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Halbamtlich ver-\nlautbart: „Die Maltechnik Franz von Lenbachs.\nVom Herausgeber der Münchener kunsttechnischen\nBlätter, Maler Prof. Ernst Berger: Es wurde da-\nmals dem Künstler von den übelwollenden Neidern\nnachgesagt, er arbeite mittels oder nach Photo-\ngraphien und entwerte damit seine Bilder. Dieser\nVorwurf ist sehr ungerecht. Er benutzte wiohl die\nPhotographie und machte sich die Pausen nach\nsolchen, für ihn eigens oder zu seinen Zwecken her-\ngestellten Vergrößerungen. Wer aber solche ver-\ngrößerte Abdrucke kennt — wird wissen, daß es\nnicht so leicht ist, aus ihnen die für das Vorbild\ncharakteristischen Züge mit wenigen sicheren\nStrichen wiederzugeben; dazu gehört eben die\nüberragende Kennerschaft eines vielerfahrenen\nPorträtisten\". Die übelwollenden Neider haben es\nnachgesagt, und der Maler Prof. Ernst Berger be-\nstätigt es. Gewiß, es ist nicht so leicht, Photo-\ngraphien zu übermalen. Hingegen sind doch die\nsicheren Striche schon da, so daß mir gerade darin\ndie überragende Kennerschaft nicht so erforderlich\nscheint. Hingegen halte ich es für überragend, daß\ner sich die Pausen eigens oder zu seinen Zwecken\nvergrößern ließ. Der Ziweck hat schon von jeher\ndie Mittel geheiligt, wenn auch die Mittel noch\nlange nicht den Zweck heiligen. Die Pausmethode\nkann überhaupt gar nicht genug empfohlen wer-\nden: „Die Pausmethode bot für Lenbach noch\neinen weiteren Vorteil, indem er ohne große Mühe\nnach ein und derselben photographischen Vorlage\nseine Aufzeichnungen wiederholen konnte, wenn\nihm der erste Wurf nicht gelungen war oder von\nvorne herein Varianten des nämlichen Porträts be-\nabsichtigt waren\". Der Vorteil ist einleuchtend,\ner spart Zeit und Zeit ist Geld. Noch dazu, wenn\nman ohne große Mühe durch die Pausmethode ver-\ndienen kann. Das Pausen ist überhaupt nicht so\neinfach. Aber jede unglückliche Pause kann\nimmerhin eine Variante werden, wenn sie auch\nnicht beabsichtigt war. Doch das Pausen bietet\nnoch weitere Gefahren: „Wer sich mit Tempera-\ntechnik nur einigermaßen befaßt hat, weiß nämlich,\ndaß hier oft mit nicht beabsichtigten Ueber-\nraschungen gerechnet werden muß; es treten\nbeim Firnissen der Temperaschicht Tonänderun-\ngen ein, mit denen man nicht gerechnet hatte, oder\nsie sind vielleicht für die Weiterarbeit in dem be-\nstimmten Falle nicht günstig ausgefallen; auch\nkönnen Flecken in den Fleischpartieen eintreten,\ndie bei Uebermalungen durchschlagen würden. In\nsolchen Fällen ist es jedenfalls am einfachsten, die\nArbeit neu zu beginnen, und von diesem Gesichts-\npunkt betrachtet, kann die Pause die Arbeit\nwesentlich vereinfachen. Jeden Maler würde es\nhöchlichst verdrießen, aus diesem Grunde die Auf-\nzeichnung von neuem machen zu sollen . . .\" Die\nFleischpartien fleckenlos zu halten, ist die Kunst\nder klassischen Uebermalphotographen. Das dürfte\nauch der dritte Kollege, Herr Hofmaler Fischer,\nUnter den Linden, bestätigen. Durchschlagende\nFlecken verhindern den durchschlagenden Erfolg.\nAber man hat die Pause und das Geschäft ver-\nzögert sich höchstens um einige Stunden. Eine\nAufzeichnung ohne Pause ist sehr verdrießlich und\nwer will es dem leichten Künstlervölkchen ver-\nargen, daß es lieber ohne große Mühe weitere Vor-\nteile genießt. Bisher hatte ich immer, wenn mir\nauch meine persönlichen Kenntnisse das Gegen-\nteil bezeugten, von erstklassischen Kunstkritikern\nvernommen, daß die berüchtigten neuen Künstler so\nwahnsinnig schnell malten. Die erstklassischen\nKunstkritiker werden mir sicher für die Aufklärung\nsehr dankbar sein, daß der große Meister Lenbach\nund offenbar seine übrigen Kollegen aus der guten\nälteren Zeit es so eilig mit ihren Meisterwerken\nhatten, daß sie nicht einmal die Zeit zur Auf-\nzeichnung aufbrachten. Gebilligt wurde das Mal-\nunternehmen Lenbachs nach dem selben zuver-\nlässigen Zeugen Maler Prof. Ernst Berger, von\nMoritz von Schwind und Makart. Lenbach bezog\nsogar ein kleines Atelier neben Makart „denn dort\nbot sich für den eben Mode gewordenen Künstler\nGelegenheit, sich in die Kreise der Aristokratie und\nder haute finance einzuführen\". Das war die so-\ngenannte vierte Periode Lenbachs. „In dieser Zeit\nhat Lenbach fieberhaft gearbeitet, um die zahl-\nreichen Aufträge, schöne Fürstinnen, junge und\nalte, Vertreter der Geld- und der Geistesaristo-\nkratie ausführen zu können\". Er hat also nicht\nnur Aufträge ausgeführt, sondern auch schöne\nFürstinnen und die beliebten Vertreter. Das muß\neine Hetz im Prater gewesen sein. „Künstlerisch\nwar diese Periode für Lenbach gewiß von großem\nErfolg und doch war es nicht seine glücklichste.\nDenn die Werke dieser Zeit haben sich, soweit\nGelegenheit war es zu beobachten, am schlechte-\nsten -erhalten.\" „Um die Bilder zu firnissen, scheint\nLenbach, wie es auch andere Kollegen der Zeit ge-\ntan haben, noch mehr Trockenmittel und Firnisse\ngebraucht zu haben wie englischen Kutschenlack,\nBernsteinfirniß\". Doch das kommt davon, wenn\nman Bilder lackiert wie geschmiert macht: der\nLack suchte vergeblich nach seiner englischen\nKutsche und platzte vor Wut. „Auch die Restau-\nrierungskünste von Prof. Hauser haben nicht ver-\nmocht, derartige Schäden zu verdecken\". Lenbach\nhatte eben den Lack zu dick übertrieben: „Unge-\nzählte Schichten von Firnissen, auf Asphaltunter-\nlagen, die nicht trocknen, immer wieder mit Lack\nlasiert und dünn deckfarbig überschummert, lagen\nauf der Leinwand; ungeduldig folgte der Maler\ndem Trockenprozeß, und um dem Besteller zu im-\nponieren, zaubert er in wenigen Tagen, in wenigen\nSitzungen, das Bild auf die Leinwand\". Pausen\nist keine Zauberei und statt Asphalt hätte der\nKünstler lieber Kopfpflaster nehmen sollen. Was\nwerden nun die Herren Berliner Kunstkritiker, die\ngegen Kunst sind, sagen, wenn sie von zuverlässi-\nger Seite hören, Herr Meister Lenbach habe in\nwenigen Tagen ein Bild auf die Leinwand ge-\nzaubert. Werden sie nun auch gegen den Meister\nLenbach sein, der nicht nur noch schneller malte,\nwie angeblich die Futuristen, dessen Kunstschweiß\nauf dem Asphalt durchaus nicht trocknen wollte\nund der im übrigen nur Pausen seiner Kunst\nkannte. In der fünften Periode kam aber Meister\nLenbach „zur besseren Einsicht\". Nämlich „zur\nEinfachheit in der Behandlung der technischen\nMittel\". Mit andern Worten, er wurde gegen eng-\nlischen Kutschenlack und „suchte mit Wenigem\nViel zu erreichen, indem er auf Temperaunter-\nmalung ölfarbig vollendete\". „Der Vorgang ist\nsehr einfach und bestand in dem Anlegen eines\nMitteltones, meist aus grüner Erde gemischt, der\nmit etwas rotem Ocker und viel Weiß aufgelichtet\nwurde; einige kräftgere Schatten unter den Augen,\nder Nase, mit etwas Umbra, wenig Zinnober für\ndie Lippen genügte dafür. Diese Farbschicht\ntrocknete sehr schnell, mitunter in einer Viertel-\nstunde, und dann gab es gleich darauf eine Firniß-\nschicht, die die Temperauntermalung belebte, und\nin diese hinein arbeitete er sofort mit Oelfarben,\nmodellierte, glich aus, setzte Lichter auf, lasierte\ntiefere Töne, in den Haaren, im Gewand, Hinter-\ngrund und — war fertig\". Jedenfalls eine auf-\nregende Tätigkeit. Und es scheint mir gar nicht so\nwenig zu sein, mit dem er viel erreichte. Jeden-\nfalls war der neue Vorgang auch sehr einfach, das\nEinfachmachen hat sich der Meister Lenbach ein-\nfach aus der vierten in die fünfte Periode hinüber-\ngerettet. Trotzdem muß dieser Vorgang aufregend\nspannend gewesen sein. Wird die Farbschicht\nauch wirklich in der Viertelstunde trocknen, damit\nman sie mit Firniß beleben und feste mit Oelfarben\nhineinarbeiten kann. Und mit welchem Tempera-\nment der Meister an solch einer Fürstin herum-\narbeitete, schnell einige kräftigere Schatten unter\ndie Augen und die Nase mit etwas Umbra, dann\nein paar Lichter aufgesetzt, etwas Zinnober, aber\nnicht zuviel, auf die Lippen gelegt, massiert nein\nmodelliert, ein paar tiefere Töne in die Haare und\ndie Fürstin ist fertig. Zum Mitnehmen in einer\nViertelstunde. Bei sechs Stück Rabatt, im Dutzend\nnoch billiger. Aehnlichkeit garantiert, denn der\nVorgang war wirklich einfach: „Dieses abgekürzte\nVerfahren erfordert aber zu allererst eine feste\nsichere Vorzeichnung, die Lenbach oftmals durch\nPausen auf die Maltafel (Pappe, Holzgrund) über-\ntrug\". Wie soll man Zinnober auf die Lippen\nlegen, wenn keine Lippen da sind. Diese soge-\nnannte feste sichere Vorzeichnung war ja eben die\nSeele des Bildes und „diese feste Vorzeichnung\nkonnte durch die Temperafarben nicht verloren\ngehen, sie wur de durch das Eibin demittel sogar\nfixiert, oder wo nötig, in seiner Schärfe gemildert,\nmitunter auch ganz überstrichen\". Das ist die so-\ngenannte Idealisierung. Die Flecken auf den\nFleischpartieen werden gemildert und der schlechte\nTeint schöner Fürstinnen ganz überstrichen. Aber\ndie Kontur wurde auch in solchen idealistischen\nFällen wieder gerettet: „Der Firnißüberstrich\nbrachte in seiner Eigenschaft, die Tempera zu\ndurchdringen, das heißt Tiefenlicht zu erzeugen,\ndie etwa verloren gegangene Konturvorzeichnung\nwieder zum Vorschein\". Und die Pause ist ge-\nrettet, sie ist unsterblich. Diese Art des Meisters\nin der fünften Periode wird nunmehr also beurteilt:\n„Es ist jedenfalls die Zeit seiner höchsten Blüte,\nwo des »Meisters Talent als Seelenmaler ersten\nRanges zur vollen Entfaltung gelangte. In diese\nZeit fallen jene Meisterschöpfungen, in denen er die\ngrößten deutschen Männer in Bildern festgehalten\nund ihre äußere Erscheinung in unvergleichlicher\nWeise dem deutschen Volk für alle Zeit überliefert\nhat'4. Das deutsche Volk hat jetzt viel Lenbachs\nmit und ohne Oel in allen Straßen wohnen und be-\nnutzt die Gelegenheit eifrig, sich selbst in Bildern\nfestzuhalten. Auch serienweise und in ver-\nschiedenen Stellungen. Nur kostet so etwas nicht\nmehr 50 000 Mark, sondern fünfzig Pfennig. „Vor\nallem gehört hierher die Serie von Bismarckbild-\nnissen\". Man hat sich immer gewundert, daß\nBismarck soviel Zeit hatte, sich für tausende Bilder\nLenbachs und Kollegen Zeit zu nehmen. Aber\njetzt weiß man es authentisch. Senden Sie mir\nIhre Photograhie und in drei Tagen erhalten Sie in\nKreide oder Oel unter Garantie der Aehnlichkeit\nIhr Portrait in Lebensgröße. Nicht Konvenierendes\nwird zurückgenommen. Preise von 30.— Mark\naufwärts, in Kreide 10.— Mark. Wer von uns hat\ngeahnt, wieviel Lenbachs hinter jenen schlichten\nReklamezetteln stecken mögen, die wir alle ver-\nsteckt in den Briefkasten gesteckt fanden. Jeder\nZettel ein Lenbach. Aber wie der Künstler, so\nsein Heim. Sein Meisterschüler, Herr Maler\nProf. Ernst Berger, berichtet weiter: „Als ich zum\nersten Male die Treppe zu Lenbachs Atelier empor-\nstieg und an den Wänden wunderbare Marmor-\nund Broncereliefs, deren Gegenstücke, wie mir in\nErinnerung war, im Louvre oder irgendwo in\nVenedig standen, hatte ich eine Art Beklommen-\nheit, denn ich sagte mir, welche Schätze hat der\nMann in Besitz, der solche Werke erster Güte in"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10778, "texte": "seinem Vorraum aufstellt. Viel später erfuhr ich,\ndaß diese Dinge nur ausgezeichnete Imitationen\nwaren, allerdings so vorzüglich gemacht, daß nur\ndurch Abklopfen mit einem Schlüssel der Gipskern\nverraten und der wahre Wert zum Vorschein kam\".\nAlso wieder Pausen. Aber manche Leute begreifen\nnie etwas: „Lenbach führte mich mit mehreren Be-\nkannten in sein kurz vorher fertiggestelltes Wohn-\nhaus, das später Bismarck bei seinem Münchener\nBesuch beherbergte; im untern Vorraum fiel mir\neine schreitende Artemis in Terrakotta auf und ich\nbemerkte ihm gegenüber, wo er denn ein so aus-\ngezeichnetes Meisterwerk archaistischer Kunst\naufgetrieben habe, das doch eine große Summe\nwert sein müsse!\" Noch immer merkt der Maler\nProf. Ernst Berger den faulen Kulissenzauber nicht,\nden wenigstens jede Reinemachefrau schon längst\ndurchschaut hätte. Große Verwunderung: „Die\nArtemis war — getönter Gips\". Gedankenstrich.\nTrotzdem keine Spur von Gedanken: „In dem\nPrunkraum des ersten Stockes, angefüllt mit Kost-\nbarkeiten früherer Zeit, war ein Parkettboden in\nreichstem Muster und mit den besten Hölzern ein-\ngelegt zu sehen und Laufteppiche waren gelegt,\ndamit diese Pracht geschont bleibe\". Ich weiß Be-\nscheid. Aber Herr Maler Prof. Ernst Berger erst\nlange nachher: „Ruedorffer sagte mir lange nach-\nher, er habe diesen Parkett — mit Oelfarben auf\nLinoleum ausgeführt.\" Gedankenstrich Dieser\nHerr Ruedorffer verstand nämlich, wie Herr Prof.\nErnst Berger mitteilt, jeden Gegenstand altzu-\nmachen. Während Lenbach, der Meister selber,\nmit englischen Kutschenlack arbeitete, verwandte\nRuedorffer „um bis zur völligen Täuschung, für\ndas Auge eine Gipsbüste beliebig in echten Marmor\noder in glänzende Bronce oder in eine Majolika\nä la Luccadella Robbia zu verwandeln, Bierfarbe\".\nNoch immer: „Für Gelegenheitsdekorationen wie\ngeschaffen, diente diese Manier aber auch Werken,\ndie als Meisterstücke ersten Ranges für kommende\nJahrhunderte bestimmt waren, wie zum Beispiel\nder Prunksaal im Künstlerhaus zu München, der\nallgmein als edelste Schöpfung und genialste Lei-\nstung Lenbachscher Dekorationskunst gepriesen\nist. Glaubhaft wird versichert, daß er selbst jeden\nTon, jede Färbung angegeben und die Arbeit kon-\ntrollierte. Hier ist alles — unecht, nur fürs Auge\naltgemacht hergerichtet, der wirklich echte Mar-\nmorkamin ausgenommen; da dessen Weiße die\nfeinere Gesamtstimmung zu sören drohte, wurde\ner einfach schwarz überstrichen\". Man erfährt zu\nseiner Beruhigung, daß sich „solcher Beispiele noch\nviele in buntester Folge anreihen lassen.\" Hierauf\nbegann Meister Lenbach seine letzte Periode:\n„Lenbach war viel zu sehr Eklektiker, um das\nGute nicht dort zu suchen, wo er für sich Vorteile\nentspringen sah.\" Die Pause wurde auch in die\nletzte Periode mit hinübergenommen. Nur wie es\nsich für einen fortschreitenden Meister in der\nletzten Periode geziemt, ging er, oder vielmehr sie,\ndie Pause, tiefer, nämlich unter den getönten\nGrund: „Für die jetzt in schneller Folge entstande-\nnen Meisterwerke wählte er eine Art der Prima-\ntechnik, meist auf schon irgendwie getönten Unter-\ngrund, und in vielen Fällen bedient er sich der\nOelfarben, möglicherweise in Mischung mit etwas\nFirniß als Malmittel. Wenn er die Vorzeichnung\nmittels der Pause, wie oben beschrieben, vornahm,\nso mußte diese jedenfalls unter dem getönten Grund\nangelegt worden sein. Die Striche schienen dann\nnoch genügend hindurch, um als Anhalt zu dienen.\nMit dieser vereinfachten Technik geht Hand in\nHand das Aufgeben der künstlichen Patina und die\nübertriebenen Asphaltglasuren der früheren Pe-\nriode.\" Die Striche waren ihm zu einfach, um sie\nselbst bei vereinfachter Technik aufzugeben. Nach-\ndem der Maler Prof. Ernst Berger keine Wahrheit\ngescheut hat, um der Unwahrheit tiefe Lichter auf-\nzusetzen, folgert er: „Aus der obigen Gesamtdar-\nstellung wird der Leser ersehen haben, wie für\nLenbach aus der Steigerung dfer künstlerischen\nIntentionen und den damit an ihn herantretenden\nAufgaben die nötigen technischen Folgerungen sich\nvon selbst ergaben. Wie er nach der Zeit der reali-\nstischen Naturauffassung dann zur Altmeistertech-\nnik überging, in dieser alle Stufen bis zur höch-\nstem Vollendung durcheilte, endlich bei der Ein-\nfachheit der Mittel anlangte, die ihn gestattete\nWerke zu schaffen, durch die sein Namen als Por-\nträtmaler ersten Ranges für alle Zeiten erhalten\nbleiben wird.\" Oder einfacher gesagt: er pauste\nsich vom Asphalt bis zur Tempera durch und die\nStufen bis zur höchsten Vollendung waren alle\nvon Ruedorffer angestrichen. Wenn auch seiine\nBilder sich nicht erhalten werden; so kann diese\nVeröffentlichung seiner Maltechnik noch alle Zei-\nten zum Lachen bringen. Und das ist der einzige\nHumor davon.\nDas Reich der Künste\nDie namenlosen Herren der Kölnischen Zeitung\nkritzeln mit stumpfer Feder weiter auf der bilden-\nden Kunst herum. Die Kunst hat sich sogar in den\nKölner Kunstverein eingedrängt und der Kunst-\nreferent ist eifrig bemüht, die Dame aus der\nillustren Gesellschaft der erhabenen Künstler her-\nauszuschmeißen: „Wir finden einen gedrängten\nUeberblick der modernen Graphik von Werken\nbewährter, schon als klassisch auszusprechender\nMeister an bis zu dem freilich nur mit weiser\nSparsamkeit gebotenen Arbeiten der jüngsten und\nwildesten Richtungen, als deren Bannerträger wir,\num uns die unerquickliche Sippe gleich vom Halse\nzu schaffen, die Tagesberühmtheiten Pechstein,\nNolde, Kirchner und leider auch, ach, Kandinsky\nnennen.\" Sie haben sich ihm sicher indcht an den\nHals geworfen, die Tagesberühmtheiten, sie kön-\nnen die unerquickliche Sippe der kölnischen Kunst-\nreferenten nicht verdauen. Sie haben nicht soviel\nBeziehungen zur Gegenwart wie Herr Greiner, bei\ndessen erquicklichen Arbeiten dem Kölner Kunst-\nkenner das Wasser im Munde zusammenläuft. Er\nhat aber auch gediegene Beziehungen zur Gegen-\nwart, dieser Herr Greiner. Er radiert nach Aus-\nsage des Kölner Kunstreferenten einen deutschen\nSoldaten in Felduniform, der mehreren Spott- und\nSchreckgestalten zu Leibe rückt, während seit-\nwärts ein englischer Pfeffersack Eintragungen in\nein Kontobuch macht. Der Pfeffersack, der Ein-\ntragungen macht, scheint mir wieder nicht natür-\nlich genug, denn ein Pfeffersack trägt nicht ein,\nsondern wird eingetragen. Aber es kommt bald\nnatürlicher: „Auf einer Radierung Gäa, einem rie-\nsenhaften schlafend zusammengekauerten Weibe\nund bei einem jungen Mädchen, welches sich das\nHemd über den Kopf streift, zeigt sich Greiner in\nseinem eigentlichen Reich . Warum radiert dann\nHerr Greiner noch? So schmutzig wird doch das\njunge Mädchen nicht gewesen sein. Allerdings\nhätte es bei dem riesenhaften Weibe noch weniger\nSinn gehabt. Der sehr geehrte Kölner Kunstrefe-\nrent verwechselt wieder einmal das Reich der\nKünste mit dem, was man so das Reich der Künst-\nler nennt. Wie viele junge Mädchen haben sich\nnicht schon das Hemd über den Kopf gestreift,\nwährend die Herren Künstler ihren Kopf in das\nHemd steckten. Aber die Natur muß vorsichtig\nangefaßt werden. Mit einem Mal kommen die un-\nsaubersten Geschichten heraus, während die Her-\nren Referenten sich an der „sehr sauberen\" Zeich-\nnung ergötzen. Immerhin, der Greiner meint es noch\nnatürlich, hingegen scheint mir Alfred Sohn Rethel\nin seinen erotischen Dingen für Köln schon etwas\ngefährlich zu sein. Wenigstens bemerkt der\nKölnische Kunstreferent: „. . . getönte Akte von\nAlfred Sohn Rethel, bei dessen formschönen\nFrauenkörpern eine leichte Neigung zu fader Ele-\nganz nicht zu verkennen ist.\" Diese Damen hatten\neben offenbar schon das Hemd total abgestreift,\nsodaß sogar der Kopf zu sehen war, was häufig\nden Eindruck der faden Eleganz verstärkt. Aber\ndie modernen Graphiker sind vielseitig:. Sie\ninteressieren sich für Städte, Landschaften, Gänse,\nStiergefechte, frischen Märzwind-, Blumen und\nFrüchte. Zum Beispiel der Herr Schinnerer steht,\nw|ieder nach meinem Kölner Gewährsmann, „auf\neiner hohen Stufe\". Auf ihr „erreicht er bei der\nrein durchgeführten spröden Kaltnadel-Technik\ndoch Wärme und Tonigkeit\". Selbst eine Kalt-\nnadel gibt Wärme her, wenn man eine Stufe höher\nzur Sonne steht. Hingegen scheint sich der Kölner\nGewährsmann bei der Betrachtung von Zeichnun-\ngen des Herrn Barlach total verritten zu haben:\n„Barlachs elliptische Figurenzeichnungen hat man\nsich mit der Zeit herzlich leid gesehen; das beste\nPferd kann totgeritten werden.\" Aber ein Aphoris-\nmus über Pferdedressur kommt noch dabei heraus.\nZum Schluß noch etwas gute Luft: „. . . . Man\nglaubt ordentlich, den kalten, frischen Märzwind\nzu spüren, der von dem klaren Himmel über die\nkahlen Felder weht.\" Diesen Eindruck ruft Herr\nBuchwald-Zinnwald bei dem Kölner Kunstreferen-\nten hervor. So hält sich der Herr mit schönen Mäd-\nchen und guter Luft die Kunst von seinem natür-\nlichen Leibe. Ich kenne ihn nicht. Hoffentlich\nwird ihn aber ein klassisch anzusprechender\nMeister einmal gediegen aushauen.\nDer neue Herr Direktor\nKöln, Köln am Rhein, braucht einen neuen\nDirektor für seine Gemäldesammlung. Bewerbern\num diesen Posten sei mitgeteilt, was die Kölnische\nZeitung hierzu für erforderlch hält: „Für die rhei-\nnische Malerei der Vergangenheit und Gegenwart\nmüßte also der neue Direktor nicht nur ein kühles\nwissenschaftliches Verständnis, sondern auch ein\nwarmes Herz mitbringen. Selbst Werke der älteren\nDüsseldorfer Schule zum Beispiel, die für den\nheutigen Geschmack etwas altmodisch garten-\nlaubenhaft zahm und geleckt, aber für eine be-\nstimmte Kunstentwicklung bezeichnend und über-\ndies altvertraute Lieblinge des großen Publikums\nsind, dürfen nicht Gefahr laufen, eines Tages auf\ndem Speicher zu verschwinden, weil ein Direktor\ngerümpfte Nasen der Umstürzler befürchtet\".\nIch gehe noch weiter: der neue Direktor muß\nnicht nur ein kühles wissenschaftliches Verständnis\nfür die Kölnische Zeitung, sondern auch ein warmes\nHerz für die Kölner Kunstreferenten mitbringen.\nDie Besprechungen dieser Zeitung, die für den\nheutigen Geschmack etwas altmodisch, garten-\nlaubenhaft zahm und geleckt, aber für eine be-\nstimmte Kunstlosigkeit bezeichnend sind und über-\ndies altvertraute Cliches des großen Publikums\nenthalten, dürfen nicht Gefahr laufen, eines Tages\nzur Verpackung der rheinischen Malerei auf dem\nSpeicher verwandt zu werden. Der neue Direktor\nmuß sie auswendig lernen, was ja nicht schwer\nist, und für eine zahlreiche Familie sorgen, auf daß\nsie sich in treuer Tradition von Mund zu Mund bis\nzu den Kindes-Kindeskindern forterben. Denn es\ngibt nur eine anständige Kunst, und das ist die ört-\nliche: „Freilich rühren viele Kunstschreiber und\nKunstliebhaber über den Erwerb eines van Gogh,\neines Manet weit hitziger die Reklametrommel als\nüber der äußerlich oft unscheinbaren treuen Arbeit,\ndie der örtlichen Kunst gewidmet wird\". Der\nLokalpatriotismus der Kölnischen Zeitung scheint\ndarauf auszugehen, aus Köln ein Oertchen zu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1358, "texte": "machen. Und schließlich haben die Kölner Zeit und\nGeld: „Es ist in der Regel vorzuziehen, daß ein\nals wertvoll erkanntes Werk später teuerer be-\nzahlt wird, als daß Geld mit Spekulationskäufen\nvergeudet wird\". Der Herr Kunstreferent der\nKölnischen Zeitung hat offenbar eine Sammlung\nder älteren Düsseldorfer Schule, bei der er sein\nGeld vergeudet hat. Die wertvollen Werke hat er\nallerdings noch nicht erkannt, „Ein Stück Dema-\ngoge müßte der neue Direktor sein und ein Stück\nglatter Diplomat, letzteres, um in Bedarfsfällen ge-\nschickt freiwillige Beisteuern vermögender Kunst-\nschützer loszueisen, ersteres, um in weiten Kreisen\nder Bürgerschaft Kunstliebe und Kunstverständnis\nzu wecken und zu pflegen\". Daß er zweiteres\nauch Kunstreferent der Kölnischen Zeitung sein\nsoll, wird nicht verlangt, trotzdem man sich dort\ngerade mit der Ammentätigkeit des Weckens und\nPflegens eifrig müht, aber die Säuglinge kommen\noffenbar nicht auf den richtigen schlechten Ge-\nschmack. Das dürfte aber dritteres hinwiederum\ngut sein, weil sonst bei der letzteren Loseisung\ndie Beisteuern nur in Oel fielen. Ein Direktor,\nder allen hunderteren Anforderungen genügt, ist\nzweifellos Herr von Perfall. Ich glaube, gegen\nihn hat auch der Kunstreferent der Kölnischen\nZeitung nichts einzuwendein. Dieser Vorschlag\nwird selbst ihm eine namenlose Freude bereiten.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.2.4", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "August Stramm", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.4", "debut_caractere": 1360, "fin_caractere_exclue": 3024, "texte": "Gedichte\nAugust Stramm\n\nSchrei\nTage sargen\nWelten gräbern\nNächte ragen\nBlute bäumen\nWehe räumen alle Räume\nWürgen\nSchwingen\nUnd\nZerschwingen\nSchwingen\nWürgen\nUnd\nZerwürgen\nStürmen\nStrömen\nWirbeln\nBallen\nKnäueln\nWehe Wehe\nWehe\nWehen\nNichtall.\n\nIm Feuer\nTode schlurren\nSterben rattert\nEinsam\nMauert\nWelttief hohe\nEinsamkeiten.\n\nHaidekampf\nSonne Halde stampfen keuche Bange\nSonne Halde glimmet stumpfe Wut\nSonne Halde sprenkeln irre Stahle\nSonne Halde flirret faches Blut\nBlut\nUnd /\nBluten\nBlut\nUnd\nBluten Bluten\nDumpfen tropft\nUnd\nDumpfen\nSiegt und krustet\nSonne Halde flackt und fleckt und flackert\nSonne Halde blumet knosper Tod.\n\nFrage\nUnd\nStämme schlanken weiten Himmel\nUnd\nHerzen schwankem brüten Schmerz\nUnd\nHalme hauchen welle Stürme\nUnd\nSchweigen schrickt\nUnd\nBeugt und geht\nUnd\nGehen Gehen\nWege Ziele Richtung\nUnd\nGehen Gehen\nLieben Leben Tod\nUnd\nGehen Gehen\nEndlos wellen Stürme\nUnd\nGehen Gehen\nEndlos Halmt\nDas\nNichts.\n\nTraumig\n♦\nFrauen schreiten ab zersehnte Augen\nKinderlachen händelt schmerzes Blut\nFernen Bicken\nBlüten winken\nKommen sammeln winden\nWürgen sticket klamm die tränen Schlund.