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W.: Die heitere Kunst: Der Ernst unserer Zeit / Das Recht des deutschen Volkes / Der Dichter in unserer Zeit / Neue griechisch-römische\nZeitschriften / Kunstnachrichten / Der wilde Mann / Die gewisse Richtung / Ernst Wilhelm Lötz: Erscheinung / Aäge von Kohl: Der Weg durch die\nNacht / Adolf Behne: Bruno Taut / Blaise Cendrars: Marc Chagall / Jacob van Hoddis: Hymne / Empfohlene Bücher / Emil Filla: Kopf / Originalholzschnit^"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-02-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-02-15_01#c002", "volume": "bmtnabg_1914-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "177", "page_fin": "177", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.2.2", "titre_corps": "Emil Filla: Kopf / Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Emil Filla: Kopf / Originalholzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.1", "debut_caractere": 756, "fin_caractere_exclue": 794, "texte": "Emil Filla: Kopf / Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-02-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-02-15_01#c003", "volume": "bmtnabg_1914-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "178", "page_fin": "179", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.2.3", "titre_corps": "Die heitere Kunst", "titre_sommaire": "Die heitere Kunst", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10379, "texte": "Die heitere Kunst\nDer Ernst unserer Zeit\nWer ist Karl Hans Strobl? Strobl hat „ein\nStandardwerk deutschen Humors\" geschrieben,\nbroschiert vier Mark, gebunden fünf Mark. Die\nZeit, allerdings nur die Wiener, bemerkt hierzu:\n„.. Es ist eine solche Fülle von geistvollem Witz,\nvon allerbesten Kontrastwirkungen und von einer\nlaunigen Schelmenhaftigkeit darin, daß man das\nBuch mit Vergnügen liest und aus wahrhaftigem\nHerzen bewundert, auf wie vielen Sätteln unser\nKarl Hans Strobl reiten kann...\" Unser Karl Hans\nStrobl reitet nicht nur, er kräht auch. Nur bildlich.\nEr hat sich eine eigene Zeitschrift „Der Turmhahn\"\nzugelegt, in der sich die Zeit also über unsern\ndeutschen Humoristen äußert. Hauptmitarbeiter\ndieses Organs sind die Herren Otto Ernst, Doktor\nOskar BlumenthaJ, Georg Engel, Paul Oskar\nHöcker, Fritz Müller, Rudolf Presber, Alexander\nRoda Roda, Siegfried Trebitsch und Walter Tur-\nszinsky. Eine stattliche Gesellschaft. Diese Her-\nren haben sich zusammengetan, um geführt von\nunserm Karl Hans Strobl gegen die Kunst zu\nkämpfen. Unser Karl Hans Strobl kritisiert unter\nder feinsinnigen Ueberschrift „Aus Zeit und Zunft\",\nwomit wahrscheinlich wieder die Wiener Zeit ge-\nmeint ist, „Die wildgewordenen Künste\". Natürlich\nin deutschhumoristischer Art. Zum Beispiel: „Ich\nglaube, es gibt eine einzige Art, den Futuristen\ngerecht zu werden. Man lasse sich eine Stahl-\nstange vom Scheitel bis zur Sohle des rechten\nFußes durch den Leib bohren und strecke den lin-\nken Fuß von sich. An diesem Fuß und um diese\nStahlstange lasse man sich in Drehung versetzen,\nso lange, bis aus dem Gewurstel ein Bild wird.\"\n„Das wäre eine feine Art jedenfalls, die Humoris-\nten loszuwerden. Aber die launige Schelmen-\nhaftigkeit darin versöhnt und man bewundert aus\nwahrhaftigem Herzen diesen Hahn, der nur auf\neinem Beine stehen kann, wenn man ihm eine\nStahlstange vom Scheitel bis zur Sohle des rech-\nten Fußes durch den Leib bohrt. Diese Reklame-\nhelden sollten doch nicht den Futuristen Reklame\nvorwerfen, durch die sie einzig und allein das\nPublikum veranlassen, ihre Standardwerke, bro-\nschiert vier Mark, gebunden fünf Mark frei Haus\nzu kaufen. Aber der Mitarbeiter Otto Ernst fürch-\ntet die ausländische Konkurrenz. Das deutsche\nVolk kauft merkwürdiger Weise noch immer ge-\nlegentlich Bücher anderer Leute, sogar Bücher von\nAusländern. Wo doch Otto Ernst im Schweiße\nseines dicken Angesichts Tag und Nacht dichtet,\num den Konsum nach Humor zu decken. Ja, sagt\nder Otto Ernst, die Engländer sind viel tüchtigere\nGeschäftsleute. Und launig, wie es sein schwerer\nBeruf als Humorist nun einmal verlangt, erzählt\ner folgende wahrhaftige Geschichte: „Eine Eng-\nländerin hatte einen deutschen Roman über-\nsetzt, von dem in Deutschland bereits 80000 Exem-\nplare verkauft waren. Sie hatte endlose Schwie-\nrigkeiten, ihre zweifellos vorzügliche Uebersetzung\nanzubringen und einer der Verleger sagte: Sie\nwissen selbst, mein Fräulein, wie schwer es hält,\ndaß das englische Publikum ein deutsches Buch\nauch nur eines Blickes würdige! Wie schmeckt\neuch das, meine Landsleute?\" Das schmeckt, meine\nLandsleute, nach Appelschnut. Oder sollte es sich\num Semper Asmus Idein handeln, mit dem in Eng-\nland noch nicht genug gehandelt wird. Ein Roman,\nmeine Landsleute, der in Deutschland eine Auf-\nlage von 80 000 Exemplaren erreicht, kann nur von\neinem Mitarbeiter des Turmhahns gekräht sein.\nJa, die Humoristen erleben ihre Tragödien. Dieses\narme sehr geehrte Fräulein, das mit einer zweifel-\nlos vorzüglichen Uebersetzung im feindlichen Eng-\nland von Verlag zu Verlag rennt und das Stan-\ndardwerk nicht an den Mann bringen kann, nicht\neinmal ein Blick fällt auf das Buch mit 80000 Exem-\nplaren Absatz. Wie schmeckt euch das, meine\nLandsleute? Aber es ist ganz in der Ordnung so,\nsagt Otto Ernst: „Wenn wir jeden Quark aus dem\nAuslande konsumieren, so schließt das Ausland\nvollkommen folgerichtig, daß wir überhaupt keine\neigene Literatur besäßen.\" Wenn das Ausland\nwüßte, welchen Quark wir konsumieren, würde\nes nicht glauben, daß wir eine Literatur besitzen.\nEs kann uns, meine Landsleute, darüber der Hu-\nmor vergehen. Aber die Humoristen bleiben. Sie\nbleiben nicht nur, sie schreiben. Eigene Litera-\ntur in 80 000 Exemplaren. Und zweifellos würden\ndie Uebersetzungen vorzüglicher ausfallen, als das\nDeutsch, in dem der Quark herausgequetscht ist.\nDiese launige Reklame des Schullehrers Otto Ernst\nhat zum Beispiel den schönen Titel: „Zur Darnach-\nachtung.\" Das kommt davon, wenn man nicht\nsich, sondern die deutsche Sprache bereichert.\nAber Otto Ernst ist nicht nur deutsch und humo-\nristisch, er ist auch sittlich: „Vor mir liegt eine\nZeitschrift, die für futuristische Malerei, futuris-\ntische Lyrik und überhaupt für alles Neueste vom\nNeuen eintritt.\" Das, sagt Otto Ernst, ist jeder-\nmanns gutes Recht. Aber, sagt Otto Ernst, man\nhat nicht das Recht, seine Kunst überhaupt nicht\nfür Kunst zu halten. Er fürchtet für sein Geschäft\nund will änderen „das Geschäft verderben.\" An-\ndere wollen zwar gar keine Geschäfte machen,\naber Humoristen mit eigener Literatur können sich\nin ihrer Phantasie eben nichts anderes als Ge-\nschäfte vorstellen. „Wenn wir unsere moderne\ndeutsche Literatur aus einem Pandämonium\nder Häßlichkeiten und Widerlichkeiten in eine\nhelle offene und freie Arena (herausgegeben\nvon Rudolf Presber) der Geister zurückver-\nwandeln wollen, dann ist es nun die höchste\nZeit, daß wir den Gesinnungs- und Rich-\ntungscliquen und schlimmeren Klüngeln, von denen\nauf einem anderen Blatt die Rede sein soll,\ndas Geschäft verderben\". Geschäfte. Verderben.\nDas klingt im Ernst dämonisch. Warten wir das\nandere Blatt ab, wir werden einen sauberen dicken\nStrich darunter ziehen und ihm das Saldo zu sei-\nnen Gunsten auszahlen. Der sehr geehrte Otto\nErnst soll nicht glauben, daß wir ihm das Geschäft,\ndieses jämmerliche Geschäft, verderben wollen.\nDas Recht des deutschen Volkes\nLang hatte man es erwartet, das Werk des\nHerrn Professors von Froriep (Tübingen), indem\ner „ausführlich den Beweis für die Echtheit des\nvon ihm vor zwei Jahren im ersten Schillergrab\nzu Weimar exhumierten Schädel Schillers ange-\ntreten hatte\". Nun ist es da, das Standardwerk\ndeutscher Wissenschaft. Es ist nicht anzuzweifeln,\nwohl aber die Echtheit des Schädels Schillers.\nNichts geringeres unternimmt Herr Professor Dok-\ntor Neuhauss. Er will nicht bestreiten, daß von\nFroriep eine erstaunliche Fülle von Material bei-\ngebracht habe, welches beweisen soll, daß der von\nihm 1911 aus dem Kassengewölbe in Weimar aus-\ngegrabene Schädel der echte Schillerschädel\nsei. So hat sich Herr Professor Doktor Neuhauss\nunserm Mitarbeiter gegenüber geäußert. „Auch\ndas seinem großen Werke beigegebene Bilder-\nmaterial ist geradezu klassisch.\" Was ja bei Schil-\nler nicht anders zu erwarten war. Aber, sagt Herr\nProfessor Doktor Neuhauss, die ganze Hypothese\nentbehrt der Begründung: „Es ist daher zur end-\ngültigen Klärung der Verhältnisse unerläßlich nötig,\ndaß auch der in der Fürstengruft befindliche Schä-\ndel wissenschaftlich untersucht wird. Das\ndeutsche Volk hat ein Anrecht darauf, daß in die-\nser Sache völlige Klarheit geschafft wird ...\" Ich\nbin auch dafür, daß die Klärung der Verhältnisse\nder beiden Schädel wissenschaftlich untersucht\nwird. Das deutsche Volk hat nicht nur ein Recht\nauf Schiller und auf den einen Schädel, auch der\nandere Schädel darf seinen wissenschaftlichen\nVertretern nicht länger vorenthalten werden. Der\nGroßherzog von Sachsen-Weimar weigert sich\nzwar energisch, den Schillersarg öffnen zu las-\nsen. Aber die Freiheit der Wissenschaft wird\nselbst vor Großherzogsthronen nicht Halt machen.\nDer fortschrittliche Mitarbeiter des Berliner Tage-\nblatts wird schon den Weg zu dem Herzen des\nFürsten finden, der den Weg zu Schillers Schädel\nöffnet.\nDer Dichter in unserer Zeit\n„Heute wollen wir durch seine eigenen Worte\nzeigen, wie der Dichter Lissauer sich zu seiner\nZeit stellt.\" Mit ernstem feierlichen neuen Pathos\nkündigt das Berliner Tageblatt so einen Artikel des\nHerrn Lissauer an. Und drei Tage später folgten\nihm im Zeitgeist seine Werke nach. Der Mensch\nmuß wissen, wie der Dichter Lissauer sich zu sei-\nner Zeit stellt. „Seine auf das Hohe gerichtete\ntrotzige Art spricht sich in diesem Bekenntnisar-\ntikel aus, den er uns auf unsere Bitte zur Verfügung\nstellt.\" Die Redaktion des Berliner Tageblatts bittet\nund der Dichter Lissauer stellt seine auf das Hohe\ngerichtete trotzige Art zur Verfügung. Was der\nDichter Lissauer sagt ist nicht unrichtig und nicht\nneu, spricht aber gegen den Dichter, sodaß nur der\nLissauer übrig bleibt. Er sagt: „Das Wesen des\nDichters ist nicht nur, daß er symbolisch schafft,\nsondern daß er Symbol ist.\" Hier ist nur das nur\nfalsch und das Wort Symbol ungeschickt. Aber\ndas Richtige ist gemeint. Dieser Trotzkopf beruft\nsich ferner auf Stefan Zweig, einen unwesent-\nlichen Aestheten, der Wesentliches über das Neue\nPathos gesagt haben soll. Das neue Pathos selbst\nwird von dem Dichter Lissauer so gedichtet:\nHoch greift an ihm die Gischt, es donnert\nwirbelnde Wut,\nBrandender Abgrund will ihn niederschlingen,\nAllein er geht, den Blick weit in die Welt\ngerichtet über die See,\nGelassen hin wie über einen deutschen Schnee.\nUnd sieh, ihn trägt die Flut,\nUnd horch, nun hebt sie an zu singen,\nEs tönt Musik empor,\nDie Wasser schallen unter seinem Fuß im Chor,\nDer Raum erdröhnt von ihm, es ziehen\nErwogend unter ihm die Harmonien.\nDiese neupathetischen Verse gehören zu einer\n„Legende von Bach\". Das Pathos kennen wir\nschon recht lange, diese Reime auch. Die letzten\nbeiden Zeilen gehören sogar zur Klapphornpoesie.\nNeu ist nur, daß man über einen deutschen Schnee\ngelassen hingeht. Er meint wahrscheinlich den\nSchnee, auf dem er die Potsdamerstraße entlang\ngeweht kommt. Da läßt es sich freilich gelassen\ngehen. Gegen das Schallen im Chor würde sich\nvermutlich Bach sehr gewendet haben. Aber was\nsoll man machen, wenn einem der Reim auf empor\nfehlt und man das Singen des Chors origineller\nsagen will, ohne original zu sein. Was nämlich\nsonst in diesen paar Zeilen wallet und siedet und\nbrandet und zischt und bis zum Himmel an bran-\ndender Gischt aufsteigt, das, Dichter Lissauer un-\nserer Zeit, hat uns allen schon vorgeschillert.\nNeue griechisch-römische Zeitschriften\nIn Heidelberg hat man immer mal wieder „Die\nArgonauten\" aufleben lassen. Mit dieser Zeitschrift\nsollen mehrere nicht ganz kunstfeste Lyriker an\ndas andere Ufer befördert werden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3312, "texte": "In München ist immer mal wieder „Der neue\nMerkur\" gegründet worden. Natürlich von Georg\nMüller. Dort soll sich die „Elite\" breittun. In\nDeutschland wird wirklich für den Handelsgeist\ngesorgt.\nKustaachrichten\nProfessor Oskar Bie, der zusammen mit Fritz\nStahl Kunstgeschichte studiert hat, ist fünfzig Jahr\nalt geworden.\n'Georg Engel wird in der Steglitzer litera-\nrischen Gesellschaft aus seinen Werken vorlesen.\nDer wilde Mann\nDie Kunstwelt des Herrn Felix Lorenz, eine\nschlechte Kopie der Gartenlaube und der Moder-\nnen Kunst des Herrn Bong, fragt angstvoll alle\nmöglichen Leute, was sie von den sogenannten\nneuesten Kunstrichtungen halten. Abgeordnete,\nKommerzienräte, Fabrikdirektoren, Hanns Heinz\nEwers und schließlich neben soviel Fachleuten\nauch einen Dilettanten, den Kunstmaler Albin\nEgger-Lienz. Oesterreich hat ihn wieder, er fühlte\nsich in Deutschland nicht bodenständig. Berlin\nwollte nichts von ihm wissen und Weimar auch\nnicht. Nun schimpft der Herr Egger in Oesterreich\nüber Deutschland. Die Kunstwelt schickt diese\nSchimpfereien als Sonderdruck, halbelegant * ge-\nbunden, an sämtliche Leute, die von der Existenz\ndes Herrn Egger noch nichts wußten. Der brave\nHerr Egger fängt so an: „Dieser Schwindel muß\num so offener als solcher gebrandmarkt werden,\nals seine Anhänger mit einem im Kunstleben bisher\nunerhörten Terror jeden, der ihn nicht mitmacht,\nmit Boykott und afterkritischer Verfolgung bedro-\nhen und jede Zurückhaltung von ihnen als\nSchwäche ausgelegt wird.\" Das denkt Herr\nEgger über die neuesten Kunstrichtungen. In die-\nser sympathischen Form schimpft Herr Egger sei-\ntenlang weiter, offenbar, weil seine Bilder in Ber-\nlin keinen Erfolg hatten. Schlecht genug sind sie\nfreilich dazu. Aber manchmal glückt es auch da-\nmit nicht. Sonst hat Herr Egger noch zu bemer-\nken: „Der zum Gipfel der Jahrtausende emporge-\nschmockte Manet zeigt sich mir als ein schwäch-\nlicher und höchst mittelmäßiger Velasquez-Nach-\nempfinder . . ~ der gepriesene Cezanne war ein\nöder Konstruktionsphilister, van Gogh und Marees\nbemitleidenswerte Unzulänglichkeiten, Greco, der\nAffe Tizians, ein notorischer Seekrüppel.\" Der\nhat es ihnen aber gut gegeben, der Egger mit den\nguten Augen, dem Manet, dem Cezanne, dem van\nGogh, dem Marees und dem Greco. Aber diese\nKünstler brauchen wenigstens die Bilder des Herrn\nEgger nicht mehr zu sehen. Dafür kann man sich\nschon einige Schimpfworte ins Grab nachrufen\nlassen.\nDie gewisse Richtung\nAbgeordneter Delbrück (konservativ) in der\nzwanzigsten Sitzung des preußischen Abgeordne-\ntenhauses: „Es ist augenblicklich eine gewisse\nRichtung in der Kunst, Sachen zu malen, die\nman früher als Studien im Atelier ließ,\nzum Beispiel ein splitternacktes Modell, das in\neinem Salon Thee eingießt. Seien wir doch froh,\ndaß die Staatsanwälte nicht nach dem Gefühl ent-\nscheiden.\" Man weiß nicht recht, ob die Staatsan-\nwälte für oder gegen das Modell wären. Nach dem\nGefühl. Wo mag der Abgeordnete Delbrück die\ngewisse neue Richtung in der Kunst äugen blick-\nlich gesehen haben? Er wird doch nicht das Mo-\ndele Nue von Leger meinen? Ich bin zwar in der\nglücklichen Lage, kubistische Bilder zu „erken-\nnen\", aber den Salon und den Thee muß mir doch\nerst der Abgeordnete Delbrück nachweisen. Oder\nwar der Herr Abgeordnete vielleicht in der gro-\nßen Berliner Kunstausstellung?\nH. 