{"numero_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_sha256": "abb996f3120119b7bc98ac8211a132cede90d853bba4c7ab9ecc824c560d5273", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1914/11/01_01/bmtnabg_1914-11-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1914/11/01_01/bmtnabg_1914-11-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-11-01_01#c001", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "101", "page_fin": "101", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.1", "debut_caractere": 353, "fin_caractere_exclue": 670, "texte": "Inhalt:\nAage von Kohl: Die Hängematte des Riuge / August Stramm: Gedichte / Hermann Essig: Ein Weltereignis / Aage von Kohl: Der Weg durch\ndie Nacht / H. W.: Der Rausch des Künstlers und des Nichtkünstlers / Campendonk: Zeichnung / Jacoba van Heemskerck: Zwei Originalholzschnitte /\nL. 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Sein breites schweres Kinn\nlag nach vorn, er lief mit gebeugten Knien\ndie Flinte in der Rechten, schnell über die kleine\nLichtung im Walde, hin gegen die dichten Sträu-\ncher, die an der Waldkante standen.\nLinks von ihm lief sein Schatten, gleich einem\nFuchs; der Griff der Flinte bildete den dicken\nSchweif.\nKorporal Kinza lief zwanzig Schritt dahinter.\nEr lief in derselben Stellung wie der Bruder und\nhörte das schnelle Schmettern ihrer beiden\nSchritte, als sie über welkes Laub und dürre\nZweige liefen.\n, Riuge hatte die Sträucher erreicht. Er hob\ndie Flinte und gebrauchte sie wie ein Messer, um\ndamit die verwilderten struppigen Zweige durch-\nzusägen. Er sah die flache Ebene vor sich, nur\nnoch ein paar Schritte.\nDer Korporal kam nach. Er stand still im Ge-\nbüsch und konnte den Weg sehen, den der Bru-\nder gebahnt hatte. Die Blätter rauschten wie\nschnell fließendes Wasser. Kinza hörte ein Ras-\nseln und alles wurde still, eine Sekunde. Er hob\nmit einem Ruck den Kopf und horchte. Ganz\nvornübergebeugt stand er da mit den Händen wie\ngelbe Schrauben um die Flinte. Seine Augen und\nOhren spannten „sich. J\n? '\nEr hörte die Stimme des Bruders — ganz fremd\nund wunderlich klang sie, als ob sie sich wand\noder lief —■:\n„Kinza, lauf zurück. Zur Abteilung. Sie kom-\nmen nicht vorwärts hier.\"\nDer Korporal drängte sich ein paar Schritte\nvorwärts.\n„Was ist los?\" fragte er und machte einen\nlangen Hals, um sehen zu können, wo der Bruder\nwar. Wo blieb den Riuge? Es fing an, in ihm\nzu hämmern und zu zittern.\nEr drang noch ein bischen vorwärts im Dik-\nkicht, die Blätter streiften sein Gesicht wie kalte\nFinger, er guckte überall.\n„Lauf zurück, aber schnell!\" sagte Riuge.\nKinza hörte, als teilte ein Messer dessen Wprte.\nEr beugte sich nach vorn und mit einem Ruck\nsah er den Bruder. Nur den Kopf. Er lag auf\nden welken Blättern der Erde wie auf einer\nSchüssel.\n„Was ist denn?\" sagte er halblaut und fühlte\nzum ersten Mal in seinem Leben, daß Riuge von\ndenselben beiden Menschen geboren war wie er\nselbst. Er beugte sich noch mehr vorwärts und\nsprach leise, die Schützengraben der Russen lagen\nkaum zweihundert Meter entfernt: „Was ist\nlos?\" —\nIm selben Moment verstand er es: die Rus-\nsen hatten Löcher gegraben hier an der Wald-\nkante. Die Oeffnungen waren mit Blättern und\nZweigen verdeckt. In eine von hinen war Ri-\nuge gefallen.\nKinza sah zurück und horchte. Es war kein\nLaut zu hören. Die Abteilung war also noch weit\nweg. Dann hatte er noch Zeit. Er warf die\nFlinte fort und kroch auf Händen und Füßen zu\ndem Bruder hin.\n„Gib deine Hände her!\" — sagte er schnell —\n„Komm, ich kann dich heraufziehen!\"\nAber jetzt sah er das Gesicht des Bruders.\nRote entzündete Flecken bedeckten seine Wangen\nund die dicken Lippen hatte eine schmerzvolle\nS-Form angenommen. Und Kinza erinnerte sich\nmit einmal, daß die Russen ihre Löcher mit gan-\nzen Knäueln von Stacheldraht zu überspannen\npflegten.\nRiuge hatte die Augen geschlossen.\n„Lauf zurück!\" sagte er, seine Stimme war so\ndick wie Wolle. Er wußte kaum selbst, warum\ner es für so eilig hielt, daß die Kameraden ge-\nwarnt werden mußten, ehe ihm geholfen wurde.\n„Verhindere sie durch den Wald zu gehen.\nSie müssen herum gehen. Es dauert zu lange mir\nzu helfen!\"\nKinza hob sich auf die Knie. Er dachte daran,\ndaß dies selbstverständlich nicht das einzige Loch\nsei. Es waren sicher mehrere. Ganze Reihen.\nDie Abteilung würde nie durchkommen können.\nUnd eine ganze Viertelstunde würde es dauern,\nRiuge zu helfen.\n„Aber \" sagte er schwach, und fühlte wie-\nder, zum zweiten Male, daß Riuge sein Bruder\nwar. Sein ältester Bruder, sein Freund und\nsein Herr.\nAber Riuge öffnete die dicken Lippen, seine\nStimme war müde und dumpf —:\n„Los jetzt! Nachher kannst du zurückkom-\nmen \".\nUnd seine Augen schlössen sich wieder, als\nschnitt sie die Sonne, furchtbare, gewaltige Zuk-\nkungen liefen über sein Gesicht.\nDie Blätter rauschten im Walde, und Kinza\nsprang durch das Dickicht.\n„Komme gleich!\" rief er dem Bruder zu, und\nwar schon weit weg.\nRiuges Rechte lag frei. Sie hielt sich fest um\ndie Flinte. Die Finger waren ganz gelblichweiß\ngeworden. Der Zeigefinger öffnete und schloß\nsich immerfort. Er biß die Zähne zusammen, und\nversuchte an etwas anderes als an die Stacheln\nzu denken. Eigentlich war es fürchterlich dumm\nvon ihm, sich nicht vom Kinza zuerst helfen zu las-\nsen. Warum hatte er dies getan. Woher kam die\nIdee, daß die Leute gewarnt werden sollten, zu-\nerst! Als er merkte, daß die Erde unter ihm nach-\ngab und die scharfe Spitze in sein Fleisch ein-\ndrang, kam ihn diese Idee.\nEs ging ein Draht gerade vor seiner Kehle. Bei\njedem Atemholen schnitt es ein. Er versuchte sich\nein bißchen nach hinten zu biegen, aber merkte\ndann zuerst, daß da auch ein Draht gespannt war,\nder schon die Haut losgerissen hatte. Sie hing in\nFetzen mit dem schwarzen Haar, es sah aus wie\neine Pelzmütze. Kinza kommt ja bald wieder,\ndachte er, und wierderholte immer und immer die-\nsen Gedanken, er zwang sich zu vergessen, daß er\nüber einem Stacheldraht ritt, mit seiner ganzen\nSchwere. Er versuchte sich ein bißchen zu heben\ndadurch, daß er die Hand um den Stacheldraht\ndaoben klemmte, die ganze Spitzen in seine Hand\ndrängen ließ, um sich leichter zu machen.\nEs war, als liefen wunderlich glühende lang-\nsame Ströme durch seinen ganzen Unterleib, wo\ndie Spitze schon die Kleider durchgestochen\nhatten.\nDie rechte Hand zitterte um die Flinte.\nWenn er nur schießen könnte. Als Dank für\ndiese Hängematte, die sie für ihn gemacht hatten.\nAußerdem, ein niederträchtiges Pech hatte er ge-\nhabt. Auch heute Späher zu sein. Immer war er\nSpäher. Immer die schlimmste Arbeit. Ja, es\nwar dieser Leutnant, der ihn nie leiden mochte.\n„Jetzt haben Sie ja eine gewisse Uebung be-\nkommen!\" — sagte er, der Leutnant Hirai —\n„bitte sehr 294 — vorwärts, an die Spitze.\" „Wenn\ner nur den Draht da am Beine los werden könnte.\nSein Kopf glitt vornüber einen Moment. Die Lip-\npen waren wie poröse rote Tüten, wo das Blut\naustropfte. Es gab ihm einen Ruck: er hörte, von\nWeiten ein langsames Tuten. In einer Sekunde\nging eine schnelle heiße Freude durch ihn. War\nhier jemand? War jemand anders auch in eins von\ndiesen verdammten Löchern gefallen?\nIst hier jemand?\nAber der Laut war nicht mehr zu hören. Und\ner versuchte wie früher seine Gedanken auf an-\ndere Sachen zu lenken, daß er nicht an diese Spitze\ndenken mußte, die durch sein Fleisch fuhren. Wenn\nKinza bald zurück wäre! Jetzt müßte er doch die\nAbteilung schon längst erreicht haben! Was wür-\ndie Kameraden sagen? Und der Leutnant Hirai?\nRinge bereute eine Sekunde im Ernst, daß er\nden Bruder zurückgesandt hat. Erstens seiner\nselbst wegen. Und zweitens, Leutnant Hirai hätte\ner so ein Bad gern gegönnt. Obgleich, ein tüchti-\nger Soldat war er ja. Aber grade deshalb! Es war\nbei Qott kein Kunststück, ein guter Soldat zu sein,\nwenn man auch verlangte, daß andere es sein\nsollten!\nNa, es war doch gut so wie es war. Jetzt könn-\nten die Kameraden sich seinetwillen ordentlich\nrächen an den Schurken da oben, die sowas mach-\nten, um Leute zu fangen.\nSeine Gedanken glitten auseinander. Als\nschnitt sich der Schmerz von da unten durch -aa,\na-a-a-a-a, wie langsam und scharf und bitter es\nging. Durch den ganzen Körper bis in den Kopf,\ngerade zwischen die Gedanken, die er denken\nwollte. Es saß wie eine große, blanke, widerlich\nscharfe und heiße Stahlklinge, zwischen seinem\nGehirn. Die Sonne schien darauf, als ob sein\nganzer Kopf neben einem Feuer läge oder als ob\ner mit Augen ohne Lider in die IVlittagssonne\nWenn er nur denken konnte! An was, das\nwäre einerlei!\nJa, liirai, der Schurke. Immer stellte er ihn\ndahin, wo es schlimm . . . Ah, der Draht. Die\nSonne! Die linke Hand. Die Stahlklinge. A-a,\na-a, war hier nicht jemand? Wer ist es? Feld-\nruf! Wer tutet? Ah, Kinzachen, denke daran, daß\ndu mein Bruder bist. Ja — ich reite über den\nDraht! Beeilt euch jetzt.\nDenkt daran, daß ich euch davor gerettet habe.\nWarum, das weiß ich nicht, aber gleichviel. Ja\n— ja. Komm, komm! Meine linke Hand, meine\nlinke Hand! Und die Stahlklinge. Denke daran\ndar-an Nimm sie fort, fort! Denke, wie das ist,\neine Stahlklinge auf den Kopf zu haben, balanzie-\nrend, ein klein bischen und es gilt das Leben!\nEs war keiner in der Kompagnie, der wußte,\ndaß Korporal Kinza und Gemeiner Riuge Brüder\nwaren. Die Umstände hatten von Riuge gefor-\ndert, daß er einen anderen Familiennamen ange-\nnommen hatte.\n„Meinetwegen ist es nicht nötig!\" sagte Kinza,\nda er und der Bruder sich als Freiwillige in der\nArmee meldeten, „nenne dich wie du willst!\"\nRiuge verzerrte seine häßliche Fratze mit den\ndicken blutroten Lippen quer über dem breiten\nGesicht wie Marken von Peitschenhieben. Seine\nkleinen Augen blinzelten zu dem Bruder:\n„Danke!\" sagte er grinsend, „aber behalte du\nlieber deinen Rat für dich!\"\nRiuge hatte angefangen als Kurmaia-san.\nSelbstverständich hatte Kinza, der Lackierer war,\nund einen kleinen Laden voll von wunderbarsten\nSachen hatte, ihm den Wagen kaufen müssen.\nUnd in ein paar Monaten ging es Riuge sehr gut.\nJeden Tag hielt er, lässig hängend zwischen den\nDeichseln seiner Kurmaia, vor dem Bahnhof in\nTokio. Er quatschte mit den Kollegen und nahm\nes auch nicht übel, wenn sie ihm ab und zu einen\nKunden wegnahmen. Es war angenehmer, still\nzu stehen als zu laufen. Und er erfand das\nSystem, daß die Kollegen ihm ein kleines Trink-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9821, "texte": "gekl zusammenlegten, jedesmal, wenn sie Erlaubnis\nbekamen, ihm einen Kunden fortzunehmen.\nAuf diese Weise lebte er stolz und bewegte\nsich nicht vom Fleck von morgens früh bis abends\nspät.\nZuletzt fand er es auch fürchterlich dumm, daß\ner diesen Wagen behielt, es hatte keinen Sinn.\nDer Verdienst war doch nicht so groß, daß es\ndie Mühe lohnte. Darum verkaufte er seine Kur-\nmaia und verlebte ein paar frohe Tage für das\nGeld. Er lief mit tändelnden Schritten in den\nkleinen Gassen, wo die Mädels wohnten. Er\nhörte zu, wie die Ausrufer die Mädels priesen und\nzuletzt wußte er nicht, welche er mit seinem Geld\nglücklich machen sollte, und trank es deshalb\nlieber auf. So wußte er jedenfalls, was er für das\nGeld bekam, und das konnte in der Liebe manch-\nmal recht zweifelhaft sein, räsonnierte er.\nDen Tag nachher, als das ganze Geld weg war,\nging er zu den Kollegen und erzählte, daß er zwei\nTage sehr krank gewesen sei. Ein schlechtes Bein\nhätte er. Zu diesem Zweck hatte er sich ein kur-\nzes und ein langes Bein zugelegt, um die Ver-\nheerungen der Krankheit zu demonstrieren. Jetzt\nmüßten die Kollegen ihm helfen, so lange er krank\nsei, sagte er. Aber ein paar von ihnen wußten,\nau*f welche Weise er krank gewesen war, und\nwollten die Sache beim richtigen Namen nennen.\nOsati zeigte auf ihn mit einem langen drecki-\ngen Zeigefinger und öffnete seinen großen Mund:\n„So, du warst krank, mein Maiglöckchen!\"\nsagte er.\nAber Riuge verzerrte, isein Gesicht mit den\nroten Schnüren, sah bedeutungsvoll und diskret\nauf seine schweren Fäuste. Und dann hatte er\nnatürlich gewonnenes Spiel. Keiner vermochte die\nblaue Augen zu zählen, die diese Fäuste versetzen\nkonnten. Also ging Riuge ein paar Monate lang\nals Rekonvaleszent herum.\nAcht Kollegen gaben ihm jeden Abend von\nihren Einnahmen. Und Segen schien zu sein über\nihrem Opfer. Riuge wurde unförmlich dick von\nallem, was er aß und trank.\nAb und zu besuchte er den Bruder.\n„Weißt du!\" sagte er und legte sich vorsichtig,\num sich nicht überanzustrengen, auf den weichen\nTeppich in einer Ecke der Werkstatt.. „Es sind\nwirklich scheußliche Kollegen, die ich habe. Sie\nhelfen mir gar nicht! Nein, keine Spur helfen Sie\nmir. Ein Gott wird mich gewiß einmal rächen.\nFrüher oder später. Dessen bin ich sicher, aber\ndu verstehst, darauf kann ich ja nicht warten,\nnicht?!\"\nKinza stand und machte seine feine kleine\nLackkästchen: „Ja,\" sagte er und arbeitete wei-\nter, „etwas kann ich entbehren, aber eigentlich\nhatte ich mir gedacht, das zu sammeln, bis wir\ndafür einen neuen Wagen für dich kaufen könn-\nten?\"\n„Ah,\" sagte Riuge und drehte sich um auf den\nBauch, „du weißt ja, wie ich mit dem vorigen\nWagen hereingefallen bin — der war so schwer\nzu fahren!\" Und alle beide, er und der Bruder,\nwußten, daß es eine tolle Lüge war. Aber sie\nmachten so, als ob sie daran glaubten — auf die\nWeise nämlich wurde aller Streit und Zank in\nder Familie vermieden.\nUnd so bekam Riuge sein Geld. Er schlief\nein paar Stunden in der Werkstatt und ließ sich\nnachher von dem kleinen Gehilfen des Bruders\neine Kurmaia holen und fuhr dann Mittag essen.\nDenselben Abend fanden ihn die Kollegen in\nThränen aufgelöst. Er saß und schüttelte den\nKopf und sprach nur in selbstverfertigten Sprich-\nwörtern, weil er wußte, daß diese Art immer auf\ndie Zuhörer wirkte.\n„Das Leben ist ein Goldfisch!\" sagte er und\nschielte, um zu sehen wie seine Worte wirkten,\n„wenn man ihn an den Kopf greift, bekommt man\nnur den Schweif in die Hand!\"\n„Was ist denn los?\" fragte der dicke Okusai,\nder war so gutmütig, wie die Nacht im Winter\nlang ist.\n„Die Freude eines Mannes ist wie ein ganzer\nKasten voll Teeblätter!\", sagte Riuge und\nschluchzte noch höher, „der immer reichen würde,\naber wehe dem Mann, aus dessen Kasten der Bru-\nder seiner Familie zu trinken gibt!\"\n„Ist etwas nicht in Ordnung mit deinem Bru-\nder?\" fragte Okusai und legte seine Hand auf die\nSchulter Riuges. Er war selbst den Thränen\nnahe, als er dieses Herzensweh sah, „was hat er\ndir angetan?\"\n„Der von seinem Bruder schlechtes spricht,\nist wie ein Fuchs ohne Schweif!\" antwortete Ri-\nuge und umarmte die Beine Okusais. „Die Mük-\nken können ihn stechen, ohne daß er etwas hat,\nwomit er sie wegjagen kann!\"\nOkusai mußte seine Tränen wegwischen, wenn\ner so viel Feingefühl hörte, und Riuge bekam von\nihm einen Taler extra. So nach und nach hatte\ner alle seine Kollegen wütend auf den hartherzigen\nBruder gemacht — und den Bruder auf die gei-\nzigen Kollegen gehetzt.\nUnd zu der Zeit da Riuge seinen Schmerbauch\nein bischen genierlich fand und außerdem seine\nRekonvaleszenz langweilig, an diesem Tag be-\nschlossen die beiden Parteien, geradeaus mit ein-\nander zu sprechen.\nDen Vormittag war Riuge bei Kinza, der eben\neinen guten Verkauf beendet hatte.\n„Hier ist was für dich!\" sagte der Lackierer\nund gab Riuge einen beträchtlichen Teil des Ver-\ndienstes, „aber ich finde doch, daß deine Kolle-\ngen —. Es ist doch Brauch, daß Kollegen ein-\nander helfen!\"\nRiuge schüttelte den Kopf und schielte zu dem\nBruder hin, der eben den Rest des Geldes in\neinem Schrank einschloß.\n„Wenn du nur mit den Leuten sprechen woll-\ntest! Heute abend,\" sagte er, „alle Leute kennen\ndich. Sie haben alle Achtung vor dir. Sie wer-\nden auf dich sehen, wie auf eine Lilie!\"\nSo wurde es denn verabredet, daß Kinza heute\nabend in dem kleinen Teehaus neben dem Bahn-\nhof sein sollte, um mit den Kollegen zu reden.\nEin paar Stunden später kam Okusai zu der\nHaltestelle, er hatte einige Reisende durch die\nStadt gefahren.\n„Hast du gut verdient?\" fragte Riuge, „du Sohn\nder siebenundsiebzig Roninen?\"\n„Ich habe immer etwas übrig für einen Kolle-\ngen, aber ich finde doch, daß dein Bruder näher\ndaran zu helfen ist!\"\nRiuge bedeckte beschämt sein Gesicht:\n„Eine Frau wand sich auf dem Lager,\" sagte er\nlangsam und feierlich, „und obgleich sie früher\neinen Sohn geboren hatte, dessen Augen nach\nOsten gerichtet waren und dessen Herz aus Gold\nwar, gebar sie jetzt einen Sohn, dessen Augen\ngegen Norden gerichtet waren, und den keine Not\nrühren konnte!\" Okusai brummte vor Wehmut\nund Mitleid mit dieser Tragödie.\n„Wenn du nur heute abend mit meinem Bru-\nder reden wolltest,\" sagte der hart Behan-\ndelte zuletzt, „denke daran, daß die ganze Welt\ndich liebt. Dein Gesicht zu sehen ist wie eine\nTasse Tee zu trinken!\"\nSo wurde also verabredet, daß Okusai und drei\nandere, die alle zusammen mit Riuge wohnten, in\ndem kleinen goldenen Teehaus am Hafen diesen\nAbend mit Kinza reden sollten.\nSpät in der Nacht kamen die beiden klagenden\nParteien, jede in ihrem Haus angelangt, müde und\nwütend, für Narren gehalten zu werden. Und zu\nHause begegnete ihnen ein neuer Aerger. Ihr\nGeld war fort.\nDenselben Abend aber war Riuge, mit Geld\nwohlversehen, nach Peking abgefahren.\nUnd jetzt kamen frohe Zeiten während der\nBoxeraufstände. Riuge schloß sich zusammen\nmit einigen Gleichgesinnten und er lernte den\nKrieg lieben: nichts war schöner als langsam\nund gemütlich nach eigenem Gutbefinden einem\nTruppenteil auf den Fersen zu folgen und da fort-\nzusetzen, wo die beendet hatten. Es waren glück-\nliche Tage und lebendige Nächte. Riuge konnte\nschon sagen, daß er allerlei erlebt hatte, und\naußerdem fand er es sehr patriotisch, sozusagen\nauf Kosten der Chinesen zu leben. Es war etwas\nEdles darin.\nAber diese Freude dauerte nicht lange. Und\ndann kam Riuge in die verzweifelte Situation,\nalles mögliche machen zu müssen. Und eines\nAbends, als er sich als Führer für einen französi-\nschen Handelsmann verdingt hatte, kam er zufäl-\nlig dazu, diesen etwas härter um den Hals zu\nklemmen, als er gedacht hatte, ehe er sich des-\nsen Brieftasche zueignete. Er hatte seit zwei\nTagen nichts gegessen als dies geschah, und seine\nerste Wanderung galt also einem Fleischtopf und\ndanach meldete sich der Durst. Als dieser gründ-\nlich gelöscht war, kam der Freundschaftsdrang.\n„Du bist mein Bruder!\" rief Riuge und um-\narmte einen dreckigen Chinesen, der an seiner\nSeite saß. Ehe er das tat, war er doch so vorsich-\ntig, sich auf die Brieftasche zu setzen. Er wußte\nsehr gut, wozu eine Umarmung benutzt werden\nkann. Ungefähr eine Woche dauerte die Freude.\nRiuge und der dreckige Chinese, der schon längst\nseinen Zopf in irgendeiner Strafanstalt verloren\nhatte, durchstreiften die Stadt kreuz und quer.\nEines Tages standen sie vor einer Hausecke,\nan der eine Bekanntmachung angeschlagen war.\n„Was liest du?\" fragte Riuge den Chinesen.\nRiuge war glücklich besoffen und hing in seinem\nArm.\nDer Chinese las laut vor. Es war eine Bekannt-\nmachung des französischen Konsulats. Eine Prämie\nwurde dem versprochen, der dazu beitrug, daß\nder Mörder des Handelsmannes gefunden würde.\nDie gestohlene Brieftasche mit den Papieren\nwurde zuletzt ganz genau beschrieben.\nDie Stimme des Chinesen wechselte allmählich\nden Ausdruck, je weiter er las. Zuerst ganz\ngleichgültig, wurde sie langsam und dick, und zu-\nletzt wieder übertrieben gleichgültig. Er drückte\nnur den Arm seines Freundes ein bischen. Riuge\nschielte zu ihm hin und wurde schwerer und\nschwerer zu schleppen.