{"numero_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_sha256": "d68bd12ead19e470a178202fecb96ecf50d35569ce0c0b9c4ab5ddf8f8c67c1f", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1915/08/01_01/bmtnabg_1915-08-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1915/08/01_01/bmtnabg_1915-08-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c001", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.1", "debut_caractere": 275, "fin_caractere_exclue": 799, "texte": "Inhalt:\nHerwarth Waiden: Aus der Zeit für die Zeiten: Aussicht auf Bode / Der glückliche Gedanke / Der Spiegel der Modernität / Die Kulturaufgabe\nder Literatur und ihre praktische Verwertung für die Städte Westpreussens / Der teure Courier / Sophie van Leer: Kinderland / Dr. S. Friedlaender:\nGeist und Krieg / Adolf Knoblauch: Grunewaldtage / Bestehen Gedichte / Desider Kosztolanyi: Das Rasiermesser / Wachlmeier: Holzschnitt / Vom\nStock gedruckt / Linoleumschnitt / Jacoba van Heemskerck: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c002", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.2.2", "titre_corps": "Wachlmeier: Holzschnitt", "titre_sommaire": "Wachlmeier: Holzschnitt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.1", "debut_caractere": 801, "fin_caractere_exclue": 824, "texte": "Wachlmeier: Holzschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c003", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "50", "page_fin": "52", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.2.3", "titre_corps": "Aus der Zeit für die Zeiten", "titre_sommaire": "Aus der Zeit für die Zeiten", "signature_source": "Herwarth Walden ; Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10954, "texte": "Aus der Zeit für die\nZeiten\n\nAussicht auf Bode\nDer Burgfrjiedqn wird von den vereinigten\nZwangskünstlerinnungen so aufgefaßt, daß sie in\nihren verfallenen Burgen sehr romantisch und fei-\nerlich sitzen und auf die paar einzelnen Künstler\ndieser Erde mit dem Kinderflitzbogen schießen\ndürfen. Die Waffe ist ungefährlich aber lästig. Um-\nsomehr, als die paar einzelnen Künstler gar nicht\nin die Burg hineinwollen, sondern nur mit mildem\nLächeln vorüberschreiten. Das milde Lächeln fällt\nüber die Götzendämmerung, und mit ihm verfällt\ndas Gemäuer, das im letzten Sonnenstrahl für\nmatte Augen noch romantisch schimmerte. Ich\nlege meine Hand den alten Knaben auf die Künst-\nlerlocken. Sie fühlen sich geschlagen wo sie\nschon geschlagen sind. Sie träumen von der Kunst,\nin der ich wache. Und träumend zielen sie, da. sie\nschon getroffen sind. Sie kämpfen für die Kunst,\ndie wir Künstler ihnen gaben. Unser Vorbild lieh\nihnen Bilder. Und ihre Werke folgen ihnen nach.\nWilhelm von Bode „hat das Wort ergriffen\",\nweil ihn noch nie ein Wort ergriffen hat. Er hat\ndas Wort ergriffen „um die Hoffnungen und Aus-\nsichten für die deutsche Kunst nach dem Kriege zu\nbesprechen\". Die Aussichten werden nun schon\nseit Jahrzehnten in zahllosen Bildern besprochen,\nund die Hoffnungen sind nicht abergläubisch genug,\num sich besprechen zu lassen. Namentlich nicht\nvon Einem, der das Wort nicht führen kann. „Er\nknüpft hierbei an die letzte Ausstellung der Ber-\nliner Akademie an, und weist darauf hin, daß der\nSenat der Akademie bei dieser Gelegenheit den\nBurgfrieden in der Kunst verwirklicht habe, indem\ner zur Beschickung der Ausstellung auch die Mit-\nglieder der Sezession aufforderte.\" So meldet die\nPresse. Die Sezession, das arme Volk, fühlte sich\nzu einsam auf jener Höhe, die sie einst erklettern\nwollte und zieht reuig in -die Burg wieder ein, wo\ndie Heimchen den Frieden bezirpen. Die edlen\nGreise der Akademie drücken sie an die bewährte\nVaterbrust und die Kunst geht dieses rührende\nFamilienidyll eigentlich gar nichts an. Aber für\nWilhelm von Bode, dem sonst nichts natürlich ge-\nnug ist, ist dieses Natürlichste von Natur ein Zei-\nchen der Zeit. Vielleicht man kann es nicht genau\nnoch wissen: „Ist das ein Zeichen des Friedens,\nder im Kampf der Künstlerparteien eingetreten\nist? Oder ist das nur der Burgfrieden, der hier\nzum Ausdruck kommt, und wird der Kampf nach\ndem Frieden in diesem Weltkampf von neuem be-\nginnen? Nach anderen Ausstellungen, wie sie\ngleichzeitig in München wie hier in Berlin und\nsonst von den Kunsthändlern und Sezessionen ver-\nanstaltet werden, sieht es allerdings noch nicht\nnach einem dauernden Frieden innerhalb der deut-\nschen Künstlerschaft aus; ja, manche Zeichen deu-\nten auf Sturm.\" Die deuten nicht nur, Herr Direk-\ntor, der Sturm ist bereite da. Sie sitzen nur so ein-\ngeschlossen in Ihrem Kunstmuseum, daß Sie den\nSturm nicht sehen, der Ihnen vor den Fenstern\nheult. Durch Schließen der Fenster ist er allerdings\nnicht abgewendet und manche Gläser wer-\nden noch springen, die jetzt den Kunstkennern vor\nden Augen sitzen. Durch einen Weltkrieg wird die\nKunst noch nicht gemordet. Die Kunst hat schon\nmanchen Weltkrieg überstanden. Und manchen\nDirektor, der sie leiten wollte. „Ich fürchte, daß\ndas große Publikum in der allgemeinen Annahme,\nder Krieg habe gründlich aufgeräumt mit den de-\nkadenten Andeutungen der modernsten Kunst, eine\ngroße Enttäuschung erleben wird. Wir werden\nuns also auf einen neuen Kampf vorbereiten müs-\nsen, der nicht bloß durch stille Verachtung dieser\nneuen Kunst erledigt werden kann.\" Stille Ver-\nachtung war stets ein fragwürdiges Kampfmittel.\nIm Kampf gegen Windmühlenflügel ist es reich-\nlich gut genug. Da kommt dieser tapfere Ritter da-\nher, hält einen Sonnenaufgang für Untergang, hält\ndie Kunst für eine Täuschung, während die Täu-\nschung ihm keine Enttäuschung bereitet, und will\ndem Publikum eine Enttäuschung einreden, das\nlebhaft dabei ist, einen guten Tausch zu machen.\nHerr Bode hat nun etwas Besonderes getan, er hat\ndie erwähnte Akademieausstellung studiert. Offe-\nnen Auges und mit gesunden Sinnen studiert. Diese\nAusstellung »enthielt bekanntlich zahllose ölhaltige\nBilder und wie sich das so für eine nette richtige\nAusstellung gehört: eine Zuschuß Plastik. Nach\nreiflichem Studium dieser Oelaiusstellung ist „Bode\nzu der Ueberzeugung gebracht, daß die gesünde-\nsten und hoffnungsvollsten Elemente des deutschen\nKunstschaffens augenblicklich in der Bildhauer-\nkunst zu finden seien.\" Die bisherigen allerersten\nOelkräifte haben trotz gefälliger Mitwirkung der\nSezession selbst einem Museumsdirektor so wenig\ngefallen, daß er sich auf die paar Plastiken stürzen\nmußte. „Besonders in den größeren Arbeiten [sie\nfallen naturgemäß mehr in die Augen] findet er\ngroße Gedanken treffend und würdevoll verkör-\npert.\" Ein großer Gedanke muß immer in einer\ngrößeren Arbeit stecken. Wo soll der sonst; Platz\nfinden? So eine große gesunde Arbeit hat außer-\ndem auch Raum für Würde. Ein verkörperter Ge-\ndanke wird durch entsprechende Zutaten auch\nrecht klar, insbesondere, da man nicht sein Hand-\nwerk, sondern das Handwerk der Anderen zu\nkennen braucht. Wer diese Kenntnis auf anderen\nGebieten menschlicher Lebensbetätigung nicht\nhat, wird die Damen beim besten Willen nicht\nunterscheiden können. Herr Bode soll mir einmal\ndie „Industrie\" von der „Landwirtschaft\" unter-\nscheiden. Wenn er nicht griechisch gelernt hätte,\nmüßte er totsicher bei der „Tragödie\" lachen, und\ndie „Komödie\" für einen schlechten Witz halten.\nWenn die „Gerechtigkeit\" einmal gelegentlich ihre\nBinde ablegt, sieht sie der „Trauer\" zum Verwech-\nseln ähnlich. Und der „Tod\" und der „Friede\" we-\ndeln sogar mit dem gemeinsamen Palmenstengel.\nAber große Gedanken sind sie alle. Und verkörpert\nsind sie auch so gründlich, daß nur ein Blinder sie\nerkennen kann. Herr Bode weiß sogar, wie man\nGedanken verkörpert, wie es gemacht wird: „Sie\nsind entstanden auf Grund sorgfältiger Naturstu-\ndien, aber durch Vermeidung des Zufälligen, Im-\npressionistischen, sind sie aus einer nüchternen\nAktfigur zu allgemeinerer Schönheit in typischer\nder Idee angepaßter Form durchgebildet. Hier ist\nalso etwas erreicht, was die neue Kunst sich zum\nZiel setzt, aber auf kürzeren, revolutionären We-\ngen zu .erreichen sucht.\" Also ist es doch eine\nneue Kunst, die Herr Bode sucht, und die der\nHerr Engelmann und der Herr Schmarje schon er-\nreicht haben, wenigstens in der Plastik. Man weiß,\ndaß die Bestätigung des Herrn von Bode Gold\nwert ist. Wer einen Lionardo erkennt, wird auch\neinem Schmarje zu seinem Recht verhelfen kön-\nnen. Herr Engelmann war hingegen schon läng-\nstens bestens bekannt. Nur die Bestätigung der\nneuen Kunst wird ihm seine alten Käufer abschrek-\nken. Es gibt nichts Neues, was dem Alten nicht\ndekadent erschien. Das Alte greift immer zum Er-\nsatzmittel. Für die Liebe die Liebelei. Für die\nKunst die Künstelei. Das sind so natürliche Tat-\nsachen, daß es stets Sache der Tat war, die Tat\nam Sächlichen zu beweisen. Man fühlt aus jedem\nWort des Herrn von Bode, daß er weiß und daß\ner zu zittern beginnt. Schmarje und Engelmann\nsind die Krücken seines Alters, an denen er sich\nzu beweisen sucht, was ihm, dem Historiker, die\nHistorie beweist. Glaubt Herr von Bode wirklich,\ndaß es je einen großen oder kleinen oder keinen\nKünstler gegeben hat, der nicht nach seiner An-\nsicht aus einer nüchternen Aktfigiir eine allgemei-\nnere Schönheit in typischer der Idee angepaßter\nForm durchzubilden geglaubt hat? Impressionis-\nmus ist ihm Zufall. Wo es doch gar nichts Natür-\nlicheres mehr gibt als den Impressionismus. Oder\nist Herrn von Bode vielleicht auch die Natur nicht\nnatürlich genug, sodaß also ihre Zufälligkeiten zu\nvermeiden seien. Oder ist etwra die nüchterne Akt-\nfigur die wahre Natur, die erst zur Höhe der\nKunstanschauung der neuen Kunst des Herrn von\nBode heraufgebildet werden soll oder muß. Oder\nglaubt Herr von Bode wirklich, daß die Impressio-\nnisten die Form nicht ihrer Idee angepaßt haben,\ngenau so sehr wie es der Herr Engelmann bei sei-\nnen Gipsfiguren tat. Die Idee dürfte also wohl\nbei allen diesen verschiedenen Herren nicht ganz\ngestimmt haben. Denn das Denken ist unter Um-\nständen auch eine Kunst. Nur kann man das Den-\nken nicht in Kunst verkörpern. Gibt es für die Ma-\nlerei eine bessere der Idee angepaßte Form als\ndie Idee des Bildes. Diese Idee sitzt der Form\nwie angegossen. Diese Idee braucht der Form nicht\neinmal angepaßt zu werden, denn diese Idee ist\ndie Form. Wer sich zu gut dazu ist, um einfach\nein Bild zu malen, soll lieber Denker oder Muse-\numsdirektor werden. Dann kann er sich über Bil-\nder Gedanken machen. Er soll aber nicht glauben,\ndaß seine Gedanken, die großen Gedanken, die\nganz großen Gedanken, würdevoll in Bilder hin-\neingemalt werden. So ein kleines Bild, wenn es\nBild ist, schmeißt die größten Denker um. Denn\nsie konnten ja erst denken, als ihnen das Bild ge-\ngeben wurde. „Um wieder zu einer echten stil-\nvollen Kunst zu gelangen, werden sich die deut-\nschen Künstler auf der Linie der Zeichnung sam-\nmeln müssen, nicht im Kubismus, der keine Zei-\nchenkunst, sondern ein mathematisches Schajra-\ndenspiel ist, sondern in strenger Zeichnung, auf\ntreuer Naturbeobachtung.\" Eine Sammlungspoli-\ntik auf der Linie der Zeichnung ist insofern etwas\nschwierig, als die Linie die Zeichnung ist. Sie\nhören es jetzt vielleicht, Herr von Bode, da Sie\nes schon nicht sehen, daß das Wort sich nicht\nso leicht ergreifen läßt. Aber wir sind sonst voll-\nkommen einig, was die Linie anbetrifft. Nur gehen\nIhre Linien auseinander auf Grund der Zufällig-\nkeiten der treuen Naturbeobachtung, während\nmeine Linien sich im Bilde treffen. Ihre Linien,\nHerr von Bode, gehen immer über den Rand der\ngegebenen Fläche hinaus. In den Himmel, meinen\nSiQ, während diese armen Linien nur unter den\nZeichentisch gefallen sind. Sie beobachten ange-\nstrengt die Natur, statt des Blatts Papier, auf dem\nSie zeichnen. Kein Wunder also, daß die Linien\nschief und krumm durcheinander gehen, während\nIhrem so überaus geistigen Auge sich ein Baum\nbildet, dessen Zweige zwar sehr viele Stiele\nhaben, im übrigen aber alles anders ist alsi der\nStil, den Sie auf der Linie der Zeichnung sammeln\nwollen, während Sie sich gespannt in den Adern\nder Blätter verlieren. Und zwar so gründlich, daß\nSie bei den ergreifenden Worten „Linie der Zeich-\nnung\" nicht einmal eine Linie, geschweige denn\neine Zeichnung gesehen haben. So einfach ist die\nSache mit dem Kubismus denn doch nicht, Herr\nDirektor, trotzdem die Sache eigentlich so einfach\nist. Aber am Grabe der Anderen gehe ich die Hoff-\nnung noch nicht auf. Man muß diese tiefen Worte\nso sorgfältig mit feinen silbernen Reißnägeln auf\ndie Linie der Zeichnung heften, bis die Herren\nDenker vielleicht einmal auf das Papier gütigst\nihre Augen senken, die am Harz des Baumes der\nNatur festgeklebt sind.\nDer glückliche Gedanke\n„Selbst die Verirrungen der neuesten Kunst be-\nweisen, daß ein Losringen aus den Banden des\nverkommenen Impressionismus zu stilvollerer"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10996, "texte": "Kunst ein Bedürfnis ist\". Herr Direktor Bode, der\nden Impressionismus nie begriff, weil er ihn nicht\nfassen konnte, findet ihn jetzt verkommen. Trotz-\ndem scheint er noch recht kräftig zu sein, da Herrn\nBode das Losringen aus den Banden des verkom-\nmenen Subjektes objektiv so schwer fällt, daß er\nden gewünschten Befreier für eine Verirrung hält\nNatürlich irrt der Mensch, aber Herr Bode ist un-\nfehlbar und eine stilvollere Kunst ist ihm Bedürf-\nnis. Vom Teufel befreite ihn ein Engelmann. Glück-\nliche impressionistische Momente kamen den\nhimmlischen Heerscharen zu Hilfe: „Bei den\njüngst abgeschlossenen Erneuerungen des Weima-\nrer Goethehauses hatte es sich hauptsächlich dar-\nnm gehandelt, in die Eingangshalle mehr Stim-\nmung zu bringen.\" Goethe hatte es in seinem Haus\noffenbar nicht stimmungsvoll genug gehabt, we-\nnigstens nicht für die Ansprüche von gewissenhaf-\nten Kunstkennern. Das Fehlen der Stimmung verur-\nsachte logisch das Vorhandensein einer Idee. Auf\ndeutsch: eines Gedankens: „Dabei war man auf\nden glücklichen Gedanken gekommen, es sollte das\nAuge des Eintretenden durch die in die rückwär-\ntigen Räume führende Flügeitüre direkt auf ein\nplastisches Bildnis des Meisters selbst fallen\".\nManche Leute haben direkt ein Glück, auf glück-\nliche Gedanken zu kommen. Wenn auch dadurch\ndem Meister der Eintritt durch die in die rückwär-\ntigen Räume führende Flügeltüre mit seinem eige-\nnen plastischen Bild verstellt wird. Aber der Mei-\nster braucht wiederum glücklicherweise nie mehr\ndie rückwärtigen Räume, wenn andere Leute vor-\nwärtige Gedanken haben. Das Auge der Vorwär-\ntigen fällt auf das plastische Bildnis und ist des-\nhalb für den Meister nicht mehr zu haben. Nun war\nder glückliche Gedanke gekommen. „Nun war\naber unter dem bereits vorhandenen Büsten- und\nStatuen-Schatz kein passendes Objekt zu finden,\ndas dieses Platzes würdig gewesen wäre.\" Ich\nbin überzeugt, daß man nicht einmal eine Reise\nnach Berlin zu einer der zahlreichen Gipsfiguren-\nhandlungen scheute, um ein passendes Objekt zu\nfinden. Der Schiller war da, der Goethe aber aus-\nverkauft. Die Nachfrage nach Goethe war nicht\nso groß wie nach Schiller, sodaß es sich offenbar\nnicht lohnte, ein reichhaltig assortiertes Objekt-\nlager ständig zu halten. Ein Engelmann kam den\nLeuten zu Hilfe. Er wurde „betraut mit der Auf-\ngabe, zu diesem Zweck eine Goethebüste zu schaf-\nfen.\" Er schaffte das passende Objekt für die Flü-\ngeltüre zu den rückwärtigen Räumen sehr schnell,\ndenn schon im nächsten der Betrauung folgenden\nSatz dieses Presseberichts steht es da. Fein. „In\nfeinem Serravezza-Marmar gearbeitet zieht das\nvornehm erfaßte Steinporträt den Blick in das\nschummerige Licht der inneren Gemächer.\" Beide\nFlügel der Flügeltüre sind dem vornehmen Objekt\ngeöffnet. Das Auge fällt auf das Steinporträt. Es ist\nso vornehm leicht, daß man es gar nicht sieht, son-\ndern der Blick direkt auf das schummerige Licht\nder inneren Gemächer fällt. Vom schummerigen\nLicht rückwärts wendet sich der Blick auf das\nSteinporträt. Trotz der vornehmen Fassung ist der\nganz gewöhnliche Goethe vom Steinporträtisten\nfein gewählt worden: „Engelmann stellt Goethe\ndar in der Kleidung, wie der Meister sie für ge-\nwöhnlich zu tragen pflegte.\" In Beziehung auf die\nrückwärtigen Räume hatte man dem Meister den\nSonntagsrock nicht angezogen. Er war auf diese\nWeise sozusagen mehr bei sich, bis auf den Blick\nder Vorwärtigen. „Aus dem Antlitz, dessen unge-\nwöhnliche Länge und Schmalheit übrigens auffällt,\nspricht als bestimmender Wiesenszug nicht in\nerster Linie Willenskraft, wie etwa bei der be-\nkannten Rauchschen Statue, sondern der große\nDichter ladet uns hier, ganz Güte und Vertraulich-\nkeit, mit einem verhaltenen Lächeln in die er-\nhabene Stille seiner Wohnung.\" Die Vertraulich-\nkeit ist etwas plump. Die erhabene Stille der\nWohnung wird durch die herumgestreuten fallen-\nden Augen nicht gerade stimmungsvoller. Die\nEinladung des großen Dichters kommt überhaupt\netwas post festum. Leute einzuladen, wenn man\nselbst weggeht, ist soviel Güte, daß selbst das\nSteinporträt sich eines verhaltenen Lächelns nicht\nerwehren kann. Die bestimmenden Wesenszüge,\ndie Nachschaffende ganz Güte bestimmen, kommen\nimmer auf das falsche Gleis, die Willenskraft wird\nstets bei der letzten Haltestelle verlassein. Das\nEinzige, was übrigens auffällt, die ungewöhnliche\nLänge und Schmalheit, läßt sich bei dieser Be-\nhandlung recht gut verstehen. Ich halte sie für\neinen glücklichen Oedanken. Wenn aber diese\nganze Steinmeisterei nicht Impressionismus sein\nsollte, weiß ich nicht, was Expressionismus ist.\nDer Spiegel der Modernität\nNachdem die Wissenschaft mit ihren plumpen\nFüßen über alle menschliche Gebiete getrampelt\nist, hat sie sich nunmehr auch ein „Lehrbuch des\nLachens\" geleistet Der Verfasser führt den sonni-\ngen Namen Adolf Schafheitim ;und ist, wie der;\nZüricher Verleger mitteilt, in literarischen Fach-\nkreisen bekannt Ich habe dieses Lehrbuch des\nLachens natürlich nicht gelesen, «denn ich weiß\nnicht nur, wie man lacht, sondern wie man lachen\nmacht daß die Andern zu heulen beginnen, Ich\nhabe auch schon zu oft in die beschlagenen Spie-\ngel der Modernität gesehen. Wenn ich an einer\nEcke etwas vorsichtig wischte, stand immer ein\nliterarischer Fachmann dahinter. Dieses neue\nLehrbuch des Lachens ist nicht nur in seinem Un-\ntertitel „ein Spiegel der Modernität\", es ist auch\n„eine Lebensprüfung\". Die Prüfung nach diesem\nLehrbuch ist sicher ein Durchfall für das ganze\nLeben. Wohl diesem Schafheitlin, daß er nach drei-\nhundertvierundvierzig Seiten im Oktavformat mit\nzwei Porträts zum Preis von Fr. 7,50 (6 M.) ge-\nbunden in Lwd. 9 Fr. (M. 7,20) noch die Empfeh-\nlung seines Verlegers überlebt hat. Eine achtbare\nLeistung, denn der Verfasser ist, nein steht in sei-\nnem vierundsechzigsten Lebensjahre: „In diesen\nernsten Kriegszeiten ein Lehrbuch des Lachens zu\npublizieren? — Welch ein kurioser Kauz! Er ist\ndies aber vielleicht doch nicht ganz, wenn man er-\nfährt, daß der Verfasser dieser Lachkunst in sei-\nnem vierundsechzigsten Lebensjahre steht, ergo\nkeine Zeit mehr hat zu warten. Bekannt\nist der Verfasser (Konstanzer) außer in lite-\nrarischen Fachkreisen, wohl kaum, ob er\ngleich seit einigen dreißig Jahren — (frei-\nlich der Heimat fern, in Italien lebend) — ernst\nund unverdrossen geschaffen und publiziert hat.\"\nNach diesen ernsten dreißig Jahren, der Heimat\nfreilich fern und in dem ausgezeichnet künstleri-\nschen Italien lebend, mußte er ergo aus dem Lachen\nein Lehrbuch machen. „Daß er trotz dieses eigen-\ntümlichen „Erfolges\" nicht die gute Laune ver-\nloren, beweist das vorliegende Buch, das über die\nganze Modernität Streiflichter wirft, aber noch\nmehr ist: ein Abschiedsgruß, ein Vermächtnis.\"\nAlso das literarische wehmütige Lächeln. Zum\nLachen hat es noch immer nicht gereicht, trotz\ndieses falsch dekliniertem, eigentümlichem Er-\nfolge, durch den er zwar nicht die gute Laune ver-\nloren hat, aber durch den das Verloren das Hat\nverlor. Was wie immer außerordentlich dichterisch\nist. „Die ernste Zeit hat auch darin ernstes Schaf-\nfen hinterlassen.\" Streiflichter sind nie ganz zu-\nverlässig. „Aber trotzdem ist die Stimmung des\nGanzen, wie es der Titel verlangt, heiter — und\nendet, wie es der Verfasser mit einem stillen See-\nlenwunsch für sein Leben hofft: sonnig.\" Und\nwenn die Sonne längst schon untergegangen ist,\nwird bei so starker Stimmung auf das in Lwd. ge-\nbundene Exemplar des Lehrbuchs des Lachens\nnoch ein letzter Mondstrahl fallen, zurückgeworfen\nvom Spiegel der Modernität.\nEau de Köln\nEin Herr, der über den urdeutschen Namen\nHermann Jaques verfügt, hat einen Roman „Der\nneue Werther\" geschrieben, der in dem Deutschen\nVerlagshaus mit dem deutschen Beinamen „Vita\"\nerschienen ist. Die Kölnische Zeitung verwechselt\nden alten Werther mit dem alten Wilhelm Teil und\nmacht sich aus dem neuen Jaques einen neuen\nKampfgenossen gegen das, was sie für Modernität\nhält. „Wie sich gezeigt hat, wucherte das Uebel\nsolcher entgleister Qeistesrichtungen nur in ver-\nhältnismäßig kleinen Kreisen der Großstadt, aber\ndiese kleinen Kreise hatten doch einen gewaltigen\nEinfluß auf die schöngeistige Literatur nicht nur,\nsondern auch auf das Feuilleton und die Kunstkritik\nder Tagespresse. Es wäre schon vor Jahren sehr\nnötig gewesen, zu verhüten, daß solche von der\nallgemeinen deutschen Gesinnung losgelösten in\nder Großstadt herumirrenden Kulturzigeuner ver-\nhindert worden wären, eine geistig führende Rolle\nin Deutschland zu spielen.\" Die Kölnische Zeitung\nbeweist täglich, was sie unter entgleisten Geistes-\nrichtungen und Kulturzigeunern versteht. Nämlich\ndie Künstler. Der Einfluß der Künstler wird sich\nnicht dämmen lassen, noch sich auf die Redaktion\nder Kölnischen Zeitung ergießen. Die allgemeine\ndeutsche Gesinnung ist jedenfalls nicht im Verlag\nder Kölnischen Zeitung erschienen. Und daß die\nKölnische Zeitung Köln für keine Großstadt hält,\nbeweist sie täglich selbst durch ihre Presse. Die\ndeutsche Gesinnung wird aber nicht dadurch be-\nwiesen, daß man Namenlose namenlos angreift und\nsich hinter dem neuen Jaques versteckt, sondern\ndaß man endlich einmal Farbe bekennt, vor der\nsich die Kölnische Zeitung allerdings ganz beson-\nders ängstigt. Jede Stadt hat die Presse, die ver-\ndient. Die Kölnische Zeitung hat noch nicht das\nAlter des Kölner Doms und das Kölnische Wasser\nhieß vor dem Kriege Eau de Cologne. Aber selbst\ndieses Eau de Cologne ist nicht von Dumont\nSchauberg, dem Verleger der Kölnischen Zeitung,\nherausgebracht. Und der einzige Helfer, der mit\nNamen genannt wird, ist außer Herrn Jaques der\nMaler Momme Nissen, der etwas faul im Staate\nDänemark ist. Lassen wir, meine Herren Kölner\nvon der Zeitung, das Deutsche also lieber etwas\naus dem Munde und bringen wir lieber dafür die\nentsprechende Gesinnung herauf. Das Deutsche ist\nwirklich zu gut dazu, um künstlerische Ahnungs-\nlosigkeit darunter zu verstecken. Der Einfluß der\nKünstler, der deutschen Künstler, läßt sich nicht\nvermeiden. Aber Ihr Feuilleton, sehr geehrte Re-\ndaktion, soll Ihnen ungereinigt bleiben.