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Sie sah hinüber auf\ndie Kommode, wo der Junge ohne Leben lag.\nOhne Leben, noch vor einer kleinen Weile hatte\ner sie mit den Ftißchen gestoßen, daß sie laut auf-\nschrie vor Schmerz. Ein paar trübe Tränen stan-\nden in ihren glanzlosen Augen.\nEs erfüllte sie mit Angst, daß durch den Kna-\nben, auf den) sie immer gehofft hatte, das feste\nBand zwischen ihr und dem Geliebten nun doch\nnicht geknüpft war. Sie schluchzte auf und ver-\nsank in die Tiefe des Kissens.\nEndlich kamen rasche Schritte ihrem Bette\nnäher.\nDas war er. Oh, er wollte seinen Buben an-\npacken und als seinen Besitz, ihr stolzes Qeschenk,\nempfangen. Sie wagte nicht, sich zu rühren.\nEr trat ein mit dem Arzt und der Hebamme.\nSie horchte gespannt, was er zu dem Jungen\nsagte. Sie hörte kein Wort, sondern fühlte, wie sich\nder Mann, ein unwägbares Gewicht, zu ihr aufs\nBett setzte, seine Finger über ihre Wangen strei-\nchelnd hingleiten ließ.\nEine Weile stockte ihr Atem, dann heulte sie\nwild die letzten Geburtswehen hinaus.\nDie nächsten Tage vergingen durch viel Ge-\nschwätz der Hebamme, die den Jungen mit mühe-\nloser Unterhaltsamkeit unter die Erde auf sein stil-\nles Plätzchen draußen auf dem St. Matthäi-Fried-\nhof plauderte. Für die Wöchnerin kam es vor allem\ndarauf an, wieder ein schönes Weib zu werden, das\nden Mann entzückte, darum sagte die weise Frau:\n„damit er Ihnen nicht davonläuft4', und schnürte\nund wickelte ihren Leib.\nEs war herb, einen Mann zu haben, wie den\nZigeunerbaron. In den Maientagen summte es sich\nso leicht und süß: „Der Mond und die Störche, die\nhaben uns getraut.\" Aber jetzt, wo kein Junge da\nwar, schien es zum Verzweifeln. Wenn er sie genug\nhatte?!\nAuch lief ihr Gatte mit ernster Stirnie und trotzi-\ngen Backen herum. Es schien, daß er nur gezwun-\ngen zum Bette kam, als scheute er sich, den leise-\nsten Geruch von ihr zu bekommen.\nAeußerlich verlief das Wochenbett ganz sorgen-\nlos. Was die junge Frau nur wünschte, war da.\nAußer ihm. Nie fand er Zeit für sie und dann, wenn\ner kam, saß er nicht! länger als fünf Minuten neben\ndem Bette.\nWas sprach er dann. Er redete von dem Jun-\ngen, von dem kleinen Grab, welches er nach sei-\nnem Geschmack schmückte.\nDa der Knabe zum Namen niicht mehr gekom-\nmen war, die Zange hatte ihm den Halswirbel ge-\nbrochen, so konnte man ihm keinen Grabstein er-\nrichten. Aber einen Baum pflanzte ihm sein Vater.\nEinen Goldregen mit kräftigem Stamm und gu-\nten Aussichten in den Zweigen.\nWas sollte es bedeuten, daß er einen Goldregen\nauf ein Grab wählte!?\nWohl, er wird schönt blühen im Frühling. Denn\nniemals war der weichherzige Mann so hart, daß er\ndas Fehlen des Kindes einem Goldregen verglei-\nchen wollte. Oder vielleicht doch? Die Mutter be-\nsann sich darüber heftig.\nWenn der Umstand, daß sie für kein Kind zu\nsorgen hatte, einem Goldregen gleich kam, dann\nwußte sie, hatte er die Absicht, sie jetzt im Stich\nzu lassen.\nLucie fieberten die Schläfen.\nWas hatte sie für eine Zukunft vor sich, wenn\nda glänzende Leben mit diesem Manne ein Ende\nnahm. Sie wäre nur gerne rasch aufgestanden, um\ndurch die Schönheit ihrer Erscheinung ihn wieder\nzu fesseln.\nSie fühlte es, er strebte fort, wenn er von dem\nGräblein draußen so versunken redete. Es war ge-\nwiß, daß er die ganze Kraft seiner Liebe mit dem\nBaum an dem Kindergrab einwurzelte.\nIhr mit großem wirrem Haar umbauschtes\nHaupt brannte. Sie mußte wissen, ob er sie noch\nliebte. Am heutigen Abend frug sie ihn, sobald er\nnur so nahe bei ihr war, daß sie sich an ihn hän-\ngen konnte.\nMit diesem festen Vorsatz erwartete sie den\nAbend.\nDer Abend kam langsam und schleichend. Sie\nlag im der Dämmerung in einem schneeweisßen\nBette, das sich fahl aus dem Dunkel heraushob wie\nleuchtender Phosphor. Und nichts rührte sich im\nZimmer.\nSchon die kleine Arbeit, am elektrischen Knopf\ndrehen, um Licht im Zimmer zu (haben, war zu viel\nAblenkung von der Erwartung. Das grelle Abbild\ndes Fensters durch die Straßenlaternen oben an\nder Declke war die einzige betäubende Helle. Sonst\n!\nblieb es dunkel und wurde finstere Nacht, bis er\nkam.\nAls sie ihn endlich vom Flur eintreten hörte,\nzitterten ihre Finger, als suchten sie mit irgend-\neinem Dinge Beschäftigung. Ihr Blut wurde aufge-\nregt, mit scharfen' Augen lauerte sie gegen die Tür-\nöffnung des Nebenzimmers. Sie machte sich fertig\nfür seine Umarmung, die sie ganz im Dunkeln\nhaben wollte. Sie stellte sich vor, daß sie ihn hier-\nbei gleich fragen konnte, ob er sie noch wirklich\nlieb habe.\nEs waren schon einige Wochen seit der Ent-\nbindung verstrichen und sie fühlte die Kraft in\nihren langen Armmuskeln. Wenta er die Worte in\nsein Ohr geflüstert bekam, so mußten sich seine\nGedanken wild vor ihr aufbäumen, dann zog sie ihn\nherab.\nWie er jetzt unter der Türfüllung in schwar-\nzem, großem Umriß sichtbar wurde, fühlte sie eine\nihr Blut anhaltende Angst, ihr Plan würde mißlin-\ngen und es überkam sie eine Scheu, den Mann\nnach seimer Liebe zu fragen.\nAuch schritt er gleich auf den Kontakt zur\nLampe los, setzte einen Gegenstand auf das Bett.\nDie entstandene Helle blendete ihre Augen, und\nganz fad gestaltete sich die Ankunft des Geliebten.\nDie Umarmung war formell und steif. Als sie\nsich über „sein Mitgebrachtes\" freuen sollte, schnitt\nLucie ein enttäuschtes Gesicht. Unter diesem Sach-\nverhalt war das beste, von Kartoffeln und Obst zu\nreden .\nDem widerstrebte ihr Eigensinn, die Erinnerung\ndaran, was sie heute von ihm beantwortet haben\nwollte, stellte sich langsam wieder in magnetische\nRichtung. Und mit der Gewaltsamkeit ihres gan-\nzen Willens lenkte sie das Gespräch zur Liebe hin-\nüber.\nBald stand er erbarmungslos im Examen. Und\nsein Weib glühte neben ihm, an ihm, voll Ent-\nzücken, daß er so herrlich bestand und der Mann\nsie so wahnsinnig liebte.\nAber warum wollte er ihren Küssen immer aus-\nweichen, warum wollte er es nicht merken, was sie\nvon ihm wünschte. Es war noch ein Hinterhalt in\nihm, den mußte sie erforschen.\nDa. Nun kam sie an die letzte Pforte, Der Mann\nreckte sich, als hätte er bis jetzt geschlafen. Dann\nfrug er sie. Das- war die einzige Möglichkeit, dem\nletzten Bekenntnis seiner ewigen Liebe und Treue\nauszuweichen.\nLucie wurde unruhig und der Mann wurde im-\nmer interessierter. Es ging schließlich zu, wie in\neinem lebhaften Feuergefecht.\nDas Ende war furchtbar. Lucie heulte erschüt-\nternde Reuetränen und der schwarze Mann zer-\nstörte seine Haare wild, daß er aussah wie ein zür-\nnender Prophet. Er schrie mit zischenden Worten:\n„Wir sind geschieden\", betrachtete noch den weh-\nzerkrampften Leib des schönen Weibes, ging dann\nmit entschlossenen Schritten! zum Zimmer hinaus.\nLucie horchte auf, entsetzt, mitten aus dem\nSchmerz des Weinens; wahrhaftig, er nahm drau-\nßen den Hut und den Mantel.\nSie sprang aus dem Bett. Das Zufallen der Kor-\nridor tiire stärkte ihre wankenden Beine. Sie schrie\nihm nach: „Hans\" laut, daß das Märdchen aus der\nKüche herausstürzte.\nIm Hemd trat sie auf den Treppenflur hinaus\nund schrie dem Weggehenden verzweifelt seinen\nKosenamen durch das Treppenhaus. Aber er stand\ndarauf nicht still.\nEr ging.\nLucie brach in Ohnmacht zusammen. Hausbe-\nwohner trugenl die arme Verlassene zurück ins Bett.\nDie folgende Nacht saß das Diestmädchen bei\n!hr. Die Beiden fürchteten sich, er könnte in der\nNacht zurückkommen und schießen.\nDie Nacht verging bei elektrischem Licht und\ngespanntem Horchen nach der Korridortüre. Und\nder Morgen kam nur wie ein Lichtverdunkler. Grau\nund düster wiar draußen das Wetter.\nAch, die Einsamkeit war so alle Phantasie er-\nnüchternd. Was sollte in Zukunft werden,!\nDarüber sprach sich bald seine letzte Geldsen-\ndung aus. Damit konnte sie wie bisher ei n Jahr\nweiterleben und in dieser Zeit sollte sie sich nach\netwas umsehen, das ihr das Fortkommen sicherte.\nSein Brief lautete: „Du hast ja kein Kind, für\ndas du zu sorgen hättest. Du wirst darum auch\nkeine weiteren Geldopfer von mir verlangen . . .\"\nEs war zum Einsehen, was er argumentierte.\nAber warum konnte er nicht bei ihr bleiben?\nWar es denn so schlimm, daß sie jene frühere Be-\nziehung, welche sie bisher hartnäckig geleugnet,\nihm endlich eingestanden hatte?!\nJa, es war ihre Dummheit, offen zu sein.\nWie mußte sie diese Dummheit büßen! Das\nGlück ihres Lebens wäre von ihrer Ausdauer im\nLeugnen, in der Beharrung, in der Lüge, abhängig\ngeblieben.\nUnd sie grollte dem Manne nicht. Ein Weib ist\nnur um ihrer Verschlossenheit willen zu achten,\nsagte sie sich. Was ist es für ein Weib, das dem\nManne das Ertragen einer Unkeuschheit zumutet.\nWas ist es für ein Weib, das dem Manne das Er-\ntragen einer Unkeuschheit zumutet. Was ist es für\nein Mann, ber sie erträgt! Dieses Ueberlegen kam\nihr zu spät.\nNun sah sie voraus, daß sie bald wieder nichts\nwar, als die arme Trine, welche ein reicher Baron\nhinter den Lumpensäcken für sich hervorgeholt\nhatte.\nSie fühlte sich als Romanifigur. Und in diesem\nschönen Gefühl lag ihr einziger Trost.\n* * *\nEinmal in ihrem Leben war sie doch reich und\nglücklich gewesen, davon hatte sie jetzt das harte\nDrücken unb Schluchzen in der Kehle, das Heulen\nüber alles, was ihr zustieß.\nMan hielt sie nicht gerade für verrückt, aber\ndoch hielt man sie reif zum Irrenhaus.\nWeil sie beim geringsten Dinge gleich heulte.\nSuchte sie irgendwo Arbeit, fragte sie: „Haben\nSie keine Arbeit für mich?\" und gleich schluchzte\nsie so laut hinaus, daß ihre Bewerbung nur selten\nErfolg hatte.\nWie mußte sie oft hungern, daß sich der Nabel\neinzog, an dem das schöne Kind ernährt worden"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8313, "texte": "war zu bem schönen prächtigen Jungen, dem der\nArzt und die Hebamme zusammen den Halswirbel\nbei der Geburt abgerissen hatten.\nEs war ihr Wahnsinn, daß düe beiden ihr\nSchicksal verschuldeten. Es war nicht ihr Wahn-\nsinn, sondern es war ihr Schicksal.\nAuf dem St. Matthäi-Friedhof lag es, bas Kind.\nSie fuchtelte es jedermann ins Gesicht, so daß es\nbald das ganze Stadtviertel, wo die Lucie wohnte,\nwußte.\nDie arme Lucie.\nEin Weib mit einer Haarwarze zuletzt auf der\nBacke, damals ein junges Liebchen mit einem\nSchönheitsfleck auf der Wange.\nDie Alte hatte oft tagelang nichts zu essen und\nlief doch immer hinaus auf den Friedhof an die\nwild umwucherte verdeckte Stelle, wo vom Gold-\nregenbaum im Frühling die schweren goldenen\nTrauben herabhingen.\nDort sah sie niemand, wie sie als „schöne junge\nFrau den innigen Liebeskuß auf die Lockenstirn\ndes Knaben drückte\" — so wähnte sie ihn im Geist\nvor sich —.\nVerblühte der Baum, so hingen lange Schoten\nan den Zweigen. Auch dann war sie draußen und\nsah den Schoten zu, wie sie reiften.\nSie war eifrig im Besuch des Grabes, man\nkonnte ihr keine Gleichgültigkeit nachsagen.\nWie aber, wenn sie ein unbekannter Grund so\nhäufig auf den Friedhof gehen hieß?\nEinem Aufmerksamen hätte es auffallen können,\ndaß sie gerade in der Zeit, wo die Schoten reiften,\nbesonders häufig hinausging.\nAus Lucies Küchenstube drang in dieser Jahres-\nzeit immere ein starker Bohnengeruch, und Lucie\nlachte vergnügt, wenn sie die Nachbarin wegen\ndes Bohnendampfes beneidete.\nJedes Jahr, wenn sie auch sonst viel Hunger\nhatte, kam doch die satte Bohnenzeit, und vom den\nGoldregenfrüchten brauchte man nur ganz wenig\nzu essen, um sich gänzlich gesättigt zu fühlen.\nDas Mitnehmen von allem, was auf den Grä-\nbern wuchs, war freilich verboten.\nAber Lucie pflückte doch täglich eine ganze\nHandvoll von den Zweigen. Die Schoten versteckte\nsie unter die Schürze und in den Taschen, so daß\nsie Tag für Tag und Jahr für Jahr unbemerkt und\nudbeirrte an der Friedhofaufsicht vorbei zum Got-\ntesacker hinauskam.\nDer Baum war ein reicher Geber, und die arme\nMannverlassene glaubte es zu begreifen, warum\ner dem Knaben den Goldregenbaum gepflanzt\nhatte. Für sie, zu ihrer Nährung.\nJe größer der Baum wurde, desto reichlicher\ntrug er Früchte. Es war ihr, als wenn der Mann\nin die geheime Tiefe des Grabes, wo die Wurzeln\ndes Baumes den Saft holten, ein Kapital eingelegt\nhätte, das sich mit Zinzeszins vermehrte.\nEbenso, je älter Lucie wurde, desto mehr war\nihr Denken nur auf Sorge um die Nahrung gerich-\ntet und das ganze leise Grollen gegen den Mann,\nder irgendwo sein Schloß gebaut haben werde, ver-\nschwand vollends, so groß war ihre Freude alle\nJahre, wenn es die guten Bohnern zu essen gab.\nSie hütete sich zwar gewissenhaft, irgend je-\nmand das Geheimnis dieser Herkunft ihres Gemü-\nses zu verraten. Die Nachbarin hätte es sogleich\ndem Friedhofsverwalter hinterbracht, und dieser\nwar ihr sowieso wenig wohlgesinnt, weil sie ihm\nniemals eine Münze in die Hand drücken konnte.\nEs war ein prachtvoller Sommertag. Auf dem\nFriedhof war es wie im Paradies. Lucie stand unter\ndem Baum, hochgereckt auf den Zehenspitzen, sie\nlangte nach den Zweigen, die sie herabbog und\nemsig mit flinken Händen ausbeutete.\nSie hatte es immer sehr eilig beim Schoten-\npflücken, weil man nie wissen konnte, ob jemand\nkam. Obgleich das Gräblein tief versteckt lag, gab\nes doch solche, weiche diese schönste Wildnis auf\nder weiten Totenstätte wohl kannten.\nLucie blickte deshalb wiederholt scheu um sich.\nSo sah sie aus wie eine Diebin. Niemand hätte es\ndem alten Weibe mit den kauenden Kiefern und der\nHaarwarze auch nur leise geglaubt, daß dies ih r\nParadies war, welches sie da plünderte.\nDie Scham vor sich selber war ihr seit den\nTagen des Reichtums dicht auf der Ferse geblie-\nben. Sie wußte, daß sie ein gemeines ärmliches\nWeib war. Darum erst recht leuchtete es aus ihrem\nBlick, wie sie sich beim Schotenbrechen um und\num sah,wie genommener Almosen und Diebstahl.\nInnerlich log es sie ans, daß sie das gute Recht\nhatte, von ihrem Baume zu essen. Aeußerlich auf\nihrem Gesicht kämpfte die fortwährende Furcht,\nertappt zu werden.\nSie war fertig mit Pflücken und hatte alle\nTaschen dick voll. Noch einmal blickte sie an dem\nBaum hinauf, um abzuschätzen, in wieviel Tagen\nsie die nächste Ernte einheimsen könnte.\nIhr Gesicht bekam einen befriedigt behaglichen\nAusdruck, und ohne Vorsicht und Sdheuesumsich-\nblicken tatzte sie durch die Aeste und spreitete sie\nmit den Armen. Sie freute sich, wie dicht der Nach-\nschub stand. Ganz unten am Zweige erblickte sie\nnoch eine Schote, die sie zu pflücken vergessen\nhatte.\nSchnell griff sie darnach, steckte sie ein und\nwollte gehen.\nPlötzlich sah sie vor sich die Nachbarin,\nwelche ihr freundlich den Gruß zunickte.\nLucie war es, als bohrte man ihr zwei spitze\nMesser in die Achselhöhlen, daß die Arme abfielen,\nals schlüge man ihr die Kniescheiben mit Aexten\nentzwei.\nSie wußte nichts zu sagen, sie konnte nur mit\nden Augen den Dolchstoß aus der Nachbarin\nAugen erwidern.\nDie Nachbarin tat aber gar nicht unfreundlich,\nund ihr ruhiges Wesen gab vor, daß sie Lucie habe\netwas tun sehen, das sie für ganz selbstverständ-\nlich hielt.\nMit keinem Wort sprach sie von den Schoten,\nund mit unauffälliger Unterhaltung schloß sie sich\nLucie beim Nachhauseweg an.\nDiese vollzog gleich wie bisher das Kochen des\nGemüses und ließ sich, sie hatte Hunger genug,\nbeim Verzehren der sättigenden Goldregenschoten\nweiter nicht stören. Nur fürchtet sie, die Nachba-\nrin könnte es herumschwätzen, daß es der Fried-\nhof erführe, dann war es aus mit den Zinsen seines\nKapitals. Dann war auch der letzte Segenschimmer\njener glänzenden Zeit seiner Bekanntschaft ver-\nblichen.\nWas sollte sie dann noch auf der Welt anfan-\ngen? !\nDer Tag zu neuer Ernte war da. Mit Diebes-\nfurcht und Frechheit, die eine links, die andere\nrechts, unsichtbar eingehängt, ging Lucie hinaus\nauf den Friedhof. Der stille Platz da hinten kam\nihr entweiht vor, er ging sie fast nichts mehr an,\nsie ging bloß hin, sich dort das Essen zu rauben.\nSie besann sich krampfhaft, ob sies wagte, als\nsie unter dem Goldregen stand. Ihre Augen sprüh-\nten rot umrändert die helle Raubgier von sich. Ihre\nFinger rasten über die Aeste und krallten die Scho-\nten herunter.\nNiemand erwischte sie. Der Friedhofsverwalter\nhielt sie aber vielleicht unter dem Tore an.\nSie erinnerte sich, daß sie noch einmal das\njunge elastische Weib werden und stramm aufrecht\nschreiten mußte.\nDas Friedhofsgebäude kam näher. Richtig stand\nder Verwalter davor. Aber sie ging darauf los und\nkeck vorbei, mit schotengefüllteen Taschen. Der\nVerwalter sah sie lachend an, aha, er wußte, sie\nsah ihn frech an, junges Weib. Und schritt unbehel-\nligt zum Tore hinaus.\nSie jagte nach Hause, ruderte mit den Armen\nin der Luft und sprach wirres, unverständliches\nZeug.\nAls sie in den Hof zum zweiten Quergebäude\nhineinlief, erwartete sie die Nachbarin, lachend,\nfreundlich, Diese fragte mit harmloser Stimme:\n„Haben Sie wieder die schönen Bohnen geholt? ...\nSo, guten Morgen.\" \\\nLucie antwortete nichts, stürzte vorbei, ver-\nschloß die Türe hinter sich und kochte vor sich\nhinmurmelnd das Gemüse.\nBald stand es fertig auf dem Tisch, und das\nbehagliche Glück, den Hunger zu stillen, setzte\nsich zu ihr an den Tisch.\nWie sie gerade den ersten Löffel genommen\nhatte, klopfte es an die Türe. Lucie erschrak und\nschwieg.\nDa klopfte es zum zweiten Male und es rief:\n„Frau Nachbarin, sind Sie schon am Essen?\nIch wünsche guten Appetit. Wissen Sie auch, was\nSie essen? — Nichts Gestohlenes, aber den Leib\nvon Ihrem Jungen. Ihr ganzer Junge ist von dem\nBaum aufgesogen, und von dem Baum fressen Sie\njetzt schon viele Jahre die Schoten, jahrelang\nfressen Sie schon an Ihrem Jungen herum. Guten\nAppetit, bis Sie ihn alle haben.\"\nDamit ging die Ruferin von der Türe weg.\nLucie biß auf die Bohnen, und sie fühlte die\nBeinchen des Knaben, sie grillte schrill auf und\nspuckte die Bohnen aus dem Mund.\nDann saß sie regungslos vor der dampfenden\nBohnenschüssel, die allmählich erkaltete. Hinter\ndem Dampfe wurde es langsam klar und wie stei-\nnernes Fleisch.\nLucie stierte unbeweglich darauf, was sich\nvor ihren Augen in der Schüssel formte.\nAls die Schüssel schon lange kalt war, saß\nLucie noch davor und verhungerte vor den Augen\nihres Jungen, der in der Schüssel hockte und deut-\nlich atmete."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "39", "page_fin": "40", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.4", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "August Stramm", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.3", "debut_caractere": 8315, "fin_caractere_exclue": 8745, "texte": "Gedichte\nAugust Stramm\n\nGranatfeuer\nDer Himmel wirft Wolken\nUnd knattert zu Rauch.\nSpitzen blitzen.\nFüße wippen stiebig Kiesel.\nAugen kichern in die Wirre\nUnd\nZergehren.\n\nFeuertaufe\nDer Körper schrumpft den weiten Rock\nDer Kopf verkriecht die Beine\nErschrecken\nWürgt die Flinte\nA engste\nKnattern\nKnattern schrillen\nKnattern hieben\nKnattern stolpern\nKnattern\nUebertaumeln\nGeile\nWut.\nDer Blick\nSpitzt\nZisch\nDie Hände spannen Klaren."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1001, "texte": "Das Trotzen ladet.\nWollen äugt\nUnd !\nStahler Blick\nSchnellt\nStreck\nDas\nSchicksal.\n\nAngriff\nTücher\nWinken\nFlattern\nKnattern.\nWinde klatschen.\nDein Lachen weht.\nGreifen Fassen\nBalgen Zwingen\nKuß\nUmfangen\nSinken\nNichts.\n\nTriebkrieg\nAugen blitzen\nDein Blick knallt auf\nHeiß\nLäuft das Bluten über mich\nUnd\nTränket\nRinnen See.\nBlitzst und blitzest.\nLebenskräfte\nLodern\nModer waffnet um\nUnd\nStickt\nUnd\nStickt.\n\nAbend\nZähnen\nPlantschet streif das Blut des Himmels\nDenken schicksalt\nTode zattern und verklatschen\nSterne dünsten\nScheine schwimmen\nWolken greifen fetz das Haar\nUnd\nWeinen\nMein\nZergehn\nDir\nIn\nden\nSchooß\n\nPatrouille\nDie Steine feinden\nFenster grinst Verrat\nAeste würgen\nBerge Sträucher blättern raschlig\nGellen\nTod.