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Oft hält er auch die Parasiten auf\nihr für eigenes neues grünes Leben und freut sich\nseiner allerdings leicht graugetrübten Schönheit.\nDie Wurzel fehlt. Und da er sie selber nicht hat,\nsucht er sie wo anders, beim Volk. Jeder künst-\nlerisch Unbegabte macht sein Volk dafür verant-\nwortlich, daß er keine Begabung besitzt Sein\nVolk soll an ihn glauben, cla er es selber nicht kann.\nEs soll je nach der Temperatur nur an Eichen oder\nPalmen glauben. Denn im Süden sind die Ei :hen\nund im Norden die Palmen unnatürlich. Die Natur\nmuß sich beschränken lernen, damit der Kitscher\nseine Ersatzwurzeln findet. Natur gibt es nur auf\nder Erde, nicht unter ihr und nicht über ihr. Diese\nKunst ;st unnatürlich, deren Wurzeln Jener nicht\nsieht. Würde aber einer die Wurzeln malen, die\n. Jener auch bei bester Gesundheit nicht sehen kann,\nso wäre er wieder unnatürlich. Zwar wohnen\nnoch Leute hinter den Bergen, die man nicht sieht,\naber hinter den Welten ist die Geschichte aus, die\ndurch Sehen festgestellt werden kann. Die Maler\nfreuen sich, daß sie sehen, was Andere gesehen\nhaben. Sie malen, weil Rembrandt gemalt hat.\nAber Rembrandt hat nicht gemalt, weil sie malen.\nWeswegen hat nun wohl Rembrandt gemalt? Er\nhatte es als Holländer etwas einfacher, weil ihm\ndie Wurzeln zwar nicht seines Volkes, aber der\nTulpen offener zutage lagen. Er konnte die Natur\nohne größere Anstrengung sogar zu Hause beob-\nachten. Wenn ihn also auch die Kunst in dieser\nHinsicht nicht so sehr zwiebeln konnte, ist do h\ndamit noch nicht alles erklärt. Im Gegenteil, die\nSache wird immer schwieriger. Wer seine Wur-\nzeln bei Andei n sucht, ist solide. Solide Menschen\nhaben stets ein lebhaftes Interesse für Unsolidität\nUnd jeder Unsolide ist wurzellos, wie jeder Schrei-\nber seit hundert Jahren schreibt. Wem läge nun\ndie Prüfung auf Solidität näher als dem Ver-\ntrauensmann des Wirtschaftlichen Verbandes zahl-\nloser Künstlerverbände, der sogar Berufsmaler ist.\nDieser Herr, der ein Verkündigungsblatt des Künst-\nlerverbandes leitet, das Alles enthält, nur keine\nVerkündigung (der Gott zeigt sich nur Gläubigen,\nnicht Gläubigern), dieser 'Herr hat rechnerisch fest-\ngestellt, daß solide Durchschnittsarbeit weniger\nGeld einbringt als „Bluff\". Arm, also ehrlich.\nReich, also unehrlich. Die neue wirtschaftliche\nErkenntnis des Künstlerverbandes. Für einen so-\nliden Stuhl zahlt Jedermann gern eine Mark weni-\nger. Bei einem unsoliden Brillanten kommt es auf\ndreißig Mark mehr nicht an. Wozu soll man Ringe\ntragen, auf die man sich nur mit Schmerzen setzen\nkann. Der solide Bürgersmann freut sich lieber\nüber einen unbequemen Stuhl. Die soziale Frage\nfür den wirtschaftlichen Verband wäre also eigent-\nlich gelöst. Man male Bluff, und das Geschäft ist\nrichtig. . . gehört zu den Künstlern, die außer-\nordentlich viel können. Mit seiner guten so-\nliden Durchschnittsarbeit hatte er\nkeinen materiellen Erfolg erzielen können; unter\neiner glänzenden geschäftlichen Erkenntnis ging\ner zur rechten Zeit zum Bluff über, der ihm\ndas Geld amerikanischer, russischer und leider\nauch deutscher Snobs in die Tasche brachte. Ich\nerinnere mich seiner sehr wohl, wie er mit mir im\nselben Hause eine kleine Parterrewohnung für\ndreißig Franken im Monat mit Frau und Kindern\nbewohnte. Drei Jahre später war er Besitzer eines\nschönen Landgutes vor Paris/1 Leider wird nicht\nmitgeteilt, worin der Bluff bestand, trotzdem es\nfür einen wirtschaftlichen Verband doch recht\nmarktwertvoll wäre. Ich erinnere mich übrigens\nsehr wohl, wie ich im selben Hause mit Rembrandt\nwohnte, für dreißig Gulden im Monat Später ging\nes ihm auch recht gut. Er wird also wohl den Bluff\ngefunden haben. Dann verlor er zwar wieder\nseinen Besitz, weil seine Unsolidität zu unsolide\nwurde und der Bluff nicht mehr zog, bis ihn lange\nnachher ein gewisser Herr Manet wieder fand.\nDann erinnere ich mich sehr wohl, wie ich später\nmit einem gewissen Herrn Cezanne eine kleine\nParterrewohnung für dreißig Franken bewohnte.\nEr ging auch zum Bluff über, aber zur unrech-\nten Zeit. Aus dem Landgut wurde nichts, und dii\nSnobs kauften zur Abwechslung lieber mal wieder\nsolide Durchschnittsarbeit Hingegen kenne ich\nwirtschaftliche Künstler, die schon ein Landgut be-\nsaßen, bevor sie solide Durchschnlttsarbeit malen\nließen. Auch Selbermalen auf solide Weise macht\nfett. Davon weiß die Kunstgeschichte manch\ndicken Namen zu nennen. Mir scheint nach meinen\npersönlichen Erfahrungen die Beweisführung über\nsolide Kunst auf Grund von Wohnungsmieten recht\nunsolide zu sein. Beethoven zum Beispiel konnte\nmit seiner guten soliden Durchschnittsarbeit keine\nmateriellen Erfolge erzielen, während es Richard\nWagner zu einem schönen Landgut vor Bayreuth\nbrachte. Der hat also auch den Bluff gefunden.\nWahrscheinlich wird mir der wirtschaftliche Ver-\ntrauenskünstler erklären, daß Musiker keine Künst-\nler seien. Hören ist nämlich lange nicht so natür-\nlich 'wie Sehen. Man hat ja sogar schon gehört,\ndaß Böcklin kein Künstler sei. Hingegen hat es der\nwirtschaftliche Verband gesehen, daß er\neiner ist.\nWo liegen nun die Wurzeln der Kunst?\nIm Volke? Hinter den Bergen?\nHinter den Welten.\nWer Augen hat, zu hören, der fühle."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "26", "page_fin": "27", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.4", "titre_corps": "Frühe Gedichte II", "titre_sommaire": "Frühe Gedichte II", "signature_source": "Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.2", "debut_caractere": 5371, "fin_caractere_exclue": 7944, "texte": "Frühe Gedichte II\nAdolf Knoblauch\n\nAn den April\n(nach einem Gedicht von Joaquim Du Beilay)\nApril, du Gnade und Lachen der milchfarbigen\nGöttin,\ncyprisische Anmut du, mit deinem süßen Atem,\nApril, du Geruch der Götter, den sie im Himmel\nfühlen\nvon tiefer Erde herauf.\nO du bist es, du Höflicher, Zierlicher,\nder du aus der Verbannung zurückbringst\nall deine Zugvögel,\nalle diese heitren Singenden,\ndie mit dem Frühling kommen\nund des Frühlings sind\nvorauf glänzende Gesandte.\n\nMädchen im Meer\nEntgürte dich zu blanken Hüften,\nschimmerndes Mädchen! eile dich, eile,\nsenkst du deine Glieder ins Meer,\ngibst du dich preis dem Meer!\nUnd der atmende Wind, herb duftend,\nstürmt behend in dein Kleid,\nsdhlingt um schmale Hüften\nweinend die minnige Flut,\nsteigt umflorten Augs\nzu der himmlischen Trift empor!\nSenkst du deine Glieder, Mädchen, ms Meer,\ngibst du dich preis dem Meer!\n\nAn den ewigen Frühling\nAus donnernden 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Bau,\nc du zärtlich gekrönte Frau!\nbargen die Wälder dich Bebende dicht,\nich sucht dich lang: ich fand dich nicht!\nRief zur Vesper Glocke läutend im Blau,\no in Treuen selige Flau,\nzetert ich lang, doch du lächeltest nicht.\n\nWippenlied\nSo im Auf- und Niederschweben\nwill ich dich zum Himmel heben,\nwill ich dich zur Erde neigen;\nalles, das du siehst, sei dein!\nHoch im Himmel,\nTief zur Erden,\nin dem dunklen Abendschweigen\nsollst du irdisch niedrig werden,\naus dem Niedren freier werden\nSchwester hohem Sternenblau!\nDu steigst nieder, Mädchenweiß,\nleuchtest meiner Erdennacht\nkindertoller Glitten heiß,\nUnband, der die Blütenbäume\nlachend rüttelt,\nin des Haines Silberstimmen\nfeuerfarbnen Aufruf wirrt . . ."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5404, "texte": "So berauscht von deinem Lachen,\nhoch von dir emporgehoben,\nwill ich trunken dieses Leben,\ndas in Finsternis verwoben,\nnicht mehr fühlen, nicht mehr loben,\nwill versinken unter Kränzen,\ndie von dichten Rosen duften,\nselig singen, toll vertaumeln\nmeine Kräfte, still verglänzen\nhoch am Himmel, über Grüften,\nals dein weißer Liebesstern!\n\nLied im Mittag\nSei stille Geliebtester!\nDie Wälder, in denen du schläfst,\nsingen dir Wiegenlieder,\nhöre genau:\nsie singen mit meinem Mund.\nMittag, der über dir am Himmel steht,\numschlingt dich mit seiner Wärme,\nmit weichen, weißen, süßen Armen,\no fühlst du Geliebtester,\nwie des Mittags Arme,\nmeine schneeweißen Arme,\nDich an die lieblichsten Brüste pressen!\nUeber dir schimmre ich im hohen Himmel,\nbin Gottes Auge und heiße Sonne\nund lenke alle Gestirne.\nUeber dir bin ich und spiegle mich\nlächelnd in deinen Wunderaugen,\ndu mein seliges Kind!\nDie Vögel schießen Lieder aus Schnäbeln,\ndie den langen Tag Nährung bringen,\nin die linden Lämmerwolken,\nund hören nicht auf, singen immer wieder,\nimmer wieder mit zagen Lauten,\nkleine Vögel, die ihrer Seligkeit zuwachsen.\nStill mein Geliebtester!\nwanderst du über die unendliche Erde,\nmüder als alle die Anderen,\nschaust alle Gestalten,\ndie unter uns irdisch erstanden,\nnäher der ewigen Schönheit,\nund leidest bittrer alle Schmerzen\nzu deiner Verklärung.\nSiehe, mit der Wolke fahre ich über deinem Leben\nund umhülle dich mit meiner Weiße,\ndie verbrämt ist von Strahlensilber!\nDu Allerstillstes!\nDie Biene summt, und du bist allein auf weiter\nErde,\nschau dich nicht um, blick in dich hinein,\nschließ die Augen, daß durch die Lider\ndie Sonne tiefpurpurn glüht,\nund horche, horche genau . . .\nAus weiter, weiter Ferne spricht meine Seele wei-\nnend zu dir,\njetzt, o ich komme Du, mit der Allmacht meiner\nLiebe\nstürze ich zu dir nieder,\nküsse dich und atme schwer und küsse dich,\nbis alles versinkt.\nSei stille, schlafe ein, mein Kind,\nund ich bin die Nacht, in der du schläfst?\n\nGewebe der Hände\nWer das Gewebe wohl kennt,\ndas seiden zwischen Himmel und Erden gespannt,\nin dessen Rosenflören wir alle\nmit weißem Kindesleib\newig verflochten bliihn!\nWer die Hände wohl kennt,\ndie bei sinnigem Wandeln\nmilde gereicht\nund stützend vertraulich,\ndie in die Rosenflöre zwischen Hinmiel und Erden\nmit weißem Kindesleib\nunausdenkiieh uns flechten!\n\nAbendlied\nHimmlische Greise\nwandeln mit seligem, abendrotem Lächeln\ndurch die Gassen . . .\nEin Jüngling geigt stillen Sang\nüber den Dächern im frommen Blau.\nDas die Sterne umringen\nnimmermüden Laufs,\nHerz in goldener Abendsonne,\nin seinen Tiefen bebt das Ali\newigen Preis dir Singendem.\n\nSommerlied\nDer Sommer erhebt sich bis an die Sterne,\nwir folgen ihm alle gerne,\nAugen sehen wunderbar das Klein und Große,\ner verteilt nach Seligkeit die Loose.\nEr senkt sich in das dunkelblaue Wasser, in die\nweißen Schwäne,\nund lockt und zirpt wie Grillen,\ner steigt ins wehende Blätterhaar der weißen Birke\nam Seegestade und flötet durch den blauen Abend,\nwo ein Kmdlein rosig schläft\nim grünen Gras bei roten Pilzen.\nAltäre ragen lustreich in den Kränzen,\nund himmelan steigt Ghit und Rauch\nzu zierlicher Tauben kreisend weißem Flug.\nDer selige Sommer umfängt die selige Kraft\nund atmet zum erstenmal in nackten Armen.\nLust reißt und zehrt mit Fieberkräften,\nSommer, -der dunkelgoldne Riese,\nruht, die schlanken Glieder lösend,\ntrunken mit schwerer Wucht auf seinen Vulkanen.\nSchaudernd erwacht er,\nfindet sich allein mif grauen Wolken\nüber Freund und Herz und Stadt,\nund namenloses Weh ergreift Ihn,\nsich in die Wirbel drunten hinzuwerfen.\nDoch sacht berührt ihn Bramas heiliger Finger,\nund er schaut und freut sich seiner Sehnsucht,\nnoch einmal an der Himmelstür zu ruhen,\nschauend immerdar!\nDer Sommer webt am Himmel,\ndie herrliche Erde bebt,\nund alles Toben höret auf.\nDie Mitterrnacht sticht mit dem Zeigefinger bange\nRunen,\nzu vergessen, zu erkalten, des Wahnes zu lächeln,\nin sein Herz.\nNoch einmal sieht er Liebende auf roten Bergen\ngehen,\ndann gleich sinkt Regen nieder,\nund der graue Himmel füllt sich mit fernen, eisigen\nSträhnen.\nDa sinkt er heimwehkrank zur Erde,\nüberwach, übernächtigt\nnach schmerzensreicher Nacht,\nwann sich der neue, blasse Morgen kündigt.\n\nDrei Steine\nIch habe nichts bewahren sollt\nals drei von schönen Steinen\nund ein Kästchen von Gold,\ndarin sie scheinen.\nDer eine ist aus dem Himmel gefallen,\nkühl kleiner Tropf von Kristallen,\nim Traum in meine Knabenhand\nam perlen reichen Meeresstrand.\nDer zweite ist korallenrot,\nDen schlangen im klaren Meer\nam silbernen Bande blutendrot\nGlashände um nieine Hüften her.\nDer dritte ist von mildem Blau,\nsehr zart und hold im Schein,\nDen schenkte eine schöne Frau\nin meine Lippen ein.\nEinst senkt von blassem Elfenbein\nmit rosenfarbenem Kranz\nmein totes Haupt ins Kästchen ein:\nliegt sanft in dreier Steine Glanz!\n\nBlutige Rose\nIch hebe, von vielem Weinen müd,\ndeine welke Rose du!\nSie ist so rot wie Abendlicht\nund duftet süß und abgeblüht\nmit kühlem Grabgeruch.\nSie hob im Traum eine weiße Hand,\njuwelenreiche, heilige Hand\nzum blassen, milden Mund.\nDann senkte sie herb den seligen Kelch,\nbetaut von Sternen klar,\nin mein klingend zersplissenes Herz,\ndavon er blutig ward.\nAus Augen blau wie der himmlische Saal\nsank eine Träne weh,\nbrannte zu kaltem Edelstein\nund weiß mein Herz wie Schnee.\nPrangend der ewige Morgenstern,\nfernzittert über jungem Rot,\nkühl in meinen Händen die Rose glomm,\nglich einer Krone von Gold."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "26", "page_fin": "26", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": 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"fin_caractere_exclue": 7460, "texte": "Tageszeiten\nEs glühten die Frühwölkchen vom rosigen Licht,\no du gebenedeite Frau!\nGlänzten meine Schuhe von viel kühlem Tau,\nich sucht dich lang: ich fand dich nicht!\nBrach des Mittags Donner aus gewölbtem Bau,\nc du zärtlich gekrönte Frau!\nbargen die Wälder dich Bebende dicht,\nich sucht dich lang: ich fand dich nicht!\nRief zur Vesper Glocke läutend im Blau,\no in Treuen selige Flau,\nzetert ich lang, doch du lächeltest nicht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c009", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "26", "page_fin": "27", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.4.5", "titre_corps": "Wippenlied", "titre_sommaire": "Wippenlied", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.2", "debut_caractere": 7462, "fin_caractere_exclue": 7944, "texte": "Wippenlied\nSo im Auf- und Niederschweben\nwill ich dich zum Himmel heben,\nwill ich dich zur Erde neigen;\nalles, das du siehst, sei dein!\nHoch im Himmel,\nTief zur Erden,\nin dem dunklen Abendschweigen\nsollst du irdisch niedrig werden,\naus dem Niedren freier werden\nSchwester hohem Sternenblau!\nDu steigst nieder, Mädchenweiß,\nleuchtest meiner Erdennacht\nkindertoller Glitten heiß,\nUnband, der die Blütenbäume\nlachend rüttelt,\nin des Haines Silberstimmen\nfeuerfarbnen Aufruf wirrt . . ."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 334, "texte": "So berauscht von deinem Lachen,\nhoch von dir emporgehoben,\nwill ich trunken dieses Leben,\ndas in Finsternis verwoben,\nnicht mehr fühlen, nicht mehr loben,\nwill versinken unter Kränzen,\ndie von dichten Rosen duften,\nselig singen, toll vertaumeln\nmeine Kräfte, still verglänzen\nhoch am Himmel, über Grüften,\nals dein weißer Liebesstern!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c010", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "27", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.4.6", "titre_corps": "Lied im Mittag", "titre_sommaire": "Lied im Mittag", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.3", "debut_caractere": 336, "fin_caractere_exclue": 1955, "texte": "Lied im Mittag\nSei stille Geliebtester!\nDie Wälder, in denen du schläfst,\nsingen dir Wiegenlieder,\nhöre genau:\nsie singen mit meinem Mund.\nMittag, der über dir am Himmel steht,\numschlingt dich mit seiner Wärme,\nmit weichen, weißen, süßen Armen,\no fühlst du Geliebtester,\nwie des Mittags Arme,\nmeine schneeweißen Arme,\nDich an die lieblichsten Brüste pressen!\nUeber dir schimmre ich im hohen Himmel,\nbin Gottes Auge und heiße Sonne\nund lenke alle Gestirne.\nUeber dir bin ich und spiegle mich\nlächelnd in deinen Wunderaugen,\ndu mein seliges Kind!\nDie Vögel schießen Lieder aus Schnäbeln,\ndie den langen Tag Nährung bringen,\nin die linden Lämmerwolken,\nund hören nicht auf, singen immer wieder,\nimmer wieder mit zagen Lauten,\nkleine Vögel, die ihrer Seligkeit zuwachsen.\nStill mein Geliebtester!\nwanderst du über die unendliche Erde,\nmüder als alle die Anderen,\nschaust alle Gestalten,\ndie unter uns irdisch erstanden,\nnäher der ewigen Schönheit,\nund leidest bittrer alle Schmerzen\nzu deiner Verklärung.\nSiehe, mit der Wolke fahre ich über deinem Leben\nund umhülle dich mit meiner Weiße,\ndie verbrämt ist von Strahlensilber!\nDu Allerstillstes!\nDie Biene summt, und du bist allein auf weiter\nErde,\nschau dich nicht um, blick in dich hinein,\nschließ die Augen, daß durch die Lider\ndie Sonne tiefpurpurn glüht,\nund horche, horche genau . . .\nAus weiter, weiter Ferne spricht meine Seele wei-\nnend zu dir,\njetzt, o ich komme Du, mit der Allmacht meiner\nLiebe\nstürze ich zu dir nieder,\nküsse dich und atme schwer und küsse dich,\nbis alles versinkt.\nSei stille, schlafe ein, mein Kind,\nund ich bin die Nacht, in der du schläfst?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c011", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "27", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.4.7", "titre_corps": "Gewebe der Hände", "titre_sommaire": "Gewebe der Hände", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.3", "debut_caractere": 1957, "fin_caractere_exclue": 2316, "texte": "Gewebe der Hände\nWer das Gewebe wohl kennt,\ndas seiden zwischen Himmel und Erden gespannt,\nin dessen Rosenflören wir alle\nmit weißem Kindesleib\newig verflochten bliihn!\nWer die Hände wohl kennt,\ndie bei sinnigem Wandeln\nmilde gereicht\nund stützend vertraulich,\ndie in die Rosenflöre zwischen Hinmiel und Erden\nmit weißem Kindesleib\nunausdenkiieh uns flechten!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c012", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "27", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.4.8", "titre_corps": "Abendlied", "titre_sommaire": "Abendlied", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.3", "debut_caractere": 2318, "fin_caractere_exclue": 2604, "texte": "Abendlied\nHimmlische Greise\nwandeln mit seligem, abendrotem Lächeln\ndurch die Gassen . . .\nEin Jüngling geigt stillen Sang\nüber den Dächern im frommen Blau.\nDas die Sterne umringen\nnimmermüden Laufs,\nHerz in goldener Abendsonne,\nin seinen Tiefen bebt das Ali\newigen Preis dir Singendem."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c013", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "27", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.4.9", "titre_corps": "Sommerlied", "titre_sommaire": "Sommerlied", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.3", "debut_caractere": 2606, "fin_caractere_exclue": 4181, "texte": "Sommerlied\nDer Sommer erhebt sich bis an die Sterne,\nwir folgen ihm alle gerne,\nAugen sehen wunderbar das Klein und Große,\ner verteilt nach Seligkeit die Loose.\nEr senkt sich in das dunkelblaue Wasser, in die\nweißen Schwäne,\nund lockt und zirpt wie Grillen,\ner steigt ins wehende Blätterhaar der weißen Birke\nam Seegestade und flötet durch den blauen Abend,\nwo ein Kmdlein rosig schläft\nim grünen Gras bei roten Pilzen.\nAltäre ragen lustreich in den Kränzen,\nund himmelan steigt Ghit und Rauch\nzu zierlicher Tauben kreisend weißem Flug.\nDer selige Sommer umfängt die selige Kraft\nund atmet zum erstenmal in nackten Armen.\nLust reißt und zehrt mit Fieberkräften,\nSommer, -der dunkelgoldne Riese,\nruht, die schlanken Glieder lösend,\ntrunken mit schwerer Wucht auf seinen Vulkanen.