\nDie Kulturaufgabe der Literatur und ihre praktische\nVerwertung für die Städte Westpreußens\nHerr Brausewetter-Danzig, der nunmehr durch\nmich zu einem achtbaren Namen gekommen ist,\nder Kämpfer Matthäi, hat eine Rede auf dem zwei-\nundzwanzigsten westpreußischen Städtetag gehal-\nten. Er führte aus: „Nur wo die Kunst von\nethisch religiöser Inbrunst und von schöpferi-\nschem Ku 11 u r geist erfüllt ist, hat sie Ewigkeits-\nwerte.\" Das stimmt bis auf die ethische Kul-\ntur. „Die unmittelbarste und stärkste unter den\nKünsten aber ist die Dichtkunst\". Sie ist zwar die\nmittelbarste, aber um die zwei Buchstaben wollen\nwir uns nicht streiten. „Den Inbegriff der Dicht-\nkunst, ihre Entwicklung und ihre Werte, wie die\nSumme ihrer Schöpfung gibt uns die Literatur.\"\nGewiß, die Literatur gibt uns Alles, nur nicht die\nDichtkunst. Nach diesen ausgeführten Sätzen, mit\ndenen er sich und den westpreußischen Städtetag\nsehr anführte, „warf der Redner zwei Fragen auf.\n„Ist die schöne Literatur ein Kulturfaktor? Wenn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7154, "texte": "nicht, wie kann sie es werden?\" Wenn ich diese\nbeiden Fragen vor der Antwort auffange, so würde\nich sagen, daß A: die schöne Literatur mehr ein\nKulturproduikt als ein Faktor ist und B: sie es trotz\naller Rechenkünste nie werden kann. Hingegen ist\nHerr Brausewetter anderer Meinung, was ja aber\nnichts macht, denn mit der Meinung ist noch nichts\ngetan: „Wenn die Literatur heute die ihr gebüh-\nrende Stellung nicht hat, dann liegt es an zweier-\nlei Umständen: an dem schlechten Geschmack des\nPublikums, der die Verleger zwingt, lüsterne und\npikante Ware auf den Markt zu bringen, der den\nKolportageroman, die Operette und das Kino\nhätschelt und an dem wässerig-sentimentalen Ton,\nauf den die sogenannten Familienblätter heute ge-\nstimmt sind. Für Beides führte der Redner Bei-\nspiele aus seiner Erfahrung an.\" Das muß eine\nschöne Literatur sein, aus der der Herr Redner\nseine Erfahrungen sammelt. Also nicht die Litera-\ntur ist zur Abwechslung einmal schuld, sondern\ndas Publikum und die Familienblätter. Da habe\nich nun bei meinem eifrigen Studium der Tages-\npresse die Erfahrung gewonnen, daß die Kunst,\ninsbesondere die neue Kunst, schuld an dem fal-\nschen Rechenexempel sei. Herr Brausewetter\nselbst hat es mir von Danzig aus zugeschrieen,\nüber die Lande. Nun habe ich umsonst gelesen,\nwährend der Verleger lüsterne und pikante Ware\ngegen bar auf den Markt brachte, die Kinder alle,\ndie er hätschelte, den Kolportageroman, die Ope-\nrette und das Kino. Nun habe ich umsonst bei den\nsogenannten Familienblättern Erholung von meiner\nDekadenz gesucht, während die Kadenz auf einen\nwässerig-sentimentalen Ton gestimmt war, wie\nmir ein Brausewetter versichert. „So ist es so\nweit gekommen, daß wir einmal heute in einer\nhysterischen Renaissance leben, daß es zum An-\ndern für die Dichter unserer Tage nichts mehr zu\nlösen gibt als das alte Rätsel, wie Hans die Grete\nfand.\" So weit gehe ich mit Herrn Brausewetter\nnicht mit. In der Renaissance leben wir zweifellos,\naber die Hysterie der Renaissance ist von Pappe\nund wenn das alte Rätsel gelöst sein wird, wie\nHans die Grete fand, wird der Herr Brausewetter\nder Zukunft nicht nur vergeblich die schöne, Lite-\nratur suchen, er wird überhaupt nicht einen einzi-\ngen Dichter finden, an deren Stelle nunmehr ja\ndie Kulturfaktoren treten sollen. „Um aus der Nie-\nderung wieder Höhenluft und Höhenperspektive\nzu gewinnen, tut uns eine Literatur not, die nicht\nihre Seele prostituiert, indem sie dem nervösen\nRhythmus des modernen Erwerbs- und Vergnü-\ngungslebens sklavische Konzessionen macht, die\nsich andererseits nicht vom Leben in vornehmer\nErhabenheit isoliert, diesem vielmehr läuternde\nKräfte mitteilt.\" Die Perspektive ist verzeichnet.\nDenn nicht die Literatur macht ja, wie ich eben\nhöre, die sklavische Konzession, sondern das Pu-\nblikum hat seinen Spaß an der Prostitution. Da\nwird die läuternde Seele nicht mit dem großen\nReinwaschen fertig werden. Die Literatur ist näm-\nlich schon ganz rein gewaschen, aber man kann\nnicht von ihr verlangen, daß sie sich noch mit dem\nAbwaschen anderer Leute abgibt. Sie wird wohl\nso lange in ihrer vornehmen Erhabenheit bleiben,\nbis die Andern selbst so gut sind, sich zu säubern.\nMan kann doch nicht von der reinen Wäsche for-\ndern, daß sie die Waschfrau reinigt. Andererseits\nist es vielmehr richtig. Aber die Waschfrau mit\nschmutzigen Händen ist für ihren Beruf nicht ge-\neignet. „Wir machein uns\", sagt Herr Brausewet-\nter: „die Literatur zu eigen durch Verständnis für\ndas Echte und Wahre, das sie uns bringt, durch\nPrägung ihres Geistes in unserem Denken und\nHandeln.\" Nun handelt es sich nur noch darum,\ndie Literatur zu finden. „Das beste Mittel einer\nsolchen Uebereignung ist der lebendige von tiefem\nVerständnis und warmer Liebe auch von der\nFähigkeit, den Dichter selber reden zu lassen er-\nfüllte Vortrag.\" Also der Herr Brausewetter ist\nauch Dichter. Der von der Fähigkeit, den Dichter\nselber reden zu lassen, erfüllte Vortrag des Dich-\nters Brausewetter ersetzt Bände schöner Litera-\ntur. Und was so ein erfüllter Vortrag Alles kann,\nwenn er gut gepflegt wird. Er ersetzt nicht nur\nganze Bände schöner Literatur, nein, auch Haufen\nvon Theatern. Dies besonders in Westpreußen:\n„Soll die Literatur ihre kulturelle Kraft für\ndie Städte Wiestpreußens erweisen, so gilt es\nhier, besonders in den Städten, die gar kein,\noder, was viel schlimmer ist, ein auf niedrigem\nkünstlerischem Niveau stehendes Theater besitzen,\nsolche Vorträge zu pflegen.\" Ein Brausewetter\ngeht über ganz Westpreußen nieder, daß die Theat\nter auf ihrem niedrigen Niveau erzittern. Ganz\nWestpreußen machte unmittelbar darauf einen\nwohlgepflegten Eindruck: „Der Redner teilte aus\nseiner Erfahrung mit, eine wie reiche Zu-\nhörerzahl solche Vorträge über Goethe, Shakes-\npeare, Ibsen und andere große Dichter stets in\nden Städten gefunden.\" War das nun schlechter Ge-\nschmack des Publikums oder hatte diese schöne\nLiteratur keinen Verleger gefunden, oder wenn\nnicht, wie kann es noch D: in Westpreußen wer-\nden? „Er trat warm dafür ein, daß solche Vorträge\nvon den maßgebenden Kreisen der Städte selber in\ndie Hand genommen werden sollten.\" Bei einem\nso wohlgepflegten Vortrag werden sich die Kreise\nnicht scheuen, sich vielmehr vor lauter Maßgeb-\nlichkeit um sich selber drehen. „So kann die Lite-\nratur ihre Aufgabe erfüllen, sauerteigartig in das\nLeben und Arbeiten des Tages einzutreten\". Ohne\nBrotkarte. Der Tag wird sich ganz künstlerisch\nvorkommen und die Literatur hat ihre Aufgabe er-\nfüllt, A: ein schöner Kulturfaktor zu sein, B: das\nBrot des Lebens zu gebein, C: das trockne Brot\ndurch die Fähigkeit, den Dichter selber reden zu\nlassen, erfüllt zu machen und D: wenn sie nun\nnoch kein Kulturfaktor ist, den letzten Platz zu be-\nkommen, wieil sie ihre Aufgabe bei einem so guten\nLehrer nicht zu lösen imstande gewesen ist.\nDer teure Courier\n„Der Sturm, eine Zeitschrift, die bei allen Nor-\nmalempfindenden stürmisches Kopfschütteln er-\nregen muß, ist bisher von den Stürmen dieser gro-\nßen Zeit noch nicht fortgeweht.\" So windig drückt\nsich der normalempfindende „Hannoversohe Cou-\nrier\" aus, ohne sich darüber zu wundern, daß die\ngroße Zeit sein Cou noch nicht zu einem Ku um-\ngewandelt hat, da er doch schon wie eine Kuh vor\ndem neuen Tor steht. „Sie dient nach wie vor der\nKultur und den Künsten und kann wirklich die\nDeutschen in den üblen Ruf bringen, Barbaren zu\nsein.\" Der „Hannoversche Courier\" läuft an der\nKultur und den Künsten vorbei, und kann wirklich\nüble Kunstbarbaren in den Ruf bringen, Deutsche\nzu sein. „Bisweilen dient sie aber auch dem Hu-\nmor, dem unfreiwilligen. So bringt die neueste\nNummer Gedichte von August Stramm; ein paar\nProben werden sicherlich unseren Lesern Vergnü-\ngen machen.\" Wenn der „Hannoversche Courier\"\nseinen Lesern ein Vergnügein machen will, darf er\nweder die Mühe seines freiwilligen Humors, aber\nnoch weniger die Kosten des Nachdruckshonorars\nscheuen. Nicht immer kommen den sehr geehrten\nRedaktionen billige Witze teuer zu stehen. Herr\nHauptmann August Stramm, Ritter des Eisernen\nKreuzes, wird die unfreiwillige Flasche Sekt des\n„Hannoverschen Couriers\" mit freiwilligem Humor\nim Felde trinken.\n\nHerwarth Walden\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "54", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.2.4", "titre_corps": "Kinderland", "titre_sommaire": "Kinderland", "signature_source": "Sophie van Leer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.4", "debut_caractere": 7156, "fin_caractere_exclue": 8720, "texte": "Kinderland\nSophie van Leer\n\nDie Gespielin\nMadie, komm\nund spiel mit mir\nMädie, hör\ndie Postkutsche ist da\ndein Papa ist angekommen\nMadie, du mußt Unkraut jäten\nauf deinem Beete wächst es hoch\nUnd ich muß Fallen stellen\ndie Spatzen stehlen die Kirschen von deinem Baum\nAn der Leiter bei der Scheune\nFehlen viele Sprossen\nDer Gärtner muß neue zimmern\nDer Haken an der Schaukel\nmuß geölt werden\nUnd die Angeln an der Gartentüre\nbrauchen neue Schrauben\nUnd der Brunnen muß gesäubert werden\ner ist ausgetrocknet\nund Sand und Steine darin\nUnsere Spieluhr hat ihren Schlüssel verloren\nund die feinen Zähnchen\ndie beim Drehen der Walze\nauf und niederwippten\nblinken nicht mehr\nDas bunte Bildchen\nauf den Deckel\nist verwaschen\nMädie, dein Puppenhaus ist leer\nund die Fensterchen zerbrochen\nAuf dem Sandhaufen\ndunkle dünne Holzformen\nWillst du nicht Kuchen backen?\nMädie, komm\n- 1\ndie Mutter ruft\nDie Uhr schlug sieben\nDu mußt schlafen gehen\nOben auf dem Bettchen\nliegt dein hübsches, weißes Kleid\ndas sollst du morgen anziehen\nmorgen ist es Sonntag\nKnabe\nIch schleiche über den Fahrdamm\nund sehe mich scheu um\nIn der Schule habe ich meine Bank\nganz hinten an der Wand\nin meiner Tasche trage ich einen kleinen Spiegel\ndien ziehe ich oft hervor\nDraußen streiche ich\nkrampfig\ndie dunkeln Ränder\ndarüber meine Augen glasen\nich meide die Freunde\nund geh allein nach Hause\nNiemand siÄt mich\nwenn ich abends\nvorm Schlafengehen\ndie Kissen und Decken\nweit von mir werfe\nNiemand hilft mir\nwenn ich lange nach Mitternacht\nmeinen einsamen Knabenkörper . 112\nauf die harte Diele bette '"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 573, "texte": "Niemand sieht die wirren Träume\nmeiner Schlaflosigkeit\nAber Niemand weiß die Qual\ndie ich leide\nwenn meine Mutter zu mir spricht\n*\nMädchen\nMeine Liebe ist eine Kapsel aus Sonne\nUm dich, Madonna mit den Mandelaugen\nDie matten Lider\n'i\nwölben über deine Augen\nSilbern träumt cjein Mund\nUm deine milden Glieder\nranken weiße Rosen\nGlutend ragen Sonnenstrahlen\num die blassen Schultern .\nDeine Hände falten\n)\nSchmal ist der $aum\ndeiner Silberfüßf\nWarm zittern Rösen\nin deiner Hand •\nKühl strahlt deinf Himmel\nim Mittag <\nMeine Liebe ist < eine Kapsel aus Sonne\num Dich, Madontie"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "53", "page_fin": "53", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Friedländer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.6", "debut_caractere": 575, "fin_caractere_exclue": 8866, "texte": "Geist und Krieg\nDr. S. Friedländer\nWelche relativen Ursachen man auch immer als\nBewirkerinnen des „Weltkrieges\" ansehe, oder\nwelche einzelnen: Personen man vielleicht als des-\nsen Anstifter feststellen möge, so wird man doch\nam besten tun, sich darauf zu besinnen, daß ersten\nund letzten Endes die eigentliche Ursache in Dem\nzu suchen ist, was man zum Unterschiede von allem\nAeußerlichen, Vereinzelten, Relativen wesentlich\nals Geist, Innerlichkeit, Seele, Herz, Gemüt, selbst-\nschöpferisch zu nennen pflegt. Ohne diese (beson-\nders in der deutschen Philosophie so bedeutsam\ngetroffenen) Unterscheidung zwischen Subjekt lind\nObjekt, Innen und Außen, Wesen und Erscheinung,\nAbsolut und Relativ steht man besonders vor die-\nser kriegerischem Menschenkatastrophe wie vor\neinem eigentlich unlösbaren Rätsel, man begreift\nihren Sinn und Zweck nicht gründlich und gibt sich\nmit irgend einer, relativen Aufklärung zufrieden.\nDer Theolog hat gewiß Recht, auf Gott hinzuwei-\nsen, aber Gott ist bekanntlich nach Nietzsche für\nalle Diejenigen, deren Frömmigkeit nicht blind\nglauben kann, eine faustgrobe Antwort\nHingegen gibt, es ein sehr wunderbares Mittel\nzur Selbsterkenntnis, dessen Benutzung uns in un-\nserem sonst verkannten und trotz aller Eitelkeit\nungeheuer unterschätzten eignen Inneren nicht nur\neine bloße Macht, sondern sogar die Allmacht des\n„Herzens'4 kennen lehrt. Alles bloß Aeußerliche, die\ngesamte Außenwelt wird vom Unterschiede\nbeherrscht, also ist.das noch nicht unser Inneres,\nwas wir irgendwie unterscheiden können, wie z. B.\nZorn. Neid, Sanftmut, Wollust, Geiz, Vernunft,\nStumpfsinn, Langeweile, Neugier und dgl. Dieses\nunterschiedlich gebrochne Selbst ist noch garnicht\nunser echtes Seibit, und das Mittel zur Herstellung\nunsrer vollen Selbsteigenheit würde doch darin\nbestehen, daß man der geteilten eignen Seele die\nvolle, ungeteilte voranwalten lassen könnte, die\nsich ihrer Teile nur als ihrer organisch geordneten\nGlieder bemächtigte. Bei diesem Versuche aber\nerst würde man schon in der Ahnung die 'unge-\nheuer absolute eigne Allmacht der Vollgewalt des\nsonst so kümmerlichen und selbst im besten\nmenschlichen Falle noch so human verlarvten ech-\nten Selbstes zu spüren bekommen und schon\nvon fern gewahr werden, daß es die sich zur\nOffenbarung drängende Vollmacht des absolut in-\ndividualen Subjektes ist, welche diese stürmisch\naufliegenden Differenzen des Menschenwesens\neigentlich verursacht. Wie Menschen gewöhnlich\nsind, begnügen sie sich mit einem Fragment, einem\nPlaneten oder Trabanten der Seelen-Sonne, die\nihnen längst durch die liebe Gewohnheit banalisiert\nworden ist, und, von der sie sich instinktiv, um bei\nihrer Gottähnlichkeit nicht bange zu werden, in\nangemeßner Entfernung halten. „Sonne, du kla-\ngende Flamme!\" — So sehr wird nichts in dieser\nMenschenwelt verhehlt/verleugnet, auf das Nie-\nderträchtigste- beleidigt, ja am liebsten, wenn es\nnur ginge, vernichtet, wie der Geist des Ganzen,, wie\n.das ganze, ungebrochne Selbst von den Teilselb-\nsten. Aber das wird nie etwas helfen! Denn wie\nmächtig auch der Unterschied, also verschiedene\nVölker und deren verschiedene Führer oder Ver-\nführer zu herrschen scheinen; wie selbständig, bis\n■* *,\nzur fast gelingenden Ausmerzung jeder Möglichkeit\nvon ganzer Allgemeinheit und Ordnung die ein-\nzelnen Teile allenthalben ihr Wesen treiben: so\nverdanken sie selbst diese verwirrende Ueber-\nhebung auch nur dem Herrn, der die losgelassene\nMeute zu seinen Diensten ausschickt und zurück-\nruft, ihrem Urheber, der zwar unterscheidenden,\naber selbst eben deswegen allem Unterschied ob-\nsiegenden innersten Vollseele, die ihre eignen Un-\nterschiedenheiten zu rein, äußerlichen Gegenstän-\nden zu degradieren versteht, und - die von\njeder geteilten Seele in sich entdeckt wer-\nden kann. Und nur auf diese Entdeckung, auf die-\nsen Zwang zur Auffindung gleichsam des Spiel-\npunktes aller Welt ist es bei diesen zerreißenden\nKrämpfen der kriegerischen Entzweiungen eigent-\nlich abgesehen. Es wäre oberflächlich, in der Zu-\njückführung so blutiger Zwistigkeiten auf irgend\netwas teilhaft Unterschiedenes, etwa einzelne „böse\"\nSeelen, seine Beruhigung finden zu wollen. Son-\ndern, wenn sich die volle, die absolut ungeteilte\nSeele mit ihrer verborgnen Allmacht im geburten-\nschwangren Schoß ihres mütterlichen Friedens\nunter lauter Wehen immer heftiger regt und nach\naußen drängt — dann platzt dieser zu enge Frieden\ndoch nur so blutig, um sich mächtiger äußern zu\nkönnen als jemals. Alle Teile, die zu Grunde\ngehen, gehen damit nur in diesen ungeteilten\nGrund ihrer eignen Seele ein, der diese Teile zu\neiner zusammenhaltenderen Organisation wieder\naus sich entläßt.\nAber das geschieht nicht mechanisch, es wird\nnicht ohne unser Zutun durch den fatalen Hergang\ndes bloßen Weltgeschehens automatisch herbeige-\nführt. Nein. Um diesen Automatismus ins Spiel zu\nversetzen, tut 'es eben not, daß man dessen Spiel-\npunkt persönlich in sich selbst auffinden, schätzen\nund hegen und betätigen lerne. Das Rezept ist or-\ndiniert: man entdecke den eignen innersten Geist\nals das Band aller vereinzelten und besonders der\nseelischen Unterschiede. Solchermaßen seelisch\naus einem Fragment ein Universum, seelisch hieb-\nund stichfest, ganz und gar gefeit, integer vitae,\nim Innersten wissent- und willentlich unverwund-\nbarer Soldat des Lebens geworden, übt man erst\neine souverän anordnende Oberhoheit über alle\nTeile, Unterschiede, Zwiste und Zerrissenheiten\naus, man zwingt sie, und ob nach langem, qualvol-\nlem Ringen schließlich zum Vertrag, zu einer Ver-\nträglichkeit, deren Festigkeit und Dauer der ge-\nwonnenen Unverwüstlichkeit und Unbrechbarkeit\ndes eignen geistigen Willens entsprechen muß.\nBei sich selbst also als bei einem wirklich und\nwahrhaften Ganzen hätte man zu beginnen, mit\neiner solchen geflissentlichen Kultivierung des eig-\nnen Subjektes zur unterschiedslosen Verinnigung,\num die ganze Welt der Unterschiede rein ergrei-\nfen und endlich regieren zu können. Ohne diese\nErziehung zu sich selbst, ohne das allermacht-\nvollste, ungeteilteste Subjekt, ohne diesen absolut\nverträglichen Frieden des Herzens, das nicht im\nGeringsten mehr kompromittiert wird, kann die\nunterschiedne Welt und können die einzelnen See-\nlen so wenig vom Zwiste ablassen, um einen or-\ndentlichen Zusammenhang einzugehen: wie die\nSpeichen eines Rades ohne Nabe dessen Ring bil-\nden würden. Es ist lächerlich flach, zu wähnen, daß\ndas so erlangte Innere, das hinter allem Geteilten,\nals dessen absolute Ganzheit liegt, nicht aller Ge-\nteilt Ii ei t unendlich überlegen wäre! Man über-\nschätzt die Außenwelt ungeheuerlich und unter-\nschätzt die innere, deren Zentrum und Kern, so\nsehr, daß man sie kaum erlebt. Aber der Um-\nschwung kann, wenn man als ein Kopernikus der\nSeele diese seelisch-sittliche optische Täuschung\ndurchschaut, nicht mehr ausbleiben. Wenn man\nseinen seelischen Standpunkt, sein (mit Goethe zu\nreden) selbständiges Gewissen als Sonne des Sit-\ntentages einnimmt, so hoffe man zuversichtlich,\ndie ganze verrenkte Welt in die Angel zurückzir-\nheben, aus der sie aufkreischend geglitten ist.\nIn diesem Sinne sei es vergönnt, Walt Whit-\nman zu zitieren, der die Allmacht der eignen Seele\nbesingt:\n„Dir, Urprinzip,\n„Du unvergleichliches, leidenschaftliches, gutes\nPrinzip;\n„Du starre, du unbarmherzige, süße Idee,\n„Todlos durch alle Zeitalter, Rassen und Länder\nhindurch:\n„Am Ende eines seltsamen dunklen Kampfes, eines\ngewaltigen Kampfes um deinetwillen,\n„Dir diese Gesänge, dir und deinem ewigen\nVormarsch!\n„Du Kreis der Kreise!\n„Du siedendes Prinzip! Du wohlbeschlossener,\nheimlicher Keim!\n„Du Mittelpunkt!\n„Rund um deinen Begriff dreht sich der Kampf,\n„Mit all seinem zornigen und heftigen Spiel von\nPrinzipien,\n(Um zu gewaltigen Ergebnissen zu kommen für\ndreitausend Jahre).\"\nUnd nur, wer dieses Prinzip der seelischen\nGanzheit ursprünglich lebendig persönlich in sich\nselbst entdeckt, weiß mit unfehlbarer Sicherheit,\ndaß diese Idee der eignen Allmacht, wenn man ihr\ntreu bleibt, sich so getreu und konsequent, allem\nstumpfen Wider stände der kleinen Teilseelen zum\nTrotz, auswirken muß, daß endlich einst die in-\nnerste Freiheit, Unsterblichkeit und Göttlichkeit\naus ihrem bloß von ihrer eignen Selbstvergessen-\nheit errichteten Gefängnis mit Glanz und Wunder\nnach außen brechen und die Welt erst zur Welt\nmachen soll."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c007", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "58", "image_debut": 6, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.2.6", "titre_corps": "Grunewald-Tage", "titre_sommaire": "Grunewald-Tage", "signature_source": "Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.6", "debut_caractere": 8868, "fin_caractere_exclue": 8898, "texte": "Grunewald-Tage\nAdolf Knoblauch"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.6", "debut_caractere": 8908, "fin_caractere_exclue": 9237, "texte": "Von diesem wunderbaren Geschehen bin ich\nseltsam ergriffen und voll Unruhe. 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Vom Festtaumel\nder Menschen ist nirgends eine Spur, die ver-\nschlungenen Wege dehnen sich aufwärts rein wie\nam ersten Tag.\nIn der unendlich heraufströmenden Finsternis\nverweile ich bangend, ich zage der Waldnacht,\ndoch da nimmt mich Einsamen mein gütiger Traum\nan die Hand, und ich trete droben ein ins Tor des\nDomes in den Bergen, das offen ist wie alle Kir-\nchen, in einen leeren, von Kerzen rötlich erhellten\ngroßen Saal, in dem meine Schritte widerhallen.\nAls ich ihn verwundert durchmesse und dann zu-\nrückblicke hat sich ein glänzendes Tempelchen aus\ndurchsichtigem Kristall über mich erhoben, das in\nblauer Dämmerung mit dem nach unten gewandten\nKelch einer glühenden Rose herabschimmert.\nEinsam in der zarten, hohen Kirche trete ich\nzum Brunnen in ihrer Mitte, um mir die Stirn zu\nbesprengen, denn es plätschert vom Quell.\nAhnungsvoll gefangen lausche ich in die leuchtende\nHöhe empor, als sich alles wiederum verändert, in\neinem völlig finstren Gang muß ich vorwärts drin-\ngen, in dem ich mich nur tasten kann und mein\nAtem bedrückt ist. So komme ich in ein weites\nnächtliches Gewölbe, zum Fuße eines hohen kalten\nSteins, an dem ich mich niedersetze mit finsterer\nAngst.\nDas Dunkel beginnt langsam aufzurollen, als\nwerden Vorhänge hochgezogen, Licht, blendend\nbunte Gewebe von Licht schweben im fernen un-\ngeheuren Rund, die Finsternis wird im Nu fortge-\ntan, Glut und Herrlichkeit stehen anstelle von\nMauern im durchsichtigen Kristalldom. Ich bin zu\nFüßen einer von innen flammenden Riesensäule,\ndie als ihr Haupt eine sonnengleiche Rundschale\nerhebt. Heller glüht die Freude erregende Runde.\nFarbige Schleier gleiten nieder, und das Licht stei-\ngert sich, bis ich schaudernd die leere Glanzhöhe\nnicht mehr ertrage, ich umfasse die strenge Säu-\nlengestalt und lehne mich an sie.\nBrüder, die ich ahne, ihr gebt wunderbare\nFrömmigkeit dem heimatlosen Herzen, Himmel-\nmänner mit schönen, scherzenden Gebärden! Ein\nletzter sanft rosiger Schleier entschwebt, und in\nder weißen Reinheit erscheint die Gottesversamm-\nlung der seligen Männer. Aus seinem sonnenglei-\nchen Nest schwebt der Adler, der die Zei-\nten klaftert in goldener Wolke und spannt\ndie mächtigen Fittiche über seine seligen\nSöhne. Männer im Kraftalter, Jünglinge blassen\nKindergesichts, treten in die hohe Runde, mit dem\nRuhm ihrer Aengste und dem Lob ihrer Ent-\nzückungen. Mit sanfter Gebärde die Lichtgewande\nrührend, beginnen die tausende blassen Anbeten-\nden ein leidenschaftliches Hochlied steigernd zu\nsingen, mit dem gewaltig starkes\nsich zur Kristallkuppel aufschwingt, wo die\nSonnenschale in Glanzkraft strahlt.\nSanft dienende Hände nehmen mich und tragen\nmich empor durch wehende Gewände und ich fühle\nschmale Hände segnenden Hauches auf meinem\nHaupt. Dann entschlummere ich aus dem wissen-\nden Sein.