{"numero_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_sha256": "458331a955d63001c870311f6891b0d09d41fdcc77bac5547f5ce75369036990", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1914/03/01_01/bmtnabg_1914-03-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1914/03/01_01/bmtnabg_1914-03-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c001", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "193", "page_fin": "193", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.1", "debut_caractere": 310, "fin_caractere_exclue": 561, "texte": "Inhalt:\nGuillaume Apollinaire: Alexander Archipenko / Paul Zech: Die Gruft von Valero / Aäge von Kohl: Der Weg durch die Nacht /H. W.: Betige\nund Bezügliches / Alfred Richard Meyer: Drei Mädchenporträts / Empfohlene Bücher / Oskar Kokoschka: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c002", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "193", "page_fin": "193", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.2.2", "titre_corps": "Oskar Kokoschka: Zeichnung", "titre_sommaire": "Oskar Kokoschka: Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.1", "debut_caractere": 563, "fin_caractere_exclue": 589, "texte": "Oskar Kokoschka: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c003", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "194", "page_fin": "194", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.2.3", "titre_corps": "Alexander Arehipenko", "titre_sommaire": "Alexander Arehipenko", "signature_source": "GuiUaume Apollinaire", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2834, "texte": "Alexander Arehipenko\nGuiUaume Apollinaire\nSchöpferische Kräfte sind es, die der Kunst\nArchipenkos die Richtung geben. — Schon in den\nersten Kompositionen, die dieser junge russische\nBildhauer in Paris ausstellte, fanden sich Rich-\ntungswechsel, plötzliche und doch zarte W,echsel,\ndie man, wenn Archipenko weiter schreitet, wie\ner bisher ging, Geschwindigkeitswechsel nennen\nkönnte (um der neuen, aus der Industrie geborenen\nSprache diesen Ausdruck zu entlehnen).\nArchipenko baut Wirklichkeiten. Seine Kunst\nnähert sich mehr und mehr der absoluten Bild-\nhauerei, die sich eines Tages mit der absoluten Ma-\nlerei und der absoluten Architektur verschmelzen\nsoll um als reine Plastik zu erstehen, jenseits aller\nStilarten, jenseits aller Techniken und Hilfsmittel.\nArchipenko trägt in sich die Kräfte, die nötig\nsind, um dieses Ziel der inneren plastischen Ein-\nheit zu verwirklichen.\nDie einzigen unter allen Künstlern, die diesem\nZiele ernsthaft zugestrebt haben, sind unsere neu-\neren Maler. Die Bildhauer haben nicht daran ge-\ndacht, außer dem genialen Rüde vielleicht, der\nder größte unter ihnen ist. Die anderen, Carpeaux,\nRodin, Schnegg, Despiau, gewahrten die gestal-\ntende Kraft des Lichtes, befreiten die Formen,\nließen sie spielen und sich färben, unterwarfen sie\nder sinnlichen Empfindsamkeit des Auges.\nNadelmann dagegen versuchte sich, wenn auch\nnur schüchtern, in musikalischen Konstruk-\ntionen, über Griechen und Ägypter hinaus. Er\nversuchte, die Plastik wieder der Architektur zu\nBähern (wissenschaftlicher Kubismus). So sind\ndie Pfade geöffnet für eine Kunst, die mit dem in-\nneren plastischen Aufbau den hohen Reiz der\nsinnlich schönen Oberfläche vereint.\nArchipenkos kühne Konstruktionen verkünden\nleise, aber fest das Unerhörte dieser neuen Kunst.\nFarben und Lichter gleiten fließend über die\nMensch gewordenen Formen und scheinen sie zu\ndurchdringen. Die Wölbungen, die komplemen-\ntären Formen, die Differenzierung der Flächen,\ndie Vertiefungen und Erhebungen, die sich nie\nscharf begrenzen, wachsen zu einem lebendigen\nStein, dem ein leidenschaftlicher Meißelschlag\nskulpturalen Ausdruck verleiht.\nMan betrachte diese Salome, ihre begeh-\nrenden Wünsche fast grausam erhellt, diese Ba-\ndende, die immer wechselnd, immer neu er-\nscheint, diese Ruhe oder die Sitzende Frau,\ndie ein Stück Leben verkündet, ohne zu berichten.\nDie Skulptur hat sich bisher fast immer darauf\nbeschränkt, Melodie zu sein. In der Kunst Ar-\nchipenkos, von der hier die ersten Akkorde er-\nklingen, scheint sie zur großen Harmonie zu wach-\nsen. Die Kraft des Schaffenden gestaltet Werk\nund Mittel und Ausdruck; was ihn treibt und was\nseine Arbeiten aussagen, ist die hoch begabte, zart\norganisierte Persönlichkeit des Künstlers, was er\nsucht, ist Realismus. Mit Leidenschaft arbeitet\ndieser an der Gestaltung seines Ideals: „Der\nWirklichkeit\"."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "194", "page_fin": "196", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.2.4", "titre_corps": "Die Gruft von Valero", "titre_sommaire": "Die Gruft von Valero", "signature_source": "Paul Zech", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.2", "debut_caractere": 2836, "fin_caractere_exclue": 9507, "texte": "Die Gruft von Valero\nPaul Zech\nI\nAus dem rauchschwarzen Himmel, der sich\nwie ein massiver Sack über dem Qrubendorf\nballte, regneten die rotgespritzten Funken der\nKokerei unaufhörlich. Immer, wenn die Nacht-\nschicht sich zur Einfahrt rüstete. Man ging wie\nüber einen Feuerwerksplatz. Die kleinen Häuser\nan der Straße warfen große braunblaue Vierecke\nauf den geölten Weg. Das Geräusch der Seil-\ntürme flog gewitternd über die krausen Netze des\nRauches. Rußschwärme jagten wirbelnd durch-\neinander. Töne von menschlichen Stimmen, ein\nzusammengeworfenes, dumpfes, melodisches Sum-\nmen wie von Insekten, zerrissen in der Orgie der\nmateriellen Brandung. Klangen nur in Pausen nach\nwie gedunsene Halle eines Echos. Waren Endun-\ngen eines Spieles, das Seele verlor.\nIm Schein der wattigen Lampenhelle, die\nkaum die Giebel berührte, wanderten die Men-\nschen krumm, wie vergreist. Sie schienen nicht\nmehr wissen zu wollen und träumten ihre Wege\nhinab. Erde zitterte ihren Hälsen zu und mühte\nsich, die eckigen, durchgearbeiteten Schädel zu\nhalten. In den Köpfen wären allein nur Kerne noch\nwach. Alles, was diese Kerne umhüllte, war ein\ntrunkener Mechanismus. Eine Welle regelte ihn.\nEin Magnetismus, der von einer außerordentlich\norganisierten Zentrale herkam: zu regieren und zu\nprofanieren.\nEine Schachtanlage war diese Zentrale. Hatte\neiserne Tore wie Drachenmäuler, mit spitzen Eisen\nbezackt und bezähnt. Und eins dieser Tore gähnte\ngefräßig und zog die Menschen, die wären, mühe-\nlos hinein.\nLange Arme ruderten. Gesichter sprangen weiß\nvor. Knochige Hände griffen Zahlen an. Gewirr\nvon Lampen flog auf. Signalglocken überschrien\nden Steiger, der vielerlei Namen gleichgültig auf-\nrief. Und die Namen bejahten halbgemurmelt die\nAufrüfe.\nDann und wann schnellte eine Hand empor wie:\nwenn Kinder Schulweisheiten auskramen. Eine\nHand, die kühle Gefühle spürte. Wäre ein Wjillen\ndarüber gelegen, hätte sie zugestoßen. Spitz und\nblank. Und wäre warm geworden in Röte.\nDie Menschen wanderten in die Kaue. Das war\nein kalkweißer Saal zur ebenen Erde. Lange\nSteintröge mit fließendem Wasser flankierten die\nWände. Von der Decke baumelte in gedrehten\nWirbeln das verschwärzte Blau der Arbeitsan-\nzüge.\nMan zog sich um. Die Luft stank von Schweiß\nund verschwitzter Unterkleidung. Dann standen\nAkte: blank wie Bronzen von Meunier. Tatzen-\nbreite Klauen klatschten zum Spaß auf muskelöse\nSchultern. Krampfadern standen geschwollen auf\nFleischklumpen der Oberarme und Unterschenkel.\nGeschlechtliches lag dumpfverkrochen in den\nHöhlen. Nur das gewohnte Werfen mit Zoten, das\ngering und öd automatenhaft war, täuschte Spring-\nlebendigkeit vor.\nDie Glocke ratterte wieder.. Und ein Blöken\nschwoll wie Gedränge von Schaffen im engen\nStall. Hitzige Geräusche aus den Kehlen hatten\naber kein Medium: zu durchdringen. Die Klänge,\ndie entsproßten, zehrten von Erinnerungen an müde\nFrauen. An braun und blonde Kinder. An Mäd-\nchen in Birkenwäldchen. An Fusel und Karten-\nspiel.\nDann deckte Geröll steinerner Stunden vom\nBerge des Arbeitszwanges das Feld der niederen\nTraumfreuden zu.\nDas Vorspiel begann.\nTag für Tag in gleichem Tempo. Aber nie war\nEiner, der sich versuchte. Gott versuchte und\nSatanas fluchte. Man erblickte nur Teile eines\nEigenen. Nie aber die Gänze der harten Ge-\nsamtheit.\nII\nUnter den Zwanzig, die den Förderkorb betra-\nten, als er schon murrend in den Gelenken knackte,\nwaren zwei bemerkenswert. Piet der Vollhauer\nund Jonsen, sein Gehilfe. Sie waren Wühler anf\nderselben Sohle.\nPiet begrüßte den Jonsen zuerst. Ein kurzes,\nheftiges Anziehen durch die Nase ging seinem\nGruß vorauf. Und der Fall seiner Worte gluckste\nwie das Gerinsel einer Regentraufe.\n„Wir werden heute den neuen Flöz anpacken.\nDu weißt ja, den am Wetterschacht. Saure Arbeit\nwird's geben!\"\nDabei stieß er seine Fäuste klumpig empor wie\nfluchend. Und sein Gesicht schrumpfte aus dem\nUngewissen des Lichtes tierisch ins Besessene.\nJonsen nickte. Nickte nur und sagte rein nichts.\nVielleicht war es ein Vorgefühl tiefsten Schreckes.\nZudem krankte er an der Formulierung eines Prin-\nzipes zu höherem Lebenszweck, Man sagte unten\nim Dorf, daß er nur Studien halber sich ins Joch\ngespannt hatte.\nPolternd schüttelte der Korb die Hauer auf den\nGang. Sie rannen auseinander wie gewordene\nBrut aus Schalen. Immer in Trupps zu zwein und\ndrein.\nPiet und Jonsen hatten von dem Steinriff, wo\ndie Knappen in gesonderten Höhlen Hacken und,\nSchaufeln rührten, noch eine viertelstündige Wan-\nderung zu machen. Das gewohnte dumpfe Surren\nder Kippwagen, das Kreischen der Sauerstoffge-\nbläse und alle Geräusche von Schlägel und Bohr-\neisen hinderten nicht, daß den Wallern die Minuten\ndurch den stockdunklen Gang lautlos erschienen,\nwie von einer bis zur letzten Endung gespannten\nFeder gehalten.\nJonsen hob die Lampe. Ein winziger blauer\nKranz umschwirrte zitternd den roten Lichtkegel.\nPiet schnüffelte lange und verdrehte die Augen\nwie unter der Nähe von etwas bitter Saurem.\n„Hier stimmt es nicht mit der Luft. Die Be-\nrieselung klappt ja. Aber die Enge. Spürst Du das\ndenn nicht?\"\nJonsen verneinte. Aber mit offenen Augen\nhorchte er herum. Endlich, leise . . . aus Tiefen\n— rauschten Dinge. Aber er war nicht aufgeklärt,\nsie zu deuten. Sein Instinkt war hier einfach ab-\ngeschraubt.\nDa ging Piet voran. Der gekrümmte Rücken,\ndessen Muskulatur bei jedem Schritt aufschwoll,,\nsowie die eckigen Knüllen der Oberarme scharr-\nten an der Verzimmerung. Feuchte triefte dünn\nvon den Bohlen herab. Der schwarze Schlamm\nlag zäh wie ein pilziger Brotteig auf dem Boden\nund sog das Schuhzeug an: schöner Teppich für\nBesoffene. Ins Gesicht Getropftes schmeckte sauer\nund ließ den Speichel auf der Zunge gerinnen. Es\nließ sich auch nicht vernichten. Klebte sich an die\nKleider und wurde gewohnt.\nPiet und Jonsen standen am Ende der Sohle.\nDer Fels, das reine, schwarzglänzende Fleisch der\nErde hob sich aus dem überschwemmten Bett der\nSeugen.\nAn einen Pfosten, dem lange Schmarotzer der\nFäule wie Strähnen eines verwilderten Bartes her-\nabhingen, klemmten sie die Lampen, Piet tat noch\nden grünen Kittel hinzu.\nEine torartige Verzimmerung Schloß den Gang\nab. Dahinter lag der Schlagwetterherd: die Gruft.\nMan war gewohnt, nie von dieser Leichenkammer\nzu sprechen, ohne sich zu bekreuzen. Vielleicht\nwaren noch Scherben darin von Toten, die man\nvermißt hatte, damals vor zehn Jahren, und die\nman nie wiederfinden wird. Achtzig waren einge-\nfahren und nur siebenundsechzig hatte man aus-\ngegraben. Dieses befahl Furcht.\nUnd Jonsen fürchtete sich. Sein Blut sah. Und\nsein Gehirn fühlte so, wie man von einer Ursache\ngeregt, fühlen kann. Aber er konnte es sich nicht\nerklären und das Trübe des Geahnten nicht fil-\ntern. Darum meinte er:"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "195", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9308, "texte": "„Warum mauert die Verwaltung das Ding nicht\n•zu? Die Toten wolln doch ihre Ruhe. Gestörte\nRuh aber fordert Opfer.\"\n„Na Jungchen, die Herren glauben, daß sich\nder Teufel wieder verkriechen wird. Voriges Jahr\nließen sie den Berg absuchen. Aber der schwarze\nSatan speit immer noch Gift. Wir wollen gleich\nmal schaun!\"\nJonsen zitterte vor dieser Schwärze. Als er\nnoch klein gewesen war, litt er unter epilepti-\nschen Anfällen. Vielleicht war das Zittern in man-\nchen Minuten, die dieser glichen, ein matter Nach-\nhall der Krankheit.\nPiet aber riß mit Gewalt das Brett los und\nzwängte seinen kyklopischen Körper durch den\nSpalt.\nJonsen zögerte.\n„Du hast wTohl Angst, mein Lieber, was? Nicht?\nNa, denn lang mir mal die Lampe her!\"\nEr reichte sie ihm durch das Dunkel und kroch\nhinterdrein. Der Frost stand ihm auf der Haut,\ndie wie mit grobem Sand bestreut war.\nDas träge Dunkel, das Jonsen überfiel, war\nmulmig, wie zerkaut und wieder ausgespien. Das\nGrundwasser klatschte breiig gegen seine Schaft-\nstiefel. Irgendwoher kam ein Geräusch wie an-\ngestrengtes Sägen. Stahl durch Stahl.\n„Nun schau mal her, Jonsen. Siehst Du diese\nBlasen? .. . Hier die Klumpen meine ich. Da\nunten kommt es herauf.\"\nPiet bückte sich noch tiefer herab und betastete\nmit dem hochgeschraubten Licht den Boden. Das\nWasser war wie mit Millionen Perlen bestreut;\nBlasen, die ständig emporrollten und zerschlugen,\ngerieben durch ein ewiges Grau.\n„Wird denn hier nicht mehr gepumpt?\" fragte\ngedehnt Jonsen.\n„Aber gewiß, gewiß doch. Da, vom andern\nEnde, pumpen sie schon seit Jahr und Tag Hun-\nderttausende von Kubikmetern frische Luft hin-\nunter. Der Satan schluckt das aber wie Wein\nund mästet sich daran. Der geht nie hier weg.\"\n„Und wenn man einen Luftschacht baut?\"\n„Dann fällt der Dreck zusammen wie damals.\nUnser Jupp war auch drinn. Meine Alte hat ihn\nnoch an der geflickten Hose erkannt. Gesichter\nhatten sie alle nicht mehr. Die hatte das Wetter\neingeschlagen.\"\nPiet schwieg einen Augenblick. Sein Gesicht\nverzog sich grimmassenhaft gelb. Seine Schul-\ntern bogen sich flach herab. Die Lampe pendelte\nwie ein Zeiger, der die letzten Sekunden eines\nMörders unter dem Beil von der Endung schneidet,\nwieder borstigrot. Die Schultern hoben sich in\nBeruhigung. Die Lampe stieg.\nJonsen hatte sich mit dem Rücken gegen die\nVerschalung gestemmt. Uebelkeiten zerwalkten\nseine Gurgel. Durch die gehöhte Tätigkeit der\nNerven sah er viel schärfer und suchte wie in\nSturmnächten einen unbekannten Weg.\nPiet rüttelte Jonsen auf: „Siehst Du den Fels\ndort? Da geht der Flöz durch, den wir anreißen\nsollen. Von hier aus hätte man halbe Arbeit. Aber\nwas nicht geht, kommt auch nicht. Und« so lange\nder Teufel hier die Luft verpestet ...\"\nSie schritten auf den Gesteinssturz zu. Glän-\nzend frisch, wie die aufgehauenen Innenseiten\neines Ochsen, quoll der schwarze Flöz heraus.\n„Das ist schon ein massives Kohlchen,44 meinte\nJonsen interessiert.\n„Eigentlich müßte man den Abbau vornehmen.\nEs muß doch Mittel geben, die Wetter wegzu-\nblasen. Wenn eine Pumpe nicht genügt, nimmt\nman drei. Vielleicht kümmert sich der Steiger\ndarum.44\n„O Jonsen, der möchte schon. Aber die Direk-\ntion will noch nicht. Vorläufig wenigstens. Die\nandern Sohlen liefern noch genug. Und dann: sie\nbluten jetzt noch die Aktionäre. Der Bruch hat\nviel Geld gekostet. Einmal aber müssen sie ja\ndoch anfangen. Nur ich werd's schon nicht mehr\nerleben. Gewiß nicht.\"\nEr wischte sich mit der Hand über die Stirne,\nund mit zwei Fingern strich er sich über die\nAugen.\nDann zupfte er Jonsen am Aermel und zog ihn\nhinaus. Schichten von ausgelebten Stundenkör-\npern fielen zurück. Sie trugen gestohlene Larven\nvom Schauplatz der Seelen.\nAls Jonsen im Hinausgehen endlich begriffen\nhatte, was war, kroch er wie ein getretenes Tier\nund wünschte sich weg.\nMit einem Faustschlag setzte Piet die Bohle\nwieder in die Oeffnung. Der blaue Lichtkegel in\nder Lampe stumpfte ab und ließ sich von der Röte\nder Dochtstrahlung verschlingen.\nDie beiden Hauer bogen schweigend um die\nEcke und setzten das Gezähe in den harten Stein.\nSchränen und Schürfen füllte die sechs Stunden\nder Restschicht. Wie dumme Kletten in Mädchen-\nhaaren, saß das Radgetriebe der Fron im Blut\nbeider und mahlte Schweiß und Aechzen.\nEhe sie die Schicht beendet hatten, kam der\nSteiger und störte.\nEr schnupperte wie ein Polizeihund am Gestein\nherum. Klopfte, horchte und trat in den Abbruch.\n„Ich werde morgen noch ein Dutzend Kerle\nherschicken,\" sagte er gedehnt.\nPiet zerbiß einen dicken Fluch. Jonsen sah\nnicht auf.\nDann verließ der Steiger mit den beiden den\nOrt. Sie schritten wie Gänse durch die Enge.\nJonsen war der Letzte. Ueber eine verschobene\nSchiene stürzte er plötzlich und brach das Bein.