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Die Lästerallee des Zoologi-\nschen Gartens speit ihre Girls in diese Lasterallee.\nAuf der Terrasse des romanischen Cafes kühlen\ndiese erotischen Spätrömerinnen ihr heißes Blut\nmit Vanilleeis. In richtig elektrisch beleuchteten\nLäden werden die Gegenstände der Unzucht, Kor-\nsetts, Stiefel und Aufschnitt verkauft. Solide Ge-\nschäftswagen trauen sich nicht durch diese Straße\nund die Elektrischen bleiben stockend alle Minute\nstehen. Die Girls sollen so gut wie unbekleidet\nauf den breiten Steigen wandern, die für Bürger\nbestimmt sind, die Hüte tragen sie in der Hand,\nan jedem Laternenpfahl küssen sich die Paare. Die\njungen Bäume in ihren Baumtöpfen sehen entsetzt\nauf dieses ganz entbundene Leben. Das ist alles\nhöchst betrübend. Aber diese Freudenwelt ist\nallen verschlossen, deren Augen nicht in Unsitt-\nlichkeit geübt sind. Der Fremde sieht nur gut-\ngekleidete Mädchen, die zwar noch nicht alle das\nfünfzigste Lebensjahr überschritten haben, aber\ndennoch schon mit Herren gehen. Zwar tragen\nmanche 1 ennisschläger bei sich, die man ja nicht\nnur zu perversen Dingen, sondern auch zum Tennis-\nspielen benutzen kann. Was haben die Tauentzien-\nGirls der armen Welt getan? Nichts, aber sie sol-\nlen etwas tun. Denn Spazierengehen, Kinolaufen,\nCafehaussitzen genügt den Anforderungen der hö-\nheren sittlichen Welt nicht. Die eine Hälfte fordert\nhausfrauliche Beschäftigung, die andere Kunst und\nWissenschaft. Aber die Tauentzien-Girls sind in\nder Kunst viel praktischer und in der Praxis viel\nkünstlerischer als ihre Vorbeterinnen. Sie haben\nmehr und nicht weniger davon, wenn sie ihre Her-\nren Jünglinge durch den Zoologischen Garten,\nals wenn sie Herr Fritz Stahl durch die Renaissance\nführt. Warum sollen die Mädchen sich von un-\nkünstlerischen Menschen befruchten lassen? Was\nsollen Mädchen mit der Wiedergeburt anfangen,\nwo sie doch mit der Geburt nicht enden dürfen?\nWarum sollen sie für die Kunst leben, da die\nKunst besser ohne sie lebt. Besser, sie sind in der\nPraxis künstlerisch, indem sie sich so gut anziehen,\nals es ihnen besser steht. Wenn sie allen gefallen,\nist es nicht so schlimm, als wenn ihnen die Kunst\ngefällig wird. Sie sollen sich lieber für künstle-\nrische Photographie begeistern, als für photogra-\nphierte Kunst. Sie sollen lieber mit der Melba die\nPfirsiche teilen, als den Gesang. Sie sollen lieber\nfür den Rudolf Herzog schwärmen, der die Kleider\nmacht, als für den, der Romane nachmacht. Sie\nsollen lieber oberflächlich sein, als gebildet, lieber\nleichtsinnig, als tiefsinnig. Denn dabei kommt doch\nnur Flachsinn heraus. Die Tauentzien-Girls sind,\nwas sie scheinen. Warum sollen sie so scheinen,\nwie die andern auch nicht sind. 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Die Bo-\ngenlampen auf den hohen Kandelabern schienen\nweiß in der Luft; kleine schwarze Fahrräder tauch-\nten auf, klingelten und verschwanden; zögernd\nschwirrten die Autos über das Asphalt. Ueber dem\nSpiegel des Asphalts erschienen Pferdebeine,\nRöcke, von denen der Regen troff, verzerrte Kon-\nturen von lackierten Droschken, Stimmen, Ira-\nben, Klirren, Rollen über dem Platz; in regel-\nmäßigen Intervallen ein Pfiff.\nDer Kaplan stieg aus der Untergrundbahn her-\nauf und stand vor Stillers Schuhgeschäft. Ueber\ndas regenblanke Trottoir zog er, den Schirm auf-\ngespannt. Viele Menschen kamen hinter ihm her,\nüberholten ihn. Eine kleine Schlanke huschte ihm\nzur Seite über die Bordschwelle, in einem himbeer-\nroten Mantel glitt sie über den Fahrdamm, den\nRock raffend, eine Pfütze umgehend; das schwarze\nHaar wippte in einem Knoten unter der runden\nKappe. Die kleinen braunen Augen des Kaplans\nverfolgten die Bewegungen.\nDies war die Gestalt zu einer Stimme, die er in\nder Beichte gehört hatte.\nUnd der Gedanke bewirkte, daß er seinen\nSchirm tiefer über sich zog, den schmalen Kopf auf\ndie fallende linke Schulter legte und ein paar Se-\nkunden die Augen schloß. Ihre schlängelnden Be-\nwegungen verschwammen im Nebel, das Rot\nleuchtete. Das Rot leitete ihn. Er lächelte ohne\nWiderstreben. An den erleuchteten Läden vorbei,\nfolgte er, an Schnittmustern, Schaufenstern mit\nFischbassins, stummen Antiquariaten, flimmernden\nSimilibrillanten, Zigarettenreklame erlosch, grellte\nauf. Als sie in die Uferpromenade einbog an der\nPotsdamer Brücke, war er neben ihr mit langem\ndrehenden Hals, vorgebeugtem Kopf. Irgendwie\ndankbar sah er ihr in das volle, erhitzte Gesicht,\nhob den schwarzen, feuchten Filzhut. Das Weiße\nihrer langwimprigen Augen wurde sichtbar, der\nerschrockene schwarze Blick fuhr an seinem zu-\ngeknöpften Gehrock herunter, sie standen an dem\nEisengitter. In französischem Accent brachte sie\nheraus, daß es vielleicht ein Irrtum sei, sie kenne\nHochwürden nicht. Als er wieder langsam nach\ndem Hut griff, löste sie die Hände von der kalten\nEisenstange, wischte sich mit dem Taschentuch\ndie Wasserflecke von den braunen Glaces, sagte\nmit ruhigem Blick auf seine Tuchknöpfe und dann\nauf sein hingeneigtes, unverändert verbindliches\nGesicht, daß sie sich freuen würde, mit ihm zu\nsprechen; sie sei fremd in Berlin.\nSie gingen unter seinem Schirm am Kanal ent-\nlang; die Kastanien schnellten plötzliche Regen-\nschauer herunter. Das Fräulein sah auf den Bo-\nden, spazierte in Gummischuhen, die Fiißchen\nspitzend, durch den Morast; ihre rote Hutschleife\nragte wie ein Horn über der Stirn, über der ver-\nwirrten Linie ihrer Ponys. Sein magerer Ober-\nkörper schaukelte wie ein Pendel. Er schwieg.\nSie war die Gestalt zu einer Stimme, die er im\nBeichtstuhl gehört hatte.\nVor einem Hause der Flottwellstraße tauchte sie\nunter dem Schirmdach hervor: „Ich wohne drei\nTreppen; Mademoiselle Alice Dufoult.\"\nOhne es zu merken, kehrte er die Potsdamer\nStraße zurück, gelangte auf den dunsthellen Platz.\nEr hielt sich eine viertel Stunde auf vor Stillers\nSchuhgeschäft, vor dem er sie zuerst gesehen\nhatte; schließlich trugen ihn seine Beine vor die\nSchwelle, seine Hand klinkte die Tür auf; er kaufte\nin einer lächelnden Versunkenheit, sich nicht be-\ngreifend, eine Büchse Schuhkreme und überlegte\neinen Moment, wem er hier ein Trinkgeld geben\nsolle. Und dann nach einem Hin und Her im\nRegen, unter dem der Nebel sank über den Kem-\nperplatz auf die dunklen Wege des Tiergartens.\nEr öffnete, als er allein auf einem großen Sand-\nplatz stand neben einer Holzbude, seinen ver-\nschlossenen Schirm, sah in die finstere Wölbung\nhinein, stellte sich dicht unter ihn, geschmiegt\nunter ihn, wie eine Katze, die ihren Buckel gegen\ndie streichelnde Hand hebt. So blieb er in der\nLache neben der Holzbude minutenlang, länger;\nes war ihm, als wenn er in einem warmen Bett\nläge und schliefe. Bis ein Junge vorbeistrich,\nihn anrempelte und schreiend, als der Mensch her-\nvortrat, davonlief quer über den Platz, purzelte,\nsich aufraffte, schrie durch die träufelnden Gänge.\nRasch klappte der Kaplan den Schirm zusammen.\nIn einer hellen Querallee stellte er hochblickend\neinen Fuß gegen das Podest eines Schmuckdenk-\nmals, umging mit den Augen die Gruppe des\nPferdebändigers. Ein Passant, den Kragen hoch-\ngeschlagen, beobachtete befremdet von einer Bank\naus, wie der Kaplan mit dem Kopf ruckte, freudig\nsich streckte, seine Glieder bewegte, mit den Fin-\ngern zuckte; in den Waden des Kaplans spannte\nes, seine Knie krümmten sich; eine Ungeduld, wie\nplötzliche Kühnheit, überfiel ihn; er strampelte\nmutig, wie das edle Roß da oben.\nSeinen Rosenkranz fühlte er in der Rocktasche;\nweiterschlendernd senkte er den Kopf über den\nKragen, seine Hände falteten sich über dem Leib.\nDie kalten Tropfen rannen in den Nacken. Der\nmagere Kaplan murmelte abgeblendet seine Ge-\nbete, die Stirn gerunzelt, die Lippen gespitzt.\nAn dem sonnigen Mainachmittag war der\nTisch in ihrem Zimmer mit einer zitronengelben\nDecke belegt; blauer Flieder duftete in einer klei-\nnen Glasvase; zwei Kaffeetassen standen vor einer\nSchüssel mit Streusseikuchen. Alice schaukelte in\nihrem Stuhl. Robert neben ihr erzählte Witze;\nsein harmloser Schädel glänzte; wenn er lachte\nund sein junges, blutrotes Gesicht ins Vibrieren\nkam, stieß er prächtige Fanfarenlaute aus; sie\nstopfte sich den Mund mit Kuchen. Alice hatte das\nblaue, faltenreiche Kleid an, das ihr die Mutter vor\neinem halben Jahr in Grenoble mitgegeben hatte:\n„Wenn Du es vorsichtig trägst und nicht viel drauf\nsitzst, kannst Du eine Weile damit auskommen.\"\nAls sie es zum zweiten Mal trug im französischen\nKlub, saß Wahlen mit dem Monokel hinter ihr\nund gab ihr den etwas lädierten Hornkamm wie-\nder, der aus ihrem Haarknoten in den Schoß ge-\nfallen war, er meinte, als sie aufstanden, ein Netz\nhielte sicherer; zog aus seiner Brieftasche eins\nhervor und demonstrierte es ihr mit dem Be-\nmerken, daß er weder Friseugehilfe sei noch solche\nInstrumente fabriziere. Ein paar Wochen später zog\ner ihr eigenhändig das altmodische Kostüm aus und\nprobierte mit ihr einen Kimono an, ein Hermelin-\njäckchen, eine Nachmittagstoilette aus altrosa\nSamt.\nWie Robert gerade die Backen prall aufblähte,\naus einem Mundwinkel schräg die Zigaretten-\nasche von der gestickten weißen Weste paffte und\nmit der mächtigen beringten Hand nach einer Pa-\npierserviette tastete, klopfte es und der hagere\nKaplan trat ein. Alice verschüttete die Kuchen-\nkrümel auf den Teppich: „Nein, das ist nicht mög-\nlich.\" Sie zog die Silben, blieb länger sitzen, um\nZeit zu gewinnen. Dann richtete sie sich auf, nahm\nihm den Hut ab und erzählte freudig, als sie zu\ndreien an dem Tisch saßen, gegen Robert ge-\nwendet, mit fliegender Röte und Blässe, wie rei-\nzend sich der Herr Kaplan ihrer angenommen\nhätte gestern im Regen. Der Kaplan saß zwischen\nihnen beiden auf einem niedrigen Pflüschfauteuil,\nmit dem Rücken gegen die Butzenscheiben des\nFensters; Robert machte sich lang, betrachtete von\noben die Tonsur des Gastes. Mit unsäglicher\nDankbarkeit saß der Kaplan zwischen ihnen. Die\nzitronengelbe Decke betrachtete er mit den platt-\ngedrückten Fransen, die Zinnkrüge auf den Kon-\nsolen. Dies stimmte alles, auch daß die Gardinen\nschmutzig waren und die Ueberhänge nicht paßten,\ndie Brillanten dieses glattköpfigen jungen Men-\nschen, das altmodische, blaue Kleid der Mademoi-\nselle mit den Spitzenmanschetten. Er fand sich\nnachdenklich und ihm kam, ohne daß er es wußte,\nwarum, der Einfall: Wie sich doch alle Dinge in\nder Welt erfüllen! Das Fauteuil geriet ins Rollen\nauf dem blanken Parkett. Als aber Alice nach sei-\nnem Arm griff, um ihn zurückzuziehen, zuckte der\nKaplan aufgescheucht zusammen. Er flüsterte:\n„Bitte, fassen Sie mich nicht an.\" Sie fragte: „Was\nhaben Sie?\" Er wurde blasser, sagte, er wäre\nso empfindlich an den Händen. „Aber doch nicht\nan den Armen.\" „Etwas an den Armen auch,\nbitte!\" Sie tupfte in seinen Handteller; er\nkrümmte sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn,\nso daß sie sich abwandte: „Gott, sind Sie ko-\nmisch.\" „Ja, entschuldigen Sie, mein verehrtes\nFräulein, Sie auch, mein Herr, es ist vielleicht Ge-\nwohnheit, ich mache mich gewiß lächerlich.\" Dar-\nauf entstand eine Stille zwischen ihnen, weil der\nKaplan sich nicht wieder in die Höhe richtete, son-\ndern immer die Parkettfugen studierte. Robert\nschnüffelte, schüttelte, immer mehr belustigt, den\nKopf; er knipste an seinen Manschetten: „Aber\ndas ist ja zum Totlachen, Herr Kaplan, oder wie\nnennt man Sie. Da gehen Sie auf die Straßen,\nwie so, na, ich will mal sagen, ein Flaneur, und\nwerfen Ihre Blicke um sich auf die Töchter des\nLandes.\" „Ich freute mich über Mademoiselle Du-\nfoult und war glücklich, sie kennen zu lernen.\"\n„Sie sind ja ein großartiger Mensch. Wirklich,\nSie gefallen mir außergewöhnlich. Man soll nie-\nmals sagen, daß es irgend etwas im menschlichen\nLeben nicht gibt.\"\nDer Kaplan ließ einen verehrenden Blick auf\ndem breitbriistigen Herrn liegen.\n„Sie sind solch rüstiger Mann, mein Herr. Ich\nbewundere Sie; Sie scheinen wie aus Eisen ge-\nschnitten.\"\n„Na, ich danke. Hab gedient; bin noch halber\nSoldat!\" Er legte die Hände auf seine Knie:\n„Menschenskind, nun sagen Sie, was machen Sie\nhier? Störe ich etwa jetzt, Sie und Dich, Alice?\"\nEr lachte und prustete gewaltig. Sie schwankte\nzwischen entrüsteter Haltung und Vergnügen; ihre\nfeine lange Nase bog und streckte sich:\n„Robert, nimm Dich doch etwas zusammen.\"\nSie konnte nicht weiter, platzte (heraus in ihr\nTaschentuch.\n„Soll ich rausgehen, Alice, ja?\" Er quietschte\nschon. „Aber ich kann doch durchs Schlüsselloch\ngucken? Entschuldigen Sie, Hochwürden, die\nSache nimmt mich so gewaltig mit.\"\nDer Kaplan lächelte freundlich von einem zum\nandern, 'zog sein Fauteuil ganz an den Tisch:\n„Lachen Sie doch, wenn es nur auf meine Kosten\nist. Ich bin gern unter fröhlichen Menschen.\"\nDer neben ihm schrie aus vollem Hals: „Gottes-\nwillen, Du mußt mir den Kragen aufmachen, Alice,\nden Schlips.\"\nSie wälzte ihr Gesicht auf dem Tischtuch: „Ich\nkann ja selbst nicht. Hochwürden muß eine schöne\nMeinung von uns kriegen, Robert.\"\nUnd wieder sagte der Kaplan ruhig: „Aber\nnicht doch. Ich bin nur froh, daß ich hier sitzen\nund alles mit ansehen darf.\" „Ja, ja, Alice er hat\nrecht;\" mit tränenden Augen richtete sich Robert\nauf, wischte sich, betrachtete plötzlich gähnend\nund etwas betreten den schwarzen Herrn im Fau-\nteuil. „Trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10006, "texte": "Vielleicht erzählen Sie uns etwas von ihrem Klo-\nsterleben, Herr Kaplan. Man muß die Situation\nausnutzen.\"\n„Gern will ich Ihnen erzählen. Wenn es Sie\nnicht betrübt, ernste Dinge zu hören. Gern will\nich Ihnen erzählen.\"\n„Betrüben, keine Rede. Nehmen Sie Zucker?\nWie kommen Sie auf betrüben?\"\nWährend die Tassen klirrten, das junge Haus-\nmädchen in hellblauer Schürze Milch brachte,\nfixierte Robert öfter den Kaplan, der mit seiner\nmelodischen Stimme zur Mademoiselle sprach.\nRobert kratzte sich das Kinn, wurde wortkarg.\nDer Kaplan fiel ihm auf die Nerven, der verrückte\nGast machte sich in einer sonderbaren Weise\nbreit, schob ihn zurück.\nAlice legte die Arme von hinten um seine\nSchultern: „Du, hab ich Dich verletzt.\" „Na, na,\nlaß mal, Alice.. Setz Dich nur wieder hin. Es\nist was Geschäftliches, fiel mir plötzlich ein. Brr,\nmein Kaffee ist kalt geworden.\" Der Kaplan schob\nden Fauteuil zurück: „Ich darf mich jetzt verab-\nschieden?\" Robert drückte sich hoch. „Lieber\nHerr, Sie laufen weg. Die Sache eilt nicht; übri-\ngens: wir gehen zusammen.\" Alice, ein Knie über\nihren Stuhl schiebend, hielt stumm Robert in den\nAugen, der an ihr vorübersah. „Also, liebe Alice,\nnur eine halbe Stunde; Du entschuldigst mich.\" Sie\ngingen über die Schwelle; Alice bückte sich neben\nder Chaiselongue, brachte mit kalter Miene Robert\ndie dünnen Seidenhandschuhe nach, pfiff im Zim-\nmer vor sich hin, auf der Schwelle stehend, die\nNägel ihrer linken Hand betrachtend. Der Kaplan\nund der Reserveleutnant von Wahlen marschierten\nidie Tiergartenstraße herauf; beide atmeten kräf-\nitig. „Ja, das ist mal reizend,\" fing der robuste\nMann an, „daß ich einen richtigen Menschen treffe,\njein Unikum, nehmen Sie mir das nicht übel. Mir\nist zwar wirklich nicht klar, was Sie von metner\nPreundin wollen, aber das ist ja egal. Sie sind\nvorzüglich, Ihre ganze Art gefällt mir.\"\n„Sie dürfen nicht so weiter reden, Herr von\nWahlen, wenn Sie wollen, daß ich mit Ihnen gehe.\"\n„Keine falsche Bescheidenheit, Hochwürden. —\n'Alles an seinem Platz. Also, ich wollte Sie um\neinen Gefallen bitten.\" Er hakte sich bei dem\nlangen Kaplan mit seinem linken Arm ein. „Es\nwird mir etwas schwer, es Ihnen vorzutragen.\nDie Sache ist heikel. Ich rechne darauf, daß Sie\nsolch besonderer Mensch und schließlich auch von\nBerufswegen Geistlicher sind. Das paßt faktisch\ntadellos zu Ihnen, der Kaplan, wie angegossen!