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Ueber den\nBegriff „Deutsch\" braucht gewiß nicht viel gesagt\nzu iwerden. Nur soviel: es wird sich empfehlen, in\nVerbindung mit den hier vertretenen Mialern, mit\nCampendonk, Franz Marc, Kokoschka, nicht so\nsehr an Ludwig Knaus und Paul Thumann zu den-\nken, die unleugbar auch in Deutschland geboren\nsind, als viel mehr an die Maler unserer Qotik,\netwa an den Schöpfer der Straßburger Qlasfenster,\nan die Kölnischen oder Westfälischen Meister,\noder um einen großen Geistesverwandten späterer\nZeit zu nennen, an Mathias Grünewald. „Deutsch\"\n— das bedeutet hier nicht Butzenscheiben-Roman-\ntik, Mondscheinpoesie und Vergißmeinnicht-Pin-\nselei, sondern Leidenschaftlichkeit der Darstellung,\nDrang der Phantasie, Herrschaft des Geistes\nDie Künstler unserer Zeit sehen in den frühen\nMeistern nicht die Vorlagen ihres Schaffens. Keine\nSpur von Archaismus ist in ihrer Kunst. Aber sie\nerkennen in den Gotikern ihre rechtmäßigen Ahnen.\nWas sie vereint, ist die Liebe zum Ausdruck.\nNichts anderes bedeutet „Expressionismus\". Die\nBaumeister, die Plastiker, die Maler und Zeichner\nder Gotik waren Expressionisten, ebenso waren es\ndie Aegypter, die Griechen der vorklassischen\nZeit. Die expressionistische Kunst, der man mit\nVorliebe das Stigma der saisonhaften Modenarre-\ntei anheftet, ist in Wirklichkeit das Wiederer-\nwachen von Neigungen, die in der Kunst zu ihren\nglücklichsten Zeiten stets geherrscht haben. Wäre\njene Liebe zur Gotik, die Manchem heute mit so\nverdächtiger Eile aus der Feder fließt, ehrlich, so\nmüßte die Marc, Kokoschka, Heemskerck, Mense\nlängst zu Ehren gekommen sein, die ihnen zustehen.\nAber weshalb sind diese Bilder so sonderbar?\nWeil ihre Maler es mit der Kunst ernst und genau\nnehmen. Weil sie in den Schwerpunkt ihres Schaf-\nfens endlich wieder künstlerische Rücksichten ge-\nstellt haben, anstatt wissenschaftlicher, literari-\nscher oder geschäftlicher Rücksichten. Man hat\ndas freilich getadelt, als nackten Formalismus, un-\nlebendige Aesthetenkunst. Aber um solche Dinge\nhandelt es sich ganz und garnicht. Der Expressio-\nnismus kennt keine Form, die ohne Beseelung,\nohne Ausdruck wäre. Die Form steht ihm im\nDienste des Ausdruckes. Aber dieser Ausdruck\nsoll ein rein künstlerischer sein — je reiner, desto\nbesser! Wer befürchtet, die absolute Reinheit des\nkünstlerischen Ausdruckes mache ein Werk steril,\nverrät nur, daß er in der Kunst bisher nur das ge-\nschätzt hat, was Nicht-Kunst, Trübung, Beimen-\ngung war.\nDer Expressionismus hat endlich wieder künst-\nlerische Rücksichten in den Schwerpunkt des\nSchaffens gerückt! Was das bedeutet, wird uns\ndeutlich, wenn wir in Gedanken ein impressioni-\nstisches Werk mit einem modernen vergleichen,\nDenn der Impressionismus ist der Prototyp einer\nKunst, die ihren Schwerpunkt verloren hat.\nJedes Kunstwerk, das Anspruch auf diese Be-\nzeichnung erheben kann, ist ein Organismus. Ein\nunorganisches Kunstwerk ist ein Widerspruch in\nsich selbst. Organisch schaffen, ist das Wesen der\nkünstlerischen Arbeit, und die Gabe, geistige Dinge\norganisch wachsen zu lassen, ist das, was den\nKünstler, in weiterem Sinne, vom Nicht-Künstler\nunterscheidet. Das wahre Kunstwerk ist etwas\nGewachsenes, Entstandenes, und der Satz des Bio-\nlogen Uexküll: „Nur die Maschinen werden ge-\nmacht, die Organismen aber entstehen\" gilt auch\nfür die Kunst. Deshalb ist es die erste Aufgabe des\nKünstlers, aus dem Schaffensprozeß alles auszu-\nschalten, was das gerade Wachstum seiner Far-\nben, Formen und Linien beeinträchtigen könnte.\nAuch der Impressionist will selbstverständlich\neinen Organismus schaffen. Aber er verfällt beim\nSchaffen demselben Irrtum, dem beim Denken die\nHäckel und sonstige Rationalisten verfallen: beide\nordnen sich äußeren Tatsächlichkeiten — soge-\nnannten Tatsächlichkeiten! — unter. Halb fol-\ngen sie den Bildungsgesetzen der Innenwelt, halb\nden Regeln fertiger äußerer Bildungen. Was ent-\nsteht, kann kein Organismus sein, denn ein solcher\nkann nur auf einem Boden wachsen. Es gibt\nkeine Pflanze, die mit der Hälfte ihrer Wurzeln im\nGebirge, mit der anderen Hälfte an der See wächst.\nWie Kant unserem Denken einen Schwerpunkt\ngegeben hat, so die Expressionisten dem künstleri-\nschen Schaffen, indem sie es rein wachsen lassen\naus dem inneren Formvermögen, aus der Anschau-\nungskraft, der Phantasie. Der Impressionist dage-\ngen gönnt diesen Kräften nur eine bedingte Mit-\nwirkung, und darüber hinaus ist sein Glaubensbe-\nkenntnis: „Gelingt es mir, ein Stück Natur so unmit-\ntelbar und so richtig zu erfassen, daß sich nichts\nFremdes einschleicht, so habe ich genügend Organi-\nsches eingefangen, um ein Bild davon leben lassen\nzu können.\" Er schafft also nicht organisch, sondern\ngibt fremde Organismen wieder. Aber Kunst heißt\nnicht, Organisches wiedergeben, sondern eben or-\nganisch schaffen. Und weil der Impressionist das\ndurcheinander bringt, hat seine Kunst den Schwer-\npunkt verloren. Sein Bild ikann nur noch auf dem\nWege des Zufalles zu einem Anschein des organi-\nGefüges kommen. Wohl ist die Natur organisch,\naber sie ist es nur als Ganzes! Der Impressionist\nkann nur ein Stück der Natur wiedergeben —\nStücke aber sind ihrem Wesen nach unorganisch.\nIch sagte, der Impressionist erreicht zuweilen\ntrotz allem den Anschein des Lebendig-Organi-\nschen, dadurch nämlich, daß er eine äußere Einheit-\nlichkeit über die verschiedenen Teile legt, die dem\nvon ihm herausgerissenen Stück Natur angehören.\nDas ist die Stimmung und zwar meist die atmo-\nsphärische Stimmung, eine Einheit, die freilich letz-\nten Endes nur wieder stofflicher Art ist. Daß sich\nder Impressionist an die Stimmung klammert, zeigt\ndeutlicher als alles andere, wie stark bei ihm das\nGefühl ist, den eigentlichen Schwerpunkt des\nSchaffens verloren zu haben. Denn die Stimmung\nist selbst etwas Labiles, Unzuverlässiges, nicht\nmehr als der Strohhalm, an den sich ein Ertrinken-\nder preßt. Das macht die Arbeit des Impressionisten\nerst recht wacklig und hin und her treibend. Von\nder inneren Unsicherheit leitet sich die ganze Art\nder Nuancen- und Valeurmalerei her, das Tupfende,\nVerwischte, Andeutende, fast möchte man sagen:\nStotternde. Der Impressionist rettet sich zu sol-\ncher Technik, bei der er am ehesten auf die Gunst\ndes Zufalles hoffen darf.\nDas impressionistische Bild ist seinem Wesen\nnach isoliert. Es wirkt in aller Welt wie ein Fremd-\nkörper, und nur unter Seinesgleichen in Ausstellun-\ngen oder Museen verliert es etwas von einer Isolie-\nrung. Zur Natur verhällt es sich wie Wasser zum\nFeuer, und zur Kunst wie ein Krüppel zum Gesun-\nden. Deshalb bleibt ihm nichts übrig, als einen un-\nerhört breiten und stark profilierten Goldrahmen\num sich zu nehmen und Kuriosität zu sein.\nDas moderne Bild braucht keinen Rahmen. Als\netwas organisch Gewordenes fügt es sich allem\nOrganischen selbstverständlich ein, jedem schönen\nRäume, jeder Nachbarschaft guter Bilder, mögen\nsie sein aus welchem Jahrhundert und aus welchem\nLande sie wollen. In allem Organischen sind die\ngleichen Gesetze an der Arbeit gewesen, alles Or-\nganische ist miteinander blutsverwandt.\nZweierlei gehört zum Wesen des Organischen:\ndie Zweckmäßigkeit in Rücksicht auf ein bestimm-\ntes Ziel und die lebendige Tätigkeit in, zusammen-\ngreifenden Funktionen. Das Ziel des expressionisti-\nschen Bildes haben wir erkannt in dem Ausdruck\neines Erlebnisses. Der Impressionist begnügte sich\nmit dem Eindruck, mit der Oberfläche, dem Schein.\nDer Expressionist will die geistige Quintessenz\neines Erlebnisses. Das Mittel, sie zu erreichen, ist\nfür die Künstler, die hier vertreten sind, der Kubis-\nmus.\nDer Kubismus, der in dem Rufe steht, eine\nkalte intellektuelle Methodik zu sein, ist in Wahr-\nheit völlig aus dem Gefühl geboren und will ledig-\nlich Ansprüche des Gefühls befriedigen. Freilich\nnicht das Gefühl dafür, ob ein Stück der Bildfläche\nSeide oder Wolle darstellt, sondern das Gefühl\nfür den innersten Zusammenhang der Dinge, ein\nkosmisches Weltgefühl. Der Kubismus ist nicht\nSelbstzweck. Der Maler, der Bildhauer, der Archi-\ntekt ist nicht kubistisch, um kubistisch zu sein, son-\ndern weil sich gewisse Dinge nur in dieser Sprache\nsagen lassen.\nWas zu der Entstehung dieser Sprache führte,\nwar der Wunsch, dem Bilde das funktionelle Leben\nzu geben, das zum Wesen eines wahren Organis-\nmus notwendig gehört. Das impressionistische Bild,\nherausgerissen und isoliert, war starr. Das expres-\nsionistische Bild, ein lebendiger Kosmos, und daher\nallem Kosmischen eingebettet, nimmt teil an der\nallgemeinen Bewegung der Welt. Deshalb sind\nseine Formen nicht starr, sondern flüssig. Die\nForm wird mir nicht fertig gegeben, sondern sie\nwächst und entsteht. Für fertig übernommene\nGegenstände ist im dieser Kunst selbstervständhch\nkein Platz. Aber was für ein Armutszeugnis wäre\nes nicht für die moderne Kunst, wenn sie noch im-\nmer an der Gesetzlichkeit des Gegenständlichen\nhaften wollte, nachdem unsere Denker längst die\nBedeutungslosigkeit des Gegenständlichen für jede\ntiefere Erkenntnis durchschaut haben.\nDer Kubist kann seinen Formen nur dadurch\nden Sinn des Werdens, das funktionelle Leben ge-\nben, daß er die einzelnen Elemente der Form viel-\ndeutig macht. Im impressionistischen Bilde war\njedes einzelne Stück etwas Bestimmtes: Baum-\nstamm, Laub, Wand, Wolke usw. Daher die Starr-\nheit. Wenn der Kubist die Form entstehen\nlassen will, so darf er sie nicht abschließen, er muß\nsie aus dem Ganzen herausschwingen lassen, her-\nausfließen. Das einzelne Stück der Fläche bedeu-\ntet nichts, erst in der Beziehung mit allen anderen\nerhält es seinen Sinn. Der Maler kam also not-\nwendig zu Elementen der Form, die für sich stoff-\nlich und gegenständlich neutral sind. Kubismus\nheißt nicht, daß es unter allen Umständen Kuben\nsein müssen. Sonst wäre der Kubismus das, was\ner am allerwenigsten ist: eine dumme Art der Stili-\nsierung. Der Ausdruck Kubismus bedeutet ver-\nnünftigerweise nur, daß sich für den modernen\nMaler Elemente zum Aufbau der Form empfehlen,\ndie wegen ihrer von Fern geometrieähnlichen Art\ndie Kristallisation des Ausdruckes ermöglichen.\nDeshalb ist der Kubismus eine geometrische Wis-\nsenschaftliclikeit sowenig, wie etwa der Pythago-\nräismus eine Rechnerei war. Er hat vielmehr wie\njener einen mystischen Grundzug.\nDie Gegenwart eines futuristischen Bildes gibt\nuns Gelegenheit, den historischen Ausgangspunkt\nder kubistischen Formensprache kennen zu lernen.\nEs zeigt sich sehr deutlich, daß der Antrieb zur\nSchaffung dieser Sprache ein Gefühl war. 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[n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.2.4.8", "titre_corps": "Schwermut", "titre_sommaire": "Schwermut", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.3", "debut_caractere": 2084, "fin_caractere_exclue": 2206, "texte": "Schwermut\nSchreiten Streben\nLeben sehnt\nSchauern Stehen\nBlicke suchen\nSterben wächst\nDas Kommen\nSchreit!\nTief\nStummen\nWir."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-12-01-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-12-01_01#c013", "volume": "bmtnabg_1914-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "115", "page_fin": "115", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.2.4.9", "titre_corps": "Verzweifelt", "titre_sommaire": "Verzweifelt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.3", "debut_caractere": 2208, "fin_caractere_exclue": 2317, "texte": "Verzweifelt\nDroben schmettert ein greller Stein\nNacht graut Qlas\nDie Zeiten stehin\nIch\nSteine.\nWeit\nGlast\nDu!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-12-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-12-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1914-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "115", "page_fin": "121", "image_debut": 3, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.2.5", "titre_corps": "Der Weg durch die Nacht : Roman", "titre_sommaire": "Der Weg durch die Nacht : Roman", "signature_source": "Aage von Kohl", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.3", "debut_caractere": 2319, "fin_caractere_exclue": 2362, "texte": "Der Weg\ndurch die Nacht\nRoman\nAage von Kohl"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.3", "debut_caractere": 2372, "fin_caractere_exclue": 5108, "texte": "Er rast dahin, da draußen in der Dunkelheit,\nweiß schon längst, daß er zu spät kommen wird,\num ihr Leben zu retten, jawohl, aber den Mörder\nwill er erreichen, fort, er will seine Knochen in\nden Adern dieses Mannes begraben — in den Ein-\ngeweiden dieses 1 ieres will er von oben bis unten\nbaden!\nSchäumend stürmt er dahin.\nUnterscheidet jetzt das dort in der Nacht.\nEine Spitzenflagge schimmert dicht über dem\nschwarzen Erdboden.\nKarl Mumme steht da auf gespreizten Beinen,\nungeheuer, das Messer rot flammend in der Rech-\nten — ein Riese!\nEinen Augenblick umfängt Qlaß die Angst, daß\ner fliehn könnte — er strengt daher seinen Sturm-\nlauf noch mehr an, schreit ihm atemlos während-\ndessen zu —: Komm heran, jetzt gilt es dich und\nmich! Komm heran, jetzt will ich totschlagen, wie\nnie zuvor jemand! . . .\nMumme hat mit einer Schulterbewegung Front\ngemacht, die Zähne ihm entgegen.\nEr schwingt seine Waffe mit einem Grinsen da\noben in der Luft, die mächtigen Arme haben sich\ngeöffnet, um zu zermalmen!\nAber da ist Morton im selben Nu bei ihm —\nTrifft von unten her mit geballter Hand seinen\nKiefer, links, mit einem Krachen, dann den rech-\nten.\nUnd ehe noch der andere mit einem Gebrüll\nsein Messer in einem pfeifenden Hieb gesenkt hat\n— ist Glaß blitzschnell einen Schritt zurückge-\nwichen, duckt sich zusammen.\nStürzt nun wieder vorwärts, wird diesmal\nbrennend am Ohr von der Klinge gestreift, gelangt\njedoch von neuem dazu, seine Faust in Mummes\nSchläfe hineinzudonnern — ist ihm gleichzeitig\nhart auf dem Leibe, der Schädel als Sturmbock\nunter dem breiten Kinn hinauf, die Arme in einem\nzermalmenden Griff um seinen Körper herumge-\nschlossen ... es knackt gedämpft da drinnen!\nEr unterscheidet über seinem Kopf das Fauchen\ndes keuchenden Atems. Spürt die Messerspitze,\ndie verwirrt in seinen Schultern und seinem\nRücken wühlt. Spannt nurnoch gewaltsamer den\nEisengürtel seiner Umarmung zusammen!\nDumpf stöhnend, auf tief tretenden Absätzen\nbewegen sich die beiden — zu Einem zusam-\nmengeklammert — in winzig kleinen, schleifenden\nSchritten.\nDie Brustkasten krachen, und das Gras zischt\ntaufeucht da unten.\nDunkelheit saust und sprüht um sie her.\nRache!\nIn seinen Nasenlöchern spürt Morton den Ge-\nstank von Karl Mummes Schweiß, von seinem zu-\nsammengeschnürten, todkämpfenden Fleisch —\nmitten darin ein Blumenhauch von dem Duft aus\nAnnies Gewand, das er berührt hat . . . und da\nwächst mit einem Ruck seine Kraft ungeheuer,\ndurch seine Muskeln sprengt ein steinhartes und\nmächtiges Schwellen heraus —: jetzt! jetzt soll es\ngeschehen! ich will seine Rippen zertrümmern, bis\nsie als Nadeln durch seine Lungen und sein Herz\nhindurch spritzen:\nJetzt! . . .\nUnd da schraubt sich seine Umarmung, eine\nStahlzange, noch dichter zusammen — rund"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9645, "texte": "um diesen gewaltigen Körper, der mit einem knir-\nschenden Laut anfängt, da drinnen zu erschlaffen.\nWieder fühlt er die Klinge einmal matt in sei-\nnem Halse sägen, hört ein Herauswürgen aus dem\nMunde da oben, spürt die großen, schweißfeuch-\nten Fäuste, die klatschend an seiner Wange tasten\n;und versagend mit dem Daumen nach seinen Augen\nsuchen. Eine stürmische Wollust steigert auf ein-\nmal seine Kraft über alle Grenzen hinaus, wie\neherne Kiefer schließen seine Arme sich gnaden-\nlos, von zerbrochenen Knochen kracht und knackt\nes da drinnen . . . und gleich darauf taumeln beide\num, Karl Mumme zu unterst mit einem Seufzer.\nZähnefletschend sitzt Morton mit einem Sprung\nauf seiner krampfenden Brust, die nachgibt. Er-\nblickt im selben Augenblick dort drei Schritte ent-\nfernt unter dem wehenden Banner —: die lange,\nretglühende Purpurwunde in Annies Leib! Seine\nNerven explodieren; er sieht auf einmal das Mes-\nser, das Mumme hat fallen lassen, es liegt da auf\nder Erde dicht daneben — er ergreift es verzweifelt,\nhebt es hoch und dürstend empor, gewahrt das\nfunkelnde Auge da unten, das sich blutgesprenkelt\naus dem blau erstickten Gesicht herausbeult, jagt\ndie bewaffnete Faust mit aller Kraft da hinab —:\nJa!\nBis auf den Grund!\nBis auf den innersten Grund da drinnen —:\nDa!...\nEin Sieden! Die Klingenspitze stößt spröde\ngegen eine Knochenwand tief da drinnen. Siedend\nheiß schäumt es währenddessen gegen seine Hand\nauf. Es dreht und windet sich wild unter seinem\nGewicht. Ein langgezogener, röchelnder Laut\ndringt an sein Ohr, er erkennt ihn qualvoll wieder,\nweiß aber selbst nicht woher. Empört sich jäh\ndagegen. Erhebt knurrend von neuem die Waffe.\nIst schon unterwegs nach unten hinab damit, in\neinem erneuten Stoß. Hört da aber wieder, erster-\nbend schwach, dies heisere und entsetzliche Gur-\ngeln — das im selben Augenblick ganz verstummt.\nErkennt es wieder, weiß plötzlich und bebend wo-\nher —: genau dasselbe grauenvolle Qualgestöhn,\ndas er vorhin aus Annies Kehle gehört hat, Mord..\nund da durchschauert es ihn eisig bis in sein Mark\nhinein, das Messer wendet sich von selbst in seiner\nFaust, er erhebt sich mit der Spitze zielend gegen\nseine eigene Brust, es blitzt, fährt nieder, er fühlt\nseinen Feuerstrahl durch sein Herz zischen, er\nsinkt mit einem Schrei zurück, alles wirbelt und\nbraust um ihn her —\nAnnie!\nAch Gott —:\nHabe ich nun auch die Hoffnung auf dich ver-\nscherzt! ....\n, Und kopfüber stürzt er im selben Augenblick\nmeilenweit hinab, tief, tief hinab, beständig tiefer\nhinab — durch Dämmerung, durch Finsternis, bis\nzu einem erfrierenden Kohlschwarz, worin er in\neinem Nu zusammenschrumpft.\nEs wird vollkommen stumm um ihn her.\nIch bin nicht mehr.\nBin tot . . .\nVII\nDie drei Herren, alle in Schwarz, stiegen, dicht\nhintereinander — Glaß Morton voran, sehr auf-\nrecht in seiner zugeknöpften Redingote; mit einem\nbeständigen und unbestimmten Lächeln um den\nMund; todmüde in sämtlichen Gliedern; und mit\nspähenden Blicken nach beiden Seiten — stiegen,\nplötzlich schweigend, die bequeme, perlgraue\nTreppe hinauf; sie mündete oben im ersten Stock-\nwerk auf einen langen und sehr hellen Korridor,\nder durch die ganze Ausdehnung des Gebäudes\nführte.\n„Nein —: dahin, Herr Morton, nach der andern\nSeite, wenn ich bitten darf!\" — rief von Geer ge-\ndämpft zu hinterst, noch ein paar Stufen tiefer, sei-\nnen Oberkörper vornüberlehnend und eine Be-\nwegung nach links zu machend.\nGlaß gehorchte mit einem Ruck. Offenbar,\ndachte er gleichzeitig von neuem im innersten In-\nnern, mit einem Schaudern —: ist da noch nichts\ngeschehen mit .... Ihm, aber wann denn?\n„Hier!\" — fuhr der Professor einen Moment\nspäter fort.\nSie standen alle drei still.\nVor einer hohen, grün lackierten Türfüllung —\nan der oben ein kleines, kreideweißes und ovales\nPorzellanschild mit der Zahl siebenunddreißig in\nschwarzen Ziffern hing.\nAssessor Delitzsch trat mit einer Schulter-\ndrehung einen Schritt vor die beiden andern,\nstreckte seine rechte Hand nach dem blanken Mes-\nsingtürgriff aus, hob forschend den Blick zu Mor-\ntons Antlitz und ließ ihn dort eine kleine Weile\nverharren -—:\n„Nicht wahr,\" — bemerkte er währenddessen\nlangsam und halblaut, seine schmalen Lippen\nnetzend — „die Herren wollen also gütigst noch\neinen Augenblick hier draußen Platz nehmen!?\nIch werde die Wartezeit so kurz wie möglich\nmachen!\nVerzeihen Sie!\"\nMit einer steifen Verbeugung verließ er sie,\nverschwand hinter der hellgrünen Tür — ' und\ngleich darauf unterschied man seine Stimme von\nda drinnen her, erregt und eintönig, ununterbro-\nchen redend.