{"numero_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_sha256": "80669c801904ec17f7c53fe9d8787d508d84259c1f9628f7e5cd12280e1a5481", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1915/01/01_01/bmtnabg_1915-01-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1915/01/01_01/bmtnabg_1915-01-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c001", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "125", "page_fin": "125", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.1", "debut_caractere": 366, "fin_caractere_exclue": 824, "texte": "Inhalt:\nAdolf Knoblauch: Kranz der Heimat / Adolf Knoblauch: Die schwarze Fahne / August Stramm: Gedichte / Paul Zech: Das Vorgesicht / Ernst\nWilhelm Lötz: Gedichte / Desider Kosztolänyi: Der Detektiv / Kurt Heynfcke: Gedichte / H. W.: Kunstvorsteher / Albert Ehrenstein: Erkenntnis / Adolf\nBehne: Expressionistische Architektur / Jacoba van Heemskerck: Stiilebea / Originalholzschnitt / Carl Mense: Originallinoleumschnitt / Wachlmeier:\nOriginaSoleumschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c002", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "125", "page_fin": "125", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.2.2", "titre_corps": "Jacoba van Heemskerck: Stilleben / Originalholzschhitt", "titre_sommaire": "Jacoba van Heemskerck: Stilleben / Originalholzschhitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique 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mit\nFestgewändern angetan.\nAber ich gehe als Bettler einher, mit Staub be-\ndeckt und trage die Spuren geduldiger Mühen.\nSie erwarten mich still, flüstern mit Einander und\nbetrachten mich mit seltsam glänzenden Augen:\nAn die Hände fassen mich meine Brüder,\nVater hebt die Wanderbürde von meinem Rücken,\nDie Mutter küßt meinen Mund, wendet sich ab und\nweint . . .\nSo rufst du mich Wiegengesang —\nAbendkühle liebkost die zerrütteten Sinne und\ntrocknet die feuchte Stirne.\nDu beginnst wieder mit deiner Zauberflöte\nDie Weisen der zarten Kindheit und die lustigen\nMärchen zu erzählen,\nUnd die lang versunkenen Bilder deiner Traulich-\nkeit neu zu wecken,\nMit einer Sehnsucht, die weh jubelnd die Arme\nausbreitet\nUnd schluchzend zur Erde sinkt . . .\nSeht dies sind meine Eltern:\nMit meiner Pein und meinem Grausen habe ich\nsie erschreckt,\nDoch trotz meiner Häßlichkeit halten sie mich lieb,\nUnd wenn ich auch dies Teure nicht begreifen\nmag,\nSo weiß ich Eines über allem Begreifen,\nSie rufen mich und halten mich lieb,\nUnd ich darf bei ihnen bleiben dankbar und in\nFrieden,\nHeile Kräfte werden Nahrung bringen\nMit. goldenen Eimern in alle Blüten . . .\nDer Strom\nAuf dem breiten Heimat-Strom fahre ich in mein\nJugendland.\nDie schweren Lastkähne treiben stromabwärts im\nroten Abendlicht,\nZum eintönigen schwermütigen Singsang\nRauscht der sachte Wind in den breiten braunen\nSegeln.\nAus kleinen rotdachigen Städten, den Dörfern mit\nschmalen Strohgiebeln\nKlingen die Schläge des Schmiedgehämmers,\nDie dumpfen Donner der Drescher auf vollen\nTennen.\nZwischen niedren Deichen fahren wir mit dem\nströmenden, wolken-beglänzten Wasser,\nUngehinderten Fernblicks über die stillen Marsch-\nfluren\nMit ihrem Rauch verborgener Dörfer,\nMit den schmalen großäugigen Pferden\nUnd den bunten ruhigen Kühen, die ernst an die\nUfer des fahrtreichen Stromes treten\nUnd uns und über uns hinweg die jenseitige Ebene\nbetrachten,\nDie fernblauenden Schatten dunkler Hügel,\nVon denen nieder die Abendsonne noch einmal\nDen Strahlenbecher ihren träumenden Kindern zu\nheilem Tranke reicht.\nAuf der spiegelnden Flut, der makellosen, nahen\ndie Schwäne, irdisch trauliche Boten,\nUnd fahren über die Tiefe den Lieben Sohn mit\nvogelleichtem Boot und Silberruf\nAus düsterer Fremde heim in die königlichen Arme\nder Väter:\nLiebeslieder, Mädchen lieder, Mär-\nchenlieder, die alten frohen und wehen\nLieder,\nDie Wellen, die gen den Kahn plätschern,\nSilberne Springbrunnen, die zur Wölbung des\nhimmlischen Traumes hinansteigen,\nLieder mit dem zarten Flug der Engel\nMit dem weißen Leib stark inniger Jungfrauen\nGeben geduldig waches Geleit ins Jugendland mit\ntrostreichem Spruch . . .\nDas Erwachen\nZwischen grauen Säulen im blinkenden\nSaal\nErwächst der Kranke und lernt in das einsame\nDämmer aufzusehen und zu verehren,\nUnd die Säule, an die er sich lehnt, küßt er manch-\nmal mit Scheu, umarmt sie insgeheim.\nUeber ihm steht der goldhelle Spiegel gespannt,\nder alle lauteren Dinge verklärt\nIn des Morgenrotes Kräften fühlt er köstlichen\nBrand,\nHauchgleich aus des zierdenreichen Alls Quellen\nstrahlend\nBis zum Erlöschen in der Liebe gestirnter Himmel.\nMitten in seinem Toben, im holden Krampf,\nMitten in seinem blinden Weinen hüllt den star-\nren Leib\nDas Milde in dem mütterlichen Mantel\nDas Mädchen legt Arme, Hände, Mund,\nDie weichste Berührung um sein fortgewandtes\nHaupt.\nEin Zittern steigt über das Grausig Leere,\nEin Farben bogen ersteht seufzend\nVon schimmernden Kerzen in Millionen Händen\nVerborgene Tränen durchrinnen den Knaben bis in\ndie geringste Leibesfalte\nAus keusch erbrochenem Herzen entzücken sie die\nwiedergeborenen Glieder,\nDie sich zur Berührung wölben\nMit weitem Atemholen horcht er der neuen klaren\nStimme,\nDie ihm geläutet wird von Mutter- und Liebes-\nMacht.\nBang erblickt er in dem Antlitz, das ihn mit zärt-\nlichem Flüstern friedet,\nDas Geschenk der großen Weißen Erde, das er\nempfangen darf.\nEr senkt das Knie, beugt das Haupt,\nSie jauchzt still die höchste Kindeslust,\nEr drängt in sein schaffendes Leben, welches das\nSchicksal hämmert\nIn seiner Herzschläge tollem Gewirr zu Zucht und\nlehrender Größe:\nSanft sinkt eine volle weiße B 1 um e\nauf seine Stir n.\nDas Liebeslied\nDie beiden seligen Kinder flüstert das Mittagslied\nder Hummel\nAuf breiter bunter Heide in wonnigem Traum\nAuf dem Edelthron des Hügels blicken sie gen Ein-\nander im sonnigen Feuer,\nDer Mittagshauch gleitet durch ihr gekostes Haar,\num der Lieben nackte Arme.\nIhre Nacktheit sehnt sich nach Umfangenwerden,\nund sie beugt sich herab\nUnd legt sich bleich in die Arme des Knaben,\nIn die gehorsamen Arme, die den reichen Schmuck\nihres Magdtums\nMit keuscher Sorgfalt umfangen.\nUeber den nackten Kindern wölbt sich die Liebe\nBestickt von den tausend Sternen der Lieb-\nkosungen\nIm Einandergeben, im Licht des lieben weißen\nLeibes.\nDie Hummel harft aus dem Allerheil igsten\ndes Liebeskreises in der prangenden\nOede:\nEben noch stehn im Abendglühen Beider Arme\nPaare hochgebogen\nZum edlen Kronreifen in den rosigen Bergen\nDoch in der tieferen Dämmerung umschlingen sie\nsich enger,\nIm Aufblick zu Sternenreichen Himmelshöhn,\nWo das Liebesgestirn unbeweglich scheint,\nDas Bild des Zeugers die Milchstraße überglänzt.\nDie Heide\nHimmel über meinem Jugendlande,\nDen die Gesichte hoffnungslosen Abschiedes, des\nNimmerwiedersehens Traurigkeiten drücken,\nGraue und flache Last der grenzenlosen Oede,\nOhne Berg und Strom, ohne fruchtbare Flur, ohne\nSiedler und Hütten und Herden.\nIn deines fernen Randes grauen müden Dunst\nTauchen die dürren Wachholderbüsche,\nGleich düsteren Menschen, die gebückt deine Last\nnoch ein Weniges schleppen,\nErstarrt, ehe sie deine glühende Anstrengung er-\nfuhren,\nAbseits, im Gestrüpp verwurzelt, ehe sie das Opfer\nbringen durften zu deinen Wonnen.\nGeh in die Heide, o Kind mit nacktweiß\nschmalem Fuß,\nLeg dich ins herbe rote Heidmeer, aus Duft und\nBienensang und strahlender Sonne entbrennen\nUnd sprich mit der Heide gleichsam mit einem\nscheuen, lieben Mädchen.\nDu hörst die Heide atmen mit der Grasmücke fein-\nbebendem Leibe,\nDu siehst die Heide weinen mit dem Tautropfen\nder Blumen\nAbends von Himmel und Erde in dichter Unschuld,\nDu spürst im gleitenden Gang der Käfer\nDen sanften kristallischen Sand im schmalen\nSteige rieseln.\nBlau liegt die ferne, weltweite Schranke,\nVon der ein Wind zu dir haucht und deinen Mund\natemstockend bindet\nAn die honigströmende Tiefe\nIn eine Stille von Urbeginn . . .\nDas Märchen\nFinsternis und Schlaf sinken auf dich, die Erde\ntut ihre Türen auf"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1957, "texte": "Und du schaust ins Märchenland der Jugend: . . .\nEinst bauten tausend Erdmännchen einen funkeln-\nden Palast in deiner Heide,\nIn dera Rosengarten, der nahe ist jedem Orte auf\nErden und dennoch fern von allen Wegen.\nDas ist der wundersame, versunkene\nRosengarten deiner Jugend\nAls du zwischen gläsernen Wänden durch leuch-\ntende Tore schrittest\nUnd in deinem hellen Herzen Märchenmenschen\ntrugst, Märchenkönige,\nUnid auf den Thron in deinem Palast aus durch-\nsichtigen Mauern\nEine Märchenkönigin hobst, welche die Mädchen\ndeiner Heimat\nMit einem Namen der Liebe nannten im Morgen-\nrot,\nDa sie die Wassereimer aus den Brunnen hoben.\nAlso steht es in deinem Märchen:\nLichtvögel schwebten zu Gestirnen durch die fest-\nlichen Säle\nRosenhaine hauchten Düfte durch den immerwäh-\nrenden Tag,\nAus fernen Riesenhörnern wehte in den Hallen\nsausende Musik,\nKinderscharen liefen die Marmortreppen an den\nblanken Geländern auf und nieder.\nIn ihrer aUerschönsten Kummer tronte deine Kö-\nnigin,\nMit lustigem Zauber, kluger Anmut,\nMit Weiser Tragender' Zärtlichkeit\nFlocht sie Blumen, umwand dein Haupt\nUnd du bogst es tief dem Schmuck.\nErinnerung\nTiefs c h ö n wird deine stürmische Seele wenn\nsie das Liebes-Lied... Märchen-Lied... hört,\nDas Unbegrenzte, das über das Vergängliche er-\nhebt,\nDas Unvergleichliche auf der klanglosen Erde,\nDas Stärkende, da du hinzusinken drohst.\nWenn du in der Mutter Schoß das ausgelittene\nHerz bettest\nDann wird es dein Auge zu ihrem greisen, unsterb-\nlichen Scheites aufrichten:\nEs wird dich verlangen nach solcher Ehrfurcht,\nDich dürsten machen nach unendlicher Ruhe der\nkindlichen Küsse,\nAuf den untersten Saum ihres umwallenden Klei-\ndes gedrückt,\nNach der Grenzenlosen, Lieben Hei-\nmat .. .\nDas Gesicht in den Händen vergraben, auf Knieen,\nEmpfängst du den wehen, einzigen Ton\nFühlst die Schauer, die dich beugen,\nSiehst unwiderstehlich nahen\nHeiligen Bildes\nSang der Heimat . . .\nLiebeslied...\nMärchen!ied . . .\nEnde\n\nAdolf Knoblauch"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "127", "page_fin": "128", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.2.4", "titre_corps": "Die schwarze Fahne", "titre_sommaire": "Die schwarze Fahne", "signature_source": "Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.3", "debut_caractere": 1959, "fin_caractere_exclue": 8768, "texte": "Die schwarze Fahne\nAdolf Knoblauch\nEine Dichtung\n' t * ; '\n. s» j\ni\nBrans Fahnenspruch:\nLasset uns nicht das Gemeinsame Werk beflecken,\ndies innerliche, übermenschliche Band,\ndas Werk des Schöpfers.\nWir sind Begeisterte, Erhöhte, welche die\nheldischen Heere\nin das Treffen geleiten mit den reinen, entflammten\nGesängen,\nvoll vom Siege über den Tod.\nWir sind die Krieger des Genius unseres Volkes,\nseines Geistigen,\nEroberer der strengen und schwierigen Harmonie,\nErkennende ihres neuen Gesetzes von unserem\nVolke aus.\nDie wir Kinder des fortdauernden Werkes sind,\nbemühen wir uns nicht, die einstmals geschaffenen\nWerke zu erhalten,\nsondern machen wir den Einsatz mit dem Werk\nneuer Kunst,\ndas wir betreuen mögen,, ob wir gieich wissen,\ndaß in dieser Stunde Vielen von den Unsrigen\nder Tod nahe ist.\nZur Folgschaft\nWißt, es ist eine Wiedervergeltung, Rache war-\ntet Eurer.\nUnd wenn Ihr zu Tausenden irgend an einem\nOrte zusammenkommt in der anderen Welt, so\nbraucht es weiter keinen Teufel — ihr Jagos, ihr\nwerdet euch Teufels genug sein. Gott — Gott be-\nwahre mich vor eurem Garn, vor eurer Gesellschaft\nund vor eurem Teil in der Ewigkeit. Meine Seele\nkomme nicht in euren Rat und euer Bild sei ein\nPanzer für meine Brust, daß kein falscher Gedanke\nhineinfliege.\nDer arme Mann in Tokkenburg (1776—1792)\nDachkammer\nBran lehnt unbeweglich am engen Fensterchen,\nvorm brennenden Himmelblau eines heißen Okto-\nbermorgens. Gleich einem abgesägten finstren\nStamm lehnt er vor der Sonne und beschattet sie.\nEr starrt ohne zu sehen, auf die Kiefern hinab, die\nihre spitzen Nadelwirbel bis zur Mansarde hinauf-\ntragen, auf die blutroten Weinranken, die zum\nDache nisten. Der ganze prangende Ort leuchtet,\nsoweit er sehen kann, im klaren Herbstgold unterm\nLichtblau, ein orangenes Meer flutet über die\nVillen und Straßen. Lichte Eschen glittern,\nleise, falbe Hängeweiden werden sacht angerührt,\nBirken heben die ranken lichten Stämme. Fichten\nrichten feierlich stilles Dunkel hoch, gelbe Akazien,\nroter Ahorn, braune Kastanien ruhen mit bronze-\nnen Kronen. Der Südwind haucht regungslos aus\nsonnigen Weiten. Die Nebel der verwichenen\nNacht sind hinaufgeschritten und haben sich rings\nam lichtgrünen Himmelsrand zu fernen silberwei-\nßen Wolken geschart. Vogelruf zieht ruhevoll\nüber die Dächer hin. Vor dem nahenden Frühzuge\nklingelt die niedergehende Bahnschranke drunten\nvom Walde in die Stille auf.\nBrans müde Augen sind schwarze Wunden,\nüberreizt von Schlaflosigkeit und heißem Starren\neine lange einsame Nacht hindurch, ertragen sie\nnicht das helle Licht. Er wendet sich wieder der\ngruftartigen engen Kammer zu, dem heißen kahlen\nZufluchtsort, den vom Dachboden nur eine dünne\nWand trennt. Die schwarze, riesige Platte des Ar-\nbeitstisches ist leer, leer ist das Zimmer des Ar-\nmen, von ihm aus klafft in die Stube unendliches\nZerstörtsein, sein schräger Schatten verfinstert es\nvöllig.\nIn diese Kammer über den Dächern münden\nalle Straßen seiner großen Stadt, Freuden, Kämpfe,\nSorgen, Erfolg und Verzweiflung, die von ihr\nkamen, traten schmerzensvoll oder freudig an dies\nFensterchen und blickten hin zu ihr, deren Tabor-\nstirn nächtlicherweile am Himmel aufschimmerte.\nDie Irrwege, Herzlosigkeiten, das Unsinnige und\nStumpfe, alle Feindschaft, unzählige Gesichte aus\ndem Leben und der wechselvollen Geschichte von\nMillionen, kamen zu ihm, traten in diese kleine\nBodentiir, ließen nicht ab und gingen in seine Mühe\nein. Was aus jenen von Zivilisation durchgeglüh-\nten Versammlungen, den sozialen Gruppierungen,\nwas aus türmenden Unternehmungen, den heißge-\nquälten Schmieden aus Eisen und Stein in den Stra-\nßen ehern aufklirrte, es zog seine Straße, mischte\nsich mit der verstehenden Herzlinie eines kleinen\nMädchenmundes und trat über diese Schwelle der\nAbseitigkeit, um des lieben Wortes endlich inne zu\nwerden, in dem Jahrtausende des Menschen zur\nBindung gelangen.\nWie Bran seine Stadt kennt, die Straßen in\nElend und Grauen, Verschollenheit und Suchen, in\nNacktheit und Sterben, in Kampf, Glut, Sieg . . .\nDie stürmenden Lebensadern des großen Her-\nzens . . . Wie Lichtzeichen am Morgen des neuen\nTages, der Heerbann von verborgenen Kämpfern\nim Wogen der Masse, lichtvolle Angesichter, zart\ngefestigte Gesichtszüge, stolze junge Gebenden!\nDie Stadt hat Brans Selbst gemeisselt, das\nAntlitz schartig gemacht, davon die Wangen bren-\nnen wie Wunden, davon die Augen so blind und\nversengt, daß sie auf das eigene trauernd bren-\nnende Sterben schauen, auf die verlorene Schlacht\ndes einsamen Kämpfers, mit Sternen ■= und Blut\n= Wirbeln in der Höhe. In der Flamme des Wehs,\nin dieser glockenläutenden frommen Frühe, in dem\nbitter-starren Krampf, der ihn bannt, wächst Brans\nHerz unermüdlich aufwärts, wird Unerbittfich-\nkeit, ganz Wissen, ganz Gesang. Befreit tritt er\nvor die großen Rätselhaften, die Kinder und Den-\nker, deren Liebesflammen er überall weiß und die\neinander fühlen und wissen. In seiner Ehrfurcht\nsehnsüchtig reckt er den Arm, um ihn schattend\nvor die Glut des Angesichts zu legen, jünglings-\nhaft ungeduldig. Geist und Flamme, Leib und Leben\nim köstlichen Geben zu sein. Und im Schmerz\nkommt der Sturm und im Sturm das heiße Wei-\nnen, welches Leben gebiert.\nNacht\nBran kehrt eines Nacht von einem seltenen Be-\nsuch aus Berlin zurück. Lange Stunden freund-\nlichen Zusammenseins schwingen noch nach, starke\nWorte hat er gesprochen, man hat ihn angegrif-\nfen, Erinnerungen, Theorien, Bekennnisglut, da-\nzwischen zerknitterte Redensarten, dumpfe Wir-\nbel von Schauern und Lustgefühl, all das wogt\nbezaubernd durch die Nacht. Visionen gürten ihn\nmit Helligkeit und Schärfe, und er spricht die\nVerse Georges von der „Fülle die fehlt\", „alles\nhabend, alles wissend seufzen sie: Karges Leben,\nDrang und Hunger überall . . .M\nEr betritt leise sein Zimmer und ohne Licht zu\nmachen, legt er Mantel und Hut, Bücher und Ma-\nnuskriptmappe auf das Bett und öffnet das Fen-\nster. Er schaut die Wand des Nebenhauses hinan\nzum spitz zugehenden Dachrand mit der Rinne\nvoll gefrorenen Schnee. Mit einem Mal beginnt\ndie graue weiche Finsternis droben lautlos und\ndicht mit Schneeflocken sich auszufüllen und still\nund weit das Dach, die Fenster und die Straßen\ndrunten zu berieseln und das Dutzend rosa kalter\nelektrischer Lichtgloben im Park des großen Sana-\ntoriums auf der anderen Seite der Straße mit röt-\nlichem Flor zu verhüllen. Der Strahl einer Gas-\nlaterne dringt scharf in Brans Zimmer, vom Pank-\neingang kommt lautes Gespräch, überlaut in der\nhüllenden Stille, bis schließlich mit dem sich ent-\nfernenden Rollen eines Wagens alles milde und.\ngedämpft wird; ein sanftes Leuchten, ein leises\nSingen ersteht rings drunten, vom Fallen des dich-\nten Schnees unter dem zerknitterten Geäst der\nBäume und Strauch er.\nEin anderes Geräusch ersteht aber und dringt\naus dem stillen Haus, ohne sich mit dem des fallen-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4550, "texte": "den Schnees vermischen zu können. Das Schluch-\nzen eines Kindes geht hilflos in den Zimmern, in\nder Nacht voll weihnachtlichen Friedens unter; es\nscheint zu verloren zu sein, als daß sich eine er-\nbarmende Stimme seiner annehmen könnte, zu\nenttäuscht und verzweifelt, als daß es je gestillt\nund eigeschläfert werden könnte. Es ist zu leise\nund doch allzu durchdringend, als daß es im\nSchnee überhört werden könnte. Im Schnee? O,\nnein, aus dem Nebenzimmer, durch die verschlos-\nsene. verhangene Tür hört Bran das unbekannte\nKind schluchzen, dringt zu ihm eine so leidende\nHülflosigkeit, daß er sich ergriffen ins Zimmer\nwendet, steht und nach dem Nebenzimmer hin-\nüberhorcht. Es dauert lange, ehe ein Geräusch\nnebenan aufwacht, ehe eine weibliche Sorge in der\nNacht Licht macht und sich ans Bett des Kindes\ndrängt, ohne daß sein Weinen aufhört. Gleich-\nmäßig fallen seine heißen Tropfen nieder und er-\nweichen _das Herz des Horchenden, während die\nweibliche Stimme, ohne auch nur im geringsten zu\nschelten, sanft zuredet und mahnt, wie ein Arzt\nvielleicht einen Kranken: schludks Tränchen hin-\nunter, kleiner Uli, schlucks Tränchen hinunter.