{"numero_id": "bm-bmtnabg-1914-05-15-01", "volume": "bmtnabg_1914-05-15_01", "ocr_sha256": "b27cfd72cbe668c50af85e20c525b0b3afda2f8a23901083fd1ff487eaa11cc1", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1914/05/15_01/bmtnabg_1914-05-15_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1914/05/15_01/bmtnabg_1914-05-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-15_01#c001", "volume": "bmtnabg_1914-05-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "25", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.1", "debut_caractere": 314, "fin_caractere_exclue": 677, "texte": "Inhalt:\nH W * Notizen- Er erinnert sich / Religiöser Wahnsinn? / Ich bin gesessen / Der natürlichste Naturmaler / Prachtausgaben / August Stramm:\nSancta Susannk / Aage von Kohl: Der Weg durch die Nacht / Kurt Striepe: Die letzte Nacht / Paul Hatvani: Vision / Josef Tress: Menschenfilm / emp-\nfohlene Bücher / Vlatislav Holman: Detail einer 1914 / Linoleumschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-15_01#c002", "volume": "bmtnabg_1914-05-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "25", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.2.2", "titre_corps": "Vlatislav Hofman: Detail einer Fapade 1914 / Linoleumschnitt", "titre_sommaire": "Vlatislav Hofman: Detail einer Fapade 1914 / Linoleumschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.1", "debut_caractere": 679, "fin_caractere_exclue": 739, "texte": "Vlatislav Hofman: Detail einer Fapade 1914 / Linoleumschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-15_01#c003", "volume": "bmtnabg_1914-05-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "26", "page_fin": "26", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.2.3", "titre_corps": "Notizen", "titre_sommaire": "Notizen", "signature_source": "H. 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Nun ist zwar Herr\nHenckell trocken, wie nur ein „Lyriker\" sein kann,\nauch im entkorkten Zustand kann nicht einmal\nKohlensäure entweichen und der Rest ist nicht\nzu genießen. Er hat aber dafür eine Werkstatt,\naus der heraus er sich als fünfzigjähriger Greis\nerinnern kann. Aber wie das so bei Greisen ist,\ndas Gedächtnis ist schwach. Er hält sich nach-\nträglich für einen Dichter, sich und Herrn Wolf-\ngang Kirchbach. Er hatte, wie man dank dem\nBerliner Tageblatt erfährt, im Jahre 1904 seine\nWerkstatt nach Berlin verlegt. Hauptsächlich,\num Heinrich Wölfflin zu hören, „der die inter-\nnationale Kunst des neunzehnten Jahrhunderts in\nfeiner gehaltvoller Darstellung und anregender\nGegenüberstellung ursprünglicher und epigoni-\nscher Erscheinungen, von Lichtbildern begleitet,\nunserm genießenden Verstehen frisch einprägte.\"\nHerrn Karl Henckell seine epigonische Erscheinung\nfrisch einzuprägen, wenn auch ohne Lichtbilder,\nzwingt mich folgender Satz: „Peter Hille, vorher\nschon ein Märtyrer des literarischen Snobtums,\nfiel nach einer Kabarettnacht erschöpft von einer\nArt Obdachlosenbank bei Berlin und gab im La-\nzarett den reichen, genialisch tief versonnenen\nGeist auf.\" Wenn jeder fünfzigjährige Staats-\nbürger es schon für seine Pflicht hält, seine Auto-\nbiographie herauszudrucken, die nur in tatsäch-\nlichen Irrungen besteht, sollte er sich wenigstens\nhüten, irrige Tatsachen anzugeben. Außer dem\nAnfangsbuchstaben hat Herr Henckell mit Hille\nnichts zu tun. Was kann schließlich Peter Hille\ndafür, daß Herr Henckell ihn überstarb. Peter\nHille war nie ein Märtyrer, wohl aber Herr Hen-\nckell. Sein Martyrium ist noch heute nicht zu\nEnde. Das literarische Snobtum hat sich nie um\nPeter Hille gekümmert, aber für Herrn Henckell\nscheint es sich zu interessieren. Und was die\nTatsachen betrifft: Hille fiel nicht von einer Ob-\ndachlosenbank, er wurde ohnmächtig infolge sei-\nner schweren Krankheit, der Gesichtsrose, an\nderen Folgen er bald darauf starb. Die Leute,\ndie sich keine Mühe gaben, ihm in seinem soge-\nnannten romantischen Leben zu helfen, sollten\nsich nicht die Mühe nehmen, seinen Tod mit\nKitsehromantik zu umhüllen. Dazu war Peter\nHille ein zu großer Dichter. Wenn man aus der\nWerkstatt berichtet, muß der Schuster bei seinen\nLeisten bleiben. Nur keine poetischen Hand-\nwerker!\nReligiöser Wahnsinn?\nAus Stuttgart ist zu melden, daß Herr Tafel,\nKunstkritiker des Stuttgarter Neuen Tagblatts in\nreligiösen Wahnsinn gefallen ist, oder daß er Gott\nlästert wie die Kunst. Er verhöhnt die Sprache\nder Bibel, schließt zum Beispiel eine Besprechung\nüber die Ausstellung von August Macke so: „Und\ndamit entlasse ich diesen verirrten August in\nFrieden. Auch für ihn wird kommen der Tag, da\ner ausgeblufft hat und da es von ihm heißen wird:\nAlso auch, sage ich Euch, wird Freude seyn vor\nden Engeln Gottes über Einen Sünder, der Buße\ntut.\" Dem Herrn Tafei soll vor seiner Gottähn-\nlichkeit bange werden. Schließlich braucht man\nsich nicht Sau nennen zu lassen, auch wenn man\nPerlen vorwirft. Das werden die Gerichte be-\nstätigen. Oder man wird seine Unzurechnungs-\nfähigkeit feststellen. Auch hierzu sind die Ge-\nrichte nötig, wenn sie auch hierzu nicht nötig sind.\nIch bin gesessen\nEr ist gesessen, Herr A. Egger-Lienz, vor\nden Oelgemälden des Franz Bunke. Herr Bunke\nist der Meister, der Poet durch und durch, ein\nVermenschlicher der Natur, seine Bilder sind\nmenschliche Zustände, gesehen im Spiegel der\nNatur. Noch mehr: Zu der heutigen Schwindel-\nkunst steht er wie ein Klassiker, der Jahrhunderte\nüberdauern wird. Herr Egger-Lienz ist mir die-\nsen Artikel geschickt, er hat von Bunke begei-\nstert, nachdem er gesessen ist: „Ich bin stun-\ndenlange vor diesen Bildern gesessen, die auf den\nersten Blick so kunstlos wirken wie die Natur sel-\nber, die aber immer lebendiger ihre Schönheit er-\nschließen, je mehr man sich darin vertieft.\" Die\nFolgen des Tiefsinns machen sich auch bei dem\nOelmaler Egger-Lienz so stark bemerkbar, daß\ner in Essig getaucht zu sein scheint: „Insofern\neine Sache an ihrem Gegensatz am besten ver-\nstanden wird, wünschte ich das addierte Gestam-\nmel des Cezanne oder seiner Nachahmer Lieber-\nmann und Konsorten gemalte Gähnkrämpfe neben\nden breiten Fluß dieses schlichten Vortrages zu\nhängen.\" Nicht etwa des schlichten Vortrages des\nHerrn Egger-Lienz sondern des abgesessenen\nBunkes. Aber auch von dem Oelmeister Egger-\nLienz gibt dieses Bild eine schöne, poetische Na-\nturstimmung: Gähnkrämpfe hängen neben den\nbreiten Fluß des Vortrages. Wenn der Altöl-\nmeister das nicht malt, soll er sich aufhängen oder\nin den breiten Fluß stürzen. „Hier ist nichts Sug-\ngestives — nur positives Leben.\" Suggestiv ist\nschließlich Herr Egger-Lienz auch nicht, auch sein\npositives Leben erscheint mir recht unnatürlich.\nEr ist vielmehr ein menschlicher Zustand, der bei\naller Addition mit Bunke Gestammel bleibt.\nDer natürlichste Naturmaler\nIn München ist man immer noch künstlerisch.\nMan gibt Münchner Künstler-Bilderbücher heraus.\nAuch die Kindlein sollen zu ihrem Recht auf\nMünchener Kunst kommen. „Der Künstler hatte\ndabei verschiedene Ziele im Auge. Einmal wollte\ner die Natur nicht nur als malerische Staffage be-\nhandeln, sondern auch dem Kinde eine genaue\nKenntnis davon verschaffen. Die Bäume zum\nBeispiel sind so gezeichnet, daß die bei uns vor-\nkommenden hauptsächlichsten Arten durch ihre\nMerkmale sehr wohl unterschieden werden kön-\nnen.\" Umsomehr anzuerkennen, als der Maler\nZiele im Auge hatte. Aber der Beschauer fordert\nmehr von der Kunst, wenigstens möchte er es\nnicht missen: „Auch die Romantik, die der Be-\nschauer der deutschen Landschaft nicht missen\nmöchte, kommt durch Darstellung von alten Bur-\ngen und Gemäuer zum Ausdruck.\" Da ist posi-\ntives Leben. Wenn der Oelmaler Egger-Lienz\nnoch einen Bunke braucht, stelle ich ihm den Na-\nmen des kenntnisreichen Romantikers zur Verfü-\ngung. Ich kenne noch viele Bunkes!\nPrachtausgaben\nKinder, es ist eine Pracht, die neueren Klas-\nsiker werden billig, hervorragend wie sie sind,\nerleiden sie eine „hervorragende Preisherab-\nsetzung\". Ein Berliner Verlag liefert statt Mark\nfür Mark 1.25: A. von Chamisso: .und\nLeben, Prachtausgabe im handlichen Groß-Oktav-\nforniat mit 10 farbigen Vollbildern und vielen\nRandleisten von Prof# F. Klein-Chevalier. Die-\nser Kiein-Chevalier bemalt jetzt das Kammer-\ngericht, Frauenliebe und Leben. „Seine ausge-\nprägte bedeutende Individualität brachte den\nKünstler bald in die vorderste Reihe bahnbrechen-\nder moderner Meister und dürfte seine hervor-\nragende Kunst auch im vorliegenden Prachtwerk\nungeteilten Beifall finden.\" So denkt die Groß-\nPresse über Klein-Chevalier. Ehret eure moder-\nnen Meister, in elegantem Halbleinenband nur\nMark 1,25."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-15_01#c004", "volume": "bmtnabg_1914-05-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "26", "page_fin": "28", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.2.4", "titre_corps": "Saneta Susanna : Ein Gesang der Mainacht", "titre_sommaire": "Saneta Susanna : Ein Gesang der Mainacht", "signature_source": "August Stramm", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.2", "debut_caractere": 7293, "fin_caractere_exclue": 9201, "texte": "Saneta Susanna\nEin Gesang der Mainacht\nAugust Stramm\nSusanna\nKlementia\nEine Magd\nEin Knecht\nChor der Nonnen\nEine Spinne\nNachtigallen Mondschein Wind und Blüten\nKlosterkirche\nZitternde Mondscheinstreifen; in der Tiefe von\ndem Hochaltare das ewige Licht, in der\nMauernische vorne links vor dem überlebensgro-\nßen Bilde des Gekreuzigten eine brennende mas-\nsige Kerze.\nS u s an n a (liegt vor dem blumengeschmück-\nten Altar der Himmelskönigin, der in der Nische\nrechtwinklig neben dem Kruzifixaltar steht, im Ge-\nbet, die Stirn auf die unterste Stufe gelegt, die\nArme über die oberen Stufen gebreitet)\nKlementia (einige Schritte hinter ihr) . . . .\nsancta Susanna! . . . (sie legt die Hand auf Su-\nsannens Schulter).\nS u s a n n a (richtet sich auf).\nKlementia: die Nacht ist angebrochen! „ . .\nSusa n n a (geistesfern) ... es klingt . . .\nein Ton . . .\nKlementia: Die Orgel tönet nach! . . .\nSusan na: . . . mir ist . . . als klänge» . . .\nbodenlose Tiefen . . . himmellose Höhen . . .\nKlementia: . . . Ihr kommt daher ... Ihr\nwart bei Gott!\nSusa n n a (in Sinnen): . . . Ich . . . war . . .\nKlementia: . . . Ihr seid krank ... Ihr be-\ntet... Ihr lebt kaum mehr auf dieser Erde ...\nIhr habt auch einen Leib!\nS u s a n n a (erhebt sich, starrt sie schreckhaft\nan)\nKlementia (legt den Arm um sie):\n... kommt!\n(die Turmuhr schlägt hell einmal; der Nacht-\nwind rüttelt die Fenster, die Zweige rauschen)\nKlementia (in sich): Ave Maria! . . .\nSusanna (fährt auf): . . . wer spricht?! . . ,\nKlementia: Der Nachtwind wirft die Blü-\nten gegen die Fenster . . .\nSusan na: . . . Es rief etwas . . .\nKlementia: Die Turmuhr schlug ... ich\nsprach das Ave . . . (ein Fenster (schlägt, der\nNachtwind bricht ein in singend verklingendem\nTon; Blätter und Zweige rauschen und raunen\nherab zu flüsterndem Säuseln)\nS u s a n n a (wendet sich mit Händen, die nach\nabwärts vom Körper gestreckt sind, zum dunkeln\nChor, lautlos, starr)"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8958, "texte": "Klementia: Eine Scheibe schlug auf! ... ich\nwerde sie schließen!\nSusan na: Laß sie . . . (sie atmet schwer).\nKl ementia: Der große Fliederstrauch,\nriechst du die Blüten? (sie atmet ein) ... sie duf-\nten bis her! er blüht in weißen und roten Dol-\nden... 0h... solche Dolden ...! ich werde ihn\nwegreißen lassen . . . morgen . . . wenn er dich\nstört!\nSusanna:. . .Er stört nicht ... er blüht!...\n(Eine Frauenstimme erstickt in wimmernder\nLust).\nKlementia: . . . Der Wiesenrain unter den\nBlüten! ich werde den Weg verbieten. . . .\nSusanna (horcht): ... Sie ... ist .. . nicht\n. . . allein . . .!\nKlementia (bekreuzigt sich)\nSusanna (atmet schwer, setzt zum Kreuze\nan, doch die Bewegung erstarrt): ... Ob ... sie\n. . . wohl . . . kommen . . . würde?! . . .\nKlementia: Wer?! . . .\nSusanna\nKlementia (faltet erschrocken die Hände).\nSusa n n a (schwer die Hand auf dem Bet-\nstuhl): . . . Ich . . . will ... ihr ... ins .. . Ge-\nwissen reden. . . .\nKl ementia (faltet die Hände, senkt das\nHaupt und geht).\n(Eine Fangtür klappt leise)\nS u s a n n a: . . . Der . . .\n(Der Schreckensschrei eines Weibes verhallt;\ndie Zweige rauschen).\nSusanna (zuckt zusammen): . . . Flieder . . .\nblüht! . . .\n(Die Fangtür klappt leise mit wehendem Nach-\nschwingen; leise schlürfende Schritte nähern sich).\nMagd (hinter Klementia, zitternd in scheuem\nUmherblicken, die Hände gefaltet)\nSusanna: . . . Ave Maria! . . .\nMagd (sinkt in die Knie, tief zu Boden ge-\nbeugt).\nS u s ann a: . . . Kind! . . .\nMagd (hebt hilflos den Kopf und starrt sie an):\n... Ick ... 'k weeß nich! (Sie bricht in erschreck-\ntes Weinen aus und rutscht mit gefaltenen Händen\ngegen den Mittelpfeiler hin, sich dahinter zu ver-\nstecken)\nSusanna: . . . Ich will dir nichts böses! . . .\ndu . . . warst. . . unter . . . dem . . . Flieder?! ..\nMagd (ist ganz still geworden, starrt Su-\nsanna an): . . . Ik . . . ik . . . jar niks . . .! . . .\nhei... hei... wu11... (sie senkt den Kopf tiefX\nSusanna (schwer): . . . Der . . .?! ...\nMagd (hebt den Kopf und starrt sie an, lacht\ndann hell auf): . . . Min Willem . . . heilige . . .\n(sie hält erschrocken inne, scheu geduckt; das La-\nchen und die Worte hallen aus dem Gewölbe wie-\nder . . . zweimal . . . dreimal . . . durcheinander\n... in verschwindendem geisterhaften Echo)\nSusanna (schaut sie unbeweglich an; dann\nüberfällt sie ein plötzliches silberhelles Lachen, das\nihre ganze Gestalt in Leben überläuft; in Silber-\nglöckchen klingt das Lachen aus den Gewölben\nwieder und zerrinnt in zitternden Schwingen)\nS u s a n n a (geht zur Magd, legt die Hand auf\nihre Schulter, hebt ihr den Kopf und schaut ihr ins\nGesicht): . . . Steh auf! . . .\nMagd (steht auf mit gefaltenen Händen).\nSusan na: Hast du ihn lieb?\nMagd (krampft die Finger ineinander, scheu,\nleise lachend, verschämt): . . . O . . . hil'ge Mud-\nder ... 0h...\nSusan na: ... Ich ... möcht ... ihn . . .\nsehn . . .\nKlementia (hebt die Hand)\nMagd (starrt auf Klementia und schauert zu-\nsammen).\n(Ein lautes Pochen an der Tür im Chor . . .\ndreimal... und eine rufende Stimme)\n(Alle schrecken zusammen)\nKlementia (läßt den Arm fallen)\nMagd (in befreiendem, verhaltenem Jubel):\nDät is er!\nKlementia (geht in den Chor; ein Schlüs-\nsel schließt schwer, eine Tür geht knarrend und\nfällt dumpf ins Schloß, eine verhaltene Männer-\nstimme spricht zürnend).\n(Schwere Schritte bemühen sich vergeblich zu\ndämpfen)\nEin Knecht (jung, stämmig, die Mütze in\nder Hand drehend, im Mittelweg zwischen den\nPfeilern, die Augen scheu zu Boden gesenkt, mit\nscheuem Trotz): . . . Ik wull min Mächen holen!\nKlementia (taucht hinter ihm aus dem\nDunkel)\nSusanna (starrt ihn an, wendet sich dann\njählings um und geht zum Altar)\n(Tiefe Stille, das Mädchen schleicht sich zum\nKnecht; der legt den Arm um sie; mit scheu dröh-\nnenden Schritten gehen die beiden gefolgt von\nKlementia ab)\n(Der Schlüssel schließt, die Tür geht knarrend,\nein Windstoß fährt polternd zwischen die Bet-\nstühle, dröhnend fällt die Tür ins Schloß, der\nSchlüssel schreit)\n(Die Kerze vor dem Kruzifix verlischt auf-\nflackernd und zitternd)\nS u s a n n a (starrt aufschreckend in das Dun-\nkel, aus dem jetzt zwischen den Betstühlen das\nweiße Antlitz Klementias näher schwebt).