\"\nAt~s sie minutenlang weiter gegangen waren,\nwandte der Kaplan sein glattes Schauspielergesicht\nzu ihm: „Wollten Sie nicht sprechen, Herr von\nWahlen?\"\n„Freilich, freilich, kommt schon. Die Sache\nwird mir schwer. Also mit einem Wort gesagt:\nes handelt sich um ein früheres Verhältnis, ge-\nnauer gesagt, um mein letztes. Alice nicht, mein\nvoriges. Sie sollen mir helfen, Herr Kaplan.\"\n„Gern, ich stelle mich Ihnen gern zur Verfü-\ngung. Erzählen Sie mir von der Dame, welche\nSituation vorliegt. Lassen Sie sich die Bespre-\nchung doch nicht schwer werden.\"\n„Nee, kommen Sie mir nicht mit Situation und\nund so, lieber Herr. Sie sollen mir das\nMädchen abnehmen, wenn ich's denn mal raus-\nbringen soll!\" „Wie meinen Sie?\" „Scheußliches\nWort, ja, abnehmen. Das Drum und Dran der Ge-\nschichte können Sie sich allein denken. Aber Sie\nsind Menschenfreund und mein Mann.\" „Ach Gott,\nwas soll ich denn mit dem Mädchen machen, Herr\nvon Wahlen; ich tue Ihnen ja gern jeden Gefallen.\"\n„Nur keine Angst, Herr Kaplan. Sie beißt nicht.\nIch muß das von Ihnen verlangen. Sie dürfen sich\nnicht sträuben. Sie könae« dem Freund Ihrer\nAlice, Ihrer Alice, aus dem Sumpf helfen.\" Sehr\nbleich und schmerzlich verzog der Kaplan das\nGesicht: „Lassen Sie das, lassen Sie das, das sind\nschon nicht mehr Witze.\"\n„Pardon, hab ich falsch gemacht, bitte um Ent-\nschuldigung, Hochwürden, ist so meine Art Witze,\nist mir vorbeigeraten.\"\nDem Kaplan baumelte der Kopf vor der Brust,\nseine Hände falteten sich vor der schüsseiförmigen\nVertiefung, die sein Leib war: „Was soll ich mit\nder Dame, mit dem Mädchen machen?\"\n„Am besten, Sie stellen Sie auf den Kopf und\nschlagen ihr einen Nagel in jedes Ohr, dann steht\nsie v bombenfest. Im übrigen lassen Sie sich von\nmir in flagranti erwischen.\"\nDer Herr im schwarzen Gehrock schwieg, dann\nflüsterte er: „Das sind gräßliche Dinge.\" „Weiß\nich.\" „Das sind ekle Sachen, Herr von Wahlen.\"\n„Weiß ich.\"\n„Bitte, eine Frage, Herr von Wahlen, mißbrau-\nchen Sie mich nicht, Sie lieben Fräulein Alice Du-\nfoult wirklich? Meine Frage wird Sie nicht\nkränken.\" Dabei sah er dem energisch ausschrei-\ntenden breitschultrigen Mann, dem der weiße\nStrohhut schräg auf dem Kopf saß, bettelnd in die\nzwingernden grauen Augen. Sie schwenkten in\ndie Fasanenallee ein; elegante Equipagen fuhren\nvorbei; der Herr neben dem Kaplan winkte und\ngrüßte oft. Er kicherte, nervös belustigt: „Etwas\nkomisch, wie Sie fragen, verzeihen Sie. Wenn Sie\nwollen: ich liebe Fräulein Alice; es liegt mir\nan ihr.\"\n„Und es erfreut Sie, wenn ich diese — Sache\nübernehme?\" Der muskulöse Herr im Strohhut\nblieb angewurzelt stehen, es fuhr ihm schneidig\naus der Kehle: „Na, sind Sie komisch; ich komme\ndoch zu Ihnen damit.\"\n„Dann will ich Ihnen behilflich sein, lieber\nHerr. Verzeihen Sie mir. Aber gehen wir doch\nweiter. Seien Sie versichert, leicht wird mir das\nalles nicht. Denken Sie nicht falsch von mir.\"\nImmer wieder errötete er und wich den scharfen\nBlicken des Leutnants aus. „Mal keine Redens-\narten, Hochwürden,\" damit klopfte er dem Kaplan\nauf den Rücken, „wir haben es alle nicht leicht.\nWenn ich Urnen erzählen würde von mir allerlei,\nSie würden staunen.\" Der Kaplan atmete freier:\n„Ich bin ja zufrieden, wenn es Ihnen gut geht und\nwenn ich Sie nicht gekränkt habe.\"\nLeicht angewidert wehrte der elegante Herr\nab; er streckte die Hand hin, schob den Kaplan\nbeiseite: „Na, Schluß. Mal keine Redensarten.\nAuslagen ersetze ich Ihnen natürlich. Sehen Sie\nzu und trösten Sie sich, wir müssen alle unser\nPäckchen tragen. Das ist mal so im Leben. AutoT\nAuto! Puh!\"\nDas war eine andere Wohnung, als die Alice\nDufoults. In einem westlichen Gartenhaus ein\nmäßig dunkler Korridor und dann ein langes,\nschmales Zimmer. Eine Petroleumlampe auf der\nKommode; eine gelbe spanische Wand vor einem\nBett; Haussegen, patriotische Bilder an der Wand.\nVor dem Fenster der unbedeckte vierbeinige Aus-\nziehtisch und Rohrstühle. Bertha saß in weißer\nUntertaille und rotseidenem Rock hinter der Gar-\ndine und kaute einen Apfel. Sie hatte ein festes\nenergisches Gesicht und lebendige blaugraue\nAugen. Ihre nackten massiven Arme waren weiß-\ngeschminkt, die Hände noch rot.\nAls der Kaplan klopfte, wollte sie nach ihrem\nUmschlagtuch greifen, rief aber gleich: „Immer\nrinn!\" Der Kaplan schloß die Tür hinter sich; sie\nriß den Mund auf: „Nanu, was ist denn das für\neiner? Sie sind wohl von der Heilsarmee?\"\nDer Kaplan murmelte seinen Namen. Sie\nwinkte ab: „Bei mir ist nichts zu machen da-\nmit. Hier wird überhaupt nicht hausiert\" Lauter\nnannte der Kaplan seinen Namen, buchstabierte,\ntrat mit dem Hut in den Händen näher.\nDa kreischte sie auf, warf ihren Apfel über den\nTisch: „Jesses, Sie sind das! Der mir Gesellschaft\nleisten soll, bis Robert wiederkommt. Nu schlägt's\naber dreizehn, nee, kommen Sic mal ran, setzen Sie\nsich mal hin.\"\nDer Kaplan rückte sich einen Stuhl zurecht:\n„Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, liebes Fräu-\nlein. Herr von Wahlen hat mir viel Angenehmes\nvon Ihnen erzählt.\" „Nu fangen Sie mal nicht aus\ndie Ecke an. Sie, die Geschichte mit dem Ver-\nreisen glaub ich schon lange nicht. Das können\nSie Robert sagen. Das ist eine Drückebergerei.\nAber —\" und da quietschte sie auf und schlug sich\ndie Hände vor den Mund: „Menschenskind, wie\nsehen Sie bloß aus! Was haben Sie für einen ka-\ntholischen Rock an! Zum besten scheint's Ihnen\nauch nicht zu gehen.\"\nPeinlich berührt seufzte der Kaplan: „Sprechen\nwir doch lieber von etwas Schönem. Wie mir\nHerr von Wahlen sagte, lieben Sie Rosen\nsehr. Ich habe mir erlaubt, Ihnen dies Sträuß-\nchen mitzubringen. Ich bitte Sie, wollen Sie meine\nfreundliche Gesinnung daraus erkennen.\" Sie be-\ntrachtete ihn aufmerksam und mit Teilnahme. „Da\nhat Sie Robert aber schön reingelegt. Der Filou,\ndas sieht nach ihm aus. Die gelben mag ich grade\nnicht. Warum machen Sie sich aber bloß nicht\nwenigstens den obersten Knopf auf? Sie werden\nsich noch erkälten. Sone Tuerei steht einem jun-\ngen Mann gar nicht.\"\n„Wenn Sie wollen, mache ich mir den obersten\nKnopf auf.\"\n„Natürlichemenik Mit etepetete kommt man\nbei mir überhaupt nicht weit. Wissen Sie übri-\ngens Männeken, was ich Ihnen sagen will?\" Sie\nkaute ihren Apfel: „Ich meine von wegen die Ge-\nschichte mit Ihnen und Robert: da liegt eine ge-\nmeine Schiebung vor.\" Und sie fixierte ihn schlau.\nGequält sah ihr der Kaplan ins Gesicht und\nstudierte vertieft ihre Züge; er äußerte ein paar\nstimmlose Sätze.\n„Sie markieren den Scheinheiligen, mein Lie-\nber. Lassen Sie man sein. Sie sind Strohmann\nvon dem Filou. Und weil Sie schüchtern sind mit\nDamen, ist Ihnen ganz paß, daß der Filou Sie so\ndeichselt. Was?\"\nNach einem weiteren tonlosen Satz fuhr der\nHerr im schwarzen Gehrock stockend fort: „Ich\nwill Ihnen sagen, mein Fräulein, in gewissem Sinne\nhaben Sie ganz recht. Ihre Vermutung ist zum\nTeil nicht unbegründet.\"\nSie schmetterte ihre Faust auf die blanke Tisch-\nplatte, fuhr hoch: „Wissen Sie, Sie sind zum Pie-\npen. Wenn ich Ihnen nu eins runterlatsche, —\nwie ist es dann mit der Vermutung?\" Er ver-\nfolgte sie freudig, seine Stimme klang befreit: „Ja,\ndas wäre ganz passend und es würde mir recht\ngeschehen.\"\nDas Gelächter Berthas wollte sich nicht be-\nruhigen:\n„Wissen Sie, Amsel oder was Sie sonst für nen\nVogelnamen haben, Sie sind zum Heulen. So ein\nGerissener wie der Robert ist, der hat sich wieder\nmal den Richtigen rausgesucht. Bleiben Sie man\nsitzen. Sie können einem kid tun. Ich mache\nIhnen noch einen Knopf auf.\" Sie stand mit ihrem\nbloßen Arm hinter seinem Stuhl, drückte ihn an\nseinen Schultern herunter: „Ordentlich rausfüttern\nmüßte man Sie. Ich bring Ihnen nachher was zum\nEssen. Na nu sagen Sie mal, Mamsell, wie steht's\ndenn eigentlich mit uns? Wie sind wir denn beide"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10558, "texte": "dran? Sie mögen mick wohl nicht?\" Er steckte\nzwischen ihres Armen; sein glattes Gesicht füllte\nsich, wurde gedunsex.\nSie lisi ihn los, angelte sich ihren Stuhl; seinen\nHut patschte sie ihm auf die Erde; ihn zog sie zu\nsich auf den SchoB. Er schluchzte leise. Sie sah\nJs'i ihm herauf; er drehte den Kopf weg. „Was\nhast du denn, Mamsell\" „Nichts.\" „Nanu, du heulst\ndoch.\" Er Schluchzte unterdrückt: „Es ist wirk-\nlich nichts. Mich regt nur alles so furchtbar auf.\"\nEr lächelte seitlich zu ihr herunter. „Lang bist du,\nMamsell. Komm doch mal runter zu mir. Runter\ntrufßt. du.\"\nSie ließ das hilflose Menschengerüst halb über\nüire Kniee rutschen. Bertha erstaunte: „Gotte\ndoch, ich tu dir ja nichts. Du bist doch ein prop-\nrerer Kerl. Mai was Besonderes. Das ist ein fei-\nger Oedanke von Robert gewesen, statt dem aus-\ngebliebenen Geburtstaggeschenk.\"\nDer Kaplan lag zwischen ihren Armen; mit den\nüQtiesn wippte er gegen den Boden; er balanzierte\nsich mühsam auf ihrem Schoß zurecht; er wollte\nsich oft aufrichten und tastete nach seinem Stuhl,\nSei wieder zurück. Sie bückte sich über ihn. „Soll\nich d*eh mal ordentlich abknutschen jetzt, Mam-\nsell. weil ich dich grad so habe; für die gelben\nRosen, daß dir die Ohrlappen brennen? Was\nraeüiste?\"\nEr flüsterte nach einer Pause, mit einem ver-\nsonnenen Ausdruck: „Willst du das tun? Bertha?\nJa, so tu es doch.\"\nSie küßte ihn weidlich, auch seinen Kopf, wo-\nbei sie mit einem Blick auf die Tonsur klagte, daß\nihm. schon die Haare ausfielen. Er hob sich wäh-\nrenddessen immer mehr an ihr Gesicht drängte\nsich gegen ihren Mund. Sie streichelte ihn: „Was\nmachste denn, Mamsell?\"\nEr blickte mit verwirrten Augen an die ge-\n~weißte Wand: „Nur träumen tu ich.\"\n„Scheint dir ganz gut zu schmecken.\" Schwach\nlächelnd saß er wieder auf seinem Stuhl. Sie zog\nsäet gegen das Fenster, lockte ihn: „Na, mein\nJunge, bängste noch an der Stange? Komm mal\nmir; komm doch mal her. Gibt Zucker. Beine\ndurchgedrückt. Immer feste ran an die Gewehre.\"\nIhren feisten Hals hielt sie ihm entgegen, er legte\nsein Gesicht an, schwindlig, mit geschlossenen\nÄugen. „Ne, du begaunerst mich. Augen aufge-\nklappt. Siehste.\"\nAm Sonnabend suchte der Kaplan seinen\nBeichtvater, den Bruder Vincenz auf der neben\ntoi wohnte. Er öffnete sich dem Pater, breitete\nes vor ihm aus, führte den entsetzten Mann vor\nalle j 'inge. Schließlich gingen sie auf das Zimmer\ndes Kaplans; der schloß seinen Schrank auf, zeigte\nde« Schirm in der Ecke, der mit Bindfäden zuge-\nbunden war. Auf den Wunsch des Paters spannte\n;er den Schirm , hielt ihn lächelnd über ihre Köpfe\nmitten im Zimmer. Friedlich und ganz unzugäng-\nlich blieb er: „Ich will alles tun, was Sie für nötig\nerachten. Nur habe ich das Gefühl, das unabweis-\nbare, unbezwingliche Gefühl, daß ich nicht ver-\nstoße gegen die heiligen Vorschriften mit meinem\nTun.\" Der elastische grauhaarige Pater setzte\nsich, die Arme kreuzend, auf einen Schemel unter\ndem Bild des gemarterten Sebastian, der zum\nHimmel blickt, während ihm die Pfeile im Fleisch\nstecken: „Wenn ich Sie nun nochmal frage, Bru-\nder Anseimus, ob Sie unzüchtige Gedanken gehegt\nhaben in den Straßen oder in den Wohnungen, un-\nzüchtige Bewegungen ausgeführt oder geduldet?\nWas antworten Sie ohne jeden Umschweif?\" „Ich\nhabe keine Unzucht getrieben und nichts Schlech-\ntes gedacht. Halten Sie mich nicht für einen Ver-\nbrecher. Ich habe eine sanfte Empfindung für die\n•Frau mit Namen Alice Dufoutt, aber ich kann nicht\ndrüber sprechen. Ich dachte., vorhin, als ich de*\nRegenschirm über uns beide ausspannte, fühlten\nSie es auch.\" „Bruder Anselm, Sie sind verliebt\nin das Mädchen, Sie begehren sie.\"\n„Das sind Worte, die mich nicht treffen. Ich\nhabe eine sanfte Empfindung in mir, die sehr stark\nist. Ich bete und mein Gebet ist innig. Ich fühle\nmich in keiner Weise geändert.\" Und dann\nschwammen Seine Augen, er berührte den Pater\nam Aermel. „Meine Auffassung klingt unmöglich,\nich weiß. Ich staune, was mit mir geschehen ist.\"\nWieder hielt er inne; seufzte mit einem Blick auf\nden umgefallenen Schirm, den Beichtvater, die\nkahle Zimmerwand. „Freilich schillert manchmal\nalles, jedes in mir, bewegt sich von mir weg. Dann\nhabe ich den Wunsch, daß ein Ende einträte damit.\nVerstehen Sie das?\" Der Pater schüttelte den\nKopf und schwieg. Als er sich erhob, gab er dem\nKaplan eine kleine, kleine Bedenkzeit.\nAm Abend, als es regnete, nahm der Bruder\nAnseimus, Berthas Haus verlassend, eine Droschke,\nfuhr vor Wahlens Wohnung. Wahlen war nicht\nzu Hause. Auf das Drängen des Kaplans nannte\nder Diener die Telephonnummer, unter der sein\nHerr zu erreichen war; führte den Gast in das\nRauchzimmer. Auf den Ofen standen zahlreiche\nPhotographien, auch Berthas, Alices, mehrere\nBalletdamen, einige phantastisch schöne Köpfe.\nBeim Anblick eines dieser schwermütig feinen Ge-\nsichter wurde der Kaplan von solchem schweren\nkrampfenden Mitgefühl ergriffen, daß er sich auf\neinen türkischen Sessel setzte und den Diener bat,\ndie Verbindung noch nicht herzustellen. Er fragte\nden Mann in der Livree nach einem andern Appa-\nrat in einem ändern Raum. Und ging mit dem er-\nstaunten durch viele Zimmer in die Küche hinaus,\nflüsterte, er könne auch die leiseste Rauchluft nicht\nvertragen. Allein telephonierte er dann. Seine\nStimme tremolierte. Eine Damenstimme kicherte;\nfür Privates wäre aber der Herr Leutnant jetzt\nauf keinen Fall zu sprechen, die Stimme flötete ihm\nein paar Scherzworte zu, und wie er denn heiße,\nwie groß er sei, ob er einen Schnurrbart trüge.\nUnd dann entfernt vom Apparat flüsterte sie ver-\nnehmlich: „Du, das scheint dein verliebter Pfaffe\nzu sein. Ich hör nebenan mit zu?\" Mit ange-\nhaltener Erregung sprach der Kaplan: „Ich war\nzweimal bei Bertha. Warum kommen Sie denn\nnicht? Wo bleiben Sie?\" „Sind Sie denn schon so\nweit, Hochwürden?\" „So kommen Sie doch.\"\n„Eilt ja nicht, Hochwürden. Sie gefällt Ihnen wohl\nnicht? Na, will dafür bald mit was anderem auf-\nwarten. Uebrigens —\" Er lud den Kaplan zu\neinem kleinen Maskenspiel ein, das morgen in der\nWohnung Alices stattfände; Alice bäte ihn drin-\ngend zu kommen; sein Inkognito würde gewahrt\nbleiben.\nDem Kaplan spannte sich die Brusthaut vor\nSchmerz. Er rieb sich die Ohren; ein leiser\nSchreck war durch ihn gefahren, ohne daß er\nwußte, worüber. Er atmete tief, noch vor dem\nApparat; seine Lungen wagten nicht auszuatmen.\nEr wollte Alicen sehen.\nZu einer japanischen Frühlingslandschaft war\ndie kleine Wohnung der Mademoiselle gestutzt\nworden. Drei lustige Französinnen liefen zusam-\nmen, sinnloses schnatternd. Sie sprangen auf Stel-\nzen von einem Zimmer ins andere, wedelten mit\nkleinen Fächern. Ein deutsches elegantes Fräu-\nlein hatte sich eine turmhohe japanische Perücke\naufgestülpt und schiefe Augenlinien geschminkt;\nsie hielt sich krähend an die Herren. Das waren\nRobert und zwei Männer, die sämtlich im schwar-\nzen Trikot als Athleten und Gaukler bizarre Piir-\nzebläume schlugen, hin und wieder ein merkwür-\ndiges Glock eninstrurnent klöppelten, das sie am\nHandgelenk trugen. Als der Kaplan erschien, kam\nRobert wie ein Dämon unter die rosa Ampel des\nKorridors gestürzt, hielt Ihn fest: „Sie dürfen nicht\nso herein. Maske. Lassen Sie mich tiberlegen.\"\nVerschwand im Wohnzimmer, wo es sofort stille\nwurde und Tuscheln entstand; dann führte er den\nKaplan in Alices Schlafzimmer. Alice erschien,\nnur an der Stimme kenntlich, in gelbseidenem\nMantel mit tollen Fabelstickereien, einen züngeln-\nden Katzenkopf vorgebunden. Als sie die weißen\nSachen für den Kaplan aus einem Schrank heraus-\nholte und auf die grüne Chaiselongue ausbreitete,\nwar sie sehr langsam in ihren Bewegungen; Ro-\nbert zeigte ihr dies und das, was sie dann auch\nhinlegte; er drängte sie. schob sie, als sie zum\nSchluß nachdenklich vor der Chaiselongue stehen\nblieb, zur Tür hinaus: „Hochwürden wird sich vor\nuns schämen.