\nSpäter, am Nachmittag, fing der Chinese an\nmit seinen Taten von alten Zeiten zu protzen:\nEinbruch und Diebstähle, und ein paar kleine\nMordchen. Riuge wollte natürlich nicht zurück-\nstehen und er fing an die Geschichte mit dem\nHandelsmann zu erzählen. Er erzählte sehr um-\nständlich und eindringlich.\n„Eigentlich konnte ich ja nicht dafür,\" sagte er\nzuletzt und weinte aus Mitleid mit sich selbst.\n„Es war gar nicht meine Schuld, es war seine\neigene Schuld, warum zeigte er immer die Brief-\ntasche und versteckte sie nachher so sorgfältig,\ndas hätte er nicht machen sollen. Es war seine\neigene Schuld, mein Liebling, das schwöre ich\ndir. Da der Chinese, unsagbar einig mit ihm, sich\nbereit machte, Riuge zu umarmen, vergaß dieser\ndie Vorsicht, sich auf die Brieftasche zu setzen\nund es gelang dem Chinesen, sie zu nehmen. Er\nging fort und wollte das Geld zuerst nehmen,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9923, "texte": "aber die Tasche war schon leer, das tat jedoeli\nseiner Freude keinen Abbruch, die Prämie\ndes französischen Konsulats war sehr groß. Kr\nging zu dem großen Rechts-Yamen und fing an,\nvon Riuge zu erzählen. Als Beweis die Brief-\ntasche. Der Richter nickte ein paar Mal und da\ner die Brieftasche sah, glitt ein vergnügtes\nLächeln über sein Gesicht.\n..Ist es diese?\" fragte er durch seinen Dol-\nmetscher, und drehte sich um: da saß Riuge und\nuntersuchte die Tasche auf das genaueste, zuletzt\nnickte er wiedererkennend.\n~Ja, ich glaube wohl, daß es diese ist!\" sagte\ner. „Der Fremde hatte sie in der Hand, als er\nmich bezahlte! Der Chinese hat sie sicher ge-\nsehen, ich merkte, daß er hinter uns war. Ich\nhabe es auch dem Fremden gesagt, aber er lachte\nnur!\"\nDer Richter ließ den Chinesen untersuchen,\nfn einer inneren Tasche fand man eine kleine\nMlbermünze, vun der man wußte, daß sie dem\nHandelsmann gehört hatte.\nDer Chinese ließ seinen Kopf hängen, er sah\nein. daß Ritigö noch besser als er verstand eine\nUmarmung zu benutzen — und er verneinte nicht\nmehr: gegen das Genie kämpft jeder vergeblich.\nRiuge bekam seine Prämie und er war wun-\ndervoll besoffen an dem Tage, als er auf den Hin-\nrichtungsplatz kam, um zu sehen, wie der Chi-\nnese geköpft wurde. Als es geschehen war,\nschluchzte er lange darüber, daß es für ihn not-\nwendig gewesen war, sich von diesem lieben\nFreund trennen zu müssen.\nDann kamen die Gerüchte, daß Krieg zwischen\nJapan und Rußland erklärt war. Riuge erinnerte\nsich der schönen Zeiten während der Boxerauf-\nstände. Und stahl sich schnell an Bord eines\nDampfers, der nach Tokio ging. Selbst der Ge-\ndanke, daß sein Land wagte, sich mit Rußland im\nKrieg einzulassen, Rußland, vor dem die Chine-\nsen zitterten, dieser Gedanke imponierte und amü-\nsierte ihn. Er nahm sich vor, er würde jedenfalls\ndas seinige dazu tun. daß Rußland wenigstens öko-\nnomisch den Kürzeren ziehen sollte.\nEs war Abend, als er in Kinzas Laden kam.\nKinza war eben dabei, seinen Laden für län-\ngere Zeit zu schließen. Riuge fing mit einer gut\nvorbereiteten Rede an:\n„Meine Liebe zu dir,\" sagte er, indem er sich\nbehaglich niederließ, „ist wie eine Kirschenblüte.\nSie entfaltet sich, ohne daß man weiß warum,\nund bringt jeden, der sie sieht, zum Entzücken!\"\nUnd nach einer kurzen energischen Rede am\nnächsten Morgen meldeten sich Riuge zusammen\nmit dem Bruder als Freiwillige.\nZufällig kamen sie in dieselbe Kompagnie.\nEs dauerte nicht lange, dann avanzierte Kinza.\nEr bekam seinen Korporalsgrad in jener Nacht,\nals die Russen am Motien-ling die Feldwache über-\nfielen. Der Offizier wurde niedergestochen, er\nstand bei den Vedetten, der nächste Kommandie-\nrende fiel gleich darauf, aber da übernahm der\nGemeine Kinza das Kommando über die Kamera-\nden, und zwanzig Minuten hielten zehn Mann\nstand gegen eine ganze feindliche Kompagnie. Zu-\nletzt waren nur drei zurück. Die Flinten glühten\nvon dem schnellen Schießen und die Patronen\nwaren fast verbraucht. Die Arme der Soldaten\nzitterten und die Muskeln barsten beinahe vor\nAnstrengung, aber da kam die Verstärkung und\ndie Stellung war gerettet.\nRiuge dagegen war sehr enttäuscht, er hatte\nsich den Krieg nicht so vorgestellt. Die Ideen, die\nihm vorgeschwebt und seinen patriotischen Eifer\nentzündet hatten, waren ganz anders. Die gin-\ngen meistens in der Richtung, den Feind dadurch\nzu strafen, daß man ihn gründlich ausplünderte\nund auf seine Kosten gewaltig flott lebte. Ein\npaar Mal hatte Ringe auch versucht, die Kamera-\nden in dieser Richtung zu beeinflussen und ihnen\ndenselben Blick auf den Krieg zu geben, aber\nsein Rücken wurde so blau und tat so weh nach\nseinem Versuche in dieser Richtung, daß er es\naufgab — jedenfalls vorläufig. Aber es hatte ihn\nnicht populär gemacht, weder bei den Soldaten\nnoch den Offizieren und die Zeit, die jetzt folgte,\nwurde sehr kraftraubend und anstrengend für\nRiuge. Es gab keinen Tag, an dem er nicht ge-\nbraucht wurde —• und das ordentlich. In einem\nMonat wurde er schlank wie ein Blumenstil —\nnur der Kopf blieb genau so dick und breit.\n„Wir wollen versuchen, ob wir hier durchkom-\nmen können,\" sagte Leutnant Hirai und zeigte\nvorwärts, während er hin zu Riuge schielte, der\nschon Bescheid wußte. „294, schnell durchgehen!\nAber die Beine gebrauchen!\" fügte er mit bedeu-\ntungsvoller Stimme hinzu. Und Riuge mußte sich\ndurch das Dickicht drängen. Als er zurückkam,\nwar er von oben bis unten voll Dornen.\n„Es ist wahrscheinlich zu tief!\" sagte Leutnant\nHirai an einem andern Tag. Er machte seinen\nHals lang und guckte in das Wasser, wo schwarze\nEisstücke hin und her trieben:\n„294, versuch, ob es geht! Wenn Sie nicht\nBoden gewinnen können, machts doch nichts!\"\nUnd Ringe mußte daran, obgleich er beschwor,\ndaß er nie geschwommen hatte. Die Kameraden\nlachten sich beinahe tot, während 294 auf dem\nandern Ufer stand, sich schüttelnd vor Kälte, mit\nveilchenblauem Gesicht, und sich infolge der\nMenge Flußwasser erbrach, das er verschluckt\nhatte.\n„Wir müssen Meldung haben hinüber zu der\nKompagnie,\" sagte der Leutnant ein anderes Mal.\n— „Aber schnell muß es gehen!\"\n„294, lauf und melde, daß eine Patrouille Fuß-\nvolk zweihundert Meter vor der Feldwache ist.\"\nUnd Riuge, der die ganze Nacht nicht geschla-\nfen, sondern an drei schweren, mühsamen Späher-\npatrouillen teilgenommen hatte, mußte jetzt mit\nzusammengebissenen Zähnen und Augen voll\nSchwefel sich im Lauf setzen.\n„Aber schneller!\" rief der Leutnant. Und Riuge\nmußte Galopp laufen.\nAls er wieder schwankend vor Müdigkeit sich\nbei Hirai meldete, sagte dieser:\n„Es ist gut, und jetzt auf Ihren Posten. Da\ndraußen bekommen Sie Ihre Instruktionen. Jetzt\nkönnen Sie wohl ein bischen Ruhe gebrauchen?\"\nHirai lächelte. Als Riuge herauskam, wurde\ner als Posten aufgestellt.\n„Jetzt ordentlich aufpassen!\" sagte der Ser-\ngeant und gab ihm einen Rückenstoß.\nNach dem was der Leutnant sagte, hatte Riuge\ngeglaubt, er dürfe jetzt ein bißchen schlafen, nun\nmerkte er, daß sie ihn zum Narren hielten. Hatte\ner früher zu viel laufen müssen, sollte er jetzt mehr\nstehen, als er vermochte.\nEs ging eine gute Stunde. Der kühle Wind\nhatte schon längst den Schweiß vom Laufen ge-\ntrocknet. Riuge fühlte, als stände er in einem\nGlaskasten. Die Füße brannten, ohne Haut wie\nsie waren. Seine Hände waren wie im Brand\ngeraten. Die Kälte schmerzte und juckte drin.\nDie Ohren fühlte er schon lange nicht mehr. Und\nvon der Nase ging eine kleine Eisbahn zum Mund\nherunter.\nEr wurde ganz unklar im Gehirn und wachte\nauf von einem fürchterlichen Stoß in allen Glie-\ndern. Er war von dem Hügel heruntergefallen.\nEin Fall, der die meisten Nacken sicher gebrochen\nhätte. Aber er verrenkte sich nur seinen Arm.\nTrotz der Erschütterung hatte er Geistesgegen-\nwart genug, um zu versuchen durch seinen Arm\nirgend einige Vorteile zu erreichen.\n„Ah, ah, mein Arm, mein Arm ist gebrochen!\"\nrief er brüllend.\nDer Sergeant versetzte ihm eine Faust ins\nGesicht. „Halts Maul, du bist ja Vorposten!\"\nUnd einen Augenblick nachher waren vier Sol-\ndaten damit beschäftigt, seinen Arm wieder ein-\nzurenken. Eine Viertelstunde Zeit nahmen sie\nsich, um sich auch ein bißchen Bewegung in der\nKälte zu machen.\n„Bitte,\" sagte dann der Sergeant und stieß ihn\nmit der Flinte vor die Brust.\n„Hier die Flinte, die ich so gut gewesen bin\nund für Sie aufgestammelt habe. Und jetzt wie-\nder auf den Posten! Aber fix!\"\nUnd dann stand Riuge wieder da oben. Er\nweinte beinahe vor Wut und Schmerzen, bis die\nTränen zu dicken Eisstäbchen auf seinen Wangen\nfroren.\nAls der Krieg ein halbes Jahr gedauert hatte,\ngab es keine Arbeit, nicht die niederträchtigste\nSache, die Riuge nicht gemacht hätte und in der\ner nicht Meister war. Das Kriegerhandwerk fing\nan, für ihn ziemlich leicht zu sein.\nDie Soldaten hatten die dummen Geschichten\nim Anfang beinahe ganz vergessen, auch Leutnant\nHirai fing an freundlich gegen Riuge zu lächeln,\naber zu dem Schwierigsten verwandte er ihn doch\nimmer. Und jetzt lag 294 also und wartete in seiner\nHängematte, die die Russen ihm gemacht hatten,\ner wartete auf Korporal Kinza, den Bruder, der\nzurückkommen und ihm helfen würde.\nDie Abteilung war ein kleines Stückchen in\ndem Wald vorgerückt, als Kinza zurückgelaufen\nkam. „Der Späher meldet, daß Gräben mit\nStacheldraht an der Waldkante gegraben sind!\"\nsagte er mit heißer kurzer Stimme. Er dachte an\nden Bruder.\n„Ringsherum!\" kommandierte Leutnant Hirai\nsofort, und einen Augenblick nachher war die Ab-\nteilung wieder heraus aus dem Walde. Hirat\nsetzte sich an die Spitze und die Abteilung fing\nan, zu laufen, um auf die Weise heran zu kommen.\n„Wo ist 294?\" fragte Hirai schnell dazwischen.\nEr schwang seinen Säbel. „Vorwärts, Leute —\nschneller vorwärts!\" Schüsse fielen links von dem\nWald, da, wo sein Regiment gegen die Russen\ngehen sollte. Es galt, zur Zeit heranzukommen.\n„Vorwärts, vorwärts!\" rief Hirai wieder, die\nfernen Schüsse klangen Schlag auf Schlag.\nDie Flintenmündungen glänzten im Laufen, als\nkönnten sie nicht warten mit dem Schießen, bis\nsie in Schießstellung lagen.\n„Wo ist 294?\" rief der Leutnant wieder zu\nKinza, der hinter ihm lief, mit der Flinte in der\nHand geklemmt und ohne Zeit zur Antwort\n„Erlauben Sie, Herr Leutnant!\" bekam Kinza\nheraus, es lief wie kleine Wellen über seine Lippen,\ndie Augenbrauen bewegten sich herauf und her-\nunter. „Mein Bruder,\" er schämte sich nicht, dies\nWort zu sagen, „2'94 liegt in dem Loch, das sie\ngegraben haben. Er hängt fest. Darf ich —!\"\nHirai hielt inne, einen Bruchteil von einer Se-\nkunde. „Der Stacheldraht? 294?\" fragte er und\nlief wieder zu, stärker als früher.\n„Er selbst hat mich zurückgesandt. Zu der Ab-\nteilung!\" und Korporal Kinza fühlte, als barst der\neine oder der andere Muskel irgendwo in ihm, „ist\nhängend geblieben!\" hörte der Leutnant.\nDie Abteilung war herangekommen.\n„Nach rechts — Kette formieren!\" rief Hirai\nund in demselben Moment war die Kette gebildet.\nEs klang ein schnelles Schmettern, wie von flie-\ngenden Steinen, die Russen hatten die Schießkette\ngesehen und gaben Feuer."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8454, "texte": "„Anhalten!\" Hirai schwang seinen Säbel, er\nging wie ein Sonnenrad über seinem Kopf. Die\nSoldaten schmissen sich auf die Erde. Die Flinten\nwurden geladen. Wie Schmeck-schmeck hörte es\nsich an.\n„Die Schießkette zuerst! Flinte bereit! Schie-\nßen!\" rief Hirai und drehte sich um zu Kinza, des-\nsen Gesicht ganz entstellt war.\n„Lauf zurück!\" schrie er und die Schüsse\nschlugen jedes Wort.\nGrüß ihn!\nTapfer\n— alles wieder gut!\" und er winkte mit der\nHand, und drehte sich wieder um zu der Abteilung.\nKinza fühlte sein Herz so unheimlich groß und\ndick, während er wieder zurücklief — ab und zu\nsich klein machend und biegend, um den Schüssen\nzu entgehen.\nEr hörte die Schüsse pfeifend vorbeisausen.\nDie Zweige fielen hinter ihm, die Erde wurde auf-\ngewühlt von den Granaten.\nRiuge hielt immer noch die Flinte fest. Bewußt-\nlos beinahe hatte er das Gefühl, daß es unerhört\nwichtig sei, die Flinte nicht loszulassen. Der\nGriff war ganz abgenutzt und fettig von einem\neigentümlichen kalten Schweiß, der aus der Haut\ntropfte.\nEr hörte, wie die Abteilung anfing zu schießen.\nEine warme Freude stieg in ihm auf. Jetzt könnten\nsie ihn rächen. Jetzt wußten sie alle, daß er —\nDie Schüsse fielen dichter und dichter.\nJetzt müßte doch Kinza bald hier sein. Nur\neine Minute. Nicht einmal das. Nur 50 Sekunden.\n49 Sekunden! A—ah, jetzt schrie es wieder. Wer\nwar es doch? War hier ein Hund? Ooder ein\nFuchs? Oder —* —\nNein, nicht eine halbe Minute konnte es noch\ndauern. Er versuchte zu horchen, aber sein Ge-\nhirn war so übervoll und kochend von Lauten. Die\nSchüsse und die Schmerzen!\nGing nicht jemand im Walde?\nDie Zweige brachen doch?\nEs war jemand!\nKinza kam!\nEs — mußte Kinza sein!\nJa — hier — hier — bin ich — hier, komm\nnur — der Draht\nAh — Gott sei Dank — nimm mich auf — aber\nvorsichtig!\nDann gingen die Schmerzen wieder durch ihn,\na—a, a—a, durch seinen ganzen Körper, schnei-\ndend, langsam, bitter.\nWarum kam denn Kinza nicht?\nEr versuchte, die schweren Lider zu heben\nund zu spähen, ob nicht Kinza kam. Das arme\nentstellte häßliche Gesicht versuchte zu sehen.\nUnd durch sein Gehirn, wo die Schmerzen herum-\ntanzten, grub sich plötzlich ein Zweifel fest! Viel-\nleicht hatte Kinza gar nicht erzählt, wie das zu-\ngegangen war! Oder vielleicht hatte der Leut-\nnant nicht Erlaubnis gegeben! Oder Kinza wollte\nnicht! Oder sie hatten ihn vergessen!\nSeine rechte Hand fing an sich im Handgelenk\nzu bewegen. Die halbsteifen Finger versuchten\nKräfte zu sammeln. Es rieselte Speichel aus sei-\nnem Munde, das machte sein Schreien zu einem\nschauderhaften Lallen.\nJa, sie hatten ihn vergessen!\nSie hatten — ihn — nur — vergessen!\nVer—gessen! —\nEine Sekunde versuchte eine Welle von Haß\nund Wut sich seines armen Gehirns zu bemäch-\ntigen.\nJa, sie hatten ihn vergessen, sie fanden nicht,\ndaß er schlimm genug behandelt war.\nUnd ein häßliches, abscheuliches Lallen glitt\naus seinem Mund, der in dem Gesicht wie eine\nschräge Wunde hing. In dem breiten Gesicht, in\ndem nicht ein Zug wiederzuerkennen war.\nKönnte er nur schießen! Den Russen zeigen,\ndaß hier jemand war. Vielleicht wäre er so glück-\nlich, von ihren Granaten getroffen zu werden.\nUnd seine Rechte spannte sich noch einmal,\ndaß die verwilderten Sehnen wie ein Knäuel\nweißer Bänder unter der gesprengten Haut lagen.\nDie Mündung der Flinte hob sich ein bischen von\nder Erde; die Kugel flog und warf seine Hand\nauf die Stacheln. Der bittere Rausch füllte seinen\nMund mit Wolle. Er zitterte über den ganzen Kör-\nper, wie das Fleisch eines eben getöteten Tieres\nzittern kann.\nAber von da oben kam keine Antwort. Sie\nhatten genug mit der Abteilung zu tun.\nRinge weinte. ' So wie ein Kind weint aus\nFurcht vor Prügel. Ein lärmendes Schluchzen,\ndas seine Brust stoßweise hob und die Spitzen\nnoch fester in sein Fleisch bohrte.\nVergessen — vergessen — vergessen — von\nAllen. Er schrie die Worte mit einer Stimme wie\neines geschlagenen Hundes Heulen: Vergessen —\nvergessen — vergessen!!!\nKinza war zur Hälfte durch den Wald gekom-\nmen. Er wußte ohne es zu fühlen wie seine Füße\nihm vorwärts führten! Riuge, Ringe sagte es in\nihm.\nDann gab es einen gewaltigen Schlag gegen\nseine Beine gleich über den Knien. Er machte\neinen Sprung mit geschlossenen Füßen und fiel\nzur Erde. Einen Augenblick lag er wirr und un-\nklar, ohne zu wissen, was passiert war. Schmerz\nfühlte er nicht. Der säuerliche Erdgeruch füllte\nseine Nase. Er stemmte die Hände in die Erde\nund wollte aufstehen. Und da erst verstand er,\nwas geschehen war, er gab einen kurzen jammern-\nden Laut von sich: der Schuß hatte seine beiden\nKnie zerspalten. Er drehte sich auf den Rücken\nund setzte sich auf. Es waren ein paar Löcher\nin seinen Hosen mit Blutflecken ringsherum; und\neinige weiße wie Kalk aussehende Scherben sta-\nken von den Beinen heraus. Es kam plötzlich eine\njagende heiße Stange von Schmerzen durch die\nWunden. Er konnte kaum atmen.\nDann dachte er an Riuge. Er versuchte sich\nzu heben, aber er fühlte seine Beine nicht. Die\nwaren wie Bleiklumpen.\nEinen Augenblick war sein Gehirn ganz erlahmt\nund glühend. Was sollte er tun! Riuge? — Seine\nAugen erweiterten sich unnatürlich.\nDann schoß eine Idee durch ihn und er legte\nsich nochmals auf den Rücken und drehte sich\nnachher um auf den Bauch. Dann stemmte er die\nbeiden Handflächen gegen die Erde, setzte zuerst\ndie Rechte ein bißschen vor, dann die Linke und\nschleifte die Beine nach sich. Es war, als hingen\ndie Knie fest in Schrauben, die jedesmal sich in\ndas Fleisch einbohrten. Er biß die Zähne zusam-\nmen und knirschte mti ihnen, um die Schmerzen\nin den Beinen zu übertäuben.\nWieder setzte er die rechte Hände vor, dann die\nlinke und so die Beine. Und so die rechte, so die\nlinke, und so die Schrauben in den Knien. Links,\nrechts, es war, als barsten die Muskeln.\nDann mit einmal hörte er einen Schuß vor sich.\nEr starrte, ständig die dornenverwundeten Hände\nin der Erde, mit der Unterlippe, die, ein blaßroter\nFleischfetzen, herunterhing.\nRiuge! Riuge, ja, er wartete auf ihn. Was\nsollte er tun, er konnte ihm nicht helfen. Und was\nglaubte wohl Riuge? Daß sie ihn vergessen hatten?\nEr hob den Kopf und sah, daß nur einige Sträu-\ncher fehlten, dann war er da.\n„Riuge! Riuge!\", rief er und seine Stimme kam\nihm so laut vor. Er watete wieder vorwärts. So\nhatte er den Kopf durch das Dickicht bekommen.\nNochmals ein Schritt mit den Händen und er\nwollte die Beine herabschleifen. Aber dann merkte\ner durch einen wahnsinnigen Schmerz, daß die\nBeine in den Zweigen hängen geblieben waren\nund nicht loskommen konnten. Grade in den Wun-\nden. „Riuge! Riuge!\" — rief er wieder, seine\nStimme tat seinem Hals weh.\nUnd Ringes Kopf, der lag wie auf einer Schüs-\nsel auf der Erde, Ringes Kopf drehte sich, langsam\nin kleinen schnellen Rucken, sekundenlangen Pau-\nsen gegen ihn. Bei jedem Ruck spritzte ein dünner\nroter Strahl aus seinem Hals und der Stacheldraht,\nder um den Hals saß, glich einer Korallenschnur.\nUnd zuletzt lagen die halberblindeten Blicke der\nbeiden Brüder in einander.\n„Ich glaubte — vergessen — vergessen —!\"\nDie Stimme Riuges flüsterte und der klebrige\nSpeichel glitt mit roten Flecken über seine Lippen.\n„Ich wurde verwundet. In den Beinen!\" sagte\nKinza und seine, Stimme klang tot.\n„Aber Hirai sagte selbst, daß du tapfer bist,\nund daß alles wieder gut ist!\"\nDa hob Riuge nochmals sein Gesicht, der\nSchweiß lief von seiner Stirn; es kam ein kleiner\nglucksender Laut aus seinem Hals, und um den\nMund ging eine Schnur, die ein Lächeln sein\nwollte. Und von dem Mundwinkel kam unartiku-\nliert ein Lallen, das eine Wiederholung sein sollte,\nvon dem was Hirai gesagt hatte:\n„Tappy —\" sagte Riuge, und wieder war diese\nSchnur, die seinen Lippen zum Lächein verhelfen\nwollte — „Tappy . . . gul wieler . . .!\"\nDann fiel sein Kopf in drei kleinen Rucken hin-\nunter, er war tot.\nNoch einen Augenblick lag Kinza und sah ihn\nm; in ihm flüsterte es, Mal auf Mal, daß Leutnant\nHirai gesagt hatte, Riuge sei tapfer und alles sei\nwieder gut.\nDann hoben sich seine Arme, ganz langsam, bis\ner mit den Beinen fest in den Zweigen hängend\nund das Gesicht in dem dürren scharfen Gras lag.\nUnd mit einmal lächelte er ein ganz wenig, und\nfühlte nicht, daß Erde und welke Blätter dabei\nNase und Mund füllten: ja, dachte er, und seine\nGedanken starben hin in diesem Lächeln: ja, Riuge\nhatte genau so gesprochen wie ein Kind, ein glück-\nliches Kind: Tappy . . . gul . . . wieder . . .\nUnd dies Lächeln lag noch über seinem Gesicht,\nals die Kameraden ihn am nächsten Tag fanden.