\nSusan na (schreit auf): . . . Satanas! .. .\nSatanas! . . .\nKlementia (bleibt einen Augenblick ge-\nlähmt stehen, eilt dann gejagt nach vorne und\nsteht mit krampfhaft verschlungenen Händen vor\nSusanna).\nKlementia: Susanna!!!\nSusa n n a (legt die Hand auf Klementias\nSchulter und beugt erschöpft das Haupt)\nKlementia (erschüttert): ... Schwester\nSusanna!! .. . Schwester!! ... ihr müßt ruhn.\n(Will sie fortführen).\nS u s an n a (setzt sich auf die Stufen des Al-\ntars):... Zünd die Kerze an!...\nKlementia:...\nSusanna: Zünde sie an . . .\nKlementia (nimmt einen Wachsstock aus\nder Nische und geht in den Chor; sie kehrt um in\nverwirrter Hast, die Augen hinter sich).\nSusanna: Was i5t...?!...\nKlementia (in hauchender Angst): ... Ich\n. . . kann . . . nicht! . . . (Sie drängt ganz dicht\nzu Susanna hin)\nSusa n n a (erhebt sich und schaut in das\nDunkel)\nKlementia (hockt auf die Stufen nieder):\n... Ich weiß . . . nicht ... es weht ... es geht.\nSusan na: Der Nachtwind . . .\nKlementia: Es summt ... es klopft . . .\nSusan na: Die Orgel ... die Blüten . . . (sie\nnimmt ihr den Wachsstock aus der Hand)\nKlementia: Sancta Susanna . . . (kauert in\nsich zusammen und schlägt die Hände krampfhaft\nvors Gesicht).\nSu s an n a (geht langsam zwischen den Bet-\nstühlen nach vorne, wo sie gänzlich im Dunkel\nverschwindet; das ewige Licht verlischt hinter\nihrer Gestalt)\n(Aus dem Dunkel nähert sich langsam ein Licht\nin gleicher Höhe, das Licht des Wachsstocks, den\nSusanna vor sich her trägt)\nS u s a n n a (zündet die Kerze an)\nKlementia (stützt den Kopf auf die Hand):\n... Es war eine Nacht ... es war eine Nacht. . .\nwie diese . . . dreißig . . . vierzig Jahre . . . sind\nes ... es war eine Nacht wie diese . . . (steht\nstarr auf, blickt in die Leere und hebt die Hand\nbeschwörend)\nSusanna (wendet sich um und starrt auf\nKlementia, unter deren Bann)\nKlementia: Der Nachtwind sang . . .\nSusan na: Der . . . Nachtwind . . . sang...?\nKlementia: Die ... Blüten . . . schlugen.\nSusann a: Die . . . Blüten . . . schlugen ...?\nKlementia: Und ich war jung . . .\nS u s a n n a: Jung . . .?\nKlementia: Dem Herrn geweiht . . .\nSusa n n a (läßt den Kopf auf die Brust\nsinken)\nKlementia: Hier lag ich auf den Knien so\nwie . . . du . . .\n(Eine Nachtigall schlägt laut)\nKlementia (schreit heiser auf): . . . Beatal\n. . . (sie verhüllt entsetzt mit den Armen ihr Ge-\nsicht und läßt die Arme wieder fallen)\nSu s an n a (hebt den Kopf, starrt sie an, mit\ngroßen schreckhaften Augen)\nKlementia (die Worte gepreßt, ins Leere\nstarrend): . . . Bleich . . . ohne Brustschleier und\nStirnband . . . nackt ... so kam sie . . ,\n(Eine Nachtigall lockt ferne)\nKlementia: Daher . . . (zeigt mit starrem\nArm nach rechts) ... sie schritt die Stufen empor\n. . . und sah mich nicht ... sie stieg auf den Al-\ntar .. . und sah mich nicht ... (in heißer Hast).. *\nsie preßte ihren nackten sündigen Leib gegen das\ngekreuzigte Heilandsbild . . . und sah mich nicht\n... sie umschlang ihn mit ihren weißglühenden Ar-\nmen .. . und küßte sein Haupt .. . und küßte\n. . . küßte . . .\n(Die beiden Nachtigallen jubeln nah und fern\nlaut und anhaltend)\nKlementia (aufschreiend): . . . Beata . . .\nich rief ... ich rief nur .. .! (ermattet) ... da\nfiel sie herunter ... sie fiel . . .\n(Die Nachtigallen verstummen plötzlich)\nKlementia: Wir trugen sie fort . . . (mit\nGrauen den Oberkörper halb zum Bilde des Ge-\nkreuzigten gewendet und die Hände abwehrend\nvon sich gestreckt) . . . seitdem brennt die Kerze\n. . . ewig . . . die Kerze zur Sühne . . . seitdem\ngürtet der Schal die Lenden ... die Lenden . . .\ndort... (zeigt ins Dunkel hinter das Kruzifix)...\ndort haben sie... sie... eingemauert... Fleisch\nund 81ut... in Mauer und Stein ... (heiser)... hörst\ndu sie?!... hörst du...?! ich hab... sie gehört\n. . . lange . . . immer . . . vorhin . . . (zeigt in das\nDunkel zum Hochaltar) .. . dort. . . eben (schlägt\ndie Hände vors Gesicht) . . . allmächtiger Vater\nim Himmel! ... die Kerze ist erloschen!\nSusa n n a (starr): Ich hab sie wieder entzün-\ndet! . . . (sie stützt ihre Hand auf den Altar)\nKlementia (läßt die Hände langsam sinken\nund starrt sie an)\n(Eine faustgroße Spinne kriecht aus dem Dun-\nkel hinter dem Altar hervor)\nKlementia (sinkt entsetzt in die Knie, auf\ndas Insekt weisend) . . . die . . . Spinne! . . .\nS u s an n a (wendet den Kopf zur Spinne und\nbleibt in lähmendem Zittern gebannt stehen)\n(Die Spinne läuft über den Altar und verschwin-\ndet an der andern Seite hinter dem Kruzifix)\nSusan na (wendet sich nach einer Weile Kle-\nmentia zu, nimmt bebend und zusammenschauernd\nin mechanischer Bewegung die Hand vom Altar...\ndie Hände vom Körper ab zu Boden gestreckt . . .\nerstarrend): . . . Hörst du sie . . .?!\nKlementia (entsetzt): . . . Hörst . . . du...\nSusanna: . . . Hörst . . . du . . .\nKlementia ....\n.Susanna: . . . Die Stimme . . ."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5425, "texte": "Klementia: . . , ich . . . höre . . . nichts ...\nSusann a . . . .\nKlementia (macht eine Bewegung zum Auf-\nschrei, bleibt aber heiser vor Entsetzen): . . . Ich\nhöre . . . nichts!\nSusanna (geisterhaft nachsprechend): ... Be-\nkenne . . . bekenne . . . (sie steht mit dem Rücken\ngegen das Kreuz gewendet).\nSusa n n a: . . . sagt . . . er . . . was?! . . .\nKlementia (in höchstem Entsetzen)...?!\nSusa n n a (macht eine Kopfbewegung nach\ndem Kreuze hin)\nKlementia (faltet die Hände, stotternd) :\n. . . Ave . . . Maria . . .\nSusanna: Sagt er nichts...?!...\nKlementia . . . (schüttelt in stummem Ent-\nsetzen den Kopf)\nSusanna (löscht mit der Hand den Wachs-\nstock aus, der noch immer in ihrer Hand brennt\nund legt ihn auf den Altar, alle Bewegungen me-\nchanisch ausführend; dann steigt sie vom Altar\nherunter . . . Schritt für Schritt . . . lautlos . . .\nbleibt dicht vor Klementia stehen)\nSusanna (lacht kurz silberhell glücklich auf\n... ein zartes vielstimmiges Echo mischt sich mit\ndem verhallenden Singen des Windes und dem\nRaunen der Zweige . . . reißt sich Brustschleier,\nKopftuch und Binde ab; ihr langes Haar fällt über\ndie nackten Schultern): Schwester Klementia . . .\nich bin schön...!...\n(Der Wind stößt stark, die Zweige rauschen\ngewaltig und die Nachtigallen schlagen hell zusam-\nmen)\nKlementia (sinkt die gefaltenen Hände hoch\nerhoben, in die Knie).\nSusanna: Schwester Klementia ... ich bin\nschön . . .\nKlem.entia: Sancta Susanna ...\nSusanna: Schwester Klementia ... ich\nbin . . .\nKlementia (erhebt sich starr und steif, mit\njedem Worte fester werdend): Keuschheit ....\nArmut... Gehorsam ...\nSusanna (verstummt sie anstarrend, die\nHand schwer auf dem Betstuhl)\nKlementia (geht fest an ihr vorbei in das\nDunkel; das Fenster klappt heftig zu, der jubelnde\nGesang der Nachtigallen, das Rauschen der Bäume\nund das Singen des Windes erstirbt jäh)\nKlementia (kehrt zurück)\nSusanna (springt auf und faßt sie an): Das\nFenster auf! ... das Fenster . . .\nKlementia (hebt ihr das große Kreuz des\nRosenkranzes entgegen)\nSusanna (taumelt, das Kreuz anstarrend,\nSchritt für Schritt zurück bis zum Altar): ... ich\n. . . ich sehe den . . . leuchtenden Leib . . .!\n. . . ich seh ... ihn herniedersteigen . . . ich . . .\nfühle die Arme breiten . . .\nKlementia (hält das Kreuz hoch): ...\nKeuschheit . . . Armut . . . Gehorsam . . . (jedes\nWort hallt klar aus den Wölbungen wieder, zu-\nletzt alle drei ineinander verschwimmend und ver-\nhallend)\nSusanna (schreit auf und starrt umher) wer\nspricht da?! . . .\nKlementia: Ich!\nSusanna: Ich . . . ich . . . ich . . . sprach\ndas nie!! . . .\nKlementia (hält ihr das Kreuz entgegen).\nSusanna (reißt das Lendentuch von dem\ngroßen Kruzifix in einem Riß herunten) so helfe\nmir mein Heiland gegen den euren . . .! (sie\nsinkt in die Knie und schaut zu ihm auf)\n(Die Spinne fällt hinter dem Kreuzesarm her-\nunter ihr in das Haar)\nS u s a n n a (schreit gellend auf und schlägt mit\nder Stirn auf den Altar)\nDie Spinne (kriecht über den Altar und ver-\nschwindet dahinter)\n(Die Horenglocke läutet grell durch die Ge-\nwölbe, dazwischen schallt dumpf der Glocken-\nschlag der zwölften Stunde)\nSusa n na (stört auf, fährt mit den Händen\nwild und wirr durchs Haar und kriecht auf allen\nVieren die Stufen des Altars herunter in Entsetzen\nvor sich selber fliehend)\nMit dem letzten Stundenschlag verstummt die\nHorenglocke.)\nK 1 emen t i a (läßt das Kreuz sinken) Ave\nMaria! ... ein neuer Tag! . . .\nSusanna (hockt stieren Blicks auf der un-\ntersten Altarstufe)\nLeise Schritte schlürfen und Gebete murmeln\nDer Zug der Nonnen (tritt ein)\nV orbeterin: kyrie eleyson . . .\nChor: kyrie eleyson . . .\nVorbeterin: regina coeli sancta . . .\nChor: ora pro nobis . . .\nVorbeterin: virgo virginum sancta...\nChor: ora pro nobis...\n(Das Mondlicht, das bisher in hellen Streifen\ndurch die Fenster fiel und bläuliche Lichter auf die\nBetstühle warf, verlischt; es wird ganz dunkel.\nDie Nonnen kommen vor bis zum Weihwasser-\nbecken, stocken, als sie auf Klementia stoßen, die\nunbeweglich im Mittelgang zwischen den Pfeilern\nsteht und auf Susanna schaut. Das Gebet ver-\nstummt; die Nonnen sammeln sich in stummer Be-\nwegung in weitem Halbkreis um Susanna; endlich\nstehen alle still unbeweglich in stummer Scheu)\nAlte Nonne (tritt lautlos einen Schritt vor):\n. . Sancta . . . Susanna! . . .\nS u s an n a (stört pfeilgerade in die Höhe).\nAlte Nonne (senkt das Haupt): Sancta Su-\nsanna . . .!\nS u s a n n a: Hinter dem Hofe liegen Steine . . .\nAlte Nonne (schaut auf)\nSusa n n a (fest): Ihr sollt mir die Mauer\nrichten! . . .\nAlte Nonne (sinkt langsam die Arme brei-\ntend in die Knie)\nChor (folgt ihr)\nKlementia (steht starr auf Susanna\nschauend).\nSusan na (plötzlich stark) Nein! . . .\nAlte Nonne (springt auf)\nChor (folgt ihr)\nAlte Nonne (hebt das Kreuz ihres Rosen-\nkranzes über ihr Haupt)\nChor (folgt ihr)\nAlte Nonne: Beichte! . . .\nS u s a n n a:\nKlementia (hebt das Kreuz)\nKlementia und Alte Nonne (hart dring-\nlich): Beichte!!!\nSusanna: Nein!!! .. .\nKlementia, alte Nonne und Chor (gel-\nlend): Beichte!!!\n(Das Wort hallt aus den Gewölben dreimal wie-\nder, die Kirchenfenster zittern, der Sturm heult\ndraußen auf)\nSusanna: Nein!!! (Das Echo des Wortes\nwird von dem vorigen verschlungen)\nAlte Nonne (in Ekstase): Satana!!!\nAlte Nonne und Klementia: Satana!!!\nAlte Nonne, Klementia und Chor:\nSatana!!! .. . 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Mein Gott —: ob es ging??\nVersuche doch einmal, einem Menschen die Herr-\nlichkeit der ganzen Welt zu schenken, gib ihm\nunaufhörlich, Tag und Nacht, was das Dasein alles\nin aiiem seinem Liebling zuteil werden lassen\nkann —: mache ihn gesund, stark und froh, gib\nseinen Sinnen die Kraft eines flammenden Zusam-\nmenlebens, um auch alle die andern und ihr Ver-\nlangen jedes für sich, leicht begreifen zu können;\ngib seinem Herzen die Wonne der Seligkeit, des\nSchaffens und ihren Reichtum, um verschenken\nzu können, und gib endlich seinen Plänen den\nSturmwind des Glücks unter die Flügel ... und\nfrage ihn dann, ob er jetzt meint, daß es „gehen\nkann\"?!\nJawohl!\nAber nun sie?!\nWie konnte sie es aushalten, dies hier — wo\nihr all diese tausenderlei kostspieligen Kleinig-\nkeiten fehlten, die eine Frau sich wünscht — und\nohne die, wie man uns wieder und wieder beteu-\nert hat, eine Frau nicht leben kann?\nOder wurde ihre Würde als eines modernen\nMenschen denn gar nicht verletzt, empörte sie sich\nnicht als selbstdenkendes und selbstwollendes In-\ndividuum darüber — daß sie, die Auserkorene und\ndie Gattin eines Dichters, sich doch jeden Tag\nmit Kochtopf und Pfanne, mit Staubtuch, Besen\nund Nadel abgeben mußte?\nOffen gestanden —: wie schleppte sie sich bloß\nso durch das Dasein — mit diesem Scheusal von\neinem Mann, der beständig wie ein Esel an dem\nfesthielt, was er seine Grundsätze zu nennen be-\nliebte! der ganze lange Jahre hindurch, trotz allem\nangespannten Fleiß, geradeaus gesagt, nicht ein-\nmal so viel verdiente, wie ein ganz gewöhnlicher\nArbeitsmann! der jeden Tag in größeren und\nimmer größeren Ideen entbrannte, der sich jeden\nVormittag im Bett herumtrieb, unter dem Vor-\nwand, des Nachts vor Gedanken nicht geschlafen\nzu haben; der den ganzen Tag hindurch schrieb\noder las, ihre Hilfe zum Korrekturlesen fast Abend\nfür Abend in Anspruch nahm, und sie endlich bis\nzur Morgenstunde wachhielt, wenn der Rededrang"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10390, "texte": "uicht zu hemmen war, weil es da drinnen zu fie-\nberheiß sproßte —: und dann fuhr er mit verrück-\nten Gebärden im Zimmer auf und nieder, er war\nüberpathetisch, und er lachte mit kurzem Stöhnen\ndazwischen, er flüsterte und er rief, mußte hin\nund wieder einen Augenblick still stehen und laut\nlachend seine beiden Hände gegen sein Herz pres-\nsen — wenn sich der Weitblick so groß auftat,\ndaß sein ganzes Ich zerplatzte, um ihn in sich\naufnehmen zu können! dann redete und redete er\nunendliche Stunden, — bis sie wie ein verblassen-\nder Schatten auf einen Stuhl niedersank, ohne\nmehr begreifen noch verstehen zu können! Aber\nauch das legte seinem Mund kein Schloß vor —\nund endlich wurde sie plötzlich böse, sie sprang\nmit einem Satz auf, zornbebend, mit gerunzelter\nStirn: Jetzt mag es genug sein, sagte sie kurz,\njetzt gehe ich zu Bett, dann kannst du das Haus\nin Stücke zerschrein, wenn du willst! >— Und dann\nmachte sie kehrt, verschwand in die andere Stube\nhinein, fing an, sich die Kleider vom Leibe zu rei-\nßen — und er stand verdutzt da, stumm, gleich\ndarauf auf einmal entzückt darüber, wie ihr Ant-\nlitz königlich ausgesehen hatte, während sie stolz\nund wutschnaubend dastand! Dann ward er eben-\nso jäh von Reue erfaßt, stürzte ihr nach, riß auch\nseine Kleider vom Leib, sprang mit einem Satz zu\nihr in das Bett, zog sie flammend an sich, fand\nihren Mund mitten in all dem goldenen Haar —\nund sie vergaßen die ganze Welt um sich her, in\neinem Feuer von Wonne! . . .\nKurz und gut!\nErkläre mir das also nun, wer kann —:\nDieses Rätsel, wie sie es aushielt, Jahr für\nJahr mit diesem langen und brutalen Teufel von\neinem Mann verheiratet zu sein — der sie rück-\nsichtslos auf jede erdenkliche Weise ausnutzte!\nOder stellen Sie sich nur vor, wie er sie be-\nhandelte, wenn sie aus irgendeinem Grund — zum\nBeispiel, wenn die Rechnungen eines Tages allzu\nüberwältigend hereinströmten, ohne bezahlt wer-\nden zu können; wenn die Gläubiger sie mit gro-\nben Briefen und mit Gerichts- und Rechtsanwalts-\nkosten bedrohten, und er trotzdem für die letzte\nKrone, die sie besaßen, Bücher kaufte! oder wenn\nganze Wochen hindurch Tag und Nacht völlig auf\nden Kopf gestellt wurden; oder wenn das\neine wie das andere und das dritte und das vierte\nfür den Haushalt fehlte und nicht einmal der Kre-\ndit mehr funktionieren wollte! kurz, wenn sie so\nhin und wieder einmal plötzlich ganz den Mut ver-\nlor, auf einem Stuhlrand, dem Schreibtisch gegen-\nüber, ihn einen Augenblick mit weit aufgesperrten\nAugen und bebenden Lippen betrachtete, plötzlich\ndas Taschentuch hervorzerrte oder einen Zipfel\nvon den weiten Aermeln ihres Kleides benutzte —\nund unter herzzerreißendem Schluchzen erklärte,\ndaß sie jetzt nicht mehr könne, wie gern sie auch\nwolle!