\nGlaß, der dastand, die linke Schulter gegen die\njenseitige Mauer gelehnt, kurzatmig und mit zit-\nternden Knien, starrte fiebergespannt und um-\nnebelt um sich — bemühte sich zu hören, was da\ndrinnen vor sich ging. Er erblickte jetzt indessen\neine gelb gestrichene Bank, die dort ihm gegenüber\nstand, mit der Rücklehne gegen die Wand, hinter\nder die Stimme des Assessors klang —:\n„Ich glaube,\" — sagte er leise — „daß ich mich\nso lange setzen werde!\nEs ist recht heiß hier drinnen!\nUnd wer weiß •— :\nVielleicht geht das ganze nicht so einfach, wie\nHerr Delitzsch meinte!\"\nEr faßte unbestimmt eine eilige und zuvorkom-\nmende Antwort von Geers auf, war schon auf\ndie Bank niedergeglitten, ließ jetzt mit einem klei-\nnen Seufzer seinen Nacken gegen die kühle, glatte\nMauer zurückfallen, klemmte lauschend seine Au-\ngen zu —: wann, dachte er dabei und schauderte\n—: und wie?\nEinen Augenblick betrachtete er mit unerklär-\nlichem Schreck seine Arme und Hände — wie\num zu ergründen, ob wohl geheime Vorsätze da\ndrinnen in ihnen verborgen seien; meinte plötzlich\ntatsächlich, in ihren Muskeln und ihrer Haut ein\nhäßliches Gefühl spüren zu können, als wenn sie\nsich begehrlich rund um irgend etwas Lebendes\nklammerten, um etwas Weiches und Warmes und\nWiderstrebendes •— das gleich darauf kalt und un-\nbeweglich und hart wurde, mein Gott, woher\nkannte er dies Gräßliche wieder . . . oder war es\ndie Vorausahnung von etwas, das erst binnen kur-\nzem geschehen sollte?? . . .\nMit einem Ruck riß er sich von diesen Vorstel-\nlungen los.\nVersuchte, mit den Augen zwinkernd, um sich\nzu sehen —:\nEin paar Schritte rechts von ihm war ein gro-\nßes Fenster mit frisch geputzten, unendlich\nschwach bläulich schimmernden Scheiben — das\nnach einem mächtigen, sonnenflammenden Rasen-\nplatz hinauslag, mit kiesbedeckten, gewundenen\nSteigen, bunten Tulpenbeeten hier und da und\ngrünen Bosketts; in beträchtlicher Entfernung\nvon zweistöckigen, hellen Gebäuden mit roten\nDächern und blendenden Markisen umrahmt. —\nNach links zu, etwa zwanzig Ellen entfernt, unge-\nfähr mitten in der Länge des Ganges, sah man das\nblanke, weiße Gittergeländer der Treppe, auf der\nsie eben aus dem Kontor im Erdgeschoß herauf-\ngekommen waren. — Noch weiter entfernt endete\nder Korridor wieder mit einem umfangreichen\nFenster, durch das eine goldene Riesenfläche von\nSonne über den braungefirnißten Fußboden fiel —\nmit dem Kreuz der Sprossen aus Schatten. Türen\nwurden hin und wieder da hinten geöffnet. Weiß-\ngekleidete Krankenpflegerinnen bewegten sich\nlautlos. In der erhitzten Luft hing dicht und auf-\nreizend der komplizierte Geruch aus Jod, Chloro-\nform und Aether — hin und wieder einen\nAugenblick von einem kühlen und blütenduftenden\nHauch weggefegt, der durch eine kleine offene\nLuftscheibe hier oben rechts nahe an der\nDecke drang. Vogelgezwitscher ertönte hell da\ndraußen. Und dich hinter Mortons heißem Nacken,\naus Zimmer siebenunddreißig heraus, klang ohne\nUnterbrechung diese eintönige und entnervende\nStimme, die zu . . . zu Karl Mumme redete! Zu\ndem Mörder — der jetzt binnen kurzem selber . . .\nMorton war allmählich auf seinem Sitz zusam-\nmengesunken.\nEr hatte schließlich, um sich gegen eine etwaige\nBeobachtung durch von Geer zu schützen, seine\nAugen geschlossen — bemühte sich nun auch selbst,\nselbst, seinen Gedanken zu entfliehen.\nAber tief drinnen in ihm wälzten sie sich be-\nständig hin und her, auf und nieder, nach rechts\nund nach links, in einem langsamen und lodernden\nChaos — diese wahnsinnigen und qualvollen Fra-\ngen, die ihn unaufhörlich verfolgt hatten, seit er\nheute morgen zu sich gekommen war, einige Mi-\nnuten vor acht Uhr, daheim in seinem Zimmer,\nauf dem Fußboden liegend —:\nSage mir, grübelte er bange —: sage mir ein-\nmal, was bedeutete wohl schließlich jener schreck-\nliche, wache Traum von dem Racheakt gegen Karl\nMumme?\nWar er vielleicht schlecht und recht eine wider-\nliche, leibhaftige Halluzination, an und für sich na-\ntürlich aus dieser endlosen Nacht geboren, wo sein\nganzes Wesen unablässig um die Erinnerung an\nAnnies Tod gekreist hatte — und rund um das Be-\nwußtsein von dieser Begegnung mit ihrem Mörder\nheute? Oder konnte man sich deniken, daß er eine\nArt Vorbedeutung von Dingen war, die jetzt bin-\nnen kurzem geschehen würden — mit seinem Atol-\nlen Wissen und Willen??\nWar es ein mystischer Auftrag an sein Fleisch\nund Blut — ein ferner und tiefer Befehl, der aus\ndem gewaltsameren Gebiet einer fremden Welt\nseine Nerven erreicht hatte — und dem sein Körper\nin geheimem Gehorsam binnen kurzem nachzu-\nkommen gedachte, wenn er diesem Mann von An-\ngesicht zu Angesicht gegenüber stand?\nOder . . .\nOder endlich . . .\nAber nein, sicher nicht, dergleichen war ja un-\nmöglich! Ein reiner Aberglaube von Anfang bis zu\nEnde!\nSelbstverständlich! Ja, aber erzähle mir trotz-\ndem —: wissen wir im Grunde jetzt irgend etwas\nTatsächliches, für oder wider . . . dies, woran doch\nzahllose Menschen einstmals voll und fest glaubten\n—: daß unser Sinn in Wahrheit über magische\nKräfte gebietet!?\nDaß, so wie unser Zorn wirklich kalt machen\nund stechen kann; und so wie unsere Zärtlichkeit\nleuchtenl und wärmen kann — ebenso unser Haß,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10380, "texte": "wenn er nur hinreichend flammenstark ist, sich\neines Nachts aus unserer Brust zu schleichen ver-\nmag — um den zu treffen, dem er ans Leben will?\ndaß unser intimstes, unbekanntes Ich, glutgehärtet\nin dem Feuer eines brennenden Willens, imstande\nist, gleich einem dämonischen Blitz von weit her,\ndas Herz zu treffen, dessen Tod wir mit allen\nFähigkeiten und Fibern begehren?!\nAntworte mir —: dieser ganze Albdruckkampf,\nden ich vor wenigenl Stunden daheim gegen Karl\nMumme stritt — war der denn vielleicht gerade so\nein geheimnisvoller Rachezug? War er just so ein\nunsichtbarer, langsam vergiftender Dolch — den\nmein Sinn verstohlen Ihm bis an das Heft in die\nKehle stieß? Kann man es möglicherweise schon\nan ihm da drinnen erkennen, ist er wirklich im Be-\ngriff, Schritt für Schritt da drinnen in seinem Bett\nzu sterben — unerklärlich, niemand weiter als ich\nweiß wie? War das die Bedeutung des Blickes,\nmit dem Assessor Delitzsch eben in meinem Auge\ngrub?? Ja und sage mir schließlich: wenn nun das\nalles richtig ist — habe ich denn dann völlig das\nverscherzt, für dessen Eroberung ich ruhelos im\nLaufe dieser zwei langen, langen Jahre gekämpft\nhabe??? . . .\nEr versuchte wieder, wie so viele Male zuvor\nin diesen Stunden, diese unfruchtbaren und qual-\nvollen Ideen zu verscheuchen — sie Fiebergauke-\nleien, Wahnsinn, Narrenspiel zu nennen.\nDoch, das Wort Tod fuhr fort, sich an sein Be-\nwußtsein zu kleben —:\nEine Sekunde wollte es ihm marternd scheinen,\nals könne er wirklich direkt in seinen Sinnen spü-\nren, daß Karl Mumme da drinnen lag, gelb und\nfeucht, in den letzten Zügen röchelnd.\nUnd im nächstem Augenblick schien es ihm jäh,\nals sei im Gegenteil er selber es, dessen Leben sich\njetzt seinem Ende näherte . . . und da stieg auf ein-\nmal sein Blut beschleunigt und heiß in seiner Brust\nauf, seine Augen wurden verschleiert von einer\ntiefen und zitternden Ahnung von Frieden —: ja,\nach, dort stand ja leibhaftig, kohlschwarz und\nmächtig, ein Granitkreuz auf seinem Grabe errich-\ntet! aber dahinter lohte das Gold der hellen Sonne\n— und mit einem einzigen Satz gelang es ihm, sich\naus dem Schoß der dunklen Erde da hinauf zu\nschwingen, seine Last warf er zu gleicher Zeit un-\ngeduldig von sich — und nun ward er, hoch empor\nüber Reue und Grauen, von einem Sommerhauch\naufwärts getragen! jetzt ward er leicht wie ein\nBlatt zu der großen und guten Stätte empor ge-\nhoben, wo der Blick so weit und klar war . . .\naber siehe, da ward sein Weg von einem schnee-\nweißen, einem blendenden Phantom versperrt, das\ndrohte!\nAtemlos vor Schrecken riß er seinen Mund\nweit auf.\nEr schrie und wollte fliehen —:\nMumme: du hier!\nHilfe . . .\nDurch einen eiskalten Wirbelwind fiel Morton\nschwindelnd aus der Höhe der Vision herab — er-\nkannte gleich darauf, daß er hier auf der Bank in\ndem Glanz des Hospitals saß, neben Herrn Profes-\nsor von Geer . . auf seiner Stirn perlte Schweiß,\nihn fror und er brannte, in beiden Armen regte sich\neine unerklärliche Kraft . . . und dort an der Trepe\nwar . . . nun ja, da war ein großer und weißge-\nkleideter, junger Herr sichtbar geworden! Ver-\nmutlich irgendeiner von den Assistenzärzten der\nAbteilung — der jetzt, ohne weder den Professor\nnoch Glaß zu bemerken, mit schnellen und laut-\nlosen Schritten auf das andere Ende des Ganges\nzuging, eine Tür öffnete und dort stehen blieb, in\ndas Zimmer hineinflüsterte, während er seine Hand\nin ein paar festen und kurzen Bewegungen vor sich\nhin führte. Eine Frauenstimme zwitscherte dünn\nvon da drinnen, gedämpft, ehrerbietig, kokett.\n„Ja!\" — sagte von Geer und zog zum zweiten\noder drittenmale seine Taschenuhr heraus. — „Es\nscheint wirklich, als wenn unvorhergesehene Um-\nstände eingetreten sind — da drinnen in siebund-\ndreißig!\nDa es sich so unverhältnismäßig in die Länge\nzieht -— bis wir hereingerufen werden!\nNicht wahr?\"\n„Allerdings!\" — erwiderte Glaß mit Mühe.\nEr hatte seinen Kopf mit einem Ruck nach dem\nandern herumgedreht — denn durch den eben aus-\ngesprochenen Satz war er plötzlich und zitternd\nvon einer Vorstellung ergriffen worden, daß der\nProfessor auf irgendeine Weise seine geheimsten\nGedanken in seinem Gesicht gelesen oder daraus\nerraten hatte. Und er bemühte sich deswegen jetzt\nunwillkürlich, eine Antwort zu finden, die ein mög-\nliches Mißtrauen ablenken und vernichten konnte.\n„Sehr wahrscheinlich!\" —• stammelte er un-\nschlüssig. — „Oder vielmehr hat der Assessor ganz\neinfach im voraus seinen Widersacher unterschätzt.\nAber Sie haben im übrigen vollkommen recht.\nEs bleibt uns leider weiter nichts übrig, als ge-\nduldig zu warten!\nUnd daneben sicher überzeugt sein könnte —\nals was geschieht!\"\nEr versank von neuem, mit einem Beben in allen\nGliedern, in blutige und leere Grübeleien. Es er-\nschien ihm auf einmal, als seien seine letzten Worte\nzugleich hinterlistig und feig — oder, noch schlim-\nmer, sie waren ein völliges im Stichlassen dieser\nallerhöchsten und lichten Pflichten, die gerade ihm\nauferlegt waren! sie waren ein Abfall von seiner\nKunst, von seinem Leben während seiner sämtlichen\nJahre — von Annie!\nIn seinem Herzen saß im selben Nu eine na-\ngende Gewißheit, daß er ausnahmslos das alles ver-\nscherzt hatte! Er suchte wahnsinnig gegen diese\nqualvolle Ueberzeugung anzukämpfen. Aber vor\nseinem Blick stand gleich darauf, er begriff selbst\nnicht, ob als Erinnerung oder als Prophezeiung —:\nleibhaftig da drüben, mit einer leichenw7eißen Haut\nüber einem kohlenschwarzen Bart, ein grauenvol-\nles Gesicht! ein Totenmaskenantlitz, in dem das Blut\ndunkelrot aus dem linken, zerstochenen Auge\nquoll, das Messer bis an den schwarzen Hornschaft\nda hineingepflanzt —: Karl Mumme, ach Gott,\nMörder und Gemordeter. Gemordet von — mir! . ..\nEr wurde vom Scheitel bis zur Sohle durchbebt,\nfühlte das Gitterwerk der Bank unter seinen Knie-\nsehnen schaukeln, schlug angsterfüllt und klagend\nseinen Nacken hintenüber —:\n„Entschuldigen Sie!\" — murmelte er, heiser,\nmit einem schmerzenden Stich in seinem Ohr wie\nvon einem Rufen — „entschuldigen Sie, bitte, ich\nhörte nicht ganz, was Sie eben sagten . . .\"\nvon Geer stand vor ihm, erhob jetzt die rechte\nHand und zeigte die Brauen in die Höhe gezogen\nnervös nach der Tür dort hinter Glaß —:\n„Jetzt ist es mir aber doch, Herr Morton, als\nwenn ich die Schritte des Assessors sich da drin-\nnen nähern höre!\nEs ist gewiß am besten, wenn wir uns bereit\nhalten.\nMeinen Sie nicht auch?\"\nGlaß blinzelte ein- oder zweimal mit dem Lid\nseines linken Auges. Aus der Hinterseite seines\nKopfes begann auf einmal dies lange, vibrierende\nZittern wiederum durch seine Schultern und Arme\nzu laufen; es krümmte seine Finger, die auf seinem\nKnie lagen, und veranlaßte sie, sich in winzig klei-\nnen, schnappenden Sprüngen zu bewegen — als\nversuchten sie schon jetzt, sich gierig um etwas zu\nklammern. Und da warf er wild vor Grauen seinen\nNacken zurück, stemmte beide Hände gegen die\nBank, wollte sich erheben, wollte sogleich fort von\nhier, wollte fliehen, ja, meilenweit weg! War je-\ndoch nicht imstande, sich vom Fleck zu rühren,\nkraftlos in allen Gelenken, lahm, erhob verzweifelt\nden Blick in einem rätselhaften Flehen zu dem\nsieht des Professors, ward noch mehr geängstigt\ndurch den Anblick dieses Gesichts — denn es war\ndunkelrot, dies eisgraubartumrandete Gesicht! —\ndie Lippen zitterten in beiden Mundwinkeln auf der\nStirn brach der Schweiß unaufhörlich in klaren\nTropfen hervor —:\n„Ja — diese Wartezeit!\nNicht wahr, die soll wohl . . hörte er durch\nein Sausen hindurch, plötzlich fest überzeugt, daß\ner sich versprochen hatte, daß von Geer jetzt wirk-\nlich begriffen hatte, was im geheimen in ihm vor-\nging . . . und gleich darauf fand er eine unerklär-\nliche Erleichterung in diesem Gedanken, einen\nSchutz gegen die Furcht vor seinen eigenen, ver-\nborgenen Plänen — eine erlösende Sicherheit!\nvon Geer lachte währenddessen entnervt,\nwischte sich fieberhaft mit dem Taschentuch über\ndie Backenknochen und das Kinn, mied beständig\nMortons Blick —:\n„Ja, ich gebe zu, es ist sinnlos und lächerlich,\ngeradeherausgesagt — und für einen Chirurgen\ngelinde gesprochen, unwürdig! Hahaha!\nKurz ein völlig typisches Resultat der Hunds-\ntagshitze, kombiniert mit der Wirkung dieses ver-\ndammt in die Länge gezogenen Wartens!\nAber nichtsdestoweniger . . .\nJa, ich weiß wirklich nicht, aber es ist mir fast,\nals ertappte ich mich hin und wieder darauf, einen\nunfachmännischen Wunsch zu hegen — daß dieser\ngute Herr Mumme so vorsorglich gewesen wäre,\nsich hier über Nacht in seinem angenehmen Bett zum\nSterben zu legen, gepflegt und gewartet wie ein\nPrinz von der unermüdlichen und kundigen Huma-\nnität Doktor Hannovers und Fräulein Dahls . . .\nstatt sich seit gestern Abend so vortrefflich zu er-\nholen, wie er es getan hat!\nWie?\nMein Gott —:\nNatürlich sehe ich sehr wohl ein, daß sich die\nSache für Sie anders ausnehmen muß, für Sie, dem\ner den bittersten Verlust bereitet hat, den wir\nMenschen überhaupt erleiden können —: aber be-\ndenken Sie nun trotzdem, was ihm jetzt schließlich\nbevorsteht, von heute an . . . für den Rest seines\nganzen Lebens: Geständnis, Urteil, Zuchthaus, du\ngroßer Gott — vielleicht dreißig volle, lange Jahre,\nso robust wie er ist!\nWie gesagt,\" — fuhr er ohne Pause fort, mit\nblinkenden Augen zum Fenster hlnausstarrend —:\n„Ich gebe gern zu, daß es höchstwahrscheinlich\nnur irgendein unberechtigtes Standesvorurteil ist,\nwas ich hier empfinde —:\nAber in diesem Augenblick ist es mir trotz alle-\ndem nicht möglich, mich gegen das Gefühl zu weh-\nren, daß da doch ein recht auffallender Unterschied\nzwischen den Aufgaben sein muß, die die Medizin\n— und die die Jurisprudenz zu verrichten hat!\nOder, wie denken Sie nun darüber — der Sie au-\nßerhalb beider Zünfte stehen?!\nIst es nicht wahr?\"\nGlaß sah langsam auf unter schweren Lidern.\nEs war ihm nach und nach erschienen, als sei\ner jetzt unmittelbar davor, das Ganze begreifen zu\nkönnen! als sammle sich restlos alles, was in ihm\nselber war — und alles, was er hier um sich her\nheute gesehen und gehört hatte: das unverschlei-\nert bewegte Gesicht des Professors und seine\noffenen Worte jetzt eben, und Assessors De-\nlitzsch erregte Stimme von da drinnen her, das\nEntsetzen, das an dem Namen Karl Mumme klebte,\nund die brennende Hoffnung auf Annie ... als habe\nsich das alles jetzt endlich zu einer erhabenen Ein-\nheit in seinem Sinn zusammengefügt, als erfülle es\nseine Adern mit einem strömenden Feuer, als\nmache es für einen Augenblick seine Gedanken\nwunderbar klar und stark—:"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10169, "texte": "„Vielleicht!\" — erwiderte er jetzt, indem er mit\neinem kurzen Ruck sein Antlitz erhob, ohne zu\nsehen; heftig kämpfend, um auszudrücken, was er\nempfand; oben, von rechts her, im selben Nu er-\nquickend umfangen von dem Duft von Reseda und\nRosen — :\n„Aber sind wir nicht etwa gerade in diesem\nMoment geneigt — Sie und ich — den Un-\nterschied zu überschätzen zwischen diesen beiden\nDingen: zu heilen — und zu verurteilen?! Auf\nganz ähnliche Weise, wie zum Beispiel Herr De-\nlitzsch und ich es möglicherweise in entgegenge-\nsetzter Richtung getan haben würden — wenn er\nund ich es wären, die in dieser Sekunde als Zu-\nschauer daständen und Sie Ihr Messer kaltblütig\nansetzen sähen, um einem todkranken Menschen\nden Bauch mit einem entscheidenden Schnitt zu\nöffnen?!\nIch glaube es!\nDenn in beiden Fällen ist doch wohl der in-\nnerste Zweck genau derselbe! Oder, um Sie an ein\nWort zu erinnern, das Sie gestern Abend fallen\nließen —: ist es nicht eben auch die unzweifelhafte\nAbsicht des Gesetzes, indem es ein Urteil fällt, so-\nwohl den Verurteilten gesund zu machen — als\nauch, außerdem, mindestens ein Körnchen von\ndem zu erlangen, das Sie gestern das Höchste von\nallem nannten —: vorzubeugen! . . .\nNun ja —:\nAber, selbst wenn es vielleicht richtig genug\nist, wovon ich ganz fest überzeugt bin — daß die\nWege, auf denen die Gesetzgebung unserer Zeit\ndiesen ihren doppelten Zweck zu vollziehen sucht,\nkeineswegs die rechten sind — sogar noch weit\nweniger recht, als es die hervorragendsten Män-\nner der Zeit auf diesem Gebiet erkennen! Und\nselbst wenn wir mit dieser vernünftigen Skepsis\nnoch weiter gehen und einsehen, daß wir auch auf\nkeinerlei anderen Gebieten, auf Ihrem so wenig\nwie auf meinem überhaupt bisher weiter gekom-\nmen sind — als daß wir bloß unser Ziel als ein fer-\nnes und utopisches Ideal erkennen . . . nun wohl,\nja, was dann?\nLeben wir denn nicht, jeder ohne Ausnahme,\ngerade nur, um unseren Teil der Arbeit auszu-\nführen — damit das Ganze besser und besser wer-\nden soll?!\nIst es nicht die Süßigkeit und der Reichtum des\nDaseins, dieser Hochblick, den wir besitzen —:\nimmer und überall, selbst hinter dem besten, was\nwir kennen, unaufhörlich ein noch Besseres, ein\nAllerbestes erblicken zu können ... und mit all un-\nserer Kraft darauf hinzuwirken, bis dahin zu ge-\nlangen?\nIst es nicht die anspornende Herrlichkeit des\nLebens, daß es nirgends Grenzen gibt!\nDaß wieder und wieder in jedem einzelnen\nPunkt, wo der Wille des Menschen zugreift — zu\nallen Zeiten, ewig mehr und noch mehr und wieder\nmehr —zu erobern sein wird?! . . .\nAber nicht gnug damit!\" — fuhr er fort, jetzt\nendlich zu der Schlußfolgerung gelangt, die seinen\nSinn so tief erfüllte —:\n„Denn es ist ja nicht allein unsere Freude und\nunser Können, das derartig tätig und vorwärts-\nführend in den Gang der Entwicklung eingreift —\nsondern in genau so großem Maße gilt dasselbe\nauch von unserem Versagen und unserem Kummer!\nSie als Arzt wissen zur Genüge, daß auf dem\nphysischen unld auf dem psychischen Gebiet\n— das, was wir Schmerz nennen, im tiefsten\nInnern ganz einfach ein Warnungsruf ist! ein hef-\ntiges, ein unüberhörbares Zeichen, daß die Situa-\ntion, in der wir uns momentan befinden — eine\nfalsche, eine verkehrte, eine gefährliche ist! ein ge-\nwaltsames Signal ist der Schmerz, daß es etwas\nRechteres gibt, als das, was wir bisher als Recht\nansahen! etwas Schöneres als das, was wir gerade\njetzt unternahmen — etwas Höheres als das, was\nwir soeben planten!\nJa!\nKurz und gut —:\nDas ist ja auch der Grund, weswegen jede ein-\nzelne Qual, jegliches Unglück, das nur einen ein-\nzelnen von uns betrifft — eine erneute Kraft er-\nweckt, einen verstärkten Willen zum Siegen, bei\nuns selbst, wie bei den andern, die nur davon erzäh-\nlen hörten!\nUnd da liegt auch jenes Verborgene versteckt,\ndas in dieser Stunde unerklärlich intim Delitzsch,\nSie, meine Frau, Mumme und mich selbst zu einem\ngemeinsamen Vorsatz vereint! Gerade dies —: daß\nwir alle fünf (und unsere ganze Gegenwart hinter\nuns!) jeder mit seinem besonderen Einsatz in die-\nser Sache, jeder mit den Fähigkeiten und Pflichten\nseines Berufes, sozusagen als Vertreter sämtlicher\nHauptgebiete des bürgerlichen Lebens — heute in\neiner selbstlosen und wirksamen Kameradschaft\nhierher gerufen sind —: um so unseren .hierher ge-\nhörigen Teil an dem Zukunftswerk zu verrichten!