\" Hochwürden aber lachte und fie-\nberte; er war leidend, hilfsbedürftig und fühlte da-\nbei mit Entsetzen, daß ein Rausch von seinem\nKopf und seiner Brust Besitz nahm, daß eine wilde\nBegierde über seine Arme, über seinen Mund\nschlich. Er knüllte mit raschelnden Händen an den\nSachen, sah sich im Zimmer um. Automatisch zog\ner an, was man ihm hingelegt hatte. Schwindlig\nging er auf den Zehenspitzen über den Korridor\nin die bunten Zimmer. Gelächter, Kreischen und\nWiehern empfing ihn. Die Damen, nachdem sie\nherbeigerannt waren, versteckten sich in die ver-\nhängte Ecke des Zimmers, die vier Herren tobten\num ihn im Kreis; sie stampften einen wütenden\nRingeltanz um ihn und zerrten ihn durch die Zim-\nmer. Er trug das rotgebänderte weitausgeschnit-\ntene Nachthemd Alices; ein grünes Seidentuch,\nein Zigeunertuch, hatte er über die nackten dür-\nren Schultern gespreizt. Die Herren rissen es ihm\naber ab, legten es über, bliesen es weg. Perlen-\nbesetzte Nachtpantöffelchen hingen ihm über den\nZehen, hellblaudurchbrochene Strümpfe rutschten\nihm herab von den Stöckerbeinen; die angeklemm-\nten Strumpfbänder schleifte er hinterher. Er hatte\nnichts gesehen, als er es anzog; er tanzte mit den\nHerren mit, freute sich, suchte Alice, und lachte,\nweil alle lachten und hätte gern gesehen, daß sie\nmitlachte. Die Katzenmaske griff ihn, als er zum\nzweiten Male durch die Wohnung gewalzt und ge-\nwirbelt wurde, am Hemdenatisschnitt, fauchte die\nHerren weg, zog ihn auf den Korridor. Sie riß die\nFratze ab; ihr Gesicht glührot bebte: „Was tun\nSie hier in den Sachen, Hochwürden? Was lassen*\nSie sich bieten?\" „Wer bietet mir etwas? Ich\nweiß nicht, daß mir irgend jemand etwas bietet.44\n„Es ist schon ganz unnatürlich, was Sie mit sich\nmachen, Hochwürden.\" Der Kaplan sah an dem\nwallendem Hemd herunter, spielte mit den roten\nBändern, während sie sich abdrehte: „Nehmen Sie\ndoch die Hände davon.\" Er zitterte sichtlich: „Ich\nfinde, daß Sie mich alle mißverstehen.\" Resolut riß\ndas Fräulein die Tür zu ihrem Schlafzimmer auf:\n„Ziehen Sie sich um und gehen Sie. Kommen Sie\nnicht wieder herein. Morgen will ich Sie sprechen,\nHochwürden. Ich muß Sie sprechen.\" Er stöhnte:\n„Ich will hier bleiben bei Ihnen. Was wird morgen\nsein? Warum schicken Sie mich hinaus\", sie war\nschon fort.\nIn der Nacht heimkehrend steckte er die Gas-\nflamme in seinem Zimmer an. Aus seinem Schrank\nhob er mit schwankenden Armen den schwarzen\nRegenschirm, tastete nach der Büchse Schuhcreme\nim Fach. Er fingerte unsicher über Schirm und\nBüchse, packte sie auf einen Stuhl unter dem Bilde\ndes heiligen Sebastian, warf sich in einer unbe-\nzwinglichen Bewegung auf den Boden, aufgewir-\nbelt und fast ohne Besinnung, schrie: „Herr, mach\nein Ende! Noch Sekunden laß mich irren, noch\nMinuten, wenn du es willst, nicht länger, Herr ein\nEnde!44"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10556, "texte": "Als er morgens erwachte, brannte noch das Gas\nüber ihm. Er war am Boden eingeschlafen. Er\nfand sich voll inwendiger Sehnsucht nach Alice\nund hatte das Gefühl, daß dies ein gebenedeiter\nnotwendiger Tag sei.\nEr.ging durch das Seitenportal seiner Kapelle\nauf die Straße. Er blickte sich scheu um; über\nsein weißes Priesterkleid und die Stola hatte er\neine lange Pellerine geworfen; sein Kopf bloß. Am\nRand des Rinnsteins in der stillen Straße schlich\ner; ein Wagen knatterte über Steine; er winkte,\nstieg ein. Blendende lebendige Frühlingssonne in\nallen Straßen. Der Potsdamer Platz tauchte auf,\nmenschenwogend, von Wragen durchschwungen.\nStillers Schuhgeschäft glitt vorbei. Läden an Läden,\neine Allee von Schaufenstern; die grünen Kasta-\nnien und Buchen des Schöneberger Ufers. Kein\nNebel, jedes aufblühend, schmelzend, hinfließend,\nalles du und du. Die Pellerine, die auf den Rücken\ngerutscht war, schlug der lange Kaplan nicht nach\nvorn zurück als der Wagen hielt; in der Flottwell-\nstraße stieg er langsam aus der Droschke, ging\nruhig an den staunenden vorbei in das Haus Alices.\nRauchige Luft in ihrem Korridor, die Lampions und\nGirlanden hingen noch und lagen zertreten auf\ndem Flurteppich. Als er den Korridor betrat und\nalles schwieg, kam es ihm vor, als ob er auf Dau-\nnen einherginge. Er dachte zärtlich: wohl Euch,\nwas habe ich Euch beschert.\nIm Wohnzimmer setzte er sich an das Fenster;\ndas Zimmer war völlig ausgeräumt; der Parkett-\nboden zerschrammt, mit duftendem Wein und Bier\nbegossen, ein kleiner Haufen grüner und weißer\nScherben lag mitten im Zimmer unter dem bebän-\nderten Kram. Wie sich der Kaplan halb zur Seite\nwandte, sah er in einer Erkernische etwas Buntes\nstehen; er faßte hin; es waren die Strümpfe Ali-\ncens, die er gestern getragen hatte, mit Apfelsinen\nausgestopft, an einer Korsettstange darüber bau-\nmelte ihr Hemd, das mit Rotwein begossen war,\nden Abschluß oben bildete eine Mütze aus Silber-\npapier; er erkannte, es war eine runde Priester-\nmütze. Er streichelte schmerzlich den Haufen:\nwie gut sind sie, und was muß ich ihnen antun!\nDer Aufbau raschelte hin, als er ihn losließ. Seine\nOberlippe zuckte. Er sollte warten; hörte neben-\nan im Schlafzimmer Alicens Wasserplätschern,\nwarf die Pellerine über die Figur und ging ohne\nzu klopfen hinein. Sie tauchte grade die Hände\nin das Becken; gellte kurz, stürzte ins offene Bett,\nverschwand unter der Decke. Der Kaplan blieb\nan dem Waschbecken stehen, sagte langsam und\nruhig, wozu es nötig wäre ihn warten zu lassen,\nwarum sie erschrecke; er wünsche sehnlich mit\nihr zu sprechen. Unter dem Deckbett wühlte es:\n„Rufen Sie sofort das Mädchen.\" Er schloß die\nTür; setzte sich auf die Bettkante, streichelte ihre\nKopfkonturen auf der Decke: „Ich will mit Ihnen\nsprechen. Sie dürfen sich nicht mir vorenthalten.\nStehen Sie auf.\" Ihr Gesicht kam hervor, sie\nsprang am Fußende heraus; stellte sich, im Unter-\nrock mit nackten Füßen und halboffener Brust,\nKonfetti im hängenden Haar an die Wand. „Hoch-\nwürden\" sagte sie halbweinend\" was wollen Sie\nvon mir? Warten Sie draußen.\" Er blieb auf der\nBettkante sitzen mit strahlendem Ausdruck: „Seien\nSie doch ruhig, Fräulein Alice. Seh ich ans, wie\neiner, der Ihnen etwas tun will. Seien Sie ruhig\nnnd lassen Sie mich hier.\" Sie hing sich ihren Ki-\nmono um, rauschte auf ihn zu, konvulsivisch aus-\nbrechend warf sie sich vor ihm hin und legte den\nKonfetti im hängenden Haar an die Wand. „Hoch-\nwürden\" sagte sie halbweinend „was wollen Sie\nso früh kommen. Ich will nicht mehr hierbleiben,\nkeine Minute länger. Was Robert mit Ihnen macht\nist schändlich, ist unerträglich. Ich ertrag es nicht.\nSie müssen mir hier weg helfen.\" „Robert ist kein\nSchurke; er ist kein Schurke. Wie können Sie so\nsprechen!\" Sie schrie: „Was sind Sie für ein\nMensch. Ich will nicht, daß Sie sich durch den\nSumpf ziehen lassen von ihm. Wenn das so fort\ngeht, will ich Sie nicht sehen und Robert nicht\nsehen. Hochwürden, was hab ich erduldet von\ndiesem Mann. Ich habe in den letzten Wochen erst\nalles gesehen. Lieber will ich Hunger und Durst\nertragen, als mit ihm länger zusammen sein. Ich\nweiß, daß Sie mir gut sind, helfen Sie mir.\" Der\nKaplan war aufgestanden; sie stand dicht an ihn\ngedrängt.\nEr flüsterte mit unbeweglichem Gesicht: „Hier\nist keine Rede von Hilfe. Woher wissen Sie, daß\nich Ihnen gut bin.\" Er zitterte, als sie ihn an-\nblickte: „Aber jetzt glaub ich, daß Sie mich nicht\nmehr mißverstehen. Mein Gott, es scheint durch\nmeine Poren zu dringen.\" „Was ist Ihnen?\"\nDer Taumel berührte sein Gehirn. Er hielt nicht\nmehr stand. „Ich weiß, ich bin Dir gut, Alice.\nUnd gleichzeitig höre ich dich garnicht. Ich kann\nmich anstellen, wie ich will, ich höre nicht, was du\nsagst. Es schwingt in mir nicht mit. Ich bin dir\ngut, und du verschwindest vor mir. Wie heißt du?\"\n„Alice, Alice Dufoult.\"\n„So gut bin ich dir. Du mußt dich nicht be-\nklagen. Ich beklage mich auch nicht. Ich weiß\nnicht, was du verloren hast. Wenn du vor mir\nstehst in diesem Zimmer, bist du ohne Fehl, und\nich bin ohne Fehl. Du bist mein. Und darfst dich\nmir nicht vorenthalten.\"\nSie riß an seiner Stola: „Du darfst nicht diesen\nMantel tragen, wenn du mich anfaßt.\"\nEr lachte mit einer quellenden Heiterkeit: „Faß\nmeinen Mantel an, faß die Stola an. Ich bin Prie-\nster. Fürchte dich nicht.\"\n„Aber ich fürchte mich nicht, Anselm.\"\n„Nein, das sollst du nicht. Nur ich muß mich\nfürchten. Und tus nicht, und wills nicht tun.\"\nSie streichelte seine liand, die er sich vor den\nMund hielt, als wollte er sein Lachen darauf fest-\ndrücken und festklammern.\n„Und wenn mich einer anklagt und ich ver-\ndammt werde, Alice, ich kann es nicht mehr auf-\nhalten. Ich kann nicht an mich halten, ich muß\ndich in meine Arme nehmen, und dich küssen.\"\nSie ließ sich küssen, ja sie hängte sich an seinen\nHals. Sie bettelte, er solle den Mantel ablegen,\naber er blieb dabei, er müsse ihn vor seinen Augen\nhaben, vor seinen Augen behalten; keine irdische\nGewalt würde ihm das rauben. Und so ging er\nhinaus, sie kleidete sich an. In einer Hemmung\nstand sie immer wieder da. Schließlich war sie\nangezogen und schlüpfte entschlossen zu ihm hin-\nein. Ins Grüne wollten sie fahren. Sie war fröh-\nlich und sagte ja, schickte das Mädchen herunter\nnach dem kleinen Tandem. An der Tür drehte sie\nsich um, rief dem Mädchen zu, sie möchte nicht\nwarten mit dem Mittag, sie führen nach Döberitz\nzu auf der Heerstraße.\nDie breite benzindampfende Chaussee, zwi-\nschen den beiden grünen Baumlinien, trabte das\nGefährt. Alice in grauer Sportmütze, die Peitsche\nin der Hand lenkte den Schimmel. Vor einem\nBlumengeschäft hielten sie, hängten große Flieder-\nbiische, Goldlack, schneeweiße Myrrhen über ihren\nSitzen auf. Hinter schaukelnden Zweigen fuhren\nsie. Der junge Priester war wie ein Kind, drückte\nihre freie linke Hand flach zwischen seinen beiden,\nsagte, nun sei sie ein Frosch und er hielte sie fest-\ngeklemmt: quak, sprang der Frosch heraus. Sie\nbettelte, der Frosch wolle wieder hüpfen. Er\nträumte: ja, wohin?'\nDa sah sie zwischen den Blüten, daß drüben\nzwei Kinder, dort ein Pärchen, rechts ein Herr auf\ndem Trottoir stehen blieben, gespannten Ausdrucks\netwas hinter ihnen beobachteten. Ein dumpfes\nTrappen kam hinter ihnen her, wie entferntes Tep-\npichklopfen, Poltern über Trommeln, jetzt Klap-\npern, Eisen auf Stein, schmetternd und klirrend,,\nheranstoßende Pferdehufe. Alice schoß hoch, ihre\nMütze riß die Zweige auseinander: „Robert, es\nist Robert!\" Von hinten brüllte es her, während\nder Schimmel halb scheu die Hinterbeine hochwarf,\nden Hals zurückbog und geifernd ein wütendes\nTempo einschlug: „Kanaillen, anhalten! Pfaffen-\nhund anhalten!\"\n„Hilf mir, Anselm, rette mich, er schlägt mich\ntot.\"\nBesinnungslos schob sie ihm die Zügel zu,\ndrehte sich auf ihrem Platz aufrecht um sich selbst,\nentwand sich dem Kaplan, murmelte mit einem'\nblinden Blick über die lange vorbeifliegende\nChausee: „Er schlägt mich tot, er schlägt mich tot!\nHilfe!\" Der Schimmel bockte, stürmte mit dem\nkleinen Wagen davon, der rechts und links schleu-\nderte, gegen die Bordschwelle schlug, einen Baum\nanstreifte. Sie rasten zwischen den Baumreihen\nhindurch. Ein Geschrei war vor ihnen, neben ihnen.\nDie auf dem Wagen blieben ohne Laut. Einen Mo-\nment, als er sie noch hielt, drehte sie den Kopf zu\nihm; in seinem Gesicht war etwas, daß das arm-\nselige Geschöpf die Hufschläge des Reiters an-\nhörte und es durch sie fuhr: „Was will der von\nmir, und was will der von mir?\" Die wirbelnde\ngraue Luft war da. Die graue fließende Luft\ndeckte seinen Mund und seine Augen, hielt seinen\nKopf von vorn und hinten. Die Frau wand sich\nneben ihn herunter zwischen Pferd und Deichsel;\ner packte sie um den Rücken, griff ihr unter die\nArme. Und während er mit ihr rang, den Zügel\nin der Linken, und sie ihm den Mund zerkratzte,\nwar in seinem Kopf hell das Bild des strampeln-\nden edlen Rosses, des rettenden edlen Tieres. Sein\nKörper strebte hoch, um sie zurückzuschaudern,\ndie Zügel anzureißen. In seine Arme kam ein blin-\nder Willen: weg von Alice, weg von ihr. Die Hände\nmußten es tun, die Hände taten es. Vor seinen\nAugen stand noch auf einem weißen Vorhang das\nBild des davonstürmenden Rosses mit der Frau auf\ndem Rücken; da sprachen seine Lippen in die Luft\nhinein das Totengebet über der stürzenden Frau,\njede Silbe ein betäubender hirnfüllender Schluck\nLuft: „Commendo te omni potenti, aspectus mitis\natqe festivus tibi appareat.\"\nDer Körper des Kaplans lag atmend, blutbe-\ndeckt in einer Baubude der Rohrleger. Die Arme\nhielt er steif vorgestreckt in der Haltung, in der\ner Alicen sinken und zerschmettern ließ. Der\nLeutnant drang an den Männern vorbei, hieb dem\nKaplan mit seiner Reitgerte über die Arme; die\nArme schnellten wieder zurück. Der bewußtlose\nzwinkerte, bebte auf, hielt sich für Wasser, das\nman mit Ruten streicht. —\nDie Brüder fuhren ihn auf das Land in ein\nwaldumstandenes Kloster. Er las keine Totenmes-\nsen, duldete nicht, daß man welche las. Sie sollte\nbrennen in der Hölle, das legte er sich auf.\nDrei Wochen brannte sie. Da merkte er, als\ner morgens erwachte und der weiche Nebel vom\nGarten in seine Zelle wehte, daß die Bewegungen\nseiner Arme, das steife Vorsichhinstrecken etwas\nanderes bedeuteten. Die Kutte warf er sich über,\nauf nackten Füßen ging er bebend an seinen klei-\nnen Altar. Er trug auf seinen Armen ein Opfer für\nMaria, das brachte er ihr jetzt. Während er die\nStirn auf den schwarzen Samt des Tischchens\npreßte, fühlte er, daß Maria ihn verstand, daß sie\nsein Opfer annehmen wollte. Eine Lösung kam in\nseine Glieder, seine Arme sanken, herunter. Er\nzündete die Kerzen an, las die Messe für die Tote."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 539, "texte": "Und während er die. iiände aneinandergelegt\nvor die Stirn hielt, kam ihm vor, als ob sein Frosch\naus der Mulde zwischen ihnen hervorhüpfte, laut\n„quak, quak\" machte und behend vor die Füße der\nGottesmutter sprang. Die Engel lachten fein, als\nwenn man ein Seidenpapier umwendet. Die Füße\nMarias bewegten sich wenig. Das rosige Wolken-\nkleid über ihren Schenkeln strich sie glatt, da\nhüpfte der kleine braune Frosch empor. 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Er trat darauf an den Schreibtisch, legte seine\nbeiden Hände flach auf das schwere, versiegelte\nPaket, sah lächelnd und mit in die Höhe gezogenen\nBrauen über seine Schulter zu ihr hinüber —:\n„Sehen Sie hier!\nDa ist in erster Linie dieses dicke Inquarto —\nmein letztes Manuskript. Ein Roman von nicht we-\nniger als ungefähr fünfhundert dicht gedruckten\nBuchseiten! Mit anderen Worten eine sehr um-\nfangreiche Erzählung, die ich nichtsdestoweniger\nim Laufe eines Monats ganz und gar konzipiert,\nentworfen, durchgearbeitet und fertig geschrieben\nhabe!\nMorgen vormittag wird ein Bote vom Verlag\nkommen, um es zu holen —: dies mein Endwerk!\nWenn Sie es also nur dem betreffenden Mann\nausliefern wollen! —\nUnd endlich\", — er fühlte auf einmal seine Arme\nzittern, konnte hören, daß seine Stimme anders\nklang als eben noch —■:\n„Endlich,\" — wiederholte er, bestrebt, seine\nStimme wieder leicht und frei zu machen, seine\nAugenbrauen sehr stark in die Höhe ziehend, und\nsich den Anschein gebend, als ob er nachlässig\nnach irgend etwas auf dem Tisch suchte — „end-\nlich möchte ich Sie außerdem bitten, so gut zu\nsein, mich morgen früh präzise acht Uhr zu wecken\n— ich muß ausgehen!\nEin viertel vor neun können Sie mir eine Tasse\nKaffee bringen! . . .\nDanke!\nWeiter war da nichts — gute Nacht!\"\nEr hatte ihr zuletzt das Gesicht zugewendet,\nhatte seine Blicke mit freundschaftlichem Wohl-\ngefallen auf diesem länglichen, ein wenig müden,\nliebenswürdigen Antlitz, das von schönem, weißem\nHaar umrahmt war, ruhen lassen; auf dem schma-\nlen, blendend weißen Tollenkragen um den Hals,\ndem schwarzen Kleid, das anmutig die kleine, feste\nGestalt umschloß, der es im übrigen weder an\nZartheit noch an Eleganz fehlte. Er hatte jetzt ein\nGefühl, als wenn er sie in Wirklichkeit zum aller-\nersten Mai so recht gesehen hätte. Er lächelte,\nstrich sich mit der Hand langsam über das\nKinn —:\n„Ja!