\nJa — was tat er dann?\nEr sah erst zu ihr hinüber, schwelgte in dem\nAnblick der Jugend und Hoffnungslosigkeit, der\nSchönheit und Verzweiflung ihres Antlitzes — war\nganz hingerissen, wie wunderbar auch das Wei-\nnen sie kleidete!\nDann erhob er sich schließlich träge, streckte\ndie Arme in die Höhe, so daß es krachte — und\nplötzlich lag er vor ihrem Stuhl auf den Knien, du\nmilder Himmel, er war nicht abzuschütteln, das\nEkel, es nützte ihr nichts, daß sie ihm den Nacken\nzuwendete, oder versuchte, sich ihm zu entwinden,\nsich von ihm wegzubeugen oder zu drehen, ihn\nwegzupuffen — nein, nichts half, er war ja stär-\nker als sie, sie fühlte nur immer fester seinen Arm\num ihren Leib, fühlte die Wärme seines Atems an\nihrem Halse! mit seiner Stimme stiegen diese lei-\nsen Worte, die ihr Ohr nie oft genug hören konnte,\nzu ihr auf, von seiner Lippe wurden diese Sätze\ngeflüstert, die immer zum erstenmal gehört wur-\nden, durch die Liebkosung seiner Hände spürte sie\neine berauschende Spräche, die ihr immer neu blieb\n— und sie öffnete willenlos, noch mit tränengeblen-\ndeten Augen, den Mund dem seinen, sie schmeck-\nten beide in einem langen, langen Kuß das Salz\nihrer Tränen und die Süße ihrer Liebe, sie lächelte\nglückselig, strich ihm zärtlich das Haar aus der\nStirn — und dann begann er zu klagen, begann\nsich selbst heftig zu verklagen: Mein Lieb, ich\nweiß es, alles verlange ich Tag für Tag und Jahr\nfür Jahr von dir, alles schenkst du mir -— und ich\nhabe nichts, was ich dir wiedergeben könnte! Ach,\nkleine Annie, aber sei nicht böse, nicht bange,\nhörst du, ich sage es dir als ganz gewiß, daß es\neines Tages, binnen kurzem alles gut werden\nwird! ach, wenn du wüßtest, wie ich es eines Ta-\nges alles um dich her schwimmend machen werde\nv\nvon unerhörter Pracht! Annie, ach, Annie Mor-\nton, da sollst du über schimmernde Wege dahin-\nschreiten, mit deiner Jugendwange und dem\nRausch deines roten Mundes, mit deinem lächeln-\nden Antlitz, deinem Königinnen- und Freudenant-\nlitz! da soll Atlas um deine herrlichen Hüften flie-\nßen, Spitzen da drinnen unter deinem Gewände\nwallen, Seide deine Beine und Füße überkleiden —\nvon Gold und Diamanten soll dein Haar, sollen\ndeine Finger brennen!\nHöre!\nIch will es dir nur gleich gerade heraus sa-\ngen —:\nFalls nun das Schauspiel, der Roman, die No-\nvellen, an denen ich zurzeit arbeite, mir diesmal\nallen Ernstes glücken werden (nicht wahr, und du\nweißt ja ebenso gut wie ich, daß das Publikum\nder ganzen Welt ganz einfach danach dürstet, end-\nlich die Kunst zu sehen — die ihnen das Leben\nzeigt! ach, nicht dies plumpe Dasein, in dem wir\nhungern und fressen und selber gefressen werden,\nwo wir vor der Zeit unter der täglichen Mühsal\naltern — und wo wir trotz all unserm unaufhör-\nlichen Widerstand, trotz aller Tapferkeit und\nKlugheit und Kraft dennoch alle miteinander aus-\nnahmslos damit enden, daß wir zermalmt werden,\ndaß wir sterben, daß wir begraben und vergessen\nwerden! Nein, sondern das tiefe, das hohe, das\nunvergängliche Leben, das Wahre im innersten\nInnern; da, wo die Herzen einander in Flammen\nbegegnen, wo das Feuer der Sinne Licht nach\nallen Seiten wirft, wo das Schicksal entsteht, und\nwo wir alle ohne Ausnahme siegen, weil alles nur\num unseres eigenen Wachstums willen geschieht!\ndort, wo das leidenschaftumstrahlte, das ewige\nMenschenantlitz für uns alle in unvergänglicher\nSchönheit auftaucht, für uns alle zusammen als\nunser eigenes rätselhaft erkennbar!!) —: Nun ja,\nalso diesmal muß es mir ja fast zweifelsohne ge-\nlingen können <— und da wird es uns auch das\nGeld verschaffen, das wir nötig haben, das kannst\ndu mir glauben!\nZur der Zeit bezahlen wir vor allen Dingen\nunsere ganzen Schulden mit Stumpf und Stiel!\nWir kaufen uns darauf ein Stück Land, viel-\nleicht auch eine Villa da draußen irgendwo an der\nKüste, wo du so gern wohnen willst —: eine große\nweiße Villa mit Halle und mit Loggia, mit Frem-\ndenzimmern, mit Garten und Strand!\nUnd dann endlich, das schwöre ich dir, wollen\nwir auf Reisen gehen!\nTod und Teufel —:\nDie Erde legen wir Meile für Meile zu unse-\nren Füßen, von Pol zu Pol!\nDu sollst das riesengroße Paris sehen, wo einem\ndie Nerven in Glut geraten, und die sämtlichen\nSinne schon allein durch die unsagbar aufregende\nLuft da unten in ewiger und heißer Begierde bren-\nnen! Du sollst Venedig sehen, Florenz, Rom —\nRom, wo der Gedanke in einer fieberhaften Feier-\nlichkeit ausgedehnt wird und in Marmortraumbil-\ndern Jahrtausende rückwärts- und vorwärtsgreift!\nWir wollen die unüberschaubaren breiten Ebenen\nAfrikas bereisen, wo Elefanten und Löwen woh-\nnen, wo unsere Herzen in einer schwindelerregen-\nden Einsamkeit bei einander sich laben!\nJa, und Amerikas gewaltige Flüsse, wo du\nund ich lange Monate hindurch Versteck miteinan-\nder spielen wie Kinder — in den kühlen Schatten\nvon millionenjährigen Urwäldern, zu der Beglei-\ntung des sanft rinnenden Lautes der Wasser!\nAuf dem Maranon, auf dem unermeßlichen\nAmazonenfluß wollen wir fahren :\nMit einem schneeweißen Dampfer gehen wir\nTag für Tag von dem atlantischen Ozean landein-\nwärts — auf den meilenbreiten, wirbelnden Was-\nsern schaukeln wir wochenlang. Quer durch den\nKontinent!\nWir sehen, unendlich langsam, ach Zoll für Zoll,\nversichere ich dir, — wie die Ufer des Flusses\nsich einander allmählich nähern; in der Ferne ge-\nwahren wir nach wochenlanger Fahrt eines schö-\nnen Tages hoch oben über unsern Köpfen eine\nschimmernde silberne Wolke, die unbeweglich still\nsteht, um zur Abendzeit auf einmal zu Purpur zu\nwerden, zu Feuer —: und Tag für Tag von nun\nan, jeden Tag, den Gott werden läßt, sehen wir un-\nverändert dort oben diesen fernen und stolzen An-\nblick, ohne ihm jemals näher zu kommen: denn\nes sind die Cordilleros de los Andes, es sind die in\nden Himmel hinaufragenden, die unbesteigbaren\nZinnen der Anden, Annie: unbetreten mit ihrem\newigen Schnee! das Titanenbollwerk nach dem\ngroßen, dem stillen Ozean jenseits hinab!\nWir selbst haben längst unseren Dampfer ver-\nlassen, Auch unser Segelschiff kann nicht mehr\nden steilen und reißenden Strom hinaufkämpfen.\nJetzt rudern wir langsam und mit Mühe stromauf-\nwärts in einem Boot — unter dem Schatten der\nBlattgehänge. In einem betäubenden Duft von\nunbekannten Blumen, Geräuschen lauschend, die\nwir nie gehört haben: von Affen, von phantasti-\nschen großen Insekten, von bunten Vögeln; hoch\noben über unserem Scheitel gewahren wir, gleich\neinem Bleriotschen Monoplan, den ungeheuren\nKondor, und in der Ferne, dort vor uns, die un-\nveränderliche, silberne Pracht der Anden!\nAber beständig rinnen die Wogen desselben\nFlusses an uns vorüber. Wir sitzen auf der Ach-\nterbank, Hand in Hand. Jetzt beugst du dich über\ndie Reeling des Bootes. Du lachst der Locke des\ngoldenen Haares zu, die da unten in dem eiswei-\nßen, schäumenden Strudel dahinschleppt — das\nerste Haar aus Gold, in das der Maranon jemals\nseine feuchte Perlenreihe geflochten hat — dein\nBlick begegnet plötzlich dem meinen, ich lege mei-\nnen Arm um deinen Hals . . . genau so wie jetzt!\nIch nehme langsam und durstig deinen Mund zu\ndem meinen hinein, eben wie jetzt! Ich presse\nmeine Lippen auf die deinen und wir wissen von\nneuem mit unseren Sinnen selbst, mit einer ewigen\nFrühlingsflut von Wonne in unserem Blut: daß du\nund ich uns selbst erst fanden, als wir einander\nfanden! daß wir beide das Leben erst kennen lern-\nten — als dein Leben und meines zu einem wur-\nden ... so wie jetzt! . . .\nGlaß Morton richtete sich langsam auf der\nBank auf — noch eine Sekunde umfangen von\ndem Licht alles dessen, woran er sich eben erin-\nnert hatte.\nAber da war es auf einmal, als hörte er in\nseinen Ohren das letzte Wort, das er eben gedacht\nhatte.\nUnd er flüsterte es leise noch einmal vor sich\nhin —:"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4761, "texte": "„Ganz so wie jetzt!\" . . .\nWie jetzt?\nEr hatte sich mit einem Sprung erhoben —:\nWie jetzt? — Seine Fäuste hatten sich jäh auf-\ngereckt, aus seiner Brust stieg ein Stöhnen auf —:\nWIE JETZT?? — Und es kam ihm plötzlich\nvor, als steige da, aus seinem tiefsten Innern her-\naus — und von allen Seiten rings um ihn her, ein\nheißes, ein ohrenbetäubendes, ein zähneknirschen-\ndes Murmeln auf — ein rätselhaftes, ein gleichsam\nkauendes und gewaltsames Geräusch.\nLauschend und gehässig beugte er den Kopf\nvornüber, spannte seine Hörkräfte mit aller Macht\nan, vernahm immer stärker diesen heiseren, die-\nsen knurrenden Ton, der da drinnen in seiner\nBrust erklang; verstand ihn auf einmal, vernahm\nihn wieder aus der Hitze der Luft, aus dem dunk-\nlen, schwarzen Meer da draußen, aus den kohl-\nschwarzen Bäumen, die sich brausend unter einem\nWindhauch rührten —:\nJa!\nNun begriff er es gründlich!\nNun hörte er mit allen Sinnen, was es war —:\nKarl Mumme!\nJawohl, das war die Rache, die sich aufge-\nrichtet hatte — und nun seinen Sinn zur Tat rief!\n„Ich komme!\" — Er machte schnell Kehrt, mit\neinem Ruck galoppierte er dahin, lief wild schäu-\nmend durch den Garten hinauf —:\n„Karl Mumme!\nIch will dich noch heute Nacht fassen!\nEs ist nur Platz in der Welt für dich — oder\nfür mich!\" . . .\nV\nMit einem Ruck hielt Glaß Morton einen Mo-\nment später in seinem Lauf inne und stand still —\nnach Luft schnappend, verwirrt.\nEr war nur bis an die breite, gebogene Treppe\nhinaufgelangt — die von der Villa in den Garten\nhinabführte, im Augenblick gedämpft beleuchtet\nvon dem bunten Schimmer einer farbigen Laterne\nda drinnen auf der großen Veranda. Ihm fiel plötz-\nlich Frau Brügge ein, gleich darauf empfand er\nauch noch ein Schaudern von dem, was ihn soeben\nveranlaßt hatte, kopfüber von da unten vom Was-\nser hier hinaufzustürmen — beeilte sich indessen,\ndiese aufflammende Erinnerung zu unter-\ndrücken —:\n„Ja!\" — murmelte er —:\n„Frau Brügge!\nDas darf ich wirklich nicht vergessen!\"\nEine kleine Weile blieb er jedoch unentschlossen\nstehen, versuchte seinen Atem in Ordnung zu brin-\ngen, den einen Fuß auf der untersten Stufe, lang-\nsam den Kopf von rechts nach links drehend, wäh-\nrend er seine Stirn trocknete, die von Schweiß\ntroff.\nEs ward ihm unmittelbar darauf bewußt, daß\nes schon sehr spät sein müsse, er war müde — ja,\nder allereigentlichste Grund, weswegen er so\nhastig hier hinaufeilte, war wahrscheinlich der,\ndaß er beim Tee zu der Haushälterin gesagt hatte,\ner möchte, ehe sie zu Bette ging, gern ein paar\nWorte mit ihr reden! Gut, er wollte also sein Ver-\nsäumnis ihr gegenüber so schnell wie möglich wie-\nder gut machen — und das Notwendige jetzt so-\ngleich besorgen! . . .\nEr ordnete mühselig, noch ein klein wenig keu-\nchend, an seinem Haar, seiner Jacke und Weste —\nund ging dann, mit etwas schweren Schritten, die\nsechs braunen Stufen hinauf. Kam in die kühle\nLuft der Veranda, in die wechselnde, blaue, grüne\nund rote Beleuchtung unter dem Lampion, der lang-\nsam an seiner Schnur schaukelte — und suchte\ndort den Ausdruck seines Antlitzes zu glätten. Ver-\ngaß das wieder, während er mit vorgestreckten\nHänden Fuß für Fuß weiter tastete, durch die\nvöllige Finsternis der Gartenstube. Gelangte ein\nklein wenig nervös in das stark erhellte Entree\nhinaus, ging schnell mit zusammengekniffenen\nAugen auf ihre Tür zu und klopfte leise an —:\n„Entschuldigen Sie, Frau Brügge!\nSind Sie noch auf?\nJa, Sie müssen mir verzeihen, daß ich Sie so\nlange habe v/arten lassen . . . aber ich . . . aber\nda war . . . .\"\nDie Haushälterin kam heraus mit einem Knicks,\nschloß die Tür lautlos hinter sich —:\n„Der Herr hatte mir ja noch eine Weisung zu\ngeben — sägten Sie vorhin, drinnen beim Tee!?\"\nGlaß nickte. Er fühlte von neuem, in diesem\nselben Moment, wo Frau Brügge das Wort Tee\nnannte — genau dieselbe sonderbare Dreiteilung\nin seinem Wesen, die er die ganze Zeit empfunden\nhatte, während der Professor hier war: nach außen\nzu die kühle, ein wenig schlaffe Ruhe, vielleicht\njedoch unbedeutend weniger ausgeprägt als vor-\nhin; da drinnen einen merkwürdigen, umnebelten,\nchaotischen Zustand, wie eine halbwegs gefühllose,\nisolierende Mittelschicht — jedoch auch dieses\nganz unerheblich weniger zuverlässig, als das\nvorige Mal; und im allerinnersten diesen heißen,\nerstickenden Dunst wie von Glut und Flammen,\nder hin und wieder einmal wie ein feuriger Fächer\nsich über seinen Hals und sein Gesicht ausbreitete\n— als beuge er sich zu tief über eine mächtige und\nweit offene Feuerstätte hinab!\nEr nickte noch einmal, mit einer Andeutung\nvon einem Lächeln, der Haushälterin zu —:\n„Ja!\" — sagte er mit gedämpfter Stimme und\nkonnte sich aus irgend einem Grunde nicht enthal-\nten, geheimnisvoll die linke Hand mit erhobenem\nZeigefinger auszustrecken — „bitte, kommen Sie\nmit hier hinein!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-15_01#c006", "volume": "bmtnabg_1914-05-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30", "page_fin": "31", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.2.6", "titre_corps": "Die letzte Nacht", "titre_sommaire": "Die letzte Nacht", "signature_source": "Kurt Striepe", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.6", "debut_caractere": 4782, "fin_caractere_exclue": 9625, "texte": "Die letzte Nacht\nKurt Striepe\nIch habe Schmerzen heute Nacht. Mein Ge-\nsicht ist gedunsen, wie übervolle Brüste schwan-\ngerer Frauen. Der Arzt sagte gestern ,Ihr Mund\nist vereitert', und dabei lachte seine schmiß-\nverzerrte Fresse. — Er dachte an sein Verdienst.\nIch weiß meinen Kopf nicht zu lassen. Ich\nwill mich aufsetzen, vielleicht kommt dann die\nRuhe. Einmal möcht ich auch schlafen. Meine\nFinger sind klebrig naß, der Atem ist gelb und\nriecht ansteckend. Ich möchte weinen können —\nDer Föhn nahm vorhin eines von meinen Fen-\nstern mit. Nun ist es kalt bei mir. Drunten hustet\nein letztes Auto nach Hause.\nWie mein Mund brennt! Ich habe vorhin viel\nRum getrunken, um Ruhe zu haben. Ich kann\nmich betrunken trinken, ohne es zu merken. Auch\nvom Wasser kann ich betrunken werden. Das\nBlut klopft an das Fleisch meiner Zähne. Das gibt\neinen dunklen Schmerzschlag. Ich fiebere. — Aber\nmorgen muß ich wieder arbeiten.\nDrunten arbeiten sie jetzt schon. Da arbeiten\nein paar Männer die ganze Regennacht hindurch.\nDie Geleise der Elektrischen wollen sie glühend\nmachen. Ihre Lampen zischen und schwimmen\ndurch die Luft zu mir. Mein Mund ist eine Hölle\n— Jodoform hat der Arzt mir heute Morgen in\ndie Wunden gelegt. Mein ganzes Zimmer riecht\ngelb und kraß nach diesem Gift. Ich möchte, der\nArzt käme wieder. Ich gefalle mir in dem Ge-\ndanken, daß auch einmal einer zu mir kommt. Der\nArzt war häßlich. Aber der Schnitt, den er\nmir macht, war herrlich. Ich schmeckte mein\nBlut. Mein Blut ist nicht süß. Es ist schwer,\ndunkel-rauschend. Berauschendes Gift. — Ich\nglaube, ich muß bald sterben. Ich weißt es ia\nnicht, aber ich — wenn doch die Schmerzen ein-\nmal aufhören wollten! Wienn ich stürbe — dann\nkäme die Ruhe, die ich mir wünsche. An mir\nist auch nichts gelegen. Kein Mensch würde Notiz\ndavon nehmen. Du? Vielleicht — Du hättest\ndann wieder etwas Neues den Menschen zu er-\nzählen — von dem Freund, der so jung sterben\nmußte. Wie ist das alles lächerlich. Man läßt\nmich jetzt ruhig hungern. Nur die Mädchen kom-\nmen immer — und nach denen habe ich nie\nHunger.\nGestern Nacht die schwarze Maruschka —\nder Name hat etwas Peitschendes.