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Eine Pappelallee dort\nrechts von ihm erhob ihre dunkle Doppelreihe\nwie riesengroße Federn hoch empor gegen den\nhellen Himmel. Irgendwo in derselben Richtung\nwar eine Nachtigall, die plötzlich zu singen anhub.\nUebermäßig süße Blütendüfte kamen in leisen, un-\naufhaltsamen Atemzügen von allen Seiten, misch-\nten sich miteinander, übertäubten oder unter-\nstrichen einander, füllten die stillstehende und\nlaue Atmosphäre mit einem schwindelerregenden\nund erstickenden Aroma. Hinter ihm, in der Ferne,\nläutete plötzlich die Glocke einer Straßenbahn, und\nquer durch dies alles hindurch, gleich dem kaum\nhörbar rieselnden Laut einer tiefen, unterirdischen\nQuelle, gleich einer unsagbar leisen, fein vibrieren-\nden Klage, kam von da drüben her hinter Tujas\nund hinter Weiden, vielleicht ganz nahe und viel-\nleicht ganz weit weg, ein zartes und gedämpftes,\nununterbrochenes Schluchzen!\nGlaß Morton bildete sich plötzlich ein, an der\nDünnheit dieses Weinens erkennen zu können, daß\nes eine ganz junge Frau sein müsse — irgendeine\nblutjunge Verlassene, die mit geschwollenen Augen\nund verweintem Munde, mit blutendem Herzen\nüber diesen Fleck Erde gebeugt stand, einen\nNamen mit verzweifelter Stimme rief, die Hände\nrang, den Boden mit ihren Tränen netzte ... die\nschwarze, antwortlose Erde, die üppige und un-\nfruchtbare Erde der Gruft!\nEine Sekunde lang fuhr ihm ein brennender\nStich durch die Brust. In der nächsten fühlte er\nsich unerklärlich beschwichtigt. Empfand es\ngleich nachher wie ein Unrecht, hier zu stehen\nund diesen Schmerz hören zu können — wandte\nsich deswegen um und wollte gehen.\nIm selben Augenblick gewahrte er indessen\neinen älteren, weißhaarigen und weißberockten\nAufseher, der ein paar Schritte von ihm stand und\nsich mit Sorgsamkeit über ein niedriges, schwarz\ngestrichenes Gitter lehnte, beschäftigt, einen klei-\nnen, verrosteten, eisernen Stuhl da drinnen zu-\nrecht zu rücken.\nGewohnt von diesen Leuten begrüßt zu wer-\nden, lüftete Morton schweigend seinen Hut und\nwollte vorübergehen — blieb darm aber auf ein-\nmal stehen, dem Beamten gerade gegenüber, mit\neinem Kopfnicken, ohne selbst recht zu wissen,\nweshalb . . . Vielleicht weil ihm das Gesicht des\nMannes neu und sympathisch erschien, und weil\ner also möglicherweise .\n„Guten Abend, mein Herr!\" — sagte der Auf-\nseher halblaut, indem er von neuem seine Hand\nmilitärisch an die goldbetreßte Mütze führte.\nNoch einen Moment blieben sie beide stehen,\ndie Köpfe ein wenig zur Seite gewandt, unwillkür-\nlich und in Gemeinschaft diesem leisen, spinnenden\nJammer dort hinter den großen, grünen Ge-\nbüschen lauschend — von denen weiße, schwere\nBlütendolden herabhingen, lautlos ihren erdrücken-\nden Duft wie von bitteren Mandeln, von Honig\nund von Tod ausatmend.\n„Gewiß!\" — sagte der Aufseher endlich, er\nzeg gleichsam nervös seine Augenbrauen in die\nHöhe und nickte kurz — „man hört ja so viel hier\ndrinnen!\"\n„Freilich!\" — erwiderte Morton.\n,*Der Kirchhof,\" — fuhr der andere fort, plötz-\nlich in einem entschuldigenden Ton oder vielleicht\nauch nur in einem intimeren — „der Kirchhof ist\nja die Stätte des Friedens, milde gesprochen.\nDa treffen wir uns doch alle miteinander,\nwenn unsere Zeit gekommen ist Die Erde for-\ndert, wie man zu sagen pflegt, und Qott ruft\nseine Kinder!\nDer Herr ist vielleicht, mit Erlaubnis zu fra-\ngen, auch hier draußen, um sich nach seinen An-\ngehörigen umzusehen?!\"\nGlaß schüttelte den Kopf ein wenig, ohne\nselbst so recht zu wissen, warum.\n„Also nicht!\" — meinte der Aufseher.\nDarauf hob er mit Anstand seine Mütze einige\nZoll in die Höhe, trocknete langsam die Stirn und\ndas dichte, weiße Haar über dem Scheitel mit\neinem großen, rotgemusterten Taschentuch — und\nfuhr dann mit derselben ruhigen Stimme wie vor-\nhin fort —:\n„Ich bin ja übrigens neu hier.\nWenn ich auch zu Neujahr weder mehr noch\nweniger als siebenunddreißig Jahre beim Fach\nbin — zuerst in der Provinz, dann hier in der\nStadt, nach der Richtung hin . . . und vor gut\nvierzehn Tagen wurde ich hierher versetzt, auf\nAnsuchen, ergebenst A. Johnson.\nIch weiß nicht, ob der Herr oft genug hierher\nkommt, daß er uns am Ende so nach und nach\nauseinander halten kann — aber ich hab näm-\nlich die Stellung des roten Forster hier bekom-\nmen, wenn Sie den gekannt haben; jetzt liegt er\nda drüben, Gott sei seiner Seele gnädig, er war\nein prächtiger Mann, sagen seine Kameraden —\nwir haben eine Ecke für uns, wir, die wir hier\nangestellt sind!\"\n„Wirklich?\" — bemerkte Morton nach einer\nPause.\nEr stand da und stützte sich ein klein wenig\nschwer auf seinen Spazierstock ynd starrte unter\nden dicken Brauen vor sich hin. Warum blieb\ner eigentlich hier stehen, warum ging er nicht\nseiner Wege und hielt sich für sich, wie er es\nzu tun pflegte? dachte er langsam und mit Mühe.\nWarum fuhr er fort, dieser halb verhaltenen\nKlage von da drüben her zu lauschen — die\nweder seinem Ohr, noch dem irgendeines an-\nderen lebenden Wesens etwas zu sagen hatte;\ndie nur ein beständig strömender Kummer aus\neiner unheilbaren Wunde war — blind und wider-\nstandslos hinabgeflüstert in die dumpfe Erde. Aus\nwelchem Grunde war er überhaupt hier hinaus-\ngegangen — heute, gestern, vorgestern und vor-\nvorgestern, und jeden Tag seit damals!? Was\nwollte er an diesem Ort — wo Blumen wuchsen\nstatt derer, die wir entbehrten! Wußte er nicht\nim vollstem Maße: hier war Sie auf alle Fälle\nnicht, war nie hier gewesen!\n„Jawohl!\" — antwortete er dann unwillkür-\nlich, undeutlich empfindend, daß gewiß eine fra-\ngende Pause in den Worten des Alten war —\nund er versuchte, um die Gedanken zu meiden,\ndie ihn eben umfangen hatten, und um gleichsam\ndiesen zarten Schmerzenslaut von da drüben her\nzu übertäuben, dem zu lauschen, was ihm er-\nzählt wurde —:\n„Nein,\" — hörte er, anfangs nur halb im-\nstande aufzufassen —- weil ihn plötzlich zum\nzweitenmal eine gleichsam ganz schwache Ah-\nnung ergriff, daß er diesen Mann gewiß nach\netwas zu fragen beabsichtige. Aber wonach?\nWas konnte es sein? Der Aufseher kannte ihn\nja nicht einmal — oder war es vielleicht gerade\ndeswegen? War es also etwas über .. . Sie?\n„Nein! Viele finden ja deshalb auch alles,\nwas hier zu diesem Ort gefrort, eine . . miß-\nliche Beschäftigung, wenn ich diesen Ausdruck\nvon einer so bürgerlichen und christlichen Wirk-\nsamkeit gebrauchen darf! Denn man bewegt\nsich ja doch, insofern, von morgens bis abends\ndas ganze Jahr hindurch zwischen alle dem her-\num — was wir Menschen nun einmal nicht lei-\nden können!\nSo zum Beispiel vorletzten Sonntag, den zwei-\nten 1 ag, nachdem ich meine Stellung als Auf-\nseher hier angetreten hatte, da hatten wir, was\nman so ganz äußerlich ein feineres Begräbnis\nprima Sorte nennt!\nAber nadh innen zu war es, Gott soll mich\nbewahren, wohl so ungefähr das Schlimmste, was\nich mir vorstellen konnte, als Anfang auf meinem\nneuen Platz — wenn auch meine Rolle bei dem\nganzen ja eine außerordentlich untergeordnete\nwar, um nicht geradezu zu sagen, daß ich bloß\ndastand und zusah!\nEs war ein sehr reiches und vornehmes Ehe-\npaar; noch dazu ein Graf, glaube ich; junge, ge-\nsunde Leute, die alle beide, jedes auf seine Weise,\nganz famos aussahen, und die hatten nun ihr\neinziges Kind verloren! Ein kleines Mädchen\nwar es, von sechs, sieben Jahren — möchte ich\nsie taxieren, nach der Kleinheit des Sarges zu\nurteilen, und nach dem, was auf den Kränzen\nstand!\nNa, der Pastor war ja auch schon mit seiner\nRede und mit dem Erdeaufwerfen fertig; sie hat-\nten einen Gesang gesungen, und das Gefolge\nwollte sich gerade verabschieden —• das ganze\nging da drüben in der östlichen Ecke vor sich.\nSie können die Stelle von hier aus nicht sehenr\nwegen der Kapelle da — und ich möchte sowas\nnicht noch mal erleben, denn da geschah es, daß\nsich die Mutter, die junge Gräfin, die die ganze\nZeit starr und stumm und ohne auch nur mit\ndem Gesicht zu zucken, dagestanden hat, daß die\nsich plötzlich von ihrem Mann losreißt, der sie\nam Arm hatte; sie stößt einen kurzen Schrei aus\nund stürzt sich kopfüber in das Grab hinein! Das\ngab einen Knall, versichere ich Sie, Erdklumpen\nund Staub und Schmutz kollerten mit hinunter, sie\nwirft sich ganz außer sich auf den Sarg, sie klam-\nmert sich mit Händen und Füßen fest und schreit,\ndaß sie ihr Kind nicht hergeben will, daß sie es\nnicht lassen will, sie will hier bleiben, sie will\nbei ihrem kleinen Mädchen bleiben, das sie selbst\nzur Welt gebracht hat, und kein Mensch hat das\nRecht, sie hier wegzunehmen!\nVier oder fünf außer ihrem Mann,\" — fuhr er\nnach einer kleinen Weile fort, indem er sein Ge-\nsicht ein wenig erhob — „mußten sie mit Ge-\nwalt fortschaffen, sie sah so aus wie eine Leiche,\nals sie sie nach dem Wagen trugen, nie im Leben\nvergesse ich den Laut in meinem Ohr, wie sie\nauf den Deckel des Sarges aufprallte — und Wil-\nliam, der Totengräber, der ein wenig abseits zu-\nsammen mit mir hinter ein paar Büschen gestan-\nden hatte, der sagte, als sie sie weggebracht hat-\nten (und er war, bei Gott, so weiß im Gesicht\nwie mein Rock hier) —- der sagte: Die kommt\nwieder, das können Sie mir glauben, sagte er, die\nkommt wieder, so wahr ich hier stehe! Ehe eine\nWoche vergangen ist, kommt die wieder — und\ndann tragen sie sie von dem Wagen hierher!\nUnd das tat sie denn auch! ganz richtig, mein\nGott, was soll man dazu sagen, es ist nu einmal\nschlimmer für eine Frau — als wie für uns\nMänner!\"\nMorton nickte ein- oder zweimal."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10260, "texte": "Er empfand wieder diesen sonderbaren, blitz-\nschnellen Wechsel da drinnen in sich: erst das\ndumpfe und harte Klemmen wie von Mitleid —\nund dann, fast in ebendemselben Nu, diese rätsel-\nhafte Befreitheit, ach, eine heiße und süße Be-\nruhigung, eine beschwichtigende Vertröstung, die\nseinem Herzen für eine Sekunde Frieden gab,..\nbis aufs neue sein Ohr von diesem zitternden Ton\ngetroffen wurde, der oben über seinem Kopf in\nder Luft hing, als werde er zusammen mit dem\nerstickenden Wohlgeruch der Blumen hierher ge-\ntragen — als sei er der leise stöhnende Atemzug\ndes Friedhofes selber.\n„Ich brauch Ja nur an mich selbst zu denken,4'\n— fuhr der andere fort, beständig mit dieser ge-\ndämpften, zugleich ehrerbietigen und Unterschied\naufhebenden Stimme — die Morton plötzlich wie\nzu der Uniform des Mannes gehörend erschien —\n„ich brauche ja bloß daran zu denken, wie es\nmir erging — damals als ich meine Frau verlor!\nWir waren ja nur kleine Leute, die von der\nHand in den Mund lebten — und wir hatten jeden\nTag vollauf zu tun! Jung waren wir auch nicht\nmehr (in einem Monat werden es gerade sieben\nJahre, seitdem sie von dannen ging!) und es konn-\nten insofern oft ganze Tage vergehen, wo wir\nnicht dazu kamen, uns weiter was zu sagen, als\nguten Morgen, wenn wir aufwachten und an un-\nsere Arbeit mußten —- und gute Nacht, wenn wir\nbeide gegen Abend damit fertig waren und zur\nRuhe gehen wollten!\nUnsere Kinder (wir hatten fünf!) waren auch\nschon so weit erwachsen, daß sie alle aus dem\nNest geflogen waren, weit umher in die Welt\nhinaus, und es ging ihnen auch allen gut! Na,\nund endlich starb sie dann auch, so schön wie\nein Mensch es sich nur wünschen kann —r in un-\nserem eigenen Bett, und noch dazu mit Medizin\nund Doktor und Pastor obendrein! Ich saß selbst\nzuletzt bei ihr, es ging schon auf Mitternacht\nund es kam mir auf einmal so vor, als wenn sie\nso schwach Atem holte: Nu steht es wohl mau\nmit dir, Mutter, sägte ich endlich, und darauf ant-\nwortete sie nichts weiter, als daß ihre Hand sich\nin meiner ein klein wenig bewegte . . - und als\nich gleich nachher meine Nase geschneuzt hatte,\nmit Erlaubnis zu sagen, da konnte ich an ihrem\nBlick, der so groß geworden, sehen, daß sie nun\nheimgegangen war!\nEinen so guten Tod hat ihr der liebe Gott\ngegönnt!\nAber darum sind da ja heutigentags doch noch\nStunden — besonders wenn man so zur Winters-\nzeit heimkommt und sich nicht recht entschließen\nkann, weder Abendbrot zu machen, noch zu Bett\nzu gehen oder aufzubleiben, weil einem das ganze\nHaus sozusagen den Atem benimmt, wenn ich\nden Ausdruck gebrauchen kann —: so leer und\nstill, so ganz mausestill ist es überall, ... na ja.\ndann tut es mir doch jedesmal gut, wenn ich\ndenke, daß sie es nicht ist, die jeden Abend von\nihrer Arbeit nach Hause kommen muß und keine\nMenschenseele da findet, nach einer dreiund-\nzwanzigjährigen, langen Ehe!\nNein/\" — schloß er; er räusperte seinen Hals\nsorgfältig und lachte dann auf einmal mit einem\nleisen und kurzen Lachen —:\n„Die Frauen, die leiden doch mehr darunter\nwenn die Erde den gefordert hat, zu dem sie\nsrch in Zucht und Ehren gehalten haben >. .\nund manchmal am Ende auch ohne das, möcbt\nich glauben!\nIch weiß nicht, wie Sie darüber denken?\"\n„Freilich, freilich!** — erwiderte Morton.\nEr stützte sich schwerer als bisher auf seinen\nStock, fühlte sich allmählich müde, hörte »ur\nhalbwegs zu — fand aber beständig ein unerklär-\nliches Behagen an allem, was der^andere sagte;\nvielleicht ganz einfach, weil er dadurch von sei-\nnen eigenen Gedanken abgehalten wurde *. .\nmöglicherweise aber auch, weil die zwecklosen\nWorte des Aufsehers dieser sinnlosen Hoffnung\nda drinnen gleichsam fortwährend Nahrung zu-\nführten . . . oder war es, weil er ganz dunkel\nempfand, daf die Rede des andern sich Schritt\nfür Schritt irgendeinem bestimmten und bedeu-\ntungsvollen Punkt näherte — und daß es sich nur\ndarum handelte, ihn ungestört zu lassen!\nEinen Augenblick schwiegen sie beide.\nDann schob der Aufseher die rechte Hand\nzwischen zwei von den Knöpfen seines Rockes,\nstrich sich langsam über den dicken, weißen\nSchnurrbart, wandte sich darauf mit Höflichkeit\nwieder ganz dem andern zu und fuhr fort, mit ver-\ntraulicher und gewichtiger Stimme —:\n„Na, das ist ja, wie schon gesagt, bloß so aus-\nnahmsweise mal, daß man sich solchen betrüb-\nlichen Gedanken hingibt!\nUnd das ist wohl auch unseres lieben Gottes\nAbsicht, das!\nAber ein Mann, den ich kenne, sagte doch vor\nein paar Jahren zu mir —: jetzt wäre bald die\nZeit der Kirchhöfe vorbei; jetzt sollten wir alle\naus Gesundheitsrücksichten verbrannt werden,\njeder ohne Ausnahme; und das wäre gut, fuhr er\nfort; denn all dies hier mit den Gräbern und den\nPredigern und den Blumen, das wäre nichts für\nmoderne Mannsleute! Weg mit den Toten, wenn\nsie nun doch mal tot sind -— sagte er.\nUnd natürlich weiß man ja nicht, auf was für\nneumodische Sachen sie heutzutage verfallen kön-\nnen. Aber die Weisheit — die kann man sich wahr-\nhaftig nirgends anderswo holen als hier! Glauben\nSie mir —; Es geht einem Tag für Tag 'ne ganze\nMenge durch den Kopf. Wir sehen, glauben Sie\nmir, das eine als auch das andere: welche, die mit\ndem einen Auge weinen und mit dem andern\nlachen, während ihre lieben Anverwandten mit\nGesang und feinen Seidenschleifen in die Erde ge-\nlegt werden; welche, die sich die erste Woche\noder auch zwei das Leben aus dem Leibe klagen\nwollen — und dann nachher kann das Grab für\nsich selbst sorgen; welche, die jeden Abend stun-\ndenlang mit Schaufel und Harke hier herum gehen\nund noch so nett nusseln und pwsSeln, sogar noch,\nwenn sie sich schon längst wieder verheiratet und\nlang aufgeschossene Göhren von einer andern ge-\nkriegt haben; und welche endlich, die einmal im\nJahr ganz atemlos angestürzt kommen und einen\nKranz hinlegen und jedesmal erst fragen müssen:\nAch, wollen Sie nicht so gut sein und mir zeigen\nwo eigentlich meine Frau oder mein Mann, oder\nmeine Eltern liegen!\nAber so sind ja die Menschen nu mal — und\ndas nenn5 ich nicht Weisheit; denn das kann ja\njedes Kind einsehen!\nAber Sie können sich darauf verlassen\nDaß man nach und nach einsehen le*iit. was für\n'ne schnurrige Welt es ist, in der wir leben!