\nV i r\"\n\nGranaten\nDas Wissen stockt\nNur Ahnen webt und trügt\nTaube täubet schrecke Wunden\nKlappen Tappen Wühlen Kreischen\nSchrillen Pfeifen Fauchen Schwirren\nSplittern Klatschen Knarren Knirschen\nStumpfen Stampfen\nDer Himmel tapft\nDie Sterne schlacken\nZeit entgraust\nSture weitet blöden Raum.\n\nZagen\nDie Himmel hangen\nSchatten haschen Wolken\nAengste\nHüpfen\nDucken\nRecken\nSchaufeln schaufeln\nMüde\nStumpf\nVer sträubt\nDie\nGehre\nGruft.\n\nKrieggrab\nStäbe flehen kreuze Arme\nSchrift zagt blasses Unbekannt\nBlumen frechen\nStaube schüchtern\nFlimmer\nTränet\nGlast\nVergessen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Ich sah heut Nacht,\nda dein Volk im Tale drunten einzog,\ndie Fackel eures Gottes in den Bergen,\neurer Zauberer Werkzeug lodern.\nDem eitlen Schein folgt ihr wie Kinder\nund laßt verführt den Pfad der Wüste\neuren Nachkommen zum Erbe.\nHalte inne Mirjam, wecke die Deinen,\ntrenne dich mit Josef\nvon dem Geschlecht, das Gott verwarf.\nHeißes Dunkel glüht in deinen köstlichen Augen\nihr Licht wird der Sturm verschlingen,\nden schreckliche Götter dieses Landes senden.\nZu eifervoller Zwiesprache\nbeugt Mirjam das Haupt vor dem Grauen:\nDu Wurm kröchest aus finstrer Gruft,\ndu nährtest dich vom faulenden Laub im Hag,\nda sahst du das Feuer meines Volkes,\naber du warst der Schrift nicht kundig,\ndie hoch in den Flammen steht"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7474, "texte": "und leuchtet zu unserem Heil bei Tag und Nacht,\ndir blendet die rohe Flamme nur die Augen.\nSeher und Sänger lesen für uns immer\nauf dunkler Wallfahrt den göttlichen Befehl,\nunbesiegliche Gebote,\ndie uns zu gehen heißen ins Land\nmit Milch und Honig,\ndamit unseren Kindern ein Erbe sei.\nDer grüne Wurm steht senkrecht\nmit rubingekröntem Haupt in den Wolken,\ndie um den Berg flammen:\nDein Volk ist schmachvoll,\nIhr seid Schakale der Wüste,\ndie feige friedliche Länder heimsuchen,\nZauberer sind eure Führer: lebendiges Wasser\nkönnen sie aus dürrem Felsen schlagen,\nunfruchtbare Stäbe grünen,\nSchlangen zu Erz erstarren machen,\naber deine toten Kinder,\ndeines Volkes erschlagene Erstgeburt\nriefen sie nimmer ins Leben zurück\neure Jugendblüte,\nverloren in vierzigjähriger Wanderung.\nHeerscharen fremder Völker wanderten\ndurch diesen Engpass dem verheißenen Lande zu,\ndeichen und Wunder lockten die Auserwählten,\ndich und die Deinen, Mirjam!\nWar je eurem Volke kund,\nwo die Heere vormals blieben,\noder schrieb noch Gott auf Feuersäulen\ndie Zahl der Feinde, die dort lauern?\nGott zürnt, daß ihr dem Rauche folgt,\neinem Götzen im Feuer Untertan,\nauf daß ihr in der Wüste umkommt,\neure Kinder nicht überleben.\nMirjam hält mit der Rechten ihr flatterndes Haar,\nfaßt mit der Linken den königlichen Stirnschmuck,\ndie goldnen Schnüre um Arme und Fesseln\nbeben klingend,\nihre weiße Schönheit klagt,\nals sie den furchtbaren Pfad hinabeilt,\nden steinig rauhen zwischen Felsen.\nII\nMirjam steht reglos vor dem Schlafenden,\nsie erfüllt sich mit Josefs Anblick\nschaut unverwandt dies große Unverhüllte,\n112\nseine mächtige unteilbare Männlichkeit,\nder roten Glieder kriegerische Schönheit,\ndie in ruhiger Lösung sich dehnen,\nbefreit vom Gürtel, und sich am Erdboden\nschmiegen\ndie Hügel und Ebenen des festen schmalen Leibes,\nsein gelbes über den Schild langflutendes Haar,\nauf den er sein Haupt bettet.\nSie kennt die Sanftheit seiner ehernen Schultern,\ndes Führers, der eines Volkes Schicksal trägt,\ndie herrliche, weite Brust,\nder sie immer sehnend geglänzt,\ndie nervigen Arme, die zu Meerestiefe beglückten,\nsie auftat zu weißer fruchtbarer Fülle.\nSie kennt ihn im Heerzuge des Volkes,\nwenn der Herrliche gepanzert,\nreich an Rat, Mut, Stärke,\nunter die Fahnen tritt zum Befehl.\nWenn die Kriegshörner den Wald der Mannschaft,\nZurufe der Obersten, Erz auf Erz,\ndie vielen Stämme zum Ziele Gottes einen,\nzum unversöhnlich harten Heerzug\nder Heimatlosen für die Verheißung.\nMirjams Liebe verdüstert die Drohung,\ngeheimnisvoll teuflich zeugt sie das Mißtrauen,\nZweifel an Josefs Wahrheit,\ndie des Volkes Wahrheit, so auch die Ihre ist;\nkrümmt ihre Augen zu schrägen Blick,\nfahlt das Herz zu unruhiger Leere,\nschüttert die Hände vor Angst\nSie fühlt zwiefach, mit erregtem Blut\nmit zitterndem Herzen, sieht zwiefach\nin ihrer Liebe, der vor dem Zweifel graut;\nschaut den Schlafenden\nin den schönen Rosen der Morgenröte\nsichtbar umglüht, fürchtet sich vor dem Zauberer,\ndem ein Volk sich blind im goldnen Joche krümmte.\nDie Arme gedenkt des unbarmherzigen Heerzuges,\nder Verwüstung der Stämme, der Entbehrungen\nbeim steten Kriegsdienst der Männer,\nihrer Kinder und all der Wandernden,\nder Gestorbenen in der Wüste,\ndie des Geschenkes der Verheißung\naus elterlichen Händen nicht mehr bedürfen;\nFreudlosigkeit der Weiber, das harte Lagerleben,\ndie rauhen Schlachtfelder in Arabien,\nbeständige Wachsamkeit unter Gefahren,\ndie Sinnlosigkeit der Wanderung,\ndie einige Führer ihrem Volke aufbürdeten.\nNoch einmal ringt Mirjams Liebe,\nwehrt sich gegen das Verhängnis,\nwill das Boshafte mit den Glutarmen ersticken,\nden furchtbaren Zweifel:\nsie kennt des Gotteskrieges eiserne Gesetze.\nSie schaut immer noch auf den Gemahl,\nder dunkle Trieb, des Weibes weißes Geheimnis,\nwill offenbares Zeichen der Gewißheit\nin der Not des gefährlichem Zwiespalts.\nSie legt die Hände an ihren schimmernden Busen,\nund blickt hinaus ins unbekannte Land,\ndas nicht die Heimat der Ahnen ist.\nGeräusch erwacht im Lager,\ndas wirre Getriebe des Aufbruchs,\nGesang erzittert am Morgenhimmel.\nMirjam blickt hart, düster\nins Lager auf die heilige Hütte\ninmitten des Volks, von der alle Befehle ausgehen.\nDie Stämme verlassen auf immer die Wüste Sin.\nDunkel beugt sich Mirjam zum Gemahl\nsie zaudert schweren Willens\nvor dem herrlich Sonnigen,\nmüht sich zur Pflicht, ihn zu wecken,\nzu seinem endgültigen Befehl.\nSie fiebert, der Liebe weißes Haupt\nsinkt unter im See dunklen Blutes,\nkreisender Wüstensturm steht über ihr,\nhüllt die Himmelsfete ihrer Freuden,\nverschlingt die Sterne mit wehendem Rauch,\ndie freundlichen ewig jugendlichen\nLiebesgefährten: Josef und Mirjam.\nAus feurigem Abgrund gaukelt es,\nGebärde der Sanftheit,\nsüßes Umarmen des Mitleids umrankt sie,\nihre trüben Augen sind voll Weinen,\neine Stimme vernimmt sie mit Erblassen,\ndie ihre Brust durchwühlt. Den Dolch des Verrats\nbirgt sie endlich in den verzweifelnden Händen,\nauf der Höhe der Bitterikeit:\nSie will ihn der Liebe in die warme Brust stoßen,\ndavon das Herzblut strömt.\nSie schmeckt ein Eisernes mit der Zunge,\nhört eisernen Klang überm Lager,\nam steilen Kriege ist sie zerbrochein!\nMirjam weckt den Gemahl\nund geht an ihre Pflicht, zum Aufbruch zu rüsten.\nIII\nJosef erhebt sich. Der Erdboden bebt\nvom Schreiten der Rosse zur Tränke.\nDer Hochwüchsige wendet das mächtige Antlitz\nmit breiten Locken zur Sonne.\nZum neuen Kampftag\nwallt der starke, stille Feuerstrom seines Lebens\naut.\nSein mildes unbesiegliches Herz teilt in steter\nTreue\nalle Freuden des Stammes\nmit Jünglingen und Männern brüderlich,\ngehorsam dem ehrwürdigen Moses.\nSeine Freude ist demütig vor Mirjam,\nder Jüngling-Mann umarmt sie,\ndrückt ihre Hände sanft auf seine Brust,\nals eine Sonne will er in ihr aufstehn.\nMirjam beugt sich mit Zagen fort,\nlöst sich von dem Stolzen mit welker Wange.\nEr darf nicht säumen!\nDroben im Gebirg erscheint vor dem Volke Gott\nin seiner goldroten Wolkensäule,\nmit dem düstren Fuße steht sie auf dem Westen\nund silberne Blitze schreiben auf den Rand\ndes ungeheurem Kelches im Mittag.\nEisern Klirren der Krieger grüßt die erhabene\nFahne\ngolden tönt von Aarons Gesang das Tal,\ndie Priester treten zu den Obersten,\n'jeder zu seinem Stamm!\nIm Heerzug von Stahl ziehen die Träger\nmit der heiligen Lade,\nmit den Steintafeln der Gesetze des Sinai'.\nMoses, der Völkerführer zum Abend,\nder neuen Menschheit,\nhebt das eherne Haupt unter den Seinen,\ngrüßt mit ernst-fürchtendem Neigein\ndas hohe Zeichen,\nvertraut den Seinen, furchtbar drohend\nden Trägen und Toten.\nDas Volk liebt das Haupt, das unter ihm aufragt,\nvor den großen Augen, die sanft blicken,\nbeugt es zärtlich dankend das Knie.\nDie Lasttiere ziehen bei ihren Familien,\ndie Familien sind zu Rosse bei ihren Stämmen.\nIm unendlchen Zuge bei den stahlgepanzerten\nStämmen\nziehen die Sänger schwertgegürtet.\nVor ihnen allen, über den heimatlosen Helden,\nim Herzen eines Jeden\nzieht für immer der göttliche Befehl einher.\nVierzig Jahre gestählt in den harten Uebungen\ndes Gotteskrieges, unbezwinglich ist Jeder von\nihnen\nin dem Einen, der vor ihnen im Feuer geht.\nEin Jeder der Morgenkrieger\ndas Werkzeug geistigen Sieges\nund nimmer törger Blindheit,\nerfüllt vom geistigen Gehorsam,\nmit den Lippen auf das weiße Schwert gelobt.\n»\nDie Sänger, die priesterlichen Seher\nnichts als Gehorchende,\nBrüder den Brüdern im Kampf.\nSie feiern den erhabenen Schmerz,\ndas leidenschaftliche Frohlocken,\nunerbittlichen Sturm,\ndie geistigen Freuden\ndes Sieges und des Todes\naus strömender Brust\nin der grausen Pforte der Schlachtreihe."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4999, "texte": "Aaron, mit Moses erwählt, das Volk\nauf langer Wanderung zu führen,\nder königliche Seher singt vor dem Heere:\nVon dem Geistigen inmitten rohen ungestalten\nKrieges\nVon den reinen Sitten der Löwenbeherzten,\ndie kämpfen im üppigen Morgenlande,\nvon den strengen geistigen Gesetzen der\nHeimatlosen,\ndie Völker überwinden, gebannt im trüben toten\nFrohn;\nvon dem Einen Heer und Befehl,\ndas die Söldner unbarmherziger Vögte schlägt.\nAaron singt von der Vorwelt,\nvon Abraham, dem Menschenvater,\nvom Frohn und dem Banne Aegyptens,\nvom Befreier Moses, ihrem Vormarsch,\nvon Gottes Recht, für das sein Volk bewahrt,\nfür das sie erlöst sind, es einstmals zu pflanzen.\nDer Seher singt von dem Pfeil,\nden Gott auf die Sehne seines mächtigen Bogens\nlegte\nund richtete auf Edom und Moab,\nprüfend, wieviel der Oehre er durcheile.\nSoviele der Hinsinkenden, düstren Schatten,\nder Sterbenden, bestattet im kargen Sande,\nSoviele der hellsten Stirnen,\ndie mannbaren Söhne zur Kriegsfolge erwachsen\nauf vierzigjährigeer Wanderung, Gefährten und\nErben*\nwelche nicht Aegyptens Schlaf kennen.\nNeu ist das Angesicht des Volkes\nvom Marsch der Jünglinge,\nin der Kinder Augen spiegelt sich Gottes Feuer\nin neuer Hoffnung, mit reinem Trost,\nder das Volk in die Heimat führt.\nDer greise Seher legt beide Hände auf die Stirn\ndes mächtigen Feldherrn\nund küßt Josef mit dem Kuß des Vermächtnisses,\nIhn grüßt der Gesang des strömenden Heeres\nzum Donner der bläulichen Schilde.\nVon fefn unter den Mägden\nschaut Mirjam die Ehre des Gemahls,\nund sie verhüllt sich mit Weinen.\nIV\nMirjam ist aussätzig,\nJosef trägt sein Weib aus den Reihen des\nziehenden Volkes.\nDer Herr hat sie gezeichnet im Zorn,\ner hat sie weggetan von seinem Antlitz,\nauf daß sie sieben Tage vom Lager verschlossen\nsei.\nSieben Tage lang zog das Volk nicht für der\nund wartete bis Mirjam wieder aufgenommen\nward.\nJosef wäscht am Quell die ganz Zerfressene,\ndie Profetin, Tochter von Königen,\nSchwester Aarons, die wider Moses sich erhob.\nEr hüllt die Fiebernde in Tücher\nvor den Blicken der harrenden Familie\nund wacht allein bei ihr.\nSeine Hand liegt treu auf ihrem Leibe,\nsein Haupt schirmt sie vor dem welken Mond.\nDie Aussätzige blickt wunderlich auf Josef,\ndie Lippen der Gezeichneten sind schwach:\nUnser Volk ist fern, es dankt dir,\ndenn sie lassen uns einsam in der Wüste,\ndie sich Bruder, Führer nennen.\nSie ziehen unbekümmert, gehorsam dem Feuer,\nmitleidslos für die Kranken.\nAarons Gesang ertönte golden in der Wüste,\nzauberte sie zur Heimat,\nverzauberte uns voll Elend.\nDann ließen sie uns zurück zum unheilvollen\nWachen.\nDie Toten alle sehe ich bluttrunken\nin einem anderen Heere wandeln,\ngespenstig hinter den Ziehenden,\ngierig nach der neuen Beute,\ndie den grausen Zug vermehre\nvon jüdischen Weibern geboren.\nIch bin totkrank von Aarons Gesang\nvon Mosis großem Zauberwerk,\nund Moses hat mich mit Aussatz geschlagen.\nVon der Schrift der Blitze,\nauf des Feuers Mündung geschrieben, sang mein\nBruder,\ndoch ich sah nur der Blitze Drohung\nschwanken im fahlen Gewölk\nund Wochen und Monde lasten auf dem armen\nVolk,\nWolke, die uns droht in der düstren Wildnis.\nMein Held, wie dunkel bist du neben mir,\ndu allein bist treu, dich fühle ich gewiß;\nmir armen Weibe im Kummer,\nwie drohend sind mir Gottes Zeichen,\nwie einsam sind wir Beide,\nniemand ist außer uns in finstrer Nacht.\nLange sinnt Josef ins Dunikel,\nund lauscht dem taumelnden Weibeswort\neinen Stein wirft Einer in den öden Abgrund\nund drunten lang nachher vernimmt er Schall\ndes Wurfes in der Tiefe am Ziel.\nEr schaudert vor der Kranken,\nSie war es vormals, die den Lobgesang der\nHeerscharen\nzu Gottes Preis anführte,\nvor allem Volk am Roten Meer:\n„Lasset uns dem Herrn singen^\ndenn er hat eine herrliche Tat getan\nRosse und Mann hat er ins Meer gestürzt.\"\nRote Flecken sieht Josef am Himmel dämmern,\ndas Wüstenfeld ist fahlrot weit hinaus besät\nmit den Leichnamen von Brüdern, Kindern.\nBlutgefärbte Geier kreisen am Himmel droben,\nSchakale winseln mit schrecklichem Schluchzen\nüber den Gefallenen, welche die toten Hände\nausstrecken.\nSchwarzes Todesdämmer macht Josef blind\ner faßt nach des Weibes kalter Hand,\nwill Mirjam aufheben vom der roten Stätte\nbannen den einsamen Tod.\nSie entreißt ihre Hand:\nIch will zu den toten Kindern,\ndort zeigt Gott uns das Feld der toten Söhne,\nSaat der Tapferen, die ein schrecklicher Zauberer\nsäte:\nJosef ist sein Gehilfe —\"\nJosef wacht sieben Tage,\nsieben Nächte wacht er elend neben dem Lager,\ndas Gott in seinem Grimme schlug.\nEr schlägt mit der Stirn die Erde,\n'seinem Jammer horcht das ganze Volk,\nsieben Tage ist die Murrende vom Lager\nverschlossen!,\nsieben Tage lang zerstößt Gott die Aussätzige in\nseinem Morset.\nAls mit ihrem Murren der Aussatz wich,\nals Mirjam vor der heiligen Hütte kniete,\nals sie ihre Schmerzen Vor der Gemeine bekannte,\ngab Moses ihr seinen Beistand,\nund sie ward zurückgenommen in den Verband\ndes Gotteskrieges.\nMoses machte Mirjams Gemahl zum Vertrauten,\nzu seinem Diener, und nannte ihn Josua,\nDen, der dem Volk die Verheißunig erfüllt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "66", "page_fin": "67", 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Kugel aus Gold\nin deinen Händen.\nDeine Stimme ist eine Halle\naus dunklem Marmor\nZur Nacht beugen deine Augen\nüber meine Lider\nAuf der Matte\natmet das Kind\nim Schlaf.\n\nMeiner Liebe\nI\nMeine Schultern sind sehnsuchtsbleich\nnach Dir\nMeine Augen gehen rund in dir\nMeine Hände wühlen in deinen Sternen\nund meine Seele will weit werden\num Dich\nIch habe dich\nDu\nund kann über dich fluten\nIch kann deine Finger küssen\nund meine spreiten Hände\nunter deinen Kopf dehnen\nTropfen\nfallen meinier Augen Küsse\nauf Dich\nAll meine Seelen sind zu dir gegangen\nund wogen um Dich\nMein Leib ist eine glühende Wolke\nund Nebelschleier\nmeine Locken\nRuhelose Vögel\nsind meine Augen\nflatternde Flügel\nmeine Blicke\nMeine Lippen sind rote Tulpen\nund mein Nacken ist eine Säule\ndie deine lichte, blonde Liebe trägt\nWeiße Engelhände\nmilden Deine Lider\nlächelnde Kinder\nbetten\nDein Antlitz\nin Wolken"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "67", "url_page": 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ist: Josef Schmied.\nJch beeile mich, dies kundzutun, bevor ich mit der\nErzählung seiner Geschichte beginne. Im Adreß-\nbuch finden wir mindestens zweihundert Menschen\nähnlichen Namens, und wenn wir bedenken, daß\nall diese Leute gar nichts mit dem Hammer, dem\nAmbos oder sonstigen Werkzeugen des ehrsamen\nSethmiedehandwerks gemem haben, wird es un-\nfaßbar, warum sie sich so krampfhaft an einen\nNamen klammern, dessen häufiges Vorkommen\nmonoton traurig wirkt. Auch die trübsame Ge-\nschichte meines Helden hängt — so meine Ich —\nmit seinem Namen zusammen.\n*\nSchmied war ein fleißiger Beamter, trug beim\nArbeiten schwarzleinene Schutzärmel über dem\nRock, auf der Nase einen Kneifer und schrieb in\nvornübergebeugter Haltung an seinem Schreib-\ntisch. Am Morgen tauchte er schon um dreiviertel\nauf acht im Stiegenhaus auf, rieb sich die Hände,\nließ sich einen Kaffee bringen, hüstelte bescheiden,\nbreitete die raschelnden Papiere auseinander und\ndachte daran, daß man ihn zum neuen Jahr ganz\nbestimmt befördern werde. Im allgemeinen ist er\nvon allen gut gelitten, besitzt vier Kinder, die jeden\nVormittag die Türe seines Amtes knarren lassen,\nund eine Frau, die noch niemand zu Gesicht be-\nkommen hat. Wenn man das bauchige Wasser-\nglas vor ihn hinstellt, aus dem Schmied den Kaffee\nzu trinken pflegt, muß er glotzend die Augen\nmühen, um nicht den Kuchen in das Tintenfaß zu\ntunken. Er grüßt jedermann zuerst, und seitdem\nes ihm eines Tages passierte, daß er seinen Kanz-\nleivorstand übersah* lüftet er auch vor dem Diener\nden Hut. Ein schöner Mensch ist er nicht, er hat\neine breite und stumpfe Nase und hellergroße\nSommersprossen im Gesicht. Seine Schnurrbart-\nhaare gleichen den trockenen und fahlen Fäden\ndes Pursitschantaboks.\n*\nAn einem verschneiten Morgen sitzt er in der\nKanzlei. Vor ihm steht — ohne Schaum — der\nKaffee und liegt eine Schnitte gelben, rosinen-\nbesäten Kuchens. Er tunkt den Löffel ein, schreit\nauf, sinkt ohnmächtig in den Sessel zurück, und\ndicke Schweißperlen rollen ihm über die Stirne.\nIm nächsten Augenblick ist die Stube voll Leute.\nMan setzt ihn in einen Wagen, fährt ihn heim\nund ins Spital.\nAm Nachmittag geht in der Kanzlei von Mund\nzu Mund die Sensationsnachricht:\n„Er hat Blinddarmentzündung . . . Blinddarm-\nentzündung .. . wird operiert .. . wird ope-\nriert . .\nDer Kanzleivorstand steht vor dem Wasch-\ntisch, reibt sich mit Bimsstein den Tintenklecks\nvorn Mittelfinger der rechten Hand und schüttelt\nväterlich bedauernd den Kopf:\n„Der arme Kerl, der arme . . .\"\n*\nAm Nachmittag fand sich Schmied auf einer\nLiegestätte im Spital gebettet. Er hatte be-\nreits die traurig-steife Haltung der kranken Leute\nangenommen, hielt die knochigen Finger gefaltet\nund beobachtete die Uhrenzeiger, die die dritte\nStunde wiesen. Es fiel ihm ein, daß er sich sonst\num diese Zeit im Amt befinde, und er fand das\nLeben hier endlos leer. Wie kummererfüllt die\nStunden dahinschleichen. Ungewohnt ist ihm ein\nsolcher Nachmittag, ungewohnt diese Stube, un-\ngewohnt die großen Veränderungen. Auf dem\nBauche liegt ihm ein Eisbeutel. Auf dem Nacht-\nkästchen steht die elektrische Klingel und das Ther-\nmometer. Schmied schaute auf die Klinge! und\ndas Thermometer und brach in Weinen aus.\nTränen flössen über die Sommersprossen.\nUm fünf Uhr leuchtete die elektrische Beleuch-\ntung auf. Bis sechs geschah nichts. Um diese\nZeit kam der Arzt, Schmied wurde gebadet, zur\nOperation bereit gemacht, in den gepolsterten\nFahrstuhl getragen und von ihm in den Operations-\nsaal befördert.\nHier übermannte ihn unsägliche Erbitterung,\ndie er vergebens in Worte fassen wollte, er stam-\nmelte bloß, schluckte die salzigen Tränen hinab\nund dachte an das Leben, das jäh zugreifende, un-\nerbittliche, grausame.\nIm Saal war es blendend hell. Der Arzt sprach\nauf Schmied ein, doch dieser verstand kein Wort.\nIn der nächsten Minute hatte er die Chloroform-\nmaske über dem Gesicht* Was flüstern die Leute\nringsum? O jäh zugreifend, unerbittlich, grausam\nist das Leben. Sein Weib ... die vier Kinder . .\ndas Amt . . . die Akten ... die Rechnungen . . .\ndie ! glücklichen ) freien Sonntagnaohmittage . . .\nzum Schlüsse, mit klopfendem Herzen geahnt, mit\niedem Glied davor zurückbebend, der Tod, der\nTod . . . der Tod ... Er ringt um Bewußtsein\nund weiß, er wird in der nächsten Minute schlafen.\nDie Luft ist fieberrot. Alle Gegenstände halluzi-\nnieren. In der Ferne leuchtet durch die fahle Röte\neindringlich ein glühender Punkt, wie das Ende\neiner brennenden Zigarette. Die Punkte ver-\nmehren sich; nun sieht er zwei, drei, vier, viele.,\ndann keinen mehr.\n*\nAm kommenden Morgen.\n„Geht es dir besser?\" fragt eine leise Stimme,\nund jemand beugt sich behutsam über ihn.\nEs ist seine Frau. Sie sieht wie eine magere\nHenne aus, mit aufgewühlten Federn, neugierig\nbeweglichen Augen, blaß von Aufregung und\nWachen.\n„Wie geht es dir?\" fragt sie wieder, noch leiser.\nSchmied hört die Frge, gibt aber keine Ant-\nwort. Er öffnet die Agen und wimmert, schlürft\nein Löffelchen kalten, bitteren Tees, schluckt Eis\nund sinkt dann Wieder in Apathie zurück.\nDie Operation ist ausgezeichnet gelungen, zur\nvollsten Zufriedenheit der Herren Aerzte, die in\ndieser Erkrankung einen ganz gewöhnlichen Nor-\nmalfall sehen, ohne sonderliches Interesse, für sie\nbei weitem weniger wichtig als für den Patienten.\nIn einigen Tagen wurde ihm mitgeteilt, es nehme\nalles den besten Verlauf, er könne in einer Woche\nbereits gesund das Spital verlassen und sich wei-\ntere vierzehn Tage nachher ins Amt begeben.\nSchmied vernahm dies trauernd.\nEr wurde um so mißgestimmter, je besser er\nsich befand. Mit saurem Gesicht empfing er die\nBesucher, preßte den Kopf in die Polster, ließ das\nKinn sinken, schloß vorsichtig die Augenlider, da-\nmit nur durch einen kleinen Spalt in geheimnis-\nvoller Unklarheit seine fiebrigen Augenäpfel sicht-\nbar blieben.\n,yEs geht dir doch schon ganz gut\", behaupte-\nten die Freunde.\n„Pumpeflgesund ist er wieder!\" sprach der\nKanzleivorstand, und sein feister Bauch hüpfte vor\nLachen.\nVerächtlich ließ Schmied seine Blicke über die\nLeute gleiten. Bitterer Zorn würgte seine Kehle;\ner wollte fluchen, fand aber dann die Menschen\nnicht einmal dessen wert und würgte die bösen\nWorte hinab.\nHinkend und schleppenden Schrittes kam er\nins Amt, einen dicken Schal um den Hals gewun-\nden. Mit allen Einzelheiten erzählte er sehr aus-\nführlich jedem seinen Fall. Denn die Sache lag\nnicht so einfach, wie Laien glauben mögen Im\nGegenteil, es war dies eine ganz eigenartige und\nüberaus gefährliche Geschichte, und man mußte\nes, das sagten auch die Aerzte, geradezu als\nWunder bezeichnen, daß er mit dem Leben davon-\ngekommen sei. Der Operationsschnitt, nun ja, der\nreicht von hier bis hier . . . aber selbstverständ-\nlich, narkotisiert wurde er auch. Drei Aerzte\nnarkotisierten ihn, und geschlafen hatte er wie tot.\nSo verscheuchte er der Reihe nach alle Büro-\nkollegen aus der Stube und blieb allein.\nEr betrachtete im Spiegel die rote Weste, die\ner gestern gekauft hatte, und fand, daß sie ihn gut\nkleide. Geld genug hat sie gekostet, doch man\nkann schließlich nicht zerlumpt herumlaufen. Gut\nnähren mußte er sich auch. Zum Frühstück aß er\nweiche Eier, mageren Prager Schinken und ge-\nröstete Brotschnitten. Zum Mittagessen zartes\nKalbfleisch und Dunstobst. Dafür hatten seine\nKinder großen Respekt vor ihm und brüsteten sich\nin der Schule damit, ihr Vater habe eine rote\nWeste, tausend Gulden Jahresgehalt und eine\nKrankheit, die außer ihm niemand auf der ganzen\nWelt besitze. Die anderen waren voll Neid, lach-\nten die Schmiedkinder aus, verhöhnten und ver-\nfolgten sie. Der kleinste Junge kam oft heulend\nheim.\nSchmied ging stolz und gespreizt einher; ge-\nhobenen Hauptes. Er legte sich auch eine gold-\ngefaßte Brille bei und lud Gäste ein. Sein Selbst-\nbewußtsein schwoll, wenn er immer wieder mit\nder Erzählung seines Falles begann. Der Arzt\nhatte ihm in einem kleinen Glas den herausoperier-\nten Körperteil geschenkt, er hielt ihn sorgfältig im\nKasten versperrt und zeigte ihn jedermann. Im\nobersten Fach war der Platz des herausgeschnitte-\nnen Blinddarmes, dort thronte er. Das slovakische\nDienstmädchen wich dem Kasten in weitem Bogen\naus.\nEines Morgens klingelte er erfolglos im Amte.\nWo blieb der Diener? Wo, in des Teufels Namen?\nEndlich kam er.\n„Sie Faulpelz!\" — herrschte Schmied ihn an,\nvor Wut am Ersticken nahe.\nDer Diener, der ihn noch nie so zornig gesehen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5887, "texte": "hatte, fand den ungefährlichen Subalternbeamten,\nseinen Zorn, seine farblose Stimme, die die Wut zu\neinem Krächzen verzerrte, sehr komisch und\nlachte hell auf.\nSchmied erhob sich, wurde bleich, nur seine\nNase glühte blaurot, er öffnete die Tür und warf\nden Diener hinaus.\nDiese Sache erregte großes Aufsehen im Amte.\nSeine Kollegen sprachen beruhigend auf ihn ein,\ndoch er gab nicht nach.\n„Mit einem kranken Menschen so zu sprechen,'4\nröchelte er, „mit einem kranken Menschen.44\nSchmied war erbittert, um so mehr, als er\nheute bereits mit zwei Kollegen Kontraverse ge-\nhabt hatte und nun die feste und heilige Ueber-\nzeugung hegte, jedermann sei sein Feind. Er brach\nmit allen den Verkehr ab.\nDer Kanzleivorstand erfuhr von diesem Vor-\nfall und zog Schmied zur Verantwortung.\n„Ich verstehe Sie n'cht,\" sagte er, „wozu spie-\nlen Sie noch weiter den Kranken, Sie bersten ja\nvor Gesundheit.44\n„Was sagen Sie?