{"numero_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_sha256": "d8d517b07dfdd293698d4db2ce5c0782bc4a2791937c2d516a29ed79c2e2d98d", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1914/01/15_01/bmtnabg_1914-01-15_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1914/01/15_01/bmtnabg_1914-01-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c001", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "161", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.1", "debut_caractere": 313, "fin_caractere_exclue": 581, "texte": "Inhalt:\nFriedlaender: Absolutismus / Aäge von Kohl: Der Weg durch die Nacht / Blaise Cendrars: Contrastes / Artur Babillotte: Die Schwermut des\nGenießers / Del&unsy: Lettre ouverte / H. 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Es ist auch Alles sinnlos: wozu\nWissenschaft? Wozu Kunst? Wozu .. . aber\nhier stottern sie schon, diese dösigen Selbstab-\nmurxer — — sie wollten gerade fragen: Wozu\nPraxis — warum Leben??? Sie wollten kon-\nsequent sein, aber sie besinnen sich sehr. Sie\nraffen sich auf, sie werden praktisch, sie wollen,\nund leben drauf los, was sie können; bloß äb und\nzu erinnern sie sich, halten inne, seufzen: Was\nfrommt das Alles uns! Vermissen doch im in-\nnersten Innern eine (ach Herr!) Legitimation ihres\neigentlich grund- und zwecklosen Willens. Ja!\nWie also? Der Wille wäre nichts Relatives\nmehr? Der Wille will — damit basta! Das ist\nerlösend! Wille imperator rex! Pragmatismus in\naeternum.\nMänner von Byzanz! Besinnt euch! Diese\nEmanzipation des Willens von der Norm, der Le-\ngitimation, dem ... „Gottesgnadentum\", der Apo-\ndiktizität, dem absoluten Dogma ist nur dann\nstrikt, präzis, exakt vollziehbar, wenn der Wille\ndiese Norm in sich hineinnimmt: euer Wille muß\nden ontologischen Intellekt verschlucken,\nsich das differenzierte Bewußtsein einverleiben.\nDer Wille o h 11 e alle ontologische Norm ist... eine\nhübsche Wetterfahne, ein Windbeutel. Der Wille\nmit einer außer ihm befindlichen Norm ist ein\nSpießer, ein Polizeisklave, ein völliger Untertan.\nWie machen wir also den Willen absolut?\nWie erlösen wir ihn von aller Knechtschaft unter\nZufall und objektivem Gesetz? Wie machen wir\naus ihm den echten Autokraten? Wie machen\nwir's, daß sein Schwerpunkt in ihn selber\nfalle? Wie stellen wir (aus der umwundenen\nKantischen) seine schleierlose Autonomie her? —\nIndem wir den ältesten Aberglauben zer-\nstören, den Aberglauben an Drastik und\nSensation: „Die stillsten Ereignisse sind es,\nwelche den Sturm bringen.\" Denn wenn die ge-\nsamte Objektivität, zu der auch der differen-\nzierte (und insoweit objektiv aufzeigbare)\nWille gehört, verschwände: so bliebe\nimmer noch die Hauptsache übrig, das Un-\nürastischste, Unsensationellste, aber der Urquell\naller Möglichkeit von Drastik und Sensation: —\npersönliche Selbsteigenheit, das sub-\njektiv indifferente (quasi punktualisierte)\nUniversum.\nZankt euch hier nicht um Worte! D. h. also,\nzankt euch nur hier nicht, dann wird aller son-\nstige Zank euer Konzert sein müssen. Die Sache\nselbst läßt sich zahllos allegorisieren, aber\neigentlich nur erleben; man nenne sie das\nabsolute Erlebnis zum Abhub von den\nimmer nur relativen Erlebnissen der Herren\nMaier, Müller, Schnitze, Friedlaender und Max\nStirner. Denn diese Herren sind gar keine Her-\nren: Herr dieses Ganzen, Deus ex machirta der\nWelt ist etwas absolut Unscheinbares,\ndessen Divergenzen erst in Drastik und Sensation\nzerstrahlen: persönliche Indifferenz.\nWiederum, alle bloß relative Indifferenz, z. B.\nder Kraftpunkt, auf den entgegengesetzte Kräfte\ngleich stark einwirken, leistet nichts . . . Diffe-\nrenziertes! Dagegen persönliche Indiffe-\nrenz, absolute Indifferenz ist nicht maschinell pa-\nralytisch sistiert, sondern sie differenziert 1e -\nbendig-schöpferisch aus ihrer eigen-\nsten Unerschöpflichkeit: Quell, nie\nversiegend, aller Relativität!\nJene allerliebsten Voluntaristen mögen mal\nden famosen Versuch machen, diese innere,\nd. h. neutralisierte, zentralisierte, punktualisierte\nNorm endgültig zu ignorieren, so wird ihr\nschwerpunktloser Volentarismus durch seine\nidiotische Windbeutelei von selbst hinfällig sein.\nAber siehe da! Diese Männerchen rekurrieren zu\nirgend 'ner netten Empirie — Deutscher Reichs-\ntag . . . oder so .. . Nun, ihr gottverdammten\nRelativisten, was soll man jetzt mit euch machen?\n— Euch krepieren lassen in diesem Altweiber-\nkram. Lernt erst wollen, eh ihr wollt! Springt\nerst in den Ursprung eures Willens und wagt es.\nohne Grund in diesem Abgrund zu schweben —\nals kategorische Imperatoren.\nAlso wirklich: es gäbe keine Norm, kein Ab-\nsolutes, kein Wunder von Rigorosität, Apodikti-\nzität, Präzision und Exaktheit?\nObjektiv und differenziert aufzeigbar ganz ge-\nwiß nicht! Wohl aber subjektiv persönlich, wenn\nman auch das differenzierte Wollen mit seinen\nzahllosen Velleitäten noch zur Relativität ins Ob-\njektive wirft und die eigne Person im absolut\nSouveränen findet! Endlich stellt sich dann der\nnoch aus dem allerletzten Rest Objektivität (aus\ndem scheinbaren Subjekt mit seinen psychischen\nDifferenzen) vertriebene absolute Dogmatis-\nmus persönlich konzentriert wieder\nher.\nA la bonheur! Das Selbst, das „Innere\", die\npersönliche Eigenheit, das Subjekt ist dann über-\nhaupt erst entdeckt — und entdeckt als das\nerlösende Universalsalz der ganzen objektiven\nWelt, zu der auch noch euer sauberes differen-\nziertes und insofern ganz und gar relatives Wol-\nlen als bloßes Instrument der Weltperson, des\nKosmopoliten, gehört. Schämt euch, meine\nHerrn! Wo ist die Quadratur des Zirkels? Wo\nder Stein der Weisen? Wo Magie? Wo Uto-\npien? Wo das Absolutum? Wo das Perpetuum\nmobile, die Station unerschöpflicher Kraft? Im\nHerrn über alles wo, wann und wozu: in\nder universalen Welt-Person, nicht\ndraußen.\nSagt mir aber v. Schiller: na, innen! So\ntrumpfe ich und triumphe ich dagegen auf: oh!\nlüftet erst den Schleier des fal-\nschen, des differenzierten Ichs von\ndiesem Isisbilde! Geht auch noch von\ndiesen allerletzten Divergenzen in diese allein\nlebendige Konvergenz ein, in dieses persönliche\nUtopien diese Welt-Residenz, von „wo\" aus ihr\nalle Divergenzen, auch die der Sterne regieren\nkönnt Setzt euch dann meinetwegen u.a.\nauch in den Reichstag: dann, aber erst dann\ngilt alles gleich, was ihr wollt!\nPerson, Herr Stirner, war das Allerverbor-\ngenste. Auch Sie, mein Kasperle, haben di e\nNebel scheinbarer Subjektivität\nnoch nicht von sich weggeblasen (trotzdem Sie\n'ne anerkennenswert gute Puste hatten). Und\nZarathustra schwieg und schweigt unter sieben\nSiegeln. Aber „jetzt ist's Zeit zu lärmen\"! Der\nEgoismus hat erst jetzt seine allererste und letzte\nKonzentration erreicht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c004", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "162", "page_fin": "164", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.4", "titre_corps": "Der Weg durch die Nacht : Roman", "titre_sommaire": "Der Weg durch die Nacht : Roman", "signature_source": "Aage von Kohl", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.2", "debut_caractere": 6101, "fin_caractere_exclue": 9184, "texte": "Der Weg\ndurch die Nacht\nRoman\nAage von Kohl\nDie Nachtigall sang von neuem, draußen\nzur Rechten von Morton: ein heftiger, schluchzen-\nder Schrei, der gleich darauf verstummte. Dann\nwar es wieder überall still. Unbeweglich und\nheiß stand der Abend. Und wiederum, diesmal ge-\ndämpfter als vorhin, gleichsam verschleiert von\nder Dämmerung, die bläulich in der Ferne hinab-\ngeschwebt war, unterschied man den Ton des\nWeinens dahinten: so zart und fein, wie der Laut\neines körperlosen Schmerzes, wie ein dünner Ge-\nsang, der irgendwo dort oben in dem blauenden\nund goldigen Kristall der Luft aus sich selbst ent-\nstand, der rätselhaft aus der Erde hier umher wie\naus den übermäßig süßen Düften, die sich überall\nkreuzten, geboren wurde; aus alledem, was hier\nunter dem zierlichen, hellen Kies verborgen war,\nan längst entschwundenen Hoffnungen, an zahl-\nlosen, jahrelang aufgespeicherten Tränen, an des\nMenschenherzens unendlicher Ernte aus Jammer\nund Vergessen und Tod!\n„Ob es sich wohl zur Nacht abkühlen wird?\"\n— sagte der Aufseher; er drehte bedächtig den\nKopf von der einen Seite nach der andern, zog die\nLuft schnüffelnd durch die Nasenlöcher ein —\n„oder ob wir gar einen Tropfen Regen bekommen,\nnötig haben wir es wohl!\"\n„Allerdings!\" — erwiderte Morton.\nAuch er hatte den Nacken zurückgebogen, es\nkam ihm plötzlich die Idee, als lausche er auf ir-\ngend etwas, er wußte nichts was —: etwas, das\nim Begriff war, in diesem Augenblick um ihn her\noben und unten zu erwachen, ja, war es nicht ein\nschwaches, winziges Rumoren nach allen Seiten:\nfeine, knirschende Laute, unsagbar kleine, trip-\npelnde Schritte? War es vielleicht die Erde, die\nsich langsam, leise seufzend zur Ruhe legte nach\ndem Brand dieses Tages? waren es die Millionen\nwinzig kleiner Sandkörnchen, die gemächlich auf\nihren gewohnten Platz zurückrollten nach der\nschwellenden Glut des Tages, nach dem giftig auf-\ntreibenden Atem von denen da unten? oder waren\nes möglicherweise sie selbst —- begann ein nächt-\nliches Leben im Schöße der Erde selbst, in die-\nsem feuchtigkeitdurchsickerten, allzu befruchteten\nSchoß, der geheimnisvoll und üppig alles das barg,\nwas kein Mensch zu sehen bekam?! Still, stieg da\nnicht ein fleischloses Summen, ein Knochenröhren-\nzischen aus dem allen auf —: Ja, der Kies rührte\nsich schurrend, die Blätter feilten leise gegenein-\nander, horch, das melancholische, schrille Krei-\nschen der Grillen, die schwirrende Schenkelvioline\nder Grashüpfer, ach, war das die Nacht, die er-\nlösend. kam, die makabren Stunden, die kamen, die\nsorglosen Zeiten, wo all die Aermsten, die hier\nwohnten, endlich für eine Weile allein blieben —\nfrei von Tränen, frei von dem Geräusch des Wei-\nnens, frei davon, wieder und wieder an Verspre-\nchen erinnert zu werden, die sie selbst längst ver-\ngessen hatten!\nVersprechen — die sie vergessen hatten?! . . .\nMorton öffnete auf einmal seinen Mund, die\nBrust krampfte sich in unerträglichem Jammer\nfür einen Nu zusammen.\nDann entsann er sich plötzlich einiger Worte,\ndie der andere vor einem Augenblick ausgespro-\nchen hatte — und wandte sich hastig nach ihm\num —:"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10059, "texte": "„Sagen Sie mir!\" — fragte er kurz, indem er\nes vermied, dem Blick des Mannes zu begegnen\n— mit einem unerklärlichen und heftig aufregenden\nGefühl, daß er jetzt die Frage an ihn stelle, an die\ner die ganze Zeit hindurch gedacht hatte —:\n„Erzählen Sie mir einmal —:\nEs ist das erstemal, daß ich am Abend hierher\ngegangen bin!\nIch pflege sonst immer früh des Morgens hier-\nher zu kommen und habe daher vielleicht noch\nkeine Gelegenheit gehabt . . . kurz: ich weiß, daß\nes Menschen gibt die allen Ernstes behaupten,\ndaß ...\" — er war nach und nach ins Stocken ge-\nraten, empfand ein Bedürfnis, sich über sich selbst\nzu ärgern und zu lachen, entschloß sich jetzt so\nzu tun, als habe er vorhin etwas ganz anderes\nsagen wollen — konnte sich dann aber plötzlich\nnicht mehr beherrschen.\nEr legte seine Hand auf den Arm des Auf-\nsehers —:\n„Sagen Sie mir,\" — wiederholte er; selbst voll-\nkommen bewußt, daß es eine ganz lächerliche\nFrage war, die er tun wollte, daß er nur eine\nlächerliche Antwort erhalten könne, doch fieber-\nheiß darauf wartend — „Sie deuteten vor ein paar\nMinuten an, daß es mit den alten Kirchhöfen ist\nwie mit Schlössern und Herrenhäusern aus den\nZeiten unserer Vorfahren: sie haben ein jedes seine\nReihe von Sagen, ein jedes seine Mystik! Nicht\nwahr, man erzählt sich vermutlich unter vier\nAugen auch eine ganze Menge von diesem Orte\nhier — sowohl älteren, als auch neueren Datums!\nmerkwürdige Dinge, die hier drinnen gedeihen,\nwenn die Türen geschlossen werden, und es Nacht\ngeworden ist — wenn man allein hier drinnen ist\nmit allen den Toten, und wenn alles in der Dunkel-\nheit, in der lautlosen Stille, auf einmal Form und\nFarbe wechselt!\nSie sind ja, wie Sie mir vorhin sagten, nicht\nweniger als siebenunddreißig Jahre an verschiede-\nnen Kirchhöfen angestellt gewesen —: haben Sie\ndenn niemals persönlich . . . ich meine, ist Ihnen\nnirgends etwas von der Art begegnet?\nWas?!\nEs fällt mir so ein, hahaha!\nWenn Sie also grundsätzlich nichts dagegen\nhaben, von Erlebnissen dieser Art zu reden?!\"\nDer Mann lachte ein wenig; vielleicht doch —\nmeinte Morton und geriet ganz außer Atem vor\nSpannung — vielleicht doch etwas weniger frisch\nals es klingen sollte?\n„Nun ja!\" antwortete der Aufseher darauf und\nschüttelte den Kopf — „man hört ja so viel, es\ngeht in das eine Ohr hinein und aus dem anderen\nwieder heraus! Und die Zeit ist ja heutzutage nicht\ndanach, mein Herr, heute, wo man so erleuchtet\nist — sowohl mit Gas wie mit Elektrizität!\nNein\" — fuhr er fort, diesmal ernsthafter —\n„ganz privatim muß ich sagen, wie es ist, daß mir\nniemals weder das eine noch das andere begeg-\nnet ist, weder ein Gesicht, noch Stimmen oder ge-\nwöhnliche Gespenster . . . und insofern sollte man\nam Ende vielleicht, offen gestanden, alles das für\nAmmenmärchen halten . . . was ich also auch ge-\nwöhnlich tue, Fremden gegenüber!\nAber.\nAuf der anderen Seite.\nJa, ich bin ja unter uns ein ungelehrter Mann,\"\n— fuhr er fort — „ich kann daher nicht ausrech-\nnen, wovon dergleichen Ideen über die ganze\nWelt zu den Leuten gekommen sein sollten von\nAnfang an — wenn nicht schließlich doch etwas\ndaran sein sollte! Selbst wenn ich, wie gesagt,\npersönlich nie so etwas erlebt habe!\nOder was soll man nun zum Beispiel davon\ndenken, daß ... ja, es ist vielleicht verkehrt, daß\nman hier steht und über so etwas redet, alldie-\nweil wir in dem Punkt ja doch allzumal nur Men-\nschen sind, wie man zu sagen pflegt, und nie wis-\nsen, welchen Schaden wir unversehens einander\ndamit zufügen können . . . Aber was soll man nun\ndavon glauben, daß sowohl hier in der Stadt, wie\nauch da drüben, woher ich gekommen bin, viele\nsehr ruhige und zuverlässige Leute, die noch da-\nzu zum Fach gehörten, heilig und teuer behaupte-\nten, daß ihnen hier oder da etwas begegnet sei!\nSehen Sie, da drüben hatten wir unter ande-\nrem auch einen weißgekleideten älteren Herrn, den\nmehr als einer von uns in gewissen Nächten sozu-\nsagen aus einem großen Marmormonument hatte\nherauskommen und mir nichts, dir nichts über die\nGräber stolzieren sehen, von Stein zu Stein!\nmanchmal sprach er auch, und es war gewiß nicht\nratsam, ihm nahe zu kommen, denn dann starrte\ner einen an, so daß einem die Haare auf dem Kopf\nvon selbst zu Berge standen, und einem das Herz\nin der Brust stillstand! Sie sagten übrigens, er\nginge da herum und riefe den Namen seiner Toch-\nter weil sie nie was für sein Grab getan hatte,\nsondern es wildfremden Leuten überließ, dafür zu\nsorgen!\" — Er schwieg, schüttelte den Kopf, sah\nzu Morton empor und lachte dann ein wenig, offen-\nbar etwas unsicher.\n„Sehr interessant!\" — warf Glaß ein. Er ver-\nsuchte ermunternd zu lachen, legte von neuem\nseine Hand auf den Arm des andern, fühlte wie\nsein Hals vor Angst trocken war, wie ihm die\nZunge im Munde festklebte — „aber nun hier?\nHier ist vielleicht derartiges?\nOder Sie sind vielleicht zu neu hier in der\nStellung, als daß Sie davon hätten reden hören?\"\n— Er zog die Augenbrauen mit einem Ruck in die\nHöhe und sah den andern von der Seite an —\nmit verhaltenem Atem, eine rätselhafte, zerflei-\nschende Qual im tiefsten Innern, zugleich wahn-\nsinnig gequält, weil er fortfuhr, die abscheulichen,\nnichtssagenden Fragen zu stellen — und doch er-\nstickend krank vor Begierde, eine Antwort zu er-\nlangen. Still, sei jetzt vorsichtig, dachte er wäh-\nrenddes bei sich, gib Acht, daß der Alte nicht Un-\nrat ahnt!\n„Nicht wahr?\" — schloß er in einem unver-\nschleiert auffordernden Ton —:\n„Es würde mich außerordentlich freuen, davon\nzu hören!\nIch glaube obendrein, daß Sie gerade eben ge-\nsagt haben, Sie hätten auch Sachen recht neuen\nDatums . . .?\"\nEr mußte seine Hand von dem Arm des anderen\nfortnehmen, um sich nicht zu verraten, zog dann\nmit zitternden Fingern sein Zigarrettenetui heraus,\nöffnete es —:\n„Bitte schön, wollen Sie nicht rauchen — oder\ndoch wenigstens ein paar einstecken. Ich finde,\ndie Mücken werden jetzt schon so zudringlich,\nweil die Sonne untergegangen ist!\nWie?\"\nUnd während er sich bemühte, eine Zigarette\nanzuzünden, wartete er mit pochendem Herzen\ndarauf, was gesagt werden würde.\n„Freilich habe ich davon gehört\" — antwortete\nder Aufseher endlich, nachdem er umständlich die\nangebotenen Zigaretten mit einem Kratzfuß ein-\ngesteckt hatte; er lachte von neuem und kniff\nmunter die Augen zusammen —: „Wohl weiß auch\nich was von dem, was man sich hier auf dem\nFriedhof erzählt!