\" — sagte er dann, ohne selbst begreifen\nzu können, warum er sie nicht so schnell wie mög-\nlich gehen ließ, so daß sie zu Bett kommen konnte\n— „es ist allerdings heute abend recht spät für\nSie geworden! Die Uhr ist jetzt . . . ja, sie ist weiß\nGott schon ein wenig über halb zwei — aber es\nist eine sehr wichtige Sache, weswegen ich mor-\ngen zur Stadt muß, sie duldet leider auch nicht\neine Stunde Aufschub!\nIch muß noch hinzufügen —: eine außerordent-\nlich bedeutungsvolle Sache, die wahrscheinlich\nbesonders weit reichende Folgen haben wird!\nFür verschiedene von den Implizierten! . . . .\nOder auf alle Fälle, richtiger gesagt, möglicher-\nweise für mich selbst!\" ■— fügte er schnell hinzu,\nstotternd — indem er infolge eines unruhigen, fast\nängstlichen Ausdruckes, der über Frau Brügges\nAntlitz hinglitt, sich plötzlich bewußt wurde, daß\ner hier stand und über Dinge redete, die einem\nFremden gegenüber zu erwähnen keineswegs\nseine Absicht war!\nEr machte also schnell eine hastige Bewegung\nmit der Hand, verneigte sich kurz und leicht,\nstreckte den Arm nach dem Schreibtischstuhl\naus, wie um sich hinzusetzen . . . aber da hörte er,\nunerwartet, tief von da unten her, als sei es die\nSumme von allem, was er soeben gedacht, gesagt\nund vorbereitet hatte, — oder als komme es gar\nnicht aus ihm selbst, sondern aus dem Boden\nunter seinen Füßen, aus der Finsternis und Feuch-\ntigkeit des Kellerraumes, aus dem kohlschwarzen\nund kalten, sickernden Schoß der Erde selbst —:\ndiesen gedämpften, fern knurrenden Ruf: Karl\nMumme! . . . Und er wandte sich dann, plötzlich\nlächelnd, mit zitternden Knien, wieder nach der\nHaushälterin um, die schon dort an der Tür\nstand —:\n„Sagen Sie mir einmal, Frau Brügge\" — be-\ngann er fieberheiß, mit rauhen oder entzündeten\nNerven rings um sich her nach irgend einem\nThema schnappend, das er mit ihr bereden könnte,\nwenn es auch nur für eine oder zwei Minuten\nwar —:\n„Hören Sie einmal!\nWas ich Ihnen noch sagen wollte, liebe Frau\nBrügge!?\nJa —: das hätte ich ja beinahe vergessen,\nIhnen mitzuteilen, daß ich möglicherweise morgen\nzu Tisch nicht nach Hause komme!\nIch komme aller menschlichen Wahrscheinlich-\nkeit nach morgen weder zu Tisch noch zu Abend\nnach Hause!\nSie sehen mich, mit andern Worten, vielleicht\nerst übermorgen wieder!\nNehme ich wenigstens an! . . .\nJa —:\nIch erzähle Ihnen dies hier!\" — beeilte er sich\nfortzufahren, gleich sobald er selbst voller Stau-\nnen und Unruhe gehört hatte, was er hier redete\n— „um es Ihnen klar zu machen, daß Sie morgen\n— von dem Augenblick an, wo Sie mich präzis\nacht Uhr geweckt und mir darauf meinen Kaffee\ngebracht haben (recht starken Kaffee, wenn ich\nbitten darf!), ein Viertel vor neun — im vollen\nUmfang den Tag zu Ihrer eigenen Verfügung\nhaben!\nIch darf vielleicht noch, ohne in irgend einer\nWeise die Diskretion zu verletzen, die mir still-\nschweigend auferlegt ist,\" — fuhr er fort, indem\ner eine ernste, fast bekümmerte Miene aufsetzte,\nund ein oder zweimal den Kopf schüttelte, — „ich\ndarf Ihnen ferner wohl verraten, daß ich even-\ntuell gezwungen sein werde, in der allernächsten\nZukunft eine Reise zu unternehmen! Ach, Sie\nkönnen selbstverständlich, was Sie selber anbe-\ntrifft, völlig ruhig sein — ich bin nach jeder Rich-\ntung hin unbedingt mit Ihnen sehr zufrieden, ja,\nmehr als das! und beabsichtige also keineswegs\nirgendeine Veränderung hier in diesem Hause ein-\nzuführen, im Gegenteil . . . aber ich selbst werde\nwohl sicher gezwungen sein, eine Reise zu unter-\nnehmen, wohin, wie lange — das weiß ich noch\nnicht so genau; aber ziemlich weit fort, glaube ich\ndoch, geradeaus gesagt eine außerordentlich weit\nführende Fahrt — nun aber, wir werden ja sehen!\nDoch\", — schloß er, plötzlich totmüde und\nentnervt, nur mit Mühe diese letzten Sätze for-\nmend <—:\n„Ich will Sie jetzt nicht länger aufhalten!\nMachen Sie, daß Sie zu Bett kommen, liebe\nFrau Brügge — und eine gute, ruhige Nacht!\nSie entsinnen sich ja: um acht Uhr, ein Vier-\ntel vor neun, der Bote vom Verlag ungefähr gegen\nzehn Uhr — und mich haben Sie weder zu Mit-\ntag noch zu Abend hier! —\nIch danke Ihnen!\nSchlafen Sie recht gut!\"\nEr wandte sich gewaltsam um, von ihr ab —\niiörte das leise Rascheln ihres Kleides, während\nsie die Tür öffnete und mit einem Knicks ver-\nschwand; ward unmittelbar darauf von einem\nwahnsinnigen Grauen vor dem Alleinsein erfaßt,\nmachte einen lautlosen Sprung auf das Entree zu,\nkonnte noch mit angespanntem Lauschen den Laut\nihres leisen trippelnden Schrittes verfolgen,\nstreckte die Hand nach dem Türgriff aus, sinnlos\nvor Schrecken — unterschied aber da im selben\nAugenblick eine außerordentlich gedämpfte\nStimme, die, dicht neben seinem Ohr, sowohl\ndieses, als auch seine Wangen, seinen Hals und\nseinen Nacken mit einem brennend heißen Atem-\nhauch traf, indem sie ihm zuflüsterte: Karl\nMumme!\nMit einem Stöhnen drehte er sich auf seinem\nAbsatz herum, die Arme wild vor sich ausge-\nstreckt, erbleichend, zurücktaumelnd —:\nWer . . .\nWer da!?\nWer war es, der sprach?! . . *\nSeine Zähne schlössen sich gleich darauf mit\neinem hörbaren Laut zusammen. Ein Zittern rann\ndabei durch seine Glieder. Noch eine Sekunde flo-\ngen seine Blicke wie toll nach allen Seiten.\nAber einen Moment später erkannte er, nach\nund nach, mit noch keuchendem Atem, daß es\nselbstredend eine Sinnentäuschung gewesen sein\nmußte, diese Stimme! Ganz einfach ein halluzi-\nnatorischer oder vielmehr schlecht und recht ein\nlächerlicher Nerveneinfall, natürlich, nur verur-\nsacht durch all das, was er heute abend erlebt\nhatte! wer in aller Welt, außer ihm selber, sollte\nwvohl diesen Namen hierein diesem Hause kennen,\nUnsinn, unmöglich!\nEr entsann sich jäh darauf Frau Brügges\nschmalen und liebenswürdigsten Gesichts, mit dem\nruhigen Lächeln, den schönen Zähnen und den\ndunklen und klaren Augen unter dem dichten, wei-\nßen Haar — und begann im Anschluß hieran, ohne\nsich jedoch selbst dadurch ganz hinters Licht\nführen zu könen, eine Reihe von Vorwürfen gegen\nsich selber zu richten: Freilich, es war höchst un-\nfreundlich, geradezu unpassend von ihm gewesen,\ndaß er nicht den Augenblick eben, als sie hier\ndrinnen war, benutzt hatte, um sie ein klein wenig\nauszufragen, wie es denn ihrem Sohn gehe, der\nauf den tropischen Meeren fuhr, irgendwo, als\ndritter Steuermann! Offen gestanden, das einzig\nKorrekte würde sein, wenn er jetzt spornstreichs\nzu ihr hineilte und versuchte, diese Unterlassungs-\nsünde wieder gut zu machen, indem er vernünf-\ntig und lieb eine Viertelstunde oder so mit ihr\nplauderte — mein Gott, diese alte, einsame Person,\ndie so redlich, so gütig und liebevoll, so unermüd-\nlich, während dieser zwei langen Jahre für ihn\ngesorgt hatte, seit jenem 1 age .... seit jenein\nTage, als Karl Mumme . . . ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-06-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-06-01_01#c011", "volume": "bmtnabg_1914-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.2.7", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.8", "debut_caractere": 483, "fin_caractere_exclue": 1020, "texte": "Der Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W / Potedmner Straie 134 a\nSechsundzwanzigste Ausstellung\nMare Chagall\nNfeue Gemalde und Graphik\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nEroffnung in GenU 15. August\nSturmausstellungen 3n Deutschland und int Aus-\nland I Juni 1914\nStuttgart: Kandinsky\nGoteborg •/ Schweden: Der Blaue Reiter\nHamburg: Jacoba van Heemskerck\nJena: August Macke\nNaumburg: Expressionisten\nTokyo: Graphik\nFrankfurt a. M.: Jawlensky"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-06-01-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-06-01_01#c012", "volume": "bmtnabg_1914-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.2.8", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.8", "debut_caractere": 1022, "fin_caractere_exclue": 2760, "texte": "Verlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nfialbmonatsschrilt Der Sturm\nErscheint am ersten und fiinfzehnten jedes Monats\nGewohsiliche Ausgabe Fur Deutscklasd'\nund 0 esterr eich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig I F ii r das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes I Probenummer umsonst\nSonderausgafoe: Ungebrochene Exera-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nse n d u n g in Rollen direkt durch die\nPost fiir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark ,/ Fiir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark I Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\n'Kunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n\"durch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum fiinften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i h -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird\nGeneralverfretung des Verlags Eugene Figuiere /\nParis"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-06-01-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-06-01_01#c013", "volume": "bmtnabg_1914-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.2.9", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.8", "debut_caractere": 2762, "fin_caractere_exclue": 5341, "texte": "Origlnalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klaromern beigeffigt / AHe\nExemplare sind vom Kiinstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde I Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtla I Der S11 • ? /\nSchlalende Hirtin / Wlldpierd® /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) (je 10)\nKaiidinsky: Sonntag / Zwei Vogel I Das Exemplar\n30 M I Radierungen M 60 und M 40\nMax Pecbstein: Die Erlegung des F e s t -\nb r a t e n s / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert I\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nOtakar Kubin: Handdrucke\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Holzschnitt 1\nbis IV / Das Exemplar 30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSdimidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraBe / Nordischer Hafen / M&dchen auf Sofa !\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / PortrSt I\nI StraBenkurve / Zwei Akte / Das Exemplar\n30 Mark (12) / Liebespaar / MiiBige Hetaren I\nSchlafende Het&re / Je 40 Mark (12)\nH. Campendonk: Originaiholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 30 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat fQr die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nMusik\nHerwarth WaSden: D a f ti i s 1 i e d e r / Zu Oe-\ndichten von A r n o H o 1 z I Ffir Qesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten / Nummer h Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn / einzeln 50\nPfennig\nKfcn stlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / LuigiRussolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Qiao\nrini: Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nKaiidinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries ,/ Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall /\nKlee ./ Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw\nMappers und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen j\nStrichatzimg / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in dn~\nfacherer Mappe 12 Mark\nKaiidinsky 1901—1913 / Monographie mit sech-\nzig ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nIHustrierte Ausstellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin 30 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit funfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-06-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-06-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1914-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "40", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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S ancta Su-\nsanna / 50 Pfennig / Verlag Der Sturm / Berlin\nW9 I Erscheint am 10. Juni\nVereln Kir Kunst / Leitung HerwartbWaldes\nI Elftes Jahr / Jahresbeitrag 20 M. / Rechte\nder Mitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift Der\nSturm I Ereier Besuch aller Sturmausstellungcn /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation: 1913/14r\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst\nPoet-Lore Begriindet 1890 I Eine Zweimonats-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dem Drama\nder Qegenwart in alien Landern / Literarische\nBeitrage von Maeterlinck / Claudel / Jammes /\nDuhamel / D'Annunzio / Synge ./ Whitman f\nEchegaray / Bjornson / Hervieu / Tchechow >\nPszybiszevski / Gorki / Noguchi / Gliose j Mac.\nGathmhacil / Probeheft gegen Einsendung von\n6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezue Mark / Ver-\nlag Richard G. Badger I B o s i o n / M ass\nI USA 194 Boylston Street\nUmber to Bocdoni: Pittura ScuHura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milan©\nI Con ritratto delFautore / Prcis M 3.50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnthologie des Independants: Tous les prosateurs\net poetes desireux de collaborer l'A n t h o 1 o g i c\ndes Independants, qui doit paraitre pro-\nchainement sous le patronage et avec l'appui de\nplusieurs hautes notabilites litteraires, sont pries\nd'adresser leurs envois, en demandant les condi-\ntions de collaboration, a la Revue des Inde-\npendants, 14, Boulevard Montmartre / Paris"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.1", "texte": "Umfang acht Seiten\n£inzelbezug 40 Prcanig\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W 9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAus steilungs räume\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nFÜNFTER JAHRGANG 1914\nBERLIN-PARIS ERSTES JUNIHEFT\nNUMMER 5\n\nInhalt:\nHL W.: Die Tauentozien-Girls / August Stramm: Gedichte / Allred Döblin: Der Kaplan / Aage von Kohl: Der Weg durch die Nacht / Carl\nMense: Linoleumschnitt\n\nCarl Mens©: Origmal-Linoleumsehnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.2", "texte": "Die Tauentzien-Girls\nH. W.\nDie Unsittlichkeit soll besonders in Charlotten-\nburg zu sehen sein. Die Tauentzienstraße vom\nKaufhaus des Westens bis zum Taufhaus des\nWestens ist eine Stätte der wildesten Lebens-\nfreude. Die Kreissynode Berlin und die Vossische\nZeitung sind darin einig. Romane werden über\ndiese Straße geschrieben und konfisziert. Die Un-\ntergrundbahn schreit beim Eintritt in diese Laster-\nallee zum Himmel. Versteinert ragt sie über den\nBoden, aber in wohlanständigen, soliden, künst-\nlerischen Formen. Die Lästerallee des Zoologi-\nschen Gartens speit ihre Girls in diese Lasterallee.\nAuf der Terrasse des romanischen Cafes kühlen\ndiese erotischen Spätrömerinnen ihr heißes Blut\nmit Vanilleeis. In richtig elektrisch beleuchteten\nLäden werden die Gegenstände der Unzucht, Kor-\nsetts, Stiefel und Aufschnitt verkauft. Solide Ge-\nschäftswagen trauen sich nicht durch diese Straße\nund die Elektrischen bleiben stockend alle Minute\nstehen. Die Girls sollen so gut wie unbekleidet\nauf den breiten Steigen wandern, die für Bürger\nbestimmt sind, die Hüte tragen sie in der Hand,\nan jedem Laternenpfahl küssen sich die Paare. Die\njungen Bäume in ihren Baumtöpfen sehen entsetzt\nauf dieses ganz entbundene Leben. Das ist alles\nhöchst betrübend. Aber diese Freudenwelt ist\nallen verschlossen, deren Augen nicht in Unsitt-\nlichkeit geübt sind. Der Fremde sieht nur gut-\ngekleidete Mädchen, die zwar noch nicht alle das\nfünfzigste Lebensjahr überschritten haben, aber\ndennoch schon mit Herren gehen. Zwar tragen\nmanche 1 ennisschläger bei sich, die man ja nicht\nnur zu perversen Dingen, sondern auch zum Tennis-\nspielen benutzen kann. Was haben die Tauentzien-\nGirls der armen Welt getan? Nichts, aber sie sol-\nlen etwas tun. Denn Spazierengehen, Kinolaufen,\nCafehaussitzen genügt den Anforderungen der hö-\nheren sittlichen Welt nicht. Die eine Hälfte fordert\nhausfrauliche Beschäftigung, die andere Kunst und\nWissenschaft. Aber die Tauentzien-Girls sind in\nder Kunst viel praktischer und in der Praxis viel\nkünstlerischer als ihre Vorbeterinnen. Sie haben\nmehr und nicht weniger davon, wenn sie ihre Her-\nren Jünglinge durch den Zoologischen Garten,\nals wenn sie Herr Fritz Stahl durch die Renaissance\nführt. Warum sollen die Mädchen sich von un-\nkünstlerischen Menschen befruchten lassen? Was\nsollen Mädchen mit der Wiedergeburt anfangen,\nwo sie doch mit der Geburt nicht enden dürfen?