{"numero_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_sha256": "ed468c89337bc5ddb2e2833aaf66d65a194c3bd684e460684b931ca340473404", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1915/10/01_01/bmtnabg_1915-10-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1915/10/01_01/bmtnabg_1915-10-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c001", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.1", "debut_caractere": 282, "fin_caractere_exclue": 619, "texte": "Inhalt:\nHerwarth Waiden: August Stramm / August Stramm: Geschehen / Alfred Döblin: Das Gespenst vom Ritthot / Sophie van Leer: Gedicht /\nAlfred Döblin Adolf Knoblauch: Zwei Briefe / Herwarth Waiden: Kinder, Kinder / Jacoba van Heemskerck: Originalholzschnitt / Vom Stock gedruckt /\nFritz Baumann: Originalholzschnitt / Vom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c002", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.2", "titre_corps": "Jacoba van Heemskerck: Originalholzschnitt – Vom Stoelc gedruckt", "titre_sommaire": "Jacoba van Heemskerck: Originalholzschnitt – Vom Stoelc gedruckt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.1", "debut_caractere": 621, "fin_caractere_exclue": 685, "texte": "Jacoba van Heemskerck: Originalholzschnitt - Vom Stoelc gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c003", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "74", "page_fin": "74", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.3", "titre_corps": "August Stramm", "titre_sommaire": "August Stramm", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5528, "texte": "August Stramm\nHerwarth Walden\nDer Tod eines Menschen weckt die Gehirne\nder Lebenden. Sie stehen am Grabe unserer Hoff-\nnung. Sie verdrängen uns mit guter Nachrede. Sie\ngönnen dem Toten den Platz unter der Erde. Denn\ner war keiner von ihnen auf der Erde. Sie such-\nten die Tatsachen seines Werks und sie fanden\ndie eine: den Tod. Sie fanden sie in den Verlust-\nlisten vom Felde der Ehre, die Post bestätigte es\nauf jedem zurückkommenden Brief, die Angehöri-\ngen bestätigten es in Tränen: Der Hauptmann\nAugust Stramm, Ritter des Eisernen Kreuzes, ein-\n!\ngegeben zum Eisernen Kreuz erster Klasse, In-\nhaber des österreichischen Militärverdienstkreuzes\n!\nmit der Kriegsdekoration für hervorragende Lei-\nstungen als Bataillonsführer in Galizien, Kaiser-\nlicher Postinspektor im bürgerlichen Beruf,\nDoktor der Philosophie, ist am ersten, Sep-\ntember als Kompagnieführer und als Letzter\nseiner Kompagnie beim Sturmangriff in Ruß-\nland gefallen, nachdem er siebzig Gefechte und\nStürme überlebt hatte. Ein Kopfschuß nahm ihm so-\nfort die Besinnung und zehn Minuten später war er\ntot. Am nächsten Morgen wurde er unter militäri-\nschen Ehren, geachtet und geliebt von allen Vorge-\nsetzten und Kameraden, auf dem Friedhof bei Ho-\nrodec begraben. Sein Leben währte einundvierzig\nJahre. Geboren war er am 29. Juli 1874 zu Münster\nin Westfalen. Er fiel, wie sie Alle, ein stiller Held\nseiner Pflicht.\nUnd während er in Rußland sich zu Tode\nkämpfte, beschäftigte sich die deutsche Presse\nHinter Führung des Hannoverschen Kuriers\nunterstützt selbst vom Münsterischen Anzeiger\nmit einem Dichter August Stramm. Aus zahl-\nlosen deutschen Zeitungen heulten ihm die\nJournalisten zu, er möge vierzehn Tage in den\nSchützengraben gehen, das würde ihn kurieren.\nDenn erst nach seinem Tode lernen sie die Tat-\nsachen seines Lebens kennen, und während die\nHerren den Krieg redigierten, hatte er sie mit all\nden Andern seit dem zweiten August 1914 vertei-\ndigt. Ihm stand in Deutschland kein Verteidiger\nauf. Die Zeitungen, selbst im Nachrichtendienst\nahnungslos wie immer, machten sich gute Laune\nund die schlechte Laune der Kunstzeitschriften\näußerte sich durch den Mund des Herrn Max\nOppenheimer, dem offenbar Deutschland und\nOesterreich nicht mehr sicher genug erschienen\nund der sich in die Schweiz zurückzog, um sein\nLebensproblem weiter zu lösen: eine Synthese\nzwischen Kokoschka und Greco auf Leinwand zu\nfinden.\nWas hatte August Stramm getan. Er war Künst-\nler und das können die Literaten, die Literar-\nhistoriker und die Feuilletonisten jeder Knnst nicht\ni\nvertragen. Jedenfalls nicht vor dreißig Jahren. Und\nwährend die deutsche Presse das Urheberrecht\ndes Künstlers durch unberechtigten Nachdruck ver-\nletzte, fühlte sie sich verletzt, weil man ihr\ndie Rechte des Urhebers aberkannte. Ich wollte\ndiesem Unfug steuern, Dichtungen zu be-\nschmieren und sie zwischen Nachrichten her um-\nzusetzen. Hierzu gibt es ein sehr einfaches\nMittel, man muß Geld für Kunst fordern. Sofort\nverlieren die Herren Vertreter der Presse den Ver-\nstand und suchen ihn in der Kunst. Gestützt auf\ndas Urheberrecht. Denn, schreiben sie triumphie-\nrend, Geld zahlen wir nicht, geschützt sind nach\ndem Gesetz vom 19. Juni 1901 nur Schriftwerke,\ndas heißt Erzeugnisse einer schaffenden Geistes-\ntätigkeit; in dem Schriftwerk müssen Gedanken\nentwickelt sein. Nach diesem Recht würden die\nHerren von der Presse niemals auch nur einen\nPfennig Geld erhalten können, denn Gedan-\nken kann man nicht entwickeln und Gedanken\neiner schaffenden Geistestätigkeit haben sich nie\nbei ihnen geregt. Trotzdem sie es im Ernstfall,\ndas heißt bei Honorarforderung, wohl behaupten\nwerden. Aber unter uns, sehr geehrte Herren,\nlachen wir über die schaffende Geistestätigkeit,\nsagen sie, wir wissen doch, wie so etwas ge-\nmacht wird.\nAlso August Stramm hat keine Gedichte nach\nder Vorschrift des Gesetzes vom 19. Juni 1901 ge-\nschrieben und deshalb war er ein Künstler.\nUnd nach dem ungeschriebenen Gesetz der Un-\nmenschlichkeit soll ich Dich heute, Du liebster\nFreund, vor Denen würdigen, die Dich gestern\nnicht kannten und denen Du morgen nichts sein\nkannst, weil Du ihnen bis heute nichts warst.\nWären sie Künstlermenschen, so hätten sie aufge-\nhorcht, als Deine Stimme zum ersten Mal in ihre\ntauben Ohren dringen konnte. Die Taubheit wäre\nvon ihnen abgefallen wie von Dir das Leben, ge-\nwaltsam, urplötzlich, vernichtend und auflebend.\nDie Stimme hätte ihre Besinnung zum Sinnen\ngebracht und der Sinn des Lebens wäre ihnen\nzum Leben des Sinns geworden. Hätte ich\nalle die, die hören wollen, vor die körper-\nliche Stimme Deines Mundes bringen kön-\nnen. Dam hätten sie verstanden, daß nichts\nzu verstehen ist Sie hätten selbst ohne\nAugen sehen können, wie die Worte durch Dich,\naus Dir strömten, wie Du außer Dir und außer\nihnen warst und wie sie sich in Dir sammelten.\nWie Du, der starke Mann, der nervenlose, er-\nschöpft hinsankst, gnädig und begnadet, Gefäß für\ndas Ewig-Fließende, für das Gleichnis Kunst zu sein.\nAber sie fordern Gedanken. Jeder Gedanke ist\nein Nachdenken. Jeder Gedanke ein Erinnern.\nDarum soll Dir, Du liebster Freund, jeder Gedanke\ngehören. Das denken ich und Deine Freunde.\nAber Deine Kunst ist gedankenlos. Und deshalb\nist sie Kunst und ist sie. Sie fühlt vor, was w;ir\nnachfühlen. Sie fühlt nach, was die Andern einst\ngedacht haben werden. Sie ist und Du bist ein\nDenkmal des Denkens.\nUnd dieses Dein Denkmal steht in unserem\nBlut und in unserm Fühlen.\nIn uns Allen, die wir fühlen.\nUnd die Ewigen aus zeitlosen Jahrtausenden\nreichen Dir, August Stramm, die Hand."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "74", "page_fin": "80", "image_debut": 2, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.4", "titre_corps": "Geschehen", "titre_sommaire": "Geschehen", "signature_source": "August Stramm", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.2", "debut_caractere": 5530, "fin_caractere_exclue": 8397, "texte": "Geschehen\nAugust Stramm\n\nI\nGartendumkel ferne Musik Menschenwirren\nSie: herrschen?!\nEr (roh): herrschen!\nSie (lacht)\nE r (betroffen)\nS i e (läuft lachend fort)\nE r (starrt nach)\nMädchen (aus dem Dunkel berührt seinen\nArm): Du\nE r (starrt)\nMädchen feekränkt): Du\nE r (gleichgiltig): ich\nMädchen (stampft zornig)\nE r (stampft)\nMädchen (vor ihm): quälen\nEr (lacht auf)\nMädchen (schluchzt)\nE r (umarmt)\nMädchen (lehnt an)\nWeib (tappt, leise): Du (horcht, preßt die Hände\nauf die Brust): Du (lauscht)\nEr (aus dem Dunkel, leichthin): ich?!\nWeib (befreit): ich (tastet seine Hand)\nE r (legt den Arm um)\nWeib (schauert, haucht): du?\nEr (beugt zärtlich): du?\nWeib (wehrt): ich\nEr (zärtlich scherzig): ich?! (küßt)\nWeib (haucht)\nEr (stark, über ihr): ich\nWeib (atmet hoch)\nE r (küßt heiß)\nWeib (birgt): ich habe Angst\nE r (lacht spöttisch)\nWeib (atmet schwer)\nE r (führt sie spöttelnd): Angst\nWeib (geht schwach in seinem Arm ins Dunkle)\nSie (kommt nachdenklich, steht, schaut um,\nschreitet, sinnt, horcht)\nSchrei (flieht raschlig)\nEr (tritt vor, herrisch): wer? (faßt ihre Hand)\nSie (ruhig): Mann?\nEr (drohend): Weib?!\nRufen (aus den Büschen): Schatz? (näher\nschmeichelnd): Schatzi?\nSie (ruhig): rufen\nEr (erschreckt): ich?!\nDirne (hüpft aus dem Dunkel, stutzt, späht Ihr\nins Gesicht, schlägt frech die Hände ineinan-\nder): du\nSie (löst die Hand und entfernt sich langsam)\nDirne (höhnt): Die?! (rüttelt ihn frech lachend:\nDu?! (reißt und wirft an, küßt und kugelt mit ihm\nins Gebüsch)\nSeufzer (aus dem Gebüsch): Ich!\nDi r ;n< e (horcht auf): He?!\nSeufzer: Ich!\nDirne (springt auf und raschelt den Strauch):\nWer?\nSeufzer: Ich!\nDirne (stampft): nu dich!\nStimme: führe mich nicht in Versuchung\nDirne (stampft): nu dich!\nStimme: führe uns nicht in Versuchung\nDirne (kreischt wütend): Diiich!\nSchrei (schrickt)\nDirne (reißt wild das Gebüsch): verrückt?!\n(zerrt die Beterin aus dem Busch)\nBeterin (die Hände auf der Brust gefaltet)\nDirne (schüttelt wütend): Dich!\nBeterin (ergeben): ich\nDirne (pufft und stößt, höhnt): Du!\nBeterin (wimmert): beten\nE r (tritt wehrend dazwischen)\nDirne (wild, höhnisch): Du! Du! Du! beten beten\nbeten (schüttelt ihn, läuft in kreisches Lachen\nfort): ik ik ik ik schrei mir dod! Ik schrei!\nBeterin (zittert, die Hände gekrampft)\nEr (faßt ihre Hände, weich): Du\nBeterin (wiederholt mechanisch bewegungslos):\nich\nE r (küßt)\nBeterin (ohne Bewegung): beten\nE r (umarmt und küßt)\nBeterin (ängstet): Du\nEr (lacht, küßt, hebt hoch und trägt fort): Ich!\nbeten\nDirne (zerrt Sie): hier! (schaut um): nu nicfc!\n(lacht auf, reißt den Busch auseinander in scham-\nloser Lache)\nBeterin (gellt hoch)\nEr (die Beterin im Arm)\nDirne (stößt sie auf die beiden zu): Dich\nBeterin (schluchzt die Häinde vors Gesicht)\nDirne (stößt die Beterin) fort, umschlingt Ihn wild\nund küßt): ich bete\nE r (stößt sie mit beiden Händen fort)\nDirne (empört): Du? (höhnt grell auf): mir du?"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7120, "texte": "(lacht grell und stößt Sie auf Ihn): Du! der!\nDich (läuft in kreisches Lachen fort)\nEr (aufrecht)\nBeterin (stammelt entsetzt auf Sie): ich gehe!\ngehen (bleibt)\nS i e (aufrecht vor ihm)\nEr (stemmt die Arme, kraftbewußt, trotzig): Ich!\nSie lächelt und wendet, leicht aber bestimmt):\nIch! (geht langsam)\nEr (hastet neben Sie): Du?\nSie (lächelt): Du?\nEr (stolpert)\nSie (lächelt): Steine\nEr (stolpert): Dich!\nBeterin (geht nach, zupft ihn): Du!\nEr (neben ihr, heiß): Du!\nSie (schreitet fragt): Ich?!\nE r (stolpert ihr nach, wild erregt): Dunkel Dunkel\nDunkel!\nBeterin (hinter ihm): Du Du Du )steht verzwei-\nfelt, blickt nach, läuft, tappt in den Garten, in\nlangem Aufschrei): 00000\nLärm, Geschrei, Menschenwirren\nRufe: wo? wo?\n(Menschenmenge wogt ran)\nBeterin (in Jammeer): o (lehnt an einen Baum)\nDirne (lacht grell): der? die?\nJüng 1 i n g (stößt scherzend die Betedn): Du\nDirne (schuppst lachend die Beterin auf den\nJüngling) (sie hängt einen Mann ein)\nWeib (am Arm ihres Mannes, zitternd): gemein!\ngemein!\nBeterin (stößt den Jüngling von sich)\nJüng 1 i n g (lacht): o\nMädchen (in Hast): wer?\nJ ü n 1 gli n g (umarmt das Mädchen)\nMädchen (schreit)\nJunge Bursche (lachen um sie)\nKellner (bricht durch die Menge): er hat nicht\nbezahlt.\nGejohle: Der! Der! (Gelächter, Durcheinander\nströmt ab)\nWeib (am Arm des Mannes zitternd): gemein\nMann (ruft): Licht! Mehr Licht!\nBeterin und Mädchen (eng aneinander ge-\nschmiegt hinter dickem Baum): Was sagte der?\nBeterin (zittert): ich!\nMädchen (zittert): ich!\nDirne (mit ihrem Galan): Der Saubock (zieht\nfort)\ni\nBeterin (faßt das Mädchen an der Hand):\nkomm!\nLicht (flammt auf)\nLeben (im Garten)\nMusik.\nII\nHinterhaus Türe mit Steinstufen\nDirne (führt die Hand der Beterin): Du\nBeterin (setzt verschluchzt auf die Stufe)\nDirne (daneben): ich\nBeterin (erschrickt)\nDirne (roh): heulen\nBeterin: beten (faltet die Hände)\nDirne (steht auf und reckt, roh): Jeld!\nBeterin (zuckt zusammen)\nDirne (höhnt): Du\nBeterin (verhüllt das Gesicht)\nS i e (tritt heraus)\nDirne (stutzt im Recken, trumpft) :nu jrade! ich\n(geht frech an Ihr vorbei ins Haus)\nS i e (stutzt, schaut nach, beugt über die Beterin)\nBeterin (hebt den Kopf und schrickt)\nSie (nach einer Weile): Du?\nBeterin (starrt, stockt): Du?\nSie (forscht ruhig): ja\nBeterin (stockend): ich kenne Dich nicht\nSie (ruhig): Du?\nBeterin (greift jäh erkennend ihre Hand): Du\nDu Du (jäht hoch)\nS i e (schrickt, lächelt, streichelt der Beterin Haar)\nBeterin (tritt wehrig zurück): ich will zu ihm\nSie (blickt ruhig forschig)\nBeterin (unsicher): ich kenne ihn\nS i e (blickt ruhig forschig)\nBeterin (bricht zusammen): ich trag sein Kind\nSie (verklärt die Augen in Weiten, langsam): Kind\nBeterin (klammert ihre Hände): du mußt mir\nhelfen! Du!\nS i e (löst die Hände stumm)\nBeterin (auf den Knieen vor Ihr mit erhobenen\nHäjnden, fleht): Du! Du!\nDirne (keift drinnten)\nBeterin (horcht verzittert)\nSie (wendet zur Tür)\nTür (reißt auf)\nDirne (in der Tür mit zerzaustem Haar und zer-\nbrochenem Schirm): ich (stürzt auf sie): Du!\nS i e (hebt die Hand zur Abwehr)\nE r (in der Tür): Du!\nSie (stürzt zu ihm hin): ich!\nDirne (lacht und schwingt den Schirmfetzen):\nEr kennt mich nicht! Der kennt mich nicht!\n(teuflich, höhnisch): ich! Euch! Euch! (grelles\nLachen): Euch\nWeib (taumelt heran und klammert die Stufe):\nmein Mann weiß Alles! mich (rutscht und klam-\nmert seine Knie): Du!\nDirne (lacht höhnisch): ich\nEr (hält ihren Arm, ratlos): Du?!\nSie (beugt den Kopf): Du!\nMänner (tragen Leiche)\nWeiber (tragen schreies Kind)\nT räger: hier im Haus\nTräger (roh) ersäuft\nWeib (bedauert): Mächen\nein Weib (lullt das Kind): Dät Balg lebt, is nich\nmit ersoffen!\nTräger (roh): Platz! (stoßen an Ihm vorbei ins\nHaus)\nWeiber (drängen nach): nu hat es keenien Vater\nnich (schüttern das Kind): Du!\nEr (führt die Hand über die Augen, traumhaft):\nwas?\nDirne (lacht grell höhnisch): Du! Dich! Dich! Du!\nEr (wild unbändig): Ihr?! Ihr?! Ihr?! Ihr?!\nDirne (schreit frech trotz): wir!\nEr (schreit auf): Ich! (prügelt, reißt und stößt\nBeterin, Dirne und Weib davon)\nSie (kauert auf der Stufe und verhüllt das Ge-\nsicht)\nEr (kommt atemlos zurück): Du\nSie (schaut auf, matt): Du . .\nE r (legt die Hand auf ihre Schulter, schmeichelt):\nDu\nSie (schauert): ich habe Furcht\nE r (erschrickt): Du hast Furcht\nS i e (nickt)\nEr (reckt, lacht sieghaft): Das sagst Du immer\nSie (hebt jäh hoch): Das sagte ich nie, noch nie\nEr (lacht übermütig und zieht sie an sich): Du\nimmer\nSie (angstvoll bestimmt): ich nie\nE r (umarmt sie)\nSie (klagt): Das sagten Andere\nE r (bestürzt, lacht hell auf, reißt an sich, küßt\nwild)\nSie (unter seinen Küssen stammelt entsetzt): Du\nhast kein Gedächtnis\nEr (küßt, lacht, jubelt): ich habe Dich! ich habe\nDich! ich fühle Dich! ich küsse Dich! ich atme\nDich! Dich! Dich! Dich! (hebt hoch und trägt\nfort):Du! Dich!!!\nIII\nWarte, Eisgipfel blicken\nE r (beobachtet)\nS i,e (steht hinter Ihm)\nE r (ruft): Mich\nS i e (legt die Hände auf die Schultern)\nE r (schreckt und wehrt): Hände\nS i e (schrickt und faltet)\nE r (beobachtet)\nE r (ruft): Mich\nSie (weh): Ich\nEr (widerspenstet heftig): Mich\nMich (verschlafen)\nE r (zärtlich): Mich\nEr (zärtlich): der Stern?\nMich (erwacht): Dein Stern?!\nE r (stummt, lächelt zärtlich, echot): Mein Stern!\nMich (tritt zu ihm an den Beobachter): Dich!\nEr (klangsuchig): mich\nMich (schaut auf, legt die Hand auf seine Schulter\nbetont): Dich!\nEr (schauert)\nMich: Ja, ich sah den Stern'! Dich! Dein Stern,\nich nenn ihn Dich. Du barst ihn aus dem Weltall!\nDich!\nE r (schauert in sich)\nMich (nimmt die Hand fort, zärtlich streichig)\nEr (schauert, sehnt) die Hand!\nMich (kindlich staunig): was!\nEr (kauert): Hände!\nS i e (geht hinaus)\nMich (wirrt nach): Mutter?\nEr (erwacht, unwissend sinnt): Mutter?!\nMich (verängstet): Vater?\nEr (schrickt weh klagend): Vater i\nMich (schmiegt an): Vater\nE r (legt den Arm um): Du bist Mich!\nMich (zärtlich): Du Mich!\nE r (steht auf, reckt, w,eh klagig) Nichts\nMich (zärtlich sorgig): was Du?\nEr (zuckt, klagt): Du? Du? Mich?\nMich (schweigt, schmiegt, sorgt, ruhigt): was\nDu? Du? Mich? Ich?\nE r (spannt schwer, reck, trotz, wach): ich kann\nnicht was ich will\nMich (birgt den Kopf an seiner Brust):Du Kön-\nnen Wollen Können Du!\nEr (spannt unband): ich will! ich will! ich will!\nMich (kindlich): was willst Du??\nE r (reckt um, packt, reißt in wilden Kuß)\nMich (taumelt, klammert, wehrt, wirrt, schreit):\nVater!\nEr (jäh, rast, packt, schleudert, flucht): Vater!\nMich (stürzt in Aufschrei)\nSie (tritt ein, starr): Vater!\nEr (rast): Du?! Du?\nSie (ohne Bewegung, tonlos): Du?\nEr (rast): ich! ich will! will!\nSie (reglos, tonlos): will\nEr (starrt, wacht, schüttert in Weh): o wollen\nkönnen wollen können1 wollen\nS i e (tritt zwischen Ihn und Mich)\nMich (zittert, schleppt, kriecht raus)\nE r (starrt Sie)\nS i e (reglos)\nEr (Trotz, Wut, Entsetzen): starre! starre! Ich!\nSie (reglos tonlos wendet klagend): Mich! Mich\nEr (starrt, schlägt die Hände vors Gesicht, schüt-\ntert, reckt, starrt)\nSie: Deine Tochter\nEr (lahmt)\nS i e (haucht): Deine!\nE r (weht): o Mich! o Mich!\nSie (harrt): Dich!\nE r (klanglos, tonlos): Mäch (bricht auf) Ich kann\nwas ich will, ich will was ich kann. Ich muß was\nich will (legt die Faust auf den Hebel)"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7148, "texte": "Sie (hält die Hand): Du!\nEr (rast, Wut): Du!\nSie (mahnt hart): Du!\nEr (maßlos): Du? Wer bist Du? bist Du?\nSie (schlittert, stärkt fest): ich\nEr (unband): Dich! Dich!\nSie (schüttert furchtbar, wankt, hält krampfhaft\nseine Hände)\nE r (höhnt in gelles Lachen und ringt mit Ihr)\nS i e (wankt, hält krampfhaft die Hände, Entsetzen,\nGrausen, Weh): Die Hände, Hände, deine Hände\nEr (gellt in reckes Lachen): 0 meine, meine Mich!\n(reißt los, wendet zu den Instrumenten, hantiert)\nso ward ich einsam (fährt um in furchtbarem\nAusbruch): ich! ich!\nE r (maßlos zu ihr): Du ohne mich! Du ohne Dich!\nDu ohne ich!!\nSie (will sprechen, zerflattert, stürzt zu Boden,\nkauert den Kopf zur Erde geschüttert, stammelt):\nDu!\nE r (fährt hoch, horcht auf, stutzt, reckt in gewalti-\nges Lachen, weist ab, roh, wild, rase): Du!\n(stößt den Fuß, bricht das Wimmern zu Boden,\nwirft mit gewaltiger Aufregung den Hebel her-\nunter, jubelt, siegt)\nICH!\nSchreie (flirren schwirren türmen bergen\nhäufen pressen sticken zittern strecken ster-\nben flirren)\nBrausen Sausen Donnern Beben\nAbgrund\nRasen\nNacht\nIV\nHallen stahlen\nSterne baden den Weltraum\nEr (steigt aus der Tiefe): Ich und Euch!\nDie drei Strahler (demütige Anbetung)\nEr (Hoheit): ich und Euch!\nS i e (hinter ihm die Hände gekrampft)\nDie Strahler: Du!\nEr (staunt nach Ihr)\nS i e (Blick in Fernen)\nDie Strahler: Gott!\nE r (in Fernen)\nDie Strahler (Anbetung): Strahlen!\nSchweigen\nDie Strahler (streuen Strahlen)\nEr (Hoheit)\nDie Strahler: Dir!\nEr (Ruhe schöpferisch): Wir! Die Strahlen füllen\nmeine Hand (hält die flache Hand)\nDie Strahler (scheu): Dir!\nEr: Meine Strahlen!\nDie Strahler (Scheu): Schöpfer! Schöpfer!\nEr (sturmgeschüttelt)\nStrahler (im Staube): Strahler!