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Ent-\nsann sich denn sein Gehirn unbewußt und mit\nvenhaftem Gehorsam, was der Probst damals an\nihrem Grabe mit bewegter Stimme, ja sogar mit\nTränen an der rechten Stelle, gesagt hatte: daß\nwir keinerlei Erklärung für dies Gräßliche finden\nkönnen als die, daß der alliebende Gott und Vater\ndies hatte geschehen lassen — um den Dichter\nGlaß Morton zum Paradiese zu führen! Haha, köst-\nlich, Millionen wert, wie klug sie alle mit einander\nwaren, von den Priestern und den Aufsehern und\n-— bis zu ihm selbst! Ja, so wahr — oder höre nun\neinmal, das ganze ist so unendlich einfach, selbst\nder Einfältigste wird in Zukunft sogar das Unfaß-\nlichste von allem begreifen können —: der Allweise\nund Alliebende hatte schon seit längerer Zeit daran\ngezweifelt, inwiefern es überhaupt tunlich sei. die-\nsen verstockten Wurm Glaß Morton auf seine Seite\nhinüberzubringen; Er hatte allerhöchst eigenhändig\nund mißvergnügt gar manches Jahr darüber hin\nund her gegrübelt, immer bekümmerter; Er durch-\nblätterte in seinem Gedächtnis, welche Mittel ihm\nzur Verfügung standen, Sodom, Christenverfol-\ngung, wilde Tiere, Hungersnot, Krieg, Pest und Sy-\nphilis, nein, aber nichts von alledem gefiel dem All-\ngütigen, das waren völlig veraltete Sachen, alle mit-\neinander, die in einer so aufgeklärten Zeit wie die\nunsere zu benutzen, Er sich geradezu geschämt\nhaben würde — und vielleicht gehörten übrigens\nauch noch schärfere Methoden dazu, falls es solche\ngab . . . und siehe, ganz richtig, nicht wahr, da\nunten ging ja ein wunderbares Wesen gerade an\ndieses Sünders Seite: jung, du guter Gott, so strah-\nlend schön, so göttlich voll von Kraft, die noch gar\nmanches Jahr gebraucht werden konnte, um Licht\nüber die Erde zu verbreiten, Zärtlichkeit, die noch\nJahrzehnte lang flammen und scheinen und Tage\nwie Nächte gut machen konnte, Freude und Hilfs-\nbereitschaft und Liebe noch für Dutzende von lan-\ngen, langen, schönen Jahren —: die kleine Annie,\nderen Herz aus Gold, die schöner war, als alle die\nandern, und die nie einem lebenden Wesen etwas\nanderes als Gutes mit aller Macht getan hatte — ja-\nwohl, das war ja gerade das würdige Opfer, haha,\nlaß sie auf den Wegen unergründlicher Zufälligkei-\nten nichts ahnend und schuldlos in der Dunkelheit\neines Abends mit ihrem goldenen Haar an einen ein-\nsamen Ort hinausgeführt, laß die Nacht zerrissen\nwerden von ihrem Geschrei unter dem Blitzen eines\nMessers, durchzuckt werden von ihrem Mut, ihrem\nEntsetzen, ihrem blutigen Tod in einer Oual, die\nkein Sinn fassen kann, mein Gott, mein Gott, ich\nkann nicht mehr, meine Kräfte sind auf einmal ganz\nund gar dahin, ach, Annie, Gott gebe, ich wäre\ngleich jetzt bei dir! . . .\nEr hatte sich von neuem, ohne es zu wissen,\nwieder in Bewegung gesetzt.\nPlanlos wanderte er vorwärts, mit straucheln-\ndem Fuß, ohne zu hören oder zu sehen, er selbst\nfühlte, daß sein Antlitz unbeweglich und verzerrt\nwar, wie aus Holz, wie aus wahnsinnigem und ge-\nfühllosem Stein — aber in ihren Höhlen brannten\nseine Augen, sein Gaumen war trocken und heiß,\nan seinem Herzen saß zerfleischend ein Kummer,\nder nicht zu ertragen war.\nDas Geräusch seiner Schritte gelangte auf ein-\nmal an sein Ohr —: der leise, schreitende Laut von\nKies, der unter seinem Gewicht nachgab, während\ner den Stiefel niedersetzte; das feine Knittern der\nzahllosen, winzig kleinen Körner, die mit jedem\nTritt, den er machte, unter einander mit Zolltiefe\nin der Erde verschoben wurden . . . mit jedem\nMal unterirdische, mikroskopische Leben zu tau-\nsenden zermalmten: ein Weltuntergang auf eines\nFußes Breite — von ihm herbeigeführt!\nEr hielt jäh inne bei diesem Gedanken, mit einem\nplötzlichen Brand in seinem Herzen. Streckte wild\ndie Arme aus, warf den Nacken hintenüber, sah\nzitternd empor zu dem bleichen Himmel, an dem\nsich die Sterne entzündeten — bog darauf gleich*\nwieder mit einem Ruck vornüber, wagte nicht,\nzu bleiben, wo er war, wagte weder zur Seite,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10249, "texte": "noch zurück zu treten, starrte grauenumfangen\nnieder. :\nUnd im selben Nu war es ihm, als vermöchte\n,auf einmal sein Blick alles zu beobachten, was dort\nunten geschah — auch jetzt, während er auf die-\nsem Fleck still stand, unaufhörlich Verstümme-\nlung und Tod unter diese unsichtbaren, diese ar-\nbeitsamen und geschäftigen Völker hinuntertre-\ntend, die dort unten in der Erde wohnten — in Un-\nmengen Männchen und Weibchen und unfaßlich\nwinzig kleine Kinder mordend!\nEr meinte leibhaftig die gräßlichen Zerquet-\nschungswunden unterscheiden zu können, das häß-\nliche Sich winden und Springen der Todeskämpfe,\nein grauenvolles Wirrwarr von Tortur in unend-\nlich kleinem Format; hinter seinen Trommelhäuten\nmeinte er die schwachen, unzähligen Schreie all\ndieser Qual, das Gekreisch der Hilflosigkeit und\ndes Hasses spüren zu können; in seinen Nasen-\nlöchern fühlte er den faden, Übelkeit erregenden\nGeruch des Blutes, das in Strömen floß, überall\nhinabsickernd, helltönend von Stein zu Stein trop-\nfend! Und beständig tiefer hinab erstreckte sich\ndiese Zerstörung, während er hier stehen blieb —:\nSiehe, siehe jetzt, war es seine Sehkraft, die auf\neinmal, zauberhaft scharf, das Ganze durchschaute,\noder war es der Erdboden selbst, der auf einmal\ndurchsichtig wurde wie ein Meer oder . . . oder\nwar es wirklich ein blaugrüner, kühler Schimmer,\nein kalt phosphoreszierender Schein, der unver-\nmutet von dort unten her aufflammte, von dort\nganz unten, aus der untersten Tiefe empor, wo . . .\nJa! . . .\nEr stieß ein Stöhnen aus.\nDas Herz zum Zerspringen angespannt —:\nDenn es war ihm jetzt, als werde — gleich\neinem Teppich — die ganze verdeckende Erd-\nschicht weggezerrt, mit Bäumen und Blumen, mit\nGittern und Gängen und Kies . . . und vor seinen\nAugen lag entblößt und sichtbar das dort unten\nselbst!\nDer Friedhof selber offenbarte sich kilometer-\nweit seinem Blick, ein unübersehbares Feld des\nTodes, Sarg an Sarg in Reih und Glied . . . wie\nniedrige und schwarze Baracken, sorgfältig und\nendlos in langen Reihen hintereinandergestellt, groß\nund klein — neue und alte!\nHier schimmerten noch, durch den Schleier der\nDämmerung, helle oder dunkle Farben, Vergol-\ndungen, Versilberungen, Zink und Eisen von Be-\nschlag und Ecken. Da waren es schon vermoderte\nDeckel, wohinter es gedämpft und grün glimmte;\nhier ganz zernagte Bretter, durch die die grauen-\nvollen Fetzen von Fleisch zundrig und naßkalt glüh-\nten! Da hinten zur Linken saß ein Schädel auf den\nnackten Halswirbeln, nach oben zu geknickt, als\nhätte er sich aufgereckt, um einen mit dem Schwarz\nder ungeheuren Augenhöhlen unter der knochen-\ngelben Kuppel anzustarren. Hier rechts von ihm\nlag ein langer, noch vollkommen fleischbekleideter\nKörper ausgestreckt auf dem Rücken, die Zähne\ngrinsten eiweiß hervor — zwischen zwei Lippen,\ndie sich zusammengezogen hatten, wie zu ein paar\nschwellenden Trauben, schwarzblau und blank;\nund da gerade vor seinem Fuß lag ein ganz kleines\nKind: auf seiner entblößten Brust, die rot gespren-\nkelt durch eine mürbe Stelle in dem gelblichen\nHemd hervorguckte, funkelte ein goldenes Me-\ndaillon!\nJa, ja, nach allen Richtungen hin, unendlich weit,\nvor ihm, hinter ihm, rechts und links, wohin er\nsich auch wandte —: da lagen all die Beweinten\nund Vergessenen, wortlos, Seite an Seite, und lösten\nsich langsam auf! Konnte man sie wohl wiederken-\nnen, konnte man an ihren übriggebliebenen Kno-\nchen wohl erraten, wer sie gewesen waren, ob ihr\nLeben arm oder reich gewesen war, ob sie jemals\nerlangt hatten, wonach sie sich sehnten, ob sie geliebt\nworden waren oder nicht?! Ach, er stand an dem\nOrt des Entsetzens! Hier wuchs zahllos und üppig\nalles, was des Todes war, ein meilenbreites, ein\nabscheuliches Feld, in dem die bleichen Knochen\nso dicht wie Grashalme gepflanzt waren — und\nhoch über ihnen leuchtete hier und da die schwe-\nfelblaue oder griinspanige Flamme der Verwesung\ngleich eisigen Blumen auf! . . .\nIm nächsten Augenblick überfiel ihn der unge-\nheure Qeruch, der entnervende, verheerende Ge-\nstank, der dick aus diesen allem hier ausströmte\n— eine totbringende, eine sichtbare Pest'atmo-\nsphäre, die kroch und lief und still stand! die\nerstickende und schwammige, gigantische Arme\nhatte, treibende Flächenwunden überall und gif-\ntige, klebrige Beine, die Siebenmeilenschritte\nmachten! ein riesengroßer, ein kolossaler, ein weiß-\nblasser, geschwollener Kadaver, der sich auf ein-\nmal vor ihm bis zum Himmel erhob — mit einem\nAtem, der totschlug und mit Augen, in denen man\nertrank!\nEr warf den Oberkörper schaudernd zurück,\nschleuderte grauenerfaßt beide Hände vor — und\nhörte da, im selben £Ju, den tausendfältigen, gräß-\nlichen Laut von Nah und Fern! den unaufhörlichen,\nden leise murrenden Lärm von beständigem und\nfeuchtem Verfall! seufzend gaben die Särge hier\nund da nach, und mit einem Zischen entfuhren die\nDünste, rieselnd stürzte der Kies durch Risse und\nSpalten hinein, die Leichen rührten sich düster,\nstießen mit einem pfeifenden Fauchen ihren stin-\nkenden Hauch aus — und horch, still, was war\ndas für ein entsetzliches, ein ununterbrochenes Ge-\nräusch, das man mehr ahnte als hörte, ein unauf-\nhörliches, winzigkleines Zermahlen und Zermalmen\nüberall, ein Verschlingen ohne Pause . . . ach, ja,\njetzt begriff er es: das war ja die Mahlzeit der\nMillionen vom Morgen bis zum Abend und wieder-\num vom Abend bis zum Morgen! das waren die\nBillionen von farblosen und lichtscheuen Würmern,\ndie fraßen und tranken und dazu plauderten, das\nwar die ungeheure Erde selbst, die mummelnd,\nschmatzend, kauend ihre unersättlichen Eingeweide\nfüllte . . . mein Gott, war dies denn wahr? war\ndies Wirklichkeit, das, was er hier hörte und roch\nund sah —: das alles, was wir dort oben vom\nLeben her kannten — hier lag es jetzt und moderte\nhin! alles, was wir haßten — hier war es verbor-\ngen, um ganz zu verschwinden! alles, was wir lieb-\nten — hier war es zur Ruhe bestattet, um restlos\nausgelöscht zu werden?\nAber da war es ihm, als werde auf einmal sein\nHerz gellend zerrissen.\nEr erhob mit einem Ruck dumpf stöhnend sei-\nnen Kopf.\nIn seinen Gedanken brannte ein Schrei —:\nSie!\nSie, deren er sich an diesem Ort nicht zu er-\ninnern wagte?!\nSIE, die ihm vor zwei Jahren geraubt, getötet,\nseinem Blick und seinem Leben entzogen war —\nwo war sie jetzt?? . . .\nEr schlug mit einem Gebrüll beide Fäuste gegen\nsein Gesicht, preßte wild knurrend die Augen zu,\nwollte nicht sehen — und sah trotzdem:\nMein Gott, dort, da hinten, unter diesem Mar-\nmormonument, das in der Ferne wie ein mächtiger,\nein schneebleicher Schatten hinter den schwarzen\nBäumen schimmerte! unter diesem blumenüber-\ndeckten Hügel, umrahmt von einem Gitter mit dem\nFeuer goldener Spitzen, da hatten sie ihren Kör-\nper hinabgelegt — den geliebten und mißhandelten!\nunzählig viele Male geküßt und umfangen in un-\nnennbarem Glück — darauf zerrissen von einem\nblindgeborenen Wesen mit einer Klinge, von einem\nTier der Tiere mit blutigem Zahn — und jetzt, vor\nzwei unendlich langen Jahren . . . nein, ich will es\nnicht, ich wende den Kopf ab, ich fliehe, ich reiße\nmir die Augen aus, ich will nicht sehen, hört ihr,\nfort, nehmt es weg, ihr lügt, sie ist es nicht, ich\nweiß es, ich fühle es so deutlich überall, sie kann\nes nicht sein, sie ist das da niemals gewesen, Hilfe\nfort von hier, laßt mich los — nein, nein, ich will\ndoch dahin, laßt mich gleich dahin kommen, es\neilt, ich will ihre Glieder mit den meinen decken,\nich will ihren Körper vor ihnen allen hinter mir\nselbst verbergen, ich will einen unerbittlichen\nKrieg, Tag und Nacht, gegen alle die führen, die\nsich dort begehrlich rühren, ich will mit Armen und\nBeinen und Zähnen dagegen ankämpfen — gegen\ndiese Stummen und Weißen, die hier gefräßig um\ndich herum kriechen, Annie, hast du gehört, sei\nnicht mehr bange, ich komme, meine Geliebte, ja\nja, ich komme so schnell ich kann! . . .\nLangsam ward er sich seiner selbst wieder be-\nwußt.\nEr stand schwindelnd da, mit hängenden Armen,\nmit keuchendem Atem, den Kopf vornübergebeugt,\nals sei der Halswirbel gebrochen.\nAn sein Ohr drang auf einmal, wie aus weiter\nFerne, das tiefe und leise Geräusch eines Stöhnens\n— gleich dem fast unhörbaren Glucksen eines un-\nterirdischen, reißend rinnenden Stromes.\nEr zog die Lippen zusammen, lüftete darauf mit\nabgestorbener Hand seinen Strohhut ein wenig\nvon dem Scheitel, trocknete seine Stirn, fühlte sich\nvollkommen erschöpft, todmüde, es schmerzte in\nseinen Gelenken, die Knie zitterten unter seinem\nGewicht — er wagte nicht zu versuchen, sich des-\nsen zu erinnern, was soeben geschehen war.\nSah sich dahingegen langsam um, erblickte eine\nBank einige Schritte weiterhin — auf einem Mei-\nnen offenen Platz.\nEntschloß sich, dahin zu gehen, merkte im sel-\nben Nu, daß er über alle Maßen durstig war, die\nZunge klebte ihm dick im Munde, seine Schläfen\nbrannten. Er machte eine schmeckende Bewegung,\nfür eine Sekunde war eine Erinnerung im Begriff,\ndadurch in ihm zu erwachen, ein Kälteschauer\nrannte durch seine Glieder — aber dann schüttelte\ner fieberwild den Kopf und fing an zu gehen, be-\nständig den Hut in der Hand, die Füße hinter\nsich herschleppend.\nEr erreichte ungestört die kleine, hellgestrichene\nGitterbank, setzte sich schwer und langsam nie-\nder — und fühlte sich unerklärlich befreit, schon\nin dem Augenblick, wo er saß.\nIn einem Haus, weit entfernt nach rechts zu,\naußerhalb der Friedhofsmauer,, wurde in einem\nZimmer des vierten Stockwerks das elektrische\nLicht angedreht — es sprang als vier gelbe, kleine\nPlatten auf einmal da hinten in den Fenstern auf\nund machte gleichzeitig das Halbdunkel um ihn\nher fast schwarz.\nHinter ihm begann die Ausgangsglocke auf ein-\nmal wieder zu läuten: Gut, gut, jawohl, in fünf Mi-\nnuten schließen sie das Tor, es ist noch Zeit\ngenug! . . .\nEr hatte, sich immer wohler fühlend, den Hut\nan seine Seite gelegt, hatte das eine Knie über das\nandere geworfen, sich zurückgelehnt — und legte\nnun den rechten Arm über die Rücklehne der Bank\nden Stock in der linken Hand haltend und ihn un-\nwillkürlich vor sich hin und her führend, kleine\nZirkelbögen in den blonden Kies ritzend.\nEs hatte ein wenig zu wehen begonnen, wäh-\nrend es gleichzeitig dunkler wurde.\nMit Wohlbehagen bot er seine Stirn der Kühle\ndes Windes dar, genoß einen Augenblick in allen\nPoren seine Frische, Lauschte sodann, plötzlich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10474, "texte": "lächelnd und voller Frieden, dem tausendzüngigen\nLaut nach allen Seiten zu um sich her; ließ dann\nlangsam seinen Nacken ein klein wenig hintenüber\nsinken, seine Augen an dem Anblick dieser schat-\ntendurchwobenen Gruppe von Hängebirken wei-\ndend, die dort dicht vor ihm stand — mitten auf\ndem kleinen runden Platz, an dessen Rande er saß.\nTrauer, dachte er gleich nachher, und entsann\nsich unvermutet einer Person, die er vor einigen\nJahren in einem seiner Bücher geschildert hatte ■—:\nTrauer, was für ein Unsinn war das, es gab nichts\nin der Welt, was mit Recht den Namen Trauer\ntragen konnte!\nIch entsinne mich, grübelte er gemächlich wei-\nter: ich entsinne mich, wie es mich Tag und Nacht\nquälte, damals, als ich von diesem Mann schrieb,\ndessen ganzes Lebenswerk ihm im Laufe von\nwenigen Minuten völlig und unrettbar und für im-\nmer zwischen den Händen zusammengebrochen\nwar — wie abscheulich es mich peinigte, daß ich\ngleichsam nicht in die Stelle hineindringen konnte,\nwoher das entsprang — was ich mir damals unter\nTrauer vorstellte!