\nWarum sollen sie für die Kunst leben, da die\nKunst besser ohne sie lebt. Besser, sie sind in der\nPraxis künstlerisch, indem sie sich so gut anziehen,\nals es ihnen besser steht. Wenn sie allen gefallen,\nist es nicht so schlimm, als wenn ihnen die Kunst\ngefällig wird. Sie sollen sich lieber für künstle-\nrische Photographie begeistern, als für photogra-\nphierte Kunst. Sie sollen lieber mit der Melba die\nPfirsiche teilen, als den Gesang. Sie sollen lieber\nfür den Rudolf Herzog schwärmen, der die Kleider\nmacht, als für den, der Romane nachmacht. Sie\nsollen lieber oberflächlich sein, als gebildet, lieber\nleichtsinnig, als tiefsinnig. Denn dabei kommt doch\nnur Flachsinn heraus. Die Tauentzien-Girls sind,\nwas sie scheinen. Warum sollen sie so scheinen,\nwie die andern auch nicht sind. Warum sollen\naus Mücken Elefanten gemacht werden, die zwar\ntrampeln wollen, aber doch Mücken sind.\n\nGedichte\nAugust Stramm\n\nDämmerung\nHell weckt Dunkel\nDunkel wehrt Schein\nDer Raum zersprengt die Räume\nFetzen ertrinken in Einsamkeit!\nDie Seele tanzt\nUnd\nSchwingt und schwingt\nUnd\nBebt im Raum\nDu!\nMeine Glieder suchen sich\nMeine Glieder kosen sich\nMeine Glieder\nSchwingen sinken sinken ertrinken\nIn\nUnermeßlichkeit\nDu!\nHell wehrt Dunkel\nDunkel frißt Schein!\nDer Raum ertrinkt in Einsamkeit\nDie Seele\nStrudelt\nSträubet\nHalt!\nMeine Glieder\nWirbeln\nIn\nUnermeßlichkeit\nDu!\nHell ist Schein!\nEinsamkeit sclilürftT\nUnermeßlichkeit strömt\nMich\nZerreißt\nMich\nIn\nDir!\nDu!\n\nMairegen\nDer Himmel hängt auf dem Pferderücken\nTropfen um Tropfen\nBlankt\nDas Fell!\nDie Hufe streichen Ungeduld\nDas Maul fetzt Schaum!\nZack\nZackelt der Trott die flackrigen Sehnen\nIn Zügel klammert die Nässe und stemmt!\nHoch rammt der Kopf\nUnd stäubet Nebel!\nZack Zack\nZack Zack\nDie Pfützen kreisen\nZack Zack\nZack Zack\nDie Tropfen schleifen\nZack Zack\nZack Zack ä\nDas Wittern streicht am Boden i\nSchritt um Schritt!\nDie Erde schwült\nDie Schwüle gleißt!\nMein Pferd und ich\nZerdampfen\nIn\nHimmel und Düsen! 's\n\nGewitter\nSchwarz fletscht in Weiß\nDie blauspielfrohcn Dünste starren hagelgelb.\nHelle flackert\nTäubt zu Boden.\nWüten\nSteinigt\nSchlössen!\nTottoll krallet um die Nacht.\nMatt aufadert\nBlau das Recken\nBebet bäumet\nWuchtet , ,\nHebt sich\nStemmt die Fäuste\nHartscharfkantig\nSchellet Wolken\nHellet Aengste\nSteht und streckt sich\nPackt das Gurgeln\nUnd zerwürgt es\nNach ihm stürzend\nSich verbeißend\nKollernd rollend\nIn\nDie\nLeere!\nAugen\nSchleiern auf und schluchzen!\nTränen\nWellen\nLösen\nSchrecken!\nLichter\nGrellen\nHoch im Bogen!\nKlänge\nSchwingen\nFreie\nStarke\nSonnsiegklänge!\n\nBlüte\nDiamanten wandern iibers Wasser!\nAusgereckte Arme\nSpannt der falbe Staub zur Sonne!\nBlüten wiegen im Haar!\nGeperlt\nVerästelt\nSpinnen Schleier!\nDuften\nWeiße matte bleiche\nSchleier!\nRosa, scheu gedämpft, verschimmert\nZittern Flecken\nLippen, Lippen\nDurstig, krause, heiße Lippen!\nBlüten! Blüten!\nKüsse! Wein!\nRoter\nQoldner\nRauscher\nWein!\nDu und Ich!\nIch und Du!\nDu?!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.3", "texte": "Der Kaplan\nAlfred Döblin\nWeich dünstete der Nebel über den Potsdamer\nPlatz und schwoll vom Tiergarten her. Die Bo-\ngenlampen auf den hohen Kandelabern schienen\nweiß in der Luft; kleine schwarze Fahrräder tauch-\nten auf, klingelten und verschwanden; zögernd\nschwirrten die Autos über das Asphalt. Ueber dem\nSpiegel des Asphalts erschienen Pferdebeine,\nRöcke, von denen der Regen troff, verzerrte Kon-\nturen von lackierten Droschken, Stimmen, Ira-\nben, Klirren, Rollen über dem Platz; in regel-\nmäßigen Intervallen ein Pfiff.\nDer Kaplan stieg aus der Untergrundbahn her-\nauf und stand vor Stillers Schuhgeschäft. Ueber\ndas regenblanke Trottoir zog er, den Schirm auf-\ngespannt. Viele Menschen kamen hinter ihm her,\nüberholten ihn. Eine kleine Schlanke huschte ihm\nzur Seite über die Bordschwelle, in einem himbeer-\nroten Mantel glitt sie über den Fahrdamm, den\nRock raffend, eine Pfütze umgehend; das schwarze\nHaar wippte in einem Knoten unter der runden\nKappe. Die kleinen braunen Augen des Kaplans\nverfolgten die Bewegungen.\nDies war die Gestalt zu einer Stimme, die er in\nder Beichte gehört hatte.\nUnd der Gedanke bewirkte, daß er seinen\nSchirm tiefer über sich zog, den schmalen Kopf auf\ndie fallende linke Schulter legte und ein paar Se-\nkunden die Augen schloß. Ihre schlängelnden Be-\nwegungen verschwammen im Nebel, das Rot\nleuchtete. Das Rot leitete ihn. Er lächelte ohne\nWiderstreben. An den erleuchteten Läden vorbei,\nfolgte er, an Schnittmustern, Schaufenstern mit\nFischbassins, stummen Antiquariaten, flimmernden\nSimilibrillanten, Zigarettenreklame erlosch, grellte\nauf. Als sie in die Uferpromenade einbog an der\nPotsdamer Brücke, war er neben ihr mit langem\ndrehenden Hals, vorgebeugtem Kopf. Irgendwie\ndankbar sah er ihr in das volle, erhitzte Gesicht,\nhob den schwarzen, feuchten Filzhut. Das Weiße\nihrer langwimprigen Augen wurde sichtbar, der\nerschrockene schwarze Blick fuhr an seinem zu-\ngeknöpften Gehrock herunter, sie standen an dem\nEisengitter. In französischem Accent brachte sie\nheraus, daß es vielleicht ein Irrtum sei, sie kenne\nHochwürden nicht. Als er wieder langsam nach\ndem Hut griff, löste sie die Hände von der kalten\nEisenstange, wischte sich mit dem Taschentuch\ndie Wasserflecke von den braunen Glaces, sagte\nmit ruhigem Blick auf seine Tuchknöpfe und dann\nauf sein hingeneigtes, unverändert verbindliches\nGesicht, daß sie sich freuen würde, mit ihm zu\nsprechen; sie sei fremd in Berlin.\nSie gingen unter seinem Schirm am Kanal ent-\nlang; die Kastanien schnellten plötzliche Regen-\nschauer herunter. Das Fräulein sah auf den Bo-\nden, spazierte in Gummischuhen, die Fiißchen\nspitzend, durch den Morast; ihre rote Hutschleife\nragte wie ein Horn über der Stirn, über der ver-\nwirrten Linie ihrer Ponys. Sein magerer Ober-\nkörper schaukelte wie ein Pendel. Er schwieg.\nSie war die Gestalt zu einer Stimme, die er im\nBeichtstuhl gehört hatte.\nVor einem Hause der Flottwellstraße tauchte sie\nunter dem Schirmdach hervor: „Ich wohne drei\nTreppen; Mademoiselle Alice Dufoult.\"\nOhne es zu merken, kehrte er die Potsdamer\nStraße zurück, gelangte auf den dunsthellen Platz.\nEr hielt sich eine viertel Stunde auf vor Stillers\nSchuhgeschäft, vor dem er sie zuerst gesehen\nhatte; schließlich trugen ihn seine Beine vor die\nSchwelle, seine Hand klinkte die Tür auf; er kaufte\nin einer lächelnden Versunkenheit, sich nicht be-\ngreifend, eine Büchse Schuhkreme und überlegte\neinen Moment, wem er hier ein Trinkgeld geben\nsolle. Und dann nach einem Hin und Her im\nRegen, unter dem der Nebel sank über den Kem-\nperplatz auf die dunklen Wege des Tiergartens.\nEr öffnete, als er allein auf einem großen Sand-\nplatz stand neben einer Holzbude, seinen ver-\nschlossenen Schirm, sah in die finstere Wölbung\nhinein, stellte sich dicht unter ihn, geschmiegt\nunter ihn, wie eine Katze, die ihren Buckel gegen\ndie streichelnde Hand hebt. So blieb er in der\nLache neben der Holzbude minutenlang, länger;\nes war ihm, als wenn er in einem warmen Bett\nläge und schliefe. Bis ein Junge vorbeistrich,\nihn anrempelte und schreiend, als der Mensch her-\nvortrat, davonlief quer über den Platz, purzelte,\nsich aufraffte, schrie durch die träufelnden Gänge.\nRasch klappte der Kaplan den Schirm zusammen.\nIn einer hellen Querallee stellte er hochblickend\neinen Fuß gegen das Podest eines Schmuckdenk-\nmals, umging mit den Augen die Gruppe des\nPferdebändigers. Ein Passant, den Kragen hoch-\ngeschlagen, beobachtete befremdet von einer Bank\naus, wie der Kaplan mit dem Kopf ruckte, freudig\nsich streckte, seine Glieder bewegte, mit den Fin-\ngern zuckte; in den Waden des Kaplans spannte\nes, seine Knie krümmten sich; eine Ungeduld, wie\nplötzliche Kühnheit, überfiel ihn; er strampelte\nmutig, wie das edle Roß da oben.\nSeinen Rosenkranz fühlte er in der Rocktasche;\nweiterschlendernd senkte er den Kopf über den\nKragen, seine Hände falteten sich über dem Leib.\nDie kalten Tropfen rannen in den Nacken. Der\nmagere Kaplan murmelte abgeblendet seine Ge-\nbete, die Stirn gerunzelt, die Lippen gespitzt.\nAn dem sonnigen Mainachmittag war der\nTisch in ihrem Zimmer mit einer zitronengelben\nDecke belegt; blauer Flieder duftete in einer klei-\nnen Glasvase; zwei Kaffeetassen standen vor einer\nSchüssel mit Streusseikuchen. Alice schaukelte in\nihrem Stuhl. Robert neben ihr erzählte Witze;\nsein harmloser Schädel glänzte; wenn er lachte\nund sein junges, blutrotes Gesicht ins Vibrieren\nkam, stieß er prächtige Fanfarenlaute aus; sie\nstopfte sich den Mund mit Kuchen. Alice hatte das\nblaue, faltenreiche Kleid an, das ihr die Mutter vor\neinem halben Jahr in Grenoble mitgegeben hatte:\n„Wenn Du es vorsichtig trägst und nicht viel drauf\nsitzst, kannst Du eine Weile damit auskommen.\"\nAls sie es zum zweiten Mal trug im französischen\nKlub, saß Wahlen mit dem Monokel hinter ihr\nund gab ihr den etwas lädierten Hornkamm wie-\nder, der aus ihrem Haarknoten in den Schoß ge-\nfallen war, er meinte, als sie aufstanden, ein Netz\nhielte sicherer; zog aus seiner Brieftasche eins\nhervor und demonstrierte es ihr mit dem Be-\nmerken, daß er weder Friseugehilfe sei noch solche\nInstrumente fabriziere. Ein paar Wochen später zog\ner ihr eigenhändig das altmodische Kostüm aus und\nprobierte mit ihr einen Kimono an, ein Hermelin-\njäckchen, eine Nachmittagstoilette aus altrosa\nSamt.\nWie Robert gerade die Backen prall aufblähte,\naus einem Mundwinkel schräg die Zigaretten-\nasche von der gestickten weißen Weste paffte und\nmit der mächtigen beringten Hand nach einer Pa-\npierserviette tastete, klopfte es und der hagere\nKaplan trat ein. Alice verschüttete die Kuchen-\nkrümel auf den Teppich: „Nein, das ist nicht mög-\nlich.\" Sie zog die Silben, blieb länger sitzen, um\nZeit zu gewinnen. Dann richtete sie sich auf, nahm\nihm den Hut ab und erzählte freudig, als sie zu\ndreien an dem Tisch saßen, gegen Robert ge-\nwendet, mit fliegender Röte und Blässe, wie rei-\nzend sich der Herr Kaplan ihrer angenommen\nhätte gestern im Regen. Der Kaplan saß zwischen\nihnen beiden auf einem niedrigen Pflüschfauteuil,\nmit dem Rücken gegen die Butzenscheiben des\nFensters; Robert machte sich lang, betrachtete von\noben die Tonsur des Gastes. Mit unsäglicher\nDankbarkeit saß der Kaplan zwischen ihnen. Die\nzitronengelbe Decke betrachtete er mit den platt-\ngedrückten Fransen, die Zinnkrüge auf den Kon-\nsolen. Dies stimmte alles, auch daß die Gardinen\nschmutzig waren und die Ueberhänge nicht paßten,\ndie Brillanten dieses glattköpfigen jungen Men-\nschen, das altmodische, blaue Kleid der Mademoi-\nselle mit den Spitzenmanschetten. Er fand sich\nnachdenklich und ihm kam, ohne daß er es wußte,\nwarum, der Einfall: Wie sich doch alle Dinge in\nder Welt erfüllen! Das Fauteuil geriet ins Rollen\nauf dem blanken Parkett. Als aber Alice nach sei-\nnem Arm griff, um ihn zurückzuziehen, zuckte der\nKaplan aufgescheucht zusammen. Er flüsterte:\n„Bitte, fassen Sie mich nicht an.\" Sie fragte: „Was\nhaben Sie?\" Er wurde blasser, sagte, er wäre\nso empfindlich an den Händen. „Aber doch nicht\nan den Armen.\" „Etwas an den Armen auch,\nbitte!\" Sie tupfte in seinen Handteller; er\nkrümmte sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn,\nso daß sie sich abwandte: „Gott, sind Sie ko-\nmisch.\" „Ja, entschuldigen Sie, mein verehrtes\nFräulein, Sie auch, mein Herr, es ist vielleicht Ge-\nwohnheit, ich mache mich gewiß lächerlich.\" Dar-\nauf entstand eine Stille zwischen ihnen, weil der\nKaplan sich nicht wieder in die Höhe richtete, son-\ndern immer die Parkettfugen studierte. Robert\nschnüffelte, schüttelte, immer mehr belustigt, den\nKopf; er knipste an seinen Manschetten: „Aber\ndas ist ja zum Totlachen, Herr Kaplan, oder wie\nnennt man Sie. Da gehen Sie auf die Straßen,\nwie so, na, ich will mal sagen, ein Flaneur, und\nwerfen Ihre Blicke um sich auf die Töchter des\nLandes.\" „Ich freute mich über Mademoiselle Du-\nfoult und war glücklich, sie kennen zu lernen.\"\n„Sie sind ja ein großartiger Mensch. Wirklich,\nSie gefallen mir außergewöhnlich. Man soll nie-\nmals sagen, daß es irgend etwas im menschlichen\nLeben nicht gibt.\"\nDer Kaplan ließ einen verehrenden Blick auf\ndem breitbriistigen Herrn liegen.\n„Sie sind solch rüstiger Mann, mein Herr. Ich\nbewundere Sie; Sie scheinen wie aus Eisen ge-\nschnitten.\"\n„Na, ich danke. Hab gedient; bin noch halber\nSoldat!\" Er legte die Hände auf seine Knie:\n„Menschenskind, nun sagen Sie, was machen Sie\nhier? Störe ich etwa jetzt, Sie und Dich, Alice?\"\nEr lachte und prustete gewaltig. Sie schwankte\nzwischen entrüsteter Haltung und Vergnügen; ihre\nfeine lange Nase bog und streckte sich:\n„Robert, nimm Dich doch etwas zusammen.\"\nSie konnte nicht weiter, platzte (heraus in ihr\nTaschentuch.\n„Soll ich rausgehen, Alice, ja?\" Er quietschte\nschon. „Aber ich kann doch durchs Schlüsselloch\ngucken? Entschuldigen Sie, Hochwürden, die\nSache nimmt mich so gewaltig mit.\"\nDer Kaplan lächelte freundlich von einem zum\nandern, 'zog sein Fauteuil ganz an den Tisch:\n„Lachen Sie doch, wenn es nur auf meine Kosten\nist. Ich bin gern unter fröhlichen Menschen.\"\nDer neben ihm schrie aus vollem Hals: „Gottes-\nwillen, Du mußt mir den Kragen aufmachen, Alice,\nden Schlips.\"\nSie wälzte ihr Gesicht auf dem Tischtuch: „Ich\nkann ja selbst nicht. Hochwürden muß eine schöne\nMeinung von uns kriegen, Robert.\"\nUnd wieder sagte der Kaplan ruhig: „Aber\nnicht doch. Ich bin nur froh, daß ich hier sitzen\nund alles mit ansehen darf.\" „Ja, ja, Alice er hat\nrecht;\" mit tränenden Augen richtete sich Robert\nauf, wischte sich, betrachtete plötzlich gähnend\nund etwas betreten den schwarzen Herrn im Fau-\nteuil. „Trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.4", "texte": "Vielleicht erzählen Sie uns etwas von ihrem Klo-\nsterleben, Herr Kaplan. Man muß die Situation\nausnutzen.\"\n„Gern will ich Ihnen erzählen. Wenn es Sie\nnicht betrübt, ernste Dinge zu hören. Gern will\nich Ihnen erzählen.\"\n„Betrüben, keine Rede. Nehmen Sie Zucker?\nWie kommen Sie auf betrüben?\"\nWährend die Tassen klirrten, das junge Haus-\nmädchen in hellblauer Schürze Milch brachte,\nfixierte Robert öfter den Kaplan, der mit seiner\nmelodischen Stimme zur Mademoiselle sprach.\nRobert kratzte sich das Kinn, wurde wortkarg.\nDer Kaplan fiel ihm auf die Nerven, der verrückte\nGast machte sich in einer sonderbaren Weise\nbreit, schob ihn zurück.\nAlice legte die Arme von hinten um seine\nSchultern: „Du, hab ich Dich verletzt.\" „Na, na,\nlaß mal, Alice.. Setz Dich nur wieder hin. Es\nist was Geschäftliches, fiel mir plötzlich ein. Brr,\nmein Kaffee ist kalt geworden.\" Der Kaplan schob\nden Fauteuil zurück: „Ich darf mich jetzt verab-\nschieden?\" Robert drückte sich hoch. „Lieber\nHerr, Sie laufen weg. Die Sache eilt nicht; übri-\ngens: wir gehen zusammen.