\nWenn man so jahrelang jeden Tag, den Goit\nwerden läßt, von morgens bis abends hier herum-\ngeht — und Kies Kies sein läßt und Blumen wach-\nsen läßt, wie sie wollen, und Sommer und Winter\ngeht dahin; wenn man ganz ruhig ein Gesicht nach\ndem andern, zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tau-\nsenden an sich vorbeiziehen läßt, ohne sich weiter\nbei dem einzelnen aufzuhalten! Wenn man sozu-\nsagen das Auge ein klein bißchen aufmacht und\nso von der Seite hinsieht und ringsumher und hin-\nein und dahinter —:\nSehen Sie, dann versteht man ja schließlich\nganz von selbst, was für merkwürdige Käuze wir\nalle zusammen sind —: daß wir das Glück, weiß\nGott, im selben Augenblick vergessen, wo es vor-\nbei ist . . . aber an das Unglück, an das klammern\nwir uns mit Händen und Füßen, als wenn es nichts\nweiter auf der Welt gäbe, was taugte! als sollte\nman glauben, je schlimmer, um so besser und je\ngrausamer, um so feiner! Und selbst wenn allmäh-\nlich die, die das Unglück getroffen hat, längst tot\nund dahin sind — dann bewahren wir auf alle Fälle\ndie Erinnerung an sie solange wie möglich, wir\nsehen sie jede Nacht in weißen Gewändern und\nden Kopf unter dem Arm dahin gehen, es ist kerne\nRede davon, daß wir sie in Frieden lassen kön-\nnen! —\nUnd wenn Sie mir nun doch nicht glauben wol-\nlen — dann bilden Sie sich am Ende ein, daß das\nkleine Mädchen, von dem ich Ihnen vorhin er-\nzählte, die Tochter von der Gräfin, daß das so ein\nreizendes Kind gewesen wäre, so hübsch und\nfröhlich und munter — aber nein, da irren Sie ge-\nwaltig, denn sie war gerade das Gegenteil; ein\nkleines, schwächliches Wesen, ein Jammerlappen\nwar sie — das habe ich selbst von dem Diener\ndes Grafen gehört, so ein kleines, elendes Wurm,\nkreideweiß und mit kleinen, verkrüppelten Beine-\nkens! Ihre Mutter hatte nie Ruhe und Frieden ge*\nhabt, sie konnte geradezu nichts weiter tun, als\nTag und Nacht dastehen und das Leben Stück für\nStück in ihr aufrecht halten, so gut es ging! —\nOder zum Beispiel die Dame da!\" — fuhr er\nfort, diesmal flüsternd, mit einem leisen Kopf-\nnicken nach der Richtung hin, aus der das Weinen\nnoch immer kam — unverändert, weder gedämpf-\nter, noch lauter, unaufhörlich, zitternd, fein und\nzart durch die heiße Luft hindurch, ein Laut, der\nmeilenweit gewandert zu sein schien, unendlich\nweit dahin, ohne Aufenthalt — jetzt war er im\nBegriff, ermattet umzusinken, sich todmüde aufzu-\nlösen, in einem letzten, langgezogenen Seufzer zu\nvergehen —:\n„Ich hätte, ohne das geringste davon gehört\nzu haben, Ihnen sehr gut so ungefähr im voraus\nerzählen können, was da los ist!\nDen Namen weiß ich übrigens auch — wenn\nman ja auch nicht das Recht hat, ihn zu verraten!\nBei ihr war es ja nun der Mann, der davon\nmußte — und jetzt kommt sie jeden Tag. Ich\nselbst habe sie natürlich nur die paar Wochen ge-\nsehen, die ich hier gewesen bin, aber die anders\nhaben mir von ihr erzählt: Sie kommt jeden Tag\nhierher, den Gott werden läßt, seit der Zeit, vor\ndrei, vier Monaten, so im Anfang des Frühlings,\nals sie ihn hier hingelegt haben — und jeden Abend\nsteht sie so ganz für sich hier, Kinder hatten sie ja\nnicht, stundenlang steht sie hier jeden Tag, ohne\nzu ahnen wo sie ist: als gäbe es keinen andern\nMenschen in der Welt — so steht sie da und weint,\nohne aufhalten zu können!\nIch kann sie mir geradezu vorstellen zu Hause,\nda, wo sie wohnt — mag es nun bei ihren eigenen\nEltern sein oder bei seinen, oder vielleicht wohnt\nsie auch allein: wie sie so die ganzen Tage hin-\ndurch herumgeht und bloß aufpaßt, daß sie nicht\nbange werden, daß sie nicht Unrat ahnen und sie\nverhindern, hierher zu kommen — und darum klagt\nsie da auch nie, die andern glauben wohl eigent-\nlich, daß sie schon anfängt zu vergessen, daß alles\nso geht, wie es soll, sie finden bloß, daß sie allmäh-\nlich ein wenig mager geworden ist; aoei sie nickt\ndoch so freundlich und sagt ja zu allem, was sie\nsagen und tun; sie näht und stickt oder kocht\nEssen, verrichtet ihre Arbeit, wie es sich gehört\n— begreiflicherweise ohne das geringste davon zu\nahnen, > . . und erst des Nachmittags, wenn sie sich\nwegstehlen kann, wenn es ihr gelungen ist, sich\nhier hinauszuschleichen, wo sie zusammengetragen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3863, "texte": "haben, was noch von ihm übrig ist — dann erst\ntut sie sich auf, dann öffnet sie ihre Brust ganz\nweit, und dann kommt ihr richtiges Gesicht wie\naus einer Tür hervor — ihr eigenes, weinendes\nGesicht, sozusagen mit jedem Zug, der darin ist,\nder Erde zugewendet!\nUnd wissen Sie auch warum?\nOder wissen Sie, warum wir alle zusammen\nhier drinnen im voraus sagen können, daß das\nGrab auch schon für sie bereit steht?\nJa, denn sein Tod, der ging auf folgende Weise\nvor sich: Es war also ganz im Anfang des Früh-\nlings — die ganze Geschichte stand damals in den\nZeitungen, Sie haben vielleicht auch davon ge-\nhört — daß sie und er auf einem Spazierritt waren,\nund da kommt da ganz einfach eines von diesen\nAutomobilen vorbeigejagt, sein Pferd, das scheut,\nes springt zur Seite, er wird herunter geworfen,\nhängt mit dem einen Fuß im Steigbügel fest, das\nTier stürzt, ganz kollerig vor Angst, weiter, und\ndie Frau mit schlaffen Zügeln hinterher, jedesmal,\nwenn sein Kopf wie ein Ball in die Höhe springt,\nstößt sie einen gräßlichen Schrei aus — und jedes-\nmal, wenn sie den Ton hört mit dem der Nacken\nwieder auf einen Pflasterstein heruntergedonnert\nwird, dann ist es ihr, als ob ihr Herz brechen\nmüsse!\nNicht wahr? Sie verstehen mich, mein Herr —:\nDas ist wieder das Unglück, das ist all das\nGräßliche, das ruft! Haben wir nur ein einziges\nMal in das hineingestarrt, was man die blutige\nGrausamkeit der Welt nennt — dann ist es, als\nwenn wir nie wieder etwas anderes, als das\nsehen könnten!\nUnd dieser Kirchhof hier ist gewiß nicht der\neinzige in der Welt, wo es so zugeht — habe ich\nmir erzählen lassen!\nDa drüben, wo ich zuletzt war, da war es zur\nAbwechslung ein Mann —: der hatte dagestanden\nund mit leibhaftigen Augen mit ansehen müssen,\nwie seine Frau verbrannte! Sie hatten ihn mit\nGewalt da draußen zurückhalten müssen, während\nsie da drinnen im Feuer zu Tode versengt wurde\nund so gottserbärmlich schrie: sie sagten, es wäre\ngewesen, als wenn ihre Schreie sich geantwortet\nhätten, seine und ihre, ganz so wie in dem Zoolo-\ngischen Garten; ich kenne selbst Leute, die noch\nam ganzen Leib zu zittern anfangen, wenn sie da-\nvon sprechen!\nUnd ähnlich soll es ja überall zugehen!\nWo Sie auch hinkommen, immer und überall,\nringsumher auf den großen Kirchhöfen ist wenig-\nstens immer einer, der da herumgeht — und sozu-\nsagen nur noch da hingehört!\"\n„Freilich,\" — erwiderte Morton mit einem\nRuck, als der andere schwieg.\nEr hatte längst aufgehört, mit Bewußtsein dem\nWortstrom des Mannes zuzuhören.\nAber tief in sich empfand er es jetzt noch stär-\nker als vorhin, als wüchse irgendeine Frage in\nihm auf —: etwas, das ihm zugleich schwer auf\nder Seele lag und ihn diese beiden Jahre heimlich\nmehr und mehr bedrückt hatte — und doch etwas,\nwas ganz sinnlos war, etwas Oberflächliches und\nLächerliches, das nichts bedeutete — weder für\nihn noch für Sie!\nEr spürte plötzlich die Hitze, die erdrückend\nüber seiner Brust lag, fühlte gleich darauf in sei-\nnem Handgelenk den Puls mit kurzen, harten, un-\nregelmäßigen Stößen hämmern, als habe er Fie-\nber vor Erwartung —:\n„Es mag etwas daran sein, was Sie sagen!\" —\nentgegnete er, und ohne zu wissen warum, wieder-\nholte er grübelnd einen Satz, der noch in seinem\nOhr klang — „daß wir das Glück vergessen, uns\naber an das Unglück anklammern, als gäbe es\nnichts weiter in der Welt als das!\"\nSie standen einen Augenblick beide schweigend\nda.\nVon drüben aus der Richtung her, wo die Ka-\npelle lag, rot und massig mit ihrem bläulichen\nSchieferdach und dem plumpen Sandsteinkreuz\nauf dem Giebel — kam auf einmal ein leiser, küh-\nlender Windhauch.\nDie Luft ward jäh angefüllt von sonderbaren,\nflüsternden Lauten, Blatt das sich gegen Blatt be-\nwegte, das Wogen der Blumen zwischen ihrem\nLaub. Aus der Erde schien plötzlich für einen\nAugenblick sich der feuchte, blasse Atem all des\nwimmelnden Lebens da unten bei den Toten zu\nerheben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1914-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "156", "page_fin": "156", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.2.4", "titre_corps": "Mein Ursprung ist", "titre_sommaire": "Mein Ursprung ist", "signature_source": "Josef Tress", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.4", "debut_caractere": 3884, "fin_caractere_exclue": 4316, "texte": "Mein Ursprung ist\nJosef Tress\nAls Totenkopfschmetterling\nSchwebe ich schwirrend, tiefen Blaus trunken,\nWo die Teppiche prangen im Brautgeschmeide.\nMein Ursprung ist im heiligsten Wald der Nacht.\nIch komme zu meinen Kindern, den blühenden\nBlumenkelchen,\nDie keuschen Stirnen im Kuss berührend,\nMeine Fittiche hissen den schwarzen, sanften Sieg.\nIch will allen einen großen Frieden sagen.\nIch bin ein Engel der seidenwallenden Mutter."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1914-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "156", "page_fin": "157", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.2.5", "titre_corps": "Der Kinematograf", "titre_sommaire": "Der Kinematograf", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.4", "debut_caractere": 4318, "fin_caractere_exclue": 9105, "texte": "Der Kinematograf\nH. Reichenberger\nZwischen den bunten Ufern der Volksfest-\nbudenstraße plätscherte der Fluß von Menschen.\nHelle Blusen und Hüte kräuselten Schaum in seine\nschwärzlichen Wellen. Um einen Wachmann\nteilte und schloß sich der Strom und ein verlasse-\nner Kinderwagen trieb ruckweise mit.\nDa leuchtete die Aufschrift\nKINEMATOGRAF\nEs waren schmerzlich spitze Buchstaben, be-\ntupft von rötlichen, weh in den Tag brennenden\nGlühlampen, heiße Angelhaken, die Augen und\nHirn stechend faßten und aus dem Strome\nfischten.\nPlakate knallten Farben von der Budenwand\nin die Luft und vor einem Spiegel in krampfge-\nwundenem Rahmen wackelte eine rote Pleureuse\nüber einer geschminkten Kassiererin.\nAus dem Zeltbauch war ein Hautstück her-\nausgespreizt und dahinter sah man die Dampf-\nmaschine arbeiten. Ein rothaariger Maschinist,\nder einen Buckel wie ein Zebu hatte, griff ihr hie\nund da in den Bauch und sie hustete Dampf aus\nund strampelte mit dem Kolben auf die Kurbel,\neifrig und wichtigtuerisch, als müßte sie mit ihrem\nSchwungrad etwas enorm Bedeutendes, wie viel-\nleicht den schönen Lehrsatz von der Bewegungs-\nenergie oder so etwas Aehnliches erst erzeugen.\nDer Zebuhöckrige warf ihr Fraß in das runde\nMaul und schlug ihr dann den Deckel daraul und\nsie fauchte gutmütig. Es war etwas charakte-\nristisch Männliches in ihrem Getue . . wie sie\nso emsig arbeitete, geschäftig und ein wenig be-\nschränkt und selbstzufrieden ...\nAm Riemen aber prasselte die Dynamoma-\nschine. Seltsam war die blaßgeäderte, fleischlich-\nweißliche marmorne Schalttafel — wie der Leib\neines Weibes.\nAmpere- und Voltameter sind wie Augen,\nmessingumrändert — starr, weit aufgerissen —\nund über dem glotzenden Weiß dieser Augen flim-\nmert ein schwarzer Punkt und zuckt in geheim-\nnisvollen Erregungen.\nDie ganze Tafel zittert — in wahnwitziger\nWollust — die Maschine flagelliert sieh qual-\nliistern am klatschenden Treibriemen — die nackte\nFläche mit ihren schamlos vorgereckten Organen\nschauert im Lustfieber der Exhibition ihrer Nackt-\nheit.\nDa kommt der zebuhöckerige Maschinist und\ngreift nach dem Leib und seine rothaarige Hand\npackt eines der Organe — brutal — da erstarrt\ndas Zittern — ein Augenblick atemloser entsetz-\nlicher Lust — dann schlägt es in den Augen in\nwahnsinnigem Zucken weit aus und tobt auf und\nab; ein paar bläuliche Funken springen knisternd\nauf an dem Hebel, an dem die rotborstige Hand\nliegt. ...\nIn einer Vorschaltbirne glüht es an und aus —\nwie ein plötzlich gereizter Zahnnerv — eine spira-\nlige Wunde hat sich in die Luft gebrannt.\nDann verzittert der Krampf. Der Maschinist\nspukt aus, hängt seinen Pfeifenkloben in die Zähne\nund sieht der Maschine breit und grob in die\nAugen . . . gleichmäßig glücklich bebt sie unter\nder Peitsche des Riemens.\nWie seltsam, warum tat er es nicht? Ein Dre-\nhen des Hebels, ein paar knisternde, grünbläßliche\nFunken — und alles wäre aus — dieses wunder-\nsame Leben abgewürgt, der Luststrom in diesen\nNerven erdrosselt, mit einem Druck, ein Druck —\nes müßte unsagbar süßes Grausen sein. Alles aus,\ndas Leben, das an diesen Nerven drinnen im Zelt\nzittert auf der hellen Leinwand, alles aus! Der\nkleine Willi mitten in seinen Streichen, die Bahn-\nräuber mit der vorgehaltenen Pistole, Onkel Pinki,\nder freien geht, das Schiff gerade im Stapellaui\nalles aus! Dieses kleine und dumme Leben, das\nin huschenden Formen zittert wie in Furcht und\nin eiliger Flucht vor der Entdeckung, daß es gar\nnicht ist, aus, plötzlich verschwunden, ins Umriß-\nlose, in das wundersame Nichtsein! Ausgetilgt, tot\nohne Leichen von Dingen!\nWarum tat er es nicht! War er zu blöd-gut-\nmütig für solche Lust? Da träufelt er der dumm-\neifrigen Dampfmaschine Schmiere in die Gelenke\nund schüttet ihr Wasser vor, das sie in schlapsen-\nden Pumpenzügen säuft. Aus, alles aus, auch die\nOrgel hätte ersticken müssen, weil ihr Motor\nauch an der Dynamo hängt. Die Orgel, die ist es,\naus der dieses Seltsame steigt.\nWie durch Zähne saugt sie zwischen die spitzen\nPfeifen die Luft ein, die in ihrem Körper in wehen\nSchmerzschreien zu Tönen verbrennt. Wie licht-\nlose Flammen steigt dieses atemlose leiernde Jam-\nmern auf und leckt an Hirn und Seele und brennt\ndavon Verstand und Willen wie Einwickelpapier\nab. Die nacktgebrannte Seele hängt ohnmächtig an\ndiesem Bann. Wie die Marionetten am Orgelge-\nhäuse. Wie es dem buntlackierten Kapellmeister\nekstatisch Kopf und Augen reißt, wie der Tackt-\nstockt hackt, tsin — tsin — tsin —, in verrücktem\nKrampfrythmus, in peinigendem Zwang. - Eine\nEnge spannt sich um die Seele. Aus abgründigen\nVerließen des Bewußtseins saugen die Orgelbälge\nrätselhafte Empfindungen. Wie seltsam ist die\nMaske dort an der . Zeltwand! Eine graue Fratze\nin rohen breiten Strichen, gemalt um ein großes\nschwarzes Mundloch herum mit glotzenden gräu-\nlichen Augen!"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2116, "texte": "Da steigt, langsam, wie heraufgezogen aus\ntiefen Brunnenschächten, die Erkenntnis auf: Gott,\nso ist Gott! das ist Gott! diese Maske dort! Ein\nFratzenantlitz, leer, grau, gemalt um ein Loch\nherum. Eine häßliche Fratze mit leeren stieren\nAugen. Siehe wie diese Augen glotzen in das\n.zitternde Leben da unten in der Budenstraße. Ein\nplätschernder Menschenfluß mit weißem Gekrau-\nsel, ein Wachmann, ein Kinderwagen, das ganze\nBudenwerk und Gewinkel über den flirrenden\nPlan des Volksfestes hin bis hinüber zu der Wind-\nmühle, die schwerfällig in die Luft fuchtelt wie ein\nunverstandener Dichter, die ganze Stadt, alles,\nist ja nur eine phantastische, verrückte Projektion,\nein Spiel für diese grauen Augen. Ein bleiches\nGottesantlitz starrt, in gräßlicher unheimlicher Lust\nam Niehthandeln, in dieses kleine, dumme Leben,\ndas da in huschenden Formen zittert wie in Furcht\nund in eiliger Flucht vor der Entdeckung, daß es\ngar nicht wirklich is t. Ein Schein, hereingefilmt\nin die blaue Zeltbude, ein buntes FlimmerspieLvon\nNarren und Leidenden für einen gafflüsternen\nGott!\nIm Irgendwo, hinter der Sonnenbrennlinse, sur-\nren die Motore. Ungeschlachte Kräfte sind am\nWerk und tausendfältige wundersame. Welch un-\ngeheurer Apparat, welche Aufmachung für den\nseit Jahrtausenden geleierten Schlager! Welcher\nbucklige Maschinist steht an der Schalttafel der\nDynamo, die dieses Leben erregt? Ein Hebel-\ndruck und alles wäre aus, verschwunden in das\nUmrißlose, in das süße Reich des Nicht — seins —\nverschwunden, tot ohne Leichen von Dingen,\nwarum tut er es nicht? warum?\nJetzt, jetzt, der Maschinist geht zum Schalt-\nbrett, ah, die rote Hand hat einen Hebel im Ge-\nnick, jetzt.\nDa — tschrrr — ein Licht kreischt auf, wie ein\nGelächter.\nEin silbern-bronziertere Engel hat die Bogen-\nlampe in der Hand aus der breites Licht auf das\nFratzenbild klatscht.\n... Ah — der Erzengel Michael! MICHAEL!\nWER IST WIE GOTT?\nDa gluckste es in der Orgel ... ein Stück war\nabgelaufen, stotternd hob ein neues an. Das riß\neine Lücke in den Bann und durch diese Lücke\nstieß es sich herein: Wie lächerlich! He! Kino.\nKino! Gott ist kein Kopromane!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-01_01#c006", "volume": "bmtnabg_1914-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "157", "page_fin": "157", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.2.6", "titre_corps": "Eisenbaeh", "titre_sommaire": "Eisenbaeh", "signature_source": "Albert Ehrenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.5", "debut_caractere": 2118, "fin_caractere_exclue": 5821, "texte": "Eisenbaeh\nAlbert Ehrenstein\nEin gleichgültiges Varietelokal. Spießer essen\nzu den Klängen des Marsches „Franz Freiherr\nConrad von Hötzendorf.