\nDenn ich glaubte ja steif und fest —: daß\nTrauer sozusagen ein ganz bestimmtes Land sei,\nein fremdes, ein seltsames und ungeheures Land,\nwohin man unter gewissen Umständen plötzlich\nversetzt werden könne und von wo es keinen Aus-\ngang gab! Oder, wenn man will, eine Art mysti-\nsches Schwarzes Meer — wo der Wind weder Tag\nnoch Nacht einen andern Ton hatte, als den Schrei:\nwo die Wellen sich unaufhörlich, lang, schwarz,\ngrausam und mit weißen Kämmen dahinwälzten;\nwo eine schäumende Brandung und wo unbe-\nrechenbare Unterströme immer den Unglücklichen\nvon neuem hinausrissen, im selben Nu, wo er sich\ngerettet glaubte; und wo sogar die Vögel dasselbe\nunveränderliche Gewand von ewigem Kohlschwarz\nhatten!\nNicht wahr, so ungefähr stellte ich mir das vor,\nwas man unter dem Begriff Trauer verstehen\nmüsse —: ein grenzenloses, ein überirdisches Ge-\nnießen — wenn auch seine Farbe schwarz war!\neine alles andere übertäubende Seligkeit — wenn\nsie auch unbarmherzig jeden verzehrte, der sie\nkennen lernte! ein ekstatisches Glück — wenn\nauch mit dem starrmachenden Antlitz einer Me-\ndusa . . . aber es war mir auf keine Weise möglich,\ndies niederzuschreiben! es wurde fortwährend, wie\nich es auch drehte und wendete, zu einem so son-\nderlichen Mischmasch, schien es mir immer —: zu\neinem unablässigen Auffahren in Zorn, im Haß, in\nSehnsucht, und gleich darauf zu einem ebenso\njähen und tiefen Hinfallen, beides mit immer grö-\nßerer Gewaltsamkeit abwechselnd und mit immer\nsteileren Uebergängen! vor allem aber eine wahn-\nwitzige, entnervende und kraftverschwendende,\neine qualvolle, mehr und mehr zerstörende Rast-\nlosigkeit — kurz: eine Marter schlecht und recht,\naber keineswegs jene süße und todbringende\nQual, wie ich sie mir im voraus vorgestellt hatte!\nUnd wie mag dies nun sein?\nHatte ich Unrecht, mir die Trauer so vorzustel-\nlen — und war es also richtig, das, was ich\nschrieb? . , .\nEr strich sich langsam ein- oder zweimal über\ndie Stirn; ließ darauf die Hand mit einem leisen\nSchlag wieder niederfallen; dachte einen Augen-\nblick daran, sich eine Zigarette anzuzünden, ver-\ngaß es indes sogleich wieder.\nIch entsinne mich auch noch sehr wohl, grü-\nbelte er gleich darauf von neuem: ich entsinne\nmich, wie mir höchst schlecht zumute war bei die-\nsem ganzen Passus in meinem Roman. Ich las diese\nStelle wieder und wieder durch, ehe ich sie in den\nDruck gab, noch bei der Korrektur mit unbestimm-\nteil und entschlossenen Plänen, sie ganz und gar\nändern zu wollen — aber doch ohne jemals etwas\nanderes auszurichten, als hier und da kleine Feile-\nreien. Nun, und als dann das Buch erschien, und\nich wartete, daß Freunde und auch Kritiker die\nGeißel tüchtig tanzen lassen würden — da war das\neinzige, was ihnen in dem Werk wirklich gefiel,\ndas einzige, was ihnen wirklich gut erschien —:\ndas waren gerade diese Seiten; ja, sagten sie zu\nmir: da hätte ich in Wahrheit Trauer geschildert;\nda hätte ich mit kundiger Hand bis zur letzten\nFiber ein Menschenherz entblößt und uns sehen las-\nsen, was Trauer eigentlich ist! . . .\nEr fühlte sich auf einmal gereizt.\nEs war ihm plötzlich vollkommen klar — ohne\ndaß er selbst noch recht wußte, weswegen —: daß\nes ja selbstverständlich ganz und gar zutreffend\nwar, was er damals dunkel empfunden hatte. Daß\ndiese Menschen ganz einfach gar nicht ahnten, was\nTrauer war! Naturnotwendig nicht! Wenn Trauer\nwirklich nichts weiter oder nicht mehr war, als\nwas er davon in jenem Buch erzählt hatte, und\nwozu der erste beste ja oder nein sagen konnte . . .\nwas war dann das Ganze?! Nein, nie und nimmer,\ndas fehlte auch noch! Nein, das, was ihm damals\nim Wege stand, das war genau dasselbe wie jetzt:\ner selbst wußte nicht, was es war, zu\ntrauern! Und wie mochte es wohl zugehen, daß er\ndas nicht wußte? Ja, der Grund war ... so ab-\nscheulich und lachenerweckend es auch klang, der\nGrund war der: daß gerade alle die andern ihn\ndaran hinderten, trauern zu können! Ach, es war\ndas Bürgerliche in seinem Herzen, es war das Ge-\nmeine in seinem Sinn — daß er sich nie ernstlich\nvor allen diesen Gleichgültigen, diesen Fremden,\nall diesen Andern zu verschließen vermochte! Es\nwar sein zerspaltenes Ich, das ihm nicht erlaubte,\nrestlos bei der Einen in der Welt zu bleiben, die er\nliebte und die ihn liebte — das sich aber tief da\ndrinnen immer an den Gedanken an die bürger-\nliche Gesellschaft, den Nutzen und die Kunst klam-\nmerte, selbstverständlich alles nur mit dem einen\neinzigen und häßlichen Zweck: selbst zu leben!\nHaha, ja, das war ihm nicht vom Leben beschert\nworden, dieses Rätselhafte, Größte von allem, dies\nUnaussprechliche und Allergrößte —: das Hei-\nmatsrecht in jenem fremden und ungeheuren Lande\nzu haben, wo die Trauer zu Hause ist! in jener\ngrenzenlos strengen und strahlenden Stätte, noch\nmehr purpurschön und nachtschwarz, als irgend\netwas anderes — die zu schildern er so oft ge-\nträumt hatte, damals in jenem Jugendbuch, und\nauch so viele Male später! Nein, für ihn galt\ndurchaus, daß ihm die Fähigkeit fehlte zu diesem\nSeltensten und Adligsten von allem, zu diesem\nunbeugsam Strömenden, das aus eigener, alles\nüberwältigenden Kraft geheimnisvoll alles vernich-\nund alles hervorbringt! Gerade das, wovon der\nAlte dahinten in unbestimmten Worten gefabelt\nhatte: der Blick in das schwarze Land, dessen\nSchönheit und Süße allen Verstand überragt — und\nwovon Sie, die Fremde, der Vogel der Trauer, mit\nihrer ewigen und schmächtigen, ihrer nachtschwar-\nzen, sanghaften Stimme vorhin gesungen hatte,\ndort hinten von der Gruft her, wo sie stand! . . .\nEr sah von neuem das Gesicht dieser Fremden\nvor sich; ohne zu beachten, daß er diesmal — ob-\nwohl er in Wirklichkeit ihr Antlitz ausschließlich\nim Profil gesehen hatte, in jenem einzigen Nu,\nwährend sie an ihm vorüberkam — es sich doch\njetzt en face vorstellte; mit zitternder Zärtlichkeit\nund Ehrerbietung, mit atemloser Demut starrte er\nsie än: die stolze und hohe Form ihres Mundes, die\ngroßen, weit aufgerissenen und schwarzen Augen\nunter den Bogen der zarten, dunklen Brauen, das\nschmale kaiserliche Oval des Antlitzes, die Stirn\nvon dem Schatten des dichten Haares bedeckt, die\nüberirdische Schönheit der Haut, die kein Weinen\nhatte beflecken können, und tief drinnen aus dem\nBlick heraus dies lautlos und ruhig lodernde Feuer,\nach, diese Höllenflamme und dieser Himmelsbrand,\ndas strahlende Adelszeichen derer, die wissen, was\nes ist, zu lieben und zu verlieren — zu leben! . . .\nEr schob auf einmal, heftig entnervt, mit Ge-\nwalt diese Gedanken von sich.\nSuchte, ohne selbst fassen zu können, aus wel-\nchem Grunde, sich gleich darauf das Gesicht des\nAufsehers zurückzurufen — und empfand eine son-\nderbare Heilung dadurch —: So ein richtig braves,\naltes Gesicht! ach, die ganze vielfältige Menge, alle\ndie Millionen von Gesichtern waren enthalten in\ndiesen geraden und nichtssagenden und liebens-\nwürdig einfachen Flächen und Linien!\nStand der Mann nicht, sozusagen unmittelbar\nsichtbar, durch zahllose Telephon- und Telegra-\nphenkabel, nach Norden, Süden, Westen und\nOsten, in Verbindung mit dem ganzen gesammelten\nHaufen aller Welt, ewig derselbe und ewig anders!\nGespenster, Tod, Aufklärung, Phrasen aus Ro-\nmanen und Zeitungen bunt durcheinander, Fried-\nhof und Krematorium, Unglück und Glück und Ge-\nrechtigkeit — jawohl, die ganze Skala hinab, von\nAnfang bis zu Ende, das ganze unerschöpfliche Ar-\nsenal des Aberglaubens! Von allem in der Welt\nwissend — mit Ausnahme des einen, was man in\nWahrheit wissen kann! Unbekannt mit allem Mög-\nlichen — ausgenommen mit dem, wovon wirklich\nniemand das geringste weiß! Bis an den Rand mit\nRedensarten angefüllt, mit auswendig gelernten\nWorten! Zu gleicher Zeit kaum imstande, seinen\nmehr als bescheidenen Platz auszufüllen, doch mit\neinem jeden Satz darnach angelnd darüber hinaus-\nzureichen — und trotzdem, wenn es darauf ankam,\nohne auch nur ein einziges Mal, nur ein Wort an-\nführen zu können, das aus dem Tiefsten dadrinnen\nherauskam — das, wovon doch auch er einen ge-\nheimen, einen verborgenen und unauslöschlichen\nFunken besaß! Ja, war dies nicht aufs Haar das\nPorträt — von ihnen allen?! Selbst diese naive\nFreude darüber, daß die Frau und nicht er selbst\ngestorben war! Hahaha, diese prächtige Tausend-\nkreatur —: siehe, der Mann war doch schließlich\nin Wahrheit ein leiblicher Bruder von uns allen!\nOder Unsinn, viel mehr noch! Unser aller Vater\nwar er — Adam selbst in semem Paradiesesgar-\nten, splitternackend, neugierig und ängstlich halb-\nwegs der Stimme der Schlange lauschend, ja: der\nMusik des echten Gefühls, dem einsamen, erhabe-\nnen Ton der Trauer, der, alles durchdringend,\nseine Götterstimme hinter einem Gebüsch' erhob,\ndes Lebens Erkenntnis von Gut und Böse hinaus-\nsingend! . . .\nEr war heftig aufgesprungen, eilte mit hastigen\nSchritten hin und her, rauh auflachend, mit rätsel-\nhaften, triumphschleudernden, gehässigen Blicken\nnach allen Seiten, den rechten Arm mit gewaltsa-\nmen Gebärden in der Luft schwenkend.\nJetzt blieb er wieder bei der Bank stehen, zit-\nterte erregt mit bleischwerer und fieberheißer\nStirn, mit unruhig pochendem Herzen.\nEr streckte unwillkürlich die Hand nach seinem\nHut aus, der noch auf den hellen Gitterstäben lag,\ngleich einem zirkelrunden, kreideweißen Kegel —\nergriff ihn, setzte ihn hart auf den Kopf, wandte\nsich um, wollte gehen, nach Hause eilen — und\nward dann plötzlich, unerwartet, angstumsponnen,\nvon dem unbestimmten, unerklärlichen Bewußtsein\nerfaßt, diesen Ort wieder zu erkennen —: ihn zu\nerkennen?\nWoher?\nVon wann?"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7915, "texte": "Er war ohne Zweifel nie früher diesen Weg\nvon hier fortgegangen, konnte früher nicht hier\ngewesen sein! -\nUnd doch, erkannte er dies alles genau wieder,\nganz deutlich, Punkt für Punkt: diesen kleinen,\nrunden Platz, von wo aus nach allen Himmels-\nrichtungen die schmalen Gänge sternförmig aus-\nstrahlten, und mitten darauf: die vier Hänge-\nbirken, sacht klirrend mit ihren zarten und spitzen,\nausgesägten Blättern! Noch mehr: auch die gau-\nkelnde Erwartung der Luft, die Durchsichtigkeit\nund den Schleier des Halbdunkels, die unbegreif-\nlichen, winzig kleinen, trippelnden Laute von über-\nall her — ja, er erkannte das alles genau wieder!\nEr schüttelte verständnislos den Kopf, zuckte\nauf einmal zusammen, sah mit den Augen zwin-\nkernd, verstohlen umher, grübelte wild, um den\nZusammenhang in allem diesem ausfindig zu\nmachen, du großer Gott, ich fasse es nicht — und\ntrotzdem, ja, ich bin schon einmal hier gewesen, ich\nentsinne mich dessen genau: eines Abends, ich\nwar allein, ich wollte zu dem großen Tor da drü-\nben hinaus, es war spät und dunkel . . . und was\nbildete ich mir da plötzlich ein, hier drinnen in mei-\nner linken Hand fühlen zu können?\nEin Nu starrte er staunend und gleichsam ein\nganz klein wenig sehnsuchtsvoll auf die innere\nFläche seiner Hand hinab, aber ohne irgend etwas\nSonderbares darin entdecken zu können — wandte\ndarauf mit einem Ruck, wie auf Kommando, den\nKopf nach links um, der dunklen, efeuumkleideten\nSäule von poliertem Granit zu, die da drinnen in\nder Dämmerung aufragte, — einige Ellen von ihm\nentfernt, hinter einem niedrigen, schwarzgestriche-\nnen Gitter . . . und da lächelte er langsam und\nwiedererkennend im selben Augenblick, tat mit\nausgestrecktem Arm ein paar Schritte vorwärts,\nrätselhaft bewegt und dankbar —:\nAch!\nDenn da . . .\nUngefähr in der Mitte der Säule, ein paar Fuß\nüber der Erdoberfläche!\nDa unterschied er jetzt — vollkommen klar in\njedem einzelnen Zug — ein wunderbares Antlitz,\ndas sich ihm entgegenbeugte. Ein ganz schmales,\nein schmächtiges und feines, ach, ein blasses und\nschönes, kleines Mädchenantlitz, dort hinten in der\nDunkelheit! so lieb und gut, so voll von Fragen\nund von Sanftheit, siehe —: und das blanke,\nschwarze Haar hing wie durchnäßt an den zarten\nWangen herab! mit den großen, dunklen Augen\nblinzelnd, sah sie ihn lächelnd an!\nBist du es, bist du es wirklich — dachte er im\nnächsten Moment, ohne selbst ganz zu wissen, was\ner eigentlich mit diesen Worten sagen wollte. Er\nging behutsam noch einen Schritt vorwärts, sein\nHerz war heiß, er strengte sich an, seinen Mund\nzu öffnen und zu reden, er stammelte schließlich\nlautlos und beschwerlich zwischen seinen Lipppen\nhervor —: Komm! Komm nur ganz heran, du siehst\nja, daß ich dich wiedererkenne! . . . Aber da war\ndas plötzlich alles wieder verschwunden. Statt\ndes schönen Antlitzes hing da nur ein länglicher,\nkleiner Kranz von weißen Perlen mitten an der\nSäule, umrandet von dunklen Blättern!\nUnd da ergriff ihn eine heftige, eine brennende\nUngeduld, eine schmerzende Erwartung; es durch-\nfuhr ihn wie mit einem Stich, daß er jetzt unauf-\nhaltsam heimeilen müsse, heim nach seinem Hause\n— um das in Empfang zu nehmen, was kommen\nwürde!\nAber schon im nächsten Augenblick fühlte er,\ndaß er doch nicht von hier fortgehen wollte — noch\nnicht! Und er war übrigens auch vorläufig gar\nnicht dazu imstande: seine Arme und Beine waren\nja auf einmal wie lahm geworden, oder sie waren\nwiderspenstig, oder vielmehr sie warteten wohl\nauf irgend etwas, was binnen kurzem geschehen\nwürde — etwas, das erst allen Ernstes das voll-\nbringen sollte, was soeben eingeleitet war! . . .\nEr erkannte plötzlich diese Gedanken in sich,\nempörte sich dagegen, wollte sie sogleich von sich\nabschütteln, wollte lachen und zürnen, wollte ent-\nschlossen seinen Verstand gefangen nehmen und\ndamit alle diese Fiebergaukeleien und dies Mum-\nmenspiel mit einer Bewegung weit fort jagen, da-\nhin, wo es hingehörte!\nAber dessen ungeachtet blieb er unbeweglich\nstehen, wo er war, noch mehr als bisher besessen\nvon dieser erwartungsvollen Begierde.\nDort hinter seinem Rücken erhob sich in wei-\nter Ferne ein unerklärliches Flüstern, das schnell\nnäher kam. An seinem Nacken vorbei strich ein\njäher und eiskalter Hauch. In seinem linken Ohr\nspürte er einen Atemzug. Sein Herz stand still\nin grenzenlosem Lauschen . . . und da überwäl-\ntigte ihn auf einmal das Unbegreifliche, das Sinn-\nlose von diesem allen hier!\nEr machte hastig, angstgejagt, drei, vier\nSchritte vorwärts im Lauf, um zu entfliehen.\nBlieb darauf mit einem Ruck stehen.\nSchwindelnd.\nWirr.\nVor seinem Blick wurde auf einmal alles stock-\ndunkel, gleich darauf sprühte es nach allen Sei-\nten gelbe und blaue Funken, wurde wieder tief-\nschwarz, lautlos überall, ein Sausen vor seinen\nOhren, eine wirbelnde Kälte und ein Wind von\noben auf seinen Scheitel zu — fiel er, stürzte\ner kopfüber hinab durch eine Schlucht?!\nEr schwankte, riß die Augen auf, erkannte wo\ner war — aber da änderte sich blitzschnell alles\num ihn. Gitter wurden gesprengt und Säulen\nsanken um, der Kies wogte und schimmerte zu\nallen Seiten, der Erdboden erhob sich donnernd\nzu Hügeln rechts und links, blendend weiße Flam-\nmen schössen krachend überall hervor, Gräber\nbarsten mit einem Gedröhn und spieen die Toten\naus! Weiß gekleidete Gestalten wurden in die\nHöhe geschleudert, Frauen und Männer und Kin-\nder, zahllose Scharen, fern und nah, erfüllten in\neinem Nu die grelle und donnernde Luft! Mit\neinem Stöhnen schlug er beide Hände vor das Ge-\nsicht, wagte nicht zu sehen, fühlte in seinen Nasen-\nlöchern den Gestank von Erde und Phosphor und\nFeuer, mein Gott, jetzt jagte ein brüllender Sturm-\nwind daher, horch, die Glocke läutete, Domkir-\nchenposaunen, Melodien von Geburt und Tod —\nund siehe, da tat sich der Himmel weit auf, über\nBergzinnenpurpur brach die Sonne hervor, in sei-\nnem Ohr der schwindlige Gesang des Lebenschors,\nach siehe, das ewige Licht und das Glück, das wir\nalle erreichen sollen . . . und da, da, ja, Annie,\nmit lächelnder Lippe und ausgestreckten Armen,\njung, unsagbar schön, so hold und hoch, Geliebte,\nja, ja, ich komme . . .