\nDa ist auch unter anderem diese „französische\"\nDame, wie sie sie nennen — ich weiß nicht aus\nwelchem Grund — die sich Jahr für Jahr in jeder\nNeujahrsnacht mit einem großen, gelb- und rotge-\nstreiften Schal über den Schultern irgendwo auf\ndem Dach der Kapelle blicken läßt, wo sie auf dem\nschmalen Dachfirst hinter dem Kreuz mit ausge-\nbreiteten Armen steht, ohne sich zu rühren — und\ndas hat sie nun getan, seitdem die Kapelle vor\nhundert Jahren auf derselben Stelle erbaut wurde,\nwo ihr Grab damals lag!\nNa, aber von den neueren Sachen, wie Sie\nsagen, da ist ja. . . aber entschuldigen Sie, ich gebe\ndies alles ja für nichts weiter aus als für Geschich-\nten, die mir so ganz lose in einer müßigen Stunde\nerzählt worden sind. Wenn der Herr also für diese\nBücher oder wissenschaftlichen Werke darüber\nhören will, dann müßten Sie sich die Geschichten\nbeinah lieber von den Betreffenden selbst erzählen\nlassen, die sie in eigner Person erlebt haben?\"\nMorton schüttelte, starr lächelnd, den Kopf —:\n„Du großer Gott, erzählen Sie nur!\" stammelte\ner kurz, versuchte mit den Schultern zu zucken,\nan allen Gliedern vor Erregung zitternd —: „mit\ndergleichen Sachen gebe ich mich bei meinen\nSchreibereien gar nicht ab!\nUnd es ist auch nur, weil ich sonst immer des\nMorgens hierher komme, daß ich zufällig noch\nflicht darauf verfallen bin, die andern auszufragen!\"\n„Ja, ja,\" — fuhr der Aufseher fort, unwillkür-\nlich in schnellerem Tempo — „dann will ich Ihnen\nganz offen erzählen: daß wir ja also aus den letzten\nJahren in erster Linie ein glänz kleines Mädchen\nhaben, das zusammen mit seiner Mutter ertrank;\ndas Kind haben sie also wieder aufgefischt, wenn\nauch erst eine ganze Zeit, nachdem es schon tot\nwar — aber die Mutter hat man nie gefunden, und\ndarum spukt ja nun die Kleine! Es soll übrigens\ngeradezu angenehm sein, ihr zu begegnen! Das\ngeht so zu: Wenn einmal einer von den Totengrä-\nbern oder ein Aufseher, wer es nun sein mag, zu-\nfällig ein wenig später als gewöhnlich des Abends\nnach Hause gehen will, durch die große Pforte da\ndrüben auf der andern Seite, dann fühlt er manch-\nmal, gerade während er an den vier Hängebirken\nauf der Rotunde vorüberkommt, plötzlich eine ganz\nkleine Hand in der seinen, und es ist ihm, als könne\ner ganz deutlich das kleine Wurm hören, wie es\nihn bittet, der Mutter zu sagen, wenn er sie einmal-\ntreffen sollte: daß ihr kleines Mädchen hier auf\nsie wartet! . . . und am Abend, wo ihm das begeg-\nnet, und wo man nicht bange geworden ist, son-\ndern ihr redlich verspricht, um was sie bittet —\ndann pflegt irgend etwas Gutes am nächsten Tag\nfür einen in Bereitschaft zu sein — wjie nun zum\nBeispiel der verstorbene rote Forster, der gerade\nan dem Tage nach dem einzigen Mal, wo er dem\nKinde begegnet war, in der Lotterie gewonnen hat!\nUnd dann haben wir ja, nebenbei bemerkt —\ndenn das hat natürlich weniger Interesse für Sie,\nweil sie ja nur ein einziger gesehen hat und auch\nnur ein einziges Mal, und der sie außerdem noch\naus dem Leben her kannte, nämlich von drüben\nher, aus der Stadt, wo ihr Vater früher Bürger-\nmeister war!\"\n„Ganz recht!\" — erwiderte Morton plötzlich\nheiser, gierig lauschend, nach Luft schnappend, die\neine Hand gegen das Herz gepreßt, wahnsinnig\nkämpfend, um nichts hören oder sehen zu lassen\n•— „aber erzählen Sie mir doch nur davon!\nEs interessiert mich ganz außerordentlich, kön-\nnen Sie mir glauben, dies alles!\nErzählen Sie mir also — erzählen Sie mir ge-\nrade heraus, was man sonst noch sagt über . . .\nüber sie?!\"\n„Ja-a\" — fuhr der andere grübelnd fort — „sie\nsoll ja auf eine ganz unerhört gräßliche Weise ums\nLeben gekommen sein!\nGemordet, versteht sich, ich weiß nicht genau,\nwie, aber jung und schön und liebreizend, sagen\nsie, ist sie gewesen — und verheiratet übrigens"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3258, "texte": "auch, obwohl niemand als ihre beiden alten Eltern\nan ihr Grab zu kommen pflegen, der Bürger-\nmeister und seine Frau!\nAber sehen Sie, mein Herr —: Die Sache ist ja\nso, daß niemals irgend jemand den Täter gefaßt\nhat, daher ist das ganze insofern auch begreiflich\ngenug: so lange einem keine Gerechtigkeit wider-\nfahren ist, kann man ja schwer Frieden finden, man\nr\nweiß nicht aus noch ein, man geht hier hinauf und\nda hinab, und selbst die besten Freunde können\neinem nicht nahe kommen — das weiß man ja\nselbst recht gut, wie die Sachen hier auf Erden\nnun einmal zu sein pflegen! . . .\nNa, und endlich, was ich absichtlich bis zuletzt\naufbewahrt habe, weil es vielleicht das beste von\nallem ist — und jedenfalls ...\"\n„Ei, ist da noch mehr?! Sie sind offenbar sehr\nwohl versehen, hier, hahaha!\" sagte Morton, ohne\nes zu wissen, und lachte ein wenig.\nEr fühlte, daß seine Wangen schneeweiß wraren,\nmerkte wie die Knie schlotterten, tief, tief unter\nihm, es war ihm einen Augenblick, als weiche die\nErde nach allen Seiten von ihm weg, als wrerde er\nplötzlich meilenhoch oben in der Luft, ohne festen\nFuß fassen zu können, mit einer tosenden Finster-\nnis um sich her . . . und da ward sein Ohr auf ein-\nmal schmerzend von einem dröhnenden Glocken-\nklang getroffen, ding dang, ding dang, eine Se-\nkunde noch war es ihm, als befinde er sich auf ein-\nmal an einem unbekannten Ort in einem erdfernen\nLande, ja, an der Pforte, die zu einem kohlschwar-\nzen und ungeheuren Garten führte, wo er nie zu-\nvor gewesen war, wo er läutete, um hineinzugelan-\ngen, sehnsuchtsvoll an dem Gitter rüttelte, um hin-\neinzugelangen, um Sie zu sehen, um mit ihr für\nimmer zusammen zu sein, ohne sie je wieder ver-\nlieren zu können, ding, ding ding, ding dang . . .\naber da erkannte er auf einmal den Ton der Aus-\ngangsglocke, es war spät, der Schweiß troff ihm\nvon der Stirn, er war todmüde, in einer Viertel-\nstunde sollte die Friedhofspforte geschlossen wer-\nden, ja, ja, nach Hause, fort von hier, was sollte er\nhier auch — und was war das für ein wildfremder\nMann, der dastand und unaufhörlich dicht neben\nseinem Ohr redete?\nEr sah sich einen Augenblick verwirrt grübelnd\num.\nNickte dann unwillkürlich und erkannte die\nStimme des Alten, noch ohne seine Worte ver-\nstehen zu können.\nBegann nervös nach einem Vorwand zu suchen,\num fort zu kommen — unterschied von neuem\ndas Läuten da drüben, hinter sich —:\n„Hailoh,\" — sagte er dann, sich auf einmal rät-\nselhaft licht und leicht fühlend — „entschuldigen\nSie, daß ich Sie hier unterbreche: aber ich höre,\ndaß schon ausgeläutet wird! Nehmen Sie es mir\nnicht übel, daß ich gehe!\nHaben Sie Dank für ihre Mitteilungen — Sie\nhaben mir mehr Freude damit bereitet, als Sie\ntihnen!\nAuf Wiedersehen!\" — Er lüftete seinen Hut,\nnickte mit einem Lächeln, warf den kalten Zigaret-\ntenstummel weg, drehte sich um und ging. —\nWährenddessen hatte sich die Dämmerung her-\nabgesenkt.\nIn weiter Ferne standen die Bäume kohl-\nschwarz gegen den hellen Himmel.\nEine zwitschernde Schar von Vögeln fuhr in die\nHöhe, ganz in der Nähe rechts von ihm.\nEr fühlte sein Herz auf einmal sonderbar er-\nfüllt von Dankbarkeit frei, — wandte deswegen den\nKopf über der Schulter um und nickte dem Mann\nnoch einmal zu, der dort stand, kreideweiß mitten\nin all dem Grünen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c005", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "164", "page_fin": "164", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.5", "titre_corps": "Contrastes", "titre_sommaire": "Contrastes", "signature_source": "Blaise Ceodrars", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.4", "debut_caractere": 3287, "fin_caractere_exclue": 4865, "texte": "Contrastes\nBlaise Ceodrars\nLes ienetres de ma poesie som grandouvertes\nsur les Boulevards et dans ses vitrines\nBrillent\nLes pierreries de la lumiere\nEcoute les violons des limousines et les xylo-\nphones des linotypes\nLe pochettr se lave dans I'essnie-main du ciel\nTont est taches de coideur\nEt les chäpeaux des femmes qui passent sont des\ncometes dans l'ineendie du soir.\n*\nL'unite\nII n'y a plus d'unite\nToutes les horloges marquent maintenant 24 h.\napres avoir ete retard£es de dix minutes\nII n'y a plus de teinps.\nII n'y a plus d'argent.\nA la Chambre\nOn gäche les elements merveilleux de la matiere\nPremiere.\n4c\nChez le bistro\nLes ouvriers eil blouse bleue boivent du vln rouge\nTous les samedis poule au gibier\nOn joue\nOn parie\nDe temps en temps un bandit passe en automobile\nOu un enfant joue avec TArc de Triomphe\nJe conseille ä Mr. Cochon de loger ces proteges\nä la Tour Eiffel.\n*\nAujourd'hui\nChangement de proprietaire\nLe Saint Esprit se detaille chez les plus petits\nboutiquiers\nJe lis avec ravissement les bandes de calicot\nDe coquelicot\nII n'y a que les pierres ponces de la Sorbonne\nqui ne sont jamais fleuries\nL'enseigne de la Samaritaine laboure par contre\nla Seine\nEt du cöte de Saint Severin\nJ'entends\nLes sonnettes acharnees des tramways.\n*\nII pleut des globes electriques\nMontrouge Gare de l'Est Metro Nord-Sud ba-\nteaux-mouches monde\nTout est halo\nProfondeur\nRue de Bucy on crie l'lntransigeant et Paris-Sport\nL'aerodrome du ciel est maintenant, ejnbras£, un\ntableau de Cimabue\nQuand par devant\nLes hommes sont\nLongs\nNoirs\nTristes\nEt fument, cheminees d'usines."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c006", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "164", "page_fin": "167", "image_debut": 4, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.6", "titre_corps": "Die Sehwermut des Genießers : Roman", "titre_sommaire": "Die Sehwermut des Genießers : Roman", "signature_source": "Artur Babillotte", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.4", "debut_caractere": 4867, "fin_caractere_exclue": 8344, "texte": "Die Sehwermut des\nGenießers\nRoman\nArtur Babillotte\nMein lieber Johannes! Vor etwa fünf Monaten\nbatest du mich, ich möchte dir auf deinen Brief\nnicht antworten. Jeder geschriebene Einfluß wäre\ndie reine Pein. Jetzt, nach soiariger Zeit, glaube\nich, dich nicht zu betrüben, wenn ich dir einige\nZeilen zugehen lasse. Es drängt mich, dir die Er-\nfüllung aller deiner künstlerischen Träume, besser\ngesagt, deines Einen großen Traumes zu wün-\nschen. Zufällig las ich. gestern in der Zeitung, daß\ndein Werk in Leipzig einen bedeutenden Erfolg\nerrungen hat. Ich hätte nicht geglaubt, daß die\nMenschen dir so willig entgegenkommen würden.\nIch weiß, wie schwerfällig und bequem die meisten\nMenschen sind. Du wirst erkannt haben, daß\nsie dies nicht im vollen Verständnis deiner Kunst\ntaten —, sie hat das Neuartige deines Werkes ge-\nwonnen.\nDu erinnerst mich in deinem Briefe an die\nKleinstadt, in der wir einmal einige Monate zusam-\nmen verlebten. Ich ärgerte mich oft über dich, weil\ndu verschlossen, abgekehrt, oft sogar grillig warst.\nDas kannte ich nicht an dir. Hättest du ein ein-\nziges Wort davon gesagt, daß du dich mit dem\nPlan eines großen Werkes trägst —: Aber dazu\nwarst du wohl zu stolz.\nStolz . . . schon in deiner Kindheit war er deine\nStärke. Du warst nicht beliebt — ich rede offen,\ndie Knaben, in denen nichts Außergewöhnliches\nsteckte, mieden dich. Ich glaube, du wußtest gar\nnichts davon. So anders warst du.\nViele werden sich wundern, wenn du eines\nTages ein Großer im Reich der Musik sein wirst.\nHier wirst du leise lächeln. Denn dir ist alles Mu-\nsik, das Sausen ungebärdiger Nachtstürme und\ndas ängstliche Winseln eines getretenen Tieres.\nIm Vergleich zu dir bin ich ein unmusikalischer\nMensch. Ich empfinde diese Musik nur, wenn ich\nsie höre. Sobald sie verstummt, hört mein Genie-\nßen auf. Ich bin nun hier in Amerika. In weiten\nRitten hab ich seine Prärien und Gebirge durch-\nstreift; ganze Nächte lang lag ich ausgestreckt im\nGras und starrte in den Himmel Alle diese Er-\nlebnisse haben keine musikalischen Empfindungen\nin mir ausgelöst. Ich bin nicht fein genug orga-\nnisiert. An mich hat die Natur zuviel Rohstoff ver-\nschwendet, darüber ist die Seele als Empfangs-\napparat zu kurz gekommen.\nWie ist es möglich, daß ich dir — dies fühle ich\naus deinem letzten Brief heraus —der teuerste\nFreund sein kann, den du besitzest? Ich gönne dir\neinen Menschen, der sich ganz in dich und deine\nWelt einleben kann. Dieser Mensch kann ich nicht\nsein. Dies wird dich schmerzen, aber ich glaube,\nes ist edier und besser, wenn zwischen zwei Men-\nschen alles klar ist. Ganz in dir aufgeken kann\nich nicht; dazu sind wir zu wesensungleich. Aber\nmit Ehrfurcht deinem Schaffen folgen, dies kann\nich und will ich immer tun. Deine Briefe zeige»\nmir, daß wir beide wenigstens in etwas dieselben\nGlücklichen und zugleich Unglücklichen sind: In\nder ewigen Ruhelosigkeit. Während deine Seele\nvon Erlebnis zu Erlebnis gehetzt wird, muß mein\nLeib von Land zu Land wandern, unbefriedigt ia\njedem, und doch sich immer zurücksehnend.\n. . . Dein Werk hat gesiegt Um dich mit den\nMenschen einzulassen, dazu bist du viel zu\nempfindlich, zu stolz und zu begabt. Und dies ist\nam besten für deine künstlerische Entwicklung.\nNoch einmal: Verzeih, wenn ich mit meinen\nZeilen deine Ruhe störte, und kommt dich einmal\nein Entsetzen über die Ruhelosigkeit deiner Seele\nan, dann erinnere dich meiner und denke, daß\nmich, den Schwachen, diese Ruhelosigkeit oft\nebenso peinigt, wie dich, den Starken."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10212, "texte": "Seit dem Abend im Cai6 hatte der Künstler\nMia Mirana nicht wieder gesehen. In beiden hat-\nten die tiefen Erschütterungen des Kunstwerks\nnachgezittert. In majestätischen Wellen war noch\ndie große Schwermut durch ihre Gedanken ge-\nflutet, jene unendlich süße Traurigkeit wissender\nSeelen, die das Wertvollste, was sie besitzen, aus\ntiefen Augen betrachten und anbetend vergehen\nvor solcher Herrlichkeit. Während sie stumm und\nruhig einander gegenübersaßen, stiegen versun-\nkene Tage auf, übergössen mit dem Glanz des\nEntriicktseins, die nicht zu zertreten.\nIch liebe dich! sagte die Seele des Weibes, ich\nliebe dich so, daß alles, was ich beginne, Liebe,\nimmer nur Liebe ist.\nWie der Tau die Blumen, so liebe ich dich! er-\nwiderte die Seele des Mannes. Du bist so schön\nund klar, daß ich in dir vergehe.\nIch nehme dich auf, sagte die Seele des Wei-\nbes, und werde du. Ich habe keine Grenzen und\nkeine Nöte. Ich bin du und ich, und bin unendlich.\nWir fliegen durch alle Welten, erwiderte die\nSeele des Mannes. Nichts ist uns verschlossen.\nUnser Rausch ist ewig und ohne Ermattung . . .\nUnter diesem Zwiegespräch aber wurden ihre\nMienen schlaff und unzufrieden, schmale Furchen\ngruben sich in ihre Mundwinkel. Nebeneinander\nschritten sie durch die Straßen, ließen die andern\nhinter sich, sprachen gleichgültige Worte und\nwußten nicht, daß bei den andern hinter ihnen ein\nWeib war, brennend in eifersüchtigen Qualen.\nMechanisch setzten sie die Füße, sähen nicht die\nMenschen, die an ihnen vorüberhasteten. Hörten\nnicht die mannigfachen Geräusche der großen\nStadt, die wie ängstlich mit den Flügeln schlagende\nVögel über sie hinwegflatterten. Sie hörten nur\ndie Worte, die ihre Seelen zueinander sprachen.\nSie waren sehr glücklich.\n*\nAls Johannes an diesen letzten Januarabend\nzurückdachte, rieselte ihm ein feiner Schmerz zum\nHerzen. Da war ein Ton, der sich nicht rein und\nklar in das Hohelied dieser Liebe fügte. Da war\nirgendwo ein scheues Wimmern in der Seeie des\nWeibes.\nIch liebe dich! sagte die Seele des Weibes.\nHier zitterte eine Sehnsucht, die in neuer Glut\nhervorbrach.\nDer Künstler starrte in den trüben Nachmittag,\nder vor den Fenstern des hohen Zimmers stand,\nwie ein Bettler, traurig in seinem Elend und ab-\nstoßend in seiner anmaßenden Nacktheit.\nLeuchtend erstand vor ihm wieder die Wüste.\nSie war ihm erschienen, damals, als er sein erstes\nWerk vollendet hatte. Sie war ihm erschienen und\nhatte ein neues Werk in ihm aufdämmern lassen.\nEr hatte in der Wollust dieses Empfangens ge-\nschwelgt, war versunken in der Schwermut dieses\nunendlich süßen Genusses. Er hatte die Kraft des\nschöpferischen Gottes in sich gefühlt und im Tau-\nmel dieser Verzückung ein Weib angebetet. Hand\nin Hand schritt er mit dem schönen Weib den\nBerg hinab; die Nacht sank schwer und behäbig.\nAlle Glut des Tages erkaltete, erstarrte. Und die\nStimme des Weibes ging durch die Nacht, lieblich\nund betörend. „Wie ich dich liebe!\" Er lauschte dem\nRhythmus dieser Worte, dankbar, und schritt Seite\nan Seite mit dem Weib in das Tal. Und die Stimme\ndes Arbeiters schlich in sein Ohr ... ein Stadt-\nschicksal wuchs vor ihm auf und reckte tausend\nstarke Arme nach ihm und zog ihn zu sich herab.