe, naturalistische Charakter durch einen\nwirksamen und unendlich tiefer arbeitenden Geist,\nals es die bloße Umschreibung und Nachahmung\nder Wirklichkeit in den vorigen Perioden war.\nHier herrscht ein mächtiger Druck der geistigen\nPrinzipialität und Absichtlichkeit, der den deka-\ndenten Perioden ganz und egal fehlt. Der Natura-\nlismus weiß sich der Gegenstände nicht anders zu\nbemächtigen, als durch ihre Nachahmung, fast so\nwie die australischen Wilden glauben, daß man\ndie Tiere nachahmen müsse, damit sie sich fangen\nlassen; dagegen ist die Prinzipialität wie Mathe-\nmatik, die sich der Größe und des Umfanges der\nKörper bemächtigt, indem sie sie in Differentiale\nzerteilt und dann in einen neu abstrahierten Um-\nfang integriert.\nDie moderne Kunst wird sich anderer Aufgaben\nbewußt; ihr genügt es nicht, die Natur zu ver-\nmehren, selbst wenn sie durch das Temperament\ndes Künstlers verschönert wäre, so wie die Photo-\ngraphie nicht ausreicht zur inneren Erkenntnis der\nSache und so wie die geistige Existenz und das\nWesen eines berühmten Mannes nich* durch\nBronze- und Metallabgüsse seiner populären\nBüste vermehrt werden. Die wesentliche Verän-\nderung, die in unseren Zeiten die Kunst durchlebt,\nist bedingt durch die Sehnsucht nach dem Unbe-\nkannten, nach neuen Eindrücken, nach einer neuen\nWelt. Dieser innerliche Ursprung verleiht der\nneuen Kunst einen eigentümlichen, besonders ge-\nfühlsartigen Ausdruck.\nWir haben Malerei des Gefühls, Architekten\ndes Gefühls, und Gefühlsdichtung, in denen allen\ndas Gefühl sich nicht durch eine Stimmung aus-\ndrückt, sondern durch eine Unterbrechung der\nRuhe. Die moderne Kunst ist eine starke Sehn-\nsucht nach der Ueberwindung der Rea-\nlität. Schon dadurch, daß sie prinzipiell ist, reißt\nsie sich von der lebendigen und rohen Wirklichkeit\nlos und ihr Streben liegt ganz in der Umwertung\nder massiven Dynamik des Lebens in die Kon-\nstruktion und in eine abstrakte Oberfläche, die\ndurch das Durchfluten des Geistes beseelt wird.\nIhr schöpferischer Prozeß ist Vergeistigung und\nFormgebung, die Umänderung der Welt in den Zu-\nstand der Idealität, in eine Summe autonomer, For-\nmen. Aber selbst das Wort „Form\" gewinnt eine\nandere Bedeutung; es bedeutet nicht mehr eine\nschmückende Form, denn darin wäre für den mo-\ndernen Geist zu wenig des Praktischen, Reinlichen\nund Fachmännischen; es bedeutet auch keine Na-\nturform den Naturgegenständen nachgeahmt, der\nphysischen Welt abgelauscht. Die moderne Form\nist sachlich, sie ist weder eine Imitation der\nGegenstände, noch ein Symbol der Dinge, son-\ndern sie selbst ist eine Sache, die davon un-\nabhängig ist, ob sie irgendwelchen Naturgegen-\nständen ähnlich sieht oder nicht. Der besondere\nCharakter der modernen Kunst ist also teilweise\ndas Gefühl, der Zustand der Emotion, teilweise ein\nklares und sicheres Bewußtsein der Prinzipialität,\neine bestimmte bewußte rationelle Logik des künst-\nlerischen Schaffens, und endlich ein Wagen, Er-\nfinden und Prüfen von neuen Ausdrücken, die ihrer\nNeuheit wegen lockend sind. Diese drei Faktoren\nsind die gegebenen und bestimmten Größen in der\nunbestimmten Gleichung der gegenwärtigen\nKunst. Ein unbestimmter und veränderlicher Wert\nist die tiefe Originalität der ersten Vorstellung,\ndie geheime Wirkung des modernen Milieus, der\ngrundlegende Instinkt und die Gefühle einer poe-\ntischen, sogar grübelnden Natur. Es ist klar, daß\ndie moderne Kunst ein Komplex menschlicher\ngeistiger Stärke von ungewohnter Kompliziertheit\nist, und daß der innerliche Vorgang, durch den\nsie entsteht, sich sehr von dem leichten natura-\nlistischen Schaffen unterscheidet\nDie Grundlage der modernen Kunst ist das\nStreben nach einer Form von absoluter und prin-\nzipieller Sicherheit; die Werkzeuge sind hier die\nMittel, wie Farbe, Raum und Schall. So hat zum\nBeispiel der Kubismus seinen „astralen\" Raum\nohne Atmosphäre, der um den Zauber und die\nKlebrigkeit der naturalistischen Säfte beraubt ist;\nes ist nicht ein Raum, in dem sich Motive der ele-\nmentaren und leidenschaftlichen Naturkräfte ab-\nspielen. Es ist ein selbständiges und reines\nPrinzip, das eine Art von l'art pour l'art in\ndem besten Sinne des Wortes gründet, wie es zum\nBeispiel (wohl in einem anderen Stile) das musi-\nkalische Werk von Bach gegenüber dem von\nWagner darstellt.\nDie Abwendung von Naturalismus, die tief die\nmoderne Kunst charakterisiert, kann man sich am\nleichtesten auf folgende Weise vorstellen: Von der\nRenaissance an versuchte die bildende europäische\nKunst das schöne Aeußere der Dinge nachzu-\nahmen. Diese Tendenz dauerte bis in das neun-\nzehnte Jahrhundert hinein, und ihre Modifikationen\nund Stile wurden mehr durch die Aenderungen der\n„Moral-Temperatur\" der europäischen Mensch-\nheit als durch prinzipielle Umwandlungen verur-\nsacht. Aber der moderne Geist nahm schon zu\nviel von wissenschaftlicher Erkenntnis ein, als daß\ner nicht wüßte, daß das, was unter der Oberfläche\nder Dinge, innerhalb ihrer Struktur und ihrer\nKräfte sich abspielt, viel geheimnisvoller und\nauch schöner ist, als ihre äußere Ober-\nfläche. Selbst die vollkommenste Illusion\ndes Gegenstandes bietet dem gegenwärtigen\nGeiste keine volle und dauernde Befriedigung. Und\nnun wird es die Aufgabe der Kunst sein, sich von\nder Natur zu befreien und sie zu überwinden. Der\nImpressionismus riß sich wenigstens von der Mate-\nrialität der Natur los und gab ihr die Realität und\ndie Subtilität des psychologischen Werdens; aber\nauch dadurch wurde nicht tiefer in den Charakter\nder Kunst eingegriffen, es blieb noch immer übrig,\nden entscheidenden Schritt zu machen, das heißt,\ndie Natur durch Künstlichkeit, durch autonome\nmenschliche Ordnung und Autorität der künst-\nlichen Form so zu ersetzen, daß die Form, eine\ngeistige Formation, den Naturgegenstand ersetze.\nDie moderne Kunst gibt den Seelen ein monumen-\ntales Gewand, und so ist es möglich, statt der\nWirklichkeit diese monumentale Prinzipialität selb-\nständig und autonom zu setzen; die Form der\nKunst entsteht also durch einen anderen Vorgang,\nnicht durch bloßes Uebertragen der Wirklichkeit.\nDas, was ich als künstlerische Substitu-\ntion der Gegenstände bezeichnen würde, ist eine\nabstrakte Oberfläche und künstliche Gefühlsform,\nvon dem Naturalismus befreit. So war schon der\nfarbige Punkt des Neoimpressionismus eine der-\nartige selbständige Seele, ein kleiner in der far-\nbigen Berührung enthaltener Raum; schon da-\ndurch wurde im Neoimpressionismus die naturale\nGestalt einem bestimmten Prinzip unterordnet. In\nder heutigen Kunst finden Aenderungen von weit\ngrößerer Tragweite statt, ja Aenderungen, die\nselbst den Kern der bildenden Auffassung treffen.\nDie formelle Voreingenommenheit hatte sich ge-\nläutert und befreite sich von groben Zusätzen.\nWas die Kunst zu erreichen sucht, ist die Idea-\nlität der Form, für die man unzählige Mittel\nund Versuche erfindet. Denn die Realisierung\ndieser Idealität ist durchaus nichts Leichtes; der\nKünstler findet sie nirgend in der Welt fertig, er\nmuß sie vorbereiten; die moderne Kunst wird ge-\nschaffen, nicht geträumt; sie muß ihren Gegenstand\nauf den Wegen der Logik und der Ahnung ver-\nfolgen, sie muß mit den Sachen der Welt ein selt-\nsames Spiel treiben, sie muß klug und klar die\nWeltanschauung zum Nutzen der Formanschau-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.3", "texte": "ung ausnützen, damit so eine neue Schönheit und\nKünstlichkeit geschaffen werde. Wird diese Schön-\nheit geboren, so hat sie noch keine allgemeine\nAnerkennung; roh und grob erscheint sie den\nAugen der Aesthetiker und Liebhaber des Alten,\ndie ohne ihr Mitwirken geschaffene Kunst auf-\nwärmen und sie von einer Wand zur anderen rei-\nchen. Aber das Faktum, das die Autonomie der\nForm schon da ist, verwirklicht in der neuen\nKunst, kann nicht an seiner Wirksamkeit dadurch\nverlieren, daß sie für Augen unbequem ist, die an\neklektische und naturalistische Kunst gewöhnt\nsind.