\" — widersprach Schmied,\nkehrte dem Vorstand den Rücken, warf die Tür zu\nund ging heim. Durch zwei Wochen zeigte er\nsich nicht im Amte.\n„Dieser Schuft!44 knirschte er. „Dieser Schuft.44\n*\nZur Sommerzeit, an einem Sonntagnachmittag,\nsaß der Kanzleivorstand in seirem Stammgasthaus\nund erklärte eifrig:\n„Die Disziplinarbehörde wird sich in der näch-\nsten Woche mit dem Fall zu befassen haben. Sie,\nmeine Herren Kollegen, wissen sehr gut, mit welch\nväterlichem Wohlwollen ich mich Ihrer aller an-\nnehme, aber in dieser Sache kann ich nicht nach-\ngeben, schon deshalb nicht, v/eil durch Statuie-\nrung eines Exempels ähnlichen Fällen vorgebeugt\nwerden muß. Dieser Mensch ist unerhört trotz-\nköpfig und faul geworden, wirft mir Akten einfach\nunerledigt zurück und treibt seine Trägheit so\nweit, daß er grundlos monatelang vom Amte fern-\nbleibt und mir seine Gläubiger auf den Hals hetzt,\ndie allerhand von schmutzigen Schulden munkeln.\nSchließlich kann ich es doch nicht dulden, daß mich\njemand geradezu provoziert. Nicht meiner eige-\nnen Person wegen. Sie kennen mich genau und\nwissen, daß ich wenig Wesens daraus mache, ob\nHerr Schmied den Hut lüftet oder nicht. Ich ent-\nscheide auch in dieser Frage nicht selbst, sondern\nüberlasse der weisen Beurteilung der Disziplinar-\nbehörde und eines hohen Ministeriums, wer recht\nhat, er oder ich, und ich zweifle nicht, daß dieses\nhohe Forum unter Berücksichtigung meines kor-\nrekten Standpunktes die Angelegenheit so erledi-\ngen wird, daß meine Amtsehre wieder blank da-\nsteht.44\nDie Beamten nickten mit wortlosem Einver-\nständnis. Sie fanden den Stil des Kanzleivorstan-\ndes sehr schön. Dann tranken sie alle die Gläser\nleer, der Chef wischte sich den Bierschaum aus\ndem Schnurrbart und wiederholte mit der schmat-\nzenden, grinsenden Befriedigung der Wohlhaben-\nheit und Selbstsicherheit:\n„Das hohe Ministerum wird entscheiden.44\n♦\nMonatelang dauerte das amtliche Verfahren.\nEin Kollege machte noch — vergeblich — einen\nVersuch, den Kanzleivorstand umzustimmen.\nSchmied wurde entlassen, und der einsetzende\nHerbstregen fand ihn draußen auf der Gasse,\npostenlos.\nIm Anfang wußte er nicht, was er beginnen\nsollte. Später hausierte er mit Zigaretten, ver-\nkaufte an Studenten ausländische Marken und zer-\nbrach sich den Kopf über eine Erfindung, die ihm\nnicht gelingen wollte.\nSeine Familie litt Hunger. Er bewohnte mit\nden Seinen als Afterpartei zwei kleine Zim-\nmerchen, in denen der Ofen nicht heizte, die\nLampe rußte und rauchte und auch noch des Nach-\nmittags zu riechen war, was sie zu Mittag ge-\ngessen hatten.\nSchmied kränkelte. Er suchte sämtliche Aerzte\nauf, klagte über Schmerzen in der Lunge, in der\nLeber, in den Nieren, und träumte davon, man\nwerde ihm wieder irgendein Organ operieren.\nWenn es von ihm abhängig abhängig gewesen\nwäre, mit Freuden würde er zugestimmt haben,\ndaß man ihm das Herz herausschneide und den\nganzen Körper ausleere, wie einen Kleiderschrank.\nDoch die Aerzte schickten ihn lächelnd fort und\nsagten, er sei kerngesund. Dick wurde Schmied,\nund sein Gesicht vom vielen Brot und Kartoffel-\ngemüse aufgedunsen. Das Elend schien ihm zu\ndienen. Seiner Familie ging es bloß an Sonntagen\nbesser. Da fanden sich in den Nachmittagsstunden\neinige Leute ein, Schmied saß mit seinen Kindern\num den runden Tisch herum und kramte mit dem\nGesicht eines Märtyrers stolz und selbstbewußt\ndie Geschichte der Operation aus.\nDie Kinder, die diese Erzählung schon an die\nhundertmal gehört hatten, fielen ihm zuweilen ins\nWort, denn sie kannten den ganzen Kram aus-\nwendig.\n„Jetzt erzähle, Vater, wie du narkotisiert wur-\ndest.44\n*\nSchmied begann auch über das Leben nachzu-\ndenken. Schön war es auf dieser Welt nicht. Ein\nTag verfloß nach dem anderen, einer dem anderen\nvöllig gleich, und Schmied konnte sich nicht ein-\nmal aus seiner Jugendzeit an Tage des Glückes\nund der Trunkenheit erinnern. Nur ein einziger\nRausch haftete ihm im Gedächtnis. Jener, der dem\nschweren und süßen Wohlgeruch des Chloroforms\nentflammte, in jenem Augenblick des Erwachens,\nda ihn in einer überaus hellen, gläsernen Stube\nweißgekleidete Menschen mit einer hellrubinfar-\nbigen Flüssigkeit wuschen und sich dann mit har-\nten Bürsten die Nägel rieben.\nDas war herrlich schön gewesen. Sehr ähnlich\ndem Himmelreich,, der Engelsmusik, der Helden-\noper. In der Luft war ein linder Duft wie dis-\nkreter Blutwohlgeruch zu spüren.\nOft dachte er daran, daß alles Unglück nur\nwegen dieses einzigen Rausches über ihn herein-\ngebrochen sei, doch dann verschwand dieses\nSelbstbedauern wieder. Er war mit sich zufrieden\nund lächelte, und hatte nur den einzigen Wunsch,\nsich noch einmal ausgiebig mit Chloroform be-\ntrinken zu könenn.\nNachts pflegte er das braune Glas hervorzu-\nholen. Für alle Ewigkeit konserviert und frisch\ngehalten schwamm das Blinddarmstück darin her-\num. Die Kerze flackerte. Die anderen schliefen.\nSchmied stellte das Glas auf den Tisch und ließ\ndie Augen nicht davon.\nEinzig-autorisierte Übersetzung aus dem Magyarischen von\nStefan I. Klein"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c018", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "68", "page_fin": "71", "image_debut": 8, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.2.8", "titre_corps": "Biologie und Kubismus", "titre_sommaire": "Biologie und Kubismus", "signature_source": "Adolf Behne", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.8", "debut_caractere": 5889, "fin_caractere_exclue": 9726, "texte": "Biologie und Kubismus\nAdolf Behne\nFrüher sprach man stolz von einem „naturwis-\nsenschaftlichen Jahrhundert44. Heute wird diese\nPhrase kein Denkender wiederholen. Das „natur-\nwissenschaftliche Zeitalter\" ist gestorben. Was es\nan Lebenskraft einmal besessen hatte, erlosch\nmehr und mehr in der ungeheuer ausgebreiteten\nPopularisierung. Die Naturwissenschaft erstarrte\nzum „Positivismus44, ihr A und O wurde das Expe-\nriment. Der Begriff des Experimentes, wie eine\nOffenbarung vorangetragen, verdeckte eine Zeit-\nlang die Geistesarmut — für die Mitläufer.\nDas „naturwissenschaftliche Jahrhundert\" er-\noberte sich die Volksversammlungen, begegnete\naber einer im gleichen Verhältnis wachsenden In-\nteresselosigkeit bei allen selbständig Denkenden.\nUnd heute ist die Naturwissenchaft eines Häckel,\neines Ostwald, aller Monisten und Positivisten in\nden denkbar tiefsten Mißkredit gekommen. „Ja,\ndas Experiment soll für Euch auch denken, ich\nglaubs!\" (Mynona: Sturmbuch 3)\nAllerdings, an Experimentatoren, auch geschick-\nten und listigen Experimentatoren, hat es der mo-\ndernen Naturwissenschaft nicht gefehlt — bis auf\nden heutigen Tag. Aber woran es so kläglich fehlt,\ndas ist der Ehrgeiz des Denkens. Mit einem unge-\nheuren Material haben uns die Experimente der\nBiologen überschüttet, aber leider ist die überwie-\ngende Masse des Materiales — nicht etwa falsch,\nsondern bedeutungslos, taub und stumm für jede\ntiefere Erkenntnis.\nNur aus dieser so verständlichen Abneigung\ngegen moderne naturwissenschaftliche Literatur\nscheint es mir erklärlich, daß ein Buch wie die\n„Bausteine zu einer biologischen Weltanschauung\"\nvon Jacob Baron von Uexküll (München,\nF. Bruckmann A—G 1913) bisher so wenig Beach-\ntung gefunden hat. Besonders bei der jungen Ge-\nneration, die sich heute um eine Erneuerung der\nKunst und der Kultur bemüht, sollte das schöne\nBuch begeisterte Aufnahme finden. Vielleicht ist\nder Titel zunächst irreführend. Main könnte\nmeinen, er künde einen der bekannten trostlosen\nVersuche an, experimentelle Binsenwahrheiten zu\neinem ethischen; sozialen und künstlerischen Sy-\nstem zu verbacken. In Wahrheit handelt es sich\num etwas ganz anderes: um den ersten und in sei-\nner Bedeutung garnicht zu überschätzenden Vor-\nstoß gegen die geistesverarmte Naturwissenschaft\nvon Heute, um die revolutionierende Arbeit eines\nDenkers. Dem Buche Uexkülls kommt eine klas-\nsische Bedeutung zu.\nDieses Buch wirlkt fast als überpersönliche\nLeistung. Es bringt wundervolles Material für\nErscheinungen, die das Bewußtsein des Autors ab-\nlehnt. Diese Tatsache ist nicht im mindesten ver-\nwirrend. Sie wäre es nur bei einem System-Fabri-\nkanten. Bei einem „Seher44, dessen Werk „wird\"\nund „entsteht44, wie ein Kunstwerk, das ja auch\nvieldeutbar ist, gibt sie den besten Beweis für seine\nBerufung. Der System-Fabrikant, wie jeder\n„Macher44, hat es leicht, konsequent zu sein. Bei\neinem Uexküll ist es sehr wohl möglich, daß die\nErkenntnise, die ihm kommen, von ihm selbst nicht\nin allen Konsequenzen empfunden werden.\nIch habe an anderer Stelle (in meiner Broschüre\n„Zur neuen Kunst\" im Verlage des „Sturm44 Ber-\nlin 1915) Uexküll einen „Expressionisten44 genannt\n— und Uexküll will für seine Person nichts vom\nExpressionismus wissen. Aber die Gesinnung sei-\nnes Werkes ist völlig aus gleichen Geiste ge-\nboren, wie die Gesinnung unserer jungen Kunst.\nDie Biologie ist für Uexküll nicht eine Summe von\naußermenschlichen Kenntnissen auf Grund von\nExperimenten an Affen, Schnecken und Fröschen,\nsondern die Erkenntnis von Beziehungen zum\nbendigen Subjekt. „Solange ein Kind mit Kiesel-\nsteinen spielt, ist dieser ein wertvoller Gegenstand\nund erhält durch seine Beziehungen zum leben-\ndigen Subjekt selbst ein Stück Leben. Werden\nstatt der biologischen Beziehungen physikalische\nUrsachen eingeführt, so gelingt es sogar, einen Kie-\nselstein totzuschlagen.\""}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10520, "texte": "Solchen Sätzen ist aus vollem Herzen zuzu-\nstimmen. Daß man die Naturbetrachtung so außer\njeder Beziehung gebracht hat zu dem, was dem\nMenschen unmittelbar gegeben ist, daß man ihr da-\ndurch jedes Gentrum genommen hat und sie\neigentlich den Menschen überantwortete, die ge-\n;fühl- und phantasielos mit allem rechnen! können,\nohne irgendwie zu werten, das hat sie des Inter-\ni\nesses der Guten beraubt. Uexküll findet den\nschlagenden Ausdruck, wenn er von der üblichen\nWeltanschauung unserer Tage sagt, sie habe\nden Schwerpunkt verloren. Eine Welt-\nanschauung ohne Schwerpunkt ist aber mit Not-\nwendigkeit impressionistisch im wortwörtlichen\nSintne: sie ist dem Geschaukel wogender Eindrücke\npreisgegeben. Und im Gegensatz dazu nenne ich\njene Weltanschauung, die von einem Centrum aus\nsichtet, expressionistisch. Wo ein Centrum ist, da\nherrscht ein bestimmender formender Wille, und\nwo ein formender, ordnender, wertender Wille ist,\nda ist von selbst die Kraft des Ausdruckes. Das\ngilt keineswegs nur von der Kunst und in der\nKunst gilt es keineswegs nur von der neuen Kunst,\nvielmehr von aller wahren Kunst, nicht zuletzt von.\nunserer Gotik.\nUexküll hat in den Mittelpunkt seiner Arbeit\nden Begriff des „Organischen\" gestellt. Das Or-\nganische ist eine fundamentale Grundtatsache alles\nLebendigen, ist uns unmittelbar im Erleben offen-\nbar, das Organische ist für den Biologen also das\ngegebene sinnvolle Centrum. Die frühere Naturbe-\ntrachtung hat diese Grundtatsache zu etwas Abge-\nleitetem gemacht, hat versucht, vom Unorganischen\nzum Organischen mit Hilfe einer Entwicklungstheo-\nrie zu kommen, wich mit Aengstlichkeit der Aner-\nkennung des „Organischen\" als einier elementaren\nGegebenheit aus, stabilierte als Grundtatsache den\nZufall, den „Tanz der Atome\". Ist das nicht impres-\nsionistisch?\nWas charakterisiert die Kunst der Impressio-\nnisten? Sie hielten es für wichtiger, daß die\nLinien eines Bildes „richtig\" die Silhouette eines\nBaumes trafen, als daß sie untereinander, als Hori-\nzontale und Vertikale, in schönen Verhältnissen\nstanden. Sie ordneten künstlerische Rücksichten\nirgendwelchen außerkünstlerischen unter, sie\nsuchten von der Nicht-Kunst zur Kunst zu kommen,\nund die gleichzeitige Aesthetik und Kunstwissen-\nschaft machte denselben Irrweg (Taine, Hausen-\nstein). Das ist in der Gesinnung das gleiche „peri-\npherische\" Verfahren, wie in der durchschnitt-\nlichen Naturbetrachtung. Die jungen Künst-\n1e r dagegen stellen in den Mittelpunkt ihres\nSchaffens den Dienst der Schönheit, statt der Rich-\ntigkeit. Das ist der letzte Sinn des Expressionis-\nmus. Und die Kunstwissenschaft sollte endlich an\nStelle der Entwicklungsgeschichte mit ihrem\naußerkünstlerischen Maßstabe des „Charakteristi-\nschen\" das Werturteil in das Centrum ihrer Arbeit\nstellen.\nWie mag es nun zu erklären sein, daß Uexküll\nvon der neuen Kunst so entschieden abrückt? Zu-\nnächst habe ich Grund zu glauben, daß Uexküll\ndie wahre neue Kunst, um die es sich für uns allein\nhandelt, kaum kennt. Sehr leicht möglich, daß er\nanders urteilen wird, wenn er die Werke eines\nDelaunay, Marc, Mense, Leger, Chagall, Kokosch-\nka, Heemskerck einmal (oder besser wiederholt)\ngesehen hat. Es scheint mir nach seinen nicht\nimmer sehr glücklichen Aeußerungen über künst-\nlerische Fragen, daß er nur jene halbneue, deko-\nrative Art etwa der „Brücke\", der Heckel, Kirch-\nner, Pechstein, aus eigener Anschauung kennt,\ni\nund dann wären seine Aeußerungen zwar bis zu\neinem gewissen Grade zutreffend, berührten aber\nnicht — die neue Kunst!\nAber angenommen, Uexküll kennt Chagall,\nMarc, Kokoschka. Dann würde er sein ablehnen-\ndes Urteil vermutlich mit der Behauptung moti-\nvieren: ihre Arbeiten seien „gemacht\". Aber das\nwäre ein Irrtum!\nIch finde gerade jene Sätze Uexkülls so über-\naus schön, in denen er die Kluft aufdeckt zwischen\nder Welt, in der alles „gemacht wird \\ und der\nWelt, in der alles „entsteht\". „Ihre Bewohner sind\ngezwungen, neben- und durcheinander zu leben.\nSie verstehen sich nie. In der Welt, wo alles ent-\nsteht, sind die Leute, die sich mit dem Machen der\nDinge abgeben, lächerlich. Sie sind blind und\nsehen das Wesentliche nicht, den Zusammenhang\ndes großen wunderbaren Gesamtwerdens. In der\nWelt, in der alles gemacht wird, sind die Leute,\ndie auf das Entstehen warten, unglücklich. Denn\nvon allen Seiten ruft man ihnen *zu: „Seid doch\nkeine Träumer, keine Faselhänse, greift zu und\nmacht etwas Neues!\"\nPrachtvolle Sätze, die jeder Freund der neuen\nKunst dankbar aufnehmen wird. Denn das ge-\nrade ist das Schöne dieser neuen Kunst, daß ihre\nWerke von innen heraus „wachsen\". Aber Uex-\nküll dürfte zunächst anderer Meinung sein. Er\ndürfte, wie so mancher andere, der mehr Recht\ndazu hätte, sagen: Ich sehe Konstruktionen, Kon-\nstruktionen aber sind nicht Kunst!\nNein, Konstruktionen sind allerdings nicht\nKunst, aber das Kunstwerk ist ein geistiger Orga-\nnismus, und Organisation jeder Art ist Ordnung,\nDisziplinierung, fester Bau, Planmäßigkeit, Ziel-\nstrebigkeit. Das wahre Bild ist nichts anderes.\nWie in einem körperlichen Organismus jeder Teil\nin fester, sinnvoller Beziehung steht zu jedem an-\nderen, so auch im geistigen Organimus eines\nKunstwerkes. Jeder Teil der Bildfläche steht ;n\nWechselwirkung zu jedem anderen, die linke\nobere Ecke ist gestaltet in Beziehung auf die untere\nEcke rechts, Der Impressionimus hat uns leider\ndiesen Maßstab genommen. Aber Raffael, Grüne-\nwald, die Inder, die archaische Griechenkunst,\nBrunelleschi... sie gestatten, vielmehr sie for-\ndern diesen Maßstab des Organischen. An einem\nKunstwerk Kritik üben, weil es seinen Organis-\nmus ausbreitet, das käme einer Kritik an der\n„nackten Konstruktion' eines menschlichen Ge-\nlenkes gleich.\nUnd wie irrig wäre es, zu glauben, im Gegen-\nsatz zu den gewachsenen Organismen der\nTiere könne der strenge Aufbau etwa eines Marc\nnur „errechnet\", konstruiert, „gemacht\" sein. Der\nUnterschied ist nur der, daß wir selbst bei dem\nnacktesten Organismus der Tiere wissen, daß\ner gewachsen ist, während wir den geistigen Or-\nganismen gegenüber noch immer nicht losgekom-\nmen sind von der engen Anschauung der per-\nsönlichen Produktion. Es gibt aber auch\nin geistigen Dingen nur und ausschließlich ein\nWachsen — soweit Dinge von Wert in Frage\nstehen —, ein Wachsen, für das der Künstler nur\nder Boden oder das Gefäß ist. Nur die unfrucht-\nbaren Künstler, d. h. Dilettanten, sehen sich als\nQuelle, als letzten und ersten Ursprung, der wahre\nKünstler weiß sich als Durchgangsstation. Feuer-\nbach malt sich als stolzen Fürsten des Lebens:\n„Ich bin der, der das alles geschaffen hat!\" —\nBöcklin in seinem Selbstporträt mit dem Tod in\nschwermütiger Bescheidenheit als den, der in die\nUnendlichkeit, in das Elementare lauscht. Feuer-\nbachs Bilder sind voll der unbeabsichtigten Resi-\ngnation des Ohnmächtigen, Böcklins Bilder um-\nfassen allen Jubel und alle Qual.\nVon einem bekannten Anwalt des Impressionis-\nmus wird mir erzählt, er habe von den alten deut*\nsehen Meistern tadelnd gesagt: sie hätten ja als\nMenschen vor den Heiligen gezittert, die sie mal-\nten. Daher seien ihre Bilder so schwach. Ihnen\nstellte er einen modernen Franzosen gegenüber,\nder stolz und gnädig wie ein Gott vor seine Lein-\nwand getreten sei. Wer so spricht, veriät, daß\nauch er, wie die meisten Kunstbetrachter, die\nKunst für ein „Machen4' hält. Wir segnen jene\nalten herrlichen Meister, die vor ihren Heiligen\nerbebten1).\nSpricht die strenge Komposition eines moder-\nnen Bildes gegen sein natürlich wachsendes Ent-\nstehen? Das kann nur Unkenntnis annehmen. Wer\nKinderzeichnungen, wer die Kunst der Primitiven,\netwa der Neger, kennt und fühlend aufgenommen\nhat, wird wissen, daß gerade die Werke, die von\naller artistischer Berechnung so himmelweit ent-\nfernt sind wie nur möglich, daß die in Linien, Far-\nben und Formen die allerstrengste Konstruktion\naufweisen. Das gerade ist ja das Ergreifende an\nder Kinderzeichnung, zu sehen, wie in stiller,\nselbstverständlicher, völlig naiver Gesetzmäßig-\nkeit sich die Farben geheimnisvoll entwickeln, wie\nLinien und Flächen sich in reinster Beziehung ent-\nfalten, wie eine Farbe gleichsam zwingend die\nschönste und vollendetste Skala folgen läßt.\nDie Kunst der Primitiven beweist einwandfrei,\ndaß die „natürlichste' Kunst die am strengsten\nkonstruierte ist. Die Kinderzeichnung ist doch ge-\nwiß ein unverfängliches Zeugnis für ein orga-\nnisches Wachsen aus dem Geiste — und gerade sie\nkann an Konstruktion nicht übertreffen werden.\nDeshalb ist der oft gehörte Einwand, die Bilder\neines Leger, eines Mense seien nicht Kunst, da sie\nkonstruiert seien, unsinnig. Sie sind nicht konstru-\niert im Sinne der Berechnung, sie sind gewachsen\nnach geistiger Gesetzmäßigkeit.\nUexküll sagt: „Die Planmäßigkeit kann nicht\ndurch logisches Denken, sondern nur in der An-\nschauung erfaßt werden.\" Das gilt im weiteren\nSinne auch vom Schaffen der neuen Kunst!\n*\nAllerdings vertreten alle jene Künstler und\nAesthetiker, die für ihre materialistische Denkart\nim Impressionismus und Naturalismus das be-\nqueme Schlummerlager gefunden haben, die Mei-\nnung: die Kinderzeichnung sei nicht Kunst. Aber\nda wir ja schon wissen, daß diese Aesthetiker ganz\nlogisch, wenn sie Kunst sagen, ein „Machen\" mei-\nnen, brauchen wir nicht mehr viel Worte über\ndiesen Gegenstand zu verlieren. Denn ein Machen\nist die Kunst der Primitiven freilich nicht — da\nsind wir völlig einer Meinung!\nGanz gewiß kann gerade die Kinderzeichnung\nuns zu einer reineren Auffassung der Kunst hin-\nleiten. Und damit komme ich wieder auf meinen\nAusgangspunkt, das Uexküllsche Buch, zurück.\nUexküll betont die „besondere Gesetzlichkeit\nalles Organischen\", die „Autonomie der Lebens-\nvorgänge\". Diese Lehre muß auch auf alles Gei-\nstige und speziell auf die Kunst angewendet wer-\nden. (Was Uexküll selbst gelegentlich über Kunst\nsagt, ist leider auf einem anderen Boden gewach-\nsen.) Uexküll und seine Vorgänger haben das\nSchöpferische, Produzierende als die eigentliche\nMacht alles Entstehenden erkannt. Diese Macht\nmuß auch in das Geistesleben eingesetzt werden.\nDiejenigen Subjekte, bei denen das schöpferische,\ngeheimnisvolle Urelement so stark noch im Geiste\nwirkt, daß dessen Produkte notwendig „organisch\"\nwerden, sind die wirklich wertvollen Naturen als\nKünstler, Forscher, Feldherren usw. Eine Hand-\nhabe zu solcher Erklärung gibt Uexküll selbst, als\nes sich um den Begriff des Instinktes handelt.\nUexküll deutet als eine Möglichkeit an, daß wir\nauch im Gehirne Gene, ähnlich wie im Keime,\ntätig zu denken hätten, nicht freilich bei allen Men-\nschen. Die Mehrzahl der Menschen seien wohl Er-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10217, "texte": "Fahrungstiere (ein Erfahrungstier ist auch der im-\npressionistische Künstler), Instinkttiere seien ge-\nwiß nur wenige. „Wer weiß, ob nicht die über-\nragende Stellung gewisser Genies über ihre Mit-\nmenschen auf dem planmäßigen Wirken neuer\nGene beruht?\"\nDie Gene formen unsere Struktur nach einem\ngeheimnisvollen Plan. Je stärker und stolzer sie\nihre Kraft entfalten, um so „genialer\" ist das Indi-\nviduum, d. h. um so sicherer haben auch alle seine\ngeistigen Aeußerungen die Planmäßigkeit und Ziel-\nstrebigkeit des Organischen. Die Kraft der Gene\nist es auch, die Kunstwerke entstehen läßt. Daß\ndiese Kraft der Gene im Kinde noch mit allem\nSchuß und Glück der Jugend wirksam ist, liegt\nnahe anzunehmen. Und also ist für mich die Kin-\nderzeichnung nicht etwas, das „noch nicht Kunst\"\nist, weil es nämlich „noch nicht\" mit Bewußtsein\n„gemacht\" ist, sondern ist glücklich noch Kunst!\nIch sagte schon, daß vieles von dem, was Uex-\nküll über Kunst sagt, verdrießt, aber weit wichti-\nger ist die Tatsache, daß er Erkenntnisse gibt, die,\nüber seine persönliche Meinung hinaus, zu einer\nVertiefung unserer Kunstanschauungen die An-\nregung geben. Die Erkenntnisse Uexkülls berech-\ntigen uns, die Mauer zwischen Kunst und Leben\neinzureißen, die Kunst mit dem Leben zu verbin-\nden, ja, sie mit Leben zu identifizieren. Und es ist\nwundervoll, daß wir den Erkenntnissen des Bio-\nlogen, die, wenn auch nicht ihn selbst, so doch\nseine dankbaren Leser zu solcher Einsicht führen,\nvon der anderen Seite her die schöne Vision eines\nDichters gegenüberstellen können, eine Stelle aus\nAage von Ko1 1s Roman „Der Weg durch die\nNacht\", oder wie der Titel im Original schöner\nlautet: „Der große Schoß\":\n„In allen seinen Fibern, in jeder einzigen, da\nsaß urtief und brennend diese starke und freudige\nGewißheit! Da saß die treibende Kraft, von der\naus er alle seine Worte geschrieben hatte: Das\nLeben ist Glück — und die Kunst ist Glück! Das\nLeben und die Kunst sind ein und dasselbe!\"\nDie Kunst ist die wahre Welt der Menschen,\nfür die alles „wird\", nichts aber „gemacht\" wird.\n„Nur die Maschinen werden gemacht, die Organis-\nmen aber entstehen.\"\n♦\nDiese Erkenntnis ermöglicht es uns, verschie-\ndene Vorurteile und Irrtümer abzubauen.\nDas Leben hat keine „Fächer\". Auch die Kunst\nhat keine Fächer. Wer in der Kunst sich als „Fach-\nmann\" fühlt, Kunst als „Fachmann\" treibt und ver-\ntritt, ist schlimmer als der ärgste Dilettant. Hun-\ndertmal lieber ist uns ehrlicher „Kitsch\" als\nschlechte „Kunst\".\nWeil die Kunst wie das Leben ein Geschehen\nist, läßt sie sich weder nach Materialien noch nach\nBegriffen in Kapitel scheiden. Von den Materialien\nist man ja in letzter Zelt etwas abgekommen, aber\ndie Begriffsschneiderei blüht noch immer.\nKunst ist niemals etwas anderes als Natur!\nMan wirft den Künstlern, die nicht die äußere\nNatürlichkeit, „Natur im sentimentalen Sinne des\nPublikums\" nannte ich es in meinem Sturmbuch,\nkopieren, mit Vorliebe „Artistentum\" vor. In\nWahrheit liegt das Artistentum, d. h. künstliche\nMache, gerade bei den äußerlich - natürlichen\nMalern. „Natur\" ist jedes wahre Kunstwerk sei-\nnem Entstehen nach, indem es organisch\nwächst. Da seine Wurzeln aber im Geiste liegen,\nkann sein Organismus, solange er wirklich\nnatürlich ist, nicht die wesensfremden Formen\näußerer Organismen tragen. Das Kleben an der\nGesetzmäßigkeit fremder Organismen, das rich-\ntige Abmalen von Bäumen, Tieren, Häusern, Ge-\nsichtern in richtiger Perspektive — das ist in\nWahrheit „Artistentum\" im Sinne von künstlicher\nMache, das ist in jedem ehrlichen Sinne das Un-\nnatürliche! Wenn ein Kritiker einem jungen Künst-\nler sagt, er solle mehr nach der Natur zeichnen und\nmalen, zum freien Schaffen hätte er noch kein\nRecht, so scheint mir das nicht sinnvoller zu sein,\nals wenn ein Botaniker zu einem Tännchen sagt:\n„Bitte, wachse erst eine Zeitlang wie ein Oelbaum\nund ein bißchen mehr nach rechts und nicht so\nschnell. Zum Wachsen als Tanne hast du noch\nkein Recht!\" Botaniker sind im allgemeinen zu\nklug, sich so zu blamieren, positivistische Kunst-\nforscher blamieren sich leidenschaftlich gern auf\ndiese Weise, die vom positivistischen Publikum\naufrichtig geschätzt wird.\nZum Thema „gegenständliche Kunst\" noch\nein paar Worte. Für Uexküll — und für ihn nicht\nals ersten — ist der „Gegenstand'4 schon selbst\netwas von uns Geformtes, nämlich durch unsere\nSinnesorgane und unser Zentralnervensystem.