\nDie Schönheit des Weibes und die Stimme des\nArbeiters, die umstrickten ihn und führten ihn aus\nder Höhe seiner Einsamkeit in die Enge ihrer\nTagesherrlichkeit. Er erkannte, daß alle Kraft in\nihm selber lag, ihm die Gnade eines neuen\nWerkes auch geworden wäre, wenn er nicht an-\nbetend zu Füßen der Weibesschönheit gelegen,\nwenn er nicht mitleidig den Aengsten und Schmer-\nzen des Arbeiters gelauscht, nicht hilfsbereit sich\nder schrecklichen Eintönigkeit des Stadtschicksals\nergeben hätte. In dieser Stunde erkannte er die\nHoheit des mitleidlosen Schöpfertums. Und zwi-\nschen alle die bedrängenden Bilder schob sich die\ngroße Gebärde Zarathustras, des verruchten Hei-\nligen:\n„Merket aber auch dies Wort: alle große Liebe\nist noch über allem Mitleiden: denn sie will das\nGeliebte nachschaffen!\n„Mich selber bringe ich meiner Liebe dar, und\nmeinen Nächsten gleich mir' — so geht die Rede\nallen Schaffenden.\n„Alle Schaffenden aber sind hart.\"\nIn der Gnade des sinkenden Wintertages er-\nkannte er auch dies. Und er ging hinüber zu Eva.\nSie saß in einen Sessel vergraben, und machte\nmanchmal im Halbschlaf ängstliche Bewegungen.\nSie hörte seinen Schritt. Verwirrt sah sie ihm ent-\ngegen.\n„Du bist nicht mit mir zufrieden. Du hast in\nden letzten Tagen viel gelitten; seit jenem Abend.\"\n„Du liebst sie noch!\" sagte sie in leidenschaft-\nlicher Erregung.\nEr lächelte ein unendlich gütiges Lächeln.\n„Laß uns darüber reden. Es ist besser, wenn\nKlarheit zwischen uns herrscht. Erinnerst du dich\ndes Nachmittags, an dem wir auf der Veranda des\nWaldhauses saßen . . .? Ich betete dich an, ich sah\nin dir die Erweckerin meiner kühnen Träume.\"\n„Damals liebetest du mich!\" schluchzte sie auf.\nEr streichelte ihre Wangen. Seine Hände\nwaren weich und zärtlich wie Mutterhände. Er\nempfand die süße Freude einer unendlichen\nSchwermut. Er hätte weinen mögen über diesen\nschlichten Menschen. Aber er fühlte den Rhythmus\neiner versöhnenden Hoffnung in sich, er ahnte die\nSeligkeit der großen Stille, der er und die Frauen,\ndie ihn liebten, entgegenschritten. Er hatte wieder\nsich selbst gefunden und fühlte die Macht, die er\nbesaß. Seine Stimme ging halblaut, fast zärtlich\ndurch den Raum.\nDamals liebte ich dich. Deine Schönheit, deinen\nschlanken Gang, deine sanften Hände, die stille\nLieblichkeit deiner Stimme. Und so liebe ich dich\nheute noch. Glaube nicht, daß es anders gewor-\nden ist. An jenem Augusttag habe ich eine Sünde\nbegangen. Ich berauschte mich an mir selbst. Ich\nwar Schöpfer, Anbeter vor einer Macht, die ge-\nwaltiger war als ich und mir von ihrem Reichtum\ngab. Du warst bei mir, ich atmete den Duft deines\nreichen Haares . . . Ich sah deine Schönheit.\nWar ich nicht ein Gott, daß sich mir die Schönheit\neines neuen Werkes und die Schönheit eines Wei-\nbes darbet? Dies war meine Sünde, daß ich die\nSchlichtheit des Lebens vergaß. Du warst mir\nnicht das fröhliche harmlose Mädchen, du wurdest\nzu einem Weib, dessen Seele in demselben Rhyth-\nmus tönte wie meine Seele, dessen Wünsche die-\nselben waren wie meine, dessen Freude klar und\nstark war, wie meine. In jenen Augenblicken\nwähnte ich, deine Seele habe mich berauscht. Und\nals sich mir deine Glieder entgegendrängten,\nglaubte ich, du seist die Kraft, die mich so hoch\nemportrug ... Er schwieg. Ein schweres Schwei-\ngen sank herab. Eva schluchzte leise in sich hin-\nein. Das Schweigen tastete sich über die Möbel\nhin, in alle .Winkel hinein. Es war ein wunder-\nbares Schweigen. Angefüllt mit den erlesensten\nKostbarkeiten; lächelnde Gesichter bildeten sich\nin ihm und fügten zu der toten Schönheit eine\nlebendige. Edle Gebärden wuchsen in dieses\nSchweigen herein; das ruhige Winken ferner Men-\nschen; die Herrschergebärdeii großer Töter.\nIrgendwo tickte leise eine Uhr. Sie war der Puls-\nschlag des Schweigens. Sie tickte ruhig und vor-\nnehm. Das Schluchzen der Frau war erstorben ...\nDie große Stille sog alles ein und herrschte.\nIn dieser Stille ahnte Johannes die Wiederkunft\nder reinen blauen Abende. Der Künstler versank\nin die Süße dieses Schweigens, kostete die ganze\nNot dieser anklagenden Stunde aus. Das erste\nWerk lebte wieder in ihr; die Mutter war lebendig\ngeworden, er sah in einer hohen Zukunft die süßen\nErlebnisse der blauen Abende, sah die Mutter wie-\nder am Flügel im großen Musiksaal sitzen, letzt\nFleisch und Blut, nicht mehr eine in Liebe erschaf-\nfene Erscheinung.\nZum zweitenmale hatte ihn ein Weib gerettet.\nDieselbe Hand, die ihn aus dem Taumel leerer\nGroßstadttage emporhob, sie hatte ihm sein Werk\nwiedergeschenkt, indem sie ihm seine Schönheit\nzeigte.\nJetzt war er gefestigt; endlose Monate Qualvol-\nler Wanderung hatten ihn geläutert, sodaß er sei-\nner Bestimmung nie mehr untreu werden konnte.\nDie erhabene Wüste belebte sich ihm abermals\nmit Wesen, die sie aus sich selbst gebar. Denn\ndie Not der Menschen, durch die er geschritten\nwar, hate seine Liebe vertieft und ihn die mitleid-\nlose Liebe des Wissenden, des Schöpfers gelehrt.\nJetzt war er grausam in seiner unendlichen Liebe,\nhart in seiner Sehnsucht. Jetzt hatte er den Mut,\nan allen vorbeizugehen und sie nicht zu erblicken,\nsie zu verachten und doch um jeden Schlag ihrer\nHerzen zu bangen.\nUeber das große Schweigen brach plötzlich das\nverzweifelte Aufschluchzen Evas herein. Alle\nAngst, aller Gram, aller zornige Schmerz, der\nletzten Tage brauste in mächtigem Strahl hervor.\nJetzt ahnte sie mit dem Scharfblick egoistischer\nLiebe, daß sie zu unbedeutend sei, um dem Manne\nalles zu geben.\nWild schlug ihr Schluchzen durch den Raum.\n„Warum hast du mir dies getan, Johannes?\"\nweinte sie. „Einmal erzähltest du mir von Mia\nMirana ... O, wie liebte ich dich, als ich dich so\nfröhlich sah! Daß du sie geliebt und mit ihr zu-\nsammen gelebt hast. . . und während du dich freu-\ntest, daß du mir von dieser Liebe erzählen konn-\ntest, litt ich.\nSie schlug die Hände vor die Augen und weinte.\nAber die Seele des Künstlers lächelte. Sanft und\nruhig streichelte er die Wangen der verstörte*\nFrau und sagte ihr tröstende Worte:\n„Warum weinst du? Warum weinst du nur?\nIch liebe dich noch, wie ich dich damals liebte.\nIch liebe dich, weil du schön und reif bist, und ich\nliebe deine Stimme und deine Hände . . . Sie sind\ndie Schalen, aus denen deine Seele strömt. Ich liebe\ndeine zarten weißen Hände, sie sänftigen, wenn sie\nüber meine Stirn streifen . . .\"\nUnendlich gütig war seine Stimme, die Stimme\neiner Mutter, deren Kind sich grämt um eine kleine\nNot.\nSchwer sank ihr Kopf auf die Lehne des Sessels.\nDa erzählte Johannes von seiner Erlösung.\nLangsam und klar. Die Ehrfurcht des Kindes vor\nder Heiligkeit der Mutter lag darüber.\n„Du törichtes Kind. Ich liebe alles. Und muß\nallem wohltun, weil ich es liebe. So groß ist\nmeine Liebe, daß sie schrecklich wird. Schlicht\nund klar ist deine Seele, ohne Wogen und ohne\nAbgründe. Ich liebe Mia nicht so, wie du glaubst.\nSie ist mir ehrwürdig geworden. Gewaltig war\nihre Liebe. Denn sie wußte nicht einmal, daß sie\nmich rettete. Dies ist Mutterliebe. Sie gibt und\nweiß nicht, daß sie gibt, und ist so reich, daß sie\nin alle Ewigkeit nicht erkennt, wie viel sie gab..."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10075, "texte": "So liebe ich Mia Mirana: als Mutter, die mich aus\nNot und Tiefe emporgezogen, dfe mich mit selber\nwiedergegeben, die die alte Freude und die alte\nKraft in mir geweckt hat.\"\n„Ich muß an deine Stimme denken,\" sagte die\njunge Frau. „Als ich ausgestreckt im Sessel lag,\nund du vor mir standest und mir, ja, ich glaube,\ndu erzählest mir von den Griechen . . ~ und da\nsagtest du, es sei herrlich, einer schönen Stimme\nzu lauschen. Wie glücklich war ich damals, Johan-\nnes!\"\n„Auch jetzt bist du glücklich, komm, schließe\ndie Augen und falte die Hände, du sollst meiner\nStimme lauschen.\"\nAber sie schluchzte.\n„... Ich will dir alles sagen. .. . Wie süß war\ndie erste Nacht, die wir zusammen waren! Wie\ntempelstill war das Zimmer!\"\nEr hatte sein Haupt in ihren Schoß gelegt und\numschlang mit den Armen ihre Knie. Ihre Schmer-\nzen flössen ruhiger dahin. Ihre Glieder lösten sich.\nUnd Johannes riß sie mit sich hinein in die Erinne-\nrung an die süße erste Nacht.\n„Wir sehnten uns der Vereinigung entgegen,\nder heiligen, die das schaffende Leben von Mann\nund Weib fordert. Nichts Häßliches war in unse-\nrer Sehnsucht ... du warst ehrwürdig in deiner\nSehnsucht. Dein Leib ist schön, Eva . . .\"\nDie junge Frau begann unter der Macht seiner\nWorte zu zittern. Alle Tage des vergangenen Le-\nbens überdachte sie und fand, daß es gut gewesen\nsei. Ihr .Schmerz zerrann; ihr ungestümes Ver-\nlangen nach einem Glück in Ruhe und Frieden\nsiegte.\n„Liebst du mich wirklich noch, Johannes?\"\nfragte sie mit scheuer Stimme und streichelte seine\nHaare.\nEr aber hörte ihr Fragen nicht. Er versank in\nder Fülle leuchtender Bilder, die ihn lockten. Er\nblieb das glaubende Kind das aus treuen Augen\nblickt und ihm ein Großes sieht. Wieder ver-\nklärte er das Weib, das er einst als Geliebte ver-\nklärt hatte.\n„Ja, Kind, dein Leib ist heilig . . . der Leib eines\njeden Weibes heilig. Ich liebe dich, weil du\nschön bist. Auch du bist Musik. Alles Reden und\nSchweigen, Bewegung und Stillstand, Mord und\nBefruchtung — Du bist berufen, ein Leben zu ge-\nbären. Du sollst meine Stirn mit deinen feinen Hän-\nden kühlen, du sollst mir sanfte Worte sagen, wenn\nein Aufruhr in mir gärt ... und mich selbst sollst du\ngebären, wenn die Stunde da ist. Wie reich du\nvbist!\"\nWieder erlag er ihrer Nähe. Jetzt aber war er\nklar und kannte die Grenzen, die ihr errichtet\nwaren.\nUnd seine Freude floß hinüber in die junge\nFrau, die schlicht und klar war und keine Ver-\nwandlungen kannte. An diese Freude klammerte\nsie sich. Sie wurde ihrem Gram entrissen und\nemporgetragen, daß sie ihr künftiges Leben\nschaute. Sie entbrannte an den Worten des Man-\nnes. Der Geliebte liebte sie, und so war alles gut.\nUnd so war sie sein Weib und genoß mit ihm die\nFreuden des Lebens auf ihre Art. So ging sie der\nErfüllung entgegen: dem Geliebten einen Sohn zu\ngebären.\n„Ich liebe Mia wie ein Kind. Die Schön-\nheit ihrer Seele strahlt durch die Schönheit\nihres Leibes aus . . . Mia Mirana ist ein Weib, das\nnie ein Kind gebären soll . . . Mia Mirana hat eine\nfruchtbare Seele. Alles tönt um mich . . . Was\nlange geschlafen hat, ist nun wieder wach ge-\nworden. Mia Mirana hat mich zweimal gerettet..\"\nSie streichelte seinen Kopf,\n„Du sollst nur immer mich lieb haben, Johan-\nnes!\" bat sie.\nSo glücklich war dieser seltsame Mensch, daß\ner nie unglücklich zu sein vermochte. Alle Verwand-\nlungen seiner Seele, alle zerreißenden Schmer-\nzen seines begehrenden Geistes, alle grauen Stun-\nden eines müden Verzagens, alles Schreien seines\ngeängstigten Künstlertums konnten ihn nicht zer-\ntrümmern. Immer wuchs er: je schrecklicher sein\nLeid war, umso selbstherrlicher loderte sein Hoch-\nmut empor.\nEr lag auf den Knien vor dem Weib; er fühlte das\nRauschen ihres Blutes. Jetzt war seine Liebe zu\ndieser schlichten Frau klar und ruhig. Er horchte\nverträumt in das große Schweigen. Das große\nSchweigen klang in tausend lautlosen Tönen. Jetzt\nwußte er, daß er die blauen Abende der Kindheit\nwieder erleben würde. So versank er in einen\nweichen Halbschlaf, ausgesöhnt, zitternd in der\nFreude künftiger Taten, ausgefüllt mit der süßen\nSchwermut des Genießers und in all seinem Egois-\nmus ein Kind.\n*\nDie Dämmerung begann. Johannes schlenderte\ndurch die Straßen der Stadt und blickte allen Men-\nschen mit der Freude dessen, der Frieden fand, in\ndie Augen. Er sah viele bekannte Gesichter. Er\nwußte, daß er keinen Menschen in der Stadt\nkannte, aber viele trugen die Züge seiner Freunde.\nDiese Empfindung ängstigte ihn. Und ihn entsetzte\ndas Licht der Schaufenster, das unsicher in die\nDämmerung blinzelte, der vieltönige Lärm der\nStraßen griff mit unzähligen kalten Fingern nach\nihm. Er war empfindlicher als je; die heroische\nSchwermut der vergangenen Stunde flutete noch\ndurch seine Seele, die Liebe Evas erleuchtete ihn,\ndie Dämmerung weckte Erwartungen In ihm. Er\nging und litt die tiefsten Schmerzen seines Lebens,\nobwohl er wußte, daß er der heiligsten Freude ent-\ngegenging. Er versuchte, nur an die Dämmerung\nzu denken, an eine schmeichelnde, blaue Dämme-\nrung; er versuchte, alle Gesichter, alle Dinge mit\nden Augen des Kindes zu betrachten, um sich über\nsie zu erheben. Es gelang ihm nicht; es gelang ihm\nnichts, was er versuchte. Er war seiner Angst\nhilflos preisgegeben. Breit und unversöhnlich trat\nihm das Stadtschicksal in den Weg. Es sprach:\n„Da du edel sein wolltest, vermochtest du es\nnicht. Da du dich liebevoll in mich versenken\nwolltest, erfaßte dich plötzlich der Uebermut und\nriß dich zurück. Klein und schwächlich ist mein\n-eben; langsam und träge. Ich sehne mich nach\nEntfaltung und Buntheit und fröhlichem Gelächter.\nReiche, mächtige Menschen wohnen in meinen\nStraßen, ihre Macht greift hinein in das ganze\nLand, aus dem ganzen Land strömt das Leben zu\nihnen hin. Aber sie verschmelzen sich nicht mit\ndem Land, sie umpanzern sich mit der Enge ihrer\nGedanken, halten alles Fremde von sich fern in\nkleinem Hochmut. Warum bliebst du dem starken\nWillen nicht treu, der dich in jener hohen Sommer-\nnacht zu mir hinzwang, in meinen Mauern zu wir-\nken, meine Menschen aufzurütteln und ihnen die\nFreude eines weiten hellen Lebens zu geben?\"\nEr hörte die Stimme Rankmanns, des lebhaften\nKämpfers für seine Kunst. Sie drang scharf auf ihn\nein. Sie zerriß alle Einwendungen mit einem pol-\nternden Gelächter.\n„Sie gehören zu uns ... Sie haben mir die\nHand darauf gegeben. Daß wir zusammen aus dem\nNest was machen wollen! Sie dürfen nicht ab-\nfallen, das wäre Verrat. Sie müssen sich bei uns\nerst mal eingelebt haben . . . Anfangs ist das un-\nbequem. Aber wenn man täglich diesen stillen\nKampf mit dem plattesten Alltag kämpfen muß,\nmacht einem die Sache allmählich Spaß, kau* ick\nIhnen sagen . .\nEr hörte che Eltern seines Weibes. Sie erzähltem\nvon dem Glück, wenn er sein Auskommen habe,\nvon der Häuslichkeit; von der unbewegten StiHe\neiner kleinen Stadt. Er ging wie ein Träumender\nund wußte nicht, wo er sich befand. Und als seine\nQualen sich unbarmherzig mehrten, als alle Hilfe\nversagte, stürzte sich seine Seele auf den Namen\ndes Weibes, das er einst liebte mit der Glut seiner\nJugend. Mia! Mia! Ich komme, öffne mir die wei-\nten Säle deiner Liebe! Segne mich, Mutter! Mach\nmich wieder zum Kind. Meine blaue Stunde ist\nunrein geworden. Viele Tage lang vergaß ich\nsie, unbesonnen suchte ich andere Verzückungen\nund konnte sie doch nicht finden. Jetzt aber kehre\nich zurück zu dir, der verlorene Sohn.\nJetzt wurden seine Schritte straff und ge-\nwandt. Jetzt klang die schwermütige Melodie\nheiliger Stunden in ihm. Er hatte ein Ziel. Jetzt\nachtete er auf die Straßen, durch die er ging, und\nsuchte den kürzesten Weg zu seiner Freude. Der\nLärm blieb hinter ihm . . . Das große Schweigen\nbereitete sich vor. Die vornehmen Häuser eines\nstillen Viertels schoben sich zwischen ihn und die\nlaute Stadt. Und ganz am Ende dieser Straße\nwuchs eine Waldmasse in den grauen Duft. Töne\nerklangen in ihm und vereinigten sich zu einem\neinfachen Lied. Es war schlicht wie die Wüste,\naber mit gefährlichen Herrlichkeiten. Und Johannes\nnahm es hin als Auftakt zu einem neuen Werk. Als\nnehme dieses Lied Gestalt an und reiche ihm die\nHand, eine weiche kleine Hand, und führte ihn\nlangsam und fröhlich in eine goldene Kinderwelt.\nUnd wieder wurde ihm die Stunde der Dämme-\nrung zu der heiligsten des Tages. Alle Feuer der\nLeidenschaft brannten in ihr, alle süße Grausam-\nkeit verratener Liebe, alle roten Wunden schreck-\nlicher Kriege blühten in ihr wie schwermütige\nBlumen; ihr Duft war herb und weich, er strei-\nchelte mit Kinderfingern, der jammervollste Schrei\nzerrissener Herzen wurde in Schwermut getaucht\nund strahlte wie ein ruhiges Licht in einer großen\nStille. Scharf und stolz standen die Häuser am\nEnde der Straße gegen den Himmel . . . Und der\nDuft der Dämmerung erhob sich, breitete sich aus,,\nein Fächer, und zerfloß in Unendlichkeit. Alie\nFarben klangen zusammen, alle grellen Töne er-\nstarben in dem großen liebenden Allumfassen die-\nser Stunde. Weit drüben stob das friedlose Leben\nvorbei.\nJohannes schritt in Verzückung dem ferne»\nHorizont entgegen. Seine Seele klang und trug\nalle Herrlichkeit in sich. Er fühlte, wie er von\nSchritt zu Schritt reiner und würdiger wurde, seine\nKindheit wieder zu empfangen. Er fühlte, wie\nalle Schuld ihn verließ; und er wußte, daß alles\nHäßliche, alles Unreine nie in das Innere seiner\nSeele eingedrungen war. Stets war er der\nSuchende geblieben.\nEr sah wieder die Wüste. Sie war wie ein.