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Brief an einen jungen Maler ins Feld", "titre_sommaire": "Jos. & Joseph : Was ist Expressionismus? Brief an einen jungen Maler ins Feld", "signature_source": "Jos. Aug, Lux (München) Frankfurter Zeitung 1. Februar 1914 ; Joseph Aug. Lux B. Z. am Mittag 18. März 1915 ; Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.2", "debut_caractere": 233, "fin_caractere_exclue": 9291, "texte": "Jos. & Joseph\nWas ist Expressionismus? Brief an einen jungen Maler ins Feld\nVon Jos. Aug, Lux (München)\nFrankfurter Zeitung 1. Februar 1914\nVon Joseph Aug. Lux\nB. Z. am Mittag 18. März 1915\nHerwarth Walden\nZu welchen Zielen treibt nun die neue Kunst die\nsich Expressionismus nennt? Einer fragt den An-\ndern, und Keiner weiß es zu sagen, obzwar die\nWahrheit wie immer ganz einfach ist. In allen Ek-\nstasen und Fiebern hat die Sehnsucht dieser neuen\nKunst doch nur das eine Ziel, jene letzten Höhen\n.dqr Vollendung zu erklimmen, wo der mystische\nDuft aus den feinsten Blüten entströmt. Es ist die\nHöhe der altmeisterlichen Kunst, die wir u. A.\n;auch von Holbein verkörpert sehen. Aber sie ist\nnicht zu erreichen, indem man die heutige Ent-\nwicklung umgeht, und sich einfach bei den Mei-\nstern der vorimpressionistischen Zeit ansiedelt. Das\nist ein billiger Triumph, der geradewegs zu Kitsch\nund Nachahmung führt. Es hilft nichts, nur durch\nden Impressionismus und seine neue Phase hin-\ndurch kann das Heil kommen. Es gibt kein Um-\nkehren, es gibt nur ein Vorwärts! . . . Allerdings\nmuß man es auch, verstehen, die Qualität in den\nheutigen und vielfach noch ungewohnten Erschei-\nnungsformen zu kennen.\nHerr Jos. Aug. Lux aus München (er wird\nwohl wissen, warum er nicht aus Wien sagte) hat\nsich jetzt zu einem stattlichen Joseph Aug. Lux\n(unbekannten Aufenthalts) entwickelt. Einer fragt\nden Andern, der Jos. den Joseph, und Keiner weiß\nes zu sagen, obzwar die Wahrheit wie immer ganz\neinfach ist. Früher wechselte Herr Jos. seinen\nt\nAufenthaltsort, da der Frieden Freizügigkeit ge-\nstattete. Heute im Kriege siedelt er sich einfach\nbei den Meistern der vorimpressionistischen Zeit\nan. Früher dünkte Jos. die neue Kunst auf der\naltmeisterlichen Höhe eines Holbein zu sein.\nGestern, sagt Joseph, dünikten sich die Maler der\nneuen Bewegung größer als Holbein. Trotzdem sie\nJos. nur gleich groß dünkten, während sie Joseph\nheute wesenlos und nichtig dünken. Während den\nVertretern der neuen Bewegung Herr Jos. noch gar\nnichts dünkt, trotzdem er sich indessen zum keu-\nschen Joseph entwickelt hat. Obzwar die Wahr-\nheit wie immer ganz einfach ist. Am 1. Februar\n1914 wollte die Frankfurter Zeitung wissen, was\nExpressionismus ist. Am 18. März 1915 wollte die\nB. Z. am Mittag vom Expressionismus nichts mehr\nwissen. Wissen und Nichtwissen bringt Geld. Ob\nman! sich von dem Nichtwissenden das Wissen\noder Nichtwissen erklären läßt, beides kann nicht\nwider besseres Wissen sein, da man auch das\n'Nichtwissen hierzu besser wissen müßte. Als Herr\nJoseph noch der kleine Jos. war, täuschte er der\nFrankfurter Zeitung vor, daß er wüßte, was Ex-\npressionismus ist. Es war eine Vortäuschung, denn\njetzt nach dreizehn Monaten weiß er es immer\nnoch nicht. Aber er verschwieg der B. Z. am Mit-\ntag, daß er in der Frankfurter Zeitung vor dreizehn\nMonaten a n d e r s nicht wiußte. Damals nannte er\nfast alle Namen fast aller Begabungen, diesmal\nverschwieg er sie. Wiarum sollte nicht schließlich\nauch ein Maler von München nach Berlin gekom-\nmen sein, der sich einst über seine Begabung in\nFrankfurt durch Hern Jos. aufklären ließ. Aber\nMaler lesen keine Zeitungen, selbst wenn sie von\noder mit Herrn Joseph handeln. Ich lese diesen\nHandel wegen der Wissenschaft um die Kunst, die\ndie Kunst durch die Wissenschaft verhandelt. Ich\nsammle Bilder, aber die Zeitungen sammeln sich\nbei mir und ich habe ein Gedächtnis, das mich beim\ngroßen Joseph an den kleinen Jos. erinnert. Die\nGegensätze berühren, sich, sagt: Herr Joseph. Von\neinem sehr begreiflichen Kontrastbedürfnis spricht\nSie sind kein singulärer Fall, sondern eine Zeit-\nerscheinung. Wie es Ihnen erging, so steht es fast\num alle Begabungen, die in den letzten Jahren als\nKubisten, Futuristen, Expressionisten oder Sezes-\nsionisten auszogen, die neue Kunst zu entdecken.\nSie taten kraftgenialisch, aber es war nicht die Ge-\nbärde der Kraft, sondern der Schwäche, die beim\nBluff eine Zuflucht sucht. Anstelle des positiven\nKönnens mußte die individuelle Note herhalten . . .\nund schließlich mußte sich herausstellen, daß auch\nihre Individualität ein Trug war. Ein Haschen\nmach Effekt, nach Sensation, ein technischer Kniff,\nnichts weiter. Daran muß das stärkste Talent zu-\ngrunde gehen . . . denn Sie fühlten, daß Sie selbst\nam Ende waren, wie fast alle Modernen, die sich\ngestern blähten, und sich größer als Buonarotti,\nHolbein und Leonardo dünkten, und heute so\nwesenlos und nichtig aussehen, als wären sie nie\ngewesen.\nHerr Jos. Ich habe es auch. Ich will seine Gegen-\nsätze in einen unbegreiflichen Kontrast bringeo,\nund man wird finden, daß sich seine Gegensätze\nnicht berühren: „Man kann sich dabei leicht vor-\nstellen, daß der Künstler eines Tages das Bedürf-\nnis hatte, aus der weichen und verschwommenen\nFlächenbehandlung herauszukommen, und den Ver-\nsuch einier dreidimensionalen Tiefenwirkung zu\nmachen. Kurz, er will in seinem Bild , . . vielleicht\naus einer augenblicklichen Laune, wahrscheinlich\naber aus einem sehr begreiflichen Kontrastbedürf-\nnis heraus wieder einmal harte Körperlichkeit dar-\nstellen, um von der künstlerischen (nicht patho-\nlogische n!) Hysterie des impressionistischen\nFarben- und Liniensensitivismus auszuruhen und\n• sich zu erholen.\" Nachdem Herr Jos. sich dreizehn\nMonate erholt hat, schreibt er am 18. März 1915\n„Je verrückter, desto besser. Leider ist die Sache\ngarnicht so verrückt, als sie tut; sie ist nur schlau\nberechnet. Das Primitive ist der letzte Trumpf,\ndamit ist jede Kontrolle auf Können oder Nichtkön-\nnen ausgeschaltet. Man verspürt wieder Lust, auf\nallen Vieren zu kriechein. Man malt wie die Kinder,\nwie die Wilden, wie die Paralytiker. Psychose ist\nja dabei, wie in allen Entartungen: Primitivität und\nHysterie; die Gegensätze berühren sich.\"\nDer Hysteriker findet immer die Anderen\nhysterisch, trotzdem ich nicht einmal an die Lux-\nHysterie glaube. Seine Krankheit ist mir zu gesund,\nzu metallisch. Ihm fehlt nur der Arzt seiner Ehre.\nSie ist aber nur metallisch zu kurieren. „Allerdings\nmuß man es auch verstehen, die Qualität in der\nheutigen und vielfach noch ungewohnten Erschei-\nnungsform zu erkennen,\" sagt Herr Jos. „Das Pri-\nmitive ist der letzte Trumpf, damit ist jede Kon-\ntrolle auf Können und Nichtkönnen ausgeschaltet,\"\nsagt Herr Joseph. Es ist manchmal peinlich, wrenn\nKontrolleure kontrolliert werden. So ein Kontrol-\nleur dünkt sich manchmal zu sicher. Eines Tages\nkommt immer der Revisor und stellt fest, daß der\nKontrolleur hatte, was er. nicht sollte, und\n.\"* ' * \\ '\ndaß er nicht sollte, was er nicht hatte.\nAber das Geschäft war richtig. „Sie denken\ndarum mit Recht ziemlich geringschätzig von dem\ngestern Geschaffenen, das nicht Ihre eigene per-\nsönliche Sache war, sondern eine Pariser Mode\nder Malerei, die nichts mit unserem Geist und un-\nserem Blut zu tun, hat, ein schlecht assimilierter\nFremdstoff, der nur den Snob entzückt, und heute\nbereits den leisen Zug der Lächerlichkeit trägt,\"\nsagt Herr Joseph. Aber Herr Jos., der Snob, sagt\nüber den Kubismus: „. . . hat den jungen Maler\nMut gemacht, größere Farben- und Formpartieen\nin den Bildern wieder kräftig zusammenzufassen,\nallerdings nach dem inneren Gesetz einer harmoni-\nkalen Symbolik. Sie hat ferner die Entwicklung vor\nder Gefahr einer zu großen Aetherisierung und\nWeichlichkeit bewahrt, indem sie ihr wieder feste\nKnochen gegeben hat\". Psychose, vaschtehste?\n„Nach mancher Korrektur ist im Resultat das zum\nStärkeren gebracht worden, was sich bei Cezanne\nbereits angekündigt hat . . . unter den deutschen\nKünstlern, die sich an diesem Beispiel gestärkt\nund gefördert haben sind, . . . um nur einige zu\nnennen. Alle zusammen sind ein Beweis, daß in dem\nüberwundenen Kubismus ein Entwicklungskeim\nsteckte, der in der Tat schöne Blüten getrieben\nhat.\" Daß Herr Jos. diese Blüten zu riechen glaubte,\nträgt Herrn Joseph jetzt die lange Nase ein. Sie\nkann nach meinem Belieben länger werden. Zum\nBeispiel: Herr Jos.: „Die Entwicklung geht somit\nvon van Gogh und Cezanne weiter über Maffese\nund alle Neueren, die unbeschadet ihrer persönli-\nchen Eigenart das Geheimnis durch die rhytmiscke\nFarbeninstrumentation und sensitive Linie zu ver-\nkörpern versuchen, die Träger und zugleich Erre-\nger feinster geistiger und physischer Strahlung ist,\ndie irgendwie mit den kosmischen Kräften zusam-\nmenhängen.\" Herr Joseph: „Diese Primitiven malen\nwie die Mondsüchtigen im Trance, mediumistisch;\neine Nervenkunst, die eigentlich Neurasteniker-\nKunst ist, voll Ohnmächten.\"\nDreizehn Monate sind eine lange Zeit. Ich habe\ngezeigt, wie aus dem schüchternen Jos. ein keu-\nscher Joseph sich entwickelte. Und wenn nach\nabermals dreizehn Monaten sich auch der Aug. zu\neinem dummen August ausgewachsen hat, dann\nwird der August so klug geworden sein, an den\nkleinen Jos. zu denken. Er wird sich gern den Man-\ntel von der Berliner Firma entreißen lassen1, trotz-\ndem sie keine Potiphargelüste nach oesterreichi-\nschen Journalisten hat, die sie in allen Vornamen\nbesitzt. Er wird sich gern den Mantel entreißen\nlassen, denn überall gibt es Konfektion. Man zahlt\nnicht nur in Berlin die höchsten Preise."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "2", "page_fin": "3", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.4", "titre_corps": "Welt wehe : August Stramm", "titre_sommaire": "Welt wehe : August Stramm", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 231, "texte": "Welt wehe\nAugust Stramm\nNichts Nichts Nichts\nHaucht\nNichts\nHauchen\nNichts\nHauch\nWägen\nWägen wegen\nWegen regen\nStauen\nLauen\nWeben schweben wallen ballen\nWarmen\nBiegen bogen\nWärmen\nDrehen drehen\nDunsten\nStreifen glimmen\nFachen\nHitzen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1723, "texte": "Glühen\nWeilen ;\nSieden brodeln rauschen brausen\nZüngeln springen\nFlammen spritzen\nPlatzen\nKnattern-knallen krachen\nTausend\nNull Null Null\nTausend\nNull\nMilliarden\nNull Null Null\nWeißen\nLichten\nKreisen kreisen\nBahnen\nFliegen\nKreisen kreisen\nRollen\nKugeln\nKugeln kugeln\nGlatten\nKugeln\nPlatten\nKugeln\nKreisen\nKugeln J\nDichten schichten Wichten walzen wälzen\nFesten\nKreisen\nPries sen\nKugeln\nSchmieden\nKreisen\nKernen\nKugeln ,'\nKern.\nHalten fassen kraften schwingen\nRuhen reißen sprengen\nHeben senken falten\nSchieben wogen\nStarren\nHeißen\ni\nBeben\nSchweißen\nBeben j\nLeben\nAtmen\nLeben\nLeben leben\nZeugen\nBären\nLeben leben\nBlühen\nWachsen\nLeben leben\nBrennen\nStarken\nMarken\nRollen rollen\nLeuchten trocknen feuchten lichten\nStreben ranken\ni onen\nRingen\nKämpfen\nRingen\nRingen\nKönnen\nWollen\nKönnen\nSchwanken\nKönnen\nWollen |\nBlühen »'\nWollen\nHolen j!\nKönnen\nKranken\nPlacken racken ächzen\nRollen ; '\nWollen\nLallen\nWollen wollen\nRanken\nWollen wollen\nRollen\nDrehen wehen rollen\nWollen wollen\nStürmen wollen\nDrehen\nMatten\nWollen\nMatten\nRollen drehen *\nWehen wehen\nWollen\nKreisen\nEngen\nKreisen\nEngen\nSchwanken\nWanken .'-i\nZittern\nSchwingen\nWiegen kreisen engen lockern\nTrudeln krudein\nTrudeln\nSchlacken *\nLockern\nSchlacken\nBröckeln\nAschen\nTrollen trollen\nAschen\ntrollen\nSollen\nWollen 1\nStocken reißen\nSacken rasen\nRasen\nSprengen :\nPlatzen\nSchmettern\nStäuben stä;uben stäuben\nSchweben\nWeben\nWallen\nW eben\nFallen\nWegen\nReigen\nWolken\nSchleichen\nFlaken '\nWeiten\nFlaken\nWachten ! 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Das Fräulein ruft lär-\nmend in die stille Arbeitszelle hinein, daß der Leut-\nnant nicht an die Harmlosigkeit des Briefes glaube\nund verlange, daß Brau ihn herausgebe. Sie müsse\nin zehn Minuten damit beim Herrn Leutnant sein.\nZwischen den Leuten drängt Frau Lise, die ver-\ngeblich sich auf Zehenspitzen gestellt hat, um sich\nbemerkbar zu machen, und die Anderen machen\nunwillkürlich der schmalen mädchenhaften Frau\nPlatz. Sie bittet Bran höflich, ihr den Brief zu\ngeben, sie verspreche, ihn mit ihrem Mann zusam-\nmen zu lesen.\nBran entnimmt schweigend den Brief der\nSchieblade und legt ihn gefaltet in Frau Liseiis\nHand. Sie sieht das Papier einen Augenblick prü-\nfend an und strafft sich steif und feierlich zu mili-\ntärischer Geradheit. Ihre kluge angenehme Stimme\nhat die moralische Unerheblichkeit der Strenge\nangenommen, ähnlich der des Herrn Assessors:\n„Im Auftrage meines Mannes bitte ich Sie, zu er-\nklären, daß dies Dokument wirklich jener Brief ist,\nden Sie während meiner Reise an mich schrieben.\nWarden Sie vor Gericht beschwören, daß Ich nur\nzwei oder drei mal und immer in Gegenwart An-\nderer mit Ihnen zusammen war und dann nur über\nlit erarische Angelegenheiten sprach; beschwören\nSie endlich, daß ich nie durch Blick oder Gebärde\nSie dazu angeregt habe, mir näher zu treten, oder\ngar einen Brief zu schreiben. Beschwören Sie\ndas?\"\nBran hält das Gesicht vorwärts geneigt, damit\nNiemand seine Miene beobachten kann. Er\nschweigt, und als er sich wieder hochrichtet, ist\nsein schmales, großes, deutsches Gesicht ganz\nweiß, bis an das lang herniederfallende umrah-\nmende braune Haar.\nSein Blick ist innerlich schauend und geht in-\nwendig schauend über die Köpfe der vor ihm drän-\ngenden Leute hinweg und durch sie hindurch.\nSeine bündige Erwiderung ist, daß er grundsätz-\nlich nicht schwüre, ebenso jedes Ehrenwort ab-\nlehne. „Es genügt, wenn Sie meinen Brief lesen\nund alle unberechtigten Wünsche an meine Per-\nson endlich fallen lassen.4'\nFrau Lise ist sehr bleich geworden und als Bran\nin ihre Augen zu blicken versucht, sieht sie ver-\nlegen unsicher zur Seite. Und unerwartet dringt\nBrans helle Stimme zu den Leuten, indem seine\nfeine Gestalt mit der Geberde des Absehens einen\nAugenblick zu wanken scheint: „Was tun Sie mit\ndieser Frau, Sie alle helfen dazu, sie in Stücke zu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10629, "texte": "reißen.\" In großer Spannung drängen alle unwill-\nkürlich vor Bran zurück, aber ehe diese Mahnung\nan die unwilligen und boshaften Herzen rühren\nkann, ruft Herr Assessor mit der Stimme eines\nSchutzmanns zu Bran hinüber: „Es ist notwendig,\ndaß Sie sogleich den Herrn Chefarzt vom Sana-\ntorium in seiner Privatwohnung aufsuchen und ihn\nhöflich um seine Begleitung zu Herrn Leutnant bit-\nten. Die Frau Leutnant und ich erwarten Sie dann\nbeim Herrn Leutnant, um Sie wegen des Briefes\nvor dem Arzt zu konfrontieren.\"\nDie Frist der zehn Minuten ist abgelaufen und\nalles begibt sich hastig zum Herrn Leutnant mit\ndem erbeutetem Brief. Frau Hannah bleibt zurück\nund beginnt schwer mit Stöhnen und Vorsichhin-\nsprechen die Stuben der Leutnantsfamilie aufzu-\nräumen.\nDie Straße ist vom warmen Südweststurm er-\nfüllt, Bran atmet frei nach dem zwängenden Frost,\nüberall sind schwarze Löcher in den Schnee ge-\nschlagen, und er ist zu Klumpen geronnen, zu\nschmutzigen Hügeln, von denen überall Rinnsale\nherabtropfen. Große Lachen auf den Bürgersteigen\nspiegeln die blauschwarzen stählern gewandeten\nGewölke . . . Bran steht im hohen langen Emp-\nfangssaal des Arzt-Hauses. Feierliches weißes\nLicht dringt durch die vier schmalen hohen Fen-\nster, schwere dunkle Eichen-Möbel füllen den\nRaum, ein riesiger dicker Perserteppich verhüllt\nden Fußboden. Ueber den dunklen langen Tisch\nzieht sich eine zart bestickte lila-leuchtende Japan-\nseide; an der Längswand gegenüber den Fenstern\nhängt ein sanfter Wandteppich aus Delhi. Venezia-\nnische Kristallgefäße, Majoliken, auf den Truhen\nund vor der Fenster breite eine schlanke manns-\nhohe Chinavase aus blauem Porzellan. Im oberen\nbauchigen Ausmaß umfaßt sie den Himmel, um die\nzarte Hochform edler zu steigern. Bran vergißt\nvor der Musik dieser orientalischen Teppiche und\nKrüge das Elend des abendländischen Egoismus.\nSüße Blumen, feine Figuren, Früchte des Rama-\nyana, heilige Tiere des buddhistischen Waldes, chi-\nnesische himmelumspannende Zartheit stehen unter\ndüsteren Truhen im europäischen Prunkzimmer.\nDer Arzt tritt leise ein und verbeugt sich höf-\nlich, ein durch schwärzliche Narben zerschlissenes\nrotes und mageres Gesicht, umrahmt von dichtem\nschwarzem Bart- und Haupthaar. Bran hat zu die-\nser kräftigen und düsteren Art sogleich Vertrauen\nund spricht sich offen über den Leutnant aus. Der\nArzt ist orientiert und auf das Verlangen des\nAssessors, welches Bran ihm mitteilt, antwortet er\nablehnend. Der Leutnant stehe im Verhältnis des\nPatienten zu ihm, mit dessen privaten Angelegen-\nheiten habe er sich nicht zu befassen. Bran ent-\nschuldigt seinen Auftrag, der Arzt antwortet:\n„Wenn Sie wissen, daß Sie keine Schuld haben, so\nkümmern Sie sich nicht um die ganze Sache.\"\nBran hört nach der Rückkehr vom Arzt: Frau\nHannah-S Stöhnen in der stillen Wohnung, mit wü-\ntenden Schlägen wäscht sie Geschirr in der Küche.\nBran geht hinüber. Er will ihr von der Weigerung\nund dem Rat des Arztes erzählen, von der Notwen-\ndigkeit und dem Stolz seines Briefes. Sie lärmt mit\nden Töpfen im unreinen Wasser, reckt sich schließ-\nlich auf und mißt ihn mit dem Blick: „Ich mag Sie\nnicht mehr bei mir sehen, Sie haben unser Ver-\ntrauen so sehr getäuscht, ich glaube nicht an Ihre\nHarmlosigkeit.\" Traurig betrachtet Bran diesen\nbejahrten Kopf im Profil, die Mundwinkel sind wei-\nnerlich herabgezogen, breit ist der Mund, eine trübe\nBereitschaft zu wüsten Schmähungen, und bei der\nAnstrengung des Aufwaschens zittert der dünne\ngelockerte Haarschopf. „Es ist Ihnen gelungen, die\narme Frau reinzulegen.\"\nBran flüchtet in seine Stube.\nDer Herr Assessor humpelt steif Stufe für Stufe\ndie Treppe hinauf, Bran ist es, als täte er jeden\nSchritt feierlich zählend noch bedächtiger als\ngewöhnlich. Umständlich tritt er in die Küche bei\nseiner Frau ein. Nach ihm hasten Frau Lise, die\nKinder und das Fräulein in die Wohnung.\nDas feuchte trübe Wetter bringt einen dunk-\nlen Abend, der frühe am Nachmittag schon die Um-\nrisse der Gegenstände dämmernd entzieht. Längst\nhat Brau auf das deutlicher werdende Hin und Her,\nauf Rufe über den Flur gehorcht, undeutliche Dro-\nhungen, die vor seiner Stube sich auf Lauer legen.\nIn der Betrachtung dieser winterlichen Früh-\ndämmerung, versenkt Bran den Blick in die schat-\ntenhafte Umrisse der benachbarten Hauswand vor\ndem weichen Himmelgrau und hört Frau Hannali\nnicht eher in sein Zimmer eindringen, als sie bereits\nseinen Teller Mittagessen auf den Tisch abstellt.\nSie stöhnt laut, mit vorgebeugtem Oberkörper\nstützt sie die Hände auf den Tisch und sucht Brans\nAugen in der Dämmerung. Bran blickt in ihr grün-\nlich Gesicht, in das Weiße der Augen, die aus hoch-\ngerissenen Lidern glotzen, fahle Wülste ziehen sich\num die Nase zum verrunzelten Kinn, sie flüstert\nmit scharfer Zunge: „Sie haben der Frau Leutnant\nim Briefe geraten, ihre Ehe sprechen\nSie, ist das wahr?\" „Ja, das ist wahr!\" antwortete\nBran ruhig. Sofort richtet sich Frau Hannah zur\nvollen Größe auf und ruft hohnvoll: „Das wollte\nich von Ihnen bestätigt haben, ich glaubte nämlich\nnicht, was meint Mann eben über Ihren Brief sagte,\nwas ich aber gleich ahnte. Sie sind ein Lump oder\nSie sind verrückt. Pfui . . .\"\nSie geht ohne die Tür hinter sich zu schließen,\nund Bran riegelt sie vor seiner armen Dunkelheit\nab, vor seiner großen Trauer, und während sie\ndraußen in ihren Stuben über seinen Namen „Ge-\nmeinheit\" ausrufen, flüstert Bran langsam ein\nPaar Worte Momberts, die er in der Frühe gelesen\nhat:\n„Stirb! Der Eine stirbt,\ndaneben der Andere lebt\ndas macht die Welt so tiefschön.