{"numero_id": "bm-bmtnabg-1914-05-01-01", "volume": "bmtnabg_1914-05-01_01", "ocr_sha256": "5ec52910ae4d1b801245713539c0f6b4e0c015613f3bde9b6aadeee26f119964", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1914/05/01_01/bmtnabg_1914-05-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1914/05/01_01/bmtnabg_1914-05-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-01_01#c001", "volume": "bmtnabg_1914-05-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "17", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.1", "debut_caractere": 305, "fin_caractere_exclue": 585, "texte": "Inhalt:\nJosef Capek: Moderne Architektur / Guillaume Apollinaire: Rotsoge / A.M.Frey: Cordelia / Albert Ehrenstein: Gedichte / Aage von Kohl\nDer weg durch die Nacht / Empfohlene Bücher / Otakär Kubin: Originalholzschnitt / Viatislav Hofman: Projekt eines Friedhofs bei Prag li) 12"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-01_01#c002", "volume": "bmtnabg_1914-05-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "17", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.2.2", "titre_corps": "Otakar Kubin: Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Otakar Kubin: Originalholzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.1", "debut_caractere": 587, "fin_caractere_exclue": 620, "texte": "Otakar Kubin: Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-01_01#c003", "volume": "bmtnabg_1914-05-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "18", "page_fin": "19", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.2.3", "titre_corps": "Moderne Architektur", "titre_sommaire": "Moderne Architektur", "signature_source": "Josef Capek", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10769, "texte": "Moderne Architektur\n\nUnter den praktischen und spekulativen For-\nderungen, die die Entwickelung und das Aufblühen\nder wirklich modernen Kunst theoretisch\nbezeichnen, finden wir bis jetzt wenige Beiträge\nüber eine neue Architektur. Die Architektur hat\nsich im Vergleiche zu den Entdeckungen und den\n„Recherchen\" der anderen bildenden Künste ziem-\nlich leblos erhalten; würden wir die Neuerungen,\ndie in ihrer gestrigen Entwicklung vorgegangen\nsind, aufzählen, so ergeben sie keine großen Ge-\nwinne. Ihre Disziplin hat sich nicht so vom Grunde\naus umgewertet wie zum Beispiel die der moder-\nnen Malerei.\nEine Architektur, gleichberechtigt und koordi-\nniert den anderen modernen bildenden Künsten. >—\nWenn wir uns das Prinzip des architektonischen\nSchaffens auf die Frage des Formens der Materie\nvereinfachen, so sehen wir, daß jede Epoche ein\neigenes Verhältnis zu dieser Materie hatte. So das\nPrinzip der Stütze und der Last in der antiken Ar-\nchitektur, entsprechend dem irdischen Religions-\ngefühle der Griechen; so das schlank emporschie-\nßende Pfeilersystem der Gotik, deren Sehnsucht\nnach Gott das Gestein bis zum Himmel strömen,\nbrechen und verklingen läßt, aber keine Last der\nMaterie zu kennen scheint; so die pathetisch und\nprachtvoll bewegte Materie des Barok, die aufge-\nbauschte und wehende Bewegtheit der Lasten,\nStützen und Wände, die dynamische Plastik, die\nVerschiebungen und Rotationsbewegungen im\nGrundriß und im Seitenriß, die der Renaissance-\ngrundform ein vollständig neues Wesen geben.\nGotik und Barok sind wie skulpturale Formen, die\nnicht von außen behauen, sondern die von Innen\naus, durch die Bewegung der Massen entstanden\nsind. — Auch die moderne Architektur muß eine\nelementare Neuerung und Umwertung in sich\ntragen, eben in Beziehung zur Auffassung\nder Materie.\nMan hat den Sinn der Architektur etwas her-\nabgesetzt. Sie ist ebenfalls eine Kunst des gestal-\ntenden Instinkts, der Logik, eine Kunst der Dispo-\nsition, der Auffassung, der erhabenen Form und\nder großen Emotion. Diese selbständige Kunst-\ndisziplin eng an das Praktische und Maßgebende\ndes Zwecks zu fesseln, ist ein Mißverständnis,\ndas die Schaffenskräfte den Architekten hemmt.\nUnrichtig ist das klassizierende Gefühl, das den\nneuen Zwecken einen Stil oder Stilgarnierungen\nzusetzt, gleichwie das Ergebnis sei, monumental\noder anziehend. Unrichtig sind aber auch alle Ge-\nlüste dem Zeitgeiste nachkommen zu wollen, wenn\nman Theorien und Leitfäden deduziert: aus den\nneuen Materialien (künstliche Baumaterialien, Glas,\nMetall) aus den neuen Konstruktionsmitteln (Ent-\ndeckungen der Ingenieure, Beton- und Metallkon-\nstruktionen) aus dem neuen Zwecke (Großstadts-\nund Weltstadtsbedürfnisse, Fabriken, Bahnhöfe, Ak-\nkumulationsgebilde des modernen Lebens). Das\nneue Formgefühl soll weit mehr primär sein. Es ist\nein Geist, dem zwar die Begabung der rationellen\nLogik gegeben ist, der aber, und das in erster Reihe,\nseine formalen Ambitionen hat, die nicht an die\nobengenannten Vorwände, Reize und Hilfsmittel\ngebunden sind. Dieser Geist ist natürlich imstande,\ndie Aufgaben zu lösen, die neuen Möglichkeiten\nintelligent auszunützen und den neuen Zwecken\nkünstlerische Gestaltung zu geben, er ist aber\nnicht durch sie bedingt und nicht durch\nsie ist er potent und aktiv geworden.\nDie prinzipielle Umwertung im Wesen der an-\nderen bildenden Künste ist unter einem impulsiven\nDrucke geschehen. Im Verlaufe der modernen Ent-\nwicklung hat die Malerei als erste den Weg ein-\ngeschlagen, wo sie sich vom neuen organisch zu\nkonstituieren anfängt. Wir wollen die Materie,\ndas heißt die äußere und die innere Welt, durch\neine neue Art und künstlerisches Ordnen sichtbar\nund begreiflich machen, eindringlicher, tiefer, um-\nfassender und ausdrucksvoller, entsprechend den\nBedürfnissen und der Anschauung des modernen\nQeistes, der für sich eine neue Formensprache for-\ndert, um in ihr alles zu finden, was er enthält und\nund was ihn ergreift. So auch die Architektur; ihre\nAufgabe liegt nicht in dem engen Spielräume, wo\nman den Bauten eine neue Gestaltung und\nPlastik gibt; vielmehr bedeutet sie ein neues Ein-\ngreifen in d i e Materie, die so in Tätigkeit und\nBewegung zu bringen ist, daß die gewonnene Form\nden neuen Voraussetzungen und Neigungen ent-\nspricht. Es sind dieselben für die Architektur wie\nfür die anderen bildenden Künste. Natürlich aber\nhat die Architektur ihre eigenen Qestaltungswege\nund ihre eigenen Grundsätze, die mit den anderen\nDisziplinen nicht zu vermischen sind.\nIn der kubistischen Malerei handelt es sich, sehr\nim allgemeinen gesagt, um eine neue raum-\nplastische Vorführung der Sachen; auch die Archi-\ntektur ist durch dieses neue Gefühl geführt. Die\nneue Plastik sollte aber nicht eine ausschließliche\nAngelegenheit des Auges sein; sie soll immer eine\nErhabenheit und ihren Schwung haben, die sich an\nden Geist wenden. Es genügt also nicht eine eckige\nund schiefwinkelige Architektur zu schaffen, die\naus älteren Stilen übernommene Elemente (Säulen,\nGesimse, Portale, Fensternischen etc.) nach den\naus der kubistischen Malerei gewonnenen Erfah-\nrungen zu traktieren, und in die Architektur eine\nUnmenge schiefer Flächen und gebrochener Seiten\neinzuführen, die auf diese Weise eine Illusion der\nkubistischen Malerei ergäben. Dies wäre nur ein\nprimitives Stadium der Beeinflussung, nicht aber\nder Moment einer prinzipiellen Umwandlung der\narchitektonischen Disziplin vom Grunde aus.\nEs ist nicht zu übersehen, daß diese Entwick-\nlungsstufe ihren logischen Zusammenhang mit einem\nStadium der kubistischen Malerei hat. Die neue\nMalerei reduzierte unlängst noch die Gegenstände\nauf eine Art von geometrischem Netz, auf ein linea-\nres Konstruktionsskelett, das den Raumwert der\nSachen umfaßt und umschreibt; dieses Netz wurde\ndurch abschattierte Flächen (nach der Flächenbe-\nhandlung ausgefüllt und konsolidiert.\nAuch diese Architektur der gebrochenen Geraden,\nscharfen Ecken und Kanten und der schrägen Flä-\nchen, basiert hauptsächlich auf einem Systeme der\nsich in einem Brennpunkte zusammentreffender\nund auseinanderlaufender Richtungslinien, in deren\nGrenzen die ganze Masse gehalten, eingeschlossen\nund zusammengefaßt ist. So erfolgt die Bindung\nund Begrenzung der Materie meistens durch\nschräge pyramidale Flächen, die sich entweder\nscharfkantig in die Masse einschneiden oder aus\nihr hervortreten. Diese Richtungslinien sollten\ndurch die Materie gehen, um sie vom Kerne aus\naktiv zu gestalten (architektonisches Prinzip);\nschlecht sind die Beispiele, wo sie nur auf die Ober-\nfläche der Masse gelegt wurden, so daß sich das\nformal gestaltende Geschehen bloß mit plastischen\nVerschiebungen dieser Oberfläche begnügte, wäh-\nrenddessen die Masse innen neutral und tot ver-\nblieb (unverarbeitete Einflüsse der Malerei).\nDiese Architektur, bezeichnet vornehmlich durch\ndie beinahe ausschließliche Anwendung des Drei-\necks, des Trapezes, des Rhombus, des Oktogons\netc., die sich untereinander in krystallinische For-\nmen verbanden, war im guten Falle plastisch sehr\nwirkungsvoll, gab auch bei schlanken und gebroche-\nnen, an die Gotik erinnernden Formen den Ein-\ndruck einer robusten Kraft, und erzielte einen\nernsten monumentalen Charakter. Wer sie nicht\nbeherrschte, der erzielte nicht den nötigen Gratf\nder Synthese und der formalkonstruktiven Bin-\ndung; es geschah auch machmal, daß man diese\nneue Prozedur auf traditionelle architektonische\nSchemen applizierte, die auf diese Weise eine mo-\nderne Vermummung bekommen haben.\nDem breiter vorschreitenden Einflüsse des\nPicasso können wir den veränderten Charakter eini-\nger späteren Versuche zuschreiben. Auf Picassos\nBildern sind senkrecht und wagrecht sich durch-\nschneidende Pläne, in denen sich die Gegenstände\nräumlich zerlegen und von neuem konstituieren;\ndieses kann leicht auf den Gedanken einer architek-\ntonischen Anwendung bringen. Ich muß im voraus\nbemerken, daß diese sonst ganz interessanten Ver-\nsuche das unumgängliche architektonische Ordnen\nzu Gunsten eines mißbrauchten malerischen\nVorgehens entwertet haben. Die ihnere Masse\nbleibt wiederum unbewegt und tot, und auf ihrer\nOberfläche geschehen Verschiebungen beinahe in\nder Art, als wenn wir prismenartige Schub-\nfächer und sich durchdringende Platten in ver-\nschiedenen Richtungen aus ihr heraus oder auch in\nsie hineinschieben würden. Der Eindruck scheint\nsehr kompliziert und wunderbar, ist aber im höch-\nsten Grade unsynthetisch, ungebunden und wenig\nstruktiv. Die Materie scheint ganz zerlegt, ja oft\nzerfetzt zu sein, weil sie auf der Oberfläche in\neine übermäßige Bewegung gebracht wurde, in\neine oft grundlose Bewegung, der das nötige Ver-\nbindungsvermögen fehlt, so daß die Resultate\nbeinahe ganz formlos sind. Wie man in Indien\ndurch Multiplizierung (statisches und numerisches\nUeber- und Nebeneinanderhäufen der Teile) baute,\nso bedeutet dieses Prinzip in einer Hinsicht etwas\nentgegengesetztes: ein plastisches höchst beweg-\nliches aber durchaus nicht struktives Zerlegen der\nMaterie.\nDas Kommen einer reiferen Auffassung ließ nicht\nlange auf sich warten. Diese Art überwindet die\nersten Stadien durch einen mächtigeren und syn-\nthetischen Zug; sie behält alle Voraussetzungen\nder modernen Kunstanschauung und wertet sie um\nin eine reinere architektonische Sprache. In ihr ist\ndas Konstruktive und die vollklingende Plastik der\nprimären Postulate, die in den ersten Versuchen\nlatent waren, vollends beibehalten und beherrscht;\ndas Prinzip des linearkonstruktiven Netzes und die\ngeometrische Raumgestaltung der vorgehenden\nVersuche hat sich hier wirkungsvoll in ein gehalts-\nreiches Mittel umgewandelt, das alle Voraus-\nsetzungen der jüngsten Architektur in sich enthält.\nWo die ersten Versuche manchmal nicht die\nganze Masse überwinden konnten und zuwei-\nlen bei einer neuen Wiedergabe und Zerlegung der\neinzelnen Teile stehen geblieben sind, hat\ndiese Art einen weit mehr verbindungsvermögen-\nden Zug, der die Masse durch einen seltsam eini-\ngenden Rythmus bezwingt und sie in Aktivität und\nBewegung bringt. Von den älteren Stadien unter-\nscheidet sich diese Architektur durch die überaus\nkluge und tieffühlende künstlerische Uebersetzung\nder inneren Bewegung und der Plastik. Sie hat\ndas Funktionierende und das formal Definitive und\nAbsolute einer Maschine, obwohl sie alle Möglich-\nkeiten einer persönlichen Lösung und Stilisierung\nzuläßt und sich auch völlig dem „Gesetze der\nWillkür\" bietet, das für die neue Kunst so wichtig\nist. Hier steht die Architektur auf dem eigenen\nBoden breiter Möglichkeit, neuer Impulse und\nwirksamer Versuche. Ihr Charakter ist Reinheit,\nSchärfe, Härte, Elastizität, ausdrucksvolle Erhaben-\nheit, Mächtigkeit und struktive Auffassung; zu glei-\ncher Zeit aber auch Individualität, Lebendigkeit,\nWillkür, Freiheit, geheimnisvolle Autonomie, un-\nvorhergesehene und unberechenbare instinktive\nLogik."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 502, "texte": "Es ist unzweifelhaft, daß die Architektur sich auf\neine neue positive Praxis stellt und daß sie sich\ndurch den Wert der vorhergehenden Entwiclc-\nlungsstadien und des durch die Qualität und des\ngegenwärtigen Standes zu den ersten „Stan-\ndards\" im heutigen Aufschwünge der bildenden\nKünste zureiht. Diese neue Form ist fähig unserem\nGefühl und Intellekte dieselben Genüsse zu geben\nwie die anderen bildenden Künste, und auch sie ist\nein wichtiges und legitimes Manifest des modernen\nGeistes.\n\nJosef Capek"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1914-05-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "19", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.2.4", "titre_corps": "Rotsoge : Au peintre Chagall", "titre_sommaire": "Rotsoge : Au peintre Chagall", "signature_source": "Guillaume Apollinaire", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.3", "debut_caractere": 504, "fin_caractere_exclue": 1888, "texte": "Rotsoge\nAu peintre Chagall\nGuillaume Apollinaire\nTon visage ecarlate ton biplan transformable en\nhydroplan\nTa maison ronde oü il nage un hareng saur\nII me faut la clef des paupieres\nHeureusement que nous avons vu M. Panado\nEt nous sommes tranquilles de ce c6t6 lä\nOu'est-ce que tu veux mon vieux M. D.