\nAutorisierte Übersetzung von Neil Waiden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-11-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "105", "page_fin": "105", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.2.3.2", "titre_corps": "Jacoba van Heemskerck: zwei originalholzschnitte", "titre_sommaire": "Jacoba van Heemskerck: zwei originalholzschnitte", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 48, "texte": "Jacoba van Heemskerck: zwei originalholzschnitte"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-11-01_01#c006", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "106", "page_fin": "108", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.2.4", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "August Stramm", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.6", "debut_caractere": 8456, "fin_caractere_exclue": 8728, "texte": "Gedichte\nAugust Stramm\n\nIcli\nDu steht! 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Du steht!\nUnd\nRasen bäret mich\nIch\nBär mich selber!\nDu!\nDu!\nDu bannt die Zeit\nDu bogt der Kreis\nDu seelt der Geist\nDu blickt der Blick\nDu\nKreist die Welt\nDie Welt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 69, "texte": "Die Welt!\n7ch\nKreis das All!\nUnd du\nUnd du\nDu\nStehst\nDas Ich\nDas\nIch!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-11-01_01#c009", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "108", "page_fin": "108", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.2.4.3", "titre_corps": "Schön", "titre_sommaire": "Schön", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.8", "debut_caractere": 71, "fin_caractere_exclue": 231, "texte": "Schön\nWissen Tören\nWahr und Trügen\nMord Gebären\nSterben Sein\nWeinen Jubeln\nHaß Vergehen\nStark und Schwach\nUnmöglich\nKann!\nDein Körper flammt!\nDie Welt\nErlischt!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-11-01_01#c010", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "108", "page_fin": "108", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Freudig erglänzten Mäuserichs Au-\ngen, hier wollte er seine Traute herbringen, damit\nsie die Kleinen zur Welt brächte.\nSchleunigst wollte er umkehren und seiner\nFrau von dem Lande künden, damit sie mit ihm\nherzöge. Wies aber so geht, an einem Punkt die-\nser Landschaft blieb er stehen, um sich noch ein-\nmal umzuschauen. Da floß ein rauschendes Was-\nser, das gurgelnd in die Untiefe kollerte. Auch fiel\nein helles Licht neben ihn. Er verkroch sich in den\nSchatten, da sah er eine Riesengestalt vor sich, die\nschnell wieder verschwand.\nEr zitterte über diese Erscheinung und blieb in\nstillem Bangen sitzen, ob hier wirklich so gute\nStätte sein würde. Während ihm alles übrige recht\nwohl gefallen hätte, hier war es wild romantisch;\ndas grelle Licht und die tosenden Wasser. Endlich\nwollte er wieder fürbaß gehen und seiner Frau\nMeinung darüber hören, aber da erschien wieder\ndie Riesengestalt, und es hielt ihn fest in Angst und\nBangen.\nNun zog aber wie von Zephyrdiiften gefächelt\nplötzlich ein süßer Duft um seine Nase. Bald stellte\ner fest, daß hier in der Nähe das ihm bis jetzt ver-\nborgen gebliebene Eden liegen mußte. Als die Rie-\nsengestalt auch diesmal glücklich wieder ver-\nschwand, wurde er beherzt und neugierig, dem\nUrsprung des Duftes nachzuziehen.\nWohl überkam ihn ein Qefiihl, als hörte er dis\nWorte, die seine Traute beim Abschied zu ihm\ngesprochen hatte, „Artur, gehe mir ja nicht in die\nFalle, gelt, geh mir nicht in die Falle, passe gut\nauf.\" „Nein, nein, was denkst du, ich gehe dock\nnicht in die Falle,\" hatte er dann gesagt. Komisch,\ndaß ers jetzt im schönsten Augenblick so sehr\nlebhaft dachte. Er machte eine die jetzige Wirk-\nlichkeit klarstellende Bewegung, indem er den\nKopf durch die beiden Vorderfüße strich. Und da\nstieß er auch schon an etwas, ganz leis, das ein\ngroßer Speck war, das war es, ja, der Speck hy-\npnotisierte ihn, es knickte und klatschte, er wollte\nden Schwanz einziehen. Das ging nicht, er stürzte\nzu Boden und hörte das tosende Wasser. So lag\ner Weile gerade ausgestreckt mit eingeklemmtem\nSchwanz, ganz unbewußt.\nDa erschien wieder die Riesengestalt, er wen-\ndete nicht den Kopf nach ihr, denn jetzt erkannte\ner sie, sie hatte ihm das Unglück gebracht. Es\nwar Frau Stange, die grade ins Bad steigen\nwollte.\nFrau Stange drehte den Wasserhahn ab, das\nTosen verstummte.\nDer Mäuserich fühlte sich angehoben wie auf\nschwankendem Aeroplan. Frau Stanges Stimme\ngellte schrill: „Die Maus, die Maus, ich hab sie,\nich hatte mich doch nicht getäuscht, es war eine\nMans.\"\nUnd ein Haufen kleinerer und größerer Riesen-\ngestalten kam, Frau Stange warf ein Badetuch um\nsich. Ein Geschrei und Lärmen wurde, es ging in\ndie Lüfte gehoben durch Räume und Hände, Augen,\nBrillen, bis wieder ein Stillstand kam. Da sah sich\nder Mäuserich umgeben von Tellern und Tassen,\nin seiner Nähe sah er eine blaue Flamme, worauf\nein Kessel mit Wasser kochte.\nOb dies ihn betraf —?"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9712, "texte": "Es überkam ihn ein Zustand von Wursthaftig-\nkeit, er begann sich seine Lage anzusehen. Aller-\ndings, er war in die Falle gegangen. Da heraus\nkommen! Er biß um sich, das war harter Draht,\nso gings nicht. Sein Schwanz war freigemacht,\noffenbar von Frau Stange selber. Vielleicht konnte\ner auch hoffen —! Er setzte sich recht timid hin\nund wartete, er gab sich als einen, der nicht auf\ndrei zählen kann, dem man ruhig die Zellentür öff-\nnen könnte., der selbst dann nicht entflöhe aus der\nsüßen — verwünschten — Nähe des Speckes jener\ndummen Sau.\nFrau Stange kam von neuem auf ihn zu, er sah\nsie recht treuherzig an und putzte sich sogar. Frau\nStange lächelte ihm zu. Oh wie er jetzt hoffte und\nan seine Traute, an dieses Wiedersehen dachte!\nAber bald verlor er wieder die Hoffnung, Frau\nStange löschte die Flamme aus, hob den Kessel\nvom Herd und schrie laut: „Wer will noch einmal\ndie Maus sehen!\" Es lärmte und gröhlte ein Haufen\ndaher, ein Eimer wurde auf den Boden gesetzt,\nder Kessel wurde hineingeschüttet, es Qualmte und\ndampfte. Die Stimme: „Tötet das süße Mäuslein\nnicht!\" wurde überhört. Dem Mäuserich krampfte\nes das Herz; „wenn das ihn betraf — o Traute!\",\nwährenddem ihm viele vergnügte Gesichter Lie-\nbesworte zuflüsterten „du süßes Mäuschen\". Ach,\nbeim Blick in den Dampf des Eimers auf dem Bo-\nden mißtraute er dieser Liebkosung der Riesen.\nWahrhaftig, es galt ihm, es ging in den Ab-\ngrund, er fühlte die Nähe des heißen Pfuhls, klet-\nterte verzweifelt in die oberste Ecke der Falle,\nein Pfiff entrang sich ihm „Traute süße\", ein kal-\nter Ruck, und ein glatter Leichnam wurde aus dem\nheißen Sud gezogen.\nWie abscheulich! alles schüttelte sich in Grau-\nvor dem, welchen man soeben noch süßes Mäus-\nchen genannt hatte.\nDie Klappe der Falle wurde geöffnet und Arturs\nKadaver aus der dritten Etage in den Hof ge-\nschleudert, nächsten Morgen beim Kehren vom\nPortier — mit einem Fluch gegen oben gefunden,\nmit einer Zange in den Müllkasten getragen, wo er\nsein Grab fand.\nFrau Stange badete selbige Nacht ihren Lebens-\nnam, schneeweiß, gedachte beim Erinnern an die\nMaus nur der einzigen Interessantheit, daß am\nLeichnam die Maus deutlich als Mann zu erkennen\nwar, um den es immerhin schade war.\nDie Mäusin grämte sich, warum Artur nicht\nzurückkam. Spätestens um zehn sollte er wieder\nda sein, weil man das Haus schloß.\nSie fühlte schon die zwanzigbeinigen Stöße\nder Kleinen in ihrem Bauch, und es hatte not, bald\ndas Nest zu finden. Trübselig hing sie den Kopf.\nDie letzten Straßenbahnen rollten schon vorüber,\ner kam nicht .\nSie konnte ja nicht ahnen, daß ihr schöner\nMann nicht allzuweit von ihr in so schaudervollem\nAnsehen auf dem Hofpflaster lag. Aber da ihm\ndoch irgend etwas zugestoßen sein mußte, machte\nsie sich schließlich auf, ihn zu suchen.\nLeicht fand sie den Weg, den er hingegangen\nwar, an vielen Orten hatte er ein Exkrement als\nWegzeichen und Andenken hingesetzt. Mit Freu-\nden passierte sie immer wieder so eine Stelle, wo\netwas voi ihm lag. So war er also doch so weit\ngekommen! Da fand sie ihn vielleicht noch, am\nEnde hatte er sie bloß geschwind aus Freßsucht,\ndie sie an ihm kannte, vergessen. Irgendwo hockte\ner und schlemmte! Immer mehr vermutete sie\ndies, und ihre Sorge, er könnte in die Falle gegan-\ngen sein, schwand.\nWie sie hoch oben bis zur dritten Etage gewan-\ndert war, verloren sich des Liebsten Spuren in\nder Ebene. Mit einer gewissen ehrfürchtigen\nScheu trat sie in das Land ein, wo sie ihn bei lecke-\nrem Mahle zu finden ganz bestimmt hoffte.\nSie fand bald viele Plätze, wo er gewesen war.\nAber ihn selbst fand sie nirgends. Sie pfiff ihm in\ndünnem, nur seinem Ohr vernehmlichen Ton. Es\nwuchs ihre Sorge wieder, da gar nie eine Ant-\nwort erfolgte.\nBesonders an einer Stelle, wo sie jetzt ankam,\nbefiel sie tiefe Angst. Da bog ein Wasserrohr ab\nin die Wrand, da lagen Haare, wie er sie hatte. Eine\ngetrocknete winzige Pfütze, als wenn er hier nach\nihr geweint haben müßte.\nSie wimmerte, daß ihre zappelnde Brut in ihr\nbebte, hastete unruhig herum, ging gedankenlos an\nallen Schönheiten und Verlockungen vorbei, trübe\nden Kopf hinabhängend.\nSchließlich gab sies auf, ihn zu suchen. Sie\nmußte sich ein Nest zurichten an einem Ort, wo\nsie niemand vermuten und stören konnte. Dazu\nerwählte sie sich einen großen Schrank. Mit fie-\nberhaftem Eifer begann sie ein Loch in den\nSchrank zu nagen, dann wollte sie innen irgend-\neine Rocktasche benutzen, um in ihr das Wochen-\nbett durchzumachen.\nDas Loch gedieh erfreulich rasch, und sie\nkonnte hoffen, in zwei Nächten freien Eingang zu\nhaben.\nPlötzlich fiel ein Lichtschein an ihr vorüber,\nund sie wurde ganz still. Es liefen schwere Tritte\nwie von Riesen, dann wurde die Schranktür laut\nknarrend geöffnet. Das Licht erlosch wieder, und\nsie wollte gerade das Nagewerk fortsetzen, als\neine süße Speckluft sich um sie legte und sie um-\nkreiste.\nDa war eine Falle hingestellt worden!\nWoher sonst sollte auf einmal der Speck kom-\nmen?!\nSie horchte gespannt und hörte nun flüstern.\nHerr Stange sagte zu Frau Stange: „Ich\nglaube, daß sie so nicht in die Falle geht, das\nmerkt sie. Es war für die Katze, extra in die\nKüche zu gehen, den Speck anzubrotscheln, die\nFalle zu stellen, nur um sich kalte Füße zu holen.\"\nAber obgleich Traute auf der Hut war, so\nbangte sie doch vor der Gefahr, denn ob sie vom\nGeruch weglief oder ihm entgegen, vermochte sie\nnicht zu entscheiden. Eines wußte sie jetzt, dieser\nDuft war ihres armen Mannes Verhängnis ge-\nworden.\nMit Enttäuschung sah die gespannte Mausefalle\nunter Frau Stanges Schrank hinab, als sagte sie:\n„Gott, kommst du nicht endlich.\" Die Falle stand\noffenbar hier nicht richtig, sie blieb leer.\nIm Stangeschen Haushalt irrte nun Traute,\nwohl reichlich Nahrung, aber schlechten Unter-\nschlupf findend, umher. Kein Mensch bemerkte\nunter Tags ihre schwangere Anwesenheit, die\nsonst im Leben mit so viel Anstoßen und Nase-\nrümpfen schleunigst an holden Repräsentantinnen\nbemäkelt wird. Trotz dieser Ungestörtheit wurde\nes der irrenden Traute immer verzweifelter zu\nMut. Die Kleinen in ihr wollen gar nimmer Ruhe\ngeben, oft fiel sie geschwinde hin. Es wurde Zeit\nzum Neste.\nHerr Stange setzte sich der Küche gegenüber\ngerade an den Fisch und feierte Halbmond, indem\ner in der dunklen Seite saß und die Küche erleuch-\ntet war. Er dachte so gut wie nichts, sah vielmehr\nins Helle. Seine Frau näherte sich ihm tastbar, es\nwäre vielleicht zum Kusse gekommen.\nAber Herr Stange stand auf mit Empörung:\n„Soeben lief in aller gemütlichen Frechheit lang-\nsam eine riesengroße Maus von der Eimerbank\nzum Abwaschschrank, es ist doch unerhört! Wir\nhaben jetzt also richtig Mäuse. Nicht mehr aus-\nnahmsweise eine Maus, nein', ,Mäuse' haben wir!\"\nFrau Stange schlug entsetzt an ihre Brust.\nMan lief zur Falle und präparierte den Speck.\nMit Jägergenie stellte Herr Stange die Falle auf\n„den Wechsel\" der Maus. Da mußte sie in Sekun-\nden gefangen sein!\nIn der Küche roch es zufällig sehr stark nach\nverbranntem Pflaumenkuchen, daß jeder andere\nGeruch darin ersticken mußte.\nFrau Stange bezweifelte darum die Wirkung\ndes Specks, aber Herr Stange hielt daran fest:\n„Mit Speck fängt man Mäuse.\"\nDie Falle stand.\nDie Rettung des verbrannten Pflaumenkuchens\nnahm alle Hände sodann in Anspruch.\nEs mußte verhext sein, es schnappte und\nklappte, es schien kein Augenblick. Die Maus\nmußte direkt auf den Speck gewartet haben.\nHerr Stange frohlockte mit hocherhobener\nJagdtrophäe, die zur schweren Hälfte aus der Falle\nheraushing.\nDie Gefangene ächzte: „Verfluchter Pflaumen-\nkuchen, der mir die Witterung genommen hatt!\"\nAber mit Speck fängt man Mäuse, frohlockte der\nJäger, hab iclis nicht gesagt?!\nIm Glücke seiner Einfalt befreite er durch lei-\nses Anheben der Klappe die Maus — die eine Kapi-\ntalmaus war —• aus ihrer Schmerzenslage, und\nTraute huschte vollends in den Käfig hinein.\nFrau Stange, welche durch ihre Kunst im Pflau-\nmenkuchenbacken eigentlich die Schuldige an der\nMaus Schicksal geworden war, hatte den Pflau-\nmenkuchen vom Blech gelöst und eilte nun herbei.\nTraute und Frau Stange sahen sich an. Mit\neinem Blick !\nEr hieß: „Wir sind schwanger.\"\nEine Maus, die Junge kriegt, ist es, erhob sich\nein Jubel. Die sperrt man diesmal ein! Die Kinder\nfreuten sich schon der jungen Mäuslein. Und man\nwünschte nur den getöteten Mäuserich wieder zu-\nrück! Hätte man ihn nicht getötet, jetzt hätte man\ndie schönste Familie Maus beieinander.\nTraute schien zu verstehen und hockte mit\nihrem dicken Leib in der Falle.\nEs war am dritten Tage, nachdem sie ihren\nMann verloren hatte.\nFrau Stange sah recht oft und innig zu ihr in\ndie Falle: „Dein armes Männel erlebt deine Freude\nan deinen Kinderchen nicht mehr.\" Es wurde den\nbeiden Frauen recht weh ums Herz und sie schlös-\nsen schnell Freundschaft.\nTraute ließ die Zuckungen ihres Leibes beob-\nachten und ließ ausrechnen, wie lange es ungefähr\nnoch dauern werde.\nIn einem alten Einmachglas, das mit einem\ndurchlochten Bohnerwachsdeckel zugedeckt war,\nstand sie schließlich mitten auf dem Tisch beim\nAbendbrot, Frühstück, Mittagessen.\nZum Schein freute man und ergötzte sich an\nihren reizenden Bewegungen, in Wahrheit warf\nman gierige Blicke auf den Bauch der Gefangenen,\nobs bald losginge.\nTraute bekam die besten Sachen kredenzt, aber\nsie nahm außer einem kleinen Bröckelchen mit\nMilch keine Nahrung zu sich. Ein Extra-Aufzug\nfür Milch, der ins Glas gearbeitet wurde, machte\nnicht einmal Eindruck auf sie. Dann drückte sie\noft so eigentümlich, als müßte sie husten, saß im-\nmer trübseliger und zwinkerte mit den Augen.\nFrau Stange ließ kein Auge mehr von ihrer Ge-\nfangenen, sie zweifelte nicht, daß die Maus in\nWehen lag.\nUnd es fügte sich, daß man zu Tische saß und\ndie Tischgenossin im Glas das erste Junge zutage\nförderte. — Gerade, wie wenn eine Katze auf"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3491, "texte": "feinem Sandhaufen sitzt und ! war der An-\nblick.\n„Das geht aber einfach,\" rief Frau Stange.\nDie Maus fraß nur nach dem Ereignis die Blut-\nteile vom Jungen ab und beleckte es. So ging es\nfünfmal. Es war das »appetitlichste' Spektakulum\nam Stangeschen. Den Kindern war das Ereignis\ndurchaus so am verständlichsten, um so mehr, als\ndie Andeutungen, daß es beim Menschen gerade so\nSehe, nicht fehlten.\nMit der Zeit fiel es jedoch auf, daß die Jungen\nsich gar nicht rührten. Man schritt zu ihrer näheren\nUntersuchung. Da ergab sich, daß Trautes Kleinen\nalle erst halb entwickelt und sie sämtlich Fehlge-\nburten waren.\nDa schmeckte das Essen denn doch nicht mehr\nrecht in der Nähe dieser Kindsleichen. Jedoch hielt\nHerr Stange es für ganz falsch, sich den Appetit\nverderben zu lassen, sondern erklärte vielmehr,\ndaß dies ganz einfach „eine Frühgeburt sei, welche\nErscheinung auf die Quetschung der Maus durch\nden Deckel der Falle zurückzuführen sei — wie\nbekanntlich auch beim Menschen, wenn Unglücks-\nfälle usw. . .\"\nEs schmeckte nach solcher Offenbarung zwar\nnicht besser, immerhin konnte man wenigstens die\nMaus abtragen, denn die medizinische Wißbegier\nwar vollauf befriedigt. Das Theater war für die-\nsen Abend gänzlich überflüssig geworden.\nTraute beschäftigte sich mit Aufräumungsarbei-\nien, die Jungen stopfte sie unter die Holzspäne,\nwelche man ihr ins Glas gegeben hatte. Nur das\nErbärmlichste von ihnen ließ sie in seinem embryo-\nnalen Aussehen an dem Rand des Glases kleben,\nwahrscheinlich zum Hohn der Beschauer.\nMühselig und geschwächt kletterte sie herum,\nso daß sie Erbarmen genug für sich erweckte, sie,\ndie arme Mutter, nicht den Tod durch Ersäufen\nsterben zu lassen wie den Herrn Gemahl.\nDieser Maus, die man leiden gesehen hatte,\nmußte die Freiheit geschenkt werden. Für sie war\ndie Freiheit ein Recht geworden, lautete der Be-\nschluß der menschlichen Gesellschaft.\nAlso gut. Fräulein Stange wurde beauftragt,\nden Inhalt des Einmachglases auf die neue Rasen-\npflanzung der Parkstraße auszuschütten. Dreivier-\ntel neun Uhr, es war schon Nacht geworden, stieg\nsie mit Wonnegefühl hinab, Jemandem, wenns\nauch bloß eine Maus war, die Freiheit schenken zu\ndürfen.\nVom hohen Balkon schauten die anderen hinab.\nJetzt schüttelte sie,! sofort rannte die Maus\ndavon, weg von ihren Frühgeburten.\nAber was wars!\nEine Katze!\nNiemals war sonst hier eine Katze zu sehen.\nJetzt war sie da, aus dem Bauzaun herausgekom-\nmen wie von der Vorsehung hierhergesetzt, die\nMaus, für die voll Großmut die Freiheit präludiert\nwar, zu haschen.\nDie Katze trug die Entbundene im Maul in den\nNeubau hinein, ihr dort den Garaus zu machen,\nund so die erste Leiche dort niederzulegen.\nNur noch mit schwachen Zuckungen seufzte\nTraute das letzte Gedenken an die schöne Flitter-\nzeit einst mit Artur samt den dabei gehegten Hoff-\nnungen.\nEs war vorbei.\nAm nächsten Morgen zogen die Besenweiber\nauf, den Rasen zu kehren. Eine von ihnen klaubte\ndas Holz, worauf die Maus geboren hatte, in ihre\nSchürze. Vielleicht wurde auf dieses Holz später\nnoch ein Zuckerhase geklebt, da das Brettchen\nschon einmal rot war.\nDann kehrte das Weib den Rasen, und die\nMäusebrut spritzte vom Besen in den Rinnstein der\nStraße.\nHerr Stange philosophierte darüber, ob es Zu-\nfall war, daß hier die Katze dem Menschenwillen\nin die Quere kam, oder ob die allgemeine Welt-\nweisheit hier gescheiter gewesen sei als der\nMensch.\nWenn die Herzen dieser Mauseleben auch\nwirklich für einanderschlugen, so war dieser Aus-\ngang diesmal das Beste."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-11-01_01#c018", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "110", "page_fin": "111", "image_debut": 10, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.2.6", "titre_corps": "Der Weg durch die Nackt : Roman", "titre_sommaire": "Der Weg durch die Nackt : Roman", "signature_source": "Aage von Kohl", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.10", "debut_caractere": 3493, "fin_caractere_exclue": 9555, "texte": "Der Weg\ndurch die Nackt\nRoman\nAage von Kohl\nEr war dort an der Tür stehen geblieben, mit\nschweißtropfender Stirn, heftig atmender Brust\nin ailen Fibern zitternd von einem brennenden\nDurst, alles auszurichten, wovon er jetzt endlich\neingesehen hatte, daß er es tun mußte!\nEr stand da, den Oberkörper ein klein wenig\nvornüber gebeugt, einen lauernden Blick in seinen\nAugen, mit hart geballten Fäusten —:\nKarl Mumme!\nWohlan, jetzt handelt es sich um dich und um\nmich!\nHast du es gehört, auf Tod und Leben fordere\nich dich hier!\nHeute treffe ich dich mit der Vergeltung für das\nEntsetzliche ,was du an Ihr getan hast und an mir!