\nStrahler (im Staube): Schöpfer!\nStrahler (im Staube) All!\nEr (steinern schwer): All! Erschaffen! Bären!\n(stummt, krampft die Faust) Bären (sinnt,\nkämpft, sinnt, quält) (schüttelt die Faust) Bären!\nStrahler (im Staube): zehres Lüsten\nStrahler (im Beben): sterbe Liebe\nEr (horcht)\nStrahler (im Schauern): mich bar Gebet\nE r (spannt)\nSie (hebt die Hände in Erkennen): o Ihr o Ihr o\nIhr!\nEr (schrickt nach ihr) (reckt versunken haucht):\nWir!\nDie Strahler (streuen Strahlen): wir strahlen\nEr (in Fernen): Strahlen\nStrahler (im Staube): Der Himmel barst\nEr (spannt)\nStrahler (in Beben): Die Erde bebte\nEr (spannt)\nStrahler (in Schauern): das Strahlen räumte\nE r (in höchster Spannung\"): Strahlen Strahlen\nmeine Strahlen\nDie Strahler (im Staube zittern) (Anbetung):\nDu nahmst uns in Dein Paradies!\nEr (in Fernen): meine Strahlen\nStrahler (sprengen auf schwenken Strahlen):\nStrahlen! Strahlen!\nSterne (tauchen den Raum, weben, flammen,\nweiben, armen, klingen, singen, tönen, jubeln)\nTanzen\nStrahler (packt und armt und schleudert,\nschleudert, packt und armt, packt und armt und\nschleudert)\nStrahler (armt und tanzt und lacht, lacht und\narmt und tanzt, armt und tanzt und lacht)\nStrahler (armt und küßt und reigt, reigt und\nküßt und armt, armt und küßt)\nE r (aus Fernen)\nSie (krampft die Hände vor die Brust)\nReigen (jubelt): Licht und Licht und Licht und\nLicht und Licht und Licht und Licht\nEr (erwacht, reckt, lacht, greift und hascht):\nMeine Meine Mich\nSchrecken Aengsten Weichen\nFlie h e n\nE r (hascht und hascht): Mich Mich\nWeichen: Dunkel Dunkel Nachten Dunkel\nEr (hascht und geht und stört): Mich!\nSchrecken (kreischt): Nachten Dunkel\nKreischen (taucht zertaucht)\nE r (preßt den Kopf)\nLeere (stahlt)\nStrahler (stampft)\nStrahler (starrt)\nStrahler (schluchzt)\nDie Strahler (klagen): Licht und Licht und\nDunkel\nE r (steht Starre)\nDie Strahler (beten): Lichter! Lichter! :\nEr (fern): Blende! Blende!\nDie Strahler (Zittern): Strahler! Strahler!\nEr: Dunkel!\nDie Strahler (flehen): Strahler! Strahler!\n(werfen Strahlen in den Raum)\nEr (richtet hoch): strahlet! strahlet!\nDie Strahler (werfen Strahlen, flehen): Strah-\nler! Strahler! Schöpfer!\nEr (Hoheit): Ihr strahlt! Strahlet!\nDie Strahler (immer dringlicher): Strahler!\nStrahle! Schöpfer! Gott!\nE r (Hoheit): Meine Strahlen\nt)ie Strahler (werfen Strahlen): Heller! Lichter!\nDu! Dich! Wir!\nE r (hält geblendet die Hand vor die Augen) Ihr!\nStrahler (verwirrt, verstört): Strahler! Strah-\nler! Deine Strahlen! Wir!\nE r (tritt zwischen die Strahler, die Hand vor den\ngeblendeten Augen, packt wirft)\nStrahler (stürzen, springen auf, weichen, wer-\nfen Strahlen): Steahlen, Strahlen! Unsere\nStrahlen! Unsere Strahlen!\nStrahler (Empörung vor Ihm, schleudert Strah-\nlen) : Wir!\nStrahler: Wir!\nStrahler: Wir!\nEr (geblendet wirr tastet schreit): Ich\nStrahler (Hohn wirft Strahlen): Wir!\nEr (tastet um, reckt gewaltig die Hand in den\nRaum): Ich!\nDie Strahler (hohnlachen schleudern): Unsere\nStrahlen! Wir!\nEr (ohne Rühren): Ich!\nEin Schatten (wälzt den Raum)\nEr (hoch stark, eine Hand über den Augen, eine\nHand in den Raum): Erde!\nDie Erde (rollt dämmert)\nS i e (tritt neben Ihn)\nE r (nimmt die Hand von den Augen schaut auf in\nSchauern flüstert): Ich\nDie Strahler (schmettern, Zittern, Schrecken,\nBeben, Furcht, Anbetung): Erde Erde Erde Erde\nErde Erde!\nE r (tastet blind)\nS i e (legt den Arm um)\nDie Strahler (schnellen hoch in Zorn Wut\nHaß): Erde! Erde! Schlacker! Schlacker!\nStrahler: Du barst den Himmel\nStrahler: Du brachst das Licht!\nStrahler: Du schlacktest unsere Erde\nDie Strahler: Ede! Erde!\nE r (fern sucht): meine Strahlen\nDie Strahler (dringen ein): Schlacker! Schlak-\nker! Wir\nE r (tastet nach Ihr Hilfe): Du!\nSie (nimmt steine Hand): Du!\nDer Weltraum (graunt): Du!\n*\nDie Strahler (stutzen, horchen)\nDeer Weltraum (graunt): Du!\nDie Strahler (lauschen, schauen)\nSie (tastet ihn zur Tiefe)\nDer Weltraum (raunt): Du!\nE r und S i e (tauchen Tiefe)\nDer Weltraum (graut): Du!\nE r und S i e (tiefen)\nDer Weltraum (hellt): Du!\nEr und Sie (versinken)\nDer Weltraum (lichtet): Du! (stahlt) Du!\n(strahlt): Du! (blendet): Du\nSterne (flirren, weiben, reigen, choren, tönen,\njubeln): Du! Du! Du! Du!\nDie Strahler (stürzen, starren, hüllen, ducken,\nknieen, lauschen, staunen, zittern, horchen)\nReig,en (vor und um die Strahler jubelt): Du!\nDu! Dich! Du! Wir! Sohn!\nDie, Strahler (schnellen hoch)\nReigen (Jubel): Sohn! Sohn! Sohn! Sohn!\nStrahler (hebt die Hände hoch, Jubel): Sohn!\nSohn!\nTaumel, Reigen, Tanz: Sohn\nDie Erde (taucht den Raum hoch, lichtdurchflutet)\nE r und S i e (aufrecht Hand in Hand)\nReigen (stockt erstarrt)\nSchauen\nStummen\nSchweigen\nDie rolle Erde (weht)\nEr (blindet, hebt die Hand haucht): fruchtbar\nDer Welthauch (flüstert): fruchtbar (tönt)\nfruchtbar (tönt) fruchtbar (schreit) fruchtbar\n(braust) fruchtbar (flucht) fruchtbar\nBrausen Rollen Donnern\nDie Erde (schlingt den Raum)\nDie Strahler (Zittern, Beben)\nDer Reigen (Zittern Beben)\nDer Reigen (weint, zerweint, flattert, schleicht,\nzerschl eicht)\nDie Strahler (heben auf, Scheu, Furcht,\nSchauen)\nStrahler (schauert, bebt Entsetzen): fluchen\nStrahler: fluchen\nStrahler (zittert): fluchen\nSchauen (der Erde nach)\nStrahler (kauert auf): Erde Erde\nStrahler (kauert): Erde\nStrahler (kauert, zittert, schauert): Erde!\nDie Strahler (stehen zaghaft auf, schauen)\nStrahler (sinnt): Tränen\nStrahler (stimmt bei): große Tränen\nStrahler: Weinen räumt\nStrahler (stampft unwillig Verachtung): Weib-\nsohn! Du!\nKlagen? (matt im Raum): Sohn\nKlingen: Sohn\nSingen: Sohn"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6790, "texte": "Jauchzen: Sohn\nKlingen: Sohn\nWehen: Sohn\nStummen: Sohn\nStrahler (hebt die Hände, Jubel, Trotz): Sohn!\nMein Sohn!\nSchweigen Schauen\nStrahler (schaut): Sterne\nStrahler (schaut): Sterne\nStrahler (Beben in sich): Sterne\nDie- Strahler (schauen): Sterne!\nDie Strahler (dämmern): Sterne!\nDie S 11* ahle r (ahnen): Sterne!\nDie Strahler (schluchzen auf, hüllen das Haupt,\nschreiten in Beben, Ohnmacht, Trotz): Wir!\nSchreiten Sterne Sterne Strahlen Strahlen Sterne\nAufschrei: Sohn\nAuf gell: Ich!\nV\nEise Erde. Dorf\nE r (an ihrer Hand tastet den Stab)\nE r (tastet Sie): Du?\nSie (ruhig weich): Ich\nEr (befriedigt): ich! (sitzt erschöpft am Wege)\nS i e (sitzt)\nEr (streicht das Gesicht): Dunkel\nSie (ruhig): Sterne\nEr (sinnt Sinnen): Sterne?\nEr (schauert): kalt\nSie (ruhig): Sterne\nEr (sinnt): Sterne? (sinnt, quält) Sterne?\nS i e (nimmt weich seine Hand)\nE r (zärtlich): Hände\nS i e (zuckt in Erinnerung)\nEr (küßt die Hände)\nS i e (reglos)\nEr (weich): Ich\nSie (weich): Ich\nKind (stapft Schnee am Dorfeingang, steht,\nschaut)\nE r (wendet den Kopf, horcht)\nSie (wendet den Kopf)\nEr\nSie: Kind\nEr (horcht): Kind?\nKind (zagt näher, steht, betrachtet)\nEr (tastet, spürt): Du?\nKind (tritt zurück): ich\nEr (hält die Hand): ich?\nKind: nein\nEr (hält die Hand): Du?\nKnabe (am Dorfeingang): Du?! (stutzt, läuft zum\nMädchen, steht und schaut)\nEr: Du?\nMädchen Knabe (lachen sich an, verlegen):\nwir?\nEr: ihr?\nMädch e n Knabe: wir\nEr (ungeduldig): ihr?!\nSchweigen\nE r (zu Ihr): wer?\nSie: Kinder\nE r (sinnt): Kinder\nKnabe (prahlt): Unser Vater ist gestorben\nEr (sinnt): Vater?\nKnabe: als er starb, da ist die Erde gestorben\nE r (sinnt): Erde? !\nMädchen (blaß weiß und schmerzlich wichtig):\nkalt (stolz) vorher war warm licht (besinnt)\nblühen\nEr (sinnt): blühen\nSchweigen\nEr (ruhig) (bestimmt schließt ab): ich sehe nichts\nKinder (lachen laut)\nE r (zuckt)\nMädche n: Du bist blind!\nE r (zuckt)\nKnabe (prüft): ja blind\nSie (legt die Hand auf seinen Arm)\nWeib (am Dorfeingang sucht und ruft und sucht):\nIhr Ihr! (eilt zu den Kindern, schilt) ihr! (reißt\ndie Hände)\nKnabe: Nicht wahr? Unser Vater ist gestorben?\nWeib (zerrt fort, roh): Euer Vater!\nKinder (heulen)\nMädchen (am Dorfeingang): der Mann ist blind\nWeib (stutzt und blickt zurück): ha?! (zerrt in\ndas Dorf)\nEr (kauert in sich): blind?!\nS ie (weich die Hand auf seinem Arm): wir sehen!\nsehen!\nWeiber Krüppel Greise\nKinder (vom Dorfe her): wo wo? (stehen vor\nIhm und Ihr): o\nEr (tastet): Kinder?\nSie (faßt seinen Arm erfreut): Du erinnerst?\nErwachsene: wer seid ihr? seid ihr?\nSie: wir ? j\nWeiber (frech, roh): Ihr? Ihr?\nEr: Kinder?\nWeiber: Wie?! \\\nSie: wir\nWeiber (drängend): Ihr?\nKinder (frech): Ihr?\nSie (ruhig): weit weit!\nKinder (drängen): weit?\nSie (nickt ruhig): von den Sternen\nDurcheinande r: wat? wer? wie? die? wat\nsagt Sterne? Sterne?\nKinder (trotzig): unsere Väter sind bei den\nSternen! Väter! Unsere!\nKind: Du hast unsere Väter gesehen?\nEr (lächelt): Väter\nKnirps (Knabe): Hä! blind! dä ikann jä nich\nsehen! hä!\nGelächter: hä\nEr (sinnt): Väter!\nKinder (drängeln): Unsere Väter?\nKnirps (Mädchen): (drängelt vor stottert schul-\nweis): Väter unsere Väter (im Redefluß mit ge-\nfaltenen Händen): Es war ein Vater unser Vater\nder könnt mehr als Menschen brannte die Sterne\nstrahlte alle Erde aus\nE r (horcht immer stärker auf und spannt)\nS i e (unbeweglich)\nKnirps: und fuhr und fuhr den Himmel durch in\nFlammen und sucht das Paradies das Paradies\nund wenn er heimkehrt wird die Erde wieder\nglühen und Lichter strahlen und Blumen blühen\nund ich und du und dich und mich und ihr und\nwir sind eins m Ewigkeit Ewigkeit Amen\nE r (aufgerichtet hoch, glücklich, verklärt, lacht) O\ndie Väter! Väter!\nErwachsene Kinder: Väter!\nS i e (steht auf)\nEr (hebt die Arme): o Ihr o Wir o Mich o Ich!\nDurcheinander: der! der!\nPfaffe (aus dem Dorfe): Wer ist der Mann?\nDurcheinander: Er kommt von den Sternen\nvon den Vätern! Unsere Väter!\nEr (seherisch verklärt): lieh bin euer Vater!\nS i e (legt den Arm um Ihn)\nAufschrei: Vater! Vater!\nNiederknien (Ehrfurcht Anbetung)\nPfaffe (aufrecht, kalt): der Narr ist blind!\nEr Wir (faßt seinen Kopf): Die Stimme!\nSie: Du erinnern!\nEr: ich kenne den Klang\nSie (glücklich schmiegt): o du erinnerst\nPfaffe (Hohn): ich eines Weibes Sohn!\nEr (schlägt die Stirn reckt in Lachen): Du! Dich!\nmich! ihr! o wir\nPfaffe (wild, außer sich): fort die Kinder! fort\ndie Kinder! fort die Kinder! Toren Toren er läs-\ntert uns! er lästert unsere Sterne! Gott!\nAufstehen (stumm scheu)\nKnirps: es war einmal ein Vater\nPfaffe (schlägt dazwischen): wer lehrt euch die-\nsen Unsinn?\nKinder (stieben heulen): Mich lehrt. Mich o\nMich!\nPfaffe (jagt wütend): Mich o Mich!\nEr (außer sich die Hände in den Lüften): Mich! o\nMich! Mich! o Mich?\nKnabe (springt trotzig vor Ihn): Mein Vater ist\nein König!\nKnabe (trotzig): Mein Vater ist ein Herr!\nKnabe (trotzig): Mein Vater macht die Erde\nblühen\nPfaffe (wütet): fort! Ihr! fort!\nWeiber (zerren die Knaben): Eure Väter waren\nLumpen!\nKinder (heulen): König\nWeiber: Lumpen!\nKinder (heulen): Herren\nWeiber: Lumpen!\nKinder (heulen): Strahlen\nWeiber (lachen Hohn): die kahle Erde! kahle\nErde! (und zerren) Euch! Ihr! Uns!\nPfaffe (vor ihm): Bettler! Narr!\nDurcheinander: Bettler! Narr!\nE r (reckt gewaltig)\nAlle (weichen zurück)\nE r (lacht in Erkenntnis, glücklich, weich und faltet\ndie Hände): Vater! Ich! Vater!\nKnirps (Knabe) (springt vor, lacht dünn, höhnt):\nVater! (hebt Stein) Du! (wirft)\nE r (faßt die Stirn, taumelt)\nS i e (fängt Ihn in den Armen)\nVerstummen Entseitzen Aufschrei\nWeib (springt vor, nimmt den Knirps beim Kra-\ngen und verprügelt ihn)\nAlle (Flucht zum Dorf)\nPfaffe (als Letzter, schaut zurück)/ schüttelt\nGrimm den Kopf, stapft ins Dorf\nS i e (sitzt)\nEr (legt zurück, den Kopf in Ihren Schoß): Mich o\nMich\nSie (beugt über Ihn, legt die Hand auf Seine Stirn)\nEr (legt zurück): Dein Schoß\nSie (beugt über Ihn): Ich\nEr (flüstert): Ich! Vater! Ich! (reckt auf) (gewal-\ntig ruft frohlockt) ICH!!!\nEcho (stürmt und füllt die Leere): Ich!\nEr (fällt in Ihren Schoß)\nS i e (prüft, hebt den Kopf in Urschmerz und deckt\ndie Hand über die Augen)\nMich (mit Verbandszeug lächelnd inmitten plap-\npernder Kinder)\nKinder (durcheinander): blind! der werfe\nJunge! o! Vater!\nMich (beugt über Ihn): o\nKinder (knien bestürzt): 000\nMich (über Ihm): ja es könnte wohl der Vater\nsein!\nK i n d e r (beugen zur Erde, beten scheu): Vater\nVater!\nS i e (nimmt die Hand von den Augen und schaut\num)\nM i c h (blickt auf)\nSie: Ich\nMich (erkennt): Mich (bricht zusammen und legt\nden Kopf über Ihn und Ihren Schoß)\nSie (legt die Hände auf Beide tonlos weich): Ich!\nKinder (blicken auf, zagen hoch, schleichen\nscheu den Blick zurück)\nKnabe (stößt das Mädchen): Du!\nMädchen (pufft zurück): Du!\nKnabe (pufft): Ich!\nMädchen (pufft zurück): Dich!\nKnaben (puffen): ihr\nMädc h e 11 (wehren): wir\nKnaben (puffen): wir gehn alle zu Vätern! wir\nwir!"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 334, "texte": "Mädchen (puffen zurück höhnen): Ihr! 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Er verfolgte den\nSchatten, träumend: „Dich kenn ich, oh, wir haben\nnns schon gesehen.\" Die Haare der Gestalt wur-\nden von dem Märzenwind lang und wagerecht\nausgezogen, sanft lief sie und bewegte kaum die\nFüße und die Arme, als wäre sie mit Bändern um-\nwickelt. Sie mußte von der Gegend der Fähre her-\nkommen; über das dünne Grün der Wiese lief sie\ngleichmäßig wie aufrechter Rauch. Sie floß über\nden Bühlbach; er suchte lange, bis er eine schmale\nStelle fand. In weiten Sätzen machte er sich hin-\nter ihr her. An der Holzbriicke vor dem Dorf\ndrehte sie sich, rechts, links. Da hatte er sie aus\nden Augen verloren.\nDicht am Eingang zu Bliesschweien, dem Dorf,\nwehte das Fähnchen vom Wirtshaus. Da trank\nJohann Völker in der niedrigen langen Stube ein\nGlas gelben Saarwein. Und als er eine viertel\nStunde am Kieferntisch gekauzt hatte, kam ein\nscheues, bäurisch gekleidetes Mädchen ohne Hut\nzur Tür herein, das einen Eimer und ein Tablett\nmit leeren Weiukaraffen trug. Sie bewegte sich,\nals sie den Eimer neben dem Schenktisch abge-\nsetzt hatte, blaß und erschrocken zwischen den\ndicht belagerten Tischen herum, warf die Augen\nauf Johann. Er fragte sie, indem er das leere Glas\nvon sich schob, ob sie mit ihm trinken wolle und\nwarum sie so erschrocken sei. Ach, lächelte sie,\ndas sei nur, weil er eine blaue Mütze trüge, die\nstünde ihm so gut, darüber habe sie sich gefreut.\nAber warum sie denn jetzt Wein trinken solle, da\nsie doch gar keinen Durst hätte. „Wir wollen zu-\nsammen essen1\", schlug Johann mit der Faust auf\ndie Holzplatte, da er das Mädchen immer schöner\nfand. Aber sie zwinkerte mit den Augen, kniff ein\nverschmitztes Grübchen in die Wange, kicherte\nganz hoch in der Kehle mit geschlossenen Lippen,\nließ ihre Karaffen füllen.\nJohann blieb die Nacht über in dem fremden\nWirtshaus. Tags darauf und öfter begegnete er\ndem Mädchen mit dem Eimer; sie war die Toch-\nter des Schmiedes Lieweniren und hieß Kätti. Er\nwanderte mit seiner blauen Mütze, in dem jungen\nebenmäßigen Gesicht die randlose Brille, an den\ndünnen langen Beinen Radfahrhosen und braune\nSegeltuchschuhe, wanderte zwischen der Schmiede\nund der Schenke des Nikolaus Schlöser her und\nhin. Sie freuten sich miteinander den ganzen Som-\nmer. Sein Vater wußte nicht, wo er hauste, glaubte,\nJohann hätte eine Reise wieder über den Ozean\nauf einem Frachtdampfer oder auf einem Segel-\nschiff angetreten.\nIm August quartierten sich vier lustige Herren\naus Trier beim Nikolaus Schlöser ein. Mit denen\nritt Johann auf die Hühnerjagd; sie knallten den\nhalben Tag über, abends warfen sie sich in der\nLaube neben der Bliesbrücke auf den Rasen, stie-\nßen den Gartentisch um, pflanzten eine brennende\nKerze in die Erde und spielten Karten, bis die Hüh-\nner krähten. Kätti hörte nichts von Johann. Feine\nMädchen brachten die Trierer Herren manchmal\nin die Laube und zum Schlöser. Johanns Gesicht\nwurde vom Trinken und Lumpen dick. Statt der\nleichten Füße in Segeltuchschuhen scharrten die\nLatschen eines kleinen Jungen zur Schmiede her-\nüber; er brachte Grüße und ein Bündel Rosen von\nHerrn Johann Völker.\nAber sie war schlauer als er hinter seiner glä-\nsernen Brille. Sie ging in die Honoratiorenstube,\nwenn die fremden Weiber mitpokulierten, sangen\nund kreischten, ließ sich verschämt bei der Hand\nfassen, ihre hochausgeschnittenen Augen wander-\nten; den Fingern, die nach ihren Zöpfen tasteten,\nwich sie aus; sie sich dem schmunzelnden\nJohann, zwischen Tischkante und Stuhl sich ein-\nzwängend, brustangeschmiegt auf den Schoß. Und\nals sie ihn mit der Eitelkeit gefangen hatte, kicherte\nsie eines lärmenden Abends, während er im Kor-\nridor ihren Kopf nehmen wollte: „Guten Tag, Jo-\nhann, lebwohl\", hing sich an den Arm des spitz-\nbärtigen Jägers aus Trier der eben in grünen\nWickelgamaschen, geschniegelt, gescheitelt, keck\naus seiner Stube spazierte und im Vorüberziehen,\nelegant fußscharrend, Johann mit einem Finger auf\ndie zuckende Schulter tippte. Das war an einem\nSonntag. Karl Völkers Sohn vergaß den Tag nicht.\nUnd im Moment, wo sie vorüber waren, fühlte er\neinen Zwang, aus dem Flufienster nach der Brücke\nhinzusehen, und wie er sich abwandte und nach\nunten vor die Haustür blickte, da hatte sich die\nLiewennen, — im sauber gewaschenen weißen\nKleidchen hüpfte sie hinter einer kleiderrauschen-\nden Dame in das Kabriolet, — da hatte sich die\nLiewennen verändert. Ueber ihrem gebügelten\nRock lag es; der Rock dampfte; streifig, der Länge\nnach war er tausendfach gefältet; von dem rosen-\nblumigen Hut, den sie sich eben weit in den Nacken\nstülpte, goß sich ein Staub, ein feiner Ruß, der um\nihre Schultern schwälte.\nJohann verließ seine Stube nicht; eine höllische\nWut und Raserei nahm ihn gefangen. Er berührte\nkeine Flinte; die Karten, die man mit rotem Wein\nbegossen zu ihm hinaufschickte, streute er auf den\nFlur vor die Stube der vier. Dann machte er sich\nverbissen hinter die Schmiedstochter. Er sah, er\nübersah dieses Flüssige, Dünne, Zittrige, das sie\numgab, das aus ihren Kleidern, von ihrem freude-\nvollen Gesicht wie der Dunst aus warmem Was-\nser aufstieg. Es beunruhigte ihn nicht. Er brütete,\nwar der Spürhund hinter ihr, haßte sie. Aber so\noft er sich auch in seiner Stube einschloß und den\nFederhalter zur Hand nahm, er konnte sich nicht\nentschließen, dem alten Karl Völker im Hessischen\nzu schreiben, daß man mit der Schiffahrt mal ein\nEnde machen müsse; im Mittelmeer sei es jetzt\nsehr heiß, sein Kapitän' wolle nach Rumänien, um\nPetroleum zu laden, und das könne er nicht mehr\nriechen. Er kaufte sich einen grünen Jägerhut, ließ\nsich die Haare bis auf den Wirbel scheren, frech\nwuchs auf seiner Lippe ein blondes Schnurrbärt-\nchen. So ritt er und schlampte wieder mit den\nTrierern, den wilden Vögeln. Seine schlanken: Ren-\nnerbeine zitterten und wackelten wie einem Greis,\nwenn sie Arm in Arm auf den finsteren Kuckucks-\nberg seitlich von Ransbach schlenderten und\nSpeere warfen nach einer angebundenen schnee-\nweißen Geiß, die ängstlich mäckerte, Blut spritzte,\nunter Gebrüll zertreten wurde. „Aas!\" keifte Han-\nnes Völker heiser, zog sich die rotbefleckten\nSchuhe aus und hackte tobend dem verreckenden\nVieh rechts und links in das Maul, auf die Zähne;\nGras und Erde stopfte er in den Schlund hinzu,\nwährend die anderen vier ihre Eisenstäbe gegen\ndie entzündeten übernächtigen Larven drückten\nund vor Lachen den Buckel krümmten.