\n111\nMan hatte ihn ins Spital geschafft. Die süßen\nGiftgerüche waren Räuber seines Gehirns für\nWochen. Wie durch einen blutroten Nebel sah er\ndie nahen Fördertürme und Schachtgerüste. Ge-\nräusche, die durch die geöffneten Fenster gekom-\nmen waren, empfand er wie die Nähe eines\nMeeres, das von verschluckten heißen Untergän-\ngen wimmelt. Die Schwestern waren einfach un-\nerträglich. Und die Aerzte griffen zu wie Henker.\nManchmal umschwirrten ihn Bestimmungen:\nwas tatst du? Du! Wen wecktest du?\nDie Feinde, unter denen er hier lebte, wann\nwürden sie das Seil knüpfen .... die Klinge\nheben . . . das Gift gießen?\nBegräbnisse fuhren stündlich durch sein Ge-\nhirn. Er schritt hinter seinem eigenen Sarge\neinmal.\nUnd als er sah, wozu er geholfen hatte, dachte\ner: grade das Gegenteil wollte ich.\nDas Fieber aber war stärker als der gepfählte\nWillen. Es zerstäubte ihn völlig. Wie Töne eines\ndunklen Spieles. Schmerzen des Wachen rissen\nsie fort.\nAn einem Sonntage kam Piet zu Besuch. Jon-\nsen richtete sich auf. Aus dem gebürsteten Sonn-\ntagsrock des Kameraden kam ihm ein lieber Ge-\nruch zugeweht.\nPiets Stimme machte einen brutalen Griff:\n„Daß Du auch so ein Tölpel sein mußt. Warum\nhast Du das nicht dem Steiger überlassen? Lag\nder hier, wäre die Gruft nicht offen. Nun sind wir\ndrinn. Acht Tage haben wir gebraucht, um den\nSumpf zu stopfen. Aber weißt Du, der Satan ist\nimmer noch da. Sowas riecht man doch. Die\nandern ja gewiß nicht. Aber weißt Du, eine Kohle\ngibt es . . . o . . . eine Kohle ... die Kerle habe»\nnoch nie so verdient. Und Du mußt hier nun\nfaulenzen! Na, es geht doch besser? Wjas?\"\nPiet beugte sich herab. Sein langer Bart\nkitzelte Jonsens Ohr. Sein Atem war geschwän-\ngert vom Geruch der Gruft. So schien es Jonsen.\nUnd dieses Fühlen von Verwestem, das durch\nseine Wachträume gerast war, solange er hier lag,\nließ ihn zurückschaudern von der Berührung mit\nden Händen Piets.\nAber Piets Hände waren wie Eisenklammern.\nWie Zangen. Und griffen zu.\nEr saß eine Viertelstunde auf dem Matratzen-\nrand Jonsens. Der Abend brach weißgelb herein.\nTodbereite und Genesende dieses Saales freuten\nsich daran. Beflügelung ihrer Atemzüge klang wie\nVogelgezwitscher. Urteile waren aufgehoben. Hoff-\nnungen stiegen strahlend und standen real.\nJonsens Blut allein ging träge. Manchmal setzte\ndas Herz ganz aus. In diesen Augenblicken der\nabsoluten Leere nickte der kahle Schädel Piets in\nsein Bewußtsein hinein wie die Fratze eines Ske-\nlettes. Er hatte sicher noch Wundfieber. Dena\ner schrie plötzlich auf.\nPiet sprang wie gestochen empor und rief die\nWärterin.\n„Sie haben den Jonsen behext,\" schrie sie wut-\nkreidig auf und stand wie ein Panther geduckt vor\nihm.\nPiet drehte die Mütze in den schwitzigen Hän-\nden und ging langsam rückwärts zur Tür. Die\ngroßen Ohren, die von seinem Kopf weit abstan-\nden, bogen sich wie krumme Hörner vor.\n„Satan! Satan!\" bellte da Jonsen und war mit\neinem Satz aus dem Bett. Aber die Beine hielten\nihn nicht und warfen ihn platt auf den Boden.\nMan mußte ihm die Zwangsjacke anlegen. Vier-\nzehn Tage währte das Delirium. Die schwarze\nFahne des Todes und die rote des Wahnsinns um-\narmten sich.\nDoch das Dickträge des bäurischen Blutes hielt\nsich wie ein Wall. Das Gift schrumpfte einschlä-\nfernd zurück.\nIV\nMitten im Winter warf man den wieder ge-\nsunden Jonseil aus dem Spital. Die Schlacken-\nhalden glänzten wie blaue Schneeberge. Vom För-\nderturm rutschten die Seilbahnen wie Gletscher.\nDen Häusern waren greise Bärte gewachsen von\nden Dächern. Fenster schauten blind wie aus wei-\nßen Wimpern.\nJonsen ging lahm auf einen derben Stock ge-\nstützt. Der Schimmelwirt nahm ihn wieder auf.\nJonsen schuldete diesem bierseligen Faulenzer\nnoch achtzig Franc. Die sollte er abarbeiten. Ein\nLahmer ist immerhin noch als Nachtwächter nütz,\nhieß es auf der Gewerkschaft. Jonsen bemühte\nsich um diesen Posten. Aber er dachte sich fast\nwiderwillig auf die Grube. Noch waren Pläne da,\ndie harrten. Seine Organe betrogen ihn nicht.\nSeine Ohren hörten lange die Melodie des wieder-\ngewordenen Frones und griffen danach. Richtete»\nsie auf und verdrängten andere Associationen. Ge-\nwesenes zeigte sich in neuer Gestaltung. Alles\nSeiende vermochte nichts mehr zu gestalten. Der\ndünne Strich Verzicht war nur noch ein kaum ge-\nsehener Punkt.\nNach dem Abendessen sagte der Wirt zu Jon-\nsen: „Daß die Gruft sich wieder aufgetan hat, weißt\ndu wohl? Zwanzig Kerle hat sich der Satan ge-\nholt. Schade um den Piet. Es war ein schönes Be-\ngräbnis. Die Knappen von Ronsdael und Saint\nLeger waren mit ihren Fahnen gekommen.\"\nEs war etwas Gebieterisch-Entsetzliches in die-\nser grauenhaft nüchternen Rede des Berichtes-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1232, "texte": "Feuer und Schwefel standen darüber und dörrten\nBlutströme.\nJonsen war aufgesprungen. Er hielt sich die\nSchläfen, die schmerzhaft hämmerten. In seiner\nKehle war kein Ton. Nur eine schwärende ver-\nklumpte Tiefe. Ein Reflex kam herauf und spiegelte\ndas Wiedersein der Greul als Meer im Gehirn.\nDas Gesicht des Schimmelwirtes hatte sich zu\neiner Grimasse breiten Lächelns verzogen. Es\nkam wie ein Pfiff: „Den Steiger haben sie einge-\nsperrt. Er soll an allem schuld sein . . . he . . he,\nhe, he.\"\nAls Jonsen die ohnmächtig gebrochenen Augen\nauf tat um einen Satz zu sprechen, sah er hundert\nGesichter. Flache, wie Fischbäuche und teerge-\nsälbt von der Schwärze der Explosion. Sie spran-\ngen ihn an mit Augen, die aus den Höhlen gesprun-\nigen waren. Heißer Atem qualmte auf und sengte\nalles Denken an.\nDer Schimmelwirt beglotzte Jonsen wie: ist der\nBengel verrückt! Hat er Fusel gesoffen? Gestoh-\nlenen Fusel.\nSo quälte er Jonsen und hatte den Heiligen-\nschein Luzifers mit einemmal.\nDa riß Jonsen eine Flasche vom Tisch und\nschlug sie dem Wirt in die Fratze. Säufer und\nWeiber strömten zusammen.\nJonsen wollte laufen. Hinunter in die Gruft. 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Oder noch\nmehr: als ob überhaupt nur das Unmögliche mög-\nlich sei!\nEr bog gleich darauf links in eine breitere\nAllee ein, ging von nun an langsamer vorwärts —\nkonnte weniger Schritte weiter schon die Laterne\nder Pforte erkennen, fühlte sich mit einem Ruck\nvollkommen beruhigt und merkte da, daß er hun-\ngrig, wie auch durstig war — beschleunigte des-\nwegen seinen Gang.\nAber, sage mir doch, grübelte er halbwegs\nscherzend weiter, indem er nun endlich ganz ver-\nstand was eigentlich vorhin auf der Rotunde vor\nsich gegangen war —:\nSage mir doch, war es nun wirklich das kleine\nMädchen, von dem mir der Aufseher erzählt hat,\ndas ich vorhin sah, was dann? Wie war es doch\nnur: Er sagte ja, daß einem etwas wunderbar\nGutes zuzustoßen pflege, am Tage nachdem man\nihr begegnet sei!\nWas kann es also sein, was meiner morgen an\nSchönem harrt? . . .\nEr lachte ein wenig, durchschritt im selben\nAugenblick das Tor, wo ein uniformierter und\nschwarzbärtiger Mann schon im Begriff war, die\ngroßen Flügel zu schließen —:\n„Sie müssen sehr entschuldigen!\" — sagte Mor-\nton lächelnd und grüßte —:\n„Ich habe mich ein klein wenig verspätet!\nEs soll nicht wieder vorkommen!\nGute Nacht!\"\n111\n„Professor von Geer sitzt schon seit ungefähr\neiner Stunde da drinnen und wartet auf den\nHerrn!\" — meldete Mortons Haushälterin, als er\neinige Minuten vor zehn zu Hause angelangt war.\nGlaß wandte sich sinnend nach ihr um, während\ner Hut und Stock weghängte —:\n„von Geer\" — fragte er — „fast eine Stunde,\nsagen Sie — was kann er nur wollen?\nZu dieser Zeit des Abends!\nDanke!\"\nMit einem kleinen, freundschaftlichen Nicken\nging er an Frau Brügge vorüber, blieb unmittelbar\nhinter ihr stehen und wandte mit einem Ruck den\nKopf nach ihr um —:\n„In einer Viertelstunde\" — sagte er — „möchte\nich gern meinen Tee serviert haben!\nSie können für Zwei decken!\nDanke schön!\"\nNoch einen Augenblick stand er zögernd da.\nlief dann entschlossen die breite, weißlackierte\nWendeltreppe hinauf, die zu den oben gelegenen\nSchlafräumen führte — kehrte ein paar Minuten\ndarauf zurück, sich die Hände reibend und trat\nlächelnd in sein Arbeitszimmer —:\n„Guten Abend, Professor, es tut mir leid, daß\nSie haben warten müssen!\" — er ging vor dem\nelektrischen Licht blinzend mit ausgestreckter\nHand auf den andern zu.\nDie sehr geräumige Stube mit den drei Fenstern\n— deren Scheiben in diesem Augenblick hinter\nhellen Spitzenvorhängen verborgen waren, und die\nnach Süden, nach dem Vorgarten hinaussahen —\nwar an allen Wänden mit Büchern bekleidet.\nMitten in der Stube stand ein außerordentlich um-\nfangreicher, dunkelgebeizter Schreibtisch aus\nEichenholz; auf der großen Mappe mit Löschpa-\npier lag ein dickes, eingepacktes und versiegeltes\nManuskript. Diesseits des Tisches ein schwerer,\ngeschnitzter Schreibtischstuhl — jenseits, nach den\nFenstern zu, ein tiefes, gepolstertes Sofa mit einer\nschwellenden Rücklehne längs des Randes der\nTischplatte. Ein schwerer, kupferner Kronleuchter\nmit vielen Flammen hinter opalisierenden, zylin-\nderförmigen Kuppeln hing von der Decke herab,\nverbreitete sein milchiges, reiches Licht über das\nZimmer, glühte in den roten Tapeten über dem\nBücherbort, sprühte Funken in den vielen, blanken\nGegenständen auf dem Schreibtisch, lohte auf in\ndem breiten, goldenen Rahmen um das lebensgroße\nGemälde von Annie, das links an der Wand hing.\nvon Geer, der dort am Fenster in einem großen\nLehnstuhle gesessen hatte, in einigen Heften blät-\nternd, die vor ihm auf dem Lesepult lagen, erhob\nsich mit einem Satz, war offenbar einen Augen-\nblick unsicher, ging ihm darauf hastig entgegen —:\n„Ich bin es, der Sie um Entschuldigung bitten\nmuß,\" — sagte er mit einer Stimme, die Morton\nplötzlich ganz anders zu klingen schien als sonst\n—: „erstens, weil ich zu Ihnen zu einer so wenig\ngeeigneten Zeit komme!\nZweitens\" — fügte er mit einem kurzen Lachen\nhinzu, während er zu den Zeitschriften hinüber-\nnickte, in denen er gelesen hatte — „weil ich so\nungeniert getan habe, was ich konnte, um mir die\nZeit zu vertreiben!\"\nMorton lachte zuvorkommend, machte eine Be-\nwegung mit der Hand — und einen kurzen Mo-\nment standen er und der Professor schweigend\nda, gleichsam unsichtbar getrennt durch irgend\netwas, was im Anzug war.\n„Wollen Sie nicht wieder Platz nehmen!\" —\nfuhr Glaß fort, indem er auf den Stuhl zeigte, den\nder andere soeben verlassen hatte.\n„Danke schön!\" erwiderte von Geer mit einem\nKopfnicken, blieb aber trotzdem aufrecht stieben,\ndicht vor Morton; er atmete unregelmäßig und\nan seinen Lippen war ersichtlich, daß er heftig\nbemüht war, die Sätze zu formen, in die er das\neinkleiden wollte, was ihn offenbar hierher ge-\nführt hatte —:\n„Ja,\" — fuhr er dann schließlich schnell fort,\nstrauchelnd — „ich komme ... ich komme in\neinem bedeutungsvollen und keineswegs angeneh-\nmen Anliegen hierher, Sie müssen sehr verzeihen!\nIch komme nicht allein, wenn ich mich so aus-\ndrücken darf, qua Oberarzt meines Hospitals ...\nsondern zugleich und hauptsächlich als — als Ihr\nvieljähriger Bekannter oder vielleicht darf ich mich\ndes Wortes Freund bedienen!\" — Er hielt jäh\ninne, steckte plötzlich die rechte Hand in die\nTasche seines Beinkleides, zog sie hastig wieder\nheraus, öffnete den Mund — zögerte von neuem.\nMorton lachte wieder, ausglättend und ge-\ndämpft, mußte währenddessen auf einmal an das\nkleine Mädchen von da draußen denken, an das\nkleine Mädchen des Aufsehers mit dem Geschenk\n— umfaßte mit einem schnellen Blick die hohe,\nbreitschultrige Gestalt des andern, die in diesem\nAugenblick eine gewisse verlegene Haltung und\nAchselbewegung hatte; den zu sehr wechselnden\nAusdruck des bärtigen Gesichts; eine auffallende\nUnruhe der Hände . . . und Glaß überkam darauf,\nnoch in derselben Sekunde, in der diese ganze\nUntersuchung begonnen hatte und beendet war,\neine rätselhafte und tiefe Vergewisserung dar-\nüber, was die Absicht dieses Besuches war.\nEs entstand eine plötzliche, vollkommene Ruhe\nin ihm, gleichsam Todesstille —:\n„Sie sind also doppelt willkommen!\" — sagte\ner und erhob den Kopf mit einem Lächeln; er\nzeigte gleichzeitig von neuem auf den Stuhl, öff-\nnete darauf den Deckel eines kleinen, silbernen\nKastens, der auf dem Arbeitstisch mit Zigaretten\nangefüllt stand, und schob ihn dem Professor näher\nhin — „nicht wahr, so weit ich mich entsinne,\nrauchen Sie keine Zigarren!\nBitte schön, wollen wir nicht . . .!\"\nEr strich ein Streichholz an, gab dem andern\nFeuer, zündete dann selbst eine Zigarette an, zog\neinen Stuhl herbei und setzte sich —:\n„Was für ... unangenehme Sache» können\nes nur sein, die Sie mir zu sagen haben?\" — fragte\ner lächelnd.\nEr hatte sich ein wenig in seinen Sitz zurück-\ngelehnt und stützte den linken Ellenbogen gegen\nden Rand des Schreibtisches. Ihm gerade gegen-\nüber drei oder vier Schritt von ihm, in dem nie-\ndrigen Lederstuhl vor dem mittleren der drei\nFenster hatte der Professor Platz genommen; die\nLeselampe, die auf dem Pult stand, warf ihren\nSchein voll auf sein Gesicht, ließ die Haare in dem\nspitzen, grauen Kinnbart wie Eisen schimmern;\nkleine Schweißtropfen perlten auf der breiten und\nhohen Stirn. Alles in allem, dachte Morton, be-\nständig sonderbar kühl und still inwendig —\nalles in allem ein außerordentlich kluges und oben-\ndrein ein liebenswürdiges, kurz, ein besonders an-\nziehendes Gesicht hat dieser Mann!\n„Sehen Sie,\" — begann von Geer im selben\nAugenblick langsam; er saß etwas gespreizt auf\nseinem Stuhl, die linke Hand auf dem Knie, beugte\nsich nun ein klein wenig vornüber, starrte seine\nZigarette an —: „wir haben vor ungefähr vier-\nzehn Tagen einen Patienten auf Veranlassung des\nKriminalgerichts zugeschickt bekommen! Sie er-\ninnern sich vielleicht, seinen Namen in den Zei-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9984, "texte": "Tungen recht häufig im Laufe der letzten Wochen\ngesehen zu haben!\nEr heißt Karl Mumme!\"\nQlaß schüttelte nachdenklich den Kopf —:\n„Nein, das habe ich nicht!\"\n„Also nicht!\" — fuhr der andere fort, schein-\nbar ein wenig enttäuscht —:\n„Ja, ich könnte ja an und für sich nur von\nHerzen wünschen, daß wir alle zusammen so ver-\nnünftig gewesen wären!\nDann könnte es doch vielleicht einmal nach\nVielen Jahren möglich sein, zu erreichen, daß sich\ndie Zeitungen diese abscheuliche Manier, die sie\nhaben, abgewöhnten — Spalte auf Spalte mit der-\ngleichen Gräßlichkeiten anzufüllen!\nEine ekelhafte Angewohnheit, die auf alle Fälle\nnur Schaden anrichtejn kann, indem sie das\nPublikum entnervt, und zugleich auch dem Ge-\nricht den ruhigen Ueberblick erschwert — und\ndie, bei der Sache, auf die ich hier angespielt\nhabe., übrigens auch der eigentliche, treibende\nGrund dazu ist .. . daß Sie mich hier heute\nüberhaupt sehen!\" — Er hatte sich erhoben, stand\njetzt mit gerunzelter Stirn da und strich die\nAsche von seiner Zigarette —:\n„Nein,\" — fuhr er fort und sah auf, diesmal\nmit einem forschenden und freundschaftlichen Blick\ndie Augen des andern suchend — „ich komme, in\nWahrheit, um Ihnen im voraus einen Wink zu\ngeben — das hielt ich für das Richtigste mit\nRücksicht auf die . . . für Sie so delikate Natur\nder Sache, wenn Sie verzeihen! Natürlich doch\nmit Zustimmung des Richters — und mit der Sei-\nner Exzellenz des Herrn Justizministers, die wir\nuns noch heute abend auf telephonischem Wege\nverschafft haben.\nJa.5\nSo wie sich die Verhältnisse heute gestaltet\nhaben, hat man es nämlich für notwendig erachtet,\nSie aufzufordern, sich morgen vormittag gütigst\ndraußen im Hospital einzufinden, damit die-\nser Karl Mumme mit Ihnen . . . mit Ihnen kon-\nfrontiert werden kann . . . ja, Sie müssen ent-\nschuldigen, wenn das forensische Vokabularium\nin meinem Munde vielleicht weniger korrekt an-\ngewandt wird.\nSie verstehen —: es liegen gewichtige Gründe\nvor zu der Annahme, daß er es ist, von damals,\nda drüben .... mit .... Ihrer Frau Gemah-\nlin . . .!\"\n„So, er ist es!\nKarl Mumme?!