\nUnseren Teil der Arbeit, um für jetzt wie auch\nin Zukunft dergleichen gräßliche Handlungen, wie\nsie Karl Mumme beging, abzuwehren! Um behilf-\nlich dazu zu sein, daß das Dasein sicherer und\nleichter wird für uns selbst, für unsere Kinder und\nfür deren Kinder wieder — bis zu den letzten Ta-\ngen! Um alle diese zahllosen Kommenden zu be-\nschirmen und zu beschützen, die verschont wer-\nden sollen, selbst am eigenen Fleisch und Blut er-\nfahren zu müssen — was es ums kostete, ihnen\nnützen zu wollen!\nAch, Herr von Geer —: und aus diesem Grunde\nist es unleugbar wahr, daß sich keine einzige Tat\ndenken läßt, mag sie noch so groß, noch so über-\nmenschlich erhaben über alles sein, was wir an-\ndern vermögen — ohne daß sie brennend notwen-\ndig für uns alle wäre . . . und auch keine Tat so\nelend, so bitter, so unerhört grausam und häßlich,\nso unfaßlich und teuflich böse, daß nicht auch sie\nim innersten Innern ein Fingerzeig wäre nach einem\nneuen Wege, der einen jeden vorwärts führt!\"\nMit Mühe, mit brennender Wange, hatte Glaß,\nplötzlich flüsternd, diesen letzten Satz ausgespro-\nchen — jäh umspannt von einem fieberheißen, gau-\nkelnden Gefühl, ihn nicht nur geäußert zu haben,\nweil er wahr war, sondern hauptsächlich, weil er\ndahinter Deckung gegen irgend etwas suchen\nwollte . . .er wußte selbst nicht was.\nUnd mit einem Ruck ließ er — völlig kraftbe-\nraubt und besinnungslos, bis zum Tode erschöpft,\nüber den ganzen Körper schweißtriefend — seinen\nNacken schwer nach der Wand zurückfallen . . .\nward aber im selben Augenblick wieder aufge-\nscheucht, indem er hörte, wie die Tür von da\ndrinnen ein klein wenig geöffnet wurde.\nDas schmale und brünette Gesicht des Proto-\nkollführers zeigte sich gleich darauf, glatt rasiert,\nein Büschel des schwarzen, blanken Haars fiel auf\ndie sommersprossige Stirn herab —:\n„Meine Herren!\" — stotterte er undeutlich, in-\ndem er leise auf den Gang hinauskam —:\n„Der Herr Assessor bittet Sie einzutreten!\nBitte schön!\"\nEr öffnete die Tür weit, trat dienernd einen\nSchritt zur Seite — ein Dunst vGn Verbandsachen\nund wollenen Decken drang ihnen von da drinnen\nentgegen.\n„Nach Ihnen — nach Ihnen!\" — sagte von\nGeer nervös und ließ Morton hineingehen. Folgte\nselbst atemlos nach, trocknete Stirn und Hals. Der\nProtokollführer klemmte lautlos die Tür hinter sich-\nzu.\nGlaß — der sich kaum aufrecht halten konnte,\ndessen Füße und Knie eisig kalt waren, dessen\nHerz wild und heiß hämmerte, dessen Gehirn\ngleichzeitig fror und brannte — war beschwerlich\nüber die Schwelle geschritten, hatte, wie im Traum,\nein paar Schritte in das Zimmer hineingemacht und\nstand jetzt schwindelnd da drinnen — in dem grel-\nlen Licht, das ihm dort von dem hohen Fenster ge-\nrade gegenüber entgegenschien, zwinkernd und\nblinzelnd.\nIn seinen Schläfen lärmte es dumpf und chao-\ntisch. Tief drinnen in ihm kroch eine zähneklap-\npernde Angst davor, dies Gesicht zu sehen, davor,\ndaß es unvermutet einen Haß in seinem Blut, eine\ngeheime Rachlust in seinen Nerven entzünden\nwürde — daß es plötzlich anfangen könnte, unter\nseinem Blick zu welken .. . und flackernd huschten\nseine Augen umher, ratlos, scheu.\nStückweis erkannte er so, was ihn umgab —:\nDer ganze, längliche Raum — hoch bis zur\nDecke, mit den weißlackierten Wänden, mit dem\nbraunen, blanken Fußboden.\nDa hinten die schmale Gestalt des Assessors,\ngroß, schwarz gekleidet, die sich wie eine Silhou-\nette von dem schimmernden Schwaß des Sonnen-\nlichts abhob.\nVor ihm ein viereckiger Tisch, überladen mit\nblendenden Papieren — und daneben, nach links\nzu, die gefalteten Hände auf dem Tischrande, ein\nkleiner korpulenter, weißbärtiger Mann mit hell-\nblauen Augen und roten Wangen, mit einer dunkel-\nblauen Jacke bekleidet.\nHier, zur Rechten, das Fußende des schwarzen\nEisengestells mitten ins Zimmer hinein —:\ndas Bett!\nUnd drinnen, halb sitzend, riesengroß, ein klein\nwenig seitlich gegen die weißen Kissen gestützt —:\nDort gewahrte Glaß mit einem Zipfel seines\nBlickes, atemlos und durchschauert —: eine ellen-\nbreite Brust mit ungeheuren Schultern, in gelb-\nliches, grobfädiges Hospitalleinen gekleidet . . . und\noben darauf, ohne Hals, die kolossalen Kiefer un-\nmittelbar auf dem breiten, umgebogenen Hemd-\nbund ruhend —: weißgrau, unförmig und massiv,\nwie ein Granitstein, dieser gigantische Kopf, der\nnach oben zu schmaler wurde .... mit einem\nschwarzen, krausen Vollbart nach unten zu und\neiner weißen Kappe von Verband nach oben zu!\nIm selben Augenblick überkam Morton ein un-\nbestimmtes Gefühl, daß eben jetzt ein paar Fragen\nan ihn gerichtet worden waren — mit der Stimme\ndes Assesors. Er glaubte gleich darauf auch hören\nzu können, daß er ganz mechanisch korrekt darauf\nantwortete.\nKämpfte gleichzeitig verzweifelt mit allen Sin-\nnen, um auszurechnen, was er selbst im innersten\nInnern zu tun beabsichtigte — jetzt binnen kurzem,\nwenn er den- Anblick von Karl Mumme nicht mehr\nvermeiden konnte! Entdeckte einen Moment spä-\nter, daß es völlig still im Zimmer geworden war,\nja, alle schwiegen, sie rührten sich nicht, sie saßen\noder standen todstill, ohne ein Wort, aufsehend —\nsein Herz pochte auf einmal laut und gewaltsam!\nEr war völlig überwältigt von dieser erwar-\ntungsvollen Angst, eine schauernde Kälte sprang\nzwischen seinen Schulternblättern hervor . . . und\ndann hörte er gleich darauf, aber anders als je zu-\nvor, dort vom Fenster her, die Stimme des Asses-\nsors: langsam, gewichtig, Wort für Wort —:\n„Ja, Karl Mumme —:\nVor Gottes Antlitz — und vor dem Antlitz die-\nses Mannes!\nVor dem Antlitz des Gatten der Ermordeten,\nfrage ich Sie im Namen des Gesetzes —: antwor-\nten Sie mir, Sie sind es gewesen!\"\nDurch eine sehr dichte Wolkenbank, die sich\nunvermutet um seinen Kopf und seinen Hals ge-\nsenkt hatte, und die jetzt von feuerroten Blitzen\ndurchzuckt wurde — erfaßte Morton mühsam die\nBedeutung dieser Frage und wandte mit einem\nRuck, tief verwirrt und verschmerzt, sein Ant-"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4928, "texte": "litz nach der Richtung um, wo er sich denken\nkonnte, daß das Bett stand — mit aller Macht sei*\nnen Willen darauf konzentrierend zu sehen.\nUnd für einen Moment lösten sich wirklich die\nNebel um ihn her.\nEr sah in mächtigen, harten Konturen diesen\npyramidenförmigen, riesenhaften Kopf aus Granit,\nmit Leinwandbinden, die sich von dem schmalen\nSchädel schräge über die niedrige und schmale\nStirn hinab kreuzend, das linke Auge verdeckten ..\nund von dem enormen, geschwollenen Mund mitten\nin dem struppigen Bart ging gleichzeitig eine\nschwere und holprige, eine hohle und zermalmende\nStimme aus —:\n„Nun ja!\nIch bin es gewesen!\nIst es nun gut — ich bin es gewesen!\" — und\nder steinerne Schädel erhebt sich mit einem Ruck,\ndreht sich jäh ein wenig nach links, aus diesem ein-\nzigen Auge da oben unter dem Rande der Binde\nblitzt plötzlich eisenblank der Blick hervor, der\nMortons Pupille wie eine Stahlhacke trifft, tief da\nhinabsaust, schimmernd und pfriemspitz da drinnen\nsteht — begraben bis an den Schaft in seinem Her-\nzen, das darunter ächzt.\nFm ersten Augenblick windet sich Glaß wild.\nRunzelt gleich darauf seine Brauen und starrt steif\nund heiß zurück. Aber im nächsten Nu glättet sich\nseine Stirn von neuem, aus dieser schmerzvollen\nWunde im tiefsten Innern quillt purpurrot das Blut\nletzend in alle seine Fibern hinaus. Sein Auge\ndehnt sich im selben Moment heiß und klar. Sein\nSinn wird hoch, meilenhoch — und er vermag auf\neinmal das Ganze zu überschauen, vermag den\nlückenlosen Zusammenhang zwischen allem zu er-\nkennen! Er sieht auf einmal sich selbst und\nMumme — als winzig kleine Teile eines ungeheu-\nren Ganzen. Siehe, Mumme und er sind auf der\nSpanne Tag und auf der Spanne Nacht — unauf-\nlöslich verbunden durch Morgendämmerung und\ndurch Abend! Die beiden sind ein Bild von der Erde\nzwiefachem Antlitz von Schmerz und von Lust!\nDas Zwillingspaar Unglück-Glück — das kämpfende\nDoppel-Ich der ganzen Welt, das ewig mit sich\nselbst ringen muß — damit wir alle erreichen kön-\nnen, was wir begehren! Mein Gott, ja, jetzt sehe\nich es deutlich von dem Kleinsten bis zu dem Größ-\nten, jetzt gewann mein Herz eine Wonne und eine\nMacht wie nie zuvor —: Lebe wohl, Karl Mumme,\nmein Bruder, jetzt scheiden wir frei, du und ich —\ndie wir gebunden zusammengeführt wurden, um\nzu lernen! Lebe wohl, auch du wirst einstmals in\neinem alles umfassenden Weitblick erkennen, daß\nder Sieg der deine v/ard— der meine und Annies!..\nAlle seine Nerven entzünden sich — von der\nHoffnung, die aus ihrem Namen herausschim-\nmert. Er tritt lächelnd einen kurzen Schritt vor,\nhoch und brennend überzeugt, daß jetzt ... ja, daß\njetzt, das Göttliche geschehen muß!\nUnd ganz recht ... er hemmt auf einmal den\nFuß und hebt seinen Kopf.\nLauscht sehnsuchtstrunken und reich.\nStill!\nMorch —:\nWas ist das?\nEin femer und sangheller Ton, ein steigendes\nBrausen von Flöten und Geigen aus weiter Ferne ..\nEinen Moment hat er ein unerklärliches Gefühl,\ndaß seine Knie sein Gewicht nicht mehr zu tragen\nvermögen. Er versucht lächelnd den Kopf darüber\nzu schütteln, tastet in die Luft, um einen Halt zu\nfinden, schwankt, taumelt hintenüber, fällt... und\ngleich darauf stößt er dort, auf dem Fußboden\nliegend, einen kurzen und gellenden Schrei aus —:\neine Stahlzange beißt eiskalt um sein Rückenmark,\nreißt mit einem Ruck, einem brüllenden Rütteln\nsämtliche Nerven aus seinem Körper heraus. Er\nstöhnt noch einmal. Es wird sofort nachher stock-\nfinster um ihn. Kohlschwarz, bodenlos, stumm\nüberall. Er ist allein — und kennt nichts um sich\nher.\nAber unmittelbar darauf ist er wiederum frei,\nwunderbar frei, stark und befreit, gewichtslos,\nschimmernd froh — neu!\nEr steht in einem funkelnden Saal von Marmor\nund Gold, an sein Ohr strömt eine unsagbar große\nMusik, er erkennnt glückselig diese schwellende\nMelodie wieder — ach, das glühende Motiv von\ndem allerersten Mal, als er Annie erblickte!\nSein Herz lacht vor Verlangen und Gewißheit:\nJa!\nDa eilt sie ihm entgegen!\nAnnie, mit deiner Seligkeitswange und deines\nBlütenmundes rotem Glück!...\nEr öffnet jubelnd die Arme —: Mein Lieb! Ist\nmit einem Sprung dort, preßt sie wild an sich.\nDen rechten Arm um ihre Hüfte geschlungen,\nihre beiden Arme rings um seinen Hals, ihre Wange\nan seiner Brust — beugt er langsam, entzückt den\nKopf vornüber! trinkt in einem Nu den labenden\nDuft ihres goldenen Haares, die Wollust ihrer\nblonden und schönen Haut, die Zärtlichkeit aus der\nTiefe der großen, blauen Augen! sein Mund neigt\nsich durstend auf die Kühle und Süße ihrer Lippen\nherab, in einem unendlichen Kuß werden ihre Her-\nzen flammend vereint... in der Ferne gaukelt die\nselige Symphonie der ekstatischen Instrumente!\nUnd wieder weiten sich die Mauern donnernd,\nsie zerspringen, fallen zusammen, verschwinden.\nDie titanischen Stürme des Himmelsraumes\nsausen mit allmächtig töneindem Lärm, die Sternen-\nscharen stieben golden darin umher. In dem unend-\nlichen Azur rollen Sonnen lodernd dahin — für\newig, für ewig!\nEnde"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-12-01-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-12-01_01#c015", "volume": "bmtnabg_1914-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "119", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.2.6", "titre_corps": "Vlatislav Hofman: GarleDpavillon: Das Obergesims / Originallinoleumse", "titre_sommaire": "Vlatislav Hofman: GarleDpavillon: Das Obergesims / Originallinoleumse", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 69, "texte": "Vlatislav Hofman: GarleDpavillon: Das Obergesims / Originallinoleumse"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-12-01-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-12-01_01#c016", "volume": "bmtnabg_1914-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Ihre Häuser ringen mit\nder Ohnmacht, werden von der tötlichen Hitze in\nAgonie gestürzt, die Fenster blinken im grünen\nLicht — unfreundlich — im Delirium des Qlanzes,\nwie Augen von Säufern oder Wahnsinnigen, wenn\nsie in den weißen blendenden Staub starren und\nnichts sehen. Eine Reihe von Häusern schwankt\nvor unseren Augen. Etwas weiter dehnt sich die\nReitschule der Husarenl, deren Vordach ein klein\nwenig Schatten wirft, und ein Rasen, auf dem\nbunte Blumen blühen, von Bienen und Drohnen\numschwirrit Der Atem stockt, als kämen wir aus\neinem heißen Bad. Unsere Körper schwitzen, un-\nsere Augen sehen unscharf, die Hände beben.\nWir waren) vier oder fünf — zehn bis zwölf-\njährige Knaben — in Turnhemden, Turnschuhen,\nungewaschen, schmutzig, kampfbereit und unser\nOpfer erwartend, den fetten Richter. Wir krankten\nan den Freuden der Hundstage und die ganze Welt\nwar uns ein gelber Taumel.\nUnter dem Vordach der Reitschule steckten wir\ndie Köpfe zusammen und harrten pochenden\nSchläfen. Sobald das Mittagsläuten ausklingt, wird\nsich unter dem kühlen Tor des Rathauses — pünkt-\nlich und verhängnisvoll — des fetten Richters\nFaßbauch hervorwölben. Dann läßt einer von uns,\nmeistens der schwarzverbrannte Paul Nagel, den\nSchlachtruf durch die Luft zittern:\n„Der fette Richter kommt!\"\nWir pressen uns noch stärker unter dem Tor\nder Reitschule zusammen. In der Stille des Ent-\nsetzens ist nichts hörbar als das Klopfen unserer\nHerzen. Bald darauf erzittert der Asphalt, und\ndies bedeutet, der fette Richter werde in Kürze an\nuns vorüberkommen. Noch einen Augenblick, und\ner wird da sein. Er trägt einen erdfarbnen Anzug\naus Rohseide, über den gewölbten Bauch hängt ihm\neine dicke Goldkette hinab, auf dem Finger hat er\neinen grünen Siegelring und ein Rohrstäbchen in\nder Hand."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9928, "texte": "Von seiner roten Stirae rinnt ihm in schmalen\nBächlein der Schweiß. Seine winzigen Maulwurfs-\naugen zwischen den Fettolstern blinzeln uns zu.\nIn uns schäumt die Wut, doch wir fürchten uns\nund unsere Kehlen pressen sich so zusammen, daß\nwir fast aufschreien.\nDoch wir schreien erst, wenn er schon zehn\noder zwanzig Schritte vor uns dahinpfaucht\nEiner reißt einen Erdklumpen von der Erde.\n„Nachschleudern!\" schreien wir und umringen\ninstinktiv den Helden, um ihn anzueifern.\n„Erschlag ihn!\"\n„Wirf! Wirf . . .!\"\nDer Klumpen fliegt in hohen Bogen und ver-\nspritzt zermalmt zu feinem Staub. Der sommer-\nsprossige Torday, mit dem Spitznamen „Das Trut-\nhahne!\", spannt seinen Schleuder und schickt dem\nfetten Richter zum Abschied einen bunten Kiesel-\nstein nach. Der Richter wendet sich um. Seine\nAugen blinzeln im Sonnenschein, dann rollt er ge-\nmächlich weiter. Wir aber debattieren gröhlend\nund mit falschem Pathos weiter.\n„Kruzitürken,\" schäumt es einem Tiirnhemdi-\ngen über die Lippen.\n„Dieses eine Mal ist er uns noch ausgekommen.\"\n„Aber nächstens,\" sagt der größere Torday,\n„schlag ich ihm damit den Schädel ein.\"\nIm Sonnenschein blitzt der Eisengriff einer\nPistole auf.\nSchauer erfaßt uns, wir freuen uns, sind glück-\nlich und fühlen uns stark. Unsere Muskeln sind\nhaßgestählt. Wir verlangen das Blut des Richters.\nDenn wir hassen: seine Häßlichkeit, verabscheuen\nseine krankhaft aufgedunsene Feiste, einfältig und\nblutrünstig -— wie nur Kinder hassen können. Nie-\nmals noch hatten wir eine solche menschliche Miß-\ngestalt gesehen. Die Füße trugen verdrießlich den\nfeisten Schmerbauch, der Körper verschwand voll-\nkommen unter dem strotzenden unid üppigen Fett,\naus dem bloß der jämmerlich kahle Kopf hervor-\nlugte, eine Fettkugel, die jeden Augenblick zu ber-\nsten droht. In der Mitte des Gerichtes aber trau-\nerte eine kleine Stumpfnase und diese Nase — so\nschien es — klagte oft weinerlich die Natur an, die\neinen unglückseligen Menschen entsetzlich, boshaft,\nohne Erbarmen verunstaltete. Doch fühlten wir\nkein Mitleid. Kinder kennen das Mitleid nicht. Die\nMoral der Kinder heißt Schönheit und jeder, der\nschuldig oder unschuldig ihre primitive Moral be-\nleidigt, fordert ihre Rache heraus und muß büßen.\nWir haßten die harmlose Kröte ebenso wie den\nfetten Richter. Haßten sie, wie alles Absonderliche.\nEines Nachmittages sprachen wir wieder über\nden fetten Richter.\nDer Streit galt der Frage, wovon der fette Rich-\nter so feist geworden sei. Paul Nagel erläuterte\nwichtigtuerisch:\n„Der fette Richter frißt Ochsen. Zu jedem Mit-\ntagessenl einen ganzen Ochsen. Den bratet ihm\nseine Mutter am Spieß.\"\nDer starke Torday rief:\n„Das glaubt der Teufel . .\"\nUeber die Versammlung lief ein Murren des\nZweifels. Keiner konnte sich vorstellen, daß der\nfette Richter überhaupt eine Mutter habe.\nPaul fühlte sich in der Mitte des Kreises immer\nunbehaglicher und stammelte, von der drohenden\nSchar umringt, ängstlich die Worte hervor.\n„Wenn ichs euch sage! Seine Mutter lebt noch.\nSie wohnt mit ihm. Hier in der Feuerwehrgasse.\nIch kenne sie . . .\"\n„Paul!\" schrie ihm der Vorturner unserer Klasse\nan und schlug zornig die Kappe zur Erde, „wenn\ndu nicht sofort das Maul hältst . . .\"\n„Hauen wir ihn,\" schrie es im Chor.\nPaul Nagel schaute uns mutig in die Augen:\n„Wenn ihr wollt, kann ich euch sofort hinfüh-\nren.\"\nDas war ein gutes Wort! Sofort brachen wir\nauf und zogen auf das seltsame Abenteuer aus. In\nRäubergeschichten hatten wir gelesen, daß die\nkühnen und edlen Recken den Feind im eigenen\nHeim aufsuchen, um mit ihm dort abzurechnen.\nAuh wir dachten an Aehnliches, während wir uns\nmit schwindligen Köpfen' dem kleinen Haus näher-\nten, dessen Fenster grüne Jalousien beschatteten.\nPaul wurde vorgeschickt. Nach einigen Minuten\nkehrte er mit triumphierenden Gesicht zurück.\n„Kommt!\"\nWir gingen hinein. Ins Haus des fetten Richters.\nZuerst mußten wir den Weg über eine kühle Ter-\nrasse nehmen, die vom Hof durch ein buntes Glas-\ntor getrennt war. Auf dem Hof saß im grünen Laub,\nzwischen Linden, Eschen und Jasmin, neben einer\nkleinen Kinderschaukel, eine magere traurige alte\nTante und strickte. Es war die Mutter des fetten\nRichters.\nAnfangs juckte es uns noch in den Kehlen und\nwir wollten lachen, aber das traurige alte Weib-\nchen nahm uns sanft bei den Händen und wir küß-\nten ihr die Hand, wie wir es unseren Müttern zu\ntun pflegten. Sie deckte sofort den Tisch, setzte\nuns auf tiefen, goldringigen Tellern Aepfel, honig-\nsüße Trauben und Kuchen vor. Sie ließ uns auch\nauf der Schaukel sitzen. Dann begann sie zu er-\nzählen. Die Schaukel habe noch ihrem Sohne ge-\nhört; als er noch in die Schule ging, turnte er\nsehr gerne. Wie sie um ihren Sohn gefürchtet, auf\nihn gewartet hatte, wenn er manchmal mit seinen\nFreunden fortging und erst nach der Torsperre\nheimkam, wie er als kleines Kind in den Sturm hin-\nausrannte, wie er sang und tanzte, wenn sie sich\nan langen Herbstabenden langweilten; welch ein\ngeschickter wackerer Bursche er gewesen sei und\nwelch ausgezeichneter Tänzer.\nAuch erfuhren wir, es habe weit und breit kei-\nnen besseren Vogelsteller gegeben.\n„Jawohl, meine Jungens,\" wiederholte sie,\n„auch mein Sohn fing Vögel. Tagelang trieb er\nsich auf den Wiesen umher, auf den großen, gro-\nßen Wiesen . . . Wie doch die Zeit vergeht . . .\nWenn ich bedenke, daß er damals aufs Haar ge-\nnau so aussah wie ihr jetzt .. .\" Die alte Frau\nblickte verträumt vor sich hin. Sie dachte an ihren\nSohn, der schon vierzig Jahre zählt und noch im-\nmer ledig ist. Mit dreißig Jahren haitte er eine drol-\nlige Liebe gehabt und auch einen Ehering getra-\ngen; er hatte viel geweint und geseufzt und war\nflink zum Stelldichein geeilt, wie eine Dampfma-\nschine. In ein Konditoreifräulein war er verliebt\ngewesen, doch dieses fand seine Feistheit komisch.