\nSeine Brust ward jäh von einer unvergleich-\nlichen Süßigkeit erfüllt.\nAus allen seinen Adern erhob sich die Wonne\nder Gewißheit, sie so nahe zu wissen, eine Flamme\nim Dunkeln!\nEr warf jubelnd beide Arme vor, wollte dahin\nlaufen, wo sie war, taumelte ein paar Schritte\nvorwärts, strauchelte, war im Begriff zu fallen,\nalles um ihn her war plötzlich stockfinster, er rich-\ntete sich mit Mühe wieder auf — sah sich frie-\nrend um, blind und verlassen, mit läutenden Ohren,\ndas Herz einen Augenblick totenstill und dann\nwahnsinnig da drinnen tobend —:\nWo war er?\nWas war geschehen??\nAnnie, woher war sie gekommen — wo ging\nsie hin??? . . .\nEr hörte plötzlich den Laut eines leisen, gleich-\nsam schaudernden Lachens, fuhr dabei zusammen,\nstarrte um sich —:\n„Wer?\nWer da??\nWer lacht da???\" . . .\nEr griff wie toll mit der rechten Faust vor sich\nhin in die Luft, faßte ein Handgelenk, umklammerte\nes mit aller Macht, stieß einen Schrei aus — und\nwußte gleich darauf auf einmal, daß es ja nie-\nmand weiter war, als er selbst! es war nur er\nselbst — der selber seinen linken Arm umklam-\nmert hielt! ganz recht, das war alles zusammen\nnichts weiter als Gaukelbilder und Träume, aber\njetzt war es spät geworden, er war ein ganz\nklein wenig gleichsam müde, er sollte gewiß\nschnell nach Hause gehen und schlafen, hahaha!..\nNoch einen Augenblick blieb er unsicher stehen,\ntrotz alledem nicht ganz überzeugt, daß da nicht\neben doch ein Fremder gewesen war — und daß\nder Erdboden sich nicht gehoben und Feuer aus-\ngespien hatte; aber als er tatsächlich nichts davon\nweder sehen noch hören konnte — fühlte er sich\nunmittelbar darauf so ziemlich beruhigt, trocknete\nden Schweiß von der Stirn, zuckte nervös und\nlächelnd die Achseln, und begann schnell dahin\nzu wandern, den dunklen Pfad verfolgend, der,\nwie es ihm schien, auf die Pforte zuführen mußte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-02-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-02-15_01#c006", "volume": "bmtnabg_1914-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "182", "page_fin": "183", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.2.6", "titre_corps": "Bruno Taut", "titre_sommaire": "Bruno Taut", "signature_source": "Adolf Behne", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.6", "debut_caractere": 7936, "fin_caractere_exclue": 9961, "texte": "Bruno Taut\n\nBruno Taut hat mit dem Pavillon des Stahl-\nwerksverbandes auf der Leipziger Baufach-Aus-\nstellung einen ersten großen und allgemeinen Er-\nfolg errungen! Das „Monument des Eisens4' wie •\ndas Haus kurz und bündig getauft wurde, erregte\nauch bei denen Aufmerksamkeit, die sonst archi-\ntektonischen Schöpfungen weniger teilnahmsvoll\ngegenüberstehen. Es fühlte ein Jeder, daß in\ndiesem knappen, phrasenlosen, und wundervoll\nenergischen Gefüge ein wirklich ' moderner, und\nvöllig zeitgemäßer Künstler steckte. Aber leider\nhat das starke Interesse an dem Leipziger Pavil-\nlon nicht dazu geführt, daß die Allgemeinheit sich\nnun auch dem sonstigen Schaffen Bruno Tauts zu-\ngewendet hätte. Das ist um so bedauerlicher, als\nBruno Taut in Wahrheit schon Bedeutenderes ge-\nleistet hat, als jenen Leipziger Pavillon. Gerade\njetzt hat er in Groß-Berlin ein neues Wohnhaus\ngebaut, das eine ganz seltene und wahrhaft hinrei-\nßende architektonische Leistung darstellt!\nEs handelt sich um das Eckhaus der Harden-\nberg und Schillerstraße in Charlottenburg, das\nBruno Taut über einem städtebaulich sehr inter-\nessanten Grundriß von Arthur Vogdt aufgeführt hat\nNichts liegt Bruno Taut ferner, als Extravaganz,\nSpielerei oder Bluff. Was ihn auszeichnet, ist seine\nstrenge Sachlichkeit — freilich ein künstlerische\nSachlichkeit, nicht die Sachlichkeit des „Zweck-\nkünstlers\" oder des „Puritaners.\" In diesem künst-\nlerischen Sinne war das „Monument des Eisens\"\nabsolut sachlich. Die goldene Kugel, die über der\nAchteckpyramide saß und die hier und da Beden-\nken erregte, hatte praktisch-ökonomisch allerdings\nkeinen Zweck! Aber künstlerisch hatte sie durch-\naus ihren Zweck, war sie niemals zu entbehren!\nIn diesem künstlerischen Sinne ist auch das\nHardenberghaus (das Haus trägt nicht diesen\nNamen, sei aber im Interesse der Kürze hier ein-\nmal so bezeichnet) völlig sachlich. Bruno Taut\ngeht hier bewußt auf die Urelemente des Bauens\nzurück und läßt alles bei Seite liegen, was nur Kon-\nvention, nur Ableitung ist. Auch er bemüht sich,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3625, "texte": "wie die besten Künstler unserer Tage, um eine\nneue Einfachheit, um Primitivität. Das alles lag\nschon im Leipziger Pavillon enthalten und hat hier\nauf die Besucher, ohne daß sie sich der Ursachen\nklar wurden, sehr tief gewirkt. Aber um vieles\nbedeutungsvoller und nachdrücklicher spricht sich\ndas Streben Bruno Tauts im Hardenberghaus aus.\nEine neue Gesinnung, ein neues Lebensgefühl\nliegt in dieser Architektur! Hier ist alles Aeußer-\nliche, aller Putz, alle „Dekoration\" wie mit einem\neisernen Besen weggefegt! Wer einen Blick auf\ndie Häuser der Umgebung wirft, atmet, wenn sein\nAuge zu der Fassade Bruno Tauts zurückkehrt,\naus tiefstem Grunde auf. Ein geradezu erlösendes\nGefühl der Ruhe überkommt ihn. Es ist, als ob\nman nach einem vielstimmigen, unklaren, verwir-\nrenden Geräusch einen reinen und vollen Ton ver-\nnimmt. Reinheit! Das ist vielleicht das Wort, das\nam ehesten der Architektur Tauts gerecht\nwird.\nIch. sagte, daß Bruno Taut auf die Urelemente\nalles Bauens für seine Fassade zurückgegangen ist.\nDiese Urelemente sind: die Wand und die Oeff-\nnung!\nWo sieht man heute an unseren Häusern etwas\nvon der Wand! Karyatiden, Säulen, Kartuschen,\nBüsten, Reliefs decken sie zu — obwohl es gegen\nfrüher besser geworden ist. Taut zeigt die Wand,\ndie doch der Sinn des ganzen Bauens ist, in aller\nungebrochenen Fülle — und Schönheit. Und er\nnimmt den Fenstern den Charakter des Zufälligen,\ndes Unbezwungenen, den sie fast überall tragen,\nnimmt sie als das zweite große Hauptmotiv, setzt\nsie in ihre vollen Rechte ein! Er hat keine Furcht,\ndaß ihm etwa große Fenster die Fassade zerrei-\nßen, er macht sie so groß, als irgend möglich, läßt\nQuerholz und Fensterkreuz fallen und gewinnt aus\ndem Fenster etwas Ausdrucksvolles, das nun im\nStande ist, die Wand zu gliedern! Wand und Oeff-\nnung — sie haben jetzt eine bestimmte Rolle, be-\ndeuten etwas, wirken sich aus!\nWas hier geleistet worden ist, das ist endlich\nwieder einmal etwas Ganzes, etwas Persönliches,\netwas Bleibendes. Es ist eine Befreiung der Archi-\ntektur von der Konvention, ein Besinnen auf das\nEchte.\nZu den Urelementen des Bauens gehört freilich\nnoch ein Drittes: die Freude am Schmuck. Diese\nFreude ist bei Bruno Taut sehr stark und lebendig\nausgeprägt. Wo es sein muß, baut er so einfach\nund schlicht wie kein Zweiter (seine Gartenstadt-\närchitektur für Falkenberg beweist es), wo aber\neine gewisse Repräsentation zum Wesen der Auf-\ngabe gehört, ist er nicht ängstlich! Daß für ein\nteures Miethaus in der vornehmen Hardenberg-\nstraße ein Bedürfnis an Schmuck vorliegt, versteht\nsich von selbst. Taut hat dem gebührend Rech-\nnung getragen und hat auch hier etwas Kühnes und\nUngewöhnliches geschaffen, indem er seine Archi-\ntektur in eine ganz freie Verbindung mit der Pla-\nstik brachte! Auch hier ist der Wunsch, etwas\nEchtes statt einer Mischung zu geben, leitend ge-\nwesen. Das Genre der sogenannten dekorativen\nArchitekturplastik ist ja doch eine Mischung, in der\ndie Plastik die Architektur und die Architektur die\nPlastik stört. laut zog Georg Kolbe zur freien\nMitarbeit heran. Kolbe hat, nur sehr allgemein an\neine Skizze Tauts gehalten, unter dem Dach eine\nReihe von schwebenden Frauenakten, fast voll-\nrund, modelliert, die, leicht und frei bewegt, dem\nHause etwas Lebendiges, Atmendes geben. Falsch\nwäre es, diesen Figuren gegenüber wiederum, wie\nbei der Leipziger Goldkugel, nach dem „Zweck\"\nzu fragen! Sie haben keinen anderen als einen in-\nnerlich künstlerischen! 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Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nHandbuch der Kunstwissenschaft\nHerausgegeben von Dr. Fritz Burger / Soeben\nerschien Lieferung 12 / O. Wulff: Altchristliche\nund byzantinische Kunst Heft 6\nBerlin-Neubabelsberg I Akademische Ver-\nlagsgesellschaft Athenaion m, b. H.\nHermann Essig\nDer Held vom Wald / Schauspiel\nStuttgart / Verlag J. Q. 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StrafienstSnden auf\nPalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwflnscht wird, bitten wir den B e t r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder b«l\nBeginn des neuen Vi er t el i ah res bis\nzuxnfflnftendes ersten Monats elizu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, dal E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahsie\nunter Berechnung des Nachnahmeportes ge-\nwfinscht wird\nOeneralvertretung des Verlags Eugene FIgul&rt /"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-02-15-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-02-15_01#c012", "volume": "bmtnabg_1914-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "184", "page_fin": "184", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.8", "debut_caractere": 2757, "fin_caractere_exclue": 5298, "texte": "Originalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefflgt / Alle\nExemplare sind vom Kunstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Verso hnung / Tier-\niegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechsteln: Die Erlegung des Pest-\nfa r a t e n s I Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert J\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nKandinsky: Sonntag / Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M\nWilhelm Morgner: Acker mil vweio / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Hoizar-\nbeiter /' Das Exemplar 25 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neuiahrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft I Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraBe / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa I\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / Portrat /\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 30 Mark (12)\nOskar Kokoschka: PI a k at fiir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert /' Das Exemplar 5 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Qe-\ndichten von A r n o H o 1 z / Ffir Gesang und Kla-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten\nKfinstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Qino Seve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nSoeben erschienen: Kandinsky 1901—1913 /\nMonographic mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen undTextvonKandinsky\nMark 10\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-02-15-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-02-15_01#c013", "volume": "bmtnabg_1914-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "184", "page_fin": "184", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Ar-\nch i p e n k o / Arbeiten in Stein / Studien\nder Stiiarten\nDer Carl Hermann Jatho-Verlag / beginnt dem-\nnaclist seine Tatigkeit. Er wird jenen ungemeinen\nPersonlichkeiten dienen, deren Kiihnlieit in einer\nLeidenschaft begriindet ist, und die in Liebe Feinde\nder Behaglichkeit sein miissen. Der Veriag bittet\num Freundschaft und Interesse. Zuschriften sind\nbis auf Weiteres zu adressieren: Berlin W 15\nEmserstraBe 21\nKarl Vogt vom Koniglichen Schauspielliause / am\n9. Marz im Meistersaal KothenerstraBe / B a 11 a -\nden-Abend / Herder bis Else Lasker-Schiiler /\nKarten zu 4, 3, 2 und 1 Mark bei Wertheim und in\nder Buchhandlung Hapke & Schmidt, Charlotten-\nstraBe 50/51\nUmber to Boceioni: Pittura Scultura futuriste /\nTDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milano\n/ Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Veriag Der Sturm / Berlin W 9\nWiecker Bote / Akademische Monatsschrift /\nHerausgeber und Schriftleiter: Dr. Oskar Kanehl /\n25 Pfennig / 6 Hefte M. 1,25 / Heft 5 soeben er-\nschienen\nVerein fur Kunst/Leitung HerwarthWaideu\nI Zehntes Jahr / Jahresbeitrag 20 M. / Rechte\nder Mitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift Der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation: 1913/14:\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\nEinzelbezug 40 Pfennig\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAus stell ungs räume\nBerlin W9/ Potsdamer Straße 134 a\nVIERTER JAHRGANG 1914\nBERLIN-PARIS ZWEISTES FEBRUARHEFT\nNUMMER 198/199\n\nInhalt:\nH. W.: Die heitere Kunst: Der Ernst unserer Zeit / Das Recht des deutschen Volkes / Der Dichter in unserer Zeit / Neue griechisch-römische\nZeitschriften / Kunstnachrichten / Der wilde Mann / Die gewisse Richtung / Ernst Wilhelm Lötz: Erscheinung / Aäge von Kohl: Der Weg durch die\nNacht / Adolf Behne: Bruno Taut / Blaise Cendrars: Marc Chagall / Jacob van Hoddis: Hymne / Empfohlene Bücher / Emil Filla: Kopf / Originalholzschnit^\n\nEmil Filla: Kopf / Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.2", "texte": "Die heitere Kunst\nDer Ernst unserer Zeit\nWer ist Karl Hans Strobl? Strobl hat „ein\nStandardwerk deutschen Humors\" geschrieben,\nbroschiert vier Mark, gebunden fünf Mark. Die\nZeit, allerdings nur die Wiener, bemerkt hierzu:\n„.. Es ist eine solche Fülle von geistvollem Witz,\nvon allerbesten Kontrastwirkungen und von einer\nlaunigen Schelmenhaftigkeit darin, daß man das\nBuch mit Vergnügen liest und aus wahrhaftigem\nHerzen bewundert, auf wie vielen Sätteln unser\nKarl Hans Strobl reiten kann...\" Unser Karl Hans\nStrobl reitet nicht nur, er kräht auch. Nur bildlich.\nEr hat sich eine eigene Zeitschrift „Der Turmhahn\"\nzugelegt, in der sich die Zeit also über unsern\ndeutschen Humoristen äußert. Hauptmitarbeiter\ndieses Organs sind die Herren Otto Ernst, Doktor\nOskar BlumenthaJ, Georg Engel, Paul Oskar\nHöcker, Fritz Müller, Rudolf Presber, Alexander\nRoda Roda, Siegfried Trebitsch und Walter Tur-\nszinsky. Eine stattliche Gesellschaft. Diese Her-\nren haben sich zusammengetan, um geführt von\nunserm Karl Hans Strobl gegen die Kunst zu\nkämpfen. Unser Karl Hans Strobl kritisiert unter\nder feinsinnigen Ueberschrift „Aus Zeit und Zunft\",\nwomit wahrscheinlich wieder die Wiener Zeit ge-\nmeint ist, „Die wildgewordenen Künste\". Natürlich\nin deutschhumoristischer Art. Zum Beispiel: „Ich\nglaube, es gibt eine einzige Art, den Futuristen\ngerecht zu werden. Man lasse sich eine Stahl-\nstange vom Scheitel bis zur Sohle des rechten\nFußes durch den Leib bohren und strecke den lin-\nken Fuß von sich. An diesem Fuß und um diese\nStahlstange lasse man sich in Drehung versetzen,\nso lange, bis aus dem Gewurstel ein Bild wird.