\" — wiederholte Morton, ohne\nes selbst zu wissen. Er saß noch immer in der-\nselben Stellung da; mit einem sonderbaren,\ngleichsam abwesenden Staunen, beobachtend:\nstatt diese Mitteilung mit vollkommener Ruhe\naufzunehmen, weil er ja im voraus ihren Inhalt er-\nraten hatte und gewußt, daß sie kommen würde —\nstatt dessen ward er im innersten Innern rätsel-\nhaft erregt, gerade durch diese Bestätigung sei-\nner Ahnung von vorhin. Er fühlte auf einmal\nein heftiges Zittern, wie eine außerordentlich\nschnelle Reihe von kleinen, harten, schmerzenden\nSchlägen durch seine Knochen laufen: von den\nLenden bis hinab in beide Füße — und im selben\nAugenblick ergriff ihn eine erstickende, eine alles\nüberwältigende Angst davor, daß dies gewaltsame\nZittern von dem andern beobachtet werden\nkönnte; deshalb beugte er mit einem unmerk-\nlichen Ruck, mit wild hämmerndem Herzen sein\nGesicht ein klein wenig vornüber, starrte atemlos\nauf seine Beine hinab; und als er gleich darauf\nbeobachtete, daß auch nicht das geringste bemerkt\nwerden konnte* daß die lange scharfe Falte in den\ngrauen Beinkleidern rechtlinig und unbewegt wie\nvorhin von seinen Stiefeln hinauflief, — erst da\nward er mit einem tiefen Atemzug wieder wenig-\nstens teilweise anwesend —:\n„Karl Mumme?\" — wiederholte er nochmals,\nbeschwerlich ein Grübeln vortäuschend, mit klin-\ngenden Ohren und einem Gefühl tief drinnen in\nden Kinnbacken, als würden seine Zähne krei-\nschend gegeneinander geschraubt —:\n„Ei, ei! So haben sie ihn also doch schließlich\ngefangen!\" — und er fuhr fort, noch ohne seine\neigene Stimme vernehmen zu können, seine Ner-\nven überanspannend, seine Blicke starr auf das\nrechte Auge des andern richtend, darauf loszu-\nreden, um seine Beherrschtheit wieder zu er-\nlangen —:\n„Darf ich Sie fragen, Herr von Geer, wie dies\nalles denn vor sich gegangen ist?\nWie ist man nur auf den Gedanken gekommen,\ndaß ... er ... es sein soll?\nWoher stammt er?\nWer ist er?\"\nDer Professor, der am Schreibtisch stand, die\nKnöchel der beiden haarigen, kurzen Hände auf\ndie Platte gestützt, nickte mit dem Kopf, offenbar\nerleichtert durch die Ruhe, mit der Glaß Morton\nden zentralen Inhalt seiner Mitteilung hingenom-\nmen hatte —<:\n„Die Sache ist die,\" — begann er, mit einem\nkleinen schmatzenden Laut an seiner Zigarette\nsaugend, hin und wieder in seinem Bericht inne-\nhaltend, um einen Mundvoll Rauch hinunter-\nschlucken zu können —: „um mit der Einleitung\nanzufangen, daß ja — was Sie also nicht in den\nZeitungen gelesen haben — vor ungefähr vierzehn\nTagen drüben im Südwalde um die Abendzeit ein\nAttentat ganz ähnlicher Art verübt wurde, wie das\nan Ihrer Frau. Aber diesmal mißlang es ja, Gott\nsei Dank, gänzlich. Wie das Nähere zuging, weiß\nich nicht — aber schon bei dem aller-\nersten Schrei der betreffenden Dame eilten\neine Menge Menschen hinzu, einige junge\nLeute aus dem Handelsstande, die zufällig\nin der Nähe waren — aber die der Täter\nnicht sehen konnte, teils weil es dunkel war und\nteils infolge der Terrainverhältnisse. Nun, aber sie\nstürzen also auf ihre Hilferufe herbei, sie liegt\nschon an die Erde geschleudert, der Kerl mit dem\nblitzenden Messer über ihr — und sie tun da, was\njedermann tun würde, sie werfen sich rasend über\nihn, ganz schonungslos — um so mehr, als er oben-\ndrein versucht, die Klinge auch ihnen gegenüber zu\ngebrauchen, ein Riesenkerl an Kräften ist er noch\ndazu, volle drei Ellen hoch, mit Schultern wie aus\neiner andern Welt und ein paar Fäusten aus Eisen\n— aber sie übermannen ihn doch schließlich, die\nPolizei kommt endlich herbei, und da zeigt es sich,\nohne daß wir volle Klarheit darüber erhalten kön-\nnen, wer oder wie, daß der eine von den jun-\ngen Menschen mit seinem Stock das linke Auge\ndes Burschen recht ernsthaft beschädigt haben\nmuß — wenn man auch, infolge der Dunkelheit\nund der Erregung und einer recht reichlichen Blu-\ntung, der Wiunde von Anfang an kein weiteres Ge-\nwicht beilegte! Erst auf der Polizeistation wurde\nein Arzt herbeigerufen, es sah schlimm aus, Sklo-\nratikon an der ganzen linken Seite gesprengt, die\nMuskel an dieser Stelle vollkommen zerrissen, und\nso weiter! kurz und gut, wir bekamen ihn noch in\nderselben Nacht ins Hospital; und seitdem ist die\nBesserung gut vorwärts geschritten, sogar recht\ngut, wenn auch natürlich sein Zustand eine weit-\ngehende Achtsamkeit erfordert (das Sehvermögen\nist leider auf dem betreffenden Auge vollkommen\nverloren) und es wird noch eine geraume Zeit ver-\ngehen, bis er eventuell als geheilt entlassen werden\nkann! ...\n- So weit Karl Mumme!\nWas nun die andere Seite der Angelegenheit\nbetrifft:\nNun ja, ich will nicht genauer präzisieren, aus\nwelchen zum Teil recht komplizierten Gründen\nAssessor Delitsch — in dessen Händen die Sache\nliegt — schon ein paar Tage nach der Verhaftung\ndes Mannes zu einer inneren Ueberzeugung ge-\nlangte, daß wir hier endlich des . . . Mörders Ihrer\nFrau habhaft geworden sind! Er äußerte damals\nin einer privaten Unterredung mit mir diese An-\nsicht und ist seitdem nach verschiedenen Rich-\ntungen hin bemüht gewesen, sich Material für eine\nspätere Beweisführung zu beschaffen — hat aber\nselbstverständlich, dem Verhafteten direkt gegen-\nüber, bisher nichts Erhebliches vornehmen können,\nin Anbetracht der Rekonvaleszenz des Mannes.\nNicht wahr, Sie wissen sicher im voraus, daß\nheutzutage, mit Recht, ein Patient — ja, ganz ein-\nfach ein Patient ist!\nSo lange sich Karl Mumme noch in meinem\nBereich befindet, existiert für mich nur eine ein-\nzige Verpflichtung: ihn gesund zu machen — ergo\nihn auch radikal gegen jegliche Einwirkung zu\nschützen, sei sie physischer oder psychischer Art,\ndie möglicher Weise meine Aussicht verringern\nkönnte, meine Aufgabe ihm gegenüber mit Erfolg\ndurchzuführen.\nJa, aber hier — haben nun die Zeitungen ein-\ngegriffen, und zwar auf eine solche Weise, daß\nauch ich keinen Ausweg mehr erblicke!\nWie dies übrigens zugegangen ist, begreife ich\nnicht — aber irgendwie haben tatsächlich die\nHerren Referenten einiger unserer größten\nBlätter vor einer Woche Wind von Assessor De-\nlitschs Theorien bekommen — und haben natür-\nlich nicht schweigen können! Die Sache hat in\neinem sich steigernden Grad Aufsehen erregt —\nhat in gewissen hochstehenden Kreisen gleichsam\neine Art Panik hervorgerufen; und im Augenblick\nist — allerdings noch ohne daß (aus leichtfaß-\nlichen Rücksichten) Ih r Name genannt wurde —\nwirklich ein außerordentlich starker Druck auf das\nJustizministerium und auf mich ausgeübt — ein\nso starker, daß wir schließlich haben nachgeben\nund mit aller Macht den Gang der Untersuchun-\ngen haben fördern müssen! Ich habe, mit andern\nWorten, erlauben müssen, daß im Laufe der letzten\nvier Tage zwei kurze — und so weit tunlich scho-\nnende — Verhöre drinnen im Zimmer des Patien-\nten abgehalten worden sind! Und bei dem letzten\ndieser Verhöre, vorgestern, wurde Delitsch seiner\nSache so gewiß, daß er andeutungsweise, recht\nindirekt und verdeckt, Mumme gegenüber auf die\nGeschichte von da drüben her, vor zwei Jahren,\nanspielte — im übrigen in meiner Anwesenheit;\nund wir ersahen alle beide unzweideutig aus dem\nWesen des Burschen, daß kein Zweifel darüber\nherrschen konnte, daß der Pfeil getroffen hatte:\ner ist es wirklich!\"\nvon Geer schwieg einen Augenblick.\nEr warf den Zigarettenstummel weg, griff nach\neiner neuen Zigarette, strich ein Streichholz an,\nvergaß anzuzünden, wandte sich mit einem Ruck\nnach Morton um —:\n„Lieber Freund,\" — sagte er schnell, indem er\nseinen Blick suchte, plötzlich mit einer unsicheren\noder bewegten Stimme — „glauben Sie mir, ich\nbegreife vollkommen, wie außerordentlich . . . .\nwie grenzenlos peinlich dies alles hier für Sie sein\nmuß!\nNatürlich war es ja im voraus einleuchtend\ngenug — schon infolge der unglückseligen Art und\nWeise, wie Frau Morton ums Leben kam (du\ngroßer Gott, was würde ich nicht dafür geben,\nwenn es auch damals, mit ihr, mißlungen wäre)\n— daß hier, noch weniger als unter anderen Ver-\nhältnissen die Rede davon sein konnte, daß Sie, so"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10230, "texte": "wie ehemals die Chevaliers, mit eigener Hand ver-\nsuchten, sich die einfache und menschliche, ja viel-\nleicht die naturnotwendige Genugtuung zu ver-\nschaffen — nach der wir Männer wohl allesamt\nim tiefsten Innern unserer Herzen Hunger fühlen,\nwenn das Teuerste, das wir haben, überfallen und\ngetötet wird! Und selbstverständlich ja\nauch die beiden langen Jahre, die seit damals ver-\ngangen sind, längst den Gefühlen, die Sie damals\ndiesem Unmenschen gegenüber beseelten, den\nstärksten Stachel abgebrochen! Aber, nicht wahr,\nSie verstehen mich: es scheint mir trotzdem\nwenigstens ein winzig kleines Körnchen Trost in\ndiesem meinem verhängnisschweren Gang zu\nIhnen zu sein — daß ich weiß, ich bin es, der als\nerster Ihnen die befriedigende Nachricht bringt,\ndaß der Schurke nicht für immer seiner Strafe\nentgangen ist! Daß Ihre Frau, wenn auch spät, er-\nlangen wird —■ was zu fordern sie ein Recht\nhatte!\"\n„Jawohl!\" — sagte Morton mit einem Kopf-\nnicken — „Ich erkenne das alles im vollsten Maße\nan!\nIch danke Ihnen von ganzem Herzen!\"\nAber gleichzeitig dachte er verwundert, noch\nimmer und auf rätselhafte Weise gleichsam halb-\nwegs abwesend von dem Ganzen, gleichsam drei-\nviertel bewußtlos, innerlich —: Du Allmächtiger,\nWie sonderbar doch diese Menschen sind, höchst\nmerkwürdig von Anfang bis zu Ende! Hier kommt\nnun dieser Professor, in gleichem Maße ein vorzüg-\nlicher Chirurg, ein ausgezeichneter Familienvater,\nein glänzender Gelehrter und ein liebenswerter\nMensch, der um keinen Preis einer Katze ein Leid\nantun würde — er steht hier und fordert mich un-\nverschleiert auf, darüber befriedigt zu sein, daß\neinem wildfremden Manne das Auge ausgestochen\nist, der nun obendrein noch große Aussicht\nhat, daß ihm sein Kopf abgeschlagen wird, wenn er\nnicht vorher an seiner Wunde stirbt! Du großer\nGott, was in aller Welt geht Karl Mumme mich an\n— wie ist es möglich, daß dieser aufgeklärte\nMensch da mir allen Ernstes einreden will, erstens,\ndaß Karl Mumme mejine Frau hat totschlagen kön-\nnen — und zweitens, daß es mich trösten kann,\nwenn auch natürlich nur in einem passenden hu-\nmanen Grade, daß er jetzt auch selbst im Begriff\nist, von hier zu verschwinden! Alles miteinander\nabenteuerlich von Anfang bis zu Ende! — Und\nübrigens, grübelte er weiter, selbst unter allen die-\nsen sinnlosen Voraussetzungen, was sollte ich\nwohl draußen in dem Hospital . . » aber vielleicht\nkann ich darüber nähere Aufklärung erhalten,\nwenn ich frage!\nEr erhob also erwartungsvoll das Gesicht und\nwandte es dem andern zu —:\n„Ich danke Ihnen herzlich!\" — wiederholte er\n— „obwohl ich übrigens nicht ganz klar einzu-\nsehen vermag, was für ein Vorteil es wohl sein\nkann, den sich die Polizei — oder der die Verhand-\nlung führende Professor — von einer eventuellen\nBegegnung zwischen . . . diesem Menschen und\nmir verspricht.\nEine Begegnung, die, das gestehe ich aufrichtig,\nmir im höchsten Grade unangenehm sein würde.\nWas Sie sicher verstehen können!\"\n„Rein menschlich gesehen: ja, durchaus, selbst-\nverständlich!\" — erwiderte der Professor mit Leb-\nhaftigkeit — „aber rein bürgerlich, juristisch, krimi-\nnalrechtlich, wenn Sie wollen: nein, ganz und gar\nnicht!\nAber es ist vielleicht,\" — fügte er mit einem\noffenen Lächeln hinzu — „es ist vielleicht von\neinem Dichter zu viel verlangt — noch dazu von\neinem so idealdenkenden Dichter wie Sie —, daß\nSie Ihre Aufmerksamkeit in gleichem Maße, lassen\nSie mich sagen, in gleich kleinlichem Maße auf De-\ntails von ausschließlich staatsbürgerlicher Art rich-\nten — so wie wir andern dazu gezwungen sind!\nUnd doch werden Sie zweifelsohne das Berech-\ntigte in dem Wunsch begreifen können, den das\nGericht — im Augenblick durch mich — an Sie\nrichtet: indem nämlich die moralische Wirkung des\nAnblicks des Mannes, dessen Frau er so schänd-\nlich gemordet hat, nach aller menschlichen Berech-\nnung dem Mörder ein Geständnis abnötigen kann.\nWas ja, unbestreitbar, in eminentem Grade von\nWert ist!\nVielleicht nicht zum mindesten, wenn man be-\ndenkt, daß die Angelegenheit damit ein für allemal\naus der Welt geschafft ist! Vielleicht zum Glück\nund Wohl für verschiedene künftige Gefangene, die\nauf die genannte Weise davor bewahrt sein wer-\nden, daß wenigstens der, Verdacht ohne eigene\nSchuld an ihnen haften könnte! Nicht wahr — Sie\nhaben natürlich selbst dasselbe gedacht?\nAber endlich, als das letzte und wichtigste Argu-\nment — bitte ich Sie, sich des außerordentlichen\nAufsehens zu erinnern, das jene Begebenheit ja\ndamals vor zwei Jahren in sämtlichen Schichten\nder Gesellschaft erregte. Ein Aufsehen, das infolge\nder hervorragenden Stellung, die Sie in der\nLiteratur der Gegenwart einnehmen, sich über\ndas ganze Land und auch weit über seine\nGrenzen hinaus verbreitete! Sie entsinnen sich\nsicher auch noch der heftigen — und insofern be-\nrechtigten Angriffe, die unsere Zeitungen viele Mo-\nnate hindurch gegen die Polizei richteten, weil sie\ntrotz der eifrigsten Anstrengungen kein Glück da-\nmit hatte, Frau Mortons Mörder zu finden! Kurz,\nich glaube, daß Assessor Delitsch mit den Worten,\nmit denen er m i r die Situation auseinandersetzte,\nins Schwarze getroffen hat —: daß nämlich das\nRechtsbewußtsein des ganzen Volkes, die Rechts-\nsicherheit selbst von Ihnen das Opfer erfordert —\ndas Opfer Ihres Erscheinens!\"\n„Ich werde kommen!\" — erwiderte Morton, in-\ndem er sich abermals unbestimmt über das alles\nwunderte: über sich selbst, über die Rede des Pro-\nfessors soeben, und über diesen merkwürdigen Be-\ngriff eines Rechtsbewußtseins, das, nach dem, was\neben gesagt war, bei der ganzen Nation mächtig\ngestärkt werden würde, falls Glaß Morton sich be-\nreit erklärte, aktiv daran teilzunehmen, daß Karl\nMumme gefoltert wurde —> wenn auch nur mit\npsychischen Daumenschrauben — bis er gestand!\nJa, höchst eigentümlich waren diese Wesen, die\nbeständig, trotz der widersprechenden Erfahrun-\ngen von Jahrtausenden, steif und fest glaubten,\nerneute Gewalttätigkeit sei die Wunderkur\ngegen jegliche Art Gewalttätigkeit! ...\nvon Geers Gesicht hatte sich indessen wieder\naufgeklärt; er knöpfte jetzt seine hellgraue Jacke\nauf, entnahm der Brusttasche einen blauen Brief-\numschlag, den er darauf, nicht ohne einen Anstrich\nvon Erleichterung und doch mit einem guten Teil\nFeierlichkeit, auf den Schreibtisch niederlegte —:\n„Ich lege hier,\" — sagte er, während ein Lä-\ncheln hinter dem Bart hervorbrach — „die schrift-\nliche Vorladung hin, auf die ich Sie ja nur vor-\nbereiten sollte — und deren rein dienstliche Form\nzu mildern mein Auftrag war.\nMorgen, Sonnabend, vormittags um zehn Uhr\n— Zimmer siebenunddreißig, Pavillon C in meinem\nHospital!\nDie Sache ist ja, wie ich Ihnen bereits erzählte,\naußerordentlich dringend!\" — Er gab den läng-\nlichen, blauen Brief noch einen kleinen Knips mit\neinem Nagel, schob darauf die Hand in seine Hosen-\ntasche, klingelte mit seinem Schlüsselbund, be-\nmerkte plötzlich, daß er kalt rauchte, strich sich ein\nZündholz an —:\n„Ich erlaubte mir vor einem Augenblick\" —\nbegann er darauf, jetzt in einem andern Ton ali\nbisher — „ehe Sie kamen, Ihre Bücher ein wei*>£\nanzusehen!\nEine vortreffliche Sammlung und außerordent-\nlich vielseitig!\nMein flüchtiger Ueberblick ließ mich zahlreiche,\nsystematisch zusammengehörige, rein wissea-\nschaftliche Werke finden! Nicht nur aus den Ge-\nbieten, die ganz unzweideutig in naher organischer\nVerbindung mit Ihren eigenen stehen, wie Biologie,\nStaatslehre, Philosophie — aber auch weit ferner\nliegende Gebiete, Technik wie Kriminalogie.\nPsychiatrie und Sexualpathologie schienen mir\nebenso vollständig und up-to-date in Ihrer\nBibliothek vertreten zu sein,! Und ich dachte\nmit Staunen, während ich auf den dicht beschrie-\nbenen Rändern verfolgen konnte, wie genau diese\nBücher durchstudiert waren: ist dies nur eine\nEigenart bei Ihnen, ein gewisses polyhistorische«\nNebeninteresse bei Ihnen, eine Laune insofern —\noder werden heutzutage wirklich so eingehende\nund weit umfassende Kenntnisse von einem schön-\nliterarischen Schriftsteller, von einem Dichter, ge-\nfordert?!\nUnleugbar, sogar rein physisch betrachtet, ver-\nwundert es mich außerordentlich, ganz ehrlich, im-\nponiert es mir auch sehr: wie hat es Ihnen über-\nhaupt möglich sein können, einfach nur Zeit und\nKräfte zum Durchlesen eines solchen Riesenstoffe#\nzu finden — trotz Ihrer doch außerordentlich rei-\nchen Produktion?\" — Er sah einen Augenblick fra-\ngend auf und fuhr dann gleich darauf mit einem\nZucken seiner Mundwinkel fort —:\n„Ach, Herr Morton, ja, ein beneidenswertes Le-\nben — wenn man so viele Stunden täglich bei sei-\nnen Büchern bleiben könnte, Jahr für Jahr, bis z«\nallerletzt!\nNicht wahr —:\nD a haben wir ja Frieden!\nD a haben wir die vollkommene Ruhe!\nUnd d a genießen wir in vollen Zügen dies köst-\nliche Glück, das das viel zu bunte, viel zu schnei\nwechselnde Leben da draußen uns nie ganz brin-\ngen kann! Dieses einzige, was uns niemals ent-\ntäuscht, noch von uns genommen werden kann —:\ndas große, das leidenschaftslose Anschauen. Das,\nworin wir selbst und auch alles andere sick\nuns erst in dem rechten Zusammenhang zeigt!