\nEr aber ging häufig in die Konditorei, aß vor Kum-\nmer die Hälfte des Vorrates auf, zahllose Schaum-\nkrapfen und Cremeschnitte, die ihn noch feister\nmachten. Wie andere sich dem Trunk ergeben, so\naß er vor Liebeskummer, aß und aß, immer mehr\nund mehr. Ein Jahr lang trug er den Ehering, der\ndann bald von seinem dicken Finger verschwand.\nAn dieses Ding mochte das Tantchen denken,\ndenn ihre Augen füllten sich mit kleinen Tränen-\ntropfen. Wir aber betrachteten sie . . . wir warte-\nten noch immer auf den fetten Richter, um ihm\neinen höllischen Streich zu spielen, hier in seinem\neigenen Heim; doch unsere Lust war schon merk-\nlich abgeflaut, es fröstelte uns in der Hitze der\nHundstage.\n„Bitte, erzählen Sie noch etwas,\" bat Paul\nNagel.\n„Erzählen Sie,\" baten wir gerührt.\nDer kleine Torday schmiegte sich an das Tant-\nchen.\nSie streichelte sein Haar und blickte ihm in die\nAugen.\n„Ei, mein Söhnchen,\" sagte sie zärtlich, „hast du\naber ein zerrissenes Hemd. Wie karm man nur so\nherumgehen . .\nDann sing sie ins Zimmer und brachte ein Päck-\nchen, in dem Kleider waren. Klein-e Schuhe, Röcke,\nTurnhemden; auch eine reichhaltige Käfersamm-\nlung.\n„Dies alles war sein\", sagte die alte Frau, „auch\ndieses kleine Hemd. Schau, wie es dir paßt. Auch\ndiese kleinen Schuhe. Auch die werden dir gut sein.\nAuch dieses Röckchen. Wer will es? Dies alles war\nsein.\"\n„Auch das hier?\" fragte Torday stotternd und\nungläubig und hob ein grünes Schmetterlingsnetz\nvom Tisch.\n„Auch das.\"\nDas spöttische Johlen, das uns noch unter dem\nTor die Kehlen juckte, schlug jetzt in eine seltsame,\nnasenrümpfende Verwirrung um, die unsere Ge-\nsichter weinerlich, tölpelhaft, fahlblaß machte.\n„Auch das hier?\" fragten wir alle und reichten\ndas grüne Schmetterlingsnetz von Hand zu Hand.\n„Unsere Netze sind ebenso.\"\nWir standen im Schatten der Bäume. Einige\nstiegen auf die Schaukel, ließen noch einmal' ihr\nscharfes Gellen ertönen und versuchten, im Grase\nPurzelbäume zu schlagen. Aber wir fühlten uns\nnicht mehr recht behaglich. Eine seltsame Neuig-\nkeit würgte in dieser Abenddämmerung unsere\nKehlen, wie wenn man zum ersten Mal wegen des\nkranken unruhigen Fleischstückes zwischen d\"en\nRippen nicht schlafen kann und bemerkt, daß dieses\nFleischstuck lebt und Schmerzen verursacht. Und\nin einem Nu fuhr es uns durch die Köpfe daß der\nfette Richter auch einmal ein Kind war, ein Kind\nwie wir, das den Vögeln nachjagt, sich schaukelt\nund mit dem grünen Netz Schmetterlinge fängt.\nAls wir diesen Gedanken zu Ende gedacht hatten,\nwaren wir keine Kinder mehr. Unsere Gesichter\nwaren gealtert, die Augenlider zuckten uns nervös\nund in unseren geweiteten dunklen Augen glühten\nalle Tragödien und Mysterien des Lebens. Demü-\ntig standen wir nebeneinander, traurig, besiegt und\nstumm.\nSpäter versuchten wir, die Fröhlichkeit zu er-\nzwingen. Wir fingen zu singen an, verstummten\naber sofort erschrocken, ohne jeden Grund. Musi-\nzierende Käfer flogen an unsere Kappen, die Köpfe\nschmerzten uns vom Duft des heißen Grases.\nWir lehnten uns an die Mauer und schlössen die\nAugen. Alle sahen wir eine blaue Wiese, auf der\nein kleiner ausgelassener Knabe — der fette Rich-\nter — herumtollt. Seine Lippein haben einen trau-\nrigen Zug nach unten, doch in seinen Augen glänzt\ndas kindliche Reich der Reinheit, Munterkeit und\nFröhlichkeit, das so bald vergehen muß. Einen\nschlanken Knaben sahen wir, barhäuptig und glück-\nlich, mit dem grünen Schmetterlingsnetz nach einem\nscheuen weißen Falter schlagen.\nBeschämt schlichen wir auf die Straße, in die\nNacht des Hundstages.\nHeiß und schwarz war diese Nacht.\nAn einer Ecke kam uns mit dröhnenden Schrit-\nten der fette Richter entgegen.\n„Guten Abend,\" sagten wir und lüfteten nach\nGebühr die Kopfbedeckungen.\n„Guten Abend,\" sagte der fette Richter lächelnd,\nunschuldig, wie ein kleines Brüderchen, und lüftete\nebenfalls seinen Strohhut.\nStumm ginigen wir weiter.\nIn dieser Nacht konnten wir in unseren Betten\nlange nicht einschlafen.\nAls es endlich gelang, träumten wir, der fette\nRichter weine in einer blaubebänderten Wiege, ein\narmes pausbäckiges Baby und schaue uns mit gro-\nßen Augen an, traurig, sehr traurig.\nEinzigautorisierte Übertragung aus dem Magyarischen von\nStefan I. 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W.\nDeutsche Künstler, wie man es nennt, ohne Form\n(nach Herrn Fritz Stahl ist jetzt Form Uebersetzung\nfür Mode):\nHerr Franz Werfel, der sehr geschätzte Lyri-\nker, enthüllt sich so im schlichter Prosa: „Für die\nErkennenden aber bleibt eins zu tun, sich nicht\nnach dem Wind zu drehen, sondern zu erwecken,\nzu lehren, zu bessern!\" Ja, wenn die Erkennenden\nerwacht sein werden und zu lehren und zu bessern\nanfangen, hat sie der Wind schon so gedreht, daß\nsie auch fernerhin nichts erkennen können.\nHerr Herbert Eulenberg, der sehr geschätzte\nDramatiker, enthüllt sich so in schlichter Prosa:\n„Keiner hat, so übertrieben es klingen mag, wäh-\nrend Kriegszeiten einen schwereren Stand als der\nKünstler. Die Beschäftigung mit der Kunst ist ein\nLuxus, den die Menschheit in solchen eisernen\nWochen, wo um das Dasein der Einzelnen wie der\nVölker gestritten wird, am ehesten entbehren\nkann.\" Der Stand der Künstler sollte sich diesen\nLuxus auch im Frieden nicht gestatten. „Es tut\naber auch namentlich bei den heutigen Kriegen mit\nihren ungeheuren Anforderungen an die Kräfte des\nMenschen garnicht not, zu singen. Früher, ais man\ngemächlich durch die Lande marschierte, da und\ndort biwakierte und an einer Schlacht für Monate\ngenug hatte, da mag es schön gewesen sein, seine\nStimmen beim Wandern oder Lagern zum Gesang\nzu erheben. Aber heute, wo Schlacht auf Schlacht\nfolgt und ein Eilmarsch sich an den anderen reiht,\nwird kaum eftrem noch zum Singen zu Mute sein,\nganz abgesehen davon, daß es meist aus Besorg-\nnis vor Ueberfällen völlig verboten ist.\" Im Frie-\nden ist die Besorgnis vor Ueberfällen leider nicht\nvorhanden, man ist jedem Sänger ausgeliefert, der\nsingt, wie anderen der Schnabel gewachsen war.\n„die Kunst geht ja meist auf Erhöhung und Ver-\nschönerung des Lebens . . .\" Sie bleibt allerdings\nin diesen Fällen sitzen. Herr Herbert Eulenberg\nhat vor, nach dem Kriege uns erhöhende und ver-\nschönernde dramatische Kunst zu überlassen. Aber:\n„Aber wir müssen vortreffliche Schauspieler in\nDeutschland züchten, wenn nicht die kommende\ndramatische Kunst wirkungslos verpuffen soll.\"\nDie dramatische Kunst wird doch nicht vorbei-\nschießen, wenn die vortrefflichen Schauspieler in\nReih und Glied gezüchtet vor einem Eulenberg\nstehen.\nDeutsche Künstler, wie man es nennt, mit Inhalt:\nMerr Ludwig Fulda, der sehr geschätzte Klassi-\nker, hat neue Inhalte gefunden:\nTrauriger Glanz\nDer Dämon der Weltgeschichte\nwird manchmal plötzlich toll,\nund noch seine besten Gedichte\nsind wirr und widerspruchsvoll.\nWie man hingegen weiß und sieht, sind die\ntraurigen Glanzgedichte von Herrn Ludwig Fulda\nklar und widerspruchslos. Er redet den deutschen\nFrauen ins Gewissen, die Könige anderer Län-\nder heirateten und ihnen nach Bibel und Recht\nfolgten:\nIhr armen fürstlichen Frauen\ndünkt nicht euer Loos euch herb?\nerfaßt euch kein Gruseln und Grauen\nvor eurer Gatten Gewerb4?\nDas Gewerb' war diesen Damen ja schon läng-\nstens bestens bekannt. Herrr Ludwig Fulda hätte\nsie mit dem Grauen allein schon erschüttert, wenn\nnicht das Gruseln zum Gewerb' des Versfußdich-\ntens gehört hätte. Dieses Gewerb' ist besonders\ngruselig, es kann einen das Grauen erfassen, wenn\nman bedenkt, daß dieses Gewerb's wegen die Müt-\nter der fürstlichen Frauen eigens in die Gruft ge-\nlegt werden müssen:\nIhr armen fürstlichen Frauen\ngeschieden durch ewige Kluft\nvon eurer Väter Gauen,\nvon eurer Mütter Gruft.\nVielleicht hätte Herr Ludwig Fulda, um dieses\nUnglück zu ersparen, auch die ewige Kluft über-\nbrücken können. Aber die ewige Kluft wird sich\nstets zwsichen Dichtung und Fulda auftun. Dafür\nist er aber der anerkannte Freigeist, der es den\nfürstlichen Frauen einmal nach Herzenslust gibt:\nEntartet sind eure Herzen,\nund euer Gewissen ist lahm,\nwenn nicht unter glühenden Kerzen\neuch anhaucht glühende Scham . . .\nEs müssen eigens glühende Kerzen angezündet\nwerden, damit sie die glühende Scham nicht aus-\nhaucht. Die Kerzen sind zwar in besseren Häusern\nschon abgeschafft und die Salben auch, aber was\ntut man nicht dem Versfußgewerb' zu Liebe:\nMag Purpur üppig rauschen\num euren gesalben Leib,\nes möchte doch mit euch tauschen\nnicht etwa Herr Ludwig Fulda, sondern\nkein deutsches Bettelweib.\nIch tausche dann schon lieber mit dem Dämon\nder Weltgeschichte, der manchmal plötzlich toll\nwird.\nHerr Fritz von Unrruh, auch ein sehr geschätz-\nter Lyriker, sendet dem Berliner Tageblatt ein Ge-\ndicht, demselben Berliner Tageblatt, das die Ge-\ndichte des Herrn Ludwig Fulda hochachtungsvoll\nveröffentlichte:\nMeinen deutschen Meistern\nO Meister, die ihr still dem Schwertsang lauscht\nder hell aus unserm jungen Siegesfeuer\nhinbrennt zum Atem Eurer Götterleyer,\nO hört es wohl, was uns die Heere rauscht —\nDieser Gedankenstrich ist begründet, was uns\ndie Heere rauscht kann nur durch Schwertsang\nlauscht klar werden. Es ist nicht wirr, aber wider-\nspruchsvoll. Vielleicht klingt die Götterleyer so\ngramatikalisch verstimmt\nVertreibt unwürd'ge Jünger ernster Kunst,\ndie unser Blut sich zum Gewerbe machen,\no hütet wohl in dreimal heil'gen Wachen\ndas reine Antlitz wahrer Heldenbrunst.\nDa muß man drei'mal wachen, um das Antlitz\nder wahren Heldenbrunst zu sehen, es scheint sich\nsonst in Rauch aufzulösen. Und dem Berliner Tag'-\nblatt wird man es wohl, sogar drei'mal sag'n müs-\nsen, daß es die unwürd'gen Jünger ernster Kunst\nvertreiben soll, die Blut sich zum G'werbe machn.\nKunst ist nämlich erstaunlicher Weise kein G'werbe,\nnicht einmal ein Handwerk. Aber auf das Handwerk\nverstehen sich Gewerbetreibende nicht. So kann\nes vorkommen, daß sie für Kunst ein Handwerk\nhalten, was sie verstehend nicht verstehen.\nHerr Richard Schaukai, ein sehr geschätzter\nSonetterich:\nDoch Du, mein Oesterreich, darfst Dich erkühnen,\nSo alt Du bist, Dich trotz dem vielen Schlamme,\nDrin schlechte Gärtner Dich, die Gott verdamme,\nBestehen ließen, recken unter Hühnen\nDie starken Wurzeln, die Dich tragen, breiten\nSich dauerhaft durch unerschöpfte Zeiten,\nUnd mag's von Deinen Aesten noch so splittern\nMag selbst Dein ganzer großer Bau erzittern:\nDu wirst, was immer Widersacher sagen,\nNoch in Aeonen frische Blüten tragen.\nManchmal glaubt man gai nicht, was ein ß >ch-\nstabe bedeuten kann, hätte Herr Schaukai dem\nBau noch ein m zugegeben, so wäre es dem Baum\nsicher leichter geworden noch in Aeonen frische\nBlüten zu tragen, als dem ganzen großen Bau. Dem\nwird es trotz der dauerhaften Qualität de-* Wur-\nzeln schwer werden, vor seinen Aesten» zu split-\ntern. Die Gärtner, die Gott verdamme, können doch\nnicht so schlecht gewesen sein, wenn sie mein\nOesterreich trotz dem vielen Schlamme bestehen\nließen. Oder sollte Herr Schaukai nur wegen der\nKunst das Be stehen gelassen haben.\nLissauer schafft\nEs interessiert immer, wie so ein Künstler so\nschafft. Lissauer, der schon immer mehr überaus\ngeschätzte Lyriker, der sich nunmehr schon das\nLeitwort Nachdruck verboten erlauben kann, ist\nsässig, friedlich, gelahrt. Man ist überzeugt, daß er\nbreit im Armstuhl sitzt — das Kinn stützt (daran\nerkenne ich meine Dichter) — meditiert. Bisweilen\nschnellt er vom Sessel, — rennt Hart aus sich\nbricht er Sprache. Breit breitet er beide Arme. Er\nbrauchte sich nur auf die Wartburg zu versetzen\nund bisweilen zu verrennen und schon ist Luther\nfertig:\nLuther auf der Wartburg\nBreit sitzt er im Armstuhl — stützt das Kinn —\nmeditiert:\nVor ihm liegt die Vulgata, alt und neu Testament.\nBisweilen schnellt er vom Sessel, — rennt;\nHart aus sich bricht er Sprache und wirft auf den\nBogen das Wort.\nHorcht, feilt, hämmert, lugt, zielt, trifft —\nAlso, bohrend und bosselnd, schreibt Luther\ndeutsch die Geschrift.\nDas Dichten ist nicht so einfach. Man braucht\neine Menge Werkzeug, um sein Geschriftsel zu-\nrechtzubosseln. Der einzige Unterschied zwischen\nLuther und Lissauer ist weniger das Aussehen\n(von Luther heißt es: sässig, friedlich, gelahrt) als.\ndie Aussicht. Lissauer wohnt zwar in der Eise-\nnacherstraße, aber bei Eisenach sieht es doch an-\nders aus. Nämlich:\nRund um die Stube öffnet sich Wandung und\nMauer;\nWiesen und Wässer, Wald bei Wald, Berg an\nBerg\n— Ein Fuhrmann rasselt vorüber, zurufend ackert\nein Bauer —\nsitzen, ratend und helfend um Luthers Werk.\nWelch ein Dichter! Von seiner Stube aus hat er\nnur den rasselnden Fuhrmann zur Verfügung und\ner kann sich die ganze Natur mit Naturtreue vor-\nstellen. Wiesen und Wässer, Wald bei' Wald, Berg\nan Berg. Wer sollte da nicht an die Wartburg\ndenken. Bei diesem impressionistischen Bilde ist\nein Nichterkennenkönnen völlig ausgeschlossen.\nSchwieriger für den Laien wird es schon, Wiesen,\nWässer, Wald und Berg ratend und helfend um\nLuthers Werk sitzen zu sehen. Hoffentlich haben\nsich die Wiesen nicht in die Nässe und die Wälder\nin die Tinte gesetzt. Und man glaube ja nicht, daß\nder vorüberrasselnde Fuhrmann und der ackernde\nBauer um Luthers Werk ratend und helfend sitzen.\nDiese beiden Herren sind ausschließlich wegen des\nReims auf Mauer hinzugezogen, sonst aber gänz-\nlich unbeteiligt.\nManchmal am Fenster hält er ein, sinnend in Rast;\nBreit breitet er beide Arme und faßt.\nLissauer schafft"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-12-01-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-12-01_01#c020", "volume": "bmtnabg_1914-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "124", "page_fin": "124", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.2.11", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.12", "debut_caractere": 482, "fin_caractere_exclue": 644, "texte": "Notiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. 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StraBenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwunscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Viert el j ahres bis\nzum ffinften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nziehung des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoscbfcs; Zwanzisr Blatt Zeichnungesi /\nStrichStzung / Auf Kaiserlicb Japan-Papier Sa\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton ein-\nfacherer Mappe 12 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-12-01-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-12-01_01#c023", "volume": "bmtnabg_1914-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "124", "page_fin": "124", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.12", "debut_caractere": 2857, "fin_caractere_exclue": 5677, "texte": "Kandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nz i g ganzseitigeri A b b i 1 d u n g e 11 und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel j Tragodie / Ihr stilles\nQ1 ii c k —! / Drama / Ein Taubenschlag I\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel jesus / Roman I 2 Mark\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark / Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplar en auf Van Gelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nI Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nSturm-Biicher I: August Stramm: S a n c t a Su-\nsanna I 50 Pfennig /' II: August Stramm: R u d i -\nmentar / 50 Pfennig ,/ III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst /' 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Walden: Dainislieder / Zu Qe-\ndichten von ArnoHolz / Filr Qesang und Kla~\nvier J 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einzeln: Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn j 50 Pfennig\nDer Sturm / Heeresmarsch / Fur Klavier /\n50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLacfaen / LuigiRussolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug In voller Fahrt j Giso Sevc-\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin I Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni? Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter,/ Marc Chagall (4) /\nKlee I Leger / Jawlensky ./ Werefkin / Gleizes\nI Archipenko J usw\nErschienen bisher 31 verschiedene Karten\nIllustrierte Sturm - Austel lungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin,/ Marc Chagall / Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat fiir die Zeitschriit\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nGemalde / Aquarelle / Zeichnungen /\nHanddrueke / Plastiken\nsind von folgenden Kiinstlern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko I Oskar\nKokoschka J August Macke / Paul Klee / Carl\nMense / Campendonk / Gabriele Miinter / Jaw-\nlensky I Marianne von Werefkin / Albert Bloch /\nHans Arp / Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzin-"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-12-01-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-12-01_01#c024", "volume": "bmtnabg_1914-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "124", "page_fin": "124", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.12", "debut_caractere": 5679, "fin_caractere_exclue": 6256, "texte": "ger I Marc Chagall I Fernand Leger j Jacoba vai>\nHeemskerck / Otakar Rubin / Emit Filla / Vincent\nBenes / Otto Gutfreuna / Bocdoni I Severinf I\nCarra / Russolo / Francis Picabia / Schmidt-\nRottluff I Walter Ilelbig I Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden / Elftes\nJahr /' Jahresbeitrag 20 Mark I Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm / Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jalir frei eine Sturmpublikation: 1913<14$\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst\nWegen Einladung zu den Autorenabenden wende\nman sich an den Verlag Der Sturm"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1914-12-01-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1914-12-01_01#c025", "volume": "bmtnabg_1914-12-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "124", "page_fin": "124", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.12", "debut_caractere": 6258, "fin_caractere_exclue": 6424, "texte": "Zeitschriften\nLa Cerba / Halbmonatsschrift / FioFenz ! 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Nur soviel: es wird sich empfehlen, in\nVerbindung mit den hier vertretenen Mialern, mit\nCampendonk, Franz Marc, Kokoschka, nicht so\nsehr an Ludwig Knaus und Paul Thumann zu den-\nken, die unleugbar auch in Deutschland geboren\nsind, als viel mehr an die Maler unserer Qotik,\netwa an den Schöpfer der Straßburger Qlasfenster,\nan die Kölnischen oder Westfälischen Meister,\noder um einen großen Geistesverwandten späterer\nZeit zu nennen, an Mathias Grünewald. „Deutsch\"\n— das bedeutet hier nicht Butzenscheiben-Roman-\ntik, Mondscheinpoesie und Vergißmeinnicht-Pin-\nselei, sondern Leidenschaftlichkeit der Darstellung,\nDrang der Phantasie, Herrschaft des Geistes\nDie Künstler unserer Zeit sehen in den frühen\nMeistern nicht die Vorlagen ihres Schaffens. Keine\nSpur von Archaismus ist in ihrer Kunst. Aber sie\nerkennen in den Gotikern ihre rechtmäßigen Ahnen.\nWas sie vereint, ist die Liebe zum Ausdruck.\nNichts anderes bedeutet „Expressionismus\". Die\nBaumeister, die Plastiker, die Maler und Zeichner\nder Gotik waren Expressionisten, ebenso waren es\ndie Aegypter, die Griechen der vorklassischen\nZeit. Die expressionistische Kunst, der man mit\nVorliebe das Stigma der saisonhaften Modenarre-\ntei anheftet, ist in Wirklichkeit das Wiederer-\nwachen von Neigungen, die in der Kunst zu ihren\nglücklichsten Zeiten stets geherrscht haben. Wäre\njene Liebe zur Gotik, die Manchem heute mit so\nverdächtiger Eile aus der Feder fließt, ehrlich, so\nmüßte die Marc, Kokoschka, Heemskerck, Mense\nlängst zu Ehren gekommen sein, die ihnen zustehen.\nAber weshalb sind diese Bilder so sonderbar?