\nDamit aber die neue Schönheit fruchtbar ent-\nstehen kann, sollten wir voll Zutrauen zu unserer\nZeit sein: Moderne Zeit muß für uns die aller-\nschönste sein. Wollen wir die moderne Schönheit\nschaffen, ist vor allem nötig, sich von der senti-\nmentalen Bewunderung für das Vergangene zu be-\nfreien. So fühlt auch der Soldat die neue Schön-\nheit eines Schusses aus dem Maschinengewehr,\ndie Schönheit einer vollkommen Funktionsfähig-\nkeit, ein Gefühl, das sich sehr von der alten und\ndummen Schönheit des Freischützen unterscheidet.\nDer moderne Zuschauer soll auch solch ein naives\nund selbstverständliches Gefühl vor der Kunst\nhaben.\nAlso: Die moderne Kunst zielt zur Idealität der\nForm, die von der Illusion befreit ist. So hatte auch\ndie frühe mittelalterliche Malerei nicht den ver-\ndächtigen illusiven Zauber der späteren Stile; ihre\nAusdruckssprache war rätselhafter, weil sie\nrein und ursprünglich ist.\nAber die neue Kunst ist keine Abwendung von\nder Wirklichkeit und keine Flucht zum Ideale der\nSchönheit außerhalb der Welt. Im Gegensatz, der\nvolle und lebendige Sinn der Zeit lehrt bis in das\nInnere der Wirklichkeit, bis zum Skelett, das sie\nträgt, einzudringen zu trachten. Unser realer Sinn\nist so verschärft, daß alles, was bloß Illusion ist,\nauf dem Grund der Seele eines tieferen Menschen\neine quälende Unbefriedigung und ein Gefühl der\nUnwahrscheinlichkeit hinterläßt. Der moderne\nGeist klebt nicht an der Erde, sondern an der\nWirklichkeit, die den Menschen fortwährend auf-\nfordert, sich ihrer durch die Tat zu bemächtigen.\nDiese wahre Wirklichkeit, die für das aktive,\nschaffende Menschenwerk ein beständiges Objekt\nist, enthält für unsere Sinne nichts Häßliches und\nGemeines. Wir brauchen sie nicht mehr zu ver-\nschönern, mit Symbolen und Metaphern zu be-\ndecken, mit Bengalstimmungen zu färben und mit\ndem Mantel des Göttlichen zu umhüllen. Die\nKünste der vergangenen Zeiten schufen eher eine\nideale Welt als eine ideale Form. Ihr Inhalt waren\nschöne, idealisierte Gegenstände, durch natura-\nlistische Imitation ausgedrückt. Die Würde der\nKunst wurde durch eine Illusion des Göttlichen,\ndurch vornehme aristokratische Schönheit, die\netwas besseres, als bloße Realität bedeutete, er-\nsetzt. Darin war die große Revolution Befreiung\nund Reinigung, denn sie war rationell und zivil,\nund machte mancher Prächtigkeit der vergange-\nnen Zeiten ein Ende. Erst nach ihr konnte eine\nneue Realität kommen, ein neues Einführen von\nVorstellungen in die Seelen, eine tiefere Sehnsucht\nzur Erforschung und Vision als bisher! Jetzt ver-\nlangen wir von den Dichtern etwas mehr, als ele-\ngante und philosophische Spazierritte auf dem\n„Pegasus\", von den Musikern mehr als schöne\nMelodien, von den Malern mehr als Galerie-\nMeisterwerke; denn alles dies sind nur Schau-\nbühnen, wo in anziehender Position die Illusion\nder Schönheit liegt. Die moderne Zeit löst in sich\netwas weit mehr Prinzipielles und Elemen-\ntares, und verlangt nicht Befriedigung und Täu-\nschung, sondern eigene Konstruktion. Das In-\nteresse der modernen Kunst zielt zu den Dingen,\nzur Bewältigung der Dinge. Die neue Ausdrucks-\nsprache teilt das geheime und wahre der Reali-\ntät mit als neue Berührung des Geistes, und dringt\nauf uns so stark, daß wir vor Realität fortwährend\nbeinahe erschrecken. Die moderne Malerei unter-\nsucht die Gegenstände fast mit analytischer Prä-\nzision, dreht sich um sie, läßt sich von ihnen über-\nraschen; niemals ist die Kunst mit einer solchen\nPräzision vorgegangen, wie jetzt.\nSo finden wir in der neuen Kunst einen be-\nstimmten Dualismus; ein Streben nach voller\nGegenstandsrealität und auch nach voller Idealität\nder Form. Das neue Gesetz der modernen Kunst\nbesteht in der Erlangung einer solchen Formidea-\nlität, die völlig und synthetisch die Seele zu ver-\ntreten fähig wäre. Unsere Kunst, die auf solche\nWeise zwischen zwei gleich mächtige, neue und\nnötige Forderungen gestellt ist, wird zum Pro-\nblem, das eine unendliche Zahl von Lösungen zu-\nläßt.\nDie hier ausgesprochenen Forderungen reali-\nsiert die zeitgenössische Kunst völlig und aus-\ndrucksvoll.\nVor allem — durch welche Form drückt sich\nder moderne Künstler aus? Er spricht durch die\nLinie, sie stenographiert am vollkommensten den\nlangen Weg, auf dem die Naturerscheinung umge-\nändert und in der Seele gebrochen wurde. Er\nspricht durch die Fläche, die an den Grenzen der\nnatürlichen Oberfläche die Li mi tat ist, durch\neine sehr ausdrucksvolle Fläche, an der homogene\nMoleküle zusammengetrieben wurden, damit sie\nlaut und bestimmt klingt; er spricht durch For-\nmen, die sich an der letzten Grenze zwischen Un-\nmöglichkeit und Wahrscheinlichkeit bewegen.\nHier werden die Oberflächen, die zum Beispiel\nfarbigen Bändern oder wunderbaren Streifen und\nTafeln ähnlich sind, zum künstlerischen Resultat,\ndas die wirkende dekorative Macht des Bildes von\nGrund aus verjüngt, und das eine farbige Photo-\ngraphie nicht geben kann; und diese Abstraktion\nvon der natürlichen Gestalt geht so weit, daß die\nformalen Urstoffe einen beinahe geometrischen\noder mechanistischen Charakter annehmen. Aber\nauf welche Weise kann man gleichzeitig bei dem\nEntstehen der idealen Form mit den Dingen real\nfühlen?\nDie Sachen müssen von dem Zauber der ver-\nänderlichen Oberfläche befreit, entblößt werden.\nMan muß aus ihrem Inneren die formale Konstruk-\ntion zu fixieren trachten, die gleichzeitig auch Ver-\neinfachung und Entfaltung der Seelen ist, zugleich\nihre zusammengefaßte und vielfache Vision. Aber\nes gibt mehr Mittel und Systeme, als man hier\nerwähnen kann, In ungewöhnter Fülle finden Erup-\ntionen und Drucke statt, sie müssen alle Dämme\ndurchbrechen, die von den eklektistischen Tra-\nditionisten erhalten werden. Und so wie diese Be-\nwegung durch ihre Intensität manchen Begriff und\nmanches ästhetische Ganze, das für absolut und\nfertig galt, zerstört hat, so zerlegt sie auch\nschon die mechanistische Homogenität der Hand-\nlung durch den freien Vers, der sich neu organi-\nsiert und seine gesetzliche Bindung sucht, so zer-\nlegt sie auch den Raum in der kubistischen Kunst\nin malerische Substitutionen, und so zersetzt sie\nauch die Melodie in ein disparates und autonom\nfungierendes Tonsystem. Aber diese Zerlegung\nist keine Verstandsanalyse; sie bedeutet das Aus-\nbreiten der Flügel zum kühnsten Fluge, zu dem\nsich das Jahrhundert bereitet hat.\n\nAutorisierte Übertragung aus dem Tschechischen von\nQeorgFaustha / Der Verfasser ist Architekt in Prag\n\nDer tierische Augen-\nblick\nAage von Kohl\nDenen, die den Krieg zu hassen noch nicht gelernt\nhaben\nUnd denen, die noch nicht die Menschen lieben\nIm selben Augenblick merkte er es. Als er,\nLeutnant und Fürst Bentai Fushimo, den Schein\ndes Bataillonsleuchters, der in dem Wind hin- und\nherschaukelte, hinter sich hatte, merkte er das\nGanze.\nKapitän Hoksai, sein Kompagniechef, hob sei-\nnen Kopf mit dem kurzen grauen Haar und kniff\ndie schmalen bartlosen Lippen zusammen. Pre-\nmierleutnant Hatuse sah eine Sekunde auf, dann\nsenkte er wieder sein Gesicht über eine weiße\ngroße Blume, die er in der linken Hand hielt. Und\ndie anderen Offiziere schwiegen alle mit einmal,\nes sah aus, als suchten ihre Hände verlegen nach\neinem neuen Gesprächsstoff.\nBentai stand einen Augenblick ganz still. Lang\nund schlank. Der fleckige, karierte Lichtschein\ndes Papierleuchters machte den Staub auf seinen\nStiefeln grau und rostfarbig.\n„Setzen Sie sich, Fürst Fushimo,\" sagte Ka-\npitän Hoksai schließlich ganz kurz und wie ge-\nzwungen, fand Bentai. Der Kapitän bog seinen\nOberkörper zurück, er saß auf einem kleinen Erd-\nhügel, und begrub seine Hände unter seinen\nSchenkeln. Das Dunkel hinter ihm bewegte sich\nwie eine weiche schwarze Decke, die manchmal\nvon dem Wind über Gesicht und Schulter gezogen\nwurde.\nAus dem Ton des Kapitäns glaubte Bentai zu\nverstehen, daß sie alle auf ihn heruntersahen, daß\nsie ihn für einen Feigling hielten — hier war er\nnur Fürst, nicht Soldat.