\nDrunten explodieren in Zeiten die Lampen der\nArbeiter. Eine tönende Linie am Horizont bilden\ndie Explosionen, die schwebend Begattung sucht\nGenotzüchtigt schreien die Sterne.\nIch wundere mich, daß ich das alles bemerke..\nMeine Hand presse ich an meine Augen, die so\ntief liegen, daß ich sie kaum fassen kann. Die\nLippen zittern und fliegen im Fieberfrost. Regen-\nwürmer, unförmige, rissig-geschwollene Leiber.\nDas kleine blaue Nachtlicht flackert in der fieber-\ngeschwängerten Luft meines Zimmers. Das Leben\nin ihm sucht frische Lebensluft. Ich höre es bluten\nund sich quälen. Es macht mir Freude, einen\nGefährten zu haben, der mit mir geht. Wir wer-\nden zu gleicher Zeit gehen. Mein letzter Atem\nsoll auch sein letztes Zucken sein. Ich werde nicht\nzucken, wenn ich sterbe. Mein Gesicht soll Ruhe\nsein und niemand soll wissen, daß es je Schmerzen\ngekannt hat.\nIch habe schon viel Schmerzen gehabt. Ich\nhabe schon oft geglaubt, sterben zu müssen. Und\nwenn ich dann zu Dir kam und Dir sagte, was\nmich quälte, so lachtest Du — wie der Arzt vor-\nhin. Und dann fanden Deine Lippen immer das\ngleiche Wort. Hypochonder. Ich ließ Dich bei.\nDeinem Glauben. Glauben ist Selbstpoetik. Und\nDeine Träume zerstören hätte ich nie gekonnt. —\nUnd als man mich Dir einmal brächte — lebenlos\nund gesättigt von Morphium und dem leuchtenden\nGas meines Zimmers, da verlorst Du Dein Träu-\nmen. Die Wirklichkeit ist stets eine Roheit. Von\ndem Tage an waren wir uns fremd. Und nun?\n— Haßt Du mich schon? Es war gut von Dir,\nunser Spiel zu zerbrechen — Du hättest sonst das\nLachen verlernt. Aber ich bin nicht hypochond-\nrisch und wehre mich gegen diese Behauptung.\nIch weiß meine Leiden einzuschätzen und habe\nsie bürokratisch in statistische Einheiten aufgeteilt.\nNeurasthenisch mag ich wohl sein — wer ist das.\nnicht? Meine Mutter ist hysterisch und meine\nSchwester Lesbierin. Mein Vater fühlt sich bei\nden Mädchen wohl und mein Bruder im — Irren-\nhaus. Du bist für mich ein Symbol — „Die Rein-\nheit\". Aber Deine Bettgefährten kenne ich nicht.\nWas ich bin, weiß ich nicht. — „Der Wunsch nach\nmir.\" Vielleicht. Aber warum lebe ich dann? Das\nalles war, nun weiß ich nichts mehr von Euch.\nEuch geht es sicher gut. — Mein Wunsch-Sehnen\nist rasend geworden.\nIch habe einen guten Freund. Der gibt mir\nMorphium, soviel ich haben will. Er weiß, daß ich\nohne diese Labe nicht leben kann — wie Ihr es\nnicht könnt, ohne den traditionellen Coitus. Früher\ngenügte mir schon eine kleine Löffelspitze und ich\nschlief tief und zufrieden. Jetzt bringt mir kaum\nnoch ein Teelöffel voll Befriedigung. Ich habe\nmich an dies wie an den Hunger und die Schmer-\nzen gewöhnt. Wenn ich einmal zu fest eingeschla-\nfen bin, daß das Leben keine Lust mehr hat, mich"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1593, "texte": "zu wecken, dann wird mein Freund mein Tage-\nbuch herausgeben. Das Tagebuch eines Morphi-\nnisten. Warum nicht? Es gibt schon und noch\nandere „Tagebücher\".\nWie das Blut in meinen Händen jagt! So son-\nderbar sind heute meine Hände — wie aus weißem\nHolz, in das man fünf Stöcke gestoßen hat. Ich\nglühe am ganzen Körper. Mein Kopf ist rot, wie\nmeine Tischdecke — knallig. Alles rast in mir.\nUnd dieser widerliche Geschmack im Munde. Ich\nkann nichts essen. Selbst den Speichel wage ich\nnicht zu schlucken. Ich kann das nicht mehr\naushalten. Ich reiße die Watte heraus — mag es\nbluten! — Aber erst will ich noch zwei Teelöffel\nvon meinem Schlaftrunk nehmen und mich dann\nweiß in mein Bett legen. Ich freue mich, nun doch\nwenigstens rein zu sein. Das Bad gestern bei der\nschönen Jüdin hat seine Schicksalsbestimmung ge-\nhabt. Wie eine glühende Goldkugel flimmert das\nFieber in meinen Augen. —\nBlut! Mein Blut! Nun habe ich den ganzen\nMund voll — wie das rauscht. Auch Du blute-\ntest einmal,— da sog ich Dir Dein Blut vom Munde.\nWeißt Du das noch? Mir tut keiner solche Wohl-\ntat. Mein Wunsch nach mir hat aufgehört zu sein.\nNun höre auch ich auf.\nWächsern, wie eine bleiche Qual blühte gestern\nder Mond am Himmel. Heut ist er glutrot. Die\nzweite Sonne hat sich zum Sterben gerüstet. —\nMeine Beine werden kalt. — Das Blut hört auf\n— die Kälte kriecht höher und höher. Mein Rücken\nist leblos — dumpf —- berauschend flutet eine\nschwere Welle in mein Hirn — krampfhaftes Mund-\nzucken. 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Die\nErschaffung neuartiger Vergnügungen will ihr\nnicht mehr mehr gelingen; seitdem sie eine Wis-\nsenschaft hat, weiß sie mit ihren Launen nichts\nmehr anzufangen und grämt sich. Der letzte schöp-\nferische Gedanke des Geschlechts war das Ver-\nzichten auf ein Ziel; damals wurden die Evatöch-\nter aus Elysium geboren. Seither aber steht die\nWelt still und nur der selbstherrlichen Ausrufe des\nMenschen, daß sie sich dennoch bewege, bedarf es,\num sie in den Schlaf zu singen. O, unendlicher\nSchlaf der Welt! Wie will ich mit deinen Träumen\nspielen; ich verlasse mich nicht mehr auf irdischen\nTand; die Buntheit meiner Umgebung reizt mich\nnicht mehr; Gottes Stimme klingt durch den himm-\nlischen Tag und ich bin ein Stern am Himmel mei-\nner Träume. Ich kreise um eine Sonne; Strahlen\ndurchglühen mein Leben; ich tanze den Tanz der\nWelt . . . . !\nEs ist müde geworden in der Welt. Sie ist so\nblutarm, daß man sie eigentlich an die kosmische\nRiviera schicken sollte. Das Blut fließt träge und\ndie Worte sind einfältig und leise. Die Tage kennen\nsich schon und die Nächte haben nichts zu ver-\nbergen. Manchmal geschieht noch ein Mord; aber\nder Tod nimmt es den Mördern übel. Selbstmör-\nder werden zum Tode verurteilt, aber die Taschen-\ndiebe gehen frei aus. Das Geld, das sie stehlen\nwollten, war falsch und die Uhren blieben stehen,\nals sie nach ihnen langen wollten. O, gäbe es doch\neinen einzigen Betrüger, der an die Unsterblich-\nkeit glaubte! Man könnte ruhig sterben. So bleibt\nein einziger, dürrer Trost: die Versicherung der\nWissenschaft, daß es in der Natur keine Sprünge\ngäbe. Ein anderer Professor aber beschwichtigt\nuns: hic Rhodos, . . . worauf ein Echo antwortet:\nzerspringe!\nIch weiß schon alles: kaum beginnt ein neuer\nTag, weiß meine Seele schon den Traum der Nacht\nzu deuten. Wozu das Licht ertragen? Menschen\nkommen, die ich bis zum Ekel kenne; sie mühen\nsich die Welt zu deuten und wissen nicht, daß sie\nnichts bedeuten. Sie schreiben Romane, um sich\nund ihren geliebten Zeit-, Raum- und Weltgenos-\nsen, die Zeit, den Raum und die bösen Träume\nzu vertreiben. Unschuldige Komtessen heiraten\nsich; Bankiers krachen zugrunde; Hochstapler\ngehen durch; Mütter heulen, Kinder wimmern, man\nstirbt und die Lebenden — kennst du das Land?\n— kriegen sich in Italien. Der Golf von Neapel\nist beinahe schon von Gustav Frenssen. Nicht weit\ndavon ist Otto Ernst. Alles blüht und gedeiht.\nBärte schießen hervor und überwuchern das Ant-\nlitz der Erde. O, die schreckliche Langeweile!\nIch weiß nicht, ob ich sieben Billionen Jahre vor\nmeiner Geburt eine Schwertlilie war; aber sieben\nBillionen Jahre nach meinem Tode will ich ein\nSchwert sein, das ins Herz der Welt trifft. Und\ndieses kranke Herz der Welt pocht zwölfmal: das\nist die Große Mitternacht, der Jüngste Tag bricht\nan. Tief im Schlamme der Gedanken versteckt\nliegt der Kadaver des Menschengeschlechts; hoch\noben leuchtet die Stimme Gottes und ruft die See-\nlen herbei. Aussätzige schwanken einher und sin-\ngen das Lied des Lebens. Leben, leben, leben ruft\nein Chor Längstverstorbener und die Unsterblichen\nzertrümmern ihre Steintafeln am Fuße des Ber-\nges. .. . Eine Stimme weckt mich. Es ist die\nStimme des Zeitgenossen und sie fragt: „Was?\nDu schläfst des Tages und wachst zur Nacht? Ge-\nhört sich denn das? Warum tust du das. —?\"\nIch antworte: „Ich schlafe des Tages, denn ich\nliebe das Licht; und du verdunkelst es. 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Die Aufführung bedeutet bereits eine\nEmpfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte Bücher\nzurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nAgricol Perdiguier\nMemoires d'un Compagnon\nEdition des Cahiers du Centre\nHans Bliiher\nDie deutsche Wandervogelbewegung als ero-\ntisches Phänomen / Ein Beitrag zur Erkennt-\nnis der sexuellen Inversion\nBerlin-Tempelhof / Verlag Bernhard Weise"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-15-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-15_01#c010", "volume": "bmtnabg_1914-05-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "32", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.8", "debut_caractere": 488, "fin_caractere_exclue": 1024, "texte": "Der Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin unci Genf\nBerlin W / Potsdamer StraBe lMi\nFunfundzwanzigste Ausstellung\nOtakar Kubin\nMarc Chagall\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nEroffnung in Genf: 15. August\nSturmausstellungen in Deutschland und im Aus-\nland I Mai 1914\nStuttgart: Kandinsky\nGoteborg / Schweden: Der Blaue Reiter\nHamburg: Jacoba van Heemskerck\nJena: August Macke\nNaumburg: Expressionisten\nTokyo: Graphik\nLondon: Graphik\nFrankfurt a. 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StraBenstSnden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwflnscht wird, bitten wir den B e t r a g fflr den\nDauerbezug bei der Bestellung oder b&l\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nmm fiSnftecdes ersten Monats elnzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, da$ E i n -\nf ieh ung des Betrages durch Nachnahme\nanter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nOwieralvertretung des Verlags Eug&ne Flgutert /\nParte"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-15-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-15_01#c012", "volume": "bmtnabg_1914-05-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "32", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.8", "debut_caractere": 2763, "fin_caractere_exclue": 5278, "texte": "Originalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefflgrt / Aile\nExemplare sind vom Kunstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat /DieHlrtin/Der StUr /\nSchlafende Hirtin / WUdpferde I\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Dm\nExemplar 40 Mark (je 10)\nKandinsky: Sonntag / Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M I Radierimgen M 60 und M 40\nMax Pecbstein: Die Erlegung des Pest-\nbra t e n s I Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert /\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nOtakar Kubin: Handdrucke\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Holzschnitt I\nbis IV I Das Exemplar 30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraBe / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa J\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / Portrat I\nI StraBenkurve ./ Zwei Akte / Das Exemplar\n30 Mark (12) / Liebespaar / MiiBige Hetaren /\nSchlafende Iletare I Je 40 Mark (12)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] / Das Exemplar 30 Mark (12)\nOskar Kokoschka: PI a k at fiir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nQuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge~\ndichten von Arno Hoiz / Pur Qesang urid Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKiinstierpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Um b e r t o Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall /\nKlee / Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier ia\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nzig ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin 30 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit funfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-05-15-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-05-15_01#c013", "volume": "bmtnabg_1914-05-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "32", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Badger I Boston / Mass\nI USA 194 Boylston Street\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milano-\n/ Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9'\nWiecker Bote / Akademische Monatsschrift /\nHerausgeber und Schriftleiter: Dr. Oskar Kanehl /\n25 Pfennig / 6 Hefte M. 1,25 / Heft 8/9 soebes er--\nschienen\nAlleissandre Peyron: Lou Pouemo di Souiitudo /\nAvec traduction frangaise de l'auteur / Preface\nde Frederic Mistral / 3 francs / Nouvefle Edi-\ntion J A Coulange et Cie Marseille 24 rue de\nl'Etrieu"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.1", "texte": "Umfang: acht Seiten\nEinzelbezug 40 Pfennig\nDER STURM\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W 9/ Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungs räume\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nFÜNFTER JAHRGANG 1914\nBERLIN-PARIS ZWEITES MAIHEFT\nNUMMER 4\n\nInhalt:\nH W * Notizen- Er erinnert sich / Religiöser Wahnsinn? / Ich bin gesessen / Der natürlichste Naturmaler / Prachtausgaben / August Stramm:\nSancta Susannk / Aage von Kohl: Der Weg durch die Nacht / Kurt Striepe: Die letzte Nacht / Paul Hatvani: Vision / Josef Tress: Menschenfilm / emp-\nfohlene Bücher / Vlatislav Holman: Detail einer 1914 / Linoleumschnitt\n\nVlatislav Hofman: Detail einer Fapade 1914 / Linoleumschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.2", "texte": "Notizen\nH. W.\nEr erinnert sich\nJeder Mann, der einen Federhalter halten\nkann, wenn es auch kaum zu fassen ist, wird in\ndiesem Jahre fünfzig Jahre. Für die Feuilleto-\nnisten sieht nach dreißig Jahren selbst das revo-\nlutionär aus, was nie revolutionär war. Solche\nScheinanarchisten werden mit Vorliebe nach die-\nser Beruhigungszeit von fortschrittlichen Zeitun-\ngen geehrt. Zu ihnen gehört Herr Karl Henckell.\nEr gibt „einen kleinen Band Lyrik und Kultur her-\naus, in dem er auch einiges Autobiographische\nmitteilt\". Der Dichter stellt zur Verfügung und\n■das Berliner Tageblatt entnimmt dem Kapitel\n„Aus Werkstatt und Leben\". Nun ist zwar Herr\nHenckell trocken, wie nur ein „Lyriker\" sein kann,\nauch im entkorkten Zustand kann nicht einmal\nKohlensäure entweichen und der Rest ist nicht\nzu genießen. Er hat aber dafür eine Werkstatt,\naus der heraus er sich als fünfzigjähriger Greis\nerinnern kann. Aber wie das so bei Greisen ist,\ndas Gedächtnis ist schwach. Er hält sich nach-\nträglich für einen Dichter, sich und Herrn Wolf-\ngang Kirchbach. Er hatte, wie man dank dem\nBerliner Tageblatt erfährt, im Jahre 1904 seine\nWerkstatt nach Berlin verlegt. Hauptsächlich,\num Heinrich Wölfflin zu hören, „der die inter-\nnationale Kunst des neunzehnten Jahrhunderts in\nfeiner gehaltvoller Darstellung und anregender\nGegenüberstellung ursprünglicher und epigoni-\nscher Erscheinungen, von Lichtbildern begleitet,\nunserm genießenden Verstehen frisch einprägte.\"\nHerrn Karl Henckell seine epigonische Erscheinung\nfrisch einzuprägen, wenn auch ohne Lichtbilder,\nzwingt mich folgender Satz: „Peter Hille, vorher\nschon ein Märtyrer des literarischen Snobtums,\nfiel nach einer Kabarettnacht erschöpft von einer\nArt Obdachlosenbank bei Berlin und gab im La-\nzarett den reichen, genialisch tief versonnenen\nGeist auf.