\"\nBran steigt hinab in die Kiefern-Waldnacht\nzum See. Die Starrheit des Waldes erhebt sich\nüber dem verschneiten Boden, aber der See ist\nnicht gefroren, und seine schöne Uferlinie umfaßt\ndie tief schwarze sammetne Pracht des unbeweg-\nten Wassers. Im Osten, über dem starren durch-\nschimmernden Waid, seinen schwarzen klaren\nWipfeln der Höhe, flammt der \"rote Schein\nder fernen Großstadt im durchsichtigen Nebel\nund spiegelt blutiig auf der regungslosem\nDezember-Finsternis, der Blätterlosigkeit und\nder Entferntheit alles rufenden und fliegenden\nLebens, bewahrt nur noch der See ein schwaches,\nbald erstarrendes Wallen. Aber in ihm beschwört\nBran die Mütter, zu denen er hinabsteigt, diese\numfassenden erhabenen Wesen, die ebenso die\nGenerationen in ihren erdherben Armen umschlie-\nßen, w i e das pochende Herz des Vögelchens, das\nvom feindseligen Stein, blutend getroffen wurde.\nSchön, unbeweglich klar liegt die weite mächtige\nTafel und Bran besinnt sich, wo er ein gleich feier-\nliches Oval schon einmal sah: Frau Lisens mütter-\nliches Auge öffnet sich herztief vor ihm, in alle\nTiefe des Sees blickt er hinab. Und der See wird zu\neinem wehend gespreiteten, fliegenden Tuch, zum\nMantel, den die Mütter webten für den lieben\nSohn, damit er sich darein hülle auf der fernen\nkalten Erdumwanderung.\nDer See wirfd zu einem brennenden ovalefn\nSchild, zum kriegerischen Abbilde der Flammen\ndes Hochgestirns, der großen Kraft des Menschen,\ndie den Planeten bestrahlt. Aber seine Kraft wird\nzum Blumenblatt, zur ehernen Mandorla, in\nderen Klarheit der Christus erscheint, um tausend\nJahre lang die Welt zu richten. Und die Mandorla\nwird zum Auge der Ora n t a des christlichen\nMorgenlandes, zur weiblichen sanften' Mittelsform\nalles Geistigen des Menschen.\nInnig dankbar neigt sich Bran vor dem stren-\ngen Bilde unter freiem Nachthimmel und nimmt\nAbschied von Traum und Stolz um Frau Liseas\nwillen.\nBran erwartet am Abend einen Besuch und als\nes um acht Uhr klingelt, öffnet er die Flurtür, Frau\nLise steht da, betrachtet Brau! mit ihren schönen\nAugen und tritt dann ruhig ein. Bran verneigt sich\ntief vor ihr (ihr Gesicht ist bleich) und wendet sich\nwieder nach seinem Zmmer.\nAls Bran ein Weilchen später zu einem Besuch\nangekleidet die Wohnung verlassen will, bittet ihn\nFrau Hannah in die Küche. Er betritt ungern die-\nsen abgelegenen Raum, in dem die Küchenlampe\nschmutzstarr ende Eßgeschirre erhellt. Hinter ihm\nriegelt Frau Hannah ab und macht sich am Herd\nzu schaffen.\nBran ist in der Mitte zwischen Küchentisch und\nPlättbrett stehen geblieben und betrachtet Frau\nLise, die nervös in dem schmalen Raum neben dem\nBrett auf und abgeht mit den verschlungenen Hän-\nden im Schoß. Ihr Gesicht ist schattig blaß und\nkrank vor Schlaflosigkeit und Ueberanstreiigung.\nSie unterbricht ihre Wanderung, bleibt vor ihm\nstehen und schaut ihn traurig an. Dann hört er\nihre Stimme fernher und fremd kommen. Ob er\nschon wisse, daß ihre Verwandten sich von ihr\nabgewandt haben, und das durch sein Verschulden.\nSie habe schon genug verloren, aber durch seinen\nBrief verliere sie auch das Letzte, was ihr blieb.\nSie sei durch ihn so bloßgestellt, daß alle sich jetzt\nvon ihr abwenden werden. Warum er den Brief\nherausgegeben habe, wo er doch die Folgen davon\nhätte voraussehen müssen, ob er sich überhaupt\nseines Inhalts voll bewußt erinnere. Bran erinnert\nsie daran, wie sie alle in ihn gedrungen seien, wie\ner ihrer Not erst nachgegeben habe. Frau Lise\nsteigt auf einen runden Holzblock, der für Küchen-\nzwecke an der Wand aufgestellt: ist, um besser das\nKampffeld zu beherrschen. Grellbeleuchtet von der\nLampe, die im gleicher Höhe ihr gegenüber an der\nWand hängt, steht sie flach an die Wand gepreßt,\nmit kleinen flackernden Augen im verwüsteten Ge-\nsicht: „Sie sagten uns doch, Sie hätten nur eine\ntheoretische Abhandlung und keinen Brief geschrie-\nben. Im Vertrauen darauf —44 „Aber durchaus nicht\nFrau Hannah hat einfach meinen dichterischen\nBrief dafür erklärt, als ich ihn zu Ihnen allein ins\nZimmer hineinzeigte.\" „Im Vertrauen darauf\",\nfährt Frau Lise mit engstirniger Straffheit fort, „daß\nSie wirklich nur eine Abhandlung und nichts an-\nderes geschrieben haben, ließ ich mir den Brief für\nmeinen Mann von Ihnen geben. Jeder aber, der\neinen solchen Brief liest, muß mindestens anneh-\nmen, daß ein intimes Einvernehmen zwischen Ihnen\nund mir zugrunde liegen muß. Sie müssen ja von\nSinnen gewesen sein, als Sie all die Behauptungen,\ndiese unerhörten Anmaßungen niederschrieben.\nSie behaupten, Sie kennten mich genau. Woher,\nsagen Sie mir bitte? Sie kennten die Einzelheiten\nmeiner Ehe, woher nehmen Sie den Mut zu sol-\ncher Anmaßung. Die paar Worte, die ich im gan-\nzen während unserer flüchtigen Bekanntschaft mit\nIhnen wechselte, die zweimal, wo ich Ihnen die\nHand gab zum guten Tag, können Sie hoffentlich\nnicht zu solchem Vorgehen ermutigt haben, Sie sind\nsehr frech und Sie sollen das büßen.\n„Aber nun zur Hauptache: Sie fordern mich zur\nAuflösung meiner Ehe auf. Sagen Sie uns, was Sie\nanfangen würden, wenn ich Ernst machte und Sie\nbeim Wort nähme, ich, eine verheiratete Frau mit\nzwei Kindern. Aber das ist Wahnsinn, Sie denken"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9241, "texte": "wohl, -daß ich-auf dieselbe Stufe, wie das Fräulein\nkeraMiiken werde . . Fast hat sie es mit mir\nschön so weit zu Wege gebracht, denn mein Mann\nbeschimpft mich in Briefen und Worten, für ihn ist\nes eine Tatsache, dies Liebes-Verhältnis mit Ihnen.\nSchämen Sie sich nicht ein wenig!\nAber es soll anders werden, auch Sie hörten\nwohl von meinem angeblichen Selbstmordversuch,\nes war nichts als ein hysterischer Anfall, der her-\nvorgerufen war durch die Aufregungen, die Sie\nmeiner Familie mit Ihrem leichtfertigen Schreiben\nverursacht haben in der letzten Woche. Ich wußte\nnicht, was ich tat Um zu verhindern, daß nicht\nnoch schlimmere Dinge eintreten, hatte ich oft ge-\nlogen, mein Mann machte mir darüber Vorwürfe,\naber ich mußte doch zum Besten Aller lügen und\nso kam es, daß auch ich schließlich hysterisch\nwurde.\"\nIhr Gesicht ist starr und weiß, als sie erklärt,\ndal» sie umsonst das Schlimmste zu verhüten ver-\nsucht habe, was jetzt durch den Brief eingetreten\nsei.\nSie tut Bran bitter leid. Aber er muß hart auf\nm***\nhart setzen.\n„Haben Sie den Brief im richtigen Sinne gelesen\nso können Sie ihn nur so verstehen, daß ich zu-\nnächst Ihre gewaltsamen Familien-Verhältnisse\nverurteile.\n„Haben Sie schon einmal auf das Spiel Ihrer\nKinder mit Worten aus der Gasse und vom Stall\ngeachtet? Nein, davon wissen Sie nichts. Aber ich\nhabe eines Nachmittags zugehört, durch meine Tür\nzu Ihrem Schlafzimmer, und ich habe mir damals\ngelobt, diese moralische Pest zu bekämpfen, deren\nUrsprung Ihnen, so gut wie mir, bekannt sein darf.\nIst es Ihnen nicht eine schreckliche Warnung, den\nboshaften und störrischen Widerstand schon im\nerst entstehenden Charakter Ihres kleinen Knaben\nzu entdecken -und zn wissen, wodurch diese Cha-\nrakterbetätigung gezüchtet wird. In meinem Briefe,\nden Sie alle jetzt mißbrauchen, zeigte ich Ihnen ge-\nrade die Gewalttätigkeit Ihrer Ehe, ihre Unerträg-\nlichst\"\nFrau Lisens flackernde Augen sind über Brans\nKopf hin weg gerichtet ins Lampenlicht. Der Herr\nAssessor wird von Frau Hannah in die Küche ge-\nlassen und nimmt auf einem Schemel neben Frau\nLisens Block Platz, in der Haltung des Schutz-\nmanns, der einen ruhefeindlichen Vorgang über-\nwacht. Kalt und spöttisch lächelnd blickt er auf\nBrau.\nBran ist aus der Mitte weiter in den Lichtkreis\nder Lampe getreten und sieht Frau Hannah steif\naufgerichtet sitzen, den lastenden Oberkörper mit\ngroßen knochigen Händen auf den Schenkel ge-\nstützt, das faltige, leicht gerötete Gesicht ist ihm\nmit blauen feindlichen Augen zugewandt: „Ich bin\nerstaunt, daß es Ihnen nicht ein bißchen Leid tut,\nden schändlichen Brief geschrieben zu haben, ich\nverstehe das nicht. Und von Ihnen habe ich soviel\ngehalten, bin für Ihre moralische Unantastbarkeit\neingetreten, hatte einmal gesagt, daß der Leutnant\nnicht wert sei, Ihnen die Schuhriemen aufzulösen.\nIch hielt Sie für so streng. Was haben Sie angerich-\ntet, und morgen wollen wir alle Heiligabend\nfeiern!\"\nDer Herr Assessor gibt würdig die Erklärung\nab, daß Herr Leutnant auf eine gerichtliche Klage\ngegen Bran verzichtet. Aber das könne er nur\nsagen, wenn ihm, dem Forstassesor, das bei sei-\nner eigenen Frau passiert wäre, so hätte er Bran\nmit der Hundepeitsche vorgenommen und ihn zum\nHause hinaus befördert, damit ihm für fernere\n„Lösungen\" alle Lust verginge.\nBran beugt sich vor, sucht das Auge des Asses-\nsors zu erfassen und erwidert streng: „Hätten Sie\nMißhandlungen der eigenen Frau verschuldet wie\nHerr Leutnant, so wären Sie beim Einsatz meines\nLebens ebensowenig sicher vor mir geblieben. Ich\nfürchte nicht Ihre Gewalttätigkeiten und die Dro-\nhungen des Leutnants, aber ob Sie auch das Recht\ndazu haben, bedarf noch der Erörterung.\"\nBran ist nach langem Gange durch die Wald-\nMondnacht heimgekehrt, er sieht noch immer vor\nsich im Talgrunde das Stück weißleuchtenden\nWaldbodens, über dem sich die starren zackigen\nKiefern in stummer Winterlichkeit abheben. Ein-\nsam, wie nur eine der Kiefern ringsum, hatte er\nlange vor dieser verborgenen Walderde verharrt,\nkein Wind ging droben im Rauschen hin, die Sterne\nflammten blau durch die reglosen Nadelwirbel.\nDer Mond macht den Blick weit hinaus aus sei-\nner Stube. Allmählich achtet Bran auf die Stim-\nmen aus den Zimmern nebenan, Frau Lise geht\nratlos auf und ab im Gespräch mit dem Fräulein.\n„Sie hätten nur die Phrasen dieses Lumpes\nhören sollen. Wie er durchtrieben lächelte, wenn er\nmich anblickte. Er wollte die Gelegenheit so recht\nfassen und eine anständige Frau um Ehre und alles\nbringen. Wie hatten ihm alle vertraut, und wie ent-\ntäuscht sind sie. Wenn ich das nur geahnt hätte,\nwas er mir angetan hat, würde ich nie ein Wort\nmit dem Kerl gesprochen haben. Und nun, wo ich\ndurch ihn in eine so verzweifelte Lage gekommen\nbin, hat -er nicht die geringste Empfindung für mein\nGeschick übrig, was er auch alles vorbrachte, es\nwar beleidigend\n„Ich habe meinen Mann eigentlich ganz gern,\nund wenn ich ihn; oft belogen habe, so ist es um der\nFamilie willen geschehen. Ich war doch wirklich\nkopflos, hysterisch und tat alles, alles, damit nur\ndie Ruhe bei uns einkehrt. Und nun kommt dieser\ngemeine Kerl und spielt mir den niederträchtigen\nStreich. Wie der sich wohl im stillen freut. Ich bin\nmeinem Mann von Herzen dankbar, daß er gleich\nso durchgegriffen hat; wer weiß wozu ein Mann\nnoch fähig ist, der schamlos „Ehern auflösen\" will.\nUnd was dieser Kerl alles „theoretisch\" und „ideal\"\nnennt. Ich soll meinen schwerkranken Mann, den\nich bald drei Jahre hindurch pflege, meine Kinder,\nmein Heim, mein Landgut verlassen. Er muß ver-\nrückt sein, er ist es sicher!\"\nDas Stück mondweiße Wald-Erde erscheint\ngeisterhaft wispernd vor Bran, hilflos stiert er auf\ndie liebe Erde. Ein Krampf überkommt ihn, sein\nBlut zieht sich mit raschem Rückschlag aus dem\nganzen Körper zurück, sein Herz zittert angstvoll\nin der Brusttiefe, die Zähne klappern, der Leib\nbebt vor Frost. Eine gebrochene Kiefernsäule droht\n'niederzustürzen auf die liebe weiße Erde, die sich\nhohl macht zum gespenstigen Schoß. Seine Lunge\nröchelt um Atem, er hält sich erschöpft am Bett\naufrecht, während er unter ungeheurem Ersticken\nächzt. Das Herz pocht wild, gestaltloser Fieher-\nwirbel geht über ihn dahin. Kerzen sind entzündet,\nein Heilsarmeelied, der „Perlenthron der Gnade\"\nwird brausend fern gesungen, Kutscherflüche bre-\nchen seine Lippen auf, gelockert in der Umnach-\ntung des Bewußtseins. Ein Inwendiges will aus ihm\nwühlen mit einer Wolke von giftiger Säure. Er\nweint leise am Fußboden. Krank, arm, hoffnungs-\nlos, kein bloßes Tier, aber auch nicht nur Mensch,\nstärker als die sengende Vernichtung, aber krän-\nker als ein Mensch, nicht ganz das weiße Leben,\ndas ist Bran und fühlt es diese ganze Nacht hin-\ndurch.\nBran bleibt am andern Morgen, dem Tag des\n„Heilig-Abend\" länger im Bette liegen, da er krank\nist\nEr hört vor seiner Tür Stimmen, man pocht und\nverlangt, daß er öffne. Bran erschrickt, bleibt still\nliegen und fragt nach dem Verlangen, dann pocht\nes noch einmal stark und scharf, und er hört den\nAssessor: „Stehen Sie sofort auf und ziehen Sie\nsich in fünf Minuten an. Wir wollen Sie sprecken.\"\nEr kleidet sich schnell an, und als er öffnet, stehen\nvor ihm, wie am vorigen Morgen, die Frauen, der\nAssessor und das Fräulein. Frau Lise ist sehr\nbleich mit großen schreckerfüllten Pupillen.\nSie erklärt zum Herrn Assessor gewandt, daß\nsie wahrlich nicht viel zu sagen habe. Plötzlich\nsieht sie starr und erregt auf Brau, und ihre Stimme\nwird tonlos: „Sie sind ein Schuft! Vor den Anwe-\nsenden erkläre ich Sie für einen Schuft!\" Sie sagt\ndas alles wie auswendig gelernt glatt her. Alle im\nKreise bleiben stumm und beobachten erwartungs-\nvoll die Wirkung auf Brau, Aber er ist ruhig und\nsieht sich fragend im Kreise um, in der Annahme,\ndaß man doch irgend einen Gedanken vorbringen\nwerde, der ihm den Schlüssel zu dieser sonder-\nbaren und lächerlichen Verrufs-Zeremonie gibt. Im\nAugenblick, als er den Blick von Frau Lise abwen-\ndet, ist sie behutsam nahe vor Bran hingetreten\nund hebt die kleine Gestalt auf Zehenspitzen, gibt\nihm mit der Rechten einen; leichten artigen Backen-\nstreich. Dann verschwindet sie hinter dem Kubus\ndes Herrn Assessors, und alle warten auf die Wir-\nkung.\nBran wird im Augenblick wahrhaft lustig zu\nSinn, wie wenig verfeinert doch die Leute ihre Ge-\nkränktheit rächen. Wenn der Grad eines Ehr-Ver-\nrufs nach der Heftigkeit des Schalls und der punkt-\nuellen Größe des roten Flecks auf der Backe be-\nmessen werden soll, dann fehlt diesem Damen-\nBack.enstreich ein bißchen kraftvolles Quattrozento.\nFrau liannah befindet sich in beinahe kläg-\nlicher Auflösung, sie stiert grauenbleich vor\nSchrecken auf Bran, wahrscheinlich in Erwartung\neines tiermenschlichen Ereignisses. Alle andern\nstehen sichtlich ernüchtert und enttäuscht umher.\nFrau Lise sieht furchtsam hinter einer starken\nSchulter hervor, auch sie scheint zu erwarten, daß\nder Orang-Utang mit Faustschlägen auf sie los-\nbrechen wird. Der Herr Assessor steht als Schutz-\nmann vor der Frauengruppe, seine Haltung ist „in\nErfüllung dienstlicher Pflichten\", auch er wartet\ndarauf, daß der Kerl „tätlich wird\".\nDie Wirkung ist verpfuscht, und Frau Lise rafft\nsich noch auf, um laut zu erklären: „So nun kön-\nnen Sie mich verklagen!\" Und sofort erwidert Bran\nmitleidsvoll: „Ich Sie verklagen, warum denn . .\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c006", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "5", "page_fin": "5", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.6", "titre_corps": "Joseph Cäpek: Originaliinoleumschnitt", "titre_sommaire": "Joseph Cäpek: Originaliinoleumschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 37, "texte": "Joseph Cäpek: Originaliinoleumschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c007", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "9", "image_debut": 6, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.7", "titre_corps": "Der Zirkus : Friedrich Karinthy", "titre_sommaire": "Der Zirkus : Friedrich Karinthy", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.6", "debut_caractere": 9262, "fin_caractere_exclue": 10186, "texte": "Der Zirkus\nFriedrich Karinthy\nOffenkundig ist es, daß ich mich mit klopfen-\ndem Herzen in den Zirkus sehnte, doch sehnte ich\nmich vielleicht nicht minder nach einer Geige . . .\nDann bekam ich zuerst die Geige, in den Zirkus\naber wurde ich nicht geführt. 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Wenn ja, belieben Sie hereinzuspazieren,\nfalls nicht, scheren Sie sich zum Teufel!\" Da\nkrampfte sich mein Herz erschrocken zusammen,\nich begann zu stammeln, daß ich nicht in den Zu-*\nschauerraum wolle, sondern mit meiner Geige . . .\nVerzweifelt wies ich auf meine Geige, die ich\nselbstverständlich unter den Arm gepreßt hielt. Er\nbeugte sich zu meinem Mund nieder und wartete\nerbost, bis ich hervorgestammelt hatte, daß ich\nkein Rillet besäße, aber ein Lied komponiert habe,\nich ganz allein, und dieses Lied werde ich, wolle\nich, wenn er mir den Eintritt gestatte, dem Publi-\nkum vorspielen. Darauf begann er so laut zu\nlachen, daß ich ihm in die Kehle hineinsah wie in\neinen tiefen Tunnel. Dann; sagte er schroff, Wort\nfür Wort betonend: Junger Kämpfer, Rappelkopf,\ndein Herz ist wie ein Bienenstock. Dies dünkte mir\nein überaus geistvoller Vers und ich sah, meine un-\nwillkürliche Anerkennung behage dem Direktor. Er\nklopfte mir auf die Schulter und sagte, ich solle\nwarten. Vielleich werde sich etwas machen lassen,\nman könne darüber reden.\nSpäter kehrte er in den finsteren Gang zurück,\nwo ich immer bebend stand, und sagte mit herab-\nlassendem Wohlwollen, das Geigenspiel für sich\nallein sei ein Parallelepipedon. Woraus ich sofort\nentnahm, dies bedeute, er setze in meinen Erfolg\nkein großes Vertrauen. Ich begann zu schwören,\nworauf er ernst wurde und mir zu verstehen gab,\nes sei schon gut, er wolle es mit mir versuchen,\ndoch müsse vorerst die militärische Behörde ver-\nständigt werden, woselbst ich ieine Marke als kai-\nserlich und königlicher Getreidehaufen bekommen\nwerde. Bis dahin werde er mir den ganzen Zir-\nkus zeigen, von vorne und von hinten, die Artisten\nund die Türe, kurz alles, damit ich eine Idee davon\nhabe, um was es sich eigentlich handle, was das\nPublikum brauche. Mein Herz pochte vor glück-\nlicher Erregung darüber, daß ich es so weit ge-\nbracht hatte, doch zugleich fühlte ich mich geäng-\nstigt. Die Geige unter meinem Arm preßte ich\nkrampfhaft und mühte mich, die Melodie ja nicht zu\nvergessen. Der Direktor führte mich zwischen un-\ngeheure Vorhänge, auf denen allerhand lebende\nBilder waren. In der Höhe arbeiteten dürftig be-\nkleidete Menschen. Ich erwartete, auch Artisten\nund Kunstreiterinnen zu Gesicht zu bekommen,\ndoch nein, wir kamen nur über viele breite Trep-\npen. Ich vermochte dem Direktor kaum zu folgen,\nso rasch lief er die Treppen hinan. Dann kamen wir\ndurch samttapezierte Stuben. Zufällig öffnete ich\ndie Türe, durch die schriller Lärm stürzte und\nzahllos wimmelnde Menschenköpfe zu sehen waren.\nDer Direktor schrie mich an, ich' solle rasch die\nTüre zuschlagen, dies sei das auf die Vorstellung\nwartende Publikum, das nicht hereinschauen dürfe.\nDann tat er eine kleine Eisentür auf; eine rie-\nsige halbkreisförmige Halle gähnte in der Tiefe.\nInmitten dieser prachtvollen mit Palmen und\nSpringbrunnen geschmückten Halle würgte ein\nschöner Mann mit zusammengepreßten Lippen und\nwilden Augen ein Wieib. Das Weib stieß dumpfe,\nröchelnde Kehllaute hervor — es war ein gräß-\nlicher Anblick. Laut begann ich zu schreien und\nforderte, man solle das Weib sieinen Händen ent-\nreißen. Doch der Direktor fiel mir in Arm.\n„Dummkopf\", sagte er, „dies sind ja meine Schau-\nspieler, das Ganze ist bloß ein Spiel. Uebrigens\nsind dies doch nicht wirkliche Menschen, sondern\nwächserne wie im Panoptikum\". Als ich genauer\nhinsah, wurde ich gewahr, das Gesicht des Weibes\nwar tatsächlich unnatürlich und seine Augen waren\naus Glas.\nIch schämte mich und begann, von etwas ande-\nrem zu reden. Mein Herz aber pochte noch immer\nunruhig. Jetzt führte mich der Direktor in eine\naufgewühlte bunte Stube, wo in schreiende Farben\ngekleidete und geschminkte Menschen saßen, in\nBankreihen, wie es in der Schule üblich ist. Dies\nwar die Clownschule, wie ich später erfuhr. Auch\ni\nich wurde in eine Bank gesetzt und der Direktor\nrief die Prüflinge der Reihe nach an den Katheder.\nEiner von ihnen ging auf den Händen hinaus und\nschlug mitunter den Kopf an den Fußboden. Dieser\nmußte die Produktion wiederholen. Dann wurde\nein hochgewachsener Mann1 aufgerufen, der ein\nMesser hervorzog und sich in die Brust stieß. Blut\nund Lunge rannen aus der Wunde — laut röchelte\nder Mann und sank zu Boden. Der Direktor nickte\nzufrieden:\n„So ists recht,\" sagte er, „dies wird gefallen.