\" Man denkt einen Augen-\nblick daran, daß Oesterreich während des Balkan-\nwirbels nur von Auffenberg nach Hötzendorf vor-\nrückte — aber Heinrich Eisenbach hilft „nach wie\nvor\" den Besitzstand wahren. In Wien, wo sich\ndie auf das alte Burgtheater folgenden siebzig\nmagern Jahre in den Herren Gerasch und Höbliug\ninkarniert haben, inmitten der zahllosen Unterkom-\npensationen ehemals vorhandener Begabungen,\nzwischen dem Klitsch und Kitsch, im Klatsch und\nQuatsch dieser herrlich versinkenden Stadt, wirkt\nals Protest gegen zäh gesprochene Burgtheater-\njamben und als Echo des schlecht assimilierten\nJargons der Premierenbesucher Heinrich\nEis enb aeh. Er würde natürlich sofort behaup-\nten, er wirke nicht, er sei doch kein Strumpfwir-\nker. Aber zwischen den Hunderten Gänslereige-\nihilfen, czechischen Hausmeistern, Schlossern, Ar-\ntisten, Infanteristen, alten Provinzjuden und zwi-\nschen Leopoldstädter Gewerbetreibenden, die in\nihm stecken, ist gewiß auch ein bürgerlicher\nStrumpfwirkermeister in Eisenbach verborgen.\nNun, verwandlungsfähig, polymorph scheint leicht\nein Schauspieler dem naiven Publikum, und be-\nschränke er sich auch bloß auf ein ödes Masken-\nkünstlertum. Eisenbach aber, den in Wien die Kri-\ntiker totschweigen, damit auch die Varieteinsera-\ntenagenten was zum Leben haben, Eisenbach\nwirkt immer plastisch, erstarrt sofort in der jeweils\nangenommenen Form, ist jetzt jeden Zoll ein Hau-\nsierer, nicht ohne in fünf Minuten als intensiv böh-\nmischer Feuerwehrhauptmann zu versteinern. Der\nNaturforschertag ließ sich diesen Proteus entgehen,\nda stellte sich Eisenbach selbst aus freien Stücken\nin den Dienst der Wissenschaft, er spielte das\nWunder des Heiligen Darwin, ward rückfällig,\nkraft einer unerhörten Mimik des Körpers wan-\ndelte sich seine Haut atavistisch in Pelz, er glitt\nselbstbewußt und wankend mit einem Affengebiß\ndurchs Zimmer.\nKein morbider Rest ist in der gesund gestalten-\nden Kraft Eisenbachs nachweisbar. Und doch\nmacht gerade er uns das Verzauberte, Verwun-\nschene, Irreale, Imaginäre aller Existenzen fühl-\nbar. Wenn er der von höher wohnenden Mächten\nbesudelte Hausmeister ist, fühlt man über alle tiefe\nKomik hinweg, alles irdische Leben ist unwahr,\nes k a n n keinen so sehr ins Tiertum, in eine arm-\nselige Latrinenexistenz verstoßenen Menschen ge-\nben, wie es dieser verwunschene Hausmeister\nIst, den Eisenbach so unheimlich realisiert. In jeder\nseiner Inkarnationen, in den bald launisch-frechen,\nbald mitleiderregend-labilen Fleischwerdungen die-\nses jüdischen Mahadöh spukt unerachtet aller em-\npirischen Wahrheit etwas Geisterhaftes und über-\nträgt sich auf den nervös die plumpen und lange\nnicht so dynamisch gemeinen Derbheiten und\nObszönitäten der Eisenbachkomparserie ableh-\nnenden Zuschauer. Sowie sich eines dieser schau-\nspielerisch gewiß, stimmlich keineswegs begabten\nWesen regt, möchte man auffahren bis an die\nDecke, geisterhaft verdampfen und erst wieder\nzurückkehren, wenn Eisenbach die Bühne betritt.\nUnter allen Schauspielern dieses Sekulums, das\nsich längst in zahllose Herrn namens Sekules ver-\nwandelt hat, spielt er diesen am besten. Hein-\nrich Eisenbach spuckt viel besser\nals die meisten Wiener Schauspie-\nler sprechen. Dieser Eisenbach ist in dem\nbegabungs- und blutarmen Wien ein starkes Levi-\ncowasser, eine Nährquelle. Und obwohl die Nach-\nwelt dem Mimen sonst keine Kränze flicht, dieser\nOrpheus des Budapester Orpheums vermöchte\nden Totenrichter gewiß auch dazu zu bewegen.\nEr brauchte ihm nur einen einzigen Witz zu er-\nzählen und „der Herr kaiserliche Rat\" wäre vor\nLachlust wehrlos."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-01-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-01_01#c007", "volume": "bmtnabg_1914-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "157", "page_fin": "159", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.2.7", "titre_corps": "Die Sehwermut des Geniebers : Aus Mia Miranas Tagebuch", "titre_sommaire": "Die Sehwermut des Geniebers : Aus Mia Miranas Tagebuch", "signature_source": "Artur Babilotte", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.5", "debut_caractere": 5823, "fin_caractere_exclue": 9036, "texte": "Die Sehwermut des\nGeniebers\nAus Mia Miranas Tagebuch\nArtur Babilotte\n4. November 1903\nDer Traum ist aus. Wir haben den Mut ge-\nhabt, selbst ein Ende zu machen. O Geliebter,\nich fühle noch deine weichen weißen Hände auf\nder Haut meines Leibes. Ich höre noch deine\nsüße Stimme . .Deine Stimme war so müd und\nklagend. Es. war still in uns, als wir uns zum\nletztenmal küßten. Wie liebe ich deine Schwer-\nmut! Sie ist deine Seele. Der Traum ist aus;\nwir gehen einsam unsere Wege. — Welch ein\nverachtetes Wesen bin ich! Aber welch ein an-\ngebetetes WTeib will ich in wenigen Jahren sein!\nDeine Liebe und unser Mut zur Entsagung —\nsie werden mir Kraft verleihen. Welch ein frohes\nstarkes Lachen hebt in mir an . . . ich möchte\ndie Arme breiten. Wie will ich arbeiten, um das\nzu werden, wozu ich die Kräfte in mir fühle!\n12 Uhr. Zum erstenmal muß ich heute einschla-\nfen ohne das süße Bewußtsein deiner Nähe. Du\nbist immer bei mir, auch wenn du sehr fern von\nmir weilst.\n20. Mai 1904\nHeute hat er Geburtstag.\nUnd ich bin nicht bei ihm. Auch er hat dies\nGefühl — oder seine Liebe müßte kleiner sein,\nals die meine. 0 Geliebter, meine Liebe ist so\ngroß, daß sie mein ganzes Leben füllen wird.\nDer erste Geburtstag, den wir zusammen-\nfeierten, war auch der letzte. Du Lieber .. ~\ndamals kannt ich dich erst wenige Tage; schüch-\ntern und fast verängstigt saß ich bei dir, und du\nhieltest meine Hände und streicheltest sie.\n„Du Glückliche, die du mich gerettet hast,\"\nsagtest du. Wie klagend war deine Stimme, auch\nwenn sie Fröhliches sagte.\nUnd ich sah dich nur immer an und war ber\nseiigt ohne Maß. Ich verging in dir, du nahmst\nmich auf und alles war schön, rein und zart . . .\n11. Spetember 1904\nAm Morgen war ich bei Direktor Scherff. Er\nhat mich „entdeckt\". Er staunt über meine\nStimme „. . Ich fühle mich seltsam ruhig; es\nist eine große glückliche Stille in mir. Ist es\nnicht ein Zufall, dem ich dankbar sein muß? Mor-\ngen soll ich wiederkommen . . . der Direktor will\nmir Vorschläge machen. Johannes, wenn es,\nwenn es doch möglich wäre . . .!\n23. Auguste 1905\nWie lange ist es schon, seit ich zum letzten-\nmal seine Lippen küßte! Ich glaube, nie hätte\nich die Kraft besessen, mich emporzuarbeiten,\nwenn nicht dieser süße Schmerz in mir säße\nund mich ewig friedlos sein ließe. Ich will, wie\ner, würdig werden der Kunst.\n5. Januar 1906\nIch bin müde . . . und doch, meine Kraft ist\nunerschöpflich. Heute trat ich zum erstenmal als\nCarmen auf. Ich wirkte wie ein Dämon, ich\nlähmte. Welch eine Macht besitze ich! Ich war\nCarmen, ich war ein schönes Raubtier. Bin ich\nnicht gefährlich, da ich ganz versinke und mich\nselbst nicht mehr kenne?\n20. Februar 1906\nVon Tag zu Tag wächst meine Furcht vor der\nGroßstadt. Ich hasse dieses Ungeheuer! . Immer\nhat man das Gefühl, von Feinden umlagert zu\nsein. Diese Millionenstadt ist mitleidlos. Selbst\nwenn sie vergöttert. Ich bin unzufrieden mit den\nMenschen, am meisten aber mit mir selbst.\n1. September 1908\nJetzt bin ich auch in Leipzig durchgedrungen.\nAuch hier erstarren die Menschen vor meinem\nSpiel. Ich erkenne immer deutlicher, daß die\nMenschen zu naiv sind, um ein Kunstwerk zu\ngenießen, und. doch nicht naiv genug, um sich ihm\nhinzugeben. Der Glaube fehlt ihnen. Aber ich"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9168, "texte": "beginne die Großstadt zu lieben, weil sie mir\nGrund zu einem gesunden Haß gibt.\n10. Dezember 1908\nEine Unruhe ist in mir, die beständig wächst,\nteh beginne mich zu fürchten, und weiß doch\nnicht, vor wem . . .\n19. Dezember 1908\nEs wird immer schrecklicher. Mein Gott, was\nist dies nur? Ich setze mich jeden Nachmittag\nin ein Cafe und studiere die Kunstnachrichten aller\nerreichbaren Blätter. Ich suche seinen Namen.\n1. Januar 1909\nIch weiß mir nicht mehr zu helfen vor Unruhe.\nJeden Tag fragt mich der Direktor, ob ich krank\nsei ... Ich sehe entsetzlich aus. Alles widert\nmich an. Geliebter, du bist grausam, daß du die-\nses entsetzliche Schweigen solange erträgst.\nWelche kleinmütigen Gedanken. Bald wird Johan-\nnes eine große Tat vollbringen . . . und ich bin,\ndie ihm half, das Große zu schaffen.\n12. Mai 1909\nIn einigen Tagen hat Johannes wieder Ge-\nburtstag. Nun ist es schon sechs Jahre her . . .\nda feierten; wir ihn zusammen. Ich liebe ihn heute\nmehr als je. Seine Seele begehre ich. An die\nVereinigung unserer Leiber denke ich mit einem\nsüßen Schmerz zurück. Es war ein gestaltge-\nwordener Traum; ich verlange nicht wieder da-\nnach; die Flamme meine Liebe brennt rein und\nstill. Ganze Wochen lang gehe ich umher, frei\nund fröhlich, und danke der Entsagung, die mich\ngroß gemacht hat. Sie hat alle Schönheiten in\nrrtir emporgezwungen, sodaß mein Wesen weit\nund bunt wurde. Die Entsagung hat mich erst\ngeboren, die Künstlerin . . . aber, es gibt Augen-\nblicke, in denen ich nur Frieden haben möchte.\n2. September 1909\nWelch ein Tag! Welch ein befreiender Tag!\nNach der Probe teilte mir der Direktor mit,\n■daß in der Saison das Werk eines Komponisten,\ndem er verpflichtet sei, aufgeführt werden solle.\nDie Partitur lag vor ihm. Das Werk des Gelieb-\nten! Ich mußte an mich halten, um die Blätter\nRieht zu küssen. Es ist unendlich hell in mir ge-\nworden. Jetzt kommte die Tat, die ich voll-\nbringen soll, die Tat, zu der alle Mühen und Nöte\nder vergangenen Jahre Stufen waren . . . Jetzt\nkommt die höchste Vereinigung mit dem Gelieb-\nten! Ich will sein Werk verkünden, und indem\nich mich seinem Werke hingebe, werde ich er,\nganz er . . .\n9. Januar 1910\nWie groß ist sein Werk! Ich bin ganz in ihm\naufgegangen. Morgen ist die vorletzte Probe.\nIch werde sie zwingen, die Zweifler.\n19, Januar 1910\nMorgen ist die Aufführung.\nJetzt bin ich wieder stark und froh. Ich will\neine Vorfeier des großen Glückes halten,\n20. Januar 1910. Morgens 10 Uhr\nIch fiebre. Ich taumle zwischen Seligkeit und\nAngst hin und her. Wie unruhig und unzufrieden\nbin ich! Kommst du, Geliebter? Wie gransam,\nimmer noch schweigst du . . . Es ist wahr, wir\nhaben uns gelobt, nie nacheinander zu forschen.\nWie schwer und wie herrlich ist die Entsagung!\nNachmittags 3 Uhr\nJetzt weilt er wohl bereits in der Stadt. Ich\nhabe den nüchternen Menschen vorhin im Cafe\nvon seinem Werk erzählt . . -. sie wären alle ge-\nbannt. So, wie diese, will ich heute abend alle\ngewinnen.\nWie er wohl aussieht? Ob er immer noch so\nbleich und schön ist? Vielleicht ist der Blick sei-\nner Augen noch seltsamer, wunderbarer ge-\nworden.\n5 Uhr\nEin Brief von ihm! Ich küsse die geliebten\nZeilen ... Er ist mir wieder nahe .. . . Ich\nwerde vor ihm spielen, sein Werk den Menschen\nverkünden, und er wird mich anblicken mit sei-\nnen tiefen strahlenden Augen. Er erwartet mich\nnach der Vorstellung . . .\nNachts 1 Uhr\nDie Menschen schrien vor Entzücken. Der\nGeliebte hat gesiegt. Er ist wunderbar still und\nversonnen. Ich habe wieder seine weißen Hände\ngestreichelt, seine tiefen Augen haben wieder in\nmeinen gestrahlt .. , Welch eine süße Stunde\nliegt hinter mir! Groß und laut ist mein Schmerz\ngeworden. Nun sitzt er nicht mehr verborgen\nirgendwo im Herzen, nun kommt er aufdringlich\nzu mir, und ich, ich liebe ihn, ich begehre ihn,\nich fiebere nach ihm. Wie schön ist er! Wie\nkonnte ich mir einreden, daß mir seine Seele alles\nsei? Ich habe wieder seine weiche, leise sin-\ngende Stimme gehört. Ich versank in dem tie-\nfen Wohllaut.\nGeliebter, warum hast du das getan? Nun\nhast du dich an eine andere gefesselt ... Es ist\nbesser, daß wir nicht immer zusammenblieben.\nEs ist besser so. Liebt du sie mehr, als mich?\nJohannes, Geliebter, warum hast du mir das\ngetan?\n26. Januar 1910\nIch bin matt und mutlos. Ich spiele ohne\nLiebe; ich sage nur die Worte und denke an ihn.\nMein Beruf macht mir keine Freude mehr. Ich\ndenke immer nur die Gedanken seines Werkes.\nIch habe das Höchste erreicht, nun fällt alles, was\nVorarbeit war, von mir ab.\n28. Januar 1910\nBin ich dir nichts mehr, Geliebter? Warum\nkommst du nicht? Warum schreibst du nicht?\nWerde ich stark genug sein, dies bis zum Ende\nzu tragen? Ich will stets an dich denken, Jo-\nhannes, ich will stets an dich glaube n. Denn\nder Glaube ist alles. Mein Leben wird einsam\nsein. Aber manchmal habe ich Augenblicke, in\ndenen eine selige Ruhe in mich einzieht. Dann\nfühle ich, daß ich nicht zerbrechen werde an die-\nser Liebe. Wenn es mir gelingen wird, dieses\nstarke verächtende Lachen festzuhalten, dann\nwird wohl alles so gut werden, wie dies mög-\nlich ist —\n* • *\nDer Arbeiter Jörg Martin hatte das gefunden,\nwas er gesucht hatte in den Nächten des Lernens\nund Höherwollens: Befreiung.\nAls er noch im Trubel bewegter Volksver-\nsammlungen stand, seine klugen Augen über die\nGesichter der Männer hinschweifen ließ, und die\ntägliche Not in diesen harten Gesichtern sah; als\ner aus allen Augen Drohungen oder Bitten oder\nHohngelächter las; als er, Wort für Wort abwä-\ngend, diesen Hunderten von versammelten Prole-\ntariern seine Arbeiten, seine Hoffnungen, seine\nZukunftspläne vorlegte; als er mitten in seine be-\ngeisterten Worte einen beifälligen Ruf oder ein\nverächtliches Zischen hineinfallen hörte in\njener Zeit war er glücklich, trotz dem Elend, in\ndem er und die Klassengenossen saßen; trotz der\nFeindschaft, die ihm der große, gefürchtete Sozia-\nlistenführer Julius Todt entgegenbrachte; trotz,\nder manchmal in seinem Hirn aufzuckemden Zwei-\nfel an der Verwirklichung seiner Träume. Er\nhatte, das stolze Bewußtsein gehabt, Kämpfer\nunter Kämpfern zu sein, Elend zu leiden, wie sie,,\nrettungheischend nach Osten, wo die Sonne auf-\ngehen sollte, zu blicken, wie sie.\n. . . Wie klein und kindlich erschienen ihm jetzt\ndie Heldenträume jener Tage und Nächte! Eine\nOffenbarung hatte ihn beglückt; Die Schönheit\nWenn er auch früher nicht geschrien hatte, wie-\nsie alle, der Pröletariertrotz hatte auch ihn\nlenkt und seinen Wünschen und Hoffnungen Rich-\ntung und Ziel gegeben. Wenn er auch in sich eine\ngeistige Ueberlegenheit über die Genossen fühlte;\ner hatte doch nicht gewußt, um wie viel höher ein\nMensch mit seltenen Gedanken steht. Jetzt wußte\ner, daß Proletarier in alle Ewigkeit Proletarier\nblieben, auch wenn; ein Messias ihnen Schätze und\nEhre und Macht vor die Füße legte.\nAus dem Arbeiter war ein Mensch geworden*\nder Schönheiten ahnte, die allen seinen Klassen-\ngenossen verborgen waren. Durch den Umgang\nmit dem Künstler hatte er sich selbst erst ganz\nkennen gelernt. Für die materielle Unabhängig-\nkeit der Proletarier hatte er gekämpft, und ge-\nwähnt, was alle wähnten: Daß sie geistige Höhen\nerreichen würden, wenn sie erst ohne täglich\nwühlende und niederdrückende Sorgen leben konn-\nten. Jetzt aber glaubte er, daß eine geistige Har-\nmonie den Menschen unfähig mache, trostlos zu\nsein.\nOhne Zittern trat Jörg Martin vor die Prole-\ntarier der Großstadt, die er zusammenrief, um\nihnen die Schönheit zu predigen, das edle Gleich-\nmaß in Wort und Tat, und ihnen zu sagen, daß in\nder Musik das Höchste erreicht sei, was ein\nMensch erreichen könne.\nDumpf und schwerfällig stand die Luft in dem\ngroßen Saal. Die Wände reckten sich gespenster-\nhaft weiß in die schwer geschnitzte Holzdecke.\nDurch hohe schmale Fenster glänzte ein grauer\nSchneehimmel. Der Saal machte den Eindruck\neines Betraumes. Hier versammelten sich die Ge-\nnossen, wenn sie Beschlüsse fassen, neue Pläne\nerwägen, neue Hoffnung schöpfen wollten. Hier\nkamen verbitterte arme Menschen zusammen, um\nzu einem widrigen Schicksal mit trotzigen Wor-\nten zu beten; Wir wollen dich zwingen, uns gnä-\ndig zu sein!\nSchlicht, fast ärmlich lag der Saal unter der\ndunklen Holzdecke. Er gab den vielen Arbeiterin\ndas Gefühl, daß sie hier nicht nötig hätten, be-\ndrückt zu sein und sich benachteiligt zu fühlen..\nEr mäßigte ihre Verbitterung; aber bald fachte er\nsie auch an, indem er diese gequälten Menschen,\nan die Dürftigkeit ihres Daseins erinnerte. Dann\nblitzten ihre Augen auf, ihre Hände ballten sich zu\nharten Fäusten, ihre Herzen schlugen wilder und\nheißer ... Sie fühlten ihre Not, aber zu gleicher\nZeit auch ihre Macht, wenn sie zusammenstanden\nund kämpften wie ein Mann.