\nDie Stimme wiederholt immer dasselbe, das Kind\nweint leise weiter und weit noch, als Bran im\nBette liegt und schläft. Das Leben hat sich erhoben\nin der Gestalt dieses traurigen Weinens, unfaßlich\ngeht es durch die Räume des Hauses, hauchgleich\ndurchdringt es die Nacht und erfüllt sie mit einem\ntrüben Geheimnis, überall antwortet ihm eine\nschwere Sorge, überall begleiten es die armen\nWorte: Ich bin ja bei dir, ich hab dich lieb.\nMorgen\nStumm gespenstisch, ungeheuer erglimmt die\nSonne über einem blauweißen, unermeßlichen\nBahrtuch im niedren erdfernen Stande. Vom\nSchneefall der vergangenen Nacht ist eine geister-\nhafte Helle über und in den Häusern, und Brau,\ndessen Bett mit dem Kopfende neben dem schönen\ngroßen Fenster steht, sieht in die Frühe hinaus\nund schaut das rote kalte Eisen Stück der\nSonne neben der Wand des Nachbarnhauses unter\ndem Ziegeldache hängen, wo es für ein Weilchen\nsichbar bleibt.\nDer rote Schein der Wintersonne steht im kah-\nlen Raum, auf dem armseligen Kärtchen von Sils-\nMaria, das in einige rohe Stäbchen gefügt als ein-\nziger Zimmerschmuck über Brans Bette ange-\nbracht ist. Die Erinnerung an den grünen schö-\nnen Bergsee von Sils-Maria, an die lange schmale\nChaste, auf deren Felsen eine verwitterte Gedenk-\ntafel an Friedrich Nietzsche ruht mit der stolzen\nInschrift seines edlen Menschenliedes.\nMorgen um Morgen sieht Bran die Sonne zu\nihrer roten Herrschaft über den Schnee ansteigen,\nzu ihrer frostklaren Herrlichkeit. Tag um Tag\nsenkt sich der Neuschnee über das Land, die bläu-\nlichen Ackerfurchen werden ausgefüllt und mit\nseinem unendlichen Leintuch Straßen, Gärten, Hü-\ngel und Felder wölbend zugedeckt. Und Bran sieht\nrot, blau, grün am Himmel kommen und schwin-\nden wie die bemessenen sicheren Leidenschaften.\nDas erste frühe scharfe Rot, das dem Auge weh\ntut, ist das Rot früh zum Galgen, zum Henkers-\ntod durch den Gerichtshof der Großstadt. Es gibt\nnichts so Unerbittliches, Kaltes und bald Vor-\nübergegangenes wie diese rote Glanz- und Licht-\nlos igk ei t.\nWie weit verschieden ist sie vom Rot des\nspätabendlicfoen Sonnenbrandes, dem Rot der\nWollust, der Rache und des Unterganges. Im Azur-\ngrün, im tiefsten Zenithblau ziehen die Wolken-\ngestalten still dahin, schmal faßlich wie Griffel, oder\ndie Rücken scharfer Klingen, bald herrlich blutrot\ndurch blaue Tore, karmosinene Riesenwale vom\nAnfang der Schöpfung, bald in Rauch und Zerstö-\nrung, auf ragenden Zinnen, die schimmernden Fit-\ntiche der großen Erzengel Miltons . . der rote, ent-\nzündete, frühe Morgen ruft, läutet, mahnt — der\nbiaue betäubende Mittag hält rastend inne und\nschaut vorwärts die ferne Bahn, — der azurgrüne\nhelle Abend, paradiesisch leuchtend wie der klare\nBergsee von Sils-Maria, steht vor dem bezauber-\nten hellen Lande. Auf breit hingelagerten enthüll-\nten Stufen liegt ein lichtes brennendes Rot überall\nausgegossen, das Rot der feierlichen Gelübde, des\nmärchenhaften Bergblickes in ferne Zukunft, sanf-\nter Vermählungswonne, heiliger Ruhe und gewis-\nser Entsagung, das Rot allen Abgrundes, Erken-\nnens und Fernhinschreitens . . .\nBrans Blick fällt zurück, die Sonnenscheibe\nschwindet hinter der Hauswand, die Scheide ver-\nschluckt die lachende Blutrinne des schon gezück-\nten Degens. Brans Leib liegt leichnamshaft in den\nblauen Kissen, zartgegliedert ruht er neben dem\nfurchtbaren Feuergestirn .. . Sein Antlitz, auf-\ngerichtet im Tage, ist von einem alten goldenen\nHeiligen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "128", "page_fin": "128", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.2.5", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "August Stramm", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.4", "debut_caractere": 4571, "fin_caractere_exclue": 5888, "texte": "Gedichte\nAugust Stramm\n\nWecken\nDie Nacht\nSeufzt\nUm die schlafen Schläfen\nKüsse.\nEisen klirrt zerfahlen.\nHaßt reckt hoch\nUnd\nSchlurrt den Traum durch Furchen.\nWiehern stampft\nSchatten lanzt der Wald.\nIns Auge tränen\nSterne\nUnd\nErtrinken.\n\nSchlachtfeld\nSchollenmürbe schläfert ein das Eisen\nBlute filzen Sickerflecke\nRoste krumen\nFleische schleimen\nSaugen brünstet um Zerfallen.\nMordesmorde\nBlinzen\nKinderblicke.\n\nWunde\nDie Erde blutet unterm Helmkopf\nSterne fallen\nDer Weltraum tastet.\nSchauder brausen\nWirbeln\nEinsamkeiten.\nUebel\nWeinen\nFerne\nDeinen Blick.\n\nVernichtung\nDie Himmel wehen\nBlut marschiert\nMarschiert\nAuf\nTausend Füßen\nDie Himmel wehen\nBlut zerstürmt\nZerstürmt\nAuf\nTausend Schneiden.\nDie Himmel wehen\nBlut zerrinnt\nZerrinnt\nIn\nTausend Fäden\nDie Himmel wehen\nBlut zersiegt\nZer siegt\nIn\nTausend Scharten.\nDie Himmel wehen\nBlut zerschläft\nZerschläft\nZu\nTausend Toden\nDie Himmel wehen\nTod zerwebt\nZerwebt\nZu\nTausend Füßen.\n\nWerttod\nFluchen hüllt die Erde\nWehe schellt den Stab\nMorde keimen Werde\nLiebe klaffen Grab\nNiemals bären Ende\nImmer zergen Jetzt\nWahnsinn wäscht die Hände\nEwig\nUnverletzt.\n\nSignal\nDie Trommel stapft\nDas Horn wächst auf\nUnd\nSterben stemmt\nDas Haupt durch flattre Sterben\nSträubt\nGehen Gehen\nGeht\nUnd geht und geht\nUnd geht und geht\nUnd geht und geht und geht und geht\nGeht\nStapft\nGeht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c006", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "128", "page_fin": "128", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Trieb die fünf Kameraden wie\nOchsen und fluchte bei der Einfahrt wie der Berg-\ninspektor.\nJacques, der jüngste von den Kerlen, lockerte\nim ersten Zorn schon das Messer.\nDer verwahrloste Schacht stundete bereit ein\npaar Jahre und war schlüpfrig wie ein Sumpf."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8754, "texte": "Die sechs Männer hatten schwere Arbeit mit\ndem hervorgequetschten Gebirge, das sich über\nzehn Fuß Mächtigkeit hinstreckte.\nSie sackten jeden Schritt breit, den sie heraus-\nschlugen, sofort zu. Keile und Bolzen saßen fest im\nAufhieb. Und aus Pram und Sohle rieselte kaum\nnoch Staub.\nNur im vordersten Gang, wo Severin allein\nschaffte, stand das Feuer in geduckten Funken und\nschrie nach der Wettermühle.\nAber Severin hatte einen harten Schnapsschä-\ndel und bohrte- fort, trotzdem die Bläser aus dem\ngerissenen Bruch schon explodierten und ein Heu-\nlen wie von gereizten Löwen war.\nDicht hinter den anderen stürzten die Ladungen\nmit Lawinen von Staub. Benahmen ihnen allen den\nAtem und saßen faustdick auf dem Gestänge.\nJacques murrte und warnte Severin: den Bruch\ndoch erst ausschwälen zu lassen.\nSeverin aber stemmte die Eisen, als säße hin-\nter ihm einer mit Keulen. Da fingen auch die an-\nderen um Jacques an, unruhig zu werden. „Man\nsollte den Obersteiger anklingeln,\" schrie der rote\nJean.\nZwei Weiber, die ganz hinten die Wagen an-\ndrückten und in Rufnähe Waren, pfiff man heran.\nSie mußten die Wettermühle holen.\nSeverin schlug weiter. Schlug, daß die ausge-\nklüfteten Felsen dröhnten.\nIn den Hölzern knackte es, als bohrten tausend\nWürmer darin. Und aus den Nebengebirgen scholl\ndumpfes Grollen herüber.\nMan deckte das Kappholz und rammte die Bu-\nchenpfähle Schlag auf Schlag.\nWiderliche Schwüle kam aus den Gängen, trotz-\ndem die Mühle ungeheuer mit den Flügeln aus den\nSaugern schlug.\nDer rote Jean, der aus dem Vlämischen stammte,\nwarf die Eisen einfach fort und verkroch sich hin-\nter das Gestänge. Ein schweres Grauen war über\nihn gekommen, denn er hatte in der verflossenen\nNacht einen bösen Traum gehabt. Er hatte seinen\nVater rot und groß gesehen. Seinen Vater, der\nvom Förderseil aufgerissen wurde, vor Jahren, im\nLeichenkittel über die Halde tanzen gesehen.\n„Du Severin!\" heulte er auf und wischte sich\n•den Schmutz von den dünnen Lippen.\nSeverin blickte nicht auf von der Arbeit. Er\nlag auf den Knien und arbeitete, daß ihm die Zunge\nbreit aus dem Halse hing.\nHin und wieder tat er ein paar Fehlschläge.\nDann rann ihm das Blut aus großen Wunden von\nden Händen. Aber er zuckte nicht.\nEr fühlt sich wie ein Teil dieses Gebirges, das\nden anderen wie ein massiver Haufen aus dicker,\nansteckender Finsternis erschien, in die sie ohn-\nmächtig hineinbellten.\nEndlich hatte er ein riesiges Loch geschlagen.\nDas Geröll quatschte auf seine Lenden wie lauter\nfeuchte Sandsäcke.\nEr beugte sich vor, tastete klirrend herum, er-\ngriff die Flasche vom Rücken und goß sie ganz in\nsein entzündetes Inwendige.\nAls ihm der letzte Tropfen des Fusels durch\nden Schlund gefahren war, fühlte er wieder, was\ner vorhatte und schleuderte die Flasche auf den\nRücken zurück.\nDer Hammer sprang wie geölt von seinen Schul-\ntern herab.\nRings war es ganz still geworden von den\nFäustelschlägen der anderen.\nJean stand mitten im Gang und schrie noch-\neinmal: „Du . . . Du . . . Severin . . . Du , , ,\nMörder!\"\nSein Gesicht war kreidig verzerrt.\nUnd die Augen zerrissen die Finsternis. Und\nplötzlich öffnete sich da im innersten Innern ihrer\nPupillen eine Luke. Kohlschwarze Sammetpforten\nwurden da tief drinnen aufgeschoben. Und es\nstiebte eine schwarze Glut heraus. Ein knitternder\nSchatten von Feuer. Eine Flamme. . . .\nSein Atem hielt mit einem Seufzer inne.\nEr fühlte sich sengend heiß.\nDie Lippen brannten.\nMein Gott!\nMutter Maria!\nJoseph . . .\nDer Vater . . .\nUnd da ... da ... da . . . wie von unten mit\nriesigem Nacken wütend emporgedrückt, brach die\nganze Arbeit zusammen.\nSplitterte. Riß. Knackte und rollte empor.\nDie Kohlenwuchten steilten sich wie Dämme.\nBerg und Gehölz verschwanden in Rauch und\nSteinhagel. Ein Geheul wie nicht mehr aus mensch-\nlichen Kehlen donnerte herauf.\nAber die wahnsinnigen Rufe starben hin in dem\nLärm von herabstürzenden Brocken und Wasser,\ndas wie ein Bergstrom einbrach und den Staub ver-\nschlammte.\nSeverin schraubte durch den verstopften Mund\nwie ein wilder Hengst. Stürzte in das Dunkel vor,\nwo er die Kameraden vermutete.\nDa brach es noch einmal los und es war, als\nbarst die ganze Erde zusammen.\nBis zur Brust war er festgekeilt und griff mit\nden Händen wiie in Mehlbergie.\nUnd immer neues Wasser ergoß sich und ver-\nschlang die Staubwolken.\nVon einem geknickten Pfahl herunter blinkte\ngelbes Licht.\nDas war Jeans Lampe.\nEr griff danach und hob sie hoch.\nSeine Augen zersägten das Dunkel.\nDa hörte er ein Jammern tief unter sich wie aus\neinem ungeheuren Keller herauf.\nSeine Augen begannen zu hüpfen.\nBlut siedete auf den zackigen Felsstücken.\nFleischteile lagen dampfend auf den zerschmetter-\nten Hölzern.\nEr bekam endlich eine warme Hand zu fassen\nund versuchte sie mit aller Macht emporzuziehen.\nTastete hinunter und griff nasses Gestein.\nDie Hand ging verloren.\nEr kratzte überall herum und konnte sie nicht\nwiederfinden.\nEr versuchte, sich aus dem Bruch emporzuwin-\nden. Aber je heftiger er sich abmühte, um so nach-\ngiebiger rollte neues Gestein herab.\nSeine Kraft erlahmte. Seine Augen brannten\nweh aus der Schwärze und suchten nach der Hand.\nSie wurden gejagt von einem furchtbaren Wahn-\nwitz. Jeder Nerv wtar aufgespannt.\nUnd da sah er sie wieder.\nDie Hand . . .\nMit fünf Fingern . . .\nDie 'bewiegten sich. Zitterten. Krallten sich\nzusammen.\nSeverin ächzte und drehte sich aus der Um-\nklammerung in unsinnigen Verrenkungen.\nDie dicke Luft machte seinen Atem kurz.\nAn den Geröllklumpen hämmerte sein Arm sich\nlahm.\nUnd dort unten war noch immer die Hand . . .\nFinger, die krampfhaft verzerrt um Hilfe zuckten.\nSich wieder schlössen.\nEin mörderisch geballter Fluch, diese Faust.\nUnd sie wuchs heraus aus dem Gestein.\nUngeheuer groß heraus.\nSeverin schüttelte sich wild.\nFrost klirrte über sein Gesicht.\nTausend Räder brausten durch sein Gehirn.\nBrausten und rissen die Augen mit, die nun\nnichts mehr sahen. Nur eine furchtbare Nähe gei-\nsterhaft fühlten.\nDie krummgeballte Faust des Satans.\nUnd Brausen und Stampfen des Weltgerichts.\n*\nAls Severin erwachte aus purpurner Finsternis,\nsah er in das blutige verzerrte Gesicht Jeans. Und\ndie Hand, die er gefühlt hatte, die sich in sein Ge-\nhirn gehämmert hatte, hielt ihm die Lampe in die\nAugen.\n„Ah — ah . . . Du . . Du . .\" ächzte er und\nschüttelte sich vollends wach.\nJean erhob sich, langsam, mühselig, den Raum\nwiie ein Riese ausfüllend. Eine Wolke, ein Berg —\nund brüllte: „Seht da! Seht den Severin! Seht\nihn an: da ist er, der das alles getan hat. Seht da!\nDen Mörder!\"\nSeverin, ganz Besinnung wieder und stark,\npackte ihn bei den Schultern, riß ihm die Lampe\nweg und kommandierte: „Maul halten! Du .. .\nDu Tk>r Siehst Du nicht, daß wir hier fest sind?\"\nJean schwankte zurück und grinste.\nSeverin suchte indes mit der Lampe das Geröll\nab. Nach einem Eisen oder so etwas. Und fand\nschließlich einen Fäustel.\nDamit beklopfte er hinten die Wand.\nEs klang hohl.\nSeverin schrie auf: „Hierher Jean. Hier müssen\nwir durch.\nJean hatte sich inzwischen ein Eisen her ausge-\nkratzt und kroch heran. Severin hielt die Lampe,\nin der einen Hand und hämmerte mit der anderen\nwild auf den Felsen.\nJean stieß mit dem Eisen wuchtig hinterdrein.\nJeder Stoß würgte ihm das Gedärm in die Kehle.\nSein nackter Oberkörper wTar klatschnaß und haut-\nlos von Schweiß.\nDas Gebirge gab langsam nach und brach in kur-\nzen Schollen herab. Dumpfes Dröhnen schauerte\nnach allen Seiten und fand keinen Ausweg. Die\nAdern der beiden Wühler bäumten sich gegen die\nGeräusche auf wie Stach eins und Spannung\nbrannte in den Muskeln mit rauchendem Eiter.\nSie hämmerten drei volle Stunden in einem\nZuge. Und fielen beide zu gleicher Zeit er-\nschöpft um.\nEs war, als würden ihnen erst jetzt Augen, Oh-\nren und Eingeweide allen Ernstes geöffnet für\ndie Bodenlosigkeit all dieses nachtschwarzen\nElends!\nSeverin flüsterte matt: „Jean .. . Jean .. .\nhör doch!\"\n„Was ist noch zu hören?\" ächzte der aus\nschmerzhaften Krümmungen herauf.\n~Du Jean!\"\n„Zum Teufel noch, was soll -ich?\"\n„Du Jean, wenn wir noch eine Stunde schlagen,\nmüssen wir durch sein. Keinen Meter mehr ist\ndie Wand.\"\n„Verflucht, schlag doch, wenn Du kannst!\"\n„Hör, ehe sie uns von vorn herausgraben, sind\nwir da hinten schon auf dem alten Gang. Ein Not-\nschacht ist da.\"\n,Schrei doch nicht so, Du Hund! Mein Kopf ist\nganz zerschossen. Krepieren müssen wir doch\nhier. Alles ist vorbei.\"\nSein Gesicht fiel mit einem Knick vornüber.\nSeverin bemühte sich, wieder auf die Füße zu\nkommen. In seinen Schläfen und in seiner Stirn\nbeutelten sich dicke Blasen. Blut trat ihm schwarz\naus Kinn und Hals.\nDann begann er zu hämmern, und dachte an\nMaruscha. O, schönes warmes Bett mit Ma-\nruscha! Nun wird sie oben am Tor stehen und mit\nden anderen Weibern flennen. O Maruscha! Bald,\nJa, ach bald komm ich wieder zum Küssen. Schö-\nnes warmes Bett, Maruscha!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5631, "texte": "Er hatte wieder Schwung in den Muskeln und\nsein Riemen stand. O Maruscha!\nAuch Jean hatte sich bald wieder aufgereckt.\nStützte sich auf das Eisen und horchte. Schlen-\nkerte mit dem verwundeten Arm und sackte ein\nbißchen in den Knien ein.\nPlötzlich jauchzte er laut: „Schüsse . . . hör . . .\nSprengschüsse!\"\nSeverin ließ den Hammer fallen und drückte sich\nmit dem Kopf tiefer in das Gestein.\n„Donner, ja, Jean, ganz deutlich. Wirklich,\nSchüsse!\"\nNun hieben sie alle beide wie verrückt. Körper\nan Körper. Und Jeans Besinnung wuchs mit jedem\nHieb, den er ausholte.\nAch, die Wand gab nicht nach. Und die Mi-\nnuten zogen die Sekunden mehr und mehr in die\nLänge, zerrten sie ungeheuer auseinander, walzten\nsie wie Draht aus, der mit spinnendem Klang in\nJ\ndie Ohisen hineintönte.\nJean schmiß das Eisen trostlos hin. Seufzte:\n„Alles ist wieder still . . . Horch . . . ganz still. . .\"\nSeverin klappte zusammen. Tastete blind und\ngrausaum in der Luft herum. Dachte einen Augen-\nblick: „Hab ich wirklich Schüsse gehört? Wie?\nHab ich Schüsse gehört?\"\nJean fühlte sich wie ins Genick gestoßen. Ein\nKnochengerüst klapperte über seinen Rücken.\n„Hu . . . Hu . . . Der Alte . . .\" spie er frös-\nstelnd. Und sprang wieder an die Wand.\nHelles Feuer blitzte vom Eisen. Und der Staub\npfiff von einer fremden Schwingung weggestoßen,\nihm breit ins Maul.\nSplitternd gab die Gesteinswand nach.\nEine handgroße Lücke klaffte und ließ eine wun-\nderlich kalte Luft hereinziehen.\nSeverin, der einen halben Meter seitwärts\nstand, bekam den Durchzug zu schnappen.\n„O ihr Heiligen all! Jean! Jean! Nun können\nwir bald durchschlüpfen.\"\nJean spürte, wie seine Adern heraufschwollen:\nDieser Hund kann noch lachen? In diesem Unglück\n«och lachen?\nUnd stellte sich vor das Loch: so, daß der an-\ndere nicht hinzukommen konnte und schlug in be-\nsessener Wut in den Bruch.\nStück um Stück fiel klirrend herab. Und das\nLoch war schon so, daß man den Kopf hindurch-\nstecken konnte.\nUnd noch immer ließ er Severin nicht heran.\nEine wahnsinnige Ahnung polterte durch sein Ge-\nkira.\nMit einem Ruck hob er sich in die Ellenbogen\nund zwängte erst seinen Kopf und dann den Ober-\nkörper durch das Loch.\nEnttäuscht ließ er sich zurückschnellen und fiel\nhinterrücks auf eine Steinkante.\nSeverin sah, wie er die Beine hoch in die Luft\nwarf. Und dann auf einmal die Hand.\nDie Hand mit den fünf Fingern, die auf und zu\ngingen. Sich ballten und wie ein fleischgewordener\nFluch standen.\nEr hielt sich an einen Felszacken gepackt. Und\naus seinen Augen, die vor Oual schimmerten, schoß\nwagerecht die Angst.\nDa flog er vor. Warf den Hammer wütend in\nden Bruch und begann die Oeffnung weiter auszu-\nbrechen.\nJean konnte sich nicht rühren. Seine Augen\nwaren voll Blut. Und durch dieses Blut schwamm\ndas knarrende Gerippe des Alten. Und immer hörte\ner den anderen hämmern.\n„Er wird durchkriechen und mich hier liegen\nlassen! Der Mörder wird mich hier verrecken las-\nsen! Ei verflucht!\"\nUnd da kam ihm seine Kraft zurück und riß den\nWahnsinn aus den Augen.\nUnd sieh: Heilige Mutter Maria, Joseph! Der\nandere steckte schon halb im Loch.