\nDes Schmiedes Liewennen Kätti mied das\nWirtshaus; der Curator habe wegen ihrer Eitelkeit\nmit ihr gesprochen. Aber das stillte seine Wut\nnicht. Im bäurisch weiten Rock, mit berußter arm-\nloser Taille trug sie ihrem Vater vom Brunnen die\nWassereimer Tag um Tag; schon wurden die Blät-\nter an den Bäumen bunt; warm und traurig hielt\nsie das Gesicht gesenkt, wenn der lange Hesse ihr\nüber den Weg stolperte. Wenn sie lief und die\nEimer schwappten1 über, sah er ihr nach, und da\nliefen doch zwei. Warnend lief es, gedoppelt,\nmachte ihn eine Minute stumm. Zweimal waren es\nzwei bloße Arme, zweimal schoben sich zwei Füße\neng nebeneinander vor; ihr Kopf hatte hinten dicke\nfestgesteckte und bebänderte Flechten, der andere\nwar glatt, er schwankte bald rückwärts bald seit-\nwärts von ihrem, und wenn sie ihren auf die Brust\nlegte, so stand der andere dünn in der Luft da,\ngegen dunkle Baumstämme hob er sich hell ab; so\nglattgestrichen war er von allen Seiten. Sie blieb\neines Mittags, ohne die Eimer abzusetzen, vor dem\nDenkmal des heiligen Quirin auf dem Dorfplatz\nstehen neben ihm und flüsterte rasch, das schräge\nHütchen kleide ihn nicht gut, er solle sich die Haare\nwachsen lassen und die blaue Mütze aufsetzen. Jo-\nhann schnalzte verächtlich mit der Zunge, daß es\nüber den Platz knallte, schleuderte mit einem stol-\nzen „Juhu\" das Hütchen an der Krämpe in die Luft\nund fing es auf, während er ein Bein hochzog und\nwie ein Storch auf einer Spitze stand. Die Eimer\nschlugen ihr gegen die Hacken, das Wasser spritzte\ngegen ihren Rock, rasch lief sie davon.\nUnd eines Sonntags fuhr ein Wandertheater\nauf den Marktplatz vor das Gemeindehaus mit drei\ngrünen Wagen, schlug seine Bretterbude seitlich\nvom heiligen Quirin auf. Da brachte der ge-\nschminkte Ausläufer des Direktors dem Hessen ein\nBillet, das habe, so erwähnte er mit graziösem Hin-\nund Herwinden und süßem Gurgeln vor dem Her-\nausgehen, eine bekannte unbekannte Person' be-\nzahlt, beglichen, honoriert. Das Schicksal der Kai-\nserin Dorothes von Byzanz würde nach dem Got-\ntesdienst die Bewohner von Bliesschweien er-\nschüttern, auch viele Nachbarorte seien voll Teil-\nnahme, kein Auge würde tränenleer bleiben. .\nDer Hesse nahm ein rotes Taschentuch und\nlegte es auf seinen Platz, die erste Bank vor der\nBühne, stellte sich an sein Fenster, um das rote\nTaschentuch und den Nachbarplatz zu beobachten.\nNun sollte die Liewennen, die Liewennen betraft\nwerden für ihren Verrat. Das Theater begann. An\ndem Haustor des Bäckers, im Schatten, spielte\nKätti mit den Kindern, in ihrem weißen bauschigen\nKleid; sie warf von Minute zu Minute einen Blick\ngegen das Seil am Denkmal, wo die Billetabneh-\nmerin auf einem Stuhl schlief. Dreiviertel des\nStücks waren zu Ende, längst ging keiner durch die\nBilletsperre, schon wanderten ältere Leute zurück,\num noch vor Nacht ihre Dörfer zu erreichen oder\nsich einen Platz in der Schänke zu sichern. Die\nLiewennen kletterte auf den kleinen Tritt, lugte\nvorgebeugt, an der mörtelstreuenden Wand sich\nhaltend, über das leinwandumspannte Carre; ganz\nleer die erste Bank, aber auf einem Platz sorgfältig\nhingebreitet ein rotes Taschentuch.\nSie fühlte einen Stich im Herz, vorsichtig, blaß\nstieg sie den Tritt herunter, dann rasch zum Seil\nüber den leeren heißen Plaß, sie scheuchte die\nKinder zurück, die weinten und mit hineinwollten;\ngleich wäre sie wieder da. Das Gedränge im Gang;\n„ach, bitt Euch, mein Platz ist vorne, laßt mich\ndurch\" Nun saß sie vorn, drückte zitternd das\nTuch gegen ihre weiße Bluse, wagte nicht, von\nallen Seiten beobachtet, unter dem Rollen der Büh-\nnenrhetorik, den roten Stoff zu entfalten, das Zet-\ntelchen zu lesen, das wohl dring lag. Schon waren"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2820, "texte": "oben die vier Anstifter und Mörder der gottes-\nfürchtigen Kaiserin handelseins; wieder drängte ein\nEhepaar heraus. Die Liewennen, glühend, kopfge-\nduckt, schob sich hinter sie, wie ein Hähnchen un-\nter die Flügel der Henne. Aufgeschreckt rückte die\nhutzlige verschlafene Frau, die Billetabnehmerin,\nmit dem Stuhl nach rechts. Die Liewennen rannte\nan den jauchzenden Kindern vorbei; „Kättchen\"\nriefen sie „komm her; hier sind wir ja, hier.\" In\ndie Blindgasse des Fuhrherrn Bell floh sie; Nichts\nin dem Taschentuch; ein blaues Zeichen I. V. Da\nknüllte sie es in dem kühlen Gang vor ihrem ge-\nspitzten Mund zusammen, weinte und hatte den\nWunsch, das Tuch sich über die Stirn, die Augen\nzu legen, über den Kopf zu breiten.\nPlötzlich hörten die Kinder auf zu kreischen.\nHinter ihr, neben ihr bewegte sich der verlumpte\nHesse in rosa Hemdsärmeln, hatte die Brille auf\ndie Stirn geschoben und stierte sie mit wasser-\nblauen Blicken über ihre Schulter an; sein Atem\nstrich an ihrem Hals entlang.\n„Für wen willst Du Dich mit meinem Taschen-\nbuch putzen?\"\nSie zuckte mit lautem Aufweinen nach dem\nroten Lappen auf ihrem Haar, stopfte ihn in ihren\nBrustausschnitt, hatte die Hände frei, tastete\nflehend nach seinem Aermel.\n„Wen willst Du mit meinem Taschentuch\nlocken?\"\nEs lag ihm nichts an ihr. Sie war ihm gleich-\ngiltig wie die abgebrochene Deichsel zu seinen\nFüßen. Er bedauerte sie, während er nach ihr griff.\nAls das Mädchen mit heißem Wimmern über ein\nRad in die Kniee stürzte, fuhr eine ungesehene\nHand vor seinen Hals, schnürte seinen Hemdkra-\ngein zusammen. Das Gespenst drängte sich, wäh-\nrend er torkelte, in seine leer rudernden, schlin-\ngenden Arme, mit roten Aederchen überzogen wie\nein angebrütetes Ei. Zwischen zwei Ställe schob\nIhn die bewegungslose, wie auf Rädern gleitende\nGestalt, rammte ihn gegen einen Pfosten. Er rang\nmit ihr keuchend, sie zu bewältigen, sie totzu-\nmachen, wegzuwischen. Als er ihren Kopf zwi-\nschen den Handtellern einspannte, wollte er ihr ins\nGesicht speien. Aber sie, ohne die Miene zu ver-\nziehen, machte langsam eine Bewegung von unten\nherauf mit beiden Mittelfingern, eine Bewegung,\ndie er nicht verstand, wiegte ihren Kopf aus seinen\nnachgebenden Händen rückwärts. Schamlos grinste\nsie lippenwulstend und kam näher. Sie strich dicht,\nNase an Nase mit ihm, kitzelnd unter sein Kinn,\nunter seine Achseln. Und ihr Gesicht, — er konnte\naufseufzend nicht sagen, wie es aussah. Es war\nIhm bekannt, so bekannt, so unheimlich vertraut.\nEr wollte, das Kinn andrückend, die gelähmten\nArme von ihrem Hals sinken lassen, da hatte er\ndicke Beulen auf der Stirn; seine Weste war auf-\ngerissen und es klatschte gegen seine Brust. An die\nHand faßte sie ihn und warf ihn mit einem Schwung\nherum, über die Beine der winselnden Liewennen,\ndurch das offene Tor, in den Pferdestall zwischen\ndie Pferde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c007", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "81", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.6", "titre_corps": "Gedieht", "titre_sommaire": "Gedieht", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.8", "debut_caractere": 2822, "fin_caractere_exclue": 3700, "texte": "Gedieht\n\nSophie van Leer\nIch kniee\nin grauen Kapellen\nund vor den Nischen\nin schützen Felsen\nwo vor deinem Bildnis,\nMaria,\nein Oellicht brennt\nin rotem Glas;\nwo Kränze welken\nHerzen aus Wachs\nund bunte Bilder\nIch beichte in düstren Domen\nund küsse,\nGekreuzigter,\ndeine Pein\nIch bette\n-t\ndein totes Haupt\n112,\nin meinen weinenden Schoß\nIch bete\nden summenden Sang\nin hallenden Klostergängen\nund falte die Finger\nder Mönche\nüber schwarzen Brevieren\nIch wandle Prozessionen;\nsingende Chorknaben\nmit Weihrauchbecken\nan schwanken Goldenketten;\nweiße Nonnen\nBrüder mit betenden Stirnen\nsilberne Heilande\nan schwarzen Kreuzen ausgespannt\nIch jauchze\nTürme in Sonnen\nund töne\nhallende Fliesen\nund kniee\ndie Altarstufen\nIch bin, der die heiligen Bücher schrieb\nich bin der Leidensweg\nund die weinenden Frauen\nIch bin der Freund\nder Richter\nder Verräter\nIch bin\nfür den er am Kreuze lebt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c008", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "81", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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[n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.7", "titre_corps": "Zwei Briefe", "titre_sommaire": "Zwei Briefe", "signature_source": "Alfred Döblin ; Ihr Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.8", "debut_caractere": 3702, "fin_caractere_exclue": 8314, "texte": "Zwei Briefe\nAlfred Döblin\n\nLieber Herr Knoblauch\nSaargemünd (Lothringen)\nVielen Dank für Ihr Buch, das sich gebunden\nso geschmackvoll macht.\nIch wollte Ihnen nicht eher schreiben, bis ich\ndurch das Buch wenigstens noch einmal ganz\ndurchgegangen war; stückweise kannte ich ja den\nRoman schon aus dem Abdruck; die letzten\nWochen brachten mir aber ein unerwartetes Ueber-\nmaß von Lazarettarbeit.\nDer Roman fesselte mich von Anfang bis zu\nEnde. Er ist garnicht lyrisch und poetisch, wie er\nmanchmal scheint, sondern streng, wissend; es ge-\nlingt ihm völlig, die reale nüchterne Szenerie und\ndas Geistige des Vortrags zu verschmelzen (ich\nhabe öfter darüber gestaunt und mit Vergnügen\nnoch ein- zweimal gelesen, wie Sie das gemacht\nhaben). Es ist bei allen Pathos eine völlig be-\nherrschte und sicher hingestelltel Arbeit. Sie geben\nniemals der Neigung des Stoffs, ins Tragikomische\nzu gleiten, nach; es ist nicht notwendig, daß man\ndiesen Stoff, wie Ibsen in der „Wildente\", zur Gro-\nteske werden und verderben läßt; Sie haben sich\nnicht zerfleischt, Ihr Ideal nicht an den Pranger\ngestellt, die „sittliche Forderung\" rutscht nicht in\ndie Hosentasche. Ja, wenn ich es richtig fasse; —\nIhr Buch erfreute mich und tönt in mir nach, weil\nes so entschieden menschliche Haltung hat und\nbehält.\nIch weiß nicht, wie alt diese Komposition ist\nIst sie jüngeren Datums, liegt sie weiter zurück?\nIch habe mich gewundert, daß ein Lyriker so glatt\nepisch komponieren und so entschlossen im Hand-\nlungsablauf fortschreiten kann. Sie werden im\nweiteren Verlauf Ihrer Produktionen! möglicher-\nweise — so sieht es aus und ist auch gut — noch\nmittelbarer schreiben; indirekt sein können ist ja\nder Vorzug des Epikers; aber vielleicht geht Ihr\nWeg anders, man kann vielleicht die Sache, noch\nganz anders machen. Sie schreiben viel unmittel-\nbarer als ich; ich versage mir jedes Wort, mit\nNeid seh ich auf die Freiheit des Lyrikers, der sich\nausspricht, ausfühlt; ich muß mich suchen in den\nGestalten, die in meinen Sachen vorkommen, sie\nscheinen mir bekannt, aber was ich mit ihnen zu\ntun habe, weiß ich nicht. Viele Wege scheinen auch\nda nach Rom zu führen. Nochmals: Ihr Buch ist\nschön, hat mich erfreut, ich werde es noch öfter\nlesen und anderen zu lesen geben.\nFreundliche Grüße Ihnen und Ihrer Frau Ge-\nmahlin\nLieber Herr Döblin\nSie haben in Ihrem wertvollen und mir teuren\nBrief, den Sie über mein kleines schwarzes Buch\nschickten, recht den Gegensatz zwischen Ihrer\nund meiner Art zu schreiben, geschildert,\nwenn ich Ihnen nun endlich darauf antworte,\nso geschieht das, weil ich glaube, auch\nvon meiner Seite zum Belege dieses Gegen-\nsatzes, den ich immer empfinde, Einiges aus-\nsprechen zu sollen. Wohlgemerkt, ist die inter-\nessantere Seite des Gegensatzes die Ihre, Sie\nsind verborgen, aber das Gewimmel des Lebens,\ndas Sie schildern, hält auch genug im Atem.\nEs ist sehr richtig, wenn Sie an meiner Art „das\nUnmittelbare\" hervorheben, und ich bin Ihnen zu\nallem Dank verpflichtet für Ihre freundschaftliche\nErwartung, daß ich auf diesem Wege unmittelba-\nren Ausdrucks fortschreiten, „die Sache auch ganz\nanders (nämlich nicht indirekt!) machen könnte\".\nSie sagen, daß Sie nicht wissen, was Sie mit\nIhren Gestalten zu tun haben, ich, der ich nicht\nrecht weiß, was ich mit dem Leben und den Ge-\nstalten draußen zu tun habe, ja die Atmosphäre\nihrer großen Ansammlungen zu meiden suche, bin\nnur imstande zu schreiben aus der großen Liebe\nheraus zu mindestens einer Gestalt oder lyrischen\nHelden-Erscheinung (welche aber immer mensch-\nlich sein muß, also weder Blume noch Tier oder\nGestirn). Dadurch bin ich natürlich ganz arm und\nnüchtern hinsichtlich des bewegten und interessan-\nten Lebens, um so inniger erstrahlt nun die Liebe\nder Gestalt, die mich erwählt hat.\nEs ist mein Verhältnis zu Gott, welches Aus-\ndruck findet in Brans Suchen, zu Frau Lise zu\nkommen. Mein Bangen ist aiuch in ihm enthalten,\nfehlzugehen im Gegenstand und Wert des Gesuch-\nten (das schauerliche Weltverlorensein!) Ein Ban-\ngen vor dem Leben gibt es nicht, vor dem Leben\ngilt seelenvolle Tapferkeit allein, aber Bangen emp-\nfinde ich vor dem Einzigen und Nackten, und vor\nder Einzigen bangt es so dem Knaben Bran. Im\nkleinsten, weltentlegenen Erleben wird zuweilen\neine Lehre unermeßlicher Erleuchtung erteilt, das\nDrama des Lebens hat nicht Zeit — noch Ortge-\nbundenheit, und keiner weiß, wann ihn die gewal-\ntige Flut ereüt.\nIch habe mein schwarzes Buch wohl schon\nseit sechs Jahren gearbeitet, gänzlich neu\ndenselben armen Stoff immer wieder umge-\nschrieben, und, entartet am deutschen Mangel von\nFormkraft und — Willen, blieb ich unfähig, das Er-"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1429, "texte": "lebte für die allgemeine Welt wirkend zu gestalten.\nSowenig es nütze ist, nur zu schreiben und nie zu\nleben, sowenig ist es nütze, zu erleben ohne zu ge-\nstalten, das Leben ohne die Kunstgestalten er-\nliegt derselben Wertlosigkeit wie der Wandel des\nStaubes und der Sterne.\nAllein, als ich begann, die Wunder der Malerei\nvon Kandinsky, vornehmlich aber Chagall zu erken-\nnen und den neuen ewigen Formiwillen ansah,\nwurde ich klar über das, was mir zu leisten ver-\ngönnt worden ist, und warum ich innerliche\nLeiden durchzumachen verpflichtet war. Schwere\nwortlose Inbrunst, religiöse Dankbarkeit führten\nmich hin zur großen Stilkunst unserer Tage, mit\nVerehrung beugte ich mich vor Franz Marc, an\nden großen Ausländern wurde ich sicher und heil\nin meiner preußischen heimatlichen Art.\nIch bin nicht mit Allem einverstanden, was ich\nüber die neue Kunst höre, nicht alles ist richtig.\nDer Streit der Kritiker, der mit wissenschaftlichen\nWaffen geführt werden muß, sterilisiert das Herz\nund stumpft dien Geist zur dünnen Abstraktion. Es\nist nicht meine Aufgabe, überreden zu sollen, nicht\neinmal durch noch so künstlerische Formen oder\nUebersteigerungen der Sprache, ich liebe und\nbin nackt! Wenn ich aber einen Mantel antue,\nso wird es das sternenbesäte und glückliche Kleid\nder vollendeten deutschen Sprache sein, in der\nKraft und Erleuchtung ihrer höchsten Zartheit und\nEinfachheit.\nMit herzlicher Dankbarkeit\n\nIhr Adolf Knoblauch"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c010", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "82", "page_fin": "83", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.8", "titre_corps": "Kinder, Kinder", "titre_sommaire": "Kinder, Kinder", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.9", "debut_caractere": 1431, "fin_caractere_exclue": 10574, "texte": "Kinder, Kinder\n\nF. Laesecke, der neue Lenbach\n„W ollen Sie mühelos und ohne\nKosten viel Geld verdienen? . ,Dann be-\ntreiben Sie den Verkauf von schönen, künstlerisch\nausgeführten Portät-Oelgemälden, die ich Ihnen in\näußerst naturgetreuer Ausführung sehr billig lie-\nfere. Ein nach einer kleinen Photographie ausge-\nführtes Oelgemälde liefere ich Ihnen für 12 Mark,\nfür dieses erhalten Sie mindestens 20—30 Mark.\nFür ein solches in Größe 40X50, das Sie von mir\nfür 18 M. erhalten, erzielen Sie 30—60 Mark. Die\nBilder werden so vorzüglich von akademisch ge-\nbildeten Künstlern ausgeführt, daß für eine spre-\nchende Aehnlichkeit Garantie geleistet werden\nkann, wenn die eingesandte Photogra-\nphie schön scharf ist. Meine Porträtbil-\nder sind genau so schön als solche auf Kunst-\nausstellungen.\" Herr Prof. Ernst Berger, der Mei-\nsterschüler des alten Lenbach hat gerade zur rech-\nten Zeit aufklärend gewirkt. Wenn die eingesandte\nPhotographie schön scharf ist, wird das zurückge-\nsandte Porträtbild scharf schön. Außerdem ist Herr\nLaesecke sehr billig, er läßt die vielen Nullen des\nHerrn Lenbach fort und seine Porträtbilder sind\ntrotzdem genau so schön, als solche auf Kunstaus-\nstellungen. Auch ist Laesecke nicht ehrgeizig: „Sie\nkönnen Ihren Namens auf jedes Ihrer Bilder schrei-\nben und damit einen großen Aufschwung Ihres\nGeschäftes herbeiführen, wie es viele Kollegen mit\ngroßem Erfolg getan haben. In der Schönheit der\nAusführung liegt mein großes Geschäft. Lassen Sie\nsich zunächst ein Probeblld machen, damit Sie\netwas zu zeigen haben, wenn Sie dann Ihr Bild\nrecht vielen Leuten zeigen, werden Sie schnell ins\nGeschäft kommen und sehr viel Geld damit verdie-\nnen\". Wenn das Bild in Staub zerfällt, bleibt der\ngroße Name nodh. Die Unterschrift ist echt. Und\nist etwas unterschrieben, ist das Geschäft richtig.\nDie Kollegen üben sich in Graphik und Laesecke\npaust für Alle. Wieviel Zeit hätten Lenbach und die\nanderen großen Namen gespart, wenn sie ihren\nLaesecke gehabt hätten. Womit nicht gesagt sein\nsoll, daß sie ihn vielleicht nicht gehabt haben. Die\nKünstler müssen so viel für ihren Namen tun, daß\nsie keine Pause machen können, um sich die Hände\nmit Oel zu beschmieren. Freilich war dam:ils die\ngroße Zeit, die Konjunktur für Oelgemälde noch\nnicht gekommen. Aber jetzt haben wir die große\nZeit: „Die Zeit für Anfertigung schöner Oelgemälde\nist jetzt besonders günstig, denn jeder Krieger läßt\nsich in Uniform photographiere,n und groß in Oel\nmalen, wenn es nicht zu teuer ist. Die gefallenen,\ntapferen Krieger müssen groß in Oel ge-\nmalt werden, um sie zu ehren und ein dau-\nerndes Andenken von ihnen zu haben. Intelligente\nWirte hängen den Kaiser, besonders groß in Oel\ngemalt, in ihre Lokale auf und wer einen großen\nZulauf von Gästen haben will, der hängt noch die\nGemälde der Heerführer (namentlich Hindenburg)\nan die Wände. Offizierskasinos schmük-\nken ihre Räume mit solchen Bil-\ndern. Auch in Aulas von Schulen,\nSitzungssälen und vielen anderen Räumen,\nwerden solche Bilder begehrt.\" Wenn\nman auf die Intelligenz der Wirte spekuliert, wer-\nden die Gäste sicher ihr Geld los. In Offizierskasi-\nnos sollte man allerdings derartige Bilder etwas\nniedriger hängen. Für sprechende Aehnlichkeit\nwird Garantie geleistet: „Bei Bestellung ist anzu-\ngeben, die Farbe der Haare, ob besonders hell, mit-\ntel- oder dunkelblond, hell, mittel- oder dunkel-\nbraun, schwarz oder tiefschwarz, die Farbe der\nAugen. Gesichtsfarbe, ob blaß, hell, mittel, ge-\nbräunt, rötlich oder besonders rote Wangen und\ndie Farbe der Kleidung. Diese genauen Angaben\nsind besonders wichtig\". Die Herrschaften werden\nsich alle verzweifelt ähnlich sehen, aber Menschen\nsind wir alle. „Senden Sie mir gleich ein schönes\nBild zum Malen ein, denn jeder Tag bringt Geld.\nVom Kaiser oder sonst bekannten Personen brau-\nchen Sie keine Photographie zu senden. Diese\nBilder haben denselben Preis.\" Die müßten eigent-\nlich billiger sein, denn sie werden in Partien ge-\nmalt. „Sie können nach Photographien oder ande-\nren Bildern auch Landschaften, Gruppen- und\nKriegsbilder in großer Ausführung zu Wanddekora-\ntionen haben' zum Aufspannen oder Einkleben.\nUngefährer Preis in reicher Ausführung per Qua-\ndratmeter 30 M. Einfache billiger.\" Die reiche Aus-\nführung braucht man nur bei besonders roten\nWangen. Aber der Anstrich ist wirklich nicht\nteuer. Herr Laesecke hat auch viele Gutachten\n„viele unverlangte Belobigungen\". Zum Beispiel:\n„Da ich schon nahe an hundert Bilder von Ihnen\nerhalten habe, die alle großartig gefallen haben, so\nkann ich wohl am besten ein richtiges Urteil ab-\ngeben. Die Bilder sind wirklich Kunstwerke und\nmit ähnlichen Bildern, wie sie vielfach an-\ngeboten werden, nicht zu vergleichen. Daß\nich die Bilder als eignes Erzeugnis anbot, kann\nmir Niemand verdenken. Ein Architekt sagte: „Man\nsollte es doch nicht für möglich halten, was so ein\nStubenmaler durch getreue Wiedergabe und\ngrößte Genauigkeit erreicht, das kann ja der größte\nPorträtmaler auch nicht besser machen; die Bilder\nsind doch sprechend ähnlich und lebenswahr.