\nUrtod\nRaum\nZeit\nRaum\nWegen\nRegen\nRichten\nRaum\nZeit\nRaum\nDehnen\nEinen\nMehren\nRaum\nZeit\nRaum\nKehren\nWehren\nRecken\nRaum\nZeit\nRaum\nRingen\nWerfen\nWürgen\nRaum\nZeit\nRaum\nFallen\nSinken\nStürzen\nRaum\nZeit\nRaum\nWirbeln\nRaum\nZeit\nRaum\nWirren\nRaum\nZeit\nRaum\nFlirren\nRaum\nZeit\nRaum\nIrren\nNichts."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "39", "page_fin": "39", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Wie besiegt bin ich vor\nder schweren trunkenen Welt; ich sehe mich im\nSpiegel, und mein mattes verdorrtes Gesicht ist\nweiß und schmal. Neben dem Buch liegen Blumen,\ndie frisch sind und strahlen; zärtlich schaue ich in\ndie tiefen Kelche. Der Morgen ist Balsam und innig\nleuchtendes Gewebe. Diesen einen Frühling und\nSommer zu erleben und zahllose ihresgleichen im\nbunten Gewinde verschlungen, gleich dem Kinde\nam geschwätzigen Kristallbache zu lauschen und\nüber den Wellen zu lächeln.\nIm Garten gehen die freundlichen Menschen und\nsäen Blumen und legen reinliche Beete. Mit ihren\nKindern kommen sie oftmals am Tage, die Kinder\nlaufen hin und wieder mit Spielen, in roten Käpp-\nchen das blonde Haar gebunden, in knappen far-\nbigen Kleidchen. Sie bringen W'ein und Früchte mit\nihren kleinen freudigen Händen zu mir, der ich im\nstillen Frühling gehüllt sie erwarte und sie ansehe,\nansehe ...\nMein Leben ist der Strom, der im weiten glän-\nzenden Bett der Marschen schwebt, nachdem Eis\nund Nebel vergingen.\nGeliebte, komme auch du in den blauen Dom\ndes Frühlings, ich sinke nieder in unbeschreiblicher\nZärtlichkeit, dein helles Angesicht, deine gewölbte\nStirne sind nah mir und schön, in den Armen\nschaukle ich dein süßes Haupt und streichle die\nweichen Locken und werde nicht müde.\nGoldene Heiterkeit birgt tief wehen Klang. Der\nHimmel, der im Mittag steht, macht das Herz wehe\nvor Schwelgen, sehnend vor Süßigkeit, am gelieb-\nten Busen niederzuruhen.\n* *\n*\nIm Frühlingsabend sitze ich neben der Schö-\nnen am Fenster, das seine weite herbe Tiefe bis\ndicht um den hochflimmernden Himmel auftut, die\nsilberblanken Seen, die dunklen Kränze der Wäl-\nder, der fernen Berge bläulichen Riegel! In tiefer\nRührung schaue ich den goldenen Glanz und die\nblaue Himmelsluft und! trinike seine unendliche\nStille aus ganzem Herzen.\nIm sehnenden Dämmer harre ich neben dem\nangebeteten Leibe und atme seinen Geruch. Das\nglänzend blaue Kleid hüllt sie bis zum scönen nack-\nten Busen und legt sanft eine dünne reiche Gold-\nborte um das schimmernde Weiß der Haut. Tiefe\ndrängende Freude in mir sehnt sich an dem blühen-\nden Fleische teilzunehmen, in seine matte edle\nHaut den Mund zu legen und mit seligen Küssen\naufzusteigen zum lächelnden rosigen Haupt. Aller\nzarten Wunder der Frau werde ich inne im\nFühlen von ihrem Haupte langsam nieder am\nLeibe; ich muß mich bändigen, und es glimmt\ndüster in mir, daß ich von ihr fortgehe.\nIch bin am langen Abend einsam unter finstren\nBaumkronen, die der blaue Wind sachte rührt. Ich\nsitze auf den Bergen, zu denen des Flusses unge-\nheurer Weite in der scheidenden Sonne rot auf-\nglüht und wohne auf immer in den kühlen schwei-\ngenden Wäldern, bei roten Pilzen habe ich mein\nHeim und lagere im Moos, wo Rehe unhörbar eilen.\n* *\n*\nWir sind wieder beieinander in ihrem Zimmer,\nsie ist so leicht und schmerzenlos, frei geht sie und\nkommt zurück. Sie ist vor mir verhüllt und scheint\nein unbewegliches Bild, das ich anschaue aber\nnicht deute. Ihre Augen strahlen selten auf, aber\ndann sind sie blaues Licht in einem unbewegten\nweichen und vollen Kindesantlitz. Birgt ihre zarte\nInnigkeit nicht heiße blutende Male?\nDen Druck ihrer • schmalen Hand fühle ich um\nmeine gleich inniger Umarmung. Die Taubenflü-\ngel unserer weißen Hände ruhen ineinander, und\naus ihren Fingern rinnt in meine der Strom des rei-\nnen leidenschaftlichen Seins. Glücklich und herzlich\nihr zugetan erzähle ich von meiner Einsamkeit, und\nals es endlich dunkel wird, begleitet sie mich an die\nTür und leuchtet lang mit der Lampe nach. Sie\nsteht vollbeschienen mit ihrem blassen Angesicht,\ndem hellgoldnen Haar.\nDunkel steige ich auf das Hausdach in die Nacht\nempor. Den heißen Kopf lehne ich an die alte\neiserne Fahnenstange, an der die Ringe im einsa-\nmen Wind (klirren und schaue nach dem Himmels-\nabgrund, in dem die ferne Großstadt sich mit einem\nKreis von blassem Licht ankündigt. Meine klang-\nlose dahingegangene Jugend schaue ich an, ich\nhabe tiefes Heimweh und sehnsüchtig reiche ich die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9687, "texte": "Hand hinaus; ein Eisenbahnzug zieht drunten vor-\nbei, seine lichtgeschlungene Perlenschnur reiht\nlangsam durch die finstre Flur. Ich singe ein Weih-\nnachtslied und steige helleren Herzens jn das Haus\nhinab.\n* *\n*\nBeim roten Schein meiner Lampe breitet sich\nmein stilles, schönes Reich aus in der Pracht pur-\npurner Gewölbe, das Licht steigt auf scheuen Fle-\ndermausflügeln in die; blaue Nacht und schwindet\nlangsam im spärlichen Sternenschein. Ein leis in-\nniges Getön strahlt im Nachtwinde auf und hebt\nmich in die wolkenlose Höhe als flimmerndes Fünk-\nlein. Das sind die geheimnisvollen Abende, an\ndenen ich für mein ringendes Büßen des Tags ent-\nzückt werde, in denen es mich mit der Süße von\nLiebesnächten erfüllt nnd die mich meine Tages-\nschmerzen vergessen machen. Es ist still unter\ndem Nachtdome und auch in mir ist es still. Von\nden Sternen nieder haucht geistiger Atem das\nGrobe aus meinen Augen fort, ich »atme den müt-\ne\nterlichen Geruch der Erde und höre den schwer-\nmütigen Schlag der Wasser am Meeresstrande in/\nmeiner Kindheit.\nGraue Tage! bald gehe ich zum Ufer hinab, wo\ndie Wasser vom Wind schaukeln und mein armes\nKnabenlied vergeblich und schluchzend zerbricht.\nDie Blätter wlerden gelber, Nebel ruhen tief über\nden Schluchten, die Seen schimmern von veilchen-\ndunklen Farben des scheidenden Sommers. Wehet,\nheilige Lüfte, mich heil und frei! Trübe Gespenster\ngehen über die frohe Erde. Dein Reich komme zu\nmir, Geliebte! Der Bedürfende harret deines Rei-\nches und seiner Pracht, die zu ihm kommen.\n* * *\nDie Blätter röten sich, der klare farbige Herbst\nnaht. Wir sind zusammen im Garten pnd jäten das\nUnkraut. Mit nackten, erdigen Füßen stehen wir in\nden braunen fruchtbaren Furchen. Von unten durch\nden Kiefernwald am Hügel funkelt der See und um\nuns wogen die Gräser und die reifen Aehren der\ni\nFelder mit bunten Blumen im lauen Wind und\nheimlichem Goldgetön der Bienen. Die Freundlichen\nalle gehen in den blühenden Gärten, edel im schö-\nnen Tag.\nAuf den entfernten Wiesen spielen weiße Kin-\nder, das leidenschaftliche und grausame Geschehen\ndes Menschen ist gleich dem Winter vor der Sonne\ngewichen. Im hohen Hafergras liegen die Sonni-\ngen und heben die Weingläser in das Himmelsblau.\n* * *\nAbends bin ich allein im Waldesdunkel, und ich\nschaue die Geliebte von fern an, die Silberwolke\nin stiller Luft, die kühlrieselnde Welle über den\nwarmen Steinen im Bach. Zum See steige ich nie-\nder, und milde sind Beide: Abend und See, schön\nspiegeln sie einander im weißen Dämmer. Ich\nlege mich ans reinliche Ufer, drücke die Hände in\nden warmen Sandboden, und sanft wölbt sich die\nErde in meine betreuende Hand, gleich der schma-\nlen Frauenhand, die sich in Meine legt. Des Him-\nmels seltsam blasses Licht steht über dem Was-\nser, gleich wie auf schwarzem Fels die hellen Säu-\n\\\nlen das schimmernd ferne Gewölbe tragen.\nUnter den schattenden Pappeln, in der engen\nund hohen Wegbiegung, im grünen Dunkel er-\nscheint die Schöne, Helle und Ruhige. Ich gehe zu\nihr, und sie nimmt munter meinen Arm. Im war-\nmen Abend schreiten wir langsam selbander ohne\nzu sprechen. Ihre kleinen dünnen Finger liegen un-\nbefangen auf meiner Hand, und ich nehme, obgleich\nwider mein Fühlen, kühneren Willens diese Finger\nin meine Hand und ergreife vollen Besitz. Da sagt\nsie mit ihrer kundigen Anmut: „Lieber, wie Sie mir\nheut gefallen'4 und wendet hierbei meine Hand in\nder ihren, daß alle Ruhe dahinfliegt. Sie schmiegt\ndie Hüfte an mich, so gehen wir zur Birke, die aus\ndunklem Waldesrahmen weit zur Seebucht hinaus\nihr zartes Haar in die weiße Flut hängt. Fern\nschweben zwei Schwäne und das im Dämmer\nschöne Angesicht ist licht, der zart verschwim-\nmende Schatten ihrer Wohlgestalt.\nMit der heraufziehenden Dämmerung steigt eine\ngrauweißliche Gewitterwolke zur Höhe auf, bis sie\neilend im heftig kühlen Sausen über der drohenden\nLeere steht. Düstere Gewölike schweben mit dem\nDämmer einher, wachsender Sturm wirbelt zur\nschauerlichen Erde hernieder und faßt die Bäume\nhart an.\nWir sind beide nahe zueinander getreten, ihres\nKleides Saum berührt mich an den Fußknöcheln,\nder erste Blitz zieht sengend durchs ungeheure\nSchwarz. Ich halte sie an meine Schulter mit dem\nArm gedrückt und tue ihr nicht weh und genieße\ndie süße Berührung mit ihrem Leib, während der\nbetäubende Donner über das weite Erdhaus grollt.\nAengstliche Vögel schwirren noch aus dem Schilf,\nund dann hören wir ferne Klänge, aus dem Hause\nder Freunde tönen die mächtigen Urlaute helden-\nhaften Aufbrüchs in die Wetterwolke empor.\nAn der Wegbiegung nehmen wsr Abschied. Als\ndie lichte Gestalt schon fern auf den Hügeln als\nsanfter Schatten geht, greift aus den Lüften, die\nlind und geruhig nach dem Sturm sind, ein bren-\nnend Schluchzen, und betäubt falle ich zur Erde\nhin. Warmer Geruch des betauten Waldes, der\nFruchtsträucher und Heckenrosen fließt in der\nlauen Nacht, ein froh Wandelnder singt das Lied\nvon den Königskindern: „Sie konnten zu Einander\nnicht kommen, das Wasser war gar zu tief.\"\n* * *\nWie gelind sie die Hand gibt, wenn es Nacht ist,\nund das eigene Herz nichts wissen darf!\nIm nächtlichen Garten warte ich unter der\nschwarzästigen raunenden Linde, das große Haus\nliegt einsam vorm schwach scheinenden Himmel\ngen Osten. Die eiserne Gartenpforte im Walde\nschallt dumpf, und ich warte am Wege, wo sie vor-\nüber muß. Da gibt sie im Dunkel ihre warme Hand,\nund ich halte sie eng. Alles Dunkel ist so klar und\nreif. „Nun kommen Sie mit mir heim, mein Lieber!\"\nGehorsam folge ich im Traum, an der Tür liebkost\nsie einfach und gelind meine Wange und schwindet\nim Dunkel des Flurs.\nNun liege ich die glückliche Nacht hindurch\nwach, so überwältigt von meiner dunklen Freude,\ndaß der Augenblick stille wird und das wache Auge\nsich mit dem seligen Liede wie mit einer köstlichen\nWelt zudeckt. Trunken bin ich wach, in sanftester\nWonne bewegt, lange bis ich den schweigenden\nAufgang der Sonne grüße mit meinen Hymnen. Ich\nbin ein Strom, zwischen glänzenden Ufern ruht\nmein nackter Leib und sonnt sich und schläft in\ni\nder Allhelligkeit. :\n* *\n*\nTagelang sehne ich mich und ringe in meiner\nklagenden, blutenden Leidenschaft. Dann treibt der\ngeschwächte Geist im Meer von Grauen, Wahn\nund Selbsterniedrigung und wagt nicht mehr nach\nden Zielen seiner Jugend ewig frisch und behend\nhinzufassen. Wenn deine Geliebte mit dem Zuge\nabreist und über ihr Abteilfenster hinausgebeugt\nnoch lange mit dem schimmernden Tuche grüßt,\nin dessen Bauschen das Mondlicht sich hüllt, ein\nletztes Wort, der schwindende Hauch ihrer Stimme\nweit hinausglänzt, dann entblößest d;u das Haupt,\nwankst. Beide, der Abschied und der Tod, haben\ndas Gemeinsame, daß sie unbedingt sind und ver-\nNichten, und die Seele kann Dem nicht Widerstand\nleisten.\nSo gehe ich mit dem brennenden dreiarmigen\nKerzenleuchter meiner Väter im freierlichen Wan-\ndeln durch die Nacht hinab zum See, um tief müde\nzu werden, und ich bete, daß ernste Lichtfinger\nmeine Stirn, die empörerisch ist, weiß und eben\nimachen mögen, gleich der des leuchtenden\nHölderlin. Dann bete ich mein Miserere in herz-\nlicher Inbrunst.\nTasten meine armen Hände nur noch zuckend\ndurch unendliche Mühsal, waffne mich Odem die-\nses ernsten Tags, daß ich schneller vom großen\nFeste entweiche.\nAm einsamen, seufzenden Seegestade will ich\nmich bergen, in den grauen schattenvollen Wäl-\ndern schweben, auf der Rehe ausgetretenen Spu-\nren weilen im Mondeslicht und heimlichen Sausen.\n♦ * *\nEin Mann wandert aus und läßt, als er im frem-\nden Land ein Eigenes sich erworben hat, die im\n*\nHeimatland harrende Geliebte übers Meer nach-\nkommen. Das Schiff, welches das treue Mädchen\nträgt, wird im Sturm vernichtet und auf den Grund\ndes Meeres geworfen.\nAls den Mann die Nachricht des teuren Todes\nund Unterganges trifft, verdüstert er sich, ver-\nschließt aber den Glauben an ihr Weiterleben tief\nins Innere. Er arbeitet weiter wie gewöhnlich, und\ndes Abends sehen wohl hin und wieder Nachbarn\ndurch die festlich beikränzte Hoftür den Einsamen\nin seinem Feiertagsrock vorm Hause sitzen und —\nwarten. Abend für Abend erscheint, vorsichtig mit\nholdem Lächeln den Riegel der schweren Hoftür\naufhebend, die nie vermißte, nie entbehrte Geliebte\nseit ihrem Tode. Im weißen magdlichen Schleier\nsetzt sie sich still neben den Vermählten, mit Lieb-\nkosungen, unendlichen Zärtlichkeiten verbringen sie\nstumm ihre Liebesnacht, und gegen Morgen ver-\nschwindet unhörbar die Gesandtin des Paradieses.\nAnfangs hat er wohl noch gefragt, weshalb sein\nliebes Mädchen so stumm sei, da hat es sich trübe\nin ihn geschmiegt und ist aus seinen Armen jäh\nentronnen. Darauf hat der Lebendige seine Sprache\nverlernt, er begnügt sich, sein Haus an jedem\nAbend zum bescheidenen Willkomm zu kränzen,\nden Festrock anzulegen und die Nächte zu verbrin-\ngen mit einsamen zärtlich seltsamen Gebärden.\n* * *\nDie rotes Vogelbeeren werden reif, die schlan-\n-1\nken Blätter des rankenden Weins bräunen sich,\nund die Abende sind erfüllt vom süßen Geruch\nüberreifer Früchte. Die Sonne sendet ihr letztes\nGold über tiefem Blau. Ich liege ermüdet auf dem\nAbhang des Bahndamms, den Kopf dicht zu den\nstählernen Gleisen herauf geschoben. Zwei Züge\nbegegnen einander in meiner Nähe mit vielem\nLärm, mit lang nachhallendem Sausen. Wunderbar\nberührt erhebe ich mich von den Wirbeln der krei-\nsenden-Räder, kühle Luft bedeckt mich gleich\nHänden, die meine Augen verhüllen und mich mit\nsich fortziehen. ;\nde *1»\n*\nr 112\nIch lese im tiefen Traum der Liebe. Als Niels\nLyhne ins verhangene, öde Zimmer kommt, liegt\nFrau Boje im Schaukelstuhl, und er schaukelt sie,\nwährend sie zu ihm spricht: „ganske blodt . . .\nganske bledt . . . hvor jeg elsker Dig, du Sode,\nSode . . . i mine Arme, du er saa god . , . Er du\nsaa god, saa god? . . og Dit Haar . .\n♦"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9691, "texte": "In der Schwermut des Herbstes spielt einer im\nSaal schwere strömende Klänge. Auf dem Altan\nsteht am Gitter, die feinen Finger um seine\nschwarzen Stäbe geschlungen die schöne Baltin\nund schaut versunken hinab auf die Wälder mit\nihren blitzenden Seen im silbernen Dunst. Die\nSonne ist blutrot im Niedergang und vom fernsten\nHimmel ziehen lichte Griffelwölkchen dem blassen\nNachtglanz ankündigend vorauf.\nIhr helles Antlitz schaue ich an in seiner Abefid-\nglut, sie steht hoch aufgerichtet hingegebe'n den \\\nwühlenden Klängen, der ganze selige Abend-\nhimmel ist nur noch ein Kleid um SIE. Sie\nerblickt mich, geht auf mich zu und legt einen Au-\ngenblick die Hand mit liebkosendem Hauch auf\nmeine Stirn, der ich erblasse in heiliger Dämme-\nrung.\nLange gehe ich ziellos durch das Haus, die\nlangen finstren Gänge mit ihren Mauern erschei-\nnen mir schwebend als aus durchsichtigem Kri-\nstall, von glänzenden Wolken Wohlgeruches durch-\nflössen., Meine Füße wandeln auf Teppichen, und\nmeine Glieder sind geschmeidig und leicht wie\nFlaumfedern.\n* *\n*\nIn der Nacht wache ich auf, Geliebte, da kommst\ndu und deckst meinen Mund mit deinen brennen-\nden Lippen zu und heilst meinen Leib mit innigen\nKüssen. Du gräbst meine Glieder aus dem mor-\nschen Staub und richtest mich auf an deinem\nschimmernden Halse in die weite blaue Nacht mit\nkühlen silbernen Sternen.\n.<;• * *\n*\nt. , '\nI\nMit der schwachen Gebärde grenzenloser Hin-\ngabe, weißen Angesichts schwebst du im langen\nfeuerfarbenen Gewand über den nächtlichen Wäl-\ndern. Die silbernen Kränze der Sterne hängen um\nden lodernden Traum, keine Wolke verbirgt Dich\nbis die Finsternis Dich ganz einhüllt.\n* ♦ *\nZurückgelehnt, in der Hand ein geringes Zucken,\ndu dunkel Glückliche! In Glorie schwefelgelben\nLichts ungeheures Haar. Eine rosenrote Taube legt\ndie zerblätternde Blüte in deine hingegeben ge-\nfalteten Hände, während der schattende Stunden-\nzeiger auf vollendeten Mittag weist.\nNackt, inbrünstig kniee ich über deinen Füßen,\ndie in ihren Riemen schimmern und küsse ihre\nbläulichen Adern, die schimmernde Haut, küsse die\nglatten Nägel, die an ihren Wurzeln holde Halb-\nmonde haben aus hellerem Rot als das deiner Haut.\n* * *\nSausendes Bewegen erschüttert mich!\nKomm! ein Märcheiihaus baute ich, schön aus\nMillionen Opalen, himmelblauen! Und du kommst,\ndeine glänzende Seide fliegt, hoheitsvoll, deine Kö-\nniginnenhand von mir küssen zu lassen. Du steigst\nin die blaue Kutsche, gestiefelte beschwänzte Ka-\nter in weinroter Bedientenjacke, Schimpansenge-\nneck, Töne der Weidenflöte, Lachen . . . schließ-\nlich DU in allerblausten Atlas gebettet, donnerst\nherein über funkelnde Kristallbrücke. Deine Hand\nhoch, schlank bewillkommt die Sonne, und Ich\ntrage dich in mein Opalhaus mit herzlicher Kraft.\n* * *\nIm Hause ist große Gesellschaft! Ich gehe in\nden geschmückten weiten Festsaal und sehe Sie\ninmitten des drängenden Stromes der Geladenen,\nindem sie nachdenklich verweilt und des Festes\nnicht achtet. Eine Rose trage ich zu ihr, um sie\nals Festangebind in ihr Haar zu stecken, aber ich\nwage noch nicht die zärtliche Tat zu tun. Doch\nder mächtige Trieb, dem ich gehorsam bin, bringt\nmich wundersam durch die dichten lauten Grup-\npen, ohne anzustoßen oder Aufenthalt, denn ich sehe\nnur SIE. Stumm reiche ich ihr die Blume, und sie\nsenkt sie in ihren Gürtel in nachdenklicher Selbst-\nverständlichkeit. Mit sachtem Zug beginnt ein\nschöner herber Geigenton über dem Lärm obzusie-\ngen.- Der ich neben der lieben, gewonnenen Hand\nlehne, schaue die schönen Gestalten der Götter an,\ndie in den weiten Nordlandsjaal treten und alles\nLand der ewigen Jugend zurückgeben im wonnigen\nGeschenk. Die Lichter löschen alle, schneeweißer\n/ y\nMond erglänzt über dem seligen Traumgesicht.\nDie schönen Asenl wandejln über Biafröst, die\nGlückliche, nieder zu ihren grünen Triften, klare\nWaldbä'che stürzen von dämmernden Felsen, im\nunendlichen Jubel schweben die Liebenden, die\n/\nsonnigen Töchter des Blitze-Zeugers über den\nStrömen, mühlos trieft die Erde vom zerbrochenen\nGewölk, ein ewiger Lichtbogen hält das aufge-\ntan ene Haus der Erde umschlungen im inniglichten\nGleichgewicht beider Pole.\n♦ * *\nGeordnet brausen die blauen Weltmeere! Ueber\ngrünen Fluren fliegen Adler, tiefes Blau mit silber-\nnen Wolken sinkt in die Erdabgründe und Täler\nmit ihren Wäldern und Strömen. Auf golde-\nnen Schalen am dunklen Gestade opfern die nack-\nten Menschen Früchte, und auf weißköpfigem\nblauem Flutberg wirft das Meer Rosen in breiten\nStrömen auf den Sand.\nIm stillen Abend, auf dem höchsten Berggipfel\nsingen Erlauchte, in den schmalen Händen Sterne\nerhebend, den Fernen zu glänzen.\n* * ♦\nAuf die Bitte der lieben Frau meinen Traum\nzu erzählen, bin ich dem schönen Befehl gehorsam\nund entferne mich im stillen Gebet, mit geschlosse-\nnen Augen von dem, was mich in Nähe und Sin-\nnen und an dieser innig drückenden Liebeshand\nfesselt. Brausenden Herzens, doch mit stockender\nSprache werde ich meines Traumes von vergange-\nner Nacht gänzlich wieder eingedenk.\nDies war mein Traum: Nach langer Wanderung\nzu den Dünen angesichts des grau verhüllten Mee-\nres komme ich. Aus der ungeheuren Tiefe steigt die\nflache, öde Wand des kaum erhellten Spiegels,\nKlagen von Vögeln schweben mit gesenktem Flug\ndurch den Abend und eintöniger Wellenschlag\nbricht von der Tiefe herauf. Vor dieser Weltwand,\ndie trostlos und lähmend ist, beginne ich einen\ndumpf-verhaltenen, ferngroßen Klang zu verneh-\nmen, der in meinen dunklen Körper balsamisch\nhineinhaucht, und die einsame Schwermut des\nMeeres zärtlich verwandelt.