\nWie eine Riesenschlange wälzte sich Jean auf\nden Knien vor und faßte Severins Beine.\n„Raus da, Du Mörder!\"\nSeverin stürzte platt zu Boden. Drehte sich\nherum. Sein Gesicht gab ein wüstes Gebrüll. Er\nschlug mit den Armen wild um sich. Kam mit einem\nRuck wieder auf die Beine und rutschte nach der\nOeffnung.\nDa kugelte sich Jean noch einmal auf ihn, biß\nund kratzte.\n„Was willst Du Lump? Hast Du einen Flapps?\"\nkrächzte Severin.\nJean hatte Severins Kehle zu fassen bekommen.\nSchraubte seine Finger fest herum.\nSeverin fühlte diese Krallen wie Schüsse im\nGehirn. Jeder Finger schoß hundert Kugeln. Das\nHerz stand ihm bebend in der Kehle. Finger ris-\nsen es heraus. Fünf Finger, die wie ein Fluch ge-\nschlossen waren.\n„Maruscha!\"\nDas war der einzige Laut, den die Finger aus\ndem zuckenden Herzen quetschten.\nDann schnellten diese Finger zurück, und Jean\nfuhr sich damit über den rauchenden Schädel.\nUnd da befiel ihn naßkalt schweißiges Grauen.\nMit einem Satz war er aus dem Loch heraus.\nTaperte mit blinden Händen durch den Schacht.\nSein Kopf flog wie ein Pendel. Ein ganz kleines\nPendel. Bis er an ein Gerüst schlug und stehen\nblieb. Verdammt und verflucht stehen blieb.\nMit einem gut Teil Anstrengung war es Jean\ndann gelungen, sich wieder zu fassen. Seine\nFinger griffen etwas Festes. Balken, die hochstell-\nten. Ein widerlicher Luftstrom brauste da von oben\nherab. Ein Fauchen und Zischen von Drähten.\nUnd dann stolperte Jean in den Korb. Riß an\ndas Zinkseil. Das Auffahrtssignal schnellte nach\noben. Packend schnappten die schweren Trag-\ngesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wolke.\nDie Luft pfiff heiß und giftig.\nJean hatte eine Empfindung, als sei er erst jetzt\ner selber geworden, ganz und gar. Und jubelte: o\nihr Heiligen alle! Gelobt! Gelobt Jesus Christus!\nPlötzlich stand der Korb mit einem Ruck.\nSchleuderte Jean herauf, daß ihm die Bordkante\ntief in die Brust schnitt.\nJäh grub er beide Fäuste wild in seinen Busen\nhinein. Krähend vor Schreck. Und suchte das Seil.\nZog mit beiden Händen an das Tau und schrie\nalle Schutzpatrone hinauf. Riß das Tau herunter\nund riß es tief in seinen Schädel. Mit den Armen,\ndie in weißlichen, glatten Windungen von seinem\nKörper herabfielen.\nUnd da! Wie ein geborstener Meteor, sausend,\npolternd fegte der Korb wieder in die Tiefe hinab,\nvon einer Satanskralle wütend herabgezogen.\nImmer tiefer.\nGrenzenlos durch Finsternis und Nächte sau-\nsend.\nBis auf den Grund durch Meer jähre und Stern-\nkoraüei?.\nAbwärts.\nEndlos in das torweit aufgesperrte Maul des\nAlten, der einmal im Knochenrock über die Halde\ntanete."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c013", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "129", "page_fin": "129", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.2.6.1", "titre_corps": "Carl Mense: Originallinoleumschnitt", "titre_sommaire": "Carl Mense: Originallinoleumschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 35, "texte": "Carl Mense: Originallinoleumschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "131", "page_fin": "131", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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In der\nstarken Nachmittagsbeleuchtimg schien all dies un-\nglaublich, wie überhaupt jeder Diebstahl etwas\ngewalttätig, jäh wirkt. Nachher aber tritt tiefe\nStille ein.\nIn der Stube befand sich niemand. Keine ver-\nräterische Spur.\nIch hatte mich kurz vorher in der Stube nebenan\nein paar Minuten auf das Sofa gelegt, und während\nein Installateur in diesem Zimmer die Krone repa-\nrierte, war ich eingeschlafen. Der Installateur\nmußte die Uhr erblickt haben, steckte sie ein und\nverschwand. Schlug hinter sich die Tür zu.\nSonst war niemand in der Stube gewesen, nur\ner konnte der Täter sein.\nVerwundert blickte ich vor mich. Es erfaßte\nmich ekelerregende und würgende Beschämung.\nAls würde mir ein Messer in den Leib gestoßen und\n— rasch und brutal — der halbe Arm abgeschnit-\nten. Ein Attentat war gegen mich verübt worden!\nEs geschah ein Wunder, das ich mit meinen Sinnen\nnicht erfassen kann. Etwas war hier und ist nicht"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9639, "texte": "mehr da, verschwand unter einem Schwarzkünst-\nlergriff, verdampfte ins Nichts, in eine neue Dimen-\nsion, die mir vollkommen unbekannt ist, und jetzt\nhabe ich die Empfindung, daß nicht bloß gegenl mich\nein Attentat verübt worden sei, sondern gegen die\nOrdnung, gegen die Urlogik. Verzweifelt strengte\nich mein Gehirn an. Der Diebstahl bleibt immer\nunverständlich. Ist dem Wunder und dem Wahn\nverwandt.\nIm Winter des vorigen Jahres wurde bei meiner\nTante in Siebenbürgen eingebrochen. Sie war am\nMorgen von Hause fortgegangen und als sie am\nAbend heimkam, fand sie die Tür weitgeöffnet, an\nden Klinken von Stemmeisen hinterlassene Spu-\nren, die alten Schränke von Messern beschädigt,\neine der Stuben ganz ausgeplündert. Meine Tante\nerblickte dieses wüste, düstere Bild, sprach kein\nWort und ging fort. Sie hatte in der Bank noch\ngenug Geld liegen, um damit getrost ein neues\nLeben beginnen zu können, und dennoch sprang sie\nin den Fluß. Sie konnte das Unglaubliche und\nWundersame dieses Vorfalls nicht erfassen.\nMein Schmerz war ähnlich. Im Anfang kühlte\nich mein Fieber mit wildem und systemlosen\nSuchen. Durchstöberte jede Ecke und jeden\nWinkel der Stube, schob die Schränke fort, kroch\nunters Bett, suchte zwischen den Türflügeln. Mein\nGesicht wird rot, mich erfaßt Aerger. Ich sehe den\nInstallateur, wie er meine Uhr fortträgt: ein fünf-\nzigjähriger, hagerer Mann mit gemütlosen bleifarb-\nnen Augen, ergrauendem Schnurrbart, rauhem und\ntraurigem Gesicht.\n„Einsperren lasse ich den Schuft!\" spreche ich\nzu mir.\nDann nahm ich einen Wagen, eilte zum Installa-\nteur, der in einer Kellerwohnung wohnte, irgendwo\ndraußen in der Vorstadt. Zum Glück war er be-\nreits daheim. Im scharfen Lichte einer elektrischen\nLampe schaute er gelassen und ruhig zu mir auf.\n„Meine Golduhr ist versewunden,\" die Worte\nkamen mir mechanisch und gedankenlos von den\nLippen, „aus der Stube, in der nur Sie waren.\nSollten Sie nicht versehentlich. . . .\"\nDer Installateur zuckte die Achseln, hob die\nArme und winkte, ich möge seine Taschen durch-\nsuchen.\n„Aber!\" ich lachte höhnisch auf. „Wenn ich die\nUhr bis morgen in der Frühe nicht wiederhabe, er-\nstatte ich die Anzeige bei der Polizei.\"\n„Nach Belieben!\"\nEr schrieb mir sogar seinen Namen auf, die ge-\nnaue Adresse. Ich ging fort, irrte in der Stadt um-\nher, verspürte kein Verlangen heimzugehen.\nSchwelgte in dem Gedanken, daß ich diesen\nschlauen Verbrecher einsperren lassen werde. Ein\nechtes Verbrechergesicht übrigens. Sein ergrauen-\nder Schnurrbart und seine Augenbrauen sind grün-\nlich und feucht wie Schimmel.\nDen andern Tag rannte ich zur Polizei, wo ich\nnoch nie im Leben war. Plärrenden und puter-\nroten Menschen begegnete ich, die warteten und\nwarteten, vor versperrten Türen stumm und fie-\nbernd warteten und unter Herzklopfen erzählten,\nwas ihnen widerfahren sei. Ich verirrte mich in den\nstrengen weißgetünchten Gängen und mein Atem\nstockte. Endlich stand ich vor dem Polizeikom-\nmissar und erstattete Anzeige. Sofort wurde die\nUntersuchung eingeleitet.\n„Ist es sicher, dass der Installateur den Dieb-\nstahl begangen hat?\" fragte der Polizeikommissär.\n~Ganz sicher!\"\nDann zog ich die Augenbrauen ein wenig hoch:\n..Höchstwahrscheinlich . . .\"\nZeitig am Morgen weckte mich scharfes Klin-\ngeln. Nach einer beinahe ganz schlaflos verbrach-\nten Nacht. Ich hatte mich lange in den Polstern\ngewälzt, bis sich endlich meine Augen schlössen\nund dann erschien mir wohl an die tausend Mal der\nbiaubebluste Arbeiter, der mich gleichmütig: ansah*\nder Dieb, ein wirklicher Dieb, wie ich ihn bisher\nbloß aus Theaterstücken 'kannte. Im Traume\nsah ich, wie er schwere Felsstücke auf dem Rücken\nschleppte, in einer finsteren Zellenecke hockte.\nSeine Pupillen sprühten Funken. Qequält öffnete\nich die Augen. Vor meinem Bette stand ein\nFremder.\nEr benahm sich so heimisch, als seien wir alte\nBekannte.\nStellte einen Stuhl an mein Bett, setzte sich und\nschaute mir ins Gesicht.\n„Sie verzeihn, ich komm von der Polizei.\"\nMein Herz schlug laut unter der Decke, aucii\nmein Gesicht erbleichte. Doch ich wollte den\nGleichgültigen spielen und schaute ihm gelassen ins\nGesicht.\n„Ich bin Detektiv\", sagte er trocken.\nUm meine machtlose Aufregung zu bemänteln,\nschloß ich die Augen ein wenig, als sei ich schläfrig;\ndrückte den Kopf in die Polster und es fiel mir der\nmürrische russische Student ein, den der Detektiv\nin gleicher Lage fand. Doch der Student fürchtete\nsich nicht, obwohl er gemordet hatte. Nicht einmal\ndie Hälfte meiner Furcht hatte er auszustehen. Es\nist vergebens, ich bin nicht zum Helden geboren.\nHabe gerade genug Kraft, um meine Augen offen zu\nhalten.\nDieser Detektiv ist ein gesunder rotwangiger\nMann, ein kleiner blonder Schnurrbart hockt ihm\nunter der Nase. Nur seine Augen sind durch-\ndringend, kaltblau und seine Gesten entsetzlich\nsicher. Meine lixuke Hand hing träge vom Bettrand\nhinab. Sofort bemerkte ich, er starrt sie steif an,\numfaßt mit einem Blick meine Augen, meine Fin-\nger, durch die die Neurasthenie wie ein elektrischer\nStrom prickelt. Die Nasenflügel des Detektivs\nweiten sich. Er schnuppert herum. Nicht einmal\nein Spürhund schnüffelt so gierig. Mit allen Sinnen\nist er auf der Lauer.\nIch trank ein Glas Wasser. Sprach dann ent-\nschlossen:\n„Sie wünschen?\"\n„Ich möchte um einige Details in der Diebstahls-\nangelegenheit bitten.\"\nIch begann. Daran hatte ich gar nicht gedacht.\nUnd es konnte doch von nichts Anderem die Rede\nsein. Sofort fühlte ich mich erleichtert.\nDer Detektiv hörte meine Worte, wandte aber\nseine Bücke noch immer nicht von meiner linken\nHand, die über den Bettrand hinabhing. Seine\nBlicke brannten wie Sonnenstrahlen, die durch den\nFokus eines Brennglases dringen. Es war peinlich.\nIch hätte die Hand in jedem Augenblick zurück-\nziehen können, doch befürchtete ich, es könne ver-\ndächtig erscheinen. Ich bin doch der Kläger, muß\nmich ganz natürlich benehmen, umsomehr, als ich\ndoch keinen Grund zur Furcht habe. Ich dachte an\ndie Romantik schlechter Detektivromane und\nlächelte sogar heimlich. Dieser rotwangige junge\nMann sollte nach der Asche meiner Zigarette mei-\nnen Charakter bestimmen können? Dann hätte es\ndoch für ihn gar keinen Sinn, noch immer so scharf\nauf meine Hand zu starren, die von der Schlaflosig-\nkeit blaß ist. An ihrem Ringfinger steckt ein gol-\ndener Ring, sonst ist nichts Auffallendes an ihr.\nWenn ich sie auf einen Augenblick betrachten\nkönnte, würde auch ich mich davon überzeugen.\nBlut klebt nicht an ihr. Doch ist es mir nicht mög-)\nlieh, die Hand anzuschauen, wie es mir auch nicht\nmöglich ist, meine Nerven noch mehr zu reizen,\nnoch länger diesen stechenden, brennenden\nSchmerz verursachenden Blick zu ertragen. Ich\nspreche hastig und reiße im Eifer des Gesprächs\nplötzlich die Hand unter die Decke.\nDer Detektiv lächelt. Mir bleibt das Wort in\nder Kehle stecken.\n„Weshalb lächeln Sie?\"\n„Ich?\" fragt der Detektiv mit dem unschuldig-\nsten Gesicht. „Ich lächle doch nicht. Belieben Sie\ndoch fortzusetzen.\"\n„Mein Herr, Sie starren ununterbrochen auf\nmeine Hand!\"\nDer Detektiv lächelt wieder.\n„Sie scheinen nervös zu sein.\"\nIch sprach weiter. Doch jetzt beobachtete ich\nden Detektiv. Sah, wie er alles in der Stube\nprüft, weiß, wieviel Sessel ich besitze, wie meine\nTüren, Fenster, Klinken; sogar die Geldstücke hat\ner abgezählt, die ich am Abend auf den Nachtisch\ngelegt habe. Ich gehörte nicht mehr mir selbst.\nWar in das Gewirr einer verwickelten Angelegen-\nheit geraten, in ein tausendfaltiges Netz von Ruhe-\nlosigkeit, Aufregung und Verfolgung, das mich mir\nselbst entreißt, meine Ruhe vernichtet, mich zum\nOpfer eines unbedeutenden Vorfalles macht. Jedes\nLeben hat seine Geheimnisse und dieser aufdring-\nliche Fremde ist sogar fähig, in den Vorhof meines\nHerzens zu dringen. Plötzlich richte ich mich im\nBette auf.\n„Ich habe mir die Sache überlegt,\" stammelte\nich, „und ziehe die Anzeige zurück.\"\n„Das ist ausgeschlossen\", sagt der Detektiv,\n„es liegt ein Delikt vor, das von amtswegen ver-\nfolgt werden muß.\"\n„Wenn ich aber nicht will? . . .\"\n„Warum?\"\nIch konnte nicht antworten. Wurde verwirrt.\n„Und,\" fragte ich, „wird der Dieb wenigstens\nbestraft werden?\"\n„Wenn die Tat erwiesen ist, sicher.\"\n„Er wird eingesperrt?\"\n„Jawohl.\"\n„Kommt in den Kerker?\"\n„Jawohl.\"\n„Haben sie schon Beweise?\"\n„Jawohl.\"\nDer Detektiv war recht wortkarg. Stand auf,\nempfahl sich, um wieder auf die Jagd nach dem un-\nglückseligen Verbrecher zu gehen, der ihm nicht\nmehr entkommen wird.\n„In einigen Tagen werde ich noch weitere De-\ntails brauchen. Sie haben wohl nichts dagegen*\nwenn ich wieder komme. So um die gleiche Zeit.\nOder am Abend zwischen acht und zehn. Da\npflegen Sie immer zu Hause zu sein.\"\n„Woher wissen Sie dies?\"\nEr lächelte.\n„Ich weiß es.\"\nEr verbeugte sich. Ich wollte ihm den Ausgang\nzeigen, doch ging er so sicher, als sei er schon öfter\nbei mir gewesen.\nSollte er mich schon sonstwie gesucht haben?\nIch wusch mich mit eiskaltem Wasser, das er-\nfrischte mich etwas. Draußen auf der Straße\nherrschte Tauwetter, musizierende Frühlingswinde\nwehten, die von weiten Wassern herkamen und der\nWasser reinen Geruch mir ins Gesicht hauchten.\nDie Sonne schien. Im funkelndem Licht spazierten\nviele Leute noch in den dunklen Winterkleidern.\nUnbekannte Gesichter. Früher kümmerte ich mich\nnie um sie. Ich kenne sie nicht und also gehen sie\nmich auch nichts an. Nun versetzt mich diese\nFremdheit in Aufregung.\nDie Beschäftigung prägt jedes Gesicht aus, es\ngibt Advokatengesichter, Professorengesichter, Be-\namtengesichter, Schauspielergesichter, auch solche,\ndie gar nicht verraten und eben deshalb verdächtig\nsind. Wenn ich diesen begegne, werde ich von\nFurcht ergriffen. Diese bedeutungslosen, elegan-\nten und diskreten Spaziergänger sind bestimmt"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3961, "texte": "Detektive! Jawohl, neben mir, vor mir, hinter mir.\nüberall lauern Detektive.\nNachmittags schritt ich durch einen prachtvollen\nGarten, eine blendendweiße Mauer entlang, auf die\nmein Schatten fiel. Plötzlich merke ich, es folgt\nmir jemand. Ein gleichgültiger Herr, der mit sei-\nnem silberkrückigen Spazierstock im Gartenkies\nwühlte, einen steifen Hut und Gamaschen trug —\nund nach billigem Parfüm roch. Eine Weile konnte\nich seine Nähe ertragen. Dann verlangsamte ich\nmeine Schritte. Blieb stehen. Der Unbekannte er-\nreichte, übereilte mich, schaute sich jedoch nicht\nnach mir um. Und gerade diese Gleichgültigkeit\nmachte ihn mir verdächtig. Hätte er mich ange-\nschaut, angelächelt, würde ich mich nicht sehr ge-\nfürchtet haben. Doch so sank ich mit stockendem\nPuls an die Mauer, die von der Frühlingssonne\ndurchwärmt war und stand lange dort, blasser als\ndie Mauer und keuchend im strahlenden Nach-\nmittag, ich empfand, es könne gar kein Verbrechen\ngeben, für das man einen Menschen einzusperren\nberechtigt ist. Doch die Leute sind hartherzig und\ngrausam.\nWas hatte ich verbrochen? Ich weiß es nicht.\nUnd eben dies macht meine Angelegenheit so haar-\nsträubend geheimnisvoll. Ich fühle, ich werde ver-\nfolgt und beobachtet. Als fünfjähriger Knabe stahl\nich meinem Vater eines Tages einen Bogen funkel-\nnagelneues Löschpapier und eine halbe Flasche\nrote Tinte, ich gestand es niemals. Außer mir kann\nes niemand wissen. Gestern abend habe ich die\nVorladung bekommen. /Vorladung in Strafsachen./\nEin schmutziggraues, grobes Papier. Ich muß ge-\ngen den Installateur aussagen. Es kann sich bloß\ndarum handeln. Um nichts anderes. Stehlen ist\nein Verbrechen, Aber ich werde doch nicht des-\nhalb ein Verbrecher sein, weil mir etwas gestohlen\nwurde? Und dennoch zittere ich.\nGestern abend bin ich abermals einem geheim-\nnisvollen Mann begegnet. Ich saß in der Straßen-\nbahn. Er blickte mich nicht an, doch ich wußte,\njede seiner Bewegungen gelte mir, und er übermit-\ntele mir mit aller Anstrengung seines ganzen Ner-\nvensystems telegraphisch krause Zeichen. Bei der\nHaltestelle stieg er aus. Ich folgte ihm. Wollte der\nSache auf den Grund kommen. Er mag offen spre-\nchen, mir die entsetzliche Anklage, die jeder ver-\nschweigt und von der ich selbst keine Ahnung\nhabe, offen ins Gesicht schleudern. Der Unbekannte\nbog um eine Ecke, denn er fürchtete die Abrech-\nnung und fühlte sich in meiner Nähe unbehaglich.\nAls ich ihm folgte, fragte er ängstlich:\n„Was wollen Sie?\"\nUnd ich antwortete nicht minder ängstlich:\n„Nichts.\"\n„Pardon!\" sagte er.\n„Pardon!\" sagte ich.\nMeine Feinde sind heimtückisch. Wenn sie über\ndie Straßen gehen, lächeln sie verstohlen. Sie\nstehen vor meinen Wohnungsfenstern, schleichen\naber fort, wenn ich heimkomme. Sie verfolgen mich\nsehr unauffällig. Tun eigentlich überhaupt nichts.\nAber ich bemerke sie dennoch. Weiß, daß sie\nsich in finsteren Ecken verbergen, aus einem Fen-\nster des vierten Stockwerks auf mich lauern. Ihre\nPupillen sind schwarz wie Gewehrmündungen,\njeder erkennt mich und spricht zu sich: dort geht\ner, dort auf dem Asfalt, der geheimnisvolle Flücht-\nling, der uns bald in die Hände fallen wird.\nIch habe mich schon in alles gefügt. Wenn man\nmich verhaftet, werde ich zu essen bekommen,\nmein Herz wird unbeklommen pochen, meine Lun-\ngen tief und glücklich atmen können. Zwei Gen-\ndarme mit sehr langen Bajonetten werden mich\neinliefern, dann schert man mir die Haare und\nsteckt mich in einen erdfarbenen Sträflingsanzug.\nEs muß sich übrigens ganz gut im Kerker leben.\nIn seiner Stille besser, als in diesem ewigen Beben\nund Schleichen. Jetzt gehen die Menschen auf\nGummiabsätzen um mich herum, schauen mich an,\nwenn ich sie nicht sehe und erwürgen mich lang-\nsam mit ihren sanften, behandschuhten Händen.\nStiller Detektiv, der du auch jetzt hinter meinem\nRücken gehst, erbarme dich meiner und lege deine\nFinger — leise, sehr leise — auf meine linke\nSchulter.