\"\nStubenmaler scheint die djeutsche Uebersetzung\nfür Photograph zu sein und der Architekt weiß\neben nicht, wieso es ja der größte Porträtmaler\nauch nicht besser machen kann. „Außerdem wer-\nden mir sehr viele Porträts für später in Aussicht\ngestellt, wenn der Krieg vorbei ist und die Solda-\nten wieder kommen. Auch eine Menge Gefallener\nsollen gemalt werden.\" Ein anderes Gutachtens: „Ich\nbezeuge Ihnen gern, daß Ihre Oel-Porträtbilder,\nvon denen ich Viele erhielt, eine gediegene Aus-\nFührung besitzen und denen anderer großer Künst-\nler nichts nachgeben.\" Alle anderen großen Künst-\nler scheinen nicht so schnell ins Geschäft zu kom-\nmen. Ich will ihnen dazu verhelfen, ihnen, den\nkunsttechnischen Blättern, den ,inaturtreuen Muse-\numsdirektoren, den lebenswahren Kunstkritikern,\nund allen denen, die Bedarf an Bildern haben, in-\ndem ich die linoleumbelegte Stätte, die Adresse\ndes Meisterateliers des neuen Lenbach hier ver-\nöffentliche: Herr F. Laesecke, Porträtmaler und\nRedakteur wohnt Berlin SO 16, Brückenstraße 6a.\nan der J anno witzbrücke. Senden Sie ihm gleich ein\nschönes Bild zum Malen ein, denn jeder Tag bringt\nGeld.\nSchlenthrian\nEs bleibt mir nichts übrig: ich muß den Leuten\nauch noch den Impressionismus erlklären. Diese\nImpressionisten haben natürlich so wenig Ahnung\nvon der Kunst des Strindberg und des Ibsen wie\nvon August Stramm. Es ist auch nicht zu verlan-\ngen. Aber zu verlangen ist, daß sie sich wenigstens\nvor Namen beugen, deren Unendlichkeit so sicher\ndasteht wie die Namen Goethe und Kleist und wie\ndie Endlichkeit der Namen Schiller und Heine.\nLiebe Herren, Sie müssen auch nicht glauben, daß\nwir das nicht auch gelesen haben und kennen, was\nSie nie lasen und nicht kennen werden. Das Pro-\nblem ist nämlich kein Problem und infolgedessen\nhöchst einfach und lange nicht so verzwickt wie\nIhre gedachten Gedanken. Man muß nämlich ein-\nfach nur wissen, was Kunst ist. Aber dieses Wis-\nsen um die Kunst, meine Herren, wird Ihrer Bil-\ndung nie zuteil werden. Denn Sie haben die Bil-\ndung bar übernommen, ohne sich zu bilden. Sie\nhalten den Sinn für sinnlos, die Sinnlichkeit für per-\nvers und die Unsinnlichkeit für übergeschnappt.\nWährend die Unsinnlichkeit gestaltete Sinnlichkeit\nist, die Sinnlichkeit das Sinnlose und das Sinnlose\nder Sinn. Wie Sie sehen, einfach umgekehrt. Aber\nwenn Sie es umkehren, sehen Sie nur die Kehr-\nseite. Und wenn Sie die Vorderseite sehen wollen,\nist es wieder verkehrt. So ist die Kunst. So ist das\nLeben nicht, seufzen Sie, die erfahrenen Impres-\nsionisten. Ein Herr mit einem Konfektionsschlips\naus der Gründerzeit von Berlin äußerte in der\nWandelhalle des Theaters in der Königgrätzer-\nstraße: „Glauben Sie, daß ein Arzt so handeln\nwürde. Sehen Sie, mein Arzt zum Beispiel, ein\nausgezeichneter Neurologe ...\" Eine andere Dame\naus der Literaturbranche meinte, so schlecht wären\ndie Frauen nicht. Wer hat denn: behauptet, daß die\nFrauen schlecht wären. Strindberg, brüllt der dicke\nHerr Schienther. Dicke Herren treten stets für die\nReize der Frauen ein, wenn was an ihnen dran ist.\nAls dem „Vater\" die Zwangsjacke angelegt wurde,\nverließen viele Mütter das Haus. Impressionisten\nkönnen Lebenswahrweiten offenbar nicht vertra-\ngen. Und wenn die Zwangsjacke nicht aus Tuch\nist, sehen sie die Mütter nicht. Das ist die Logik\ndes Impressionimus. Der Eindruck des Impressio-\nnismus stört, wenn er zu lebenswahr ist. Natur-\ntreue gehört nicht ins Theater, aber auf die Lein-\nwand. Vorausgesetzt, daß die Natur schön ist, also\ngestellt, also unwahr. Aber Wahrheiten begreifen\ndie Impressionisten nie. Oder mit zu plumpen Fäu-\nsten. Der Herr vom Lokalanzeiger konnte zwar\neinen starken Beifall nicht bestreiten, fand aber, daß\ner nicht aus dem Herzen kam. Ihm nämlich nicht.\nDa er aber gar keinen Beifall klatschte, brauchte\ner auch diesen Klatsch gar nicht niederzuschreiben.\nAlso ein unwahrer Impressionist. Der dicke Hofrat\nvom Berliner Tageblatt, Herr Paul Schienther, ist\npoetischer: „die Schauer des Herzens werden\nnie abschrecken\". Es geht nämlich immer schaurig\nzu, wenn sein Herz nicht abgeschreckt wird. Herr\nPaul Schienther hat einen Zusammenhang ent«"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 11042, "texte": "deckt, nämlich, das Theater in der Königgrätzer\nStraße spielte in derselben Woche zwei Dramen\nvon Strindberg „Gläubiger\" und „Der Vater\". „In\ndieser raschen Folge liegt Sinn.\" Sein Sinn ist wie-\nder Unsinn, denn in sämtlichen Zeitungen stand zu\nlesen, daß aus technischen Schwierigkeiten in der-\nselben Woche statt eines anderen Stückes „Der\nVater\" gespielt werden mußte. Die technischen\nSchwierigkeiten lagen darin, daß Herr Meinhard\nHerrn Reinhardt die Vaterschaft abtrotzen wollte,\nweil Herr Reinhardt sich allmählich nicht als Gläu-\nbiger sondern als Schuldner Strindbergs fühlte und\ner alle Schuldner auf sich, den einzigen Gläubiger\naller Ungläubigen, vereinigen wollte. Der bekannte\nBörsentrick. „In dieser raschen Folge liegt Sinn.\nBeide Ergüsse des Weiberhasses gehören zusam-\nmen. Ueberdies stand Strindberg, der Dramatiker,\nnie höher als damals, da er diese Stücke schrieb.\nWahrscheinlich stand er nie wieder so hoch\". Na-\ntürlich stand er damals lange nicht so hoch wie\njemals, aber Herr Hofrat Schlenther ist Impressio-\nnist. Bei so rascher Folge verirrt sich der Sinn, er\nsieht Ergüsse, wo es sich um Erhebungen handelt,\nund mit demselben Recht könnte man ihn einen\nBierhasser nennen, wenn er in Strindberg einen\nWeiberhasser sieht. Dem Einen sein Haß, sehr ge-\nehrter Herr Schlenther, ist nämlich dem Anderen\nseine Liebe. Der Unterschied ist nicht einmal so\nstark, wie zwischen Pilsener und Münchener oder\nwie Sie nicht Klavier spielen können, würde die\nDirektion des Strindberg-Tlieaters sagen. Nun\nkommt die Analyse, kein Weib, sondern Analyse:\n.„In den „Gläubigern\" ringt das Weib den einen\nMann nieder, wird aber von dem andern, dessen\nRache kalt geworden ist, wenigstens vorüber-\ngehend niedergerungen.\" Dieser Ringkampf zwi-\nschen verschiedenen Geschlechtern ist polizeilich\nverboten. Und die Rache, die gehörig kalt gestellt\nist, wie der gute Tropfen, hat niederringende Wir-\nkung. Das wollte ersteins Strindberg offenbar mit\ndiesen „Gläubigern\" beweisen. „Im Vater siegt\nausschließlich das Weib.\" Man kann es nicht wis-\nsen, denn der Andere trat gar nicht auf. Aber\ntlerr Paul Schlenther weiß in solchen Dingen Be-\nscheid. „In den „Gläubigen\" ist der dramatische\nSchauplatz ganz in die Seelen gelegt\". Diel Seelen\nwerden auch entsprechend zertrampelt. „Zum Aus-\ndruck der Gefühle genügen Worte.\" Aber Worte,\nHerr Paul Schlenther, drücken noch nicht Ihre Ge-\nfühle aus. Dazu muß man erst Gefühle haben. Die\n,Effekte' in den ,Gläubigern'etwa ein Pistolenschuß,\nhat Herr Paul Schlenther verschlafen. Man muß\nbei ihm schon mit Kanonen schießen. „Im Vater\ngibt es zwei starke Effekte; wenn man bei Ent-\nstehung des Stückes schon eine Ahnung von der\nFilmbühne gehabt hätte, so wäre man damals\nschon zum Vergleich mit ihr geneigt gewesen: der\nMann wirft nach der Frau mit einer „brennenden\nLampe, die Frau läßt den Mann in die Zwangsjacke\nschließen\". Welch ein Verlust, man wäre geneigt\ngewesen, aber man hatte keine Ahnung. Und hat\nsie heute noch nicht, trotzdem die Filmbühne da\nist. „Der seelische Zusammenhang zwischen bei-\nden szenischen Effekten ist das Stück.\" Hat\nStrindberg nun das Stück wegen der szenischen\nEffekte geschrieben? Oder die szenischen1. Effekte\nwegen des Stückes? Preisfrage für die Leser des\nBerliner Tageblattes zu Weihnachten. „Die Frau\nreizt den Mann mit Nadelstichen zur Wut, sein\n'Wutausbruch ist ihr dann ein Beiweis seiner Gei-\nsteskrankheit.\" Mit Nadelstichen allein, Herr Paul\nSchlenther, verfertigt man noch keine Zwangs-\njacke, es gehört auch Stoff dazu, der nicht unbe-\ndingt trinkbar zu sein braucht. Die Frau näht wie\nverrückt, der Mann wird wütend wie verrückt, und\nein Strindberg ist fertig. Das ist Analyse. Hierauf\nfolgt die Geschichte: „Es war vor fünfundzwanzig\nJahren die Zeit, da der Schwede Strindberg mit\neiner Art Ehrerbietung des Hasses und Neides ge-\ngen den Norweger Ibsen berserkerhaft kämpfte\".\nDer Deutsche Schlenther wäre schon damals zum\nVergleich geneigt gewesen, wenn er eine Ahnung\nvon der Filmbühne gehabt hätte. Ihm wurde die\nFilmbühne zu spät erfunden. Nichtsdestoweniger\nvergleicht er heute, nämlich zwischen ,Gespenster'\nund „Der Vater\": „Die äußere Form ist dieselbe:\ndrei Akte spielen aus einem Tag durch die Nacht\nin den anderen Morgen hinein in ein und demselben\nWohnzimmer eines Landhauses unweit der Stadt,\nbei trübem Wetter in trüber Gegend.\" Das nennt\nein Impressionist die äußere Form. Aristoteles,\nanerkannt, hat Aehnliches gefordert, nur das\nWohnzimmer und die Trübe geben eine noch grö-\nßere Einheit der äußeren Form. Man glaube gar\nnicht, daß nicht noch mehr zu vergleichen wäre:\n„Die Zahl der Personen ist gering. Das Stück zeigt\ndie Ergebnisse einer langen traurigen Vorge-\nschichte, die sich dem Zuschauer allmählich aber\nmit ungemeiner Wirkung enthüllt.\" Bei Herrn\nSchlenther müssen die Dramen offenbar von Chri-\nsti Geburt anfangen. Trotzdem Vorgeschichten\nnoch trauriger sind, wenn sie langsam enthüllt\nwerden. „Das Ziel, das durch diese Mittel erreicht\nwerden soll, ist jedoch im jüngeren Drama vom\nälteren gänzlich bis zur erbittertsten Feindselig-\nkeit verschieden\". Jetzt kommt der Unterschied,\nauf dem man nicht Klavier spielen kann: „Frau\nAlving erkennt zuletzt, wie alles Unheil daher kam,\ndaß sie ihr Frauentum dem ungeliebten Manne un-\nterwarf, Strindbergs Laura, die Frau des Rittmei-\nsters, erfährt zuletzt, wie alles Unheil daher kam,\ndaß sie dem nicht ganz ungeliebten Manne ihren\nWeiberwillen aufzwang. Dort ging das Weib am\nManne, hier geht der Mann am Weibe zu Grunde\".\nIn dieser raschen Folge liegt kein Sinn. Frau Alving\nerkennt, Frau Laura erfährt, vielleicht durch das\nBerliner Tageblatt, wie alles Unheil daher kam.\nJene unterwarf ihr Frauentum dem ungeliebten\nManne, diese zwang dem nicht ganz ungeliebten\nManne ihren Weiber willen auf.. Als Herr Schlen-\nther diese Gegenüberstellung aus seinem Schädel\nherausdichterte, hätte ihm eigentlich auffallen sol-\nlen, daß die Gegenüberstellung nicht recht symme-\ntrisch ist. Der ungeliebte Mann und der nicht ganz\nungeliebte Mann. Hätte Herr Schlenther die Sym-\nmetrie des Impressionismus besser begriffen, so\nhätte er ruhig bei Strindberg der geliebte Mann\nschreiben müssen und können. Die Frau kann näm-\nlich einen Mann lieben, Herr Schlenther, auch\n, r /\nwenn sie ihn in die Zwangsjacke steckt. Und das\nFrauentum wird häufiger dem ungeliebten Mann\nunterworfen, als davon Unheil herkommt. Was mir\ndas Recht zu der Vermutung gibt, daß der Norwe-\nger Ibsen und der Schwede Strindberg etwas an-\nderes darstellten, als die Analyse des Deutschen\nSchlenther vorstellt. „Dort ging das Weib am\nManne, hier geht der Mann am Weib zugrunde\".\nIn der Kunst, sehr geehrter Herr Schlenther,\nkommt es aber nicht auf das Zugrundegehen an,\nsondern darauf, daß man bis in den Grund geht.\nOb das nun Weib oder Mann tun, miteinander oder\ngegeneinander, einsam oder zweisam, hat mit der\nKunst Nichts zu tun sondern nur mit der Lebens-\nwahrheit in den Wandelhallen des Theaters in der\nKöniggrätzerstraße. Auch diese läßt zu wünschen\nübrig. Und in welcher Zeit wir leben. Der Kampf\nder Geschlechter ist schon längst friedlich beige-\nlegt, wir wissen, daß die Frau ihren Mann steht:\n„Vollends wir werden jetzt über den Kampf der\nGeschlechter beruhigter empfinden. Wir sehen die\nwahrhaft ehrsame Schaffnerin auf der Straßenbahn\nals vollgültige Vertreterin des Mannes und denken\ndabei an Ibsen\". Herr Schlenther vergißt dabei\nhoffentlich nicht den Fahrschein zu lösen und da-\ndurch die vollgültige Vertreterin ihres Mannes in\nUnannehmlichkeiten zu bringen. Wohl uns, daß\ndiese wahrhaft ehrsame Schaffnerin nicht ist, wie\njene Frau Alving. Unsere Empfindung über den\nKampf der Geschlechter ist beruhigter und man\nkann wieder gemütlich auf der Straßenbahn fahren.\n„Wir sehen auch Anderes in unserem Leben und\nmüssen dabei leider an Strindberg denken.'4 Unser\nLeben scheint noch nicht frei von Nadelstichen zu\nsein, wenigstens in den Kreisen des Berliner Tage-\nblatts. Aber gegen Zwangsjacken hat man ja seinen\nguten Neurologen. Leider. „Wir sind unparteiisch\ngeworden und dürfen hier wie dort die, große Dich-\nterkraft noch nach Jahrzehnten grüßen.4' Qrüß\nDich Gott, .mein» lieber Schienther, guten Tag,\nadieu, auf Wiedersehen, habe die Ehre. Wenn\nerst die wahrhaft ehrsame Schaffnerin und\nder Herr mit dem Konfektionsschlips auch die\nBühne, nicht nur das Leben beherrschen werden,\ndann wird auch Herr Schienther dort zufriedenge-\nstellt sein. Jetzt freilich, wo noch zwei verrückte\nKünstler beschäftigt sind, wird man in seiner\nRuhe gestört: „Den Rittmeister, den starken Mann,\nder einer Schwadron Soldaten aber nicht einem\nWeibe gebieten kann, Omphales Hercules, gab\nHerr Hartau und wußtei bis zum Schluß für die Ge-\nstalt zu interessieren. Erst in den weichen Ueber-\ngängen zum Ende müßte eine Persönlichkeit hel-\nfen.\" Vielleicht ist Herr Schienther dazu bereit.\nDurch und durch Persönlichkeit mit starken\nUebergängen, ein Hercules, der sich vor der wahr-\nhaft ehrsamen Schaffnerin verbeugt. Die Schaffne-\nrin war allerdings bei Odysseus und nicht bei Her-\ncules angestellt. „Die Laura gab Fräulein Orska.\nDie penetrante schrillschreiende Leistung dieser\nexotischen, routinierten Schauspielerin, die ja ganz\nunschwedisch ist, läßt sich schwer kennzeichnen,\nwenn man nicht wieder sagen will: — Kientopp.\"\nDie Filmbühne ist also doch noch zu früh erfunden.\nDenn jetzt nach fünfundzwanzig Jahren kann er\nden Vergleich nicht halten. Sonst geht es ihm wie\nallen Impressionisten bei der Presse, er hält die\nOrska für routiniert und die Triesch für lebens-\nwahr. Umgekehrt, Herr Schienther, ist es wieder\nrichtig. Man kann auch nicht behaupten, daß Frau\nTriesch ganz schwedisch ist. Das wird dem Herrn\nSchienther wohl sein fünfundzwanzigjähriger Kol-\nlege, Herr Fritz Engel, eingeredet haben, der neu-\nlich „zum ersten Male\" in Schweden gastierte und\neinen glänzenden Durchfall dort erlebte. Aber\nSchweden liegt über dem großen Meer, über das\nnur der Sturm reicht. Und wenn man Schweden\nnicht kennt, sollte man es lieber für ebenso exotisch\nhalten wie Galizien. Abgesehen von dieser Völker-\nverschiebung muß betont werden: Maria Orska ist\ndie stärkste Künstlerin, über die die deutsche\nBühne verfügt. Die Triesch und die Orska stehen\nin demselben Verhältnis wie der alte Liebermann\nzu dem jungen Marc. Maria Orska ist noch ge-\ngenständlich, aber auf dem Weg zum Expressionis-\nmus, oder ganz einfach gesagt, zur Kunst. Oder\nnoch einfacher gesagt: sie ist eine Künstlerin. Sie\ngestaltet und das Erlebnis wird ihr mehr und mehr\nnur Gleichnis. Die psychologischen Abschweifun-\ngen, die das impressionistische Bild „Der Vater\"\nnicht ganz zur reinen Anschauung gebracht haben,\nwerden von ihr unbewußt in die Ruhe; des Ver-\nhältnisgemäßen gestellt. So etwas nennt Herr\nSchienther Schreien. Was er penetrant nennt,\nnenne ich eindringlich. Der Geruch ist verschieden.\nUnd das Gesicht auch. Kann Maria Orska dafür,\ndaß ihre Gesichte über das Gesicht des Herrn\nSchienther hinwegsehen. Wo doch seine Augen auf\ndie Schaffnerin gerichtet sind.\nMaria Orska gehört zu uns, meine Freunde, zu\nuns Wissenden,\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c011", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.9", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.11", "debut_caractere": 421, "fin_caractere_exclue": 586, "texte": "Notiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. 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StraSenstinden auf\nFails direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwtiascht wird, bitten wir den B e t r a g fflr dea\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzumffinftea des ersten Monats einzu-\nb e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, dafi E i a -\nziehuag des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwGnscht wird\nMappen und Albea / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichaungea j\nStrichttzuag / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kartoa la §ta-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky-Album / Schrift des Kiinstlers uber sich\nselbst mit sechzig ganzseitigen Abbildungen seiner\nWerke von 1901 bis 1913"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.11", "debut_caractere": 2957, "fin_caractere_exclue": 5726, "texte": "Heemskerck-Mappe: Sechs handgedruckte und\neinzeln signierte Originalholzschnitte I Auflage 30\nMappen I Mappe 6—30 je einhundert Mark\nBiieher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr still es\nQ1 ii c k —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman / 2 Mark\nPaul Scheerbart: Qlasarchitektur j in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark / Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nAugust Stramm: Du / Liebesgedichte / Qebunden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna/50 Pfennig / II: August Stramm: R u d i -\nmen tar / 50 Pfennig / III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / 50 Pfennig / VIII: August Stramm:\nKrafte ! 50 Pfennig / IX: Aage von Kohl: Die rote\nSonne / 50 Pfennig / X: Aage von Kohl: Der\ntierische Augenbliak / 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Walden: Dalaislieder / Zu Oe-\ndichten von A r n o H o 1 z / Ffir Qesang und Wa-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Hummer I einzeia: Er\nh6rt mit ihr den schreya / 50 Pfennig\nHerwarth Walden: D e r S t ur m / Heeresmarsch /\nFur Klavier / 50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturlsten: Umber to Boccioni: Das\nLacbea / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / QinoSeve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose T&nzerin / Pan-\nPan Tanz / Umber to Boccioni: Abschied /\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delauaay: La Tour\nJacoba van Heemskerck: Bild 2 / Bitd 15\nAugust Macke: Spaziergang\nSigrid Hiert6n-Griinewald: Kinder\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall (5) /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / Qleizes\nI Archipenko / usw\nErschienen bisher 36 verschiedene Karten\nUlustrierte Sturm- Au st el lungs kataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall j K&ndinsky / ie 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fflnfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: PI a k at ffir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert I Das Blatt 5 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c015", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.11", "debut_caractere": 5728, "fin_caractere_exclue": 6756, "texte": "Gemalde / Aquarelle / Zeiehnungen /\nHanddrucke / Plastiken\nsind von folgenden Kiinstlern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky j Franz Marc / Archipenko I Oskar\nKokoschka / August Macke / Paul Klee / Carl\nMense / Campendonk I Gabrlele Miinter / Jaw-\nlensky / Marianne von Werefkin / Albert Bloch /\nHans Arp I Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzin-\nger i Marc Chagall / Fernand Leger / Jacoba van\nHeemskerck I Otakar Kubin / Emit Filla / Vlnceac\nBenes /' Otto Gutfreund / Boccioni / Severln) I\nCarra / Russolo / Francis Picabia / Schmidt\nRottluff I Fritz Baumann / Max Pechstein\nVerein fiir Kunst\nLeitung Herwarth Walden / Zwolftes\nJ a h r I Jahresbeitrag 20 Mark / Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift dee\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation\nDas zwolfte Jahr begann am 1. April 1915 / Die\nSturmgabe, die die Mitglieder des Vereins fiir\nKunst im Jahr 1915/16 frei erhalten, ist: Heems-\nkerck: handgedruckter und signierter Holzschnitt\nauf Kaiserlich Japan-Papier"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c016", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.11", "debut_caractere": 6758, "fin_caractere_exclue": 6870, "texte": "Zeitsehriften\nUmelecky Mesicnik / Monatsschrift fflr neue umf\nalte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinova"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1915-10-01-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1915-10-01_01#c017", "volume": "bmtnabg_1915-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Sie stehen am Grabe unserer Hoff-\nnung. Sie verdrängen uns mit guter Nachrede. Sie\ngönnen dem Toten den Platz unter der Erde. Denn\ner war keiner von ihnen auf der Erde. Sie such-\nten die Tatsachen seines Werks und sie fanden\ndie eine: den Tod. Sie fanden sie in den Verlust-\nlisten vom Felde der Ehre, die Post bestätigte es\nauf jedem zurückkommenden Brief, die Angehöri-\ngen bestätigten es in Tränen: Der Hauptmann\nAugust Stramm, Ritter des Eisernen Kreuzes, ein-\n!