\nEinen Moment war er ganz ratlos.\n„Danke, Kapitän, Sie sind zu liebenswürdig!\"\nsagte er dann mit kurzer überlegener Stimme; er\nlächelte und machte eine Handbewegung, als\nspräche er mit den Dienern zu Hause.\n„Ich störe wohl,\" fügte er hinzu, und fühlte, daß\nseine Stimme beinahe sank, unter den Hals.\nEr machte Kehrt und ging von den Offizieren\nfort.\nLange nachher konnte er das Schweigen hören,\ndas auf seine Worte unter den Kameraden folgte.\nEr haßte diese Menschen und bettelte bei ihnen zu\ngleicher Zeit. Er hatte Lust, sie zu schlagen, und\neine unmenschliche Sehnsucht, ihnen alles zu er-\nklären. ;V :\nJa, es war kein Zweifel; sie glaubten, daß er\neine Bürde und Schande für das Bataillon sein\nwürde. Ein Hofoffizier! Ein Fürst, der launenvoll\nteilnehmen zu dürfen wünschte! — Fürst Bentai\nFushimo war neunzehn Jahre alt. Aber sein\nVater hatte die Zeit gut ausgenutzt. Seitdem\nBentai acht Jahre alt war, wurde er eingeteilt,\nSeele und Leib, in Tagen zu acht Stunden; jeder\nAchtteil wurde einem bestimmten Lehrer ange-\nwiesen. Der Knabe las Geschichte eine Stunde,\nfocht die nächste, dann kam Russisch, dann Fuß-\nball, dann Mathematik und endlich Gymnastik.\nAuf diese Weise ging es, bis er vierzehn Jahre\nalt war. Dann wurde er in eine Lehranstalt\nnach Berlin gesandt, zwei Jahre blieb er dort,\nnachher ein Jahr in Sankt Petersburg, und dann\nin der Kriegsakademie zu London.\n„Wenn du jetzt, mein Sohn und Herr, in Paris\nein Jahr — oder wenn du willst zwei — gewesen\nbist, erwarte ich dich zu Hause. In meinem Alter\nist Sehnsucht der einzige Beweis für einen Mann,\ndaß er noch lebt. — An Dich, mein Sohn und\nmein Fürst\"! — hatte der Vater an ihn nach Lon-\ndon geschrieben."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.4", "texte": "Aber bald darauf kam der Krieg, und noch be-\nvor Bentai diesen Brief von seinem Vater bekom-\nmen hatte, war er schon nach Japan abgereist.\nDer Kursus für Offiziere, der gleich beim Aus-\nbruch des Krieges eingerichtet wurde, dauerte\nnur ein halbes Jahr und vor einem Monat war der\nLeutnant in Oberst Hatuses Bataillon eingestellt:\n„Ihre Familie, Fürst\" — sagte der Oberst, er\nneigte sich tief vorwärts und sprach sehr leise;\nseine Hände waren offen zur Begrüßung —\n— „Ihre Familie nennt man in Japan immer mit\ngroßer Ehre . . Ich bin stolz und glücklich, daß\nich Sie in mein Bataillon bekommen habe.\" —■\nEr richtete sich auf, und die beiden Männer\nstanden eine Sekunde schweigend und maßen\neinander mit den Augen; abwägend.\n„Sie sind bei Kapitän Hoksai, dritte Kompag-\nnie, eingestellt — Leutnant!\" sagte Hatuse kurz\ndanach. — „Melden Sie sich bei ihm zum Dienst!\"\n— Er nickte und machte eine Bewegung mit der\nHand. Bentai machte Kehrt und ging aus dem\nZelt — er holte tief und freudig Atem draußen,\ner fühlte, daß der Chef ihn gern hatte.\nDie Brigade, zu der sein Bataillon gehörte,\nrückte vorwärts auf dem rechten Flügel der Armee\nKurokis. Der kleine Leutnant wurde mager und\nbraun, mit schwarzen Strichen unter Augen,\nMund und Kinnladen, von den langen Märschen\nin der Sommersonne der Mandschurei. Seine\nMuskeln wurden gespannt — wie geladen fand\ner. Und die Füße waren schon wochenlang ohne\nHaut gewesen. Es ging sich wie auf Feuer und\nDornen darauf — aber Müdigkeit fühlte er\nnicht —.\nEin Abend — sie hatten einen kleinen unbe-\ndeutenden Kampf gegen einige Ochotnikis geführt\n— von drei Uhr morgens bis Mittag, dann die\nFeinde bis zum Abend verfolgt. Jetzt hatten sie\nHalt gemacht und Wachtposten aufgestellt.\nBentais Abteilung stand zuerst. Es war unge-\nfähr elf Uhr.\nBentai hatte den Posten ihre Instruktionen ge-\ngeben und ging jetzt zurück zu seiner Abteilung,\ndie hinter einem Hügel aufgestellt war. Sie hat-\nten ein Kochloch gegraben. Das Feuer flammte\nauf unter dem großen Zehnmannskessel, der ganz\nvoll Reis und Wasser war. Die Soldaten lagen\nauf dem Bauch und sahen mit blanken Augen auf\nden großen Kessel. Der Leutnant lächelte, er!\nfühlte die Kraft seines Körpers und freute sich\ndarüber, seine Augen sahen auf das spielende\nFeuer.\nDer Aufwärter kroch noch näher an den Kes-\nsel, um zuerst für seinen Leutnant was bekom-\nmen zu können.\nFürst Bentai ging noch einmal die Runde durch\ndie Posten. Mit dem unruhigen Eifer junger\nOffiziere.\n-- Von den Vedetten hörte man kurze halblaute\nRufe, wie zwei Stücke Holz, hart gegen einander\ngeschmettert.\nDas Essen war fertig. Der Aufwärter kam,\nunter Verbeugungen, zu Bentai mit der kleinen\nSchale aus Zinn. Einen Strauß Blumen hatte er\nauf die Erde gelegt — der Tisch. Die Blumen\nwaren kaum zu sehen, so dunkel waren sie, aber\nihr Duft schwängerte die Luft.\nAls der Reis verspeist war, mußten die Posten\nabgelöst werden, daß auch sie zum Essen kom-\nmen konnten. Dabei verging die Zeit. Es wurde\ngegen zwei Uhr, ehe Bentai mit seinem neuen\nRundgang fertig war.\nDie Luft fing schon an grau zu werden; all-\nmählig schwand auch das Grau und das Dunkel\nwurde bräunlich-lila.\nEs war bald Zeit, daß eine neue Abteilung\nheranrücken sollte, um Bentai abzulösen. Der\nMorgen war kalt. Er freute sich, nachher ein bis-\nchen schlafen zu können. Er war in voller Akti-\nvität seit gestern morgen drei Uhr. Dreiundzwan-\nzig Stunden, dachte Bentai, und einen Augenblick\nwar er stolz über sich. —\nEin Adjutant kam herangesaust.\n„Der Chef?\" — rief er und sein Pferd sprang\nunruhig und wild über das nur zur Hälfte ge-\nlöschte Kochloch.\nBentai zeigte —:\n„Der Oberst ist da! Hinter den Bäumen!\" —•\nHatuse lag schlafend, sein Mantel über sich\nausgebreitet. Der Adjutant sprang vom Pferd und\nging zu ihm hin.\n„Herr Oberst!\" — sagte er laut und ehrfürch-\ntig, um seinen Chef zu wecken.\nHatuse riß den Mantel fort, und setzte sich auf-\nrecht.\nFünf Minuten nachher standen die Kompagnien\nzum Abmarsch fertig.\nDas Bataillon sollte gegen ein Dorf vorrücken,\ndas „etwas\" weiter lag, sagte der Oberst mit sei-\nner vollen Stimme. Er saß schon im Sattel und\nes sah aus, als dachte er vorläufig nicht so bald\nwieder abzusteigen.\n„Die dritte Kompagnie geht zuerst!\" — kom-\nmandierte Hatuse; er sammelte die Zügel in der\nrechten Hand — „die Kompagnie besorgt Siche-\nrung in Front.\"\nLeutnant Bentais Abteilung bekam die beson-\ndere Anstrengung, an der Spitze zu gehen. Es sei\nkeine Zeit zur Ablösung, bemerkte der Kapitän.\nDie Mannschaft schleifte die Füße hinter sich, sie\nhatte gar nicht geschlafen. Es wäre doch die erste\nAbteilung an der Reihe.\nDer Gemeine 42, ein großer Witzmacher, sagte\nmit komisch verzerrtem Gesicht:\n„Natürlich, die Langen können sie nicht brau-\nchen, dann müssen wir Kleinen ran. Wenn es gilt,\nsind wir groß genug.\" — Dieser Witz wurde sehr\nanerkannt, eine ganze Viertelstunde wurde ge-\nlacht. Alle waren erheitert.\nAber Bentai hatte schon längst vergessen, daß\ner müde und schläfrig war. Er schäumte vor\nDiensteifer. Seine Knie zitterten, er ging, als\ntanzte er. In Spannung kommandierte er mit\nhalblauter, beinahe flüsternder, scharfer Stimme.\n„Ein bischen schneller vorwärts!\" — zischte er\nund ahnte nicht, daß der Weg unter seine Füße\nverrann.\nDie Morgendämmerung lag wie ein hellgrüner\nSchleier über dem Land. Unter dem Hügel, wo\nsie heute Nacht gestanden hatten, war ein riesen-\ngroßes Hirsenfeld. Kleine Patrouillen wurden nach\nrechts und links ausgesandt.\nEs war ein gefahrvoller Marsch durch die\nhohe Hirse. Man konnte nicht wissen, was viel-\nleicht da versteckt lag: — eine feindliche Abtei-\nlung, vielleicht eine ganze Kompagnie!\nDie Plänkler, die zuerst gingen, hielten den\nDaumen auf dem Hahn, obgleich es verboten war,\nweil es oft vorkam, daß ein Schuß auf die Weise\nlosging.\nAlle holten sie Atem, tief, erleichtert, als sie\ndurch das Feld waren. Sie fühlten selbst, daß sie\nruhiger wurden, aber die Nervensaiten zitterten.\nImmer ging der Marsch vorwärts. Meile auf\nMeile.