\nEinzigautorisierte Übertragung aus dem Magyatisehen von\nStefan I. Klein"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c020", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "134", "page_fin": "134", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.2.9", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Kurt Heynicke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.10", "debut_caractere": 3963, "fin_caractere_exclue": 5544, "texte": "Gedichte\nKurt Heynicke\n\nVerwundet\nUnsere Augen sind schon tot\nehe sie ins Stroh der dunklen Wagen schauen\nund unsre Lippen schmecken noch den gelben\nLehm\naus heulenden, zerwirbelten Gräben.\nDie Stunden kommen knöchern uns besehn\nund ängsten uns\nmit den lächelnden Messern der Aerzte\nund den weißen Verbänden\ndie unsere Leiber\nzu Blei verderben.\nWenn nicht am Rande unsrer Träume\nein Kind stände\nwir gäben uns selber ein mildes Sterben.\n\nSchlacht-Feld-Nacht\nBarmherzig\nist die Nacht\nwenn ihr der Abend tausend Leichen\nin die samtnen Tücher legt.\nDie Sterne wehen kühi\nin stumpfe Blicke\nund dunkles Blut\nblüht zu Kronen.\nWenn dunkelende\ndie gelben Feuer toter Dörfer abwärts glutea\nziehn in die Himmelstore\nsilbern die Tränen Millionen Mütter\ndie ihrem Qotte\nstundstündlich wehe Seufzer beten.\n\nVormarsch\nDort\nwo die Sterne aus den Wäldern kriechen\nbaut sich aus Feuern eine Sonne.\nDort\nschreit die Erde unter blutigen Fäusten.\nWir schreiten\nund wir singen uns zur Ruhe\ndenn alle bluten\nnach vorn\nvoran\ndort\nmuß sich unser Schicksal an uns pressen.\nWir haben längst\nden Tod in uns versenkt\ndie letzte Heimat haben wir vergessen\nund nun brennt sich\nder Schrei\nin uns hinein:\nWir wollen\nmüssen\nleben\nfür uns\ndas leben\nwas das gebärend ikreisst\nim Sterben vieler Städte\n\nWo\nIch bin so müde\nwenn der Abend ebbt.\nEs steigen Flammen aus der halben Heile.\ndrin du. \\\nIch darf nur in Gedanken mit dir sehn\ndu bist mir nur\nErscheinung\".\nUnd in die Kindheit deiner Augen muß ich s.efcsi\ndie mir geschah\nnur einmal.\nO meine Arme betteln ewig:\nWo? 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Angstvoll klammert er sich an die\nSäume seines sachten Gespinnstes, der Musen:\n„Mars Ultor regiert die Stunde, und die Musen\nfliehen, erschreckt von dem rauhen Lärm, der in\nihre tiefsinnigen Weisen von allen Seiten hinein-\ndringt.\" Einen tiefsinnigen Weisen verlassen die\nMusen nie, aber wer die Musen braucht, war schon\nstets von der Kunst verlassen. „Dieser muß\neine Schule des Talentes werden. Denn indem\nIdealismus sich erneuert, muß sich wie von selbst\ndie Kraft künstlerischer Darstellung erneue™\" Die\nKraft künstlerischer Darstellung hat sich bereits\nwie von selbst erneuert, auch der Idealismus, und\nzwar lange vor dem Kriege. Der tiefsinnige Ma-\nterialist, Herr Karl Scheffler, hat es nicht bemerkt.\nEr war sein ganzes Leben lang verreist, nach Grie-\nchenland. In Deutschland hat er den Anschluß ver-\npaßt. Und im Krieg wird er ihn nicht einholen.\nManche Leute verpassen eben immer die Züge, und\nmit griechischen Waffen wird kein Sieg der Gegen-\nwart errungen.\nDer Künstlerpräsident\nDie Münchener Künstlergenossenschaft hat einen\nneuen Präsidenten gewählt. Er hat, sagte er einer\nZeitung, kein eigentliches Programm. Auch kein\nKunstevangelium. „Es gibt für mich nur Leute,\ndie etwas können und solche, die nichts können.\"\nFür mich. Es fragt sich nur, ob der mich ein ich\nist, der weiß, ob Leute etwas können oder nichts\nkönnen. „Nur vor dem einen müssen wir uns hü-\nten, vor dem Ueberhandnehmen der Mittelmäßig-\nkeit.\" Was der Künstlerpräsident unter Ueberhand-\nnehmen versteht, ist nicht so leicht von der Hand zu\nweisen: „Mittelmäßigkeit wird immer sein und muß\nsein, denn ohne Kleine werden die Großen nie\netwas werden können.\" Das heißt auf Deutsch:\ndie Mittelmäßigen werden sich nie als groß auf-\nspielen können, wenn nicht eine möglichst große\nZahl noch Mittelmäßigerer vorhanden ist. Diese\ngroße Zahl macht München bedeutend: „Was die\nBedeutung Münchens ausmacht, ist die Gesamtheit\naller Künstler.\" Je mehr in einer Stadt gemalt wird,\ndesto künstlerischer wird sie. Aber es darf nicht"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2615, "texte": "überhandnehmen. Denn: „Die Regierung der Mit-\ntelmäßigkeit ist die größte Gefahr für sie. Die\nLeute, die wegen gesellschaftlicher Tugenden und\nguter Ballmanieren heraus Ansehen in den Kunst-\nkreisen bekommen, sie dürfen nicht regieren, wenn\nsie nicht erste Künstler sind.\" Demnach scheint\nMüncfien ganz merkwürdige Kunstkreise zu haben.\nDer Künstlerpräsident selbst hat aber keine gesell-\nschaftlichen Tugenden: „Wir haben einen Primi-\ntivismus aufkommen lassen, haben das unreife\nStammeln großgezogen und uns nicht getraut, dort\nmit Dreschflegeln hineinzuhauen, wo es wirklich\nnotwendig gewiesen wäre; wir alle sind damit in\neine gewisse unwürdige Abhängigkeit von einigen\nKunstgelehrten gekommen und haben auch in der\nPresse ihnen zu stark geglaubt.\" Warum ziehen\nwir erst das Stammeln groß, wenn wir es nach-\nher mit Dreschflegeln verhauen wollen. Wir haben\neben das Stammeln nicht großgezogen. Vielmehr\nist den großen Mittelmäßigkeiten das Stammeln von\nBildern zwar nicht durch Dreschflegel, sondern\ndurch gute Bilder so verleidet worden, daß sie ihr\nStammeln statt mit Farbe mit Druckerswärze no-\ntierten. So kam wenigstens eine Farbe heraus.\nUnd was die großen Mittelmäßigkeiten nicht er-\nreichten. nämlich die neue Kunst, das heißt über-\nhaupt die Kunst zu töten, soll jetzt der Krieg für\nsie tun: „Was den Kindern erlaubt ist, wollen ernst-\nhafte Künstler für sich beanspruchen. Hoffentlich\nmacht der Krieg mit diesem Spielerisch-Kindischen,\ndiesem Blöd-Frechen in der Kunst bei uns in\nDeutschland wenigstens für immer ein Ende.\" Wo-\nbei sich nur wieder fragt, was man für spielerisch-\nkindisch und für blöd-frech hält. Jedenfalls, Herr\nKünstlerpräsident, geben Sie zu, daß sogar für\nSie ernsthafte Künstler etwas für sich beanspru-\nchen, was den Kindern erlaubt ist. Man soll selbst\nals Präsident nicht so erhaben über Kinder sein.\nEine Erziehung mit Dreschflegeln hat manche Nach-\nteile. Eine Erziehung überhaupt auch, selbst wenn\ngute Balimanieren dabei herauskommen und ge-\nsellschaftliche Tugenden. Der Verstand der Ver-\nständigen reicht nicht an das kindliche Spiel heran.\nUnd ein Künstler, der nicht spielen kann, soll sich\nin seinem Ernst begraben lassen.\nLissauer wacht\nEngland träumt schwer . . . seine Wälder murren,\nDer Himmel tönt,\nImmer heller, immer schneller,\nHorch, es brausen die Propeller.\nEngland träumt . . .\nEngland stöhnt.\n(Nachdruck mit Quellenangabe erlaubt)\nErnst Lissauer\nLissauer wacht sehr . . . seine Verse surren\nD euts chl and stöhn t,\nImmer dichter, immer grauer\nHorch, es sausen die Lissauer.\nLissauer wacht . . .\nDeutschland stöhnt.\n(Quellenangabe: B. Z. am Mittag)\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c026", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "135", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.2.11", "titre_corps": "Erkenntnis", "titre_sommaire": "Erkenntnis", "signature_source": "Albert Ehrenstein", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.11", "debut_caractere": 2617, "fin_caractere_exclue": 3065, "texte": "Erkenntnis\nAlbert Ehrenstein\nIch habe Wein gegessen,\ntrunken fauchte mein Aug;\nich habe Sterne gemessen\nund meine Seele war die Zahl.\nEntschwang ich mich,\nheller und dunkler mich mengend\nin fernes Geseel toter Völker,\ntoDte ich melancholisch dahin\nin engverschnürten Versen\noder freihingießend die Worte,\nnicht war in Wein und Stern und Wort\ndie Lust zu groß.\nUnd weiser ist, wer gar nichts weiß,\nund nur,\nwie süß ein Frauenmund\nder Zunge schmeckt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c027", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "135", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.2.12", "titre_corps": "Expressionistische Architektur", "titre_sommaire": "Expressionistische Architektur", "signature_source": "Adolf Behne", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.11", "debut_caractere": 3067, "fin_caractere_exclue": 8400, "texte": "Expressionistische\nArchitektur\nAdolf Behne\nAus dem Sturmbuch VII: Adolf Behne: Zur neuen\nKunst\nWer bei „Expressionismus\" nur an bestimmte\nFarbenstimmungen denkt, wird nicht einsehen wol-\nlen, inwiefern auch eine Architektur expressioni-\nstisch sein kann. Stellt man sich aber auf den Stand-\npunkt, daß alle künstlerischen Erregungen, die tie-\nfer gehen, gerade in der Architektur als der streng-\nsten und reinsten der bildenden Künste einen deut-\nlichen Ausdruck finden müssen, wird man den Ge-\ndanken einer expressionistischen Architektur nur\nnatürlich finden.\nWenn es wirklich eine expressionistische Archi-\ntektur geben soll, so muß es auch eine impressioni-\nstische Architektur geben! Soll das im Ernst be-\nhauptet werden? Allerdings, nur muß man beim\nKlange des Wortes „Impressionismus\" nicht ge-\nrade seine Definierung als Hellmalerei, Bewegungs-\ndarstellung, Kunst des flüchtigen Augenblicks im\nSinne haben und nun etwa von einer impressioni-\nstischen Architektur ein bewegliches Pendant zu\nLiebermanns Polospielern erwarten. Der Sinn des\nImpressionismus liegt, wie wir gesehen haben, viel\ntiefer. Er heißt: Unterordnung des künstlerischen\nSchaffens unter eine nicht im Wesen der Aufgabe\nliegende Vorstellung oder Idee. Und in diesem\nSinne nenne ich zum Beispiel die Architektur der\nRiemerschmidschen Arbeiterhäuser in Hellerau im-\npressionistisch. Ihre Gestaltung ist nicht einzig und\nallein aus den Gegebenheiten entwickelt, ihre Form\nist nicht das organische Produkt der schlichten Tat-\nsächlichkeiten, sondern es ist in ihre Erschaffung\nhineingemischt ein äußeres, fremdes Element, nen-\nnen wir es Rothenburg oder Alt-Nürnberg. Ihm tritt\nder expressionistische Architekt gegenüber. Dieser\nsteigt in das Wesen seiner Aufgaben ganz tief und\nganz gespannt hinab, noch ohne jede Vorstellung\neiner bestimmten Ordnung, einer bestimmten For-\nmung. Ihm ergibt sich stets alles aufs neue vom\nGrund aus, er schafft ganz von innen. Notwendig\nist ihm jede Form etwas Einmaliges, weil niemals\nbei einer neuen Aufgabe die genau gleichen Bedin-\ngungen wiederkehren können. — Er hält sich alles\nfern, was von außen als Formgesetz, als Einfluß, als\nMacht herantreten könnte. Da seine Häuser ganz\nvon innen heraus werden, müßte eine solche Macht\nauf sie wirken wie auf eine wachsende Pflanze ein\nfremdes künstliches Licht.\nWenn es sich zum Beispiel um den Aufbau einer\nFassade handelt, so sind die elementaren Kunst-\nmittel: die Wand, als Vorderwand und sichtbare\nDachfläche, und ihre Oeffnungen, Türen und Fen-\nster. Dies sind die ersten, die selbstverständlichen,\ndie natürlichen Elemente für das Aeußere eines Hau-\nses, solange Bauen Bauen ist, sind die ganz sach-\nlichen Grundlagen für den Aufbau einer Fassade.\nAlles andere, griechische Säulen, Frontispize, Ba-\nrockkartuschen, Karyatiden, Türmchen, ist abgelei-\ntet, ist herangeholt. (Dagegen sind Erker und Bai-\nKon an manchen Orten, zum Beispiel in Berlin,\nnahezu elementare Bedingungen, da sie von der\nBaupolizei erlaubt und also vom Bauunternehmer\nabsolut gewünscht werden.) Geht nun ein Archi-\ntekt beim Schaffen seiner Fassade von einem En-\nsemble griechischer Säulen aus, weil er sie „liebt*s,\noder von der Idee einer Rokokodekoration oder\neiner toskanischen Villa, so gleicht sein Vorgehen\nprinzipiell dem des impressionistischen Malers.\nBeide ordnen sie das Leben der elementaren, der\nsachlichen und daher natürlichen Kräfte einer von\naußen genommenen Vorstellung unter, sei diese\nnun die Übereinstimmung mit einem Eindruck der\nlebenden Wirklichkeit oder eine von vornherein ge-\nwünschte, ganz bestimmte architektonische Wir-\nkung historischer oder sentimentaler Art! Ein sol-\ncher Architekt schafft, ob er eine Kirche oder einen\nBahnhof oder ein Mietshaus baut, stets nur über an-\nderem Grundriß seine Architektur, seine Formen,\nseine Gliederungen, seinen Rhythmus! Dem\nimpressionistischen Architekten ist der „Eindruck\",\nden das fertige Haus auf jeden Fall machen soll, das\nPrius! Ein typisches Beispiel ist Ludwig iioffmanns\nBerliner Stadthaus. Es stand für den Baumeister\nvon vornherein fest, eine Fassade im Stile der ita-\nlienischen Palazzi zu geben. Nach dem gewählten\n„Charakter\", der irn architektonischen Schaffen\ndurchaus die nämliche Rolle spielt wie ein Natur-\nvorbild für den Maler, bestimmten sich die xMaße\nder Fenster und ihre Anordnung — die nun für die\nBureauräume, die im sachlichen Programm der Auf-\ngabe lagen, viel zu klein und viel zu weit vonein-\nander getrennt sind. Die enorme Breite der Pfei-\nler zwischen den einzelnen Fenstern war freilich\nabsolut notwendig, wenn anders der Eindruck des\n„Palazzo\" resultieren sollte.\nWie kann man ein solches Bauen, dem der fer-\ntige Außeneindruck das oberste Prinzip ist, das\nrückwärts alle die aus der Sache, aus den Grund-\nlagen, aus dem faktischen Programm fließenden\nKräfte unterbindet, besser als mit dem Schlagworte\n„impressionistisch\" bezeichnen? Demgegenüber\nwählt ein Taut, ein Loos die Maße der Fenster so\ngroß, wie es für ein helles, frohes und lichtes Zim-\nmer zu wünschen ist, und schafft aus ihren Oeff-\nnungen und der verbleibenden Wand sein Kunst-\nwerk. Das Mit- und Gegeneinanderwirken dieser\nbeiden ursprünglichen Elemente muß die Fassade\n„bilden\". 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Die Aufführung bedeutet bereits eine\nEmpfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte Bücher\nzurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nPaul Claudel\nGoldhaupt I Ein Trauerspiel\nin drei Teilen\nHellerauer Verlag 1915\nHellerau bei Dresden\nAdolf Behne\nZ u r n e u e n Kunst\nVerlag Der Sturm\nAugust Stramm\nErwachen\nVerlag Der Sturm"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c029", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "136", "page_fin": "136", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.2.14", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.12", "debut_caractere": 481, "fin_caractere_exclue": 644, "texte": "Notiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monnatiich als Doppelnummer. 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StraBenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nHer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwlinscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vi e r t e 1 j a h r e s bis\nzum fiinften des ersten Monats einzu-\nsenden / Andernfalls nehmen wir an, daB Ein-\nzieh ling des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwunscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nGskar fCokoscfika: Zwanzig Blatt Zcichnunfei? /\nStrich&tzung / Auf Kaiserlich Japan-Ptpier ii\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton i® c!b«\nfacherer Mappe 12 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-01-01-01-c032", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-01-01_01#c032", "volume": "bmtnabg_1915-01-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "136", "page_fin": "136", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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B a d g e r / Bosfon\n/ Mass I USA 194 Boylston Street\nUinberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milano\n/ Con ritratto delFautore / Preis M 3,50 / Zu be-\nZiehen durcb den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fur Biichereinb&nde / Muster\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Bestel-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- und\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.1", "texte": "t ■bT*^ -i -1- Jg&ffi •^v4'sä'! B&l '\".-4\"- 9£XRi fifi?~~ ?\"*?'' \"'J-'—C\\ '4 •1 SfPH&iüsi^^A\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9/Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAus stell u ngsräume\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nFÜNFTER JAHRGANG 1915\nBERLIN ERSTES UND ZWEITES JANUARHEFT\nNUMMER 19/20\n\nInhalt:\nAdolf Knoblauch: Kranz der Heimat / Adolf Knoblauch: Die schwarze Fahne / August Stramm: Gedichte / Paul Zech: Das Vorgesicht / Ernst\nWilhelm Lötz: Gedichte / Desider Kosztolänyi: Der Detektiv / Kurt Heynfcke: Gedichte / H. W.: Kunstvorsteher / Albert Ehrenstein: Erkenntnis / Adolf\nBehne: Expressionistische Architektur / Jacoba van Heemskerck: Stiilebea / Originalholzschnitt / Carl Mense: Originallinoleumschnitt / Wachlmeier:\nOriginaSoleumschnitt\n\nJacoba van Heemskerck: Stilleben / Originalholzschhitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.2", "texte": "Kranz der Heimat\n\naus sieben Hymnen:\nWiegengesang / Der Strom I Das Erwachen /\nDas Liebeslied / Die Heide I Das Märchen /\nErinnerung\nMein jugendfrischer\nIn Liebe empfangener\nUnd freigeborener\nKranz der Jugend\nKranz der Heimat\n'112\nDer Heimat aus dem II ohenl i e d e ge-\nsagt:\nIst sie eine Mauer,\nSo wollen wir ein silbern Bollwerk drauf bauen\nIst sie eine Tür\nSo wollen wir sie festigen mit Zedernbohlen\n*\nWiegengesang\nDu rufst mich, Wiesen g e sang meiner\nHeimat ...\nDer Vater wirft mir reife Aepfel zu, und die Mutter\nschließt mich in ihre Arme.\nDie Stimmen meiner Brüder rufen mich emsig: wie\njunge Vögel rufen sie den lieben Gespielen.\nUnter grünen Eichen gehen all die Lieben, mit\nFestgewändern angetan.\nAber ich gehe als Bettler einher, mit Staub be-\ndeckt und trage die Spuren geduldiger Mühen.\nSie erwarten mich still, flüstern mit Einander und\nbetrachten mich mit seltsam glänzenden Augen:\nAn die Hände fassen mich meine Brüder,\nVater hebt die Wanderbürde von meinem Rücken,\nDie Mutter küßt meinen Mund, wendet sich ab und\nweint . . .\nSo rufst du mich Wiegengesang —\nAbendkühle liebkost die zerrütteten Sinne und\ntrocknet die feuchte Stirne.\nDu beginnst wieder mit deiner Zauberflöte\nDie Weisen der zarten Kindheit und die lustigen\nMärchen zu erzählen,\nUnd die lang versunkenen Bilder deiner Traulich-\nkeit neu zu wecken,\nMit einer Sehnsucht, die weh jubelnd die Arme\nausbreitet\nUnd schluchzend zur Erde sinkt . . .\nSeht dies sind meine Eltern:\nMit meiner Pein und meinem Grausen habe ich\nsie erschreckt,\nDoch trotz meiner Häßlichkeit halten sie mich lieb,\nUnd wenn ich auch dies Teure nicht begreifen\nmag,\nSo weiß ich Eines über allem Begreifen,\nSie rufen mich und halten mich lieb,\nUnd ich darf bei ihnen bleiben dankbar und in\nFrieden,\nHeile Kräfte werden Nahrung bringen\nMit. goldenen Eimern in alle Blüten . . .