\ngegeben zum Eisernen Kreuz erster Klasse, In-\nhaber des österreichischen Militärverdienstkreuzes\n!\nmit der Kriegsdekoration für hervorragende Lei-\nstungen als Bataillonsführer in Galizien, Kaiser-\nlicher Postinspektor im bürgerlichen Beruf,\nDoktor der Philosophie, ist am ersten, Sep-\ntember als Kompagnieführer und als Letzter\nseiner Kompagnie beim Sturmangriff in Ruß-\nland gefallen, nachdem er siebzig Gefechte und\nStürme überlebt hatte. Ein Kopfschuß nahm ihm so-\nfort die Besinnung und zehn Minuten später war er\ntot. Am nächsten Morgen wurde er unter militäri-\nschen Ehren, geachtet und geliebt von allen Vorge-\nsetzten und Kameraden, auf dem Friedhof bei Ho-\nrodec begraben. Sein Leben währte einundvierzig\nJahre. Geboren war er am 29. Juli 1874 zu Münster\nin Westfalen. Er fiel, wie sie Alle, ein stiller Held\nseiner Pflicht.\nUnd während er in Rußland sich zu Tode\nkämpfte, beschäftigte sich die deutsche Presse\nHinter Führung des Hannoverschen Kuriers\nunterstützt selbst vom Münsterischen Anzeiger\nmit einem Dichter August Stramm. Aus zahl-\nlosen deutschen Zeitungen heulten ihm die\nJournalisten zu, er möge vierzehn Tage in den\nSchützengraben gehen, das würde ihn kurieren.\nDenn erst nach seinem Tode lernen sie die Tat-\nsachen seines Lebens kennen, und während die\nHerren den Krieg redigierten, hatte er sie mit all\nden Andern seit dem zweiten August 1914 vertei-\ndigt. Ihm stand in Deutschland kein Verteidiger\nauf. Die Zeitungen, selbst im Nachrichtendienst\nahnungslos wie immer, machten sich gute Laune\nund die schlechte Laune der Kunstzeitschriften\näußerte sich durch den Mund des Herrn Max\nOppenheimer, dem offenbar Deutschland und\nOesterreich nicht mehr sicher genug erschienen\nund der sich in die Schweiz zurückzog, um sein\nLebensproblem weiter zu lösen: eine Synthese\nzwischen Kokoschka und Greco auf Leinwand zu\nfinden.\nWas hatte August Stramm getan. Er war Künst-\nler und das können die Literaten, die Literar-\nhistoriker und die Feuilletonisten jeder Knnst nicht\ni\nvertragen. Jedenfalls nicht vor dreißig Jahren. Und\nwährend die deutsche Presse das Urheberrecht\ndes Künstlers durch unberechtigten Nachdruck ver-\nletzte, fühlte sie sich verletzt, weil man ihr\ndie Rechte des Urhebers aberkannte. Ich wollte\ndiesem Unfug steuern, Dichtungen zu be-\nschmieren und sie zwischen Nachrichten her um-\nzusetzen. Hierzu gibt es ein sehr einfaches\nMittel, man muß Geld für Kunst fordern. Sofort\nverlieren die Herren Vertreter der Presse den Ver-\nstand und suchen ihn in der Kunst. Gestützt auf\ndas Urheberrecht. Denn, schreiben sie triumphie-\nrend, Geld zahlen wir nicht, geschützt sind nach\ndem Gesetz vom 19. Juni 1901 nur Schriftwerke,\ndas heißt Erzeugnisse einer schaffenden Geistes-\ntätigkeit; in dem Schriftwerk müssen Gedanken\nentwickelt sein. Nach diesem Recht würden die\nHerren von der Presse niemals auch nur einen\nPfennig Geld erhalten können, denn Gedan-\nken kann man nicht entwickeln und Gedanken\neiner schaffenden Geistestätigkeit haben sich nie\nbei ihnen geregt. Trotzdem sie es im Ernstfall,\ndas heißt bei Honorarforderung, wohl behaupten\nwerden. Aber unter uns, sehr geehrte Herren,\nlachen wir über die schaffende Geistestätigkeit,\nsagen sie, wir wissen doch, wie so etwas ge-\nmacht wird.\nAlso August Stramm hat keine Gedichte nach\nder Vorschrift des Gesetzes vom 19. Juni 1901 ge-\nschrieben und deshalb war er ein Künstler.\nUnd nach dem ungeschriebenen Gesetz der Un-\nmenschlichkeit soll ich Dich heute, Du liebster\nFreund, vor Denen würdigen, die Dich gestern\nnicht kannten und denen Du morgen nichts sein\nkannst, weil Du ihnen bis heute nichts warst.\nWären sie Künstlermenschen, so hätten sie aufge-\nhorcht, als Deine Stimme zum ersten Mal in ihre\ntauben Ohren dringen konnte. Die Taubheit wäre\nvon ihnen abgefallen wie von Dir das Leben, ge-\nwaltsam, urplötzlich, vernichtend und auflebend.\nDie Stimme hätte ihre Besinnung zum Sinnen\ngebracht und der Sinn des Lebens wäre ihnen\nzum Leben des Sinns geworden. Hätte ich\nalle die, die hören wollen, vor die körper-\nliche Stimme Deines Mundes bringen kön-\nnen. Dam hätten sie verstanden, daß nichts\nzu verstehen ist Sie hätten selbst ohne\nAugen sehen können, wie die Worte durch Dich,\naus Dir strömten, wie Du außer Dir und außer\nihnen warst und wie sie sich in Dir sammelten.\nWie Du, der starke Mann, der nervenlose, er-\nschöpft hinsankst, gnädig und begnadet, Gefäß für\ndas Ewig-Fließende, für das Gleichnis Kunst zu sein.\nAber sie fordern Gedanken. Jeder Gedanke ist\nein Nachdenken. Jeder Gedanke ein Erinnern.\nDarum soll Dir, Du liebster Freund, jeder Gedanke\ngehören. Das denken ich und Deine Freunde.\nAber Deine Kunst ist gedankenlos. Und deshalb\nist sie Kunst und ist sie. Sie fühlt vor, was w;ir\nnachfühlen. Sie fühlt nach, was die Andern einst\ngedacht haben werden. Sie ist und Du bist ein\nDenkmal des Denkens.\nUnd dieses Dein Denkmal steht in unserem\nBlut und in unserm Fühlen.\nIn uns Allen, die wir fühlen.\nUnd die Ewigen aus zeitlosen Jahrtausenden\nreichen Dir, August Stramm, die Hand.\n\nGeschehen\nAugust Stramm\n\nI\nGartendumkel ferne Musik Menschenwirren\nSie: herrschen?!\nEr (roh): herrschen!\nSie (lacht)\nE r (betroffen)\nS i e (läuft lachend fort)\nE r (starrt nach)\nMädchen (aus dem Dunkel berührt seinen\nArm): Du\nE r (starrt)\nMädchen feekränkt): Du\nE r (gleichgiltig): ich\nMädchen (stampft zornig)\nE r (stampft)\nMädchen (vor ihm): quälen\nEr (lacht auf)\nMädchen (schluchzt)\nE r (umarmt)\nMädchen (lehnt an)\nWeib (tappt, leise): Du (horcht, preßt die Hände\nauf die Brust): Du (lauscht)\nEr (aus dem Dunkel, leichthin): ich?!\nWeib (befreit): ich (tastet seine Hand)\nE r (legt den Arm um)\nWeib (schauert, haucht): du?\nEr (beugt zärtlich): du?\nWeib (wehrt): ich\nEr (zärtlich scherzig): ich?! (küßt)\nWeib (haucht)\nEr (stark, über ihr): ich\nWeib (atmet hoch)\nE r (küßt heiß)\nWeib (birgt): ich habe Angst\nE r (lacht spöttisch)\nWeib (atmet schwer)\nE r (führt sie spöttelnd): Angst\nWeib (geht schwach in seinem Arm ins Dunkle)\nSie (kommt nachdenklich, steht, schaut um,\nschreitet, sinnt, horcht)\nSchrei (flieht raschlig)\nEr (tritt vor, herrisch): wer? (faßt ihre Hand)\nSie (ruhig): Mann?\nEr (drohend): Weib?!\nRufen (aus den Büschen): Schatz? (näher\nschmeichelnd): Schatzi?\nSie (ruhig): rufen\nEr (erschreckt): ich?!\nDirne (hüpft aus dem Dunkel, stutzt, späht Ihr\nins Gesicht, schlägt frech die Hände ineinan-\nder): du\nSie (löst die Hand und entfernt sich langsam)\nDirne (höhnt): Die?! (rüttelt ihn frech lachend:\nDu?! (reißt und wirft an, küßt und kugelt mit ihm\nins Gebüsch)\nSeufzer (aus dem Gebüsch): Ich!\nDi r ;n< e (horcht auf): He?!\nSeufzer: Ich!\nDirne (springt auf und raschelt den Strauch):\nWer?\nSeufzer: Ich!\nDirne (stampft): nu dich!\nStimme: führe mich nicht in Versuchung\nDirne (stampft): nu dich!\nStimme: führe uns nicht in Versuchung\nDirne (kreischt wütend): Diiich!\nSchrei (schrickt)\nDirne (reißt wild das Gebüsch): verrückt?!\n(zerrt die Beterin aus dem Busch)\nBeterin (die Hände auf der Brust gefaltet)\nDirne (schüttelt wütend): Dich!\nBeterin (ergeben): ich\nDirne (pufft und stößt, höhnt): Du!\nBeterin (wimmert): beten\nE r (tritt wehrend dazwischen)\nDirne (wild, höhnisch): Du! Du! Du! beten beten\nbeten (schüttelt ihn, läuft in kreisches Lachen\nfort): ik ik ik ik schrei mir dod! Ik schrei!\nBeterin (zittert, die Hände gekrampft)\nEr (faßt ihre Hände, weich): Du\nBeterin (wiederholt mechanisch bewegungslos):\nich\nE r (küßt)\nBeterin (ohne Bewegung): beten\nE r (umarmt und küßt)\nBeterin (ängstet): Du\nEr (lacht, küßt, hebt hoch und trägt fort): Ich!\nbeten\nDirne (zerrt Sie): hier! (schaut um): nu nicfc!\n(lacht auf, reißt den Busch auseinander in scham-\nloser Lache)\nBeterin (gellt hoch)\nEr (die Beterin im Arm)\nDirne (stößt sie auf die beiden zu): Dich\nBeterin (schluchzt die Häinde vors Gesicht)\nDirne (stößt die Beterin) fort, umschlingt Ihn wild\nund küßt): ich bete\nE r (stößt sie mit beiden Händen fort)\nDirne (empört): Du? (höhnt grell auf): mir du?"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.3", "texte": "(lacht grell und stößt Sie auf Ihn): Du! der!\nDich (läuft in kreisches Lachen fort)\nEr (aufrecht)\nBeterin (stammelt entsetzt auf Sie): ich gehe!\ngehen (bleibt)\nS i e (aufrecht vor ihm)\nEr (stemmt die Arme, kraftbewußt, trotzig): Ich!\nSie lächelt und wendet, leicht aber bestimmt):\nIch! (geht langsam)\nEr (hastet neben Sie): Du?\nSie (lächelt): Du?\nEr (stolpert)\nSie (lächelt): Steine\nEr (stolpert): Dich!\nBeterin (geht nach, zupft ihn): Du!\nEr (neben ihr, heiß): Du!\nSie (schreitet fragt): Ich?!\nE r (stolpert ihr nach, wild erregt): Dunkel Dunkel\nDunkel!\nBeterin (hinter ihm): Du Du Du )steht verzwei-\nfelt, blickt nach, läuft, tappt in den Garten, in\nlangem Aufschrei): 00000\nLärm, Geschrei, Menschenwirren\nRufe: wo? wo?\n(Menschenmenge wogt ran)\nBeterin (in Jammeer): o (lehnt an einen Baum)\nDirne (lacht grell): der? die?\nJüng 1 i n g (stößt scherzend die Betedn): Du\nDirne (schuppst lachend die Beterin auf den\nJüngling) (sie hängt einen Mann ein)\nWeib (am Arm ihres Mannes, zitternd): gemein!\ngemein!\nBeterin (stößt den Jüngling von sich)\nJüng 1 i n g (lacht): o\nMädchen (in Hast): wer?\nJ ü n 1 gli n g (umarmt das Mädchen)\nMädchen (schreit)\nJunge Bursche (lachen um sie)\nKellner (bricht durch die Menge): er hat nicht\nbezahlt.\nGejohle: Der! Der! (Gelächter, Durcheinander\nströmt ab)\nWeib (am Arm des Mannes zitternd): gemein\nMann (ruft): Licht! Mehr Licht!\nBeterin und Mädchen (eng aneinander ge-\nschmiegt hinter dickem Baum): Was sagte der?\nBeterin (zittert): ich!\nMädchen (zittert): ich!\nDirne (mit ihrem Galan): Der Saubock (zieht\nfort)\ni\nBeterin (faßt das Mädchen an der Hand):\nkomm!\nLicht (flammt auf)\nLeben (im Garten)\nMusik.\nII\nHinterhaus Türe mit Steinstufen\nDirne (führt die Hand der Beterin): Du\nBeterin (setzt verschluchzt auf die Stufe)\nDirne (daneben): ich\nBeterin (erschrickt)\nDirne (roh): heulen\nBeterin: beten (faltet die Hände)\nDirne (steht auf und reckt, roh): Jeld!\nBeterin (zuckt zusammen)\nDirne (höhnt): Du\nBeterin (verhüllt das Gesicht)\nS i e (tritt heraus)\nDirne (stutzt im Recken, trumpft) :nu jrade! ich\n(geht frech an Ihr vorbei ins Haus)\nS i e (stutzt, schaut nach, beugt über die Beterin)\nBeterin (hebt den Kopf und schrickt)\nSie (nach einer Weile): Du?\nBeterin (starrt, stockt): Du?\nSie (forscht ruhig): ja\nBeterin (stockend): ich kenne Dich nicht\nSie (ruhig): Du?\nBeterin (greift jäh erkennend ihre Hand): Du\nDu Du (jäht hoch)\nS i e (schrickt, lächelt, streichelt der Beterin Haar)\nBeterin (tritt wehrig zurück): ich will zu ihm\nSie (blickt ruhig forschig)\nBeterin (unsicher): ich kenne ihn\nS i e (blickt ruhig forschig)\nBeterin (bricht zusammen): ich trag sein Kind\nSie (verklärt die Augen in Weiten, langsam): Kind\nBeterin (klammert ihre Hände): du mußt mir\nhelfen! Du!\nS i e (löst die Hände stumm)\nBeterin (auf den Knieen vor Ihr mit erhobenen\nHäjnden, fleht): Du! Du!\nDirne (keift drinnten)\nBeterin (horcht verzittert)\nSie (wendet zur Tür)\nTür (reißt auf)\nDirne (in der Tür mit zerzaustem Haar und zer-\nbrochenem Schirm): ich (stürzt auf sie): Du!\nS i e (hebt die Hand zur Abwehr)\nE r (in der Tür): Du!\nSie (stürzt zu ihm hin): ich!\nDirne (lacht und schwingt den Schirmfetzen):\nEr kennt mich nicht! Der kennt mich nicht!\n(teuflich, höhnisch): ich! Euch! Euch! (grelles\nLachen): Euch\nWeib (taumelt heran und klammert die Stufe):\nmein Mann weiß Alles! mich (rutscht und klam-\nmert seine Knie): Du!\nDirne (lacht höhnisch): ich\nEr (hält ihren Arm, ratlos): Du?!\nSie (beugt den Kopf): Du!\nMänner (tragen Leiche)\nWeiber (tragen schreies Kind)\nT räger: hier im Haus\nTräger (roh) ersäuft\nWeib (bedauert): Mächen\nein Weib (lullt das Kind): Dät Balg lebt, is nich\nmit ersoffen!\nTräger (roh): Platz! (stoßen an Ihm vorbei ins\nHaus)\nWeiber (drängen nach): nu hat es keenien Vater\nnich (schüttern das Kind): Du!\nEr (führt die Hand über die Augen, traumhaft):\nwas?\nDirne (lacht grell höhnisch): Du! Dich! Dich! Du!\nEr (wild unbändig): Ihr?! Ihr?! Ihr?! Ihr?!\nDirne (schreit frech trotz): wir!\nEr (schreit auf): Ich! (prügelt, reißt und stößt\nBeterin, Dirne und Weib davon)\nSie (kauert auf der Stufe und verhüllt das Ge-\nsicht)\nEr (kommt atemlos zurück): Du\nSie (schaut auf, matt): Du . .\nE r (legt die Hand auf ihre Schulter, schmeichelt):\nDu\nSie (schauert): ich habe Furcht\nE r (erschrickt): Du hast Furcht\nS i e (nickt)\nEr (reckt, lacht sieghaft): Das sagst Du immer\nSie (hebt jäh hoch): Das sagte ich nie, noch nie\nEr (lacht übermütig und zieht sie an sich): Du\nimmer\nSie (angstvoll bestimmt): ich nie\nE r (umarmt sie)\nSie (klagt): Das sagten Andere\nE r (bestürzt, lacht hell auf, reißt an sich, küßt\nwild)\nSie (unter seinen Küssen stammelt entsetzt): Du\nhast kein Gedächtnis\nEr (küßt, lacht, jubelt): ich habe Dich! ich habe\nDich! ich fühle Dich! ich küsse Dich! ich atme\nDich! Dich! Dich! Dich! (hebt hoch und trägt\nfort):Du! Dich!!!\nIII\nWarte, Eisgipfel blicken\nE r (beobachtet)\nS i,e (steht hinter Ihm)\nE r (ruft): Mich\nS i e (legt die Hände auf die Schultern)\nE r (schreckt und wehrt): Hände\nS i e (schrickt und faltet)\nE r (beobachtet)\nE r (ruft): Mich\nSie (weh): Ich\nEr (widerspenstet heftig): Mich\nMich (verschlafen)\nE r (zärtlich): Mich\nEr (zärtlich): der Stern?\nMich (erwacht): Dein Stern?!\nE r (stummt, lächelt zärtlich, echot): Mein Stern!\nMich (tritt zu ihm an den Beobachter): Dich!\nEr (klangsuchig): mich\nMich (schaut auf, legt die Hand auf seine Schulter\nbetont): Dich!\nEr (schauert)\nMich: Ja, ich sah den Stern'! Dich! Dein Stern,\nich nenn ihn Dich. Du barst ihn aus dem Weltall!\nDich!\nE r (schauert in sich)\nMich (nimmt die Hand fort, zärtlich streichig)\nEr (schauert, sehnt) die Hand!\nMich (kindlich staunig): was!\nEr (kauert): Hände!\nS i e (geht hinaus)\nMich (wirrt nach): Mutter?\nEr (erwacht, unwissend sinnt): Mutter?!\nMich (verängstet): Vater?\nEr (schrickt weh klagend): Vater i\nMich (schmiegt an): Vater\nE r (legt den Arm um): Du bist Mich!\nMich (zärtlich): Du Mich!\nE r (steht auf, reckt, w,eh klagig) Nichts\nMich (zärtlich sorgig): was Du?\nEr (zuckt, klagt): Du? Du? Mich?\nMich (schweigt, schmiegt, sorgt, ruhigt): was\nDu? Du? Mich? Ich?\nE r (spannt schwer, reck, trotz, wach): ich kann\nnicht was ich will\nMich (birgt den Kopf an seiner Brust):Du Kön-\nnen Wollen Können Du!\nEr (spannt unband): ich will! ich will! ich will!\nMich (kindlich): was willst Du??\nE r (reckt um, packt, reißt in wilden Kuß)\nMich (taumelt, klammert, wehrt, wirrt, schreit):\nVater!\nEr (jäh, rast, packt, schleudert, flucht): Vater!\nMich (stürzt in Aufschrei)\nSie (tritt ein, starr): Vater!\nEr (rast): Du?! Du?\nSie (ohne Bewegung, tonlos): Du?\nEr (rast): ich! ich will! will!\nSie (reglos, tonlos): will\nEr (starrt, wacht, schüttert in Weh): o wollen\nkönnen wollen können1 wollen\nS i e (tritt zwischen Ihn und Mich)\nMich (zittert, schleppt, kriecht raus)\nE r (starrt Sie)\nS i e (reglos)\nEr (Trotz, Wut, Entsetzen): starre! starre! Ich!\nSie (reglos tonlos wendet klagend): Mich! Mich\nEr (starrt, schlägt die Hände vors Gesicht, schüt-\ntert, reckt, starrt)\nSie: Deine Tochter\nEr (lahmt)\nS i e (haucht): Deine!\nE r (weht): o Mich! o Mich!\nSie (harrt): Dich!\nE r (klanglos, tonlos): Mäch (bricht auf) Ich kann\nwas ich will, ich will was ich kann. Ich muß was\nich will (legt die Faust auf den Hebel)"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.4", "texte": "Sie (hält die Hand): Du!\nEr (rast, Wut): Du!\nSie (mahnt hart): Du!\nEr (maßlos): Du? Wer bist Du? bist Du?\nSie (schlittert, stärkt fest): ich\nEr (unband): Dich! Dich!\nSie (schüttert furchtbar, wankt, hält krampfhaft\nseine Hände)\nE r (höhnt in gelles Lachen und ringt mit Ihr)\nS i e (wankt, hält krampfhaft die Hände, Entsetzen,\nGrausen, Weh): Die Hände, Hände, deine Hände\nEr (gellt in reckes Lachen): 0 meine, meine Mich!\n(reißt los, wendet zu den Instrumenten, hantiert)\nso ward ich einsam (fährt um in furchtbarem\nAusbruch): ich! ich!\nE r (maßlos zu ihr): Du ohne mich! Du ohne Dich!\nDu ohne ich!!\nSie (will sprechen, zerflattert, stürzt zu Boden,\nkauert den Kopf zur Erde geschüttert, stammelt):\nDu!\nE r (fährt hoch, horcht auf, stutzt, reckt in gewalti-\nges Lachen, weist ab, roh, wild, rase): Du!\n(stößt den Fuß, bricht das Wimmern zu Boden,\nwirft mit gewaltiger Aufregung den Hebel her-\nunter, jubelt, siegt)\nICH!\nSchreie (flirren schwirren türmen bergen\nhäufen pressen sticken zittern strecken ster-\nben flirren)\nBrausen Sausen Donnern Beben\nAbgrund\nRasen\nNacht\nIV\nHallen stahlen\nSterne baden den Weltraum\nEr (steigt aus der Tiefe): Ich und Euch!\nDie drei Strahler (demütige Anbetung)\nEr (Hoheit): ich und Euch!\nS i e (hinter ihm die Hände gekrampft)\nDie Strahler: Du!\nEr (staunt nach Ihr)\nS i e (Blick in Fernen)\nDie Strahler: Gott!\nE r (in Fernen)\nDie Strahler (Anbetung): Strahlen!\nSchweigen\nDie Strahler (streuen Strahlen)\nEr (Hoheit)\nDie Strahler: Dir!\nEr (Ruhe schöpferisch): Wir! Die Strahlen füllen\nmeine Hand (hält die flache Hand)\nDie Strahler (scheu): Dir!\nEr: Meine Strahlen!\nDie Strahler (Scheu): Schöpfer! Schöpfer!\nEr (sturmgeschüttelt)\nStrahler (im Staube): Strahler!\nStrahler (im Staube): Schöpfer!\nStrahler (im Staube) All!\nEr (steinern schwer): All! Erschaffen! Bären!\n(stummt, krampft die Faust) Bären (sinnt,\nkämpft, sinnt, quält) (schüttelt die Faust) Bären!\nStrahler (im Staube): zehres Lüsten\nStrahler (im Beben): sterbe Liebe\nEr (horcht)\nStrahler (im Schauern): mich bar Gebet\nE r (spannt)\nSie (hebt die Hände in Erkennen): o Ihr o Ihr o\nIhr!\nEr (schrickt nach ihr) (reckt versunken haucht):\nWir!\nDie Strahler (streuen Strahlen): wir strahlen\nEr (in Fernen): Strahlen\nStrahler (im Staube): Der Himmel barst\nEr (spannt)\nStrahler (in Beben): Die Erde bebte\nEr (spannt)\nStrahler (in Schauern): das Strahlen räumte\nE r (in höchster Spannung\"): Strahlen Strahlen\nmeine Strahlen\nDie Strahler (im Staube zittern) (Anbetung):\nDu nahmst uns in Dein Paradies!\nEr (in Fernen): meine Strahlen\nStrahler (sprengen auf schwenken Strahlen):\nStrahlen! Strahlen!\nSterne (tauchen den Raum, weben, flammen,\nweiben, armen, klingen, singen, tönen, jubeln)\nTanzen\nStrahler (packt und armt und schleudert,\nschleudert, packt und armt, packt und armt und\nschleudert)\nStrahler (armt und tanzt und lacht, lacht und\narmt und tanzt, armt und tanzt und lacht)\nStrahler (armt und küßt und reigt, reigt und\nküßt und armt, armt und küßt)\nE r (aus Fernen)\nSie (krampft die Hände vor die Brust)\nReigen (jubelt): Licht und Licht und Licht und\nLicht und Licht und Licht und Licht\nEr (erwacht, reckt, lacht, greift und hascht):\nMeine Meine Mich\nSchrecken Aengsten Weichen\nFlie h e n\nE r (hascht und hascht): Mich Mich\nWeichen: Dunkel Dunkel Nachten Dunkel\nEr (hascht und geht und stört): Mich!