\nWeil ihre Maler es mit der Kunst ernst und genau\nnehmen. Weil sie in den Schwerpunkt ihres Schaf-\nfens endlich wieder künstlerische Rücksichten ge-\nstellt haben, anstatt wissenschaftlicher, literari-\nscher oder geschäftlicher Rücksichten. Man hat\ndas freilich getadelt, als nackten Formalismus, un-\nlebendige Aesthetenkunst. Aber um solche Dinge\nhandelt es sich ganz und garnicht. Der Expressio-\nnismus kennt keine Form, die ohne Beseelung,\nohne Ausdruck wäre. Die Form steht ihm im\nDienste des Ausdruckes. Aber dieser Ausdruck\nsoll ein rein künstlerischer sein — je reiner, desto\nbesser! Wer befürchtet, die absolute Reinheit des\nkünstlerischen Ausdruckes mache ein Werk steril,\nverrät nur, daß er in der Kunst bisher nur das ge-\nschätzt hat, was Nicht-Kunst, Trübung, Beimen-\ngung war.\nDer Expressionismus hat endlich wieder künst-\nlerische Rücksichten in den Schwerpunkt des\nSchaffens gerückt! Was das bedeutet, wird uns\ndeutlich, wenn wir in Gedanken ein impressioni-\nstisches Werk mit einem modernen vergleichen,\nDenn der Impressionismus ist der Prototyp einer\nKunst, die ihren Schwerpunkt verloren hat.\nJedes Kunstwerk, das Anspruch auf diese Be-\nzeichnung erheben kann, ist ein Organismus. Ein\nunorganisches Kunstwerk ist ein Widerspruch in\nsich selbst. Organisch schaffen, ist das Wesen der\nkünstlerischen Arbeit, und die Gabe, geistige Dinge\norganisch wachsen zu lassen, ist das, was den\nKünstler, in weiterem Sinne, vom Nicht-Künstler\nunterscheidet. Das wahre Kunstwerk ist etwas\nGewachsenes, Entstandenes, und der Satz des Bio-\nlogen Uexküll: „Nur die Maschinen werden ge-\nmacht, die Organismen aber entstehen\" gilt auch\nfür die Kunst. Deshalb ist es die erste Aufgabe des\nKünstlers, aus dem Schaffensprozeß alles auszu-\nschalten, was das gerade Wachstum seiner Far-\nben, Formen und Linien beeinträchtigen könnte.\nAuch der Impressionist will selbstverständlich\neinen Organismus schaffen. Aber er verfällt beim\nSchaffen demselben Irrtum, dem beim Denken die\nHäckel und sonstige Rationalisten verfallen: beide\nordnen sich äußeren Tatsächlichkeiten — soge-\nnannten Tatsächlichkeiten! — unter. Halb fol-\ngen sie den Bildungsgesetzen der Innenwelt, halb\nden Regeln fertiger äußerer Bildungen. Was ent-\nsteht, kann kein Organismus sein, denn ein solcher\nkann nur auf einem Boden wachsen. Es gibt\nkeine Pflanze, die mit der Hälfte ihrer Wurzeln im\nGebirge, mit der anderen Hälfte an der See wächst.\nWie Kant unserem Denken einen Schwerpunkt\ngegeben hat, so die Expressionisten dem künstleri-\nschen Schaffen, indem sie es rein wachsen lassen\naus dem inneren Formvermögen, aus der Anschau-\nungskraft, der Phantasie. Der Impressionist dage-\ngen gönnt diesen Kräften nur eine bedingte Mit-\nwirkung, und darüber hinaus ist sein Glaubensbe-\nkenntnis: „Gelingt es mir, ein Stück Natur so unmit-\ntelbar und so richtig zu erfassen, daß sich nichts\nFremdes einschleicht, so habe ich genügend Organi-\nsches eingefangen, um ein Bild davon leben lassen\nzu können.\" Er schafft also nicht organisch, sondern\ngibt fremde Organismen wieder. Aber Kunst heißt\nnicht, Organisches wiedergeben, sondern eben or-\nganisch schaffen. Und weil der Impressionist das\ndurcheinander bringt, hat seine Kunst den Schwer-\npunkt verloren. Sein Bild ikann nur noch auf dem\nWege des Zufalles zu einem Anschein des organi-\nGefüges kommen. Wohl ist die Natur organisch,\naber sie ist es nur als Ganzes! Der Impressionist\nkann nur ein Stück der Natur wiedergeben —\nStücke aber sind ihrem Wesen nach unorganisch.\nIch sagte, der Impressionist erreicht zuweilen\ntrotz allem den Anschein des Lebendig-Organi-\nschen, dadurch nämlich, daß er eine äußere Einheit-\nlichkeit über die verschiedenen Teile legt, die dem\nvon ihm herausgerissenen Stück Natur angehören.\nDas ist die Stimmung und zwar meist die atmo-\nsphärische Stimmung, eine Einheit, die freilich letz-\nten Endes nur wieder stofflicher Art ist. Daß sich\nder Impressionist an die Stimmung klammert, zeigt\ndeutlicher als alles andere, wie stark bei ihm das\nGefühl ist, den eigentlichen Schwerpunkt des\nSchaffens verloren zu haben. Denn die Stimmung\nist selbst etwas Labiles, Unzuverlässiges, nicht\nmehr als der Strohhalm, an den sich ein Ertrinken-\nder preßt. Das macht die Arbeit des Impressionisten\nerst recht wacklig und hin und her treibend. Von\nder inneren Unsicherheit leitet sich die ganze Art\nder Nuancen- und Valeurmalerei her, das Tupfende,\nVerwischte, Andeutende, fast möchte man sagen:\nStotternde. Der Impressionist rettet sich zu sol-\ncher Technik, bei der er am ehesten auf die Gunst\ndes Zufalles hoffen darf.\nDas impressionistische Bild ist seinem Wesen\nnach isoliert. Es wirkt in aller Welt wie ein Fremd-\nkörper, und nur unter Seinesgleichen in Ausstellun-\ngen oder Museen verliert es etwas von einer Isolie-\nrung. Zur Natur verhällt es sich wie Wasser zum\nFeuer, und zur Kunst wie ein Krüppel zum Gesun-\nden. Deshalb bleibt ihm nichts übrig, als einen un-\nerhört breiten und stark profilierten Goldrahmen\num sich zu nehmen und Kuriosität zu sein.\nDas moderne Bild braucht keinen Rahmen. Als\netwas organisch Gewordenes fügt es sich allem\nOrganischen selbstverständlich ein, jedem schönen\nRäume, jeder Nachbarschaft guter Bilder, mögen\nsie sein aus welchem Jahrhundert und aus welchem\nLande sie wollen. In allem Organischen sind die\ngleichen Gesetze an der Arbeit gewesen, alles Or-\nganische ist miteinander blutsverwandt.\nZweierlei gehört zum Wesen des Organischen:\ndie Zweckmäßigkeit in Rücksicht auf ein bestimm-\ntes Ziel und die lebendige Tätigkeit in, zusammen-\ngreifenden Funktionen. Das Ziel des expressionisti-\nschen Bildes haben wir erkannt in dem Ausdruck\neines Erlebnisses. Der Impressionist begnügte sich\nmit dem Eindruck, mit der Oberfläche, dem Schein.\nDer Expressionist will die geistige Quintessenz\neines Erlebnisses. Das Mittel, sie zu erreichen, ist\nfür die Künstler, die hier vertreten sind, der Kubis-\nmus.\nDer Kubismus, der in dem Rufe steht, eine\nkalte intellektuelle Methodik zu sein, ist in Wahr-\nheit völlig aus dem Gefühl geboren und will ledig-\nlich Ansprüche des Gefühls befriedigen. Freilich\nnicht das Gefühl dafür, ob ein Stück der Bildfläche\nSeide oder Wolle darstellt, sondern das Gefühl\nfür den innersten Zusammenhang der Dinge, ein\nkosmisches Weltgefühl. Der Kubismus ist nicht\nSelbstzweck. Der Maler, der Bildhauer, der Archi-\ntekt ist nicht kubistisch, um kubistisch zu sein, son-\ndern weil sich gewisse Dinge nur in dieser Sprache\nsagen lassen.\nWas zu der Entstehung dieser Sprache führte,\nwar der Wunsch, dem Bilde das funktionelle Leben\nzu geben, das zum Wesen eines wahren Organis-\nmus notwendig gehört. Das impressionistische Bild,\nherausgerissen und isoliert, war starr. Das expres-\nsionistische Bild, ein lebendiger Kosmos, und daher\nallem Kosmischen eingebettet, nimmt teil an der\nallgemeinen Bewegung der Welt. Deshalb sind\nseine Formen nicht starr, sondern flüssig. Die\nForm wird mir nicht fertig gegeben, sondern sie\nwächst und entsteht. Für fertig übernommene\nGegenstände ist im dieser Kunst selbstervständhch\nkein Platz. Aber was für ein Armutszeugnis wäre\nes nicht für die moderne Kunst, wenn sie noch im-\nmer an der Gesetzlichkeit des Gegenständlichen\nhaften wollte, nachdem unsere Denker längst die\nBedeutungslosigkeit des Gegenständlichen für jede\ntiefere Erkenntnis durchschaut haben.\nDer Kubist kann seinen Formen nur dadurch\nden Sinn des Werdens, das funktionelle Leben ge-\nben, daß er die einzelnen Elemente der Form viel-\ndeutig macht. Im impressionistischen Bilde war\njedes einzelne Stück etwas Bestimmtes: Baum-\nstamm, Laub, Wand, Wolke usw. Daher die Starr-\nheit. Wenn der Kubist die Form entstehen\nlassen will, so darf er sie nicht abschließen, er muß\nsie aus dem Ganzen herausschwingen lassen, her-\nausfließen. Das einzelne Stück der Fläche bedeu-\ntet nichts, erst in der Beziehung mit allen anderen\nerhält es seinen Sinn. Der Maler kam also not-\nwendig zu Elementen der Form, die für sich stoff-\nlich und gegenständlich neutral sind. Kubismus\nheißt nicht, daß es unter allen Umständen Kuben\nsein müssen. Sonst wäre der Kubismus das, was\ner am allerwenigsten ist: eine dumme Art der Stili-\nsierung. Der Ausdruck Kubismus bedeutet ver-\nnünftigerweise nur, daß sich für den modernen\nMaler Elemente zum Aufbau der Form empfehlen,\ndie wegen ihrer von Fern geometrieähnlichen Art\ndie Kristallisation des Ausdruckes ermöglichen.\nDeshalb ist der Kubismus eine geometrische Wis-\nsenschaftliclikeit sowenig, wie etwa der Pythago-\nräismus eine Rechnerei war. Er hat vielmehr wie\njener einen mystischen Grundzug.\nDie Gegenwart eines futuristischen Bildes gibt\nuns Gelegenheit, den historischen Ausgangspunkt\nder kubistischen Formensprache kennen zu lernen.\nEs zeigt sich sehr deutlich, daß der Antrieb zur\nSchaffung dieser Sprache ein Gefühl war. Der\nFuturist wollte den denkbar stärksten Ausdruck\ndes Lebens vermitteln, seine Beweglichkeit, Un-\nendlichkeit, Intensität und den Reichtum seiner Be-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.3", "texte": "Ziehungen. Er kam hierbei bereits aus innerer Not-\nwendigkeit zu jener Vieldeutigkeit der Form, die\nnur bei ihm noch einen Rest von Materialismus hat.\nAlso fassen wir zusammen: Expressionismus\nbezeichnet das Ziel. Die moderne Kunst will eine\nKunst des Ausdruckes sein. Kubismus bedeutet die\nSprache, deren sich viele Expressionisten, nicht\nalle, bedienen. Futurismus ist ein Name für Gefühls-\nströmungen, die die Rolle des Anregers gespielt\nhaben.\nNun aber möchte ich Ihrem Genuß an den ein-\nzelnen Bildern ndcht länger im Wege stehen.\n\nGedichte\nAugust Stramm\n\nZwist\nGallen foltern bäumen lösen\nKnirschen zürnen meiden Haß\nZittern stampfen schäumen grämen\nSuchen beben forschen bang\nWenden zagen schauen langen\nStehen rühren seufzen gehn\nStreicheln klagen\nKosen schelten\nSchämen schmäht\nUnd\nFliehen wirbt\nSchmiegen wehret\nArmen sträubet\nQuälen iküßt\nVeergessen\nVergessen\nLacht!\n\nTraum\nDurch die Büsche winden Sterne\nAugen tauchen blaken sinken\nFlüstern plätschert\nBlüten gehren\nDüfte spritzen\nSchauer stürzen\nWinde schnellen prellen schwellen\nTücher reißen\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\n\nErhört\nDas Hauchen weht\nUnd\nWirft die Widerstände\nDas Wehen bebt\nUnd\nSchüttelt Halt zu Boden\nDas Hauchen braust\nUnd\nWirrt die wühle Tiefe\nDas Brausen schwirrt\nUnd\nSchluchzt das Herzblut auf.\nDas Hauchen stürmt\nUnd\nReißt die Zeit in Ewig\nDas Stürmen stürzt\nUnd\nWirbelt in das Nichtsein!\nDu\nHaucht\nDas\nDu!\nUnd\nHauchen Hauchen\nHauchen\nStürmet\nDu!\n\nMondschein\nBleich und müde\nSchmieg und weich\nKater duften\nBlüten graunen\nWasser schlecken\nWinde schluchzen\nSchein entblößt die zitzen Brüste\nFühlen stöhnt in meine Hand.\n\nSehnen\nDie Hände strecken\nStarre bebt\nErde wächst an Erde\nDein Nahen fernt\nDer Schritt ertrinkt\nDas Stehen jagt vorüber\nEin Blick\nHat\nIst!\nWahnnichtig\nIcht!\n\nWiedersehen\nDein Schreiten bebt\nIn Schauen stirbt der Blick\nDer Wind\nSpielt\nBlasse Bänder.\nDu\nWendest\nFert!\nDen Raum umwirbt die Zeit!\n\nHeimlichkeit\nDas Horchen spricht\nGluten klammen\nSchauer schielen\nBlut seufzt auf\nDein Knie lehnt still\nDie heißen Ströme\nBrausen\nHeiß\nZu Meere\nUnd\nUnsere Seelen\nRauschen\nEin\nIn\nSich.\n\nSchwermut\nSchreiten Streben\nLeben sehnt\nSchauern Stehen\nBlicke suchen\nSterben wächst\nDas Kommen\nSchreit!\nTief\nStummen\nWir.\n\nVerzweifelt\nDroben schmettert ein greller Stein\nNacht graut Qlas\nDie Zeiten stehin\nIch\nSteine.\nWeit\nGlast\nDu!\n\nDer Weg\ndurch die Nacht\nRoman\nAage von Kohl\n\nSchluß\n\nEr rast dahin, da draußen in der Dunkelheit,\nweiß schon längst, daß er zu spät kommen wird,\num ihr Leben zu retten, jawohl, aber den Mörder\nwill er erreichen, fort, er will seine Knochen in\nden Adern dieses Mannes begraben — in den Ein-\ngeweiden dieses 1 ieres will er von oben bis unten\nbaden!\nSchäumend stürmt er dahin.\nUnterscheidet jetzt das dort in der Nacht.\nEine Spitzenflagge schimmert dicht über dem\nschwarzen Erdboden.\nKarl Mumme steht da auf gespreizten Beinen,\nungeheuer, das Messer rot flammend in der Rech-\nten — ein Riese!\nEinen Augenblick umfängt Qlaß die Angst, daß\ner fliehn könnte — er strengt daher seinen Sturm-\nlauf noch mehr an, schreit ihm atemlos während-\ndessen zu —: Komm heran, jetzt gilt es dich und\nmich! Komm heran, jetzt will ich totschlagen, wie\nnie zuvor jemand! . . .\nMumme hat mit einer Schulterbewegung Front\ngemacht, die Zähne ihm entgegen.\nEr schwingt seine Waffe mit einem Grinsen da\noben in der Luft, die mächtigen Arme haben sich\ngeöffnet, um zu zermalmen!\nAber da ist Morton im selben Nu bei ihm —\nTrifft von unten her mit geballter Hand seinen\nKiefer, links, mit einem Krachen, dann den rech-\nten.\nUnd ehe noch der andere mit einem Gebrüll\nsein Messer in einem pfeifenden Hieb gesenkt hat\n— ist Glaß blitzschnell einen Schritt zurückge-\nwichen, duckt sich zusammen.\nStürzt nun wieder vorwärts, wird diesmal\nbrennend am Ohr von der Klinge gestreift, gelangt\njedoch von neuem dazu, seine Faust in Mummes\nSchläfe hineinzudonnern — ist ihm gleichzeitig\nhart auf dem Leibe, der Schädel als Sturmbock\nunter dem breiten Kinn hinauf, die Arme in einem\nzermalmenden Griff um seinen Körper herumge-\nschlossen ... es knackt gedämpft da drinnen!\nEr unterscheidet über seinem Kopf das Fauchen\ndes keuchenden Atems. Spürt die Messerspitze,\ndie verwirrt in seinen Schultern und seinem\nRücken wühlt. Spannt nurnoch gewaltsamer den\nEisengürtel seiner Umarmung zusammen!\nDumpf stöhnend, auf tief tretenden Absätzen\nbewegen sich die beiden — zu Einem zusam-\nmengeklammert — in winzig kleinen, schleifenden\nSchritten.\nDie Brustkasten krachen, und das Gras zischt\ntaufeucht da unten.\nDunkelheit saust und sprüht um sie her.\nRache!\nIn seinen Nasenlöchern spürt Morton den Ge-\nstank von Karl Mummes Schweiß, von seinem zu-\nsammengeschnürten, todkämpfenden Fleisch —\nmitten darin ein Blumenhauch von dem Duft aus\nAnnies Gewand, das er berührt hat . . . und da\nwächst mit einem Ruck seine Kraft ungeheuer,\ndurch seine Muskeln sprengt ein steinhartes und\nmächtiges Schwellen heraus —: jetzt! jetzt soll es\ngeschehen! ich will seine Rippen zertrümmern, bis\nsie als Nadeln durch seine Lungen und sein Herz\nhindurch spritzen:\nJetzt! . . .\nUnd da schraubt sich seine Umarmung, eine\nStahlzange, noch dichter zusammen — rund"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.4", "texte": "um diesen gewaltigen Körper, der mit einem knir-\nschenden Laut anfängt, da drinnen zu erschlaffen.\nWieder fühlt er die Klinge einmal matt in sei-\nnem Halse sägen, hört ein Herauswürgen aus dem\nMunde da oben, spürt die großen, schweißfeuch-\nten Fäuste, die klatschend an seiner Wange tasten\n;und versagend mit dem Daumen nach seinen Augen\nsuchen. Eine stürmische Wollust steigert auf ein-\nmal seine Kraft über alle Grenzen hinaus, wie\neherne Kiefer schließen seine Arme sich gnaden-\nlos, von zerbrochenen Knochen kracht und knackt\nes da drinnen . . . und gleich darauf taumeln beide\num, Karl Mumme zu unterst mit einem Seufzer.\nZähnefletschend sitzt Morton mit einem Sprung\nauf seiner krampfenden Brust, die nachgibt. Er-\nblickt im selben Augenblick dort drei Schritte ent-\nfernt unter dem wehenden Banner —: die lange,\nretglühende Purpurwunde in Annies Leib! Seine\nNerven explodieren; er sieht auf einmal das Mes-\nser, das Mumme hat fallen lassen, es liegt da auf\nder Erde dicht daneben — er ergreift es verzweifelt,\nhebt es hoch und dürstend empor, gewahrt das\nfunkelnde Auge da unten, das sich blutgesprenkelt\naus dem blau erstickten Gesicht herausbeult, jagt\ndie bewaffnete Faust mit aller Kraft da hinab —:\nJa!\nBis auf den Grund!\nBis auf den innersten Grund da drinnen —:\nDa!...\nEin Sieden! Die Klingenspitze stößt spröde\ngegen eine Knochenwand tief da drinnen. Siedend\nheiß schäumt es währenddessen gegen seine Hand\nauf. Es dreht und windet sich wild unter seinem\nGewicht. Ein langgezogener, röchelnder Laut\ndringt an sein Ohr, er erkennt ihn qualvoll wieder,\nweiß aber selbst nicht woher. Empört sich jäh\ndagegen. Erhebt knurrend von neuem die Waffe.\nIst schon unterwegs nach unten hinab damit, in\neinem erneuten Stoß. Hört da aber wieder, erster-\nbend schwach, dies heisere und entsetzliche Gur-\ngeln — das im selben Augenblick ganz verstummt.\nErkennt es wieder, weiß plötzlich und bebend wo-\nher —: genau dasselbe grauenvolle Qualgestöhn,\ndas er vorhin aus Annies Kehle gehört hat, Mord..\nund da durchschauert es ihn eisig bis in sein Mark\nhinein, das Messer wendet sich von selbst in seiner\nFaust, er erhebt sich mit der Spitze zielend gegen\nseine eigene Brust, es blitzt, fährt nieder, er fühlt\nseinen Feuerstrahl durch sein Herz zischen, er\nsinkt mit einem Schrei zurück, alles wirbelt und\nbraust um ihn her —\nAnnie!\nAch Gott —:\nHabe ich nun auch die Hoffnung auf dich ver-\nscherzt! ....\n, Und kopfüber stürzt er im selben Augenblick\nmeilenweit hinab, tief, tief hinab, beständig tiefer\nhinab — durch Dämmerung, durch Finsternis, bis\nzu einem erfrierenden Kohlschwarz, worin er in\neinem Nu zusammenschrumpft.\nEs wird vollkommen stumm um ihn her.\nIch bin nicht mehr.\nBin tot . . .\nVII\nDie drei Herren, alle in Schwarz, stiegen, dicht\nhintereinander — Glaß Morton voran, sehr auf-\nrecht in seiner zugeknöpften Redingote; mit einem\nbeständigen und unbestimmten Lächeln um den\nMund; todmüde in sämtlichen Gliedern; und mit\nspähenden Blicken nach beiden Seiten — stiegen,\nplötzlich schweigend, die bequeme, perlgraue\nTreppe hinauf; sie mündete oben im ersten Stock-\nwerk auf einen langen und sehr hellen Korridor,\nder durch die ganze Ausdehnung des Gebäudes\nführte.\n„Nein —: dahin, Herr Morton, nach der andern\nSeite, wenn ich bitten darf!\" — rief von Geer ge-\ndämpft zu hinterst, noch ein paar Stufen tiefer, sei-\nnen Oberkörper vornüberlehnend und eine Be-\nwegung nach links zu machend.\nGlaß gehorchte mit einem Ruck. Offenbar,\ndachte er gleichzeitig von neuem im innersten In-\nnern, mit einem Schaudern —: ist da noch nichts\ngeschehen mit .... Ihm, aber wann denn?\n„Hier!\" — fuhr der Professor einen Moment\nspäter fort.\nSie standen alle drei still.\nVor einer hohen, grün lackierten Türfüllung —\nan der oben ein kleines, kreideweißes und ovales\nPorzellanschild mit der Zahl siebenunddreißig in\nschwarzen Ziffern hing.\nAssessor Delitzsch trat mit einer Schulter-\ndrehung einen Schritt vor die beiden andern,\nstreckte seine rechte Hand nach dem blanken Mes-\nsingtürgriff aus, hob forschend den Blick zu Mor-\ntons Antlitz und ließ ihn dort eine kleine Weile\nverharren -—:\n„Nicht wahr,\" — bemerkte er währenddessen\nlangsam und halblaut, seine schmalen Lippen\nnetzend — „die Herren wollen also gütigst noch\neinen Augenblick hier draußen Platz nehmen!?\nIch werde die Wartezeit so kurz wie möglich\nmachen!\nVerzeihen Sie!\"\nMit einer steifen Verbeugung verließ er sie,\nverschwand hinter der hellgrünen Tür — ' und\ngleich darauf unterschied man seine Stimme von\nda drinnen her, erregt und eintönig, ununterbro-\nchen redend.\nGlaß, der dastand, die linke Schulter gegen die\njenseitige Mauer gelehnt, kurzatmig und mit zit-\nternden Knien, starrte fiebergespannt und um-\nnebelt um sich — bemühte sich zu hören, was da\ndrinnen vor sich ging. Er erblickte jetzt indessen\neine gelb gestrichene Bank, die dort ihm gegenüber\nstand, mit der Rücklehne gegen die Wand, hinter\nder die Stimme des Assessors klang —:\n„Ich glaube,\" — sagte er leise — „daß ich mich\nso lange setzen werde!\nEs ist recht heiß hier drinnen!\nUnd wer weiß •— :\nVielleicht geht das ganze nicht so einfach, wie\nHerr Delitzsch meinte!\"\nEr faßte unbestimmt eine eilige und zuvorkom-\nmende Antwort von Geers auf, war schon auf\ndie Bank niedergeglitten, ließ jetzt mit einem klei-\nnen Seufzer seinen Nacken gegen die kühle, glatte\nMauer zurückfallen, klemmte lauschend seine Au-\ngen zu —: wann, dachte er dabei und schauderte\n—: und wie?