\nDer Strom\nAuf dem breiten Heimat-Strom fahre ich in mein\nJugendland.\nDie schweren Lastkähne treiben stromabwärts im\nroten Abendlicht,\nZum eintönigen schwermütigen Singsang\nRauscht der sachte Wind in den breiten braunen\nSegeln.\nAus kleinen rotdachigen Städten, den Dörfern mit\nschmalen Strohgiebeln\nKlingen die Schläge des Schmiedgehämmers,\nDie dumpfen Donner der Drescher auf vollen\nTennen.\nZwischen niedren Deichen fahren wir mit dem\nströmenden, wolken-beglänzten Wasser,\nUngehinderten Fernblicks über die stillen Marsch-\nfluren\nMit ihrem Rauch verborgener Dörfer,\nMit den schmalen großäugigen Pferden\nUnd den bunten ruhigen Kühen, die ernst an die\nUfer des fahrtreichen Stromes treten\nUnd uns und über uns hinweg die jenseitige Ebene\nbetrachten,\nDie fernblauenden Schatten dunkler Hügel,\nVon denen nieder die Abendsonne noch einmal\nDen Strahlenbecher ihren träumenden Kindern zu\nheilem Tranke reicht.\nAuf der spiegelnden Flut, der makellosen, nahen\ndie Schwäne, irdisch trauliche Boten,\nUnd fahren über die Tiefe den Lieben Sohn mit\nvogelleichtem Boot und Silberruf\nAus düsterer Fremde heim in die königlichen Arme\nder Väter:\nLiebeslieder, Mädchen lieder, Mär-\nchenlieder, die alten frohen und wehen\nLieder,\nDie Wellen, die gen den Kahn plätschern,\nSilberne Springbrunnen, die zur Wölbung des\nhimmlischen Traumes hinansteigen,\nLieder mit dem zarten Flug der Engel\nMit dem weißen Leib stark inniger Jungfrauen\nGeben geduldig waches Geleit ins Jugendland mit\ntrostreichem Spruch . . .\nDas Erwachen\nZwischen grauen Säulen im blinkenden\nSaal\nErwächst der Kranke und lernt in das einsame\nDämmer aufzusehen und zu verehren,\nUnd die Säule, an die er sich lehnt, küßt er manch-\nmal mit Scheu, umarmt sie insgeheim.\nUeber ihm steht der goldhelle Spiegel gespannt,\nder alle lauteren Dinge verklärt\nIn des Morgenrotes Kräften fühlt er köstlichen\nBrand,\nHauchgleich aus des zierdenreichen Alls Quellen\nstrahlend\nBis zum Erlöschen in der Liebe gestirnter Himmel.\nMitten in seinem Toben, im holden Krampf,\nMitten in seinem blinden Weinen hüllt den star-\nren Leib\nDas Milde in dem mütterlichen Mantel\nDas Mädchen legt Arme, Hände, Mund,\nDie weichste Berührung um sein fortgewandtes\nHaupt.\nEin Zittern steigt über das Grausig Leere,\nEin Farben bogen ersteht seufzend\nVon schimmernden Kerzen in Millionen Händen\nVerborgene Tränen durchrinnen den Knaben bis in\ndie geringste Leibesfalte\nAus keusch erbrochenem Herzen entzücken sie die\nwiedergeborenen Glieder,\nDie sich zur Berührung wölben\nMit weitem Atemholen horcht er der neuen klaren\nStimme,\nDie ihm geläutet wird von Mutter- und Liebes-\nMacht.\nBang erblickt er in dem Antlitz, das ihn mit zärt-\nlichem Flüstern friedet,\nDas Geschenk der großen Weißen Erde, das er\nempfangen darf.\nEr senkt das Knie, beugt das Haupt,\nSie jauchzt still die höchste Kindeslust,\nEr drängt in sein schaffendes Leben, welches das\nSchicksal hämmert\nIn seiner Herzschläge tollem Gewirr zu Zucht und\nlehrender Größe:\nSanft sinkt eine volle weiße B 1 um e\nauf seine Stir n.\nDas Liebeslied\nDie beiden seligen Kinder flüstert das Mittagslied\nder Hummel\nAuf breiter bunter Heide in wonnigem Traum\nAuf dem Edelthron des Hügels blicken sie gen Ein-\nander im sonnigen Feuer,\nDer Mittagshauch gleitet durch ihr gekostes Haar,\num der Lieben nackte Arme.\nIhre Nacktheit sehnt sich nach Umfangenwerden,\nund sie beugt sich herab\nUnd legt sich bleich in die Arme des Knaben,\nIn die gehorsamen Arme, die den reichen Schmuck\nihres Magdtums\nMit keuscher Sorgfalt umfangen.\nUeber den nackten Kindern wölbt sich die Liebe\nBestickt von den tausend Sternen der Lieb-\nkosungen\nIm Einandergeben, im Licht des lieben weißen\nLeibes.\nDie Hummel harft aus dem Allerheil igsten\ndes Liebeskreises in der prangenden\nOede:\nEben noch stehn im Abendglühen Beider Arme\nPaare hochgebogen\nZum edlen Kronreifen in den rosigen Bergen\nDoch in der tieferen Dämmerung umschlingen sie\nsich enger,\nIm Aufblick zu Sternenreichen Himmelshöhn,\nWo das Liebesgestirn unbeweglich scheint,\nDas Bild des Zeugers die Milchstraße überglänzt.\nDie Heide\nHimmel über meinem Jugendlande,\nDen die Gesichte hoffnungslosen Abschiedes, des\nNimmerwiedersehens Traurigkeiten drücken,\nGraue und flache Last der grenzenlosen Oede,\nOhne Berg und Strom, ohne fruchtbare Flur, ohne\nSiedler und Hütten und Herden.\nIn deines fernen Randes grauen müden Dunst\nTauchen die dürren Wachholderbüsche,\nGleich düsteren Menschen, die gebückt deine Last\nnoch ein Weniges schleppen,\nErstarrt, ehe sie deine glühende Anstrengung er-\nfuhren,\nAbseits, im Gestrüpp verwurzelt, ehe sie das Opfer\nbringen durften zu deinen Wonnen.\nGeh in die Heide, o Kind mit nacktweiß\nschmalem Fuß,\nLeg dich ins herbe rote Heidmeer, aus Duft und\nBienensang und strahlender Sonne entbrennen\nUnd sprich mit der Heide gleichsam mit einem\nscheuen, lieben Mädchen.\nDu hörst die Heide atmen mit der Grasmücke fein-\nbebendem Leibe,\nDu siehst die Heide weinen mit dem Tautropfen\nder Blumen\nAbends von Himmel und Erde in dichter Unschuld,\nDu spürst im gleitenden Gang der Käfer\nDen sanften kristallischen Sand im schmalen\nSteige rieseln.\nBlau liegt die ferne, weltweite Schranke,\nVon der ein Wind zu dir haucht und deinen Mund\natemstockend bindet\nAn die honigströmende Tiefe\nIn eine Stille von Urbeginn . . .\nDas Märchen\nFinsternis und Schlaf sinken auf dich, die Erde\ntut ihre Türen auf"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.3", "texte": "Und du schaust ins Märchenland der Jugend: . . .\nEinst bauten tausend Erdmännchen einen funkeln-\nden Palast in deiner Heide,\nIn dera Rosengarten, der nahe ist jedem Orte auf\nErden und dennoch fern von allen Wegen.\nDas ist der wundersame, versunkene\nRosengarten deiner Jugend\nAls du zwischen gläsernen Wänden durch leuch-\ntende Tore schrittest\nUnd in deinem hellen Herzen Märchenmenschen\ntrugst, Märchenkönige,\nUnid auf den Thron in deinem Palast aus durch-\nsichtigen Mauern\nEine Märchenkönigin hobst, welche die Mädchen\ndeiner Heimat\nMit einem Namen der Liebe nannten im Morgen-\nrot,\nDa sie die Wassereimer aus den Brunnen hoben.\nAlso steht es in deinem Märchen:\nLichtvögel schwebten zu Gestirnen durch die fest-\nlichen Säle\nRosenhaine hauchten Düfte durch den immerwäh-\nrenden Tag,\nAus fernen Riesenhörnern wehte in den Hallen\nsausende Musik,\nKinderscharen liefen die Marmortreppen an den\nblanken Geländern auf und nieder.\nIn ihrer aUerschönsten Kummer tronte deine Kö-\nnigin,\nMit lustigem Zauber, kluger Anmut,\nMit Weiser Tragender' Zärtlichkeit\nFlocht sie Blumen, umwand dein Haupt\nUnd du bogst es tief dem Schmuck.\nErinnerung\nTiefs c h ö n wird deine stürmische Seele wenn\nsie das Liebes-Lied... Märchen-Lied... hört,\nDas Unbegrenzte, das über das Vergängliche er-\nhebt,\nDas Unvergleichliche auf der klanglosen Erde,\nDas Stärkende, da du hinzusinken drohst.\nWenn du in der Mutter Schoß das ausgelittene\nHerz bettest\nDann wird es dein Auge zu ihrem greisen, unsterb-\nlichen Scheites aufrichten:\nEs wird dich verlangen nach solcher Ehrfurcht,\nDich dürsten machen nach unendlicher Ruhe der\nkindlichen Küsse,\nAuf den untersten Saum ihres umwallenden Klei-\ndes gedrückt,\nNach der Grenzenlosen, Lieben Hei-\nmat .. .\nDas Gesicht in den Händen vergraben, auf Knieen,\nEmpfängst du den wehen, einzigen Ton\nFühlst die Schauer, die dich beugen,\nSiehst unwiderstehlich nahen\nHeiligen Bildes\nSang der Heimat . . .\nLiebeslied...\nMärchen!ied . . .\nEnde\n\nAdolf Knoblauch\n\nDie schwarze Fahne\nAdolf Knoblauch\nEine Dichtung\n' t * ; '\n. s» j\ni\nBrans Fahnenspruch:\nLasset uns nicht das Gemeinsame Werk beflecken,\ndies innerliche, übermenschliche Band,\ndas Werk des Schöpfers.\nWir sind Begeisterte, Erhöhte, welche die\nheldischen Heere\nin das Treffen geleiten mit den reinen, entflammten\nGesängen,\nvoll vom Siege über den Tod.\nWir sind die Krieger des Genius unseres Volkes,\nseines Geistigen,\nEroberer der strengen und schwierigen Harmonie,\nErkennende ihres neuen Gesetzes von unserem\nVolke aus.\nDie wir Kinder des fortdauernden Werkes sind,\nbemühen wir uns nicht, die einstmals geschaffenen\nWerke zu erhalten,\nsondern machen wir den Einsatz mit dem Werk\nneuer Kunst,\ndas wir betreuen mögen,, ob wir gieich wissen,\ndaß in dieser Stunde Vielen von den Unsrigen\nder Tod nahe ist.\nZur Folgschaft\nWißt, es ist eine Wiedervergeltung, Rache war-\ntet Eurer.\nUnd wenn Ihr zu Tausenden irgend an einem\nOrte zusammenkommt in der anderen Welt, so\nbraucht es weiter keinen Teufel — ihr Jagos, ihr\nwerdet euch Teufels genug sein. Gott — Gott be-\nwahre mich vor eurem Garn, vor eurer Gesellschaft\nund vor eurem Teil in der Ewigkeit. Meine Seele\nkomme nicht in euren Rat und euer Bild sei ein\nPanzer für meine Brust, daß kein falscher Gedanke\nhineinfliege.\nDer arme Mann in Tokkenburg (1776—1792)\nDachkammer\nBran lehnt unbeweglich am engen Fensterchen,\nvorm brennenden Himmelblau eines heißen Okto-\nbermorgens. Gleich einem abgesägten finstren\nStamm lehnt er vor der Sonne und beschattet sie.\nEr starrt ohne zu sehen, auf die Kiefern hinab, die\nihre spitzen Nadelwirbel bis zur Mansarde hinauf-\ntragen, auf die blutroten Weinranken, die zum\nDache nisten. Der ganze prangende Ort leuchtet,\nsoweit er sehen kann, im klaren Herbstgold unterm\nLichtblau, ein orangenes Meer flutet über die\nVillen und Straßen. Lichte Eschen glittern,\nleise, falbe Hängeweiden werden sacht angerührt,\nBirken heben die ranken lichten Stämme. Fichten\nrichten feierlich stilles Dunkel hoch, gelbe Akazien,\nroter Ahorn, braune Kastanien ruhen mit bronze-\nnen Kronen. Der Südwind haucht regungslos aus\nsonnigen Weiten. Die Nebel der verwichenen\nNacht sind hinaufgeschritten und haben sich rings\nam lichtgrünen Himmelsrand zu fernen silberwei-\nßen Wolken geschart. Vogelruf zieht ruhevoll\nüber die Dächer hin. Vor dem nahenden Frühzuge\nklingelt die niedergehende Bahnschranke drunten\nvom Walde in die Stille auf.\nBrans müde Augen sind schwarze Wunden,\nüberreizt von Schlaflosigkeit und heißem Starren\neine lange einsame Nacht hindurch, ertragen sie\nnicht das helle Licht. Er wendet sich wieder der\ngruftartigen engen Kammer zu, dem heißen kahlen\nZufluchtsort, den vom Dachboden nur eine dünne\nWand trennt. Die schwarze, riesige Platte des Ar-\nbeitstisches ist leer, leer ist das Zimmer des Ar-\nmen, von ihm aus klafft in die Stube unendliches\nZerstörtsein, sein schräger Schatten verfinstert es\nvöllig.\nIn diese Kammer über den Dächern münden\nalle Straßen seiner großen Stadt, Freuden, Kämpfe,\nSorgen, Erfolg und Verzweiflung, die von ihr\nkamen, traten schmerzensvoll oder freudig an dies\nFensterchen und blickten hin zu ihr, deren Tabor-\nstirn nächtlicherweile am Himmel aufschimmerte.\nDie Irrwege, Herzlosigkeiten, das Unsinnige und\nStumpfe, alle Feindschaft, unzählige Gesichte aus\ndem Leben und der wechselvollen Geschichte von\nMillionen, kamen zu ihm, traten in diese kleine\nBodentiir, ließen nicht ab und gingen in seine Mühe\nein. Was aus jenen von Zivilisation durchgeglüh-\nten Versammlungen, den sozialen Gruppierungen,\nwas aus türmenden Unternehmungen, den heißge-\nquälten Schmieden aus Eisen und Stein in den Stra-\nßen ehern aufklirrte, es zog seine Straße, mischte\nsich mit der verstehenden Herzlinie eines kleinen\nMädchenmundes und trat über diese Schwelle der\nAbseitigkeit, um des lieben Wortes endlich inne zu\nwerden, in dem Jahrtausende des Menschen zur\nBindung gelangen.\nWie Bran seine Stadt kennt, die Straßen in\nElend und Grauen, Verschollenheit und Suchen, in\nNacktheit und Sterben, in Kampf, Glut, Sieg . . .\nDie stürmenden Lebensadern des großen Her-\nzens . . . Wie Lichtzeichen am Morgen des neuen\nTages, der Heerbann von verborgenen Kämpfern\nim Wogen der Masse, lichtvolle Angesichter, zart\ngefestigte Gesichtszüge, stolze junge Gebenden!\nDie Stadt hat Brans Selbst gemeisselt, das\nAntlitz schartig gemacht, davon die Wangen bren-\nnen wie Wunden, davon die Augen so blind und\nversengt, daß sie auf das eigene trauernd bren-\nnende Sterben schauen, auf die verlorene Schlacht\ndes einsamen Kämpfers, mit Sternen ■= und Blut\n= Wirbeln in der Höhe. In der Flamme des Wehs,\nin dieser glockenläutenden frommen Frühe, in dem\nbitter-starren Krampf, der ihn bannt, wächst Brans\nHerz unermüdlich aufwärts, wird Unerbittfich-\nkeit, ganz Wissen, ganz Gesang. Befreit tritt er\nvor die großen Rätselhaften, die Kinder und Den-\nker, deren Liebesflammen er überall weiß und die\neinander fühlen und wissen. In seiner Ehrfurcht\nsehnsüchtig reckt er den Arm, um ihn schattend\nvor die Glut des Angesichts zu legen, jünglings-\nhaft ungeduldig. Geist und Flamme, Leib und Leben\nim köstlichen Geben zu sein. Und im Schmerz\nkommt der Sturm und im Sturm das heiße Wei-\nnen, welches Leben gebiert.\nNacht\nBran kehrt eines Nacht von einem seltenen Be-\nsuch aus Berlin zurück. Lange Stunden freund-\nlichen Zusammenseins schwingen noch nach, starke\nWorte hat er gesprochen, man hat ihn angegrif-\nfen, Erinnerungen, Theorien, Bekennnisglut, da-\nzwischen zerknitterte Redensarten, dumpfe Wir-\nbel von Schauern und Lustgefühl, all das wogt\nbezaubernd durch die Nacht. Visionen gürten ihn\nmit Helligkeit und Schärfe, und er spricht die\nVerse Georges von der „Fülle die fehlt\", „alles\nhabend, alles wissend seufzen sie: Karges Leben,\nDrang und Hunger überall . . .M\nEr betritt leise sein Zimmer und ohne Licht zu\nmachen, legt er Mantel und Hut, Bücher und Ma-\nnuskriptmappe auf das Bett und öffnet das Fen-\nster. Er schaut die Wand des Nebenhauses hinan\nzum spitz zugehenden Dachrand mit der Rinne\nvoll gefrorenen Schnee. Mit einem Mal beginnt\ndie graue weiche Finsternis droben lautlos und\ndicht mit Schneeflocken sich auszufüllen und still\nund weit das Dach, die Fenster und die Straßen\ndrunten zu berieseln und das Dutzend rosa kalter\nelektrischer Lichtgloben im Park des großen Sana-\ntoriums auf der anderen Seite der Straße mit röt-\nlichem Flor zu verhüllen. Der Strahl einer Gas-\nlaterne dringt scharf in Brans Zimmer, vom Pank-\neingang kommt lautes Gespräch, überlaut in der\nhüllenden Stille, bis schließlich mit dem sich ent-\nfernenden Rollen eines Wagens alles milde und.\ngedämpft wird; ein sanftes Leuchten, ein leises\nSingen ersteht rings drunten, vom Fallen des dich-\nten Schnees unter dem zerknitterten Geäst der\nBäume und Strauch er.\nEin anderes Geräusch ersteht aber und dringt\naus dem stillen Haus, ohne sich mit dem des fallen-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.4", "texte": "den Schnees vermischen zu können. Das Schluch-\nzen eines Kindes geht hilflos in den Zimmern, in\nder Nacht voll weihnachtlichen Friedens unter; es\nscheint zu verloren zu sein, als daß sich eine er-\nbarmende Stimme seiner annehmen könnte, zu\nenttäuscht und verzweifelt, als daß es je gestillt\nund eigeschläfert werden könnte. Es ist zu leise\nund doch allzu durchdringend, als daß es im\nSchnee überhört werden könnte. Im Schnee? O,\nnein, aus dem Nebenzimmer, durch die verschlos-\nsene. verhangene Tür hört Bran das unbekannte\nKind schluchzen, dringt zu ihm eine so leidende\nHülflosigkeit, daß er sich ergriffen ins Zimmer\nwendet, steht und nach dem Nebenzimmer hin-\nüberhorcht. Es dauert lange, ehe ein Geräusch\nnebenan aufwacht, ehe eine weibliche Sorge in der\nNacht Licht macht und sich ans Bett des Kindes\ndrängt, ohne daß sein Weinen aufhört. Gleich-\nmäßig fallen seine heißen Tropfen nieder und er-\nweichen _das Herz des Horchenden, während die\nweibliche Stimme, ohne auch nur im geringsten zu\nschelten, sanft zuredet und mahnt, wie ein Arzt\nvielleicht einen Kranken: schludks Tränchen hin-\nunter, kleiner Uli, schlucks Tränchen hinunter.\nDie Stimme wiederholt immer dasselbe, das Kind\nweint leise weiter und weit noch, als Bran im\nBette liegt und schläft. Das Leben hat sich erhoben\nin der Gestalt dieses traurigen Weinens, unfaßlich\ngeht es durch die Räume des Hauses, hauchgleich\ndurchdringt es die Nacht und erfüllt sie mit einem\ntrüben Geheimnis, überall antwortet ihm eine\nschwere Sorge, überall begleiten es die armen\nWorte: Ich bin ja bei dir, ich hab dich lieb.\nMorgen\nStumm gespenstisch, ungeheuer erglimmt die\nSonne über einem blauweißen, unermeßlichen\nBahrtuch im niedren erdfernen Stande. Vom\nSchneefall der vergangenen Nacht ist eine geister-\nhafte Helle über und in den Häusern, und Brau,\ndessen Bett mit dem Kopfende neben dem schönen\ngroßen Fenster steht, sieht in die Frühe hinaus\nund schaut das rote kalte Eisen Stück der\nSonne neben der Wand des Nachbarnhauses unter\ndem Ziegeldache hängen, wo es für ein Weilchen\nsichbar bleibt.\nDer rote Schein der Wintersonne steht im kah-\nlen Raum, auf dem armseligen Kärtchen von Sils-\nMaria, das in einige rohe Stäbchen gefügt als ein-\nziger Zimmerschmuck über Brans Bette ange-\nbracht ist. Die Erinnerung an den grünen schö-\nnen Bergsee von Sils-Maria, an die lange schmale\nChaste, auf deren Felsen eine verwitterte Gedenk-\ntafel an Friedrich Nietzsche ruht mit der stolzen\nInschrift seines edlen Menschenliedes.\nMorgen um Morgen sieht Bran die Sonne zu\nihrer roten Herrschaft über den Schnee ansteigen,\nzu ihrer frostklaren Herrlichkeit. Tag um Tag\nsenkt sich der Neuschnee über das Land, die bläu-\nlichen Ackerfurchen werden ausgefüllt und mit\nseinem unendlichen Leintuch Straßen, Gärten, Hü-\ngel und Felder wölbend zugedeckt. Und Bran sieht\nrot, blau, grün am Himmel kommen und schwin-\nden wie die bemessenen sicheren Leidenschaften.\nDas erste frühe scharfe Rot, das dem Auge weh\ntut, ist das Rot früh zum Galgen, zum Henkers-\ntod durch den Gerichtshof der Großstadt. Es gibt\nnichts so Unerbittliches, Kaltes und bald Vor-\nübergegangenes wie diese rote Glanz- und Licht-\nlos igk ei t.