\nMahnende, seltsame Rufe kommen mit erreg-\ntem Hauch: „Menschlein, rennst mit gerungenen\nHänden. Durch die Erde glänzt es vom Golde, den-\nnoch mußt du einst schlafen gehen, fern dem ver-\ngrabenen Schatz. Ein wenig Lallen, Geschluchz,\nin der Erde stochern, bis der Mann der uralten\nNacht vom Meere heraufsteigt und dich licht zu-\ndeckt mit den glänzenden Federn des Paradieses.\nSiehe, Menschlein, deine Hände von Gott schim-\nmern . . .\"\nDie milden Worte spreche ich im Gebet bebend\nnach, da umfluten sie mich in einem überirdischen\nBad, in einem Strom der Liebe, in einer zarten\nGoldwolke, die anmutig den ganzen Himmel um-\nwallt.\nAls sie sanft in herrlicher Höhe sich löst, bin ich\nauf einer weithin gedehnten Waldstraße, die ich\nmühelos und heiter mit biegsamen Gliedern dahin\nwandle. Mein Gewand, das ich nicht ermüde an-\nzustaunen und sein Gewebe zu liebkosen, ist von\nder Farbe der Abendröte, besonnt mit des Himmels\nopalenem Glanz. Jedes Einzelne entlang am Wege,\nden Wuchs, die Geradheit, die Vielstämmigkeit der\nBäume, die mannigfaltige Farbigkeit des Waldbo-\ndens bewundere ich mit der Kraft reineren, uner-\n»müdeten Gefühls, das eben mit der Frische des\nNeugeborenen zum starken, regen Leben erwacht.\nDie unabsehbare Wanderstraße, das gesunde fast\nkörperliche Umarmen der reinen mütterlichen Luft,\ndie Klarheit des Vogelgesangs und des Halls meiner\neigenen Lieder sind ebensoviele Wonnen, die ich\nmit dankbarer Zärtlichkeit empfinde. Dann kom-\nmen weite Heideebenen in brauner Schöne zum\nWeg, dann rauscht es von bunten Wäldern, und\nsie sind kühl und duftend. Hunderte dunkle Stämme\nim Hain wären eine Mauer, wenn grüne Blätter-\ndämmerung nicht sanft um sie webte und die\nStämme zu Säulen würden, welche ewige Dome\ntragen. In den Waldestiefen singe ich den heiligen\nDreizeiler aus dem Bernhardsgebet von Dante.\nVon Freude zärtlich geführt gelange ich an\neinen glanzblau sich dehnenden See, über dessen\nSpiegel fern geheimnisvolle Berge und die schlan-\nken Glieder goldener Laubwälder sich erheben*\nMunter laufe ich zum Ufer, ein Boot rinnt unter\nschmalem weißem Segel über die leuchtende Flut\nund legt zum Einstieg für mich an. Ein blasser\nJüngling hilft mir hinein; am Bug, bislang vom\nSegel verdeckt, erblicke ich eine helle Frau im\nblauen Gewand, vom schönen vollen Mittagsglanz\nbesonnt. Von der nackten Schulter, die wie ein\nThron das goldgelockte Haupt einer lieblichen\nTochter des Sees oder der Berge erhöht, ist das\nGewand in faltenloser blauer Würde dicht an die\nedlen Glieder geschmiegt, die lässig ruhen. Sie\ngibt mir lächelnd die Hand und löst sie nicht wie-\nder von der Meinen, als sei ich ihr wohlvertraut\nund unser Wiedersehen ihr lieb.\nDer Wind füllt das Segel in seiner Wendung;\ndas Boot neigt sich ein wenig unter ihrem Druck\nund schießt dann mitten in den schwirrenden See-\n. glänz. Das Kielwasser rauscht, der Himmelsatem\ndrückt die Locken ins schöne Frauenangesicht, und\ninniges Lächeln rührt ihren Mund vom Flug der\nFahrt, der Schöne des Sees und seiner zauberi-\nschen Ufer und vom Druck meiner Finger über\nihre Hand. Ich genieße nach dem ersten begierigen\nAnschaun die Balsamnahrung des süßen Windes\nund die feierliche Stille der Flut, die nur das eilende\nBoot zu Wellen regt. Wunderbares Geheimnis er-\nhebt die atmende Brust, in die Gründe des Was-\nsers blicke ich mit dem gleitenden Tang und den\ndämmrig schimmernden Fischescharen. Der min-\nnigen Frau bin ich ganz nah und betrachte ruhig\nden lichtgestalteten Leib, seine Reinheit, das freie\nsonnige Haupt, die sanften schmalen Hände, die\nich beide mit dem süßen Zauber des Abenteuers\numfasse. Um ihren Mund ist das leidenschaftliche\nLächeln gleich der seidenen Helle um den Mondr\nwenn alle seine Wölkchen ferner um ihn schweben.\nEine Bucht dehnt sich drüben in ein grünes\nTalgefild. Höhen steigen hinter ihm aufwärts, und\nüber den See wölbt sich dunkler der Himmel.\nMit meiner Führerin Hand in Hand steige ich\ndie Hügel hinauf, über denen bunte Gestalten\nleuchten. Ferne Gesänge hauchen erhöhende Kraft\nzu Tal und bereiten uns für neues Geschehen vor.\nAls wir den Gipfel gewinnen ist hoher reicher\nRundblick. Ebenmäßige Wogen der Hügel mit ihren\nTalfalten senken sich rings in ein weites Land mit"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3936, "texte": "farbigen Fluren und stillen Gewässern. Schmale\nDeiche teilen endlose Weiden, auf denen bunte\nRinderherden ruhen. Stille Wälder der edlen\nBergfichte steigen mächtig zu den Bergen und über\nuns empor und wiegen die ungeheuren Palmen im\ndunklen Blau. Ueber den Wäldern auf ferner\nHöhe leuchtet der flache goldene Schein eines Do-\nmes über dem Land. Und von den Bergen nieder\nin die Ebene sind Gärten mit Lauben gezogen, die\nerfüllt sind von Scharen jubelnder Menschen. Lie-\nder und Festesklänge wallen zu den Bergen auf,\nund von ihnen werden sie mit mehrfachem Wider-\nhall beantwortet. Johannistag zieht trunken durch\ndie Lande, Fruchtranken umschlingen seine Schlad\nfen, und seine gebräunten Hände erheben den son-\nnenglühenden Kristall zu den Lippen. Preis und\nDank jubeln die endlosen wiederkehrenden Lieder,\nals seien sie die fruchtzeugerischen Jahreszeiten\nselbst, die dem Born der Liebe unerschöpflich ent-\nspringen.\nHingerissen beim Anblick dieses Hirtentags\nverweilen wir beide eng ineinander geschlungen\nund schauen unersättlich auf das schöne Land in\nseinem Festkranz der Menschenfreude. Nach den\nKlängen der Hirtenzymbel, der Zigeunergeige und\nder Heroldposaune falten sich Scharen der Reigen\nin wehenden schönfarbigen Gewändern auf dem\nhohen Bergplan ineinander und verweben sich im\nkreisenden Flor. Mitten unter ihnen aber steht der\nschmale erhabene Jüngling in goldbortigem Rot\nund ist reglos unter den Tanzenden. Noch immer\ndröhnen die Fanfaren, die Berge hallen von ihnen\nwiedeiyund herrlich klingen darein die kristallenen\nTrinkschalen im Zuruf gegen einander gehoben.\nDann lassen sich Alle auf dem Rasen im weiten\nKreis nieder, bunte Knaben bringen Wein und\nFrüchte, und die Frauen breiten zu einem großen\nRing die Gewänder aus, zu einem bunten Zauber-\nkreis, in dem nur der Jüngling in Rot aufrecht steht\nund jetzt Jedem sichtbar ist. Er spricht zu ihnen\ndie scherzenden und leichten Verse:\nSo ist alles nichts als Fabel\naußer unserm Wunsch zu lieben,\nvon dem Müßiggang der Götter\ngenießet bald was euch geblieben.\nDann soll sich bei diesem Streben\nanmutreich dein Schicksal finden,\nwirst dem Hirtenland dich nahen\nund Entfernung mag verschwinden.\nJa, der Wein in den Kristallen\nmacht die schönen Augen leuchten\nhoch die lieben Herzen wallen\nunter den geknüpften Leibchen.\nMit reicher Gebärde tritt jäh eine Frau im\ngrünsilbernen Gewand hinter den Herrlichen\nin Rot und hält, als seine letzten süßen\nWorte perlengleich auf die Frauen und Jünglinge\nniedersinken, die weißen Hände über seine schwer-\nmütigen Augen geschlungen. In sanfter Belohnung\nnimmt er ihre Hände und senkt sein Angesicht zu\nihrem Mund, dazu ihre Schulter bebt. Dann lehnt\nsie sich liebevoll an seine hohe Gestalt, und er be-\nginnt mit dem zweiten Liede, blasser ist er vor\nGenuß und Trauer:\nHabt nun keine andere Trauer\nals die Freude zu bewahren,\nüberhauchen euch die Schauer\nseidner Kleider, feiner Verse.\nBeste ist der Sittenlehren,\nda doch Edelste der Weisen\nnur mit leerer Torheit prahlen-\nGegenwart im Nu vergessen.\nHandelt endlich sich ums Eine:\nniemals krank und traurig werden,\ndurchaus frevelhaft erscheine\nwer Lebendgem trüb begegnet *).\nDas liebende Paar inmitten des Kreises umfaßt\neinandr und zu den beiden Hochgestalten erheben\nalle grüßend die Trinkschalen, die Runde bebt vom\nherrlichen Erklingen und Zuruf.\nDer ruhende farbige Frauenkreis ist erregt er-\nstanden, sie geben einander die Hände und\numschreiten im Reigen das minnige Paar in der\nMitte. Die erhoben aneinander geschmiegten Arme\ndes Reigens bewegen sich sanft in lichtblauer\nWonne, streng gegliederten Schrittes entfaltet er\nsich nach dem Lied der Geige diese unzähligen er-\nhobenen Händepaare fassen einander im Liebes-\nringe zum brennendem Diadem. Dann senken sich\nalle mit einem Knie auf die Erde und hinter dem\nReigen der Frauen und Mädchen steht der zweite\nder Jünglinge und Männer, deren jeder die Seine an\ndie Hand nimmt und sie schmückt mit goldroten\nBlumensonnen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c012", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "42/43", "page_fin": "42/43", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.5.1", "titre_corps": "Fritz Baumann: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "titre_sommaire": "Fritz Baumann: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "42/43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 47, "texte": "Fritz Baumann: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c013", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "45", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.6", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.8", "debut_caractere": 3957, "fin_caractere_exclue": 6733, "texte": "Gedichte\n\nPaul Bommersheim\nManchmal hebt sich Gott von Dir . . nachts.\nVielleicht noch einsam grauerhellte Schwermuts-\ntanne.\nDie schüttelt Tränen von sich . . rieselnd.\nVielleicht noch einsam toter Pfahl in feuchten\nWettern.\nVielleich noch einsam nackter Stein aus nasser\nKrume..\nVielleicht noch einsam grauer Fleck in grauer\nLeere.\nSchlund und Abgrund. Abgrund des Nichts und\nSchlund der Leere.\nDu beugst Dich in das Nichts und starrst hinein\nund starrst ins Graue sonder Licht noch Spur\nnoch Ahnung.\nNoch einmal kann es sein, daß schwarzes Totes\naufsteigt.\nDas wird dann eisenstarr.\nDu starrst ins Graue sonder Licht noch Spur noch\nAhnung.\nDas Leere kreist herum,\nDu wirbelst mit.\nDu wirbelst rastlos mit.\nDu wirbelst ruhlos, rastlos mit.\n* * *\nDie Laubwirrnis hat die Erschütterung ergriffen.\nDie Blattwirrnis, in der wir schweben, hat die\nErschütterung ergriffen.\nNun starren ringsum schwarze Äste kreuz und\nquer, schwarz wie die Hölle.\nPlötzlich ist ein Zweig vor mir, klar, fest umrissen,\ngreifbar.\nDer trägt ein einziges Blatt.\nDas ist ganz ruhig und schwarzgrau.\nIch kann jeden Nerv drauf sehen, jedes Härchen.\nViele starren aufrecht; manche sind geknickt; die\nwerden verderben.\nAuf einmal glotzt ein Käfer über den Rand, ein\ngrüngoldner.\nDer beginnt das Blatt abzunagen.\nMan hört das Surren seiner Sägekiefer . . .\nsausend. . . sausend.\nDas Blatt schwankt nun auch.\nDas war der Augenblick, im dem mein Stern vom\nHimmel fiel.\n\nZwang\nScharfes hagelt herab in stählernen Strähnen\nschmeißt Löcher in friedliche Rurpurblüten.\nFarbenfunkeln erstickte in Sturmwut von Nächten.\nBlätter ducken die Angst in dunstige Furchen.\nMetallische Helle von mindersauseuden Säbeln.\nWälder von Klirren . . . Atemstille . . . zittern.\nEin Aechzen zerreißt den Grund ... Riß an Riß.\nWie eine Klage bläht sich Dunkles auf\nund wächst gespannt untd wächst\naber zerplatzt nicht\nganz gespannt.\n\nHeilige Tage\nIch trag so warm an diesen Tagen.\nMein Haupt hat abgetan die längst geformten Dinge\nund ist vom Quellen schwer.\nDie Nebel, die mir alles nahmen,\nsind weiß und warm und licht.\nEin neues Frühlicht steigt im Nebel auf.\nDas tropft sein blühend Blut.\nDas schüttet über mich sein Blut.\nIch geh nuni ganz ins rote Auferstehen.\nMein Haupt sinkt hin, wo all das überquillt.\nIch trag so warm an diesen Tagen.\nDenn Sternenblut umströmt mich.\n\nWeiße Stunde\nDurchsichtiges stürzt herab als glitzernde Säule.\nUnd Weißes überspannt alles, überspannt alles.\nDas ist mit Tautröpfchen besprüht.\nGüsse von Licht sprudeln.\nManchmal taucht liebeglühes Rot und stirbt hin.\nNur die goldnen Adern bleiben, die die Morgenhelle\ndurchziehn.\nIch bin ein weißes Riesenflügelpaar.\nAuf dem ruht alles.\nNun falten sich die Flügel zusammen.\nUnd ich umspanne alles . .\numspanne alles . . . alles.\nIch segne diese Stunde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "45", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.6.1", "titre_corps": "Paul Bommersheim", "titre_sommaire": "Paul Bommersheim", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.8", "debut_caractere": 3967, "fin_caractere_exclue": 5391, "texte": "Paul Bommersheim\nManchmal hebt sich Gott von Dir . . nachts.\nVielleicht noch einsam grauerhellte Schwermuts-\ntanne.\nDie schüttelt Tränen von sich . . rieselnd.\nVielleicht noch einsam toter Pfahl in feuchten\nWettern.\nVielleich noch einsam nackter Stein aus nasser\nKrume..\nVielleicht noch einsam grauer Fleck in grauer\nLeere.\nSchlund und Abgrund. Abgrund des Nichts und\nSchlund der Leere.\nDu beugst Dich in das Nichts und starrst hinein\nund starrst ins Graue sonder Licht noch Spur\nnoch Ahnung.\nNoch einmal kann es sein, daß schwarzes Totes\naufsteigt.\nDas wird dann eisenstarr.\nDu starrst ins Graue sonder Licht noch Spur noch\nAhnung.\nDas Leere kreist herum,\nDu wirbelst mit.\nDu wirbelst rastlos mit.\nDu wirbelst ruhlos, rastlos mit.\n* * *\nDie Laubwirrnis hat die Erschütterung ergriffen.\nDie Blattwirrnis, in der wir schweben, hat die\nErschütterung ergriffen.\nNun starren ringsum schwarze Äste kreuz und\nquer, schwarz wie die Hölle.\nPlötzlich ist ein Zweig vor mir, klar, fest umrissen,\ngreifbar.\nDer trägt ein einziges Blatt.\nDas ist ganz ruhig und schwarzgrau.\nIch kann jeden Nerv drauf sehen, jedes Härchen.\nViele starren aufrecht; manche sind geknickt; die\nwerden verderben.\nAuf einmal glotzt ein Käfer über den Rand, ein\ngrüngoldner.\nDer beginnt das Blatt abzunagen.\nMan hört das Surren seiner Sägekiefer . . .\nsausend. . . sausend.\nDas Blatt schwankt nun auch.\nDas war der Augenblick, im dem mein Stern vom\nHimmel fiel."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c015", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "45", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.6.2", "titre_corps": "Zwang", "titre_sommaire": "Zwang", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.8", "debut_caractere": 5393, "fin_caractere_exclue": 5832, "texte": "Zwang\nScharfes hagelt herab in stählernen Strähnen\nschmeißt Löcher in friedliche Rurpurblüten.\nFarbenfunkeln erstickte in Sturmwut von Nächten.\nBlätter ducken die Angst in dunstige Furchen.\nMetallische Helle von mindersauseuden Säbeln.\nWälder von Klirren . . . Atemstille . . . zittern.\nEin Aechzen zerreißt den Grund ... Riß an Riß.\nWie eine Klage bläht sich Dunkles auf\nund wächst gespannt untd wächst\naber zerplatzt nicht\nganz gespannt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c016", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "45", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.6.3", "titre_corps": "Heilige Tage", "titre_sommaire": "Heilige Tage", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.8", "debut_caractere": 5834, "fin_caractere_exclue": 6277, "texte": "Heilige Tage\nIch trag so warm an diesen Tagen.\nMein Haupt hat abgetan die längst geformten Dinge\nund ist vom Quellen schwer.\nDie Nebel, die mir alles nahmen,\nsind weiß und warm und licht.\nEin neues Frühlicht steigt im Nebel auf.\nDas tropft sein blühend Blut.\nDas schüttet über mich sein Blut.\nIch geh nuni ganz ins rote Auferstehen.\nMein Haupt sinkt hin, wo all das überquillt.\nIch trag so warm an diesen Tagen.\nDenn Sternenblut umströmt mich."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c017", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "45", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.6.4", "titre_corps": "Weiße Stunde", "titre_sommaire": "Weiße Stunde", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.8", "debut_caractere": 6279, "fin_caractere_exclue": 6733, "texte": "Weiße Stunde\nDurchsichtiges stürzt herab als glitzernde Säule.\nUnd Weißes überspannt alles, überspannt alles.\nDas ist mit Tautröpfchen besprüht.\nGüsse von Licht sprudeln.\nManchmal taucht liebeglühes Rot und stirbt hin.\nNur die goldnen Adern bleiben, die die Morgenhelle\ndurchziehn.\nIch bin ein weißes Riesenflügelpaar.\nAuf dem ruht alles.\nNun falten sich die Flügel zusammen.\nUnd ich umspanne alles . .\numspanne alles . . . alles.\nIch segne diese Stunde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c018", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "45", "page_fin": "46", "image_debut": 8, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.7", "titre_corps": "Briefe", "titre_sommaire": "Briefe", "signature_source": "Kurt Heynicke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.8", "debut_caractere": 6735, "fin_caractere_exclue": 7944, "texte": "Briefe\nKurt Heynicke\nAn Frauen und an eine Frau\nEuch, die Ihr leichtgeschürzt unter Bogen-\nlampen und durch Wälder geht, Euch, vieler Tage\nFeierabend, lege ich meine Seele in den Schoß.\nIch habe sie auf dieses Blatt geschrieben und es\nan meine Lippen gedrückt, wie ich die weiße Haut\neines Mädchens (küßte, die meine Jugend trug und\neine Dirne war.\nMeine Jugend ist tastender Liebesreigen, und\nich bin heute noch jung.\nAn den Quellen meines Leibes steht Ihr mit\nv/artender Müdigkeit, und ich muß lächeln, denn\nich bin alt vor Euerem Blick.\nIhr seid viel an meine Lippen geblutet, und\nmeine Arme trugen Euere Kronen; doch da fühlte\nich die Ketten daran und meine Muskeln knirsch-\nten und das Erz zerbrach.\nMeine Sehnsucht sucht Euch groß. Aber das\nWinseln kleiner Schoßtiere ist herum. Mein\nLachen zu Euch ist weh, und ich finde keinen\nGlanz in Euerem Blute. Und dennoch liege ich\nauf den Knieen und freue Tränen hinauf zu Euch.\nKlänge schrie meine Seele und Lieder standen\nvor Eueren Toren, die fremden Auges auf meine\nPein blickten.\nIhr Frauen, ich liebe Euch, und mein Leben ist\nnichts.\nEine geringe Ewigkeit, und mir singt die\nSchlacht.\nUnd ich genieße die Furcht des Todes, die mich\nschon einmal umtanzte."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2627, "texte": "Wenn die pfeifenden Kupfervögel mir in den\nOhren liegen, werden meine Hände rückwärts\ngreifen. Nach Euch!\nIhr Frauen! Ich kann Götter machen. Aber in\nEuch hinein finde ich keinen Gott, und mein Blut\nist ein Kinderschattenspiel, über das erwachsene\nMenschen lächeln.\nMeine Sehnsucht stirbt nicht. Sie steht im\nSchatten einer Säule und hüllt sich in einen roten\nMantel.\nDer Mantel ist Jugend; ich will ihn einem\nOpfersteine bringen. Der Stein ist weiß und hat\ndas Gewicht einer stolzen Frau.\nIch lege mein Haupt in die Höhlen deiner Hand,\ndu Königin, die ich nicht kenne.\nSiehe, ich bin jung und kann nicht sterben.\nVergib mir mein Elend und küsse meine Lippen,\ndie eine lange Nacht nach Dir zernagte. Nimm\nmich in Deine Arme, Du, deren Blut Seele sein\nmuß und deren Seele blutdurchspült ist.\nIch will Dir Tempel bauen und Götter machen.\nSieh, meine rote Sehnsucht steht vor dem\nDome und bettelt.\nKomm! / J\nAn manchen Tag\nGib mir grünes Gift oder ein großes Wasser,\ndarin ich mich ertränke.\nOder eine Lust, die tiefer ist als die Liebe und\nblutiger als die Wollust des Todes in der Schlacht.\nOder einen Schwan, weißer als weißester\nMarmor, dem ich den Hals mit schmutzigen Fin-\ngern zerdrücke.\nGib mir einen Tag, der lebendiger ist als die\nwechselvolle Verzerrung einer Stunde in die Nacht.\nWarum, Du Tag, ziehst Du die wächserne\nFratze über die Sonne und schleichst an den\ngrauen Häusern entlang, wie Menschen, die ein\nNichts sind, gleich Dir? In Deinem Schatten gehen\ndie Gesalbten des Einerleis, tragen Moden über\nihre Nacktheit und werfen ihre Einfalt hin und her.\nIch hasse das Hinschreiten in deine Genüg-\nsamkeit, ich hasse die Fahlgesichter, die da sagen:\nGott will es, ich bin zufrieden. Du machst die\nSeelen) träge und gebärst Zahlen.