\nEr erhob mit einem Ruck die beiden Arme,\nwarf den Nacken zurück, mit weit aufgerissenen\nAugen . . . und da erlebte er auf einmal, mit einer\nHeftigkeit, als sei es sein eigenes Fleisch und Blut\nselbst, als seien es seine eigenen Sinne und Ner-\nven, sein eigenes Herz und Gehirn, gegen die dies\nalles, ausgeführt wurde — erlebte er das, was\nAnnie an jenem Abend vor zwei Jahren hatte er-\nleiden müssen:\nSiehe!\nMein Gott —:\nEr sieht in eigener Person, unsichtbar, unhör-\nbar, wie ein Schatten — vor dem niedrigen, gelben\nHaus der Eisenbahnstation, auf dem Bahnsteig,\nwo die beiden flackernden Laternen brennen, und\nsieht Sie aus dem Zug springen — der da hält,\nlang, kohlschwarz, mit dem funkendurchzogenen\nRauch, der an dem Dach der Wagen entlang wogt.\nEr sieht sie in den Schein hinaustreten, schlank\nund aufrecht, in ihrem weißen Kleid mit der schö-\nnen, gelben Tasche an ihrer linken Hand — leuch-\ntend in dem unsicheren Schimmer mit der Pracht\neines Sonnentages.\nEr erblickt den Assistenten, groß, schmalschult-\nrig, in seiner dunklen Uniform mit Goldknöpfen —\nmit seinem lächelnden, jungen Gesicht, sich den\nkurzen Bart streichend — er tritt auf sie zu, ver-\nneigt sich, macht die Honneurs, nimmt ihr die\nFahrkarte ab, stammelt gleichzeitig ein paar ehr-\nerbietige Worte. Sie nickt freundlich und kurz, geht\nhastig und schweigend vorüber — sie hat offenbar\nEile, sie will schnell nach Hause, es ist ja schon\nspät, die Uhren dadrinnen bei ihren Eltern gingen\nverkehrt, sie kam nicht rechtzeitig zu der letzten\nStraßenbahn, war infolgedessen gezwungen, mit\ndiesem Zug zu fahren — und eilt deswegen jetzt\ndahin! sie sehnt sich heiß und froh, nach Hause\nzu kommen, sie weiß ja auch, daß Glaß den ganzen\nAbend allein gesessen hat, daß er jetzt, vielleicht\nin dieser selben Sekunde, zu der Haltestelle der\nStraßenbahn hinabgegangen ist, um sie zu holen,\ner wird unruhig werden, weil sie nicht da ist —\nach Gott, und es sind so viele, viele Stunden her,\nseit sie einander gesehen haben!\nQlaß Mortons Herz pocht — während er da-\nsteht, körperlos, wie ein Phantom, ganz dicht hin-\nter ihr, so nahe, daß er die Wonne empfindet das\nzarte und blonde Aroma zu spüren, das ihrem\nHaar und ihrer Haut entströmt — sich bemühend*\ndaß sie ihn erblicken, daß sie wenigstens seine\nNähe ahnen soll! Er ist zugleich unsagbar glück-\nselig und gräßlich ängstlich, ihm schwindelt vor\nGlück bei dem Anblick ihres Antlitzes — und er\nist grenzenlos bange, er weiß selbst noch nicht\nweswegen!\nAber sie hat ja Eile!\nSie ist schon durch die kleine, dunkle Vorhalle\ngelangt — ist die drei langen, grauen Steinstufen\nunter der Laterne der Fassade hinab gegangen,\nhat die Station verlassen.\nSie eilt nun dahin, ach Gott, mit diesen Schrit-\nten, die er liebt, deren Laut ein Fest, deren Takt\nein Rausch, deren Rhythmus von Frau und Jugend\nund Eile eine Seligkeit für Gedanken und Sinn\nist — sie eilt jung und froh dahin, sie starrt spä-\nhend in die Finsternis hinaus, sie grübelt mit einem\nwunderbaren Lächeln über die Möglichkeit nach,\ner könnte vielleicht erraten haben, daß sie diesen\nWeg kommen muß — und plötzlich fährt es ihr\nwie ein Stich durch das Herz, daß sie nicht daran\ngedacht hat, ihm von da drinnen aus der Stadt\nzu telephonieren, mit ein wenig Glück hätte sie es\ndoch möglicherweise erreichen können — im Laufe\nder paar Minuten, die sie noch daheim bei ihren\nEltern hatte, nachdem sie entdeckte, daß die Stra-\nßenbahn schon abgegangen war! — Aber gleich\ndarauf vergißt sie dies von neuem, es verschwin-\ndet alles in dem Bewußtsein, binnen ganz kurzem\nsich lachend und entzückt und dürstend in seine\nArme stürzen zu können!\nUnd er — er,, der ihr lautlos folgt, berauscht\nvon dem Tanz ihres Ganges und gleichzeitig die\nBrust zusammengepreßt von dunklen Ahnungen,\nwegen irgend etwas, er weiß selbst nicht\nwas — er denkt nur an eins: ja, ach, wenn sie\ndoch auf alle Fälle von der Station aus jetzt eben\nnoch ihn angeklingelt hätte — oder wenn er doch\njetzt auf einmal diese Ketten sprengen könnte,\nmit denen er gefesselt ist! dieses Gewand von Un-\nsichtbarkeit, in dem er wie in einem Käfig gefan-\ngen ist — ach, Gott gebe, daß er es ihr klar machen\nkönnte, daß er hier ist und ihr rät, so schnell wie\nmöglich umzukehren, denn dann wird er sie selbst\nvon zuhaus her anrufen! oder wenn er plötzlich\nzu Fleisch und Blut werden, ihren Arm nehmen\nund in den seinen legen, in Fleisch und Blut mit\nihr dahin wandern könnte! aber nein, er kann das\nnicht, er rast, er zerrt an den unsichtbaren Ban-\nden, er ruft und schreit mit lautloser Riesenstimme,\num sie zu warnen: Kehre um, Annie, hörst du, be-\neile dich, kehre wieder um! Annie, es ist der letzte\nAugenblick: kehre um . . . aber sie versteht es\nnicht, hört es nicht, fühlt es nicht!\nNein, denn sie eilt beständig schneller heim-\nwärts! Sie ist schon an den ersten acht oder neun\nLaternen hinter der Station vorüber, erreicht jetzt\ndie nächste — und beeilt sich dann noch mehr!\nJa, sie geht nicht!\nNein, sie läuft.\nSie fliegt!\nUnd Glaß — der zuerst überwältigt worden ist\nvor Wonne über ihre Eile! der für einen Nu bloß\ndies eine bedenkt, daß sie, je mehr sie sich beeilt,\num so früher nach Hause kommen wird! je schnel-\nler sie dahineilt, um so eher wird er sie unbe-\nschädigt in seine Arme schließen können — Glaß\nfängt auf einmal an zu ahnen, daß da etwas ande-\nres sein muß! Wie, wieso — sein Brust wird kalt\n—: dann war es also richtig, was er vorhin fürch-\ntete, ist auch sie jetzt bange geworden, ist da"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6179, "texte": "irgend etwas, wovor auch sie plötzlich sich äng-\nstigt?!\nEr hemmt einen Augenblick seinen Geisterfuß\ndort hinter ihr — er wendet sich um, er späht *—:\nJa!\nJetzt versteht er!\nMein Gott, was ist dies hief!\nJetzt hört sein Ohr, wahnsinnig gespannt, den\nLaut, der auch sie erschreckt hat —:\nStill, horch, es ist das Geräusch von Schritten\nin weiter Ferne, nein, es ist das Geräusch eines\nLaufens, eines angestrengten, schleichenden Lau-\nfens dadrinnen über Gras —: ist es ein Tier da\ndrinnen in der Finsternis, oder wer schleicht denn\nSonst auf solche Weise herum?\nNein, nein, jetzt sieht er es deutlich, sowohl\nAnnie, als auch er, sie sehen es auf einmal alle\nbeide —: den vornüber gebeugten, jagenden Schat-\nten eines riesengroßen Mannes, der da draußen\nvom Felde her kommt! kohlschwarzes Haar und\nBart, weißgelbe Haut, die zu stramm über den\nmächtigen Kopf gespannt ist, die Augen, die rot\nbluten, der verzerrrte Mund, dessen Zähne schim-\nmern, die Last der mächtigen Schultern, die zu\nlangen Arme mit den ungeheuren, den erschrecken-\nden Fäusten . . . ach Gott, wie ein hungriger Tiger\nauf der Jagd, wie ein kohlschwarzer, blutdürstiger\nPanther galoppiert er in ellenlangen Sätzen dahin\ndurch die Dunkelheit, schräg vorwärts auf den\nWeg zu, jetzt setzt er mit einem dröhnenden\nSprung über den tiefen Graben einige Schritte vor\nihr — er hält mit einem Ruck an, macht kehrt,\nsteht mit einem grauenvollen Grinsen dicht vor ihr\nund breitet jäh seine Gorillaarme aus: Komm her,\ndu bist schöner und jünger als die andern! komm\nher — denn dich will ich totschlagen, um satt zu\nwerden!\nAnnie ist starr dort stehen geblieben, mein\nGott, wie ihr die Knie unter dem Glanz der weißen\nSeide schlottern — aber jetzt wirft sie auf einmal\nihren Nacken zurück, die Wonne eines Augen-\nblicks schauert durch Mortons Brust, während er\nschreit und schluchzt, ohne einen Laut, um sicht-\nbar werden zu können —: ja, eine wahnsinnige\nHoffnung wird für eine einzige Sekunde in ihm ge-\nboren: weil sie ihr Antlitz aufrichtet, weil ihre tap-\nferen, blauen Augen flammen, weil sie ihre zarte\nHand erhebt und ihn wegfegen will, den schwar-\nzen Koloß, mit einer Bewegung —:\nFort!\nIch kenn Euch nicht!\nKommt zu mir nach Hause, wenn Ihr hungrig\nseid! . . .\nAber da weicht sie im nächsten Augenblick\nzurück.\nMit einem Schrei.\nSiehe —:\nIn seiner Rechten blinkt im selben Nu das\nMesser!\nIn seiner rechten Faust sprüht der eisige Stahl\nso blau!\nHilf mir, Glaß, komm zu Hilfe, mein Gott, was\nsoll ich tun, zu Hilfe . . .\nMit einem lautlosen Ruck hat sie sich zusam-\nmengebeugt, fliegt jetzt blitzschnell dahin mit\neinem geschmeidigen Sprung, ist ihm unter dem\nArm hindurchgeschlüpft, fort, dahin, auf den nahen\nStrandweg zu, dort unten, wo Hilfe zu haben ist!\nin sausender Eile, der Asphalt flieht unter ihren\nFußsohlen, nur ein paar Minuten, höchstens noch\ndrei, dann ist sie sicher! sie ist jung, sie ist stark,\nsie wird ihr Ziel schon erreichen, halte aus, ja,\nhalte aus, meine Annie, weiter, werde nicht müde,\nlauf jetzt, wie du nie zuvor gelaufen bist, es gilt\ndas Leben, es gilt dich und mich, es gilt alles in\nder Welt!\nUnd sie läuft, Glaß folgt ihr atemlos. Sie läuft,\nso daß selbst er nur mit Mühe folgen kann. Die\nEile löst ihr Haar, die Hast löst ihr goldenes, langes\nHaar, es fliegt mit seinem Schimmer von Sonne\ndurch die Nacht, hinter ihren Schultern her. Sie\nläuft, ja, weiter, nur noch einundeinehalbe Minute,\nund du bist gerettet, höre den Laut seines Tram-\npeins hinter dir, du hast schon einen tüchtigen\nVorsprung genommen, mein Lieb, beständig wird\ndie Entfernung zwischen dir und ihm vergrößert\n— beeile dich, sieh dich blitzschnell vor, wohin du\ndeinen Fuß setzst ach. wäre ich doch bei dir,\nkönnte ich dich doch auf meinen Armen forttragen,\nkönnte ich dich seinem Blick auf einmal fortsteh-\nlen, könnte ich wenigstens andere zum Beistand\nherbeirufen, ach, könnte ich zwischen dir und ihm\nstehen, ihn zum Fallen bringen, dich sicher\nmachen, indem ich ihn ein für allemal zu Boden\nschlüge, indem ich ihn schonungslos unter meiner\nFerse und meinem Haß zermalmte!\nSie läuft, die Luft stürzt ihrer Stirn kühl ent-\ngegen, sie sieht schon die lange Reihe heller La-\nternen, die dahinten die Straße schneiden, die Erde\nsaust dahin unter ihren Füßen, die Felder wirbeln\naus ihrer. Brust strömt der Atem heraus,\nheiser, mit einem Stöhnen! auf jeder Wange ist\nein Feuer des Entsetzens angezündet, in ihren Ner-\nven rast ein Fieber von Grauen und Tod und\nKraft, sie läuft, die winzig kleinen Füße jagen sinn-\nlos dahin, ja, ja, weiter, liebe Annie, halte dich\naufrecht, werde nicht müde, ja, ja, weiter — und\nvergiß auf ale Fälle nicht, daß der Rächer dir\nnahe ist!\nSie läuft!\nDas Herz von Schreien durchstochen, keu-\nchend, wild.\nSie läuft — wahnsinnig, beständig das Tempo\nder dröhnenden Schritte hinter sich hörend; sie\nläuft, kann aber fast nicht mehr!\nSie läuft, aber aus ihrer Brust ringt sich ein\nkurzes und entsetzliches Gebrüll, ihre Knie werden\nauf einmal schlaff — und da, ach Gott, da strau-\nchelt sie im selben Augenblick, sie strauchelt und\nstürzt kopfüber um, lang dahin auf den Bürger-\nsteig am Wege ... ist aber mit einem einzigen\nSatz wieder auf, das Haar flattert hinter ihr her\nin der Dunkelheit.\nGlaß folgt schäumend ihren Fußspuren, zerrend\nan dem Gewand seiner Körperlosigkeit, toll vor\nGrauen, verrückt . . . und da sieht er auf einmal,\ndaß ihre beiden Arme steif in der Luft dastehen, in\nder Luft watet ihr linkes Bein einen Augenblick\nleer, ihr Oberkörper knickt währenddessen hinten-\nüber, Hilfe —: siehe, der Fremde hat sie mit einem\nGriff an dem fliegenden Haar erfaßt, sie wird da-\ndurch hintenüber umgeschleudert, er hält sie im\nselben Moment mit einem Brüllen in den Armen,\nmit einem Sprung ist er mit ihr auf dem Felde, ver-\nschwindet dort in der Dunkelheit, es loht gleich\ndarauf fern auf da drinnen, an Mortons Ohr dringt\ndie Qual ihres röchelnden Schreies, die wie ein\nBlitz seine Nerven zerreißt, die das Gewand der\nUnsichtbarkeit zersprengt ... er ist auf einmal er\nselber vom Scheitet bis zur Sohle, Fleisch und\nBlut, das nach Rache kocht — und mit einem Sau-\nsen ist er quer über den Graben hinüber, stürzt\nflammend vorwärts, dahin wo das Gräßliche ge-\nschehen ist!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-11-01_01#c019", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "111", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.2.7", "titre_corps": "Rausch des Künstlers und des Nichtkünstlers", "titre_sommaire": "Rausch des Künstlers und des Nichtkünstlers", "signature_source": "H. 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Paul Schienther, der Thea-\nterkritiker des Berliner Tageblattes, der es nämlich,\nbesser weiß, schrieb: „Vielleicht wird es von jetzt\nab auch nicht mehr vorkommen, daß ein bedeu-\ntender germanischer Dichter ein Stück, welchem\nebenso gut in Stockholm oder anderswo spielen\nkönnte, nach Paris verlegt und Ausgeburten seines\nHirnes als Pariser vorspiegelt.\" Ebensogut ist gut\nUnd es zeugt von der Wissenschaft des Herrn\nSchienther, daß das Stück eben so gut in Stock-\nholm hätte sipelen können, weil, der Verfasser ein\nSchwede ist. Jeder germanische Autor verlege in\nZukunft seine Stücke in die Stadt, in der er gebo«\nren ist. Er kann vielleicht sogar die Ausgeburten\nseines Hirnes als Berliner vorspiegeln, kaum dürfte\nes ihm aber glücken, sie als Berliner Theater-Kri-\ntiker vorzuspiegeln. Das gäbe eine zu wilde Aus«\ngeburt. „Auf alle Fälle war es interessant, ein\nsolches Stück in unseren jetzigen Zuständen wie-\nderzusehen . . . Man lachte nicht, obgleich . .\nMan lachte nicht. „Man hatte das Gefühl, daß hier\nZustände der menschlichen Seele vorkommen, die\nim Begriff sind, überwunden zu werden, um ande-\nren Problemen Platz zu machen.\" Warum sott\nauch nicht die menschliche Seele, die für Herrn\nSchienther ein Begrif ist, überwunden werden, um\nihm selbst Platz zu machen. Jedes Theater hat\nfür ihn einen Platz. Und wenn die menschliche\nSeele als Ausgeburt eines Hirnes erst einmal über-\nwunden sein wird, kann man für Herrn Schienther\nauf der Bühne selbst noch einen besonderen Platz\nmachen. Herr Schienther irrt sich, wenn er glaubt,\nvon seinem Schreibtisch die Kunst lenken zu kön-\nnen. Etwas näher an der Front befindet sich denn\ndoch der Generalstab. Er kennt, was er leitet\nAber was Herr Schienther leiten möchte, erkennt\ner nicht. Er richtet Geschütze gegen ein Genie,\ndas über der Zeit steht. Daran werden auch die\njetzigen Zustände nichts ändern. Daß seine Ge-\nschosse nicht treffen, ist sein Verdienst. Im Krieg,\nHerr Schienther, kann man solche Leute nicht ge-\nbrauchen. Und wir, Herr Schienther, führen\nimmer Krieg. „Wenn einmal der Krieg wird be-\nendigt werden können, so werden, wie die Natur\nnach einem schweren Gewitter, auch alle Kultur-\nzweige erquickt, erfrischt, ergrünt wieder auf-\natmen und das Losungswort unserer harten Zeit\nwird dann auch noch für die neubeginnende Frie-\ndensarbeit zu gelten haben, das Losungswort:\nHerz und Mut und Kraft und Tat.\" Wir kennen\ndieses Losungswort, als Sie noch beim friedlichen\nBiere träumten. Strindberg kannte es, bevor Sie\nnicht lachten. Sein Herz liebte die Menschen, be-«\nvor sie sterben mußten. Sein Mut verkündete das\nEwige, woran Sie noch heute Ihren Unmut aus-\nlassen dürfen. Seine Kraft traf, ehe Ihr Stimmchen\nim Kriegsgeheul mit schreien wollte. Seine Tat\nwar die Kunst und Ihre Tat die Empfehlung eines\nUmzugs von Paris nach Stockholm. Sie wollen\nnach dem Krieg als Kulturzweig wieder aufatmen.\nDer Baum steht im Gewitter. Geknickte Zweige\nwerden verbrannt. Unsere Sonne scheint im Ge-\nwitter. Aber unser Donner ist kein Blech und\nunser Blitz kein Magnesium. Unser Spiel ist unser\nLeben und unser Sterben. Und nicht einmal Ihr\n\nLeben kann uns das Spiel verderben.\nZur Aufführung des Dramas Rausch von August Strind-\nberg zu Berlin / Theater in der Königgrätzer Straße"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-11-01_01#c020", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "111", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.11", "titre_corps": "Leben kann uns das Spiel verderben.", "titre_sommaire": "Leben kann uns das Spiel verderben.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.11", "debut_caractere": 9562, "fin_caractere_exclue": 9701, "texte": "Leben kann uns das Spiel verderben.\nZur Aufführung des Dramas Rausch von August Strind-\nberg zu Berlin / Theater in der Königgrätzer Straße"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-11-01_01#c021", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "112", "page_fin": "112", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.2.8", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.12", "debut_caractere": 481, "fin_caractere_exclue": 693, "texte": "Notiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. 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StraBenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwunscht wird, bitten wir den Betrag fur den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen V i e r t e 1 j a h r e s bis\nzum fiinften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokosehka; Zwanzig Blatt Zeichnungen j\nStrichatzung / Auf Kaiseriicb Japao-Papler Ir\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kartos in ein-\nfacherer Mappe \\2 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-11-01-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-11-01_01#c024", "volume": "bmtnabg_1914-11-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "112", "page_fin": "112", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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W.: Der Rausch des Künstlers und des Nichtkünstlers / Campendonk: Zeichnung / Jacoba van Heemskerck: Zwei Originalholzschnitte /\nL. Wachlmeier: Originalholzschnitt\n\nCampendonk: Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.2", "texte": "Die Hängematte\ndes Riugé\nAage von Kohl\n\nDer Gemeine Riuge lief mit ganz wagerecht\nliegenden Körper. Sein breites schweres Kinn\nlag nach vorn, er lief mit gebeugten Knien\ndie Flinte in der Rechten, schnell über die kleine\nLichtung im Walde, hin gegen die dichten Sträu-\ncher, die an der Waldkante standen.\nLinks von ihm lief sein Schatten, gleich einem\nFuchs; der Griff der Flinte bildete den dicken\nSchweif.\nKorporal Kinza lief zwanzig Schritt dahinter.\nEr lief in derselben Stellung wie der Bruder und\nhörte das schnelle Schmettern ihrer beiden\nSchritte, als sie über welkes Laub und dürre\nZweige liefen.\n, Riuge hatte die Sträucher erreicht. Er hob\ndie Flinte und gebrauchte sie wie ein Messer, um\ndamit die verwilderten struppigen Zweige durch-\nzusägen. Er sah die flache Ebene vor sich, nur\nnoch ein paar Schritte.\nDer Korporal kam nach. Er stand still im Ge-\nbüsch und konnte den Weg sehen, den der Bru-\nder gebahnt hatte. Die Blätter rauschten wie\nschnell fließendes Wasser. Kinza hörte ein Ras-\nseln und alles wurde still, eine Sekunde. Er hob\nmit einem Ruck den Kopf und horchte. Ganz\nvornübergebeugt stand er da mit den Händen wie\ngelbe Schrauben um die Flinte. Seine Augen und\nOhren spannten „sich. J\n? '\nEr hörte die Stimme des Bruders — ganz fremd\nund wunderlich klang sie, als ob sie sich wand\noder lief —■:\n„Kinza, lauf zurück. Zur Abteilung. Sie kom-\nmen nicht vorwärts hier.\"\nDer Korporal drängte sich ein paar Schritte\nvorwärts.\n„Was ist los?\" fragte er und machte einen\nlangen Hals, um sehen zu können, wo der Bruder\nwar. Wo blieb den Riuge? Es fing an, in ihm\nzu hämmern und zu zittern.\nEr drang noch ein bischen vorwärts im Dik-\nkicht, die Blätter streiften sein Gesicht wie kalte\nFinger, er guckte überall.\n„Lauf zurück, aber schnell!\" sagte Riuge.\nKinza hörte, als teilte ein Messer dessen Wprte.\nEr beugte sich nach vorn und mit einem Ruck\nsah er den Bruder. Nur den Kopf. Er lag auf\nden welken Blättern der Erde wie auf einer\nSchüssel.\n„Was ist denn?