\nWie weit verschieden ist sie vom Rot des\nspätabendlicfoen Sonnenbrandes, dem Rot der\nWollust, der Rache und des Unterganges. Im Azur-\ngrün, im tiefsten Zenithblau ziehen die Wolken-\ngestalten still dahin, schmal faßlich wie Griffel, oder\ndie Rücken scharfer Klingen, bald herrlich blutrot\ndurch blaue Tore, karmosinene Riesenwale vom\nAnfang der Schöpfung, bald in Rauch und Zerstö-\nrung, auf ragenden Zinnen, die schimmernden Fit-\ntiche der großen Erzengel Miltons . . der rote, ent-\nzündete, frühe Morgen ruft, läutet, mahnt — der\nbiaue betäubende Mittag hält rastend inne und\nschaut vorwärts die ferne Bahn, — der azurgrüne\nhelle Abend, paradiesisch leuchtend wie der klare\nBergsee von Sils-Maria, steht vor dem bezauber-\nten hellen Lande. Auf breit hingelagerten enthüll-\nten Stufen liegt ein lichtes brennendes Rot überall\nausgegossen, das Rot der feierlichen Gelübde, des\nmärchenhaften Bergblickes in ferne Zukunft, sanf-\nter Vermählungswonne, heiliger Ruhe und gewis-\nser Entsagung, das Rot allen Abgrundes, Erken-\nnens und Fernhinschreitens . . .\nBrans Blick fällt zurück, die Sonnenscheibe\nschwindet hinter der Hauswand, die Scheide ver-\nschluckt die lachende Blutrinne des schon gezück-\nten Degens. Brans Leib liegt leichnamshaft in den\nblauen Kissen, zartgegliedert ruht er neben dem\nfurchtbaren Feuergestirn .. . Sein Antlitz, auf-\ngerichtet im Tage, ist von einem alten goldenen\nHeiligen.\n\nFortsetzung folgt\n\nGedichte\nAugust Stramm\n\nWecken\nDie Nacht\nSeufzt\nUm die schlafen Schläfen\nKüsse.\nEisen klirrt zerfahlen.\nHaßt reckt hoch\nUnd\nSchlurrt den Traum durch Furchen.\nWiehern stampft\nSchatten lanzt der Wald.\nIns Auge tränen\nSterne\nUnd\nErtrinken.\n\nSchlachtfeld\nSchollenmürbe schläfert ein das Eisen\nBlute filzen Sickerflecke\nRoste krumen\nFleische schleimen\nSaugen brünstet um Zerfallen.\nMordesmorde\nBlinzen\nKinderblicke.\n\nWunde\nDie Erde blutet unterm Helmkopf\nSterne fallen\nDer Weltraum tastet.\nSchauder brausen\nWirbeln\nEinsamkeiten.\nUebel\nWeinen\nFerne\nDeinen Blick.\n\nVernichtung\nDie Himmel wehen\nBlut marschiert\nMarschiert\nAuf\nTausend Füßen\nDie Himmel wehen\nBlut zerstürmt\nZerstürmt\nAuf\nTausend Schneiden.\nDie Himmel wehen\nBlut zerrinnt\nZerrinnt\nIn\nTausend Fäden\nDie Himmel wehen\nBlut zersiegt\nZer siegt\nIn\nTausend Scharten.\nDie Himmel wehen\nBlut zerschläft\nZerschläft\nZu\nTausend Toden\nDie Himmel wehen\nTod zerwebt\nZerwebt\nZu\nTausend Füßen.\n\nWerttod\nFluchen hüllt die Erde\nWehe schellt den Stab\nMorde keimen Werde\nLiebe klaffen Grab\nNiemals bären Ende\nImmer zergen Jetzt\nWahnsinn wäscht die Hände\nEwig\nUnverletzt.\n\nSignal\nDie Trommel stapft\nDas Horn wächst auf\nUnd\nSterben stemmt\nDas Haupt durch flattre Sterben\nSträubt\nGehen Gehen\nGeht\nUnd geht und geht\nUnd geht und geht\nUnd geht und geht und geht und geht\nGeht\nStapft\nGeht.\n\nDas Vorgesicht\nPaul Zech\n\nEinmal geschah es, daß Severin Roubaud den\nerkrankten Steiger Poulein plötzlich vertreten\nmußte, weil er der Aelteste auf der Sohle war.\nSeverin aber betrachtete den Auftrag, einen\nverlodderten Flöz wieder berggerecht zu schaffen,\nsozusagen als Prüfungsaufgabe für den Hilfssteiger-\nPosten, der zu vergeben war.\nEr spannte, von brutalem Ehrgeiz getreten, Hirn\nund Muskeln an. Trieb die fünf Kameraden wie\nOchsen und fluchte bei der Einfahrt wie der Berg-\ninspektor.\nJacques, der jüngste von den Kerlen, lockerte\nim ersten Zorn schon das Messer.\nDer verwahrloste Schacht stundete bereit ein\npaar Jahre und war schlüpfrig wie ein Sumpf."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.5", "texte": "Carl Mense: Originallinoleumschnitt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.6", "texte": "Die sechs Männer hatten schwere Arbeit mit\ndem hervorgequetschten Gebirge, das sich über\nzehn Fuß Mächtigkeit hinstreckte.\nSie sackten jeden Schritt breit, den sie heraus-\nschlugen, sofort zu. Keile und Bolzen saßen fest im\nAufhieb. Und aus Pram und Sohle rieselte kaum\nnoch Staub.\nNur im vordersten Gang, wo Severin allein\nschaffte, stand das Feuer in geduckten Funken und\nschrie nach der Wettermühle.\nAber Severin hatte einen harten Schnapsschä-\ndel und bohrte- fort, trotzdem die Bläser aus dem\ngerissenen Bruch schon explodierten und ein Heu-\nlen wie von gereizten Löwen war.\nDicht hinter den anderen stürzten die Ladungen\nmit Lawinen von Staub. Benahmen ihnen allen den\nAtem und saßen faustdick auf dem Gestänge.\nJacques murrte und warnte Severin: den Bruch\ndoch erst ausschwälen zu lassen.\nSeverin aber stemmte die Eisen, als säße hin-\nter ihm einer mit Keulen. Da fingen auch die an-\nderen um Jacques an, unruhig zu werden. „Man\nsollte den Obersteiger anklingeln,\" schrie der rote\nJean.\nZwei Weiber, die ganz hinten die Wagen an-\ndrückten und in Rufnähe Waren, pfiff man heran.\nSie mußten die Wettermühle holen.\nSeverin schlug weiter. Schlug, daß die ausge-\nklüfteten Felsen dröhnten.\nIn den Hölzern knackte es, als bohrten tausend\nWürmer darin. Und aus den Nebengebirgen scholl\ndumpfes Grollen herüber.\nMan deckte das Kappholz und rammte die Bu-\nchenpfähle Schlag auf Schlag.\nWiderliche Schwüle kam aus den Gängen, trotz-\ndem die Mühle ungeheuer mit den Flügeln aus den\nSaugern schlug.\nDer rote Jean, der aus dem Vlämischen stammte,\nwarf die Eisen einfach fort und verkroch sich hin-\nter das Gestänge. Ein schweres Grauen war über\nihn gekommen, denn er hatte in der verflossenen\nNacht einen bösen Traum gehabt. Er hatte seinen\nVater rot und groß gesehen. Seinen Vater, der\nvom Förderseil aufgerissen wurde, vor Jahren, im\nLeichenkittel über die Halde tanzen gesehen.\n„Du Severin!\" heulte er auf und wischte sich\n•den Schmutz von den dünnen Lippen.\nSeverin blickte nicht auf von der Arbeit. Er\nlag auf den Knien und arbeitete, daß ihm die Zunge\nbreit aus dem Halse hing.\nHin und wieder tat er ein paar Fehlschläge.\nDann rann ihm das Blut aus großen Wunden von\nden Händen. Aber er zuckte nicht.\nEr fühlt sich wie ein Teil dieses Gebirges, das\nden anderen wie ein massiver Haufen aus dicker,\nansteckender Finsternis erschien, in die sie ohn-\nmächtig hineinbellten.\nEndlich hatte er ein riesiges Loch geschlagen.\nDas Geröll quatschte auf seine Lenden wie lauter\nfeuchte Sandsäcke.\nEr beugte sich vor, tastete klirrend herum, er-\ngriff die Flasche vom Rücken und goß sie ganz in\nsein entzündetes Inwendige.\nAls ihm der letzte Tropfen des Fusels durch\nden Schlund gefahren war, fühlte er wieder, was\ner vorhatte und schleuderte die Flasche auf den\nRücken zurück.\nDer Hammer sprang wie geölt von seinen Schul-\ntern herab.\nRings war es ganz still geworden von den\nFäustelschlägen der anderen.\nJean stand mitten im Gang und schrie noch-\neinmal: „Du . . . Du . . . Severin . . . Du , , ,\nMörder!\"\nSein Gesicht war kreidig verzerrt.\nUnd die Augen zerrissen die Finsternis. Und\nplötzlich öffnete sich da im innersten Innern ihrer\nPupillen eine Luke. Kohlschwarze Sammetpforten\nwurden da tief drinnen aufgeschoben. Und es\nstiebte eine schwarze Glut heraus. Ein knitternder\nSchatten von Feuer. Eine Flamme. . . .\nSein Atem hielt mit einem Seufzer inne.\nEr fühlte sich sengend heiß.\nDie Lippen brannten.\nMein Gott!\nMutter Maria!\nJoseph . . .\nDer Vater . . .\nUnd da ... da ... da . . . wie von unten mit\nriesigem Nacken wütend emporgedrückt, brach die\nganze Arbeit zusammen.\nSplitterte. Riß. Knackte und rollte empor.\nDie Kohlenwuchten steilten sich wie Dämme.\nBerg und Gehölz verschwanden in Rauch und\nSteinhagel. Ein Geheul wie nicht mehr aus mensch-\nlichen Kehlen donnerte herauf.\nAber die wahnsinnigen Rufe starben hin in dem\nLärm von herabstürzenden Brocken und Wasser,\ndas wie ein Bergstrom einbrach und den Staub ver-\nschlammte.\nSeverin schraubte durch den verstopften Mund\nwie ein wilder Hengst. Stürzte in das Dunkel vor,\nwo er die Kameraden vermutete.\nDa brach es noch einmal los und es war, als\nbarst die ganze Erde zusammen.\nBis zur Brust war er festgekeilt und griff mit\nden Händen wiie in Mehlbergie.\nUnd immer neues Wasser ergoß sich und ver-\nschlang die Staubwolken.\nVon einem geknickten Pfahl herunter blinkte\ngelbes Licht.\nDas war Jeans Lampe.\nEr griff danach und hob sie hoch.\nSeine Augen zersägten das Dunkel.\nDa hörte er ein Jammern tief unter sich wie aus\neinem ungeheuren Keller herauf.\nSeine Augen begannen zu hüpfen.\nBlut siedete auf den zackigen Felsstücken.\nFleischteile lagen dampfend auf den zerschmetter-\nten Hölzern.\nEr bekam endlich eine warme Hand zu fassen\nund versuchte sie mit aller Macht emporzuziehen.\nTastete hinunter und griff nasses Gestein.\nDie Hand ging verloren.\nEr kratzte überall herum und konnte sie nicht\nwiederfinden.\nEr versuchte, sich aus dem Bruch emporzuwin-\nden. Aber je heftiger er sich abmühte, um so nach-\ngiebiger rollte neues Gestein herab.\nSeine Kraft erlahmte. Seine Augen brannten\nweh aus der Schwärze und suchten nach der Hand.\nSie wurden gejagt von einem furchtbaren Wahn-\nwitz. Jeder Nerv wtar aufgespannt.\nUnd da sah er sie wieder.\nDie Hand . . .\nMit fünf Fingern . . .\nDie 'bewiegten sich. Zitterten. Krallten sich\nzusammen.\nSeverin ächzte und drehte sich aus der Um-\nklammerung in unsinnigen Verrenkungen.\nDie dicke Luft machte seinen Atem kurz.\nAn den Geröllklumpen hämmerte sein Arm sich\nlahm.\nUnd dort unten war noch immer die Hand . . .\nFinger, die krampfhaft verzerrt um Hilfe zuckten.\nSich wieder schlössen.\nEin mörderisch geballter Fluch, diese Faust.\nUnd sie wuchs heraus aus dem Gestein.\nUngeheuer groß heraus.\nSeverin schüttelte sich wild.\nFrost klirrte über sein Gesicht.\nTausend Räder brausten durch sein Gehirn.\nBrausten und rissen die Augen mit, die nun\nnichts mehr sahen. Nur eine furchtbare Nähe gei-\nsterhaft fühlten.\nDie krummgeballte Faust des Satans.\nUnd Brausen und Stampfen des Weltgerichts.\n*\nAls Severin erwachte aus purpurner Finsternis,\nsah er in das blutige verzerrte Gesicht Jeans. Und\ndie Hand, die er gefühlt hatte, die sich in sein Ge-\nhirn gehämmert hatte, hielt ihm die Lampe in die\nAugen.\n„Ah — ah . . . Du . . Du . .\" ächzte er und\nschüttelte sich vollends wach.\nJean erhob sich, langsam, mühselig, den Raum\nwiie ein Riese ausfüllend. Eine Wolke, ein Berg —\nund brüllte: „Seht da! Seht den Severin! Seht\nihn an: da ist er, der das alles getan hat. Seht da!\nDen Mörder!\"\nSeverin, ganz Besinnung wieder und stark,\npackte ihn bei den Schultern, riß ihm die Lampe\nweg und kommandierte: „Maul halten! Du .. .\nDu Tk>r Siehst Du nicht, daß wir hier fest sind?\"\nJean schwankte zurück und grinste.\nSeverin suchte indes mit der Lampe das Geröll\nab. Nach einem Eisen oder so etwas. Und fand\nschließlich einen Fäustel.\nDamit beklopfte er hinten die Wand.\nEs klang hohl.\nSeverin schrie auf: „Hierher Jean. Hier müssen\nwir durch.\nJean hatte sich inzwischen ein Eisen her ausge-\nkratzt und kroch heran. Severin hielt die Lampe,\nin der einen Hand und hämmerte mit der anderen\nwild auf den Felsen.\nJean stieß mit dem Eisen wuchtig hinterdrein.\nJeder Stoß würgte ihm das Gedärm in die Kehle.\nSein nackter Oberkörper wTar klatschnaß und haut-\nlos von Schweiß.\nDas Gebirge gab langsam nach und brach in kur-\nzen Schollen herab. Dumpfes Dröhnen schauerte\nnach allen Seiten und fand keinen Ausweg. Die\nAdern der beiden Wühler bäumten sich gegen die\nGeräusche auf wie Stach eins und Spannung\nbrannte in den Muskeln mit rauchendem Eiter.\nSie hämmerten drei volle Stunden in einem\nZuge. Und fielen beide zu gleicher Zeit er-\nschöpft um.\nEs war, als würden ihnen erst jetzt Augen, Oh-\nren und Eingeweide allen Ernstes geöffnet für\ndie Bodenlosigkeit all dieses nachtschwarzen\nElends!\nSeverin flüsterte matt: „Jean .. . Jean .. .\nhör doch!\"\n„Was ist noch zu hören?\" ächzte der aus\nschmerzhaften Krümmungen herauf.\n~Du Jean!\"\n„Zum Teufel noch, was soll -ich?\"\n„Du Jean, wenn wir noch eine Stunde schlagen,\nmüssen wir durch sein. Keinen Meter mehr ist\ndie Wand.\"\n„Verflucht, schlag doch, wenn Du kannst!\"\n„Hör, ehe sie uns von vorn herausgraben, sind\nwir da hinten schon auf dem alten Gang. Ein Not-\nschacht ist da.\"\n,Schrei doch nicht so, Du Hund! Mein Kopf ist\nganz zerschossen. Krepieren müssen wir doch\nhier. Alles ist vorbei.\"\nSein Gesicht fiel mit einem Knick vornüber.\nSeverin bemühte sich, wieder auf die Füße zu\nkommen. In seinen Schläfen und in seiner Stirn\nbeutelten sich dicke Blasen. Blut trat ihm schwarz\naus Kinn und Hals.\nDann begann er zu hämmern, und dachte an\nMaruscha. O, schönes warmes Bett mit Ma-\nruscha! Nun wird sie oben am Tor stehen und mit\nden anderen Weibern flennen. O Maruscha! Bald,\nJa, ach bald komm ich wieder zum Küssen. Schö-\nnes warmes Bett, Maruscha!"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.7", "texte": "Wachlmeier: Origicallinoleumschnitt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.8", "texte": "Er hatte wieder Schwung in den Muskeln und\nsein Riemen stand. O Maruscha!\nAuch Jean hatte sich bald wieder aufgereckt.\nStützte sich auf das Eisen und horchte. Schlen-\nkerte mit dem verwundeten Arm und sackte ein\nbißchen in den Knien ein.\nPlötzlich jauchzte er laut: „Schüsse . . . hör . . .\nSprengschüsse!\"\nSeverin ließ den Hammer fallen und drückte sich\nmit dem Kopf tiefer in das Gestein.\n„Donner, ja, Jean, ganz deutlich. Wirklich,\nSchüsse!\"\nNun hieben sie alle beide wie verrückt. Körper\nan Körper. Und Jeans Besinnung wuchs mit jedem\nHieb, den er ausholte.\nAch, die Wand gab nicht nach. Und die Mi-\nnuten zogen die Sekunden mehr und mehr in die\nLänge, zerrten sie ungeheuer auseinander, walzten\nsie wie Draht aus, der mit spinnendem Klang in\nJ\ndie Ohisen hineintönte.\nJean schmiß das Eisen trostlos hin. Seufzte:\n„Alles ist wieder still . . . Horch . . . ganz still. . .\"\nSeverin klappte zusammen. Tastete blind und\ngrausaum in der Luft herum. Dachte einen Augen-\nblick: „Hab ich wirklich Schüsse gehört? Wie?\nHab ich Schüsse gehört?\"\nJean fühlte sich wie ins Genick gestoßen. Ein\nKnochengerüst klapperte über seinen Rücken.\n„Hu . . . Hu . . . Der Alte . . .\" spie er frös-\nstelnd. Und sprang wieder an die Wand.\nHelles Feuer blitzte vom Eisen. Und der Staub\npfiff von einer fremden Schwingung weggestoßen,\nihm breit ins Maul.\nSplitternd gab die Gesteinswand nach.\nEine handgroße Lücke klaffte und ließ eine wun-\nderlich kalte Luft hereinziehen.\nSeverin, der einen halben Meter seitwärts\nstand, bekam den Durchzug zu schnappen.\n„O ihr Heiligen all! Jean! Jean! Nun können\nwir bald durchschlüpfen.\"\nJean spürte, wie seine Adern heraufschwollen:\nDieser Hund kann noch lachen? In diesem Unglück\n«och lachen?\nUnd stellte sich vor das Loch: so, daß der an-\ndere nicht hinzukommen konnte und schlug in be-\nsessener Wut in den Bruch.\nStück um Stück fiel klirrend herab. Und das\nLoch war schon so, daß man den Kopf hindurch-\nstecken konnte.\nUnd noch immer ließ er Severin nicht heran.\nEine wahnsinnige Ahnung polterte durch sein Ge-\nkira.\nMit einem Ruck hob er sich in die Ellenbogen\nund zwängte erst seinen Kopf und dann den Ober-\nkörper durch das Loch.\nEnttäuscht ließ er sich zurückschnellen und fiel\nhinterrücks auf eine Steinkante.\nSeverin sah, wie er die Beine hoch in die Luft\nwarf. Und dann auf einmal die Hand.\nDie Hand mit den fünf Fingern, die auf und zu\ngingen. Sich ballten und wie ein fleischgewordener\nFluch standen.\nEr hielt sich an einen Felszacken gepackt. Und\naus seinen Augen, die vor Oual schimmerten, schoß\nwagerecht die Angst.\nDa flog er vor. Warf den Hammer wütend in\nden Bruch und begann die Oeffnung weiter auszu-\nbrechen.\nJean konnte sich nicht rühren. Seine Augen\nwaren voll Blut. Und durch dieses Blut schwamm\ndas knarrende Gerippe des Alten. Und immer hörte\ner den anderen hämmern.\n„Er wird durchkriechen und mich hier liegen\nlassen! Der Mörder wird mich hier verrecken las-\nsen! Ei verflucht!\"\nUnd da kam ihm seine Kraft zurück und riß den\nWahnsinn aus den Augen.\nUnd sieh: Heilige Mutter Maria, Joseph! Der\nandere steckte schon halb im Loch.\nWie eine Riesenschlange wälzte sich Jean auf\nden Knien vor und faßte Severins Beine.\n„Raus da, Du Mörder!\"\nSeverin stürzte platt zu Boden. Drehte sich\nherum. Sein Gesicht gab ein wüstes Gebrüll. Er\nschlug mit den Armen wild um sich. Kam mit einem\nRuck wieder auf die Beine und rutschte nach der\nOeffnung.\nDa kugelte sich Jean noch einmal auf ihn, biß\nund kratzte.\n„Was willst Du Lump? Hast Du einen Flapps?\"\nkrächzte Severin.\nJean hatte Severins Kehle zu fassen bekommen.\nSchraubte seine Finger fest herum.\nSeverin fühlte diese Krallen wie Schüsse im\nGehirn. Jeder Finger schoß hundert Kugeln. Das\nHerz stand ihm bebend in der Kehle. Finger ris-\nsen es heraus. Fünf Finger, die wie ein Fluch ge-\nschlossen waren.\n„Maruscha!\"\nDas war der einzige Laut, den die Finger aus\ndem zuckenden Herzen quetschten.\nDann schnellten diese Finger zurück, und Jean\nfuhr sich damit über den rauchenden Schädel.\nUnd da befiel ihn naßkalt schweißiges Grauen.\nMit einem Satz war er aus dem Loch heraus.\nTaperte mit blinden Händen durch den Schacht.\nSein Kopf flog wie ein Pendel. Ein ganz kleines\nPendel. Bis er an ein Gerüst schlug und stehen\nblieb. Verdammt und verflucht stehen blieb.\nMit einem gut Teil Anstrengung war es Jean\ndann gelungen, sich wieder zu fassen. Seine\nFinger griffen etwas Festes. Balken, die hochstell-\nten. Ein widerlicher Luftstrom brauste da von oben\nherab. Ein Fauchen und Zischen von Drähten.\nUnd dann stolperte Jean in den Korb. Riß an\ndas Zinkseil. Das Auffahrtssignal schnellte nach\noben. Packend schnappten die schweren Trag-\ngesenke ineinander. Der Korb stieg wie eine Wolke.\nDie Luft pfiff heiß und giftig.\nJean hatte eine Empfindung, als sei er erst jetzt\ner selber geworden, ganz und gar. Und jubelte: o\nihr Heiligen alle! Gelobt! Gelobt Jesus Christus!\nPlötzlich stand der Korb mit einem Ruck.\nSchleuderte Jean herauf, daß ihm die Bordkante\ntief in die Brust schnitt.\nJäh grub er beide Fäuste wild in seinen Busen\nhinein. Krähend vor Schreck. Und suchte das Seil.\nZog mit beiden Händen an das Tau und schrie\nalle Schutzpatrone hinauf. Riß das Tau herunter\nund riß es tief in seinen Schädel. Mit den Armen,\ndie in weißlichen, glatten Windungen von seinem\nKörper herabfielen.\nUnd da! Wie ein geborstener Meteor, sausend,\npolternd fegte der Korb wieder in die Tiefe hinab,\nvon einer Satanskralle wütend herabgezogen.\nImmer tiefer.\nGrenzenlos durch Finsternis und Nächte sau-\nsend.\nBis auf den Grund durch Meer jähre und Stern-\nkoraüei?.\nAbwärts.\nEndlos in das torweit aufgesperrte Maul des\nAlten, der einmal im Knochenrock über die Halde\ntanete.\n\nGedichte\nErnst Wilhelm Lotz\n\nGefallen Ende September in Belgien\nIch schleppe meine Stunden . . .