\nSchaudernd erwacht er,\nfindet sich allein mif grauen Wolken\nüber Freund und Herz und Stadt,\nund namenloses Weh ergreift Ihn,\nsich in die Wirbel drunten hinzuwerfen.\nDoch sacht berührt ihn Bramas heiliger Finger,\nund er schaut und freut sich seiner Sehnsucht,\nnoch einmal an der Himmelstür zu ruhen,\nschauend immerdar!\nDer Sommer webt am Himmel,\ndie herrliche Erde bebt,\nund alles Toben höret auf.\nDie Mitterrnacht sticht mit dem Zeigefinger bange\nRunen,\nzu vergessen, zu erkalten, des Wahnes zu lächeln,\nin sein Herz.\nNoch einmal sieht er Liebende auf roten Bergen\ngehen,\ndann gleich sinkt Regen nieder,\nund der graue Himmel füllt sich mit fernen, eisigen\nSträhnen.\nDa sinkt er heimwehkrank zur Erde,\nüberwach, übernächtigt\nnach schmerzensreicher Nacht,\nwann sich der neue, blasse Morgen kündigt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "27", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.4.10", "titre_corps": "Drei Steine", "titre_sommaire": "Drei Steine", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.3", "debut_caractere": 4183, "fin_caractere_exclue": 4796, "texte": "Drei Steine\nIch habe nichts bewahren sollt\nals drei von schönen Steinen\nund ein Kästchen von Gold,\ndarin sie scheinen.\nDer eine ist aus dem Himmel gefallen,\nkühl kleiner Tropf von Kristallen,\nim Traum in meine Knabenhand\nam perlen reichen Meeresstrand.\nDer zweite ist korallenrot,\nDen schlangen im klaren Meer\nam silbernen Bande blutendrot\nGlashände um nieine Hüften her.\nDer dritte ist von mildem Blau,\nsehr zart und hold im Schein,\nDen schenkte eine schöne Frau\nin meine Lippen ein.\nEinst senkt von blassem Elfenbein\nmit rosenfarbenem Kranz\nmein totes Haupt ins Kästchen ein:\nliegt sanft in dreier Steine Glanz!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c015", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "27", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.4.11", "titre_corps": "Blutige Rose", "titre_sommaire": "Blutige Rose", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.3", "debut_caractere": 4798, "fin_caractere_exclue": 5404, "texte": "Blutige Rose\nIch hebe, von vielem Weinen müd,\ndeine welke Rose du!\nSie ist so rot wie Abendlicht\nund duftet süß und abgeblüht\nmit kühlem Grabgeruch.\nSie hob im Traum eine weiße Hand,\njuwelenreiche, heilige Hand\nzum blassen, milden Mund.\nDann senkte sie herb den seligen Kelch,\nbetaut von Sternen klar,\nin mein klingend zersplissenes Herz,\ndavon er blutig ward.\nAus Augen blau wie der himmlische Saal\nsank eine Träne weh,\nbrannte zu kaltem Edelstein\nund weiß mein Herz wie Schnee.\nPrangend der ewige Morgenstern,\nfernzittert über jungem Rot,\nkühl in meinen Händen die Rose glomm,\nglich einer Krone von Gold."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c016", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "27", "page_fin": "29", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.5", "titre_corps": "Erhebungen", "titre_sommaire": "Erhebungen", "signature_source": "Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.3", "debut_caractere": 5406, "fin_caractere_exclue": 6774, "texte": "Erhebungen\nAdolf Knoblauch\n„In seiner Folgsamkeit verwundete\nder Törige die Wurzel seines Wesens,\nden jungen Trieb zu wirken und zu siegen\nund grämte sich in seiner schmerzlichen\nErniedrigung und wähnte doch sie nötig.\nAus Hölderlins Jugend\nI\nDie Seele, die sich im Sturm zerschlagen hätte\nvon wüsten, stummen, allzu großen Leiden,\nerhebt sich weinend aus den Niedrigkeiten\nund lauscht erstaunend Petrarkas lieblichem\nSonette.\nSo taucht aus schwarzen Sturm- und Nebelkleiden\ndas Meer empor in seiner ewigen Glätte\nund hebt zum Himmel aus azurnen Seiden\nweißglänzende Arme, umschlungen von rosiger\nWolkenkette.\nSo ward mir dein Gruß, o Tauchen aus Schmerzen,\ndaß tröstend zu dir in die tiefen Gräber\ndie Lichtfrau mit Bildern und brennenden Kerzell\nstieg, und als du dich nährtest von ekelster Treben\nsiegwissend aufflammt im erloschenen Herzen\nzu innigster Läutrung dein verklärtes Wesen.\nII\nDie du mit wonnezitternder Gebärde deine Herr-\nlichkeit erhobst,\nin r-oten Wein -das Hochzeitswasser kehrtest\nund höchsten Reichtums selige Entzückungen er-\nhandeltest,\nals du mit Küssen, scheu nur liebend, die Kinder-\nseelen umwobst.\nDie du in Fröhlichkeit verdrossenes Geschwätz\nmir wandeltest,\nin diesen Qeist -der Häßlichkeit für immer Ein-\ntritt wehrtest,\nden Kindern nur die Gottheit deiner Tempel lobst,\nin denen du, einfältig wünschend, selbst dich gött-\nlich ehrtest."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7277, "texte": "da du still wie der Mond im Nacht-blauen\nzogest,\nmi weil mit düsterem Blut der welkenden Blüte,\nim sanften Traum den Herbstmohn deines Abends\nwogest,\ns© schlug wie der Nord der Hohn in dein marmorn\nGesicht, daß es glühte,\niitdi, weil du nicht klagtest, nicht lögest,\nIber dein steinern Gesicht, in deine himmelklaren\nAugen.\nIII\nKnabe, der du scheu und gequält ins Leben siehst\nmit Sehnen,\nder du schwankend und ängstlich irrst und eine\nHeimat schaudernd suchst,\nbebend nach dem Heil, das dich verflucht,\ndt» kniest, und dich spiegelt das Wasser, darin\ndeine Träume versanken.\n•Da du die Teuren gekränkt, die dich lieben wollten,\nDich, den es schaudert: Land, Geschlecht, Sitten,\n4cm zum Fluch wurden Jene, die gerecht grollten,\nOs siehe deines Liebens Gespenster zerbrechen in\ndes Wassers Mitten.\nWeiße Wolken, die im Sommerblauen droben und\nhienieden stehen,\nweiße Wolken, die gleich der wehenden Frauen\nTanz erfreuen,\nWeile Wolken, die mit dem Winde kommen und\ngehen.\nWies in dir schwillt! Schon fühlst du nicht mehr\ndeines Leibes scheuen\nAbwink, . . . schon siehst du im Frühling die\nprachtvollen Banner wehen . . .\nschon neigst du dich nieder ins Wasser, wo bald\nalle Gesichte zerbrechen.\nIV\nDil Knabe, der seine Jugend quälte um der Zukunft\nwillen,\nICilsd deiner wehen Heimat, wo Moor und Heide\nneblige Dünste brauen,\ndu trübe genaht, um dein Sehnen an des Gei-\nstes Schauspielen zu stillen,\niteiner Versunkenheit heilige Gesichte in der Er-\nlösungen Pracht zu schauen.\nÄfertre nicht den heilen Leib, der rank ist gleich\nder Rute,\nfalte das Purpurtuch, das Stirnband glänze um\nLocken,\ndie Sonne glüht, die Lichtfrau ruft dich im Abend-\nglut 3,\nrrtf! brünstigen Schlägen hämmern die dunklen\nGlocken.\nDas ist der Abend, wo die ruhmvollen Sinne deine\nTorheit zerschlagen,\nwo der heilige Geist auf seinem Eliahwagen ent-\nbrennt,\nLiebesarme krönend des Knaben Himmelhaupt\nüberragen.\n'Sag, o Menschlein, das jubelnden Hoffens ins\nAbendrot rennt,\nlenktest du nie den mit Opfern beladenen Wagen\n2ti einem geheimen Altar und durftest Niemandem\nsagen, was dich verbrennt?\nV\nEin Saal, den Nacht und Geisterhände geschaffen,\nfarbige Gewebe, die leiser Wind wölbend regt,\nmattglänzendes Licht, das dem goldenen Schmuck\neiner Frauenstirn und dunkelbraunem Haar ent-\nquillt.\nMattglänzendes Licht, das des Knaben betenden\nAugen entspiegelt,\nstumm kniet er und küßt Liebesfrauengewand.\nDroben dröhnt die dumpfe Zauberglocke ins\nstumme Land,\ndas Mitternacht mit Grabesöde siegelt.\nStarr entspannt der Vogel der Schwermut zum\ngrauenden Osten\ndie Fittiche, schwebt über dem Abgrund der\nSeelen,\ndie in Höhlen der Wollust ewige Trauer kosten.\nGräßlich schwärmen die Totengeister, den Knaben\nzu quälen,\ndurch Hirn und Adern jagt die Flammen Unrast:\no töricht Ahnender, o Kind! das die Aengste er-\nwählen!\nVI\nDen Gürtel ab, das Kleid.\nIm Morgenglanz, den rings am Himmel\ngoldene Dome zünden,\nhebt der Knabe nach langer Qualennacht\nzum Gebet die reinen Hände,\nwährend still um seinen Leib\nder Fluß die klaren Silberringe ründet,\nund durch die Weite\nfeierlich Posaunenton überhallt.\nDas ist im Morgenschein der Tag,\nan dessen Wunder diese Täglichkeiten schwinden,\nDem Weg zu ebnen\nSendlinge des Paradieses aufstoßen graue Tore,\ndaß er sich neu dem lichten Ursprung wende,\nverborgenen Zieles Feuersegnung fühlt.\nDroben wandelt hernieder auf Wolken,\nderen Silberbräme Glorien durch den Himmel\ngießen,\nin strenger Hülle die lichte Hoch-\ngestalt\nVon seligen Gefährten sanft geleitet,\nbreitet sie geheimer Kraft begabte Hände\nauf den Knaben\n(der irrend ihrer einst begehrte),\nleicht sein Haupt ins Wasser beugend\nruft sie ihn leise:\nGott sieht ihre Augen dunkel glänzen!\nVII\nLaß mich dich loben, meine reine Liebesmutter:\ndu schmücktest meine Stirn mit goldenem Reifen,\ndu hast mich selig begnadet,\nda meine Hände deine bebenden Hände nahmen.\nVom Himmel stiegst du nieder,\noa an goldenen Domen\nsich Morgenglanz entzündet,\nPosaunenton und Rufe schollen,\ndir zur Seiten wallten selige Gefährten,\nAlle tranken Glanz von deinen Lilienhänden,\ni i\nund Sonnen standen im Mittag hoch erhoben.\nVor solchem Anblick brach das Meer\nin seinen alten Klüften tief zusammen,\nsohleudert hochaufbäumend\ndie trunkenen Flammen\nmit grausen Spitzen hoch zu deinem seligen Gang\nempor.\nDoch von den Schultern sanft das rieselnde Silber,\nder Feuerströrne lohende Spitzen streifend,\nseh ich die rosigen Füße auf den zuckenden Fluten\nschreiten,\ndie gewölbt sich beugen dem Schwung deiner\nnackten Sohlen.\nVIII\nJa! ich will dich salben,\ndich in meine Flammenhaare hüllen,\ndein Haupt in meinen Lichtschoß betten,\nich will dich geleiten —\ndie Finstren sollen sich neigen\nund dir erfüllen,\num das du büßend gerungen,\nLiebling, in deinen sternelosen Dunkelheiten.\nDu Lichter, dem wir in Wohlgefallen uns bereiten,\nDu Reiner, dem meine dunklen Reize bangend sich\nenthüllen»\nmein Gemahl, dem die kindlichen Kleider klaglos\nentgleiten,.\nSchöner, dem meiner Brüste Becher prangen,\nkomm, mein Lichtgenoß, zu den Mutterbrunnen,\ntritt ein in den Mittag, der seine schwellenden\nArme breitet*\nentzücke dich an dem göttlichen Schwung in der\nHöhe!\nSchweigend, in verzückter Ohnmacht sinkst du\ndahin,\nhorch! fern hallen Schläge der rasenden Rosse!\nund ich empfange dich köstlich in meiner Glut,\ndaß mein Atem ewig um dich Treuen wehe.\nIX\n(Nach einem Gedicht von Joaquim Du Beilay)\nMit hohem Ruhm und lieblicher Anmut\nwaren die göttlichen Feuer gegürtet, und die\nHimmel\n'hatten sich gekleidet in einen strahlenden Mantel\naus glühenden farbigen Glorien.\nMit Schönheit und Güte war alles erfüllt\nweit das ruhende Meer und der leicht schwebende\nWind,\nals SIE zu diesem tiefen Orte niederstieg\nund der Welt ganzen Ruhm auf sich nahm.\nSIE, deren Gesichtsfarbe von den schönen biassen\nLilien schien,\nderen Haare von Gold und deren Lippen Rosen\nwaren,\nund von der Sonne die weit Licht ausbreitenden\nAugen.\nUeberfließend von Freigebigkeit goß der Himmel\nin ihren Geist\nreich den Samen göttlicher Wirksamkeit\nund unsterblich erhob sich ihres Namens Ruhm.\nX\nNacht droben, brich hernieder. Zerschlage deine\nBrüste.\nHeule nicht auf um Mitternacht. Still v/eine,\nweine . . .\nZerschlage die Bilderwerke dieser beiden Götter\nJährhunderte.\nVittoria Colonna ist tot, und die Erde neigt sich\nzur Rüste.\nIn schwarze Seidengewänder gebettet, liegt die\nüber alle Fürstinnen Reine.\nGefaltet über einer Purpurrose ruhn die weißen\nTotenhände.\nIm greisen Haare glänzen alte dunkelrote Edel-\nsteine.\nAn ihrem Bette aber kniet Italien und weint auf\ndiese hundertmal geküßte\nSonnenhand die tief verzückten Tränen und\nGebete,\nund von den schwarzen Adlern aus den Ewigkeiten\nniedergerissen,\nstürzen die lichtstirnigen Genien auf die Knie.\nDurch die sternenbesäten\nEbenholztüren aber schreitet, gebeugt von allem\nWissen:\nMichelangelo. Demütig, als wenn Gott in die\nTotenkirche trete,\nweichen alle, und tiefgeneigt betet sein Mund auf\nihrer Stirn mit stillen Küssen.\nXI\nAus blankem Silber hoch die edle Schale,\nvon reifen Früchten farbig überquellend Gut,\ndas sie mit sanft gehemmter Betgeberde\nauf blassen, fessellosen Armen lächelnd hebt.\nEs überströmt 'die längst vernarbten Wundenmale\ndes heitren Angesichtes milde Glanzesflut,\nund innger, als mich Sonn und Brand verzehrte,\nhat mich mit tief verborgnem Blau ihr Aug belebt.\nMit hellem Lachen goß sie munter, dieses Adels\nmüde,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3615, "texte": "ringsum die Früchte aus. Wunderbar und süß nun\nihre Arme senkend,\numschlang sie ganz mein Haupt, daß mit dem Lide\nnachtwandlerisch die Augen sich bedeckten, ge-\nheimes Bild bedenkend,\nSie hob, als diese klaren Spiegel mich durch-\ndrangen,\naus straffen Falten des Gewands von blauer Seide\nzu blasser Schöne Schultern, Arme, Wangen.\nIn ihrer unendlich schmeichelnd Kinderfinger\nedler Schale\ntrug sie, daß Tropfen langsam ihre goldnen Kna-\nbenlocken überflössen,\nhoch mein blutend Haupt: mit Paradiesessang und\nEiakuß im schönen Marmorsaale.\nXII\nAls wenn mit Messerschärfe schaudernd Schmerz\nmich schnitte,\ngrausamer 'Schmerz d;e ungefügen Glieder regt,\nward mir, daß tiefren Fühlens Brand ich litte,\nErniedrigung aus meiner Herrin Hand mir auferlegt.\nDu streichelst, d'e sich zärtlich dir verneigen,\ndie sanften Seidenhunde mit besondrer Gunst,\nin goldnen Strömen schließest du die Geisterreigeii\nmit Orgeldröhnen und geweihter Kunst.\nDoch mir ward hier nicht Platz! Von euren\nFürstensitzen\nbleib 'fern, ohnmächtger Wünsche voll Barbaren-\nlied,\ndem Feuersteine um die Nebelglieder blitzen.\nUnfühlend eurer Hochaltäre Festlichkeiten\nsei Flucht in Nacht, im Grausen sinnlos Lied:\nda SIE mich schlug mit frechen Spottes Niedrig-\nkeiten.\nXIII\nAuf den alten Madonnenbildern ruhen schlanke,\nblasse Frauenhände\nedel auf dem Engelleib des Gottessohnes.\nDie Himmelsscharen schweben singend zu ihres\nThrones\nbekränzten Altarstufen und trinken von den Düften\nihrer Rosenhände.\n£ur Erde neigen die Sonnenkönige die Häupter\nunter des Lohnes Seligkeit,\ndie Augen dunkel von ihrer Anmut Schau beladen.\nDer Mund erbebt von der Berührung ihrer Liebes-\nhände\nund stammelt Kinderworte, taumelnd von den\nGnaden.\nDer höchste Erzengel steht auf in Purpurpracht\nund hebt über dem Scheitel der Madonne\ndie strahlende Krone 'in die hereinQuellende Nacht.\nDas göttliche Fieber erschüttert die betenden\nGlieder,\nund während lobsingend der 'Mensch zusammen-\nbricht,\nküßt 'hoch die blasse Madonne auf das Antlitz ihres\nKindes nieder.\nXIV\nIn purpurdunkles Rot will ich dich fürstlich kleiden,\ndas ich im nächtlichen Entzücken aus blasser Hand\nempfangen,\nund Not und Trauer soll aus deinem Leibe scheiden\nvor diesem dunklen Jubel, der dich mit abendroter\nGlut umfangen.\nIm hohen, alten Kirchenstuhle sollst du deine\nSeiden-\ngewänder über all die alten, frommen Sprüche\nprächtig breiten,\nund während süße Weihrauchdüfte dich mit stillem\nTuch behangen,\nschling ich dir um Hände, Füße matte gcidetie\nKettenspangen.\nAus 'den Gewölben brausen feierliche Orgeltöne,\nvor dir auf meine müden Kniee hingesunken,\nstreck ich die Hände auf zu deiner Purpurschöne.\nVom Altar steigt blaß die Königin des Himmels\nnieder\nund heftet in dein Haar mit strahlender Gebärde\neinen Funken,\nunter der Pracht des Chorals sinkt meine Stirn auf\ndeine Kniee nieder.\nXV\nWie du im Traum mir himmelklar erschienest,\nmich so mit herrlicher Gebärde tief verwirrtest,\ndaß meine Armut schwand, sich zweifach Hunger\nstillte,\nund hoher Friede milde meine Wünsche einte.\nWie du von fern auf Himmelbahnen mich be-\nschienest,\ndem Reinen rein, voll Demut, makellos Gebilde,\nund wie mich Frömmigkeit vor deinem Anblick\nbeugte, daß ich v/einte:\nau aber lächeltest und sanft mich wie mit Tauben-\nflügeln rührtest.\nSo unzerstörbar klargeprägter Form bleib, um zu\ndauern,\nein stilles Ahnenbild, besonnt, von frühem Schmerz\ndurchweint,\nim Dämmer und im Traum erschienen mir, ver-\nblichen , . .\nIch kam, ein trüber Schatten, gemacht zu irren\nund zu trauern,\no daß mir doch, gleich wie ein Abendlied viel\nrauhe Stimmen milde eint,\nbesonnene Fröhlichkeit einst dumpfe Leidenschaf-\nten ausgeglichen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c017", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "29", "page_fin": "32", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.6", "titre_corps": "Händefassen", "titre_sommaire": "Händefassen", "signature_source": "Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.5", "debut_caractere": 3617, "fin_caractere_exclue": 6793, "texte": "Händefassen\nAdolf Knoblauch\n\nHändefassen! Händefassen!\nzärtlich Spiel im frohen Kreis,\nSpielen mit verbundenen Augen,\nSpielen mit verwirrten Händen,\nLachen, frisches Wort im Kreis.\nMann im Kreis\nEifrig seine Hände schweifen,\nWünschensliebes zu ergreifen;\nhuschende Mädchen, stille Frauen,\ndie ihn puffen, zerren, zausen,\nund mit abertausend Flausen\nneckend ganz und gar verwirren.\nRufe schwirren:\nBär soll \"sich im Kreise drehen,\nnicht den Rasen niedertreten,\nsoll den lieben Unband greifen,\nwill die Binde niederreißen.\nLaßt ihn fluchen, laßt ihn flehen,\ngegen alle Bäume rennen . . .\ngnädig werdet ihr ihm gönnen,\n•daß er sich euch nahen darf.\nLachend seid ihr ihm entronnen,\naufgepaßt! er will euch haschen,\nund ihr greift mit weißen, raschen\nHänden kühn die stärkre Hand.\nEndlich! so jetzt faßt er dich.\nToll reißt er sich seine Binde,\ndich mit festen Händen haltend,\nvon den Augen, küßt geschwinde\ndeine beiden heißen Backen.\nRingsum alle Frohen tanzen,\ntief im Sommer abend tanzen\n>\nunter dunklen Kiefernbäumen.\nHändefassen! Händefassen!\nwagend Spiel im Zauberkreis.\nFrau im Kreis\nrings auf Knieen\nMänner ruhn im bunten Kreis,\nstrecken aufgetanene Hände,\nwünschen süß verhaltene Hände,\ndie gar zärtlich, ünd und weit\nkeinii i c l i Zaube r w ah i vcHeci d e n.\nWund e lii eile Frau enhän d e,\ndfe mit sanfter Klarheit heile*\ndunkle Sommerabendflur,\nci:e im Kreise suchend gehen,\nstumm Erhörung sich erflehen,\nschwankend ungestilltes Sehnen,\nwill es sich zum Himmel heben,\nwill es auf der Erde bleiben?\nStille, weite Männerhände\nfahen nach dem blinden Weibe,\nharren, bis sie ihn erfasse,\nund sie prüft mit zagen Händen,\ntastet sorgsam,\nwünscht mit herrlich gliihem Leibe\nbegehrt ohn Maßen, sonder Enden,\ndaß sie den Geliebten fasse.\nO, nun ruht in ihren Händen\nseine stolze, feste Hand,\nwährend rings die Andern schweigen,\nsich der lichten Einung neige«,\nfühlt sie groß und überreich\nihre Seligkeit erwachsen,\nfühlt in ihrem reifen Schoß\nhundertfach um wehe Achsen\nsilberweiße Sonnen kreisen.\nAber helle Mädchen werfen\nBlütenkränze in die Höhe,\nBlütenkränze in die Sterne,\naller felumen süße Düfte\nsalben sie mit kühlen Händen,\nschreiten kreisend, knieen, wenden,\ntanzen mit verschlungenen Händen\nalle rosenroten Weiber\nin dem schwarzen Sommerabend.\nHändefassen! 'Händefassen ?\nHymen! Hymen!\nHymenäus!\nMädchen im Kreis\nhütet eure täppischen Hände,\nreicht sie ruhig, daß sie gehe\nscheu, gesenkten Hauptes gehe,\nirrend nicht das Ziel verfehle.\nDoch es reichen ohne Ende\nsich die weißen Rätselhände,\ndie sie ratlos prüfend fühlt.\nMag sie zaudernd stehn und sinntn,\nRauhes sie zutiefst durch wühle»,\nlaßt Verheißung niederrinnen,\nund die scheuen Hände trösten,\nMorgentau, der in die Blüten\ntropfend von der Sonne sinkt.\nReichet immerwache Hände,\ndaß sie keine Wunde sehret,\ntief vertrauend, unigekränkt\ntrete sie in euer Land.\nWahrlich, ihr hat Gott geschenkt,\ndaß sie mit verklärter Hand\nsolle reich und reinlich füllen\nMinnetrank im hohen Becher,\nder verbrennt die engen Hüllen,\noffenbart euch heil und frei.\nGebt, erhebet scheue Hände\nkeuschem Kind und Priesterin,\ngebt, erhebet selige Herzen,\nzum Gesänge Lilienkerzen,\nneiget die geprüften Häupter\nunter Sternen: Königin."