\"\n„Das wäre eine feine Art jedenfalls, die Humoris-\nten loszuwerden. Aber die launige Schelmen-\nhaftigkeit darin versöhnt und man bewundert aus\nwahrhaftigem Herzen diesen Hahn, der nur auf\neinem Beine stehen kann, wenn man ihm eine\nStahlstange vom Scheitel bis zur Sohle des rech-\nten Fußes durch den Leib bohrt. Diese Reklame-\nhelden sollten doch nicht den Futuristen Reklame\nvorwerfen, durch die sie einzig und allein das\nPublikum veranlassen, ihre Standardwerke, bro-\nschiert vier Mark, gebunden fünf Mark frei Haus\nzu kaufen. Aber der Mitarbeiter Otto Ernst fürch-\ntet die ausländische Konkurrenz. Das deutsche\nVolk kauft merkwürdiger Weise noch immer ge-\nlegentlich Bücher anderer Leute, sogar Bücher von\nAusländern. Wo doch Otto Ernst im Schweiße\nseines dicken Angesichts Tag und Nacht dichtet,\num den Konsum nach Humor zu decken. Ja, sagt\nder Otto Ernst, die Engländer sind viel tüchtigere\nGeschäftsleute. Und launig, wie es sein schwerer\nBeruf als Humorist nun einmal verlangt, erzählt\ner folgende wahrhaftige Geschichte: „Eine Eng-\nländerin hatte einen deutschen Roman über-\nsetzt, von dem in Deutschland bereits 80000 Exem-\nplare verkauft waren. Sie hatte endlose Schwie-\nrigkeiten, ihre zweifellos vorzügliche Uebersetzung\nanzubringen und einer der Verleger sagte: Sie\nwissen selbst, mein Fräulein, wie schwer es hält,\ndaß das englische Publikum ein deutsches Buch\nauch nur eines Blickes würdige! Wie schmeckt\neuch das, meine Landsleute?\" Das schmeckt, meine\nLandsleute, nach Appelschnut. Oder sollte es sich\num Semper Asmus Idein handeln, mit dem in Eng-\nland noch nicht genug gehandelt wird. Ein Roman,\nmeine Landsleute, der in Deutschland eine Auf-\nlage von 80 000 Exemplaren erreicht, kann nur von\neinem Mitarbeiter des Turmhahns gekräht sein.\nJa, die Humoristen erleben ihre Tragödien. Dieses\narme sehr geehrte Fräulein, das mit einer zweifel-\nlos vorzüglichen Uebersetzung im feindlichen Eng-\nland von Verlag zu Verlag rennt und das Stan-\ndardwerk nicht an den Mann bringen kann, nicht\neinmal ein Blick fällt auf das Buch mit 80000 Exem-\nplaren Absatz. Wie schmeckt euch das, meine\nLandsleute? Aber es ist ganz in der Ordnung so,\nsagt Otto Ernst: „Wenn wir jeden Quark aus dem\nAuslande konsumieren, so schließt das Ausland\nvollkommen folgerichtig, daß wir überhaupt keine\neigene Literatur besäßen.\" Wenn das Ausland\nwüßte, welchen Quark wir konsumieren, würde\nes nicht glauben, daß wir eine Literatur besitzen.\nEs kann uns, meine Landsleute, darüber der Hu-\nmor vergehen. Aber die Humoristen bleiben. Sie\nbleiben nicht nur, sie schreiben. Eigene Litera-\ntur in 80 000 Exemplaren. Und zweifellos würden\ndie Uebersetzungen vorzüglicher ausfallen, als das\nDeutsch, in dem der Quark herausgequetscht ist.\nDiese launige Reklame des Schullehrers Otto Ernst\nhat zum Beispiel den schönen Titel: „Zur Darnach-\nachtung.\" Das kommt davon, wenn man nicht\nsich, sondern die deutsche Sprache bereichert.\nAber Otto Ernst ist nicht nur deutsch und humo-\nristisch, er ist auch sittlich: „Vor mir liegt eine\nZeitschrift, die für futuristische Malerei, futuris-\ntische Lyrik und überhaupt für alles Neueste vom\nNeuen eintritt.\" Das, sagt Otto Ernst, ist jeder-\nmanns gutes Recht. Aber, sagt Otto Ernst, man\nhat nicht das Recht, seine Kunst überhaupt nicht\nfür Kunst zu halten. Er fürchtet für sein Geschäft\nund will änderen „das Geschäft verderben.\" An-\ndere wollen zwar gar keine Geschäfte machen,\naber Humoristen mit eigener Literatur können sich\nin ihrer Phantasie eben nichts anderes als Ge-\nschäfte vorstellen. „Wenn wir unsere moderne\ndeutsche Literatur aus einem Pandämonium\nder Häßlichkeiten und Widerlichkeiten in eine\nhelle offene und freie Arena (herausgegeben\nvon Rudolf Presber) der Geister zurückver-\nwandeln wollen, dann ist es nun die höchste\nZeit, daß wir den Gesinnungs- und Rich-\ntungscliquen und schlimmeren Klüngeln, von denen\nauf einem anderen Blatt die Rede sein soll,\ndas Geschäft verderben\". Geschäfte. Verderben.\nDas klingt im Ernst dämonisch. Warten wir das\nandere Blatt ab, wir werden einen sauberen dicken\nStrich darunter ziehen und ihm das Saldo zu sei-\nnen Gunsten auszahlen. Der sehr geehrte Otto\nErnst soll nicht glauben, daß wir ihm das Geschäft,\ndieses jämmerliche Geschäft, verderben wollen.\nDas Recht des deutschen Volkes\nLang hatte man es erwartet, das Werk des\nHerrn Professors von Froriep (Tübingen), indem\ner „ausführlich den Beweis für die Echtheit des\nvon ihm vor zwei Jahren im ersten Schillergrab\nzu Weimar exhumierten Schädel Schillers ange-\ntreten hatte\". Nun ist es da, das Standardwerk\ndeutscher Wissenschaft. Es ist nicht anzuzweifeln,\nwohl aber die Echtheit des Schädels Schillers.\nNichts geringeres unternimmt Herr Professor Dok-\ntor Neuhauss. Er will nicht bestreiten, daß von\nFroriep eine erstaunliche Fülle von Material bei-\ngebracht habe, welches beweisen soll, daß der von\nihm 1911 aus dem Kassengewölbe in Weimar aus-\ngegrabene Schädel der echte Schillerschädel\nsei. So hat sich Herr Professor Doktor Neuhauss\nunserm Mitarbeiter gegenüber geäußert. „Auch\ndas seinem großen Werke beigegebene Bilder-\nmaterial ist geradezu klassisch.\" Was ja bei Schil-\nler nicht anders zu erwarten war. Aber, sagt Herr\nProfessor Doktor Neuhauss, die ganze Hypothese\nentbehrt der Begründung: „Es ist daher zur end-\ngültigen Klärung der Verhältnisse unerläßlich nötig,\ndaß auch der in der Fürstengruft befindliche Schä-\ndel wissenschaftlich untersucht wird. Das\ndeutsche Volk hat ein Anrecht darauf, daß in die-\nser Sache völlige Klarheit geschafft wird ...\" Ich\nbin auch dafür, daß die Klärung der Verhältnisse\nder beiden Schädel wissenschaftlich untersucht\nwird. Das deutsche Volk hat nicht nur ein Recht\nauf Schiller und auf den einen Schädel, auch der\nandere Schädel darf seinen wissenschaftlichen\nVertretern nicht länger vorenthalten werden. Der\nGroßherzog von Sachsen-Weimar weigert sich\nzwar energisch, den Schillersarg öffnen zu las-\nsen. Aber die Freiheit der Wissenschaft wird\nselbst vor Großherzogsthronen nicht Halt machen.\nDer fortschrittliche Mitarbeiter des Berliner Tage-\nblatts wird schon den Weg zu dem Herzen des\nFürsten finden, der den Weg zu Schillers Schädel\nöffnet.\nDer Dichter in unserer Zeit\n„Heute wollen wir durch seine eigenen Worte\nzeigen, wie der Dichter Lissauer sich zu seiner\nZeit stellt.\" Mit ernstem feierlichen neuen Pathos\nkündigt das Berliner Tageblatt so einen Artikel des\nHerrn Lissauer an. Und drei Tage später folgten\nihm im Zeitgeist seine Werke nach. Der Mensch\nmuß wissen, wie der Dichter Lissauer sich zu sei-\nner Zeit stellt. „Seine auf das Hohe gerichtete\ntrotzige Art spricht sich in diesem Bekenntnisar-\ntikel aus, den er uns auf unsere Bitte zur Verfügung\nstellt.\" Die Redaktion des Berliner Tageblatts bittet\nund der Dichter Lissauer stellt seine auf das Hohe\ngerichtete trotzige Art zur Verfügung. Was der\nDichter Lissauer sagt ist nicht unrichtig und nicht\nneu, spricht aber gegen den Dichter, sodaß nur der\nLissauer übrig bleibt. Er sagt: „Das Wesen des\nDichters ist nicht nur, daß er symbolisch schafft,\nsondern daß er Symbol ist.\" Hier ist nur das nur\nfalsch und das Wort Symbol ungeschickt. Aber\ndas Richtige ist gemeint. Dieser Trotzkopf beruft\nsich ferner auf Stefan Zweig, einen unwesent-\nlichen Aestheten, der Wesentliches über das Neue\nPathos gesagt haben soll. Das neue Pathos selbst\nwird von dem Dichter Lissauer so gedichtet:\nHoch greift an ihm die Gischt, es donnert\nwirbelnde Wut,\nBrandender Abgrund will ihn niederschlingen,\nAllein er geht, den Blick weit in die Welt\ngerichtet über die See,\nGelassen hin wie über einen deutschen Schnee.\nUnd sieh, ihn trägt die Flut,\nUnd horch, nun hebt sie an zu singen,\nEs tönt Musik empor,\nDie Wasser schallen unter seinem Fuß im Chor,\nDer Raum erdröhnt von ihm, es ziehen\nErwogend unter ihm die Harmonien.\nDiese neupathetischen Verse gehören zu einer\n„Legende von Bach\". Das Pathos kennen wir\nschon recht lange, diese Reime auch. Die letzten\nbeiden Zeilen gehören sogar zur Klapphornpoesie.\nNeu ist nur, daß man über einen deutschen Schnee\ngelassen hingeht. Er meint wahrscheinlich den\nSchnee, auf dem er die Potsdamerstraße entlang\ngeweht kommt. Da läßt es sich freilich gelassen\ngehen. Gegen das Schallen im Chor würde sich\nvermutlich Bach sehr gewendet haben. Aber was\nsoll man machen, wenn einem der Reim auf empor\nfehlt und man das Singen des Chors origineller\nsagen will, ohne original zu sein. Was nämlich\nsonst in diesen paar Zeilen wallet und siedet und\nbrandet und zischt und bis zum Himmel an bran-\ndender Gischt aufsteigt, das, Dichter Lissauer un-\nserer Zeit, hat uns allen schon vorgeschillert.\nNeue griechisch-römische Zeitschriften\nIn Heidelberg hat man immer mal wieder „Die\nArgonauten\" aufleben lassen. Mit dieser Zeitschrift\nsollen mehrere nicht ganz kunstfeste Lyriker an\ndas andere Ufer befördert werden."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.3", "texte": "In München ist immer mal wieder „Der neue\nMerkur\" gegründet worden. Natürlich von Georg\nMüller. Dort soll sich die „Elite\" breittun. In\nDeutschland wird wirklich für den Handelsgeist\ngesorgt.\nKustaachrichten\nProfessor Oskar Bie, der zusammen mit Fritz\nStahl Kunstgeschichte studiert hat, ist fünfzig Jahr\nalt geworden.\n'Georg Engel wird in der Steglitzer litera-\nrischen Gesellschaft aus seinen Werken vorlesen.\nDer wilde Mann\nDie Kunstwelt des Herrn Felix Lorenz, eine\nschlechte Kopie der Gartenlaube und der Moder-\nnen Kunst des Herrn Bong, fragt angstvoll alle\nmöglichen Leute, was sie von den sogenannten\nneuesten Kunstrichtungen halten. Abgeordnete,\nKommerzienräte, Fabrikdirektoren, Hanns Heinz\nEwers und schließlich neben soviel Fachleuten\nauch einen Dilettanten, den Kunstmaler Albin\nEgger-Lienz. Oesterreich hat ihn wieder, er fühlte\nsich in Deutschland nicht bodenständig. Berlin\nwollte nichts von ihm wissen und Weimar auch\nnicht. Nun schimpft der Herr Egger in Oesterreich\nüber Deutschland. Die Kunstwelt schickt diese\nSchimpfereien als Sonderdruck, halbelegant * ge-\nbunden, an sämtliche Leute, die von der Existenz\ndes Herrn Egger noch nichts wußten. Der brave\nHerr Egger fängt so an: „Dieser Schwindel muß\num so offener als solcher gebrandmarkt werden,\nals seine Anhänger mit einem im Kunstleben bisher\nunerhörten Terror jeden, der ihn nicht mitmacht,\nmit Boykott und afterkritischer Verfolgung bedro-\nhen und jede Zurückhaltung von ihnen als\nSchwäche ausgelegt wird.\" Das denkt Herr\nEgger über die neuesten Kunstrichtungen. In die-\nser sympathischen Form schimpft Herr Egger sei-\ntenlang weiter, offenbar, weil seine Bilder in Ber-\nlin keinen Erfolg hatten. Schlecht genug sind sie\nfreilich dazu. Aber manchmal glückt es auch da-\nmit nicht. Sonst hat Herr Egger noch zu bemer-\nken: „Der zum Gipfel der Jahrtausende emporge-\nschmockte Manet zeigt sich mir als ein schwäch-\nlicher und höchst mittelmäßiger Velasquez-Nach-\nempfinder . . ~ der gepriesene Cezanne war ein\nöder Konstruktionsphilister, van Gogh und Marees\nbemitleidenswerte Unzulänglichkeiten, Greco, der\nAffe Tizians, ein notorischer Seekrüppel.\" Der\nhat es ihnen aber gut gegeben, der Egger mit den\nguten Augen, dem Manet, dem Cezanne, dem van\nGogh, dem Marees und dem Greco. Aber diese\nKünstler brauchen wenigstens die Bilder des Herrn\nEgger nicht mehr zu sehen. Dafür kann man sich\nschon einige Schimpfworte ins Grab nachrufen\nlassen.\nDie gewisse Richtung\nAbgeordneter Delbrück (konservativ) in der\nzwanzigsten Sitzung des preußischen Abgeordne-\ntenhauses: „Es ist augenblicklich eine gewisse\nRichtung in der Kunst, Sachen zu malen, die\nman früher als Studien im Atelier ließ,\nzum Beispiel ein splitternacktes Modell, das in\neinem Salon Thee eingießt. Seien wir doch froh,\ndaß die Staatsanwälte nicht nach dem Gefühl ent-\nscheiden.\" Man weiß nicht recht, ob die Staatsan-\nwälte für oder gegen das Modell wären. Nach dem\nGefühl. Wo mag der Abgeordnete Delbrück die\ngewisse neue Richtung in der Kunst äugen blick-\nlich gesehen haben? Er wird doch nicht das Mo-\ndele Nue von Leger meinen? Ich bin zwar in der\nglücklichen Lage, kubistische Bilder zu „erken-\nnen\", aber den Salon und den Thee muß mir doch\nerst der Abgeordnete Delbrück nachweisen. Oder\nwar der Herr Abgeordnete vielleicht in der gro-\nßen Berliner Kunstausstellung?\nH. W.\n\nErscheinung\nErnst Wilhelm Lötz\nIch tanze die Treppen herab mit federnden Sehnen,\nMit glänzend geöffneten Augen fühle ich Straßen\nhin!\nAber der Tag ist schwierig im Winterdämmer.\nDie Straßen biegen aus und flackern davon.\nEin Schatten überspringt mich, ein schmerzliches\nWundern:\nDie Wagen und Autos meiden mich in Flucht,\nDie Straßenbahnen kreischen auf in den Strängen*\nUm die Ecke schnellend läuten sie Not.\nUnd Menschen, schwarz, heftig und windgeweht,\n— Ihr rot umworbene Richter meiner Empfindun-\ngen! —\nStürmen vorüber, wirr fuchtelnd mit Flucht-\ngebärde,\nSteif zeigen Finger nach meiner Stirn.\nUnd alles, was da war, begriffen, umgreifbar,\nLegt zwischen mich und sich einen Raum.\nStaub hebt sich auf und begibt sich von dannen.\nNur — o Traum besonnter Beruhigung! —\nEin Fenster im Dach — Auge blinkend verirrt! —-\n— Scheibe, zerscherbt und der Armen Licht-\nschenker —\nHält sich gern gebend plötzlichem Strahl der\nScheidesonne hin.\nRührend empfangen, senkt sich der Funke auf\nmich:\nDaß ich in Geleucht starr stehe wie ein Gott in der\nFremde.\nKommen da nicht aus allen Winkeln,\nDen Läden, den Fenstern, Türen und Wagen,\nAus schwarz quellender Fülle der Torwege,\nAus Seitenstraßen, wo Janhagel pfiff,\nKommen nicht lauter sehr schüchterne Lichter,\nStill flackernde Augen her, her zu mir!\nDas, was ich suchen ging: Suchende Augen!\nWas mich erschüttert und emporfedert!\nWas mir wie schluchzendes Jauchzen nach Innen\nschlägt:\nGefundene suchende Augen!\ni\nHell schwimmen sie mir entgegen, glitzernde\nWellen,\nIch bade mich, umtastet von ihrem Staunen.\nHeilig frierend, bin ich der Sieger, bin der Prophet\nund der König,\nDenn seht: Ich schöpfe die Frage aus euren Augen,\nden Glanz und das Leben.\n\nDer Weg\ndurch die Naeht\nRoman\nAage von Kohl\nEi, ei, das war mit anderen Worten weder\nmehr noch weniger als die Weisheit der Priester,\ndie plötzlich ihre Affenfratze hervorsteckte! Ent-\nsann sich denn sein Gehirn unbewußt und mit\nvenhaftem Gehorsam, was der Probst damals an\nihrem Grabe mit bewegter Stimme, ja sogar mit\nTränen an der rechten Stelle, gesagt hatte: daß\nwir keinerlei Erklärung für dies Gräßliche finden\nkönnen als die, daß der alliebende Gott und Vater\ndies hatte geschehen lassen — um den Dichter\nGlaß Morton zum Paradiese zu führen! Haha, köst-\nlich, Millionen wert, wie klug sie alle mit einander\nwaren, von den Priestern und den Aufsehern und\n-— bis zu ihm selbst! Ja, so wahr — oder höre nun\neinmal, das ganze ist so unendlich einfach, selbst\nder Einfältigste wird in Zukunft sogar das Unfaß-\nlichste von allem begreifen können —: der Allweise\nund Alliebende hatte schon seit längerer Zeit daran\ngezweifelt, inwiefern es überhaupt tunlich sei. die-\nsen verstockten Wurm Glaß Morton auf seine Seite\nhinüberzubringen; Er hatte allerhöchst eigenhändig\nund mißvergnügt gar manches Jahr darüber hin\nund her gegrübelt, immer bekümmerter; Er durch-\nblätterte in seinem Gedächtnis, welche Mittel ihm\nzur Verfügung standen, Sodom, Christenverfol-\ngung, wilde Tiere, Hungersnot, Krieg, Pest und Sy-\nphilis, nein, aber nichts von alledem gefiel dem All-\ngütigen, das waren völlig veraltete Sachen, alle mit-\neinander, die in einer so aufgeklärten Zeit wie die\nunsere zu benutzen, Er sich geradezu geschämt\nhaben würde — und vielleicht gehörten übrigens\nauch noch schärfere Methoden dazu, falls es solche\ngab . . . und siehe, ganz richtig, nicht wahr, da\nunten ging ja ein wunderbares Wesen gerade an\ndieses Sünders Seite: jung, du guter Gott, so strah-\nlend schön, so göttlich voll von Kraft, die noch gar\nmanches Jahr gebraucht werden konnte, um Licht\nüber die Erde zu verbreiten, Zärtlichkeit, die noch\nJahrzehnte lang flammen und scheinen und Tage\nwie Nächte gut machen konnte, Freude und Hilfs-\nbereitschaft und Liebe noch für Dutzende von lan-\ngen, langen, schönen Jahren —: die kleine Annie,\nderen Herz aus Gold, die schöner war, als alle die\nandern, und die nie einem lebenden Wesen etwas\nanderes als Gutes mit aller Macht getan hatte — ja-\nwohl, das war ja gerade das würdige Opfer, haha,\nlaß sie auf den Wegen unergründlicher Zufälligkei-\nten nichts ahnend und schuldlos in der Dunkelheit\neines Abends mit ihrem goldenen Haar an einen ein-\nsamen Ort hinausgeführt, laß die Nacht zerrissen\nwerden von ihrem Geschrei unter dem Blitzen eines\nMessers, durchzuckt werden von ihrem Mut, ihrem\nEntsetzen, ihrem blutigen Tod in einer Oual, die\nkein Sinn fassen kann, mein Gott, mein Gott, ich\nkann nicht mehr, meine Kräfte sind auf einmal ganz\nund gar dahin, ach, Annie, Gott gebe, ich wäre\ngleich jetzt bei dir! . . .