\" sagte er halblaut und fühlte\nzum ersten Mal in seinem Leben, daß Riuge von\ndenselben beiden Menschen geboren war wie er\nselbst. Er beugte sich noch mehr vorwärts und\nsprach leise, die Schützengraben der Russen lagen\nkaum zweihundert Meter entfernt: „Was ist\nlos?\" —\nIm selben Moment verstand er es: die Rus-\nsen hatten Löcher gegraben hier an der Wald-\nkante. Die Oeffnungen waren mit Blättern und\nZweigen verdeckt. In eine von hinen war Ri-\nuge gefallen.\nKinza sah zurück und horchte. Es war kein\nLaut zu hören. Die Abteilung war also noch weit\nweg. Dann hatte er noch Zeit. Er warf die\nFlinte fort und kroch auf Händen und Füßen zu\ndem Bruder hin.\n„Gib deine Hände her!\" — sagte er schnell —\n„Komm, ich kann dich heraufziehen!\"\nAber jetzt sah er das Gesicht des Bruders.\nRote entzündete Flecken bedeckten seine Wangen\nund die dicken Lippen hatte eine schmerzvolle\nS-Form angenommen. Und Kinza erinnerte sich\nmit einmal, daß die Russen ihre Löcher mit gan-\nzen Knäueln von Stacheldraht zu überspannen\npflegten.\nRiuge hatte die Augen geschlossen.\n„Lauf zurück!\" sagte er, seine Stimme war so\ndick wie Wolle. Er wußte kaum selbst, warum\ner es für so eilig hielt, daß die Kameraden ge-\nwarnt werden mußten, ehe ihm geholfen wurde.\n„Verhindere sie durch den Wald zu gehen.\nSie müssen herum gehen. Es dauert zu lange mir\nzu helfen!\"\nKinza hob sich auf die Knie. Er dachte daran,\ndaß dies selbstverständlich nicht das einzige Loch\nsei. Es waren sicher mehrere. Ganze Reihen.\nDie Abteilung würde nie durchkommen können.\nUnd eine ganze Viertelstunde würde es dauern,\nRiuge zu helfen.\n„Aber \" sagte er schwach, und fühlte wie-\nder, zum zweiten Male, daß Riuge sein Bruder\nwar. Sein ältester Bruder, sein Freund und\nsein Herr.\nAber Riuge öffnete die dicken Lippen, seine\nStimme war müde und dumpf —:\n„Los jetzt! Nachher kannst du zurückkom-\nmen \".\nUnd seine Augen schlössen sich wieder, als\nschnitt sie die Sonne, furchtbare, gewaltige Zuk-\nkungen liefen über sein Gesicht.\nDie Blätter rauschten im Walde, und Kinza\nsprang durch das Dickicht.\n„Komme gleich!\" rief er dem Bruder zu, und\nwar schon weit weg.\nRiuges Rechte lag frei. Sie hielt sich fest um\ndie Flinte. Die Finger waren ganz gelblichweiß\ngeworden. Der Zeigefinger öffnete und schloß\nsich immerfort. Er biß die Zähne zusammen, und\nversuchte an etwas anderes als an die Stacheln\nzu denken. Eigentlich war es fürchterlich dumm\nvon ihm, sich nicht vom Kinza zuerst helfen zu las-\nsen. Warum hatte er dies getan. Woher kam die\nIdee, daß die Leute gewarnt werden sollten, zu-\nerst! Als er merkte, daß die Erde unter ihm nach-\ngab und die scharfe Spitze in sein Fleisch ein-\ndrang, kam ihn diese Idee.\nEs ging ein Draht gerade vor seiner Kehle. Bei\njedem Atemholen schnitt es ein. Er versuchte sich\nein bißchen nach hinten zu biegen, aber merkte\ndann zuerst, daß da auch ein Draht gespannt war,\nder schon die Haut losgerissen hatte. Sie hing in\nFetzen mit dem schwarzen Haar, es sah aus wie\neine Pelzmütze. Kinza kommt ja bald wieder,\ndachte er, und wierderholte immer und immer die-\nsen Gedanken, er zwang sich zu vergessen, daß er\nüber einem Stacheldraht ritt, mit seiner ganzen\nSchwere. Er versuchte sich ein bißchen zu heben\ndadurch, daß er die Hand um den Stacheldraht\ndaoben klemmte, die ganze Spitzen in seine Hand\ndrängen ließ, um sich leichter zu machen.\nEs war, als liefen wunderlich glühende lang-\nsame Ströme durch seinen ganzen Unterleib, wo\ndie Spitze schon die Kleider durchgestochen\nhatten.\nDie rechte Hand zitterte um die Flinte.\nWenn er nur schießen könnte. Als Dank für\ndiese Hängematte, die sie für ihn gemacht hatten.\nAußerdem, ein niederträchtiges Pech hatte er ge-\nhabt. Auch heute Späher zu sein. Immer war er\nSpäher. Immer die schlimmste Arbeit. Ja, es\nwar dieser Leutnant, der ihn nie leiden mochte.\n„Jetzt haben Sie ja eine gewisse Uebung be-\nkommen!\" — sagte er, der Leutnant Hirai —\n„bitte sehr 294 — vorwärts, an die Spitze.\" „Wenn\ner nur den Draht da am Beine los werden könnte.\nSein Kopf glitt vornüber einen Moment. Die Lip-\npen waren wie poröse rote Tüten, wo das Blut\naustropfte. Es gab ihm einen Ruck: er hörte, von\nWeiten ein langsames Tuten. In einer Sekunde\nging eine schnelle heiße Freude durch ihn. War\nhier jemand? War jemand anders auch in eins von\ndiesen verdammten Löchern gefallen?\nIst hier jemand?\nAber der Laut war nicht mehr zu hören. Und\ner versuchte wie früher seine Gedanken auf an-\ndere Sachen zu lenken, daß er nicht an diese Spitze\ndenken mußte, die durch sein Fleisch fuhren. Wenn\nKinza bald zurück wäre! Jetzt müßte er doch die\nAbteilung schon längst erreicht haben! Was wür-\ndie Kameraden sagen? Und der Leutnant Hirai?\nRinge bereute eine Sekunde im Ernst, daß er\nden Bruder zurückgesandt hat. Erstens seiner\nselbst wegen. Und zweitens, Leutnant Hirai hätte\ner so ein Bad gern gegönnt. Obgleich, ein tüchti-\nger Soldat war er ja. Aber grade deshalb! Es war\nbei Qott kein Kunststück, ein guter Soldat zu sein,\nwenn man auch verlangte, daß andere es sein\nsollten!\nNa, es war doch gut so wie es war. Jetzt könn-\nten die Kameraden sich seinetwillen ordentlich\nrächen an den Schurken da oben, die sowas mach-\nten, um Leute zu fangen.\nSeine Gedanken glitten auseinander. Als\nschnitt sich der Schmerz von da unten durch -aa,\na-a-a-a-a, wie langsam und scharf und bitter es\nging. Durch den ganzen Körper bis in den Kopf,\ngerade zwischen die Gedanken, die er denken\nwollte. Es saß wie eine große, blanke, widerlich\nscharfe und heiße Stahlklinge, zwischen seinem\nGehirn. Die Sonne schien darauf, als ob sein\nganzer Kopf neben einem Feuer läge oder als ob\ner mit Augen ohne Lider in die IVlittagssonne\nWenn er nur denken konnte! An was, das\nwäre einerlei!\nJa, liirai, der Schurke. Immer stellte er ihn\ndahin, wo es schlimm . . . Ah, der Draht. Die\nSonne! Die linke Hand. Die Stahlklinge. A-a,\na-a, war hier nicht jemand? Wer ist es? Feld-\nruf! Wer tutet? Ah, Kinzachen, denke daran, daß\ndu mein Bruder bist. Ja — ich reite über den\nDraht! Beeilt euch jetzt.\nDenkt daran, daß ich euch davor gerettet habe.\nWarum, das weiß ich nicht, aber gleichviel. Ja\n— ja. Komm, komm! Meine linke Hand, meine\nlinke Hand! Und die Stahlklinge. Denke daran\ndar-an Nimm sie fort, fort! Denke, wie das ist,\neine Stahlklinge auf den Kopf zu haben, balanzie-\nrend, ein klein bischen und es gilt das Leben!\nEs war keiner in der Kompagnie, der wußte,\ndaß Korporal Kinza und Gemeiner Riuge Brüder\nwaren. Die Umstände hatten von Riuge gefor-\ndert, daß er einen anderen Familiennamen ange-\nnommen hatte.\n„Meinetwegen ist es nicht nötig!\" sagte Kinza,\nda er und der Bruder sich als Freiwillige in der\nArmee meldeten, „nenne dich wie du willst!\"\nRiuge verzerrte seine häßliche Fratze mit den\ndicken blutroten Lippen quer über dem breiten\nGesicht wie Marken von Peitschenhieben. Seine\nkleinen Augen blinzelten zu dem Bruder:\n„Danke!\" sagte er grinsend, „aber behalte du\nlieber deinen Rat für dich!\"\nRiuge hatte angefangen als Kurmaia-san.\nSelbstverständich hatte Kinza, der Lackierer war,\nund einen kleinen Laden voll von wunderbarsten\nSachen hatte, ihm den Wagen kaufen müssen.\nUnd in ein paar Monaten ging es Riuge sehr gut.\nJeden Tag hielt er, lässig hängend zwischen den\nDeichseln seiner Kurmaia, vor dem Bahnhof in\nTokio. Er quatschte mit den Kollegen und nahm\nes auch nicht übel, wenn sie ihm ab und zu einen\nKunden wegnahmen. Es war angenehmer, still\nzu stehen als zu laufen. Und er erfand das\nSystem, daß die Kollegen ihm ein kleines Trink-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.3", "texte": "gekl zusammenlegten, jedesmal, wenn sie Erlaubnis\nbekamen, ihm einen Kunden fortzunehmen.\nAuf diese Weise lebte er stolz und bewegte\nsich nicht vom Fleck von morgens früh bis abends\nspät.\nZuletzt fand er es auch fürchterlich dumm, daß\ner diesen Wagen behielt, es hatte keinen Sinn.\nDer Verdienst war doch nicht so groß, daß es\ndie Mühe lohnte. Darum verkaufte er seine Kur-\nmaia und verlebte ein paar frohe Tage für das\nGeld. Er lief mit tändelnden Schritten in den\nkleinen Gassen, wo die Mädels wohnten. Er\nhörte zu, wie die Ausrufer die Mädels priesen und\nzuletzt wußte er nicht, welche er mit seinem Geld\nglücklich machen sollte, und trank es deshalb\nlieber auf. So wußte er jedenfalls, was er für das\nGeld bekam, und das konnte in der Liebe manch-\nmal recht zweifelhaft sein, räsonnierte er.\nDen Tag nachher, als das ganze Geld weg war,\nging er zu den Kollegen und erzählte, daß er zwei\nTage sehr krank gewesen sei. Ein schlechtes Bein\nhätte er. Zu diesem Zweck hatte er sich ein kur-\nzes und ein langes Bein zugelegt, um die Ver-\nheerungen der Krankheit zu demonstrieren. Jetzt\nmüßten die Kollegen ihm helfen, so lange er krank\nsei, sagte er. Aber ein paar von ihnen wußten,\nau*f welche Weise er krank gewesen war, und\nwollten die Sache beim richtigen Namen nennen.\nOsati zeigte auf ihn mit einem langen drecki-\ngen Zeigefinger und öffnete seinen großen Mund:\n„So, du warst krank, mein Maiglöckchen!\"\nsagte er.\nAber Riuge verzerrte, isein Gesicht mit den\nroten Schnüren, sah bedeutungsvoll und diskret\nauf seine schweren Fäuste. Und dann hatte er\nnatürlich gewonnenes Spiel. Keiner vermochte die\nblaue Augen zu zählen, die diese Fäuste versetzen\nkonnten. Also ging Riuge ein paar Monate lang\nals Rekonvaleszent herum.\nAcht Kollegen gaben ihm jeden Abend von\nihren Einnahmen. Und Segen schien zu sein über\nihrem Opfer. Riuge wurde unförmlich dick von\nallem, was er aß und trank.\nAb und zu besuchte er den Bruder.\n„Weißt du!\" sagte er und legte sich vorsichtig,\num sich nicht überanzustrengen, auf den weichen\nTeppich in einer Ecke der Werkstatt.. „Es sind\nwirklich scheußliche Kollegen, die ich habe. Sie\nhelfen mir gar nicht! Nein, keine Spur helfen Sie\nmir. Ein Gott wird mich gewiß einmal rächen.\nFrüher oder später. Dessen bin ich sicher, aber\ndu verstehst, darauf kann ich ja nicht warten,\nnicht?!\"\nKinza stand und machte seine feine kleine\nLackkästchen: „Ja,\" sagte er und arbeitete wei-\nter, „etwas kann ich entbehren, aber eigentlich\nhatte ich mir gedacht, das zu sammeln, bis wir\ndafür einen neuen Wagen für dich kaufen könn-\nten?\"\n„Ah,\" sagte Riuge und drehte sich um auf den\nBauch, „du weißt ja, wie ich mit dem vorigen\nWagen hereingefallen bin — der war so schwer\nzu fahren!\" Und alle beide, er und der Bruder,\nwußten, daß es eine tolle Lüge war. Aber sie\nmachten so, als ob sie daran glaubten — auf die\nWeise nämlich wurde aller Streit und Zank in\nder Familie vermieden.\nUnd so bekam Riuge sein Geld. Er schlief\nein paar Stunden in der Werkstatt und ließ sich\nnachher von dem kleinen Gehilfen des Bruders\neine Kurmaia holen und fuhr dann Mittag essen.\nDenselben Abend fanden ihn die Kollegen in\nThränen aufgelöst. Er saß und schüttelte den\nKopf und sprach nur in selbstverfertigten Sprich-\nwörtern, weil er wußte, daß diese Art immer auf\ndie Zuhörer wirkte.\n„Das Leben ist ein Goldfisch!\" sagte er und\nschielte, um zu sehen wie seine Worte wirkten,\n„wenn man ihn an den Kopf greift, bekommt man\nnur den Schweif in die Hand!\"\n„Was ist denn los?\" fragte der dicke Okusai,\nder war so gutmütig, wie die Nacht im Winter\nlang ist.\n„Die Freude eines Mannes ist wie ein ganzer\nKasten voll Teeblätter!\", sagte Riuge und\nschluchzte noch höher, „der immer reichen würde,\naber wehe dem Mann, aus dessen Kasten der Bru-\nder seiner Familie zu trinken gibt!\"\n„Ist etwas nicht in Ordnung mit deinem Bru-\nder?\" fragte Okusai und legte seine Hand auf die\nSchulter Riuges. Er war selbst den Thränen\nnahe, als er dieses Herzensweh sah, „was hat er\ndir angetan?\"\n„Der von seinem Bruder schlechtes spricht,\nist wie ein Fuchs ohne Schweif!\" antwortete Ri-\nuge und umarmte die Beine Okusais. „Die Mük-\nken können ihn stechen, ohne daß er etwas hat,\nwomit er sie wegjagen kann!\"\nOkusai mußte seine Tränen wegwischen, wenn\ner so viel Feingefühl hörte, und Riuge bekam von\nihm einen Taler extra. So nach und nach hatte\ner alle seine Kollegen wütend auf den hartherzigen\nBruder gemacht — und den Bruder auf die gei-\nzigen Kollegen gehetzt.\nUnd zu der Zeit da Riuge seinen Schmerbauch\nein bischen genierlich fand und außerdem seine\nRekonvaleszenz langweilig, an diesem Tag be-\nschlossen die beiden Parteien, geradeaus mit ein-\nander zu sprechen.\nDen Vormittag war Riuge bei Kinza, der eben\neinen guten Verkauf beendet hatte.\n„Hier ist was für dich!\" sagte der Lackierer\nund gab Riuge einen beträchtlichen Teil des Ver-\ndienstes, „aber ich finde doch, daß deine Kolle-\ngen —. Es ist doch Brauch, daß Kollegen ein-\nander helfen!\"\nRiuge schüttelte den Kopf und schielte zu dem\nBruder hin, der eben den Rest des Geldes in\neinem Schrank einschloß.\n„Wenn du nur mit den Leuten sprechen woll-\ntest! Heute abend,\" sagte er, „alle Leute kennen\ndich. Sie haben alle Achtung vor dir. Sie wer-\nden auf dich sehen, wie auf eine Lilie!\"\nSo wurde es denn verabredet, daß Kinza heute\nabend in dem kleinen Teehaus neben dem Bahn-\nhof sein sollte, um mit den Kollegen zu reden.\nEin paar Stunden später kam Okusai zu der\nHaltestelle, er hatte einige Reisende durch die\nStadt gefahren.\n„Hast du gut verdient?\" fragte Riuge, „du Sohn\nder siebenundsiebzig Roninen?\"\n„Ich habe immer etwas übrig für einen Kolle-\ngen, aber ich finde doch, daß dein Bruder näher\ndaran zu helfen ist!\"\nRiuge bedeckte beschämt sein Gesicht:\n„Eine Frau wand sich auf dem Lager,\" sagte er\nlangsam und feierlich, „und obgleich sie früher\neinen Sohn geboren hatte, dessen Augen nach\nOsten gerichtet waren und dessen Herz aus Gold\nwar, gebar sie jetzt einen Sohn, dessen Augen\ngegen Norden gerichtet waren, und den keine Not\nrühren konnte!\" Okusai brummte vor Wehmut\nund Mitleid mit dieser Tragödie.\n„Wenn du nur heute abend mit meinem Bru-\nder reden wolltest,\" sagte der hart Behan-\ndelte zuletzt, „denke daran, daß die ganze Welt\ndich liebt. Dein Gesicht zu sehen ist wie eine\nTasse Tee zu trinken!\"\nSo wurde also verabredet, daß Okusai und drei\nandere, die alle zusammen mit Riuge wohnten, in\ndem kleinen goldenen Teehaus am Hafen diesen\nAbend mit Kinza reden sollten.\nSpät in der Nacht kamen die beiden klagenden\nParteien, jede in ihrem Haus angelangt, müde und\nwütend, für Narren gehalten zu werden. Und zu\nHause begegnete ihnen ein neuer Aerger. Ihr\nGeld war fort.\nDenselben Abend aber war Riuge, mit Geld\nwohlversehen, nach Peking abgefahren.\nUnd jetzt kamen frohe Zeiten während der\nBoxeraufstände. Riuge schloß sich zusammen\nmit einigen Gleichgesinnten und er lernte den\nKrieg lieben: nichts war schöner als langsam\nund gemütlich nach eigenem Gutbefinden einem\nTruppenteil auf den Fersen zu folgen und da fort-\nzusetzen, wo die beendet hatten. Es waren glück-\nliche Tage und lebendige Nächte. Riuge konnte\nschon sagen, daß er allerlei erlebt hatte, und\naußerdem fand er es sehr patriotisch, sozusagen\nauf Kosten der Chinesen zu leben. Es war etwas\nEdles darin.\nAber diese Freude dauerte nicht lange. Und\ndann kam Riuge in die verzweifelte Situation,\nalles mögliche machen zu müssen. Und eines\nAbends, als er sich als Führer für einen französi-\nschen Handelsmann verdingt hatte, kam er zufäl-\nlig dazu, diesen etwas härter um den Hals zu\nklemmen, als er gedacht hatte, ehe er sich des-\nsen Brieftasche zueignete. Er hatte seit zwei\nTagen nichts gegessen als dies geschah, und seine\nerste Wanderung galt also einem Fleischtopf und\ndanach meldete sich der Durst. Als dieser gründ-\nlich gelöscht war, kam der Freundschaftsdrang.\n„Du bist mein Bruder!\" rief Riuge und um-\narmte einen dreckigen Chinesen, der an seiner\nSeite saß. Ehe er das tat, war er doch so vorsich-\ntig, sich auf die Brieftasche zu setzen. Er wußte\nsehr gut, wozu eine Umarmung benutzt werden\nkann. Ungefähr eine Woche dauerte die Freude.\nRiuge und der dreckige Chinese, der schon längst\nseinen Zopf in irgendeiner Strafanstalt verloren\nhatte, durchstreiften die Stadt kreuz und quer.\nEines Tages standen sie vor einer Hausecke,\nan der eine Bekanntmachung angeschlagen war.\n„Was liest du?\" fragte Riuge den Chinesen.\nRiuge war glücklich besoffen und hing in seinem\nArm.\nDer Chinese las laut vor. Es war eine Bekannt-\nmachung des französischen Konsulats. Eine Prämie\nwurde dem versprochen, der dazu beitrug, daß\nder Mörder des Handelsmannes gefunden würde.\nDie gestohlene Brieftasche mit den Papieren\nwurde zuletzt ganz genau beschrieben.\nDie Stimme des Chinesen wechselte allmählich\nden Ausdruck, je weiter er las. Zuerst ganz\ngleichgültig, wurde sie langsam und dick, und zu-\nletzt wieder übertrieben gleichgültig. Er drückte\nnur den Arm seines Freundes ein bischen. Riuge\nschielte zu ihm hin und wurde schwerer und\nschwerer zu schleppen.\nSpäter, am Nachmittag, fing der Chinese an\nmit seinen Taten von alten Zeiten zu protzen:\nEinbruch und Diebstähle, und ein paar kleine\nMordchen. Riuge wollte natürlich nicht zurück-\nstehen und er fing an die Geschichte mit dem\nHandelsmann zu erzählen. Er erzählte sehr um-\nständlich und eindringlich.\n„Eigentlich konnte ich ja nicht dafür,\" sagte er\nzuletzt und weinte aus Mitleid mit sich selbst.\n„Es war gar nicht meine Schuld, es war seine\neigene Schuld, warum zeigte er immer die Brief-\ntasche und versteckte sie nachher so sorgfältig,\ndas hätte er nicht machen sollen. Es war seine\neigene Schuld, mein Liebling, das schwöre ich\ndir. Da der Chinese, unsagbar einig mit ihm, sich\nbereit machte, Riuge zu umarmen, vergaß dieser\ndie Vorsicht, sich auf die Brieftasche zu setzen\nund es gelang dem Chinesen, sie zu nehmen. Er\nging fort und wollte das Geld zuerst nehmen,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.4", "texte": "aber die Tasche war schon leer, das tat jedoeli\nseiner Freude keinen Abbruch, die Prämie\ndes französischen Konsulats war sehr groß. Kr\nging zu dem großen Rechts-Yamen und fing an,\nvon Riuge zu erzählen. Als Beweis die Brief-\ntasche. Der Richter nickte ein paar Mal und da\ner die Brieftasche sah, glitt ein vergnügtes\nLächeln über sein Gesicht.\n..Ist es diese?\" fragte er durch seinen Dol-\nmetscher, und drehte sich um: da saß Riuge und\nuntersuchte die Tasche auf das genaueste, zuletzt\nnickte er wiedererkennend.\n~Ja, ich glaube wohl, daß es diese ist!\" sagte\ner. „Der Fremde hatte sie in der Hand, als er\nmich bezahlte! Der Chinese hat sie sicher ge-\nsehen, ich merkte, daß er hinter uns war. Ich\nhabe es auch dem Fremden gesagt, aber er lachte\nnur!\"\nDer Richter ließ den Chinesen untersuchen,\nfn einer inneren Tasche fand man eine kleine\nMlbermünze, vun der man wußte, daß sie dem\nHandelsmann gehört hatte.\nDer Chinese ließ seinen Kopf hängen, er sah\nein. daß Ritigö noch besser als er verstand eine\nUmarmung zu benutzen — und er verneinte nicht\nmehr: gegen das Genie kämpft jeder vergeblich.\nRiuge bekam seine Prämie und er war wun-\ndervoll besoffen an dem Tage, als er auf den Hin-\nrichtungsplatz kam, um zu sehen, wie der Chi-\nnese geköpft wurde. Als es geschehen war,\nschluchzte er lange darüber, daß es für ihn not-\nwendig gewesen war, sich von diesem lieben\nFreund trennen zu müssen.\nDann kamen die Gerüchte, daß Krieg zwischen\nJapan und Rußland erklärt war. Riuge erinnerte\nsich der schönen Zeiten während der Boxerauf-\nstände. Und stahl sich schnell an Bord eines\nDampfers, der nach Tokio ging. Selbst der Ge-\ndanke, daß sein Land wagte, sich mit Rußland im\nKrieg einzulassen, Rußland, vor dem die Chine-\nsen zitterten, dieser Gedanke imponierte und amü-\nsierte ihn. Er nahm sich vor, er würde jedenfalls\ndas seinige dazu tun. daß Rußland wenigstens öko-\nnomisch den Kürzeren ziehen sollte.\nEs war Abend, als er in Kinzas Laden kam.