\nUnd wenn einer den Hammer hebt, zu schla-\ngen, rufst Du die Sachwalter deiner krüppeligen\nStunden, die Huren und Freudenbecher.\nHeio, wie tief ist die Lust und wie leer der\nLeib Deiner Geschöpfe. Trug ist Deine Freude,\nund Deine Geschenke sind halbe Worte, auf Pack-\npapier geschrieben, wert, zerspeichelt und deiner\nFratze entgegengespieen zu werden, mir aber ein\nGottesdienst der Verachtung. Wohl meinem Auge,\ndas sich hell aus den Nächten hebt, zu glänzen!\nIch hasse Dich, wie ich das Einerlei hasse. Weil\nDeine Düsterheit Pose ist und gemachtes Bildnis\nDein Blick.\nWeil ich Dich töten kann, wenn ich will. Weil\nich Sonne in, den Händen habe, während Du\nregnest.\nSiehe, so gehe ich dahin:\nEines seltenen Weges, und ich weiß nicht, wann\nich gekreuzigt werde.\nAber siehe doch: Ich gehe.\nUnd bin über Dir; Sonne läuft über mein Haar,\ne:ne Krone, zu glänzen zur Feier meines Schrittes."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c019", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "46", "page_fin": "47", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.8", "titre_corps": "Marionettentheater", "titre_sommaire": "Marionettentheater", "signature_source": "Julius Szini", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.9", "debut_caractere": 2629, "fin_caractere_exclue": 9082, "texte": "Marionettentheater\nJulius Szini\nDer feiste Direktor saß schon seit sechs Uhr\nabends traurig in der Kasse,. Es kam keine Seele.\nUnd von Minnte zu Minute wurde er anscheinend\nmagerer und schlaffer. An der luftigen Arena, die\nim Winter ein Tanzsaal war, kündeten vergebens\ndie bunten Plakate das prächtigste aller Stücke an,\ndessen Titel da ist: „Hamlet, oder der gerächte\nBrudermord\".\nOphelia war noch im weißen Straßenkleid (sie\npflegte übrigens für diese Rolle bloß den Federhut\nmit einem Kranz zu vertauschen), Hamlet stand\nmit verschlungenen Armen vor der kleinen Türe,\ndurch die der Weg zu den Logen führte, Polonius\nsaß auf der Banik vor der Arena und grub mit dem\nSpazierstock Zahlen in den Sand, Rosenkranz und\nGüldenstern disputierten über Politik.\nEndlich kam auch ein lebendiger Mensch aufs\nTheatergebätade zu. Er war ziemlich elegant ge-\nkleidet, und die Augen der Schauspieler glänzten\nfür einen Moment auf. Sie streichelten ihn beinahe\nmit ihren Blicken. Der Herr begrüßte liebens-\nwürdig den Direktor, der sich sofort in ein einziges\nrundliches Lächeln verwandelte.\n„Sie befehlen ein Billett?'4\n„Nein44, antwortete der Herr verwirrt. Es stellte\nsich heraus, daß er der zweite Barbier des Städt-\nchens war und sich erbötig machte, die Herren\nSchauspieler billiger zu rasieren als sein Konkur-\nrent. Der Direktor verzog sein Gesicht zu einem\nherben Lächeln.\n„Sie wollen uns noch barbieren! Wir sind schon\ngenügend kahl!44\nUnd er zeigte auf das Billettpäckchen, das ihm\nauf den Hals geblieben war, denn er hatte den\nganzen Tag über in dem Städtchen kaum zehn Ein-\ntrittskarten verkauft.\n„Dieses nichtsnutzige Volk!44 sagte traurig\nSchäumler, der Barbier. „Bisher ist hier noch jede\nSchauspielertruppe durchgekracht. Dieses Pack\nbraucht kein Theater«, Auch jetzt drängt es sich\nlieber auf den Marktplatz, wo sich ein Marionetten-\ntheater mit Musik befindet.44\nUm sieben Uhr zehn Minuten nahm der Direk-\ntor die schwarze Seidenmütze vom Kopf, schleu-\nderte sie zur Erde und sprach zum Star der Ge-\nsellschaft:\n„Ophelia, geh ins Kloster! Bete für uns, denn\nwenn es uns noch einen Tag lang so ergeht, könnt\nihr wandern. Jeder, wohin es ihm beliebt! Pie\nheutige Vorstellung sagen wir ab, es verlohnt sich\nnicht, für zehn Zuschauer zu spielen.44\nVerzagt ließ Ophelia die Hände sinken.\n„Ich kaum doch nicht dafür, daß ich nicht als\nHolzpuppe zur Welt kam. Da würde sich das Volk\nnicht auf den Marktplatz, sondern hierher drän-\ngen.44\nPolonius aber sprach mit der Gelassenheit und\nÜberlegenheit eines königlichen Kämmerers:\n„Das Volk hat immer recht. Und so wollen\nauch wir uns dorthin begeben, wo sich das gött-\nliche Volk drängt. Lernen wir von den hölzerner*\nPuppen, was die echte Schauspielkunst ist.44\nOphelias Gesicht leuchtete plötzlich auf:\n„Diese Idee ist nicht einmal so übel. Gehen wir\nalle ins Marionettentheater. An solchen Orten lernt\nman oft in einer Stunde mehr, als auf der Akademie\nir vier Jahren.44\nUnd die ganze Gesellschaft, der es an diesem\nTage so arg ergangen war, brach auf und begab\nsich auf den Marktplatz hinüber. Zwei Azetylen-\nfaekeln und eine Menge bunter Papierlaternen\nließen die Front des Puppentheaters erglänzen. In\nder schlecht beleuchteten Kleinstadt prunkte dieser\nkunterbunte, glitzernde, goldene Eingang wie eine\nElfenhalle. Auf einem Podium stand der Musik-\nautomat, der eine ganze Blechkapelle ersetzte und\nmit betäubendem Spektakel die neugierigen Men-\nschen auflärmte.\nEin Ausrufer posaunte mit geilender Stimme\naus, was alles in der Bude zu sehen sei. Die Leute\naber drängten sich, rissen vor Erstaunen die\nMäuler auf und strebten in immer größerer Zahl die\nHolzstiege empor, die zur Kasse führte. Das Volk\ntat fröhlich, das Geld klirrte anheimelnd, und in der\nKasse streifte ein wohlgenährter Herr mit einem\ngroßen Schnurrbart die Silber- und Nickelstücke\nein, fast ohne sie zu zählen. Sein Gesicht strahlte\nund war trotz der darauf lastenden Strenge glück-\nlich.\nPlötzlich rief Ophelia aus:\n„Herepey!\"\n„Wo?\" fragte neugierig der Direktor.\n„Dort sitzt er in der Kasse\", antwortete Ophe-\nlia. „Erkennt ihr ihn denn nicht? Wahrscheinlich\ngehört das Marionettentheater ihm/4\nAusgeschlossen!\" sagte Hamlet. Die Schau-\nspieler drängten sich näher zur Kasse, um den\nKassierer genauer besehen zu können. Und alle\nkamen mit der Nachricht zurück, der Mann mit\ndem großen Schnurrbart sehe Herepey auffallend\nähnlich.\n„Er hatte doch keinen Schnurrbart !\" sagte der\nNarr, der zugleich der Requisitenmeister der Ge-\nsellschaft war.\n„Er hat sich eben einen wachsen lassen\", ant-\nwortete kurz der Direktor. „Und dennoch ... ich\nglaube nicht, daß Herepey so tief gesunken ist. Ließ\nihn doch sein übergroßes Selbstbewußtsein nicht\nbei uns bleiben...\"\n„Ophelia war's\", sprach tölpelhaft der Requi-\nsitemneister. Die Schauspieler lachten, und der Di-\nrektor merkte sofort, daß der Narr wieder etwas\nausgeplaudert hatte, was die Mimen verheim-\nlichten.\n„Ist es wahr, Ophelia?\" fragte der Direktor.\n„Wahr ist nur, daß er mich umwarb.\"\n„Und Sie ihn nicht erhört haben\", setzte der\nDirektor fort. „Jetzt begreife ich freilich, warum\ner uns so plötzlich verlassen hat! Ein genialer\nMensch!\"\n„Bei unserem Direktor ist jeder genial, der von\nihm fortging\", sagte im Tone komischen Vorwurfs\nHamlet.\n„Unvergeßlich wird mir sein Hamlet bleiben,\"\nversetzte der Direktor bissig, „und das Unglück\nverfolgte mich auch von der Stunde ab, da Here-\npey von mir ging.\"\nOphelia rümpfte die Nase.\n„Ist es Ihnen, Herr Direktor, gar so sehr darum\nzu tun, daß er zurückkommt?\"\n„Jetzt ist's schon zu spät. Siehst du denn nicht,\ndaß er inzwischen Theaterdirektor geworden ist?\"\n„Und dennoch wird er zurückkommen\", bekräf-\ntigte Ophelia. „Es kostet mich nicht mehr als ein\nWort.\"\n„Glaub das nicht\", höhnte der Direktor. „Für\ndie lebende Schauspielerin werden ihn die Holz-\npuppen völlig getröstet haben. Wer eine so gute\nTruppe hat, der er nicht einmal Gage zahlen muß,\nkehrt nicht wieder in unser Elend zurück.\"\nOphelia warf den Kopf zurück — wie stets,\nwenn sie etwas Großes wollte.\n„Ich will's versuchen!\"\nSie bahnte sich einen Weg durch die Menge,\ndrängte sich die hölzerne Treppe empor und stand\nplötzlich vor der Kasse. Jetzt sah sie den Mann\nmit dem großen Schnurrbart schon unmittelbar aus\nder Nähe. Kein Zweifel, Herepey war's. Einen\nAugenblick sahen die beiden eininder starr an.\nSchließlich sagte Ophelia leise:\n„Guten Abend, Herepey!\"\n„Sie irren,\" lächelte der Mann, „ich bin Carlo\nFradeletto, Direktor des Fantoche-Theaters aus\nBologna.\""}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8381, "texte": "„Dann bitte ich um ein Billett\", sprach Ophelia\nund maß den Puppenspieler.\n„Verrate mich nicht,44 flüsterte Herepey plötz-\nlich leise, „geh hinein. Von dir nehme ich kein\nGeld.4'\n„Aber auch die andern sind hier44, sprach\nOphelia leise.\n„Ich weiß es, auch sie sollen eintreten.44\nOphelia winkte, und in der nächsten Minute be-\nfand sich die ganze Truppe in dem vollgedrängten\nZuschauerraum des Marionettentheaters. Das Pu-\nblikum summte und brummte, aß Orangen, war un-\ngeduldig, rückte hin und her, klopfte und stampfte\nund konnte den Beginn der Vorstellung nicht er-\nwarten. In der ersten Reihe saß der Oberstuhl-\nrichter, neben ihm die anderen Notabein des Städt-\nchens. Der hochwürdige Herr Pfarrer wischte sich\neben mit einem karrierten Taschentuch die schwit-\nzende Stirn. Auch die Mitglieder des Theateraus-\nschusses waren anwesend, aber vom Zufall zer-\nstreut, obwohl sie auch ganz getrost korporativ\nhätten erscheinen können.\nAls der Vorhang endlich in die Höhe rollte,\nwogte über das Publikum meeresflutgleich das\nMurmeln des Gefallens dahin. Funkelnde Dekora-\ntionen glänzten. Ein Feenpalast im kleinen. Vor\ndem Palaste thronten König und Königin inmitten\ndes prunkenden Hofes, Aus kindergroßen Puppen\nbestand diese seltsame starre Schauspielergruppe,\ndie im Herzen der großen, erwachsenen Kinder\ndie Illusionen der Kleinkinderjahre erwecken sollte.\nEine unsichtbare Orgel summte. Der königliche\nZug brach auf seinen zitternden Drähten auf, mar-\nschierte dreimal um die Bühne und verschwand\ndann langsam, damit die Königstochter allein den\nverliebten Hirtenknaben empfangen könne, der\nhinter einem Baume auf diese Gelegenheit gelauert\nhatte. Es begann ein stummes Schauspiel, von den\nPuppen in jener internationalen Sprache darge-\nstellt, die keine Worte hat und dennoch von der\nnaivsten Seele ebenso verstanden wird wie von\naern stärksten Geist. Die Menschen spannten er-\nstaunt Mund und Ohren auf. Und mit verhaltenern\nAtem sahen sie der einfältigen Geschichte von der\nLiebe des Hirtenknaben zur Prinzessin zu.\nNach der dekorativen Pantomime kam auf die\nBühne eine Puppe im Harlekingewand. Die Ma-\nrionette machte vor dem Publikum eine Verbeu-\ngung und rief mit krähender Stimme:\n„Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß zu\nEhren des so zahlreich erschienenen Publikums\nheute zum ersten Male das ausgezeichnete und\nweltberühmte Stück gespielt wird: ,Hamlet, oder\nder gerächte Brudermord'. Obzwar unsere Bühne\netwas klein und wir Akteure von einiger Unbehol-\nfenheit, wollen wir dennoch nach besten Kräften\ntrachten, der Illusion des hochverehrten Publikums\nzu dienen, um dessen Nachsicht wir ergebenst\nbitten.44\nDer hochwürdige Herr nickte zustimmend mit\ndem Kopfe. Der Literaturprofessor des Gymna-\nsiums zwinkerte dem Oberstuhlrichter belustigt zu.\nDieser antwortete mit gemessener Lustigkeit und\nin gleicher Weise, das Publikum brach in stürmi-\nschen Applaus aus, und die Schauspieler schauten\neinander an.\n„Dies spielt er für uns,4' sagte der Direktor,\n„und ich bin schon schrecklich neugierig darauf.\"\n„Für mich spielt er dies44, sagte Ophelia leise.\nDreimal pochte ein Stock, dann begann „Ham-\nlet\". Ein „Hamlet44, wie sich ihn Shakespeare nie-\nmals hat träumen lassen. Einfältige Worte, ein-\nfältige Wendungen. Für ein Jahrmarktpublikum\nstark gekürzt. Nur die Geschehnisse jagten ein-\nander wie auf der wirklichen Bühne. Und dennoch\nlauschte das Publikum so gespannt, daß mitunter\nsogar das Fliegengesumme hörbar war. Mit ge-\nspannten Ohren und offenen Mäulern hörten die\nLeute zu, als träufelte man ihnen Honig auf die\nLippen.\nDa kam die Szene: Hamlet unter den Schau-\nspielern. Die Marionette im schwarzen Samtge-\nwand und einer federgeschmückten Kapuze, die\nden grüblerischen Dänenprinzen darstellte, trat\nvor die Schauspieler und sprach:\n„Was ist euch Hekuba? Und warum weint ihr\nall eure Traurigkeit um sie? Zerlumptes Hunger-\nleiderpack! In euren Augen glänzt das Feuei der\nApostel, aber aus eurem Magen ruft euch ein er-\nfahrener Souffleur ganz andere Rollen zu. Jung\nzogt ihr in die Welt, urn begeistert die schönheits-\nschweren Worte der großen Dichter zu verkün-\nden. Doch bald mußtet ihr erfahren, daß das Pu-\nblikum es iL cht liebt, sich den Kopf zu zerbrechen,\nnicht erbaut werden will und auch nicht klüger;\nKomödie will es, eitlen Tand, billige Blendung, an-\ngenehme Lügen, niedrigen Sinneskitzel. Ihr wollt\ndem Menschen den Menschen zeigen, aber er will\nPuppen, nach seinen eigenen Illusionen handelnde\nPuppen. Während das Publikum eure wahrheit-\nkündenden Spielstätten furchtsam meidet, erntet\nein lumpichtes Marionettentheater, das frank und\nfrech lügen darf, euch vor der Nase nicht nur das\nGold, sondern auch die Lorbeeren ab. Schaut euch\num, die Mitglieder des Theaterausschusses sitzen\nim Pimperltheater und applaudieren den Schau-\nspielern aus Werg, die keine Subvention ver-\nlangen.\"\n„Dies steht im Shakespeare?\" fragte der Ober-\nstuhlrichter argwöhnisch den Literaturprofessor.\n„Jawohl\", zwinkerte der Herr Professor, der\nstets ein inneres Behagen fühlte, wenn die Aus-\nschußmitglieder unangenehme Dinge zu hören be-\nkamen.\n„Sagte ich nicht, daß er für uns spielt?\" Der\nTheaterdirektor blickte sich triumphierend um.\nGrübelnd ging der Marionettenhamlet auf\nund ab; man sah, er traf Vorbereitungen. Jeder\nhorchte auf. Endlich trat Hamlet zu Ophelia hin,\naus deren kleinem Wachsgesicht die Glasaugen\ntieftraurig blickten.\n„Und du, Ophelia!...\" sprach Hamlet und ließ,\nsoweit es der Draht zuließ, den Kopf hängen, „du\nweißt, daß auch ich Schauspieler war und mit ihnen\ndas leichtsinnige Brot aß. Damals glaubte ich noch\nan die Menschen und glaubte auch den Tränen. Da\nwarf mir das Schicksal ein Mädchen in den Weg,\ndas schöner war als mein schönster Traum. . Ich\ntat ihr nicht schön, wie dies andere pflegten, pries\nnicht ihre Schönheit mit hinterlistigen Komplimen-\nten, die dem kalten Verstand entstammen. Ich\nspreizte mich nicht vor ihr, pries nicht markt-\nschreierisch meine Vorzüge, meine Fähigkeiten an.\nNichts sagte ich ihr als die Wahrheit. Zeigte ihr\nden Menschen, den wirklichen, aufrichtigen, fehler-\nhaften Menschen. Aber sie wollte nicht den Men-\nschen, sondern die Komödie der Liebe. Hatte kein\nOhr für mich. Hörte des anderen Mannes niedrige\nSchmeicheleien und schlaue Komplimente lieber.\nVerlachte mich. Siehst du, Ophelia, auch das Weib\nist wie das Publikum. Und wer es erobern will,\nmuß lügen, betrügen, sich verstellen, Komödie\nspielen können. Deshalb mußte ich aufhören,\nSchauspieler zu sein.\"\nVom Zuschauerraum aus starrte Ophelia auf das\nkleine Männlein im schwarzen Samtwams. Das\nMännlein war ihr nicht einmal zugewendet und\nsprach dennoch zu ihr mit aufrichtiger, überzeugen-\nder, menschlicher Stimme. Als es geendet hatte,\nerschallte dröhnender Applaus. Ophelia kam erst\ndurch diesen Lärm zur Besinnung. Sie hielt es nicht\nlänger auf ihrem Platz aus, verließ den Zuschauer-\nraum, kam hinter die Piachen des Puppentheaters,\nöffnete den Eingang an der Rückseite und trat ein.\nEin Mann befand sich dort, ihr mit dem Rücken\nzugewendet, mit einem Samtrock bekleidet. Er\nlehnte sich auf ein Bühnenpult, das ihm bis zur\nBrust reichte. Seltsam scharf zeichnete sich der\nSchatten seines Kopfes auf der Leinwand des Mi-\nniaturhintergrundes ab. Eine seiner Hände be-\nschäftigte sich mit dem Draht, der die Marionette\nin Bewegung setzte, mit der anderen verdeckte er\ndas Gesicht.\nSo sehr war er in seine eigenen Worte vertieft,\nciaß er nicht merkte, es schleiche sich jemand hin-\nter seinen Rüken.\n„Herepey!44 sprach Ophelia.\nAuf der Bühne fiel der kleine, samtgekleidete\nHamlet hin. Auf die Nase fiel er. Und einige Se-\nkunden lang verharrte er in dieser Lage. Jeder-\nmann wartete gespannt auf das Kommende. Doch\ndie Marionette lag regungslos. Einige begannen\nschon zu kichern, andere zu zischen. Auch unge-\nduldiges Stampfen wurde hörbar. Nach einigen\nkräftigen Rufen erhob sich Hamlet endlich. Er tau-\nmelte ein wenig und bebte am ganzen Körper.\nPlötzlich trat tiefe Stille ein, der gespannte Auf-\nmerksamkeit folgte. Und da sprach, kaum ver-\nnehmbar, mehr stöhnend, verliebt flüsternd Hamlet:\n„Daß du endlich gekommen bist, Ophelia!44\nDer Vorhang fiel plötzlich.\n„Steht auch dies so bei Shakespeare?44 fragte\nder Oberstuhlrichter.\n„Nein, das ist ein kleines Extempore44, sagte der\nLiteraturprofessor wichtigtuerisch. Und applau-\ndierte nach Kräften.\nEinzigautorisierte Übertragung aus dem Magyarischen von\nStefan I. 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W.\nEin unbekannter „bekannter kunstgeschicht-\nlicher Professor44 namens Matthäi hat eine Schrift\nherausgegeben des Inhalts, daß es mit der Kunst\nam letzten sei. Sofort kam ein Brausewetter, Ar-\nthur zubenannt, und der Sturm im IGlase Wasser\ngegen den Sturm kam wieder zu „Tage44. Da die\nKanonen nicht mehr nach Spatzen schießen, er-\nheben sich alle Spatzen, um mit Kanonen zu schie-\nßen. Das Kaliber ist auch danach. Der Krieg soll\nnämlich „einen wohltuenden Einfluß auf unsere\nKunst üben, ja, vielleicht eine Gesundung unseres\ngesamten Kunstlebens herbeiführen.44 Die Kunst-\nübungen des Krieges sind noch recht im Anfang,\ntrotzdem schon Herr Matthäi am letzten ist. Das\nHeilverfahren ist mit dem Schießen noch nicht zur\nHeilkunde geworden. Was um so schwieriger ist,\nals man nicht genau weiß, wo die bekannte Kunst\nim Organismus sich befindet: „Zuerst wäre es von-\nnöten, daß der Krieg der Kunst wieder die richtige\nStellung im Gesamtorganismus unseres Lebens an-\nweist.\" Der Krieg hat es wirklich nicht leicht. Er\nsoll mit einem kunstgerechten Schuß die richtige\nStellung anweisen. Die Kunst befand sich nämlich\nzuletzt in der großen Zehe: „Man suchte die Kunst\ngeradezu zur Grundlage unserer Kultur zu\nmachen.44 Nun muß sie wieder etwas höher\ngerückt werden. Ich vermute in die Gegend des\nHerzens. An welcher Stelle sie bestimmt tödlich\ngetroffen wird. Aber herzig wird es doch. Nehmen\nwir einmal die Untersuchung gründlich vor. Aber\nnicht gleich mit der Kanone, sondern mit einem\nscharfen Messer aus gutem deutschen Stahl. 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StraBenst&nden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den B e t r a g fur den\nBauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahr es bis\nzum fiinften des ersten Monats einzu-\nsenden / Andernfalls nehmen wir an, dafi Ein-\nziehung des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nQskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichaungen /\nStrichfttzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nUixus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kartoa is eie-\nfacfeerer Mappe 12 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c024", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "48", "page_fin": "48", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.11", "debut_caractere": 2938, "fin_caractere_exclue": 5749, "texte": "Kandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nzi g ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nBueher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel ./ Tragodie / Ihr stilles\nGllick —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft J\nNapoleons Aufstieg / Tragodie ! Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman I 2 Mark\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark ,/ Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Bfitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nI Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAugust Stramm: Du I Liebesgedichte / Gebunden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna/50 Pfennig j II: August Stramm: R u d i -\nme in tar / 50 Pfennig / III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von A r n o H o 1 z / Fflr Gesang und Kia-\nvSer ! 