\"\nDer Selbstmörder ging auf seinen Platz zurück,\nholte aus der Bank Nadel und Zwirn hervor und\nvernähte sich unter Aiechzen und Grimassenschnei-\nden die Brust. Da merkte ich, daß diese von un-\nzähligen vernähten Narben durchfurcht war.\nAuch andere kamen, die wieder andere Kunst-\nstücke konnten. Bauchredner gab es, die mit selt-\nsamer Treue die Stimmen von Menschen und Tie-\nren nachahmten, daß ich kaum meinen Ohren\ntraute. Der eine sprach mit deutlicher Kinder-\nstimme, daß mir die Tränen in die Augen drangen.\nEr imitierte nämlich ein sterbendes Kind. Als ich\nihm jedoch ins Gesicht blickte, sah ich seine Augen\nund Lippen regungslos. Ein' zweiter jammerte und\nwehklagte wie ein Weib, dann kamen andere\nFrautenimitatoren heiseres und kicherndes Gemur-\nmel erscholl und im Dunkel glimmten unheilver-\nkündende Augen.\nDa blickte der Direktor in sein Buch und rief\nmeinen Namen. Ich stand in der Bank auf, er maß\nmich und fragte dann rasch:\n„Was kannst du?\"\nIch wies auf meine Geige und stammelte wieder\netwas von einer Melodie, die ich komponiert hätte.\nLachen durchlief den Saal und der Direktor schlug\nzornig auf den Tisch:\n„Noch immer ärgerst du mich mit deiner dum-\nmen Geige!\" rief er. „Wozu soll dieser alte\nSchmarren!\"\nIch wollte erwidern, daß die von mir kompo-\nnierte Melodie sehr seltsam sei und ich sie sehr\ngerne vorspielen würde, wenn man es mir gestatte,\nDoch er rief einen Knaben und schickte mich mit\nihm fort, damit er mir die Instrumente zeige.\nIch wurde in einen anderen Raum geführt. Hier\nstanden riesige Maschinen und Apparate. Lauter\nMusikinstrumente. Da gab es riesige Trompetern,\ndie durch Blasebälge in Bewegung gesetzt: wur-\nden, bei jedem Druck brach Donner aus ihren Keh-\nlen. Dann Triangeln, groß wie ein Zimmer und mit\nDampfhämmern versehen. Auf der Fläche einer\ngigantischen Trommel marschierten dressierte Ele-\nfanten im Kreise hierum und trommelten mit den\nFüßen. Auch eine merkwürdige Orgel gab es, an-\ngetrieben von einem Elektromotor, der gleichzei-\ntig dreißig Klaviaturen und tausend Stahlpfeifen\nin Funktion; setzte, deren größte so hoch war wie\nein Fabrikschornstein. Der Kapellmeister stand auf\neiner hohen Brücke, und als er seine beiden Arme\nin die Höhe warf, erdröhnte ein einziger Akkord\nund Sturm wirbelte — ich glaubte, sofort ins freie\ngeschleudert zu werden. Vor den Musikanten\nlagen Rollen, wie jene, die Setzmaschine» antrei-\nben. Die Musikanten trugen alle Brillen und starr-\nten ohne Unterlaß in die Noten. Mit schwindeln-\ndem Hirn und brausenden Ohren kam ich in eint\nandere Klasse, wo mich bereits der Direktor er-\nwartete. Ich sagte ihm, ich hätte die Instrumente\nt\ngesehen, sei aber mit keinem vertraut und könne\nauf keinem spielen. Er zuckte die Achseln und\nsagte, es tue ihm sehr leid. Da standen wir vor\nzwei Vorhangtüren, die ins Theater führten. In tau-\nsenderlei Masken eilten die Schauspieler hineea.\nund so oft der Vorhang aufflatterte, schlug mir\nvielfarbiges elektrisches Licht ins Gesicht. Ictt.\nwollte eintreten, doch der Direktor verwehrte es\nmir. Sagte, ich könne nichts und ies werde wolil\nbesser sein, vorerst die Leichenkammer zu besich-\ntigen.\nWir schritten durch eine andere Tür —* ein fin-\nsterer Gang führte in einen Keller hinab. Flackern-\ndes Gaslicht zischelte in großen Fernen. Zu beiden\nSeiten, im nebligen und dichten Dunkel führte»\nKabinen. Weißmantlige Diener mit russigen; Gesielt\ntern gingen aus und ein. Beben erfaßte mich und\nich wagte nicht hineinzuschauen. Am\nEnde des Ganges blieb der Direktor stehen und.\nsprach mit jemand. Verstohlen blickte ich mich um.\nAn den Wänden zogen sich lange Blechtisclie\ndahin — und auf diesen lagen nackte Leichen,\nGreise, Kinder, auch einbalsamierte, einzelne Kör-\nperteile. Schwerer, drückender Formalingeruck\nstieg aus den Tiefen empor. Ich sah, nach unten\nführte noch ein anderer völlig finsterer Gang. Der\nDirektor sprach von mir — als habe er mich dem\nArzt empfohlen, damit ich hier bleibe. Der Arzt\nschaute in die Richtung des finsteren Ganges.\nDa begann ich zu flehen, man möge mich dock\nnicht zwingen, an diesem Ort zu bleiben, ich ver-\nsprach, wenn es schon nicht anders gehe, lieber\netwas zu lernen, womit ich auftreten könne. Die\nbeiden schüttelten die Köpfe und der Arzt be-\nmerkte schließlich, man könne es höchstens mit der\nAkrobatik versuchen, denn das Publikum sei schon\nungeduldig.\nNun wurde ich in eine hochgelegne bodenartige.\nRäumlichkeit geführt — durch kleine Luftlöcher\nsah ich tief unter mir die Stadt. Hohe Leitern staiv\nden an die Mauern gelehnt, Stricke, Recke, Netze\nlagen durcheinander. Auf den Leitern arbeiteten:\nArtistenzöglinge in fleischfarbne Trikots gekleidet;\nIch wurde vor eine Leiter gestellt, auf die ich em-\nv porzuklettern hatte. Als ich an der Spitze ange-\nlangt war, wurde die Leiter von unten in die Höhe\ngeschleudert, der Straße zu — fest klammerte ich\nmich an und überblickte hinabschauend die ganze\nStadt, auf deren Straßen die Menschen am eisen-\nklein durcheinander wimmelten. Leise schrie ich\nauf und verlor das Bewußtsein.\nDoch dann langte ich wieder unten an. So lernte\nund probte ich lange Wochen und Monate hin-\ndurch. Kroch die Leiter hinan und herab. Als dies\nschon gut vonstatten ging und ich auf der Leiter-\nspitze sicher stehen konnte, reichte man mir feinen\nSessel hinauf. Sorgfältig equilibrierend richtete ich\nden Sessel zurecht und stellte mich darauf. Später\nwurde mit zwei und drei Sesseln das Gleiche volU\nführt. Und lange, lange Zeiten vergingen so.\nDann, nach diesen langen, langen Zeiten, stand\nich endlich auf der Bühne. Doch da war mein Ge-\nsicht schon schmal und runzelig und geschminkt\nwie die Gesichter jener, die ich zuerst gesehen\nhatte. Nun war es schon so weit gekommen, daß;\nich seit vielen, vielen Jahren im Zirkus diente und\njeden Winkel und jede Ecke kannte. Ein fleisch-\nfarbnes Trikot trug ich und stand müde zwischen\nden in Halbdunkel gehüllten Vorhängen, durch die."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2601, "texte": "schwitzende, Teppiche tragende Diener rannten.\nStandig murmelte tiefes Gebrumme und ich war es\nmüde, nach seiner Bedeutung zu forschen. Plötz-\nlich flammte scharfes Licht auf, vor meinen Augen\nschlugen die Vorhänge auseinander. Jenseits\ndrängten sich Menschenköpfe, kurzes Beifallsge-\nklatsche erbrauste, dann trat; erwartungsvolle,\nflüsternde Stille ein.\nAllein stand ich dort auf dem Teppich der ge-\nräumigen im weißen Licht schwimmenden Bühne.\nDoch da lief ich schon mit geräuschlosen Schritten\nin die Mitte, überall vom Kegel des Reflektors ge-\nfolgt. Mit Schlangenhaft geschmeidigen Bewegun-\ngen verbeugte ich. mich nach beiden Seiten den\nLogen zu. Dann erfaßte ich die Leiter und kroch\nrasch, lautlos, so leicht, daß ich meinen Körper\nnicht fühlte, in die vierstöckige Höhe empor. Dort\nrichtete ich mich auf einem einzigen dünnen Stäb-\nchen vorsichtig auf und wankte einige Momente\nequilibrierend. Nun wurde mir auf dem Ende einer\nStange ein eisenfüßiges Tischchen emporgereicht.\nIch erfaßte das Tischchen und lehnte es mit zwei\nFüßen leicht an die oberste Sprosse der Leiter.\nDann kroch ich auf das Tischchen und stellte mich,\nimmer bemüht, das Gleichgewicht zu erhalten,\ndarauf. Jetzt folgten drei Stühle aufeinander ge-\nstellt, — ich hörte zufriedenes Gemurmel und kroch\ndas Gebäude empor. Der letzte Stuhl stand mit den\nFüßen nach, oben auf der Lehne, die sich wankend\nim Kreise drehte und auf ihm plazierte ich einen\nauf die Spitze gestellten riesigen Würfel. Der ganze\nBau zitterte so unsicher unter mir, daß ich fühlte,\ndas Pochen meines Pulses laufe pochend bis zur\nletzten Leitersprosse. Schließlich folgte die Stange\nselbst: Minuten dauerte es, bis ich sie gerade auf\ndie obere Würfelecke fügen konnte.\nDann kroch ich langsam die Stange empor, er-\nklomm die Spitze, hielt an und ruhte. Heiß und\nlangsam rollten die Schweißtropfen über mein Ge-\nsicht. Jeder meiner Nerven war bogensehnengleich\ngespannt und. bebte. Ich wartete, bis das Schwan-\nken des Baues, auf dem toten Punkt angelangt war,\nrichtete mich auf — Todesstille herrschte — und\nzog die Geige hervor . . . Mit zitternden Händen\nlegte ich. den Bogen an . . . ich ließ . . . mit einem\nFuß tastend . . . die Stange los . . . beugte mich\nvor . . . suchte einige Minuten lang die Gleichge-\nwichtslage . . . und die Stille des Schreckens, der\nunten die Lippeen aufriß und die Herzen zusam-\nmen krampten; ließ, benutzend . . . begann; ich lang-\nsam und leise jene Melodie zu spielen, die ich der-\neinst, vor langer, langer Zeit in meinem Herzen\ntönen und schluchzen gehört hatte.\nEinzigautorisierte Übertragung von Stefan I. 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Nun scheinen sie bunter.\nIhr Augenblick zuckt aus den Schleiern.\nWas suchen in Eile zwei stechende Augen?\nSie sind wie im Fieber erschienen, verschieden!\nBehutsames Nebeln zerknittert im Finstern,\nDie Blicke verflimmern im Blitz von Geschmeiden,\nTiefer bestimmt sich,\nVernimmt sich das Treiben\nVerwinzigter Pünktchen\nIn wirbelnden Würfeln.\nZwei eisige Würfel: Weit hinten Verweilen!\nDie aufmerksam starrschwarzen Punkte erstrahlen,\nDa schleichen ganz leicht und behutsam,\nBeinahe schon hauchlos die Halbschimmer\nStechender Scheine an Schleiern vorüber: Das\nSpiegeln.\nSie gehen, zergehen behutsam.\nErst werden sie klar, langsam gedämpfter:\nSie gehen, zergehen behutsam."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c012", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "9", "page_fin": "9", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.9.3", "titre_corps": "Rio Bo", "titre_sommaire": "Rio Bo", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.9", "debut_caractere": 4096, "fin_caractere_exclue": 4506, "texte": "Rio Bo\nDrei niedliche Häuschen\nMit spitzigen Giebeln,\nEine winzige Wiese\nAn begrastem Rain: Rio Bo\nUnd eine wichtige Zypresse!\nGewiß der nichtigste\nWinkel der Welt . . . aber\nHoch oben steht herrlich ein Stern:\nEin großer, ein lohender Stern!\nMit Geschimmer und Geglitze\nLiebäugelt er immer\nMit der Spitze\nDer Zypresse: Rio 80.\nEin Stern auf leuchtender Liebe!\nWer weiß ob eine große Stadt\nEinen schöneren hat?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c013", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "9", "page_fin": "9", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.9.4", "titre_corps": "Wer bin ich?", "titre_sommaire": "Wer bin ich?", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.9", "debut_caractere": 4508, "fin_caractere_exclue": 5065, "texte": "Wer bin ich?\nWer bin ich?\nEtwa ein Dichter?\nNein. Und ich allein\nWeiß das Nein*'\nEin einziges Wort\nHat das Entsetzen ausgedrückt:\nBerückt!\nNun so wäre ich ein Maler?\nNein!\nEine blasse Farbe\nIn der Seele leicht und weit:\nTraurigkeit.\nEin Spielgeselle vielleicht?\nUnerreicht!\nIch kenne nur einen tastenden Ton,\nDer sanft über Stufen zu gehn sucht:\nSehnsucht.\nNein, etwas bin ich, bin ich doch!\nIch tue eine scharfe Linse,\nEine Linse, vor das Herz\nUnd die Leute sehen durchs Loch:\nEin Scherz!\nIch bin in der eigenen Seele ein Schauckler,\nMein einziger Gaukler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "9", "page_fin": "10", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.9.5", "titre_corps": "Der Bommel", "titre_sommaire": "Der Bommel", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.9", "debut_caractere": 5067, "fin_caractere_exclue": 6646, "texte": "Der Bommel\nWollen wir los?\nMeinetwegen!\nZur Stickkunst\nFabrik von Spitzen und Einsätzen\nBestellungen, Liefrungen\nSchwestern Purtare\nZur Staat Paris\nDas allerletzte, das allerneueste!\nBenediktus Pappenstiel\nNachfolger von Michael Hilf\nAelteste Apotheke\nGegründet im Jahre 1783\nWichtig für die Damenwelt!\nSchönheit der Haut\nSammetweich\nDie neueste unübertreffliche Seife\nPrezisions-Uhren\n43\nDie Millionen-Lotterie\nAltes Wirtshaus\nZur Taube\nMit Garten\nGassenschank\nLaufer und Schwalbe\nErstes Stoffgeschäft\nNiederlage von Wollwaren\nTuch und Flanell\nAlte Möbel\nAntiquitäten\n26\n26 A\nBismarckstraße\nPapiergeschäft zum Fortschritt\nTüchtige Schneidergehilfen gesucht\nBlutleere\nBankrott!\nAllgemeiner Ausverkauf!\nUm 90 Prozent herabgesetzte Preise\nFreier Eintritt\nHotel de l'Union\nZum König von Ungarn\nJakimowicz und Blecher\nModerne Heizeinrichtungen\nGasöfen, Thermosiphone\nHebbeltreppe\nFrüher Kreuzbergstraße\nEnde der Saison\nFeste Preise\nGotthelf Leitner\nSchachteln und Cartonagen\nUnerhörte Grausamkeit\nDie Lieblingsbiskuits des Königs\nHärtel und Wreicher\nAlte Brüdergasse\n2 17 40 25 88\nKinematograph Splendor\nDer Bauch von Berlin\nEine Reise durch Japan\nGustav hat Geburtstag\nGroße Attraktion\nArteriosklerose\nLetzte Erfindung der Wissenschaft!\nDie Vereinsamte am Bad\nWohlfahrtseinrichtungen\nLudwig Decker\nLampendepot\nHolz, Kohle, Lignit\nAntrazit\nSägespäne\nZapfen, Reisig\nProfessor Nikolaus Flisländer\nAchtung junge Stutzer!\nHemden nach Maß\nGebrüder Bluffer\nMaschinenöl\nReparaturen\nSchornsteinfeger\nFriseur\nBlumengeschäfte\nBuchhändler\nModistin\nDruckerei\nCafe Germania\nWohnungen zu vermieten"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 526, "texte": "Beim Portier!\n193\nAdam Schliichter\nAdvokat\nAlteisen\nJ3ier stube\nThalia Theater\nManon von Massenet\nAuftreten der Primadonna\nMichaela Nahe\nGottfried Kellertheater\nDer Hundezirkus\nLetzte Matinee\nGaloschenausbesserung\nSchuster\nHolzhandlung\nStadttheater\nVolkstümliche Preise\nDie Kinder von Niemandem\n29\n31\nBar zur Morgenröte\nAnastasia Nagelschmidt\nHebamme\nAntoinette Schwitzer\nManicure\nGabriel Wischer\nMusikinstrumente\nWilhelm Föhnrich\nHochzeitskonfekt\nPopper und Sohn\nKiiiderkonfektion\nWollen wir nochmals zurückgehn?\nMeinetwegen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c015", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "10", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.10", "titre_corps": "Die Träume", "titre_sommaire": "Die Träume", "signature_source": "Kurt Heynicke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.10", "debut_caractere": 528, "fin_caractere_exclue": 1778, "texte": "Die Träume\nKurt Heynicke\nDurch stillen Gang des Klosters\ngeilt das Ave.\nDas gelbe Kleid der Mönche hat ein andres Auge\nund jedem ist ein eignes Schwert gegeben.\nDer fette Klang der Mittagsglocke\nholt sie fort.\nIm Säulengange bin ich bei den Steinen:\nund senke tief die Stirne\nin Staub:\n0 Stille\ndie aus keiner Wunde fließt.\nZerrissen\n*\nsind die Abgründe\nFlüsse der Tränen fließen hinüber.\nNicht ein Glockenschiag\nschlägt rein und voll\nund alles blutet wie der Erlöser.\nDie braunen Mauern sind mit Qeld gebaut.\nDer Schweiß von Peitschen fügte sie.\nTief\n/enke ich die Stirn im Staube\nÖ Frieden\nmanntief\nunter den Gräsern!\nIch bin viele Jahre alt.\nIch bin\nin einem Berge auf der Welt.\nRings viele Feuer an den Wänden\nund wo\nein Hammerschlag.\nIch fühle in das Gleißen\n1 112 'S:\nHier •\nrundet sich der Ring Bestimmung\nden ich ein Leben suche. ,\nUnd eine Stimme wird von oben\nund steht vor mir in weißem Haar:\nHinblutet\nin die Welt ein großes Auge —\nnicht Frieden\nden ich im Leben suche.\nist der Weg des Lebens!\nSelig das Schwert\ndas deinem Schreiten Glanz verleiht.\nRings fallen Sterne in den Raum.\nIch bin zur Nacht\nund böse Fiedelstriche zwischen Gaslaternen.\nNun komm mir an die Brust\nzerrissene Welt:\nWeiß und rot\nwill ich sein\nwie Sehnsucht und Mohn."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c016", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "11", "image_debut": 10, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.11", "titre_corps": "Die Rechtfertigung eines Irren", "titre_sommaire": "Die Rechtfertigung eines Irren", "signature_source": "John Landquist", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.10", "debut_caractere": 1780, "fin_caractere_exclue": 7899, "texte": "Die Rechtfertigung\neines Irren\n\nDas Werk von August Strindberg „Le plaido-\nyer d'un fou\" hat in Deutschland den unsinnigen\nNamen „Die Beichte eines Toren\" bekommen,\nStrindberg schrieb dieses Buch französisch. Jetzt\nist das Buch in neuer schwedischer Uebertragung\nvon John Landquist erschienen und zwar als 24.\nBand der gesammelten Schriften von August\nStrindberg im Verlag Albert Bonnier, Stockholm,\nDas Buch heißt schwedisch: „En dar es Försvars-\ntal\" „Die Rechtfertigung eines Irren\". Ueber die\ndeutsche Uebertragung von Schering schreibt John\nLandquist, der Herausgeber der gesammelten\nSchriften in seinen Anmerkungen das Folgende:\n„Le plaidoyer d'un fou\" ist zweimal deutsch über-\nsetzt worden. Das erstemal anonym: August\nStrindberg: Die Beichte eines Toren, Roman, Ber-\nlin 1893, Verlag des Bibliographischen Büros. Eine\nneue Auflage kam 1896 in Budapest heraus. Diese\nUebersetzung ist von einem gewandten Journali-\nsten gemacht, aber sie wimmelt von Fehlern und\nunnötigen Freiheiten. Da sie nunmehr nur anti-\nquarisch aufgebraucht wird und also als tot an-\ngesehen werden kann, ist es ohnfe Interesse ihre\nFehler durchzugehen. Größere Aufmerksamkeit\nals die erste deutsche Uebersetzung verdient die\nzweite von Emil Schering: „Die Beichte eines\nToren\", München und Leipzig, Georg Müller, weil\nsie in die deutsche Ausgabe der gesammelten\nSchriften Strindbergs aufgenommen ist, fortgesetzt\nin neuen Auflagen herauskommt und weil sie der\nam meisten verbreitete, sozusagen offizielle Text\ndes Werks von Strindberg ist. Nach seiner Ge-\nwohnheit hat Schering selbst im Nachwort des\nUebersetzers starke Reklame für seine Arbeit ge-\nmacht. Er nennt die erste deutsche Uebersetzung\n„ein Verbrechen\"; sie war nach ihm „verstümmelt,\nproduzierte an unzähligen Stellen fälschenden Un-\nsinn, führte eine ordinäre Sprache\"; von seiner\neigenen dagegen sagt er: „diese neue Ausgabe\nhilft, soweit es noch möglich ist, das Verbrechen\nwieder gutmachen. Die Uebersetzung ist nicht ver-\nstümmelt, produziert keinen Unsinn, führt eine\nwürdige Sprache\" und so weiter.\nLeider kann man die Auffassung des Herrn\nSchering über sein eigenes Werkt nicht ganz tei-\nlen. Trotz der zahlreichen Fehler der ersten deut-\nschen Ausgabe muß sie als etwas besser angesehen\nwerden und als im geringeren Grad „verstüm-\nmelt\", und sie entstellt weniger Strindbergs Arbeit\nals die Scherings. Es ist wahr, daß die Ueber-\nsetzung Scherings in dem Maße, in dem er dem\nText Strindbergs folgt buchstäblich getreuer ist.\nAber erstens kommen auch bei Schering verschie-\ndene Mißverständnisse des französisch eil Textes\nvor; ich habe mich veranlaßt gefühlt, auf die gröb-\nsten hier unten in der stillen Hoffnung hinzu weisse.;;,\ndaß sie noch bei einer neuen Auflage berichtigt\nwerden können. Diese Fehler machen aber nicht\ndas Wesentliche aus, was gegen die Uebertragung\nScherings zu bemerken ist. Dies hätte man über-\nsehen können, wenn die Uebertragung sonst auf\neinem hohen Standpunkt stände. Das schlimmste\nbleibt, daß die Uebersetzung Scherings durch\nund durch in Stil und Ton mittelmäßig ist.