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4985, "texte": "Hoch vom marmorne« Altäre\nglänzen gülden hell die Haare,\ngroß die blauen Kindesaugen,\nweiß der edel schlanke Nacken,\nsilberstreifig Faltenkleid\nernster jungfräulicher Madonne.\nRuhet nieder, stille Kreise .\nMög das Mädchen mählig finden\nzu euch in 4er Mühe Land.\nEs ist eine weite Reise,\nwehevoll ist eure Weise,\nmüde sinken ihre Hände,\nwarum quält ihr solche Hände?\nDrüben tanzen die Gespielen.\nMöcht noch einmal mühlos spielen,\ntanzen in dem Kinderland!\nSeht, sie narrt euch,\nreißt die Binde,\nstürzt in lichte Kindesarme,\nund geschwinde, tanzgeschwinde,\natemlos mit tollem Schwarme\nkehrt sie wieder, kühn, ihr Männer,\nnimmt euch lachend in die Mitte,\neudh den Kopf und Sinn verdrehend,\ntanzt sie,\nTaschentücher um euch wehend,\nmit den Kindern jauchzend springend.\nHändefassen! Händefassen!\nHimmel! Erde! freuet Euch!\nKind im Kreis\nSteht wohl da mit dünnen Händen,\nweiß nicht, was die Großen wollen,\nstehet ratlos in dem vollen\nUeberfluß an Liebehänden.\nAber achtet treu sein Weinen,\nschlagt es nicht, wenn es sich sperrt,\nnähret noch den kleinen Willen,\nmühelos mag sich erfüllen,\nwas den kleinen Händen wächst.\nSoll über euch Verzweiflung kommen,\nunerhört daniederzwingen,\nhöret Kindeslachen, Stammeln,\nsehet Kindesaugen glänzen,\nfühlet weiße, dichte Küsse,\num euch rasche, feste Arme,\nsternenhafte, daß ihr bebt.\nJüngling im Kreis\nUm ihn lachen lose Worte,\neng verschlingen sich die Hände\nholder Mädchen keck zum Reigen.\nKinder necken, Frauen rauschen,\nMänner listig Standort tauschen.\nMags dem Jüngling wohl gelingen,\nscheue Wahl sich zu erringen.\nFremd steht er und soll doch trauen,\neigen hebt er Sucherhände.\nAlle aber reichen Hände,\nFreundeshände, Liebeshände,\ntraute Schwestern, Herzensmütter!\nAber weh, die enge Binde\nschi eiert seine Knaben äugen.\nFern dem traulichen Verein\nsteht er rätselhaft allein,\neine Knospe, die den Winden\nin der herben Rauheit trotzt,\nfrühes Blatt, das unscheinbar\nbirgt die harte Schale.\nLinder Winde warme Flut,\nweckte nicht den Jünglingsmut.\nWann die lieben Tiere springen,\nin dem Morgen lustvoll spielen,\nsich die Reigen jubelnd schlingen,\nnach ihm rufen:\nbleibt er einsam,\neine Welt im heißen Werden!\nWann die Freunde froh beisammen,\nSchwestern rufen in der Ferne,\nsonnig in den reichen Händen\nKränze tragen holder Wonnen,\nGlieder aufgetan der Winde\nmachtvoll herbem Brausen:\nsteht er seltsam, fremd, im Innern\neine Welt im heißen Schmelzen,\neine junge Welt voll Schmerzen.\nAllgemach verstummt das Tosen,\nLächeln lischt in ernsten Reihn,\nHände lösen sich von Liebespfändern,\nJugend steht im stillen Harren,\nMänner dämpfen ihre Lust,\nMütter halten sich an Händen\nenger im betreuenden Verband.\nSeht, er breitet Knabenhände,\nhebt des Sehers geistige Hände\nblinde Augen zu der Sterne\nklaren, blauen Himmelsnacht,\nhebt die einsam spröde Stimme,\n•dieser Worte ungewohnte Stimme\nzu dem Einen, füllt mit Einem\nHerz und Stimme, Stirn und Augen,\nSinne, 'Leben . .\nIhm, den seine Trauer sucht,\nIhm, dem seine Liebe zagt,\nIhm, der bruderselig tröstet\nseiner Welt im heißen Werden\ngrenzenlose Einsamkeit.\nBrüder, schaut mein schweres Dunkel,\ndoch im Dunkeln flammt mein Licht,\nbin begnadet, anzuschauen\nGottes weißes Angesicht,\nwill mein Leben dafür lassen!\nWill ein Krieger sein,\nfür Gottes weißen Krieg in Waffen!\nWill ein Seher sein,\neines Führerlebens Pflichten,\neiner Welt im Hochgerichte\nStreite schlichten.\n•Will ein Sänger sein,\nan Mutterströmen lauschen,\nsanfter 'Sternenordnung sinnen,\nStürmen ihre Einung rauschen . . .\nBruder will ich sein, Gefährte,\nbruderselig Hände reichen,\nSchenkenshände ...\nUeber Bergesgipfel schreiten,\nzünden in der 'Morgensonne\nLicht zu immer höhrem Licht,\nBlutespurpur um die Hüften,\ngrüne Kränze um die Stirnen\nunserer Heimat edle Söhne,\nbruderselige Gottessöhne.\nIn den Wolken helle Häupter,\nin den Wolken schlanke Hände,\nin den Wolken wunde Füße,\nüber Qualen strenges Wandeln\neingewebt in fremde Länder.\nFühlet meine heißen Tränen,\ntief mein wesensinneres Weinen,\nFassen gläsern kühl an Hände,\nin die Staunenhände euch,\nFolget! und ihr seht nichts enden\nin der Nachtgewölbe Fluten,\nin der reichen Weltenpracht\nUnserm prangenden Beschreiten\nSilberstiöme schwellend tönen,\nSänge ewigen Lebens\nunendlich ineinanderwinden.\nErde selbst will Hände reichen,\nihre Donner, die zerschmettern,\nihre iWinde, die zerkrachten,\ndie Gewitter ihre Macht\nuranfänglich stark vereinen,\nunserm lichten Willen einen!\nLiebend gebt im Kreise die Hände,\neinet sie im stillen Gang,\nhebt die Häupter, um zu loben,\nund der Knabe führt mit Psalmen\nüberschwenglich unsre Reihn.\nReicht einander alle Hände,\nfasset starke Brüderhände,\neint der Schöpfung heilen Kranz,\nund so schreitet sonder Ende,\nruhig über allem Toben\nselig! selig!\nüber Welt im frommen Spiel.\nHändefassen! liändefassen!\nruhig sterbt, wenn Vater ruft\nLaßt uns still die Kreise drehen,\nuns an kühle Hände fassen,\nr\ntanzend fromm im Kreise gehn,\nalle Scherze unterlassen.\nHändefassen! Händefassen!\nHarte Menschen, liebet euch.\nErster Teil siehe Nummer 21—22 des fünften Jahrgangs"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c018", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30/31", "page_fin": "30/31", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.6.1", "titre_corps": "Fritz baumann: Originalholzschnitt", "titre_sommaire": "Fritz baumann: Originalholzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30/31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 34, "texte": "Fritz baumann: Originalholzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c019", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "33", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.7", "titre_corps": "Dichtungen : Gebete an Gott", "titre_sommaire": "Dichtungen : Gebete an Gott", "signature_source": "Pär Lagerkvist ; Deutsch von Nell Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.7", "debut_caractere": 4987, "fin_caractere_exclue": 6563, "texte": "Dichtungen\nGebete an Gott\nPär Lagerkvist\n\nIch bin ein kleines Kind. Meine Arme sind\nschmächtig, und über der Brust bin ich schmal\nwie die jungen Kiefern im Walde.\nDu, Gott, bist so groß und mächtig wie der\nSturm, wenn er am breitesten anschwillt. Und so\ntief wie das Meer und so hoch wie der Himmel;\nder ist das Haus, in dem du wohnst. Ich bete, daß\ndu schützst und bewahrst vor allem Bösen meine\nzarten Glieder, die blassen Schultern und das dürre\nGebein der Brust, daß nicht der scharfe Blitz oder\ndie schweren, wilden Tiere das spröde Glas des\nKörpers zerbrechen zu roten Scherben auf blü-\nhender Erde.\nEs geht gegen Abend.\nWie strahlen nicht deine Himmel, Herr. Wie\nströmt nicht Licht durch deine weiten Reiche.\nEs geht gegen Abend. Das Dunkel umarmt uns\nbald, und wir finden nicht länger einander die\nHände.\nVater, wenn die Nacht über uns ist, laß uns\nträumen, daß wir auf den großen weißen Markt-\nplätzen in deinen strahlenden Städten sitzen.\n»t. ...\nV\n-*>\nGespannt wie der Bauch einer schwangeren\nFrau ist meine Seele vor Sehnsucht (mach Gerech-\ntigkeit, o Herr.\nGespannt wie der Bauch einer schwangeren\nFrau ist meine Seele vor Sehnsucht nach Gerech-\ntigkeit, o Gott, mein Erlöser.\nGespannt wie der Bauch einer schwangeren\nFrau ist meine Seele vor Sehnsucht nach Gerech-\ntigkeit, o Du mein Heiland, Du mein Tröster.\nHerr, hör meinen Schrei!\nMein Gebet ist nicht wie liebkosende Worte.\nMein Gebet nicht wie hochgehobene Hände.\nMein Gebet ist ein Gebrüll, das aus meinem\nMunde heult\nMotiv\nMeine Hunde sind schwarze, hochgewachsene\nTiere. Sie begleiten mich, wo ich gehe."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 776, "texte": "Es ist heute ein zu wundervoller Tag, ein\nSommertag, wie kein anderer. Auf der Erde stehen\ndie schönsten Blüten, und durch den Weltraum\ntanzt der Wind. Mein Wesen löst sich auf in Freude\nund Jubel. Meine Qedanken folgen den eilenden\nWolken, meine Qedanken suchen schöne Kräuter\nauf allen Wiesen, auf den Wiesen weit weg, auf\nden Wiesen, die mir nahe sind. Mein Wesen löst\nsich auf: Mein Wesen ist Blume, ist all das sanfte\nKraut, ist das Grün, ist der Duft, ist die Kühle der\nErde, ist die Sonne in der Luft, ist der Wind, ist\ndie Wolke, die holde und kleine, ist alles, was\natmet und lebt an diesem wunderbaren Tag.\nAn meiner Seite gehen die hochgewachsenen\nTiere. Sie schreiten vorwärts mit ruhigen, ge-\nmessenen .Schritten, sie sehen nicht um sich.\n\nDeutsch von Nell Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c020", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "35", "image_debut": 8, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.8", "titre_corps": "Freunde", "titre_sommaire": "Freunde", "signature_source": "Sophie van Leer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.8", "debut_caractere": 778, "fin_caractere_exclue": 8808, "texte": "Freunde\nSophie van Leer\nI\nAm Abend vorher ginig die ganze Klasse zu ihm.\nCr hatte am Morgen von seiner Absicht gespro-\nchen: die Lehrer hätten ihn ungerecht behandelt.\nAls alle gedrängt seine kleine Studierstube füll-\nten, sagte er: „Dort drin im Schrank liegt er.\nNehmt ihn heraus, wenn ihr könnt.\" Aber keiner\ntats. Sie drangen nur in ihn, mit derben Worten.\nEr saß steif gegen die Tischkante gedrückt,\ndie Arme lang mit gespreiteten Händen über den\nTisch geschlagen und starrte abwesend in die\nLampe und dahinter, wo der Blonde saß. Aus der\nSophaecke flatterten hastige Mandolinentöne her-\nüber. Gequält wandte er den Blick auf die Kame-\nraden. Sein dichtes schwarzes Haar stand wirr um\ndie schmale, hohe Stirn und tief lagen die Augen\nin den dunkelumränderten, brennenden Höhlen;\nbeinern ragten die Backenknochen, bleich über-\nspannt von mattbrauner Haut. •\nDer Blonde in der Ecke hörte nicht zu spielen\nauf. Das starke Jungengesicht mit den zusammen-\ngekniffenen Lippen strengte sich an, den Tönen zu\nfolgen. Dann, jäh abbrechend, schlägt er vor, auf-\nzubrechen. Müde schaut der am Tisch hinüber, aber\nder Blonde sieht es nicht: „wir wollen gehen,\nkommt; 's nützt doch nichts.\"\nZwei, drei bleiben pflichtgetreu zurück, machen\neinen letzten Versuch, ihn zu überreden, aber er\ndeutet, irgendwie lächelnd, zum Schrank: „Da ist\ner drin, nehmt ihn doch . . \"\n„Du bist krank, geh schlafen und überleg es dir\nnoch mal.\" —\nAlso, es war so, er hatte Recht gehabt mit sei-\nnem Entschluß. Der Blonde hatte ihm Nichts zu\nsagen, gab sich keine Mühe, ihn zurückzuhalten.\nWie gut, die Ausrede wegen der Ungerechtigkeit\nder Lehrer, niemand kam auf den Gedanken, war-\num er es tat. Aber hatte der Blonde denn Alles ver-\ngessen? Warum hatte er wortlos in der Sophaecke\ngesessen und Mandoline gespielt? Warum wrar er\n;\nnicht geblieben, als die Anderen gegangen waren?\n• .. . .*' , .*••••\n* *\nV\n•- Er hätte am Morgen in der Schule nichts ge-\nsagt, aber wie sollte er es dem Blondem sonst mit-\nteilen? So sagte er der Klasse von seinem Ent-\nschluß, der Blonde war kurz vorher hinausgegan-\ngen. Er hatte leichthin gesprochen, aber sein Atem\nwar kurz gegangen und seine Kehle hatte geklopft.\nVon den Kameraden glaubten es die Wenigsten,\neinige hatten gelacht: „mach dich nicht so wich-\ntig!\" andere wieder: „Bei dem ist wol ne Schraube\nlos.\" Aber ein paar, die hatte er genau beobachtet,\ndie waren hinausgerannt, dem Blonden nach. Und\ner hatte die Wirkung abgewartet — aber der\nBlonde war nicht gekommen, nicht eher als die an-\nderen . . rund war nicht geblieben. In machtloser\nWut zerhackte er mit den scharfen Zähnen die\nblutleeren Lippen.\nWarum hatte ihn der Blonde so verstanden?\nEtwa um ihn später zu verraten?\nDie Sommernachmittage, wenn er auf dem\nhohen Pfeiler am Flußrand sitzend den Blonden\nerwartete, den er schon von weitem kommen sah.\nDer Schatten gegen den wässerigblauen Horizont\nwurde immer größer, das Haar wehte durch-\neinander. Wenn der Blonde unten steht und\nerstaunt tut: „Bist du schon da?\" dann starrt er\nabwesend von seinem Buch auf: „ach so, ja/' läßt\nsich langsam hinuntergleiten und wirft unterwegs\ndas Buch auf den Ufersand.\n„Lasest du was Besonderes?\"\n„Ja, ganz interessant. Ibsen „Gespenster\", du\nkennst es wTohl nicht.\"\n„Nein, man könnte es zusammen lesen.\"\nAchtlos schlendern sie zum Fluß hinunter, wo\ndie Barke lag. Der Blonde rudert und er liest. Er\nerinnnert sich jedes einzelnen Males, da sie zusam-\nmen gelesen hatten. Die Sonne wirft glitzernde\nLichtstiche auf das kaum wellende Wasser. Es war\ntraumstill tind er konnte seiner eigenen Stimme\nlauschen. Gleichmäßig bewegt sich der Blonde\ngegenüber, der Rhythmus seines arbeitenden Kör-\npers geht zusammen mit der lesenden Stimme.\nGegen Abend gingen sie dann in den Fluß\nbaden*, an irgend einer stillen Stelle oben gegen den\nWald und schwammen nach der anderen Seite hin-\nüber. Kein überflüssiges Wort wurde gesprochen.\nDas war das verflucht Schöne gewesen.\n„Willst du mit mir nach Hause essen gehen?\nMeine Mutter erlaubts. Ich weiß eine Aufgabe nicht\nim Latein.\"\n„Nein, heute abend kann ich nicht. Ich habe eine\nVerabredung.\"\n„Ach so, die kleine Schauspielerin.\"\n„Nee . . .\"\n„Ja . .\" hatte (er, schon wieder gleichgültig,\nwidersprochen.\n„Ich kann ja morgen früh zu dir kommen, dann\nmachen wir die Aufgabe zusammen.\n„Danke, ich werde es schon alleine kriegen.\"\n❖ *\n*\nDann hatten sie zusammen Nietzsche gelesen.\nDen hatten sie ohne weiteres begriffen. Einfach\ngelesen! hatte er und der Blonde lag neben ihm im\nWaldgras, hatte die Hände unter dem Kopf ver-\nschränkt und die Kniee hochgezogen. Blätterschat-\nten bewegten sich ungleichmäßig über das Gesicht\nund die Augen waren halbgeschlossen. Ab und zu\nein anerkennendes: „sehr fein\". Sonst Nichts.\n„Du, gehst du beute abend mit in Wallenstein?\"\n„Die Kleine spielt wohl die Thekla\".\n„Ich glaube . .\"\n„Nee, ich mag Schiller nicht.\"\n„Das ist nicht wahr, du magst die Jürgens\nnicht.\"\n„Mag sein.\"\n„Na, ich werd dran denken.\"\n„Neulich, wie ich meine lateinische Aufgabe\nnicht konnte, hattest du auch was anderes vor.\"\n„Eine feine Manier, sich zu revanchieren, sehr\nnobel.\" Der Blonde schürzte die Lippen und zog\ndie Mundwinkeln hinab.\nEr hatte nur das Gesicht gegen den Himmel\ngehoben und gepfiffen . . . „nirnms wie du willst.\"\nAm nächsten Morgen:\n„Du, Kant war wirklich ein Phänomen. Der\ngeborene Mathematiker.\"\n„Der geborene Künstler meinst du.\"\n„Das kommt doch auf Eins heraus. Der Mathe-\nmatiker ist doch Künstler.\"\n„Oh nein, noch lange nicht, aber ich mag mick\nnicht wieder mit dir herumstreiten. Du hast heute\ndeinen schlechten Tag.\"\nOh, manchmal hatte er hörbar mit den Zähne«\nknirschen müssen, um dem Anderen keine Ohr-\nfeige zu geben.\nUnd mittags nach fünf hatte er dann doch wie-\nder auf dem hohen Pfeiler gesessen und lauerte\nmit gesenktem Kopf über einem Buch, zwischen\neng geschlitzten Liderspalten. Der Blonde kam\nherangeschlendert, die Hände in den Hosen-\ntaschen; und tat erstaunter als sonst, ihn hier zu\nfinden. Arglos sagte er:\n„Ich hätte nicht geglaubt, dich hier zu finden\nnach heute morgen.\"\nEr glitt vom Pfeiler, ließ sich in den Flußsand\nfallen und las eine, Stelle bei Nietzsche vor.\nDer Blonde nickte nachdenklich, er war nicht\nganz dabei:\n„Du* die Jürgens war famos gestern abend.\nSchade, daß du sie nicht gesehen hast\"\n„Hast du sie nach dem Theater gesprochen?\n„Nein, sie hatte keine Zeit.\"\n„Ach ja, sie wurde von ein paar anderen er-\nwartet.\"\n„Wie weißt du das?\"\n„Ich habs selber gesehen.\"\n„Hast du auch ein Verhältnis mit ihr, daß du\nnach dem Theater aiuf sie wartest?\"\n„Warum nicht?\"\n„So so, da warst du wohl gar im Theater, gelt,\ndas sieht dir ähnlich?\"\n„Na und wenn, das geht dich nichts m\"\n„Freilich nicht, aber ich finde es gemein.\"\n„Oh, nur keine Bange. Ich nehme dir deinen\nSchatz nicht.\"\nAber der Blonde rückt eisig von ihm fort und\nsagt:\n„Nenne mich bitte nicht mehr deinen FreinM,\nauf solche Freunde verzichte ich.\"\nAber am nächsten Morgen hatte er eine Karte\nvon ihr erhalten und in diesem Ereignis ging der\ngestrige Qroll unter. In den Stunden konnte der\nBlonde Nichts und er hatte ihm beim Mündlichen\ndürchgeholfen.\n« *\n*\nNoch einmal die Schauspielerin. Sie hatte ihren\nEhrenabend und der Blonde kam: „Du, ich finde,\nwir sollten ihr einen Kranz schenken.\"\n„Wir, du meinst: du?\"\n„Du bist doch auch in sie verliebt.\"\n„Ach so.\"\n* *\n*\nDie Theatersaison war zu Ende, die Jürgens\nreiste ab. Der Blonde sprach nie von ihr und hatte\nsie wahrscheinlich auch bald vergessen. Sie strit-\nten sich auch nicht mehr so oft. Und die letzte\nZeit war wundervoll gewesen.\nEr hatte sich, mit der liebenswürdigen Wirtin\ndes Blonden angefreundet, weil dessen Geburtstag\nnahte.\n„Also Sie verstehen, Frau Halle, das Fräulein\nhat sich an mich gewandt und mir das Geld ge-\nschickt weil sie Sie doch nicht kannte und Ihnen\nnicht zu schreiben wagte. Sie möchten es ihm aber\nnicht sagen. Er wird doch wohl drauf kommen und\nwenn nicht. . tant mieux . . Sie wissen ja, Verehre-\nrinnen wollen immer anonym bleiben.\"\nUnd die schöne junge Wirtin hatte viel Ver-\nständnis dafür gehabt, umsomehr, als sie selbst"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10161, "texte": "eine Schwäche für den „blonden Jungen\" hatte,\nder ihr von allen Pensionären der Liebste war.\nJa, sie hatten* ihn alle gerne . . donnerwetter\ner war auch hübsch.\nAber was scherte ihn das? Fast wünschte er,\ndaß der Blonde häßlich und bucklig gewesen wäre.\nAber so brauchte ihn der Blonde nicht. Und\ndaher sein Entschluß. Hätte er gewußt, daß er dem\nBlonden etwas war, daß der gerne an den Fluß kam,\num zu lesen, daß er sich nicht langweilte mit ihm,\ndann brauchte er nicht zu gehen. Aber er war\nstolz. Er hing an dem Blonden, wie noch nie an\neinem Menschen. Aber auf eine Wertherliebe ver-\nzichtete er, da pfiff er lieber auf das ganze Leben.\nUnd nun zum Glück die Geschichte mit den Leh-\nrern, die ihm ungerechte Noten gegeben hatten, das\npaßte ihm gut in den Kram. Nein, der Blonde sollte\nnie etwas ahnen. Das fehlte gerade noch.\nEr wußte ganz genau, woher es kam; der\nBlonde verstand alles, nichts war ihm fremd, er\nwollte auch gar keine Gefühle sehen, er fühlte\nschon, wenn man sagte: Körner. Sie hatten beide\nKörner sehr lieb gehabt. Er hatte hinterher natür-\nlich gelacht und die Verse zerpflückt: „Jawoll:\nLeier und Schwert. Die richtige Leier.\" Aber der\nder Blonde hatte nichts erwidert, hatte nicht mit-\ngemacht\nUnd nun war alles aus. Au s. Man konnte das\nWort so oft wiederholen, es war immer neu und\nallessagend.\nUlkig, daß keiner es gewagt hatte, den Revol-\nver aus dem Schrank zu nehmen. Das hatte er vor-\nher gewußt, nur . . . Der saß aber drüben und\nhatte Mandoline gespielt, als wäre es an einem\njener Abende, da sie zusammen waren. Seine\nMutter brachte Tee, er zeichnete mathematische\nFiguren, während der Blonde mit großen, ruhigen\nStrichen über die Saiten der ewig verstimmten\nMandoline fuhr. Die farbigen Bänder fielen in rie-\nselnden Windungen über die verschränkten Beine.