\n90 ou 324 un homme en Tair un veau qui regarde\nä travers le ventre de sa mere\nJ'ai cherche longtemps jrur les routes\nTant d'yeux sont clos au bord des routes\nLe vent fait pleurer les saussaies\nOuvre ouvre ouvre ouvre ouvre\nRegarde mais regarde donc\nLe vieux se lave les pieds dans la cuvette\nUne volta ho inteso dire Ach du lieber Jott\nEt Je me pris ä pleurer en me souvenant de nos\nenfances\nEt toi tu me montres un violet epouvantable\nCe petit tableau oü il y a une voiture m'a rappele\nle jour\nUn jour fait de morceaux mauves jaunes bletis verts\net rouges\nOü je m'en allais ä la campagne avec une char-\nmante cheminee tenant sa chienne en laisse\nJ'avais un mirliton que je n'aurais pas echangS\ncontre un bäton de marechal de France\nII n'y en a plus je n'ai plus mon petit mirliton\nLa cheminee fume loin de moi des cigarettes russes\nSa chienne aboie contre les lilas\nEt la veilleuse consumee\nSur la robe ont chu des pStales\nDeux anneaux d'or pres des sandales\nAu soleilse lont allumes\nTandis que tes cheveux sont comme le trolley\nA travers l'Europe vetue de petits feux multicolores"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1914-05-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "22", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.2.5", "titre_corps": "Cordelia", "titre_sommaire": "Cordelia", "signature_source": "A. M, Frey", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.3", "debut_caractere": 1890, "fin_caractere_exclue": 9114, "texte": "Cordelia\nA. M, Frey\n\nAndreas und seine Frau versäumten das letzte\nSchiff. Sie rannten beide den endlosen Steg ent-\nlang. Andreas hörte immer neben sich den weißen\nLeinenrock seiner Frau gleichmäßig schnell auf-\nrauschen und wußte doch schon, ohne den Lauf\nhemmen zu können, daß sie zu spät kamen. Nun\nwaren sie am Ende der Brücke, und das Rauschen\ndes Leinenrockes verstummte, um, kaum erstor-\nben, in genau demselben Rhythmus gleich wieder\naufgenommen zu werden, von neuem aufzuleben\nin dem feuchten Klatschen der Dampferräder, die\nihre ersten Umdrehungen machten und kalte\nSpritzer, die dennoch zu kochen schienen, empor-\nsandten. Schaumiges Gekräusel warf sich zwi-\nschen Steg und Dampfer.\nAndreas glaubte seine Frau halten zu müssen,\nso nah trat sie an das Wasser, so weit beugte\nsie sich vor. Sie hob die Hand — der Dampfer\nentglitt ihr. Sie schien geneigt, die schaumige\nWasserfläche zu betreten und weiter zu laufen.\nDas Schiff drehte gleichgültig sein Hinterteil wie\nein schwerfälliges Tier der Landseite zu, es zeigte\nein rotes und ein grünes Licht, es entwich ganz\nunbeirrt in die Dunkelheit. Die Frau stampfte mit\ndem Fuße auf. Es klang, als unterdrücke sie ein\nSchluchzen.\nDer Maler, bei dem Andreas und seine Frau\nden Tag über zu Besuch gewesen waren, kam her-\nan. Er war langsam gegangen, er sagte: „Es nützt\nnichts, Ihr müßt beide heute nacht hier bleiben.\"\nAndreas beratschlagte mjt ihm. Das kleine\nGasthaus des Ortes war mit Sommerfrischlern ge-\nfüllt. Der Maler selbst hatte nur Platz für sich.\nAuch schien es zu so vorgerückter Stunde nicht\nmehr möglich, bei den Bauern, die alle früh schla-\nfen gingen, nach Betten zu suchen.\nDie Frau beteiligte sich nicht an den Ueber-\nlegungen. Sie sah auf die dunkle Seefläche hinaus.\n„Wenn ich will, komm ich heute doch noch hin-\nüber,\" sagte sie nur.\n„Im Kahn\", entgegnete der Maler, „wenn Sie\ndrei Stunden rudern wollen. Und was tun Sie\ndrüben? Den Anschluß an den Zug in die Stadt\nhaben Sie längst verpaßt. — Aber ich wüßte viel-\nleicht ein Unterkommen für Euch, das in dieser\nwarmen Sommernacht wohl angeht. Uebernachtet\nauf meinem Segelboot. Ihr kennt die Kajüte der\nCordelia. Sie hat Raum und Polster genug für\nzwei. Ich kann Euch ein paar Decken mitgeben,\naber Ihr werdet sie kaum brauchen. Der See\nbleibt ruhig, das ist gewiß.\"\nAndreas sah zweifelnd auf seine Frau. Sie\nzuckte die Achseln, aber ihr Gesicht hellte sich auf,\nwie er trotz der Dunkelheit zu bemerken glaubte.\n„Mir ist es recht,\" sagte sie endlich.\nSie holten Decken und noch eine Kleinigkeit\nzu essen. Die Männer ließen das Beiboot zu\nWasser. Die Frau stand untätig daneben, sah in\ndie Ferne. — „Wissen Sie, wer auf dem versäum-\nten Dampfer war?\" fragte der Maler.\n„Nein,\" sagte sie, aber es klang, als meinte sie:\nich weiß es wohl.\n„Sie sahen dem Schiff nach, als entglitte mit\nihm das Glück,\" sagte der Maler.\nAndreas und seine Frau stiegen in das Boot.\nSie stießen vom Lande.\n„Vielleicht war ein Freund auf dem Dampfer,\"\nrief die Frau dem Zurückbleibenden zu, „vielleicht\nein Mensch, der mich lieb gehabt hat.\"\nAndreas ruderte langsam. Er sah den Freund\nzwischen Ufergebüsch verschwinden und er\nwußte nun keinen Menschen mehr in der Nähe,\nausgenommen die Frau vor sich. Ihr helles Kleid\nleuchtete, trotzdem See und Himmel sehr dunkel\nwaren — leuchtete so, als breche kaltes, weißes\nLicht daraus hervor.\nAndreas ließ die Ruder entgleiten. „Was hast\ndu eben gesagt,\" meinte er. „Welcher Mann\nkönnte dich mehr lieben, als ich.\" Er sah in das\nGesicht seiner Frau, so dringend in das nahe, daß\njede Form sich ihm verwischte, wie aufgelöst\nunter ätzender Säure.\n„Ich habe nichts von einem Manne gesagt. Ich\nsagte: ein Mensch,\" entgegnete sie eintönig und\nschaute zum Himmel. — „Dort kommen Sterne\nheraus,\" setzte sie dann hinzu.\nEr sah empor und griff wieder zu den Rudern.\nSie glitten neben die Cordelia, die an der Schilf-\ngrenze vor Anker lag. Sie schwangen sich auf\nDeck und störten das Schiff in seiner Ruhe, das\nplötzlich ganz wach wurde, an seiner Kette zerrte,\nweich und hallend polterte, hoch oben ächzte, tief\nunten glukste.\nDie Frau saß auf dem Kajütenbau. Sie starrte\nseewärts ins Dunkle. „Und auch das habe ich ge-\nsagt: Wenn ich will, komm ich heute noch hin-\nüber. Aber ich will nicht. — Andreas, ich liebe*\nnur dich.\" Und sie hielt ihm ihr weißes Ge-\nsicht hin.\nAndreas küßte es wie etwas Rätselhaftes, das\ngleich sich verwandeln wird — in Stein, in ein\nTuch, in weißen Rauch des Wassers.\nSie umschlang ihn, sie beugte sich vor, sank in\ndie Kniee und zwang auch ihr«, ein gleiches zu\ntun. Sie sprach in das Wasser hinein: „Wenn\nwir beide dort unten lägen, Andreas, mit einem\nStrick um die Leiber, wie die törichten Liebes-\npaare.\"\n„Mit solchem Strick um die Leiber,\" sagte\nAndreas und legte seine Arme um ihre Hüften.\n„Es wäre vielleicht schön — es wäre gut dort\nunten,\" meinte sie.\n„Was für Gedanken, Kind. Wir wollen doch\nleben. — Gut: weshalb?\" fragte er.\nSie sah immer noch hinunter. „Es wäre etwas\nEndgültiges. — Laß mich los,\" bat sie und stand\nauf. —\n„Willst du schlafen, Liebste; willst du es dir\nbequem machen?\" fragte er. „Zieh dich aus. We-\nnigstens die Schuhe leg ab.\"\nSie dehnte sich. „Nicht einmal die Segeltuch-\nschuhe zieh ich aus,\" entschied sie. „Ich bin frei\ngenug, mir ist nicht eng. Schlafen: ja. Wie müde\nuns Städter die Sonne macht, die feuchte Luft und\nder Wind aus den Wäldern.\"\n„Warum sagst du: der Wind aus den Wäl-\ndern,\" fragte Andreas und rückte die Polster in\nder Kajüte zurecht. „Warum nicht einfach: der\nWind? Wo sind hier Wälder?\"\n„Der Wind aus den Wäldern,\" wiederholte sie,\nkam die kleine Treppe herab und sank auf die\nPolster der einen Schiffsseite. „Das klingt einfach\nund groß. Mögen hier keine Wälder an den Ufern\nsein. Der Wind aus den Wäldern ist für mich da,\ner ist schön, er ist mit Sehnsucht beschwert. Er\nmacht müde.»— Gute Nacht, Andreas. Nein, keine\nDecke. Gute Nacht.\"\nAndreas legte sich auf die andere Seite in der\nKajüte und mußte darüber nachdenken, daß er mit\ndieser Frau zwei Jahre verheiratet war, daß er\nkeine Kinder von ihr besaß und daß sie einst aus\nLiebe sich zusammengetan hatten. Er mußte auch\ndarüber nachsinnen, wie wohl der Nagel ihres klei-\nnen Fingers geformt sein mochte, dessen Aussehen\nihm ganz entschwunden war. Er hatte ihn gewiß\nschon ungezählte Male berührt, gestreichelt, ge-\nküßt. Er wollte aufstehen, um ihn anzuschauen,\naber er merkte von seinem Platze aus, daß sie die\nHände verstrickt und unter ihre blonden Flechten\ngeschoben hatte. Bevor er einschlief, kam ihm\nin den Sinn, ob nicht vielleicht Vieles an dieser\nFrau ihm gerade so fremd sei, wie ihr Kleinfinger-\nnagel. So fern. Alles vielleicht.\nEr wachte auf mitten in der Nacht. Er hob\ndie Lider. Schräg über ihm war die offene Luke\nder Kajüte. Er sah den Himmel über sich. Durch\noffene Kaiütentüren trug ihm ein Stern die Welt\nherein. Er schloß halb die Augen — und ein\ngleißendes Band, aus Nacht und Silber gehämmert,\nfloß aus dem Stern mitten in seinen Blick. Feuer\nsprang ihn an auf gestraffter Bahn, verband seine\nWelt hier innen mit der fernsten Welt.\nEin Schatten quoll über die offene Luke. Ver-\nmummte Stöße über seinem Kopf. Weiche\nSchritte über ihm. Er sah hinüber, dorthin, wo\nseine Frau sich gebettet hatte, und er sah sie nicht\nmehr."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9536, "texte": "Er stand auf und klomm die paar steilen Stu-\nfen hinan. Er tauchte in die Nachtluft, und — nach\nder Enge des Raumes dort unten — fiel ihm die\n(Weite der Wasserfläche überwältigend und\nwollüstig an. Er gab sich diesen ungezählten See-\nmeilen hin. Er atmete berauscht und willenlos.\nEr sah seine Frau am Großbaum kauern. „Was\ntust du?\" fragte er.\n„iGh will baden. Es ist so warm,\" sagte sie und\nstreifte die Schuhe ab. „Stell sie dort hin,\" befahl\nsie und kleidete sich weiter aus.\nEr stellte die Schuhe neben den Großbaum, auf\nsorgsam gerolltes Takelwerk.\nEr trat zurück, hob den Blick. Nackt stand sie,\nberieselt vom blauen Licht der Sterne. Andreas\nglaubte, sie halten zu müssen, so nah trat sie an\nBord, so weit beugte sie sich vor. Sie reckte\ndie Hand, sie schüttelte seinen Griff ab von ihrem\nArm. „Ich will hinunter,\" sagte sie.\nUnd sie sprang. Sie zerstörte den Wasser-\nspiegel, der wie poliertes Holz unter dem Nacht-\nhimmel lag. Ihr Körper hackte ein Loch hinein.\nEin feuchtes Klatschen, ungeheuer in diese Stille\nhineingeworfen, eroberte sich das ganze schwei-\ngende Gestade.\n„Ich komme zu dir,\" sagte Andreas und warf\nden Rock ab.\n„Bleib, wo du bist,\" befahl sie und schwamm\nhinaus und kam wieder zurück. Dicht unter seinen\nAugen, ganz nahe der Schiffswand, tauchte sie\nzur Tiefe und verschwand.\nAndreas stand und wartete. Die Seefläche war\nleer. Hundertfältig war sie belebt gewesen durch\nden einen sich windenden Körper. Nun war sie\nlerr, alt, erstorben, seit hundert Jahren tot. Immer\nsah Andreas auf die Steile, wo seine Frau ver-\nsunken war. Er mußte lange warten. Um etwas\nzu tun, um die Zeit, die ihn anstarrte und belau-\nerte, zu überlisten, zog er seinen Rock wieder an\nund kramte in den Taschen.\nEndlich tauchte sie auf. Ihrbiondes Haar, trie-\nfend und verdunkelt, durchbrach mit einem Ruck\nden schwarzen Spiegel.\n„Ich war tief unten,\" sagte sie. „Ich habe den\ngroßen, schweren Bleikiel in Händen gehabt. Ich\nwar noch tiefer als der Kiel. Das Wasser ist lau,\nselbst dort unten. Das Blei aber ist kühler als\ndas Wasser. Ich habe mich so gelegt — dort\nunten — daß mein Rücken sich an den Bleikiel\nschmiegte. Ich erschauerte unter seiner brennen-\nden Kälte. Ich lag unter ihm, ich schwebte unter\nihm, ich trug ihn, ich trug das ganze Schiff. Ich\nselbst war das Schiff. Ich trug dich, Andreas.\"\n„Komm herauf, du Schiff,\" sagte er lächelnd.\nIhm fiel ein, daß er vor Stunden begierig danach\ngewesen war, den Nagel ihres kleinen Fingers zu\nsehen. „Gib mir die Hand,\" bat er. „Ich helfe\ndir an Deck/'\n„Ich will im Wasser bleiber,\" sagte sie und\nglitt zurück und verschwand an der gleichen\nStelle, wie vorhin.\nAndreas wartete wieder. Die Zeit starrte ihn\nan, lauernd und lang — unverwandt. Wer ist die\nFremde, dachte Andreas, die da unter mir taucht\nund sich windet und für einen Bleikiel zärtliche\nWorte hat, wie für einen Geliebten? — Nichts\nregte sich. Nur die Zeit starrte ihn an.\nAndreas ließ die Stelle, wo seine Frau ver-\nschwunden war, nicht aus den Augen. Aber vom\nanderen Schiffsbord her, der dem Schilfe zuge-\nwandt lag, drang ein Plätschern. Mit drei Schrit-\nten war Andreas drüben.\nSie durchbrach den ebenhölzernen Spiegel mit\nverdunkelten, triefenden Haaren. Sie hatte Schilf\nin ihnen. Es war, als seien ihre Haare Schilf.\n„Komm herauf, du Schiff Cordilia,\" sagte er.\nWindstöße rauschten kurz in den Binsen. Das\nRauschen starb — und es lebte wieder auf im\nWasser, ward in genau demselben Rhythmus wie-\nder geboren, dort, wo die Frau mit heftigen Stö-\nßen schwamm, — so behende, daß Gischtwellen\nunter ihrer vorwärtsdrängenden Brust aufbran-\ndeten. Schaumiges Gekräusel warf sich zwischen\ndas Boot und sie.\n„Lilith,\" rief er ihr nach.\n„Ich heiße Lili,\" kam es zurück.\n„Lilith, Adams erste Frau,\" rief Andreas.\n„Bist du der Stammvater der Menschen,\"\nlachte sie und hielt im Rudern inne. Und legte\nsich platt auf den See.\nAndreas spähte nach ihr hin. „Du willst nicht\nzu mir kommen. Ich darf nicht zu dir kommen,\"\nklagte er. Sein Kopf fiel vornüber. Er saß zu-\nsammengekauert. Er weinte. Sein Schluchzen\nfuhr über die Fläche.\nDie Frau lag rücklings auf dem Wasser. Ihre\nBrüste stachen in den Sternenhimmel. Und sie\nlachte.\nUnd Weinen des Mannes und Lachen der Frau\nkreuzten sich und klangen zusammen und wurden\neine große, unbegreifliche Melodie.\nEs fing zu dämmern an. Sie schwamm in lang-\nsamen Stößen herbei.\n„Der Morgen kommt,\" sagte sie, „und ich bin\nmüde.\" — Sie hob sich empor und umklammerte\nmit tropfenden Fingern den niederen Bord.