\" Alice, ein Knie über\nihren Stuhl schiebend, hielt stumm Robert in den\nAugen, der an ihr vorübersah. „Also, liebe Alice,\nnur eine halbe Stunde; Du entschuldigst mich.\" Sie\ngingen über die Schwelle; Alice bückte sich neben\nder Chaiselongue, brachte mit kalter Miene Robert\ndie dünnen Seidenhandschuhe nach, pfiff im Zim-\nmer vor sich hin, auf der Schwelle stehend, die\nNägel ihrer linken Hand betrachtend. Der Kaplan\nund der Reserveleutnant von Wahlen marschierten\nidie Tiergartenstraße herauf; beide atmeten kräf-\nitig. „Ja, das ist mal reizend,\" fing der robuste\nMann an, „daß ich einen richtigen Menschen treffe,\njein Unikum, nehmen Sie mir das nicht übel. Mir\nist zwar wirklich nicht klar, was Sie von metner\nPreundin wollen, aber das ist ja egal. Sie sind\nvorzüglich, Ihre ganze Art gefällt mir.\"\n„Sie dürfen nicht so weiter reden, Herr von\nWahlen, wenn Sie wollen, daß ich mit Ihnen gehe.\"\n„Keine falsche Bescheidenheit, Hochwürden. —\n'Alles an seinem Platz. Also, ich wollte Sie um\neinen Gefallen bitten.\" Er hakte sich bei dem\nlangen Kaplan mit seinem linken Arm ein. „Es\nwird mir etwas schwer, es Ihnen vorzutragen.\nDie Sache ist heikel. Ich rechne darauf, daß Sie\nsolch besonderer Mensch und schließlich auch von\nBerufswegen Geistlicher sind. Das paßt faktisch\ntadellos zu Ihnen, der Kaplan, wie angegossen!\"\nAt~s sie minutenlang weiter gegangen waren,\nwandte der Kaplan sein glattes Schauspielergesicht\nzu ihm: „Wollten Sie nicht sprechen, Herr von\nWahlen?\"\n„Freilich, freilich, kommt schon. Die Sache\nwird mir schwer. Also mit einem Wort gesagt:\nes handelt sich um ein früheres Verhältnis, ge-\nnauer gesagt, um mein letztes. Alice nicht, mein\nvoriges. Sie sollen mir helfen, Herr Kaplan.\"\n„Gern, ich stelle mich Ihnen gern zur Verfü-\ngung. Erzählen Sie mir von der Dame, welche\nSituation vorliegt. Lassen Sie sich die Bespre-\nchung doch nicht schwer werden.\"\n„Nee, kommen Sie mir nicht mit Situation und\nund so, lieber Herr. Sie sollen mir das\nMädchen abnehmen, wenn ich's denn mal raus-\nbringen soll!\" „Wie meinen Sie?\" „Scheußliches\nWort, ja, abnehmen. Das Drum und Dran der Ge-\nschichte können Sie sich allein denken. Aber Sie\nsind Menschenfreund und mein Mann.\" „Ach Gott,\nwas soll ich denn mit dem Mädchen machen, Herr\nvon Wahlen; ich tue Ihnen ja gern jeden Gefallen.\"\n„Nur keine Angst, Herr Kaplan. Sie beißt nicht.\nIch muß das von Ihnen verlangen. Sie dürfen sich\nnicht sträuben. Sie könae« dem Freund Ihrer\nAlice, Ihrer Alice, aus dem Sumpf helfen.\" Sehr\nbleich und schmerzlich verzog der Kaplan das\nGesicht: „Lassen Sie das, lassen Sie das, das sind\nschon nicht mehr Witze.\"\n„Pardon, hab ich falsch gemacht, bitte um Ent-\nschuldigung, Hochwürden, ist so meine Art Witze,\nist mir vorbeigeraten.\"\nDem Kaplan baumelte der Kopf vor der Brust,\nseine Hände falteten sich vor der schüsseiförmigen\nVertiefung, die sein Leib war: „Was soll ich mit\nder Dame, mit dem Mädchen machen?\"\n„Am besten, Sie stellen Sie auf den Kopf und\nschlagen ihr einen Nagel in jedes Ohr, dann steht\nsie v bombenfest. Im übrigen lassen Sie sich von\nmir in flagranti erwischen.\"\nDer Herr im schwarzen Gehrock schwieg, dann\nflüsterte er: „Das sind gräßliche Dinge.\" „Weiß\nich.\" „Das sind ekle Sachen, Herr von Wahlen.\"\n„Weiß ich.\"\n„Bitte, eine Frage, Herr von Wahlen, mißbrau-\nchen Sie mich nicht, Sie lieben Fräulein Alice Du-\nfoult wirklich? Meine Frage wird Sie nicht\nkränken.\" Dabei sah er dem energisch ausschrei-\ntenden breitschultrigen Mann, dem der weiße\nStrohhut schräg auf dem Kopf saß, bettelnd in die\nzwingernden grauen Augen. Sie schwenkten in\ndie Fasanenallee ein; elegante Equipagen fuhren\nvorbei; der Herr neben dem Kaplan winkte und\ngrüßte oft. Er kicherte, nervös belustigt: „Etwas\nkomisch, wie Sie fragen, verzeihen Sie. Wenn Sie\nwollen: ich liebe Fräulein Alice; es liegt mir\nan ihr.\"\n„Und es erfreut Sie, wenn ich diese — Sache\nübernehme?\" Der muskulöse Herr im Strohhut\nblieb angewurzelt stehen, es fuhr ihm schneidig\naus der Kehle: „Na, sind Sie komisch; ich komme\ndoch zu Ihnen damit.\"\n„Dann will ich Ihnen behilflich sein, lieber\nHerr. Verzeihen Sie mir. Aber gehen wir doch\nweiter. Seien Sie versichert, leicht wird mir das\nalles nicht. Denken Sie nicht falsch von mir.\"\nImmer wieder errötete er und wich den scharfen\nBlicken des Leutnants aus. „Mal keine Redens-\narten, Hochwürden,\" damit klopfte er dem Kaplan\nauf den Rücken, „wir haben es alle nicht leicht.\nWenn ich Urnen erzählen würde von mir allerlei,\nSie würden staunen.\" Der Kaplan atmete freier:\n„Ich bin ja zufrieden, wenn es Ihnen gut geht und\nwenn ich Sie nicht gekränkt habe.\"\nLeicht angewidert wehrte der elegante Herr\nab; er streckte die Hand hin, schob den Kaplan\nbeiseite: „Na, Schluß. Mal keine Redensarten.\nAuslagen ersetze ich Ihnen natürlich. Sehen Sie\nzu und trösten Sie sich, wir müssen alle unser\nPäckchen tragen. Das ist mal so im Leben. AutoT\nAuto! Puh!\"\nDas war eine andere Wohnung, als die Alice\nDufoults. In einem westlichen Gartenhaus ein\nmäßig dunkler Korridor und dann ein langes,\nschmales Zimmer. Eine Petroleumlampe auf der\nKommode; eine gelbe spanische Wand vor einem\nBett; Haussegen, patriotische Bilder an der Wand.\nVor dem Fenster der unbedeckte vierbeinige Aus-\nziehtisch und Rohrstühle. Bertha saß in weißer\nUntertaille und rotseidenem Rock hinter der Gar-\ndine und kaute einen Apfel. Sie hatte ein festes\nenergisches Gesicht und lebendige blaugraue\nAugen. Ihre nackten massiven Arme waren weiß-\ngeschminkt, die Hände noch rot.\nAls der Kaplan klopfte, wollte sie nach ihrem\nUmschlagtuch greifen, rief aber gleich: „Immer\nrinn!\" Der Kaplan schloß die Tür hinter sich; sie\nriß den Mund auf: „Nanu, was ist denn das für\neiner? Sie sind wohl von der Heilsarmee?\"\nDer Kaplan murmelte seinen Namen. Sie\nwinkte ab: „Bei mir ist nichts zu machen da-\nmit. Hier wird überhaupt nicht hausiert\" Lauter\nnannte der Kaplan seinen Namen, buchstabierte,\ntrat mit dem Hut in den Händen näher.\nDa kreischte sie auf, warf ihren Apfel über den\nTisch: „Jesses, Sie sind das! Der mir Gesellschaft\nleisten soll, bis Robert wiederkommt. Nu schlägt's\naber dreizehn, nee, kommen Sic mal ran, setzen Sie\nsich mal hin.\"\nDer Kaplan rückte sich einen Stuhl zurecht:\n„Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, liebes Fräu-\nlein. Herr von Wahlen hat mir viel Angenehmes\nvon Ihnen erzählt.\" „Nu fangen Sie mal nicht aus\ndie Ecke an. Sie, die Geschichte mit dem Ver-\nreisen glaub ich schon lange nicht. Das können\nSie Robert sagen. Das ist eine Drückebergerei.\nAber —\" und da quietschte sie auf und schlug sich\ndie Hände vor den Mund: „Menschenskind, wie\nsehen Sie bloß aus! Was haben Sie für einen ka-\ntholischen Rock an! Zum besten scheint's Ihnen\nauch nicht zu gehen.\"\nPeinlich berührt seufzte der Kaplan: „Sprechen\nwir doch lieber von etwas Schönem. Wie mir\nHerr von Wahlen sagte, lieben Sie Rosen\nsehr. Ich habe mir erlaubt, Ihnen dies Sträuß-\nchen mitzubringen. Ich bitte Sie, wollen Sie meine\nfreundliche Gesinnung daraus erkennen.\" Sie be-\ntrachtete ihn aufmerksam und mit Teilnahme. „Da\nhat Sie Robert aber schön reingelegt. Der Filou,\ndas sieht nach ihm aus. Die gelben mag ich grade\nnicht. Warum machen Sie sich aber bloß nicht\nwenigstens den obersten Knopf auf? Sie werden\nsich noch erkälten. Sone Tuerei steht einem jun-\ngen Mann gar nicht.\"\n„Wenn Sie wollen, mache ich mir den obersten\nKnopf auf.\"\n„Natürlichemenik Mit etepetete kommt man\nbei mir überhaupt nicht weit. Wissen Sie übri-\ngens Männeken, was ich Ihnen sagen will?\" Sie\nkaute ihren Apfel: „Ich meine von wegen die Ge-\nschichte mit Ihnen und Robert: da liegt eine ge-\nmeine Schiebung vor.\" Und sie fixierte ihn schlau.\nGequält sah ihr der Kaplan ins Gesicht und\nstudierte vertieft ihre Züge; er äußerte ein paar\nstimmlose Sätze.\n„Sie markieren den Scheinheiligen, mein Lie-\nber. Lassen Sie man sein. Sie sind Strohmann\nvon dem Filou. Und weil Sie schüchtern sind mit\nDamen, ist Ihnen ganz paß, daß der Filou Sie so\ndeichselt. Was?\"\nNach einem weiteren tonlosen Satz fuhr der\nHerr im schwarzen Gehrock stockend fort: „Ich\nwill Ihnen sagen, mein Fräulein, in gewissem Sinne\nhaben Sie ganz recht. Ihre Vermutung ist zum\nTeil nicht unbegründet.\"\nSie schmetterte ihre Faust auf die blanke Tisch-\nplatte, fuhr hoch: „Wissen Sie, Sie sind zum Pie-\npen. Wenn ich Ihnen nu eins runterlatsche, —\nwie ist es dann mit der Vermutung?\" Er ver-\nfolgte sie freudig, seine Stimme klang befreit: „Ja,\ndas wäre ganz passend und es würde mir recht\ngeschehen.\"\nDas Gelächter Berthas wollte sich nicht be-\nruhigen:\n„Wissen Sie, Amsel oder was Sie sonst für nen\nVogelnamen haben, Sie sind zum Heulen. So ein\nGerissener wie der Robert ist, der hat sich wieder\nmal den Richtigen rausgesucht. Bleiben Sie man\nsitzen. Sie können einem kid tun. Ich mache\nIhnen noch einen Knopf auf.\" Sie stand mit ihrem\nbloßen Arm hinter seinem Stuhl, drückte ihn an\nseinen Schultern herunter: „Ordentlich rausfüttern\nmüßte man Sie. Ich bring Ihnen nachher was zum\nEssen. Na nu sagen Sie mal, Mamsell, wie steht's\ndenn eigentlich mit uns? Wie sind wir denn beide"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.5", "texte": "dran? Sie mögen mick wohl nicht?\" Er steckte\nzwischen ihres Armen; sein glattes Gesicht füllte\nsich, wurde gedunsex.\nSie lisi ihn los, angelte sich ihren Stuhl; seinen\nHut patschte sie ihm auf die Erde; ihn zog sie zu\nsich auf den SchoB. Er schluchzte leise. Sie sah\nJs'i ihm herauf; er drehte den Kopf weg. „Was\nhast du denn, Mamsell\" „Nichts.\" „Nanu, du heulst\ndoch.\" Er Schluchzte unterdrückt: „Es ist wirk-\nlich nichts. Mich regt nur alles so furchtbar auf.\"\nEr lächelte seitlich zu ihr herunter. „Lang bist du,\nMamsell. Komm doch mal runter zu mir. Runter\ntrufßt. du.\"\nSie ließ das hilflose Menschengerüst halb über\nüire Kniee rutschen. Bertha erstaunte: „Gotte\ndoch, ich tu dir ja nichts. Du bist doch ein prop-\nrerer Kerl. Mai was Besonderes. Das ist ein fei-\nger Oedanke von Robert gewesen, statt dem aus-\ngebliebenen Geburtstaggeschenk.\"\nDer Kaplan lag zwischen ihren Armen; mit den\nüQtiesn wippte er gegen den Boden; er balanzierte\nsich mühsam auf ihrem Schoß zurecht; er wollte\nsich oft aufrichten und tastete nach seinem Stuhl,\nSei wieder zurück. Sie bückte sich über ihn. „Soll\nich d*eh mal ordentlich abknutschen jetzt, Mam-\nsell. weil ich dich grad so habe; für die gelben\nRosen, daß dir die Ohrlappen brennen? Was\nraeüiste?\"\nEr flüsterte nach einer Pause, mit einem ver-\nsonnenen Ausdruck: „Willst du das tun? Bertha?\nJa, so tu es doch.\"\nSie küßte ihn weidlich, auch seinen Kopf, wo-\nbei sie mit einem Blick auf die Tonsur klagte, daß\nihm. schon die Haare ausfielen. Er hob sich wäh-\nrenddessen immer mehr an ihr Gesicht drängte\nsich gegen ihren Mund. Sie streichelte ihn: „Was\nmachste denn, Mamsell?\"\nEr blickte mit verwirrten Augen an die ge-\n~weißte Wand: „Nur träumen tu ich.\"\n„Scheint dir ganz gut zu schmecken.\" Schwach\nlächelnd saß er wieder auf seinem Stuhl. Sie zog\nsäet gegen das Fenster, lockte ihn: „Na, mein\nJunge, bängste noch an der Stange? Komm mal\nmir; komm doch mal her. Gibt Zucker. Beine\ndurchgedrückt. Immer feste ran an die Gewehre.\"\nIhren feisten Hals hielt sie ihm entgegen, er legte\nsein Gesicht an, schwindlig, mit geschlossenen\nÄugen. „Ne, du begaunerst mich. Augen aufge-\nklappt. Siehste.\"\nAm Sonnabend suchte der Kaplan seinen\nBeichtvater, den Bruder Vincenz auf der neben\ntoi wohnte. Er öffnete sich dem Pater, breitete\nes vor ihm aus, führte den entsetzten Mann vor\nalle j 'inge. Schließlich gingen sie auf das Zimmer\ndes Kaplans; der schloß seinen Schrank auf, zeigte\nde« Schirm in der Ecke, der mit Bindfäden zuge-\nbunden war. Auf den Wunsch des Paters spannte\n;er den Schirm , hielt ihn lächelnd über ihre Köpfe\nmitten im Zimmer. Friedlich und ganz unzugäng-\nlich blieb er: „Ich will alles tun, was Sie für nötig\nerachten. Nur habe ich das Gefühl, das unabweis-\nbare, unbezwingliche Gefühl, daß ich nicht ver-\nstoße gegen die heiligen Vorschriften mit meinem\nTun.\" Der elastische grauhaarige Pater setzte\nsich, die Arme kreuzend, auf einen Schemel unter\ndem Bild des gemarterten Sebastian, der zum\nHimmel blickt, während ihm die Pfeile im Fleisch\nstecken: „Wenn ich Sie nun nochmal frage, Bru-\nder Anseimus, ob Sie unzüchtige Gedanken gehegt\nhaben in den Straßen oder in den Wohnungen, un-\nzüchtige Bewegungen ausgeführt oder geduldet?\nWas antworten Sie ohne jeden Umschweif?\" „Ich\nhabe keine Unzucht getrieben und nichts Schlech-\ntes gedacht. Halten Sie mich nicht für einen Ver-\nbrecher. Ich habe eine sanfte Empfindung für die\n•Frau mit Namen Alice Dufoutt, aber ich kann nicht\ndrüber sprechen. Ich dachte., vorhin, als ich de*\nRegenschirm über uns beide ausspannte, fühlten\nSie es auch.\" „Bruder Anselm, Sie sind verliebt\nin das Mädchen, Sie begehren sie.\"\n„Das sind Worte, die mich nicht treffen. Ich\nhabe eine sanfte Empfindung in mir, die sehr stark\nist. Ich bete und mein Gebet ist innig. Ich fühle\nmich in keiner Weise geändert.\" Und dann\nschwammen Seine Augen, er berührte den Pater\nam Aermel. „Meine Auffassung klingt unmöglich,\nich weiß. Ich staune, was mit mir geschehen ist.\"\nWieder hielt er inne; seufzte mit einem Blick auf\nden umgefallenen Schirm, den Beichtvater, die\nkahle Zimmerwand. „Freilich schillert manchmal\nalles, jedes in mir, bewegt sich von mir weg. Dann\nhabe ich den Wunsch, daß ein Ende einträte damit.\nVerstehen Sie das?\" Der Pater schüttelte den\nKopf und schwieg. Als er sich erhob, gab er dem\nKaplan eine kleine, kleine Bedenkzeit.\nAm Abend, als es regnete, nahm der Bruder\nAnseimus, Berthas Haus verlassend, eine Droschke,\nfuhr vor Wahlens Wohnung. Wahlen war nicht\nzu Hause. Auf das Drängen des Kaplans nannte\nder Diener die Telephonnummer, unter der sein\nHerr zu erreichen war; führte den Gast in das\nRauchzimmer. Auf den Ofen standen zahlreiche\nPhotographien, auch Berthas, Alices, mehrere\nBalletdamen, einige phantastisch schöne Köpfe.\nBeim Anblick eines dieser schwermütig feinen Ge-\nsichter wurde der Kaplan von solchem schweren\nkrampfenden Mitgefühl ergriffen, daß er sich auf\neinen türkischen Sessel setzte und den Diener bat,\ndie Verbindung noch nicht herzustellen. Er fragte\nden Mann in der Livree nach einem andern Appa-\nrat in einem ändern Raum. Und ging mit dem er-\nstaunten durch viele Zimmer in die Küche hinaus,\nflüsterte, er könne auch die leiseste Rauchluft nicht\nvertragen. Allein telephonierte er dann. Seine\nStimme tremolierte. Eine Damenstimme kicherte;\nfür Privates wäre aber der Herr Leutnant jetzt\nauf keinen Fall zu sprechen, die Stimme flötete ihm\nein paar Scherzworte zu, und wie er denn heiße,\nwie groß er sei, ob er einen Schnurrbart trüge.\nUnd dann entfernt vom Apparat flüsterte sie ver-\nnehmlich: „Du, das scheint dein verliebter Pfaffe\nzu sein. Ich hör nebenan mit zu?\" Mit ange-\nhaltener Erregung sprach der Kaplan: „Ich war\nzweimal bei Bertha. Warum kommen Sie denn\nnicht? Wo bleiben Sie?\" „Sind Sie denn schon so\nweit, Hochwürden?\" „So kommen Sie doch.\"\n„Eilt ja nicht, Hochwürden. Sie gefällt Ihnen wohl\nnicht? Na, will dafür bald mit was anderem auf-\nwarten. Uebrigens —\" Er lud den Kaplan zu\neinem kleinen Maskenspiel ein, das morgen in der\nWohnung Alices stattfände; Alice bäte ihn drin-\ngend zu kommen; sein Inkognito würde gewahrt\nbleiben.\nDem Kaplan spannte sich die Brusthaut vor\nSchmerz. Er rieb sich die Ohren; ein leiser\nSchreck war durch ihn gefahren, ohne daß er\nwußte, worüber. Er atmete tief, noch vor dem\nApparat; seine Lungen wagten nicht auszuatmen.\nEr wollte Alicen sehen.