\nWidmungen von kleinen Mädchen, kurze, dunkle,\nbreite Bänder von Freunden ohne Zueignung. Von\ndem Blonden war keins darunter, der liebte der-\nartige Sentimentalitäten nicht\nDer Ofen war glühend rot, und es war heiß im\nZimmer. Dann hatte der Blonde die Mandoline\nwieder aufgehängt, da, wo sie jetzt auch hing\n(der Blonde war sehr ordentlich), hatte fein-\ngespitzte Stifte aus der Brusttasche, ein leeres\ngroßes Blatt aus der Tischiade genommen und sich\nauf den Boden hingestreckt. Die Beine gingen in\ngleichmäßigem Takt auf und nieder, und das Auf-\nschlagen der Schuhspitzen gab der Arbeit einen\nangenehm hissigen Rhythtnus. Der Blonde besann\nsich plötzlich auf etwas:\n„Ibsen war doch ein Mordskerl. Wo hast du\nihn?\"\n„Drüben auf dem dritten Brett das vierte von\nlinks.\" Mit gesenktem Kopf hatte er gedeutet, aber\ner war aus der Arbeit heraus und sann nur noch ...\nwas mochte dem Blonden eingefallen sein? Ihm\nfiel immer Richtiges und Wertvolles ein, darum\nmochten ihn auch die Lehrer so gerne. Bis vor\nkurzem, da hatte ihn der Religionslehrer vor sei-\nner Freundschaft mit dem Blonden gewarnt, der\nhätte ungenügend und wäre in der letzten Zeit so\nfeul und unaufmerksam geworden.\nLachhaft, wie konnte er sich nur mit solchen\nSachen abgeben . . . am Abend vor seinem Tode?\nWarum? Ganz einfach. War es ihm etwa nicht\ngestattet, „alle Bilder an seinem geistigen Auge\nvorbeiziehen zu lassen?\" Ja, so stand es in den\nBüchern, wo von Selbstmördern die Rede war.\nWas wußten denn die Bücherschreiber vom Tode?\nEs war so einfach und harmlos, daß es gar nicht\n□er Mühe wert ist, ein Wort darüber zu verlieren.\nNun ja, so leicht hatte er es sich allerdings auch\nnicht vorgestellt, wie es in Wirklichkeit gewesen\nwar. Das schwerste war wohl, den Entschluß\n„reifen\" zu lassen. Aber das hatte bei ihm keine\nRolle gespielt. Sobald er wußte, daß er dem An-\ndern gleichgültig war, hatte er sich auch schon ent-\nschieden.\nWas war also das Schwere? Etwa, sich den\nRevolver zu kaufen? Nein, das hatte er mit Wonne\ngetan . . . bei jedem neuen, den ihm der Händler\nzeigte, war er einen Tod gestorben. Jede Mün-\ndung hatte er auf sich gerichtet gesehen, und er\nwar lange in dem Laden geblieben, so viel Freude\nhatte es ihm gemacht. Wie unnatürlich . . . ach\nnein, warum, es war doch seine Sache, einen ei-\ngenen Tod zu sterben, der Mensch muß immer\noriginell sein.\nWie sinnlos, bis morgen zu warten. Wohl\nheimlich in der Hoffnung, der Blonde käme und\nhielte ihn zurück. Damit würde es nichts. Sonst\nwäre er ja gleich dageblieben. — Wenn er nur\nKlarheit gehabt hätte. Aber das würde er erst\nwissen, wenn er des andern Qesicht sah, wie der\nhinter seinem 'Sarge herging; er nahm sich vor,\nso lange nicht gestorben zu sein, bis er in der\nGruft lag. Er wollte des Blonden Gesicht sehen.\nEr dachte sich die Nacht so elend lang, er\nwürde wahrscheinlich wach liegen und an alle\ndenken. An seine Eltern und seine Schwester in\nItalien, die ihn sehr lieb hatte. Aber am meisten\nan den Blonden würde er denken. Nein, es war\nwirklich unnötig. Warum sich , etwas schwer\nmachen, was doch leicht und angenehm war?\nEr geht zum Schrank, nimmt rasch die Waffe,\nsieht nach, ob die Kugeln stimmen.\nII\nIch weiß um deinen Entschluß, mein schwarzer\nFreund. Ich höre nichts als »die Worte unserer\nKameraden, die mir sagen, daß du sterben gehst.\nDu kannst nicht leben, du kannst nicht erleben.\nOh, ich habe dich lieb, lieber, als je ein Mensch\neinen anderen Menschen lieb hatte. Ich liebe deine\nschmale, hohe Stirn mit den Zweifelsfalten, ich\nliebe deine schlanken, braunen Rehhände, die ner-\nvös die Bücher aussuchen, aus denen wir lesen\nwollen. Ich liebe deinen klaren Blick, dem nichts\nentgeht. Aber ich darf dich nicht halten, denn\ndu bist nicht Mensch.\nWarum lieben wir uns so sehr?\nAber du sollst an mir zweifeln, du sollst ver-\nlangen, daß ich dich zurückhalte von deinem Ent-\nschluß. Wie nahe bist du mir, und du wirst mir nie\nsterben. Hast du mir je gelebt? Du warst mein\nSpiegel, und wenn ich wegtrat, dann war er leer.\nDu warst hell, sprödes Glas, denn du konntest\n.nicht beten. Du warst ein leerer Kelch, dessen\nWände zu blühen begannen, wenn mein Erleben\ndarin ausgegossen lag.\nDu kannst mir nicht unrecht tun, mein schwar-\nzer Freund, weil du nicht willst. — Ich sehe dich\nsitzen und warten, und deine krampfigen Finger\nkrallen sich in die rote, alte Tischdecke mit den\nvielen Tinten- und Tuschflecken, und du denkst\nan die Abende, da es anders war, da wir zeich-\nneten; meine Zeichnungen waren die Musik mei-\nner Seele, du hattest Freude an den exakten Linien\ndeiner Mathematik. Wie könnte ich dich lieben,\nwärest du anders gewesen?\nSoll ich dich wegholen vom Tode? Siehst du\nnicht, daß ich es nicht darf? Da du gerne weg-\ngehst mit deinem Zweifel. Wenn ich dir sagte:\ndu tust mir unrecht, es wäre dir nicht angenehm,\ndenn du hassest das Unrecht, und der Tod ist dir\nSüßigkeit. Ich gönne dir diese einzige glückliche\nStunde deines Lebens. Denn du warst nie glücklich\nund hättest es nie werden können. Ich darf di-ih\nnicht wecken, um mit dir zu spielen.\nWisse, daß du mein einziger Freund warst, und\ndaß dein Tod mir sein wird wie der Lebenssaft,\nder stirbt. Denn ich bin durch dich. Du warst die\nSonne, die meinen Entschlüssen leuchtete. Meine\nEntschlüsse waren nichts als ausgeführte Inspira-\ntionen und ich das Werkzeug. Du schwarzer, eisi-\nger Freund, der du mir nie sagtest, daß ich dein\nFreund sei.\nIch habe dich leiden sehen. Konnte ich dir hel-\nfen? Ich mußte tun, was ich tat; niemand sagte\nmir, ob es richtig war. Ich konnte nicht die Folgen\nermessen, aber du hast es gesagt. Ibsen und Nietz-\nsche waren schön: du liebtest in ihnen die Mathe-\nmatik, ich die Kunst. So nahe standest du mir,\ndaß wir Eins waren, du und ich.\nIch lebe die Stunden im Kahn und im Waid, ich\nfühle deine Stimme, von der du nicht wußtest,\nwie sie leben konnte. Aber (sie sang, und sie\nweinte, sie konnte innig sein wie ein Kind. Aber\ndas hättest du nicht zugegeben, nie, und darum\ndarf ich dir den Tod nicht nehmen. Du bist ein\nHalbes. Wärest du eine Frau, du würdest meine\nGeliebte sein. S o kann ich dich nicht küssen,\nnicht lachen um kalt-naive Bemerkungen. Denn\nich muß dich ernst nehmen, um dich nicht zu ver-\nlieren. Ic h kann den Zwiespalt in dir nicht aus-\nheilen. Er würde dein ganzes Leben bleiben. So\nmußt du denn gehen.\nIch werde nicht hinter deinem Sarge hergehe«,\nmein schwarzer Freund, denn mir wirst du nicht\ngestorben sein. Ich werde dein Grab nicht be-\nsuchen, (denn du bist nicht dort. Ich werde zura\nPfeiler gehen, werde mit dir am Flusse liegen und\nNietzsche lesen, und im Walde wirst du mir wieder\nGespenster vorlesen; weißt du noch die Stelle,\nwo eine Türe geht? Nein, du weißt sie erst, wenn\nich sie dir sage. Oh, wie gerne gab ich dir von\nmir. Ohne Brücke floß mein Erleben in dich, und\nwir verschmolzen in Eins. Ohne mich warst du\neinsam, ohne dich war ich hilflos. Meine Augea\nhaben dein Bild getrunken, wenn du am Flusse\nauf mich wartetest.\nDu warst eine Zahl, fest, und ich hing in dir\nwie eine Türe in den Angeln. Ich wußte nicht, daß\nich lebte, aber du sagtest es mir. Ich werde deine\nSeele hinaustragen, da du gestorben bist. Ich\nwerde dir zeigen, wie dein Leben welterfJiefit\nDeine Seele ist nicht hart. Du hast nichts mit ihr\ngemein, und ich beweine deinen Tod nicht.\nHast du nicht gefühlt, wie voll mein Herz war\nvon deinem Erleben, als du von mir heischtest, dtöt\nzurückzuhalten. Du hast dich verleugnet hast\ndich gespielt. Du wiesest die Welt von dir, und\nsie konnte nicht durch dich fließen. Ich war gerrve\nhart ;zu dir, denn Kampf tat deiner Seele wohl.\nDu hast dir eine Welt aufgebaut aus Zahlen.\nDarunter, in deiner Erde geborgen, Dein Erleben.\nUnd du liebtest mich wohl, weil ich dir die Sterne\nzeigte, die in dir waren.\nDu warst schön, mein schwarzer Freund. Du\nstandest auf dem Kamin in meinem Zimmer unter\neiner Glasglocke, und ich wagte nicht sie zu\nheben:.\nIch fühle, wie du lachst und 'gerne vergebens\nauf mich wartest. Es wäre dir eine Qttal, wenn\nich käme, dich umzustimmen. Und was hilft es,\ndir zu schreiben, daß ich um alles weiß. Dann\nmußt du bleiben, aber du sollst nicht bleiben.\nIch will dir sagen, warum ich nie sprechen\nkonnte zu dir. Ich liebe meine Seele, so wie ich\ndich liebe. Deine Seele war gestorben, dein Tod\nwird sie wecken, und wir werden zusammen glück-\nlich sein, wie wir es nie waren. Glücklich wte\nKinder, die auf die Wiese spielen gehen, glücklich"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 655, "texte": "Blum-en, die die Sonne bescheint, glücklich\nwie Füllen, die die Mutter umspringen.\n•.*>\n•v» v\nDu bist gestorben, mein schwarzer Freund.\nIch habe den Fall deines Körpers gehört, habe\ndeine Hand sinken sehen mit -der Waffe, die ich\nim Schrank wußte, und die ich nicht nehmen durfte.\nAus deiner Stirne fliest Blut, und deine Augen) sind\ngeschlossen.\nNun bist du tot, mein schwarzer Freund. Aber\nich weine nicht. Du hast die Eisschicht durch-\nstoßen, die deine Blumen erdrückte.\nNun wirst du nicht mehr wollen, daß ich dich\nbeweine, mein schwarzer Freund, denn du bist bei\nmir ttnid wirst nie mehr von mir gehen. Ich halte\ndeine Seele und zeige ihr das Leben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c021", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "35", "page_fin": "35", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.9", "titre_corps": "Der Chinese", "titre_sommaire": "Der Chinese", "signature_source": "Desider Kosztolányi", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.10", "debut_caractere": 657, "fin_caractere_exclue": 8638, "texte": "Der Chinese\nDesider Kosztolányi\n„Und können Sie Chinesisch?\" fragte der kö-\nnigliche Rat.\nVerhängnisvolle Stille herrschte. Die Zigarre\ndes königlichen Rates brannte bordeauxrot. Die\nGäste der Soiree umringten den kleinen Journa-\nlisten, der unter der Wucht dieser Frage ohn-\ntnachtsnahe, mit erschlaffenden Zügen, hängender\nund schnuppernder Nase, eingefallenem Gesicht\ndastand, einem zusammenschrumpfenden Kinder-\nballon gleich. Zum Lachen gespannte Lippen starr-\nten ihm entgegen, jetzt noch etwas traurig nach\nunten gekrümmt, um sich dann um so stärker auf-\nzuschwingen, in der gelösten Spannung des\nLachens breit werdend. Man konnte beinahe schon\ndas Gellen des gröhlenden Gelächters hören, das\nir» den juckenden Kehlen schlummerte, gedämpft\nwie das Donnern der Kanone, wenn die Kngel no ;h\nim Rohre weilt, die Lunte aber bereits knistert.\nNeugierige Köpfe stürzten vor. Einer der Gäste\nließ fast sein Glas fallen. Einige — die Freunde des\nunglücklichen, verdammten Opfers — scharten sich\num ihn und betrachteten sein Gesicht, wie es sich\naufrichtete und finster wurde, dann aber kalt auf-\nglänzte und erhaben jeden lächelnden Zug erster-\nben ließ.\n„Gewiß!\" antwortete er.\n$ *\nSpäter platzte in einer Fensternische das\nLachen. Wir, die wir den Burschen aus Kaffee-\nhäusern und Redaktionen kannten, vermochten das\nLachen nicht mehr zu unterdrücken. Plötzlich ex-\nplodierte ein luftaufgedunsenes Gesicht. Kichern\nerscholl ringum, Lachen krachte und zerrte, zuckte\nund tanzte Cancan, jetzt hier, jetzt dort, wie zur\nZeit der Weinlese ins Laub gesteckte Raketen. Es\nkonnte nichts Komischeres und Unglaublicheres\ngeben, als daß der gelbe Felix, der Journalist, Chi-\nnesisch könne. Dieser Felix sah übrigens genau so\naus wie eine gedörrte Zwetschge. Von seinem\nKinn hingen Haare in spärlicher Zahl, er war von\ntrauriger und unansehnlicher Erscheinung, wenn er\nunter der Redaktionslampe sich abquälend — ans\ndem Deutschen — chinesische Novellen ins Magy-\narische übersetzte und, diese sorgfältig ins Reine\nschreibend, mit ernster Miene aufseufzte:\n„Mein Freund, es gibt nur ein Land, und dieses\nist China. Dort möchte ich leben. Hier kann mans\nflicht.\"\n„Warum?\" fragte ich eines Tages.\nDie Antwort blieb er mir schuldig.\nNach der Soiree gingen wir zusammen heim.\nEr war wortkarg und mürrisch. Wurde vom Fieber\ngetrieben und flatterte auf -der Straße wie ein\nBlatt im Sturmwind. Er würgte die Schmach in\ngroßen Zügen hinab. Voll war hiervon sein Mund,\nseine Nase, sein ganzer Körper. Ich wollte die\nSache mit einem Scherz abtun und sagte lächelnd:\n„Du hast dich prächtig aus der Klemme ge-\nzogen!\"\n„Wie meinst du das?\" fragte er beklommen.\n„Nun, das mit deiner chinesischen Sprachkennt-\nnis. Dieser vertrottelte Rat ist nun fest davon\nüberzeugt, daß du Chinesisch kannst.\"\nFelix schaute mich starr in die Augen und ver-\nzerrte das Gesicht zu einem exotischen Grinsen.\n„Du irrst/4 stotterte er, „ich kann tatsächlich\nChinesisch. Wohl nicht perfekt, aber leidlich.\"\nWir standen unter seinem Tor. Er reichte mir\ncne Hand und rannte fort. Ich aber blieb allein in\nder Nacht. Konnte ihm nicht widersprechen. An-\nfangswwolfe ich lachen, doch dann fuhr es mir kalt\nüber den Kücken.\n„Dieser Mensch\", dachte ich bei mir, „ist kom-\nplett verrückt.\"\nj«. »fj\nDie Verwirrung wuchs um ihn in brausenden\nWellen. Eine Woche lang lächelten wir noch über\nihn. In der kommenden zuckten wir die Achseln.\nDann sprach er in trotziger Weise und ließ niemand\nin seine Nähe.\nEr erinnerte an einen Eremiten oder närrischen\nHeiligen. Blieb unserer Gesellschaft fern, wurde\npünktlich und ordentlich, kam und ging wortlos,\nnahm eine Art orientalischer Würde an. Er wurde\nunser Redaktions-Chinese. Uebernahm die Politik\ndes Ostens, die orientalischen Kuriositäten; alls, ob\nVers oder Prosa oder bloß Nachrichten, die sicn\nauf China bezogen. Die Lawine war nicht mehr\naufzuhalten. Irgend ein Spaßvogel schrieb unter\neine Novelle: „Aus dem chinesischen Original über-\nsetzt von Felix \" Und damit war dem Leben\ndieses Menschen sein Merkmal aufgedrückt.\n# *\nv\nIch weiß nicht, wie er sich in sein Schicksal\nfügte. Wir sahen bloß, daß er ernst geworden.\nVielleicht freute er sich sogar dieses Talers, den\ner, im Leben wühlend, blindlings fand. Vielleicht\nlebte in ihm ein schmerzliches Heimweh nach dem\nfernen Osten.\nEines Abends besuchte ich ihn. Seine Stube war\nnun schon einem bunten, grellen Elsternest ähnlich.\nGehäuft standen chinesische Nippes, Schalen,\nStänder, Porzellansachen, Vasen umher. Auf sei-\nnem Tisch Tuschbehälter. Die Bücher des Tao und\nKonfutse. Ueber seinem Bett eine stoische braune\nStatue mit schlaffen Zügen und hängendem Bauch,\nein furchteinflößender hölzerner Buddha, der uns\nmit gleichgültigen und fremden Augen ansah, mich\nund den armen Burschen, der zu seinem Gläubigen\nwurde . . . durch ein Wort, einen dummen Ein-\nfall, einen Faschingsulk.\n„All mein Geld gebe ich für diese Dinge aus\",\nsagte er.\nSeine Bibliothek, einige chinesische Werke,\nwaren auf der Kohlenkiste placiert. Unverständ-\nliche Krickskrackse, seltsame Pergamente, .drollige\nSchriften. Auf einer kleinen Etagere stand eine\neiserne Statue.\n„Der Gott des Verderbens!\"\nEr gab mir die Statue in .die Hand. Ein höhni-\nscher und schadenfroher Gnom war dies, ein tan-\nzender und bösartiger Gott, der grinsend über alles,\nüber Lebende und Tote hinwegtanzt, seinen Zopf\nzornig schüttelnd: das verkörperte Verderben. Er-\nschrocken starrte ich in der finsteren Stube auf die\nStatue. Und ließ sie fast zur Erde fallen.\n„Jungens,\" sagte ich den folgenden Tag, „dieser\nScherz ist grausam. Lassen wir davon ab. Stellt\neuch nur vor, der Unglücksrabe lernt jetzt tatsäch-\nlich Chinesisch.\"\n„Kolossal\", erdröhnte es im gröhlenden Chor.\n„Entsetzlich\", sagten einige erblassend.\nDoch dem Chinesen war nicht mehr zu helfen.\nMürrisch entzog er sich unserem Gesichtskreis\nsamt seinen chinesischen Büchern und Bric-a-brac-\nSachen. Nach einigen Wochen bekamen wir ihn\nnur noch sehr selten zu Gesicht, eines Tages sah\nihn einer von uns roch in einem Wirtshaus, wo ein\nzopf tragen der Chinese auf seinen Tisch zuging und\nihm einen Aschenbecher zum Kaufe anbot. An-\ngeblich sprachen sie Chinesisch und hatten anein-\nander große Freude. Lachten fröhlich. Andere\nhielten die Geschichte von dieser Begegnung für\neine Erfindung. Ihrer Meinung nach fürchtete sich\nder arme Bursche entsetzlich vor Chinesen und\nliefe weit fort, wenn er einen erblickte. Er ließ sein\nNachtmahl, seinen W7ein im Stiche, nur um sich mit\nihnen nicht in ein Gespräch einlassen zu müssen,\num nicht als Lügner entlarvt zu werden. Vorläufig\nstudierte er Tag und Nacht die chinesische Gram-\nmatik.\nSo verging ein Jahr, ohne daß ich ihn zu Gesicht\nbekommen hatte. Dann begegnete ich ihm einmal\nnachts auf der Straße. Er war schon beinahe zu\neinem Skelett abgemagert. Als ich ihn grüßte, er-\nkannte er mich nicht. Seither sah ich ihn nicht\nwieder.\n* ❖\n*\nDann kam er weit fort. Nach China, zwischen\ndie Türme aus Porzellan, oder noch weiter. Ich\nwar nicht verwundert, als ich von ihm nach Jahren\neinen Brief aus Peking bekam. Er schrieb darin, er\nbefinde sich wohl, arbeite und sei glücklich. Aber\ndie Zigarre im Munde wurde mir bitter, und ich\nfand ich das Buch, das ich eben las, plötzlich lang-\nweilig und sinnlos. Vielleicht dachte ich daran,\ndaß ich einmal werde sterben müssen, weil es je-\nmandem einfallen wird, aufzulachen. Lange kam\ndann keine Nachricht über ihn.\nUnlängst erfuhr ich, er sei im Sommer des Vor-\njahres, in einem heißen August, vom gelben Fieber\nfortgerafft worden. Er hatte viel darben müssen.\nMalte mit Tusche drollige Bilder und Figuren auf\nrohe Seide. Damit fristete er sein Leben. Doch war\ner eines gelassenen Todes gestorben, wie ein\nweiser Asiat. Neben seinem Bette stand auf dem\nBambustischchen eine kleine Teeschale und eine\nniedliche schlitzäugige chinesische Pflegerin\ndrückte ihm die Lider zu.\nEs wird erzählt, er habe in den letzten Jahren\nschon sehr gut Chinesisch gesprochen.\nEinzigautorisierte Übertragung aus dem Magyarischen von\nStefan I. 