\nRiese, der auf breiten Füßen einherkommt, mit\nbreiten Gebärden alles an sich reißt. Ein finsteres\nLächeln dunkelt in seinen tiefen Augen, und nur\nder weiß die Süße dieses Lächelns zu deuten, der\nsich ganz in ihn hineingeliebt und gelacht und ge-\nschluchzt hat. Alle Kraft der kommenden Tage\nbot sie ihm dar, sie war seine Zuflucht, das Reich\nder Reinheit, in das er sich retten konnte . . . Und\njetzt verstand er auch den Wunsch, der am hohen\nMittag jenes Augusttages in ihm aufgesprungen\nwar: O, daß ich blind wäre! Jetzt stand er vor\ndem Tor, das sich vor ihm öffnen sollte, um ihm\nden Weg freizugeben zu dieser Seligkeit. Hinter\nihm lag alles Bunte, alles Glänzende, alles Be-\ntörende. Seine Augen waren müde geworden"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2360, "texte": "vom Schauen; er hatte sie geschlossen und, da er\nsie wieder öffnete, waren sie erblindet; jetzt staun-\nten sie alle Herrlichkeiten seiner innern Welt an und\nwaren rein und hell und groß wie Kinderaugen.\nDer Hochmut war die Kraft, die alles in ihm schuf\n—: er war die Toteninsel und die Wüste, war der\nIrrweg, war Anfang und Ende seines Schöpfer-\ntums. Aber auch er hatte seinen Ursprung — dies\nerkannte der Künstler. Er entsproß der unendlichen\nSchwermut, die seine Qenießernatur vertiefte und\nveredelte.\n... In dieser Erkenntnis stieg er die Stufen zur\nWohnung Mias hinan. Er fieberte dieser Stunde\nentgegen. Er wußte, daß jetzt seine Kinderträume\nWahrheit wurden; er wußte, daß jetzt die Mutter\nvor ihm sitzen würde in der weichen Dämmerung\neines großen Saales. Er sah den alten Ebenholz-\nflügel; sah die weitoffenen Fenster und hörte\ndraußen die verhallende Unruhe des Lebens. Und\nals er eingelassen wurde, schlug ihm der weiche,\nseitsame Duft eines Zimmers entgegen, durch das\nviele Schicksale gewandelt waren.\nEr hörte milde Töne aus einem Zimmer. Die\nZeit, da er gläubig und schlicht gewesen war,\nnahm ihn wieder auf. Nach Monaten der Ruhe-\nlosigkeit, der suchenden Qual, des trostlosen\nIrrens glaubte er wieder. Weich lag die Dämme-\nrung in dem großen Zimmer. Ihm war, als müsse\ner zu dem alten Flügel eilen, müsse den Ebenholz-\ndeckel öffnen und dann die Mutter an beiden Hän-\nden durch das große Zimmer zu dem Instrument\ngeleiten. Jetzt spielt die Mutter schon; ihre alten\nschwermütigen Weisen. Ihre weißen feinen Hände\nschwebten in aristokratisch ruhiger Bewegung\nüber die Tasten, ihr weicher Mund lächelte in\nseliger Müdigkeit, ihre Brust atmete langsam und\nruhig. Er war wieder Kind, glaubendes Kind.\nJetzt erlebte er die blaue Stunde wieder. In wun-\nderbarer Reinheit lag sie um ihn her gebreitet,\numschmeichelte ihn, nahm ihn ganz in sich auf.\nAlle Not war zuende, alle Häuslichkeit zerweht,\nhoch und fröhlich blühte sein allliebender Egois-\nmus. Das leise Sausen tiefer Wälder kam in das\nZimmer herein, alle Nähen und alle Fernen ver-\neinigten sich und hoben zu tönen an: Und er wußte\nwieder, daß alles Musik ist, daß er selbst nur Mu-\nsik war . . . Er ist wieder Kind und doch zugleich\nwissender als alle Grübler und Weisen.\nDie zarte Frau am Flügel spielte.\nUeberwältigt sank er in die Knie und schluchzte\nin seliger Schwermut.\nEnde des Romans"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c007", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "167", "page_fin": "167", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.7", "titre_corps": "Lettre Ouverte au Sturm", "titre_sommaire": "Lettre Ouverte au Sturm", "signature_source": "r delaunay", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.7", "debut_caractere": 2362, "fin_caractere_exclue": 5735, "texte": "Lettre Ouverte au Sturm\nr delaunay\n17 decembre 13\nMon eher Waiden!\nQuant ä ecrire comme vous me le proposez\nen reponse aux theories subversives dans le\nSturm 2me cahier de decembre je trouve cela en\ndehors de mon art. J'ai un parfait mepris pour\nces sortes de querelles sur les mots et cet article\nest trop puerilement arrange.\nSi on le compare au texte d'Apollinaire dans\nles Soirees de Paris N. 18 on lit:\nDelaunay qui par son talent et insistance a\nfait sien le terme de simultane 1), qu'il a emprunte\nau vocabulaire des futuristes, merite qu'on Fap-\npelle desormais ainsi qu'il signe: „le Simultane\".\n*) ä ce propos des ecrits aux dates du 20 et 27 no-\nvembre 13 dlsent que le rnot simultane mot tres ancien\nfrangais n'a de qualite pour moi qu'en tarme de mutier\nles contrastes simultane o>u forme\nler presentation des prismes sculpture Simul-\ntane do»t il expose 3 exemples\nCheval prisme\nSoleil lune\nParisienne prisme electrique\nOiseau prisme du matin\nL'idee 2) due a l'auteur avait ete communiquee\na Delaunay Gleizes Leger Duchamp Villon Mar-\ncel Duchamp quelques mois avant l'exposition\nBoccioni. II s'agissait d'organis une exposition de\nsculpture nouvelle avant tout le monde. L'auteur\nest heureux que quelqu'un l'ait enfin compris.\nParcontre dans l'article du Sturm date Milan\n25 novembre 13 on lit:\nPöur ma sculpture aussi Guillaume Apollinaire\nconstate dans le meme article (Soirees de Paris)\nla priorite de la simultaneite sculpturale.\nNous voyons avec plaisir se propager partout\nl'influence de nos puissantes decouvertes surtout\nen France.\nNous sommes heureux de constater que notre\ngrand ami et allie Apollinaire Faudacieux poete\nd'alcools nous rend entierement justice dans sa\nbelle revue dans le N. 19 Soirees de Paris Salon\nd'automne. Suit on lit:\n„II n'y a pas en France de peintre futuriste au\nsens des manifestes publies a Milan.\nJ'en ai publie un qui n'etait pas specialement\nfuturiste exaltant differentes tentatives nouvelles et,\nen le publiant, les futuristes ont simplement mon-\ntre qu'ils tenaient a n'etre pas mis a l'ecart de\nl'effort general de modernite, qui s'est manifeste\ndans le monde entier, mais plus particulierement\nen France.\nLe futurisme n'est pas sans importance et ses\nmanifestes rediges en francais n'ont pas ete sans\ninfluence sur la terminologie qu'on emploie au-\njourd'hui parmi les peintres les plus nouveaux.\nAu point de vue artistique il est un temoignage\nde l'action exercee dans le monde entier par la\npeinture frangaise de l'impressionnisme au cu-\nbisme inclusivement.\nM»ais les futuristes n'ont trouve ici personne\npour les suivre et cette peinture du mouvement\nrapide est demeuree stationnaire oü eile est nee.\"\nLa lecture de ces citations textuelles est si\nsuggestive que je laisse la parole a ceux qui par\ndes interets que j'ignore les ont mal enterpretees.\nJe n'ai rien ä repondre. Apollinaire a demande\na Cendrars une semaine avant le Salon d'automne\nde Paris les dates des oeuvres ayant rapport\navec le Simultanisme en general pour les publier\na Paris comme elles le seront a Berlin.\nRecevez mon eher mes amitiees simultanees.\nDiese Antwort konnte aus technischen Gründen erst\nin dem vorliegenden Heft veröffentlicht werden. H. W.\n2) dans les raemes 6crits je rappelais ä Apollinaire\nnos consultations qu'il cite plus haut ä propos de ses\nidees qui n'ont rien de commun avec ma sculpture\nqu'il n'a pas encore vu."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c008", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "167", "page_fin": "167", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.8", "titre_corps": "Künstlerbekenntnisse", "titre_sommaire": "Künstlerbekenntnisse", "signature_source": "H. 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Jemand stellt sich sonst zwischen die bilden-\nden Künstler und die Beschauer. Als Dolmetsch\noder gar als kritischer Erklärer. Sprechen macht\neben Spaß. Und sobald die Herren Künstler mit\nWorten sprechen, wirkt es verständlicher, als\nwenn Farben ihm nichts sagen. Herr Stahl fragt\nalso die Maler, welche „Dichter auf ihre Kunst ein-\ngewirkt haben\" und die Dichter, „mit welchem\nMaler sie sich in ihrem Schaffen verbunden füh-\nlen.\" Nun kann man eijnen guten literarischen\nGeschmack haben, wie Herr Baluschek, der nicht\nweiß, was Malen heißt, oder einen ziemlich guten\nmalerischen Geschmack haben wie Herbert Eulen-\nberg, der hinwiederum nicht dichten kann. Und\ndieser jämmerliche Herr Georg Engel, der natur-\ngemäß auch befragt wurde, hat „in den Werken\nvon ein paar hervorragenden zeitgenössi-\nschen Malern gewissermaßen eine körper-\nliche Erlösung aus Traumgefilden gefunden.\" Die\nübrigen Zeitgenossen haben noch nie die englischen\nTraumgefilde gefunden. Körperlich erlöst haben\nihn Böcklin „dieser bunteste Phantast\", die Brust-\nwehr Liebermann und der Schutzwall Israels. An\ndiese Letzteren glaubt er. „Ich glaube, ge-\nrade diese Letzteren werden allmählich für\njüngere Poeten Brustwehr und Schutzwall abge-\nben gegen eine verschwommene dunsthafte Ro-\nmantik, die . . . kranken Marklosigkeit . . . zer-\nbrechlichen Fratzengestaltungen nicht mehr . . .\nBeziehungen zu deutschen Volkstum aufweist.\nDenn unser Volk arbeitet und ist dennoch und\ntrotz alledem gesund!\" Herr Engel hat sich hier\noffenbar verschwommen. Wie gesund müßte die-\nser ältere Poet mit Hilfe von Brustwehr und\nSchutzwall werden, wenn er das Arbeiten aufgäbe.\nFaulheit stärkt die Glieder. Solche markigen\nAeußerungen dringen selbst einem Stahl in den\nBusen und er bekennt: „So dient, was diese\nPersönlichkeiten bekennen, unzweifelhaft\ndazu, auf die eigentliche Wirkung der Kunst hin-\nzuführen und gegenüber allem doktrinären Gerede\nden Wert des Gefühles zu betonen.\" Wider den\nTakt verdolmetscht er also. 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II Neitzel\nVerlag der Weißen Bücher / Leipzig\nHerbert von Garvens-Garvensburg\nJames Ensor / Ein Hinweis mit dem vollständi-\ngen Katalog seiner radierten Werke als Anhang\nHannover / Verlag Ludwig Ey\nHandbuch der Kunstwissenschalt\nHerausgegeben von Dr. Fritz Burger / Soeben\nerschienen: Lieferung 10 und 11 Burger:\nDeutsche Malerei\nBerlin-Neubabelsberg / Akademische Ver-\nlagsgesellschaft Atfrenaion MBH"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c010", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.8", "debut_caractere": 485, "fin_caractere_exclue": 695, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nW ./ Pntsdamer StraSe 134 a\nEinundzwanzigste Aasstellung\nAugust Maeke\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonnfcags von\nII—2 Uhr\nElntritt 1 Mark } Jahreskarte 6 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c011", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.8", "debut_caractere": 697, "fin_caractere_exclue": 3100, "texte": "Verlag der Sturm\nBeiiiit W 9 Potsdamer StraBe 134*\nf'cmriif Amt Liitzow 4443\nHal bmonatssch rift der Sturm\nErscheiitt am ersten und fihrfzehnten fedes Mottats\nDauerbezug\nOewdhnlidie Ansgafee: P Ci r Deutschlaiid\nGesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Em ttalbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 60 / Einxeinummer 20 Pfennig / Doppel-\nsuminer 40 Pfennig: X P ii r das A' u s I a n d b e i\n& \\ r e k t e r Z u s t e 1 i u n g d u r c h die Post:\nSin Jahr ) francs / Ein Halblahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Kin Vierteliahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes I Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer nmsonst\nSondfcra?isgat>e: Ungebrocbene Exem-\nplar e auf h oIz f re i e m Papier, V e r -\nundnng in fcf © 11 e n d i r e k t d u r c h die\nPost fur Deutschland u n d Dester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark I\nEin H alb jahr 6 Mark X P ii r das A u s 1 a n d:\nEin Jahr 18 francs / Ein Ifalbjahr 9 francs / Von\niieser Ausgabe werden VierieljahrsbezOge, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t\nSer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zwelter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n10 Mark / Vom 1. Januar ab 20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nZiehen / Zum Einzelverkauf !iegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstSnden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband Oder in Rolle ge-\nwlinscht wird, bitten wir den B e t r a g fflr den\nDauerbezwg bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nsum ffinftendes ersten Monats e i n z u -\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daS E i n -\nz \\ e h u ng des Bet rages durch Nachnahme\nmiter Berechnung des Nachnahmeportes fe-\nwfinscht wird\nOenerafvertretimg des Verlags Eug&ne Flgtsldre /\nParis\nOriginalholzschniite / Handdrucke\nDie Gesamtaufiage ist in Klammern beigefOgt / Alle\nExemplare sind vom Kunstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\niegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stler /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde f\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechsieln: Die Erlegung des Fest-\nbratens / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kunstler mit der Hand aquarelliert /\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nKaadJnsky: Sonntag / Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c012", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.8", "debut_caractere": 3102, "fin_caractere_exclue": 4958, "texte": "Wilhetm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeitertamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 20 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neujabrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft I Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann nnd Weib / Sonnige\nStraRc / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa I\nSitzende Frau } Zwei Frauen im Raum / Portrat /\n/ Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande 1 / Vom Strande HI /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendouk: Originalbolzschnitte [Numrner 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat flir die Zeitschrift\nDer Sturm / Original! ithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: N i jin sky / Portrat Licht-\ndruck. gro8es Format / 10 Mark\nMasik\nHerwarth Walden: Dafnisiieder / Zu Q«-\ndichten von Arno Holz ! Ffir Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umber to Boccioni: Das\nLachen / L u i g i R u s s o 1 o: Erinnerung einer\nNacht / Zug in votler Fahrt / Gino Seve-\nrinl: Die Modistin / Rnhelose Tfinzcrin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Milnter / Marc Chagall /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / Qleizes usw.\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nSoeben erschienen: Kandinsky 1901—1913 j\nMonographic mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen und Text von Kandinsky\nMark 10\nIllustrierte Aussteilungskataloge\nDer blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c013", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.8", "debut_caractere": 4960, "fin_caractere_exclue": 5487, "texte": "Zeitsehriften\nLa Route / Revue de l'Effort Social / Paris / Rue\nde Vaugirard 120\nL'Effort Libre / frflher L'Effort / Monatsschrift /\nHerausgeber: Jean Richard Bloch ! Poitiers\n[Vienne]\n/ Jialbmonatsschrift / Kflnste I\nKultur I Philosophie / Politik / iahresbezug;\n15 Francs / Parte 31 rue Jacob\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrift\nParis I 41 Rue Monge\nLa Nouvelle Revue Fran<?aise / Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nMontjole / Halbmonatsschrift / Paris / Chauss€$\nd'Antin 38"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c014", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.8", "debut_caractere": 5489, "fin_caractere_exclue": 5821, "texte": "Haro / Monatsschrift / Briissel\nLes Catiiers tin Centre ; Moulins [Allier]\nLes Soirees de Paris / Recueil Mensuel illusirc /\nDirecteurs: Guillaume Apollinaire et Jean Ce-\nrusse / Paris 278 Boulevard Raspail / Jahres-\nbezug 12 francs\nUmeiecky Mesicnik / Monatsschrift ftir neue uiid\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c015", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.8", "debut_caractere": 5823, "fin_caractere_exclue": 5831, "texte": "Anzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-01-15-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-01-15_01#c016", "volume": "bmtnabg_1914-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.8", "debut_caractere": 5833, "fin_caractere_exclue": 7809, "texte": "Akadeirtie fiir moderne Skulptur in Paris / 18 Im-\npasse du Maine Monfcparnasse / Korrektur: A. Ar-\nch i p e n k o / A r b e i t e n in Stein / Studies\nder Stilarten\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama / Be-\ngriindet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge-\nwidmet der Dichtung und dem Drama der Gegen-\nwart in alien Landern / Probeheft gegen Einsen-\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n10 Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop / London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\n1 Lantern: Eine Monatssehrift / Die\namerikanische Zeitschrift des Protestes I\nOrgan der Gesellschaft Jiinger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA.\nEdinmid Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Am*\nLutzow 5850 I Spezialgeschaft fur bibliophile\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Aite iir •\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nWiecker Bote / Schriftleitung: Dr. Oskar Kanehl /\nWieck-Eldena in Pommern / Preis des jHeftes\n25 Pfennig / 4 Hefte M. 1,20 / Heft 4 soeben er-\nschienen\nVerein fiir Kimst/Leitung HerwarthWalden\n1 Zehntes Jahr / Man verlange kostenSose\nMitteilungen fiber die Neuorganisatior, uurch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nPremier livre siinultane / Blaise Cendrars /\nLa Prose du Transsiberien et de la Petite Jehanne\nde France / cGuleurs simultanees de Mme Sonia\nDelaunay-Terk / Edition unique, atteignant\nla hauteur de la Tour Eiffel (vol. 10X36 cm\n2 metres) 150 exemplaires, dont 8 sur Parche-\nm.i n ,couverture a la main, chevreau noir Prix\nnet Frs. 500— / 36 sur Japan-Imperial, cou-\nverture a la main, parchemin Prix net Frs. 100— /\n106 sur Simili-Japan, couverture a la main\nchevreau noir Prix net Frs. 50— / Tous les exem-\nplaires sont signes pas les Auteurs et numerotes a\nla presse / Edition des tiommes Nou-\nveaux, 4 rue de Savoie, 4 Paris / Pro-\nspectus gratuit"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 40 Pfennig\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungs räume\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nVIERTER JAHRGANG 1914\nBERLIN-PARIS ZWEISTES JANUARHEFT\nNUMMER 194/195\n\nInhalt:\nFriedlaender: Absolutismus / Aäge von Kohl: Der Weg durch die Nacht / Blaise Cendrars: Contrastes / Artur Babillotte: Die Schwermut des\nGenießers / Del&unsy: Lettre ouverte / H. W.: Künsderbekeontnisse / Empfohlene Bücher / Oskar Kokoschka: Kopf / Lithographie\n\nOskar Kokoschka: Kopf / Lithographie"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.2", "texte": "Absolutismus\nDr. Friedlaender\nEs mehren sich diese blitzkluge» Leute, die\nso mörderlich blitzdumm sind, weil ihre Klugheit\neben was ganz Relatives ist: sie sagen, es gibt\nkeine Norm, es ist Alles ganz und gar relativ,\nauch die logisch-mathematischen Axiome, auch\ndas Einmaleins. Es ist auch Alles sinnlos: wozu\nWissenschaft? Wozu Kunst? Wozu .. . aber\nhier stottern sie schon, diese dösigen Selbstab-\nmurxer — — sie wollten gerade fragen: Wozu\nPraxis — warum Leben??? Sie wollten kon-\nsequent sein, aber sie besinnen sich sehr. Sie\nraffen sich auf, sie werden praktisch, sie wollen,\nund leben drauf los, was sie können; bloß äb und\nzu erinnern sie sich, halten inne, seufzen: Was\nfrommt das Alles uns! Vermissen doch im in-\nnersten Innern eine (ach Herr!) Legitimation ihres\neigentlich grund- und zwecklosen Willens. Ja!\nWie also? Der Wille wäre nichts Relatives\nmehr? Der Wille will — damit basta! Das ist\nerlösend! Wille imperator rex! Pragmatismus in\naeternum.\nMänner von Byzanz! Besinnt euch! Diese\nEmanzipation des Willens von der Norm, der Le-\ngitimation, dem ... „Gottesgnadentum\", der Apo-\ndiktizität, dem absoluten Dogma ist nur dann\nstrikt, präzis, exakt vollziehbar, wenn der Wille\ndiese Norm in sich hineinnimmt: euer Wille muß\nden ontologischen Intellekt verschlucken,\nsich das differenzierte Bewußtsein einverleiben.\nDer Wille o h 11 e alle ontologische Norm ist... eine\nhübsche Wetterfahne, ein Windbeutel. Der Wille\nmit einer außer ihm befindlichen Norm ist ein\nSpießer, ein Polizeisklave, ein völliger Untertan.\nWie machen wir also den Willen absolut?\nWie erlösen wir ihn von aller Knechtschaft unter\nZufall und objektivem Gesetz? Wie machen wir\naus ihm den echten Autokraten? Wie machen\nwir's, daß sein Schwerpunkt in ihn selber\nfalle? Wie stellen wir (aus der umwundenen\nKantischen) seine schleierlose Autonomie her? —\nIndem wir den ältesten Aberglauben zer-\nstören, den Aberglauben an Drastik und\nSensation: „Die stillsten Ereignisse sind es,\nwelche den Sturm bringen.\" Denn wenn die ge-\nsamte Objektivität, zu der auch der differen-\nzierte (und insoweit objektiv aufzeigbare)\nWille gehört, verschwände: so bliebe\nimmer noch die Hauptsache übrig, das Un-\nürastischste, Unsensationellste, aber der Urquell\naller Möglichkeit von Drastik und Sensation: —\npersönliche Selbsteigenheit, das sub-\njektiv indifferente (quasi punktualisierte)\nUniversum.\nZankt euch hier nicht um Worte! D. h. also,\nzankt euch nur hier nicht, dann wird aller son-\nstige Zank euer Konzert sein müssen. Die Sache\nselbst läßt sich zahllos allegorisieren, aber\neigentlich nur erleben; man nenne sie das\nabsolute Erlebnis zum Abhub von den\nimmer nur relativen Erlebnissen der Herren\nMaier, Müller, Schnitze, Friedlaender und Max\nStirner. Denn diese Herren sind gar keine Her-\nren: Herr dieses Ganzen, Deus ex machirta der\nWelt ist etwas absolut Unscheinbares,\ndessen Divergenzen erst in Drastik und Sensation\nzerstrahlen: persönliche Indifferenz.\nWiederum, alle bloß relative Indifferenz, z. B.\nder Kraftpunkt, auf den entgegengesetzte Kräfte\ngleich stark einwirken, leistet nichts . . . Diffe-\nrenziertes! Dagegen persönliche Indiffe-\nrenz, absolute Indifferenz ist nicht maschinell pa-\nralytisch sistiert, sondern sie differenziert 1e -\nbendig-schöpferisch aus ihrer eigen-\nsten Unerschöpflichkeit: Quell, nie\nversiegend, aller Relativität!\nJene allerliebsten Voluntaristen mögen mal\nden famosen Versuch machen, diese innere,\nd. h. neutralisierte, zentralisierte, punktualisierte\nNorm endgültig zu ignorieren, so wird ihr\nschwerpunktloser Volentarismus durch seine\nidiotische Windbeutelei von selbst hinfällig sein.\nAber siehe da! Diese Männerchen rekurrieren zu\nirgend 'ner netten Empirie — Deutscher Reichs-\ntag . . . oder so .. . Nun, ihr gottverdammten\nRelativisten, was soll man jetzt mit euch machen?\n— Euch krepieren lassen in diesem Altweiber-\nkram. Lernt erst wollen, eh ihr wollt! Springt\nerst in den Ursprung eures Willens und wagt es.\nohne Grund in diesem Abgrund zu schweben —\nals kategorische Imperatoren.\nAlso wirklich: es gäbe keine Norm, kein Ab-\nsolutes, kein Wunder von Rigorosität, Apodikti-\nzität, Präzision und Exaktheit?\nObjektiv und differenziert aufzeigbar ganz ge-\nwiß nicht! Wohl aber subjektiv persönlich, wenn\nman auch das differenzierte Wollen mit seinen\nzahllosen Velleitäten noch zur Relativität ins Ob-\njektive wirft und die eigne Person im absolut\nSouveränen findet! Endlich stellt sich dann der\nnoch aus dem allerletzten Rest Objektivität (aus\ndem scheinbaren Subjekt mit seinen psychischen\nDifferenzen) vertriebene absolute Dogmatis-\nmus persönlich konzentriert wieder\nher.\nA la bonheur! Das Selbst, das „Innere\", die\npersönliche Eigenheit, das Subjekt ist dann über-\nhaupt erst entdeckt — und entdeckt als das\nerlösende Universalsalz der ganzen objektiven\nWelt, zu der auch noch euer sauberes differen-\nziertes und insofern ganz und gar relatives Wol-\nlen als bloßes Instrument der Weltperson, des\nKosmopoliten, gehört. Schämt euch, meine\nHerrn! Wo ist die Quadratur des Zirkels? Wo\nder Stein der Weisen? Wo Magie? Wo Uto-\npien? Wo das Absolutum? Wo das Perpetuum\nmobile, die Station unerschöpflicher Kraft? Im\nHerrn über alles wo, wann und wozu: in\nder universalen Welt-Person, nicht\ndraußen.\nSagt mir aber v. Schiller: na, innen! So\ntrumpfe ich und triumphe ich dagegen auf: oh!\nlüftet erst den Schleier des fal-\nschen, des differenzierten Ichs von\ndiesem Isisbilde! Geht auch noch von\ndiesen allerletzten Divergenzen in diese allein\nlebendige Konvergenz ein, in dieses persönliche\nUtopien diese Welt-Residenz, von „wo\" aus ihr\nalle Divergenzen, auch die der Sterne regieren\nkönnt Setzt euch dann meinetwegen u.a.\nauch in den Reichstag: dann, aber erst dann\ngilt alles gleich, was ihr wollt!\nPerson, Herr Stirner, war das Allerverbor-\ngenste. Auch Sie, mein Kasperle, haben di e\nNebel scheinbarer Subjektivität\nnoch nicht von sich weggeblasen (trotzdem Sie\n'ne anerkennenswert gute Puste hatten). Und\nZarathustra schwieg und schweigt unter sieben\nSiegeln. Aber „jetzt ist's Zeit zu lärmen\"! Der\nEgoismus hat erst jetzt seine allererste und letzte\nKonzentration erreicht.\n\nDer Weg\ndurch die Nacht\nRoman\nAage von Kohl\nDie Nachtigall sang von neuem, draußen\nzur Rechten von Morton: ein heftiger, schluchzen-\nder Schrei, der gleich darauf verstummte. Dann\nwar es wieder überall still. Unbeweglich und\nheiß stand der Abend. Und wiederum, diesmal ge-\ndämpfter als vorhin, gleichsam verschleiert von\nder Dämmerung, die bläulich in der Ferne hinab-\ngeschwebt war, unterschied man den Ton des\nWeinens dahinten: so zart und fein, wie der Laut\neines körperlosen Schmerzes, wie ein dünner Ge-\nsang, der irgendwo dort oben in dem blauenden\nund goldigen Kristall der Luft aus sich selbst ent-\nstand, der rätselhaft aus der Erde hier umher wie\naus den übermäßig süßen Düften, die sich überall\nkreuzten, geboren wurde; aus alledem, was hier\nunter dem zierlichen, hellen Kies verborgen war,\nan längst entschwundenen Hoffnungen, an zahl-\nlosen, jahrelang aufgespeicherten Tränen, an des\nMenschenherzens unendlicher Ernte aus Jammer\nund Vergessen und Tod!\n„Ob es sich wohl zur Nacht abkühlen wird?\"\n— sagte der Aufseher; er drehte bedächtig den\nKopf von der einen Seite nach der andern, zog die\nLuft schnüffelnd durch die Nasenlöcher ein —\n„oder ob wir gar einen Tropfen Regen bekommen,\nnötig haben wir es wohl!\"\n„Allerdings!\" — erwiderte Morton.\nAuch er hatte den Nacken zurückgebogen, es\nkam ihm plötzlich die Idee, als lausche er auf ir-\ngend etwas, er wußte nichts was —: etwas, das\nim Begriff war, in diesem Augenblick um ihn her\noben und unten zu erwachen, ja, war es nicht ein\nschwaches, winziges Rumoren nach allen Seiten:\nfeine, knirschende Laute, unsagbar kleine, trip-\npelnde Schritte? War es vielleicht die Erde, die\nsich langsam, leise seufzend zur Ruhe legte nach\ndem Brand dieses Tages? waren es die Millionen\nwinzig kleiner Sandkörnchen, die gemächlich auf\nihren gewohnten Platz zurückrollten nach der\nschwellenden Glut des Tages, nach dem giftig auf-\ntreibenden Atem von denen da unten? oder waren\nes möglicherweise sie selbst —- begann ein nächt-\nliches Leben im Schöße der Erde selbst, in die-\nsem feuchtigkeitdurchsickerten, allzu befruchteten\nSchoß, der geheimnisvoll und üppig alles das barg,\nwas kein Mensch zu sehen bekam?! Still, stieg da\nnicht ein fleischloses Summen, ein Knochenröhren-\nzischen aus dem allen auf —: Ja, der Kies rührte\nsich schurrend, die Blätter feilten leise gegenein-\nander, horch, das melancholische, schrille Krei-\nschen der Grillen, die schwirrende Schenkelvioline\nder Grashüpfer, ach, war das die Nacht, die er-\nlösend. kam, die makabren Stunden, die kamen, die\nsorglosen Zeiten, wo all die Aermsten, die hier\nwohnten, endlich für eine Weile allein blieben —\nfrei von Tränen, frei von dem Geräusch des Wei-\nnens, frei davon, wieder und wieder an Verspre-\nchen erinnert zu werden, die sie selbst längst ver-\ngessen hatten!\nVersprechen — die sie vergessen hatten?! . . .\nMorton öffnete auf einmal seinen Mund, die\nBrust krampfte sich in unerträglichem Jammer\nfür einen Nu zusammen.\nDann entsann er sich plötzlich einiger Worte,\ndie der andere vor einem Augenblick ausgespro-\nchen hatte — und wandte sich hastig nach ihm\num —:\n\nFortsetzung\""}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.3", "texte": "„Sagen Sie mir!\" — fragte er kurz, indem er\nes vermied, dem Blick des Mannes zu begegnen\n— mit einem unerklärlichen und heftig aufregenden\nGefühl, daß er jetzt die Frage an ihn stelle, an die\ner die ganze Zeit hindurch gedacht hatte —:\n„Erzählen Sie mir einmal —:\nEs ist das erstemal, daß ich am Abend hierher\ngegangen bin!\nIch pflege sonst immer früh des Morgens hier-\nher zu kommen und habe daher vielleicht noch\nkeine Gelegenheit gehabt . . . kurz: ich weiß, daß\nes Menschen gibt die allen Ernstes behaupten,\ndaß ...\" — er war nach und nach ins Stocken ge-\nraten, empfand ein Bedürfnis, sich über sich selbst\nzu ärgern und zu lachen, entschloß sich jetzt so\nzu tun, als habe er vorhin etwas ganz anderes\nsagen wollen — konnte sich dann aber plötzlich\nnicht mehr beherrschen.\nEr legte seine Hand auf den Arm des Auf-\nsehers —:\n„Sagen Sie mir,\" — wiederholte er; selbst voll-\nkommen bewußt, daß es eine ganz lächerliche\nFrage war, die er tun wollte, daß er nur eine\nlächerliche Antwort erhalten könne, doch fieber-\nheiß darauf wartend — „Sie deuteten vor ein paar\nMinuten an, daß es mit den alten Kirchhöfen ist\nwie mit Schlössern und Herrenhäusern aus den\nZeiten unserer Vorfahren: sie haben ein jedes seine\nReihe von Sagen, ein jedes seine Mystik! Nicht\nwahr, man erzählt sich vermutlich unter vier\nAugen auch eine ganze Menge von diesem Orte\nhier — sowohl älteren, als auch neueren Datums!\nmerkwürdige Dinge, die hier drinnen gedeihen,\nwenn die Türen geschlossen werden, und es Nacht\ngeworden ist — wenn man allein hier drinnen ist\nmit allen den Toten, und wenn alles in der Dunkel-\nheit, in der lautlosen Stille, auf einmal Form und\nFarbe wechselt!\nSie sind ja, wie Sie mir vorhin sagten, nicht\nweniger als siebenunddreißig Jahre an verschiede-\nnen Kirchhöfen angestellt gewesen —: haben Sie\ndenn niemals persönlich . . . ich meine, ist Ihnen\nnirgends etwas von der Art begegnet?\nWas?!\nEs fällt mir so ein, hahaha!\nWenn Sie also grundsätzlich nichts dagegen\nhaben, von Erlebnissen dieser Art zu reden?!\"\nDer Mann lachte ein wenig; vielleicht doch —\nmeinte Morton und geriet ganz außer Atem vor\nSpannung — vielleicht doch etwas weniger frisch\nals es klingen sollte?\n„Nun ja!\" antwortete der Aufseher darauf und\nschüttelte den Kopf — „man hört ja so viel, es\ngeht in das eine Ohr hinein und aus dem anderen\nwieder heraus! Und die Zeit ist ja heutzutage nicht\ndanach, mein Herr, heute, wo man so erleuchtet\nist — sowohl mit Gas wie mit Elektrizität!\nNein\" — fuhr er fort, diesmal ernsthafter —\n„ganz privatim muß ich sagen, wie es ist, daß mir\nniemals weder das eine noch das andere begeg-\nnet ist, weder ein Gesicht, noch Stimmen oder ge-\nwöhnliche Gespenster . . . und insofern sollte man\nam Ende vielleicht, offen gestanden, alles das für\nAmmenmärchen halten . . . was ich also auch ge-\nwöhnlich tue, Fremden gegenüber!\nAber.\nAuf der anderen Seite.\nJa, ich bin ja unter uns ein ungelehrter Mann,\"\n— fuhr er fort — „ich kann daher nicht ausrech-\nnen, wovon dergleichen Ideen über die ganze\nWelt zu den Leuten gekommen sein sollten von\nAnfang an — wenn nicht schließlich doch etwas\ndaran sein sollte! Selbst wenn ich, wie gesagt,\npersönlich nie so etwas erlebt habe!\nOder was soll man nun zum Beispiel davon\ndenken, daß ... ja, es ist vielleicht verkehrt, daß\nman hier steht und über so etwas redet, alldie-\nweil wir in dem Punkt ja doch allzumal nur Men-\nschen sind, wie man zu sagen pflegt, und nie wis-\nsen, welchen Schaden wir unversehens einander\ndamit zufügen können . . . Aber was soll man nun\ndavon glauben, daß sowohl hier in der Stadt, wie\nauch da drüben, woher ich gekommen bin, viele\nsehr ruhige und zuverlässige Leute, die noch da-\nzu zum Fach gehörten, heilig und teuer behaupte-\nten, daß ihnen hier oder da etwas begegnet sei!\nSehen Sie, da drüben hatten wir unter ande-\nrem auch einen weißgekleideten älteren Herrn, den\nmehr als einer von uns in gewissen Nächten sozu-\nsagen aus einem großen Marmormonument hatte\nherauskommen und mir nichts, dir nichts über die\nGräber stolzieren sehen, von Stein zu Stein!\nmanchmal sprach er auch, und es war gewiß nicht\nratsam, ihm nahe zu kommen, denn dann starrte\ner einen an, so daß einem die Haare auf dem Kopf\nvon selbst zu Berge standen, und einem das Herz\nin der Brust stillstand! Sie sagten übrigens, er\nginge da herum und riefe den Namen seiner Toch-\nter weil sie nie was für sein Grab getan hatte,\nsondern es wildfremden Leuten überließ, dafür zu\nsorgen!\" — Er schwieg, schüttelte den Kopf, sah\nzu Morton empor und lachte dann ein wenig, offen-\nbar etwas unsicher.\n„Sehr interessant!\" — warf Glaß ein. Er ver-\nsuchte ermunternd zu lachen, legte von neuem\nseine Hand auf den Arm des andern, fühlte wie\nsein Hals vor Angst trocken war, wie ihm die\nZunge im Munde festklebte — „aber nun hier?\nHier ist vielleicht derartiges?\nOder Sie sind vielleicht zu neu hier in der\nStellung, als daß Sie davon hätten reden hören?\"\n— Er zog die Augenbrauen mit einem Ruck in die\nHöhe und sah den andern von der Seite an —\nmit verhaltenem Atem, eine rätselhafte, zerflei-\nschende Qual im tiefsten Innern, zugleich wahn-\nsinnig gequält, weil er fortfuhr, die abscheulichen,\nnichtssagenden Fragen zu stellen — und doch er-\nstickend krank vor Begierde, eine Antwort zu er-\nlangen. Still, sei jetzt vorsichtig, dachte er wäh-\nrenddes bei sich, gib Acht, daß der Alte nicht Un-\nrat ahnt!\n„Nicht wahr?\" — schloß er in einem unver-\nschleiert auffordernden Ton —:\n„Es würde mich außerordentlich freuen, davon\nzu hören!\nIch glaube obendrein, daß Sie gerade eben ge-\nsagt haben, Sie hätten auch Sachen recht neuen\nDatums . . .?\"\nEr mußte seine Hand von dem Arm des anderen\nfortnehmen, um sich nicht zu verraten, zog dann\nmit zitternden Fingern sein Zigarrettenetui heraus,\nöffnete es —:\n„Bitte schön, wollen Sie nicht rauchen — oder\ndoch wenigstens ein paar einstecken. Ich finde,\ndie Mücken werden jetzt schon so zudringlich,\nweil die Sonne untergegangen ist!