\nZu einer japanischen Frühlingslandschaft war\ndie kleine Wohnung der Mademoiselle gestutzt\nworden. Drei lustige Französinnen liefen zusam-\nmen, sinnloses schnatternd. Sie sprangen auf Stel-\nzen von einem Zimmer ins andere, wedelten mit\nkleinen Fächern. Ein deutsches elegantes Fräu-\nlein hatte sich eine turmhohe japanische Perücke\naufgestülpt und schiefe Augenlinien geschminkt;\nsie hielt sich krähend an die Herren. Das waren\nRobert und zwei Männer, die sämtlich im schwar-\nzen Trikot als Athleten und Gaukler bizarre Piir-\nzebläume schlugen, hin und wieder ein merkwür-\ndiges Glock eninstrurnent klöppelten, das sie am\nHandgelenk trugen. Als der Kaplan erschien, kam\nRobert wie ein Dämon unter die rosa Ampel des\nKorridors gestürzt, hielt Ihn fest: „Sie dürfen nicht\nso herein. Maske. Lassen Sie mich tiberlegen.\"\nVerschwand im Wohnzimmer, wo es sofort stille\nwurde und Tuscheln entstand; dann führte er den\nKaplan in Alices Schlafzimmer. Alice erschien,\nnur an der Stimme kenntlich, in gelbseidenem\nMantel mit tollen Fabelstickereien, einen züngeln-\nden Katzenkopf vorgebunden. Als sie die weißen\nSachen für den Kaplan aus einem Schrank heraus-\nholte und auf die grüne Chaiselongue ausbreitete,\nwar sie sehr langsam in ihren Bewegungen; Ro-\nbert zeigte ihr dies und das, was sie dann auch\nhinlegte; er drängte sie. schob sie, als sie zum\nSchluß nachdenklich vor der Chaiselongue stehen\nblieb, zur Tür hinaus: „Hochwürden wird sich vor\nuns schämen.\" Hochwürden aber lachte und fie-\nberte; er war leidend, hilfsbedürftig und fühlte da-\nbei mit Entsetzen, daß ein Rausch von seinem\nKopf und seiner Brust Besitz nahm, daß eine wilde\nBegierde über seine Arme, über seinen Mund\nschlich. Er knüllte mit raschelnden Händen an den\nSachen, sah sich im Zimmer um. Automatisch zog\ner an, was man ihm hingelegt hatte. Schwindlig\nging er auf den Zehenspitzen über den Korridor\nin die bunten Zimmer. Gelächter, Kreischen und\nWiehern empfing ihn. Die Damen, nachdem sie\nherbeigerannt waren, versteckten sich in die ver-\nhängte Ecke des Zimmers, die vier Herren tobten\num ihn im Kreis; sie stampften einen wütenden\nRingeltanz um ihn und zerrten ihn durch die Zim-\nmer. Er trug das rotgebänderte weitausgeschnit-\ntene Nachthemd Alices; ein grünes Seidentuch,\nein Zigeunertuch, hatte er über die nackten dür-\nren Schultern gespreizt. Die Herren rissen es ihm\naber ab, legten es über, bliesen es weg. Perlen-\nbesetzte Nachtpantöffelchen hingen ihm über den\nZehen, hellblaudurchbrochene Strümpfe rutschten\nihm herab von den Stöckerbeinen; die angeklemm-\nten Strumpfbänder schleifte er hinterher. Er hatte\nnichts gesehen, als er es anzog; er tanzte mit den\nHerren mit, freute sich, suchte Alice, und lachte,\nweil alle lachten und hätte gern gesehen, daß sie\nmitlachte. Die Katzenmaske griff ihn, als er zum\nzweiten Male durch die Wohnung gewalzt und ge-\nwirbelt wurde, am Hemdenatisschnitt, fauchte die\nHerren weg, zog ihn auf den Korridor. Sie riß die\nFratze ab; ihr Gesicht glührot bebte: „Was tun\nSie hier in den Sachen, Hochwürden? Was lassen*\nSie sich bieten?\" „Wer bietet mir etwas? Ich\nweiß nicht, daß mir irgend jemand etwas bietet.44\n„Es ist schon ganz unnatürlich, was Sie mit sich\nmachen, Hochwürden.\" Der Kaplan sah an dem\nwallendem Hemd herunter, spielte mit den roten\nBändern, während sie sich abdrehte: „Nehmen Sie\ndoch die Hände davon.\" Er zitterte sichtlich: „Ich\nfinde, daß Sie mich alle mißverstehen.\" Resolut riß\ndas Fräulein die Tür zu ihrem Schlafzimmer auf:\n„Ziehen Sie sich um und gehen Sie. Kommen Sie\nnicht wieder herein. Morgen will ich Sie sprechen,\nHochwürden. Ich muß Sie sprechen.\" Er stöhnte:\n„Ich will hier bleiben bei Ihnen. Was wird morgen\nsein? Warum schicken Sie mich hinaus\", sie war\nschon fort.\nIn der Nacht heimkehrend steckte er die Gas-\nflamme in seinem Zimmer an. Aus seinem Schrank\nhob er mit schwankenden Armen den schwarzen\nRegenschirm, tastete nach der Büchse Schuhcreme\nim Fach. Er fingerte unsicher über Schirm und\nBüchse, packte sie auf einen Stuhl unter dem Bilde\ndes heiligen Sebastian, warf sich in einer unbe-\nzwinglichen Bewegung auf den Boden, aufgewir-\nbelt und fast ohne Besinnung, schrie: „Herr, mach\nein Ende! Noch Sekunden laß mich irren, noch\nMinuten, wenn du es willst, nicht länger, Herr ein\nEnde!44"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.6", "texte": "Als er morgens erwachte, brannte noch das Gas\nüber ihm. Er war am Boden eingeschlafen. Er\nfand sich voll inwendiger Sehnsucht nach Alice\nund hatte das Gefühl, daß dies ein gebenedeiter\nnotwendiger Tag sei.\nEr.ging durch das Seitenportal seiner Kapelle\nauf die Straße. Er blickte sich scheu um; über\nsein weißes Priesterkleid und die Stola hatte er\neine lange Pellerine geworfen; sein Kopf bloß. Am\nRand des Rinnsteins in der stillen Straße schlich\ner; ein Wagen knatterte über Steine; er winkte,\nstieg ein. Blendende lebendige Frühlingssonne in\nallen Straßen. Der Potsdamer Platz tauchte auf,\nmenschenwogend, von Wragen durchschwungen.\nStillers Schuhgeschäft glitt vorbei. Läden an Läden,\neine Allee von Schaufenstern; die grünen Kasta-\nnien und Buchen des Schöneberger Ufers. Kein\nNebel, jedes aufblühend, schmelzend, hinfließend,\nalles du und du. Die Pellerine, die auf den Rücken\ngerutscht war, schlug der lange Kaplan nicht nach\nvorn zurück als der Wagen hielt; in der Flottwell-\nstraße stieg er langsam aus der Droschke, ging\nruhig an den staunenden vorbei in das Haus Alices.\nRauchige Luft in ihrem Korridor, die Lampions und\nGirlanden hingen noch und lagen zertreten auf\ndem Flurteppich. Als er den Korridor betrat und\nalles schwieg, kam es ihm vor, als ob er auf Dau-\nnen einherginge. Er dachte zärtlich: wohl Euch,\nwas habe ich Euch beschert.\nIm Wohnzimmer setzte er sich an das Fenster;\ndas Zimmer war völlig ausgeräumt; der Parkett-\nboden zerschrammt, mit duftendem Wein und Bier\nbegossen, ein kleiner Haufen grüner und weißer\nScherben lag mitten im Zimmer unter dem bebän-\nderten Kram. Wie sich der Kaplan halb zur Seite\nwandte, sah er in einer Erkernische etwas Buntes\nstehen; er faßte hin; es waren die Strümpfe Ali-\ncens, die er gestern getragen hatte, mit Apfelsinen\nausgestopft, an einer Korsettstange darüber bau-\nmelte ihr Hemd, das mit Rotwein begossen war,\nden Abschluß oben bildete eine Mütze aus Silber-\npapier; er erkannte, es war eine runde Priester-\nmütze. Er streichelte schmerzlich den Haufen:\nwie gut sind sie, und was muß ich ihnen antun!\nDer Aufbau raschelte hin, als er ihn losließ. Seine\nOberlippe zuckte. Er sollte warten; hörte neben-\nan im Schlafzimmer Alicens Wasserplätschern,\nwarf die Pellerine über die Figur und ging ohne\nzu klopfen hinein. Sie tauchte grade die Hände\nin das Becken; gellte kurz, stürzte ins offene Bett,\nverschwand unter der Decke. Der Kaplan blieb\nan dem Waschbecken stehen, sagte langsam und\nruhig, wozu es nötig wäre ihn warten zu lassen,\nwarum sie erschrecke; er wünsche sehnlich mit\nihr zu sprechen. Unter dem Deckbett wühlte es:\n„Rufen Sie sofort das Mädchen.\" Er schloß die\nTür; setzte sich auf die Bettkante, streichelte ihre\nKopfkonturen auf der Decke: „Ich will mit Ihnen\nsprechen. Sie dürfen sich nicht mir vorenthalten.\nStehen Sie auf.\" Ihr Gesicht kam hervor, sie\nsprang am Fußende heraus; stellte sich, im Unter-\nrock mit nackten Füßen und halboffener Brust,\nKonfetti im hängenden Haar an die Wand. „Hoch-\nwürden\" sagte sie halbweinend\" was wollen Sie\nvon mir? Warten Sie draußen.\" Er blieb auf der\nBettkante sitzen mit strahlendem Ausdruck: „Seien\nSie doch ruhig, Fräulein Alice. Seh ich ans, wie\neiner, der Ihnen etwas tun will. Seien Sie ruhig\nnnd lassen Sie mich hier.\" Sie hing sich ihren Ki-\nmono um, rauschte auf ihn zu, konvulsivisch aus-\nbrechend warf sie sich vor ihm hin und legte den\nKonfetti im hängenden Haar an die Wand. „Hoch-\nwürden\" sagte sie halbweinend „was wollen Sie\nso früh kommen. Ich will nicht mehr hierbleiben,\nkeine Minute länger. Was Robert mit Ihnen macht\nist schändlich, ist unerträglich. Ich ertrag es nicht.\nSie müssen mir hier weg helfen.\" „Robert ist kein\nSchurke; er ist kein Schurke. Wie können Sie so\nsprechen!\" Sie schrie: „Was sind Sie für ein\nMensch. Ich will nicht, daß Sie sich durch den\nSumpf ziehen lassen von ihm. Wenn das so fort\ngeht, will ich Sie nicht sehen und Robert nicht\nsehen. Hochwürden, was hab ich erduldet von\ndiesem Mann. Ich habe in den letzten Wochen erst\nalles gesehen. Lieber will ich Hunger und Durst\nertragen, als mit ihm länger zusammen sein. Ich\nweiß, daß Sie mir gut sind, helfen Sie mir.\" Der\nKaplan war aufgestanden; sie stand dicht an ihn\ngedrängt.\nEr flüsterte mit unbeweglichem Gesicht: „Hier\nist keine Rede von Hilfe. Woher wissen Sie, daß\nich Ihnen gut bin.\" Er zitterte, als sie ihn an-\nblickte: „Aber jetzt glaub ich, daß Sie mich nicht\nmehr mißverstehen. Mein Gott, es scheint durch\nmeine Poren zu dringen.\" „Was ist Ihnen?\"\nDer Taumel berührte sein Gehirn. Er hielt nicht\nmehr stand. „Ich weiß, ich bin Dir gut, Alice.\nUnd gleichzeitig höre ich dich garnicht. Ich kann\nmich anstellen, wie ich will, ich höre nicht, was du\nsagst. Es schwingt in mir nicht mit. Ich bin dir\ngut, und du verschwindest vor mir. Wie heißt du?\"\n„Alice, Alice Dufoult.\"\n„So gut bin ich dir. Du mußt dich nicht be-\nklagen. Ich beklage mich auch nicht. Ich weiß\nnicht, was du verloren hast. Wenn du vor mir\nstehst in diesem Zimmer, bist du ohne Fehl, und\nich bin ohne Fehl. Du bist mein. Und darfst dich\nmir nicht vorenthalten.\"\nSie riß an seiner Stola: „Du darfst nicht diesen\nMantel tragen, wenn du mich anfaßt.\"\nEr lachte mit einer quellenden Heiterkeit: „Faß\nmeinen Mantel an, faß die Stola an. Ich bin Prie-\nster. Fürchte dich nicht.\"\n„Aber ich fürchte mich nicht, Anselm.\"\n„Nein, das sollst du nicht. Nur ich muß mich\nfürchten. Und tus nicht, und wills nicht tun.\"\nSie streichelte seine liand, die er sich vor den\nMund hielt, als wollte er sein Lachen darauf fest-\ndrücken und festklammern.\n„Und wenn mich einer anklagt und ich ver-\ndammt werde, Alice, ich kann es nicht mehr auf-\nhalten. Ich kann nicht an mich halten, ich muß\ndich in meine Arme nehmen, und dich küssen.\"\nSie ließ sich küssen, ja sie hängte sich an seinen\nHals. Sie bettelte, er solle den Mantel ablegen,\naber er blieb dabei, er müsse ihn vor seinen Augen\nhaben, vor seinen Augen behalten; keine irdische\nGewalt würde ihm das rauben. Und so ging er\nhinaus, sie kleidete sich an. In einer Hemmung\nstand sie immer wieder da. Schließlich war sie\nangezogen und schlüpfte entschlossen zu ihm hin-\nein. Ins Grüne wollten sie fahren. Sie war fröh-\nlich und sagte ja, schickte das Mädchen herunter\nnach dem kleinen Tandem. An der Tür drehte sie\nsich um, rief dem Mädchen zu, sie möchte nicht\nwarten mit dem Mittag, sie führen nach Döberitz\nzu auf der Heerstraße.\nDie breite benzindampfende Chaussee, zwi-\nschen den beiden grünen Baumlinien, trabte das\nGefährt. Alice in grauer Sportmütze, die Peitsche\nin der Hand lenkte den Schimmel. Vor einem\nBlumengeschäft hielten sie, hängten große Flieder-\nbiische, Goldlack, schneeweiße Myrrhen über ihren\nSitzen auf. Hinter schaukelnden Zweigen fuhren\nsie. Der junge Priester war wie ein Kind, drückte\nihre freie linke Hand flach zwischen seinen beiden,\nsagte, nun sei sie ein Frosch und er hielte sie fest-\ngeklemmt: quak, sprang der Frosch heraus. Sie\nbettelte, der Frosch wolle wieder hüpfen. Er\nträumte: ja, wohin?'\nDa sah sie zwischen den Blüten, daß drüben\nzwei Kinder, dort ein Pärchen, rechts ein Herr auf\ndem Trottoir stehen blieben, gespannten Ausdrucks\netwas hinter ihnen beobachteten. Ein dumpfes\nTrappen kam hinter ihnen her, wie entferntes Tep-\npichklopfen, Poltern über Trommeln, jetzt Klap-\npern, Eisen auf Stein, schmetternd und klirrend,,\nheranstoßende Pferdehufe. Alice schoß hoch, ihre\nMütze riß die Zweige auseinander: „Robert, es\nist Robert!\" Von hinten brüllte es her, während\nder Schimmel halb scheu die Hinterbeine hochwarf,\nden Hals zurückbog und geifernd ein wütendes\nTempo einschlug: „Kanaillen, anhalten! Pfaffen-\nhund anhalten!\"\n„Hilf mir, Anselm, rette mich, er schlägt mich\ntot.\"\nBesinnungslos schob sie ihm die Zügel zu,\ndrehte sich auf ihrem Platz aufrecht um sich selbst,\nentwand sich dem Kaplan, murmelte mit einem'\nblinden Blick über die lange vorbeifliegende\nChausee: „Er schlägt mich tot, er schlägt mich tot!\nHilfe!\" Der Schimmel bockte, stürmte mit dem\nkleinen Wagen davon, der rechts und links schleu-\nderte, gegen die Bordschwelle schlug, einen Baum\nanstreifte. Sie rasten zwischen den Baumreihen\nhindurch. Ein Geschrei war vor ihnen, neben ihnen.\nDie auf dem Wagen blieben ohne Laut. Einen Mo-\nment, als er sie noch hielt, drehte sie den Kopf zu\nihm; in seinem Gesicht war etwas, daß das arm-\nselige Geschöpf die Hufschläge des Reiters an-\nhörte und es durch sie fuhr: „Was will der von\nmir, und was will der von mir?\" Die wirbelnde\ngraue Luft war da. Die graue fließende Luft\ndeckte seinen Mund und seine Augen, hielt seinen\nKopf von vorn und hinten. Die Frau wand sich\nneben ihn herunter zwischen Pferd und Deichsel;\ner packte sie um den Rücken, griff ihr unter die\nArme. Und während er mit ihr rang, den Zügel\nin der Linken, und sie ihm den Mund zerkratzte,\nwar in seinem Kopf hell das Bild des strampeln-\nden edlen Rosses, des rettenden edlen Tieres. Sein\nKörper strebte hoch, um sie zurückzuschaudern,\ndie Zügel anzureißen. In seine Arme kam ein blin-\nder Willen: weg von Alice, weg von ihr. Die Hände\nmußten es tun, die Hände taten es. Vor seinen\nAugen stand noch auf einem weißen Vorhang das\nBild des davonstürmenden Rosses mit der Frau auf\ndem Rücken; da sprachen seine Lippen in die Luft\nhinein das Totengebet über der stürzenden Frau,\njede Silbe ein betäubender hirnfüllender Schluck\nLuft: „Commendo te omni potenti, aspectus mitis\natqe festivus tibi appareat.\"\nDer Körper des Kaplans lag atmend, blutbe-\ndeckt in einer Baubude der Rohrleger. Die Arme\nhielt er steif vorgestreckt in der Haltung, in der\ner Alicen sinken und zerschmettern ließ. Der\nLeutnant drang an den Männern vorbei, hieb dem\nKaplan mit seiner Reitgerte über die Arme; die\nArme schnellten wieder zurück. Der bewußtlose\nzwinkerte, bebte auf, hielt sich für Wasser, das\nman mit Ruten streicht. —\nDie Brüder fuhren ihn auf das Land in ein\nwaldumstandenes Kloster. Er las keine Totenmes-\nsen, duldete nicht, daß man welche las. Sie sollte\nbrennen in der Hölle, das legte er sich auf.\nDrei Wochen brannte sie. Da merkte er, als\ner morgens erwachte und der weiche Nebel vom\nGarten in seine Zelle wehte, daß die Bewegungen\nseiner Arme, das steife Vorsichhinstrecken etwas\nanderes bedeuteten. Die Kutte warf er sich über,\nauf nackten Füßen ging er bebend an seinen klei-\nnen Altar. Er trug auf seinen Armen ein Opfer für\nMaria, das brachte er ihr jetzt. Während er die\nStirn auf den schwarzen Samt des Tischchens\npreßte, fühlte er, daß Maria ihn verstand, daß sie\nsein Opfer annehmen wollte. Eine Lösung kam in\nseine Glieder, seine Arme sanken, herunter. Er\nzündete die Kerzen an, las die Messe für die Tote."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.7", "texte": "Und während er die. iiände aneinandergelegt\nvor die Stirn hielt, kam ihm vor, als ob sein Frosch\naus der Mulde zwischen ihnen hervorhüpfte, laut\n„quak, quak\" machte und behend vor die Füße der\nGottesmutter sprang. Die Engel lachten fein, als\nwenn man ein Seidenpapier umwendet. Die Füße\nMarias bewegten sich wenig. Das rosige Wolken-\nkleid über ihren Schenkeln strich sie glatt, da\nhüpfte der kleine braune Frosch empor. Auf ihrem\nSchoß saß er still mit seinen mächtigen Augenbäl-\nlen und durfte still sitzen bleiben zwischen den\nl^aglein.\n\nDer Weg\ndurch die Nach!\nRoman\nAage von KoliJ\nEr öffnete behutsam die Tür zu seinem Arbeits-\nzimmer, ließ sie eintreten, folgte ihr —:\n„Das ganze, liebe Frau Brügge, ist übrigens\nnur eine Bagatelle!