\nAndreas stand auf. Ihm fiel ein, daß er noch\nimmer nicht ihren kleinen Fingernagel geprüft\nhatte.\n„Gib mir die Hand,\" sagte er. „Ich helfe dir\nan Deck.\"\nSie reichte ihm eisige Finger. Er. bückte sich\nund besah den Nagel. Er war blau, er war grün,\nwie eine glänzende Schuppe.\nEr ließ ihre Hand fahren. „Du Fisch,\" sagte\ner langsam und kalt. „Untier du, du fremdes\nTier.\"\n„Ich bin matt, Andreas, hilf mir hinauf,\" kam\nes vom Wasserspiegel.\n„Du fremdes Tier,\" sagte Andreas überlegen\nund böse. Haß versteinerte ihn. Er trat ihr auf\ndie eisigen Finger, mit jedem Fuß auf fünf.\n„Laß los, du Tier,\" sagte er.\nSie sank lautlos zurück, mit offenem Munde.\nDas Wasser schloß sich über einem schilfbehaar-\nten Haupt.\nAber es tauchte wieder auf, weit schon drau-\nßen. Andreas sah es. Er erwachte aus einer\nbösen und dumpfen Welt, in der er eben gelebt\nhatte. „Cordelia,\" rief er, „willst du nicht zu mir\nkommen, darf ich nicht zu dir kommen?\"\n„Ich heiße Lili,\" hallte es über die Fläche.\n„Lilith,\" rief er zurück.\n„Adams erste Frau. Du läufst im Kreis, An-\ndreas. — Andreas, wenn ich will, komm ich doch\nnoch hinüber.\"\nDa fiel er nieder. Er umklammerte den Mast\nwie einen Menschenkörper. „Lilith, ich hab dich\nlieb,\" sagte er.\n„Die sich lieben, sind sich am fernsten,\" kam\nihre Stimme schon ganz von weitem zu ihm. Und\nsie tauchte zum Grunde.\nDoch er konnte ihr mit den Augen folgen.\nSeine Augen trugen wie die eines Raubvogels.\nKristall wurde das Wasser. Er sah sie schwim-\nmen mit sausenden Stößen einer Robbe — tiefen-\nwärts. Viele Klafter tief. Er sah alles. Er hing\nmitsamt dem Schiff über dem kristallnen Abgrund\nwie mitten in der Luft.\nImmer noch ruderte sie und immer zur Tiefe.\nEr verlor sie nicht. Seine Blicke flogen dicht hin-\nter ihr her. Da stieß sie an Felsenkammern. Da\nverschwand sie.\nDie Sonne ging auf. Andreas hob den Btick.\nEin Berg brannte. Andreas schaute hin. Lilith\nwar in dem Berg. Der Berg war Lilith. Ihre\nsteinernen Schenkel wuchsen aus dem See. Grau\nwar ihr Leib, umlagert von Frühnebeln. Aber ihr\nHaar brannte in der Sonne.\n„Lilith,\" sagte Andreas, „du fern — fremd —\nund unsagbar geliebt. Und unsagbar gehaßt.\"\nEr schloß halb die Lider — und ein kupfernes\nBand floß aus dem Haar der Frau herab vom Berg\nmitten in sein Auge. Auf gestraffter Bahn sprang\nFeuer ihm zu, bergab viele Meilen, über den ganzen\nSee und auf das Schiff. Es verband ihn Feuer mit\nder fernsten Ferne.\nEr setzte sich nieder, an den Mast gelehnt Er\nsah unverwandt in ein schimmerndes Riesenhaupt.\nDer Maler schüttelte ihn wach. Die Sonne\nstand hoch über den Bergen.\n„Andreas, steh auf,\" sagte der Maler. „Wie\nkann man so lange schlafen. Deine Frau ist schon\nan Land gegangen.\"\n„Meine Frau liegt unten in der Kajüte,\" entgeg-\nnete Andreas. „Sie hat gebadet heute Nacht. Sie\nwird müde davon sein. Auch sie wird noch schla-\nfen wollen.\"\n„Längst ist sie von Bord,\" wiederholte der\nMaler.\n„Dort stehen ihre Schuhe,\" sagte nur Andreas.\n„Ich sah ihr zu beim Baden. Sie v/eckte mich.\nIch blieb hier oben, unten war es mir zu heiß. An\nden Mast gelehnt, bin ich wieder eingeschlafen.\"\n„Das Beiboot ist fort,\" entgegnete der Freund.\n„Und deine Frau ist auch fort. Sie ist nicht in der\nKajüte, überzeuge dich selbst. Ich weiß nicht, an\nwelcher Stelle sie an Land gegangen ist. In das\nDorf ist sie nicht gekommen.\"\nAndreas stand auf. Er sah sich um. Er sah\nSegeltuchschuhe auf sorgsam gerolltem Tauwerk.\n„So ist sie barfuß in die Welt gegangen,\" sagte er.\nUnd der Maler begriff nicht, was jenen plötzlich auf\ndie Knie warf und flehen machte: „Hilf mir sie\nsuchen.\"\n„Sie wird wohl nicht schwer zu finden sein,\"\ntröstete der Freund Andreas wie einen Kranken.\nSie ruderten beide ans Ufer in dem Kahn, in\nwelchem der Maler gekommen war. Sie forschten\nim Dorfe, auf den Dampfern, an der Bahnstation.\nSie telephonierten in die Stadt. Alles vergebens.\n„Sie ist ertrunken heute nacht im See beim\nbaden,\" sagte Andreas. „Ich muß das Unheil ver-\nschlafen haben. Man wird den Seegrund im Um-\nkreis der Cordelia absuchen müssen.\"\nSie gingen, um Fischer anzuwerben für diesen\nFischzug. Unterwegs, mitten auf einer bienenüber-\nsummten Wiese, blieb der Maler stehen und legte\nseine Hand auf des Freundes Schulter. Das große\nSummen um ihn her gab ihm Kraft und Ruhe für\nseine gefährlichen Worte. Er sagte behutsam:\n„Deine Frau ist wohl nicht ertrunken. Wo sind\nihre Kleider, die sie vor dem Bade doch abgelegt\nhat? — Deine Frau ist auf und davon. Sie zieht\neinem Glück nach, das gestern abend auf dem ent-\nschwindenden Dampfer an der Reling lehnte und\nzu uns herübersah.\"\n„Wen meinst du?\" fragte Andreas.\n„Den jungen Bildhauer, mit dem sie letzten\nWinter oft in Gesellschaft zusammentraf. Sie sah\nihn gern. Er war seit kurzem hier ansässig, er hat\nalles wieder verkauft, er zieht nach Norden. Sie\nvielleicht wie eine Nachtwandlerin hinter dem\nGlücke her.\"\n„Nein,\" sagte Andreas, „ich glaube das nicht.\"\n— Ich habe alles geträumt, was heute nacht ge-\nschah, dachte er. — Ich träume noch. Wach auf,\nAndreas, wach doch auf.\nDie Fischer fanden nichts. Die Telegramme\nbrachten sie nicht herbei. Die Fragen in den Zei-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4372, "texte": "Tungen blieben ohne Antwort. Das fehlende Bei-\nboot ward am jenseitigen Ufer zerschabt an steil\nabfallender Klippe leer gefunden. Sein Tau mochte\nsich in der Nacht selbständig vom Segelbootpflock\ngelöst haben.\nAndreas kaufte von dem Maler die Cordelia.\nEr wohnte ständig am See. Er lernte segeln. Er\nkreuzte viel und bei jedem Wetter über die be-\nwegte Fläche. Und saß am Steuer, allein und ganz\nin Gedanken. Er mußte über die Segeltuchschuhe\nnachsinnen, die seine Frau beim Schlafengehen\nnicht hatte ausziehen wollen — die nun allein von\nihr zurückgeblieben waren. Sonst keine Spur.\nHatte nicht er selbst die Schuhe neben den Groß-\nbaum auf sorgsam gerolltes Tauwerk gestellt? Er\nselbst? Dorthin, wo sie wirklich am nächsten\nMorgen standen? — Also war auch alles andere\nebenso wirklich geschehen.\nEr dachte Stunden darüber nach. Tage. Er\nfand eine Lösung, die friedlich alle Oual zudeckte.\n„Sie ist nicht ertrunken,\" sagte er vor sich hin.\n„Sie ist Schiff geworden. Was erzählte sie, als\nsie heraufkam nach ihrem langen Tauchen? „Ich\nschwebte unter dem Bleikiel, ich trug das ganze\nSchiff, ich selbst war das Schiff\". — Sie ist in diese\nPlanken gefahren, sie hat sich verkleidet in diese\nWellenreiterin. Sie ist da, sie ist unter mir, neben\nmir, sie ist nicht fern, sie ist da, ich halte sie. —\nLili, du Schiff Cordelia, geliebtes,\" sagte er in die\nleere Luft, und er streichelte Holz und Taue. „Du\nbist mir nah, nun du so fern bist.\"\nAndere Tage kamen, andere Gesichte. Er sagte\nsich: Doch ist sie ertrunken. Und durch meine\nSchuld. Ich trat ihr auf die eisigen Finger, sie\nmußte loslassen, sie ging unter mit offenem Munde.\nIch bin schuld. Man muß noch einmal suchen, den\nganzen See muß ich absuchen lassen. Das Schilf,\nbesonders das Schilf. In ihm ist zu wenig ge-\nfahndet worden. Sie liegt darin mit offenen Augen\nund fragendem Munde — fragend: weil sie nicht\nbegreift, warum ich das getan habe, warum ich ihr\nauf die Finger getreten bin.\nEr kam herauf aus seiner Versunkenheit. Er\nschüttelte Verworrenes ab: Aber das ist ja alles\nnicht wahr. Sie ist einfach auf und davon. Auf\nund davon. Immer noch träume ich. Erwache\ndoch endlich, Andreas.\nOft fuhr er beim Mondschein hinaus. Er sah\netwas treiben auf silbriger Fläche und steuerte dar-\nauf zu. Es war ein Baumstrunk, ein Strohwisch.\nEr lag unbewegt unterm Sternhimmel, bei\nWindstille, und sah etwas schwimmen auf eben-\nhölzerner Fläche. Er löste das Beiboot, fuhr hin.\nEs war ein Pflock, eine weiße Boje. Alles war tot\nin diesen windlosen Nächten. Verwesung lag in\nder Luft. Ein schlimmer Geruch quoll aus dem\nSchiffsboden. — Ich habe sie erwürgt, damals des\nNachts in der Kajüte, mußte er denken. Meine\nHände zerquetschten ihren Hals. Ich habe sie ge-\nhaßt in jener Nacht. Man muß nachsehen im Kiel-\nraum unter den Bohlen. Dort liegt ihr Leichnam\nverstaut —Er hob die Bretter. Er leuchtete mit\nStreichhölzern hinunter, sah ein Menschengesicht\nseinem grabenden Blicke zugewandt — sein eige-\nnes im öligen Spiegel des Kielraumwassers. Sein\nGesicht erhebend, unaufhörlich verzerrt im zit-\nternden Spiegel. Das Holz erlosch, Finsternis fraß\nihn auf. — Er kroch in jeden Winkel, tastete den\nVorraum aus, griff etwas Feuchtes, Weiches,\nFleischähnliches — griff ein Bündel Stoff, das dort\nlagerte, den Sturmklüver, das Oelzeug. Kam wie-\nder an Deck, zerrissen und dennoch erleichtert\nEr jagte durch Sturmnächte. Schaumige Wel-\nlen griffen nach dem Bug — üb er klatschten ihn.\nDes Bootes Flanken sausten durch den Brodem.\nSie zischten auf im siedenden Wasser. In seiner\nHand das Steuerruder zitterte unaufhörlich, be-\nrauscht von verhaltenem Leben. So verhalten\nhatte auch sie gebebt im Aufruhr der Sinne, wenn\nsie sich hingab. Sie war es auch jetzt, die da\nZitterte. „Du Schiff Cordelia! — Die sich lieben,\nsind sich am fernsten,\" sägte er heiß und rauh und\nfaßte fester zu in diesen Liebesnächten.\nEr gierte nach dem Tode. Suchte ihn in toben-\nder Seemitte, beim lügnerischen Licht des sturm-\nzerfetzten Mondes. Spähte nach ihm an brüllen-\nden Felswänden, war ihm schon ganz nah, sah\nihn riesengroß, alles ausfüllend, war halb schon\ndrüben, erstarrend schon unter jenem allmächtigen\nGesicht und steuerte darunter hindurch,\nmußte, aufschreiend über seines Willens Ohn-\nmacht, daran vorbei.\nEr hatte Sehnsucht nach solchem Ende, er\nhatte auch Angst vor ihm. 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Ach nein — da war gar\nmancherlei, das ihm jetzt von den betreffenden\nBesitzern auf ähnliche Weise beschafft zu sein\nschien! Und zwar waren es nicht nur die Kleider,\nes waren intimere Dinge als Frack und Beinklei-\nder und Weste —: es war alles das, was irr rot-\nrandigen Augen, die zu blank waren und deren\nBlicke beständig auswichen, zu lesen stand; in\nMündern, die ihr lustiges Lächeln ein wenig zu\nhoch hinauf zogen, so daß man die Plomben sah;\nes war Flirt, der davon erzählte, daß es da drin-\nnen hinter dem schimmernden Schein an Flam-\nmen fehlte; es waren Geistreichigkeiten, die\nschon in der Entfernung danach stanken, für diesen\neinen Abend aus dem Mont de Piete gekommen\nzu sein!\nBerühmtheiten?!\nUnbestreitbar — aber waren nicht auch so-\nwohl Ringer als Radler und Flieger berühmt?!\nKurz und gut —: das ganze war ja, das sah\ner jetzt klar — das alles war nur das Gewöhnliche\nwieder von vorne an! es war ja die unvergäng-\nliche, die wohlbekannte Dürftigkeit der Menge\nhinter dem Prunk, ihre Schäbigkeit hinter dem\nGlanz, ihre Geistlosigkeit hinter der Albernheit\nund den geliehenen Phrasen!\nAber nun er selber?\nWar er denn etwas Anderes, etwas Besser es,\nals die andern?!\nWas wog er denn mehr als die — die er in\ndiesem Nu alle auf seiner kritischen Wage gewo-\ngen und zu leicht befunden hatte?\nVon neuem erschien ihm, als käme er\nüber alles dieses nie hinweg -— ach, die\nQualen, die er so gut kannte — die Mar-\nterqualen darüber, daß er noch gar nichts ge-\nschaffen hatte, daß er noch nicht einmal wußte,\nob es ihm jemals gelingen würde, das niederzu-\nschreiben, was er da drinnen in allen Fibern als\ntitanischen Wahnsinn empfand — diese zerflei-\nschenden Qualen machten sein Herz von neuem\nschwellen und schmerzen, nein, nein, es war\nwirklich wahr, was hatte er wohl vor den an-\ndern voraus —: gar nichts, auch nicht das aller-\ngeringste!! . . .\nAber da fühlte er schon, wie es tief drinnen in\nseinen Armen und Beinen und seiner Brust\nströmte. Da merkte er auf einmal, wie das Blut\nfunkelnd durch die Adern lief —:\nAch ja!\nEr hatte wohl das Seine — trotzdem!\nDenn sie gehörten doch wohl niemand anderes\nals ihm, die Kräfte, die beständig in seinem Sinn\nwogten, bald als Ebbe und bald als Springflut?!\nEr war doch wohl selber der Besitzer seiner\neigenen Pläne! Hatte doch übrigens auch schon\nein paar Bücher geschriteb|en, Bücher, die auf\nalle Fälle nach keiner Richtung hin denen anderer\nglichen — die nicht entliehen, die nicht entlehnt,\nsondern die jedes einzelne, mit sämtlichen Fehlern\nund Gebrechen trotz allem aus einem Wesen ent-\nsprungen waren, das in hellen Flammen stand! aus\neinem Feuer, das seine Brände knisternd gen\nHimmel schleuderte, das Tag für Tag immer ge-\nwaltsamer den Trichter seines Kraters nach allen\nSeiten hin zersprengte, glutrot in seinem Tiegel\ndie Stoffe aller Welt zu jener einen rauchenden\nPurpurmasse zusammenschmolz!\nOder, wie hatte ihn doch seine Freundin ge-\nnannt, damals, vor ein paar Jahren; mit diesem\nNamen, der bei seinen Freunden und Kameraden\ndie Runde machte —: der kalte Mann mit dem\nRiesenherzen! Nicht wahr —: ein Stahlmann und\nFeuermann, der Kraft besaß, sein Brot am Vor-\nmittag zu verdienen, wie notdürftig es auch war\n— in den Stunden des Nachmittags seine Pläne\nzu brauen und sie mit Schwefel und Honig nieder-\nzuschreiben — die Abende im Verkehr mit den\nandern jungen Leuten zu verbringen — und die\nNächte zu lesen und zu grübeln, Tag für Tag auf\ndieselbe Weise, ohne jemals zu ermüden oder zu"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8521, "texte": "erschlaffen! Monat auf Monat, mit immer heiße-\nrem und höherem Gehirn, mit offenen und losge-\nlassenen Sinnen, mit Gedanken, die sich immer\nweiter und fester spannten! Jahr für Jahr wuch-\nsen die großen Ideen sichtbar hervor: in Gesich-\ntern, in Gestalten, in mächtigen Visionen — offen-\nbarten sich die ersten Anfänge zu einer unge-\nheuren, zu der neuen, der einzigen, der in Wahr-\nheit aus dem Leben geborenen Kunst! . . .\nEr mußte plötzlich lachen, leise und fieberhaft.