\nWie?\"\nUnd während er sich bemühte, eine Zigarette\nanzuzünden, wartete er mit pochendem Herzen\ndarauf, was gesagt werden würde.\n„Freilich habe ich davon gehört\" — antwortete\nder Aufseher endlich, nachdem er umständlich die\nangebotenen Zigaretten mit einem Kratzfuß ein-\ngesteckt hatte; er lachte von neuem und kniff\nmunter die Augen zusammen —: „Wohl weiß auch\nich was von dem, was man sich hier auf dem\nFriedhof erzählt!\nDa ist auch unter anderem diese „französische\"\nDame, wie sie sie nennen — ich weiß nicht aus\nwelchem Grund — die sich Jahr für Jahr in jeder\nNeujahrsnacht mit einem großen, gelb- und rotge-\nstreiften Schal über den Schultern irgendwo auf\ndem Dach der Kapelle blicken läßt, wo sie auf dem\nschmalen Dachfirst hinter dem Kreuz mit ausge-\nbreiteten Armen steht, ohne sich zu rühren — und\ndas hat sie nun getan, seitdem die Kapelle vor\nhundert Jahren auf derselben Stelle erbaut wurde,\nwo ihr Grab damals lag!\nNa, aber von den neueren Sachen, wie Sie\nsagen, da ist ja. . . aber entschuldigen Sie, ich gebe\ndies alles ja für nichts weiter aus als für Geschich-\nten, die mir so ganz lose in einer müßigen Stunde\nerzählt worden sind. Wenn der Herr also für diese\nBücher oder wissenschaftlichen Werke darüber\nhören will, dann müßten Sie sich die Geschichten\nbeinah lieber von den Betreffenden selbst erzählen\nlassen, die sie in eigner Person erlebt haben?\"\nMorton schüttelte, starr lächelnd, den Kopf —:\n„Du großer Gott, erzählen Sie nur!\" stammelte\ner kurz, versuchte mit den Schultern zu zucken,\nan allen Gliedern vor Erregung zitternd —: „mit\ndergleichen Sachen gebe ich mich bei meinen\nSchreibereien gar nicht ab!\nUnd es ist auch nur, weil ich sonst immer des\nMorgens hierher komme, daß ich zufällig noch\nflicht darauf verfallen bin, die andern auszufragen!\"\n„Ja, ja,\" — fuhr der Aufseher fort, unwillkür-\nlich in schnellerem Tempo — „dann will ich Ihnen\nganz offen erzählen: daß wir ja also aus den letzten\nJahren in erster Linie ein glänz kleines Mädchen\nhaben, das zusammen mit seiner Mutter ertrank;\ndas Kind haben sie also wieder aufgefischt, wenn\nauch erst eine ganze Zeit, nachdem es schon tot\nwar — aber die Mutter hat man nie gefunden, und\ndarum spukt ja nun die Kleine! Es soll übrigens\ngeradezu angenehm sein, ihr zu begegnen! Das\ngeht so zu: Wenn einmal einer von den Totengrä-\nbern oder ein Aufseher, wer es nun sein mag, zu-\nfällig ein wenig später als gewöhnlich des Abends\nnach Hause gehen will, durch die große Pforte da\ndrüben auf der andern Seite, dann fühlt er manch-\nmal, gerade während er an den vier Hängebirken\nauf der Rotunde vorüberkommt, plötzlich eine ganz\nkleine Hand in der seinen, und es ist ihm, als könne\ner ganz deutlich das kleine Wurm hören, wie es\nihn bittet, der Mutter zu sagen, wenn er sie einmal-\ntreffen sollte: daß ihr kleines Mädchen hier auf\nsie wartet! . . . und am Abend, wo ihm das begeg-\nnet, und wo man nicht bange geworden ist, son-\ndern ihr redlich verspricht, um was sie bittet —\ndann pflegt irgend etwas Gutes am nächsten Tag\nfür einen in Bereitschaft zu sein — wjie nun zum\nBeispiel der verstorbene rote Forster, der gerade\nan dem Tage nach dem einzigen Mal, wo er dem\nKinde begegnet war, in der Lotterie gewonnen hat!\nUnd dann haben wir ja, nebenbei bemerkt —\ndenn das hat natürlich weniger Interesse für Sie,\nweil sie ja nur ein einziger gesehen hat und auch\nnur ein einziges Mal, und der sie außerdem noch\naus dem Leben her kannte, nämlich von drüben\nher, aus der Stadt, wo ihr Vater früher Bürger-\nmeister war!\"\n„Ganz recht!\" — erwiderte Morton plötzlich\nheiser, gierig lauschend, nach Luft schnappend, die\neine Hand gegen das Herz gepreßt, wahnsinnig\nkämpfend, um nichts hören oder sehen zu lassen\n•— „aber erzählen Sie mir doch nur davon!\nEs interessiert mich ganz außerordentlich, kön-\nnen Sie mir glauben, dies alles!\nErzählen Sie mir also — erzählen Sie mir ge-\nrade heraus, was man sonst noch sagt über . . .\nüber sie?!\"\n„Ja-a\" — fuhr der andere grübelnd fort — „sie\nsoll ja auf eine ganz unerhört gräßliche Weise ums\nLeben gekommen sein!\nGemordet, versteht sich, ich weiß nicht genau,\nwie, aber jung und schön und liebreizend, sagen\nsie, ist sie gewesen — und verheiratet übrigens"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.4", "texte": "auch, obwohl niemand als ihre beiden alten Eltern\nan ihr Grab zu kommen pflegen, der Bürger-\nmeister und seine Frau!\nAber sehen Sie, mein Herr —: Die Sache ist ja\nso, daß niemals irgend jemand den Täter gefaßt\nhat, daher ist das ganze insofern auch begreiflich\ngenug: so lange einem keine Gerechtigkeit wider-\nfahren ist, kann man ja schwer Frieden finden, man\nr\nweiß nicht aus noch ein, man geht hier hinauf und\nda hinab, und selbst die besten Freunde können\neinem nicht nahe kommen — das weiß man ja\nselbst recht gut, wie die Sachen hier auf Erden\nnun einmal zu sein pflegen! . . .\nNa, und endlich, was ich absichtlich bis zuletzt\naufbewahrt habe, weil es vielleicht das beste von\nallem ist — und jedenfalls ...\"\n„Ei, ist da noch mehr?! Sie sind offenbar sehr\nwohl versehen, hier, hahaha!\" sagte Morton, ohne\nes zu wissen, und lachte ein wenig.\nEr fühlte, daß seine Wangen schneeweiß wraren,\nmerkte wie die Knie schlotterten, tief, tief unter\nihm, es war ihm einen Augenblick, als weiche die\nErde nach allen Seiten von ihm weg, als wrerde er\nplötzlich meilenhoch oben in der Luft, ohne festen\nFuß fassen zu können, mit einer tosenden Finster-\nnis um sich her . . . und da ward sein Ohr auf ein-\nmal schmerzend von einem dröhnenden Glocken-\nklang getroffen, ding dang, ding dang, eine Se-\nkunde noch war es ihm, als befinde er sich auf ein-\nmal an einem unbekannten Ort in einem erdfernen\nLande, ja, an der Pforte, die zu einem kohlschwar-\nzen und ungeheuren Garten führte, wo er nie zu-\nvor gewesen war, wo er läutete, um hineinzugelan-\ngen, sehnsuchtsvoll an dem Gitter rüttelte, um hin-\neinzugelangen, um Sie zu sehen, um mit ihr für\nimmer zusammen zu sein, ohne sie je wieder ver-\nlieren zu können, ding, ding ding, ding dang . . .\naber da erkannte er auf einmal den Ton der Aus-\ngangsglocke, es war spät, der Schweiß troff ihm\nvon der Stirn, er war todmüde, in einer Viertel-\nstunde sollte die Friedhofspforte geschlossen wer-\nden, ja, ja, nach Hause, fort von hier, was sollte er\nhier auch — und was war das für ein wildfremder\nMann, der dastand und unaufhörlich dicht neben\nseinem Ohr redete?\nEr sah sich einen Augenblick verwirrt grübelnd\num.\nNickte dann unwillkürlich und erkannte die\nStimme des Alten, noch ohne seine Worte ver-\nstehen zu können.\nBegann nervös nach einem Vorwand zu suchen,\num fort zu kommen — unterschied von neuem\ndas Läuten da drüben, hinter sich —:\n„Hailoh,\" — sagte er dann, sich auf einmal rät-\nselhaft licht und leicht fühlend — „entschuldigen\nSie, daß ich Sie hier unterbreche: aber ich höre,\ndaß schon ausgeläutet wird! Nehmen Sie es mir\nnicht übel, daß ich gehe!\nHaben Sie Dank für ihre Mitteilungen — Sie\nhaben mir mehr Freude damit bereitet, als Sie\ntihnen!\nAuf Wiedersehen!\" — Er lüftete seinen Hut,\nnickte mit einem Lächeln, warf den kalten Zigaret-\ntenstummel weg, drehte sich um und ging. —\nWährenddessen hatte sich die Dämmerung her-\nabgesenkt.\nIn weiter Ferne standen die Bäume kohl-\nschwarz gegen den hellen Himmel.\nEine zwitschernde Schar von Vögeln fuhr in die\nHöhe, ganz in der Nähe rechts von ihm.\nEr fühlte sein Herz auf einmal sonderbar er-\nfüllt von Dankbarkeit frei, — wandte deswegen den\nKopf über der Schulter um und nickte dem Mann\nnoch einmal zu, der dort stand, kreideweiß mitten\nin all dem Grünen.\n\nFortsetzung: folgt\nSchluß\n\nContrastes\nBlaise Ceodrars\nLes ienetres de ma poesie som grandouvertes\nsur les Boulevards et dans ses vitrines\nBrillent\nLes pierreries de la lumiere\nEcoute les violons des limousines et les xylo-\nphones des linotypes\nLe pochettr se lave dans I'essnie-main du ciel\nTont est taches de coideur\nEt les chäpeaux des femmes qui passent sont des\ncometes dans l'ineendie du soir.\n*\nL'unite\nII n'y a plus d'unite\nToutes les horloges marquent maintenant 24 h.\napres avoir ete retard£es de dix minutes\nII n'y a plus de teinps.\nII n'y a plus d'argent.\nA la Chambre\nOn gäche les elements merveilleux de la matiere\nPremiere.\n4c\nChez le bistro\nLes ouvriers eil blouse bleue boivent du vln rouge\nTous les samedis poule au gibier\nOn joue\nOn parie\nDe temps en temps un bandit passe en automobile\nOu un enfant joue avec TArc de Triomphe\nJe conseille ä Mr. Cochon de loger ces proteges\nä la Tour Eiffel.\n*\nAujourd'hui\nChangement de proprietaire\nLe Saint Esprit se detaille chez les plus petits\nboutiquiers\nJe lis avec ravissement les bandes de calicot\nDe coquelicot\nII n'y a que les pierres ponces de la Sorbonne\nqui ne sont jamais fleuries\nL'enseigne de la Samaritaine laboure par contre\nla Seine\nEt du cöte de Saint Severin\nJ'entends\nLes sonnettes acharnees des tramways.\n*\nII pleut des globes electriques\nMontrouge Gare de l'Est Metro Nord-Sud ba-\nteaux-mouches monde\nTout est halo\nProfondeur\nRue de Bucy on crie l'lntransigeant et Paris-Sport\nL'aerodrome du ciel est maintenant, ejnbras£, un\ntableau de Cimabue\nQuand par devant\nLes hommes sont\nLongs\nNoirs\nTristes\nEt fument, cheminees d'usines.\n\nDie Sehwermut des\nGenießers\nRoman\nArtur Babillotte\nMein lieber Johannes! Vor etwa fünf Monaten\nbatest du mich, ich möchte dir auf deinen Brief\nnicht antworten. Jeder geschriebene Einfluß wäre\ndie reine Pein. Jetzt, nach soiariger Zeit, glaube\nich, dich nicht zu betrüben, wenn ich dir einige\nZeilen zugehen lasse. Es drängt mich, dir die Er-\nfüllung aller deiner künstlerischen Träume, besser\ngesagt, deines Einen großen Traumes zu wün-\nschen. Zufällig las ich. gestern in der Zeitung, daß\ndein Werk in Leipzig einen bedeutenden Erfolg\nerrungen hat. Ich hätte nicht geglaubt, daß die\nMenschen dir so willig entgegenkommen würden.\nIch weiß, wie schwerfällig und bequem die meisten\nMenschen sind. Du wirst erkannt haben, daß\nsie dies nicht im vollen Verständnis deiner Kunst\ntaten —, sie hat das Neuartige deines Werkes ge-\nwonnen.\nDu erinnerst mich in deinem Briefe an die\nKleinstadt, in der wir einmal einige Monate zusam-\nmen verlebten. Ich ärgerte mich oft über dich, weil\ndu verschlossen, abgekehrt, oft sogar grillig warst.\nDas kannte ich nicht an dir. Hättest du ein ein-\nziges Wort davon gesagt, daß du dich mit dem\nPlan eines großen Werkes trägst —: Aber dazu\nwarst du wohl zu stolz.\nStolz . . . schon in deiner Kindheit war er deine\nStärke. Du warst nicht beliebt — ich rede offen,\ndie Knaben, in denen nichts Außergewöhnliches\nsteckte, mieden dich. Ich glaube, du wußtest gar\nnichts davon. So anders warst du.\nViele werden sich wundern, wenn du eines\nTages ein Großer im Reich der Musik sein wirst.\nHier wirst du leise lächeln. Denn dir ist alles Mu-\nsik, das Sausen ungebärdiger Nachtstürme und\ndas ängstliche Winseln eines getretenen Tieres.\nIm Vergleich zu dir bin ich ein unmusikalischer\nMensch. Ich empfinde diese Musik nur, wenn ich\nsie höre. Sobald sie verstummt, hört mein Genie-\nßen auf. Ich bin nun hier in Amerika. In weiten\nRitten hab ich seine Prärien und Gebirge durch-\nstreift; ganze Nächte lang lag ich ausgestreckt im\nGras und starrte in den Himmel Alle diese Er-\nlebnisse haben keine musikalischen Empfindungen\nin mir ausgelöst. Ich bin nicht fein genug orga-\nnisiert. An mich hat die Natur zuviel Rohstoff ver-\nschwendet, darüber ist die Seele als Empfangs-\napparat zu kurz gekommen.\nWie ist es möglich, daß ich dir — dies fühle ich\naus deinem letzten Brief heraus —der teuerste\nFreund sein kann, den du besitzest? Ich gönne dir\neinen Menschen, der sich ganz in dich und deine\nWelt einleben kann. Dieser Mensch kann ich nicht\nsein. Dies wird dich schmerzen, aber ich glaube,\nes ist edier und besser, wenn zwischen zwei Men-\nschen alles klar ist. Ganz in dir aufgeken kann\nich nicht; dazu sind wir zu wesensungleich. Aber\nmit Ehrfurcht deinem Schaffen folgen, dies kann\nich und will ich immer tun. Deine Briefe zeige»\nmir, daß wir beide wenigstens in etwas dieselben\nGlücklichen und zugleich Unglücklichen sind: In\nder ewigen Ruhelosigkeit. Während deine Seele\nvon Erlebnis zu Erlebnis gehetzt wird, muß mein\nLeib von Land zu Land wandern, unbefriedigt ia\njedem, und doch sich immer zurücksehnend.\n. . . Dein Werk hat gesiegt Um dich mit den\nMenschen einzulassen, dazu bist du viel zu\nempfindlich, zu stolz und zu begabt. Und dies ist\nam besten für deine künstlerische Entwicklung.\nNoch einmal: Verzeih, wenn ich mit meinen\nZeilen deine Ruhe störte, und kommt dich einmal\nein Entsetzen über die Ruhelosigkeit deiner Seele\nan, dann erinnere dich meiner und denke, daß\nmich, den Schwachen, diese Ruhelosigkeit oft\nebenso peinigt, wie dich, den Starken."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.5", "texte": "Seit dem Abend im Cai6 hatte der Künstler\nMia Mirana nicht wieder gesehen. In beiden hat-\nten die tiefen Erschütterungen des Kunstwerks\nnachgezittert. In majestätischen Wellen war noch\ndie große Schwermut durch ihre Gedanken ge-\nflutet, jene unendlich süße Traurigkeit wissender\nSeelen, die das Wertvollste, was sie besitzen, aus\ntiefen Augen betrachten und anbetend vergehen\nvor solcher Herrlichkeit. Während sie stumm und\nruhig einander gegenübersaßen, stiegen versun-\nkene Tage auf, übergössen mit dem Glanz des\nEntriicktseins, die nicht zu zertreten.\nIch liebe dich! sagte die Seele des Weibes, ich\nliebe dich so, daß alles, was ich beginne, Liebe,\nimmer nur Liebe ist.\nWie der Tau die Blumen, so liebe ich dich! er-\nwiderte die Seele des Mannes. Du bist so schön\nund klar, daß ich in dir vergehe.\nIch nehme dich auf, sagte die Seele des Wei-\nbes, und werde du. Ich habe keine Grenzen und\nkeine Nöte. Ich bin du und ich, und bin unendlich.\nWir fliegen durch alle Welten, erwiderte die\nSeele des Mannes. Nichts ist uns verschlossen.\nUnser Rausch ist ewig und ohne Ermattung . . .\nUnter diesem Zwiegespräch aber wurden ihre\nMienen schlaff und unzufrieden, schmale Furchen\ngruben sich in ihre Mundwinkel. Nebeneinander\nschritten sie durch die Straßen, ließen die andern\nhinter sich, sprachen gleichgültige Worte und\nwußten nicht, daß bei den andern hinter ihnen ein\nWeib war, brennend in eifersüchtigen Qualen.\nMechanisch setzten sie die Füße, sähen nicht die\nMenschen, die an ihnen vorüberhasteten. Hörten\nnicht die mannigfachen Geräusche der großen\nStadt, die wie ängstlich mit den Flügeln schlagende\nVögel über sie hinwegflatterten. Sie hörten nur\ndie Worte, die ihre Seelen zueinander sprachen.\nSie waren sehr glücklich.\n*\nAls Johannes an diesen letzten Januarabend\nzurückdachte, rieselte ihm ein feiner Schmerz zum\nHerzen. Da war ein Ton, der sich nicht rein und\nklar in das Hohelied dieser Liebe fügte. Da war\nirgendwo ein scheues Wimmern in der Seeie des\nWeibes.\nIch liebe dich! sagte die Seele des Weibes.\nHier zitterte eine Sehnsucht, die in neuer Glut\nhervorbrach.\nDer Künstler starrte in den trüben Nachmittag,\nder vor den Fenstern des hohen Zimmers stand,\nwie ein Bettler, traurig in seinem Elend und ab-\nstoßend in seiner anmaßenden Nacktheit.\nLeuchtend erstand vor ihm wieder die Wüste.\nSie war ihm erschienen, damals, als er sein erstes\nWerk vollendet hatte. Sie war ihm erschienen und\nhatte ein neues Werk in ihm aufdämmern lassen.\nEr hatte in der Wollust dieses Empfangens ge-\nschwelgt, war versunken in der Schwermut dieses\nunendlich süßen Genusses. Er hatte die Kraft des\nschöpferischen Gottes in sich gefühlt und im Tau-\nmel dieser Verzückung ein Weib angebetet. Hand\nin Hand schritt er mit dem schönen Weib den\nBerg hinab; die Nacht sank schwer und behäbig.\nAlle Glut des Tages erkaltete, erstarrte. Und die\nStimme des Weibes ging durch die Nacht, lieblich\nund betörend. „Wie ich dich liebe!\" Er lauschte dem\nRhythmus dieser Worte, dankbar, und schritt Seite\nan Seite mit dem Weib in das Tal. Und die Stimme\ndes Arbeiters schlich in sein Ohr ... ein Stadt-\nschicksal wuchs vor ihm auf und reckte tausend\nstarke Arme nach ihm und zog ihn zu sich herab.\nDie Schönheit des Weibes und die Stimme des\nArbeiters, die umstrickten ihn und führten ihn aus\nder Höhe seiner Einsamkeit in die Enge ihrer\nTagesherrlichkeit. Er erkannte, daß alle Kraft in\nihm selber lag, ihm die Gnade eines neuen\nWerkes auch geworden wäre, wenn er nicht an-\nbetend zu Füßen der Weibesschönheit gelegen,\nwenn er nicht mitleidig den Aengsten und Schmer-\nzen des Arbeiters gelauscht, nicht hilfsbereit sich\nder schrecklichen Eintönigkeit des Stadtschicksals\nergeben hätte. In dieser Stunde erkannte er die\nHoheit des mitleidlosen Schöpfertums. Und zwi-\nschen alle die bedrängenden Bilder schob sich die\ngroße Gebärde Zarathustras, des verruchten Hei-\nligen:\n„Merket aber auch dies Wort: alle große Liebe\nist noch über allem Mitleiden: denn sie will das\nGeliebte nachschaffen!