\nLaß mich meine Hände um deine Gelenke spannen\nUnd meine Stirn an deine Schulter lehnen,\nO du umträumte Geliebte!\nIch schleppe meine Stunden durch Strafen,\nKontore und windige Treppenhäuser,\nUnd alle Augen die mir begegnen sind behauchte\nScheiben,\nHinter denen, in Rechen-Folianten geduckt,\nEin Seelen-Jemand vor grün verdeckter Lampe\ndämmert.\nMädchen, wenn ich meine Augen in deine warmen\nfiässde presse,\nDann steigt so dunkel und weich um mich auf,\nDaß ich träume, ich sei bei meiner Mutter,\nTief bei meiner Mutter in der Blutnacht.\n\nLicht\nLicht umzieht mich, umsingt mich, umfließt mich,\nSpielend lasse ich meine Glieder im Fließenden\n.plätschern.\nEin blankes Bassin umspannt mich die Straße,\nWeit, weich, wiegend.\nIch wasche mich ganz rein.\nAus euren Köpfen, ihr schwimmenden Straßen-\nwanderer,\nDie ihr nicht von mir wißt,\nGebrauche ich schimmerndes Augenweiß, meinen\nLeib zu bedecken,\nHell zu beschäumen,\nMeinen jung sich hinbiegenden Schwimmerleib.\nO wie ich hinfließe im Licht,\nO wie ich zergehe,\nWie ich mich durchsichtig singe im Licht!\n\nEine Französin\nim sächsischen Schwarme,\nKühle Frühlinge züngelt ihr Blick,\nLeichte Gewässer\nSpielen die Fiinger über den Tisch,\nTräumen die Winde von ihrem Gelächter.\nDoch das Kaffee, die Musike und wir und mein\nflackernder Stift\nKreisen belichtet, verebben mit Bücklingen fließend\nUnd lassen gekräuselt\nIm Lächeln Madonna zurück.\n\nDer Detektiv\nDesider Kosztolányi\nZwischen zwei und drei Uhr, alles glänzte im\nglitzernden Sonnenschein, verschwand plötzlich\nmeine Golduhr vom Schreibtisch.\nEinen Augenblick stand ich mit schwindelndem\nKopfe da, starrte mit meinen schläfrigen Augen den\nTisch an, den leeren Platz der Uhr, wo in kleinen\nGoldpfützen Glanz und Wärme brodelten. In der\nstarken Nachmittagsbeleuchtimg schien all dies un-\nglaublich, wie überhaupt jeder Diebstahl etwas\ngewalttätig, jäh wirkt. Nachher aber tritt tiefe\nStille ein.\nIn der Stube befand sich niemand. Keine ver-\nräterische Spur.\nIch hatte mich kurz vorher in der Stube nebenan\nein paar Minuten auf das Sofa gelegt, und während\nein Installateur in diesem Zimmer die Krone repa-\nrierte, war ich eingeschlafen. Der Installateur\nmußte die Uhr erblickt haben, steckte sie ein und\nverschwand. Schlug hinter sich die Tür zu.\nSonst war niemand in der Stube gewesen, nur\ner konnte der Täter sein.\nVerwundert blickte ich vor mich. Es erfaßte\nmich ekelerregende und würgende Beschämung.\nAls würde mir ein Messer in den Leib gestoßen und\n— rasch und brutal — der halbe Arm abgeschnit-\nten. Ein Attentat war gegen mich verübt worden!\nEs geschah ein Wunder, das ich mit meinen Sinnen\nnicht erfassen kann. Etwas war hier und ist nicht"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.9", "texte": "mehr da, verschwand unter einem Schwarzkünst-\nlergriff, verdampfte ins Nichts, in eine neue Dimen-\nsion, die mir vollkommen unbekannt ist, und jetzt\nhabe ich die Empfindung, daß nicht bloß gegenl mich\nein Attentat verübt worden sei, sondern gegen die\nOrdnung, gegen die Urlogik. Verzweifelt strengte\nich mein Gehirn an. Der Diebstahl bleibt immer\nunverständlich. Ist dem Wunder und dem Wahn\nverwandt.\nIm Winter des vorigen Jahres wurde bei meiner\nTante in Siebenbürgen eingebrochen. Sie war am\nMorgen von Hause fortgegangen und als sie am\nAbend heimkam, fand sie die Tür weitgeöffnet, an\nden Klinken von Stemmeisen hinterlassene Spu-\nren, die alten Schränke von Messern beschädigt,\neine der Stuben ganz ausgeplündert. Meine Tante\nerblickte dieses wüste, düstere Bild, sprach kein\nWort und ging fort. Sie hatte in der Bank noch\ngenug Geld liegen, um damit getrost ein neues\nLeben beginnen zu können, und dennoch sprang sie\nin den Fluß. Sie konnte das Unglaubliche und\nWundersame dieses Vorfalls nicht erfassen.\nMein Schmerz war ähnlich. Im Anfang kühlte\nich mein Fieber mit wildem und systemlosen\nSuchen. Durchstöberte jede Ecke und jeden\nWinkel der Stube, schob die Schränke fort, kroch\nunters Bett, suchte zwischen den Türflügeln. Mein\nGesicht wird rot, mich erfaßt Aerger. Ich sehe den\nInstallateur, wie er meine Uhr fortträgt: ein fünf-\nzigjähriger, hagerer Mann mit gemütlosen bleifarb-\nnen Augen, ergrauendem Schnurrbart, rauhem und\ntraurigem Gesicht.\n„Einsperren lasse ich den Schuft!\" spreche ich\nzu mir.\nDann nahm ich einen Wagen, eilte zum Installa-\nteur, der in einer Kellerwohnung wohnte, irgendwo\ndraußen in der Vorstadt. Zum Glück war er be-\nreits daheim. Im scharfen Lichte einer elektrischen\nLampe schaute er gelassen und ruhig zu mir auf.\n„Meine Golduhr ist versewunden,\" die Worte\nkamen mir mechanisch und gedankenlos von den\nLippen, „aus der Stube, in der nur Sie waren.\nSollten Sie nicht versehentlich. . . .\"\nDer Installateur zuckte die Achseln, hob die\nArme und winkte, ich möge seine Taschen durch-\nsuchen.\n„Aber!\" ich lachte höhnisch auf. „Wenn ich die\nUhr bis morgen in der Frühe nicht wiederhabe, er-\nstatte ich die Anzeige bei der Polizei.\"\n„Nach Belieben!\"\nEr schrieb mir sogar seinen Namen auf, die ge-\nnaue Adresse. Ich ging fort, irrte in der Stadt um-\nher, verspürte kein Verlangen heimzugehen.\nSchwelgte in dem Gedanken, daß ich diesen\nschlauen Verbrecher einsperren lassen werde. Ein\nechtes Verbrechergesicht übrigens. Sein ergrauen-\nder Schnurrbart und seine Augenbrauen sind grün-\nlich und feucht wie Schimmel.\nDen andern Tag rannte ich zur Polizei, wo ich\nnoch nie im Leben war. Plärrenden und puter-\nroten Menschen begegnete ich, die warteten und\nwarteten, vor versperrten Türen stumm und fie-\nbernd warteten und unter Herzklopfen erzählten,\nwas ihnen widerfahren sei. Ich verirrte mich in den\nstrengen weißgetünchten Gängen und mein Atem\nstockte. Endlich stand ich vor dem Polizeikom-\nmissar und erstattete Anzeige. Sofort wurde die\nUntersuchung eingeleitet.\n„Ist es sicher, dass der Installateur den Dieb-\nstahl begangen hat?\" fragte der Polizeikommissär.\n~Ganz sicher!\"\nDann zog ich die Augenbrauen ein wenig hoch:\n..Höchstwahrscheinlich . . .\"\nZeitig am Morgen weckte mich scharfes Klin-\ngeln. Nach einer beinahe ganz schlaflos verbrach-\nten Nacht. Ich hatte mich lange in den Polstern\ngewälzt, bis sich endlich meine Augen schlössen\nund dann erschien mir wohl an die tausend Mal der\nbiaubebluste Arbeiter, der mich gleichmütig: ansah*\nder Dieb, ein wirklicher Dieb, wie ich ihn bisher\nbloß aus Theaterstücken 'kannte. Im Traume\nsah ich, wie er schwere Felsstücke auf dem Rücken\nschleppte, in einer finsteren Zellenecke hockte.\nSeine Pupillen sprühten Funken. Qequält öffnete\nich die Augen. Vor meinem Bette stand ein\nFremder.\nEr benahm sich so heimisch, als seien wir alte\nBekannte.\nStellte einen Stuhl an mein Bett, setzte sich und\nschaute mir ins Gesicht.\n„Sie verzeihn, ich komm von der Polizei.\"\nMein Herz schlug laut unter der Decke, aucii\nmein Gesicht erbleichte. Doch ich wollte den\nGleichgültigen spielen und schaute ihm gelassen ins\nGesicht.\n„Ich bin Detektiv\", sagte er trocken.\nUm meine machtlose Aufregung zu bemänteln,\nschloß ich die Augen ein wenig, als sei ich schläfrig;\ndrückte den Kopf in die Polster und es fiel mir der\nmürrische russische Student ein, den der Detektiv\nin gleicher Lage fand. Doch der Student fürchtete\nsich nicht, obwohl er gemordet hatte. Nicht einmal\ndie Hälfte meiner Furcht hatte er auszustehen. Es\nist vergebens, ich bin nicht zum Helden geboren.\nHabe gerade genug Kraft, um meine Augen offen zu\nhalten.\nDieser Detektiv ist ein gesunder rotwangiger\nMann, ein kleiner blonder Schnurrbart hockt ihm\nunter der Nase. Nur seine Augen sind durch-\ndringend, kaltblau und seine Gesten entsetzlich\nsicher. Meine lixuke Hand hing träge vom Bettrand\nhinab. Sofort bemerkte ich, er starrt sie steif an,\numfaßt mit einem Blick meine Augen, meine Fin-\nger, durch die die Neurasthenie wie ein elektrischer\nStrom prickelt. Die Nasenflügel des Detektivs\nweiten sich. Er schnuppert herum. Nicht einmal\nein Spürhund schnüffelt so gierig. Mit allen Sinnen\nist er auf der Lauer.\nIch trank ein Glas Wasser. Sprach dann ent-\nschlossen:\n„Sie wünschen?\"\n„Ich möchte um einige Details in der Diebstahls-\nangelegenheit bitten.\"\nIch begann. Daran hatte ich gar nicht gedacht.\nUnd es konnte doch von nichts Anderem die Rede\nsein. Sofort fühlte ich mich erleichtert.\nDer Detektiv hörte meine Worte, wandte aber\nseine Bücke noch immer nicht von meiner linken\nHand, die über den Bettrand hinabhing. Seine\nBlicke brannten wie Sonnenstrahlen, die durch den\nFokus eines Brennglases dringen. Es war peinlich.\nIch hätte die Hand in jedem Augenblick zurück-\nziehen können, doch befürchtete ich, es könne ver-\ndächtig erscheinen. Ich bin doch der Kläger, muß\nmich ganz natürlich benehmen, umsomehr, als ich\ndoch keinen Grund zur Furcht habe. Ich dachte an\ndie Romantik schlechter Detektivromane und\nlächelte sogar heimlich. Dieser rotwangige junge\nMann sollte nach der Asche meiner Zigarette mei-\nnen Charakter bestimmen können? Dann hätte es\ndoch für ihn gar keinen Sinn, noch immer so scharf\nauf meine Hand zu starren, die von der Schlaflosig-\nkeit blaß ist. An ihrem Ringfinger steckt ein gol-\ndener Ring, sonst ist nichts Auffallendes an ihr.\nWenn ich sie auf einen Augenblick betrachten\nkönnte, würde auch ich mich davon überzeugen.\nBlut klebt nicht an ihr. Doch ist es mir nicht mög-)\nlieh, die Hand anzuschauen, wie es mir auch nicht\nmöglich ist, meine Nerven noch mehr zu reizen,\nnoch länger diesen stechenden, brennenden\nSchmerz verursachenden Blick zu ertragen. Ich\nspreche hastig und reiße im Eifer des Gesprächs\nplötzlich die Hand unter die Decke.\nDer Detektiv lächelt. Mir bleibt das Wort in\nder Kehle stecken.\n„Weshalb lächeln Sie?\"\n„Ich?\" fragt der Detektiv mit dem unschuldig-\nsten Gesicht. „Ich lächle doch nicht. Belieben Sie\ndoch fortzusetzen.\"\n„Mein Herr, Sie starren ununterbrochen auf\nmeine Hand!\"\nDer Detektiv lächelt wieder.\n„Sie scheinen nervös zu sein.\"\nIch sprach weiter. Doch jetzt beobachtete ich\nden Detektiv. Sah, wie er alles in der Stube\nprüft, weiß, wieviel Sessel ich besitze, wie meine\nTüren, Fenster, Klinken; sogar die Geldstücke hat\ner abgezählt, die ich am Abend auf den Nachtisch\ngelegt habe. Ich gehörte nicht mehr mir selbst.\nWar in das Gewirr einer verwickelten Angelegen-\nheit geraten, in ein tausendfaltiges Netz von Ruhe-\nlosigkeit, Aufregung und Verfolgung, das mich mir\nselbst entreißt, meine Ruhe vernichtet, mich zum\nOpfer eines unbedeutenden Vorfalles macht. Jedes\nLeben hat seine Geheimnisse und dieser aufdring-\nliche Fremde ist sogar fähig, in den Vorhof meines\nHerzens zu dringen. Plötzlich richte ich mich im\nBette auf.\n„Ich habe mir die Sache überlegt,\" stammelte\nich, „und ziehe die Anzeige zurück.\"\n„Das ist ausgeschlossen\", sagt der Detektiv,\n„es liegt ein Delikt vor, das von amtswegen ver-\nfolgt werden muß.\"\n„Wenn ich aber nicht will? . . .\"\n„Warum?\"\nIch konnte nicht antworten. Wurde verwirrt.\n„Und,\" fragte ich, „wird der Dieb wenigstens\nbestraft werden?\"\n„Wenn die Tat erwiesen ist, sicher.\"\n„Er wird eingesperrt?\"\n„Jawohl.\"\n„Kommt in den Kerker?\"\n„Jawohl.\"\n„Haben sie schon Beweise?\"\n„Jawohl.\"\nDer Detektiv war recht wortkarg. Stand auf,\nempfahl sich, um wieder auf die Jagd nach dem un-\nglückseligen Verbrecher zu gehen, der ihm nicht\nmehr entkommen wird.\n„In einigen Tagen werde ich noch weitere De-\ntails brauchen. Sie haben wohl nichts dagegen*\nwenn ich wieder komme. So um die gleiche Zeit.\nOder am Abend zwischen acht und zehn. Da\npflegen Sie immer zu Hause zu sein.\"\n„Woher wissen Sie dies?\"\nEr lächelte.\n„Ich weiß es.\"\nEr verbeugte sich. Ich wollte ihm den Ausgang\nzeigen, doch ging er so sicher, als sei er schon öfter\nbei mir gewesen.\nSollte er mich schon sonstwie gesucht haben?\nIch wusch mich mit eiskaltem Wasser, das er-\nfrischte mich etwas. Draußen auf der Straße\nherrschte Tauwetter, musizierende Frühlingswinde\nwehten, die von weiten Wassern herkamen und der\nWasser reinen Geruch mir ins Gesicht hauchten.\nDie Sonne schien. Im funkelndem Licht spazierten\nviele Leute noch in den dunklen Winterkleidern.\nUnbekannte Gesichter. Früher kümmerte ich mich\nnie um sie. Ich kenne sie nicht und also gehen sie\nmich auch nichts an. Nun versetzt mich diese\nFremdheit in Aufregung.\nDie Beschäftigung prägt jedes Gesicht aus, es\ngibt Advokatengesichter, Professorengesichter, Be-\namtengesichter, Schauspielergesichter, auch solche,\ndie gar nicht verraten und eben deshalb verdächtig\nsind. Wenn ich diesen begegne, werde ich von\nFurcht ergriffen. Diese bedeutungslosen, elegan-\nten und diskreten Spaziergänger sind bestimmt"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.10", "texte": "Detektive! Jawohl, neben mir, vor mir, hinter mir.\nüberall lauern Detektive.\nNachmittags schritt ich durch einen prachtvollen\nGarten, eine blendendweiße Mauer entlang, auf die\nmein Schatten fiel. Plötzlich merke ich, es folgt\nmir jemand. Ein gleichgültiger Herr, der mit sei-\nnem silberkrückigen Spazierstock im Gartenkies\nwühlte, einen steifen Hut und Gamaschen trug —\nund nach billigem Parfüm roch. Eine Weile konnte\nich seine Nähe ertragen. Dann verlangsamte ich\nmeine Schritte. Blieb stehen. Der Unbekannte er-\nreichte, übereilte mich, schaute sich jedoch nicht\nnach mir um. Und gerade diese Gleichgültigkeit\nmachte ihn mir verdächtig. Hätte er mich ange-\nschaut, angelächelt, würde ich mich nicht sehr ge-\nfürchtet haben. Doch so sank ich mit stockendem\nPuls an die Mauer, die von der Frühlingssonne\ndurchwärmt war und stand lange dort, blasser als\ndie Mauer und keuchend im strahlenden Nach-\nmittag, ich empfand, es könne gar kein Verbrechen\ngeben, für das man einen Menschen einzusperren\nberechtigt ist. Doch die Leute sind hartherzig und\ngrausam.\nWas hatte ich verbrochen? Ich weiß es nicht.\nUnd eben dies macht meine Angelegenheit so haar-\nsträubend geheimnisvoll. Ich fühle, ich werde ver-\nfolgt und beobachtet. Als fünfjähriger Knabe stahl\nich meinem Vater eines Tages einen Bogen funkel-\nnagelneues Löschpapier und eine halbe Flasche\nrote Tinte, ich gestand es niemals. Außer mir kann\nes niemand wissen. Gestern abend habe ich die\nVorladung bekommen. /Vorladung in Strafsachen./\nEin schmutziggraues, grobes Papier. Ich muß ge-\ngen den Installateur aussagen. Es kann sich bloß\ndarum handeln. Um nichts anderes. Stehlen ist\nein Verbrechen, Aber ich werde doch nicht des-\nhalb ein Verbrecher sein, weil mir etwas gestohlen\nwurde? Und dennoch zittere ich.\nGestern abend bin ich abermals einem geheim-\nnisvollen Mann begegnet. Ich saß in der Straßen-\nbahn. Er blickte mich nicht an, doch ich wußte,\njede seiner Bewegungen gelte mir, und er übermit-\ntele mir mit aller Anstrengung seines ganzen Ner-\nvensystems telegraphisch krause Zeichen. Bei der\nHaltestelle stieg er aus. Ich folgte ihm. Wollte der\nSache auf den Grund kommen. Er mag offen spre-\nchen, mir die entsetzliche Anklage, die jeder ver-\nschweigt und von der ich selbst keine Ahnung\nhabe, offen ins Gesicht schleudern. Der Unbekannte\nbog um eine Ecke, denn er fürchtete die Abrech-\nnung und fühlte sich in meiner Nähe unbehaglich.\nAls ich ihm folgte, fragte er ängstlich:\n„Was wollen Sie?\"\nUnd ich antwortete nicht minder ängstlich:\n„Nichts.\"\n„Pardon!\" sagte er.\n„Pardon!\" sagte ich.\nMeine Feinde sind heimtückisch. Wenn sie über\ndie Straßen gehen, lächeln sie verstohlen. Sie\nstehen vor meinen Wohnungsfenstern, schleichen\naber fort, wenn ich heimkomme. Sie verfolgen mich\nsehr unauffällig. Tun eigentlich überhaupt nichts.\nAber ich bemerke sie dennoch. Weiß, daß sie\nsich in finsteren Ecken verbergen, aus einem Fen-\nster des vierten Stockwerks auf mich lauern. Ihre\nPupillen sind schwarz wie Gewehrmündungen,\njeder erkennt mich und spricht zu sich: dort geht\ner, dort auf dem Asfalt, der geheimnisvolle Flücht-\nling, der uns bald in die Hände fallen wird.\nIch habe mich schon in alles gefügt. Wenn man\nmich verhaftet, werde ich zu essen bekommen,\nmein Herz wird unbeklommen pochen, meine Lun-\ngen tief und glücklich atmen können. Zwei Gen-\ndarme mit sehr langen Bajonetten werden mich\neinliefern, dann schert man mir die Haare und\nsteckt mich in einen erdfarbenen Sträflingsanzug.\nEs muß sich übrigens ganz gut im Kerker leben.\nIn seiner Stille besser, als in diesem ewigen Beben\nund Schleichen. Jetzt gehen die Menschen auf\nGummiabsätzen um mich herum, schauen mich an,\nwenn ich sie nicht sehe und erwürgen mich lang-\nsam mit ihren sanften, behandschuhten Händen.\nStiller Detektiv, der du auch jetzt hinter meinem\nRücken gehst, erbarme dich meiner und lege deine\nFinger — leise, sehr leise — auf meine linke\nSchulter.\nEinzigautorisierte Übertragung aus dem Magyatisehen von\nStefan I. Klein\n\nGedichte\nKurt Heynicke\n\nVerwundet\nUnsere Augen sind schon tot\nehe sie ins Stroh der dunklen Wagen schauen\nund unsre Lippen schmecken noch den gelben\nLehm\naus heulenden, zerwirbelten Gräben.\nDie Stunden kommen knöchern uns besehn\nund ängsten uns\nmit den lächelnden Messern der Aerzte\nund den weißen Verbänden\ndie unsere Leiber\nzu Blei verderben.\nWenn nicht am Rande unsrer Träume\nein Kind stände\nwir gäben uns selber ein mildes Sterben.\n\nSchlacht-Feld-Nacht\nBarmherzig\nist die Nacht\nwenn ihr der Abend tausend Leichen\nin die samtnen Tücher legt.\nDie Sterne wehen kühi\nin stumpfe Blicke\nund dunkles Blut\nblüht zu Kronen.\nWenn dunkelende\ndie gelben Feuer toter Dörfer abwärts glutea\nziehn in die Himmelstore\nsilbern die Tränen Millionen Mütter\ndie ihrem Qotte\nstundstündlich wehe Seufzer beten.\n\nVormarsch\nDort\nwo die Sterne aus den Wäldern kriechen\nbaut sich aus Feuern eine Sonne.\nDort\nschreit die Erde unter blutigen Fäusten.\nWir schreiten\nund wir singen uns zur Ruhe\ndenn alle bluten\nnach vorn\nvoran\ndort\nmuß sich unser Schicksal an uns pressen.\nWir haben längst\nden Tod in uns versenkt\ndie letzte Heimat haben wir vergessen\nund nun brennt sich\nder Schrei\nin uns hinein:\nWir wollen\nmüssen\nleben\nfür uns\ndas leben\nwas das gebärend ikreisst\nim Sterben vieler Städte\n\nWo\nIch bin so müde\nwenn der Abend ebbt.\nEs steigen Flammen aus der halben Heile.\ndrin du. \\\nIch darf nur in Gedanken mit dir sehn\ndu bist mir nur\nErscheinung\".\nUnd in die Kindheit deiner Augen muß ich s.efcsi\ndie mir geschah\nnur einmal.