\" —\nEr lachte kurz auf, starrte gerührt die vielen Bü-\ncherborte an, machte mit dem rechten Arm eine\nbreite, runde Bewegung darauf zu —:\n„Bücher! . . .\nIch entsinne mich noch heutigentags leibhaftig\ndes allerersten Males in meinem Leben, wo ich —\nso weinte, was ihr Dichter das selbstlose, das süße\nWeinen nennt!\nIch mochte wohl damals so ungefähr dreizehn,\noder vierzehn Jahre alt sein, schon damals ein\npassionierter Leser — und da hörte ich eines Tages,\nin der Schule diese kleine Anekdote, die wir ja alle\nzusammen kennen —: von der Belagerung vo*;\nSyrakus, anno zweihundertzwölf vor Christi Ge-\nburt (Sie sehen, hahaha, ich habe nicht das Ge-\nringste davon vergessen!) — und von Archimedes,,\nder, gebeugt und grübelnd über seinen Zeichnun-\ngen im Sande sitzend, auf die Aufforderung, sofort\nzu fliehen, weil es sein Leben gelte, nur die eine\nAntwort hatte:\n,Störe nicht meine Kreise!4 ....\nHahaha!\nJa, da, auf dem Fleck, wo ich saß, krumm ge-\nschlossen in einer dieser verdammt unhygienische»\nSchulbänke, da brach ich bei diesen Worten in lau-\ntes Weinen aus, zugleich verzaubert und entzückt\nüber allen Verstand: Ja, ja, dachte ich während-\ndessen, ohne selbst so ganz genau begreifen zu\nkönnen, was ich meinte — in meinem Herzen e&"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1379, "texte": "aber nur allzu deutlich empfindend: Störe nicht\nmeine Kreise ....\nJa!\nSo war es damals]\nSpäterhin\" — fuhr er mit einem Seufzer fort,\nlächelnd, sich über den Bart streichend —•:\nSpäterhin sollte es sich zeigen, daß da — hätte\nich fast gesagt — nicht einmal soviel Zeit übrig\nblieb, um nur . . .. meine Kreise zu zeichnen, so daß\nda insofern auch nichts zu stören war! Die Privat-\npraxis eines Chirurgen heutzutage und ein Kran-\nkenhaus, dazu Frau und Kinder, ach, lieber Herr\nMorton, die drei Dinge mögen wohl imstande sein,\nselbst die ganze Zerstörung von Syrakus in das\nLeben eines Studienmenschen hineinzubringen!\" —\nEr lachte wieder, diesmal munterer als vorhin,\ntrat darauf ein paar Schritte näher an das Regal\nheran, ließ seine Blicke bewegt über die Rücken\nr'er Bücher hingleiten.\nEinen Augenblick schwiegen sie beide.\nGlaß Morton saß noch immer auf seinem Stuhl\nin derselben unveränderten Stellung.\nGanz tief da drinnen in ihm — noch tiefer als\ndies sonderbare Halbbewußtlose — war es, als\n,gäre es lautlos und heiß. Er merkte hin und wie-\nder gleichsam die schwälenden Dünste für eine Se-\nkunde von dort aufsteigen — und begann jedesmal\nneu von Kopf bis zum Fuß zu zittern. Aber\nrein äußerlich — außerhalb jener dazwischen lie-\ngenden Schicht umnebelten Zustandes, die ihm\ndas siedende Innerste verbergen sollte —\n&*anz äußerlich war er sehr bewußt und voll-\nkommen klar."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c006", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "199", "page_fin": "199", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.2.6", "titre_corps": "Bezüge und Bezügliches", "titre_sommaire": "Bezüge und Bezügliches", "signature_source": "H. 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Nun braucht zweifellos\nder Dichter und der Künstler keine Meinung zu\nhaben. Aber es stellt sich heraus, daß er sie hat\nund er stellt sich heraus als das, was er ist, ein\nschlechter Kaufmann. Seine Kunst ist nur Zucker-\nguß über einer Torte, die aus echtem Sand besteht.\nEs war eine raffinierte Enthüllungsidee, die Herren\nDichter zu befragen, was sie von dem Verhältnis\nzwischen Schriftsteller, Verleger und Publikum\ndenken. Alle, die in Kunst schwindeln, haben ihre\nmackte Seele gezeigt, die keine Seele ist, sondern\nein Rechenexempel. Einige Beispiele: Der dämo-\nnische Kravattenbedichter Hanns Heinz Ewers\nschreibt eigens aus Basel, Drei Könige: „Ich für\nmein Teil kann nur wünschen, hoffen, ersehnen,\ndaß die Beziehungen zu meinem Verleger — den\nich liebe und der immerhin noch der anständigste\nist, den ich kenne — in alle Zukunft (toi! toi! toi!)\nhöchst angenehme, scharmante und für beide Teile\nzufriedenstellende sein möchten!\" Früher liebte\ndieser Herr Ewers (toi! toi! toi!) „mein deutsches\nVolk\", jetzt hat er seine ganze Liebe auf seinen\nVerleger geworfen. So scharmant denkt ein My-\nstiker im Privatleben. Ueberhaupt auf die Liebe\nkommt es an. Ein Herr Heinrich Glücksmann, der\nlaut Katalog in vergriffenen Luxusausgaben „Fähr-\nten und Narben\" dichtet und Dramaturg, wirklich\nDramaturg des Deutschen Volkstheaters zu Wien\nist, kündet: „Für den Schriftsteller ist es hohe\nSchicksalsgunst, wenn er auf einen Verleger stößt\n(— das genügt dem Lyriker nicht einmal —), der\ndas Werk nicht als Sache, nicht als Ware nimmt,\nsondern als ein aus der Liebe geborenes, der Liebe\nbedürftiges Stück Leben, das mit zärtlich sorgen-\nder Hand auf den rauhen Wegen der Welt geführt\nund gestützt werden muß, soll es nicht sinken und\nunter die Räder geraten.\" Das ist rührend. Der\nVerleger als Kindermädchen, der die Fährten und\nNarben mit sorgender Hand vor Rädern bewahrt\nund nachher womöglich noch im reinlich geglätte-\nten Schrein die schimmernde Wolle sammelt. Der\nHerr Georg Hirschfeld hält seine Produktionen für\nein Bedürfnis. Er tut sich zu diesem Zweck mit\ndem Verleger zusammen. Herr Hirschfeld ist keine\nPersönlichkeit, der Verleger auch nicht und das\nPublikum, sagt Herr Hirschfeld, auch nicht. Da es\n„aber keine Persönlichkeit, sondern nur ein großes\nunbekanntes Entdeckerland ist, wird es von den\nbeiden Kämpfern als solches zu erobern sein, als\nReich der Möglichkeiten, als seelisches Instrument\nund vor allem als Zeitstimme.\" Das Publikum, ein\nEntdeckeriand, das als seelisches Instrument\nerobert wird, fordert allerdings den Verleger mit\nden Autor in die Schranken. Ganz schlimm aber\nhat es der Verleger mit einem Herrn Doktor Kurt\nPinthus, wenn der ihm in die Hände fällt. „Und\nder Verleger sollte seinen Autor ehren, sich um ihn\nbemühen und Zwiesprache mit ihm pflegen, denn\nMoses suchte Gott im feurigen Dornbusche und\nerklomm als alter Mann den Sinai, um die göttliche\nBotschaft zu empfangen.\" Einfacher tut es der Dr.\nGott Pinthus nicht. Er ist das Schrecklichste der\nSchrecken! „Drum auch müssen Verleger wie Hei-\nlige öfters gekreuzigt oder geopfert werden. Denn\ndas Hohe ist dem Volke unbekömmlich wie Mayo-\nnaise dem vulgären Magen.\" Dieses Gottes wegen\nmit dem Mayonaisenmagen sollte wirklich kein\nalter Mann den Sinai erklimmen. Der Herr Dichter\nSiegfried Trebitsch (Verfasser von „Wellen und\nWege\") hingegen hat Grundbeziehungen zum Ver-\nlegen „Die Grundbeziehung, die sich beim Schrift-\nsteller von selber ergibt, ist 11 u r die zum Ver-\nleger.\" Die Ursache hiervon ist die Herausgabe\nsämtlicher Werke des Herrn Trebitsch. Die besten\ndeutschen Verleger, zu denen Herr Trebitsch\nsicher den Verleger seiner Dichtungeil rechnet\n„durften oft den Triumph genießen, mit den Wer-\nken reiner und echter Geister auch jenen mate-\nriellen Vorteil zu finden, der einzig und allein\nes erleichtert, die Wechselbeziehung zwischen\nSchriftsteller, Verleger und Publikum zu schaffen,\num die Sie, geehrter Herr, sich zum Heil deutscher\nDichter und Denker oft große Verdienste erwar-\nben.\" Verdienst wird bei Herrn Trebitsch stets\ngroßgeschrieben. Dem Verdienste seine Krone und\nseinen Heller, wenn es auch mit einem Heller\nüberzahlt ist, sogar mit einer faulen Wechselver-\nbindlichkeit. Aber die Wechselbeziehung zwischen\nDichter und Verleger wird niemals reine und echte\nGeister, geehrter Herr, hervorrufen, sodaß einzig\nund allein der materielle Vorteil bestehen bleibt\nund der inmaterielle, nur die Rundfragen der\nHerren Dichter lesen zu müssen statt ihrer Fährten\nund Narben und Wellen und"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c007", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "199", "page_fin": "199", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.2.7", "titre_corps": "Drei Mädehenporträts aus dem Türkisehen Zelt zu Charlottenburg", "titre_sommaire": "Drei Mädehenporträts aus dem Türkisehen Zelt zu Charlottenburg", "signature_source": "Alfred Richard Meyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.7", "debut_caractere": 6529, "fin_caractere_exclue": 8019, "texte": "Drei Mädehenporträts\naus dem Türkisehen\nZelt zu Charlottenburg\nAlfred Richard Meyer\nI\nIm raschen Schritt -des Onsteps weiß ich\nplötzlich, Mädchen, dies:\nDu bist nach dreizehn Gängen eines mäßigen\nDiners von einem Kavalier verfertigt,\ngeknetet aus dem Weichen eines englischen\nKastenbrotes,\nmit Fleiß und Schweiß gekugelt,\nin das zwei Zahnstocher als schlanke Beine\neingesteckt sind,\nauf dem als fast zu großer Kopf verschrumpelt\neine Lazarettpflaume.\nMan könnte Appetit bekommen immerhin, dich\nzu verspeisen»\nwenn überall nicht noch die Spuren deines\nHerrn Vaters wären,\nso was vom Schwitzigen der Hände. Ober,\neinen Cognak!\nII\nWenn Wally (Lachs, du!) tangot, weiß sie\nnichts von Argentinien,\nobs in Australien, Asien, Afrika liegt, ist ihr\nschnurks.\nWenn Wally (Weserlachs, du!) tangot, ist sie\nbloß noch Stechkontakt.\nEs liegt an dir, die Leitung herzustellen.\nEs liegt an dir, die Sicherung nicht durchzubrennen,\nin vierundzwanzig oder zweiunddreißig Kerzen\nLicht zu sein»\ndich Osram, Wotan, A.E.G. zu nennen.\nWeh mir, daß ich im Abiturientenexamen\n„kaum genügend\" in der Physik noch hatte!\n111\nDu trittst so sauber durch die Tür wie aus\neinem Rudolf Presber-Gedieht.\nDein Augenpaar träufelt eitel Sirup.\nIn deinem Munde züngelt es von Pflaumenmus.\nSchnittlauch-Rührei quatscht in den Beuteln\ndeiner Brüste.\nWo Venus Kallipygos ihre heiligen vier Buch-\nstaben hat»\nbandst züchtig du ein Alexander Gardegrena-\ndier-Kommisbrot vor.\nDie Bügelfalten aller Portokassen straffen sich\nerregter."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c008", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "199", "page_fin": "199", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.2.8", "titre_corps": "Empfohlene Bücher", "titre_sommaire": "Empfohlene Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.7", "debut_caractere": 8021, "fin_caractere_exclue": 8529, "texte": "Empfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nAlfred Döblin\nDas Stiftsfräulein und der Tod / Novelle mit\nHolzschnitten von E. L. Kirchner\nVerlag A. R. Meyer / Berlin-Wilmersdorf\nElse Lasker-Schüler\nHebräische Balladen / Zweite vermehrte Auflage\nVerlag A. R. Meyer / Berlin-Wilmersdorf\nClive Bell\nArt\nLondon ,/ Chatto und Windus"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c009", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "200", "page_fin": "200", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.2.9", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.8", "debut_caractere": 483, "fin_caractere_exclue": 1052, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nBerlin W / Potsdamer StraSe 134 a\nDreiundzwanzigste Ausstellung\nJacoba van Heemskerek\nMarianne von Werefkin\nQeoffnet tag!5ch von 10—6 Uhr / Sonntags voa\nH—2 Ukr\nKintritt 1 Mark j Jalireskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nStHrraaussteiluHgeu in Deuischland und im Aus-\nland I Marz 1914\nfielsingfors: Der Biaue Reiter\nHalle: Archipenko\nGieSen: Franz Marc\nErlangen: Gabriele Miinter\nHamburg: August Macke\nStockholm: Graphic\nTokyo: Qraphik\nAgram: Qraphik\nLondon: Qraphik\nNordhatisen: Expressionist em\nEisenadi: Expressioniste*"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c010", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "200", "page_fin": "200", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.8", "debut_caractere": 1054, "fin_caractere_exclue": 2793, "texte": "Verlag Der Sturm\nBerlin Wt Potsdamer StraBe 134*\nPermruf Amt Lfltzow 4443\nHalbmonatsschrift der Sturm\nErsctielnt am ersten und funfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nOewoSusiiche Ausgabe: Fflr Deutschland\nsnd Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteliahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nimrimer 40 Pfennig X Fflr dasAusland. bei\ndurch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes / Ein Vierteliahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exeffl-\n£lare auf holzfreiem Papier, Ver-\nse n d u n g in Rsllen direkt durch die\nPost fflr Deutscbland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X Fflr das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndkser Ausgabe werden Vierteljahrsbezflge, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ntach den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nzfehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahntiofshandlungen, Kiosken u. StraBenst&nden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den B e t r a g fflr den\nDauerbezug bei der B est e 11 u n g oder bei\nBeginn des neuen Vierteliahres bis\nsumffinftendes ersten Monats eistzu-\nsenden / Andernfalls nehmen wir an, daf E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahsne\nunter Berechnung des Nachnahmeportes ge-\nwfinscht wird\nQeneralvertretung des Verlags Eugene Flgulfcre /\nf*aris"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c011", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "200", "page_fin": "200", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.8", "debut_caractere": 2795, "fin_caractere_exclue": 5408, "texte": "Originalholzschnitte / Manddrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klarnmern beigefQgt / Alle\nExemplare sind vom Kunstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\niegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die fiirtiu / Der Stier I\nSchlafende Hirtin / Wildpferde f\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechstein: Die E r 1 e g u n g des Fesi-\nbratens / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kunstler mit der Hand aquarelliert /\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nKandinsky: Sonntag / Zwei Vogel I Das Exemplar\n30 M\nWilhelm Morgner: Acker mil Weio / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 25 Mark (10)\nGabriele Munter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraOe / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa I\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / Portrat /\nI StraOenkurve / Zwei Akte / Das Exemplar\n30 Mark (12) / Liebespaar / MiiBige Hetaren I\nSchlafende Iletare / Je 40 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande HI /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] / Das Exemplar 30 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat ftir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Ffir Gesang und Kla-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Um b e r t o Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Munter / Marc Chagall /\nKlee J Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky 1901—1913 / Monographie mit sech-\nzig ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / Mark 10\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-03-01-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-03-01_01#c012", "volume": "bmtnabg_1914-03-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "200", "page_fin": "200", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Badger / Boston / Mass\nI USA 194 Boylston Street\nAlbert Ehrenstein: Die weiBe Zeit / Dieser Gedicht-\nband erscheint Ende Marz in einer signierten\nAuflage von 300 Exemplaren, in Leder gebimden,.\ndas Exemplar 10 Mark / Man subskribierl foei\ndem Verlag Georg Miiller, Miinchen, Elisabetli-\nstraBe 26.