\nDie Sonne glühte über den Köpfen wie Schwe-\nfelbrand. Bentai hielt seine Linke auf dem Säbel-\ngriff, um seinen Leib hing in einem Riemen das\nFernrohr und die Karte hielt er in der Rechten.\nGegen Mittag machten sie Halt um ein bischen\nzu essen. Eine Stunde wurde dazu gegeben,\nMannschaft und Offiziere, alle, alle schmissen sie\nsich auf die Erde, gleich wo sie Halt gemacht hat-\nteil. Der Bataillonschef ritt herum und plauderte\nmit den Soldaten.\n„Bleibt nur ruhig liegen!\" — rief er schon von\nweitem den Soldaten zu, als er kam. Er ritt her-\num, das Gesicht vor Hitze hochrot, der Schweiß\nfloß in Strömen herunter.\n„Es geht ein bischen schnell, aber wir haben\nOrder uns zu beeilen. Und selbstverständlich\nwerden wir nicht müde, wenn wir vorwärts\nmüssen, nicht?\nBeeilt euch jetzt mit dem Essen. Und ruht\neuch aus für die nächsten sechs Stunden, in der\nZeit, die euch noch übrig bleibt.\"\nEs sollte ein Witz sein, das konnten die Solda-\nten auf dem Gesicht des Chefs sehen, und deshalb\namüsierten sie sich auch königlich.\nSo ritt er lächelnd und nickend hinüber zur\nnächsten Kompagnie.\nDas Bataillon rückte weiter vorwärts. Ben-\ntais Kompagnie immer zuerst. Die Mannschaft\nging mit halbgeschlossenen Augen, und ließ die\nFüße sich von selber bewegen. Bentai trug einen\nTornister, der einem hinkenden Soldaten gehörte.\nAb und zu berührte einer seinen Arm, einen\nAugenblick. Er nickte —: es waren die Leute,\ndie nicht mehr konnten, die mußten auf den Kran-\nkenwagen warten, der zuletzt im Zuge kam. So\nallmählich waren ein Dutzend Männer der Abtei-\nlung fort.\nDer Oberstleutnant kam einmal zum Wagen\nhin.\nEr ritt ein bischen nebenan und starrte auf die\nKranken. Sie hatten die Köpfe wie aufgehängt\nam Kragen. Er brummte ein bischen — eigentlich\nhatte er die Absicht auszuschimpfen, aber wenn\nman recht bedachte: — ein Dutzend Mann, es war\nnichts, wenn man wußte, wie schwer diese letz-\nten Tage für die Leute gewesen waren.\nGegen fünf wurde ein kleiner Halt gemacht.\nNur zwanzig Minuten sagte der Oberstleutnant —:\nweil das Flußwasser so schön war. Eigentlich\nhätten sie das doch nicht nötig auszuruhen, oder\nwie? Und er zeigte seine weißen Zähne und er-\nreichte, daß die Leute eine Sekunde glaubten, sie\nwären doch nicht so grenzenlos müde. Da das\nBataillon wieder vorwärts mußte, wurde Bentai\nimmer zuerst kommandiert.\n„Ja, Leutnant, ich muß Sie wieder an die\nSpitze setzen. Wir müssen einen Offizier in Front\nhaben durch dieses Terrain. Das ist nicht anders.\nSind Sie müde?\"\nUnd Bentai hob den Kopf — er war doch ein\nbischen auf die Brust gefallen —:\n„Nein, gar nicht!\" — lächelte er — „nicht eine\nSpur müde!\"\nEr ging weiter, und schwang die Karte in sei-\nner rechten Hand, ganz klebrig vor Schweiß und\nStaub. Der Daumen hatte auf die Karten einen\nschwärzen Stempel gedruckt.\n„Ein bischen schneller vorwärts!\" sagte er,\nmit der Empfindung, daß die Worte ganz stau-\nbig waren.\n„Schneller!\" wiederholte er, und mußte sich\nselbst in den Gaumen spucken, um eine Schmutz-\nlage wegspülen zu können.\nDie Füße gingen von selber, ganz mechanisch.\nEr versuchte ab und zu auf seine Uhr zu gucken,\naber die Leute sahen ihn dabei so sehnsuchtsvoll\nan, daß er es nicht mehr vermochte. Die Stun-\nden krochen. Es war wie hunderte von Minuten\nin jeder. Oder waren die Sekunden in der Hitze\ngeschwollen?\nJedesmal wenn Bentai einen Schritt machte,\nlief ein heftiges Stechen durch seine Hüften.\nEin paarmal amüsierte er sich damit, auszu-\nrechnen wie lange er jetzt nicht geschlafen oder"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.5", "texte": "geruht hatte. Seit achtunddreißig Stunden. Er\nlächelte ein wenig bei dem Gedanken. Aber er\nglitt weg von ihm. Es wurde dumpf in seinem\nGehirn.\nDie Mannschaft hatte schon längst aufgehört,\nböse zu schielen; sie gingen, die Köpfe auf der\nBrust. Einige sprachen laut im Schlaf. Wenn\njemand nicht mehr konnte, war keine Rede mehr\ndavon, sich zu melden; sie sanken lautlos zusam-\nmen auf dem Weg, die anderen sahen es nicht ein-\nmal. Der Krankenwagen war gefüllt und geleert,\nwieder gefüllt und geleert. Wenn die Kranken ein\npaar Stunden gesessen hatten, mußten sie wieder\nherausgeworfen werden, um Platz für Neue zu\ngeben.\nGegen sieben Uhr waren ungefähr hundertfünf-\nzig Mann abgefallen. Kapitän Hoksai ging ein\nbischen neben dem Oberst, der an ihn heran-\ngeritten war. Hatuse schüttelte sich in dem Sat-\ntel, er merkte nicht mehr, daß er ohne Haut ritt.\nAber die Hosen klebten an den Schenkeln.\n„Wie geht es mit Bentai?\" fragte er plötzlich.\n„Es geht, glaube ich!\" antwortete der Kapitän\nein bischen nachher; die Gedanken sammelten\nsich so schwer, es war, als verschwanden sie\nzwischen den Fingern.\n„Er hat wohl sicher heute Nacht auch nicht ge-\nschlafen,\" sagte Hatuse, „das haben wir andere\ndoch!\" fügte er hinzu, und sah auf die schlanke\nGestalt des Leutnants.\nBentai wußte selbst, daß er ab und zu jetzt\nschlief. Jedes Mal, wenn er beim Stolpern auf-\nwachte, versuchte er auf sich selbst rasend zu\nwerden, aber es half alles nicht. Er hatte das Ge-\nfühl, daß ein anderer Mensch in ihm eingezogen\nwar. Ein Mensch, dem alles egal war, Pflicht,\nVaterland, Tod. Einer der nur Halt machen wollte,\nsich ausruhen, schlafen, trinken. Der Hornbläser,\nder hinter ihm ging, griff ihn einen Augenblick in\nden Arm. Es half.\nEr wurde rasend auf sich selbst, und sandte\ndeswegen dem Bläser ein paar Augen, wo man\nnur das Weiße sah —: „Sehen Sie sich vor!\"\nsagte er, und gab ruhig dem andern die Schuld.\nAber nach ein paar Minuten merkte er, daß es\nwieder so weit war.\n„Ein bischen schneller!\" hörte er sich selbst\nsagen. Er mächte eine Bewegung mit der Hand,\nsie fühlte sich, als bewege sie sich in Wolle oder\nin warmem Wasser. Es faßte ihn ein Gedanke,\noder besser ein Bild, eine Zwangsidee: er wollte\nsich ein Augenblick ins Bett legen. Das Bett war\nja schon fertig für ihn? Schlafe, sagte einer. Ja,\nschlafen! Am liebsten im Wasser!\nAls er aufwachte, saß er in dem Krankenwagen.\n„Na, es ist doch gut, daß Sie wieder zum Leben\nkommen, wir glaubten, Sie würden nie mehr auf-\nwachen!\" sagte eine Stimme, und der Arzt beugte\nsich zu ihm und reichte ihm eine Schale Wasser.\nBentai schob die Schale fort und richtete sich mit\neinmal auf. Er wurde ganz weißlichgelb im Ge-\nsicht. Im Wagen! Im Krankenwagen! es ging ein\nBrüllen durch ihn. Er war also im Schlaf gefallen!\nEr hatte also seine Pflicht verletzt. Seine Ehre\nund seine Stellung. Er sprang vom Wagen her-\nunter.\nEs war dunkel geworden. Das Bataillon lag in\nKompaniekolonnen vor ihm. Ganz zuerst sah er\nden Bataillonsleuchter., der in dem leichten Wind\nschaukelte. Er lief dahin. Alle Müdigkeit war\nweg. Er mußte wissen, was die anderen von ihm\nsagten. Er mußte eine Erklärung abgeben. Er\n— mußte — er wollte —\nUnd jetzt war er seiner Sache sicher. Sie\nsahen herunter auf ihn. Und wie sollten sie an-\nders. Sie wußten ja nicht daß er eine ganze Nacht\nlänger als sie in Tätigkeit gewesen war. Für sie\nstand er also da als ein Offizier, der seine Pflicht\nverletzt hat.\nAls er von den Kameraden wieder fortging,\nwar er ganz außer sich. Er suchte im Fieber nach\neinem Mittel, um ihnen zu zeigen, daß er trotz allem\ndoch Soldat war — oder er mußte fort, fort von\nallem! —\nEr trieb planlos hin, wo seine Kompanie lag. Es\nging wie ein Flüstern, jedesmal wenn die müden\nLeute schlafschweren Atem holten. Einige spra-\nchen undeutlich im Schlaf.\nPlötzlich stand Kapitän Hoksai an seiner Seite\nmit der Hand auf Bentais Arm —• „hören Sie, lieber\nBentai, der Chef wünscht einen Mann zum Spio-\nnieren, noch diese Nacht. Aber wir haben wohl\nkeinen in der Kompanie? Wir sind ja mehr ge-\nbraucht als alle anderen. Oder wüßten Sie jemand\nin Ihrer Abteilung, der geeignet wäre?\"\nEs gab Bentai einen Ruck und schnell sagte er\nmit heißer Stimme, die viele Klänge in sich hatte:\n„Lassen Sie mich gehn, Herr Kapitän?