\nEr hatte sich von neuem, ohne es zu wissen,\nwieder in Bewegung gesetzt.\nPlanlos wanderte er vorwärts, mit straucheln-\ndem Fuß, ohne zu hören oder zu sehen, er selbst\nfühlte, daß sein Antlitz unbeweglich und verzerrt\nwar, wie aus Holz, wie aus wahnsinnigem und ge-\nfühllosem Stein — aber in ihren Höhlen brannten\nseine Augen, sein Gaumen war trocken und heiß,\nan seinem Herzen saß zerfleischend ein Kummer,\nder nicht zu ertragen war.\nDas Geräusch seiner Schritte gelangte auf ein-\nmal an sein Ohr —: der leise, schreitende Laut von\nKies, der unter seinem Gewicht nachgab, während\ner den Stiefel niedersetzte; das feine Knittern der\nzahllosen, winzig kleinen Körner, die mit jedem\nTritt, den er machte, unter einander mit Zolltiefe\nin der Erde verschoben wurden . . . mit jedem\nMal unterirdische, mikroskopische Leben zu tau-\nsenden zermalmten: ein Weltuntergang auf eines\nFußes Breite — von ihm herbeigeführt!\nEr hielt jäh inne bei diesem Gedanken, mit einem\nplötzlichen Brand in seinem Herzen. Streckte wild\ndie Arme aus, warf den Nacken hintenüber, sah\nzitternd empor zu dem bleichen Himmel, an dem\nsich die Sterne entzündeten — bog darauf gleich*\nwieder mit einem Ruck vornüber, wagte nicht,\nzu bleiben, wo er war, wagte weder zur Seite,\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.4", "texte": "noch zurück zu treten, starrte grauenumfangen\nnieder. :\nUnd im selben Nu war es ihm, als vermöchte\n,auf einmal sein Blick alles zu beobachten, was dort\nunten geschah — auch jetzt, während er auf die-\nsem Fleck still stand, unaufhörlich Verstümme-\nlung und Tod unter diese unsichtbaren, diese ar-\nbeitsamen und geschäftigen Völker hinuntertre-\ntend, die dort unten in der Erde wohnten — in Un-\nmengen Männchen und Weibchen und unfaßlich\nwinzig kleine Kinder mordend!\nEr meinte leibhaftig die gräßlichen Zerquet-\nschungswunden unterscheiden zu können, das häß-\nliche Sich winden und Springen der Todeskämpfe,\nein grauenvolles Wirrwarr von Tortur in unend-\nlich kleinem Format; hinter seinen Trommelhäuten\nmeinte er die schwachen, unzähligen Schreie all\ndieser Qual, das Gekreisch der Hilflosigkeit und\ndes Hasses spüren zu können; in seinen Nasen-\nlöchern fühlte er den faden, Übelkeit erregenden\nGeruch des Blutes, das in Strömen floß, überall\nhinabsickernd, helltönend von Stein zu Stein trop-\nfend! Und beständig tiefer hinab erstreckte sich\ndiese Zerstörung, während er hier stehen blieb —:\nSiehe, siehe jetzt, war es seine Sehkraft, die auf\neinmal, zauberhaft scharf, das Ganze durchschaute,\noder war es der Erdboden selbst, der auf einmal\ndurchsichtig wurde wie ein Meer oder . . . oder\nwar es wirklich ein blaugrüner, kühler Schimmer,\nein kalt phosphoreszierender Schein, der unver-\nmutet von dort unten her aufflammte, von dort\nganz unten, aus der untersten Tiefe empor, wo . . .\nJa! . . .\nEr stieß ein Stöhnen aus.\nDas Herz zum Zerspringen angespannt —:\nDenn es war ihm jetzt, als werde — gleich\neinem Teppich — die ganze verdeckende Erd-\nschicht weggezerrt, mit Bäumen und Blumen, mit\nGittern und Gängen und Kies . . . und vor seinen\nAugen lag entblößt und sichtbar das dort unten\nselbst!\nDer Friedhof selber offenbarte sich kilometer-\nweit seinem Blick, ein unübersehbares Feld des\nTodes, Sarg an Sarg in Reih und Glied . . . wie\nniedrige und schwarze Baracken, sorgfältig und\nendlos in langen Reihen hintereinandergestellt, groß\nund klein — neue und alte!\nHier schimmerten noch, durch den Schleier der\nDämmerung, helle oder dunkle Farben, Vergol-\ndungen, Versilberungen, Zink und Eisen von Be-\nschlag und Ecken. Da waren es schon vermoderte\nDeckel, wohinter es gedämpft und grün glimmte;\nhier ganz zernagte Bretter, durch die die grauen-\nvollen Fetzen von Fleisch zundrig und naßkalt glüh-\nten! Da hinten zur Linken saß ein Schädel auf den\nnackten Halswirbeln, nach oben zu geknickt, als\nhätte er sich aufgereckt, um einen mit dem Schwarz\nder ungeheuren Augenhöhlen unter der knochen-\ngelben Kuppel anzustarren. Hier rechts von ihm\nlag ein langer, noch vollkommen fleischbekleideter\nKörper ausgestreckt auf dem Rücken, die Zähne\ngrinsten eiweiß hervor — zwischen zwei Lippen,\ndie sich zusammengezogen hatten, wie zu ein paar\nschwellenden Trauben, schwarzblau und blank;\nund da gerade vor seinem Fuß lag ein ganz kleines\nKind: auf seiner entblößten Brust, die rot gespren-\nkelt durch eine mürbe Stelle in dem gelblichen\nHemd hervorguckte, funkelte ein goldenes Me-\ndaillon!\nJa, ja, nach allen Richtungen hin, unendlich weit,\nvor ihm, hinter ihm, rechts und links, wohin er\nsich auch wandte —: da lagen all die Beweinten\nund Vergessenen, wortlos, Seite an Seite, und lösten\nsich langsam auf! Konnte man sie wohl wiederken-\nnen, konnte man an ihren übriggebliebenen Kno-\nchen wohl erraten, wer sie gewesen waren, ob ihr\nLeben arm oder reich gewesen war, ob sie jemals\nerlangt hatten, wonach sie sich sehnten, ob sie geliebt\nworden waren oder nicht?! Ach, er stand an dem\nOrt des Entsetzens! Hier wuchs zahllos und üppig\nalles, was des Todes war, ein meilenbreites, ein\nabscheuliches Feld, in dem die bleichen Knochen\nso dicht wie Grashalme gepflanzt waren — und\nhoch über ihnen leuchtete hier und da die schwe-\nfelblaue oder griinspanige Flamme der Verwesung\ngleich eisigen Blumen auf! . . .\nIm nächsten Augenblick überfiel ihn der unge-\nheure Qeruch, der entnervende, verheerende Ge-\nstank, der dick aus diesen allem hier ausströmte\n— eine totbringende, eine sichtbare Pest'atmo-\nsphäre, die kroch und lief und still stand! die\nerstickende und schwammige, gigantische Arme\nhatte, treibende Flächenwunden überall und gif-\ntige, klebrige Beine, die Siebenmeilenschritte\nmachten! ein riesengroßer, ein kolossaler, ein weiß-\nblasser, geschwollener Kadaver, der sich auf ein-\nmal vor ihm bis zum Himmel erhob — mit einem\nAtem, der totschlug und mit Augen, in denen man\nertrank!\nEr warf den Oberkörper schaudernd zurück,\nschleuderte grauenerfaßt beide Hände vor — und\nhörte da, im selben £Ju, den tausendfältigen, gräß-\nlichen Laut von Nah und Fern! den unaufhörlichen,\nden leise murrenden Lärm von beständigem und\nfeuchtem Verfall! seufzend gaben die Särge hier\nund da nach, und mit einem Zischen entfuhren die\nDünste, rieselnd stürzte der Kies durch Risse und\nSpalten hinein, die Leichen rührten sich düster,\nstießen mit einem pfeifenden Fauchen ihren stin-\nkenden Hauch aus — und horch, still, was war\ndas für ein entsetzliches, ein ununterbrochenes Ge-\nräusch, das man mehr ahnte als hörte, ein unauf-\nhörliches, winzigkleines Zermahlen und Zermalmen\nüberall, ein Verschlingen ohne Pause . . . ach, ja,\njetzt begriff er es: das war ja die Mahlzeit der\nMillionen vom Morgen bis zum Abend und wieder-\num vom Abend bis zum Morgen! das waren die\nBillionen von farblosen und lichtscheuen Würmern,\ndie fraßen und tranken und dazu plauderten, das\nwar die ungeheure Erde selbst, die mummelnd,\nschmatzend, kauend ihre unersättlichen Eingeweide\nfüllte . . . mein Gott, war dies denn wahr? war\ndies Wirklichkeit, das, was er hier hörte und roch\nund sah —: das alles, was wir dort oben vom\nLeben her kannten — hier lag es jetzt und moderte\nhin! alles, was wir haßten — hier war es verbor-\ngen, um ganz zu verschwinden! alles, was wir lieb-\nten — hier war es zur Ruhe bestattet, um restlos\nausgelöscht zu werden?\nAber da war es ihm, als werde auf einmal sein\nHerz gellend zerrissen.\nEr erhob mit einem Ruck dumpf stöhnend sei-\nnen Kopf.\nIn seinen Gedanken brannte ein Schrei —:\nSie!\nSie, deren er sich an diesem Ort nicht zu er-\ninnern wagte?!\nSIE, die ihm vor zwei Jahren geraubt, getötet,\nseinem Blick und seinem Leben entzogen war —\nwo war sie jetzt?? . . .\nEr schlug mit einem Gebrüll beide Fäuste gegen\nsein Gesicht, preßte wild knurrend die Augen zu,\nwollte nicht sehen — und sah trotzdem:\nMein Gott, dort, da hinten, unter diesem Mar-\nmormonument, das in der Ferne wie ein mächtiger,\nein schneebleicher Schatten hinter den schwarzen\nBäumen schimmerte! unter diesem blumenüber-\ndeckten Hügel, umrahmt von einem Gitter mit dem\nFeuer goldener Spitzen, da hatten sie ihren Kör-\nper hinabgelegt — den geliebten und mißhandelten!\nunzählig viele Male geküßt und umfangen in un-\nnennbarem Glück — darauf zerrissen von einem\nblindgeborenen Wesen mit einer Klinge, von einem\nTier der Tiere mit blutigem Zahn — und jetzt, vor\nzwei unendlich langen Jahren . . . nein, ich will es\nnicht, ich wende den Kopf ab, ich fliehe, ich reiße\nmir die Augen aus, ich will nicht sehen, hört ihr,\nfort, nehmt es weg, ihr lügt, sie ist es nicht, ich\nweiß es, ich fühle es so deutlich überall, sie kann\nes nicht sein, sie ist das da niemals gewesen, Hilfe\nfort von hier, laßt mich los — nein, nein, ich will\ndoch dahin, laßt mich gleich dahin kommen, es\neilt, ich will ihre Glieder mit den meinen decken,\nich will ihren Körper vor ihnen allen hinter mir\nselbst verbergen, ich will einen unerbittlichen\nKrieg, Tag und Nacht, gegen alle die führen, die\nsich dort begehrlich rühren, ich will mit Armen und\nBeinen und Zähnen dagegen ankämpfen — gegen\ndiese Stummen und Weißen, die hier gefräßig um\ndich herum kriechen, Annie, hast du gehört, sei\nnicht mehr bange, ich komme, meine Geliebte, ja\nja, ich komme so schnell ich kann! . . .\nLangsam ward er sich seiner selbst wieder be-\nwußt.\nEr stand schwindelnd da, mit hängenden Armen,\nmit keuchendem Atem, den Kopf vornübergebeugt,\nals sei der Halswirbel gebrochen.\nAn sein Ohr drang auf einmal, wie aus weiter\nFerne, das tiefe und leise Geräusch eines Stöhnens\n— gleich dem fast unhörbaren Glucksen eines un-\nterirdischen, reißend rinnenden Stromes.\nEr zog die Lippen zusammen, lüftete darauf mit\nabgestorbener Hand seinen Strohhut ein wenig\nvon dem Scheitel, trocknete seine Stirn, fühlte sich\nvollkommen erschöpft, todmüde, es schmerzte in\nseinen Gelenken, die Knie zitterten unter seinem\nGewicht — er wagte nicht zu versuchen, sich des-\nsen zu erinnern, was soeben geschehen war.\nSah sich dahingegen langsam um, erblickte eine\nBank einige Schritte weiterhin — auf einem Mei-\nnen offenen Platz.\nEntschloß sich, dahin zu gehen, merkte im sel-\nben Nu, daß er über alle Maßen durstig war, die\nZunge klebte ihm dick im Munde, seine Schläfen\nbrannten. Er machte eine schmeckende Bewegung,\nfür eine Sekunde war eine Erinnerung im Begriff,\ndadurch in ihm zu erwachen, ein Kälteschauer\nrannte durch seine Glieder — aber dann schüttelte\ner fieberwild den Kopf und fing an zu gehen, be-\nständig den Hut in der Hand, die Füße hinter\nsich herschleppend.\nEr erreichte ungestört die kleine, hellgestrichene\nGitterbank, setzte sich schwer und langsam nie-\nder — und fühlte sich unerklärlich befreit, schon\nin dem Augenblick, wo er saß.\nIn einem Haus, weit entfernt nach rechts zu,\naußerhalb der Friedhofsmauer,, wurde in einem\nZimmer des vierten Stockwerks das elektrische\nLicht angedreht — es sprang als vier gelbe, kleine\nPlatten auf einmal da hinten in den Fenstern auf\nund machte gleichzeitig das Halbdunkel um ihn\nher fast schwarz.\nHinter ihm begann die Ausgangsglocke auf ein-\nmal wieder zu läuten: Gut, gut, jawohl, in fünf Mi-\nnuten schließen sie das Tor, es ist noch Zeit\ngenug! . . .\nEr hatte, sich immer wohler fühlend, den Hut\nan seine Seite gelegt, hatte das eine Knie über das\nandere geworfen, sich zurückgelehnt — und legte\nnun den rechten Arm über die Rücklehne der Bank\nden Stock in der linken Hand haltend und ihn un-\nwillkürlich vor sich hin und her führend, kleine\nZirkelbögen in den blonden Kies ritzend.\nEs hatte ein wenig zu wehen begonnen, wäh-\nrend es gleichzeitig dunkler wurde.\nMit Wohlbehagen bot er seine Stirn der Kühle\ndes Windes dar, genoß einen Augenblick in allen\nPoren seine Frische, Lauschte sodann, plötzlich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.5", "texte": "lächelnd und voller Frieden, dem tausendzüngigen\nLaut nach allen Seiten zu um sich her; ließ dann\nlangsam seinen Nacken ein klein wenig hintenüber\nsinken, seine Augen an dem Anblick dieser schat-\ntendurchwobenen Gruppe von Hängebirken wei-\ndend, die dort dicht vor ihm stand — mitten auf\ndem kleinen runden Platz, an dessen Rande er saß.\nTrauer, dachte er gleich nachher, und entsann\nsich unvermutet einer Person, die er vor einigen\nJahren in einem seiner Bücher geschildert hatte ■—:\nTrauer, was für ein Unsinn war das, es gab nichts\nin der Welt, was mit Recht den Namen Trauer\ntragen konnte!\nIch entsinne mich, grübelte er gemächlich wei-\nter: ich entsinne mich, wie es mich Tag und Nacht\nquälte, damals, als ich von diesem Mann schrieb,\ndessen ganzes Lebenswerk ihm im Laufe von\nwenigen Minuten völlig und unrettbar und für im-\nmer zwischen den Händen zusammengebrochen\nwar — wie abscheulich es mich peinigte, daß ich\ngleichsam nicht in die Stelle hineindringen konnte,\nwoher das entsprang — was ich mir damals unter\nTrauer vorstellte!\nDenn ich glaubte ja steif und fest —: daß\nTrauer sozusagen ein ganz bestimmtes Land sei,\nein fremdes, ein seltsames und ungeheures Land,\nwohin man unter gewissen Umständen plötzlich\nversetzt werden könne und von wo es keinen Aus-\ngang gab! Oder, wenn man will, eine Art mysti-\nsches Schwarzes Meer — wo der Wind weder Tag\nnoch Nacht einen andern Ton hatte, als den Schrei:\nwo die Wellen sich unaufhörlich, lang, schwarz,\ngrausam und mit weißen Kämmen dahinwälzten;\nwo eine schäumende Brandung und wo unbe-\nrechenbare Unterströme immer den Unglücklichen\nvon neuem hinausrissen, im selben Nu, wo er sich\ngerettet glaubte; und wo sogar die Vögel dasselbe\nunveränderliche Gewand von ewigem Kohlschwarz\nhatten!\nNicht wahr, so ungefähr stellte ich mir das vor,\nwas man unter dem Begriff Trauer verstehen\nmüsse —: ein grenzenloses, ein überirdisches Ge-\nnießen — wenn auch seine Farbe schwarz war!\neine alles andere übertäubende Seligkeit — wenn\nsie auch unbarmherzig jeden verzehrte, der sie\nkennen lernte! ein ekstatisches Glück — wenn\nauch mit dem starrmachenden Antlitz einer Me-\ndusa . . . aber es war mir auf keine Weise möglich,\ndies niederzuschreiben! es wurde fortwährend, wie\nich es auch drehte und wendete, zu einem so son-\nderlichen Mischmasch, schien es mir immer —: zu\neinem unablässigen Auffahren in Zorn, im Haß, in\nSehnsucht, und gleich darauf zu einem ebenso\njähen und tiefen Hinfallen, beides mit immer grö-\nßerer Gewaltsamkeit abwechselnd und mit immer\nsteileren Uebergängen! vor allem aber eine wahn-\nwitzige, entnervende und kraftverschwendende,\neine qualvolle, mehr und mehr zerstörende Rast-\nlosigkeit — kurz: eine Marter schlecht und recht,\naber keineswegs jene süße und todbringende\nQual, wie ich sie mir im voraus vorgestellt hatte!\nUnd wie mag dies nun sein?\nHatte ich Unrecht, mir die Trauer so vorzustel-\nlen — und war es also richtig, das, was ich\nschrieb? . , .