\nGleich darauf umfing ihn eine süße und\nschmerzliche Wollust, die so versengend weh und\nzugleich so unsagbar gut tat.\nXJnd da erhob er langsam, schmerzberauscht\nund stark, mit einem rätselhaften Gefühl, als sei\nsie wie auch er an einem ganz andern Ort als\nhier, an einem fernen und einsamen und strahlen-\nden Ort — seinen Blick zu ihr empor und begeg-\nnete dem ihren.\nNur eine Sekunde!\nNur eine einzige Sekunde!\nDann wandte sie sich wieder von ihm ab . . .\nEr stand erbleichend da, die Stirn jäh mit\nSchweiß bedeckt, das Blut wahnsinnig in allen\nAdern kochend, das Herz sich mit einem Sprung\nerweiternd — unbändig groß vor Wonne und vor\nQual zugleich!\nUnmittelbar darauf war es ihm auf einmal, als\nseien auch ihre Wangen weiß geworden, als habe\nauch in ihren Augen sich unvermutet ein Flam-\nmen gezeigt . . . aber da ward er hintenüber tau-\nmelnd von einer unerträglichen Scham getroffen,\nals habe er sie mit Betrug und Gewalt zu sich\nhinab reißen wollen, indem er so von ihr dachte!\nUnd mit blutender Brust, mit einem leibhaftigen\nGefühl, daß das Blut stürzend durch seinen Kör-\nper hinabfiel, erhob er wiederum, reuevoll, den\nBlick zu ihr empor — begegnete von neuem dem\nihren, dem stolzen und sanften Blick aus ihrem\nJungfrauenauge!\nMein Gott!\nUnd was war es denn, was dann geschah?\nWelche Wunder vollbrachten sich, während die\nWelt in Flammen zerbarst, während die ganze\nalte Erde auf einmal in Brand stand und darauf\ndonnernd in Asche zusammensank! während ein\nimgealmtes, ein neues und riesenhaftes Universum\nabermals wie ein Weltenphönix von Gold geboren\nwurde?!\nNein, es gab keinen sterblichen Menschen,\nder Kraft genug besaß, es zu durchschauen, und\nStärke genug, es zu erzählen — das, was in ihm\nund in ihr geschah, in dieser Begegnung zwischen\nihren Blicken, zwischen den Schreien ihrer Her-\nfen, ihrer Wesen in allen Fibern . . . nein, Tat-\nsache aber ist nur, daß Glaß Morton ein paar Se-\nkunden später dastand, sich vor ihr verneigte;\nsie legte ohne Widerstand oder Zögern ihre Hand\nin die seine, die andern wichen stumm zur Seite,\nließen ihnen den Ausgang frei; er fühlte ihre Fin-\nger, die in den seinen zitterten, seine Brust war\nbis an den Rand mit dem Gold ihres Haares, ihres\nLachens, ihres Sinnes erfüllt — er legte heiß und\nbeschirmend seinen Arm um sie, und sie walzten\nbeide schwindelnd in Leo Brandes' berauschende\nMusik hinein in eine ewige, wiegende Welt von\nGesang und von Sonne. Ja, durch den großen,\nblauen Himmel selbst tanzten sie, dicht aneinander\ngeschmiegt, die Sterne lachten tief unten unter\ndem Rhythmus ihrer Füße, und fern über ihren\nHäuptern brauste die Melodie des Glücks, die die\nunvergänglich süßen und wilden Motive des Kamp-\nfes und der Ruhe, des Schmerzes und der Lust\nvereint! Die seligen Töne der tiefsten Verheißung\ndes Lebens — des höchsten Zieles des Lebens!..\nGlaß Morton lachte zu diesen Erinnerungen,\nwährend er da auf der Bank in seinem Garten saß\n— er erhob seine Augen, starrte blinzelnd in die\nNacht hinein und lachte.\nRings um ihn her stiegen lautlos die Düfte des\nSommers auf — er sog sie begehrlich ein.\nDa draußen murmelte das Meer seine ge-\ndämpfte Monotonie.\nDie Sterne blinzelten.\nNun ja, dachte er, indem er seinen Nacken in\ndie Hand stützte —: und dann später?\nHörte die Freude zwischen ihnen auf — ward\nsie nach und nach verbraucht, ward sie Jahr für\nJahr in Stücke zerrissen, verschwand sie zuletzt\nganz und gar und ließ die beiden mit leeren Hän-\nden und mit kalten Blicken zurück?!\nAch nein, sie war wohl aus festerem Stoff ge-\nmacht —: oder wie sollte es übrigens überhaupt\ngeschehen können, daß man sich diesem jeden Tag\nsich wiederholenden Wunder gegenüber ab-\nstumpfte: in Wahrheit endlich das zu besitzen,\nwas das eigene Ich ganz und rund machte! aus\ndem Erbarmen und dem Reichtum des Lebens als\nQeschenk das erhalten zu haben, was unsere\nKräfte an Körper und Sinn verzehnfachte — und\nso jede Stunde des Tages zu einer Explosion von\nSein und von Schaffen machte?!\nJa —:\nAber ging es denn so leicht wie es gesagt war?\nBrauchten sie einander nur ganz einfach zu\nlieben — konnten sie denn davon leben?\nBewahre, nein, freilich nicht, keineswegs! Herr\ndu mein Schöpfer, selbstverständlich nicht —: aber\nman besaß ja diesen göttlichen Leichtsinn, den\nallein Jugend und Liebe vollauf geben kann — und\nder geradeaus gesagt Millionen wert ist!\nAnnie Ulfeldt —: mein Qott, ihr Vater war pen-\nsionierter Bürgermeister; er hatte elf Kinder...\nund Morton keinen Heller! -— Aber Onkel Nico-\nlas, dessen Kompositionen den Musikverlegern auf\nder ganzen Welt Vermögen schafften!? Hahaha,\nja, danke, aber war Nicolas denn nicht auch\nselbst Künstler, wenn ich fragen darf — und ver-\nfiel er also nicht in eine homerische, in eine tage-\nlange und schwellende Heiterkeit, als sein Bruder,\nAnnis Vater, eines Tages zu ihm kam und darauf\nanspielte, ob er nicht aus seinem Ueberfluß ein\nklein wenig für die jungen Leute opfern könne,\nwenigstens zu einer Aussteuer?! Hahaha, ja, Ni-\ncolas lachte und lachte, bis er nicht mehr konnte\nund enthüllte darauf gründlich, zum erstenmal, dem\nandern seine sogenannten ökonomischen Verhält-\nnisse, bewies ihm mit unwiderlegbaren Zahlen,\nwie er nur durch Zauberkunst überhaupt selbst\nexistieren konnte, sozusagen wunderbarerweise\nselbst getragen von dem Goldstrom, den er weg-\nschuldete!\nMit anderen Worten —: Wenn sie sich jetzt\nverheiraten wollten, die beiden, dann mußten sie\nsich vollständig selbst versorgen! „Wenn\", „jetzt\"\n— du großer Qott: Aufschub, Wartezeit, nein, da-\nvon konnte um keinen Preis die Rede sein: Höre\njetzt einmal, Annie, erklärte Morton —: laß uns\ndie Sache jetzt einmal ein wenig nüchtern be-\ntrachten und endlich auch nicht ganz und gar\nvergessen, daß mein Verlag ja verhältnismäßig\nkeineswegs ungenerös mit seinen Vorschüssen ist,\nund wenn es am allerschlimmsten hapert, schreibe\nich auch einen oder zwei Artikel für eine Zeitung\noder irgendeine Zeitschrift, trotz meiner Grund-\nsätze! nicht wahr, du sollst sehen, es kann ja\nnicht anders als gehen! Vergiß übrigens auch\nnicht, was mein Vater uns beiden versprochen\nhat: daß er uns eine lange, lange Hochzeitsreise\ngratis auf irgendeinem Schiff durch einen Rheder\nverschaffen will, der sein alter Freund ist —: und\ndann sind wir auf alle Fälle für die ersten Monate\nvöllig versorgt! — Wozu Annie Ulfeldt lachte, sie\nhatte einen Augenblick eine bekümmerte Miene,\nvergaß sie wieder, legte ihren seidigen Arm um\nseinen Hals . . . und ergo war die Hochzeit be-\nstimmt!\nUnd sie ging, diese Ehe, so gut wie ohne Geld?\nHaha, diese verteufelt unvergleichlichen Jahre,\nda oben in einer sonnigen Mansardenwohnung, ii\nzwei kleinen Zimmern und einer Puppenküche,\nweit draußen im Umkreis der Stadt, mit Gärten\nund Kies und Kinderlachen da unten! Wo Morton\nTag für Tag am Schreibtisch saß, Seite für Seite\ndes Papiers mit seiner ritzelnden Schrift, mit sei-\nner Fata Morgana und seinen Gedanken bedeckend\n— oder plötzlich ganze Monate hindurch nicht eine\nFeder anrühren wollte, weil da dies oder das ge-\nlesen und so pedantisch durchgrübelt werden\nmußte! Annies Gesicht, wenn da eines Tages\ndreißig Oere fiir das Mittagessen vorhanden wa-\nren, wenn sie deswegen mit der Sonne aufstehen\nmußte, während er noch dalag und schlief, auf\nihren langen Beinen bis nach dem Gemüsemarkt\nim Mittelpunkt der Stadt trippeln mußte, mit\nSchweißperlen übersät nach Hause kam, ein Bün-\ndel Wurzeln in der einen Hand, Kopfsalat, Radies-\nchen und Tomaten in der andern — und um die\nMittagszeit aus alledem irgendein ambrosisches\nGericht nacli eigenem Kochbuch bereitet hatte:\nach, Annies würzige und neuentdeckte Gerichte,\nmärchenhaft zusammengesetzte Geschmäcke, wie\nman ihresgleichen nirgends erhielt, so frisch, so\nvoll von dem Aroma des Frühlings und des Som-\nmers, so blond und zart wie ihr eigener, duften-\nder Teint . . . und so wenig den Magen über-\nfüllend! . . .\nMorton lachte von neuem, rückte ein wenig auf\nder Bank.\nDann strich er mit der Hand über sein Gesicht,\nsah ernsthaft vor sich hin —:\nOb sie ging, diese muntere und glühende Ehe\n— und über die alle die Klugen den Kopf geschüt-\ntelt hatten?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-01_01#c011", "volume": "bmtnabg_1914-05-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "23", "page_fin": "23", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.2.8", "titre_corps": "Empfohlene Bücher", "titre_sommaire": "Empfohlene Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.7", "debut_caractere": 8542, "fin_caractere_exclue": 9293, "texte": "Empfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier ge-\nnannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits eine\nEmpfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte Bücher\nzurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nJean de Bosschère\nMax Elskamp / Essai\nParis / Bibliotheque de l'Occident\nPer Hallström\nFrühling\nEine alte Geschichte\nVerirrte Vögel\nEin geheimes Idyll und andere Novellen\nDer tote Fall / Ein Roman\nEin Schelmenroman\nDie vier Elemente\nLeipzig / Insel-Verlag\nRicarda Huch\nDer große Krieg in Deutschland / Drei Bände\nLeipzig / Insel-Verlag\nHandbuch der Kunstwissenschaft\nHerausgegeben von Fritz Burger / Lieferung 14\nBurger: Deutsche Malerei / Heft 7\nBerlin-Neubabelsberg / Akademische Verlags-\ngesellschaft Athenaion m. b. 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Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 30 Mark (12)\nOskar Kokoschka: PI ak at fflr die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Me n -\nschenkopfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnisi ie d e r / Zu Oe-\ndichten von Arno Hoi z I Fiir Gesang un-d Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKQnstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fabrt / Qiao Seve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz I Umberto Boccioni r Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Munter / Marc Chagall /\nKlee / Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier la\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in eln-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nzig ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / Mark 10\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fflnfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-01-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-01_01#c015", "volume": "bmtnabg_1914-05-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Badger / Boston / Mass\nI USA 194 Boylston Street\nAlbert Ehrenstein: Die weiBe Zeit / Dieser Gedicht-\nband erscheint Ende Marz in einer signierten\nAuflage von 300 Exemplaren, in Leder gebunden,,\ndas Exemplar 10 Mark / Man subskribiert bel\ndem Verlag Georg Miiller, Munchen, Elisabeth-\nstraße 26\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste I\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qna-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / MUanc*\nI Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nZiehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nWiecker Bote / Akademische Monatsschriff )\nHerausgeber und Schriftleiter: Dr. Oskar Kaneh! /\n25 Pfennig / 6 Hefte M. / Heft 7 soeben er-\nschienen\nJosef Treß: Bettelk6nig / Gedichte mit Zefchmm-\ngen von Lovis Wachlmeier / Baldur-Verlag I\nMunster in Westfalen"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.1", "texte": "Umfang: acht Seiten\nEinzelbezug 40 Pfennig\nUR4\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9/ Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungsräume\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nFÜNFTER JAHRGANG 1914\nBERLIN-PARIS ERSTES MAIHEFT\nNUMMER 3\n\nInhalt:\nJosef Capek: Moderne Architektur / Guillaume Apollinaire: Rotsoge / A.M.Frey: Cordelia / Albert Ehrenstein: Gedichte / Aage von Kohl\nDer weg durch die Nacht / Empfohlene Bücher / Otakär Kubin: Originalholzschnitt / Viatislav Hofman: Projekt eines Friedhofs bei Prag li) 12\n\nOtakar Kubin: Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.2", "texte": "Moderne Architektur\n\nUnter den praktischen und spekulativen For-\nderungen, die die Entwickelung und das Aufblühen\nder wirklich modernen Kunst theoretisch\nbezeichnen, finden wir bis jetzt wenige Beiträge\nüber eine neue Architektur. Die Architektur hat\nsich im Vergleiche zu den Entdeckungen und den\n„Recherchen\" der anderen bildenden Künste ziem-\nlich leblos erhalten; würden wir die Neuerungen,\ndie in ihrer gestrigen Entwicklung vorgegangen\nsind, aufzählen, so ergeben sie keine großen Ge-\nwinne. Ihre Disziplin hat sich nicht so vom Grunde\naus umgewertet wie zum Beispiel die der moder-\nnen Malerei.\nEine Architektur, gleichberechtigt und koordi-\nniert den anderen modernen bildenden Künsten. >—\nWenn wir uns das Prinzip des architektonischen\nSchaffens auf die Frage des Formens der Materie\nvereinfachen, so sehen wir, daß jede Epoche ein\neigenes Verhältnis zu dieser Materie hatte. So das\nPrinzip der Stütze und der Last in der antiken Ar-\nchitektur, entsprechend dem irdischen Religions-\ngefühle der Griechen; so das schlank emporschie-\nßende Pfeilersystem der Gotik, deren Sehnsucht\nnach Gott das Gestein bis zum Himmel strömen,\nbrechen und verklingen läßt, aber keine Last der\nMaterie zu kennen scheint; so die pathetisch und\nprachtvoll bewegte Materie des Barok, die aufge-\nbauschte und wehende Bewegtheit der Lasten,\nStützen und Wände, die dynamische Plastik, die\nVerschiebungen und Rotationsbewegungen im\nGrundriß und im Seitenriß, die der Renaissance-\ngrundform ein vollständig neues Wesen geben.