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einzeln: Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn j 50 Pfennig\nDer Sturm / Heeresmarsch / Fiir Klavier /\n50 Pfennig\nKfinstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Sevc-\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni? Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nJacoba van Heemskerck: Bild 2 / BMd 15\nAugust Macke: Spa&iergang\nSigrid lijerten-Griinewaid: Kinder\nKarten von Macke/Miinter/Marc Chagall(4)/\nKlee I Leger / Jawlenslcy I Werefkin / Gleizes\nI Archipenko / usw\nErschienen bisher 36 verschiedene Karten\nIllustrierte Sturm - Austellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall / Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: PI a k at ffir die Zeitschrift\nDer Sturm / OriginaMithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkSpfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmei / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\nGemalde / Aquarelle / Zeiehnungen /\nHanddrucke / Plastiken\nsind von folgenden Kiinstiern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky j Franc Marc / Archipenko / Oskar\nKokoschka / August Macke / Paul Klee / Carl"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-07-01-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-07-01_01#c025", "volume": "bmtnabg_1915-07-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "48", "page_fin": "48", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.11", "debut_caractere": 5751, "fin_caractere_exclue": 6580, "texte": "Mense / Campendonk ./ Gabriele Miinter / Jaw-\nlensky / Marianne von Werefkin / Albert Bloeh /\nHans Arp / Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzis-\nger I Marc Chagall / Fernand Leger / Jacoba van\nffeemskerck / Otakar Kubin / Emil Filla / VSncene\nBenes / Otto Gutfreund / Boccioni / Severlid I\nCarra / Russolo / Francis Picabia / Schmidt«\nRottluff I Fritz Baumann / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden / Zwdlftes\nJahr I Jahresbeitrag 20 Mark ./ Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen }\nJedes Jahr frei eine Sturmpuiblikation\nDas zwolite Jahr beginnt am 1. 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Sie sah hinüber auf\ndie Kommode, wo der Junge ohne Leben lag.\nOhne Leben, noch vor einer kleinen Weile hatte\ner sie mit den Ftißchen gestoßen, daß sie laut auf-\nschrie vor Schmerz. Ein paar trübe Tränen stan-\nden in ihren glanzlosen Augen.\nEs erfüllte sie mit Angst, daß durch den Kna-\nben, auf den) sie immer gehofft hatte, das feste\nBand zwischen ihr und dem Geliebten nun doch\nnicht geknüpft war. Sie schluchzte auf und ver-\nsank in die Tiefe des Kissens.\nEndlich kamen rasche Schritte ihrem Bette\nnäher.\nDas war er. Oh, er wollte seinen Buben an-\npacken und als seinen Besitz, ihr stolzes Qeschenk,\nempfangen. Sie wagte nicht, sich zu rühren.\nEr trat ein mit dem Arzt und der Hebamme.\nSie horchte gespannt, was er zu dem Jungen\nsagte. Sie hörte kein Wort, sondern fühlte, wie sich\nder Mann, ein unwägbares Gewicht, zu ihr aufs\nBett setzte, seine Finger über ihre Wangen strei-\nchelnd hingleiten ließ.\nEine Weile stockte ihr Atem, dann heulte sie\nwild die letzten Geburtswehen hinaus.\nDie nächsten Tage vergingen durch viel Ge-\nschwätz der Hebamme, die den Jungen mit mühe-\nloser Unterhaltsamkeit unter die Erde auf sein stil-\nles Plätzchen draußen auf dem St. Matthäi-Fried-\nhof plauderte. Für die Wöchnerin kam es vor allem\ndarauf an, wieder ein schönes Weib zu werden, das\nden Mann entzückte, darum sagte die weise Frau:\n„damit er Ihnen nicht davonläuft4', und schnürte\nund wickelte ihren Leib.\nEs war herb, einen Mann zu haben, wie den\nZigeunerbaron. In den Maientagen summte es sich\nso leicht und süß: „Der Mond und die Störche, die\nhaben uns getraut.\" Aber jetzt, wo kein Junge da\nwar, schien es zum Verzweifeln. Wenn er sie genug\nhatte?!\nAuch lief ihr Gatte mit ernster Stirnie und trotzi-\ngen Backen herum. Es schien, daß er nur gezwun-\ngen zum Bette kam, als scheute er sich, den leise-\nsten Geruch von ihr zu bekommen.\nAeußerlich verlief das Wochenbett ganz sorgen-\nlos. Was die junge Frau nur wünschte, war da.\nAußer ihm. Nie fand er Zeit für sie und dann, wenn\ner kam, saß er nicht! länger als fünf Minuten neben\ndem Bette.\nWas sprach er dann. Er redete von dem Jun-\ngen, von dem kleinen Grab, welches er nach sei-\nnem Geschmack schmückte.\nDa der Knabe zum Namen niicht mehr gekom-\nmen war, die Zange hatte ihm den Halswirbel ge-\nbrochen, so konnte man ihm keinen Grabstein er-\nrichten. Aber einen Baum pflanzte ihm sein Vater.\nEinen Goldregen mit kräftigem Stamm und gu-\nten Aussichten in den Zweigen.\nWas sollte es bedeuten, daß er einen Goldregen\nauf ein Grab wählte!?\nWohl, er wird schönt blühen im Frühling. Denn\nniemals war der weichherzige Mann so hart, daß er\ndas Fehlen des Kindes einem Goldregen verglei-\nchen wollte. Oder vielleicht doch? Die Mutter be-\nsann sich darüber heftig.\nWenn der Umstand, daß sie für kein Kind zu\nsorgen hatte, einem Goldregen gleich kam, dann\nwußte sie, hatte er die Absicht, sie jetzt im Stich\nzu lassen.\nLucie fieberten die Schläfen.\nWas hatte sie für eine Zukunft vor sich, wenn\nda glänzende Leben mit diesem Manne ein Ende\nnahm. Sie wäre nur gerne rasch aufgestanden, um\ndurch die Schönheit ihrer Erscheinung ihn wieder\nzu fesseln.\nSie fühlte es, er strebte fort, wenn er von dem\nGräblein draußen so versunken redete. Es war ge-\nwiß, daß er die ganze Kraft seiner Liebe mit dem\nBaum an dem Kindergrab einwurzelte.\nIhr mit großem wirrem Haar umbauschtes\nHaupt brannte. Sie mußte wissen, ob er sie noch\nliebte. Am heutigen Abend frug sie ihn, sobald er\nnur so nahe bei ihr war, daß sie sich an ihn hän-\ngen konnte.\nMit diesem festen Vorsatz erwartete sie den\nAbend.\nDer Abend kam langsam und schleichend. Sie\nlag im der Dämmerung in einem schneeweisßen\nBette, das sich fahl aus dem Dunkel heraushob wie\nleuchtender Phosphor. Und nichts rührte sich im\nZimmer.\nSchon die kleine Arbeit, am elektrischen Knopf\ndrehen, um Licht im Zimmer zu (haben, war zu viel\nAblenkung von der Erwartung. Das grelle Abbild\ndes Fensters durch die Straßenlaternen oben an\nder Declke war die einzige betäubende Helle. Sonst\n!\nblieb es dunkel und wurde finstere Nacht, bis er\nkam.\nAls sie ihn endlich vom Flur eintreten hörte,\nzitterten ihre Finger, als suchten sie mit irgend-\neinem Dinge Beschäftigung. Ihr Blut wurde aufge-\nregt, mit scharfen' Augen lauerte sie gegen die Tür-\nöffnung des Nebenzimmers. Sie machte sich fertig\nfür seine Umarmung, die sie ganz im Dunkeln\nhaben wollte. Sie stellte sich vor, daß sie ihn hier-\nbei gleich fragen konnte, ob er sie noch wirklich\nlieb habe.\nEs waren schon einige Wochen seit der Ent-\nbindung verstrichen und sie fühlte die Kraft in\nihren langen Armmuskeln. Wenta er die Worte in\nsein Ohr geflüstert bekam, so mußten sich seine\nGedanken wild vor ihr aufbäumen, dann zog sie ihn\nherab.\nWie er jetzt unter der Türfüllung in schwar-\nzem, großem Umriß sichtbar wurde, fühlte sie eine\nihr Blut anhaltende Angst, ihr Plan würde mißlin-\ngen und es überkam sie eine Scheu, den Mann\nnach seimer Liebe zu fragen.\nAuch schritt er gleich auf den Kontakt zur\nLampe los, setzte einen Gegenstand auf das Bett.\nDie entstandene Helle blendete ihre Augen, und\nganz fad gestaltete sich die Ankunft des Geliebten.\nDie Umarmung war formell und steif. Als sie\nsich über „sein Mitgebrachtes\" freuen sollte, schnitt\nLucie ein enttäuschtes Gesicht. Unter diesem Sach-\nverhalt war das beste, von Kartoffeln und Obst zu\nreden .\nDem widerstrebte ihr Eigensinn, die Erinnerung\ndaran, was sie heute von ihm beantwortet haben\nwollte, stellte sich langsam wieder in magnetische\nRichtung. Und mit der Gewaltsamkeit ihres gan-\nzen Willens lenkte sie das Gespräch zur Liebe hin-\nüber.\nBald stand er erbarmungslos im Examen. Und\nsein Weib glühte neben ihm, an ihm, voll Ent-\nzücken, daß er so herrlich bestand und der Mann\nsie so wahnsinnig liebte.\nAber warum wollte er ihren Küssen immer aus-\nweichen, warum wollte er es nicht merken, was sie\nvon ihm wünschte. Es war noch ein Hinterhalt in\nihm, den mußte sie erforschen.\nDa. Nun kam sie an die letzte Pforte, Der Mann\nreckte sich, als hätte er bis jetzt geschlafen. Dann\nfrug er sie. Das- war die einzige Möglichkeit, dem\nletzten Bekenntnis seiner ewigen Liebe und Treue\nauszuweichen.\nLucie wurde unruhig und der Mann wurde im-\nmer interessierter. Es ging schließlich zu, wie in\neinem lebhaften Feuergefecht.\nDas Ende war furchtbar. Lucie heulte erschüt-\nternde Reuetränen und der schwarze Mann zer-\nstörte seine Haare wild, daß er aussah wie ein zür-\nnender Prophet. Er schrie mit zischenden Worten:\n„Wir sind geschieden\", betrachtete noch den weh-\nzerkrampften Leib des schönen Weibes, ging dann\nmit entschlossenen Schritten! zum Zimmer hinaus.\nLucie horchte auf, entsetzt, mitten aus dem\nSchmerz des Weinens; wahrhaftig, er nahm drau-\nßen den Hut und den Mantel.\nSie sprang aus dem Bett. Das Zufallen der Kor-\nridor tiire stärkte ihre wankenden Beine. Sie schrie\nihm nach: „Hans\" laut, daß das Märdchen aus der\nKüche herausstürzte.\nIm Hemd trat sie auf den Treppenflur hinaus\nund schrie dem Weggehenden verzweifelt seinen\nKosenamen durch das Treppenhaus. Aber er stand\ndarauf nicht still.\nEr ging.\nLucie brach in Ohnmacht zusammen. Hausbe-\nwohner trugenl die arme Verlassene zurück ins Bett.\nDie folgende Nacht saß das Diestmädchen bei\n!hr. Die Beiden fürchteten sich, er könnte in der\nNacht zurückkommen und schießen.\nDie Nacht verging bei elektrischem Licht und\ngespanntem Horchen nach der Korridortüre. Und\nder Morgen kam nur wie ein Lichtverdunkler. Grau\nund düster wiar draußen das Wetter.\nAch, die Einsamkeit war so alle Phantasie er-\nnüchternd. Was sollte in Zukunft werden,!\nDarüber sprach sich bald seine letzte Geldsen-\ndung aus. Damit konnte sie wie bisher ei n Jahr\nweiterleben und in dieser Zeit sollte sie sich nach\netwas umsehen, das ihr das Fortkommen sicherte.\nSein Brief lautete: „Du hast ja kein Kind, für\ndas du zu sorgen hättest. Du wirst darum auch\nkeine weiteren Geldopfer von mir verlangen . . .\"\nEs war zum Einsehen, was er argumentierte.\nAber warum konnte er nicht bei ihr bleiben?\nWar es denn so schlimm, daß sie jene frühere Be-\nziehung, welche sie bisher hartnäckig geleugnet,\nihm endlich eingestanden hatte?!\nJa, es war ihre Dummheit, offen zu sein.\nWie mußte sie diese Dummheit büßen! Das\nGlück ihres Lebens wäre von ihrer Ausdauer im\nLeugnen, in der Beharrung, in der Lüge, abhängig\ngeblieben.\nUnd sie grollte dem Manne nicht. Ein Weib ist\nnur um ihrer Verschlossenheit willen zu achten,\nsagte sie sich. Was ist es für ein Weib, das dem\nManne das Ertragen einer Unkeuschheit zumutet.\nWas ist es für ein Weib, das dem Manne das Er-\ntragen einer Unkeuschheit zumutet. Was ist es für\nein Mann, ber sie erträgt! Dieses Ueberlegen kam\nihr zu spät.\nNun sah sie voraus, daß sie bald wieder nichts\nwar, als die arme Trine, welche ein reicher Baron\nhinter den Lumpensäcken für sich hervorgeholt\nhatte.\nSie fühlte sich als Romanifigur. Und in diesem\nschönen Gefühl lag ihr einziger Trost.\n* * *\nEinmal in ihrem Leben war sie doch reich und\nglücklich gewesen, davon hatte sie jetzt das harte\nDrücken unb Schluchzen in der Kehle, das Heulen\nüber alles, was ihr zustieß.\nMan hielt sie nicht gerade für verrückt, aber\ndoch hielt man sie reif zum Irrenhaus.\nWeil sie beim geringsten Dinge gleich heulte.\nSuchte sie irgendwo Arbeit, fragte sie: „Haben\nSie keine Arbeit für mich?\" und gleich schluchzte\nsie so laut hinaus, daß ihre Bewerbung nur selten\nErfolg hatte.\nWie mußte sie oft hungern, daß sich der Nabel\neinzog, an dem das schöne Kind ernährt worden"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.3", "texte": "war zu bem schönen prächtigen Jungen, dem der\nArzt und die Hebamme zusammen den Halswirbel\nbei der Geburt abgerissen hatten.\nEs war ihr Wahnsinn, daß düe beiden ihr\nSchicksal verschuldeten. Es war nicht ihr Wahn-\nsinn, sondern es war ihr Schicksal.\nAuf dem St. Matthäi-Friedhof lag es, bas Kind.\nSie fuchtelte es jedermann ins Gesicht, so daß es\nbald das ganze Stadtviertel, wo die Lucie wohnte,\nwußte.\nDie arme Lucie.\nEin Weib mit einer Haarwarze zuletzt auf der\nBacke, damals ein junges Liebchen mit einem\nSchönheitsfleck auf der Wange.\nDie Alte hatte oft tagelang nichts zu essen und\nlief doch immer hinaus auf den Friedhof an die\nwild umwucherte verdeckte Stelle, wo vom Gold-\nregenbaum im Frühling die schweren goldenen\nTrauben herabhingen.\nDort sah sie niemand, wie sie als „schöne junge\nFrau den innigen Liebeskuß auf die Lockenstirn\ndes Knaben drückte\" — so wähnte sie ihn im Geist\nvor sich —.\nVerblühte der Baum, so hingen lange Schoten\nan den Zweigen. Auch dann war sie draußen und\nsah den Schoten zu, wie sie reiften.\nSie war eifrig im Besuch des Grabes, man\nkonnte ihr keine Gleichgültigkeit nachsagen.\nWie aber, wenn sie ein unbekannter Grund so\nhäufig auf den Friedhof gehen hieß?\nEinem Aufmerksamen hätte es auffallen können,\ndaß sie gerade in der Zeit, wo die Schoten reiften,\nbesonders häufig hinausging.\nAus Lucies Küchenstube drang in dieser Jahres-\nzeit immere ein starker Bohnengeruch, und Lucie\nlachte vergnügt, wenn sie die Nachbarin wegen\ndes Bohnendampfes beneidete.\nJedes Jahr, wenn sie auch sonst viel Hunger\nhatte, kam doch die satte Bohnenzeit, und vom den\nGoldregenfrüchten brauchte man nur ganz wenig\nzu essen, um sich gänzlich gesättigt zu fühlen.\nDas Mitnehmen von allem, was auf den Grä-\nbern wuchs, war freilich verboten.\nAber Lucie pflückte doch täglich eine ganze\nHandvoll von den Zweigen. Die Schoten versteckte\nsie unter die Schürze und in den Taschen, so daß\nsie Tag für Tag und Jahr für Jahr unbemerkt und\nudbeirrte an der Friedhofaufsicht vorbei zum Got-\ntesacker hinauskam.\nDer Baum war ein reicher Geber, und die arme\nMannverlassene glaubte es zu begreifen, warum\ner dem Knaben den Goldregenbaum gepflanzt\nhatte. Für sie, zu ihrer Nährung.\nJe größer der Baum wurde, desto reichlicher\ntrug er Früchte. Es war ihr, als wenn der Mann\nin die geheime Tiefe des Grabes, wo die Wurzeln\ndes Baumes den Saft holten, ein Kapital eingelegt\nhätte, das sich mit Zinzeszins vermehrte.\nEbenso, je älter Lucie wurde, desto mehr war\nihr Denken nur auf Sorge um die Nahrung gerich-\ntet und das ganze leise Grollen gegen den Mann,\nder irgendwo sein Schloß gebaut haben werde, ver-\nschwand vollends, so groß war ihre Freude alle\nJahre, wenn es die guten Bohnern zu essen gab.\nSie hütete sich zwar gewissenhaft, irgend je-\nmand das Geheimnis dieser Herkunft ihres Gemü-\nses zu verraten. Die Nachbarin hätte es sogleich\ndem Friedhofsverwalter hinterbracht, und dieser\nwar ihr sowieso wenig wohlgesinnt, weil sie ihm\nniemals eine Münze in die Hand drücken konnte.\nEs war ein prachtvoller Sommertag. Auf dem\nFriedhof war es wie im Paradies. Lucie stand unter\ndem Baum, hochgereckt auf den Zehenspitzen, sie\nlangte nach den Zweigen, die sie herabbog und\nemsig mit flinken Händen ausbeutete.\nSie hatte es immer sehr eilig beim Schoten-\npflücken, weil man nie wissen konnte, ob jemand\nkam. Obgleich das Gräblein tief versteckt lag, gab\nes doch solche, weiche diese schönste Wildnis auf\nder weiten Totenstätte wohl kannten.\nLucie blickte deshalb wiederholt scheu um sich.\nSo sah sie aus wie eine Diebin. Niemand hätte es\ndem alten Weibe mit den kauenden Kiefern und der\nHaarwarze auch nur leise geglaubt, daß dies ih r\nParadies war, welches sie da plünderte.\nDie Scham vor sich selber war ihr seit den\nTagen des Reichtums dicht auf der Ferse geblie-\nben. Sie wußte, daß sie ein gemeines ärmliches\nWeib war. Darum erst recht leuchtete es aus ihrem\nBlick, wie sie sich beim Schotenbrechen um und\num sah,wie genommener Almosen und Diebstahl.\nInnerlich log es sie ans, daß sie das gute Recht\nhatte, von ihrem Baume zu essen. Aeußerlich auf\nihrem Gesicht kämpfte die fortwährende Furcht,\nertappt zu werden.\nSie war fertig mit Pflücken und hatte alle\nTaschen dick voll. Noch einmal blickte sie an dem\nBaum hinauf, um abzuschätzen, in wieviel Tagen\nsie die nächste Ernte einheimsen könnte.\nIhr Gesicht bekam einen befriedigt behaglichen\nAusdruck, und ohne Vorsicht und Sdheuesumsich-\nblicken tatzte sie durch die Aeste und spreitete sie\nmit den Armen. Sie freute sich, wie dicht der Nach-\nschub stand. Ganz unten am Zweige erblickte sie\nnoch eine Schote, die sie zu pflücken vergessen\nhatte.\nSchnell griff sie darnach, steckte sie ein und\nwollte gehen.\nPlötzlich sah sie vor sich die Nachbarin,\nwelche ihr freundlich den Gruß zunickte.\nLucie war es, als bohrte man ihr zwei spitze\nMesser in die Achselhöhlen, daß die Arme abfielen,\nals schlüge man ihr die Kniescheiben mit Aexten\nentzwei.\nSie wußte nichts zu sagen, sie konnte nur mit\nden Augen den Dolchstoß aus der Nachbarin\nAugen erwidern.\nDie Nachbarin tat aber gar nicht unfreundlich,\nund ihr ruhiges Wesen gab vor, daß sie Lucie habe\netwas tun sehen, das sie für ganz selbstverständ-\nlich hielt.\nMit keinem Wort sprach sie von den Schoten,\nund mit unauffälliger Unterhaltung schloß sie sich\nLucie beim Nachhauseweg an.\nDiese vollzog gleich wie bisher das Kochen des\nGemüses und ließ sich, sie hatte Hunger genug,\nbeim Verzehren der sättigenden Goldregenschoten\nweiter nicht stören. Nur fürchtet sie, die Nachba-\nrin könnte es herumschwätzen, daß es der Fried-\nhof erführe, dann war es aus mit den Zinsen seines\nKapitals. Dann war auch der letzte Segenschimmer\njener glänzenden Zeit seiner Bekanntschaft ver-\nblichen.\nWas sollte sie dann noch auf der Welt anfan-\ngen? !\nDer Tag zu neuer Ernte war da. Mit Diebes-\nfurcht und Frechheit, die eine links, die andere\nrechts, unsichtbar eingehängt, ging Lucie hinaus\nauf den Friedhof. Der stille Platz da hinten kam\nihr entweiht vor, er ging sie fast nichts mehr an,\nsie ging bloß hin, sich dort das Essen zu rauben.\nSie besann sich krampfhaft, ob sies wagte, als\nsie unter dem Goldregen stand. Ihre Augen sprüh-\nten rot umrändert die helle Raubgier von sich. Ihre\nFinger rasten über die Aeste und krallten die Scho-\nten herunter.\nNiemand erwischte sie. Der Friedhofsverwalter\nhielt sie aber vielleicht unter dem Tore an.\nSie erinnerte sich, daß sie noch einmal das\njunge elastische Weib werden und stramm aufrecht\nschreiten mußte.\nDas Friedhofsgebäude kam näher. Richtig stand\nder Verwalter davor. Aber sie ging darauf los und\nkeck vorbei, mit schotengefüllteen Taschen. Der\nVerwalter sah sie lachend an, aha, er wußte, sie\nsah ihn frech an, junges Weib. Und schritt unbehel-\nligt zum Tore hinaus.\nSie jagte nach Hause, ruderte mit den Armen\nin der Luft und sprach wirres, unverständliches\nZeug.\nAls sie in den Hof zum zweiten Quergebäude\nhineinlief, erwartete sie die Nachbarin, lachend,\nfreundlich, Diese fragte mit harmloser Stimme:\n„Haben Sie wieder die schönen Bohnen geholt? ...\nSo, guten Morgen.\" \\\nLucie antwortete nichts, stürzte vorbei, ver-\nschloß die Türe hinter sich und kochte vor sich\nhinmurmelnd das Gemüse.\nBald stand es fertig auf dem Tisch, und das\nbehagliche Glück, den Hunger zu stillen, setzte\nsich zu ihr an den Tisch.\nWie sie gerade den ersten Löffel genommen\nhatte, klopfte es an die Türe. Lucie erschrak und\nschwieg.\nDa klopfte es zum zweiten Male und es rief:\n„Frau Nachbarin, sind Sie schon am Essen?\nIch wünsche guten Appetit. Wissen Sie auch, was\nSie essen? — Nichts Gestohlenes, aber den Leib\nvon Ihrem Jungen. Ihr ganzer Junge ist von dem\nBaum aufgesogen, und von dem Baum fressen Sie\njetzt schon viele Jahre die Schoten, jahrelang\nfressen Sie schon an Ihrem Jungen herum. Guten\nAppetit, bis Sie ihn alle haben.\"\nDamit ging die Ruferin von der Türe weg.\nLucie biß auf die Bohnen, und sie fühlte die\nBeinchen des Knaben, sie grillte schrill auf und\nspuckte die Bohnen aus dem Mund.