\nKarl Vogt vom Koniglichen Schauspielhause / am\n9. Marz im Meistersaal KothenerstraBe / B a 1 i a -\nden-Abend / Herder bis Else Lasker-Schiiier /\nKarten zu 4, 3, 2 und 1 Mark bei Wertheim und in\nder Buchhandlung Hapke & Schmidt, Chariotten-\nstraBe 50/51\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Miiano\n/ Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nWiecker Bote / Akademische Monatsschrift /\nHerausgeber und Schriftleiter: Dr. Oskar Kanehl /\n2'5 Pfennig / 6 Hefte M. 1,25 / Heft 6 soeben er-\nschienen\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWaldea\n/ZehntesJahr/ Jahresbeitrag 20 M. / Rechte\nder Mitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift Der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation: 1913/14:\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "193", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.1", "texte": "Umfang: acht Seiten\nBinzeibezug 40 Pfennig\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungs räume\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nVIERTER JAHRGANG 1914\nBERLIN-PARIS ERSTES MÄRZHEFT\nNUMMER 200/201\n\nInhalt:\nGuillaume Apollinaire: Alexander Archipenko / Paul Zech: Die Gruft von Valero / Aäge von Kohl: Der Weg durch die Nacht /H. W.: Betige\nund Bezügliches / Alfred Richard Meyer: Drei Mädchenporträts / Empfohlene Bücher / Oskar Kokoschka: Zeichnung\n\nOskar Kokoschka: Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "194", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.2", "texte": "Alexander Arehipenko\nGuiUaume Apollinaire\nSchöpferische Kräfte sind es, die der Kunst\nArchipenkos die Richtung geben. — Schon in den\nersten Kompositionen, die dieser junge russische\nBildhauer in Paris ausstellte, fanden sich Rich-\ntungswechsel, plötzliche und doch zarte W,echsel,\ndie man, wenn Archipenko weiter schreitet, wie\ner bisher ging, Geschwindigkeitswechsel nennen\nkönnte (um der neuen, aus der Industrie geborenen\nSprache diesen Ausdruck zu entlehnen).\nArchipenko baut Wirklichkeiten. Seine Kunst\nnähert sich mehr und mehr der absoluten Bild-\nhauerei, die sich eines Tages mit der absoluten Ma-\nlerei und der absoluten Architektur verschmelzen\nsoll um als reine Plastik zu erstehen, jenseits aller\nStilarten, jenseits aller Techniken und Hilfsmittel.\nArchipenko trägt in sich die Kräfte, die nötig\nsind, um dieses Ziel der inneren plastischen Ein-\nheit zu verwirklichen.\nDie einzigen unter allen Künstlern, die diesem\nZiele ernsthaft zugestrebt haben, sind unsere neu-\neren Maler. Die Bildhauer haben nicht daran ge-\ndacht, außer dem genialen Rüde vielleicht, der\nder größte unter ihnen ist. Die anderen, Carpeaux,\nRodin, Schnegg, Despiau, gewahrten die gestal-\ntende Kraft des Lichtes, befreiten die Formen,\nließen sie spielen und sich färben, unterwarfen sie\nder sinnlichen Empfindsamkeit des Auges.\nNadelmann dagegen versuchte sich, wenn auch\nnur schüchtern, in musikalischen Konstruk-\ntionen, über Griechen und Ägypter hinaus. Er\nversuchte, die Plastik wieder der Architektur zu\nBähern (wissenschaftlicher Kubismus). So sind\ndie Pfade geöffnet für eine Kunst, die mit dem in-\nneren plastischen Aufbau den hohen Reiz der\nsinnlich schönen Oberfläche vereint.\nArchipenkos kühne Konstruktionen verkünden\nleise, aber fest das Unerhörte dieser neuen Kunst.\nFarben und Lichter gleiten fließend über die\nMensch gewordenen Formen und scheinen sie zu\ndurchdringen. Die Wölbungen, die komplemen-\ntären Formen, die Differenzierung der Flächen,\ndie Vertiefungen und Erhebungen, die sich nie\nscharf begrenzen, wachsen zu einem lebendigen\nStein, dem ein leidenschaftlicher Meißelschlag\nskulpturalen Ausdruck verleiht.\nMan betrachte diese Salome, ihre begeh-\nrenden Wünsche fast grausam erhellt, diese Ba-\ndende, die immer wechselnd, immer neu er-\nscheint, diese Ruhe oder die Sitzende Frau,\ndie ein Stück Leben verkündet, ohne zu berichten.\nDie Skulptur hat sich bisher fast immer darauf\nbeschränkt, Melodie zu sein. In der Kunst Ar-\nchipenkos, von der hier die ersten Akkorde er-\nklingen, scheint sie zur großen Harmonie zu wach-\nsen. Die Kraft des Schaffenden gestaltet Werk\nund Mittel und Ausdruck; was ihn treibt und was\nseine Arbeiten aussagen, ist die hoch begabte, zart\norganisierte Persönlichkeit des Künstlers, was er\nsucht, ist Realismus. Mit Leidenschaft arbeitet\ndieser an der Gestaltung seines Ideals: „Der\nWirklichkeit\".\n\nDie Gruft von Valero\nPaul Zech\nI\nAus dem rauchschwarzen Himmel, der sich\nwie ein massiver Sack über dem Qrubendorf\nballte, regneten die rotgespritzten Funken der\nKokerei unaufhörlich. Immer, wenn die Nacht-\nschicht sich zur Einfahrt rüstete. Man ging wie\nüber einen Feuerwerksplatz. Die kleinen Häuser\nan der Straße warfen große braunblaue Vierecke\nauf den geölten Weg. Das Geräusch der Seil-\ntürme flog gewitternd über die krausen Netze des\nRauches. Rußschwärme jagten wirbelnd durch-\neinander. Töne von menschlichen Stimmen, ein\nzusammengeworfenes, dumpfes, melodisches Sum-\nmen wie von Insekten, zerrissen in der Orgie der\nmateriellen Brandung. Klangen nur in Pausen nach\nwie gedunsene Halle eines Echos. Waren Endun-\ngen eines Spieles, das Seele verlor.\nIm Schein der wattigen Lampenhelle, die\nkaum die Giebel berührte, wanderten die Men-\nschen krumm, wie vergreist. Sie schienen nicht\nmehr wissen zu wollen und träumten ihre Wege\nhinab. Erde zitterte ihren Hälsen zu und mühte\nsich, die eckigen, durchgearbeiteten Schädel zu\nhalten. In den Köpfen wären allein nur Kerne noch\nwach. Alles, was diese Kerne umhüllte, war ein\ntrunkener Mechanismus. Eine Welle regelte ihn.\nEin Magnetismus, der von einer außerordentlich\norganisierten Zentrale herkam: zu regieren und zu\nprofanieren.\nEine Schachtanlage war diese Zentrale. Hatte\neiserne Tore wie Drachenmäuler, mit spitzen Eisen\nbezackt und bezähnt. Und eins dieser Tore gähnte\ngefräßig und zog die Menschen, die wären, mühe-\nlos hinein.\nLange Arme ruderten. Gesichter sprangen weiß\nvor. Knochige Hände griffen Zahlen an. Gewirr\nvon Lampen flog auf. Signalglocken überschrien\nden Steiger, der vielerlei Namen gleichgültig auf-\nrief. Und die Namen bejahten halbgemurmelt die\nAufrüfe.\nDann und wann schnellte eine Hand empor wie:\nwenn Kinder Schulweisheiten auskramen. Eine\nHand, die kühle Gefühle spürte. Wäre ein Wjillen\ndarüber gelegen, hätte sie zugestoßen. Spitz und\nblank. Und wäre warm geworden in Röte.\nDie Menschen wanderten in die Kaue. Das war\nein kalkweißer Saal zur ebenen Erde. Lange\nSteintröge mit fließendem Wasser flankierten die\nWände. Von der Decke baumelte in gedrehten\nWirbeln das verschwärzte Blau der Arbeitsan-\nzüge.\nMan zog sich um. Die Luft stank von Schweiß\nund verschwitzter Unterkleidung. Dann standen\nAkte: blank wie Bronzen von Meunier. Tatzen-\nbreite Klauen klatschten zum Spaß auf muskelöse\nSchultern. Krampfadern standen geschwollen auf\nFleischklumpen der Oberarme und Unterschenkel.\nGeschlechtliches lag dumpfverkrochen in den\nHöhlen. Nur das gewohnte Werfen mit Zoten, das\ngering und öd automatenhaft war, täuschte Spring-\nlebendigkeit vor.\nDie Glocke ratterte wieder.. Und ein Blöken\nschwoll wie Gedränge von Schaffen im engen\nStall. Hitzige Geräusche aus den Kehlen hatten\naber kein Medium: zu durchdringen. Die Klänge,\ndie entsproßten, zehrten von Erinnerungen an müde\nFrauen. An braun und blonde Kinder. An Mäd-\nchen in Birkenwäldchen. An Fusel und Karten-\nspiel.\nDann deckte Geröll steinerner Stunden vom\nBerge des Arbeitszwanges das Feld der niederen\nTraumfreuden zu.\nDas Vorspiel begann.\nTag für Tag in gleichem Tempo. Aber nie war\nEiner, der sich versuchte. Gott versuchte und\nSatanas fluchte. Man erblickte nur Teile eines\nEigenen. Nie aber die Gänze der harten Ge-\nsamtheit.\nII\nUnter den Zwanzig, die den Förderkorb betra-\nten, als er schon murrend in den Gelenken knackte,\nwaren zwei bemerkenswert. Piet der Vollhauer\nund Jonsen, sein Gehilfe. Sie waren Wühler anf\nderselben Sohle.\nPiet begrüßte den Jonsen zuerst. Ein kurzes,\nheftiges Anziehen durch die Nase ging seinem\nGruß vorauf. Und der Fall seiner Worte gluckste\nwie das Gerinsel einer Regentraufe.\n„Wir werden heute den neuen Flöz anpacken.\nDu weißt ja, den am Wetterschacht. Saure Arbeit\nwird's geben!\"\nDabei stieß er seine Fäuste klumpig empor wie\nfluchend. Und sein Gesicht schrumpfte aus dem\nUngewissen des Lichtes tierisch ins Besessene.\nJonsen nickte. Nickte nur und sagte rein nichts.\nVielleicht war es ein Vorgefühl tiefsten Schreckes.\nZudem krankte er an der Formulierung eines Prin-\nzipes zu höherem Lebenszweck, Man sagte unten\nim Dorf, daß er nur Studien halber sich ins Joch\ngespannt hatte.\nPolternd schüttelte der Korb die Hauer auf den\nGang. Sie rannen auseinander wie gewordene\nBrut aus Schalen. Immer in Trupps zu zwein und\ndrein.\nPiet und Jonsen hatten von dem Steinriff, wo\ndie Knappen in gesonderten Höhlen Hacken und,\nSchaufeln rührten, noch eine viertelstündige Wan-\nderung zu machen. Das gewohnte dumpfe Surren\nder Kippwagen, das Kreischen der Sauerstoffge-\nbläse und alle Geräusche von Schlägel und Bohr-\neisen hinderten nicht, daß den Wallern die Minuten\ndurch den stockdunklen Gang lautlos erschienen,\nwie von einer bis zur letzten Endung gespannten\nFeder gehalten.\nJonsen hob die Lampe. Ein winziger blauer\nKranz umschwirrte zitternd den roten Lichtkegel.\nPiet schnüffelte lange und verdrehte die Augen\nwie unter der Nähe von etwas bitter Saurem.\n„Hier stimmt es nicht mit der Luft. Die Be-\nrieselung klappt ja. Aber die Enge. Spürst Du das\ndenn nicht?\"\nJonsen verneinte. Aber mit offenen Augen\nhorchte er herum. Endlich, leise . . . aus Tiefen\n— rauschten Dinge. Aber er war nicht aufgeklärt,\nsie zu deuten. Sein Instinkt war hier einfach ab-\ngeschraubt.\nDa ging Piet voran. Der gekrümmte Rücken,\ndessen Muskulatur bei jedem Schritt aufschwoll,,\nsowie die eckigen Knüllen der Oberarme scharr-\nten an der Verzimmerung. Feuchte triefte dünn\nvon den Bohlen herab. Der schwarze Schlamm\nlag zäh wie ein pilziger Brotteig auf dem Boden\nund sog das Schuhzeug an: schöner Teppich für\nBesoffene. Ins Gesicht Getropftes schmeckte sauer\nund ließ den Speichel auf der Zunge gerinnen. Es\nließ sich auch nicht vernichten. Klebte sich an die\nKleider und wurde gewohnt.\nPiet und Jonsen standen am Ende der Sohle.\nDer Fels, das reine, schwarzglänzende Fleisch der\nErde hob sich aus dem überschwemmten Bett der\nSeugen.\nAn einen Pfosten, dem lange Schmarotzer der\nFäule wie Strähnen eines verwilderten Bartes her-\nabhingen, klemmten sie die Lampen, Piet tat noch\nden grünen Kittel hinzu.\nEine torartige Verzimmerung Schloß den Gang\nab. Dahinter lag der Schlagwetterherd: die Gruft.\nMan war gewohnt, nie von dieser Leichenkammer\nzu sprechen, ohne sich zu bekreuzen. Vielleicht\nwaren noch Scherben darin von Toten, die man\nvermißt hatte, damals vor zehn Jahren, und die\nman nie wiederfinden wird. Achtzig waren einge-\nfahren und nur siebenundsechzig hatte man aus-\ngegraben. Dieses befahl Furcht.\nUnd Jonsen fürchtete sich. Sein Blut sah. Und\nsein Gehirn fühlte so, wie man von einer Ursache\ngeregt, fühlen kann. Aber er konnte es sich nicht\nerklären und das Trübe des Geahnten nicht fil-\ntern. Darum meinte er:"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "195", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.3", "texte": "„Warum mauert die Verwaltung das Ding nicht\n•zu? Die Toten wolln doch ihre Ruhe. Gestörte\nRuh aber fordert Opfer.\"\n„Na Jungchen, die Herren glauben, daß sich\nder Teufel wieder verkriechen wird. Voriges Jahr\nließen sie den Berg absuchen. Aber der schwarze\nSatan speit immer noch Gift. Wir wollen gleich\nmal schaun!\"\nJonsen zitterte vor dieser Schwärze. Als er\nnoch klein gewesen war, litt er unter epilepti-\nschen Anfällen. Vielleicht war das Zittern in man-\nchen Minuten, die dieser glichen, ein matter Nach-\nhall der Krankheit.\nPiet aber riß mit Gewalt das Brett los und\nzwängte seinen kyklopischen Körper durch den\nSpalt.\nJonsen zögerte.\n„Du hast wTohl Angst, mein Lieber, was? Nicht?\nNa, denn lang mir mal die Lampe her!\"\nEr reichte sie ihm durch das Dunkel und kroch\nhinterdrein. Der Frost stand ihm auf der Haut,\ndie wie mit grobem Sand bestreut war.\nDas träge Dunkel, das Jonsen überfiel, war\nmulmig, wie zerkaut und wieder ausgespien. Das\nGrundwasser klatschte breiig gegen seine Schaft-\nstiefel. Irgendwoher kam ein Geräusch wie an-\ngestrengtes Sägen. Stahl durch Stahl.\n„Nun schau mal her, Jonsen. Siehst Du diese\nBlasen? .. . Hier die Klumpen meine ich. Da\nunten kommt es herauf.\"\nPiet bückte sich noch tiefer herab und betastete\nmit dem hochgeschraubten Licht den Boden. Das\nWasser war wie mit Millionen Perlen bestreut;\nBlasen, die ständig emporrollten und zerschlugen,\ngerieben durch ein ewiges Grau.\n„Wird denn hier nicht mehr gepumpt?\" fragte\ngedehnt Jonsen.\n„Aber gewiß, gewiß doch. Da, vom andern\nEnde, pumpen sie schon seit Jahr und Tag Hun-\nderttausende von Kubikmetern frische Luft hin-\nunter. Der Satan schluckt das aber wie Wein\nund mästet sich daran. Der geht nie hier weg.\"\n„Und wenn man einen Luftschacht baut?\"\n„Dann fällt der Dreck zusammen wie damals.\nUnser Jupp war auch drinn. Meine Alte hat ihn\nnoch an der geflickten Hose erkannt. Gesichter\nhatten sie alle nicht mehr. Die hatte das Wetter\neingeschlagen.\"\nPiet schwieg einen Augenblick. Sein Gesicht\nverzog sich grimmassenhaft gelb. Seine Schul-\ntern bogen sich flach herab. Die Lampe pendelte\nwie ein Zeiger, der die letzten Sekunden eines\nMörders unter dem Beil von der Endung schneidet,\nwieder borstigrot. Die Schultern hoben sich in\nBeruhigung. Die Lampe stieg.\nJonsen hatte sich mit dem Rücken gegen die\nVerschalung gestemmt. Uebelkeiten zerwalkten\nseine Gurgel. Durch die gehöhte Tätigkeit der\nNerven sah er viel schärfer und suchte wie in\nSturmnächten einen unbekannten Weg.\nPiet rüttelte Jonsen auf: „Siehst Du den Fels\ndort? Da geht der Flöz durch, den wir anreißen\nsollen. Von hier aus hätte man halbe Arbeit. Aber\nwas nicht geht, kommt auch nicht. Und« so lange\nder Teufel hier die Luft verpestet ...\"\nSie schritten auf den Gesteinssturz zu. Glän-\nzend frisch, wie die aufgehauenen Innenseiten\neines Ochsen, quoll der schwarze Flöz heraus.\n„Das ist schon ein massives Kohlchen,44 meinte\nJonsen interessiert.\n„Eigentlich müßte man den Abbau vornehmen.\nEs muß doch Mittel geben, die Wetter wegzu-\nblasen. Wenn eine Pumpe nicht genügt, nimmt\nman drei. Vielleicht kümmert sich der Steiger\ndarum.44\n„O Jonsen, der möchte schon. Aber die Direk-\ntion will noch nicht. Vorläufig wenigstens. Die\nandern Sohlen liefern noch genug. Und dann: sie\nbluten jetzt noch die Aktionäre. Der Bruch hat\nviel Geld gekostet. Einmal aber müssen sie ja\ndoch anfangen. Nur ich werd's schon nicht mehr\nerleben. Gewiß nicht.\"\nEr wischte sich mit der Hand über die Stirne,\nund mit zwei Fingern strich er sich über die\nAugen.\nDann zupfte er Jonsen am Aermel und zog ihn\nhinaus. Schichten von ausgelebten Stundenkör-\npern fielen zurück. Sie trugen gestohlene Larven\nvom Schauplatz der Seelen.\nAls Jonsen im Hinausgehen endlich begriffen\nhatte, was war, kroch er wie ein getretenes Tier\nund wünschte sich weg.\nMit einem Faustschlag setzte Piet die Bohle\nwieder in die Oeffnung. Der blaue Lichtkegel in\nder Lampe stumpfte ab und ließ sich von der Röte\nder Dochtstrahlung verschlingen.\nDie beiden Hauer bogen schweigend um die\nEcke und setzten das Gezähe in den harten Stein.\nSchränen und Schürfen füllte die sechs Stunden\nder Restschicht. Wie dumme Kletten in Mädchen-\nhaaren, saß das Radgetriebe der Fron im Blut\nbeider und mahlte Schweiß und Aechzen.\nEhe sie die Schicht beendet hatten, kam der\nSteiger und störte.\nEr schnupperte wie ein Polizeihund am Gestein\nherum. Klopfte, horchte und trat in den Abbruch.\n„Ich werde morgen noch ein Dutzend Kerle\nherschicken,\" sagte er gedehnt.\nPiet zerbiß einen dicken Fluch. Jonsen sah\nnicht auf.\nDann verließ der Steiger mit den beiden den\nOrt. Sie schritten wie Gänse durch die Enge.\nJonsen war der Letzte. Ueber eine verschobene\nSchiene stürzte er plötzlich und brach das Bein.\n111\nMan hatte ihn ins Spital geschafft. Die süßen\nGiftgerüche waren Räuber seines Gehirns für\nWochen. Wie durch einen blutroten Nebel sah er\ndie nahen Fördertürme und Schachtgerüste. Ge-\nräusche, die durch die geöffneten Fenster gekom-\nmen waren, empfand er wie die Nähe eines\nMeeres, das von verschluckten heißen Untergän-\ngen wimmelt. Die Schwestern waren einfach un-\nerträglich. Und die Aerzte griffen zu wie Henker.\nManchmal umschwirrten ihn Bestimmungen:\nwas tatst du? Du! Wen wecktest du?\nDie Feinde, unter denen er hier lebte, wann\nwürden sie das Seil knüpfen .... die Klinge\nheben . . . das Gift gießen?\nBegräbnisse fuhren stündlich durch sein Ge-\nhirn. Er schritt hinter seinem eigenen Sarge\neinmal.\nUnd als er sah, wozu er geholfen hatte, dachte\ner: grade das Gegenteil wollte ich.\nDas Fieber aber war stärker als der gepfählte\nWillen. Es zerstäubte ihn völlig. Wie Töne eines\ndunklen Spieles. Schmerzen des Wachen rissen\nsie fort.\nAn einem Sonntage kam Piet zu Besuch. Jon-\nsen richtete sich auf. Aus dem gebürsteten Sonn-\ntagsrock des Kameraden kam ihm ein lieber Ge-\nruch zugeweht.