\nHat es nun irgend einen Sinn, etwas Geformtes\nnoch einmal, nämlich künstlerisch, zu formen? So-\nlange man den Gegenstand als etwas außer uns\nGegebenes, Objektives, Absolutes ansah, mochte\ndas Gegenständliche in der Kunst vielleicht noch\neinigen Sinn haben. Aber den hat es nicht mehr,\nnachdem wir erkannt haben, daß die Existenz jedes\nGegenstandes ja bereits eine produzierende Lei-\nstung, eine Formung unseres Geistes ist. Die Kunst\nwird sich also schönere Aufgaben suchen!\n*\nSie braucht sie nicht zu suchen!\nDie Aufgabe, die von Natur die ihre ist, das ist\ndie sichtbare Formung unseres neuen Lebens-\ngefühls. Dieses Ziel hat der Kubismus!\nWas ist über den Kubismus nicht alles geschrie-\nben worden — Belangloses selbst von den besten\nKubisten! Hier wiederholt sich die Erscheinung,\ndaß geniale Leistungen überpersönlich sind. Ein\nKünstler wie Fernand Leger führt zur Er-\nklärung des Kubismus die Tatsache auf, daß wir\nuns heute in Auto und Eilzug so schnell über diese\nErde und durch die Landschaft bewegen. „Un\npaysage traverse et rompu par une auto ou un ra-\npide perd en valeur descriptive, rnais gagne en\nvaleur synthetique: la portiere des Waggons ou\nla glace de l'auto ont change laspect habituel des\nchoses. L'homme moderne enregistre cent fois\nplus d'impressions que l'artiste du 18. siecle\nLa condensation du tableau moderne sa variete,\nsa rupture des formes est la resultante de tout\ncela.\"\nNiemals haben äußere, technische, wirtschaft-\nliche, mechanische Neuerungen die Kunst be-\nstimmt. Ich glaube nicht, daß Cezanne und\nRousseau besonders häufig mit dem Auto gefahren\nsind, und von den Gotikern weiß ich es ganz be-\nstimmt. Ich glaube nicht, daß Cezanne und\nrufen, in der modernen Künstlerästhetik eine wich-\ntige Rolle zu spielen, und zwar zur Erklärung der\ngegensätzlichsten Dinge. In einem Vortrage hat\nPeter Behrens vor einiger Zeit die detaillose\nGlätte seiner Häusermauern damit motiviert, daß\nder moderne Mensch ja gemeinhin die Straßen und\nHäuserfronten nur vom schnellfahrenden Auto\naus kennen lerne, der Autofahrer aber könne De-\ntails doch unmöglich aufnehmen. Da bleibt es nur\nungeklärt, weshalb dieser Architekt auch seine\nInnen wände in Autodreß kleidet.\nHaben wir in Leger die Erscheinung, daß der\nKubist über die letzten Triebkräfte seines Schaf-\nfens versagende Auskunft gibt, so haben wir auf\nder anderen Seite den Biologen Uexküll, der den\nKubismus ablehnt und doch für seinen Sinn die\nwertvollste Fundierung gibt.\nNiemals wird man mit formalen Tüfteleien, nie-\nMals mit entwicklungsgeschichtlichen Ableitungen\nund Deutungen dem kubistischen Kunstwerke\nnäher kommen. Sie bleiben Notbehelfe für den\nAnfänger. Der Kubismus ist in Plastik, Malerei und\nArchitektur der Ausdruck einer\nmodernen Lebensauffassung. Ich finde\nsie nirgends schöner formuliert als bei Uexküll:\n„Das Leben nimmt einen Standpunkt ein, auf den\nwir ihm nicht folgen können2).\"\nDer Darwinismus kannte nur die normale, ob-\njektive Welt, die als Welt physikalischer und\nchemischer Ursachen und Wirkungen allen Wesen\ngemeinsam ist. Die Tiere bewegen sich sehr ver-\nschieden, nähren sich sehr unterschiedlich und\npflanzen sich sehr abwechslungsreich fort, aber\nsie leben alle in der gleichen Welt. Es besteht die\nMöglichkeit, sich mit einem Nashornkäfer tele-\nphonisch zu unterhalten.\nUnser Weltbild ist anders. Jene „Normal-\nweit\" ist in der Anschauung und im Erlebnis\nüberhaupt nicht gegeben. Sie ist nur eine Hypo-\nthese, eine Konstruktion — obgleich die meisten\nMenschen sie für das einzig Wahre halten. Jedes\nLebewesen hat seine Welt. Es gibt zahllose sub-\njektive Welten, die, sich überschneidend, inein-\nander gestellt sind. Durch Uexküll wissen wir,\ndaß das Weltbild damit noch nicht einmal er-\nschöpft ist. Jedes Lebewesen hat zwei Welten:\neine Merk weit und eine Wir k u n g s weit. Die\nMerk weit schafft es sich durch die besondere\nBeschaffenheit seiner Sinnesorgane. Die Wi r -\nkungswelt ist bestimmt durch seine Bewegungs-\nund sonstigen äußeren Organe. Und das Wert-\nvolle ist nun Uexkülls Nachweis, daß für das\ngleiche Wesen sich Merkwelt und Wirkungs-\nwelt nur sehr selten und nur bedingt decken. D i e\nWirkungswelt der Tiere ist weit grö-\nßer als ihre Merk weit3).\nSo ergibt sich ein Weltbild von einer ungeheu-\nren Beweglichkeit und Vieldeutbarkeit, ein in sei-\nner Fülle herrlicher Kosmos, eine unendliche, in\nihren zahlosen Funktionen schwingende Welt.\nAn ihr zersplittert jeder Rationalismus und jede\nRezeptwissenschaft. Das ist eine Welt, die wir\nerleben, die unsere Phantasie erregt, wieder\nzu unseren, lebendigen Sinnen spricht und uns von\nder Kälte registratorenhafter Ueberlegenheit er-\nhebt zur Wärme einer religiösen Bindung. „Das\nLeben nimmt einen Standpunkt ein, auf den wir\nihm nicht folgen können.\"\n*\nDem Naturalisten und Impressionisten können\nwir stets folgen. Er hat einen sehr zugänglichen\nund bequemen „Standpunkt\". Er pflanzt seine\nStaffelei irgendwo im Freien auf und überträgt\neinen Natureindruck mit mehr oder weniger Ge-\nschicklichkeit und auch Geschmack in eine Fläche\nvon bestimmter Größe. Mit der Wahl des Stand-\npunktes ist die Hauptarbeit eigentlich geleistet,\ndenn von ihm hängt der Charakter des Bildes ganz\nwesentlich ab, so sehr, daß wir in der Vorbild-\nLandschaft nach der Kunst-Landschaft meist den\nStandpunkt rekonstruieren können. „Hier hat er\ngestanden!\" — das an einem Platze im Gebirge\noder an der See sagen zu können, ist für die\nFreunde naturalistischer Kunst geradezu der Höhe-\npunkt künstlerischen Genießens.\nDas ist die Standpunktkunst mit allen ihren\nBanalitäten!\nWir kennen sie nicht nur in der Malerei.\nDie Architektur der naturalistischen Zeit\nwar ein Arbeiten mit Perspektiven — im vollende-\nten Gegensatz zur Baukunst fruchtbarer Epochen.\nDie Dichtung war nicht weniger perspektivisch,\nsie war psychologische oder gar Tendenzdichtung.\nAlle künstlerische Produktion hatte „Perspek-"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9030, "texte": "tive\", d. h. eine naturalistische Konstruktion ört-\nlicher oder zeitlicher Art, eine Konstruktion, die\nfür den Künstler einen festen, unwandelbaren\nStandpunkt außerhalb der Kör»p e r\nund der Geschehnisse voraussetzte.\n(W e i s b a c h für die Impressionisten und Hilde-\nbrand für seine dekorative Kunst vertreten\ngleicherweise die Notwendigkeit des iFern-\nb i 1 d e s!) Das gilt genau so von den Bildern eines\nManet, wie von den Romanen eines Zola. Für\nviele wurde schließlich die Perspektive der letzte\nAusweg, ihren Schöpfungen einigen Rhythmus zu\nsichern. Unfähig, den Rhythmus zu geben,\nahmten sie ein Surrogat nach, wenn sie, wie\netwa Liebermann, die sich verjüngenden Bäume\neiner geraden Allee mit Vorliebe malten.\nZu solcher Perspektivenkunst\nist der Kubismus der absolute Ge-\ngensatz. Er will nicht eine banale Aufzählung\nund keine psychologische Deutung der Körper und\nder Geschehnisse von einem bestimmten äußeren\nStandpunkt aus, sondern will das Leben! Der\nkubistische Künstler ist mitten unter den Dingen,\nsie umschließen ihn ringsum, ihre Fülle beglückt\nihn, ihr niemals ruhendes, stets bewegtes, rätsel-\nhaftes, autonomes Leben ist wie ein Rausch. Kein\npositivistisches Resultat, keine Erklärung, keine\nMoral und keine Nutzanwendung oder Lehre —\nsondern Verherrlichung, Bewunderung, Anbetung.\nWie arm, auf einem Standpunkt zu bleiben, den\nman ängstlich und stolz zugleich hütet, den man\nsich „errungen4' hat! Hingabe an das Leben, Auf-\ngehen im Leben, sich selbst flüssig und beweglich\nmachen, nicht mit dem Zeigestock magisterhalt\ndavorstehen und demonstrieren: das ist Rauch\naus einem Schornstein, das ist ein Haus, das ist\neine Brücke über einen Fluß — sondern Rauch\nund Haus und Fluß und Brücke sein, verwand-\nlungsfähig, verwandlungswillig! Nicht aus einer\nPerson sprechen, nicht als Richter räsonnieren,\nnicht dem einen recht geben, dem anderen unrecht\n— sondern im Kampf und in der Bewegung vieler\nKräfte wie ein Tunnel stehen, durch den alles tönt:\nso ist Aa g e von Kohls „Großer Schoß'4, so\nist Herrmann Essigs „Schweinepriester'4.\nDa ist ein großer Strom des Lebens, in dem wir\nselbst schwimmen, eine Einbettung aller Organis-\nmen in ein großes Weltgeschehen.\nUexküll sagte: „Das Leben übersieht nicht bloß\ndie Wirkungswelt, sondern auch die Merkwelten.\nDas können wir nicht nachmachen, wenn wir in\nunserem Subjekte drinstecken, können wir nicht\nzugleich außerhalb stehen.\"\n„Nachmachen44 können wir es freilich nicht,\naber wir können dieses Lebensgefühl gestalten —\nsoweit wir Künstler sind.\nFranz Marcs Tiere! Müßte sie nicht Uex-\nküll zuerst verstehen können, der die Sätze\nschreibt: „Das Wesentliche am Tiere ist nicht seine\nForm, sondern die Umformung, nicht die Struktur,\nsondern der Lebensprozeß. Das Tier ist ein bloßes\nGeschehnis 4)!\"\nDer Impressionismus hatte einen festen Stand-\npunkt, aber seine Formen verschwammen in der\nNuancen- und Andeutungsmalerei. Das ist voll-\nkommenster und konsequentester Materialismus,\nist der künstlerische Ausdruck für die Auffassung\nder Welt als eines „Tanzes der Atome\". Das ku-\nbistische Weltgefühl kennt nicht die punktartige\nFixierung des Standortes, zugleich verabscheuen\nseine Formen die atmosphärische Verdunstung, sie\nsind sicher, wesentlich und klar. Der\nGegensatz ließe sich so formulieren: Der Impres-\nsionismus ist ungefähr in der Erkenntnis, aber sein\nStandpunkt ist eindeutig und einleuchtend.\nDer Kubismus ist vieldeutig in seiner Stellung,\nseine Erkenntnisse sind tief. Die Elemente eines\nkubistischen Bildes sind wesentlich, rein und klar;\nsein Ganzes ist eine Bewegung und ist unstarr.\nDas impressionistische Bild ist als Ganzes starr\ndurch Perspektive, Beleuchtung usw.. festgelegt;\nseine Elemente sind zitternd und schwimmend.\nUexküll verwirft jene Weltanschauung, die nur\neinen „Tanz der Atome\" kennt, einen Vorgang,\nden kein Mensch erlebt, den wir als Begriffs-\nsystem glauben sollen. Seine Welt ist, wie wir\nsahen, das unendliche Leben zahlloser Merkwelten,\ndie ineinandergreifen, sich berühren, sich vielfach\nüberschneiden. Aber wohl zu beachten: das ein-\n«s\nzelne Subjekt ist mit seiner Merkwelt allem Un-\ngefähr und allem Schwanken entzogen, das Sub-\njekt und seine Merkwelt sind ein festgefügter Bau.\nSollte nicht Uexküll nach alledem als erster\nVerständnis haben für die kubistische Malerei, die\nan Stelle der vibrierenden Nuance das „Sein\", an\nStelle einer trivialen Perspektive einen viel-leben-\ndigen Kosmos setzt?\n*\n„Auf die Epoche physilkalisch-chemischer Welt-\nbetrachtung, die zum Materialismus führte1, folgt\njetzt naturgemäß die biologische Weltbetrachtung.\nSie ist aber der direkte Weg zum Idealismus!\"\nDer Idealismus in der modernen Kunst ist der\nKubismus.\nJ) Es seien hier einige Zitate gestattet, die meine\nAusführungen über „Impressionismus\" deutlicher machen\nwerden. „Es kam hinzu, daß alle nicht wohl gewisse\nheilige Schauer verbergen konnten angesichts dieser nun\nEreignis gewordenen phantastischn Anmaßung, die doch\nvon dem Vorgang, der Wiederkunft Jesu, die sie erlog,\neinen nicht zu verkennenden Strahlennimbus 'entlehnt\nhatte. So war denn das ganze . . . Dorf auf einmal von\nreligiösem Leben erfüllt4' (Hauptmann : Emanuel\nQuint).\n„Mir ist der Raum einer der liebsten des Prados, ob-\nwohl ich keineswegs das Einseitige dieser Wahl ver-\nkenne. Ich gehe auch nie gleich des Morgens hin, son-\ndern zuletzt, wenn ich ein wenig müde werde. Und das\nverbessert nicht die Logik meines Wahlvermögens. Denn\nes ist ein müder Saal. . . „„Bei einer solchen Gelegenheit\nbin ich mal nach Dulwich gekommen, und als ich mich\ngenug unter beinahe grünen Bäumen und beinahe blauem\nHimmel herumgetollt hatte mit einer Engländerin, die\nich beinah verführt hätte, ging ich als treues Gewohn-\nheitstier in die D'ulwicher Galerie und sah die Bilder\nPoussins. Sie gefielen mir nie so gut wie an dem Tage...\nSeit dem Tage kenne ich die beste Zeit Poussins. Er\nist nichts für die Morgenstunde des Genusses. . .\" 44 Ich\ngestehe daß mir der Poussin lieber ist. Ich habe es im\nAnfange für meine Vorliebe für Nachmittagsstunden ge-\nnommen, für eine Geschmacksfrage, über die nicht zu\ndiskutieren sei. . . (Meier-Gräfe: Spanisches\nTagebuch.) Derselbe rühmt von den Impressionisten:\n„Es ist keine Hexerei dabei.\"\nEine famose Karikatur „impressionistischer Men-\nschenkind für mich Alfred Döiblins „Lobensteiner\".\n2) Ich will die Stelle im Zusammenhang zitieren:\n„Das Abendpfauenauge, ein Schmetterling mit schönen\nAugenflecken auf den Flügeln, schreckt mit diesen Flecken\nseine Verfolger, die kleinen Vögel, indem es mit ihnen\ndie Augen kleiner Raubtiere nachahmt, obgleich er selbst\ndiese Flecken nie zu Gesicht bekommt. Uns Menschen\ntäuscht es damit nicht, für uns gibt es auch gar kein\nRaubtier, das solche Augen hat. Die kleinen Vögel aber,\ndie immer auf ihrer Hut sind vor Katzen, Wieseln und\nähnlichem Raubzeug, müssen, um rechtzeitig entfliehen\nzu können, vor jedem augenähnlichen Gebilde, das sich\nbewegt, entfliehen. Diesen Umstand benutzt das Leben\nzum Schutz des Pfauenauges. — Hier offenbart es sich,\ndaß das Leben durch die subjektiven Schranken, die es\nselbst aufbaut, nicht behindert wird. Das Leben nimmt\neinen Standpunkt ein, auf den wir ihm nicht folgen kön-\nnen. Während die Gene das Pfauenauge bilden ,steckt\ndas Leben in dem sich bildenden Keim und kann durch\njede grob mechanische Schädigung des Keimes vernich-\ntet werden. Das Leben steht aber zugleich außerhalb\ndes Keimes und übersieht nicht blos die Wirkungswelt,\nsondern auch die Merkwelten. Das können wir nicht\nnachmachen, wenn wir in unserem Subjekt drinstecken,\nkönnen wir nicht zugleich außerhalb stehen.\"\n3) Ist nicht auch in diesem Punkte das Geistes-\nleben ganz analog? Auch in ihm finde ich eine W i r -\nkun g s weit, die viel größer ist als die Merkwelt.\nJene arbeitet maschinell und „erledigt Probleme\", diese\nIst nicht auch in diesem Punkte das Geistes-\nleben ganz analog? Auch in ihm finde ich eine Wir-\nkung sw e 11, die viel größer ist als die Merkwelt.\nJene arbeitet maschinell und „erledigt Probleme\", diese\nwertet, prüft und formt. Beispiel: Jemand sieht ein\nBild von Kandinsky. Er ist imstande, lange logische,\npsychologische, ästhetische Reden zu halten, hat aber das\nBild noch gar nicht „gesehen44. Kann man also nicht auf\nviele Kritiker moderner Kunst anwenden, was Uexküll\nvon den Seeigeln schreibt? „Die Seeigel verstehen es,\nmit Sicherheit ihre Giftzangen in die Haut des Feindes\nzu schlagen. Welches aber sind die Merkmale, die ihre\nRezeptoren beim Herannahen des Feindes aufneh-\nmen ? Eine einfache Reizkette: schwacher chemischer\nReiz, starker chemischer Reiz — Stoß!44\nWer denkt nicht an das Publikum, wenn er liest:\n„Jede Erregung, die vom Auge ausgeht, ruft einen Flucht-\nreflex, oder eine Verteidigungsstellung hervor.44 Darin\nhaben sich unsere Ausstellungsbesucher noch nicht sehr\nüber den Zustand der Seeanemone hinaus „entwickelt.4'\n4) Allerdings gibt Uexküll mit diesen Worten die An-\nsicht eines anderen Forschers, des Amerikaners Je n -\nnin g s, wieder. Aber er fügt hinzu, daß er an dessen\nLehre „unleugbar viel Bestechendes\" finde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c019", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "71", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.2.9", "titre_corps": "Inhaltsverzeichnis : Erstes Halbjahr 1915/16", "titre_sommaire": "Inhaltsverzeichnis : Erstes Halbjahr 1915/16", "signature_source": "Sechster Jahrgang", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.11", "debut_caractere": 9032, "fin_caractere_exclue": 10927, "texte": "Inhaltsverzeichnis\nErstes Halbjahr 1915/16\nSechster Jahrgang\nBeiträge Nummer Seite\nAdolf Behne\nBiologie und Kubismus 11/12 68\nBesteher\nGedichte 9/10 58\nPaul Bommersheim\nGedichte 7/8 45\nKarl Brand\nDu 3/4 23\nAlfred Döblin\nGeschichten von den Lobensteinern 3/4 15\nHermann Essig\nLucie 7/8 38\nDr. S. Friedlaender\n{jeist und Krieg 9/10 54\nKurt Heynicke\nBriefe 7/8 45\nDas Sterben ins Dunkle 3/4 22\nDie Träume , 1/2 10\nGedicht 3/4 22\nFriedrich Karinthy\nDer Zirkus 1/2 6\nAdolf Knoblauch\nDie schwarze Fahne 1/2 3\nDie schwarze Fahne , '< 3/4 18\nErhebungen l < 5/6 27\nFrühe Gedichte II 5/6\nGrunewaldtage 7/8\nGrunewaldtage 9/10\nHebräische Wanderung 11/12\nHeimkehr des Vaters 9/10\nPersisches Mlärchen 3/4\nDesider Kosztolanyi\nAppendicitis 11/12\nDas Rasiermesser 9/10\nDer Chinese 5/6\nVerpelety 3/4\nPär Lagerqvist\nDichtungen 5/6\nJohn Landqvist\nDie Rechtfertigung eines Irren 1/2\nSophie van Leer\nFreunde 5/6\nGedichte 11/12\nKinderland 9/10\nAldo Palazzeschi\nGedichte 1/2\nAugust Stramm\nGedichte 3/4\nGedichte 7/8\nGedichte 11/12\nWelt wehe 1/2\nJulius Szini\nMarionettentheater 7/8\nHerwarth Waiden\nAus der Zeit für die Zeiten 9/10\nBaumeister Solness 1/2\nDas große Schießen \\ 7/8\nDie Kunst an den Wurzeln 5/6\n26 Fröhliche Ostern 3/4 23\n40 Jos. & Joseph 1/2 2\n54 Jos. & Joseph 3/4 14\n64 Kunststücke 11/12 62\n58 Richtiges Hellsehen 3/4 14\n18 N. W.\nNeuschwedische Lyrik 3/4 23\n67 Empfohlene Bücher 5/6 55\n58\n20 Zeichnungen\nFritz Baumann\n32 Originalholzschnitt 5/6 30/31\nOriginalholzschnitt ' 7/8 42/43\n10 Birnbacher\nOriginallinoleumschnitt 1/2 *7\n33 Josef Capek\n66 Originallinoleumschnitt 1/2 5\n52 Isaac Grünewald\nZeichnung 3/4 13\n9 Zeichnung 3/4 17\nJacoba van Heemskerck\n14 - Holzschnitt 11/12\n39 Sigrid Hjerten-Grünewald\n64 Zeichnung 7/8 37\n2 Franz Marc\nLöwenschlacht nach Delacroix 5/6 25\n46 Originalholzschnitt\nGabriele Münter\n50 Zeichnung 1/2 1\n11 Wachlmeier\n47 Originalholzschnitt 9/10 49\n26 Originalholzschnitt 9/10 53"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c020", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.2.10", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.12", "debut_caractere": 422, "fin_caractere_exclue": 583, "texte": "Notiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. 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Straßenstinden auf\nFafls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den Bet r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum fiinften des ersten Monats einzu-\n-8 en d en / Andernfalls nehmen wir an, daß Ei n -\nziehung des Betrages durch Nachnahme\nuater Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nMappen und Albea / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschkt: Zwanzig Blatt Zeichnnngen ]\nStrichfttzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kftrton in dn-\nfadierer Mappe 12 Mark\nKandinsky-Album j Schrift des Kiinstlers iiber sich\nselbst mit sechzig ganzseitigen Abbildungen seiner\nWerke von 1901 bis 1913"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c023", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.12", "debut_caractere": 2945, "fin_caractere_exclue": 5711, "texte": "Heemskerck-Mappe: Sechs handgedruckte und\neinzeln signierte Originalholzschnitte / Auflage 30\nMappen I Mappe 6—30 je einhundert Mark.\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr still es\nG1 ii c k —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft /\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus j Roman I 2 Mark\nPaul Scfieerbart: Qlasarchitektur j in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark ./ Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nAugust Stramm: Du I Liebesgedichte / Gebunden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsan n a / 50 Pfennig / II: August Stramm: R u d i -\nmen tar / 50 Pfennig I III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage yon Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behise: Zur\nneuen Kunst / 50 Pfennig / VIII: August Stramm:\nKrafte I 50 Pfennig / IX: Aage von Kohl: Die rote\nSonne /50 Pfennig / X: Aage von Kohl: Der\ntierische Augenbliok I 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Waldea: Dafaislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Ffir Qesang und Kla-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einzeln: Er\nhort mit ihr den Qukguk schreyn / 50 Pfennig\nHerwarth Walden: Der S t ur m / Heeresmarsch /\nFiir Klavier / 50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Qino Seve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tfinzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni? Abschied/\nKaodlnsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tlerschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam ddectet\nRobert Delaunay: La Tour\nJacoba van Heemskerck: Bild 2 / BHd 15\nAugust Macke: Spaziergang\nSigrid Hjerten-Griinewald: Kinder\nKartenvon Macke / Miinter / Marc Chagall (5) I\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / (Seizes\n/ Archipenko / usw\nErschienen bisher 36 verschiedene Karten\nIllustrierte Sturm - Austellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall / Kandinsky / Je 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit ftinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat fflr die Zeitschrlft\nDer Sturm / OriginaMithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkfipfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert I Das Blatt 5 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c024", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.12", "debut_caractere": 5713, "fin_caractere_exclue": 6738, "texte": "Gemalde / Aquarelle / Zeichnungen /\nHanddrueke / Plastiken\nsind von folgenden Kiinstlern im Sturm stcindig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko / Oskar\nKokoschka / August Macke / Paul Klee / Carl\nMease / Campendonk / Gabriele Miinter / Jaw-\nlensky / Marianne von Werefkin / Albert Bloch /\nHans Arp / Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzin-\nger / Marc Chagall / Fernand Leger / Jacoba van\nHeemskerck I Otakar Kubin / Emfl Filla / Vlncecc\nBenes / Otto Gutfreund / Boccioni / Severinl '\nCarra / Russolo / Francis Picabia / Schmidt*\nRottluff I Fritz Baumann / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden I Zwolftes\nJahr I Jahresbeitrag 20 Mark / Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen j\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation\nDas zwolfte Jahr begann am 1. April 1915 / Die\nSturmgabe, die die Mitglieder des Vereins fiir\nKunst im Jahr 1915/16 frei erhalten, ist: Heems-\nkerck: handgedruckter und signierter Holzschnitt\nauf Kaiserlich Japan-Papier"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c025", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.12", "debut_caractere": 6740, "fin_caractere_exclue": 6853, "texte": "Zeitsehriften\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift ffir neue unci\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c026", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.12", "debut_caractere": 6855, "fin_caractere_exclue": 6863, "texte": "Anzeigen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-09-01-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-09-01_01#c027", "volume": "bmtnabg_1915-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.12", "debut_caractere": 6865, "fin_caractere_exclue": 7695, "texte": "Soeben erschienen: Adolf Knoblauch: Die\nschwarze Fahne ./ Eine Dichtung / Qeheftet 2 Mk. /\nVerlag Der Sturm Berlin W 9\nMltte Oktober erscheint: Adolf Knoblauch: Kreis\ndes Anfangs / Friihe Gedichte ,/ Verlag Der Sturm /\nBerlin W 9\nFelix Miiiler / Dresden: Handgedruckte Holz-\nschnitte und Originallithcs / Zu beziehen durch\nden Verlag Der Sturm Berlin W 9\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni <*ua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Miiano\nI Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsate-\nund Deckelpapiere ffir Bfichereinbande / Muster\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Besfai-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- und\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.1", "texte": "DER STURM\nHALBMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nAusstellungsräume\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nSECHSTER JAHRGANG 1915\nBERLIN ERSTES UND ZWEITES SEPTEMBERHEFT\nNUMMER 11/12\nBerlin am 16. September 1915\nBeim Eintreffen der Todesnachricht\n\nInhalt:\nHerwarth Waiden: Kunststücke: Meisteratelier-Geheimnisse / Das Reich der Künste / Dar neue Herr Direktor / August Stramm: Gedichte /\nAdolf Knoblauch: Hebräische Wanderung / Sophie van Leer: Gedichte / Desider Kosztolanyi: Appendicitis / Adolf Behne: Biologie und Kubismus /Notiz\n/ Inhaltsverzeichnis Sechster Jahrgang / Erstes Halbjahr /\n\nHerwarth Walden\nDer Hauptmann August Stramm ist am zweiten\nSeptember in Rußland gefallen. Der Soldat und\nRitter. Der Führer.\nDu großer Künstler und liebster Freund.\nDu leuchtest ewig."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.2", "texte": "Kunststücke\n\nMeisteratelier-Geheimnisse\nJetzt hilft kein Streiten mehr. Halbamtlich ver-\nlautbart: „Die Maltechnik Franz von Lenbachs.