\nDann saß sie regungslos vor der dampfenden\nBohnenschüssel, die allmählich erkaltete. Hinter\ndem Dampfe wurde es langsam klar und wie stei-\nnernes Fleisch.\nLucie stierte unbeweglich darauf, was sich\nvor ihren Augen in der Schüssel formte.\nAls die Schüssel schon lange kalt war, saß\nLucie noch davor und verhungerte vor den Augen\nihres Jungen, der in der Schüssel hockte und deut-\nlich atmete.\n\nGedichte\nAugust Stramm\n\nGranatfeuer\nDer Himmel wirft Wolken\nUnd knattert zu Rauch.\nSpitzen blitzen.\nFüße wippen stiebig Kiesel.\nAugen kichern in die Wirre\nUnd\nZergehren.\n\nFeuertaufe\nDer Körper schrumpft den weiten Rock\nDer Kopf verkriecht die Beine\nErschrecken\nWürgt die Flinte\nA engste\nKnattern\nKnattern schrillen\nKnattern hieben\nKnattern stolpern\nKnattern\nUebertaumeln\nGeile\nWut.\nDer Blick\nSpitzt\nZisch\nDie Hände spannen Klaren."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.4", "texte": "Das Trotzen ladet.\nWollen äugt\nUnd !\nStahler Blick\nSchnellt\nStreck\nDas\nSchicksal.\n\nAngriff\nTücher\nWinken\nFlattern\nKnattern.\nWinde klatschen.\nDein Lachen weht.\nGreifen Fassen\nBalgen Zwingen\nKuß\nUmfangen\nSinken\nNichts.\n\nTriebkrieg\nAugen blitzen\nDein Blick knallt auf\nHeiß\nLäuft das Bluten über mich\nUnd\nTränket\nRinnen See.\nBlitzst und blitzest.\nLebenskräfte\nLodern\nModer waffnet um\nUnd\nStickt\nUnd\nStickt.\n\nAbend\nZähnen\nPlantschet streif das Blut des Himmels\nDenken schicksalt\nTode zattern und verklatschen\nSterne dünsten\nScheine schwimmen\nWolken greifen fetz das Haar\nUnd\nWeinen\nMein\nZergehn\nDir\nIn\nden\nSchooß\n\nPatrouille\nDie Steine feinden\nFenster grinst Verrat\nAeste würgen\nBerge Sträucher blättern raschlig\nGellen\nTod.\nUrtod\nRaum\nZeit\nRaum\nWegen\nRegen\nRichten\nRaum\nZeit\nRaum\nDehnen\nEinen\nMehren\nRaum\nZeit\nRaum\nKehren\nWehren\nRecken\nRaum\nZeit\nRaum\nRingen\nWerfen\nWürgen\nRaum\nZeit\nRaum\nFallen\nSinken\nStürzen\nRaum\nZeit\nRaum\nWirbeln\nRaum\nZeit\nRaum\nWirren\nRaum\nZeit\nRaum\nFlirren\nRaum\nZeit\nRaum\nIrren\nNichts.\n\nGrunewald Tage\nAdolf Knoblauch\n\nSingend vergangenem Frühling,\ndem Boten des Kommenden,\nsingend dem neuen Jahr\ndem mächtigen Sommer, der naht,\nsingend dem heilen Tag,\nder silbernsten Nacht entgegen,\nbring ich gern meine Kränze . . .\nGleichwie zu brennenden Wolken\nvon brennenden Teichen\nin Mittagsstille besonnt\nder einsame Vogel schwebt,\nsteige mein Lied!\nWo sich gefaltete Hände dir reichen,\nsei heitrer Gefährte,\nsei himmlisch Blau\nfür Euch fromm gewebt.\n«e *\n* ♦\nEs ist ein wunderbar herzwärmender Morgen!\nZitterndes Frühlingslaub schmückt mein Zimmer,\nund es knospet überall. Wie besiegt bin ich vor\nder schweren trunkenen Welt; ich sehe mich im\nSpiegel, und mein mattes verdorrtes Gesicht ist\nweiß und schmal. Neben dem Buch liegen Blumen,\ndie frisch sind und strahlen; zärtlich schaue ich in\ndie tiefen Kelche. Der Morgen ist Balsam und innig\nleuchtendes Gewebe. Diesen einen Frühling und\nSommer zu erleben und zahllose ihresgleichen im\nbunten Gewinde verschlungen, gleich dem Kinde\nam geschwätzigen Kristallbache zu lauschen und\nüber den Wellen zu lächeln.\nIm Garten gehen die freundlichen Menschen und\nsäen Blumen und legen reinliche Beete. Mit ihren\nKindern kommen sie oftmals am Tage, die Kinder\nlaufen hin und wieder mit Spielen, in roten Käpp-\nchen das blonde Haar gebunden, in knappen far-\nbigen Kleidchen. Sie bringen W'ein und Früchte mit\nihren kleinen freudigen Händen zu mir, der ich im\nstillen Frühling gehüllt sie erwarte und sie ansehe,\nansehe ...\nMein Leben ist der Strom, der im weiten glän-\nzenden Bett der Marschen schwebt, nachdem Eis\nund Nebel vergingen.\nGeliebte, komme auch du in den blauen Dom\ndes Frühlings, ich sinke nieder in unbeschreiblicher\nZärtlichkeit, dein helles Angesicht, deine gewölbte\nStirne sind nah mir und schön, in den Armen\nschaukle ich dein süßes Haupt und streichle die\nweichen Locken und werde nicht müde.\nGoldene Heiterkeit birgt tief wehen Klang. Der\nHimmel, der im Mittag steht, macht das Herz wehe\nvor Schwelgen, sehnend vor Süßigkeit, am gelieb-\nten Busen niederzuruhen.\n* *\n*\nIm Frühlingsabend sitze ich neben der Schö-\nnen am Fenster, das seine weite herbe Tiefe bis\ndicht um den hochflimmernden Himmel auftut, die\nsilberblanken Seen, die dunklen Kränze der Wäl-\nder, der fernen Berge bläulichen Riegel! In tiefer\nRührung schaue ich den goldenen Glanz und die\nblaue Himmelsluft und! trinike seine unendliche\nStille aus ganzem Herzen.\nIm sehnenden Dämmer harre ich neben dem\nangebeteten Leibe und atme seinen Geruch. Das\nglänzend blaue Kleid hüllt sie bis zum scönen nack-\nten Busen und legt sanft eine dünne reiche Gold-\nborte um das schimmernde Weiß der Haut. Tiefe\ndrängende Freude in mir sehnt sich an dem blühen-\nden Fleische teilzunehmen, in seine matte edle\nHaut den Mund zu legen und mit seligen Küssen\naufzusteigen zum lächelnden rosigen Haupt. Aller\nzarten Wunder der Frau werde ich inne im\nFühlen von ihrem Haupte langsam nieder am\nLeibe; ich muß mich bändigen, und es glimmt\ndüster in mir, daß ich von ihr fortgehe.\nIch bin am langen Abend einsam unter finstren\nBaumkronen, die der blaue Wind sachte rührt. Ich\nsitze auf den Bergen, zu denen des Flusses unge-\nheurer Weite in der scheidenden Sonne rot auf-\nglüht und wohne auf immer in den kühlen schwei-\ngenden Wäldern, bei roten Pilzen habe ich mein\nHeim und lagere im Moos, wo Rehe unhörbar eilen.\n* *\n*\nWir sind wieder beieinander in ihrem Zimmer,\nsie ist so leicht und schmerzenlos, frei geht sie und\nkommt zurück. Sie ist vor mir verhüllt und scheint\nein unbewegliches Bild, das ich anschaue aber\nnicht deute. Ihre Augen strahlen selten auf, aber\ndann sind sie blaues Licht in einem unbewegten\nweichen und vollen Kindesantlitz. Birgt ihre zarte\nInnigkeit nicht heiße blutende Male?\nDen Druck ihrer • schmalen Hand fühle ich um\nmeine gleich inniger Umarmung. Die Taubenflü-\ngel unserer weißen Hände ruhen ineinander, und\naus ihren Fingern rinnt in meine der Strom des rei-\nnen leidenschaftlichen Seins. Glücklich und herzlich\nihr zugetan erzähle ich von meiner Einsamkeit, und\nals es endlich dunkel wird, begleitet sie mich an die\nTür und leuchtet lang mit der Lampe nach. Sie\nsteht vollbeschienen mit ihrem blassen Angesicht,\ndem hellgoldnen Haar.\nDunkel steige ich auf das Hausdach in die Nacht\nempor. Den heißen Kopf lehne ich an die alte\neiserne Fahnenstange, an der die Ringe im einsa-\nmen Wind (klirren und schaue nach dem Himmels-\nabgrund, in dem die ferne Großstadt sich mit einem\nKreis von blassem Licht ankündigt. Meine klang-\nlose dahingegangene Jugend schaue ich an, ich\nhabe tiefes Heimweh und sehnsüchtig reiche ich die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.5", "texte": "Hand hinaus; ein Eisenbahnzug zieht drunten vor-\nbei, seine lichtgeschlungene Perlenschnur reiht\nlangsam durch die finstre Flur. Ich singe ein Weih-\nnachtslied und steige helleren Herzens jn das Haus\nhinab.\n* *\n*\nBeim roten Schein meiner Lampe breitet sich\nmein stilles, schönes Reich aus in der Pracht pur-\npurner Gewölbe, das Licht steigt auf scheuen Fle-\ndermausflügeln in die; blaue Nacht und schwindet\nlangsam im spärlichen Sternenschein. Ein leis in-\nniges Getön strahlt im Nachtwinde auf und hebt\nmich in die wolkenlose Höhe als flimmerndes Fünk-\nlein. Das sind die geheimnisvollen Abende, an\ndenen ich für mein ringendes Büßen des Tags ent-\nzückt werde, in denen es mich mit der Süße von\nLiebesnächten erfüllt nnd die mich meine Tages-\nschmerzen vergessen machen. Es ist still unter\ndem Nachtdome und auch in mir ist es still. Von\nden Sternen nieder haucht geistiger Atem das\nGrobe aus meinen Augen fort, ich »atme den müt-\ne\nterlichen Geruch der Erde und höre den schwer-\nmütigen Schlag der Wasser am Meeresstrande in/\nmeiner Kindheit.\nGraue Tage! bald gehe ich zum Ufer hinab, wo\ndie Wasser vom Wind schaukeln und mein armes\nKnabenlied vergeblich und schluchzend zerbricht.\nDie Blätter wlerden gelber, Nebel ruhen tief über\nden Schluchten, die Seen schimmern von veilchen-\ndunklen Farben des scheidenden Sommers. Wehet,\nheilige Lüfte, mich heil und frei! Trübe Gespenster\ngehen über die frohe Erde. Dein Reich komme zu\nmir, Geliebte! Der Bedürfende harret deines Rei-\nches und seiner Pracht, die zu ihm kommen.\n* * *\nDie Blätter röten sich, der klare farbige Herbst\nnaht. Wir sind zusammen im Garten pnd jäten das\nUnkraut. Mit nackten, erdigen Füßen stehen wir in\nden braunen fruchtbaren Furchen. Von unten durch\nden Kiefernwald am Hügel funkelt der See und um\nuns wogen die Gräser und die reifen Aehren der\ni\nFelder mit bunten Blumen im lauen Wind und\nheimlichem Goldgetön der Bienen. Die Freundlichen\nalle gehen in den blühenden Gärten, edel im schö-\nnen Tag.\nAuf den entfernten Wiesen spielen weiße Kin-\nder, das leidenschaftliche und grausame Geschehen\ndes Menschen ist gleich dem Winter vor der Sonne\ngewichen. Im hohen Hafergras liegen die Sonni-\ngen und heben die Weingläser in das Himmelsblau.\n* * *\nAbends bin ich allein im Waldesdunkel, und ich\nschaue die Geliebte von fern an, die Silberwolke\nin stiller Luft, die kühlrieselnde Welle über den\nwarmen Steinen im Bach. Zum See steige ich nie-\nder, und milde sind Beide: Abend und See, schön\nspiegeln sie einander im weißen Dämmer. Ich\nlege mich ans reinliche Ufer, drücke die Hände in\nden warmen Sandboden, und sanft wölbt sich die\nErde in meine betreuende Hand, gleich der schma-\nlen Frauenhand, die sich in Meine legt. Des Him-\nmels seltsam blasses Licht steht über dem Was-\nser, gleich wie auf schwarzem Fels die hellen Säu-\n\\\nlen das schimmernd ferne Gewölbe tragen.\nUnter den schattenden Pappeln, in der engen\nund hohen Wegbiegung, im grünen Dunkel er-\nscheint die Schöne, Helle und Ruhige. Ich gehe zu\nihr, und sie nimmt munter meinen Arm. Im war-\nmen Abend schreiten wir langsam selbander ohne\nzu sprechen. Ihre kleinen dünnen Finger liegen un-\nbefangen auf meiner Hand, und ich nehme, obgleich\nwider mein Fühlen, kühneren Willens diese Finger\nin meine Hand und ergreife vollen Besitz. Da sagt\nsie mit ihrer kundigen Anmut: „Lieber, wie Sie mir\nheut gefallen'4 und wendet hierbei meine Hand in\nder ihren, daß alle Ruhe dahinfliegt. Sie schmiegt\ndie Hüfte an mich, so gehen wir zur Birke, die aus\ndunklem Waldesrahmen weit zur Seebucht hinaus\nihr zartes Haar in die weiße Flut hängt. Fern\nschweben zwei Schwäne und das im Dämmer\nschöne Angesicht ist licht, der zart verschwim-\nmende Schatten ihrer Wohlgestalt.\nMit der heraufziehenden Dämmerung steigt eine\ngrauweißliche Gewitterwolke zur Höhe auf, bis sie\neilend im heftig kühlen Sausen über der drohenden\nLeere steht. Düstere Gewölike schweben mit dem\nDämmer einher, wachsender Sturm wirbelt zur\nschauerlichen Erde hernieder und faßt die Bäume\nhart an.\nWir sind beide nahe zueinander getreten, ihres\nKleides Saum berührt mich an den Fußknöcheln,\nder erste Blitz zieht sengend durchs ungeheure\nSchwarz. Ich halte sie an meine Schulter mit dem\nArm gedrückt und tue ihr nicht weh und genieße\ndie süße Berührung mit ihrem Leib, während der\nbetäubende Donner über das weite Erdhaus grollt.\nAengstliche Vögel schwirren noch aus dem Schilf,\nund dann hören wir ferne Klänge, aus dem Hause\nder Freunde tönen die mächtigen Urlaute helden-\nhaften Aufbrüchs in die Wetterwolke empor.\nAn der Wegbiegung nehmen wsr Abschied. Als\ndie lichte Gestalt schon fern auf den Hügeln als\nsanfter Schatten geht, greift aus den Lüften, die\nlind und geruhig nach dem Sturm sind, ein bren-\nnend Schluchzen, und betäubt falle ich zur Erde\nhin. Warmer Geruch des betauten Waldes, der\nFruchtsträucher und Heckenrosen fließt in der\nlauen Nacht, ein froh Wandelnder singt das Lied\nvon den Königskindern: „Sie konnten zu Einander\nnicht kommen, das Wasser war gar zu tief.\"\n* * *\nWie gelind sie die Hand gibt, wenn es Nacht ist,\nund das eigene Herz nichts wissen darf!\nIm nächtlichen Garten warte ich unter der\nschwarzästigen raunenden Linde, das große Haus\nliegt einsam vorm schwach scheinenden Himmel\ngen Osten. Die eiserne Gartenpforte im Walde\nschallt dumpf, und ich warte am Wege, wo sie vor-\nüber muß. Da gibt sie im Dunkel ihre warme Hand,\nund ich halte sie eng. Alles Dunkel ist so klar und\nreif. „Nun kommen Sie mit mir heim, mein Lieber!\"\nGehorsam folge ich im Traum, an der Tür liebkost\nsie einfach und gelind meine Wange und schwindet\nim Dunkel des Flurs.\nNun liege ich die glückliche Nacht hindurch\nwach, so überwältigt von meiner dunklen Freude,\ndaß der Augenblick stille wird und das wache Auge\nsich mit dem seligen Liede wie mit einer köstlichen\nWelt zudeckt. Trunken bin ich wach, in sanftester\nWonne bewegt, lange bis ich den schweigenden\nAufgang der Sonne grüße mit meinen Hymnen. Ich\nbin ein Strom, zwischen glänzenden Ufern ruht\nmein nackter Leib und sonnt sich und schläft in\ni\nder Allhelligkeit. :\n* *\n*\nTagelang sehne ich mich und ringe in meiner\nklagenden, blutenden Leidenschaft. Dann treibt der\ngeschwächte Geist im Meer von Grauen, Wahn\nund Selbsterniedrigung und wagt nicht mehr nach\nden Zielen seiner Jugend ewig frisch und behend\nhinzufassen. Wenn deine Geliebte mit dem Zuge\nabreist und über ihr Abteilfenster hinausgebeugt\nnoch lange mit dem schimmernden Tuche grüßt,\nin dessen Bauschen das Mondlicht sich hüllt, ein\nletztes Wort, der schwindende Hauch ihrer Stimme\nweit hinausglänzt, dann entblößest d;u das Haupt,\nwankst. Beide, der Abschied und der Tod, haben\ndas Gemeinsame, daß sie unbedingt sind und ver-\nNichten, und die Seele kann Dem nicht Widerstand\nleisten.\nSo gehe ich mit dem brennenden dreiarmigen\nKerzenleuchter meiner Väter im freierlichen Wan-\ndeln durch die Nacht hinab zum See, um tief müde\nzu werden, und ich bete, daß ernste Lichtfinger\nmeine Stirn, die empörerisch ist, weiß und eben\nimachen mögen, gleich der des leuchtenden\nHölderlin. Dann bete ich mein Miserere in herz-\nlicher Inbrunst.\nTasten meine armen Hände nur noch zuckend\ndurch unendliche Mühsal, waffne mich Odem die-\nses ernsten Tags, daß ich schneller vom großen\nFeste entweiche.\nAm einsamen, seufzenden Seegestade will ich\nmich bergen, in den grauen schattenvollen Wäl-\ndern schweben, auf der Rehe ausgetretenen Spu-\nren weilen im Mondeslicht und heimlichen Sausen.\n♦ * *\nEin Mann wandert aus und läßt, als er im frem-\nden Land ein Eigenes sich erworben hat, die im\n*\nHeimatland harrende Geliebte übers Meer nach-\nkommen. Das Schiff, welches das treue Mädchen\nträgt, wird im Sturm vernichtet und auf den Grund\ndes Meeres geworfen.\nAls den Mann die Nachricht des teuren Todes\nund Unterganges trifft, verdüstert er sich, ver-\nschließt aber den Glauben an ihr Weiterleben tief\nins Innere. Er arbeitet weiter wie gewöhnlich, und\ndes Abends sehen wohl hin und wieder Nachbarn\ndurch die festlich beikränzte Hoftür den Einsamen\nin seinem Feiertagsrock vorm Hause sitzen und —\nwarten. Abend für Abend erscheint, vorsichtig mit\nholdem Lächeln den Riegel der schweren Hoftür\naufhebend, die nie vermißte, nie entbehrte Geliebte\nseit ihrem Tode. Im weißen magdlichen Schleier\nsetzt sie sich still neben den Vermählten, mit Lieb-\nkosungen, unendlichen Zärtlichkeiten verbringen sie\nstumm ihre Liebesnacht, und gegen Morgen ver-\nschwindet unhörbar die Gesandtin des Paradieses.\nAnfangs hat er wohl noch gefragt, weshalb sein\nliebes Mädchen so stumm sei, da hat es sich trübe\nin ihn geschmiegt und ist aus seinen Armen jäh\nentronnen. Darauf hat der Lebendige seine Sprache\nverlernt, er begnügt sich, sein Haus an jedem\nAbend zum bescheidenen Willkomm zu kränzen,\nden Festrock anzulegen und die Nächte zu verbrin-\ngen mit einsamen zärtlich seltsamen Gebärden.\n* * *\nDie rotes Vogelbeeren werden reif, die schlan-\n-1\nken Blätter des rankenden Weins bräunen sich,\nund die Abende sind erfüllt vom süßen Geruch\nüberreifer Früchte. Die Sonne sendet ihr letztes\nGold über tiefem Blau. Ich liege ermüdet auf dem\nAbhang des Bahndamms, den Kopf dicht zu den\nstählernen Gleisen herauf geschoben. Zwei Züge\nbegegnen einander in meiner Nähe mit vielem\nLärm, mit lang nachhallendem Sausen. Wunderbar\nberührt erhebe ich mich von den Wirbeln der krei-\nsenden-Räder, kühle Luft bedeckt mich gleich\nHänden, die meine Augen verhüllen und mich mit\nsich fortziehen. ;\nde *1»\n*\nr 112\nIch lese im tiefen Traum der Liebe. Als Niels\nLyhne ins verhangene, öde Zimmer kommt, liegt\nFrau Boje im Schaukelstuhl, und er schaukelt sie,\nwährend sie zu ihm spricht: „ganske blodt . . .\nganske bledt . . . hvor jeg elsker Dig, du Sode,\nSode . . . i mine Arme, du er saa god . , . Er du\nsaa god, saa god? . . og Dit Haar . .\n♦"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "42/43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.6", "texte": "Fritz Baumann: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.7", "texte": "In der Schwermut des Herbstes spielt einer im\nSaal schwere strömende Klänge. Auf dem Altan\nsteht am Gitter, die feinen Finger um seine\nschwarzen Stäbe geschlungen die schöne Baltin\nund schaut versunken hinab auf die Wälder mit\nihren blitzenden Seen im silbernen Dunst. Die\nSonne ist blutrot im Niedergang und vom fernsten\nHimmel ziehen lichte Griffelwölkchen dem blassen\nNachtglanz ankündigend vorauf.\nIhr helles Antlitz schaue ich an in seiner Abefid-\nglut, sie steht hoch aufgerichtet hingegebe'n den \\\nwühlenden Klängen, der ganze selige Abend-\nhimmel ist nur noch ein Kleid um SIE. Sie\nerblickt mich, geht auf mich zu und legt einen Au-\ngenblick die Hand mit liebkosendem Hauch auf\nmeine Stirn, der ich erblasse in heiliger Dämme-\nrung.\nLange gehe ich ziellos durch das Haus, die\nlangen finstren Gänge mit ihren Mauern erschei-\nnen mir schwebend als aus durchsichtigem Kri-\nstall, von glänzenden Wolken Wohlgeruches durch-\nflössen., Meine Füße wandeln auf Teppichen, und\nmeine Glieder sind geschmeidig und leicht wie\nFlaumfedern.\n* *\n*\nIn der Nacht wache ich auf, Geliebte, da kommst\ndu und deckst meinen Mund mit deinen brennen-\nden Lippen zu und heilst meinen Leib mit innigen\nKüssen. Du gräbst meine Glieder aus dem mor-\nschen Staub und richtest mich auf an deinem\nschimmernden Halse in die weite blaue Nacht mit\nkühlen silbernen Sternen.\n.<;• * *\n*\nt. , '\nI\nMit der schwachen Gebärde grenzenloser Hin-\ngabe, weißen Angesichts schwebst du im langen\nfeuerfarbenen Gewand über den nächtlichen Wäl-\ndern. Die silbernen Kränze der Sterne hängen um\nden lodernden Traum, keine Wolke verbirgt Dich\nbis die Finsternis Dich ganz einhüllt.\n* ♦ *\nZurückgelehnt, in der Hand ein geringes Zucken,\ndu dunkel Glückliche! In Glorie schwefelgelben\nLichts ungeheures Haar. Eine rosenrote Taube legt\ndie zerblätternde Blüte in deine hingegeben ge-\nfalteten Hände, während der schattende Stunden-\nzeiger auf vollendeten Mittag weist.\nNackt, inbrünstig kniee ich über deinen Füßen,\ndie in ihren Riemen schimmern und küsse ihre\nbläulichen Adern, die schimmernde Haut, küsse die\nglatten Nägel, die an ihren Wurzeln holde Halb-\nmonde haben aus hellerem Rot als das deiner Haut.\n* * *\nSausendes Bewegen erschüttert mich!\nKomm! ein Märcheiihaus baute ich, schön aus\nMillionen Opalen, himmelblauen! Und du kommst,\ndeine glänzende Seide fliegt, hoheitsvoll, deine Kö-\nniginnenhand von mir küssen zu lassen. Du steigst\nin die blaue Kutsche, gestiefelte beschwänzte Ka-\nter in weinroter Bedientenjacke, Schimpansenge-\nneck, Töne der Weidenflöte, Lachen . . . schließ-\nlich DU in allerblausten Atlas gebettet, donnerst\nherein über funkelnde Kristallbrücke. Deine Hand\nhoch, schlank bewillkommt die Sonne, und Ich\ntrage dich in mein Opalhaus mit herzlicher Kraft.