\nAm Dachrand stehe ich über dem Abgrund!\nDas hat niederziehende Banngewalt, gleich eines\nMaelstromes unheimlich wälzendes . Schwarz.\n/\nDrunten im Hause zünden sie Lichter an, klappern\nmit den Geräten zum Abendessen.\nIch soll das wunderbare Blut meiner Jugend\ndämmen, kerkern, selbst ihm Zügel und blankes\nGebiß anlegen, ähnlich den Zurichtern, welche die\nblutjungen Rosse im Kreise mit der Peitsche um\nsich treiben, bis ihre schmalen zitternden Flanken\nmit dem Schweiß der Knechtschaft bedeckt sind!\nHabe ich in den Adern nicht Feuer, sprühende Ur-\nkraft mit ihren Gezeiten des Lohens und des Aus-\nbruchs! Ist meine Art nicht tief sorglos und unfes-\nselbar, voll Traum und Wunder gleich dem Kinde!\nIch bin nicht aus eurem armen Zeug, ich trage\nwehevolles Fiebergewand.\nDa mein Aug sich über die Wolken richtet und\ndie Machtgestalten schaut, rote und graue, im\nDonner, im Frieden der Sommernacht, dann soll\nich stille sein, bei euch weilen! Das wunderliche\nKind euch zu lieb und zu leide sein! Einsam geh\nich zum spiegelnden See und weine vor unend-\nlicher Wonne und lege mich nackt aufs bleiche\nGestade in die warmen mächtigen Wogen und\nschaukle mich im Sternenschein.\nQualvolles Sehnen, einst schaffen zu dürfen,\nwas alle Herzen selig macht und nicht davon ab-\nlassen. So fühle ich den ahnungsvollen Trieb, die\nunbesiegliche Sendung, für die ich mich verzehre.\nWenn das Hochgestirn hinter dem vortretenden\nMond in seiner Abgeschiedenheit verharrt im\nStande der Finsternis, da brechen unsichtbar dem\nbloßen Auge über den Rand des hellen Mondes\nvom verhüllten Sonnenkörper in seiner Kraft lo-\ndernde Fackeln riesig in den dunklen Weltraum\nhervor. Ich sehe die lieben Gärten, die Beete\nstrahlen bunt im Gedeihen, auf seiner Bank ruht\nder Gärtner, der gütig Schenkende.\n*\nGärtner sein, Gärten schaffen zu dürfen! So\nviele Seligkeit, soviel Ohnmacht ward mir zu lei-\nden gegeben! Ihre Kräfte rühmend schreiten die\nLichtgestalten der Erde erlauchten Fußes unter\nerhelltem Himmel! Traum befällt mich mit zittern-\ndem Erwarten, keiner unter. Tausenden von Men-\nschen hat dies gefühlt, keiner hegt das Gedächt-\nnis an einen schrankenlosen Flug im Himmel.\nDann sehne ich mich fort aus dem strahlenden\nSaal, der freundlichen, warmen Menge, selbst den"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9806, "texte": "Händen der Geliebten entfliehe ich unsäglich ge-\nbieterischen Triebs, eile in die Nacht, in den Wald,\nzu den Vögeln und Gräsern* stütze an den Böden,\nfasse in die Erde mit den Fingern ütfd bete schluch-\nzend: Friede! Im heiligen Mond knie Ich und bete\nmit Stammeln\nVater Unser . .\nDa drinnen am Saal liest Einer mein Gedicht an\nMichelangelo vor.\nIn einer milden blauen Nacht sind alle aus dem\nHause geladen auf den bekränzten Altan zu einer\nschwärmerischen Feier im Rosenlicht der Papier-\nlaternen, die Frauen in wallenden Farbeifkleidern,\ndie lange weiß gedeckte Tafel ist zum Nachtessen\nbesetzt und mit Ölumen und Weingläsern ge-\nschmückt. Die Sterne halten die Mitterfiachts-\nstunde in ihrem Zauberbann. Geigenton geht herb-\nsänft über die schweigenden Gäste, vom Walde\nschweben die dunklen Klänge einer Aeolsharfe im\nNachtwind, bis die Heiteren auf dem Altan sie mit\nneuem Lärm auslöschet.\nIch trete in das Licht an die Tafel, scheu und\ndunkeltraurig in der süßen Nacht und ringe mit\ndem Atem. Ich will ihnen allen einige Worte sagen,\nmeinen Dank darbringen, ihnen meinen Frieden\ngeben, und innig beginne ich: „Liebe Gefährten..\"\naber ich stocke, als sei jäh mir Denken und\nSprache versagt: leises Lachen kommt vom Tisch-\nende, von den Frauen, und über mein Unglück\nblicke ich hilflos in die Nacht. Aber dann werfe ich\ndas Haupt zurück, im trotzenden Schwünge erhebe\nich meinen Stuhl, stoße ihn fort und springe ins\nDunkel. Tränen im Aug, mit bebenden Knieen fliehe\nich in mein Zimmer und sinke aufs Lager, ruchlos\nin meine innige Liebe getroffen. Dann gehe ich\nzum Spiegel, und als ich den dämmernden Umriß\nmeines Gesichts erblicke, schlage ich rasend ins\nSpiegelglas, bis es splittert, und meine Hand blu-\ntet . . .\nDie alte Heide ist im Herbst, wenn der Wind\nim Kraute schläft, voll von seltsamen Stimmen,\nund wenn ich mich müde zu ihr niederlege, ziehen\ndie Träume im schlafenden Wind ihre Wolkenge-\nwänder an und fahren mit grauen Gebärden über\ndie Erde, die unter ihrem Hauch feierliches\nSchweigen bedeckt.\nDann kommen zu mir über die einsame Heide\ndie lieben Frauen mit traurigem, müdem Angesicht\nund reichen, schönen Händen, nacheinander, um\nmich anzublicken und legen sich still um mich\nnieder, betten mein Haupt in ihren Schoß, liebkosen\n•meine heiße Stirn und hauchen linde begierdelose\nKüsse auf meinen Mund.\nMein Leib ruht tief vom Duft ihrer Gewände\numhüllt, und ich blicke dankbar zu ihnen auf, bis\nsie meine Augen mit kühlen Fingern zudecken.\nUnd als ich erwache, sehe ich weit um mich die\ngestirnte Nacht, rings ruhen schlafend viel hun-\ndert Schafe, eine Herde von träumenden Tieren,\nauf deren wärmendem Vließ ich selber ruhe,\ngleichwie im Schoß müder Frauen, behütet vom\nAtem und Leib der Zarten.\nIn Festkleidern erheben wir uns von Ruhebet-\nten im dämmernden Saal und blicken auf hohem,\nweinlaubbekränztem Altan' über düstre Wälder\nins grenzenlos Abendblaue, wo die goldene Mare-\nchal-Niel der Sonne hinsinkt. Aus edellinigen Glä-\nsern trinken wir Wein, wie müde, festliche Frauen\nihn gern trinken, um ruhige Nächte zu haben. In\ndei* Halle singt Einer ein Liebeslied, das langsam\ndunkle Klänge begleiten, indem die Nacht mit Brei-\nten, düstren Wölke# herelr&tfrnmt\n. . ein stiller Garten ewfiger Blumen nimmt\nuns auf ; . .\" Das Summen der Bienen in meiner\nheimatlicfieiii Atigustheide, das Grillenlied im Gras\ndes Abends, ein Kinderläclielfi,- das wir nicht ver-\nstehen . . . das kommt über mich in den Klängen,\nmit denen wir uns unaufhaltsam vom Alltäglichen\nentblättern* unsere Seelen freier einen.\nAuf schwarzen Seen in großen Booten, die\nbunte Rapierlaternen still be&rälizen, werden wir\nvon starken Vögeln gerudert. Mit langen, schwar-\nzen Meerflügeln tauchen sie lautlos in die schweren\nWasser und fahren uns irgend wohin: ins Meer;\nin die Nacht, nach Hause!\nKlabautermann springt lautlos vom Polstern in\nunser Boot und Wirft kleine Sarikt-Elmsfeuer über\nuns* so daß die Paßierlaternen minder hell bren-\nnen. Er singt hoch vom Bugspriet der Führer-\nbarke, wo er rilit dem geisterhaften Kindesleib\nsteht, immer wieder die Grußworte aus einem\ntraurigen Seemannslied, mit altem, langem Kehr-\nreim, während der Mond elfenbeinfarben überm\nMeer aufsteigt.\nBei Klabautermanns Lied naht ein großes,\nschweigendes Schiff langsam vom Meer und legt\ngeräuschlos vorm Mond Anker. Arn hackten,\nschwarzen Mast brennt ein kleines, düstres Licht,\ndas die schwanke Spiegelung bis an unsere Boote\nträgt.\nErlöschend, der fernen Fahrt, schwebt, als wir\numkehren, gedämpft das alte Lied übers Meer in\njenes leise Knarren der Anker ketten: befahl ju\nGott! befähl ju Gott!\nStill stehe ich aus dem lieben Kreise auf und\ngehe in den mondbeschienenen Garten, will hun-\ndert dunkle, duftende Blumen pflücken.\nWogend ziehen die Klänge aus der Halle in den\nfahlen Himmel: „Ein funkelndes Krönchen aus\nweißen Steinen mit einem Rubin. Liebeslied, Feuer-\nlied, das Nana auf schwarzer Totenbarke in Meer-\nnacht singt zu Balders- Häupten, flammenüber-\nströmt —\"\nDer geliebten Frau gebe ich, während icli ihre\nschöne Hand fromm küsse, alle meine dunklen\nBlumen, und du schmückst dich überall und ohne\nHast mit zahllosen dunklen Blumen.\nUnd noch einmal bin ich fort, atemlos, das\nZärtlichste meines Tuns bedenkend und bin gar\nschnell wieder bei dir mit der Bitte, dein Haupt zu\nneigen, damit ich über deine Stirn den glühenden\nLichtWfurm setze, der gleich Gottes lieben Sternen\nglüht, und den ich geschenkt bekommen habe für\ndich.\nDer kleinste der Knaben, der altklug ist, kommt\nrasch herbei, wirft sich zärtlich an deinen Hals und\nfragt atemlos, wie du dich so schmücktest! Da\nantwortest du, die sanfte Mutter am frohen Abend:\n„Das ist ein Stern von Gottes Schmuck, und er ist\nder Einzige, den er auf die Erde verschenkte. Ist\ndas nicht schön!\"\nDer kleinste der Knaben aber antwortet noch\natemloser: den soll Gott auch ihm geben, er will\nsolange bitten und weinen und nicht Vater und\nMutter lieb haben, bis Gott auch ihm den Stern\nschenkt. Denn von mir sollst du auch Einen haben!\nDie liebe Frau lächelt, nimmt mich an die eine\nund den kleinsten der Knaben an die andere Hand\nund führt uns in die Nacht. Da glühen über den\nWegen allen hundert solcher Sterne, und staunend\nzählt der Kleine Stern auf Stern. Ueber uns der\nHimmel ist von all seinen Sternen leer geworden\nund du, o du! bist ganz zu unserem Himmel ge-\nworden !\nAus den Wolken enthüllt sieh der schmale,.\nloheiMe Morgenrand, rötlieh anlaufendes Blau und\nhmner weißeres Blau, das aus dem Abgrund der\nreinen Frühe ansteigt, höher und lichter dahinzieht\nund wert die leuchtenden Ebenen enthüllt aus Tau-\nnebeln mit Scharfem, gelbem Lieht.\nVom Rand der Erde sehe ich den ungeheuren\nHimmel spalten von einem feinen, hohen Blatt, das\nim fernsten Licht erglimmt und die Helligkeit schei-\ndet. Die nahende Röte bläst rösenfarbige Flaum-\nwölkchen zum Himmelsscheitel hinauf, und im\n- *\nflammenden Weiß über den Hügeln sehe ich\nwehende Schleier herrlich eifrherwailen, weisse\nschimmernde Gestalten, ein endlos nahender Zug\nvon den Sonnengestaden. Rot leuchten die Linien\nund Gruben ihrer blendenden Leiber vom weißen\nzartgeschwungenen Bögen der freien Schultern\nund Arme, die sie int flammenden Betlied gen\nMorgen erheben.\nDann umgeben Hülfen die nackten Wohlgestal-\nten. Der Voranschreitenden Farben sind reines»\nblendendes Weiß, rot die der Nachfolgenden und\nbläulich die Ferneren bis zu dunklem Blaut und\nSchwarz die Letzte*!, welche geil den Himmel auf-\nbrechen. Die Vorderen haben ewige Augen durch-\nsonnt zu den freien Lüften erhoben, demütiger,\nüuntief, niedriger senken jene. Folgenden die\nHäupter, kaum vermag ich die fernen Düsterge-\nstalten des Grames zu erkennen, die der Finsternis\nnicht zu entrinnen vermögen und dort wimmeln\nund sich verborgen halten.\nEin schönes, weinend ansteigendes und tröstend\nherabqfüeliendes Betlied, das in die dem Morgen\nallgesamt sich auftuenden Geschöpfe sinkt gleich\ndes Weibes Liebkosung, die der Mann unter Ban-\ngen erharrt und gleich ihrem Herabneigen, das er\natemlos ersehnt aus seiner Unterwelt.\nAls ich mich hinabbeuge und meine Tränen in\ndie übergüldeten Fußtapfen der herrlichen Waller\nsenke, innig den Entschwindenden nachfolge, wogt\naus dem Grenzenlosen das Meer aus goldenem und\nzauberischem Rot, das seinen gleißenden Bogen\naus Alabaster um die Hälfte der Welt in den flam-\nmenden Himmel biegt. Sanft erglühend rundet es\nsich zu den Walkenbänken, indem es auf Nord und\nSüd die durchsichtigen Enden stützt: seine rosige\nLippe erhebt es zur Liebkosung, um die Feuer zu\ntrinken, die zu seinen Gründen niederlohen.\nAuf der Düne lege ich mich nieder, von den\nWiesen hinter mir zieht die Nacht herauf mit bläu-\nlichem Gewölk. Eine Möwe rinnt tropfenden Flu-\nges hoch hernieder von den schlafenden Lüften des\nAbends und spiegelt den schönen Bogen ihres sil-\nbernen Gefieders im Rotglanz des Meeres. Auf\nihren zierlichen Bug lege ich den unendlichen\nHauch des Wohlgefallens, und die krönende Güte\ndes Menschen trägt die Gesandtin heimwärts, all-\nwärts!\nDie Myriaden Geschöpfe erwachen am Dünen-\nrand, den Vorkuppen der Nacht, auf dem grauen\nWattenmeer, im blassen Schauer der\nfliehen sie herbei mit dem langsamen Flutberge\nund singen aus den lodernden Himmeistoren, die\nfahler, nächtlicher werden, indem aus ihnen die\nletzten Anstrengungen hervorgehen zum Fest der\nLiebe und der Vereinigung.\nVon Händen der Seele entflammt schleudert\ndas einsame Feuerlicht für die Schiffe den kreisen-\nden Strahl durch die Nachtwolken auf hundert\nMeilen in die Ferne über dem dunklen Heimatland.\nAlles letzte Atmen der Seligkeit tut sich auf und\nversinkt im still sich dehnenden Weltraum. Der\nlichtflammende Jüngling an purpurner Meergrenze\nfaltet seine Fittiche, und das Meer rundet sich\nwieder still über seinem glühenden Gürtel amd dem\nSonnenband der Stirn, das noch lang aus dem\n'kristallenen Haus Meer und Himmelslüfte färbt."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9954, "texte": "Wir sind einsam beieinander im Zimmer der\nGeliebten, zum letzten Mal. Sie hat sich auf den\nhohen Bock vor das Harmonium gesetzt und spielt\nund erzählt mir von dem Maharadjah in Birma,\nder sie liebt und den sie nie, es sei denn gebannt\nim Wachtraum, geschaut hat. Diese Erinnerung ist\ngeheimnisvoll und edel, es sind die wunderbarsten\nAugen, in die sie im Leben und von fern geschaut\nhat. Er wird kommen, der Großäugige, und sie aus\nNot und Leid heibringen.\nDa wirft sie sich auf ihr Ruhebett und bittet\nmich mit schöner Freude, mich neben sie zu legen.\nUnbeholfen und scheu empfange ich das seidene,\nweiche Glück in den Händen, und sie nimmt mei-\nnen rechten Arm unter ihren Nacken, mein Haupt\nmit beiden Händen, der ich schwer und tölpelig\ndaliege, mich in glühender Bangigkeit wälze.\nPlötzlich fühle ich ungestüm die süßen Glieder,\nwährend sie mir zulächelt. Sie läßt das Spiel mit\nsich treiben und sich in die Kissen drücken, ich\nnehme, sie eng in meine Arme und küsse sie herz-\nhaft und selbstverständlich auf die runden Lippen.\nAber dieser Kuß gibt mir die Besinnung zurück,\nim unendlichen Schauer wird meine Flugkraft ge-\nlähmt und unsäglich befangen sehe ich in ihre hel-\nlen, lieben Augen, sinke schwer aufatmend aus\nangstvoller Brust still, gehorsam und ruhig neben\nsie, ohne mehr sie anzurühren.\nErschrocken fragt sie, aber ich kann nicht ant-\nworten und bin ohne Regung. Da klagt sie sich an,\nbittet reizend um Vergebung, ist alle Zartheit und\nMütterlichkeit für mich auf Erden, „mein Lieber,\nwas machen Sie mir für traurige Augen!\"\nVolle Scham, sie nicht mehr anzusehen, setze\nich mich dem Fenster gegenüber, schaue in den\nstrahlenden Tag hinaus und denke zusammen-\nhanglos daran, wie wenig einer tatsächlich von\neinem gelesenen Buche behält, und daß es immer\nein Etwas ist, das unerkannt unseren Willen, die\nEinbildungskraft und das Gedächtnis formt: so er-\ninnere ich mich aus dem Hyperion, daß Hölderlin\nden Verrat in der Freunde Augen fühlt!\nDie himmlischen Erzengel Hosrot und Mairot\nwurden von Gott auf die Erde gesandt, um die\nMenschen zu unterrichten und zu regieren. Ein\nschönes Weib, das sich in einer Klagesache ein\ngünstiges Urteil dieser von Gott eingesetzten Rich-\nter zu sichern gedachte, lud sie zu sich ins Haus\nein. Sie trug Speise und Trank für sie auf, er-\nmahnte sie häufig und mit lieblichen Worten, froh\nzu sein, bis beide zuletzt satt und trunken in des\nWeibes Begierden fielen und ihrer begehrten. Die-\nses bewilligte sie ihnen, mit der Bedingung: der\nEine solle das Wort sagen, dadurch er vom Him-\nmel herabgestiegen sei und der Andere das Wort,\ndadurch er wieder emporsteigen werde. Hierin\nwilligten die Engel ein, und, nachdem das schöne\nWeib die Worte lernte und das Wort des anderen\nEngels sprach, fuhr sie alsbald gen Himmel.\nAls Gott das gesehen und sich nach dem Han-\ndel erkundigt hatte, setzte er sie als den Morgen-\nstern an den Himmel wegen ihrer Schöne und\nnannte sie Luzifer. Danach berief er die beiden\nuntreuen Engel und erteilte ihnen eine Pein, die\nsie sich auswählen sollten zur Strafe in dieser oder\njener Welt.\nSie ergaben sich dann in die Strafe jener Welt,\nund sie wurden aufgehenkt an eisernen Ketten mit\nden Häuptern nach unten in den Sumpf Behil\nbis ans jüngste Gericht.\n„Von diesen beiden lernen wir die Dinge, durch\ndie man Zwietracht stiftet zwischen Mann und\nWeib*', sagt der Koran in seiner zweiten Sure,\n„aber keinem können sie hierdurch schaden, es\nsei denn mit der Einwilligung Gottes\".\nAngetrieben von der heißen Ungeduld der Ein-\nsamkeit und dem Wunsch, die liebe Frau, wie in\neiner vergangenen Stunde, wunderbar bei mir zu\nsehen, neige ich mich beglänzt zum Gebet vor dem\nherrlich klar scheinenden Mond, daß ich mit einem\nedlen, liebenswürdigen Verse zum Lobe der lieben\nFrau erfreut werden möge.\nAls ich ihre zierliche, knabenhafte Gestalt be-\ndenke, schaue ich mit inniger Leichte die wunder-\nbare Tochter des Tizian, die über nacktem Schul-\nterbogen das Haupt dem Betrachter zukehrt und\nhoch auf kräftigen Armen eine Schale mit vielen\nFrüchten anmutig hebt.\nDer schöne Anblick, sowie das süß und milde\nmich überrieselnde Empfinden von der geistigen\nAnwesenheit der Baltin stärkt mich, mein erhöh-\ntes Träumen in einfachen und wohltätigen Worten\nauszudrücken. Also schwingen sanfte und heitre\nGeister im ersten Vers, begleiten ihn mit fernen,\nnoch undeutlichen Klängen:\nAus blankem Silber hoch die edle Schale\nvon reifen Früchten farbig überquellend Gut\ndas sie mit sanft gehemmter Betgebärde\nauf blassen fessellosen Armen lächelnd hebt.\nAls ich mich des mühelosen zarten Verses freue\nund Gott für die holde Gabe danke, werde ich\nmehr versucht den ersten durch einen folgenden\ndunkel zu bestrahlen, indem ich das Verhalten der\nlieben Frau schildere, ihre mannigfaltigen Lebens-\nlagen und Schicksale, jene seltsamen Andeutungen,\ndie auf ihre unzerstörbare Lieblichkeit schließen\nlassen, endlich mein schmerzlich gespanntes Stre-\nben und beständiges nachdenkliches Wünschen,\nihre Freude zu vermehren!\nEs gilt, angemessen und innig auszudrücken,\ndaß sie mit der Mannigfaltigkeit und besonderen\nTiefe schmerzlicher Erlebnisse vor allen Frauen,\ndie mir gar reich bekannt sind, sich auszeichnet.\nWie wir leichten Kinder alle, hat sie der Fürst die-\nser Welt mit Wunden an Leib und Seele geschla-\ngen, sodaß sie schließlich eine liebliche und Wür-\ndige Freundin der Dichter, Schwester und Gefähr-\ntin erlauchter Pilgrime ward.\nIm Anblick ihrer Vorzüglichkeit die alle, die sie\nanschauen, für immer herzlich jener schweren Art\nentledigen, welche leidet von kleinlicher und küm-\nmerlicher Bosheit Verdrossener, in diesem Maße\ndes Erkennens bestrebe ich mich, mehr erschüt-\ntert, indem die erste Strophe mir nachtönt gleich\neiiem verklingenden Glase, leidenschaftlicher\nFreude den Schmerz im zweiten Vers zu ver-\nmählen :\nEs überströmt die längst vernarbten\nWundenmale\ndes heitren Angesichtes milde Glanzesflut\nund innger als mich Sonn und Brand verzehrt\nhat mich mit tief verborgenem Blau ihr Aug\nbelebt.\nDieser Vers, der in seiner Gestaltung dem\nersten in den entsprechenden Reimlauten anver-\ntraut ist, läßt die erlauchte Gebärde des ersten sin-\nken. Dadurch mag ich wohl am reinen Marmor\nder Gestalt sündigen, aber die lieblichste der\nEmpfindungen brennt in meinem Blut und verlangt\nHingabe anstelle der Schönheit und mag lieben . .\nIhre schönen Arme entledigen sich der Bürde,\nder Busen hebt sich voll Lebhaftigkeit, ihre Hände\nlegen sich um meinen Hals. Ihre immer blassen\nundurchsichtigen Augen strahlen mit tiefer Bläue\nin meine Augen nieder, daß ich sie schließe, und\nmein Haupt in süßer besinnungsloser Freude sich\nbeugt, gleich den Aehren, über denen die reifende\nSommerglut streicht. Im glühenden Taumel zage\nich nicht mehr die schöne Bewegung zu schildern,\ndie sie ergreift, und die Zärtlichkeit, der sie sich\nhingibt, in meinen letzten Versen zu verehren.\nMit hellem Lachen gießt sie munter, ihres Adels\nmüde,\nringsum die Früchte aus. Wunderbar die Arme\nsenkend,\numschlingt sie eng mein Haupt, daß mit dem\nLide\nnachtwandlerisch die Augen sich bedecken,\ngeheimes Bild bedenkend.\nZu welchem Leben bin ich erwacht, wo ich\nfurchtbar zu vergehen drohe. Ich bin das Schiff,\nwelches ein wunderlicher Steuermann regiert, bald\ntaucht er mich ins stürmende Meer, wo schäu-\nmende Gier zuhöchst tollt, mich zu erraffen, bald\nrichtet er mich prangend mit stolzem Mast zum\nunabsehlich klaren Meerhimmel auf.\nVergebt, Dem sich trunken erschüttert die Glie-\nder dehnen, den ein glänzendes, Traumgebild,\nquälend entzückt, der sich müht, den Traum ins\nDasein zu rufen mit starken Kräften, die dem schö-\nnen GeWande widerstreben.\nAlle Einzelheiten ringsum sind ins Licht ge-\nstellt, die erst fernen, unendlichen Klänge, die eine\nWeile ganz aufhörten, nahen mit zitterndem Er-\nschwingen der leidenschaftlichen Wendung und er-\nklären sich brausend, nicht ohne Schaudern und\nBangigkeit über meinem ganzen Leib. Ich schaue\ndie klare, holde Frau, wie sie ernst einhergeht, mit\nseligem Tanzen, das sich mir innig eingräbt:\nSie hebt, als tdiese klaren Blicke mich beseelen,\naus strafen Falten des Gewands von blauer\nSeide\nzu blasser Schön« Schultern, Arme, Wangen.\nMag der Betrachter die einsame stillste Stunde\nsich in die Erinnerung rufen, wann sein reiches,\nheitres Leben an einer unersättlichen, unzähm-\nbaren Begierde zu scheitern droht. Mag er daran\ndenken, plötzlich eine Schwingung ihn durch-\nwandelt, ihn erschüttert, ihn erschrickt, mit der\nFür cht an Wandlung vor einem nächtlichen Ge-\nspenst.\nHeiße Wonne wechselt mit Schaudern und\nherzbanger Sehnsucht, und er wendet sich dem\nDasein zu im tiefsten Schmerz, wollüstigen Fieber\nund Rasen. Dann wünscht er sich allen Schmerz\nund alles Leid!\nUnd in diesem Augenblick stellen sich seiner\nseherischen Kraft dar: Strenge Tempel, Säulen\nim hehren Maß, reine Denkmale. Er, der trunken\nin seiner Leidenschaft ist, wird meine einsame,\nverhohlene Träne verstehen, welche ich weine im\nSchöpfungslichte, das der Ewigkeit angehört. In-\ndem ich den Wahnsinn meines kurzen, befangenen\nLebens beweine, meine Einsamkeit, mein Fernblei-\nbenmüssen von der Göttertafel, bleibt mir der zärt-\nliche Trost allein, im letzten Verse alle Qual aus-\nzusprechen:\nIn ihrer unendlich schmeichelnd Kinderfinger\nedler Schale\nhebt sie, daß Tropfen langsam ihre Knaben-\nlocken überfließen\nhoch mein blutend Haupt, mit Paradiesessang\nund Eiakuß im schönen Marmorsaale.\nIch lese im Titan des Jean Paul Richter! Ich\nbin tief hineingeflochten in die unendliche Erzäh-\nlung, als ich unbemerkt an eine allerhöchste Stelle\nkomme. Es heißt da vom wahnsinnskranken Jüng-\nling und dem herrlichen Vater (najch Lianens\nTode): „ . . . dem Arzt schienen die Kräfte der\neisernen weißglühenden Natur des Jünglings, die\nFieberpein noch nicht gebogen hatten, . . . Aber\nder Vater überließ ihn gleich einer Menschheit den\neigenen Kräften. Er sagte, er sähe mit Vergnügen\neine solche, seltne, ungeschwächte Jugendkraft\nund sei nicht in Furcht ... Er ließ ungestört alles\nfür die Reise packen.\""}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1852, "texte": "Vor der Härte und Wucht des Vaters schied der\nGlutstahl der echten dichterischen Sendung mein\nHerz, es erhob sich in seiner Marter und spaltete..\nin einem tiefqiiellenderi Weinen der) heroischen\nFreude und Erleuchtung, und ich hob stolz mein\nAngesicht auf, um es dem hellen Tage zu zeigen.\nAn diesem Tag, wo ich nackt und göttlich die\nFormeln alle von mir schleuderte, als meiner un-\nwert, wurde alles Böse und alles Gute mein Teil,\nwas ich zu geben vermag.