\nO meine Arme betteln ewig:\nWo? V'\nKomm!\nWeit tu ich meiner Hoffnung Türen auf.\n\nKunstvorsteher\n\nHerr Scheffler der Bilderfreund\nUnd doch wollen wir den Faden des Kimst-\ninteresses nicht ganz abreißen lassen. Wir wollen,\nwenn auch selbst mit Gewalt ergriffen von dem\nmächtig nur nach einer Seite jetzt fließenden Strom\nder Empfindungen, sachte fortspinnen . . Der\nStrom ergreift ihn, aber es wird sachte fortgespon-\nnen. Die Strippe, an der Herr Schettler hängt,\nreißt nicht. Wenn ihn der fließende Strom ergreift,\nsetzt er sich wie immer ins Trockene. Auf eine\nselbstgezrmmerte Insel der Kunstfremdheit. Die\nBalken biegen sich, aber er beschreibt Kunstströ-\nmungen. Sein abgestandenes Wasser trägt der\nStrom nicht. Angstvoll klammert er sich an die\nSäume seines sachten Gespinnstes, der Musen:\n„Mars Ultor regiert die Stunde, und die Musen\nfliehen, erschreckt von dem rauhen Lärm, der in\nihre tiefsinnigen Weisen von allen Seiten hinein-\ndringt.\" Einen tiefsinnigen Weisen verlassen die\nMusen nie, aber wer die Musen braucht, war schon\nstets von der Kunst verlassen. „Dieser muß\neine Schule des Talentes werden. Denn indem\nIdealismus sich erneuert, muß sich wie von selbst\ndie Kraft künstlerischer Darstellung erneue™\" Die\nKraft künstlerischer Darstellung hat sich bereits\nwie von selbst erneuert, auch der Idealismus, und\nzwar lange vor dem Kriege. Der tiefsinnige Ma-\nterialist, Herr Karl Scheffler, hat es nicht bemerkt.\nEr war sein ganzes Leben lang verreist, nach Grie-\nchenland. In Deutschland hat er den Anschluß ver-\npaßt. Und im Krieg wird er ihn nicht einholen.\nManche Leute verpassen eben immer die Züge, und\nmit griechischen Waffen wird kein Sieg der Gegen-\nwart errungen.\nDer Künstlerpräsident\nDie Münchener Künstlergenossenschaft hat einen\nneuen Präsidenten gewählt. Er hat, sagte er einer\nZeitung, kein eigentliches Programm. Auch kein\nKunstevangelium. „Es gibt für mich nur Leute,\ndie etwas können und solche, die nichts können.\"\nFür mich. Es fragt sich nur, ob der mich ein ich\nist, der weiß, ob Leute etwas können oder nichts\nkönnen. „Nur vor dem einen müssen wir uns hü-\nten, vor dem Ueberhandnehmen der Mittelmäßig-\nkeit.\" Was der Künstlerpräsident unter Ueberhand-\nnehmen versteht, ist nicht so leicht von der Hand zu\nweisen: „Mittelmäßigkeit wird immer sein und muß\nsein, denn ohne Kleine werden die Großen nie\netwas werden können.\" Das heißt auf Deutsch:\ndie Mittelmäßigen werden sich nie als groß auf-\nspielen können, wenn nicht eine möglichst große\nZahl noch Mittelmäßigerer vorhanden ist. Diese\ngroße Zahl macht München bedeutend: „Was die\nBedeutung Münchens ausmacht, ist die Gesamtheit\naller Künstler.\" Je mehr in einer Stadt gemalt wird,\ndesto künstlerischer wird sie. Aber es darf nicht"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.11", "texte": "überhandnehmen. Denn: „Die Regierung der Mit-\ntelmäßigkeit ist die größte Gefahr für sie. Die\nLeute, die wegen gesellschaftlicher Tugenden und\nguter Ballmanieren heraus Ansehen in den Kunst-\nkreisen bekommen, sie dürfen nicht regieren, wenn\nsie nicht erste Künstler sind.\" Demnach scheint\nMüncfien ganz merkwürdige Kunstkreise zu haben.\nDer Künstlerpräsident selbst hat aber keine gesell-\nschaftlichen Tugenden: „Wir haben einen Primi-\ntivismus aufkommen lassen, haben das unreife\nStammeln großgezogen und uns nicht getraut, dort\nmit Dreschflegeln hineinzuhauen, wo es wirklich\nnotwendig gewiesen wäre; wir alle sind damit in\neine gewisse unwürdige Abhängigkeit von einigen\nKunstgelehrten gekommen und haben auch in der\nPresse ihnen zu stark geglaubt.\" Warum ziehen\nwir erst das Stammeln groß, wenn wir es nach-\nher mit Dreschflegeln verhauen wollen. Wir haben\neben das Stammeln nicht großgezogen. Vielmehr\nist den großen Mittelmäßigkeiten das Stammeln von\nBildern zwar nicht durch Dreschflegel, sondern\ndurch gute Bilder so verleidet worden, daß sie ihr\nStammeln statt mit Farbe mit Druckerswärze no-\ntierten. So kam wenigstens eine Farbe heraus.\nUnd was die großen Mittelmäßigkeiten nicht er-\nreichten. nämlich die neue Kunst, das heißt über-\nhaupt die Kunst zu töten, soll jetzt der Krieg für\nsie tun: „Was den Kindern erlaubt ist, wollen ernst-\nhafte Künstler für sich beanspruchen. Hoffentlich\nmacht der Krieg mit diesem Spielerisch-Kindischen,\ndiesem Blöd-Frechen in der Kunst bei uns in\nDeutschland wenigstens für immer ein Ende.\" Wo-\nbei sich nur wieder fragt, was man für spielerisch-\nkindisch und für blöd-frech hält. Jedenfalls, Herr\nKünstlerpräsident, geben Sie zu, daß sogar für\nSie ernsthafte Künstler etwas für sich beanspru-\nchen, was den Kindern erlaubt ist. Man soll selbst\nals Präsident nicht so erhaben über Kinder sein.\nEine Erziehung mit Dreschflegeln hat manche Nach-\nteile. Eine Erziehung überhaupt auch, selbst wenn\ngute Balimanieren dabei herauskommen und ge-\nsellschaftliche Tugenden. Der Verstand der Ver-\nständigen reicht nicht an das kindliche Spiel heran.\nUnd ein Künstler, der nicht spielen kann, soll sich\nin seinem Ernst begraben lassen.\nLissauer wacht\nEngland träumt schwer . . . seine Wälder murren,\nDer Himmel tönt,\nImmer heller, immer schneller,\nHorch, es brausen die Propeller.\nEngland träumt . . .\nEngland stöhnt.\n(Nachdruck mit Quellenangabe erlaubt)\nErnst Lissauer\nLissauer wacht sehr . . . seine Verse surren\nD euts chl and stöhn t,\nImmer dichter, immer grauer\nHorch, es sausen die Lissauer.\nLissauer wacht . . .\nDeutschland stöhnt.\n(Quellenangabe: B. Z. am Mittag)\n\nH. W.\n\nErkenntnis\nAlbert Ehrenstein\nIch habe Wein gegessen,\ntrunken fauchte mein Aug;\nich habe Sterne gemessen\nund meine Seele war die Zahl.\nEntschwang ich mich,\nheller und dunkler mich mengend\nin fernes Geseel toter Völker,\ntoDte ich melancholisch dahin\nin engverschnürten Versen\noder freihingießend die Worte,\nnicht war in Wein und Stern und Wort\ndie Lust zu groß.\nUnd weiser ist, wer gar nichts weiß,\nund nur,\nwie süß ein Frauenmund\nder Zunge schmeckt.\n\nExpressionistische\nArchitektur\nAdolf Behne\nAus dem Sturmbuch VII: Adolf Behne: Zur neuen\nKunst\nWer bei „Expressionismus\" nur an bestimmte\nFarbenstimmungen denkt, wird nicht einsehen wol-\nlen, inwiefern auch eine Architektur expressioni-\nstisch sein kann. Stellt man sich aber auf den Stand-\npunkt, daß alle künstlerischen Erregungen, die tie-\nfer gehen, gerade in der Architektur als der streng-\nsten und reinsten der bildenden Künste einen deut-\nlichen Ausdruck finden müssen, wird man den Ge-\ndanken einer expressionistischen Architektur nur\nnatürlich finden.\nWenn es wirklich eine expressionistische Archi-\ntektur geben soll, so muß es auch eine impressioni-\nstische Architektur geben! Soll das im Ernst be-\nhauptet werden? Allerdings, nur muß man beim\nKlange des Wortes „Impressionismus\" nicht ge-\nrade seine Definierung als Hellmalerei, Bewegungs-\ndarstellung, Kunst des flüchtigen Augenblicks im\nSinne haben und nun etwa von einer impressioni-\nstischen Architektur ein bewegliches Pendant zu\nLiebermanns Polospielern erwarten. Der Sinn des\nImpressionismus liegt, wie wir gesehen haben, viel\ntiefer. Er heißt: Unterordnung des künstlerischen\nSchaffens unter eine nicht im Wesen der Aufgabe\nliegende Vorstellung oder Idee. Und in diesem\nSinne nenne ich zum Beispiel die Architektur der\nRiemerschmidschen Arbeiterhäuser in Hellerau im-\npressionistisch. Ihre Gestaltung ist nicht einzig und\nallein aus den Gegebenheiten entwickelt, ihre Form\nist nicht das organische Produkt der schlichten Tat-\nsächlichkeiten, sondern es ist in ihre Erschaffung\nhineingemischt ein äußeres, fremdes Element, nen-\nnen wir es Rothenburg oder Alt-Nürnberg. Ihm tritt\nder expressionistische Architekt gegenüber. Dieser\nsteigt in das Wesen seiner Aufgaben ganz tief und\nganz gespannt hinab, noch ohne jede Vorstellung\neiner bestimmten Ordnung, einer bestimmten For-\nmung. Ihm ergibt sich stets alles aufs neue vom\nGrund aus, er schafft ganz von innen. Notwendig\nist ihm jede Form etwas Einmaliges, weil niemals\nbei einer neuen Aufgabe die genau gleichen Bedin-\ngungen wiederkehren können. — Er hält sich alles\nfern, was von außen als Formgesetz, als Einfluß, als\nMacht herantreten könnte. Da seine Häuser ganz\nvon innen heraus werden, müßte eine solche Macht\nauf sie wirken wie auf eine wachsende Pflanze ein\nfremdes künstliches Licht.\nWenn es sich zum Beispiel um den Aufbau einer\nFassade handelt, so sind die elementaren Kunst-\nmittel: die Wand, als Vorderwand und sichtbare\nDachfläche, und ihre Oeffnungen, Türen und Fen-\nster. Dies sind die ersten, die selbstverständlichen,\ndie natürlichen Elemente für das Aeußere eines Hau-\nses, solange Bauen Bauen ist, sind die ganz sach-\nlichen Grundlagen für den Aufbau einer Fassade.\nAlles andere, griechische Säulen, Frontispize, Ba-\nrockkartuschen, Karyatiden, Türmchen, ist abgelei-\ntet, ist herangeholt. (Dagegen sind Erker und Bai-\nKon an manchen Orten, zum Beispiel in Berlin,\nnahezu elementare Bedingungen, da sie von der\nBaupolizei erlaubt und also vom Bauunternehmer\nabsolut gewünscht werden.) Geht nun ein Archi-\ntekt beim Schaffen seiner Fassade von einem En-\nsemble griechischer Säulen aus, weil er sie „liebt*s,\noder von der Idee einer Rokokodekoration oder\neiner toskanischen Villa, so gleicht sein Vorgehen\nprinzipiell dem des impressionistischen Malers.\nBeide ordnen sie das Leben der elementaren, der\nsachlichen und daher natürlichen Kräfte einer von\naußen genommenen Vorstellung unter, sei diese\nnun die Übereinstimmung mit einem Eindruck der\nlebenden Wirklichkeit oder eine von vornherein ge-\nwünschte, ganz bestimmte architektonische Wir-\nkung historischer oder sentimentaler Art! Ein sol-\ncher Architekt schafft, ob er eine Kirche oder einen\nBahnhof oder ein Mietshaus baut, stets nur über an-\nderem Grundriß seine Architektur, seine Formen,\nseine Gliederungen, seinen Rhythmus! Dem\nimpressionistischen Architekten ist der „Eindruck\",\nden das fertige Haus auf jeden Fall machen soll, das\nPrius! Ein typisches Beispiel ist Ludwig iioffmanns\nBerliner Stadthaus. Es stand für den Baumeister\nvon vornherein fest, eine Fassade im Stile der ita-\nlienischen Palazzi zu geben. Nach dem gewählten\n„Charakter\", der irn architektonischen Schaffen\ndurchaus die nämliche Rolle spielt wie ein Natur-\nvorbild für den Maler, bestimmten sich die xMaße\nder Fenster und ihre Anordnung — die nun für die\nBureauräume, die im sachlichen Programm der Auf-\ngabe lagen, viel zu klein und viel zu weit vonein-\nander getrennt sind. Die enorme Breite der Pfei-\nler zwischen den einzelnen Fenstern war freilich\nabsolut notwendig, wenn anders der Eindruck des\n„Palazzo\" resultieren sollte.\nWie kann man ein solches Bauen, dem der fer-\ntige Außeneindruck das oberste Prinzip ist, das\nrückwärts alle die aus der Sache, aus den Grund-\nlagen, aus dem faktischen Programm fließenden\nKräfte unterbindet, besser als mit dem Schlagworte\n„impressionistisch\" bezeichnen? Demgegenüber\nwählt ein Taut, ein Loos die Maße der Fenster so\ngroß, wie es für ein helles, frohes und lichtes Zim-\nmer zu wünschen ist, und schafft aus ihren Oeff-\nnungen und der verbleibenden Wand sein Kunst-\nwerk. Das Mit- und Gegeneinanderwirken dieser\nbeiden ursprünglichen Elemente muß die Fassade\n„bilden\". Nichts darf von außenher angebracht\nwerden; auch der Schmuck, der natürlich nicht ver-\npönt werden muß, hat sich von innen heraus zu er-\ngeben.\n\nEmpfohlene Büeher\nDie ScbrifUeitung behält sich Besprechung der hier ge-\nnannten Bücher vor. Die Aufführung bedeutet bereits eine\nEmpfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte Bücher\nzurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nPaul Claudel\nGoldhaupt I Ein Trauerspiel\nin drei Teilen\nHellerauer Verlag 1915\nHellerau bei Dresden\nAdolf Behne\nZ u r n e u e n Kunst\nVerlag Der Sturm\nAugust Stramm\nErwachen\nVerlag Der Sturm"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150101-01.1.12", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebung van Wor-\nten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durcÄ\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nNotiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monnatiich als Doppelnummer. Die\nFebruar-Doppelnummer erscheint am fünfzehnten\nFebruar.\nVerlag Der Sturm\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W / Potsdamer StraBe 134 a\nDreissigste Ausstellung\nOskar Kokosehka\nZelchnangeti\nFranz Marc\nGemalde / Neue Auswahl\nCampendonk\nGemalde\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nGenf: Qeschiosse*\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nHalbmonatsschrift Der Sturm\nErscheint am ersteti und fiinfzehnten iedes Monats\nDauerhezug\nGewcHsniiche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig I Fiir das\nAusland bei direkter Zustellung\nd u r c h die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes / Probenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exeiti-\nplare auf holzfreiem Papier, V e r -\nsendung in Rollen direkt durch die\nPost fiir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark / Fiir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbezuge, Einzel-\nnummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Mummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n'durch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nHer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwlinscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vi e r t e 1 j a h r e s bis\nzum fiinften des ersten Monats einzu-\nsenden / Andernfalls nehmen wir an, daB Ein-\nzieh ling des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwunscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nGskar fCokoscfika: Zwanzig Blatt Zcichnunfei? /\nStrich&tzung / Auf Kaiserlich Japan-Ptpier ii\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton i® c!b«\nfacherer Mappe 12 Mark\n\nKandinsky 1901 —1913 / Monographic mit s e c h-\nz i g ganzseitigen Abbildungen u n d\nText von Kandinsky / 10 Mark\nBiieher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel j Tragodie / Ihr stilles\nGliick —! / Drama / Ein Taubenschlag i\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft ./\nNapoleons A u f s t i e g / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman I 2 Mark\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark I Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplar en auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nI Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nSturm-Biicher !: August Stramm: Sancta Su-\nsanna / 50 Pfennig / II: August Stramm: R u d i -\nmen tar / 50 Pfennig I III: Mvnona: Fiir tiunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut I 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nfiangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nflerwarth Walden: Dafnislieder / In Ck-\ndichten von A r is o H o 1 z / Fiir Gesang und Kla-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Hummer 1 einzeki: Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn / 50 Pfennig\nDer Sturm / Heeresmarsch / Fiir Klayier /\n50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccionl: Das\nLadhen / L u i g i R u s s o-1 o: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Qiao S e r e -\nrini: Die Modistin / Ruheiose Tftnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioui: Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affentries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nKarten von Macke / Miinter./ Marc Chagall (4) /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes\nI Archipenko / usw\nErschienen bisher 33 verschiedene Karten\nlilustrierte Sturm - Austel lungskafaloge\nDer Blaue Reiter / Severini I Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall / Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutsclier Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Flak at far die Zeitschrm\nDer Sturm / Originailithograpbie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart j 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nGemalde / Aquarelle / Zeiehnungen /\nHanddrueke / Plastiken\nsind von folgenden Kiinstlern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko I Oskar\nKokoschka / August Macke / Paul Klee / Carl\nMense / Campendonk I Gabriele Miinter / Jaw-\nlensky I Marianne von Werefkin / Albert Bloch I\nHans Arp I Picasso j Albert Gleizes / Jean Metzin-\n\nger I Marc Chagall ./ Fernand Leger j Jacoba van\nHeemskerck / Otakar Kubin / Emil Fffla / Viace«c\nBenes / Otto Giitfreund / Boccioni / I\nCarra / Russoio / Francis Picabia / Schmidt-\nRottluff I Walter Helbig I Mas Pechsteifi\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden / Elites\nJ a h r I Jahresbeitrag 20 Mark / Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstelhmgen /\nJedes Jahr frei eine Stiirmpublikation: 19I3fl'4*\nKokoschkamappe / Prospekt umsonst\nWegen Einladung zu den Autorenabende® wemde\nman sich an den Verlag Der Sturm\n\nZeitsehriften\nLa Cerba / Halbmonatsschrift / Florenz I Vm\nNazionale 25\nUmelecky Afesicnik / Monatsschrift fUr neue «ai\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslaviaova\n\nAnzeigen\n\nAdolf Behne: Zur neuen Kunst Einfiihrung m diie\nBestrebungen der Malerei der Qegenwart I 50\nPfennig / Sturmbuch VII / Soeben erschieneit\nJacoba van Heemskerck: S t i 11 e b e n / Boote I\nLandschaft / Hatidgedruckte HolzsdmMte /\naquarelliert / Auflage 5 Exemplare und je 10 Exem-\nplare schwarz / Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nGemalde Gauguin zu verkaufen I Anfragen ver-\nmittelt Verlag Der Sturm, Berlin W9\nPoet-Lore Begriindet 1890 I Eine Zweimonats-\nschrift, gewidmet der Dichtung und deni Drama\nder Qegenwart in alien Landern / Probeheft gegen\nEinsendung von 6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n21 Mark / Verlag R i c h a r d G. B a d g e r / Bosfon\n/ Mass I USA 194 Boylston Street\nUinberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milano\n/ Con ritratto delFautore / Preis M 3,50 / Zu be-\nZiehen durcb den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fur Biichereinb&nde / Muster\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Bestel-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- und\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}