\nGotik und Barok sind wie skulpturale Formen, die\nnicht von außen behauen, sondern die von Innen\naus, durch die Bewegung der Massen entstanden\nsind. — Auch die moderne Architektur muß eine\nelementare Neuerung und Umwertung in sich\ntragen, eben in Beziehung zur Auffassung\nder Materie.\nMan hat den Sinn der Architektur etwas her-\nabgesetzt. Sie ist ebenfalls eine Kunst des gestal-\ntenden Instinkts, der Logik, eine Kunst der Dispo-\nsition, der Auffassung, der erhabenen Form und\nder großen Emotion. Diese selbständige Kunst-\ndisziplin eng an das Praktische und Maßgebende\ndes Zwecks zu fesseln, ist ein Mißverständnis,\ndas die Schaffenskräfte den Architekten hemmt.\nUnrichtig ist das klassizierende Gefühl, das den\nneuen Zwecken einen Stil oder Stilgarnierungen\nzusetzt, gleichwie das Ergebnis sei, monumental\noder anziehend. Unrichtig sind aber auch alle Ge-\nlüste dem Zeitgeiste nachkommen zu wollen, wenn\nman Theorien und Leitfäden deduziert: aus den\nneuen Materialien (künstliche Baumaterialien, Glas,\nMetall) aus den neuen Konstruktionsmitteln (Ent-\ndeckungen der Ingenieure, Beton- und Metallkon-\nstruktionen) aus dem neuen Zwecke (Großstadts-\nund Weltstadtsbedürfnisse, Fabriken, Bahnhöfe, Ak-\nkumulationsgebilde des modernen Lebens). Das\nneue Formgefühl soll weit mehr primär sein. Es ist\nein Geist, dem zwar die Begabung der rationellen\nLogik gegeben ist, der aber, und das in erster Reihe,\nseine formalen Ambitionen hat, die nicht an die\nobengenannten Vorwände, Reize und Hilfsmittel\ngebunden sind. Dieser Geist ist natürlich imstande,\ndie Aufgaben zu lösen, die neuen Möglichkeiten\nintelligent auszunützen und den neuen Zwecken\nkünstlerische Gestaltung zu geben, er ist aber\nnicht durch sie bedingt und nicht durch\nsie ist er potent und aktiv geworden.\nDie prinzipielle Umwertung im Wesen der an-\nderen bildenden Künste ist unter einem impulsiven\nDrucke geschehen. Im Verlaufe der modernen Ent-\nwicklung hat die Malerei als erste den Weg ein-\ngeschlagen, wo sie sich vom neuen organisch zu\nkonstituieren anfängt. Wir wollen die Materie,\ndas heißt die äußere und die innere Welt, durch\neine neue Art und künstlerisches Ordnen sichtbar\nund begreiflich machen, eindringlicher, tiefer, um-\nfassender und ausdrucksvoller, entsprechend den\nBedürfnissen und der Anschauung des modernen\nQeistes, der für sich eine neue Formensprache for-\ndert, um in ihr alles zu finden, was er enthält und\nund was ihn ergreift. So auch die Architektur; ihre\nAufgabe liegt nicht in dem engen Spielräume, wo\nman den Bauten eine neue Gestaltung und\nPlastik gibt; vielmehr bedeutet sie ein neues Ein-\ngreifen in d i e Materie, die so in Tätigkeit und\nBewegung zu bringen ist, daß die gewonnene Form\nden neuen Voraussetzungen und Neigungen ent-\nspricht. Es sind dieselben für die Architektur wie\nfür die anderen bildenden Künste. Natürlich aber\nhat die Architektur ihre eigenen Qestaltungswege\nund ihre eigenen Grundsätze, die mit den anderen\nDisziplinen nicht zu vermischen sind.\nIn der kubistischen Malerei handelt es sich, sehr\nim allgemeinen gesagt, um eine neue raum-\nplastische Vorführung der Sachen; auch die Archi-\ntektur ist durch dieses neue Gefühl geführt. Die\nneue Plastik sollte aber nicht eine ausschließliche\nAngelegenheit des Auges sein; sie soll immer eine\nErhabenheit und ihren Schwung haben, die sich an\nden Geist wenden. Es genügt also nicht eine eckige\nund schiefwinkelige Architektur zu schaffen, die\naus älteren Stilen übernommene Elemente (Säulen,\nGesimse, Portale, Fensternischen etc.) nach den\naus der kubistischen Malerei gewonnenen Erfah-\nrungen zu traktieren, und in die Architektur eine\nUnmenge schiefer Flächen und gebrochener Seiten\neinzuführen, die auf diese Weise eine Illusion der\nkubistischen Malerei ergäben. Dies wäre nur ein\nprimitives Stadium der Beeinflussung, nicht aber\nder Moment einer prinzipiellen Umwandlung der\narchitektonischen Disziplin vom Grunde aus.\nEs ist nicht zu übersehen, daß diese Entwick-\nlungsstufe ihren logischen Zusammenhang mit einem\nStadium der kubistischen Malerei hat. Die neue\nMalerei reduzierte unlängst noch die Gegenstände\nauf eine Art von geometrischem Netz, auf ein linea-\nres Konstruktionsskelett, das den Raumwert der\nSachen umfaßt und umschreibt; dieses Netz wurde\ndurch abschattierte Flächen (nach der Flächenbe-\nhandlung ausgefüllt und konsolidiert.\nAuch diese Architektur der gebrochenen Geraden,\nscharfen Ecken und Kanten und der schrägen Flä-\nchen, basiert hauptsächlich auf einem Systeme der\nsich in einem Brennpunkte zusammentreffender\nund auseinanderlaufender Richtungslinien, in deren\nGrenzen die ganze Masse gehalten, eingeschlossen\nund zusammengefaßt ist. So erfolgt die Bindung\nund Begrenzung der Materie meistens durch\nschräge pyramidale Flächen, die sich entweder\nscharfkantig in die Masse einschneiden oder aus\nihr hervortreten. Diese Richtungslinien sollten\ndurch die Materie gehen, um sie vom Kerne aus\naktiv zu gestalten (architektonisches Prinzip);\nschlecht sind die Beispiele, wo sie nur auf die Ober-\nfläche der Masse gelegt wurden, so daß sich das\nformal gestaltende Geschehen bloß mit plastischen\nVerschiebungen dieser Oberfläche begnügte, wäh-\nrenddessen die Masse innen neutral und tot ver-\nblieb (unverarbeitete Einflüsse der Malerei).\nDiese Architektur, bezeichnet vornehmlich durch\ndie beinahe ausschließliche Anwendung des Drei-\necks, des Trapezes, des Rhombus, des Oktogons\netc., die sich untereinander in krystallinische For-\nmen verbanden, war im guten Falle plastisch sehr\nwirkungsvoll, gab auch bei schlanken und gebroche-\nnen, an die Gotik erinnernden Formen den Ein-\ndruck einer robusten Kraft, und erzielte einen\nernsten monumentalen Charakter. Wer sie nicht\nbeherrschte, der erzielte nicht den nötigen Gratf\nder Synthese und der formalkonstruktiven Bin-\ndung; es geschah auch machmal, daß man diese\nneue Prozedur auf traditionelle architektonische\nSchemen applizierte, die auf diese Weise eine mo-\nderne Vermummung bekommen haben.\nDem breiter vorschreitenden Einflüsse des\nPicasso können wir den veränderten Charakter eini-\nger späteren Versuche zuschreiben. Auf Picassos\nBildern sind senkrecht und wagrecht sich durch-\nschneidende Pläne, in denen sich die Gegenstände\nräumlich zerlegen und von neuem konstituieren;\ndieses kann leicht auf den Gedanken einer architek-\ntonischen Anwendung bringen. Ich muß im voraus\nbemerken, daß diese sonst ganz interessanten Ver-\nsuche das unumgängliche architektonische Ordnen\nzu Gunsten eines mißbrauchten malerischen\nVorgehens entwertet haben. Die ihnere Masse\nbleibt wiederum unbewegt und tot, und auf ihrer\nOberfläche geschehen Verschiebungen beinahe in\nder Art, als wenn wir prismenartige Schub-\nfächer und sich durchdringende Platten in ver-\nschiedenen Richtungen aus ihr heraus oder auch in\nsie hineinschieben würden. Der Eindruck scheint\nsehr kompliziert und wunderbar, ist aber im höch-\nsten Grade unsynthetisch, ungebunden und wenig\nstruktiv. Die Materie scheint ganz zerlegt, ja oft\nzerfetzt zu sein, weil sie auf der Oberfläche in\neine übermäßige Bewegung gebracht wurde, in\neine oft grundlose Bewegung, der das nötige Ver-\nbindungsvermögen fehlt, so daß die Resultate\nbeinahe ganz formlos sind. Wie man in Indien\ndurch Multiplizierung (statisches und numerisches\nUeber- und Nebeneinanderhäufen der Teile) baute,\nso bedeutet dieses Prinzip in einer Hinsicht etwas\nentgegengesetztes: ein plastisches höchst beweg-\nliches aber durchaus nicht struktives Zerlegen der\nMaterie.\nDas Kommen einer reiferen Auffassung ließ nicht\nlange auf sich warten. Diese Art überwindet die\nersten Stadien durch einen mächtigeren und syn-\nthetischen Zug; sie behält alle Voraussetzungen\nder modernen Kunstanschauung und wertet sie um\nin eine reinere architektonische Sprache. In ihr ist\ndas Konstruktive und die vollklingende Plastik der\nprimären Postulate, die in den ersten Versuchen\nlatent waren, vollends beibehalten und beherrscht;\ndas Prinzip des linearkonstruktiven Netzes und die\ngeometrische Raumgestaltung der vorgehenden\nVersuche hat sich hier wirkungsvoll in ein gehalts-\nreiches Mittel umgewandelt, das alle Voraus-\nsetzungen der jüngsten Architektur in sich enthält.\nWo die ersten Versuche manchmal nicht die\nganze Masse überwinden konnten und zuwei-\nlen bei einer neuen Wiedergabe und Zerlegung der\neinzelnen Teile stehen geblieben sind, hat\ndiese Art einen weit mehr verbindungsvermögen-\nden Zug, der die Masse durch einen seltsam eini-\ngenden Rythmus bezwingt und sie in Aktivität und\nBewegung bringt. Von den älteren Stadien unter-\nscheidet sich diese Architektur durch die überaus\nkluge und tieffühlende künstlerische Uebersetzung\nder inneren Bewegung und der Plastik. Sie hat\ndas Funktionierende und das formal Definitive und\nAbsolute einer Maschine, obwohl sie alle Möglich-\nkeiten einer persönlichen Lösung und Stilisierung\nzuläßt und sich auch völlig dem „Gesetze der\nWillkür\" bietet, das für die neue Kunst so wichtig\nist. Hier steht die Architektur auf dem eigenen\nBoden breiter Möglichkeit, neuer Impulse und\nwirksamer Versuche. Ihr Charakter ist Reinheit,\nSchärfe, Härte, Elastizität, ausdrucksvolle Erhaben-\nheit, Mächtigkeit und struktive Auffassung; zu glei-\ncher Zeit aber auch Individualität, Lebendigkeit,\nWillkür, Freiheit, geheimnisvolle Autonomie, un-\nvorhergesehene und unberechenbare instinktive\nLogik."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.3", "texte": "Es ist unzweifelhaft, daß die Architektur sich auf\neine neue positive Praxis stellt und daß sie sich\ndurch den Wert der vorhergehenden Entwiclc-\nlungsstadien und des durch die Qualität und des\ngegenwärtigen Standes zu den ersten „Stan-\ndards\" im heutigen Aufschwünge der bildenden\nKünste zureiht. Diese neue Form ist fähig unserem\nGefühl und Intellekte dieselben Genüsse zu geben\nwie die anderen bildenden Künste, und auch sie ist\nein wichtiges und legitimes Manifest des modernen\nGeistes.\n\nJosef Capek\n\nRotsoge\nAu peintre Chagall\nGuillaume Apollinaire\nTon visage ecarlate ton biplan transformable en\nhydroplan\nTa maison ronde oü il nage un hareng saur\nII me faut la clef des paupieres\nHeureusement que nous avons vu M. Panado\nEt nous sommes tranquilles de ce c6t6 lä\nOu'est-ce que tu veux mon vieux M. D.\n90 ou 324 un homme en Tair un veau qui regarde\nä travers le ventre de sa mere\nJ'ai cherche longtemps jrur les routes\nTant d'yeux sont clos au bord des routes\nLe vent fait pleurer les saussaies\nOuvre ouvre ouvre ouvre ouvre\nRegarde mais regarde donc\nLe vieux se lave les pieds dans la cuvette\nUne volta ho inteso dire Ach du lieber Jott\nEt Je me pris ä pleurer en me souvenant de nos\nenfances\nEt toi tu me montres un violet epouvantable\nCe petit tableau oü il y a une voiture m'a rappele\nle jour\nUn jour fait de morceaux mauves jaunes bletis verts\net rouges\nOü je m'en allais ä la campagne avec une char-\nmante cheminee tenant sa chienne en laisse\nJ'avais un mirliton que je n'aurais pas echangS\ncontre un bäton de marechal de France\nII n'y en a plus je n'ai plus mon petit mirliton\nLa cheminee fume loin de moi des cigarettes russes\nSa chienne aboie contre les lilas\nEt la veilleuse consumee\nSur la robe ont chu des pStales\nDeux anneaux d'or pres des sandales\nAu soleilse lont allumes\nTandis que tes cheveux sont comme le trolley\nA travers l'Europe vetue de petits feux multicolores\n\nCordelia\nA. M, Frey\n\nAndreas und seine Frau versäumten das letzte\nSchiff. Sie rannten beide den endlosen Steg ent-\nlang. Andreas hörte immer neben sich den weißen\nLeinenrock seiner Frau gleichmäßig schnell auf-\nrauschen und wußte doch schon, ohne den Lauf\nhemmen zu können, daß sie zu spät kamen. Nun\nwaren sie am Ende der Brücke, und das Rauschen\ndes Leinenrockes verstummte, um, kaum erstor-\nben, in genau demselben Rhythmus gleich wieder\naufgenommen zu werden, von neuem aufzuleben\nin dem feuchten Klatschen der Dampferräder, die\nihre ersten Umdrehungen machten und kalte\nSpritzer, die dennoch zu kochen schienen, empor-\nsandten. Schaumiges Gekräusel warf sich zwi-\nschen Steg und Dampfer.\nAndreas glaubte seine Frau halten zu müssen,\nso nah trat sie an das Wasser, so weit beugte\nsie sich vor. Sie hob die Hand — der Dampfer\nentglitt ihr. Sie schien geneigt, die schaumige\nWasserfläche zu betreten und weiter zu laufen.\nDas Schiff drehte gleichgültig sein Hinterteil wie\nein schwerfälliges Tier der Landseite zu, es zeigte\nein rotes und ein grünes Licht, es entwich ganz\nunbeirrt in die Dunkelheit. Die Frau stampfte mit\ndem Fuße auf. Es klang, als unterdrücke sie ein\nSchluchzen.\nDer Maler, bei dem Andreas und seine Frau\nden Tag über zu Besuch gewesen waren, kam her-\nan. Er war langsam gegangen, er sagte: „Es nützt\nnichts, Ihr müßt beide heute nacht hier bleiben.\"\nAndreas beratschlagte mjt ihm. Das kleine\nGasthaus des Ortes war mit Sommerfrischlern ge-\nfüllt. Der Maler selbst hatte nur Platz für sich.\nAuch schien es zu so vorgerückter Stunde nicht\nmehr möglich, bei den Bauern, die alle früh schla-\nfen gingen, nach Betten zu suchen.\nDie Frau beteiligte sich nicht an den Ueber-\nlegungen. Sie sah auf die dunkle Seefläche hinaus.\n„Wenn ich will, komm ich heute doch noch hin-\nüber,\" sagte sie nur.\n„Im Kahn\", entgegnete der Maler, „wenn Sie\ndrei Stunden rudern wollen. Und was tun Sie\ndrüben? Den Anschluß an den Zug in die Stadt\nhaben Sie längst verpaßt. — Aber ich wüßte viel-\nleicht ein Unterkommen für Euch, das in dieser\nwarmen Sommernacht wohl angeht. Uebernachtet\nauf meinem Segelboot. Ihr kennt die Kajüte der\nCordelia. Sie hat Raum und Polster genug für\nzwei. Ich kann Euch ein paar Decken mitgeben,\naber Ihr werdet sie kaum brauchen. Der See\nbleibt ruhig, das ist gewiß.\"\nAndreas sah zweifelnd auf seine Frau. Sie\nzuckte die Achseln, aber ihr Gesicht hellte sich auf,\nwie er trotz der Dunkelheit zu bemerken glaubte.