\" Wenn jeder fünfzigjährige Staats-\nbürger es schon für seine Pflicht hält, seine Auto-\nbiographie herauszudrucken, die nur in tatsäch-\nlichen Irrungen besteht, sollte er sich wenigstens\nhüten, irrige Tatsachen anzugeben. Außer dem\nAnfangsbuchstaben hat Herr Henckell mit Hille\nnichts zu tun. Was kann schließlich Peter Hille\ndafür, daß Herr Henckell ihn überstarb. Peter\nHille war nie ein Märtyrer, wohl aber Herr Hen-\nckell. Sein Martyrium ist noch heute nicht zu\nEnde. Das literarische Snobtum hat sich nie um\nPeter Hille gekümmert, aber für Herrn Henckell\nscheint es sich zu interessieren. Und was die\nTatsachen betrifft: Hille fiel nicht von einer Ob-\ndachlosenbank, er wurde ohnmächtig infolge sei-\nner schweren Krankheit, der Gesichtsrose, an\nderen Folgen er bald darauf starb. Die Leute,\ndie sich keine Mühe gaben, ihm in seinem soge-\nnannten romantischen Leben zu helfen, sollten\nsich nicht die Mühe nehmen, seinen Tod mit\nKitsehromantik zu umhüllen. Dazu war Peter\nHille ein zu großer Dichter. Wenn man aus der\nWerkstatt berichtet, muß der Schuster bei seinen\nLeisten bleiben. Nur keine poetischen Hand-\nwerker!\nReligiöser Wahnsinn?\nAus Stuttgart ist zu melden, daß Herr Tafel,\nKunstkritiker des Stuttgarter Neuen Tagblatts in\nreligiösen Wahnsinn gefallen ist, oder daß er Gott\nlästert wie die Kunst. Er verhöhnt die Sprache\nder Bibel, schließt zum Beispiel eine Besprechung\nüber die Ausstellung von August Macke so: „Und\ndamit entlasse ich diesen verirrten August in\nFrieden. Auch für ihn wird kommen der Tag, da\ner ausgeblufft hat und da es von ihm heißen wird:\nAlso auch, sage ich Euch, wird Freude seyn vor\nden Engeln Gottes über Einen Sünder, der Buße\ntut.\" Dem Herrn Tafei soll vor seiner Gottähn-\nlichkeit bange werden. Schließlich braucht man\nsich nicht Sau nennen zu lassen, auch wenn man\nPerlen vorwirft. Das werden die Gerichte be-\nstätigen. Oder man wird seine Unzurechnungs-\nfähigkeit feststellen. Auch hierzu sind die Ge-\nrichte nötig, wenn sie auch hierzu nicht nötig sind.\nIch bin gesessen\nEr ist gesessen, Herr A. Egger-Lienz, vor\nden Oelgemälden des Franz Bunke. Herr Bunke\nist der Meister, der Poet durch und durch, ein\nVermenschlicher der Natur, seine Bilder sind\nmenschliche Zustände, gesehen im Spiegel der\nNatur. Noch mehr: Zu der heutigen Schwindel-\nkunst steht er wie ein Klassiker, der Jahrhunderte\nüberdauern wird. Herr Egger-Lienz ist mir die-\nsen Artikel geschickt, er hat von Bunke begei-\nstert, nachdem er gesessen ist: „Ich bin stun-\ndenlange vor diesen Bildern gesessen, die auf den\nersten Blick so kunstlos wirken wie die Natur sel-\nber, die aber immer lebendiger ihre Schönheit er-\nschließen, je mehr man sich darin vertieft.\" Die\nFolgen des Tiefsinns machen sich auch bei dem\nOelmaler Egger-Lienz so stark bemerkbar, daß\ner in Essig getaucht zu sein scheint: „Insofern\neine Sache an ihrem Gegensatz am besten ver-\nstanden wird, wünschte ich das addierte Gestam-\nmel des Cezanne oder seiner Nachahmer Lieber-\nmann und Konsorten gemalte Gähnkrämpfe neben\nden breiten Fluß dieses schlichten Vortrages zu\nhängen.\" Nicht etwa des schlichten Vortrages des\nHerrn Egger-Lienz sondern des abgesessenen\nBunkes. Aber auch von dem Oelmeister Egger-\nLienz gibt dieses Bild eine schöne, poetische Na-\nturstimmung: Gähnkrämpfe hängen neben den\nbreiten Fluß des Vortrages. Wenn der Altöl-\nmeister das nicht malt, soll er sich aufhängen oder\nin den breiten Fluß stürzen. „Hier ist nichts Sug-\ngestives — nur positives Leben.\" Suggestiv ist\nschließlich Herr Egger-Lienz auch nicht, auch sein\npositives Leben erscheint mir recht unnatürlich.\nEr ist vielmehr ein menschlicher Zustand, der bei\naller Addition mit Bunke Gestammel bleibt.\nDer natürlichste Naturmaler\nIn München ist man immer noch künstlerisch.\nMan gibt Münchner Künstler-Bilderbücher heraus.\nAuch die Kindlein sollen zu ihrem Recht auf\nMünchener Kunst kommen. „Der Künstler hatte\ndabei verschiedene Ziele im Auge. Einmal wollte\ner die Natur nicht nur als malerische Staffage be-\nhandeln, sondern auch dem Kinde eine genaue\nKenntnis davon verschaffen. Die Bäume zum\nBeispiel sind so gezeichnet, daß die bei uns vor-\nkommenden hauptsächlichsten Arten durch ihre\nMerkmale sehr wohl unterschieden werden kön-\nnen.\" Umsomehr anzuerkennen, als der Maler\nZiele im Auge hatte. Aber der Beschauer fordert\nmehr von der Kunst, wenigstens möchte er es\nnicht missen: „Auch die Romantik, die der Be-\nschauer der deutschen Landschaft nicht missen\nmöchte, kommt durch Darstellung von alten Bur-\ngen und Gemäuer zum Ausdruck.\" Da ist posi-\ntives Leben. Wenn der Oelmaler Egger-Lienz\nnoch einen Bunke braucht, stelle ich ihm den Na-\nmen des kenntnisreichen Romantikers zur Verfü-\ngung. Ich kenne noch viele Bunkes!\nPrachtausgaben\nKinder, es ist eine Pracht, die neueren Klas-\nsiker werden billig, hervorragend wie sie sind,\nerleiden sie eine „hervorragende Preisherab-\nsetzung\". Ein Berliner Verlag liefert statt Mark\nfür Mark 1.25: A. von Chamisso: .und\nLeben, Prachtausgabe im handlichen Groß-Oktav-\nforniat mit 10 farbigen Vollbildern und vielen\nRandleisten von Prof# F. Klein-Chevalier. Die-\nser Kiein-Chevalier bemalt jetzt das Kammer-\ngericht, Frauenliebe und Leben. „Seine ausge-\nprägte bedeutende Individualität brachte den\nKünstler bald in die vorderste Reihe bahnbrechen-\nder moderner Meister und dürfte seine hervor-\nragende Kunst auch im vorliegenden Prachtwerk\nungeteilten Beifall finden.\" So denkt die Groß-\nPresse über Klein-Chevalier. Ehret eure moder-\nnen Meister, in elegantem Halbleinenband nur\nMark 1,25.\n\nSaneta Susanna\nEin Gesang der Mainacht\nAugust Stramm\nSusanna\nKlementia\nEine Magd\nEin Knecht\nChor der Nonnen\nEine Spinne\nNachtigallen Mondschein Wind und Blüten\nKlosterkirche\nZitternde Mondscheinstreifen; in der Tiefe von\ndem Hochaltare das ewige Licht, in der\nMauernische vorne links vor dem überlebensgro-\nßen Bilde des Gekreuzigten eine brennende mas-\nsige Kerze.\nS u s an n a (liegt vor dem blumengeschmück-\nten Altar der Himmelskönigin, der in der Nische\nrechtwinklig neben dem Kruzifixaltar steht, im Ge-\nbet, die Stirn auf die unterste Stufe gelegt, die\nArme über die oberen Stufen gebreitet)\nKlementia (einige Schritte hinter ihr) . . . .\nsancta Susanna! . . . (sie legt die Hand auf Su-\nsannens Schulter).\nS u s a n n a (richtet sich auf).\nKlementia: die Nacht ist angebrochen! „ . .\nSusa n n a (geistesfern) ... es klingt . . .\nein Ton . . .\nKlementia: Die Orgel tönet nach! . . .\nSusan na: . . . mir ist . . . als klänge» . . .\nbodenlose Tiefen . . . himmellose Höhen . . .\nKlementia: . . . Ihr kommt daher ... Ihr\nwart bei Gott!\nSusa n n a (in Sinnen): . . . Ich . . . war . . .\nKlementia: . . . Ihr seid krank ... Ihr be-\ntet... Ihr lebt kaum mehr auf dieser Erde ...\nIhr habt auch einen Leib!\nS u s a n n a (erhebt sich, starrt sie schreckhaft\nan)\nKlementia (legt den Arm um sie):\n... kommt!\n(die Turmuhr schlägt hell einmal; der Nacht-\nwind rüttelt die Fenster, die Zweige rauschen)\nKlementia (in sich): Ave Maria! . . .\nSusanna (fährt auf): . . . wer spricht?! . . ,\nKlementia: Der Nachtwind wirft die Blü-\nten gegen die Fenster . . .\nSusan na: . . . Es rief etwas . . .\nKlementia: Die Turmuhr schlug ... ich\nsprach das Ave . . . (ein Fenster (schlägt, der\nNachtwind bricht ein in singend verklingendem\nTon; Blätter und Zweige rauschen und raunen\nherab zu flüsterndem Säuseln)\nS u s a n n a (wendet sich mit Händen, die nach\nabwärts vom Körper gestreckt sind, zum dunkeln\nChor, lautlos, starr)"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.3", "texte": "Klementia: Eine Scheibe schlug auf! ... ich\nwerde sie schließen!\nSusan na: Laß sie . . . (sie atmet schwer).\nKl ementia: Der große Fliederstrauch,\nriechst du die Blüten? (sie atmet ein) ... sie duf-\nten bis her! er blüht in weißen und roten Dol-\nden... 0h... solche Dolden ...! ich werde ihn\nwegreißen lassen . . . morgen . . . wenn er dich\nstört!\nSusanna:. . .Er stört nicht ... er blüht!...\n(Eine Frauenstimme erstickt in wimmernder\nLust).\nKlementia: . . . Der Wiesenrain unter den\nBlüten! ich werde den Weg verbieten. . . .\nSusanna (horcht): ... Sie ... ist .. . nicht\n. . . allein . . .!\nKlementia (bekreuzigt sich)\nSusanna (atmet schwer, setzt zum Kreuze\nan, doch die Bewegung erstarrt): ... Ob ... sie\n. . . wohl . . . kommen . . . würde?! . . .\nKlementia: Wer?! . . .\nSusanna\nKlementia (faltet erschrocken die Hände).\nSusa n n a (schwer die Hand auf dem Bet-\nstuhl): . . . Ich . . . will ... ihr ... ins .. . Ge-\nwissen reden. . . .\nKl ementia (faltet die Hände, senkt das\nHaupt und geht).\n(Eine Fangtür klappt leise)\nS u s a n n a: . . . Der . . .\n(Der Schreckensschrei eines Weibes verhallt;\ndie Zweige rauschen).\nSusanna (zuckt zusammen): . . . Flieder . . .\nblüht! . . .\n(Die Fangtür klappt leise mit wehendem Nach-\nschwingen; leise schlürfende Schritte nähern sich).\nMagd (hinter Klementia, zitternd in scheuem\nUmherblicken, die Hände gefaltet)\nSusanna: . . . Ave Maria! . . .\nMagd (sinkt in die Knie, tief zu Boden ge-\nbeugt).\nS u s ann a: . . . Kind! . . .\nMagd (hebt hilflos den Kopf und starrt sie an):\n... Ick ... 'k weeß nich! (Sie bricht in erschreck-\ntes Weinen aus und rutscht mit gefaltenen Händen\ngegen den Mittelpfeiler hin, sich dahinter zu ver-\nstecken)\nSusanna: . . . Ich will dir nichts böses! . . .\ndu . . . warst. . . unter . . . dem . . . Flieder?! ..\nMagd (ist ganz still geworden, starrt Su-\nsanna an): . . . Ik . . . ik . . . jar niks . . .! . . .\nhei... hei... wu11... (sie senkt den Kopf tiefX\nSusanna (schwer): . . . Der . . .?! ...\nMagd (hebt den Kopf und starrt sie an, lacht\ndann hell auf): . . . Min Willem . . . heilige . . .\n(sie hält erschrocken inne, scheu geduckt; das La-\nchen und die Worte hallen aus dem Gewölbe wie-\nder . . . zweimal . . . dreimal . . . durcheinander\n... in verschwindendem geisterhaften Echo)\nSusanna (schaut sie unbeweglich an; dann\nüberfällt sie ein plötzliches silberhelles Lachen, das\nihre ganze Gestalt in Leben überläuft; in Silber-\nglöckchen klingt das Lachen aus den Gewölben\nwieder und zerrinnt in zitternden Schwingen)\nS u s a n n a (geht zur Magd, legt die Hand auf\nihre Schulter, hebt ihr den Kopf und schaut ihr ins\nGesicht): . . . Steh auf! . . .\nMagd (steht auf mit gefaltenen Händen).\nSusan na: Hast du ihn lieb?\nMagd (krampft die Finger ineinander, scheu,\nleise lachend, verschämt): . . . O . . . hil'ge Mud-\nder ... 0h...\nSusan na: ... Ich ... möcht ... ihn . . .\nsehn . . .\nKlementia (hebt die Hand)\nMagd (starrt auf Klementia und schauert zu-\nsammen).\n(Ein lautes Pochen an der Tür im Chor . . .\ndreimal... und eine rufende Stimme)\n(Alle schrecken zusammen)\nKlementia (läßt den Arm fallen)\nMagd (in befreiendem, verhaltenem Jubel):\nDät is er!\nKlementia (geht in den Chor; ein Schlüs-\nsel schließt schwer, eine Tür geht knarrend und\nfällt dumpf ins Schloß, eine verhaltene Männer-\nstimme spricht zürnend).\n(Schwere Schritte bemühen sich vergeblich zu\ndämpfen)\nEin Knecht (jung, stämmig, die Mütze in\nder Hand drehend, im Mittelweg zwischen den\nPfeilern, die Augen scheu zu Boden gesenkt, mit\nscheuem Trotz): . . . Ik wull min Mächen holen!\nKlementia (taucht hinter ihm aus dem\nDunkel)\nSusanna (starrt ihn an, wendet sich dann\njählings um und geht zum Altar)\n(Tiefe Stille, das Mädchen schleicht sich zum\nKnecht; der legt den Arm um sie; mit scheu dröh-\nnenden Schritten gehen die beiden gefolgt von\nKlementia ab)\n(Der Schlüssel schließt, die Tür geht knarrend,\nein Windstoß fährt polternd zwischen die Bet-\nstühle, dröhnend fällt die Tür ins Schloß, der\nSchlüssel schreit)\n(Die Kerze vor dem Kruzifix verlischt auf-\nflackernd und zitternd)\nS u s a n n a (starrt aufschreckend in das Dun-\nkel, aus dem jetzt zwischen den Betstühlen das\nweiße Antlitz Klementias näher schwebt).\nSusan na (schreit auf): . . . Satanas! .. .\nSatanas! . . .\nKlementia (bleibt einen Augenblick ge-\nlähmt stehen, eilt dann gejagt nach vorne und\nsteht mit krampfhaft verschlungenen Händen vor\nSusanna).\nKlementia: Susanna!!!\nSusa n n a (legt die Hand auf Klementias\nSchulter und beugt erschöpft das Haupt)\nKlementia (erschüttert): ... Schwester\nSusanna!! .. . Schwester!! ... ihr müßt ruhn.\n(Will sie fortführen).\nS u s an n a (setzt sich auf die Stufen des Al-\ntars):... Zünd die Kerze an!...\nKlementia:...\nSusanna: Zünde sie an . . .\nKlementia (nimmt einen Wachsstock aus\nder Nische und geht in den Chor; sie kehrt um in\nverwirrter Hast, die Augen hinter sich).\nSusanna: Was i5t...?!...\nKlementia (in hauchender Angst): ... Ich\n. . . kann . . . nicht! . . . (Sie drängt ganz dicht\nzu Susanna hin)\nSusa n n a (erhebt sich und schaut in das\nDunkel)\nKlementia (hockt auf die Stufen nieder):\n... Ich weiß . . . nicht ... es weht ... es geht.\nSusan na: Der Nachtwind . . .\nKlementia: Es summt ... es klopft . . .\nSusan na: Die Orgel ... die Blüten . . . (sie\nnimmt ihr den Wachsstock aus der Hand)\nKlementia: Sancta Susanna . . . (kauert in\nsich zusammen und schlägt die Hände krampfhaft\nvors Gesicht).\nSu s an n a (geht langsam zwischen den Bet-\nstühlen nach vorne, wo sie gänzlich im Dunkel\nverschwindet; das ewige Licht verlischt hinter\nihrer Gestalt)\n(Aus dem Dunkel nähert sich langsam ein Licht\nin gleicher Höhe, das Licht des Wachsstocks, den\nSusanna vor sich her trägt)\nS u s a n n a (zündet die Kerze an)\nKlementia (stützt den Kopf auf die Hand):\n... Es war eine Nacht ... es war eine Nacht. . .\nwie diese . . . dreißig . . . vierzig Jahre . . . sind\nes ... es war eine Nacht wie diese . . . (steht\nstarr auf, blickt in die Leere und hebt die Hand\nbeschwörend)\nSusanna (wendet sich um und starrt auf\nKlementia, unter deren Bann)\nKlementia: Der Nachtwind sang . . .\nSusan na: Der . . . Nachtwind . . . sang...?\nKlementia: Die ... Blüten . . . schlugen.\nSusann a: Die . . . Blüten . . . schlugen ...?\nKlementia: Und ich war jung . . .\nS u s a n n a: Jung . . .?\nKlementia: Dem Herrn geweiht . . .\nSusa n n a (läßt den Kopf auf die Brust\nsinken)\nKlementia: Hier lag ich auf den Knien so\nwie . . . du . . .\n(Eine Nachtigall schlägt laut)\nKlementia (schreit heiser auf): . . . Beatal\n. . . (sie verhüllt entsetzt mit den Armen ihr Ge-\nsicht und läßt die Arme wieder fallen)\nSu s an n a (hebt den Kopf, starrt sie an, mit\ngroßen schreckhaften Augen)\nKlementia (die Worte gepreßt, ins Leere\nstarrend): . . . Bleich . . . ohne Brustschleier und\nStirnband . . . nackt ... so kam sie . . ,\n(Eine Nachtigall lockt ferne)\nKlementia: Daher . . . (zeigt mit starrem\nArm nach rechts) ... sie schritt die Stufen empor\n. . . und sah mich nicht ... sie stieg auf den Al-\ntar .. . und sah mich nicht ... (in heißer Hast).. *\nsie preßte ihren nackten sündigen Leib gegen das\ngekreuzigte Heilandsbild . . . und sah mich nicht\n... sie umschlang ihn mit ihren weißglühenden Ar-\nmen .. . und küßte sein Haupt .. . und küßte\n. . . küßte . . .\n(Die beiden Nachtigallen jubeln nah und fern\nlaut und anhaltend)\nKlementia (aufschreiend): . . . Beata . . .\nich rief ... ich rief nur .. .! (ermattet) ... da\nfiel sie herunter ... sie fiel . . .\n(Die Nachtigallen verstummen plötzlich)\nKlementia: Wir trugen sie fort . . . (mit\nGrauen den Oberkörper halb zum Bilde des Ge-\nkreuzigten gewendet und die Hände abwehrend\nvon sich gestreckt) . . . seitdem brennt die Kerze\n. . . ewig . . . die Kerze zur Sühne . . . seitdem\ngürtet der Schal die Lenden ... die Lenden . . .\ndort... (zeigt ins Dunkel hinter das Kruzifix)...