\n„Mich selber bringe ich meiner Liebe dar, und\nmeinen Nächsten gleich mir' — so geht die Rede\nallen Schaffenden.\n„Alle Schaffenden aber sind hart.\"\nIn der Gnade des sinkenden Wintertages er-\nkannte er auch dies. Und er ging hinüber zu Eva.\nSie saß in einen Sessel vergraben, und machte\nmanchmal im Halbschlaf ängstliche Bewegungen.\nSie hörte seinen Schritt. Verwirrt sah sie ihm ent-\ngegen.\n„Du bist nicht mit mir zufrieden. Du hast in\nden letzten Tagen viel gelitten; seit jenem Abend.\"\n„Du liebst sie noch!\" sagte sie in leidenschaft-\nlicher Erregung.\nEr lächelte ein unendlich gütiges Lächeln.\n„Laß uns darüber reden. Es ist besser, wenn\nKlarheit zwischen uns herrscht. Erinnerst du dich\ndes Nachmittags, an dem wir auf der Veranda des\nWaldhauses saßen . . .? Ich betete dich an, ich sah\nin dir die Erweckerin meiner kühnen Träume.\"\n„Damals liebetest du mich!\" schluchzte sie auf.\nEr streichelte ihre Wangen. Seine Hände\nwaren weich und zärtlich wie Mutterhände. Er\nempfand die süße Freude einer unendlichen\nSchwermut. Er hätte weinen mögen über diesen\nschlichten Menschen. Aber er fühlte den Rhythmus\neiner versöhnenden Hoffnung in sich, er ahnte die\nSeligkeit der großen Stille, der er und die Frauen,\ndie ihn liebten, entgegenschritten. Er hatte wieder\nsich selbst gefunden und fühlte die Macht, die er\nbesaß. Seine Stimme ging halblaut, fast zärtlich\ndurch den Raum.\nDamals liebte ich dich. Deine Schönheit, deinen\nschlanken Gang, deine sanften Hände, die stille\nLieblichkeit deiner Stimme. Und so liebe ich dich\nheute noch. Glaube nicht, daß es anders gewor-\nden ist. An jenem Augusttag habe ich eine Sünde\nbegangen. Ich berauschte mich an mir selbst. Ich\nwar Schöpfer, Anbeter vor einer Macht, die ge-\nwaltiger war als ich und mir von ihrem Reichtum\ngab. Du warst bei mir, ich atmete den Duft deines\nreichen Haares . . . Ich sah deine Schönheit.\nWar ich nicht ein Gott, daß sich mir die Schönheit\neines neuen Werkes und die Schönheit eines Wei-\nbes darbet? Dies war meine Sünde, daß ich die\nSchlichtheit des Lebens vergaß. Du warst mir\nnicht das fröhliche harmlose Mädchen, du wurdest\nzu einem Weib, dessen Seele in demselben Rhyth-\nmus tönte wie meine Seele, dessen Wünsche die-\nselben waren wie meine, dessen Freude klar und\nstark war, wie meine. In jenen Augenblicken\nwähnte ich, deine Seele habe mich berauscht. Und\nals sich mir deine Glieder entgegendrängten,\nglaubte ich, du seist die Kraft, die mich so hoch\nemportrug ... Er schwieg. Ein schweres Schwei-\ngen sank herab. Eva schluchzte leise in sich hin-\nein. Das Schweigen tastete sich über die Möbel\nhin, in alle .Winkel hinein. Es war ein wunder-\nbares Schweigen. Angefüllt mit den erlesensten\nKostbarkeiten; lächelnde Gesichter bildeten sich\nin ihm und fügten zu der toten Schönheit eine\nlebendige. Edle Gebärden wuchsen in dieses\nSchweigen herein; das ruhige Winken ferner Men-\nschen; die Herrschergebärdeii großer Töter.\nIrgendwo tickte leise eine Uhr. Sie war der Puls-\nschlag des Schweigens. Sie tickte ruhig und vor-\nnehm. Das Schluchzen der Frau war erstorben ...\nDie große Stille sog alles ein und herrschte.\nIn dieser Stille ahnte Johannes die Wiederkunft\nder reinen blauen Abende. Der Künstler versank\nin die Süße dieses Schweigens, kostete die ganze\nNot dieser anklagenden Stunde aus. Das erste\nWerk lebte wieder in ihr; die Mutter war lebendig\ngeworden, er sah in einer hohen Zukunft die süßen\nErlebnisse der blauen Abende, sah die Mutter wie-\nder am Flügel im großen Musiksaal sitzen, letzt\nFleisch und Blut, nicht mehr eine in Liebe erschaf-\nfene Erscheinung.\nZum zweitenmale hatte ihn ein Weib gerettet.\nDieselbe Hand, die ihn aus dem Taumel leerer\nGroßstadttage emporhob, sie hatte ihm sein Werk\nwiedergeschenkt, indem sie ihm seine Schönheit\nzeigte.\nJetzt war er gefestigt; endlose Monate Qualvol-\nler Wanderung hatten ihn geläutert, sodaß er sei-\nner Bestimmung nie mehr untreu werden konnte.\nDie erhabene Wüste belebte sich ihm abermals\nmit Wesen, die sie aus sich selbst gebar. Denn\ndie Not der Menschen, durch die er geschritten\nwar, hate seine Liebe vertieft und ihn die mitleid-\nlose Liebe des Wissenden, des Schöpfers gelehrt.\nJetzt war er grausam in seiner unendlichen Liebe,\nhart in seiner Sehnsucht. Jetzt hatte er den Mut,\nan allen vorbeizugehen und sie nicht zu erblicken,\nsie zu verachten und doch um jeden Schlag ihrer\nHerzen zu bangen.\nUeber das große Schweigen brach plötzlich das\nverzweifelte Aufschluchzen Evas herein. Alle\nAngst, aller Gram, aller zornige Schmerz, der\nletzten Tage brauste in mächtigem Strahl hervor.\nJetzt ahnte sie mit dem Scharfblick egoistischer\nLiebe, daß sie zu unbedeutend sei, um dem Manne\nalles zu geben.\nWild schlug ihr Schluchzen durch den Raum.\n„Warum hast du mir dies getan, Johannes?\"\nweinte sie. „Einmal erzähltest du mir von Mia\nMirana ... O, wie liebte ich dich, als ich dich so\nfröhlich sah! Daß du sie geliebt und mit ihr zu-\nsammen gelebt hast. . . und während du dich freu-\ntest, daß du mir von dieser Liebe erzählen konn-\ntest, litt ich.\nSie schlug die Hände vor die Augen und weinte.\nAber die Seele des Künstlers lächelte. Sanft und\nruhig streichelte er die Wangen der verstörte*\nFrau und sagte ihr tröstende Worte:\n„Warum weinst du? Warum weinst du nur?\nIch liebe dich noch, wie ich dich damals liebte.\nIch liebe dich, weil du schön und reif bist, und ich\nliebe deine Stimme und deine Hände . . . Sie sind\ndie Schalen, aus denen deine Seele strömt. Ich liebe\ndeine zarten weißen Hände, sie sänftigen, wenn sie\nüber meine Stirn streifen . . .\"\nUnendlich gütig war seine Stimme, die Stimme\neiner Mutter, deren Kind sich grämt um eine kleine\nNot.\nSchwer sank ihr Kopf auf die Lehne des Sessels.\nDa erzählte Johannes von seiner Erlösung.\nLangsam und klar. Die Ehrfurcht des Kindes vor\nder Heiligkeit der Mutter lag darüber.\n„Du törichtes Kind. Ich liebe alles. Und muß\nallem wohltun, weil ich es liebe. So groß ist\nmeine Liebe, daß sie schrecklich wird. Schlicht\nund klar ist deine Seele, ohne Wogen und ohne\nAbgründe. Ich liebe Mia nicht so, wie du glaubst.\nSie ist mir ehrwürdig geworden. Gewaltig war\nihre Liebe. Denn sie wußte nicht einmal, daß sie\nmich rettete. Dies ist Mutterliebe. Sie gibt und\nweiß nicht, daß sie gibt, und ist so reich, daß sie\nin alle Ewigkeit nicht erkennt, wie viel sie gab..."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.6", "texte": "So liebe ich Mia Mirana: als Mutter, die mich aus\nNot und Tiefe emporgezogen, dfe mich mit selber\nwiedergegeben, die die alte Freude und die alte\nKraft in mir geweckt hat.\"\n„Ich muß an deine Stimme denken,\" sagte die\njunge Frau. „Als ich ausgestreckt im Sessel lag,\nund du vor mir standest und mir, ja, ich glaube,\ndu erzählest mir von den Griechen . . ~ und da\nsagtest du, es sei herrlich, einer schönen Stimme\nzu lauschen. Wie glücklich war ich damals, Johan-\nnes!\"\n„Auch jetzt bist du glücklich, komm, schließe\ndie Augen und falte die Hände, du sollst meiner\nStimme lauschen.\"\nAber sie schluchzte.\n„... Ich will dir alles sagen. .. . Wie süß war\ndie erste Nacht, die wir zusammen waren! Wie\ntempelstill war das Zimmer!\"\nEr hatte sein Haupt in ihren Schoß gelegt und\numschlang mit den Armen ihre Knie. Ihre Schmer-\nzen flössen ruhiger dahin. Ihre Glieder lösten sich.\nUnd Johannes riß sie mit sich hinein in die Erinne-\nrung an die süße erste Nacht.\n„Wir sehnten uns der Vereinigung entgegen,\nder heiligen, die das schaffende Leben von Mann\nund Weib fordert. Nichts Häßliches war in unse-\nrer Sehnsucht ... du warst ehrwürdig in deiner\nSehnsucht. Dein Leib ist schön, Eva . . .\"\nDie junge Frau begann unter der Macht seiner\nWorte zu zittern. Alle Tage des vergangenen Le-\nbens überdachte sie und fand, daß es gut gewesen\nsei. Ihr .Schmerz zerrann; ihr ungestümes Ver-\nlangen nach einem Glück in Ruhe und Frieden\nsiegte.\n„Liebst du mich wirklich noch, Johannes?\"\nfragte sie mit scheuer Stimme und streichelte seine\nHaare.\nEr aber hörte ihr Fragen nicht. Er versank in\nder Fülle leuchtender Bilder, die ihn lockten. Er\nblieb das glaubende Kind das aus treuen Augen\nblickt und ihm ein Großes sieht. Wieder ver-\nklärte er das Weib, das er einst als Geliebte ver-\nklärt hatte.\n„Ja, Kind, dein Leib ist heilig . . . der Leib eines\njeden Weibes heilig. Ich liebe dich, weil du\nschön bist. Auch du bist Musik. Alles Reden und\nSchweigen, Bewegung und Stillstand, Mord und\nBefruchtung — Du bist berufen, ein Leben zu ge-\nbären. Du sollst meine Stirn mit deinen feinen Hän-\nden kühlen, du sollst mir sanfte Worte sagen, wenn\nein Aufruhr in mir gärt ... und mich selbst sollst du\ngebären, wenn die Stunde da ist. Wie reich du\nvbist!\"\nWieder erlag er ihrer Nähe. Jetzt aber war er\nklar und kannte die Grenzen, die ihr errichtet\nwaren.\nUnd seine Freude floß hinüber in die junge\nFrau, die schlicht und klar war und keine Ver-\nwandlungen kannte. An diese Freude klammerte\nsie sich. Sie wurde ihrem Gram entrissen und\nemporgetragen, daß sie ihr künftiges Leben\nschaute. Sie entbrannte an den Worten des Man-\nnes. Der Geliebte liebte sie, und so war alles gut.\nUnd so war sie sein Weib und genoß mit ihm die\nFreuden des Lebens auf ihre Art. So ging sie der\nErfüllung entgegen: dem Geliebten einen Sohn zu\ngebären.\n„Ich liebe Mia wie ein Kind. Die Schön-\nheit ihrer Seele strahlt durch die Schönheit\nihres Leibes aus . . . Mia Mirana ist ein Weib, das\nnie ein Kind gebären soll . . . Mia Mirana hat eine\nfruchtbare Seele. Alles tönt um mich . . . Was\nlange geschlafen hat, ist nun wieder wach ge-\nworden. Mia Mirana hat mich zweimal gerettet..\"\nSie streichelte seinen Kopf,\n„Du sollst nur immer mich lieb haben, Johan-\nnes!\" bat sie.\nSo glücklich war dieser seltsame Mensch, daß\ner nie unglücklich zu sein vermochte. Alle Verwand-\nlungen seiner Seele, alle zerreißenden Schmer-\nzen seines begehrenden Geistes, alle grauen Stun-\nden eines müden Verzagens, alles Schreien seines\ngeängstigten Künstlertums konnten ihn nicht zer-\ntrümmern. Immer wuchs er: je schrecklicher sein\nLeid war, umso selbstherrlicher loderte sein Hoch-\nmut empor.\nEr lag auf den Knien vor dem Weib; er fühlte das\nRauschen ihres Blutes. Jetzt war seine Liebe zu\ndieser schlichten Frau klar und ruhig. Er horchte\nverträumt in das große Schweigen. Das große\nSchweigen klang in tausend lautlosen Tönen. Jetzt\nwußte er, daß er die blauen Abende der Kindheit\nwieder erleben würde. So versank er in einen\nweichen Halbschlaf, ausgesöhnt, zitternd in der\nFreude künftiger Taten, ausgefüllt mit der süßen\nSchwermut des Genießers und in all seinem Egois-\nmus ein Kind.\n*\nDie Dämmerung begann. Johannes schlenderte\ndurch die Straßen der Stadt und blickte allen Men-\nschen mit der Freude dessen, der Frieden fand, in\ndie Augen. Er sah viele bekannte Gesichter. Er\nwußte, daß er keinen Menschen in der Stadt\nkannte, aber viele trugen die Züge seiner Freunde.\nDiese Empfindung ängstigte ihn. Und ihn entsetzte\ndas Licht der Schaufenster, das unsicher in die\nDämmerung blinzelte, der vieltönige Lärm der\nStraßen griff mit unzähligen kalten Fingern nach\nihm. Er war empfindlicher als je; die heroische\nSchwermut der vergangenen Stunde flutete noch\ndurch seine Seele, die Liebe Evas erleuchtete ihn,\ndie Dämmerung weckte Erwartungen In ihm. Er\nging und litt die tiefsten Schmerzen seines Lebens,\nobwohl er wußte, daß er der heiligsten Freude ent-\ngegenging. Er versuchte, nur an die Dämmerung\nzu denken, an eine schmeichelnde, blaue Dämme-\nrung; er versuchte, alle Gesichter, alle Dinge mit\nden Augen des Kindes zu betrachten, um sich über\nsie zu erheben. Es gelang ihm nicht; es gelang ihm\nnichts, was er versuchte. Er war seiner Angst\nhilflos preisgegeben. Breit und unversöhnlich trat\nihm das Stadtschicksal in den Weg. Es sprach:\n„Da du edel sein wolltest, vermochtest du es\nnicht. Da du dich liebevoll in mich versenken\nwolltest, erfaßte dich plötzlich der Uebermut und\nriß dich zurück. Klein und schwächlich ist mein\n-eben; langsam und träge. Ich sehne mich nach\nEntfaltung und Buntheit und fröhlichem Gelächter.\nReiche, mächtige Menschen wohnen in meinen\nStraßen, ihre Macht greift hinein in das ganze\nLand, aus dem ganzen Land strömt das Leben zu\nihnen hin. Aber sie verschmelzen sich nicht mit\ndem Land, sie umpanzern sich mit der Enge ihrer\nGedanken, halten alles Fremde von sich fern in\nkleinem Hochmut. Warum bliebst du dem starken\nWillen nicht treu, der dich in jener hohen Sommer-\nnacht zu mir hinzwang, in meinen Mauern zu wir-\nken, meine Menschen aufzurütteln und ihnen die\nFreude eines weiten hellen Lebens zu geben?\"\nEr hörte die Stimme Rankmanns, des lebhaften\nKämpfers für seine Kunst. Sie drang scharf auf ihn\nein. Sie zerriß alle Einwendungen mit einem pol-\nternden Gelächter.\n„Sie gehören zu uns ... Sie haben mir die\nHand darauf gegeben. Daß wir zusammen aus dem\nNest was machen wollen! Sie dürfen nicht ab-\nfallen, das wäre Verrat. Sie müssen sich bei uns\nerst mal eingelebt haben . . . Anfangs ist das un-\nbequem. Aber wenn man täglich diesen stillen\nKampf mit dem plattesten Alltag kämpfen muß,\nmacht einem die Sache allmählich Spaß, kau* ick\nIhnen sagen . .\nEr hörte che Eltern seines Weibes. Sie erzähltem\nvon dem Glück, wenn er sein Auskommen habe,\nvon der Häuslichkeit; von der unbewegten StiHe\neiner kleinen Stadt. Er ging wie ein Träumender\nund wußte nicht, wo er sich befand. Und als seine\nQualen sich unbarmherzig mehrten, als alle Hilfe\nversagte, stürzte sich seine Seele auf den Namen\ndes Weibes, das er einst liebte mit der Glut seiner\nJugend. Mia! Mia! Ich komme, öffne mir die wei-\nten Säle deiner Liebe! Segne mich, Mutter! Mach\nmich wieder zum Kind. Meine blaue Stunde ist\nunrein geworden. Viele Tage lang vergaß ich\nsie, unbesonnen suchte ich andere Verzückungen\nund konnte sie doch nicht finden. Jetzt aber kehre\nich zurück zu dir, der verlorene Sohn.\nJetzt wurden seine Schritte straff und ge-\nwandt. Jetzt klang die schwermütige Melodie\nheiliger Stunden in ihm. Er hatte ein Ziel. Jetzt\nachtete er auf die Straßen, durch die er ging, und\nsuchte den kürzesten Weg zu seiner Freude. Der\nLärm blieb hinter ihm . . . Das große Schweigen\nbereitete sich vor. Die vornehmen Häuser eines\nstillen Viertels schoben sich zwischen ihn und die\nlaute Stadt. Und ganz am Ende dieser Straße\nwuchs eine Waldmasse in den grauen Duft. Töne\nerklangen in ihm und vereinigten sich zu einem\neinfachen Lied. Es war schlicht wie die Wüste,\naber mit gefährlichen Herrlichkeiten. Und Johannes\nnahm es hin als Auftakt zu einem neuen Werk. Als\nnehme dieses Lied Gestalt an und reiche ihm die\nHand, eine weiche kleine Hand, und führte ihn\nlangsam und fröhlich in eine goldene Kinderwelt.\nUnd wieder wurde ihm die Stunde der Dämme-\nrung zu der heiligsten des Tages. Alle Feuer der\nLeidenschaft brannten in ihr, alle süße Grausam-\nkeit verratener Liebe, alle roten Wunden schreck-\nlicher Kriege blühten in ihr wie schwermütige\nBlumen; ihr Duft war herb und weich, er strei-\nchelte mit Kinderfingern, der jammervollste Schrei\nzerrissener Herzen wurde in Schwermut getaucht\nund strahlte wie ein ruhiges Licht in einer großen\nStille. Scharf und stolz standen die Häuser am\nEnde der Straße gegen den Himmel . . . Und der\nDuft der Dämmerung erhob sich, breitete sich aus,,\nein Fächer, und zerfloß in Unendlichkeit. Alie\nFarben klangen zusammen, alle grellen Töne er-\nstarben in dem großen liebenden Allumfassen die-\nser Stunde. Weit drüben stob das friedlose Leben\nvorbei.\nJohannes schritt in Verzückung dem ferne»\nHorizont entgegen. Seine Seele klang und trug\nalle Herrlichkeit in sich. Er fühlte, wie er von\nSchritt zu Schritt reiner und würdiger wurde, seine\nKindheit wieder zu empfangen. Er fühlte, wie\nalle Schuld ihn verließ; und er wußte, daß alles\nHäßliche, alles Unreine nie in das Innere seiner\nSeele eingedrungen war. Stets war er der\nSuchende geblieben.\nEr sah wieder die Wüste. Sie war wie ein.\nRiese, der auf breiten Füßen einherkommt, mit\nbreiten Gebärden alles an sich reißt. Ein finsteres\nLächeln dunkelt in seinen tiefen Augen, und nur\nder weiß die Süße dieses Lächelns zu deuten, der\nsich ganz in ihn hineingeliebt und gelacht und ge-\nschluchzt hat. Alle Kraft der kommenden Tage\nbot sie ihm dar, sie war seine Zuflucht, das Reich\nder Reinheit, in das er sich retten konnte . . . Und\njetzt verstand er auch den Wunsch, der am hohen\nMittag jenes Augusttages in ihm aufgesprungen\nwar: O, daß ich blind wäre! Jetzt stand er vor\ndem Tor, das sich vor ihm öffnen sollte, um ihm\nden Weg freizugeben zu dieser Seligkeit. Hinter\nihm lag alles Bunte, alles Glänzende, alles Be-\ntörende. Seine Augen waren müde geworden"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.7", "texte": "vom Schauen; er hatte sie geschlossen und, da er\nsie wieder öffnete, waren sie erblindet; jetzt staun-\nten sie alle Herrlichkeiten seiner innern Welt an und\nwaren rein und hell und groß wie Kinderaugen.