\nAm Tag der Sonnenwende ist zum Fest das\nganze Haus mit weißen Scharen von Knaben und\nMädchen angefüllt. Ein blauer Herbsttag ruht über\nder braunen fruchtentbundenen Erde. All die Kin-\nder füllen die Halle und durch das Haus erhebt sich\nder erste Orgelklang, der bald gewaltig brausend\nauf den Fittichen der uralten Engel den klaren nor-\ndischen Väterhimmel im Sturm durchdringt, daß\naller Herzen andächtig stocken, doch bald frei er-\nbeben im anachtvdllen Chor der Männer und\nFrauen und hundert Kinder, gebunden gesammelt\nin die brennende Herzkraft des alten Kirchenlie-\ndes. Der strahlende Chor stimmt die Aengstlichen\nfreudig in der Schau herrlicher Werke, bis die\nKlänge überschwänglich die Herzen der Geschöpfe\nöffnen und in ihr Blut strömen im bebenden Licht,\niia übermenschlicher Woge.\nAls die Klänge verhallen, gehe ich durch die\nReihen zu einem Kind von edlem Angesicht, mit\nherbem Blick und kniee nieder zu ihm und küsse\nselig töricht seine Finger. Innig betrachtet mich\ndas schöne Kind und berührt ahnend mit der Hand\nmein Haupt.\nDie geliebte Frau naht durch die Halle, nimmt\ndas holde Kind herzlich zu sich auf und entwan-\ndelt vor den weißen Scharen.\nEine Glocke läutet stürmisch, und so verlasse\nich das Haus des Sommers. Die Lüfte sind Rosen-\ndüfte., hoch durchs Blau mit sachtem Schrei ziehen\nweiße Vögel, und die Wälder ruhen bunt, tiefgol-\nden und stille, still die ganze Welt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c008", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "55", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.2.6.1", "titre_corps": "Heemskerck: Holzschnitt / vom Stock gedruckt", "titre_sommaire": "Heemskerck: Holzschnitt / vom Stock gedruckt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 44, "texte": "Heemskerck: Holzschnitt / vom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c009", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "58", "page_fin": "58", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.2.7", "titre_corps": "Heimkehr des Vaters", "titre_sommaire": "Heimkehr des Vaters", "signature_source": "Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.10", "debut_caractere": 1854, "fin_caractere_exclue": 6407, "texte": "Heimkehr des Vaters\nAdolf Knoblauch\nIm hohen reinlichen Raum hellt durch die ober-\nsten schrägen Stoffleisten gelber Vorhänge Mor-\ngenlicht mit dichtem warmem Quellen die ver-\nschleierte Farbigkeit des Fußbodens von schmalen\nschwarz und weißen Fliesenwürfeln, des einfachen\nHausrats und der hellen Wände, die feine Säulchen\ndes Türgebälkes unterbrechen zum freien Durch-\nblick in die Reihe traulicher Zimmer.\nIm Alkoven mit zurückgefalteten Vorhängen\nliegt auf weißen Kissen eines schlafenden Mannes\nHaupt, welches das hohe Licht schattenvoll aus\nsanfter Dämmerung hebt. Auf dem roten verbeul-\nten Kupferbecken an der Wand glüht der Wider-\nschein des Lichtes, dunkeltönender Kirchengesang\nin ferner Halle gesungen. Neben dem Kupferbecken\nhängt am duffschwarzen Halter ein dunkelzinno-\nberrotes Frauenkleid.\nEine Frau betritt behutsam das stille Zimmer,\nihr Morgenmieder ist halboffen, den nackten Hals\nkränzt eine zarte1 Spitze, das Haar ist glatt und ge-\nscheitelt. Sie schreitet gelassen, Ströme inniger\nHeiterkeit leuchten in ihren weißen Augen.\nSie geht geräuschlos ans Bett, streicht ohne zu\nberühren, die schöne männliche Stirn, deckt etwas\nzu umd eilt zur Korbwiege, die unterm Schutz des\nschönen hausväterlichen Beckens an der Wand\nsteht. Sie hebt das Lederdächlein, schaut vorn-\nübergeneigt mit angehaltenem Atem und küßt in\nden Kissen das morgenrote Kindchen, dann setzt\nsie sich neben die Wiege, sie ein wenig bewegend.\nIn die freundliche Morgenstille, in die hellen Frau-\nenaugen senkt Gott eine Träne, und die Frau beugt\nsich um den Saum des Kleides zu nähen, das am\nHalter ihr zur Hand hängt Draußen rollt sanft ein\nWagen vorüber, als ein blondes Kind leise eintritt,\nund Frage und Gegenfrage von Kind und Frau sich\ninnig aneinanderschmiegen:\nKind: Er ist noch nicht aufgewacht!\nFrau: Er wird jetzt gleich aufwachen.\nKind: Darf ich bald zu ihm gehen und ihn wach\nküssen?\nFrau: Nachher darfst du zu ihm und küssen.\nWie so fröhlich werden wir Alle bald sein! Wie\ndoch wird der Gütige erwachen, wie wird er ob\nder Heimkehr leuchten und lächeln!\nKind: Darf ich alsbald seine milden Hände küs-\nsen, die dunkel und schmal mitten auf weissem\nLinnen ruhen?\nFrau: Seine Hände, Liebchen, laß mir, du darfst\nam teuren Vatermunde hängen, Tautropfen frisch\nam Rosenkelch Morgens naoh der langen Nacht.\nDu Engelchen wirst mir helfen, den heimgekehrten\n*\ngeläuterten Vaterleib vom heilenden Lager zu he-\nben.\nKind: Nun will ich weiße Rosen und hohen\nFlieder holen, und beim Erwachen sollen die Düfte\nder Blumen, seiner edlen Pfleglinge, um sein Lager\nzur Morgensonne; aufschweben.\nFrau: Die Düfte werden zauberisch sein, die\naus dieser heilen Kammer zum Lichte aufschweben.\nKind tritt leise wieder ein mit Blumen in der\nHand.\nKind: Er ist noch nicht aufgewacht!\nFrau: Er wird gleich erwachen, wann alle Glok-\nken in der Stadt und über dem fernen Lande läu-\nten.\nKind: Mutter, das Meer draußen liegt heut so\nruhig.\nFrau: Wie sollte heut nicht das Meer draußen\nruhig sein!\nKind: Die Leute sagen, alle Schiffe kehrten\nheim, sie liegen beisammen im Hafen und bessern\ndie Segel aus.\nFrau: Gleich ist das Kleid fertig. Kannst du\nnoch den Willkommenspruch für Vater, wann er\naufwacht?\nKind: Da ich eben die Blumen brach im Garten,\nhabe ich meinen Spruch unserm weißen Engel aus\nStein aufgesagt und über seinen Augen, die mich\nanschauten, rührten sich im Sommejwinde des\nLorbeerbaumes Blätter, als winkte er mit Händen\nnach mir.\nFrau: Schau, wies Kindchen schläft.\nKind: Unser Kindchen ist schön.\nFrau: Laßt uns stille warten.\nEin herzliches Tönen erzittert und schwebt\nsanft ankündigend über der Stadt und erfüllt sie\nbis zum Himmel. Die Frau ist aufgestanden und\ntut langsam das dunkel zinnoberrote Kleid um die\nHüften, bindet die Rockbänder am Rücken und\nwendet sich, die hohe Qestalt ganz im mütterlichen\nKleid der Liebe, dein Bette zu. Die Glocken in der\nStadt und über dem fernen Land läuten rauschend\nund tosend in Eins zusammen und verkünden al-\nlen vom Meere Heimgekehrten den Anbruch des\nwie der kehren de n Li eb es tag es.\nDas Kind kniet zu Häupten des Erwachenden,\ndie Mutter senkt das Haupt auf die, dunklen Hände.\nMann: Seid ihr Mutter oder Schwester, Weib\noder eigen Kind.\nFrau: Ueber deinen Händen betet deine liebe\nFrau, sie umfängt die wunden Füße des Lichten,\nder ihr die dunkle herbe Mutterkrone einst auf das\nBlondhaar legte.\nKind: Vater, Frühling der Erde blüht zu deinen\nHäupten, Engelsarme schlingt er demütig krönend\num dein liebes Haar!\nMann: Licht ist die Heimkehr und gekrönt sind\nmeine Schmerzen.\nEr sinkt tief zurück in die Kissen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c010", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "58", "page_fin": "58", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Krakauer\nerstand zeitlich am Morgen eine Wannenkarte fürs\nVolksbad. Er wurde in einen engen Raum geführt,\nauf dessen gerippter Qlastüre die Schmette'rling-\nflamme eines Gaslichtes tanzte. Ueber den Fuß-\nboden lag eine Binse und längst der Wand stand\neine verfaulte Holzwanne. Der Kellner versperrte\ngierig die Türe, zweimal. Dann blieb er — ohne\nden Hut abzunehmen — unter der Gasflamme\nstehen und blickte sich feierlich um, als wollte er\ndie Stube in sich schließen und wäre sehr ergrif-\nfen darüber, daß er hier angelangt. Auf seinem\nKragen gleißte Reif. Viel mochte er des Nachts\nherumgeschlendert sein, denn kotbespritzt war\nseine ausgefranste Hose und verstört sein Auge.\nSeine einzige natürliche Bewegung wäre gewesen,\nauf den Boden des kleinen Raumes der Länge\nnach dahinzustiirzen. Er nahm den Hut ab, strich\nsein schütteres Haar beiseite, richtete sein Rück-\ngrat auf. Dann schaute er in den billigen, grünen\nSpiegel und betrachtete sein fahles grünliches Ge-\nsicht. Langsam knöpfte er den Winterrock, an dem\nein einziger Knopf baumelte, auf, hängte ihn an\nden Rechen und entnahm der inneren Tasche ein\nRasiermesser mit schwarzem Gehäuse. Er öffnete"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10808, "texte": "das Messer, betastete die scharfe Klinge und legte\nes auf den Strohhocker.\nEr schaute nochmals, ob die Türe versperrt\nsei. Niemand befand sich im Korridor. Der Augen-\nblick schien geeignet. Drei feste und entschiedene\nSchritte tat er gegen den Sessel hin, runzelte die\nAugenbrauen und wollte nach dem Rasiermesser\nlangen.\n„Nein, erst später\" — fuhr es ihm durch den\nSinn — „ich bin schmutzig und muß erst baden.\"\nIn der Stube summte angenehme Wärme. Dies\nverleitete ihn sich zu entkleiden. Nacheinander\nwarf er zur Erde den fleckigen, spiegeligen\nschwarzen Kellnerrock, die braune zottige Weste,\ndie ausgefranste Hose, öffnete den Hahn des heißen\nWassers und sein kleiner verkümmerter abge-\nmagerter Körper konnte kaum erwarten, daß sich\ndie Wanne fülle. Unbändig purzelten darin die\nWellen. Vornübergeneigt betrachtete er das wo-\ngende Wasser und aus seinem mageren Rücken\nsprang scharf hervor das treppengleiche Rückgrat,\ndas einer harten knorrigen Holzader aus einem un-\ngehobelten Brett ähnlich war. In der nächsten\nMinute plätscherte er betäubt ins Wasser.\nEr streckte die Füße aus, warf den Kopf nach\nhinten über den Rand der Wanne und wurde von\nermattender Hitze liebkost. Es war ihm als läge\ner im Bett auf Wellenkissen und seinen Körper\nhülle die süße Decke des Wassers ein, seine Augen\nglühten, seine Haare wurden zerrauft, sein Gesicht\nentbrannte in Röte. An nichts dachte er. Fühlte\nsich grenzenlos frei. Sein Leben lag ihm hinter\ndem Rücken. Er spielte mit dem Wasser, öffnete\ndie Hähne, tauchte unter, schlug dichten regenbo-\ngenfarbenen Seifenschaum, rieb sich den Schopf,\nseifte Kopf, Ohren, Brust, dann — einzeln — die\nFüße ein und schnaubte frohen Mutes im Wasser.\nZuweilen blickte er aufs Rasiermesser, doch nö-\ntigte ihn das Wasser zum Bleiben.\n„Ich habe noch einige Minuten\" —« sagte er.\nDer Kellner, der früher niemals zum Gaffen\nMuße gefunden hatte, war jetzt — nach vielen\nJahren —> zum erstenmal allein und betrachtete\nlange und leutselig das in der Mitte der Stube flat-\nternde Gas, die Wände, die auf den Fußboden ge-\nschleuderten Kleider, die er mit einer verzweifelten\nGeste abgeworfen hatte, für ewig. Er betrachtete\nauch sich selbst. Bemerkte, daß ihn sein Körper\ninteressiere. Er hielt die Hand gegen die Falter-\nflamme, um die rotblaue Landkarte zu beschauen,\ndas durchschimmernde Blut und die Linien der\nblauen Adern an der Hand. Er richtete den Kopf\nnach unten, starrte auf die Brust, die er bisher\nnoch niemals mit besonderer Sorgfalt angeschaut\nhatte. Er fand seine Haut fahl, buttergelb, ausge-\nhungert, aber trotzdem in ganz gutem Zustande.\nInsbesondere freute er sich darüber, daß er seine\ngroße Zehe nach Belieben nach hinten biegen\nkonnte. Fünf — sechs Mal versuchte er es. Und\nes gelang stets. Ob man wohl damit Geld verdie-\nnen könnte? Er müßte mit dem Fuß Violine spie-\nlen lernen — mit den Händen können es schon\nsehr viele — und könnte dann im Orpheum auftre-\nten; er müßte bloß einen reichen Mäzen finden,\nder ihn unterrichten läßt. Ob es wohl in Budapest\nFuß-Mäzene gibt? Wohl hielt er es für unwahr-\nscheinlich, dachte afoer dennoch so lange darüber\nnach, daß ihm bereits sein Name in Zeitungen auf\nOrpheumplakaten und in den Lichtreklamen der\nStraße erschien. Heinrich H. Krakauer,\nder weltberühmte Fußkünstler. 810 ß\nder Name war nicht entsprechend. Zu solchen Ge-\nlegenheiten muß man einen Künstlernamen wählen,\neinen englischen oder französischen.\nOftmals hintereinander sprach er seinen Namen\naus, leise der Wand zugewendet flüsterte er ihn\nins Wasser, in die Hähne, erfüllte die Stube mit\nihm. Er wunderte sich sehr, daß er einen Namen\nhatte, und gerade diesen Namen. Heinrich H. Kra-\nkauer. Kein vornehmer Name zwar, doch ist ihm\neine gewisse traurige Musik eigen. Im Grunde ge-\nnommen schien es ihm sehr seltsam, daß einige\nBuchstaben einen ganzen Menschen bedeuten. Die-\nser Name bedeutete ihn, seinen Schmerz, seinen\nHunger, seinen Körper, den er wieder eingeseift\nhatte, zärtlich und sorgfältig. Rein wollte er sein,\nschneeweiß, makellos. In leichtem Seifenschaum\nbadete er. Auch das in der Wanne dampfende\nWasser war von einer dicken Seifenschichte be-\ndeckt, wie Kaffee von doppeltem Schaum. Er\ntünchte sich nochmals weiß an, wusch seinen\nSchopf, seine Haare, seine Ohren, die Brust, alles\nebenso wie vorhin, aber noch eifriger, damit er sich\nalles Schmutzes völlig entledige.\nEr öffnete die Hähne, ließ frisches und wieder\nfrisches Wasser auf sich niederstürzen und die\nSeife wurde zu einer immer dünneren durchsichti-\ngeren Schichte auf ihm.\n„Auch jetzt bin ich noch nicht rein\" — jammerte\ner. — „Die Seife ist schlecht.\"\nVon neuem ging er ans Sich-Reinwaschen. Er\nrieb die Stirne ein. Und da fiel ihm plötzlich —\nohne jeden Grund — ein Berufskollege ein, an des-\nsen Name er sich nicht mehr erinnerte. Er wußte\nbloß, daß er vor zwei Jahren mit einem Markeur\nin einem Franzstädter Kaffeehaus bedienstet ge-\nwesen war und diesem eines Nachts, in trunkenem\nZustande, zwei Gulden aus der Tasche gestohlen\nhatte. Er hoffte, ihm den Betrag am nächsten Tag\nzurückgeben zu können. Einen Monat hindurfch\nwurde er noch von dem Gedanken geplagt. Dann\nvergaß er das Ganze. Seltsam, daß ihm dies jetzt\neingefallen war. Was will jetzt von ihm der Mar-\nkeur? Der Markeur war ein armer Mann. Jetzt\nerinnert er sich schon an ihn. Er stammte aus\nBöhmen, sprach mangelhaft ungarisch und hieß\nWenzel. Seine braunen Augen blickten mit un-\nschlüssigem Schrecken in die Welt, waren stets\ngerötet, als würde er vorhin geweint haben; en\ntrug einen spitzen gabelähnlichen Schnurrbart, der\nsich kriegerisch, wie die Fühler eines riesenhaften\nBockkäfers, nach zwei Seiten wendeten. Schmerz\ndurchzuckte sein Herz, da er jetzt an ihn dachte.\nEs ist eine Schmach, daß ein armer Mensch den\n$\nanderen bestiehlt. Wochenlang erzählte der Mar-\nkeur jedem, der ihm in den Weg lief, die sonder-\nbare Geschichte. Doch hat er niemals ihn verdäch-\ntigt. Auch deshalb müßte er die zwei Gulden zu-\nrückgeben. Dies muß jetzt geregelt werden, noch\nheute morgen; er wird ihn im Kaffeehaus auf-\nsuchen und eingestehen, daß er der Dieb gewesen\nsei. Früher könne er nicht sterben. Will man für\newig fortgehen, so muß man ruhigen und reinen\nGewissens sein.\nDies stellte er fest, doch wurde von diesem\nGedanken sein Plan ein wenig zerstört. Aufgeregt\nsaß er im Wasser und reinigte sich weiter. Und\nviel schwerer noch als sein Erlebnis mit dem Mar-\nkeur bedrückt ihn die Erinnerung an den kleinen\n'Pikkolo. Denn die Angelegenheit blieb nicht unge-\nordnet; später mußte dem Cafetier bewiesen wer-\nden, daß der Pikkolo der Dieb sei, der — nachdem\ner von ihm in der Telephonzelle zweimal in das\nGesicht geschlagen worden war —■, alles auf sich\ngenommen hatte. Der arme kleine Knirps stand —\neine Zeitung in der Hand haltend —* beschämt im\nKaffeehause, schaute mit seinen großen, großen\nAugen in die Luft und schritt dann langsam, ohne\nein Wort zu sagen, ausgangwärts. Er, Krakauer,\nhatte sich damals abgewendet, um nicht die Au-\ngen des Pikkolo sehen zu müssen. Seinetwegen\nwar der kleine Junge fortgejagt worden und sein\nGewissen bedrückte es, daß dieser ohne Heller\nheimging, weinend und zu Fuß, und vielleicht seit-\nher hungert. Mit einer halben Arbeit wäre es nicht\ngetan. Er wird auch den Pikkolo aufsuchen. Mor-\ngen oder noch heute, oder sofort, noch in der\nFrühe. Vorerst will er diese beiden Angelegenhei-\nten ordnen und dann hierher ins Bad zurückkom-\nmen. Es ist auch nachher noch nicht zu spät. Er\nrieb sich die Füße und ließ neues Wasser in die\nWanne. Mit beiden Händen schlug er auf seinen\nKörper los. Aller Schmutz sollte hinunter. Zornig,\nfanatisch, verzweifelt wusch er sich. Er stand\nauf. Sein Haar war seifenschaumgealtert, seinen\nKörper bedeckte dicht die weiche schlüpfrige far-\nbig schillernde Seifenschichte, er war weiß, war\nvom Scheitel bis zur Sohle weiß und einem\nSchneemann gleich. Er rieb seine Brust, schlug,\nknetete sie, rieb sein Herz. Nun ja, was ist denn\nmit dem Weib? Seit drei Monaten hat er es nicht\ngesehen. Seither war er bloß in Wirtshäuser ge-\ngangen, Klavierwerkel hören, Durak und Marriage\nspielen. Auch hier ist er es, der die Schuld trägt\nDie Frau lief ihm wie ein Hund nach, folgte ihm\ndurch fünf — sechs Gassen, aber er wendete sich\nnicht nach ihr um. Jetzt sah er auch das blaube-\nblümte Taschentuch seiner Frau, daß sie an die\nAugen gedrückt hielt. Dann steckte es die Närrin\nin den Mund, damit man ihr Weinen nicht höre.\nArme, arme Frau, gute Frau, liebe Frau, dachte\nder Kellner. Vor einiger Zeit erfuhr er von einem\nbekannten Dienstmädchen, sie habe sich als Vice-\nhausmeisterin verdungen; er wußte auch wo.\nArme, liebe, dumme Frau. Schon dämmert zum\nFenster der Morgen herein. Kleidet er sich jetzt\nrasch an, könnte er mit ihr sprechen: Um diese\nZeit öffnet sie das Tor, kehrt das Stiegenhaus, scheu-\nert die Treppen. Auch für ihn würde es sich gezie-\nmen, endlich einmal ein gutes Wort zu ihr zu\nsagen. Und er fühlte dies so innnig, daß ihm von\nder Hitze ganz schwindelig wurde; er machte ge-\ngen die Wand eine Handbewegung und erfaßte, um\nnicht niederzustürzen, die Dusche.\nEiskalt stürzte auf ihn das Wasser nieder, der\nSchaum spritzte weiß in -die schmutzige Wanne\nund im nächsten Augenblick stand er blankrein in\nder Mitte der Stube.\n„Ich bin rein\" — sagte er. %\nUnd schaute lächlend auf das Rasiermesser.\n„Krakauer\" — entrang seinen Lippen ein Seuf-\nzer, denn er nannte sich stets beim Zunamen —\n„Du bist ein dummer Esel. Kleide Dich rasch an\nund erledige die drei Angelegenheiten: Den Mar-\nkeur, den Pikkolo und Dein Weib. Nachher will ich\nmit Dir in kluges Wörtchen reden. Aber früher\nnicht.\"\nFröstelnd wickelte er das Tuch um sich und\nsetzte sich auf den Strohhocker. Er war auf den\nTod vorbereitet und hätte mühelos ausführen kön-\nnen, was er vorgehabt. Doch wurde er jetzt von\ndem Gefühl beherrscht, es sei eigentlich fürs Le-\nben bereit, wer auf den Tod vorbereitet ist und es\nkönne bloß der leben, der ruhig sterben könnte.\nDoch hatte er jetzt keine Zeit zum Sterben: Mußte\nzum Markeur, zum Piccolo und zu seinem Weibe\neilen. Jede seiner Fasern gehörte dem Leben. Er\nschob das Rasiermesser beiseite, warf es hastig in\ndie Tasche seines Winterrockes und kleidete sich\neilends an. Taulsend 'Pläne gährten in seinem\nKopfe. Elastisch schritt er aus. Draußen drang auf\ndem Himmel die Sonne gelb und regungslos wie\nein großes Katzenauge; die reifige Luft, die weißen\nDächer und ausfahrenden Tramways atmeten Le-\nbenslust. Er tastete in seiner Tasche nach dem\nRasiermesser, und dachte daran, er werde in fünf\nMinuten in der Kammer seines Weibes sein und\nsich dort rasieren. Denn sein Kinn war noch bart-\nüberwuchert. Uebrigens aber kam es ihm nicht\neinmal für einen Augenblick in den Sinn, daß man\nein Rasiermesser auch zu anderem verwenden\nkönnte als zum Rasieren.\nEinzig autorisierte Übertragung aus dem Magyarischen von\nStefan I. Klein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c015", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "60", "page_fin": "60", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.2.10", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.12", "debut_caractere": 422, "fin_caractere_exclue": 589, "texte": "Notiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. 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StraBenst&nden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den B e t r a g fflr den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum ffinften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nziehung des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwtinscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungea /\nStrich&tzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier In"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-08-01-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-08-01_01#c017", "volume": "bmtnabg_1915-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "60", "page_fin": "60", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.12", "debut_caractere": 2943, "fin_caractere_exclue": 5874, "texte": "Laxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in eia-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit scch-\nz i g ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nffeemskerck-Mappe: Sechs handgedruckte und\neinzeln signierte Originalholzschnitte ./ Auflage 30\nMappen I Mappe 6—30 je einhundert Mark\nBiieher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stilles\nQ1 ii c k —! I Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus j Roman I 2 Mark\nPaul Scheerbart: Qlasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark ./ Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nAugust Strainm: Du I Liebesgedichte / Gebunden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: S a n c t a S V\ns a n n a ./ 50 Pfennig / II: August Stramm u d i -\nmentar / 50 Pfennig / III: Mynona: Fu irnde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / Y: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behfte: Zur\nneuen Kunst / 50 Pfennig / VIII: August Stramm:\nKrafte I 50 Pfennig / IX: Aage von Kohl: Die rote\nSonne / 50 Pfennig / X: Aage von Kohl: Der\ntierische Augenbliok / 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Wafden: Dafnislieder / Zu\ndichten von Arno Holz / Ffir Qesang und Kla-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einizela: Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn / 50 Pfennig\nDer Sturm / Heeresmarsck / Fur Klavier /\n50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Bocciottlf Da«\nLacben / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / GiiioSeve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccionl? 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Friedlaender:\nGeist und Krieg / Adolf Knoblauch: Grunewaldtage / Bestehen Gedichte / Desider Kosztolanyi: Das Rasiermesser / Wachlmeier: Holzschnitt / Vom\nStock gedruckt / Linoleumschnitt / Jacoba van Heemskerck: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt\n\nWachlmeier: Holzschnitt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.2", "texte": "Aus der Zeit für die\nZeiten\n\nAussicht auf Bode\nDer Burgfrjiedqn wird von den vereinigten\nZwangskünstlerinnungen so aufgefaßt, daß sie in\nihren verfallenen Burgen sehr romantisch und fei-\nerlich sitzen und auf die paar einzelnen Künstler\ndieser Erde mit dem Kinderflitzbogen schießen\ndürfen. Die Waffe ist ungefährlich aber lästig. Um-\nsomehr, als die paar einzelnen Künstler gar nicht\nin die Burg hineinwollen, sondern nur mit mildem\nLächeln vorüberschreiten. Das milde Lächeln fällt\nüber die Götzendämmerung, und mit ihm verfällt\ndas Gemäuer, das im letzten Sonnenstrahl für\nmatte Augen noch romantisch schimmerte. Ich\nlege meine Hand den alten Knaben auf die Künst-\nlerlocken. Sie fühlen sich geschlagen wo sie\nschon geschlagen sind. Sie träumen von der Kunst,\nin der ich wache. Und träumend zielen sie, da. sie\nschon getroffen sind. Sie kämpfen für die Kunst,\ndie wir Künstler ihnen gaben. Unser Vorbild lieh\nihnen Bilder. Und ihre Werke folgen ihnen nach.