\n.... Ohne Zittern trat Jörg Martin vor die\nProletarier der Großstadt. Als er von der Redner-\ntribüne herab ihre Gesichter sah, fühlte er sich\nheimisch unter diesen rauhen, vom Leben zer-~\nschüttelten Männern.\nStolz im Bewußtsein seiner großen Aufgabe,\nbegann er, zu reden. Er sprach in der Sprache\ndes gewöhnlichen Mannes* was ihm im Herzer,».\nlebte; er versuchte nicht, die einfachen Menschen\nmit feingeschliffenen Worten zu betören. Fröhlich\nflössen seine Worte und gewannen manchen der\nProletarier durch ihre ungewollte Schönheit"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9936, "texte": "— Freunde, sprach Jörg Martin, ihr wart er-\nstaunt, als ihr meinen Aufruf last. Ihr konntet\neuch nicht erklären, wie dies zusammenhinge: Ein\nArbeiter, ein' Genosse, der von der Schönheit des\nLebens redet, der von schönen W!orten und Be-\nwegungen erzählen will. Die meisten von euch\nhaben gelacht . . . Und die meisten sind hier aus\nNeugierde: Was wird denn dieser sonderbare\nKerl zu erzählen haben? Und ihr habt Recht, wenn\nftir lacht. Denn, was ich euch sagen will, hat euch\nnoch keiner gesagt, und es wird eine Zeit vor-\nübergehen müssen, bis ihr mich ganz versteht.\nDenn, Freunde, ich will euch nicht erzählen\nvon der Freude am äußerlichen Genuß, den euch\neure Führer als das Begehrenswerteste im Leben\nschildern ... Ich will euch vom innern Genuß er-\nzählen. Mögt ihr arm sein oder reich, schön oder\nhaßlich, die Tür zu diesem Genuß steht euch offen,\nihr könnt den Fuß über die| Schwelle setzen, wann\nihr wollt.\nSie saßen und wußten nicht, was sie aus dem\nMann und seinen Worten machen sollten. Ein paar\nJunge Burschen lachten spöttisch. Aber ein Alter\nvor ihnen drehte sich um und schalt. Manchmal\nnickte dieser Alte mit dem Kopf, manchmal zog er\ndie Schultern hoch. Eine ewige Unruhe lief über\nsein Runzelgesicht. Dies war einer der besten\nRedner der Sozialisten. Seine Stimme ein-\ntönig, seine Worte trocken und geradeaus —, aber\nseine Augen tauchten \"alle Nüchternheit in Glut.\nOb ihr außergewöhnlich klug seid oder nur so-\nviel wißt, als ihr zum täglichen Leben nötig habt;\n'Ob ihr euch gern vergnügt bei einem guten Tropfen\n'Oder bei Kartenspiel oder bei Gesang und Tanz;\nob ihr gern die Zeitung eurer Partei oder billige\nRomane lest; dies alles kommt nicht in Frage. In\nFrage kommt nur, ob ihr es versteht, eure Lieb-\nhabereien und eure Veranlagung nach allen Seiten\nIrin zu schleifen und in eine schöne Form zu brin-\ngen. Wenn ihr dies versteht — und jeder von\neuch wird es können —, dann werdet ihr keine\nunschönen Worte mehr sprechen, keine häßlichen\nGedanken mehr in euch großwerden lassen, dann\nwerdet ihr maßvoll sein. Wer aber maßvoll ist,\nist zufrieden.\nDas ist das große Glück, Freunde, das euch die\n\"Zukunft bringen soll. So einfach und unscheinbar\n®s aussieht, so schön und beglückend ist es.\nDie vielen Proletarier, die bis dahin still und\nregungslos gelauscht hatten, begannen, unruhig zu\nwerden. Einige gähnten, die Ungestümeren\npfiffen leise oder lachten.\nDer Alte mit dem Runzelgesicht aber erhob\nsich schnell und mühelos, schob sich zwischen den\n.andern hindurch nach dem Mittelgang und schritt\nnach der Tribüne. Jörg Martin sah ihn kommen\nund nickte ihm zu; dies war einer, der ihn ernst\nnahm, das sah er.\nIch möchte nachher ein paar Worte reden!\nsagte der Alte mit klarer Stimme. Alle Unruhe\nerlosch, als diese Stimme ertönte.\nUnd Jörg Martin entrollte den Proletariern der\nGroßstadt das bunte Gemälde seines Glaubens\nund seiner Hoffnungen. Seine Stimme wurde be-\ngeistert, seine Bewegungen größer und mitreißen-\nder' Schon der Gedanke, daß einer im Saale war,\nder ihn nicht abtat, gab ihm eine tiefe Freude. Er\nerzählte von dem Tag, an dem er den Künstler\ntcennen gelernt, von dem Reichtum, den ihm die-\nser geschenkt hatte. Er erzählte von seinen Näch-\nten, von den vielen Enttäuschungen,\nGroß ist das Ziel, sagte er, das die Sozialde-\nmokratie erreichen will. Sie sagt: Euer einziges\nBestreben seir unabhängig zu werden. Alles an-\ndere fällt euch dann von selbst zu. Ich aber glaube.\n.Freunde, wir müssen erst Menschen werden . . .\nSind wir das, wird sich uns manches besser ge-\nstalten. Und vor allem sind wir dann reif und\nernst genug, das Errungene nicht zu entweihen.\nUnsinn! schrie einer, der ganz in eine Ecke\ngedrückt stand.\nOb wir so verhungern oder so, ist egal! ein\nanderer.\nDie klare Stimme des Alten verwehte ihre Un-\nzufriedenheit\n. . . Und Jörg Martin sprach weiter. Der auf-\nkeimende Widerstand machte ihn trotzig und\nstärkte seinen Mut.\nFreunde, weist mich nicht ab, ohne nachge-\ndacht zu haben. Was habt ihr erreicht mit\nSchreien und Drohen? Nichts wird mit Gewalt\nund Trotz erreicht . . .\nDas hat der Nazarener auch gesagt! schrie ein\njunger Bursche und spie aus. — Wir lassen uns\nnicht mehr zu Lämmern machen, verstanden?!\nDer aufsichtführende Beamte erhob sich halb\nvon seinem Sitz. In seinen strengen Augen glühte\nein verachtender Zorn. Aber der junge Proletarier\nlachte nur verächtlich und spie zum zweitenmal aus.\nWill wohl das Fliegen lernen, der grüne Junge!\nknurrte der Alte. Solches Gemüse hat den Mund\nzu halten .... i\nDer Junge springt auf, fuchtelt mit den Armen,\nschreit: — Oho! Hab dasselbe Recht wie alle!\nKann reden, wann ich will!\nStimmen schrillen auf. Das Schimpfen des\nJungen gellt. Aus wilden Augen schießen gefähr-\nliche Blitze. Drohend sausen seine Fäuste durch\ndie Luft. Der ganze Grimm des Proletariers\nbricht aus und stürzt über die Versammelten.\nFestgebohrt haften die plumpen Schuhe am Bodent\nJeder Muskel ist Kraft und Wildheit. Ein Brausen\nvieler Stimmen überschwemmt den großen Saal,\nbricht sich an den Wänden, ebbt zurück.\nOben auf der Tribüne steht Jörg Martin. In\nseinen Augen glüht die Not dessen, der fühlt, daß\ner für seinen Glauben viel leiden muß. Er sieht\nin dem Jungen nicht nur den einzelnen empörten\nMenschen —: er sieht in ihm das ganze in Wut\nund Haß gepeitschte Proletariat, die junge Mann-\nschaft, die nach Lebensgenuß und wilden Freuden\ngiert.\nDie Stimmen, die den Jungen loben, mehren\nsich. Der Lärm schlägt flammend empor. Der\nBeamte schreit dazwischen. Seine Stimme zer-\nbricht an dem Uebermaß der Schreie. Da dröhnt\neine andere Stimme auf, hart, als werde jedes\nWort zu einem Gewaffneten, der unter die Toben-\nden tritt.\nRücksichtslos drängt sich der Alte durch die\nzusammengescharten Menschen, die gerückten\nStühle — sein Schritt dröhnt so hart wie seine\nStimme. Gewandt schwingt er sich auf die Tri-\nbüne. Da steht er, ein Funkeln in den kleinen\nAugen, ein Zucken in den Fäusten, und mißt die\nlärmenden Genossen. Murrend verkriecht sich\nder Lärm.\nNur der junge Mensch brüllt weiter.\nOb du jetzt still bist?\nDer dröhnende Anruf wirft ihn zwei Schritte\nzurück. Dann taumelt er, rasend bis hart an den\nFuß der Tribüne vor.\nHast immer mehr zu den Reichen gehalten, als\nzu uns, alter Duckmäuser! Wenn dirs bis jetzt\nkeiner gesagt hat, was für ein falscher Hund du\nbist, jetzt sag ich dirs!\nGewandt weicht der Alte der Besudelung aus,\nspringt dem Tollen ins Genick, schleudert ihn vor\nsich her, wirft ihn mit breiten Armstößen durch\ndie Menge', zerrt ihn zur Tür hinaus. Sorgfältig\nriegelt er zu und geht zurück und steht wieder\nehern oben.\nSchämen sollt ihr euch! Wollt wie anständig»\nMenschen behandelt sein und seid schlimmer als\n4as liebe Vieh . . . Vierzig Jahr geh ich in die\nFabrik, fünfunddreißig bin ich Sozialdemokrat —\nAber daß ich einen Menschen, der in einer Ver*\nSammlung seine ehrliche Meinung gesagt hat, daß\nich den niedergeschrien hätt — Pfui! Ihr wollt\nGleichheit . . . und wenn einer kommt, der nicht\ngerade so denkt wie ihr, pfeift ihr ihn aus und\nverekelt ihm mit schnoddrigen Anrempelungen alte\nCourage. So, das wollt ich euch zuerst sagen.\nJetzt will ich auf das zurückkommen, was de*\\\nGenosse gesprochen hat Viel lernen könnt ihr\nschon von ihm. Vor allem Anstand. Denn, wer\ngleichberechtigt sein will, muß sich auch wie ein\nanständiger Kerl benehmen können . , . Der Ge-\nnosse sagt: Erst muß der Mensch in sich abge-\nrundet sein, dann kommt in zweiter Linie die\nBesserung seiner Lage. Darin hin ich ganz ande-\nrer Meinung. Erst muß der Mensch ohne schwere\nGeldsorgen leben können.\nGenossen! Der Vorredner erzählt, daß er ein\nbegeisterter Sozialdemokrat war. Er hat Steine\nauf dem Weg gefunden ~, Steine gibts auf jedem\nWeg. —* Ausgenommen auf den Asphaltstraßen\nder Reichen. Und so eine Straße will uns der\nGenosse führen — — — Wir sollen uns vornehme\nGedanken aneignen, vornehme Bewegungen, vor-\nnehme Worte. Er meint, wir sollen alles Un-\nschöne aus uns herauswerfen, edle Menschen wer-\nden. Aber ein Mensch, der sich für sich und seine\nFamilie Tag um Tag abrackern muß, hat keine\nZeit, sein Inneres zu säubern. Erst Befreiung von\nden Sorgen, dann Veredlung.\nDie Musik empfiehlt er uns. Die neue Musik be-\nsonders. Er hat von einem Künstler geredet, den\ner kennen lernte . . . Wenn ich nicht irre, wurde\nvon dem neulich was im Theater gespielt . . .\nWenn ich offen sein will, muß ich sagen, solche\nMusik verstehen wir nicht; dazu sind wir zu derb.\nDem Genossen gebe ich einen guten Rat: ja nicht\nzu hoffen, daß er mit schöner Musik die Arbeiter-\nmassen gewinnen kann. Wir müssen ein gutes\nEssen haben, wenn wir arbeiten sollen. Von\nschöner Musik werden wir nicht satt. Und noch\neines möcht ich dem Vorredner sagen: Warum\nbleibt er nicht bei der Sozialdemokratie? Sie er-\nreicht immer größere Erfolge und in einigen Jahr-\nzehnten wird sie gesiegt haben.\nAlle Versammelten erhoben ein jubelndes Ge-\nschrei. Sie feierten den Alten mit Zurufen. An\nJörg Martin dachten die meisten schon nicht mehr.\nHoch die Sozialdemokratie! Brausend wie ein\nGebet stieg der Ruf zu der hölzernen Decke.\nJörg Martin lächelte. Er hatte den Glauben\nan sich selbst.\nDraußen sank der Abend schwer und traurig\nauf den Schnee. Der Schimmer zitternder Later-\nnenlichter floß durch die hohen Fenster. Ein\ndämmriger Friede glitt leise von den Wänden und\nschlich scheu wie ein Dieb von Mann zu Mann.\nAber alle wiesen ihn ab; in ihren Herzen pochte\nder Kampf und in ihren Augen trotzte die Not\nihres harten Lebens. Und plötzlich fiel aus vielen\nGlasbirnen das harte elektrische Licht und ver-\njagte den Frieden, der vergebens um Aufnahme\nbettelt.\n.... Hoch und stolz trat Jörg Martin vom\nRednerpult zurück. Nun galt es, mutig zu bleiben.\nNun galt es, geduldig zu sein, mit sorgsamer Liebe\ndes Augenblicks zu harren, da die Saat im harten\nBoden aufging und Früchte brachte. Das Heil,\ndas er den Armen bringen wollte, lebte in ihm.\nUnd dieses Erlebnis zum Erlebnis des ganzen Pro-\nletariats zu machen, das war die Aufgabe seines\nferneren Lebens."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-01-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-01_01#c008", "volume": "bmtnabg_1914-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "160", "page_fin": "160", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.2.8", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.8", "debut_caractere": 482, "fin_caractere_exclue": 699, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nftorlin W I Potsdaiuer StraSe 134 a\nEinundzwanzigste Ausstellung\nAugust Maeke\nQeoffnet taglich voa 10—6 Ufar / Sonntags von\n11—2 Uhr\nOntritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-01_01#c009", "volume": "bmtnabg_1914-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "160", "page_fin": "160", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.2.9", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.8", "debut_caractere": 701, "fin_caractere_exclue": 3080, "texte": "Verlag der Sturm\nBerlin W 9 Potsdarner StraBe 134 a\nFernrul Amt Lfitzow 4443\nflalbmonatsschrift der Sturm\nErscheint am ersten und fiinfzehnten jedes Monats\nDauerbezujr\nilewofiJiflcfee Ausgabe: F ti r Deutschland\nand Oesterreich-Ungarn: Ein Js.hr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Viertelfahr\nI Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\naummer 40 Pfennig X F ii r das A u s 1 a n d b e i\nd i r e k t e r Zustellung d u r c h die Post:\nSin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes / Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nBondtrausgabe: Ungebrochene E x e m -\nplare a u f holzfreiem Papier, Ver-\n$ e n d u n g in R o 11 e n direkt durch die\nPost ffir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nBin Halbjahr 6 Mark X'Fflr das Ausiand:\n\"in Jahr 18 francs j Ein Halbjahr 9 francs / Von\niieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t\nDer Sturm; Erster jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n10 Mark / Vom 1. Januar ab 20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndarch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstSnden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwSnscht wird, bitten wir den B e t r a g ffir den\nDauerbezug bei der Besteilung oder be!\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzumfflnftendes ersten Monats einzu-\n3 e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, dai E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\n'inter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscfat wird\nOeneralvertretung des Verlags Eugene Flgutere /\nParis\nOriginalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefugt / Alle\nExemplare sind vom Kiinstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde J Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechstetn: Die Erlegung des Fest-\nb r a t e n s / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler. mit der Hand aquarelliert /\nDas Exemplar 5 Mark (100)\ni\nKandinsky: Sonntag / Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-01_01#c010", "volume": "bmtnabg_1914-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "160", "page_fin": "160", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.8", "debut_caractere": 3082, "fin_caractere_exclue": 4937, "texte": "Wilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 20 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraBe / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa ,/\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / Portrat /\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nfl. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat ftir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Nijinsky / Portrat Licht-\ndruck, groBes Formal / 10 Mark\nMusik\nIlerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Gt»\ndichten von Arno Holz j Fur Qesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKiinstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / L u i g\" i Russ o ( o: Srinnerung einer\nNacht I lug in volier Fabrt / Qino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose T&nzerin / Pan-\nPan Tanz / U m b e r t o Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw.\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nSoeben erschiesien: Kandinsky 1901—1913 j\nMonographic mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen undText vonKandinsky\nMark 10\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit flinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-01_01#c011", "volume": "bmtnabg_1914-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "160", "page_fin": "160", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Ar-\nchipenko / Arbeiterj in Stein / Studieu\nder Stilarten\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama / Be-\ngriindet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge-\nwidmet der Dichtung und dem Drama der Gegen-\nwart in alien Landern / Probeheft gegen Einsen-\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n10 Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop I London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\nThe Lantern: Eine Monatsschrift / Die\namerikanische Zeitschrift des Protestes /\nOrgan der Gesellschaft Jiinger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA.\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar I Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiHzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\nfeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte. und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nWiecker Bote / Schriftleitung: Dr. Oskar Kanehl /\nWieck-Eldena in Pommern / Preis des jfieftes\n25 Pfennig / 4 Hefte M. 1,20 I Heft 4 soeben er-\nschienen\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWalden\n1 Z e h n t e s J a h r / Man verlange kostenlose\nMitteilungen tiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nPremier Hvre simultane / Blaise Cendrars /\nLa Prose du Transsiberien et de la Petite Jelianne\nde France / couleurs simultanees de Mme Sonia\nDelaunay-Terk / Edition unique, atteignant\nla hauteur de la Tour Eiffel (vol. 10X36 cm\n2 metres) 150 exemplaires, dont 8 sur Parche-\nm i n ,couverture a la main, chevreau noir Prix\nnet Frs. 500— / 36 sur Japan-Imperial, cou-\nverture a la main, parchemin Prix net Frs. 100— /\n106 sur Simili-Japan, couverture a la main\nchevreau noir Prix net Frs. 50— / Tous les exem-\nplaires sont signes pas les Auteurs et numerotes a\nla presse / Edition des Hommes Nott*\nveaux, 4 ru.e de Savoie, 4 Paris / Pro-\nspectus gratuit"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.1", "texte": "Um fang acht Seiten\nEinzeibezusr 40 Pfenn\nDER STURM\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAus stell ungs räume\nBerlin W9/ Potsdamer Straße 134 a\nVIERTER JAHRGANG 1914\nBERLIN-PARIS ERSTES JANUARHEFT\nNUMMER 192/193\n\nInhalt:\nAäge von Kohl: Der Weg durch die Nacht / Josef Tress: Mein Ursprung ist . . . / H. Reichenberger: Der Kinematograf / Albert Ehrenstem:\nEisenbach / Artur Babillofte: Die Schwermut des Genießers / Gino Severin!: Tango Argentino / Zeichnung\n\nGino Severini: Tango Argentino / Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.2", "texte": "Der Weg durch\ndie Nacht\nRoman\nAage von Kohl\nGlaß Morton richtete den Kopf mit einem Ruck\nauf — lauschend, unruhig.\nDer Dunst des Sommerabends lag heiß und\nverschleiernd in der Luft. Eine Pappelallee dort\nrechts von ihm erhob ihre dunkle Doppelreihe\nwie riesengroße Federn hoch empor gegen den\nhellen Himmel. Irgendwo in derselben Richtung\nwar eine Nachtigall, die plötzlich zu singen anhub.\nUebermäßig süße Blütendüfte kamen in leisen, un-\naufhaltsamen Atemzügen von allen Seiten, misch-\nten sich miteinander, übertäubten oder unter-\nstrichen einander, füllten die stillstehende und\nlaue Atmosphäre mit einem schwindelerregenden\nund erstickenden Aroma. Hinter ihm, in der Ferne,\nläutete plötzlich die Glocke einer Straßenbahn, und\nquer durch dies alles hindurch, gleich dem kaum\nhörbar rieselnden Laut einer tiefen, unterirdischen\nQuelle, gleich einer unsagbar leisen, fein vibrieren-\nden Klage, kam von da drüben her hinter Tujas\nund hinter Weiden, vielleicht ganz nahe und viel-\nleicht ganz weit weg, ein zartes und gedämpftes,\nununterbrochenes Schluchzen!\nGlaß Morton bildete sich plötzlich ein, an der\nDünnheit dieses Weinens erkennen zu können, daß\nes eine ganz junge Frau sein müsse — irgendeine\nblutjunge Verlassene, die mit geschwollenen Augen\nund verweintem Munde, mit blutendem Herzen\nüber diesen Fleck Erde gebeugt stand, einen\nNamen mit verzweifelter Stimme rief, die Hände\nrang, den Boden mit ihren Tränen netzte ... die\nschwarze, antwortlose Erde, die üppige und un-\nfruchtbare Erde der Gruft!\nEine Sekunde lang fuhr ihm ein brennender\nStich durch die Brust. In der nächsten fühlte er\nsich unerklärlich beschwichtigt. Empfand es\ngleich nachher wie ein Unrecht, hier zu stehen\nund diesen Schmerz hören zu können — wandte\nsich deswegen um und wollte gehen.\nIm selben Augenblick gewahrte er indessen\neinen älteren, weißhaarigen und weißberockten\nAufseher, der ein paar Schritte von ihm stand und\nsich mit Sorgsamkeit über ein niedriges, schwarz\ngestrichenes Gitter lehnte, beschäftigt, einen klei-\nnen, verrosteten, eisernen Stuhl da drinnen zu-\nrecht zu rücken.\nGewohnt von diesen Leuten begrüßt zu wer-\nden, lüftete Morton schweigend seinen Hut und\nwollte vorübergehen — blieb darm aber auf ein-\nmal stehen, dem Beamten gerade gegenüber, mit\neinem Kopfnicken, ohne selbst recht zu wissen,\nweshalb . . . Vielleicht weil ihm das Gesicht des\nMannes neu und sympathisch erschien, und weil\ner also möglicherweise .\n„Guten Abend, mein Herr!\" — sagte der Auf-\nseher halblaut, indem er von neuem seine Hand\nmilitärisch an die goldbetreßte Mütze führte.\nNoch einen Moment blieben sie beide stehen,\ndie Köpfe ein wenig zur Seite gewandt, unwillkür-\nlich und in Gemeinschaft diesem leisen, spinnenden\nJammer dort hinter den großen, grünen Ge-\nbüschen lauschend — von denen weiße, schwere\nBlütendolden herabhingen, lautlos ihren erdrücken-\nden Duft wie von bitteren Mandeln, von Honig\nund von Tod ausatmend.\n„Gewiß!\" — sagte der Aufseher endlich, er\nzeg gleichsam nervös seine Augenbrauen in die\nHöhe und nickte kurz — „man hört ja so viel hier\ndrinnen!\"\n„Freilich!\" — erwiderte Morton.\n,*Der Kirchhof,\" — fuhr der andere fort, plötz-\nlich in einem entschuldigenden Ton oder vielleicht\nauch nur in einem intimeren — „der Kirchhof ist\nja die Stätte des Friedens, milde gesprochen.\nDa treffen wir uns doch alle miteinander,\nwenn unsere Zeit gekommen ist Die Erde for-\ndert, wie man zu sagen pflegt, und Qott ruft\nseine Kinder!\nDer Herr ist vielleicht, mit Erlaubnis zu fra-\ngen, auch hier draußen, um sich nach seinen An-\ngehörigen umzusehen?!\"\nGlaß schüttelte den Kopf ein wenig, ohne\nselbst so recht zu wissen, warum.\n„Also nicht!\" — meinte der Aufseher.\nDarauf hob er mit Anstand seine Mütze einige\nZoll in die Höhe, trocknete langsam die Stirn und\ndas dichte, weiße Haar über dem Scheitel mit\neinem großen, rotgemusterten Taschentuch — und\nfuhr dann mit derselben ruhigen Stimme wie vor-\nhin fort —:\n„Ich bin ja übrigens neu hier.\nWenn ich auch zu Neujahr weder mehr noch\nweniger als siebenunddreißig Jahre beim Fach\nbin — zuerst in der Provinz, dann hier in der\nStadt, nach der Richtung hin . . . und vor gut\nvierzehn Tagen wurde ich hierher versetzt, auf\nAnsuchen, ergebenst A. Johnson.\nIch weiß nicht, ob der Herr oft genug hierher\nkommt, daß er uns am Ende so nach und nach\nauseinander halten kann — aber ich hab näm-\nlich die Stellung des roten Forster hier bekom-\nmen, wenn Sie den gekannt haben; jetzt liegt er\nda drüben, Gott sei seiner Seele gnädig, er war\nein prächtiger Mann, sagen seine Kameraden —\nwir haben eine Ecke für uns, wir, die wir hier\nangestellt sind!\"\n„Wirklich?\" — bemerkte Morton nach einer\nPause.\nEr stand da und stützte sich ein klein wenig\nschwer auf seinen Spazierstock ynd starrte unter\nden dicken Brauen vor sich hin. Warum blieb\ner eigentlich hier stehen, warum ging er nicht\nseiner Wege und hielt sich für sich, wie er es\nzu tun pflegte? dachte er langsam und mit Mühe.\nWarum fuhr er fort, dieser halb verhaltenen\nKlage von da drüben her zu lauschen — die\nweder seinem Ohr, noch dem irgendeines an-\nderen lebenden Wesens etwas zu sagen hatte;\ndie nur ein beständig strömender Kummer aus\neiner unheilbaren Wunde war — blind und wider-\nstandslos hinabgeflüstert in die dumpfe Erde. Aus\nwelchem Grunde war er überhaupt hier hinaus-\ngegangen — heute, gestern, vorgestern und vor-\nvorgestern, und jeden Tag seit damals!? Was\nwollte er an diesem Ort — wo Blumen wuchsen\nstatt derer, die wir entbehrten! Wußte er nicht\nim vollstem Maße: hier war Sie auf alle Fälle\nnicht, war nie hier gewesen!\n„Jawohl!\" — antwortete er dann unwillkür-\nlich, undeutlich empfindend, daß gewiß eine fra-\ngende Pause in den Worten des Alten war —\nund er versuchte, um die Gedanken zu meiden,\ndie ihn eben umfangen hatten, und um gleichsam\ndiesen zarten Schmerzenslaut von da drüben her\nzu übertäuben, dem zu lauschen, was ihm er-\nzählt wurde —:\n„Nein,\" — hörte er, anfangs nur halb im-\nstande aufzufassen —- weil ihn plötzlich zum\nzweitenmal eine gleichsam ganz schwache Ah-\nnung ergriff, daß er diesen Mann gewiß nach\netwas zu fragen beabsichtige. Aber wonach?\nWas konnte es sein? Der Aufseher kannte ihn\nja nicht einmal — oder war es vielleicht gerade\ndeswegen? War es also etwas über .. . Sie?\n„Nein! Viele finden ja deshalb auch alles,\nwas hier zu diesem Ort gefrort, eine . . miß-\nliche Beschäftigung, wenn ich diesen Ausdruck\nvon einer so bürgerlichen und christlichen Wirk-\nsamkeit gebrauchen darf! Denn man bewegt\nsich ja doch, insofern, von morgens bis abends\ndas ganze Jahr hindurch zwischen alle dem her-\num — was wir Menschen nun einmal nicht lei-\nden können!\nSo zum Beispiel vorletzten Sonntag, den zwei-\nten 1 ag, nachdem ich meine Stellung als Auf-\nseher hier angetreten hatte, da hatten wir, was\nman so ganz äußerlich ein feineres Begräbnis\nprima Sorte nennt!\nAber nadh innen zu war es, Gott soll mich\nbewahren, wohl so ungefähr das Schlimmste, was\nich mir vorstellen konnte, als Anfang auf meinem\nneuen Platz — wenn auch meine Rolle bei dem\nganzen ja eine außerordentlich untergeordnete\nwar, um nicht geradezu zu sagen, daß ich bloß\ndastand und zusah!\nEs war ein sehr reiches und vornehmes Ehe-\npaar; noch dazu ein Graf, glaube ich; junge, ge-\nsunde Leute, die alle beide, jedes auf seine Weise,\nganz famos aussahen, und die hatten nun ihr\neinziges Kind verloren! Ein kleines Mädchen\nwar es, von sechs, sieben Jahren — möchte ich\nsie taxieren, nach der Kleinheit des Sarges zu\nurteilen, und nach dem, was auf den Kränzen\nstand!\nNa, der Pastor war ja auch schon mit seiner\nRede und mit dem Erdeaufwerfen fertig; sie hat-\nten einen Gesang gesungen, und das Gefolge\nwollte sich gerade verabschieden —• das ganze\nging da drüben in der östlichen Ecke vor sich.\nSie können die Stelle von hier aus nicht sehenr\nwegen der Kapelle da — und ich möchte sowas\nnicht noch mal erleben, denn da geschah es, daß\nsich die Mutter, die junge Gräfin, die die ganze\nZeit starr und stumm und ohne auch nur mit\ndem Gesicht zu zucken, dagestanden hat, daß die\nsich plötzlich von ihrem Mann losreißt, der sie\nam Arm hatte; sie stößt einen kurzen Schrei aus\nund stürzt sich kopfüber in das Grab hinein! Das\ngab einen Knall, versichere ich Sie, Erdklumpen\nund Staub und Schmutz kollerten mit hinunter, sie\nwirft sich ganz außer sich auf den Sarg, sie klam-\nmert sich mit Händen und Füßen fest und schreit,\ndaß sie ihr Kind nicht hergeben will, daß sie es\nnicht lassen will, sie will hier bleiben, sie will\nbei ihrem kleinen Mädchen bleiben, das sie selbst\nzur Welt gebracht hat, und kein Mensch hat das\nRecht, sie hier wegzunehmen!\nVier oder fünf außer ihrem Mann,\" — fuhr er\nnach einer kleinen Weile fort, indem er sein Ge-\nsicht ein wenig erhob — „mußten sie mit Ge-\nwalt fortschaffen, sie sah so aus wie eine Leiche,\nals sie sie nach dem Wagen trugen, nie im Leben\nvergesse ich den Laut in meinem Ohr, wie sie\nauf den Deckel des Sarges aufprallte — und Wil-\nliam, der Totengräber, der ein wenig abseits zu-\nsammen mit mir hinter ein paar Büschen gestan-\nden hatte, der sagte, als sie sie weggebracht hat-\nten (und er war, bei Gott, so weiß im Gesicht\nwie mein Rock hier) —- der sagte: Die kommt\nwieder, das können Sie mir glauben, sagte er, die\nkommt wieder, so wahr ich hier stehe! Ehe eine\nWoche vergangen ist, kommt die wieder — und\ndann tragen sie sie von dem Wagen hierher!\nUnd das tat sie denn auch! ganz richtig, mein\nGott, was soll man dazu sagen, es ist nu einmal\nschlimmer für eine Frau — als wie für uns\nMänner!\"\nMorton nickte ein- oder zweimal."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.3", "texte": "Er empfand wieder diesen sonderbaren, blitz-\nschnellen Wechsel da drinnen in sich: erst das\ndumpfe und harte Klemmen wie von Mitleid —\nund dann, fast in ebendemselben Nu, diese rätsel-\nhafte Befreitheit, ach, eine heiße und süße Be-\nruhigung, eine beschwichtigende Vertröstung, die\nseinem Herzen für eine Sekunde Frieden gab,..\nbis aufs neue sein Ohr von diesem zitternden Ton\ngetroffen wurde, der oben über seinem Kopf in\nder Luft hing, als werde er zusammen mit dem\nerstickenden Wohlgeruch der Blumen hierher ge-\ntragen — als sei er der leise stöhnende Atemzug\ndes Friedhofes selber.\n„Ich brauch Ja nur an mich selbst zu denken,4'\n— fuhr der andere fort, beständig mit dieser ge-\ndämpften, zugleich ehrerbietigen und Unterschied\naufhebenden Stimme — die Morton plötzlich wie\nzu der Uniform des Mannes gehörend erschien —\n„ich brauche ja bloß daran zu denken, wie es\nmir erging — damals als ich meine Frau verlor!\nWir waren ja nur kleine Leute, die von der\nHand in den Mund lebten — und wir hatten jeden\nTag vollauf zu tun! Jung waren wir auch nicht\nmehr (in einem Monat werden es gerade sieben\nJahre, seitdem sie von dannen ging!) und es konn-\nten insofern oft ganze Tage vergehen, wo wir\nnicht dazu kamen, uns weiter was zu sagen, als\nguten Morgen, wenn wir aufwachten und an un-\nsere Arbeit mußten —- und gute Nacht, wenn wir\nbeide gegen Abend damit fertig waren und zur\nRuhe gehen wollten!\nUnsere Kinder (wir hatten fünf!) waren auch\nschon so weit erwachsen, daß sie alle aus dem\nNest geflogen waren, weit umher in die Welt\nhinaus, und es ging ihnen auch allen gut! Na,\nund endlich starb sie dann auch, so schön wie\nein Mensch es sich nur wünschen kann —r in un-\nserem eigenen Bett, und noch dazu mit Medizin\nund Doktor und Pastor obendrein! Ich saß selbst\nzuletzt bei ihr, es ging schon auf Mitternacht\nund es kam mir auf einmal so vor, als wenn sie\nso schwach Atem holte: Nu steht es wohl mau\nmit dir, Mutter, sägte ich endlich, und darauf ant-\nwortete sie nichts weiter, als daß ihre Hand sich\nin meiner ein klein wenig bewegte . . - und als\nich gleich nachher meine Nase geschneuzt hatte,\nmit Erlaubnis zu sagen, da konnte ich an ihrem\nBlick, der so groß geworden, sehen, daß sie nun\nheimgegangen war!\nEinen so guten Tod hat ihr der liebe Gott\ngegönnt!\nAber darum sind da ja heutigentags doch noch\nStunden — besonders wenn man so zur Winters-\nzeit heimkommt und sich nicht recht entschließen\nkann, weder Abendbrot zu machen, noch zu Bett\nzu gehen oder aufzubleiben, weil einem das ganze\nHaus sozusagen den Atem benimmt, wenn ich\nden Ausdruck gebrauchen kann —: so leer und\nstill, so ganz mausestill ist es überall, ... na ja.\ndann tut es mir doch jedesmal gut, wenn ich\ndenke, daß sie es nicht ist, die jeden Abend von\nihrer Arbeit nach Hause kommen muß und keine\nMenschenseele da findet, nach einer dreiund-\nzwanzigjährigen, langen Ehe!\nNein/\" — schloß er; er räusperte seinen Hals\nsorgfältig und lachte dann auf einmal mit einem\nleisen und kurzen Lachen —:\n„Die Frauen, die leiden doch mehr darunter\nwenn die Erde den gefordert hat, zu dem sie\nsrch in Zucht und Ehren gehalten haben >. .\nund manchmal am Ende auch ohne das, möcbt\nich glauben!\nIch weiß nicht, wie Sie darüber denken?\"\n„Freilich, freilich!** — erwiderte Morton.\nEr stützte sich schwerer als bisher auf seinen\nStock, fühlte sich allmählich müde, hörte »ur\nhalbwegs zu — fand aber beständig ein unerklär-\nliches Behagen an allem, was der^andere sagte;\nvielleicht ganz einfach, weil er dadurch von sei-\nnen eigenen Gedanken abgehalten wurde *. .\nmöglicherweise aber auch, weil die zwecklosen\nWorte des Aufsehers dieser sinnlosen Hoffnung\nda drinnen gleichsam fortwährend Nahrung zu-\nführten . . . oder war es, weil er ganz dunkel\nempfand, daf die Rede des andern sich Schritt\nfür Schritt irgendeinem bestimmten und bedeu-\ntungsvollen Punkt näherte — und daß es sich nur\ndarum handelte, ihn ungestört zu lassen!\nEinen Augenblick schwiegen sie beide.\nDann schob der Aufseher die rechte Hand\nzwischen zwei von den Knöpfen seines Rockes,\nstrich sich langsam über den dicken, weißen\nSchnurrbart, wandte sich darauf mit Höflichkeit\nwieder ganz dem andern zu und fuhr fort, mit ver-\ntraulicher und gewichtiger Stimme —:\n„Na, das ist ja, wie schon gesagt, bloß so aus-\nnahmsweise mal, daß man sich solchen betrüb-\nlichen Gedanken hingibt!\nUnd das ist wohl auch unseres lieben Gottes\nAbsicht, das!\nAber ein Mann, den ich kenne, sagte doch vor\nein paar Jahren zu mir —: jetzt wäre bald die\nZeit der Kirchhöfe vorbei; jetzt sollten wir alle\naus Gesundheitsrücksichten verbrannt werden,\njeder ohne Ausnahme; und das wäre gut, fuhr er\nfort; denn all dies hier mit den Gräbern und den\nPredigern und den Blumen, das wäre nichts für\nmoderne Mannsleute! Weg mit den Toten, wenn\nsie nun doch mal tot sind -— sagte er.