\n„Mir ist es recht,\" sagte sie endlich.\nSie holten Decken und noch eine Kleinigkeit\nzu essen. Die Männer ließen das Beiboot zu\nWasser. Die Frau stand untätig daneben, sah in\ndie Ferne. — „Wissen Sie, wer auf dem versäum-\nten Dampfer war?\" fragte der Maler.\n„Nein,\" sagte sie, aber es klang, als meinte sie:\nich weiß es wohl.\n„Sie sahen dem Schiff nach, als entglitte mit\nihm das Glück,\" sagte der Maler.\nAndreas und seine Frau stiegen in das Boot.\nSie stießen vom Lande.\n„Vielleicht war ein Freund auf dem Dampfer,\"\nrief die Frau dem Zurückbleibenden zu, „vielleicht\nein Mensch, der mich lieb gehabt hat.\"\nAndreas ruderte langsam. Er sah den Freund\nzwischen Ufergebüsch verschwinden und er\nwußte nun keinen Menschen mehr in der Nähe,\nausgenommen die Frau vor sich. Ihr helles Kleid\nleuchtete, trotzdem See und Himmel sehr dunkel\nwaren — leuchtete so, als breche kaltes, weißes\nLicht daraus hervor.\nAndreas ließ die Ruder entgleiten. „Was hast\ndu eben gesagt,\" meinte er. „Welcher Mann\nkönnte dich mehr lieben, als ich.\" Er sah in das\nGesicht seiner Frau, so dringend in das nahe, daß\njede Form sich ihm verwischte, wie aufgelöst\nunter ätzender Säure.\n„Ich habe nichts von einem Manne gesagt. Ich\nsagte: ein Mensch,\" entgegnete sie eintönig und\nschaute zum Himmel. — „Dort kommen Sterne\nheraus,\" setzte sie dann hinzu.\nEr sah empor und griff wieder zu den Rudern.\nSie glitten neben die Cordelia, die an der Schilf-\ngrenze vor Anker lag. Sie schwangen sich auf\nDeck und störten das Schiff in seiner Ruhe, das\nplötzlich ganz wach wurde, an seiner Kette zerrte,\nweich und hallend polterte, hoch oben ächzte, tief\nunten glukste.\nDie Frau saß auf dem Kajütenbau. Sie starrte\nseewärts ins Dunkle. „Und auch das habe ich ge-\nsagt: Wenn ich will, komm ich heute noch hin-\nüber. Aber ich will nicht. — Andreas, ich liebe*\nnur dich.\" Und sie hielt ihm ihr weißes Ge-\nsicht hin.\nAndreas küßte es wie etwas Rätselhaftes, das\ngleich sich verwandeln wird — in Stein, in ein\nTuch, in weißen Rauch des Wassers.\nSie umschlang ihn, sie beugte sich vor, sank in\ndie Kniee und zwang auch ihr«, ein gleiches zu\ntun. Sie sprach in das Wasser hinein: „Wenn\nwir beide dort unten lägen, Andreas, mit einem\nStrick um die Leiber, wie die törichten Liebes-\npaare.\"\n„Mit solchem Strick um die Leiber,\" sagte\nAndreas und legte seine Arme um ihre Hüften.\n„Es wäre vielleicht schön — es wäre gut dort\nunten,\" meinte sie.\n„Was für Gedanken, Kind. Wir wollen doch\nleben. — Gut: weshalb?\" fragte er.\nSie sah immer noch hinunter. „Es wäre etwas\nEndgültiges. — Laß mich los,\" bat sie und stand\nauf. —\n„Willst du schlafen, Liebste; willst du es dir\nbequem machen?\" fragte er. „Zieh dich aus. We-\nnigstens die Schuhe leg ab.\"\nSie dehnte sich. „Nicht einmal die Segeltuch-\nschuhe zieh ich aus,\" entschied sie. „Ich bin frei\ngenug, mir ist nicht eng. Schlafen: ja. Wie müde\nuns Städter die Sonne macht, die feuchte Luft und\nder Wind aus den Wäldern.\"\n„Warum sagst du: der Wind aus den Wäl-\ndern,\" fragte Andreas und rückte die Polster in\nder Kajüte zurecht. „Warum nicht einfach: der\nWind? Wo sind hier Wälder?\"\n„Der Wind aus den Wäldern,\" wiederholte sie,\nkam die kleine Treppe herab und sank auf die\nPolster der einen Schiffsseite. „Das klingt einfach\nund groß. Mögen hier keine Wälder an den Ufern\nsein. Der Wind aus den Wäldern ist für mich da,\ner ist schön, er ist mit Sehnsucht beschwert. Er\nmacht müde.»— Gute Nacht, Andreas. Nein, keine\nDecke. Gute Nacht.\"\nAndreas legte sich auf die andere Seite in der\nKajüte und mußte darüber nachdenken, daß er mit\ndieser Frau zwei Jahre verheiratet war, daß er\nkeine Kinder von ihr besaß und daß sie einst aus\nLiebe sich zusammengetan hatten. Er mußte auch\ndarüber nachsinnen, wie wohl der Nagel ihres klei-\nnen Fingers geformt sein mochte, dessen Aussehen\nihm ganz entschwunden war. Er hatte ihn gewiß\nschon ungezählte Male berührt, gestreichelt, ge-\nküßt. Er wollte aufstehen, um ihn anzuschauen,\naber er merkte von seinem Platze aus, daß sie die\nHände verstrickt und unter ihre blonden Flechten\ngeschoben hatte. Bevor er einschlief, kam ihm\nin den Sinn, ob nicht vielleicht Vieles an dieser\nFrau ihm gerade so fremd sei, wie ihr Kleinfinger-\nnagel. So fern. Alles vielleicht.\nEr wachte auf mitten in der Nacht. Er hob\ndie Lider. Schräg über ihm war die offene Luke\nder Kajüte. Er sah den Himmel über sich. Durch\noffene Kaiütentüren trug ihm ein Stern die Welt\nherein. Er schloß halb die Augen — und ein\ngleißendes Band, aus Nacht und Silber gehämmert,\nfloß aus dem Stern mitten in seinen Blick. Feuer\nsprang ihn an auf gestraffter Bahn, verband seine\nWelt hier innen mit der fernsten Welt.\nEin Schatten quoll über die offene Luke. Ver-\nmummte Stöße über seinem Kopf. Weiche\nSchritte über ihm. Er sah hinüber, dorthin, wo\nseine Frau sich gebettet hatte, und er sah sie nicht\nmehr."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.4", "texte": "Er stand auf und klomm die paar steilen Stu-\nfen hinan. Er tauchte in die Nachtluft, und — nach\nder Enge des Raumes dort unten — fiel ihm die\n(Weite der Wasserfläche überwältigend und\nwollüstig an. Er gab sich diesen ungezählten See-\nmeilen hin. Er atmete berauscht und willenlos.\nEr sah seine Frau am Großbaum kauern. „Was\ntust du?\" fragte er.\n„iGh will baden. Es ist so warm,\" sagte sie und\nstreifte die Schuhe ab. „Stell sie dort hin,\" befahl\nsie und kleidete sich weiter aus.\nEr stellte die Schuhe neben den Großbaum, auf\nsorgsam gerolltes Takelwerk.\nEr trat zurück, hob den Blick. Nackt stand sie,\nberieselt vom blauen Licht der Sterne. Andreas\nglaubte, sie halten zu müssen, so nah trat sie an\nBord, so weit beugte sie sich vor. Sie reckte\ndie Hand, sie schüttelte seinen Griff ab von ihrem\nArm. „Ich will hinunter,\" sagte sie.\nUnd sie sprang. Sie zerstörte den Wasser-\nspiegel, der wie poliertes Holz unter dem Nacht-\nhimmel lag. Ihr Körper hackte ein Loch hinein.\nEin feuchtes Klatschen, ungeheuer in diese Stille\nhineingeworfen, eroberte sich das ganze schwei-\ngende Gestade.\n„Ich komme zu dir,\" sagte Andreas und warf\nden Rock ab.\n„Bleib, wo du bist,\" befahl sie und schwamm\nhinaus und kam wieder zurück. Dicht unter seinen\nAugen, ganz nahe der Schiffswand, tauchte sie\nzur Tiefe und verschwand.\nAndreas stand und wartete. Die Seefläche war\nleer. Hundertfältig war sie belebt gewesen durch\nden einen sich windenden Körper. Nun war sie\nlerr, alt, erstorben, seit hundert Jahren tot. Immer\nsah Andreas auf die Steile, wo seine Frau ver-\nsunken war. Er mußte lange warten. Um etwas\nzu tun, um die Zeit, die ihn anstarrte und belau-\nerte, zu überlisten, zog er seinen Rock wieder an\nund kramte in den Taschen.\nEndlich tauchte sie auf. Ihrbiondes Haar, trie-\nfend und verdunkelt, durchbrach mit einem Ruck\nden schwarzen Spiegel.\n„Ich war tief unten,\" sagte sie. „Ich habe den\ngroßen, schweren Bleikiel in Händen gehabt. Ich\nwar noch tiefer als der Kiel. Das Wasser ist lau,\nselbst dort unten. Das Blei aber ist kühler als\ndas Wasser. Ich habe mich so gelegt — dort\nunten — daß mein Rücken sich an den Bleikiel\nschmiegte. Ich erschauerte unter seiner brennen-\nden Kälte. Ich lag unter ihm, ich schwebte unter\nihm, ich trug ihn, ich trug das ganze Schiff. Ich\nselbst war das Schiff. Ich trug dich, Andreas.\"\n„Komm herauf, du Schiff,\" sagte er lächelnd.\nIhm fiel ein, daß er vor Stunden begierig danach\ngewesen war, den Nagel ihres kleinen Fingers zu\nsehen. „Gib mir die Hand,\" bat er. „Ich helfe\ndir an Deck/'\n„Ich will im Wasser bleiber,\" sagte sie und\nglitt zurück und verschwand an der gleichen\nStelle, wie vorhin.\nAndreas wartete wieder. Die Zeit starrte ihn\nan, lauernd und lang — unverwandt. Wer ist die\nFremde, dachte Andreas, die da unter mir taucht\nund sich windet und für einen Bleikiel zärtliche\nWorte hat, wie für einen Geliebten? — Nichts\nregte sich. Nur die Zeit starrte ihn an.\nAndreas ließ die Stelle, wo seine Frau ver-\nschwunden war, nicht aus den Augen. Aber vom\nanderen Schiffsbord her, der dem Schilfe zuge-\nwandt lag, drang ein Plätschern. Mit drei Schrit-\nten war Andreas drüben.\nSie durchbrach den ebenhölzernen Spiegel mit\nverdunkelten, triefenden Haaren. Sie hatte Schilf\nin ihnen. Es war, als seien ihre Haare Schilf.\n„Komm herauf, du Schiff Cordilia,\" sagte er.\nWindstöße rauschten kurz in den Binsen. Das\nRauschen starb — und es lebte wieder auf im\nWasser, ward in genau demselben Rhythmus wie-\nder geboren, dort, wo die Frau mit heftigen Stö-\nßen schwamm, — so behende, daß Gischtwellen\nunter ihrer vorwärtsdrängenden Brust aufbran-\ndeten. Schaumiges Gekräusel warf sich zwischen\ndas Boot und sie.\n„Lilith,\" rief er ihr nach.\n„Ich heiße Lili,\" kam es zurück.\n„Lilith, Adams erste Frau,\" rief Andreas.\n„Bist du der Stammvater der Menschen,\"\nlachte sie und hielt im Rudern inne. Und legte\nsich platt auf den See.\nAndreas spähte nach ihr hin. „Du willst nicht\nzu mir kommen. Ich darf nicht zu dir kommen,\"\nklagte er. Sein Kopf fiel vornüber. Er saß zu-\nsammengekauert. Er weinte. Sein Schluchzen\nfuhr über die Fläche.\nDie Frau lag rücklings auf dem Wasser. Ihre\nBrüste stachen in den Sternenhimmel. Und sie\nlachte.\nUnd Weinen des Mannes und Lachen der Frau\nkreuzten sich und klangen zusammen und wurden\neine große, unbegreifliche Melodie.\nEs fing zu dämmern an. Sie schwamm in lang-\nsamen Stößen herbei.\n„Der Morgen kommt,\" sagte sie, „und ich bin\nmüde.\" — Sie hob sich empor und umklammerte\nmit tropfenden Fingern den niederen Bord.\nAndreas stand auf. Ihm fiel ein, daß er noch\nimmer nicht ihren kleinen Fingernagel geprüft\nhatte.\n„Gib mir die Hand,\" sagte er. „Ich helfe dir\nan Deck.\"\nSie reichte ihm eisige Finger. Er. bückte sich\nund besah den Nagel. Er war blau, er war grün,\nwie eine glänzende Schuppe.\nEr ließ ihre Hand fahren. „Du Fisch,\" sagte\ner langsam und kalt. „Untier du, du fremdes\nTier.\"\n„Ich bin matt, Andreas, hilf mir hinauf,\" kam\nes vom Wasserspiegel.\n„Du fremdes Tier,\" sagte Andreas überlegen\nund böse. Haß versteinerte ihn. Er trat ihr auf\ndie eisigen Finger, mit jedem Fuß auf fünf.\n„Laß los, du Tier,\" sagte er.\nSie sank lautlos zurück, mit offenem Munde.\nDas Wasser schloß sich über einem schilfbehaar-\nten Haupt.\nAber es tauchte wieder auf, weit schon drau-\nßen. Andreas sah es. Er erwachte aus einer\nbösen und dumpfen Welt, in der er eben gelebt\nhatte. „Cordelia,\" rief er, „willst du nicht zu mir\nkommen, darf ich nicht zu dir kommen?\"\n„Ich heiße Lili,\" hallte es über die Fläche.\n„Lilith,\" rief er zurück.\n„Adams erste Frau. Du läufst im Kreis, An-\ndreas. — Andreas, wenn ich will, komm ich doch\nnoch hinüber.\"\nDa fiel er nieder. Er umklammerte den Mast\nwie einen Menschenkörper. „Lilith, ich hab dich\nlieb,\" sagte er.\n„Die sich lieben, sind sich am fernsten,\" kam\nihre Stimme schon ganz von weitem zu ihm. Und\nsie tauchte zum Grunde.\nDoch er konnte ihr mit den Augen folgen.\nSeine Augen trugen wie die eines Raubvogels.\nKristall wurde das Wasser. Er sah sie schwim-\nmen mit sausenden Stößen einer Robbe — tiefen-\nwärts. Viele Klafter tief. Er sah alles. Er hing\nmitsamt dem Schiff über dem kristallnen Abgrund\nwie mitten in der Luft.\nImmer noch ruderte sie und immer zur Tiefe.\nEr verlor sie nicht. Seine Blicke flogen dicht hin-\nter ihr her. Da stieß sie an Felsenkammern. Da\nverschwand sie.\nDie Sonne ging auf. Andreas hob den Btick.\nEin Berg brannte. Andreas schaute hin. Lilith\nwar in dem Berg. Der Berg war Lilith. Ihre\nsteinernen Schenkel wuchsen aus dem See. Grau\nwar ihr Leib, umlagert von Frühnebeln. Aber ihr\nHaar brannte in der Sonne.\n„Lilith,\" sagte Andreas, „du fern — fremd —\nund unsagbar geliebt. Und unsagbar gehaßt.\"\nEr schloß halb die Lider — und ein kupfernes\nBand floß aus dem Haar der Frau herab vom Berg\nmitten in sein Auge. Auf gestraffter Bahn sprang\nFeuer ihm zu, bergab viele Meilen, über den ganzen\nSee und auf das Schiff. Es verband ihn Feuer mit\nder fernsten Ferne.\nEr setzte sich nieder, an den Mast gelehnt Er\nsah unverwandt in ein schimmerndes Riesenhaupt.\nDer Maler schüttelte ihn wach. Die Sonne\nstand hoch über den Bergen.\n„Andreas, steh auf,\" sagte der Maler. „Wie\nkann man so lange schlafen. Deine Frau ist schon\nan Land gegangen.\"\n„Meine Frau liegt unten in der Kajüte,\" entgeg-\nnete Andreas. „Sie hat gebadet heute Nacht. Sie\nwird müde davon sein. Auch sie wird noch schla-\nfen wollen.\"\n„Längst ist sie von Bord,\" wiederholte der\nMaler.\n„Dort stehen ihre Schuhe,\" sagte nur Andreas.\n„Ich sah ihr zu beim Baden. Sie v/eckte mich.\nIch blieb hier oben, unten war es mir zu heiß. An\nden Mast gelehnt, bin ich wieder eingeschlafen.\"\n„Das Beiboot ist fort,\" entgegnete der Freund.\n„Und deine Frau ist auch fort. Sie ist nicht in der\nKajüte, überzeuge dich selbst. Ich weiß nicht, an\nwelcher Stelle sie an Land gegangen ist. In das\nDorf ist sie nicht gekommen.\"\nAndreas stand auf. Er sah sich um. Er sah\nSegeltuchschuhe auf sorgsam gerolltem Tauwerk.\n„So ist sie barfuß in die Welt gegangen,\" sagte er.\nUnd der Maler begriff nicht, was jenen plötzlich auf\ndie Knie warf und flehen machte: „Hilf mir sie\nsuchen.\"\n„Sie wird wohl nicht schwer zu finden sein,\"\ntröstete der Freund Andreas wie einen Kranken.\nSie ruderten beide ans Ufer in dem Kahn, in\nwelchem der Maler gekommen war. Sie forschten\nim Dorfe, auf den Dampfern, an der Bahnstation.\nSie telephonierten in die Stadt. Alles vergebens.\n„Sie ist ertrunken heute nacht im See beim\nbaden,\" sagte Andreas. „Ich muß das Unheil ver-\nschlafen haben. Man wird den Seegrund im Um-\nkreis der Cordelia absuchen müssen.