\nPiets Stimme machte einen brutalen Griff:\n„Daß Du auch so ein Tölpel sein mußt. Warum\nhast Du das nicht dem Steiger überlassen? Lag\nder hier, wäre die Gruft nicht offen. Nun sind wir\ndrinn. Acht Tage haben wir gebraucht, um den\nSumpf zu stopfen. Aber weißt Du, der Satan ist\nimmer noch da. Sowas riecht man doch. Die\nandern ja gewiß nicht. Aber weißt Du, eine Kohle\ngibt es . . . o . . . eine Kohle ... die Kerle habe»\nnoch nie so verdient. Und Du mußt hier nun\nfaulenzen! Na, es geht doch besser? Wjas?\"\nPiet beugte sich herab. Sein langer Bart\nkitzelte Jonsens Ohr. Sein Atem war geschwän-\ngert vom Geruch der Gruft. So schien es Jonsen.\nUnd dieses Fühlen von Verwestem, das durch\nseine Wachträume gerast war, solange er hier lag,\nließ ihn zurückschaudern von der Berührung mit\nden Händen Piets.\nAber Piets Hände waren wie Eisenklammern.\nWie Zangen. Und griffen zu.\nEr saß eine Viertelstunde auf dem Matratzen-\nrand Jonsens. Der Abend brach weißgelb herein.\nTodbereite und Genesende dieses Saales freuten\nsich daran. Beflügelung ihrer Atemzüge klang wie\nVogelgezwitscher. Urteile waren aufgehoben. Hoff-\nnungen stiegen strahlend und standen real.\nJonsens Blut allein ging träge. Manchmal setzte\ndas Herz ganz aus. In diesen Augenblicken der\nabsoluten Leere nickte der kahle Schädel Piets in\nsein Bewußtsein hinein wie die Fratze eines Ske-\nlettes. Er hatte sicher noch Wundfieber. Dena\ner schrie plötzlich auf.\nPiet sprang wie gestochen empor und rief die\nWärterin.\n„Sie haben den Jonsen behext,\" schrie sie wut-\nkreidig auf und stand wie ein Panther geduckt vor\nihm.\nPiet drehte die Mütze in den schwitzigen Hän-\nden und ging langsam rückwärts zur Tür. Die\ngroßen Ohren, die von seinem Kopf weit abstan-\nden, bogen sich wie krumme Hörner vor.\n„Satan! Satan!\" bellte da Jonsen und war mit\neinem Satz aus dem Bett. Aber die Beine hielten\nihn nicht und warfen ihn platt auf den Boden.\nMan mußte ihm die Zwangsjacke anlegen. Vier-\nzehn Tage währte das Delirium. Die schwarze\nFahne des Todes und die rote des Wahnsinns um-\narmten sich.\nDoch das Dickträge des bäurischen Blutes hielt\nsich wie ein Wall. Das Gift schrumpfte einschlä-\nfernd zurück.\nIV\nMitten im Winter warf man den wieder ge-\nsunden Jonseil aus dem Spital. Die Schlacken-\nhalden glänzten wie blaue Schneeberge. Vom För-\nderturm rutschten die Seilbahnen wie Gletscher.\nDen Häusern waren greise Bärte gewachsen von\nden Dächern. Fenster schauten blind wie aus wei-\nßen Wimpern.\nJonsen ging lahm auf einen derben Stock ge-\nstützt. Der Schimmelwirt nahm ihn wieder auf.\nJonsen schuldete diesem bierseligen Faulenzer\nnoch achtzig Franc. Die sollte er abarbeiten. Ein\nLahmer ist immerhin noch als Nachtwächter nütz,\nhieß es auf der Gewerkschaft. Jonsen bemühte\nsich um diesen Posten. Aber er dachte sich fast\nwiderwillig auf die Grube. Noch waren Pläne da,\ndie harrten. Seine Organe betrogen ihn nicht.\nSeine Ohren hörten lange die Melodie des wieder-\ngewordenen Frones und griffen danach. Richtete»\nsie auf und verdrängten andere Associationen. Ge-\nwesenes zeigte sich in neuer Gestaltung. Alles\nSeiende vermochte nichts mehr zu gestalten. Der\ndünne Strich Verzicht war nur noch ein kaum ge-\nsehener Punkt.\nNach dem Abendessen sagte der Wirt zu Jon-\nsen: „Daß die Gruft sich wieder aufgetan hat, weißt\ndu wohl? Zwanzig Kerle hat sich der Satan ge-\nholt. Schade um den Piet. Es war ein schönes Be-\ngräbnis. Die Knappen von Ronsdael und Saint\nLeger waren mit ihren Fahnen gekommen.\"\nEs war etwas Gebieterisch-Entsetzliches in die-\nser grauenhaft nüchternen Rede des Berichtes-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "196", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.4", "texte": "Feuer und Schwefel standen darüber und dörrten\nBlutströme.\nJonsen war aufgesprungen. Er hielt sich die\nSchläfen, die schmerzhaft hämmerten. In seiner\nKehle war kein Ton. Nur eine schwärende ver-\nklumpte Tiefe. Ein Reflex kam herauf und spiegelte\ndas Wiedersein der Greul als Meer im Gehirn.\nDas Gesicht des Schimmelwirtes hatte sich zu\neiner Grimasse breiten Lächelns verzogen. Es\nkam wie ein Pfiff: „Den Steiger haben sie einge-\nsperrt. Er soll an allem schuld sein . . . he . . he,\nhe, he.\"\nAls Jonsen die ohnmächtig gebrochenen Augen\nauf tat um einen Satz zu sprechen, sah er hundert\nGesichter. Flache, wie Fischbäuche und teerge-\nsälbt von der Schwärze der Explosion. Sie spran-\ngen ihn an mit Augen, die aus den Höhlen gesprun-\nigen waren. Heißer Atem qualmte auf und sengte\nalles Denken an.\nDer Schimmelwirt beglotzte Jonsen wie: ist der\nBengel verrückt! Hat er Fusel gesoffen? Gestoh-\nlenen Fusel.\nSo quälte er Jonsen und hatte den Heiligen-\nschein Luzifers mit einemmal.\nDa riß Jonsen eine Flasche vom Tisch und\nschlug sie dem Wirt in die Fratze. Säufer und\nWeiber strömten zusammen.\nJonsen wollte laufen. Hinunter in die Gruft. Zu\nPiet — zu Piet — und weiter\nDer Gendarm aber legte ihm blanke Handeisen\nfest um die Gelenke.\n\nDer Weg\ndurch die Nacht\nAage von Kohl\nRoman\nIlöchst sonderbar, dachte er unwillkürlich\nwährenddessen, mit den Augen beständig alles ab-\nsuchend, woran er vorüberkam —: Ja, wie merk-\nwürdig ist doch das Leben: zwei Jahre lang ist\nmir sozusagen nicht das Geringste begegnet, das\nin irgendwelcher Art nennenswert war, über das\nhinaus, was meine Arbeit anbetrifft — und jetzt\nplötzlich, heute, kommt es mir vor, als wenn das\nRätselhafteste von allem möglich sei! Oder noch\nmehr: als ob überhaupt nur das Unmögliche mög-\nlich sei!\nEr bog gleich darauf links in eine breitere\nAllee ein, ging von nun an langsamer vorwärts —\nkonnte weniger Schritte weiter schon die Laterne\nder Pforte erkennen, fühlte sich mit einem Ruck\nvollkommen beruhigt und merkte da, daß er hun-\ngrig, wie auch durstig war — beschleunigte des-\nwegen seinen Gang.\nAber, sage mir doch, grübelte er halbwegs\nscherzend weiter, indem er nun endlich ganz ver-\nstand was eigentlich vorhin auf der Rotunde vor\nsich gegangen war —:\nSage mir doch, war es nun wirklich das kleine\nMädchen, von dem mir der Aufseher erzählt hat,\ndas ich vorhin sah, was dann? Wie war es doch\nnur: Er sagte ja, daß einem etwas wunderbar\nGutes zuzustoßen pflege, am Tage nachdem man\nihr begegnet sei!\nWas kann es also sein, was meiner morgen an\nSchönem harrt? . . .\nEr lachte ein wenig, durchschritt im selben\nAugenblick das Tor, wo ein uniformierter und\nschwarzbärtiger Mann schon im Begriff war, die\ngroßen Flügel zu schließen —:\n„Sie müssen sehr entschuldigen!\" — sagte Mor-\nton lächelnd und grüßte —:\n„Ich habe mich ein klein wenig verspätet!\nEs soll nicht wieder vorkommen!\nGute Nacht!\"\n111\n„Professor von Geer sitzt schon seit ungefähr\neiner Stunde da drinnen und wartet auf den\nHerrn!\" — meldete Mortons Haushälterin, als er\neinige Minuten vor zehn zu Hause angelangt war.\nGlaß wandte sich sinnend nach ihr um, während\ner Hut und Stock weghängte —:\n„von Geer\" — fragte er — „fast eine Stunde,\nsagen Sie — was kann er nur wollen?\nZu dieser Zeit des Abends!\nDanke!\"\nMit einem kleinen, freundschaftlichen Nicken\nging er an Frau Brügge vorüber, blieb unmittelbar\nhinter ihr stehen und wandte mit einem Ruck den\nKopf nach ihr um —:\n„In einer Viertelstunde\" — sagte er — „möchte\nich gern meinen Tee serviert haben!\nSie können für Zwei decken!\nDanke schön!\"\nNoch einen Augenblick stand er zögernd da.\nlief dann entschlossen die breite, weißlackierte\nWendeltreppe hinauf, die zu den oben gelegenen\nSchlafräumen führte — kehrte ein paar Minuten\ndarauf zurück, sich die Hände reibend und trat\nlächelnd in sein Arbeitszimmer —:\n„Guten Abend, Professor, es tut mir leid, daß\nSie haben warten müssen!\" — er ging vor dem\nelektrischen Licht blinzend mit ausgestreckter\nHand auf den andern zu.\nDie sehr geräumige Stube mit den drei Fenstern\n— deren Scheiben in diesem Augenblick hinter\nhellen Spitzenvorhängen verborgen waren, und die\nnach Süden, nach dem Vorgarten hinaussahen —\nwar an allen Wänden mit Büchern bekleidet.\nMitten in der Stube stand ein außerordentlich um-\nfangreicher, dunkelgebeizter Schreibtisch aus\nEichenholz; auf der großen Mappe mit Löschpa-\npier lag ein dickes, eingepacktes und versiegeltes\nManuskript. Diesseits des Tisches ein schwerer,\ngeschnitzter Schreibtischstuhl — jenseits, nach den\nFenstern zu, ein tiefes, gepolstertes Sofa mit einer\nschwellenden Rücklehne längs des Randes der\nTischplatte. Ein schwerer, kupferner Kronleuchter\nmit vielen Flammen hinter opalisierenden, zylin-\nderförmigen Kuppeln hing von der Decke herab,\nverbreitete sein milchiges, reiches Licht über das\nZimmer, glühte in den roten Tapeten über dem\nBücherbort, sprühte Funken in den vielen, blanken\nGegenständen auf dem Schreibtisch, lohte auf in\ndem breiten, goldenen Rahmen um das lebensgroße\nGemälde von Annie, das links an der Wand hing.\nvon Geer, der dort am Fenster in einem großen\nLehnstuhle gesessen hatte, in einigen Heften blät-\nternd, die vor ihm auf dem Lesepult lagen, erhob\nsich mit einem Satz, war offenbar einen Augen-\nblick unsicher, ging ihm darauf hastig entgegen —:\n„Ich bin es, der Sie um Entschuldigung bitten\nmuß,\" — sagte er mit einer Stimme, die Morton\nplötzlich ganz anders zu klingen schien als sonst\n—: „erstens, weil ich zu Ihnen zu einer so wenig\ngeeigneten Zeit komme!\nZweitens\" — fügte er mit einem kurzen Lachen\nhinzu, während er zu den Zeitschriften hinüber-\nnickte, in denen er gelesen hatte — „weil ich so\nungeniert getan habe, was ich konnte, um mir die\nZeit zu vertreiben!\"\nMorton lachte zuvorkommend, machte eine Be-\nwegung mit der Hand — und einen kurzen Mo-\nment standen er und der Professor schweigend\nda, gleichsam unsichtbar getrennt durch irgend\netwas, was im Anzug war.\n„Wollen Sie nicht wieder Platz nehmen!\" —\nfuhr Glaß fort, indem er auf den Stuhl zeigte, den\nder andere soeben verlassen hatte.\n„Danke schön!\" erwiderte von Geer mit einem\nKopfnicken, blieb aber trotzdem aufrecht stieben,\ndicht vor Morton; er atmete unregelmäßig und\nan seinen Lippen war ersichtlich, daß er heftig\nbemüht war, die Sätze zu formen, in die er das\neinkleiden wollte, was ihn offenbar hierher ge-\nführt hatte —:\n„Ja,\" — fuhr er dann schließlich schnell fort,\nstrauchelnd — „ich komme ... ich komme in\neinem bedeutungsvollen und keineswegs angeneh-\nmen Anliegen hierher, Sie müssen sehr verzeihen!\nIch komme nicht allein, wenn ich mich so aus-\ndrücken darf, qua Oberarzt meines Hospitals ...\nsondern zugleich und hauptsächlich als — als Ihr\nvieljähriger Bekannter oder vielleicht darf ich mich\ndes Wortes Freund bedienen!\" — Er hielt jäh\ninne, steckte plötzlich die rechte Hand in die\nTasche seines Beinkleides, zog sie hastig wieder\nheraus, öffnete den Mund — zögerte von neuem.\nMorton lachte wieder, ausglättend und ge-\ndämpft, mußte währenddessen auf einmal an das\nkleine Mädchen von da draußen denken, an das\nkleine Mädchen des Aufsehers mit dem Geschenk\n— umfaßte mit einem schnellen Blick die hohe,\nbreitschultrige Gestalt des andern, die in diesem\nAugenblick eine gewisse verlegene Haltung und\nAchselbewegung hatte; den zu sehr wechselnden\nAusdruck des bärtigen Gesichts; eine auffallende\nUnruhe der Hände . . . und Glaß überkam darauf,\nnoch in derselben Sekunde, in der diese ganze\nUntersuchung begonnen hatte und beendet war,\neine rätselhafte und tiefe Vergewisserung dar-\nüber, was die Absicht dieses Besuches war.\nEs entstand eine plötzliche, vollkommene Ruhe\nin ihm, gleichsam Todesstille —:\n„Sie sind also doppelt willkommen!\" — sagte\ner und erhob den Kopf mit einem Lächeln; er\nzeigte gleichzeitig von neuem auf den Stuhl, öff-\nnete darauf den Deckel eines kleinen, silbernen\nKastens, der auf dem Arbeitstisch mit Zigaretten\nangefüllt stand, und schob ihn dem Professor näher\nhin — „nicht wahr, so weit ich mich entsinne,\nrauchen Sie keine Zigarren!\nBitte schön, wollen wir nicht . . .!\"\nEr strich ein Streichholz an, gab dem andern\nFeuer, zündete dann selbst eine Zigarette an, zog\neinen Stuhl herbei und setzte sich —:\n„Was für ... unangenehme Sache» können\nes nur sein, die Sie mir zu sagen haben?\" — fragte\ner lächelnd.\nEr hatte sich ein wenig in seinen Sitz zurück-\ngelehnt und stützte den linken Ellenbogen gegen\nden Rand des Schreibtisches. Ihm gerade gegen-\nüber drei oder vier Schritt von ihm, in dem nie-\ndrigen Lederstuhl vor dem mittleren der drei\nFenster hatte der Professor Platz genommen; die\nLeselampe, die auf dem Pult stand, warf ihren\nSchein voll auf sein Gesicht, ließ die Haare in dem\nspitzen, grauen Kinnbart wie Eisen schimmern;\nkleine Schweißtropfen perlten auf der breiten und\nhohen Stirn. Alles in allem, dachte Morton, be-\nständig sonderbar kühl und still inwendig —\nalles in allem ein außerordentlich kluges und oben-\ndrein ein liebenswürdiges, kurz, ein besonders an-\nziehendes Gesicht hat dieser Mann!\n„Sehen Sie,\" — begann von Geer im selben\nAugenblick langsam; er saß etwas gespreizt auf\nseinem Stuhl, die linke Hand auf dem Knie, beugte\nsich nun ein klein wenig vornüber, starrte seine\nZigarette an —: „wir haben vor ungefähr vier-\nzehn Tagen einen Patienten auf Veranlassung des\nKriminalgerichts zugeschickt bekommen! Sie er-\ninnern sich vielleicht, seinen Namen in den Zei-\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "197", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.5", "texte": "Tungen recht häufig im Laufe der letzten Wochen\ngesehen zu haben!\nEr heißt Karl Mumme!\"\nQlaß schüttelte nachdenklich den Kopf —:\n„Nein, das habe ich nicht!\"\n„Also nicht!\" — fuhr der andere fort, schein-\nbar ein wenig enttäuscht —:\n„Ja, ich könnte ja an und für sich nur von\nHerzen wünschen, daß wir alle zusammen so ver-\nnünftig gewesen wären!\nDann könnte es doch vielleicht einmal nach\nVielen Jahren möglich sein, zu erreichen, daß sich\ndie Zeitungen diese abscheuliche Manier, die sie\nhaben, abgewöhnten — Spalte auf Spalte mit der-\ngleichen Gräßlichkeiten anzufüllen!\nEine ekelhafte Angewohnheit, die auf alle Fälle\nnur Schaden anrichtejn kann, indem sie das\nPublikum entnervt, und zugleich auch dem Ge-\nricht den ruhigen Ueberblick erschwert — und\ndie, bei der Sache, auf die ich hier angespielt\nhabe., übrigens auch der eigentliche, treibende\nGrund dazu ist .. . daß Sie mich hier heute\nüberhaupt sehen!\" — Er hatte sich erhoben, stand\njetzt mit gerunzelter Stirn da und strich die\nAsche von seiner Zigarette —:\n„Nein,\" — fuhr er fort und sah auf, diesmal\nmit einem forschenden und freundschaftlichen Blick\ndie Augen des andern suchend — „ich komme, in\nWahrheit, um Ihnen im voraus einen Wink zu\ngeben — das hielt ich für das Richtigste mit\nRücksicht auf die . . . für Sie so delikate Natur\nder Sache, wenn Sie verzeihen! Natürlich doch\nmit Zustimmung des Richters — und mit der Sei-\nner Exzellenz des Herrn Justizministers, die wir\nuns noch heute abend auf telephonischem Wege\nverschafft haben.\nJa.5\nSo wie sich die Verhältnisse heute gestaltet\nhaben, hat man es nämlich für notwendig erachtet,\nSie aufzufordern, sich morgen vormittag gütigst\ndraußen im Hospital einzufinden, damit die-\nser Karl Mumme mit Ihnen . . . mit Ihnen kon-\nfrontiert werden kann . . . ja, Sie müssen ent-\nschuldigen, wenn das forensische Vokabularium\nin meinem Munde vielleicht weniger korrekt an-\ngewandt wird.\nSie verstehen —: es liegen gewichtige Gründe\nvor zu der Annahme, daß er es ist, von damals,\nda drüben .... mit .... Ihrer Frau Gemah-\nlin . . .!\"\n„So, er ist es!\nKarl Mumme?!\" — wiederholte Morton, ohne\nes selbst zu wissen. Er saß noch immer in der-\nselben Stellung da; mit einem sonderbaren,\ngleichsam abwesenden Staunen, beobachtend:\nstatt diese Mitteilung mit vollkommener Ruhe\naufzunehmen, weil er ja im voraus ihren Inhalt er-\nraten hatte und gewußt, daß sie kommen würde —\nstatt dessen ward er im innersten Innern rätsel-\nhaft erregt, gerade durch diese Bestätigung sei-\nner Ahnung von vorhin. Er fühlte auf einmal\nein heftiges Zittern, wie eine außerordentlich\nschnelle Reihe von kleinen, harten, schmerzenden\nSchlägen durch seine Knochen laufen: von den\nLenden bis hinab in beide Füße — und im selben\nAugenblick ergriff ihn eine erstickende, eine alles\nüberwältigende Angst davor, daß dies gewaltsame\nZittern von dem andern beobachtet werden\nkönnte; deshalb beugte er mit einem unmerk-\nlichen Ruck, mit wild hämmerndem Herzen sein\nGesicht ein klein wenig vornüber, starrte atemlos\nauf seine Beine hinab; und als er gleich darauf\nbeobachtete, daß auch nicht das geringste bemerkt\nwerden konnte* daß die lange scharfe Falte in den\ngrauen Beinkleidern rechtlinig und unbewegt wie\nvorhin von seinen Stiefeln hinauflief, — erst da\nward er mit einem tiefen Atemzug wieder wenig-\nstens teilweise anwesend —:\n„Karl Mumme?