\nWilhelm von Bode „hat das Wort ergriffen\",\nweil ihn noch nie ein Wort ergriffen hat. Er hat\ndas Wort ergriffen „um die Hoffnungen und Aus-\nsichten für die deutsche Kunst nach dem Kriege zu\nbesprechen\". Die Aussichten werden nun schon\nseit Jahrzehnten in zahllosen Bildern besprochen,\nund die Hoffnungen sind nicht abergläubisch genug,\num sich besprechen zu lassen. Namentlich nicht\nvon Einem, der das Wort nicht führen kann. „Er\nknüpft hierbei an die letzte Ausstellung der Ber-\nliner Akademie an, und weist darauf hin, daß der\nSenat der Akademie bei dieser Gelegenheit den\nBurgfrieden in der Kunst verwirklicht habe, indem\ner zur Beschickung der Ausstellung auch die Mit-\nglieder der Sezession aufforderte.\" So meldet die\nPresse. Die Sezession, das arme Volk, fühlte sich\nzu einsam auf jener Höhe, die sie einst erklettern\nwollte und zieht reuig in -die Burg wieder ein, wo\ndie Heimchen den Frieden bezirpen. Die edlen\nGreise der Akademie drücken sie an die bewährte\nVaterbrust und die Kunst geht dieses rührende\nFamilienidyll eigentlich gar nichts an. Aber für\nWilhelm von Bode, dem sonst nichts natürlich ge-\nnug ist, ist dieses Natürlichste von Natur ein Zei-\nchen der Zeit. Vielleicht man kann es nicht genau\nnoch wissen: „Ist das ein Zeichen des Friedens,\nder im Kampf der Künstlerparteien eingetreten\nist? Oder ist das nur der Burgfrieden, der hier\nzum Ausdruck kommt, und wird der Kampf nach\ndem Frieden in diesem Weltkampf von neuem be-\nginnen? Nach anderen Ausstellungen, wie sie\ngleichzeitig in München wie hier in Berlin und\nsonst von den Kunsthändlern und Sezessionen ver-\nanstaltet werden, sieht es allerdings noch nicht\nnach einem dauernden Frieden innerhalb der deut-\nschen Künstlerschaft aus; ja, manche Zeichen deu-\nten auf Sturm.\" Die deuten nicht nur, Herr Direk-\ntor, der Sturm ist bereite da. Sie sitzen nur so ein-\ngeschlossen in Ihrem Kunstmuseum, daß Sie den\nSturm nicht sehen, der Ihnen vor den Fenstern\nheult. Durch Schließen der Fenster ist er allerdings\nnicht abgewendet und manche Gläser wer-\nden noch springen, die jetzt den Kunstkennern vor\nden Augen sitzen. Durch einen Weltkrieg wird die\nKunst noch nicht gemordet. Die Kunst hat schon\nmanchen Weltkrieg überstanden. Und manchen\nDirektor, der sie leiten wollte. „Ich fürchte, daß\ndas große Publikum in der allgemeinen Annahme,\nder Krieg habe gründlich aufgeräumt mit den de-\nkadenten Andeutungen der modernsten Kunst, eine\ngroße Enttäuschung erleben wird. Wir werden\nuns also auf einen neuen Kampf vorbereiten müs-\nsen, der nicht bloß durch stille Verachtung dieser\nneuen Kunst erledigt werden kann.\" Stille Ver-\nachtung war stets ein fragwürdiges Kampfmittel.\nIm Kampf gegen Windmühlenflügel ist es reich-\nlich gut genug. Da kommt dieser tapfere Ritter da-\nher, hält einen Sonnenaufgang für Untergang, hält\ndie Kunst für eine Täuschung, während die Täu-\nschung ihm keine Enttäuschung bereitet, und will\ndem Publikum eine Enttäuschung einreden, das\nlebhaft dabei ist, einen guten Tausch zu machen.\nHerr Bode hat nun etwas Besonderes getan, er hat\ndie erwähnte Akademieausstellung studiert. Offe-\nnen Auges und mit gesunden Sinnen studiert. Diese\nAusstellung »enthielt bekanntlich zahllose ölhaltige\nBilder und wie sich das so für eine nette richtige\nAusstellung gehört: eine Zuschuß Plastik. Nach\nreiflichem Studium dieser Oelaiusstellung ist „Bode\nzu der Ueberzeugung gebracht, daß die gesünde-\nsten und hoffnungsvollsten Elemente des deutschen\nKunstschaffens augenblicklich in der Bildhauer-\nkunst zu finden seien.\" Die bisherigen allerersten\nOelkräifte haben trotz gefälliger Mitwirkung der\nSezession selbst einem Museumsdirektor so wenig\ngefallen, daß er sich auf die paar Plastiken stürzen\nmußte. „Besonders in den größeren Arbeiten [sie\nfallen naturgemäß mehr in die Augen] findet er\ngroße Gedanken treffend und würdevoll verkör-\npert.\" Ein großer Gedanke muß immer in einer\ngrößeren Arbeit stecken. Wo soll der sonst; Platz\nfinden? So eine große gesunde Arbeit hat außer-\ndem auch Raum für Würde. Ein verkörperter Ge-\ndanke wird durch entsprechende Zutaten auch\nrecht klar, insbesondere, da man nicht sein Hand-\nwerk, sondern das Handwerk der Anderen zu\nkennen braucht. Wer diese Kenntnis auf anderen\nGebieten menschlicher Lebensbetätigung nicht\nhat, wird die Damen beim besten Willen nicht\nunterscheiden können. Herr Bode soll mir einmal\ndie „Industrie\" von der „Landwirtschaft\" unter-\nscheiden. Wenn er nicht griechisch gelernt hätte,\nmüßte er totsicher bei der „Tragödie\" lachen, und\ndie „Komödie\" für einen schlechten Witz halten.\nWenn die „Gerechtigkeit\" einmal gelegentlich ihre\nBinde ablegt, sieht sie der „Trauer\" zum Verwech-\nseln ähnlich. Und der „Tod\" und der „Friede\" we-\ndeln sogar mit dem gemeinsamen Palmenstengel.\nAber große Gedanken sind sie alle. Und verkörpert\nsind sie auch so gründlich, daß nur ein Blinder sie\nerkennen kann. Herr Bode weiß sogar, wie man\nGedanken verkörpert, wie es gemacht wird: „Sie\nsind entstanden auf Grund sorgfältiger Naturstu-\ndien, aber durch Vermeidung des Zufälligen, Im-\npressionistischen, sind sie aus einer nüchternen\nAktfigur zu allgemeinerer Schönheit in typischer\nder Idee angepaßter Form durchgebildet. Hier ist\nalso etwas erreicht, was die neue Kunst sich zum\nZiel setzt, aber auf kürzeren, revolutionären We-\ngen zu .erreichen sucht.\" Also ist es doch eine\nneue Kunst, die Herr Bode sucht, und die der\nHerr Engelmann und der Herr Schmarje schon er-\nreicht haben, wenigstens in der Plastik. Man weiß,\ndaß die Bestätigung des Herrn von Bode Gold\nwert ist. Wer einen Lionardo erkennt, wird auch\neinem Schmarje zu seinem Recht verhelfen kön-\nnen. Herr Engelmann war hingegen schon läng-\nstens bestens bekannt. Nur die Bestätigung der\nneuen Kunst wird ihm seine alten Käufer abschrek-\nken. Es gibt nichts Neues, was dem Alten nicht\ndekadent erschien. Das Alte greift immer zum Er-\nsatzmittel. Für die Liebe die Liebelei. Für die\nKunst die Künstelei. Das sind so natürliche Tat-\nsachen, daß es stets Sache der Tat war, die Tat\nam Sächlichen zu beweisen. Man fühlt aus jedem\nWort des Herrn von Bode, daß er weiß und daß\ner zu zittern beginnt. Schmarje und Engelmann\nsind die Krücken seines Alters, an denen er sich\nzu beweisen sucht, was ihm, dem Historiker, die\nHistorie beweist. Glaubt Herr von Bode wirklich,\ndaß es je einen großen oder kleinen oder keinen\nKünstler gegeben hat, der nicht nach seiner An-\nsicht aus einer nüchternen Aktfigiir eine allgemei-\nnere Schönheit in typischer der Idee angepaßter\nForm durchzubilden geglaubt hat? Impressionis-\nmus ist ihm Zufall. Wo es doch gar nichts Natür-\nlicheres mehr gibt als den Impressionismus. Oder\nist Herrn von Bode vielleicht auch die Natur nicht\nnatürlich genug, sodaß also ihre Zufälligkeiten zu\nvermeiden seien. Oder ist etwra die nüchterne Akt-\nfigur die wahre Natur, die erst zur Höhe der\nKunstanschauung der neuen Kunst des Herrn von\nBode heraufgebildet werden soll oder muß. Oder\nglaubt Herr von Bode wirklich, daß die Impressio-\nnisten die Form nicht ihrer Idee angepaßt haben,\ngenau so sehr wie es der Herr Engelmann bei sei-\nnen Gipsfiguren tat. Die Idee dürfte also wohl\nbei allen diesen verschiedenen Herren nicht ganz\ngestimmt haben. Denn das Denken ist unter Um-\nständen auch eine Kunst. Nur kann man das Den-\nken nicht in Kunst verkörpern. Gibt es für die Ma-\nlerei eine bessere der Idee angepaßte Form als\ndie Idee des Bildes. Diese Idee sitzt der Form\nwie angegossen. Diese Idee braucht der Form nicht\neinmal angepaßt zu werden, denn diese Idee ist\ndie Form. Wer sich zu gut dazu ist, um einfach\nein Bild zu malen, soll lieber Denker oder Muse-\numsdirektor werden. Dann kann er sich über Bil-\nder Gedanken machen. Er soll aber nicht glauben,\ndaß seine Gedanken, die großen Gedanken, die\nganz großen Gedanken, würdevoll in Bilder hin-\neingemalt werden. So ein kleines Bild, wenn es\nBild ist, schmeißt die größten Denker um. Denn\nsie konnten ja erst denken, als ihnen das Bild ge-\ngeben wurde. „Um wieder zu einer echten stil-\nvollen Kunst zu gelangen, werden sich die deut-\nschen Künstler auf der Linie der Zeichnung sam-\nmeln müssen, nicht im Kubismus, der keine Zei-\nchenkunst, sondern ein mathematisches Schajra-\ndenspiel ist, sondern in strenger Zeichnung, auf\ntreuer Naturbeobachtung.\" Eine Sammlungspoli-\ntik auf der Linie der Zeichnung ist insofern etwas\nschwierig, als die Linie die Zeichnung ist. Sie\nhören es jetzt vielleicht, Herr von Bode, da Sie\nes schon nicht sehen, daß das Wort sich nicht\nso leicht ergreifen läßt. Aber wir sind sonst voll-\nkommen einig, was die Linie anbetrifft. Nur gehen\nIhre Linien auseinander auf Grund der Zufällig-\nkeiten der treuen Naturbeobachtung, während\nmeine Linien sich im Bilde treffen. Ihre Linien,\nHerr von Bode, gehen immer über den Rand der\ngegebenen Fläche hinaus. In den Himmel, meinen\nSiQ, während diese armen Linien nur unter den\nZeichentisch gefallen sind. Sie beobachten ange-\nstrengt die Natur, statt des Blatts Papier, auf dem\nSie zeichnen. Kein Wunder also, daß die Linien\nschief und krumm durcheinander gehen, während\nIhrem so überaus geistigen Auge sich ein Baum\nbildet, dessen Zweige zwar sehr viele Stiele\nhaben, im übrigen aber alles anders ist alsi der\nStil, den Sie auf der Linie der Zeichnung sammeln\nwollen, während Sie sich gespannt in den Adern\nder Blätter verlieren. Und zwar so gründlich, daß\nSie bei den ergreifenden Worten „Linie der Zeich-\nnung\" nicht einmal eine Linie, geschweige denn\neine Zeichnung gesehen haben. So einfach ist die\nSache mit dem Kubismus denn doch nicht, Herr\nDirektor, trotzdem die Sache eigentlich so einfach\nist. Aber am Grabe der Anderen gehe ich die Hoff-\nnung noch nicht auf. Man muß diese tiefen Worte\nso sorgfältig mit feinen silbernen Reißnägeln auf\ndie Linie der Zeichnung heften, bis die Herren\nDenker vielleicht einmal auf das Papier gütigst\nihre Augen senken, die am Harz des Baumes der\nNatur festgeklebt sind.\nDer glückliche Gedanke\n„Selbst die Verirrungen der neuesten Kunst be-\nweisen, daß ein Losringen aus den Banden des\nverkommenen Impressionismus zu stilvollerer"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.3", "texte": "Kunst ein Bedürfnis ist\". Herr Direktor Bode, der\nden Impressionismus nie begriff, weil er ihn nicht\nfassen konnte, findet ihn jetzt verkommen. Trotz-\ndem scheint er noch recht kräftig zu sein, da Herrn\nBode das Losringen aus den Banden des verkom-\nmenen Subjektes objektiv so schwer fällt, daß er\nden gewünschten Befreier für eine Verirrung hält\nNatürlich irrt der Mensch, aber Herr Bode ist un-\nfehlbar und eine stilvollere Kunst ist ihm Bedürf-\nnis. Vom Teufel befreite ihn ein Engelmann. Glück-\nliche impressionistische Momente kamen den\nhimmlischen Heerscharen zu Hilfe: „Bei den\njüngst abgeschlossenen Erneuerungen des Weima-\nrer Goethehauses hatte es sich hauptsächlich dar-\nnm gehandelt, in die Eingangshalle mehr Stim-\nmung zu bringen.\" Goethe hatte es in seinem Haus\noffenbar nicht stimmungsvoll genug gehabt, we-\nnigstens nicht für die Ansprüche von gewissenhaf-\nten Kunstkennern. Das Fehlen der Stimmung verur-\nsachte logisch das Vorhandensein einer Idee. Auf\ndeutsch: eines Gedankens: „Dabei war man auf\nden glücklichen Gedanken gekommen, es sollte das\nAuge des Eintretenden durch die in die rückwär-\ntigen Räume führende Flügeitüre direkt auf ein\nplastisches Bildnis des Meisters selbst fallen\".\nManche Leute haben direkt ein Glück, auf glück-\nliche Gedanken zu kommen. Wenn auch dadurch\ndem Meister der Eintritt durch die in die rückwär-\ntigen Räume führende Flügeltüre mit seinem eige-\nnen plastischen Bild verstellt wird. Aber der Mei-\nster braucht wiederum glücklicherweise nie mehr\ndie rückwärtigen Räume, wenn andere Leute vor-\nwärtige Gedanken haben. Das Auge der Vorwär-\ntigen fällt auf das plastische Bildnis und ist des-\nhalb für den Meister nicht mehr zu haben. Nun war\nder glückliche Gedanke gekommen. „Nun war\naber unter dem bereits vorhandenen Büsten- und\nStatuen-Schatz kein passendes Objekt zu finden,\ndas dieses Platzes würdig gewesen wäre.\" Ich\nbin überzeugt, daß man nicht einmal eine Reise\nnach Berlin zu einer der zahlreichen Gipsfiguren-\nhandlungen scheute, um ein passendes Objekt zu\nfinden. Der Schiller war da, der Goethe aber aus-\nverkauft. Die Nachfrage nach Goethe war nicht\nso groß wie nach Schiller, sodaß es sich offenbar\nnicht lohnte, ein reichhaltig assortiertes Objekt-\nlager ständig zu halten. Ein Engelmann kam den\nLeuten zu Hilfe. Er wurde „betraut mit der Auf-\ngabe, zu diesem Zweck eine Goethebüste zu schaf-\nfen.\" Er schaffte das passende Objekt für die Flü-\ngeltüre zu den rückwärtigen Räumen sehr schnell,\ndenn schon im nächsten der Betrauung folgenden\nSatz dieses Presseberichts steht es da. Fein. „In\nfeinem Serravezza-Marmar gearbeitet zieht das\nvornehm erfaßte Steinporträt den Blick in das\nschummerige Licht der inneren Gemächer.\" Beide\nFlügel der Flügeltüre sind dem vornehmen Objekt\ngeöffnet. Das Auge fällt auf das Steinporträt. Es ist\nso vornehm leicht, daß man es gar nicht sieht, son-\ndern der Blick direkt auf das schummerige Licht\nder inneren Gemächer fällt. Vom schummerigen\nLicht rückwärts wendet sich der Blick auf das\nSteinporträt. Trotz der vornehmen Fassung ist der\nganz gewöhnliche Goethe vom Steinporträtisten\nfein gewählt worden: „Engelmann stellt Goethe\ndar in der Kleidung, wie der Meister sie für ge-\nwöhnlich zu tragen pflegte.\" In Beziehung auf die\nrückwärtigen Räume hatte man dem Meister den\nSonntagsrock nicht angezogen. Er war auf diese\nWeise sozusagen mehr bei sich, bis auf den Blick\nder Vorwärtigen. „Aus dem Antlitz, dessen unge-\nwöhnliche Länge und Schmalheit übrigens auffällt,\nspricht als bestimmender Wiesenszug nicht in\nerster Linie Willenskraft, wie etwa bei der be-\nkannten Rauchschen Statue, sondern der große\nDichter ladet uns hier, ganz Güte und Vertraulich-\nkeit, mit einem verhaltenen Lächeln in die er-\nhabene Stille seiner Wohnung.\" Die Vertraulich-\nkeit ist etwas plump. Die erhabene Stille der\nWohnung wird durch die herumgestreuten fallen-\nden Augen nicht gerade stimmungsvoller. Die\nEinladung des großen Dichters kommt überhaupt\netwas post festum. Leute einzuladen, wenn man\nselbst weggeht, ist soviel Güte, daß selbst das\nSteinporträt sich eines verhaltenen Lächelns nicht\nerwehren kann. Die bestimmenden Wesenszüge,\ndie Nachschaffende ganz Güte bestimmen, kommen\nimmer auf das falsche Gleis, die Willenskraft wird\nstets bei der letzten Haltestelle verlassein. Das\nEinzige, was übrigens auffällt, die ungewöhnliche\nLänge und Schmalheit, läßt sich bei dieser Be-\nhandlung recht gut verstehen. Ich halte sie für\neinen glücklichen Oedanken. Wenn aber diese\nganze Steinmeisterei nicht Impressionismus sein\nsollte, weiß ich nicht, was Expressionismus ist.\nDer Spiegel der Modernität\nNachdem die Wissenschaft mit ihren plumpen\nFüßen über alle menschliche Gebiete getrampelt\nist, hat sie sich nunmehr auch ein „Lehrbuch des\nLachens\" geleistet Der Verfasser führt den sonni-\ngen Namen Adolf Schafheitim ;und ist, wie der;\nZüricher Verleger mitteilt, in literarischen Fach-\nkreisen bekannt Ich habe dieses Lehrbuch des\nLachens natürlich nicht gelesen, «denn ich weiß\nnicht nur, wie man lacht, sondern wie man lachen\nmacht daß die Andern zu heulen beginnen, Ich\nhabe auch schon zu oft in die beschlagenen Spie-\ngel der Modernität gesehen. Wenn ich an einer\nEcke etwas vorsichtig wischte, stand immer ein\nliterarischer Fachmann dahinter. Dieses neue\nLehrbuch des Lachens ist nicht nur in seinem Un-\ntertitel „ein Spiegel der Modernität\", es ist auch\n„eine Lebensprüfung\". Die Prüfung nach diesem\nLehrbuch ist sicher ein Durchfall für das ganze\nLeben. Wohl diesem Schafheitlin, daß er nach drei-\nhundertvierundvierzig Seiten im Oktavformat mit\nzwei Porträts zum Preis von Fr. 7,50 (6 M.) ge-\nbunden in Lwd. 9 Fr. (M. 7,20) noch die Empfeh-\nlung seines Verlegers überlebt hat. Eine achtbare\nLeistung, denn der Verfasser ist, nein steht in sei-\nnem vierundsechzigsten Lebensjahre: „In diesen\nernsten Kriegszeiten ein Lehrbuch des Lachens zu\npublizieren? — Welch ein kurioser Kauz! Er ist\ndies aber vielleicht doch nicht ganz, wenn man er-\nfährt, daß der Verfasser dieser Lachkunst in sei-\nnem vierundsechzigsten Lebensjahre steht, ergo\nkeine Zeit mehr hat zu warten. Bekannt\nist der Verfasser (Konstanzer) außer in lite-\nrarischen Fachkreisen, wohl kaum, ob er\ngleich seit einigen dreißig Jahren — (frei-\nlich der Heimat fern, in Italien lebend) — ernst\nund unverdrossen geschaffen und publiziert hat.\"\nNach diesen ernsten dreißig Jahren, der Heimat\nfreilich fern und in dem ausgezeichnet künstleri-\nschen Italien lebend, mußte er ergo aus dem Lachen\nein Lehrbuch machen. „Daß er trotz dieses eigen-\ntümlichen „Erfolges\" nicht die gute Laune ver-\nloren, beweist das vorliegende Buch, das über die\nganze Modernität Streiflichter wirft, aber noch\nmehr ist: ein Abschiedsgruß, ein Vermächtnis.\"\nAlso das literarische wehmütige Lächeln. Zum\nLachen hat es noch immer nicht gereicht, trotz\ndieses falsch dekliniertem, eigentümlichem Er-\nfolge, durch den er zwar nicht die gute Laune ver-\nloren hat, aber durch den das Verloren das Hat\nverlor. Was wie immer außerordentlich dichterisch\nist. „Die ernste Zeit hat auch darin ernstes Schaf-\nfen hinterlassen.\" Streiflichter sind nie ganz zu-\nverlässig. „Aber trotzdem ist die Stimmung des\nGanzen, wie es der Titel verlangt, heiter — und\nendet, wie es der Verfasser mit einem stillen See-\nlenwunsch für sein Leben hofft: sonnig.\" Und\nwenn die Sonne längst schon untergegangen ist,\nwird bei so starker Stimmung auf das in Lwd. ge-\nbundene Exemplar des Lehrbuchs des Lachens\nnoch ein letzter Mondstrahl fallen, zurückgeworfen\nvom Spiegel der Modernität.\nEau de Köln\nEin Herr, der über den urdeutschen Namen\nHermann Jaques verfügt, hat einen Roman „Der\nneue Werther\" geschrieben, der in dem Deutschen\nVerlagshaus mit dem deutschen Beinamen „Vita\"\nerschienen ist. Die Kölnische Zeitung verwechselt\nden alten Werther mit dem alten Wilhelm Teil und\nmacht sich aus dem neuen Jaques einen neuen\nKampfgenossen gegen das, was sie für Modernität\nhält. „Wie sich gezeigt hat, wucherte das Uebel\nsolcher entgleister Qeistesrichtungen nur in ver-\nhältnismäßig kleinen Kreisen der Großstadt, aber\ndiese kleinen Kreise hatten doch einen gewaltigen\nEinfluß auf die schöngeistige Literatur nicht nur,\nsondern auch auf das Feuilleton und die Kunstkritik\nder Tagespresse. Es wäre schon vor Jahren sehr\nnötig gewesen, zu verhüten, daß solche von der\nallgemeinen deutschen Gesinnung losgelösten in\nder Großstadt herumirrenden Kulturzigeuner ver-\nhindert worden wären, eine geistig führende Rolle\nin Deutschland zu spielen.\" Die Kölnische Zeitung\nbeweist täglich, was sie unter entgleisten Geistes-\nrichtungen und Kulturzigeunern versteht. Nämlich\ndie Künstler. Der Einfluß der Künstler wird sich\nnicht dämmen lassen, noch sich auf die Redaktion\nder Kölnischen Zeitung ergießen. Die allgemeine\ndeutsche Gesinnung ist jedenfalls nicht im Verlag\nder Kölnischen Zeitung erschienen. Und daß die\nKölnische Zeitung Köln für keine Großstadt hält,\nbeweist sie täglich selbst durch ihre Presse. Die\ndeutsche Gesinnung wird aber nicht dadurch be-\nwiesen, daß man Namenlose namenlos angreift und\nsich hinter dem neuen Jaques versteckt, sondern\ndaß man endlich einmal Farbe bekennt, vor der\nsich die Kölnische Zeitung allerdings ganz beson-\nders ängstigt. Jede Stadt hat die Presse, die ver-\ndient. Die Kölnische Zeitung hat noch nicht das\nAlter des Kölner Doms und das Kölnische Wasser\nhieß vor dem Kriege Eau de Cologne. Aber selbst\ndieses Eau de Cologne ist nicht von Dumont\nSchauberg, dem Verleger der Kölnischen Zeitung,\nherausgebracht. Und der einzige Helfer, der mit\nNamen genannt wird, ist außer Herrn Jaques der\nMaler Momme Nissen, der etwas faul im Staate\nDänemark ist. Lassen wir, meine Herren Kölner\nvon der Zeitung, das Deutsche also lieber etwas\naus dem Munde und bringen wir lieber dafür die\nentsprechende Gesinnung herauf. Das Deutsche ist\nwirklich zu gut dazu, um künstlerische Ahnungs-\nlosigkeit darunter zu verstecken. Der Einfluß der\nKünstler, der deutschen Künstler, läßt sich nicht\nvermeiden. Aber Ihr Feuilleton, sehr geehrte Re-\ndaktion, soll Ihnen ungereinigt bleiben.\nDie Kulturaufgabe der Literatur und ihre praktische\nVerwertung für die Städte Westpreußens\nHerr Brausewetter-Danzig, der nunmehr durch\nmich zu einem achtbaren Namen gekommen ist,\nder Kämpfer Matthäi, hat eine Rede auf dem zwei-\nundzwanzigsten westpreußischen Städtetag gehal-\nten. Er führte aus: „Nur wo die Kunst von\nethisch religiöser Inbrunst und von schöpferi-\nschem Ku 11 u r geist erfüllt ist, hat sie Ewigkeits-\nwerte.\" Das stimmt bis auf die ethische Kul-\ntur. „Die unmittelbarste und stärkste unter den\nKünsten aber ist die Dichtkunst\". Sie ist zwar die\nmittelbarste, aber um die zwei Buchstaben wollen\nwir uns nicht streiten. „Den Inbegriff der Dicht-\nkunst, ihre Entwicklung und ihre Werte, wie die\nSumme ihrer Schöpfung gibt uns die Literatur.\"\nGewiß, die Literatur gibt uns Alles, nur nicht die\nDichtkunst. Nach diesen ausgeführten Sätzen, mit\ndenen er sich und den westpreußischen Städtetag\nsehr anführte, „warf der Redner zwei Fragen auf.\n„Ist die schöne Literatur ein Kulturfaktor? Wenn"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.4", "texte": "nicht, wie kann sie es werden?\" Wenn ich diese\nbeiden Fragen vor der Antwort auffange, so würde\nich sagen, daß A: die schöne Literatur mehr ein\nKulturproduikt als ein Faktor ist und B: sie es trotz\naller Rechenkünste nie werden kann. Hingegen ist\nHerr Brausewetter anderer Meinung, was ja aber\nnichts macht, denn mit der Meinung ist noch nichts\ngetan: „Wenn die Literatur heute die ihr gebüh-\nrende Stellung nicht hat, dann liegt es an zweier-\nlei Umständen: an dem schlechten Geschmack des\nPublikums, der die Verleger zwingt, lüsterne und\npikante Ware auf den Markt zu bringen, der den\nKolportageroman, die Operette und das Kino\nhätschelt und an dem wässerig-sentimentalen Ton,\nauf den die sogenannten Familienblätter heute ge-\nstimmt sind. Für Beides führte der Redner Bei-\nspiele aus seiner Erfahrung an.\" Das muß eine\nschöne Literatur sein, aus der der Herr Redner\nseine Erfahrungen sammelt. Also nicht die Litera-\ntur ist zur Abwechslung einmal schuld, sondern\ndas Publikum und die Familienblätter. Da habe\nich nun bei meinem eifrigen Studium der Tages-\npresse die Erfahrung gewonnen, daß die Kunst,\ninsbesondere die neue Kunst, schuld an dem fal-\nschen Rechenexempel sei. Herr Brausewetter\nselbst hat es mir von Danzig aus zugeschrieen,\nüber die Lande. Nun habe ich umsonst gelesen,\nwährend der Verleger lüsterne und pikante Ware\ngegen bar auf den Markt brachte, die Kinder alle,\ndie er hätschelte, den Kolportageroman, die Ope-\nrette und das Kino. Nun habe ich umsonst bei den\nsogenannten Familienblättern Erholung von meiner\nDekadenz gesucht, während die Kadenz auf einen\nwässerig-sentimentalen Ton gestimmt war, wie\nmir ein Brausewetter versichert. „So ist es so\nweit gekommen, daß wir einmal heute in einer\nhysterischen Renaissance leben, daß es zum An-\ndern für die Dichter unserer Tage nichts mehr zu\nlösen gibt als das alte Rätsel, wie Hans die Grete\nfand.