\nDer Hochmut war die Kraft, die alles in ihm schuf\n—: er war die Toteninsel und die Wüste, war der\nIrrweg, war Anfang und Ende seines Schöpfer-\ntums. Aber auch er hatte seinen Ursprung — dies\nerkannte der Künstler. Er entsproß der unendlichen\nSchwermut, die seine Qenießernatur vertiefte und\nveredelte.\n... In dieser Erkenntnis stieg er die Stufen zur\nWohnung Mias hinan. Er fieberte dieser Stunde\nentgegen. Er wußte, daß jetzt seine Kinderträume\nWahrheit wurden; er wußte, daß jetzt die Mutter\nvor ihm sitzen würde in der weichen Dämmerung\neines großen Saales. Er sah den alten Ebenholz-\nflügel; sah die weitoffenen Fenster und hörte\ndraußen die verhallende Unruhe des Lebens. Und\nals er eingelassen wurde, schlug ihm der weiche,\nseitsame Duft eines Zimmers entgegen, durch das\nviele Schicksale gewandelt waren.\nEr hörte milde Töne aus einem Zimmer. Die\nZeit, da er gläubig und schlicht gewesen war,\nnahm ihn wieder auf. Nach Monaten der Ruhe-\nlosigkeit, der suchenden Qual, des trostlosen\nIrrens glaubte er wieder. Weich lag die Dämme-\nrung in dem großen Zimmer. Ihm war, als müsse\ner zu dem alten Flügel eilen, müsse den Ebenholz-\ndeckel öffnen und dann die Mutter an beiden Hän-\nden durch das große Zimmer zu dem Instrument\ngeleiten. Jetzt spielt die Mutter schon; ihre alten\nschwermütigen Weisen. Ihre weißen feinen Hände\nschwebten in aristokratisch ruhiger Bewegung\nüber die Tasten, ihr weicher Mund lächelte in\nseliger Müdigkeit, ihre Brust atmete langsam und\nruhig. Er war wieder Kind, glaubendes Kind.\nJetzt erlebte er die blaue Stunde wieder. In wun-\nderbarer Reinheit lag sie um ihn her gebreitet,\numschmeichelte ihn, nahm ihn ganz in sich auf.\nAlle Not war zuende, alle Häuslichkeit zerweht,\nhoch und fröhlich blühte sein allliebender Egois-\nmus. Das leise Sausen tiefer Wälder kam in das\nZimmer herein, alle Nähen und alle Fernen ver-\neinigten sich und hoben zu tönen an: Und er wußte\nwieder, daß alles Musik ist, daß er selbst nur Mu-\nsik war . . . Er ist wieder Kind und doch zugleich\nwissender als alle Grübler und Weisen.\nDie zarte Frau am Flügel spielte.\nUeberwältigt sank er in die Knie und schluchzte\nin seliger Schwermut.\nEnde des Romans\n\nLettre Ouverte au Sturm\nr delaunay\n17 decembre 13\nMon eher Waiden!\nQuant ä ecrire comme vous me le proposez\nen reponse aux theories subversives dans le\nSturm 2me cahier de decembre je trouve cela en\ndehors de mon art. J'ai un parfait mepris pour\nces sortes de querelles sur les mots et cet article\nest trop puerilement arrange.\nSi on le compare au texte d'Apollinaire dans\nles Soirees de Paris N. 18 on lit:\nDelaunay qui par son talent et insistance a\nfait sien le terme de simultane 1), qu'il a emprunte\nau vocabulaire des futuristes, merite qu'on Fap-\npelle desormais ainsi qu'il signe: „le Simultane\".\n*) ä ce propos des ecrits aux dates du 20 et 27 no-\nvembre 13 dlsent que le rnot simultane mot tres ancien\nfrangais n'a de qualite pour moi qu'en tarme de mutier\nles contrastes simultane o>u forme\nler presentation des prismes sculpture Simul-\ntane do»t il expose 3 exemples\nCheval prisme\nSoleil lune\nParisienne prisme electrique\nOiseau prisme du matin\nL'idee 2) due a l'auteur avait ete communiquee\na Delaunay Gleizes Leger Duchamp Villon Mar-\ncel Duchamp quelques mois avant l'exposition\nBoccioni. II s'agissait d'organis une exposition de\nsculpture nouvelle avant tout le monde. L'auteur\nest heureux que quelqu'un l'ait enfin compris.\nParcontre dans l'article du Sturm date Milan\n25 novembre 13 on lit:\nPöur ma sculpture aussi Guillaume Apollinaire\nconstate dans le meme article (Soirees de Paris)\nla priorite de la simultaneite sculpturale.\nNous voyons avec plaisir se propager partout\nl'influence de nos puissantes decouvertes surtout\nen France.\nNous sommes heureux de constater que notre\ngrand ami et allie Apollinaire Faudacieux poete\nd'alcools nous rend entierement justice dans sa\nbelle revue dans le N. 19 Soirees de Paris Salon\nd'automne. Suit on lit:\n„II n'y a pas en France de peintre futuriste au\nsens des manifestes publies a Milan.\nJ'en ai publie un qui n'etait pas specialement\nfuturiste exaltant differentes tentatives nouvelles et,\nen le publiant, les futuristes ont simplement mon-\ntre qu'ils tenaient a n'etre pas mis a l'ecart de\nl'effort general de modernite, qui s'est manifeste\ndans le monde entier, mais plus particulierement\nen France.\nLe futurisme n'est pas sans importance et ses\nmanifestes rediges en francais n'ont pas ete sans\ninfluence sur la terminologie qu'on emploie au-\njourd'hui parmi les peintres les plus nouveaux.\nAu point de vue artistique il est un temoignage\nde l'action exercee dans le monde entier par la\npeinture frangaise de l'impressionnisme au cu-\nbisme inclusivement.\nM»ais les futuristes n'ont trouve ici personne\npour les suivre et cette peinture du mouvement\nrapide est demeuree stationnaire oü eile est nee.\"\nLa lecture de ces citations textuelles est si\nsuggestive que je laisse la parole a ceux qui par\ndes interets que j'ignore les ont mal enterpretees.\nJe n'ai rien ä repondre. Apollinaire a demande\na Cendrars une semaine avant le Salon d'automne\nde Paris les dates des oeuvres ayant rapport\navec le Simultanisme en general pour les publier\na Paris comme elles le seront a Berlin.\nRecevez mon eher mes amitiees simultanees.\nDiese Antwort konnte aus technischen Gründen erst\nin dem vorliegenden Heft veröffentlicht werden. H. W.\n2) dans les raemes 6crits je rappelais ä Apollinaire\nnos consultations qu'il cite plus haut ä propos de ses\nidees qui n'ont rien de commun avec ma sculpture\nqu'il n'a pas encore vu.\n\nKünstlerbekenntnisse\nH. W.\nHerr Fritz Stahl wurde vom Berliner Tageblatt\ndazu berufen, Maler und Dichter auszuwählen, die\nvor den Lesern des Berliner Tageblatts etwas zu\nbekennen hatten. Das liebe Weihnachtsfest ver-\nsetzt die Künstler in die rechte Stimmung, Bei-\nträge zur Psychologie der Kunst\" zu verschenken.\nNamentlich dem guten Fritz Stahl, dieser mytholo-\ngischen Figur, haben die Künstler recht aus der\nPsyche gesprochen. Er fühlt sich ganz Amor: „Es\nwäre wider den Takt, wenn sich jemand als Dol-\nmetsch oder gar als kritischer Erklärer zwischen\ndie sprechenden Künstler und die Leser stellen\nwollte. Aber es mag erlaubt .. .\" Was ihm ge-\nfällt. Jemand stellt sich sonst zwischen die bilden-\nden Künstler und die Beschauer. Als Dolmetsch\noder gar als kritischer Erklärer. Sprechen macht\neben Spaß. Und sobald die Herren Künstler mit\nWorten sprechen, wirkt es verständlicher, als\nwenn Farben ihm nichts sagen. Herr Stahl fragt\nalso die Maler, welche „Dichter auf ihre Kunst ein-\ngewirkt haben\" und die Dichter, „mit welchem\nMaler sie sich in ihrem Schaffen verbunden füh-\nlen.\" Nun kann man eijnen guten literarischen\nGeschmack haben, wie Herr Baluschek, der nicht\nweiß, was Malen heißt, oder einen ziemlich guten\nmalerischen Geschmack haben wie Herbert Eulen-\nberg, der hinwiederum nicht dichten kann. Und\ndieser jämmerliche Herr Georg Engel, der natur-\ngemäß auch befragt wurde, hat „in den Werken\nvon ein paar hervorragenden zeitgenössi-\nschen Malern gewissermaßen eine körper-\nliche Erlösung aus Traumgefilden gefunden.\" Die\nübrigen Zeitgenossen haben noch nie die englischen\nTraumgefilde gefunden. Körperlich erlöst haben\nihn Böcklin „dieser bunteste Phantast\", die Brust-\nwehr Liebermann und der Schutzwall Israels. An\ndiese Letzteren glaubt er. „Ich glaube, ge-\nrade diese Letzteren werden allmählich für\njüngere Poeten Brustwehr und Schutzwall abge-\nben gegen eine verschwommene dunsthafte Ro-\nmantik, die . . . kranken Marklosigkeit . . . zer-\nbrechlichen Fratzengestaltungen nicht mehr . . .\nBeziehungen zu deutschen Volkstum aufweist.\nDenn unser Volk arbeitet und ist dennoch und\ntrotz alledem gesund!\" Herr Engel hat sich hier\noffenbar verschwommen. Wie gesund müßte die-\nser ältere Poet mit Hilfe von Brustwehr und\nSchutzwall werden, wenn er das Arbeiten aufgäbe.\nFaulheit stärkt die Glieder. Solche markigen\nAeußerungen dringen selbst einem Stahl in den\nBusen und er bekennt: „So dient, was diese\nPersönlichkeiten bekennen, unzweifelhaft\ndazu, auf die eigentliche Wirkung der Kunst hin-\nzuführen und gegenüber allem doktrinären Gerede\nden Wert des Gefühles zu betonen.\" Wider den\nTakt verdolmetscht er also. Stille, Kinder, die\nDichters reden.\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nNette Französische Maierei\nAusgewählt von Hans Arp / Eingeleitet von\nL. II Neitzel\nVerlag der Weißen Bücher / Leipzig\nHerbert von Garvens-Garvensburg\nJames Ensor / Ein Hinweis mit dem vollständi-\ngen Katalog seiner radierten Werke als Anhang\nHannover / Verlag Ludwig Ey\nHandbuch der Kunstwissenschalt\nHerausgegeben von Dr. Fritz Burger / Soeben\nerschienen: Lieferung 10 und 11 Burger:\nDeutsche Malerei\nBerlin-Neubabelsberg / Akademische Ver-\nlagsgesellschaft Atfrenaion MBH"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140115-01.1.8", "texte": "Ks werden nur Anzeige« tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vo»\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durcfc\nhalbfette Schrift, gestattet, Die dreigespaltene ZeUa\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Ver 1 & s\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nla« Der Sturm (Mine Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nW ./ Pntsdamer StraSe 134 a\nEinundzwanzigste Aasstellung\nAugust Maeke\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonnfcags von\nII—2 Uhr\nElntritt 1 Mark } Jahreskarte 6 Mark\n\nVerlag der Sturm\nBeiiiit W 9 Potsdamer StraBe 134*\nf'cmriif Amt Liitzow 4443\nHal bmonatssch rift der Sturm\nErscheiitt am ersten und fihrfzehnten fedes Mottats\nDauerbezug\nOewdhnlidie Ansgafee: P Ci r Deutschlaiid\nGesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Em ttalbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 60 / Einxeinummer 20 Pfennig / Doppel-\nsuminer 40 Pfennig: X P ii r das A' u s I a n d b e i\n& \\ r e k t e r Z u s t e 1 i u n g d u r c h die Post:\nSin Jahr ) francs / Ein Halblahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Kin Vierteliahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes I Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer nmsonst\nSondfcra?isgat>e: Ungebrocbene Exem-\nplar e auf h oIz f re i e m Papier, V e r -\nundnng in fcf © 11 e n d i r e k t d u r c h die\nPost fur Deutschland u n d Dester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark I\nEin H alb jahr 6 Mark X P ii r das A u s 1 a n d:\nEin Jahr 18 francs / Ein Ifalbjahr 9 francs / Von\niieser Ausgabe werden VierieljahrsbezOge, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t\nSer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zwelter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n10 Mark / Vom 1. Januar ab 20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nZiehen / Zum Einzelverkauf !iegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstSnden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband Oder in Rolle ge-\nwlinscht wird, bitten wir den B e t r a g fflr den\nDauerbezwg bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nsum ffinftendes ersten Monats e i n z u -\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daS E i n -\nz \\ e h u ng des Bet rages durch Nachnahme\nmiter Berechnung des Nachnahmeportes fe-\nwfinscht wird\nOenerafvertretimg des Verlags Eug&ne Flgtsldre /\nParis\nOriginalholzschniite / Handdrucke\nDie Gesamtaufiage ist in Klammern beigefOgt / Alle\nExemplare sind vom Kunstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\niegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stler /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde f\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechsieln: Die Erlegung des Fest-\nbratens / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kunstler mit der Hand aquarelliert /\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nKaadJnsky: Sonntag / Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M\n\nWilhetm Morgner: Acker mit Weib / Tierdres-\nseur I Holzarbeitertamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 20 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neujabrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft I Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann nnd Weib / Sonnige\nStraRc / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa I\nSitzende Frau } Zwei Frauen im Raum / Portrat /\n/ Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande 1 / Vom Strande HI /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendouk: Originalbolzschnitte [Numrner 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 25 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat flir die Zeitschrift\nDer Sturm / Original! ithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: N i jin sky / Portrat Licht-\ndruck. gro8es Format / 10 Mark\nMasik\nHerwarth Walden: Dafnisiieder / Zu Q«-\ndichten von Arno Holz ! Ffir Gesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umber to Boccioni: Das\nLachen / L u i g i R u s s o 1 o: Erinnerung einer\nNacht / Zug in votler Fahrt / Gino Seve-\nrinl: Die Modistin / Rnhelose Tfinzcrin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Milnter / Marc Chagall /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / Qleizes usw.\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nSoeben erschienen: Kandinsky 1901—1913 j\nMonographic mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen und Text von Kandinsky\nMark 10\nIllustrierte Aussteilungskataloge\nDer blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\n\nZeitsehriften\nLa Route / Revue de l'Effort Social / Paris / Rue\nde Vaugirard 120\nL'Effort Libre / frflher L'Effort / Monatsschrift /\nHerausgeber: Jean Richard Bloch ! Poitiers\n[Vienne]\n/ Jialbmonatsschrift / Kflnste I\nKultur I Philosophie / Politik / iahresbezug;\n15 Francs / Parte 31 rue Jacob\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrift\nParis I 41 Rue Monge\nLa Nouvelle Revue Fran<?aise / Monatsschrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nMontjole / Halbmonatsschrift / Paris / Chauss€$\nd'Antin 38\n\nHaro / Monatsschrift / Briissel\nLes Catiiers tin Centre ; Moulins [Allier]\nLes Soirees de Paris / Recueil Mensuel illusirc /\nDirecteurs: Guillaume Apollinaire et Jean Ce-\nrusse / Paris 278 Boulevard Raspail / Jahres-\nbezug 12 francs\nUmeiecky Mesicnik / Monatsschrift ftir neue uiid\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova\n\nAnzeigen\n\nAkadeirtie fiir moderne Skulptur in Paris / 18 Im-\npasse du Maine Monfcparnasse / Korrektur: A. Ar-\nch i p e n k o / A r b e i t e n in Stein / Studies\nder Stilarten\nPoetry and Drama / Dichtung und Drama / Be-\ngriindet Januar 1912 / Eine Dreimonatsschrift, ge-\nwidmet der Dichtung und dem Drama der Gegen-\nwart in alien Landern / Probeheft gegen Einsen-\ndung von 2 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n10 Mark 50 Pfennig / Verlag The Poetry\nBookshop / London WC / 35 Devonshire\nStreet / Theobalds Road\n1 Lantern: Eine Monatssehrift / Die\namerikanische Zeitschrift des Protestes I\nOrgan der Gesellschaft Jiinger des Diogenes /\nDrama, Dichtung, Kritik, Malerei / Probenummern\n50 Pfennig / Mortimer Building, Chicago, USA.\nEdinmid Meyer / Buchhandler und Antiquar / Ber-\nlin W 35, Potsdamer StraBe 27 b / Fernruf Am*\nLutzow 5850 I Spezialgeschaft fur bibliophile\nratur aller Zeit / Wertvolle und seltene\njeder Art vom XVI.—XX. Jahrhundert / Aite iir •\nneue Kunstblatter / Standige Ausstellung biblio-\nphiler Publikationen\nWiecker Bote / Schriftleitung: Dr. Oskar Kanehl /\nWieck-Eldena in Pommern / Preis des jHeftes\n25 Pfennig / 4 Hefte M. 1,20 / Heft 4 soeben er-\nschienen\nVerein fiir Kimst/Leitung HerwarthWalden\n1 Zehntes Jahr / Man verlange kostenSose\nMitteilungen fiber die Neuorganisatior, uurch den\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nPremier livre siinultane / Blaise Cendrars /\nLa Prose du Transsiberien et de la Petite Jehanne\nde France / cGuleurs simultanees de Mme Sonia\nDelaunay-Terk / Edition unique, atteignant\nla hauteur de la Tour Eiffel (vol. 10X36 cm\n2 metres) 150 exemplaires, dont 8 sur Parche-\nm.i n ,couverture a la main, chevreau noir Prix\nnet Frs. 500— / 36 sur Japan-Imperial, cou-\nverture a la main, parchemin Prix net Frs. 100— /\n106 sur Simili-Japan, couverture a la main\nchevreau noir Prix net Frs. 50— / Tous les exem-\nplaires sont signes pas les Auteurs et numerotes a\nla presse / Edition des tiommes Nou-\nveaux, 4 rue de Savoie, 4 Paris / Pro-\nspectus gratuit"}]}