\" — wiederholte er nochmals,\nbeschwerlich ein Grübeln vortäuschend, mit klin-\ngenden Ohren und einem Gefühl tief drinnen in\nden Kinnbacken, als würden seine Zähne krei-\nschend gegeneinander geschraubt —:\n„Ei, ei! So haben sie ihn also doch schließlich\ngefangen!\" — und er fuhr fort, noch ohne seine\neigene Stimme vernehmen zu können, seine Ner-\nven überanspannend, seine Blicke starr auf das\nrechte Auge des andern richtend, darauf loszu-\nreden, um seine Beherrschtheit wieder zu er-\nlangen —:\n„Darf ich Sie fragen, Herr von Geer, wie dies\nalles denn vor sich gegangen ist?\nWie ist man nur auf den Gedanken gekommen,\ndaß ... er ... es sein soll?\nWoher stammt er?\nWer ist er?\"\nDer Professor, der am Schreibtisch stand, die\nKnöchel der beiden haarigen, kurzen Hände auf\ndie Platte gestützt, nickte mit dem Kopf, offenbar\nerleichtert durch die Ruhe, mit der Glaß Morton\nden zentralen Inhalt seiner Mitteilung hingenom-\nmen hatte —<:\n„Die Sache ist die,\" — begann er, mit einem\nkleinen schmatzenden Laut an seiner Zigarette\nsaugend, hin und wieder in seinem Bericht inne-\nhaltend, um einen Mundvoll Rauch hinunter-\nschlucken zu können —: „um mit der Einleitung\nanzufangen, daß ja — was Sie also nicht in den\nZeitungen gelesen haben — vor ungefähr vierzehn\nTagen drüben im Südwalde um die Abendzeit ein\nAttentat ganz ähnlicher Art verübt wurde, wie das\nan Ihrer Frau. Aber diesmal mißlang es ja, Gott\nsei Dank, gänzlich. Wie das Nähere zuging, weiß\nich nicht — aber schon bei dem aller-\nersten Schrei der betreffenden Dame eilten\neine Menge Menschen hinzu, einige junge\nLeute aus dem Handelsstande, die zufällig\nin der Nähe waren — aber die der Täter\nnicht sehen konnte, teils weil es dunkel war und\nteils infolge der Terrainverhältnisse. Nun, aber sie\nstürzen also auf ihre Hilferufe herbei, sie liegt\nschon an die Erde geschleudert, der Kerl mit dem\nblitzenden Messer über ihr — und sie tun da, was\njedermann tun würde, sie werfen sich rasend über\nihn, ganz schonungslos — um so mehr, als er oben-\ndrein versucht, die Klinge auch ihnen gegenüber zu\ngebrauchen, ein Riesenkerl an Kräften ist er noch\ndazu, volle drei Ellen hoch, mit Schultern wie aus\neiner andern Welt und ein paar Fäusten aus Eisen\n— aber sie übermannen ihn doch schließlich, die\nPolizei kommt endlich herbei, und da zeigt es sich,\nohne daß wir volle Klarheit darüber erhalten kön-\nnen, wer oder wie, daß der eine von den jun-\ngen Menschen mit seinem Stock das linke Auge\ndes Burschen recht ernsthaft beschädigt haben\nmuß — wenn man auch, infolge der Dunkelheit\nund der Erregung und einer recht reichlichen Blu-\ntung, der Wiunde von Anfang an kein weiteres Ge-\nwicht beilegte! Erst auf der Polizeistation wurde\nein Arzt herbeigerufen, es sah schlimm aus, Sklo-\nratikon an der ganzen linken Seite gesprengt, die\nMuskel an dieser Stelle vollkommen zerrissen, und\nso weiter! kurz und gut, wir bekamen ihn noch in\nderselben Nacht ins Hospital; und seitdem ist die\nBesserung gut vorwärts geschritten, sogar recht\ngut, wenn auch natürlich sein Zustand eine weit-\ngehende Achtsamkeit erfordert (das Sehvermögen\nist leider auf dem betreffenden Auge vollkommen\nverloren) und es wird noch eine geraume Zeit ver-\ngehen, bis er eventuell als geheilt entlassen werden\nkann! ...\n- So weit Karl Mumme!\nWas nun die andere Seite der Angelegenheit\nbetrifft:\nNun ja, ich will nicht genauer präzisieren, aus\nwelchen zum Teil recht komplizierten Gründen\nAssessor Delitsch — in dessen Händen die Sache\nliegt — schon ein paar Tage nach der Verhaftung\ndes Mannes zu einer inneren Ueberzeugung ge-\nlangte, daß wir hier endlich des . . . Mörders Ihrer\nFrau habhaft geworden sind! Er äußerte damals\nin einer privaten Unterredung mit mir diese An-\nsicht und ist seitdem nach verschiedenen Rich-\ntungen hin bemüht gewesen, sich Material für eine\nspätere Beweisführung zu beschaffen — hat aber\nselbstverständlich, dem Verhafteten direkt gegen-\nüber, bisher nichts Erhebliches vornehmen können,\nin Anbetracht der Rekonvaleszenz des Mannes.\nNicht wahr, Sie wissen sicher im voraus, daß\nheutzutage, mit Recht, ein Patient — ja, ganz ein-\nfach ein Patient ist!\nSo lange sich Karl Mumme noch in meinem\nBereich befindet, existiert für mich nur eine ein-\nzige Verpflichtung: ihn gesund zu machen — ergo\nihn auch radikal gegen jegliche Einwirkung zu\nschützen, sei sie physischer oder psychischer Art,\ndie möglicher Weise meine Aussicht verringern\nkönnte, meine Aufgabe ihm gegenüber mit Erfolg\ndurchzuführen.\nJa, aber hier — haben nun die Zeitungen ein-\ngegriffen, und zwar auf eine solche Weise, daß\nauch ich keinen Ausweg mehr erblicke!\nWie dies übrigens zugegangen ist, begreife ich\nnicht — aber irgendwie haben tatsächlich die\nHerren Referenten einiger unserer größten\nBlätter vor einer Woche Wind von Assessor De-\nlitschs Theorien bekommen — und haben natür-\nlich nicht schweigen können! Die Sache hat in\neinem sich steigernden Grad Aufsehen erregt —\nhat in gewissen hochstehenden Kreisen gleichsam\neine Art Panik hervorgerufen; und im Augenblick\nist — allerdings noch ohne daß (aus leichtfaß-\nlichen Rücksichten) Ih r Name genannt wurde —\nwirklich ein außerordentlich starker Druck auf das\nJustizministerium und auf mich ausgeübt — ein\nso starker, daß wir schließlich haben nachgeben\nund mit aller Macht den Gang der Untersuchun-\ngen haben fördern müssen! Ich habe, mit andern\nWorten, erlauben müssen, daß im Laufe der letzten\nvier Tage zwei kurze — und so weit tunlich scho-\nnende — Verhöre drinnen im Zimmer des Patien-\nten abgehalten worden sind! Und bei dem letzten\ndieser Verhöre, vorgestern, wurde Delitsch seiner\nSache so gewiß, daß er andeutungsweise, recht\nindirekt und verdeckt, Mumme gegenüber auf die\nGeschichte von da drüben her, vor zwei Jahren,\nanspielte — im übrigen in meiner Anwesenheit;\nund wir ersahen alle beide unzweideutig aus dem\nWesen des Burschen, daß kein Zweifel darüber\nherrschen konnte, daß der Pfeil getroffen hatte:\ner ist es wirklich!\"\nvon Geer schwieg einen Augenblick.\nEr warf den Zigarettenstummel weg, griff nach\neiner neuen Zigarette, strich ein Streichholz an,\nvergaß anzuzünden, wandte sich mit einem Ruck\nnach Morton um —:\n„Lieber Freund,\" — sagte er schnell, indem er\nseinen Blick suchte, plötzlich mit einer unsicheren\noder bewegten Stimme — „glauben Sie mir, ich\nbegreife vollkommen, wie außerordentlich . . . .\nwie grenzenlos peinlich dies alles hier für Sie sein\nmuß!\nNatürlich war es ja im voraus einleuchtend\ngenug — schon infolge der unglückseligen Art und\nWeise, wie Frau Morton ums Leben kam (du\ngroßer Gott, was würde ich nicht dafür geben,\nwenn es auch damals, mit ihr, mißlungen wäre)\n— daß hier, noch weniger als unter anderen Ver-\nhältnissen die Rede davon sein konnte, daß Sie, so"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "198", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.6", "texte": "wie ehemals die Chevaliers, mit eigener Hand ver-\nsuchten, sich die einfache und menschliche, ja viel-\nleicht die naturnotwendige Genugtuung zu ver-\nschaffen — nach der wir Männer wohl allesamt\nim tiefsten Innern unserer Herzen Hunger fühlen,\nwenn das Teuerste, das wir haben, überfallen und\ngetötet wird! Und selbstverständlich ja\nauch die beiden langen Jahre, die seit damals ver-\ngangen sind, längst den Gefühlen, die Sie damals\ndiesem Unmenschen gegenüber beseelten, den\nstärksten Stachel abgebrochen! Aber, nicht wahr,\nSie verstehen mich: es scheint mir trotzdem\nwenigstens ein winzig kleines Körnchen Trost in\ndiesem meinem verhängnisschweren Gang zu\nIhnen zu sein — daß ich weiß, ich bin es, der als\nerster Ihnen die befriedigende Nachricht bringt,\ndaß der Schurke nicht für immer seiner Strafe\nentgangen ist! Daß Ihre Frau, wenn auch spät, er-\nlangen wird —■ was zu fordern sie ein Recht\nhatte!\"\n„Jawohl!\" — sagte Morton mit einem Kopf-\nnicken — „Ich erkenne das alles im vollsten Maße\nan!\nIch danke Ihnen von ganzem Herzen!\"\nAber gleichzeitig dachte er verwundert, noch\nimmer und auf rätselhafte Weise gleichsam halb-\nwegs abwesend von dem Ganzen, gleichsam drei-\nviertel bewußtlos, innerlich —: Du Allmächtiger,\nWie sonderbar doch diese Menschen sind, höchst\nmerkwürdig von Anfang bis zu Ende! Hier kommt\nnun dieser Professor, in gleichem Maße ein vorzüg-\nlicher Chirurg, ein ausgezeichneter Familienvater,\nein glänzender Gelehrter und ein liebenswerter\nMensch, der um keinen Preis einer Katze ein Leid\nantun würde — er steht hier und fordert mich un-\nverschleiert auf, darüber befriedigt zu sein, daß\neinem wildfremden Manne das Auge ausgestochen\nist, der nun obendrein noch große Aussicht\nhat, daß ihm sein Kopf abgeschlagen wird, wenn er\nnicht vorher an seiner Wunde stirbt! Du großer\nGott, was in aller Welt geht Karl Mumme mich an\n— wie ist es möglich, daß dieser aufgeklärte\nMensch da mir allen Ernstes einreden will, erstens,\ndaß Karl Mumme mejine Frau hat totschlagen kön-\nnen — und zweitens, daß es mich trösten kann,\nwenn auch natürlich nur in einem passenden hu-\nmanen Grade, daß er jetzt auch selbst im Begriff\nist, von hier zu verschwinden! Alles miteinander\nabenteuerlich von Anfang bis zu Ende! — Und\nübrigens, grübelte er weiter, selbst unter allen die-\nsen sinnlosen Voraussetzungen, was sollte ich\nwohl draußen in dem Hospital . . » aber vielleicht\nkann ich darüber nähere Aufklärung erhalten,\nwenn ich frage!\nEr erhob also erwartungsvoll das Gesicht und\nwandte es dem andern zu —:\n„Ich danke Ihnen herzlich!\" — wiederholte er\n— „obwohl ich übrigens nicht ganz klar einzu-\nsehen vermag, was für ein Vorteil es wohl sein\nkann, den sich die Polizei — oder der die Verhand-\nlung führende Professor — von einer eventuellen\nBegegnung zwischen . . . diesem Menschen und\nmir verspricht.\nEine Begegnung, die, das gestehe ich aufrichtig,\nmir im höchsten Grade unangenehm sein würde.\nWas Sie sicher verstehen können!\"\n„Rein menschlich gesehen: ja, durchaus, selbst-\nverständlich!\" — erwiderte der Professor mit Leb-\nhaftigkeit — „aber rein bürgerlich, juristisch, krimi-\nnalrechtlich, wenn Sie wollen: nein, ganz und gar\nnicht!\nAber es ist vielleicht,\" — fügte er mit einem\noffenen Lächeln hinzu — „es ist vielleicht von\neinem Dichter zu viel verlangt — noch dazu von\neinem so idealdenkenden Dichter wie Sie —, daß\nSie Ihre Aufmerksamkeit in gleichem Maße, lassen\nSie mich sagen, in gleich kleinlichem Maße auf De-\ntails von ausschließlich staatsbürgerlicher Art rich-\nten — so wie wir andern dazu gezwungen sind!\nUnd doch werden Sie zweifelsohne das Berech-\ntigte in dem Wunsch begreifen können, den das\nGericht — im Augenblick durch mich — an Sie\nrichtet: indem nämlich die moralische Wirkung des\nAnblicks des Mannes, dessen Frau er so schänd-\nlich gemordet hat, nach aller menschlichen Berech-\nnung dem Mörder ein Geständnis abnötigen kann.\nWas ja, unbestreitbar, in eminentem Grade von\nWert ist!\nVielleicht nicht zum mindesten, wenn man be-\ndenkt, daß die Angelegenheit damit ein für allemal\naus der Welt geschafft ist! Vielleicht zum Glück\nund Wohl für verschiedene künftige Gefangene, die\nauf die genannte Weise davor bewahrt sein wer-\nden, daß wenigstens der, Verdacht ohne eigene\nSchuld an ihnen haften könnte! Nicht wahr — Sie\nhaben natürlich selbst dasselbe gedacht?\nAber endlich, als das letzte und wichtigste Argu-\nment — bitte ich Sie, sich des außerordentlichen\nAufsehens zu erinnern, das jene Begebenheit ja\ndamals vor zwei Jahren in sämtlichen Schichten\nder Gesellschaft erregte. Ein Aufsehen, das infolge\nder hervorragenden Stellung, die Sie in der\nLiteratur der Gegenwart einnehmen, sich über\ndas ganze Land und auch weit über seine\nGrenzen hinaus verbreitete! Sie entsinnen sich\nsicher auch noch der heftigen — und insofern be-\nrechtigten Angriffe, die unsere Zeitungen viele Mo-\nnate hindurch gegen die Polizei richteten, weil sie\ntrotz der eifrigsten Anstrengungen kein Glück da-\nmit hatte, Frau Mortons Mörder zu finden! Kurz,\nich glaube, daß Assessor Delitsch mit den Worten,\nmit denen er m i r die Situation auseinandersetzte,\nins Schwarze getroffen hat —: daß nämlich das\nRechtsbewußtsein des ganzen Volkes, die Rechts-\nsicherheit selbst von Ihnen das Opfer erfordert —\ndas Opfer Ihres Erscheinens!\"\n„Ich werde kommen!\" — erwiderte Morton, in-\ndem er sich abermals unbestimmt über das alles\nwunderte: über sich selbst, über die Rede des Pro-\nfessors soeben, und über diesen merkwürdigen Be-\ngriff eines Rechtsbewußtseins, das, nach dem, was\neben gesagt war, bei der ganzen Nation mächtig\ngestärkt werden würde, falls Glaß Morton sich be-\nreit erklärte, aktiv daran teilzunehmen, daß Karl\nMumme gefoltert wurde —> wenn auch nur mit\npsychischen Daumenschrauben — bis er gestand!\nJa, höchst eigentümlich waren diese Wesen, die\nbeständig, trotz der widersprechenden Erfahrun-\ngen von Jahrtausenden, steif und fest glaubten,\nerneute Gewalttätigkeit sei die Wunderkur\ngegen jegliche Art Gewalttätigkeit! ...\nvon Geers Gesicht hatte sich indessen wieder\naufgeklärt; er knöpfte jetzt seine hellgraue Jacke\nauf, entnahm der Brusttasche einen blauen Brief-\numschlag, den er darauf, nicht ohne einen Anstrich\nvon Erleichterung und doch mit einem guten Teil\nFeierlichkeit, auf den Schreibtisch niederlegte —:\n„Ich lege hier,\" — sagte er, während ein Lä-\ncheln hinter dem Bart hervorbrach — „die schrift-\nliche Vorladung hin, auf die ich Sie ja nur vor-\nbereiten sollte — und deren rein dienstliche Form\nzu mildern mein Auftrag war.\nMorgen, Sonnabend, vormittags um zehn Uhr\n— Zimmer siebenunddreißig, Pavillon C in meinem\nHospital!\nDie Sache ist ja, wie ich Ihnen bereits erzählte,\naußerordentlich dringend!\" — Er gab den läng-\nlichen, blauen Brief noch einen kleinen Knips mit\neinem Nagel, schob darauf die Hand in seine Hosen-\ntasche, klingelte mit seinem Schlüsselbund, be-\nmerkte plötzlich, daß er kalt rauchte, strich sich ein\nZündholz an —:\n„Ich erlaubte mir vor einem Augenblick\" —\nbegann er darauf, jetzt in einem andern Ton ali\nbisher — „ehe Sie kamen, Ihre Bücher ein wei*>£\nanzusehen!\nEine vortreffliche Sammlung und außerordent-\nlich vielseitig!\nMein flüchtiger Ueberblick ließ mich zahlreiche,\nsystematisch zusammengehörige, rein wissea-\nschaftliche Werke finden! Nicht nur aus den Ge-\nbieten, die ganz unzweideutig in naher organischer\nVerbindung mit Ihren eigenen stehen, wie Biologie,\nStaatslehre, Philosophie — aber auch weit ferner\nliegende Gebiete, Technik wie Kriminalogie.\nPsychiatrie und Sexualpathologie schienen mir\nebenso vollständig und up-to-date in Ihrer\nBibliothek vertreten zu sein,! Und ich dachte\nmit Staunen, während ich auf den dicht beschrie-\nbenen Rändern verfolgen konnte, wie genau diese\nBücher durchstudiert waren: ist dies nur eine\nEigenart bei Ihnen, ein gewisses polyhistorische«\nNebeninteresse bei Ihnen, eine Laune insofern —\noder werden heutzutage wirklich so eingehende\nund weit umfassende Kenntnisse von einem schön-\nliterarischen Schriftsteller, von einem Dichter, ge-\nfordert?!\nUnleugbar, sogar rein physisch betrachtet, ver-\nwundert es mich außerordentlich, ganz ehrlich, im-\nponiert es mir auch sehr: wie hat es Ihnen über-\nhaupt möglich sein können, einfach nur Zeit und\nKräfte zum Durchlesen eines solchen Riesenstoffe#\nzu finden — trotz Ihrer doch außerordentlich rei-\nchen Produktion?\" — Er sah einen Augenblick fra-\ngend auf und fuhr dann gleich darauf mit einem\nZucken seiner Mundwinkel fort —:\n„Ach, Herr Morton, ja, ein beneidenswertes Le-\nben — wenn man so viele Stunden täglich bei sei-\nnen Büchern bleiben könnte, Jahr für Jahr, bis z«\nallerletzt!\nNicht wahr —:\nD a haben wir ja Frieden!\nD a haben wir die vollkommene Ruhe!\nUnd d a genießen wir in vollen Zügen dies köst-\nliche Glück, das das viel zu bunte, viel zu schnei\nwechselnde Leben da draußen uns nie ganz brin-\ngen kann! Dieses einzige, was uns niemals ent-\ntäuscht, noch von uns genommen werden kann —:\ndas große, das leidenschaftslose Anschauen. Das,\nworin wir selbst und auch alles andere sick\nuns erst in dem rechten Zusammenhang zeigt!\" —\nEr lachte kurz auf, starrte gerührt die vielen Bü-\ncherborte an, machte mit dem rechten Arm eine\nbreite, runde Bewegung darauf zu —:\n„Bücher! . . .\nIch entsinne mich noch heutigentags leibhaftig\ndes allerersten Males in meinem Leben, wo ich —\nso weinte, was ihr Dichter das selbstlose, das süße\nWeinen nennt!