\nEinen Augenblick betrachtete er mit unerklär-\nlichem Schreck seine Arme und Hände — wie\num zu ergründen, ob wohl geheime Vorsätze da\ndrinnen in ihnen verborgen seien; meinte plötzlich\ntatsächlich, in ihren Muskeln und ihrer Haut ein\nhäßliches Gefühl spüren zu können, als wenn sie\nsich begehrlich rund um irgend etwas Lebendes\nklammerten, um etwas Weiches und Warmes und\nWiderstrebendes •— das gleich darauf kalt und un-\nbeweglich und hart wurde, mein Gott, woher\nkannte er dies Gräßliche wieder . . . oder war es\ndie Vorausahnung von etwas, das erst binnen kur-\nzem geschehen sollte?? . . .\nMit einem Ruck riß er sich von diesen Vorstel-\nlungen los.\nVersuchte, mit den Augen zwinkernd, um sich\nzu sehen —:\nEin paar Schritte rechts von ihm war ein gro-\nßes Fenster mit frisch geputzten, unendlich\nschwach bläulich schimmernden Scheiben — das\nnach einem mächtigen, sonnenflammenden Rasen-\nplatz hinauslag, mit kiesbedeckten, gewundenen\nSteigen, bunten Tulpenbeeten hier und da und\ngrünen Bosketts; in beträchtlicher Entfernung\nvon zweistöckigen, hellen Gebäuden mit roten\nDächern und blendenden Markisen umrahmt. —\nNach links zu, etwa zwanzig Ellen entfernt, unge-\nfähr mitten in der Länge des Ganges, sah man das\nblanke, weiße Gittergeländer der Treppe, auf der\nsie eben aus dem Kontor im Erdgeschoß herauf-\ngekommen waren. — Noch weiter entfernt endete\nder Korridor wieder mit einem umfangreichen\nFenster, durch das eine goldene Riesenfläche von\nSonne über den braungefirnißten Fußboden fiel —\nmit dem Kreuz der Sprossen aus Schatten. Türen\nwurden hin und wieder da hinten geöffnet. Weiß-\ngekleidete Krankenpflegerinnen bewegten sich\nlautlos. In der erhitzten Luft hing dicht und auf-\nreizend der komplizierte Geruch aus Jod, Chloro-\nform und Aether — hin und wieder einen\nAugenblick von einem kühlen und blütenduftenden\nHauch weggefegt, der durch eine kleine offene\nLuftscheibe hier oben rechts nahe an der\nDecke drang. Vogelgezwitscher ertönte hell da\ndraußen. Und dich hinter Mortons heißem Nacken,\naus Zimmer siebenunddreißig heraus, klang ohne\nUnterbrechung diese eintönige und entnervende\nStimme, die zu . . . zu Karl Mumme redete! Zu\ndem Mörder — der jetzt binnen kurzem selber . . .\nMorton war allmählich auf seinem Sitz zusam-\nmengesunken.\nEr hatte schließlich, um sich gegen eine etwaige\nBeobachtung durch von Geer zu schützen, seine\nAugen geschlossen — bemühte sich nun auch selbst,\nselbst, seinen Gedanken zu entfliehen.\nAber tief drinnen in ihm wälzten sie sich be-\nständig hin und her, auf und nieder, nach rechts\nund nach links, in einem langsamen und lodernden\nChaos — diese wahnsinnigen und qualvollen Fra-\ngen, die ihn unaufhörlich verfolgt hatten, seit er\nheute morgen zu sich gekommen war, einige Mi-\nnuten vor acht Uhr, daheim in seinem Zimmer,\nauf dem Fußboden liegend —:\nSage mir, grübelte er bange —: sage mir ein-\nmal, was bedeutete wohl schließlich jener schreck-\nliche, wache Traum von dem Racheakt gegen Karl\nMumme?\nWar er vielleicht schlecht und recht eine wider-\nliche, leibhaftige Halluzination, an und für sich na-\ntürlich aus dieser endlosen Nacht geboren, wo sein\nganzes Wesen unablässig um die Erinnerung an\nAnnies Tod gekreist hatte — und rund um das Be-\nwußtsein von dieser Begegnung mit ihrem Mörder\nheute? Oder konnte man sich deniken, daß er eine\nArt Vorbedeutung von Dingen war, die jetzt bin-\nnen kurzem geschehen würden — mit seinem Atol-\nlen Wissen und Willen??\nWar es ein mystischer Auftrag an sein Fleisch\nund Blut — ein ferner und tiefer Befehl, der aus\ndem gewaltsameren Gebiet einer fremden Welt\nseine Nerven erreicht hatte — und dem sein Körper\nin geheimem Gehorsam binnen kurzem nachzu-\nkommen gedachte, wenn er diesem Mann von An-\ngesicht zu Angesicht gegenüber stand?\nOder . . .\nOder endlich . . .\nAber nein, sicher nicht, dergleichen war ja un-\nmöglich! Ein reiner Aberglaube von Anfang bis zu\nEnde!\nSelbstverständlich! Ja, aber erzähle mir trotz-\ndem —: wissen wir im Grunde jetzt irgend etwas\nTatsächliches, für oder wider . . . dies, woran doch\nzahllose Menschen einstmals voll und fest glaubten\n—: daß unser Sinn in Wahrheit über magische\nKräfte gebietet!?\nDaß, so wie unser Zorn wirklich kalt machen\nund stechen kann; und so wie unsere Zärtlichkeit\nleuchtenl und wärmen kann — ebenso unser Haß,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.5", "texte": "wenn er nur hinreichend flammenstark ist, sich\neines Nachts aus unserer Brust zu schleichen ver-\nmag — um den zu treffen, dem er ans Leben will?\ndaß unser intimstes, unbekanntes Ich, glutgehärtet\nin dem Feuer eines brennenden Willens, imstande\nist, gleich einem dämonischen Blitz von weit her,\ndas Herz zu treffen, dessen Tod wir mit allen\nFähigkeiten und Fibern begehren?!\nAntworte mir —: dieser ganze Albdruckkampf,\nden ich vor wenigenl Stunden daheim gegen Karl\nMumme stritt — war der denn vielleicht gerade so\nein geheimnisvoller Rachezug? War er just so ein\nunsichtbarer, langsam vergiftender Dolch — den\nmein Sinn verstohlen Ihm bis an das Heft in die\nKehle stieß? Kann man es möglicherweise schon\nan ihm da drinnen erkennen, ist er wirklich im Be-\ngriff, Schritt für Schritt da drinnen in seinem Bett\nzu sterben — unerklärlich, niemand weiter als ich\nweiß wie? War das die Bedeutung des Blickes,\nmit dem Assessor Delitzsch eben in meinem Auge\ngrub?? Ja und sage mir schließlich: wenn nun das\nalles richtig ist — habe ich denn dann völlig das\nverscherzt, für dessen Eroberung ich ruhelos im\nLaufe dieser zwei langen, langen Jahre gekämpft\nhabe??? . . .\nEr versuchte wieder, wie so viele Male zuvor\nin diesen Stunden, diese unfruchtbaren und qual-\nvollen Ideen zu verscheuchen — sie Fiebergauke-\nleien, Wahnsinn, Narrenspiel zu nennen.\nDoch, das Wort Tod fuhr fort, sich an sein Be-\nwußtsein zu kleben —:\nEine Sekunde wollte es ihm marternd scheinen,\nals könne er wirklich direkt in seinen Sinnen spü-\nren, daß Karl Mumme da drinnen lag, gelb und\nfeucht, in den letzten Zügen röchelnd.\nUnd im nächstem Augenblick schien es ihm jäh,\nals sei im Gegenteil er selber es, dessen Leben sich\njetzt seinem Ende näherte . . . und da stieg auf ein-\nmal sein Blut beschleunigt und heiß in seiner Brust\nauf, seine Augen wurden verschleiert von einer\ntiefen und zitternden Ahnung von Frieden —: ja,\nach, dort stand ja leibhaftig, kohlschwarz und\nmächtig, ein Granitkreuz auf seinem Grabe errich-\ntet! aber dahinter lohte das Gold der hellen Sonne\n— und mit einem einzigen Satz gelang es ihm, sich\naus dem Schoß der dunklen Erde da hinauf zu\nschwingen, seine Last warf er zu gleicher Zeit un-\ngeduldig von sich — und nun ward er, hoch empor\nüber Reue und Grauen, von einem Sommerhauch\naufwärts getragen! jetzt ward er leicht wie ein\nBlatt zu der großen und guten Stätte empor ge-\nhoben, wo der Blick so weit und klar war . . .\naber siehe, da ward sein Weg von einem schnee-\nweißen, einem blendenden Phantom versperrt, das\ndrohte!\nAtemlos vor Schrecken riß er seinen Mund\nweit auf.\nEr schrie und wollte fliehen —:\nMumme: du hier!\nHilfe . . .\nDurch einen eiskalten Wirbelwind fiel Morton\nschwindelnd aus der Höhe der Vision herab — er-\nkannte gleich darauf, daß er hier auf der Bank in\ndem Glanz des Hospitals saß, neben Herrn Profes-\nsor von Geer . . auf seiner Stirn perlte Schweiß,\nihn fror und er brannte, in beiden Armen regte sich\neine unerklärliche Kraft . . . und dort an der Trepe\nwar . . . nun ja, da war ein großer und weißge-\nkleideter, junger Herr sichtbar geworden! Ver-\nmutlich irgendeiner von den Assistenzärzten der\nAbteilung — der jetzt, ohne weder den Professor\nnoch Glaß zu bemerken, mit schnellen und laut-\nlosen Schritten auf das andere Ende des Ganges\nzuging, eine Tür öffnete und dort stehen blieb, in\ndas Zimmer hineinflüsterte, während er seine Hand\nin ein paar festen und kurzen Bewegungen vor sich\nhin führte. Eine Frauenstimme zwitscherte dünn\nvon da drinnen, gedämpft, ehrerbietig, kokett.\n„Ja!\" — sagte von Geer und zog zum zweiten\noder drittenmale seine Taschenuhr heraus. — „Es\nscheint wirklich, als wenn unvorhergesehene Um-\nstände eingetreten sind — da drinnen in siebund-\ndreißig!\nDa es sich so unverhältnismäßig in die Länge\nzieht -— bis wir hereingerufen werden!\nNicht wahr?\"\n„Allerdings!\" — erwiderte Glaß mit Mühe.\nEr hatte seinen Kopf mit einem Ruck nach dem\nandern herumgedreht — denn durch den eben aus-\ngesprochenen Satz war er plötzlich und zitternd\nvon einer Vorstellung ergriffen worden, daß der\nProfessor auf irgendeine Weise seine geheimsten\nGedanken in seinem Gesicht gelesen oder daraus\nerraten hatte. Und er bemühte sich deswegen jetzt\nunwillkürlich, eine Antwort zu finden, die ein mög-\nliches Mißtrauen ablenken und vernichten konnte.\n„Sehr wahrscheinlich!\" —• stammelte er un-\nschlüssig. — „Oder vielmehr hat der Assessor ganz\neinfach im voraus seinen Widersacher unterschätzt.\nAber Sie haben im übrigen vollkommen recht.\nEs bleibt uns leider weiter nichts übrig, als ge-\nduldig zu warten!\nUnd daneben sicher überzeugt sein könnte —\nals was geschieht!\"\nEr versank von neuem, mit einem Beben in allen\nGliedern, in blutige und leere Grübeleien. Es er-\nschien ihm auf einmal, als seien seine letzten Worte\nzugleich hinterlistig und feig — oder, noch schlim-\nmer, sie waren ein völliges im Stichlassen dieser\nallerhöchsten und lichten Pflichten, die gerade ihm\nauferlegt waren! sie waren ein Abfall von seiner\nKunst, von seinem Leben während seiner sämtlichen\nJahre — von Annie!\nIn seinem Herzen saß im selben Nu eine na-\ngende Gewißheit, daß er ausnahmslos das alles ver-\nscherzt hatte! Er suchte wahnsinnig gegen diese\nqualvolle Ueberzeugung anzukämpfen. Aber vor\nseinem Blick stand gleich darauf, er begriff selbst\nnicht, ob als Erinnerung oder als Prophezeiung —:\nleibhaftig da drüben, mit einer leichenw7eißen Haut\nüber einem kohlenschwarzen Bart, ein grauenvol-\nles Gesicht! ein Totenmaskenantlitz, in dem das Blut\ndunkelrot aus dem linken, zerstochenen Auge\nquoll, das Messer bis an den schwarzen Hornschaft\nda hineingepflanzt —: Karl Mumme, ach Gott,\nMörder und Gemordeter. Gemordet von — mir! . ..\nEr wurde vom Scheitel bis zur Sohle durchbebt,\nfühlte das Gitterwerk der Bank unter seinen Knie-\nsehnen schaukeln, schlug angsterfüllt und klagend\nseinen Nacken hintenüber —:\n„Entschuldigen Sie!\" — murmelte er, heiser,\nmit einem schmerzenden Stich in seinem Ohr wie\nvon einem Rufen — „entschuldigen Sie, bitte, ich\nhörte nicht ganz, was Sie eben sagten . . .\"\nvon Geer stand vor ihm, erhob jetzt die rechte\nHand und zeigte die Brauen in die Höhe gezogen\nnervös nach der Tür dort hinter Glaß —:\n„Jetzt ist es mir aber doch, Herr Morton, als\nwenn ich die Schritte des Assessors sich da drin-\nnen nähern höre!\nEs ist gewiß am besten, wenn wir uns bereit\nhalten.\nMeinen Sie nicht auch?\"\nGlaß blinzelte ein- oder zweimal mit dem Lid\nseines linken Auges. Aus der Hinterseite seines\nKopfes begann auf einmal dies lange, vibrierende\nZittern wiederum durch seine Schultern und Arme\nzu laufen; es krümmte seine Finger, die auf seinem\nKnie lagen, und veranlaßte sie, sich in winzig klei-\nnen, schnappenden Sprüngen zu bewegen — als\nversuchten sie schon jetzt, sich gierig um etwas zu\nklammern. Und da warf er wild vor Grauen seinen\nNacken zurück, stemmte beide Hände gegen die\nBank, wollte sich erheben, wollte sogleich fort von\nhier, wollte fliehen, ja, meilenweit weg! War je-\ndoch nicht imstande, sich vom Fleck zu rühren,\nkraftlos in allen Gelenken, lahm, erhob verzweifelt\nden Blick in einem rätselhaften Flehen zu dem\nsieht des Professors, ward noch mehr geängstigt\ndurch den Anblick dieses Gesichts — denn es war\ndunkelrot, dies eisgraubartumrandete Gesicht! —\ndie Lippen zitterten in beiden Mundwinkeln auf der\nStirn brach der Schweiß unaufhörlich in klaren\nTropfen hervor —:\n„Ja — diese Wartezeit!\nNicht wahr, die soll wohl . . hörte er durch\nein Sausen hindurch, plötzlich fest überzeugt, daß\ner sich versprochen hatte, daß von Geer jetzt wirk-\nlich begriffen hatte, was im geheimen in ihm vor-\nging . . . und gleich darauf fand er eine unerklär-\nliche Erleichterung in diesem Gedanken, einen\nSchutz gegen die Furcht vor seinen eigenen, ver-\nborgenen Plänen — eine erlösende Sicherheit!\nvon Geer lachte währenddessen entnervt,\nwischte sich fieberhaft mit dem Taschentuch über\ndie Backenknochen und das Kinn, mied beständig\nMortons Blick —:\n„Ja, ich gebe zu, es ist sinnlos und lächerlich,\ngeradeherausgesagt — und für einen Chirurgen\ngelinde gesprochen, unwürdig! Hahaha!\nKurz ein völlig typisches Resultat der Hunds-\ntagshitze, kombiniert mit der Wirkung dieses ver-\ndammt in die Länge gezogenen Wartens!\nAber nichtsdestoweniger . . .\nJa, ich weiß wirklich nicht, aber es ist mir fast,\nals ertappte ich mich hin und wieder darauf, einen\nunfachmännischen Wunsch zu hegen — daß dieser\ngute Herr Mumme so vorsorglich gewesen wäre,\nsich hier über Nacht in seinem angenehmen Bett zum\nSterben zu legen, gepflegt und gewartet wie ein\nPrinz von der unermüdlichen und kundigen Huma-\nnität Doktor Hannovers und Fräulein Dahls . . .\nstatt sich seit gestern Abend so vortrefflich zu er-\nholen, wie er es getan hat!\nWie?\nMein Gott —:\nNatürlich sehe ich sehr wohl ein, daß sich die\nSache für Sie anders ausnehmen muß, für Sie, dem\ner den bittersten Verlust bereitet hat, den wir\nMenschen überhaupt erleiden können —: aber be-\ndenken Sie nun trotzdem, was ihm jetzt schließlich\nbevorsteht, von heute an . . . für den Rest seines\nganzen Lebens: Geständnis, Urteil, Zuchthaus, du\ngroßer Gott — vielleicht dreißig volle, lange Jahre,\nso robust wie er ist!\nWie gesagt,\" — fuhr er ohne Pause fort, mit\nblinkenden Augen zum Fenster hlnausstarrend —:\n„Ich gebe gern zu, daß es höchstwahrscheinlich\nnur irgendein unberechtigtes Standesvorurteil ist,\nwas ich hier empfinde —:\nAber in diesem Augenblick ist es mir trotz alle-\ndem nicht möglich, mich gegen das Gefühl zu weh-\nren, daß da doch ein recht auffallender Unterschied\nzwischen den Aufgaben sein muß, die die Medizin\n— und die die Jurisprudenz zu verrichten hat!\nOder, wie denken Sie nun darüber — der Sie au-\nßerhalb beider Zünfte stehen?!\nIst es nicht wahr?\"\nGlaß sah langsam auf unter schweren Lidern.\nEs war ihm nach und nach erschienen, als sei\ner jetzt unmittelbar davor, das Ganze begreifen zu\nkönnen! als sammle sich restlos alles, was in ihm\nselber war — und alles, was er hier um sich her\nheute gesehen und gehört hatte: das unverschlei-\nert bewegte Gesicht des Professors und seine\noffenen Worte jetzt eben, und Assessors De-\nlitzsch erregte Stimme von da drinnen her, das\nEntsetzen, das an dem Namen Karl Mumme klebte,\nund die brennende Hoffnung auf Annie ... als habe\nsich das alles jetzt endlich zu einer erhabenen Ein-\nheit in seinem Sinn zusammengefügt, als erfülle es\nseine Adern mit einem strömenden Feuer, als\nmache es für einen Augenblick seine Gedanken\nwunderbar klar und stark—:"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.6", "texte": "Vlatislav Hofman: GarleDpavillon: Das Obergesims / Originallinoleumse"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.7", "texte": "tles Urhebers"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.8", "texte": "„Vielleicht!\" — erwiderte er jetzt, indem er mit\neinem kurzen Ruck sein Antlitz erhob, ohne zu\nsehen; heftig kämpfend, um auszudrücken, was er\nempfand; oben, von rechts her, im selben Nu er-\nquickend umfangen von dem Duft von Reseda und\nRosen — :\n„Aber sind wir nicht etwa gerade in diesem\nMoment geneigt — Sie und ich — den Un-\nterschied zu überschätzen zwischen diesen beiden\nDingen: zu heilen — und zu verurteilen?! Auf\nganz ähnliche Weise, wie zum Beispiel Herr De-\nlitzsch und ich es möglicherweise in entgegenge-\nsetzter Richtung getan haben würden — wenn er\nund ich es wären, die in dieser Sekunde als Zu-\nschauer daständen und Sie Ihr Messer kaltblütig\nansetzen sähen, um einem todkranken Menschen\nden Bauch mit einem entscheidenden Schnitt zu\nöffnen?!\nIch glaube es!\nDenn in beiden Fällen ist doch wohl der in-\nnerste Zweck genau derselbe! Oder, um Sie an ein\nWort zu erinnern, das Sie gestern Abend fallen\nließen —: ist es nicht eben auch die unzweifelhafte\nAbsicht des Gesetzes, indem es ein Urteil fällt, so-\nwohl den Verurteilten gesund zu machen — als\nauch, außerdem, mindestens ein Körnchen von\ndem zu erlangen, das Sie gestern das Höchste von\nallem nannten —: vorzubeugen! . . .\nNun ja —:\nAber, selbst wenn es vielleicht richtig genug\nist, wovon ich ganz fest überzeugt bin — daß die\nWege, auf denen die Gesetzgebung unserer Zeit\ndiesen ihren doppelten Zweck zu vollziehen sucht,\nkeineswegs die rechten sind — sogar noch weit\nweniger recht, als es die hervorragendsten Män-\nner der Zeit auf diesem Gebiet erkennen! Und\nselbst wenn wir mit dieser vernünftigen Skepsis\nnoch weiter gehen und einsehen, daß wir auch auf\nkeinerlei anderen Gebieten, auf Ihrem so wenig\nwie auf meinem überhaupt bisher weiter gekom-\nmen sind — als daß wir bloß unser Ziel als ein fer-\nnes und utopisches Ideal erkennen . . . nun wohl,\nja, was dann?\nLeben wir denn nicht, jeder ohne Ausnahme,\ngerade nur, um unseren Teil der Arbeit auszu-\nführen — damit das Ganze besser und besser wer-\nden soll?!\nIst es nicht die Süßigkeit und der Reichtum des\nDaseins, dieser Hochblick, den wir besitzen —:\nimmer und überall, selbst hinter dem besten, was\nwir kennen, unaufhörlich ein noch Besseres, ein\nAllerbestes erblicken zu können ... und mit all un-\nserer Kraft darauf hinzuwirken, bis dahin zu ge-\nlangen?\nIst es nicht die anspornende Herrlichkeit des\nLebens, daß es nirgends Grenzen gibt!\nDaß wieder und wieder in jedem einzelnen\nPunkt, wo der Wille des Menschen zugreift — zu\nallen Zeiten, ewig mehr und noch mehr und wieder\nmehr —zu erobern sein wird?! . . .\nAber nicht gnug damit!\" — fuhr er fort, jetzt\nendlich zu der Schlußfolgerung gelangt, die seinen\nSinn so tief erfüllte —:\n„Denn es ist ja nicht allein unsere Freude und\nunser Können, das derartig tätig und vorwärts-\nführend in den Gang der Entwicklung eingreift —\nsondern in genau so großem Maße gilt dasselbe\nauch von unserem Versagen und unserem Kummer!\nSie als Arzt wissen zur Genüge, daß auf dem\nphysischen unld auf dem psychischen Gebiet\n— das, was wir Schmerz nennen, im tiefsten\nInnern ganz einfach ein Warnungsruf ist! ein hef-\ntiges, ein unüberhörbares Zeichen, daß die Situa-\ntion, in der wir uns momentan befinden — eine\nfalsche, eine verkehrte, eine gefährliche ist! ein ge-\nwaltsames Signal ist der Schmerz, daß es etwas\nRechteres gibt, als das, was wir bisher als Recht\nansahen! etwas Schöneres als das, was wir gerade\njetzt unternahmen — etwas Höheres als das, was\nwir soeben planten!\nJa!\nKurz und gut —:\nDas ist ja auch der Grund, weswegen jede ein-\nzelne Qual, jegliches Unglück, das nur einen ein-\nzelnen von uns betrifft — eine erneute Kraft er-\nweckt, einen verstärkten Willen zum Siegen, bei\nuns selbst, wie bei den andern, die nur davon erzäh-\nlen hörten!\nUnd da liegt auch jenes Verborgene versteckt,\ndas in dieser Stunde unerklärlich intim Delitzsch,\nSie, meine Frau, Mumme und mich selbst zu einem\ngemeinsamen Vorsatz vereint! Gerade dies —: daß\nwir alle fünf (und unsere ganze Gegenwart hinter\nuns!) jeder mit seinem besonderen Einsatz in die-\nser Sache, jeder mit den Fähigkeiten und Pflichten\nseines Berufes, sozusagen als Vertreter sämtlicher\nHauptgebiete des bürgerlichen Lebens — heute in\neiner selbstlosen und wirksamen Kameradschaft\nhierher gerufen sind —: um so unseren .hierher ge-\nhörigen Teil an dem Zukunftswerk zu verrichten!\nUnseren Teil der Arbeit, um für jetzt wie auch\nin Zukunft dergleichen gräßliche Handlungen, wie\nsie Karl Mumme beging, abzuwehren! Um behilf-\nlich dazu zu sein, daß das Dasein sicherer und\nleichter wird für uns selbst, für unsere Kinder und\nfür deren Kinder wieder — bis zu den letzten Ta-\ngen! Um alle diese zahllosen Kommenden zu be-\nschirmen und zu beschützen, die verschont wer-\nden sollen, selbst am eigenen Fleisch und Blut er-\nfahren zu müssen — was es ums kostete, ihnen\nnützen zu wollen!