\nSchering hat nicht einen Funken von künstleri-\nschem Ehrgeiz und künstlerischer Begabung; seifte\nUebersetzung ist eine ziemlich loddrige Fabrikar-\nbeit, ohne Versuch dem Flug Strindbergs und der\nNüance an der Darstellung zu folgen. Von der Liebe\nzum Werk Strindbergs, womit Schering sich gern\nschmückt und die man bei ihm auch nicht ganz\nverkennen kann, merkt man nichts in dieser Ueber-\nsetzungsarbeit; besonders treten die Mängel im\nersten Teil des Buches hervor. Der erste anonynle\nUebersetzer hatte wenigstens Das vor Schering\nvoraus, daß er deutsch schreiben konnte. Schließ-\nlich und drittens hat Schering Le plaidoyer d'un\nfou dadurch entstellt, daß er auf eigene Faust in\ndas Werk Gedichte und Prosastücke von Strind-\nberg einfügte, die der Autor in anderem Zusam-\nmenhang veröffentlicht hat. Diese Stücke hat Sche-\nring urteilslos eingefügt und wo sie stehen, zer-\nstören sie auf eine besondere Art Ton und Stim-\nmung des umgebenden Textes. So ha- t; er (Seite\n280 bis 282 der deutschen Ausgabe, Seite 292 nach\nZeile 7 der schwedischen) das Gedicht „Hochsom-\nmer im Winter\" eingefügt (aus „Gedichte 1883\");\ndie helle Stimmung dieses Liebesgedichts kämpft\ngegen das Disharmonische in dem betreffenden\nKapitel. Ebenso hat er (Seite 299 bis- 310 der deut-\nschen Ausgabe zwischen den Kapiteln VIII und IX,\nnach Seite 306 der schwedischen Ausgabe) als ein\nbesonderes Kapitel die Schilderung „Sonnenrauch\"\naus den „Gedichten\" eingefügt. Weiter hat er\n(Seite 320 der deutschen Ausgabe, Seite 316: „Wir\nSchwedischen) unbegreiflicher Weise die Prosa>\narbeit „Ist es nicht genug\" eingefügt (sie befindet\nreisen nach der romanischen Schweiz ab\",, im\nsich in Band 22; Prosastücke von 1880 der Gesamt\nmelten Werke) schließlich (Seite 369 der deutschen\nAusgabe, Seite 353 nach Zeile 5 der schwedischen\nhat er ebenso eigentümlich das Prosastück „Auf\nzur Sonne\": (in Band 22 Prostastücke von 1880\nder Gesammelten Schriften) eingefügt Endlich hat\ner die „Einleitung\" Strindbergs als „Epilog\" an den\nSchluß der Uebersetzung gestellt, was umso un-\nmotivierter ist, als diese Einleitung die nächstlie-\ngende Motivierung ist, warum Strindberg sein\nWerk schrieb. Als „Nachwort\" hat er Strindbergs\nbeide „Vorworte\" zu Le plaidoyer d'un im\\\n(Rechtfertigung eines Irren) eingefügt sowie das\nGedicht „Der Holländer\" (zuerst veröffentlicht in\nFagervik und Skamsund 1902, später in „Wortspiel\nund Kleinkunst\" 1905) ein Gedicht, das aus einer\nanderen Periode des Lebens Strindbergs stammt\nals der von Le plaidoyer und das andere Inspira-\ntionsquellen hat.\nUebersetzungsffehler der deutschen Uebertra-\ngung Scherings von Le pladoyer d'un fou:\nSeite 32 Zeile 28 bis Seite 33 Zeile 2: Strind-\nberg: qui trouvent lä une compensation ä tous les\nrepas manques et remplacent par d'admirables rai-\nsonnements detaches, urt; pardessus mis au\nclou avant Fhiver fini. Schering: — und ersetzen\ndurch einzelne bewiunderswerte Schlußfolge-\nrungen einen noch vor Ende des Winters verpfän-\ndeten Ueberzieher.\nSeite 43, Zeile 10 bis 12: Strindberg: La poli-\ntique nous apparut donc comme une compromis-"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5244, "texte": "siöfi d'interets communaux ou particuliers. Sche-\nring: Die Politik erschien uns also als ein Aus-\ngleich zwischen kommunalen und privatenl Inter-\nessen.\nSeite 79, Zeile 30 bis Seite 80, Zeile 2: Strind-\nberg: Au comble de la desolation, je me disposai ä\nlui ecrire pour lui demander pardon, pour la sup-\npiier d'oublier ce qui s'etait passe, expliquant par un\nmaJentendu la deplorable impression que j'avais\nressentie. Mais les mots ne venaient point, ma\nplume restat inerte. Schering: Als meine Trost-\nlosigkeit den höchsten Grad erreicht hatte, setzte\nich mich hin und schrieb an sie, um sie um\nVerzeihung zu bitten. Ich bat sie, zu verges-\nseiiy was vorgefallen war, indem ich den beklagens-\nwerten Ei ndru c k, den ich bemerkt habe,\ndurch ein Mißverständnis erklärte. Aber die\nWorte kamen mir nicht, meine Feder\nblieb träge.\nSeite 120, Zeile 11 bis 13: Strindberg: le\ngravis les roches grasses et glissantes\navec leur revetement de mousse trempe par les\npfuies automnales. Schering: ich kletterte über\ngrosse (grasses!) Felsen, auf deren von den\nherbstlichen Regen durchnäßten Moosbekleidung\nich ausglitt.\nSeite 131, Zeile 12 bis 17: Strindberg:\nSe pourrait-il, nie dis-je, que ma preoccupation\ncüßstante de la baronne pendant ces derniers jours\neüt laisse une empreinte sur m a physionomie? —\n■Etait-il admissible en effet que l'expression de son\nvisage se füt stereotypee sur le mien, durant cette\ncorrespondance d'äme poursuivie depuis six mois?\nSchering: Hatte meine unablässige Beschäftigung\nmit der Baronin auf ihren (!) Gesichtsausdruck\neinwirken können oder (!) hatte der Ausdruck\nihres Gesichts während dieser sechsmonatigen\nSeelenverbindung meinen beeinflußt?\nZeile 17 bis 23: Strindberg: Le desir\ninstinctif de se plaire ä tout prix avait-il\nproduit une inconsciente selection des manies\n(mäste vara triyckfe! för manieres), des\nfa-Qon de regarder les plus seduisantes, au de-\npens des moins favorables qui s'etaient ainsi trou-\nvees supprimees? C'etait bien possible, tant il y\navait que la fusion de nos.deux esprits s'etait effec-\ntuee et que nous ne nous possedions plus. Sche-\nring: Hatte der instinktive Wunsch, einander um\njeden Preis zu gefallen, eine unbewußte Auswahl\n'der verführerischesten Arten des Anschauens ge-\ntroffen, während die weniger günstigen unterdrückt\nwurden? Es war sehr wohl möglich, daß\ndie Vermischung unserer beiden\nS€el e n stattgefunden hatte und daß\nwi r uns nicht mehr besäße n.\nSeite 181, Zeile 5 bis 9: Strindberg: Traduction\nlibre: un desir violent d'etre enceinte, le rut de la\nfem eile ayant ete des annees amoindri, deguise\nsoits la pudicite, mais eclatant, quand meme, un\njour ou l'autre, par l'adultere, Schering: In freier\nUebersetzung: ein heftiger Wunsch nach Schwan-\ngerschaft, die Brunst des Weibchens, die sich\nin den Jahren vermindert, unter Ehrbar-\nkeit verkleidet hat, aber trotzdem eines Tages\n. durch den Ehebruch ausbricht.\nSeite 201, Zeile 19 bis 21: Strindberg: Coeur\nsensible s'i 1 enfut, il nous avait en affection.\nSchering: Empfindsamen Herzens, wenn er es\nwar (?) hatte er uns gern.\nSeite 202', Zeile 12 bis 14: Strindberg: Elle\narrive dans un fiacre, traine par une rosse que le\ncocher mene ä bride abattue. Schering: Sie kommt\nin einer Droschke, die von einer Mähre gezogen\nwird, welche der Kutscher am Zügel\nfii Ii r t (?).\nSeite 235, Zeile 1 bis 3: Strindberg: dit-elle,\navec cet air piteux qui de decele par instants\nson inferiorite jamais ouvertement avoue-e. Sche-\nring: sagt sie mit einem kläglichen Gesicht, das\nmir einen Augenblick ihre niemals eingestan-\ndenen Inferiorität verrät.\nSeite 266, Zeile 6 bis 8: Strindberg: je pensais\nfaire tout juste ce Qu'un homme du monde aurait\nfait ä ma place. Schering: ich hielt alles für\nrichtig, was ein Mann von Welt an\nmeiner Stelle getan hätte.\nSeite 269, Zeile 13: Strindberg: — On ne voit\njamais le mari, repetait-on. Schering: — Man sieht\nniemals den Mann, wiederho 11 sie.\nSeite 287, Zeile 11 bis 12: Strindberg: son pro-\npre enfant — veritablement abandonne aux mains\nd'une megere vicieuse de quarantecinq ans. Sche-\nring: das Kind wird tatsächlich den Händen einer\nbenachbarten (vicieuse!) Megäre von fiinf-\nundvierzig Jahren überlassen.\nSeite 298, Zeile 27 bis 28: Strindberg: Tandis\nque se deroule le ruban des miseres de mon ma-\nriage. Schering: Während sich das Elend meiner\nEhe langsam (?) wie ein Band abrollt.\nSeite 305, Zeile 15 bis 16: Strindberg: Et par ce\ncoeur d'ete, mes forces revenues, je chante. Sche-\nring: Den Sommer im Herzen, singe ich mit fri-\nscher Kraft.\n. Seite 315, Zeile 19 bis 21: Strindberg: avec sa\n(\nperspicacite primesautiere, il avait penetre mes se-\ncrets sans doute. Schering: mit dem Scharf-\nblick, der den ersten Eindruck be?\ngleitet, hatte er mein Geheimnis ohne Zweifel\ndurchschaut.\nSeite 318, Zeile 4 bis 5: Strindberg: D'une fai-\nblesse extreme, je passe des heures sur un ca-\nnape. Schering: Aeußerst schwach, verbringe ich\ndie Stunde n auf dem Sofa.\nSeite 341, Zeile 30 und Seite: 342, Zeile 7 bis 8:\nStrindberg: Type de rousse, la rousse, Schering:\nRussischer Typus und Russin: Dieser\nUebersetzungsfehler ist umso ungereimter, als\nmehrmals in dem umstehenden Text (auch in\nder Uebersetzung von Schering) die Freundin als\nDänin charakterisiert wird!\n\nJohn Landquist"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c017", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "11", "page_fin": "11", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.12", "titre_corps": "Baumeister Solness", "titre_sommaire": "Baumeister Solness", "signature_source": "Herwarth Waiden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.11", "debut_caractere": 5246, "fin_caractere_exclue": 9817, "texte": "Baumeister Solness\nHerwarth Waiden\nEs erübrigt sich die Bedeutung von Henrik\nIbsen zu betonen und sein großes Kunstwerk Bau-\nmeister Solness zu besprechen. Das Besprechen\nist noch schlimmer als das Sprechen. Wenigstens\ndas Besprechen, das keine Wunder tut. Nur Kunst-\nkritiker müssen besprochen werden, damit sie\nschweigen lernen. Die Sprache ist den Herren so\ngeläufig, daß sie die Zunge erst im Zaum halten,\nwenn die Peitsche droht. Ließe man sie auch ohne\nZaum und Zügel über die so überaus beliebten\ngrünen Wiesen laufen, kein Schrei würde aus\nihrem Munde dringen. Sie würden nur das Maul\naufreißen, um Wörter hervorzustoßen, die nicht\nmenschlich sind und deren sich die Tiere nicht be-\ndienen. Es mögen ja außerordentlich gute Men-\nschen sein, diese Kunstkritiker auf den grünen\nWiesen, sie mögen es ganz ehrlich meinen, daß sie\nbei Kunst kein tierisches Wohlbehagen empfinden,\nnicht satt werden und nicht warm werden. Doch\nsind sie sehr empfindsam. Sie frieren, wenn der\nKünstler aus Norwegen stammt, wo es so kalt ist.\nSie schreien nach Brot, wenn sie eine Künstkarte\nbekommen und nach Kunst, wenn die Brotkarte für\nihren übermäßigen Magen nicht ausreicht. Auch\nvon den Kunstkarten werden die Abschnitte abge-\ntrennt und was dabei an Kunst übrig bleibt, war\nnicht einmal für eine Woche giltig. Wenn die Be-\nsprechenden besprochen werden und die Bespro-\nchenen kann man vielleicht Ehrfurcht vor dem\nKünstler heraufbeschwören.\nDie Leute, die die „alte\" Kunst gepachtet haben\nbefinden; sich auf fremdem Boden. Kunst ist nie-\nmals alt und niemals neu und ein Künstler, der un-\nter die Erde ging, und ein Künstler, der auf der\nErde geht, bleibt Kunstfremden, also vor allem\nKunstkritikern, gleich fremd. Wenn der Körper\neinen Geist aufgibt, stürzt sich alles auf ihn, was\nkeinen Geist besitzt. Die Kunsthistoriker und die\nKunstjournalisten klauben nach Krümeln, die sie\nverspeisen können und von denen sie sich nähren.\nGewiß, Sammeln gehört zu diesem Handwerk.\nAber ein Krümel macht nicht satt, wenn er nicht\nverdaut werden kann. Und auch die Krümel sind\nnur zu gebrauchen, wenn sie in einen besonderen\nMülleimer säuberlich zusammengepackt werden.\nUnd gut sortiert. Das gibt eine Speise nach Jeder-\nmanns Geschmack. Aber durch Geschmack ist noch\nniemals Kunst entstanden.\nNicht nur ein reiner Magen, auch reine Hände\ngehören zum Kunstbegreifen.\n*«»\nHilde Wangelist kein Backfisch, die Kunst\nkeine Angelegenheit für ältere männliche Back-\nfische. Hilde Wangelist der Glauben an das Künst-\nlerische. Sie fordert; Luftschlösser von ihrem Bau-\nmeister. Sie ist das unschöpferisch Schöpferische,\ndas dem schöpferisch Unschöpferischen helfen\nwill. Da kann man nicht helfen. Und als der Bau-\nmeister versagt, schon bei einem richtigen Bau\nversagt, der lange nicht bis zur Höhe der Luft-\nschlösser ragte, bleibt für Hilde Wangel nur ihr\nBaumeister übrig, das Geschöpf einer Schaffenden,\ndie nicht schaffen kann. Etwas, das Gestalt war,\nohne gestaltet zu sein. Mein Baumeister.\nMein Baumeister, sagte Else Basser mann,\ndie Darstellerin der Hilde W-amgel. Unter ihrem\nSpiel, das nur ein Glücksspiel mit zahlreichen Nie-\nten ist, wurde der Gatte m ean Bassermann. Ob-\nwohl Albert Bassermann vielleicht der B a umei-\ns t e r werden könnte.\nDie Gesamtaufführung im Lessingtheater war\nNachahmung. Nachgebildet von einem Unschöpfe-\nrischen, der sich vor das Schöpferische stellt, da-\nmit man ihn sieht. Aber man sieht ihn trotzdem\nnicht.\nDie Berliner Presse freute sich, Ibsen wurde\nihr durch die Aufführung menschlich nahe ge-\nbracht. Dieses Zeitungsdeutsch heißt übersetzt: Ein\nKrümel wurde gefunden, man kennt ihn, aber man\nweiß nicht, wo er herkommt. Oder: Eigentlich ist\nder Baumeister Solness ein Mensch wie unsereins,\nnur etwas zu nachdenklich, die Hilde Wangel wie\neine Tochter von unsereins, nur etwas idealistisch,\nund seine Frau wie unsereins seine Frau „man\nmöchte sie sehr liebhaben und trösten44 sagte die\n„Presse\". Natürlich hat unsereins die Frau Bau-\nmeister lieb. Oder, mit der Tiefe des Berliner\nTageblattes gesagt: „Vorher gelangt das kaum\nerhoffte, das, wenn die Sache richtig angefaßt\nwird, die menschlichen Bezüge aus der grübleri-\nschen Ornamentik herauszuholen und ans Licht zu\nstellen sind/4 Hoffentlich hat man auch die mensch-\nlichen Bezüge ordentlich gewaschen ehe sie so ans\nelektrische Licht gestellt wurden. Es ist zum Auf-\nhängen. Wenn nur die Sache richtig angefaßt wird,\nlassen sich selbst aus der grüblerischen Ornamen-\ntik Stricke aufdrehen, die wie menschliche Bezüge\naussehen und die dem Lessing-Theater sei Dank\nohne Beziehungen zur Kunst sind."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c018", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "12", "page_fin": "12", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.13", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.12", "debut_caractere": 482, "fin_caractere_exclue": 639, "texte": "Notiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Storni*6\nnur einmal monatlich als Doppelmimmer. 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Juli wird der Preis des vierten Jahrgangs auf\n10 Mark erhoht / Fiinfter Jahrgang: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm 1st durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowle direkt\n'dwell den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nzlehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstXnden auf\nFalls dlrekte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung Oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum filnften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, da8 E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokosc&ka: Zwanzlc Blatt Zeichauagea j\nStrichttzung / Auf Kaiseriich Japan-Papier ia\nLnxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kartoa Is ®ta-\nfacherer Mappe 12 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c021", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "12", "page_fin": "12", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.12", "debut_caractere": 3066, "fin_caractere_exclue": 5843, "texte": "Kandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nzig ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nBueher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufei / Tragodie / Ihr stilles\nQ1 iick —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft /\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman I 2 Mark\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark ! Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Gelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\n/ Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAugust Stramm: Du / Liebesgediehte / Qebunden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsan n a / 50 Pfennig / II: August Stramm: R ud i -\nmen tar / 50 Pfennig ./ Ill: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHIngematte des Riuge / VII: Adoff Be line: Zur\naeuen Kunst / 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth WaWen: Dafaislieder / Zu Oe«\ndichten von ArnoHolz / Fir Qesang und Kift-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Hummer 1 einzela: Er\nhdrt mit ihr den Gukguk schreyn / 50 Pfennig\nDer Sturm / Heeresmarsch / Fur Klavier f\n50 Pfennlc\nKunstlerpostkarten { Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFnturlsten: Umber to Boccionlr Das\nLaches / Lnigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht / Zug in voller Fahrt / OinoSeve-*\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umber to Boccionl r Abschted/\nKandinsky: (Composition 6\nFranc Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nJacoba van Heemskerck: Biid 2 / Bi!d 15\nAugust Macke: Spazierg^ng\nKarten von Macke / Mfinter / Marc Chagall(4)/\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / (Seizes\nI Archipenko J usw\nErschienen bislier 35 verschiedene Kartell\nIllustrierte Sturm- Aus tel lungs kataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupiim\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall / Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutscher fierbstsaloa / Mit fOnfzig Ab-\nbildungen In Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoscbka: Plakat fflr die Zeitschrlft\nDer Sturm / OriginaMitfaographie I Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenk6pfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nGemalde / Aquarelle / Zeichnungen J\nHanddrucke / Plastiken\nsind von folgenden Kunstiern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko / Oskar\nKokoschka / August Macke / Paul Klee / Cart"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c022", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "12", "page_fin": "12", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.12", "debut_caractere": 5845, "fin_caractere_exclue": 6658, "texte": "Mense / Campendonk / Gabrielc Miimer / Jaw-\nlensky / Marianne von Werefkio / Albert Kodi /\nHans Arp / Picasso / Albert Gleises / Jean Metzin-\nger I Marc Chagall I Feraasd Lexer / Jaeaba van\nlieemskerck / Otakar Knbin / EmO FIfta /\nBenes / Otto Gutfrennti / Bocclonl / Severfcfl '\nCarra / Russolo / Francis Picabla / ScJamidt-\nRottluff I Waiter Helbfg / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung- Herwarth W a I d e ft / Zwolftes\nJ a h r I Jahresbeitrag 20 Mark 1 Reekie der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrtft der\nSturm / Freier Besuch aller $\nJedes Jahr frei eine Sturmpttblikation\nDas zwdlfte Jahr begiimt am 1. April if 15 / Die\nSturmpublikation, die die Mitglieder des Versins\nfilr Kunst im Jahr 1915/16 frei erhaften, 1st: litems-\nkerck handgedruckter und signierie HolzSchflit! aiif\nKaiserMch Japan-Papier"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c023", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "12", "page_fin": "12", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.12", "debut_caractere": 6660, "fin_caractere_exclue": 6830, "texte": "Zeitschriften\nLa Cerba / Halbmonatsschrift / FIopcrz / Vis\nNazionale 25\nUmetecky Meslcalk / Monatsscbrift ffr ncue mart\nalte Kunst / Administration Prag ! 5 Veleslavisova"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c024", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "12", "page_fin": "12", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.12", "debut_caractere": 6832, "fin_caractere_exclue": 6840, "texte": "Anzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-04-01-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-04-01_01#c025", "volume": "bmtnabg_1915-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "12", "page_fin": "12", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.12", "debut_caractere": 6842, "fin_caractere_exclue": 7865, "texte": "Soeben ersdiienen: Heemskerck-Mappe; Sesflte\nhandgedruekte und ernzeln signierte\nschnitte / Auflage 30 Mappen / Mappe 1—5 Yozbg*\nstellt I Mappe 6—30 je einhundert Mark / Yetlajf:\nDer Sturm Berlin W 9\nGeinalde Gauguin zu verkaufen / Aoirmcm vex-.