\"\nSie gingen, um Fischer anzuwerben für diesen\nFischzug. Unterwegs, mitten auf einer bienenüber-\nsummten Wiese, blieb der Maler stehen und legte\nseine Hand auf des Freundes Schulter. Das große\nSummen um ihn her gab ihm Kraft und Ruhe für\nseine gefährlichen Worte. Er sagte behutsam:\n„Deine Frau ist wohl nicht ertrunken. Wo sind\nihre Kleider, die sie vor dem Bade doch abgelegt\nhat? — Deine Frau ist auf und davon. Sie zieht\neinem Glück nach, das gestern abend auf dem ent-\nschwindenden Dampfer an der Reling lehnte und\nzu uns herübersah.\"\n„Wen meinst du?\" fragte Andreas.\n„Den jungen Bildhauer, mit dem sie letzten\nWinter oft in Gesellschaft zusammentraf. Sie sah\nihn gern. Er war seit kurzem hier ansässig, er hat\nalles wieder verkauft, er zieht nach Norden. Sie\nvielleicht wie eine Nachtwandlerin hinter dem\nGlücke her.\"\n„Nein,\" sagte Andreas, „ich glaube das nicht.\"\n— Ich habe alles geträumt, was heute nacht ge-\nschah, dachte er. — Ich träume noch. Wach auf,\nAndreas, wach doch auf.\nDie Fischer fanden nichts. Die Telegramme\nbrachten sie nicht herbei. Die Fragen in den Zei-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.5", "texte": "Vlatislav Hofmani Projekt eines Friedhofs bei Prag 1912"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.6", "texte": "Tungen blieben ohne Antwort. Das fehlende Bei-\nboot ward am jenseitigen Ufer zerschabt an steil\nabfallender Klippe leer gefunden. Sein Tau mochte\nsich in der Nacht selbständig vom Segelbootpflock\ngelöst haben.\nAndreas kaufte von dem Maler die Cordelia.\nEr wohnte ständig am See. Er lernte segeln. Er\nkreuzte viel und bei jedem Wetter über die be-\nwegte Fläche. Und saß am Steuer, allein und ganz\nin Gedanken. Er mußte über die Segeltuchschuhe\nnachsinnen, die seine Frau beim Schlafengehen\nnicht hatte ausziehen wollen — die nun allein von\nihr zurückgeblieben waren. Sonst keine Spur.\nHatte nicht er selbst die Schuhe neben den Groß-\nbaum auf sorgsam gerolltes Tauwerk gestellt? Er\nselbst? Dorthin, wo sie wirklich am nächsten\nMorgen standen? — Also war auch alles andere\nebenso wirklich geschehen.\nEr dachte Stunden darüber nach. Tage. Er\nfand eine Lösung, die friedlich alle Oual zudeckte.\n„Sie ist nicht ertrunken,\" sagte er vor sich hin.\n„Sie ist Schiff geworden. Was erzählte sie, als\nsie heraufkam nach ihrem langen Tauchen? „Ich\nschwebte unter dem Bleikiel, ich trug das ganze\nSchiff, ich selbst war das Schiff\". — Sie ist in diese\nPlanken gefahren, sie hat sich verkleidet in diese\nWellenreiterin. Sie ist da, sie ist unter mir, neben\nmir, sie ist nicht fern, sie ist da, ich halte sie. —\nLili, du Schiff Cordelia, geliebtes,\" sagte er in die\nleere Luft, und er streichelte Holz und Taue. „Du\nbist mir nah, nun du so fern bist.\"\nAndere Tage kamen, andere Gesichte. Er sagte\nsich: Doch ist sie ertrunken. Und durch meine\nSchuld. Ich trat ihr auf die eisigen Finger, sie\nmußte loslassen, sie ging unter mit offenem Munde.\nIch bin schuld. Man muß noch einmal suchen, den\nganzen See muß ich absuchen lassen. Das Schilf,\nbesonders das Schilf. In ihm ist zu wenig ge-\nfahndet worden. Sie liegt darin mit offenen Augen\nund fragendem Munde — fragend: weil sie nicht\nbegreift, warum ich das getan habe, warum ich ihr\nauf die Finger getreten bin.\nEr kam herauf aus seiner Versunkenheit. Er\nschüttelte Verworrenes ab: Aber das ist ja alles\nnicht wahr. Sie ist einfach auf und davon. Auf\nund davon. Immer noch träume ich. Erwache\ndoch endlich, Andreas.\nOft fuhr er beim Mondschein hinaus. Er sah\netwas treiben auf silbriger Fläche und steuerte dar-\nauf zu. Es war ein Baumstrunk, ein Strohwisch.\nEr lag unbewegt unterm Sternhimmel, bei\nWindstille, und sah etwas schwimmen auf eben-\nhölzerner Fläche. Er löste das Beiboot, fuhr hin.\nEs war ein Pflock, eine weiße Boje. Alles war tot\nin diesen windlosen Nächten. Verwesung lag in\nder Luft. Ein schlimmer Geruch quoll aus dem\nSchiffsboden. — Ich habe sie erwürgt, damals des\nNachts in der Kajüte, mußte er denken. Meine\nHände zerquetschten ihren Hals. Ich habe sie ge-\nhaßt in jener Nacht. Man muß nachsehen im Kiel-\nraum unter den Bohlen. Dort liegt ihr Leichnam\nverstaut —Er hob die Bretter. Er leuchtete mit\nStreichhölzern hinunter, sah ein Menschengesicht\nseinem grabenden Blicke zugewandt — sein eige-\nnes im öligen Spiegel des Kielraumwassers. Sein\nGesicht erhebend, unaufhörlich verzerrt im zit-\nternden Spiegel. Das Holz erlosch, Finsternis fraß\nihn auf. — Er kroch in jeden Winkel, tastete den\nVorraum aus, griff etwas Feuchtes, Weiches,\nFleischähnliches — griff ein Bündel Stoff, das dort\nlagerte, den Sturmklüver, das Oelzeug. Kam wie-\nder an Deck, zerrissen und dennoch erleichtert\nEr jagte durch Sturmnächte. Schaumige Wel-\nlen griffen nach dem Bug — üb er klatschten ihn.\nDes Bootes Flanken sausten durch den Brodem.\nSie zischten auf im siedenden Wasser. In seiner\nHand das Steuerruder zitterte unaufhörlich, be-\nrauscht von verhaltenem Leben. So verhalten\nhatte auch sie gebebt im Aufruhr der Sinne, wenn\nsie sich hingab. Sie war es auch jetzt, die da\nZitterte. „Du Schiff Cordelia! — Die sich lieben,\nsind sich am fernsten,\" sägte er heiß und rauh und\nfaßte fester zu in diesen Liebesnächten.\nEr gierte nach dem Tode. Suchte ihn in toben-\nder Seemitte, beim lügnerischen Licht des sturm-\nzerfetzten Mondes. Spähte nach ihm an brüllen-\nden Felswänden, war ihm schon ganz nah, sah\nihn riesengroß, alles ausfüllend, war halb schon\ndrüben, erstarrend schon unter jenem allmächtigen\nGesicht und steuerte darunter hindurch,\nmußte, aufschreiend über seines Willens Ohn-\nmacht, daran vorbei.\nEr hatte Sehnsucht nach solchem Ende, er\nhatte auch Angst vor ihm. Er liebte den Tod und\ner haßte ihn zugleich.\nEr blieb am Leben.\n\nGedichte\nAlbert Ehrenstein\n\nRuhm\nSie besudeln das Firmament,\nsie werden statt ihrer Journale\ndie Sterne bedrucken.\nMich widert der faulige Atem\nwilliger Besprecheriche.\nBittrer Arbeit Abendstirn\nspült doch ruckweise der Tod hinab!\nIch bin ja nur ein armes Gurgelwasser\nim Rachen der Zeit\n\nMatura\nIst geritzt die Schiefertafel,\ngleiten wir auf schrillen Wegen\ndem selbstgeschaffnen Abgrund zu.\nIn des Schlafes süßes Wieder\nkriecht Grammatik und Physik.\nTags benagen Hyänen Homer,\nbis, den die Zeit kahl fraß,\nein Aufsichtsschädel endend nickt;\nvon den Mauern bröckelt Rede,\nalter Tiere gelbe Weisheit\nschlägt an toten Fräcken nieder.\nIch aber kenne einen, dem das Haupt zersann\nder Aorist von Pi.\n\nDer Weg\ndurch die Nacht\nRoman\nAage von Kohl\nEinen Augenblick kam es ihm vor, als werde\ner verschlungen von einer Finsternis, von einer\ndröhnenden Nacht, in der es keine Hoffnung gab.\nPlötzlich eiskalt, kälteschaudernd, mit klap-\npernden Zähnen, sperrte er trotzig die Augen auf\n— und sah.\nUnd da erschien es ihm jäh, als sei er jetzt im-\nstande, das Eigentlichste hinter diesem allen hier,\nwas um ihn her vorging, zu erkennen!\nJetzt sah er, daß es gewiß nicht nur sein Frack\nwar, der mit Mühe und Not für diesen einen\nAbend beschafft war! Ach nein — da war gar\nmancherlei, das ihm jetzt von den betreffenden\nBesitzern auf ähnliche Weise beschafft zu sein\nschien! Und zwar waren es nicht nur die Kleider,\nes waren intimere Dinge als Frack und Beinklei-\nder und Weste —: es war alles das, was irr rot-\nrandigen Augen, die zu blank waren und deren\nBlicke beständig auswichen, zu lesen stand; in\nMündern, die ihr lustiges Lächeln ein wenig zu\nhoch hinauf zogen, so daß man die Plomben sah;\nes war Flirt, der davon erzählte, daß es da drin-\nnen hinter dem schimmernden Schein an Flam-\nmen fehlte; es waren Geistreichigkeiten, die\nschon in der Entfernung danach stanken, für diesen\neinen Abend aus dem Mont de Piete gekommen\nzu sein!\nBerühmtheiten?!\nUnbestreitbar — aber waren nicht auch so-\nwohl Ringer als Radler und Flieger berühmt?!\nKurz und gut —: das ganze war ja, das sah\ner jetzt klar — das alles war nur das Gewöhnliche\nwieder von vorne an! es war ja die unvergäng-\nliche, die wohlbekannte Dürftigkeit der Menge\nhinter dem Prunk, ihre Schäbigkeit hinter dem\nGlanz, ihre Geistlosigkeit hinter der Albernheit\nund den geliehenen Phrasen!\nAber nun er selber?\nWar er denn etwas Anderes, etwas Besser es,\nals die andern?!\nWas wog er denn mehr als die — die er in\ndiesem Nu alle auf seiner kritischen Wage gewo-\ngen und zu leicht befunden hatte?\nVon neuem erschien ihm, als käme er\nüber alles dieses nie hinweg -— ach, die\nQualen, die er so gut kannte — die Mar-\nterqualen darüber, daß er noch gar nichts ge-\nschaffen hatte, daß er noch nicht einmal wußte,\nob es ihm jemals gelingen würde, das niederzu-\nschreiben, was er da drinnen in allen Fibern als\ntitanischen Wahnsinn empfand — diese zerflei-\nschenden Qualen machten sein Herz von neuem\nschwellen und schmerzen, nein, nein, es war\nwirklich wahr, was hatte er wohl vor den an-\ndern voraus —: gar nichts, auch nicht das aller-\ngeringste!! . . .\nAber da fühlte er schon, wie es tief drinnen in\nseinen Armen und Beinen und seiner Brust\nströmte. Da merkte er auf einmal, wie das Blut\nfunkelnd durch die Adern lief —:\nAch ja!\nEr hatte wohl das Seine — trotzdem!\nDenn sie gehörten doch wohl niemand anderes\nals ihm, die Kräfte, die beständig in seinem Sinn\nwogten, bald als Ebbe und bald als Springflut?!\nEr war doch wohl selber der Besitzer seiner\neigenen Pläne! Hatte doch übrigens auch schon\nein paar Bücher geschriteb|en, Bücher, die auf\nalle Fälle nach keiner Richtung hin denen anderer\nglichen — die nicht entliehen, die nicht entlehnt,\nsondern die jedes einzelne, mit sämtlichen Fehlern\nund Gebrechen trotz allem aus einem Wesen ent-\nsprungen waren, das in hellen Flammen stand! aus\neinem Feuer, das seine Brände knisternd gen\nHimmel schleuderte, das Tag für Tag immer ge-\nwaltsamer den Trichter seines Kraters nach allen\nSeiten hin zersprengte, glutrot in seinem Tiegel\ndie Stoffe aller Welt zu jener einen rauchenden\nPurpurmasse zusammenschmolz!\nOder, wie hatte ihn doch seine Freundin ge-\nnannt, damals, vor ein paar Jahren; mit diesem\nNamen, der bei seinen Freunden und Kameraden\ndie Runde machte —: der kalte Mann mit dem\nRiesenherzen! Nicht wahr —: ein Stahlmann und\nFeuermann, der Kraft besaß, sein Brot am Vor-\nmittag zu verdienen, wie notdürftig es auch war\n— in den Stunden des Nachmittags seine Pläne\nzu brauen und sie mit Schwefel und Honig nieder-\nzuschreiben — die Abende im Verkehr mit den\nandern jungen Leuten zu verbringen — und die\nNächte zu lesen und zu grübeln, Tag für Tag auf\ndieselbe Weise, ohne jemals zu ermüden oder zu\n\nFörtsetzunr"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.7", "texte": "erschlaffen! Monat auf Monat, mit immer heiße-\nrem und höherem Gehirn, mit offenen und losge-\nlassenen Sinnen, mit Gedanken, die sich immer\nweiter und fester spannten! Jahr für Jahr wuch-\nsen die großen Ideen sichtbar hervor: in Gesich-\ntern, in Gestalten, in mächtigen Visionen — offen-\nbarten sich die ersten Anfänge zu einer unge-\nheuren, zu der neuen, der einzigen, der in Wahr-\nheit aus dem Leben geborenen Kunst! . . .\nEr mußte plötzlich lachen, leise und fieberhaft.\nGleich darauf umfing ihn eine süße und\nschmerzliche Wollust, die so versengend weh und\nzugleich so unsagbar gut tat.\nXJnd da erhob er langsam, schmerzberauscht\nund stark, mit einem rätselhaften Gefühl, als sei\nsie wie auch er an einem ganz andern Ort als\nhier, an einem fernen und einsamen und strahlen-\nden Ort — seinen Blick zu ihr empor und begeg-\nnete dem ihren.\nNur eine Sekunde!\nNur eine einzige Sekunde!\nDann wandte sie sich wieder von ihm ab . . .\nEr stand erbleichend da, die Stirn jäh mit\nSchweiß bedeckt, das Blut wahnsinnig in allen\nAdern kochend, das Herz sich mit einem Sprung\nerweiternd — unbändig groß vor Wonne und vor\nQual zugleich!\nUnmittelbar darauf war es ihm auf einmal, als\nseien auch ihre Wangen weiß geworden, als habe\nauch in ihren Augen sich unvermutet ein Flam-\nmen gezeigt . . . aber da ward er hintenüber tau-\nmelnd von einer unerträglichen Scham getroffen,\nals habe er sie mit Betrug und Gewalt zu sich\nhinab reißen wollen, indem er so von ihr dachte!\nUnd mit blutender Brust, mit einem leibhaftigen\nGefühl, daß das Blut stürzend durch seinen Kör-\nper hinabfiel, erhob er wiederum, reuevoll, den\nBlick zu ihr empor — begegnete von neuem dem\nihren, dem stolzen und sanften Blick aus ihrem\nJungfrauenauge!\nMein Gott!\nUnd was war es denn, was dann geschah?\nWelche Wunder vollbrachten sich, während die\nWelt in Flammen zerbarst, während die ganze\nalte Erde auf einmal in Brand stand und darauf\ndonnernd in Asche zusammensank! während ein\nimgealmtes, ein neues und riesenhaftes Universum\nabermals wie ein Weltenphönix von Gold geboren\nwurde?!\nNein, es gab keinen sterblichen Menschen,\nder Kraft genug besaß, es zu durchschauen, und\nStärke genug, es zu erzählen — das, was in ihm\nund in ihr geschah, in dieser Begegnung zwischen\nihren Blicken, zwischen den Schreien ihrer Her-\nfen, ihrer Wesen in allen Fibern . . . nein, Tat-\nsache aber ist nur, daß Glaß Morton ein paar Se-\nkunden später dastand, sich vor ihr verneigte;\nsie legte ohne Widerstand oder Zögern ihre Hand\nin die seine, die andern wichen stumm zur Seite,\nließen ihnen den Ausgang frei; er fühlte ihre Fin-\nger, die in den seinen zitterten, seine Brust war\nbis an den Rand mit dem Gold ihres Haares, ihres\nLachens, ihres Sinnes erfüllt — er legte heiß und\nbeschirmend seinen Arm um sie, und sie walzten\nbeide schwindelnd in Leo Brandes' berauschende\nMusik hinein in eine ewige, wiegende Welt von\nGesang und von Sonne. Ja, durch den großen,\nblauen Himmel selbst tanzten sie, dicht aneinander\ngeschmiegt, die Sterne lachten tief unten unter\ndem Rhythmus ihrer Füße, und fern über ihren\nHäuptern brauste die Melodie des Glücks, die die\nunvergänglich süßen und wilden Motive des Kamp-\nfes und der Ruhe, des Schmerzes und der Lust\nvereint! Die seligen Töne der tiefsten Verheißung\ndes Lebens — des höchsten Zieles des Lebens!..