\nUnd ich mache mir Vorwürfe, daß ich Ihnen\ndie Weisung nicht schon längst erteilt habe; das\nhätte ich an und für sich eigentlich tun können —\nselbst in Professor von Geers Gegenwart!\" —\nsagte er hastig, indem er die Tür hinter sich zu-\nzog. Er trat darauf an den Schreibtisch, legte seine\nbeiden Hände flach auf das schwere, versiegelte\nPaket, sah lächelnd und mit in die Höhe gezogenen\nBrauen über seine Schulter zu ihr hinüber —:\n„Sehen Sie hier!\nDa ist in erster Linie dieses dicke Inquarto —\nmein letztes Manuskript. Ein Roman von nicht we-\nniger als ungefähr fünfhundert dicht gedruckten\nBuchseiten! Mit anderen Worten eine sehr um-\nfangreiche Erzählung, die ich nichtsdestoweniger\nim Laufe eines Monats ganz und gar konzipiert,\nentworfen, durchgearbeitet und fertig geschrieben\nhabe!\nMorgen vormittag wird ein Bote vom Verlag\nkommen, um es zu holen —: dies mein Endwerk!\nWenn Sie es also nur dem betreffenden Mann\nausliefern wollen! —\nUnd endlich\", — er fühlte auf einmal seine Arme\nzittern, konnte hören, daß seine Stimme anders\nklang als eben noch —■:\n„Endlich,\" — wiederholte er, bestrebt, seine\nStimme wieder leicht und frei zu machen, seine\nAugenbrauen sehr stark in die Höhe ziehend, und\nsich den Anschein gebend, als ob er nachlässig\nnach irgend etwas auf dem Tisch suchte — „end-\nlich möchte ich Sie außerdem bitten, so gut zu\nsein, mich morgen früh präzise acht Uhr zu wecken\n— ich muß ausgehen!\nEin viertel vor neun können Sie mir eine Tasse\nKaffee bringen! . . .\nDanke!\nWeiter war da nichts — gute Nacht!\"\nEr hatte ihr zuletzt das Gesicht zugewendet,\nhatte seine Blicke mit freundschaftlichem Wohl-\ngefallen auf diesem länglichen, ein wenig müden,\nliebenswürdigen Antlitz, das von schönem, weißem\nHaar umrahmt war, ruhen lassen; auf dem schma-\nlen, blendend weißen Tollenkragen um den Hals,\ndem schwarzen Kleid, das anmutig die kleine, feste\nGestalt umschloß, der es im übrigen weder an\nZartheit noch an Eleganz fehlte. Er hatte jetzt ein\nGefühl, als wenn er sie in Wirklichkeit zum aller-\nersten Mai so recht gesehen hätte. Er lächelte,\nstrich sich mit der Hand langsam über das\nKinn —:\n„Ja!\" — sagte er dann, ohne selbst begreifen\nzu können, warum er sie nicht so schnell wie mög-\nlich gehen ließ, so daß sie zu Bett kommen konnte\n— „es ist allerdings heute abend recht spät für\nSie geworden! Die Uhr ist jetzt . . . ja, sie ist weiß\nGott schon ein wenig über halb zwei — aber es\nist eine sehr wichtige Sache, weswegen ich mor-\ngen zur Stadt muß, sie duldet leider auch nicht\neine Stunde Aufschub!\nIch muß noch hinzufügen —: eine außerordent-\nlich bedeutungsvolle Sache, die wahrscheinlich\nbesonders weit reichende Folgen haben wird!\nFür verschiedene von den Implizierten! . . . .\nOder auf alle Fälle, richtiger gesagt, möglicher-\nweise für mich selbst!\" ■— fügte er schnell hinzu,\nstotternd — indem er infolge eines unruhigen, fast\nängstlichen Ausdruckes, der über Frau Brügges\nAntlitz hinglitt, sich plötzlich bewußt wurde, daß\ner hier stand und über Dinge redete, die einem\nFremden gegenüber zu erwähnen keineswegs\nseine Absicht war!\nEr machte also schnell eine hastige Bewegung\nmit der Hand, verneigte sich kurz und leicht,\nstreckte den Arm nach dem Schreibtischstuhl\naus, wie um sich hinzusetzen . . . aber da hörte er,\nunerwartet, tief von da unten her, als sei es die\nSumme von allem, was er soeben gedacht, gesagt\nund vorbereitet hatte, — oder als komme es gar\nnicht aus ihm selbst, sondern aus dem Boden\nunter seinen Füßen, aus der Finsternis und Feuch-\ntigkeit des Kellerraumes, aus dem kohlschwarzen\nund kalten, sickernden Schoß der Erde selbst —:\ndiesen gedämpften, fern knurrenden Ruf: Karl\nMumme! . . . Und er wandte sich dann, plötzlich\nlächelnd, mit zitternden Knien, wieder nach der\nHaushälterin um, die schon dort an der Tür\nstand —:\n„Sagen Sie mir einmal, Frau Brügge\" — be-\ngann er fieberheiß, mit rauhen oder entzündeten\nNerven rings um sich her nach irgend einem\nThema schnappend, das er mit ihr bereden könnte,\nwenn es auch nur für eine oder zwei Minuten\nwar —:\n„Hören Sie einmal!\nWas ich Ihnen noch sagen wollte, liebe Frau\nBrügge!?\nJa —: das hätte ich ja beinahe vergessen,\nIhnen mitzuteilen, daß ich möglicherweise morgen\nzu Tisch nicht nach Hause komme!\nIch komme aller menschlichen Wahrscheinlich-\nkeit nach morgen weder zu Tisch noch zu Abend\nnach Hause!\nSie sehen mich, mit andern Worten, vielleicht\nerst übermorgen wieder!\nNehme ich wenigstens an! . . .\nJa —:\nIch erzähle Ihnen dies hier!\" — beeilte er sich\nfortzufahren, gleich sobald er selbst voller Stau-\nnen und Unruhe gehört hatte, was er hier redete\n— „um es Ihnen klar zu machen, daß Sie morgen\n— von dem Augenblick an, wo Sie mich präzis\nacht Uhr geweckt und mir darauf meinen Kaffee\ngebracht haben (recht starken Kaffee, wenn ich\nbitten darf!), ein Viertel vor neun — im vollen\nUmfang den Tag zu Ihrer eigenen Verfügung\nhaben!\nIch darf vielleicht noch, ohne in irgend einer\nWeise die Diskretion zu verletzen, die mir still-\nschweigend auferlegt ist,\" — fuhr er fort, indem\ner eine ernste, fast bekümmerte Miene aufsetzte,\nund ein oder zweimal den Kopf schüttelte, — „ich\ndarf Ihnen ferner wohl verraten, daß ich even-\ntuell gezwungen sein werde, in der allernächsten\nZukunft eine Reise zu unternehmen! Ach, Sie\nkönnen selbstverständlich, was Sie selber anbe-\ntrifft, völlig ruhig sein — ich bin nach jeder Rich-\ntung hin unbedingt mit Ihnen sehr zufrieden, ja,\nmehr als das! und beabsichtige also keineswegs\nirgendeine Veränderung hier in diesem Hause ein-\nzuführen, im Gegenteil . . . aber ich selbst werde\nwohl sicher gezwungen sein, eine Reise zu unter-\nnehmen, wohin, wie lange — das weiß ich noch\nnicht so genau; aber ziemlich weit fort, glaube ich\ndoch, geradeaus gesagt eine außerordentlich weit\nführende Fahrt — nun aber, wir werden ja sehen!\nDoch\", — schloß er, plötzlich totmüde und\nentnervt, nur mit Mühe diese letzten Sätze for-\nmend <—:\n„Ich will Sie jetzt nicht länger aufhalten!\nMachen Sie, daß Sie zu Bett kommen, liebe\nFrau Brügge — und eine gute, ruhige Nacht!\nSie entsinnen sich ja: um acht Uhr, ein Vier-\ntel vor neun, der Bote vom Verlag ungefähr gegen\nzehn Uhr — und mich haben Sie weder zu Mit-\ntag noch zu Abend hier! —\nIch danke Ihnen!\nSchlafen Sie recht gut!\"\nEr wandte sich gewaltsam um, von ihr ab —\niiörte das leise Rascheln ihres Kleides, während\nsie die Tür öffnete und mit einem Knicks ver-\nschwand; ward unmittelbar darauf von einem\nwahnsinnigen Grauen vor dem Alleinsein erfaßt,\nmachte einen lautlosen Sprung auf das Entree zu,\nkonnte noch mit angespanntem Lauschen den Laut\nihres leisen trippelnden Schrittes verfolgen,\nstreckte die Hand nach dem Türgriff aus, sinnlos\nvor Schrecken — unterschied aber da im selben\nAugenblick eine außerordentlich gedämpfte\nStimme, die, dicht neben seinem Ohr, sowohl\ndieses, als auch seine Wangen, seinen Hals und\nseinen Nacken mit einem brennend heißen Atem-\nhauch traf, indem sie ihm zuflüsterte: Karl\nMumme!\nMit einem Stöhnen drehte er sich auf seinem\nAbsatz herum, die Arme wild vor sich ausge-\nstreckt, erbleichend, zurücktaumelnd —:\nWer . . .\nWer da!?\nWer war es, der sprach?! . . *\nSeine Zähne schlössen sich gleich darauf mit\neinem hörbaren Laut zusammen. Ein Zittern rann\ndabei durch seine Glieder. Noch eine Sekunde flo-\ngen seine Blicke wie toll nach allen Seiten.\nAber einen Moment später erkannte er, nach\nund nach, mit noch keuchendem Atem, daß es\nselbstredend eine Sinnentäuschung gewesen sein\nmußte, diese Stimme! Ganz einfach ein halluzi-\nnatorischer oder vielmehr schlecht und recht ein\nlächerlicher Nerveneinfall, natürlich, nur verur-\nsacht durch all das, was er heute abend erlebt\nhatte! wer in aller Welt, außer ihm selber, sollte\nwvohl diesen Namen hierein diesem Hause kennen,\nUnsinn, unmöglich!\nEr entsann sich jäh darauf Frau Brügges\nschmalen und liebenswürdigsten Gesichts, mit dem\nruhigen Lächeln, den schönen Zähnen und den\ndunklen und klaren Augen unter dem dichten, wei-\nßen Haar — und begann im Anschluß hieran, ohne\nsich jedoch selbst dadurch ganz hinters Licht\nführen zu könen, eine Reihe von Vorwürfen gegen\nsich selber zu richten: Freilich, es war höchst un-\nfreundlich, geradezu unpassend von ihm gewesen,\ndaß er nicht den Augenblick eben, als sie hier\ndrinnen war, benutzt hatte, um sie ein klein wenig\nauszufragen, wie es denn ihrem Sohn gehe, der\nauf den tropischen Meeren fuhr, irgendwo, als\ndritter Steuermann! Offen gestanden, das einzig\nKorrekte würde sein, wenn er jetzt spornstreichs\nzu ihr hineilte und versuchte, diese Unterlassungs-\nsünde wieder gut zu machen, indem er vernünf-\ntig und lieb eine Viertelstunde oder so mit ihr\nplauderte — mein Gott, diese alte, einsame Person,\ndie so redlich, so gütig und liebevoll, so unermüd-\nlich, während dieser zwei langen Jahre für ihn\ngesorgt hatte, seit jenem 1 age .... seit jenein\nTage, als Karl Mumme . . . .\n\nFortsetzung\nFortsetzung folgt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19140601-01.1.8", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebungen voi•\nWorten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur d«rdl\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zelle\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlas\nde« Stnrm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält steh der Ver-\nlag Der Storni ohne Angab« der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag;\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause I Bertin SO 26\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W / Potedmner Straie 134 a\nSechsundzwanzigste Ausstellung\nMare Chagall\nNfeue Gemalde und Graphik\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nEroffnung in GenU 15. August\nSturmausstellungen 3n Deutschland und int Aus-\nland I Juni 1914\nStuttgart: Kandinsky\nGoteborg •/ Schweden: Der Blaue Reiter\nHamburg: Jacoba van Heemskerck\nJena: August Macke\nNaumburg: Expressionisten\nTokyo: Graphik\nFrankfurt a. M.: Jawlensky\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nfialbmonatsschrilt Der Sturm\nErscheint am ersten und fiinfzehnten jedes Monats\nGewohsiliche Ausgabe Fur Deutscklasd'\nund 0 esterr eich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig I F ii r das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes I Probenummer umsonst\nSonderausgafoe: Ungebrochene Exera-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nse n d u n g in Rollen direkt durch die\nPost fiir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark ,/ Fiir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark I Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\n'Kunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n\"durch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum fiinften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i h -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird\nGeneralverfretung des Verlags Eugene Figuiere /\nParis\n\nOriglnalholzschnitte / Handdrucke\nDie Gesamtauflage ist in Klaromern beigeffigt / AHe\nExemplare sind vom Kiinstler nummeriert und signiert\nFranz Marc: Versohnung / Tier-\nlegende / Pferde I Tiger / Pferde\nHochformat / Die Hirtla I Der S11 • ? /\nSchlalende Hirtin / Wlldpierd® /\nRuhende Pferde (handaquarelliert) (je 10)\nKaiidinsky: Sonntag / Zwei Vogel I Das Exemplar\n30 M I Radierungen M 60 und M 40\nMax Pecbstein: Die Erlegung des F e s t -\nb r a t e n s / Auf Nummer 94 der Zeitschrift Der\nSturm vom Kiinstler mit der Hand aquarelliert I\nDas Exemplar 5 Mark (100)\nOtakar Kubin: Handdrucke\nGabriele Miinter: Neujahrswunsch / Holzschnitt 1\nbis IV / Das Exemplar 30 Mark (5)\nWalter Helbig: Landschaft / Das Exemplar\n30 Mark (5)\nSdimidt-Rottluff: Mann und Weib / Sonnige\nStraBe / Nordischer Hafen / M&dchen auf Sofa !\nSitzende Frau / Zwei Frauen im Raum / PortrSt I\nI StraBenkurve / Zwei Akte / Das Exemplar\n30 Mark (12) / Liebespaar / MiiBige Hetaren I\nSchlafende Het&re / Je 40 Mark (12)\nH. Campendonk: Originaiholzschnitte [Nummer 131,\n134/135, 140/141] I Das Exemplar 30 Mark (12)\nOskar Kokoschka: Plakat fQr die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nMusik\nHerwarth WaSden: D a f ti i s 1 i e d e r / Zu Oe-\ndichten von A r n o H o 1 z I Ffir Qesang und Kla-\nvier I 3 Mark / 50 Seiten / Nummer h Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn / einzeln 50\nPfennig\nKfcn stlerpostkarten\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / LuigiRussolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Qiao\nrini: Die Modistin / Ruhelose TSnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni: Abschied/\nKaiidinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries ,/ Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall /\nKlee ./ Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes usw\nMappers und Alben\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungen j\nStrichatzimg / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in dn~\nfacherer Mappe 12 Mark\nKaiidinsky 1901—1913 / Monographie mit sech-\nzig ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nIHustrierte Ausstellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin 30 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit funfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\n\nZeitsehriften\nLa Cerba / Halbmonatsschrift / Florenz I Vis\nNazionale 25\nLa Route / Revue de l'Effort Social / Paris / Hn#\nde Vaugirard 120\nL'Effort Libre / frflher L'&ffort / Moaatsscfirift I\nLa Renaissance Contemporalne / Halbmonatsschrift\nParis I 41 Rue Monge\nLa Nouvelle Revue Franoalse / Monatsschrift |\nParis Vie 35/37 Rue Madame / Nummer 1 Francs\n50 centimes\nLes Cahlers du Centre f Moulins [AHier]\nLes Soirees de Paris / Recueil Mensuel illustrS f\nDirecteurs: Guillaume Apollinaire et Jean C4-\nrusse I Paris 278 Boulevard Raspail / Jahres-\nbezug 12 francs\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fiir neue nod\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova\n\nAnzeigen\n\nSoeben erschienen: Paul Scheerbart: Glas-\narchitektur / In einhundertundelf Kapi-\nteln I Zwei Mark / Luxusausgabe in zwanzig nume-\nrierten und signierten Exemplar en auf Van Gelder\nBiitten, Decke und Vorsatzpapier von Anna Scheer-\nbart I Zwanzig Mark bei Vorbestellung / fiinfund-\nzwanzig Mark nach Erscheinen / Verlag Der Sturm\nI Berlin W 9\nSturm-Biicher 1: August Strainer. S ancta Su-\nsanna / 50 Pfennig / Verlag Der Sturm / Berlin\nW9 I Erscheint am 10. Juni\nVereln Kir Kunst / Leitung HerwartbWaldes\nI Elftes Jahr / Jahresbeitrag 20 M. / Rechte\nder Mitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift Der\nSturm I Ereier Besuch aller Sturmausstellungcn /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation: 1913/14r\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst\nPoet-Lore Begriindet 1890 I Eine Zweimonats-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dem Drama\nder Qegenwart in alien Landern / Literarische\nBeitrage von Maeterlinck / Claudel / Jammes /\nDuhamel / D'Annunzio / Synge ./ Whitman f\nEchegaray / Bjornson / Hervieu / Tchechow >\nPszybiszevski / Gorki / Noguchi / Gliose j Mac.\nGathmhacil / Probeheft gegen Einsendung von\n6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezue Mark / Ver-\nlag Richard G. Badger I B o s i o n / M ass\nI USA 194 Boylston Street\nUmber to Bocdoni: Pittura ScuHura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milan©\nI Con ritratto delFautore / Prcis M 3.50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnthologie des Independants: Tous les prosateurs\net poetes desireux de collaborer l'A n t h o 1 o g i c\ndes Independants, qui doit paraitre pro-\nchainement sous le patronage et avec l'appui de\nplusieurs hautes notabilites litteraires, sont pries\nd'adresser leurs envois, en demandant les condi-\ntions de collaboration, a la Revue des Inde-\npendants, 14, Boulevard Montmartre / Paris"}]}