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JulS wird der Preis des vierten Jahr gangs auf\n10 Mark eriioht / Fiinfter Jahrgang: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n(iurch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. Straßenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den Bet r a g fur den\nDauerbezug bei der Bestcllung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum funften des ersten Monats einzu-\ns en d en / Andernfalls nehmen wir an, daß E i n -\nziehung des Betrages durch Nachnahme\nuater Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwlinscht wird\nHappen umd Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Zwanzlg Blatt j\nStrich&tzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier is\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton (sa ein-\nfacherer Mappe 12 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c026", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "36", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.11", "debut_caractere": 2996, "fin_caractere_exclue": 5808, "texte": "Kandinsky 1901—1913 / Monographic mit sec h -\nzi g ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kand in sky / 10 Mark\n;\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stilles\nQ1 uck —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft /\nNapoleons Aufstieg / Tragodie / Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman / 2 Mark\nPaul Scheerbart: Qlasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark / Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart funfundzwanzig Mark\nI Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAugust Stratum: Du I Liebesgedichte / Gebuaden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Strain nr. Sancta Su-\nsanna / 50 Pfennig / II: August Stramm: R u d i -\nmefitar / 50 Pfennig / III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst /' 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Walden: Dafnisiieder / Zu Ge~\ndichten von Arno flolz / FBr Qesang und Wa-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einzeln: Er\nhsrt mit ihr den Gukguk schreyn / 50 Pfennig\nDer Sturm j Heeresmarsch / Fur Klavier /\n50 Pfennig\nKunsflerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccionte Das\nLacbea / Lulgi Russolo: Erinnerung einer\nNacht / Zug in voller Fahrt / GiiioSeve*\nriui: Die Modistin I Ruhelose T&nzerin I Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioai? AbscMed/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nJacoba van Heemskerck: Bild 2 / Bild 15\nAugust Macke: Spaciergang\nSigrid Hjerten-Griinew aid: Kinder\nKarten von Macke / Munter / Marc Chagall(4)/\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / (Seizes\nI Archipenko / usw\nErschienen bisher 36 verschiedene Karten\nIllustrierte Sturm - Austel lungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall / Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit ffinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: P1 ak a t fflr die Zeitschrift\nDer Sturm / OriginaMithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Her war th Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nGemalde / Aquarelle / Zeiehnungen /\nHanddrueke / Plastiken\nsind von folgenden Kunstlern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko / Oskar\nKokoschka / August Macke / Paul Klee / Carl"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c027", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "36", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.11", "debut_caractere": 5810, "fin_caractere_exclue": 6643, "texte": "Mease / Campeadonk / Gabriele Miinter / Jaw-\nfeasky / Mariana© von Werefkln / Albert Bfoeh /\nHans Arp / Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzia-\nger / Marc Chagall / Fernand Leger / Jacoba van\nfleemskerck / Otakar Kubin / Emil Fllla / VfoccMc\nBenes / Otto Gutfreund / Boccioni / SeverM I\nCarra / Russolo / Francis Picabia / SchmfcH-\nRottluff / Fritz Baumann / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herw a r th Wal d en I Zwolftes\nJa hr / Jaliresbeitrag 20 Mark I Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm I Freier Besuch aller Stiirmaussteilungefi /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation\nDas zwdlfte Jahr beginnt am 1. April 1915 j Die\nSturmpublikation, die die Mitglieder des Vereins\nKir Kunst im Jahr 1915/16 frei erhalten, Ist: Heems-\nkerck handgedruckter und signierter Holzscbnitt\naaf Kaiseriich Japan-Papier"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c028", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "36", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.11", "debut_caractere": 6645, "fin_caractere_exclue": 7022, "texte": "Zeitschriften\nUnielecky Mesicnik / Monatsschrift fOr aeue \\m4\nalte Kunst j Administration Prag I 5 Velesiavinova\nPoet-Lore Begrlindet 1890 / Eine Zweimonats-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dern Drama\nder Gegenwart in alien Landern / Probeheft gegen\nEinsendung von 6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezag\n21 Mark / Verlag Richar d Q. Badger / Boston\n/ Mass / USA 194 Boylston Street"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c029", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "36", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.11", "debut_caractere": 7024, "fin_caractere_exclue": 7032, "texte": "Anzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-06-01-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-06-01_01#c030", "volume": "bmtnabg_1915-06-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "36", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.11", "debut_caractere": 7034, "fin_caractere_exclue": 7926, "texte": "Soebeii erschienen: August Stramm: Krafte\n/ Drama / Sturmbuch VIII / 50 Pfennig\nSoeben erschienen: Heemskerck-Mappe: Seeks\nhandgedruckte und einzeln signierte Originalhok-\nschnitte / Auflage 30 Mappen / Mappe I—s vorbe-\nstellt I Mappe 6—30 je einhundert Mark /' Verlag\nDer Sturm Berlin W 9\nFelix Miiller / Dresden: Handgedruckte Hoiz-\nschnitte und Originallithos / Zu beziehen durcli\nden Verlag Der Sturm Berlin W 9\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futurist© /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milane*-\n/ Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fiir Biichereinb&nde / Muster\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Bestef-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- und\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.1", "texte": "DER STURM\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nH-t ————I——i ———\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9/Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungs räume\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nSECHSTER JAMROANO 1915\nBERLIN ERSTES UND ZWEITES JUNIHEFT\nNUMMER 5 6\n\nInhalt:\nInhalf: Herwarth Walden\n\nFranz Marc: Löwenschlacht nach Delacroix / Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.2", "texte": "Die Kunst an den\nWurzeln\nHerwarth Walden\nDas Typische jedes künstlerisch Unbegabten\nist, daß er angstvoll nach den „Wurzeln\" sucht.\nEr fühlt sich ein entlaubter Stamm, empfindet\nseine Nacktheit, soweit die dicke Borke ihm das\nnoch gestattet. Oft hält er auch die Parasiten auf\nihr für eigenes neues grünes Leben und freut sich\nseiner allerdings leicht graugetrübten Schönheit.\nDie Wurzel fehlt. Und da er sie selber nicht hat,\nsucht er sie wo anders, beim Volk. Jeder künst-\nlerisch Unbegabte macht sein Volk dafür verant-\nwortlich, daß er keine Begabung besitzt Sein\nVolk soll an ihn glauben, cla er es selber nicht kann.\nEs soll je nach der Temperatur nur an Eichen oder\nPalmen glauben. Denn im Süden sind die Ei :hen\nund im Norden die Palmen unnatürlich. Die Natur\nmuß sich beschränken lernen, damit der Kitscher\nseine Ersatzwurzeln findet. Natur gibt es nur auf\nder Erde, nicht unter ihr und nicht über ihr. Diese\nKunst ;st unnatürlich, deren Wurzeln Jener nicht\nsieht. Würde aber einer die Wurzeln malen, die\n. Jener auch bei bester Gesundheit nicht sehen kann,\nso wäre er wieder unnatürlich. Zwar wohnen\nnoch Leute hinter den Bergen, die man nicht sieht,\naber hinter den Welten ist die Geschichte aus, die\ndurch Sehen festgestellt werden kann. Die Maler\nfreuen sich, daß sie sehen, was Andere gesehen\nhaben. Sie malen, weil Rembrandt gemalt hat.\nAber Rembrandt hat nicht gemalt, weil sie malen.\nWeswegen hat nun wohl Rembrandt gemalt? Er\nhatte es als Holländer etwas einfacher, weil ihm\ndie Wurzeln zwar nicht seines Volkes, aber der\nTulpen offener zutage lagen. Er konnte die Natur\nohne größere Anstrengung sogar zu Hause beob-\nachten. Wenn ihn also auch die Kunst in dieser\nHinsicht nicht so sehr zwiebeln konnte, ist do h\ndamit noch nicht alles erklärt. Im Gegenteil, die\nSache wird immer schwieriger. Wer seine Wur-\nzeln bei Andei n sucht, ist solide. Solide Menschen\nhaben stets ein lebhaftes Interesse für Unsolidität\nUnd jeder Unsolide ist wurzellos, wie jeder Schrei-\nber seit hundert Jahren schreibt. Wem läge nun\ndie Prüfung auf Solidität näher als dem Ver-\ntrauensmann des Wirtschaftlichen Verbandes zahl-\nloser Künstlerverbände, der sogar Berufsmaler ist.\nDieser Herr, der ein Verkündigungsblatt des Künst-\nlerverbandes leitet, das Alles enthält, nur keine\nVerkündigung (der Gott zeigt sich nur Gläubigen,\nnicht Gläubigern), dieser 'Herr hat rechnerisch fest-\ngestellt, daß solide Durchschnittsarbeit weniger\nGeld einbringt als „Bluff\". Arm, also ehrlich.\nReich, also unehrlich. Die neue wirtschaftliche\nErkenntnis des Künstlerverbandes. Für einen so-\nliden Stuhl zahlt Jedermann gern eine Mark weni-\nger. Bei einem unsoliden Brillanten kommt es auf\ndreißig Mark mehr nicht an. Wozu soll man Ringe\ntragen, auf die man sich nur mit Schmerzen setzen\nkann. Der solide Bürgersmann freut sich lieber\nüber einen unbequemen Stuhl. Die soziale Frage\nfür den wirtschaftlichen Verband wäre also eigent-\nlich gelöst. Man male Bluff, und das Geschäft ist\nrichtig. . . gehört zu den Künstlern, die außer-\nordentlich viel können. Mit seiner guten so-\nliden Durchschnittsarbeit hatte er\nkeinen materiellen Erfolg erzielen können; unter\neiner glänzenden geschäftlichen Erkenntnis ging\ner zur rechten Zeit zum Bluff über, der ihm\ndas Geld amerikanischer, russischer und leider\nauch deutscher Snobs in die Tasche brachte. Ich\nerinnere mich seiner sehr wohl, wie er mit mir im\nselben Hause eine kleine Parterrewohnung für\ndreißig Franken im Monat mit Frau und Kindern\nbewohnte. Drei Jahre später war er Besitzer eines\nschönen Landgutes vor Paris/1 Leider wird nicht\nmitgeteilt, worin der Bluff bestand, trotzdem es\nfür einen wirtschaftlichen Verband doch recht\nmarktwertvoll wäre. Ich erinnere mich übrigens\nsehr wohl, wie ich im selben Hause mit Rembrandt\nwohnte, für dreißig Gulden im Monat Später ging\nes ihm auch recht gut. Er wird also wohl den Bluff\ngefunden haben. Dann verlor er zwar wieder\nseinen Besitz, weil seine Unsolidität zu unsolide\nwurde und der Bluff nicht mehr zog, bis ihn lange\nnachher ein gewisser Herr Manet wieder fand.\nDann erinnere ich mich sehr wohl, wie ich später\nmit einem gewissen Herrn Cezanne eine kleine\nParterrewohnung für dreißig Franken bewohnte.\nEr ging auch zum Bluff über, aber zur unrech-\nten Zeit. Aus dem Landgut wurde nichts, und dii\nSnobs kauften zur Abwechslung lieber mal wieder\nsolide Durchschnittsarbeit Hingegen kenne ich\nwirtschaftliche Künstler, die schon ein Landgut be-\nsaßen, bevor sie solide Durchschnlttsarbeit malen\nließen. Auch Selbermalen auf solide Weise macht\nfett. Davon weiß die Kunstgeschichte manch\ndicken Namen zu nennen. Mir scheint nach meinen\npersönlichen Erfahrungen die Beweisführung über\nsolide Kunst auf Grund von Wohnungsmieten recht\nunsolide zu sein. Beethoven zum Beispiel konnte\nmit seiner guten soliden Durchschnittsarbeit keine\nmateriellen Erfolge erzielen, während es Richard\nWagner zu einem schönen Landgut vor Bayreuth\nbrachte. Der hat also auch den Bluff gefunden.\nWahrscheinlich wird mir der wirtschaftliche Ver-\ntrauenskünstler erklären, daß Musiker keine Künst-\nler seien. Hören ist nämlich lange nicht so natür-\nlich 'wie Sehen. Man hat ja sogar schon gehört,\ndaß Böcklin kein Künstler sei. Hingegen hat es der\nwirtschaftliche Verband gesehen, daß er\neiner ist.\nWo liegen nun die Wurzeln der Kunst?\nIm Volke? Hinter den Bergen?\nHinter den Welten.\nWer Augen hat, zu hören, der fühle.\n\nFrühe Gedichte II\nAdolf Knoblauch\n\nAn den April\n(nach einem Gedicht von Joaquim Du Beilay)\nApril, du Gnade und Lachen der milchfarbigen\nGöttin,\ncyprisische Anmut du, mit deinem süßen Atem,\nApril, du Geruch der Götter, den sie im Himmel\nfühlen\nvon tiefer Erde herauf.\nO du bist es, du Höflicher, Zierlicher,\nder du aus der Verbannung zurückbringst\nall deine Zugvögel,\nalle diese heitren Singenden,\ndie mit dem Frühling kommen\nund des Frühlings sind\nvorauf glänzende Gesandte.\n\nMädchen im Meer\nEntgürte dich zu blanken Hüften,\nschimmerndes Mädchen! eile dich, eile,\nsenkst du deine Glieder ins Meer,\ngibst du dich preis dem Meer!\nUnd der atmende Wind, herb duftend,\nstürmt behend in dein Kleid,\nsdhlingt um schmale Hüften\nweinend die minnige Flut,\nsteigt umflorten Augs\nzu der himmlischen Trift empor!\nSenkst du deine Glieder, Mädchen, ms Meer,\ngibst du dich preis dem Meer!\n\nAn den ewigen Frühling\nAus donnernden Wolken,\ndie -du lächelnd zerteilst,\nkommst du hernieder,\newiger Frühling du!\nAdler kreisen\ndeinem Haupte nah,\nauf diamantnem Schild\nheben dich stürmende Engel.\nDeinem holden Ruhm\nweichen wimmernd\neherne Glutschlangen,\ndunkel dröhnend.\nSanfte Kinder,\ndeine Himmelsvögel,\nläd dein schimmernder Ruf\nzu weißen Flügen.\nDeine Meere,\ngehorsam dem stürmenden Fuß,\nbäumen sich zu Wolken,\nschwere Renner,\ndie du kränzest\nmit feurigen Perlen der Tiefe.\nDeinem Sonnenlächeln\nist alles Beginnen\nunsterblich aufgetan!\nDeinem Segnen,\nhimmelsherbem Sturm,\ndeines diamantnen Schilds\nbrennendem Dröhnen\nragt der Starke,\nDen du erschütterst\nim seligen Fieber\nschleudernder Blitze,\nDem du dich kürend vermählst,\nlächelnd aus donnernden Wolken,\nbräutlicher Frühling du!\n\nTageszeiten\nEs glühten die Frühwölkchen vom rosigen Licht,\no du gebenedeite Frau!\nGlänzten meine Schuhe von viel kühlem Tau,\nich sucht dich lang: ich fand dich nicht!\nBrach des Mittags Donner aus gewölbtem Bau,\nc du zärtlich gekrönte Frau!\nbargen die Wälder dich Bebende dicht,\nich sucht dich lang: ich fand dich nicht!\nRief zur Vesper Glocke läutend im Blau,\no in Treuen selige Flau,\nzetert ich lang, doch du lächeltest nicht.\n\nWippenlied\nSo im Auf- und Niederschweben\nwill ich dich zum Himmel heben,\nwill ich dich zur Erde neigen;\nalles, das du siehst, sei dein!\nHoch im Himmel,\nTief zur Erden,\nin dem dunklen Abendschweigen\nsollst du irdisch niedrig werden,\naus dem Niedren freier werden\nSchwester hohem Sternenblau!\nDu steigst nieder, Mädchenweiß,\nleuchtest meiner Erdennacht\nkindertoller Glitten heiß,\nUnband, der die Blütenbäume\nlachend rüttelt,\nin des Haines Silberstimmen\nfeuerfarbnen Aufruf wirrt . . ."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.3", "texte": "So berauscht von deinem Lachen,\nhoch von dir emporgehoben,\nwill ich trunken dieses Leben,\ndas in Finsternis verwoben,\nnicht mehr fühlen, nicht mehr loben,\nwill versinken unter Kränzen,\ndie von dichten Rosen duften,\nselig singen, toll vertaumeln\nmeine Kräfte, still verglänzen\nhoch am Himmel, über Grüften,\nals dein weißer Liebesstern!\n\nLied im Mittag\nSei stille Geliebtester!\nDie Wälder, in denen du schläfst,\nsingen dir Wiegenlieder,\nhöre genau:\nsie singen mit meinem Mund.\nMittag, der über dir am Himmel steht,\numschlingt dich mit seiner Wärme,\nmit weichen, weißen, süßen Armen,\no fühlst du Geliebtester,\nwie des Mittags Arme,\nmeine schneeweißen Arme,\nDich an die lieblichsten Brüste pressen!\nUeber dir schimmre ich im hohen Himmel,\nbin Gottes Auge und heiße Sonne\nund lenke alle Gestirne.\nUeber dir bin ich und spiegle mich\nlächelnd in deinen Wunderaugen,\ndu mein seliges Kind!\nDie Vögel schießen Lieder aus Schnäbeln,\ndie den langen Tag Nährung bringen,\nin die linden Lämmerwolken,\nund hören nicht auf, singen immer wieder,\nimmer wieder mit zagen Lauten,\nkleine Vögel, die ihrer Seligkeit zuwachsen.\nStill mein Geliebtester!\nwanderst du über die unendliche Erde,\nmüder als alle die Anderen,\nschaust alle Gestalten,\ndie unter uns irdisch erstanden,\nnäher der ewigen Schönheit,\nund leidest bittrer alle Schmerzen\nzu deiner Verklärung.\nSiehe, mit der Wolke fahre ich über deinem Leben\nund umhülle dich mit meiner Weiße,\ndie verbrämt ist von Strahlensilber!\nDu Allerstillstes!\nDie Biene summt, und du bist allein auf weiter\nErde,\nschau dich nicht um, blick in dich hinein,\nschließ die Augen, daß durch die Lider\ndie Sonne tiefpurpurn glüht,\nund horche, horche genau . . .\nAus weiter, weiter Ferne spricht meine Seele wei-\nnend zu dir,\njetzt, o ich komme Du, mit der Allmacht meiner\nLiebe\nstürze ich zu dir nieder,\nküsse dich und atme schwer und küsse dich,\nbis alles versinkt.\nSei stille, schlafe ein, mein Kind,\nund ich bin die Nacht, in der du schläfst?\n\nGewebe der Hände\nWer das Gewebe wohl kennt,\ndas seiden zwischen Himmel und Erden gespannt,\nin dessen Rosenflören wir alle\nmit weißem Kindesleib\newig verflochten bliihn!\nWer die Hände wohl kennt,\ndie bei sinnigem Wandeln\nmilde gereicht\nund stützend vertraulich,\ndie in die Rosenflöre zwischen Hinmiel und Erden\nmit weißem Kindesleib\nunausdenkiieh uns flechten!\n\nAbendlied\nHimmlische Greise\nwandeln mit seligem, abendrotem Lächeln\ndurch die Gassen . . .\nEin Jüngling geigt stillen Sang\nüber den Dächern im frommen Blau.\nDas die Sterne umringen\nnimmermüden Laufs,\nHerz in goldener Abendsonne,\nin seinen Tiefen bebt das Ali\newigen Preis dir Singendem.\n\nSommerlied\nDer Sommer erhebt sich bis an die Sterne,\nwir folgen ihm alle gerne,\nAugen sehen wunderbar das Klein und Große,\ner verteilt nach Seligkeit die Loose.\nEr senkt sich in das dunkelblaue Wasser, in die\nweißen Schwäne,\nund lockt und zirpt wie Grillen,\ner steigt ins wehende Blätterhaar der weißen Birke\nam Seegestade und flötet durch den blauen Abend,\nwo ein Kmdlein rosig schläft\nim grünen Gras bei roten Pilzen.\nAltäre ragen lustreich in den Kränzen,\nund himmelan steigt Ghit und Rauch\nzu zierlicher Tauben kreisend weißem Flug.\nDer selige Sommer umfängt die selige Kraft\nund atmet zum erstenmal in nackten Armen.\nLust reißt und zehrt mit Fieberkräften,\nSommer, -der dunkelgoldne Riese,\nruht, die schlanken Glieder lösend,\ntrunken mit schwerer Wucht auf seinen Vulkanen.\nSchaudernd erwacht er,\nfindet sich allein mif grauen Wolken\nüber Freund und Herz und Stadt,\nund namenloses Weh ergreift Ihn,\nsich in die Wirbel drunten hinzuwerfen.\nDoch sacht berührt ihn Bramas heiliger Finger,\nund er schaut und freut sich seiner Sehnsucht,\nnoch einmal an der Himmelstür zu ruhen,\nschauend immerdar!\nDer Sommer webt am Himmel,\ndie herrliche Erde bebt,\nund alles Toben höret auf.\nDie Mitterrnacht sticht mit dem Zeigefinger bange\nRunen,\nzu vergessen, zu erkalten, des Wahnes zu lächeln,\nin sein Herz.\nNoch einmal sieht er Liebende auf roten Bergen\ngehen,\ndann gleich sinkt Regen nieder,\nund der graue Himmel füllt sich mit fernen, eisigen\nSträhnen.\nDa sinkt er heimwehkrank zur Erde,\nüberwach, übernächtigt\nnach schmerzensreicher Nacht,\nwann sich der neue, blasse Morgen kündigt.\n\nDrei Steine\nIch habe nichts bewahren sollt\nals drei von schönen Steinen\nund ein Kästchen von Gold,\ndarin sie scheinen.\nDer eine ist aus dem Himmel gefallen,\nkühl kleiner Tropf von Kristallen,\nim Traum in meine Knabenhand\nam perlen reichen Meeresstrand.\nDer zweite ist korallenrot,\nDen schlangen im klaren Meer\nam silbernen Bande blutendrot\nGlashände um nieine Hüften her.\nDer dritte ist von mildem Blau,\nsehr zart und hold im Schein,\nDen schenkte eine schöne Frau\nin meine Lippen ein.\nEinst senkt von blassem Elfenbein\nmit rosenfarbenem Kranz\nmein totes Haupt ins Kästchen ein:\nliegt sanft in dreier Steine Glanz!\n\nBlutige Rose\nIch hebe, von vielem Weinen müd,\ndeine welke Rose du!\nSie ist so rot wie Abendlicht\nund duftet süß und abgeblüht\nmit kühlem Grabgeruch.\nSie hob im Traum eine weiße Hand,\njuwelenreiche, heilige Hand\nzum blassen, milden Mund.\nDann senkte sie herb den seligen Kelch,\nbetaut von Sternen klar,\nin mein klingend zersplissenes Herz,\ndavon er blutig ward.\nAus Augen blau wie der himmlische Saal\nsank eine Träne weh,\nbrannte zu kaltem Edelstein\nund weiß mein Herz wie Schnee.\nPrangend der ewige Morgenstern,\nfernzittert über jungem Rot,\nkühl in meinen Händen die Rose glomm,\nglich einer Krone von Gold.\n\nErhebungen\nAdolf Knoblauch\n„In seiner Folgsamkeit verwundete\nder Törige die Wurzel seines Wesens,\nden jungen Trieb zu wirken und zu siegen\nund grämte sich in seiner schmerzlichen\nErniedrigung und wähnte doch sie nötig.\nAus Hölderlins Jugend\nI\nDie Seele, die sich im Sturm zerschlagen hätte\nvon wüsten, stummen, allzu großen Leiden,\nerhebt sich weinend aus den Niedrigkeiten\nund lauscht erstaunend Petrarkas lieblichem\nSonette.\nSo taucht aus schwarzen Sturm- und Nebelkleiden\ndas Meer empor in seiner ewigen Glätte\nund hebt zum Himmel aus azurnen Seiden\nweißglänzende Arme, umschlungen von rosiger\nWolkenkette.