\nUnd natürlich weiß man ja nicht, auf was für\nneumodische Sachen sie heutzutage verfallen kön-\nnen. Aber die Weisheit — die kann man sich wahr-\nhaftig nirgends anderswo holen als hier! Glauben\nSie mir —; Es geht einem Tag für Tag 'ne ganze\nMenge durch den Kopf. Wir sehen, glauben Sie\nmir, das eine als auch das andere: welche, die mit\ndem einen Auge weinen und mit dem andern\nlachen, während ihre lieben Anverwandten mit\nGesang und feinen Seidenschleifen in die Erde ge-\nlegt werden; welche, die sich die erste Woche\noder auch zwei das Leben aus dem Leibe klagen\nwollen — und dann nachher kann das Grab für\nsich selbst sorgen; welche, die jeden Abend stun-\ndenlang mit Schaufel und Harke hier herum gehen\nund noch so nett nusseln und pwsSeln, sogar noch,\nwenn sie sich schon längst wieder verheiratet und\nlang aufgeschossene Göhren von einer andern ge-\nkriegt haben; und welche endlich, die einmal im\nJahr ganz atemlos angestürzt kommen und einen\nKranz hinlegen und jedesmal erst fragen müssen:\nAch, wollen Sie nicht so gut sein und mir zeigen\nwo eigentlich meine Frau oder mein Mann, oder\nmeine Eltern liegen!\nAber so sind ja die Menschen nu mal — und\ndas nenn5 ich nicht Weisheit; denn das kann ja\njedes Kind einsehen!\nAber Sie können sich darauf verlassen\nDaß man nach und nach einsehen le*iit. was für\n'ne schnurrige Welt es ist, in der wir leben!\nWenn man so jahrelang jeden Tag, den Goit\nwerden läßt, von morgens bis abends hier herum-\ngeht — und Kies Kies sein läßt und Blumen wach-\nsen läßt, wie sie wollen, und Sommer und Winter\ngeht dahin; wenn man ganz ruhig ein Gesicht nach\ndem andern, zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tau-\nsenden an sich vorbeiziehen läßt, ohne sich weiter\nbei dem einzelnen aufzuhalten! Wenn man sozu-\nsagen das Auge ein klein bißchen aufmacht und\nso von der Seite hinsieht und ringsumher und hin-\nein und dahinter —:\nSehen Sie, dann versteht man ja schließlich\nganz von selbst, was für merkwürdige Käuze wir\nalle zusammen sind —: daß wir das Glück, weiß\nGott, im selben Augenblick vergessen, wo es vor-\nbei ist . . . aber an das Unglück, an das klammern\nwir uns mit Händen und Füßen, als wenn es nichts\nweiter auf der Welt gäbe, was taugte! als sollte\nman glauben, je schlimmer, um so besser und je\ngrausamer, um so feiner! Und selbst wenn allmäh-\nlich die, die das Unglück getroffen hat, längst tot\nund dahin sind — dann bewahren wir auf alle Fälle\ndie Erinnerung an sie solange wie möglich, wir\nsehen sie jede Nacht in weißen Gewändern und\nden Kopf unter dem Arm dahin gehen, es ist kerne\nRede davon, daß wir sie in Frieden lassen kön-\nnen! —\nUnd wenn Sie mir nun doch nicht glauben wol-\nlen — dann bilden Sie sich am Ende ein, daß das\nkleine Mädchen, von dem ich Ihnen vorhin er-\nzählte, die Tochter von der Gräfin, daß das so ein\nreizendes Kind gewesen wäre, so hübsch und\nfröhlich und munter — aber nein, da irren Sie ge-\nwaltig, denn sie war gerade das Gegenteil; ein\nkleines, schwächliches Wesen, ein Jammerlappen\nwar sie — das habe ich selbst von dem Diener\ndes Grafen gehört, so ein kleines, elendes Wurm,\nkreideweiß und mit kleinen, verkrüppelten Beine-\nkens! Ihre Mutter hatte nie Ruhe und Frieden ge*\nhabt, sie konnte geradezu nichts weiter tun, als\nTag und Nacht dastehen und das Leben Stück für\nStück in ihr aufrecht halten, so gut es ging! —\nOder zum Beispiel die Dame da!\" — fuhr er\nfort, diesmal flüsternd, mit einem leisen Kopf-\nnicken nach der Richtung hin, aus der das Weinen\nnoch immer kam — unverändert, weder gedämpf-\nter, noch lauter, unaufhörlich, zitternd, fein und\nzart durch die heiße Luft hindurch, ein Laut, der\nmeilenweit gewandert zu sein schien, unendlich\nweit dahin, ohne Aufenthalt — jetzt war er im\nBegriff, ermattet umzusinken, sich todmüde aufzu-\nlösen, in einem letzten, langgezogenen Seufzer zu\nvergehen —:\n„Ich hätte, ohne das geringste davon gehört\nzu haben, Ihnen sehr gut so ungefähr im voraus\nerzählen können, was da los ist!\nDen Namen weiß ich übrigens auch — wenn\nman ja auch nicht das Recht hat, ihn zu verraten!\nBei ihr war es ja nun der Mann, der davon\nmußte — und jetzt kommt sie jeden Tag. Ich\nselbst habe sie natürlich nur die paar Wochen ge-\nsehen, die ich hier gewesen bin, aber die anders\nhaben mir von ihr erzählt: Sie kommt jeden Tag\nhierher, den Gott werden läßt, seit der Zeit, vor\ndrei, vier Monaten, so im Anfang des Frühlings,\nals sie ihn hier hingelegt haben — und jeden Abend\nsteht sie so ganz für sich hier, Kinder hatten sie ja\nnicht, stundenlang steht sie hier jeden Tag, ohne\nzu ahnen wo sie ist: als gäbe es keinen andern\nMenschen in der Welt — so steht sie da und weint,\nohne aufhalten zu können!\nIch kann sie mir geradezu vorstellen zu Hause,\nda, wo sie wohnt — mag es nun bei ihren eigenen\nEltern sein oder bei seinen, oder vielleicht wohnt\nsie auch allein: wie sie so die ganzen Tage hin-\ndurch herumgeht und bloß aufpaßt, daß sie nicht\nbange werden, daß sie nicht Unrat ahnen und sie\nverhindern, hierher zu kommen — und darum klagt\nsie da auch nie, die andern glauben wohl eigent-\nlich, daß sie schon anfängt zu vergessen, daß alles\nso geht, wie es soll, sie finden bloß, daß sie allmäh-\nlich ein wenig mager geworden ist; aoei sie nickt\ndoch so freundlich und sagt ja zu allem, was sie\nsagen und tun; sie näht und stickt oder kocht\nEssen, verrichtet ihre Arbeit, wie es sich gehört\n— begreiflicherweise ohne das geringste davon zu\nahnen, > . . und erst des Nachmittags, wenn sie sich\nwegstehlen kann, wenn es ihr gelungen ist, sich\nhier hinauszuschleichen, wo sie zusammengetragen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.4", "texte": "haben, was noch von ihm übrig ist — dann erst\ntut sie sich auf, dann öffnet sie ihre Brust ganz\nweit, und dann kommt ihr richtiges Gesicht wie\naus einer Tür hervor — ihr eigenes, weinendes\nGesicht, sozusagen mit jedem Zug, der darin ist,\nder Erde zugewendet!\nUnd wissen Sie auch warum?\nOder wissen Sie, warum wir alle zusammen\nhier drinnen im voraus sagen können, daß das\nGrab auch schon für sie bereit steht?\nJa, denn sein Tod, der ging auf folgende Weise\nvor sich: Es war also ganz im Anfang des Früh-\nlings — die ganze Geschichte stand damals in den\nZeitungen, Sie haben vielleicht auch davon ge-\nhört — daß sie und er auf einem Spazierritt waren,\nund da kommt da ganz einfach eines von diesen\nAutomobilen vorbeigejagt, sein Pferd, das scheut,\nes springt zur Seite, er wird herunter geworfen,\nhängt mit dem einen Fuß im Steigbügel fest, das\nTier stürzt, ganz kollerig vor Angst, weiter, und\ndie Frau mit schlaffen Zügeln hinterher, jedesmal,\nwenn sein Kopf wie ein Ball in die Höhe springt,\nstößt sie einen gräßlichen Schrei aus — und jedes-\nmal, wenn sie den Ton hört mit dem der Nacken\nwieder auf einen Pflasterstein heruntergedonnert\nwird, dann ist es ihr, als ob ihr Herz brechen\nmüsse!\nNicht wahr? Sie verstehen mich, mein Herr —:\nDas ist wieder das Unglück, das ist all das\nGräßliche, das ruft! Haben wir nur ein einziges\nMal in das hineingestarrt, was man die blutige\nGrausamkeit der Welt nennt — dann ist es, als\nwenn wir nie wieder etwas anderes, als das\nsehen könnten!\nUnd dieser Kirchhof hier ist gewiß nicht der\neinzige in der Welt, wo es so zugeht — habe ich\nmir erzählen lassen!\nDa drüben, wo ich zuletzt war, da war es zur\nAbwechslung ein Mann —: der hatte dagestanden\nund mit leibhaftigen Augen mit ansehen müssen,\nwie seine Frau verbrannte! Sie hatten ihn mit\nGewalt da draußen zurückhalten müssen, während\nsie da drinnen im Feuer zu Tode versengt wurde\nund so gottserbärmlich schrie: sie sagten, es wäre\ngewesen, als wenn ihre Schreie sich geantwortet\nhätten, seine und ihre, ganz so wie in dem Zoolo-\ngischen Garten; ich kenne selbst Leute, die noch\nam ganzen Leib zu zittern anfangen, wenn sie da-\nvon sprechen!\nUnd ähnlich soll es ja überall zugehen!\nWo Sie auch hinkommen, immer und überall,\nringsumher auf den großen Kirchhöfen ist wenig-\nstens immer einer, der da herumgeht — und sozu-\nsagen nur noch da hingehört!\"\n„Freilich,\" — erwiderte Morton mit einem\nRuck, als der andere schwieg.\nEr hatte längst aufgehört, mit Bewußtsein dem\nWortstrom des Mannes zuzuhören.\nAber tief in sich empfand er es jetzt noch stär-\nker als vorhin, als wüchse irgendeine Frage in\nihm auf —: etwas, das ihm zugleich schwer auf\nder Seele lag und ihn diese beiden Jahre heimlich\nmehr und mehr bedrückt hatte — und doch etwas,\nwas ganz sinnlos war, etwas Oberflächliches und\nLächerliches, das nichts bedeutete — weder für\nihn noch für Sie!\nEr spürte plötzlich die Hitze, die erdrückend\nüber seiner Brust lag, fühlte gleich darauf in sei-\nnem Handgelenk den Puls mit kurzen, harten, un-\nregelmäßigen Stößen hämmern, als habe er Fie-\nber vor Erwartung —:\n„Es mag etwas daran sein, was Sie sagen!\" —\nentgegnete er, und ohne zu wissen warum, wieder-\nholte er grübelnd einen Satz, der noch in seinem\nOhr klang — „daß wir das Glück vergessen, uns\naber an das Unglück anklammern, als gäbe es\nnichts weiter in der Welt als das!\"\nSie standen einen Augenblick beide schweigend\nda.\nVon drüben aus der Richtung her, wo die Ka-\npelle lag, rot und massig mit ihrem bläulichen\nSchieferdach und dem plumpen Sandsteinkreuz\nauf dem Giebel — kam auf einmal ein leiser, küh-\nlender Windhauch.\nDie Luft ward jäh angefüllt von sonderbaren,\nflüsternden Lauten, Blatt das sich gegen Blatt be-\nwegte, das Wogen der Blumen zwischen ihrem\nLaub. Aus der Erde schien plötzlich für einen\nAugenblick sich der feuchte, blasse Atem all des\nwimmelnden Lebens da unten bei den Toten zu\nerheben.\n\nFortsetzung folgt\n\nMein Ursprung ist\nJosef Tress\nAls Totenkopfschmetterling\nSchwebe ich schwirrend, tiefen Blaus trunken,\nWo die Teppiche prangen im Brautgeschmeide.\nMein Ursprung ist im heiligsten Wald der Nacht.\nIch komme zu meinen Kindern, den blühenden\nBlumenkelchen,\nDie keuschen Stirnen im Kuss berührend,\nMeine Fittiche hissen den schwarzen, sanften Sieg.\nIch will allen einen großen Frieden sagen.\nIch bin ein Engel der seidenwallenden Mutter.\n\nDer Kinematograf\nH. Reichenberger\nZwischen den bunten Ufern der Volksfest-\nbudenstraße plätscherte der Fluß von Menschen.\nHelle Blusen und Hüte kräuselten Schaum in seine\nschwärzlichen Wellen. Um einen Wachmann\nteilte und schloß sich der Strom und ein verlasse-\nner Kinderwagen trieb ruckweise mit.\nDa leuchtete die Aufschrift\nKINEMATOGRAF\nEs waren schmerzlich spitze Buchstaben, be-\ntupft von rötlichen, weh in den Tag brennenden\nGlühlampen, heiße Angelhaken, die Augen und\nHirn stechend faßten und aus dem Strome\nfischten.\nPlakate knallten Farben von der Budenwand\nin die Luft und vor einem Spiegel in krampfge-\nwundenem Rahmen wackelte eine rote Pleureuse\nüber einer geschminkten Kassiererin.\nAus dem Zeltbauch war ein Hautstück her-\nausgespreizt und dahinter sah man die Dampf-\nmaschine arbeiten. Ein rothaariger Maschinist,\nder einen Buckel wie ein Zebu hatte, griff ihr hie\nund da in den Bauch und sie hustete Dampf aus\nund strampelte mit dem Kolben auf die Kurbel,\neifrig und wichtigtuerisch, als müßte sie mit ihrem\nSchwungrad etwas enorm Bedeutendes, wie viel-\nleicht den schönen Lehrsatz von der Bewegungs-\nenergie oder so etwas Aehnliches erst erzeugen.\nDer Zebuhöckrige warf ihr Fraß in das runde\nMaul und schlug ihr dann den Deckel daraul und\nsie fauchte gutmütig. Es war etwas charakte-\nristisch Männliches in ihrem Getue . . wie sie\nso emsig arbeitete, geschäftig und ein wenig be-\nschränkt und selbstzufrieden ...\nAm Riemen aber prasselte die Dynamoma-\nschine. Seltsam war die blaßgeäderte, fleischlich-\nweißliche marmorne Schalttafel — wie der Leib\neines Weibes.\nAmpere- und Voltameter sind wie Augen,\nmessingumrändert — starr, weit aufgerissen —\nund über dem glotzenden Weiß dieser Augen flim-\nmert ein schwarzer Punkt und zuckt in geheim-\nnisvollen Erregungen.\nDie ganze Tafel zittert — in wahnwitziger\nWollust — die Maschine flagelliert sieh qual-\nliistern am klatschenden Treibriemen — die nackte\nFläche mit ihren schamlos vorgereckten Organen\nschauert im Lustfieber der Exhibition ihrer Nackt-\nheit.\nDa kommt der zebuhöckerige Maschinist und\ngreift nach dem Leib und seine rothaarige Hand\npackt eines der Organe — brutal — da erstarrt\ndas Zittern — ein Augenblick atemloser entsetz-\nlicher Lust — dann schlägt es in den Augen in\nwahnsinnigem Zucken weit aus und tobt auf und\nab; ein paar bläuliche Funken springen knisternd\nauf an dem Hebel, an dem die rotborstige Hand\nliegt. ...\nIn einer Vorschaltbirne glüht es an und aus —\nwie ein plötzlich gereizter Zahnnerv — eine spira-\nlige Wunde hat sich in die Luft gebrannt.\nDann verzittert der Krampf. Der Maschinist\nspukt aus, hängt seinen Pfeifenkloben in die Zähne\nund sieht der Maschine breit und grob in die\nAugen . . . gleichmäßig glücklich bebt sie unter\nder Peitsche des Riemens.\nWie seltsam, warum tat er es nicht? Ein Dre-\nhen des Hebels, ein paar knisternde, grünbläßliche\nFunken — und alles wäre aus — dieses wunder-\nsame Leben abgewürgt, der Luststrom in diesen\nNerven erdrosselt, mit einem Druck, ein Druck —\nes müßte unsagbar süßes Grausen sein. Alles aus,\ndas Leben, das an diesen Nerven drinnen im Zelt\nzittert auf der hellen Leinwand, alles aus! Der\nkleine Willi mitten in seinen Streichen, die Bahn-\nräuber mit der vorgehaltenen Pistole, Onkel Pinki,\nder freien geht, das Schiff gerade im Stapellaui\nalles aus! Dieses kleine und dumme Leben, das\nin huschenden Formen zittert wie in Furcht und\nin eiliger Flucht vor der Entdeckung, daß es gar\nnicht ist, aus, plötzlich verschwunden, ins Umriß-\nlose, in das wundersame Nichtsein! Ausgetilgt, tot\nohne Leichen von Dingen!\nWarum tat er es nicht! War er zu blöd-gut-\nmütig für solche Lust? Da träufelt er der dumm-\neifrigen Dampfmaschine Schmiere in die Gelenke\nund schüttet ihr Wasser vor, das sie in schlapsen-\nden Pumpenzügen säuft. Aus, alles aus, auch die\nOrgel hätte ersticken müssen, weil ihr Motor\nauch an der Dynamo hängt. Die Orgel, die ist es,\naus der dieses Seltsame steigt.\nWie durch Zähne saugt sie zwischen die spitzen\nPfeifen die Luft ein, die in ihrem Körper in wehen\nSchmerzschreien zu Tönen verbrennt. Wie licht-\nlose Flammen steigt dieses atemlose leiernde Jam-\nmern auf und leckt an Hirn und Seele und brennt\ndavon Verstand und Willen wie Einwickelpapier\nab. Die nacktgebrannte Seele hängt ohnmächtig an\ndiesem Bann. Wie die Marionetten am Orgelge-\nhäuse. Wie es dem buntlackierten Kapellmeister\nekstatisch Kopf und Augen reißt, wie der Tackt-\nstockt hackt, tsin — tsin — tsin —, in verrücktem\nKrampfrythmus, in peinigendem Zwang. - Eine\nEnge spannt sich um die Seele. Aus abgründigen\nVerließen des Bewußtseins saugen die Orgelbälge\nrätselhafte Empfindungen. Wie seltsam ist die\nMaske dort an der . Zeltwand! Eine graue Fratze\nin rohen breiten Strichen, gemalt um ein großes\nschwarzes Mundloch herum mit glotzenden gräu-\nlichen Augen!"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.5", "texte": "Da steigt, langsam, wie heraufgezogen aus\ntiefen Brunnenschächten, die Erkenntnis auf: Gott,\nso ist Gott! das ist Gott! diese Maske dort! Ein\nFratzenantlitz, leer, grau, gemalt um ein Loch\nherum. Eine häßliche Fratze mit leeren stieren\nAugen. Siehe wie diese Augen glotzen in das\n.zitternde Leben da unten in der Budenstraße. Ein\nplätschernder Menschenfluß mit weißem Gekrau-\nsel, ein Wachmann, ein Kinderwagen, das ganze\nBudenwerk und Gewinkel über den flirrenden\nPlan des Volksfestes hin bis hinüber zu der Wind-\nmühle, die schwerfällig in die Luft fuchtelt wie ein\nunverstandener Dichter, die ganze Stadt, alles,\nist ja nur eine phantastische, verrückte Projektion,\nein Spiel für diese grauen Augen. Ein bleiches\nGottesantlitz starrt, in gräßlicher unheimlicher Lust\nam Niehthandeln, in dieses kleine, dumme Leben,\ndas da in huschenden Formen zittert wie in Furcht\nund in eiliger Flucht vor der Entdeckung, daß es\ngar nicht wirklich is t. Ein Schein, hereingefilmt\nin die blaue Zeltbude, ein buntes FlimmerspieLvon\nNarren und Leidenden für einen gafflüsternen\nGott!\nIm Irgendwo, hinter der Sonnenbrennlinse, sur-\nren die Motore. Ungeschlachte Kräfte sind am\nWerk und tausendfältige wundersame. Welch un-\ngeheurer Apparat, welche Aufmachung für den\nseit Jahrtausenden geleierten Schlager! Welcher\nbucklige Maschinist steht an der Schalttafel der\nDynamo, die dieses Leben erregt? Ein Hebel-\ndruck und alles wäre aus, verschwunden in das\nUmrißlose, in das süße Reich des Nicht — seins —\nverschwunden, tot ohne Leichen von Dingen,\nwarum tut er es nicht? warum?