\nmittelt Verlag Der Sturm, Berlin W9\nPoet-Lore Begrundet 1890 / Erne Zweimo*iats~\nschrift, gewidmet der Dichtung und dem Drama\nder Gegenwart in alien LSndern / Probeheff gegm\nEinsendung von 6 Mark 50 Pfennig / Jakrestrasifg\n21 Mark / Verlag Richar d G. Badger f Boston\nI Mass I USA 194 Boylston Street\nUmber to Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduziofu qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Mlanc\n/ Con ritratto dell'autore / Preis M 3,58 / Zu be-\nZiehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsalx-\nund Deckelpapiere flir Blichereinbftnde / Master\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo aueh Bestel-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- tied\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.1", "texte": "DER STURM\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9/Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungs räume\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nSECHSTER JAHRGANG 1915\nBERLIN ERSTES UND ZWEITES APRILHEFT\nNUMMER 1/2\n\nInhalt:\nI: Herwarth Waiden: Jos. & Joseph / August Stramm: Weltwehe / Adolf Knoblauch: Die schwarze Fahne / Aldo Palazzeschi: Gedichte f\nFriedrich Karinthy: Der Zirkus / Kurt Heynicke: Die Träume / John Ländquist: Die Rechtfertigung eines Irren / Herwarth Waiden: Baumeister Solness /\nGabriele Münter: Zeichnung / Joseph Capek: Originallinoleumschnitt / Birnhacher: Originallinoleumschitt\n\nGabriele Münter: Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.2", "texte": "Welt wehe\nAugust Stramm\nNichts Nichts Nichts\nHaucht\nNichts\nHauchen\nNichts\nHauch\nWägen\nWägen wegen\nWegen regen\nStauen\nLauen\nWeben schweben wallen ballen\nWarmen\nBiegen bogen\nWärmen\nDrehen drehen\nDunsten\nStreifen glimmen\nFachen\nHitzen\n\nJos. & Joseph\nWas ist Expressionismus? Brief an einen jungen Maler ins Feld\nVon Jos. Aug, Lux (München)\nFrankfurter Zeitung 1. Februar 1914\nVon Joseph Aug. Lux\nB. Z. am Mittag 18. März 1915\nHerwarth Walden\nZu welchen Zielen treibt nun die neue Kunst die\nsich Expressionismus nennt? Einer fragt den An-\ndern, und Keiner weiß es zu sagen, obzwar die\nWahrheit wie immer ganz einfach ist. In allen Ek-\nstasen und Fiebern hat die Sehnsucht dieser neuen\nKunst doch nur das eine Ziel, jene letzten Höhen\n.dqr Vollendung zu erklimmen, wo der mystische\nDuft aus den feinsten Blüten entströmt. Es ist die\nHöhe der altmeisterlichen Kunst, die wir u. A.\n;auch von Holbein verkörpert sehen. Aber sie ist\nnicht zu erreichen, indem man die heutige Ent-\nwicklung umgeht, und sich einfach bei den Mei-\nstern der vorimpressionistischen Zeit ansiedelt. Das\nist ein billiger Triumph, der geradewegs zu Kitsch\nund Nachahmung führt. Es hilft nichts, nur durch\nden Impressionismus und seine neue Phase hin-\ndurch kann das Heil kommen. Es gibt kein Um-\nkehren, es gibt nur ein Vorwärts! . . . Allerdings\nmuß man es auch, verstehen, die Qualität in den\nheutigen und vielfach noch ungewohnten Erschei-\nnungsformen zu kennen.\nHerr Jos. Aug. Lux aus München (er wird\nwohl wissen, warum er nicht aus Wien sagte) hat\nsich jetzt zu einem stattlichen Joseph Aug. Lux\n(unbekannten Aufenthalts) entwickelt. Einer fragt\nden Andern, der Jos. den Joseph, und Keiner weiß\nes zu sagen, obzwar die Wahrheit wie immer ganz\neinfach ist. Früher wechselte Herr Jos. seinen\nt\nAufenthaltsort, da der Frieden Freizügigkeit ge-\nstattete. Heute im Kriege siedelt er sich einfach\nbei den Meistern der vorimpressionistischen Zeit\nan. Früher dünkte Jos. die neue Kunst auf der\naltmeisterlichen Höhe eines Holbein zu sein.\nGestern, sagt Joseph, dünikten sich die Maler der\nneuen Bewegung größer als Holbein. Trotzdem sie\nJos. nur gleich groß dünkten, während sie Joseph\nheute wesenlos und nichtig dünken. Während den\nVertretern der neuen Bewegung Herr Jos. noch gar\nnichts dünkt, trotzdem er sich indessen zum keu-\nschen Joseph entwickelt hat. Obzwar die Wahr-\nheit wie immer ganz einfach ist. Am 1. Februar\n1914 wollte die Frankfurter Zeitung wissen, was\nExpressionismus ist. Am 18. März 1915 wollte die\nB. Z. am Mittag vom Expressionismus nichts mehr\nwissen. Wissen und Nichtwissen bringt Geld. Ob\nman! sich von dem Nichtwissenden das Wissen\noder Nichtwissen erklären läßt, beides kann nicht\nwider besseres Wissen sein, da man auch das\n'Nichtwissen hierzu besser wissen müßte. Als Herr\nJoseph noch der kleine Jos. war, täuschte er der\nFrankfurter Zeitung vor, daß er wüßte, was Ex-\npressionismus ist. Es war eine Vortäuschung, denn\njetzt nach dreizehn Monaten weiß er es immer\nnoch nicht. Aber er verschwieg der B. Z. am Mit-\ntag, daß er in der Frankfurter Zeitung vor dreizehn\nMonaten a n d e r s nicht wiußte. Damals nannte er\nfast alle Namen fast aller Begabungen, diesmal\nverschwieg er sie. Wiarum sollte nicht schließlich\nauch ein Maler von München nach Berlin gekom-\nmen sein, der sich einst über seine Begabung in\nFrankfurt durch Hern Jos. aufklären ließ. Aber\nMaler lesen keine Zeitungen, selbst wenn sie von\noder mit Herrn Joseph handeln. Ich lese diesen\nHandel wegen der Wissenschaft um die Kunst, die\ndie Kunst durch die Wissenschaft verhandelt. Ich\nsammle Bilder, aber die Zeitungen sammeln sich\nbei mir und ich habe ein Gedächtnis, das mich beim\ngroßen Joseph an den kleinen Jos. erinnert. Die\nGegensätze berühren, sich, sagt: Herr Joseph. Von\neinem sehr begreiflichen Kontrastbedürfnis spricht\nSie sind kein singulärer Fall, sondern eine Zeit-\nerscheinung. Wie es Ihnen erging, so steht es fast\num alle Begabungen, die in den letzten Jahren als\nKubisten, Futuristen, Expressionisten oder Sezes-\nsionisten auszogen, die neue Kunst zu entdecken.\nSie taten kraftgenialisch, aber es war nicht die Ge-\nbärde der Kraft, sondern der Schwäche, die beim\nBluff eine Zuflucht sucht. Anstelle des positiven\nKönnens mußte die individuelle Note herhalten . . .\nund schließlich mußte sich herausstellen, daß auch\nihre Individualität ein Trug war. Ein Haschen\nmach Effekt, nach Sensation, ein technischer Kniff,\nnichts weiter. Daran muß das stärkste Talent zu-\ngrunde gehen . . . denn Sie fühlten, daß Sie selbst\nam Ende waren, wie fast alle Modernen, die sich\ngestern blähten, und sich größer als Buonarotti,\nHolbein und Leonardo dünkten, und heute so\nwesenlos und nichtig aussehen, als wären sie nie\ngewesen.\nHerr Jos. Ich habe es auch. Ich will seine Gegen-\nsätze in einen unbegreiflichen Kontrast bringeo,\nund man wird finden, daß sich seine Gegensätze\nnicht berühren: „Man kann sich dabei leicht vor-\nstellen, daß der Künstler eines Tages das Bedürf-\nnis hatte, aus der weichen und verschwommenen\nFlächenbehandlung herauszukommen, und den Ver-\nsuch einier dreidimensionalen Tiefenwirkung zu\nmachen. Kurz, er will in seinem Bild , . . vielleicht\naus einer augenblicklichen Laune, wahrscheinlich\naber aus einem sehr begreiflichen Kontrastbedürf-\nnis heraus wieder einmal harte Körperlichkeit dar-\nstellen, um von der künstlerischen (nicht patho-\nlogische n!) Hysterie des impressionistischen\nFarben- und Liniensensitivismus auszuruhen und\n• sich zu erholen.\" Nachdem Herr Jos. sich dreizehn\nMonate erholt hat, schreibt er am 18. März 1915\n„Je verrückter, desto besser. Leider ist die Sache\ngarnicht so verrückt, als sie tut; sie ist nur schlau\nberechnet. Das Primitive ist der letzte Trumpf,\ndamit ist jede Kontrolle auf Können oder Nichtkön-\nnen ausgeschaltet. Man verspürt wieder Lust, auf\nallen Vieren zu kriechein. Man malt wie die Kinder,\nwie die Wilden, wie die Paralytiker. Psychose ist\nja dabei, wie in allen Entartungen: Primitivität und\nHysterie; die Gegensätze berühren sich.\"\nDer Hysteriker findet immer die Anderen\nhysterisch, trotzdem ich nicht einmal an die Lux-\nHysterie glaube. Seine Krankheit ist mir zu gesund,\nzu metallisch. Ihm fehlt nur der Arzt seiner Ehre.\nSie ist aber nur metallisch zu kurieren. „Allerdings\nmuß man es auch verstehen, die Qualität in der\nheutigen und vielfach noch ungewohnten Erschei-\nnungsform zu erkennen,\" sagt Herr Jos. „Das Pri-\nmitive ist der letzte Trumpf, damit ist jede Kon-\ntrolle auf Können und Nichtkönnen ausgeschaltet,\"\nsagt Herr Joseph. Es ist manchmal peinlich, wrenn\nKontrolleure kontrolliert werden. So ein Kontrol-\nleur dünkt sich manchmal zu sicher. Eines Tages\nkommt immer der Revisor und stellt fest, daß der\nKontrolleur hatte, was er. nicht sollte, und\n.\"* ' * \\ '\ndaß er nicht sollte, was er nicht hatte.\nAber das Geschäft war richtig. „Sie denken\ndarum mit Recht ziemlich geringschätzig von dem\ngestern Geschaffenen, das nicht Ihre eigene per-\nsönliche Sache war, sondern eine Pariser Mode\nder Malerei, die nichts mit unserem Geist und un-\nserem Blut zu tun, hat, ein schlecht assimilierter\nFremdstoff, der nur den Snob entzückt, und heute\nbereits den leisen Zug der Lächerlichkeit trägt,\"\nsagt Herr Joseph. Aber Herr Jos., der Snob, sagt\nüber den Kubismus: „. . . hat den jungen Maler\nMut gemacht, größere Farben- und Formpartieen\nin den Bildern wieder kräftig zusammenzufassen,\nallerdings nach dem inneren Gesetz einer harmoni-\nkalen Symbolik. Sie hat ferner die Entwicklung vor\nder Gefahr einer zu großen Aetherisierung und\nWeichlichkeit bewahrt, indem sie ihr wieder feste\nKnochen gegeben hat\". Psychose, vaschtehste?\n„Nach mancher Korrektur ist im Resultat das zum\nStärkeren gebracht worden, was sich bei Cezanne\nbereits angekündigt hat . . . unter den deutschen\nKünstlern, die sich an diesem Beispiel gestärkt\nund gefördert haben sind, . . . um nur einige zu\nnennen. Alle zusammen sind ein Beweis, daß in dem\nüberwundenen Kubismus ein Entwicklungskeim\nsteckte, der in der Tat schöne Blüten getrieben\nhat.\" Daß Herr Jos. diese Blüten zu riechen glaubte,\nträgt Herrn Joseph jetzt die lange Nase ein. Sie\nkann nach meinem Belieben länger werden. Zum\nBeispiel: Herr Jos.: „Die Entwicklung geht somit\nvon van Gogh und Cezanne weiter über Maffese\nund alle Neueren, die unbeschadet ihrer persönli-\nchen Eigenart das Geheimnis durch die rhytmiscke\nFarbeninstrumentation und sensitive Linie zu ver-\nkörpern versuchen, die Träger und zugleich Erre-\nger feinster geistiger und physischer Strahlung ist,\ndie irgendwie mit den kosmischen Kräften zusam-\nmenhängen.\" Herr Joseph: „Diese Primitiven malen\nwie die Mondsüchtigen im Trance, mediumistisch;\neine Nervenkunst, die eigentlich Neurasteniker-\nKunst ist, voll Ohnmächten.\"\nDreizehn Monate sind eine lange Zeit. Ich habe\ngezeigt, wie aus dem schüchternen Jos. ein keu-\nscher Joseph sich entwickelte. Und wenn nach\nabermals dreizehn Monaten sich auch der Aug. zu\neinem dummen August ausgewachsen hat, dann\nwird der August so klug geworden sein, an den\nkleinen Jos. zu denken. Er wird sich gern den Man-\ntel von der Berliner Firma entreißen lassen1, trotz-\ndem sie keine Potiphargelüste nach oesterreichi-\nschen Journalisten hat, die sie in allen Vornamen\nbesitzt. Er wird sich gern den Mantel entreißen\nlassen, denn überall gibt es Konfektion. Man zahlt\nnicht nur in Berlin die höchsten Preise."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.3", "texte": "Glühen\nWeilen ;\nSieden brodeln rauschen brausen\nZüngeln springen\nFlammen spritzen\nPlatzen\nKnattern-knallen krachen\nTausend\nNull Null Null\nTausend\nNull\nMilliarden\nNull Null Null\nWeißen\nLichten\nKreisen kreisen\nBahnen\nFliegen\nKreisen kreisen\nRollen\nKugeln\nKugeln kugeln\nGlatten\nKugeln\nPlatten\nKugeln\nKreisen\nKugeln J\nDichten schichten Wichten walzen wälzen\nFesten\nKreisen\nPries sen\nKugeln\nSchmieden\nKreisen\nKernen\nKugeln ,'\nKern.\nHalten fassen kraften schwingen\nRuhen reißen sprengen\nHeben senken falten\nSchieben wogen\nStarren\nHeißen\ni\nBeben\nSchweißen\nBeben j\nLeben\nAtmen\nLeben\nLeben leben\nZeugen\nBären\nLeben leben\nBlühen\nWachsen\nLeben leben\nBrennen\nStarken\nMarken\nRollen rollen\nLeuchten trocknen feuchten lichten\nStreben ranken\ni onen\nRingen\nKämpfen\nRingen\nRingen\nKönnen\nWollen\nKönnen\nSchwanken\nKönnen\nWollen |\nBlühen »'\nWollen\nHolen j!\nKönnen\nKranken\nPlacken racken ächzen\nRollen ; '\nWollen\nLallen\nWollen wollen\nRanken\nWollen wollen\nRollen\nDrehen wehen rollen\nWollen wollen\nStürmen wollen\nDrehen\nMatten\nWollen\nMatten\nRollen drehen *\nWehen wehen\nWollen\nKreisen\nEngen\nKreisen\nEngen\nSchwanken\nWanken .'-i\nZittern\nSchwingen\nWiegen kreisen engen lockern\nTrudeln krudein\nTrudeln\nSchlacken *\nLockern\nSchlacken\nBröckeln\nAschen\nTrollen trollen\nAschen\ntrollen\nSollen\nWollen 1\nStocken reißen\nSacken rasen\nRasen\nSprengen :\nPlatzen\nSchmettern\nStäuben stä;uben stäuben\nSchweben\nWeben\nWallen\nW eben\nFallen\nWegen\nReigen\nWolken\nSchleichen\nFlaken '\nWeiten\nFlaken\nWachten ! ' j\nSteinen\nNachten\nNebeln\nNachten\nWeiten\nNachten nachten\nLosen '\nNachten nachten\nLösen\nNachten nachten\nRäumen\nNachten nachten\nZeiten\nNachten\nWeiten räumen Zeiten\n&.V .NT« - ,\nNachten ' ■\nZeiten zerteil-\nNachten\nZeiten\nNachten\nWeiten\nWeiten\nNichts Nichts Nichts\nNichts.\n\nDie schwarze Fahne\nAdolf Kßoblauck\nEine Dichtung\nStärke\nBrau spricht mit lauter Stimme vor seinem Fen -\nster aufrecht stehend Rhythmen aus dem „Glü-\nhenden\" von Alfred Mombert und achtet nicht\nweiter auf die Vorgänge in der Wohnung.\nMan klopft wieder an seine Tür und herein\ndrängen das Fräulein mit den Anderen, und alle\nverlangen aufs Neue den armen traurigen Brief,\nals handele es sich um ein Gerichte-Dokument oder\nein kostbares Geheimpapier. Das Fräulein ruft lär-\nmend in die stille Arbeitszelle hinein, daß der Leut-\nnant nicht an die Harmlosigkeit des Briefes glaube\nund verlange, daß Brau ihn herausgebe. Sie müsse\nin zehn Minuten damit beim Herrn Leutnant sein.\nZwischen den Leuten drängt Frau Lise, die ver-\ngeblich sich auf Zehenspitzen gestellt hat, um sich\nbemerkbar zu machen, und die Anderen machen\nunwillkürlich der schmalen mädchenhaften Frau\nPlatz. Sie bittet Bran höflich, ihr den Brief zu\ngeben, sie verspreche, ihn mit ihrem Mann zusam-\nmen zu lesen.\nBran entnimmt schweigend den Brief der\nSchieblade und legt ihn gefaltet in Frau Liseiis\nHand. Sie sieht das Papier einen Augenblick prü-\nfend an und strafft sich steif und feierlich zu mili-\ntärischer Geradheit. Ihre kluge angenehme Stimme\nhat die moralische Unerheblichkeit der Strenge\nangenommen, ähnlich der des Herrn Assessors:\n„Im Auftrage meines Mannes bitte ich Sie, zu er-\nklären, daß dies Dokument wirklich jener Brief ist,\nden Sie während meiner Reise an mich schrieben.\nWarden Sie vor Gericht beschwören, daß Ich nur\nzwei oder drei mal und immer in Gegenwart An-\nderer mit Ihnen zusammen war und dann nur über\nlit erarische Angelegenheiten sprach; beschwören\nSie endlich, daß ich nie durch Blick oder Gebärde\nSie dazu angeregt habe, mir näher zu treten, oder\ngar einen Brief zu schreiben. Beschwören Sie\ndas?\"\nBran hält das Gesicht vorwärts geneigt, damit\nNiemand seine Miene beobachten kann. Er\nschweigt, und als er sich wieder hochrichtet, ist\nsein schmales, großes, deutsches Gesicht ganz\nweiß, bis an das lang herniederfallende umrah-\nmende braune Haar.\nSein Blick ist innerlich schauend und geht in-\nwendig schauend über die Köpfe der vor ihm drän-\ngenden Leute hinweg und durch sie hindurch.\nSeine bündige Erwiderung ist, daß er grundsätz-\nlich nicht schwüre, ebenso jedes Ehrenwort ab-\nlehne. „Es genügt, wenn Sie meinen Brief lesen\nund alle unberechtigten Wünsche an meine Per-\nson endlich fallen lassen.4'\nFrau Lise ist sehr bleich geworden und als Bran\nin ihre Augen zu blicken versucht, sieht sie ver-\nlegen unsicher zur Seite. Und unerwartet dringt\nBrans helle Stimme zu den Leuten, indem seine\nfeine Gestalt mit der Geberde des Absehens einen\nAugenblick zu wanken scheint: „Was tun Sie mit\ndieser Frau, Sie alle helfen dazu, sie in Stücke zu\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.4", "texte": "reißen.\" In großer Spannung drängen alle unwill-\nkürlich vor Bran zurück, aber ehe diese Mahnung\nan die unwilligen und boshaften Herzen rühren\nkann, ruft Herr Assessor mit der Stimme eines\nSchutzmanns zu Bran hinüber: „Es ist notwendig,\ndaß Sie sogleich den Herrn Chefarzt vom Sana-\ntorium in seiner Privatwohnung aufsuchen und ihn\nhöflich um seine Begleitung zu Herrn Leutnant bit-\nten. Die Frau Leutnant und ich erwarten Sie dann\nbeim Herrn Leutnant, um Sie wegen des Briefes\nvor dem Arzt zu konfrontieren.\"\nDie Frist der zehn Minuten ist abgelaufen und\nalles begibt sich hastig zum Herrn Leutnant mit\ndem erbeutetem Brief. Frau Hannah bleibt zurück\nund beginnt schwer mit Stöhnen und Vorsichhin-\nsprechen die Stuben der Leutnantsfamilie aufzu-\nräumen.\nDie Straße ist vom warmen Südweststurm er-\nfüllt, Bran atmet frei nach dem zwängenden Frost,\nüberall sind schwarze Löcher in den Schnee ge-\nschlagen, und er ist zu Klumpen geronnen, zu\nschmutzigen Hügeln, von denen überall Rinnsale\nherabtropfen. Große Lachen auf den Bürgersteigen\nspiegeln die blauschwarzen stählern gewandeten\nGewölke . . . Bran steht im hohen langen Emp-\nfangssaal des Arzt-Hauses. Feierliches weißes\nLicht dringt durch die vier schmalen hohen Fen-\nster, schwere dunkle Eichen-Möbel füllen den\nRaum, ein riesiger dicker Perserteppich verhüllt\nden Fußboden. Ueber den dunklen langen Tisch\nzieht sich eine zart bestickte lila-leuchtende Japan-\nseide; an der Längswand gegenüber den Fenstern\nhängt ein sanfter Wandteppich aus Delhi. Venezia-\nnische Kristallgefäße, Majoliken, auf den Truhen\nund vor der Fenster breite eine schlanke manns-\nhohe Chinavase aus blauem Porzellan. Im oberen\nbauchigen Ausmaß umfaßt sie den Himmel, um die\nzarte Hochform edler zu steigern. Bran vergißt\nvor der Musik dieser orientalischen Teppiche und\nKrüge das Elend des abendländischen Egoismus.\nSüße Blumen, feine Figuren, Früchte des Rama-\nyana, heilige Tiere des buddhistischen Waldes, chi-\nnesische himmelumspannende Zartheit stehen unter\ndüsteren Truhen im europäischen Prunkzimmer.\nDer Arzt tritt leise ein und verbeugt sich höf-\nlich, ein durch schwärzliche Narben zerschlissenes\nrotes und mageres Gesicht, umrahmt von dichtem\nschwarzem Bart- und Haupthaar. Bran hat zu die-\nser kräftigen und düsteren Art sogleich Vertrauen\nund spricht sich offen über den Leutnant aus. Der\nArzt ist orientiert und auf das Verlangen des\nAssessors, welches Bran ihm mitteilt, antwortet er\nablehnend. Der Leutnant stehe im Verhältnis des\nPatienten zu ihm, mit dessen privaten Angelegen-\nheiten habe er sich nicht zu befassen. Bran ent-\nschuldigt seinen Auftrag, der Arzt antwortet:\n„Wenn Sie wissen, daß Sie keine Schuld haben, so\nkümmern Sie sich nicht um die ganze Sache.\"\nBran hört nach der Rückkehr vom Arzt: Frau\nHannah-S Stöhnen in der stillen Wohnung, mit wü-\ntenden Schlägen wäscht sie Geschirr in der Küche.\nBran geht hinüber. Er will ihr von der Weigerung\nund dem Rat des Arztes erzählen, von der Notwen-\ndigkeit und dem Stolz seines Briefes. Sie lärmt mit\nden Töpfen im unreinen Wasser, reckt sich schließ-\nlich auf und mißt ihn mit dem Blick: „Ich mag Sie\nnicht mehr bei mir sehen, Sie haben unser Ver-\ntrauen so sehr getäuscht, ich glaube nicht an Ihre\nHarmlosigkeit.\" Traurig betrachtet Bran diesen\nbejahrten Kopf im Profil, die Mundwinkel sind wei-\nnerlich herabgezogen, breit ist der Mund, eine trübe\nBereitschaft zu wüsten Schmähungen, und bei der\nAnstrengung des Aufwaschens zittert der dünne\ngelockerte Haarschopf. „Es ist Ihnen gelungen, die\narme Frau reinzulegen.\"\nBran flüchtet in seine Stube.\nDer Herr Assessor humpelt steif Stufe für Stufe\ndie Treppe hinauf, Bran ist es, als täte er jeden\nSchritt feierlich zählend noch bedächtiger als\ngewöhnlich. Umständlich tritt er in die Küche bei\nseiner Frau ein. Nach ihm hasten Frau Lise, die\nKinder und das Fräulein in die Wohnung.\nDas feuchte trübe Wetter bringt einen dunk-\nlen Abend, der frühe am Nachmittag schon die Um-\nrisse der Gegenstände dämmernd entzieht. Längst\nhat Brau auf das deutlicher werdende Hin und Her,\nauf Rufe über den Flur gehorcht, undeutliche Dro-\nhungen, die vor seiner Stube sich auf Lauer legen.\nIn der Betrachtung dieser winterlichen Früh-\ndämmerung, versenkt Bran den Blick in die schat-\ntenhafte Umrisse der benachbarten Hauswand vor\ndem weichen Himmelgrau und hört Frau Hannali\nnicht eher in sein Zimmer eindringen, als sie bereits\nseinen Teller Mittagessen auf den Tisch abstellt.\nSie stöhnt laut, mit vorgebeugtem Oberkörper\nstützt sie die Hände auf den Tisch und sucht Brans\nAugen in der Dämmerung. Bran blickt in ihr grün-\nlich Gesicht, in das Weiße der Augen, die aus hoch-\ngerissenen Lidern glotzen, fahle Wülste ziehen sich\num die Nase zum verrunzelten Kinn, sie flüstert\nmit scharfer Zunge: „Sie haben der Frau Leutnant\nim Briefe geraten, ihre Ehe sprechen\nSie, ist das wahr?\" „Ja, das ist wahr!\" antwortete\nBran ruhig. Sofort richtet sich Frau Hannah zur\nvollen Größe auf und ruft hohnvoll: „Das wollte\nich von Ihnen bestätigt haben, ich glaubte nämlich\nnicht, was meint Mann eben über Ihren Brief sagte,\nwas ich aber gleich ahnte. Sie sind ein Lump oder\nSie sind verrückt. Pfui . . .