\nKinza war eben dabei, seinen Laden für län-\ngere Zeit zu schließen. Riuge fing mit einer gut\nvorbereiteten Rede an:\n„Meine Liebe zu dir,\" sagte er, indem er sich\nbehaglich niederließ, „ist wie eine Kirschenblüte.\nSie entfaltet sich, ohne daß man weiß warum,\nund bringt jeden, der sie sieht, zum Entzücken!\"\nUnd nach einer kurzen energischen Rede am\nnächsten Morgen meldeten sich Riuge zusammen\nmit dem Bruder als Freiwillige.\nZufällig kamen sie in dieselbe Kompagnie.\nEs dauerte nicht lange, dann avanzierte Kinza.\nEr bekam seinen Korporalsgrad in jener Nacht,\nals die Russen am Motien-ling die Feldwache über-\nfielen. Der Offizier wurde niedergestochen, er\nstand bei den Vedetten, der nächste Kommandie-\nrende fiel gleich darauf, aber da übernahm der\nGemeine Kinza das Kommando über die Kamera-\nden, und zwanzig Minuten hielten zehn Mann\nstand gegen eine ganze feindliche Kompagnie. Zu-\nletzt waren nur drei zurück. Die Flinten glühten\nvon dem schnellen Schießen und die Patronen\nwaren fast verbraucht. Die Arme der Soldaten\nzitterten und die Muskeln barsten beinahe vor\nAnstrengung, aber da kam die Verstärkung und\ndie Stellung war gerettet.\nRiuge dagegen war sehr enttäuscht, er hatte\nsich den Krieg nicht so vorgestellt. Die Ideen, die\nihm vorgeschwebt und seinen patriotischen Eifer\nentzündet hatten, waren ganz anders. Die gin-\ngen meistens in der Richtung, den Feind dadurch\nzu strafen, daß man ihn gründlich ausplünderte\nund auf seine Kosten gewaltig flott lebte. Ein\npaar Mal hatte Ringe auch versucht, die Kamera-\nden in dieser Richtung zu beeinflussen und ihnen\ndenselben Blick auf den Krieg zu geben, aber\nsein Rücken wurde so blau und tat so weh nach\nseinem Versuche in dieser Richtung, daß er es\naufgab — jedenfalls vorläufig. Aber es hatte ihn\nnicht populär gemacht, weder bei den Soldaten\nnoch den Offizieren und die Zeit, die jetzt folgte,\nwurde sehr kraftraubend und anstrengend für\nRiuge. Es gab keinen Tag, an dem er nicht ge-\nbraucht wurde —• und das ordentlich. In einem\nMonat wurde er schlank wie ein Blumenstil —\nnur der Kopf blieb genau so dick und breit.\n„Wir wollen versuchen, ob wir hier durchkom-\nmen können,\" sagte Leutnant Hirai und zeigte\nvorwärts, während er hin zu Riuge schielte, der\nschon Bescheid wußte. „294, schnell durchgehen!\nAber die Beine gebrauchen!\" fügte er mit bedeu-\ntungsvoller Stimme hinzu. Und Riuge mußte sich\ndurch das Dickicht drängen. Als er zurückkam,\nwar er von oben bis unten voll Dornen.\n„Es ist wahrscheinlich zu tief!\" sagte Leutnant\nHirai an einem andern Tag. Er machte seinen\nHals lang und guckte in das Wasser, wo schwarze\nEisstücke hin und her trieben:\n„294, versuch, ob es geht! Wenn Sie nicht\nBoden gewinnen können, machts doch nichts!\"\nUnd Ringe mußte daran, obgleich er beschwor,\ndaß er nie geschwommen hatte. Die Kameraden\nlachten sich beinahe tot, während 294 auf dem\nandern Ufer stand, sich schüttelnd vor Kälte, mit\nveilchenblauem Gesicht, und sich infolge der\nMenge Flußwasser erbrach, das er verschluckt\nhatte.\n„Wir müssen Meldung haben hinüber zu der\nKompagnie,\" sagte der Leutnant ein anderes Mal.\n— „Aber schnell muß es gehen!\"\n„294, lauf und melde, daß eine Patrouille Fuß-\nvolk zweihundert Meter vor der Feldwache ist.\"\nUnd Riuge, der die ganze Nacht nicht geschla-\nfen, sondern an drei schweren, mühsamen Späher-\npatrouillen teilgenommen hatte, mußte jetzt mit\nzusammengebissenen Zähnen und Augen voll\nSchwefel sich im Lauf setzen.\n„Aber schneller!\" rief der Leutnant. Und Riuge\nmußte Galopp laufen.\nAls er wieder schwankend vor Müdigkeit sich\nbei Hirai meldete, sagte dieser:\n„Es ist gut, und jetzt auf Ihren Posten. Da\ndraußen bekommen Sie Ihre Instruktionen. Jetzt\nkönnen Sie wohl ein bischen Ruhe gebrauchen?\"\nHirai lächelte. Als Riuge herauskam, wurde\ner als Posten aufgestellt.\n„Jetzt ordentlich aufpassen!\" sagte der Ser-\ngeant und gab ihm einen Rückenstoß.\nNach dem was der Leutnant sagte, hatte Riuge\ngeglaubt, er dürfe jetzt ein bißchen schlafen, nun\nmerkte er, daß sie ihn zum Narren hielten. Hatte\ner früher zu viel laufen müssen, sollte er jetzt mehr\nstehen, als er vermochte.\nEs ging eine gute Stunde. Der kühle Wind\nhatte schon längst den Schweiß vom Laufen ge-\ntrocknet. Riuge fühlte, als stände er in einem\nGlaskasten. Die Füße brannten, ohne Haut wie\nsie waren. Seine Hände waren wie im Brand\ngeraten. Die Kälte schmerzte und juckte drin.\nDie Ohren fühlte er schon lange nicht mehr. Und\nvon der Nase ging eine kleine Eisbahn zum Mund\nherunter.\nEr wurde ganz unklar im Gehirn und wachte\nauf von einem fürchterlichen Stoß in allen Glie-\ndern. Er war von dem Hügel heruntergefallen.\nEin Fall, der die meisten Nacken sicher gebrochen\nhätte. Aber er verrenkte sich nur seinen Arm.\nTrotz der Erschütterung hatte er Geistesgegen-\nwart genug, um zu versuchen durch seinen Arm\nirgend einige Vorteile zu erreichen.\n„Ah, ah, mein Arm, mein Arm ist gebrochen!\"\nrief er brüllend.\nDer Sergeant versetzte ihm eine Faust ins\nGesicht. „Halts Maul, du bist ja Vorposten!\"\nUnd einen Augenblick nachher waren vier Sol-\ndaten damit beschäftigt, seinen Arm wieder ein-\nzurenken. Eine Viertelstunde Zeit nahmen sie\nsich, um sich auch ein bißchen Bewegung in der\nKälte zu machen.\n„Bitte,\" sagte dann der Sergeant und stieß ihn\nmit der Flinte vor die Brust.\n„Hier die Flinte, die ich so gut gewesen bin\nund für Sie aufgestammelt habe. Und jetzt wie-\nder auf den Posten! Aber fix!\"\nUnd dann stand Riuge wieder da oben. Er\nweinte beinahe vor Wut und Schmerzen, bis die\nTränen zu dicken Eisstäbchen auf seinen Wangen\nfroren.\nAls der Krieg ein halbes Jahr gedauert hatte,\ngab es keine Arbeit, nicht die niederträchtigste\nSache, die Riuge nicht gemacht hätte und in der\ner nicht Meister war. Das Kriegerhandwerk fing\nan, für ihn ziemlich leicht zu sein.\nDie Soldaten hatten die dummen Geschichten\nim Anfang beinahe ganz vergessen, auch Leutnant\nHirai fing an freundlich gegen Riuge zu lächeln,\naber zu dem Schwierigsten verwandte er ihn doch\nimmer. Und jetzt lag 294 also und wartete in seiner\nHängematte, die die Russen ihm gemacht hatten,\ner wartete auf Korporal Kinza, den Bruder, der\nzurückkommen und ihm helfen würde.\nDie Abteilung war ein kleines Stückchen in\ndem Wald vorgerückt, als Kinza zurückgelaufen\nkam. „Der Späher meldet, daß Gräben mit\nStacheldraht an der Waldkante gegraben sind!\"\nsagte er mit heißer kurzer Stimme. Er dachte an\nden Bruder.\n„Ringsherum!\" kommandierte Leutnant Hirai\nsofort, und einen Augenblick nachher war die Ab-\nteilung wieder heraus aus dem Walde. Hirat\nsetzte sich an die Spitze und die Abteilung fing\nan, zu laufen, um auf die Weise heran zu kommen.\n„Wo ist 294?\" fragte Hirai schnell dazwischen.\nEr schwang seinen Säbel. „Vorwärts, Leute —\nschneller vorwärts!\" Schüsse fielen links von dem\nWald, da, wo sein Regiment gegen die Russen\ngehen sollte. Es galt, zur Zeit heranzukommen.\n„Vorwärts, vorwärts!\" rief Hirai wieder, die\nfernen Schüsse klangen Schlag auf Schlag.\nDie Flintenmündungen glänzten im Laufen, als\nkönnten sie nicht warten mit dem Schießen, bis\nsie in Schießstellung lagen.\n„Wo ist 294?\" rief der Leutnant wieder zu\nKinza, der hinter ihm lief, mit der Flinte in der\nHand geklemmt und ohne Zeit zur Antwort\n„Erlauben Sie, Herr Leutnant!\" bekam Kinza\nheraus, es lief wie kleine Wellen über seine Lippen,\ndie Augenbrauen bewegten sich herauf und her-\nunter. „Mein Bruder,\" er schämte sich nicht, dies\nWort zu sagen, „2'94 liegt in dem Loch, das sie\ngegraben haben. Er hängt fest. Darf ich —!\"\nHirai hielt inne, einen Bruchteil von einer Se-\nkunde. „Der Stacheldraht? 294?\" fragte er und\nlief wieder zu, stärker als früher.\n„Er selbst hat mich zurückgesandt. Zu der Ab-\nteilung!\" und Korporal Kinza fühlte, als barst der\neine oder der andere Muskel irgendwo in ihm, „ist\nhängend geblieben!\" hörte der Leutnant.\nDie Abteilung war herangekommen.\n„Nach rechts — Kette formieren!\" rief Hirai\nund in demselben Moment war die Kette gebildet.\nEs klang ein schnelles Schmettern, wie von flie-\ngenden Steinen, die Russen hatten die Schießkette\ngesehen und gaben Feuer."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.5", "texte": "Jacoba van Heemskerck: zwei originalholzschnitte"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.6", "texte": "„Anhalten!\" Hirai schwang seinen Säbel, er\nging wie ein Sonnenrad über seinem Kopf. Die\nSoldaten schmissen sich auf die Erde. Die Flinten\nwurden geladen. Wie Schmeck-schmeck hörte es\nsich an.\n„Die Schießkette zuerst! Flinte bereit! Schie-\nßen!\" rief Hirai und drehte sich um zu Kinza, des-\nsen Gesicht ganz entstellt war.\n„Lauf zurück!\" schrie er und die Schüsse\nschlugen jedes Wort.\nGrüß ihn!\nTapfer\n— alles wieder gut!\" und er winkte mit der\nHand, und drehte sich wieder um zu der Abteilung.\nKinza fühlte sein Herz so unheimlich groß und\ndick, während er wieder zurücklief — ab und zu\nsich klein machend und biegend, um den Schüssen\nzu entgehen.\nEr hörte die Schüsse pfeifend vorbeisausen.\nDie Zweige fielen hinter ihm, die Erde wurde auf-\ngewühlt von den Granaten.\nRiuge hielt immer noch die Flinte fest. Bewußt-\nlos beinahe hatte er das Gefühl, daß es unerhört\nwichtig sei, die Flinte nicht loszulassen. Der\nGriff war ganz abgenutzt und fettig von einem\neigentümlichen kalten Schweiß, der aus der Haut\ntropfte.\nEr hörte, wie die Abteilung anfing zu schießen.\nEine warme Freude stieg in ihm auf. Jetzt könnten\nsie ihn rächen. Jetzt wußten sie alle, daß er —\nDie Schüsse fielen dichter und dichter.\nJetzt müßte doch Kinza bald hier sein. Nur\neine Minute. Nicht einmal das. Nur 50 Sekunden.\n49 Sekunden! A—ah, jetzt schrie es wieder. Wer\nwar es doch? War hier ein Hund? Ooder ein\nFuchs? Oder —* —\nNein, nicht eine halbe Minute konnte es noch\ndauern. Er versuchte zu horchen, aber sein Ge-\nhirn war so übervoll und kochend von Lauten. Die\nSchüsse und die Schmerzen!\nGing nicht jemand im Walde?\nDie Zweige brachen doch?\nEs war jemand!\nKinza kam!\nEs — mußte Kinza sein!\nJa — hier — hier — bin ich — hier, komm\nnur — der Draht\nAh — Gott sei Dank — nimm mich auf — aber\nvorsichtig!\nDann gingen die Schmerzen wieder durch ihn,\na—a, a—a, durch seinen ganzen Körper, schnei-\ndend, langsam, bitter.\nWarum kam denn Kinza nicht?\nEr versuchte, die schweren Lider zu heben\nund zu spähen, ob nicht Kinza kam. Das arme\nentstellte häßliche Gesicht versuchte zu sehen.\nUnd durch sein Gehirn, wo die Schmerzen herum-\ntanzten, grub sich plötzlich ein Zweifel fest! Viel-\nleicht hatte Kinza gar nicht erzählt, wie das zu-\ngegangen war! Oder vielleicht hatte der Leut-\nnant nicht Erlaubnis gegeben! Oder Kinza wollte\nnicht! Oder sie hatten ihn vergessen!\nSeine rechte Hand fing an sich im Handgelenk\nzu bewegen. Die halbsteifen Finger versuchten\nKräfte zu sammeln. Es rieselte Speichel aus sei-\nnem Munde, das machte sein Schreien zu einem\nschauderhaften Lallen.\nJa, sie hatten ihn vergessen!\nSie hatten — ihn — nur — vergessen!\nVer—gessen! —\nEine Sekunde versuchte eine Welle von Haß\nund Wut sich seines armen Gehirns zu bemäch-\ntigen.\nJa, sie hatten ihn vergessen, sie fanden nicht,\ndaß er schlimm genug behandelt war.\nUnd ein häßliches, abscheuliches Lallen glitt\naus seinem Mund, der in dem Gesicht wie eine\nschräge Wunde hing. In dem breiten Gesicht, in\ndem nicht ein Zug wiederzuerkennen war.\nKönnte er nur schießen! Den Russen zeigen,\ndaß hier jemand war. Vielleicht wäre er so glück-\nlich, von ihren Granaten getroffen zu werden.\nUnd seine Rechte spannte sich noch einmal,\ndaß die verwilderten Sehnen wie ein Knäuel\nweißer Bänder unter der gesprengten Haut lagen.\nDie Mündung der Flinte hob sich ein bischen von\nder Erde; die Kugel flog und warf seine Hand\nauf die Stacheln. Der bittere Rausch füllte seinen\nMund mit Wolle. Er zitterte über den ganzen Kör-\nper, wie das Fleisch eines eben getöteten Tieres\nzittern kann.\nAber von da oben kam keine Antwort. Sie\nhatten genug mit der Abteilung zu tun.\nRinge weinte. ' So wie ein Kind weint aus\nFurcht vor Prügel. Ein lärmendes Schluchzen,\ndas seine Brust stoßweise hob und die Spitzen\nnoch fester in sein Fleisch bohrte.\nVergessen — vergessen — vergessen — von\nAllen. Er schrie die Worte mit einer Stimme wie\neines geschlagenen Hundes Heulen: Vergessen —\nvergessen — vergessen!!!\nKinza war zur Hälfte durch den Wald gekom-\nmen. Er wußte ohne es zu fühlen wie seine Füße\nihm vorwärts führten! Riuge, Ringe sagte es in\nihm.\nDann gab es einen gewaltigen Schlag gegen\nseine Beine gleich über den Knien. Er machte\neinen Sprung mit geschlossenen Füßen und fiel\nzur Erde. Einen Augenblick lag er wirr und un-\nklar, ohne zu wissen, was passiert war. Schmerz\nfühlte er nicht. Der säuerliche Erdgeruch füllte\nseine Nase. Er stemmte die Hände in die Erde\nund wollte aufstehen. Und da erst verstand er,\nwas geschehen war, er gab einen kurzen jammern-\nden Laut von sich: der Schuß hatte seine beiden\nKnie zerspalten. Er drehte sich auf den Rücken\nund setzte sich auf. Es waren ein paar Löcher\nin seinen Hosen mit Blutflecken ringsherum; und\neinige weiße wie Kalk aussehende Scherben sta-\nken von den Beinen heraus. Es kam plötzlich eine\njagende heiße Stange von Schmerzen durch die\nWunden. Er konnte kaum atmen.\nDann dachte er an Riuge. Er versuchte sich\nzu heben, aber er fühlte seine Beine nicht. Die\nwaren wie Bleiklumpen.\nEinen Augenblick war sein Gehirn ganz erlahmt\nund glühend. Was sollte er tun! Riuge? — Seine\nAugen erweiterten sich unnatürlich.\nDann schoß eine Idee durch ihn und er legte\nsich nochmals auf den Rücken und drehte sich\nnachher um auf den Bauch. Dann stemmte er die\nbeiden Handflächen gegen die Erde, setzte zuerst\ndie Rechte ein bißschen vor, dann die Linke und\nschleifte die Beine nach sich. Es war, als hingen\ndie Knie fest in Schrauben, die jedesmal sich in\ndas Fleisch einbohrten. Er biß die Zähne zusam-\nmen und knirschte mti ihnen, um die Schmerzen\nin den Beinen zu übertäuben.\nWieder setzte er die rechte Hände vor, dann die\nlinke und so die Beine. Und so die rechte, so die\nlinke, und so die Schrauben in den Knien. Links,\nrechts, es war, als barsten die Muskeln.\nDann mit einmal hörte er einen Schuß vor sich.\nEr starrte, ständig die dornenverwundeten Hände\nin der Erde, mit der Unterlippe, die, ein blaßroter\nFleischfetzen, herunterhing.\nRiuge! Riuge, ja, er wartete auf ihn. Was\nsollte er tun, er konnte ihm nicht helfen. Und was\nglaubte wohl Riuge? Daß sie ihn vergessen hatten?\nEr hob den Kopf und sah, daß nur einige Sträu-\ncher fehlten, dann war er da.\n„Riuge! Riuge!\", rief er und seine Stimme kam\nihm so laut vor. Er watete wieder vorwärts. So\nhatte er den Kopf durch das Dickicht bekommen.\nNochmals ein Schritt mit den Händen und er\nwollte die Beine herabschleifen. Aber dann merkte\ner durch einen wahnsinnigen Schmerz, daß die\nBeine in den Zweigen hängen geblieben waren\nund nicht loskommen konnten. Grade in den Wun-\nden. „Riuge! Riuge!\" — rief er wieder, seine\nStimme tat seinem Hals weh.\nUnd Ringes Kopf, der lag wie auf einer Schüs-\nsel auf der Erde, Ringes Kopf drehte sich, langsam\nin kleinen schnellen Rucken, sekundenlangen Pau-\nsen gegen ihn. Bei jedem Ruck spritzte ein dünner\nroter Strahl aus seinem Hals und der Stacheldraht,\nder um den Hals saß, glich einer Korallenschnur.\nUnd zuletzt lagen die halberblindeten Blicke der\nbeiden Brüder in einander.\n„Ich glaubte — vergessen — vergessen —!\"\nDie Stimme Riuges flüsterte und der klebrige\nSpeichel glitt mit roten Flecken über seine Lippen.\n„Ich wurde verwundet. In den Beinen!\" sagte\nKinza und seine, Stimme klang tot.\n„Aber Hirai sagte selbst, daß du tapfer bist,\nund daß alles wieder gut ist!\"\nDa hob Riuge nochmals sein Gesicht, der\nSchweiß lief von seiner Stirn; es kam ein kleiner\nglucksender Laut aus seinem Hals, und um den\nMund ging eine Schnur, die ein Lächeln sein\nwollte. Und von dem Mundwinkel kam unartiku-\nliert ein Lallen, das eine Wiederholung sein sollte,\nvon dem was Hirai gesagt hatte:\n„Tappy —\" sagte Riuge, und wieder war diese\nSchnur, die seinen Lippen zum Lächein verhelfen\nwollte — „Tappy . . . gul wieler . . .!\"\nDann fiel sein Kopf in drei kleinen Rucken hin-\nunter, er war tot.\nNoch einen Augenblick lag Kinza und sah ihn\nm; in ihm flüsterte es, Mal auf Mal, daß Leutnant\nHirai gesagt hatte, Riuge sei tapfer und alles sei\nwieder gut.\nDann hoben sich seine Arme, ganz langsam, bis\ner mit den Beinen fest in den Zweigen hängend\nund das Gesicht in dem dürren scharfen Gras lag.\nUnd mit einmal lächelte er ein ganz wenig, und\nfühlte nicht, daß Erde und welke Blätter dabei\nNase und Mund füllten: ja, dachte er, und seine\nGedanken starben hin in diesem Lächeln: ja, Riuge\nhatte genau so gesprochen wie ein Kind, ein glück-\nliches Kind: Tappy . . . gul . . . wieder . . .\nUnd dies Lächeln lag noch über seinem Gesicht,\nals die Kameraden ihn am nächsten Tag fanden.\nAutorisierte Übersetzung von Neil Waiden\n\nGedichte\nAugust Stramm\n\nIcli\nDu steht! Du stellt!\nUnd ich\nUnd ich\nIch winge\nRaumlos zeitlos wäglos!\nDu steht! Du steht!\nUnd\nRasen bäret mich\nIch\nBär mich selber!\nDu!\nDu!\nDu bannt die Zeit\nDu bogt der Kreis\nDu seelt der Geist\nDu blickt der Blick\nDu\nKreist die Welt\nDie Welt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.7", "texte": "L. Wachlmeier: Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.8", "texte": "Die Welt!\n7ch\nKreis das All!\nUnd du\nUnd du\nDu\nStehst\nDas Ich\nDas\nIch!\n\nSchön\nWissen Tören\nWahr und Trügen\nMord Gebären\nSterben Sein\nWeinen Jubeln\nHaß Vergehen\nStark und Schwach\nUnmöglich\nKann!\nDein Körper flammt!\nDie Welt\nErlischt!\n\nBegegnung\nDein Gehen lächelt in mich über\nUnd\nReißt das Herz.\nDas Nicken hakt und spannt.\nIm Schatten deines Rocks\nVerhaspelt\nSchlingern\nSchleudert\nKlatscht!\nDu wiegst und wiegst.\nMein Greifen haschet blind.\nDie Sonne lacht!\nUnd\nBlödes Zagen lahmet fort\nBeraubt beraubt!\n\nSpiel\nDeine Finger perlen\nUnd\nKollern Stoßen Necken Schmeicheln\nQuälen Sinnen Schläfern Beben\nWogen um mich.\nDie Kette reißt!\nDein Körper wächst empor!\nDurch Lampenschimmer sinken deine Augen\nUnd schlürfen mich\nUnd\nSchlürfen schlürfen\nDämmern\nBrausen!\nDie Wände tauchen!\n-Raum!\nNur\nDu!\n\nTrieb\nSchrecken Sträuben\nWehren Ringen\nAechzen Schluchzen\nStürzen\nDu!\nGrellen Gehren\nWinden Klammern\nHitzen Schwächen\nIch und Du!\nLösen Gleiten\nStöhnen Wellen\nSchwinden Finden\nIch\nDich\nDu!\n\nFluch\nDu sträubst und wehrst!\nDie Brände heulen\nFlammen\nSengen!\nNicht Ich\nNicht Du\nNicht Dich!\nMich!\nMich!\n\nAllmacht\nForschen Fragen\nDu trägst Antwort\nFliehen Fürchten\nDu stehst Mut!\nStank und Unrat\nDu breitst Reine\nFalsch und Tücke\nDu lachst Recht!\nWahn Verzweiflung\nDu schmiegst Selig\nTod und Elend\nDu wärmst Reich!\nHoch und Abgrund\nDu bogst Wege\nHölle Teufel\nDu siegst Gott!\n\nWerben\nGeheimnis bogt das Tor\nErde Himmel\nHarren\nHarren!\nAuf schließt dein Blick!\nBlend\nWirrt und greift\nUnd tastet\nKrampft in leeren Händen.\nDein Lächeln wehrt.\nVerschlossen blickt das Tor.\nMein Harren harrt\nUnd\nGott und Himmel pochen!\n\nAbendgang\nDurch schmiege Nacht\nSchweigt unser Schritt dahin\nDie Hände bangen blaß um krampfes Grauen\nDer Schein sticht scharf in Schatten unser Haupt\nIn Schatten\nUns!\nHoch flimmt der Stern\nDie Pappel hängt herauf\nUnd\nHebt die Erde nach\nDie schlafe Erde armt den nackten Himmel.\nDu schaust und schauerst\nDeine Lippen dünsten\nDer Himmel küßt\nUnd\nUns gebärt der Kuß!\n\nEin Weltereignis\nHermann Essig\nEin Mäusepaar sah einem freudigen Ereignis\nentgegen.