\nGlaß Morton lachte zu diesen Erinnerungen,\nwährend er da auf der Bank in seinem Garten saß\n— er erhob seine Augen, starrte blinzelnd in die\nNacht hinein und lachte.\nRings um ihn her stiegen lautlos die Düfte des\nSommers auf — er sog sie begehrlich ein.\nDa draußen murmelte das Meer seine ge-\ndämpfte Monotonie.\nDie Sterne blinzelten.\nNun ja, dachte er, indem er seinen Nacken in\ndie Hand stützte —: und dann später?\nHörte die Freude zwischen ihnen auf — ward\nsie nach und nach verbraucht, ward sie Jahr für\nJahr in Stücke zerrissen, verschwand sie zuletzt\nganz und gar und ließ die beiden mit leeren Hän-\nden und mit kalten Blicken zurück?!\nAch nein, sie war wohl aus festerem Stoff ge-\nmacht —: oder wie sollte es übrigens überhaupt\ngeschehen können, daß man sich diesem jeden Tag\nsich wiederholenden Wunder gegenüber ab-\nstumpfte: in Wahrheit endlich das zu besitzen,\nwas das eigene Ich ganz und rund machte! aus\ndem Erbarmen und dem Reichtum des Lebens als\nQeschenk das erhalten zu haben, was unsere\nKräfte an Körper und Sinn verzehnfachte — und\nso jede Stunde des Tages zu einer Explosion von\nSein und von Schaffen machte?!\nJa —:\nAber ging es denn so leicht wie es gesagt war?\nBrauchten sie einander nur ganz einfach zu\nlieben — konnten sie denn davon leben?\nBewahre, nein, freilich nicht, keineswegs! Herr\ndu mein Schöpfer, selbstverständlich nicht —: aber\nman besaß ja diesen göttlichen Leichtsinn, den\nallein Jugend und Liebe vollauf geben kann — und\nder geradeaus gesagt Millionen wert ist!\nAnnie Ulfeldt —: mein Qott, ihr Vater war pen-\nsionierter Bürgermeister; er hatte elf Kinder...\nund Morton keinen Heller! -— Aber Onkel Nico-\nlas, dessen Kompositionen den Musikverlegern auf\nder ganzen Welt Vermögen schafften!? Hahaha,\nja, danke, aber war Nicolas denn nicht auch\nselbst Künstler, wenn ich fragen darf — und ver-\nfiel er also nicht in eine homerische, in eine tage-\nlange und schwellende Heiterkeit, als sein Bruder,\nAnnis Vater, eines Tages zu ihm kam und darauf\nanspielte, ob er nicht aus seinem Ueberfluß ein\nklein wenig für die jungen Leute opfern könne,\nwenigstens zu einer Aussteuer?! Hahaha, ja, Ni-\ncolas lachte und lachte, bis er nicht mehr konnte\nund enthüllte darauf gründlich, zum erstenmal, dem\nandern seine sogenannten ökonomischen Verhält-\nnisse, bewies ihm mit unwiderlegbaren Zahlen,\nwie er nur durch Zauberkunst überhaupt selbst\nexistieren konnte, sozusagen wunderbarerweise\nselbst getragen von dem Goldstrom, den er weg-\nschuldete!\nMit anderen Worten —: Wenn sie sich jetzt\nverheiraten wollten, die beiden, dann mußten sie\nsich vollständig selbst versorgen! „Wenn\", „jetzt\"\n— du großer Qott: Aufschub, Wartezeit, nein, da-\nvon konnte um keinen Preis die Rede sein: Höre\njetzt einmal, Annie, erklärte Morton —: laß uns\ndie Sache jetzt einmal ein wenig nüchtern be-\ntrachten und endlich auch nicht ganz und gar\nvergessen, daß mein Verlag ja verhältnismäßig\nkeineswegs ungenerös mit seinen Vorschüssen ist,\nund wenn es am allerschlimmsten hapert, schreibe\nich auch einen oder zwei Artikel für eine Zeitung\noder irgendeine Zeitschrift, trotz meiner Grund-\nsätze! nicht wahr, du sollst sehen, es kann ja\nnicht anders als gehen! Vergiß übrigens auch\nnicht, was mein Vater uns beiden versprochen\nhat: daß er uns eine lange, lange Hochzeitsreise\ngratis auf irgendeinem Schiff durch einen Rheder\nverschaffen will, der sein alter Freund ist —: und\ndann sind wir auf alle Fälle für die ersten Monate\nvöllig versorgt! — Wozu Annie Ulfeldt lachte, sie\nhatte einen Augenblick eine bekümmerte Miene,\nvergaß sie wieder, legte ihren seidigen Arm um\nseinen Hals . . . und ergo war die Hochzeit be-\nstimmt!\nUnd sie ging, diese Ehe, so gut wie ohne Geld?\nHaha, diese verteufelt unvergleichlichen Jahre,\nda oben in einer sonnigen Mansardenwohnung, ii\nzwei kleinen Zimmern und einer Puppenküche,\nweit draußen im Umkreis der Stadt, mit Gärten\nund Kies und Kinderlachen da unten! Wo Morton\nTag für Tag am Schreibtisch saß, Seite für Seite\ndes Papiers mit seiner ritzelnden Schrift, mit sei-\nner Fata Morgana und seinen Gedanken bedeckend\n— oder plötzlich ganze Monate hindurch nicht eine\nFeder anrühren wollte, weil da dies oder das ge-\nlesen und so pedantisch durchgrübelt werden\nmußte! Annies Gesicht, wenn da eines Tages\ndreißig Oere fiir das Mittagessen vorhanden wa-\nren, wenn sie deswegen mit der Sonne aufstehen\nmußte, während er noch dalag und schlief, auf\nihren langen Beinen bis nach dem Gemüsemarkt\nim Mittelpunkt der Stadt trippeln mußte, mit\nSchweißperlen übersät nach Hause kam, ein Bün-\ndel Wurzeln in der einen Hand, Kopfsalat, Radies-\nchen und Tomaten in der andern — und um die\nMittagszeit aus alledem irgendein ambrosisches\nGericht nacli eigenem Kochbuch bereitet hatte:\nach, Annies würzige und neuentdeckte Gerichte,\nmärchenhaft zusammengesetzte Geschmäcke, wie\nman ihresgleichen nirgends erhielt, so frisch, so\nvoll von dem Aroma des Frühlings und des Som-\nmers, so blond und zart wie ihr eigener, duften-\nder Teint . . . und so wenig den Magen über-\nfüllend! . . .\nMorton lachte von neuem, rückte ein wenig auf\nder Bank.\nDann strich er mit der Hand über sein Gesicht,\nsah ernsthaft vor sich hin —:\nOb sie ging, diese muntere und glühende Ehe\n— und über die alle die Klugen den Kopf geschüt-\ntelt hatten?\n\nFortsetzung folgt\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier ge-\nnannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits eine\nEmpfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte Bücher\nzurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nJean de Bosschère\nMax Elskamp / Essai\nParis / Bibliotheque de l'Occident\nPer Hallström\nFrühling\nEine alte Geschichte\nVerirrte Vögel\nEin geheimes Idyll und andere Novellen\nDer tote Fall / Ein Roman\nEin Schelmenroman\nDie vier Elemente\nLeipzig / Insel-Verlag\nRicarda Huch\nDer große Krieg in Deutschland / Drei Bände\nLeipzig / Insel-Verlag\nHandbuch der Kunstwissenschaft\nHerausgegeben von Fritz Burger / Lieferung 14\nBurger: Deutsche Malerei / Heft 7\nBerlin-Neubabelsberg / Akademische Verlags-\ngesellschaft Athenaion m. b. H."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140501-01.1.8", "texte": "Verantwortlich für den gesamten Inhalt ud Verla#:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause I Berlin SO X\nEs werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen v©*&\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durci\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zell*\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält riet» der V».\nSag Der Sturm ohne Angabt der Gründe vor\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nBerlin W / Potedamar Strata 134 a\nFunfundzwanzigste Ausstellung\nOtokar Kubin\nMarc Chagall\nQetffaet tigltch yob 16—6 Uhr j Sonntags worn\n11—2 Uhr\nElntritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nBturmaussteHungen In Deutschland and lm Aus-\nland I April 1914\nStuttgart: Kandinsky\nTrondhjera / Norwegen: Der Blaue Reiter\nHamburg: Jacoba van Heamkerck\nMarburg: Franz Marc\nJena: August Macke\nNaumburg: Expressionisten\nTokyo: Graphik\nLondon: Graphik\nCoburg: Expressionisten\nFrankfurt a. M.: Jawlensky\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W9 Potsdamer Straße 134*\n112 eraruf Amt Lfitzow 4443\nHalbmonatsschrift der Sturm\nErscheint am ersten und fiinfzehnten Jedes Monats\nDauerbezug\nfSswSfuittctie Ausgabe: Fiir Deutschland\nend Oesterreicfa-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig X Fur das\nAusland be! dlrekter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\nfahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes / Probenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\npt are auf holzfreiem Papier, Ve r -\nsehd un gin Reilen direkt durch die\nPost fflr Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbiahr 6 Mark X Fflr das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs I Von\niieser Ausgabe werden Vierteljahrsbezflge, Einze!-\nisummern und Probenummern nic h t abg*geben\nB*er Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\nSS Mark / Zweiter Jahr gang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153?\n20 Mark / Vierter Jahr gang 154—203 : 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\niarch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nZiehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraßenstSnden auf\nPalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwflnscht wird, bitten wir den Bet r a g fflr den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bdi\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nBamffinftendes ersten Monats elnzn-\n8e n den / Andernfalls nehmen wir an, dal E i n -\nzieh un g des Betrages durch Nachaahme\ninter Berechnung des Nachnahmeportes ge-\nwflnscht wird\nQeneralvertretttttg des Veriags Eug&ns Flgutert /\nParis\n\nOriginalhotzschniite / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefflet / AHe\nExemplare sind vom KQnstler nummeriert nnd Sijniert\nFranz Marc: Versfihnung / Tier-\nlegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hlrtin I Der Stier, I\nSchlafende Hirtin / Wildplerd# I\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Das\nExemplar 40 Mark (je 10)\nKandinsky: Sonntag / Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M I Radierungen M 60 und M 40\nMax Pechstein: Die Erlegung des Pest-\nbra ten s I Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kunstler mit der Hand aquarelliert /\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nOtakar Kubin: Handdrucke\nGabrtele Miinter: Neujahrswunsch / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft I Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraße / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa /\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / PortrSt I\nI Straßenkurve / Zwei Akte / Das Exemplar\n30 Mark (12) / Liebespaar / Miißige Hetaren I\nSchlafende Hetare / Je 40 Mark (12)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 30 Mark (12)\nOskar Kokoschka: PI ak at fflr die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Me n -\nschenkopfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnisi ie d e r / Zu Oe-\ndichten von Arno Hoi z I Fiir Gesang un-d Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKQnstlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fabrt / Qiao Seve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz I Umberto Boccioni r Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Munter / Marc Chagall /\nKlee / Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier la\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in eln-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nzig ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / Mark 10\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fflnfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\n\nZeitsehriften\nLa Cerba / Halbmonatsschrift / Florenz / Via\nNazionale 25\n\nLa Route / Revue del' Effort Social J Paris / Ruts\nde Vaugirard 120\nL'Effort Libre / frflher L'Effort / Monatsschrift I\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrtft\nParis J 41 Rue Monge\nLa Nonvelle Revue Francalse I Monatsschrift J\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 rrancs\n50 centimes\nMontioie / Halbmonatsschrift / Paris jf Chausslf\nd'Antin 38\nliaro I Monatsschrift / Brflssei\nLes Cahlers du Centre / MouDns [Allier]\nLes Soirees de Paris / Recueil Mensuel iHustrfe %\nDirecteurs: Quillaume Apollinaire et Jean C€~\nrusse I Paris 278 Boulevard Raspail / Jahres*\nbezug 12 francs\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fflr neue mid\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinovs\n\nAnzeigen\n\nAm fiinfzehnten Mai erscheint: Paul Seheerbarfc\nQlasarchitekten / In einhundertundelf Kapi-\nteln I Zwei Mark / Luxusausgabe in zwanzig nume-\nrierten und signierten Exemplaren auf Van Gelder\nBiitten, Decke und Vorsatzpapier von Anna Scheer-\nbart I Zwanzig Mark bei Vorbestellung / ffinfund-\nzwanzig Mark nach Erscheinen / Verlag Der Sturm\n/ Berlin W 9\nVeretn fiir Konst/Leitung HerwarthWaides\n/Zehntes Jahr / Jahresbeitrag 20 M. / Rechte\nder Mitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift Der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation: 1913/14:\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst\nPoet-Lore Begrundet 1890 / Eine Zweimoriats-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dem Drama\nder Gegenwart in alien Landern / Literarische\nBeitrage von Maeterlinck / Claudel / Jammes |\nDuhamel / D'Annunzio / Synge 112 Whitman j\nEchegaray / Bjornson / Hervieu / Tchechow 112\nPszybiszevski / Gorki / Noguchi I Ghose 112 Mac\nGathmhacil / Probeheft gegen Einsendung vo®\n6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug 21 Mark I Vet-\nlag Richard G. Badger / Boston / Mass\nI USA 194 Boylston Street\nAlbert Ehrenstein: Die weiBe Zeit / Dieser Gedicht-\nband erscheint Ende Marz in einer signierten\nAuflage von 300 Exemplaren, in Leder gebunden,,\ndas Exemplar 10 Mark / Man subskribiert bel\ndem Verlag Georg Miiller, Munchen, Elisabeth-\nstraße 26\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste I\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qna-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / MUanc*\nI Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nZiehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nWiecker Bote / Akademische Monatsschriff )\nHerausgeber und Schriftleiter: Dr. Oskar Kaneh! /\n25 Pfennig / 6 Hefte M. / Heft 7 soeben er-\nschienen\nJosef Treß: Bettelk6nig / Gedichte mit Zefchmm-\ngen von Lovis Wachlmeier / Baldur-Verlag I\nMunster in Westfalen"}]}