\" So weit gehe ich mit Herrn Brausewetter\nnicht mit. In der Renaissance leben wir zweifellos,\naber die Hysterie der Renaissance ist von Pappe\nund wenn das alte Rätsel gelöst sein wird, wie\nHans die Grete fand, wird der Herr Brausewetter\nder Zukunft nicht nur vergeblich die schöne, Lite-\nratur suchen, er wird überhaupt nicht einen einzi-\ngen Dichter finden, an deren Stelle nunmehr ja\ndie Kulturfaktoren treten sollen. „Um aus der Nie-\nderung wieder Höhenluft und Höhenperspektive\nzu gewinnen, tut uns eine Literatur not, die nicht\nihre Seele prostituiert, indem sie dem nervösen\nRhythmus des modernen Erwerbs- und Vergnü-\ngungslebens sklavische Konzessionen macht, die\nsich andererseits nicht vom Leben in vornehmer\nErhabenheit isoliert, diesem vielmehr läuternde\nKräfte mitteilt.\" Die Perspektive ist verzeichnet.\nDenn nicht die Literatur macht ja, wie ich eben\nhöre, die sklavische Konzession, sondern das Pu-\nblikum hat seinen Spaß an der Prostitution. Da\nwird die läuternde Seele nicht mit dem großen\nReinwaschen fertig werden. Die Literatur ist näm-\nlich schon ganz rein gewaschen, aber man kann\nnicht von ihr verlangen, daß sie sich noch mit dem\nAbwaschen anderer Leute abgibt. Sie wird wohl\nso lange in ihrer vornehmen Erhabenheit bleiben,\nbis die Andern selbst so gut sind, sich zu säubern.\nMan kann doch nicht von der reinen Wäsche for-\ndern, daß sie die Waschfrau reinigt. Andererseits\nist es vielmehr richtig. Aber die Waschfrau mit\nschmutzigen Händen ist für ihren Beruf nicht ge-\neignet. „Wir machein uns\", sagt Herr Brausewet-\nter: „die Literatur zu eigen durch Verständnis für\ndas Echte und Wahre, das sie uns bringt, durch\nPrägung ihres Geistes in unserem Denken und\nHandeln.\" Nun handelt es sich nur noch darum,\ndie Literatur zu finden. „Das beste Mittel einer\nsolchen Uebereignung ist der lebendige von tiefem\nVerständnis und warmer Liebe auch von der\nFähigkeit, den Dichter selber reden zu lassen er-\nfüllte Vortrag.\" Also der Herr Brausewetter ist\nauch Dichter. Der von der Fähigkeit, den Dichter\nselber reden zu lassen, erfüllte Vortrag des Dich-\nters Brausewetter ersetzt Bände schöner Litera-\ntur. Und was so ein erfüllter Vortrag Alles kann,\nwenn er gut gepflegt wird. Er ersetzt nicht nur\nganze Bände schöner Literatur, nein, auch Haufen\nvon Theatern. Dies besonders in Westpreußen:\n„Soll die Literatur ihre kulturelle Kraft für\ndie Städte Wiestpreußens erweisen, so gilt es\nhier, besonders in den Städten, die gar kein,\noder, was viel schlimmer ist, ein auf niedrigem\nkünstlerischem Niveau stehendes Theater besitzen,\nsolche Vorträge zu pflegen.\" Ein Brausewetter\ngeht über ganz Westpreußen nieder, daß die Theat\nter auf ihrem niedrigen Niveau erzittern. Ganz\nWestpreußen machte unmittelbar darauf einen\nwohlgepflegten Eindruck: „Der Redner teilte aus\nseiner Erfahrung mit, eine wie reiche Zu-\nhörerzahl solche Vorträge über Goethe, Shakes-\npeare, Ibsen und andere große Dichter stets in\nden Städten gefunden.\" War das nun schlechter Ge-\nschmack des Publikums oder hatte diese schöne\nLiteratur keinen Verleger gefunden, oder wenn\nnicht, wie kann es noch D: in Westpreußen wer-\nden? „Er trat warm dafür ein, daß solche Vorträge\nvon den maßgebenden Kreisen der Städte selber in\ndie Hand genommen werden sollten.\" Bei einem\nso wohlgepflegten Vortrag werden sich die Kreise\nnicht scheuen, sich vielmehr vor lauter Maßgeb-\nlichkeit um sich selber drehen. „So kann die Lite-\nratur ihre Aufgabe erfüllen, sauerteigartig in das\nLeben und Arbeiten des Tages einzutreten\". Ohne\nBrotkarte. Der Tag wird sich ganz künstlerisch\nvorkommen und die Literatur hat ihre Aufgabe er-\nfüllt, A: ein schöner Kulturfaktor zu sein, B: das\nBrot des Lebens zu gebein, C: das trockne Brot\ndurch die Fähigkeit, den Dichter selber reden zu\nlassen, erfüllt zu machen und D: wenn sie nun\nnoch kein Kulturfaktor ist, den letzten Platz zu be-\nkommen, wieil sie ihre Aufgabe bei einem so guten\nLehrer nicht zu lösen imstande gewesen ist.\nDer teure Courier\n„Der Sturm, eine Zeitschrift, die bei allen Nor-\nmalempfindenden stürmisches Kopfschütteln er-\nregen muß, ist bisher von den Stürmen dieser gro-\nßen Zeit noch nicht fortgeweht.\" So windig drückt\nsich der normalempfindende „Hannoversohe Cou-\nrier\" aus, ohne sich darüber zu wundern, daß die\ngroße Zeit sein Cou noch nicht zu einem Ku um-\ngewandelt hat, da er doch schon wie eine Kuh vor\ndem neuen Tor steht. „Sie dient nach wie vor der\nKultur und den Künsten und kann wirklich die\nDeutschen in den üblen Ruf bringen, Barbaren zu\nsein.\" Der „Hannoversche Courier\" läuft an der\nKultur und den Künsten vorbei, und kann wirklich\nüble Kunstbarbaren in den Ruf bringen, Deutsche\nzu sein. „Bisweilen dient sie aber auch dem Hu-\nmor, dem unfreiwilligen. So bringt die neueste\nNummer Gedichte von August Stramm; ein paar\nProben werden sicherlich unseren Lesern Vergnü-\ngen machen.\" Wenn der „Hannoversche Courier\"\nseinen Lesern ein Vergnügein machen will, darf er\nweder die Mühe seines freiwilligen Humors, aber\nnoch weniger die Kosten des Nachdruckshonorars\nscheuen. Nicht immer kommen den sehr geehrten\nRedaktionen billige Witze teuer zu stehen. Herr\nHauptmann August Stramm, Ritter des Eisernen\nKreuzes, wird die unfreiwillige Flasche Sekt des\n„Hannoverschen Couriers\" mit freiwilligem Humor\nim Felde trinken.\n\nHerwarth Walden\nHerwarth Walden\n\nKinderland\nSophie van Leer\n\nDie Gespielin\nMadie, komm\nund spiel mit mir\nMädie, hör\ndie Postkutsche ist da\ndein Papa ist angekommen\nMadie, du mußt Unkraut jäten\nauf deinem Beete wächst es hoch\nUnd ich muß Fallen stellen\ndie Spatzen stehlen die Kirschen von deinem Baum\nAn der Leiter bei der Scheune\nFehlen viele Sprossen\nDer Gärtner muß neue zimmern\nDer Haken an der Schaukel\nmuß geölt werden\nUnd die Angeln an der Gartentüre\nbrauchen neue Schrauben\nUnd der Brunnen muß gesäubert werden\ner ist ausgetrocknet\nund Sand und Steine darin\nUnsere Spieluhr hat ihren Schlüssel verloren\nund die feinen Zähnchen\ndie beim Drehen der Walze\nauf und niederwippten\nblinken nicht mehr\nDas bunte Bildchen\nauf den Deckel\nist verwaschen\nMädie, dein Puppenhaus ist leer\nund die Fensterchen zerbrochen\nAuf dem Sandhaufen\ndunkle dünne Holzformen\nWillst du nicht Kuchen backen?\nMädie, komm\n- 1\ndie Mutter ruft\nDie Uhr schlug sieben\nDu mußt schlafen gehen\nOben auf dem Bettchen\nliegt dein hübsches, weißes Kleid\ndas sollst du morgen anziehen\nmorgen ist es Sonntag\nKnabe\nIch schleiche über den Fahrdamm\nund sehe mich scheu um\nIn der Schule habe ich meine Bank\nganz hinten an der Wand\nin meiner Tasche trage ich einen kleinen Spiegel\ndien ziehe ich oft hervor\nDraußen streiche ich\nkrampfig\ndie dunkeln Ränder\ndarüber meine Augen glasen\nich meide die Freunde\nund geh allein nach Hause\nNiemand siÄt mich\nwenn ich abends\nvorm Schlafengehen\ndie Kissen und Decken\nweit von mir werfe\nNiemand hilft mir\nwenn ich lange nach Mitternacht\nmeinen einsamen Knabenkörper . 112\nauf die harte Diele bette '"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.5", "texte": "Wachlmeier: Linoleumschnitt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.6", "texte": "Niemand sieht die wirren Träume\nmeiner Schlaflosigkeit\nAber Niemand weiß die Qual\ndie ich leide\nwenn meine Mutter zu mir spricht\n*\nMädchen\nMeine Liebe ist eine Kapsel aus Sonne\nUm dich, Madonna mit den Mandelaugen\nDie matten Lider\n'i\nwölben über deine Augen\nSilbern träumt cjein Mund\nUm deine milden Glieder\nranken weiße Rosen\nGlutend ragen Sonnenstrahlen\num die blassen Schultern .\nDeine Hände falten\n)\nSchmal ist der $aum\ndeiner Silberfüßf\nWarm zittern Rösen\nin deiner Hand •\nKühl strahlt deinf Himmel\nim Mittag <\nMeine Liebe ist < eine Kapsel aus Sonne\num Dich, Madontie\n\nGeist und Krieg\nDr. S. Friedländer\nWelche relativen Ursachen man auch immer als\nBewirkerinnen des „Weltkrieges\" ansehe, oder\nwelche einzelnen: Personen man vielleicht als des-\nsen Anstifter feststellen möge, so wird man doch\nam besten tun, sich darauf zu besinnen, daß ersten\nund letzten Endes die eigentliche Ursache in Dem\nzu suchen ist, was man zum Unterschiede von allem\nAeußerlichen, Vereinzelten, Relativen wesentlich\nals Geist, Innerlichkeit, Seele, Herz, Gemüt, selbst-\nschöpferisch zu nennen pflegt. Ohne diese (beson-\nders in der deutschen Philosophie so bedeutsam\ngetroffenen) Unterscheidung zwischen Subjekt lind\nObjekt, Innen und Außen, Wesen und Erscheinung,\nAbsolut und Relativ steht man besonders vor die-\nser kriegerischem Menschenkatastrophe wie vor\neinem eigentlich unlösbaren Rätsel, man begreift\nihren Sinn und Zweck nicht gründlich und gibt sich\nmit irgend einer, relativen Aufklärung zufrieden.\nDer Theolog hat gewiß Recht, auf Gott hinzuwei-\nsen, aber Gott ist bekanntlich nach Nietzsche für\nalle Diejenigen, deren Frömmigkeit nicht blind\nglauben kann, eine faustgrobe Antwort\nHingegen gibt, es ein sehr wunderbares Mittel\nzur Selbsterkenntnis, dessen Benutzung uns in un-\nserem sonst verkannten und trotz aller Eitelkeit\nungeheuer unterschätzten eignen Inneren nicht nur\neine bloße Macht, sondern sogar die Allmacht des\n„Herzens'4 kennen lehrt. Alles bloß Aeußerliche, die\ngesamte Außenwelt wird vom Unterschiede\nbeherrscht, also ist.das noch nicht unser Inneres,\nwas wir irgendwie unterscheiden können, wie z. B.\nZorn. Neid, Sanftmut, Wollust, Geiz, Vernunft,\nStumpfsinn, Langeweile, Neugier und dgl. Dieses\nunterschiedlich gebrochne Selbst ist noch garnicht\nunser echtes Seibit, und das Mittel zur Herstellung\nunsrer vollen Selbsteigenheit würde doch darin\nbestehen, daß man der geteilten eignen Seele die\nvolle, ungeteilte voranwalten lassen könnte, die\nsich ihrer Teile nur als ihrer organisch geordneten\nGlieder bemächtigte. Bei diesem Versuche aber\nerst würde man schon in der Ahnung die 'unge-\nheuer absolute eigne Allmacht der Vollgewalt des\nsonst so kümmerlichen und selbst im besten\nmenschlichen Falle noch so human verlarvten ech-\nten Selbstes zu spüren bekommen und schon\nvon fern gewahr werden, daß es die sich zur\nOffenbarung drängende Vollmacht des absolut in-\ndividualen Subjektes ist, welche diese stürmisch\naufliegenden Differenzen des Menschenwesens\neigentlich verursacht. Wie Menschen gewöhnlich\nsind, begnügen sie sich mit einem Fragment, einem\nPlaneten oder Trabanten der Seelen-Sonne, die\nihnen längst durch die liebe Gewohnheit banalisiert\nworden ist, und, von der sie sich instinktiv, um bei\nihrer Gottähnlichkeit nicht bange zu werden, in\nangemeßner Entfernung halten. „Sonne, du kla-\ngende Flamme!\" — So sehr wird nichts in dieser\nMenschenwelt verhehlt/verleugnet, auf das Nie-\nderträchtigste- beleidigt, ja am liebsten, wenn es\nnur ginge, vernichtet, wie der Geist des Ganzen,, wie\n.das ganze, ungebrochne Selbst von den Teilselb-\nsten. Aber das wird nie etwas helfen! Denn wie\nmächtig auch der Unterschied, also verschiedene\nVölker und deren verschiedene Führer oder Ver-\nführer zu herrschen scheinen; wie selbständig, bis\n■* *,\nzur fast gelingenden Ausmerzung jeder Möglichkeit\nvon ganzer Allgemeinheit und Ordnung die ein-\nzelnen Teile allenthalben ihr Wesen treiben: so\nverdanken sie selbst diese verwirrende Ueber-\nhebung auch nur dem Herrn, der die losgelassene\nMeute zu seinen Diensten ausschickt und zurück-\nruft, ihrem Urheber, der zwar unterscheidenden,\naber selbst eben deswegen allem Unterschied ob-\nsiegenden innersten Vollseele, die ihre eignen Un-\nterschiedenheiten zu rein, äußerlichen Gegenstän-\nden zu degradieren versteht, und - die von\njeder geteilten Seele in sich entdeckt wer-\nden kann. Und nur auf diese Entdeckung, auf die-\nsen Zwang zur Auffindung gleichsam des Spiel-\npunktes aller Welt ist es bei diesen zerreißenden\nKrämpfen der kriegerischen Entzweiungen eigent-\nlich abgesehen. Es wäre oberflächlich, in der Zu-\njückführung so blutiger Zwistigkeiten auf irgend\netwas teilhaft Unterschiedenes, etwa einzelne „böse\"\nSeelen, seine Beruhigung finden zu wollen. Son-\ndern, wenn sich die volle, die absolut ungeteilte\nSeele mit ihrer verborgnen Allmacht im geburten-\nschwangren Schoß ihres mütterlichen Friedens\nunter lauter Wehen immer heftiger regt und nach\naußen drängt — dann platzt dieser zu enge Frieden\ndoch nur so blutig, um sich mächtiger äußern zu\nkönnen als jemals. Alle Teile, die zu Grunde\ngehen, gehen damit nur in diesen ungeteilten\nGrund ihrer eignen Seele ein, der diese Teile zu\neiner zusammenhaltenderen Organisation wieder\naus sich entläßt.\nAber das geschieht nicht mechanisch, es wird\nnicht ohne unser Zutun durch den fatalen Hergang\ndes bloßen Weltgeschehens automatisch herbeige-\nführt. Nein. Um diesen Automatismus ins Spiel zu\nversetzen, tut 'es eben not, daß man dessen Spiel-\npunkt persönlich in sich selbst auffinden, schätzen\nund hegen und betätigen lerne. Das Rezept ist or-\ndiniert: man entdecke den eignen innersten Geist\nals das Band aller vereinzelten und besonders der\nseelischen Unterschiede. Solchermaßen seelisch\naus einem Fragment ein Universum, seelisch hieb-\nund stichfest, ganz und gar gefeit, integer vitae,\nim Innersten wissent- und willentlich unverwund-\nbarer Soldat des Lebens geworden, übt man erst\neine souverän anordnende Oberhoheit über alle\nTeile, Unterschiede, Zwiste und Zerrissenheiten\naus, man zwingt sie, und ob nach langem, qualvol-\nlem Ringen schließlich zum Vertrag, zu einer Ver-\nträglichkeit, deren Festigkeit und Dauer der ge-\nwonnenen Unverwüstlichkeit und Unbrechbarkeit\ndes eignen geistigen Willens entsprechen muß.\nBei sich selbst also als bei einem wirklich und\nwahrhaften Ganzen hätte man zu beginnen, mit\neiner solchen geflissentlichen Kultivierung des eig-\nnen Subjektes zur unterschiedslosen Verinnigung,\num die ganze Welt der Unterschiede rein ergrei-\nfen und endlich regieren zu können. Ohne diese\nErziehung zu sich selbst, ohne das allermacht-\nvollste, ungeteilteste Subjekt, ohne diesen absolut\nverträglichen Frieden des Herzens, das nicht im\nGeringsten mehr kompromittiert wird, kann die\nunterschiedne Welt und können die einzelnen See-\nlen so wenig vom Zwiste ablassen, um einen or-\ndentlichen Zusammenhang einzugehen: wie die\nSpeichen eines Rades ohne Nabe dessen Ring bil-\nden würden. Es ist lächerlich flach, zu wähnen, daß\ndas so erlangte Innere, das hinter allem Geteilten,\nals dessen absolute Ganzheit liegt, nicht aller Ge-\nteilt Ii ei t unendlich überlegen wäre! Man über-\nschätzt die Außenwelt ungeheuerlich und unter-\nschätzt die innere, deren Zentrum und Kern, so\nsehr, daß man sie kaum erlebt. Aber der Um-\nschwung kann, wenn man als ein Kopernikus der\nSeele diese seelisch-sittliche optische Täuschung\ndurchschaut, nicht mehr ausbleiben. Wenn man\nseinen seelischen Standpunkt, sein (mit Goethe zu\nreden) selbständiges Gewissen als Sonne des Sit-\ntentages einnimmt, so hoffe man zuversichtlich,\ndie ganze verrenkte Welt in die Angel zurückzir-\nheben, aus der sie aufkreischend geglitten ist.\nIn diesem Sinne sei es vergönnt, Walt Whit-\nman zu zitieren, der die Allmacht der eignen Seele\nbesingt:\n„Dir, Urprinzip,\n„Du unvergleichliches, leidenschaftliches, gutes\nPrinzip;\n„Du starre, du unbarmherzige, süße Idee,\n„Todlos durch alle Zeitalter, Rassen und Länder\nhindurch:\n„Am Ende eines seltsamen dunklen Kampfes, eines\ngewaltigen Kampfes um deinetwillen,\n„Dir diese Gesänge, dir und deinem ewigen\nVormarsch!\n„Du Kreis der Kreise!\n„Du siedendes Prinzip! Du wohlbeschlossener,\nheimlicher Keim!\n„Du Mittelpunkt!\n„Rund um deinen Begriff dreht sich der Kampf,\n„Mit all seinem zornigen und heftigen Spiel von\nPrinzipien,\n(Um zu gewaltigen Ergebnissen zu kommen für\ndreitausend Jahre).\"\nUnd nur, wer dieses Prinzip der seelischen\nGanzheit ursprünglich lebendig persönlich in sich\nselbst entdeckt, weiß mit unfehlbarer Sicherheit,\ndaß diese Idee der eignen Allmacht, wenn man ihr\ntreu bleibt, sich so getreu und konsequent, allem\nstumpfen Wider stände der kleinen Teilseelen zum\nTrotz, auswirken muß, daß endlich einst die in-\nnerste Freiheit, Unsterblichkeit und Göttlichkeit\naus ihrem bloß von ihrer eignen Selbstvergessen-\nheit errichteten Gefängnis mit Glanz und Wunder\nnach außen brechen und die Welt erst zur Welt\nmachen soll.\n\nGrunewald-Tage\nAdolf Knoblauch\n\nSchluß\n\nVon diesem wunderbaren Geschehen bin ich\nseltsam ergriffen und voll Unruhe. Ich stehe ganz\nallein im Schatten der Rebenhänge. Mit liebendem\nWohllaut wandeln die Scharen von den Gärten\nund Lauben herauf und verlieren sich wiederum\ntalab. Da trete ich hinaus in die Wandelgänge und\nLauben, ich will mit ihnen allen gemeinsam lieben"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.7", "texte": "Heemskerck: Holzschnitt / vom Stock gedruckt\n\nund jubeln. Aber in welche Laube ich auch gehe,\nin welch schwärmendem geselligem Kreis ich\nglaube des Festes teilhaft zu werden, immer finde\nich den Ort still und schattenhaft. Dämmerung\nsteigt aus der Tiefe zu den Bergen auf, der Lärm\nverscliwebt fern mit einzelnem Lachen und durch\ndas weiße Dunkel eilen dämmernde Paare heim.\nIn den tiefen Gärten leuchtet der Glühwurm, und\ndas Brüllen der Rinder hallt von den fernen Wei-\nden in die warme Nacht gehüllt. Vom Festtaumel\nder Menschen ist nirgends eine Spur, die ver-\nschlungenen Wege dehnen sich aufwärts rein wie\nam ersten Tag.\nIn der unendlich heraufströmenden Finsternis\nverweile ich bangend, ich zage der Waldnacht,\ndoch da nimmt mich Einsamen mein gütiger Traum\nan die Hand, und ich trete droben ein ins Tor des\nDomes in den Bergen, das offen ist wie alle Kir-\nchen, in einen leeren, von Kerzen rötlich erhellten\ngroßen Saal, in dem meine Schritte widerhallen.\nAls ich ihn verwundert durchmesse und dann zu-\nrückblicke hat sich ein glänzendes Tempelchen aus\ndurchsichtigem Kristall über mich erhoben, das in\nblauer Dämmerung mit dem nach unten gewandten\nKelch einer glühenden Rose herabschimmert.\nEinsam in der zarten, hohen Kirche trete ich\nzum Brunnen in ihrer Mitte, um mir die Stirn zu\nbesprengen, denn es plätschert vom Quell.\nAhnungsvoll gefangen lausche ich in die leuchtende\nHöhe empor, als sich alles wiederum verändert, in\neinem völlig finstren Gang muß ich vorwärts drin-\ngen, in dem ich mich nur tasten kann und mein\nAtem bedrückt ist. So komme ich in ein weites\nnächtliches Gewölbe, zum Fuße eines hohen kalten\nSteins, an dem ich mich niedersetze mit finsterer\nAngst.\nDas Dunkel beginnt langsam aufzurollen, als\nwerden Vorhänge hochgezogen, Licht, blendend\nbunte Gewebe von Licht schweben im fernen un-\ngeheuren Rund, die Finsternis wird im Nu fortge-\ntan, Glut und Herrlichkeit stehen anstelle von\nMauern im durchsichtigen Kristalldom. Ich bin zu\nFüßen einer von innen flammenden Riesensäule,\ndie als ihr Haupt eine sonnengleiche Rundschale\nerhebt. Heller glüht die Freude erregende Runde.\nFarbige Schleier gleiten nieder, und das Licht stei-\ngert sich, bis ich schaudernd die leere Glanzhöhe\nnicht mehr ertrage, ich umfasse die strenge Säu-\nlengestalt und lehne mich an sie.\nBrüder, die ich ahne, ihr gebt wunderbare\nFrömmigkeit dem heimatlosen Herzen, Himmel-\nmänner mit schönen, scherzenden Gebärden! Ein\nletzter sanft rosiger Schleier entschwebt, und in\nder weißen Reinheit erscheint die Gottesversamm-\nlung der seligen Männer. Aus seinem sonnenglei-\nchen Nest schwebt der Adler, der die Zei-\nten klaftert in goldener Wolke und spannt\ndie mächtigen Fittiche über seine seligen\nSöhne. Männer im Kraftalter, Jünglinge blassen\nKindergesichts, treten in die hohe Runde, mit dem\nRuhm ihrer Aengste und dem Lob ihrer Ent-\nzückungen. Mit sanfter Gebärde die Lichtgewande\nrührend, beginnen die tausende blassen Anbeten-\nden ein leidenschaftliches Hochlied steigernd zu\nsingen, mit dem gewaltig starkes\nsich zur Kristallkuppel aufschwingt, wo die\nSonnenschale in Glanzkraft strahlt.\nSanft dienende Hände nehmen mich und tragen\nmich empor durch wehende Gewände und ich fühle\nschmale Hände segnenden Hauches auf meinem\nHaupt. Dann entschlummere ich aus dem wissen-\nden Sein.\nAm Dachrand stehe ich über dem Abgrund!\nDas hat niederziehende Banngewalt, gleich eines\nMaelstromes unheimlich wälzendes . Schwarz.\n/\nDrunten im Hause zünden sie Lichter an, klappern\nmit den Geräten zum Abendessen.\nIch soll das wunderbare Blut meiner Jugend\ndämmen, kerkern, selbst ihm Zügel und blankes\nGebiß anlegen, ähnlich den Zurichtern, welche die\nblutjungen Rosse im Kreise mit der Peitsche um\nsich treiben, bis ihre schmalen zitternden Flanken\nmit dem Schweiß der Knechtschaft bedeckt sind!\nHabe ich in den Adern nicht Feuer, sprühende Ur-\nkraft mit ihren Gezeiten des Lohens und des Aus-\nbruchs! Ist meine Art nicht tief sorglos und unfes-\nselbar, voll Traum und Wunder gleich dem Kinde!\nIch bin nicht aus eurem armen Zeug, ich trage\nwehevolles Fiebergewand.\nDa mein Aug sich über die Wolken richtet und\ndie Machtgestalten schaut, rote und graue, im\nDonner, im Frieden der Sommernacht, dann soll\nich stille sein, bei euch weilen! Das wunderliche\nKind euch zu lieb und zu leide sein! Einsam geh\nich zum spiegelnden See und weine vor unend-\nlicher Wonne und lege mich nackt aufs bleiche\nGestade in die warmen mächtigen Wogen und\nschaukle mich im Sternenschein.\nQualvolles Sehnen, einst schaffen zu dürfen,\nwas alle Herzen selig macht und nicht davon ab-\nlassen. So fühle ich den ahnungsvollen Trieb, die\nunbesiegliche Sendung, für die ich mich verzehre.\nWenn das Hochgestirn hinter dem vortretenden\nMond in seiner Abgeschiedenheit verharrt im\nStande der Finsternis, da brechen unsichtbar dem\nbloßen Auge über den Rand des hellen Mondes\nvom verhüllten Sonnenkörper in seiner Kraft lo-\ndernde Fackeln riesig in den dunklen Weltraum\nhervor. Ich sehe die lieben Gärten, die Beete\nstrahlen bunt im Gedeihen, auf seiner Bank ruht\nder Gärtner, der gütig Schenkende.\n*\nGärtner sein, Gärten schaffen zu dürfen! So\nviele Seligkeit, soviel Ohnmacht ward mir zu lei-\nden gegeben! Ihre Kräfte rühmend schreiten die\nLichtgestalten der Erde erlauchten Fußes unter\nerhelltem Himmel! Traum befällt mich mit zittern-\ndem Erwarten, keiner unter. Tausenden von Men-\nschen hat dies gefühlt, keiner hegt das Gedächt-\nnis an einen schrankenlosen Flug im Himmel.\nDann sehne ich mich fort aus dem strahlenden\nSaal, der freundlichen, warmen Menge, selbst den"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.8", "texte": "Händen der Geliebten entfliehe ich unsäglich ge-\nbieterischen Triebs, eile in die Nacht, in den Wald,\nzu den Vögeln und Gräsern* stütze an den Böden,\nfasse in die Erde mit den Fingern ütfd bete schluch-\nzend: Friede! Im heiligen Mond knie Ich und bete\nmit Stammeln\nVater Unser . .