\nIch mochte wohl damals so ungefähr dreizehn,\noder vierzehn Jahre alt sein, schon damals ein\npassionierter Leser — und da hörte ich eines Tages,\nin der Schule diese kleine Anekdote, die wir ja alle\nzusammen kennen —: von der Belagerung vo*;\nSyrakus, anno zweihundertzwölf vor Christi Ge-\nburt (Sie sehen, hahaha, ich habe nicht das Ge-\nringste davon vergessen!) — und von Archimedes,,\nder, gebeugt und grübelnd über seinen Zeichnun-\ngen im Sande sitzend, auf die Aufforderung, sofort\nzu fliehen, weil es sein Leben gelte, nur die eine\nAntwort hatte:\n,Störe nicht meine Kreise!4 ....\nHahaha!\nJa, da, auf dem Fleck, wo ich saß, krumm ge-\nschlossen in einer dieser verdammt unhygienische»\nSchulbänke, da brach ich bei diesen Worten in lau-\ntes Weinen aus, zugleich verzaubert und entzückt\nüber allen Verstand: Ja, ja, dachte ich während-\ndessen, ohne selbst so ganz genau begreifen zu\nkönnen, was ich meinte — in meinem Herzen e&"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "199", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.7", "texte": "aber nur allzu deutlich empfindend: Störe nicht\nmeine Kreise ....\nJa!\nSo war es damals]\nSpäterhin\" — fuhr er mit einem Seufzer fort,\nlächelnd, sich über den Bart streichend —•:\nSpäterhin sollte es sich zeigen, daß da — hätte\nich fast gesagt — nicht einmal soviel Zeit übrig\nblieb, um nur . . .. meine Kreise zu zeichnen, so daß\nda insofern auch nichts zu stören war! Die Privat-\npraxis eines Chirurgen heutzutage und ein Kran-\nkenhaus, dazu Frau und Kinder, ach, lieber Herr\nMorton, die drei Dinge mögen wohl imstande sein,\nselbst die ganze Zerstörung von Syrakus in das\nLeben eines Studienmenschen hineinzubringen!\" —\nEr lachte wieder, diesmal munterer als vorhin,\ntrat darauf ein paar Schritte näher an das Regal\nheran, ließ seine Blicke bewegt über die Rücken\nr'er Bücher hingleiten.\nEinen Augenblick schwiegen sie beide.\nGlaß Morton saß noch immer auf seinem Stuhl\nin derselben unveränderten Stellung.\nGanz tief da drinnen in ihm — noch tiefer als\ndies sonderbare Halbbewußtlose — war es, als\n,gäre es lautlos und heiß. Er merkte hin und wie-\nder gleichsam die schwälenden Dünste für eine Se-\nkunde von dort aufsteigen — und begann jedesmal\nneu von Kopf bis zum Fuß zu zittern. Aber\nrein äußerlich — außerhalb jener dazwischen lie-\ngenden Schicht umnebelten Zustandes, die ihm\ndas siedende Innerste verbergen sollte —\n&*anz äußerlich war er sehr bewußt und voll-\nkommen klar.\n\nFortsetzung folgt\n\nBezüge und Bezügliches\nH. W.\nDie Verleger entwickeln sich immer mehr zu\nPersönlichkeiten, während die Dichter Geschäfts-\nleute werden. Das zehnjährige Bestehen eines\nVerlags ist mindestens so wichtig wie der fünfzig-\nste Geburtstag seiner Autoren. Die Feuilletonisten\ngratulieren den Autoren, von ihrem fünfzigsten\nLebensjahre ab dürfen selbst die guten in der\nTagespresse genannt werden, die Autoren gratu-\nlieren wieder dem zehnjährigen Wunderkind, das\nsie in die Welt einführt, in der nicht gelesen wird.\nMan kann die Herren Dichter nicht mehr blamieren,\nauch die Herren Künstler nicht, als wenn man sie\num Meinungen befragt. Nun braucht zweifellos\nder Dichter und der Künstler keine Meinung zu\nhaben. Aber es stellt sich heraus, daß er sie hat\nund er stellt sich heraus als das, was er ist, ein\nschlechter Kaufmann. Seine Kunst ist nur Zucker-\nguß über einer Torte, die aus echtem Sand besteht.\nEs war eine raffinierte Enthüllungsidee, die Herren\nDichter zu befragen, was sie von dem Verhältnis\nzwischen Schriftsteller, Verleger und Publikum\ndenken. Alle, die in Kunst schwindeln, haben ihre\nmackte Seele gezeigt, die keine Seele ist, sondern\nein Rechenexempel. Einige Beispiele: Der dämo-\nnische Kravattenbedichter Hanns Heinz Ewers\nschreibt eigens aus Basel, Drei Könige: „Ich für\nmein Teil kann nur wünschen, hoffen, ersehnen,\ndaß die Beziehungen zu meinem Verleger — den\nich liebe und der immerhin noch der anständigste\nist, den ich kenne — in alle Zukunft (toi! toi! toi!)\nhöchst angenehme, scharmante und für beide Teile\nzufriedenstellende sein möchten!\" Früher liebte\ndieser Herr Ewers (toi! toi! toi!) „mein deutsches\nVolk\", jetzt hat er seine ganze Liebe auf seinen\nVerleger geworfen. So scharmant denkt ein My-\nstiker im Privatleben. Ueberhaupt auf die Liebe\nkommt es an. Ein Herr Heinrich Glücksmann, der\nlaut Katalog in vergriffenen Luxusausgaben „Fähr-\nten und Narben\" dichtet und Dramaturg, wirklich\nDramaturg des Deutschen Volkstheaters zu Wien\nist, kündet: „Für den Schriftsteller ist es hohe\nSchicksalsgunst, wenn er auf einen Verleger stößt\n(— das genügt dem Lyriker nicht einmal —), der\ndas Werk nicht als Sache, nicht als Ware nimmt,\nsondern als ein aus der Liebe geborenes, der Liebe\nbedürftiges Stück Leben, das mit zärtlich sorgen-\nder Hand auf den rauhen Wegen der Welt geführt\nund gestützt werden muß, soll es nicht sinken und\nunter die Räder geraten.\" Das ist rührend. Der\nVerleger als Kindermädchen, der die Fährten und\nNarben mit sorgender Hand vor Rädern bewahrt\nund nachher womöglich noch im reinlich geglätte-\nten Schrein die schimmernde Wolle sammelt. Der\nHerr Georg Hirschfeld hält seine Produktionen für\nein Bedürfnis. Er tut sich zu diesem Zweck mit\ndem Verleger zusammen. Herr Hirschfeld ist keine\nPersönlichkeit, der Verleger auch nicht und das\nPublikum, sagt Herr Hirschfeld, auch nicht. Da es\n„aber keine Persönlichkeit, sondern nur ein großes\nunbekanntes Entdeckerland ist, wird es von den\nbeiden Kämpfern als solches zu erobern sein, als\nReich der Möglichkeiten, als seelisches Instrument\nund vor allem als Zeitstimme.\" Das Publikum, ein\nEntdeckeriand, das als seelisches Instrument\nerobert wird, fordert allerdings den Verleger mit\nden Autor in die Schranken. Ganz schlimm aber\nhat es der Verleger mit einem Herrn Doktor Kurt\nPinthus, wenn der ihm in die Hände fällt. „Und\nder Verleger sollte seinen Autor ehren, sich um ihn\nbemühen und Zwiesprache mit ihm pflegen, denn\nMoses suchte Gott im feurigen Dornbusche und\nerklomm als alter Mann den Sinai, um die göttliche\nBotschaft zu empfangen.\" Einfacher tut es der Dr.\nGott Pinthus nicht. Er ist das Schrecklichste der\nSchrecken! „Drum auch müssen Verleger wie Hei-\nlige öfters gekreuzigt oder geopfert werden. Denn\ndas Hohe ist dem Volke unbekömmlich wie Mayo-\nnaise dem vulgären Magen.\" Dieses Gottes wegen\nmit dem Mayonaisenmagen sollte wirklich kein\nalter Mann den Sinai erklimmen. Der Herr Dichter\nSiegfried Trebitsch (Verfasser von „Wellen und\nWege\") hingegen hat Grundbeziehungen zum Ver-\nlegen „Die Grundbeziehung, die sich beim Schrift-\nsteller von selber ergibt, ist 11 u r die zum Ver-\nleger.\" Die Ursache hiervon ist die Herausgabe\nsämtlicher Werke des Herrn Trebitsch. Die besten\ndeutschen Verleger, zu denen Herr Trebitsch\nsicher den Verleger seiner Dichtungeil rechnet\n„durften oft den Triumph genießen, mit den Wer-\nken reiner und echter Geister auch jenen mate-\nriellen Vorteil zu finden, der einzig und allein\nes erleichtert, die Wechselbeziehung zwischen\nSchriftsteller, Verleger und Publikum zu schaffen,\num die Sie, geehrter Herr, sich zum Heil deutscher\nDichter und Denker oft große Verdienste erwar-\nben.\" Verdienst wird bei Herrn Trebitsch stets\ngroßgeschrieben. Dem Verdienste seine Krone und\nseinen Heller, wenn es auch mit einem Heller\nüberzahlt ist, sogar mit einer faulen Wechselver-\nbindlichkeit. Aber die Wechselbeziehung zwischen\nDichter und Verleger wird niemals reine und echte\nGeister, geehrter Herr, hervorrufen, sodaß einzig\nund allein der materielle Vorteil bestehen bleibt\nund der inmaterielle, nur die Rundfragen der\nHerren Dichter lesen zu müssen statt ihrer Fährten\nund Narben und Wellen und\n\nDrei Mädehenporträts\naus dem Türkisehen\nZelt zu Charlottenburg\nAlfred Richard Meyer\nI\nIm raschen Schritt -des Onsteps weiß ich\nplötzlich, Mädchen, dies:\nDu bist nach dreizehn Gängen eines mäßigen\nDiners von einem Kavalier verfertigt,\ngeknetet aus dem Weichen eines englischen\nKastenbrotes,\nmit Fleiß und Schweiß gekugelt,\nin das zwei Zahnstocher als schlanke Beine\neingesteckt sind,\nauf dem als fast zu großer Kopf verschrumpelt\neine Lazarettpflaume.\nMan könnte Appetit bekommen immerhin, dich\nzu verspeisen»\nwenn überall nicht noch die Spuren deines\nHerrn Vaters wären,\nso was vom Schwitzigen der Hände. Ober,\neinen Cognak!\nII\nWenn Wally (Lachs, du!) tangot, weiß sie\nnichts von Argentinien,\nobs in Australien, Asien, Afrika liegt, ist ihr\nschnurks.\nWenn Wally (Weserlachs, du!) tangot, ist sie\nbloß noch Stechkontakt.\nEs liegt an dir, die Leitung herzustellen.\nEs liegt an dir, die Sicherung nicht durchzubrennen,\nin vierundzwanzig oder zweiunddreißig Kerzen\nLicht zu sein»\ndich Osram, Wotan, A.E.G. zu nennen.\nWeh mir, daß ich im Abiturientenexamen\n„kaum genügend\" in der Physik noch hatte!\n111\nDu trittst so sauber durch die Tür wie aus\neinem Rudolf Presber-Gedieht.\nDein Augenpaar träufelt eitel Sirup.\nIn deinem Munde züngelt es von Pflaumenmus.\nSchnittlauch-Rührei quatscht in den Beuteln\ndeiner Brüste.\nWo Venus Kallipygos ihre heiligen vier Buch-\nstaben hat»\nbandst züchtig du ein Alexander Gardegrena-\ndier-Kommisbrot vor.\nDie Bügelfalten aller Portokassen straffen sich\nerregter.\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier\ngenannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits\neine Empfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte\nBücher zurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nAlfred Döblin\nDas Stiftsfräulein und der Tod / Novelle mit\nHolzschnitten von E. L. Kirchner\nVerlag A. R. Meyer / Berlin-Wilmersdorf\nElse Lasker-Schüler\nHebräische Balladen / Zweite vermehrte Auflage\nVerlag A. R. Meyer / Berlin-Wilmersdorf\nClive Bell\nArt\nLondon ,/ Chatto und Windus"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "200", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140301-01.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vo«\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durdS\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespalteae ZeU<t-\n-60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verjag\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Vor-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag;\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitsehrift Der Sturm\nBerlin W / Potsdamer StraSe 134 a\nDreiundzwanzigste Ausstellung\nJacoba van Heemskerek\nMarianne von Werefkin\nQeoffnet tag!5ch von 10—6 Uhr / Sonntags voa\nH—2 Ukr\nKintritt 1 Mark j Jalireskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nStHrraaussteiluHgeu in Deuischland und im Aus-\nland I Marz 1914\nfielsingfors: Der Biaue Reiter\nHalle: Archipenko\nGieSen: Franz Marc\nErlangen: Gabriele Miinter\nHamburg: August Macke\nStockholm: Graphic\nTokyo: Qraphik\nAgram: Qraphik\nLondon: Qraphik\nNordhatisen: Expressionist em\nEisenadi: Expressioniste*\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin Wt Potsdamer StraBe 134*\nPermruf Amt Lfltzow 4443\nHalbmonatsschrift der Sturm\nErsctielnt am ersten und funfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nOewoSusiiche Ausgabe: Fflr Deutschland\nsnd Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteliahr\n1 Mark 50 / Einzelnummer 20 Pfennig / Doppel-\nimrimer 40 Pfennig X Fflr dasAusland. bei\ndurch die Post:\nEin Jahr 9 francs / Ein Halbjahr 4 francs 50 cen-\ntimes / Ein Vierteliahr 3 francs / Einzelnummer\n25 centimes / Doppelnummer 50 centimes.\nProbenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exeffl-\n£lare auf holzfreiem Papier, Ver-\nse n d u n g in Rsllen direkt durch die\nPost fflr Deutscbland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark X Fflr das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndkser Ausgabe werden Vierteljahrsbezflge, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ntach den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nzfehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahntiofshandlungen, Kiosken u. StraBenst&nden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den B e t r a g fflr den\nDauerbezug bei der B est e 11 u n g oder bei\nBeginn des neuen Vierteliahres bis\nsumffinftendes ersten Monats eistzu-\nsenden / Andernfalls nehmen wir an, daf E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahsne\nunter Berechnung des Nachnahmeportes ge-\nwfinscht wird\nQeneralvertretung des Verlags Eugene Flgulfcre /\nf*aris\n\nOriginalholzschnitte / Manddrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klarnmern beigefQgt / Alle\nExemplare sind vom Kunstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\niegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die fiirtiu / Der Stier I\nSchlafende Hirtin / Wildpferde f\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nMax Pechstein: Die E r 1 e g u n g des Fesi-\nbratens / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kunstler mit der Hand aquarelliert /\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nKandinsky: Sonntag / Zwei Vogel I Das Exemplar\n30 M\nWilhelm Morgner: Acker mil Weio / Tierdres-\nseur I Holzarbeiterfamilie / Fressende Holzar-\nbeiter / Das Exemplar 25 Mark (10)\nGabriele Munter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraOe / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa I\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / Portrat /\nI StraOenkurve / Zwei Akte / Das Exemplar\n30 Mark (12) / Liebespaar / MiiBige Hetaren I\nSchlafende Iletare / Je 40 Mark (12)\nArthur Segal: Vom Strande I / Vom Strande HI /\nDas Exemplar 20 Mark (15)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] / Das Exemplar 30 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat ftir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Ffir Gesang und Kla-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten\nKunstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Um b e r t o Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Munter / Marc Chagall /\nKlee J Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky 1901—1913 / Monographie mit sech-\nzig ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / Mark 10\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\n\nZeitschriften\nLa Route / Revue de I'Effort Social j Paris j Rtte\nde Vaugirard 120\nL'Effort Libre / frtiher L'Effort / Monatsschrift I\nHerausgeber: Jean Richard Bloch / Poitiers\n[Vienne]\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrift\nParis I 41 Rue Monge\nLa Nouvelle Revue Frangaise / Monatsschrift I\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nMontjoie / Halbmonatsschrift / Paris / Chauss£«\nd'Antin 38\nHaro / Monatsschrift / Brfissel\nLes Cahlers du Centre / Moulins [Allier]\nLes Soirees de Paris / Recueil Mensuel illustre I\nDirecteurs: Quillaume Apollinaire et Jean Ce-\nrusse j Paris 278 Boulevard Raspail / Ja&res-\nbezug 12 francs\nUtnelecky Mesicnik / Monatsschrift fftr neue und\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavlnova\n\nAnzeigen\n\nAkademie fur moderne Skulptur in Paris / IS im-\npasse du Maine Montparnasse / Korrektur: A* Ar-\nch i p e n k o I Arbeiten in Stein / Studien\nder Stilarten\nPoet-Lore Begriindet 1890 J Eine Zweimoa&fcs-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dem Drama\nder Gegenwart in alien Landern / Lit er arisen e\nBeitrage von Maeterlinck ,/ Claudel / Jammes /\nDuhamel / D'Annunzio / Synge / Whitman /\nEchegaray / Bjornson / Hervieu / Tchechow /\nPszybiszevski / Gorki / Noguchi / Ghose / Mac\nGathmhacil / Probeheft gegen Einsendtmg von\n6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug 21 Mark / Yer-\nlag Richard G. Badger / Boston / Mass\nI USA 194 Boylston Street\nAlbert Ehrenstein: Die weiBe Zeit / Dieser Gedicht-\nband erscheint Ende Marz in einer signierten\nAuflage von 300 Exemplaren, in Leder gebimden,.\ndas Exemplar 10 Mark / Man subskribierl foei\ndem Verlag Georg Miiller, Miinchen, Elisabetli-\nstraBe 26.\nKarl Vogt vom Koniglichen Schauspielhause / am\n9. Marz im Meistersaal KothenerstraBe / B a 1 i a -\nden-Abend / Herder bis Else Lasker-Schiiier /\nKarten zu 4, 3, 2 und 1 Mark bei Wertheim und in\nder Buchhandlung Hapke & Schmidt, Chariotten-\nstraBe 50/51\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Miiano\n/ Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nWiecker Bote / Akademische Monatsschrift /\nHerausgeber und Schriftleiter: Dr. Oskar Kanehl /\n2'5 Pfennig / 6 Hefte M. 1,25 / Heft 6 soeben er-\nschienen\nVerein fiir Kunst/Leitung HerwarthWaldea\n/ZehntesJahr/ Jahresbeitrag 20 M. / Rechte\nder Mitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift Der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation: 1913/14:\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst"}]}