\nSchrecken (kreischt): Nachten Dunkel\nKreischen (taucht zertaucht)\nE r (preßt den Kopf)\nLeere (stahlt)\nStrahler (stampft)\nStrahler (starrt)\nStrahler (schluchzt)\nDie Strahler (klagen): Licht und Licht und\nDunkel\nE r (steht Starre)\nDie Strahler (beten): Lichter! Lichter! :\nEr (fern): Blende! Blende!\nDie Strahler (Zittern): Strahler! Strahler!\nEr: Dunkel!\nDie Strahler (flehen): Strahler! Strahler!\n(werfen Strahlen in den Raum)\nEr (richtet hoch): strahlet! strahlet!\nDie Strahler (werfen Strahlen, flehen): Strah-\nler! Strahler! Schöpfer!\nEr (Hoheit): Ihr strahlt! Strahlet!\nDie Strahler (immer dringlicher): Strahler!\nStrahle! Schöpfer! Gott!\nE r (Hoheit): Meine Strahlen\nt)ie Strahler (werfen Strahlen): Heller! Lichter!\nDu! Dich! Wir!\nE r (hält geblendet die Hand vor die Augen) Ihr!\nStrahler (verwirrt, verstört): Strahler! Strah-\nler! Deine Strahlen! Wir!\nE r (tritt zwischen die Strahler, die Hand vor den\ngeblendeten Augen, packt wirft)\nStrahler (stürzen, springen auf, weichen, wer-\nfen Strahlen): Steahlen, Strahlen! Unsere\nStrahlen! Unsere Strahlen!\nStrahler (Empörung vor Ihm, schleudert Strah-\nlen) : Wir!\nStrahler: Wir!\nStrahler: Wir!\nEr (geblendet wirr tastet schreit): Ich\nStrahler (Hohn wirft Strahlen): Wir!\nEr (tastet um, reckt gewaltig die Hand in den\nRaum): Ich!\nDie Strahler (hohnlachen schleudern): Unsere\nStrahlen! Wir!\nEr (ohne Rühren): Ich!\nEin Schatten (wälzt den Raum)\nEr (hoch stark, eine Hand über den Augen, eine\nHand in den Raum): Erde!\nDie Erde (rollt dämmert)\nS i e (tritt neben Ihn)\nE r (nimmt die Hand von den Augen schaut auf in\nSchauern flüstert): Ich\nDie Strahler (schmettern, Zittern, Schrecken,\nBeben, Furcht, Anbetung): Erde Erde Erde Erde\nErde Erde!\nE r (tastet blind)\nS i e (legt den Arm um)\nDie Strahler (schnellen hoch in Zorn Wut\nHaß): Erde! Erde! Schlacker! Schlacker!\nStrahler: Du barst den Himmel\nStrahler: Du brachst das Licht!\nStrahler: Du schlacktest unsere Erde\nDie Strahler: Ede! Erde!\nE r (fern sucht): meine Strahlen\nDie Strahler (dringen ein): Schlacker! Schlak-\nker! Wir\nE r (tastet nach Ihr Hilfe): Du!\nSie (nimmt steine Hand): Du!\nDer Weltraum (graunt): Du!\n*\nDie Strahler (stutzen, horchen)\nDeer Weltraum (graunt): Du!\nDie Strahler (lauschen, schauen)\nSie (tastet ihn zur Tiefe)\nDer Weltraum (raunt): Du!\nE r und S i e (tauchen Tiefe)\nDer Weltraum (graut): Du!\nE r und S i e (tiefen)\nDer Weltraum (hellt): Du!\nEr und Sie (versinken)\nDer Weltraum (lichtet): Du! (stahlt) Du!\n(strahlt): Du! (blendet): Du\nSterne (flirren, weiben, reigen, choren, tönen,\njubeln): Du! Du! Du! Du!\nDie Strahler (stürzen, starren, hüllen, ducken,\nknieen, lauschen, staunen, zittern, horchen)\nReig,en (vor und um die Strahler jubelt): Du!\nDu! Dich! Du! Wir! Sohn!\nDie, Strahler (schnellen hoch)\nReigen (Jubel): Sohn! Sohn! Sohn! Sohn!\nStrahler (hebt die Hände hoch, Jubel): Sohn!\nSohn!\nTaumel, Reigen, Tanz: Sohn\nDie Erde (taucht den Raum hoch, lichtdurchflutet)\nE r und S i e (aufrecht Hand in Hand)\nReigen (stockt erstarrt)\nSchauen\nStummen\nSchweigen\nDie rolle Erde (weht)\nEr (blindet, hebt die Hand haucht): fruchtbar\nDer Welthauch (flüstert): fruchtbar (tönt)\nfruchtbar (tönt) fruchtbar (schreit) fruchtbar\n(braust) fruchtbar (flucht) fruchtbar\nBrausen Rollen Donnern\nDie Erde (schlingt den Raum)\nDie Strahler (Zittern, Beben)\nDer Reigen (Zittern Beben)\nDer Reigen (weint, zerweint, flattert, schleicht,\nzerschl eicht)\nDie Strahler (heben auf, Scheu, Furcht,\nSchauen)\nStrahler (schauert, bebt Entsetzen): fluchen\nStrahler: fluchen\nStrahler (zittert): fluchen\nSchauen (der Erde nach)\nStrahler (kauert auf): Erde Erde\nStrahler (kauert): Erde\nStrahler (kauert, zittert, schauert): Erde!\nDie Strahler (stehen zaghaft auf, schauen)\nStrahler (sinnt): Tränen\nStrahler (stimmt bei): große Tränen\nStrahler: Weinen räumt\nStrahler (stampft unwillig Verachtung): Weib-\nsohn! Du!\nKlagen? (matt im Raum): Sohn\nKlingen: Sohn\nSingen: Sohn"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.5", "texte": "Jauchzen: Sohn\nKlingen: Sohn\nWehen: Sohn\nStummen: Sohn\nStrahler (hebt die Hände, Jubel, Trotz): Sohn!\nMein Sohn!\nSchweigen Schauen\nStrahler (schaut): Sterne\nStrahler (schaut): Sterne\nStrahler (Beben in sich): Sterne\nDie- Strahler (schauen): Sterne!\nDie Strahler (dämmern): Sterne!\nDie S 11* ahle r (ahnen): Sterne!\nDie Strahler (schluchzen auf, hüllen das Haupt,\nschreiten in Beben, Ohnmacht, Trotz): Wir!\nSchreiten Sterne Sterne Strahlen Strahlen Sterne\nAufschrei: Sohn\nAuf gell: Ich!\nV\nEise Erde. Dorf\nE r (an ihrer Hand tastet den Stab)\nE r (tastet Sie): Du?\nSie (ruhig weich): Ich\nEr (befriedigt): ich! (sitzt erschöpft am Wege)\nS i e (sitzt)\nEr (streicht das Gesicht): Dunkel\nSie (ruhig): Sterne\nEr (sinnt Sinnen): Sterne?\nEr (schauert): kalt\nSie (ruhig): Sterne\nEr (sinnt): Sterne? (sinnt, quält) Sterne?\nS i e (nimmt weich seine Hand)\nE r (zärtlich): Hände\nS i e (zuckt in Erinnerung)\nEr (küßt die Hände)\nS i e (reglos)\nEr (weich): Ich\nSie (weich): Ich\nKind (stapft Schnee am Dorfeingang, steht,\nschaut)\nE r (wendet den Kopf, horcht)\nSie (wendet den Kopf)\nEr\nSie: Kind\nEr (horcht): Kind?\nKind (zagt näher, steht, betrachtet)\nEr (tastet, spürt): Du?\nKind (tritt zurück): ich\nEr (hält die Hand): ich?\nKind: nein\nEr (hält die Hand): Du?\nKnabe (am Dorfeingang): Du?! (stutzt, läuft zum\nMädchen, steht und schaut)\nEr: Du?\nMädchen Knabe (lachen sich an, verlegen):\nwir?\nEr: ihr?\nMädch e n Knabe: wir\nEr (ungeduldig): ihr?!\nSchweigen\nE r (zu Ihr): wer?\nSie: Kinder\nE r (sinnt): Kinder\nKnabe (prahlt): Unser Vater ist gestorben\nEr (sinnt): Vater?\nKnabe: als er starb, da ist die Erde gestorben\nE r (sinnt): Erde? !\nMädchen (blaß weiß und schmerzlich wichtig):\nkalt (stolz) vorher war warm licht (besinnt)\nblühen\nEr (sinnt): blühen\nSchweigen\nEr (ruhig) (bestimmt schließt ab): ich sehe nichts\nKinder (lachen laut)\nE r (zuckt)\nMädche n: Du bist blind!\nE r (zuckt)\nKnabe (prüft): ja blind\nSie (legt die Hand auf seinen Arm)\nWeib (am Dorfeingang sucht und ruft und sucht):\nIhr Ihr! (eilt zu den Kindern, schilt) ihr! (reißt\ndie Hände)\nKnabe: Nicht wahr? Unser Vater ist gestorben?\nWeib (zerrt fort, roh): Euer Vater!\nKinder (heulen)\nMädchen (am Dorfeingang): der Mann ist blind\nWeib (stutzt und blickt zurück): ha?! (zerrt in\ndas Dorf)\nEr (kauert in sich): blind?!\nS ie (weich die Hand auf seinem Arm): wir sehen!\nsehen!\nWeiber Krüppel Greise\nKinder (vom Dorfe her): wo wo? (stehen vor\nIhm und Ihr): o\nEr (tastet): Kinder?\nSie (faßt seinen Arm erfreut): Du erinnerst?\nErwachsene: wer seid ihr? seid ihr?\nSie: wir ? j\nWeiber (frech, roh): Ihr? Ihr?\nEr: Kinder?\nWeiber: Wie?! \\\nSie: wir\nWeiber (drängend): Ihr?\nKinder (frech): Ihr?\nSie (ruhig): weit weit!\nKinder (drängen): weit?\nSie (nickt ruhig): von den Sternen\nDurcheinande r: wat? wer? wie? die? wat\nsagt Sterne? Sterne?\nKinder (trotzig): unsere Väter sind bei den\nSternen! Väter! Unsere!\nKind: Du hast unsere Väter gesehen?\nEr (lächelt): Väter\nKnirps (Knabe): Hä! blind! dä ikann jä nich\nsehen! hä!\nGelächter: hä\nEr (sinnt): Väter!\nKinder (drängeln): Unsere Väter?\nKnirps (Mädchen): (drängelt vor stottert schul-\nweis): Väter unsere Väter (im Redefluß mit ge-\nfaltenen Händen): Es war ein Vater unser Vater\nder könnt mehr als Menschen brannte die Sterne\nstrahlte alle Erde aus\nE r (horcht immer stärker auf und spannt)\nS i e (unbeweglich)\nKnirps: und fuhr und fuhr den Himmel durch in\nFlammen und sucht das Paradies das Paradies\nund wenn er heimkehrt wird die Erde wieder\nglühen und Lichter strahlen und Blumen blühen\nund ich und du und dich und mich und ihr und\nwir sind eins m Ewigkeit Ewigkeit Amen\nE r (aufgerichtet hoch, glücklich, verklärt, lacht) O\ndie Väter! Väter!\nErwachsene Kinder: Väter!\nS i e (steht auf)\nEr (hebt die Arme): o Ihr o Wir o Mich o Ich!\nDurcheinander: der! der!\nPfaffe (aus dem Dorfe): Wer ist der Mann?\nDurcheinander: Er kommt von den Sternen\nvon den Vätern! Unsere Väter!\nEr (seherisch verklärt): lieh bin euer Vater!\nS i e (legt den Arm um Ihn)\nAufschrei: Vater! Vater!\nNiederknien (Ehrfurcht Anbetung)\nPfaffe (aufrecht, kalt): der Narr ist blind!\nEr Wir (faßt seinen Kopf): Die Stimme!\nSie: Du erinnern!\nEr: ich kenne den Klang\nSie (glücklich schmiegt): o du erinnerst\nPfaffe (Hohn): ich eines Weibes Sohn!\nEr (schlägt die Stirn reckt in Lachen): Du! Dich!\nmich! ihr! o wir\nPfaffe (wild, außer sich): fort die Kinder! fort\ndie Kinder! fort die Kinder! Toren Toren er läs-\ntert uns! er lästert unsere Sterne! Gott!\nAufstehen (stumm scheu)\nKnirps: es war einmal ein Vater\nPfaffe (schlägt dazwischen): wer lehrt euch die-\nsen Unsinn?\nKinder (stieben heulen): Mich lehrt. Mich o\nMich!\nPfaffe (jagt wütend): Mich o Mich!\nEr (außer sich die Hände in den Lüften): Mich! o\nMich! Mich! o Mich?\nKnabe (springt trotzig vor Ihn): Mein Vater ist\nein König!\nKnabe (trotzig): Mein Vater ist ein Herr!\nKnabe (trotzig): Mein Vater macht die Erde\nblühen\nPfaffe (wütet): fort! Ihr! fort!\nWeiber (zerren die Knaben): Eure Väter waren\nLumpen!\nKinder (heulen): König\nWeiber: Lumpen!\nKinder (heulen): Herren\nWeiber: Lumpen!\nKinder (heulen): Strahlen\nWeiber (lachen Hohn): die kahle Erde! kahle\nErde! (und zerren) Euch! Ihr! Uns!\nPfaffe (vor ihm): Bettler! Narr!\nDurcheinander: Bettler! Narr!\nE r (reckt gewaltig)\nAlle (weichen zurück)\nE r (lacht in Erkenntnis, glücklich, weich und faltet\ndie Hände): Vater! Ich! Vater!\nKnirps (Knabe) (springt vor, lacht dünn, höhnt):\nVater! (hebt Stein) Du! (wirft)\nE r (faßt die Stirn, taumelt)\nS i e (fängt Ihn in den Armen)\nVerstummen Entseitzen Aufschrei\nWeib (springt vor, nimmt den Knirps beim Kra-\ngen und verprügelt ihn)\nAlle (Flucht zum Dorf)\nPfaffe (als Letzter, schaut zurück)/ schüttelt\nGrimm den Kopf, stapft ins Dorf\nS i e (sitzt)\nEr (legt zurück, den Kopf in Ihren Schoß): Mich o\nMich\nSie (beugt über Ihn, legt die Hand auf Seine Stirn)\nEr (legt zurück): Dein Schoß\nSie (beugt über Ihn): Ich\nEr (flüstert): Ich! Vater! Ich! (reckt auf) (gewal-\ntig ruft frohlockt) ICH!!!\nEcho (stürmt und füllt die Leere): Ich!\nEr (fällt in Ihren Schoß)\nS i e (prüft, hebt den Kopf in Urschmerz und deckt\ndie Hand über die Augen)\nMich (mit Verbandszeug lächelnd inmitten plap-\npernder Kinder)\nKinder (durcheinander): blind! der werfe\nJunge! o! Vater!\nMich (beugt über Ihn): o\nKinder (knien bestürzt): 000\nMich (über Ihm): ja es könnte wohl der Vater\nsein!\nK i n d e r (beugen zur Erde, beten scheu): Vater\nVater!\nS i e (nimmt die Hand von den Augen und schaut\num)\nM i c h (blickt auf)\nSie: Ich\nMich (erkennt): Mich (bricht zusammen und legt\nden Kopf über Ihn und Ihren Schoß)\nSie (legt die Hände auf Beide tonlos weich): Ich!\nKinder (blicken auf, zagen hoch, schleichen\nscheu den Blick zurück)\nKnabe (stößt das Mädchen): Du!\nMädchen (pufft zurück): Du!\nKnabe (pufft): Ich!\nMädchen (pufft zurück): Dich!\nKnaben (puffen): ihr\nMädc h e 11 (wehren): wir\nKnaben (puffen): wir gehn alle zu Vätern! wir\nwir!"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78/79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.6", "texte": "Fritz Baumann: Originalholzsehnitt/ Vom Stockgedruekt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.7", "texte": "Mädchen (puffen zurück höhnen): Ihr! Ihr!\nKnabe (packt das Mädchen und balgt): Du\nMädchen (packt den Knaben und balgt): Du\nKnabe (balgt): ich!\nMädchen (balgt): ich!\nKnaben (balgen): wir!\nMädchen (balgen): wir!\nGekreisch und Gebalge (ins Dorf)\nSie (tief gebeugt): Du Ich Dich Mich (schaut auf\ndie Augen tief in Fernen Rätsel) Wir!\nEnde\n\nDas Gespenst vom\nRitthof\nAlfred Döblin\nWie des Karl Völkers Sohn Johann vom Ritt-\nhof herunterging, wo er den heißen Nachmittags-\nkaffee getrunken hatte, rieselte am Wege nach\nFechingen etwas Wolkigblaues, Niedriges von\nMenschengestalt an ihm vorbei. Er verfolgte den\nSchatten, träumend: „Dich kenn ich, oh, wir haben\nnns schon gesehen.\" Die Haare der Gestalt wur-\nden von dem Märzenwind lang und wagerecht\nausgezogen, sanft lief sie und bewegte kaum die\nFüße und die Arme, als wäre sie mit Bändern um-\nwickelt. Sie mußte von der Gegend der Fähre her-\nkommen; über das dünne Grün der Wiese lief sie\ngleichmäßig wie aufrechter Rauch. Sie floß über\nden Bühlbach; er suchte lange, bis er eine schmale\nStelle fand. In weiten Sätzen machte er sich hin-\nter ihr her. An der Holzbriicke vor dem Dorf\ndrehte sie sich, rechts, links. Da hatte er sie aus\nden Augen verloren.\nDicht am Eingang zu Bliesschweien, dem Dorf,\nwehte das Fähnchen vom Wirtshaus. Da trank\nJohann Völker in der niedrigen langen Stube ein\nGlas gelben Saarwein. Und als er eine viertel\nStunde am Kieferntisch gekauzt hatte, kam ein\nscheues, bäurisch gekleidetes Mädchen ohne Hut\nzur Tür herein, das einen Eimer und ein Tablett\nmit leeren Weiukaraffen trug. Sie bewegte sich,\nals sie den Eimer neben dem Schenktisch abge-\nsetzt hatte, blaß und erschrocken zwischen den\ndicht belagerten Tischen herum, warf die Augen\nauf Johann. Er fragte sie, indem er das leere Glas\nvon sich schob, ob sie mit ihm trinken wolle und\nwarum sie so erschrocken sei. Ach, lächelte sie,\ndas sei nur, weil er eine blaue Mütze trüge, die\nstünde ihm so gut, darüber habe sie sich gefreut.\nAber warum sie denn jetzt Wein trinken solle, da\nsie doch gar keinen Durst hätte. „Wir wollen zu-\nsammen essen1\", schlug Johann mit der Faust auf\ndie Holzplatte, da er das Mädchen immer schöner\nfand. Aber sie zwinkerte mit den Augen, kniff ein\nverschmitztes Grübchen in die Wange, kicherte\nganz hoch in der Kehle mit geschlossenen Lippen,\nließ ihre Karaffen füllen.\nJohann blieb die Nacht über in dem fremden\nWirtshaus. Tags darauf und öfter begegnete er\ndem Mädchen mit dem Eimer; sie war die Toch-\nter des Schmiedes Lieweniren und hieß Kätti. Er\nwanderte mit seiner blauen Mütze, in dem jungen\nebenmäßigen Gesicht die randlose Brille, an den\ndünnen langen Beinen Radfahrhosen und braune\nSegeltuchschuhe, wanderte zwischen der Schmiede\nund der Schenke des Nikolaus Schlöser her und\nhin. Sie freuten sich miteinander den ganzen Som-\nmer. Sein Vater wußte nicht, wo er hauste, glaubte,\nJohann hätte eine Reise wieder über den Ozean\nauf einem Frachtdampfer oder auf einem Segel-\nschiff angetreten.\nIm August quartierten sich vier lustige Herren\naus Trier beim Nikolaus Schlöser ein. Mit denen\nritt Johann auf die Hühnerjagd; sie knallten den\nhalben Tag über, abends warfen sie sich in der\nLaube neben der Bliesbrücke auf den Rasen, stie-\nßen den Gartentisch um, pflanzten eine brennende\nKerze in die Erde und spielten Karten, bis die Hüh-\nner krähten. Kätti hörte nichts von Johann. Feine\nMädchen brachten die Trierer Herren manchmal\nin die Laube und zum Schlöser. Johanns Gesicht\nwurde vom Trinken und Lumpen dick. Statt der\nleichten Füße in Segeltuchschuhen scharrten die\nLatschen eines kleinen Jungen zur Schmiede her-\nüber; er brachte Grüße und ein Bündel Rosen von\nHerrn Johann Völker.\nAber sie war schlauer als er hinter seiner glä-\nsernen Brille. Sie ging in die Honoratiorenstube,\nwenn die fremden Weiber mitpokulierten, sangen\nund kreischten, ließ sich verschämt bei der Hand\nfassen, ihre hochausgeschnittenen Augen wander-\nten; den Fingern, die nach ihren Zöpfen tasteten,\nwich sie aus; sie sich dem schmunzelnden\nJohann, zwischen Tischkante und Stuhl sich ein-\nzwängend, brustangeschmiegt auf den Schoß. Und\nals sie ihn mit der Eitelkeit gefangen hatte, kicherte\nsie eines lärmenden Abends, während er im Kor-\nridor ihren Kopf nehmen wollte: „Guten Tag, Jo-\nhann, lebwohl\", hing sich an den Arm des spitz-\nbärtigen Jägers aus Trier der eben in grünen\nWickelgamaschen, geschniegelt, gescheitelt, keck\naus seiner Stube spazierte und im Vorüberziehen,\nelegant fußscharrend, Johann mit einem Finger auf\ndie zuckende Schulter tippte. Das war an einem\nSonntag. Karl Völkers Sohn vergaß den Tag nicht.\nUnd im Moment, wo sie vorüber waren, fühlte er\neinen Zwang, aus dem Flufienster nach der Brücke\nhinzusehen, und wie er sich abwandte und nach\nunten vor die Haustür blickte, da hatte sich die\nLiewennen, — im sauber gewaschenen weißen\nKleidchen hüpfte sie hinter einer kleiderrauschen-\nden Dame in das Kabriolet, — da hatte sich die\nLiewennen verändert. Ueber ihrem gebügelten\nRock lag es; der Rock dampfte; streifig, der Länge\nnach war er tausendfach gefältet; von dem rosen-\nblumigen Hut, den sie sich eben weit in den Nacken\nstülpte, goß sich ein Staub, ein feiner Ruß, der um\nihre Schultern schwälte.\nJohann verließ seine Stube nicht; eine höllische\nWut und Raserei nahm ihn gefangen. Er berührte\nkeine Flinte; die Karten, die man mit rotem Wein\nbegossen zu ihm hinaufschickte, streute er auf den\nFlur vor die Stube der vier. Dann machte er sich\nverbissen hinter die Schmiedstochter. Er sah, er\nübersah dieses Flüssige, Dünne, Zittrige, das sie\numgab, das aus ihren Kleidern, von ihrem freude-\nvollen Gesicht wie der Dunst aus warmem Was-\nser aufstieg. Es beunruhigte ihn nicht. Er brütete,\nwar der Spürhund hinter ihr, haßte sie. Aber so\noft er sich auch in seiner Stube einschloß und den\nFederhalter zur Hand nahm, er konnte sich nicht\nentschließen, dem alten Karl Völker im Hessischen\nzu schreiben, daß man mit der Schiffahrt mal ein\nEnde machen müsse; im Mittelmeer sei es jetzt\nsehr heiß, sein Kapitän' wolle nach Rumänien, um\nPetroleum zu laden, und das könne er nicht mehr\nriechen. Er kaufte sich einen grünen Jägerhut, ließ\nsich die Haare bis auf den Wirbel scheren, frech\nwuchs auf seiner Lippe ein blondes Schnurrbärt-\nchen. So ritt er und schlampte wieder mit den\nTrierern, den wilden Vögeln. Seine schlanken: Ren-\nnerbeine zitterten und wackelten wie einem Greis,\nwenn sie Arm in Arm auf den finsteren Kuckucks-\nberg seitlich von Ransbach schlenderten und\nSpeere warfen nach einer angebundenen schnee-\nweißen Geiß, die ängstlich mäckerte, Blut spritzte,\nunter Gebrüll zertreten wurde. „Aas!\" keifte Han-\nnes Völker heiser, zog sich die rotbefleckten\nSchuhe aus und hackte tobend dem verreckenden\nVieh rechts und links in das Maul, auf die Zähne;\nGras und Erde stopfte er in den Schlund hinzu,\nwährend die anderen vier ihre Eisenstäbe gegen\ndie entzündeten übernächtigen Larven drückten\nund vor Lachen den Buckel krümmten.\nDes Schmiedes Liewennen Kätti mied das\nWirtshaus; der Curator habe wegen ihrer Eitelkeit\nmit ihr gesprochen. Aber das stillte seine Wut\nnicht. Im bäurisch weiten Rock, mit berußter arm-\nloser Taille trug sie ihrem Vater vom Brunnen die\nWassereimer Tag um Tag; schon wurden die Blät-\nter an den Bäumen bunt; warm und traurig hielt\nsie das Gesicht gesenkt, wenn der lange Hesse ihr\nüber den Weg stolperte. Wenn sie lief und die\nEimer schwappten1 über, sah er ihr nach, und da\nliefen doch zwei. Warnend lief es, gedoppelt,\nmachte ihn eine Minute stumm. Zweimal waren es\nzwei bloße Arme, zweimal schoben sich zwei Füße\neng nebeneinander vor; ihr Kopf hatte hinten dicke\nfestgesteckte und bebänderte Flechten, der andere\nwar glatt, er schwankte bald rückwärts bald seit-\nwärts von ihrem, und wenn sie ihren auf die Brust\nlegte, so stand der andere dünn in der Luft da,\ngegen dunkle Baumstämme hob er sich hell ab; so\nglattgestrichen war er von allen Seiten. Sie blieb\neines Mittags, ohne die Eimer abzusetzen, vor dem\nDenkmal des heiligen Quirin auf dem Dorfplatz\nstehen neben ihm und flüsterte rasch, das schräge\nHütchen kleide ihn nicht gut, er solle sich die Haare\nwachsen lassen und die blaue Mütze aufsetzen. Jo-\nhann schnalzte verächtlich mit der Zunge, daß es\nüber den Platz knallte, schleuderte mit einem stol-\nzen „Juhu\" das Hütchen an der Krämpe in die Luft\nund fing es auf, während er ein Bein hochzog und\nwie ein Storch auf einer Spitze stand. Die Eimer\nschlugen ihr gegen die Hacken, das Wasser spritzte\ngegen ihren Rock, rasch lief sie davon.