\n* * *\nIm Hause ist große Gesellschaft! Ich gehe in\nden geschmückten weiten Festsaal und sehe Sie\ninmitten des drängenden Stromes der Geladenen,\nindem sie nachdenklich verweilt und des Festes\nnicht achtet. Eine Rose trage ich zu ihr, um sie\nals Festangebind in ihr Haar zu stecken, aber ich\nwage noch nicht die zärtliche Tat zu tun. Doch\nder mächtige Trieb, dem ich gehorsam bin, bringt\nmich wundersam durch die dichten lauten Grup-\npen, ohne anzustoßen oder Aufenthalt, denn ich sehe\nnur SIE. Stumm reiche ich ihr die Blume, und sie\nsenkt sie in ihren Gürtel in nachdenklicher Selbst-\nverständlichkeit. Mit sachtem Zug beginnt ein\nschöner herber Geigenton über dem Lärm obzusie-\ngen.- Der ich neben der lieben, gewonnenen Hand\nlehne, schaue die schönen Gestalten der Götter an,\ndie in den weiten Nordlandsjaal treten und alles\nLand der ewigen Jugend zurückgeben im wonnigen\nGeschenk. Die Lichter löschen alle, schneeweißer\n/ y\nMond erglänzt über dem seligen Traumgesicht.\nDie schönen Asenl wandejln über Biafröst, die\nGlückliche, nieder zu ihren grünen Triften, klare\nWaldbä'che stürzen von dämmernden Felsen, im\nunendlichen Jubel schweben die Liebenden, die\n/\nsonnigen Töchter des Blitze-Zeugers über den\nStrömen, mühlos trieft die Erde vom zerbrochenen\nGewölk, ein ewiger Lichtbogen hält das aufge-\ntan ene Haus der Erde umschlungen im inniglichten\nGleichgewicht beider Pole.\n♦ * *\nGeordnet brausen die blauen Weltmeere! Ueber\ngrünen Fluren fliegen Adler, tiefes Blau mit silber-\nnen Wolken sinkt in die Erdabgründe und Täler\nmit ihren Wäldern und Strömen. Auf golde-\nnen Schalen am dunklen Gestade opfern die nack-\nten Menschen Früchte, und auf weißköpfigem\nblauem Flutberg wirft das Meer Rosen in breiten\nStrömen auf den Sand.\nIm stillen Abend, auf dem höchsten Berggipfel\nsingen Erlauchte, in den schmalen Händen Sterne\nerhebend, den Fernen zu glänzen.\n* * ♦\nAuf die Bitte der lieben Frau meinen Traum\nzu erzählen, bin ich dem schönen Befehl gehorsam\nund entferne mich im stillen Gebet, mit geschlosse-\nnen Augen von dem, was mich in Nähe und Sin-\nnen und an dieser innig drückenden Liebeshand\nfesselt. Brausenden Herzens, doch mit stockender\nSprache werde ich meines Traumes von vergange-\nner Nacht gänzlich wieder eingedenk.\nDies war mein Traum: Nach langer Wanderung\nzu den Dünen angesichts des grau verhüllten Mee-\nres komme ich. Aus der ungeheuren Tiefe steigt die\nflache, öde Wand des kaum erhellten Spiegels,\nKlagen von Vögeln schweben mit gesenktem Flug\ndurch den Abend und eintöniger Wellenschlag\nbricht von der Tiefe herauf. Vor dieser Weltwand,\ndie trostlos und lähmend ist, beginne ich einen\ndumpf-verhaltenen, ferngroßen Klang zu verneh-\nmen, der in meinen dunklen Körper balsamisch\nhineinhaucht, und die einsame Schwermut des\nMeeres zärtlich verwandelt.\nMahnende, seltsame Rufe kommen mit erreg-\ntem Hauch: „Menschlein, rennst mit gerungenen\nHänden. Durch die Erde glänzt es vom Golde, den-\nnoch mußt du einst schlafen gehen, fern dem ver-\ngrabenen Schatz. Ein wenig Lallen, Geschluchz,\nin der Erde stochern, bis der Mann der uralten\nNacht vom Meere heraufsteigt und dich licht zu-\ndeckt mit den glänzenden Federn des Paradieses.\nSiehe, Menschlein, deine Hände von Gott schim-\nmern . . .\"\nDie milden Worte spreche ich im Gebet bebend\nnach, da umfluten sie mich in einem überirdischen\nBad, in einem Strom der Liebe, in einer zarten\nGoldwolke, die anmutig den ganzen Himmel um-\nwallt.\nAls sie sanft in herrlicher Höhe sich löst, bin ich\nauf einer weithin gedehnten Waldstraße, die ich\nmühelos und heiter mit biegsamen Gliedern dahin\nwandle. Mein Gewand, das ich nicht ermüde an-\nzustaunen und sein Gewebe zu liebkosen, ist von\nder Farbe der Abendröte, besonnt mit des Himmels\nopalenem Glanz. Jedes Einzelne entlang am Wege,\nden Wuchs, die Geradheit, die Vielstämmigkeit der\nBäume, die mannigfaltige Farbigkeit des Waldbo-\ndens bewundere ich mit der Kraft reineren, uner-\n»müdeten Gefühls, das eben mit der Frische des\nNeugeborenen zum starken, regen Leben erwacht.\nDie unabsehbare Wanderstraße, das gesunde fast\nkörperliche Umarmen der reinen mütterlichen Luft,\ndie Klarheit des Vogelgesangs und des Halls meiner\neigenen Lieder sind ebensoviele Wonnen, die ich\nmit dankbarer Zärtlichkeit empfinde. Dann kom-\nmen weite Heideebenen in brauner Schöne zum\nWeg, dann rauscht es von bunten Wäldern, und\nsie sind kühl und duftend. Hunderte dunkle Stämme\nim Hain wären eine Mauer, wenn grüne Blätter-\ndämmerung nicht sanft um sie webte und die\nStämme zu Säulen würden, welche ewige Dome\ntragen. In den Waldestiefen singe ich den heiligen\nDreizeiler aus dem Bernhardsgebet von Dante.\nVon Freude zärtlich geführt gelange ich an\neinen glanzblau sich dehnenden See, über dessen\nSpiegel fern geheimnisvolle Berge und die schlan-\nken Glieder goldener Laubwälder sich erheben*\nMunter laufe ich zum Ufer, ein Boot rinnt unter\nschmalem weißem Segel über die leuchtende Flut\nund legt zum Einstieg für mich an. Ein blasser\nJüngling hilft mir hinein; am Bug, bislang vom\nSegel verdeckt, erblicke ich eine helle Frau im\nblauen Gewand, vom schönen vollen Mittagsglanz\nbesonnt. Von der nackten Schulter, die wie ein\nThron das goldgelockte Haupt einer lieblichen\nTochter des Sees oder der Berge erhöht, ist das\nGewand in faltenloser blauer Würde dicht an die\nedlen Glieder geschmiegt, die lässig ruhen. Sie\ngibt mir lächelnd die Hand und löst sie nicht wie-\nder von der Meinen, als sei ich ihr wohlvertraut\nund unser Wiedersehen ihr lieb.\nDer Wind füllt das Segel in seiner Wendung;\ndas Boot neigt sich ein wenig unter ihrem Druck\nund schießt dann mitten in den schwirrenden See-\n. glänz. Das Kielwasser rauscht, der Himmelsatem\ndrückt die Locken ins schöne Frauenangesicht, und\ninniges Lächeln rührt ihren Mund vom Flug der\nFahrt, der Schöne des Sees und seiner zauberi-\nschen Ufer und vom Druck meiner Finger über\nihre Hand. Ich genieße nach dem ersten begierigen\nAnschaun die Balsamnahrung des süßen Windes\nund die feierliche Stille der Flut, die nur das eilende\nBoot zu Wellen regt. Wunderbares Geheimnis er-\nhebt die atmende Brust, in die Gründe des Was-\nsers blicke ich mit dem gleitenden Tang und den\ndämmrig schimmernden Fischescharen. Der min-\nnigen Frau bin ich ganz nah und betrachte ruhig\nden lichtgestalteten Leib, seine Reinheit, das freie\nsonnige Haupt, die sanften schmalen Hände, die\nich beide mit dem süßen Zauber des Abenteuers\numfasse. Um ihren Mund ist das leidenschaftliche\nLächeln gleich der seidenen Helle um den Mondr\nwenn alle seine Wölkchen ferner um ihn schweben.\nEine Bucht dehnt sich drüben in ein grünes\nTalgefild. Höhen steigen hinter ihm aufwärts, und\nüber den See wölbt sich dunkler der Himmel.\nMit meiner Führerin Hand in Hand steige ich\ndie Hügel hinauf, über denen bunte Gestalten\nleuchten. Ferne Gesänge hauchen erhöhende Kraft\nzu Tal und bereiten uns für neues Geschehen vor.\nAls wir den Gipfel gewinnen ist hoher reicher\nRundblick. Ebenmäßige Wogen der Hügel mit ihren\nTalfalten senken sich rings in ein weites Land mit"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.8", "texte": "farbigen Fluren und stillen Gewässern. Schmale\nDeiche teilen endlose Weiden, auf denen bunte\nRinderherden ruhen. Stille Wälder der edlen\nBergfichte steigen mächtig zu den Bergen und über\nuns empor und wiegen die ungeheuren Palmen im\ndunklen Blau. Ueber den Wäldern auf ferner\nHöhe leuchtet der flache goldene Schein eines Do-\nmes über dem Land. Und von den Bergen nieder\nin die Ebene sind Gärten mit Lauben gezogen, die\nerfüllt sind von Scharen jubelnder Menschen. Lie-\nder und Festesklänge wallen zu den Bergen auf,\nund von ihnen werden sie mit mehrfachem Wider-\nhall beantwortet. Johannistag zieht trunken durch\ndie Lande, Fruchtranken umschlingen seine Schlad\nfen, und seine gebräunten Hände erheben den son-\nnenglühenden Kristall zu den Lippen. Preis und\nDank jubeln die endlosen wiederkehrenden Lieder,\nals seien sie die fruchtzeugerischen Jahreszeiten\nselbst, die dem Born der Liebe unerschöpflich ent-\nspringen.\nHingerissen beim Anblick dieses Hirtentags\nverweilen wir beide eng ineinander geschlungen\nund schauen unersättlich auf das schöne Land in\nseinem Festkranz der Menschenfreude. Nach den\nKlängen der Hirtenzymbel, der Zigeunergeige und\nder Heroldposaune falten sich Scharen der Reigen\nin wehenden schönfarbigen Gewändern auf dem\nhohen Bergplan ineinander und verweben sich im\nkreisenden Flor. Mitten unter ihnen aber steht der\nschmale erhabene Jüngling in goldbortigem Rot\nund ist reglos unter den Tanzenden. Noch immer\ndröhnen die Fanfaren, die Berge hallen von ihnen\nwiedeiyund herrlich klingen darein die kristallenen\nTrinkschalen im Zuruf gegen einander gehoben.\nDann lassen sich Alle auf dem Rasen im weiten\nKreis nieder, bunte Knaben bringen Wein und\nFrüchte, und die Frauen breiten zu einem großen\nRing die Gewänder aus, zu einem bunten Zauber-\nkreis, in dem nur der Jüngling in Rot aufrecht steht\nund jetzt Jedem sichtbar ist. Er spricht zu ihnen\ndie scherzenden und leichten Verse:\nSo ist alles nichts als Fabel\naußer unserm Wunsch zu lieben,\nvon dem Müßiggang der Götter\ngenießet bald was euch geblieben.\nDann soll sich bei diesem Streben\nanmutreich dein Schicksal finden,\nwirst dem Hirtenland dich nahen\nund Entfernung mag verschwinden.\nJa, der Wein in den Kristallen\nmacht die schönen Augen leuchten\nhoch die lieben Herzen wallen\nunter den geknüpften Leibchen.\nMit reicher Gebärde tritt jäh eine Frau im\ngrünsilbernen Gewand hinter den Herrlichen\nin Rot und hält, als seine letzten süßen\nWorte perlengleich auf die Frauen und Jünglinge\nniedersinken, die weißen Hände über seine schwer-\nmütigen Augen geschlungen. In sanfter Belohnung\nnimmt er ihre Hände und senkt sein Angesicht zu\nihrem Mund, dazu ihre Schulter bebt. Dann lehnt\nsie sich liebevoll an seine hohe Gestalt, und er be-\nginnt mit dem zweiten Liede, blasser ist er vor\nGenuß und Trauer:\nHabt nun keine andere Trauer\nals die Freude zu bewahren,\nüberhauchen euch die Schauer\nseidner Kleider, feiner Verse.\nBeste ist der Sittenlehren,\nda doch Edelste der Weisen\nnur mit leerer Torheit prahlen-\nGegenwart im Nu vergessen.\nHandelt endlich sich ums Eine:\nniemals krank und traurig werden,\ndurchaus frevelhaft erscheine\nwer Lebendgem trüb begegnet *).\nDas liebende Paar inmitten des Kreises umfaßt\neinandr und zu den beiden Hochgestalten erheben\nalle grüßend die Trinkschalen, die Runde bebt vom\nherrlichen Erklingen und Zuruf.\nDer ruhende farbige Frauenkreis ist erregt er-\nstanden, sie geben einander die Hände und\numschreiten im Reigen das minnige Paar in der\nMitte. Die erhoben aneinander geschmiegten Arme\ndes Reigens bewegen sich sanft in lichtblauer\nWonne, streng gegliederten Schrittes entfaltet er\nsich nach dem Lied der Geige diese unzähligen er-\nhobenen Händepaare fassen einander im Liebes-\nringe zum brennendem Diadem. Dann senken sich\nalle mit einem Knie auf die Erde und hinter dem\nReigen der Frauen und Mädchen steht der zweite\nder Jünglinge und Männer, deren jeder die Seine an\ndie Hand nimmt und sie schmückt mit goldroten\nBlumensonnen.\n\nFortsetzung folgt\n\nGedichte\n\nPaul Bommersheim\nManchmal hebt sich Gott von Dir . . nachts.\nVielleicht noch einsam grauerhellte Schwermuts-\ntanne.\nDie schüttelt Tränen von sich . . rieselnd.\nVielleicht noch einsam toter Pfahl in feuchten\nWettern.\nVielleich noch einsam nackter Stein aus nasser\nKrume..\nVielleicht noch einsam grauer Fleck in grauer\nLeere.\nSchlund und Abgrund. Abgrund des Nichts und\nSchlund der Leere.\nDu beugst Dich in das Nichts und starrst hinein\nund starrst ins Graue sonder Licht noch Spur\nnoch Ahnung.\nNoch einmal kann es sein, daß schwarzes Totes\naufsteigt.\nDas wird dann eisenstarr.\nDu starrst ins Graue sonder Licht noch Spur noch\nAhnung.\nDas Leere kreist herum,\nDu wirbelst mit.\nDu wirbelst rastlos mit.\nDu wirbelst ruhlos, rastlos mit.\n* * *\nDie Laubwirrnis hat die Erschütterung ergriffen.\nDie Blattwirrnis, in der wir schweben, hat die\nErschütterung ergriffen.\nNun starren ringsum schwarze Äste kreuz und\nquer, schwarz wie die Hölle.\nPlötzlich ist ein Zweig vor mir, klar, fest umrissen,\ngreifbar.\nDer trägt ein einziges Blatt.\nDas ist ganz ruhig und schwarzgrau.\nIch kann jeden Nerv drauf sehen, jedes Härchen.\nViele starren aufrecht; manche sind geknickt; die\nwerden verderben.\nAuf einmal glotzt ein Käfer über den Rand, ein\ngrüngoldner.\nDer beginnt das Blatt abzunagen.\nMan hört das Surren seiner Sägekiefer . . .\nsausend. . . sausend.\nDas Blatt schwankt nun auch.\nDas war der Augenblick, im dem mein Stern vom\nHimmel fiel.\n\nZwang\nScharfes hagelt herab in stählernen Strähnen\nschmeißt Löcher in friedliche Rurpurblüten.\nFarbenfunkeln erstickte in Sturmwut von Nächten.\nBlätter ducken die Angst in dunstige Furchen.\nMetallische Helle von mindersauseuden Säbeln.\nWälder von Klirren . . . Atemstille . . . zittern.\nEin Aechzen zerreißt den Grund ... Riß an Riß.\nWie eine Klage bläht sich Dunkles auf\nund wächst gespannt untd wächst\naber zerplatzt nicht\nganz gespannt.\n\nHeilige Tage\nIch trag so warm an diesen Tagen.\nMein Haupt hat abgetan die längst geformten Dinge\nund ist vom Quellen schwer.\nDie Nebel, die mir alles nahmen,\nsind weiß und warm und licht.\nEin neues Frühlicht steigt im Nebel auf.\nDas tropft sein blühend Blut.\nDas schüttet über mich sein Blut.\nIch geh nuni ganz ins rote Auferstehen.\nMein Haupt sinkt hin, wo all das überquillt.\nIch trag so warm an diesen Tagen.\nDenn Sternenblut umströmt mich.\n\nWeiße Stunde\nDurchsichtiges stürzt herab als glitzernde Säule.\nUnd Weißes überspannt alles, überspannt alles.\nDas ist mit Tautröpfchen besprüht.\nGüsse von Licht sprudeln.\nManchmal taucht liebeglühes Rot und stirbt hin.\nNur die goldnen Adern bleiben, die die Morgenhelle\ndurchziehn.\nIch bin ein weißes Riesenflügelpaar.\nAuf dem ruht alles.\nNun falten sich die Flügel zusammen.\nUnd ich umspanne alles . .\numspanne alles . . . alles.\nIch segne diese Stunde.\n\nBriefe\nKurt Heynicke\nAn Frauen und an eine Frau\nEuch, die Ihr leichtgeschürzt unter Bogen-\nlampen und durch Wälder geht, Euch, vieler Tage\nFeierabend, lege ich meine Seele in den Schoß.\nIch habe sie auf dieses Blatt geschrieben und es\nan meine Lippen gedrückt, wie ich die weiße Haut\neines Mädchens (küßte, die meine Jugend trug und\neine Dirne war.\nMeine Jugend ist tastender Liebesreigen, und\nich bin heute noch jung.\nAn den Quellen meines Leibes steht Ihr mit\nv/artender Müdigkeit, und ich muß lächeln, denn\nich bin alt vor Euerem Blick.\nIhr seid viel an meine Lippen geblutet, und\nmeine Arme trugen Euere Kronen; doch da fühlte\nich die Ketten daran und meine Muskeln knirsch-\nten und das Erz zerbrach.\nMeine Sehnsucht sucht Euch groß. Aber das\nWinseln kleiner Schoßtiere ist herum. Mein\nLachen zu Euch ist weh, und ich finde keinen\nGlanz in Euerem Blute. Und dennoch liege ich\nauf den Knieen und freue Tränen hinauf zu Euch.\nKlänge schrie meine Seele und Lieder standen\nvor Eueren Toren, die fremden Auges auf meine\nPein blickten.\nIhr Frauen, ich liebe Euch, und mein Leben ist\nnichts.\nEine geringe Ewigkeit, und mir singt die\nSchlacht.\nUnd ich genieße die Furcht des Todes, die mich\nschon einmal umtanzte."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.9", "texte": "Wenn die pfeifenden Kupfervögel mir in den\nOhren liegen, werden meine Hände rückwärts\ngreifen. Nach Euch!\nIhr Frauen! Ich kann Götter machen. Aber in\nEuch hinein finde ich keinen Gott, und mein Blut\nist ein Kinderschattenspiel, über das erwachsene\nMenschen lächeln.\nMeine Sehnsucht stirbt nicht. Sie steht im\nSchatten einer Säule und hüllt sich in einen roten\nMantel.\nDer Mantel ist Jugend; ich will ihn einem\nOpfersteine bringen. Der Stein ist weiß und hat\ndas Gewicht einer stolzen Frau.\nIch lege mein Haupt in die Höhlen deiner Hand,\ndu Königin, die ich nicht kenne.\nSiehe, ich bin jung und kann nicht sterben.\nVergib mir mein Elend und küsse meine Lippen,\ndie eine lange Nacht nach Dir zernagte. Nimm\nmich in Deine Arme, Du, deren Blut Seele sein\nmuß und deren Seele blutdurchspült ist.\nIch will Dir Tempel bauen und Götter machen.\nSieh, meine rote Sehnsucht steht vor dem\nDome und bettelt.\nKomm! / J\nAn manchen Tag\nGib mir grünes Gift oder ein großes Wasser,\ndarin ich mich ertränke.\nOder eine Lust, die tiefer ist als die Liebe und\nblutiger als die Wollust des Todes in der Schlacht.\nOder einen Schwan, weißer als weißester\nMarmor, dem ich den Hals mit schmutzigen Fin-\ngern zerdrücke.\nGib mir einen Tag, der lebendiger ist als die\nwechselvolle Verzerrung einer Stunde in die Nacht.\nWarum, Du Tag, ziehst Du die wächserne\nFratze über die Sonne und schleichst an den\ngrauen Häusern entlang, wie Menschen, die ein\nNichts sind, gleich Dir? In Deinem Schatten gehen\ndie Gesalbten des Einerleis, tragen Moden über\nihre Nacktheit und werfen ihre Einfalt hin und her.\nIch hasse das Hinschreiten in deine Genüg-\nsamkeit, ich hasse die Fahlgesichter, die da sagen:\nGott will es, ich bin zufrieden. Du machst die\nSeelen) träge und gebärst Zahlen.\nUnd wenn einer den Hammer hebt, zu schla-\ngen, rufst Du die Sachwalter deiner krüppeligen\nStunden, die Huren und Freudenbecher.\nHeio, wie tief ist die Lust und wie leer der\nLeib Deiner Geschöpfe. Trug ist Deine Freude,\nund Deine Geschenke sind halbe Worte, auf Pack-\npapier geschrieben, wert, zerspeichelt und deiner\nFratze entgegengespieen zu werden, mir aber ein\nGottesdienst der Verachtung. Wohl meinem Auge,\ndas sich hell aus den Nächten hebt, zu glänzen!\nIch hasse Dich, wie ich das Einerlei hasse. Weil\nDeine Düsterheit Pose ist und gemachtes Bildnis\nDein Blick.\nWeil ich Dich töten kann, wenn ich will. Weil\nich Sonne in, den Händen habe, während Du\nregnest.\nSiehe, so gehe ich dahin:\nEines seltenen Weges, und ich weiß nicht, wann\nich gekreuzigt werde.\nAber siehe doch: Ich gehe.\nUnd bin über Dir; Sonne läuft über mein Haar,\ne:ne Krone, zu glänzen zur Feier meines Schrittes.\n\nMarionettentheater\nJulius Szini\nDer feiste Direktor saß schon seit sechs Uhr\nabends traurig in der Kasse,. Es kam keine Seele.\nUnd von Minnte zu Minute wurde er anscheinend\nmagerer und schlaffer. An der luftigen Arena, die\nim Winter ein Tanzsaal war, kündeten vergebens\ndie bunten Plakate das prächtigste aller Stücke an,\ndessen Titel da ist: „Hamlet, oder der gerächte\nBrudermord\".\nOphelia war noch im weißen Straßenkleid (sie\npflegte übrigens für diese Rolle bloß den Federhut\nmit einem Kranz zu vertauschen), Hamlet stand\nmit verschlungenen Armen vor der kleinen Türe,\ndurch die der Weg zu den Logen führte, Polonius\nsaß auf der Banik vor der Arena und grub mit dem\nSpazierstock Zahlen in den Sand, Rosenkranz und\nGüldenstern disputierten über Politik.\nEndlich kam auch ein lebendiger Mensch aufs\nTheatergebätade zu. Er war ziemlich elegant ge-\nkleidet, und die Augen der Schauspieler glänzten\nfür einen Moment auf. Sie streichelten ihn beinahe\nmit ihren Blicken. Der Herr begrüßte liebens-\nwürdig den Direktor, der sich sofort in ein einziges\nrundliches Lächeln verwandelte.\n„Sie befehlen ein Billett?'4\n„Nein44, antwortete der Herr verwirrt. Es stellte\nsich heraus, daß er der zweite Barbier des Städt-\nchens war und sich erbötig machte, die Herren\nSchauspieler billiger zu rasieren als sein Konkur-\nrent. Der Direktor verzog sein Gesicht zu einem\nherben Lächeln.\n„Sie wollen uns noch barbieren! Wir sind schon\ngenügend kahl!44\nUnd er zeigte auf das Billettpäckchen, das ihm\nauf den Hals geblieben war, denn er hatte den\nganzen Tag über in dem Städtchen kaum zehn Ein-\ntrittskarten verkauft.\n„Dieses nichtsnutzige Volk!44 sagte traurig\nSchäumler, der Barbier. „Bisher ist hier noch jede\nSchauspielertruppe durchgekracht. Dieses Pack\nbraucht kein Theater«, Auch jetzt drängt es sich\nlieber auf den Marktplatz, wo sich ein Marionetten-\ntheater mit Musik befindet.44\nUm sieben Uhr zehn Minuten nahm der Direk-\ntor die schwarze Seidenmütze vom Kopf, schleu-\nderte sie zur Erde und sprach zum Star der Ge-\nsellschaft:\n„Ophelia, geh ins Kloster! Bete für uns, denn\nwenn es uns noch einen Tag lang so ergeht, könnt\nihr wandern. Jeder, wohin es ihm beliebt! Pie\nheutige Vorstellung sagen wir ab, es verlohnt sich\nnicht, für zehn Zuschauer zu spielen.44\nVerzagt ließ Ophelia die Hände sinken.