\nJetzt, jetzt, der Maschinist geht zum Schalt-\nbrett, ah, die rote Hand hat einen Hebel im Ge-\nnick, jetzt.\nDa — tschrrr — ein Licht kreischt auf, wie ein\nGelächter.\nEin silbern-bronziertere Engel hat die Bogen-\nlampe in der Hand aus der breites Licht auf das\nFratzenbild klatscht.\n... Ah — der Erzengel Michael! MICHAEL!\nWER IST WIE GOTT?\nDa gluckste es in der Orgel ... ein Stück war\nabgelaufen, stotternd hob ein neues an. Das riß\neine Lücke in den Bann und durch diese Lücke\nstieß es sich herein: Wie lächerlich! He! Kino.\nKino! Gott ist kein Kopromane!\n\nEisenbaeh\nAlbert Ehrenstein\nEin gleichgültiges Varietelokal. Spießer essen\nzu den Klängen des Marsches „Franz Freiherr\nConrad von Hötzendorf.\" Man denkt einen Augen-\nblick daran, daß Oesterreich während des Balkan-\nwirbels nur von Auffenberg nach Hötzendorf vor-\nrückte — aber Heinrich Eisenbach hilft „nach wie\nvor\" den Besitzstand wahren. In Wien, wo sich\ndie auf das alte Burgtheater folgenden siebzig\nmagern Jahre in den Herren Gerasch und Höbliug\ninkarniert haben, inmitten der zahllosen Unterkom-\npensationen ehemals vorhandener Begabungen,\nzwischen dem Klitsch und Kitsch, im Klatsch und\nQuatsch dieser herrlich versinkenden Stadt, wirkt\nals Protest gegen zäh gesprochene Burgtheater-\njamben und als Echo des schlecht assimilierten\nJargons der Premierenbesucher Heinrich\nEis enb aeh. Er würde natürlich sofort behaup-\nten, er wirke nicht, er sei doch kein Strumpfwir-\nker. Aber zwischen den Hunderten Gänslereige-\nihilfen, czechischen Hausmeistern, Schlossern, Ar-\ntisten, Infanteristen, alten Provinzjuden und zwi-\nschen Leopoldstädter Gewerbetreibenden, die in\nihm stecken, ist gewiß auch ein bürgerlicher\nStrumpfwirkermeister in Eisenbach verborgen.\nNun, verwandlungsfähig, polymorph scheint leicht\nein Schauspieler dem naiven Publikum, und be-\nschränke er sich auch bloß auf ein ödes Masken-\nkünstlertum. Eisenbach aber, den in Wien die Kri-\ntiker totschweigen, damit auch die Varieteinsera-\ntenagenten was zum Leben haben, Eisenbach\nwirkt immer plastisch, erstarrt sofort in der jeweils\nangenommenen Form, ist jetzt jeden Zoll ein Hau-\nsierer, nicht ohne in fünf Minuten als intensiv böh-\nmischer Feuerwehrhauptmann zu versteinern. Der\nNaturforschertag ließ sich diesen Proteus entgehen,\nda stellte sich Eisenbach selbst aus freien Stücken\nin den Dienst der Wissenschaft, er spielte das\nWunder des Heiligen Darwin, ward rückfällig,\nkraft einer unerhörten Mimik des Körpers wan-\ndelte sich seine Haut atavistisch in Pelz, er glitt\nselbstbewußt und wankend mit einem Affengebiß\ndurchs Zimmer.\nKein morbider Rest ist in der gesund gestalten-\nden Kraft Eisenbachs nachweisbar. Und doch\nmacht gerade er uns das Verzauberte, Verwun-\nschene, Irreale, Imaginäre aller Existenzen fühl-\nbar. Wenn er der von höher wohnenden Mächten\nbesudelte Hausmeister ist, fühlt man über alle tiefe\nKomik hinweg, alles irdische Leben ist unwahr,\nes k a n n keinen so sehr ins Tiertum, in eine arm-\nselige Latrinenexistenz verstoßenen Menschen ge-\nben, wie es dieser verwunschene Hausmeister\nIst, den Eisenbach so unheimlich realisiert. In jeder\nseiner Inkarnationen, in den bald launisch-frechen,\nbald mitleiderregend-labilen Fleischwerdungen die-\nses jüdischen Mahadöh spukt unerachtet aller em-\npirischen Wahrheit etwas Geisterhaftes und über-\nträgt sich auf den nervös die plumpen und lange\nnicht so dynamisch gemeinen Derbheiten und\nObszönitäten der Eisenbachkomparserie ableh-\nnenden Zuschauer. Sowie sich eines dieser schau-\nspielerisch gewiß, stimmlich keineswegs begabten\nWesen regt, möchte man auffahren bis an die\nDecke, geisterhaft verdampfen und erst wieder\nzurückkehren, wenn Eisenbach die Bühne betritt.\nUnter allen Schauspielern dieses Sekulums, das\nsich längst in zahllose Herrn namens Sekules ver-\nwandelt hat, spielt er diesen am besten. Hein-\nrich Eisenbach spuckt viel besser\nals die meisten Wiener Schauspie-\nler sprechen. Dieser Eisenbach ist in dem\nbegabungs- und blutarmen Wien ein starkes Levi-\ncowasser, eine Nährquelle. Und obwohl die Nach-\nwelt dem Mimen sonst keine Kränze flicht, dieser\nOrpheus des Budapester Orpheums vermöchte\nden Totenrichter gewiß auch dazu zu bewegen.\nEr brauchte ihm nur einen einzigen Witz zu er-\nzählen und „der Herr kaiserliche Rat\" wäre vor\nLachlust wehrlos.\n\nDie Sehwermut des\nGeniebers\nAus Mia Miranas Tagebuch\nArtur Babilotte\n4. November 1903\nDer Traum ist aus. Wir haben den Mut ge-\nhabt, selbst ein Ende zu machen. O Geliebter,\nich fühle noch deine weichen weißen Hände auf\nder Haut meines Leibes. Ich höre noch deine\nsüße Stimme . .Deine Stimme war so müd und\nklagend. Es. war still in uns, als wir uns zum\nletztenmal küßten. Wie liebe ich deine Schwer-\nmut! Sie ist deine Seele. Der Traum ist aus;\nwir gehen einsam unsere Wege. — Welch ein\nverachtetes Wesen bin ich! Aber welch ein an-\ngebetetes WTeib will ich in wenigen Jahren sein!\nDeine Liebe und unser Mut zur Entsagung —\nsie werden mir Kraft verleihen. Welch ein frohes\nstarkes Lachen hebt in mir an . . . ich möchte\ndie Arme breiten. Wie will ich arbeiten, um das\nzu werden, wozu ich die Kräfte in mir fühle!\n12 Uhr. Zum erstenmal muß ich heute einschla-\nfen ohne das süße Bewußtsein deiner Nähe. Du\nbist immer bei mir, auch wenn du sehr fern von\nmir weilst.\n20. Mai 1904\nHeute hat er Geburtstag.\nUnd ich bin nicht bei ihm. Auch er hat dies\nGefühl — oder seine Liebe müßte kleiner sein,\nals die meine. 0 Geliebter, meine Liebe ist so\ngroß, daß sie mein ganzes Leben füllen wird.\nDer erste Geburtstag, den wir zusammen-\nfeierten, war auch der letzte. Du Lieber .. ~\ndamals kannt ich dich erst wenige Tage; schüch-\ntern und fast verängstigt saß ich bei dir, und du\nhieltest meine Hände und streicheltest sie.\n„Du Glückliche, die du mich gerettet hast,\"\nsagtest du. Wie klagend war deine Stimme, auch\nwenn sie Fröhliches sagte.\nUnd ich sah dich nur immer an und war ber\nseiigt ohne Maß. Ich verging in dir, du nahmst\nmich auf und alles war schön, rein und zart . . .\n11. Spetember 1904\nAm Morgen war ich bei Direktor Scherff. Er\nhat mich „entdeckt\". Er staunt über meine\nStimme „. . Ich fühle mich seltsam ruhig; es\nist eine große glückliche Stille in mir. Ist es\nnicht ein Zufall, dem ich dankbar sein muß? Mor-\ngen soll ich wiederkommen . . . der Direktor will\nmir Vorschläge machen. Johannes, wenn es,\nwenn es doch möglich wäre . . .!\n23. Auguste 1905\nWie lange ist es schon, seit ich zum letzten-\nmal seine Lippen küßte! Ich glaube, nie hätte\nich die Kraft besessen, mich emporzuarbeiten,\nwenn nicht dieser süße Schmerz in mir säße\nund mich ewig friedlos sein ließe. Ich will, wie\ner, würdig werden der Kunst.\n5. Januar 1906\nIch bin müde . . . und doch, meine Kraft ist\nunerschöpflich. Heute trat ich zum erstenmal als\nCarmen auf. Ich wirkte wie ein Dämon, ich\nlähmte. Welch eine Macht besitze ich! Ich war\nCarmen, ich war ein schönes Raubtier. Bin ich\nnicht gefährlich, da ich ganz versinke und mich\nselbst nicht mehr kenne?\n20. Februar 1906\nVon Tag zu Tag wächst meine Furcht vor der\nGroßstadt. Ich hasse dieses Ungeheuer! . Immer\nhat man das Gefühl, von Feinden umlagert zu\nsein. Diese Millionenstadt ist mitleidlos. Selbst\nwenn sie vergöttert. Ich bin unzufrieden mit den\nMenschen, am meisten aber mit mir selbst.\n1. September 1908\nJetzt bin ich auch in Leipzig durchgedrungen.\nAuch hier erstarren die Menschen vor meinem\nSpiel. Ich erkenne immer deutlicher, daß die\nMenschen zu naiv sind, um ein Kunstwerk zu\ngenießen, und. doch nicht naiv genug, um sich ihm\nhinzugeben. Der Glaube fehlt ihnen. Aber ich"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.6", "texte": "beginne die Großstadt zu lieben, weil sie mir\nGrund zu einem gesunden Haß gibt.\n10. Dezember 1908\nEine Unruhe ist in mir, die beständig wächst,\nteh beginne mich zu fürchten, und weiß doch\nnicht, vor wem . . .\n19. Dezember 1908\nEs wird immer schrecklicher. Mein Gott, was\nist dies nur? Ich setze mich jeden Nachmittag\nin ein Cafe und studiere die Kunstnachrichten aller\nerreichbaren Blätter. Ich suche seinen Namen.\n1. Januar 1909\nIch weiß mir nicht mehr zu helfen vor Unruhe.\nJeden Tag fragt mich der Direktor, ob ich krank\nsei ... Ich sehe entsetzlich aus. Alles widert\nmich an. Geliebter, du bist grausam, daß du die-\nses entsetzliche Schweigen solange erträgst.\nWelche kleinmütigen Gedanken. Bald wird Johan-\nnes eine große Tat vollbringen . . . und ich bin,\ndie ihm half, das Große zu schaffen.\n12. Mai 1909\nIn einigen Tagen hat Johannes wieder Ge-\nburtstag. Nun ist es schon sechs Jahre her . . .\nda feierten; wir ihn zusammen. Ich liebe ihn heute\nmehr als je. Seine Seele begehre ich. An die\nVereinigung unserer Leiber denke ich mit einem\nsüßen Schmerz zurück. Es war ein gestaltge-\nwordener Traum; ich verlange nicht wieder da-\nnach; die Flamme meine Liebe brennt rein und\nstill. Ganze Wochen lang gehe ich umher, frei\nund fröhlich, und danke der Entsagung, die mich\ngroß gemacht hat. Sie hat alle Schönheiten in\nrrtir emporgezwungen, sodaß mein Wesen weit\nund bunt wurde. Die Entsagung hat mich erst\ngeboren, die Künstlerin . . . aber, es gibt Augen-\nblicke, in denen ich nur Frieden haben möchte.\n2. September 1909\nWelch ein Tag! Welch ein befreiender Tag!\nNach der Probe teilte mir der Direktor mit,\n■daß in der Saison das Werk eines Komponisten,\ndem er verpflichtet sei, aufgeführt werden solle.\nDie Partitur lag vor ihm. Das Werk des Gelieb-\nten! Ich mußte an mich halten, um die Blätter\nRieht zu küssen. Es ist unendlich hell in mir ge-\nworden. Jetzt kommte die Tat, die ich voll-\nbringen soll, die Tat, zu der alle Mühen und Nöte\nder vergangenen Jahre Stufen waren . . . Jetzt\nkommt die höchste Vereinigung mit dem Gelieb-\nten! Ich will sein Werk verkünden, und indem\nich mich seinem Werke hingebe, werde ich er,\nganz er . . .\n9. Januar 1910\nWie groß ist sein Werk! Ich bin ganz in ihm\naufgegangen. Morgen ist die vorletzte Probe.\nIch werde sie zwingen, die Zweifler.\n19, Januar 1910\nMorgen ist die Aufführung.\nJetzt bin ich wieder stark und froh. Ich will\neine Vorfeier des großen Glückes halten,\n20. Januar 1910. Morgens 10 Uhr\nIch fiebre. Ich taumle zwischen Seligkeit und\nAngst hin und her. Wie unruhig und unzufrieden\nbin ich! Kommst du, Geliebter? Wie gransam,\nimmer noch schweigst du . . . Es ist wahr, wir\nhaben uns gelobt, nie nacheinander zu forschen.\nWie schwer und wie herrlich ist die Entsagung!\nNachmittags 3 Uhr\nJetzt weilt er wohl bereits in der Stadt. Ich\nhabe den nüchternen Menschen vorhin im Cafe\nvon seinem Werk erzählt . . -. sie wären alle ge-\nbannt. So, wie diese, will ich heute abend alle\ngewinnen.\nWie er wohl aussieht? Ob er immer noch so\nbleich und schön ist? Vielleicht ist der Blick sei-\nner Augen noch seltsamer, wunderbarer ge-\nworden.\n5 Uhr\nEin Brief von ihm! Ich küsse die geliebten\nZeilen ... Er ist mir wieder nahe .. . . Ich\nwerde vor ihm spielen, sein Werk den Menschen\nverkünden, und er wird mich anblicken mit sei-\nnen tiefen strahlenden Augen. Er erwartet mich\nnach der Vorstellung . . .\nNachts 1 Uhr\nDie Menschen schrien vor Entzücken. Der\nGeliebte hat gesiegt. Er ist wunderbar still und\nversonnen. Ich habe wieder seine weißen Hände\ngestreichelt, seine tiefen Augen haben wieder in\nmeinen gestrahlt .. , Welch eine süße Stunde\nliegt hinter mir! Groß und laut ist mein Schmerz\ngeworden. Nun sitzt er nicht mehr verborgen\nirgendwo im Herzen, nun kommt er aufdringlich\nzu mir, und ich, ich liebe ihn, ich begehre ihn,\nich fiebere nach ihm. Wie schön ist er! Wie\nkonnte ich mir einreden, daß mir seine Seele alles\nsei? Ich habe wieder seine weiche, leise sin-\ngende Stimme gehört. Ich versank in dem tie-\nfen Wohllaut.\nGeliebter, warum hast du das getan? Nun\nhast du dich an eine andere gefesselt ... Es ist\nbesser, daß wir nicht immer zusammenblieben.\nEs ist besser so. Liebt du sie mehr, als mich?\nJohannes, Geliebter, warum hast du mir das\ngetan?\n26. Januar 1910\nIch bin matt und mutlos. Ich spiele ohne\nLiebe; ich sage nur die Worte und denke an ihn.\nMein Beruf macht mir keine Freude mehr. Ich\ndenke immer nur die Gedanken seines Werkes.\nIch habe das Höchste erreicht, nun fällt alles, was\nVorarbeit war, von mir ab.\n28. Januar 1910\nBin ich dir nichts mehr, Geliebter? Warum\nkommst du nicht? Warum schreibst du nicht?\nWerde ich stark genug sein, dies bis zum Ende\nzu tragen? Ich will stets an dich denken, Jo-\nhannes, ich will stets an dich glaube n. Denn\nder Glaube ist alles. Mein Leben wird einsam\nsein. Aber manchmal habe ich Augenblicke, in\ndenen eine selige Ruhe in mich einzieht. Dann\nfühle ich, daß ich nicht zerbrechen werde an die-\nser Liebe. Wenn es mir gelingen wird, dieses\nstarke verächtende Lachen festzuhalten, dann\nwird wohl alles so gut werden, wie dies mög-\nlich ist —\n* • *\nDer Arbeiter Jörg Martin hatte das gefunden,\nwas er gesucht hatte in den Nächten des Lernens\nund Höherwollens: Befreiung.\nAls er noch im Trubel bewegter Volksver-\nsammlungen stand, seine klugen Augen über die\nGesichter der Männer hinschweifen ließ, und die\ntägliche Not in diesen harten Gesichtern sah; als\ner aus allen Augen Drohungen oder Bitten oder\nHohngelächter las; als er, Wort für Wort abwä-\ngend, diesen Hunderten von versammelten Prole-\ntariern seine Arbeiten, seine Hoffnungen, seine\nZukunftspläne vorlegte; als er mitten in seine be-\ngeisterten Worte einen beifälligen Ruf oder ein\nverächtliches Zischen hineinfallen hörte in\njener Zeit war er glücklich, trotz dem Elend, in\ndem er und die Klassengenossen saßen; trotz der\nFeindschaft, die ihm der große, gefürchtete Sozia-\nlistenführer Julius Todt entgegenbrachte; trotz,\nder manchmal in seinem Hirn aufzuckemden Zwei-\nfel an der Verwirklichung seiner Träume. Er\nhatte, das stolze Bewußtsein gehabt, Kämpfer\nunter Kämpfern zu sein, Elend zu leiden, wie sie,,\nrettungheischend nach Osten, wo die Sonne auf-\ngehen sollte, zu blicken, wie sie.\n. . . Wie klein und kindlich erschienen ihm jetzt\ndie Heldenträume jener Tage und Nächte! Eine\nOffenbarung hatte ihn beglückt; Die Schönheit\nWenn er auch früher nicht geschrien hatte, wie-\nsie alle, der Pröletariertrotz hatte auch ihn\nlenkt und seinen Wünschen und Hoffnungen Rich-\ntung und Ziel gegeben. Wenn er auch in sich eine\ngeistige Ueberlegenheit über die Genossen fühlte;\ner hatte doch nicht gewußt, um wie viel höher ein\nMensch mit seltenen Gedanken steht. Jetzt wußte\ner, daß Proletarier in alle Ewigkeit Proletarier\nblieben, auch wenn; ein Messias ihnen Schätze und\nEhre und Macht vor die Füße legte.\nAus dem Arbeiter war ein Mensch geworden*\nder Schönheiten ahnte, die allen seinen Klassen-\ngenossen verborgen waren. Durch den Umgang\nmit dem Künstler hatte er sich selbst erst ganz\nkennen gelernt. Für die materielle Unabhängig-\nkeit der Proletarier hatte er gekämpft, und ge-\nwähnt, was alle wähnten: Daß sie geistige Höhen\nerreichen würden, wenn sie erst ohne täglich\nwühlende und niederdrückende Sorgen leben konn-\nten. Jetzt aber glaubte er, daß eine geistige Har-\nmonie den Menschen unfähig mache, trostlos zu\nsein.\nOhne Zittern trat Jörg Martin vor die Prole-\ntarier der Großstadt, die er zusammenrief, um\nihnen die Schönheit zu predigen, das edle Gleich-\nmaß in Wort und Tat, und ihnen zu sagen, daß in\nder Musik das Höchste erreicht sei, was ein\nMensch erreichen könne.\nDumpf und schwerfällig stand die Luft in dem\ngroßen Saal. Die Wände reckten sich gespenster-\nhaft weiß in die schwer geschnitzte Holzdecke.\nDurch hohe schmale Fenster glänzte ein grauer\nSchneehimmel. Der Saal machte den Eindruck\neines Betraumes. Hier versammelten sich die Ge-\nnossen, wenn sie Beschlüsse fassen, neue Pläne\nerwägen, neue Hoffnung schöpfen wollten. Hier\nkamen verbitterte arme Menschen zusammen, um\nzu einem widrigen Schicksal mit trotzigen Wor-\nten zu beten; Wir wollen dich zwingen, uns gnä-\ndig zu sein!\nSchlicht, fast ärmlich lag der Saal unter der\ndunklen Holzdecke. Er gab den vielen Arbeiterin\ndas Gefühl, daß sie hier nicht nötig hätten, be-\ndrückt zu sein und sich benachteiligt zu fühlen..\nEr mäßigte ihre Verbitterung; aber bald fachte er\nsie auch an, indem er diese gequälten Menschen,\nan die Dürftigkeit ihres Daseins erinnerte. Dann\nblitzten ihre Augen auf, ihre Hände ballten sich zu\nharten Fäusten, ihre Herzen schlugen wilder und\nheißer ... Sie fühlten ihre Not, aber zu gleicher\nZeit auch ihre Macht, wenn sie zusammenstanden\nund kämpften wie ein Mann.