\n„Geh hin,\" sprach die Mäusin zum Mäuserich,\n„und kundschafte, ob du irgendwo einen fetten\nOrt findest, der mich mit meinen kleinen Mäuslein\nlange gut ernähren wird.\"\nDer Mäuserich drückte ihr einen Kuß auf die\nSchnauze und begab sich auf die Reise. „Daß du\nnicht zu lange ausbleibst,\" sagte sie noch, „und\ngehe ja nicht in die Falle.\" „Nein, nein, ich komme\ngleich wieder,\" sprach er.\nEr kletterte und rutschte durch alle Engpässe und\nFluren des Hauses Nummer 96 empor, schließlich\nroch und duftete es in der dritten Etage bei Stan-\nges nach einer Unmenge schöner Blumen, dem\nreichen Abfall von Küche und Tisch, der überall\nzerstreut lag. Freudig erglänzten Mäuserichs Au-\ngen, hier wollte er seine Traute herbringen, damit\nsie die Kleinen zur Welt brächte.\nSchleunigst wollte er umkehren und seiner\nFrau von dem Lande künden, damit sie mit ihm\nherzöge. Wies aber so geht, an einem Punkt die-\nser Landschaft blieb er stehen, um sich noch ein-\nmal umzuschauen. Da floß ein rauschendes Was-\nser, das gurgelnd in die Untiefe kollerte. Auch fiel\nein helles Licht neben ihn. Er verkroch sich in den\nSchatten, da sah er eine Riesengestalt vor sich, die\nschnell wieder verschwand.\nEr zitterte über diese Erscheinung und blieb in\nstillem Bangen sitzen, ob hier wirklich so gute\nStätte sein würde. Während ihm alles übrige recht\nwohl gefallen hätte, hier war es wild romantisch;\ndas grelle Licht und die tosenden Wasser. Endlich\nwollte er wieder fürbaß gehen und seiner Frau\nMeinung darüber hören, aber da erschien wieder\ndie Riesengestalt, und es hielt ihn fest in Angst und\nBangen.\nNun zog aber wie von Zephyrdiiften gefächelt\nplötzlich ein süßer Duft um seine Nase. Bald stellte\ner fest, daß hier in der Nähe das ihm bis jetzt ver-\nborgen gebliebene Eden liegen mußte. Als die Rie-\nsengestalt auch diesmal glücklich wieder ver-\nschwand, wurde er beherzt und neugierig, dem\nUrsprung des Duftes nachzuziehen.\nWohl überkam ihn ein Qefiihl, als hörte er dis\nWorte, die seine Traute beim Abschied zu ihm\ngesprochen hatte, „Artur, gehe mir ja nicht in die\nFalle, gelt, geh mir nicht in die Falle, passe gut\nauf.\" „Nein, nein, was denkst du, ich gehe dock\nnicht in die Falle,\" hatte er dann gesagt. Komisch,\ndaß ers jetzt im schönsten Augenblick so sehr\nlebhaft dachte. Er machte eine die jetzige Wirk-\nlichkeit klarstellende Bewegung, indem er den\nKopf durch die beiden Vorderfüße strich. Und da\nstieß er auch schon an etwas, ganz leis, das ein\ngroßer Speck war, das war es, ja, der Speck hy-\npnotisierte ihn, es knickte und klatschte, er wollte\nden Schwanz einziehen. Das ging nicht, er stürzte\nzu Boden und hörte das tosende Wasser. So lag\ner Weile gerade ausgestreckt mit eingeklemmtem\nSchwanz, ganz unbewußt.\nDa erschien wieder die Riesengestalt, er wen-\ndete nicht den Kopf nach ihr, denn jetzt erkannte\ner sie, sie hatte ihm das Unglück gebracht. Es\nwar Frau Stange, die grade ins Bad steigen\nwollte.\nFrau Stange drehte den Wasserhahn ab, das\nTosen verstummte.\nDer Mäuserich fühlte sich angehoben wie auf\nschwankendem Aeroplan. Frau Stanges Stimme\ngellte schrill: „Die Maus, die Maus, ich hab sie,\nich hatte mich doch nicht getäuscht, es war eine\nMans.\"\nUnd ein Haufen kleinerer und größerer Riesen-\ngestalten kam, Frau Stange warf ein Badetuch um\nsich. Ein Geschrei und Lärmen wurde, es ging in\ndie Lüfte gehoben durch Räume und Hände, Augen,\nBrillen, bis wieder ein Stillstand kam. Da sah sich\nder Mäuserich umgeben von Tellern und Tassen,\nin seiner Nähe sah er eine blaue Flamme, worauf\nein Kessel mit Wasser kochte.\nOb dies ihn betraf —?"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.9", "texte": "Es überkam ihn ein Zustand von Wursthaftig-\nkeit, er begann sich seine Lage anzusehen. Aller-\ndings, er war in die Falle gegangen. Da heraus\nkommen! Er biß um sich, das war harter Draht,\nso gings nicht. Sein Schwanz war freigemacht,\noffenbar von Frau Stange selber. Vielleicht konnte\ner auch hoffen —! Er setzte sich recht timid hin\nund wartete, er gab sich als einen, der nicht auf\ndrei zählen kann, dem man ruhig die Zellentür öff-\nnen könnte., der selbst dann nicht entflöhe aus der\nsüßen — verwünschten — Nähe des Speckes jener\ndummen Sau.\nFrau Stange kam von neuem auf ihn zu, er sah\nsie recht treuherzig an und putzte sich sogar. Frau\nStange lächelte ihm zu. Oh wie er jetzt hoffte und\nan seine Traute, an dieses Wiedersehen dachte!\nAber bald verlor er wieder die Hoffnung, Frau\nStange löschte die Flamme aus, hob den Kessel\nvom Herd und schrie laut: „Wer will noch einmal\ndie Maus sehen!\" Es lärmte und gröhlte ein Haufen\ndaher, ein Eimer wurde auf den Boden gesetzt,\nder Kessel wurde hineingeschüttet, es Qualmte und\ndampfte. Die Stimme: „Tötet das süße Mäuslein\nnicht!\" wurde überhört. Dem Mäuserich krampfte\nes das Herz; „wenn das ihn betraf — o Traute!\",\nwährenddem ihm viele vergnügte Gesichter Lie-\nbesworte zuflüsterten „du süßes Mäuschen\". Ach,\nbeim Blick in den Dampf des Eimers auf dem Bo-\nden mißtraute er dieser Liebkosung der Riesen.\nWahrhaftig, es galt ihm, es ging in den Ab-\ngrund, er fühlte die Nähe des heißen Pfuhls, klet-\nterte verzweifelt in die oberste Ecke der Falle,\nein Pfiff entrang sich ihm „Traute süße\", ein kal-\nter Ruck, und ein glatter Leichnam wurde aus dem\nheißen Sud gezogen.\nWie abscheulich! alles schüttelte sich in Grau-\nvor dem, welchen man soeben noch süßes Mäus-\nchen genannt hatte.\nDie Klappe der Falle wurde geöffnet und Arturs\nKadaver aus der dritten Etage in den Hof ge-\nschleudert, nächsten Morgen beim Kehren vom\nPortier — mit einem Fluch gegen oben gefunden,\nmit einer Zange in den Müllkasten getragen, wo er\nsein Grab fand.\nFrau Stange badete selbige Nacht ihren Lebens-\nnam, schneeweiß, gedachte beim Erinnern an die\nMaus nur der einzigen Interessantheit, daß am\nLeichnam die Maus deutlich als Mann zu erkennen\nwar, um den es immerhin schade war.\nDie Mäusin grämte sich, warum Artur nicht\nzurückkam. Spätestens um zehn sollte er wieder\nda sein, weil man das Haus schloß.\nSie fühlte schon die zwanzigbeinigen Stöße\nder Kleinen in ihrem Bauch, und es hatte not, bald\ndas Nest zu finden. Trübselig hing sie den Kopf.\nDie letzten Straßenbahnen rollten schon vorüber,\ner kam nicht .\nSie konnte ja nicht ahnen, daß ihr schöner\nMann nicht allzuweit von ihr in so schaudervollem\nAnsehen auf dem Hofpflaster lag. Aber da ihm\ndoch irgend etwas zugestoßen sein mußte, machte\nsie sich schließlich auf, ihn zu suchen.\nLeicht fand sie den Weg, den er hingegangen\nwar, an vielen Orten hatte er ein Exkrement als\nWegzeichen und Andenken hingesetzt. Mit Freu-\nden passierte sie immer wieder so eine Stelle, wo\netwas voi ihm lag. So war er also doch so weit\ngekommen! Da fand sie ihn vielleicht noch, am\nEnde hatte er sie bloß geschwind aus Freßsucht,\ndie sie an ihm kannte, vergessen. Irgendwo hockte\ner und schlemmte! Immer mehr vermutete sie\ndies, und ihre Sorge, er könnte in die Falle gegan-\ngen sein, schwand.\nWie sie hoch oben bis zur dritten Etage gewan-\ndert war, verloren sich des Liebsten Spuren in\nder Ebene. Mit einer gewissen ehrfürchtigen\nScheu trat sie in das Land ein, wo sie ihn bei lecke-\nrem Mahle zu finden ganz bestimmt hoffte.\nSie fand bald viele Plätze, wo er gewesen war.\nAber ihn selbst fand sie nirgends. Sie pfiff ihm in\ndünnem, nur seinem Ohr vernehmlichen Ton. Es\nwuchs ihre Sorge wieder, da gar nie eine Ant-\nwort erfolgte.\nBesonders an einer Stelle, wo sie jetzt ankam,\nbefiel sie tiefe Angst. Da bog ein Wasserrohr ab\nin die Wrand, da lagen Haare, wie er sie hatte. Eine\ngetrocknete winzige Pfütze, als wenn er hier nach\nihr geweint haben müßte.\nSie wimmerte, daß ihre zappelnde Brut in ihr\nbebte, hastete unruhig herum, ging gedankenlos an\nallen Schönheiten und Verlockungen vorbei, trübe\nden Kopf hinabhängend.\nSchließlich gab sies auf, ihn zu suchen. Sie\nmußte sich ein Nest zurichten an einem Ort, wo\nsie niemand vermuten und stören konnte. Dazu\nerwählte sie sich einen großen Schrank. Mit fie-\nberhaftem Eifer begann sie ein Loch in den\nSchrank zu nagen, dann wollte sie innen irgend-\neine Rocktasche benutzen, um in ihr das Wochen-\nbett durchzumachen.\nDas Loch gedieh erfreulich rasch, und sie\nkonnte hoffen, in zwei Nächten freien Eingang zu\nhaben.\nPlötzlich fiel ein Lichtschein an ihr vorüber,\nund sie wurde ganz still. Es liefen schwere Tritte\nwie von Riesen, dann wurde die Schranktür laut\nknarrend geöffnet. Das Licht erlosch wieder, und\nsie wollte gerade das Nagewerk fortsetzen, als\neine süße Speckluft sich um sie legte und sie um-\nkreiste.\nDa war eine Falle hingestellt worden!\nWoher sonst sollte auf einmal der Speck kom-\nmen?!\nSie horchte gespannt und hörte nun flüstern.\nHerr Stange sagte zu Frau Stange: „Ich\nglaube, daß sie so nicht in die Falle geht, das\nmerkt sie. Es war für die Katze, extra in die\nKüche zu gehen, den Speck anzubrotscheln, die\nFalle zu stellen, nur um sich kalte Füße zu holen.\"\nAber obgleich Traute auf der Hut war, so\nbangte sie doch vor der Gefahr, denn ob sie vom\nGeruch weglief oder ihm entgegen, vermochte sie\nnicht zu entscheiden. Eines wußte sie jetzt, dieser\nDuft war ihres armen Mannes Verhängnis ge-\nworden.\nMit Enttäuschung sah die gespannte Mausefalle\nunter Frau Stanges Schrank hinab, als sagte sie:\n„Gott, kommst du nicht endlich.\" Die Falle stand\noffenbar hier nicht richtig, sie blieb leer.\nIm Stangeschen Haushalt irrte nun Traute,\nwohl reichlich Nahrung, aber schlechten Unter-\nschlupf findend, umher. Kein Mensch bemerkte\nunter Tags ihre schwangere Anwesenheit, die\nsonst im Leben mit so viel Anstoßen und Nase-\nrümpfen schleunigst an holden Repräsentantinnen\nbemäkelt wird. Trotz dieser Ungestörtheit wurde\nes der irrenden Traute immer verzweifelter zu\nMut. Die Kleinen in ihr wollen gar nimmer Ruhe\ngeben, oft fiel sie geschwinde hin. Es wurde Zeit\nzum Neste.\nHerr Stange setzte sich der Küche gegenüber\ngerade an den Fisch und feierte Halbmond, indem\ner in der dunklen Seite saß und die Küche erleuch-\ntet war. Er dachte so gut wie nichts, sah vielmehr\nins Helle. Seine Frau näherte sich ihm tastbar, es\nwäre vielleicht zum Kusse gekommen.\nAber Herr Stange stand auf mit Empörung:\n„Soeben lief in aller gemütlichen Frechheit lang-\nsam eine riesengroße Maus von der Eimerbank\nzum Abwaschschrank, es ist doch unerhört! Wir\nhaben jetzt also richtig Mäuse. Nicht mehr aus-\nnahmsweise eine Maus, nein', ,Mäuse' haben wir!\"\nFrau Stange schlug entsetzt an ihre Brust.\nMan lief zur Falle und präparierte den Speck.\nMit Jägergenie stellte Herr Stange die Falle auf\n„den Wechsel\" der Maus. Da mußte sie in Sekun-\nden gefangen sein!\nIn der Küche roch es zufällig sehr stark nach\nverbranntem Pflaumenkuchen, daß jeder andere\nGeruch darin ersticken mußte.\nFrau Stange bezweifelte darum die Wirkung\ndes Specks, aber Herr Stange hielt daran fest:\n„Mit Speck fängt man Mäuse.\"\nDie Falle stand.\nDie Rettung des verbrannten Pflaumenkuchens\nnahm alle Hände sodann in Anspruch.\nEs mußte verhext sein, es schnappte und\nklappte, es schien kein Augenblick. Die Maus\nmußte direkt auf den Speck gewartet haben.\nHerr Stange frohlockte mit hocherhobener\nJagdtrophäe, die zur schweren Hälfte aus der Falle\nheraushing.\nDie Gefangene ächzte: „Verfluchter Pflaumen-\nkuchen, der mir die Witterung genommen hatt!\"\nAber mit Speck fängt man Mäuse, frohlockte der\nJäger, hab iclis nicht gesagt?!\nIm Glücke seiner Einfalt befreite er durch lei-\nses Anheben der Klappe die Maus — die eine Kapi-\ntalmaus war —• aus ihrer Schmerzenslage, und\nTraute huschte vollends in den Käfig hinein.\nFrau Stange, welche durch ihre Kunst im Pflau-\nmenkuchenbacken eigentlich die Schuldige an der\nMaus Schicksal geworden war, hatte den Pflau-\nmenkuchen vom Blech gelöst und eilte nun herbei.\nTraute und Frau Stange sahen sich an. Mit\neinem Blick !\nEr hieß: „Wir sind schwanger.\"\nEine Maus, die Junge kriegt, ist es, erhob sich\nein Jubel. Die sperrt man diesmal ein! Die Kinder\nfreuten sich schon der jungen Mäuslein. Und man\nwünschte nur den getöteten Mäuserich wieder zu-\nrück! Hätte man ihn nicht getötet, jetzt hätte man\ndie schönste Familie Maus beieinander.\nTraute schien zu verstehen und hockte mit\nihrem dicken Leib in der Falle.\nEs war am dritten Tage, nachdem sie ihren\nMann verloren hatte.\nFrau Stange sah recht oft und innig zu ihr in\ndie Falle: „Dein armes Männel erlebt deine Freude\nan deinen Kinderchen nicht mehr.\" Es wurde den\nbeiden Frauen recht weh ums Herz und sie schlös-\nsen schnell Freundschaft.\nTraute ließ die Zuckungen ihres Leibes beob-\nachten und ließ ausrechnen, wie lange es ungefähr\nnoch dauern werde.\nIn einem alten Einmachglas, das mit einem\ndurchlochten Bohnerwachsdeckel zugedeckt war,\nstand sie schließlich mitten auf dem Tisch beim\nAbendbrot, Frühstück, Mittagessen.\nZum Schein freute man und ergötzte sich an\nihren reizenden Bewegungen, in Wahrheit warf\nman gierige Blicke auf den Bauch der Gefangenen,\nobs bald losginge.\nTraute bekam die besten Sachen kredenzt, aber\nsie nahm außer einem kleinen Bröckelchen mit\nMilch keine Nahrung zu sich. Ein Extra-Aufzug\nfür Milch, der ins Glas gearbeitet wurde, machte\nnicht einmal Eindruck auf sie. Dann drückte sie\noft so eigentümlich, als müßte sie husten, saß im-\nmer trübseliger und zwinkerte mit den Augen.\nFrau Stange ließ kein Auge mehr von ihrer Ge-\nfangenen, sie zweifelte nicht, daß die Maus in\nWehen lag.\nUnd es fügte sich, daß man zu Tische saß und\ndie Tischgenossin im Glas das erste Junge zutage\nförderte. — Gerade, wie wenn eine Katze auf"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.10", "texte": "feinem Sandhaufen sitzt und ! war der An-\nblick.\n„Das geht aber einfach,\" rief Frau Stange.\nDie Maus fraß nur nach dem Ereignis die Blut-\nteile vom Jungen ab und beleckte es. So ging es\nfünfmal. Es war das »appetitlichste' Spektakulum\nam Stangeschen. Den Kindern war das Ereignis\ndurchaus so am verständlichsten, um so mehr, als\ndie Andeutungen, daß es beim Menschen gerade so\nSehe, nicht fehlten.\nMit der Zeit fiel es jedoch auf, daß die Jungen\nsich gar nicht rührten. Man schritt zu ihrer näheren\nUntersuchung. Da ergab sich, daß Trautes Kleinen\nalle erst halb entwickelt und sie sämtlich Fehlge-\nburten waren.\nDa schmeckte das Essen denn doch nicht mehr\nrecht in der Nähe dieser Kindsleichen. Jedoch hielt\nHerr Stange es für ganz falsch, sich den Appetit\nverderben zu lassen, sondern erklärte vielmehr,\ndaß dies ganz einfach „eine Frühgeburt sei, welche\nErscheinung auf die Quetschung der Maus durch\nden Deckel der Falle zurückzuführen sei — wie\nbekanntlich auch beim Menschen, wenn Unglücks-\nfälle usw. . .\"\nEs schmeckte nach solcher Offenbarung zwar\nnicht besser, immerhin konnte man wenigstens die\nMaus abtragen, denn die medizinische Wißbegier\nwar vollauf befriedigt. Das Theater war für die-\nsen Abend gänzlich überflüssig geworden.\nTraute beschäftigte sich mit Aufräumungsarbei-\nien, die Jungen stopfte sie unter die Holzspäne,\nwelche man ihr ins Glas gegeben hatte. Nur das\nErbärmlichste von ihnen ließ sie in seinem embryo-\nnalen Aussehen an dem Rand des Glases kleben,\nwahrscheinlich zum Hohn der Beschauer.\nMühselig und geschwächt kletterte sie herum,\nso daß sie Erbarmen genug für sich erweckte, sie,\ndie arme Mutter, nicht den Tod durch Ersäufen\nsterben zu lassen wie den Herrn Gemahl.\nDieser Maus, die man leiden gesehen hatte,\nmußte die Freiheit geschenkt werden. Für sie war\ndie Freiheit ein Recht geworden, lautete der Be-\nschluß der menschlichen Gesellschaft.\nAlso gut. Fräulein Stange wurde beauftragt,\nden Inhalt des Einmachglases auf die neue Rasen-\npflanzung der Parkstraße auszuschütten. Dreivier-\ntel neun Uhr, es war schon Nacht geworden, stieg\nsie mit Wonnegefühl hinab, Jemandem, wenns\nauch bloß eine Maus war, die Freiheit schenken zu\ndürfen.\nVom hohen Balkon schauten die anderen hinab.\nJetzt schüttelte sie,! sofort rannte die Maus\ndavon, weg von ihren Frühgeburten.\nAber was wars!\nEine Katze!\nNiemals war sonst hier eine Katze zu sehen.\nJetzt war sie da, aus dem Bauzaun herausgekom-\nmen wie von der Vorsehung hierhergesetzt, die\nMaus, für die voll Großmut die Freiheit präludiert\nwar, zu haschen.\nDie Katze trug die Entbundene im Maul in den\nNeubau hinein, ihr dort den Garaus zu machen,\nund so die erste Leiche dort niederzulegen.\nNur noch mit schwachen Zuckungen seufzte\nTraute das letzte Gedenken an die schöne Flitter-\nzeit einst mit Artur samt den dabei gehegten Hoff-\nnungen.\nEs war vorbei.\nAm nächsten Morgen zogen die Besenweiber\nauf, den Rasen zu kehren. Eine von ihnen klaubte\ndas Holz, worauf die Maus geboren hatte, in ihre\nSchürze. Vielleicht wurde auf dieses Holz später\nnoch ein Zuckerhase geklebt, da das Brettchen\nschon einmal rot war.\nDann kehrte das Weib den Rasen, und die\nMäusebrut spritzte vom Besen in den Rinnstein der\nStraße.\nHerr Stange philosophierte darüber, ob es Zu-\nfall war, daß hier die Katze dem Menschenwillen\nin die Quere kam, oder ob die allgemeine Welt-\nweisheit hier gescheiter gewesen sei als der\nMensch.\nWenn die Herzen dieser Mauseleben auch\nwirklich für einanderschlugen, so war dieser Aus-\ngang diesmal das Beste.\n\nDer Weg\ndurch die Nackt\nRoman\nAage von Kohl\nEr war dort an der Tür stehen geblieben, mit\nschweißtropfender Stirn, heftig atmender Brust\nin ailen Fibern zitternd von einem brennenden\nDurst, alles auszurichten, wovon er jetzt endlich\neingesehen hatte, daß er es tun mußte!\nEr stand da, den Oberkörper ein klein wenig\nvornüber gebeugt, einen lauernden Blick in seinen\nAugen, mit hart geballten Fäusten —:\nKarl Mumme!\nWohlan, jetzt handelt es sich um dich und um\nmich!\nHast du es gehört, auf Tod und Leben fordere\nich dich hier!\nHeute treffe ich dich mit der Vergeltung für das\nEntsetzliche ,was du an Ihr getan hast und an mir!\nEr erhob mit einem Ruck die beiden Arme,\nwarf den Nacken zurück, mit weit aufgerissenen\nAugen . . . und da erlebte er auf einmal, mit einer\nHeftigkeit, als sei es sein eigenes Fleisch und Blut\nselbst, als seien es seine eigenen Sinne und Ner-\nven, sein eigenes Herz und Gehirn, gegen die dies\nalles, ausgeführt wurde — erlebte er das, was\nAnnie an jenem Abend vor zwei Jahren hatte er-\nleiden müssen:\nSiehe!\nMein Gott —:\nEr sieht in eigener Person, unsichtbar, unhör-\nbar, wie ein Schatten — vor dem niedrigen, gelben\nHaus der Eisenbahnstation, auf dem Bahnsteig,\nwo die beiden flackernden Laternen brennen, und\nsieht Sie aus dem Zug springen — der da hält,\nlang, kohlschwarz, mit dem funkendurchzogenen\nRauch, der an dem Dach der Wagen entlang wogt.\nEr sieht sie in den Schein hinaustreten, schlank\nund aufrecht, in ihrem weißen Kleid mit der schö-\nnen, gelben Tasche an ihrer linken Hand — leuch-\ntend in dem unsicheren Schimmer mit der Pracht\neines Sonnentages.\nEr erblickt den Assistenten, groß, schmalschult-\nrig, in seiner dunklen Uniform mit Goldknöpfen —\nmit seinem lächelnden, jungen Gesicht, sich den\nkurzen Bart streichend — er tritt auf sie zu, ver-\nneigt sich, macht die Honneurs, nimmt ihr die\nFahrkarte ab, stammelt gleichzeitig ein paar ehr-\nerbietige Worte. Sie nickt freundlich und kurz, geht\nhastig und schweigend vorüber — sie hat offenbar\nEile, sie will schnell nach Hause, es ist ja schon\nspät, die Uhren dadrinnen bei ihren Eltern gingen\nverkehrt, sie kam nicht rechtzeitig zu der letzten\nStraßenbahn, war infolgedessen gezwungen, mit\ndiesem Zug zu fahren — und eilt deswegen jetzt\ndahin! sie sehnt sich heiß und froh, nach Hause\nzu kommen, sie weiß ja auch, daß Glaß den ganzen\nAbend allein gesessen hat, daß er jetzt, vielleicht\nin dieser selben Sekunde, zu der Haltestelle der\nStraßenbahn hinabgegangen ist, um sie zu holen,\ner wird unruhig werden, weil sie nicht da ist —\nach Gott, und es sind so viele, viele Stunden her,\nseit sie einander gesehen haben!