\nSo ward mir dein Gruß, o Tauchen aus Schmerzen,\ndaß tröstend zu dir in die tiefen Gräber\ndie Lichtfrau mit Bildern und brennenden Kerzell\nstieg, und als du dich nährtest von ekelster Treben\nsiegwissend aufflammt im erloschenen Herzen\nzu innigster Läutrung dein verklärtes Wesen.\nII\nDie du mit wonnezitternder Gebärde deine Herr-\nlichkeit erhobst,\nin r-oten Wein -das Hochzeitswasser kehrtest\nund höchsten Reichtums selige Entzückungen er-\nhandeltest,\nals du mit Küssen, scheu nur liebend, die Kinder-\nseelen umwobst.\nDie du in Fröhlichkeit verdrossenes Geschwätz\nmir wandeltest,\nin diesen Qeist -der Häßlichkeit für immer Ein-\ntritt wehrtest,\nden Kindern nur die Gottheit deiner Tempel lobst,\nin denen du, einfältig wünschend, selbst dich gött-\nlich ehrtest."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.4", "texte": "da du still wie der Mond im Nacht-blauen\nzogest,\nmi weil mit düsterem Blut der welkenden Blüte,\nim sanften Traum den Herbstmohn deines Abends\nwogest,\ns© schlug wie der Nord der Hohn in dein marmorn\nGesicht, daß es glühte,\niitdi, weil du nicht klagtest, nicht lögest,\nIber dein steinern Gesicht, in deine himmelklaren\nAugen.\nIII\nKnabe, der du scheu und gequält ins Leben siehst\nmit Sehnen,\nder du schwankend und ängstlich irrst und eine\nHeimat schaudernd suchst,\nbebend nach dem Heil, das dich verflucht,\ndt» kniest, und dich spiegelt das Wasser, darin\ndeine Träume versanken.\n•Da du die Teuren gekränkt, die dich lieben wollten,\nDich, den es schaudert: Land, Geschlecht, Sitten,\n4cm zum Fluch wurden Jene, die gerecht grollten,\nOs siehe deines Liebens Gespenster zerbrechen in\ndes Wassers Mitten.\nWeiße Wolken, die im Sommerblauen droben und\nhienieden stehen,\nweiße Wolken, die gleich der wehenden Frauen\nTanz erfreuen,\nWeile Wolken, die mit dem Winde kommen und\ngehen.\nWies in dir schwillt! Schon fühlst du nicht mehr\ndeines Leibes scheuen\nAbwink, . . . schon siehst du im Frühling die\nprachtvollen Banner wehen . . .\nschon neigst du dich nieder ins Wasser, wo bald\nalle Gesichte zerbrechen.\nIV\nDil Knabe, der seine Jugend quälte um der Zukunft\nwillen,\nICilsd deiner wehen Heimat, wo Moor und Heide\nneblige Dünste brauen,\ndu trübe genaht, um dein Sehnen an des Gei-\nstes Schauspielen zu stillen,\niteiner Versunkenheit heilige Gesichte in der Er-\nlösungen Pracht zu schauen.\nÄfertre nicht den heilen Leib, der rank ist gleich\nder Rute,\nfalte das Purpurtuch, das Stirnband glänze um\nLocken,\ndie Sonne glüht, die Lichtfrau ruft dich im Abend-\nglut 3,\nrrtf! brünstigen Schlägen hämmern die dunklen\nGlocken.\nDas ist der Abend, wo die ruhmvollen Sinne deine\nTorheit zerschlagen,\nwo der heilige Geist auf seinem Eliahwagen ent-\nbrennt,\nLiebesarme krönend des Knaben Himmelhaupt\nüberragen.\n'Sag, o Menschlein, das jubelnden Hoffens ins\nAbendrot rennt,\nlenktest du nie den mit Opfern beladenen Wagen\n2ti einem geheimen Altar und durftest Niemandem\nsagen, was dich verbrennt?\nV\nEin Saal, den Nacht und Geisterhände geschaffen,\nfarbige Gewebe, die leiser Wind wölbend regt,\nmattglänzendes Licht, das dem goldenen Schmuck\neiner Frauenstirn und dunkelbraunem Haar ent-\nquillt.\nMattglänzendes Licht, das des Knaben betenden\nAugen entspiegelt,\nstumm kniet er und küßt Liebesfrauengewand.\nDroben dröhnt die dumpfe Zauberglocke ins\nstumme Land,\ndas Mitternacht mit Grabesöde siegelt.\nStarr entspannt der Vogel der Schwermut zum\ngrauenden Osten\ndie Fittiche, schwebt über dem Abgrund der\nSeelen,\ndie in Höhlen der Wollust ewige Trauer kosten.\nGräßlich schwärmen die Totengeister, den Knaben\nzu quälen,\ndurch Hirn und Adern jagt die Flammen Unrast:\no töricht Ahnender, o Kind! das die Aengste er-\nwählen!\nVI\nDen Gürtel ab, das Kleid.\nIm Morgenglanz, den rings am Himmel\ngoldene Dome zünden,\nhebt der Knabe nach langer Qualennacht\nzum Gebet die reinen Hände,\nwährend still um seinen Leib\nder Fluß die klaren Silberringe ründet,\nund durch die Weite\nfeierlich Posaunenton überhallt.\nDas ist im Morgenschein der Tag,\nan dessen Wunder diese Täglichkeiten schwinden,\nDem Weg zu ebnen\nSendlinge des Paradieses aufstoßen graue Tore,\ndaß er sich neu dem lichten Ursprung wende,\nverborgenen Zieles Feuersegnung fühlt.\nDroben wandelt hernieder auf Wolken,\nderen Silberbräme Glorien durch den Himmel\ngießen,\nin strenger Hülle die lichte Hoch-\ngestalt\nVon seligen Gefährten sanft geleitet,\nbreitet sie geheimer Kraft begabte Hände\nauf den Knaben\n(der irrend ihrer einst begehrte),\nleicht sein Haupt ins Wasser beugend\nruft sie ihn leise:\nGott sieht ihre Augen dunkel glänzen!\nVII\nLaß mich dich loben, meine reine Liebesmutter:\ndu schmücktest meine Stirn mit goldenem Reifen,\ndu hast mich selig begnadet,\nda meine Hände deine bebenden Hände nahmen.\nVom Himmel stiegst du nieder,\noa an goldenen Domen\nsich Morgenglanz entzündet,\nPosaunenton und Rufe schollen,\ndir zur Seiten wallten selige Gefährten,\nAlle tranken Glanz von deinen Lilienhänden,\ni i\nund Sonnen standen im Mittag hoch erhoben.\nVor solchem Anblick brach das Meer\nin seinen alten Klüften tief zusammen,\nsohleudert hochaufbäumend\ndie trunkenen Flammen\nmit grausen Spitzen hoch zu deinem seligen Gang\nempor.\nDoch von den Schultern sanft das rieselnde Silber,\nder Feuerströrne lohende Spitzen streifend,\nseh ich die rosigen Füße auf den zuckenden Fluten\nschreiten,\ndie gewölbt sich beugen dem Schwung deiner\nnackten Sohlen.\nVIII\nJa! ich will dich salben,\ndich in meine Flammenhaare hüllen,\ndein Haupt in meinen Lichtschoß betten,\nich will dich geleiten —\ndie Finstren sollen sich neigen\nund dir erfüllen,\num das du büßend gerungen,\nLiebling, in deinen sternelosen Dunkelheiten.\nDu Lichter, dem wir in Wohlgefallen uns bereiten,\nDu Reiner, dem meine dunklen Reize bangend sich\nenthüllen»\nmein Gemahl, dem die kindlichen Kleider klaglos\nentgleiten,.\nSchöner, dem meiner Brüste Becher prangen,\nkomm, mein Lichtgenoß, zu den Mutterbrunnen,\ntritt ein in den Mittag, der seine schwellenden\nArme breitet*\nentzücke dich an dem göttlichen Schwung in der\nHöhe!\nSchweigend, in verzückter Ohnmacht sinkst du\ndahin,\nhorch! fern hallen Schläge der rasenden Rosse!\nund ich empfange dich köstlich in meiner Glut,\ndaß mein Atem ewig um dich Treuen wehe.\nIX\n(Nach einem Gedicht von Joaquim Du Beilay)\nMit hohem Ruhm und lieblicher Anmut\nwaren die göttlichen Feuer gegürtet, und die\nHimmel\n'hatten sich gekleidet in einen strahlenden Mantel\naus glühenden farbigen Glorien.\nMit Schönheit und Güte war alles erfüllt\nweit das ruhende Meer und der leicht schwebende\nWind,\nals SIE zu diesem tiefen Orte niederstieg\nund der Welt ganzen Ruhm auf sich nahm.\nSIE, deren Gesichtsfarbe von den schönen biassen\nLilien schien,\nderen Haare von Gold und deren Lippen Rosen\nwaren,\nund von der Sonne die weit Licht ausbreitenden\nAugen.\nUeberfließend von Freigebigkeit goß der Himmel\nin ihren Geist\nreich den Samen göttlicher Wirksamkeit\nund unsterblich erhob sich ihres Namens Ruhm.\nX\nNacht droben, brich hernieder. Zerschlage deine\nBrüste.\nHeule nicht auf um Mitternacht. Still v/eine,\nweine . . .\nZerschlage die Bilderwerke dieser beiden Götter\nJährhunderte.\nVittoria Colonna ist tot, und die Erde neigt sich\nzur Rüste.\nIn schwarze Seidengewänder gebettet, liegt die\nüber alle Fürstinnen Reine.\nGefaltet über einer Purpurrose ruhn die weißen\nTotenhände.\nIm greisen Haare glänzen alte dunkelrote Edel-\nsteine.\nAn ihrem Bette aber kniet Italien und weint auf\ndiese hundertmal geküßte\nSonnenhand die tief verzückten Tränen und\nGebete,\nund von den schwarzen Adlern aus den Ewigkeiten\nniedergerissen,\nstürzen die lichtstirnigen Genien auf die Knie.\nDurch die sternenbesäten\nEbenholztüren aber schreitet, gebeugt von allem\nWissen:\nMichelangelo. Demütig, als wenn Gott in die\nTotenkirche trete,\nweichen alle, und tiefgeneigt betet sein Mund auf\nihrer Stirn mit stillen Küssen.\nXI\nAus blankem Silber hoch die edle Schale,\nvon reifen Früchten farbig überquellend Gut,\ndas sie mit sanft gehemmter Betgeberde\nauf blassen, fessellosen Armen lächelnd hebt.\nEs überströmt 'die längst vernarbten Wundenmale\ndes heitren Angesichtes milde Glanzesflut,\nund innger, als mich Sonn und Brand verzehrte,\nhat mich mit tief verborgnem Blau ihr Aug belebt.\nMit hellem Lachen goß sie munter, dieses Adels\nmüde,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.5", "texte": "ringsum die Früchte aus. Wunderbar und süß nun\nihre Arme senkend,\numschlang sie ganz mein Haupt, daß mit dem Lide\nnachtwandlerisch die Augen sich bedeckten, ge-\nheimes Bild bedenkend,\nSie hob, als diese klaren Spiegel mich durch-\ndrangen,\naus straffen Falten des Gewands von blauer Seide\nzu blasser Schöne Schultern, Arme, Wangen.\nIn ihrer unendlich schmeichelnd Kinderfinger\nedler Schale\ntrug sie, daß Tropfen langsam ihre goldnen Kna-\nbenlocken überflössen,\nhoch mein blutend Haupt: mit Paradiesessang und\nEiakuß im schönen Marmorsaale.\nXII\nAls wenn mit Messerschärfe schaudernd Schmerz\nmich schnitte,\ngrausamer 'Schmerz d;e ungefügen Glieder regt,\nward mir, daß tiefren Fühlens Brand ich litte,\nErniedrigung aus meiner Herrin Hand mir auferlegt.\nDu streichelst, d'e sich zärtlich dir verneigen,\ndie sanften Seidenhunde mit besondrer Gunst,\nin goldnen Strömen schließest du die Geisterreigeii\nmit Orgeldröhnen und geweihter Kunst.\nDoch mir ward hier nicht Platz! Von euren\nFürstensitzen\nbleib 'fern, ohnmächtger Wünsche voll Barbaren-\nlied,\ndem Feuersteine um die Nebelglieder blitzen.\nUnfühlend eurer Hochaltäre Festlichkeiten\nsei Flucht in Nacht, im Grausen sinnlos Lied:\nda SIE mich schlug mit frechen Spottes Niedrig-\nkeiten.\nXIII\nAuf den alten Madonnenbildern ruhen schlanke,\nblasse Frauenhände\nedel auf dem Engelleib des Gottessohnes.\nDie Himmelsscharen schweben singend zu ihres\nThrones\nbekränzten Altarstufen und trinken von den Düften\nihrer Rosenhände.\n£ur Erde neigen die Sonnenkönige die Häupter\nunter des Lohnes Seligkeit,\ndie Augen dunkel von ihrer Anmut Schau beladen.\nDer Mund erbebt von der Berührung ihrer Liebes-\nhände\nund stammelt Kinderworte, taumelnd von den\nGnaden.\nDer höchste Erzengel steht auf in Purpurpracht\nund hebt über dem Scheitel der Madonne\ndie strahlende Krone 'in die hereinQuellende Nacht.\nDas göttliche Fieber erschüttert die betenden\nGlieder,\nund während lobsingend der 'Mensch zusammen-\nbricht,\nküßt 'hoch die blasse Madonne auf das Antlitz ihres\nKindes nieder.\nXIV\nIn purpurdunkles Rot will ich dich fürstlich kleiden,\ndas ich im nächtlichen Entzücken aus blasser Hand\nempfangen,\nund Not und Trauer soll aus deinem Leibe scheiden\nvor diesem dunklen Jubel, der dich mit abendroter\nGlut umfangen.\nIm hohen, alten Kirchenstuhle sollst du deine\nSeiden-\ngewänder über all die alten, frommen Sprüche\nprächtig breiten,\nund während süße Weihrauchdüfte dich mit stillem\nTuch behangen,\nschling ich dir um Hände, Füße matte gcidetie\nKettenspangen.\nAus 'den Gewölben brausen feierliche Orgeltöne,\nvor dir auf meine müden Kniee hingesunken,\nstreck ich die Hände auf zu deiner Purpurschöne.\nVom Altar steigt blaß die Königin des Himmels\nnieder\nund heftet in dein Haar mit strahlender Gebärde\neinen Funken,\nunter der Pracht des Chorals sinkt meine Stirn auf\ndeine Kniee nieder.\nXV\nWie du im Traum mir himmelklar erschienest,\nmich so mit herrlicher Gebärde tief verwirrtest,\ndaß meine Armut schwand, sich zweifach Hunger\nstillte,\nund hoher Friede milde meine Wünsche einte.\nWie du von fern auf Himmelbahnen mich be-\nschienest,\ndem Reinen rein, voll Demut, makellos Gebilde,\nund wie mich Frömmigkeit vor deinem Anblick\nbeugte, daß ich v/einte:\nau aber lächeltest und sanft mich wie mit Tauben-\nflügeln rührtest.\nSo unzerstörbar klargeprägter Form bleib, um zu\ndauern,\nein stilles Ahnenbild, besonnt, von frühem Schmerz\ndurchweint,\nim Dämmer und im Traum erschienen mir, ver-\nblichen , . .\nIch kam, ein trüber Schatten, gemacht zu irren\nund zu trauern,\no daß mir doch, gleich wie ein Abendlied viel\nrauhe Stimmen milde eint,\nbesonnene Fröhlichkeit einst dumpfe Leidenschaf-\nten ausgeglichen.\n\nHändefassen\nAdolf Knoblauch\n\nHändefassen! Händefassen!\nzärtlich Spiel im frohen Kreis,\nSpielen mit verbundenen Augen,\nSpielen mit verwirrten Händen,\nLachen, frisches Wort im Kreis.\nMann im Kreis\nEifrig seine Hände schweifen,\nWünschensliebes zu ergreifen;\nhuschende Mädchen, stille Frauen,\ndie ihn puffen, zerren, zausen,\nund mit abertausend Flausen\nneckend ganz und gar verwirren.\nRufe schwirren:\nBär soll \"sich im Kreise drehen,\nnicht den Rasen niedertreten,\nsoll den lieben Unband greifen,\nwill die Binde niederreißen.\nLaßt ihn fluchen, laßt ihn flehen,\ngegen alle Bäume rennen . . .\ngnädig werdet ihr ihm gönnen,\n•daß er sich euch nahen darf.\nLachend seid ihr ihm entronnen,\naufgepaßt! er will euch haschen,\nund ihr greift mit weißen, raschen\nHänden kühn die stärkre Hand.\nEndlich! so jetzt faßt er dich.\nToll reißt er sich seine Binde,\ndich mit festen Händen haltend,\nvon den Augen, küßt geschwinde\ndeine beiden heißen Backen.\nRingsum alle Frohen tanzen,\ntief im Sommer abend tanzen\n>\nunter dunklen Kiefernbäumen.\nHändefassen! Händefassen!\nwagend Spiel im Zauberkreis.\nFrau im Kreis\nrings auf Knieen\nMänner ruhn im bunten Kreis,\nstrecken aufgetanene Hände,\nwünschen süß verhaltene Hände,\ndie gar zärtlich, ünd und weit\nkeinii i c l i Zaube r w ah i vcHeci d e n.\nWund e lii eile Frau enhän d e,\ndfe mit sanfter Klarheit heile*\ndunkle Sommerabendflur,\nci:e im Kreise suchend gehen,\nstumm Erhörung sich erflehen,\nschwankend ungestilltes Sehnen,\nwill es sich zum Himmel heben,\nwill es auf der Erde bleiben?\nStille, weite Männerhände\nfahen nach dem blinden Weibe,\nharren, bis sie ihn erfasse,\nund sie prüft mit zagen Händen,\ntastet sorgsam,\nwünscht mit herrlich gliihem Leibe\nbegehrt ohn Maßen, sonder Enden,\ndaß sie den Geliebten fasse.\nO, nun ruht in ihren Händen\nseine stolze, feste Hand,\nwährend rings die Andern schweigen,\nsich der lichten Einung neige«,\nfühlt sie groß und überreich\nihre Seligkeit erwachsen,\nfühlt in ihrem reifen Schoß\nhundertfach um wehe Achsen\nsilberweiße Sonnen kreisen.\nAber helle Mädchen werfen\nBlütenkränze in die Höhe,\nBlütenkränze in die Sterne,\naller felumen süße Düfte\nsalben sie mit kühlen Händen,\nschreiten kreisend, knieen, wenden,\ntanzen mit verschlungenen Händen\nalle rosenroten Weiber\nin dem schwarzen Sommerabend.\nHändefassen! 'Händefassen ?\nHymen! Hymen!\nHymenäus!\nMädchen im Kreis\nhütet eure täppischen Hände,\nreicht sie ruhig, daß sie gehe\nscheu, gesenkten Hauptes gehe,\nirrend nicht das Ziel verfehle.\nDoch es reichen ohne Ende\nsich die weißen Rätselhände,\ndie sie ratlos prüfend fühlt.\nMag sie zaudernd stehn und sinntn,\nRauhes sie zutiefst durch wühle»,\nlaßt Verheißung niederrinnen,\nund die scheuen Hände trösten,\nMorgentau, der in die Blüten\ntropfend von der Sonne sinkt.\nReichet immerwache Hände,\ndaß sie keine Wunde sehret,\ntief vertrauend, unigekränkt\ntrete sie in euer Land.\nWahrlich, ihr hat Gott geschenkt,\ndaß sie mit verklärter Hand\nsolle reich und reinlich füllen\nMinnetrank im hohen Becher,\nder verbrennt die engen Hüllen,\noffenbart euch heil und frei.\nGebt, erhebet scheue Hände\nkeuschem Kind und Priesterin,\ngebt, erhebet selige Herzen,\nzum Gesänge Lilienkerzen,\nneiget die geprüften Häupter\nunter Sternen: Königin."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "30/31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.6", "texte": "Fritz baumann: Originalholzschnitt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.7", "texte": "Hoch vom marmorne« Altäre\nglänzen gülden hell die Haare,\ngroß die blauen Kindesaugen,\nweiß der edel schlanke Nacken,\nsilberstreifig Faltenkleid\nernster jungfräulicher Madonne.\nRuhet nieder, stille Kreise .\nMög das Mädchen mählig finden\nzu euch in 4er Mühe Land.\nEs ist eine weite Reise,\nwehevoll ist eure Weise,\nmüde sinken ihre Hände,\nwarum quält ihr solche Hände?\nDrüben tanzen die Gespielen.\nMöcht noch einmal mühlos spielen,\ntanzen in dem Kinderland!\nSeht, sie narrt euch,\nreißt die Binde,\nstürzt in lichte Kindesarme,\nund geschwinde, tanzgeschwinde,\natemlos mit tollem Schwarme\nkehrt sie wieder, kühn, ihr Männer,\nnimmt euch lachend in die Mitte,\neudh den Kopf und Sinn verdrehend,\ntanzt sie,\nTaschentücher um euch wehend,\nmit den Kindern jauchzend springend.\nHändefassen! Händefassen!\nHimmel! Erde! freuet Euch!\nKind im Kreis\nSteht wohl da mit dünnen Händen,\nweiß nicht, was die Großen wollen,\nstehet ratlos in dem vollen\nUeberfluß an Liebehänden.\nAber achtet treu sein Weinen,\nschlagt es nicht, wenn es sich sperrt,\nnähret noch den kleinen Willen,\nmühelos mag sich erfüllen,\nwas den kleinen Händen wächst.\nSoll über euch Verzweiflung kommen,\nunerhört daniederzwingen,\nhöret Kindeslachen, Stammeln,\nsehet Kindesaugen glänzen,\nfühlet weiße, dichte Küsse,\num euch rasche, feste Arme,\nsternenhafte, daß ihr bebt.\nJüngling im Kreis\nUm ihn lachen lose Worte,\neng verschlingen sich die Hände\nholder Mädchen keck zum Reigen.\nKinder necken, Frauen rauschen,\nMänner listig Standort tauschen.\nMags dem Jüngling wohl gelingen,\nscheue Wahl sich zu erringen.\nFremd steht er und soll doch trauen,\neigen hebt er Sucherhände.\nAlle aber reichen Hände,\nFreundeshände, Liebeshände,\ntraute Schwestern, Herzensmütter!\nAber weh, die enge Binde\nschi eiert seine Knaben äugen.\nFern dem traulichen Verein\nsteht er rätselhaft allein,\neine Knospe, die den Winden\nin der herben Rauheit trotzt,\nfrühes Blatt, das unscheinbar\nbirgt die harte Schale.\nLinder Winde warme Flut,\nweckte nicht den Jünglingsmut.\nWann die lieben Tiere springen,\nin dem Morgen lustvoll spielen,\nsich die Reigen jubelnd schlingen,\nnach ihm rufen:\nbleibt er einsam,\neine Welt im heißen Werden!\nWann die Freunde froh beisammen,\nSchwestern rufen in der Ferne,\nsonnig in den reichen Händen\nKränze tragen holder Wonnen,\nGlieder aufgetan der Winde\nmachtvoll herbem Brausen:\nsteht er seltsam, fremd, im Innern\neine Welt im heißen Schmelzen,\neine junge Welt voll Schmerzen.\nAllgemach verstummt das Tosen,\nLächeln lischt in ernsten Reihn,\nHände lösen sich von Liebespfändern,\nJugend steht im stillen Harren,\nMänner dämpfen ihre Lust,\nMütter halten sich an Händen\nenger im betreuenden Verband.\nSeht, er breitet Knabenhände,\nhebt des Sehers geistige Hände\nblinde Augen zu der Sterne\nklaren, blauen Himmelsnacht,\nhebt die einsam spröde Stimme,\n•dieser Worte ungewohnte Stimme\nzu dem Einen, füllt mit Einem\nHerz und Stimme, Stirn und Augen,\nSinne, 'Leben . .\nIhm, den seine Trauer sucht,\nIhm, dem seine Liebe zagt,\nIhm, der bruderselig tröstet\nseiner Welt im heißen Werden\ngrenzenlose Einsamkeit.\nBrüder, schaut mein schweres Dunkel,\ndoch im Dunkeln flammt mein Licht,\nbin begnadet, anzuschauen\nGottes weißes Angesicht,\nwill mein Leben dafür lassen!\nWill ein Krieger sein,\nfür Gottes weißen Krieg in Waffen!\nWill ein Seher sein,\neines Führerlebens Pflichten,\neiner Welt im Hochgerichte\nStreite schlichten.\n•Will ein Sänger sein,\nan Mutterströmen lauschen,\nsanfter 'Sternenordnung sinnen,\nStürmen ihre Einung rauschen . . .\nBruder will ich sein, Gefährte,\nbruderselig Hände reichen,\nSchenkenshände ...\nUeber Bergesgipfel schreiten,\nzünden in der 'Morgensonne\nLicht zu immer höhrem Licht,\nBlutespurpur um die Hüften,\ngrüne Kränze um die Stirnen\nunserer Heimat edle Söhne,\nbruderselige Gottessöhne.\nIn den Wolken helle Häupter,\nin den Wolken schlanke Hände,\nin den Wolken wunde Füße,\nüber Qualen strenges Wandeln\neingewebt in fremde Länder.