\nUnd eines Sonntags fuhr ein Wandertheater\nauf den Marktplatz vor das Gemeindehaus mit drei\ngrünen Wagen, schlug seine Bretterbude seitlich\nvom heiligen Quirin auf. Da brachte der ge-\nschminkte Ausläufer des Direktors dem Hessen ein\nBillet, das habe, so erwähnte er mit graziösem Hin-\nund Herwinden und süßem Gurgeln vor dem Her-\nausgehen, eine bekannte unbekannte Person' be-\nzahlt, beglichen, honoriert. Das Schicksal der Kai-\nserin Dorothes von Byzanz würde nach dem Got-\ntesdienst die Bewohner von Bliesschweien er-\nschüttern, auch viele Nachbarorte seien voll Teil-\nnahme, kein Auge würde tränenleer bleiben. .\nDer Hesse nahm ein rotes Taschentuch und\nlegte es auf seinen Platz, die erste Bank vor der\nBühne, stellte sich an sein Fenster, um das rote\nTaschentuch und den Nachbarplatz zu beobachten.\nNun sollte die Liewennen, die Liewennen betraft\nwerden für ihren Verrat. Das Theater begann. An\ndem Haustor des Bäckers, im Schatten, spielte\nKätti mit den Kindern, in ihrem weißen bauschigen\nKleid; sie warf von Minute zu Minute einen Blick\ngegen das Seil am Denkmal, wo die Billetabneh-\nmerin auf einem Stuhl schlief. Dreiviertel des\nStücks waren zu Ende, längst ging keiner durch die\nBilletsperre, schon wanderten ältere Leute zurück,\num noch vor Nacht ihre Dörfer zu erreichen oder\nsich einen Platz in der Schänke zu sichern. Die\nLiewennen kletterte auf den kleinen Tritt, lugte\nvorgebeugt, an der mörtelstreuenden Wand sich\nhaltend, über das leinwandumspannte Carre; ganz\nleer die erste Bank, aber auf einem Platz sorgfältig\nhingebreitet ein rotes Taschentuch.\nSie fühlte einen Stich im Herz, vorsichtig, blaß\nstieg sie den Tritt herunter, dann rasch zum Seil\nüber den leeren heißen Plaß, sie scheuchte die\nKinder zurück, die weinten und mit hineinwollten;\ngleich wäre sie wieder da. Das Gedränge im Gang;\n„ach, bitt Euch, mein Platz ist vorne, laßt mich\ndurch\" Nun saß sie vorn, drückte zitternd das\nTuch gegen ihre weiße Bluse, wagte nicht, von\nallen Seiten beobachtet, unter dem Rollen der Büh-\nnenrhetorik, den roten Stoff zu entfalten, das Zet-\ntelchen zu lesen, das wohl dring lag. Schon waren"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.8", "texte": "oben die vier Anstifter und Mörder der gottes-\nfürchtigen Kaiserin handelseins; wieder drängte ein\nEhepaar heraus. Die Liewennen, glühend, kopfge-\nduckt, schob sich hinter sie, wie ein Hähnchen un-\nter die Flügel der Henne. Aufgeschreckt rückte die\nhutzlige verschlafene Frau, die Billetabnehmerin,\nmit dem Stuhl nach rechts. Die Liewennen rannte\nan den jauchzenden Kindern vorbei; „Kättchen\"\nriefen sie „komm her; hier sind wir ja, hier.\" In\ndie Blindgasse des Fuhrherrn Bell floh sie; Nichts\nin dem Taschentuch; ein blaues Zeichen I. V. Da\nknüllte sie es in dem kühlen Gang vor ihrem ge-\nspitzten Mund zusammen, weinte und hatte den\nWunsch, das Tuch sich über die Stirn, die Augen\nzu legen, über den Kopf zu breiten.\nPlötzlich hörten die Kinder auf zu kreischen.\nHinter ihr, neben ihr bewegte sich der verlumpte\nHesse in rosa Hemdsärmeln, hatte die Brille auf\ndie Stirn geschoben und stierte sie mit wasser-\nblauen Blicken über ihre Schulter an; sein Atem\nstrich an ihrem Hals entlang.\n„Für wen willst Du Dich mit meinem Taschen-\nbuch putzen?\"\nSie zuckte mit lautem Aufweinen nach dem\nroten Lappen auf ihrem Haar, stopfte ihn in ihren\nBrustausschnitt, hatte die Hände frei, tastete\nflehend nach seinem Aermel.\n„Wen willst Du mit meinem Taschentuch\nlocken?\"\nEs lag ihm nichts an ihr. Sie war ihm gleich-\ngiltig wie die abgebrochene Deichsel zu seinen\nFüßen. Er bedauerte sie, während er nach ihr griff.\nAls das Mädchen mit heißem Wimmern über ein\nRad in die Kniee stürzte, fuhr eine ungesehene\nHand vor seinen Hals, schnürte seinen Hemdkra-\ngein zusammen. Das Gespenst drängte sich, wäh-\nrend er torkelte, in seine leer rudernden, schlin-\ngenden Arme, mit roten Aederchen überzogen wie\nein angebrütetes Ei. Zwischen zwei Ställe schob\nIhn die bewegungslose, wie auf Rädern gleitende\nGestalt, rammte ihn gegen einen Pfosten. Er rang\nmit ihr keuchend, sie zu bewältigen, sie totzu-\nmachen, wegzuwischen. Als er ihren Kopf zwi-\nschen den Handtellern einspannte, wollte er ihr ins\nGesicht speien. Aber sie, ohne die Miene zu ver-\nziehen, machte langsam eine Bewegung von unten\nherauf mit beiden Mittelfingern, eine Bewegung,\ndie er nicht verstand, wiegte ihren Kopf aus seinen\nnachgebenden Händen rückwärts. Schamlos grinste\nsie lippenwulstend und kam näher. Sie strich dicht,\nNase an Nase mit ihm, kitzelnd unter sein Kinn,\nunter seine Achseln. Und ihr Gesicht, — er konnte\naufseufzend nicht sagen, wie es aussah. Es war\nIhm bekannt, so bekannt, so unheimlich vertraut.\nEr wollte, das Kinn andrückend, die gelähmten\nArme von ihrem Hals sinken lassen, da hatte er\ndicke Beulen auf der Stirn; seine Weste war auf-\ngerissen und es klatschte gegen seine Brust. An die\nHand faßte sie ihn und warf ihn mit einem Schwung\nherum, über die Beine der winselnden Liewennen,\ndurch das offene Tor, in den Pferdestall zwischen\ndie Pferde.\n\nGedieht\n\nSophie van Leer\nIch kniee\nin grauen Kapellen\nund vor den Nischen\nin schützen Felsen\nwo vor deinem Bildnis,\nMaria,\nein Oellicht brennt\nin rotem Glas;\nwo Kränze welken\nHerzen aus Wachs\nund bunte Bilder\nIch beichte in düstren Domen\nund küsse,\nGekreuzigter,\ndeine Pein\nIch bette\n-t\ndein totes Haupt\n112,\nin meinen weinenden Schoß\nIch bete\nden summenden Sang\nin hallenden Klostergängen\nund falte die Finger\nder Mönche\nüber schwarzen Brevieren\nIch wandle Prozessionen;\nsingende Chorknaben\nmit Weihrauchbecken\nan schwanken Goldenketten;\nweiße Nonnen\nBrüder mit betenden Stirnen\nsilberne Heilande\nan schwarzen Kreuzen ausgespannt\nIch jauchze\nTürme in Sonnen\nund töne\nhallende Fliesen\nund kniee\ndie Altarstufen\nIch bin, der die heiligen Bücher schrieb\nich bin der Leidensweg\nund die weinenden Frauen\nIch bin der Freund\nder Richter\nder Verräter\nIch bin\nfür den er am Kreuze lebt.\n\nZwei Briefe\nAlfred Döblin\n\nLieber Herr Knoblauch\nSaargemünd (Lothringen)\nVielen Dank für Ihr Buch, das sich gebunden\nso geschmackvoll macht.\nIch wollte Ihnen nicht eher schreiben, bis ich\ndurch das Buch wenigstens noch einmal ganz\ndurchgegangen war; stückweise kannte ich ja den\nRoman schon aus dem Abdruck; die letzten\nWochen brachten mir aber ein unerwartetes Ueber-\nmaß von Lazarettarbeit.\nDer Roman fesselte mich von Anfang bis zu\nEnde. Er ist garnicht lyrisch und poetisch, wie er\nmanchmal scheint, sondern streng, wissend; es ge-\nlingt ihm völlig, die reale nüchterne Szenerie und\ndas Geistige des Vortrags zu verschmelzen (ich\nhabe öfter darüber gestaunt und mit Vergnügen\nnoch ein- zweimal gelesen, wie Sie das gemacht\nhaben). Es ist bei allen Pathos eine völlig be-\nherrschte und sicher hingestelltel Arbeit. Sie geben\nniemals der Neigung des Stoffs, ins Tragikomische\nzu gleiten, nach; es ist nicht notwendig, daß man\ndiesen Stoff, wie Ibsen in der „Wildente\", zur Gro-\nteske werden und verderben läßt; Sie haben sich\nnicht zerfleischt, Ihr Ideal nicht an den Pranger\ngestellt, die „sittliche Forderung\" rutscht nicht in\ndie Hosentasche. Ja, wenn ich es richtig fasse; —\nIhr Buch erfreute mich und tönt in mir nach, weil\nes so entschieden menschliche Haltung hat und\nbehält.\nIch weiß nicht, wie alt diese Komposition ist\nIst sie jüngeren Datums, liegt sie weiter zurück?\nIch habe mich gewundert, daß ein Lyriker so glatt\nepisch komponieren und so entschlossen im Hand-\nlungsablauf fortschreiten kann. Sie werden im\nweiteren Verlauf Ihrer Produktionen! möglicher-\nweise — so sieht es aus und ist auch gut — noch\nmittelbarer schreiben; indirekt sein können ist ja\nder Vorzug des Epikers; aber vielleicht geht Ihr\nWeg anders, man kann vielleicht die Sache, noch\nganz anders machen. Sie schreiben viel unmittel-\nbarer als ich; ich versage mir jedes Wort, mit\nNeid seh ich auf die Freiheit des Lyrikers, der sich\nausspricht, ausfühlt; ich muß mich suchen in den\nGestalten, die in meinen Sachen vorkommen, sie\nscheinen mir bekannt, aber was ich mit ihnen zu\ntun habe, weiß ich nicht. Viele Wege scheinen auch\nda nach Rom zu führen. Nochmals: Ihr Buch ist\nschön, hat mich erfreut, ich werde es noch öfter\nlesen und anderen zu lesen geben.\nFreundliche Grüße Ihnen und Ihrer Frau Ge-\nmahlin\nLieber Herr Döblin\nSie haben in Ihrem wertvollen und mir teuren\nBrief, den Sie über mein kleines schwarzes Buch\nschickten, recht den Gegensatz zwischen Ihrer\nund meiner Art zu schreiben, geschildert,\nwenn ich Ihnen nun endlich darauf antworte,\nso geschieht das, weil ich glaube, auch\nvon meiner Seite zum Belege dieses Gegen-\nsatzes, den ich immer empfinde, Einiges aus-\nsprechen zu sollen. Wohlgemerkt, ist die inter-\nessantere Seite des Gegensatzes die Ihre, Sie\nsind verborgen, aber das Gewimmel des Lebens,\ndas Sie schildern, hält auch genug im Atem.\nEs ist sehr richtig, wenn Sie an meiner Art „das\nUnmittelbare\" hervorheben, und ich bin Ihnen zu\nallem Dank verpflichtet für Ihre freundschaftliche\nErwartung, daß ich auf diesem Wege unmittelba-\nren Ausdrucks fortschreiten, „die Sache auch ganz\nanders (nämlich nicht indirekt!) machen könnte\".\nSie sagen, daß Sie nicht wissen, was Sie mit\nIhren Gestalten zu tun haben, ich, der ich nicht\nrecht weiß, was ich mit dem Leben und den Ge-\nstalten draußen zu tun habe, ja die Atmosphäre\nihrer großen Ansammlungen zu meiden suche, bin\nnur imstande zu schreiben aus der großen Liebe\nheraus zu mindestens einer Gestalt oder lyrischen\nHelden-Erscheinung (welche aber immer mensch-\nlich sein muß, also weder Blume noch Tier oder\nGestirn). Dadurch bin ich natürlich ganz arm und\nnüchtern hinsichtlich des bewegten und interessan-\nten Lebens, um so inniger erstrahlt nun die Liebe\nder Gestalt, die mich erwählt hat.\nEs ist mein Verhältnis zu Gott, welches Aus-\ndruck findet in Brans Suchen, zu Frau Lise zu\nkommen. Mein Bangen ist aiuch in ihm enthalten,\nfehlzugehen im Gegenstand und Wert des Gesuch-\nten (das schauerliche Weltverlorensein!) Ein Ban-\ngen vor dem Leben gibt es nicht, vor dem Leben\ngilt seelenvolle Tapferkeit allein, aber Bangen emp-\nfinde ich vor dem Einzigen und Nackten, und vor\nder Einzigen bangt es so dem Knaben Bran. Im\nkleinsten, weltentlegenen Erleben wird zuweilen\neine Lehre unermeßlicher Erleuchtung erteilt, das\nDrama des Lebens hat nicht Zeit — noch Ortge-\nbundenheit, und keiner weiß, wann ihn die gewal-\ntige Flut ereüt.\nIch habe mein schwarzes Buch wohl schon\nseit sechs Jahren gearbeitet, gänzlich neu\ndenselben armen Stoff immer wieder umge-\nschrieben, und, entartet am deutschen Mangel von\nFormkraft und — Willen, blieb ich unfähig, das Er-"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.9", "texte": "lebte für die allgemeine Welt wirkend zu gestalten.\nSowenig es nütze ist, nur zu schreiben und nie zu\nleben, sowenig ist es nütze, zu erleben ohne zu ge-\nstalten, das Leben ohne die Kunstgestalten er-\nliegt derselben Wertlosigkeit wie der Wandel des\nStaubes und der Sterne.\nAllein, als ich begann, die Wunder der Malerei\nvon Kandinsky, vornehmlich aber Chagall zu erken-\nnen und den neuen ewigen Formiwillen ansah,\nwurde ich klar über das, was mir zu leisten ver-\ngönnt worden ist, und warum ich innerliche\nLeiden durchzumachen verpflichtet war. Schwere\nwortlose Inbrunst, religiöse Dankbarkeit führten\nmich hin zur großen Stilkunst unserer Tage, mit\nVerehrung beugte ich mich vor Franz Marc, an\nden großen Ausländern wurde ich sicher und heil\nin meiner preußischen heimatlichen Art.\nIch bin nicht mit Allem einverstanden, was ich\nüber die neue Kunst höre, nicht alles ist richtig.\nDer Streit der Kritiker, der mit wissenschaftlichen\nWaffen geführt werden muß, sterilisiert das Herz\nund stumpft dien Geist zur dünnen Abstraktion. Es\nist nicht meine Aufgabe, überreden zu sollen, nicht\neinmal durch noch so künstlerische Formen oder\nUebersteigerungen der Sprache, ich liebe und\nbin nackt! Wenn ich aber einen Mantel antue,\nso wird es das sternenbesäte und glückliche Kleid\nder vollendeten deutschen Sprache sein, in der\nKraft und Erleuchtung ihrer höchsten Zartheit und\nEinfachheit.\nMit herzlicher Dankbarkeit\n\nIhr Adolf Knoblauch\n\nKinder, Kinder\n\nF. Laesecke, der neue Lenbach\n„W ollen Sie mühelos und ohne\nKosten viel Geld verdienen? . ,Dann be-\ntreiben Sie den Verkauf von schönen, künstlerisch\nausgeführten Portät-Oelgemälden, die ich Ihnen in\näußerst naturgetreuer Ausführung sehr billig lie-\nfere. Ein nach einer kleinen Photographie ausge-\nführtes Oelgemälde liefere ich Ihnen für 12 Mark,\nfür dieses erhalten Sie mindestens 20—30 Mark.\nFür ein solches in Größe 40X50, das Sie von mir\nfür 18 M. erhalten, erzielen Sie 30—60 Mark. Die\nBilder werden so vorzüglich von akademisch ge-\nbildeten Künstlern ausgeführt, daß für eine spre-\nchende Aehnlichkeit Garantie geleistet werden\nkann, wenn die eingesandte Photogra-\nphie schön scharf ist. Meine Porträtbil-\nder sind genau so schön als solche auf Kunst-\nausstellungen.\" Herr Prof. Ernst Berger, der Mei-\nsterschüler des alten Lenbach hat gerade zur rech-\nten Zeit aufklärend gewirkt. Wenn die eingesandte\nPhotographie schön scharf ist, wird das zurückge-\nsandte Porträtbild scharf schön. Außerdem ist Herr\nLaesecke sehr billig, er läßt die vielen Nullen des\nHerrn Lenbach fort und seine Porträtbilder sind\ntrotzdem genau so schön, als solche auf Kunstaus-\nstellungen. Auch ist Laesecke nicht ehrgeizig: „Sie\nkönnen Ihren Namens auf jedes Ihrer Bilder schrei-\nben und damit einen großen Aufschwung Ihres\nGeschäftes herbeiführen, wie es viele Kollegen mit\ngroßem Erfolg getan haben. In der Schönheit der\nAusführung liegt mein großes Geschäft. Lassen Sie\nsich zunächst ein Probeblld machen, damit Sie\netwas zu zeigen haben, wenn Sie dann Ihr Bild\nrecht vielen Leuten zeigen, werden Sie schnell ins\nGeschäft kommen und sehr viel Geld damit verdie-\nnen\". Wenn das Bild in Staub zerfällt, bleibt der\ngroße Name nodh. Die Unterschrift ist echt. Und\nist etwas unterschrieben, ist das Geschäft richtig.\nDie Kollegen üben sich in Graphik und Laesecke\npaust für Alle. Wieviel Zeit hätten Lenbach und die\nanderen großen Namen gespart, wenn sie ihren\nLaesecke gehabt hätten. Womit nicht gesagt sein\nsoll, daß sie ihn vielleicht nicht gehabt haben. Die\nKünstler müssen so viel für ihren Namen tun, daß\nsie keine Pause machen können, um sich die Hände\nmit Oel zu beschmieren. Freilich war dam:ils die\ngroße Zeit, die Konjunktur für Oelgemälde noch\nnicht gekommen. Aber jetzt haben wir die große\nZeit: „Die Zeit für Anfertigung schöner Oelgemälde\nist jetzt besonders günstig, denn jeder Krieger läßt\nsich in Uniform photographiere,n und groß in Oel\nmalen, wenn es nicht zu teuer ist. Die gefallenen,\ntapferen Krieger müssen groß in Oel ge-\nmalt werden, um sie zu ehren und ein dau-\nerndes Andenken von ihnen zu haben. Intelligente\nWirte hängen den Kaiser, besonders groß in Oel\ngemalt, in ihre Lokale auf und wer einen großen\nZulauf von Gästen haben will, der hängt noch die\nGemälde der Heerführer (namentlich Hindenburg)\nan die Wände. Offizierskasinos schmük-\nken ihre Räume mit solchen Bil-\ndern. Auch in Aulas von Schulen,\nSitzungssälen und vielen anderen Räumen,\nwerden solche Bilder begehrt.\" Wenn\nman auf die Intelligenz der Wirte spekuliert, wer-\nden die Gäste sicher ihr Geld los. In Offizierskasi-\nnos sollte man allerdings derartige Bilder etwas\nniedriger hängen. Für sprechende Aehnlichkeit\nwird Garantie geleistet: „Bei Bestellung ist anzu-\ngeben, die Farbe der Haare, ob besonders hell, mit-\ntel- oder dunkelblond, hell, mittel- oder dunkel-\nbraun, schwarz oder tiefschwarz, die Farbe der\nAugen. Gesichtsfarbe, ob blaß, hell, mittel, ge-\nbräunt, rötlich oder besonders rote Wangen und\ndie Farbe der Kleidung. Diese genauen Angaben\nsind besonders wichtig\". Die Herrschaften werden\nsich alle verzweifelt ähnlich sehen, aber Menschen\nsind wir alle. „Senden Sie mir gleich ein schönes\nBild zum Malen ein, denn jeder Tag bringt Geld.\nVom Kaiser oder sonst bekannten Personen brau-\nchen Sie keine Photographie zu senden. Diese\nBilder haben denselben Preis.\" Die müßten eigent-\nlich billiger sein, denn sie werden in Partien ge-\nmalt. „Sie können nach Photographien oder ande-\nren Bildern auch Landschaften, Gruppen- und\nKriegsbilder in großer Ausführung zu Wanddekora-\ntionen haben' zum Aufspannen oder Einkleben.\nUngefährer Preis in reicher Ausführung per Qua-\ndratmeter 30 M. Einfache billiger.\" Die reiche Aus-\nführung braucht man nur bei besonders roten\nWangen. Aber der Anstrich ist wirklich nicht\nteuer. Herr Laesecke hat auch viele Gutachten\n„viele unverlangte Belobigungen\". Zum Beispiel:\n„Da ich schon nahe an hundert Bilder von Ihnen\nerhalten habe, die alle großartig gefallen haben, so\nkann ich wohl am besten ein richtiges Urteil ab-\ngeben. Die Bilder sind wirklich Kunstwerke und\nmit ähnlichen Bildern, wie sie vielfach an-\ngeboten werden, nicht zu vergleichen. Daß\nich die Bilder als eignes Erzeugnis anbot, kann\nmir Niemand verdenken. Ein Architekt sagte: „Man\nsollte es doch nicht für möglich halten, was so ein\nStubenmaler durch getreue Wiedergabe und\ngrößte Genauigkeit erreicht, das kann ja der größte\nPorträtmaler auch nicht besser machen; die Bilder\nsind doch sprechend ähnlich und lebenswahr.\"\nStubenmaler scheint die djeutsche Uebersetzung\nfür Photograph zu sein und der Architekt weiß\neben nicht, wieso es ja der größte Porträtmaler\nauch nicht besser machen kann. „Außerdem wer-\nden mir sehr viele Porträts für später in Aussicht\ngestellt, wenn der Krieg vorbei ist und die Solda-\nten wieder kommen. Auch eine Menge Gefallener\nsollen gemalt werden.\" Ein anderes Gutachtens: „Ich\nbezeuge Ihnen gern, daß Ihre Oel-Porträtbilder,\nvon denen ich Viele erhielt, eine gediegene Aus-\nFührung besitzen und denen anderer großer Künst-\nler nichts nachgeben.\" Alle anderen großen Künst-\nler scheinen nicht so schnell ins Geschäft zu kom-\nmen. Ich will ihnen dazu verhelfen, ihnen, den\nkunsttechnischen Blättern, den ,inaturtreuen Muse-\numsdirektoren, den lebenswahren Kunstkritikern,\nund allen denen, die Bedarf an Bildern haben, in-\ndem ich die linoleumbelegte Stätte, die Adresse\ndes Meisterateliers des neuen Lenbach hier ver-\nöffentliche: Herr F. Laesecke, Porträtmaler und\nRedakteur wohnt Berlin SO 16, Brückenstraße 6a.\nan der J anno witzbrücke. Senden Sie ihm gleich ein\nschönes Bild zum Malen ein, denn jeder Tag bringt\nGeld.\nSchlenthrian\nEs bleibt mir nichts übrig: ich muß den Leuten\nauch noch den Impressionismus erlklären. Diese\nImpressionisten haben natürlich so wenig Ahnung\nvon der Kunst des Strindberg und des Ibsen wie\nvon August Stramm. Es ist auch nicht zu verlan-\ngen. Aber zu verlangen ist, daß sie sich wenigstens\nvor Namen beugen, deren Unendlichkeit so sicher\ndasteht wie die Namen Goethe und Kleist und wie\ndie Endlichkeit der Namen Schiller und Heine.