\nEr strich sich langsam ein- oder zweimal über\ndie Stirn; ließ darauf die Hand mit einem leisen\nSchlag wieder niederfallen; dachte einen Augen-\nblick daran, sich eine Zigarette anzuzünden, ver-\ngaß es indes sogleich wieder.\nIch entsinne mich auch noch sehr wohl, grü-\nbelte er gleich darauf von neuem: ich entsinne\nmich, wie mir höchst schlecht zumute war bei die-\nsem ganzen Passus in meinem Roman. Ich las diese\nStelle wieder und wieder durch, ehe ich sie in den\nDruck gab, noch bei der Korrektur mit unbestimm-\nteil und entschlossenen Plänen, sie ganz und gar\nändern zu wollen — aber doch ohne jemals etwas\nanderes auszurichten, als hier und da kleine Feile-\nreien. Nun, und als dann das Buch erschien, und\nich wartete, daß Freunde und auch Kritiker die\nGeißel tüchtig tanzen lassen würden — da war das\neinzige, was ihnen in dem Werk wirklich gefiel,\ndas einzige, was ihnen wirklich gut erschien —:\ndas waren gerade diese Seiten; ja, sagten sie zu\nmir: da hätte ich in Wahrheit Trauer geschildert;\nda hätte ich mit kundiger Hand bis zur letzten\nFiber ein Menschenherz entblößt und uns sehen las-\nsen, was Trauer eigentlich ist! . . .\nEr fühlte sich auf einmal gereizt.\nEs war ihm plötzlich vollkommen klar — ohne\ndaß er selbst noch recht wußte, weswegen —: daß\nes ja selbstverständlich ganz und gar zutreffend\nwar, was er damals dunkel empfunden hatte. Daß\ndiese Menschen ganz einfach gar nicht ahnten, was\nTrauer war! Naturnotwendig nicht! Wenn Trauer\nwirklich nichts weiter oder nicht mehr war, als\nwas er davon in jenem Buch erzählt hatte, und\nwozu der erste beste ja oder nein sagen konnte . . .\nwas war dann das Ganze?! Nein, nie und nimmer,\ndas fehlte auch noch! Nein, das, was ihm damals\nim Wege stand, das war genau dasselbe wie jetzt:\ner selbst wußte nicht, was es war, zu\ntrauern! Und wie mochte es wohl zugehen, daß er\ndas nicht wußte? Ja, der Grund war ... so ab-\nscheulich und lachenerweckend es auch klang, der\nGrund war der: daß gerade alle die andern ihn\ndaran hinderten, trauern zu können! Ach, es war\ndas Bürgerliche in seinem Herzen, es war das Ge-\nmeine in seinem Sinn — daß er sich nie ernstlich\nvor allen diesen Gleichgültigen, diesen Fremden,\nall diesen Andern zu verschließen vermochte! Es\nwar sein zerspaltenes Ich, das ihm nicht erlaubte,\nrestlos bei der Einen in der Welt zu bleiben, die er\nliebte und die ihn liebte — das sich aber tief da\ndrinnen immer an den Gedanken an die bürger-\nliche Gesellschaft, den Nutzen und die Kunst klam-\nmerte, selbstverständlich alles nur mit dem einen\neinzigen und häßlichen Zweck: selbst zu leben!\nHaha, ja, das war ihm nicht vom Leben beschert\nworden, dieses Rätselhafte, Größte von allem, dies\nUnaussprechliche und Allergrößte —: das Hei-\nmatsrecht in jenem fremden und ungeheuren Lande\nzu haben, wo die Trauer zu Hause ist! in jener\ngrenzenlos strengen und strahlenden Stätte, noch\nmehr purpurschön und nachtschwarz, als irgend\netwas anderes — die zu schildern er so oft ge-\nträumt hatte, damals in jenem Jugendbuch, und\nauch so viele Male später! Nein, für ihn galt\ndurchaus, daß ihm die Fähigkeit fehlte zu diesem\nSeltensten und Adligsten von allem, zu diesem\nunbeugsam Strömenden, das aus eigener, alles\nüberwältigenden Kraft geheimnisvoll alles vernich-\nund alles hervorbringt! Gerade das, wovon der\nAlte dahinten in unbestimmten Worten gefabelt\nhatte: der Blick in das schwarze Land, dessen\nSchönheit und Süße allen Verstand überragt — und\nwovon Sie, die Fremde, der Vogel der Trauer, mit\nihrer ewigen und schmächtigen, ihrer nachtschwar-\nzen, sanghaften Stimme vorhin gesungen hatte,\ndort hinten von der Gruft her, wo sie stand! . . .\nEr sah von neuem das Gesicht dieser Fremden\nvor sich; ohne zu beachten, daß er diesmal — ob-\nwohl er in Wirklichkeit ihr Antlitz ausschließlich\nim Profil gesehen hatte, in jenem einzigen Nu,\nwährend sie an ihm vorüberkam — es sich doch\njetzt en face vorstellte; mit zitternder Zärtlichkeit\nund Ehrerbietung, mit atemloser Demut starrte er\nsie än: die stolze und hohe Form ihres Mundes, die\ngroßen, weit aufgerissenen und schwarzen Augen\nunter den Bogen der zarten, dunklen Brauen, das\nschmale kaiserliche Oval des Antlitzes, die Stirn\nvon dem Schatten des dichten Haares bedeckt, die\nüberirdische Schönheit der Haut, die kein Weinen\nhatte beflecken können, und tief drinnen aus dem\nBlick heraus dies lautlos und ruhig lodernde Feuer,\nach, diese Höllenflamme und dieser Himmelsbrand,\ndas strahlende Adelszeichen derer, die wissen, was\nes ist, zu lieben und zu verlieren — zu leben! . . .\nEr schob auf einmal, heftig entnervt, mit Ge-\nwalt diese Gedanken von sich.\nSuchte, ohne selbst fassen zu können, aus wel-\nchem Grunde, sich gleich darauf das Gesicht des\nAufsehers zurückzurufen — und empfand eine son-\nderbare Heilung dadurch —: So ein richtig braves,\naltes Gesicht! ach, die ganze vielfältige Menge, alle\ndie Millionen von Gesichtern waren enthalten in\ndiesen geraden und nichtssagenden und liebens-\nwürdig einfachen Flächen und Linien!\nStand der Mann nicht, sozusagen unmittelbar\nsichtbar, durch zahllose Telephon- und Telegra-\nphenkabel, nach Norden, Süden, Westen und\nOsten, in Verbindung mit dem ganzen gesammelten\nHaufen aller Welt, ewig derselbe und ewig anders!\nGespenster, Tod, Aufklärung, Phrasen aus Ro-\nmanen und Zeitungen bunt durcheinander, Fried-\nhof und Krematorium, Unglück und Glück und Ge-\nrechtigkeit — jawohl, die ganze Skala hinab, von\nAnfang bis zu Ende, das ganze unerschöpfliche Ar-\nsenal des Aberglaubens! Von allem in der Welt\nwissend — mit Ausnahme des einen, was man in\nWahrheit wissen kann! Unbekannt mit allem Mög-\nlichen — ausgenommen mit dem, wovon wirklich\nniemand das geringste weiß! Bis an den Rand mit\nRedensarten angefüllt, mit auswendig gelernten\nWorten! Zu gleicher Zeit kaum imstande, seinen\nmehr als bescheidenen Platz auszufüllen, doch mit\neinem jeden Satz darnach angelnd darüber hinaus-\nzureichen — und trotzdem, wenn es darauf ankam,\nohne auch nur ein einziges Mal, nur ein Wort an-\nführen zu können, das aus dem Tiefsten dadrinnen\nherauskam — das, wovon doch auch er einen ge-\nheimen, einen verborgenen und unauslöschlichen\nFunken besaß! Ja, war dies nicht aufs Haar das\nPorträt — von ihnen allen?! Selbst diese naive\nFreude darüber, daß die Frau und nicht er selbst\ngestorben war! Hahaha, diese prächtige Tausend-\nkreatur —: siehe, der Mann war doch schließlich\nin Wahrheit ein leiblicher Bruder von uns allen!\nOder Unsinn, viel mehr noch! Unser aller Vater\nwar er — Adam selbst in semem Paradiesesgar-\nten, splitternackend, neugierig und ängstlich halb-\nwegs der Stimme der Schlange lauschend, ja: der\nMusik des echten Gefühls, dem einsamen, erhabe-\nnen Ton der Trauer, der, alles durchdringend,\nseine Götterstimme hinter einem Gebüsch' erhob,\ndes Lebens Erkenntnis von Gut und Böse hinaus-\nsingend! . . .\nEr war heftig aufgesprungen, eilte mit hastigen\nSchritten hin und her, rauh auflachend, mit rätsel-\nhaften, triumphschleudernden, gehässigen Blicken\nnach allen Seiten, den rechten Arm mit gewaltsa-\nmen Gebärden in der Luft schwenkend.\nJetzt blieb er wieder bei der Bank stehen, zit-\nterte erregt mit bleischwerer und fieberheißer\nStirn, mit unruhig pochendem Herzen.\nEr streckte unwillkürlich die Hand nach seinem\nHut aus, der noch auf den hellen Gitterstäben lag,\ngleich einem zirkelrunden, kreideweißen Kegel —\nergriff ihn, setzte ihn hart auf den Kopf, wandte\nsich um, wollte gehen, nach Hause eilen — und\nward dann plötzlich, unerwartet, angstumsponnen,\nvon dem unbestimmten, unerklärlichen Bewußtsein\nerfaßt, diesen Ort wieder zu erkennen —: ihn zu\nerkennen?\nWoher?\nVon wann?"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.6", "texte": "Er war ohne Zweifel nie früher diesen Weg\nvon hier fortgegangen, konnte früher nicht hier\ngewesen sein! -\nUnd doch, erkannte er dies alles genau wieder,\nganz deutlich, Punkt für Punkt: diesen kleinen,\nrunden Platz, von wo aus nach allen Himmels-\nrichtungen die schmalen Gänge sternförmig aus-\nstrahlten, und mitten darauf: die vier Hänge-\nbirken, sacht klirrend mit ihren zarten und spitzen,\nausgesägten Blättern! Noch mehr: auch die gau-\nkelnde Erwartung der Luft, die Durchsichtigkeit\nund den Schleier des Halbdunkels, die unbegreif-\nlichen, winzig kleinen, trippelnden Laute von über-\nall her — ja, er erkannte das alles genau wieder!\nEr schüttelte verständnislos den Kopf, zuckte\nauf einmal zusammen, sah mit den Augen zwin-\nkernd, verstohlen umher, grübelte wild, um den\nZusammenhang in allem diesem ausfindig zu\nmachen, du großer Gott, ich fasse es nicht — und\ntrotzdem, ja, ich bin schon einmal hier gewesen, ich\nentsinne mich dessen genau: eines Abends, ich\nwar allein, ich wollte zu dem großen Tor da drü-\nben hinaus, es war spät und dunkel . . . und was\nbildete ich mir da plötzlich ein, hier drinnen in mei-\nner linken Hand fühlen zu können?\nEin Nu starrte er staunend und gleichsam ein\nganz klein wenig sehnsuchtsvoll auf die innere\nFläche seiner Hand hinab, aber ohne irgend etwas\nSonderbares darin entdecken zu können — wandte\ndarauf mit einem Ruck, wie auf Kommando, den\nKopf nach links um, der dunklen, efeuumkleideten\nSäule von poliertem Granit zu, die da drinnen in\nder Dämmerung aufragte, — einige Ellen von ihm\nentfernt, hinter einem niedrigen, schwarzgestriche-\nnen Gitter . . . und da lächelte er langsam und\nwiedererkennend im selben Augenblick, tat mit\nausgestrecktem Arm ein paar Schritte vorwärts,\nrätselhaft bewegt und dankbar —:\nAch!\nDenn da . . .\nUngefähr in der Mitte der Säule, ein paar Fuß\nüber der Erdoberfläche!\nDa unterschied er jetzt — vollkommen klar in\njedem einzelnen Zug — ein wunderbares Antlitz,\ndas sich ihm entgegenbeugte. Ein ganz schmales,\nein schmächtiges und feines, ach, ein blasses und\nschönes, kleines Mädchenantlitz, dort hinten in der\nDunkelheit! so lieb und gut, so voll von Fragen\nund von Sanftheit, siehe —: und das blanke,\nschwarze Haar hing wie durchnäßt an den zarten\nWangen herab! mit den großen, dunklen Augen\nblinzelnd, sah sie ihn lächelnd an!\nBist du es, bist du es wirklich — dachte er im\nnächsten Moment, ohne selbst ganz zu wissen, was\ner eigentlich mit diesen Worten sagen wollte. Er\nging behutsam noch einen Schritt vorwärts, sein\nHerz war heiß, er strengte sich an, seinen Mund\nzu öffnen und zu reden, er stammelte schließlich\nlautlos und beschwerlich zwischen seinen Lipppen\nhervor —: Komm! Komm nur ganz heran, du siehst\nja, daß ich dich wiedererkenne! . . . Aber da war\ndas plötzlich alles wieder verschwunden. Statt\ndes schönen Antlitzes hing da nur ein länglicher,\nkleiner Kranz von weißen Perlen mitten an der\nSäule, umrandet von dunklen Blättern!\nUnd da ergriff ihn eine heftige, eine brennende\nUngeduld, eine schmerzende Erwartung; es durch-\nfuhr ihn wie mit einem Stich, daß er jetzt unauf-\nhaltsam heimeilen müsse, heim nach seinem Hause\n— um das in Empfang zu nehmen, was kommen\nwürde!\nAber schon im nächsten Augenblick fühlte er,\ndaß er doch nicht von hier fortgehen wollte — noch\nnicht! Und er war übrigens auch vorläufig gar\nnicht dazu imstande: seine Arme und Beine waren\nja auf einmal wie lahm geworden, oder sie waren\nwiderspenstig, oder vielmehr sie warteten wohl\nauf irgend etwas, was binnen kurzem geschehen\nwürde — etwas, das erst allen Ernstes das voll-\nbringen sollte, was soeben eingeleitet war! . . .\nEr erkannte plötzlich diese Gedanken in sich,\nempörte sich dagegen, wollte sie sogleich von sich\nabschütteln, wollte lachen und zürnen, wollte ent-\nschlossen seinen Verstand gefangen nehmen und\ndamit alle diese Fiebergaukeleien und dies Mum-\nmenspiel mit einer Bewegung weit fort jagen, da-\nhin, wo es hingehörte!\nAber dessen ungeachtet blieb er unbeweglich\nstehen, wo er war, noch mehr als bisher besessen\nvon dieser erwartungsvollen Begierde.\nDort hinter seinem Rücken erhob sich in wei-\nter Ferne ein unerklärliches Flüstern, das schnell\nnäher kam. An seinem Nacken vorbei strich ein\njäher und eiskalter Hauch. In seinem linken Ohr\nspürte er einen Atemzug. Sein Herz stand still\nin grenzenlosem Lauschen . . . und da überwäl-\ntigte ihn auf einmal das Unbegreifliche, das Sinn-\nlose von diesem allen hier!\nEr machte hastig, angstgejagt, drei, vier\nSchritte vorwärts im Lauf, um zu entfliehen.\nBlieb darauf mit einem Ruck stehen.\nSchwindelnd.\nWirr.\nVor seinem Blick wurde auf einmal alles stock-\ndunkel, gleich darauf sprühte es nach allen Sei-\nten gelbe und blaue Funken, wurde wieder tief-\nschwarz, lautlos überall, ein Sausen vor seinen\nOhren, eine wirbelnde Kälte und ein Wind von\noben auf seinen Scheitel zu — fiel er, stürzte\ner kopfüber hinab durch eine Schlucht?!\nEr schwankte, riß die Augen auf, erkannte wo\ner war — aber da änderte sich blitzschnell alles\num ihn. Gitter wurden gesprengt und Säulen\nsanken um, der Kies wogte und schimmerte zu\nallen Seiten, der Erdboden erhob sich donnernd\nzu Hügeln rechts und links, blendend weiße Flam-\nmen schössen krachend überall hervor, Gräber\nbarsten mit einem Gedröhn und spieen die Toten\naus! Weiß gekleidete Gestalten wurden in die\nHöhe geschleudert, Frauen und Männer und Kin-\nder, zahllose Scharen, fern und nah, erfüllten in\neinem Nu die grelle und donnernde Luft! Mit\neinem Stöhnen schlug er beide Hände vor das Ge-\nsicht, wagte nicht zu sehen, fühlte in seinen Nasen-\nlöchern den Gestank von Erde und Phosphor und\nFeuer, mein Gott, jetzt jagte ein brüllender Sturm-\nwind daher, horch, die Glocke läutete, Domkir-\nchenposaunen, Melodien von Geburt und Tod —\nund siehe, da tat sich der Himmel weit auf, über\nBergzinnenpurpur brach die Sonne hervor, in sei-\nnem Ohr der schwindlige Gesang des Lebenschors,\nach siehe, das ewige Licht und das Glück, das wir\nalle erreichen sollen . . . und da, da, ja, Annie,\nmit lächelnder Lippe und ausgestreckten Armen,\njung, unsagbar schön, so hold und hoch, Geliebte,\nja, ja, ich komme . . .\nSeine Brust ward jäh von einer unvergleich-\nlichen Süßigkeit erfüllt.\nAus allen seinen Adern erhob sich die Wonne\nder Gewißheit, sie so nahe zu wissen, eine Flamme\nim Dunkeln!\nEr warf jubelnd beide Arme vor, wollte dahin\nlaufen, wo sie war, taumelte ein paar Schritte\nvorwärts, strauchelte, war im Begriff zu fallen,\nalles um ihn her war plötzlich stockfinster, er rich-\ntete sich mit Mühe wieder auf — sah sich frie-\nrend um, blind und verlassen, mit läutenden Ohren,\ndas Herz einen Augenblick totenstill und dann\nwahnsinnig da drinnen tobend —:\nWo war er?\nWas war geschehen??\nAnnie, woher war sie gekommen — wo ging\nsie hin??? . . .\nEr hörte plötzlich den Laut eines leisen, gleich-\nsam schaudernden Lachens, fuhr dabei zusammen,\nstarrte um sich —:\n„Wer?\nWer da??\nWer lacht da???\" . . .\nEr griff wie toll mit der rechten Faust vor sich\nhin in die Luft, faßte ein Handgelenk, umklammerte\nes mit aller Macht, stieß einen Schrei aus — und\nwußte gleich darauf auf einmal, daß es ja nie-\nmand weiter war, als er selbst! es war nur er\nselbst — der selber seinen linken Arm umklam-\nmert hielt! ganz recht, das war alles zusammen\nnichts weiter als Gaukelbilder und Träume, aber\njetzt war es spät geworden, er war ein ganz\nklein wenig gleichsam müde, er sollte gewiß\nschnell nach Hause gehen und schlafen, hahaha!..\nNoch einen Augenblick blieb er unsicher stehen,\ntrotz alledem nicht ganz überzeugt, daß da nicht\neben doch ein Fremder gewesen war — und daß\nder Erdboden sich nicht gehoben und Feuer aus-\ngespien hatte; aber als er tatsächlich nichts davon\nweder sehen noch hören konnte — fühlte er sich\nunmittelbar darauf so ziemlich beruhigt, trocknete\nden Schweiß von der Stirn, zuckte nervös und\nlächelnd die Achseln, und begann schnell dahin\nzu wandern, den dunklen Pfad verfolgend, der,\nwie es ihm schien, auf die Pforte zuführen mußte.