\" er\nstarrte mit Eifer dem Kapitän in das breite Ge-\nsicht.\n„Sie!\" — Hoksai lächelte überrascht — „Ein\nOffizier? Aber das tun wir niemals!\"\nBentai bat nochmals:\n„Ja, aber ich kann russisch sprechen.\"\nDer Kapitän sah auf und nickte, Bentai fühlte\nsich beinahe erwürgt vor Angst und Spannung —\nvielleicht konnte er jetzt den Kameraden zeigen\ndaß er Soldat, nichts anders als Soldat, war.\nZuletzt wurde es so wie der Leutnant\nwünschte, das Argument, daß er russisch sprechen\nkonnte war ausschlaggebend. Die Sache war die,\nvor Mittag des nächsten Morgens sollte das Ba-\ntaillon ein russisches Dorf besetzen, das eine Meile\nweiter lag. Aber Hatuse hatte durch Späher-\npatrouillen Meldung bekommen, daß ein Trupp\nRussen dort lagerte. Jetzt mußte man wissen, wie\ngroß die Truppe war, ehe man angreifen konnte.\nFürst Bentai zog sich mandschurische Bauern-\ntracht an und zog ab. Durch das blaue Dunkel,\nallein, gegen das Dorf Föng-wang-ta.\nAnfangs ging alles nach Wünsch. Gegen halb-\nneun passierte er die Vorposten seines Bataillons,\nund eine Stunde später war er glücklich durch die\nrussischen Vedetten geschlüpft. Und jetzt ging er\nvorsichtig zwischen den Häusern herum. Zuerst\nglaubte er nur eine Abteilung Kosacken zu finden,\naber als er auf dem Tempelplatz kam, der ganz\nstill und dunkel lag, sah er vor drei, fünf, sieben ja,\nacht Häusern die russischen Kompagnieleuchter.\nEs gab ein Ruck in ihm vor Freude und Stolz:\nHier also lagen nicht weniger als zwei ganze rus-\nsische Kompanien und außerdem eine Menge Ko-\nsacken. Und Morgen vormittag, also nach sechs\nStunden, hatte Oberst Hatuse den Plan, das Dorf\nanzugreifen.\nJetzt galt es wieder zurückkommen zu können\nund verhindern, daß dieser Angriff stattfand. Das\nkleine Bataillon Hatuses mußte von dieser Ueber-\nmacht ganz zu Grunde gerichtet werden. Längs\nden Holzhäusern versuchte Bentai sich wieder\nwegschleichen zu können, aber überall standen\nKleinpatrouillen aufgestellt, und er mußte versu-\nchen denselben Weg wieder durchzukommen.\nAuf dem Tempelplatz hatten sie ihn also er-\ngriffen. Ganz unerwartet, ohne daß er etwas ge-\nmerkt hatte wurde er von hinten angefaßt, und aus\nein paar Worten verstand er, daß sie ihn sofort für\neinen Spion hielten. Eine Viertelstunde nachher\nstand er in dem Tempel. Auf jeder Seite ein Mann\nmit Flinte und Bajonett. Vor ihm, unter einem\ngroßen rot-goldenen Götzen saß ein Auditor und\nein paar jüngere Offiziere. Das Verhör dauerte\nnicht lange. Nur ein paar Fragen auf die Bentai\nkeine Antwort geben konnte. Dann erhob sich der\nAuditor. Ein Stalleuchter, der auf dem Tisch\nstand, warf strichförmige Schatten in dem großen\nRaum. Das eine Auge des Götzens lag im vollen\nLicht.\n„Sie sind der Handlung eines Spions überführt.\nSie kennen selbst die Strafe, die Ihnen zuerteilt\nwird. Morgen früh werden Sie hingerichtet.\" Er\nsprach langsam und gleichgültig, wie einer, der\ndiese Worte oft gesagt hat.\nEr drehte seinen Kopf gegen den Oberst.\n„Sie haben wohl nichts hinzuzufügen, Herr\nOberst?\"\nDer ältere Offizier brummte etwas und streckte\nseine Hand aus. Der Auditor steckte ihm eine\nFeder zwischen die Finger.\n„Es ist ein Füllfederhalter!\" sagte er, als die\nAugen des Oberst suchend über den Tisch glitten.\n„Eine verteufelt praktische Erfindung!\" fügte er\nhinzu.\n„Wie lange auf einmal können Sie ihn gebrau-\nchen?\" fragte der Oberst; er hatte inzwischen sei-\nnen Namen unter das Protokoll gesetzt, worin ge-\nschrieben stand: „daß ein nicht mit Namen genann-\nter Spion von einem geschworenen Kriegsgericht\nzum Tode durch Erhängen verurteilt sei.\" Einer\nder Leutnants unterzeichnete auch. Die Feder\nspritzte.\n„Führt den Gefangenen fort!\" sagte der Oberst\nwegwerfend und fragte wieder wie lange man die\nFeder gebrauchen könnte ohne sie neu füllen zu\nmüssen.\nBentai wurde für die wenigen Stunden in einem\nkleinen Verließ des Tempels untergebracht. Ge-\nfesselt an Händen und Füßen lag er auf der Erde.\nDraußen ging ein Soldat hin und her mit Flinte\nund Bajonett. „0, — Anjanka, du weißer Vogel\nmeines Herzens\" — summte er und schritt hart\nauf der Erde.\nBentai lag mit geschlossenen Augen. Seine\nGedanken, hitzige, wilde, rasende Tiere im Käfig,\nsuchten einen Ausweg. Was sollte er machen?\nDas Bataillon mußte zu wissen bekommen, wie\ngroß diese Truppe hier war. Wie konnte er her-\naus? Wie die Fesseln losbekommen?\nWenn er nur den Tempel in Brand setzen\nkönnte? Aber seine Zündhölzer waren ihm weg-\ngenommen — sie hatten ihr Teil dazu beigetragen,\ndaß er für einen Spion gehalten wurde. „Ein Bauer\naus der Mandschurei, der Streichhölzer bei sich\nhat — Quatsch!\" hatte der Auditor gesagt.\n„O — Anjanka, du weißer Vogel meines Her-\nzen; du segelst über den Fluß meiner Gedan-\nken\" — halbsang der Soldat draußen; unter sei-\nnen Schritten zitterte die Erde.\nBentai gab beinahe alle Hoffnungen auf, wie\nsollte es gelingen? Man hörte einen heftigen\nStoß, die Flinte glitt zur Erde. Gleich nachher ein\nmurmelnder Laut — der Soldat betete. — „Heilige\nJungfrau\" hörte Bentai. Es ging eine Idee durch\nsein Gehirn. „Schildwache!\" flüsterte er.\nDer murmelnde Laut hörte auf, aber keine Ant-\nwort.\n„Schildwache!\" flüsterte Bentai nochmals, aber\nein bischen lauter. Sein Gehirn pochte gegen Stirn\nund Nacken vor Spannung und Energie.\nIn dem kleinen Guckloch der Tür sah er das\nGesicht des Soldaten leuchten.\n„Halts Maul, da drin!\" sagte der, und versuchte\ndas Dunkel zu durchschauen.\nBentai stöhnte schwach, aber doch so, daß der\nSoldat es merken konnte.\n„Bruder in Christus!\" flüsterte er und schwieg,\num seine Worte wirken zu lassen; es ging eine\nNadel vor Freude durch ihn, als er merkte daß der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.6", "texte": "andere ergriffen war, „du, der denselben Glauben\nhast wie ich. Ifilf mir, daß ich beten kann. Nach\nzwei Stunden muß ich sterben. Willst du meine\nSeele ewig leiden lassen?\"\nDas Gesicht des Soldaten verschwand einen\nMoment. Bentais Herz drehte sich in Angst. Dann\nwar das bleiche Gesicht wieder da: — „Du lügst,\ndu Hund!\" —\nSchnell sprach ihm Bentai das Glaubensbe-\nkenntnis vor: — er stöhnte lauter als früher. —\n„Meine Seele, die Rettung meiner Seele. Ah,\nBruder, vergiß nicht, daß du deine eigne Seele\nloskaufst, wenn du meine rettest!\"\nNoch einen Moment zögerte der Soldat, dann\nhörte Bentai wie er die Tür aufmachte.\n„Was willst du denn?\" fragte er mißtrauisch\nund hatte noch nicht die Tür ganz geöffnet.\n„Hilf mir, nur, auf den Knieen liegen zu können!\nDaß ich beten kann!\" Bentai hörte selbst wie seine\nStimme zitterte.\nDer Soldat kam herein und suchte sich im\nDunkel vorwärts. Er beugte sich über Bentai und\ngriff ihn sanft um den Leib mit beiden Armen.\nBentais Kopf glitt auf die Schulter des anderen;\ner machte sich schlaff und schwer.\n„Liegst du jetzt richtig?\" fragte der Mann ganz\nüber ihn gebeugt. Im selben Augenblick setzte\nFürst Bentai die Zähne in dessen Kehle. Er fühlte,\nbeinahe ohnmächtig vor Angst und Ekel, wie das\nBlut ihm in Mund und Hals herunterfloß. Ein fader\ngräßlicher Geschmack durchrieselte ihn. Noch\nfester drehte er die Zähne zusammen. Der Posten\ngab ein schwaches Lallen von sich, seine Arme\nfuchtelten auf dem Rücken Bentais. Das Blut sprang\nin einem dicken Strahl aus seinem Hals, und\nFushime merkte, daß es sein Ohr traf. Es war\nwie schnelle, weiche Stöße von einem warmen\nFinger. Noch einmal biß er zu, seine Lippen wur-\nden gegen den festen behaarten Hals gepreßt; er\nmerkte daß ein Schmiß sich auf der rechten Seite\nbefand. Es ging ein Schauer von Abscheu und\nWiderwillen durch ihn. Dann ließ er nach und\nder andere fiel schwer zurück. Tot.\nBentai horchte einen Moment.\nAuf Ellbogen und Knie kam er heraus. Durch\neinen Stoß seines Nackens brachte er die Flinte zum\nFallen, die dem Soldaten gehört hatte, und fing an,\ngegen die scharfen Kante seine Fesseln abzufeilen.\nNach fünf Minuten war er frei. Schnell zog er\ndie Uniform des Soldaten an und schlich sich aus\ndem Tempel heraus.