\nLiebe Herren, Sie müssen auch nicht glauben, daß\nwir das nicht auch gelesen haben und kennen, was\nSie nie lasen und nicht kennen werden. Das Pro-\nblem ist nämlich kein Problem und infolgedessen\nhöchst einfach und lange nicht so verzwickt wie\nIhre gedachten Gedanken. Man muß nämlich ein-\nfach nur wissen, was Kunst ist. Aber dieses Wis-\nsen um die Kunst, meine Herren, wird Ihrer Bil-\ndung nie zuteil werden. Denn Sie haben die Bil-\ndung bar übernommen, ohne sich zu bilden. Sie\nhalten den Sinn für sinnlos, die Sinnlichkeit für per-\nvers und die Unsinnlichkeit für übergeschnappt.\nWährend die Unsinnlichkeit gestaltete Sinnlichkeit\nist, die Sinnlichkeit das Sinnlose und das Sinnlose\nder Sinn. Wie Sie sehen, einfach umgekehrt. Aber\nwenn Sie es umkehren, sehen Sie nur die Kehr-\nseite. Und wenn Sie die Vorderseite sehen wollen,\nist es wieder verkehrt. So ist die Kunst. So ist das\nLeben nicht, seufzen Sie, die erfahrenen Impres-\nsionisten. Ein Herr mit einem Konfektionsschlips\naus der Gründerzeit von Berlin äußerte in der\nWandelhalle des Theaters in der Königgrätzer-\nstraße: „Glauben Sie, daß ein Arzt so handeln\nwürde. Sehen Sie, mein Arzt zum Beispiel, ein\nausgezeichneter Neurologe ...\" Eine andere Dame\naus der Literaturbranche meinte, so schlecht wären\ndie Frauen nicht. Wer hat denn: behauptet, daß die\nFrauen schlecht wären. Strindberg, brüllt der dicke\nHerr Schienther. Dicke Herren treten stets für die\nReize der Frauen ein, wenn was an ihnen dran ist.\nAls dem „Vater\" die Zwangsjacke angelegt wurde,\nverließen viele Mütter das Haus. Impressionisten\nkönnen Lebenswahrweiten offenbar nicht vertra-\ngen. Und wenn die Zwangsjacke nicht aus Tuch\nist, sehen sie die Mütter nicht. Das ist die Logik\ndes Impressionimus. Der Eindruck des Impressio-\nnismus stört, wenn er zu lebenswahr ist. Natur-\ntreue gehört nicht ins Theater, aber auf die Lein-\nwand. Vorausgesetzt, daß die Natur schön ist, also\ngestellt, also unwahr. Aber Wahrheiten begreifen\ndie Impressionisten nie. Oder mit zu plumpen Fäu-\nsten. Der Herr vom Lokalanzeiger konnte zwar\neinen starken Beifall nicht bestreiten, fand aber, daß\ner nicht aus dem Herzen kam. Ihm nämlich nicht.\nDa er aber gar keinen Beifall klatschte, brauchte\ner auch diesen Klatsch gar nicht niederzuschreiben.\nAlso ein unwahrer Impressionist. Der dicke Hofrat\nvom Berliner Tageblatt, Herr Paul Schienther, ist\npoetischer: „die Schauer des Herzens werden\nnie abschrecken\". Es geht nämlich immer schaurig\nzu, wenn sein Herz nicht abgeschreckt wird. Herr\nPaul Schienther hat einen Zusammenhang ent«"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.10", "texte": "deckt, nämlich, das Theater in der Königgrätzer\nStraße spielte in derselben Woche zwei Dramen\nvon Strindberg „Gläubiger\" und „Der Vater\". „In\ndieser raschen Folge liegt Sinn.\" Sein Sinn ist wie-\nder Unsinn, denn in sämtlichen Zeitungen stand zu\nlesen, daß aus technischen Schwierigkeiten in der-\nselben Woche statt eines anderen Stückes „Der\nVater\" gespielt werden mußte. Die technischen\nSchwierigkeiten lagen darin, daß Herr Meinhard\nHerrn Reinhardt die Vaterschaft abtrotzen wollte,\nweil Herr Reinhardt sich allmählich nicht als Gläu-\nbiger sondern als Schuldner Strindbergs fühlte und\ner alle Schuldner auf sich, den einzigen Gläubiger\naller Ungläubigen, vereinigen wollte. Der bekannte\nBörsentrick. „In dieser raschen Folge liegt Sinn.\nBeide Ergüsse des Weiberhasses gehören zusam-\nmen. Ueberdies stand Strindberg, der Dramatiker,\nnie höher als damals, da er diese Stücke schrieb.\nWahrscheinlich stand er nie wieder so hoch\". Na-\ntürlich stand er damals lange nicht so hoch wie\njemals, aber Herr Hofrat Schlenther ist Impressio-\nnist. Bei so rascher Folge verirrt sich der Sinn, er\nsieht Ergüsse, wo es sich um Erhebungen handelt,\nund mit demselben Recht könnte man ihn einen\nBierhasser nennen, wenn er in Strindberg einen\nWeiberhasser sieht. Dem Einen sein Haß, sehr ge-\nehrter Herr Schlenther, ist nämlich dem Anderen\nseine Liebe. Der Unterschied ist nicht einmal so\nstark, wie zwischen Pilsener und Münchener oder\nwie Sie nicht Klavier spielen können, würde die\nDirektion des Strindberg-Tlieaters sagen. Nun\nkommt die Analyse, kein Weib, sondern Analyse:\n.„In den „Gläubigern\" ringt das Weib den einen\nMann nieder, wird aber von dem andern, dessen\nRache kalt geworden ist, wenigstens vorüber-\ngehend niedergerungen.\" Dieser Ringkampf zwi-\nschen verschiedenen Geschlechtern ist polizeilich\nverboten. Und die Rache, die gehörig kalt gestellt\nist, wie der gute Tropfen, hat niederringende Wir-\nkung. Das wollte ersteins Strindberg offenbar mit\ndiesen „Gläubigern\" beweisen. „Im Vater siegt\nausschließlich das Weib.\" Man kann es nicht wis-\nsen, denn der Andere trat gar nicht auf. Aber\ntlerr Paul Schlenther weiß in solchen Dingen Be-\nscheid. „In den „Gläubigen\" ist der dramatische\nSchauplatz ganz in die Seelen gelegt\". Diel Seelen\nwerden auch entsprechend zertrampelt. „Zum Aus-\ndruck der Gefühle genügen Worte.\" Aber Worte,\nHerr Paul Schlenther, drücken noch nicht Ihre Ge-\nfühle aus. Dazu muß man erst Gefühle haben. Die\n,Effekte' in den ,Gläubigern'etwa ein Pistolenschuß,\nhat Herr Paul Schlenther verschlafen. Man muß\nbei ihm schon mit Kanonen schießen. „Im Vater\ngibt es zwei starke Effekte; wenn man bei Ent-\nstehung des Stückes schon eine Ahnung von der\nFilmbühne gehabt hätte, so wäre man damals\nschon zum Vergleich mit ihr geneigt gewesen: der\nMann wirft nach der Frau mit einer „brennenden\nLampe, die Frau läßt den Mann in die Zwangsjacke\nschließen\". Welch ein Verlust, man wäre geneigt\ngewesen, aber man hatte keine Ahnung. Und hat\nsie heute noch nicht, trotzdem die Filmbühne da\nist. „Der seelische Zusammenhang zwischen bei-\nden szenischen Effekten ist das Stück.\" Hat\nStrindberg nun das Stück wegen der szenischen\nEffekte geschrieben? Oder die szenischen1. Effekte\nwegen des Stückes? Preisfrage für die Leser des\nBerliner Tageblattes zu Weihnachten. „Die Frau\nreizt den Mann mit Nadelstichen zur Wut, sein\n'Wutausbruch ist ihr dann ein Beiweis seiner Gei-\nsteskrankheit.\" Mit Nadelstichen allein, Herr Paul\nSchlenther, verfertigt man noch keine Zwangs-\njacke, es gehört auch Stoff dazu, der nicht unbe-\ndingt trinkbar zu sein braucht. Die Frau näht wie\nverrückt, der Mann wird wütend wie verrückt, und\nein Strindberg ist fertig. Das ist Analyse. Hierauf\nfolgt die Geschichte: „Es war vor fünfundzwanzig\nJahren die Zeit, da der Schwede Strindberg mit\neiner Art Ehrerbietung des Hasses und Neides ge-\ngen den Norweger Ibsen berserkerhaft kämpfte\".\nDer Deutsche Schlenther wäre schon damals zum\nVergleich geneigt gewesen, wenn er eine Ahnung\nvon der Filmbühne gehabt hätte. Ihm wurde die\nFilmbühne zu spät erfunden. Nichtsdestoweniger\nvergleicht er heute, nämlich zwischen ,Gespenster'\nund „Der Vater\": „Die äußere Form ist dieselbe:\ndrei Akte spielen aus einem Tag durch die Nacht\nin den anderen Morgen hinein in ein und demselben\nWohnzimmer eines Landhauses unweit der Stadt,\nbei trübem Wetter in trüber Gegend.\" Das nennt\nein Impressionist die äußere Form. Aristoteles,\nanerkannt, hat Aehnliches gefordert, nur das\nWohnzimmer und die Trübe geben eine noch grö-\nßere Einheit der äußeren Form. Man glaube gar\nnicht, daß nicht noch mehr zu vergleichen wäre:\n„Die Zahl der Personen ist gering. Das Stück zeigt\ndie Ergebnisse einer langen traurigen Vorge-\nschichte, die sich dem Zuschauer allmählich aber\nmit ungemeiner Wirkung enthüllt.\" Bei Herrn\nSchlenther müssen die Dramen offenbar von Chri-\nsti Geburt anfangen. Trotzdem Vorgeschichten\nnoch trauriger sind, wenn sie langsam enthüllt\nwerden. „Das Ziel, das durch diese Mittel erreicht\nwerden soll, ist jedoch im jüngeren Drama vom\nälteren gänzlich bis zur erbittertsten Feindselig-\nkeit verschieden\". Jetzt kommt der Unterschied,\nauf dem man nicht Klavier spielen kann: „Frau\nAlving erkennt zuletzt, wie alles Unheil daher kam,\ndaß sie ihr Frauentum dem ungeliebten Manne un-\nterwarf, Strindbergs Laura, die Frau des Rittmei-\nsters, erfährt zuletzt, wie alles Unheil daher kam,\ndaß sie dem nicht ganz ungeliebten Manne ihren\nWeiberwillen aufzwang. Dort ging das Weib am\nManne, hier geht der Mann am Weibe zu Grunde\".\nIn dieser raschen Folge liegt kein Sinn. Frau Alving\nerkennt, Frau Laura erfährt, vielleicht durch das\nBerliner Tageblatt, wie alles Unheil daher kam.\nJene unterwarf ihr Frauentum dem ungeliebten\nManne, diese zwang dem nicht ganz ungeliebten\nManne ihren Weiber willen auf.. Als Herr Schlen-\nther diese Gegenüberstellung aus seinem Schädel\nherausdichterte, hätte ihm eigentlich auffallen sol-\nlen, daß die Gegenüberstellung nicht recht symme-\ntrisch ist. Der ungeliebte Mann und der nicht ganz\nungeliebte Mann. Hätte Herr Schlenther die Sym-\nmetrie des Impressionismus besser begriffen, so\nhätte er ruhig bei Strindberg der geliebte Mann\nschreiben müssen und können. Die Frau kann näm-\nlich einen Mann lieben, Herr Schlenther, auch\n, r /\nwenn sie ihn in die Zwangsjacke steckt. Und das\nFrauentum wird häufiger dem ungeliebten Mann\nunterworfen, als davon Unheil herkommt. Was mir\ndas Recht zu der Vermutung gibt, daß der Norwe-\nger Ibsen und der Schwede Strindberg etwas an-\nderes darstellten, als die Analyse des Deutschen\nSchlenther vorstellt. „Dort ging das Weib am\nManne, hier geht der Mann am Weib zugrunde\".\nIn der Kunst, sehr geehrter Herr Schlenther,\nkommt es aber nicht auf das Zugrundegehen an,\nsondern darauf, daß man bis in den Grund geht.\nOb das nun Weib oder Mann tun, miteinander oder\ngegeneinander, einsam oder zweisam, hat mit der\nKunst Nichts zu tun sondern nur mit der Lebens-\nwahrheit in den Wandelhallen des Theaters in der\nKöniggrätzerstraße. Auch diese läßt zu wünschen\nübrig. Und in welcher Zeit wir leben. Der Kampf\nder Geschlechter ist schon längst friedlich beige-\nlegt, wir wissen, daß die Frau ihren Mann steht:\n„Vollends wir werden jetzt über den Kampf der\nGeschlechter beruhigter empfinden. Wir sehen die\nwahrhaft ehrsame Schaffnerin auf der Straßenbahn\nals vollgültige Vertreterin des Mannes und denken\ndabei an Ibsen\". Herr Schlenther vergißt dabei\nhoffentlich nicht den Fahrschein zu lösen und da-\ndurch die vollgültige Vertreterin ihres Mannes in\nUnannehmlichkeiten zu bringen. Wohl uns, daß\ndiese wahrhaft ehrsame Schaffnerin nicht ist, wie\njene Frau Alving. Unsere Empfindung über den\nKampf der Geschlechter ist beruhigter und man\nkann wieder gemütlich auf der Straßenbahn fahren.\n„Wir sehen auch Anderes in unserem Leben und\nmüssen dabei leider an Strindberg denken.'4 Unser\nLeben scheint noch nicht frei von Nadelstichen zu\nsein, wenigstens in den Kreisen des Berliner Tage-\nblatts. Aber gegen Zwangsjacken hat man ja seinen\nguten Neurologen. Leider. „Wir sind unparteiisch\ngeworden und dürfen hier wie dort die, große Dich-\nterkraft noch nach Jahrzehnten grüßen.4' Qrüß\nDich Gott, .mein» lieber Schienther, guten Tag,\nadieu, auf Wiedersehen, habe die Ehre. Wenn\nerst die wahrhaft ehrsame Schaffnerin und\nder Herr mit dem Konfektionsschlips auch die\nBühne, nicht nur das Leben beherrschen werden,\ndann wird auch Herr Schienther dort zufriedenge-\nstellt sein. Jetzt freilich, wo noch zwei verrückte\nKünstler beschäftigt sind, wird man in seiner\nRuhe gestört: „Den Rittmeister, den starken Mann,\nder einer Schwadron Soldaten aber nicht einem\nWeibe gebieten kann, Omphales Hercules, gab\nHerr Hartau und wußtei bis zum Schluß für die Ge-\nstalt zu interessieren. Erst in den weichen Ueber-\ngängen zum Ende müßte eine Persönlichkeit hel-\nfen.\" Vielleicht ist Herr Schienther dazu bereit.\nDurch und durch Persönlichkeit mit starken\nUebergängen, ein Hercules, der sich vor der wahr-\nhaft ehrsamen Schaffnerin verbeugt. Die Schaffne-\nrin war allerdings bei Odysseus und nicht bei Her-\ncules angestellt. „Die Laura gab Fräulein Orska.\nDie penetrante schrillschreiende Leistung dieser\nexotischen, routinierten Schauspielerin, die ja ganz\nunschwedisch ist, läßt sich schwer kennzeichnen,\nwenn man nicht wieder sagen will: — Kientopp.\"\nDie Filmbühne ist also doch noch zu früh erfunden.\nDenn jetzt nach fünfundzwanzig Jahren kann er\nden Vergleich nicht halten. Sonst geht es ihm wie\nallen Impressionisten bei der Presse, er hält die\nOrska für routiniert und die Triesch für lebens-\nwahr. Umgekehrt, Herr Schienther, ist es wieder\nrichtig. Man kann auch nicht behaupten, daß Frau\nTriesch ganz schwedisch ist. Das wird dem Herrn\nSchienther wohl sein fünfundzwanzigjähriger Kol-\nlege, Herr Fritz Engel, eingeredet haben, der neu-\nlich „zum ersten Male\" in Schweden gastierte und\neinen glänzenden Durchfall dort erlebte. Aber\nSchweden liegt über dem großen Meer, über das\nnur der Sturm reicht. Und wenn man Schweden\nnicht kennt, sollte man es lieber für ebenso exotisch\nhalten wie Galizien. Abgesehen von dieser Völker-\nverschiebung muß betont werden: Maria Orska ist\ndie stärkste Künstlerin, über die die deutsche\nBühne verfügt. Die Triesch und die Orska stehen\nin demselben Verhältnis wie der alte Liebermann\nzu dem jungen Marc. Maria Orska ist noch ge-\ngenständlich, aber auf dem Weg zum Expressionis-\nmus, oder ganz einfach gesagt, zur Kunst. Oder\nnoch einfacher gesagt: sie ist eine Künstlerin. Sie\ngestaltet und das Erlebnis wird ihr mehr und mehr\nnur Gleichnis. Die psychologischen Abschweifun-\ngen, die das impressionistische Bild „Der Vater\"\nnicht ganz zur reinen Anschauung gebracht haben,\nwerden von ihr unbewußt in die Ruhe; des Ver-\nhältnisgemäßen gestellt. So etwas nennt Herr\nSchienther Schreien. Was er penetrant nennt,\nnenne ich eindringlich. Der Geruch ist verschieden.\nUnd das Gesicht auch. Kann Maria Orska dafür,\ndaß ihre Gesichte über das Gesicht des Herrn\nSchienther hinwegsehen. Wo doch seine Augen auf\ndie Schaffnerin gerichtet sind.\nMaria Orska gehört zu uns, meine Freunde, zu\nuns Wissenden,\n\nHerwarth Walden"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19151001-01.1.11", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. Hervorhebung von Wor-\nten ist nur durch Sperrdruck, von Namen nur durch\nhalbfette Schrift, gestattet. Die dreigespalteoe Zeäe\n60 Pfennig.\nDie Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Gründe vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag:\nF. Harnisch / Berlin W 36\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nNotiz\nWährend des Krieges erscheint „Der Sturm\"\nnur einmal monatlich als Doppelnummer. Die\nNovember-Doppelnummer erscheint am fünfzehn-\nten November\nVerlag Der Sturm\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W Potsdamer StraBe 134 a\nVieranddreissigste Ausstellung\nFranz Mare\nGem aide\nGedftnet taglich von 10—6 Ubr / Sonntags von\n11—2 Ufar\nEintritt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nFiinfunddreissigste Ausstellung\nGabriele Miinter\nEroffnung: 1. November\nGenf: Geschlossen\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraJBe 134 a\nFernruf Amt Lutzow 4443\nHalbmonatsschrift Der Sturm\nErscheiat am erstea und funfzehnten ledes Aioaats\nDauerbezug\nGewdhaliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Viertcljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig / F CI r das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs / Ein Halb-\nfahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes ./ Probenummer umsonst\nBonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Vcr-\n•eadung in Rollen direkt durch die\nPost fiir Deutschland und Oester-\nr eich-Ungar n: Ein Jahr 12 Mark /\nBin Halbjahr 6 Mark / Ffir das Ausland:\nEin Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieter Ausgabe werden Vierteljahrsbezfige, Einzel-\nautnmern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahr gang, Nummer 1—56:\n2$ Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152f/153:\n20 Mark I Yierter Jahrgang 154—203: H) Mark /\nFunfter Jahrgang: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKuasthandlungen, durch die Post, sowie direkt\nSurch den Verlag Der Sturm, Berlin W9, zu be-\nziehen / Zum Einzeiverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraSenstinden auf\nFails direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwtiascht wird, bitten wir den B e t r a g fflr dea\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vierteljahres bis\nzumffinftea des ersten Monats einzu-\nb e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, dafi E i a -\nziehuag des Betrages durch Nachnahme\nunter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwGnscht wird\nMappen und Albea / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichaungea j\nStrichttzuag / Auf Kaiserlich Japan-Papier in\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Kartoa la §ta-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky-Album / Schrift des Kiinstlers uber sich\nselbst mit sechzig ganzseitigen Abbildungen seiner\nWerke von 1901 bis 1913\n\nHeemskerck-Mappe: Sechs handgedruckte und\neinzeln signierte Originalholzschnitte I Auflage 30\nMappen I Mappe 6—30 je einhundert Mark\nBiieher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr still es\nQ1 ii c k —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman / 2 Mark\nPaul Scheerbart: Qlasarchitektur j in ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark / Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nAugust Stramm: Du / Liebesgedichte / Qebunden\n3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna/50 Pfennig / II: August Stramm: R u d i -\nmen tar / 50 Pfennig / III: Mynona: Fur Hunde\nund andere Menschen / 50 Pfennig / IV: August\nStramm: Die Haidebraut / 50 Pfennig / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / 50 Pfennig / VIII: August Stramm:\nKrafte ! 50 Pfennig / IX: Aage von Kohl: Die rote\nSonne / 50 Pfennig / X: Aage von Kohl: Der\ntierische Augenbliak / 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nHerwarth Walden: Dalaislieder / Zu Oe-\ndichten von A r n o H o 1 z / Ffir Qesang und Wa-\nvier / 3 Mark / 50 Seiten / Hummer I einzeia: Er\nh6rt mit ihr den schreya / 50 Pfennig\nHerwarth Walden: D e r S t ur m / Heeresmarsch /\nFur Klavier / 50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturlsten: Umber to Boccioni: Das\nLacbea / Luigi Russolo: Erinnerung einer\nNacht I Zug in voller Fahrt / QinoSeve-\nrini: Die Modistin / Ruhelose T&nzerin / Pan-\nPan Tanz / Umber to Boccioni: Abschied /\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delauaay: La Tour\nJacoba van Heemskerck: Bild 2 / Bitd 15\nAugust Macke: Spaziergang\nSigrid Hiert6n-Griinewald: Kinder\nKarten von Macke / Miinter / Marc Chagall (5) /\nKlee I Leger / Jawlensky / Werefkin / Qleizes\nI Archipenko / usw\nErschienen bisher 36 verschiedene Karten\nUlustrierte Sturm- Au st el lungs kataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin / Marc Chagall j K&ndinsky / ie 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fflnfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: PI a k at ffir die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Biittenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert I Das Blatt 5 Mark\n\nGemalde / Aquarelle / Zeiehnungen /\nHanddrucke / Plastiken\nsind von folgenden Kiinstlern im Sturm standig\nvorhanden:\nKandinsky j Franz Marc / Archipenko I Oskar\nKokoschka / August Macke / Paul Klee / Carl\nMense / Campendonk I Gabrlele Miinter / Jaw-\nlensky / Marianne von Werefkin / Albert Bloch /\nHans Arp I Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzin-\nger i Marc Chagall / Fernand Leger / Jacoba van\nHeemskerck I Otakar Kubin / Emit Filla / Vlnceac\nBenes /' Otto Gutfreund / Boccioni / Severln) I\nCarra / Russolo / Francis Picabia / Schmidt\nRottluff I Fritz Baumann / Max Pechstein\nVerein fiir Kunst\nLeitung Herwarth Walden / Zwolftes\nJ a h r I Jahresbeitrag 20 Mark / Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift dee\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation\nDas zwolfte Jahr begann am 1. 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