\n„Ich kaum doch nicht dafür, daß ich nicht als\nHolzpuppe zur Welt kam. Da würde sich das Volk\nnicht auf den Marktplatz, sondern hierher drän-\ngen.44\nPolonius aber sprach mit der Gelassenheit und\nÜberlegenheit eines königlichen Kämmerers:\n„Das Volk hat immer recht. Und so wollen\nauch wir uns dorthin begeben, wo sich das gött-\nliche Volk drängt. Lernen wir von den hölzerner*\nPuppen, was die echte Schauspielkunst ist.44\nOphelias Gesicht leuchtete plötzlich auf:\n„Diese Idee ist nicht einmal so übel. Gehen wir\nalle ins Marionettentheater. An solchen Orten lernt\nman oft in einer Stunde mehr, als auf der Akademie\nir vier Jahren.44\nUnd die ganze Gesellschaft, der es an diesem\nTage so arg ergangen war, brach auf und begab\nsich auf den Marktplatz hinüber. Zwei Azetylen-\nfaekeln und eine Menge bunter Papierlaternen\nließen die Front des Puppentheaters erglänzen. In\nder schlecht beleuchteten Kleinstadt prunkte dieser\nkunterbunte, glitzernde, goldene Eingang wie eine\nElfenhalle. Auf einem Podium stand der Musik-\nautomat, der eine ganze Blechkapelle ersetzte und\nmit betäubendem Spektakel die neugierigen Men-\nschen auflärmte.\nEin Ausrufer posaunte mit geilender Stimme\naus, was alles in der Bude zu sehen sei. Die Leute\naber drängten sich, rissen vor Erstaunen die\nMäuler auf und strebten in immer größerer Zahl die\nHolzstiege empor, die zur Kasse führte. Das Volk\ntat fröhlich, das Geld klirrte anheimelnd, und in der\nKasse streifte ein wohlgenährter Herr mit einem\ngroßen Schnurrbart die Silber- und Nickelstücke\nein, fast ohne sie zu zählen. Sein Gesicht strahlte\nund war trotz der darauf lastenden Strenge glück-\nlich.\nPlötzlich rief Ophelia aus:\n„Herepey!\"\n„Wo?\" fragte neugierig der Direktor.\n„Dort sitzt er in der Kasse\", antwortete Ophe-\nlia. „Erkennt ihr ihn denn nicht? Wahrscheinlich\ngehört das Marionettentheater ihm/4\nAusgeschlossen!\" sagte Hamlet. Die Schau-\nspieler drängten sich näher zur Kasse, um den\nKassierer genauer besehen zu können. Und alle\nkamen mit der Nachricht zurück, der Mann mit\ndem großen Schnurrbart sehe Herepey auffallend\nähnlich.\n„Er hatte doch keinen Schnurrbart !\" sagte der\nNarr, der zugleich der Requisitenmeister der Ge-\nsellschaft war.\n„Er hat sich eben einen wachsen lassen\", ant-\nwortete kurz der Direktor. „Und dennoch ... ich\nglaube nicht, daß Herepey so tief gesunken ist. Ließ\nihn doch sein übergroßes Selbstbewußtsein nicht\nbei uns bleiben...\"\n„Ophelia war's\", sprach tölpelhaft der Requi-\nsitemneister. Die Schauspieler lachten, und der Di-\nrektor merkte sofort, daß der Narr wieder etwas\nausgeplaudert hatte, was die Mimen verheim-\nlichten.\n„Ist es wahr, Ophelia?\" fragte der Direktor.\n„Wahr ist nur, daß er mich umwarb.\"\n„Und Sie ihn nicht erhört haben\", setzte der\nDirektor fort. „Jetzt begreife ich freilich, warum\ner uns so plötzlich verlassen hat! Ein genialer\nMensch!\"\n„Bei unserem Direktor ist jeder genial, der von\nihm fortging\", sagte im Tone komischen Vorwurfs\nHamlet.\n„Unvergeßlich wird mir sein Hamlet bleiben,\"\nversetzte der Direktor bissig, „und das Unglück\nverfolgte mich auch von der Stunde ab, da Here-\npey von mir ging.\"\nOphelia rümpfte die Nase.\n„Ist es Ihnen, Herr Direktor, gar so sehr darum\nzu tun, daß er zurückkommt?\"\n„Jetzt ist's schon zu spät. Siehst du denn nicht,\ndaß er inzwischen Theaterdirektor geworden ist?\"\n„Und dennoch wird er zurückkommen\", bekräf-\ntigte Ophelia. „Es kostet mich nicht mehr als ein\nWort.\"\n„Glaub das nicht\", höhnte der Direktor. „Für\ndie lebende Schauspielerin werden ihn die Holz-\npuppen völlig getröstet haben. Wer eine so gute\nTruppe hat, der er nicht einmal Gage zahlen muß,\nkehrt nicht wieder in unser Elend zurück.\"\nOphelia warf den Kopf zurück — wie stets,\nwenn sie etwas Großes wollte.\n„Ich will's versuchen!\"\nSie bahnte sich einen Weg durch die Menge,\ndrängte sich die hölzerne Treppe empor und stand\nplötzlich vor der Kasse. Jetzt sah sie den Mann\nmit dem großen Schnurrbart schon unmittelbar aus\nder Nähe. Kein Zweifel, Herepey war's. Einen\nAugenblick sahen die beiden eininder starr an.\nSchließlich sagte Ophelia leise:\n„Guten Abend, Herepey!\"\n„Sie irren,\" lächelte der Mann, „ich bin Carlo\nFradeletto, Direktor des Fantoche-Theaters aus\nBologna.\""}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.10", "texte": "„Dann bitte ich um ein Billett\", sprach Ophelia\nund maß den Puppenspieler.\n„Verrate mich nicht,44 flüsterte Herepey plötz-\nlich leise, „geh hinein. Von dir nehme ich kein\nGeld.4'\n„Aber auch die andern sind hier44, sprach\nOphelia leise.\n„Ich weiß es, auch sie sollen eintreten.44\nOphelia winkte, und in der nächsten Minute be-\nfand sich die ganze Truppe in dem vollgedrängten\nZuschauerraum des Marionettentheaters. Das Pu-\nblikum summte und brummte, aß Orangen, war un-\ngeduldig, rückte hin und her, klopfte und stampfte\nund konnte den Beginn der Vorstellung nicht er-\nwarten. In der ersten Reihe saß der Oberstuhl-\nrichter, neben ihm die anderen Notabein des Städt-\nchens. Der hochwürdige Herr Pfarrer wischte sich\neben mit einem karrierten Taschentuch die schwit-\nzende Stirn. Auch die Mitglieder des Theateraus-\nschusses waren anwesend, aber vom Zufall zer-\nstreut, obwohl sie auch ganz getrost korporativ\nhätten erscheinen können.\nAls der Vorhang endlich in die Höhe rollte,\nwogte über das Publikum meeresflutgleich das\nMurmeln des Gefallens dahin. Funkelnde Dekora-\ntionen glänzten. Ein Feenpalast im kleinen. Vor\ndem Palaste thronten König und Königin inmitten\ndes prunkenden Hofes, Aus kindergroßen Puppen\nbestand diese seltsame starre Schauspielergruppe,\ndie im Herzen der großen, erwachsenen Kinder\ndie Illusionen der Kleinkinderjahre erwecken sollte.\nEine unsichtbare Orgel summte. Der königliche\nZug brach auf seinen zitternden Drähten auf, mar-\nschierte dreimal um die Bühne und verschwand\ndann langsam, damit die Königstochter allein den\nverliebten Hirtenknaben empfangen könne, der\nhinter einem Baume auf diese Gelegenheit gelauert\nhatte. Es begann ein stummes Schauspiel, von den\nPuppen in jener internationalen Sprache darge-\nstellt, die keine Worte hat und dennoch von der\nnaivsten Seele ebenso verstanden wird wie von\naern stärksten Geist. Die Menschen spannten er-\nstaunt Mund und Ohren auf. Und mit verhaltenern\nAtem sahen sie der einfältigen Geschichte von der\nLiebe des Hirtenknaben zur Prinzessin zu.\nNach der dekorativen Pantomime kam auf die\nBühne eine Puppe im Harlekingewand. Die Ma-\nrionette machte vor dem Publikum eine Verbeu-\ngung und rief mit krähender Stimme:\n„Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß zu\nEhren des so zahlreich erschienenen Publikums\nheute zum ersten Male das ausgezeichnete und\nweltberühmte Stück gespielt wird: ,Hamlet, oder\nder gerächte Brudermord'. Obzwar unsere Bühne\netwas klein und wir Akteure von einiger Unbehol-\nfenheit, wollen wir dennoch nach besten Kräften\ntrachten, der Illusion des hochverehrten Publikums\nzu dienen, um dessen Nachsicht wir ergebenst\nbitten.44\nDer hochwürdige Herr nickte zustimmend mit\ndem Kopfe. Der Literaturprofessor des Gymna-\nsiums zwinkerte dem Oberstuhlrichter belustigt zu.\nDieser antwortete mit gemessener Lustigkeit und\nin gleicher Weise, das Publikum brach in stürmi-\nschen Applaus aus, und die Schauspieler schauten\neinander an.\n„Dies spielt er für uns,4' sagte der Direktor,\n„und ich bin schon schrecklich neugierig darauf.\"\n„Für mich spielt er dies44, sagte Ophelia leise.\nDreimal pochte ein Stock, dann begann „Ham-\nlet\". Ein „Hamlet44, wie sich ihn Shakespeare nie-\nmals hat träumen lassen. Einfältige Worte, ein-\nfältige Wendungen. Für ein Jahrmarktpublikum\nstark gekürzt. Nur die Geschehnisse jagten ein-\nander wie auf der wirklichen Bühne. Und dennoch\nlauschte das Publikum so gespannt, daß mitunter\nsogar das Fliegengesumme hörbar war. Mit ge-\nspannten Ohren und offenen Mäulern hörten die\nLeute zu, als träufelte man ihnen Honig auf die\nLippen.\nDa kam die Szene: Hamlet unter den Schau-\nspielern. Die Marionette im schwarzen Samtge-\nwand und einer federgeschmückten Kapuze, die\nden grüblerischen Dänenprinzen darstellte, trat\nvor die Schauspieler und sprach:\n„Was ist euch Hekuba? Und warum weint ihr\nall eure Traurigkeit um sie? Zerlumptes Hunger-\nleiderpack! In euren Augen glänzt das Feuei der\nApostel, aber aus eurem Magen ruft euch ein er-\nfahrener Souffleur ganz andere Rollen zu. Jung\nzogt ihr in die Welt, urn begeistert die schönheits-\nschweren Worte der großen Dichter zu verkün-\nden. Doch bald mußtet ihr erfahren, daß das Pu-\nblikum es iL cht liebt, sich den Kopf zu zerbrechen,\nnicht erbaut werden will und auch nicht klüger;\nKomödie will es, eitlen Tand, billige Blendung, an-\ngenehme Lügen, niedrigen Sinneskitzel. Ihr wollt\ndem Menschen den Menschen zeigen, aber er will\nPuppen, nach seinen eigenen Illusionen handelnde\nPuppen. Während das Publikum eure wahrheit-\nkündenden Spielstätten furchtsam meidet, erntet\nein lumpichtes Marionettentheater, das frank und\nfrech lügen darf, euch vor der Nase nicht nur das\nGold, sondern auch die Lorbeeren ab. Schaut euch\num, die Mitglieder des Theaterausschusses sitzen\nim Pimperltheater und applaudieren den Schau-\nspielern aus Werg, die keine Subvention ver-\nlangen.\"\n„Dies steht im Shakespeare?\" fragte der Ober-\nstuhlrichter argwöhnisch den Literaturprofessor.\n„Jawohl\", zwinkerte der Herr Professor, der\nstets ein inneres Behagen fühlte, wenn die Aus-\nschußmitglieder unangenehme Dinge zu hören be-\nkamen.\n„Sagte ich nicht, daß er für uns spielt?\" Der\nTheaterdirektor blickte sich triumphierend um.\nGrübelnd ging der Marionettenhamlet auf\nund ab; man sah, er traf Vorbereitungen. Jeder\nhorchte auf. Endlich trat Hamlet zu Ophelia hin,\naus deren kleinem Wachsgesicht die Glasaugen\ntieftraurig blickten.\n„Und du, Ophelia!...\" sprach Hamlet und ließ,\nsoweit es der Draht zuließ, den Kopf hängen, „du\nweißt, daß auch ich Schauspieler war und mit ihnen\ndas leichtsinnige Brot aß. Damals glaubte ich noch\nan die Menschen und glaubte auch den Tränen. Da\nwarf mir das Schicksal ein Mädchen in den Weg,\ndas schöner war als mein schönster Traum. . Ich\ntat ihr nicht schön, wie dies andere pflegten, pries\nnicht ihre Schönheit mit hinterlistigen Komplimen-\nten, die dem kalten Verstand entstammen. Ich\nspreizte mich nicht vor ihr, pries nicht markt-\nschreierisch meine Vorzüge, meine Fähigkeiten an.\nNichts sagte ich ihr als die Wahrheit. Zeigte ihr\nden Menschen, den wirklichen, aufrichtigen, fehler-\nhaften Menschen. Aber sie wollte nicht den Men-\nschen, sondern die Komödie der Liebe. Hatte kein\nOhr für mich. Hörte des anderen Mannes niedrige\nSchmeicheleien und schlaue Komplimente lieber.\nVerlachte mich. Siehst du, Ophelia, auch das Weib\nist wie das Publikum. Und wer es erobern will,\nmuß lügen, betrügen, sich verstellen, Komödie\nspielen können. Deshalb mußte ich aufhören,\nSchauspieler zu sein.\"\nVom Zuschauerraum aus starrte Ophelia auf das\nkleine Männlein im schwarzen Samtwams. Das\nMännlein war ihr nicht einmal zugewendet und\nsprach dennoch zu ihr mit aufrichtiger, überzeugen-\nder, menschlicher Stimme. Als es geendet hatte,\nerschallte dröhnender Applaus. Ophelia kam erst\ndurch diesen Lärm zur Besinnung. Sie hielt es nicht\nlänger auf ihrem Platz aus, verließ den Zuschauer-\nraum, kam hinter die Piachen des Puppentheaters,\nöffnete den Eingang an der Rückseite und trat ein.\nEin Mann befand sich dort, ihr mit dem Rücken\nzugewendet, mit einem Samtrock bekleidet. Er\nlehnte sich auf ein Bühnenpult, das ihm bis zur\nBrust reichte. Seltsam scharf zeichnete sich der\nSchatten seines Kopfes auf der Leinwand des Mi-\nniaturhintergrundes ab. Eine seiner Hände be-\nschäftigte sich mit dem Draht, der die Marionette\nin Bewegung setzte, mit der anderen verdeckte er\ndas Gesicht.\nSo sehr war er in seine eigenen Worte vertieft,\nciaß er nicht merkte, es schleiche sich jemand hin-\nter seinen Rüken.\n„Herepey!44 sprach Ophelia.\nAuf der Bühne fiel der kleine, samtgekleidete\nHamlet hin. Auf die Nase fiel er. Und einige Se-\nkunden lang verharrte er in dieser Lage. Jeder-\nmann wartete gespannt auf das Kommende. Doch\ndie Marionette lag regungslos. Einige begannen\nschon zu kichern, andere zu zischen. Auch unge-\nduldiges Stampfen wurde hörbar. Nach einigen\nkräftigen Rufen erhob sich Hamlet endlich. Er tau-\nmelte ein wenig und bebte am ganzen Körper.\nPlötzlich trat tiefe Stille ein, der gespannte Auf-\nmerksamkeit folgte. Und da sprach, kaum ver-\nnehmbar, mehr stöhnend, verliebt flüsternd Hamlet:\n„Daß du endlich gekommen bist, Ophelia!44\nDer Vorhang fiel plötzlich.\n„Steht auch dies so bei Shakespeare?44 fragte\nder Oberstuhlrichter.\n„Nein, das ist ein kleines Extempore44, sagte der\nLiteraturprofessor wichtigtuerisch. Und applau-\ndierte nach Kräften.\nEinzigautorisierte Übertragung aus dem Magyarischen von\nStefan I. Klein\n\nDas grobe Schieben\nH. W.\nEin unbekannter „bekannter kunstgeschicht-\nlicher Professor44 namens Matthäi hat eine Schrift\nherausgegeben des Inhalts, daß es mit der Kunst\nam letzten sei. Sofort kam ein Brausewetter, Ar-\nthur zubenannt, und der Sturm im IGlase Wasser\ngegen den Sturm kam wieder zu „Tage44. Da die\nKanonen nicht mehr nach Spatzen schießen, er-\nheben sich alle Spatzen, um mit Kanonen zu schie-\nßen. Das Kaliber ist auch danach. Der Krieg soll\nnämlich „einen wohltuenden Einfluß auf unsere\nKunst üben, ja, vielleicht eine Gesundung unseres\ngesamten Kunstlebens herbeiführen.44 Die Kunst-\nübungen des Krieges sind noch recht im Anfang,\ntrotzdem schon Herr Matthäi am letzten ist. Das\nHeilverfahren ist mit dem Schießen noch nicht zur\nHeilkunde geworden. Was um so schwieriger ist,\nals man nicht genau weiß, wo die bekannte Kunst\nim Organismus sich befindet: „Zuerst wäre es von-\nnöten, daß der Krieg der Kunst wieder die richtige\nStellung im Gesamtorganismus unseres Lebens an-\nweist.\" Der Krieg hat es wirklich nicht leicht. Er\nsoll mit einem kunstgerechten Schuß die richtige\nStellung anweisen. Die Kunst befand sich nämlich\nzuletzt in der großen Zehe: „Man suchte die Kunst\ngeradezu zur Grundlage unserer Kultur zu\nmachen.44 Nun muß sie wieder etwas höher\ngerückt werden. Ich vermute in die Gegend des\nHerzens. An welcher Stelle sie bestimmt tödlich\ngetroffen wird. Aber herzig wird es doch. Nehmen\nwir einmal die Untersuchung gründlich vor. Aber\nnicht gleich mit der Kanone, sondern mit einem\nscharfen Messer aus gutem deutschen Stahl. Die\nDiagnose soll hier veröffentlicht werden."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150701-01.1.11", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebung von Wor-\nten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durch\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig. Annahme von Anzeigen durch den Verlag\nder Sturm Berlin W 9\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlas:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nNotiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. Die\nAugust-Doppelnummer erscheint am fünfzehnten\nAugust.\nVerlag Der Sturm\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W Potsdamer Strafie 134 a\nDreianddreissigste Ausstellung\nGraphik\nPaul Klee !\nFritz Baumann\nCampendonk\nFranz Marc\nFelix Miiller\niOswald Herzog\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Ufcr\nEinfcritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nSturm-Ausstellungen in Deutschland\nJul! 1915\nHamburg: Franz Marc\nQeftf: Qeschlossen\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdam er SfcraSe 134 a\nFernruf Amt Lutzow 4443\nHalbmonatsschrift Der Sturm\nErsciieint am ersten und fiinfzehnten iedes Mo oats\nDauerbezug\nGewdhnliche Ausgabe Fur Deutscfaland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzeiheft 40 Pfennig ,/ Fiir das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzeiheft 50 centimes / Probenummer umsonst\nSender ausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nlendung in Rollen direkt durch die\nPost ftir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark / Ftir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\n&eser Ausgabe werden Vierteljahrsbeziige, Einzel-\nBumwern und Probenummern nicht abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark I Vierter Jahrgang 154—203: 10 Mark /\nFiinfter Jahrgang: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\ntlurch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nzieben / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenst&nden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den B e t r a g fur den\nBauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahr es bis\nzum fiinften des ersten Monats einzu-\nsenden / Andernfalls nehmen wir an, dafi Ein-\nziehung des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nQskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichaungen /\nStrichfttzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nUixus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kartoa is eie-\nfacfeerer Mappe 12 Mark\n\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit sech-\nzi g ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nBueher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel ./ Tragodie / Ihr stilles\nGllick —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft J\nNapoleons Aufstieg / Tragodie ! Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman I 2 Mark\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark ,/ Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Bfitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nI Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAugust Stramm: Du I Liebesgedichte / Gebunden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna/50 Pfennig j II: August Stramm: R u d i -\nme in tar / 50 Pfennig / III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Ge-\ndichten von A r n o H o 1 z / Fflr Gesang und Kia-\nvSer ! 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einzeln: Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn j 50 Pfennig\nDer Sturm / Heeresmarsch / Fiir Klavier /\n50 Pfennig\nKfinstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Gino Sevc-\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni? 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April 1915 / Die\nSturmpublikation, die die Mitglieder des Vereins\nfur Kunst im Jahr 1915/16 frei erhalten, ist: Heems-\nkerck handgedruckter und signierter Holzschnitt\nauf Kaiserlich Japan-Papier\n\nZeitschriften\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fflr neue un<t\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinov&\nPoet-Lore Begriindet 1890 I Eine Zweimonats-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dem Drama\nder Gegenwart in alien / Probeheft secen\nEinsendung von 6 Mark 50 Pfennig j Jahresberug\n21 Mark /Verlag Richard Q. Badger / Boston\n/ Mass I USA 194 Boylston Street\n\nAnzeigen\n\nSoeben erschienen: August Stramm: Kraite\nI Drama / Sturmbuch VIII / 50 Pfennig\nHeemskerck-Mappe: Sechs handgedruckte and\neinzeln signierte Originalholzschnitte I Auflage 30\nMappen I Mappe 6—30 je einhundert Mark\nFeiix Miiller / Dresden: Handgedruckte Holz-\nschnitte und Originallithos / Zu beziehen durch\nden Verlag Der Sturm Berlin W 9\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / MUanc\nI Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fur Bfichereinbande / Muster\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Bestei-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- und\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}