\nDas Bataillon formierte schon Marschkolonnen\nals Bentai zurückkam. Ein paar Mal unterwegs\nstolperten seine Beine unter ihm, er hatte ein paar\nMinuten ausruhen müssen. Er fühlte sich so eigen-\ntümlich leer im Kopf.\nDer Oberstleutnant beugte sich lächelnd von\nseinem Pferd, als er die Stimme Bentais hörte.\n„Na!\" sagte er dann; aber als er das Gesicht des\nLeutnants sah, gab es einen Ruck in ihm. Blut\nhing ihm in trocknen Krusten um Kinn, Mund und\nNase. Bentai meldete, was geschehen war.\nDas Gesicht des Obersten wurde gelbgrau.\n„Ja!\" sagte er zuletzt und starrte auf den Hals\nseines Pferds, der leuchtete wie Seide. Sie haben\ngehandelt wie ein außerordentlich tüchtiger, ener-\ngischer Offizier, Leutnant! Ich danke Ihnen!\"\nEr wollte weiter reiten, aber dann geschah es,\ndaß der Leutnant seine Hand, wo das Blut noch in\nnassen Streifen und trocknen Krusten saß, gegen\nden Zügel des Obersten ausstreckte.\n„Einen Moment!\" sagte er und sah in die klei-\nnen verwunderten Augen seines Chefs.\n„Es ist noch etwas!\" er schwieg.\n„Was ist?\" fragte der Oberst, und sah ihm\ntief in die Augen.\nBentai sprach ganz ruhig, mit einer Stimme, die\ndem Chef befahl: „Ich bitte Sie, mir meinen Ab-\nschied als Offizier zu geben!\"\nHatuse griff ihn an die Schultern:\n„Aber Mensch, was denken Sie!\" sagte er „an\nwas denken Sie? Außerdem, ich kann keinem\nOffizier Abschied geben!\"\nBentai ließ seinen Zügel los.\n„Dann! muß ich selbst meinen Abschied neh-\nmen!\" sagte er und sah auf; sein Gesicht war\nganz ruhig. Um die Lippen, steif und unbeweglich\nvor Blut, lag eine Zuckung wie ein Lächeln. Der\nOberst beugte sich wieder zu ihm herunter:\n„Warum? Sie, der so tüchtig und tapfer gehan-\ndelt haben, Fürst Fushimo!\" Er betonte das Wort\nFürst sehr schwach.\n„Jener Mann!\" sagte Bentai, und dasselbe Ge-\nfühl von Ekel und Abscheu befiel ihn wie dort —\n„er wollte mir helfen, verstehen Sie. Er half mir,\nobgleich es ihm Strafe bringen konnte. Und ich\n, verzeihen Sie nicht, es war es war\nEin Mörder kann nicht Offizier sein.\nDer Kaiser kann keinen Mörder unter seinen\nOffizieren haben!\" Das Gesicht des Oberst war\nnicht so ruhig wie das des Leutnants. Er hob sei-\nnen Kopf und sah einen Moment gerade aus. Es\nwar schon heller Tag. Die Kompanien lagen in\nMarschordnung. Die Offiziere gingen auf und ab\nund plauderten miteinander. Ab und zu sahen sie\nhinüber zu dem Oberst und dem Leutnant Bentai.\nWas hatten die beide so Hange miteinander zu be-\nraten?\nDann streckte Hatuse seine Hand aus und griff\nfest um die jungen Finger Bentais:\n„Sie haben Recht, Leutnant!\" sagte er still und\nlangsam. „Aber wissen sollen Sie, daß Ihres Na-\nmens durch Jahrtausende in Japan mit Ehre ge-\ndacht werden soll! Gehen Sie.\nIch gebe Ihnen Recht zu handeln!\"\nHatuse begrub die Sporen in die Seiten des\nPferds und ritt davon.\nAber in dem Wäldchen am Fluß stand der\nLeutnant und Fürst Bentai einen Moment still, und\nfühlte die Kraft seiner neunzehn Jahre durch seine\nAdern gehen. Er lächelte ein klein bißchen, müde,\nwie einer der nach schweren Anstrengungen weiß:\njetzt kommt die Ruhe. Dann ging er hinunter in\nden Fluß und reinigte sein Gesicht, die Hände blu-\nteten noch, das lohnte sich also nicht, dachte er.\nDann war er fertig und ging wieder hinauf\nunter die Bäume. Rechts stand ein Strauch dieser\nweißen, dickblätterigen Blumen, von denen Hatuse\ngestern Abend eine in der Hand hatte. Bentai\nlächelte wiedererkennend und nahm eine von den\nBlumen. Ja dachte er inzwischen, es gibt keinen\nanderen Weg das zu beweisen. Vater, Kameraden\nund Seele des getöteten Russen, es gibt keinen an-\nderen Weg, ihnen allen zu zeigen: nicht sein eignes\nLeben wollte er retten, als er auf diese Weise ge-\nmordet hatte.\nNein, es war wirklich kein anderer Ausweg!\nUnbewußt führte er die Blume zu seinen Lippen\nund saugte ihren Duft ein, dann steckte er sie in\ndas Knopfloch der Uniform, der Uniform des Rus-\nsen, die er noch trug.\nEr setzte sich unter einem Baum.\nNur das eine Mittel, dachte er und sah ernst\naus.\nDann hob er die Hand und schoß sich durch\ndas Herz.\nDer Schuß traf den grünen Stiel gleich unter\nder Krone, und so kam die weiße Blume zu sitzen\nwie ein Orden oder ein Silberdeckel und verdeckte\nden Weg, den die Kugel gegangen war.\n*\nAus dem Novellenband „Die roten* Namen\" /\nAutorisierte Uebertragung aus dem Dänischen von\nNeil Waiden\n\nAus der Zeit\nDer Herr mit dem schönen Namen\nIch habe eine Entdeckung gemacht. Dieser\nsehr geehrte Herr Tafel wird nicht nur in Stutt-\ngart gespeist, auch München hat Teil an seinen\nPlatten. Während er im „Neuen Tagblatt\" zu\nStuttgart die Kunst für Alle treibt, treibt er in der\nKunst für Alle zu München Verherrlichung gedie-\ngener Meister. Und in angeblichen Kunstzeit-\nschriften darf ein Herr sich kritisch äußern, der\nfolgendes schreiben kann: „Da ist noch ein Herr\nmit dem schönen Namen Kokoschka, was an Ka-\nkadu klingt. Er bringt einige Porträtzeichnungen\n.. . und wir sehen eine Rollschuhläuferin, die\nihrem Manne einen Floh auf der Brust knipst.\nAlso darum Räuber und Mörder.\" Das ist schon\nmehr zum Aufhängen.\nIm Sinne Dürers\nEs gibt nicht nur einen Goethebund mit Herrn\nSudermann an der Spitze, es gibt auch einen\nDürerbund mit Herrn Avenarius, dem Kunst und\nKulturwart. Wie wirkt man im Sinne Dürers?\nMan gibt einen künstlerischen Abreißkalender her-\naus. Er ist „für die Gebildeten im eigentlichen\nSinne des Wortes\". Und trotzdem selbst ein\nDürerkalender mit der Zeit recht abgerissen aus-\nsehen muß, „steht er weit über dem Gezänke der\nParteien\". Dieser Abzureißende „will im Sinne\nDürers ein Führer sein zu echter innerer Kultur,\nin Bild und Wort ein Spiegel der auf allen Gebie-\nten tätigen Lebensreformbewegungen\". Die ab-\ngebildeten Lebensreformbewegungen spiegeln\njedenfalls den gebildeten Kunstwart im eigent-\nlichen Sinne des Wortes, obwohl die Wörter kei-\nnen eigentlichen Sinn haben. Der Dürerkalender\nwird nicht von einem schlichten Nagel getragen,\n„er is t getragen von wahrhaft vaterländischer\nGesinnung\". Der Dürerkalender über Alles in der\nWelt: „Herausgeber und Verlag haben weder\nMühe noch Kosten gescheut, um zu den nur durch\neine gewaltige Auflage denkbaren Preise ein\nWerk zu bieten, das auch rein buchkünstlerisch\ndie anderen großen Abreißkalender in den Schat-\nten stellt\". So ein tüchtiger kleiner Kerl ist dieser\nDürerführerspiegelkalender. Trotzdem der kleine\nAbreißer stark den Anreißer macht: „Der Verlag\nmöchte ausschließlich mit dem Sortiment arbei-\nten, bittet aber auch das gesamte Sortiment um\neine wirklich rührige Verwendung für diesen\nwahrhaft deutschen Kalender.\" Gut ge-\nrissen. Wrenn man bedenkt, daß jeden Abend ein\nBild der auf allen Gebieten tätigen Lebensreform-\nbewegungen in den Kunstpapierkorb fällt, so steigt\nein Schluchzen aus dem wahrhaft deutschen Her-\nzen, daß weder Mühe noch Kosten der Gebildeten\nim eigentlichen Sinne des Wortes zu dem nur\ndurch eine gewaltige Auflage denkbaren Preise\nvon einer Mark auch zwanzig Pfennige ein Werk\nbieten können, dem das Zeichen des Verreißens\nnicht schon auf dem buchkünstlerischen Sorti-\nmentsprospekt aufgedruckt steht.\nH. W."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "151", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.7", "texte": "Simultanéité futuriste\nBoccioni\nPeintre et sculpteur\nParmi les recherches les plus importantes de\nla peinture, de la sculpture et de la litterature\nfuturistes, il y a la recherche de la simul-\ntaneile, qui est un des elements essentiels de\nla nouvelle sensibilite futuriste (machinisme mo-\nderne, telegraphie, rapidite simultanee de com-\nmunicafions, nouveau sens du tourisme, nouveau\nsens des sports, electricite et vie nocturne, in-\ntensite simultanee des affaires).