\nQlaß Mortons Herz pocht — während er da-\nsteht, körperlos, wie ein Phantom, ganz dicht hin-\nter ihr, so nahe, daß er die Wonne empfindet das\nzarte und blonde Aroma zu spüren, das ihrem\nHaar und ihrer Haut entströmt — sich bemühend*\ndaß sie ihn erblicken, daß sie wenigstens seine\nNähe ahnen soll! Er ist zugleich unsagbar glück-\nselig und gräßlich ängstlich, ihm schwindelt vor\nGlück bei dem Anblick ihres Antlitzes — und er\nist grenzenlos bange, er weiß selbst noch nicht\nweswegen!\nAber sie hat ja Eile!\nSie ist schon durch die kleine, dunkle Vorhalle\ngelangt — ist die drei langen, grauen Steinstufen\nunter der Laterne der Fassade hinab gegangen,\nhat die Station verlassen.\nSie eilt nun dahin, ach Gott, mit diesen Schrit-\nten, die er liebt, deren Laut ein Fest, deren Takt\nein Rausch, deren Rhythmus von Frau und Jugend\nund Eile eine Seligkeit für Gedanken und Sinn\nist — sie eilt jung und froh dahin, sie starrt spä-\nhend in die Finsternis hinaus, sie grübelt mit einem\nwunderbaren Lächeln über die Möglichkeit nach,\ner könnte vielleicht erraten haben, daß sie diesen\nWeg kommen muß — und plötzlich fährt es ihr\nwie ein Stich durch das Herz, daß sie nicht daran\ngedacht hat, ihm von da drinnen aus der Stadt\nzu telephonieren, mit ein wenig Glück hätte sie es\ndoch möglicherweise erreichen können — im Laufe\nder paar Minuten, die sie noch daheim bei ihren\nEltern hatte, nachdem sie entdeckte, daß die Stra-\nßenbahn schon abgegangen war! — Aber gleich\ndarauf vergißt sie dies von neuem, es verschwin-\ndet alles in dem Bewußtsein, binnen ganz kurzem\nsich lachend und entzückt und dürstend in seine\nArme stürzen zu können!\nUnd er — er,, der ihr lautlos folgt, berauscht\nvon dem Tanz ihres Ganges und gleichzeitig die\nBrust zusammengepreßt von dunklen Ahnungen,\nwegen irgend etwas, er weiß selbst nicht\nwas — er denkt nur an eins: ja, ach, wenn sie\ndoch auf alle Fälle von der Station aus jetzt eben\nnoch ihn angeklingelt hätte — oder wenn er doch\njetzt auf einmal diese Ketten sprengen könnte,\nmit denen er gefesselt ist! dieses Gewand von Un-\nsichtbarkeit, in dem er wie in einem Käfig gefan-\ngen ist — ach, Gott gebe, daß er es ihr klar machen\nkönnte, daß er hier ist und ihr rät, so schnell wie\nmöglich umzukehren, denn dann wird er sie selbst\nvon zuhaus her anrufen! oder wenn er plötzlich\nzu Fleisch und Blut werden, ihren Arm nehmen\nund in den seinen legen, in Fleisch und Blut mit\nihr dahin wandern könnte! aber nein, er kann das\nnicht, er rast, er zerrt an den unsichtbaren Ban-\nden, er ruft und schreit mit lautloser Riesenstimme,\num sie zu warnen: Kehre um, Annie, hörst du, be-\neile dich, kehre wieder um! Annie, es ist der letzte\nAugenblick: kehre um . . . aber sie versteht es\nnicht, hört es nicht, fühlt es nicht!\nNein, denn sie eilt beständig schneller heim-\nwärts! Sie ist schon an den ersten acht oder neun\nLaternen hinter der Station vorüber, erreicht jetzt\ndie nächste — und beeilt sich dann noch mehr!\nJa, sie geht nicht!\nNein, sie läuft.\nSie fliegt!\nUnd Glaß — der zuerst überwältigt worden ist\nvor Wonne über ihre Eile! der für einen Nu bloß\ndies eine bedenkt, daß sie, je mehr sie sich beeilt,\num so früher nach Hause kommen wird! je schnel-\nler sie dahineilt, um so eher wird er sie unbe-\nschädigt in seine Arme schließen können — Glaß\nfängt auf einmal an zu ahnen, daß da etwas ande-\nres sein muß! Wie, wieso — sein Brust wird kalt\n—: dann war es also richtig, was er vorhin fürch-\ntete, ist auch sie jetzt bange geworden, ist da\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.11", "texte": "irgend etwas, wovor auch sie plötzlich sich äng-\nstigt?!\nEr hemmt einen Augenblick seinen Geisterfuß\ndort hinter ihr — er wendet sich um, er späht *—:\nJa!\nJetzt versteht er!\nMein Gott, was ist dies hief!\nJetzt hört sein Ohr, wahnsinnig gespannt, den\nLaut, der auch sie erschreckt hat —:\nStill, horch, es ist das Geräusch von Schritten\nin weiter Ferne, nein, es ist das Geräusch eines\nLaufens, eines angestrengten, schleichenden Lau-\nfens dadrinnen über Gras —: ist es ein Tier da\ndrinnen in der Finsternis, oder wer schleicht denn\nSonst auf solche Weise herum?\nNein, nein, jetzt sieht er es deutlich, sowohl\nAnnie, als auch er, sie sehen es auf einmal alle\nbeide —: den vornüber gebeugten, jagenden Schat-\nten eines riesengroßen Mannes, der da draußen\nvom Felde her kommt! kohlschwarzes Haar und\nBart, weißgelbe Haut, die zu stramm über den\nmächtigen Kopf gespannt ist, die Augen, die rot\nbluten, der verzerrrte Mund, dessen Zähne schim-\nmern, die Last der mächtigen Schultern, die zu\nlangen Arme mit den ungeheuren, den erschrecken-\nden Fäusten . . . ach Gott, wie ein hungriger Tiger\nauf der Jagd, wie ein kohlschwarzer, blutdürstiger\nPanther galoppiert er in ellenlangen Sätzen dahin\ndurch die Dunkelheit, schräg vorwärts auf den\nWeg zu, jetzt setzt er mit einem dröhnenden\nSprung über den tiefen Graben einige Schritte vor\nihr — er hält mit einem Ruck an, macht kehrt,\nsteht mit einem grauenvollen Grinsen dicht vor ihr\nund breitet jäh seine Gorillaarme aus: Komm her,\ndu bist schöner und jünger als die andern! komm\nher — denn dich will ich totschlagen, um satt zu\nwerden!\nAnnie ist starr dort stehen geblieben, mein\nGott, wie ihr die Knie unter dem Glanz der weißen\nSeide schlottern — aber jetzt wirft sie auf einmal\nihren Nacken zurück, die Wonne eines Augen-\nblicks schauert durch Mortons Brust, während er\nschreit und schluchzt, ohne einen Laut, um sicht-\nbar werden zu können —: ja, eine wahnsinnige\nHoffnung wird für eine einzige Sekunde in ihm ge-\nboren: weil sie ihr Antlitz aufrichtet, weil ihre tap-\nferen, blauen Augen flammen, weil sie ihre zarte\nHand erhebt und ihn wegfegen will, den schwar-\nzen Koloß, mit einer Bewegung —:\nFort!\nIch kenn Euch nicht!\nKommt zu mir nach Hause, wenn Ihr hungrig\nseid! . . .\nAber da weicht sie im nächsten Augenblick\nzurück.\nMit einem Schrei.\nSiehe —:\nIn seiner Rechten blinkt im selben Nu das\nMesser!\nIn seiner rechten Faust sprüht der eisige Stahl\nso blau!\nHilf mir, Glaß, komm zu Hilfe, mein Gott, was\nsoll ich tun, zu Hilfe . . .\nMit einem lautlosen Ruck hat sie sich zusam-\nmengebeugt, fliegt jetzt blitzschnell dahin mit\neinem geschmeidigen Sprung, ist ihm unter dem\nArm hindurchgeschlüpft, fort, dahin, auf den nahen\nStrandweg zu, dort unten, wo Hilfe zu haben ist!\nin sausender Eile, der Asphalt flieht unter ihren\nFußsohlen, nur ein paar Minuten, höchstens noch\ndrei, dann ist sie sicher! sie ist jung, sie ist stark,\nsie wird ihr Ziel schon erreichen, halte aus, ja,\nhalte aus, meine Annie, weiter, werde nicht müde,\nlauf jetzt, wie du nie zuvor gelaufen bist, es gilt\ndas Leben, es gilt dich und mich, es gilt alles in\nder Welt!\nUnd sie läuft, Glaß folgt ihr atemlos. Sie läuft,\nso daß selbst er nur mit Mühe folgen kann. Die\nEile löst ihr Haar, die Hast löst ihr goldenes, langes\nHaar, es fliegt mit seinem Schimmer von Sonne\ndurch die Nacht, hinter ihren Schultern her. Sie\nläuft, ja, weiter, nur noch einundeinehalbe Minute,\nund du bist gerettet, höre den Laut seines Tram-\npeins hinter dir, du hast schon einen tüchtigen\nVorsprung genommen, mein Lieb, beständig wird\ndie Entfernung zwischen dir und ihm vergrößert\n— beeile dich, sieh dich blitzschnell vor, wohin du\ndeinen Fuß setzst ach. wäre ich doch bei dir,\nkönnte ich dich doch auf meinen Armen forttragen,\nkönnte ich dich seinem Blick auf einmal fortsteh-\nlen, könnte ich wenigstens andere zum Beistand\nherbeirufen, ach, könnte ich zwischen dir und ihm\nstehen, ihn zum Fallen bringen, dich sicher\nmachen, indem ich ihn ein für allemal zu Boden\nschlüge, indem ich ihn schonungslos unter meiner\nFerse und meinem Haß zermalmte!\nSie läuft, die Luft stürzt ihrer Stirn kühl ent-\ngegen, sie sieht schon die lange Reihe heller La-\nternen, die dahinten die Straße schneiden, die Erde\nsaust dahin unter ihren Füßen, die Felder wirbeln\naus ihrer. Brust strömt der Atem heraus,\nheiser, mit einem Stöhnen! auf jeder Wange ist\nein Feuer des Entsetzens angezündet, in ihren Ner-\nven rast ein Fieber von Grauen und Tod und\nKraft, sie läuft, die winzig kleinen Füße jagen sinn-\nlos dahin, ja, ja, weiter, liebe Annie, halte dich\naufrecht, werde nicht müde, ja, ja, weiter — und\nvergiß auf ale Fälle nicht, daß der Rächer dir\nnahe ist!\nSie läuft!\nDas Herz von Schreien durchstochen, keu-\nchend, wild.\nSie läuft — wahnsinnig, beständig das Tempo\nder dröhnenden Schritte hinter sich hörend; sie\nläuft, kann aber fast nicht mehr!\nSie läuft, aber aus ihrer Brust ringt sich ein\nkurzes und entsetzliches Gebrüll, ihre Knie werden\nauf einmal schlaff — und da, ach Gott, da strau-\nchelt sie im selben Augenblick, sie strauchelt und\nstürzt kopfüber um, lang dahin auf den Bürger-\nsteig am Wege ... ist aber mit einem einzigen\nSatz wieder auf, das Haar flattert hinter ihr her\nin der Dunkelheit.\nGlaß folgt schäumend ihren Fußspuren, zerrend\nan dem Gewand seiner Körperlosigkeit, toll vor\nGrauen, verrückt . . . und da sieht er auf einmal,\ndaß ihre beiden Arme steif in der Luft dastehen, in\nder Luft watet ihr linkes Bein einen Augenblick\nleer, ihr Oberkörper knickt währenddessen hinten-\nüber, Hilfe —: siehe, der Fremde hat sie mit einem\nGriff an dem fliegenden Haar erfaßt, sie wird da-\ndurch hintenüber umgeschleudert, er hält sie im\nselben Moment mit einem Brüllen in den Armen,\nmit einem Sprung ist er mit ihr auf dem Felde, ver-\nschwindet dort in der Dunkelheit, es loht gleich\ndarauf fern auf da drinnen, an Mortons Ohr dringt\ndie Qual ihres röchelnden Schreies, die wie ein\nBlitz seine Nerven zerreißt, die das Gewand der\nUnsichtbarkeit zersprengt ... er ist auf einmal er\nselber vom Scheitet bis zur Sohle, Fleisch und\nBlut, das nach Rache kocht — und mit einem Sau-\nsen ist er quer über den Graben hinüber, stürzt\nflammend vorwärts, dahin wo das Gräßliche ge-\nschehen ist!\n\nFortsetzung folgt\n\nRausch des Künstlers\nund des Nichtkünstlers\nH.W.\nJemand meinte, der Autor müsse ein Franzose\nsein, das Stück spielt in Paris. Ein anderer be-\nstritt es,, es kämen doch zuviel Gedanken für einen\nFranzosen vor, das Stück sei sicher von einem\nNorweger geschrieben. Paul Schienther, der Thea-\nterkritiker des Berliner Tageblattes, der es nämlich,\nbesser weiß, schrieb: „Vielleicht wird es von jetzt\nab auch nicht mehr vorkommen, daß ein bedeu-\ntender germanischer Dichter ein Stück, welchem\nebenso gut in Stockholm oder anderswo spielen\nkönnte, nach Paris verlegt und Ausgeburten seines\nHirnes als Pariser vorspiegelt.\" Ebensogut ist gut\nUnd es zeugt von der Wissenschaft des Herrn\nSchienther, daß das Stück eben so gut in Stock-\nholm hätte sipelen können, weil, der Verfasser ein\nSchwede ist. Jeder germanische Autor verlege in\nZukunft seine Stücke in die Stadt, in der er gebo«\nren ist. Er kann vielleicht sogar die Ausgeburten\nseines Hirnes als Berliner vorspiegeln, kaum dürfte\nes ihm aber glücken, sie als Berliner Theater-Kri-\ntiker vorzuspiegeln. Das gäbe eine zu wilde Aus«\ngeburt. „Auf alle Fälle war es interessant, ein\nsolches Stück in unseren jetzigen Zuständen wie-\nderzusehen . . . Man lachte nicht, obgleich . .\nMan lachte nicht. „Man hatte das Gefühl, daß hier\nZustände der menschlichen Seele vorkommen, die\nim Begriff sind, überwunden zu werden, um ande-\nren Problemen Platz zu machen.\" Warum sott\nauch nicht die menschliche Seele, die für Herrn\nSchienther ein Begrif ist, überwunden werden, um\nihm selbst Platz zu machen. Jedes Theater hat\nfür ihn einen Platz. Und wenn die menschliche\nSeele als Ausgeburt eines Hirnes erst einmal über-\nwunden sein wird, kann man für Herrn Schienther\nauf der Bühne selbst noch einen besonderen Platz\nmachen. Herr Schienther irrt sich, wenn er glaubt,\nvon seinem Schreibtisch die Kunst lenken zu kön-\nnen. Etwas näher an der Front befindet sich denn\ndoch der Generalstab. Er kennt, was er leitet\nAber was Herr Schienther leiten möchte, erkennt\ner nicht. Er richtet Geschütze gegen ein Genie,\ndas über der Zeit steht. Daran werden auch die\njetzigen Zustände nichts ändern. Daß seine Ge-\nschosse nicht treffen, ist sein Verdienst. Im Krieg,\nHerr Schienther, kann man solche Leute nicht ge-\nbrauchen. Und wir, Herr Schienther, führen\nimmer Krieg. „Wenn einmal der Krieg wird be-\nendigt werden können, so werden, wie die Natur\nnach einem schweren Gewitter, auch alle Kultur-\nzweige erquickt, erfrischt, ergrünt wieder auf-\natmen und das Losungswort unserer harten Zeit\nwird dann auch noch für die neubeginnende Frie-\ndensarbeit zu gelten haben, das Losungswort:\nHerz und Mut und Kraft und Tat.\" Wir kennen\ndieses Losungswort, als Sie noch beim friedlichen\nBiere träumten. Strindberg kannte es, bevor Sie\nnicht lachten. Sein Herz liebte die Menschen, be-«\nvor sie sterben mußten. Sein Mut verkündete das\nEwige, woran Sie noch heute Ihren Unmut aus-\nlassen dürfen. Seine Kraft traf, ehe Ihr Stimmchen\nim Kriegsgeheul mit schreien wollte. Seine Tat\nwar die Kunst und Ihre Tat die Empfehlung eines\nUmzugs von Paris nach Stockholm. Sie wollen\nnach dem Krieg als Kulturzweig wieder aufatmen.\nDer Baum steht im Gewitter. Geknickte Zweige\nwerden verbrannt. Unsere Sonne scheint im Ge-\nwitter. Aber unser Donner ist kein Blech und\nunser Blitz kein Magnesium. Unser Spiel ist unser\nLeben und unser Sterben. Und nicht einmal Ihr\n\nLeben kann uns das Spiel verderben.\nZur Aufführung des Dramas Rausch von August Strind-\nberg zu Berlin / Theater in der Königgrätzer Straße"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141101-01.1.12", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebung von Wor-\nten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durch\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nNotiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. Die Aus-\nstellung in Berlin bleibt geöffnet. Die Dezember-\nDoppelmmimer erscheint am fünfzehnten Dezem-\nber.\nVerlag Der Sturm\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W / Potsdam«r Strata 134 a\nNeunundzwanzigste Ausstellung\nCampendonk\nAquarelle / Zeichnungen\nFranz Marc\nGemalde\nJaeoba\nvan Heemskerek\nZeichnungen\nGeoffnet taglich von !0—6 Ufar / Sonntags yob\n11—2 Ufar\nEintritt I Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nGenf: Qeschiossen\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer Strafie 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nHalbmonatsschrift Der Sturm\nErscheint am ersten und fiinfzehnten fedes Monats\nOauerbezug\nQewdhnliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig I Fiir das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes I Probenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nsendung in Rollen direkt durch die\nPost fiir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark I Ftir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark I Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ndurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwunscht wird, bitten wir den Betrag fur den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen V i e r t e 1 j a h r e s bis\nzum fiinften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokosehka; Zwanzig Blatt Zeichnungen j\nStrichatzung / Auf Kaiseriicb Japao-Papler Ir\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kartos in ein-\nfacherer Mappe \\2 Mark\n\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nz i g ganzseitigen Abbildungen tind\nText von Kandinsky / 10 Mark\nBueher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stilles\nG1 u c k —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft /\nNapoleons A uf sties / Tragodie / Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zvvei Mark / Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Gelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nI Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nSturm-Biicher I: August Strainm: Sancta Su-\nsanna I 50 Pfennig j II: August Stramm: R u d i -\nmentar / 50 Pfennig I III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Walden: D a I n i si i e d e r / Zu Qe-\ndichten von Arno Holz / Fflr Gesang und Kia-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einzeln: Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn / 50 Pfennig\nDer Sturm / Heeresmarsch / Fur Klavier /\n50 Pfennig\nKunsilerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccionl; Dai\nLacben / Luigi Russolo: Erinnerung ciner\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Seve-\nring Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni : Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokosehka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall (4) /\nKlee I Leger / Jawlensky I Werefkin / Gleizes\nI Archipenko I usw\nErschienen bisher 31 verschiedene Karten\nIilustrierte Sturm - Austellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin 30 Pfennig / Marc Chagall 30 Pfennig\nKandinsky 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokosehka: Plakat ifir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokosehka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nGemalde / Aquarelle / Zeiehn ungen\nHanddrueke / Plastiken\nsind von folgenden Kiinstlern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko I Oskar\nKokosehka / August Macke / Paul Klee / Carl\nMense / Campendonk I Gabriele Miinter / Jaw-\nlensky I Marianne von Werefkin / Albert Bloch /\nHans Arp I Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzin-\nger I Marc Chagall I Fernand Leger / Jacoba van\nHeemskerck I Otakar Kubin / Emil Filla / Vincenc\n\nBenes / Otto Gutfreund / Boccioni I Severiirt I\nCarra / Russolo / Francis Picabia I Schmidt-\nRottluff I Walter fielbig / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden / Elftes\nJ a h r I Jahresbeitrag 20 Mark I Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation: 1913/14-:\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst\nIm Winter finden zehn Autorenabende statt und\nzwar an jedem zweiten und vierten Donnerstag\nder Monate Dezember, Januar, Februar, Marz und\nApril in der Kunstausstellung Der Sturm\n\nZeitsehriften\nLa Cerba / Halbmonatsschrift / FloFenz / Via\nNazionale 25\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fiir neue und\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova\n\nAnzeigen\n\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman / 2 Mark / Das\nWerk ging iiber an den Verlag Der Sturm /\nBerlin W 9\nJacoba van Heemskerck: S t i 11 e b e n / Boote /\nLandschaft / Handgedruckte Holzschnitte /\naquarelliert / Auflage 5 Exemplare und je 10 Exem-\nplare schwarz / Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nGemalde van Gogh zu verkaufen / Anfragen ver-\nmittelt Verlag Der Sturm, Berlin W9\nPoet-Lore Begriindet 1890 / Eine Zweimonats-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dern Drama\nder Gegenwart in alien Landern / Literarische\nBeitrage von Maeterlinck I Claudel / Jammes /\nPszybiszevski / Gorki / Noguchi / Ghose j Mac\nGathmhacil / Probeheft gegen Einsendung von\n6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug 21 Mark / Ver-\nlag Richard G. Badger I Boston j M ass\nI USA 194 Boylston Street\nUraberto Boccioni: Pittura Scuitura futuriste t\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milano\nI Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nZiehen durch den Verlag Der Sturm j Berlin W $\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fiir Biichereinbande / Muster\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Bestel-\nlungen entgegengenommen werden j Deckel- und\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}