\ndort haben sie... sie... eingemauert... Fleisch\nund 81ut... in Mauer und Stein ... (heiser)... hörst\ndu sie?!... hörst du...?! ich hab... sie gehört\n. . . lange . . . immer . . . vorhin . . . (zeigt in das\nDunkel zum Hochaltar) .. . dort. . . eben (schlägt\ndie Hände vors Gesicht) . . . allmächtiger Vater\nim Himmel! ... die Kerze ist erloschen!\nSusa n n a (starr): Ich hab sie wieder entzün-\ndet! . . . (sie stützt ihre Hand auf den Altar)\nKlementia (läßt die Hände langsam sinken\nund starrt sie an)\n(Eine faustgroße Spinne kriecht aus dem Dun-\nkel hinter dem Altar hervor)\nKlementia (sinkt entsetzt in die Knie, auf\ndas Insekt weisend) . . . die . . . Spinne! . . .\nS u s an n a (wendet den Kopf zur Spinne und\nbleibt in lähmendem Zittern gebannt stehen)\n(Die Spinne läuft über den Altar und verschwin-\ndet an der andern Seite hinter dem Kruzifix)\nSusan na (wendet sich nach einer Weile Kle-\nmentia zu, nimmt bebend und zusammenschauernd\nin mechanischer Bewegung die Hand vom Altar...\ndie Hände vom Körper ab zu Boden gestreckt . . .\nerstarrend): . . . Hörst du sie . . .?!\nKlementia (entsetzt): . . . Hörst . . . du...\nSusanna: . . . Hörst . . . du . . .\nKlementia ....\n.Susanna: . . . Die Stimme . . ."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.4", "texte": "Klementia: . . , ich . . . höre . . . nichts ...\nSusann a . . . .\nKlementia (macht eine Bewegung zum Auf-\nschrei, bleibt aber heiser vor Entsetzen): . . . Ich\nhöre . . . nichts!\nSusanna (geisterhaft nachsprechend): ... Be-\nkenne . . . bekenne . . . (sie steht mit dem Rücken\ngegen das Kreuz gewendet).\nSusa n n a: . . . sagt . . . er . . . was?! . . .\nKlementia (in höchstem Entsetzen)...?!\nSusa n n a (macht eine Kopfbewegung nach\ndem Kreuze hin)\nKlementia (faltet die Hände, stotternd) :\n. . . Ave . . . Maria . . .\nSusanna: Sagt er nichts...?!...\nKlementia . . . (schüttelt in stummem Ent-\nsetzen den Kopf)\nSusanna (löscht mit der Hand den Wachs-\nstock aus, der noch immer in ihrer Hand brennt\nund legt ihn auf den Altar, alle Bewegungen me-\nchanisch ausführend; dann steigt sie vom Altar\nherunter . . . Schritt für Schritt . . . lautlos . . .\nbleibt dicht vor Klementia stehen)\nSusanna (lacht kurz silberhell glücklich auf\n... ein zartes vielstimmiges Echo mischt sich mit\ndem verhallenden Singen des Windes und dem\nRaunen der Zweige . . . reißt sich Brustschleier,\nKopftuch und Binde ab; ihr langes Haar fällt über\ndie nackten Schultern): Schwester Klementia . . .\nich bin schön...!...\n(Der Wind stößt stark, die Zweige rauschen\ngewaltig und die Nachtigallen schlagen hell zusam-\nmen)\nKlementia (sinkt die gefaltenen Hände hoch\nerhoben, in die Knie).\nSusanna: Schwester Klementia ... ich bin\nschön . . .\nKlem.entia: Sancta Susanna ...\nSusanna: Schwester Klementia ... ich\nbin . . .\nKlementia (erhebt sich starr und steif, mit\njedem Worte fester werdend): Keuschheit ....\nArmut... Gehorsam ...\nSusanna (verstummt sie anstarrend, die\nHand schwer auf dem Betstuhl)\nKlementia (geht fest an ihr vorbei in das\nDunkel; das Fenster klappt heftig zu, der jubelnde\nGesang der Nachtigallen, das Rauschen der Bäume\nund das Singen des Windes erstirbt jäh)\nKlementia (kehrt zurück)\nSusanna (springt auf und faßt sie an): Das\nFenster auf! ... das Fenster . . .\nKlementia (hebt ihr das große Kreuz des\nRosenkranzes entgegen)\nSusanna (taumelt, das Kreuz anstarrend,\nSchritt für Schritt zurück bis zum Altar): ... ich\n. . . ich sehe den . . . leuchtenden Leib . . .!\n. . . ich seh ... ihn herniedersteigen . . . ich . . .\nfühle die Arme breiten . . .\nKlementia (hält das Kreuz hoch): ...\nKeuschheit . . . Armut . . . Gehorsam . . . (jedes\nWort hallt klar aus den Wölbungen wieder, zu-\nletzt alle drei ineinander verschwimmend und ver-\nhallend)\nSusanna (schreit auf und starrt umher) wer\nspricht da?! . . .\nKlementia: Ich!\nSusanna: Ich . . . ich . . . ich . . . sprach\ndas nie!! . . .\nKlementia (hält ihr das Kreuz entgegen).\nSusanna (reißt das Lendentuch von dem\ngroßen Kruzifix in einem Riß herunten) so helfe\nmir mein Heiland gegen den euren . . .! (sie\nsinkt in die Knie und schaut zu ihm auf)\n(Die Spinne fällt hinter dem Kreuzesarm her-\nunter ihr in das Haar)\nS u s a n n a (schreit gellend auf und schlägt mit\nder Stirn auf den Altar)\nDie Spinne (kriecht über den Altar und ver-\nschwindet dahinter)\n(Die Horenglocke läutet grell durch die Ge-\nwölbe, dazwischen schallt dumpf der Glocken-\nschlag der zwölften Stunde)\nSusa n na (stört auf, fährt mit den Händen\nwild und wirr durchs Haar und kriecht auf allen\nVieren die Stufen des Altars herunter in Entsetzen\nvor sich selber fliehend)\nMit dem letzten Stundenschlag verstummt die\nHorenglocke.)\nK 1 emen t i a (läßt das Kreuz sinken) Ave\nMaria! ... ein neuer Tag! . . .\nSusanna (hockt stieren Blicks auf der un-\ntersten Altarstufe)\nLeise Schritte schlürfen und Gebete murmeln\nDer Zug der Nonnen (tritt ein)\nV orbeterin: kyrie eleyson . . .\nChor: kyrie eleyson . . .\nVorbeterin: regina coeli sancta . . .\nChor: ora pro nobis . . .\nVorbeterin: virgo virginum sancta...\nChor: ora pro nobis...\n(Das Mondlicht, das bisher in hellen Streifen\ndurch die Fenster fiel und bläuliche Lichter auf die\nBetstühle warf, verlischt; es wird ganz dunkel.\nDie Nonnen kommen vor bis zum Weihwasser-\nbecken, stocken, als sie auf Klementia stoßen, die\nunbeweglich im Mittelgang zwischen den Pfeilern\nsteht und auf Susanna schaut. Das Gebet ver-\nstummt; die Nonnen sammeln sich in stummer Be-\nwegung in weitem Halbkreis um Susanna; endlich\nstehen alle still unbeweglich in stummer Scheu)\nAlte Nonne (tritt lautlos einen Schritt vor):\n. . Sancta . . . Susanna! . . .\nS u s an n a (stört pfeilgerade in die Höhe).\nAlte Nonne (senkt das Haupt): Sancta Su-\nsanna . . .!\nS u s a n n a: Hinter dem Hofe liegen Steine . . .\nAlte Nonne (schaut auf)\nSusa n n a (fest): Ihr sollt mir die Mauer\nrichten! . . .\nAlte Nonne (sinkt langsam die Arme brei-\ntend in die Knie)\nChor (folgt ihr)\nKlementia (steht starr auf Susanna\nschauend).\nSusan na (plötzlich stark) Nein! . . .\nAlte Nonne (springt auf)\nChor (folgt ihr)\nAlte Nonne (hebt das Kreuz ihres Rosen-\nkranzes über ihr Haupt)\nChor (folgt ihr)\nAlte Nonne: Beichte! . . .\nS u s a n n a:\nKlementia (hebt das Kreuz)\nKlementia und Alte Nonne (hart dring-\nlich): Beichte!!!\nSusanna: Nein!!! .. .\nKlementia, alte Nonne und Chor (gel-\nlend): Beichte!!!\n(Das Wort hallt aus den Gewölben dreimal wie-\nder, die Kirchenfenster zittern, der Sturm heult\ndraußen auf)\nSusanna: Nein!!! (Das Echo des Wortes\nwird von dem vorigen verschlungen)\nAlte Nonne (in Ekstase): Satana!!!\nAlte Nonne und Klementia: Satana!!!\nAlte Nonne, Klementia und Chor:\nSatana!!! .. . (Gellendes, verworrenees Echo.)\nSusan na (hoch aufgerichtet, in unberührter\nHoheit)\n(Alle stehen still und unbeweglich)\nEnde\n\nDer Weg\ndurch die Naeht\nAage von Kohl\nRoman\nAch ja, daran war ja nicht zu zweifeln,\nfür ihn selbst! oder wie wäre es überhaupt\nanders möglich gewesen, als daß für ihn das\nganze ging wie ein Blitz —: wenn man eine wahn-\nsinnig Geliebte Tag und Nacht an seiner Seite\nhatte! die Fahne dieses goldenen Haares, die mit\nihrem frohen Triumph über Regen, über Wind,\nüber Kälte und Sonnenschein, über Sommer und\nWinter dahinwehte! diese Mittelmeeraugen, mäch-\ntig, blau, die schimmernd wie der Himmel Gottes\nselber hier in der Stube dastanden — und mor-\ngens und mittags, abends und um Mitternacht sei-\nnem Herzen zulächelten! dieses lachend tiefe und\nüppige Wesen, mit der samtzarten Heimstätte der\nweißen Schultern, mit den feinen, den langen und\nschlanken Beinen, die nie ermüdeten und deren\nHaut ein Wunderwerk an Süße und Glätte aus der\nHand der Natur war — dieser reiche Busen, wo\nes so unsagbar gut sein war, wo die roten Rosen\ndas ganze Jahr hindurch blühten! dieser lichte und\ntiefe Sinn aus Güte und Zärtlichkeit, der niemals\nfehlgriff und niemals zauderte, der mühelos er-\nfüllt war von Weisheit, und mühelos nach allen\nSeiten ausstrahlte! Mein Gott —: ob es ging??\nVersuche doch einmal, einem Menschen die Herr-\nlichkeit der ganzen Welt zu schenken, gib ihm\nunaufhörlich, Tag und Nacht, was das Dasein alles\nin aiiem seinem Liebling zuteil werden lassen\nkann —: mache ihn gesund, stark und froh, gib\nseinen Sinnen die Kraft eines flammenden Zusam-\nmenlebens, um auch alle die andern und ihr Ver-\nlangen jedes für sich, leicht begreifen zu können;\ngib seinem Herzen die Wonne der Seligkeit, des\nSchaffens und ihren Reichtum, um verschenken\nzu können, und gib endlich seinen Plänen den\nSturmwind des Glücks unter die Flügel ... und\nfrage ihn dann, ob er jetzt meint, daß es „gehen\nkann\"?!\nJawohl!\nAber nun sie?!\nWie konnte sie es aushalten, dies hier — wo\nihr all diese tausenderlei kostspieligen Kleinig-\nkeiten fehlten, die eine Frau sich wünscht — und\nohne die, wie man uns wieder und wieder beteu-\nert hat, eine Frau nicht leben kann?\nOder wurde ihre Würde als eines modernen\nMenschen denn gar nicht verletzt, empörte sie sich\nnicht als selbstdenkendes und selbstwollendes In-\ndividuum darüber — daß sie, die Auserkorene und\ndie Gattin eines Dichters, sich doch jeden Tag\nmit Kochtopf und Pfanne, mit Staubtuch, Besen\nund Nadel abgeben mußte?\nOffen gestanden —: wie schleppte sie sich bloß\nso durch das Dasein — mit diesem Scheusal von\neinem Mann, der beständig wie ein Esel an dem\nfesthielt, was er seine Grundsätze zu nennen be-\nliebte! der ganze lange Jahre hindurch, trotz allem\nangespannten Fleiß, geradeaus gesagt, nicht ein-\nmal so viel verdiente, wie ein ganz gewöhnlicher\nArbeitsmann! der jeden Tag in größeren und\nimmer größeren Ideen entbrannte, der sich jeden\nVormittag im Bett herumtrieb, unter dem Vor-\nwand, des Nachts vor Gedanken nicht geschlafen\nzu haben; der den ganzen Tag hindurch schrieb\noder las, ihre Hilfe zum Korrekturlesen fast Abend\nfür Abend in Anspruch nahm, und sie endlich bis\nzur Morgenstunde wachhielt, wenn der Rededrang\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.5", "texte": "uicht zu hemmen war, weil es da drinnen zu fie-\nberheiß sproßte —: und dann fuhr er mit verrück-\nten Gebärden im Zimmer auf und nieder, er war\nüberpathetisch, und er lachte mit kurzem Stöhnen\ndazwischen, er flüsterte und er rief, mußte hin\nund wieder einen Augenblick still stehen und laut\nlachend seine beiden Hände gegen sein Herz pres-\nsen — wenn sich der Weitblick so groß auftat,\ndaß sein ganzes Ich zerplatzte, um ihn in sich\naufnehmen zu können! dann redete und redete er\nunendliche Stunden, — bis sie wie ein verblassen-\nder Schatten auf einen Stuhl niedersank, ohne\nmehr begreifen noch verstehen zu können! Aber\nauch das legte seinem Mund kein Schloß vor —\nund endlich wurde sie plötzlich böse, sie sprang\nmit einem Satz auf, zornbebend, mit gerunzelter\nStirn: Jetzt mag es genug sein, sagte sie kurz,\njetzt gehe ich zu Bett, dann kannst du das Haus\nin Stücke zerschrein, wenn du willst! >— Und dann\nmachte sie kehrt, verschwand in die andere Stube\nhinein, fing an, sich die Kleider vom Leibe zu rei-\nßen — und er stand verdutzt da, stumm, gleich\ndarauf auf einmal entzückt darüber, wie ihr Ant-\nlitz königlich ausgesehen hatte, während sie stolz\nund wutschnaubend dastand! Dann ward er eben-\nso jäh von Reue erfaßt, stürzte ihr nach, riß auch\nseine Kleider vom Leib, sprang mit einem Satz zu\nihr in das Bett, zog sie flammend an sich, fand\nihren Mund mitten in all dem goldenen Haar —\nund sie vergaßen die ganze Welt um sich her, in\neinem Feuer von Wonne! . . .\nKurz und gut!\nErkläre mir das also nun, wer kann —:\nDieses Rätsel, wie sie es aushielt, Jahr für\nJahr mit diesem langen und brutalen Teufel von\neinem Mann verheiratet zu sein — der sie rück-\nsichtslos auf jede erdenkliche Weise ausnutzte!\nOder stellen Sie sich nur vor, wie er sie be-\nhandelte, wenn sie aus irgendeinem Grund — zum\nBeispiel, wenn die Rechnungen eines Tages allzu\nüberwältigend hereinströmten, ohne bezahlt wer-\nden zu können; wenn die Gläubiger sie mit gro-\nben Briefen und mit Gerichts- und Rechtsanwalts-\nkosten bedrohten, und er trotzdem für die letzte\nKrone, die sie besaßen, Bücher kaufte! oder wenn\nganze Wochen hindurch Tag und Nacht völlig auf\nden Kopf gestellt wurden; oder wenn das\neine wie das andere und das dritte und das vierte\nfür den Haushalt fehlte und nicht einmal der Kre-\ndit mehr funktionieren wollte! kurz, wenn sie so\nhin und wieder einmal plötzlich ganz den Mut ver-\nlor, auf einem Stuhlrand, dem Schreibtisch gegen-\nüber, ihn einen Augenblick mit weit aufgesperrten\nAugen und bebenden Lippen betrachtete, plötzlich\ndas Taschentuch hervorzerrte oder einen Zipfel\nvon den weiten Aermeln ihres Kleides benutzte —\nund unter herzzerreißendem Schluchzen erklärte,\ndaß sie jetzt nicht mehr könne, wie gern sie auch\nwolle!\nJa — was tat er dann?\nEr sah erst zu ihr hinüber, schwelgte in dem\nAnblick der Jugend und Hoffnungslosigkeit, der\nSchönheit und Verzweiflung ihres Antlitzes — war\nganz hingerissen, wie wunderbar auch das Wei-\nnen sie kleidete!\nDann erhob er sich schließlich träge, streckte\ndie Arme in die Höhe, so daß es krachte — und\nplötzlich lag er vor ihrem Stuhl auf den Knien, du\nmilder Himmel, er war nicht abzuschütteln, das\nEkel, es nützte ihr nichts, daß sie ihm den Nacken\nzuwendete, oder versuchte, sich ihm zu entwinden,\nsich von ihm wegzubeugen oder zu drehen, ihn\nwegzupuffen — nein, nichts half, er war ja stär-\nker als sie, sie fühlte nur immer fester seinen Arm\num ihren Leib, fühlte die Wärme seines Atems an\nihrem Halse! mit seiner Stimme stiegen diese lei-\nsen Worte, die ihr Ohr nie oft genug hören konnte,\nzu ihr auf, von seiner Lippe wurden diese Sätze\ngeflüstert, die immer zum erstenmal gehört wur-\nden, durch die Liebkosung seiner Hände spürte sie\neine berauschende Spräche, die ihr immer neu blieb\n— und sie öffnete willenlos, noch mit tränengeblen-\ndeten Augen, den Mund dem seinen, sie schmeck-\nten beide in einem langen, langen Kuß das Salz\nihrer Tränen und die Süße ihrer Liebe, sie lächelte\nglückselig, strich ihm zärtlich das Haar aus der\nStirn — und dann begann er zu klagen, begann\nsich selbst heftig zu verklagen: Mein Lieb, ich\nweiß es, alles verlange ich Tag für Tag und Jahr\nfür Jahr von dir, alles schenkst du mir -— und ich\nhabe nichts, was ich dir wiedergeben könnte! Ach,\nkleine Annie, aber sei nicht böse, nicht bange,\nhörst du, ich sage es dir als ganz gewiß, daß es\neines Tages, binnen kurzem alles gut werden\nwird! ach, wenn du wüßtest, wie ich es eines Ta-\nges alles um dich her schwimmend machen werde\nv\nvon unerhörter Pracht! Annie, ach, Annie Mor-\nton, da sollst du über schimmernde Wege dahin-\nschreiten, mit deiner Jugendwange und dem\nRausch deines roten Mundes, mit deinem lächeln-\nden Antlitz, deinem Königinnen- und Freudenant-\nlitz! da soll Atlas um deine herrlichen Hüften flie-\nßen, Spitzen da drinnen unter deinem Gewände\nwallen, Seide deine Beine und Füße überkleiden —\nvon Gold und Diamanten soll dein Haar, sollen\ndeine Finger brennen!\nHöre!