\nAch, Herr von Geer —: und aus diesem Grunde\nist es unleugbar wahr, daß sich keine einzige Tat\ndenken läßt, mag sie noch so groß, noch so über-\nmenschlich erhaben über alles sein, was wir an-\ndern vermögen — ohne daß sie brennend notwen-\ndig für uns alle wäre . . . und auch keine Tat so\nelend, so bitter, so unerhört grausam und häßlich,\nso unfaßlich und teuflich böse, daß nicht auch sie\nim innersten Innern ein Fingerzeig wäre nach einem\nneuen Wege, der einen jeden vorwärts führt!\"\nMit Mühe, mit brennender Wange, hatte Glaß,\nplötzlich flüsternd, diesen letzten Satz ausgespro-\nchen — jäh umspannt von einem fieberheißen, gau-\nkelnden Gefühl, ihn nicht nur geäußert zu haben,\nweil er wahr war, sondern hauptsächlich, weil er\ndahinter Deckung gegen irgend etwas suchen\nwollte . . .er wußte selbst nicht was.\nUnd mit einem Ruck ließ er — völlig kraftbe-\nraubt und besinnungslos, bis zum Tode erschöpft,\nüber den ganzen Körper schweißtriefend — seinen\nNacken schwer nach der Wand zurückfallen . . .\nward aber im selben Augenblick wieder aufge-\nscheucht, indem er hörte, wie die Tür von da\ndrinnen ein klein wenig geöffnet wurde.\nDas schmale und brünette Gesicht des Proto-\nkollführers zeigte sich gleich darauf, glatt rasiert,\nein Büschel des schwarzen, blanken Haars fiel auf\ndie sommersprossige Stirn herab —:\n„Meine Herren!\" — stotterte er undeutlich, in-\ndem er leise auf den Gang hinauskam —:\n„Der Herr Assessor bittet Sie einzutreten!\nBitte schön!\"\nEr öffnete die Tür weit, trat dienernd einen\nSchritt zur Seite — ein Dunst vGn Verbandsachen\nund wollenen Decken drang ihnen von da drinnen\nentgegen.\n„Nach Ihnen — nach Ihnen!\" — sagte von\nGeer nervös und ließ Morton hineingehen. Folgte\nselbst atemlos nach, trocknete Stirn und Hals. Der\nProtokollführer klemmte lautlos die Tür hinter sich-\nzu.\nGlaß — der sich kaum aufrecht halten konnte,\ndessen Füße und Knie eisig kalt waren, dessen\nHerz wild und heiß hämmerte, dessen Gehirn\ngleichzeitig fror und brannte — war beschwerlich\nüber die Schwelle geschritten, hatte, wie im Traum,\nein paar Schritte in das Zimmer hineingemacht und\nstand jetzt schwindelnd da drinnen — in dem grel-\nlen Licht, das ihm dort von dem hohen Fenster ge-\nrade gegenüber entgegenschien, zwinkernd und\nblinzelnd.\nIn seinen Schläfen lärmte es dumpf und chao-\ntisch. Tief drinnen in ihm kroch eine zähneklap-\npernde Angst davor, dies Gesicht zu sehen, davor,\ndaß es unvermutet einen Haß in seinem Blut, eine\ngeheime Rachlust in seinen Nerven entzünden\nwürde — daß es plötzlich anfangen könnte, unter\nseinem Blick zu welken .. . und flackernd huschten\nseine Augen umher, ratlos, scheu.\nStückweis erkannte er so, was ihn umgab —:\nDer ganze, längliche Raum — hoch bis zur\nDecke, mit den weißlackierten Wänden, mit dem\nbraunen, blanken Fußboden.\nDa hinten die schmale Gestalt des Assessors,\ngroß, schwarz gekleidet, die sich wie eine Silhou-\nette von dem schimmernden Schwaß des Sonnen-\nlichts abhob.\nVor ihm ein viereckiger Tisch, überladen mit\nblendenden Papieren — und daneben, nach links\nzu, die gefalteten Hände auf dem Tischrande, ein\nkleiner korpulenter, weißbärtiger Mann mit hell-\nblauen Augen und roten Wangen, mit einer dunkel-\nblauen Jacke bekleidet.\nHier, zur Rechten, das Fußende des schwarzen\nEisengestells mitten ins Zimmer hinein —:\ndas Bett!\nUnd drinnen, halb sitzend, riesengroß, ein klein\nwenig seitlich gegen die weißen Kissen gestützt —:\nDort gewahrte Glaß mit einem Zipfel seines\nBlickes, atemlos und durchschauert —: eine ellen-\nbreite Brust mit ungeheuren Schultern, in gelb-\nliches, grobfädiges Hospitalleinen gekleidet . . . und\noben darauf, ohne Hals, die kolossalen Kiefer un-\nmittelbar auf dem breiten, umgebogenen Hemd-\nbund ruhend —: weißgrau, unförmig und massiv,\nwie ein Granitstein, dieser gigantische Kopf, der\nnach oben zu schmaler wurde .... mit einem\nschwarzen, krausen Vollbart nach unten zu und\neiner weißen Kappe von Verband nach oben zu!\nIm selben Augenblick überkam Morton ein un-\nbestimmtes Gefühl, daß eben jetzt ein paar Fragen\nan ihn gerichtet worden waren — mit der Stimme\ndes Assesors. Er glaubte gleich darauf auch hören\nzu können, daß er ganz mechanisch korrekt darauf\nantwortete.\nKämpfte gleichzeitig verzweifelt mit allen Sin-\nnen, um auszurechnen, was er selbst im innersten\nInnern zu tun beabsichtigte — jetzt binnen kurzem,\nwenn er den- Anblick von Karl Mumme nicht mehr\nvermeiden konnte! Entdeckte einen Moment spä-\nter, daß es völlig still im Zimmer geworden war,\nja, alle schwiegen, sie rührten sich nicht, sie saßen\noder standen todstill, ohne ein Wort, aufsehend —\nsein Herz pochte auf einmal laut und gewaltsam!\nEr war völlig überwältigt von dieser erwar-\ntungsvollen Angst, eine schauernde Kälte sprang\nzwischen seinen Schulternblättern hervor . . . und\ndann hörte er gleich darauf, aber anders als je zu-\nvor, dort vom Fenster her, die Stimme des Asses-\nsors: langsam, gewichtig, Wort für Wort —:\n„Ja, Karl Mumme —:\nVor Gottes Antlitz — und vor dem Antlitz die-\nses Mannes!\nVor dem Antlitz des Gatten der Ermordeten,\nfrage ich Sie im Namen des Gesetzes —: antwor-\nten Sie mir, Sie sind es gewesen!\"\nDurch eine sehr dichte Wolkenbank, die sich\nunvermutet um seinen Kopf und seinen Hals ge-\nsenkt hatte, und die jetzt von feuerroten Blitzen\ndurchzuckt wurde — erfaßte Morton mühsam die\nBedeutung dieser Frage und wandte mit einem\nRuck, tief verwirrt und verschmerzt, sein Ant-"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.9", "texte": "litz nach der Richtung um, wo er sich denken\nkonnte, daß das Bett stand — mit aller Macht sei*\nnen Willen darauf konzentrierend zu sehen.\nUnd für einen Moment lösten sich wirklich die\nNebel um ihn her.\nEr sah in mächtigen, harten Konturen diesen\npyramidenförmigen, riesenhaften Kopf aus Granit,\nmit Leinwandbinden, die sich von dem schmalen\nSchädel schräge über die niedrige und schmale\nStirn hinab kreuzend, das linke Auge verdeckten ..\nund von dem enormen, geschwollenen Mund mitten\nin dem struppigen Bart ging gleichzeitig eine\nschwere und holprige, eine hohle und zermalmende\nStimme aus —:\n„Nun ja!\nIch bin es gewesen!\nIst es nun gut — ich bin es gewesen!\" — und\nder steinerne Schädel erhebt sich mit einem Ruck,\ndreht sich jäh ein wenig nach links, aus diesem ein-\nzigen Auge da oben unter dem Rande der Binde\nblitzt plötzlich eisenblank der Blick hervor, der\nMortons Pupille wie eine Stahlhacke trifft, tief da\nhinabsaust, schimmernd und pfriemspitz da drinnen\nsteht — begraben bis an den Schaft in seinem Her-\nzen, das darunter ächzt.\nFm ersten Augenblick windet sich Glaß wild.\nRunzelt gleich darauf seine Brauen und starrt steif\nund heiß zurück. Aber im nächsten Nu glättet sich\nseine Stirn von neuem, aus dieser schmerzvollen\nWunde im tiefsten Innern quillt purpurrot das Blut\nletzend in alle seine Fibern hinaus. Sein Auge\ndehnt sich im selben Moment heiß und klar. Sein\nSinn wird hoch, meilenhoch — und er vermag auf\neinmal das Ganze zu überschauen, vermag den\nlückenlosen Zusammenhang zwischen allem zu er-\nkennen! Er sieht auf einmal sich selbst und\nMumme — als winzig kleine Teile eines ungeheu-\nren Ganzen. Siehe, Mumme und er sind auf der\nSpanne Tag und auf der Spanne Nacht — unauf-\nlöslich verbunden durch Morgendämmerung und\ndurch Abend! Die beiden sind ein Bild von der Erde\nzwiefachem Antlitz von Schmerz und von Lust!\nDas Zwillingspaar Unglück-Glück — das kämpfende\nDoppel-Ich der ganzen Welt, das ewig mit sich\nselbst ringen muß — damit wir alle erreichen kön-\nnen, was wir begehren! Mein Gott, ja, jetzt sehe\nich es deutlich von dem Kleinsten bis zu dem Größ-\nten, jetzt gewann mein Herz eine Wonne und eine\nMacht wie nie zuvor —: Lebe wohl, Karl Mumme,\nmein Bruder, jetzt scheiden wir frei, du und ich —\ndie wir gebunden zusammengeführt wurden, um\nzu lernen! Lebe wohl, auch du wirst einstmals in\neinem alles umfassenden Weitblick erkennen, daß\nder Sieg der deine v/ard— der meine und Annies!..\nAlle seine Nerven entzünden sich — von der\nHoffnung, die aus ihrem Namen herausschim-\nmert. Er tritt lächelnd einen kurzen Schritt vor,\nhoch und brennend überzeugt, daß jetzt ... ja, daß\njetzt, das Göttliche geschehen muß!\nUnd ganz recht ... er hemmt auf einmal den\nFuß und hebt seinen Kopf.\nLauscht sehnsuchtstrunken und reich.\nStill!\nMorch —:\nWas ist das?\nEin femer und sangheller Ton, ein steigendes\nBrausen von Flöten und Geigen aus weiter Ferne ..\nEinen Moment hat er ein unerklärliches Gefühl,\ndaß seine Knie sein Gewicht nicht mehr zu tragen\nvermögen. Er versucht lächelnd den Kopf darüber\nzu schütteln, tastet in die Luft, um einen Halt zu\nfinden, schwankt, taumelt hintenüber, fällt... und\ngleich darauf stößt er dort, auf dem Fußboden\nliegend, einen kurzen und gellenden Schrei aus —:\neine Stahlzange beißt eiskalt um sein Rückenmark,\nreißt mit einem Ruck, einem brüllenden Rütteln\nsämtliche Nerven aus seinem Körper heraus. Er\nstöhnt noch einmal. Es wird sofort nachher stock-\nfinster um ihn. Kohlschwarz, bodenlos, stumm\nüberall. Er ist allein — und kennt nichts um sich\nher.\nAber unmittelbar darauf ist er wiederum frei,\nwunderbar frei, stark und befreit, gewichtslos,\nschimmernd froh — neu!\nEr steht in einem funkelnden Saal von Marmor\nund Gold, an sein Ohr strömt eine unsagbar große\nMusik, er erkennnt glückselig diese schwellende\nMelodie wieder — ach, das glühende Motiv von\ndem allerersten Mal, als er Annie erblickte!\nSein Herz lacht vor Verlangen und Gewißheit:\nJa!\nDa eilt sie ihm entgegen!\nAnnie, mit deiner Seligkeitswange und deines\nBlütenmundes rotem Glück!...\nEr öffnet jubelnd die Arme —: Mein Lieb! Ist\nmit einem Sprung dort, preßt sie wild an sich.\nDen rechten Arm um ihre Hüfte geschlungen,\nihre beiden Arme rings um seinen Hals, ihre Wange\nan seiner Brust — beugt er langsam, entzückt den\nKopf vornüber! trinkt in einem Nu den labenden\nDuft ihres goldenen Haares, die Wollust ihrer\nblonden und schönen Haut, die Zärtlichkeit aus der\nTiefe der großen, blauen Augen! sein Mund neigt\nsich durstend auf die Kühle und Süße ihrer Lippen\nherab, in einem unendlichen Kuß werden ihre Her-\nzen flammend vereint... in der Ferne gaukelt die\nselige Symphonie der ekstatischen Instrumente!\nUnd wieder weiten sich die Mauern donnernd,\nsie zerspringen, fallen zusammen, verschwinden.\nDie titanischen Stürme des Himmelsraumes\nsausen mit allmächtig töneindem Lärm, die Sternen-\nscharen stieben golden darin umher. In dem unend-\nlichen Azur rollen Sonnen lodernd dahin — für\newig, für ewig!\nEnde\n\nAn die Gefährten\nAdolf Knoblauch\nFern von mir geht ihr, meine Gefährten!\nDas Echo täuscht in dichter Nacht,\nund ich weiß nicht, ob ich euer Antworten höre\noder mein unablässig Rufen nach euch.\nWie unerreichbar ihr dahinwandelt;\neure schmalen, »köstlichen Hände zu umfassen\nHärte eurer Stirnen zu streichen,\nden langsamen Aufgang der großen Sterne\nin euren Augen,\nihr stilles Niedertauchen,\nerharre ich in dichter Nacht.\nGeheimnisvoll ist die ganze Erde schlafen gegangen,\ndie Gestirne stehen mit weit aufgetanenen Lidern,\nFrühling, der lichtgold einherging\nliegt schlafen unter seiner blaß durchsichtigen\nBirkenseide.\nIn dieser Nacht schenkt Gott aus edlem Becher\nzu trinken ein\no, meine Gefährten,\ndas allerhellende Erdenblut, Leidensblut,\nvon Engeln geweint in eisern kettender Schmach.\nUeber die Wasser seiner vielgeliebten Erde\nhebt Gott von Neuem die schwanke Brücke,\nüber die wir zu einander gehen werden.\nGefährten beisammen in dichter Nacht.\nHarrend verwandelt, hellen eurer Wacht\nfrühe Himmel und Erde.\nEurer Macht und göttlichen Liebe\nzerbrechen Gewalt, Erdzorn, Peststarre der Tiefe,\neuren blassen Händen, die ich fühle,\nbegegnet das Krachen von wehe-eifrig\nGebrechlichem\neurem silberläutenden Wort schlagen dumpfe Arme\nnieder\nzu Höllenklage und finstrem Tod:\nHeilig-Ferne, Harrend-Verwandelte, Wachende:\nDonner Schall birst zu euch aus den Wassern,\numbraust Säulen, überspreitet Tempel,\ndie ihr euren Tag küsset\nseine sturmsingende Unsterblichkeit.\nDie mächtigen Wolken bekränzen\neuren feingliedrig gefügten Bund,\ndie Blumen der Höhe fasset ihr an\nund drückt sie nicht vergeblich an den Mund.\nFroh hebe ich den göttlichen Becher\nund trinke euch zu,\nall-erhellendes Erdenblut, Leidensblut,\nder Erdnacht, der Engel bitteres Blut\ngeweint unter eiserner Schmach,\nsturmsingende Unsterblichkeit,\nbekränzt mit solchen Rosen, die Bitternis\nbedecken,\nwillig die Lippen zu solchen Küssen, die Tränen\nverstecken.\n\nDer fette Richter\nDesider Kosztolányi\nIn der glänzenden Mittagsluft zittert der Son-\nnenstich wie ein spitzer grausamer Pfeil aus Gold.\nDie kleine Stadt schläft. Ihre Häuser ringen mit\nder Ohnmacht, werden von der tötlichen Hitze in\nAgonie gestürzt, die Fenster blinken im grünen\nLicht — unfreundlich — im Delirium des Qlanzes,\nwie Augen von Säufern oder Wahnsinnigen, wenn\nsie in den weißen blendenden Staub starren und\nnichts sehen. Eine Reihe von Häusern schwankt\nvor unseren Augen. Etwas weiter dehnt sich die\nReitschule der Husarenl, deren Vordach ein klein\nwenig Schatten wirft, und ein Rasen, auf dem\nbunte Blumen blühen, von Bienen und Drohnen\numschwirrit Der Atem stockt, als kämen wir aus\neinem heißen Bad. Unsere Körper schwitzen, un-\nsere Augen sehen unscharf, die Hände beben.\nWir waren) vier oder fünf — zehn bis zwölf-\njährige Knaben — in Turnhemden, Turnschuhen,\nungewaschen, schmutzig, kampfbereit und unser\nOpfer erwartend, den fetten Richter. Wir krankten\nan den Freuden der Hundstage und die ganze Welt\nwar uns ein gelber Taumel.\nUnter dem Vordach der Reitschule steckten wir\ndie Köpfe zusammen und harrten pochenden\nSchläfen. Sobald das Mittagsläuten ausklingt, wird\nsich unter dem kühlen Tor des Rathauses — pünkt-\nlich und verhängnisvoll — des fetten Richters\nFaßbauch hervorwölben. Dann läßt einer von uns,\nmeistens der schwarzverbrannte Paul Nagel, den\nSchlachtruf durch die Luft zittern:\n„Der fette Richter kommt!\"\nWir pressen uns noch stärker unter dem Tor\nder Reitschule zusammen. In der Stille des Ent-\nsetzens ist nichts hörbar als das Klopfen unserer\nHerzen. Bald darauf erzittert der Asphalt, und\ndies bedeutet, der fette Richter werde in Kürze an\nuns vorüberkommen. Noch einen Augenblick, und\ner wird da sein. Er trägt einen erdfarbnen Anzug\naus Rohseide, über den gewölbten Bauch hängt ihm\neine dicke Goldkette hinab, auf dem Finger hat er\neinen grünen Siegelring und ein Rohrstäbchen in\nder Hand."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.10", "texte": "Von seiner roten Stirae rinnt ihm in schmalen\nBächlein der Schweiß. Seine winzigen Maulwurfs-\naugen zwischen den Fettolstern blinzeln uns zu.\nIn uns schäumt die Wut, doch wir fürchten uns\nund unsere Kehlen pressen sich so zusammen, daß\nwir fast aufschreien.\nDoch wir schreien erst, wenn er schon zehn\noder zwanzig Schritte vor uns dahinpfaucht\nEiner reißt einen Erdklumpen von der Erde.\n„Nachschleudern!\" schreien wir und umringen\ninstinktiv den Helden, um ihn anzueifern.\n„Erschlag ihn!\"\n„Wirf! Wirf . . .!\"\nDer Klumpen fliegt in hohen Bogen und ver-\nspritzt zermalmt zu feinem Staub. Der sommer-\nsprossige Torday, mit dem Spitznamen „Das Trut-\nhahne!\", spannt seinen Schleuder und schickt dem\nfetten Richter zum Abschied einen bunten Kiesel-\nstein nach. Der Richter wendet sich um. Seine\nAugen blinzeln im Sonnenschein, dann rollt er ge-\nmächlich weiter. Wir aber debattieren gröhlend\nund mit falschem Pathos weiter.\n„Kruzitürken,\" schäumt es einem Tiirnhemdi-\ngen über die Lippen.\n„Dieses eine Mal ist er uns noch ausgekommen.\"\n„Aber nächstens,\" sagt der größere Torday,\n„schlag ich ihm damit den Schädel ein.\"\nIm Sonnenschein blitzt der Eisengriff einer\nPistole auf.\nSchauer erfaßt uns, wir freuen uns, sind glück-\nlich und fühlen uns stark. Unsere Muskeln sind\nhaßgestählt. Wir verlangen das Blut des Richters.\nDenn wir hassen: seine Häßlichkeit, verabscheuen\nseine krankhaft aufgedunsene Feiste, einfältig und\nblutrünstig -— wie nur Kinder hassen können. Nie-\nmals noch hatten wir eine solche menschliche Miß-\ngestalt gesehen. Die Füße trugen verdrießlich den\nfeisten Schmerbauch, der Körper verschwand voll-\nkommen unter dem strotzenden unid üppigen Fett,\naus dem bloß der jämmerlich kahle Kopf hervor-\nlugte, eine Fettkugel, die jeden Augenblick zu ber-\nsten droht. In der Mitte des Gerichtes aber trau-\nerte eine kleine Stumpfnase und diese Nase — so\nschien es — klagte oft weinerlich die Natur an, die\neinen unglückseligen Menschen entsetzlich, boshaft,\nohne Erbarmen verunstaltete. Doch fühlten wir\nkein Mitleid. Kinder kennen das Mitleid nicht. Die\nMoral der Kinder heißt Schönheit und jeder, der\nschuldig oder unschuldig ihre primitive Moral be-\nleidigt, fordert ihre Rache heraus und muß büßen.\nWir haßten die harmlose Kröte ebenso wie den\nfetten Richter. Haßten sie, wie alles Absonderliche.\nEines Nachmittages sprachen wir wieder über\nden fetten Richter.\nDer Streit galt der Frage, wovon der fette Rich-\nter so feist geworden sei. Paul Nagel erläuterte\nwichtigtuerisch:\n„Der fette Richter frißt Ochsen. Zu jedem Mit-\ntagessenl einen ganzen Ochsen. Den bratet ihm\nseine Mutter am Spieß.\"\nDer starke Torday rief:\n„Das glaubt der Teufel . .\"\nUeber die Versammlung lief ein Murren des\nZweifels. Keiner konnte sich vorstellen, daß der\nfette Richter überhaupt eine Mutter habe.\nPaul fühlte sich in der Mitte des Kreises immer\nunbehaglicher und stammelte, von der drohenden\nSchar umringt, ängstlich die Worte hervor.\n„Wenn ichs euch sage! Seine Mutter lebt noch.\nSie wohnt mit ihm. Hier in der Feuerwehrgasse.\nIch kenne sie . . .\"\n„Paul!\" schrie ihm der Vorturner unserer Klasse\nan und schlug zornig die Kappe zur Erde, „wenn\ndu nicht sofort das Maul hältst . . .\"\n„Hauen wir ihn,\" schrie es im Chor.\nPaul Nagel schaute uns mutig in die Augen:\n„Wenn ihr wollt, kann ich euch sofort hinfüh-\nren.\"\nDas war ein gutes Wort! Sofort brachen wir\nauf und zogen auf das seltsame Abenteuer aus. In\nRäubergeschichten hatten wir gelesen, daß die\nkühnen und edlen Recken den Feind im eigenen\nHeim aufsuchen, um mit ihm dort abzurechnen.\nAuh wir dachten an Aehnliches, während wir uns\nmit schwindligen Köpfen' dem kleinen Haus näher-\nten, dessen Fenster grüne Jalousien beschatteten.\nPaul wurde vorgeschickt. Nach einigen Minuten\nkehrte er mit triumphierenden Gesicht zurück.\n„Kommt!\"\nWir gingen hinein. Ins Haus des fetten Richters.\nZuerst mußten wir den Weg über eine kühle Ter-\nrasse nehmen, die vom Hof durch ein buntes Glas-\ntor getrennt war. Auf dem Hof saß im grünen Laub,\nzwischen Linden, Eschen und Jasmin, neben einer\nkleinen Kinderschaukel, eine magere traurige alte\nTante und strickte. Es war die Mutter des fetten\nRichters.\nAnfangs juckte es uns noch in den Kehlen und\nwir wollten lachen, aber das traurige alte Weib-\nchen nahm uns sanft bei den Händen und wir küß-\nten ihr die Hand, wie wir es unseren Müttern zu\ntun pflegten. Sie deckte sofort den Tisch, setzte\nuns auf tiefen, goldringigen Tellern Aepfel, honig-\nsüße Trauben und Kuchen vor. Sie ließ uns auch\nauf der Schaukel sitzen. Dann begann sie zu er-\nzählen. Die Schaukel habe noch ihrem Sohne ge-\nhört; als er noch in die Schule ging, turnte er\nsehr gerne. Wie sie um ihren Sohn gefürchtet, auf\nihn gewartet hatte, wenn er manchmal mit seinen\nFreunden fortging und erst nach der Torsperre\nheimkam, wie er als kleines Kind in den Sturm hin-\nausrannte, wie er sang und tanzte, wenn sie sich\nan langen Herbstabenden langweilten; welch ein\ngeschickter wackerer Bursche er gewesen sei und\nwelch ausgezeichneter Tänzer.\nAuch erfuhren wir, es habe weit und breit kei-\nnen besseren Vogelsteller gegeben.\n„Jawohl, meine Jungens,\" wiederholte sie,\n„auch mein Sohn fing Vögel. Tagelang trieb er\nsich auf den Wiesen umher, auf den großen, gro-\nßen Wiesen . . . Wie doch die Zeit vergeht . . .