\nSans parier ici de la simultaneite que les\npoetes futuristes atteignent par les mo t s e n\nliberte, nous citons:\n1. Ce que nous avons proclame dans notre\nPremier Manifeste de la Peinture futuriste\n(11 Avril 1910):\n«Les seize personnes que vous avez autour\nde vous dans un autobus en marche sont, tour\nä tour et ä la fois, une, dix, quatre, trois: elles\nsont immobiles et se deplacent; elles vont, vien-\nnent, bondissent dans la rue, brusquement devo-\nrees par le soleil, puis reviennent s'asseoir devant\nvous, comme des symboles persistants de la Vibra-\ntion universelle.\n«Que de fois sur la joue de la personne avec\nlaquelle nous causions n'avons-nous pas vu le che-\nval qui passait tres loiii au bout de la rue.\n«Nos corps entrent dans les canapes sur les-\nquels nous nous asseyons, et les canapes entrent\nen nous. L'autobus s'elance dans les maisons\nqu'il d£passe, et ä leur tour les maisons se pre-\ncipitent sur l'autobus et se fondent avec lui.»\n2. Ce que nous avons proclame dans la Pre-\nface du Catalogne de notre Premiere Exposition\nde Paris (Galerie Bernheim — 5 fevrier 1912):\n«La perspective teile qu'elle est entendue par\nla majorite des peintres a pour nous la valeur\nqu'ils donnent ä un projet d'ingenieur.\n«La simultaneite des etats d'äme dans\nl'oeuvre d'art: voilä le but enivrant de notre art.\n«Expliquons-nous encore par des exemples. En\npeignant une personne au balcon, vue de l'inte-\nrieur, nous ne limitons pas la scene ä ce que le\ncarre de la fenetre permet de voir; mais nous\nnous efforgons de donner l'ensemble de sensa-\ntions visuelles qu'a eprouvees la personne au bal-\ncon: grouillement ensoleille de la rue, double ran-\ngee des maisons qui se prolongent ä sa droite et\nä sa gauche, balcons fleuris, etc. Ce qui veut\ndire simultaneite d'ambiance et, par conse-\nquent, dislocation et demembrement des objets,\neparpillement et fusion des details, delivres de la\nlogique courante et independants les uns des\nautres.\n«Pour faire vivre le spectateur au centre du\ntableau, selon l'expression de notre manifeste, il\nfaut que le tableau soit la synthese de ce dont\non se souvient et de ce que l'on voit.\n«II faut donner l'invisible qui s'agite et qui vit\nau delä des epaisseurs, ce que nous avons ä\ndroite, ä gauche et derriere nous, et non pas le\npetit carre de vie artificiellement serre comme\nentre les decors d'un theätre.»\nDans cette meme exposition (fevrier 1912) on\ndiscuta beaucoup pour et contre un de mes ta-\nbleaux acheve par moi durant l'ete 1911) qui\navait pour titre VISIONS SIMULTAN £ES.\n3. Ce que nous avons proclame dans le Ma-\nnifeste de la Sculpture futuriste\n(11 Avril 1912):\n«. . . l'abolition complete de la ligne finie e de\nla statue fermee. Ouvrons la figure comme une\nfenetre et enfermons en eile le milieu oü eile vit.\nProclamons que le milieu doit faire partie du bloc\nplastique comme un monde special regi par ses\npropres lois. Proclamons que le trottoir peut\ngrimper sur votre table, que votre tete peut tra-\nverser la rue, et qu'en meme temps votre lampe\nfamiliere peut suspendre d'une maison ä l'autre\nl'immense toile d'araignee de ses rayons de craie.»\n4. Ce que nous avons proclame dans la Pre-\nface du Catalogue de la Premiere Exposition de\nSculpture futuriste (Galerie La Boetie : Juin 1913):\n«Toute personne intelligente compendra que de\ncette construction architecturale spiralique devait\nnaitre la simultaneite sculpturale, ana-\nlogue ä la simultaneite picturale proclamee et ex-\nprimee par nous dans notre premiere Exposition\nde peinture futuriste ä Paris (Galerie Bernheim,\n5 fevrier 1912).\n«Les sculpteurs traditionnels font tourner la\nstatue devant le spectateur ou le spectateur autour\nde la statue. Tout angle visuel du spectateur em-\nbrasse ainsi l'un des cötes de la statue ou du\ngroupe sculptural. Ce procede ne fait qu'aug-\nmenter l'immobilite de l'oeuvre. Ma construction\narchitecturale spiralique cree au contraire devant\nle spectateur une continuite de formes qui lui\npermet de suivre idealement (ä travers la forme-\nforce jaillie de la forme reelle) un nouveau con-\ntour abstrait qui exprime le corps dans ses mou-\nvements materiels.\n«La forme-force est par sa direction centrifuge\nle potentiel de la forme reelle vivante. C'est\ndonc d'une facon plus abstraite que Ton pergoit\nla forme dans ma sculpture. Le spectateur doit\nconstruire idealement une continuite (simulta-\nneite) qui lui est suggeree par les formes-forces\nequivalentes ä l'energie expansive des corps.\n«Mon ensemble sculptural evolue dans l'espace\ncree par la profundeur du volume en montrant\nl'epaisseur de chaque profil. Mon ensemble sculp-\ntural n'offre donc pas une serie de profils fixes\nimmobiles et silhouettes. Chaque profil porte en\nsoi l'indication des autres profils precedents et\nsuivants qui forment l'ensemble sculptural.»\nNous insistons sur la priorite de n@s recher-\nches de simultaneite, consequences fatales\nde la sensibilite futuriste dont nous sommes les\ninterpretes.\nNous voyons avec plaisir se propager partout\nl'influence de nos puiss'antes DECOUVERTES,\nsurtout en France et dans l'oeuvre de M. Delau-\nnay, qui, obsede par la simultaneite, s'y spe-\ncialise, comme s'il s'agissait d'une decouverte\nä lui.\nNous sommes heureux en outre de constater\nque notre grand ami et allie Guillaume Apollinaire\n— Taudacieux poete des A1 c o o 1 s — nous rend\nentierement justice ä ce sujet, dans s'a belle revue\nLes Soirees de Paris (15 Novembre 1913):\n«Delaunay, qui par son insistance et son\ntalent a fait sien le terme de simultane,\nqu'il a emprunte au vocabulaire\ndes futuristes, merite qu'on Tappelle de-\nsormais ainsi qu'il signe : «1 e Simultane».\nPour ma sculpture aussi Guillaume Apollinaire\nconstate dans le meme article la priorite de la\nsimultaneite sculpturale qui parut\npour la premiere fois dans mon Exposi-\ntion de Sculpture futuriste (Paris : Galerie La\nBoetie. — Juin 1913).\nMilan, 25 Novembre 1913\n\nVon Zeichnungen aus\nder Kokoschka-Mappe\nHans Arp\nAus den Sternen wachsen blühende Zweige\nvoll leuchtender Ampeln. Aus den Traufen der\nSterne fließt Wein in Strömen. Herr Archi A»\nGoodale wandelt mit dem Kopf in der 'Hefe hän-\ngend an den Sternen. Manchmal schwankt er\nnachdenklich, wie eine schwere Traube. — Der\nUmfang des Blutes mit seinen dunklen Flüssigkei-\nten des Mordes, Wahnsinnes und Traumes, Die\ndurchsichtige Haut des Menschen mit seinem Uhr-\nwerk, seinen Gerüsten und Kanälen. Die roten,\ngelben und blauen Schnüre darum. Die Anatomie\naus Kompliziertheit primitiv, wie die Gewandfal-\nten der alten Heiligen. — Irisierende Schädel. —\nBlonde Bälge gefüllt mit Haaren, tierischen Früch-\nten und Nadeln. Helme von bunten Wollhaaren\nvor schwarzen Papierschirmen. Aus Moos und\nFlaum schimmern tauige Faune und klassische\nLaster. Die Ewigkeit raucht aus uns wie aus\nPfeifen. In einigen Augen ist das Dunkel der\nLogen mit ihren kleinen erotischen Notbehelfen,\nder Gesang der Kreisenden. In den Hintergrün-\nden wetterleuchten die ausschaukelnden, blitzend\nvernickelten Trapeze. Eine Woge von Taschen-\ntüchern nud gläsernen Edelsteinen senkt sich von\nder Balustrade herab. In einem Netze fermen-\ntieren goldene Löwenfelle. O, die erstaunten Ge-\nsichter der Geranien und Hausfrauen. Kniefälle\nvor den diamantenen Altären in den Gärten der\nblühenden Kruzifixe. K. zieht Linien voll feinster\nKraft, wie) sie in den Fingerhaltungen der Bud-\ndhas leben, und deren Stolz und bestimmende Er-\nklärung sich an so kleine Dinge wie Sonnen und\nSterne verschwendet. Raddias vor den Kulissen\neuropäischer Seelen. Räusche voll Guysscher\nGrazie, duftend nach orientalischen Parfumerien.\nPiruetten aus der galanten Zeit. Gutmütige\nTraumtiermasken aus Sommernachtspuk, durch-\nrieselt von Perlen schimmernder Mädchenhold-\nseeligkeit. Salons, deren Gestalten beeinflußt sind\ndurch Weidenfrische, Türkise, Gaze, und voll\nFreundlichkeit durch einige kleine Konventionen\nintimerer Malerei und geheimerer Stile. Gefühle,\nderen Himmel flammende Herzen, und deren Men-\nschen Sterne in der Brust tragen. Verwechslun-\ngen von Frauen und Pflanzen. Käfige voll Blumen.