\nIch will es dir nur gleich gerade heraus sa-\ngen —:\nFalls nun das Schauspiel, der Roman, die No-\nvellen, an denen ich zurzeit arbeite, mir diesmal\nallen Ernstes glücken werden (nicht wahr, und du\nweißt ja ebenso gut wie ich, daß das Publikum\nder ganzen Welt ganz einfach danach dürstet, end-\nlich die Kunst zu sehen — die ihnen das Leben\nzeigt! ach, nicht dies plumpe Dasein, in dem wir\nhungern und fressen und selber gefressen werden,\nwo wir vor der Zeit unter der täglichen Mühsal\naltern — und wo wir trotz all unserm unaufhör-\nlichen Widerstand, trotz aller Tapferkeit und\nKlugheit und Kraft dennoch alle miteinander aus-\nnahmslos damit enden, daß wir zermalmt werden,\ndaß wir sterben, daß wir begraben und vergessen\nwerden! Nein, sondern das tiefe, das hohe, das\nunvergängliche Leben, das Wahre im innersten\nInnern; da, wo die Herzen einander in Flammen\nbegegnen, wo das Feuer der Sinne Licht nach\nallen Seiten wirft, wo das Schicksal entsteht, und\nwo wir alle ohne Ausnahme siegen, weil alles nur\num unseres eigenen Wachstums willen geschieht!\ndort, wo das leidenschaftumstrahlte, das ewige\nMenschenantlitz für uns alle in unvergänglicher\nSchönheit auftaucht, für uns alle zusammen als\nunser eigenes rätselhaft erkennbar!!) —: Nun ja,\nalso diesmal muß es mir ja fast zweifelsohne ge-\nlingen können <— und da wird es uns auch das\nGeld verschaffen, das wir nötig haben, das kannst\ndu mir glauben!\nZur der Zeit bezahlen wir vor allen Dingen\nunsere ganzen Schulden mit Stumpf und Stiel!\nWir kaufen uns darauf ein Stück Land, viel-\nleicht auch eine Villa da draußen irgendwo an der\nKüste, wo du so gern wohnen willst —: eine große\nweiße Villa mit Halle und mit Loggia, mit Frem-\ndenzimmern, mit Garten und Strand!\nUnd dann endlich, das schwöre ich dir, wollen\nwir auf Reisen gehen!\nTod und Teufel —:\nDie Erde legen wir Meile für Meile zu unse-\nren Füßen, von Pol zu Pol!\nDu sollst das riesengroße Paris sehen, wo einem\ndie Nerven in Glut geraten, und die sämtlichen\nSinne schon allein durch die unsagbar aufregende\nLuft da unten in ewiger und heißer Begierde bren-\nnen! Du sollst Venedig sehen, Florenz, Rom —\nRom, wo der Gedanke in einer fieberhaften Feier-\nlichkeit ausgedehnt wird und in Marmortraumbil-\ndern Jahrtausende rückwärts- und vorwärtsgreift!\nWir wollen die unüberschaubaren breiten Ebenen\nAfrikas bereisen, wo Elefanten und Löwen woh-\nnen, wo unsere Herzen in einer schwindelerregen-\nden Einsamkeit bei einander sich laben!\nJa, und Amerikas gewaltige Flüsse, wo du\nund ich lange Monate hindurch Versteck miteinan-\nder spielen wie Kinder — in den kühlen Schatten\nvon millionenjährigen Urwäldern, zu der Beglei-\ntung des sanft rinnenden Lautes der Wasser!\nAuf dem Maranon, auf dem unermeßlichen\nAmazonenfluß wollen wir fahren :\nMit einem schneeweißen Dampfer gehen wir\nTag für Tag von dem atlantischen Ozean landein-\nwärts — auf den meilenbreiten, wirbelnden Was-\nsern schaukeln wir wochenlang. Quer durch den\nKontinent!\nWir sehen, unendlich langsam, ach Zoll für Zoll,\nversichere ich dir, — wie die Ufer des Flusses\nsich einander allmählich nähern; in der Ferne ge-\nwahren wir nach wochenlanger Fahrt eines schö-\nnen Tages hoch oben über unsern Köpfen eine\nschimmernde silberne Wolke, die unbeweglich still\nsteht, um zur Abendzeit auf einmal zu Purpur zu\nwerden, zu Feuer —: und Tag für Tag von nun\nan, jeden Tag, den Gott werden läßt, sehen wir un-\nverändert dort oben diesen fernen und stolzen An-\nblick, ohne ihm jemals näher zu kommen: denn\nes sind die Cordilleros de los Andes, es sind die in\nden Himmel hinaufragenden, die unbesteigbaren\nZinnen der Anden, Annie: unbetreten mit ihrem\newigen Schnee! das Titanenbollwerk nach dem\ngroßen, dem stillen Ozean jenseits hinab!\nWir selbst haben längst unseren Dampfer ver-\nlassen, Auch unser Segelschiff kann nicht mehr\nden steilen und reißenden Strom hinaufkämpfen.\nJetzt rudern wir langsam und mit Mühe stromauf-\nwärts in einem Boot — unter dem Schatten der\nBlattgehänge. In einem betäubenden Duft von\nunbekannten Blumen, Geräuschen lauschend, die\nwir nie gehört haben: von Affen, von phantasti-\nschen großen Insekten, von bunten Vögeln; hoch\noben über unserem Scheitel gewahren wir, gleich\neinem Bleriotschen Monoplan, den ungeheuren\nKondor, und in der Ferne, dort vor uns, die un-\nveränderliche, silberne Pracht der Anden!\nAber beständig rinnen die Wogen desselben\nFlusses an uns vorüber. Wir sitzen auf der Ach-\nterbank, Hand in Hand. Jetzt beugst du dich über\ndie Reeling des Bootes. Du lachst der Locke des\ngoldenen Haares zu, die da unten in dem eiswei-\nßen, schäumenden Strudel dahinschleppt — das\nerste Haar aus Gold, in das der Maranon jemals\nseine feuchte Perlenreihe geflochten hat — dein\nBlick begegnet plötzlich dem meinen, ich lege mei-\nnen Arm um deinen Hals . . . genau so wie jetzt!\nIch nehme langsam und durstig deinen Mund zu\ndem meinen hinein, eben wie jetzt! Ich presse\nmeine Lippen auf die deinen und wir wissen von\nneuem mit unseren Sinnen selbst, mit einer ewigen\nFrühlingsflut von Wonne in unserem Blut: daß du\nund ich uns selbst erst fanden, als wir einander\nfanden! daß wir beide das Leben erst kennen lern-\nten — als dein Leben und meines zu einem wur-\nden ... so wie jetzt! . . .\nGlaß Morton richtete sich langsam auf der\nBank auf — noch eine Sekunde umfangen von\ndem Licht alles dessen, woran er sich eben erin-\nnert hatte.\nAber da war es auf einmal, als hörte er in\nseinen Ohren das letzte Wort, das er eben gedacht\nhatte.\nUnd er flüsterte es leise noch einmal vor sich\nhin —:"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.6", "texte": "„Ganz so wie jetzt!\" . . .\nWie jetzt?\nEr hatte sich mit einem Sprung erhoben —:\nWie jetzt? — Seine Fäuste hatten sich jäh auf-\ngereckt, aus seiner Brust stieg ein Stöhnen auf —:\nWIE JETZT?? — Und es kam ihm plötzlich\nvor, als steige da, aus seinem tiefsten Innern her-\naus — und von allen Seiten rings um ihn her, ein\nheißes, ein ohrenbetäubendes, ein zähneknirschen-\ndes Murmeln auf — ein rätselhaftes, ein gleichsam\nkauendes und gewaltsames Geräusch.\nLauschend und gehässig beugte er den Kopf\nvornüber, spannte seine Hörkräfte mit aller Macht\nan, vernahm immer stärker diesen heiseren, die-\nsen knurrenden Ton, der da drinnen in seiner\nBrust erklang; verstand ihn auf einmal, vernahm\nihn wieder aus der Hitze der Luft, aus dem dunk-\nlen, schwarzen Meer da draußen, aus den kohl-\nschwarzen Bäumen, die sich brausend unter einem\nWindhauch rührten —:\nJa!\nNun begriff er es gründlich!\nNun hörte er mit allen Sinnen, was es war —:\nKarl Mumme!\nJawohl, das war die Rache, die sich aufge-\nrichtet hatte — und nun seinen Sinn zur Tat rief!\n„Ich komme!\" — Er machte schnell Kehrt, mit\neinem Ruck galoppierte er dahin, lief wild schäu-\nmend durch den Garten hinauf —:\n„Karl Mumme!\nIch will dich noch heute Nacht fassen!\nEs ist nur Platz in der Welt für dich — oder\nfür mich!\" . . .\nV\nMit einem Ruck hielt Glaß Morton einen Mo-\nment später in seinem Lauf inne und stand still —\nnach Luft schnappend, verwirrt.\nEr war nur bis an die breite, gebogene Treppe\nhinaufgelangt — die von der Villa in den Garten\nhinabführte, im Augenblick gedämpft beleuchtet\nvon dem bunten Schimmer einer farbigen Laterne\nda drinnen auf der großen Veranda. Ihm fiel plötz-\nlich Frau Brügge ein, gleich darauf empfand er\nauch noch ein Schaudern von dem, was ihn soeben\nveranlaßt hatte, kopfüber von da unten vom Was-\nser hier hinaufzustürmen — beeilte sich indessen,\ndiese aufflammende Erinnerung zu unter-\ndrücken —:\n„Ja!\" — murmelte er —:\n„Frau Brügge!\nDas darf ich wirklich nicht vergessen!\"\nEine kleine Weile blieb er jedoch unentschlossen\nstehen, versuchte seinen Atem in Ordnung zu brin-\ngen, den einen Fuß auf der untersten Stufe, lang-\nsam den Kopf von rechts nach links drehend, wäh-\nrend er seine Stirn trocknete, die von Schweiß\ntroff.\nEs ward ihm unmittelbar darauf bewußt, daß\nes schon sehr spät sein müsse, er war müde — ja,\nder allereigentlichste Grund, weswegen er so\nhastig hier hinaufeilte, war wahrscheinlich der,\ndaß er beim Tee zu der Haushälterin gesagt hatte,\ner möchte, ehe sie zu Bette ging, gern ein paar\nWorte mit ihr reden! Gut, er wollte also sein Ver-\nsäumnis ihr gegenüber so schnell wie möglich wie-\nder gut machen — und das Notwendige jetzt so-\ngleich besorgen! . . .\nEr ordnete mühselig, noch ein klein wenig keu-\nchend, an seinem Haar, seiner Jacke und Weste —\nund ging dann, mit etwas schweren Schritten, die\nsechs braunen Stufen hinauf. Kam in die kühle\nLuft der Veranda, in die wechselnde, blaue, grüne\nund rote Beleuchtung unter dem Lampion, der lang-\nsam an seiner Schnur schaukelte — und suchte\ndort den Ausdruck seines Antlitzes zu glätten. Ver-\ngaß das wieder, während er mit vorgestreckten\nHänden Fuß für Fuß weiter tastete, durch die\nvöllige Finsternis der Gartenstube. Gelangte ein\nklein wenig nervös in das stark erhellte Entree\nhinaus, ging schnell mit zusammengekniffenen\nAugen auf ihre Tür zu und klopfte leise an —:\n„Entschuldigen Sie, Frau Brügge!\nSind Sie noch auf?\nJa, Sie müssen mir verzeihen, daß ich Sie so\nlange habe v/arten lassen . . . aber ich . . . aber\nda war . . . .\"\nDie Haushälterin kam heraus mit einem Knicks,\nschloß die Tür lautlos hinter sich —:\n„Der Herr hatte mir ja noch eine Weisung zu\ngeben — sägten Sie vorhin, drinnen beim Tee!?\"\nGlaß nickte. Er fühlte von neuem, in diesem\nselben Moment, wo Frau Brügge das Wort Tee\nnannte — genau dieselbe sonderbare Dreiteilung\nin seinem Wesen, die er die ganze Zeit empfunden\nhatte, während der Professor hier war: nach außen\nzu die kühle, ein wenig schlaffe Ruhe, vielleicht\njedoch unbedeutend weniger ausgeprägt als vor-\nhin; da drinnen einen merkwürdigen, umnebelten,\nchaotischen Zustand, wie eine halbwegs gefühllose,\nisolierende Mittelschicht — jedoch auch dieses\nganz unerheblich weniger zuverlässig, als das\nvorige Mal; und im allerinnersten diesen heißen,\nerstickenden Dunst wie von Glut und Flammen,\nder hin und wieder einmal wie ein feuriger Fächer\nsich über seinen Hals und sein Gesicht ausbreitete\n— als beuge er sich zu tief über eine mächtige und\nweit offene Feuerstätte hinab!\nEr nickte noch einmal, mit einer Andeutung\nvon einem Lächeln, der Haushälterin zu —:\n„Ja!\" — sagte er mit gedämpfter Stimme und\nkonnte sich aus irgend einem Grunde nicht enthal-\nten, geheimnisvoll die linke Hand mit erhobenem\nZeigefinger auszustrecken — „bitte, kommen Sie\nmit hier hinein!\"\n\nFortsetzung folgt\n\nDie letzte Nacht\nKurt Striepe\nIch habe Schmerzen heute Nacht. Mein Ge-\nsicht ist gedunsen, wie übervolle Brüste schwan-\ngerer Frauen. Der Arzt sagte gestern ,Ihr Mund\nist vereitert', und dabei lachte seine schmiß-\nverzerrte Fresse. — Er dachte an sein Verdienst.\nIch weiß meinen Kopf nicht zu lassen. Ich\nwill mich aufsetzen, vielleicht kommt dann die\nRuhe. Einmal möcht ich auch schlafen. Meine\nFinger sind klebrig naß, der Atem ist gelb und\nriecht ansteckend. Ich möchte weinen können —\nDer Föhn nahm vorhin eines von meinen Fen-\nstern mit. Nun ist es kalt bei mir. Drunten hustet\nein letztes Auto nach Hause.\nWie mein Mund brennt! Ich habe vorhin viel\nRum getrunken, um Ruhe zu haben. Ich kann\nmich betrunken trinken, ohne es zu merken. Auch\nvom Wasser kann ich betrunken werden. Das\nBlut klopft an das Fleisch meiner Zähne. Das gibt\neinen dunklen Schmerzschlag. Ich fiebere. — Aber\nmorgen muß ich wieder arbeiten.\nDrunten arbeiten sie jetzt schon. Da arbeiten\nein paar Männer die ganze Regennacht hindurch.\nDie Geleise der Elektrischen wollen sie glühend\nmachen. Ihre Lampen zischen und schwimmen\ndurch die Luft zu mir. Mein Mund ist eine Hölle\n— Jodoform hat der Arzt mir heute Morgen in\ndie Wunden gelegt. Mein ganzes Zimmer riecht\ngelb und kraß nach diesem Gift. Ich möchte, der\nArzt käme wieder. Ich gefalle mir in dem Ge-\ndanken, daß auch einmal einer zu mir kommt. Der\nArzt war häßlich. Aber der Schnitt, den er\nmir macht, war herrlich. Ich schmeckte mein\nBlut. Mein Blut ist nicht süß. Es ist schwer,\ndunkel-rauschend. Berauschendes Gift. — Ich\nglaube, ich muß bald sterben. Ich weißt es ia\nnicht, aber ich — wenn doch die Schmerzen ein-\nmal aufhören wollten! Wienn ich stürbe — dann\nkäme die Ruhe, die ich mir wünsche. An mir\nist auch nichts gelegen. Kein Mensch würde Notiz\ndavon nehmen. Du? Vielleicht — Du hättest\ndann wieder etwas Neues den Menschen zu er-\nzählen — von dem Freund, der so jung sterben\nmußte. Wie ist das alles lächerlich. Man läßt\nmich jetzt ruhig hungern. Nur die Mädchen kom-\nmen immer — und nach denen habe ich nie\nHunger.\nGestern Nacht die schwarze Maruschka —\nder Name hat etwas Peitschendes.\nDrunten explodieren in Zeiten die Lampen der\nArbeiter. Eine tönende Linie am Horizont bilden\ndie Explosionen, die schwebend Begattung sucht\nGenotzüchtigt schreien die Sterne.\nIch wundere mich, daß ich das alles bemerke..\nMeine Hand presse ich an meine Augen, die so\ntief liegen, daß ich sie kaum fassen kann. Die\nLippen zittern und fliegen im Fieberfrost. Regen-\nwürmer, unförmige, rissig-geschwollene Leiber.\nDas kleine blaue Nachtlicht flackert in der fieber-\ngeschwängerten Luft meines Zimmers. Das Leben\nin ihm sucht frische Lebensluft. Ich höre es bluten\nund sich quälen. Es macht mir Freude, einen\nGefährten zu haben, der mit mir geht. Wir wer-\nden zu gleicher Zeit gehen. Mein letzter Atem\nsoll auch sein letztes Zucken sein. Ich werde nicht\nzucken, wenn ich sterbe. Mein Gesicht soll Ruhe\nsein und niemand soll wissen, daß es je Schmerzen\ngekannt hat.\nIch habe schon viel Schmerzen gehabt. Ich\nhabe schon oft geglaubt, sterben zu müssen. Und\nwenn ich dann zu Dir kam und Dir sagte, was\nmich quälte, so lachtest Du — wie der Arzt vor-\nhin. Und dann fanden Deine Lippen immer das\ngleiche Wort. Hypochonder. Ich ließ Dich bei.\nDeinem Glauben. Glauben ist Selbstpoetik. Und\nDeine Träume zerstören hätte ich nie gekonnt. —\nUnd als man mich Dir einmal brächte — lebenlos\nund gesättigt von Morphium und dem leuchtenden\nGas meines Zimmers, da verlorst Du Dein Träu-\nmen. Die Wirklichkeit ist stets eine Roheit. Von\ndem Tage an waren wir uns fremd. Und nun?\n— Haßt Du mich schon? Es war gut von Dir,\nunser Spiel zu zerbrechen — Du hättest sonst das\nLachen verlernt. Aber ich bin nicht hypochond-\nrisch und wehre mich gegen diese Behauptung.\nIch weiß meine Leiden einzuschätzen und habe\nsie bürokratisch in statistische Einheiten aufgeteilt.\nNeurasthenisch mag ich wohl sein — wer ist das.\nnicht? Meine Mutter ist hysterisch und meine\nSchwester Lesbierin. Mein Vater fühlt sich bei\nden Mädchen wohl und mein Bruder im — Irren-\nhaus. Du bist für mich ein Symbol — „Die Rein-\nheit\". Aber Deine Bettgefährten kenne ich nicht.\nWas ich bin, weiß ich nicht. — „Der Wunsch nach\nmir.\" Vielleicht. Aber warum lebe ich dann? Das\nalles war, nun weiß ich nichts mehr von Euch.\nEuch geht es sicher gut. — Mein Wunsch-Sehnen\nist rasend geworden.\nIch habe einen guten Freund. Der gibt mir\nMorphium, soviel ich haben will. Er weiß, daß ich\nohne diese Labe nicht leben kann — wie Ihr es\nnicht könnt, ohne den traditionellen Coitus. Früher\ngenügte mir schon eine kleine Löffelspitze und ich\nschlief tief und zufrieden. Jetzt bringt mir kaum\nnoch ein Teelöffel voll Befriedigung. Ich habe\nmich an dies wie an den Hunger und die Schmer-\nzen gewöhnt. Wenn ich einmal zu fest eingeschla-\nfen bin, daß das Leben keine Lust mehr hat, mich"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.7", "texte": "zu wecken, dann wird mein Freund mein Tage-\nbuch herausgeben. Das Tagebuch eines Morphi-\nnisten. Warum nicht? Es gibt schon und noch\nandere „Tagebücher\".