\"\nSie geht ohne die Tür hinter sich zu schließen,\nund Bran riegelt sie vor seiner armen Dunkelheit\nab, vor seiner großen Trauer, und während sie\ndraußen in ihren Stuben über seinen Namen „Ge-\nmeinheit\" ausrufen, flüstert Bran langsam ein\nPaar Worte Momberts, die er in der Frühe gelesen\nhat:\n„Stirb! Der Eine stirbt,\ndaneben der Andere lebt\ndas macht die Welt so tiefschön.\"\nBran steigt hinab in die Kiefern-Waldnacht\nzum See. Die Starrheit des Waldes erhebt sich\nüber dem verschneiten Boden, aber der See ist\nnicht gefroren, und seine schöne Uferlinie umfaßt\ndie tief schwarze sammetne Pracht des unbeweg-\nten Wassers. Im Osten, über dem starren durch-\nschimmernden Waid, seinen schwarzen klaren\nWipfeln der Höhe, flammt der \"rote Schein\nder fernen Großstadt im durchsichtigen Nebel\nund spiegelt blutiig auf der regungslosem\nDezember-Finsternis, der Blätterlosigkeit und\nder Entferntheit alles rufenden und fliegenden\nLebens, bewahrt nur noch der See ein schwaches,\nbald erstarrendes Wallen. Aber in ihm beschwört\nBran die Mütter, zu denen er hinabsteigt, diese\numfassenden erhabenen Wesen, die ebenso die\nGenerationen in ihren erdherben Armen umschlie-\nßen, w i e das pochende Herz des Vögelchens, das\nvom feindseligen Stein, blutend getroffen wurde.\nSchön, unbeweglich klar liegt die weite mächtige\nTafel und Bran besinnt sich, wo er ein gleich feier-\nliches Oval schon einmal sah: Frau Lisens mütter-\nliches Auge öffnet sich herztief vor ihm, in alle\nTiefe des Sees blickt er hinab. Und der See wird zu\neinem wehend gespreiteten, fliegenden Tuch, zum\nMantel, den die Mütter webten für den lieben\nSohn, damit er sich darein hülle auf der fernen\nkalten Erdumwanderung.\nDer See wirfd zu einem brennenden ovalefn\nSchild, zum kriegerischen Abbilde der Flammen\ndes Hochgestirns, der großen Kraft des Menschen,\ndie den Planeten bestrahlt. Aber seine Kraft wird\nzum Blumenblatt, zur ehernen Mandorla, in\nderen Klarheit der Christus erscheint, um tausend\nJahre lang die Welt zu richten. Und die Mandorla\nwird zum Auge der Ora n t a des christlichen\nMorgenlandes, zur weiblichen sanften' Mittelsform\nalles Geistigen des Menschen.\nInnig dankbar neigt sich Bran vor dem stren-\ngen Bilde unter freiem Nachthimmel und nimmt\nAbschied von Traum und Stolz um Frau Liseas\nwillen.\nBran erwartet am Abend einen Besuch und als\nes um acht Uhr klingelt, öffnet er die Flurtür, Frau\nLise steht da, betrachtet Brau! mit ihren schönen\nAugen und tritt dann ruhig ein. Bran verneigt sich\ntief vor ihr (ihr Gesicht ist bleich) und wendet sich\nwieder nach seinem Zmmer.\nAls Bran ein Weilchen später zu einem Besuch\nangekleidet die Wohnung verlassen will, bittet ihn\nFrau Hannah in die Küche. Er betritt ungern die-\nsen abgelegenen Raum, in dem die Küchenlampe\nschmutzstarr ende Eßgeschirre erhellt. Hinter ihm\nriegelt Frau Hannah ab und macht sich am Herd\nzu schaffen.\nBran ist in der Mitte zwischen Küchentisch und\nPlättbrett stehen geblieben und betrachtet Frau\nLise, die nervös in dem schmalen Raum neben dem\nBrett auf und abgeht mit den verschlungenen Hän-\nden im Schoß. Ihr Gesicht ist schattig blaß und\nkrank vor Schlaflosigkeit und Ueberanstreiigung.\nSie unterbricht ihre Wanderung, bleibt vor ihm\nstehen und schaut ihn traurig an. Dann hört er\nihre Stimme fernher und fremd kommen. Ob er\nschon wisse, daß ihre Verwandten sich von ihr\nabgewandt haben, und das durch sein Verschulden.\nSie habe schon genug verloren, aber durch seinen\nBrief verliere sie auch das Letzte, was ihr blieb.\nSie sei durch ihn so bloßgestellt, daß alle sich jetzt\nvon ihr abwenden werden. Warum er den Brief\nherausgegeben habe, wo er doch die Folgen davon\nhätte voraussehen müssen, ob er sich überhaupt\nseines Inhalts voll bewußt erinnere. Bran erinnert\nsie daran, wie sie alle in ihn gedrungen seien, wie\ner ihrer Not erst nachgegeben habe. Frau Lise\nsteigt auf einen runden Holzblock, der für Küchen-\nzwecke an der Wand aufgestellt: ist, um besser das\nKampffeld zu beherrschen. Grellbeleuchtet von der\nLampe, die im gleicher Höhe ihr gegenüber an der\nWand hängt, steht sie flach an die Wand gepreßt,\nmit kleinen flackernden Augen im verwüsteten Ge-\nsicht: „Sie sagten uns doch, Sie hätten nur eine\ntheoretische Abhandlung und keinen Brief geschrie-\nben. Im Vertrauen darauf —44 „Aber durchaus nicht\nFrau Hannah hat einfach meinen dichterischen\nBrief dafür erklärt, als ich ihn zu Ihnen allein ins\nZimmer hineinzeigte.\" „Im Vertrauen darauf\",\nfährt Frau Lise mit engstirniger Straffheit fort, „daß\nSie wirklich nur eine Abhandlung und nichts an-\nderes geschrieben haben, ließ ich mir den Brief für\nmeinen Mann von Ihnen geben. Jeder aber, der\neinen solchen Brief liest, muß mindestens anneh-\nmen, daß ein intimes Einvernehmen zwischen Ihnen\nund mir zugrunde liegen muß. Sie müssen ja von\nSinnen gewesen sein, als Sie all die Behauptungen,\ndiese unerhörten Anmaßungen niederschrieben.\nSie behaupten, Sie kennten mich genau. Woher,\nsagen Sie mir bitte? Sie kennten die Einzelheiten\nmeiner Ehe, woher nehmen Sie den Mut zu sol-\ncher Anmaßung. Die paar Worte, die ich im gan-\nzen während unserer flüchtigen Bekanntschaft mit\nIhnen wechselte, die zweimal, wo ich Ihnen die\nHand gab zum guten Tag, können Sie hoffentlich\nnicht zu solchem Vorgehen ermutigt haben, Sie sind\nsehr frech und Sie sollen das büßen.\n„Aber nun zur Hauptache: Sie fordern mich zur\nAuflösung meiner Ehe auf. Sagen Sie uns, was Sie\nanfangen würden, wenn ich Ernst machte und Sie\nbeim Wort nähme, ich, eine verheiratete Frau mit\nzwei Kindern. Aber das ist Wahnsinn, Sie denken"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.5", "texte": "Joseph Cäpek: Originaliinoleumschnitt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.6", "texte": "wohl, -daß ich-auf dieselbe Stufe, wie das Fräulein\nkeraMiiken werde . . Fast hat sie es mit mir\nschön so weit zu Wege gebracht, denn mein Mann\nbeschimpft mich in Briefen und Worten, für ihn ist\nes eine Tatsache, dies Liebes-Verhältnis mit Ihnen.\nSchämen Sie sich nicht ein wenig!\nAber es soll anders werden, auch Sie hörten\nwohl von meinem angeblichen Selbstmordversuch,\nes war nichts als ein hysterischer Anfall, der her-\nvorgerufen war durch die Aufregungen, die Sie\nmeiner Familie mit Ihrem leichtfertigen Schreiben\nverursacht haben in der letzten Woche. Ich wußte\nnicht, was ich tat Um zu verhindern, daß nicht\nnoch schlimmere Dinge eintreten, hatte ich oft ge-\nlogen, mein Mann machte mir darüber Vorwürfe,\naber ich mußte doch zum Besten Aller lügen und\nso kam es, daß auch ich schließlich hysterisch\nwurde.\"\nIhr Gesicht ist starr und weiß, als sie erklärt,\ndal» sie umsonst das Schlimmste zu verhüten ver-\nsucht habe, was jetzt durch den Brief eingetreten\nsei.\nSie tut Bran bitter leid. Aber er muß hart auf\nm***\nhart setzen.\n„Haben Sie den Brief im richtigen Sinne gelesen\nso können Sie ihn nur so verstehen, daß ich zu-\nnächst Ihre gewaltsamen Familien-Verhältnisse\nverurteile.\n„Haben Sie schon einmal auf das Spiel Ihrer\nKinder mit Worten aus der Gasse und vom Stall\ngeachtet? Nein, davon wissen Sie nichts. Aber ich\nhabe eines Nachmittags zugehört, durch meine Tür\nzu Ihrem Schlafzimmer, und ich habe mir damals\ngelobt, diese moralische Pest zu bekämpfen, deren\nUrsprung Ihnen, so gut wie mir, bekannt sein darf.\nIst es Ihnen nicht eine schreckliche Warnung, den\nboshaften und störrischen Widerstand schon im\nerst entstehenden Charakter Ihres kleinen Knaben\nzu entdecken -und zn wissen, wodurch diese Cha-\nrakterbetätigung gezüchtet wird. In meinem Briefe,\nden Sie alle jetzt mißbrauchen, zeigte ich Ihnen ge-\nrade die Gewalttätigkeit Ihrer Ehe, ihre Unerträg-\nlichst\"\nFrau Lisens flackernde Augen sind über Brans\nKopf hin weg gerichtet ins Lampenlicht. Der Herr\nAssessor wird von Frau Hannah in die Küche ge-\nlassen und nimmt auf einem Schemel neben Frau\nLisens Block Platz, in der Haltung des Schutz-\nmanns, der einen ruhefeindlichen Vorgang über-\nwacht. Kalt und spöttisch lächelnd blickt er auf\nBrau.\nBran ist aus der Mitte weiter in den Lichtkreis\nder Lampe getreten und sieht Frau Hannah steif\naufgerichtet sitzen, den lastenden Oberkörper mit\ngroßen knochigen Händen auf den Schenkel ge-\nstützt, das faltige, leicht gerötete Gesicht ist ihm\nmit blauen feindlichen Augen zugewandt: „Ich bin\nerstaunt, daß es Ihnen nicht ein bißchen Leid tut,\nden schändlichen Brief geschrieben zu haben, ich\nverstehe das nicht. Und von Ihnen habe ich soviel\ngehalten, bin für Ihre moralische Unantastbarkeit\neingetreten, hatte einmal gesagt, daß der Leutnant\nnicht wert sei, Ihnen die Schuhriemen aufzulösen.\nIch hielt Sie für so streng. Was haben Sie angerich-\ntet, und morgen wollen wir alle Heiligabend\nfeiern!\"\nDer Herr Assessor gibt würdig die Erklärung\nab, daß Herr Leutnant auf eine gerichtliche Klage\ngegen Bran verzichtet. Aber das könne er nur\nsagen, wenn ihm, dem Forstassesor, das bei sei-\nner eigenen Frau passiert wäre, so hätte er Bran\nmit der Hundepeitsche vorgenommen und ihn zum\nHause hinaus befördert, damit ihm für fernere\n„Lösungen\" alle Lust verginge.\nBran beugt sich vor, sucht das Auge des Asses-\nsors zu erfassen und erwidert streng: „Hätten Sie\nMißhandlungen der eigenen Frau verschuldet wie\nHerr Leutnant, so wären Sie beim Einsatz meines\nLebens ebensowenig sicher vor mir geblieben. Ich\nfürchte nicht Ihre Gewalttätigkeiten und die Dro-\nhungen des Leutnants, aber ob Sie auch das Recht\ndazu haben, bedarf noch der Erörterung.\"\nBran ist nach langem Gange durch die Wald-\nMondnacht heimgekehrt, er sieht noch immer vor\nsich im Talgrunde das Stück weißleuchtenden\nWaldbodens, über dem sich die starren zackigen\nKiefern in stummer Winterlichkeit abheben. Ein-\nsam, wie nur eine der Kiefern ringsum, hatte er\nlange vor dieser verborgenen Walderde verharrt,\nkein Wind ging droben im Rauschen hin, die Sterne\nflammten blau durch die reglosen Nadelwirbel.\nDer Mond macht den Blick weit hinaus aus sei-\nner Stube. Allmählich achtet Bran auf die Stim-\nmen aus den Zimmern nebenan, Frau Lise geht\nratlos auf und ab im Gespräch mit dem Fräulein.\n„Sie hätten nur die Phrasen dieses Lumpes\nhören sollen. Wie er durchtrieben lächelte, wenn er\nmich anblickte. Er wollte die Gelegenheit so recht\nfassen und eine anständige Frau um Ehre und alles\nbringen. Wie hatten ihm alle vertraut, und wie ent-\ntäuscht sind sie. Wenn ich das nur geahnt hätte,\nwas er mir angetan hat, würde ich nie ein Wort\nmit dem Kerl gesprochen haben. Und nun, wo ich\ndurch ihn in eine so verzweifelte Lage gekommen\nbin, hat -er nicht die geringste Empfindung für mein\nGeschick übrig, was er auch alles vorbrachte, es\nwar beleidigend\n„Ich habe meinen Mann eigentlich ganz gern,\nund wenn ich ihn; oft belogen habe, so ist es um der\nFamilie willen geschehen. Ich war doch wirklich\nkopflos, hysterisch und tat alles, alles, damit nur\ndie Ruhe bei uns einkehrt. Und nun kommt dieser\ngemeine Kerl und spielt mir den niederträchtigen\nStreich. Wie der sich wohl im stillen freut. Ich bin\nmeinem Mann von Herzen dankbar, daß er gleich\nso durchgegriffen hat; wer weiß wozu ein Mann\nnoch fähig ist, der schamlos „Ehern auflösen\" will.\nUnd was dieser Kerl alles „theoretisch\" und „ideal\"\nnennt. Ich soll meinen schwerkranken Mann, den\nich bald drei Jahre hindurch pflege, meine Kinder,\nmein Heim, mein Landgut verlassen. Er muß ver-\nrückt sein, er ist es sicher!\"\nDas Stück mondweiße Wald-Erde erscheint\ngeisterhaft wispernd vor Bran, hilflos stiert er auf\ndie liebe Erde. Ein Krampf überkommt ihn, sein\nBlut zieht sich mit raschem Rückschlag aus dem\nganzen Körper zurück, sein Herz zittert angstvoll\nin der Brusttiefe, die Zähne klappern, der Leib\nbebt vor Frost. Eine gebrochene Kiefernsäule droht\n'niederzustürzen auf die liebe weiße Erde, die sich\nhohl macht zum gespenstigen Schoß. Seine Lunge\nröchelt um Atem, er hält sich erschöpft am Bett\naufrecht, während er unter ungeheurem Ersticken\nächzt. Das Herz pocht wild, gestaltloser Fieher-\nwirbel geht über ihn dahin. Kerzen sind entzündet,\nein Heilsarmeelied, der „Perlenthron der Gnade\"\nwird brausend fern gesungen, Kutscherflüche bre-\nchen seine Lippen auf, gelockert in der Umnach-\ntung des Bewußtseins. Ein Inwendiges will aus ihm\nwühlen mit einer Wolke von giftiger Säure. Er\nweint leise am Fußboden. Krank, arm, hoffnungs-\nlos, kein bloßes Tier, aber auch nicht nur Mensch,\nstärker als die sengende Vernichtung, aber krän-\nker als ein Mensch, nicht ganz das weiße Leben,\ndas ist Bran und fühlt es diese ganze Nacht hin-\ndurch.\nBran bleibt am andern Morgen, dem Tag des\n„Heilig-Abend\" länger im Bette liegen, da er krank\nist\nEr hört vor seiner Tür Stimmen, man pocht und\nverlangt, daß er öffne. Bran erschrickt, bleibt still\nliegen und fragt nach dem Verlangen, dann pocht\nes noch einmal stark und scharf, und er hört den\nAssessor: „Stehen Sie sofort auf und ziehen Sie\nsich in fünf Minuten an. Wir wollen Sie sprecken.\"\nEr kleidet sich schnell an, und als er öffnet, stehen\nvor ihm, wie am vorigen Morgen, die Frauen, der\nAssessor und das Fräulein. Frau Lise ist sehr\nbleich mit großen schreckerfüllten Pupillen.\nSie erklärt zum Herrn Assessor gewandt, daß\nsie wahrlich nicht viel zu sagen habe. Plötzlich\nsieht sie starr und erregt auf Brau, und ihre Stimme\nwird tonlos: „Sie sind ein Schuft! Vor den Anwe-\nsenden erkläre ich Sie für einen Schuft!\" Sie sagt\ndas alles wie auswendig gelernt glatt her. Alle im\nKreise bleiben stumm und beobachten erwartungs-\nvoll die Wirkung auf Brau, Aber er ist ruhig und\nsieht sich fragend im Kreise um, in der Annahme,\ndaß man doch irgend einen Gedanken vorbringen\nwerde, der ihm den Schlüssel zu dieser sonder-\nbaren und lächerlichen Verrufs-Zeremonie gibt. Im\nAugenblick, als er den Blick von Frau Lise abwen-\ndet, ist sie behutsam nahe vor Bran hingetreten\nund hebt die kleine Gestalt auf Zehenspitzen, gibt\nihm mit der Rechten einen; leichten artigen Backen-\nstreich. Dann verschwindet sie hinter dem Kubus\ndes Herrn Assessors, und alle warten auf die Wir-\nkung.\nBran wird im Augenblick wahrhaft lustig zu\nSinn, wie wenig verfeinert doch die Leute ihre Ge-\nkränktheit rächen. Wenn der Grad eines Ehr-Ver-\nrufs nach der Heftigkeit des Schalls und der punkt-\nuellen Größe des roten Flecks auf der Backe be-\nmessen werden soll, dann fehlt diesem Damen-\nBack.enstreich ein bißchen kraftvolles Quattrozento.\nFrau liannah befindet sich in beinahe kläg-\nlicher Auflösung, sie stiert grauenbleich vor\nSchrecken auf Bran, wahrscheinlich in Erwartung\neines tiermenschlichen Ereignisses. Alle andern\nstehen sichtlich ernüchtert und enttäuscht umher.\nFrau Lise sieht furchtsam hinter einer starken\nSchulter hervor, auch sie scheint zu erwarten, daß\nder Orang-Utang mit Faustschlägen auf sie los-\nbrechen wird. Der Herr Assessor steht als Schutz-\nmann vor der Frauengruppe, seine Haltung ist „in\nErfüllung dienstlicher Pflichten\", auch er wartet\ndarauf, daß der Kerl „tätlich wird\".\nDie Wirkung ist verpfuscht, und Frau Lise rafft\nsich noch auf, um laut zu erklären: „So nun kön-\nnen Sie mich verklagen!\" Und sofort erwidert Bran\nmitleidsvoll: „Ich Sie verklagen, warum denn . .\"\n\nFortsetzung folgt\n\nDer Zirkus\nFriedrich Karinthy\nOffenkundig ist es, daß ich mich mit klopfen-\ndem Herzen in den Zirkus sehnte, doch sehnte ich\nmich vielleicht nicht minder nach einer Geige . . .\nDann bekam ich zuerst die Geige, in den Zirkus\naber wurde ich nicht geführt. Nur so war es mög-\nlich, daß ich in verschiedenen Zwischenräumen\nimmer wieder vom Zirkus träumte.\nEinmal sah ich ihn in der Ferne) hinter Hügeln\nund es war, als führe mich jemand bei der Hand\nhin. Ein anderes Mal stand ich inmitten einer frem-\nden Stadt, aber es war der gleiche Zirkus, der\ngleiche Eingang, das nach zwei Seiten führende\nVestibül. Damals verhielt sich die Sache so, daß\nich bereits ein Billett besaß und auch hätte ein-\ntreten können, doch das Traumbild trübte sich wie-\nder und ich kam abermals nicht hinein.\nSchließlich träumte ichs dann zu Ende. Ich stand\nhinter dem Billettschalter und neben mir befand\nsich ein erregter bärtiger hinkender Mann, der"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.7", "texte": "Birnbacher: Originallinoleumschnitt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.8", "texte": "Direktor- Er zog mit -einer Hand den bunten Vor-\nhang des Eingangs beiseite und plärrte: „Herein-\nspaziert, nur hereinspaziert, meine Herrschaften,\ngleich ist Anfang, gleich ist Beginn! Nur herein-\nspaziert!\" Die Menschen strömten herbei, in unge-\nheuerer Zahl, in dichtem Gedränge: allerhand bun-\ntes Volk, Dienstmädchen, Soldaten, Damen mit F.e-\nderhüten und glatt rasierte Herren. Sie stießen ein-\nander, lachten, unterhielten sich und plauderten\nlaut. Ich wußte, der Direktor werde mich sofort\nerblicken, und er erblickte mich auch tatsächlich.\nWährend er meinen Arm erfaßte, sagte er: „Her-\neinspaziert! Hereinspaziert! Haben Sie schon ein\nBillett? Wenn ja, belieben Sie hereinzuspazieren,\nfalls nicht, scheren Sie sich zum Teufel!\" Da\nkrampfte sich mein Herz erschrocken zusammen,\nich begann zu stammeln, daß ich nicht in den Zu-*\nschauerraum wolle, sondern mit meiner Geige . . .\nVerzweifelt wies ich auf meine Geige, die ich\nselbstverständlich unter den Arm gepreßt hielt. Er\nbeugte sich zu meinem Mund nieder und wartete\nerbost, bis ich hervorgestammelt hatte, daß ich\nkein Rillet besäße, aber ein Lied komponiert habe,\nich ganz allein, und dieses Lied werde ich, wolle\nich, wenn er mir den Eintritt gestatte, dem Publi-\nkum vorspielen. Darauf begann er so laut zu\nlachen, daß ich ihm in die Kehle hineinsah wie in\neinen tiefen Tunnel. Dann; sagte er schroff, Wort\nfür Wort betonend: Junger Kämpfer, Rappelkopf,\ndein Herz ist wie ein Bienenstock. Dies dünkte mir\nein überaus geistvoller Vers und ich sah, meine un-\nwillkürliche Anerkennung behage dem Direktor. Er\nklopfte mir auf die Schulter und sagte, ich solle\nwarten. Vielleich werde sich etwas machen lassen,\nman könne darüber reden.\nSpäter kehrte er in den finsteren Gang zurück,\nwo ich immer bebend stand, und sagte mit herab-\nlassendem Wohlwollen, das Geigenspiel für sich\nallein sei ein Parallelepipedon. Woraus ich sofort\nentnahm, dies bedeute, er setze in meinen Erfolg\nkein großes Vertrauen. Ich begann zu schwören,\nworauf er ernst wurde und mir zu verstehen gab,\nes sei schon gut, er wolle es mit mir versuchen,\ndoch müsse vorerst die militärische Behörde ver-\nständigt werden, woselbst ich ieine Marke als kai-\nserlich und königlicher Getreidehaufen bekommen\nwerde. Bis dahin werde er mir den ganzen Zir-\nkus zeigen, von vorne und von hinten, die Artisten\nund die Türe, kurz alles, damit ich eine Idee davon\nhabe, um was es sich eigentlich handle, was das\nPublikum brauche. Mein Herz pochte vor glück-\nlicher Erregung darüber, daß ich es so weit ge-\nbracht hatte, doch zugleich fühlte ich mich geäng-\nstigt. Die Geige unter meinem Arm preßte ich\nkrampfhaft und mühte mich, die Melodie ja nicht zu\nvergessen. Der Direktor führte mich zwischen un-\ngeheure Vorhänge, auf denen allerhand lebende\nBilder waren. In der Höhe arbeiteten dürftig be-\nkleidete Menschen. Ich erwartete, auch Artisten\nund Kunstreiterinnen zu Gesicht zu bekommen,\ndoch nein, wir kamen nur über viele breite Trep-\npen. Ich vermochte dem Direktor kaum zu folgen,\nso rasch lief er die Treppen hinan. Dann kamen wir\ndurch samttapezierte Stuben. Zufällig öffnete ich\ndie Türe, durch die schriller Lärm stürzte und\nzahllos wimmelnde Menschenköpfe zu sehen waren.\nDer Direktor schrie mich an, ich' solle rasch die\nTüre zuschlagen, dies sei das auf die Vorstellung\nwartende Publikum, das nicht hereinschauen dürfe.\nDann tat er eine kleine Eisentür auf; eine rie-\nsige halbkreisförmige Halle gähnte in der Tiefe.\nInmitten dieser prachtvollen mit Palmen und\nSpringbrunnen geschmückten Halle würgte ein\nschöner Mann mit zusammengepreßten Lippen und\nwilden Augen ein Wieib. Das Weib stieß dumpfe,\nröchelnde Kehllaute hervor — es war ein gräß-\nlicher Anblick. Laut begann ich zu schreien und\nforderte, man solle das Weib sieinen Händen ent-\nreißen. Doch der Direktor fiel mir in Arm.