\nWenn ich bedenke, daß er damals aufs Haar ge-\nnau so aussah wie ihr jetzt .. .\" Die alte Frau\nblickte verträumt vor sich hin. Sie dachte an ihren\nSohn, der schon vierzig Jahre zählt und noch im-\nmer ledig ist. Mit dreißig Jahren haitte er eine drol-\nlige Liebe gehabt und auch einen Ehering getra-\ngen; er hatte viel geweint und geseufzt und war\nflink zum Stelldichein geeilt, wie eine Dampfma-\nschine. In ein Konditoreifräulein war er verliebt\ngewesen, doch dieses fand seine Feistheit komisch.\nEr aber ging häufig in die Konditorei, aß vor Kum-\nmer die Hälfte des Vorrates auf, zahllose Schaum-\nkrapfen und Cremeschnitte, die ihn noch feister\nmachten. Wie andere sich dem Trunk ergeben, so\naß er vor Liebeskummer, aß und aß, immer mehr\nund mehr. Ein Jahr lang trug er den Ehering, der\ndann bald von seinem dicken Finger verschwand.\nAn dieses Ding mochte das Tantchen denken,\ndenn ihre Augen füllten sich mit kleinen Tränen-\ntropfen. Wir aber betrachteten sie . . . wir warte-\nten noch immer auf den fetten Richter, um ihm\neinen höllischen Streich zu spielen, hier in seinem\neigenen Heim; doch unsere Lust war schon merk-\nlich abgeflaut, es fröstelte uns in der Hitze der\nHundstage.\n„Bitte, erzählen Sie noch etwas,\" bat Paul\nNagel.\n„Erzählen Sie,\" baten wir gerührt.\nDer kleine Torday schmiegte sich an das Tant-\nchen.\nSie streichelte sein Haar und blickte ihm in die\nAugen.\n„Ei, mein Söhnchen,\" sagte sie zärtlich, „hast du\naber ein zerrissenes Hemd. Wie karm man nur so\nherumgehen . .\nDann sing sie ins Zimmer und brachte ein Päck-\nchen, in dem Kleider waren. Klein-e Schuhe, Röcke,\nTurnhemden; auch eine reichhaltige Käfersamm-\nlung.\n„Dies alles war sein\", sagte die alte Frau, „auch\ndieses kleine Hemd. Schau, wie es dir paßt. Auch\ndiese kleinen Schuhe. Auch die werden dir gut sein.\nAuch dieses Röckchen. Wer will es? Dies alles war\nsein.\"\n„Auch das hier?\" fragte Torday stotternd und\nungläubig und hob ein grünes Schmetterlingsnetz\nvom Tisch.\n„Auch das.\"\nDas spöttische Johlen, das uns noch unter dem\nTor die Kehlen juckte, schlug jetzt in eine seltsame,\nnasenrümpfende Verwirrung um, die unsere Ge-\nsichter weinerlich, tölpelhaft, fahlblaß machte.\n„Auch das hier?\" fragten wir alle und reichten\ndas grüne Schmetterlingsnetz von Hand zu Hand.\n„Unsere Netze sind ebenso.\"\nWir standen im Schatten der Bäume. Einige\nstiegen auf die Schaukel, ließen noch einmal' ihr\nscharfes Gellen ertönen und versuchten, im Grase\nPurzelbäume zu schlagen. Aber wir fühlten uns\nnicht mehr recht behaglich. Eine seltsame Neuig-\nkeit würgte in dieser Abenddämmerung unsere\nKehlen, wie wenn man zum ersten Mal wegen des\nkranken unruhigen Fleischstückes zwischen d\"en\nRippen nicht schlafen kann und bemerkt, daß dieses\nFleischstuck lebt und Schmerzen verursacht. Und\nin einem Nu fuhr es uns durch die Köpfe daß der\nfette Richter auch einmal ein Kind war, ein Kind\nwie wir, das den Vögeln nachjagt, sich schaukelt\nund mit dem grünen Netz Schmetterlinge fängt.\nAls wir diesen Gedanken zu Ende gedacht hatten,\nwaren wir keine Kinder mehr. Unsere Gesichter\nwaren gealtert, die Augenlider zuckten uns nervös\nund in unseren geweiteten dunklen Augen glühten\nalle Tragödien und Mysterien des Lebens. Demü-\ntig standen wir nebeneinander, traurig, besiegt und\nstumm.\nSpäter versuchten wir, die Fröhlichkeit zu er-\nzwingen. Wir fingen zu singen an, verstummten\naber sofort erschrocken, ohne jeden Grund. Musi-\nzierende Käfer flogen an unsere Kappen, die Köpfe\nschmerzten uns vom Duft des heißen Grases.\nWir lehnten uns an die Mauer und schlössen die\nAugen. Alle sahen wir eine blaue Wiese, auf der\nein kleiner ausgelassener Knabe — der fette Rich-\nter — herumtollt. Seine Lippein haben einen trau-\nrigen Zug nach unten, doch in seinen Augen glänzt\ndas kindliche Reich der Reinheit, Munterkeit und\nFröhlichkeit, das so bald vergehen muß. Einen\nschlanken Knaben sahen wir, barhäuptig und glück-\nlich, mit dem grünen Schmetterlingsnetz nach einem\nscheuen weißen Falter schlagen.\nBeschämt schlichen wir auf die Straße, in die\nNacht des Hundstages.\nHeiß und schwarz war diese Nacht.\nAn einer Ecke kam uns mit dröhnenden Schrit-\nten der fette Richter entgegen.\n„Guten Abend,\" sagten wir und lüfteten nach\nGebühr die Kopfbedeckungen.\n„Guten Abend,\" sagte der fette Richter lächelnd,\nunschuldig, wie ein kleines Brüderchen, und lüftete\nebenfalls seinen Strohhut.\nStumm ginigen wir weiter.\nIn dieser Nacht konnten wir in unseren Betten\nlange nicht einschlafen.\nAls es endlich gelang, träumten wir, der fette\nRichter weine in einer blaubebänderten Wiege, ein\narmes pausbäckiges Baby und schaue uns mit gro-\nßen Augen an, traurig, sehr traurig.\nEinzigautorisierte Übertragung aus dem Magyarischen von\nStefan I. Klein"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.11", "texte": "Enthüllungen\nH. W.\nDeutsche Künstler, wie man es nennt, ohne Form\n(nach Herrn Fritz Stahl ist jetzt Form Uebersetzung\nfür Mode):\nHerr Franz Werfel, der sehr geschätzte Lyri-\nker, enthüllt sich so im schlichter Prosa: „Für die\nErkennenden aber bleibt eins zu tun, sich nicht\nnach dem Wind zu drehen, sondern zu erwecken,\nzu lehren, zu bessern!\" Ja, wenn die Erkennenden\nerwacht sein werden und zu lehren und zu bessern\nanfangen, hat sie der Wind schon so gedreht, daß\nsie auch fernerhin nichts erkennen können.\nHerr Herbert Eulenberg, der sehr geschätzte\nDramatiker, enthüllt sich so in schlichter Prosa:\n„Keiner hat, so übertrieben es klingen mag, wäh-\nrend Kriegszeiten einen schwereren Stand als der\nKünstler. Die Beschäftigung mit der Kunst ist ein\nLuxus, den die Menschheit in solchen eisernen\nWochen, wo um das Dasein der Einzelnen wie der\nVölker gestritten wird, am ehesten entbehren\nkann.\" Der Stand der Künstler sollte sich diesen\nLuxus auch im Frieden nicht gestatten. „Es tut\naber auch namentlich bei den heutigen Kriegen mit\nihren ungeheuren Anforderungen an die Kräfte des\nMenschen garnicht not, zu singen. Früher, ais man\ngemächlich durch die Lande marschierte, da und\ndort biwakierte und an einer Schlacht für Monate\ngenug hatte, da mag es schön gewesen sein, seine\nStimmen beim Wandern oder Lagern zum Gesang\nzu erheben. Aber heute, wo Schlacht auf Schlacht\nfolgt und ein Eilmarsch sich an den anderen reiht,\nwird kaum eftrem noch zum Singen zu Mute sein,\nganz abgesehen davon, daß es meist aus Besorg-\nnis vor Ueberfällen völlig verboten ist.\" Im Frie-\nden ist die Besorgnis vor Ueberfällen leider nicht\nvorhanden, man ist jedem Sänger ausgeliefert, der\nsingt, wie anderen der Schnabel gewachsen war.\n„die Kunst geht ja meist auf Erhöhung und Ver-\nschönerung des Lebens . . .\" Sie bleibt allerdings\nin diesen Fällen sitzen. Herr Herbert Eulenberg\nhat vor, nach dem Kriege uns erhöhende und ver-\nschönernde dramatische Kunst zu überlassen. Aber:\n„Aber wir müssen vortreffliche Schauspieler in\nDeutschland züchten, wenn nicht die kommende\ndramatische Kunst wirkungslos verpuffen soll.\"\nDie dramatische Kunst wird doch nicht vorbei-\nschießen, wenn die vortrefflichen Schauspieler in\nReih und Glied gezüchtet vor einem Eulenberg\nstehen.\nDeutsche Künstler, wie man es nennt, mit Inhalt:\nMerr Ludwig Fulda, der sehr geschätzte Klassi-\nker, hat neue Inhalte gefunden:\nTrauriger Glanz\nDer Dämon der Weltgeschichte\nwird manchmal plötzlich toll,\nund noch seine besten Gedichte\nsind wirr und widerspruchsvoll.\nWie man hingegen weiß und sieht, sind die\ntraurigen Glanzgedichte von Herrn Ludwig Fulda\nklar und widerspruchslos. Er redet den deutschen\nFrauen ins Gewissen, die Könige anderer Län-\nder heirateten und ihnen nach Bibel und Recht\nfolgten:\nIhr armen fürstlichen Frauen\ndünkt nicht euer Loos euch herb?\nerfaßt euch kein Gruseln und Grauen\nvor eurer Gatten Gewerb4?\nDas Gewerb' war diesen Damen ja schon läng-\nstens bestens bekannt. Herrr Ludwig Fulda hätte\nsie mit dem Grauen allein schon erschüttert, wenn\nnicht das Gruseln zum Gewerb' des Versfußdich-\ntens gehört hätte. Dieses Gewerb' ist besonders\ngruselig, es kann einen das Grauen erfassen, wenn\nman bedenkt, daß dieses Gewerb's wegen die Müt-\nter der fürstlichen Frauen eigens in die Gruft ge-\nlegt werden müssen:\nIhr armen fürstlichen Frauen\ngeschieden durch ewige Kluft\nvon eurer Väter Gauen,\nvon eurer Mütter Gruft.\nVielleicht hätte Herr Ludwig Fulda, um dieses\nUnglück zu ersparen, auch die ewige Kluft über-\nbrücken können. Aber die ewige Kluft wird sich\nstets zwsichen Dichtung und Fulda auftun. Dafür\nist er aber der anerkannte Freigeist, der es den\nfürstlichen Frauen einmal nach Herzenslust gibt:\nEntartet sind eure Herzen,\nund euer Gewissen ist lahm,\nwenn nicht unter glühenden Kerzen\neuch anhaucht glühende Scham . . .\nEs müssen eigens glühende Kerzen angezündet\nwerden, damit sie die glühende Scham nicht aus-\nhaucht. Die Kerzen sind zwar in besseren Häusern\nschon abgeschafft und die Salben auch, aber was\ntut man nicht dem Versfußgewerb' zu Liebe:\nMag Purpur üppig rauschen\num euren gesalben Leib,\nes möchte doch mit euch tauschen\nnicht etwa Herr Ludwig Fulda, sondern\nkein deutsches Bettelweib.\nIch tausche dann schon lieber mit dem Dämon\nder Weltgeschichte, der manchmal plötzlich toll\nwird.\nHerr Fritz von Unrruh, auch ein sehr geschätz-\nter Lyriker, sendet dem Berliner Tageblatt ein Ge-\ndicht, demselben Berliner Tageblatt, das die Ge-\ndichte des Herrn Ludwig Fulda hochachtungsvoll\nveröffentlichte:\nMeinen deutschen Meistern\nO Meister, die ihr still dem Schwertsang lauscht\nder hell aus unserm jungen Siegesfeuer\nhinbrennt zum Atem Eurer Götterleyer,\nO hört es wohl, was uns die Heere rauscht —\nDieser Gedankenstrich ist begründet, was uns\ndie Heere rauscht kann nur durch Schwertsang\nlauscht klar werden. Es ist nicht wirr, aber wider-\nspruchsvoll. Vielleicht klingt die Götterleyer so\ngramatikalisch verstimmt\nVertreibt unwürd'ge Jünger ernster Kunst,\ndie unser Blut sich zum Gewerbe machen,\no hütet wohl in dreimal heil'gen Wachen\ndas reine Antlitz wahrer Heldenbrunst.\nDa muß man drei'mal wachen, um das Antlitz\nder wahren Heldenbrunst zu sehen, es scheint sich\nsonst in Rauch aufzulösen. Und dem Berliner Tag'-\nblatt wird man es wohl, sogar drei'mal sag'n müs-\nsen, daß es die unwürd'gen Jünger ernster Kunst\nvertreiben soll, die Blut sich zum G'werbe machn.\nKunst ist nämlich erstaunlicher Weise kein G'werbe,\nnicht einmal ein Handwerk. Aber auf das Handwerk\nverstehen sich Gewerbetreibende nicht. So kann\nes vorkommen, daß sie für Kunst ein Handwerk\nhalten, was sie verstehend nicht verstehen.\nHerr Richard Schaukai, ein sehr geschätzter\nSonetterich:\nDoch Du, mein Oesterreich, darfst Dich erkühnen,\nSo alt Du bist, Dich trotz dem vielen Schlamme,\nDrin schlechte Gärtner Dich, die Gott verdamme,\nBestehen ließen, recken unter Hühnen\nDie starken Wurzeln, die Dich tragen, breiten\nSich dauerhaft durch unerschöpfte Zeiten,\nUnd mag's von Deinen Aesten noch so splittern\nMag selbst Dein ganzer großer Bau erzittern:\nDu wirst, was immer Widersacher sagen,\nNoch in Aeonen frische Blüten tragen.\nManchmal glaubt man gai nicht, was ein ß >ch-\nstabe bedeuten kann, hätte Herr Schaukai dem\nBau noch ein m zugegeben, so wäre es dem Baum\nsicher leichter geworden noch in Aeonen frische\nBlüten zu tragen, als dem ganzen großen Bau. Dem\nwird es trotz der dauerhaften Qualität de-* Wur-\nzeln schwer werden, vor seinen Aesten» zu split-\ntern. Die Gärtner, die Gott verdamme, können doch\nnicht so schlecht gewesen sein, wenn sie mein\nOesterreich trotz dem vielen Schlamme bestehen\nließen. Oder sollte Herr Schaukai nur wegen der\nKunst das Be stehen gelassen haben.\nLissauer schafft\nEs interessiert immer, wie so ein Künstler so\nschafft. Lissauer, der schon immer mehr überaus\ngeschätzte Lyriker, der sich nunmehr schon das\nLeitwort Nachdruck verboten erlauben kann, ist\nsässig, friedlich, gelahrt. Man ist überzeugt, daß er\nbreit im Armstuhl sitzt — das Kinn stützt (daran\nerkenne ich meine Dichter) — meditiert. Bisweilen\nschnellt er vom Sessel, — rennt Hart aus sich\nbricht er Sprache. Breit breitet er beide Arme. Er\nbrauchte sich nur auf die Wartburg zu versetzen\nund bisweilen zu verrennen und schon ist Luther\nfertig:\nLuther auf der Wartburg\nBreit sitzt er im Armstuhl — stützt das Kinn —\nmeditiert:\nVor ihm liegt die Vulgata, alt und neu Testament.\nBisweilen schnellt er vom Sessel, — rennt;\nHart aus sich bricht er Sprache und wirft auf den\nBogen das Wort.\nHorcht, feilt, hämmert, lugt, zielt, trifft —\nAlso, bohrend und bosselnd, schreibt Luther\ndeutsch die Geschrift.\nDas Dichten ist nicht so einfach. Man braucht\neine Menge Werkzeug, um sein Geschriftsel zu-\nrechtzubosseln. Der einzige Unterschied zwischen\nLuther und Lissauer ist weniger das Aussehen\n(von Luther heißt es: sässig, friedlich, gelahrt) als.\ndie Aussicht. Lissauer wohnt zwar in der Eise-\nnacherstraße, aber bei Eisenach sieht es doch an-\nders aus. Nämlich:\nRund um die Stube öffnet sich Wandung und\nMauer;\nWiesen und Wässer, Wald bei Wald, Berg an\nBerg\n— Ein Fuhrmann rasselt vorüber, zurufend ackert\nein Bauer —\nsitzen, ratend und helfend um Luthers Werk.\nWelch ein Dichter! Von seiner Stube aus hat er\nnur den rasselnden Fuhrmann zur Verfügung und\ner kann sich die ganze Natur mit Naturtreue vor-\nstellen. Wiesen und Wässer, Wald bei' Wald, Berg\nan Berg. Wer sollte da nicht an die Wartburg\ndenken. Bei diesem impressionistischen Bilde ist\nein Nichterkennenkönnen völlig ausgeschlossen.\nSchwieriger für den Laien wird es schon, Wiesen,\nWässer, Wald und Berg ratend und helfend um\nLuthers Werk sitzen zu sehen. Hoffentlich haben\nsich die Wiesen nicht in die Nässe und die Wälder\nin die Tinte gesetzt. Und man glaube ja nicht, daß\nder vorüberrasselnde Fuhrmann und der ackernde\nBauer um Luthers Werk ratend und helfend sitzen.\nDiese beiden Herren sind ausschließlich wegen des\nReims auf Mauer hinzugezogen, sonst aber gänz-\nlich unbeteiligt.\nManchmal am Fenster hält er ein, sinnend in Rast;\nBreit breitet er beide Arme und faßt.\nLissauer schafft"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19141201-01.1.12", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebung von War-\nten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durch\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verla«;:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nNotiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. Die Ja-\nnuar-Dopelnummer erscheint am fünfzehnten Ja-\nnuar\nVerlag Der Sturm\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W / Potsdamer StraBe 134 a\nNeunundzwanzigste Ausstellung\nCampendonk\nAquarelle / ZeichimageM\nFranz Marc\nGeaalde\nJaeoba\nvan Heemskerek\nZeichniuigen\nQeoffnet tagiich von 10—6 Uhr / Sonirtags von\n11—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nGeaf: GescMosseit\n\nVerlag Der Sturm\nBeriio W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nffaibmonatsschrift Der Sturm\nErscheint am ersten und funfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGew dhnliche Ausgabe Fiir Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig I Fur das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes I Probenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nsendung in Rollen direkt durch die\nPost fiir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark / Fiir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nHummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n'durch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwunscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Viert el j ahres bis\nzum ffinften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nziehung des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwiinscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoscbfcs; Zwanzisr Blatt Zeichnungesi /\nStrichStzung / Auf Kaiserlicb Japan-Papier Sa\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\n\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nz i g ganzseitigeri A b b i 1 d u n g e 11 und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel j Tragodie / Ihr stilles\nQ1 ii c k —! / Drama / Ein Taubenschlag I\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel jesus / Roman I 2 Mark\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark / Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplar en auf Van Gelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nI Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nSturm-Biicher I: August Stramm: S a n c t a Su-\nsanna I 50 Pfennig /' II: August Stramm: R u d i -\nmentar / 50 Pfennig ,/ III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst /' 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Walden: Dainislieder / Zu Qe-\ndichten von ArnoHolz / Filr Qesang und Kla~\nvier J 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einzeln: Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn j 50 Pfennig\nDer Sturm / Heeresmarsch / Fur Klavier /\n50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLacfaen / LuigiRussolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug In voller Fahrt j Giso Sevc-\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin I Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni? Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter,/ Marc Chagall (4) /\nKlee I Leger / Jawlensky ./ Werefkin / Gleizes\nI Archipenko J usw\nErschienen bisher 31 verschiedene Karten\nIllustrierte Sturm - Austel lungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin,/ Marc Chagall / Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat fiir die Zeitschriit\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nGemalde / Aquarelle / Zeichnungen /\nHanddrueke / Plastiken\nsind von folgenden Kiinstlern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko I Oskar\nKokoschka J August Macke / Paul Klee / Carl\nMense / Campendonk / Gabriele Miinter / Jaw-\nlensky I Marianne von Werefkin / Albert Bloch /\nHans Arp / Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzin-\n\nger I Marc Chagall I Fernand Leger j Jacoba vai>\nHeemskerck / Otakar Rubin / Emit Filla / Vincent\nBenes / Otto Gutfreuna / Bocdoni I Severinf I\nCarra / Russolo / Francis Picabia / Schmidt-\nRottluff I Walter Ilelbig I Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden / Elftes\nJahr /' Jahresbeitrag 20 Mark I Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm / Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jalir frei eine Sturmpublikation: 1913<14$\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst\nWegen Einladung zu den Autorenabenden wende\nman sich an den Verlag Der Sturm\n\nZeitschriften\nLa Cerba / Halbmonatsschrift / FioFenz ! Via\nNazionale 25\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift ffir neue\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslaviaova\n\nAnzeicfen\n\nAdolf Behne: Zur neuen Kunst Einfiihrung in die\nBestrebungen der Malerei der Gegenwart / 50\nPfennig / Sturmbuch VII / Soeben erschienen\nWunsche Kunstunterricht bei Futuristen / Fraulein\nKolle I Hardenbergstrasse 38 /' Cliarlottenburg\nJacoba van Heemskerck: Stilleben /' Boote t\nLandschaft / Handgedruckte Holzschnitte /\naquarelliert / Auflage 5 Exemplare und je 10 Exem-\nplare schwarz / Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nGemalde van Gogh zu verkaufen / Anfragen ver-\nmittelt Verlag Der Sturm, Berlin W 9\nPoet-Lore Begriindet 1890 I Eine Zweimonats-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dem Drama\nder Gegenwart in alien Landern / Probeheft gegen\nEinsendung von 6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n21 Mark / Verlag Richard Q. Badger / Boston\n/ Mass I USA 194 Boylston Street\nllmberto Boccioni: Pittura Scuitura futuriste I\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milanc\nI Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fiir Biichereinbande / Muster\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Bestel-\nlungen entgegengenommen werden j Deckel- und\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}