\nVom Herausgeber der Münchener kunsttechnischen\nBlätter, Maler Prof. Ernst Berger: Es wurde da-\nmals dem Künstler von den übelwollenden Neidern\nnachgesagt, er arbeite mittels oder nach Photo-\ngraphien und entwerte damit seine Bilder. Dieser\nVorwurf ist sehr ungerecht. Er benutzte wiohl die\nPhotographie und machte sich die Pausen nach\nsolchen, für ihn eigens oder zu seinen Zwecken her-\ngestellten Vergrößerungen. Wer aber solche ver-\ngrößerte Abdrucke kennt — wird wissen, daß es\nnicht so leicht ist, aus ihnen die für das Vorbild\ncharakteristischen Züge mit wenigen sicheren\nStrichen wiederzugeben; dazu gehört eben die\nüberragende Kennerschaft eines vielerfahrenen\nPorträtisten\". Die übelwollenden Neider haben es\nnachgesagt, und der Maler Prof. Ernst Berger be-\nstätigt es. Gewiß, es ist nicht so leicht, Photo-\ngraphien zu übermalen. Hingegen sind doch die\nsicheren Striche schon da, so daß mir gerade darin\ndie überragende Kennerschaft nicht so erforderlich\nscheint. Hingegen halte ich es für überragend, daß\ner sich die Pausen eigens oder zu seinen Zwecken\nvergrößern ließ. Der Ziweck hat schon von jeher\ndie Mittel geheiligt, wenn auch die Mittel noch\nlange nicht den Zweck heiligen. Die Pausmethode\nkann überhaupt gar nicht genug empfohlen wer-\nden: „Die Pausmethode bot für Lenbach noch\neinen weiteren Vorteil, indem er ohne große Mühe\nnach ein und derselben photographischen Vorlage\nseine Aufzeichnungen wiederholen konnte, wenn\nihm der erste Wurf nicht gelungen war oder von\nvorne herein Varianten des nämlichen Porträts be-\nabsichtigt waren\". Der Vorteil ist einleuchtend,\ner spart Zeit und Zeit ist Geld. Noch dazu, wenn\nman ohne große Mühe durch die Pausmethode ver-\ndienen kann. Das Pausen ist überhaupt nicht so\neinfach. Aber jede unglückliche Pause kann\nimmerhin eine Variante werden, wenn sie auch\nnicht beabsichtigt war. Doch das Pausen bietet\nnoch weitere Gefahren: „Wer sich mit Tempera-\ntechnik nur einigermaßen befaßt hat, weiß nämlich,\ndaß hier oft mit nicht beabsichtigten Ueber-\nraschungen gerechnet werden muß; es treten\nbeim Firnissen der Temperaschicht Tonänderun-\ngen ein, mit denen man nicht gerechnet hatte, oder\nsie sind vielleicht für die Weiterarbeit in dem be-\nstimmten Falle nicht günstig ausgefallen; auch\nkönnen Flecken in den Fleischpartieen eintreten,\ndie bei Uebermalungen durchschlagen würden. In\nsolchen Fällen ist es jedenfalls am einfachsten, die\nArbeit neu zu beginnen, und von diesem Gesichts-\npunkt betrachtet, kann die Pause die Arbeit\nwesentlich vereinfachen. Jeden Maler würde es\nhöchlichst verdrießen, aus diesem Grunde die Auf-\nzeichnung von neuem machen zu sollen . . .\" Die\nFleischpartien fleckenlos zu halten, ist die Kunst\nder klassischen Uebermalphotographen. Das dürfte\nauch der dritte Kollege, Herr Hofmaler Fischer,\nUnter den Linden, bestätigen. Durchschlagende\nFlecken verhindern den durchschlagenden Erfolg.\nAber man hat die Pause und das Geschäft ver-\nzögert sich höchstens um einige Stunden. Eine\nAufzeichnung ohne Pause ist sehr verdrießlich und\nwer will es dem leichten Künstlervölkchen ver-\nargen, daß es lieber ohne große Mühe weitere Vor-\nteile genießt. Bisher hatte ich immer, wenn mir\nauch meine persönlichen Kenntnisse das Gegen-\nteil bezeugten, von erstklassischen Kunstkritikern\nvernommen, daß die berüchtigten neuen Künstler so\nwahnsinnig schnell malten. Die erstklassischen\nKunstkritiker werden mir sicher für die Aufklärung\nsehr dankbar sein, daß der große Meister Lenbach\nund offenbar seine übrigen Kollegen aus der guten\nälteren Zeit es so eilig mit ihren Meisterwerken\nhatten, daß sie nicht einmal die Zeit zur Auf-\nzeichnung aufbrachten. Gebilligt wurde das Mal-\nunternehmen Lenbachs nach dem selben zuver-\nlässigen Zeugen Maler Prof. Ernst Berger, von\nMoritz von Schwind und Makart. Lenbach bezog\nsogar ein kleines Atelier neben Makart „denn dort\nbot sich für den eben Mode gewordenen Künstler\nGelegenheit, sich in die Kreise der Aristokratie und\nder haute finance einzuführen\". Das war die so-\ngenannte vierte Periode Lenbachs. „In dieser Zeit\nhat Lenbach fieberhaft gearbeitet, um die zahl-\nreichen Aufträge, schöne Fürstinnen, junge und\nalte, Vertreter der Geld- und der Geistesaristo-\nkratie ausführen zu können\". Er hat also nicht\nnur Aufträge ausgeführt, sondern auch schöne\nFürstinnen und die beliebten Vertreter. Das muß\neine Hetz im Prater gewesen sein. „Künstlerisch\nwar diese Periode für Lenbach gewiß von großem\nErfolg und doch war es nicht seine glücklichste.\nDenn die Werke dieser Zeit haben sich, soweit\nGelegenheit war es zu beobachten, am schlechte-\nsten -erhalten.\" „Um die Bilder zu firnissen, scheint\nLenbach, wie es auch andere Kollegen der Zeit ge-\ntan haben, noch mehr Trockenmittel und Firnisse\ngebraucht zu haben wie englischen Kutschenlack,\nBernsteinfirniß\". Doch das kommt davon, wenn\nman Bilder lackiert wie geschmiert macht: der\nLack suchte vergeblich nach seiner englischen\nKutsche und platzte vor Wut. „Auch die Restau-\nrierungskünste von Prof. Hauser haben nicht ver-\nmocht, derartige Schäden zu verdecken\". Lenbach\nhatte eben den Lack zu dick übertrieben: „Unge-\nzählte Schichten von Firnissen, auf Asphaltunter-\nlagen, die nicht trocknen, immer wieder mit Lack\nlasiert und dünn deckfarbig überschummert, lagen\nauf der Leinwand; ungeduldig folgte der Maler\ndem Trockenprozeß, und um dem Besteller zu im-\nponieren, zaubert er in wenigen Tagen, in wenigen\nSitzungen, das Bild auf die Leinwand\". Pausen\nist keine Zauberei und statt Asphalt hätte der\nKünstler lieber Kopfpflaster nehmen sollen. Was\nwerden nun die Herren Berliner Kunstkritiker, die\ngegen Kunst sind, sagen, wenn sie von zuverlässi-\nger Seite hören, Herr Meister Lenbach habe in\nwenigen Tagen ein Bild auf die Leinwand ge-\nzaubert. Werden sie nun auch gegen den Meister\nLenbach sein, der nicht nur noch schneller malte,\nwie angeblich die Futuristen, dessen Kunstschweiß\nauf dem Asphalt durchaus nicht trocknen wollte\nund der im übrigen nur Pausen seiner Kunst\nkannte. In der fünften Periode kam aber Meister\nLenbach „zur besseren Einsicht\". Nämlich „zur\nEinfachheit in der Behandlung der technischen\nMittel\". Mit andern Worten, er wurde gegen eng-\nlischen Kutschenlack und „suchte mit Wenigem\nViel zu erreichen, indem er auf Temperaunter-\nmalung ölfarbig vollendete\". „Der Vorgang ist\nsehr einfach und bestand in dem Anlegen eines\nMitteltones, meist aus grüner Erde gemischt, der\nmit etwas rotem Ocker und viel Weiß aufgelichtet\nwurde; einige kräftgere Schatten unter den Augen,\nder Nase, mit etwas Umbra, wenig Zinnober für\ndie Lippen genügte dafür. Diese Farbschicht\ntrocknete sehr schnell, mitunter in einer Viertel-\nstunde, und dann gab es gleich darauf eine Firniß-\nschicht, die die Temperauntermalung belebte, und\nin diese hinein arbeitete er sofort mit Oelfarben,\nmodellierte, glich aus, setzte Lichter auf, lasierte\ntiefere Töne, in den Haaren, im Gewand, Hinter-\ngrund und — war fertig\". Jedenfalls eine auf-\nregende Tätigkeit. Und es scheint mir gar nicht so\nwenig zu sein, mit dem er viel erreichte. Jeden-\nfalls war der neue Vorgang auch sehr einfach, das\nEinfachmachen hat sich der Meister Lenbach ein-\nfach aus der vierten in die fünfte Periode hinüber-\ngerettet. Trotzdem muß dieser Vorgang aufregend\nspannend gewesen sein. Wird die Farbschicht\nauch wirklich in der Viertelstunde trocknen, damit\nman sie mit Firniß beleben und feste mit Oelfarben\nhineinarbeiten kann. Und mit welchem Tempera-\nment der Meister an solch einer Fürstin herum-\narbeitete, schnell einige kräftigere Schatten unter\ndie Augen und die Nase mit etwas Umbra, dann\nein paar Lichter aufgesetzt, etwas Zinnober, aber\nnicht zuviel, auf die Lippen gelegt, massiert nein\nmodelliert, ein paar tiefere Töne in die Haare und\ndie Fürstin ist fertig. Zum Mitnehmen in einer\nViertelstunde. Bei sechs Stück Rabatt, im Dutzend\nnoch billiger. Aehnlichkeit garantiert, denn der\nVorgang war wirklich einfach: „Dieses abgekürzte\nVerfahren erfordert aber zu allererst eine feste\nsichere Vorzeichnung, die Lenbach oftmals durch\nPausen auf die Maltafel (Pappe, Holzgrund) über-\ntrug\". Wie soll man Zinnober auf die Lippen\nlegen, wenn keine Lippen da sind. Diese soge-\nnannte feste sichere Vorzeichnung war ja eben die\nSeele des Bildes und „diese feste Vorzeichnung\nkonnte durch die Temperafarben nicht verloren\ngehen, sie wur de durch das Eibin demittel sogar\nfixiert, oder wo nötig, in seiner Schärfe gemildert,\nmitunter auch ganz überstrichen\". Das ist die so-\ngenannte Idealisierung. Die Flecken auf den\nFleischpartieen werden gemildert und der schlechte\nTeint schöner Fürstinnen ganz überstrichen. Aber\ndie Kontur wurde auch in solchen idealistischen\nFällen wieder gerettet: „Der Firnißüberstrich\nbrachte in seiner Eigenschaft, die Tempera zu\ndurchdringen, das heißt Tiefenlicht zu erzeugen,\ndie etwa verloren gegangene Konturvorzeichnung\nwieder zum Vorschein\". Und die Pause ist ge-\nrettet, sie ist unsterblich. Diese Art des Meisters\nin der fünften Periode wird nunmehr also beurteilt:\n„Es ist jedenfalls die Zeit seiner höchsten Blüte,\nwo des »Meisters Talent als Seelenmaler ersten\nRanges zur vollen Entfaltung gelangte. In diese\nZeit fallen jene Meisterschöpfungen, in denen er die\ngrößten deutschen Männer in Bildern festgehalten\nund ihre äußere Erscheinung in unvergleichlicher\nWeise dem deutschen Volk für alle Zeit überliefert\nhat'4. Das deutsche Volk hat jetzt viel Lenbachs\nmit und ohne Oel in allen Straßen wohnen und be-\nnutzt die Gelegenheit eifrig, sich selbst in Bildern\nfestzuhalten. Auch serienweise und in ver-\nschiedenen Stellungen. Nur kostet so etwas nicht\nmehr 50 000 Mark, sondern fünfzig Pfennig. „Vor\nallem gehört hierher die Serie von Bismarckbild-\nnissen\". Man hat sich immer gewundert, daß\nBismarck soviel Zeit hatte, sich für tausende Bilder\nLenbachs und Kollegen Zeit zu nehmen. Aber\njetzt weiß man es authentisch. Senden Sie mir\nIhre Photograhie und in drei Tagen erhalten Sie in\nKreide oder Oel unter Garantie der Aehnlichkeit\nIhr Portrait in Lebensgröße. Nicht Konvenierendes\nwird zurückgenommen. Preise von 30.— Mark\naufwärts, in Kreide 10.— Mark. Wer von uns hat\ngeahnt, wieviel Lenbachs hinter jenen schlichten\nReklamezetteln stecken mögen, die wir alle ver-\nsteckt in den Briefkasten gesteckt fanden. Jeder\nZettel ein Lenbach. Aber wie der Künstler, so\nsein Heim. Sein Meisterschüler, Herr Maler\nProf. Ernst Berger, berichtet weiter: „Als ich zum\nersten Male die Treppe zu Lenbachs Atelier empor-\nstieg und an den Wänden wunderbare Marmor-\nund Broncereliefs, deren Gegenstücke, wie mir in\nErinnerung war, im Louvre oder irgendwo in\nVenedig standen, hatte ich eine Art Beklommen-\nheit, denn ich sagte mir, welche Schätze hat der\nMann in Besitz, der solche Werke erster Güte in"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.3", "texte": "seinem Vorraum aufstellt. Viel später erfuhr ich,\ndaß diese Dinge nur ausgezeichnete Imitationen\nwaren, allerdings so vorzüglich gemacht, daß nur\ndurch Abklopfen mit einem Schlüssel der Gipskern\nverraten und der wahre Wert zum Vorschein kam\".\nAlso wieder Pausen. Aber manche Leute begreifen\nnie etwas: „Lenbach führte mich mit mehreren Be-\nkannten in sein kurz vorher fertiggestelltes Wohn-\nhaus, das später Bismarck bei seinem Münchener\nBesuch beherbergte; im untern Vorraum fiel mir\neine schreitende Artemis in Terrakotta auf und ich\nbemerkte ihm gegenüber, wo er denn ein so aus-\ngezeichnetes Meisterwerk archaistischer Kunst\naufgetrieben habe, das doch eine große Summe\nwert sein müsse!\" Noch immer merkt der Maler\nProf. Ernst Berger den faulen Kulissenzauber nicht,\nden wenigstens jede Reinemachefrau schon längst\ndurchschaut hätte. Große Verwunderung: „Die\nArtemis war — getönter Gips\". Gedankenstrich.\nTrotzdem keine Spur von Gedanken: „In dem\nPrunkraum des ersten Stockes, angefüllt mit Kost-\nbarkeiten früherer Zeit, war ein Parkettboden in\nreichstem Muster und mit den besten Hölzern ein-\ngelegt zu sehen und Laufteppiche waren gelegt,\ndamit diese Pracht geschont bleibe\". Ich weiß Be-\nscheid. Aber Herr Maler Prof. Ernst Berger erst\nlange nachher: „Ruedorffer sagte mir lange nach-\nher, er habe diesen Parkett — mit Oelfarben auf\nLinoleum ausgeführt.\" Gedankenstrich Dieser\nHerr Ruedorffer verstand nämlich, wie Herr Prof.\nErnst Berger mitteilt, jeden Gegenstand altzu-\nmachen. Während Lenbach, der Meister selber,\nmit englischen Kutschenlack arbeitete, verwandte\nRuedorffer „um bis zur völligen Täuschung, für\ndas Auge eine Gipsbüste beliebig in echten Marmor\noder in glänzende Bronce oder in eine Majolika\nä la Luccadella Robbia zu verwandeln, Bierfarbe\".\nNoch immer: „Für Gelegenheitsdekorationen wie\ngeschaffen, diente diese Manier aber auch Werken,\ndie als Meisterstücke ersten Ranges für kommende\nJahrhunderte bestimmt waren, wie zum Beispiel\nder Prunksaal im Künstlerhaus zu München, der\nallgmein als edelste Schöpfung und genialste Lei-\nstung Lenbachscher Dekorationskunst gepriesen\nist. Glaubhaft wird versichert, daß er selbst jeden\nTon, jede Färbung angegeben und die Arbeit kon-\ntrollierte. Hier ist alles — unecht, nur fürs Auge\naltgemacht hergerichtet, der wirklich echte Mar-\nmorkamin ausgenommen; da dessen Weiße die\nfeinere Gesamtstimmung zu sören drohte, wurde\ner einfach schwarz überstrichen\". Man erfährt zu\nseiner Beruhigung, daß sich „solcher Beispiele noch\nviele in buntester Folge anreihen lassen.\" Hierauf\nbegann Meister Lenbach seine letzte Periode:\n„Lenbach war viel zu sehr Eklektiker, um das\nGute nicht dort zu suchen, wo er für sich Vorteile\nentspringen sah.\" Die Pause wurde auch in die\nletzte Periode mit hinübergenommen. Nur wie es\nsich für einen fortschreitenden Meister in der\nletzten Periode geziemt, ging er, oder vielmehr sie,\ndie Pause, tiefer, nämlich unter den getönten\nGrund: „Für die jetzt in schneller Folge entstande-\nnen Meisterwerke wählte er eine Art der Prima-\ntechnik, meist auf schon irgendwie getönten Unter-\ngrund, und in vielen Fällen bedient er sich der\nOelfarben, möglicherweise in Mischung mit etwas\nFirniß als Malmittel. Wenn er die Vorzeichnung\nmittels der Pause, wie oben beschrieben, vornahm,\nso mußte diese jedenfalls unter dem getönten Grund\nangelegt worden sein. Die Striche schienen dann\nnoch genügend hindurch, um als Anhalt zu dienen.\nMit dieser vereinfachten Technik geht Hand in\nHand das Aufgeben der künstlichen Patina und die\nübertriebenen Asphaltglasuren der früheren Pe-\nriode.\" Die Striche waren ihm zu einfach, um sie\nselbst bei vereinfachter Technik aufzugeben. Nach-\ndem der Maler Prof. Ernst Berger keine Wahrheit\ngescheut hat, um der Unwahrheit tiefe Lichter auf-\nzusetzen, folgert er: „Aus der obigen Gesamtdar-\nstellung wird der Leser ersehen haben, wie für\nLenbach aus der Steigerung dfer künstlerischen\nIntentionen und den damit an ihn herantretenden\nAufgaben die nötigen technischen Folgerungen sich\nvon selbst ergaben. Wie er nach der Zeit der reali-\nstischen Naturauffassung dann zur Altmeistertech-\nnik überging, in dieser alle Stufen bis zur höch-\nstem Vollendung durcheilte, endlich bei der Ein-\nfachheit der Mittel anlangte, die ihn gestattete\nWerke zu schaffen, durch die sein Namen als Por-\nträtmaler ersten Ranges für alle Zeiten erhalten\nbleiben wird.\" Oder einfacher gesagt: er pauste\nsich vom Asphalt bis zur Tempera durch und die\nStufen bis zur höchsten Vollendung waren alle\nvon Ruedorffer angestrichen. Wenn auch seiine\nBilder sich nicht erhalten werden; so kann diese\nVeröffentlichung seiner Maltechnik noch alle Zei-\nten zum Lachen bringen. Und das ist der einzige\nHumor davon.\nDas Reich der Künste\nDie namenlosen Herren der Kölnischen Zeitung\nkritzeln mit stumpfer Feder weiter auf der bilden-\nden Kunst herum. Die Kunst hat sich sogar in den\nKölner Kunstverein eingedrängt und der Kunst-\nreferent ist eifrig bemüht, die Dame aus der\nillustren Gesellschaft der erhabenen Künstler her-\nauszuschmeißen: „Wir finden einen gedrängten\nUeberblick der modernen Graphik von Werken\nbewährter, schon als klassisch auszusprechender\nMeister an bis zu dem freilich nur mit weiser\nSparsamkeit gebotenen Arbeiten der jüngsten und\nwildesten Richtungen, als deren Bannerträger wir,\num uns die unerquickliche Sippe gleich vom Halse\nzu schaffen, die Tagesberühmtheiten Pechstein,\nNolde, Kirchner und leider auch, ach, Kandinsky\nnennen.\" Sie haben sich ihm sicher indcht an den\nHals geworfen, die Tagesberühmtheiten, sie kön-\nnen die unerquickliche Sippe der kölnischen Kunst-\nreferenten nicht verdauen. Sie haben nicht soviel\nBeziehungen zur Gegenwart wie Herr Greiner, bei\ndessen erquicklichen Arbeiten dem Kölner Kunst-\nkenner das Wasser im Munde zusammenläuft. Er\nhat aber auch gediegene Beziehungen zur Gegen-\nwart, dieser Herr Greiner. Er radiert nach Aus-\nsage des Kölner Kunstreferenten einen deutschen\nSoldaten in Felduniform, der mehreren Spott- und\nSchreckgestalten zu Leibe rückt, während seit-\nwärts ein englischer Pfeffersack Eintragungen in\nein Kontobuch macht. Der Pfeffersack, der Ein-\ntragungen macht, scheint mir wieder nicht natür-\nlich genug, denn ein Pfeffersack trägt nicht ein,\nsondern wird eingetragen. Aber es kommt bald\nnatürlicher: „Auf einer Radierung Gäa, einem rie-\nsenhaften schlafend zusammengekauerten Weibe\nund bei einem jungen Mädchen, welches sich das\nHemd über den Kopf streift, zeigt sich Greiner in\nseinem eigentlichen Reich . Warum radiert dann\nHerr Greiner noch? So schmutzig wird doch das\njunge Mädchen nicht gewesen sein. Allerdings\nhätte es bei dem riesenhaften Weibe noch weniger\nSinn gehabt. Der sehr geehrte Kölner Kunstrefe-\nrent verwechselt wieder einmal das Reich der\nKünste mit dem, was man so das Reich der Künst-\nler nennt. Wie viele junge Mädchen haben sich\nnicht schon das Hemd über den Kopf gestreift,\nwährend die Herren Künstler ihren Kopf in das\nHemd steckten. Aber die Natur muß vorsichtig\nangefaßt werden. Mit einem Mal kommen die un-\nsaubersten Geschichten heraus, während die Her-\nren Referenten sich an der „sehr sauberen\" Zeich-\nnung ergötzen. Immerhin, der Greiner meint es noch\nnatürlich, hingegen scheint mir Alfred Sohn Rethel\nin seinen erotischen Dingen für Köln schon etwas\ngefährlich zu sein. Wenigstens bemerkt der\nKölnische Kunstreferent: „. . . getönte Akte von\nAlfred Sohn Rethel, bei dessen formschönen\nFrauenkörpern eine leichte Neigung zu fader Ele-\nganz nicht zu verkennen ist.\" Diese Damen hatten\neben offenbar schon das Hemd total abgestreift,\nsodaß sogar der Kopf zu sehen war, was häufig\nden Eindruck der faden Eleganz verstärkt. Aber\ndie modernen Graphiker sind vielseitig:. Sie\ninteressieren sich für Städte, Landschaften, Gänse,\nStiergefechte, frischen Märzwind-, Blumen und\nFrüchte. Zum Beispiel der Herr Schinnerer steht,\nw|ieder nach meinem Kölner Gewährsmann, „auf\neiner hohen Stufe\". Auf ihr „erreicht er bei der\nrein durchgeführten spröden Kaltnadel-Technik\ndoch Wärme und Tonigkeit\". Selbst eine Kalt-\nnadel gibt Wärme her, wenn man eine Stufe höher\nzur Sonne steht. Hingegen scheint sich der Kölner\nGewährsmann bei der Betrachtung von Zeichnun-\ngen des Herrn Barlach total verritten zu haben:\n„Barlachs elliptische Figurenzeichnungen hat man\nsich mit der Zeit herzlich leid gesehen; das beste\nPferd kann totgeritten werden.\" Aber ein Aphoris-\nmus über Pferdedressur kommt noch dabei heraus.\nZum Schluß noch etwas gute Luft: „. . . . Man\nglaubt ordentlich, den kalten, frischen Märzwind\nzu spüren, der von dem klaren Himmel über die\nkahlen Felder weht.\" Diesen Eindruck ruft Herr\nBuchwald-Zinnwald bei dem Kölner Kunstreferen-\nten hervor. So hält sich der Herr mit schönen Mäd-\nchen und guter Luft die Kunst von seinem natür-\nlichen Leibe. Ich kenne ihn nicht. Hoffentlich\nwird ihn aber ein klassisch anzusprechender\nMeister einmal gediegen aushauen.\nDer neue Herr Direktor\nKöln, Köln am Rhein, braucht einen neuen\nDirektor für seine Gemäldesammlung. Bewerbern\num diesen Posten sei mitgeteilt, was die Kölnische\nZeitung hierzu für erforderlch hält: „Für die rhei-\nnische Malerei der Vergangenheit und Gegenwart\nmüßte also der neue Direktor nicht nur ein kühles\nwissenschaftliches Verständnis, sondern auch ein\nwarmes Herz mitbringen. Selbst Werke der älteren\nDüsseldorfer Schule zum Beispiel, die für den\nheutigen Geschmack etwas altmodisch garten-\nlaubenhaft zahm und geleckt, aber für eine be-\nstimmte Kunstentwicklung bezeichnend und über-\ndies altvertraute Lieblinge des großen Publikums\nsind, dürfen nicht Gefahr laufen, eines Tages auf\ndem Speicher zu verschwinden, weil ein Direktor\ngerümpfte Nasen der Umstürzler befürchtet\".\nIch gehe noch weiter: der neue Direktor muß\nnicht nur ein kühles wissenschaftliches Verständnis\nfür die Kölnische Zeitung, sondern auch ein warmes\nHerz für die Kölner Kunstreferenten mitbringen.\nDie Besprechungen dieser Zeitung, die für den\nheutigen Geschmack etwas altmodisch, garten-\nlaubenhaft zahm und geleckt, aber für eine be-\nstimmte Kunstlosigkeit bezeichnend sind und über-\ndies altvertraute Cliches des großen Publikums\nenthalten, dürfen nicht Gefahr laufen, eines Tages\nzur Verpackung der rheinischen Malerei auf dem\nSpeicher verwandt zu werden. Der neue Direktor\nmuß sie auswendig lernen, was ja nicht schwer\nist, und für eine zahlreiche Familie sorgen, auf daß\nsie sich in treuer Tradition von Mund zu Mund bis\nzu den Kindes-Kindeskindern forterben. Denn es\ngibt nur eine anständige Kunst, und das ist die ört-\nliche: „Freilich rühren viele Kunstschreiber und\nKunstliebhaber über den Erwerb eines van Gogh,\neines Manet weit hitziger die Reklametrommel als\nüber der äußerlich oft unscheinbaren treuen Arbeit,\ndie der örtlichen Kunst gewidmet wird\". Der\nLokalpatriotismus der Kölnischen Zeitung scheint\ndarauf auszugehen, aus Köln ein Oertchen zu"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.4", "texte": "machen. Und schließlich haben die Kölner Zeit und\nGeld: „Es ist in der Regel vorzuziehen, daß ein\nals wertvoll erkanntes Werk später teuerer be-\nzahlt wird, als daß Geld mit Spekulationskäufen\nvergeudet wird\". Der Herr Kunstreferent der\nKölnischen Zeitung hat offenbar eine Sammlung\nder älteren Düsseldorfer Schule, bei der er sein\nGeld vergeudet hat. Die wertvollen Werke hat er\nallerdings noch nicht erkannt, „Ein Stück Dema-\ngoge müßte der neue Direktor sein und ein Stück\nglatter Diplomat, letzteres, um in Bedarfsfällen ge-\nschickt freiwillige Beisteuern vermögender Kunst-\nschützer loszueisen, ersteres, um in weiten Kreisen\nder Bürgerschaft Kunstliebe und Kunstverständnis\nzu wecken und zu pflegen\". Daß er zweiteres\nauch Kunstreferent der Kölnischen Zeitung sein\nsoll, wird nicht verlangt, trotzdem man sich dort\ngerade mit der Ammentätigkeit des Weckens und\nPflegens eifrig müht, aber die Säuglinge kommen\noffenbar nicht auf den richtigen schlechten Ge-\nschmack. Das dürfte aber dritteres hinwiederum\ngut sein, weil sonst bei der letzteren Loseisung\ndie Beisteuern nur in Oel fielen. Ein Direktor,\nder allen hunderteren Anforderungen genügt, ist\nzweifellos Herr von Perfall. Ich glaube, gegen\nihn hat auch der Kunstreferent der Kölnischen\nZeitung nichts einzuwendein. Dieser Vorschlag\nwird selbst ihm eine namenlose Freude bereiten.\n\nHerwarth Walden\n\nGedichte\nAugust Stramm\n\nSchrei\nTage sargen\nWelten gräbern\nNächte ragen\nBlute bäumen\nWehe räumen alle Räume\nWürgen\nSchwingen\nUnd\nZerschwingen\nSchwingen\nWürgen\nUnd\nZerwürgen\nStürmen\nStrömen\nWirbeln\nBallen\nKnäueln\nWehe Wehe\nWehe\nWehen\nNichtall.\n\nIm Feuer\nTode schlurren\nSterben rattert\nEinsam\nMauert\nWelttief hohe\nEinsamkeiten.\n\nHaidekampf\nSonne Halde stampfen keuche Bange\nSonne Halde glimmet stumpfe Wut\nSonne Halde sprenkeln irre Stahle\nSonne Halde flirret faches Blut\nBlut\nUnd /\nBluten\nBlut\nUnd\nBluten Bluten\nDumpfen tropft\nUnd\nDumpfen\nSiegt und krustet\nSonne Halde flackt und fleckt und flackert\nSonne Halde blumet knosper Tod.\n\nFrage\nUnd\nStämme schlanken weiten Himmel\nUnd\nHerzen schwankem brüten Schmerz\nUnd\nHalme hauchen welle Stürme\nUnd\nSchweigen schrickt\nUnd\nBeugt und geht\nUnd\nGehen Gehen\nWege Ziele Richtung\nUnd\nGehen Gehen\nLieben Leben Tod\nUnd\nGehen Gehen\nEndlos wellen Stürme\nUnd\nGehen Gehen\nEndlos Halmt\nDas\nNichts.\n\nTraumig\n♦\nFrauen schreiten ab zersehnte Augen\nKinderlachen händelt schmerzes Blut\nFernen Bicken\nBlüten winken\nKommen sammeln winden\nWürgen sticket klamm die tränen Schlund.\nV i r\"\n\nGranaten\nDas Wissen stockt\nNur Ahnen webt und trügt\nTaube täubet schrecke Wunden\nKlappen Tappen Wühlen Kreischen\nSchrillen Pfeifen Fauchen Schwirren\nSplittern Klatschen Knarren Knirschen\nStumpfen Stampfen\nDer Himmel tapft\nDie Sterne schlacken\nZeit entgraust\nSture weitet blöden Raum.\n\nZagen\nDie Himmel hangen\nSchatten haschen Wolken\nAengste\nHüpfen\nDucken\nRecken\nSchaufeln schaufeln\nMüde\nStumpf\nVer sträubt\nDie\nGehre\nGruft.\n\nKrieggrab\nStäbe flehen kreuze Arme\nSchrift zagt blasses Unbekannt\nBlumen frechen\nStaube schüchtern\nFlimmer\nTränet\nGlast\nVergessen.