\n„Dummkopf\", sagte er, „dies sind ja meine Schau-\nspieler, das Ganze ist bloß ein Spiel. Uebrigens\nsind dies doch nicht wirkliche Menschen, sondern\nwächserne wie im Panoptikum\". Als ich genauer\nhinsah, wurde ich gewahr, das Gesicht des Weibes\nwar tatsächlich unnatürlich und seine Augen waren\naus Glas.\nIch schämte mich und begann, von etwas ande-\nrem zu reden. Mein Herz aber pochte noch immer\nunruhig. Jetzt führte mich der Direktor in eine\naufgewühlte bunte Stube, wo in schreiende Farben\ngekleidete und geschminkte Menschen saßen, in\nBankreihen, wie es in der Schule üblich ist. Dies\nwar die Clownschule, wie ich später erfuhr. Auch\ni\nich wurde in eine Bank gesetzt und der Direktor\nrief die Prüflinge der Reihe nach an den Katheder.\nEiner von ihnen ging auf den Händen hinaus und\nschlug mitunter den Kopf an den Fußboden. Dieser\nmußte die Produktion wiederholen. Dann wurde\nein hochgewachsener Mann1 aufgerufen, der ein\nMesser hervorzog und sich in die Brust stieß. Blut\nund Lunge rannen aus der Wunde — laut röchelte\nder Mann und sank zu Boden. Der Direktor nickte\nzufrieden:\n„So ists recht,\" sagte er, „dies wird gefallen.\"\nDer Selbstmörder ging auf seinen Platz zurück,\nholte aus der Bank Nadel und Zwirn hervor und\nvernähte sich unter Aiechzen und Grimassenschnei-\nden die Brust. Da merkte ich, daß diese von un-\nzähligen vernähten Narben durchfurcht war.\nAuch andere kamen, die wieder andere Kunst-\nstücke konnten. Bauchredner gab es, die mit selt-\nsamer Treue die Stimmen von Menschen und Tie-\nren nachahmten, daß ich kaum meinen Ohren\ntraute. Der eine sprach mit deutlicher Kinder-\nstimme, daß mir die Tränen in die Augen drangen.\nEr imitierte nämlich ein sterbendes Kind. Als ich\nihm jedoch ins Gesicht blickte, sah ich seine Augen\nund Lippen regungslos. Ein' zweiter jammerte und\nwehklagte wie ein Weib, dann kamen andere\nFrautenimitatoren heiseres und kicherndes Gemur-\nmel erscholl und im Dunkel glimmten unheilver-\nkündende Augen.\nDa blickte der Direktor in sein Buch und rief\nmeinen Namen. Ich stand in der Bank auf, er maß\nmich und fragte dann rasch:\n„Was kannst du?\"\nIch wies auf meine Geige und stammelte wieder\netwas von einer Melodie, die ich komponiert hätte.\nLachen durchlief den Saal und der Direktor schlug\nzornig auf den Tisch:\n„Noch immer ärgerst du mich mit deiner dum-\nmen Geige!\" rief er. „Wozu soll dieser alte\nSchmarren!\"\nIch wollte erwidern, daß die von mir kompo-\nnierte Melodie sehr seltsam sei und ich sie sehr\ngerne vorspielen würde, wenn man es mir gestatte,\nDoch er rief einen Knaben und schickte mich mit\nihm fort, damit er mir die Instrumente zeige.\nIch wurde in einen anderen Raum geführt. Hier\nstanden riesige Maschinen und Apparate. Lauter\nMusikinstrumente. Da gab es riesige Trompetern,\ndie durch Blasebälge in Bewegung gesetzt: wur-\nden, bei jedem Druck brach Donner aus ihren Keh-\nlen. Dann Triangeln, groß wie ein Zimmer und mit\nDampfhämmern versehen. Auf der Fläche einer\ngigantischen Trommel marschierten dressierte Ele-\nfanten im Kreise hierum und trommelten mit den\nFüßen. Auch eine merkwürdige Orgel gab es, an-\ngetrieben von einem Elektromotor, der gleichzei-\ntig dreißig Klaviaturen und tausend Stahlpfeifen\nin Funktion; setzte, deren größte so hoch war wie\nein Fabrikschornstein. Der Kapellmeister stand auf\neiner hohen Brücke, und als er seine beiden Arme\nin die Höhe warf, erdröhnte ein einziger Akkord\nund Sturm wirbelte — ich glaubte, sofort ins freie\ngeschleudert zu werden. Vor den Musikanten\nlagen Rollen, wie jene, die Setzmaschine» antrei-\nben. Die Musikanten trugen alle Brillen und starr-\nten ohne Unterlaß in die Noten. Mit schwindeln-\ndem Hirn und brausenden Ohren kam ich in eint\nandere Klasse, wo mich bereits der Direktor er-\nwartete. Ich sagte ihm, ich hätte die Instrumente\nt\ngesehen, sei aber mit keinem vertraut und könne\nauf keinem spielen. Er zuckte die Achseln und\nsagte, es tue ihm sehr leid. Da standen wir vor\nzwei Vorhangtüren, die ins Theater führten. In tau-\nsenderlei Masken eilten die Schauspieler hineea.\nund so oft der Vorhang aufflatterte, schlug mir\nvielfarbiges elektrisches Licht ins Gesicht. Ictt.\nwollte eintreten, doch der Direktor verwehrte es\nmir. Sagte, ich könne nichts und ies werde wolil\nbesser sein, vorerst die Leichenkammer zu besich-\ntigen.\nWir schritten durch eine andere Tür —* ein fin-\nsterer Gang führte in einen Keller hinab. Flackern-\ndes Gaslicht zischelte in großen Fernen. Zu beiden\nSeiten, im nebligen und dichten Dunkel führte»\nKabinen. Weißmantlige Diener mit russigen; Gesielt\ntern gingen aus und ein. Beben erfaßte mich und\nich wagte nicht hineinzuschauen. Am\nEnde des Ganges blieb der Direktor stehen und.\nsprach mit jemand. Verstohlen blickte ich mich um.\nAn den Wänden zogen sich lange Blechtisclie\ndahin — und auf diesen lagen nackte Leichen,\nGreise, Kinder, auch einbalsamierte, einzelne Kör-\nperteile. Schwerer, drückender Formalingeruck\nstieg aus den Tiefen empor. Ich sah, nach unten\nführte noch ein anderer völlig finsterer Gang. Der\nDirektor sprach von mir — als habe er mich dem\nArzt empfohlen, damit ich hier bleibe. Der Arzt\nschaute in die Richtung des finsteren Ganges.\nDa begann ich zu flehen, man möge mich dock\nnicht zwingen, an diesem Ort zu bleiben, ich ver-\nsprach, wenn es schon nicht anders gehe, lieber\netwas zu lernen, womit ich auftreten könne. Die\nbeiden schüttelten die Köpfe und der Arzt be-\nmerkte schließlich, man könne es höchstens mit der\nAkrobatik versuchen, denn das Publikum sei schon\nungeduldig.\nNun wurde ich in eine hochgelegne bodenartige.\nRäumlichkeit geführt — durch kleine Luftlöcher\nsah ich tief unter mir die Stadt. Hohe Leitern staiv\nden an die Mauern gelehnt, Stricke, Recke, Netze\nlagen durcheinander. Auf den Leitern arbeiteten:\nArtistenzöglinge in fleischfarbne Trikots gekleidet;\nIch wurde vor eine Leiter gestellt, auf die ich em-\nv porzuklettern hatte. Als ich an der Spitze ange-\nlangt war, wurde die Leiter von unten in die Höhe\ngeschleudert, der Straße zu — fest klammerte ich\nmich an und überblickte hinabschauend die ganze\nStadt, auf deren Straßen die Menschen am eisen-\nklein durcheinander wimmelten. Leise schrie ich\nauf und verlor das Bewußtsein.\nDoch dann langte ich wieder unten an. So lernte\nund probte ich lange Wochen und Monate hin-\ndurch. Kroch die Leiter hinan und herab. Als dies\nschon gut vonstatten ging und ich auf der Leiter-\nspitze sicher stehen konnte, reichte man mir feinen\nSessel hinauf. Sorgfältig equilibrierend richtete ich\nden Sessel zurecht und stellte mich darauf. Später\nwurde mit zwei und drei Sesseln das Gleiche volU\nführt. Und lange, lange Zeiten vergingen so.\nDann, nach diesen langen, langen Zeiten, stand\nich endlich auf der Bühne. Doch da war mein Ge-\nsicht schon schmal und runzelig und geschminkt\nwie die Gesichter jener, die ich zuerst gesehen\nhatte. Nun war es schon so weit gekommen, daß;\nich seit vielen, vielen Jahren im Zirkus diente und\njeden Winkel und jede Ecke kannte. Ein fleisch-\nfarbnes Trikot trug ich und stand müde zwischen\nden in Halbdunkel gehüllten Vorhängen, durch die."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.9", "texte": "schwitzende, Teppiche tragende Diener rannten.\nStandig murmelte tiefes Gebrumme und ich war es\nmüde, nach seiner Bedeutung zu forschen. Plötz-\nlich flammte scharfes Licht auf, vor meinen Augen\nschlugen die Vorhänge auseinander. Jenseits\ndrängten sich Menschenköpfe, kurzes Beifallsge-\nklatsche erbrauste, dann trat; erwartungsvolle,\nflüsternde Stille ein.\nAllein stand ich dort auf dem Teppich der ge-\nräumigen im weißen Licht schwimmenden Bühne.\nDoch da lief ich schon mit geräuschlosen Schritten\nin die Mitte, überall vom Kegel des Reflektors ge-\nfolgt. Mit Schlangenhaft geschmeidigen Bewegun-\ngen verbeugte ich. mich nach beiden Seiten den\nLogen zu. Dann erfaßte ich die Leiter und kroch\nrasch, lautlos, so leicht, daß ich meinen Körper\nnicht fühlte, in die vierstöckige Höhe empor. Dort\nrichtete ich mich auf einem einzigen dünnen Stäb-\nchen vorsichtig auf und wankte einige Momente\nequilibrierend. Nun wurde mir auf dem Ende einer\nStange ein eisenfüßiges Tischchen emporgereicht.\nIch erfaßte das Tischchen und lehnte es mit zwei\nFüßen leicht an die oberste Sprosse der Leiter.\nDann kroch ich auf das Tischchen und stellte mich,\nimmer bemüht, das Gleichgewicht zu erhalten,\ndarauf. Jetzt folgten drei Stühle aufeinander ge-\nstellt, — ich hörte zufriedenes Gemurmel und kroch\ndas Gebäude empor. Der letzte Stuhl stand mit den\nFüßen nach, oben auf der Lehne, die sich wankend\nim Kreise drehte und auf ihm plazierte ich einen\nauf die Spitze gestellten riesigen Würfel. Der ganze\nBau zitterte so unsicher unter mir, daß ich fühlte,\ndas Pochen meines Pulses laufe pochend bis zur\nletzten Leitersprosse. Schließlich folgte die Stange\nselbst: Minuten dauerte es, bis ich sie gerade auf\ndie obere Würfelecke fügen konnte.\nDann kroch ich langsam die Stange empor, er-\nklomm die Spitze, hielt an und ruhte. Heiß und\nlangsam rollten die Schweißtropfen über mein Ge-\nsicht. Jeder meiner Nerven war bogensehnengleich\ngespannt und. bebte. Ich wartete, bis das Schwan-\nken des Baues, auf dem toten Punkt angelangt war,\nrichtete mich auf — Todesstille herrschte — und\nzog die Geige hervor . . . Mit zitternden Händen\nlegte ich. den Bogen an . . . ich ließ . . . mit einem\nFuß tastend . . . die Stange los . . . beugte mich\nvor . . . suchte einige Minuten lang die Gleichge-\nwichtslage . . . und die Stille des Schreckens, der\nunten die Lippeen aufriß und die Herzen zusam-\nmen krampten; ließ, benutzend . . . begann; ich lang-\nsam und leise jene Melodie zu spielen, die ich der-\neinst, vor langer, langer Zeit in meinem Herzen\ntönen und schluchzen gehört hatte.\nEinzigautorisierte Übertragung von Stefan I. Klein\n\nGedichte\nAldo Palazzeschi\n\nIns Deutsche übertragen von Theodor Däubler\n\nVerbotene Spielerei\nUnsichtbare Spiegel bestreichen uns leise,\nIn Nebeln verkleidet,\nSie bleiben im Schatten ganz spurlos:\nKein Spiegelbild haben die Spiegel.\nKein Klecks ihrer Schatten zerspiegelt die Spiegel,\nEs fehlen sogar alle goldenen Kleckse.\nEin Strahl bricht hervor über knallgelbes Licht\nUnd bloß auf das Strahlen verirren sich leichte,\nSchwersichtbare Halbschimmer fliehenden Lichtes:\nEin Spiegeln.\nSie gehen, zergehen behutsam.\nErst werden sie klar, langsam gedämpfter,\nGesichte erscheinen auf einmal,\nDie weißesten aller Gesichte.\nLeises Erbleichen verdächtigt nur selten ihr\nSchimmern\nUnd hie und da wehen auch segelnde Mäntel\nvorüber,\nSie wehen vereinzelt, behutsam, zersilbert.\nAuf einmal verweilen die bleichen Gesichte.\nSie bleiben. Nun scheinen sie bunter.\nIhr Augenblick zuckt aus den Schleiern.\nWas suchen in Eile zwei stechende Augen?\nSie sind wie im Fieber erschienen, verschieden!\nBehutsames Nebeln zerknittert im Finstern,\nDie Blicke verflimmern im Blitz von Geschmeiden,\nTiefer bestimmt sich,\nVernimmt sich das Treiben\nVerwinzigter Pünktchen\nIn wirbelnden Würfeln.\nZwei eisige Würfel: Weit hinten Verweilen!\nDie aufmerksam starrschwarzen Punkte erstrahlen,\nDa schleichen ganz leicht und behutsam,\nBeinahe schon hauchlos die Halbschimmer\nStechender Scheine an Schleiern vorüber: Das\nSpiegeln.\nSie gehen, zergehen behutsam.\nErst werden sie klar, langsam gedämpfter:\nSie gehen, zergehen behutsam.\n\nRio Bo\nDrei niedliche Häuschen\nMit spitzigen Giebeln,\nEine winzige Wiese\nAn begrastem Rain: Rio Bo\nUnd eine wichtige Zypresse!\nGewiß der nichtigste\nWinkel der Welt . . . aber\nHoch oben steht herrlich ein Stern:\nEin großer, ein lohender Stern!\nMit Geschimmer und Geglitze\nLiebäugelt er immer\nMit der Spitze\nDer Zypresse: Rio 80.\nEin Stern auf leuchtender Liebe!\nWer weiß ob eine große Stadt\nEinen schöneren hat?\n\nWer bin ich?\nWer bin ich?\nEtwa ein Dichter?\nNein. Und ich allein\nWeiß das Nein*'\nEin einziges Wort\nHat das Entsetzen ausgedrückt:\nBerückt!\nNun so wäre ich ein Maler?\nNein!\nEine blasse Farbe\nIn der Seele leicht und weit:\nTraurigkeit.\nEin Spielgeselle vielleicht?\nUnerreicht!\nIch kenne nur einen tastenden Ton,\nDer sanft über Stufen zu gehn sucht:\nSehnsucht.\nNein, etwas bin ich, bin ich doch!\nIch tue eine scharfe Linse,\nEine Linse, vor das Herz\nUnd die Leute sehen durchs Loch:\nEin Scherz!\nIch bin in der eigenen Seele ein Schauckler,\nMein einziger Gaukler.\n\nDer Bommel\nWollen wir los?\nMeinetwegen!\nZur Stickkunst\nFabrik von Spitzen und Einsätzen\nBestellungen, Liefrungen\nSchwestern Purtare\nZur Staat Paris\nDas allerletzte, das allerneueste!\nBenediktus Pappenstiel\nNachfolger von Michael Hilf\nAelteste Apotheke\nGegründet im Jahre 1783\nWichtig für die Damenwelt!\nSchönheit der Haut\nSammetweich\nDie neueste unübertreffliche Seife\nPrezisions-Uhren\n43\nDie Millionen-Lotterie\nAltes Wirtshaus\nZur Taube\nMit Garten\nGassenschank\nLaufer und Schwalbe\nErstes Stoffgeschäft\nNiederlage von Wollwaren\nTuch und Flanell\nAlte Möbel\nAntiquitäten\n26\n26 A\nBismarckstraße\nPapiergeschäft zum Fortschritt\nTüchtige Schneidergehilfen gesucht\nBlutleere\nBankrott!\nAllgemeiner Ausverkauf!\nUm 90 Prozent herabgesetzte Preise\nFreier Eintritt\nHotel de l'Union\nZum König von Ungarn\nJakimowicz und Blecher\nModerne Heizeinrichtungen\nGasöfen, Thermosiphone\nHebbeltreppe\nFrüher Kreuzbergstraße\nEnde der Saison\nFeste Preise\nGotthelf Leitner\nSchachteln und Cartonagen\nUnerhörte Grausamkeit\nDie Lieblingsbiskuits des Königs\nHärtel und Wreicher\nAlte Brüdergasse\n2 17 40 25 88\nKinematograph Splendor\nDer Bauch von Berlin\nEine Reise durch Japan\nGustav hat Geburtstag\nGroße Attraktion\nArteriosklerose\nLetzte Erfindung der Wissenschaft!\nDie Vereinsamte am Bad\nWohlfahrtseinrichtungen\nLudwig Decker\nLampendepot\nHolz, Kohle, Lignit\nAntrazit\nSägespäne\nZapfen, Reisig\nProfessor Nikolaus Flisländer\nAchtung junge Stutzer!\nHemden nach Maß\nGebrüder Bluffer\nMaschinenöl\nReparaturen\nSchornsteinfeger\nFriseur\nBlumengeschäfte\nBuchhändler\nModistin\nDruckerei\nCafe Germania\nWohnungen zu vermieten"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.10", "texte": "Beim Portier!\n193\nAdam Schliichter\nAdvokat\nAlteisen\nJ3ier stube\nThalia Theater\nManon von Massenet\nAuftreten der Primadonna\nMichaela Nahe\nGottfried Kellertheater\nDer Hundezirkus\nLetzte Matinee\nGaloschenausbesserung\nSchuster\nHolzhandlung\nStadttheater\nVolkstümliche Preise\nDie Kinder von Niemandem\n29\n31\nBar zur Morgenröte\nAnastasia Nagelschmidt\nHebamme\nAntoinette Schwitzer\nManicure\nGabriel Wischer\nMusikinstrumente\nWilhelm Föhnrich\nHochzeitskonfekt\nPopper und Sohn\nKiiiderkonfektion\nWollen wir nochmals zurückgehn?\nMeinetwegen!\n\nDie Träume\nKurt Heynicke\nDurch stillen Gang des Klosters\ngeilt das Ave.\nDas gelbe Kleid der Mönche hat ein andres Auge\nund jedem ist ein eignes Schwert gegeben.\nDer fette Klang der Mittagsglocke\nholt sie fort.\nIm Säulengange bin ich bei den Steinen:\nund senke tief die Stirne\nin Staub:\n0 Stille\ndie aus keiner Wunde fließt.\nZerrissen\n*\nsind die Abgründe\nFlüsse der Tränen fließen hinüber.\nNicht ein Glockenschiag\nschlägt rein und voll\nund alles blutet wie der Erlöser.\nDie braunen Mauern sind mit Qeld gebaut.\nDer Schweiß von Peitschen fügte sie.\nTief\n/enke ich die Stirn im Staube\nÖ Frieden\nmanntief\nunter den Gräsern!\nIch bin viele Jahre alt.\nIch bin\nin einem Berge auf der Welt.\nRings viele Feuer an den Wänden\nund wo\nein Hammerschlag.\nIch fühle in das Gleißen\n1 112 'S:\nHier •\nrundet sich der Ring Bestimmung\nden ich ein Leben suche. ,\nUnd eine Stimme wird von oben\nund steht vor mir in weißem Haar:\nHinblutet\nin die Welt ein großes Auge —\nnicht Frieden\nden ich im Leben suche.\nist der Weg des Lebens!\nSelig das Schwert\ndas deinem Schreiten Glanz verleiht.\nRings fallen Sterne in den Raum.\nIch bin zur Nacht\nund böse Fiedelstriche zwischen Gaslaternen.\nNun komm mir an die Brust\nzerrissene Welt:\nWeiß und rot\nwill ich sein\nwie Sehnsucht und Mohn.\n\nDie Rechtfertigung\neines Irren\n\nDas Werk von August Strindberg „Le plaido-\nyer d'un fou\" hat in Deutschland den unsinnigen\nNamen „Die Beichte eines Toren\" bekommen,\nStrindberg schrieb dieses Buch französisch. Jetzt\nist das Buch in neuer schwedischer Uebertragung\nvon John Landquist erschienen und zwar als 24.\nBand der gesammelten Schriften von August\nStrindberg im Verlag Albert Bonnier, Stockholm,\nDas Buch heißt schwedisch: „En dar es Försvars-\ntal\" „Die Rechtfertigung eines Irren\". Ueber die\ndeutsche Uebertragung von Schering schreibt John\nLandquist, der Herausgeber der gesammelten\nSchriften in seinen Anmerkungen das Folgende:\n„Le plaidoyer d'un fou\" ist zweimal deutsch über-\nsetzt worden. Das erstemal anonym: August\nStrindberg: Die Beichte eines Toren, Roman, Ber-\nlin 1893, Verlag des Bibliographischen Büros. Eine\nneue Auflage kam 1896 in Budapest heraus. Diese\nUebersetzung ist von einem gewandten Journali-\nsten gemacht, aber sie wimmelt von Fehlern und\nunnötigen Freiheiten. Da sie nunmehr nur anti-\nquarisch aufgebraucht wird und also als tot an-\ngesehen werden kann, ist es ohnfe Interesse ihre\nFehler durchzugehen. Größere Aufmerksamkeit\nals die erste deutsche Uebersetzung verdient die\nzweite von Emil Schering: „Die Beichte eines\nToren\", München und Leipzig, Georg Müller, weil\nsie in die deutsche Ausgabe der gesammelten\nSchriften Strindbergs aufgenommen ist, fortgesetzt\nin neuen Auflagen herauskommt und weil sie der\nam meisten verbreitete, sozusagen offizielle Text\ndes Werks von Strindberg ist. Nach seiner Ge-\nwohnheit hat Schering selbst im Nachwort des\nUebersetzers starke Reklame für seine Arbeit ge-\nmacht. Er nennt die erste deutsche Uebersetzung\n„ein Verbrechen\"; sie war nach ihm „verstümmelt,\nproduzierte an unzähligen Stellen fälschenden Un-\nsinn, führte eine ordinäre Sprache\"; von seiner\neigenen dagegen sagt er: „diese neue Ausgabe\nhilft, soweit es noch möglich ist, das Verbrechen\nwieder gutmachen. Die Uebersetzung ist nicht ver-\nstümmelt, produziert keinen Unsinn, führt eine\nwürdige Sprache\" und so weiter.\nLeider kann man die Auffassung des Herrn\nSchering über sein eigenes Werkt nicht ganz tei-\nlen. Trotz der zahlreichen Fehler der ersten deut-\nschen Ausgabe muß sie als etwas besser angesehen\nwerden und als im geringeren Grad „verstüm-\nmelt\", und sie entstellt weniger Strindbergs Arbeit\nals die Scherings. Es ist wahr, daß die Ueber-\nsetzung Scherings in dem Maße, in dem er dem\nText Strindbergs folgt buchstäblich getreuer ist.\nAber erstens kommen auch bei Schering verschie-\ndene Mißverständnisse des französisch eil Textes\nvor; ich habe mich veranlaßt gefühlt, auf die gröb-\nsten hier unten in der stillen Hoffnung hinzu weisse.;;,\ndaß sie noch bei einer neuen Auflage berichtigt\nwerden können. Diese Fehler machen aber nicht\ndas Wesentliche aus, was gegen die Uebertragung\nScherings zu bemerken ist. Dies hätte man über-\nsehen können, wenn die Uebertragung sonst auf\neinem hohen Standpunkt stände. Das schlimmste\nbleibt, daß die Uebersetzung Scherings durch\nund durch in Stil und Ton mittelmäßig ist.