\nDämmerzirkusse. Metamorphosen von nächtlich\nblühenden Baumkronen in Buchdeckelkaryatiden.\nSeltsame Vermischungen von Natursäften und ent-\nlegenen Künstlichkeiten.\nDie Kokoschkamappe erschien im Verlag Der Sturm\n\nEmpfohlene Bücher\nMynona\nRosa die schöne Schutzmannsfrau / Grotesken\nVerlag der Weißen Bücher, Leipzig\n\nMitteilung\nH. W.\nUnser italienischer Mitarbeiter, Curt Seidel,\nThurin, ist am 4. November, 27 Jahre alt,\nfreiwillig aus dem Leben geschieden. Er war ein\nenergischer und tapferer Vorkämpfer für die neue\nBewegung in Italien und hat sich insbesondere\nstark für Kandinsky und Franz Marc eingesetzt.\nEr nahm sich in einem Augenblick der Entmuti-\ngung das Leben.\n\nNotizen\nDer Schlußteil des Romans von Arthur Babil-\nlotte erscheint im nächsten Heft (erster Januar).\nVon nächster Nummer ab erscheint der Roman\n„Der Weg durch die Nacht\" (Det störe\nSköd) von Aage von Kohl"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "152", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19131215-01.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts tort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vor\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durcS?\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zell®\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Yer-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag;\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause I Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nStrlin W j Potsdamer StraBe 134 a\nZwanzigste Ausstellung\nAlbert Bloeh\nGeoffnet taglicli von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nSintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nHalbmonatsschrift der Sturm\nErscheint am ersten und fiinfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGewohnHche Ausgabe: Fiir Deutschland\nand Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Haibjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelntimmer 20 Pfennig / Doppel-\nmimmer 40 Pfennig X F ti r das Ausland bei\nilirekter Zustellung durch die Post:\nEin Jahr ■) francs / Ein Haibjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteliahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSond&rausgabe: Ungebrochene Exem-\npt a r e auf holzfreiem Papier, Vcr-\nsendung in Rollen direkt durch die\nPost fflr Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Haibjahr 6 Mark X Fflr das Ausland:\nSin Jahr 18 francs / Ein Haibjahr 9 francs / Von\nlieser Ausgabe werden Vierteljahrsbezfige, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t\nSer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer i— 56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n10 Mark / Vom 1. Januar ab 20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nXunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu he-\nsiehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahirhofshandlungen, Kiosken u. StraBenst&nden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwflnscht wird, bitten wir den B e t r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeg inn des neuen Vierteljahres bis\ni'umfilnftendes ersten Monats einzu-\n3 e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nwinter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nGeneraivertretung des Verlags Eugene Figui&re /\nParis\nOriginalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefugt / Alle\nExemplare sind vom Kiinstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechstein: Die Eriegung des Fest-\nbratens / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert J\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nKandinsky: Sonntag ./ Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M\n\nWilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 20 Mark (10)\nGabriele Munter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft J Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rotluff: Mann und Weib / Sonnige StraBe\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat fiir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: N i j i n s k y / Portrat Licht-\ndruck, groCes Format / 10 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Qe-\ndichten von A r ri o H o 1 z / Fiir Qesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fabrt / Qino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz I U m b e r t o Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Munter / Marc Chagall /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nSoeben erschienen: Kandinsky 1901—1913 /'\nMonographie mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen und Text von Kandinsky\nMark 10\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\n\nZeitsehriften\nLa Route / Revue de l'Effort Social ./ Paris / Rue\nde Vaugirard 120\nL'Effort Libre / friiher L'Effort / Monatsschrift !\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne]\nL'Ind6pendance / Halbmonatsschrift / Ktinste /\nKultur / Philosophic / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrift\nParis / 41 Rue Monge\nLa Nouvclle Revue FraiiQalse / Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nMontjoie / Halbmonatsschrift / Paris / Chauss6e\nd'Antin 38\nHaro I Monatsschrift / Brussel\nLes Cahiers du Centre I Moulins [Allier]\nLes Soir6es de Paris / Recueil Mensuel / Pari?\n9 rue Jacob\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fur neue und\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova\n\nAnzeigen\n\nAkadeinie fur moderne Skulptur in Paris / IS Im-\npasse du Maine Montparnasse / Korrektur: A. Ar-\nch i p e n k o I Arbeiten in Stein / Studies\nder Stilarten\nIm Horen-Verlag (Charlottenburg 4) erschiefi von\nCurt Stoermer, der den Lesern des „Sturm\"\ndurch Holzschnitte bekannt geworden ist, ein\nHeft Gedichte unter dem Titel: Metamorphosem\nDas Heft ist mit einem wertvollen Original-Titel-\nholzschnitt des Verfassers versehen und kostet\n2 Mark. Von demselben Kiinstler erschien im\nHoren-Verlag eine Mappe von Holzschnitten:\nDer Gastfreund, eine Ballade in 7 Holz-\nschnitten. 30 numerierte und signierte Handab-\nzilge des Kiinstlers. Preis in Mappe Mark 40\nMasken des Marsyas / sechs Holzschnitte und\nsechs Sonette: Poe Baudelaire Hoffmann Wilde\nVerlaine Rimbaud I Privatdruck / nur wenige\nExemplare gegen Einsendung von 6 M vom Ver-\nfasser / Hanns Meinke /' Streckenthin-Pritzwalk ./\nProvinz Brandenburg\nWiener Buchhandlung fiir moderne Literatur und\nKunst Hugo Heller & Co. Wien I Bauern-\nmarkt 3 / Reichstes Lager bibliophiler Literatur /\nStandige Buchkunstausstellung / Im Oberlichtsaal\nstandige Ausstellung moderner Graphik / Regel-\nmaBige Dichterabende vor geladenen Gasten\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Ami\nLtitzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\nJeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nWiecker Bote / Schriftleitung: Dr. Oskar Kanehl /\nWieck-Eldena in Pommern / Preis des jHeftes\n25 Pfennig / 4 Hefte M. 1,20 / Heft 3 soeben er-\nschienen\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWaldes\n1 Zehntes Jahr / Man verlange kostenlose\nMitteilungen fiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nPremier Iivre simultane / Blaise Cendrars /\nLa Prose du Transsiberien et de la Petite Jehanne\nde France / couleurs simultanees de Mme Sonia\nDelaunay-Terk / Edition unique, atteignant\nla hauteur de la Tour Eiffel (vol. 10X36 cm\n2 metres) 150 exemplaires, dont 8 sur Parche-\nm i n ,couverture a la main, chevreau noir Prix\nnet Ers, 500— / 36 sur Japan-Imperial, cou-\nverture a la main, parchemin Prix net Frs. 100— /\n106 sur Simili-Japan, couverture a la main\nchevreau noir Prix net Frs. 50— / Tous les exem-\nplaires sont signes pas les Auteurs et numerotes a\nla presse / Edition des Hommes Nou-\nveaux, 4 ruedeSavoie, 4 Paris / De-\npot: Der Sturm Berlin W Potsdamer-\nstraBe 134a / Prospectus gratuit"}]}