\n\nHebräische Wanderung\nAdolf Knoblauch\nI\nIn der trunkenen Morgenstunde\nschlummern Josef und Mirjam\nehelich vereint inmitten ihrer Herden\nim Lager des heimatlosen Volkes,\ninmitten müder Kriegerscharen.\nMirjam erwacht und erhebt sich\nin ihrer leuchtenden Schönheit,\ndoch auf Josefs Stirn lastet die Hand des Herrn.\nSie eilt de;nf Felsen zu, um im Quell zu baden\nvor dem Heeres-Aufbruch.\nDie fernen Lagerwachen auf den Bergen in der\nRunde\nsingen den Stundenruf erneut,\nals sie auf dem Bergpfad heimkehrt;\nund die Ebene zu Füßen\ndämmert im Morgenlicht grünlichen Goldes\nentlang den finstren Bergzinnen.\nZu Mirjam spricht eine wunderliche Stimme,\nüber Mirjams Scheitel\nbeugt sich am Berge ein grünschimmernder,\nschuppiger Wurm mit Flüstern:\nMirjam halte inne, ich küsse deinen hellen Scheitel,\nDeine goldene Stunde welkt,\ndeine treue Freude wird dir genommen,\ndu sollst einsam sein mit Härmen,\nwenn Josef unter Speeren der Feinde stirbt\nDeine Stunde welkt\nim goldenen Kranz ihrer Schwestern,\ndie nach Einung sich sehnen,\nallem Verweilen auf tiefer Flur zuwider.\nDer Wind pocht ruhlos im Haferfeld,\nflüstert über seinen Halmen;:\ndie Halme stehen leer,\nkeine Frucht soll das Feld des heimatlosen Volkes\nferner tragen auf seiner frevlen Wanderung.\nFürchtet Mirjam nicht die Einsamkeit?\nNiemand soll übrig bleiben.\nIn jener Feuersäule des Nachts,\nin der Wolkensäule am Tage, sagen eure Lehrer,\ngebe Gott sich kund! Ich sah heut Nacht,\nda dein Volk im Tale drunten einzog,\ndie Fackel eures Gottes in den Bergen,\neurer Zauberer Werkzeug lodern.\nDem eitlen Schein folgt ihr wie Kinder\nund laßt verführt den Pfad der Wüste\neuren Nachkommen zum Erbe.\nHalte inne Mirjam, wecke die Deinen,\ntrenne dich mit Josef\nvon dem Geschlecht, das Gott verwarf.\nHeißes Dunkel glüht in deinen köstlichen Augen\nihr Licht wird der Sturm verschlingen,\nden schreckliche Götter dieses Landes senden.\nZu eifervoller Zwiesprache\nbeugt Mirjam das Haupt vor dem Grauen:\nDu Wurm kröchest aus finstrer Gruft,\ndu nährtest dich vom faulenden Laub im Hag,\nda sahst du das Feuer meines Volkes,\naber du warst der Schrift nicht kundig,\ndie hoch in den Flammen steht"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.5", "texte": "und leuchtet zu unserem Heil bei Tag und Nacht,\ndir blendet die rohe Flamme nur die Augen.\nSeher und Sänger lesen für uns immer\nauf dunkler Wallfahrt den göttlichen Befehl,\nunbesiegliche Gebote,\ndie uns zu gehen heißen ins Land\nmit Milch und Honig,\ndamit unseren Kindern ein Erbe sei.\nDer grüne Wurm steht senkrecht\nmit rubingekröntem Haupt in den Wolken,\ndie um den Berg flammen:\nDein Volk ist schmachvoll,\nIhr seid Schakale der Wüste,\ndie feige friedliche Länder heimsuchen,\nZauberer sind eure Führer: lebendiges Wasser\nkönnen sie aus dürrem Felsen schlagen,\nunfruchtbare Stäbe grünen,\nSchlangen zu Erz erstarren machen,\naber deine toten Kinder,\ndeines Volkes erschlagene Erstgeburt\nriefen sie nimmer ins Leben zurück\neure Jugendblüte,\nverloren in vierzigjähriger Wanderung.\nHeerscharen fremder Völker wanderten\ndurch diesen Engpass dem verheißenen Lande zu,\ndeichen und Wunder lockten die Auserwählten,\ndich und die Deinen, Mirjam!\nWar je eurem Volke kund,\nwo die Heere vormals blieben,\noder schrieb noch Gott auf Feuersäulen\ndie Zahl der Feinde, die dort lauern?\nGott zürnt, daß ihr dem Rauche folgt,\neinem Götzen im Feuer Untertan,\nauf daß ihr in der Wüste umkommt,\neure Kinder nicht überleben.\nMirjam hält mit der Rechten ihr flatterndes Haar,\nfaßt mit der Linken den königlichen Stirnschmuck,\ndie goldnen Schnüre um Arme und Fesseln\nbeben klingend,\nihre weiße Schönheit klagt,\nals sie den furchtbaren Pfad hinabeilt,\nden steinig rauhen zwischen Felsen.\nII\nMirjam steht reglos vor dem Schlafenden,\nsie erfüllt sich mit Josefs Anblick\nschaut unverwandt dies große Unverhüllte,\n112\nseine mächtige unteilbare Männlichkeit,\nder roten Glieder kriegerische Schönheit,\ndie in ruhiger Lösung sich dehnen,\nbefreit vom Gürtel, und sich am Erdboden\nschmiegen\ndie Hügel und Ebenen des festen schmalen Leibes,\nsein gelbes über den Schild langflutendes Haar,\nauf den er sein Haupt bettet.\nSie kennt die Sanftheit seiner ehernen Schultern,\ndes Führers, der eines Volkes Schicksal trägt,\ndie herrliche, weite Brust,\nder sie immer sehnend geglänzt,\ndie nervigen Arme, die zu Meerestiefe beglückten,\nsie auftat zu weißer fruchtbarer Fülle.\nSie kennt ihn im Heerzuge des Volkes,\nwenn der Herrliche gepanzert,\nreich an Rat, Mut, Stärke,\nunter die Fahnen tritt zum Befehl.\nWenn die Kriegshörner den Wald der Mannschaft,\nZurufe der Obersten, Erz auf Erz,\ndie vielen Stämme zum Ziele Gottes einen,\nzum unversöhnlich harten Heerzug\nder Heimatlosen für die Verheißung.\nMirjams Liebe verdüstert die Drohung,\ngeheimnisvoll teuflich zeugt sie das Mißtrauen,\nZweifel an Josefs Wahrheit,\ndie des Volkes Wahrheit, so auch die Ihre ist;\nkrümmt ihre Augen zu schrägen Blick,\nfahlt das Herz zu unruhiger Leere,\nschüttert die Hände vor Angst\nSie fühlt zwiefach, mit erregtem Blut\nmit zitterndem Herzen, sieht zwiefach\nin ihrer Liebe, der vor dem Zweifel graut;\nschaut den Schlafenden\nin den schönen Rosen der Morgenröte\nsichtbar umglüht, fürchtet sich vor dem Zauberer,\ndem ein Volk sich blind im goldnen Joche krümmte.\nDie Arme gedenkt des unbarmherzigen Heerzuges,\nder Verwüstung der Stämme, der Entbehrungen\nbeim steten Kriegsdienst der Männer,\nihrer Kinder und all der Wandernden,\nder Gestorbenen in der Wüste,\ndie des Geschenkes der Verheißung\naus elterlichen Händen nicht mehr bedürfen;\nFreudlosigkeit der Weiber, das harte Lagerleben,\ndie rauhen Schlachtfelder in Arabien,\nbeständige Wachsamkeit unter Gefahren,\ndie Sinnlosigkeit der Wanderung,\ndie einige Führer ihrem Volke aufbürdeten.\nNoch einmal ringt Mirjams Liebe,\nwehrt sich gegen das Verhängnis,\nwill das Boshafte mit den Glutarmen ersticken,\nden furchtbaren Zweifel:\nsie kennt des Gotteskrieges eiserne Gesetze.\nSie schaut immer noch auf den Gemahl,\nder dunkle Trieb, des Weibes weißes Geheimnis,\nwill offenbares Zeichen der Gewißheit\nin der Not des gefährlichem Zwiespalts.\nSie legt die Hände an ihren schimmernden Busen,\nund blickt hinaus ins unbekannte Land,\ndas nicht die Heimat der Ahnen ist.\nGeräusch erwacht im Lager,\ndas wirre Getriebe des Aufbruchs,\nGesang erzittert am Morgenhimmel.\nMirjam blickt hart, düster\nins Lager auf die heilige Hütte\ninmitten des Volks, von der alle Befehle ausgehen.\nDie Stämme verlassen auf immer die Wüste Sin.\nDunkel beugt sich Mirjam zum Gemahl\nsie zaudert schweren Willens\nvor dem herrlich Sonnigen,\nmüht sich zur Pflicht, ihn zu wecken,\nzu seinem endgültigen Befehl.\nSie fiebert, der Liebe weißes Haupt\nsinkt unter im See dunklen Blutes,\nkreisender Wüstensturm steht über ihr,\nhüllt die Himmelsfete ihrer Freuden,\nverschlingt die Sterne mit wehendem Rauch,\ndie freundlichen ewig jugendlichen\nLiebesgefährten: Josef und Mirjam.\nAus feurigem Abgrund gaukelt es,\nGebärde der Sanftheit,\nsüßes Umarmen des Mitleids umrankt sie,\nihre trüben Augen sind voll Weinen,\neine Stimme vernimmt sie mit Erblassen,\ndie ihre Brust durchwühlt. Den Dolch des Verrats\nbirgt sie endlich in den verzweifelnden Händen,\nauf der Höhe der Bitterikeit:\nSie will ihn der Liebe in die warme Brust stoßen,\ndavon das Herzblut strömt.\nSie schmeckt ein Eisernes mit der Zunge,\nhört eisernen Klang überm Lager,\nam steilen Kriege ist sie zerbrochein!\nMirjam weckt den Gemahl\nund geht an ihre Pflicht, zum Aufbruch zu rüsten.\nIII\nJosef erhebt sich. Der Erdboden bebt\nvom Schreiten der Rosse zur Tränke.\nDer Hochwüchsige wendet das mächtige Antlitz\nmit breiten Locken zur Sonne.\nZum neuen Kampftag\nwallt der starke, stille Feuerstrom seines Lebens\naut.\nSein mildes unbesiegliches Herz teilt in steter\nTreue\nalle Freuden des Stammes\nmit Jünglingen und Männern brüderlich,\ngehorsam dem ehrwürdigen Moses.\nSeine Freude ist demütig vor Mirjam,\nder Jüngling-Mann umarmt sie,\ndrückt ihre Hände sanft auf seine Brust,\nals eine Sonne will er in ihr aufstehn.\nMirjam beugt sich mit Zagen fort,\nlöst sich von dem Stolzen mit welker Wange.\nEr darf nicht säumen!\nDroben im Gebirg erscheint vor dem Volke Gott\nin seiner goldroten Wolkensäule,\nmit dem düstren Fuße steht sie auf dem Westen\nund silberne Blitze schreiben auf den Rand\ndes ungeheurem Kelches im Mittag.\nEisern Klirren der Krieger grüßt die erhabene\nFahne\ngolden tönt von Aarons Gesang das Tal,\ndie Priester treten zu den Obersten,\n'jeder zu seinem Stamm!\nIm Heerzug von Stahl ziehen die Träger\nmit der heiligen Lade,\nmit den Steintafeln der Gesetze des Sinai'.\nMoses, der Völkerführer zum Abend,\nder neuen Menschheit,\nhebt das eherne Haupt unter den Seinen,\ngrüßt mit ernst-fürchtendem Neigein\ndas hohe Zeichen,\nvertraut den Seinen, furchtbar drohend\nden Trägen und Toten.\nDas Volk liebt das Haupt, das unter ihm aufragt,\nvor den großen Augen, die sanft blicken,\nbeugt es zärtlich dankend das Knie.\nDie Lasttiere ziehen bei ihren Familien,\ndie Familien sind zu Rosse bei ihren Stämmen.\nIm unendlchen Zuge bei den stahlgepanzerten\nStämmen\nziehen die Sänger schwertgegürtet.\nVor ihnen allen, über den heimatlosen Helden,\nim Herzen eines Jeden\nzieht für immer der göttliche Befehl einher.\nVierzig Jahre gestählt in den harten Uebungen\ndes Gotteskrieges, unbezwinglich ist Jeder von\nihnen\nin dem Einen, der vor ihnen im Feuer geht.\nEin Jeder der Morgenkrieger\ndas Werkzeug geistigen Sieges\nund nimmer törger Blindheit,\nerfüllt vom geistigen Gehorsam,\nmit den Lippen auf das weiße Schwert gelobt.\n»\nDie Sänger, die priesterlichen Seher\nnichts als Gehorchende,\nBrüder den Brüdern im Kampf.\nSie feiern den erhabenen Schmerz,\ndas leidenschaftliche Frohlocken,\nunerbittlichen Sturm,\ndie geistigen Freuden\ndes Sieges und des Todes\naus strömender Brust\nin der grausen Pforte der Schlachtreihe."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.6", "texte": "Aaron, mit Moses erwählt, das Volk\nauf langer Wanderung zu führen,\nder königliche Seher singt vor dem Heere:\nVon dem Geistigen inmitten rohen ungestalten\nKrieges\nVon den reinen Sitten der Löwenbeherzten,\ndie kämpfen im üppigen Morgenlande,\nvon den strengen geistigen Gesetzen der\nHeimatlosen,\ndie Völker überwinden, gebannt im trüben toten\nFrohn;\nvon dem Einen Heer und Befehl,\ndas die Söldner unbarmherziger Vögte schlägt.\nAaron singt von der Vorwelt,\nvon Abraham, dem Menschenvater,\nvom Frohn und dem Banne Aegyptens,\nvom Befreier Moses, ihrem Vormarsch,\nvon Gottes Recht, für das sein Volk bewahrt,\nfür das sie erlöst sind, es einstmals zu pflanzen.\nDer Seher singt von dem Pfeil,\nden Gott auf die Sehne seines mächtigen Bogens\nlegte\nund richtete auf Edom und Moab,\nprüfend, wieviel der Oehre er durcheile.\nSoviele der Hinsinkenden, düstren Schatten,\nder Sterbenden, bestattet im kargen Sande,\nSoviele der hellsten Stirnen,\ndie mannbaren Söhne zur Kriegsfolge erwachsen\nauf vierzigjährigeer Wanderung, Gefährten und\nErben*\nwelche nicht Aegyptens Schlaf kennen.\nNeu ist das Angesicht des Volkes\nvom Marsch der Jünglinge,\nin der Kinder Augen spiegelt sich Gottes Feuer\nin neuer Hoffnung, mit reinem Trost,\nder das Volk in die Heimat führt.\nDer greise Seher legt beide Hände auf die Stirn\ndes mächtigen Feldherrn\nund küßt Josef mit dem Kuß des Vermächtnisses,\nIhn grüßt der Gesang des strömenden Heeres\nzum Donner der bläulichen Schilde.\nVon fefn unter den Mägden\nschaut Mirjam die Ehre des Gemahls,\nund sie verhüllt sich mit Weinen.\nIV\nMirjam ist aussätzig,\nJosef trägt sein Weib aus den Reihen des\nziehenden Volkes.\nDer Herr hat sie gezeichnet im Zorn,\ner hat sie weggetan von seinem Antlitz,\nauf daß sie sieben Tage vom Lager verschlossen\nsei.\nSieben Tage lang zog das Volk nicht für der\nund wartete bis Mirjam wieder aufgenommen\nward.\nJosef wäscht am Quell die ganz Zerfressene,\ndie Profetin, Tochter von Königen,\nSchwester Aarons, die wider Moses sich erhob.\nEr hüllt die Fiebernde in Tücher\nvor den Blicken der harrenden Familie\nund wacht allein bei ihr.\nSeine Hand liegt treu auf ihrem Leibe,\nsein Haupt schirmt sie vor dem welken Mond.\nDie Aussätzige blickt wunderlich auf Josef,\ndie Lippen der Gezeichneten sind schwach:\nUnser Volk ist fern, es dankt dir,\ndenn sie lassen uns einsam in der Wüste,\ndie sich Bruder, Führer nennen.\nSie ziehen unbekümmert, gehorsam dem Feuer,\nmitleidslos für die Kranken.\nAarons Gesang ertönte golden in der Wüste,\nzauberte sie zur Heimat,\nverzauberte uns voll Elend.\nDann ließen sie uns zurück zum unheilvollen\nWachen.\nDie Toten alle sehe ich bluttrunken\nin einem anderen Heere wandeln,\ngespenstig hinter den Ziehenden,\ngierig nach der neuen Beute,\ndie den grausen Zug vermehre\nvon jüdischen Weibern geboren.\nIch bin totkrank von Aarons Gesang\nvon Mosis großem Zauberwerk,\nund Moses hat mich mit Aussatz geschlagen.\nVon der Schrift der Blitze,\nauf des Feuers Mündung geschrieben, sang mein\nBruder,\ndoch ich sah nur der Blitze Drohung\nschwanken im fahlen Gewölk\nund Wochen und Monde lasten auf dem armen\nVolk,\nWolke, die uns droht in der düstren Wildnis.\nMein Held, wie dunkel bist du neben mir,\ndu allein bist treu, dich fühle ich gewiß;\nmir armen Weibe im Kummer,\nwie drohend sind mir Gottes Zeichen,\nwie einsam sind wir Beide,\nniemand ist außer uns in finstrer Nacht.\nLange sinnt Josef ins Dunikel,\nund lauscht dem taumelnden Weibeswort\neinen Stein wirft Einer in den öden Abgrund\nund drunten lang nachher vernimmt er Schall\ndes Wurfes in der Tiefe am Ziel.\nEr schaudert vor der Kranken,\nSie war es vormals, die den Lobgesang der\nHeerscharen\nzu Gottes Preis anführte,\nvor allem Volk am Roten Meer:\n„Lasset uns dem Herrn singen^\ndenn er hat eine herrliche Tat getan\nRosse und Mann hat er ins Meer gestürzt.\"\nRote Flecken sieht Josef am Himmel dämmern,\ndas Wüstenfeld ist fahlrot weit hinaus besät\nmit den Leichnamen von Brüdern, Kindern.\nBlutgefärbte Geier kreisen am Himmel droben,\nSchakale winseln mit schrecklichem Schluchzen\nüber den Gefallenen, welche die toten Hände\nausstrecken.\nSchwarzes Todesdämmer macht Josef blind\ner faßt nach des Weibes kalter Hand,\nwill Mirjam aufheben vom der roten Stätte\nbannen den einsamen Tod.\nSie entreißt ihre Hand:\nIch will zu den toten Kindern,\ndort zeigt Gott uns das Feld der toten Söhne,\nSaat der Tapferen, die ein schrecklicher Zauberer\nsäte:\nJosef ist sein Gehilfe —\"\nJosef wacht sieben Tage,\nsieben Nächte wacht er elend neben dem Lager,\ndas Gott in seinem Grimme schlug.\nEr schlägt mit der Stirn die Erde,\n'seinem Jammer horcht das ganze Volk,\nsieben Tage ist die Murrende vom Lager\nverschlossen!,\nsieben Tage lang zerstößt Gott die Aussätzige in\nseinem Morset.\nAls mit ihrem Murren der Aussatz wich,\nals Mirjam vor der heiligen Hütte kniete,\nals sie ihre Schmerzen Vor der Gemeine bekannte,\ngab Moses ihr seinen Beistand,\nund sie ward zurückgenommen in den Verband\ndes Gotteskrieges.\nMoses machte Mirjams Gemahl zum Vertrauten,\nzu seinem Diener, und nannte ihn Josua,\nDen, der dem Volk die Verheißunig erfüllt.\n\nGedichte\nSophie van Leer\n\nGesang\nMein Rücken trägt das Kind\nin einer Hängematte\nMeine Haare haben Sonne getrunken\nund duften nach fremden Pflanzen\nMeine Füße schreiten nackt\ngemessenen Schritts\nPerlenketten atmen meine Brust\nSpangen spannen meinie Arme\nKühl\nbettet die Abendglut\nin das leuchtende Meer\nMeine Seele\nist eine Kugel aus Gold\nin deinen Händen.\nDeine Stimme ist eine Halle\naus dunklem Marmor\nZur Nacht beugen deine Augen\nüber meine Lider\nAuf der Matte\natmet das Kind\nim Schlaf.\n\nMeiner Liebe\nI\nMeine Schultern sind sehnsuchtsbleich\nnach Dir\nMeine Augen gehen rund in dir\nMeine Hände wühlen in deinen Sternen\nund meine Seele will weit werden\num Dich\nIch habe dich\nDu\nund kann über dich fluten\nIch kann deine Finger küssen\nund meine spreiten Hände\nunter deinen Kopf dehnen\nTropfen\nfallen meinier Augen Küsse\nauf Dich\nAll meine Seelen sind zu dir gegangen\nund wogen um Dich\nMein Leib ist eine glühende Wolke\nund Nebelschleier\nmeine Locken\nRuhelose Vögel\nsind meine Augen\nflatternde Flügel\nmeine Blicke\nMeine Lippen sind rote Tulpen\nund mein Nacken ist eine Säule\ndie deine lichte, blonde Liebe trägt\nWeiße Engelhände\nmilden Deine Lider\nlächelnde Kinder\nbetten\nDein Antlitz\nin Wolken"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.7", "texte": "Meine Liebe rankt\num Dich\nempor\nEin kreisendes Erdenrund\nDu\nII\nAus Mondlicht\nein Dom\nist Deine Liebe\nDie Welt\ntönt\nDeine Sehnsucht\nDein Schweigen kniet\nDeine Stimme\nbebt\nVerlangen\nDurch meine Sinne\nschreitet\nDein Gang\nDein Lächeln\ngebärt\nMich\n\nAppendicitis\nDesider Kosztolányi\nDer Name meines Helden ist: Josef Schmied.\nJch beeile mich, dies kundzutun, bevor ich mit der\nErzählung seiner Geschichte beginne. Im Adreß-\nbuch finden wir mindestens zweihundert Menschen\nähnlichen Namens, und wenn wir bedenken, daß\nall diese Leute gar nichts mit dem Hammer, dem\nAmbos oder sonstigen Werkzeugen des ehrsamen\nSethmiedehandwerks gemem haben, wird es un-\nfaßbar, warum sie sich so krampfhaft an einen\nNamen klammern, dessen häufiges Vorkommen\nmonoton traurig wirkt. Auch die trübsame Ge-\nschichte meines Helden hängt — so meine Ich —\nmit seinem Namen zusammen.\n*\nSchmied war ein fleißiger Beamter, trug beim\nArbeiten schwarzleinene Schutzärmel über dem\nRock, auf der Nase einen Kneifer und schrieb in\nvornübergebeugter Haltung an seinem Schreib-\ntisch. Am Morgen tauchte er schon um dreiviertel\nauf acht im Stiegenhaus auf, rieb sich die Hände,\nließ sich einen Kaffee bringen, hüstelte bescheiden,\nbreitete die raschelnden Papiere auseinander und\ndachte daran, daß man ihn zum neuen Jahr ganz\nbestimmt befördern werde. Im allgemeinen ist er\nvon allen gut gelitten, besitzt vier Kinder, die jeden\nVormittag die Türe seines Amtes knarren lassen,\nund eine Frau, die noch niemand zu Gesicht be-\nkommen hat. Wenn man das bauchige Wasser-\nglas vor ihn hinstellt, aus dem Schmied den Kaffee\nzu trinken pflegt, muß er glotzend die Augen\nmühen, um nicht den Kuchen in das Tintenfaß zu\ntunken. Er grüßt jedermann zuerst, und seitdem\nes ihm eines Tages passierte, daß er seinen Kanz-\nleivorstand übersah* lüftet er auch vor dem Diener\nden Hut. Ein schöner Mensch ist er nicht, er hat\neine breite und stumpfe Nase und hellergroße\nSommersprossen im Gesicht. Seine Schnurrbart-\nhaare gleichen den trockenen und fahlen Fäden\ndes Pursitschantaboks.\n*\nAn einem verschneiten Morgen sitzt er in der\nKanzlei. Vor ihm steht — ohne Schaum — der\nKaffee und liegt eine Schnitte gelben, rosinen-\nbesäten Kuchens. Er tunkt den Löffel ein, schreit\nauf, sinkt ohnmächtig in den Sessel zurück, und\ndicke Schweißperlen rollen ihm über die Stirne.\nIm nächsten Augenblick ist die Stube voll Leute.\nMan setzt ihn in einen Wagen, fährt ihn heim\nund ins Spital.\nAm Nachmittag geht in der Kanzlei von Mund\nzu Mund die Sensationsnachricht:\n„Er hat Blinddarmentzündung . . . Blinddarm-\nentzündung .. . wird operiert .. . wird ope-\nriert . .\nDer Kanzleivorstand steht vor dem Wasch-\ntisch, reibt sich mit Bimsstein den Tintenklecks\nvorn Mittelfinger der rechten Hand und schüttelt\nväterlich bedauernd den Kopf:\n„Der arme Kerl, der arme . . .\"\n*\nAm Nachmittag fand sich Schmied auf einer\nLiegestätte im Spital gebettet. Er hatte be-\nreits die traurig-steife Haltung der kranken Leute\nangenommen, hielt die knochigen Finger gefaltet\nund beobachtete die Uhrenzeiger, die die dritte\nStunde wiesen. Es fiel ihm ein, daß er sich sonst\num diese Zeit im Amt befinde, und er fand das\nLeben hier endlos leer. Wie kummererfüllt die\nStunden dahinschleichen. Ungewohnt ist ihm ein\nsolcher Nachmittag, ungewohnt diese Stube, un-\ngewohnt die großen Veränderungen. Auf dem\nBauche liegt ihm ein Eisbeutel. Auf dem Nacht-\nkästchen steht die elektrische Klingel und das Ther-\nmometer. Schmied schaute auf die Klinge! und\ndas Thermometer und brach in Weinen aus.\nTränen flössen über die Sommersprossen.\nUm fünf Uhr leuchtete die elektrische Beleuch-\ntung auf. Bis sechs geschah nichts. Um diese\nZeit kam der Arzt, Schmied wurde gebadet, zur\nOperation bereit gemacht, in den gepolsterten\nFahrstuhl getragen und von ihm in den Operations-\nsaal befördert.\nHier übermannte ihn unsägliche Erbitterung,\ndie er vergebens in Worte fassen wollte, er stam-\nmelte bloß, schluckte die salzigen Tränen hinab\nund dachte an das Leben, das jäh zugreifende, un-\nerbittliche, grausame.\nIm Saal war es blendend hell. Der Arzt sprach\nauf Schmied ein, doch dieser verstand kein Wort.\nIn der nächsten Minute hatte er die Chloroform-\nmaske über dem Gesicht* Was flüstern die Leute\nringsum? O jäh zugreifend, unerbittlich, grausam\nist das Leben. Sein Weib ... die vier Kinder . .\ndas Amt . . . die Akten ... die Rechnungen . . .\ndie ! glücklichen ) freien Sonntagnaohmittage . . .\nzum Schlüsse, mit klopfendem Herzen geahnt, mit\niedem Glied davor zurückbebend, der Tod, der\nTod . . . der Tod ... Er ringt um Bewußtsein\nund weiß, er wird in der nächsten Minute schlafen.\nDie Luft ist fieberrot. Alle Gegenstände halluzi-\nnieren. In der Ferne leuchtet durch die fahle Röte\neindringlich ein glühender Punkt, wie das Ende\neiner brennenden Zigarette. Die Punkte ver-\nmehren sich; nun sieht er zwei, drei, vier, viele.,\ndann keinen mehr.\n*\nAm kommenden Morgen.\n„Geht es dir besser?\" fragt eine leise Stimme,\nund jemand beugt sich behutsam über ihn.\nEs ist seine Frau. Sie sieht wie eine magere\nHenne aus, mit aufgewühlten Federn, neugierig\nbeweglichen Augen, blaß von Aufregung und\nWachen.\n„Wie geht es dir?\" fragt sie wieder, noch leiser.\nSchmied hört die Frge, gibt aber keine Ant-\nwort. Er öffnet die Agen und wimmert, schlürft\nein Löffelchen kalten, bitteren Tees, schluckt Eis\nund sinkt dann Wieder in Apathie zurück.\nDie Operation ist ausgezeichnet gelungen, zur\nvollsten Zufriedenheit der Herren Aerzte, die in\ndieser Erkrankung einen ganz gewöhnlichen Nor-\nmalfall sehen, ohne sonderliches Interesse, für sie\nbei weitem weniger wichtig als für den Patienten.\nIn einigen Tagen wurde ihm mitgeteilt, es nehme\nalles den besten Verlauf, er könne in einer Woche\nbereits gesund das Spital verlassen und sich wei-\ntere vierzehn Tage nachher ins Amt begeben.\nSchmied vernahm dies trauernd.\nEr wurde um so mißgestimmter, je besser er\nsich befand. Mit saurem Gesicht empfing er die\nBesucher, preßte den Kopf in die Polster, ließ das\nKinn sinken, schloß vorsichtig die Augenlider, da-\nmit nur durch einen kleinen Spalt in geheimnis-\nvoller Unklarheit seine fiebrigen Augenäpfel sicht-\nbar blieben.\n,yEs geht dir doch schon ganz gut\", behaupte-\nten die Freunde.\n„Pumpeflgesund ist er wieder!\" sprach der\nKanzleivorstand, und sein feister Bauch hüpfte vor\nLachen.\nVerächtlich ließ Schmied seine Blicke über die\nLeute gleiten. Bitterer Zorn würgte seine Kehle;\ner wollte fluchen, fand aber dann die Menschen\nnicht einmal dessen wert und würgte die bösen\nWorte hinab.\nHinkend und schleppenden Schrittes kam er\nins Amt, einen dicken Schal um den Hals gewun-\nden. Mit allen Einzelheiten erzählte er sehr aus-\nführlich jedem seinen Fall. Denn die Sache lag\nnicht so einfach, wie Laien glauben mögen Im\nGegenteil, es war dies eine ganz eigenartige und\nüberaus gefährliche Geschichte, und man mußte\nes, das sagten auch die Aerzte, geradezu als\nWunder bezeichnen, daß er mit dem Leben davon-\ngekommen sei. Der Operationsschnitt, nun ja, der\nreicht von hier bis hier . . . aber selbstverständ-\nlich, narkotisiert wurde er auch. Drei Aerzte\nnarkotisierten ihn, und geschlafen hatte er wie tot.\nSo verscheuchte er der Reihe nach alle Büro-\nkollegen aus der Stube und blieb allein.\nEr betrachtete im Spiegel die rote Weste, die\ner gestern gekauft hatte, und fand, daß sie ihn gut\nkleide. Geld genug hat sie gekostet, doch man\nkann schließlich nicht zerlumpt herumlaufen. Gut\nnähren mußte er sich auch. Zum Frühstück aß er\nweiche Eier, mageren Prager Schinken und ge-\nröstete Brotschnitten. Zum Mittagessen zartes\nKalbfleisch und Dunstobst. Dafür hatten seine\nKinder großen Respekt vor ihm und brüsteten sich\nin der Schule damit, ihr Vater habe eine rote\nWeste, tausend Gulden Jahresgehalt und eine\nKrankheit, die außer ihm niemand auf der ganzen\nWelt besitze. Die anderen waren voll Neid, lach-\nten die Schmiedkinder aus, verhöhnten und ver-\nfolgten sie. Der kleinste Junge kam oft heulend\nheim.\nSchmied ging stolz und gespreizt einher; ge-\nhobenen Hauptes. Er legte sich auch eine gold-\ngefaßte Brille bei und lud Gäste ein. Sein Selbst-\nbewußtsein schwoll, wenn er immer wieder mit\nder Erzählung seines Falles begann. Der Arzt\nhatte ihm in einem kleinen Glas den herausoperier-\nten Körperteil geschenkt, er hielt ihn sorgfältig im\nKasten versperrt und zeigte ihn jedermann. Im\nobersten Fach war der Platz des herausgeschnitte-\nnen Blinddarmes, dort thronte er. Das slovakische\nDienstmädchen wich dem Kasten in weitem Bogen\naus.