\nSchering hat nicht einen Funken von künstleri-\nschem Ehrgeiz und künstlerischer Begabung; seifte\nUebersetzung ist eine ziemlich loddrige Fabrikar-\nbeit, ohne Versuch dem Flug Strindbergs und der\nNüance an der Darstellung zu folgen. Von der Liebe\nzum Werk Strindbergs, womit Schering sich gern\nschmückt und die man bei ihm auch nicht ganz\nverkennen kann, merkt man nichts in dieser Ueber-\nsetzungsarbeit; besonders treten die Mängel im\nersten Teil des Buches hervor. Der erste anonynle\nUebersetzer hatte wenigstens Das vor Schering\nvoraus, daß er deutsch schreiben konnte. Schließ-\nlich und drittens hat Schering Le plaidoyer d'un\nfou dadurch entstellt, daß er auf eigene Faust in\ndas Werk Gedichte und Prosastücke von Strind-\nberg einfügte, die der Autor in anderem Zusam-\nmenhang veröffentlicht hat. Diese Stücke hat Sche-\nring urteilslos eingefügt und wo sie stehen, zer-\nstören sie auf eine besondere Art Ton und Stim-\nmung des umgebenden Textes. So ha- t; er (Seite\n280 bis 282 der deutschen Ausgabe, Seite 292 nach\nZeile 7 der schwedischen) das Gedicht „Hochsom-\nmer im Winter\" eingefügt (aus „Gedichte 1883\");\ndie helle Stimmung dieses Liebesgedichts kämpft\ngegen das Disharmonische in dem betreffenden\nKapitel. Ebenso hat er (Seite 299 bis- 310 der deut-\nschen Ausgabe zwischen den Kapiteln VIII und IX,\nnach Seite 306 der schwedischen Ausgabe) als ein\nbesonderes Kapitel die Schilderung „Sonnenrauch\"\naus den „Gedichten\" eingefügt. Weiter hat er\n(Seite 320 der deutschen Ausgabe, Seite 316: „Wir\nSchwedischen) unbegreiflicher Weise die Prosa>\narbeit „Ist es nicht genug\" eingefügt (sie befindet\nreisen nach der romanischen Schweiz ab\",, im\nsich in Band 22; Prosastücke von 1880 der Gesamt\nmelten Werke) schließlich (Seite 369 der deutschen\nAusgabe, Seite 353 nach Zeile 5 der schwedischen\nhat er ebenso eigentümlich das Prosastück „Auf\nzur Sonne\": (in Band 22 Prostastücke von 1880\nder Gesammelten Schriften) eingefügt Endlich hat\ner die „Einleitung\" Strindbergs als „Epilog\" an den\nSchluß der Uebersetzung gestellt, was umso un-\nmotivierter ist, als diese Einleitung die nächstlie-\ngende Motivierung ist, warum Strindberg sein\nWerk schrieb. Als „Nachwort\" hat er Strindbergs\nbeide „Vorworte\" zu Le plaidoyer d'un im\\\n(Rechtfertigung eines Irren) eingefügt sowie das\nGedicht „Der Holländer\" (zuerst veröffentlicht in\nFagervik und Skamsund 1902, später in „Wortspiel\nund Kleinkunst\" 1905) ein Gedicht, das aus einer\nanderen Periode des Lebens Strindbergs stammt\nals der von Le plaidoyer und das andere Inspira-\ntionsquellen hat.\nUebersetzungsffehler der deutschen Uebertra-\ngung Scherings von Le pladoyer d'un fou:\nSeite 32 Zeile 28 bis Seite 33 Zeile 2: Strind-\nberg: qui trouvent lä une compensation ä tous les\nrepas manques et remplacent par d'admirables rai-\nsonnements detaches, urt; pardessus mis au\nclou avant Fhiver fini. Schering: — und ersetzen\ndurch einzelne bewiunderswerte Schlußfolge-\nrungen einen noch vor Ende des Winters verpfän-\ndeten Ueberzieher.\nSeite 43, Zeile 10 bis 12: Strindberg: La poli-\ntique nous apparut donc comme une compromis-"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.11", "texte": "siöfi d'interets communaux ou particuliers. Sche-\nring: Die Politik erschien uns also als ein Aus-\ngleich zwischen kommunalen und privatenl Inter-\nessen.\nSeite 79, Zeile 30 bis Seite 80, Zeile 2: Strind-\nberg: Au comble de la desolation, je me disposai ä\nlui ecrire pour lui demander pardon, pour la sup-\npiier d'oublier ce qui s'etait passe, expliquant par un\nmaJentendu la deplorable impression que j'avais\nressentie. Mais les mots ne venaient point, ma\nplume restat inerte. Schering: Als meine Trost-\nlosigkeit den höchsten Grad erreicht hatte, setzte\nich mich hin und schrieb an sie, um sie um\nVerzeihung zu bitten. Ich bat sie, zu verges-\nseiiy was vorgefallen war, indem ich den beklagens-\nwerten Ei ndru c k, den ich bemerkt habe,\ndurch ein Mißverständnis erklärte. Aber die\nWorte kamen mir nicht, meine Feder\nblieb träge.\nSeite 120, Zeile 11 bis 13: Strindberg: le\ngravis les roches grasses et glissantes\navec leur revetement de mousse trempe par les\npfuies automnales. Schering: ich kletterte über\ngrosse (grasses!) Felsen, auf deren von den\nherbstlichen Regen durchnäßten Moosbekleidung\nich ausglitt.\nSeite 131, Zeile 12 bis 17: Strindberg:\nSe pourrait-il, nie dis-je, que ma preoccupation\ncüßstante de la baronne pendant ces derniers jours\neüt laisse une empreinte sur m a physionomie? —\n■Etait-il admissible en effet que l'expression de son\nvisage se füt stereotypee sur le mien, durant cette\ncorrespondance d'äme poursuivie depuis six mois?\nSchering: Hatte meine unablässige Beschäftigung\nmit der Baronin auf ihren (!) Gesichtsausdruck\neinwirken können oder (!) hatte der Ausdruck\nihres Gesichts während dieser sechsmonatigen\nSeelenverbindung meinen beeinflußt?\nZeile 17 bis 23: Strindberg: Le desir\ninstinctif de se plaire ä tout prix avait-il\nproduit une inconsciente selection des manies\n(mäste vara triyckfe! för manieres), des\nfa-Qon de regarder les plus seduisantes, au de-\npens des moins favorables qui s'etaient ainsi trou-\nvees supprimees? C'etait bien possible, tant il y\navait que la fusion de nos.deux esprits s'etait effec-\ntuee et que nous ne nous possedions plus. Sche-\nring: Hatte der instinktive Wunsch, einander um\njeden Preis zu gefallen, eine unbewußte Auswahl\n'der verführerischesten Arten des Anschauens ge-\ntroffen, während die weniger günstigen unterdrückt\nwurden? Es war sehr wohl möglich, daß\ndie Vermischung unserer beiden\nS€el e n stattgefunden hatte und daß\nwi r uns nicht mehr besäße n.\nSeite 181, Zeile 5 bis 9: Strindberg: Traduction\nlibre: un desir violent d'etre enceinte, le rut de la\nfem eile ayant ete des annees amoindri, deguise\nsoits la pudicite, mais eclatant, quand meme, un\njour ou l'autre, par l'adultere, Schering: In freier\nUebersetzung: ein heftiger Wunsch nach Schwan-\ngerschaft, die Brunst des Weibchens, die sich\nin den Jahren vermindert, unter Ehrbar-\nkeit verkleidet hat, aber trotzdem eines Tages\n. durch den Ehebruch ausbricht.\nSeite 201, Zeile 19 bis 21: Strindberg: Coeur\nsensible s'i 1 enfut, il nous avait en affection.\nSchering: Empfindsamen Herzens, wenn er es\nwar (?) hatte er uns gern.\nSeite 202', Zeile 12 bis 14: Strindberg: Elle\narrive dans un fiacre, traine par une rosse que le\ncocher mene ä bride abattue. Schering: Sie kommt\nin einer Droschke, die von einer Mähre gezogen\nwird, welche der Kutscher am Zügel\nfii Ii r t (?).\nSeite 235, Zeile 1 bis 3: Strindberg: dit-elle,\navec cet air piteux qui de decele par instants\nson inferiorite jamais ouvertement avoue-e. Sche-\nring: sagt sie mit einem kläglichen Gesicht, das\nmir einen Augenblick ihre niemals eingestan-\ndenen Inferiorität verrät.\nSeite 266, Zeile 6 bis 8: Strindberg: je pensais\nfaire tout juste ce Qu'un homme du monde aurait\nfait ä ma place. Schering: ich hielt alles für\nrichtig, was ein Mann von Welt an\nmeiner Stelle getan hätte.\nSeite 269, Zeile 13: Strindberg: — On ne voit\njamais le mari, repetait-on. Schering: — Man sieht\nniemals den Mann, wiederho 11 sie.\nSeite 287, Zeile 11 bis 12: Strindberg: son pro-\npre enfant — veritablement abandonne aux mains\nd'une megere vicieuse de quarantecinq ans. Sche-\nring: das Kind wird tatsächlich den Händen einer\nbenachbarten (vicieuse!) Megäre von fiinf-\nundvierzig Jahren überlassen.\nSeite 298, Zeile 27 bis 28: Strindberg: Tandis\nque se deroule le ruban des miseres de mon ma-\nriage. Schering: Während sich das Elend meiner\nEhe langsam (?) wie ein Band abrollt.\nSeite 305, Zeile 15 bis 16: Strindberg: Et par ce\ncoeur d'ete, mes forces revenues, je chante. Sche-\nring: Den Sommer im Herzen, singe ich mit fri-\nscher Kraft.\n. Seite 315, Zeile 19 bis 21: Strindberg: avec sa\n(\nperspicacite primesautiere, il avait penetre mes se-\ncrets sans doute. Schering: mit dem Scharf-\nblick, der den ersten Eindruck be?\ngleitet, hatte er mein Geheimnis ohne Zweifel\ndurchschaut.\nSeite 318, Zeile 4 bis 5: Strindberg: D'une fai-\nblesse extreme, je passe des heures sur un ca-\nnape. Schering: Aeußerst schwach, verbringe ich\ndie Stunde n auf dem Sofa.\nSeite 341, Zeile 30 und Seite: 342, Zeile 7 bis 8:\nStrindberg: Type de rousse, la rousse, Schering:\nRussischer Typus und Russin: Dieser\nUebersetzungsfehler ist umso ungereimter, als\nmehrmals in dem umstehenden Text (auch in\nder Uebersetzung von Schering) die Freundin als\nDänin charakterisiert wird!\n\nJohn Landquist\n\nBaumeister Solness\nHerwarth Waiden\nEs erübrigt sich die Bedeutung von Henrik\nIbsen zu betonen und sein großes Kunstwerk Bau-\nmeister Solness zu besprechen. Das Besprechen\nist noch schlimmer als das Sprechen. Wenigstens\ndas Besprechen, das keine Wunder tut. Nur Kunst-\nkritiker müssen besprochen werden, damit sie\nschweigen lernen. Die Sprache ist den Herren so\ngeläufig, daß sie die Zunge erst im Zaum halten,\nwenn die Peitsche droht. Ließe man sie auch ohne\nZaum und Zügel über die so überaus beliebten\ngrünen Wiesen laufen, kein Schrei würde aus\nihrem Munde dringen. Sie würden nur das Maul\naufreißen, um Wörter hervorzustoßen, die nicht\nmenschlich sind und deren sich die Tiere nicht be-\ndienen. Es mögen ja außerordentlich gute Men-\nschen sein, diese Kunstkritiker auf den grünen\nWiesen, sie mögen es ganz ehrlich meinen, daß sie\nbei Kunst kein tierisches Wohlbehagen empfinden,\nnicht satt werden und nicht warm werden. Doch\nsind sie sehr empfindsam. Sie frieren, wenn der\nKünstler aus Norwegen stammt, wo es so kalt ist.\nSie schreien nach Brot, wenn sie eine Künstkarte\nbekommen und nach Kunst, wenn die Brotkarte für\nihren übermäßigen Magen nicht ausreicht. Auch\nvon den Kunstkarten werden die Abschnitte abge-\ntrennt und was dabei an Kunst übrig bleibt, war\nnicht einmal für eine Woche giltig. Wenn die Be-\nsprechenden besprochen werden und die Bespro-\nchenen kann man vielleicht Ehrfurcht vor dem\nKünstler heraufbeschwören.\nDie Leute, die die „alte\" Kunst gepachtet haben\nbefinden; sich auf fremdem Boden. Kunst ist nie-\nmals alt und niemals neu und ein Künstler, der un-\nter die Erde ging, und ein Künstler, der auf der\nErde geht, bleibt Kunstfremden, also vor allem\nKunstkritikern, gleich fremd. Wenn der Körper\neinen Geist aufgibt, stürzt sich alles auf ihn, was\nkeinen Geist besitzt. Die Kunsthistoriker und die\nKunstjournalisten klauben nach Krümeln, die sie\nverspeisen können und von denen sie sich nähren.\nGewiß, Sammeln gehört zu diesem Handwerk.\nAber ein Krümel macht nicht satt, wenn er nicht\nverdaut werden kann. Und auch die Krümel sind\nnur zu gebrauchen, wenn sie in einen besonderen\nMülleimer säuberlich zusammengepackt werden.\nUnd gut sortiert. Das gibt eine Speise nach Jeder-\nmanns Geschmack. Aber durch Geschmack ist noch\nniemals Kunst entstanden.\nNicht nur ein reiner Magen, auch reine Hände\ngehören zum Kunstbegreifen.\n*«»\nHilde Wangelist kein Backfisch, die Kunst\nkeine Angelegenheit für ältere männliche Back-\nfische. Hilde Wangelist der Glauben an das Künst-\nlerische. Sie fordert; Luftschlösser von ihrem Bau-\nmeister. Sie ist das unschöpferisch Schöpferische,\ndas dem schöpferisch Unschöpferischen helfen\nwill. Da kann man nicht helfen. Und als der Bau-\nmeister versagt, schon bei einem richtigen Bau\nversagt, der lange nicht bis zur Höhe der Luft-\nschlösser ragte, bleibt für Hilde Wangel nur ihr\nBaumeister übrig, das Geschöpf einer Schaffenden,\ndie nicht schaffen kann. Etwas, das Gestalt war,\nohne gestaltet zu sein. Mein Baumeister.\nMein Baumeister, sagte Else Basser mann,\ndie Darstellerin der Hilde W-amgel. Unter ihrem\nSpiel, das nur ein Glücksspiel mit zahlreichen Nie-\nten ist, wurde der Gatte m ean Bassermann. Ob-\nwohl Albert Bassermann vielleicht der B a umei-\ns t e r werden könnte.\nDie Gesamtaufführung im Lessingtheater war\nNachahmung. Nachgebildet von einem Unschöpfe-\nrischen, der sich vor das Schöpferische stellt, da-\nmit man ihn sieht. Aber man sieht ihn trotzdem\nnicht.\nDie Berliner Presse freute sich, Ibsen wurde\nihr durch die Aufführung menschlich nahe ge-\nbracht. Dieses Zeitungsdeutsch heißt übersetzt: Ein\nKrümel wurde gefunden, man kennt ihn, aber man\nweiß nicht, wo er herkommt. Oder: Eigentlich ist\nder Baumeister Solness ein Mensch wie unsereins,\nnur etwas zu nachdenklich, die Hilde Wangel wie\neine Tochter von unsereins, nur etwas idealistisch,\nund seine Frau wie unsereins seine Frau „man\nmöchte sie sehr liebhaben und trösten44 sagte die\n„Presse\". Natürlich hat unsereins die Frau Bau-\nmeister lieb. Oder, mit der Tiefe des Berliner\nTageblattes gesagt: „Vorher gelangt das kaum\nerhoffte, das, wenn die Sache richtig angefaßt\nwird, die menschlichen Bezüge aus der grübleri-\nschen Ornamentik herauszuholen und ans Licht zu\nstellen sind/4 Hoffentlich hat man auch die mensch-\nlichen Bezüge ordentlich gewaschen ehe sie so ans\nelektrische Licht gestellt wurden. Es ist zum Auf-\nhängen. Wenn nur die Sache richtig angefaßt wird,\nlassen sich selbst aus der grüblerischen Ornamen-\ntik Stricke aufdrehen, die wie menschliche Bezüge\naussehen und die dem Lessing-Theater sei Dank\nohne Beziehungen zur Kunst sind."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150401-01.1.12", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen lalmits fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebung von Wor-\nten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durch\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespalteae Zeile\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Ve rl ag\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen befeih sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verla«:\nF. Hämisch / Berlin W 3S\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nNotiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Storni*6\nnur einmal monatlich als Doppelmimmer. Die Mai«\nDoppelnummer erscheint am fünfzehnten Mai.\nVerlag Der Sturm\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W Potsdamer Strafie 134 a\nZweiunddreissigste Ausstellung\nIsaac Grtinewald ( Stockholm\nSigrid Hjerten-\nGrunewald / Stockholm\nEdward Hald / Stockholm\nEinar Jolin / Stockholm\nGosta Adrian-Nilsson / Lund\nQeSffnet t&gtlcb von 10—6 Uhr / Soimtags von\n11—2 CJkr\nEifitrltt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMoaailicher Wechsei\nSturm-Ausstellungen in Deutschland\nApril 1915\nHamburg: Franz Marc\nGenf: GescWossen\n\nVerlag Der Sturm\nBorite W 9 Potsdamer SiraSe 194 a\nFcrmrtsf Ami L&tsow 4443\nHalbmonatsschrift Der Sturm\nErseMol am eratoo und Wat Monats\nDauerbezug\nGewtthnliche Ausgabe F ii r Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMaris: / Ein fialbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig / Fur das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes / Probenummer umsonst\nSanderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplar'e auf holzfreiem Papier, Ver-\nsetidung in Roll en direkt durch die\nPost f ti r Deutschland und Oester-\nrelcfa-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark /\nEta fialbjahr 6 Mark / Ffir das Ausland:\nEtn Jahr 18 francs / Ein fialbjahr 9 francs / Von\ndteser Ausgabe werden Vierteljahrsbezflge, Einzel-\nnummern und Probenummern nicht abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahr gang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark /Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark / Vierter Jahrgang* 154—203: 6 Mark / Am\n1. Juli wird der Preis des vierten Jahrgangs auf\n10 Mark erhoht / Fiinfter Jahrgang: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm 1st durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowle direkt\n'dwell den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nzlehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstXnden auf\nFalls dlrekte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den B e t r a g fiir den\nDauerbezug bei der Bestellung Oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum filnften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, da8 E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokosc&ka: Zwanzlc Blatt Zeichauagea j\nStrichttzung / Auf Kaiseriich Japan-Papier ia\nLnxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kartoa Is ®ta-\nfacherer Mappe 12 Mark\n\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nzig ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nBueher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufei / Tragodie / Ihr stilles\nQ1 iick —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft /\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman I 2 Mark\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark ! Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Gelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\n/ Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAugust Stramm: Du / Liebesgediehte / Qebunden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsan n a / 50 Pfennig / II: August Stramm: R ud i -\nmen tar / 50 Pfennig ./ Ill: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHIngematte des Riuge / VII: Adoff Be line: Zur\naeuen Kunst / 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth WaWen: Dafaislieder / Zu Oe«\ndichten von ArnoHolz / Fir Qesang und Kift-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Hummer 1 einzela: Er\nhdrt mit ihr den Gukguk schreyn / 50 Pfennig\nDer Sturm / Heeresmarsch / Fur Klavier f\n50 Pfennlc\nKunstlerpostkarten { Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFnturlsten: Umber to Boccionlr Das\nLaches / Lnigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht / Zug in voller Fahrt / OinoSeve-*\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umber to Boccionl r Abschted/\nKandinsky: (Composition 6\nFranc Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nJacoba van Heemskerck: Biid 2 / Bi!d 15\nAugust Macke: Spazierg^ng\nKarten von Macke / Mfinter / Marc Chagall(4)/\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / (Seizes\nI Archipenko J usw\nErschienen bislier 35 verschiedene Kartell\nIllustrierte Sturm- Aus tel lungs kataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupiim\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall / Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutscher fierbstsaloa / Mit fOnfzig Ab-\nbildungen In Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoscbka: Plakat fflr die Zeitschrlft\nDer Sturm / OriginaMitfaographie I Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenk6pfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nGemalde / Aquarelle / Zeichnungen J\nHanddrucke / Plastiken\nsind von folgenden Kunstiern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko / Oskar\nKokoschka / August Macke / Paul Klee / Cart\n\nMense / Campendonk / Gabrielc Miimer / Jaw-\nlensky / Marianne von Werefkio / Albert Kodi /\nHans Arp / Picasso / Albert Gleises / Jean Metzin-\nger I Marc Chagall I Feraasd Lexer / Jaeaba van\nlieemskerck / Otakar Knbin / EmO FIfta /\nBenes / Otto Gutfrennti / Bocclonl / Severfcfl '\nCarra / Russolo / Francis Picabla / ScJamidt-\nRottluff I Waiter Helbfg / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung- Herwarth W a I d e ft / Zwolftes\nJ a h r I Jahresbeitrag 20 Mark 1 Reekie der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrtft der\nSturm / Freier Besuch aller $\nJedes Jahr frei eine Sturmpttblikation\nDas zwdlfte Jahr begiimt am 1. April if 15 / Die\nSturmpublikation, die die Mitglieder des Versins\nfilr Kunst im Jahr 1915/16 frei erhaften, 1st: litems-\nkerck handgedruckter und signierie HolzSchflit! aiif\nKaiserMch Japan-Papier\n\nZeitschriften\nLa Cerba / Halbmonatsschrift / FIopcrz / Vis\nNazionale 25\nUmetecky Meslcalk / Monatsscbrift ffr ncue mart\nalte Kunst / Administration Prag ! 5 Veleslavisova\n\nAnzeigen\n\nSoeben ersdiienen: Heemskerck-Mappe; Sesflte\nhandgedruekte und ernzeln signierte\nschnitte / Auflage 30 Mappen / Mappe 1—5 Yozbg*\nstellt I Mappe 6—30 je einhundert Mark / Yetlajf:\nDer Sturm Berlin W 9\nGeinalde Gauguin zu verkaufen / Aoirmcm vex-.\nmittelt Verlag Der Sturm, Berlin W9\nPoet-Lore Begrundet 1890 / Erne Zweimo*iats~\nschrift, gewidmet der Dichtung und dem Drama\nder Gegenwart in alien LSndern / Probeheff gegm\nEinsendung von 6 Mark 50 Pfennig / Jakrestrasifg\n21 Mark / Verlag Richar d G. Badger f Boston\nI Mass I USA 194 Boylston Street\nUmber to Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduziofu qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Mlanc\n/ Con ritratto dell'autore / Preis M 3,58 / Zu be-\nZiehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsalx-\nund Deckelpapiere flir Blichereinbftnde / Master\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo aueh Bestel-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- tied\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}