\nDa drinnen am Saal liest Einer mein Gedicht an\nMichelangelo vor.\nIn einer milden blauen Nacht sind alle aus dem\nHause geladen auf den bekränzten Altan zu einer\nschwärmerischen Feier im Rosenlicht der Papier-\nlaternen, die Frauen in wallenden Farbeifkleidern,\ndie lange weiß gedeckte Tafel ist zum Nachtessen\nbesetzt und mit Ölumen und Weingläsern ge-\nschmückt. Die Sterne halten die Mitterfiachts-\nstunde in ihrem Zauberbann. Geigenton geht herb-\nsänft über die schweigenden Gäste, vom Walde\nschweben die dunklen Klänge einer Aeolsharfe im\nNachtwind, bis die Heiteren auf dem Altan sie mit\nneuem Lärm auslöschet.\nIch trete in das Licht an die Tafel, scheu und\ndunkeltraurig in der süßen Nacht und ringe mit\ndem Atem. Ich will ihnen allen einige Worte sagen,\nmeinen Dank darbringen, ihnen meinen Frieden\ngeben, und innig beginne ich: „Liebe Gefährten..\"\naber ich stocke, als sei jäh mir Denken und\nSprache versagt: leises Lachen kommt vom Tisch-\nende, von den Frauen, und über mein Unglück\nblicke ich hilflos in die Nacht. Aber dann werfe ich\ndas Haupt zurück, im trotzenden Schwünge erhebe\nich meinen Stuhl, stoße ihn fort und springe ins\nDunkel. Tränen im Aug, mit bebenden Knieen fliehe\nich in mein Zimmer und sinke aufs Lager, ruchlos\nin meine innige Liebe getroffen. Dann gehe ich\nzum Spiegel, und als ich den dämmernden Umriß\nmeines Gesichts erblicke, schlage ich rasend ins\nSpiegelglas, bis es splittert, und meine Hand blu-\ntet . . .\nDie alte Heide ist im Herbst, wenn der Wind\nim Kraute schläft, voll von seltsamen Stimmen,\nund wenn ich mich müde zu ihr niederlege, ziehen\ndie Träume im schlafenden Wind ihre Wolkenge-\nwänder an und fahren mit grauen Gebärden über\ndie Erde, die unter ihrem Hauch feierliches\nSchweigen bedeckt.\nDann kommen zu mir über die einsame Heide\ndie lieben Frauen mit traurigem, müdem Angesicht\nund reichen, schönen Händen, nacheinander, um\nmich anzublicken und legen sich still um mich\nnieder, betten mein Haupt in ihren Schoß, liebkosen\n•meine heiße Stirn und hauchen linde begierdelose\nKüsse auf meinen Mund.\nMein Leib ruht tief vom Duft ihrer Gewände\numhüllt, und ich blicke dankbar zu ihnen auf, bis\nsie meine Augen mit kühlen Fingern zudecken.\nUnd als ich erwache, sehe ich weit um mich die\ngestirnte Nacht, rings ruhen schlafend viel hun-\ndert Schafe, eine Herde von träumenden Tieren,\nauf deren wärmendem Vließ ich selber ruhe,\ngleichwie im Schoß müder Frauen, behütet vom\nAtem und Leib der Zarten.\nIn Festkleidern erheben wir uns von Ruhebet-\nten im dämmernden Saal und blicken auf hohem,\nweinlaubbekränztem Altan' über düstre Wälder\nins grenzenlos Abendblaue, wo die goldene Mare-\nchal-Niel der Sonne hinsinkt. Aus edellinigen Glä-\nsern trinken wir Wein, wie müde, festliche Frauen\nihn gern trinken, um ruhige Nächte zu haben. In\ndei* Halle singt Einer ein Liebeslied, das langsam\ndunkle Klänge begleiten, indem die Nacht mit Brei-\nten, düstren Wölke# herelr&tfrnmt\n. . ein stiller Garten ewfiger Blumen nimmt\nuns auf ; . .\" Das Summen der Bienen in meiner\nheimatlicfieiii Atigustheide, das Grillenlied im Gras\ndes Abends, ein Kinderläclielfi,- das wir nicht ver-\nstehen . . . das kommt über mich in den Klängen,\nmit denen wir uns unaufhaltsam vom Alltäglichen\nentblättern* unsere Seelen freier einen.\nAuf schwarzen Seen in großen Booten, die\nbunte Rapierlaternen still be&rälizen, werden wir\nvon starken Vögeln gerudert. Mit langen, schwar-\nzen Meerflügeln tauchen sie lautlos in die schweren\nWasser und fahren uns irgend wohin: ins Meer;\nin die Nacht, nach Hause!\nKlabautermann springt lautlos vom Polstern in\nunser Boot und Wirft kleine Sarikt-Elmsfeuer über\nuns* so daß die Paßierlaternen minder hell bren-\nnen. Er singt hoch vom Bugspriet der Führer-\nbarke, wo er rilit dem geisterhaften Kindesleib\nsteht, immer wieder die Grußworte aus einem\ntraurigen Seemannslied, mit altem, langem Kehr-\nreim, während der Mond elfenbeinfarben überm\nMeer aufsteigt.\nBei Klabautermanns Lied naht ein großes,\nschweigendes Schiff langsam vom Meer und legt\ngeräuschlos vorm Mond Anker. Arn hackten,\nschwarzen Mast brennt ein kleines, düstres Licht,\ndas die schwanke Spiegelung bis an unsere Boote\nträgt.\nErlöschend, der fernen Fahrt, schwebt, als wir\numkehren, gedämpft das alte Lied übers Meer in\njenes leise Knarren der Anker ketten: befahl ju\nGott! befähl ju Gott!\nStill stehe ich aus dem lieben Kreise auf und\ngehe in den mondbeschienenen Garten, will hun-\ndert dunkle, duftende Blumen pflücken.\nWogend ziehen die Klänge aus der Halle in den\nfahlen Himmel: „Ein funkelndes Krönchen aus\nweißen Steinen mit einem Rubin. Liebeslied, Feuer-\nlied, das Nana auf schwarzer Totenbarke in Meer-\nnacht singt zu Balders- Häupten, flammenüber-\nströmt —\"\nDer geliebten Frau gebe ich, während icli ihre\nschöne Hand fromm küsse, alle meine dunklen\nBlumen, und du schmückst dich überall und ohne\nHast mit zahllosen dunklen Blumen.\nUnd noch einmal bin ich fort, atemlos, das\nZärtlichste meines Tuns bedenkend und bin gar\nschnell wieder bei dir mit der Bitte, dein Haupt zu\nneigen, damit ich über deine Stirn den glühenden\nLichtWfurm setze, der gleich Gottes lieben Sternen\nglüht, und den ich geschenkt bekommen habe für\ndich.\nDer kleinste der Knaben, der altklug ist, kommt\nrasch herbei, wirft sich zärtlich an deinen Hals und\nfragt atemlos, wie du dich so schmücktest! Da\nantwortest du, die sanfte Mutter am frohen Abend:\n„Das ist ein Stern von Gottes Schmuck, und er ist\nder Einzige, den er auf die Erde verschenkte. Ist\ndas nicht schön!\"\nDer kleinste der Knaben aber antwortet noch\natemloser: den soll Gott auch ihm geben, er will\nsolange bitten und weinen und nicht Vater und\nMutter lieb haben, bis Gott auch ihm den Stern\nschenkt. Denn von mir sollst du auch Einen haben!\nDie liebe Frau lächelt, nimmt mich an die eine\nund den kleinsten der Knaben an die andere Hand\nund führt uns in die Nacht. Da glühen über den\nWegen allen hundert solcher Sterne, und staunend\nzählt der Kleine Stern auf Stern. Ueber uns der\nHimmel ist von all seinen Sternen leer geworden\nund du, o du! bist ganz zu unserem Himmel ge-\nworden !\nAus den Wolken enthüllt sieh der schmale,.\nloheiMe Morgenrand, rötlieh anlaufendes Blau und\nhmner weißeres Blau, das aus dem Abgrund der\nreinen Frühe ansteigt, höher und lichter dahinzieht\nund wert die leuchtenden Ebenen enthüllt aus Tau-\nnebeln mit Scharfem, gelbem Lieht.\nVom Rand der Erde sehe ich den ungeheuren\nHimmel spalten von einem feinen, hohen Blatt, das\nim fernsten Licht erglimmt und die Helligkeit schei-\ndet. Die nahende Röte bläst rösenfarbige Flaum-\nwölkchen zum Himmelsscheitel hinauf, und im\n- *\nflammenden Weiß über den Hügeln sehe ich\nwehende Schleier herrlich eifrherwailen, weisse\nschimmernde Gestalten, ein endlos nahender Zug\nvon den Sonnengestaden. Rot leuchten die Linien\nund Gruben ihrer blendenden Leiber vom weißen\nzartgeschwungenen Bögen der freien Schultern\nund Arme, die sie int flammenden Betlied gen\nMorgen erheben.\nDann umgeben Hülfen die nackten Wohlgestal-\nten. Der Voranschreitenden Farben sind reines»\nblendendes Weiß, rot die der Nachfolgenden und\nbläulich die Ferneren bis zu dunklem Blaut und\nSchwarz die Letzte*!, welche geil den Himmel auf-\nbrechen. Die Vorderen haben ewige Augen durch-\nsonnt zu den freien Lüften erhoben, demütiger,\nüuntief, niedriger senken jene. Folgenden die\nHäupter, kaum vermag ich die fernen Düsterge-\nstalten des Grames zu erkennen, die der Finsternis\nnicht zu entrinnen vermögen und dort wimmeln\nund sich verborgen halten.\nEin schönes, weinend ansteigendes und tröstend\nherabqfüeliendes Betlied, das in die dem Morgen\nallgesamt sich auftuenden Geschöpfe sinkt gleich\ndes Weibes Liebkosung, die der Mann unter Ban-\ngen erharrt und gleich ihrem Herabneigen, das er\natemlos ersehnt aus seiner Unterwelt.\nAls ich mich hinabbeuge und meine Tränen in\ndie übergüldeten Fußtapfen der herrlichen Waller\nsenke, innig den Entschwindenden nachfolge, wogt\naus dem Grenzenlosen das Meer aus goldenem und\nzauberischem Rot, das seinen gleißenden Bogen\naus Alabaster um die Hälfte der Welt in den flam-\nmenden Himmel biegt. Sanft erglühend rundet es\nsich zu den Walkenbänken, indem es auf Nord und\nSüd die durchsichtigen Enden stützt: seine rosige\nLippe erhebt es zur Liebkosung, um die Feuer zu\ntrinken, die zu seinen Gründen niederlohen.\nAuf der Düne lege ich mich nieder, von den\nWiesen hinter mir zieht die Nacht herauf mit bläu-\nlichem Gewölk. Eine Möwe rinnt tropfenden Flu-\nges hoch hernieder von den schlafenden Lüften des\nAbends und spiegelt den schönen Bogen ihres sil-\nbernen Gefieders im Rotglanz des Meeres. Auf\nihren zierlichen Bug lege ich den unendlichen\nHauch des Wohlgefallens, und die krönende Güte\ndes Menschen trägt die Gesandtin heimwärts, all-\nwärts!\nDie Myriaden Geschöpfe erwachen am Dünen-\nrand, den Vorkuppen der Nacht, auf dem grauen\nWattenmeer, im blassen Schauer der\nfliehen sie herbei mit dem langsamen Flutberge\nund singen aus den lodernden Himmeistoren, die\nfahler, nächtlicher werden, indem aus ihnen die\nletzten Anstrengungen hervorgehen zum Fest der\nLiebe und der Vereinigung.\nVon Händen der Seele entflammt schleudert\ndas einsame Feuerlicht für die Schiffe den kreisen-\nden Strahl durch die Nachtwolken auf hundert\nMeilen in die Ferne über dem dunklen Heimatland.\nAlles letzte Atmen der Seligkeit tut sich auf und\nversinkt im still sich dehnenden Weltraum. Der\nlichtflammende Jüngling an purpurner Meergrenze\nfaltet seine Fittiche, und das Meer rundet sich\nwieder still über seinem glühenden Gürtel amd dem\nSonnenband der Stirn, das noch lang aus dem\n'kristallenen Haus Meer und Himmelslüfte färbt."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.9", "texte": "Wir sind einsam beieinander im Zimmer der\nGeliebten, zum letzten Mal. Sie hat sich auf den\nhohen Bock vor das Harmonium gesetzt und spielt\nund erzählt mir von dem Maharadjah in Birma,\nder sie liebt und den sie nie, es sei denn gebannt\nim Wachtraum, geschaut hat. Diese Erinnerung ist\ngeheimnisvoll und edel, es sind die wunderbarsten\nAugen, in die sie im Leben und von fern geschaut\nhat. Er wird kommen, der Großäugige, und sie aus\nNot und Leid heibringen.\nDa wirft sie sich auf ihr Ruhebett und bittet\nmich mit schöner Freude, mich neben sie zu legen.\nUnbeholfen und scheu empfange ich das seidene,\nweiche Glück in den Händen, und sie nimmt mei-\nnen rechten Arm unter ihren Nacken, mein Haupt\nmit beiden Händen, der ich schwer und tölpelig\ndaliege, mich in glühender Bangigkeit wälze.\nPlötzlich fühle ich ungestüm die süßen Glieder,\nwährend sie mir zulächelt. Sie läßt das Spiel mit\nsich treiben und sich in die Kissen drücken, ich\nnehme, sie eng in meine Arme und küsse sie herz-\nhaft und selbstverständlich auf die runden Lippen.\nAber dieser Kuß gibt mir die Besinnung zurück,\nim unendlichen Schauer wird meine Flugkraft ge-\nlähmt und unsäglich befangen sehe ich in ihre hel-\nlen, lieben Augen, sinke schwer aufatmend aus\nangstvoller Brust still, gehorsam und ruhig neben\nsie, ohne mehr sie anzurühren.\nErschrocken fragt sie, aber ich kann nicht ant-\nworten und bin ohne Regung. Da klagt sie sich an,\nbittet reizend um Vergebung, ist alle Zartheit und\nMütterlichkeit für mich auf Erden, „mein Lieber,\nwas machen Sie mir für traurige Augen!\"\nVolle Scham, sie nicht mehr anzusehen, setze\nich mich dem Fenster gegenüber, schaue in den\nstrahlenden Tag hinaus und denke zusammen-\nhanglos daran, wie wenig einer tatsächlich von\neinem gelesenen Buche behält, und daß es immer\nein Etwas ist, das unerkannt unseren Willen, die\nEinbildungskraft und das Gedächtnis formt: so er-\ninnere ich mich aus dem Hyperion, daß Hölderlin\nden Verrat in der Freunde Augen fühlt!\nDie himmlischen Erzengel Hosrot und Mairot\nwurden von Gott auf die Erde gesandt, um die\nMenschen zu unterrichten und zu regieren. Ein\nschönes Weib, das sich in einer Klagesache ein\ngünstiges Urteil dieser von Gott eingesetzten Rich-\nter zu sichern gedachte, lud sie zu sich ins Haus\nein. Sie trug Speise und Trank für sie auf, er-\nmahnte sie häufig und mit lieblichen Worten, froh\nzu sein, bis beide zuletzt satt und trunken in des\nWeibes Begierden fielen und ihrer begehrten. Die-\nses bewilligte sie ihnen, mit der Bedingung: der\nEine solle das Wort sagen, dadurch er vom Him-\nmel herabgestiegen sei und der Andere das Wort,\ndadurch er wieder emporsteigen werde. Hierin\nwilligten die Engel ein, und, nachdem das schöne\nWeib die Worte lernte und das Wort des anderen\nEngels sprach, fuhr sie alsbald gen Himmel.\nAls Gott das gesehen und sich nach dem Han-\ndel erkundigt hatte, setzte er sie als den Morgen-\nstern an den Himmel wegen ihrer Schöne und\nnannte sie Luzifer. Danach berief er die beiden\nuntreuen Engel und erteilte ihnen eine Pein, die\nsie sich auswählen sollten zur Strafe in dieser oder\njener Welt.\nSie ergaben sich dann in die Strafe jener Welt,\nund sie wurden aufgehenkt an eisernen Ketten mit\nden Häuptern nach unten in den Sumpf Behil\nbis ans jüngste Gericht.\n„Von diesen beiden lernen wir die Dinge, durch\ndie man Zwietracht stiftet zwischen Mann und\nWeib*', sagt der Koran in seiner zweiten Sure,\n„aber keinem können sie hierdurch schaden, es\nsei denn mit der Einwilligung Gottes\".\nAngetrieben von der heißen Ungeduld der Ein-\nsamkeit und dem Wunsch, die liebe Frau, wie in\neiner vergangenen Stunde, wunderbar bei mir zu\nsehen, neige ich mich beglänzt zum Gebet vor dem\nherrlich klar scheinenden Mond, daß ich mit einem\nedlen, liebenswürdigen Verse zum Lobe der lieben\nFrau erfreut werden möge.\nAls ich ihre zierliche, knabenhafte Gestalt be-\ndenke, schaue ich mit inniger Leichte die wunder-\nbare Tochter des Tizian, die über nacktem Schul-\nterbogen das Haupt dem Betrachter zukehrt und\nhoch auf kräftigen Armen eine Schale mit vielen\nFrüchten anmutig hebt.\nDer schöne Anblick, sowie das süß und milde\nmich überrieselnde Empfinden von der geistigen\nAnwesenheit der Baltin stärkt mich, mein erhöh-\ntes Träumen in einfachen und wohltätigen Worten\nauszudrücken. Also schwingen sanfte und heitre\nGeister im ersten Vers, begleiten ihn mit fernen,\nnoch undeutlichen Klängen:\nAus blankem Silber hoch die edle Schale\nvon reifen Früchten farbig überquellend Gut\ndas sie mit sanft gehemmter Betgebärde\nauf blassen fessellosen Armen lächelnd hebt.\nAls ich mich des mühelosen zarten Verses freue\nund Gott für die holde Gabe danke, werde ich\nmehr versucht den ersten durch einen folgenden\ndunkel zu bestrahlen, indem ich das Verhalten der\nlieben Frau schildere, ihre mannigfaltigen Lebens-\nlagen und Schicksale, jene seltsamen Andeutungen,\ndie auf ihre unzerstörbare Lieblichkeit schließen\nlassen, endlich mein schmerzlich gespanntes Stre-\nben und beständiges nachdenkliches Wünschen,\nihre Freude zu vermehren!\nEs gilt, angemessen und innig auszudrücken,\ndaß sie mit der Mannigfaltigkeit und besonderen\nTiefe schmerzlicher Erlebnisse vor allen Frauen,\ndie mir gar reich bekannt sind, sich auszeichnet.\nWie wir leichten Kinder alle, hat sie der Fürst die-\nser Welt mit Wunden an Leib und Seele geschla-\ngen, sodaß sie schließlich eine liebliche und Wür-\ndige Freundin der Dichter, Schwester und Gefähr-\ntin erlauchter Pilgrime ward.\nIm Anblick ihrer Vorzüglichkeit die alle, die sie\nanschauen, für immer herzlich jener schweren Art\nentledigen, welche leidet von kleinlicher und küm-\nmerlicher Bosheit Verdrossener, in diesem Maße\ndes Erkennens bestrebe ich mich, mehr erschüt-\ntert, indem die erste Strophe mir nachtönt gleich\neiiem verklingenden Glase, leidenschaftlicher\nFreude den Schmerz im zweiten Vers zu ver-\nmählen :\nEs überströmt die längst vernarbten\nWundenmale\ndes heitren Angesichtes milde Glanzesflut\nund innger als mich Sonn und Brand verzehrt\nhat mich mit tief verborgenem Blau ihr Aug\nbelebt.\nDieser Vers, der in seiner Gestaltung dem\nersten in den entsprechenden Reimlauten anver-\ntraut ist, läßt die erlauchte Gebärde des ersten sin-\nken. Dadurch mag ich wohl am reinen Marmor\nder Gestalt sündigen, aber die lieblichste der\nEmpfindungen brennt in meinem Blut und verlangt\nHingabe anstelle der Schönheit und mag lieben . .\nIhre schönen Arme entledigen sich der Bürde,\nder Busen hebt sich voll Lebhaftigkeit, ihre Hände\nlegen sich um meinen Hals. Ihre immer blassen\nundurchsichtigen Augen strahlen mit tiefer Bläue\nin meine Augen nieder, daß ich sie schließe, und\nmein Haupt in süßer besinnungsloser Freude sich\nbeugt, gleich den Aehren, über denen die reifende\nSommerglut streicht. Im glühenden Taumel zage\nich nicht mehr die schöne Bewegung zu schildern,\ndie sie ergreift, und die Zärtlichkeit, der sie sich\nhingibt, in meinen letzten Versen zu verehren.\nMit hellem Lachen gießt sie munter, ihres Adels\nmüde,\nringsum die Früchte aus. Wunderbar die Arme\nsenkend,\numschlingt sie eng mein Haupt, daß mit dem\nLide\nnachtwandlerisch die Augen sich bedecken,\ngeheimes Bild bedenkend.\nZu welchem Leben bin ich erwacht, wo ich\nfurchtbar zu vergehen drohe. Ich bin das Schiff,\nwelches ein wunderlicher Steuermann regiert, bald\ntaucht er mich ins stürmende Meer, wo schäu-\nmende Gier zuhöchst tollt, mich zu erraffen, bald\nrichtet er mich prangend mit stolzem Mast zum\nunabsehlich klaren Meerhimmel auf.\nVergebt, Dem sich trunken erschüttert die Glie-\nder dehnen, den ein glänzendes, Traumgebild,\nquälend entzückt, der sich müht, den Traum ins\nDasein zu rufen mit starken Kräften, die dem schö-\nnen GeWande widerstreben.\nAlle Einzelheiten ringsum sind ins Licht ge-\nstellt, die erst fernen, unendlichen Klänge, die eine\nWeile ganz aufhörten, nahen mit zitterndem Er-\nschwingen der leidenschaftlichen Wendung und er-\nklären sich brausend, nicht ohne Schaudern und\nBangigkeit über meinem ganzen Leib. Ich schaue\ndie klare, holde Frau, wie sie ernst einhergeht, mit\nseligem Tanzen, das sich mir innig eingräbt:\nSie hebt, als tdiese klaren Blicke mich beseelen,\naus strafen Falten des Gewands von blauer\nSeide\nzu blasser Schön« Schultern, Arme, Wangen.\nMag der Betrachter die einsame stillste Stunde\nsich in die Erinnerung rufen, wann sein reiches,\nheitres Leben an einer unersättlichen, unzähm-\nbaren Begierde zu scheitern droht. Mag er daran\ndenken, plötzlich eine Schwingung ihn durch-\nwandelt, ihn erschüttert, ihn erschrickt, mit der\nFür cht an Wandlung vor einem nächtlichen Ge-\nspenst.\nHeiße Wonne wechselt mit Schaudern und\nherzbanger Sehnsucht, und er wendet sich dem\nDasein zu im tiefsten Schmerz, wollüstigen Fieber\nund Rasen. Dann wünscht er sich allen Schmerz\nund alles Leid!\nUnd in diesem Augenblick stellen sich seiner\nseherischen Kraft dar: Strenge Tempel, Säulen\nim hehren Maß, reine Denkmale. Er, der trunken\nin seiner Leidenschaft ist, wird meine einsame,\nverhohlene Träne verstehen, welche ich weine im\nSchöpfungslichte, das der Ewigkeit angehört. In-\ndem ich den Wahnsinn meines kurzen, befangenen\nLebens beweine, meine Einsamkeit, mein Fernblei-\nbenmüssen von der Göttertafel, bleibt mir der zärt-\nliche Trost allein, im letzten Verse alle Qual aus-\nzusprechen:\nIn ihrer unendlich schmeichelnd Kinderfinger\nedler Schale\nhebt sie, daß Tropfen langsam ihre Knaben-\nlocken überfließen\nhoch mein blutend Haupt, mit Paradiesessang\nund Eiakuß im schönen Marmorsaale.\nIch lese im Titan des Jean Paul Richter! Ich\nbin tief hineingeflochten in die unendliche Erzäh-\nlung, als ich unbemerkt an eine allerhöchste Stelle\nkomme. Es heißt da vom wahnsinnskranken Jüng-\nling und dem herrlichen Vater (najch Lianens\nTode): „ . . . dem Arzt schienen die Kräfte der\neisernen weißglühenden Natur des Jünglings, die\nFieberpein noch nicht gebogen hatten, . . . Aber\nder Vater überließ ihn gleich einer Menschheit den\neigenen Kräften. Er sagte, er sähe mit Vergnügen\neine solche, seltne, ungeschwächte Jugendkraft\nund sei nicht in Furcht ... Er ließ ungestört alles\nfür die Reise packen.\""}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.10", "texte": "Vor der Härte und Wucht des Vaters schied der\nGlutstahl der echten dichterischen Sendung mein\nHerz, es erhob sich in seiner Marter und spaltete..\nin einem tiefqiiellenderi Weinen der) heroischen\nFreude und Erleuchtung, und ich hob stolz mein\nAngesicht auf, um es dem hellen Tage zu zeigen.\nAn diesem Tag, wo ich nackt und göttlich die\nFormeln alle von mir schleuderte, als meiner un-\nwert, wurde alles Böse und alles Gute mein Teil,\nwas ich zu geben vermag.\nAm Tag der Sonnenwende ist zum Fest das\nganze Haus mit weißen Scharen von Knaben und\nMädchen angefüllt. Ein blauer Herbsttag ruht über\nder braunen fruchtentbundenen Erde. All die Kin-\nder füllen die Halle und durch das Haus erhebt sich\nder erste Orgelklang, der bald gewaltig brausend\nauf den Fittichen der uralten Engel den klaren nor-\ndischen Väterhimmel im Sturm durchdringt, daß\naller Herzen andächtig stocken, doch bald frei er-\nbeben im anachtvdllen Chor der Männer und\nFrauen und hundert Kinder, gebunden gesammelt\nin die brennende Herzkraft des alten Kirchenlie-\ndes. Der strahlende Chor stimmt die Aengstlichen\nfreudig in der Schau herrlicher Werke, bis die\nKlänge überschwänglich die Herzen der Geschöpfe\nöffnen und in ihr Blut strömen im bebenden Licht,\niia übermenschlicher Woge.\nAls die Klänge verhallen, gehe ich durch die\nReihen zu einem Kind von edlem Angesicht, mit\nherbem Blick und kniee nieder zu ihm und küsse\nselig töricht seine Finger. Innig betrachtet mich\ndas schöne Kind und berührt ahnend mit der Hand\nmein Haupt.\nDie geliebte Frau naht durch die Halle, nimmt\ndas holde Kind herzlich zu sich auf und entwan-\ndelt vor den weißen Scharen.\nEine Glocke läutet stürmisch, und so verlasse\nich das Haus des Sommers. Die Lüfte sind Rosen-\ndüfte., hoch durchs Blau mit sachtem Schrei ziehen\nweiße Vögel, und die Wälder ruhen bunt, tiefgol-\nden und stille, still die ganze Welt.\n\nHeimkehr des Vaters\nAdolf Knoblauch\nIm hohen reinlichen Raum hellt durch die ober-\nsten schrägen Stoffleisten gelber Vorhänge Mor-\ngenlicht mit dichtem warmem Quellen die ver-\nschleierte Farbigkeit des Fußbodens von schmalen\nschwarz und weißen Fliesenwürfeln, des einfachen\nHausrats und der hellen Wände, die feine Säulchen\ndes Türgebälkes unterbrechen zum freien Durch-\nblick in die Reihe traulicher Zimmer.\nIm Alkoven mit zurückgefalteten Vorhängen\nliegt auf weißen Kissen eines schlafenden Mannes\nHaupt, welches das hohe Licht schattenvoll aus\nsanfter Dämmerung hebt. Auf dem roten verbeul-\nten Kupferbecken an der Wand glüht der Wider-\nschein des Lichtes, dunkeltönender Kirchengesang\nin ferner Halle gesungen. Neben dem Kupferbecken\nhängt am duffschwarzen Halter ein dunkelzinno-\nberrotes Frauenkleid.\nEine Frau betritt behutsam das stille Zimmer,\nihr Morgenmieder ist halboffen, den nackten Hals\nkränzt eine zarte1 Spitze, das Haar ist glatt und ge-\nscheitelt. Sie schreitet gelassen, Ströme inniger\nHeiterkeit leuchten in ihren weißen Augen.\nSie geht geräuschlos ans Bett, streicht ohne zu\nberühren, die schöne männliche Stirn, deckt etwas\nzu umd eilt zur Korbwiege, die unterm Schutz des\nschönen hausväterlichen Beckens an der Wand\nsteht. Sie hebt das Lederdächlein, schaut vorn-\nübergeneigt mit angehaltenem Atem und küßt in\nden Kissen das morgenrote Kindchen, dann setzt\nsie sich neben die Wiege, sie ein wenig bewegend.