\nWie das Blut in meinen Händen jagt! So son-\nderbar sind heute meine Hände — wie aus weißem\nHolz, in das man fünf Stöcke gestoßen hat. Ich\nglühe am ganzen Körper. Mein Kopf ist rot, wie\nmeine Tischdecke — knallig. Alles rast in mir.\nUnd dieser widerliche Geschmack im Munde. Ich\nkann nichts essen. Selbst den Speichel wage ich\nnicht zu schlucken. Ich kann das nicht mehr\naushalten. Ich reiße die Watte heraus — mag es\nbluten! — Aber erst will ich noch zwei Teelöffel\nvon meinem Schlaftrunk nehmen und mich dann\nweiß in mein Bett legen. Ich freue mich, nun doch\nwenigstens rein zu sein. Das Bad gestern bei der\nschönen Jüdin hat seine Schicksalsbestimmung ge-\nhabt. Wie eine glühende Goldkugel flimmert das\nFieber in meinen Augen. —\nBlut! Mein Blut! Nun habe ich den ganzen\nMund voll — wie das rauscht. Auch Du blute-\ntest einmal,— da sog ich Dir Dein Blut vom Munde.\nWeißt Du das noch? Mir tut keiner solche Wohl-\ntat. Mein Wunsch nach mir hat aufgehört zu sein.\nNun höre auch ich auf.\nWächsern, wie eine bleiche Qual blühte gestern\nder Mond am Himmel. Heut ist er glutrot. Die\nzweite Sonne hat sich zum Sterben gerüstet. —\nMeine Beine werden kalt. — Das Blut hört auf\n— die Kälte kriecht höher und höher. Mein Rücken\nist leblos — dumpf —- berauschend flutet eine\nschwere Welle in mein Hirn — krampfhaftes Mund-\nzucken. Mein Nachtlicht verlöscht — ich wälze\nmich auf dem Rücken — Gottloses Händefalten —\nMein Mund soll nicht verzerrt. . . .\n\nVision\nPaul Hatvani\nDie Langeweile der Welt, jener weltlichste\nZeitvertreib, der der Zeit die Welt vertreibt, wird\nmit ihrer einzigen Aufgabe niemals fertig. Die\nErschaffung neuartiger Vergnügungen will ihr\nnicht mehr mehr gelingen; seitdem sie eine Wis-\nsenschaft hat, weiß sie mit ihren Launen nichts\nmehr anzufangen und grämt sich. Der letzte schöp-\nferische Gedanke des Geschlechts war das Ver-\nzichten auf ein Ziel; damals wurden die Evatöch-\nter aus Elysium geboren. Seither aber steht die\nWelt still und nur der selbstherrlichen Ausrufe des\nMenschen, daß sie sich dennoch bewege, bedarf es,\num sie in den Schlaf zu singen. O, unendlicher\nSchlaf der Welt! Wie will ich mit deinen Träumen\nspielen; ich verlasse mich nicht mehr auf irdischen\nTand; die Buntheit meiner Umgebung reizt mich\nnicht mehr; Gottes Stimme klingt durch den himm-\nlischen Tag und ich bin ein Stern am Himmel mei-\nner Träume. Ich kreise um eine Sonne; Strahlen\ndurchglühen mein Leben; ich tanze den Tanz der\nWelt . . . . !\nEs ist müde geworden in der Welt. Sie ist so\nblutarm, daß man sie eigentlich an die kosmische\nRiviera schicken sollte. Das Blut fließt träge und\ndie Worte sind einfältig und leise. Die Tage kennen\nsich schon und die Nächte haben nichts zu ver-\nbergen. Manchmal geschieht noch ein Mord; aber\nder Tod nimmt es den Mördern übel. Selbstmör-\nder werden zum Tode verurteilt, aber die Taschen-\ndiebe gehen frei aus. Das Geld, das sie stehlen\nwollten, war falsch und die Uhren blieben stehen,\nals sie nach ihnen langen wollten. O, gäbe es doch\neinen einzigen Betrüger, der an die Unsterblich-\nkeit glaubte! Man könnte ruhig sterben. So bleibt\nein einziger, dürrer Trost: die Versicherung der\nWissenschaft, daß es in der Natur keine Sprünge\ngäbe. Ein anderer Professor aber beschwichtigt\nuns: hic Rhodos, . . . worauf ein Echo antwortet:\nzerspringe!\nIch weiß schon alles: kaum beginnt ein neuer\nTag, weiß meine Seele schon den Traum der Nacht\nzu deuten. Wozu das Licht ertragen? Menschen\nkommen, die ich bis zum Ekel kenne; sie mühen\nsich die Welt zu deuten und wissen nicht, daß sie\nnichts bedeuten. Sie schreiben Romane, um sich\nund ihren geliebten Zeit-, Raum- und Weltgenos-\nsen, die Zeit, den Raum und die bösen Träume\nzu vertreiben. Unschuldige Komtessen heiraten\nsich; Bankiers krachen zugrunde; Hochstapler\ngehen durch; Mütter heulen, Kinder wimmern, man\nstirbt und die Lebenden — kennst du das Land?\n— kriegen sich in Italien. Der Golf von Neapel\nist beinahe schon von Gustav Frenssen. Nicht weit\ndavon ist Otto Ernst. Alles blüht und gedeiht.\nBärte schießen hervor und überwuchern das Ant-\nlitz der Erde. O, die schreckliche Langeweile!\nIch weiß nicht, ob ich sieben Billionen Jahre vor\nmeiner Geburt eine Schwertlilie war; aber sieben\nBillionen Jahre nach meinem Tode will ich ein\nSchwert sein, das ins Herz der Welt trifft. Und\ndieses kranke Herz der Welt pocht zwölfmal: das\nist die Große Mitternacht, der Jüngste Tag bricht\nan. Tief im Schlamme der Gedanken versteckt\nliegt der Kadaver des Menschengeschlechts; hoch\noben leuchtet die Stimme Gottes und ruft die See-\nlen herbei. Aussätzige schwanken einher und sin-\ngen das Lied des Lebens. Leben, leben, leben ruft\nein Chor Längstverstorbener und die Unsterblichen\nzertrümmern ihre Steintafeln am Fuße des Ber-\nges. .. . Eine Stimme weckt mich. Es ist die\nStimme des Zeitgenossen und sie fragt: „Was?\nDu schläfst des Tages und wachst zur Nacht? Ge-\nhört sich denn das? Warum tust du das. —?\"\nIch antworte: „Ich schlafe des Tages, denn ich\nliebe das Licht; und du verdunkelst es. Ich wache\nzur Nacht, denn erst zur Nacht erblicke ich das\nLicht der Welt!\"\n\nDer bunte\nMenschenfilm\nJoseph Tress\nMit hochmütigen Mienen vor den Umsitzenden\nDrück ich im Geist Arbeiterfäuste.\nPhantasieen von edlen Gewissensehen,\nVon donnernden Parlamentsreden,\nVon weittragenden Plänen in D-Zügen schwirren\nmir durch den Kopf.\nNikotinrausch wühlt in meinen Nerven,\nDaß ich blaß bin wie ein Prinz,\nEin Vagabund in Spanien mit schneeweißen\nHemden,\nHungerblaß, haschischblaß und ätherblaß.\nMeine einzige Speise ist die weiße Kokosnuß\nIn Neapel, und mein Besitz ist ein Kanarienvogel.\nEine Weltkarte such ich nach Reisezielen ab,\nUm als blauer Matrose im Schiffsbauch zu hocken.\nDann kehr ich vielleicht in meinen Geburtsort\nzurück.\nGeschmeidig kleid ich mich hinter dem schillernden\nAbsinth,\nMit Morden wie mit braunen Hemden.\nDie Hände stecken im Sack.\nHaar und Bart wächst immer weiter herunter.\nDie Kellner betrachten mein weiches Schuhwerk.\nMein Rausch wird immer ein großer Skandal.\nDrauf bin ich am andern Morgen stolz.\nUnd träume, wie ich den Lehrern, die mich einmal\nbeschimpften,\nAchtunggebietend in fremden Städten begegne.\nAltklug möcht ich predigen in Meßgewändern,\nUnd in gesetzten Mönchskleidern gehn.\nBoshaft denk ich an das Weihwasser,\nWomit mich der Priester im Sarg besprengt.\nFlugrekorde schwirren mir durch den Kopf.\nEin häßliches Wetter näßt die Straßen.\nMeine Zähne schmerzen mich wütend.\nSonst möcht ich durch den Regen stampfen.\nUeber Zeitungen weg wechsle ich Blicke\nUnd phantasiere, der Kaiser kommt.\nMatrosen überfluten die Stadt, die Flagge flattert\nam Konsulat.\nUnd mit gespitzten Ohren durchpendl ich die\nGassen.\ns kommt einer und nennt mich mit meinem Bier-\nnamen.\nDa sitz ich nicht mehr am Tisch.\nDas schneidigste Pferd trägt mich durch einen\nStrandgarten mit Streusand,\nIch trage Schmisse im Gesicht.\nHypnotisierend steigt vor meinem Gesicht\nDes alten Hauptmanns gelbes Antlitz auf.\nDa zuck ich mit keiner Wimper, mir rinnt der\nSchweiß herunter.\nVielleicht stürz ich noch einmal ins Geschoßfeuer\nUnd falle sterbend, die Fahne in der Hand.\nAuf dem Waschtisch verbrannt ich viele Kerzen,\nPapier und Glas zu einer seltsamen Flamme.\nIch hab vergessen, wie ich drüber einschlief.\nDie Marmorplatte zersprang.\nDrei Frauen standen zürnend über der Stiege.\nDrauf nahmen sie mich voll Anteilnahme an den\nTisch.\nNun halt ich schüchtern die schnurrende Katze im\nSchoß.\nEine uralte Frau starrt mich unverwandt an.\nEin fremdartiges Mädchen liest unverwandt die\nZeitung vor.\nVielleicht sorg ich plötzlich für Weib und Kind.\n\nEmpfohlene Büeher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier ge-\nnannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits eine\nEmpfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte Bücher\nzurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nAgricol Perdiguier\nMemoires d'un Compagnon\nEdition des Cahiers du Centre\nHans Bliiher\nDie deutsche Wandervogelbewegung als ero-\ntisches Phänomen / Ein Beitrag zur Erkennt-\nnis der sexuellen Inversion\nBerlin-Tempelhof / Verlag Bernhard Weise"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140515-01.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts lort--\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen vos\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur (hfifcifc\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene: Zell*\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verla®\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich dep V«r.\nlag Der Sturm ohne Angabc der Grfinde tot\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verla«:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hanse t Berlin SO 26\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin unci Genf\nBerlin W / Potsdamer StraBe lMi\nFunfundzwanzigste Ausstellung\nOtakar Kubin\nMarc Chagall\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nEroffnung in Genf: 15. August\nSturmausstellungen in Deutschland und im Aus-\nland I Mai 1914\nStuttgart: Kandinsky\nGoteborg / Schweden: Der Blaue Reiter\nHamburg: Jacoba van Heemskerck\nJena: August Macke\nNaumburg: Expressionisten\nTokyo: Graphik\nLondon: Graphik\nFrankfurt a. M.: Jawlensky\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nHalbmonatsschrift Der Sturm\nUrschelnt am ersten und funfzehnten Jedes Monats\nDauerbezug\nGewohraHche Ausgabe: Fur Deutschland\nund O esterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig X Fur das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\niahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes / Probenummer umsonst\nSonderausgafee: Ungebrocfeene Exem-\nplar e auf holzfreiem Papier, V e r -\nsendung in Roll en direkt durch die\nPost fflr Deutschland und Qester-\nreich-Ungarn : Ein Jahr 12 Mark /\nE&i Halbjahr 6 Mark X Fflr das Ausland:\nSin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ns&eser Ausgabe werden Vierteljahrsbezflge, Einzel-\naummern umi Probenummern n i c h t abg^geben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer I—56:\nS?5 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153?\n20 Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\nstarch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\ndehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstSnden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwflnscht wird, bitten wir den B e t r a g fflr den\nDauerbezug bei der Bestellung oder b&l\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nmm fiSnftecdes ersten Monats elnzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, da$ E i n -\nf ieh ung des Betrages durch Nachnahme\nanter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nOwieralvertretung des Verlags Eug&ne Flgutert /\nParte\n\nOriginalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klammern beigefflgrt / Aile\nExemplare sind vom Kunstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde / Tiger / Pferde\nHochformat /DieHlrtin/Der StUr /\nSchlafende Hirtin / WUdpferde I\nRuhende Pferde (handaquarelliert) / Dm\nExemplar 40 Mark (je 10)\nKandinsky: Sonntag / Zwei Vogel / Das Exemplar\n30 M I Radierimgen M 60 und M 40\nMax Pecbstein: Die Erlegung des Pest-\nbra t e n s I Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert /\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nOtakar Kubin: Handdrucke\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Holzschnitt I\nbis IV I Das Exemplar 30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSchmidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraBe / Nordischer Hafen / Madchen auf Sofa J\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / Portrat I\nI StraBenkurve ./ Zwei Akte / Das Exemplar\n30 Mark (12) / Liebespaar / MiiBige Hetaren /\nSchlafende Iletare I Je 40 Mark (12)\nH. Campendonk: Originalholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] / Das Exemplar 30 Mark (12)\nOskar Kokoschka: PI a k at fiir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nQuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nMusik\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge~\ndichten von Arno Hoiz / Pur Qesang urid Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten\nKiinstierpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Um b e r t o Boccioni: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall /\nKlee / Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw\nMappen und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen /\nStrichatzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier ia\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nzig ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nIllustrierte Ausstellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin 30 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit funfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\n\nZeitschriften\nLa Cerba / Halbmonatsschrift / Florenz / Via\nNazionale 25\nLa Route / Revue de I'Effort Social / Parrs / Rue\nde Vaugirard 120\nLTfiort Libre I frOher L'Eftort / Monatsschrift /\nLa Renaissance Contemporaine / Halbmonatsschrift\nParis / 41 Rue Monge\nLa Nouveile Revue Francaise / Monatsscimh (\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer I Francs\n50 centimes\nHaro / Monatsschrift / Brflssel ;\nLes CahJers du Centre f Moulins [Ailier]\nLes Soirees de Paris / Recueil Mensuel illustre /\nDirecteurs: Guillaume Apollinaire et Jean Ce-\nrusse I Paris 278 Boulevard Raspail / Jahres-\nbezug 12 francs\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fOr neue und\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova\n\nAnzeigen\n\nAm fuofzehnten Mai erscheint: Paul Scheerbart:\nQlasarchitektur / In einhundertundelf Kapi-\nteln I Zwei Mark / Luxusausgabe in zwanzig nume-\nrierten und signierten Exemplaren auf Van Gelder\nBiitten, Decke und Vorsatzpapier von Anna Scheer-\nbart I Zwanzig Mark bei Vorbestellung / funfund-\nzwanzig Mark nach Erscheinen / Verlag Der Stcrm\nI Berlin W 9\nVerein fur Kunst j Leitung fierwarthWaidea\nI Zehntes Jahr / Jahresbeitrag 20 M. / Rechte\nder Mitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift Der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation: 19i3/I4:\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst\nPoet-Lore Begriindet 1890 / Eine Zweiuio*ais-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dem Drama\nder Gegenwart in alien Landern / Literariscfae\nBeitrage von Maeterlinck / Claudel / Jammes /\nDuhamel / D'Annunzio / Synge f Whltmas /\nFchee:aray / Bjornson / Hervieu / Tchechow /\nPszybiszevski / Gorki / Noguchi / Ghose > Mac;\nGathmhacil / Probeheft gegen Einsendung von\n6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug 21 Mark ( Ver-\nlag Richard G. Badger I Boston / Mass\nI USA 194 Boylston Street\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milano-\n/ Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9'\nWiecker Bote / Akademische Monatsschrift /\nHerausgeber und Schriftleiter: Dr. Oskar Kanehl /\n25 Pfennig / 6 Hefte M. 1,25 / Heft 8/9 soebes er--\nschienen\nAlleissandre Peyron: Lou Pouemo di Souiitudo /\nAvec traduction frangaise de l'auteur / Preface\nde Frederic Mistral / 3 francs / Nouvefle Edi-\ntion J A Coulange et Cie Marseille 24 rue de\nl'Etrieu"}]}