\n.... Ohne Zittern trat Jörg Martin vor die\nProletarier der Großstadt. Als er von der Redner-\ntribüne herab ihre Gesichter sah, fühlte er sich\nheimisch unter diesen rauhen, vom Leben zer-~\nschüttelten Männern.\nStolz im Bewußtsein seiner großen Aufgabe,\nbegann er, zu reden. Er sprach in der Sprache\ndes gewöhnlichen Mannes* was ihm im Herzer,».\nlebte; er versuchte nicht, die einfachen Menschen\nmit feingeschliffenen Worten zu betören. Fröhlich\nflössen seine Worte und gewannen manchen der\nProletarier durch ihre ungewollte Schönheit"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.7", "texte": "— Freunde, sprach Jörg Martin, ihr wart er-\nstaunt, als ihr meinen Aufruf last. Ihr konntet\neuch nicht erklären, wie dies zusammenhinge: Ein\nArbeiter, ein' Genosse, der von der Schönheit des\nLebens redet, der von schönen W!orten und Be-\nwegungen erzählen will. Die meisten von euch\nhaben gelacht . . . Und die meisten sind hier aus\nNeugierde: Was wird denn dieser sonderbare\nKerl zu erzählen haben? Und ihr habt Recht, wenn\nftir lacht. Denn, was ich euch sagen will, hat euch\nnoch keiner gesagt, und es wird eine Zeit vor-\nübergehen müssen, bis ihr mich ganz versteht.\nDenn, Freunde, ich will euch nicht erzählen\nvon der Freude am äußerlichen Genuß, den euch\neure Führer als das Begehrenswerteste im Leben\nschildern ... Ich will euch vom innern Genuß er-\nzählen. Mögt ihr arm sein oder reich, schön oder\nhaßlich, die Tür zu diesem Genuß steht euch offen,\nihr könnt den Fuß über die| Schwelle setzen, wann\nihr wollt.\nSie saßen und wußten nicht, was sie aus dem\nMann und seinen Worten machen sollten. Ein paar\nJunge Burschen lachten spöttisch. Aber ein Alter\nvor ihnen drehte sich um und schalt. Manchmal\nnickte dieser Alte mit dem Kopf, manchmal zog er\ndie Schultern hoch. Eine ewige Unruhe lief über\nsein Runzelgesicht. Dies war einer der besten\nRedner der Sozialisten. Seine Stimme ein-\ntönig, seine Worte trocken und geradeaus —, aber\nseine Augen tauchten \"alle Nüchternheit in Glut.\nOb ihr außergewöhnlich klug seid oder nur so-\nviel wißt, als ihr zum täglichen Leben nötig habt;\n'Ob ihr euch gern vergnügt bei einem guten Tropfen\n'Oder bei Kartenspiel oder bei Gesang und Tanz;\nob ihr gern die Zeitung eurer Partei oder billige\nRomane lest; dies alles kommt nicht in Frage. In\nFrage kommt nur, ob ihr es versteht, eure Lieb-\nhabereien und eure Veranlagung nach allen Seiten\nIrin zu schleifen und in eine schöne Form zu brin-\ngen. Wenn ihr dies versteht — und jeder von\neuch wird es können —, dann werdet ihr keine\nunschönen Worte mehr sprechen, keine häßlichen\nGedanken mehr in euch großwerden lassen, dann\nwerdet ihr maßvoll sein. Wer aber maßvoll ist,\nist zufrieden.\nDas ist das große Glück, Freunde, das euch die\n\"Zukunft bringen soll. So einfach und unscheinbar\n®s aussieht, so schön und beglückend ist es.\nDie vielen Proletarier, die bis dahin still und\nregungslos gelauscht hatten, begannen, unruhig zu\nwerden. Einige gähnten, die Ungestümeren\npfiffen leise oder lachten.\nDer Alte mit dem Runzelgesicht aber erhob\nsich schnell und mühelos, schob sich zwischen den\n.andern hindurch nach dem Mittelgang und schritt\nnach der Tribüne. Jörg Martin sah ihn kommen\nund nickte ihm zu; dies war einer, der ihn ernst\nnahm, das sah er.\nIch möchte nachher ein paar Worte reden!\nsagte der Alte mit klarer Stimme. Alle Unruhe\nerlosch, als diese Stimme ertönte.\nUnd Jörg Martin entrollte den Proletariern der\nGroßstadt das bunte Gemälde seines Glaubens\nund seiner Hoffnungen. Seine Stimme wurde be-\ngeistert, seine Bewegungen größer und mitreißen-\nder' Schon der Gedanke, daß einer im Saale war,\nder ihn nicht abtat, gab ihm eine tiefe Freude. Er\nerzählte von dem Tag, an dem er den Künstler\ntcennen gelernt, von dem Reichtum, den ihm die-\nser geschenkt hatte. Er erzählte von seinen Näch-\nten, von den vielen Enttäuschungen,\nGroß ist das Ziel, sagte er, das die Sozialde-\nmokratie erreichen will. Sie sagt: Euer einziges\nBestreben seir unabhängig zu werden. Alles an-\ndere fällt euch dann von selbst zu. Ich aber glaube.\n.Freunde, wir müssen erst Menschen werden . . .\nSind wir das, wird sich uns manches besser ge-\nstalten. Und vor allem sind wir dann reif und\nernst genug, das Errungene nicht zu entweihen.\nUnsinn! schrie einer, der ganz in eine Ecke\ngedrückt stand.\nOb wir so verhungern oder so, ist egal! ein\nanderer.\nDie klare Stimme des Alten verwehte ihre Un-\nzufriedenheit\n. . . Und Jörg Martin sprach weiter. Der auf-\nkeimende Widerstand machte ihn trotzig und\nstärkte seinen Mut.\nFreunde, weist mich nicht ab, ohne nachge-\ndacht zu haben. Was habt ihr erreicht mit\nSchreien und Drohen? Nichts wird mit Gewalt\nund Trotz erreicht . . .\nDas hat der Nazarener auch gesagt! schrie ein\njunger Bursche und spie aus. — Wir lassen uns\nnicht mehr zu Lämmern machen, verstanden?!\nDer aufsichtführende Beamte erhob sich halb\nvon seinem Sitz. In seinen strengen Augen glühte\nein verachtender Zorn. Aber der junge Proletarier\nlachte nur verächtlich und spie zum zweitenmal aus.\nWill wohl das Fliegen lernen, der grüne Junge!\nknurrte der Alte. Solches Gemüse hat den Mund\nzu halten .... i\nDer Junge springt auf, fuchtelt mit den Armen,\nschreit: — Oho! Hab dasselbe Recht wie alle!\nKann reden, wann ich will!\nStimmen schrillen auf. Das Schimpfen des\nJungen gellt. Aus wilden Augen schießen gefähr-\nliche Blitze. Drohend sausen seine Fäuste durch\ndie Luft. Der ganze Grimm des Proletariers\nbricht aus und stürzt über die Versammelten.\nFestgebohrt haften die plumpen Schuhe am Bodent\nJeder Muskel ist Kraft und Wildheit. Ein Brausen\nvieler Stimmen überschwemmt den großen Saal,\nbricht sich an den Wänden, ebbt zurück.\nOben auf der Tribüne steht Jörg Martin. In\nseinen Augen glüht die Not dessen, der fühlt, daß\ner für seinen Glauben viel leiden muß. Er sieht\nin dem Jungen nicht nur den einzelnen empörten\nMenschen —: er sieht in ihm das ganze in Wut\nund Haß gepeitschte Proletariat, die junge Mann-\nschaft, die nach Lebensgenuß und wilden Freuden\ngiert.\nDie Stimmen, die den Jungen loben, mehren\nsich. Der Lärm schlägt flammend empor. Der\nBeamte schreit dazwischen. Seine Stimme zer-\nbricht an dem Uebermaß der Schreie. Da dröhnt\neine andere Stimme auf, hart, als werde jedes\nWort zu einem Gewaffneten, der unter die Toben-\nden tritt.\nRücksichtslos drängt sich der Alte durch die\nzusammengescharten Menschen, die gerückten\nStühle — sein Schritt dröhnt so hart wie seine\nStimme. Gewandt schwingt er sich auf die Tri-\nbüne. Da steht er, ein Funkeln in den kleinen\nAugen, ein Zucken in den Fäusten, und mißt die\nlärmenden Genossen. Murrend verkriecht sich\nder Lärm.\nNur der junge Mensch brüllt weiter.\nOb du jetzt still bist?\nDer dröhnende Anruf wirft ihn zwei Schritte\nzurück. Dann taumelt er, rasend bis hart an den\nFuß der Tribüne vor.\nHast immer mehr zu den Reichen gehalten, als\nzu uns, alter Duckmäuser! Wenn dirs bis jetzt\nkeiner gesagt hat, was für ein falscher Hund du\nbist, jetzt sag ich dirs!\nGewandt weicht der Alte der Besudelung aus,\nspringt dem Tollen ins Genick, schleudert ihn vor\nsich her, wirft ihn mit breiten Armstößen durch\ndie Menge', zerrt ihn zur Tür hinaus. Sorgfältig\nriegelt er zu und geht zurück und steht wieder\nehern oben.\nSchämen sollt ihr euch! Wollt wie anständig»\nMenschen behandelt sein und seid schlimmer als\n4as liebe Vieh . . . Vierzig Jahr geh ich in die\nFabrik, fünfunddreißig bin ich Sozialdemokrat —\nAber daß ich einen Menschen, der in einer Ver*\nSammlung seine ehrliche Meinung gesagt hat, daß\nich den niedergeschrien hätt — Pfui! Ihr wollt\nGleichheit . . . und wenn einer kommt, der nicht\ngerade so denkt wie ihr, pfeift ihr ihn aus und\nverekelt ihm mit schnoddrigen Anrempelungen alte\nCourage. So, das wollt ich euch zuerst sagen.\nJetzt will ich auf das zurückkommen, was de*\\\nGenosse gesprochen hat Viel lernen könnt ihr\nschon von ihm. Vor allem Anstand. Denn, wer\ngleichberechtigt sein will, muß sich auch wie ein\nanständiger Kerl benehmen können . , . Der Ge-\nnosse sagt: Erst muß der Mensch in sich abge-\nrundet sein, dann kommt in zweiter Linie die\nBesserung seiner Lage. Darin hin ich ganz ande-\nrer Meinung. Erst muß der Mensch ohne schwere\nGeldsorgen leben können.\nGenossen! Der Vorredner erzählt, daß er ein\nbegeisterter Sozialdemokrat war. Er hat Steine\nauf dem Weg gefunden ~, Steine gibts auf jedem\nWeg. —* Ausgenommen auf den Asphaltstraßen\nder Reichen. Und so eine Straße will uns der\nGenosse führen — — — Wir sollen uns vornehme\nGedanken aneignen, vornehme Bewegungen, vor-\nnehme Worte. Er meint, wir sollen alles Un-\nschöne aus uns herauswerfen, edle Menschen wer-\nden. Aber ein Mensch, der sich für sich und seine\nFamilie Tag um Tag abrackern muß, hat keine\nZeit, sein Inneres zu säubern. Erst Befreiung von\nden Sorgen, dann Veredlung.\nDie Musik empfiehlt er uns. Die neue Musik be-\nsonders. Er hat von einem Künstler geredet, den\ner kennen lernte . . . Wenn ich nicht irre, wurde\nvon dem neulich was im Theater gespielt . . .\nWenn ich offen sein will, muß ich sagen, solche\nMusik verstehen wir nicht; dazu sind wir zu derb.\nDem Genossen gebe ich einen guten Rat: ja nicht\nzu hoffen, daß er mit schöner Musik die Arbeiter-\nmassen gewinnen kann. Wir müssen ein gutes\nEssen haben, wenn wir arbeiten sollen. Von\nschöner Musik werden wir nicht satt. Und noch\neines möcht ich dem Vorredner sagen: Warum\nbleibt er nicht bei der Sozialdemokratie? Sie er-\nreicht immer größere Erfolge und in einigen Jahr-\nzehnten wird sie gesiegt haben.\nAlle Versammelten erhoben ein jubelndes Ge-\nschrei. Sie feierten den Alten mit Zurufen. An\nJörg Martin dachten die meisten schon nicht mehr.\nHoch die Sozialdemokratie! Brausend wie ein\nGebet stieg der Ruf zu der hölzernen Decke.\nJörg Martin lächelte. Er hatte den Glauben\nan sich selbst.\nDraußen sank der Abend schwer und traurig\nauf den Schnee. Der Schimmer zitternder Later-\nnenlichter floß durch die hohen Fenster. Ein\ndämmriger Friede glitt leise von den Wänden und\nschlich scheu wie ein Dieb von Mann zu Mann.\nAber alle wiesen ihn ab; in ihren Herzen pochte\nder Kampf und in ihren Augen trotzte die Not\nihres harten Lebens. Und plötzlich fiel aus vielen\nGlasbirnen das harte elektrische Licht und ver-\njagte den Frieden, der vergebens um Aufnahme\nbettelt.\n.... Hoch und stolz trat Jörg Martin vom\nRednerpult zurück. Nun galt es, mutig zu bleiben.\nNun galt es, geduldig zu sein, mit sorgsamer Liebe\ndes Augenblicks zu harren, da die Saat im harten\nBoden aufging und Früchte brachte. Das Heil,\ndas er den Armen bringen wollte, lebte in ihm.\nUnd dieses Erlebnis zum Erlebnis des ganzen Pro-\nletariats zu machen, das war die Aufgabe seines\nferneren Lebens."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140101-01.1.8", "texte": "tis werden nui Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vo»\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durek\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeil®\n60 Pfennig. 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Januar ab 20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndarch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstSnden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwSnscht wird, bitten wir den B e t r a g ffir den\nDauerbezug bei der Besteilung oder be!\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzumfflnftendes ersten Monats einzu-\n3 e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, dai E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\n'inter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscfat wird\nOeneralvertretung des Verlags Eugene Flgutere /\nParis\nOriginalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefugt / Alle\nExemplare sind vom Kiinstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde J Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechstetn: Die Erlegung des Fest-\nb r a t e n s / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler. mit der Hand aquarelliert /\nDas Exemplar 5 Mark (100)\ni\nKandinsky: Sonntag / Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M\n\nWilhelm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 20 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraBe / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa ,/\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / Portrat /\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nfl. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat ftir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Nijinsky / Portrat Licht-\ndruck, groBes Formal / 10 Mark\nMusik\nIlerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Gt»\ndichten von Arno Holz j Fur Qesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKiinstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / L u i g\" i Russ o ( o: Srinnerung einer\nNacht I lug in volier Fabrt / Qino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose T&nzerin / Pan-\nPan Tanz / U m b e r t o Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw.\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nSoeben erschiesien: Kandinsky 1901—1913 j\nMonographic mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen undText vonKandinsky\nMark 10\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit flinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\n\nZeitschriften\nLa Route / Revue de l'Effort Social ./ Paris / Rue\nde Vaugirard 120\nL'Effort LJbre / frliher L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne]\nL'Ind6pendance / Halbmonatsschrift / Xtinste I\nKultur I Philosophic j Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrift\nParis / 41 Rue Monge\nLa Nouvelie Revue Frau?aJse I Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nMontioie / Halbmonatsschrift / Paris / Chauss€$\nd'Antin 38\n\nliaro I Monatsschrift / Briissel\nLes Cafalers du Centre / Moulins [Allier]\nLes Soirees de Paris /' Recueil Mensitel illustre /\nDirecteurs: Quillaume Apollinaire et Jean Ce-\nrusse I Paris 278 Boulevard Raspail I\nbezug 12 francs\nUmelecky Mesienik / Monatsschrift fur neue und\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova\n\nAnzelgen\n\nAkademie fiir moderne Skulptur in Paris / 18 Im-\npasse du Maine Montparnasse / Korrektur: A. Ar-\nchipenko / Arbeiterj in Stein / Studieu\nder Stilarten\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama / Be-\ngriindet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge-\nwidmet der Dichtung und dem Drama der Gegen-\nwart in alien Landern / Probeheft gegen Einsen-\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n10 Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop I London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\nThe Lantern: Eine Monatsschrift / Die\namerikanische Zeitschrift des Protestes /\nOrgan der Gesellschaft Jiinger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA.\nEdmund Meyer / Buchhandler und Antiquar I Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Amt\nLiHzow 5850 / Spezialgeschaft fiir bibliophile Lite-\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene Biicher\nfeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Alte. und\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nWiecker Bote / Schriftleitung: Dr. Oskar Kanehl /\nWieck-Eldena in Pommern / Preis des jfieftes\n25 Pfennig / 4 Hefte M. 1,20 I Heft 4 soeben er-\nschienen\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWalden\n1 Z e h n t e s J a h r / Man verlange kostenlose\nMitteilungen tiber die Neuorganisation durch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nPremier Hvre simultane / Blaise Cendrars /\nLa Prose du Transsiberien et de la Petite Jelianne\nde France / couleurs simultanees de Mme Sonia\nDelaunay-Terk / Edition unique, atteignant\nla hauteur de la Tour Eiffel (vol. 10X36 cm\n2 metres) 150 exemplaires, dont 8 sur Parche-\nm i n ,couverture a la main, chevreau noir Prix\nnet Frs. 500— / 36 sur Japan-Imperial, cou-\nverture a la main, parchemin Prix net Frs. 100— /\n106 sur Simili-Japan, couverture a la main\nchevreau noir Prix net Frs. 50— / Tous les exem-\nplaires sont signes pas les Auteurs et numerotes a\nla presse / Edition des Hommes Nott*\nveaux, 4 ru.e de Savoie, 4 Paris / Pro-\nspectus gratuit"}]}