\n\nFortsetzung folgt\n\nBruno Taut\n\nBruno Taut hat mit dem Pavillon des Stahl-\nwerksverbandes auf der Leipziger Baufach-Aus-\nstellung einen ersten großen und allgemeinen Er-\nfolg errungen! Das „Monument des Eisens4' wie •\ndas Haus kurz und bündig getauft wurde, erregte\nauch bei denen Aufmerksamkeit, die sonst archi-\ntektonischen Schöpfungen weniger teilnahmsvoll\ngegenüberstehen. Es fühlte ein Jeder, daß in\ndiesem knappen, phrasenlosen, und wundervoll\nenergischen Gefüge ein wirklich ' moderner, und\nvöllig zeitgemäßer Künstler steckte. Aber leider\nhat das starke Interesse an dem Leipziger Pavil-\nlon nicht dazu geführt, daß die Allgemeinheit sich\nnun auch dem sonstigen Schaffen Bruno Tauts zu-\ngewendet hätte. Das ist um so bedauerlicher, als\nBruno Taut in Wahrheit schon Bedeutenderes ge-\nleistet hat, als jenen Leipziger Pavillon. Gerade\njetzt hat er in Groß-Berlin ein neues Wohnhaus\ngebaut, das eine ganz seltene und wahrhaft hinrei-\nßende architektonische Leistung darstellt!\nEs handelt sich um das Eckhaus der Harden-\nberg und Schillerstraße in Charlottenburg, das\nBruno Taut über einem städtebaulich sehr inter-\nessanten Grundriß von Arthur Vogdt aufgeführt hat\nNichts liegt Bruno Taut ferner, als Extravaganz,\nSpielerei oder Bluff. Was ihn auszeichnet, ist seine\nstrenge Sachlichkeit — freilich ein künstlerische\nSachlichkeit, nicht die Sachlichkeit des „Zweck-\nkünstlers\" oder des „Puritaners.\" In diesem künst-\nlerischen Sinne war das „Monument des Eisens\"\nabsolut sachlich. Die goldene Kugel, die über der\nAchteckpyramide saß und die hier und da Beden-\nken erregte, hatte praktisch-ökonomisch allerdings\nkeinen Zweck! Aber künstlerisch hatte sie durch-\naus ihren Zweck, war sie niemals zu entbehren!\nIn diesem künstlerischen Sinne ist auch das\nHardenberghaus (das Haus trägt nicht diesen\nNamen, sei aber im Interesse der Kürze hier ein-\nmal so bezeichnet) völlig sachlich. Bruno Taut\ngeht hier bewußt auf die Urelemente des Bauens\nzurück und läßt alles bei Seite liegen, was nur Kon-\nvention, nur Ableitung ist. Auch er bemüht sich,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.7", "texte": "wie die besten Künstler unserer Tage, um eine\nneue Einfachheit, um Primitivität. Das alles lag\nschon im Leipziger Pavillon enthalten und hat hier\nauf die Besucher, ohne daß sie sich der Ursachen\nklar wurden, sehr tief gewirkt. Aber um vieles\nbedeutungsvoller und nachdrücklicher spricht sich\ndas Streben Bruno Tauts im Hardenberghaus aus.\nEine neue Gesinnung, ein neues Lebensgefühl\nliegt in dieser Architektur! Hier ist alles Aeußer-\nliche, aller Putz, alle „Dekoration\" wie mit einem\neisernen Besen weggefegt! Wer einen Blick auf\ndie Häuser der Umgebung wirft, atmet, wenn sein\nAuge zu der Fassade Bruno Tauts zurückkehrt,\naus tiefstem Grunde auf. Ein geradezu erlösendes\nGefühl der Ruhe überkommt ihn. Es ist, als ob\nman nach einem vielstimmigen, unklaren, verwir-\nrenden Geräusch einen reinen und vollen Ton ver-\nnimmt. Reinheit! Das ist vielleicht das Wort, das\nam ehesten der Architektur Tauts gerecht\nwird.\nIch. sagte, daß Bruno Taut auf die Urelemente\nalles Bauens für seine Fassade zurückgegangen ist.\nDiese Urelemente sind: die Wand und die Oeff-\nnung!\nWo sieht man heute an unseren Häusern etwas\nvon der Wand! Karyatiden, Säulen, Kartuschen,\nBüsten, Reliefs decken sie zu — obwohl es gegen\nfrüher besser geworden ist. Taut zeigt die Wand,\ndie doch der Sinn des ganzen Bauens ist, in aller\nungebrochenen Fülle — und Schönheit. Und er\nnimmt den Fenstern den Charakter des Zufälligen,\ndes Unbezwungenen, den sie fast überall tragen,\nnimmt sie als das zweite große Hauptmotiv, setzt\nsie in ihre vollen Rechte ein! Er hat keine Furcht,\ndaß ihm etwa große Fenster die Fassade zerrei-\nßen, er macht sie so groß, als irgend möglich, läßt\nQuerholz und Fensterkreuz fallen und gewinnt aus\ndem Fenster etwas Ausdrucksvolles, das nun im\nStande ist, die Wand zu gliedern! Wand und Oeff-\nnung — sie haben jetzt eine bestimmte Rolle, be-\ndeuten etwas, wirken sich aus!\nWas hier geleistet worden ist, das ist endlich\nwieder einmal etwas Ganzes, etwas Persönliches,\netwas Bleibendes. Es ist eine Befreiung der Archi-\ntektur von der Konvention, ein Besinnen auf das\nEchte.\nZu den Urelementen des Bauens gehört freilich\nnoch ein Drittes: die Freude am Schmuck. Diese\nFreude ist bei Bruno Taut sehr stark und lebendig\nausgeprägt. Wo es sein muß, baut er so einfach\nund schlicht wie kein Zweiter (seine Gartenstadt-\närchitektur für Falkenberg beweist es), wo aber\neine gewisse Repräsentation zum Wesen der Auf-\ngabe gehört, ist er nicht ängstlich! Daß für ein\nteures Miethaus in der vornehmen Hardenberg-\nstraße ein Bedürfnis an Schmuck vorliegt, versteht\nsich von selbst. Taut hat dem gebührend Rech-\nnung getragen und hat auch hier etwas Kühnes und\nUngewöhnliches geschaffen, indem er seine Archi-\ntektur in eine ganz freie Verbindung mit der Pla-\nstik brachte! Auch hier ist der Wunsch, etwas\nEchtes statt einer Mischung zu geben, leitend ge-\nwesen. Das Genre der sogenannten dekorativen\nArchitekturplastik ist ja doch eine Mischung, in der\ndie Plastik die Architektur und die Architektur die\nPlastik stört. laut zog Georg Kolbe zur freien\nMitarbeit heran. Kolbe hat, nur sehr allgemein an\neine Skizze Tauts gehalten, unter dem Dach eine\nReihe von schwebenden Frauenakten, fast voll-\nrund, modelliert, die, leicht und frei bewegt, dem\nHause etwas Lebendiges, Atmendes geben. Falsch\nwäre es, diesen Figuren gegenüber wiederum, wie\nbei der Leipziger Goldkugel, nach dem „Zweck\"\nzu fragen! Sie haben keinen anderen als einen in-\nnerlich künstlerischen! Wären sie nicht da, so\nfehlte etwas!\nDas ist gerade das Schöne, daß Bruno Taut\nnicht aus dem Intellekte und nicht nach dem „Ge-\nschmack\" baut, sondern aus der Phantasie!\n\nAdolf Behne\n\nMarc Chagall\nBlaise Cendrars\nIi dort\nII est eveille\nTout ä coup il peint\nII prend une eglise et peint avec ime eglise\nII prend une vache et peint avec une vache\nAvec une sardine\nAvec des tetes, des mains, des couteaux\nII peint avec un nerf de boeuf\nII peint avec toutes les sales passions d'une\npetite ville juive\nAvec toute la sexualite exacerbee de la pro-\nvenxe russe\nPour la France\nSans sensualite\nII peint avec ses cuisses\nII a les yeux au cul\nEt tout ä coup c'est votre Portrait\nC'est toi lecteur\nC'est moi\nC'est lui\nC'est sa fiancee\nC'est l'epicier du coin\nLa vachere\nLa sage-femme\nII y a des baquets de sang\nOn y lave les nouveaux-nes\nDes ciels de folie\nBouches de modernite !<\nLa Tour en tire-bouchon\nDes mains\nLe Christ.\nLe Christ c'est lui\nII a passe sou enfance sur la Croix\nII se suicide tous les jours\nTout ä coup il ne peint plus\nII etait eveille ,\nII dort maintenant\nII s'etrangle avec sa cravate\nChagall est etonne de vivre encore.\nII Atelier\nLa Ruche >'\nEscaliers, portes, escaliers\nEt sa porte s'ouvre comme un journal\nCouverte de cartes de visite\nPuis eile se ferme.\nDesordre, on est en plein desordre\nDes photopraphies de Leger des photographies\nDe Thobeen, qu'on ne voit pas\nEt au dos\nAu dos\nDes oeuvres frenetiques\nEsquisses, dessins, des oeuvres frenStiques\nEt des tableaux ...\nBouteilles vides\n„Nous gar'antissons la purete absolue de notre\nSauce\nTomate\"\nDit une etiquette\nLa fenetre est un almanach\nQuand les grues gigantesques des eclairs vident\nles peniches du ciel ä grand fracas et deversent\ndes bannes de tonnerre\nII en tombe\nPele-mele\nDes cosaques le Christ Un soleilen decomposi-\ntion\nDes toits\nDes somnambules des chevres\nUn lycanthrope\nPetrus Borel\nLa folie l'hiver\nUn genie fendu comme une peche\nLautreamont\nChagall\nPauvre gösse aupres de ma femme\nDelectation morose\nLes souliers sont ecules\nUne vieille marmite pleine de chocolat\nUne lampe qui se dedouble\nEt mon ivresse quant je lui rends visite\nDes bouteilles vides\nDes bouteilles\nZina\n(Nous avons parle d'elle)\nChagall\nChagall.\n\nHymne\nJacob van Hoddis\nO Traum, Verdauung meiner Seele!\nElendes combination womit ich vor Frost mich\n■ schütze!\nZerstörer aller Dinge die mir feind sind;\nAller Nachttöpfe,\nKochlöffel und Litfaßsäulen . . .\nO du mein Schießgewehr.\nIn purpurne Finsternis tauchst du die Tage\nAlle Nächte bekommen violette Horizonte\nMeine Großmama Pauline erscheint als Astralleib\nUnd sogar ein Herr Satanitätsrat\nEin braver aber etwas zu gebildeter\nSanitätsrat\nWird mir wieder amüsant\nEr taucht auf aus seiner epheuumwobenen\nRuhestätte\n— War es nicht soeben ein himmelblauer Ofen-\nschirm\n(He Sie da!)\nUnd gackt: „Sogar . . .\n(Frei nach Friedrich von Schiller)\nO Traum, Verdauung meiner Seele\nO du mein Schießgewehr.\nQick! Gack.\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nHandbuch der Kunstwissenschaft\nHerausgegeben von Dr. Fritz Burger / Soeben\nerschien Lieferung 12 / O. Wulff: Altchristliche\nund byzantinische Kunst Heft 6\nBerlin-Neubabelsberg I Akademische Ver-\nlagsgesellschaft Athenaion m, b. H.\nHermann Essig\nDer Held vom Wald / Schauspiel\nStuttgart / Verlag J. Q. Cotta"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140215-01.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen yos\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durcü\nhalbfette Schrift, gestattet, Die dreigespaltene Zeite\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlas\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\ntag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nBerlin W / Potsdamer StraBc 134 •\nZweiundzwanzigste Ausstellung\nAlexei von Jawlensky\nGeoffnet tagiich voo 10—6 Ubr / Sonatags voh\n11—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nSturmausstellungen in Deutschland und im Aus-\nland / Februar 1914\nHelsingfors: Der Blaue Reiter\nLeipzig: Archipenko\nHalle: Severini\nGieBen: Franz Marc\nFiirth: Gabriele Miinter\nHamburg: Albert Bloch\nStockholm: Qraphik\nTokyo: Qraphik\nAgram: Qraphik\nLondon: Qraphik\n\nVerlag der Sturm\nBerlin W9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Llitzow 4443\nHalbmonatsschrift der Sturm\nErscheint am ersten und fiinfzehnten Jedes Monats\nDauerbezug\nOewohnRche Ausgabe: Fflr Deutschland\nmd Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nKummer 40 Pfennig X Fflr das Ausland bei\n«Jirekter Zustellung durch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes I Ein Vierteljahr 3 francs / Einzelnummer\n£5 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplar e auf holzfreiein Papier, Ver-\n•endung in Roll en direkt durch die\nPost Iflr Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X Ffir das A u si and:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\n&eser Ausgabe werden Vierteljahrsbezflge, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t abg*geben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153 i\n20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndarch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StrafienstSnden auf\nPalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwflnscht wird, bitten wir den B e t r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder b«l\nBeginn des neuen Vi er t el i ah res bis\nzuxnfflnftendes ersten Monats elizu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, dal E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahsie\nunter Berechnung des Nachnahmeportes ge-\nwfinscht wird\nOeneralvertretung des Verlags Eugene FIgul&rt /\n\nOriginalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefflgt / Alle\nExemplare sind vom Kunstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Verso hnung / Tier-\niegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtin / Der Stier /\nSchlafende Hirtin / Wildpferde /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechsteln: Die Erlegung des Pest-\nfa r a t e n s I Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert J\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nKandinsky: Sonntag / Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M\nWilhelm Morgner: Acker mil vweio / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Hoizar-\nbeiter /' Das Exemplar 25 Mark (10)\nGabriele Miinter: Neuiahrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft I Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraBe / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa I\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / Portrat /\nI Das Exemplar 30 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande III /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 30 Mark (12)\nOskar Kokoschka: PI a k at fiir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert /' Das Exemplar 5 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Qe-\ndichten von A r n o H o 1 z / Ffir Gesang und Kla-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten\nKfinstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Qino Seve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nSoeben erschienen: Kandinsky 1901—1913 /\nMonographic mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen undTextvonKandinsky\nMark 10\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\n\nZeitsehriften\nLa Route / Revue cle l'Effort Social ./ Paris / Rue\nde Vaugirard 120\nL'Ellort Libre / friiher L'Effort / Monatsscbrift /\nHerausgeber: Jean Richard Bloch I Poitiers\n[Vienne]\nL'lndSpendance / Halbmonatsschrift / K&nste /\nKultur I Philosophie / Politik / Jahresbezug\n15 Francs / Paris 31 rue Jacob\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrift\nParis / 41 Rue Monge\nLa Nouvetle Revue Francalse / Monatsscbrift /\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 francs\n50 centimes\nMontioie / Halbmonatsschrift / Paris / Chauss£§\nd'Antin 38\nHaro / Monatsschrift / Brfissel\nLes Cahlers du Centre / Moulins [AHier]\nLes Soirees de Paris / Recueil Mensuel illustr& /\nDirecteurs: Quillaume Apollinaire et Jean Ce-\nrusse I Paris 278 Boulevard Raspail I Jahres-\nbezug 12 francs\nUmelecky Meslcnik / Monatsschrift fur neue und\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova\n\nAnzeigen\n\nAkademie fur moderne Skuiptur in Paris / 18 Im-\npasse du Maine Montparnasse /' Korrektur: A. Ar-\nch i p e n k o / Arbeiten in Stein / Studien\nder Stiiarten\nDer Carl Hermann Jatho-Verlag / beginnt dem-\nnaclist seine Tatigkeit. Er wird jenen ungemeinen\nPersonlichkeiten dienen, deren Kiihnlieit in einer\nLeidenschaft begriindet ist, und die in Liebe Feinde\nder Behaglichkeit sein miissen. Der Veriag bittet\num Freundschaft und Interesse. Zuschriften sind\nbis auf Weiteres zu adressieren: Berlin W 15\nEmserstraBe 21\nKarl Vogt vom Koniglichen Schauspielliause / am\n9. Marz im Meistersaal KothenerstraBe / B a 11 a -\nden-Abend / Herder bis Else Lasker-Schiiler /\nKarten zu 4, 3, 2 und 1 Mark bei Wertheim und in\nder Buchhandlung Hapke & Schmidt, Charlotten-\nstraBe 50/51\nUmber to Boceioni: Pittura Scultura futuriste /\nTDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milano\n/ Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Veriag Der Sturm / Berlin W 9\nWiecker Bote / Akademische Monatsschrift /\nHerausgeber und Schriftleiter: Dr. Oskar Kanehl /\n25 Pfennig / 6 Hefte M. 1,25 / Heft 5 soeben er-\nschienen\nVerein fur Kunst/Leitung HerwarthWaideu\nI Zehntes Jahr / Jahresbeitrag 20 M. / Rechte\nder Mitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift Der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation: 1913/14:\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst"}]}