\nEines Morgens klingelte er erfolglos im Amte.\nWo blieb der Diener? Wo, in des Teufels Namen?\nEndlich kam er.\n„Sie Faulpelz!\" — herrschte Schmied ihn an,\nvor Wut am Ersticken nahe.\nDer Diener, der ihn noch nie so zornig gesehen"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.8", "texte": "hatte, fand den ungefährlichen Subalternbeamten,\nseinen Zorn, seine farblose Stimme, die die Wut zu\neinem Krächzen verzerrte, sehr komisch und\nlachte hell auf.\nSchmied erhob sich, wurde bleich, nur seine\nNase glühte blaurot, er öffnete die Tür und warf\nden Diener hinaus.\nDiese Sache erregte großes Aufsehen im Amte.\nSeine Kollegen sprachen beruhigend auf ihn ein,\ndoch er gab nicht nach.\n„Mit einem kranken Menschen so zu sprechen,'4\nröchelte er, „mit einem kranken Menschen.44\nSchmied war erbittert, um so mehr, als er\nheute bereits mit zwei Kollegen Kontraverse ge-\nhabt hatte und nun die feste und heilige Ueber-\nzeugung hegte, jedermann sei sein Feind. Er brach\nmit allen den Verkehr ab.\nDer Kanzleivorstand erfuhr von diesem Vor-\nfall und zog Schmied zur Verantwortung.\n„Ich verstehe Sie n'cht,\" sagte er, „wozu spie-\nlen Sie noch weiter den Kranken, Sie bersten ja\nvor Gesundheit.44\n„Was sagen Sie?\" — widersprach Schmied,\nkehrte dem Vorstand den Rücken, warf die Tür zu\nund ging heim. Durch zwei Wochen zeigte er\nsich nicht im Amte.\n„Dieser Schuft!44 knirschte er. „Dieser Schuft.44\n*\nZur Sommerzeit, an einem Sonntagnachmittag,\nsaß der Kanzleivorstand in seirem Stammgasthaus\nund erklärte eifrig:\n„Die Disziplinarbehörde wird sich in der näch-\nsten Woche mit dem Fall zu befassen haben. Sie,\nmeine Herren Kollegen, wissen sehr gut, mit welch\nväterlichem Wohlwollen ich mich Ihrer aller an-\nnehme, aber in dieser Sache kann ich nicht nach-\ngeben, schon deshalb nicht, v/eil durch Statuie-\nrung eines Exempels ähnlichen Fällen vorgebeugt\nwerden muß. Dieser Mensch ist unerhört trotz-\nköpfig und faul geworden, wirft mir Akten einfach\nunerledigt zurück und treibt seine Trägheit so\nweit, daß er grundlos monatelang vom Amte fern-\nbleibt und mir seine Gläubiger auf den Hals hetzt,\ndie allerhand von schmutzigen Schulden munkeln.\nSchließlich kann ich es doch nicht dulden, daß mich\njemand geradezu provoziert. Nicht meiner eige-\nnen Person wegen. Sie kennen mich genau und\nwissen, daß ich wenig Wesens daraus mache, ob\nHerr Schmied den Hut lüftet oder nicht. Ich ent-\nscheide auch in dieser Frage nicht selbst, sondern\nüberlasse der weisen Beurteilung der Disziplinar-\nbehörde und eines hohen Ministeriums, wer recht\nhat, er oder ich, und ich zweifle nicht, daß dieses\nhohe Forum unter Berücksichtigung meines kor-\nrekten Standpunktes die Angelegenheit so erledi-\ngen wird, daß meine Amtsehre wieder blank da-\nsteht.44\nDie Beamten nickten mit wortlosem Einver-\nständnis. Sie fanden den Stil des Kanzleivorstan-\ndes sehr schön. Dann tranken sie alle die Gläser\nleer, der Chef wischte sich den Bierschaum aus\ndem Schnurrbart und wiederholte mit der schmat-\nzenden, grinsenden Befriedigung der Wohlhaben-\nheit und Selbstsicherheit:\n„Das hohe Ministerum wird entscheiden.44\n♦\nMonatelang dauerte das amtliche Verfahren.\nEin Kollege machte noch — vergeblich — einen\nVersuch, den Kanzleivorstand umzustimmen.\nSchmied wurde entlassen, und der einsetzende\nHerbstregen fand ihn draußen auf der Gasse,\npostenlos.\nIm Anfang wußte er nicht, was er beginnen\nsollte. Später hausierte er mit Zigaretten, ver-\nkaufte an Studenten ausländische Marken und zer-\nbrach sich den Kopf über eine Erfindung, die ihm\nnicht gelingen wollte.\nSeine Familie litt Hunger. Er bewohnte mit\nden Seinen als Afterpartei zwei kleine Zim-\nmerchen, in denen der Ofen nicht heizte, die\nLampe rußte und rauchte und auch noch des Nach-\nmittags zu riechen war, was sie zu Mittag ge-\ngessen hatten.\nSchmied kränkelte. Er suchte sämtliche Aerzte\nauf, klagte über Schmerzen in der Lunge, in der\nLeber, in den Nieren, und träumte davon, man\nwerde ihm wieder irgendein Organ operieren.\nWenn es von ihm abhängig abhängig gewesen\nwäre, mit Freuden würde er zugestimmt haben,\ndaß man ihm das Herz herausschneide und den\nganzen Körper ausleere, wie einen Kleiderschrank.\nDoch die Aerzte schickten ihn lächelnd fort und\nsagten, er sei kerngesund. Dick wurde Schmied,\nund sein Gesicht vom vielen Brot und Kartoffel-\ngemüse aufgedunsen. Das Elend schien ihm zu\ndienen. Seiner Familie ging es bloß an Sonntagen\nbesser. Da fanden sich in den Nachmittagsstunden\neinige Leute ein, Schmied saß mit seinen Kindern\num den runden Tisch herum und kramte mit dem\nGesicht eines Märtyrers stolz und selbstbewußt\ndie Geschichte der Operation aus.\nDie Kinder, die diese Erzählung schon an die\nhundertmal gehört hatten, fielen ihm zuweilen ins\nWort, denn sie kannten den ganzen Kram aus-\nwendig.\n„Jetzt erzähle, Vater, wie du narkotisiert wur-\ndest.44\n*\nSchmied begann auch über das Leben nachzu-\ndenken. Schön war es auf dieser Welt nicht. Ein\nTag verfloß nach dem anderen, einer dem anderen\nvöllig gleich, und Schmied konnte sich nicht ein-\nmal aus seiner Jugendzeit an Tage des Glückes\nund der Trunkenheit erinnern. Nur ein einziger\nRausch haftete ihm im Gedächtnis. Jener, der dem\nschweren und süßen Wohlgeruch des Chloroforms\nentflammte, in jenem Augenblick des Erwachens,\nda ihn in einer überaus hellen, gläsernen Stube\nweißgekleidete Menschen mit einer hellrubinfar-\nbigen Flüssigkeit wuschen und sich dann mit har-\nten Bürsten die Nägel rieben.\nDas war herrlich schön gewesen. Sehr ähnlich\ndem Himmelreich,, der Engelsmusik, der Helden-\noper. In der Luft war ein linder Duft wie dis-\nkreter Blutwohlgeruch zu spüren.\nOft dachte er daran, daß alles Unglück nur\nwegen dieses einzigen Rausches über ihn herein-\ngebrochen sei, doch dann verschwand dieses\nSelbstbedauern wieder. Er war mit sich zufrieden\nund lächelte, und hatte nur den einzigen Wunsch,\nsich noch einmal ausgiebig mit Chloroform be-\ntrinken zu könenn.\nNachts pflegte er das braune Glas hervorzu-\nholen. Für alle Ewigkeit konserviert und frisch\ngehalten schwamm das Blinddarmstück darin her-\num. Die Kerze flackerte. Die anderen schliefen.\nSchmied stellte das Glas auf den Tisch und ließ\ndie Augen nicht davon.\nEinzig-autorisierte Übersetzung aus dem Magyarischen von\nStefan I. Klein\n\nBiologie und Kubismus\nAdolf Behne\nFrüher sprach man stolz von einem „naturwis-\nsenschaftlichen Jahrhundert44. Heute wird diese\nPhrase kein Denkender wiederholen. Das „natur-\nwissenschaftliche Zeitalter\" ist gestorben. Was es\nan Lebenskraft einmal besessen hatte, erlosch\nmehr und mehr in der ungeheuer ausgebreiteten\nPopularisierung. Die Naturwissenschaft erstarrte\nzum „Positivismus44, ihr A und O wurde das Expe-\nriment. Der Begriff des Experimentes, wie eine\nOffenbarung vorangetragen, verdeckte eine Zeit-\nlang die Geistesarmut — für die Mitläufer.\nDas „naturwissenschaftliche Jahrhundert\" er-\noberte sich die Volksversammlungen, begegnete\naber einer im gleichen Verhältnis wachsenden In-\nteresselosigkeit bei allen selbständig Denkenden.\nUnd heute ist die Naturwissenchaft eines Häckel,\neines Ostwald, aller Monisten und Positivisten in\nden denkbar tiefsten Mißkredit gekommen. „Ja,\ndas Experiment soll für Euch auch denken, ich\nglaubs!\" (Mynona: Sturmbuch 3)\nAllerdings, an Experimentatoren, auch geschick-\nten und listigen Experimentatoren, hat es der mo-\ndernen Naturwissenschaft nicht gefehlt — bis auf\nden heutigen Tag. Aber woran es so kläglich fehlt,\ndas ist der Ehrgeiz des Denkens. Mit einem unge-\nheuren Material haben uns die Experimente der\nBiologen überschüttet, aber leider ist die überwie-\ngende Masse des Materiales — nicht etwa falsch,\nsondern bedeutungslos, taub und stumm für jede\ntiefere Erkenntnis.\nNur aus dieser so verständlichen Abneigung\ngegen moderne naturwissenschaftliche Literatur\nscheint es mir erklärlich, daß ein Buch wie die\n„Bausteine zu einer biologischen Weltanschauung\"\nvon Jacob Baron von Uexküll (München,\nF. Bruckmann A—G 1913) bisher so wenig Beach-\ntung gefunden hat. Besonders bei der jungen Ge-\nneration, die sich heute um eine Erneuerung der\nKunst und der Kultur bemüht, sollte das schöne\nBuch begeisterte Aufnahme finden. Vielleicht ist\nder Titel zunächst irreführend. Main könnte\nmeinen, er künde einen der bekannten trostlosen\nVersuche an, experimentelle Binsenwahrheiten zu\neinem ethischen; sozialen und künstlerischen Sy-\nstem zu verbacken. In Wahrheit handelt es sich\num etwas ganz anderes: um den ersten und in sei-\nner Bedeutung garnicht zu überschätzenden Vor-\nstoß gegen die geistesverarmte Naturwissenschaft\nvon Heute, um die revolutionierende Arbeit eines\nDenkers. Dem Buche Uexkülls kommt eine klas-\nsische Bedeutung zu.\nDieses Buch wirlkt fast als überpersönliche\nLeistung. Es bringt wundervolles Material für\nErscheinungen, die das Bewußtsein des Autors ab-\nlehnt. Diese Tatsache ist nicht im mindesten ver-\nwirrend. Sie wäre es nur bei einem System-Fabri-\nkanten. Bei einem „Seher44, dessen Werk „wird\"\nund „entsteht44, wie ein Kunstwerk, das ja auch\nvieldeutbar ist, gibt sie den besten Beweis für seine\nBerufung. Der System-Fabrikant, wie jeder\n„Macher44, hat es leicht, konsequent zu sein. Bei\neinem Uexküll ist es sehr wohl möglich, daß die\nErkenntnise, die ihm kommen, von ihm selbst nicht\nin allen Konsequenzen empfunden werden.\nIch habe an anderer Stelle (in meiner Broschüre\n„Zur neuen Kunst\" im Verlage des „Sturm44 Ber-\nlin 1915) Uexküll einen „Expressionisten44 genannt\n— und Uexküll will für seine Person nichts vom\nExpressionismus wissen. Aber die Gesinnung sei-\nnes Werkes ist völlig aus gleichen Geiste ge-\nboren, wie die Gesinnung unserer jungen Kunst.\nDie Biologie ist für Uexküll nicht eine Summe von\naußermenschlichen Kenntnissen auf Grund von\nExperimenten an Affen, Schnecken und Fröschen,\nsondern die Erkenntnis von Beziehungen zum\nbendigen Subjekt. „Solange ein Kind mit Kiesel-\nsteinen spielt, ist dieser ein wertvoller Gegenstand\nund erhält durch seine Beziehungen zum leben-\ndigen Subjekt selbst ein Stück Leben. Werden\nstatt der biologischen Beziehungen physikalische\nUrsachen eingeführt, so gelingt es sogar, einen Kie-\nselstein totzuschlagen.\""}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.9", "texte": "Solchen Sätzen ist aus vollem Herzen zuzu-\nstimmen. Daß man die Naturbetrachtung so außer\njeder Beziehung gebracht hat zu dem, was dem\nMenschen unmittelbar gegeben ist, daß man ihr da-\ndurch jedes Gentrum genommen hat und sie\neigentlich den Menschen überantwortete, die ge-\n;fühl- und phantasielos mit allem rechnen! können,\nohne irgendwie zu werten, das hat sie des Inter-\ni\nesses der Guten beraubt. Uexküll findet den\nschlagenden Ausdruck, wenn er von der üblichen\nWeltanschauung unserer Tage sagt, sie habe\nden Schwerpunkt verloren. Eine Welt-\nanschauung ohne Schwerpunkt ist aber mit Not-\nwendigkeit impressionistisch im wortwörtlichen\nSintne: sie ist dem Geschaukel wogender Eindrücke\npreisgegeben. Und im Gegensatz dazu nenne ich\njene Weltanschauung, die von einem Centrum aus\nsichtet, expressionistisch. Wo ein Centrum ist, da\nherrscht ein bestimmender formender Wille, und\nwo ein formender, ordnender, wertender Wille ist,\nda ist von selbst die Kraft des Ausdruckes. Das\ngilt keineswegs nur von der Kunst und in der\nKunst gilt es keineswegs nur von der neuen Kunst,\nvielmehr von aller wahren Kunst, nicht zuletzt von.\nunserer Gotik.\nUexküll hat in den Mittelpunkt seiner Arbeit\nden Begriff des „Organischen\" gestellt. Das Or-\nganische ist eine fundamentale Grundtatsache alles\nLebendigen, ist uns unmittelbar im Erleben offen-\nbar, das Organische ist für den Biologen also das\ngegebene sinnvolle Centrum. Die frühere Naturbe-\ntrachtung hat diese Grundtatsache zu etwas Abge-\nleitetem gemacht, hat versucht, vom Unorganischen\nzum Organischen mit Hilfe einer Entwicklungstheo-\nrie zu kommen, wich mit Aengstlichkeit der Aner-\nkennung des „Organischen\" als einier elementaren\nGegebenheit aus, stabilierte als Grundtatsache den\nZufall, den „Tanz der Atome\". Ist das nicht impres-\nsionistisch?\nWas charakterisiert die Kunst der Impressio-\nnisten? Sie hielten es für wichtiger, daß die\nLinien eines Bildes „richtig\" die Silhouette eines\nBaumes trafen, als daß sie untereinander, als Hori-\nzontale und Vertikale, in schönen Verhältnissen\nstanden. Sie ordneten künstlerische Rücksichten\nirgendwelchen außerkünstlerischen unter, sie\nsuchten von der Nicht-Kunst zur Kunst zu kommen,\nund die gleichzeitige Aesthetik und Kunstwissen-\nschaft machte denselben Irrweg (Taine, Hausen-\nstein). Das ist in der Gesinnung das gleiche „peri-\npherische\" Verfahren, wie in der durchschnitt-\nlichen Naturbetrachtung. Die jungen Künst-\n1e r dagegen stellen in den Mittelpunkt ihres\nSchaffens den Dienst der Schönheit, statt der Rich-\ntigkeit. Das ist der letzte Sinn des Expressionis-\nmus. Und die Kunstwissenschaft sollte endlich an\nStelle der Entwicklungsgeschichte mit ihrem\naußerkünstlerischen Maßstabe des „Charakteristi-\nschen\" das Werturteil in das Centrum ihrer Arbeit\nstellen.\nWie mag es nun zu erklären sein, daß Uexküll\nvon der neuen Kunst so entschieden abrückt? Zu-\nnächst habe ich Grund zu glauben, daß Uexküll\ndie wahre neue Kunst, um die es sich für uns allein\nhandelt, kaum kennt. Sehr leicht möglich, daß er\nanders urteilen wird, wenn er die Werke eines\nDelaunay, Marc, Mense, Leger, Chagall, Kokosch-\nka, Heemskerck einmal (oder besser wiederholt)\ngesehen hat. Es scheint mir nach seinen nicht\nimmer sehr glücklichen Aeußerungen über künst-\nlerische Fragen, daß er nur jene halbneue, deko-\nrative Art etwa der „Brücke\", der Heckel, Kirch-\nner, Pechstein, aus eigener Anschauung kennt,\ni\nund dann wären seine Aeußerungen zwar bis zu\neinem gewissen Grade zutreffend, berührten aber\nnicht — die neue Kunst!\nAber angenommen, Uexküll kennt Chagall,\nMarc, Kokoschka. Dann würde er sein ablehnen-\ndes Urteil vermutlich mit der Behauptung moti-\nvieren: ihre Arbeiten seien „gemacht\". Aber das\nwäre ein Irrtum!\nIch finde gerade jene Sätze Uexkülls so über-\naus schön, in denen er die Kluft aufdeckt zwischen\nder Welt, in der alles „gemacht wird \\ und der\nWelt, in der alles „entsteht\". „Ihre Bewohner sind\ngezwungen, neben- und durcheinander zu leben.\nSie verstehen sich nie. In der Welt, wo alles ent-\nsteht, sind die Leute, die sich mit dem Machen der\nDinge abgeben, lächerlich. Sie sind blind und\nsehen das Wesentliche nicht, den Zusammenhang\ndes großen wunderbaren Gesamtwerdens. In der\nWelt, in der alles gemacht wird, sind die Leute,\ndie auf das Entstehen warten, unglücklich. Denn\nvon allen Seiten ruft man ihnen *zu: „Seid doch\nkeine Träumer, keine Faselhänse, greift zu und\nmacht etwas Neues!\"\nPrachtvolle Sätze, die jeder Freund der neuen\nKunst dankbar aufnehmen wird. Denn das ge-\nrade ist das Schöne dieser neuen Kunst, daß ihre\nWerke von innen heraus „wachsen\". Aber Uex-\nküll dürfte zunächst anderer Meinung sein. Er\ndürfte, wie so mancher andere, der mehr Recht\ndazu hätte, sagen: Ich sehe Konstruktionen, Kon-\nstruktionen aber sind nicht Kunst!\nNein, Konstruktionen sind allerdings nicht\nKunst, aber das Kunstwerk ist ein geistiger Orga-\nnismus, und Organisation jeder Art ist Ordnung,\nDisziplinierung, fester Bau, Planmäßigkeit, Ziel-\nstrebigkeit. Das wahre Bild ist nichts anderes.\nWie in einem körperlichen Organismus jeder Teil\nin fester, sinnvoller Beziehung steht zu jedem an-\nderen, so auch im geistigen Organimus eines\nKunstwerkes. Jeder Teil der Bildfläche steht ;n\nWechselwirkung zu jedem anderen, die linke\nobere Ecke ist gestaltet in Beziehung auf die untere\nEcke rechts, Der Impressionimus hat uns leider\ndiesen Maßstab genommen. Aber Raffael, Grüne-\nwald, die Inder, die archaische Griechenkunst,\nBrunelleschi... sie gestatten, vielmehr sie for-\ndern diesen Maßstab des Organischen. An einem\nKunstwerk Kritik üben, weil es seinen Organis-\nmus ausbreitet, das käme einer Kritik an der\n„nackten Konstruktion' eines menschlichen Ge-\nlenkes gleich.\nUnd wie irrig wäre es, zu glauben, im Gegen-\nsatz zu den gewachsenen Organismen der\nTiere könne der strenge Aufbau etwa eines Marc\nnur „errechnet\", konstruiert, „gemacht\" sein. Der\nUnterschied ist nur der, daß wir selbst bei dem\nnacktesten Organismus der Tiere wissen, daß\ner gewachsen ist, während wir den geistigen Or-\nganismen gegenüber noch immer nicht losgekom-\nmen sind von der engen Anschauung der per-\nsönlichen Produktion. Es gibt aber auch\nin geistigen Dingen nur und ausschließlich ein\nWachsen — soweit Dinge von Wert in Frage\nstehen —, ein Wachsen, für das der Künstler nur\nder Boden oder das Gefäß ist. Nur die unfrucht-\nbaren Künstler, d. h. Dilettanten, sehen sich als\nQuelle, als letzten und ersten Ursprung, der wahre\nKünstler weiß sich als Durchgangsstation. Feuer-\nbach malt sich als stolzen Fürsten des Lebens:\n„Ich bin der, der das alles geschaffen hat!\" —\nBöcklin in seinem Selbstporträt mit dem Tod in\nschwermütiger Bescheidenheit als den, der in die\nUnendlichkeit, in das Elementare lauscht. Feuer-\nbachs Bilder sind voll der unbeabsichtigten Resi-\ngnation des Ohnmächtigen, Böcklins Bilder um-\nfassen allen Jubel und alle Qual.\nVon einem bekannten Anwalt des Impressionis-\nmus wird mir erzählt, er habe von den alten deut*\nsehen Meistern tadelnd gesagt: sie hätten ja als\nMenschen vor den Heiligen gezittert, die sie mal-\nten. Daher seien ihre Bilder so schwach. Ihnen\nstellte er einen modernen Franzosen gegenüber,\nder stolz und gnädig wie ein Gott vor seine Lein-\nwand getreten sei. Wer so spricht, veriät, daß\nauch er, wie die meisten Kunstbetrachter, die\nKunst für ein „Machen4' hält. Wir segnen jene\nalten herrlichen Meister, die vor ihren Heiligen\nerbebten1).\nSpricht die strenge Komposition eines moder-\nnen Bildes gegen sein natürlich wachsendes Ent-\nstehen? Das kann nur Unkenntnis annehmen. Wer\nKinderzeichnungen, wer die Kunst der Primitiven,\netwa der Neger, kennt und fühlend aufgenommen\nhat, wird wissen, daß gerade die Werke, die von\naller artistischer Berechnung so himmelweit ent-\nfernt sind wie nur möglich, daß die in Linien, Far-\nben und Formen die allerstrengste Konstruktion\naufweisen. Das gerade ist ja das Ergreifende an\nder Kinderzeichnung, zu sehen, wie in stiller,\nselbstverständlicher, völlig naiver Gesetzmäßig-\nkeit sich die Farben geheimnisvoll entwickeln, wie\nLinien und Flächen sich in reinster Beziehung ent-\nfalten, wie eine Farbe gleichsam zwingend die\nschönste und vollendetste Skala folgen läßt.\nDie Kunst der Primitiven beweist einwandfrei,\ndaß die „natürlichste' Kunst die am strengsten\nkonstruierte ist. Die Kinderzeichnung ist doch ge-\nwiß ein unverfängliches Zeugnis für ein orga-\nnisches Wachsen aus dem Geiste — und gerade sie\nkann an Konstruktion nicht übertreffen werden.\nDeshalb ist der oft gehörte Einwand, die Bilder\neines Leger, eines Mense seien nicht Kunst, da sie\nkonstruiert seien, unsinnig. Sie sind nicht konstru-\niert im Sinne der Berechnung, sie sind gewachsen\nnach geistiger Gesetzmäßigkeit.\nUexküll sagt: „Die Planmäßigkeit kann nicht\ndurch logisches Denken, sondern nur in der An-\nschauung erfaßt werden.\" Das gilt im weiteren\nSinne auch vom Schaffen der neuen Kunst!\n*\nAllerdings vertreten alle jene Künstler und\nAesthetiker, die für ihre materialistische Denkart\nim Impressionismus und Naturalismus das be-\nqueme Schlummerlager gefunden haben, die Mei-\nnung: die Kinderzeichnung sei nicht Kunst. Aber\nda wir ja schon wissen, daß diese Aesthetiker ganz\nlogisch, wenn sie Kunst sagen, ein „Machen\" mei-\nnen, brauchen wir nicht mehr viel Worte über\ndiesen Gegenstand zu verlieren. Denn ein Machen\nist die Kunst der Primitiven freilich nicht — da\nsind wir völlig einer Meinung!\nGanz gewiß kann gerade die Kinderzeichnung\nuns zu einer reineren Auffassung der Kunst hin-\nleiten. Und damit komme ich wieder auf meinen\nAusgangspunkt, das Uexküllsche Buch, zurück.\nUexküll betont die „besondere Gesetzlichkeit\nalles Organischen\", die „Autonomie der Lebens-\nvorgänge\". Diese Lehre muß auch auf alles Gei-\nstige und speziell auf die Kunst angewendet wer-\nden. (Was Uexküll selbst gelegentlich über Kunst\nsagt, ist leider auf einem anderen Boden gewach-\nsen.) Uexküll und seine Vorgänger haben das\nSchöpferische, Produzierende als die eigentliche\nMacht alles Entstehenden erkannt. Diese Macht\nmuß auch in das Geistesleben eingesetzt werden.\nDiejenigen Subjekte, bei denen das schöpferische,\ngeheimnisvolle Urelement so stark noch im Geiste\nwirkt, daß dessen Produkte notwendig „organisch\"\nwerden, sind die wirklich wertvollen Naturen als\nKünstler, Forscher, Feldherren usw. Eine Hand-\nhabe zu solcher Erklärung gibt Uexküll selbst, als\nes sich um den Begriff des Instinktes handelt.\nUexküll deutet als eine Möglichkeit an, daß wir\nauch im Gehirne Gene, ähnlich wie im Keime,\ntätig zu denken hätten, nicht freilich bei allen Men-\nschen. Die Mehrzahl der Menschen seien wohl Er-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.10", "texte": "Fahrungstiere (ein Erfahrungstier ist auch der im-\npressionistische Künstler), Instinkttiere seien ge-\nwiß nur wenige. „Wer weiß, ob nicht die über-\nragende Stellung gewisser Genies über ihre Mit-\nmenschen auf dem planmäßigen Wirken neuer\nGene beruht?\"\nDie Gene formen unsere Struktur nach einem\ngeheimnisvollen Plan. Je stärker und stolzer sie\nihre Kraft entfalten, um so „genialer\" ist das Indi-\nviduum, d. h. um so sicherer haben auch alle seine\ngeistigen Aeußerungen die Planmäßigkeit und Ziel-\nstrebigkeit des Organischen. Die Kraft der Gene\nist es auch, die Kunstwerke entstehen läßt. Daß\ndiese Kraft der Gene im Kinde noch mit allem\nSchuß und Glück der Jugend wirksam ist, liegt\nnahe anzunehmen. Und also ist für mich die Kin-\nderzeichnung nicht etwas, das „noch nicht Kunst\"\nist, weil es nämlich „noch nicht\" mit Bewußtsein\n„gemacht\" ist, sondern ist glücklich noch Kunst!\nIch sagte schon, daß vieles von dem, was Uex-\nküll über Kunst sagt, verdrießt, aber weit wichti-\nger ist die Tatsache, daß er Erkenntnisse gibt, die,\nüber seine persönliche Meinung hinaus, zu einer\nVertiefung unserer Kunstanschauungen die An-\nregung geben. Die Erkenntnisse Uexkülls berech-\ntigen uns, die Mauer zwischen Kunst und Leben\neinzureißen, die Kunst mit dem Leben zu verbin-\nden, ja, sie mit Leben zu identifizieren. Und es ist\nwundervoll, daß wir den Erkenntnissen des Bio-\nlogen, die, wenn auch nicht ihn selbst, so doch\nseine dankbaren Leser zu solcher Einsicht führen,\nvon der anderen Seite her die schöne Vision eines\nDichters gegenüberstellen können, eine Stelle aus\nAage von Ko1 1s Roman „Der Weg durch die\nNacht\", oder wie der Titel im Original schöner\nlautet: „Der große Schoß\":\n„In allen seinen Fibern, in jeder einzigen, da\nsaß urtief und brennend diese starke und freudige\nGewißheit! Da saß die treibende Kraft, von der\naus er alle seine Worte geschrieben hatte: Das\nLeben ist Glück — und die Kunst ist Glück! Das\nLeben und die Kunst sind ein und dasselbe!\"\nDie Kunst ist die wahre Welt der Menschen,\nfür die alles „wird\", nichts aber „gemacht\" wird.\n„Nur die Maschinen werden gemacht, die Organis-\nmen aber entstehen.\"\n♦\nDiese Erkenntnis ermöglicht es uns, verschie-\ndene Vorurteile und Irrtümer abzubauen.\nDas Leben hat keine „Fächer\". Auch die Kunst\nhat keine Fächer. Wer in der Kunst sich als „Fach-\nmann\" fühlt, Kunst als „Fachmann\" treibt und ver-\ntritt, ist schlimmer als der ärgste Dilettant. Hun-\ndertmal lieber ist uns ehrlicher „Kitsch\" als\nschlechte „Kunst\".\nWeil die Kunst wie das Leben ein Geschehen\nist, läßt sie sich weder nach Materialien noch nach\nBegriffen in Kapitel scheiden. Von den Materialien\nist man ja in letzter Zelt etwas abgekommen, aber\ndie Begriffsschneiderei blüht noch immer.\nKunst ist niemals etwas anderes als Natur!\nMan wirft den Künstlern, die nicht die äußere\nNatürlichkeit, „Natur im sentimentalen Sinne des\nPublikums\" nannte ich es in meinem Sturmbuch,\nkopieren, mit Vorliebe „Artistentum\" vor. In\nWahrheit liegt das Artistentum, d. h. künstliche\nMache, gerade bei den äußerlich - natürlichen\nMalern. „Natur\" ist jedes wahre Kunstwerk sei-\nnem Entstehen nach, indem es organisch\nwächst. Da seine Wurzeln aber im Geiste liegen,\nkann sein Organismus, solange er wirklich\nnatürlich ist, nicht die wesensfremden Formen\näußerer Organismen tragen. Das Kleben an der\nGesetzmäßigkeit fremder Organismen, das rich-\ntige Abmalen von Bäumen, Tieren, Häusern, Ge-\nsichtern in richtiger Perspektive — das ist in\nWahrheit „Artistentum\" im Sinne von künstlicher\nMache, das ist in jedem ehrlichen Sinne das Un-\nnatürliche! Wenn ein Kritiker einem jungen Künst-\nler sagt, er solle mehr nach der Natur zeichnen und\nmalen, zum freien Schaffen hätte er noch kein\nRecht, so scheint mir das nicht sinnvoller zu sein,\nals wenn ein Botaniker zu einem Tännchen sagt:\n„Bitte, wachse erst eine Zeitlang wie ein Oelbaum\nund ein bißchen mehr nach rechts und nicht so\nschnell. Zum Wachsen als Tanne hast du noch\nkein Recht!