\nFühlet meine heißen Tränen,\ntief mein wesensinneres Weinen,\nFassen gläsern kühl an Hände,\nin die Staunenhände euch,\nFolget! und ihr seht nichts enden\nin der Nachtgewölbe Fluten,\nin der reichen Weltenpracht\nUnserm prangenden Beschreiten\nSilberstiöme schwellend tönen,\nSänge ewigen Lebens\nunendlich ineinanderwinden.\nErde selbst will Hände reichen,\nihre Donner, die zerschmettern,\nihre iWinde, die zerkrachten,\ndie Gewitter ihre Macht\nuranfänglich stark vereinen,\nunserm lichten Willen einen!\nLiebend gebt im Kreise die Hände,\neinet sie im stillen Gang,\nhebt die Häupter, um zu loben,\nund der Knabe führt mit Psalmen\nüberschwenglich unsre Reihn.\nReicht einander alle Hände,\nfasset starke Brüderhände,\neint der Schöpfung heilen Kranz,\nund so schreitet sonder Ende,\nruhig über allem Toben\nselig! selig!\nüber Welt im frommen Spiel.\nHändefassen! liändefassen!\nruhig sterbt, wenn Vater ruft\nLaßt uns still die Kreise drehen,\nuns an kühle Hände fassen,\nr\ntanzend fromm im Kreise gehn,\nalle Scherze unterlassen.\nHändefassen! Händefassen!\nHarte Menschen, liebet euch.\nErster Teil siehe Nummer 21—22 des fünften Jahrgangs\n\nDichtungen\nGebete an Gott\nPär Lagerkvist\n\nIch bin ein kleines Kind. Meine Arme sind\nschmächtig, und über der Brust bin ich schmal\nwie die jungen Kiefern im Walde.\nDu, Gott, bist so groß und mächtig wie der\nSturm, wenn er am breitesten anschwillt. Und so\ntief wie das Meer und so hoch wie der Himmel;\nder ist das Haus, in dem du wohnst. Ich bete, daß\ndu schützst und bewahrst vor allem Bösen meine\nzarten Glieder, die blassen Schultern und das dürre\nGebein der Brust, daß nicht der scharfe Blitz oder\ndie schweren, wilden Tiere das spröde Glas des\nKörpers zerbrechen zu roten Scherben auf blü-\nhender Erde.\nEs geht gegen Abend.\nWie strahlen nicht deine Himmel, Herr. Wie\nströmt nicht Licht durch deine weiten Reiche.\nEs geht gegen Abend. Das Dunkel umarmt uns\nbald, und wir finden nicht länger einander die\nHände.\nVater, wenn die Nacht über uns ist, laß uns\nträumen, daß wir auf den großen weißen Markt-\nplätzen in deinen strahlenden Städten sitzen.\n»t. ...\nV\n-*>\nGespannt wie der Bauch einer schwangeren\nFrau ist meine Seele vor Sehnsucht (mach Gerech-\ntigkeit, o Herr.\nGespannt wie der Bauch einer schwangeren\nFrau ist meine Seele vor Sehnsucht nach Gerech-\ntigkeit, o Gott, mein Erlöser.\nGespannt wie der Bauch einer schwangeren\nFrau ist meine Seele vor Sehnsucht nach Gerech-\ntigkeit, o Du mein Heiland, Du mein Tröster.\nHerr, hör meinen Schrei!\nMein Gebet ist nicht wie liebkosende Worte.\nMein Gebet nicht wie hochgehobene Hände.\nMein Gebet ist ein Gebrüll, das aus meinem\nMunde heult\nMotiv\nMeine Hunde sind schwarze, hochgewachsene\nTiere. Sie begleiten mich, wo ich gehe."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.8", "texte": "Es ist heute ein zu wundervoller Tag, ein\nSommertag, wie kein anderer. Auf der Erde stehen\ndie schönsten Blüten, und durch den Weltraum\ntanzt der Wind. Mein Wesen löst sich auf in Freude\nund Jubel. Meine Qedanken folgen den eilenden\nWolken, meine Qedanken suchen schöne Kräuter\nauf allen Wiesen, auf den Wiesen weit weg, auf\nden Wiesen, die mir nahe sind. Mein Wesen löst\nsich auf: Mein Wesen ist Blume, ist all das sanfte\nKraut, ist das Grün, ist der Duft, ist die Kühle der\nErde, ist die Sonne in der Luft, ist der Wind, ist\ndie Wolke, die holde und kleine, ist alles, was\natmet und lebt an diesem wunderbaren Tag.\nAn meiner Seite gehen die hochgewachsenen\nTiere. Sie schreiten vorwärts mit ruhigen, ge-\nmessenen .Schritten, sie sehen nicht um sich.\n\nDeutsch von Nell Walden\n\nFreunde\nSophie van Leer\nI\nAm Abend vorher ginig die ganze Klasse zu ihm.\nCr hatte am Morgen von seiner Absicht gespro-\nchen: die Lehrer hätten ihn ungerecht behandelt.\nAls alle gedrängt seine kleine Studierstube füll-\nten, sagte er: „Dort drin im Schrank liegt er.\nNehmt ihn heraus, wenn ihr könnt.\" Aber keiner\ntats. Sie drangen nur in ihn, mit derben Worten.\nEr saß steif gegen die Tischkante gedrückt,\ndie Arme lang mit gespreiteten Händen über den\nTisch geschlagen und starrte abwesend in die\nLampe und dahinter, wo der Blonde saß. Aus der\nSophaecke flatterten hastige Mandolinentöne her-\nüber. Gequält wandte er den Blick auf die Kame-\nraden. Sein dichtes schwarzes Haar stand wirr um\ndie schmale, hohe Stirn und tief lagen die Augen\nin den dunkelumränderten, brennenden Höhlen;\nbeinern ragten die Backenknochen, bleich über-\nspannt von mattbrauner Haut. •\nDer Blonde in der Ecke hörte nicht zu spielen\nauf. Das starke Jungengesicht mit den zusammen-\ngekniffenen Lippen strengte sich an, den Tönen zu\nfolgen. Dann, jäh abbrechend, schlägt er vor, auf-\nzubrechen. Müde schaut der am Tisch hinüber, aber\nder Blonde sieht es nicht: „wir wollen gehen,\nkommt; 's nützt doch nichts.\"\nZwei, drei bleiben pflichtgetreu zurück, machen\neinen letzten Versuch, ihn zu überreden, aber er\ndeutet, irgendwie lächelnd, zum Schrank: „Da ist\ner drin, nehmt ihn doch . . \"\n„Du bist krank, geh schlafen und überleg es dir\nnoch mal.\" —\nAlso, es war so, er hatte Recht gehabt mit sei-\nnem Entschluß. Der Blonde hatte ihm Nichts zu\nsagen, gab sich keine Mühe, ihn zurückzuhalten.\nWie gut, die Ausrede wegen der Ungerechtigkeit\nder Lehrer, niemand kam auf den Gedanken, war-\num er es tat. Aber hatte der Blonde denn Alles ver-\ngessen? Warum hatte er wortlos in der Sophaecke\ngesessen und Mandoline gespielt? Warum wrar er\n;\nnicht geblieben, als die Anderen gegangen waren?\n• .. . .*' , .*••••\n* *\nV\n•- Er hätte am Morgen in der Schule nichts ge-\nsagt, aber wie sollte er es dem Blondem sonst mit-\nteilen? So sagte er der Klasse von seinem Ent-\nschluß, der Blonde war kurz vorher hinausgegan-\ngen. Er hatte leichthin gesprochen, aber sein Atem\nwar kurz gegangen und seine Kehle hatte geklopft.\nVon den Kameraden glaubten es die Wenigsten,\neinige hatten gelacht: „mach dich nicht so wich-\ntig!\" andere wieder: „Bei dem ist wol ne Schraube\nlos.\" Aber ein paar, die hatte er genau beobachtet,\ndie waren hinausgerannt, dem Blonden nach. Und\ner hatte die Wirkung abgewartet — aber der\nBlonde war nicht gekommen, nicht eher als die an-\nderen . . rund war nicht geblieben. In machtloser\nWut zerhackte er mit den scharfen Zähnen die\nblutleeren Lippen.\nWarum hatte ihn der Blonde so verstanden?\nEtwa um ihn später zu verraten?\nDie Sommernachmittage, wenn er auf dem\nhohen Pfeiler am Flußrand sitzend den Blonden\nerwartete, den er schon von weitem kommen sah.\nDer Schatten gegen den wässerigblauen Horizont\nwurde immer größer, das Haar wehte durch-\neinander. Wenn der Blonde unten steht und\nerstaunt tut: „Bist du schon da?\" dann starrt er\nabwesend von seinem Buch auf: „ach so, ja/' läßt\nsich langsam hinuntergleiten und wirft unterwegs\ndas Buch auf den Ufersand.\n„Lasest du was Besonderes?\"\n„Ja, ganz interessant. Ibsen „Gespenster\", du\nkennst es wTohl nicht.\"\n„Nein, man könnte es zusammen lesen.\"\nAchtlos schlendern sie zum Fluß hinunter, wo\ndie Barke lag. Der Blonde rudert und er liest. Er\nerinnnert sich jedes einzelnen Males, da sie zusam-\nmen gelesen hatten. Die Sonne wirft glitzernde\nLichtstiche auf das kaum wellende Wasser. Es war\ntraumstill tind er konnte seiner eigenen Stimme\nlauschen. Gleichmäßig bewegt sich der Blonde\ngegenüber, der Rhythmus seines arbeitenden Kör-\npers geht zusammen mit der lesenden Stimme.\nGegen Abend gingen sie dann in den Fluß\nbaden*, an irgend einer stillen Stelle oben gegen den\nWald und schwammen nach der anderen Seite hin-\nüber. Kein überflüssiges Wort wurde gesprochen.\nDas war das verflucht Schöne gewesen.\n„Willst du mit mir nach Hause essen gehen?\nMeine Mutter erlaubts. Ich weiß eine Aufgabe nicht\nim Latein.\"\n„Nein, heute abend kann ich nicht. Ich habe eine\nVerabredung.\"\n„Ach so, die kleine Schauspielerin.\"\n„Nee . . .\"\n„Ja . .\" hatte (er, schon wieder gleichgültig,\nwidersprochen.\n„Ich kann ja morgen früh zu dir kommen, dann\nmachen wir die Aufgabe zusammen.\n„Danke, ich werde es schon alleine kriegen.\"\n❖ *\n*\nDann hatten sie zusammen Nietzsche gelesen.\nDen hatten sie ohne weiteres begriffen. Einfach\ngelesen! hatte er und der Blonde lag neben ihm im\nWaldgras, hatte die Hände unter dem Kopf ver-\nschränkt und die Kniee hochgezogen. Blätterschat-\nten bewegten sich ungleichmäßig über das Gesicht\nund die Augen waren halbgeschlossen. Ab und zu\nein anerkennendes: „sehr fein\". Sonst Nichts.\n„Du, gehst du beute abend mit in Wallenstein?\"\n„Die Kleine spielt wohl die Thekla\".\n„Ich glaube . .\"\n„Nee, ich mag Schiller nicht.\"\n„Das ist nicht wahr, du magst die Jürgens\nnicht.\"\n„Mag sein.\"\n„Na, ich werd dran denken.\"\n„Neulich, wie ich meine lateinische Aufgabe\nnicht konnte, hattest du auch was anderes vor.\"\n„Eine feine Manier, sich zu revanchieren, sehr\nnobel.\" Der Blonde schürzte die Lippen und zog\ndie Mundwinkeln hinab.\nEr hatte nur das Gesicht gegen den Himmel\ngehoben und gepfiffen . . . „nirnms wie du willst.\"\nAm nächsten Morgen:\n„Du, Kant war wirklich ein Phänomen. Der\ngeborene Mathematiker.\"\n„Der geborene Künstler meinst du.\"\n„Das kommt doch auf Eins heraus. Der Mathe-\nmatiker ist doch Künstler.\"\n„Oh nein, noch lange nicht, aber ich mag mick\nnicht wieder mit dir herumstreiten. Du hast heute\ndeinen schlechten Tag.\"\nOh, manchmal hatte er hörbar mit den Zähne«\nknirschen müssen, um dem Anderen keine Ohr-\nfeige zu geben.\nUnd mittags nach fünf hatte er dann doch wie-\nder auf dem hohen Pfeiler gesessen und lauerte\nmit gesenktem Kopf über einem Buch, zwischen\neng geschlitzten Liderspalten. Der Blonde kam\nherangeschlendert, die Hände in den Hosen-\ntaschen; und tat erstaunter als sonst, ihn hier zu\nfinden. Arglos sagte er:\n„Ich hätte nicht geglaubt, dich hier zu finden\nnach heute morgen.\"\nEr glitt vom Pfeiler, ließ sich in den Flußsand\nfallen und las eine, Stelle bei Nietzsche vor.\nDer Blonde nickte nachdenklich, er war nicht\nganz dabei:\n„Du* die Jürgens war famos gestern abend.\nSchade, daß du sie nicht gesehen hast\"\n„Hast du sie nach dem Theater gesprochen?\n„Nein, sie hatte keine Zeit.\"\n„Ach ja, sie wurde von ein paar anderen er-\nwartet.\"\n„Wie weißt du das?\"\n„Ich habs selber gesehen.\"\n„Hast du auch ein Verhältnis mit ihr, daß du\nnach dem Theater aiuf sie wartest?\"\n„Warum nicht?\"\n„So so, da warst du wohl gar im Theater, gelt,\ndas sieht dir ähnlich?\"\n„Na und wenn, das geht dich nichts m\"\n„Freilich nicht, aber ich finde es gemein.\"\n„Oh, nur keine Bange. Ich nehme dir deinen\nSchatz nicht.\"\nAber der Blonde rückt eisig von ihm fort und\nsagt:\n„Nenne mich bitte nicht mehr deinen FreinM,\nauf solche Freunde verzichte ich.\"\nAber am nächsten Morgen hatte er eine Karte\nvon ihr erhalten und in diesem Ereignis ging der\ngestrige Qroll unter. In den Stunden konnte der\nBlonde Nichts und er hatte ihm beim Mündlichen\ndürchgeholfen.\n« *\n*\nNoch einmal die Schauspielerin. Sie hatte ihren\nEhrenabend und der Blonde kam: „Du, ich finde,\nwir sollten ihr einen Kranz schenken.\"\n„Wir, du meinst: du?\"\n„Du bist doch auch in sie verliebt.\"\n„Ach so.\"\n* *\n*\nDie Theatersaison war zu Ende, die Jürgens\nreiste ab. Der Blonde sprach nie von ihr und hatte\nsie wahrscheinlich auch bald vergessen. Sie strit-\nten sich auch nicht mehr so oft. Und die letzte\nZeit war wundervoll gewesen.\nEr hatte sich, mit der liebenswürdigen Wirtin\ndes Blonden angefreundet, weil dessen Geburtstag\nnahte.\n„Also Sie verstehen, Frau Halle, das Fräulein\nhat sich an mich gewandt und mir das Geld ge-\nschickt weil sie Sie doch nicht kannte und Ihnen\nnicht zu schreiben wagte. Sie möchten es ihm aber\nnicht sagen. Er wird doch wohl drauf kommen und\nwenn nicht. . tant mieux . . Sie wissen ja, Verehre-\nrinnen wollen immer anonym bleiben.\"\nUnd die schöne junge Wirtin hatte viel Ver-\nständnis dafür gehabt, umsomehr, als sie selbst"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.9", "texte": "eine Schwäche für den „blonden Jungen\" hatte,\nder ihr von allen Pensionären der Liebste war.\nJa, sie hatten* ihn alle gerne . . donnerwetter\ner war auch hübsch.\nAber was scherte ihn das? Fast wünschte er,\ndaß der Blonde häßlich und bucklig gewesen wäre.\nAber so brauchte ihn der Blonde nicht. Und\ndaher sein Entschluß. Hätte er gewußt, daß er dem\nBlonden etwas war, daß der gerne an den Fluß kam,\num zu lesen, daß er sich nicht langweilte mit ihm,\ndann brauchte er nicht zu gehen. Aber er war\nstolz. Er hing an dem Blonden, wie noch nie an\neinem Menschen. Aber auf eine Wertherliebe ver-\nzichtete er, da pfiff er lieber auf das ganze Leben.\nUnd nun zum Glück die Geschichte mit den Leh-\nrern, die ihm ungerechte Noten gegeben hatten, das\npaßte ihm gut in den Kram. Nein, der Blonde sollte\nnie etwas ahnen. Das fehlte gerade noch.\nEr wußte ganz genau, woher es kam; der\nBlonde verstand alles, nichts war ihm fremd, er\nwollte auch gar keine Gefühle sehen, er fühlte\nschon, wenn man sagte: Körner. Sie hatten beide\nKörner sehr lieb gehabt. Er hatte hinterher natür-\nlich gelacht und die Verse zerpflückt: „Jawoll:\nLeier und Schwert. Die richtige Leier.\" Aber der\nder Blonde hatte nichts erwidert, hatte nicht mit-\ngemacht\nUnd nun war alles aus. Au s. Man konnte das\nWort so oft wiederholen, es war immer neu und\nallessagend.\nUlkig, daß keiner es gewagt hatte, den Revol-\nver aus dem Schrank zu nehmen. Das hatte er vor-\nher gewußt, nur . . . Der saß aber drüben und\nhatte Mandoline gespielt, als wäre es an einem\njener Abende, da sie zusammen waren. Seine\nMutter brachte Tee, er zeichnete mathematische\nFiguren, während der Blonde mit großen, ruhigen\nStrichen über die Saiten der ewig verstimmten\nMandoline fuhr. Die farbigen Bänder fielen in rie-\nselnden Windungen über die verschränkten Beine.\nWidmungen von kleinen Mädchen, kurze, dunkle,\nbreite Bänder von Freunden ohne Zueignung. Von\ndem Blonden war keins darunter, der liebte der-\nartige Sentimentalitäten nicht\nDer Ofen war glühend rot, und es war heiß im\nZimmer. Dann hatte der Blonde die Mandoline\nwieder aufgehängt, da, wo sie jetzt auch hing\n(der Blonde war sehr ordentlich), hatte fein-\ngespitzte Stifte aus der Brusttasche, ein leeres\ngroßes Blatt aus der Tischiade genommen und sich\nauf den Boden hingestreckt. Die Beine gingen in\ngleichmäßigem Takt auf und nieder, und das Auf-\nschlagen der Schuhspitzen gab der Arbeit einen\nangenehm hissigen Rhythtnus. Der Blonde besann\nsich plötzlich auf etwas:\n„Ibsen war doch ein Mordskerl. Wo hast du\nihn?\"\n„Drüben auf dem dritten Brett das vierte von\nlinks.\" Mit gesenktem Kopf hatte er gedeutet, aber\ner war aus der Arbeit heraus und sann nur noch ...\nwas mochte dem Blonden eingefallen sein? Ihm\nfiel immer Richtiges und Wertvolles ein, darum\nmochten ihn auch die Lehrer so gerne. Bis vor\nkurzem, da hatte ihn der Religionslehrer vor sei-\nner Freundschaft mit dem Blonden gewarnt, der\nhätte ungenügend und wäre in der letzten Zeit so\nfeul und unaufmerksam geworden.\nLachhaft, wie konnte er sich nur mit solchen\nSachen abgeben . . . am Abend vor seinem Tode?\nWarum? Ganz einfach. War es ihm etwa nicht\ngestattet, „alle Bilder an seinem geistigen Auge\nvorbeiziehen zu lassen?\" Ja, so stand es in den\nBüchern, wo von Selbstmördern die Rede war.\nWas wußten denn die Bücherschreiber vom Tode?\nEs war so einfach und harmlos, daß es gar nicht\n□er Mühe wert ist, ein Wort darüber zu verlieren.\nNun ja, so leicht hatte er es sich allerdings auch\nnicht vorgestellt, wie es in Wirklichkeit gewesen\nwar. Das schwerste war wohl, den Entschluß\n„reifen\" zu lassen. Aber das hatte bei ihm keine\nRolle gespielt. Sobald er wußte, daß er dem An-\ndern gleichgültig war, hatte er sich auch schon ent-\nschieden.\nWas war also das Schwere? Etwa, sich den\nRevolver zu kaufen? Nein, das hatte er mit Wonne\ngetan . . . bei jedem neuen, den ihm der Händler\nzeigte, war er einen Tod gestorben. Jede Mün-\ndung hatte er auf sich gerichtet gesehen, und er\nwar lange in dem Laden geblieben, so viel Freude\nhatte es ihm gemacht. Wie unnatürlich . . . ach\nnein, warum, es war doch seine Sache, einen ei-\ngenen Tod zu sterben, der Mensch muß immer\noriginell sein.\nWie sinnlos, bis morgen zu warten. Wohl\nheimlich in der Hoffnung, der Blonde käme und\nhielte ihn zurück. Damit würde es nichts. Sonst\nwäre er ja gleich dageblieben. — Wenn er nur\nKlarheit gehabt hätte. Aber das würde er erst\nwissen, wenn er des andern Qesicht sah, wie der\nhinter seinem 'Sarge herging; er nahm sich vor,\nso lange nicht gestorben zu sein, bis er in der\nGruft lag. Er wollte des Blonden Gesicht sehen.\nEr dachte sich die Nacht so elend lang, er\nwürde wahrscheinlich wach liegen und an alle\ndenken. An seine Eltern und seine Schwester in\nItalien, die ihn sehr lieb hatte. Aber am meisten\nan den Blonden würde er denken. Nein, es war\nwirklich unnötig. Warum sich , etwas schwer\nmachen, was doch leicht und angenehm war?\nEr geht zum Schrank, nimmt rasch die Waffe,\nsieht nach, ob die Kugeln stimmen.\nII\nIch weiß um deinen Entschluß, mein schwarzer\nFreund. Ich höre nichts als »die Worte unserer\nKameraden, die mir sagen, daß du sterben gehst.\nDu kannst nicht leben, du kannst nicht erleben.\nOh, ich habe dich lieb, lieber, als je ein Mensch\neinen anderen Menschen lieb hatte. Ich liebe deine\nschmale, hohe Stirn mit den Zweifelsfalten, ich\nliebe deine schlanken, braunen Rehhände, die ner-\nvös die Bücher aussuchen, aus denen wir lesen\nwollen. Ich liebe deinen klaren Blick, dem nichts\nentgeht. Aber ich darf dich nicht halten, denn\ndu bist nicht Mensch.\nWarum lieben wir uns so sehr?\nAber du sollst an mir zweifeln, du sollst ver-\nlangen, daß ich dich zurückhalte von deinem Ent-\nschluß. Wie nahe bist du mir, und du wirst mir nie\nsterben. Hast du mir je gelebt? Du warst mein\nSpiegel, und wenn ich wegtrat, dann war er leer.\nDu warst hell, sprödes Glas, denn du konntest\n.nicht beten. Du warst ein leerer Kelch, dessen\nWände zu blühen begannen, wenn mein Erleben\ndarin ausgegossen lag.\nDu kannst mir nicht unrecht tun, mein schwar-\nzer Freund, weil du nicht willst. — Ich sehe dich\nsitzen und warten, und deine krampfigen Finger\nkrallen sich in die rote, alte Tischdecke mit den\nvielen Tinten- und Tuschflecken, und du denkst\nan die Abende, da es anders war, da wir zeich-\nneten; meine Zeichnungen waren die Musik mei-\nner Seele, du hattest Freude an den exakten Linien\ndeiner Mathematik. Wie könnte ich dich lieben,\nwärest du anders gewesen?\nSoll ich dich wegholen vom Tode? Siehst du\nnicht, daß ich es nicht darf? Da du gerne weg-\ngehst mit deinem Zweifel. Wenn ich dir sagte:\ndu tust mir unrecht, es wäre dir nicht angenehm,\ndenn du hassest das Unrecht, und der Tod ist dir\nSüßigkeit. Ich gönne dir diese einzige glückliche\nStunde deines Lebens. Denn du warst nie glücklich\nund hättest es nie werden können. Ich darf di-ih\nnicht wecken, um mit dir zu spielen.\nWisse, daß du mein einziger Freund warst, und\ndaß dein Tod mir sein wird wie der Lebenssaft,\nder stirbt. Denn ich bin durch dich. Du warst die\nSonne, die meinen Entschlüssen leuchtete. Meine\nEntschlüsse waren nichts als ausgeführte Inspira-\ntionen und ich das Werkzeug. Du schwarzer, eisi-\nger Freund, der du mir nie sagtest, daß ich dein\nFreund sei.\nIch habe dich leiden sehen. Konnte ich dir hel-\nfen? Ich mußte tun, was ich tat; niemand sagte\nmir, ob es richtig war. Ich konnte nicht die Folgen\nermessen, aber du hast es gesagt. Ibsen und Nietz-\nsche waren schön: du liebtest in ihnen die Mathe-\nmatik, ich die Kunst. So nahe standest du mir,\ndaß wir Eins waren, du und ich.