\nIn die freundliche Morgenstille, in die hellen Frau-\nenaugen senkt Gott eine Träne, und die Frau beugt\nsich um den Saum des Kleides zu nähen, das am\nHalter ihr zur Hand hängt Draußen rollt sanft ein\nWagen vorüber, als ein blondes Kind leise eintritt,\nund Frage und Gegenfrage von Kind und Frau sich\ninnig aneinanderschmiegen:\nKind: Er ist noch nicht aufgewacht!\nFrau: Er wird jetzt gleich aufwachen.\nKind: Darf ich bald zu ihm gehen und ihn wach\nküssen?\nFrau: Nachher darfst du zu ihm und küssen.\nWie so fröhlich werden wir Alle bald sein! Wie\ndoch wird der Gütige erwachen, wie wird er ob\nder Heimkehr leuchten und lächeln!\nKind: Darf ich alsbald seine milden Hände küs-\nsen, die dunkel und schmal mitten auf weissem\nLinnen ruhen?\nFrau: Seine Hände, Liebchen, laß mir, du darfst\nam teuren Vatermunde hängen, Tautropfen frisch\nam Rosenkelch Morgens naoh der langen Nacht.\nDu Engelchen wirst mir helfen, den heimgekehrten\n*\ngeläuterten Vaterleib vom heilenden Lager zu he-\nben.\nKind: Nun will ich weiße Rosen und hohen\nFlieder holen, und beim Erwachen sollen die Düfte\nder Blumen, seiner edlen Pfleglinge, um sein Lager\nzur Morgensonne; aufschweben.\nFrau: Die Düfte werden zauberisch sein, die\naus dieser heilen Kammer zum Lichte aufschweben.\nKind tritt leise wieder ein mit Blumen in der\nHand.\nKind: Er ist noch nicht aufgewacht!\nFrau: Er wird gleich erwachen, wann alle Glok-\nken in der Stadt und über dem fernen Lande läu-\nten.\nKind: Mutter, das Meer draußen liegt heut so\nruhig.\nFrau: Wie sollte heut nicht das Meer draußen\nruhig sein!\nKind: Die Leute sagen, alle Schiffe kehrten\nheim, sie liegen beisammen im Hafen und bessern\ndie Segel aus.\nFrau: Gleich ist das Kleid fertig. Kannst du\nnoch den Willkommenspruch für Vater, wann er\naufwacht?\nKind: Da ich eben die Blumen brach im Garten,\nhabe ich meinen Spruch unserm weißen Engel aus\nStein aufgesagt und über seinen Augen, die mich\nanschauten, rührten sich im Sommejwinde des\nLorbeerbaumes Blätter, als winkte er mit Händen\nnach mir.\nFrau: Schau, wies Kindchen schläft.\nKind: Unser Kindchen ist schön.\nFrau: Laßt uns stille warten.\nEin herzliches Tönen erzittert und schwebt\nsanft ankündigend über der Stadt und erfüllt sie\nbis zum Himmel. Die Frau ist aufgestanden und\ntut langsam das dunkel zinnoberrote Kleid um die\nHüften, bindet die Rockbänder am Rücken und\nwendet sich, die hohe Qestalt ganz im mütterlichen\nKleid der Liebe, dein Bette zu. Die Glocken in der\nStadt und über dem fernen Land läuten rauschend\nund tosend in Eins zusammen und verkünden al-\nlen vom Meere Heimgekehrten den Anbruch des\nwie der kehren de n Li eb es tag es.\nDas Kind kniet zu Häupten des Erwachenden,\ndie Mutter senkt das Haupt auf die, dunklen Hände.\nMann: Seid ihr Mutter oder Schwester, Weib\noder eigen Kind.\nFrau: Ueber deinen Händen betet deine liebe\nFrau, sie umfängt die wunden Füße des Lichten,\nder ihr die dunkle herbe Mutterkrone einst auf das\nBlondhaar legte.\nKind: Vater, Frühling der Erde blüht zu deinen\nHäupten, Engelsarme schlingt er demütig krönend\num dein liebes Haar!\nMann: Licht ist die Heimkehr und gekrönt sind\nmeine Schmerzen.\nEr sinkt tief zurück in die Kissen.\n\nGedichte\nBesteher\n\nI\nEndlose Ferne\ninnersten Erdteils der Seele\neröffnet gezücktestem Auge\nqualvolle Klarheit —\n„Zurück\" — ist beschworen\n„Andern\" gelassene Beute:\nGelassener Gang\nin Zukunft — und lauterer Herzschlag\nVernunft und — Verstände geläufig —\n\nII\nLaut schlägt Gott\nAugenlider nieder —•\nwenn zähes Blut\nHirn spannt.\n\nNeues Leben\nWelche Innigkeit fächelt die Stirn. —\nWeither säuselt's:\nFreundesgedaniken über Entfernungen\nbinden ans Dasein aufs neue.\nAm stärksten zuckt rot auf:\nWellen der Liebe.\nDie Flut wächst\nnach sandiger Ebbe.\n\nDas Rasiermesser\nDesider Kosztolanyi\nDer stellenlose Kellner Heinrich H. Krakauer\nerstand zeitlich am Morgen eine Wannenkarte fürs\nVolksbad. Er wurde in einen engen Raum geführt,\nauf dessen gerippter Qlastüre die Schmette'rling-\nflamme eines Gaslichtes tanzte. Ueber den Fuß-\nboden lag eine Binse und längst der Wand stand\neine verfaulte Holzwanne. Der Kellner versperrte\ngierig die Türe, zweimal. Dann blieb er — ohne\nden Hut abzunehmen — unter der Gasflamme\nstehen und blickte sich feierlich um, als wollte er\ndie Stube in sich schließen und wäre sehr ergrif-\nfen darüber, daß er hier angelangt. Auf seinem\nKragen gleißte Reif. Viel mochte er des Nachts\nherumgeschlendert sein, denn kotbespritzt war\nseine ausgefranste Hose und verstört sein Auge.\nSeine einzige natürliche Bewegung wäre gewesen,\nauf den Boden des kleinen Raumes der Länge\nnach dahinzustiirzen. Er nahm den Hut ab, strich\nsein schütteres Haar beiseite, richtete sein Rück-\ngrat auf. Dann schaute er in den billigen, grünen\nSpiegel und betrachtete sein fahles grünliches Ge-\nsicht. Langsam knöpfte er den Winterrock, an dem\nein einziger Knopf baumelte, auf, hängte ihn an\nden Rechen und entnahm der inneren Tasche ein\nRasiermesser mit schwarzem Gehäuse. Er öffnete"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.11", "texte": "das Messer, betastete die scharfe Klinge und legte\nes auf den Strohhocker.\nEr schaute nochmals, ob die Türe versperrt\nsei. Niemand befand sich im Korridor. Der Augen-\nblick schien geeignet. Drei feste und entschiedene\nSchritte tat er gegen den Sessel hin, runzelte die\nAugenbrauen und wollte nach dem Rasiermesser\nlangen.\n„Nein, erst später\" — fuhr es ihm durch den\nSinn — „ich bin schmutzig und muß erst baden.\"\nIn der Stube summte angenehme Wärme. Dies\nverleitete ihn sich zu entkleiden. Nacheinander\nwarf er zur Erde den fleckigen, spiegeligen\nschwarzen Kellnerrock, die braune zottige Weste,\ndie ausgefranste Hose, öffnete den Hahn des heißen\nWassers und sein kleiner verkümmerter abge-\nmagerter Körper konnte kaum erwarten, daß sich\ndie Wanne fülle. Unbändig purzelten darin die\nWellen. Vornübergeneigt betrachtete er das wo-\ngende Wasser und aus seinem mageren Rücken\nsprang scharf hervor das treppengleiche Rückgrat,\ndas einer harten knorrigen Holzader aus einem un-\ngehobelten Brett ähnlich war. In der nächsten\nMinute plätscherte er betäubt ins Wasser.\nEr streckte die Füße aus, warf den Kopf nach\nhinten über den Rand der Wanne und wurde von\nermattender Hitze liebkost. Es war ihm als läge\ner im Bett auf Wellenkissen und seinen Körper\nhülle die süße Decke des Wassers ein, seine Augen\nglühten, seine Haare wurden zerrauft, sein Gesicht\nentbrannte in Röte. An nichts dachte er. Fühlte\nsich grenzenlos frei. Sein Leben lag ihm hinter\ndem Rücken. Er spielte mit dem Wasser, öffnete\ndie Hähne, tauchte unter, schlug dichten regenbo-\ngenfarbenen Seifenschaum, rieb sich den Schopf,\nseifte Kopf, Ohren, Brust, dann — einzeln — die\nFüße ein und schnaubte frohen Mutes im Wasser.\nZuweilen blickte er aufs Rasiermesser, doch nö-\ntigte ihn das Wasser zum Bleiben.\n„Ich habe noch einige Minuten\" —« sagte er.\nDer Kellner, der früher niemals zum Gaffen\nMuße gefunden hatte, war jetzt — nach vielen\nJahren —> zum erstenmal allein und betrachtete\nlange und leutselig das in der Mitte der Stube flat-\nternde Gas, die Wände, die auf den Fußboden ge-\nschleuderten Kleider, die er mit einer verzweifelten\nGeste abgeworfen hatte, für ewig. Er betrachtete\nauch sich selbst. Bemerkte, daß ihn sein Körper\ninteressiere. Er hielt die Hand gegen die Falter-\nflamme, um die rotblaue Landkarte zu beschauen,\ndas durchschimmernde Blut und die Linien der\nblauen Adern an der Hand. Er richtete den Kopf\nnach unten, starrte auf die Brust, die er bisher\nnoch niemals mit besonderer Sorgfalt angeschaut\nhatte. Er fand seine Haut fahl, buttergelb, ausge-\nhungert, aber trotzdem in ganz gutem Zustande.\nInsbesondere freute er sich darüber, daß er seine\ngroße Zehe nach Belieben nach hinten biegen\nkonnte. Fünf — sechs Mal versuchte er es. Und\nes gelang stets. Ob man wohl damit Geld verdie-\nnen könnte? Er müßte mit dem Fuß Violine spie-\nlen lernen — mit den Händen können es schon\nsehr viele — und könnte dann im Orpheum auftre-\nten; er müßte bloß einen reichen Mäzen finden,\nder ihn unterrichten läßt. Ob es wohl in Budapest\nFuß-Mäzene gibt? Wohl hielt er es für unwahr-\nscheinlich, dachte afoer dennoch so lange darüber\nnach, daß ihm bereits sein Name in Zeitungen auf\nOrpheumplakaten und in den Lichtreklamen der\nStraße erschien. Heinrich H. Krakauer,\nder weltberühmte Fußkünstler. 810 ß\nder Name war nicht entsprechend. Zu solchen Ge-\nlegenheiten muß man einen Künstlernamen wählen,\neinen englischen oder französischen.\nOftmals hintereinander sprach er seinen Namen\naus, leise der Wand zugewendet flüsterte er ihn\nins Wasser, in die Hähne, erfüllte die Stube mit\nihm. Er wunderte sich sehr, daß er einen Namen\nhatte, und gerade diesen Namen. Heinrich H. Kra-\nkauer. Kein vornehmer Name zwar, doch ist ihm\neine gewisse traurige Musik eigen. Im Grunde ge-\nnommen schien es ihm sehr seltsam, daß einige\nBuchstaben einen ganzen Menschen bedeuten. Die-\nser Name bedeutete ihn, seinen Schmerz, seinen\nHunger, seinen Körper, den er wieder eingeseift\nhatte, zärtlich und sorgfältig. Rein wollte er sein,\nschneeweiß, makellos. In leichtem Seifenschaum\nbadete er. Auch das in der Wanne dampfende\nWasser war von einer dicken Seifenschichte be-\ndeckt, wie Kaffee von doppeltem Schaum. Er\ntünchte sich nochmals weiß an, wusch seinen\nSchopf, seine Haare, seine Ohren, die Brust, alles\nebenso wie vorhin, aber noch eifriger, damit er sich\nalles Schmutzes völlig entledige.\nEr öffnete die Hähne, ließ frisches und wieder\nfrisches Wasser auf sich niederstürzen und die\nSeife wurde zu einer immer dünneren durchsichti-\ngeren Schichte auf ihm.\n„Auch jetzt bin ich noch nicht rein\" — jammerte\ner. — „Die Seife ist schlecht.\"\nVon neuem ging er ans Sich-Reinwaschen. Er\nrieb die Stirne ein. Und da fiel ihm plötzlich —\nohne jeden Grund — ein Berufskollege ein, an des-\nsen Name er sich nicht mehr erinnerte. Er wußte\nbloß, daß er vor zwei Jahren mit einem Markeur\nin einem Franzstädter Kaffeehaus bedienstet ge-\nwesen war und diesem eines Nachts, in trunkenem\nZustande, zwei Gulden aus der Tasche gestohlen\nhatte. Er hoffte, ihm den Betrag am nächsten Tag\nzurückgeben zu können. Einen Monat hindurfch\nwurde er noch von dem Gedanken geplagt. Dann\nvergaß er das Ganze. Seltsam, daß ihm dies jetzt\neingefallen war. Was will jetzt von ihm der Mar-\nkeur? Der Markeur war ein armer Mann. Jetzt\nerinnert er sich schon an ihn. Er stammte aus\nBöhmen, sprach mangelhaft ungarisch und hieß\nWenzel. Seine braunen Augen blickten mit un-\nschlüssigem Schrecken in die Welt, waren stets\ngerötet, als würde er vorhin geweint haben; en\ntrug einen spitzen gabelähnlichen Schnurrbart, der\nsich kriegerisch, wie die Fühler eines riesenhaften\nBockkäfers, nach zwei Seiten wendeten. Schmerz\ndurchzuckte sein Herz, da er jetzt an ihn dachte.\nEs ist eine Schmach, daß ein armer Mensch den\n$\nanderen bestiehlt. Wochenlang erzählte der Mar-\nkeur jedem, der ihm in den Weg lief, die sonder-\nbare Geschichte. Doch hat er niemals ihn verdäch-\ntigt. Auch deshalb müßte er die zwei Gulden zu-\nrückgeben. Dies muß jetzt geregelt werden, noch\nheute morgen; er wird ihn im Kaffeehaus auf-\nsuchen und eingestehen, daß er der Dieb gewesen\nsei. Früher könne er nicht sterben. Will man für\newig fortgehen, so muß man ruhigen und reinen\nGewissens sein.\nDies stellte er fest, doch wurde von diesem\nGedanken sein Plan ein wenig zerstört. Aufgeregt\nsaß er im Wasser und reinigte sich weiter. Und\nviel schwerer noch als sein Erlebnis mit dem Mar-\nkeur bedrückt ihn die Erinnerung an den kleinen\n'Pikkolo. Denn die Angelegenheit blieb nicht unge-\nordnet; später mußte dem Cafetier bewiesen wer-\nden, daß der Pikkolo der Dieb sei, der — nachdem\ner von ihm in der Telephonzelle zweimal in das\nGesicht geschlagen worden war —■, alles auf sich\ngenommen hatte. Der arme kleine Knirps stand —\neine Zeitung in der Hand haltend —* beschämt im\nKaffeehause, schaute mit seinen großen, großen\nAugen in die Luft und schritt dann langsam, ohne\nein Wort zu sagen, ausgangwärts. Er, Krakauer,\nhatte sich damals abgewendet, um nicht die Au-\ngen des Pikkolo sehen zu müssen. Seinetwegen\nwar der kleine Junge fortgejagt worden und sein\nGewissen bedrückte es, daß dieser ohne Heller\nheimging, weinend und zu Fuß, und vielleicht seit-\nher hungert. Mit einer halben Arbeit wäre es nicht\ngetan. Er wird auch den Pikkolo aufsuchen. Mor-\ngen oder noch heute, oder sofort, noch in der\nFrühe. Vorerst will er diese beiden Angelegenhei-\nten ordnen und dann hierher ins Bad zurückkom-\nmen. Es ist auch nachher noch nicht zu spät. Er\nrieb sich die Füße und ließ neues Wasser in die\nWanne. Mit beiden Händen schlug er auf seinen\nKörper los. Aller Schmutz sollte hinunter. Zornig,\nfanatisch, verzweifelt wusch er sich. Er stand\nauf. Sein Haar war seifenschaumgealtert, seinen\nKörper bedeckte dicht die weiche schlüpfrige far-\nbig schillernde Seifenschichte, er war weiß, war\nvom Scheitel bis zur Sohle weiß und einem\nSchneemann gleich. Er rieb seine Brust, schlug,\nknetete sie, rieb sein Herz. Nun ja, was ist denn\nmit dem Weib? Seit drei Monaten hat er es nicht\ngesehen. Seither war er bloß in Wirtshäuser ge-\ngangen, Klavierwerkel hören, Durak und Marriage\nspielen. Auch hier ist er es, der die Schuld trägt\nDie Frau lief ihm wie ein Hund nach, folgte ihm\ndurch fünf — sechs Gassen, aber er wendete sich\nnicht nach ihr um. Jetzt sah er auch das blaube-\nblümte Taschentuch seiner Frau, daß sie an die\nAugen gedrückt hielt. Dann steckte es die Närrin\nin den Mund, damit man ihr Weinen nicht höre.\nArme, arme Frau, gute Frau, liebe Frau, dachte\nder Kellner. Vor einiger Zeit erfuhr er von einem\nbekannten Dienstmädchen, sie habe sich als Vice-\nhausmeisterin verdungen; er wußte auch wo.\nArme, liebe, dumme Frau. Schon dämmert zum\nFenster der Morgen herein. Kleidet er sich jetzt\nrasch an, könnte er mit ihr sprechen: Um diese\nZeit öffnet sie das Tor, kehrt das Stiegenhaus, scheu-\nert die Treppen. Auch für ihn würde es sich gezie-\nmen, endlich einmal ein gutes Wort zu ihr zu\nsagen. Und er fühlte dies so innnig, daß ihm von\nder Hitze ganz schwindelig wurde; er machte ge-\ngen die Wand eine Handbewegung und erfaßte, um\nnicht niederzustürzen, die Dusche.\nEiskalt stürzte auf ihn das Wasser nieder, der\nSchaum spritzte weiß in -die schmutzige Wanne\nund im nächsten Augenblick stand er blankrein in\nder Mitte der Stube.\n„Ich bin rein\" — sagte er. %\nUnd schaute lächlend auf das Rasiermesser.\n„Krakauer\" — entrang seinen Lippen ein Seuf-\nzer, denn er nannte sich stets beim Zunamen —\n„Du bist ein dummer Esel. Kleide Dich rasch an\nund erledige die drei Angelegenheiten: Den Mar-\nkeur, den Pikkolo und Dein Weib. Nachher will ich\nmit Dir in kluges Wörtchen reden. Aber früher\nnicht.\"\nFröstelnd wickelte er das Tuch um sich und\nsetzte sich auf den Strohhocker. Er war auf den\nTod vorbereitet und hätte mühelos ausführen kön-\nnen, was er vorgehabt. Doch wurde er jetzt von\ndem Gefühl beherrscht, es sei eigentlich fürs Le-\nben bereit, wer auf den Tod vorbereitet ist und es\nkönne bloß der leben, der ruhig sterben könnte.\nDoch hatte er jetzt keine Zeit zum Sterben: Mußte\nzum Markeur, zum Piccolo und zu seinem Weibe\neilen. Jede seiner Fasern gehörte dem Leben. Er\nschob das Rasiermesser beiseite, warf es hastig in\ndie Tasche seines Winterrockes und kleidete sich\neilends an. Taulsend 'Pläne gährten in seinem\nKopfe. Elastisch schritt er aus. Draußen drang auf\ndem Himmel die Sonne gelb und regungslos wie\nein großes Katzenauge; die reifige Luft, die weißen\nDächer und ausfahrenden Tramways atmeten Le-\nbenslust. Er tastete in seiner Tasche nach dem\nRasiermesser, und dachte daran, er werde in fünf\nMinuten in der Kammer seines Weibes sein und\nsich dort rasieren. Denn sein Kinn war noch bart-\nüberwuchert. Uebrigens aber kam es ihm nicht\neinmal für einen Augenblick in den Sinn, daß man\nein Rasiermesser auch zu anderem verwenden\nkönnte als zum Rasieren.\nEinzig autorisierte Übertragung aus dem Magyarischen von\nStefan I. Klein."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150801-01.1.12", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebung von Wor-\nten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durch\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig.\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nNotiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. Die\nSeptember-Doppelnummer erscheint am fünfzehn-\nten September\nVerlag Der Sturm\n\nDer Sturm\nStfindige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W Potsdamer StraBe 134 a\nDreiunddreissigste Ausstellung\nGraphik\nPaul Wee / Fritz Ban maim / Campendonk J Franz\nMarc I Felix Miilfer ./ Oswald Herzog\nVierunddreissigste Ausstellung\nEroffnung am 5. September in neuaiisgebauten\nRati men\nFranz Mare\nGem aide\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\nII—2 Ubr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nSturmausstellungen im Ausland\nSeptember 1915\nStockholm: Franz Marc\nGenf: Geschlossen\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nilalbmonatsschnft Der Sturm\nErscitelat am ersten und funfzehnten ]edes Monats\nDauerbezug\nGewdhnliehe Ausgabe Fur Deutschiand\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark j Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig J F ft r das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes / Probenummer umsonst\nBonder ausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\n& t n d u n g in Rollen direkt durch die\nPost ffir Deutschiand und Oester-\nreicfa-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark /\nEin Halbjahr 6 Mark / Ffir das Ausland:\nEta Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\n(Heser Ausgabe werden Vierteljahrsbezfige, Einzel-\nnutnmern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark I Vierter Jahrgang 154—203: 10 Mark /\nFiinfter Jahrgang: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n(lurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nzieben / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenst&nden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den B e t r a g fflr den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum ffinften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nziehung des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwtinscht wird\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungea /\nStrich&tzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier In\n\nLaxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karton in eia-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky 1901—1913 / Monographic mit scch-\nz i g ganzseitigen Abbildungen und\nText von Kandinsky / 10 Mark\nffeemskerck-Mappe: Sechs handgedruckte und\neinzeln signierte Originalholzschnitte ./ Auflage 30\nMappen I Mappe 6—30 je einhundert Mark\nBiieher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stilles\nQ1 ii c k —! I Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus j Roman I 2 Mark\nPaul Scheerbart: Qlasarchitektur / in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark ./ Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nAugust Strainm: Du I Liebesgedichte / Gebunden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: S a n c t a S V\ns a n n a ./ 50 Pfennig / II: August Stramm u d i -\nmentar / 50 Pfennig / III: Mynona: Fu irnde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / Y: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behfte: Zur\nneuen Kunst / 50 Pfennig / VIII: August Stramm:\nKrafte I 50 Pfennig / IX: Aage von Kohl: Die rote\nSonne / 50 Pfennig / X: Aage von Kohl: Der\ntierische Augenbliok / 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Wafden: Dafnislieder / Zu\ndichten von Arno Holz / Ffir Qesang und Kla-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einizela: Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn / 50 Pfennig\nDer Sturm / Heeresmarsck / Fur Klavier /\n50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Bocciottlf Da«\nLacben / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / GiiioSeve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccionl? Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschlcksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nJacoba van Heemskerck: Bild 2 / Bild 15\nAugust Macke: Spaziergang\nSigrid Hjerten-Griinewald: Kinder\nKarten von Macke / Munter / Marc Chagall (4) /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / Gleizes\nI Archipenko / usw\nErschienen bisher 36 verschiedene Karten\nIllustrierte Sturm - Austellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall / Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit funfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat filr die Zeitschrift\nDer Sturm / Originaliithographie I Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Exemplar 5 Mark\n\nGemalde / Aquarelle / Zeichnungen f\nHanddrucke / Piasfiken\nsind von folgenden Kiinstlern im Sturm st&ndig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko / Oskar\nKokoschka I August Mack© / Paul Klee / Carl\nMense / Campendonk / Qabriele Miinter / Jaw-\nlensky / Marianne von Werefkin / Albert Bloeh /\nHans Arp / Picasso / Alber, *Gleizes / Jean Metzin-\nger I Marc Chagall I Fernand Leger / Jacoba vac\nHeemskerck I Otakar Kubin / Emil Filla / Vincenc\nBenes / Otto Gutfreund / Boccioni / Severlni I\nCarra / Rnssolo / Francis Picabia / Schmidt*\nRottluff I Fritz Banmann / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden / Zwolftes\nJ a h r / Jahresbeitrag 20 Mark / Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation\nDas zwdlfte Jahr begann am 1. April 1915 / Die\nSturmpublikation, die die Mitglieder des Vereins\nfur Kunst im Jahr 1915/16 frei erhalten, ist: Heeras-\nkerck handgedruckter und signserter Holzschnitt\nauf Kaiserlich Japan-Papier\nZeitschriften\nUmelecky Mesicnlk / Monatsschrift ffir neue und\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova\nPoet-Lore Begriindet 1890 I Eine Zweimonats-\nschrift, gewidmet der Dichtung und dem Drama\nder Gegenwart in alien Landern / Probeheft gegen*\nEinsendung von 6 Mark 50 Pfennig / Jahresbezug\n21 Mark I Verlag Richard G. Badger / Boston\nI Mass I USA 194 Boylston Street\n\nAnzeigen\n\nSoeben erschienen: Aage von Kohl: Die rote\nSonne / Sturrmbuoh IX / 50 Pfennig\nSoeben erschienen: Aage von Kohl: Der tierische\nAugenblick / Sturmbuch X / 50 Pfennig\nFelix Miiller / Dresden: Handgedruckte Holz-\nschnitte und Originallithos / Zu beziehen durch\nden Verlag Der Sturm Berlin W 9\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / MSano\nI Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart j Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fur Bflchereinb&nde / Muster\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Bestei-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- uitd\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}