\" Botaniker sind im allgemeinen zu\nklug, sich so zu blamieren, positivistische Kunst-\nforscher blamieren sich leidenschaftlich gern auf\ndiese Weise, die vom positivistischen Publikum\naufrichtig geschätzt wird.\nZum Thema „gegenständliche Kunst\" noch\nein paar Worte. Für Uexküll — und für ihn nicht\nals ersten — ist der „Gegenstand'4 schon selbst\netwas von uns Geformtes, nämlich durch unsere\nSinnesorgane und unser Zentralnervensystem.\nHat es nun irgend einen Sinn, etwas Geformtes\nnoch einmal, nämlich künstlerisch, zu formen? So-\nlange man den Gegenstand als etwas außer uns\nGegebenes, Objektives, Absolutes ansah, mochte\ndas Gegenständliche in der Kunst vielleicht noch\neinigen Sinn haben. Aber den hat es nicht mehr,\nnachdem wir erkannt haben, daß die Existenz jedes\nGegenstandes ja bereits eine produzierende Lei-\nstung, eine Formung unseres Geistes ist. Die Kunst\nwird sich also schönere Aufgaben suchen!\n*\nSie braucht sie nicht zu suchen!\nDie Aufgabe, die von Natur die ihre ist, das ist\ndie sichtbare Formung unseres neuen Lebens-\ngefühls. Dieses Ziel hat der Kubismus!\nWas ist über den Kubismus nicht alles geschrie-\nben worden — Belangloses selbst von den besten\nKubisten! Hier wiederholt sich die Erscheinung,\ndaß geniale Leistungen überpersönlich sind. Ein\nKünstler wie Fernand Leger führt zur Er-\nklärung des Kubismus die Tatsache auf, daß wir\nuns heute in Auto und Eilzug so schnell über diese\nErde und durch die Landschaft bewegen. „Un\npaysage traverse et rompu par une auto ou un ra-\npide perd en valeur descriptive, rnais gagne en\nvaleur synthetique: la portiere des Waggons ou\nla glace de l'auto ont change laspect habituel des\nchoses. L'homme moderne enregistre cent fois\nplus d'impressions que l'artiste du 18. siecle\nLa condensation du tableau moderne sa variete,\nsa rupture des formes est la resultante de tout\ncela.\"\nNiemals haben äußere, technische, wirtschaft-\nliche, mechanische Neuerungen die Kunst be-\nstimmt. Ich glaube nicht, daß Cezanne und\nRousseau besonders häufig mit dem Auto gefahren\nsind, und von den Gotikern weiß ich es ganz be-\nstimmt. Ich glaube nicht, daß Cezanne und\nrufen, in der modernen Künstlerästhetik eine wich-\ntige Rolle zu spielen, und zwar zur Erklärung der\ngegensätzlichsten Dinge. In einem Vortrage hat\nPeter Behrens vor einiger Zeit die detaillose\nGlätte seiner Häusermauern damit motiviert, daß\nder moderne Mensch ja gemeinhin die Straßen und\nHäuserfronten nur vom schnellfahrenden Auto\naus kennen lerne, der Autofahrer aber könne De-\ntails doch unmöglich aufnehmen. Da bleibt es nur\nungeklärt, weshalb dieser Architekt auch seine\nInnen wände in Autodreß kleidet.\nHaben wir in Leger die Erscheinung, daß der\nKubist über die letzten Triebkräfte seines Schaf-\nfens versagende Auskunft gibt, so haben wir auf\nder anderen Seite den Biologen Uexküll, der den\nKubismus ablehnt und doch für seinen Sinn die\nwertvollste Fundierung gibt.\nNiemals wird man mit formalen Tüfteleien, nie-\nMals mit entwicklungsgeschichtlichen Ableitungen\nund Deutungen dem kubistischen Kunstwerke\nnäher kommen. Sie bleiben Notbehelfe für den\nAnfänger. Der Kubismus ist in Plastik, Malerei und\nArchitektur der Ausdruck einer\nmodernen Lebensauffassung. Ich finde\nsie nirgends schöner formuliert als bei Uexküll:\n„Das Leben nimmt einen Standpunkt ein, auf den\nwir ihm nicht folgen können2).\"\nDer Darwinismus kannte nur die normale, ob-\njektive Welt, die als Welt physikalischer und\nchemischer Ursachen und Wirkungen allen Wesen\ngemeinsam ist. Die Tiere bewegen sich sehr ver-\nschieden, nähren sich sehr unterschiedlich und\npflanzen sich sehr abwechslungsreich fort, aber\nsie leben alle in der gleichen Welt. Es besteht die\nMöglichkeit, sich mit einem Nashornkäfer tele-\nphonisch zu unterhalten.\nUnser Weltbild ist anders. Jene „Normal-\nweit\" ist in der Anschauung und im Erlebnis\nüberhaupt nicht gegeben. Sie ist nur eine Hypo-\nthese, eine Konstruktion — obgleich die meisten\nMenschen sie für das einzig Wahre halten. Jedes\nLebewesen hat seine Welt. Es gibt zahllose sub-\njektive Welten, die, sich überschneidend, inein-\nander gestellt sind. Durch Uexküll wissen wir,\ndaß das Weltbild damit noch nicht einmal er-\nschöpft ist. Jedes Lebewesen hat zwei Welten:\neine Merk weit und eine Wir k u n g s weit. Die\nMerk weit schafft es sich durch die besondere\nBeschaffenheit seiner Sinnesorgane. Die Wi r -\nkungswelt ist bestimmt durch seine Bewegungs-\nund sonstigen äußeren Organe. Und das Wert-\nvolle ist nun Uexkülls Nachweis, daß für das\ngleiche Wesen sich Merkwelt und Wirkungs-\nwelt nur sehr selten und nur bedingt decken. D i e\nWirkungswelt der Tiere ist weit grö-\nßer als ihre Merk weit3).\nSo ergibt sich ein Weltbild von einer ungeheu-\nren Beweglichkeit und Vieldeutbarkeit, ein in sei-\nner Fülle herrlicher Kosmos, eine unendliche, in\nihren zahlosen Funktionen schwingende Welt.\nAn ihr zersplittert jeder Rationalismus und jede\nRezeptwissenschaft. Das ist eine Welt, die wir\nerleben, die unsere Phantasie erregt, wieder\nzu unseren, lebendigen Sinnen spricht und uns von\nder Kälte registratorenhafter Ueberlegenheit er-\nhebt zur Wärme einer religiösen Bindung. „Das\nLeben nimmt einen Standpunkt ein, auf den wir\nihm nicht folgen können.\"\n*\nDem Naturalisten und Impressionisten können\nwir stets folgen. Er hat einen sehr zugänglichen\nund bequemen „Standpunkt\". Er pflanzt seine\nStaffelei irgendwo im Freien auf und überträgt\neinen Natureindruck mit mehr oder weniger Ge-\nschicklichkeit und auch Geschmack in eine Fläche\nvon bestimmter Größe. Mit der Wahl des Stand-\npunktes ist die Hauptarbeit eigentlich geleistet,\ndenn von ihm hängt der Charakter des Bildes ganz\nwesentlich ab, so sehr, daß wir in der Vorbild-\nLandschaft nach der Kunst-Landschaft meist den\nStandpunkt rekonstruieren können. „Hier hat er\ngestanden!\" — das an einem Platze im Gebirge\noder an der See sagen zu können, ist für die\nFreunde naturalistischer Kunst geradezu der Höhe-\npunkt künstlerischen Genießens.\nDas ist die Standpunktkunst mit allen ihren\nBanalitäten!\nWir kennen sie nicht nur in der Malerei.\nDie Architektur der naturalistischen Zeit\nwar ein Arbeiten mit Perspektiven — im vollende-\nten Gegensatz zur Baukunst fruchtbarer Epochen.\nDie Dichtung war nicht weniger perspektivisch,\nsie war psychologische oder gar Tendenzdichtung.\nAlle künstlerische Produktion hatte „Perspek-"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.11", "texte": "tive\", d. h. eine naturalistische Konstruktion ört-\nlicher oder zeitlicher Art, eine Konstruktion, die\nfür den Künstler einen festen, unwandelbaren\nStandpunkt außerhalb der Kör»p e r\nund der Geschehnisse voraussetzte.\n(W e i s b a c h für die Impressionisten und Hilde-\nbrand für seine dekorative Kunst vertreten\ngleicherweise die Notwendigkeit des iFern-\nb i 1 d e s!) Das gilt genau so von den Bildern eines\nManet, wie von den Romanen eines Zola. Für\nviele wurde schließlich die Perspektive der letzte\nAusweg, ihren Schöpfungen einigen Rhythmus zu\nsichern. Unfähig, den Rhythmus zu geben,\nahmten sie ein Surrogat nach, wenn sie, wie\netwa Liebermann, die sich verjüngenden Bäume\neiner geraden Allee mit Vorliebe malten.\nZu solcher Perspektivenkunst\nist der Kubismus der absolute Ge-\ngensatz. Er will nicht eine banale Aufzählung\nund keine psychologische Deutung der Körper und\nder Geschehnisse von einem bestimmten äußeren\nStandpunkt aus, sondern will das Leben! Der\nkubistische Künstler ist mitten unter den Dingen,\nsie umschließen ihn ringsum, ihre Fülle beglückt\nihn, ihr niemals ruhendes, stets bewegtes, rätsel-\nhaftes, autonomes Leben ist wie ein Rausch. Kein\npositivistisches Resultat, keine Erklärung, keine\nMoral und keine Nutzanwendung oder Lehre —\nsondern Verherrlichung, Bewunderung, Anbetung.\nWie arm, auf einem Standpunkt zu bleiben, den\nman ängstlich und stolz zugleich hütet, den man\nsich „errungen4' hat! Hingabe an das Leben, Auf-\ngehen im Leben, sich selbst flüssig und beweglich\nmachen, nicht mit dem Zeigestock magisterhalt\ndavorstehen und demonstrieren: das ist Rauch\naus einem Schornstein, das ist ein Haus, das ist\neine Brücke über einen Fluß — sondern Rauch\nund Haus und Fluß und Brücke sein, verwand-\nlungsfähig, verwandlungswillig! Nicht aus einer\nPerson sprechen, nicht als Richter räsonnieren,\nnicht dem einen recht geben, dem anderen unrecht\n— sondern im Kampf und in der Bewegung vieler\nKräfte wie ein Tunnel stehen, durch den alles tönt:\nso ist Aa g e von Kohls „Großer Schoß'4, so\nist Herrmann Essigs „Schweinepriester'4.\nDa ist ein großer Strom des Lebens, in dem wir\nselbst schwimmen, eine Einbettung aller Organis-\nmen in ein großes Weltgeschehen.\nUexküll sagte: „Das Leben übersieht nicht bloß\ndie Wirkungswelt, sondern auch die Merkwelten.\nDas können wir nicht nachmachen, wenn wir in\nunserem Subjekte drinstecken, können wir nicht\nzugleich außerhalb stehen.\"\n„Nachmachen44 können wir es freilich nicht,\naber wir können dieses Lebensgefühl gestalten —\nsoweit wir Künstler sind.\nFranz Marcs Tiere! Müßte sie nicht Uex-\nküll zuerst verstehen können, der die Sätze\nschreibt: „Das Wesentliche am Tiere ist nicht seine\nForm, sondern die Umformung, nicht die Struktur,\nsondern der Lebensprozeß. Das Tier ist ein bloßes\nGeschehnis 4)!\"\nDer Impressionismus hatte einen festen Stand-\npunkt, aber seine Formen verschwammen in der\nNuancen- und Andeutungsmalerei. Das ist voll-\nkommenster und konsequentester Materialismus,\nist der künstlerische Ausdruck für die Auffassung\nder Welt als eines „Tanzes der Atome\". Das ku-\nbistische Weltgefühl kennt nicht die punktartige\nFixierung des Standortes, zugleich verabscheuen\nseine Formen die atmosphärische Verdunstung, sie\nsind sicher, wesentlich und klar. Der\nGegensatz ließe sich so formulieren: Der Impres-\nsionismus ist ungefähr in der Erkenntnis, aber sein\nStandpunkt ist eindeutig und einleuchtend.\nDer Kubismus ist vieldeutig in seiner Stellung,\nseine Erkenntnisse sind tief. Die Elemente eines\nkubistischen Bildes sind wesentlich, rein und klar;\nsein Ganzes ist eine Bewegung und ist unstarr.\nDas impressionistische Bild ist als Ganzes starr\ndurch Perspektive, Beleuchtung usw.. festgelegt;\nseine Elemente sind zitternd und schwimmend.\nUexküll verwirft jene Weltanschauung, die nur\neinen „Tanz der Atome\" kennt, einen Vorgang,\nden kein Mensch erlebt, den wir als Begriffs-\nsystem glauben sollen. Seine Welt ist, wie wir\nsahen, das unendliche Leben zahlloser Merkwelten,\ndie ineinandergreifen, sich berühren, sich vielfach\nüberschneiden. Aber wohl zu beachten: das ein-\n«s\nzelne Subjekt ist mit seiner Merkwelt allem Un-\ngefähr und allem Schwanken entzogen, das Sub-\njekt und seine Merkwelt sind ein festgefügter Bau.\nSollte nicht Uexküll nach alledem als erster\nVerständnis haben für die kubistische Malerei, die\nan Stelle der vibrierenden Nuance das „Sein\", an\nStelle einer trivialen Perspektive einen viel-leben-\ndigen Kosmos setzt?\n*\n„Auf die Epoche physilkalisch-chemischer Welt-\nbetrachtung, die zum Materialismus führte1, folgt\njetzt naturgemäß die biologische Weltbetrachtung.\nSie ist aber der direkte Weg zum Idealismus!\"\nDer Idealismus in der modernen Kunst ist der\nKubismus.\nJ) Es seien hier einige Zitate gestattet, die meine\nAusführungen über „Impressionismus\" deutlicher machen\nwerden. „Es kam hinzu, daß alle nicht wohl gewisse\nheilige Schauer verbergen konnten angesichts dieser nun\nEreignis gewordenen phantastischn Anmaßung, die doch\nvon dem Vorgang, der Wiederkunft Jesu, die sie erlog,\neinen nicht zu verkennenden Strahlennimbus 'entlehnt\nhatte. So war denn das ganze . . . Dorf auf einmal von\nreligiösem Leben erfüllt4' (Hauptmann : Emanuel\nQuint).\n„Mir ist der Raum einer der liebsten des Prados, ob-\nwohl ich keineswegs das Einseitige dieser Wahl ver-\nkenne. Ich gehe auch nie gleich des Morgens hin, son-\ndern zuletzt, wenn ich ein wenig müde werde. Und das\nverbessert nicht die Logik meines Wahlvermögens. Denn\nes ist ein müder Saal. . . „„Bei einer solchen Gelegenheit\nbin ich mal nach Dulwich gekommen, und als ich mich\ngenug unter beinahe grünen Bäumen und beinahe blauem\nHimmel herumgetollt hatte mit einer Engländerin, die\nich beinah verführt hätte, ging ich als treues Gewohn-\nheitstier in die D'ulwicher Galerie und sah die Bilder\nPoussins. Sie gefielen mir nie so gut wie an dem Tage...\nSeit dem Tage kenne ich die beste Zeit Poussins. Er\nist nichts für die Morgenstunde des Genusses. . .\" 44 Ich\ngestehe daß mir der Poussin lieber ist. Ich habe es im\nAnfange für meine Vorliebe für Nachmittagsstunden ge-\nnommen, für eine Geschmacksfrage, über die nicht zu\ndiskutieren sei. . . (Meier-Gräfe: Spanisches\nTagebuch.) Derselbe rühmt von den Impressionisten:\n„Es ist keine Hexerei dabei.\"\nEine famose Karikatur „impressionistischer Men-\nschenkind für mich Alfred Döiblins „Lobensteiner\".\n2) Ich will die Stelle im Zusammenhang zitieren:\n„Das Abendpfauenauge, ein Schmetterling mit schönen\nAugenflecken auf den Flügeln, schreckt mit diesen Flecken\nseine Verfolger, die kleinen Vögel, indem es mit ihnen\ndie Augen kleiner Raubtiere nachahmt, obgleich er selbst\ndiese Flecken nie zu Gesicht bekommt. Uns Menschen\ntäuscht es damit nicht, für uns gibt es auch gar kein\nRaubtier, das solche Augen hat. Die kleinen Vögel aber,\ndie immer auf ihrer Hut sind vor Katzen, Wieseln und\nähnlichem Raubzeug, müssen, um rechtzeitig entfliehen\nzu können, vor jedem augenähnlichen Gebilde, das sich\nbewegt, entfliehen. Diesen Umstand benutzt das Leben\nzum Schutz des Pfauenauges. — Hier offenbart es sich,\ndaß das Leben durch die subjektiven Schranken, die es\nselbst aufbaut, nicht behindert wird. Das Leben nimmt\neinen Standpunkt ein, auf den wir ihm nicht folgen kön-\nnen. Während die Gene das Pfauenauge bilden ,steckt\ndas Leben in dem sich bildenden Keim und kann durch\njede grob mechanische Schädigung des Keimes vernich-\ntet werden. Das Leben steht aber zugleich außerhalb\ndes Keimes und übersieht nicht blos die Wirkungswelt,\nsondern auch die Merkwelten. Das können wir nicht\nnachmachen, wenn wir in unserem Subjekt drinstecken,\nkönnen wir nicht zugleich außerhalb stehen.\"\n3) Ist nicht auch in diesem Punkte das Geistes-\nleben ganz analog? Auch in ihm finde ich eine W i r -\nkun g s weit, die viel größer ist als die Merkwelt.\nJene arbeitet maschinell und „erledigt Probleme\", diese\nIst nicht auch in diesem Punkte das Geistes-\nleben ganz analog? Auch in ihm finde ich eine Wir-\nkung sw e 11, die viel größer ist als die Merkwelt.\nJene arbeitet maschinell und „erledigt Probleme\", diese\nwertet, prüft und formt. Beispiel: Jemand sieht ein\nBild von Kandinsky. Er ist imstande, lange logische,\npsychologische, ästhetische Reden zu halten, hat aber das\nBild noch gar nicht „gesehen44. Kann man also nicht auf\nviele Kritiker moderner Kunst anwenden, was Uexküll\nvon den Seeigeln schreibt? „Die Seeigel verstehen es,\nmit Sicherheit ihre Giftzangen in die Haut des Feindes\nzu schlagen. Welches aber sind die Merkmale, die ihre\nRezeptoren beim Herannahen des Feindes aufneh-\nmen ? Eine einfache Reizkette: schwacher chemischer\nReiz, starker chemischer Reiz — Stoß!44\nWer denkt nicht an das Publikum, wenn er liest:\n„Jede Erregung, die vom Auge ausgeht, ruft einen Flucht-\nreflex, oder eine Verteidigungsstellung hervor.44 Darin\nhaben sich unsere Ausstellungsbesucher noch nicht sehr\nüber den Zustand der Seeanemone hinaus „entwickelt.4'\n4) Allerdings gibt Uexküll mit diesen Worten die An-\nsicht eines anderen Forschers, des Amerikaners Je n -\nnin g s, wieder. Aber er fügt hinzu, daß er an dessen\nLehre „unleugbar viel Bestechendes\" finde.\n\nInhaltsverzeichnis\nErstes Halbjahr 1915/16\nSechster Jahrgang\nBeiträge Nummer Seite\nAdolf Behne\nBiologie und Kubismus 11/12 68\nBesteher\nGedichte 9/10 58\nPaul Bommersheim\nGedichte 7/8 45\nKarl Brand\nDu 3/4 23\nAlfred Döblin\nGeschichten von den Lobensteinern 3/4 15\nHermann Essig\nLucie 7/8 38\nDr. S. Friedlaender\n{jeist und Krieg 9/10 54\nKurt Heynicke\nBriefe 7/8 45\nDas Sterben ins Dunkle 3/4 22\nDie Träume , 1/2 10\nGedicht 3/4 22\nFriedrich Karinthy\nDer Zirkus 1/2 6\nAdolf Knoblauch\nDie schwarze Fahne 1/2 3\nDie schwarze Fahne , '< 3/4 18\nErhebungen l < 5/6 27\nFrühe Gedichte II 5/6\nGrunewaldtage 7/8\nGrunewaldtage 9/10\nHebräische Wanderung 11/12\nHeimkehr des Vaters 9/10\nPersisches Mlärchen 3/4\nDesider Kosztolanyi\nAppendicitis 11/12\nDas Rasiermesser 9/10\nDer Chinese 5/6\nVerpelety 3/4\nPär Lagerqvist\nDichtungen 5/6\nJohn Landqvist\nDie Rechtfertigung eines Irren 1/2\nSophie van Leer\nFreunde 5/6\nGedichte 11/12\nKinderland 9/10\nAldo Palazzeschi\nGedichte 1/2\nAugust Stramm\nGedichte 3/4\nGedichte 7/8\nGedichte 11/12\nWelt wehe 1/2\nJulius Szini\nMarionettentheater 7/8\nHerwarth Waiden\nAus der Zeit für die Zeiten 9/10\nBaumeister Solness 1/2\nDas große Schießen \\ 7/8\nDie Kunst an den Wurzeln 5/6\n26 Fröhliche Ostern 3/4 23\n40 Jos. & Joseph 1/2 2\n54 Jos. & Joseph 3/4 14\n64 Kunststücke 11/12 62\n58 Richtiges Hellsehen 3/4 14\n18 N. W.\nNeuschwedische Lyrik 3/4 23\n67 Empfohlene Bücher 5/6 55\n58\n20 Zeichnungen\nFritz Baumann\n32 Originalholzschnitt 5/6 30/31\nOriginalholzschnitt ' 7/8 42/43\n10 Birnbacher\nOriginallinoleumschnitt 1/2 *7\n33 Josef Capek\n66 Originallinoleumschnitt 1/2 5\n52 Isaac Grünewald\nZeichnung 3/4 13\n9 Zeichnung 3/4 17\nJacoba van Heemskerck\n14 - Holzschnitt 11/12\n39 Sigrid Hjerten-Grünewald\n64 Zeichnung 7/8 37\n2 Franz Marc\nLöwenschlacht nach Delacroix 5/6 25\n46 Originalholzschnitt\nGabriele Münter\n50 Zeichnung 1/2 1\n11 Wachlmeier\n47 Originalholzschnitt 9/10 49\n26 Originalholzschnitt 9/10 53"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19150901-01.1.12", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebung von Wor-\nten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durch\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespaltene Zeile\n60 Pfennig.\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag:\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nNotiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. Die\nOktober-Doppelnummer erscheint am fünfzehnten\nOktober\nVerlag Der Sturm\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W Potsdanier Straße 134 a\nVierunddreissigste Aussteilung\nFranz Mare\nGem aide\nGeoff net taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nSturmaussteilungen itn Ausland\nSeptember 1915\nStockholm: Franz Marc\nGenf: Qeschlossen\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer Straße 134 a\nFeraruf Amt Lutzow 4443\nfialbmonatsschrilt Der Sturm\nErscheint am ersten and fiinfzehnten ]edes Monats\nDauerbezug\nGewofmiiche Ausgabe Fur Deutschland\nand Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig / Ffi r das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs I Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes I Probenummer umsonst\nBonder ausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nlendung in Rollen direkt durch die\nPost ftir Deutschland und Oester-\nreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark /\nE4tt Halbjahr 6 Mark / Fiir das Auslandl:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs I Von\ndieser Ausgabe werden Vierteljahrsbezfige, Einzel-\nBumniern und Probenummern nicht abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahr gang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark I Vierter Jahrgang 154—203: 10 Mark /\nFiinfter Jahrgang: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKnnsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n3urch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nriehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. Straßenstinden auf\nFafls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwfinscht wird, bitten wir den Bet r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzum fiinften des ersten Monats einzu-\n-8 en d en / Andernfalls nehmen wir an, daß Ei n -\nziehung des Betrages durch Nachnahme\nuater Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nMappen und Albea / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschkt: Zwanzig Blatt Zeichnnngen ]\nStrichfttzung / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kftrton in dn-\nfadierer Mappe 12 Mark\nKandinsky-Album j Schrift des Kiinstlers iiber sich\nselbst mit sechzig ganzseitigen Abbildungen seiner\nWerke von 1901 bis 1913\n\nHeemskerck-Mappe: Sechs handgedruckte und\neinzeln signierte Originalholzschnitte / Auflage 30\nMappen I Mappe 6—30 je einhundert Mark.\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr still es\nG1 ii c k —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft /\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus j Roman I 2 Mark\nPaul Scfieerbart: Qlasarchitektur j in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark ./ Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nAugust Stramm: Du I Liebesgedichte / Gebunden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsan n a / 50 Pfennig / II: August Stramm: R u d i -\nmen tar / 50 Pfennig I III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage yon Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behise: Zur\nneuen Kunst / 50 Pfennig / VIII: August Stramm:\nKrafte I 50 Pfennig / IX: Aage von Kohl: Die rote\nSonne /50 Pfennig / X: Aage von Kohl: Der\ntierische Augenbliok I 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Waldea: Dafaislieder / Zu Ge-\ndichten von Arno Holz / Ffir Qesang und Kla-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Nummer 1 einzeln: Er\nhort mit ihr den Qukguk schreyn / 50 Pfennig\nHerwarth Walden: Der S t ur m / Heeresmarsch /\nFiir Klavier / 50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das\nLachen / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / Qino Seve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose Tfinzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Boccioni? Abschied/\nKaodlnsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tlerschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam ddectet\nRobert Delaunay: La Tour\nJacoba van Heemskerck: Bild 2 / BHd 15\nAugust Macke: Spaziergang\nSigrid Hjerten-Griinewald: Kinder\nKartenvon Macke / Miinter / Marc Chagall (5) I\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / (Seizes\n/ Archipenko / usw\nErschienen bisher 36 verschiedene Karten\nIllustrierte Sturm - Austellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall / Kandinsky / Je 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit ftinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat fflr die Zeitschrlft\nDer Sturm / OriginaMithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkfipfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert I Das Blatt 5 Mark\n\nGemalde / Aquarelle / Zeichnungen /\nHanddrueke / Plastiken\nsind von folgenden Kiinstlern im Sturm stcindig\nvorhanden:\nKandinsky / Franz Marc / Archipenko / Oskar\nKokoschka / August Macke / Paul Klee / Carl\nMease / Campendonk / Gabriele Miinter / Jaw-\nlensky / Marianne von Werefkin / Albert Bloch /\nHans Arp / Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzin-\nger / Marc Chagall / Fernand Leger / Jacoba van\nHeemskerck I Otakar Kubin / Emfl Filla / Vlncecc\nBenes / Otto Gutfreund / Boccioni / Severinl '\nCarra / Russolo / Francis Picabia / Schmidt*\nRottluff I Fritz Baumann / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden I Zwolftes\nJahr I Jahresbeitrag 20 Mark / Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen j\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation\nDas zwolfte Jahr begann am 1. April 1915 / Die\nSturmgabe, die die Mitglieder des Vereins fiir\nKunst im Jahr 1915/16 frei erhalten, ist: Heems-\nkerck: handgedruckter und signierter Holzschnitt\nauf Kaiserlich Japan-Papier\n\nZeitsehriften\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift ffir neue unci\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova\n\nAnzeigen\n\nSoeben erschienen: Adolf Knoblauch: Die\nschwarze Fahne ./ Eine Dichtung / Qeheftet 2 Mk. /\nVerlag Der Sturm Berlin W 9\nMltte Oktober erscheint: Adolf Knoblauch: Kreis\ndes Anfangs / Friihe Gedichte ,/ Verlag Der Sturm /\nBerlin W 9\nFelix Miiiler / Dresden: Handgedruckte Holz-\nschnitte und Originallithcs / Zu beziehen durch\nden Verlag Der Sturm Berlin W 9\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni <*ua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / Miiano\nI Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsate-\nund Deckelpapiere ffir Bfichereinbande / Muster\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Besfai-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- und\nVorsatzpapier Format 42X35 Mark 4"}]}