\nIch lebe die Stunden im Kahn und im Waid, ich\nfühle deine Stimme, von der du nicht wußtest,\nwie sie leben konnte. Aber (sie sang, und sie\nweinte, sie konnte innig sein wie ein Kind. Aber\ndas hättest du nicht zugegeben, nie, und darum\ndarf ich dir den Tod nicht nehmen. Du bist ein\nHalbes. Wärest du eine Frau, du würdest meine\nGeliebte sein. S o kann ich dich nicht küssen,\nnicht lachen um kalt-naive Bemerkungen. Denn\nich muß dich ernst nehmen, um dich nicht zu ver-\nlieren. Ic h kann den Zwiespalt in dir nicht aus-\nheilen. Er würde dein ganzes Leben bleiben. So\nmußt du denn gehen.\nIch werde nicht hinter deinem Sarge hergehe«,\nmein schwarzer Freund, denn mir wirst du nicht\ngestorben sein. Ich werde dein Grab nicht be-\nsuchen, (denn du bist nicht dort. Ich werde zura\nPfeiler gehen, werde mit dir am Flusse liegen und\nNietzsche lesen, und im Walde wirst du mir wieder\nGespenster vorlesen; weißt du noch die Stelle,\nwo eine Türe geht? Nein, du weißt sie erst, wenn\nich sie dir sage. Oh, wie gerne gab ich dir von\nmir. Ohne Brücke floß mein Erleben in dich, und\nwir verschmolzen in Eins. Ohne mich warst du\neinsam, ohne dich war ich hilflos. Meine Augea\nhaben dein Bild getrunken, wenn du am Flusse\nauf mich wartetest.\nDu warst eine Zahl, fest, und ich hing in dir\nwie eine Türe in den Angeln. Ich wußte nicht, daß\nich lebte, aber du sagtest es mir. Ich werde deine\nSeele hinaustragen, da du gestorben bist. Ich\nwerde dir zeigen, wie dein Leben welterfJiefit\nDeine Seele ist nicht hart. Du hast nichts mit ihr\ngemein, und ich beweine deinen Tod nicht.\nHast du nicht gefühlt, wie voll mein Herz war\nvon deinem Erleben, als du von mir heischtest, dtöt\nzurückzuhalten. Du hast dich verleugnet hast\ndich gespielt. Du wiesest die Welt von dir, und\nsie konnte nicht durch dich fließen. Ich war gerrve\nhart ;zu dir, denn Kampf tat deiner Seele wohl.\nDu hast dir eine Welt aufgebaut aus Zahlen.\nDarunter, in deiner Erde geborgen, Dein Erleben.\nUnd du liebtest mich wohl, weil ich dir die Sterne\nzeigte, die in dir waren.\nDu warst schön, mein schwarzer Freund. Du\nstandest auf dem Kamin in meinem Zimmer unter\neiner Glasglocke, und ich wagte nicht sie zu\nheben:.\nIch fühle, wie du lachst und 'gerne vergebens\nauf mich wartest. Es wäre dir eine Qttal, wenn\nich käme, dich umzustimmen. Und was hilft es,\ndir zu schreiben, daß ich um alles weiß. Dann\nmußt du bleiben, aber du sollst nicht bleiben.\nIch will dir sagen, warum ich nie sprechen\nkonnte zu dir. Ich liebe meine Seele, so wie ich\ndich liebe. Deine Seele war gestorben, dein Tod\nwird sie wecken, und wir werden zusammen glück-\nlich sein, wie wir es nie waren. Glücklich wte\nKinder, die auf die Wiese spielen gehen, glücklich"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.10", "texte": "Blum-en, die die Sonne bescheint, glücklich\nwie Füllen, die die Mutter umspringen.\n•.*>\n•v» v\nDu bist gestorben, mein schwarzer Freund.\nIch habe den Fall deines Körpers gehört, habe\ndeine Hand sinken sehen mit -der Waffe, die ich\nim Schrank wußte, und die ich nicht nehmen durfte.\nAus deiner Stirne fliest Blut, und deine Augen) sind\ngeschlossen.\nNun bist du tot, mein schwarzer Freund. Aber\nich weine nicht. Du hast die Eisschicht durch-\nstoßen, die deine Blumen erdrückte.\nNun wirst du nicht mehr wollen, daß ich dich\nbeweine, mein schwarzer Freund, denn du bist bei\nmir ttnid wirst nie mehr von mir gehen. Ich halte\ndeine Seele und zeige ihr das Leben.\n\nDer Chinese\nDesider Kosztolányi\n„Und können Sie Chinesisch?\" fragte der kö-\nnigliche Rat.\nVerhängnisvolle Stille herrschte. Die Zigarre\ndes königlichen Rates brannte bordeauxrot. Die\nGäste der Soiree umringten den kleinen Journa-\nlisten, der unter der Wucht dieser Frage ohn-\ntnachtsnahe, mit erschlaffenden Zügen, hängender\nund schnuppernder Nase, eingefallenem Gesicht\ndastand, einem zusammenschrumpfenden Kinder-\nballon gleich. Zum Lachen gespannte Lippen starr-\nten ihm entgegen, jetzt noch etwas traurig nach\nunten gekrümmt, um sich dann um so stärker auf-\nzuschwingen, in der gelösten Spannung des\nLachens breit werdend. Man konnte beinahe schon\ndas Gellen des gröhlenden Gelächters hören, das\nir» den juckenden Kehlen schlummerte, gedämpft\nwie das Donnern der Kanone, wenn die Kngel no ;h\nim Rohre weilt, die Lunte aber bereits knistert.\nNeugierige Köpfe stürzten vor. Einer der Gäste\nließ fast sein Glas fallen. Einige — die Freunde des\nunglücklichen, verdammten Opfers — scharten sich\num ihn und betrachteten sein Gesicht, wie es sich\naufrichtete und finster wurde, dann aber kalt auf-\nglänzte und erhaben jeden lächelnden Zug erster-\nben ließ.\n„Gewiß!\" antwortete er.\n$ *\nSpäter platzte in einer Fensternische das\nLachen. Wir, die wir den Burschen aus Kaffee-\nhäusern und Redaktionen kannten, vermochten das\nLachen nicht mehr zu unterdrücken. Plötzlich ex-\nplodierte ein luftaufgedunsenes Gesicht. Kichern\nerscholl ringum, Lachen krachte und zerrte, zuckte\nund tanzte Cancan, jetzt hier, jetzt dort, wie zur\nZeit der Weinlese ins Laub gesteckte Raketen. Es\nkonnte nichts Komischeres und Unglaublicheres\ngeben, als daß der gelbe Felix, der Journalist, Chi-\nnesisch könne. Dieser Felix sah übrigens genau so\naus wie eine gedörrte Zwetschge. Von seinem\nKinn hingen Haare in spärlicher Zahl, er war von\ntrauriger und unansehnlicher Erscheinung, wenn er\nunter der Redaktionslampe sich abquälend — ans\ndem Deutschen — chinesische Novellen ins Magy-\narische übersetzte und, diese sorgfältig ins Reine\nschreibend, mit ernster Miene aufseufzte:\n„Mein Freund, es gibt nur ein Land, und dieses\nist China. Dort möchte ich leben. Hier kann mans\nflicht.\"\n„Warum?\" fragte ich eines Tages.\nDie Antwort blieb er mir schuldig.\nNach der Soiree gingen wir zusammen heim.\nEr war wortkarg und mürrisch. Wurde vom Fieber\ngetrieben und flatterte auf -der Straße wie ein\nBlatt im Sturmwind. Er würgte die Schmach in\ngroßen Zügen hinab. Voll war hiervon sein Mund,\nseine Nase, sein ganzer Körper. Ich wollte die\nSache mit einem Scherz abtun und sagte lächelnd:\n„Du hast dich prächtig aus der Klemme ge-\nzogen!\"\n„Wie meinst du das?\" fragte er beklommen.\n„Nun, das mit deiner chinesischen Sprachkennt-\nnis. Dieser vertrottelte Rat ist nun fest davon\nüberzeugt, daß du Chinesisch kannst.\"\nFelix schaute mich starr in die Augen und ver-\nzerrte das Gesicht zu einem exotischen Grinsen.\n„Du irrst/4 stotterte er, „ich kann tatsächlich\nChinesisch. Wohl nicht perfekt, aber leidlich.\"\nWir standen unter seinem Tor. Er reichte mir\ncne Hand und rannte fort. Ich aber blieb allein in\nder Nacht. Konnte ihm nicht widersprechen. An-\nfangswwolfe ich lachen, doch dann fuhr es mir kalt\nüber den Kücken.\n„Dieser Mensch\", dachte ich bei mir, „ist kom-\nplett verrückt.\"\nj«. »fj\nDie Verwirrung wuchs um ihn in brausenden\nWellen. Eine Woche lang lächelten wir noch über\nihn. In der kommenden zuckten wir die Achseln.\nDann sprach er in trotziger Weise und ließ niemand\nin seine Nähe.\nEr erinnerte an einen Eremiten oder närrischen\nHeiligen. Blieb unserer Gesellschaft fern, wurde\npünktlich und ordentlich, kam und ging wortlos,\nnahm eine Art orientalischer Würde an. Er wurde\nunser Redaktions-Chinese. Uebernahm die Politik\ndes Ostens, die orientalischen Kuriositäten; alls, ob\nVers oder Prosa oder bloß Nachrichten, die sicn\nauf China bezogen. Die Lawine war nicht mehr\naufzuhalten. Irgend ein Spaßvogel schrieb unter\neine Novelle: „Aus dem chinesischen Original über-\nsetzt von Felix \" Und damit war dem Leben\ndieses Menschen sein Merkmal aufgedrückt.\n# *\nv\nIch weiß nicht, wie er sich in sein Schicksal\nfügte. Wir sahen bloß, daß er ernst geworden.\nVielleicht freute er sich sogar dieses Talers, den\ner, im Leben wühlend, blindlings fand. Vielleicht\nlebte in ihm ein schmerzliches Heimweh nach dem\nfernen Osten.\nEines Abends besuchte ich ihn. Seine Stube war\nnun schon einem bunten, grellen Elsternest ähnlich.\nGehäuft standen chinesische Nippes, Schalen,\nStänder, Porzellansachen, Vasen umher. Auf sei-\nnem Tisch Tuschbehälter. Die Bücher des Tao und\nKonfutse. Ueber seinem Bett eine stoische braune\nStatue mit schlaffen Zügen und hängendem Bauch,\nein furchteinflößender hölzerner Buddha, der uns\nmit gleichgültigen und fremden Augen ansah, mich\nund den armen Burschen, der zu seinem Gläubigen\nwurde . . . durch ein Wort, einen dummen Ein-\nfall, einen Faschingsulk.\n„All mein Geld gebe ich für diese Dinge aus\",\nsagte er.\nSeine Bibliothek, einige chinesische Werke,\nwaren auf der Kohlenkiste placiert. Unverständ-\nliche Krickskrackse, seltsame Pergamente, .drollige\nSchriften. Auf einer kleinen Etagere stand eine\neiserne Statue.\n„Der Gott des Verderbens!\"\nEr gab mir die Statue in .die Hand. Ein höhni-\nscher und schadenfroher Gnom war dies, ein tan-\nzender und bösartiger Gott, der grinsend über alles,\nüber Lebende und Tote hinwegtanzt, seinen Zopf\nzornig schüttelnd: das verkörperte Verderben. Er-\nschrocken starrte ich in der finsteren Stube auf die\nStatue. Und ließ sie fast zur Erde fallen.\n„Jungens,\" sagte ich den folgenden Tag, „dieser\nScherz ist grausam. Lassen wir davon ab. Stellt\neuch nur vor, der Unglücksrabe lernt jetzt tatsäch-\nlich Chinesisch.\"\n„Kolossal\", erdröhnte es im gröhlenden Chor.\n„Entsetzlich\", sagten einige erblassend.\nDoch dem Chinesen war nicht mehr zu helfen.\nMürrisch entzog er sich unserem Gesichtskreis\nsamt seinen chinesischen Büchern und Bric-a-brac-\nSachen. Nach einigen Wochen bekamen wir ihn\nnur noch sehr selten zu Gesicht, eines Tages sah\nihn einer von uns roch in einem Wirtshaus, wo ein\nzopf tragen der Chinese auf seinen Tisch zuging und\nihm einen Aschenbecher zum Kaufe anbot. An-\ngeblich sprachen sie Chinesisch und hatten anein-\nander große Freude. Lachten fröhlich. Andere\nhielten die Geschichte von dieser Begegnung für\neine Erfindung. Ihrer Meinung nach fürchtete sich\nder arme Bursche entsetzlich vor Chinesen und\nliefe weit fort, wenn er einen erblickte. Er ließ sein\nNachtmahl, seinen W7ein im Stiche, nur um sich mit\nihnen nicht in ein Gespräch einlassen zu müssen,\num nicht als Lügner entlarvt zu werden. Vorläufig\nstudierte er Tag und Nacht die chinesische Gram-\nmatik.\nSo verging ein Jahr, ohne daß ich ihn zu Gesicht\nbekommen hatte. Dann begegnete ich ihm einmal\nnachts auf der Straße. Er war schon beinahe zu\neinem Skelett abgemagert. Als ich ihn grüßte, er-\nkannte er mich nicht. Seither sah ich ihn nicht\nwieder.\n* ❖\n*\nDann kam er weit fort. Nach China, zwischen\ndie Türme aus Porzellan, oder noch weiter. Ich\nwar nicht verwundert, als ich von ihm nach Jahren\neinen Brief aus Peking bekam. Er schrieb darin, er\nbefinde sich wohl, arbeite und sei glücklich. Aber\ndie Zigarre im Munde wurde mir bitter, und ich\nfand ich das Buch, das ich eben las, plötzlich lang-\nweilig und sinnlos. Vielleicht dachte ich daran,\ndaß ich einmal werde sterben müssen, weil es je-\nmandem einfallen wird, aufzulachen. Lange kam\ndann keine Nachricht über ihn.\nUnlängst erfuhr ich, er sei im Sommer des Vor-\njahres, in einem heißen August, vom gelben Fieber\nfortgerafft worden. Er hatte viel darben müssen.\nMalte mit Tusche drollige Bilder und Figuren auf\nrohe Seide. Damit fristete er sein Leben. Doch war\ner eines gelassenen Todes gestorben, wie ein\nweiser Asiat. Neben seinem Bette stand auf dem\nBambustischchen eine kleine Teeschale und eine\nniedliche schlitzäugige chinesische Pflegerin\ndrückte ihm die Lider zu.\nEs wird erzählt, er habe in den letzten Jahren\nschon sehr gut Chinesisch gesprochen.\nEinzigautorisierte Übertragung aus dem Magyarischen von\nStefan I. Klein\n\nEmpfohlene Bücher\nDie Schriftleitung behält sich Besprechung der hier ge-\nnannten Bücher vor. Die Auffuhrung bedeutet bereits eine\nEmpfehlung. Verleger erhalten hier nicht erwähnte Bucher\nzurück, falls Rückporto beigefügt wurde.\nHans Blüher\nDie deutsche Wandervogelbewegimg als eroti-\nsches Phänomen / Ein Beitrag zur Erkenntnis\nder sexuellen Inversion\nZweite verbesserte und vermehrte Auflage\nVerlag Bernhard Weise / Tempelhof-Berlin\nPeter Altenberg\nFechsung\nS. Fischer Verlag / Berlin 1915"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150601-01.1.11", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebung von Wor-\nten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur darcb\nhalbfette Schrift, gestattet Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlas:\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Iahalt und Verlag:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nNotiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelniirnmer. Die Juli-\nDoppelnummer erscheint am fünfzehnten Juli.\nVerlag Der Sturm\n\nDer Sturm\nSt&ndige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W Potsdamer Strafie 134 a\nDreittnddreissigste Ausstellung\nGraphik\nPaid Wee\nFritz Baamaim\nCampendotik\nFranz Marc\nFelix Mfiller\njOswald Iferzog\nGedffnet tSglich von 10—6 Uhr / Soitniags voa\nll—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMoisatlicher Wechsel\nShirta-Ausstefltmgen In Deatsckland\nJuni 1915 i :\nHamburg: Franz Marc\nGeaf: Geschiossen\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer Straße 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nHalbmonatsschrfft Der Sturm\nErscheint am ersten und fiinfzehnten Jedes Motiais\nDauerbezug\nGewdhnliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteijahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig / Fii r das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteijahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes / Probenummer umsonst\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplar e auf holzfreiem Papier, Ver-\nsendung in Rollen direkt durch die\nPost fur Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark / Fur das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs I Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nnummern und Probenummern nicht abgegeben\nDer Stufm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n2fc Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 6 Mark / Am\n1. JulS wird der Preis des vierten Jahr gangs auf\n10 Mark eriioht / Fiinfter Jahrgang: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n(iurch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. Straßenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwiinscht wird, bitten wir den Bet r a g fur den\nDauerbezug bei der Bestcllung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum funften des ersten Monats einzu-\ns en d en / Andernfalls nehmen wir an, daß E i n -\nziehung des Betrages durch Nachnahme\nuater Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwlinscht wird\nHappen umd Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Zwanzlg Blatt j\nStrich&tzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier is\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton (sa ein-\nfacherer Mappe 12 Mark\n\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit sec h -\nzi g ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kand in sky / 10 Mark\n;\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stilles\nQ1 uck —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft /\nNapoleons Aufstieg / Tragodie / Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman / 2 Mark\nPaul Scheerbart: Qlasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark / Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart funfundzwanzig Mark\nI Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAugust Stratum: Du I Liebesgedichte / Gebuaden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Strain nr. Sancta Su-\nsanna / 50 Pfennig / II: August Stramm: R u d i -\nmefitar / 50 Pfennig / III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst /' 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Walden: Dafnisiieder / Zu Ge~\ndichten von Arno flolz / FBr Qesang und Wa-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einzeln: Er\nhsrt mit ihr den Gukguk schreyn / 50 Pfennig\nDer Sturm j Heeresmarsch / Fur Klavier /\n50 Pfennig\nKunsflerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccionte Das\nLacbea / Lulgi Russolo: Erinnerung einer\nNacht / Zug in voller Fahrt / GiiioSeve*\nriui: Die Modistin I Ruhelose T&nzerin I Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioai? AbscMed/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nJacoba van Heemskerck: Bild 2 / Bild 15\nAugust Macke: Spaciergang\nSigrid Hjerten-Griinew aid: Kinder\nKarten von Macke / Munter / Marc Chagall(4)/\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / (Seizes\nI Archipenko / usw\nErschienen bisher 36 verschiedene Karten\nIllustrierte Sturm - Austel lungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall / Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit ffinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: P1 ak a t fflr die Zeitschrift\nDer Sturm / OriginaMithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Her war th Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nGemalde / Aquarelle / Zeiehnungen /\nHanddrueke / Plastiken\nsind von folgenden Kunstlern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko / Oskar\nKokoschka / August Macke / Paul Klee / Carl\n\nMease / Campeadonk / Gabriele Miinter / Jaw-\nfeasky / Mariana© von Werefkln / Albert Bfoeh /\nHans Arp / Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzia-\nger / Marc Chagall / Fernand Leger / Jacoba van\nfleemskerck / Otakar Kubin / Emil Fllla / VfoccMc\nBenes / Otto Gutfreund / Boccioni / SeverM I\nCarra / Russolo / Francis Picabia / SchmfcH-\nRottluff / Fritz Baumann / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herw a r th Wal d en I Zwolftes\nJa hr / Jaliresbeitrag 20 Mark I Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm I Freier Besuch aller Stiirmaussteilungefi /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation\nDas zwdlfte Jahr beginnt am 1. April 1915 j Die\nSturmpublikation, die die Mitglieder des Vereins\nKir Kunst im Jahr 1915/16 frei erhalten, Ist: Heems-\nkerck handgedruckter und signierter Holzscbnitt\naaf Kaiseriich Japan-Papier\n\nZeitschriften\nUnielecky Mesicnik / Monatsschrift fOr aeue \\m4\nalte Kunst j Administration Prag I 5 Velesiavinova\nPoet-Lore Begrlindet 1890 / Eine Zweimonats-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dern Drama\nder Gegenwart in alien Landern / Probeheft gegen\nEinsendung von 6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezag\n21 Mark / Verlag Richar d Q. Badger / Boston\n/ Mass / USA 194 Boylston Street\n\nAnzeigen\n\nSoebeii erschienen: August Stramm: Krafte\n/ Drama / Sturmbuch VIII / 50 Pfennig\nSoeben erschienen: Heemskerck-Mappe: Seeks\nhandgedruckte und einzeln signierte Originalhok-\nschnitte / Auflage 30 Mappen / Mappe I—s vorbe-\nstellt I Mappe 6—30 je einhundert Mark /' Verlag\nDer Sturm Berlin W 9\nFelix Miiller / Dresden: Handgedruckte Hoiz-\nschnitte und Originallithos / Zu beziehen durcli\nden Verlag Der Sturm Berlin W 9\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futurist© /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Milane*-\n/ Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fiir Biichereinb&nde / Muster\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Bestef-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- und\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}